Sven Elvestad Die Zwei und die Dame Detektiv-Roman   1919   Georg Müller Verlag München   Erstes Kapitel Asbjörn Krags doppelte Buchführung P. C. Helmersen, der hübsche Polizeileutnant vom Polizeiamt in Christiania«, war gerade von seinem Sommeraufenthalt aus einem der bekanntesten und elegantesten Badeorte von Dänemark zurückgekehrt. Es geht nicht an, den Namen des Badeortes zu nennen, weil man sonst leicht erraten könnte, wer sich hinter den erdichteten Namen dieser Geschichte verbirgt. Eine Enthüllung würde für mehrere Damen und Herren, die in diese Geschichte verwickelt sind, und die fortfahren sollen, ihr ehrenwertes Leben unangefochten von Neugierde und Geklatsch weiterzuführen, peinlich sein. Aus all diesem geht hervor, daß in dieser Kriminalgeschichte ehrenwerte Menschen auftreten. Das heißt einige, vielleicht die meisten, jedenfalls die Hauptpersonen. Es sind aber auch einige unehrenhafte dazwischen. Zum Beispiel der mit dem blauseidenen Halstuch, der ... Aber es ist zu zeitig, Geheimnisse zu diesem Zeitpunkt zu entschleiern. Es genügt, wenn wir sagen, daß der Polizeileutnant P. C. Helmersen, als er von seiner Badereise zurückkam, voll Verwunderung war über die Zufälligkeiten des Lebens, über die Arglist der Menschen und besonders über ein seltsames Ereignis, das einer Dame die Ehre, und zwei Menschen das Leben rettete. Helmersen war, wie gesagt, ein sehr hübscher Mann. Lebt er wirklich? Kann es nützen, daß wir auf einen unserer Polizeileutnants raten? Kaum. Ich sage nicht, wer sich hinter der Maske P. C. Helmersen verbirgt. Und mit schwerem Herzen gehe ich daran, die Neugierde der geehrten Leserin noch höher zu spannen, indem ich berichte, daß in dieser Geschichte von P. C. Helmersen eine sehr hübsche junge und reiche dänische Dame auch eine Rolle spielt. Noch dazu eine sehr bedeutende Rolle. Polizeileutnant Helmersen war also zu den langweiligen und häßlichen Polizeikontoren zurückgekehrt, ganz erfüllt von seinem merkwürdigen Sommererlebnis. Bereits den ersten Abend in der Stadt gab er die Geschichte seinem Freund, dem Detektiv Asbjörn Krag zum besten, während sie im Restaurant Königin speisten, und Krag interessierte sich so lebhaft dafür, daß er ihr auf den Grund zu dringen wünschte. Er fragte den Polizeileutnant aufs sorgsamste aus, erfuhr alle Einzelheiten, selbst der geringste Umstand schien Interesse für ihn zu haben, und schließlich hatte er das Ganze beisammen. Darauf begann er die Geschichte zu ordnen . Eine Geschichte ordnen war ein besonderer Ausdruck, den Asbjörn Krag gebrauchte, wenn er eine Reihe von Ereignissen in ihre verschiedenen Phasen auflöste und die einzelnen Umstände in Kolonnen aufstellte. Auf diese Weise wurde die Begebenheit rein wissenschaftlich behandelt, als würde sie einem Reagenzglas oder einer Lupe ausgesetzt. Dieses Verfahren machte allerdings jegliche Begebenheit, selbst die spannendste, trocken, aber es hatte den Vorteil, daß er in den Kern der Ereignisse eindrang. Er sah sozusagen ihren Aufbau ihr einfaches und kahles Skelett. Asbjörn Krag machte verschiedene Notizen. Über die Notizen setzte er die Überschrift: »Polizeileutnant P. C. Helmersens sonderbares Erlebnis.« Diese Überschrift würde zu einer spannenden Novelle gepaßt haben, keine Geschichte aber konnte trockener wiedergegeben sein als diese. Sie sah aus, wie eine Abrechnung in einer doppelten Buchführung, und dadurch, daß jedenfalls anfangs ein gewisser komischer Anstrich über der Geschichte lag, wirkten Asbjörn Krags Aufzeichnungen geradezu parodistisch. Zuerst kam eine Beschreibung des großen dänischen Badeortes. Ebensowenig wie ich meine Leser mit einer Wiedergabe von Krags merkwürdiger Buchführung ermüden will, ebensowenig werde ich etwas Besonderes von dem Badeort sagen. Ich fürchte, wie gesagt, daß jemand ihn wiedererkennen könnte. Nur so viel muß man wissen, daß die Begebenheit sich in einem der bekanntesten Badeorte in Dänemark abspielte, und daß die Begebenheit von der Art war, daß niemand außer den Hauptpersonen etwas davon erfuhr. Das Ereignis griff also nicht in das muntere, flackernde und boshafte Geklatsch des Badelebens ein. Die vielen Gäste, die ihre Gesundheit an dem Badeort pflegten, lebten ihr Leben unangefochten weiter, und es wurde kein Wort über das Geschehene gesagt, weder in den Strandkörben am Meer, noch in der Bodega des Dorfes, noch beim Fünfuhrtee in dem eleganten Palmengarten des »Hotels Trinacria«, während die italienische Kapelle mit flatternden Haaren und jubelnden Violinen Saint-Saëns' »Simson und Delila« spielte. Kann jemand nach dieser Beschreibung erraten, auf welchen Badeort ich abziele, nun meinetwegen. Ich habe nichts gesagt. Nach der Beschreibung des Badeortes folgte Asbjörn Krags Personenliste. Merkwürdigerweise kam der Name des Polizeileutnants erst in dritter Reihe, was nach Asbjörn Krags Methode unbedingt bedeutete, daß Helmersen als Nummer drei zwischen den auftretenden Hauptpersonen zu betrachten war. Ich gebe hier die Personenliste wieder, indem ich die geehrten Leserinnen bitte, sie in ihrer Erinnerung festzuhalten. Aage Gade , Rechtsanwalt, vierzig Jahre alt, arbeitsam, angesehen, wohlhabend, politisch interessiert, führt große Sachen, ist oft bei großen Generalversammlungen zugegen, ehrgeizig, Ritter vom Danebrog-Orden, liebt seine Frau. Sonja , seine Frau, geborene Russin, spricht Dänisch mit einem leisen Akzent, sehr hübsch, tugendhaft, liebt ihren Mann. Hier hatte Asbjörn Krag in Klammer hinzugefügt »(hat einen gewissen Hang zu Untätigkeit und Langeweile).« P. C. Helmersen , norwegischer Polizeileutnant, tüchtig, pflichtgetreu, amüsiert sich gern, wenn er Gelegenheit dazu hat. Prahlt mit seinen Damenbekanntschaften. Ist sehr hübsch, was er auch weiß und hin und wieder durchblicken läßt. Würde es in einem weniger trockenen und ernsten Land als Norwegen weit bringen. Es versteht sich von selbst, daß eine schmerzvolle Grimasse über Helmersens Gesicht glitt, als er diese Beschreibung las. Aber er sagte nichts. Er kannte ja Asbjörn Krag und wußte, daß er ihm augenblicklich unterm Seziermesser hatte. Dann kam der letzte Posten: Der Mann mit dem blauseidenen Halstuch. Über diesen Mann schrieb Asbjörn Krag nichts, ganz und gar nichts. Dagegen machte er ein großes Fragezeichen dahinter und bemerkte in einer beifolgenden Notiz: »Bis jetzt hat noch keiner ihn sprechen gehört.« Jetzt aber komme ich zu Asbjörn Krags Aufzeichnungen über die Sache, und hier will ich seine Papiere schließen und auf eigene Faust berichten. Ich möchte nur noch seine Auffassung, die er von dem Polizeileutnant hat, unterschreiben. Er war ein nicht ganz sympathischer Mann. Aber der Erfolg, den er bei dem schönen Geschlecht hatte, bewies, daß er Frauen gefiel. Der Sommer war seine große Zeit. Dann schwärmte er von Badeort zu Badeort, und wenn er nach Hause kam, konnte man seinem mystischen Lächeln und seiner rosenroten Korrespondenz anmerken, daß der Hochsommer erfolgreich gewesen war. Diesmal aber war alles verändert, und Helmersen kehrte ernst und nachdenklich zurück. Daran war die verdammte Geschichte schuld. Auf eine Weise kann man sagen, daß die Sache bereits im Mai begonnen hatte. Denn hätte Helmersen nicht am 24. Mai nachmittags eine Besprechung mit Rechtsanwalt Aage Gade im Grand Hotel in Christiania gehabt, dann wäre aus der ganzen Geschichte nichts geworden. Diese Besprechung aber hat nichts mit der Begebenheit zu tun. Aage Gade hielt sich damals wegen einer bekannten dänischen Bankaffäre in Christiania auf. Er wollte mit Hilfe der Polizei einige Umstände aufgeklärt haben, die mit gewissen norwegischen Bankgeschäften zusammenhingen. Der dänische Rechtsanwalt hatte sich von der Liebenswürdigkeit und Dienstbereitschaft des Polizeileutnants angenehm berührt gefühlt und ihn eingeladen, ihn zu besuchen, falls sein Weg ihn nach Dänemark führen sollte.   Zweites Kapitel Der Mann mit dem seidenen Halstuch Leutnant Helmersen dachte gar nicht mehr an diese Einladung: er betrachtete sie als eine reine Höflichkeitsphrase, und als er einige Monate darauf nach Kopenhagen kam, hatte er den freundlichen Advokaten ganz vergessen. Helmersen trieb sich einige Tage in Kopenhagen herum, wie reisende Norweger zu tun pflegen. Nach der grauen Langeweile der Cafés und den unwürdigen und rohen »Vergnügungslokalen,« auf die Junggesellen in Christiania angewiesen sind, öffnen sich plötzlich in Kopenhagen große, menschengefüllte Lokale voll frohen Gelächters und munteren Lärms. Der norwegische Polizeileutnant plätscherte lustig mit im Strom, und nachdem er sich den letzten Abend die Zeit im »Hotel Astoria« im Taumel vertrieben hatte, fühlte er sich am nächsten Morgen so müde, daß er aufs Land wollte. Natürlich tauchten seine alten Schwärmereien, die Badeorte, in seiner Erinnerung auf, und er setzte sich in den Zug nach – – –. Da hätte ich den Ort beinah verraten. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich will nicht einmal die Lage andeuten. Es ist überhaupt gar nicht gesagt, daß unser Held mit dem Zug nach dem Badeorte reiste. Es gibt große schöne Badeorte in Dänemark, die man nur auf dem Wasserwege erreichen kann. Genug davon, tags darauf befand Helmersen sich als Gast in dem vornehmen Hotel des Ortes, dem großen »Hotel Trinacria«. Er machte nach der Reise Toilette, und nachdem er in dem eleganten Speisesaal etwas gefrühstückt und Gelegenheit gehabt hatte, die anwesenden Damen zu mustern (sie waren wirklich sehr hübsch, Helmersen strich seinen Schnurrbart und kam gleich in gute Laune), zündete er sich eine duftende Zigarre an und begab sich an dem hellen, warmen Sommernachmittag zur Promenade, – dem breiten, menschengefüllten Weg längs des Strandes, im Volksmund, Kurdistan genannt. Das Wort selbst verrät, was hier vorging. Hier wurde in den Vormittagsstunden die Kur gemacht, hier wurde in den Nachmittagsstunden die Kur gemacht, hier wogte Geschwätz und Geklatsch zwischen hellen lustigen Kleidern und weißen Flanellhosen, und wenn eine unbekannte Gestalt in dem Gewühl auftauchte, ein neuer Mann, eine neue Möglichkeit, gleich spukte es lustig in vielen Augenpaaren. Helmersen ging auf und ab und stellte mit Wohlbehagen fest, daß er gar nicht übel sei, ganz hübsch, ganz flott – dies Urteil hatte er in verschiedenen blitzenden Mädchenaugen gelesen. Nach dem Bade am nächsten Morgen finden wir unseren Helden wieder, als er die Umgebung durchstreifte. Er wollte den Ort kennen lernen. Das kleine Fischerdorf, das dem Ort seinen Namen gegeben hatte, fand er sehr interessant, die kleinen niedrigen Häuser mit ihren Strohdächern lagen idyllisch in der Landschaft verstreut. Er bemerkte, daß mehrere Wirtshäuser und kleinere Restaurants im Dorf waren, und er kehrte ein paarmal ein, um sich in der brennenden Sommerhitze zu erquicken. Einzelne der Wirtschaften waren offenbar ausschließlich für die Badegäste da. Andere hatten ein anderes Gepräge, hier verkehrten die Eingeborenen des Dorfes und der Umgebung, Arbeiter, Fischer, Viehhirten, Pferdehändler; am Ende des Dorfes lag solch eine typische Wirtschaft. Der Krug trug den bezeichnenden Namen »Café Babylon.« Helmersen sollte später auf sonderbare Weise an diesen Krug erinnert werden, der eine Rolle bei seinem Aufenthalt an diesem Ort zu spielen bestimmt war. Auf dem Rückweg machte er einen großen Umweg über das bebaute Land. Er wußte, daß er wegen dieses langen Spaziergangs zu spät zum Frühstück kommen würde. Aber es kümmerte ihn nicht. Er fühlte sich aufgeräumt und glücklich, weil er hier so allein ging und ihm wohl war. Es begegneten ihm nur wenig Menschen, und als er plötzlich an einen Weg vorbeikam, der in einen dunklen und duftenden Wald führte, schlug er ihn ein und befand sich nach einigen Minuten allein im Walde. Kein Mensch war zu sehen, der Wald war kühl und still und schien wenig besucht zu werden, denn das Gras wuchs üppig auf dem Pfade und zwischen alten, eingetrockneten Wagenspuren. Indem er tiefer in den Wald hineinkam und sich mehr und mehr vom Dorfe entfernte, war es ihm, als ob die Stille um ihn her immer größer wurde. Plötzlich aber wurde sie von knirschenden Schritten vor ihm auf dem Pfade zerrissen. Kurz darauf tauchten zwei Gestalten auf. Er hatte erwartet, irgendeinem Forstbeamten oder ländlichen Wanderer von einem Gehöft in der Nähe zu begegnen. Darum wurde er äußerst erstaunt, als er sah, wer ihm entgegenkam. Es waren zwei jüngere Männer, nicht schlecht gekleidet. Aber sie hatten etwas Falsches und gleichsam Schleichendes an sich, das lichtscheue Geschäfte anzudeuten pflegt. Beide waren typische Großstadtexistenzen, von jener Sorte, die der Polizeileutnant genau von der Anklagebank her kannte: schlaue Gesichter, umherirrende Augen, höflich und gewandt, zudringlich und frech. Der eine hatte sogar einen gewissen Apachen-Anstrich, indem er statt Kragen und Schlips, ein blauseidenes Tuch um den Hals trug. Das ist ein richtiger Schwerenöter, dachte Helmersen, einer von denen, die auf Tanzböden Erfolg haben und einen flotten Schieber tanzen können. Der Polizeileutnant fixierte sie scharf, indem er an ihnen vorbeiging. Die beiden Burschen sahen ihn auch an, aber verstohlen und mit halbgeschlossenen Augen, als ob sie es sich nicht merken lassen wollten, daß er ihre Neugierde weckte. Das war das erstemal, daß der Polizeileutnant dem Mann mit dem seidenen Halstuch begegnete. Er sollte ihn später noch häufiger unter sonderbaren Umständen treffen. Als Helmersen einige Schritte gegangen war, drehte er sich um und sah ihnen nach. Gleichzeitig hatten auch die beiden Burschen sich umgewandt. Sie wurden verlegen, drehten sich schnell um und gingen weiter. Der Polizeileutnant aber fühlte sich plötzlich von einer eigentümlichen Vorahnung ergriffen. Es war ihm natürlich auffallend, zwei solche Typen in der Nähe des großen und mondänen Badeortes zu sehen. Hatten sie etwas Böses im Sinn? Da er doch zu spät zum Frühstück kommen würde und eigentlich nichts zu versäumen hatte, beschloß er, ihnen zu folgen, um zu sehen, welchen Weg sie einschlagen würden. Vielleicht konnte er diesem oder jenem eine Warnung zukommen lassen. Obgleich er in Zivil war, trug er doch sein Polizeischild bei sich. Dies, dachte er, konnte ihn gegebenen Falles legitimieren und erklären, weshalb er sich in die Sache mischte. Er ging also hinter den Apachen her. Aber er wartete, bis sie hinter einer Biegung des Weges verschwunden waren, so daß er ihnen folgen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Er hörte ihre Schritte die ganze Zeit in dem lautleeren und unbeweglichen Walde vor sich. Plötzlich aber horchte er interessiert auf; er hörte noch mehr Schritte. Schritte, die sich aus der Ferne näherten und mit denen der Apachen vermischten. Und dann auf einmal wurde alles still. Der Polizeileutnant stand einen Augenblick lauschend, und ging dann rasch weiter. Als er zur Wegbiegung kam und ein Stück des Weges offen vor sich liegen hatte, sah er, daß plötzlich drei Menschen auf der Arena aufgetreten waren. Der dritte war eine elegante, hochgewachsene und sehr schöne Dame. Sie war den Apachen auf dem Waldweg begegnet, und, soweit er verstehen konnte, waren sie ihr entgegen getreten und hatten sie zum Stillstehen gezwungen. Sie versuchte sie zu umgehen, aber sie näherten sich ihr auf drohende Weise. Das heißt, die Apachen näherten sich ihr bettelnd , sie hielten die Mützen in der Hand und standen in gebückter Haltung vor ihr. Zur selben Zeit aber lag etwas in ihrem Auftreten, woraus klar hervorging, daß sie sich mit Gewalt nehmen würden, wenn ihre Bettelei nicht erhört wurde. Die Dame sah sich nach Hilfe um und entdeckte den Polizeileutnant.   Drittes Kapitel Der Schnitt im Ohr An den Armbewegungen der jungen Dame sah der Polizeileutnant, daß sie sich in Gefahr glaubte und seine Hilfe anrief. Die beiden Burschen sahen ihn nicht, so vertieft waren sie in ihre höfliche Bettelei. Unser Held aber eilte hastig näher. Es fehlt ihm nie an Mut, besonders nicht, wenn er einer hübschen Dame beistehen kann. Als er die Gruppe erreichte, ging die Dame auf ihn zu, und als die Burschen fortfuhren, sich ihr zu nähern, lehnte sie sich an ihn und ergriff seinen Arm. Helmersen merkte, daß sie zitterte. Er fand, daß ihr großes Entsetzen übertrieben sei. Ihre Augen waren weit geöffnet vor Schreck, und starrten mit Angst und Beben besonders auf den einen der fremdartig aussehenden Menschen – den mit dem blauseidenen Halstuch. Dem Polizeileutnant kam plötzlich der Gedanke, daß diesem furchtbaren Entsetzen etwas anderes zugrunde liegen müsse, als die zufällige Begegnung mit verdächtig aussehenden Personen. Sie mochten ja auf eine gewisse drohende Weise gebettelt haben, aber sie hatten doch immerhin nur gebettelt. Als sie sahen, daß sich Hilfe einfand, zogen die beiden Apachen sich einige Schritte zurück. Aus ihren Augen aber leuchtete jetzt sowohl Keckheit wie Mut. Sie sahen sich um, es war niemand anderes in der Nähe. Der Wald war still. Bis zu bewohnten Häusern war es weit. Und sie waren zwei gegen einen Mann und eine Frau, die halb ohnmächtig war vor Schreck. Ihre Gesten wurden wieder einschmeichelnd, ihre Augen schielend. Sie näherten sich mit tiefen Verbeugungen, den Hut in der Hand. Der eine (nicht der mit dem Halstuch) sagte: »Wir sind reisende Handwerksburschen, schenken Sie uns etwas für unsere Reisekasse! Wir haben noch nichts gegessen und drei Nächte unter offenem Himmel geschlafen.« Hätte der Polizeileutnant Kleingeld bei sich gehabt, würde er ihnen sicher ein paar Münzen gegeben haben; aber er wußte, daß er zufällig kein Kleingeld bei sich hatte, und er wollte sein Taschenbuch, in dem seine ganze Reisekasse lag, nicht herausnehmen. Er war mutig, aber einige Jahre im Polizeidienst hatten ihn Vorsicht gelehrt. Darum warf er sich in die Brust, legte sein Gesicht in die gewohnten strengen Polizeifalten und rief: »Machen Sie, daß Sie fortkommen!« Da richteten beide Apachen sich höher auf und der vorderste lächelte mit kreideweißen Zähnen in seinem jungen, frechen Gesicht. »Nur sachte, nur sachte,« sagte er, »wir sind friedliche Leute. Wir lassen uns nicht beleidigen.« Die beiden Apachen schlichen vorsichtig näher. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir hier darauf aufmerksam machen, daß die junge Dame sich zitternd enger an ihren Beschützer lehnte, und daß der Beschützer sie fest um die Hüften faßte. Mit der anderen Hand, die er frei hatte, griff Helmersen in die Tasche. Der vorderste der Apachen griff auch in die Tasche. Und er lächelte wieder – mit einem seltsamen Lächeln das einem einsamen Spaziergänger durch Mark und Bein gehen kann. Der Polizeileutnant begriff, daß die Sache anfing ernst zu werden. Gleichzeitig merkte er, daß die Dame einer Ohnmacht nahe war. Die Lage war wirklich alles andere als günstig. Da tat er etwas, was ihm schon früher aus der Verlegenheit geholfen hatte. Eine Waffe zog er nicht heraus, denn er hatte keine. Dagegen trug er immer sein Polizeischild bei sich. Diese Polizeischilder sind fast in allen Ländern gleich. Und das Wort Polizei verstehen alle Spitzbuben der Welt. Er zog also das blitzende Polizeischild aus der Tasche und zeigte es. Das hatte gleich eine sonderbare Wirkung auf die beiden Kerle. Sie warfen sich einen hastigen Blick zu. Da verbeugte der Vordere sich noch tiefer, als er bisher getan hatte, und sagte: »Mein Herr, wir sind friedliche Handwerksburschen und haben nichts Unrechtes getan.« »Machen Sie, daß Sie fortkommen,« sagte der Polizeileutnant. »Wir werden gehen,« antwortete der Apache, »wir fliegen, mein Herr, aber wir haben nichts zu essen.« »Machen Sie, daß Sie fortkommen!« Der Apache zeigte abermals seine Zähne auf eine merkwürdige Weise. Dann machten sie kehrt und gingen weiter. Als sie ein Stück gegangen waren, beschleunigten sie ihre Schritte, und als sie um die nächste Wegbiegung verschwunden waren, hörte der Polizeileutnant ihre schnellen, klappernden Schritte. Sie liefen. Da wandte der Polizeileutnant sich an die junge Dame. Sie war einer Ohnmacht nahe und lehnte ihren schönen Kopf gegen seine Schulter. Eine seltsame Stimmung durchbebte ihn, sowohl Stolz wie Freude, aber wir müssen abermals der Wahrheit die Ehre geben, indem wir verraten, daß sein erster Gedanke dieser war: Ich bin noch nicht vierundzwanzig Stunden in dem Badeort und habe bereits ein Abenteuer. Noch dazu ein spannendes und pikantes. Sein nächster Gedanke war: Wer ist die Dame, und was soll ich jetzt mit ihr machen? »Gnädiges Fräulein,« sagte er, »kommen Sie zu sich, die Gefahr ist vorüber.« Die Dame seufzte tief auf und schlug ihre halbgeschlossenen Augen auf. Dann blickte sie sich erschrocken um, als fürchte sie, daß die schrecklichen Apachen noch in der Nähe seien. Als sie sah, daß sie allein waren, fühlte sie sich sichtlich erleichtert. Im nächsten Augenblick entdeckte sie, daß sie gegen einen fremden Herrn gelehnt stand. Sie fuhr zurück. »Gott!« rief sie, »ich kenne Sie ja gar nicht.« In diesem Ausruf lag etwas so Naives und Rührendes, daß unser Held sein Herz stocken fühlte. »Fürchten Sie nichts,« sagte er, »es kann Ihnen nichts mehr geschehen. Ich habe sie fortgejagt.« Die Dame wurde auf seine Sprache aufmerksam. »Sie sind ein Fremder,« sagte sie. »Sind Sie Schwede?« »Ich bin Norweger,« antwortete der Polizeileutnant mit einer Verbeugung und stellte sich vor. »Mein Name ist Frau Sonja Gade,« antwortete die junge Dame. Also Frau! dachte der Polizeileutnant. Die junge Frau hielt ihm ihren Arm hin. »Darf ich Sie bitten, mich nach Hause zu begleiten,« sagte sie, »ich wage es nicht mehr allein durch den Wald zu gehen.« So gingen sie denn zusammen durch den schönen und stillen Wald, und der Polizeileutnant bemerkte, wie die Erregung der jungen Dame sich nach und nach legte. Hin und wieder nur machte sie eine Bemerkung und erschauerte, woran er sah, daß sie noch immer mit Schrecken an das kleine Erlebnis dachte. »Er war entsetzlich,« flüsterte sie. »Welcher von beiden?« fragte der Polizeileutnant. »Meinen Sie den mit den weißen Zähnen, gnädige Frau?« »Nein den anderen mit dem blauseidenen Halstuch.« »Nun, der hielt sich doch die ganze Zeit im Hintergrund, mir schien er der friedlichste von beiden zu sein.« »Haben Sie nicht auf sein Ohr geachtet, sein linkes Ohr?« »Ja, aber –« »Es hatte einen Schnitt,« sagte sie mit einem Schauder. Der Polizeileutnant lachte. »Ja,« sagte er, »ich erinnere mich, er hatte eine kleine Narbe im linken Ohrläppchen; aber das ist doch nichts Schreckliches.« Die Dame sah ihn mit großen erstaunten Augen an. Sie fuhr zusammen. »Nein,« sagte sie, »Sie haben recht.« Der Polizeileutnant hatte wieder das bestimmte Gefühl, daß ihr auffallend großes Entsetzen eine besondere Ursache habe. Sie kamen aus dem Wald heraus.   Viertes Kapitel Eine schreckliche Nachricht Obgleich die junge Dame sich als Frau Gade vorgestellt hatte, dachte der Polizeileutnant doch keinen Augenblick an seinen Bekannten in Dänemark. Er verband nichts mit diesem Namen. Aber er hatte sich plötzlich bis über beide Ohren verliebt. Die bezaubernde Anmut der jungen Dame entzückte ihn. Die Angst, die sie durchgemacht hatte, und die sich noch auf ihren weichen, rosigen Wangen malte, verlieh ihr eine gewisse nervöse Unruhe, die sein Herz zum Beben brachte. Er fühlte sie an seiner Seite. Als sie aus dem Wald herauskamen, wünschte er, daß er nie ein Ende genommen hätte, sondern so unendlich gewesen wäre wie die großen norwegischen Wälder. So ging es zu, daß unser armer Polizeileutnant plötzlich sein Herz verlor. Er dachte nicht mehr daran, was er seinen Freunden erzählen wollte, wenn er zu dem langweiligen Polizeiamt zurückkehrte. Es war nicht mehr der Kurmacher, der hier Arm in Arm mit einer neuen Eroberung ging. Es war ein verliebter Mensch, und er merkte es selbst. Es flüsterte in seiner Phantasie, während er plaudernd an ihrer Seite ging: Ich bin verliebt ... verliebt... Frau hatte sie gesagt, Frau Gade – – Er fragte sie nach ihrem Vornamen. »Sonja,« sagte sie. Und als er diesen fremdartigen Namen hörte, wurde er auf etwas Fremdartiges in ihrem Wesen aufmerksam. »Sie sind also nicht Dänin?« fragte er. »Nein,« antwortete sie. »Ich bin in Rußland geboren. Meine Eltern waren Russen.« Es war ihm, als ob ein Schatten von Unbehagen über ihr Gesicht glitt, indem sie es sagte. Sollte sie ein Geheimnis haben? dachte er – er meinte es an der Atmosphäre um sie herum zu merken, an ihrem nervösen und unruhigen Wesen. Er nahm sich vor, ihrer Herkunft nachzuforschen. Jetzt erinnerte er sich auch wieder, wie ängstlich sie gewesen war, als sie entdeckte, daß der eine Apache einen Schnitt im Ohr hatte – wie eine gezeichnete Kreatur. Als er sah, daß sie ihn auf einen Weg geleitete, der nicht zum Badehotel führte, fiel ihm erst ein, sie zu fragen, wo sie wohne. Er hatte als selbstverständlich angenommen, daß sie zu den Hotelgästen gehörte. Sie zeigte geradeaus auf eine hübsche Ziegelsteinvilla, die halb hinter üppigen Bäumen verborgen lag. »Dort wohne ich,« sagte sie, »das ist unser Haus. Mein Mann hat es vor einigen Jahren bauen lassen. Wir wohnen hier den ganzen Sommer und ziehen erst spät im Herbst, wenn es kalt wird, nach Kopenhagen.« »Ich sehe ein Kleid zwischen den Bäumen,« murmelte der Polizeileutnant und blickte aufmerksam hinüber. »Das muß eines der Mädchen sein,« sagte sie, »ich habe zwei Mädchen. Sonst bin ich heute ganz allein. Mein Mann ist im Gericht.« »Ist Ihr Mann oft im Gericht?« fragte der Polizeileutnant; im selben Augenblick fühlte er, wie er über die Frage errötete. Sie aber merkte es gar nicht oder tat jedenfalls, als ob sie es nicht bemerkte. »Ach ja,« antwortete sie, »recht oft.« Und im selben Augenblick seufzte sie. Helmersen fühlte die Bewegung ihrer Brust an seinem Arm. Ein Schauer durchbebte ihn. Er seufzte. Sie liebte also ihren Mann. Jetzt waren sie bis zum Gitter gekommen, einem fast zwei Meter hohen Eisengitter, das den Garten umgab. Ein gelber Kiesweg führte von dem breiten, schmiedeeisernen Tor zum Haus. An der Pforte nahm sie freundlichen und herzlichen Abschied von ihrem Ritter. Sie sandte ihm einen merkwürdigen, fernen und prüfenden Blick, indem sie sagte: »Ich hoffe, daß Sie uns besuchen werden, wenn mein Mann aus Kopenhagen zurückkommt.« Helmersen dankte und versprach es gern. Dann ging sie über den Kiesweg auf das Haus zu. Der Polizeileutnant konnte sie lange zwischen den Eisenstäben des Gitters verfolgen. Als Helmersen in sein Zimmer zurückkehrte, war er ganz verwirrt von der sonderbaren Begegnung. Er meinte ihre Augen überall zu sehen – die großen, tiefen Augen mit den langen Wimpern. Am nächsten Tag spazierte er mehrmals an der Villa vorbei. Einmal meinte er ihr Kleid ganz von weitem zu erblicken, aber es war zu tief zwischen den Bäumen des Gartens, als daß er es genau erkennen konnte. Zufällig kam er nachmittags an der kleinen Landstation vorbei. Er stand gerade vor dem Bahnhofsgarten, als der Kopenhagener Zug herangebraust kam; wenn man den Ausdruck »brausen« bei dem elenden kleinen Zug gebrauchen kann, der über die Schienen geklappert kam. Er betrachtete das helle Sommergewimmel auf dem Bahnsteig, lachende und flirtende und kaffeebraune Badegäste, heitere, farbenreiche Toiletten, Winken mit Schleiern und weißen Taschentüchern aus den Coupéfenstern. Das ganze herrliche Leben, das die Abwechslung des Badeortes ausmachte: die Ankunft des Zuges aus Kopenhagen. Da mitten im Gedränge sah er sie. Sie trug eine kleidsame weiße Toilette, keinen Hut, Blumen an der Brust. Ein Herr stieg aus dem Zug und näherte sich ihr. Ihr Mann, dachte Helmersen, und sein Herz klopfte. Der Polizeileutnant konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, denn er hatte seinen Panamahut tief in die Augen gedrückt. Da nahm er den Hut vor seiner Frau ab und begrüßte sie, sie küßten sich. Sie lächelte und schien glücklich. Und da erkannte er den Mann wieder. Das war ja der dänische Advokat Aage Gade, dem er früher einmal in Christiania behilflich gewesen war. Unbewußt freute er sich darüber, daß er auf diese Weise einen neuen Berührungspunkt mit der Familie gefunden hatte. Das glückliche Ehepaar verläßt den Bahnhof, und als Frau Gade des Polizeileutnants ansichtig wird, führt sie ihren Mann auf ihn zu. Kaum aber sind sie halbwegs, als der Advokat den Fremden selbst entdeckt und ihm mit ausgestreckten Händen entgegengeht. Es wurde ein warmes Wiedersehen. »Lieber Freund,« sagte der Advokat, »es freut mich außerordentlich, Sie zu treffen. Warum haben Sie mich in Kopenhagen nicht besucht?« Der Polizeileutnant gibt einige Redensarten zum besten. Dann sagt der Advokat: »Wie schön, daß ich Gelegenheit habe, Sie meiner Frau vorzustellen!« Er dreht sich zu Frau Sonja um und sagt einige sehr hübsche Worte über seinen norwegischen Freund. Der Polizeileutnant ist gerade im Begriff zu sagen daß er bereits die Ehre gehabt habe, die schöne Frau kennen zu lernen, als ihn ein Blick aus Frau Sonjas Augen trifft. Ein Blick... Der Polizeileutnant erbebte bei diesem Blick. Noch nie war er solchen flehenden Augen begegnet. Um was bat sie? Er wußte es nicht. Aber von einem Instinkt geleitet, tat er, als ob sie ihm unbekannt sei. Und sie beugte den Kopf dankbar und beifällig. Plötzlich ist es, als ob der Advokat sich auf etwas besinnt. Er wird auf einmal ernst, wendet sich an seine Frau und sagt: »Weißt du, Sonja, der Mann mit dem Schnitt im Ohr ist aus Kiew geflüchtet.« Sie wurde plötzlich totenblaß.   Fünftes Kapitel Die Notizen Als der Polizeileutnant Frau Sonjas bittende Augen sah und gewahr wurde, wie eine plötzliche Blässe, einem kalten Windhauch gleich, über ihr Gesicht fuhr, wurde es ihm plötzlich klar, daß sie ein Geheimnis habe. Er konnte nicht leugnen, daß diese Entdeckung ihn auf eine gewisse Weise erfreute. Wenn sie ein Geheimnis hatte, das ihr Mann nicht wissen durfte, dann war er ja auf eine Weise ihr Mitwisser, und dadurch war gleich eine Art vertrauliches Verhältnis zwischen ihnen geschaffen. Das würde ihm Veranlassung geben, häufiger mit ihr zusammenzukommen. Sie konnten Blicke wechseln, die nur sie allein verstanden – eine bezaubernde Aussicht für einen Verliebten. Im übrigen war der berühmte Advokat sehr froh über die Begegnung mit seinem norwegischen Freund. Er wollte sich so gern, sagte er, für seine Liebenswürdigkeit in Christiana erkenntlich zeigen und lud ihn deshalb für den Abend ein. Der Polizeileutnant nahm die Einladung blitzschnell an, aber er hatte die Enttäuschung zu sehen, wie ein gewisser Verdruß sich auf Frau Sonjas hübschem Gesicht spiegelte. Sie gingen plaudernd zusammen bis zur Gitterpforte der Villa; der Polizeileutnant hatte erwartet, daß man ihn gleich mit hineinbitten würde, weil es doch schon bald Abend war. Statt dessen streckte ihm die gnädige Frau liebenswürdig die Hand entgegen, und er hörte sie sagen: »Wir erwarten Sie also heute abend um 9 Uhr und freuen uns sehr Sie zu sehen.« Der Advokat schien über den schnellen Abschied erstaunt, aber er streckte die Hand aus und sagte: »Na ja, dann leben Sie wohl so lange.« Helmersen, unser ausgezeichneter Polizeileutnant, ging etwas enttäuscht, aber doch glücklich nach Hause. In seinem Hotelzimmer verbrachte er den größten Teil der Zeit vorm Spiegel. Welchen Anzug und welchen Schlips sollte er wählen? Wäre er in der Stadt gewesen, hätte er nicht nachzudenken brauchen. Hier draußen auf dem Lande aber konnte er unmöglich Gesellschaftstoilette anlegen. Er wählte einen blauen Jackettanzug. Auf den Schlips verwandte er besondere Sorgfalt. Hier müssen wir unseren Freund, den Polizeileutnant, vorläufig verlassen. Der erste Abschnitt von Asbjörn Krags Aufzeichnungen über diese merkwürdige Sache schließt nämlich damit, daß der Polizeileutnant vorm Spiegel steht. Krag hat in Parenthese hinzugefügt: »Rostbrauner Schlips.« Solche unwesentliche Kleinigkeit würde er sich nicht erlaubt haben, wenn sich nicht irgend eine Bedeutung daran knüpfte. Darum wollen auch wir uns erinnern, daß der Polizeileutnant an jenem ersten Abend beim Advokaten einen rostbraunen Schlips trug. Der folgende Teil von Asbjörn Krags Aufzeichnungen, die Mitte des ganzen Werkes, ist ziemlich schematisch und zum Teil ganz rätselhaft. Er vergißt verschiedene Umstände mitzuteilen, die Helmersens Verbindung mit dem Advokaten und sein wachsendes Interesse für die schöne Frau Sonja näher beleuchten könnten. Dagegen fügt er Kleinigkeiten hinzu, deren Wichtigkeit ganz unbegreiflich erscheint. Diese kleinen Notizen sind sehr schwer zu deuten gewesen. Wie das Vorhergehende eine novellistische Ausgestaltung von Krags recht ausführlichen Mitteilungen war, muß das Folgende im wesentlichen eine auf Schlüssen beruhende Ausgestaltung des interessanten Teiles von Asbjörn Krags Manuskript bleiben. Am meisten scheinen den berühmten Detektiv die Verhältnisse des Advokaten Aage Gade interessiert zu haben. Wir finden verschiedene Aufklärungen über ihn, die ein klares Bild von ihm zu diesem Zeitpunkt geben: Ein angesehener Advokat, der an großen Geschäften beteiligt war, und der diese Geschäfte mit großem und wachsendem Interesse führte. Wie die meisten Kopenhagener Rechtsanwälte stand er mit gewissen angesehenen Aktiengesellschaften in Verbindung, entweder als juristischer Ratgeber, als Direktionsmitglied, Revisor oder dergleichen. Abgesehen davon, daß Aage Gade Privatvermögen besaß, müssen seine Einnahmen aus diesen Geschäften recht bedeutend gewesen sein. Krag führt in Parenthese eine Summe an: 40 000 Kronen, setzt aber ein Fragezeichen dahinter. Als erste Tatsache wird also festgestellt, daß Advokat Aage Gade ein ökonomisch vollständig unabhängiger Mann ist. Darauf kamen Notizen, die bezeugten, daß er ein hervorragender Jurist war. Krag hatte hier anscheinend Archivstudien in der dänischen Gerichtszeitung gemacht (dem offiziellen dänischen Gerichtsjournal). Er zählt verschiedene Sachen auf, die Gade beim höchsten Gericht geführt – und zwar mit entschiedenem Erfolg geführt hat. Zwischen diesen Notizen stehen einige merkwürdige und anscheinend ganz sinnlose Mitteilungen über die Villa des Advokaten in dem Badeort, und über seinen Landaufenthalt überhaupt. Um von diesem Sammelsurium einen Begriff zu geben, dessen leitender Grundgedanke Asbjörn Krag sicherlich klar vor Augen gestanden hat, teilen wir hier einige von diesen Notizen mit. 24. Mai. Der Advokat und seine Frau besuchen den Badeort. 27. bis 29. Mai. Plädoyer beim höchsten Gericht in der Affäre Bülowstraße 13. 30. Mai. Reise nach Esbjerg wegen der westindischen Dampfschiffahrtsgesellschaft. usw. usw. Und dann kommt: 20. Juni. Aufbruch nach dem Badeort. Von jetzt ab hält Frau Sonja sich in der Villa auf. 22. Juni. Der Advokat in der Stadt. 23. Juni. Der Advokat in der Villa. 25. bis 27. Juni. Plädoyer beim höchsten Gericht. 27. bis 30. Juni. Der Advokat in der Villa. 1. Juli. Der Advokat gewinnt die Glamsberg-Sache beim höchsten Gericht. 3. Juli. Generalversammlung im Yachtklub. (Der Advokat zugegen.) 4. Juli. Sitzung im Touristenverein. (Der Advokat zugegen.) Hier kommt eine Unterbrechung in Asbjörn Krags Notizen, die dem so trockenen und prosaischen Polizeimenschen gar nicht ähnlich sieht. Er schreibt folgendes: »Es ist als sicher zu betrachten, daß der Advokat seine Frau liebt, und daß sie ihn liebt. Dann kommt wieder: 5. und 6. Juli. Der Advokat in der Villa. 7. bis 8. Juli. Der Advokat in Kopenhagen usw. Aus all diesem kann man schließen, daß der Advokat ein sehr beschäftigter Mann war, dessen Landaufenthalt häufige Unterbrechungen erfuhr. Bei flüchtiger Betrachtung bekommt man aus Krags Papieren den Eindruck, als ob ein Privatdetektiv das Tun und daß Lassen eines Ehemannes ausspioniere. Es kann indessen nicht bezweifelt werden, daß er schon jetzt von weitem eine bestimmte Linie in einer Untersuchung verfolgte, die zu merkwürdigen Resultaten führen sollte. Von Frau Sonja heißt es irgendwo in den Notizen: »Langweilt sie sich?« Über den Polizeileutnant wird nur gesagt, was er sich nach seiner ersten Begegnung mit dem Advokaten am Bahnhof vorgenommen hatte. Hieraus geht hervor, daß Asbjörn Krag ihn einzig und allein für eine Nebenperson gehalten hat – eine gleichgültige Person, die durch einen reinen Zufall in ein sonderbares Spiel verwickelt wurde, eine gewisse Bedeutung dadurch bekam und wieder verschwand, während das Spiel fortgesetzt wurde. Es ergibt sich, daß der Polizeileutnant viel in Gades Villa verkehrt hat. Er hat Frau Gade mit Konversation und Spaziergängen unterhalten, während der Advokat von seinen ewigen Geschäften in Anspruch genommen war. Denn der Advokat war von Geschäften in Anspruch genommen und nicht nur, während er sich in Kopenhagen aufhielt. Auch wenn er in der Villa war, breitere er seine Papiere um sich aus und trieb Aktenstudien. Er versuchte immer wieder seine Frau für seine Sachen zu interessieren, und sie hörte ihm geduldig zu, aber was er sagte, ging ihr in das eine Ohr hinein und zum anderen hinaus. Dagegen wollte sie gern mit ihrem Mann an den Vergnügungen teilnehmen, die der Badeort bot: Tanz, Abendunterhaltung, Ausflüge, Feste, Konzerte. Dazu war er entschieden nicht aufgelegt. Der Advokat liebte es nicht, unter Menschen zu gehen. Darum hatte er seine Sommervilla auch an einem ziemlich entlegenen Platz gebaut. Der Polizeileutnant war häufig Sonjas Kavalier, aber er hatte immer den Eindruck, daß er nur ein Notbehelf war und die schöne Frau viel lieber mit ihrem Mann gegangen wäre. Auf einem ihrer Spaziergänge wagte der Polizeileutnant eine Anspielung auf das Geheimnis, das die junge Frau, wie er wußte, bedrückte. Aber sie schüttelte nur den Kopf. »Warum,« fragte er, »darf Ihr Mann nichts von dem Auftritt wissen, bei dem wir uns kennen lernten?« »Davon darf er nichts erfahren,« sagte sie, »eine andere Antwort kann ich Ihnen nicht geben. Fragen Sie um Gottes willen nicht weiter.« (Merkwürdig war es, daß Asbjörn Krag hier in seinen Notizen hinzufügte: »Langweilt sie sich?«) So vergingen ungefähr vierzehn Tage. Da kam der Abend, an dem in der Gegend gleichzeitig zwei Feste abgehalten wurden. Ball im Badehotel »Trinacria«, Eintritt 20 Kronen. Und gleichzeitig Tanz in der Kneipe »Babylon« der düsteren Kneipe im Dorf, die der Polizeileutnant schon früher bemerkt hatte. Am Tanzfest in »Trinacria« nahm unter anderen teil: der Advokat (ausnahmsweise) mit seiner Frau und dem Polizeileutnant. Am Tanzfest in »Babylon« nahm unter anderen teil: der Mann mit dem blauseidenen Halstuch.   Sechstes Kapitel Das Erntefest Es versteht sich von selbst, daß man in einem Badehotel wie diesem, wo so viele vergnügungssüchtige und elegante Menschen versammelt waren, jede Gelegenheit benutzte, um zu feiern. Bei diesen Festen ging es sehr lebhaft zu. Die Gäste schrieben in die Hauptstadt nach ihren Gesellschaftstoiletten, und es wurde ein Luxus entfaltet, der den elegantesten Bällen in der Wintersaison nicht nachstand; hin und wieder gab es auch Maskeraden. Darum war es begreiflich, daß man mit Freuden die Gelegenheit begriff, die Erntezeit mit einem Fest zu feiern. Auch die Bauern der Umgebung und die Bevölkerung des kleinen Dorfes pflegten dieses Fest zu feiern, und einige Tage vor dem 25. August konnte man an den Bäumen in der Nähe des Dorfes folgendes Plakat angeschlagen sehen: Dieses Plakat war mit gewöhnlichen Nägeln an den Bäumen festgemacht. Gleichzeitig konnte man an anderen augenfälligen Orten ein vornehm ausgestattetes Plakat folgenden Inhalts angeschlagen sehen: Nichts konnte den Abstand zwischen den beiden Bevölkerungsklassen besser bezeichnen, als diese beiden Plakate. Auf der einen Seite das arbeitende Volk, das die Ernte feiern wollte, auf der andern Seite die Menge der Genußsüchtigen, die nur feierten, um sich zu amüsieren. Bei einem Spaziergang wurden der Polizeileutnant und seine dänischen Freunde auf die Mitteilungen aufmerksam und bewunderten die Feinheit des vornehmen Plakats. Gleichzeitig kam dem Polizeileutnant die Erinnerung an seine erste Begegnung mit der schönen Frau Sonja. An jenem Tage war es ja gewesen, wo er das Schild im Dorf sah, das ihm erzählte, wo »Café Babylon«, der kleine schmutzige Dorfkrug, lag. Man einigte sich, das Fest im »Hotel Trinacria« zu besuchen und zeichnete gleich drei Billetts. Der Polizeileutnant benutzte die Gelegenheit, nach seinem Frack zu telegraphieren. Was das Fest selbst betrifft, so sind Asbjörn Krags Notizen darüber sehr spärlich. Es scheint, daß er persönlich nicht das geringste Interesse für die Entfaltung gesellschaftlichen Lebens gehabt hat. Dagegen waren da einige anscheinend ganz gleichgültige Aufklärungen darüber, was Advokat Gade sich nach dem Fest vorgenommen hatte: »Er hob eine Lampe und leuchtete damit ...« Wir wollen indessen dem Gang der Ereignisse nicht vorgreifen. Es scheint, daß sich während des eleganten und heiteren Festes ein etwas vertraulicheres Verhältnis zwischen Frau Sonja und dem Polizeileutnant entwickelt hat. Die schöne und lebhafte Dame mochte ihrem Drang sich zu amüsieren nachgegeben haben. Sie kam ja nicht viel unter Menschen. Sie verkehrte fast mit niemandem; nur wenige im Badeort kannten die fremdartig aussehende Dame mit den großen, tiefen und seltsam fernen Augen. Außerdem kann man wohl sagen, daß ihr Mann, ohne daß er sich selbst klar darüber war, sie bis zu einem gewissen Grade vernachlässigte. Er war ja beständig von seinen Reisen zur Stadt und seinen Geschäften in Anspruch genommen. Sie langweilte sich also. Darum war es ganz natürlich, daß dem Ehemann ihr ungewohnt lebhaftes Wesen an diesem Abend auffiel, und er war auch nicht blind dagegen, daß sein neuer norwegischer Freund von ihrer Schönheit und ihrem einnehmenden, eigentümlichen Wesen hingerissen war. Sollte sich bereits jetzt eine kleine Spur von Eifersucht in seinem Herzen gezeigt haben? In diesem Fall muß es ganz vorübergehend gewesen sein. Denn in seinem Benehmen gegen Helmersen war nichts davon zu merken. Die Situation war zu diesem Zeitpunkt folgende: Helmersen war bis über beide Ohren verliebt, der Advokat stutzte ein wenig, ein ganz klein wenig, und Frau Sonja flatterte ausgelassen und sorglos wie ein Schmetterling zwischen den beiden Männern hin und her. Aus den Aufzeichnungen geht nicht hervor, zu welcher Nachtstunde ein Teil der Gesellschaft von »Hotel Trinacria« noch einen Abstecher ins »Café Babylon« machte. Um Mitternacht mag es gewesen sein, als Festglanz und Freude ihren Höhepunkt erreicht hatten. Es war ein französischer Legationssekretär, der den Einfall bekam. Er hatte das angenagelte Plakat gesehen und schlug vor, daß man sich zum Krug begeben wollte. Mit farbigen Lampions und leuchtenden Fackeln versehen, zog man dorthin, indem man den Weg durch den Wald zum Dorf einschlug. »Café Babylon« wurde mit übermütigem Gelächter gestürmt, und als man einige Goldstücke in die Kasse legte, wurden die neuen Gäste von den alten mit Begeisterung empfangen. Die Gesellschaft aus »Trinacria« tanzte jetzt lustig mit, zum Takt der prachtvollen doppelreihigen Ziehharmonika. Der französische Legationssekretär trat mit dem wohledlen Fräulein Walburg-Hansen, populär Valburg Ringelwurm genannt, zu einem kecken Menuett an, und der Krugwirt drehte gleichzeitig seine gewaltige Gestalt im Walzertakt mit einer hübschen jungen Schauspielerin vom Königlichen Theater. Es herrschte allgemeine Festfreude, und alle waren hingerissen über den glänzenden Einfall. Das enge und niedrige Lokal war überfüllt von einem Publikum, das nicht ausgelassener und gemischter sein konnte. Auch Frau Sonja war mit dem Polizeileutnant und ihrem Ehemann gekommen. Anfangs war sie entzückt und amüsierte sich wie eine der Frohesten. Plötzlich aber geschah etwas. Der Polizeileutnant verwandte kein Auge von ihr, verliebt wie er war. Und da sieht er, daß sie mitten in einem Tanz aufhört und ihren Kavalier verläßt, indem sie sich in die dunkelste Ecke des Saales zurückzieht. Helmersen eilt herbei. Im Schein der blakenden Paraffinlampe sieht er, daß sie blaß geworden ist. »Wir müssen fort von hier!« »Warum? Sie amüsieren sich doch so großartig.« Sie atmete schwer. »Ich kann die Luft nicht vertragen,« flüsterte sie, »sie benimmt mir den Atem.« Er bemerkte, daß sie furchtbar nervös, fast außer sich war. Aber er hatte das bestimmte Gefühl, daß sie log. Sie konnte ihre Erregung nicht verbergen, und unwillkürlich schweiften ihre Augen zu der entgegengesetzten Ecke des raucherfüllten Raumes. Hier saßen an einfachen Holztischen einige Menschen und tranken. Die meisten folgten aufmerksam dem lustigen Treiben. An einem Tisch aber saßen zwei Männer und beugten sich redend zueinander. Diese Männer flüsterten und schienen ganz in ihr Gespräch vertieft zu sein. Der Lärm schien sie nichts anzugehen. Als Helmersen ihre Gesichter sah, durchfuhr es ihn: er erkannte sie sofort. Es waren der Mann mit dem blauseidenen Halstuch und sein Kamerad. In Frau Sonjas Augen aber war unverkennbare Angst. »Lassen Sie uns gehen!« Helmersen führte sie zum Ausgang. Unterwegs begegneten sie ihrem Mann. Der Advokat sah gleich, daß etwas nicht in Ordnung war. »Bist du müde?« fragte er, indem er den Arm seiner Frau nahm. »Ja,« antwortete sie, »ich bin müde, ich finde es hier auch nicht mehr amüsant. Diese Menschen lärmen zu sehr und trampeln so furchtbar beim Tanzen. Und dann die Luft. Ich will nach Hause.« An der Tür warf der Polizeileutnant noch einen Blick zurück. Die beiden Männer saßen noch immer in ihr Gespräch vertieft. Es schien, als ob sie Frau Sonja und den Polizeileutnant gar nicht bemerkten. Oder verstanden sie es nur, ihre Beobachtungen zu verbergen? Als Frau Sonja, von den beiden Herren begleitet, vor die Tür trat, erschauerte sie vor Kälte, obgleich die Augustnacht sehr warm, fast lau war. Das ist die Angst, dachte der Polizeileutnant; solch plötzliche Angst kann wie Kälte wirken. Er begleitete das Paar bis zur Gartenpforte. Hier nahm er Abschied. Der Advokat und Frau Sonja gingen ins Haus, während der Polizeileutnant noch einen Spaziergang machte, stark beschäftigt mit dem, was er gesehen hatte. Aus der Ferne konnte er den hellen Lärm der Feste im »Hotel Trinacria« und im »Café Babylon« hören. Von ringsumher erklangen Gelächter und Geschrei. Es war wie eine Nacht mitten im Sommer. Feuer und Fackeln flammten hier und dort. Der Wanderer atmete den Duft der reifenden Natur, und sein Herz wurde von Wehmut bewegt, weil er die Gewißheit fühlte, daß er Frau Sonja liebte, und daß sie von einem Geheimnis gequält wurde, dessen Wesen er nicht kannte. Er hatte die Empfindung, daß sie von Gefahren umgeben sei. Hier findet sich zwischen Asbjörn Krags Notizen folgende Zeile: »Die drei verließen das Fest um 3+½ Uhr. Zehn Minuten später gingen auch die beiden Apachen.« Als der Advokat und seine Frau in ihre Villa kamen, klagte Sonja noch immer über Müdigkeit und wollte zu Bett gehen. Sie unterhielten sich noch etwas im Arbeitszimmer des Advokaten, und Frau Sonja legte ihre Juwelen in den großen Stahlschrank. Während sie noch dabei war, unterbrach der Advokat sich in einem Satz und blickte lauschend zum Fenster. »Hörtest du etwas?« fragte er. Sie sah ihn hastig an. »Nein,« antwortete sie. »Mich dünkt, ich hörte ein Knacken im Garten,« murmelte der Advokat, »aber es ist wohl nichts gewesen.« Dann bekam er seinen gewöhnlichen Anfall von Arbeitseifer und begann seine Papiere zu studieren. Frau Gade ging ins Nebenzimmer, wo sie die dunkelrote Ampel anzündete. Nach einer Weile öffnete sie die Tür zu seinem Arbeitszimmer und fragte: »Arbeitest du?« »Ja, mein Kind,« antwortete er halb geistesabwesend. Da schloß sie wieder die Tür. Mit einem weiten gestickten Kimono bekleidet, legte sie sich auf den Diwan. Sie schlief nicht. Ihre Augen hatten einen träumenden Ausdruck. Um diese Zeit saß der Polizeileutnant auf einer Bank am Meer und blickte über die gewaltige Fläche, die im ersten Frühlicht zu erröten begann. Er dachte an sie. Sie aber lag allein auf dem Diwan, unter dem dunkelroten Licht. An wen dachte sie? In seinem Arbeitszimmer saß der Advokat, die Hand unterm Kinn, in seine Papiere vertieft. Alles war still. Asbjörn Krag fügt hier in seinen Notizen hinzu: »Wo waren die beiden Apachen?«   Siebentes Kapitel Das Telegramm Während in der Villa des Advokaten völlige Stille herrscht, der Advokat in sein ewiges Aktenstudium vertieft ist, und seine Frau träumend auf dem Diwan im Nebenzimmer liegt, stirbt der Lärm der leuchtenden Feste nach und nach hin. Die Feuer verlöschen. Es wird dunkler und dunkler; aber die Dunkelheit vermischt sich mit einem schwachen Dämmern des kommenden Tages. Der Advokat kann mit knapper Not einen Lichtstreifen durch die oberen Fensterscheiben erspähen, wenn er, was selten geschieht, gedankenvoll von seinen Papieren aufblickt. Da wird er plötzlich aufmerksam und lauscht. Er hört etwas, stutzt und verharrt eine Weile ganz unbeweglich. Plötzlich fährt er auf. Ja, es ist kein Zweifel mehr. Da ist jemand draußen. Der Advokat erhebt sich, nimmt die Lampe vom Tisch, und nachdem er noch einmal gelauscht hat, nähert er sich der Tür. (Hier muß eingeschoben werden, daß sein Arbeitszimmer das mittlere von den drei Zimmern im Erdgeschoß der Villa ist. Um in den Garten hinauszukommen, muß er also erst durch das Verandazimmer. Von dort führt eine breite Flügeltür zu der großen Gartentreppe hinaus.) Der Advokat öffnet diese Tür und geht bis an die Treppe. Er hält die Lampe in seiner erhobenen Hand. Indem er sich aufmerksam umsieht, ruft er: »Ist da jemand.« Keine Antwort. Der Advokat versucht mit seinem Blick die Dunkelheit zu durchdringen, aber er sieht nur die tiefen und dichten Schattengruppen der Bäume. Noch, einmal ruft er, ob jemand da ist; als er aber keine Antwort bekommt, geht er wieder kopfschüttelnd hinein, indem er die Verandatür sorgfältig hinter sich verschließt. Er nimmt wieder am Schreibtisch Platz, und von jetzt ab wird er durch nichts mehr gestört. Hier muß ich wieder den Wortlaut von Asbjörn Krags Notizen zitieren. An den Rand seines Manuskriptes hatte er geschrieben: »Die Apachen waren draußen. Sie lagen im Gras oder unterhalb der Villamauer verborgen. Hatten sie Frau Gades Juwelen gesehen, als sie sie vor kurzem abnahm und in den eisernen Geldschrank legte?« Tags darauf ist strahlendes Sonnenwetter. Die junge Frau scheint ihre kleine Unpäßlichkeit vom Tag vorher ganz überwunden zu haben. Der Polizeileutnant kommt auf Besuch und bringt ein Bukett der schönsten Blumen aus dem Garten des Hotels mit. Es ist nach dem Frühstück, das der Advokat und seine Frau im Garten eingenommen haben. Nach dem Frühstück greift der Advokat wieder nach seinen Papieren. Es ist überhaupt erstaunlich, wie er alles beiseite schieben kann, wenn eine Sache ihn interessiert. Er sieht wohl, daß seine Frau sich langweilt, er weiß, daß sie Wert darauf legen würde, einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen, und er sagt ihr auch, daß er das alles weiß; leider aber ist diese Sache so eilig. Es ist die Sache der Grundeigentümerbank. In diesem Moment erscheint der Leutnant mit seinen Blumen. Er kommt wie ein rettender Engel, und als er hört, daß Frau Sonja einen Spaziergang machen möchte, bietet er sich begeistert als Begleiter an. Die beiden verschwinden in lebhaftem Gespräch über den sonnenbeschienenen Gartenweg, während der fleißige Jurist sich wieder über seine Papiere beugt. Bevor die beiden aber ganz fort sind, hebt er den Kopf und sieht ihnen nach. Wieder ist in seinem männlichen Gesicht das Stutzen von gestern auf dem Ball im »Hotel Trinacria«; dann aber verschwindet dieser Ausdruck, und ein hübsches Lächeln kräuselt seine Lippen. Er glaubt an seine Frau. Die Uhr geht auf zwei, und das Mädchen bringt ihm ein Telegramm. Aber bevor sich dieses ereignet, ist etwas anderes geschehen. Man muß bedenken, daß Asbjörn Krag, als er seine Aufzeichnungen niederschrieb, den ganzen Gang dieser merkwürdigen Ereignisreihe kannte. Darum konnte er die einzelnen Auftritte mit dem vergleichen, was gleichzeitig an anderen Orten geschah, und auf diese Weise Zusammenhang in das Ganze bringen. Bevor Asbjörn Krag von dem Empfang des Telegramms erzählt, notiert er darum, daß die beiden Apachen vormittags mit einem frühen Zug nach Kopenhagen fuhren. Der eine kehrte gleich zurück, während der andere sich in einer besonderen Angelegenheit in die Stadt begab. Es war der Apache mit dem blauseidenen Halstuch, der zurückkehrte. Der andere hielt sich genau 12 Uhr 30 auf dem Telegraphenamt auf, von wo er folgendes Telegramm an Advokat Gade sandte: »Kommen Sie sofort zur Stadt. Ihre Anwesenheit in Angelegenheit Grundeigentümerbank notwendig.« Dies Telegramm war es, das der Advokat um 2 Uhr empfing; und es setzte ihm nicht im geringsten in Erstaunen. Die betreffende Affäre war so verwickelt und brachte so viele Überraschungen, daß der plötzliche Ruf nach Kopenhagen ihm keineswegs auffallend erscheinen konnte. Er las also das Telegramm, legte es beiseite und begann den Fahrplan zu studieren. Es zeigte sich, daß vor 5 Uhr kein Zug nach Kopenhagen ging. Er mußte also eine Weile warten, bevor er fahren konnte. Er würde dann um 8 Uhr in Kopenhagen sein, früh genug, um noch eine Unterredung mit seinem Bürochef zu haben. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß dieser das Telegramm geschickt hatte. Beim Mittagessen teilte der Advokat seiner Frau mit, daß er notwendig zur Stadt müsse. Gleichzeitig gab er telephonisch ein Telegramm an den Bürochef auf, daß er etwas nach 8 Uhr in seinem Kontor zu treffen sei. Er hatte die Freude zu beobachten, daß seine Frau bei der Aussicht, daß er sie wieder verlassen wollte, sehr verdrießlich wurde. »Wie lange bleibst du fort?« fragte sie. »Nur bis morgen,« antwortete er. »Ich komme so schnell wie möglich zurück und hoffe, daß ich es einrichten kann, von morgen ab lange hier draußen bei dir zu bleiben.« Mit diesen Worten trennten sie sich. Sie begleitete ihn zum Bahnhof. Was ist nun zwischen Frau Sonja und dem Polizeileutnant vorgegangen? Als Frau Sonja, nachdem sie ihren Mann begleitet hatte, zurückkehrte, traf sie den Polizeileutnant und machte mit ihm einen Spaziergang. Später, am Nachmittage, um 6 Uhr etwa, trafen sie sich auf der Strandpromenade, und während sie in ihrem Strandstuhl am Meeresufer saß, lag er im Sand zu ihren Füßen und las ihr aus dem neuesten französischen Roman vor. Lauschte sie seiner Vorlesung, träumte sie? Woran dachte sie? Sie freute sich jedenfalls an seiner Gesellschaft, man könnte ihren Gemütszustand vielleicht am besten mit dem einfachen Satz ausdrücken: Jetzt langweilte sie sich nicht mehr. Wir wissen nicht, was sie miteinander gesprochen haben. Wir stehen nur vor der Tatsache, daß er und sie sich einig wurden, sich um Mitternacht wieder zu treffen, und daß die Begegnung in der Villa stattfinden sollte. Man kann sich hier zwei Möglichkeiten denken, und aus Asbjörn Krags Aufzeichnungen geht hervor, daß er beide Eventualitäten in Betracht gezogen hat. Entweder hat unser Freund, der Polizeileutnant, Erfolg mit seiner Kurmacherei gehabt, oder sie hatten von dem Geheimnis des Apachen mit dem Halstuch gesprochen, und sie hat sich entschlossen, ihm zu erzählen, was sich hinter diesem Geheimnis verbarg, und vielleicht seinen Beistand gesucht. Helmersen hat sich weder zu Asbjörn Krag noch zu jemand anderem über diese Sache äußern wollen. Aus dieser Verschwiegenheit kann, man möglicherweise auf das Richtige schließen. Während all dies geschah, rollte der Advokat zur Stadt. Erst mit der Lokalbahn zur nächsten Provinzstadt, von dort mit dem Eilzug nach Kopenhagen. Dort kam er zur bestimmten Zeit, um 8 Uhr, an. Sein Bürochef erwartete ihn. Anfangs sprachen sie von ganz allgemeinen Sachen, plötzlich aber wird der Advokat bei einer Äußerung des Bürochefs aufmerksam und fragt erstaunt: »Aber mein Gott, haben Sie mir denn nicht das Telegramm geschickt?« »Welches Telegramm?« fragt der Bürochef, ebenfalls sehr erstaunt. Der Advokat wiederholt jetzt den Wortlaut des Telegramms, das er bekommen hat, und der Bürochef schwört darauf, daß er dieses Telegramm niemals abgeschickt habe. Außerdem liegt in der Banksache gar nichts vor, was die plötzliche Reise des Advokaten nach Kopenhagen notwendig gemacht hätte. Die beiden Männer sehen sich an, und keiner von ihnen vermag gleich zu fassen, daß hier eine Mystifikation vorliegen muß. Sie überlegen eine Weile, ob irgend eins der Büros, das mit ihnen in Verbindung steht, dieses Telegramm geschickt haben kann, kommen aber zu dem Resultat, daß es nicht der Fall sein könne. Der Advokat bittet den Bürochef, ihn allein zu lassen. Er muß die Sache durchdenken. Während er in seinem Stuhl sitzt und ratlos vor sich hinstarrt, gleitet ein Bild durch seine Erinnerung, das er kürzlich gesehen hat. Er sieht, wie die beiden zwischen den sonnenbeglänzten Bäumen des Gartens spazieren gehen, seine Frau und sein junger norwegischer Freund. Dem Advokaten wird es plötzlich heiß. Er springt heftig auf und beginnt im Zimmer auf und ab zu schreiten. Merkwürdige Gedanken ziehen durch sein Gehirn. Er sieht die beiden wieder vor sich, plaudernd, in fröhlicher Stimmung. Sollte es dennoch möglich sein, denkt er, daß eine Vertraulichkeit zwischen ihnen entstanden ist? Im nächsten Augenblick aber lächelt er; er kann, noch will es glauben. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. Dann setzt er sich wieder und beginnt von neuem zu überlegen. Advokat Aage Gade hatte in früheren Zeiten, als er Richter am Kriminalgericht war, so viel mit Verbrechersachen zu tun gehabt, daß er sich gleich folgendes sagen kann: Wenn ein Mann ein Telegramm bekommt, das ihn von einem bestimmten Ort abruft, und wenn dieses Telegramm sich als falsch erweist, so kann das einzig und allein bedeuten, daß es einen oder mehrere Personen gibt, denen daran gelegen ist, ihn zu einem gewissen Zeitpunkt oder während eines gewissen Zeitraumes von diesem Ort zu entfernen. Wer, dachte er, kann Interesse daran haben, mich heute abend vom »Hotel Trinacria« und dem Badeort fernzuhalten? Zuerst dachte er an den Polizeileutnant. Von ihm glitt der Gedanke ganz selbstverständlich zu Sonja. Aber wieder schlug er sich diesen Verdacht kopfschüttelnd aus dem Sinn. Da glitt ein neues Bild durch seine grübelnden Gedanken.   Achtes Kapitel Keine Antwort Der Advokat eilte zum Telephon und bestellte eine Fernverbindung. Er wollte bei seiner Frau anfragen, ob etwas los sei. Er verlangte ein dringendes Gespräch. Einen Augenblick danach wurde ihm geantwortet, daß es nicht möglich sei, Verbindung mit der Villa zu erlangen. Der Advokat sah auf seine Uhr; das war sonderbar. Gerade jetzt pflegte man in der Villa zu Abend zu essen. Was sollte er sich dabei denken? War niemand zu Hause, nicht einmal einer von den Dienstboten, oder war die Verbindung aus irgend einem geheimnisvollen Grund abgebrochen worden? Er rief den Bürochef wieder zu sich herein, und sie besprachen einige Minuten das seltsame Ereignis. Der Advokat verbarg seinem Bürochef nicht, daß es ihn beunruhigte, daß er keine Telephonverbindung mit der Villa bekommen könne. Sie meinten, das Beste sei, es noch einmal zu versuchen, und der Advokat rief das Amt an. Jetzt aber ward ihm eine neue Überraschung zuteil. In Dänemark hat man dieselbe altmodische und merkwürdige Einrichtung wie in Norwegen, daß Landtelephonämter abends zu einer bestimmten Stunde schließen, und daß es unmöglich ist, sie nach dieser Zeit zu wecken. Darum war der Bescheid, den der Advokat durch das Telephon bekam: das Amt des Badeortes habe eben geschlossen. Ob es nicht möglich sei, trotzdem eine Verbindung zu bekommen? Ganz unmöglich. Ob man auch kein Telegramm schicken könne? Nein, auch das könne man nicht; denn das Telegraphen- und Telephonamt sei im selben Hause und werde von demselben Mann besorgt. Beide Abteilungen schlössen zeitig. Da stand er nun ohne Verbindung, ohne Erklärung für die rätselhafte Situation. Und wieder zeigte sich dasselbe beunruhigende Bild vor seinem inneren Bewußtsein. Als der Advokat heute zum Bahnhof ging, hatte er einen übel aussehenden, sonderbaren Burschen um seine Villa schleichen sehen. Er hatte überlegt, ob er seine Frau auf ihn aufmerksam machen sollte, hatte es aber unterlassen, um sie nicht unnötig zu ängstigen. Es war ein dunkelhaariger junger Mann gewesen, ganz gut gekleidet, aber mit einem auffallenden, blauen Seidentuch um den Hals. Solch ein Halstuch, mit dem die Apachen in Paris sich zu putzen pflegen, um Eindruck auf ihre Mädchen zu machen. Dieser Mann war wie ein Mensch aufgetreten, der etwas zu verbergen hat. Der Advokat kannte den Typ aus seiner Richterzeit. Er kannte diese verdächtigen Blicke, diese gewollt-gleichgültigen Bewegungen. Wenn er es sich recht überlegte, hatte der Mann ein verdächtiges Interesse für das Gartengitter vor seinem Hause an den Tag gelegt. Als der Advokat aus dem Garten kam, hatte der Mann plötzlich seine Schuhbänder angelegentlich betrachtet und daran genestelt. Gerade diese Bewegung war es gewesen, die die Aufmerksamkeit des Advokaten geweckt hatte, weil sie ihn an alte Tage erinnerte, wenn er die Arrestanten im Auge behielt, damit sie sich nicht untereinander verständigten; und sie verfielen auf merkwürdige Kniffe, um die Gerichtsbeamten irrezuführen. Aber warum? Der Advokat verglich die verschiedenen Tatsachen miteinander. Vor allem dachte er an die falsche Depesche. Wenn er davon ausging, daß sie ihm geschickt worden war, um ihn von der Villa fernzuhalten, konnte es einzig und allein aus dem Grunde sein, weil man ein Attentat gegen die Villa plante. Er hatte verschiedene Wertsachen draußen liegen, unter anderem die kostbaren Juwelen seiner Frau, die sie gestern abend auf dem Fest angelegt hatte. Dies rief abermals etwas in seiner Erinnerung wach. Ja, jetzt entsann er sich des seltsamen Knackens, das er gestern abend im Garten gehört hatte. Als er es zum erstenmal hörte, hatte seine Frau neben dem großen Stahlgeldschrank gestanden und die Juwelen hineingelegt. Es war ihm in diesem Augenblick, als ob er das auffallende Knacken wieder hörte. Es war, als ob jemand draußen über den Kies ginge. Stand jemand dort und spionierte? Hatte jemand die Juwelen gesehen? Der Advokat wurde immer nervöser. Plötzlich meinte er in einem unheimlichen Schauder zu spüren, was geschehen war, und was noch geschehen könnte. Er selbst war weit fort von der Villa, und seine Frau war allein zu Hause. Die. Dienstmädchen schliefen im andern Ende des Hauses, und dann das Telephon – das Telephon, das abgestellt war! Er wurde auf einmal furchtbar erregt, und stürzte in das Nebenkontor. »Den Fahrplan,« rief er. Der Bürochef, der begriff, daß etwas Ungewöhnliches los sei, kam in aller Eile mit dem Fahrplan. Es zeigte sich, daß gerade in einigen Minuten ein Zug ging. Es wurde rasch nach einem Automobil telephoniert, es kam sofort, und ohne dem Bürochef eine Erklärung zu geben, sprang der Advokat hinein und fuhr zum Bahnhof. Als er auf den Bahnsteig stürzte, kam er gerade zeitig genug, um den Zug an den letzten Signalstangen vorbeigleiten zu sehen – und da stand er, atemlos und verstört. Was sollte er jetzt machen? Er war keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß er einen Versuch machen müsse, den Badeort zu erreichen, aber wie? Der Fahrplan, den er wieder hervorzog, bestätigte ihm nur, daß an diesem Abend keine Züge mehr zum Badeort gingen. Die Vorstellung, daß Gefahr drohe, war indessen so stark in ihm, daß er beschloß, alles zu versuchen, um nach Hause zu kommen. Vor dem Bahnhof warteten eine Menge Automobile. Er musterte sie, und eines machte ihm einen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Es war groß und schlank und schien recht kräftig zu sein. Er ging zum Chauffeur und fragte: »Wann können Sie im Bad Trinacria sein?« Der Chauffeur sah ihn forschend an. »Das ist eine lange Tour,« antwortete er zögernd. »Einerlei,« antwortete der Advokat, »ich habe Sie gefragt, wann Sie dort sein können.« Der Chauffeur war offenbar nicht sehr willig, die Fahrt zu machen. »Die Wagen leiden furchtbar auf diesen Landstraßen,« sagte er, »außerdem ist es sehr dunkel, und es wird eine teure Fahrt.« »Wieviel?« »Unter hundert Kronen kann ich es nicht machen!« »Wann können Sie für einhundertfünfzig Kronen dort sein?« Das Gesicht des Chauffeurs belebte sich. »Hallo,« rief er, indem er vom Wagen sprang, »wenn es Geld dabei zu verdienen gibt, bin ich der letzte, der nein sagt. Wenn Sie mir hundertfünfzig Kronen geben, werde ich Punkt ein Uhr dort sein.« Der Advokat warf einen Blick auf die andern Wagen. »Das ist zu spät,« sagte er. »Ich könnte wohl schneller fahren, aber –« »Was, aber –« »Es kostet Strafe, wenn ich zu schnell fahre, und außerdem kann der Wagen dabei draufgehen.« Der Advokat zog seine Visitenkarte aus der Tasche, und indem er sie dem Chauffeur gab, sagte er: »Ich übernehme das Risiko für den Wagen und bezahle die Strafe.« Gleichzeitig drückte er dem Chauffeur einige Geldscheine in die Hand. Das entschied die Sache. »Gut, ich werde versuchen, um zwölf dort zu sein,« antwortete der Chauffeur, stieg in den Wagen und ergriff das Steuer. Zwölf Uhr, dachte der Advokat, das ist gut, das ist die Mitternachtsstunde, die Stunde der Verbrecher. Vielleicht komme ich noch rechtzeitig. Jedenfalls konnte er nicht schneller kommen, und er hatte keine Ruhe in der Stadt zu bleiben. Er wollte es versuchen. Gleich darauf sauste das Auto über die Landstraße. Leute drehten sich um und sahen ihm nach und wunderten sich über die enorme Schnelligkeit. Einige Schutzleute notierten die Nummer des Autos. Es schien eine teure Fahrt werden zu sollen. Hier finde ich folgende aufklärende Notiz in Asbjörn Krags Papieren: »Die Autofahrt kostete mit Strafen, Reparaturen und allem 450 Kronen.« Während dies in Kopenhagen vor sich ging, herrschte vollkommene Ruhe in dem Badeort, und nichts geschah, was darauf deutete, daß etwas Besonderes im Anzuge sei. Der Polizeileutnant spazierte mit Frau Sonja und nahm ihr noch einmal das Versprechen ab, daß sie ihn um zwölf Uhr empfangen solle. Der Grund dieser späten Zusammenkunft ist noch immer ein Geheimnis; aber wir haben ja die beiden Erklärungen, an die wir uns halten können, und wir neigen der Auffassung zu, daß Frau Sonja den Polizeileutnant so spät empfangen wollte, weil sie ihm dann ungestörter eine Erklärung für ihre merkwürdige Angst beim Anblick des Apachen mit dem blauseidenen Halstuch geben konnte. Das, was später geschah, deutet auch mit Bestimmtheit daraufhin, daß dies der Grund war. In dem düsteren »Café Babylon« war es den ganzen Nachmittag still und friedlich gewesen. Die Menschen, die sonst dort verkehrten, waren offenbar müde nach den Vergnügungen des gestrigen Tages. Der Wirt ging gelangweilt umher und spähte nach Gästen aus. Endlich gegen Abend kamen ein paar Gäste vom vorhergehenden Tage. Es waren die beiden fremdartig aussehenden Personen. Sie schienen beide mit dem Zug gekommen zu sein, denn sie fanden sich unmittelbar nach Ankunft des Zuges im Kruge ein. Tatsächlich war nur der eine von ihnen mit dem Zug gekommen, der andere war ihm entgegengegangen; es waren der Mann mit dem Halstuch und sein Kamerad. Sie setzten sich still in eine Ecke und bestellten sich Schnaps. Es hatte den Anschein, als ob sie wichtige Geschäfte miteinander zu verhandeln hätten, denn sie sprachen sehr leise. Der Wirt erlaubte sich einmal, ihrem Gespräch zu lauschen, und bemerkte, daß sie eine komische Sprache redeten, die weder dänisch noch schwedisch noch deutsch war, die aber etwas an die Sprache erinnerte, die von den eingewanderten Polacken auf den Gehöften gesprochen wurde. Daraus schloß der Wirt, daß sie Polacken wären, die in die Gegend gekommen seien, um Arbeit zu suchen. So sahen sie auch aus. Inzwischen verstrich die Zeit. Da bezahlten die beiden Polacken, erhoben sich und gingen fort. Der Wirt sah ihnen nach. Sie verschwanden zwischen den dunklen Bäumen. Die Uhr war jetzt elf. Zu dieser Zeit saß der Polizeileutnant in seinem Hotelzimmer und zählte die Minuten. Auf den öden und dunklen Landstraßen in Nordseeland fuhr das Automobil des Advokaten in rasender Eile dahin. Die Uhr ging auf zwölf. Die Mitternachtsstunde näherte sich. Der Polizeileutnant verließ sein Hotelzimmer. In der Villa waren die Dienstboten zu Bett gegangen. Durch die Fenster in Frau Gades Boudoir leuchtete die dunkelrote Ampel. Der Advokat fuhr und fuhr auf weiten Landstraßen. Und hier finde ich wieder die Frage in Asbjörn Krags Notizen: »Wo waren jetzt die beiden Apachen?«   Neuntes Kapitel Wer kam? Während der Advokat wie ein Rasender über die Landstraße fuhr, sah er die ganze Zeit auf seine Uhr. Er wurde immer nervöser, und das Gefühl, daß er machtlos sei, machte ihn beinahe verrückt. In seinem erregten Zustand gaukelte er sich allerhand Schreckbilder vor. Er erinnerte sich, daß er einmal in einer französischen Zeitung von solch einem Überfall, wie er ihn sich vorstellte, gelesen hatte. Es war an einem einsamen Ort, und die Frau war allein zu Hause. Aber sie hatte ein Telephon und konnte von Augenblick zu Augenblick ihrem Mann in Paris von dem Gang des Überfalles berichten, von dem Erscheinen der Räuber, bis sie schließlich den Hörer loslassen mußte, weil die Mörder über ihr waren. Sollte er so etwas erleben? Der arme, gequälte Mann jagte den Chauffeur vorwärts, und der Chauffeur, der begriff, daß es etwas sehr Wichtiges sei, steigerte das Tempo des Wagens bis zum Fabelhaften. Dies sollte sich indessen rächen und das Seinige dazu beitragen, daß die Ereignisse solch merkwürdigen Verlauf nahmen. Wenn der Advokat nicht an Mörder und Räuber dachte, wanderten seine Gedanken unwillkürlich zu dem Polizeileutnant und seiner Frau; aber er schob sie beständig von sich, wie man etwas Häßliches und Böses von sich weist. Doch sie kamen wieder und wieder. Das ist die Aufregung, dachte er. Ich tue ihr unrecht, weil ich so nervös bin. Jetzt begann die Gegend ihm bekannt zu werden. Hier war der Wald, der das Badehotel umgab. Er beugte sich über die glühenden Lampen des Autos und sah auf seine Uhr. Es fehlten jetzt noch 20 Minuten an zwölf. Er würde sogar etwas vor der Zeit da sein, ein Viertel vor zwölf oder so. Da geschah es. Bei einer Biegung glitt das Automobil aus und fuhr in den Graben. Es war in einer scharfen Kurve, und der Chauffeur hatte das Fahrtempo bedeutend herabgemindert. Wäre er mit seiner bisherigen Geschwindigkeit gefahren, wäre sicher ein Unglück geschehen. So aber ereignete sich nichts anderes, als daß der Advokat kopfüber in das weiche Heidekraut flog und der Chauffeur sich am Steuer eine Rippe brach. Der Advokat war im nächsten Augenblick wieder auf den Beinen. »Kann das Auto weiterfahren?« fragte er. Der Chauffeur jammerte und untersuchte ärgerlich die Panne. Es dauerte einen Augenblick, bis er meldete: »Eine verfluchte Geschichte: vor einer Stunde kann ich nicht weiterfahren.« Der Advokat überlegte einen Augenblick. »Ich gehe den Rest des Weges zu Fuß,« sagte er. »Kommen Sie mir so schnell wie möglich mit dem Auto nach! Ich wohne in der weißen Villa mit dem hohen Eisengitter.« Dann lief er durch den dunklen Wald. Die bestimmte Überzeugung, daß er sich beeilen müsse, um eine Gefahr oder ein Unglück abzuwenden, verlieh ihm eine Geschwindigkeit, die man einem Mann in seinem Alter nicht zugetraut hätte. Frau Sonja ging in ihrem Boudoir nervös auf und ab. Die Uhr war bald zwölf. Sie lauschte, ob alles zur Ruhe gegangen sei. In der ganzen Villa war kein Laut zu hören. Die schöne junge Frau trug eine sehr geschmackvolle Abendtoilette, ein enganschließendes gelbes Kleid, das ihre schlanke und elegante Gestalt hob. Außerdem hatte sie alles im Zimmer so geordnet, als wolle sie auf den, den sie erwartete, Eindruck machen. Die dunkelrote Ampel verbreitete ein eigenartiges Licht in dem dunklen Raum. Auf dem kleinen Messingtisch neben dem Diwan stand eine kleinere Lampe, eine kleine japanische Fackellampe, deren Flamme matt unter einer Zederholzschale brannte und einen seltsamen Weihrauchgeruch im Zimmer verbreitete. Aber sie war, wie gesagt, nervös. Warum? Bereute sie es, daß sie dem jungen Norweger die Erlaubnis gegeben hatte, zu kommen, oder war sie nervös, weil sie endlich einmal ein Geheimnis entschleiern wollte, das sie bisher allein getragen hatte? Sie sah fortwährend auf die Uhr. Jetzt mußte er bald hier sein. Ihre Unruhe wuchs. Sie hatte versprochen, die Verandatür angelehnt zu lassen. Sollte sie sie nicht lieber doch schließen? Sie war gerade im Begriff es zu tun, als sie stehen blieb, weil sie etwas hörte. Sie hörte Schritte, und sie hörte eine Tür knarren. Es mußte der sein, den sie erwartete. Nachdem sie einen letzten Blick auf ihre Gestalt im Spiegel geworfen hatte, nahm sie auf dem Diwan Platz und lehnte sich in einer halb ruhenden Stellung zurück. Sie lächelte, und ihr Lächeln war gleichzeitig neugierig und erwartungsvoll. Sie lag so auf dem Diwan, daß sie der Tür den Rücken zukehrte und den Eintretenden also nicht sehen konnte. Sie hörte Schritte, die sich näherten. Der Kommende ging durch das dunkle Nebenzimmer. Die Schritte klangen unsicher. Da hörte sie einen Griff auf den Türdrücker Die Tür ging auf, sie lag noch immer lächelnd da. Dann wandte sie langsam den Kopf und streckte ihre Hand aus. Ihr Lächeln aber erstarrte plötzlich, und eine furchtbare Blässe glitt hastig über ihr Gesicht. Die Gestalt, die in der Tür stand, war nicht die, die sie erwartet hatte. Ihr Mann war es, der dort stand. Sie fuhr in die Höhe und starrte ihn an, als sehe sie eine Erscheinung. Der Mann stand unbeweglich neben der Tür, er atmete schwer. Er war stark gelaufen, und die Gemütsbewegung, als er sie in dieser Toilette und der dunkelroten Beleuchtung fand, brachte sein Herz so heftig zum Schlagen, daß er sich nicht rühren konnte. Er sah auch ihr erstauntes, fast entsetztes Gesicht. Alles das, was er nur flüchtig gedacht hatte, der Verdacht, der hin und wieder in seinem Gehirn gespukt hatte, sammelte sich jetzt plötzlich zu einer grausamen und riesenhaften Frage. Während sie dort saß und ihn entsetzt ansah und er unbeweglich dastand, wollte diese Frage sich beständig Bahn brechen. Aber es war, als bliebe sie ihm im Halse stecken. Schließlich aber brachte er sie mit einem heiseren Röcheln über die Lippen: »Wen erwartest du?« Frau Sonja erhob sich und bewegte sich auf ihren Gatten zu; aber sie antwortete nicht. Er wiederholte die Frage, diesmal klar und deutlich und mit drohender Stirn: »Wen erwartest du?« Hätte sie sich nicht so überrumpelt gefühlt, hätte sie Zeit gehabt zu überlegen, dann würde sie vielleicht offen und ehrlich geantwortet haben: »Ich erwarte den jungen Norweger.« Sie hätte ihrem Mann eine Erklärung gegeben, ihm erzählt, daß sie in einer gewissen Affäre den Beistand des Polizeileutnants suchen wollte. Aber sie tat nichts von alledem. Sie antwortete: »Ich erwarte niemand.« Da fehlten noch 10 Minuten an zwölf. Ihr Mann sah sie lange an, und in dem Schweigen, das nun folgte, fand sie Gelegenheit sich zu sagen: Das war dumm. Du hättest ihm lieber alles erzählen sollen – und der Mann fand Gelegenheit sich zu sagen: Sie lügt. Er blieb neben der Tür stehen, zeigte mit der Hand durchs Zimmer und sagte: »Ich sehe, du hast Vorbereitungen getroffen.« Jetzt aber war sie mit einem Satz neben ihm. Ihr ganzer Körper zitterte. Sie begriff, wenn sie etwas retten wollte, dann mußte es schnell sein. Sie warf sich ihm an die Brust. Er aber stand unbeweglich und nahm ihre Zärtlichkeit nicht entgegen. Sie beteuerte ihm, daß sie niemand erwarte. Sie habe nur alles dies arrangiert, die Lampen angezündet, sich festlich gekleidet, weil es eine Laune von ihr gewesen sei. Und ihr weiblicher Instinkt fand gerade die richtigen Worte. Denn jetzt sagte sie etwas, was den Mann traf und ihn nachdenklich machte. Sie sagte: »Du verstehst mich vielleicht nicht, aber ich will versuchen es dir zu erklären. Ich langweile mich, ich langweile mich entsetzlich. Hörst du, weißt du, was es heißen will, sich so furchtbar zu langweilen? Du bist ja fast nie bei mir. Und wenn du einmal kommst, sitzt du die ganze Zeit bei deinen Papieren, deinen ewigen Papieren, von denen ich nicht das geringste verstehe. – Was soll ich mir denn immer ausdenken? Heute abend ging ich in diesen leeren Stuben umher und wußte nicht, womit ich mich zerstreuen sollte. Du hast mir nicht einmal die neuesten Bücher mitgebracht. Und außerdem fühlte ich mich so furchtbar allein. Da verfiel ich auf diese Spielerei. Das ist alles. Verstehst du mich?« Er sah sie an. Ihre Augen standen voll Tränen. Ihr ganzer Körper erzitterte. Da drückte er sie an sich und legte ihren Kopf gegen seine Schulter. »Arme Kleine,« sagte er, »habe ich dich vernachlässigt?« Sie fühlte, daß sie gewonnen habe, aber nur für einen Augenblick. Unstet sah sie über seine Schulter hinweg zur Uhr. Ihr unbarmherziges Ticken klang melodisch und ruhig. Noch war es nicht zwölf. Wenn er uns nur hören würde, dachte sie, wenn er nur unsere Schatten an den Gardinen entdecken und umkehren würde! Oder wenn sie nur die Zeit in ihrem entsetzlichen Vorwärtseilen aufhalten könnte! Da aber hörte sie wieder, daß die Verandatür vorsichtig geöffnet wurde. Jemand war in das Verandazimmer gekommen. Ein Kälteschauer durchfuhr sie. Alles war verloren.   Zehntes Kapitel Der Mann mit dem Halstuch Frau Sonjas Sinne waren aufs höchste gespannt und witterten. Sie hatte die Schritte im Verandazimmer gehört. In diesem Augenblick war sie fast bewußtlos vor Schreck. Sie dachte nur das eine: ihrem Mann zu verbergen, daß der Polizeileutnant gekommen war. Wie aber sollte sie es fertig bringen? Um ihn am Lauschen zu verhindern, klammerte sie sich krampfhaft an ihn, legte ihren Kopf und ihre Hände gegen seine Ohren und flüsterte unaufhörlich und ganz sinnlos: »Du darfst nicht, du darfst nicht!« Aber es nützte alles nichts, denn jetzt drang ein scharfer Laut zu ihnen herein. Es war das Knarren einer Tür, die vorsichtig geöffnet und wieder geschlossen wurde. Diesmal hörte der Ehemann es. Er starrte wie verhext auf die Tür, die von dicken Portieren verborgen war. Sollte es möglich sein? Hatte sie ihn dennoch belogen? Von nebenan ertönte ein scharrendes Geräusch. Es war, als ob ein Schlüssel ins Schloß gesteckt würde. Der Advokat schob Sonja mit solcher Gewalt von sich, daß sie fast über die japanische Lampe getaumelt wäre, und dann ging er drohend auf sie zu. Sein Gesicht war furchtbar anzusehen. »Also doch,« schrie er, »du hast mich also doch belogen! Wen erwartest du?« Sie schüttelte verstört den Kopf. Sie wollte antworten, aber kein Laut kam über ihre Lippen; sie wollte sich ihm nähern, aber sie wagte es nicht. Er blieb mitten im Zimmer stehen, am ganzen Körper bebend. »Ich werde dir zeigen,« sagte er, und seine Stimme war gedämpft und heiser, »ich werde dir zeigen, daß ich Ehrlosen, die in mein Haus einbrechen, entgegenzutreten weiß. Ich verstehe mich darauf, solche Leute zu behandeln.« Frau Sonja kannte ihn genau. Sie wußte, daß sie ihn nicht länger zurückhalten konnte. In ihrer tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit warf sie sich neben ihn auf die Knie. Ihr Haar war aufgegangen und floß an ihr herab. Sie streckte beide Arme zu ihm hinauf. Er aber blieb ruhig stehen, ganz ruhig, und betrachtete sie nur. Gerade diese seine Ruhe erschreckte sie am meisten und ließ sie vor Kälte erschauen. Dann flüsterte sie ihm eindringlich und von Schluchzen halb erstickt zu: »Alles kann erklärt werden. Glaube mir, das Ganze ist nur ein unglückseliges Mißverständnis. Laß mir nur Zeit dir den Zusammenhang in Ruhe zu erzählen! Du hast mich mit deiner grausamen Kälte ganz verstört gemacht. Hör' mich nur einen Augenblick an!« Jetzt erklangen nebenan wieder Schritte, gedämpfte Schritte. Jemand ging über den weichen Teppich. Sie hörte die Schritte und meinte zu wissen, wer es sei; gleichzeitig aber begriff sie nicht, warum der Betreffende nicht in ihr Boudoir kam oder flüchtete, wenn er ihre Stimmen gehört hatte. Die Kälte im Wesen des Ehemannes war unheimlich. Er lächelte. »Still,« flüsterte er, »wir wollen ihn nicht stören. Er wird schon hereinkommen.« Er starrte auf die Tür, aber weder die Tür noch die Portieren bewegten sich. Und jetzt war auch kein Laut mehr von drinnen zu hören. Der Advokat sah sich im Zimmer um. Er suchte nach einer Waffe. »Ich bedaure nur eins,« flüsterte er – und so leise, daß seine Frau ihn kaum verstehen konnte, aber mit furchtbarem Ernst – »ich bedaure nur, daß ich meinen Revolver in der Stadt gelassen habe. Aber hier sehe ich eine ausgezeichnete Waffe.« Er nahm einen großen, schweren Silberleuchter vom Spiegeltisch. »Warte, mein Lieber,« fuhr er fort – es war, als ob er eindringlich mit sich selbst spräche –, »ich will dir lehren, wie man Leute behandelt, die nachts in das Haus guter Freunde einbrechen.« Er ging auf die Tür zu und schwang den Leuchter drohend in seiner muskelstarken Faust. Seine Frau aber ist mit einem Satz neben ihm und klammert sich an seinem Rock fest. Er stürmt auf die Tür zu, kann jedoch ihres Armes und Kleides wegen kaum vorwärts kommen. Sie flüstert ihm in höchstem Entsetzen unaufhörlich zu: »Du darfst nicht. Du darfst nicht.« Er antwortet nicht. Er lächelt nur herzlos und entschlossen. Er weiß, was er will. Jetzt ist er bei der Tür. Er schiebt die Portiere beiseite und öffnet sie mit raschem Griff. Frau Sonja stößt einen Schrei aus und versucht seinen Arm zu umklammern. Sie stehen nun beide in der offenen Tür. Der Advokat will durchs Zimmer rasen und sich auf seinen Feind stürzen, bleibt aber verblüfft auf der Schwelle stehen. Der Mann, den er im Zimmer sieht, ist nicht der, den er erwartet hatte. Es ist nicht der Polizeileutnant. Es ist der Mann mit dem blauseidenen Halstuch. Nun pflegen in der Regel Ehemänner, die wütend mit Revolvern, Kandelabern oder anderen Waffen herumrasen, keine gute Figur machen. Aber noch weniger vorteilhaft nimmt sich ein Ehemann aus, wenn er auf falscher Spur ist und es zu seinem eigenen Erstaunen entdeckt. Just in dieser Lage befand sich Advokat Aage Gade, der berühmte Anwalt großer Rechtsfälle. Sein Gesicht spiegelte im Laufe von wenigen Sekunden alle Grade einer furchtbaren Gemütsbewegung. In den Augenblick, als er in die Tür trat, hatte sein feines Rassegesicht einen Ausdruck gehabt, der von gekränkter Ehre erzählte, in Verbindung mit einem festen und grausamen Willen, diese Kränkung zu rächen. Des Mannes wilder und rücksichtsloser Mut stand auf seiner Stirn geschrieben, und in seinen Augen brannte der grenzenlose Zorn, der nicht gedämpft werden kann, bevor er sich in irgend einer Rachetat ausgetobt hat. Eine Sekunde danach aber war alles verändert. Dieser ganze verdichtete Ausbruch von Mut, Raserei und Tatenlust, wich einer unsagbaren Verblüfftheit, die ihm aus den aufgerissenen Augen und dem halbgeöffneten Munde starrte. Aber dann wich auch dieser Ausdruck, und statt dessen zeigte sich auf seinem Gesicht eine deutliche Ratlosigkeit und Verlegenheit. Im nächsten Augenblick aber faßte er sich und folgte dem ganz natürlichen Verlangen, seine Frau zu beschützen. Diese letzte edle Stimmung wurde durch die Haltung veranlaßt, die der Mann mit dem Halstuch einnahm. Sie war wahrlich drohend genug. Der Advokat befand sich in der offenen Tür zwischen seinem Arbeitszimmer und Frau Sonjas Boudoir. In der einen Hand hielt er den großen, schweren Silberkandelaber. Aber sein Arm war gesenkt. Zu seinen Füßen lag Frau Sonja. Sie hatte sich mit hereingeschleppt und umklammerte seine Knie. Aber sie hielt auf eine merkwürdige Weise den Kopf gebeugt, so daß ihr Gesicht zwischen den Armen verborgen war. Die Tür zum Verandazimmer stand angelehnt, aber die grüne, dicke Portiere verdeckte den Spalt. Neben dem Stahlschrank, zwischen dem Tisch und diesem stand der Mann mit dem Halstuch. Er hatte verschiedene Einbruchswerkzeuge neben sich auf den Tisch gelegt, einige große Stahlbohrer und Zangen, die in dem Licht einer Blendlaterne, die ebenfalls dort stand, blitzten. In der massiven Tür des Geldschrankes steckte einer seiner Bohrer. Alles dies aber war nicht sonderlich schlimm. Viel schlimmer war, daß der Einbrecher einen Browningrevolver in seiner rechten Hand hielt, eines dieser bläulichen, gefährlichen Dinger, vor denen man sich, wenn sie auf einen gerichtet sind, in acht nehmen muß. Und mit diesem Revolver zielte der Einbrecher auf den vordringenden Gatten. Der Advokat benahm sich so, wie jeder Ehrenmann sich in einer ähnlichen Lage benommen haben würde. Er stellte sich zwischen seine Frau und den Revolverlauf. Fast eine Minute verging, ohne daß von irgendeiner Seite ein Wort fiel. Der Advokat sah den Einbrecher an, und der Einbrecher sah den Advokaten an. Aage Gade war ein mutiger Mann. Er schlug seine Augen bei dem drohenden und feindlichen Blick des andern nicht nieder. Aber auch die Hand des Einbrechers, die den Revolver umschloß, zitterte nicht im geringsten. Sobald der Advokat seine Geistesgegenwart wiedergefunden hatte, wurde es ihm klar, daß in diesem drückenden Schweigen etwas Gefährliches lag, und darum richtete er, so ruhig wie er es vermochte, folgende Worte an den Einbrecher: »Wer sind Sie, und was haben Sie in meinem Haus zu schaffen?« Diese Frage wirkte auf den Einbrecher ganz und gar nicht. Man kann annehmen, daß er eine Antwort für recht überflüssig hielt. Jedenfalls machte er sich nicht die Mühe zu antworten. Dagegen sagte er folgendes, was durch eine entsprechende Bewegung mit dem Revolver noch erheblichen Nachdruck bekam: »Lassen Sie den Leuchter los!« Da der Advokat nicht die Absicht zu haben schien, dieser Aufforderung nachzukommen, sagte er noch einmal: »Lassen Sie den Leuchter los!« Und jetzt fiel der Kandelaber mit einem Krach zur Erde. Der Ehemann hatte keine Waffe mehr. Im selben Augenblick begann die Uhr im Boudoir zwölf zu schlagen. Hier will ich eine Zeile aus Asbjörn Krags Manuskript wörtlich anführen. Er schreibt: »Zum Teufel, warum ist P. C. Helmersen nie pünktlich?«   Elftes Kapitel Der Dritte, der kam Kaum hatte der Einbrecher gesehen, daß der Advokat ohne Waffe war, als er den Revolver neben sich auf den Tisch legte, aber so nah, daß er ihn jederzeit mit der Hand erreichen konnte. Einen Augenblick stand er und betrachtete die beiden, den aufrechtstehenden Advokaten, und seine Frau, die noch immer in halb liegender Stellung verblieb, das Gesicht zwischen den Armen verborgen. Er schien über das Eintreten dieser beiden Menschen nicht sonderlich erstaunt zu sein. Wahrscheinlich war er von früher her an unvorhergesehene Ereignisse in seinem Berufe gewöhnt. Dagegen schien er kaltblütig darüber nachzudenken, wie er die Sache am besten angreifen könne. Er hatte ja den Revolver. Er warf einen Blick darauf. Sollte er sich mit der Waffe in der Hand einen Weg aus der Villa bahnen? Im nächsten Augenblick betrachtete er den Geldschrank, und beim Gedanken an das, was sich in seiner Tiefe verbergen könnte, wurde sein Gesicht verbissen und entschlossen. Es schien, daß er einen verwegenen Plan faßte, um den Einbruch dennoch auszuführen. Er griff nach dem Revolver. Drohend hielt er ihn dem Advokaten entgegen, der sich nicht rührte und nicht einmal mit den Augen blinzelte. »Rühren Sie sich nicht!« sagte er, »Sie dürfen nicht einen einzigen Schritt machen.« Der Advokat, dem es klar war, daß hier kein Widerspruch half, nickte nur. Gleichzeitig aber dachte der kluge Mann: Wenn ich ein Gespräch mit ihm in Gang bringen könnte, ist viel gewonnen. Darum sagte er, indem er einen scherzenden Ton anschlug: »Wünschen Sie vielleicht, daß ich Ihnen zur Hand gehe?« Der Einbrecher aber war zum scherzen nicht aufgelegt und antwortete nur: »Rühren Sie sich nicht, rühren Sie sich nicht!« Er sprach mit einem fremden Akzent und einer harten, unangenehmen Stimme. Seine Augen aber waren noch unangenehmer. Hart, kalt und gleichzeitig spähend, Augen, die nicht viel Menschlichkeit verrieten ... In ihnen war keine Angst, aber auch nicht der geringste Funken von Mitleid oder Freundlichkeit. Nur Berechnung war in ihnen und eine merkwürdig jagende Unruhe, wie man sie in den Augen gewisser Tiere sehen kann, die beständig auf ihrer Hut sein müssen. Von einem Menschen mit solchen Augen war keine Schonung zu erwarten. Der Fremde legte den Revolver wieder langsam neben sich auf den Tisch, während er den beiden einen bösen Blick zuwarf. Als der Advokat unwillkürlich eine Bewegung machte, griff der Mann von neuem nach dem Revolver. Ein Schauder ging durch das Herz des Advokaten, er meinte in den Augen des Einbrechers zu lesen, daß er bei sich dachte: Wäre es nicht doch das Beste, wenn ich abdrückte? Zögernd aber legte der Verbrecher den Revolver wieder hin. Und dann begann er sich von neuem mit dem Schrank zu beschäftigen. Der Advokat bekam einen praktischen Kursus in Einbruchstechnik, für den er unter anderen Umständen dankbar gewesen wäre. Der schlanke Bohrer glitt tiefer und tiefer in den Stahl hinein. Im Laufe einer einzigen kleinen Minute hatte er drei Löcher gebohrt. Der Advokat erwartete jeden Augenblick, daß das Schloß aufspringen würde. Es fiel dem Advokaten schwer, sich bei alledem ruhig zu verhalten. Aber bei jeder noch so kleinen Bewegung, die er machte, griff der andere sofort nach dem Revolver. Der Advokat hatte wieder genügend Grund sich darüber zu ärgern, daß er seinen Revolver nicht mitgenommen hatte. Der lag jetzt in Kopenhagen in seiner Schreibtischschublade. Auf einmal ging es ihm auch durch den Kopf, daß das Benehmen seiner Frau äußerst sonderbar sei. Sie rührte sich nicht. Weinte sie? Er tastete über ihr Haar und hörte sie flüstern: »Um Gottes willen, rühre dich nicht! Laß ihn die Juwelen nehmen!« Der Verbrecher hatte dieses Flüstern auch gehört und sah auf. Diesmal glitt sein Blick von dem Advokaten über die Frau, die zu seinen Füßen lag. Der Einbrecher zuckte nur die Achseln, und indem er sich seiner Arbeit wieder zuwandte, sagte er wie zu sich selbst: »Was für schönes Haar ... was für schönes Haar ...« Es schien wirklich, als ob Frau Sonjas schönes Haar Eindruck auf ihn gemacht habe, denn während der nächsten Minute drehte er sich ein paarmal um, sah sie forschend an und murmelte dabei: »Was für schönes Haar ... was für schönes Haar ...« Als der Advokat diesen Blick sah und diese Stimme hörte, bekam er eine seltsame Lust, sich auf den Verbrecher zu stürzen und ihn an der Kehle zu packen. Auf diese Weise vergingen drei bis vier Minuten, und wenn der Verbrecher nicht flüsternd sprach, war im Zimmer kein anderer Laut zu hören als das feine und schneidende Geräusch des Bohrers in dem blanken Stahlschrank. Da geschah etwas, was für den Advokaten ganz verblüffend und überraschend war, seine Frau aber erzittern machte. Sie beugte den Kopf noch tiefer zur Erde. Die äußere Verandatür hatte ganz leise geknarrt. Der Verbrecher meinte, daß der Lärm von der Gruppe in der Tür zum Boudoir herrührte, und hob drohend den Arm. Der Advokat stand unbeweglich. Der Einbrecher konnte sich keinen ruhigeren Zuschauer wünschen, und er nickte zufrieden, indem er sich wieder über den Geldschrank beugte. Der Advokat aber stand unbeweglich, weil er in dem dunklen Verandazimmer etwas gesehen hatte. Er hatte eine Gestalt gesehen, die sich dort bewegte. Advokat Aage Gade hatte nie in seinem Leben darüber nachgedacht, ob er ein guter Schauspieler sei oder nicht. Er dachte überhaupt selten an Schauspieler. Er besaß die tiefeingewurzelte Antipathie des strengen Juristen gegen alles Gaukelspiel. Plötzlich aber, in dieser merkwürdigen Lage, wurde es ihm klar, daß er sich vorzüglich dazu eignete, Komödie zu spielen. Die grünen Portieren zum Verandazimmer waren zurückgezogen worden, und in der Öffnung zeigte sich eine Gestalt. Die Gestalt trat lautlos näher. Es war der Polizeileutnant. Um die seltsamen Ereignisse zu verstehen, die jetzt eintraten, muß man sich ins Gedächtnis zurückrufen, wie die Stellung der verschiedenen Personen in diesem Augenblick war. In der Tür zum Boudoir stand der Advokat, die Frau zu seinen Füßen. Der Advokat hatte sein Gesicht dem Eingang zum Verandazimmer zugewandt. Und hier stand der Polizeileutnant. Mitten im Zimmer stand der Einbrecher mit dem Schrank beschäftigt. Er hielt seine Augen bald auf den Stahlschrank, bald auf den Advokaten und die Dame mit dem schönen Haar gerichtet. Er konnte den Polizeileutnant also nicht sehen, und er hatte ihn auch nicht gehört, denn Helmersen war vollkommen lautlos über den Teppich gegangen. Der Einbrecher setzte also seine Arbeit fort. Und inzwischen standen der Advokat und der Polizeileutnant und sahen sich an. Hier bewahrheitete sich das alte Sprichwort, daß ungeheucheltes Erstaunen stumm macht. Der Polizeileutnant war ehrlich verblüfft, seinem Freund, dem Advokaten, Aug in Auge gegenüberzustehen. Als sein Blick jetzt zu dem nichtsahnenden Einbrecher hinüberglitt, sah er recht wie ein Mann aus, der aus den Wolken gefallen ist. Aber er sagte nichts. Der Advokat merkte, daß er in einer äußerst heiklen Lage sei, bei der er den vollen Gebrauch seiner Selbstbeherrschung und Schlauheit nötig hatte. Am meisten Lust hatte er, den Kandelaber von der Erde aufzunehmen und dem Polizeileutnant an den Kopf zu werfen. Aber er war doch so verständig, einzusehen, daß dieser Sport ihm das Leben kosten könne. Statt dessen also stand er ruhig da und ließ seine Augen reden. Da es den Anschein hatte, daß der Polizeileutnant sich nicht gleich über die Gefahr der Situation klar war, machte der Advokat eine Bewegung, bei der der Verbrecher aufsah und mit der Hand nach dem Revolver griff. Der Advokat aber schüttelte den Kopf. »Fahren Sie nur ruhig fort!« sagte er. »Ich bin in Ihrer Gewalt.« »Schweigen Sie!« zischte der Dieb und legte den Revolver wieder auf den Tisch. Jetzt hatte der Polizeileutnant begriffen. Er schlich sich an den Tisch, Schritt für Schritt, langsam und vorsichtig. Der Einbrecher kehrte ihm den Rücken zu, er war in seine Arbeit am Schrank vertieft und sah ihn nicht. Der Advokat war aufs äußerste gespannt, aber er stand unbeweglich. Endlich war der Polizeileutnant so nahe an den Tisch herangekommen, daß er den Revolver des Einbrechers erreichen konnte. Er streckte die Hand aus und packte die Waffe. Das erregte schließlich die Aufmerksamkeit des Einbrechers. Hastig wandte er sich der neuen Gefahr zu. Aber es war bereits zu spät. Er starrte in seinen eigenen Revolverlauf und blieb unsicher und gespannt wie auf dem Sprung stehen. Der Advokat rief: »Schießen Sie ihn nieder, wenn er die geringste Bewegung macht!« Der Einbrecher sah von einem zum andern. Schließlich fiel sein Blick auch auf Frau Sonjas Gesicht. Und plötzlich zuckte er zusammen und stammelte verblüfft und geistesabwesend: »Mein Gott, sie ist es.«   Zwölftes Kapitel Ihr Geheimnis Was ging mit dem Verbrecher vor? Einen Augenblick schien er die beiden Männer ganz vergessen zu haben, sowohl den Advokaten, wie den neuen Feind, der so plötzlich aufgetaucht war. Statt dessen heftete er seine harten, stechenden Augen unverwandt auf Frau Sonja. Und er wiederholte flüsternd und verwundert, als habe er ein großes Geheimnis entdeckt: »Sie ist es ... sie ist es ...« Dies sonderbare Benehmen machte die beiden Männer stutzig. Der Polizeileutnant, unschlüssig, was er tun sollte, ließ die Waffe sinken. Was Frau Sonja anbetraf, so benahm auch sie sich höchst merkwürdig. Sie hatte ihr Gesicht nur einen Augenblick gezeigt, dann verbarg sie es wieder in den Händen, während sie noch immer auf dem Fußboden kniete. Es war, als fürchte sie den Fremden anzusehen. Der Advokat, der wahrnahm, daß der Polizeileutnant den Revolver gesenkt hatte, schrie ihm zu: »Um Gottes willen, geben Sie acht! Es ist nur eine List von ihm.« Nun ging er auf den Einbrecher zu. »Die Sache hat sich jetzt gedreht,« sagte er. »Vielleicht sind Sie nun geneigt, mir mitzuteilen, was Sie zu dieser Zeit in meiner Wohnung suchen.« Der Advokat war so erregt, daß es ihm gar nicht auffiel, wie sinnlos seine Frage war. Der Fremde antwortete nicht. Er sah zum Fenster und dann zur Tür. Der Polizeileutnant aber stellte sich vor die Tür, mit dem Revolver in der erhobenen Faust. An der andern Seite stand der Advokat, der jetzt wieder den Leuchter ergriffen hatte. Es gab keinen Ausweg für den Verbrecher. Dennoch bereitete er sich zur Flucht. Da rief der Advokat zum zweitenmal: »Schießen Sie ... schießen Sie, wenn er die geringste Bewegung macht.« Der Polizeileutnant stand mit dem Finger auf dem Hahn des Revolvers. Der Verbrecher blieb unsicher stehen. Aage Gade vergaß nie wieder den Anblick seiner Augen. Diese kalten und tiefliegenden Augen, mit ihrem unheimlichen herzlosen Glanz! In dieser Sekunde glühte ein seltsames Leben darin, ein gejagtes Umherirren, ein hastiger Wechsel. Er spähte nach einem Ausweg. Verzweiflung flammte aus seinem Blick. Der Advokat erwartete jeden Augenblick, daß er einen Fluchtversuch machen würde. Plötzlich jedoch ergab der Einbrecher sich. Er kreuzte die Arme und sagte: »Bemächtigen Sie sich meiner! Ich bin erledigt.« Selbst jetzt, wie er machtlos und ohne Waffe dastand, sah er drohend aus. In seiner Hoffnungslosigkeit war etwas Herausforderndes, über seiner muskulösen Gestalt lag etwas Freches, Aufreizendes. Der Polizeileutnant trat jetzt so dicht an ihn heran, daß nur eine Armlänge den Verbrecher von dem Revolverlauf trennte. Ohne einen Blick von ihm abzuwenden, sagte der Polizeileutnant: »Herr Advokat, bringen Sie bitte einen dicken, starken Strick! Ich werde indessen auf ihn acht geben, und wenn er die geringste Miene zum Widerstand macht, schieße ich ihn glatt nieder.« Der Advokat verschwand und kam im nächsten Augenblick mit einem Strick zurück. »Können Sie ihn binden?« fragte der Polizeileutnant. Der Advokat nickte. Er kannte die Kniffe von der Kriminalbehörde her. Der Verbrecher hatte jetzt anscheinend jede Hoffnung auf Flucht aufgegeben, denn er ließ sich willig fesseln. Der Polizeileutnant gab dem Advokaten den Revolver und sagte: »Ich gehe Hilfe holen. Passen Sie indessen auf ihn auf!« Als der Polizeileutnant gegangen war, verließ auch Frau Sonja das Zimmer. Sie ging in ihr Boudoir, aber sie schloß die Tür nicht. Die Portieren aber fielen hinter ihr zusammen und entzogen sie den Blicken der andern. Die Augen des Fremden folgten ihr, solange er sie sehen konnte ... Und als sie im Nebenzimmer verschwunden war, sagte er leise zum Advokaten: »Ist die Dame mit dem schönen Haar Ihre Frau?« Der Revolver in der Hand des Advokaten hob sich drohend. »Hüten Sie sich,« sagte er. »Es war nur eine Frage,« antwortete der Einbrecher. »Ich unterhalte mich nicht mit Zuchthäuslern,« sagte der Advokat, »ich bin gewohnt, sie auf andere Weise zu behandeln. Ich bin gewohnt, sie zu richten und ins Gefängnis zu werfen.« Der Einbrecher lächelte. »Haben Sie auch in dieser Gegend des Landes Gefängnisse?« fragte er. »Das werden Sie gleich sehen.« Der Advokat begriff, daß der Verbrecher an Flucht dachte, und er beschloß, ihn so schnell wie möglich nach Kopenhagen abtransportieren zu lassen. Dieser Mann war zu gefährlich für das einfache Dorfgefängnis. Der Polizeileutnant kam jetzt in Begleitung der beiden Schutzleute des Ortes zurück. Der Einbrecher ließ sich willig fortführen. Der Advokat schärfte den Schutzleuten ein, ihn aufs strengste zu bewachen. Dann waren die beiden Herren allein. Sie sahen sich an. Der Advokat stand noch immer mit dem Revolver in der Hand. Der Polizeileutnant sah die Waffe eine Sekunde an. Ein sonderbares Zucken ging über sein Gesicht. »Was nun?« fragte der Advokat. Der Polizeileutnant zuckte die Achseln. »Das war ja ein recht interessantes Erlebnis,« sagte er, »wie es einem nicht alle Tage begegnet.« »Sie haben recht,« sagte der Advokat, »ich habe selten einen Abend mit so viel wechselnden Stimmungen erlebt. Aber ich möchte eine Frage an Sie richten. Wie ging es zu, daß Sie hierher kamen?« »Da fällt mir etwas ein,« antwortete der Polizeileutnant ausweichend. »Wir wollen nachsehen, ob der Revolver geladen ist, und ob er eine Firma trägt.« Der Advokat untersuchte den Revolver und drehte an der Trommel. »Eine Firma trägt er nicht,« sagte er, »aber alle Kammern sind geladen. Er ist von großem Kaliber. Eine Kugel würde absolut tödlich wirken.« »Dann können wir uns ja glücklich schätzen, daß die Sache so abgegangen ist,« bemerkte der Polizeileutnant leise. »Sehr richtig. Und dafür sind wir in Ihrer Schuld. Dies bringt mich wieder auf etwas.« »Worauf?« »Auf das, wonach ich mir schon einmal erlaubt habe Sie zu fragen: Wie ging es zu, daß Sie hierher kamen? Sie müssen einräumen, daß es ein merkwürdiger Zufall war.« »Das kann ich Ihnen sagen,« antwortete der Polizeileutnant. »Ich bin den Spuren gefolgt.« »Ah, wirklich, welchen Spuren?« »Den Spuren des Einbrechers.« Der Advokat überlegte einen Augenblick. Dann ging er zu der Tür des Boudoirs und guckte hinein. Frau Sonja lag auf dem Diwan. Sie lag, als ob sie schliefe. Der Advokat schloß die Tür und zog die Portieren zusammen. Der Polizeileutnant folgte diesen rätselhaften Vorbereitungen mit Interesse. Der Advokat hielt den Revolver noch immer in der Hand. Sein Gesicht drückte keine sonderliche Neugierde aus, es war auffallend ruhig und kalt, aber in seinen Augen leuchteten eine eigene Stille und brennende Glut. »Ich komme also auf die Frage zurück,« sagte er, indem er das Gespräch fortsetzte. »Was meinten Sie damit, daß Sie den Spuren des Einbrechers folgten?« »Sie fragen sonderbar, aber ich werde Ihnen trotzdem antworten. Sie wissen wohl, daß ich einst das Vergnügen hatte, Ihrer Frau einen kleinen Dienst zu leisten. Ich beschützte sie vor zwei Apachen, die sie anbettelten, aber offenbar Schlimmeres im Sinn hatten.« »Ich weiß es.« »Nun wohl. Den einen von diesen Apachen sah ich heute abend in auffallender Weise um Ihr Haus schleichen. Und als ich kurz vor zwölf hier vorbeispazierte, sah ich auch den andern der beiden Apachen. Er stand an der Gitterpforte und späte hinüber. Es sah aus, als ob er Wache hielte. Ich ging schnell auf ihn zu, und da flüchtete er. Ich wollte gerade hinter ihm herlaufen, als ich bemerkte, daß die Gitterpforte offen war. Das erschien mir verdächtig. Ich wußte ja, daß Sie, Herr Advokat, in der Stadt seien. Und als ich im Sande nachsah, fand ich verwischte Fußspuren. Ich kenne diese Art Spuren, Herr Advokat, denn auch ich habe die Gewohnheiten der Verbrecher studiert. Ich folgte den Spuren, sie führten ins Haus. Das andere kennen Sie. Das ist alles. Im übrigen wissen Sie ja, daß ich von der Polizei bin, und wenn Sie es vergessen haben sollten, so ist hier mein Polizeischild.« Der Polizeileutnant zeigte das blanke Schild von der Polizeibehörde in Christiania. »Wenn man ein solches Schild bei sich trägt,« sagte er, »hat man die Verpflichtung einzugreifen, sobald man meint, daß irgendwo eine Gesetzesübertretung vorliegt.« Der Advokat verharrte lange schweigend. Dann legte er den Revolver wie zufällig beiseite. »Es ist spät geworden,« sagte er, »wir sehen uns morgen. Wenn ich mich heute abend etwas sonderbar benommen habe – jetzt eben meine ich – so müssen Sie bedenken, daß ich viele Gemütsbewegungen hinter mir habe und sehr erschöpft bin.« Der Polizeileutnant verabschiedete sich und ging. Der Advokat stand und lauschte seinen Schritten auf dem Gartenweg und hörte wie die Gitterpforte ins Schloß fiel. Dann eilte er ins Boudoir. Seine Frau lag noch immer auf dem Diwan, er kniete neben ihr nieder. »Kannst Du mir verzeihen?« sagte er. »Ich bin ganz verstört gewesen und wußte nicht was ich tat.« Sie schlug die Augen auf, und als er diese Augen sah, fuhr er zurück. »Mein Gott,« flüsterte er, »in deinen Augen ist eine furchtbare Angst.« Und von einer Eingebung getrieben, fügte er hinzu: »Was sagte dieser fremde Mann, als du dein Gesicht zeigtest? »Sie ist es,« sagte er, »mein Gott, sie ist es.« Und in wachsender Angst fügte der Advokat hinzu: »Sonja, wofür fürchtest du dich? Woran denkst du? Antworte mir, Sonja!«   Dreizehntes Kapitel Die Flucht Alles dies geschah in der Nacht zum 27. August. Man wird es begreiflich finden, daß der Polizeileutnant in dieser Nacht unruhig schlief. Als er am nächsten Morgen zum ersten Frühstück herunterkam, hatte er erwartet, daß er das Gespräch des ganzen eleganten Hotels sein würde. Aber man beschäftigte sich sehr wenig mit ihm. Man hatte über ganz andere Dinge zu reden. Und an den verschiedenen Gruppen und den ernsten Mienen konnte der Polizeileutnant sehen, daß es etwas sehr Ernstes sei. Darum setzte er sich abseits, um sein Frühstück einzunehmen und verbarg sich die ganze Zeit hinter der Zeitung, die er las. Es wunderte ihn, daß er nicht ein einzigesmal seinen Namen hörte. Dagegen sprach man laut von Advokat Aage Gade. Als der Polizeileutnant diesen Namen hörte, fuhr er zusammen. Und da fiel eine Bemerkung am Nebentisch, die ihn erbleichen machte. Man sprach von einem Mord, der an einem Mann begangen worden sei. Der Polizeileutnant kannte einige von der Gesellschaft. Er erhob sich darum und ging auf sie zu. »Ich hörte, daß Sie Advokat Gades Namen nannten,« sagte er. »Es ist doch kein Unglück geschehen?« Als der Norweger sich zeigte, wurde man gleich aufmerksam. »Ah,« riefen sie, »hier kommt jemand, der uns gewiß Näheres von dem Drama, das heute nacht stattgefunden hat, mitteilen kann. Wissen Sie, daß ein Mord begangen worden ist?« »Ich habe gehört, daß Sie davon sprachen,« antwortete der Polizeileutnant. »Ich selbst weiß nichts. Was ist denn geschehen?« Er war furchtbar erschrocken und konnte seine Erregung kaum verbergen. Er war auf das Schlimmste gefaßt. »Man hat einen Mann ermordet im Walde gefunden,« wurde ihm erwidert. »Wer ist der Ermordete?« »Niemand kennt ihn, er sieht aus wie ein Sportsmann.« »In welcher Verbindung mit diesem Verbrechen aber steht Advokat Gade?« »Man weiß es nicht genau. Die Polizei meint, daß Advokat Gade ihn kennen muß, weil man den Namen des Advokaten in der Tasche des Ermordeten gefunden hat.« »Wie ist er getötet worden?« »Durch einen Schuß in die Brust.« »Wo hat man ihn gefunden?« »Im Walde, auf dem Wege, der an Advokat Gades Villa vorbeiführt. Einer von den Milchjungen hat ihn gefunden. Er lag mit dem Kopf im Graben. Der Junge fuhr ihn gleich zum Polizeiamt. Und dort waren merkwürdigerweise schon beide Schutzleute auf den Beinen, obgleich die Uhr erst sechs war.« Der Polizeileutnant sah nach der Uhr. »Die Uhr ist jetzt halb zehn,« sagte er, »es ist also vor drei und einer halben Stunde geschehen. Ist es sicher, daß der Mann tot ist?« »Ja, ziemlich sicher. Es war allerdings noch etwas Leben in ihm, als man ihn zur Polizei brachte. Doch der Arzt, der herbeigerufen wurde, sagte, daß keine Hoffnung mehr sei.« »Und es ist sicher, daß er sich nicht selbst das Leben genommen hat?« »Ja, das ist ganz sicher. Er ist mit einem Revolver niedergeschossen worden, und er selbst hatte keinen Revolver bei sich.« »Ob man ihn wohl zu sehen bekommen kann?« »Höchstwahrscheinlich. Er liegt noch auf dem Polizeiamt.« Der Polizeileutnant wußte von seiner Wanderung heute nacht, wo das Polizeiamt lag, und ohne fertig zu frühstücken, eilte er dorthin. Unterwegs aber erwartete ihn eine neue Überraschung. Als er an Advokat Gades Villa vorbeikam, war dieser gerade im Begriff, sie in Begleitung des einen Schutzmanns zu verlassen. Der Advokat sah ganz verstört aus; aber einen noch verstörteren Eindruck machte der arme Schutzmann. Als der Advokat seines norwegischen Freundes ansichtig wurde, winkte er ihm. Er drückte ihm die Hand, was dem Polizeileutnant besonders angenehm auffiel. »Unsere Widerwärtigkeiten sind noch nicht zu Ende,« sagte der Advokat. »Haben Sie schon gehört?« »Von dem ermordeten Mann? Ja. Aber ich begreife nicht, was das uns angeht.« »Nein, nein, das meine ich auch nicht. Haben Sie nicht das Neueste von dem Mann mit dem Halstuch, unserem Freund von heute nacht gehört?« »Nein, der sitzt doch hoffentlich hinter Schloß und Riegel.« Der Advokat faßte ihn unterm Arm und zog ihn mit sich. »Wir haben es eilig,« sagte er. »Ich will Ihnen das Ganze unterwegs erzählen. Lieber Freund, der Mann mit dem Halstuch ist heute nacht gar nicht im Gefängnis gewesen.« Das Gesicht des Polizeileutnants drückte maßloses Erstaunen aus. »Ich begreife nicht,« sagte er, »er wurde heute nacht doch verhaftet. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.« »Sehr richtig, aber er kam nicht bis zum Gefängnis. Das ist leider die Wahrheit. Wir hätten ihn nicht von uns lassen sollen. Das ist eine neue Wahrheit.« Hier mischte sich der Schutzmann, der mit ihnen ging, ins Gespräch. »Wenn wir es nur mit dem einen zu tun gehabt hätten,« sagte er, »hätten wir es ja mit ihm aufnehmen können, aber die beiden Spitzbuben zusammen, das war zu viel.« »Stellen Sie sich vor, wir vergaßen ja den andern, der draußen auf Wache stand und flüchtete, als er Sie kommen sah,« sagte der Advokat. »Er hat sich natürlich dennoch in der Nähe der Villa aufgehalten, um zu beobachten, wie es seinem Kameraden ergehen würde. Er hat die Verhaftung und die Fortführung seines Kameraden zum Gefängnis gesehen.« Hier mischte der Schutzmann sich wieder ins Gespräch. »Er griff uns von hinten an,« sagte er, »wir wußten ja nichts von ihm. Er schlug meinen Kollegen mit einem Faustschlag zu Boden. Es war ein furchtbarer Schlag, denn er ist noch immer ganz schwindlig davon. Wie ich mit den beiden allein war, konnte ich mich ihrer nicht erwehren. Außerdem hatte der andere einen Revolver, und ich hatte keinen, darum mußte ich sie laufen lassen. Sie verschwanden im Walde.« »Aber zum Donnerwetter, warum weckten Sie nicht Leute, um Jagd auf sie zu machen!« sagte der Polizeileutnant. Der andere antwortete bedächtig: »Sie dürfen nicht vergessen, daß wir auf dem Lande sind. Außer meinem Kameraden und mir gibt es hier keine Polizisten. Mein Kamerad lag auf der Erde, und ich wußte nicht einmal, ob er tot oder lebendig sei, darum mußte ich mich erst um ihn kümmern. Was konnte ich auch in dem dunklen Wald mitten in der Nacht ausrichten?« »Der Mann hat recht,« sagte der Advokat, indem er seine Schritte beschleunigte, »hier ist ein Fehler begangen worden, der nicht wieder gut zu machen ist. Ich will an die Polizei in Kopenhagen telegraphieren und um Mannschaften bitten.« »Es ist wahrlich kein angenehmes Bewußtsein,« sagte der Polizeileutnant, »daß diese schrecklichen Strolche sich in der Nähe des friedlichen Badeortes herumtreiben.« »Wenn sie nicht schon über alle Berge sind.« Der Polizeileutnant blieb plötzlich stehen. »Sollte etwa der Ermordete einer von den beiden Banditen sein?« »Aber man hat ja meinen Namen in seiner Tasche gefunden.« »Ein Grund mehr, daß es einer der Banditen sein könnte,« antwortete der Polizeileutnant. »Vielleicht hat er Ihren Namen und Ihre Adresse wegen des Einbruchs aufgeschrieben.« Der Advokat überlegte und schwieg. Er dachte an das falsche Telegramm. Wenn die Banditen die Absender waren, und daran war ja nicht mehr zu zweifeln, so war es wahrscheinlich, daß einer von ihnen seinen Namen und seine Adresse in der Tasche trug. Darum war es möglich, daß der Ermordete wirklich einer von den beiden Strolchen war. Aber welcher von beiden? Schließlich erreichten sie die kleine Dorfpolizei. Der Polizeileutnant schüttelte bedenklich den Kopf, als er das wackelige Hofgebäude sah, das als Gefängnis diente. Hätte er es heute nacht gesehen, würde er unzweifelhaft andere Maßregeln getroffen haben. Er war sich darüber klar, daß, wenn der Verbrecher nicht schon auf dem Transport geflüchtet wäre, er sicher im Laufe der Nacht einen Fluchtversuch gemacht hätte. Als die drei Männer aufs Polizeiamt kamen, begegnete ihnen der Arzt in der Tür. Seinem vergnügten Gesicht konnte man gleich ansehen, daß er etwas Gutes mitzuteilen habe. »Der Mann kann von Glück sagen,« meinte er, »er erholt sich.« »Er ist also nicht tot?« »Nein, und ich hoffe, daß ich ihn durchbringen werde.« »Ist er bei Bewußtsein?« »Nein, er redet nur sinnlose Worte vor sich hin.« »Französisch?« »Nein, dänisch. Er spricht von einem Graben und einem Motor. Nach den Kleidern zu urteilen, scheint er ein Sportsmann zu sein.« Der Advokat wurde plötzlich sehr unruhig und drängte hastig ins Nebenzimmer. Der Arzt öffnete die Tür und zeigte auf eine Gestalt, die mit geschlossenen Augen zwischen weißen Bettüchern auf dem Sofa lag. Der Advokat näherte sich ihr und blickte ihr ins Gesicht. Dann hob er den Kopf. Er war sehr ernst. »Lieber Freund,« jagte er, indem er sich an den Polizeileutnant wandte, »wir haben noch mehr auf dem Gewissen. Den da hatte ich ganz vergessen. Es ist mein Chauffeur von heute nacht.« Hier fügte Asbjörn Krag in seinem Manuskript hinzu: »Diese Menschen begehen doch Fehler über Fehler. Jetzt haben sie wieder Frau Sonja allein gelassen.«   Vierzehntes Kapitel Was die Zeitungen schrieben Hier verlassen wir für einen Augenblick die Hauptpersonen des Dramas. Der Advokat und der Polizeileutnant befinden sich am Krankenlager des Chauffeurs. Niemand als Frau Sonja ist im Hause. Und was die beiden Verbrecher betrifft, so weiß man von ihnen nichts, als daß sie spurlos verschwunden sind. Asbjörn Krag hat in seinen Notizen über die folgenden Ereignisse nur die kurze, auffällige Bemerkung gemacht, daß die beiden Herren Frau Sonja jetzt wieder allein gelassen haben. Hierin lag der Verdacht einer Gefahr, was bewies, daß Krag bereits zu diesem Zeitpunkt den eigentlichen Zusammenhang des Dramas ahnte. Aber Asbjörn Krag hat seinen kurzen Notizen einige Zeitungsausschnitte beigelegt, die einen ausführlichen Bericht von dem geben, was geschehen war, und was ferner geschah. Diese Zeitungsausschnitte sind vorzüglich geordnet und geben in ihrer Reihenfolge ein vortreffliches Bild von dem Gang der Handlung. Der entsandte Berichterstatter des »Reichs« hat von dem Tatort ein ausführliches Telegramm geschickt, aus dem Asbjörn Krag zitiert: Der Chauffeur ist jetzt zum Bewußtsein gekommen und hat eine kurze Darstellung der unheimlichen, nächtlichen Ereignisse gegeben. Durch seine Aussage wird die Annahme der Polizei bestätigt, daß zwischen dem Einbruch bei dem Advokaten und dem Überfall auf den Chauffeur eine Verbindung besteht. Der Mordversuch ist nämlich von den beiden Banditen verübt worden! Man meint, daß es Polacken sind. Der Chauffeur erzählt, daß Advokat Gade ihn und das beschädigte Automobil ungefähr um 12 Uhr verließ. Die Reparatur des Autos nahm eine Stunde in Anspruch, so daß die Uhr annähernd eins war, als er damit fertig war. Der Chauffeur konnte indessen nicht weiterfahren, weil das Auto sich im Graben festgerannt hatte. Er wollte gerade zu Fuß zum Badeort gehen, um Hilfe zu holen, als in der Dunkelheit zwei Männer auf ihn zukamen. Er fand gleich, daß sie etwas Verdächtiges an sich hatten. Als sie aber vor den flammenden Laternen des Automobils stehen blieben, sprach er sie doch an und bat sie, ihm zu helfen. Nachdem sie einige Worte in einer ihm vollkommen fremden Sprache gewechselt hatten, sagte, der eine von ihnen, daß sie ihm zur Hand gehen wollten. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, das Auto aus dem Graben zu heben. Als der Chauffeur am Steuer Platz nehmen wollte, richtete der eine Mann die Frage an ihn: »Ist das Auto jetzt wieder flott?« »Ja, jetzt ist es wieder flott,« antwortete der Chauffeur. »Wohin wollen Sie damit?« fragte der Mann weiter. »Nur bis zum Badeort.« »Fahren Sie nicht nach Kopenhagen zurück?« »Nein, erst morgen.« »Haben Sie nicht genug Benzin?« »Doch, aber ich will heute nacht nicht mehr zurück.« Da öffnete der eine der beiden ganz frech den Benzinbehälter und guckte hinein. »Ja,« sagte er, »ich sehe, daß genug Benzin für eine lange Tour da ist.« Kaum hatte er dies gesagt, als er den Chauffeur beiseite schob und sich selbst ans Steuer setzte. Der andere Bandit nahm neben ihm Platz. »Hören Sie mal, Freundchen,« sagte er, »Sie sind wohl so gütig, uns Ihren ausgezeichneten Wagen zu leihen.« Der Chauffeur glaubte anfangs, daß es Scherz sei. Als der Mann aber wirklich das Steuer zu drehen begann, stellte er sich entschlossen vor das Auto hin. Der Mann gab nun einen Befehl in derselben unverständlichen Sprache und sagte dann mild und höflich: »Freundchen, ich möchte Sie ungern belästigen, aber gehen Sie ein bißchen aus dem Weg!« Dann weiß der Chauffeur nur noch, daß auf ihn geschossen wurde. Der Korrespondent fährt in seinem Bericht fort: An den Automobilspuren auf dem feuchten Weg kann man sehen, daß das Auto mit großer Schnelligkeit und Sicherheit gefahren ist. Man kann es deutlich bis zu der Landstraße nach Hilleröd verfolgen. Hier vermengen sich die Spuren mit anderen. Man nimmt mit Bestimmtheit an, daß das Auto nach Kopenhagen gefahren ist und daß die Banditen sich in den Schlupfwinkeln des Polackenviertels in Sicherheit gebracht haben. Der Zustand des Chauffeurs ist günstiger, und der Arzt hat die beste Hoffnung, sein Leben zu retten. Später gab ein Telegramm aus Korsör andere Aufklärungen: Das Automobil mit den beiden Banditen ist hier gewesen. Man hat es auf der Straße vor Korsör gefunden. Die Banditen haben den Versuch gemacht, den Wagen ins Wasser zu fahren, haben ihn aber schließlich am Strande stehen lassen müssen. Die Polizei ist den Verbrechern auf der Spur. Sie haben Billette für die Fähre nach Korsör gelöst und sind auf dem Wege nach Kiel. Die Polizei in Kiel ist benachrichtigt, und bei Ankunft der Fähre wird bewaffnete Schutzmannschaft zugegen sein. Dänische Polizisten folgen der Fähre mit einem schnellaufenden Motorboot. Wenn es dem Motorboot gelingt, die Fähre einzuholen, bevor sie den deutschen Hafen anläuft, wird die Verhaftung an Bord vor sich gehen, wodurch der Polizei alle Auslieferungsschwierigkeiten erspart bleiben. Dieses Telegramm war um 1 Uhr nachts von Korsör abgeschickt. Die Redaktion mußte schließen, bevor die erwartete Meldung aus Kiel eingetroffen war. Aber am nächsten Tage, zeitig des Morgens, kam ein Telegramm, das die Sachlage vollständig veränderte. Es war aus Kiel und lautete folgendermaßen: Es ist dem dänischen Polizeiboot gelungen, die Fähre schon im Kieler Hafen einzuholen. Alle Passagiere wurden geweckt und eingehend untersucht; die beiden Banditen befanden sich nicht an Bord. Bei der Ankunft der Fähre in Kiel wurde ein verdächtiges Individuum, anscheinend ein Pole, in Verhör genommen, aber es glückte ihm bald sein Alibi nachzuweisen. Man muß darum als sicher annehmen, daß die beiden Banditen nicht auf der Fähre waren. Aus Korsör wurde telegraphiert: Die Mitteilung aus Kiel, daß die Verbrecher nicht auf der Fähre waren, ruft hier große Erregung hervor. Man glaubt, daß die gefährlichen Banditen sich noch hier aufhalten, und die Landbevölkerung der Umgebung ist sehr beunruhigt. Die Polizei entwickelt eine rastlose Tätigkeit. Asbjörn Krags Zeitungsnachrichten schließen mit einem Ausschnitt aus der Tageszeitung »Politiken«, die einige Tage später erschien. Der Artikel trägt die Überschrift: »Befinden die Banditen sich noch immer in Dänemark?« Aus diesem Artikel ging hervor, daß die Polizei eine Woche auf die Verbrecher Jagd gemacht hatte, ohne die geringste Spur von ihnen zu entdecken. Die Zeitung nahm darum an, daß es den Verbrechern geglückt sei, ins Ausland zu entkommen, entweder über Kopenhagen oder über Jütland. Die Zeitung vermutete – und sie stützte ihre Vermutungen auf Aussprüche erfahrener Polizeileute – daß zwei Personen von so auffälligem Aussehen wie die beiden Strolche sich unmöglich solange in einer dichtbevölkerten Gegend verbergen könnten. Aus einer etwas späteren Zeitungsnotiz geht hervor, daß die Polizei ihre Arbeit als beendigt betrachtete und es vorläufig aufgegeben hatte, die beiden Verbrecher in Dänemark zu suchen. Merkwürdig ist darum die Notiz, die von Asbjörn Krags Hand hinzugefügt ist: »Warum sucht die Polizei nicht in der Nähe des ›Hotels Trinacria‹?« Indessen zeigte es sich, daß man die geistigen Fähigkeiten der beiden Verbrecher unterschätzt hatte. Sie waren in Wirklichkeit viel schlauer, als man angenommen hatte. Sie waren allerdings in Korsör gewesen, nachdem sie zuerst den Versuch gemacht hatten, das Automobil ins Meer zu fahren. In Korsör hatten sie den kleinen Trick benutzt, Billette für die Fähre zu lösen, um die Polizei irrezuführen. Sie waren morgens um 7 Uhr nach Korsör gekommen, hatten die Stadt aber mit einem andern Zug um 1/2 8 wieder verlassen. Um 9 Uhr, als gerade die Nachricht von ihren Taten in Kopenhagen bekannt wurde, spazierten sie auf der Östergade. Um 11 Uhr nahmen sie die Fähre nach Malmö. Nachmittags 1/2 3 waren sie in Helsingborg, eine halbe Stunde später in Helsingör. Und gegen Abend waren sie wieder in der Nähe des »Hotels Trinacria«. Was wollten sie dort, und warum hatten sie die kühne Rundfahrt ins Werk gesetzt? Nun die Geschichte diesen Punkt der Entwicklung erreicht hat, beginnen Asbjörn Krags Aufzeichnungen sowohl ausführlicher wie rätselhafter zu werden. Fast hat es den Anschein, als ob gerade dieser unbestimmbare Zustand ihn am meisten interessiert hat – als ob er gerade hier die Erklärung der rätselhaften Umstände zu finden hoffte. Es dauerte noch lange, bevor die dänische Polizei von der Reise der beiden Verbrecher von Korsör bis zum »Hotel Trinacria« Witterung bekam. Aber zwei Menschen gab es, die bereits am Tage nach der Rückkehr der beiden Banditen davon wußten – der eine war der Polizeileutnant Helmersen. Und man wird verstehen, wer der andere war, wenn man erfährt, daß der Polizeileutnant, zwei Tage nach dem Mordversuch, Frau Sonja und den Mann mit dem blauseidenen Halstuch im Gespräch antraf. Seit dem sonderbaren Auftritt in der Nacht nach dem Erntefest hatte Frau Sonja sich nicht sehen lassen. Der Polizeileutnant war am nächsten Tag zum Frühstück gekommen, hatte es aber mit dem Advokaten allein einnehmen müssen, und dieser war so wortkarg und fast abweisend gewesen, daß der Polizeileutnant sich nicht ermutigt fühlte, seinen Besuch zu wiederholen. Als er ging, unterblieb eine neue Verabredung. Statt dessen spazierte der Polizeileutnant den ganzen Nachmittag am Strand und im Walde, von der schönen Frau träumend und übrigens in elendester Laune. Gegen Abend lag das Meer schwer und still da. Kein Wind rührte sich. Die Luft war eisig, und darum kam die Dämmerung frühzeitig. Von einer eigenartigen Lust getrieben, sich das Geschehene nochmals zu vergegenwärtigen, ging der Polizeileutnant durch den dunklen Wald, wo er Frau Sonja zum erstenmal begegnet war. In Gedanken durchlebte er noch einmal die merkwürdigen Ereignisse dieses Nachmittags. Hier war er gegangen. Hier hatte er die Apachen zum erstenmal gesehen. Dort bei der Wegbiegung waren sie Frau Sonja entgegengetreten. Viel Sonderbares hatte sich seither ereignet. Frau Sonja hatte ihr scheues, geheimnisvolles Wesen entfaltet. Der Einbruch in der Villa des Advokaten hatte stattgefunden, der Mordversuch auf den Chauffeur und schließlich die kühne Flucht der Verbrecher. Während der Polizeileutnant sich alles dies ins Gedächtnis zurückrief, war er plötzlich ganz in die Nähe der Wegbiegung gekommen. Als der gerade Weg sich vor ihm öffnete, sah er zwei Gestalten, die in eifrigem Gespräch unter einem der großen Bäume standen. Bei ihrem Anblick war der Polizeileutnant so überrascht, daß er fast aufgeschrien hätte. Die beiden Menschen waren Frau Sonja und der Mann mit dem Halstuch.   Fünfzehntes Kapitel Die verborgene Gefahr Von allem, was der Polizeileutnant in den letzten Tagen erlebt hatte, war dies das Unerklärlichste. Hier stand Frau Sonja im Gespräch mit dem Verbrecher, auf den ganz Dänemark fahndete. Und an der Haltung der beiden konnte er sehen, daß die Unterredung nicht zufällig war. Es war ein Stelldichein, dessen Zeuge er zufällig wurde; und daß es an diesem einsamen Ort stattfand, deutete darauf, daß es im voraus verabredet war. Was aber hatten die beiden miteinander zu reden? Er wußte wohl, daß eine Verbindung zwischen dem Mann mit dem Halstuch und Frau Sonja bestand; aber er hatte geglaubt, daß sie vor allen Dingen den mystischen Fremden fürchtete und ihn jedenfalls nicht aufsuchen würde. Dies alles überdachte der Polizeileutnant blitzschnell, während er auf dem Wege stand. Im nächsten Augenblick trat er schnell zurück und verbarg sich hinter den Bäumen. Im übrigen war es ihm vorgekommen, und dieser Gedanke machte ihn ganz heiß, daß Frau Sonja ihn bemerkt habe. Aber er schlug sich den Gedanken gleich wieder aus dem Kopf. Es war ja nicht möglich. Ihr war nichts Auffallendes anzusehen. Was den Apachen betraf, so hatte er ihm die ganze Zeit den Rücken zugekehrt. Der Polizeileutnant hatte das Gefühl, daß er seines Weges gehen müsse. Aber gleichzeitig war seine Besorgnis, daß Frau Sonja in Gefahr schwebe, so groß, daß sie seine natürliche Anlage zur Verschwiegenheit überwand. Er fühlte in seinen Taschen nach, ob er seinen Revolver bei sich habe; aber nein, auch jetzt hatte er wieder keine Waffe bei sich. Es war auch zu töricht, daß er nie auf die schlimmsten Möglichkeiten gefaßt war. Wer hätte sich auch denken können, daß der Apache in dieser Gegend wieder auftauchen würde? Der Polizeileutnant verbarg sich im Walddickicht; durch die Bäume hatte er jetzt die beste Aussicht über das Gelände und konnte genau jede Bewegung der beiden verfolgen. Das Gespräch zwischen ihnen dauerte fast eine Viertelstunde. Frau Sonja schien die ganze Zeit zu sprechen. An ihren lebhaften und eindringlichen Bewegungen konnte er sehen, daß sie ihn von irgend etwas zu überzeugen versuchte, worin er nicht mit ihr einig zu sein schien. Ein paarmal stampfte er wütend mit dem Fuß auf die Erde. Sie wurde immer eifriger, und er schüttelte den Kopf. Der Polizeileutnant beugte sich vor und starrte die beiden wie verhext an. War es möglich? Ja, es war möglich. Sie bat ihn um etwas, flehte ihn an, und er schlug es ab. Schließlich schien das Gespräch zu Ende zu sein, und obgleich sie ihn zurückzuhalten versuchte, verließ er sie brutal. Sie stand und sah ihm nach, bis er hinter der Wegbiegung verschwunden war. Ja, sie blieb noch eine Weile stehen, wie um sich zu vergewissern, daß er nicht zurückkäme, und erst als sie sah, daß er verschwunden war und blieb, wandte sie sich und ging langsam in entgegengesetzter Richtung davon – auf die Stelle zu, wo der Polizeileutnant wartete. Er duckte sich zwischen das dichte Laub, damit sie ihn nicht sehen sollte. Merkwürdigerweise aber blieb sie vor seinem Versteck stehen. Er erschrak. Sollte sie ihn entdeckt haben? Plötzlich hörte er, daß sie seinen Namen nannte. Er verharrte unbeweglich. »Lieber Helmersen,« sagte sie, »ich weiß, daß Sie dort stehen. Aber warten Sie noch eine Weile, bis Sie hervorkommen!« Sie ging weiter, den Weg entlang. Sie spähte umher. Der Polizeileutnant kam ohne weiteres aus seinem Versteck hervor. Als sie seiner ansichtig wurde, runzelte sie zornig die Stirn. »Sie sind unvorsichtig,« sagte sie, »ich habe Ihnen ja ausdrücklich gesagt, daß Sie stehen bleiben sollen.« »Gnädige Frau,« antwortete er, »ich bitte um Entschuldigung. Es war der reine Zufall, der mich hierherführte. Hätte ich gewußt, daß Sie hier ein heimliches Stelldichein mit dem Verbrecher hätten, wäre ich natürlich nicht gekommen.« Der Polizeileutnant hielt es für das Beste, den Gekränkten zu spielen. Frau Sonja aber schien die beabsichtigte Schroffheit ganz zu überhören. »Das meinte ich nicht,« sagte sie, »ich meinte, daß Sie in Ihrem Versteck bleiben sollten; durch Ihre Unvorsichtigkeit hätten Sie leicht ein großes Unglück auf uns beide herabbeschwören können. Ich wollte mich erst überzeugen, ob der Mensch wirklich fort ist.« »Ich fürchte mich nicht,« antwortete der Polizeileutnant. Sie schüttelte unwillig und ungeduldig den Kopf. »Wie seid ihr Männer doch naiv,« sagte sie. »Ich möchte darauf wetten, daß Sie ohne Waffe sind.« »Sie haben richtig geraten,« antwortete er, »aber ich blieb dennoch stehen, weil ich Sie in Gefahr wähnte, und ich wäre mit den bloßen Fäusten auf den Kerl losgegangen, wenn er es gewagt hätte, Ihnen etwas zu tun.« Sie lachte nur, lachte ihm spöttisch ins Gesicht und sagte: »Geben Sie mir Ihren Arm, ich möchte Ihnen etwas mitteilen. Lassen Sie uns langsam gehen,« fuhr sie fort, »hier auf diesem einsamen Weg sind wir ungestört. Hier kommen keine Menschen vorüber.« Der Polizeileutnant hörte Frau Sonja aufmerksam zu; während er an ihrer Seite ging, fand er, daß sie mit solch merkwürdiger Stimme sprach – trocken und angestrengt. Es war, als ob sie über irgend etwas verzweifelt sei und mit dem Weinen kämpfte. Eine wehmütige Stimmung ergriff ihn. Dasselbe Gefühl, das er schon früher gehabt hatte: daß sie in Gefahr sei und er ihr nicht helfen könne. »Sie kennen mich nicht,« sagte sie, »mein Mann kennt mich auch nicht ganz, aber es gibt einen Menschen, der mich durch und durch kennt, und das ist dieser Mann, der vor einem Augenblick dort im Walde verschwunden ist.« »Sie enthüllen da ein seltsames Geheimnis,« sagte der Polizeileutnant. »Ich enthülle kein Geheimnis, ich sage nur, was wahr ist, und was Sie wissen müssen, weil Sie nun einmal zu viel gesehen haben.« »Es war nicht meine Schuld, daß ich –« Sie unterbrach ihn. »Einerlei,« sagte sie, »Sie können Ihrem Schutzengel danken, daß Sie Zeit fanden, sich im Walde zu verbergen.« »Warum?« »Hätte er Sie gesehen, würde er Sie wahrscheinlich getötet haben.« »Gnädige Frau, mich dünkt, daß Ihre Worte für diese friedliche und freundliche Umgebung etwas zu stark gewählt sind.« Sie blieb stehen und blickte ihm in die Augen, und er wurde ganz ängstlich bei ihrem Blick. »Machen Sie sich die Sachlage bitte klar: Sie finden mich im vertraulichen Gespräch mit einem Mann, der einen kühnen Einbruch und einen Mord oder jedenfalls einen Mordversuch begangen hat, finden mich , Advokat Gades Frau, im vertraulichen Gespräch mit solchem Menschen – halten Sie diese Situation für ernst oder nicht?« »Es gibt wohl in jedem Menschenleben Geheimnisse,« murmelte der Polizeileutnant. Etwas besseres fiel ihm nicht ein – tatsächlich machte ihr Vertrauen ihn immer verwirrter. »Sie mögen recht haben,« sagte sie, »und jetzt Haben Sie einen Einblick bekommen, wie ernst mein Geheimnis ist. Ich gehe natürlich davon aus, daß Sie mein Freund sind, und daß das Gesagte unter uns bleibt.« »Über diese Seite der Angelegenheit brauchen wir kein Wort zu verlieren,« sagte der Polizeileutnant. »Ich kann Ihnen nur so viel sagen, daß es in meinem Leben ein Geheimnis gibt, von dem mein Mann nichts weiß. Ich bin nicht immer die gewesen, die ich jetzt bin. Durch das Zusammentreffen mit den Banditen bin ich an etwas erinnert worden, was ich seit langem begraben glaubte. Aber schließlich wird wohl jeder einmal für seine Handlungen zur Rechenschaft gezogen. Meine Stunde ist jetzt gekommen, aber ich werde die Schickungen zu tragen wissen. Zwei Jahre bin ich verheiratet gewesen, und in dieser ganzen Zeit habe ich ein ruhiges und glückliches Leben geführt. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich war meinem Mann eine treue Gattin. Ich habe ein kleines Kind, das ich über alles in der Welt liebe. Vielleicht soll diese Liebe mir verderblich werden. Während dieser zwei Jahre habe ich keinen Feind gehabt. Jetzt aber habe ich wieder gefährliche und herzlose Feinde bekommen.« »Sie haben auch Freunde,« sagte der Polizeileutnant, »Freunde, die Sie bis zum Letzten verteidigen werden.« »Von jetzt ab wird es gefährlich sein, zu meinen Freunden zu gehören.« »Das schreckt mich nicht.« »Es soll Sie schrecken. Darüber will ich ja gerade mit Ihnen sprechen. Sie müssen tun, als hätten Sie unsere Zusammenkunft nicht gesehen, und Sie müssen tun, als ob ich nie mit Ihnen über dies all gesprochen habe. Wenn Sie mich jetzt verlassen, müssen Sie sich darüber klar sein, daß Sie ganz und gar nichts gesehen oder gehört haben.« »Aber ich bin Polizist. Darf ich auch nicht wissen, daß der gefährliche Verbrecher sich hier in der Nähe aufhält?« Sie sah ihn erstaunt an. »Woher sollten Sie das wissen? Sie haben ja nichts gesehen. Wollen Sie mir das fest versprechen?« »Ja–a.« »Wenn ich nicht so sicher wäre, daß Sie mein Freund sind und Ihr Versprechen halten werden, dann wüßte ich ein anderes Mittel, um Sie zum Schweigen zu bringen.« »Und was ist das für ein Mittel, Frau Sonja?« »Ich brauchte nur zu meinem Feind, dem Einbrecher, zu sagen: Auf Zimmer Nr. 26 im ›Hotel Trinacria‹ wohnt ein Mann, der dich gesehen hat, das würde genügen.« »Du,« sagte der Polizeileutnant ernst, »sagen Sie ›Du‹ zu dem Einbrecher?« »Ja,« antwortete Frau Sonja.   Sechzehntes Kapitel Die letzte Begegnung Dem Polizeileutnant fiel es. schwer, sich mit dem Gedanken zu versöhnen, daß er von Frau Sonja scheiden sollte. Aber nach ihrem letzten Gespräch begriff er, daß es keinen anderen Ausweg gab. Das letzte, was sie ihm gesagt hatte, waren diese Worte: »Ich verlasse mich auf Sie; wenn Sie nicht reisen, machen sie vor allen Dingen mich unglücklich und sich selbst auch.« So hatte er denn versprochen zu reisen und nicht mehr an die seltsame Zusammenkunft zu denken, d. h. er hatte es versprochen, aber er wußte, daß er es nicht halten konnte. Er meinte, daß das Erlebnis der letzten zwei Tage das Merkwürdigste sei, was ihm in seinem Leben passiert war, und er wußte, daß der Gedanke an Frau Sonja und ihre rätselhafte Vertraulichkeit mit dem furchtbaren Einbrecher ihn nie wieder verlassen würde. Bevor er es aber versprach, stellte er die Bedingung, daß er sie noch ein letztes Mal sehen dürfe. Dieses letzte Beisammensein aber sollte noch mehr Unruhe in sein Gemüt bringen, denn er empfing den bestimmten Eindruck, daß sich zwischen ihr und dem Apachen abermals etwas ereignet habe. Er traf sie beim Fünfuhrtee im Palmengarten des Hotels. Sie hatte ihren Mann allein gelassen, der wieder angefangen hatte, sich für die Akten der weitläufigen Grundeigentümeraffäre zu interessieren. »Sind Sie reisefertig?« fragte sie nervös. »Ja,« antwortete er, »aber ich hoffe noch immer, daß Sie mir eine Aufforderung zukommen lassen, daß ich bleiben soll.« »Das ist ganz unmöglich. Ich bestehe darauf, daß Sie fortreisen. Ich werde nicht ruhig, bevor ich Sie nicht wohlbehalten in Ihrem eigenen Lande weiß.« Der Polizeileutnant betrachtete die junge Frau aufmerksam. »Sie sehen so ängstlich und nervös aus,« sagte er, »ich bin überzeugt, daß wieder etwas vorgefallen ist.« »Sie haben recht.« »Was ist Ihnen zugestoßen?« »Ich habe eine Drohung erhalten.« Der Polizeileutnant schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich glaube, daß Sie sehr unglücklich sind,« sagte er. »Anstatt mich fortzuschicken, sollten Sie mich lieber als Ihren Beschützer hier behalten.« Sie blickte ernst vor sich hin. »Ja,« antwortete sie still, »Sie mögen recht haben. Vielleicht habe ich einen Freund und Beschützer nötig. Vorläufig aber würde jeder Freund, der versuchte, mich zu beschützen, sowohl sich wie mich in die größte Gefahr bringen. Nein, Sie müssen fortreisen, Sie müssen – außerdem liebe ich ja meinen Mann. Er ist stark und einflußreich und kann mich beschützen, wenn mir etwas zustößt. Er ist ja auch der Nächste dazu.« »Haben Sie Ihrem Mann etwas erzählt?« fragte der Polizeileutnant. »Nein, nichts von dem, was Sie gesehen haben. Nichts von meiner Zusammenkunft mit dem Apachen. Davon ahnt er nichts. Wie sollte er auch? Das Ganze ist ja so unglaublich, so unfaßbar. Aber er ist trotzdem so merkwürdig in diesen Tagen. Es ist, als ob er von einem heimlichen Kummer gequält würde. Ich glaube, er denkt noch immer an Ihr plötzliches Erscheinen in der Nacht während des Einbruchs. Auch darum ist es notwendig, daß Sie reisen. Aber ich will Sie dennoch um etwas bitten. Sie fragten mich neulich, als ich Sie sprach, ob Sie das Geschehene für immer vergessen sollten. Darauf antwortete ich: Ja, vergessen Sie es ganz und gar, denken Sie nie mehr daran! Aber möchte ich Sie doch bitten, es nicht zu vergessen.« »Ich verstehe Sie nicht recht,« sagte der Polizeileutnant. Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, und sie stammelte leise: »Sollten Sie jemals etwas über mich oder von mir hören, was Ihnen den bestimmten Eindruck gibt, daß ich in großer Gefahr sei, dann erlaube ich Ihnen, mir zu helfen. Aber dann müssen Sie schnell kommen, wenn Sie mir von Nutzen sein wollen.« »Ich werde kommen,« antwortete der Polizeileutnant, »aber woher soll ich wissen, daß Sie in Gefahr sind, wenn Sie es mir nicht selbst mitteilen?« Sie schüttelte ihren schönen Kopf. »Ich weiß nicht,« antwortete sie, »das wird sich zeigen. Sie werden es vielleicht von selbst verstehen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Bevor Sie sich aber nicht ganz klar darüber sind, daß ich in wirklicher Gefahr bin, dürfen Sie nichts unternehmen. Den Rest wollen wir dem Schicksal überlassen. Begleiten Sie mich bitte hinaus!« Als sie ein Stück gegangen waren, blieb sie stehen und sagte: »Weiter dürfen Sie nicht mitgehen.« Sie gab ihm die Hand. »Vielleicht sehen wir uns nie wieder,« sagte sie, »vielleicht sehen wir uns unter anderen und glücklicheren Verhältnissen wieder. Und vielleicht kann ich mich einst glücklich preisen, Sie wiederzusehen. Wer weiß! Die Wege des Lebens sind sonderbar.« Er drückte ihre Hand und merkte, daß sie zitterte. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Schließlich murmelte er: »Ich fühle solch tiefen Schmerz, daß ich ihm keinen Ausdruck zu geben vermag. Ich weiß, Frau Sonja, daß Ihnen Schlimmes bevorsteht, und würde Ihnen für mein Leben gern helfen. Aber ich bin machtlos, obgleich mir bewußt ist, daß ich in dieser Sache stark und mutig sein würde.« Sie lächelte zu ihm auf – ein seltsames, fernes und zweifelndes Lächeln. »Gewiß sind Sie mutig und stark,« sagte sie. »Wenn Sie aber dennoch im gegebenen Augenblick fühlen sollten, daß die Kräfte Sie verlassen, dann müssen Sie noch stärker werden.« »Was meinen Sie damit?« »Ich meine, daß ein Mensch schwächer ist als zwei.« »Ich werde mich Ihrer Worte erinnern,« sagte der Polizeileutnant. Dann schieden sie. Am selben Abend reiste Polizeileutnant Helmersen nach Christiania. In der darauffolgenden Zeit studierte er mit größter Aufmerksamkeit die dänischen Zeitungen. Hin und wieder fand er Advokat Aage Gades Namen und ersah daraus, daß die Familie in die Stadt gezogen sei. Der Advokat war noch immer von der großen Banksache in Anspruch genommen, es war häufig in den Zeitungen von ihm die Rede. Dagegen fand der Polizeileutnant nicht die geringste Spur von den beiden Apachen. Ein neues Verbrechen, das mit ihnen in Verbindung gebracht werden konnte, wurde nicht begangen und die Polizei fand keinen Anhaltspunkt, um das Mysterium aufzudecken. Der Mordversuch auf den Chauffeur war anscheinend zu dem großen Haufen von unaufgeklärten Verbrechen gelegt worden, den es in der Kriminalgeschichte eines jeden Landes gibt. Wie ich bereits erzählt habe, war der sonst so selbstgefällige Polizeileutnant ernst und verschlossen von seiner Ferienreise zurückgekehrt. Diese Veränderung in seinem Wesen war so auffallend, daß seine Kollegen untereinander davon sprachen und mit zweideutigen Bemerkungen kamen. Sie meinten, daß er schließlich in die Falle gegangen sei, die er so oft andern gestellt hatte – daß er mit andern Worten verliebt, und zwar unglücklich verliebt sei. Zwischen denen, die sein verändertes Wesen bemerkten, war auch der Privatdetektiv Asbjörn Krag, der hin und wieder auf die Polizeibehörde kam. Krag machte eine Bemerkung hierüber zu dem Polizeileutnant, und der Polizeileutnant antwortete, daß ihm nichts zugestoßen sei. Als Krag aber gegangen war, mußte er an die unglückliche Frau Sonja denken und er erinnerte sich ihrer letzten Worte, daß zwei Menschen stärker seien, als einer. Fast wünschte er, daß sich etwas ereignen möchte, damit er sich an den klugen und scharfsinnigen Detektiv wenden könne – sei es auch nur, um sich einen Rat von ihm geben zu lassen. Zwei Monate vergingen. Der rote Herbst war im Begriff in winterliche Kälte überzugehen, als dem Polizeileutnant plötzlich eines Tages sein heimlicher Wunsch erfüllt wurde. Es ereignete sich etwas. Als der Polizeileutnant eines Morgens die »Abendpost« entfaltete, fand er in den Spalten ein Telegramm, das ihn aufs höchste interessierte. Es war ein Privattelegramm aus Kopenhagen, das berichtete, daß ein rätselhaftes Attentat auf Advokat Aage Gade verübt worden sei. Das Telegramm lautete folgendermaßen: »Als der bekannte Advokat Aage Gade, der durch den Prozeß der Affäre der Grundeigentümerbank die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, gestern abend von seinem Kontor nach Hause ging, wurde ein Attentat auf ihn verübt. Nur einem zufälligen Umstand hat er es zu verdanken, daß er noch am Leben ist. Als er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufging, lauerte ihm ein Mensch auf, der zwei Schüsse auf ihn abgab. Der erste Schuß ging fehl. Dadurch bekam der Advokat Zeit, sich auf den Verbrecher zu stürzen und ihm am Zielen zu verhindern. Der zweite Schuß streifte ihn nur am Hals. Der Verbrecher entfloh, und man hat seiner bisher nicht habhaft werden können. Die Polizei tut merkwürdig geheimnisvoll. Die Sache erscheint dem großen Publikum ganz unverständlich und mystisch.« Als der Polizeileutnant dieses Telegramm gelesen hatte, ging er sofort zu Asbjörn Krag. Der Polizeileutnant, der sehr erregt war, erzählte ihm alles. »Ich glaube,« schloß der Polizeileutnant seine Erzählung, »daß zwischen diesem feigen Attentat und Frau Sonjas Geheimnis eine Verbindung besteht.« »Asbjörn Krag sagte nur: »Vor allen Dingen müssen wir uns über eines Klarheit verschaffen. Wer ist eigentlich diese Frau Sonja?«   Siebzehntes Kapitel Stunden der Ungewißheit Das war die Frage, die Asbjörn Krag zuerst an den erschrockenen Polizeileutnant richtete! »Wer ist eigentlich diese Frau Sonja?« Und der Polizeileutnant mußte zugeben, daß er die Frage im Augenblick nicht zu beantworten wußte. Im übrigen aber schien die Sache Asbjörn Krag aufs höchste zu interessieren. Mit Sachen, bei denen man die Polizei umging oder sich nur im Notfall an sie wandte, beschäftigte er sich am liebsten. Sobald der Polizeileutnant nähere Erkundigungen eingezogen hatte, berichtete er Krag, was er von der schönen Frau erfahren hatte. Viel war es nicht und schien zur Lösung des Rätsels nicht das Geringste beizutragen. Was den Polizeileutnant aber sehr peinlich berührte, war die Art und Weise, wie Asbjörn Krag Frau Sonja behandelte, sowohl durch seine Fragen, wie durch sein Urteil überhaupt. Der Polizeileutnant meinte daraus zu ersehen, daß Asbjörn Krag ihr unedle Motive unterschob. Der Polizeileutnant hatte in Kopenhagen gehört, daß Frau Sonja russischer Abstammung sei. Das paßte auch zu ihrer Sprache. Sie sprach allerdings ganz gut Dänisch, doch keineswegs fehlerfrei. Auch mit einem anderen Umstand stimmte es überein, meinte Asbjörn Krag, nämlich dem, daß sie anscheinend die Sprache der Apachen verstanden hatte. Man glaubte ja, daß sie Polnisch gesprochen hatten. Es war aber zweifellos Russisch gewesen. Ferner hatte der Polizeileutnant ermittelt, daß Advokat Gade Frau Sonja bei einem Aufenthalt in Ostende kennen gelernt hatte. Sie war dort als Begleiterin einer vornehmen russischen Familie gewesen. Der Advokat hatte sich sofort in ihre eigentümliche Schönheit und überlegene Intelligenz verliebt. Die sehr angesehene Familie des Advokaten war mit dieser Verbindung keinesweges einverstanden gewesen. Weder die Herkunft noch die Mitgift der Dame hatten sie befriedigt. Frau Sonja brachte in die Ehe nichts mit als eine elegante Aussteuer – eine Aussteuer, über die die Familie des Advokaten die Nase rümpfte, weil sie sich mehr für eine elegante Weltdame schickte als für ein solides Bürgermädchen, wie die Familie sich Aage Gades Frau gewünscht hatte. Der Advokat aber setzte die Heirat trotz des Widerstandes durch, und Sonja hatte sich bald in den Familienkreis eingelebt und bei allen beliebt gemacht. Niemand wußte etwas anderes von ihrer Ehe, als daß sie ihrem Mann sehr ergeben war, und daß er trotz einer gewissen Trockenheit, seine Zärtlichkeit für sie nicht verbergen konnte. Auch darin war man sich einig, daß Frau Sonja ihr einziges Kind abgöttisch liebte, eine kleines Mädchen, das zu Beginn des hier Erzählten ungefähr ein Jahr alt war. Als Asbjörn Krag diese Aufklärungen erhalten hatte, die übrigens wenig besagten, verabredete er mit dem Polizeileutnant, bis zum nächsten Tag in dieser Angelegenheit nicht zu tun. Er wollte erst abwarten, ob sie nicht noch nähere Einzelheiten durch die dänischen Zeitungen erhalten könnten. Und ganz richtig. Schon am nächsten Vormittag, als die Zeitungen eingetroffen waren, hatten die beiden Herren eine neue Unterredung. Aus den Zeitungen war ersichtlich, daß die Polizei sehr geheimnisvoll tat. Dadurch wuchs das starke Interesse, das Asbjörn Krag an der Sache nahm, während der arme Polizeileutnant immer besorgter wurde. Er sprach bereits davon, daß er noch Kopenhagen reisen wollte, weil er Frau Sonja in Gefahr glaubte. »Warum glauben Sie das?« fragte Asbjörn Krag. »Weil ich fühle,« antwortete der Polizeileutnant, »daß dieser Überfall auf den Advokaten mit den beiden Apachen aus »Trinacria« in Verbindung steht.« »Und darum sollte sie in Gefahr sein? Das klingt unwahrscheinlich. In der Zeitung steht, daß Frau Gade allein zu Hause war, als der Bandit auf Advokat Gade schoß. Nach Aussage von Leuten soll der Mensch im Hause gestanden und gewartet haben. Wenn es seine Absicht war, Frau Sonja ein Leid zuzufügen, so wäre das sehr einfach gewesen. Er hatte nur anzuklingeln und nach ihr zu fragen brauchen. Außerdem steht hier etwas, das überraschende Dinge an den Tag bringen wird!« Asbjörn Krag entfaltete die letzte Nummer der »Nation« und las die neuesten Berichte über dieses merkwürdige Drama: »Wie die Polizei mitteilt, hat man jetzt ein ausgezeichnetes Signalement des Attentäters. Frau Sonja Gade hat nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach, einige Minuten bevor er seine feige Tat verübte, mit ihm gesprochen. Als der Überfall stattfand, war es ganz dunkel im Treppenhaus. Darum konnte der Advokat den Attentäter nicht sehen und weiß nichts von seinem Äußeren. Man kann sich darum nur an die von seiner Frau gegebene Beschreibung halten. Frau Gade erzählt, daß einige Minuten vor dem Überfall, ein Mensch an ihrer Tür läutete. Sie öffnete selbst, weil sie ihren Mann erwartete und glaubte, daß er es sei. Statt dessen stand ein fremder Mann vor der Tür. Diesen Menschen schildert sie als einen Mann von mittleren Jahren, sehr ärmlich gekleidet, dunkelhaarig, mit rotblondem Schnurrbart. Der Mann fragte nach Advokat Gade, und als ihm erwidert wurde, daß er nicht da sei, lag ihm daran zu erfahren, wann der Advokat nach Hause käme. Frau Gade glaubte, der Mensch wolle ihren Mann anbetteln, und riet ihm darum, sich am nächsten Tage in sein Bureau zu begeben. Der Mann murmelte, daß er keine Zeit habe zu warten, und schlich die Treppe hinunter. Frau Gade lauschte seinen Schritten. Sie war überzeugt, daß er die Treppe hinunter und aus der Haustür hinausging. Wenige Minuten nachdem sie die Tür geschlossen hatte, als sie wieder in ihrem Zimmer war, hörte sie Schüsse und furchtbaren Lärm. Sie meint mit Bestimmtheit, daß sie den verdächtig aussehenden Menschen noch nie gesehen habe. Sie hat der Polizei ein besonderes Kennzeichen von ihm gegeben, das die Polizei jedoch aus gewissen Gründen vorläufig geheim zu halten wünscht. Der Mann sprach das reinste Dänisch. Wahrscheinlich wird er unter der niedrigsten Bevölkerung Kopenhagens zu suchen sein, und wahrscheinlich handelt es sich um einen Racheakt. Advokat Gade hat ja nicht nur Freunde. Aus seiner Richterzeit erinnert er sich mehrerer Drohungen von Personen, die durch ihn von der richterlichen Gewalt getroffen wurden.« Asbjörn Krag faltete die Zeitungen zusammen. »Na,« sagte er, »was meinen Sie jetzt?« Der Polizeileutnant sah bei dem letzten Bericht etwas verblüfft aus. »Die Beschreibung paßt ganz und gar nicht auf die beiden Apachen!« rief er. Asbjörn Krag fragte: »Sie haben also wirklich geglaubt, daß einer der Apachen der Attentäter ist?« Die Frage kam dem Polizeileutnant überraschend, dennoch antwortete er: »Aufrichtig gestanden, haben Sie das nicht auch geglaubt?« »Ich will mit einer neuen Frage antworten. Was sollten die beiden Apachen gegen Gade haben? Er hat ihnen ja nichts anderes getan, als was zum Beispiel Sie auch getan haben, indem Sie den Versuch machten, sie zu verhaften. Das ist mißglückt. Später hat der Advokat vielleicht gar nicht mehr an sie gedacht. Aus welchem Grunde sollten sie ihm nach dem Leben trachten?« »Nein, nein, aber Sie vergessen die geheimnisvollen Umstände, die die beiden Apachen mit Frau Sonja verknüpfen.« »Ich vergesse nichts,« antwortete Krag, »nach Frau Sonjas Beschreibung zu urteilen aber kann keiner der Apachen hier mit im Spiel gewesen sein.« »Das scheint fast so. Und darum ist es vielleicht wirklich nur ein gewöhnlicher Racheakt.« »Und darum,« vollendete Krag, »haben Sie eigentlich gar keine Veranlassung, sich an mich zu wenden.« Der Polizeileutnant sah ihn forschend an. »Irre ich mich,« fragte er, »oder interessieren Sie sich wirklich nicht für diese Sache?« »Sie irren sich.« »Das freut mich. Aber was soll ich machen?« »Sie sollen sich die Sache mal ordentlich durch den Kopf gehen lassen,« sagte der Detektiv, »vielleicht stellt sie sich Ihnen dann anders dar. Vor allen Dingen brauchen Sie den Glauben nicht aufzugeben, daß die beiden Apachen doch etwas mit der Affäre zu tun haben.« »Ja, aber das Signalement, das Signalement!« »Das kann falsch sein.« Der Polizeileutnant fuhr auf. »Sie meinen, daß das Signalement falsch ist?« fragte er. »Ja.« »Was soll das heißen?« »Ich meine, daß Frau Sonja vielleicht gelogen hat.« »Zu welchem Zweck?« »Um etwas zu verbergen.« »Was soll sie zu verbergen haben?« »Zum Beispiel,« antwortete Asbjörn Krag, »daß der Attentäter wirklich der Apache mit dem blauseidenen Halstuch war.«   Achtzehntes Kapitel Frau Sonjas Tod Bevor wir von Frau Sonjas Tod erzählen, müssen wir noch etwas von dem merkwürdigen Gespräch mitteilen, das zwischen den beiden Freunden, Polizeileutnant Helmersen und Asbjörn Krag, am Donnerstag abend stattfand. Es war in Asbjörn Krags Wohnung. Keiner von ihnen ahnte, daß zur selben Stunde die Kopenhagener Zeitungen bereits eine neue Sensationsnachricht brachten: die Nachricht von Frau Sonja Gades plötzlichem, unerklärlichem Tod! Sie sprachen von dem Signalement, das Frau Sonja von der mystischen Person gegeben hatte, die ihren Mann auf der Treppe überfiel, und Asbjörn Krag erschreckte den Polizeileutnant durch die Andeutung, daß Frau Sonja vielleicht gelogen habe. Es dauerte eine Weile, bevor der Polizeileutnant sich von diesem Schreckschuß erholte. Überhaupt besaß Krag ein einzig dastehendes Talent, vollkommen schonungslos zu sein. Wenn er an einer Sache arbeitete, schob er alle persönlichen Rücksichten beiseite. Er rechnete ohne Bedenken mit allen Möglichkeiten, die es nur gab, und nahm entschlossen das Schlimmste von den besten Menschen an. Damit weckte er hin und wieder Erbitterung, aber er riß dadurch auch oft eine Wand von unbegründeten Vorurteilen ein. Er sah wohl, daß seine Worte den Polizeileutnant aufs Peinlichste berührten, aber dennoch verrieten seine Züge keine Spur von Gewissensbissen. Er setzte seinen Gedankengang fort, als ob der andere gar nicht zugegen sei. Es war, als ob er mit sich selbst spräche. »Ich finde es unwahrscheinlich,« sagte er, »daß ein verkommenes Individuum einen solchen Racheakt begehen sollte. Frau Gade hat ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß der Mann dürftig gekleidet war. Dabei war er, wie aus den Mitteilungen der Zeitung hervorgeht, mit einem erstklassigen Browning bewaffnet. Die Dürftigkeit des Mannes und sein Browning scheinen mir nicht recht übereinzustimmen. Sollte der Mann verkleidet gewesen sein? Wenn man eine solche Möglichkeit in Betracht zieht, müssen auch gewisse mystische Umstände bei diesem Drama mitspielen. Ich bin Ihrer Erzählung, lieber Helmersen, genau gefolgt und habe den bestimmten Eindruck bekommen, daß Frau Gade die beiden Apachen sehr gut kannte. Es waren ja Ausländer, wahrscheinlich Landsleute von ihr. Hätte der Attentäter sich verkleidet, dann würde sie ihn höchstwahrscheinlich trotz seiner Verkleidung erkannt haben. Also, wenn wir Frau Sonjas Bericht glauben sollen, müssen wir außer Betracht lassen, daß der Mann verkleidet war. Wir müssen mit dem rechnen, womit auch die Zeitungen rechnen, daß ein verkommener Mensch, eben aus dem Gefängnis entlassen, die wahnsinnige Tat begangen hat. Damit aber befinden wir uns ebenfalls mitten in einer Reihe von Unwahrscheinlichkeiten, an die ich für meinen Teil kaum glauben möchte. Bedenken Sie, auch ich kenne Verbrecher aus einer langjährigen Praxis. Die treten anders auf. Und der sonst gerechte und vorsichtige Gade hat wohl kaum eine so große Ungerechtigkeit begangen, daß ein Verbrecher ihm deshalb jahrelang seinen Haß nachtragen würde. Ich möchte behaupten, was vielleicht etwas paradox klingt: ein Verbrecher hat nicht genug Ehrgefühl im Leibe zu solcher Tat. Wenn ein armer Bursche hundert Kronen hat, wird er sich dafür lieber Branntwein und etwas zu essen kaufen, anstatt einen Revolver, um alte Geschichten zu rächen. Und wenn er schon einen Revolver hat, wird er ihn lieber verpfänden, als ihn zu solch törichtem Geschäft zu gebrauchen. Außerdem – ein Rächer will gern, daß man von seiner Rache erfährt, sonst fühlt er keine Befriedigung dabei. Und hier weiß man nur von zwei sinnlosen Schüssen im Treppenhaus. Denken wir uns dagegen die Möglichkeit, daß Frau Sonja gelogen hat, dann ist es sofort auffallend, wie mehrere Umstände stimmen. Hat sie gelogen, so muß sie eine bestimmte Absicht damit verfolgen und außerordentlich wichtige Gründe für ihre Lügen haben. Wenn wir davon ausgehen, daß Frau Sonja lügt, können wir gut und gern annehmen, daß der Apache mit dem blauseidenen Halstuch der Attentäter war. Lassen Sie uns die Sache mal von dieser Seite betrachten: Zwischen Frau Sonja und dem Apachen besteht ein Geheimnis, noch dazu ein furchtbares Geheimnis. Als die Apachen im Badeort in ihrer Nähe auftauchten, ahnte sie ihre Anwesenheit nicht, und sie wußten nichts von der ihren. Sie erkannte zuerst den Mann mit dem Halstuch, und vom selben Augenblick fürchtete sie sich. Er erkannte sie erst bei dem Einbruch in der Villa, als er über die Dame mit dem schönen Haar so erstaunt war. Als sie merkte, daß sie erkannt war, wußte sie, daß es ihr nichts nützen konnte, sich länger zu verbergen, und darum begab sie sich freiwillig zu dem Stelldichein mit dem verdächtigen Burschen. Warum? Was war es für eine Verabredung? Wollte sie um Gnade bitten? Und weswegen? Wir wollen diese Frage vorläufig unerledigt lassen. Indessen können wir als sicher annehmen, daß es für die Verbrecher von größter Wichtigkeit war, sie zu sprechen, da sie alles aufs Spiel setzten, um nach ihrer Flucht in den Badeort zurückzukehren. Sie erinnern sich ja Frau Sonjas letzter Begegnung mit dem Banditen, nicht wahr? Na also, und Sie hatten den bestimmten Eindruck, daß sie sich trennten, ohne sich geeinigt zu haben. Man kann annehmen, daß er Frau Sonja gedroht hat. Sie hat Ihnen ja auch gesagt, daß sie sich von einer großen Gefahr bedroht fühle, und daß sie nichts dagegen habe, unter gewissen Umständen sich Ihrer Hilfe zu bedienen. Wir wissen nichts von Frau Sonjas Leben und Treiben seit jenem merkwürdigen Tage. Vielleicht ist sie in einer ewigen Angst umhergegangen. Vielleicht auch nicht. Ich rechne auch mit der Möglichkeit, daß sie mit den Verbrechern unter einer Decke steckt.« Der Polizeileutnant sprang auf. »Nein,« rief er, »jetzt gehen Sie zu weit!« Asbjörn Krag hob abwehrend die Hand. »Beruhigen Sie sich! Ich pflege alle Möglichkeiten zu erwägen. Wir sind jetzt so weit, daß wir wissen, daß Frau Sonja die beiden Verbrecher fürchtete, daß sie aber vielleicht nicht wußte, wann und wie ihr Angriff sie treffen würde. Dennoch bleibt die Vermutung offen, daß sie ein geheimes Spiel treibt. Nur die eine Möglichkeit können wir uns nicht denken: daß sie sich ihrem Mann anvertraut hat. Denn in dem Fall würde er höchstwahrscheinlich, seinem Charakter nach, die Polizei sofort benachrichtigt haben. Und in dem Fall würde die Polizei den Überfall besser durchschaut haben, als sie es anscheinend tut. Dann kommen wir zu dem Attentat. Frau Sonja ist anscheinend eine sehr kluge Dame, aber dennoch hat sie einen Fehler begangen.« »Einen Fehler?« fragte der Polizeileutnant. »Ja, wenn es ihr darauf ankam, den wirklichen Verbrecher zu verbergen – wir gehen jetzt davon aus, daß es der Mann mit dem Halstuch war – dann hat sie einen Fehler begangen. Wie aus ihrer Beschreibung hervorgeht, hat sie Gewicht darauf gelegt, daß der Attentäter Dänisch spricht. Er sprach reinstes Dänisch, steht da. Warum aber hat sie darauf Gewicht gelegt? Um die Untersuchung von der richtigen Spur abzubringen und auf den Unsinn von Rache und dergleichen hinzuleiten. Und warum wieder hat sie das getan? Wenn wir das Beste von ihr annehmen wollen, und dazu neige ich in diesem Augenblick, so hat sie es getan, weil sie die Apachen noch immer fürchtet, und weil das Ganze vielleicht für sie und ihren Mann noch schlimmer würde, wenn sie sie verriete. Das ist vorläufig alles, was ich in dieser merkwürdigen Sache sagen kann,« schloß Asbjörn Krag, »und hiermit haben wir alle Seiten in Betracht gezogen. Allerdings sind wir der Lösung des Rätsels nicht viel näher gekommen. Vorläufig fehlt uns noch ganz und gar die Erklärung für drei Dinge: Wer ist Frau Sonja? Wer sind die Apachen? Was wollen die Apachen? Ich glaube, wenn eine dieser Fragen beantwortet ist, haben wir auch die Antwort auf die beiden anderen. Vorläufig aber tappen wir vollkommen im Dunkeln.« Der Polizeileutnant erhob sich. »Es ist sehr wahrscheinlich,« sagte er, »daß Ihre Darstellung richtig ist. Wie dem auch sei, ich habe das bestimmte Gefühl, daß Frau Sonja ehrlich ist, einen verzweifelten Kampf kämpft, und daß sie in Gefahr ist. Ich will reisen.« »Nach Kopenhagen?« »Ja. Würden Sie an meiner Stelle nicht auch reisen?« »An Ihrer Stelle hätte ich Dänemark überhaupt nicht verlassen,« antwortete der Detektiv. »Jetzt aber möchte ich Ihnen einen guten Rat geben.« »Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar.« »Warten Sie bis morgen!« »Warum?« »Weil Sie dann vielleicht Reisegesellschaft bekommen,« antwortete Krag. Der Polizeileutnant ergriff seine Hand und drückte sie warm. »Schön,« sagte er, »dann geht in Erfüllung, was sie gesagt hat, daß zwei stärker sind als einer. Wir sehen uns morgen.« Von trüben Grübeleien und bangen Ahnungen niedergedrückt, verließ der Polizeileutnant seinen Freund. Das war am Abend gewesen. Nachts um zwei Uhr läutete Asbjörn Krag in der Privatwohnung des Polizeileutnants. Helmersen begriff sofort, daß etwas geschehen sei. »Sie müssen sich bereit halten, um sechs Uhr abzureisen,« sagte Krag, »es ist wirklich die unheimlichste Sache, mit der ich seit langem zu tun gehabt habe. Frau Sonja ist tot.«   Neunzehntes Kapitel Das blauseidene Halstuch Asbjörn Krag wurde etwas ungeduldig, als er sah, wie der Polizeileutnant diese Mitteilung aufnahm. Krag rechnete leider nie bis zu dem Grade mit menschlichen Gefühlen, daß er sich von ihnen aufhalten ließ. Als der Polizeileutnant bei der Nachricht von Frau Sonjas Tod vollständig zusammenbrach, sagte Krag zu ihm: »Lieber Freund, Sie haben noch Zeit genug zum trauern, der Zug geht erst um sechs Uhr. Bis dahin müssen Sie sich auf sich selbst besonnen haben, sonst reise ich allein.« Er wollte gehen. Der Polizeileutnant aber hielt ihn zurück. »Erzählen Sie mir um Gottes willen, was geschehen ist?« sagte er, »Wie haben Sie diese furchtbare Nachricht erhalten?« »Ein Telegramm aus Kopenhagen.« »An Sie?« »Nein, ich war um ein Uhr auf der Redaktion einer Zeitung, um zu hören, ob nähere Einzelheiten über den verflixten Überfall auf Advokat Gade eingetroffen seien, und da erfuhr ich die Neuigkeit. Hier habe ich das Telegramm aufgeschrieben. Sie können selbst lesen.« Mit zitternden Fingern ergriff der Polizeileutnant das Papier und las die lakonische Mitteilung: »Ein trauriger Unglücksfall erregt hier heute großes Aufsehen und Bedauern. Die schöne Frau Sonja Gade, Advokat Gades Frau, ist beim Baden im Sund ertrunken. Frau Gade war allein im Bade, als das Unglück geschah. Niemand hat sie schreien hören. Die Kleider der Ertrunkenen lagen in der Badekabine. Nichts ist da, was auf Selbstmord deutet; dennoch bringt man den Tod von Frau Gade mit dem rätselhaften Überfall auf ihren Mann in Verbindung. Herr Gade hat noch keine Mitteilung von der Katastrophe bekommen. Er ist außer Gefahr, aber auf Rat des Arztes soll ihm die schreckliche Nachricht erst morgen mitgeteilt werden. Von dem Attentäter hat die Polizei übrigens noch keine Spur, und die ganze Affäre ist noch immer in vollkommenes Dunkel gehüllt.« Dieses Telegramm übergab Asbjörn Krag dem Polizeileutnant und verließ ihn, nachdem er mit ihm verabredet hatte, daß sie sich kurz vor sechs Uhr am Bahnhof treffen wollten. Krag begab sich geradeswegs zur Polizeibehörde, wo er ein Ferngespräch mit dem Chef der Detektivabteilung in Kopenhagen hatte, mit dem er persönlich befreundet war. Von ihm erhielt er nähere Auskunft über das Geschehene. Als er um sechs Uhr mit dem tiefgebeugten Polizeileutnant im Aug saß, erzählte Asbjörn Krag ihm folgende Einzelheiten: Das Unglück oder die Katastrophe war nachmittags fünf Uhr geschehen. Zu der Zeit pflegte Frau Gade jeden Tag ein Bad in der Badeanstalt bei Bellevue zu nehmen. Frau Sonja war eine tüchtige Schwimmerin und schwamm oft große Strecken im Sund. Sie badete immer allein. Gerade jetzt war es einige Tage sehr kalt gewesen in Kopenhagen, das Wasser war sehr kühl geworden, und in der Badeanstalt waren nur sehr wenig Gäste. Die Badefrau hatte den Eindruck gehabt, daß Frau Sonja etwas ernst gewesen sei, aber sie hatte angenommen, ihre Stimmung sei auf das unheimliche Attentat zurückzuführen, das gerade tags zuvor stattgefunden hatte. Sonst war ihr nichts aufgefallen. Frau Gade hatte die Friseurin wie gewöhnlich für eine halbe Stunde später bestellt. Die Friseurin war auch zu der bestimmten Zeit in der Badekabine gewesen, hatte aber nichts anderes als die Kleider von Frau Gade vorgefunden. Es kam indessen häufig vor, daß Frau Gade lange im Wasser blieb, und darum faßte die Friseurin keinen Verdacht, sondern wartete ruhig. Als aber eine ganze Stunde vergangen war, wurde Alarm geschlagen. Viele Menschen wurden in Bewegung gesetzt, das Rettungskorps benachrichtigt. Die Verschwundene aber wurde nicht gefunden. Man nimmt an, daß sie in dem kalten Wasser Krämpfe bekommen hat und auf den Grund gesunken ist. Trotz eifrigen Suchens aber war die Leiche noch nicht gefunden worden. Während der ganzen Reise war Asbjörn Krag sehr schweigsam. Er überließ den Polizeileutnant seinen Grübeleien, und wenn Helmersen ihn hin und wieder etwas fragte, antwortete er einsilbig. Der Detektiv schien sehr von dieser unheimlichen Sache erfüllt zu sein, denn wenn er sich einmal mit einer Frage an den Polizeileutnant wandte, verriet diese jedesmal, daß er unausgesetzt an Frau Sonja und die beiden Apachen dachte. Mehrfach setzte er den Polizeileutnant durch die Art seiner Fragen in Erstaunen. Sie bewiesen, wie Krag bereits weitgehende Schlüsse gezogen hatte. So fragte er einmal: »Welche Sprache sprach Frau Sonja, außer Dänisch?« »Ich weiß, daß sie fließend Französisch sprach. Sie las auch am liebsten französische Literatur und war auf französische Zeitungen abonniert. Und natürlich sprach sie auch Russisch, was ja ihre Muttersprache war.« »Haben Sie sie jemals Russisch sprechen hören?« »Nein.« Diese Unterredung fand statt, als der Zug kurz vor der schwedischen Grenze war. Dann sagte Asbjörn Krag nichts wieder, bis sie schon ein großes Stück in Schweden waren. Da überraschte er den Polizeileutnant mit folgender Frage: »War Frau Sonja sehr brünett?« »Ja, das war sie.« Und eine Stunde später kam er mit folgender Frage: »Haben Sie jemals gehört, daß sie mit den Apachen Worte gewechselt hat?« »Nein, ich habe es nur gesehen .« »Also nicht gehört?« »Nein.« »Gut,« sagte der Detektiv – und diese Aufklärungen schienen ihn sehr zu befriedigen. Sie kamen so spät in Kopenhagen an, daß sie an diesem Abend keine selbständigen Untersuchungen mehr vornehmen konnten. Krag hatte einem seiner Freunde bei der Detektivabteilung seine Ankunft durch eine Depesche mitgeteilt, und dieser Herr erwartete ihn am Bahnhof. Krag stellte ihn als Inspektor Boyesen von der Kriminalpolizei vor. Die Reisenden kehrten im Hotel Bristol ein, und der Polizeileutnant begann sofort die Zeitungen zu studieren. Weder die Morgenzeitung noch die Abendzeitung brachte etwas von Bedeutung. Obgleich die Unglücksstelle fortgesetzt abgesucht wurde, hatte man noch keine Spur von Frau Sonja Gade gefunden, und obgleich die Polizei sich die größtmöglichste Mühe gab, ebensowenig einen Anhalt für das Attentat auf ihren Mann. Advokat Gade war in der Besserung und hatte schon Besuch empfangen. Man hatte ihm den Tod seiner Frau mitgeteilt. Diese Mitteilung hatte ihn tief erschüttert, aber, soweit man sehen konnte, war kein Verdacht in ihm aufgetaucht, daß etwas anderes als ein Unglücksfall vorliegen könnte. Von Boyesen ließ Krag sich bestätigen, daß dies die tatsächliche Auffassung des Advokaten sei. Herr Boyesen hatte nämlich eine lange Unterredung mit Gade gehabt und meinte beschwören zu können, daß Advokat Gade wirklich im guten Glauben sei. Überhaupt neigte man jetzt allgemein der Ansicht zu, daß die beiden Ereignisse nichts miteinander zu tun hatten. Der Überfall war ein Zufall, und das Unglück war ein Zufall, die voneinander unabhängig waren. Im übrigen begann das Gebaren des Polizeileutnants jetzt einen Zug von Komik zu bekommen. Am nächsten Tage fragte er Asbjörn Krag, was er eigentlich tun sollte, und Asbjörn Krag antwortete, daß er ruhig in seinem Zimmer bleiben und sich bereit halten solle, ihm die Aufklärungen zu geben, die er etwa von ihm verlangen würde. Asbjörn Krag war von morgens früh unterwegs. Er hatte lange Unterredungen mit seinem Kollegen von der Kopenhagener Polizei. Hier wollen wir nebenbei bemerken, daß Krag seinem dänischen Kollegen nicht anvertraute, warum er nach Kopenhagen gekommen war. Er sagte, daß er sich auf einer kleinen Ferienreise befände und es natürlich nicht lassen könnte, sich für die spannenden Tagesfragen zu interessieren. Bei diesen Konferenzen wurde ihm klar, daß die Polizei gar nicht mehr an die beiden Apachen dachte, und noch weniger das Attentat und den Unglücksfall mit dem Auftritt in der Villa in Trinacria in Verbindung brachte. Die Polizei unternahm auch bei der Badeanstalt in Bellevue, wo Frau Sonja ihren Tod gefunden hatte, keine anderen Untersuchungen, als das gewöhnliche Tauchen und Fischen. Das war bisher ohne Resultat geblieben, und man hätte vielleicht auch dies bereits eingestellt, wenn nicht der Advokat den bestimmten Wunsch geäußert hätte, daß man noch eine Zeitlang damit fortfahren solle. Somit war alles im Begriff im Sande zu verlaufen, als Asbjörn Krag eine merkwürdige Entdeckung machte. Es war am Nachmittag des zweiten Tages. Er war zeitig am Morgen ausgegangen, der Polizeileutnant hatte ihn vergebens zum zweiten Frühstück erwartet. Der Polizeileutnant wußte nur, daß er sich draußen in Bellevue herumtrieb. Was er dort in all der Zeit machte, konnte Helmersen nicht sagen. Als Krag aber endlich gegen sechs Uhr nachmittags zurückkam, war er sehr aufgeräumt. Er schien einen guten Tag gehabt zu haben. Als er dem Polizeileutnant beim Mittagessen gegenüber saß, sagte er: »Das Ganze ist doch nicht so klar.« »Was?« »Ich meine, Frau Sonjas Tod. Bisher haben wir mit zwei Möglichkeiten gerechnet – daß sie entweder verunglückt ist oder Selbstmord begangen hat. Von jetzt ab müssen wir auch mit einer dritten Möglichkeit rechnen.« Der Polizeileutnant sah ihn neugierig und fragend an. »Die dritte Möglichkeit ist,« sagte Krag, indem er ruhig weiter aß, »daß sie ermordet worden ist.« »Ich habe bereits so etwas geahnt,« antwortete der Polizeileutnant, »aber da Sie es aussprechen, weiß ich, daß Sie einen bestimmten Anhalt dafür haben.« Krag nickte. »Erinnern Sie sich noch genau, wie die Apachen aussahen,« fragte er, »besonders der eine mit dem blauseidenen Halstuch?« »Ja, den werde ich nicht vergessen, solange ich lebe.« »Dann erinnern Sie sich auch wohl noch genau seines Halstuches?« »Ja, ganz deutlich.« Krag zog etwas aus der Tasche und legte es vor sich auf den Tisch. Der Polizeileutnant griff begehrlich danach. Er wurde plötzlich blaß. Es war das blauseidene Halstuch, das er in der Hand hielt. »Großer Gott,« rief er, »das ist das Halstuch des Apachen –« »Ja,« antwortete Krag ruhig, »das ist das blauseidene Halstuch. Wie Sie sehen, sind einige Flecke darauf. Das ist Blut.«   Zwanzigstes Kapitel Der Hund des Etatsrats »Wo haben Sie dies Halstuch gefunden?« fragte der Polizeileutnant. Asbjörn Krag schien viel zu sehr in sein Essen vertieft zu sein, um antworten zu können. »Sehen Sie es sich genau an,« sagte er nach einer Weile. »Sie müssen ganz sicher sein, daß es das betreffende Halstuch ist. Vorher kann ich mich nicht zufrieden geben.« Helmersen betrachtete das Tuch von neuem sehr aufmerksam. »Ich bin vollkommen sicher,« sagte er dann, »es ist das Halstuch des Apachen.« »Schön, dann haben wir eine Spur,« sagte der Detektiv, »das ist alles.« »Haben Sie es in Frau Sonjas Wohnung gefunden?« fragte der Polizeileutnant. »Nein.« »Wo denn?« »In der Nähe der Badeanstalt.« Den andern durchfuhr ein Schauder. Er saß noch immer mit dem Tuch in der Hand, als ob er sich nicht davon losreißen könne. »Und diese Flecke,« sagte er, »sind wirklich Blut?« »Ich irre mich nie,« sagte Asbjörn Krag, indem er seinen Teller von sich schob. Er war fertig mit Essen. »Hallo, Oberkellner,« rief er »bringen Sie uns zwei Tassen starken Kaffee und Havannazigarren! Ich habe eine kleine Anreizung nötig,« sagte er und rieb sich vergnügt die Hände, »ich habe den ganzen Tag sehr intensiv gearbeitet, von 8 Uhr an.« Der Polizeileutnant begriff, daß Asbjörn Krag erzählen wollte, und rückte ihm gespannt näher. Als der Detektiv seine Zigarre angezündet und am Kaffee genippt hatte, begann er: »Wie Sie wissen, habe ich nie recht an diesen Unglücksfall geglaubt. Es kam mir zu sonderbar vor, daß er unmittelbar nach dem Mordversuch an Gade eintreffen sollte. Gewiß, hin und wieder bringt das Leben solche launenhaften Zufälle mit sich, aber man tut gut, im großen ganzen nicht damit zu rechnen. Darum begab ich mich heute morgen zur Badeanstalt nach Bellevue.« Krag zog seinen Bleistift aus der Westentasche und zeichnete eine leichte Skizze auf das Tischtuch. Während er zeichnete, fuhr er fort: »Wie Sie vielleicht wissen, ist es die vornehmste Badeanstalt in Kopenhagen. Sie wird zeitig im Frühjahr eröffnet und spät im Herbst geschlossen. Sie ist nie sehr besucht, selbst in der heißesten Sommerzeit nicht, aber das Unternehmen rentiert sich dennoch, da der Preis für die Badebillette ziemlich hoch ist. Jeder der Badenden hat zwei Kabinen zu seiner Verfügung, eine Kabine zum Auskleiden und ein Ruhezimmer. Diese kleinen Wohnungen, die sehr nett ausgestattet sind, liegen voneinander abgesondert, so daß die Badenden sich nicht sehen, bevor sie im Wasser sind. Wenn sie nun einen Blick auf meine Zeichnung werfen, werden Sie sehen, daß die Badeanstalt ziemlich isoliert liegt, obgleich der Strandweg dicht bebaut ist. Hier, eben außerhalb Kopenhagens, liegen die Administrationsgebäude der Tuborg-Brauerei. Dann kommen Anlagen zwischen dem Meer und dem Strandweg, und dann das Gelände der Badeanstalt. Dann kommen wieder Anlagen. Und dann folgt Etatsrats Moreseos Villa mit Garten. Wie Sie sehen, hat die Badeanstalt eine sehr idyllische Lage.« »Ferner ist zu bemerken,« fuhr Krag fort, »daß das Wasser im Sund an dieser Stelle ziemlich seicht ist.« Er zeigte mit dem Blei. »Hier, links neben der Badeanstalt ist eine Sandbank, die bei stillem Wetter zur Flutzeit sichtbar wird und zur Ebbezeit sogar ganz trocken liegt und mit dem Land Verbindung hat. Als ich hinauskam, fiel mir diese Sandbank gleich auf. Erst aber untersuchte ich die Badelokalitäten. Ich hatte ein Polizeischild bei mir, und darum war es nicht schwer, Aufklärungen zu bekommen. Man teilte mir mit, was ich übrigens schon wußte, daß Frau Gade, während sie badete, allein in der Anstalt war. Die Angestellten hatten gerade Mittagszeit, und da es ziemlich kühl war, hielt sich die Bedienung in ihren Zimmern auf, von wo man keine Aussicht aufs Meer hat. Sie wußten ja, daß Frau Sonja eine vorzügliche Schwimmerin ist, und daß man auf sie nicht, wie auf andere, weniger kundige Badegäste, acht zu geben brauchte. Außerdem hatte sie die Friseurin auf eine halbe Stunde später bestellt. Frau Sonja war also allein. Was dann geschah, ist nicht gut zu wissen. Ich fragte, ob sich nicht einige verdächtige Individuen unmittelbar vor Frau Gades Ankunft auf dem Badegelände herumgeschlichen hätten, bekam aber zur Antwort, daß man niemanden gesehen habe. Darauf fragte ich, ob man Schreie gehört habe. Aber nein, hieß es. Bei näherer Untersuchung überzeugte ich mich davon, daß man unbedingt ihre Schreie gehört haben würde, wenn sie geschrien hätte. Dies ist sehr merkwürdig.« »Warum?« fragte der Polizeileutnant. »Wenn,« antwortete Krag, »Frau Sonja ermordet worden ist, dann ist es in unmittelbarer Nähe der Badeanstalt, vielleicht sogar in der Badekabine selbst geschehen.« »Wie aber hat der Verbrecher dort hinein gelangen können? Ich nehme an, daß eine so vornehme Badeanstalt gut bewacht wird.« »Das wird sie auch,« antwortete Asbjörn Krag, »der Mörder aber braucht gar nicht den gewöhnlichen Weg gekommen zu sein. Sie vergessen die Sandbank. Er kann bei Ebbe trockenen Fußes zu ihr hinausgelangt und darauf in die Badeanstalt hineingewatet sein. In jeder Badekabine steht ein breiter türkischer Diwan. Es ist nicht unmöglich, daß der Mörder sich unter einem solchen Diwan versteckt hat.« »Um Frau Sonja zu überfallen, wenn sie allein in ihrer Kabine war?« fragte der Polizeileutnant. Asbjörn Krag antwortete nicht gleich. Nach einer Weile sagte er: »In der Badekabine war alles in schönster Ordnung. Nicht die geringsten Anzeichen eines Kampfes waren zu sehen. Ihr Zeug lag hübsch zusammengelegt. Und draußen auf der Badetreppe standen ihre Pantoffeln.« »Sie haben die Kabine wohl aufs Sorgfältigste untersucht?« »Ja, und ich habe auch etwas gefunden,« sagte Asbjörn Krag, »diesen unechten Manschettenknopf. Ich glaube kaum, daß er Frau Sonja gehört.« Krag zeigte seinem Freund einen vergoldeten Manschettenknopf mit einer unechten Perle. »Beachten Sie die Rückseite,« sagte er, »dort steht etwas eingraviert, das Wort Printemps . Wahrscheinlich ist es ein Reklamegegenstand aus dem großen Pariser Warenhaus. Solche Gegenstände werden zu Tausenden in der ganzen Welt verstreut. Der Knopf kann natürlich auch einem Dänen gehört haben, wenn man ihn aber mit dem Halstuch und einigen anderen Umständen, die ich konstatiert habe, zusammenhält, ist es sehr wahrscheinlich, daß der Manschettenknopf einem Ausländer gehörte. Jedenfalls bekannte keiner in der Badeanstalt sich zu dem Knopf. Ich bin sehr froh über den Fund. Er ist ein Indizium. Wenn wir den andern Knopf auch finden, kann er leicht ein Beweis werden.« Der Polizeileutnant wurde, während Krag erzählte, immer erstaunter. »Glauben Sie wirklich,« sagte er, »daß der Apache mit dem Halstuch sich in Frau Sonjas Badekabine aufgehalten hat?« »ES sieht fast so aus.« »Und Frau Sonja sollte gewagt haben ...« Lieber Freund,« unterbrach ihn Krag, »weil der Mann mit dem Halstuch sich an jenem denkwürdigen Tage in Frau Sonjas Baderaum aufgehalten hat, braucht er sich nicht gleichzeitig mit ihr dort aufgehalten zu haben, nicht wahr?« »Die Geschichte wird immer mystischer«, murmelte der Polizeileutnant. »Da haben Sie recht, und ich genieße das Mystische an dieser Sache sehr. Aber im übrigen beweist es nur, daß wir auf einer falschen Spur sind.« »Einer falschen Spur?« »Ja, denn wenn wir auf der richtigen Spur wären, würde uns die Sache nicht so mystisch vorkommen. Jetzt aber sollen Sie das Merkwürdigste von meinen Entdeckungen erfahren. Sie erinnern sich doch der Sandbank? Also auf der Sandbank habe ich eine Fußspur gefunden.« »Frau Sonjas Fußspur?« »Nein, die Spuren von Männerfüßen.« »In welcher Richtung gingen die Spuren?« »In zweierlei Richtungen. Die Spuren erzählten eine ganze Geschichte. Sie erzählten, daß ein Mann auf diesem Wege in die Badeanstalt gelangt, und daß der Mann auf demselben Weg zurückgelaufen ist. Der Mann war angezogen. Es waren deutliche Stiefelabdrücke in dem losen Sand. Und jetzt kommen wir zu dem Hund des Etatsrats. Dieser Hund spielt ebenfalls eine Rolle in dem Drama.«   Einundzwanzigstes Kapitel Auf der Spur Asbjörn Krag ließ den Portier kommen. »Wann geht die Fähre nach Malmö?« fragte er. »In einer Stunde,« antwortete der Portier, »Punkt sieben Uhr.« »Gut, sorgen Sie dafür, daß unser Gepäck zur rechten Zeit an Bord kommt, und bringen Sie uns die Rechnung!« Der Detektiv sah auf seine Uhr. »Wir haben noch etwas Zeit zum Plaudern,« sagte er, »Sie haben ja noch nichts Näheres über den Hund des Etatsrats erfahren, und was ich damit meinte.« »Und ich habe auch noch nicht erfahren,« antwortete der Polizeileutnant, »warum wir so plötzlich aufbrechen. Diese Abreise erscheint mir ganz sinnlos. Kommen wir bald nach Kopenhagen zurück?« »Vielleicht,« antwortete der Detektiv. »Warum reisen wir dann nach Malmö?« »Weil wir eine Spur verfolgen,« antwortete Krag. »So merkwürdig es auch klingt, diese Spur führt von der Badeanstalt in Bellevue, am Garten des Etatsrats vorbei, nach Malmö.« »Ah, das klingt ebenso interessant, wie unverständlich.« »Ich habe gerade noch Zeit, mich näher zu erklären,« sagte der Detektiv. Er griff wieder nach seinem Bleistift und machte die angefangene Skizze auf dein Tischtuch fertig. Der Polizeileutnant folgte den Bleistiftstrichen auf der weißen Fläche mit größter Spannung. »Aus dieser Skizze,« fuhr Asbjörn Krag fort, »kann man das Geschehene leicht erraten. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, laufen die Spuren auf der Sandbank in zwei Richtungen. Es sind Männerfüße, übrigens merkwürdig kleine. Die Spuren sind ziemlich deutlich in dem losen Sand zu sehen, und nach der Stellung der Fußspuren zu urteilen, muß der Betreffende ziemlich schnell über die Sandbank gelaufen sein. Wie sie sehen, liegen Frau Sonjas Kabinen auf der Nordseite der Badeanstalt. Wenn tiefe Ebbe ist, kann man von dort, indem man über die Pfähle klettert, fast trockenen Fußes zur Sandbank gelangen. Ich habe es selbst versucht, weiß also, daß es sich machen läßt. Nun könnte man sich also denken, daß eine geheimnisvolle Person sich schon zeitig am Tage – es waren ja nur wenig Badegäste den ganzen Tag über da – in die Anstalt geschlichen und in Frau Sonjas Badekabine versteckt hat. Was dann geschehen ist, kann man nicht wissen. Wenn wir uns aber Frau Sonjas Angst vor dem Mann mit dem Halstuch, und den Mordversuch auf ihren Mann ins Gedächtnis zurückrufen, liegt die Annahme nahe, daß eine Tragödie geschehen ist.« Der Polizeileutnant erbebte. »Um so mehr,« fuhr der Detektiv fort, indem er wieder mit dem blutigen Halstuch spielte, »um so mehr, als man fast mit Sicherheit annehmen kann, daß der Apache sein Unwesen dort getrieben hat.« »Wie ist das Drama nun geschehen?« »Wenn wir davon ausgehen, daß Frau Sonja ermordet worden ist, dann begegnet uns der erste bedeutungsvolle Widerspruch, auf den ich bereits hingewiesen habe: In der Badekabine ist nicht die geringste Spur, die darauf hinweist, daß ein Kampf stattgefunden hat. Und als man die Sache nach Frau Sonjas Verschwinden zu untersuchen begann, fand man ihre Kleider, die unberührt dalagen. Wenn wir also davon ausgehen, daß ein Verbrechen geschehen ist, müssen wir uns gleich darüber klar sein, daß das Verbrechen im Wasser verübt sein muß. Um es kurz heraus zu sagen: Frau Sonja ist ertränkt worden.« Der arme Polizeileutnant schrak bei diesem brutalen Ausspruch zusammen. Krag aber fuhr fort, als ob er die Gemütsbewegung des anderen gar nicht bemerkt habe: »Hinterher ist der Mörder dann aus der Badeanstalt hinausgeklettert, ist auf den seichten Strand gekommen, auf der Sandbank zum Festland hinübergelaufen und weiter zum Garten des Etatsrats. In all der Zeit hat die Bedienung in dem Verwaltungszimmer gesessen. Niemand hat den Mörder kommen sehen, und er hat die Badeanstalt unbelästigt wieder verlassen können« Plötzlich schob der Polizeileutnant ein: »Sie vergessen das Halstuch.« »Wieso?« fragte Krag. Der Polizeileutnant zeigte mit bebenden Fingern auf die rostbraunen Flecke des Halstuchs. »Es ist ja blutig,« sagte er. »Und was schließen Sie daraus?« fragte der Detektiv. »Daß dennoch ein Kampf stattgefunden hat.« »Nein,« antwortete der Detektiv, »ich habe das Halstuch im Garten des Etatsrats gefunden.« »Der Verbrecher hat es natürlich von sich geworfen.« »Das dachte ich auch im ersten Augenblick. Als ich es aber mit den übrigen Umständen verglich, kam ich zu einem anderen Resultat. Der Etatsrat, dem die Villa gehört, erzählte mir nämlich, daß der Hund an jenem Nachmittag, als die Familie auf der Veranda beisammen saß, plötzlich mit einem furchtbaren Gebell durch den Garten raste und in der Richtung des Strandes verschwand. Der Etatsrat versuchte ihn zurückzurufen, aber ohne Erfolg. Der Hund fuhr mit seinem Gebell zwischen den Bäumen fort und war lange Zeit unruhig und erbittert. Es ist nicht schwer zu erraten, was vorgegangen war. Nachdem der Apache über die Sandbank auf den Strand gelangt war, ist er über das Gitter in den Garten des Etatsrats gestiegen, hat sich dort hindurchgeschlichen und die Aufmerksamkeit des Hundes geweckt. Als er aber auf der anderen Seite wieder über das Gitter klettern wollte, hat der Hund ihn angefallen. Das Gitter ist sehr hoch und nicht leicht zu übersteigen, für einen geübten Turner aber ist es immerhin möglich. Zwischen dem Hund und dem Menschen hat ein Kampf stattgefunden, und wir können annehmen, daß der Hund dabei gebissen hat. Indessen ist der Apache hinübergekommen, und auf der anderen Seite des Gitters, wo er also vor dem Hund in Sicherheit war, hat er die Wunden mit dem Halstuch abgetrocknet. Sie sehen, daß das Halstuch zerknüllt ist und die Blutflecke auf dem Tuch so verteilt sind, wie wenn man Blut mit einem Tuch abtrocknet. Nachher ist er dann so unvorsichtig gewesen, das Tuch fortzuwerfen. Ich fand es in dem Garten des Etatsrats. Als ich mit meinen Untersuchungen bis hierher gekommen war, fiel es mir leicht, sie fortzuführen. Ich konnte mir denken, daß der Mörder danach strebte, den Tatort so schnell wie möglich zu verlassen, und nachdem ich eine Menge Straßenbahnschaffner in Verhör genommen hatte, erfuhr ich, daß ihnen ein jüngerer, ausländisch aussehender Mensch mit einem zerrissenen Anzug und einer blutigen Hand aufgefallen war, der nachmittags mit der Straßenbahn zur Stadt gefahren war. Kurz vor der Stadt war er ausgestiegen, und der Schaffner hatte beobachtet, daß er gleich darauf ein Automobil nahm. Es fiel mir nicht schwer, dieses Automobil ausfindig zu machen. Der Chauffeur sagte mir, daß er den Fremden zur Fähre, die nach Malmö geht, gefahren habe.« Krag sah auf seine Uhr. »Und jetzt müssen wir uns beeilen,« sagte er, »wenn wir die Fähre nach Schweden erreichen wollen.«   Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Spur wird verfolgt Es war jetzt so spät geworden, daß die beiden Freunde sich beeilen mußten. Das Gepäck wurde auf ein Automobil geladen, und sie setzten sich hinein. »Ich verstehe allerdings nicht,« sagte der Polizeileutnant, »warum wir mit großem Gepäck von Kopenhagen aufbrechen. Aber das müssen Sie selbst bestimmen.« »Was sollten wir sonst tun?« fragte Asbjörn Krag. »Wir hätten ja unser Gepäck hierlassen und nur einen kleinen Besuch in Malmö machen können. Vielleicht ist der Apache schon wieder hier, wenn wir hinüber kommen.« »Vielleicht,« antwortete Krag, »jedenfalls aber müssen wir seiner Spur folgen. Es könnte ja auch sein, daß die Spur in eine andere Richtung führt, als nach Kopenhagen zurück. Er hat die Reise nach Malmö schon einmal gemacht, und da führte ihn sein Weg in eine ganz andere Richtung, wie Sie sich vielleicht erinnern.« Der Polizeileutnant wurde nachdenklich. »Ja,« antwortete er, »das ist wohl wahr. Damals waren die Apachen von Korsör geflüchtet und nach Malmö hinübergefahren.« »Und wo hatten sie sich damals hingewandt?« »Zum Badehotel Trinacria,« antwortete der Polizeileutnant. Er war sehr erstaunt über Asbjörn Krags Frage. »Sie meinen doch nicht,« sagte er, »daß der Apache sich wieder dorthin begeben hat? Dort ist ja alles geschlossen.« »›Café Babylon‹ nicht.« »Da haben Sie recht.« »Und wenn Sie zurückdenken,« fuhr Krag fort, »war gerade das ›Café Babylon‹ der Aufenthaltsort der beiden Apachen. Und wenn Sie es sich ferner recht überlegen, haben Sie mir noch keine befriedigende Erklärung darüber gegeben, warum die beiden ausländischen Verbrecher sich gerade an diesem Badeort herumtrieben. Ich bezweifle, daß es ausschließlich geschah, um zu stehlen. Ebensowenig kann es gewesen sein, um Frau Sonja zu treffen, denn sie wußten zuerst gar nicht, daß sie dort war. Darum ist es möglich, daß mit dem Aufenthalt der beiden Apachen im Badeort, ein Geheimnis verbunden ist. Also stehen wir abermals vor der Möglichkeit, daß sie zu dem Badeort zurückgekehrt sind. Für sie ist es ja einerlei, ob der Badeort geschlossen ist oder nicht, wenn sie nur Obdach im ›Café Babylon‹ bekommen. Darum ist es durchaus denkbar, mein lieber Helmersen, daß sie in diesem Jahre noch einmal nach Trinacria zurückkehren, und daß ich Gelegenheit finde, den Schauplatz Ihrer ersten großen Liebe kennen zu lernen.« Diese Reden wurden gewechselt, während sie zur Fähre fuhren. Unmittelbar nachdem sie mit ihrem Gepäck an Bord waren, ging die Fähre ab. Asbjörn Krag hatte weder Rast noch Ruhe. Es zeigte sich, daß die Fähre zufällig dieselbe war, die den Mörder über den Sund gesetzt hatte. Krag begann die Bedienung an Bord auszufragen. Der Polizeileutnant, der dem Verhör beiwohnte, mußte das Talent bewundern, mit dem er die Leute zum Reden brachte. Krag fragte selten direkt nach einer Sache. Oder richtiger gesagt, er stellte seine Fragen ganz auf den ein, mit dem er sprach. Er kannte die Veranlagung der meisten Menschen, um das Wesentliche herumzugehen. Asbjörn Krag aber besaß die seltene Fähigkeit, das Wesentliche aus ihnen herauszufragen. Auf der Überfahrt erfuhr er darum ziemlich genau, wie der Apache ausgesehen hatte. Der Kellner im Restaurant beschrieb seine Kleidung. Kellner haben ja bekanntlich einen guten Blick für die Kleidung der Leute, wonach sie taxieren, was sie an Trinkgeld erwarten können. Auch die Kellnerin beschrieb eingehend das Gesicht und die Hände des Apachen. Es zeigte sich, daß er ein sehr hübscher Mensch war, der das ungeteilte Interesse der Kellnerin geweckt hatte. Das Signalement, das Krag auf diese Weise bekam, stimmte allerdings nicht ganz mit dem Signalement überein, das der Polizeileutnant von dem Mann mit dem blauseidenen Halstuch gegeben hatte. Daran aber kehrte Krag sich nicht sonderlich. Er fand es begreiflich, daß der Apache sich verkleidet hatte. Weil Krag Wert darauf zu legen schien, dieses Signalement so genau wie möglich zu haben, trug er es in sein Notizbuch ein. Der Mann, der nach dem Mord, den er an Frau Sonja begangen hatte, mit der Fähre nach Schweden fuhr, wurde von dem Kellner und der Kellnerin folgendermaßen beschrieben: Er war mittelgroß, aber schmächtig gebaut. Der Kellner meinte, daß er nicht mehr als zwanzig Jahre alt sei, die Kellnerin riet auf fünfundzwanzig. Haare und Augenbrauen fast blauschwarz. Das Haar war sehr voll und fiel in dicken Locken in die Stirn. Die Augen des Burschen waren groß und dunkel und hatten einen eigentümlich scheuen Glanz. Die Kellnerin behauptete, daß sie einmal Tränen darin gesehen habe. Sie beschrieb seine Hände als aristokratisch und gepflegt. Bart hatte er nicht, aber auf Kinn und Oberlippe jenen bläulichen Ton, der auf kräftigen Bartwuchs deutet. Dann sein Anzug. Er war nicht elegant, eher bescheiden gekleidet. Er trug einen blauen Jackettanzug, der fertig gekauft zu sein schien. Er saß ihm nicht besonders. Der Kellner hatte die Beobachtung gemacht, daß sein Zeug etwas zerdrückt aussah, was darauf deuten konnte, daß es eine Zeitlang eingepackt gelegen hatte. Auf alle Fälle aber war das Zeug neu. Überhaupt war alles an ihm nagelneu, die Stiefel, der Schlips und die Sportmütze – aber nichts von allem schien ihm richtig zu passen. Seine Sprache hatte gleich den Ausländer verraten, aber er konnte sich doch sehr gut auf Dänisch verständigen. Im Restaurant hatte er ein Kotelett gegessen und beim Bezahlen ein goldenes Zwanzigkronenstück wechseln lassen. Gleich nach der Ankunft in Malmö war er auf eines der kleinen Hotels am Hafen zugegangen. Die Kellnerin, die ihn die ganze Zeit im Auge behalten hatte, meinte, daß er im »Hotel Hafnia« eingekehrt sei. Alle diese Aufschlüsse waren ja vortrefflich und ausführlich, dennoch schienen sie Asbjörn Krag nicht recht zu befriedigen. Er saß eine Weile grübelnd und stumm über sein Taschenbuch gebeugt. »Was, meinen Sie zu all dem?« fragte er den Polizeileutnant. »Ich meine,« antwortete dieser, »daß wir hier einen guten Steckbrief von dem Mörder haben. Ob es der Mann mit dem Halstuch ist oder nicht, jedenfalls wird er uns nach diesem Steckbrief nicht entgehen können. Einiges paßt ja auf den Mann mit dem Halstuch, nur daß er schmächtig gebaut sein soll, will mir nicht in den Sinn. Der Mann mit dem blauseidenen Halstuch war ganz im Gegenteil sehr muskulös und kräftig. Indessen kann man vielleicht davon ausgehen, daß die Kellnerin sich geirrt hat, und daß andere Dinge, die nicht stimmen, seiner Verkleidung zuzuschreiben sind.« Asbjörn Krag schüttelte den Kopf. »Es ist dennoch etwas Mystisches an der Sache,« sagte er, »ich finde die Spuren sind gar zu deutlich. Der Mensch hat nicht den geringsten Versuch gemacht, sich zu verbergen. Er ist ganz offenkundig an Bord gegangen, hat sich ins Restaurant gesetzt, mit dem Kellner und der Kellnerin gesprochen, und als er von Bord ging, ist er frischweg auf eines der kleinen Hotels losgesteuert. Das sieht so aus, als ob er die Polizei auffordern wollte, ihm zu folgen. Offen gesagt, mein lieber Helmersen, so tritt kein Mörder auf.« Die Fähre hatte jetzt Malmö erreicht. Die beiden Herren ließen ihr Gepäck von dem Hoteldiener nach »Hotel Malberg« bringen. Sie selbst begaben sich sofort nach dem »Hotel Hafnia«. Unterwegs sagte Asbjörn Krag: »Ich wünschte fast, daß unser Besuch im ›Hotel Hafnia‹ ohne Erfolg bliebe.« »Warum in aller Welt?« »Weil das mit meiner Annahme, daß der Mörder ein schlauer und gefährlicher Bursche ist, besser übereinstimmen würde.« Asbjörn Krags Wunsch aber sollte nicht in Erfüllung gehen. Im Hotel erinnerte man sich sogleich des fremden Menschen in dem blauen Jackettanzug. Er hatte dort vom Abend bis zum nächsten Nachmittag gewohnt. Er war ganz ohne Gepäck eingetroffen, hatte aber am nächsten Vormittag eine Menge Gepäck aus Kopenhagen nachgeschickt bekommen. Auf die Frage, ob sie wüßten, wohin er sich gewandt habe, antworteten sie, daß sie darüber Bescheid geben könnten. Er hatte sich vormittags nach seiner Ankunft im Hotel an ein Vermietungsbureau gewandt, um eine Wohnung auf dem Lande zu mieten und war dann gleich mit einer Lokalbahn weitergereist. Das Vermietungsbureau würde die Adresse gewiß angeben können. »Wieder eine Enttäuschung,« murmelte Krag. »Das geht zu leicht, ich bin nicht zufrieden.«   Dreiundzwanzigstes Kapitel Das Haus im Walde Asbjörn Krag wurde immer erstaunter, wie rasch ihm diesmal alles glückte. Er hatte noch keine größeren Anstrengungen gemacht, und alle Aufschlüsse, die er brauchte, fielen ihm in den Schoß. Das war ihm so ungewohnt, daß es ihn mißtrauisch machte. Einige Schwierigkeiten wären ihm lieber gewesen. Nach allem hatte es den Anschein, als ob der Mörder sich keine Mühe gegeben hatte, seine Spuren zu verbergen. Von dem Augenblick, wo er aus der Badeanstalt entschlüpft war, konnte Asbjörn Krag ihn so leicht verfolgen, wie man in einem Buch blättert. Von der Badeanstalt zur Fähre, von der Fähre nach Malmö, von der Fährbrücke in Malmö zu dem kleinen »Hotel Hafnia«, vom Hotel zum Vermietungsbureau – aber wie weiter? Es zeigte sich, daß es auch fernerhin keine Schwierigkeiten gab. Als Asbjörn Krag die Inhaberin des Vermietungsbureaus aufsuchte, war sie gleich bereit, ihm jede gewünschte Auskunft zu geben. Sie erinnerte sich noch sehr gut, daß vor einigen Wochen ein Mensch von ausländischem Typus dagewesen war, um eine kleine Villa vor der Stadt zu mieten. Krag forderte sie auf, diesen Mann näher zu beschreiben – und nach ihrer Schilderung konnte man nicht zweifeln, daß es der Mann mit dem seidenen Halstuch gewesen war. Ihre Beschreibung stimmte in allen Punkten mit der der Bedienung auf der Fähre und im Hotel überein. Der Mann mit dem Halstuch hatte nicht das Geringste getan, um sein Aussehen zu verändern. Krag konnte sich diese merkwürdige Sorglosigkeit nur dadurch erklären, daß der Apache so sicher gewesen war, niemand werde ihn mit dem Mord in Verbindung bringen, daß er es nicht der Mühe für wert gehalten hatte, sein Tun und Treiben zu verbergen. Im übrigen erfuhr er auf dem Vermietungsbureau, daß der seltsame Fremde gleich zugegriffen habe, als ihm eine kleine Villa bei der Landstation Söderviken, eine Stunde Eisenbahnfahrt von Malmö entfernt, angeboten worden war. Es schien ihm einerlei zu sein, was für eine Art Wohnung er bekam, wenn sie nur einsam gelegen war. »Wollte er denn dort ganz allein wohnen?« fragte Krag. »Ja, vorläufig wollte er dort ganz allein wohnen, aber in einigen Tagen erwartete er Besuch.« Die Frau schlug in einem Buch nach und zeigte auf einen Namen. »Sehen Sie, hier hat er sich eingeschrieben.« Krag las einen merkwürdigen Namen. Iwan Repin stand da. »Das ist ja russisch,« sagte Krag. »Ja,« antwortete die Frau, »er sagte auch, daß er Russe sei. Er erzählte, daß er Sprachen studiere und darum Einsamkeit brauche. Ich aber dachte mir gleich mein Teil dabei.« »Was haben Sie sich denn dabei gedacht?« »Na, es war nicht schwer zu erraten, was für eine Sorte Mensch er war. Von denen gibt es ja so viele in Schweden.« »Ich weiß noch immer nicht, was Sie meinen,« antwortete Krag. »Ach, der arme Mensch,« sagte die Frau fast träumerisch, »er sah so jung und unglücklich aus. Auch ganz hübsch. Wahrscheinlich war er einer von den Landesverwiesenen. Wir wissen ja alle, wie es den jungen Menschen in Rußland geht, warum sollte man ihnen was in den Weg legen? Lieber möchte man ihnen helfen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man ausgefragt wird, dann hat man nicht das Recht, Aufklärungen zu verweigern.« »Sie glauben also, daß dieser Fremde ein russischer Nihilist ist?« »Ja, das glaube ich.« »Und daß ich Polizeiagent bin?« »Auf diese Frage möchte ich die Antwort schuldig bleiben.« »Möglicherweise,« sagte Krag, »haben Sie damit das Richtige getroffen. Ich möchte gern mit dem Fremden sprechen, aber ich will nicht, daß irgendeiner erfährt, daß Jagd auf ihn gemacht wird.« Die Frau versprach, daß sie kein Wort davon sagen wolle, und nachdem Krag die nötigen Wegangaben bekommen hatte, wie sie die kleine Villa in Söderviken erreichen konnten, verließ er das Kontor der redseligen Frau. Seinem Kollegen in Kopenhagen hatte er gesagt, daß er im »Hotel Malberg« absteigen würde, und als er ins Hotel zurückkam, fand er dort einen Brief vor, den er mit größtem Interesse las, und der ihm allerhand zu denken gab. Er war von dem dänischen Detektiv Boyesen, der ihm schon in Kopenhagen behilflich gewesen war. Der Brief hatte folgenden Wortlaut: »Lieber Herr Krag. Da ich weiß, daß Sie sich so sehr für den traurigen Unglücksfall interessieren, durch den Frau Sonja Gade ihren Tod in den Wogen fand – ein Interesse, das ich übrigens nicht teile und mir auch gar nicht erklären kann – will ich nicht unterlassen, Ihnen etwas mitzuteilen, was die hiesige Polizei erfahren hat. Wie Sie wissen, ist Advokat Gade ein sehr vermögender Mann, und die Aufschlüsse, die ich erhalten habe, rücken die Begebenheit darum in ein höchst seltsames Licht. Niemand hat bisher gewußt, daß Frau Sonja einen besonderen Hang zu Luxus gehabt oder ungewöhnlich viel Geld verbraucht hat. Und doch zeigt es sich jetzt, daß sie hinter dem Rücken ihres Mannes merkwürdige Transaktionen gemacht hat, um bares Geld zu bekommen. Ein hiesiger Pfandverleiher hat der Polizei unter der Hand mitgeteilt, daß Frau Gade während des letzten halben Jahres Schmucksachen bei ihm für recht ansehnliche Geldbeträge versetzt hat. Jetzt fragen Sie vielleicht, mein lieber Krag, wie es zugehen konnte, daß sie ihre Schmucksachen ohne Wissen ihres Mannes versetzte. Sie hat sich in dieser Sache schlauer benommen, als man es einer Dame der Gesellschaft zutraut. Sie hat falsche Schmucksachen anfertigen lassen, die den echten genau glichen. Und während die echten in dem Pfandgeschäft lagen, hat sie bei den ersten Gesellschaften der Saison die falschen getragen. Was sagen Sie dazu? Ich weiß nicht, wie hoch der fragliche Betrag ist, nehme aber an, daß es mit Zinsen zehn- bis zwölftausend Kronen sein können. Das ist eine ganz hübsche Summe für ein halbes Jahr, nicht wahr, und das beste von allem ist, daß der Mann nichts davon ahnt. Tod und Teufel, wozu sie das Geld wohl gebraucht haben mag? Ob vielleicht doch etwas an dem Gerücht von Selbstmord dran sein sollte! Das ist also, was ich Ihnen mitteilen wollte, lieber Freund. Aufschlüsse, die die Polizei strenggenommen nichts angehen; darum bitte ich Sie, mit größter Diskretion davon Gebrauch zu machen. Ich hoffe, daß Sie sich in Schweden gut amüsieren.« Diesen Brief las Asbjörn Krag seinem Freund, dem Polizeileutnant, vor, als sie sich im Zug nach Söderviken befanden. »Aus diesem Brief geht hervor,« sagte er, »daß man jetzt in Kopenhagen Verdacht zu schöpfen beginnt, diese Affäre könnte dennoch irgend ein Geheimnis bergen. Ich hoffe daß die Polizei in Kopenhagen sich gut amüsiert.« Der Polizeileutnant war über den Brief ganz entsetzt. »Er bestätigt, was ich befürchtete, daß die elenden Banditen Frau Sonja Geld abgepreßt haben. Zu etwas anderem hat sie das Geld keinesfalls gebraucht. Sie lebte ja verhältnismäßig still und bescheiden.« Hierauf erwiderte Krag nichts, aber nach seiner zerstreuten Miene zu urteilen, schien ihn die Ansicht des Polizeileutnants nicht sonderlich zu interessieren. Im übrigen machte er während der einstündigen und langweiligen Reise nach Söderviken fast nicht den Mund auf. Von Malmö hatte er eine Depesche an den Amtmann des Ortes geschickt, der sie jetzt am Bahnhof erwartete. Im übrigen war es dunkel, als sie ankamen, so daß der Amtmann ihnen mit einer Laterne den Weg zum Amtmanns Hof zeigen mußte. Er war sehr gespannt, zu erfahren, was die beiden Detektivs in diesen entlegenen Erdenwinkel führte. Krag teilte ihm so viel mit, wie er für notwendig hielt, und der Amtmann, der ein sehr verständiger Mann war und begriff, daß etwas heimlich gehalten werden sollte, fragte nicht weiter. Als sie sagten, daß sie einem Russen namens Iwan Repin auf der Spur seien, konnte er ihnen gleich sagen, daß dieser Mann ihm bereits aufgefallen sei. Die Villa, die der Russe gemietet hatte, lag ungefähr zwanzig Minuten von der Wohnung des Amtmanns entfernt. »Man kann ihm leicht,« sagte der Amtmann, »am nächsten Morgen einen Besuch machen.« Dagegen aber protestierte Asbjörn Krag; er wollte sofort dorthin. Der Amtmann war etwas erstaunt über diese Eile, erklärte sich aber bereit mitzugehen. »Haben Sie eine Waffe bei sich?« fragte Krag. Der Amtmann sah Krag erstaunt an. »Waffe?« rief er aus, indem er seine gewaltige Gestalt aufrichtete. »Ich kann den Burschen mit meinen Händen in die Tasche stecken.« »Ich bin nicht feige,« antwortete Krag ernst, »aber ich verlange, daß Sie eine Waffe mitnehmen.« Der Amtmann steckte lachend einen geladenen Revolver in die Tasche, und dann begaben sich die drei Männer auf den Weg, um Sonja Gades Mörder aufzusuchen.   Vierundzwanzigstes Kapitel Ein unerwartetes Begegnis Der Amtmann wollte anspannen lassen, damit sie schneller hinkämen, weil es schon über Mitternacht war, Asbjörn Krag aber meinte, daß es besser sei zu gehen, um weniger Aufsehen zu machen. Darum machten sie sich zu Fuß auf den Weg. Es war eine kalte Nacht, Anfang Oktober. Die Kälte war noch nicht streng, doch hatte die Erde schon begonnen hart zu werden. Auf den Landstraßen lagen hohe Haufen von gelbem Laub. Die Nacht war sehr dunkel. Der Amtmann ging voran, und da er die Gegend wie seine Tasche kannte, kam man schnell vorwärts. Nach einer halbstündigen Wanderung blieb der Amtmann einen Augenblick stehen und sagte: »Wir müssen bald da sein.« Er sah sich um. »Hier muß ein Pfad durch den Wald führen,« sagte er. Krag zündete seine Taschenlaterne an, die ein breites, kräftiges Lichtband über den dunklen Waldsaum warf. Da wurde eine Öffnung zwischen den Bäumen sichtbar. Dort mündete der Weg. Der Amtmann schlug ihn ein, und die anderen folgten ihm auf den Fersen. »Was für eine Art Haus ist es, das der Mann bewohnt?« fragte Krag. »Ich hörte vorhin,« sagte der Amtmann lachend, »daß sie es eine Villa nannten. Das ist etwas übertrieben. Es ist ein kleines Häuschen, das ehemals, als der König hier Jagden abhielt, als Waldwärterwohnung diente. Das Haus hat, soweit ich weiß, nur ein einziges Zimmer und eine kleine Küche.« Nach einer Weile blieb der Amtmann stehen. »Wenn wir jetzt weitergehen,« sagte er, »kommen wir direkt auf die Hauswand zu.« »Gut, dann gehen wir weiter.« Sie brachen sich durch den immer dichter werdenden Wald Bahn. Die Unwegsamkeit des Pfades ließ vermuten, daß das Haus lange nicht bewohnt gewesen war. Plötzlich befanden sie sich auf einer Lichtung im Walde, und der Amtmann wäre beinahe über ein kleines Drahtgitter gestolpert, das hier gezogen war. Er fluchte. Asbjörn Krag ermahnte ihn, leise zu sein. Im übrigen schien es dem Amtmann ganz einerlei, ob er den Verfolgten weckte oder nicht. Er verließ sich einzig und allein auf seine Kräfte. Sie stiegen über das Gitter und gerieten in einen alten Kartoffelacker, wo das welke Kartoffelkraut sich ihnen feucht um die Füße wickelte. Schließlich gelangten sie bis an die Hauswand, und indem sie sich daran entlang tasteten, kamen sie bald zur Tür. Bei all diesem hatten sie so viel Lärm gemacht, daß Krag sich darüber wunderte, daß der Bewohner des Hauses sich noch nicht gezeigt habe. Als sie vor der Tür standen, forderte Krag den Polizeileutnant auf, seinen Revolver in Bereitschaft zu halten. Er selbst hielt den seinen in der Hand. Der Amtmann klopfte an die Tür, aber es kam keine Antwort von drinnen. Da stemmte er seine Schulter gegen die Tür. Die Türbretter knackten, und mit einem Krach sprang das Schloß auf. Die drei Männer traten hastig ins Haus. Asbjörn Krag leuchtete mit seiner Laterne. Im Zimmer war kein Mensch. Die drei Männer sahen sich an, und Asbjörn schüttelte ärgerlich den Kopf. Sollte der Mörder ihnen wirklich entschlüpft sein? Der Amtmann stieß eine Tür auf, die bisher angelehnt gewesen war. »Hier ist die Küche,« sagte er. Sie gingen hinein. Auch hier war kein Mensch. »Der Bursche scheint durchgebrannt zu sein,« rief Krag, »wir sind zu laut gewesen.« »Vielleicht hat er sich versteckt,« meinte der Amtmann. »Es gehört auch noch ein kleiner Keller zum Hause.« Er fand die Luke auf dem Fußboden und öffnete sie. Der Keller war ganz klein und niedrig. Man konnte ihn ganz übersehen, als Krag mit seiner Laterne hineinleuchtete. Im Keller war auch niemand. Sie mußten sich mit der Tatsache abfinden: der Bursche war fort. Gleichzeitig aber lag etwas über dem Zimmer, das den Detektiv zu der Annahme veranlaßte, daß der Bewohner seine Hütte nicht für immer verlassen habe. Krag begann jetzt mit größtem Interesse die Einrichtung des Zimmers zu untersuchen. Es war ersichtlich, daß der jetzige Besitzer das Haus möbliert gemietet und daß es vorher einige Zeit leergestanden hatte. Die wenigen Möbel waren hinfällig und verbraucht, aber sie waren so gestellt, daß das Zimmer eine gewisse Behaglichkeit bot. Es war nur ein einziges Fenster da. Davor war der Tisch gerückt, ein viereckiger, einfacher Holztisch. Auf dem Tisch lagen eine alte, gestickte Decke mit Fransen, ein Schreibzeug mit Mappe und einige Bücher. Daneben stand eine Lampe. Krag öffnete die Schreibmappe und sah, daß auf einem Stück Papier Buchstaben geschrieben waren, die er nicht kannte. Russisch wahrscheinlich. Krag besah auch die Bücher. Es waren alles neue in französischer Sprache. Sie trugen den Stempel eines Buchhändlers in Malmö. Nur in einigen schien gelesen zu sein, der Rest war noch unaufgeschnitten. Krag studierte die Titel der Bücher mit Interesse. Sie trugen die Namen der besten französischen Verfasser. Es schien ein gebildeter Mörder zu sein. Im übrigen war es erstaunlich, wie wenig Kleidungsstücke sich im Zimmer vorfanden. Da war nur ein Jackettanzug, der übrigens ganz neu war, einige Hemden, Kragen und etwas Unterzeug. Das war alles. Hingegen war es seltsam, wie viele Toilettesachen vor dem kleinen Spiegel standen. Da waren alle möglichen Dosen und Flaschen aufgereiht, wie man sie nur in den Garderoben eitler Schauspieler zu finden pflegt. Und Krag konnte dem Spiegel ansehen, daß der Besitzer des Zimmers verzweifelte Versuche gemacht hatte, ihn blank zu reiben. Vor dem Spiegel standen ein kleiner Tisch und ein Stuhl. »Hallo,« rief plötzlich der Polizeileutnant aus der Küche, wo er auf eigene Faust Untersuchungen vorgenommen hatte, »ich habe etwas gefunden.« Als er ins Zimmer kam, hatte er einige leuchtende, funkelnde Gegenstände in der Hand. Es waren Juwelen. Jetzt begann dem Amtmann die Sache etwas bunt zu werden. »Das ist ja ein Vermögen an Schmuck,« sagte er. »Entweder muß der Bewohner hier sehr wohlhabend sein, oder er ist ein Dieb.« »Ich glaube,« schob Krag ein, »wir gehen nicht fehl, wenn wir letzteres annehmen.« Er wollte die Juwelen sehen, und der Polizeileutnant ließ das Gefunkel in seine Hände gleiten. Es war ein Perlenhalsband, Ringe, ein Armband, ein Diadem. Krag untersuchte alles sorgfältig und legte es Stück für Stück beiseite. Die anderen betrachteten ihn gespannt. »Na,« fragte der Amtmann, »wie hoch taxieren Sie das Ganze?« Krag lächelte. »Gleich null,« sagte er. »Es ist alles falsch.« Er warf dem Polizeileutnant, der ganz verdutzt war, einen bedeutungsvollen Blick zu. »Erinnern Sie sich noch,« fragte er »des Briefes den ich Ihnen heute vorlas?« »Des Briefes von den falschen Schmucksachen und den verpfändeten echten? Ja.« Krag zeigte auf die Schmucksachen. »Können Sie sich das zusammenreimen?« »Ich kann es mir nur so zusammenreimen, daß der Apache nicht nur Mörder, sondern auch Dieb ist.« »Dann hat er bei dem ersten Geschäft mehr Erfolg gehabt als bei dem letzten,« antwortete Krag. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit der drei Männer von etwas anderem gefangen genommen. Durch die offenstehende Tür hörten sie einen Laut. Es war ein sonderbarer Laut. Es war, als ob jemand durch den Wald geschlichen käme. Etwas raschelte im Waldboden. Der Näherkommende schien über die Erde zu kriechen. »Die Waffen,« flüsterte Krag. Das Geräusch kam näher und näher. Jetzt war es gleich neben der Hauswand. »Stillstehen,« schrie Krag, »stillstehen! Oder ich schieße.« Der Mann aber schien auf die Drohung keine Rücksicht zu nehmen. Er kam näher und näher.   Fünfundzwanzigstes Kapitel Das Halsband Als die Männer das Knacken im Laub hörten und den schwarzen Schatten sahen, hatten sie alle drei das Gefühl, daß ihnen eine Gefahr drohe. Krag kommandierte mit lauter Stimme: »Die Revolver! Schießt, wenn er nicht steht!« Und auf Französisch rief er in die Dunkelheit hinaus: »Achtung! Keinen Schritt weiter!« Aber von neuem hörten sie den schleichenden Laut eines Körpers, der sich näherte, und in dem breiten Lichtband von Asbjörn Krags Blendlaterne sahen sie eine merkwürdige Erscheinung, eine phantastische Gestalt. Fast sah es aus, als ob sich ein Mensch auf allen Vieren näherte. Plötzlich sprang dieser Mensch durch die offene Tür ins Zimmer. In demselben Augenblick fiel ein Schuß, und gleichzeitig ertönte Asbjörn Krags Stimme: »Nicht schießen!« Aber es war bereits zu spät. Der eindringende Feind lag auf dem Fußboden und wand sich in den letzten krampfhaften Zuckungen. Es war kein Mensch, es war ein großer, schwarzer Hund. Die drei Männer beugten sich ratlos über das Tier. Der Amtmann stieß einen Fluch aus. »Da hätten wir auch was Besseres totschießen können.« sagte er. Asbjörn Krag legte sich neben dem Tier auf die Erde und hob seine Schnauze. Der Kopf des Hundes fiel schwer herab, das Tier war bereits tot. »Kennen Sie diesen Hund?« fragte der Detektiv. Der Amtmann schüttelte verneinend den Kopf. »Ich kenne alle Hunde hier auf den Höfen, in meilenweitem Umkreis,« sagte er, »diesen Hund aber habe ich noch nie gesehen. Es ist ein fremder Hund, aber er trägt ein Halsband, lassen Sie uns nachschauen.« Krag drehte an dem Halsband. Es war aus Leder, mit Silberplatten belegt. Auf einer Silberplatte stand der Name, Krag las ihn laut: »Pierre.« Etwas anderes stand nicht darauf. Weder eine Adresse noch der Name des Besitzers. Die französische Fassung des Namens Peter aber weckte Krags Aufmerksamkeit. Er nahm ein Messer und schnitt das Halsband durch. Beim Schein seiner Blendlaterne untersuchte er es sorgfältig. Er fand gleich eine Inschrift, die er dem Polizeileutnant zeigte. ES war ein Stempel des großen Pariser Warenhauses » Printemps «, ein Zeichen, daß das Halsband von dort stammte. Zum zweitenmal stießen sie auf den Namen des französischen Warenhauses. »Das Halsband ist französisch,« sagte er nachdenklich zu dem Polizeileutnant gewandt. »Und der Name des Hundes ist französisch. Es ist merkwürdig, mitten in Schweden auf so etwas zu stoßen. Und da der Amtmann den Hund nicht kennt, kann er uns allerhand zu denken geben.« »Mit andern Worten,« sagte der Polizeileutnant, »wir haben den Hund des Apachen erschossen.« »Vielleicht,« antwortete Krag, aber an seinem Tonfall konnte man hören, daß er doch seine Zweifel habe, ob diese Erklärung richtig sei. Indessen legte er das Halsband auf den Tisch. Darauf sah er sich nach dem einzigen Fenster in der Stube um und stellte seine Blendlaterne so auf die Erde, daß ihr Widerschein das Fenster nicht traf. Dann gab er dem Polizeileutnant ein Zeichen, daß er die Tür schließen solle, und als das besorgt war, bückte er sich wieder zu dem Hund herab. Es war ein prachtvolles Tier, ein großer, starker Neufundländer. Seine Rasse war unzweifelhaft echt, aber sein Äußeres ließ vermuten, daß er verwahrlost sei. Er war sehr abgemagert und hatte offene Wunden am Kopf und an den Ohren. Vor allen Dingen aber war er furchtbar schmutzig. Der Bauch und die Beine waren ganz von Kot bedeckt. Krag zupfte mit größter Vorsicht daran. Der Kot hing in Strähnen an dem langen Haar des Hundes und war getrocknet. Im übrigen war das ganze Fell von feinem Landstraßenstaub durchsetzt. Asbjörn Krag blickte auf. »Wie lange ist es her, seit Sie hier in dieser Gegend Regen gehabt haben?« fragte er. »Das ist lange her,« antwortete der Amtmann, »wir lechzen hier nach Regen, aber weiter südlich waren Niederschläge.« »Können Sie sich noch entsinnen,« fragte Krag den Polizeileutnant, »daß es in der Umgebung von Malmö regnete, als wir von dort abfuhren? Dieser Hund ist von weit hergekommen.« »Nach seinem Aussehen zu urteilen,« sagte der Amtmann, »könnte er direkt aus Frankreich gekommen sein.« »Dieser Hund,« bemerkte Krag ruhig, erzählt eine eigene Geschichte. Er macht den Eindruck, daß er verwahrlost ist. In Wirklichkeit aber ist er es nicht. Betrachten Sie diese geschwollenen Pfoten! Er ist einen weiten Weg gelaufen. Wahrscheinlich viele Meilen weit. Er ist von Süden gekommen und gestern über aufgeweichte Wege im Regenwetter gelaufen. Später ist er dann ganze Tage auf trockenen Wegen gerannt. Das kann man an dem trockenen und feinen Staub sehen, der sich in seinem Fell festgesetzt hat und der abfällt, wenn ich nur mit der Hand darüberstreiche. Er ist sicher mehrere Tage und Nächte getrabt. Die Wunden sind Denkzettel von Schlägereien mit anderen Hunden auf den Gehöften. Wahrscheinlich hat er versucht, etwas Freßbares zu stehlen und ist fortgejagt worden. Das arme Tier ist ganz abgemagert.« Krag schob ihn mit dem Fuß zum Kamin. »Wenn er uns nur etwas erzählen könnte,« sagte er, »wenn er uns nur erzählen könnte, woher er kam und wohin er wollte!« »Mich dünkt,« sagte der Polizeileutnant, »es ist nicht schwer zu erraten, wohin er wollte.« »Das meine ich auch,« schob der Amtmann ein, »der Hund wollte natürlich hierher.« Asbjörn Krag sah den Polizeileutnant zweifelnd an. »Meinen Sie wirklich, daß der Apache sich einen Hund gehalten hat?« Der Polizeileutnant schüttelte ratlos den Kopf. »Wer kann es wissen!« sagte er. »Es scheint ja alles zu stimmen – das französische Halsband, der französische Name, und der Hund ist hierhergelaufen, wo der französische Apache wohnt. Es muß ein treuer Hund gewesen sein, der der Spur von Kopenhagen aus gefolgt ist. Er hat sie bis zum Dampfer verfolgt und ist nach Schweden herübergekommen. Ein Hund, der seinen Herrn sucht, kann ja einen phänomalen Instinkt entwickeln.« »Sie vergessen,« sagte Krag, »daß man bei dieser Annahme voraussetzen muß, daß der Apache oder die Apachen den Hund aus Frankreich mitgebracht haben. Aus Frankreich direkt, wohl gemerkt, und es erscheint mir doch etwas unwahrscheinlich, daß zwei Verbrecher so ein Tier von Ort zu Ort mit sich schleppen. Dann hätten sie ihn ja auch auf ihrer mystischen Expedition in Trinacria bei sich gehabt. Abgesehen davon, daß dies völlig unwahrscheinlich ist, hat niemand sie mit dem Hund zusammen gesehen. Wo hätten sie ihn die ganze Zeit über verbergen sollen?« »Wie aber soll man sich die Anwesenheit des Hundes erklären?« sagte der Polizeileutnant. »Eine Erklärung gibt es, die mir einleuchtend dünkt,« antwortete Asbjörn Krag, »und zwar die, daß wir uns wieder einmal auf falscher Spur befinden.« Der Polizeileutnant machte ein verdutztes Gesicht, und der Amtmann der jetzt eine Ahnung vom Zusammenhang der Sache bekommen hatte, sagte: »Ja, auf andere Weise kann ich es mir auch nicht erklären, daß der Russe, den Sie verfolgen, meine Herren, so offen aufgetreten ist. Er hat ja nicht eine einzige seiner Handlungen zu verbergen versucht.« Asbjörn Krag nickte und lächelte zustimmend. »Ich glaube wirklich,« sagte er, »daß man uns nutzlos bis tief nach Schweden hineingelockt hat. Jetzt gilt es vor allem festzustellen, ob der Mann, den wir suchen, wirklich der Apache ist.« Er sah zum Fenster, durch das das beginnende Tageslicht mit mattem Schein hereinzusickern begann. Er löschte die Blendlaterne. Die drei Männer konnten sich in dem gespensterhaften, grauen Morgenlicht mit knapper Not sehen. »Wir müssen hier bleiben,« sagte er, »bis der Mann kommt.« Er zeigte durchs Fenster. »Sehen Sie dort den kleinen Schuppen,« sagte er. Darin können wir uns verstecken. Vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis er kommt, vielleicht aber wird noch geraume Zeit hingehen.« Sie wanderten alle drei zum Schuppen hinüber, und bevor die Nacht den Morgen noch ganz verdrängt hatte, kam der Bewohner der Villa.   Sechsundzwanzigstes Kapitel Der Bewohner der Villa Der Schuppen war ziemlich eng; man sah, daß er früher zum Aufbewahren von Gerätschaften gedient hatte, denn vereinzelte Dinge lagen umher oder hingen an rostigen Nägeln an den Wänden. Im übrigen war der Schuppen sehr baufällig, da er sicher seit Jahren nicht instand gesetzt war. Die Tür war eingeschlagen und lag mit zersplitterten Brettern über der Schwelle. Durch diese Öffnung konnten Asbjörn Krag und seine Begleiter alles sehen, was in der unmittelbaren Nähe der Villa vorging, ohne selbst gesehen zu werden. Es war die höchste Zeit, daß sie das Haus verlassen hatten, denn sie hatten noch nicht viele Minuten gewartet, als ein Geräusch im Walde verriet, daß jemand sich näherte. Es war eine menschliche Gestalt. In der grauen Dämmerung konnte niemand von ihnen die Gestalt genau unterscheiden. Es war ein Mann in einem gewöhnlichen Jackettanzug, mit einer Sportmütze auf dem Kopf. Es sah aus, als ob er geradewegs auf das Haus zuging. Er ging langsam und schlendernd und schien niemanden zu fürchten. Die Sportmütze war tief in die Augen gezogen, so daß man das Gesicht nicht sehen konnte. Um den Hals trug er ein Tuch. »Kennen Sie ihn?« flüsterte Krag dem Polizeileutnant ins Ohr. Der Polizeileutnant war sehr erregt. Er strengte sich an, den durch die Dämmerung Näherkommenden zu mustern. Aber sein Gesicht konnte er noch immer nicht sehen. »Es scheint alles zu stimmen,« flüsterte er, »der Anzug, das Halstuch, der Gang, die Gestalt, das Ganze. Er muß es sein.« Eine Weile schwiegen alle drei. Der Mann näherte sich dem kleinen Haus mehr und mehr. Er blickte zu Boden. Und plötzlich blieb er stehen. Er war auf etwas aufmerksam geworden. Und jetzt beugte er sich herab. »Er hat unsere Fußspuren entdeckt,« flüsterte Krag. »Verflucht, daß er nicht etwas früher gekommen ist, damit die Dunkelheit ihn daran verhindert hätte.« Der Fremde schien wirklich erstaunt zu sein. Er untersuchte den Boden in weitem Umkreis. Schließlich richtete er sich auf und blickte sich um, als ob er jemanden erwarte. Er lauschte. Als aber alles still blieb, ging er ins Haus. Jetzt war es Zeit. Die drei Männer verharrten noch ein paar Minuten in größter Spannung. Jeder glaubte mit Bestimmtheit, daß der Fremde jetzt bereits entdeckt haben müsse, daß Gäste in der Villa gewesen seien. Jetzt mußte er den Hund gefunden haben. Warum aber war er so still? Warum geschah nichts mehr? Nichts rührte sich in der Villa oder außerhalb. Es war, als ob niemand da sei. Der Polizeileutnant sagte leise, wie wenn ihm die Worte in der Kehle stecken blieben: »Ein furchtbarer Gedanke, daß der Mörder der armen Frau Sonja dort im Hause ist!« Er griff mit der Hand in die Tasche, und Krag verstand, daß er nach seinem Revolver fühlte. »Kaum zwanzig Schritt von mir entfernt,« fügte er hinzu. Asbjörn Krag klopfte ihn beruhigend auf die Schulter. »Seien Sie vorsichtig,« sagte er, »eine Dummheit oder eine leidenschaftliche Handlung kann alles verderben. Ich will mich allein zur Villa begeben.« Krag legte seinen Begleitern ans Herz, unbeweglich stehen zu bleiben, bis er sie riefe, und dann schlich er über einen Umweg durch den Wald zur Villa. Er wollte den offenen Platz vermeiden, um nicht vom Fenster aus gesehen zu werden. Die anderen folgten seiner Wanderung Schritt für Schritt mit den Augen. Inzwischen war es ganz hell geworden, und die schöne, blanke Herbstsonne legte ihr Gold auf die flimmernden Fensterscheiben. Asbjörn Krag schlich sich bis zum Fenster. Die anderen, die nur auf sein Zeichen warteten, um auch heran zu kommen, sahen von ihrem Versteck aus, wie er sich nach vorn beugte und ins Fenster hineinguckte. Sie hatten erwartet, daß er die größte Vorsicht beobachten würde. Statt dessen stellte er sich mitten vors Fenster, und an seiner Haltung konnten sie sehen, daß im Zimmer etwas Besonderes vorging. Die anderen warteten umsonst, daß er ihnen ein Zeichen geben würde, näher zu kommen. Fast hätte der Polizeileutnant die Geduld verloren. Endlich sah Krag zum Schuppen hinüber und winkte seinen Begleitern. Sie wollten sich mit größter Vorsicht auf demselben Weg näherschleichen, den Asbjörn gegangen war – erst durch den Wald und dann auf einem Umweg zum Hause. An Krags Gebärden aber sahen sie, daß sie sich diese Mühe nicht zu machen brauchten. Und darum kamen sie auf dem kürzesten Weg heran. Sie waren beide sehr gespannt, denn Krags Benehmen war höchst auffällig, vor allen Dingen sehr unvorsichtig. Was hatte der Detektiv gesehen? Als er das Fenster erreicht und ins Zimmer geblickt hatte, entdeckte er den Fremden sofort. Der Apache – und jetzt konnte er sehen, daß es wirklich ein typischer Apache war – kniete auf der Erde und hatte die Arme um den Hals des toten Hundes geschlungen. Das Fenster war geschlossen, so daß Asbjörn Krag nicht hören konnte, was der Apache sagte. Denn der Apache sagte etwas. Man konnte es an seinen Bewegungen, an dem nervösen Zucken der Schultern erraten. Fast sah es aus, als ob er dem toten Hund liebevolle und verzweifelte Worte ins Ohr flüsterte. Es sah aus, als ob er weinte. Nichts in der Welt hätte ihn in diesem Augenblick stören können, so hingenommen war er von seinem grenzenlosen Kummer über den Tod des geliebten Tieres. Einmal schien es Krag sogar, als ob der Apache zum Fenster aufblickte und ihn entdeckte. Aber er schien vollkommen stumpf gegen diese Entdeckung zu sein und warf sich wieder über den Hund. Da hatte Krag den anderen gewinkt. Die näherten sich behutsam dem Fenster. Asbjörn Krag ging ihnen entgegen und flüsterte dem Polizeileutnant zu: »Kommen Sie allein! Der Amtmann soll zurückbleiben.« Krag faßte seinen Freund unter Arm und zog ihn mit ans Fenster. Der Detektiv lächelte. Er war bei guter Laune. »Ich will Ihnen mal was zeigen,« sagte er. »Einen solchen Apachen habe ich noch nicht gesehen. Vielleicht ist die Zeit der Romantik doch noch nicht vorbei.« Der Polizeileutnant und Krag stellten sich ans Fenster und spähten hinein. Der Apache lag noch immer in seiner seltsamen Stellung, den Kopf in das schmutzige Fell des Hundes vergraben. Seine Mütze hatte er verloren. Sein Haar war kohlschwarz und fiel ihm in unordentlichen Strähnen in die Stirn. »Erkennen Sie ihn wieder?« flüsterte Krag. »Ich glaube , daß ich ihn erkenne,« antwortete der Polizeileutnant, aber es war etwas Unruhiges und Nervöses über ihn gekommen. Er preßte sein Gesicht gegen die Fensterscheibe und starrte ins Zimmer, als ob er ein Gespenst sähe. »Woran denken Sie?« fragte Krag. Aber der Polizeileutnant antwortete nicht. Er war viel zu sehr in den Anblick des Hundes und des Menschen in der Stube drinnen vertieft. Da plötzlich hob der Apache den Kopf, sie konnten beide sein Gesicht sehen. Es war vom Weinen vergrämt. Im selben Augenblick fuhr der Polizeileutnant zurück, als ob er von einer Kugel getroffen sei, und er wäre gefallen, wenn der Detektiv ihn nicht in seinen Armen aufgefangen hätte. Er war blaß wie ein Toter. Da erklang drinnen in der Hütte ein Schrei. Die Tür wurde aufgerissen, und im nächsten Augenblick verriet ein Sausen durch den Wald, daß ein Mensch flüchtete. Der schwedische Amtmann lief herbei. »Der Bandit brennt durch,« schrie er. Krag hob seinen Revolver. Durch die Baumstämme konnten sie die flüchtende Gestalt sehen, die sich mit fabelhafter Geschwindigkeit über den weichen Waldboden bewegte. Krag, der ein vortrefflicher Revolverschütze war, wollte gerade abdrücken, als der Polizeileutnant sich an seinen Arm hing. »Um Gottes willen, nicht schießen!« rief er atemlos. »Es ist nicht der Apache.« Die flüchtende Gestalt rannte jetzt über die Landstraße. Dort stand an einen Baum gelehnt ein Zweirad, auf das der Apache sich schwang. Er raste mit wahnsinniger Schnelligkeit davon. Im nächsten Augenblick hatten sie ihn aus dem Gesicht verloren. Jetzt trat der schwedische Amtmann zu ihnen. »Ihr Norweger seid komische Leute,« sagte er. »Erst sucht Ihr jemanden, und wenn Ihr ihn gefunden habt, laßt Ihr ihn laufen. Was soll das bedeuten?« »Das soll bedeuten,« antwortete der Polizeileutnant, »daß wir uns in der Person geirrt haben.« »Haben Sie den Apachen erkannt?« fragte Krag. »Ja,« antwortete der Polizeileutnant, »ich habe sie erkannt.« › Sie ‹ hatte er ausdrücklich gesagt.   Siebenundzwanzigstes Kapitel Lebendig oder tot Der Polizeileutnant sah so merkwürdig aus, und was er gesagt hatte, klang so sonderbar, daß die beiden anderen wie versteinert dastanden und ihn anblickten. Er war sehr blaß und zitterte am ganzen Körper. Asbjörn Krag hielt ihn noch immer in seinen Armen, und nachdem er sich losgerissen hatte, packte er den Detektiv am Handgelenk und klammerte sich an seinen Revolver. Er wollte ihn daran hindern, auf den Flüchtling zu schießen, und bedachte keinen Augenblick, daß er sein eigenes Leben in Gefahr brachte, indem er sich vor Asbjörn Krags Waffe stellte. Und dabei murmelte er ganz verstört und geistesabwesend: »Um Gottes willen Krag, wissen Sie, was Sie fast getan hätten? Sie hätten sie fast erschossen!« »Wen?« fragte Krag heiser, indem er ihn von sich schob. »Sie,« antwortete der Polizeileutnant nur. Krag schüttelte halb ärgerlich, halb ratlos den Kopf und blickte über den Weg, wo der Flüchtling gerade zwischen den herbstgelben Bäumen verschwunden war. Er sah den Polizeileutnant streng an und fragte: »Ist es vielleicht Ihre Meinung, daß wir den Flüchtling nicht verfolgen sollen?« »Doch,« antwortete der Polizeileutnant. Asbjörn Krag lachte. Und es war ein Lachen voller Zorn und Erbitterung. Der Amtmann wandte sich ab und betrachtete die ziehenden Wolken am Himmel. Eine Bewegung seiner Schultern ließ ahnen, daß er sich mächtig über etwas dort oben amüsierte. Krag faßte den Polizeileutnant am Arm. »Kommen Sie zu sich!« rief er eindringlich. Und der arme Polizeileutnant schien wirklich unter Asbjörn Krags Blick zu sich zu kommen. »Entschuldigen Sie,« sagte er, »aber ich weiß selbst nicht, ob ich einen Lebenden oder einen Toten gesehen habe.« »Meinen Sie den Menschen, der eben flüchtete?« fragte Krag. »Der war springlebendig, das kann ich Sie versichern.« Der Polizeileutnant nickte und sah über die Landstraße. Er wurde von einem Kälteschauer geschüttelt. Asbjörn Krag gewahrte es und fragte ihn: »Fürchten Sie sich vor etwas?« Der Polizeileutnant fuhr sich nervös mit der Hand über die Stirn. »Ja,« flüsterte er, »ich fürchte mich vor mir selbst. Vielleicht habe ich eine Sinnestäuschung gehabt. Haben Sie das Gesicht gesehen. Krag?« »Ja.« »Es war ein wunderschönes Gesicht, nicht wahr.« Krag lächelte. »Finden Sie?« fragte er. »Große braune Augen, lange gebogene Augenwimpern, nicht wahr?« »Kann schon sein,« antwortete Krag. »Reiches, schwarzes Haar, eine feingeschnittene, nervöse Nase ...« Krag unterbrach ihn. »Nun mag es genug sein,« sagte er, »Sie kennen also den Menschen. Sagen Sie uns, wer es war!« »Erinnern Sie sich noch,« fragte der Polizeileutnant, »daß ich zu Ihnen sagte, während wir im Schuppen standen: Es ist ein furchtbarer Gedanke, Frau Sonjas Mörder so nah zu sein? Als ich dann zu Ihnen ans Fenster trat, meinte ich, daß ich den Mann mit dem blauseidenen Halstuch zu sehen bekommen würde. Sie dürfen nicht glauben, daß ich verrückt bin, lieber Krag, aber wissen Sie, wen ich drin sah?« »Ich hoffe, daß ich es endlich erfahre.« »Es war nicht der Mann mit dem Halstuch,« fuhr der Polizeileutnant fort, »es war auch nicht der andere Apache, sondern es war die Ermordete.« »Die Ermordete?« fragte Krag. »Ja,« antwortete der Polizeileutnant, »es war die ermordete Frau Sonja, die ich sah, und sie ist es auch, die über die Landstraße geflüchtet ist.« Asbjörn Krag faßte seinen Freund unter dem Arm und ging ein paar Schritte mit ihm. Der Amtmann betrachtete noch immer die Wolken und die Landschaft die ihm auch ferner viel Spaß zu machen schienen. »Frau Sonja in Männerkleidern,« sagte Krag, »das erscheint mir sonderbar.« »Aber ich könnte jeden Eid darauf leisten, daß sie es war.« »Dann ist sie also gar nicht tot.« Der Polizeileutnant überlegte eine Weile, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, nein,« murmelte er halb für sich. »So ähnlich können zwei Menschen sich nicht sehen.« »Gut, dann nehmen wir also an, daß sie es war,« sagte Krag etwas ungeduldig. »Aber wenn Frau Sonja nicht tot ist, dann ist ja auch kein Mörder da, nicht wahr?« »Nein.« »Und dann ist unsere ganze Untersuchung überflüssig Daß eine Dame sich in Männertracht kleidet und nach Schweden reist, kann unmöglich ein so gewaltsames Eingreifen von unserer Seite rechtfertigen. Demnach liegt also nichts anderes vor als der Überfall auf Advokat Aage Gade. Das aber ist nicht genug für uns. Das ist eine reine Kriminalangelegenheit und geht nur die Kopenhagener Polizei an.« Während Krag sprach, hatte er seinen Freund die ganze Zeit prüfend angesehen. Er war offenbar nur so abweisend, um die Meinung seines Freundes zu erfahren. Gleichzeitig zog er ihn mit sich über die Landstraße. Sie gingen schneller und schneller, und Asbjörn Krag war es, der das Tempo beschleunigte. Der Amtmann folgte ihnen in einiger Entfernung. Der Polizeileutnant sagte: »Ich bin sehr glücklich, daß die Sache diese Wendung genommen hat, und ich finde es recht herzlos von Ihnen, daß Sie den Fall mit so kalten Augen betrachten. Kaum zeigt es sich, daß kein Mord vorliegt, so verlieren Sie jedes Interesse. Ehrlich gesagt, ich finde, daß Sie etwas zu viel Detektiv und etwas zu wenig Mensch sind.« Krag antwortete nicht. Er ließ den andern reden. Aber er beschleunigte seine Schritte immer mehr. Sie gingen jetzt sehr schnell. »Sie sollten sich lieber freuen, daß die Menschheit von dieser Greueltat verschont geblieben ist,« fuhr der Polizeileutnant fort, der immer heftiger zu werden begann. »Und es sollte Sie mit Genugtuung erfüllen, daß eine so schöne und gute Dame nicht durch Mörderhand ums Leben gekommen ist.« Asbjörn Krag blickte neugierig zu ihm auf, während er neben ihm herschritt. »Und im übrigen,« sagte der Polizeileutnant, »finde ich gar nicht, daß die Sache dadurch weniger geheimnisvoll oder interessant wird. Im Gegenteil. Jetzt müssen wir uns die Frage vorlegen: Warum in aller Welt hat sie diese Komödie in Szene gesetzt? Das ist doch wirklich ein großes und eigentümliches Rätsel. Wie hat sie aus der Badeanstalt entschlüpfen können? Was hat sich in der Badeanstalt ereignet? Was hat der Mann mit dem Halstuch dort vorgenommen? Wo ist er geblieben? Warum hat Frau Sonja sich in dieser öden Gegend versteckt? Hat sie ihren Mann in das Geheimnis eingeweiht? Wie ist der Hund hierher gekommen? Das alles sind Rätsel, die einer Lösung harren.« Plötzlich sah der Polizeileutnant Asbjörn Krag ins Gesicht. Er hatte das aufmerksame Blinzeln in seinen Augen bemerkt. »Und außerdem glaube ich Ihnen kein Wort,« sagte er. »Was glauben Sie nicht?« »Ich glaube nicht, daß Ihnen die Sache langweilig geworden ist, weil kein Mord vorliegt.« »Sie haben so unrecht nicht,« antwortete Krag. »Es war gut, daß wir nicht geschossen haben. Frauen dürfen sich allerdings nicht öffentlich in Männerkleidung zeigen, aber Todesstrafe steht nicht darauf.« »Warum gehen Sie so schnell?« fragte plötzlich der Polizeileutnant. Asbjörn Krag antwortete nicht. Er blickte die ganze Zeit auf die Erde. »Oh, jetzt weiß ich es,« unterbrach sich der Polizeileutnant, »Sie verfolgen Frau Sonja.« »Ja,« antwortete Krag, indem er auf die Erde zeigte, »dort laufen die Spuren des Fahrrades.«   Achtundzwanzigstes Kapitel Die verlorene Spur Asbjörn Krag und Helmersen folgten den Spuren längs des Grabenrandes. Die Abdrücke der Reifen zeichneten sich deutlich in der feuchten Erde ab. »Sie kann uns nicht entgehen,« sagte Krag. »In einer Viertelstunde sind wir in Söderköping. Dort kann ich ein Fahrrad bekommen, und dann übernehme ich es, ihren Spuren auf allen Landstraßen der Welt zu folgen.« Hierauf antwortete der Polizeileutnant nichts. Seine Augen hatten einen geistesabwesenden und ängstlichen Ausdruck bekommen. Krag guckte ihn von der Seite interessiert und prüfend an. »Na,« fragte er, »wollen Sie mit von der Partie sein?« »Ja,« antwortete der Polizeileutnant mürrisch. Krag klopfte ihn beruhigend auf die Schulter. »Nur heraus mit Ihren Bedenken!« »Ich möchte sie natürlich furchtbar gern wiedersehen,« antwortete der Polizeileutnant mit Überzeugung. »Aber ich überlege, wen wir eigentlich verfolgen. Anfangs glaubten wir, hinter einem internationalen Verbrecher her zu sein, den wir in Verdacht hatten, oder richtiger gesagt, von dem wir mit Bestimmtheit annahmen, daß er einen Mord begangen habe. Jetzt aber haben wir den Verbrecher verloren und verfolgen eine Dame, die sich aus irgendeinem Grunde als Mann verkleidet hat –« Der Polizeileutnant warf einen Blick auf den schwedischen Amtmann, der ihnen in einiger Entfernung folgte. »Ich habe das bestimmte Gefühl,« sagte er, »daß wir keinem Verbrecher mehr auf der Spur sind. Diesem Mann aber haben wir ein Verbrechen gemeldet, darum sind wir gezwungen, die Meldung zurückzunehmen.« »Warum?« Der Polizeileutnant schnitt eine Grimasse. »Meinen Sie vielleicht,« fragte er, »daß wir noch immer auf einen Verbrecher Jagd machen?« Asbjörn zeigte auf die Fahrradspuren. »Ich meine,« antwortete der Detektiv, daß diese Spuren uns der Aufklärung eines Verbrechens näherbringen werden.« »Welches Verbrechen?« »Eines, daß wir nicht kennen, das wir vielleicht ahnen. Vielleicht ist es noch gar nicht begangen, sondern schwebt nur wie eine Drohung in der Luft.« »Und sie sollte an diesem Verbrechen teilhaben?« »Lieber Freund,« sagte Krag – und jetzt war wirklich ein Ton von Mitleid in seiner Stimme »bisher haben wir geglaubt, einen Verbrecher zu verfolgen. Ich sehe nicht ein, weshalb wir unsere Auffassung ändern sollten.« Da fuhr der Polizeileutnant auf und blieb stehen. »Weitergehen!« sagte Krag barsch. »Ich werde mit dem Amtmann sprechen.« Er wandte sich zu ihrem schwedischen Begleiter um, der sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten hatte, weil er begriff, daß die beiden norwegischen Herren etwas Privates zu verhandeln hatten. Jetzt hatte Krag eine hastige Unterredung mit ihm am Wegsaum. Aus der schlecht verborgenen Munterkeit des Amtmanns ersah Krag, daß dieser den ganzen Aufwand für lächerlich hielt. Das Benehmen der beiden Norweger und ihre vielen rätselhaften Bemerkungen waren nicht dazu geeignet gewesen, ihm einen Eindruck von der Ernsthaftigkeit der Situation zu geben. Darum fiel es Krag nicht schwer, ihn davon zu überzeugen, daß man seine Hilfe nicht mehr brauchte, und daß diese Affäre vorläufig nicht mehr als Kriminalsache zu betrachten sei. Krag dankte dem Amtmann für seine Hilfeleistung und bat ihn noch, ihnen in Söderköping ein oder zwei Fahrräder zu verschaffen. Dies versprach der Amtmann mit größter Bereitwilligkeit. Dann gingen sie alle drei zusammen weiter. Und dadurch wurde der Polizeileutnant daran verhindert, Krag eine nähere Erklärung betreffs seiner sonderbaren Bemerkung über Frau Gade abzufordern. Aber er konnte nicht vergessen, was Asbjörn Krag gesagt hatte. Er war die ganze Zeit stumm, während die andern lebhaft über andere Dinge sprachen, über die neuesten schwedischen Rechtsfälle und dergleichen. Krag verriet in all diesen Dingen eine Lokalkenntnis, die den schwedischen Amtmann in Erstaunen setzte. So verging einige Zeit, und sie näherten sich bereits Söderköping. Der Morgen schritt immer weiter vor. Hin und wieder begegnete ihnen ein Wagen, oder ein Fußgänger kam der sie ehrerbietig grüßte, verwundert, an diesem Ort und zu dieser Zeit Fremde zu treffen. Plötzlich blieb Asbjörn Krag mit einem Ausruf stehen. Sie waren zu einer Brücke gekommen, die über einen kleinen Bach führte. Oder richtiger, es waren eigentlich zwei Brücken. Eine Kombination von einer Eisenbahnbrücke und einer Brücke für Fußgänger und Fuhrwerke. Die eine über der andern. Darunter floß der Bach. Er war schmal, aber tief und reißend. Da die Landstraße zur Brücke abfiel, war es dort ziemlich morastig. Krag war stehengeblieben, weil er entdeckt hatte, daß die Fahrradspuren hier plötzlich aufhörten. Sie führten in den Graben hinunter und verschwanden. Er untersuchte die Landstraße in weitem Umkreis und folgte den Spuren ein Stück rückwärts. Man sah, daß ein Gedanke von ihm Besitz ergriffen hatte der ihn sehr beschäftigte. »Die Flüchtende,« sagte er, »ist sehr schnell gefahren. Das kann ich an den Fahrradspuren sehen, die wie mit dem Lineal gezogen sind. Plötzlich aber hat sie nicht weiterfahren wollen und ist hier abgesprungen.« »Vielleicht ist sie der Brücke wegen abgestiegen,« schob der Amtmann ein. Asbjörn Krag schüttelte den Kopf. »Nein,« antwortete er, »dann würde man die Spuren des Rades in der weichen Erde sehen können. Sie ist abgestiegen und nicht weitergefahren. Wo aber ist sie geblieben, zum Teufel? Und das Rad? Hier ist die Erde ja überall so weich, daß sie jede Spur festhalten würde. Und ich kann nicht das Geringste sehen.« Krag betrachtete den Weg von neuem mit größter Aufmerksamkeit. Seine Augen schweiften über die Brücke zur Eisenbahnbrücke und in den rinnenden Bach hinunter. Dann sah er auf seine Uhr. »Die Uhr ist jetzt 7,« sagte er, »und ich nehme an, daß der Flüchtling einen Vorsprung von 35 oder 40 Minuten gehabt hat. Lieber Amtmann, Sie wissen gewiß die Fahrzeiten der Züge, nicht wahr?« »Ich kenne ihre Ankunftszeit und Abgangszeit in Söderköping genau,« antwortete der Amtmann. »Dann können Sie wohl auch ausrechnen, ob hier vor ungefähr einer halben Stunde ein Zug vorbeigefahren ist?« Der Amtmann dachte nach. »Ja,« sagte er, »das kann stimmen. Um die Zeit ist der Schnellzug nach Helsingborg hier vorbeigekommen. Er soll um ½7 in Söderköping sein. Das stimmt also auf ein Haar.« »Dann ist mir alles erklärlich,« rief Krag. »Die Flüchtende hat den Schnellzug kommen sehen und gleichzeitig einen Plan gefaßt. Sie hat erkannt, daß es ihr nicht mehr möglich sein würde, mit dem Fahrrad zu entkommen, wenn die Telephonämter an den verschiedenen Orten ihren Tagesdienst eröffneten. Da hat sie den verzweifelten Entschluß gefaßt, auf den Zug zu springen. Über diese alte gebrechliche Brücke fährt der Zug natürlich sehr langsam. Gleichzeitig hat sie ihre Verfolger auf eine falsche Fährte bringen wollen. Meine Herren, das scheint mir ganz klar. Sie hat das Fahrrad in den Bach geworfen, ist auf die Brücke geklettert, und es ist ihr gelungen, sich auf den Schnellzug zu schwingen. Ich nehme an, daß Frau Sonja bereits in Helsingborg ist.« Der Polizeileutnant unterbrach seinen Kollegen zornig: »Hier ist die Rede von einer Dame,« sagte er, »und nicht von einem Akrobaten.« Lieber Freund,« antwortete Asbjörn Krag, »ich sehe, daß ich Frau Sonja besser kenne als Sie. Wir reisen jetzt nach Helsingborg. Wenn mich nicht alles täuscht, erwartet uns dort ein kleines Abenteuer.«   Neunundzwanzigstes Kapitel Der Richtige Während der Amtmann sofort einsah, daß Asbjörn Krag mit seiner Vermutung recht haben müsse – die Radfahrspuren redeten ja eine eindringliche Sprache – blieb der Polizeileutnant dabei; daß er der Dame keine solche Behendigkeit zutrauen könne. Als Krag ihn fragte, wo sie seiner Auffassung nach denn geblieben sei, deutete er geheimnisvoll und erschüttert an, daß sie vielleicht den Tod im Bach gesucht habe. »Lieber das,« sagte er. Da lachte Asbjörn Krag, aber er wurde gleich wieder ernst, als er die traurige Miene des Polizeileutnants sah. Dieser Mann liebte Frau Sonja wirklich. Es zeigte sich, daß sie nicht vor zehn Uhr nach Helsingborg kommen konnten, und obgleich Krag sehr ungeduldig war, mußte man sich damit abfinden. In Söderköping klopfte der Amtmann die Bedienung des kleinen Hotels heraus, und die müden Reisenden nahmen ein stärkendes Frühstück. Darauf legte der Polizeileutnant sich ganz erschöpft zum Schlafen. Asbjörn Krag aber schien keine Müdigkeit zu kennen. Nachdem er sich von dem Amtmann verabschiedet und für seine liebenswürdige Hilfe gedankt hatte, setzte er sich hin und schrieb einige Briefe und Depeschen. Daß sämtliche Depeschen an dänische Polizeikollegen in Kopenhagen gerichtet waren, bewies, daß seine Arbeit am Schreibtisch den mystischen Flüchtling Frau Sonja Gade betraf. Als er fertig war, weckte er seinen Freund, und sie gingen zusammen zum Bahnhof. Um 12 Uhr waren sie in Helsingborg. Bereits bei ihrer Ankunft dort, gleich am Bahnhof, setzte Asbjörn Krag seine Nachforschungen fort. Hier mußte er sich abermals über die Offenheit wundern, womit der Flüchtige die ganze Zeit zu Werke gegangen war. Auf seine Fragen sagte der Bahnhofsvorsteher aus, daß er am Morgen einen jungen Mann bemerkt habe, mit mädchenhaften Zügen, vollem, schwarzem Haar und einem Anzug, der ihn merkwürdig umschlotterte. Außerdem war dem Gepäckträger vorm Bahnhof derselbe junge Mensch aufgefallen, weil er eine Droschke zum Hotel nahm, obwohl das Hotel gleich um die Ecke lag, und er kein Gepäck hatte. Wer sich am meisten über diese Aufschlüsse wunderte, war der Polizeileutnant. Also hatte Asbjörn Krag doch recht gehabt. Es war der schönen Frau geglückt, sich auf den Schnellzug zu schwingen, mit einer Behendigkeit, die er ihr nie zugetraut hätte. Und sie mußte auf den Zug gelangt sein, ohne daß jemand sie bemerkt hatte, sonst wäre sie sicher verhaftet worden. Darauf hatte sie sich in einen Wagenabteil begeben und beim Schaffner ein Billett gelöst, unter dem Vorwand, daß sie zu spät zum Bahnhof gekommen sei. Ganz unbehindert und in dem Glauben, daß sie ihre Verfolger auf eine falsche Spur gebracht habe, war sie dann in Helsingborg ausgestiegen und ins Hotel gegangen, ohne es für nötig zu halten, sich zu verbergen. Von dem Augenblick, wo der Polizeileutnant alles dies einräumen mußte, widersprach er seinem Freund nicht mehr. Die Aufklärungen aber, die sie im Hotel bekamen, wo Frau Sonja eingekehrt war, setzten ihn noch mehr in Erstaunen. Die Leute im Hotel bestätigten, daß vormittags ein junger Mann, gekommen sei, auf den die Beschreibung genau paßte. Man hatte ihm ein kleines Zimmer angewiesen, und da das Hotel eine Vorausbezahlung verlangte, weil der junge Mensch ohne Gepäck war und überhaupt verdächtig aussah, hatte er sich einen ziemlich hohen Geldschein wechseln lassen. Darauf hatte er sich nach dem nächsten Zug nach Christiania erkundigt und die Zeit in seinem Notizbuch aufgeschrieben. Bald danach war er in die Stadt gegangen, und als er zurückkam, trug er ein großes Paket unterm Arm. Dann blieb er eine Stunde auf seinem Zimmer Als er aber herauskam, trug er einen ganz anderen Anzug, einen viel eleganteren, der ihm besser saß. Hier unterbrach Krag den Portier, indem er ihn um eine nähere Beschreibung des Anzugs hat, die er auch bekam. »Und wo ist der junge Mann geblieben?« fragte Krag, nachdem er alles genau in sein Notizbuch eingetragen hatte. »Wohnt er hier noch im Hotel?« »Nein,« antwortete der Portier, »er ist abgereist.« »Wohin?« »Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte. Als er zum zweitenmal hier bei der Portierloge vorbeiging, übergab er mir einen Brief zur Aufbewahrung. Er trug eine kleine Tasche in der Hand. Ich fragte ihn, ob er abreisen wolle, aber er antwortete nur: ›Was geht das Sie an, habe ich nicht für mehrere Tage bezahlt?‹ Ich verbeugte mich nur und sagte: ›Wie Sie wünschen, mein Herr.‹ Als er aber aus der Tür war, gab ich einem meiner Laufjungen einen Wink, und von diesem Augenblick an folgte dem jungen Menschen ein Spion auf den Fersen. Im übrigen schien ihn die Möglichkeit, daß man ihn ausspionieren könne, ganz und gar nicht zu interessieren, denn er blickte sich nicht ein einziges Mal um. Er ging zum Bahnhof, und als der Zug nach Christiania kam, stieg er ein und fuhr ab. Das ist alles, was ich weiß.« »Er hatte Zimmer Nr. 27, nicht wahr?« fragte Krag. »Das stimmt. Aber woher wissen Sie das, mein Herr?« Krag zeigte auf die Fremdentafel. »Da steht ja noch der Name,« sagte er. »Iwan Repin, er ist Russe.« Der Portier nickte. Asbjörn Krag streckte die Hand aus. »Den Brief,« sagte er. »Den Brief, den Iwan Repin hinterlassen hat. Er sollte dem Herrn oder den Herren, die nach ihm fragten, ausgeliefert werden, nicht wahr? Und hier sind wir. Also her mit dem Brief.« »Es steht ein Name auf dem Kuvert,« antwortete der Portier. Asbjörn Krag überlegte. Er war nicht ganz sicher, welcher Name es sein könnte. Der Portier aber kam ihm unerwartet zu Hilfe. »Ich höre, daß Sie Norweger sind,« sagte er. Das gab Krag eine Idee. »Ich werde Ihnen sagen, welcher Name auf dem Kuvert steht,« sagte er. »Da steht: Polizeileutnant Helmersen.« Der Portier verbeugte sich. »Sehr richtig,« sagte er, »hier ist der Brief.« Asbjörn Krag steckte den Brief ein, obgleich der Polizeileutnant schon die Hand danach ausgestreckt hatte. »Was sollen wir mit den Kleidungsstücken machen?« fragte der Portier. »Welchen Kleidungsstücken?« »Der junge Mann hat seine alten Sachen hier gelassen.« »Bewahren Sie sie auf, bis er wiederkommt!« Asbjörn Krag hatte es jetzt eilig. Er zog seinen Freund mit in das Café des Hotels. In einer stillen Ecke bestellten sie sich eine Erfrischung. Und dann öffnete er den Brief und reichte ihn dem Polizeileutnant. Dieser nahm ihn mit zitternden Händen. Es war Sonjas Handschrift. Der Polizeileutnant las ihn erst stillschweigend, dann las er ihn Krag vor. Es war ein seltsamer Brief. »Lieber Freund,« schrieb sie, »Sie haben meinen Hund, meinen treuen Cora, getötet und mir einen großen Kummer bereitet. Warum wollen Sie nicht verstehen, daß ich allein sein möchte? Warum folgen Sie mir trotz Ihres Versprechens? Wenn Sie noch Freundschaft für mich fühlen, müssen Sie diese sinnlose und herzlose Verfolgung einstellen. Sie vergrößern nur meine Leiden, und ich leide schon so genug. Ich hinterlasse diesen Brief hier, weil ich annehme, daß, wenn Sie meinen früheren Aufenthalt ausfindig gemacht haben, Sie mir überall zu folgen imstande sind. Aber ich bitte Sie noch einmal: Lassen Sie mich in Ruhe, vielleicht werden Sie mich dann um so eher wiedersehen. Ihre Freundin.« Keine andere Unterschrift. Helmersen hatte Tränen in den Augen, als er fertig war. Krag sah ihn fragend an. »Ich gebe es auf,« sagte der Polizeileutnant, »ich folge ihr nicht weiter.« »Ich aber,« sagte Krag, »ich will diesem Rätsel auf den Grund kommen. Sie ist nach Christiania gereist. Sie müssen mich entschuldigen, lieber Freund, aber ich habe das Verlangen, diese interessante Dame kennen zu lernen.« Als er sah, daß der Polizeileutnant Einwendungen machen wollte, unterbrach er ihn energisch. »Es nützt Ihnen doch nichts,« sagte er, »ich gehe nicht von meinem Entschluß ab. Dieser Brief gilt nur Ihnen, nicht mir. Ich reise heute nachmittag nach Christiania. Versuchen Sie nicht, mich zu überreden, an meinem Entschluß ist nichts zu ändern.« Als diese Worte in Helsingborg gewechselt wurden, saß ein Mann in einem Café in Kopenhagen. Dieser Mann sprach mit einer Dame. Im Laufe des Gespräches sagte er zu der Dame: »Ich reise heute abend nach Christiania.« Dieser Mann war der Richtige . Wer war es?   Dreißigstes Kapitel Der Passagier im Schnellzug Der Polizeileutnant war den ganzen Tag still und verschlossen. Er fühlte sich von der Unheimlichkeit der Situation bedrückt und begann zu ahnen, daß mehr hinter dieser Sache steckte, als er bisher geglaubt hatte. Da er einsah, daß es doch nichts nützen konnte, Asbjörn Krag zu überreden, die Verfolgung einzustellen und die Verfolgte in Ruhe zu lassen, quälte er ihn nicht weiter. Aber es peinigte ihn sehr, daß sein Freund in so geringschätzigem Ton von der Frau sprach, an die er trotz allem glaubte, und die er liebte. Krag fühlte es ihm nach und wollte ihn gern trösten. Als sie nachmittags zusammen auf der Terrasse des Hotels saßen, sagte er: »Sie müssen doch einsehen, lieber Freund, daß ich die Dame nicht mit demselben Augen betrachten kann wie Sie. Ich habe ihretwegen zweimal einräumen müssen, daß ich mich geirrt habe. Das vergesse ich ihr nicht so leicht. Zuerst glaubte ich, daß sie mit den Verbrechern von Trinacria im Bunde stehe. Später glaubte ich, daß sie von ihnen verfolgt würde und aus irgendeinem Grunde in den Tod gegangen sei. Nichts von alledem hat sich als richtig erwiesen. Sie lebt noch immer im besten Wohlsein. Aber sie umgibt sich mit einem Geheimnis, das höchst seltsam ist, und hat, um neue Abenteuer zu suchen oder sich zu verbergen – was weiß ich? – Mann und Kind verlassen. Ich habe jetzt den Entschluß gefaßt, sie zu suchen und ihr Geheimnis zu entschleiern. Ich ruhe und raste nicht, bevor es mir gelungen ist.« Er entfaltete die Nummer einer Kopenhagener Zeitung und zeigte Helmersen eine Anzeige. Es war eine Todesanzeige, durch die Advokat Aage Gade Freunden und Verwandten mitteilte, daß seine Frau durch einen traurigen Unglücksfall beim Baden ums Leben gekommen sei. »Es ist ausgeschlossen,« sagte er, »daß ihr Mann, der angesehene Advokat, von dieser Komödie weiß. Er glaubt natürlich, daß sie tot ist. Warum hat sie ihm nicht mitgeteilt, daß sie lebt? Weil sie will , daß er an ihren Tod glauben soll. Warum? Weil sie etwas damit bezweckt, wenn sie ihn auf diese furchtbare Weise zum Narren hält. Wenn wir alle Punkte in dieser sonderbaren Tragödie, wo um Menschenleben gespielt wird, vergleichen, kommen wir zu dem Resultat, daß Frau Sonja teils von einem geheimnisvollen Feind gejagt wird, und teils ein Geheimnis zu verbergen sucht, das sie oder ihr Leben betrifft. In diese beiden Dinge will ich jetzt Klarheit bringen.« Als die Abfahrtszeit des Zuges herannahte, gingen die beiden Freunde zum Bahnhof. Der Polizeileutnant wollte bis zum nächsten Tag in Helsingborg bleiben, darauf nach Kopenhagen reisen und dort den Gang der Ereignisse abwarten. Er hatte ein für allemal die Karten niedergelegt und wollte nicht mehr mitspielen. Asbjörn Krag ließ ihn gewähren, denn er wußte jetzt selbst so gut mit der Sache Bescheid, daß er Helmersen nicht mehr brauchte. Darum hatte er sich entschlossen, ihn zu verlassen, und er tat es mit leichtem Herzen; der verliebte Polizeileutnant würde ihm nur zur Last fallen. Bevor aber die beiden Freunde auseinandergingen, erhielten sie noch eine Mitteilung merkwürdiger Art: Als sie gerade die erleuchtete Halle des Bahnhofes betraten, kam ein Bote vom Hotel. Atemlos überreichte er Asbjörn Krag einen Brief. »Gut, daß ich Sie noch treffe,« sagte er, »dieser Brief ist eben mit Eilpost aus Kopenhagen gekommen.« Krag nahm den Brief und betrachtete die Aufschrift. »Antwort von Boyesen,« sagte er, nachdem er den Boten verabschiedet hatte. »Antwort?« fragte der Polizeileutnant verwundert. »Haben Sie denn eine Frage an ihn gerichtet?« »Ja,« antwortete Krag, »ich habe ihm heute eine Depesche gesandt.« »Warum?« Krag faßte seinen Freund untern Arm und führte ihn zu einem Tisch im Bahnhofsrestaurant. Er sah auf seine Uhr. »Es ist noch eine Viertelstunde bis Abgang des Zuges,« sagte er, »ich habe also noch Zeit, Ihnen die Sache zu erklären. Sehen Sie, hier ist eine Abschrift der Depesche an Boyesen.« Krag breitete ein Papier vor ihm aus. Da stand: »Untersuchen Sie, ob etwas Verdächtiges bei der Badeanstalt oder in der Nähe von Advokat Gades Wohnung vorgeht.« Darauf öffnete Krag Boyesens Eilbrief. Er lehnte sich über den Tisch und las dem Polizeileutnant halblaut vor: »Lieber Kollege,« schrieb der dänische Kriminalbeamte, »ich habe Ihre Depesche erhalten, und Ihre Frage wundert mich nicht. Seit Ihrer Abreise hat sich nämlich etwas ereignet, just in der Nähe der Badeanstalt, bei Advokat Gades Wohnhaus und – was Ihnen vielleicht überraschend kommt – in dem Hotel, wo Sie mit Ihrem Freund, dem Polizeileutnant Helmersen, gewohnt haben. Wie Sie sich denken können, hatten wir die Nachforschungen nach der verunglückten Frau Sonja Gade noch nicht ganz eingestellt. Auf die inständige Bitte des Advokaten sind sowohl Polizei wie Rettungswesen die ganze Zeit tätig gewesen. Hierbei nun ist einer unserer Geheimpolizisten auf einen Fremden aufmerksam geworden, der den Nachforschungen nach der Verunglückten mit auffallendem Interesse folgte. Als er merkte, daß man ihn beobachtete, verschwand er und ist bisher nicht wieder gesehen worden. Bei den Untersuchungen, die ins Werk gesetzt wurden, kam heraus, daß dieser Mann, ein Ausländer, wahrscheinlich ein Pole, sich eifrig bei der Bedienung in der Badeanstalt nach dem Unglücksfall erkundigt hat. Dort hatte er auch von den Nachforschungen gehört, die Sie und Ihr Freund draußen angestellt haben, und als er erfuhr, daß Sie Norweger seien, legte er großes Interesse dafür an den Tag, besonders, als man ihm das Aussehen des Polizeileutnants Helmersen beschrieb. Indem wir seine Personalangabe mit der Beschreibung verglichen, die Advokat Gade von dem Attentäter im Treppenhause geben konnte, kamen wir zu dem Resultat, daß es derselbe Mann sei oder jedenfalls einer, der ihm sehr ähnelt. In der ganzen Stadt und besonders im Polenviertel, sind eingehende Nachforschungen angestellt worden, ohne daß man bisher eine Spur von dem Fremden gefunden hat. Jetzt aber kommt etwas Neues hinzu. Es zeigt sich nämlich, daß dieser selbe Mann sich während der letzten Abende bei der Wohnung des Advokaten herumgetrieben hat. Der Pförtner hat ihn gesehen, eines der Dienstmädchen hat ihn gesehen, und auch Advokat Gade, der jetzt aus dem Krankenhaus entlassen ist, meinte eines Abends seine Züge wahrgenommen zu haben, als er gerade unter einer Laterne stand und der Schein auf ihn fiel. Können Sie sich dieses seltsame Interesse erklären? Was will dieser Fremde? Dies alles hat indessen die Polizei veranlaßt sich von neuem für diese Sache zu interessieren. Man findet es auch sonderbar, daß Frau Sonjas Leiche nicht gefunden worden ist. Gestern erfuhren wir von dem Geheimpolizisten, dessen Aufgabe es ist, die Hotels im Auge zu behalten, daß ein Fremder nach Ihnen und Ihrem Freund gefragt hat, merkwürdigerweise hauptsächlich nach Ihrem Freund. Als man ihm mitteilte, daß Sie beide nordwärts gereist seien, entweder nach Schweden oder Norwegen, hat er vor sich hingemurmelt: ›Also nach Norwegen‹. Danach schien er die Nationalität Ihres Freundes zu kennen. Die Beschreibung, die man uns im Hotel von diesem Mann gab, stimmt in allen Punkten mit der Beschreibung überein, die wir von dem Mann bei der Badeanstalt und dem geheimnisvollen Burschen haben, der sich vorgestern abend bei Advokat Gades Wohnung herumtrieb. Dagegen ist man, wie gesagt nicht sicher, ob dieser Mann mit dem Attentäter identisch ist. Die Polizei arbeitet jetzt mit erneuter Kraft, und ich hoffe, daß Sie mir Ihre neue Adresse aufgeben, damit ich Ihnen sofort Mitteilung zugehen lassen kann, falls sich etwas ereignet. Ihr usw.« Boyesens Brief brachte Asbjörn Krag in beste Laune. »Da sehen Sie selbst,« sagte er, »die Sache ruht nicht, irgend etwas geschieht immer. Wer, meinen Sie, kann dieser mystische Fremde sein?« »Das kann nur einer sein,« antwortete der Polizeileutnant düster, »kein anderer als der wirkliche Apache, der unheimliche Mensch aus Trinacria.« »Was will er aber? »Er sucht Frau Sonja.« »Frau Sonja ist tot,« antwortete Krag. »Es gibt also noch einen, der nicht an ihren Tod glaubt,« sagte der Polizeileutnant. Als die Abgangszeit des Zuges sich näherte, gingen die beiden Herren auf den Bahnsteig. Es war ein regnerischer, dunkler Abend. »Vielleicht flüchtet sie vor ihm,« murmelte Krag vor sich hin. »Vor wem sonst?« fragte der Polizeileutnant. »Ich dachte einen Augenblick,« sagte Krag, »daß sie vielleicht vor ihrem Mann flüchtet.« »Wie dem auch sei,« bemerkte Helmersen, »es will mir scheinen, daß wir lieber in Kopenhagen als in Christiania suchen müssen. Wenn Sie den Apachen ausfindig machen, werden wir den Urheber dieses Verbrechens gefunden haben.« »Nein, ich will Frau Sonja suchen,« antwortete Krag, »ich will meine ganze Zeit für sie opfern, selbst wenn ich Gefahr laufe, daß sie nicht der Verbrecher ist.« Auf einmal packte der Polizeileutnant seinen Freund am Arm. Und gleichzeitig trat er einen Schritt zurück, so daß er hinter dem breiten Rücken des Detektivs verborgen war. Er war in großer Aufregung. »Dort,« flüsterte er und zeigte durchs Gedränge, »dort.« »Was ist denn?« »Sehen Sie den Mann dort im Regenmantel, der gerade in den Zug steigt?« »Ja.« »Bei Gott im Himmel, er ist es.« »Der Apache?« »Ja.« Asbjörn Krag musterte den Mann genau. Sein Regenmantel glänzte von Nässe. Sein Gesicht war von dem breitrandigen Hut fast verborgen. Er bewegte sich still und ruhig zwischen den andern Reisenden, aber dennoch war es, als ob seine nervige Gestalt eine gewisse Unheimlichkeit ausstrahle. Der Apache stieg in den Zug, der nach Christiania fuhr.   Einunddreißigstes Kapitel Der Taschendieb Asbjörn Krag Es war eine Minute vor Abgang des Zuges. Der Polizeileutnant begann wankelmütig zu werden. Der Anblick des Apachen hatte ihn unruhig gemacht. Ihm ahnte eine Gefahr, und in dem Gedanken, daß er allein zurückbleiben sollte, fühlte er sich plötzlich hilflos. Asbjörn Krag sah, was in ihm vorging und reichte ihm schnell die Hand zum Abschied. »Leben Sie wohl,« sagte er, »wenn wir uns wiedersehen, ist alles aufgeklärt.« Die ganze Zeit hatte er das Abteil, in das der Apache eingestiegen war, im Auge behalten. Es waren nicht viele Reisende im Zug. »Ich bedenke mich vielleicht doch noch,« sagte der Polizeileutnant. »Bedenken Sie sich nicht,« antwortete Krag, »ich muß Sie jetzt verlassen. Ich habe die Absicht, die Bekanntschaft des Mannes dort im Abteil zu machen, und dabei sind Sie nicht allein unnötig, sondern auch gefährlich. Er kennt Sie ja.« Der Zugführer gab das Abfahrtssignal, und Asbjörn Krag stieg ein. Er winkte seinem Freund, der auf dem regennassen Bahnsteig zurückblieb. Der Detektiv ging durch den Wagen; es war ein Wagen zweiter Klasse. In einem Abteil sah er den Apachen allein sitzen. Er hatte seinen nassen Regenmantel ausgezogen und im Korridor aufgehängt. Er las in einem Buch. Und er hielt das Buch so, daß Krag das Titelblatt lesen konnte. Es war »Crainquebille« von Anatole France. »Der Mensch hat Geschmack,« dachte der Detektiv. Da er selbst auf dem dunklen Korridor stand, konnte er die Gesichtszüge des andern genau studieren. Es war durchaus kein abstoßendes Gesicht; es drückte Kraft und Energie aus. Die Muskulatur des Mannes deutete auf Stärke und Geschmeidigkeit, und Krag konnte nicht begreifen, wie man seine Gestalt mit Frau Sonjas zarter, schlanker und weiblicher hatte verwechseln können. Er mochte ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt sein. Nachdem Krag einen Platz in dem Abteil des Apachen belegt hatte, ging er durch den übrigen Teil des Zuges. Als er den nächsten Wagen passierte, wurde er davon überrascht, daß jemand seinen Namen nannte. Er drehte sich um und sah ein bekanntes Gesicht aus Christiania, einen Rechtsanwalt, dem er einmal bei einer Gerichtsverhandlung einen Dienst geleistet hatte. Die Begegnung war ihm in diesem Augenblick alles andere als angenehm. Er nahm an der Seite des Herrn Platz. Der Rechtsanwalt wollte nicht nach Christiania; er wollte schon in der schwedischen Stadt K. aussteigen, wo er wegen eines Waldverkaufs zu tun hatte. Der Zug würde schon in einer halben Stunde in K. sein. Krag fühlte sich erleichtert, und mit seiner Fähigkeit, jede Situation auszunutzen, begann er gleich zu überlegen, wie er diesen Mann bei der Komödie benutzen könnte, die er zu spielen gedachte. Er hatte die Absicht, die Bekanntschaft des Apachen zu machen, aber wollte es so einleiten, daß der Apache kein Mißtrauen faßte. Plötzlich bekam er eine Idee. »Hören Sie mal, lieber Freund,« sagte er vertraulich, »Sie können sich wohl denken, daß ich mich nicht ohne eine besondere Veranlassung in diesem Zuge befinde.« Ja, das konnte der Rechtsanwalt sich denken. »Und Sie würden mir wirklich den Gefallen tun, mir zu helfen?« »Herzlich gern, soweit ich es vermag.« »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar. Vor allen Dingen dürfen Sie mich nicht kennen. Und ferner ...« »Und ferner?« fragte der Rechtsanwalt. Asbjörn Krag beugte sich über ihn und begann ihm etwas ins Ohr zu flüstern.   Einige Minuten später tritt Asbjörn Krag in das Abteil des Apachen und nimmt den Platz ein den er schon belegt hat. Niemand konnte, wenn es darauf ankam, besser Komödie spielen als Asbjörn Krag. Keiner konnte wie er in ein Wagenabteil kommen, ohne seine Mitreisenden eines einzigen Blickes zu würdigen. Dann nachsehen, ob sein Gepäck (die Handtasche) auch nicht gestohlen sei, während er draußen war. Darauf mit Umständlichkeit eine Zigarre aus seinem Etui nehmen, sie anzünden und die Rauchwolke dem andern gerade in Gesicht pusten. Nicht um Entschuldigung bitten, sondern sich setzen und die Hosen überm Knie hochziehen. Worauf ihm plötzlich einfällt, daß er einen Reisegefährten hat. Er betrachtet den Reisenden prüfend, als ob er sich selbst fragt: Lohnt es sich mit diesem ein Gespräch anzufangen? Worauf er ein Gähnen hinter der Hand verbirgt und eine französische Zeitung aus der Tasche zieht. Im selben Augenblick hält der Zug. Es ist eine kleine Landstation. Der Zug hält nur einen Augenblick und eilt dann weiter. Inzwischen ist es draußen ganz dunkel geworden, und die Gardinen am Fenster sind herabgelassen. Da kommt ein neuer Reisender in den Wagen. Er öffnet die Tür des Abteils und macht sich mit seinem Regenmantel breit. Es ist der Rechtsanwalt. Asbjörn Krag kennt ihn nicht. Der Apache sendet ihm einen Blick – und dabei hat Krag Gelegenheit seine Augen zu sehen. Sie sind dunkel und klar, aber kalt. Der Rechtsanwalt zieht seinen Regenmantel nicht aus. Er nimmt auf dem Polster neben dem Apachen Platz und stellt seine Reisetasche neben sich. Er will offenbar bald wieder aussteigen. Die drei Reisenden betrachten einander wie vollkommen fremde Menschen und sagen kein Wort. Als der Zug im Begriff ist zu halten, erhebt Krag sich und streckt die Hand zum Netz hinauf, um etwas aus seiner Reisetasche zu nehmen. Und gerade, als der Zug hält, bekommt er einen Stoß und fällt auf den Rechtsanwalt. Gleichzeitig macht er merkwürdige Bewegungen mit den Fingern. Nach dem Zusammenstoß gibt es natürlich tausend Entschuldigungen von beiden Seiten, und der Rechtsanwalt verläßt grüßend das Abteil. Nach einem Augenblick setzt der Zug sich wieder in Bewegung. Jetzt sind die beiden allein. Krag sitzt lässig da, das eine Bein über das andere geschlagen. Er stößt Rauchwolke nach Rauchwolke von sich. Plötzlich blickt er durch die Rauchwolken hindurch auf das Gesicht des Apachen. Es hat sich ganz und gar verändert. Vorher war es unnahbar und gleichgültig. Jetzt leuchtet es von einem Lächeln, das sowohl Erstaunen wie Interesse verrät. Das Gesicht ist fast hübsch geworden. Krag heuchelt Erstaunen und nimmt die Zigarre aus dem Mund. Das Lächeln des Apachen wird unzweideutig. Er beugt sich zu dem Detektiv hinüber, streckt die Hand aus und sagt: »Geben Sie mir!« Krag reißt die Augen auf. »Was meinen Sie?« fragte er. »Geben Sie mir die Hälfte,« wiederholt der Apache. Krag lacht. Da wird der andere plötzlich ernst. »Ich werde Sie beim Schaffner verklagen,« sagt er. »Klagen Sie meinetwegen wo Sie wollen!« Krag zeigt auf die Tür. Da wird der Apache wieder gemütlich. »Sie und ich, einander schon verstehen,« meint er. »Wir teilen, und Schaffner stumm bleibt. Ich sah wohl, daß Sie an dem Regenmantel von das Mann fingerten.« Da zieht Asbjörn Krag eine Brieftasche aus seiner Rocktasche und öffnet sie. Sie enthält Papiere und ungefähr 100 Kronen in kleinen Scheinen. Krag zählt die Scheine nach, während der andere ihm zusieht. Worauf er sie ruhig in die Tasche steckt, das Fenster öffnet und das Taschentuch hinauswirft. Dann lehnt er sich mit Ruhe in seine Polster zurück, sieht dem andern unverschämt ins Gesicht und sagt: »Ich teile nie.« Eine Grimasse verzieht das Gesicht des Apachen. »Bah,« höhnt er, »zu wenig, viel zu wenig für mich. Können Sie selbst behalten. Ganz hübsch gemacht, aber in Frankreich wir machen das viel besser. Ich haben es gesehen. In Frankreich sehen man so etwas nie.« »Wie heißen Sie?« fragt Krag. »Heute heiße ich Jean Guyot,« antwortete der Franzose. »Wie heißen Sie?« »Heute abend heiße ich Jules Hebertot.« »Aber Sie sind Skandinavier?« Krag nickte. »Aus Paris.« »Ja, ich komme aus Paris.« »Dann kennen wir einander.« Der Franzose streckte die Hand aus, Krag betrachtete diese Hand. Mechaniker, dachte er.   Zweiunddreißigstes Kapitel Die beiden Verbündeten Als die beiden Männer sich die Hand drückten, war ein Bund geschlossen, und sie dachten beide im selben Augenblick, daß sie den größtmöglichsten Nutzen daraus ziehen wollten. Am zufriedensten war Asbjörn Krag. Sein erster Plan war jetzt geglückt; er hatte den Apachen näher kennen gelernt. Es hätte nicht glatter gehen können. Er war sein Freund geworden; bald würde er sein Vertrauter sein. Der Zug eilte durch Schweden, von Station zu Station, die Stunden vergingen, bald war man in Göteborg ... Jeder Kriminalbeamte oder Polizist würde dem Gespräch, das die beiden Männer jetzt führten, mit größtem Interesse gefolgt sein. Asbjörn Krag kannte von seinen Studienreisen und aus Büchern, die Verbrecherwelt des ganzen Kontinents, und da der andere, wenn möglich, noch besser über diese Dinge unterrichtet war, verging die Zeit, indem man Erinnerungen an ältere und neuere Taten austauschte. Krag vermied es, auf Personalien einzugehen, wobei er sich leicht hätte verraten können. Er hielt sich an die großen Linien und fesselte den Apachen durch seine Kenntnis französischer Verbrechen und der letzten europäischen Tricks. Der Apache verriet sowohl Intelligenz wie Erfahrung. Krag konnte nicht recht klug aus ihm werden. Während er nämlich über die Verbrechertechnik in erstaunlichem Maße unterrichtet war, schien es, als habe er an den verschiedenen Affären, von denen er sprach, aktiv nicht teilgenommen. Krag nahm an, daß der Mann aus Vorsicht zurückhaltend sei. Als der Fremde sich wie von ungefähr erhob, um etwas in seine Handtasche zu legen, bemerkte Krag eine Beule in seiner Jackettasche, die verriet, daß der Browningrevolver dort lag. Jedesmal, wenn der Schaffner den Kopf hereinsteckte, sprachen die beiden freilich von Wind und Wetter. Kaum aber war er draußen, so wurde das interessante Gespräch wieder aufgenommen. Meistens war es der Apache, der den Faden wieder ergriff und weiterspann. Krag sprach sehr gut französisch, und darum wurde das Gespräch ganz natürlich in dieser Sprache geführt. Schließlich wagte Krag den andern zu fragen, was er mit seiner Reise nach Christiania beabsichtige. »Ach, nichts besonderes,« sagte der Apache ausweichend, ich suche einen Menschen. Aber was führt Sie nach Christiania?« Krag lächelte und zuckte die Achseln. Auch der andere lächelte. »Ich begreife, ich begreife,« sagte er, »man nimmt, was man kriegen kann. Sie sind in Christiania bekannt, nicht wahr?« »Ich bin vor fünf Jahren zuletzt dort gewesen,« antwortete Krag. »Damals hatte ich mich zweieinhalb Jahre dort aufgehalten. Und ich kann mir nicht denken, daß die Stadt so gewachsen ist, daß ich sie nicht wiederkennen sollte. Sind Sie schon früher dagewesen?« »Nein, nie.« »Aber Sie suchen einen Bestimmten?« »Ja.« »Holt er Sie vielleicht vom Bahnhof ab?« »Warum muß es gerade ein er sein?« fragte der Franzose. »Es könnte sich ebensogut um eine Dame handeln. Im übrigen erwarte ich niemand am Bahnhof, denn der Betreffende ahnt nicht, daß ich komme. Vielleicht weiß er nicht einmal, daß ich existiere.« »Aha, es ist also doch ein Herr.« »Ja.« »Dann werden Sie ihn schwerlich finden, denn Christiania ist immerhin eine ziemlich große Stadt.« »Sehr richtig. Wollen Sie mir vielleicht helfen?« Asbjörn Krag sah geistesabwesend zu der klirrenden Lampe hinauf. Und indem er listig lächelte, streckte er eine Hand aus, wie der Franzose die seine vorhin nach dem Taschentuch ausgestreckt hatte. »Wollen wir teilen?« fragte er. Da wurde der Franzose plötzlich ernst und antwortete, indem ein böser und gleichzeitig neugieriger Blick in seine dunklen Augen kam: »Freuen Sie sich, wenn ich es Ihnen erlasse, mit mir zu teilen!« Die Worte klangen so merkwürdig drohend, daß Krag sich davon ganz unheimlich berührt fühlte. »Also gut,« sagte er, »wenn Sie nicht mit mir teilen wollen, werde ich Ihnen trotzdem zu helfen versuchen. Erzählen Sie mir, wen Sie suchen!« »Ich suche einen Mann von der Polizei,« antwortete der Franzose. »Das ist ein gefährlicher Sport.« »Einen Mann von der Polizei,« fuhr der Franzose unbeirrt fort, »einen Polizeileutnant. Sein Name ist, soweit ich mich erinnere, Helmersen. Kennen Sie ihn?« Asbjörn Krag überlegte eine Weile und schüttelte dann den Kopf. »Nein,« antwortete er, »der muß erst nach meiner Zeit gekommen sein. Aber wenn er bei der Polizei angestellt ist, müssen Sie ihn ja leicht finden können.« »Ja, er ist aktiv, aber Sie werden begreifen, daß ich nicht ohne weiteres aufs Polizeiamt gehen kann.« »Nein, Sie könnten riskieren, daß man Sie dann gleich da behält.« Der Apache lächelte wieder und entblößte zwei Reihen glänzender Zähne. »Niemand kann mich festhalten,« sagte der Apache stolz, »wenn ich nicht selbst will. Aber ich habe meine besonderen Gründe, dem Mann nicht gleich unter die Augen zu gehen. Ich kann auch nicht nach ihm fragen.« »Warum nicht?« »Weil ich Ausländer bin, und weil mir jeder anmerkt, daß ich Ausländer bin.« »Das verstehe ich nicht,« sagte Krag, indem er sich in die Polster zurücklehnte und sein Gesicht hinter dem Zigarrenrauch verbarg. »Dann will ich es Ihnen erklären. Der Mann, dessen ich habhaft werden will, ist kürzlich in Kopenhagen gewesen. Dort habe ich ihn unter, sagen wir, etwas seltsamen Umständen gesucht. Gewisse Leute in Kopenhagen nun, begannen sich für den Ausländer zu interessieren, der so eingehend nach dem Betreffenden forschte, und als der Ausländer das wahrnahm, verschwand er. Wenn nun dieser selbe Ausländer mit denselben Fragen in Christiania auftauchte, würde man auf ihn aufmerksam werden, was ihm sehr peinlich wäre. Kapiert?« »Ich fange an zu verstehen,« antwortete Krag hinter den Rauchwolken. »Und nun möchten Sie, daß ich die Nachforschungen für Sie betreibe?« Der Apache nickte. »In welchem Hotel wollen Sie absteigen?« fragte Krag. »Im Grand Hotel?« »Ja, gern.« »Schön, dann treffen wir uns heute abend um 12 Uhr im Speisesaal des Hotels. Dort sollen Sie alles zu wissen bekommen, was ich über den Polizeileutnant erfahren habe.« Mit diesem Versprechen war der Franzose sehr zufrieden. Diese Unterredung fand statt, nachdem der Zug Göteborg passiert hatte und man sich der norwegischen Grenze näherte. Bei der vorletzten schwedischen Station nahm Krag seine Reisetasche und ging damit in den Toilettenraum. Dem Franzosen sagte er, daß er den Reisestaub von sich abwaschen wolle, bevor sie nach Norwegen kämen. Im Toilettenraum nahm er eine jene Verwandlungen vor, in denen er Meister war. Er wechselte Schlips und Weste, und statt eines Jackets zog er einen Gehrock an. Dann veränderte er sein Gesicht. Statt der glattrasierten, scharfgeschnittenen Züge, sah man jetzt einen jüngeren Handelsreisenden mit leicht gebogener Nase und pomadisiertem Haar, das hinter den Ohren zurückgestrichen war. Unter dieser Nase hatte er einen gewichsten, schwarzen Schnurrbart, und die Haut der Backen schimmerte bläulich wie bei starkem Bartwuchs. Er nahm diese Verkleidung vor, um nicht erkannt zu werden, wenn er über die norwegische Grenze kam. Außerdem aber interessierte es ihn festzustellen, wie scharf der Franzose beobachtete. Während er sich verkleidete, hatte der Zug ein paar Minuten an einer Station gehalten und war dann weitergeeilt. Krag ließ seine Tasche im Korridor stehen und ging wieder ins Abteil. Sehr erstaunt aber war er, als er sah, daß sein neuer Freund, der Franzose, verschwunden war. Statt seiner saß ein älterer Reisender im Coupé, ein schwedischer Kaufmann, der schnaufte und prustete, als habe er sich furchtbar beeilt, um den Zug zu erreichen. Der Schaffner stempelte gerade sein Billett, als Krag hereinkam. Krag blickte ins Netz hinauf und bekam plötzlich einen heißen Kopf. Der Koffer des Franzosen war auch fort. Krag zog sich in den Korridor zurück, und sobald der Schaffner den Schweden abgefertigt hatte, sprach er ihn an. »Sagen Sie mal, wo sind die beiden Herren geblieben, die dort saßen?« fragte er. »Die sind wohl bei der Station, wo wir eben gehalten haben, ausgestiegen,« antwortete der Schaffner. »Und dieser Reisende ist eben erst eingestiegen?« »Ja, der ist eben erst eingestiegen.« Der Schaffner legte die Hand an die Mütze und ging weiter. Krag ging wieder in sein Abteil und nahm dem schwedischen Herrn gegenüber Platz. Er wußte wirklich weder aus noch ein. Warum hatte der Franzose sich aus dem Staube gemacht? Hatte er Verdacht bekommen? Hatte Krag seine Rolle schlecht gespielt? Er versuchte eine Lösung des Rätsels zu finden, aber es fiel ihm keine Erklärung für das plötzliche Verschwinden des Franzosen ein. Da beugte der schwedische Herr sich zu ihm hinüber und sagte: »Wollen wir unser Gespräch nicht fortsetzen?« Es war der Apache.   Dreiunddreißigstes Kapitel Der Brief Asbjörn Krag konnte sich nicht verhehlen, daß ihm die Maskierungskunst des Franzosen imponiert hatte. In tiefster Bewunderung betrachtete er ihn fast eine ganze Minute. Der Typ war wirklich außerordentlich gut getroffen. »Ich mache Ihnen mein Kompliment,« sagte er, »Ihre Maske ist wirklich ganz vortrefflich.« Der Apache betrachtete Krag kritisch. Schließlich nickte er gnädig anerkennend, als ob er sagen wollte, daß der andere auch nicht so übel sei. »Ich erkannte Sie nicht gleich,« sagte er. »Als Sie aber Ihre unverhohlene Verwunderung dem Schaffner gegenüber nicht verbergen konnten, wußte ich natürlich sofort, wer es war, der in dieser neuen Gestalt hereinkam. Sie wollten mich wohl überraschen?« Asbjörn Krag antwortete der Wahrheit gemäß, daß es nicht der Fall sei. Wohl habe er die Absicht gehabt, sein Gegenüber zu verblüffen, aber sein Hauptzweck sei doch gewesen, sich vor seiner Ankunft in Christiania unkenntlich zu machen. Diese Erklärung leuchtete dem Franzosen ein. »Aber Sie selbst,« fragte Krag, »warum haben Sie sich verkleidet?« »Aus demselben Grunde,« antwortete der Apache. »Ich will nicht mehr in meiner vorigen Gestalt auftreten. Ich habe bereits gewisse Aufmerksamkeit in Norwegen erregt. Die Verhältnisse sind verflucht klein dort. Im allgemeinen finde ich, daß jede Verkleidung beschwerlich ist, so daß ich am liebsten so auftrete, wie ich von der Natur geschaffen bin. Aber ich will Ihnen was sagen. Jede polizeiliche Nachforschung nach einem Verschwundenen oder Verfolgten beginnt auf dem Bahnhof. Nun ist mir aufgefallen, daß sehr wenig Menschen in diesem Zuge sind, so daß man einen Mann mit meinem charakteristischen Aussehen zwischen so wenig Passagieren leicht erkennen würde. Jetzt kann man auf den Eisenbahnstationen in Christiania so viel nach einem Menschen mit südländischem Typus fragen, wie man Lust hat; man wird stets die Antwort bekommen, daß ein solcher nicht im Zuge war. Wer weiß, vielleicht steht sogar irgendeine unangenehme Persönlichkeit da und wartet auf mich! Sie wird vergeblich warten. Außerdem, lieber Freund, merken Sie nicht, daß ich in Mellerud ausgestiegen bin? »Wie meinen Sie das?« »Ich bin in Mellerud ausgestiegen.« »Ich verstehe Sie nicht recht. Ich weiß ja, daß Sie sich in Mellerud verkleidet haben, und zwar vorzüglich, aber ich verstehe nicht, wie Sie beweisen wollen, daß Sie den Zug verlassen haben.« »Sie haben den Schaffner ja selbst gefragt. Was hat er geantwortet?« »Das ist allerdings wahr,« antwortete Krag, »wie ist es Ihnen gelungen, ihm das vorzutäuschen?« »Das war sehr leicht,« sagte der Franzose, während er sich eine neue Zigarre anzündete. »Als ich bemerkte, daß Sie mit Ihrer Handtasche in den Toilettenraum gingen, begriff ich sofort, daß es Ihre Absicht war, sich zu verschönern, und gleichzeitig sah ich ein, daß es für mich selbst Zeit war, etwas für meine Sicherheit zu tun. Da ich allein im Abteil war, zog ich die Gardinen vor und öffnete meine Handtasche. Darin habe ich alles, was ich brauche. Diese Arbeit beansprucht nur eine Minute. Meine Maskierung ist außerordentlich praktisch eingerichtet. Wenn ich meine Handtasche bei mir habe, kann kein Teufel mich erwischen. Kein Verwandlungskünstler kann seine Sache besser machen. Bevor also der Zug in Mellerud einlief, war ich fertig. Damit der Schaffner mich nicht sehen sollte, ging ich auf die Plattform hinaus und blieb dort stehen, bis der Zug auf dem Bahnhof einlief. Im Halbdunkel sprang ich ab. Auf dem Bahnsteig waren fast keine Menschen, jedenfalls keine, die mich bemerkten, denn unser Wagen ist einer der letzten im Zuge. Dann lief ich zum Billettschalter und löste ein Billett von Mellerud nach Christiania. Nach all diesem kann der Schaffner bezeugen, daß der dunkelhaarige Herr in Mellerud ausgestiegen ist. Den neuen Passagier, der eingestiegen ist, wird keiner mit ihm in Verbindung bringen. Auf diese Weise ist es uns geglückt, ungesehen nach Christiania zu kommen. Und wenigstens in der ersten Zeit kann ich dort in völliger Sicherheit leben. Denn ich bin ja gar nicht da, lieber Freund, ich bin ja in Mellerud.« »Glänzend,« sagte Krag, »ich glaube, wir beide werden prächtig zusammen arbeiten.« »Vielleicht,« sagte der Apache, »ich habe einen Helfershelfer nötig. Bevor ich Sie aber benutze, muß ich mit tödlicher Sicherheit eines wissen.« »Und das ist?« »Ich muß wissen, ob Sie mutig sind.« »Ich weiß eigentlich nicht, was das heißt, mutig sein,« antwortete Krag, »nur soviel weiß ich, daß ich mich nie fürchte.« Der Franzose nickte nachdenklich und sah ihn aufmerksam und forschend an. »Das ist eine vernünftige Antwort,« sagte er, »aber noch bin ich nicht überzeugt. Ich muß es mit Bestimmtheit wissen.« »Haben Sie denn so gefährliche Dinge vor? fragte Krag. »Soll es hier oben in diesem kühlen Breitengrad wirklich ausnahmsweise um Tod und Leben gehen?« »Ich habe einen Mann nötig, der den Tod nicht fürchtet,« antwortete der Franzose so gleichgültig, als ob er eine Bemerkung übers Wetter machte. »Aber,« fügte er hinzu, »ich verachte Menschen, die sich unnötig in Gefahr begeben.« Dazu meinte Krag, er finde das Leben so voll von Möglichkeiten und Überraschungen, daß er nicht die geringste Lust verspüre, es ohne erbitterten Widerstand zu verlassen. »Wenn Sie willig sind, mir zu helfen,« antwortete der Apache, »werde ich Sie auf die Probe stellen. Vorläufig aber haben Sie ja Ihre Aufgabe. Brauchen Sie Geld?« »Nein.« Der Zug hatte jetzt die norwegische Grenze erreicht. Der Morgen war schon vorgeschritten, und mehr und mehr Reisende stiegen ein. Die beiden Männer bekamen nicht mehr Gelegenheit, allein zu sein. Wie nach stillschweigender Übereinkunft beendeten Sie ihre Unterhaltung. Von jetzt ab waren sie Fremde. Nach der Ankunft in Christiania schieden sie mit einem fast unmerklichen Kopfnicken vor dem Ostbahnhof. Der Apache nahm im Omnibus des »Grand Hotel« Platz, und Asbjörn Krag nahm ein Auto und fuhr in seine Wohnung. Den ganzen Tag war Krag in der Detektivabteilung beschäftigt. Er sandte Kollegen nach allen Richtungen, um einen jungen Burschen von näher bezeichnetem Aussehen ausfindig zu machen, der vor einigen Tagen in Christiania angekommen sein sollte. Alle Hotels wurden aufs Gründlichste untersucht. Als er sich gerade angekleidet hatte, um den Franzosen im Speisesaal des »Grand Hotel« zu treffen, erhielt er einen Eilbrief. Er sah gleich am Poststempel, daß er aus Kopenhagen sei, und erkannte Boyesens Handschrift. Er war mit dem Abendzug gekommen und sofort ausgetragen worden. Ihm ahnte, daß sich wieder etwas ereignet habe. Der Brief enthielt folgende Mitteilung: »Eben,« schrieb der dänische Detektiv, »ist der Advokat Gade, vollständig gebrochen, bei mir gewesen. Er kann den Verlust seiner Frau nicht verwinden. Der Kummer scheint ihn ganz nervös und verstört gemacht zu haben. Jetzt hat er auch einen anonymen Brief bekommen, der ihn noch mehr außer Fassung gebracht hat. Diesen Brief hat er mir überlassen. Er lautet folgendermaßen: »Wenn Sie etwas über Ihre Frau zu erfahren wünschen, müssen Sie sich sofort in Christiania im Hotel Viktoria einfinden. Es ist wünschenswert, daß Sie auch Ihr Kind mitbringen. Sie müssen allein kommen. Jeder Betrug wird unnütz sein.« Ich habe das Original behalten. Aber wenn Sie es für Ihre Untersuchung brauchen, werde ich es Ihnen gern senden. Ich habe dem Advokaten von der Reise abgeraten, da ich der Ansicht bin, daß es sich um eine Mystifikation oder um einen schlechten Spaß handelt. Die Sache hat ja gewisses Aufsehen in der Presse gemacht, und da kommt es oft vor, daß verrückte Leute sich hinsetzen und solche Briefe schreiben. Er aber hat Lust zu reisen. Er spricht von dem Verschwinden seiner Frau, als ob sie nicht tot sei. Und er sagt, daß er nichts unversucht lassen will. Was tun? Er wollte warten, bis ich Ihnen die Sache vorgelegt habe. Außer mir und Helmersen weiß niemand etwas von diesem neuen Brief. Krag telegraphierte sofort: »Lassen Sie ihn reisen.« Dann gab er auf dem Detektivkontor den Generalbefehl: »Das Nachforschen nach dem jungen Burschen einstellen.« »Warum?« wurde gefragt. »Weil er sich wahrscheinlich von selbst melden wird,« antwortete Krag. Als er auf dem Weg zum »Grand Hotel« war, dachte er: Es sieht fast so aus, als ob wir uns alle in Christiania wiedersehen sollen. Die Uhr war jetzt elf, und er wußte, daß der Apache wartete.   Vierunddreißigstes Kapitel War sie es? Asbjörn Krag war nicht sehr bekannt in der Stadt. Er liebte es nicht, überfüllte Lokale zu besuchen. Und wenn er hin und wieder ausging, war er am liebsten allein. Die wenigen, die er kannte, waren seine nahen Freunde. Und diese wußten, daß er nicht angeredet oder gegrüßt zu werden wünschte, ohne daß er selbst dazu aufforderte. Darum brauchte er keine größere Veränderung mit seinem Äußern vorzunehmen. Er wußte, daß man ihn trotzdem unbehelligt lassen würde. Da es verhältnismäßig früh am Abend war, waren der Speisesaal und die anstoßenden Räume noch ziemlich leer. Aber es war heute ein Premierenabend, und Krag wußte, daß später noch viele Gäste kommen würden. Die meisten Tische warm auch schon belegt. In der Nähe des Fensters fand er einen leeren Tisch. Der Franzose war noch nicht da. Krag bestellte einen Wermut und verkürzte sich die Wartezeit damit, daß er über den anonymen Brief, den Advokat Gade erhalten hatte, nachdachte. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, das Original zu haben. Dann beschäftigte ihn eine Weile der Gedanke, wo Frau Sonja sich wohl hingewandt habe. Allerdings hatte er die Nachforschungen nach ihr eingestellt. Aber man hatte doch bereits Zeit gehabt, die meisten der größeren und kleineren Hotels von Christiania zu durchstöbern, und nirgends eine Spur der schönen Frau gefunden. Es war merkwürdig, daß sie sich so versteckt halten konnte. Ganz unbekannt war sie in einer auffallenden Verkleidung nach Christiania gekommen, und es war ihr gelungen, in dieser verhältnismäßig kleinen Stadt unterzutauchen und zu verschwinden. Aber er zweifelte nicht, daß er sie bald zu sehen bekommen würde. Warum hatte er eigentlich die Nachforschung nach ihr eingestellt? Weil er zu einer Überzeugung gekommen war. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß es Frau Sonja war, die ihrem Gatten den anonymen Brief geschrieben hatte. Sie sehnte sich nach Mann und Kind. Die mütterlichen Instinkte hatten überhand genommen. Und sie war hierhergereist, dem Zentrum der Ereignisse möglichst fern, um ihrem Mann ungestört eine Erklärung ihrer rätselhaften Handlungsweise zu geben. Während Krag in diese Gedanken vertieft war, kam der Franzose. Er kam so geräuschlos, daß Krag ihn erst bemerkte, als er neben ihm am Tisch saß. Sein leises und lauerndes Erscheinen wirkte auf Krag fast unheimlich. Und der Detektiv stellte fest, daß dieser Mann mit der starken Muskulatur, dem geheimnisvollen Wesen und den suchenden und harten Augen ihm Widerwillen einflößte. Aber er bezwang sein Gefühl und begrüßte ihn freundlich. Das erste, was der Apache sagte, war: »Vergessen Sie nicht, daß ich Österreicher bin und Kraus heiße. Ich wohne hier im Hotel auf Nummer 101.« »Das ist eine komische Nummer,« sagte Krag, »die klingt fast wie eine Prophezeiung.« Er machte die Beobachtung, daß der Franzose sich etwas verjüngt hatte; sonst war zwischen dem Mann im Abteil und dem, der ihm jetzt gegenübersaß, kein sonderlicher Unterschied. Sie ließen auftragen und begannen eine leise Unterhaltung. Nach und nach kam das Theaterpublikum und füllte den Saal mit Lärm und Lachen, so daß sie ungeniert miteinander reden konnten, ohne an den Nachbartischen gehört zu werden. Sie sprachen wieder französisch. »Was haben Sie erfahren?« fragte der Apache. »Ich bedauere sehr,« sagte Krag, »Ihnen schlechte Nachrichten bringen zu müssen, sehr schlechte Nachrichten.« Krag sprach so ernst und niedergeschlagen, wie es ihm möglich war, um zu sehen, welchen Eindruck es auf den Franzosen machen würde. Der andere aber warf ihm nur einen gleichgültigen Blick zu und fragte: »Also?« »Der Polizeileutnant, den Sie suchen, befindet sich nicht in der Stadt.« »Das ist fatal.« »Ja, für Sie, aber wohl weniger für ihn.« »Was haben Sie sonst erfahren? Wo hält er sich auf?« »In Kopenhagen, wohin er vor einigen Tagen gereist ist, zusammen mit einem norwegischen Detektiv und Freund, Asbjörn Krag. Man behauptet, daß eine Dame mit im Spiel sei.« »Wirklich? Wer behauptet das?« »Seine Kollegen auf der Polizeibehörde. Ich habe heute in einer Pension Wohnung genommen, wo ich das Glück hatte, einem Polizeileutnant aus der Stadt vorgestellt zu werden. Beim Abendbrot leitete ich das Gespräch sehr geschickt auf dieses Thema. Und da erfuhr ich es.« »Das ist wirklich sehr interessant. Wird er bald nach Christiania zurückkehren?« »Man nimmt es an. Aber es ist etwas Mystisches dabei. Man behauptet, daß er in eine Dame verliebt sei, und meint, daß sie in eine rätselhafte Affäre verwickelt ist, und daß er aus diesem Grund seinen Freund, den Detektiv, gebeten hat, mit ihm zu reisen. Einige behaupten sogar, daß die Dame unter höchst sonderbaren Umständen ums Leben gekommen sei. Jedenfalls ist es ganz unsicher, wann er zurückkehrt. Finden Sie nicht, daß das fatale Nachrichten sind? Aber ich habe Ihnen leider keine besseren verschaffen können.« »Ich finde sie durchaus nicht fatal,« antwortete der Apache. »Wie beliebt? Ich verstehe Sie nicht. Sind Sie nicht einzig und allein hergekommen, um diesen Polizeileutnant zu treffen?« »Der Ansicht war ich auch, als ich in der Eisenbahn saß. Später aber hat sich etwas ereignet, was meine Pläne verändert hat. Ich habe jetzt anderes zu tun bekommen.« »Meine Mitteilungen haben also kein weiteres Interesse für Sie?« Durchaus kein Interesse.« »Sie setzen mich in Erstaunen. Und warum nicht, wenn man fragen darf?« »Weil alles, was Sie mir erzählt haben, gelogen ist« sagte der Apache. Im selben Augenblick drehte er sich zu dem großen Saal um, in dem jetzt dichtgedrängt ein lebhaft plauderndes und festlich gekleidetes Publikum saß. Der Detektiv bekam wirklich einen Schreck. Gelogen? Sollte der Apache in der Zwischenzeit etwas erfahren haben? Um Zeit zu gewinnen, spielte Krag den Beleidigten. »Ich berichte ja auch nur, was andere mir erzählt haben,« sagte er. »Woher wollen Sie übrigens wissen, daß es gelogen ist? Sie haben ja mit niemandem von der Polizei gesprochen. Davor werden Sie sich schön hüten.« Der Franzose wandte sich ihm zu. Er lächelte wieder mit jenem seltsamen Lächeln, das Krag schon früher unangenehm berührt hatte. Es schien alles mögliche zu bedeuten. In dem merkwürdigen Glanz der Augen glomm sowohl Hohn wie List. »Ich weiß es,« antwortete er, »weil ich es weiß. Sie dürfen nicht vergessen, daß ich mich bereits einen ganzen Tag in dieser Stadt aufgehalten habe. Glauben Sie, daß ich nur auf meinem Sofa gelegen und Zigaretten geraucht habe? Ich habe mich in drei verschiedenen Verkleidungen in der Stadt herumgetrieben.« »Und was haben Sie entdeckt?« Statt zu antworten, ließ der Franzose seine Augen wieder über den großen Saal und die festlich gekleideten Menschen gleiten. Das frohe Geplauder schwoll und schwoll. Der Laut der vielen Stimmen vermischte sich mit dem Klappern des Geschirrs. Es glitzerte in Spiegeln, Porzellan und Champagnerkühlern. Der Franzose machte eine fast unmerkliche Kopfbewegung zu einem der Tische hin. »Kennen Sie den Herrn dort?« »Den dort am Tisch mit dem grünen Lampenschirm?« »Ja.« »Den großen, mageren Herrn mit dem vorgeschobenen Kinn und dem dunklen Knebelbart?« fragte Krag erstaunt. Der Franzose nickte. »Wären Sie Norweger,« sagte Krag, »so würden Sie diese Frage nicht gestellt haben. Er ist einer unserer bekanntesten Dichter. Botolfsen.« »Ah, Dichter. Das paßt gut. Aber kennen Sie die Dame, mit der er speist?« »Nein.« »Die kenne ich,« sagte der Franzose, »und das ist der Grund, weshalb ich behaupte, daß die Geschichten, die Sie mir von dem Polizeileutnant erzählt haben, gelogen sind.« »Wer ist denn die Dame? fragte Krag – er hatte eine merkwürdige Vorahnung, wie die Antwort ausfallen würde. »Sie ist es,« antwortete der Franzose. »Dadurch bin ich noch nicht klüger geworden.« »Es ist Sonja,« sagte er. Es entstand eine fast minutenlange Pause. Krag rührte sich nicht. Er blickte die ganze Zeit zu dem Paar hinüber und vermied die Augen des Apachen. Aber er wußte, daß gerade jetzt diese Augen intensiv forschend auf ihn gerichtet waren. Er begriff, daß hier eine Falle liegen konnte. Darum wandte er sich ruhig und etwas erstaunt an sein Gegenüber und sagte: »Ich kenne keine Sonja. Wer ist das?« »Das ist die, die ich jetzt suche,« antwortete der Franzose. War sie es wirklich?   Fünfunddreißigstes Kapitel Das Gift Krag machte ein heiteres, ganz ahnungsloses Gesicht. Der Franzose betrachtete ihn die ganze Zeit über aufmerksam und spähend. Und der norwegische Detektiv wußte, daß er sich verraten würde, wenn er die geringste Unruhe bekundete. Der Franzose schien auf irgend eine Weise Verdacht bekommen zu haben, daß Krag ein doppeltes Spiel spielte. Oder war es bei ihm nur Vorsicht? Außerdem aber benutzte Krag die Zeit, um die seltsame Dame zu beobachten. War sie wirklich Sonja Gade? Ja, jetzt meinte er sie zu erkennen, obgleich er sie nur flüchtig und in Männerkleidung an einem halbdunklen Morgen, auf einem Fahrrad gesehen hatte. Er wußte im Augenblick weder aus noch ein. Dort saß also die Dame, die tot sein sollte. Er wußte, daß die Geschichte von ihrem Verschwinden auch die norwegischen Zeitungen nicht wenig interessiert hatte. Jeder Zeitungsleser kannte ihren Namen. Und jetzt saß sie dort, als ob nichts geschehen sei, und tafelte mit einem norwegischen Bekannten. Krag wandte sich wieder an den Franzosen und sagte: »Sie müssen selbst entscheiden, wie weit diese Dame Ihnen von Nutzen sein kann. Mir ist die Sache unbegreiflich.« Er sah wieder zu ihr hinüber. »Sie ist sehr schön,« sagte er. »Ja,« murmelte der Franzose träumend und geistesabwesend, »sie ist sehr schön. Eine Schönheit, die viele Männer zugrunde gerichtet hat. Begreifen Sie jetzt, warum ich behaupten konnte, daß Sie gelogen haben? In diese Dame ist der Polizeileutnant verliebt. Wenn sie in Christiania ist, ist er auch hier.« »Gut,« antwortete Krag, »nehmen wir also an, daß er in Christiania ist! Ich habe nur erzählt, was ich gehört habe.« »Schön. Haben Sie etwas dagegen, den Kaffee in meinem Zimmer einzunehmen? Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.« Krag nickte zustimmend. Die Dame saß jetzt allein am Tisch. Ihr Kavalier war zum Telephon gerufen worden und in die Halle hinausgegangen. »Gehen Sie an meiner linken Seite!« bat der Franzose. »Warum?« fragte Krag. »Weil ich nicht von ihr erkannt werden möchte.« »In dieser Verkleidung?« murmelte Krag. »Das erscheint mir unmöglich.« Der Franzose lächelte wieder auf die seltsam höhnische Weise. »Sie kennen sie nicht,« sagte er. Sie kamen durch den großen Speisesaal, ohne die Aufmerksamkeit der Dame zu wecken. In der Tür zur Halle stießen sie auf den Schriftsteller, der im Begriff war, wieder in den Saal zu gehen; Krag sah ihm ins Gesicht, konnte aber nicht entdecken, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei. Während der Franzose in der Portierloge einen Bescheid gab, hatte Krag Gelegenheit mit dem Portier, dem allwissenden Jensen, einige Worte zu wechseln. Er fragte ihn, wer die Dame sei, die mit dem Schriftsteller Botolssen zusammen speiste. »Das ist eine französische Dame,« antwortete der Portier. »Sie heißt Madame Bernier.« »Wohnt sie hier im Hotel?« »Nein, aber ich war zufällig dabei, als sie den Schriftsteller traf. Sie scheinen alte Bekannte aus Paris zu sein. ›Wie bin ich erfreut, Sie wiederzusehen, Madame Bernier,‹ sagte der Schriftsteller. Daher kenne ich ihren Namen. Herr Kraus fragt übrigens nach Ihnen.« Krag wandte sich wieder dem Franzosen zu, der neben dem Fahrstuhl stand und auf ihn wartete. Sie fuhren zusammen nach Nr. 101 hinauf. »Haben Sie etwas erfahren?« fragte der Franzose. »Sie nennt sich Madame Bernier.« »Das ist kühn von ihr.« »Warum?« »Weil die wirkliche Madame Bernier augenblicklich in Paris lebt. Sie wohnt Boulevard Clichy 214. Aber es paßt gut. Die wirkliche Madame Bernier ist Übersetzerin und eine literarisch gebildete Dame.« Krag sah ihn erstaunt an. »Wenn ich den Portier recht verstanden habe,« sagte er, »so sind die beiden, der Schriftsteller und die Dame, alte Bekannte. Es soll eine herzliche Begrüßung zwischen ihnen stattgefunden haben.« »Das ist nur ein Beweis für einen neuen Betrug. Wir wollen jetzt den Kaffee trinken.« Sie machten es sich in den Klubsesseln bequem. Der Franzose war plötzlich sehr wohlwollend geworden. Er schenkte seinem Gast Kaffee ein und reichte ihm gute Zigarren. Krag glaubte, daß er ihm etwas eröffnen wolle. Es galt, auf der Hut zu sein. Und da der andere von allgemeinen Dingen sprach, hielt Krag es für das Klügste, das Gespräch auf das Thema zu bringen, das sie beide am meisten beschäftigte. Er stellte die Frage so brutal wie möglich. »Was haben Sie gegen die Dame vor?« fragte er. »Wollen Sie sie ausplündern?« Der Franzose streifte die Asche von seiner Zigarre. Die Frage schien ihn nicht im geringsten zu verblüffen. »Vor allen Dingen bitte ich Sie, sich daran zu erinnern,« sagte er, »daß die Dame tot ist.« »Das haben Sie schon früher angedeutet. Es steckt also ein Betrug dahinter?« »Ja. Ein Betrug der Dame. Sie ist in Kopenhagen verheiratet, und ihr Mann glaubt, daß sie tot ist.« »Und es ist ihre Absicht gewesen, ihm diesen Glauben beizubringen?« »Ja.« »Vielleicht um einen Vorteil zu erlangen?« »So kann man es auch nennen. Nun gibt es Leute, denen daran gelegen ist, daß der Mann den Verdacht bekommt, daß irgendeine Verräterei mit dem mystischen Verschwinden seiner Frau in Zusammenhang steht?« »Gehören Sie vielleicht zu diesen Leuten?« »Das bestreite ich nicht. Und ihr Mann ist in diesem Augenblick wahrscheinlich schon auf dem Wege nach Christiania. Ein anonymer, aber sehr glaubwürdiger Brief hat ihn hergeführt. Diesen Brief habe ich geschrieben.« (Also nicht Frau Sonja, dachte Krag.) »Aha, ich fange an zu verstehen,« sagte Krag. »Die Dame ist wahrscheinlich wohlhabend, oder jedenfalls der Mann. Sie haben zufällig Einblick in einen Skandal bekommen. Das Ganze ist eine hübsche Erpressungssache.« »Keineswegs,« antwortete der Franzose, und gleichzeitig starrte er Asbjörn Krag so unverwandt und intensiv an, daß dieser ein physisches Unbehagen dabei spürte. Er nahm einen großen Schluck von dem starken Kaffee, um sich zu beruhigen. Plötzlich erhebt sich der Franzose. »Jetzt ist es genug,« sagt er. »Was,« fragt Krag. Auch er versucht sich zu erheben, aber seine Knie versagen ihm den Dienst, und seine Stimme klingt merkwürdig verschleiert. »Sie sind ein Betrüger,« sagt der Apache ruhig, »ich habe Sie schon lange durchschaut.« »Was Sie sagen!« »Wissen Sie, wer ich bin?« »Da Sie mein Freund geworden sind,« antwortete Krag und versuchte zu lächeln, »sind Sie wahrscheinlich ein großer Schurke.« »Wenn Sie an die Polizei in Paris telegraphierten,« fuhr der Apache fort »und ihr mitteilten, daß Sie mit Jean Guyot in einem Hotelzimmer in Christiania säßen, dann würden Sie sicher Ritter der Ehrenlegion werden. Ein so bedeutender Mann bin ich.« »Alle Wetter, das ist ja ausgezeichnet. Aber warum sollte ich das telegraphieren?« »Das meine ich auch. Und da ich so dumm gewesen bin, mich Ihnen zu erkennen zu geben, sehe ich mich gezwungen, in ein anderes Hotel zu übersiedeln.« »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein, eine andere Unterkunft zu suchen?« »Nicht nötig. Ich werde mich gezwungen sehen, dieses Zimmer allein zu verlassen.« »Ah so. Und was wird aus mir?« »Sie bleiben hier. Sie wissen zu viel. Sie sind schon unschädlich gemacht.« »Wie soll ich das verstehen?« »In zehn Minuten sind Sie tot,« sagte der Apache. »In dem Kaffee, den Sie tranken, war Gift.«   Sechsunddreißigstes Kapitel Die neue Gestalt Das Gesicht des Apachen hatte, als er das sagte, einen so boshaften Ausdruck, und seine Augen blickten so hart und grausam, daß Krag bei sich dachte: Er hat dich durchschaut, er weiß, daß du Polizeispion bist. Das war der nächstliegende Schluß. Warum sollte er ihn sonst in sein Zimmer gelockt haben, um ihn durch Gift zu töten? Krag biß die Zähne zusammen und kämpfte wie ein Verzweifelter. Er hatte das seltsame Gefühl, als ob sein Körper schwebe, verschwände, sich auflöse. Er erinnerte sich, daß er einmal etwas Ähnliches nach einer starken Dosis Opium gespürt hatte. Und wohin er sah, folgten ihm die stechenden Augen des Apachen. Weil es ein Instinkt bei Asbjörn Krag war, niemals den Kopf zu verlieren, bewahrte er auch in dieser gefährlichen Situation die Geistesgegenwart. Hastig stellte er fest, daß sein Zustand nicht schlimmer wurde. Es sauste ihm noch immer in den Ohren, und jedesmal, wenn er den Versuch machte, sich zu erheben, schwankte er. Dennoch hatte er das bestimmte Gefühl, daß diese Schwäche nicht zunahm. Als er hierüber klar war, wußte er auch, wie er sich benehmen wollte! Es begann in ihm zu dämmern, daß die Lage doch vielleicht nicht so hoffnungslos sei. Aber er war Meister darin, seine Gedanken zu verbergen, und auf seinem Gesicht war sicher nichts anderes zu lesen, als Erbitterung und Ratlosigkeit. Der Apache beobachtete ihn noch ebenso unverwandt und aufmerksam. Krag nahm all seine Energie zusammen, um folgenden Satz hervorzustammeln: »Wie lange wird es dauern?« »Meinen Sie, bis Sie tot sind?« »Ja.« »Eine Stunde ungefähr.« »Und Sie wollen die ganze Zeit dabei sitzen und mich bewachen?« »Nein, ich verlasse Sie, sobald Sie ganz zusammengefallen sind. Lange kann es nicht mehr dauern. Sie fühlen sich bereits am Rande der großen Dunkelheit, nicht wahr? Ich kann Ihnen ansehen, daß Sie dagegen anzukämpfen versuchen. Aber ich kann Ihnen mitteilen, daß es umsonst ist.« »Sie sind grausam,« sagte Krag, »was habe ich Ihnen getan, daß Sie mich so herzlos behandeln?« »Sie haben versucht, mich hinters Licht zu führen, und dabei haben Sie etwas erfahren, was kein lebender Mensch wissen darf.« »Also gut,« flüsterte Krag, indem er sich den Anschein gab, als ob er vollständig im Stuhl zusammensänke, »ich ergebe mich in mein Schicksal. Ich werde Ihnen aber zeigen, daß ich ein mutiger Mann bin. Warum aber haben Sie mir nicht die letzte Wahl gelassen, die man Leuten unseres Schlages freistellt?« »Welche Wahl meinen Sie?« Krag schien seine letzte Kraft zu einer Handbewegung zu sammeln, die ausdrücken sollte, was er meinte. Der Apache verstand ihn auch. »Sie meinen einen Schuß,« murmelte er, indem er sich erhob. »Sie haben recht. Aber ich kann heute nur an meinen eigenen Vorteil denken.« Er griff nach seinen Hut. Krag sagte nichts, starrte den andern nur durch seine halbgeschlossenen Augen an. Der Apache rüstete sich, das Zimmer zu verlassen. »Bevor eine Stunde um ist, bin ich über alle Berge,« sagte er, »und in diesem Koffer, den ich zurücklasse, ist nichts, was Neugierige auf meine Spur bringen könnte. Niemand wird erfahren, wer Rentier Kraus war, oder wohin er sich gewandt hat. Ich beneide Christiania um dieses Mysterium.« Er sah auf seine Uhr und darauf zu Krag hin. Dann sagte er: »Es ist vielleicht besser, wenn ich noch eine Minute zögere.« Er wollte ganz sicher sein. Indessen hatte Krag die Wirkung des Giftes bereits überwunden. Jetzt wußte er auch, was für eine Art Gift es war. Es war kein tötendes Gift, aber es lähmte die Nerven, und der Angegriffene konnte stundenlang in einem schlafartigen Zustand verharren. Vorläufig verstellte Krag sich; denn er war nicht sicher, ob der Franzose es ernst meinte, oder ob er ihn nur auf die Probe stellen wollte. Und Krag fühlte sich noch zu schwach, um einem Kampf mit ihm aufzunehmen. Aber er empfand zu seiner Befriedigung, wie ihm die Kräfte nach und nach zurückkehrten. Zwei Minuten vergingen. Plötzlich lächelte der Franzose und ging auf ihn zu. Er berührte Krags Kopf mit zwei Fingern. Lieber Freund,« sagte er, »Sie haben sich gut gehalten. Können Sie mich erkennen?« Der Apache nahm schleunigst eine kleine Flasche aus seiner Tasche, tat einige Tropfen daraus in ein Glas mit Wasser und goß Krag den Inhalt in den Mund. Da belebte Krag sich nach und nach, und nachdem er eine neue Portion von der erfrischenden Medizin bekommen hatte, betrachtete er seinen Kameraden mit dämmerndem Bewußtsein im Blick. Der andere nickte zufrieden. »Gut,« sagte er, »daß Sie wieder zu sich kommen. Ich fürchtete schon, daß ich Ihnen zu viel gegeben hätte.« Asbjörn Krag erhob sich und stand mit schwankenden Knien vor dem Franzosen. Dieser trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Sind Sie böse?« fragte er. Aber es hatte den Anschein, als ob der Detektiv vorläufig nur noch verwirrt sei. Er faßte sich an die Schläfen, als ob er seine Gedanken sammeln wolle. Zuletzt schien es ihm klar zu werden, was sich ereignet hatte. Und sein Gesicht drückte Zorn und Gekränktsein aus. (Asbjörn Krag war ein vortrefflicher Schauspieler.) Der Franzose streckte Krag die Hand entgegen, aber er ergriff sie nicht. »Sie haben an meiner Ehrenhaftigkeit gezweifelt, das war nicht nett von Ihnen.« »Nein, nein, Sie irren sich,« antwortete der Franzose, »aber vielleicht sind Sie noch nicht ganz klar im Kopf. Übrigens bedaure ich, daß ich Ihnen eine so starke Dosis gab. Wenn Sie es sich recht überlegen, werden Sie einsehen, daß ich eine sehr wichtige Arbeit hier in der Stadt vorhabe.« »Dann sollten Sie Freunde, die Ihnen behilflich sein wollen, nicht von sich stoßen,« sagte Krag beleidigt. »Das ist auch gar nicht mein Wunsch,« antwortete der Franzose eifrig, »aber ich muß neue Leute, mit denen ich mich einlasse, erst prüfen.« »Ach so,« murmelte Krag versöhnlicher. »Es war also eine Probe?« »Wird Ihnen das jetzt erst klar?« »Wenn Sie die ganze Zeit von Verräterei sprechen,« antwortete Krag, »kann ich doch nicht wissen, daß Sie etwas anderes meinen.« »Ich habe Sie, wie gesagt, nur auf die Probe stellen wollen,« antwortete der Apache und streckte Asbjörn Krag von neuem die Hand entgegen. Und diesmal ergriff der Detektiv sie. »Und wie ist die Probe ausgefallen?« fragte Krag, indem er tat, als ob er geschmeichelt lächelte. »Ausgezeichnet,« antwortete der Franzose. »Ich habe dieses Mittel schon früher bei Leuten benutzt, deren Charakter ich gern näher kennenlernen wollte. Einzelne fahren auf und benehmen sich wie wild. Andere bleiben ruhig sitzen wie Sie, sobald sie sich klar darüber sind, daß alles andere nutzlos ist. Solch phlegmatische Leute kann ich gerade brauchen.« Der Apache sah auf seine Uhr. »Sagen Sie mal,« fragte er, »fanden Sie die Dame unten im Saal hübsch?« »Die Dame, die Sie Frau Sonja nannten, und die in der Gesellschaft des Schriftstellers war?« »Dieselbe.« »Ganz hübsch und sehr interessant.« »Möchten Sie sie kennen lernen?« »Sehr gern.« »Jetzt ist die Uhr 12,« sagte der Apache, »vor 1 Uhr müssen Sie ihre Bekanntschaft gemacht haben.«   Siebenunddreißigstes Kapitel Eine Begegnung »Dann wären wir uns also wieder einig,« sagte Krag. Der Franzose nickte und forderte Krag auf, wieder Platz zu nehmen. »Was wünschen Sie nun von mir?« fragte der Detektiv. »Sie sollen mein Gesandter sein.« »Bei Sonja?« »Bei Sonja und einem andern.« »Wer ist dieser andere?« »Ihr Mann. Wie ich Ihnen bereits sagte, glaubt er, daß seine Frau tot ist. Sie hat in einer bestimmten Absicht, die ich übrigens durchschaue, diese Komödie ins Werk gesetzt. Und da er sich nicht denken kann, daß Grund zu einer so kühnen und grausamen Täuschung vorliegt, glaubt er, daß sie tot ist. Oder richtiger gesagt, er glaubte es bis vor vierundzwanzig Stunden.« »Jetzt glaubt er es nicht mehr?« »Er hat zu zweifeln angefangen. Und ich habe den Zweifel in sein Gemüt gesät.« Krag lächelte ungläubig. (Es paßte in seinen Plan, sich dieser merkwürdigen Geschichte gegenüber zweifelnd zu stellen.) »Glauben Sie wirklich,« sagte er, »daß ein Mann, der seine Frau als tot beweint, sich ohne weiteres einreden läßt, sie sei am Leben, nur weil er einen mystischen, anonymen Brief bekommt?« »Ihre Schlußfolgerung,« antwortete der Apache, »wäre unter gewöhnlichen Umständen ganz richtig. So aber hatte das Verschwinden seinem Frau bereits, etwas Mystisches. Sie ist ertrunken, wie man meint, doch kann man sich nicht erklären, wie es zugegangen ist, und hat auch ihre Leiche nirgends gefunden. Außerdem hatten sich vor ihrem Verschwinden allerhand Dinge ereignet, die darauf deuten, daß sie in ein Netz von rätselhaften Umständen verwickelt war. Wenn darum ihr Mann diesen anonymen Brief bekommt, wird er sich sehr damit beschäftigen. Der Brief wird ihm Unruhe bereiten. Er wird glauben, daß noch Hoffnung vorhanden ist. Und wenn er auch nicht zu hoffen wagt, daß er seine Frau wiederfindet, wird sich ihm doch eine Möglichkeit öffnen, in Erfahrung zu bringen, warum sie den Tod gesucht hat. Sie war in der letzten Zeit sehr unglücklich. Und alle neigen der Auffassung zu, daß sie aus eigenem Antrieb in den Tod gegangen ist. Mit alledem habe ich gerechnet, als ich ihm den Brief sandte. Wenn ich mich nicht sehr irre, ist er schon in Christiania.« »Und es ist Ihr Wunsch, daß ich ihn aufsuchen soll?« »Vorläufig nicht.« »Was soll ich dann tun?« »Sie sollen nur wissen, daß er hier ist.« »Das ist nicht viel. Das weiß ich jetzt also.« »Und dann sollen Sie diese Kenntnis einem andern mitteilen.« »Und dieser andere ist?« »Frau Sonja. Ich nehme an, daß sie noch unten im Speisesaal sitzt. Sie sollen versuchen, mit ihr in Verbindung zu kommen, durch den Schriftsteller oder mit wem oder wie Sie wollen. Jedenfalls aber sollen Sie mit ihr sprechen.« »Warum wollen Sie nicht selbst mit ihr sprechen? Sie kennen sie ja so genau, und ich glaubte, Sie wären nach Christiania gekommen, um sie zu treffen?« »Ich bin nach Christiania gekommen,« antwortete der Franzose, »um in Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt oder wirklich tot ist.« »Sie hatten also selbst daran gezweifelt?« »Ja.« »Dann hat sie wohl einen triftigen Grund, sich das Leben zu nehmen?« »Ja.« »Und diesen Grund kennen Sie?« »Ja. Und er hängt mit dem Umstand zusammen, daß ich sie nicht selbst sprechen kann.« »Ich verstehe Sie noch immer nicht ganz.« »Es ist auch nicht nötig, daß Sie alles verstehen,« antwortete der Franzose und lächelte auf seine seltsam unheimliche Weise. »So viel aber dürfen Sie wissen: Wenn diese Dame, die wir meinetwegen Frau Sonja nennen können, erfährt, daß ich ihr abermals auf der Spur bin, dann tut sie nicht nur, als ob sie sich das Leben nimmt, sondern dann tötet sie sich wirklich. Ich kann Ihnen versichern, daß sie eine entschlossene Dame ist.« Asbjörn Krag erschrak unwillkürlich bei diesen Worten. Er hatte schon lange den grausamen Sinn in dem absonderlichen Spiel des Apachen geahnt. Jetzt war es ihm, als sähe er in einen Abgrund menschlicher Herzlosigkeit. Er begann zu fürchten, daß er nicht imstande sein würde, selbst einzugreifen, wenn der richtige Augenblick gekommen wäre. Dennoch blieb er bei der Rolle, die er nun einmal übernommen hatte, weil er kein Mittel fand, das ihn schneller und leichter ans Ziel bringen würde. Er erhob sich. »Ich soll also Frau Sonja aufsuchen?« sagte er. »Ja, und hinterher sollen Sie mir einen Bericht ablegen, mag es auch noch so spät werden. Wollen Sie noch immer nichts von den Kosten der Angelegenheit wissen?« »Doch,« antwortete Krag. »Da diese Sache langwierig zu werden scheint, und ich bereits verschiedene Gemütsbewegungen gehabt habe, muß ich mit einer Vergütung rechnen. Ich muß auch auf meine eigenen Geschäfte Rücksicht nehmen.« »Mit anderen Worten,« fiel der Apache ein, »damit Sie gar keine Rücksicht auf Ihre eigenen Geschäfte zu nehmen brauchen, während Sie sich dieser Sache widmen, verlangen Sie einen Schadenersatz?« »So kann man es auch nennen.« »Ich ziehe es vor, eine bestimmte Summe anzugeben, weil das Geschäft unsicher und nicht ausschließlich ökonomischer Natur ist. Sind Sie mit 3000 Kronen zufrieden?« »Vollkommen.« »Gut, dann sind wir einig. Gehen Sie jetzt! Ich erwarte Sie hier. Entweder müssen Sie selbst kommen oder, wenn Sie verhindert sind, mir einen zuverlässigen Boten schicken.« »Liegt die Möglichkeit vor,« fragte Krag, »daß ich verhindert werde?« »Ja, das ist nicht ausgeschlossen.« Nachdem Krag sich eine Zigarre angezündet hatte, verließ er das Zimmer dieses Mannes. Er fühlte sich noch etwas schwindlig nach dem Gift, und wußte, daß er etwas blaß geworden war. Aber er wußte auch, daß er stark genug war im letzten Akt dieses Dramas mitzuspielen. Die Uhr war noch nicht eins, aber die Gäste hatten den Speisesaal schon zum großen Teil verlassen. Der Schriftsteller und Madame Bernier saßen noch zusammen bei der grünen Lampe. Krag wartete in der Halle, bis sie aufbrachen. Es dauerte nicht lange. Die schöne Frau war offenbar in ausgezeichneter Stimmung. Als sie einen Augenblick allein vorm Spiegel stand, benutzte Krag die Gelegenheit, um ihr zuzuflüstern: »Frau Sonja, ich muß Sie sprechen.« Er beobachtete ihr Gesicht im Spiegel. Als sie ihren Namen nennen hörte, stieg eine heftige Röte in ihre Wangen, und darauf wurde sie totenbleich. Aber sie bezwang ihre Erregung schnell. Sie runzelte die Stirn. »Was wollen Sie? fragte sie. »Ich kenne Sie nicht.« Da flüsterte Krag ihr einen Namen ins Ohr.   Achtunddreißigstes Kapitel Der Erste Es war der Name des Polizeileutnants, den Asbjörn Krag ihr ins Ohr geraunt hatte. Sie schien sich gegen Überraschungen jeder Art gewappnet zu haben, denn der Name machte keinen sonderlichen Eindruck auf sie. Dennoch entging Krag ihre nervöse Erregung nicht, als sie sich den Hut aufsetzte; und ihre Stimme hatte etwas Atemloses gehabt, was ihre Unsicherheit verriet. Außerdem machte sie nicht den geringsten Versuch, ihren Kavalier zu Hilfe zu rufen, damit er sie gegen Krags Zudringlichkeit schütze. Sie sagte nur, während sie vor dem Spiegel stehen blieb: »Ich kenne diesen Namen nicht. Sie müssen mich mit jemand anders verwechseln.« »Ich muß Sie sprechen,« fuhr Krag unbeirrt fort. »Das ist unmöglich,« sagte sie. »Sie irren sich ... Sie irren sich.« »Ich bin Ihr Freund, ebenso wie der andere, den ich eben genannt habe. Ich habe Sie in Ihrem kleinen Haus in Schweden gesehen. Ich kann Sie von Ihrem toten Hund grüßen.« »Ich habe nie ein Haus in Schweden gehabt,« antwortete sie, »und noch weniger einen Hund. Ich kann nicht mit Ihnen sprechen.« Im selben Augenblick trat ihr Kavalier heran und bot ihr den Arm. Und sie wandte sich von Krag ab, ohne ihn eines Grußes oder Blickes zu würdigen. Im Vorbeigehen hörte Krag, wie der Schriftsteller sie fragte: »Was wollte er? Kannten Sie ihn, Madame?« »Nur ganz flüchtig,« antwortete Madame. Diese kleine Lüge bereitete Krag eine wahre Freude. Sie zeigte, daß sie fürchtete, sich zu verraten und Aufsehen zu erregen, wenn sie sich über seine Zudringlichkeit beklagte. Er war überzeugt, daß er die Wirkliche vor sich hatte. Es war Frau Sonja. Asbjörn Krag wartete, bis sie auf die Straße gekommen waren. Dann folgte er ihnen. Dieses Auflauern war nicht nach seinem Geschmack, aber er sah kein anderes Mittel. Die beiden stiegen in ein Automobil. Als der Chauffeur die Tür zugeschlagen und am Steuer Platz genommen hatte, sprang Krag auf den Wagen und setzte sich neben ihn. Der Chauffeur wandte sich erstaunt zu ihm um. Krag antwortete nicht auf seine erschrockene Frage. Er hielt ihm nur seine Hand hin. Beim Schein der Laterne blitzte etwas in der hohlen Hand. Es war ein Polizeischild. Als der Chauffeur es sah, nickte er nur und fuhr. Auf diese Weise war Krag »der Mann neben dem Chauffeur« geworden. In der letzten Zeit hatte er oft die Rollen gewechselt. »Wohin?« fragte er den Chauffeur. Und er erfuhr, daß die Fahrt nach Bestum ging, zum Villenviertel der Stadt. Er dachte sich gleich, daß Frau Sonja eine der kleinen Villen gemietet habe. Seine Annahme erwies sich als zutreffend. Das Auto hielt vor einem der kleinen Häuser, deren Gärten schon unter herbstlichem Reif lagen. Die beiden Passagiere stiegen aus, und Asbjörn Krag merkte, daß der berühmte Schriftsteller sich auf eine längere, schwärmerische Zwiesprache unter den rauschenden Herbstbäumen vorbereitete. Madame aber öffnete gleich die Gitterpforte, reichte ihrem Begleiter die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit. Guten Abend. Ich bin müde.« Der Kavalier küßte ihr galant die Hand, und dann trennten sie sich. Der Schriftsteller winkte zum Abschied und bestieg wieder das Automobil. Als das Auto gewendet hatte, sagte Krag zum Chauffeur: »Fahren Sie langsam!« Der Chauffeur tat, wie ihm geheißen worden war, und verlangsamte die Fahrt. Krag schrieb etwas auf einen Zettel. Er steckte ihn in eins der kleinen Kuverts, die er immer bei sich hatte. Als Adresse schrieb er: Herrn Kraus Grand Hotel, Zimmer Nr. 101, Eilig. Als er damit fertig war, schrieb er einen ähnlichen Brief, aber mit einer anderen Adresse. Während er damit beschäftigt war, wurde die Tür des Autos aufgerissen, und er hörte die gereizte Stimme des Schriftstellers: »Zum Donnerwetter, warum fahren Sie so langsam?« »Fahren Sie selbst schneller, wenn Sie es in dieser Dunkelheit können,« antwortete der Chauffeur. Worauf der Kopf des Schriftstellers wieder im Automobil verschwand und die Tür mit einem Krach, der beinahe die Fensterscheibe gekostet hätte, zugeworfen wurde. Nach einigen Minuten schien Krag dem Chauffeur alle Anweisungen gegeben zu haben, die er ihm geben wollte. Mit einem Satz sprang er vom Auto, und der Chauffeur fuhr jetzt schneller weiter. Während das Auto mit glühenden Laternen zwischen den Bäumen verschwand, ging Krag im Dunkeln zur Villa zurück. Kaum zwanzig Minuten, nachdem das Auto die Villa verlassen hatte, war Krag wieder bei der Gitterpforte. Da die Pforte verschlossen war, sprang er über den Zaun. Eine Weile blieb er lauschend stehen. Er hörte nur das leise Säuseln des Windes im Herbstlaub; durch die Äste aber konnte er sehen, daß noch Licht in der Villa war. Ein matter Schein fiel durch einen dunkelroten Vorhang. Krag schlich sich ans Fenster. Und da die Vorhänge nicht ganz geschlossen waren, konnte er hineinspähen. Frau Sonja war drinnen. Krag wurde von einer nervösen Unruhe befallen, als er sah, womit sie beschäftigt war. Sie hatte das Feuer im Kamin angefacht und stand jetzt darüber gebeugt und überantwortete dem flammenden Rachen Brief auf Brief. Erst besah sie jeden Brief flüchtig; dann warf sie ihn ins Feuer. Ihr schönes Gesicht hatte einen gedankenvollen, wehmütigen Ausdruck. Krag empfand ein gewisses Mitleid bei ihrem Anblick. Gleichzeitig aber hatte er den Eindruck, daß sie einen Aufbruch vorbereitete oder einen Abschluß machte. Er wandte sich der Küchenseite des Hauses zu. Er ging sehr leise, um nicht die Aufmerksamkeit des Dienstmädchens zu erregen; daß Frau Sonja ihn auf dieser Seite nicht hören konnte, wußte er. Die Tür war natürlich verschlossen, aber Krag besaß eine fabelhafte Geschicklichkeit, solch gewöhnliche Schlösser zu öffnen. Er probierte nicht viele von seinen Schlüsseln, bevor das Schloß nachgab. Er kam in einen Vorraum. Da aber etwas Licht von dem blauen Nachthimmel durch die Türscheibe drang, verharrte er regungslos, bis er die Umgebung unterscheiden konnte. Frau Sonja hatte nichts gehört. Sie stand und verbrannte ihre Briefe, einen nach dem andern. Indessen war der Chauffeur, nachdem er den Schriftsteller abgesetzt hatte, zum Grand Hotel gelangt. Er hatte Krag das Versprechen gegeben, den Brief dem Adressaten persönlich zu übergeben. Er wartete in der Halle, bis »Herr Kraus« herunterkam. Als er kam überreichte er ihm den Brief und ging weg. Daß er nicht wartete, geschah auf Krags ausdrücklichen Befehl. Der Franzose las den Brief und nachdem er ihn gelesen hatte, bestellte er ein Automobil, das ihn nach Bestum fahren sollte. Da war Krags Chauffeur bereits mit einem andern Brief unterwegs, der eine andere Adresse hatte. In der Villa aber hatte sich indessen ereignet, daß Asbjörn Krag zu Frau Sonja ins Zimmer getreten war.   Neununddreißigstes Kapitel Der nächtliche Gast Asbjörn Krag war so leise ins Zimmer getreten, daß Sonja ihn erst entdeckte, als er drinnen war. Sie stand halb gebeugt, den Rücken zur Tür gewandt, ganz in ihre Beschäftigung vertieft; Brief nach Brief flog in das flackernde Feuer. Sie wurde erst auf Krag aufmerksam, als er die Tür hinter sich zuzog und den Schlüssel umdrehte. Mit einem Schrei fuhr sie zurück. Sie streckte beide Hände von sich, als ob sie ein Gespenst sähe oder einen Angriff erwarte. Als sie ihn aber erkannte, sagte sie, indem sie erleichtert aufatmete: »Ach, Sie sind es. Sie sind es nur.« Im nächsten Augenblick aber wurde ihr das Seltsame der Lage klar, und indem sie zum Glockenzug eilte, rief sie: »Ein Verrückter!« Krag aber, der alles vorgesehen hatte, war schneller als sie, und stellte sich zwischen sie und den Glockenzug. Er war ernst und bestimmt und sprach wie einer, der keinen Widerspruch duldet. »Ich will Ihnen nichts Böses tun,« sagte er, »das habe ich Ihnen schon einmal versichert. Hören Sie mich ruhig an!« Sie stand einen Augenblick, starrte ihm ins Gesicht und blickte sich darauf um, als ob sie nach einer Waffe oder einem Weg zur Flucht suchte. »Lassen Sie nur die Fenster,« sagte Krag, »ich stelle mich Ihnen doch in den Weg, bevor Sie sie erreicht haben. Ich bin nicht verrückt. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Mein Eindringen ist etwas seltsam; aber Sie müssen zugeben, daß man Ihrer nur schwer habhaft werden kam. Ich bin Ihnen durch ganz Dänemark und Schweden gefolgt und kann Sie, wie gesagt, von Ihrem Hund grüßen.« »Ach,« sagte sie, indem sie mühsam lächelte, »sind Sie vielleicht auch in mich verliebt?« »Sie glauben immer noch, daß ich verrückt bin. Setzen Sie sich und hören Sie mich ruhig an, dann werde ich Sie vom Gegenteil überzeugen! Und dann werde ich Ihnen erzählen, wie ich Ihnen helfen will.« »Gott behüte,« sagte sie, »alle Menschen wollen mir helfen.« »Vielleicht habe ich Ihnen schon mehr geholfen, als Sie glauben.« »Wie wollen Sie mich davon überzeugen?« »Ich brauche Ihnen wohl nur zu sagen,« antwortete Krag, »daß ich Ihre Feinde kenne.« Sie fuhr zusammen. Krag schob ihr einen Stuhl hin. »Ich sehe, daß Sie Ihre Geistesgegenwart wiedergewonnen haben,« sagte er, »es wird Ihnen darum nicht schwer fallen, mir zuzuhören.« Sie nahm zögernd Platz, und er setzte sich ihr gegenüber. Er sah auf seine Uhr. »Wir haben höchstens eine Viertelstunde Zeit,« sagte er. Sie sah ihn fragend an. »In dieser Viertelstunde muß ich Ihnen alles erzählt haben.« »Und dann?« fragte sie. »Dann wird etwas eintreffen,« antwortete Krag ernst. »Ich verstehe Sie nicht. Aber wollen Sie mir nicht mitteilen, warum Sie mir den ganzen Weg gefolgt sind?« »Mein Freund, der Polizeileutnant,« antwortete Krag, »hat mir Ihre lange und seltsame Geschichte erzählt.« »Ich hätte ihn für verschwiegener gehalten.« »Er glaubte Sie in Gefahr. Und außerdem hatten Sie ihm ja gestattet, Ihnen zu helfen.« »Ich habe keine Hilfe nötig. Wenigstens jetzt nicht mehr.« »Ich verstehe, was Sie meinen,« sagte Krag, indem er auf den Kamin zeigte, wo noch einige Brieffetzen lagen. »Sie wollen Selbstmord begehen. Und diesmal im Ernst.« Als er den vergrämten Ausdruck ihres Gesichtes sah, fügte er hinzu: »Es ist nötig, daß wir ohne Rückhalt reden, um zu einem Verständnis zu kommen. Sie wollen mir wahrscheinlich nicht erzählen, warum Sie den Selbstmord vorgetäuscht haben?« »Ich sehe nicht ein, warum ich es tun sollte.« »Ich habe eine eigene Methode,« antwortete Krag, »wodurch ich die Wahrheit dennoch erfahren könnte.« »Was ist daß für eine Methode?« »Ich habe wenig Zeit. Aber ich werde sie Ihnen dennoch sagen. Ich erzähle selbst, was ich von dem Betreffenden zu erfahren wünsche.« »Abgesehen von den Indiskretionen Ihres Freundes wissen Sie sicher nicht viel von mir.« »Was ich Ihnen jetzt erzählen will, ahnt der Polizeileutnant gar nicht. Ich bin Ihrer Sache mit dem größten Interesse gefolgt. Anfangs war ich ganz ohne Richtung, später habe ich mich häufig geirrt. Aber ich habe den wahren Zusammenhang der Sache doch schon lange geahnt, und jetzt bin ich davon überzeugt. Ich weiß, warum Sie diese Komödie spielten, und ich weiß auch, warum Sie Ihren Mann nicht einweihten.« »Warum? Lassen Sie hören.« Sie beugte sich interessiert zu ihm. »Um sein Leben und daß Ihres Kindes zu retten,« sagte Krag. Sie erhob sich plötzlich vom Stuhl. Sie wurde noch blasser als vorher, und ihre Lippen bebten, als ob sie anfangen wollte zu weinen. »Setzen Sie sich!« sagte Krag. »Jetzt haben Sie den Beweis, daß meine Methode richtig war. Sie haben sich selbst verraten. Soll ich Ihnen noch mehr erzählen?« »Sagen Sie mir erst, wer Sie sind!« »Ich bin Ihr Freund. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen. Glauben Sie mir, oder glauben Sie mir nicht?« Frau Sonja blickte ihm einen Augenblick prüfend ins Gesicht. »Sie sprechen wie ein Arzt,« antwortete Sie, »ich fühle mich fast geborgen. Aber sagen Sie mir auch, wer meine Feinde sind!« Kennen Sie den Österreicher Kraus?« fragte Krag. Sie schüttelte den Kopf, und es ging wie eine Enttäuschung über ihre Züge. »Kennen Sie Jean Guyot?« fragte Krag weiter. Sie schüttelte abermals den Kopf; doch als sie den französischen Namen hörte, wurde sie aufmerksamer. Jetzt wußte Krag keine Namen des Apachen mehr. Aber er begann ihn zu beschreiben, so wie er aussah, als er ihn zum erstenmal in der Eisenbahn getroffen hatte. Krag war Meister im Beschreiben; er vergaß nichts und verlor sich nicht in unwesentliche Einzelheiten. Frau Sonja lauschte und wurde immer erstaunter und erschrockener. »Kennen Sie ihn?« fragte Krag. »Ja,« flüsterte sie, »ich kenne ihn.« »Ist es der Mann aus Kiew?« »Ja, und was schlimmer ist, es ist der Mann aus Paris, aus Reims, aus Asnières, aus Marseille. Es ist mein Feind.« »Und dennoch strebt er Ihnen nicht nach dem Leben?« »Nein, das ist gerade das Furchtbare.« »Aber nach dem Leben Ihres Mannes und Kindes?« »Ja.« »Und warum?« fragte Krag. »Sie kennen ihn also doch nicht genau, sonst würden Sie nicht fragen.« »Ich kenne ihn nicht bei seinem richtigen Namen.« »Den kennt keiner. Wir nannten ihn eine Zeitlang Pierre noir , den schwarzen Peter.« Krag lächelte. »Da haben Sie sich wieder verraten,« sagte er. »Ich sehe, daß meine Methode unfehlbar ist. ›Wir nannten ihn‹, damit haben Sie sich verraten. Erzählen Sie mir alles!« »Warum sehen Sie die ganze Zeit nach der Uhr?« fragte Frau Sonja erregt. »Weil wir einen nächtlichen Gast erwarten können.« »Wen?« »Den schwarzen Peter,« antwortete Krag.   Vierzigstes Kapitel Der Zweite Frau Sonja starrte Krag entsetzt an, und Mißtrauen drückte sich in ihren Zügen aus. »Sie lügen,« sagte sie. Krag erhob sich. »Wie ich Ihnen bereits sagte,« antwortete er, »habe ich sehr wenig Zeit. Wir können jeden Augenblick Besuch bekommen. Der schwarze Peter ist in der Stadt und auf dem Wege hierher.« »Er weiß also, daß ich am Leben bin?« »Ja, er sah Sie heute abend im Speisesaal des Hotels. Und jetzt, gnädige Frau, sind wir bei einem andern Punkt dieser merkwürdigen Geschichte angelangt. Sie speisten mit einem unserer bekanntesten Schriftsteller und schienen ihn von früher zu kennen. Kannten Sie ihn als Frau Sonja Gade oder als ...« »Als Madame Bernier,« antwortete sie. »Ich bin in Paris mit ihm zusammengewesen. Ich habe zwei seiner Bücher ins Französische übersetzt, ›Die schöne Venus‹ und ›Der tadellose Gentleman‹.« »Sie haben also literarische Interessen?« »Das hatte ich, bevor ich in andere Kreise kam, das heißt, ich habe es noch, aber auf eine andere Weise.« »Jetzt sind wir bald beim Hauptpunkt angelangt,« sagte Krag. »Sie sprachen von anderen Kreisen. Darf ich Sie fragen, sind es dieselben Kreise, in denen auch der schwarze Peter verkehrt und verkehrt hat?« »Ja. Aber ich kann nicht fassen, daß er wieder in meiner Nähe ist. Er weiß also, daß ich lebe?« »Sie kennen ihn besser als ich und halten ihn nicht für dumm, nicht wahr?« »Im Gegenteil, er ist außerordentlich scharfsinnig.« »Dann muß ich Ihnen sagen, daß Sie die Komödie mit dem Ertrinken zu schlecht in Szene gesetzt haben. Meinen Argwohn erweckte sie sofort; um wie viel mehr muß sie den seinen erweckt haben, da er Sie kannte und wußte, was Sie fürchteten! Mir fiel es gleich auf, daß etwas Rätselhaftes an Ihrem Verschwinden war. Ich fand bei der Badeanstalt verschiedene Spuren, die mich davon überzeugten. Aber ich irrte mich, wenn ich annahm, daß Sie vor Ihrem Mann geflohen seien. Ja, ich glaubte sogar eine Zeitlang, daß Sie mit diesem mystischen Menschen geflohen seien, den ich anfangs unter dem Namen ›Der Mann mit dem blauseidenen Halstuch‹ kannte. Sagen Sie mir aufrichtig, gnädige Frau, bevor wir weitergehen: Sie sind mit Advokat Gade verheiratet?« »Er ist mein Gatte,« antwortete sie. »Und er ahnt nichts von der Komödie?« »Hoffentlich nicht.« »Sie würden mir die Sache sehr erleichtern, wenn Sie noch eine Frage ehrlich beantworten: Sind Sie auch mit dem schwarzen Peter verheiratet?« »Nein.« »Gut. Dann ist der Zusammenhang so, wie ich ihn mir in den letzten Tagen zurechtgelegt habe. Sie fürchteten den schwarzen Peter mehr als irgend etwas in der Welt?« »Ja.« »Aber Sie fürchten nicht für Ihr Leben?« »Nein, wenn es nur das wäre!« »Ihre Furcht gilt also mehr Ihrem Mann und Ihrem Kind?« »Ja, ihnen allein.« »Wann hat er Sie zuerst erschreckt?« »Er hat mich während des letzten Jahres dreimal erschreckt,« sagte sie. »Zuerst vor einigen Monaten, als ich mit meinem Mann in Rußland reiste. Es war eines Tages in Kiew im Hotel Puschkin. Ich habe früher in Paris viel mit Russen verkehrt. Und seit der Zeit hatte ich immer Lust gehabt, ihr Land zu sehen. Ich kann etwas Russisch. Im Wintergarten des Hotels entdeckte ich plötzlich diesen Menschen. Er war mit einem andern zusammen, den ich auch aus Paris kannte.« »Und aus Marseille, Asnières und den andern Orten, die Sie vorhin nannten?« Frau Sonja nickte. »Sein Anblick,« fuhr sie fort, »berührte mich so peinlich, daß mein Mann glaubte, ich sei krank geworden. Da ich die Stadt sofort verlassen wollte, mußte ich ihm eine Erklärung für mein merkwürdiges Benehmen geben. Und da sagte ich ihm, dieser Mann habe mich einmal so tief beleidigt, daß ich seinen Anblick nicht ertrüge.« »Ihr Gatte hat ihn also auch gesehen?« »Ja, und er erkannte ihn diesen Sommer, als wir in dem Badeort wohnten.« »Sagen Sie mir, hat der Mensch Sie verfolgt?« »Nein, keineswegs. Ein unglückseliger Zufall hat ihn meinen Weg kreuzen lassen. Die Welt ist ja so klein. Und wenn er nicht in Paris sein kann, dann streift er ruhelos umher.« »Was wollte er in dem dänischen Badeort?« »Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, kann es mir aber denken. Er erkannte mich, als er einen Einbruch in unsere Villa machte. Es war nach dem Erntefest im Hotel, wo er auf meine Juwelen aufmerksam geworden war. Mein Gesicht sah er nicht, aber er erkannte mich an meinem Haar. Und sein Erstaunen bei jener Gelegenheit war echt. Es überzeugte mich davon, daß er mich nicht verfolgte, sondern daß unsere Begegnung ein reiner Zufall war. In dem Augenblick begann mein eigentliches, mein furchtbares Unglück.« »Mit andern Worten,« sagte Krag, »Sie sind in der Gewalt dieses Mannes.« »Ja, vollständig.« »Darf ich Sie fragen, aus welchem Grunde?« »Ich bin einst,« antwortete Frau Sonja, indem sie tief aufatmete, »ich bin einst die Vertraute dieses Mannes gewesen. Ich habe ihn einst geliebt,« fügte sie hinzu und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Krag sah wieder nach seiner Uhr. Sie gewahrte seine Bewegung und hob den Kopf. »Ich bedaure,« sagte der Detektiv, »daß ich Sie Ihren Gefühlen nicht überlassen kann. Aber ich erwarte das Automobil!« »Ich hoffte, daß er sich nicht mehr zeigen würde,« fuhr Frau Sonja fort. »Ich gab ihm alles, was ich hatte, erst all mein Geld, dann versetzte ich meine Schmucksachen, um mehr Geld zu schaffen.« »Und kauften statt dessen falsche, damit Ihr Mann keinen Verdacht schöpfe. Die Geschichte kenne ich. Ich habe die unechten Juwelen gesehen.« »Sie wissen alles,« sagte Sonja erstaunt, »und dennoch kommen Sie zu mir und wollen, daß ich erzählen soll?« »Ich will es aus Ihrem eigenen Mund hören. Ich weiß noch mehr. Aber das meiste errate ich, und darum muß ich es bestätigt haben, um den Schlag mit voller Kraft führen zu können.« »Gegen wen wollen Sie den Schlag führen?« »Gegen den Mann, den ich erwarte,« sagte Krag. Frau Sonja sah Krag scharf an. »Dann sollen Sie auch erfahren, worin mein furchtbares Unglück besteht. Als er mich bis auf das letzte Geldstück geplündert hatte, wollte er, daß ich ein Verbrechen begehen sollte, um mehr Geld zu schaffen. Das schlug ich ab.« »Und da wollte er Sie töten?« »Nein. Als ich ihn das letzte Mal sprach, sagte er: ›Du willst von jetzt ab ein bürgerliches Leben führen, Du liebst Deinen Mann und Dein Kind. Durch sie werde ich Dich zu treffen wissen.‹ Damit ging er. Darauf verbrachte ich einige Tage in Angst und Beben. Eines Abends wurde mein Mann im Treppenhaus unseres Hauses überfallen. Die Polizei in Kopenhagen fabelte etwas von dem Racheakt eines entlassenen Sträflings. Ich wußte es besser; ich wußte, daß der Mensch es damit nicht bewenden lassen würde. Das nächste Mal würde er mein Kind treffen. Da faßte ich meinen verzweifelten Entschluß. Ich tat, als ob ich in den Tod ginge. Wenn er mich tot weiß, dachte ich, wird er nichts mehr unternehmen, weil es ihm nichts nützen kann. Ich wollte eine Zeitlang verschwinden und dann zu meinem Kind zurückkehren, zu meinem Kind, das ich so grenzenlos liebe.« »Und das alles haben Sie getan, weil Sie fürchteten, daß er Sie kompromittieren würde, wenn er erzählte, daß Sie, die Frau des berühmten Advokaten, einst seine Geliebte, die Geliebte des Einbrechers gewesen seien?« »Glauben Sie mir nicht?« fragte Sonja. »Nein,« antwortete Krag, »Sie haben noch einen anderen Grund gehabt.« »Ja, ich habe noch einen anderen Grund.« Da horchten beide auf, denn sie hörten draußen ein Automobil. »Da ist der Mann,« sagte Krag. »Es ist der Erste.« »Erwarten Sie noch jemanden?« fragte Sonja. »Ja,« antwortete Krag, »ich erwarte noch einen, ich erwarte Ihren Gatten.«   Einundvierzigstes Kapitel Der Dritte Frau Sonja erhob sich und blickte verstört zum Fenster. Sie horchten beide auf das Automobil. Sie hörten es brummend näherkommen. Da hielt es, und es trat wieder Stille ein. Frau Sonja war in furchtbarer Gemütsbewegung. »Wenn Sie den Mann näher kennten,« sagte sie, »hätten Sie ihn niemals hierherkommen lassen«. »Ich kenne ihn recht gut,« antwortete Krag. »Er hält mich für seinen Freund. Ein Zufall hat uns in der Eisenbahn zusammengeführt. Er faßte Vertrauen zu mir, weil er glaubte, mich bei einem Diebstahl ertappt zu haben. Es versteht sich von selbst, daß ich kein Verbrechen beging; es war nur eine Komödie.« »Wollen Sie hier in meinem Haus noch immer als sein Freund auftreten?« »Ja, bis meine Arbeit beendet ist.« »Sind Sie bewaffnet?« fragte sie. »Ja,« antwortete Krag. »Heute abend bin ich bewaffnet. Ich bin auf alle Überraschungen vorbereitet.« Sie ging zu einem kleinen Schrank und nahm einen blitzenden Gegenstand heraus. Krag konnte nicht sehen, ob es ein Revolver oder ein Dolch war. Sie verbarg den Gegenstand in ihrem weiten Kleiderärmel. Und da schien es, als würde sie plötzlich ruhiger. Sie lehnte sich vornüber und sah Krag fast herausfordernd an, indem sie ihre Hände um die Knie verschränkte. »Jetzt mag er kommen,« sagte sie, »ich bin bereit.« Von draußen war kein verdächtiges Geräusch zu hören. »Er kommt nicht herein, bevor ich ihm nicht ein Signal gegeben habe. Bevor ich ihn aber herein lasse, müssen Sie mir noch einige Fragen beantworten.« »Fragen Sie nur! Da Sie so vieles wissen, können Sie auch das Letzte erfahren.« »Sagen Sie mir, hatte sein grausames Auftreten gegen Sie einzig und allein pekuniäre Gründe? War es nur eine gemeine Gelderpressung oder auch etwas anderes?« »Es war auch etwas anderes,« antwortete Sonja. »Wir sind einmal sehr gute Freunde gewesen.« »Wie lange ist das her?« »Das mag drei Jahre her sein.« »Warum kamen Sie damals auseinander?« »Eine Katastrophe trat ein, die uns alle trennte.« Asbjörn Krag atmete tief auf. »Endlich,« murmelte er, »endlich kommen wir zum Kern der Sache. Es handelte sich also nicht nur um Sie und ihn. Es waren auch andere dabei.« »Ja. Wir waren ein großer Kreis.« »Und alle diese wurden Ihre Feinde?« »Nein, nicht alle. Einige sind tot.« »Sie haben während unserer Unterredung,« sagte Krag, »außer Paris die Namen einiger Städte genannt. Sie haben von Marseille, sie haben auch von Reims gesprochen. An diesen Orten sind Sie also mit dem Menschen zusammengewesen. Ich erinnere mich, daß Reims ein bekannter Zufluchtsort für die Pariser Apachen ist. Ich erinnere mich ferner, daß Marseille das Zentrum der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung ist. Sie haben aber auch noch den Namen einer anderen Stadt genannt. Einer ganz kleinen Stadt in der Nähe von Paris, Asnières – nicht wahr? Ich kann Ihren erschrockenen Augen ansehen, daß ich recht habe. Ich entsinne mich, daß diese Stadt im Frühjahr 1912 der Schauplatz eines unheimlichen Verbrechens war, das mit den Automobilbanditen in Verbindung gebracht wurde. Waren Sie damals in Asnières?« Frau Sonja erhob sich und trat an den Spiegel. Sie war sehr bleich. »Wenn Ihr neuer Freund kommt,« sagte sie, »können Sie ihn danach fragen.« Krag sah sie forschend an. »Haben Sie jemals aktiv an einem Verbrechen teilgenommen?« fragte er. »Ja,« anwortete sie. »Gerade in der Stadt, die Sie nannten. Aber ohne mein Wissen und meinen Willen. Wie Sie wohl aus meinen Bekanntschaften und dem, was ich Ihnen erzählt habe, entnommen haben, interessiere ich mich für Literatur. Meine Freunde haben mich allesamt betrogen. Es begann so hübsch mit einer Bewegung, die nur ideale Ziele hatte. Nach und nach aber wurden meine Kameraden in verbrecherische Unternehmungen hineingezogen. Ich brauche Ihnen nicht viel mehr zu erzählen, wenn ich Ihnen sage, daß Bonnet, der große Autobandit, zu unserem Kreis gehörte. Er war der Eifrigste bei unseren Zusammenkünften. Er schrieb glühende Artikel für unser Blatt. Anfangs hätte keiner von unserem Kreis sich denken können, daß das Ganze mit jenen verbrecherischen Ausschreitungen enden würde, die später die Welt in Erstaunen gesetzt haben. Unser Wahlspruch aber war ja der der unbegrenzten Freiheit. Ich bekam ziemlich bald einen Verdacht, was da werden würde. Dennoch blieb ich mit ihnen noch eine Zeitlang verbunden. Es waren so viele prächtige Menschen darunter, die sprachen so schön. Diese Abende, wo wir uns in irgendeinem geheimnisvollen Lokal, einem Zimmer in einem Hinterhof oder in einem Keller, versammelten, gehören trotz allem zu dem Merkwürdigsten und Schönsten, was ich erlebt habe. Dann aber kam es. Ich vergesse nie den ersten Abend, als wir den kalten Hauch eines Verbrechens über uns spürten. Es war ein Raub begangen worden, um Geld für unser Blatt zu schaffen. Der Mann, den ich damals für meinen besten Freund hielt, derselbe Mann, der jetzt draußen wartet, hatte an dem Verbrechen nicht teilgenommen, aber er verteidigte es. Später bekamen unsere Zusammenkünfte etwas Unheimliches. Wohl sprachen wir wie sonst von idealen Dingen, aber dennoch war alles von geheimnisvollen Begebenheiten umhüllt, die um uns herum vorgingen, und bei denen wir auf gewisse Weise mitspielten. Schließlich konnte ich es nicht mehr aushalten und flüchtete. Meine Flucht fand gerade zu einem Zeitpunkt statt, wo es wichtig war, daß alle zusammenhielten. Das wußte ich. Ich wußte auch, daß mein unvorhergesehener Schritt die andern in Gefahr bringen könnte. Aber ich war gezwungen so zu handeln. Ich wollte nicht noch tiefer in Verbrechen hineingezogen werden, die von Tag zu Tag zunahmen. Doch ich wußte auch, daß ich mich einer Rache aussetzte, die furchtbar sein würde, wenn sie mich eines Tages erreichte. Ich erzähle Ihnen dies alles, erzähle es einem, der mir unbekannt ist, obwohl Sie mir ein gewisses Vertrauen einflößen. Aber ich weiß, daß ich jetzt vor einer Entscheidung in meinem Leben stehe, und darum will ich gern alles klar legen. Das Schicksal wollte nicht, daß ich der Rache entrinne. Ich habe so lange wie möglich dagegen anzukämpfen versucht. Jetzt habe ich es aufgegeben. Ich überantworte mein Leben und mein Schicksal der Entscheidung, die nun getroffen werden soll. Rufen Sie jetzt Ihren Freund herein! Ich habe den Mut, ihm in die Augen zu sehen.« Krag erhob sich. »Ist das ein Revolver, was Sie in Ihrem Kleiderärmel versteckt haben?« fragte er. »Auf diese Frage möchte ich Ihnen die Erwiderung schuldig bleiben.« »Ist es eine Waffe?« fragte er weiter. »Ja,« antwortete sie, »es ist eine Waffe.« Krag ging zu dem Knopf des elektrischen Lichts. Er drehte es ein paarmal auf und zu. Dann wartete er. Es waren noch nicht viele Minuten vergangen, als draußen vom Flur Schritte erklangen. Die Tür wurde geöffnet. Es war der Apache. Er lächelte auf seine sonderbare Weise. Er legte seinen Hut und Mantel auf einen Stuhl, ging auf Frau Sonja zu und sagte: »Ich liebe dich noch immer.« Im selben Augenblick ertönte draußen wiederum das Geräusch eines Automobils, das näher kam. »Das ist der Ehemann,« dachte Krag.   Zweiundvierzigstes Kapitel Ein Schuß um drei Uhr nachts Der Apache ging mit ausgebreiteten Armen auf Frau Sonja zu, und als er ihr ganz nahe war, wiederholte er: »Ich liebe dich noch immer.« Sie zog sich mehr und mehr von ihm zurück, aber er folgte ihr, indem er auf seine merkwürdige Weise lächelte. Es sollte freundlich und entgegenkommend sein, wurde aber grausam und triumphierend. Von dem Augenblick, wo der Apache ins Zimmer getreten war, hatten Krags Augen ihn scharf beobachtet. Als er sah, daß der Apache seinen Mantel über einen Stuhlrücken warf, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als ihn beiseite zu legen. Wenn der Apache in diesem Augenblick für etwas anderes Blick gehabt hätte, als für Frau Sonja, würde er sich darüber gewundert haben, daß Krag den Mantel so auffallend lange behielt und in den Taschen wühlte. Indessen war Frau Sonja bis in die entfernteste Ecke des Zimmers zurückgetrieben worden. Sie flüchtete vor dem Menschen wie vor einem Tier, und helles Entsetzen leuchtete ihr aus den Augen. Der Apache sah dieses Entsetzen, stutzte und blieb stehen. Er sah sie lange an und schüttelte dann bedenklich den Kopf. »Wie du dich verändert hast!« sagte er. »Früher warst du ganz anders. Du bist nie feige gewesen. Du warst tapfer. Fürchtest du mich jetzt?« »Ja,« flüsterte sie, »ich fürchte mich vor dir.« »Du glaubst, daß ich grausam und herzlos bin,« sagte der Apache, »weil du gegen mich bist und nicht mehr mit mir. Wenn du wieder meine Sonja werden, mit mir reisen, immer um mich sein und mir bei meiner Arbeit helfen willst, dann werde ich vergessen, was du mir und den andern getan hast.« »Dir bei deiner Arbeit helfen,« murmelte sie, indem sie zusammenschauerte, »das hieße zum Verbrechen zurückkehren. Lieber gehe ich freiwillig in den Tod.« Er lachte. Und bei diesem Lachen fuhr sie zusammen und ließ sich auf einen Stuhl gleiten, das Gesicht in den Händen verbergend. Er sagte: »Ich glaube nicht mehr an dich, ich glaube nicht, daß du den Tod suchst. Du hast die Welt schon einmal mit dieser Komödie betrogen. Ich glaube auch nicht an deinen Schmerz. Ich kenne dich, du vergißt, wie wir in alten Zeiten dein Schauspielertalent bewunderten. Hör' mich an, Kleine, heb' den Kopf! Wenn du es nicht anders willst, gut, dann laß uns die Sache geschäftsmäßig behandeln!« »Ich habe keine Komödie gespielt,« sagte sie, »ich habe für Mann und Kind gekämpft. Kennst du denn kein Erbarmen?« Er ging auf sie zu und legte ihr drohend den Zeigefinger aufs Haar. Sie zuckte bei der Berührung zusammen. »Kanntest du Erbarmen?« sagte er drohend. »Denk' an unsere Freunde, die sich auf dich verließen, und die du verraten hast! Verräterin! Ein schlimmeres Wort gab es nicht für uns, und wer uns verriet, war unserer Rache sicher.« »Aber ihr wurdet ja alle Verbrecher, gemeine, boshafte Verbrecher.« »Unsinn. Wir wollten uns nur nicht länger mit leeren Redensarten begnügen. Wir wollten handeln. Und anfangs warst du ja mit uns einig. Dann aber fiel dir ein, daß es noch eine Welt in Reichtum und Behaglichkeit gab, fern von uns Unglücklichen. Und da flohst du, ließest deine Aufgabe und deinen Eid im Stich. Und damit verrietest du uns. Wir haben dir Rache geschworen, und diese Rache will ich jetzt vollbringen. Ich habe dir angeboten, zu uns zurückzukehren. Du hast es abgeschlagen. Aber du sollst uns auch nicht mehr schaden, du sollst fühlen, daß es nicht so leicht ist, ein Gelübde zu brechen. Nach der großen Katastrophe sind die Freunde in Europa zerstreut worden. Noch gibt es viele von uns, die der Polizei nicht in die Hände gefallen oder im Kampf gegen die Unterdrücker gefallen sind. Wir sind im Begriff uns wieder zu sammeln, und gegen Verräter kennen wir keine Gnade.« »Nimm mein Leben!« sagte Sonja. Der Apache brach in ein leises, grausames Gelächter aus. »Wir sind nicht mehr so naiv wie früher,« sagte er, »nicht mehr solche Draufgänger. Wir arbeiten planmäßig. Wenn wir durch kluges Intrigenspiel einen großen Vorteil erlangen können, warum dann alles auf eine Karte setzen, wie in alten Tagen? Noch habe ich den Freunden nicht erzählt, daß ich dich gefunden habe. Aber es soll nicht lange dauern, bis alle wissen, daß der Verräter gefunden ist. Ich weiß, daß du durch deine Ehe über ein großes Vermögen verfügst. Wir haben die Absicht, dich bis auf das letzte Geldstück auszuplündern. Ich weiß genau, wie viel du hergeben sollst, und welche Mittel wir anwenden wollen. Jeder hat für seine Handlungen zu bezahlen. Dein Leben wollen wir nicht anrühren, im Gegenteil, wir wollen deine Gesundheit hochhalten. Wir wissen jetzt, wie viel du uns wert bist. Das Merkwürdige bei euch Frauen ist ja, daß ihr immer etwas haben müßt, was ihr über alles in der Welt liebt. Du hast deinen Mann und dein Kind. Ich weiß, wo wir dich treffen können, wir können dich furchtbar treffen. Und so gut kennst du uns, daß du weißt, daß wir unbarmherzig zuschlagen, wenn du nicht gehorchst.« Asbjörn Krag sah, daß Frau Sonja sich erhob, und daß eine wahnsinnige Verzweiflung aus ihrem Gesicht leuchtete. Selbst der Apache zog sich einige Schritte zurück, und Krag der eine Katastrophe befürchtete, trat zwischen die beiden. »Sie vergessen,« sagte er, »daß ein Dritter zugegen ist. Ich bin auch noch da und möchte Anteil am Gewinn haben. Ich habe Ihre Befehle ausgeführt, mein Herr, und habe dieser Dame mitgeteilt, daß Ihr Mann in der Stadt ist.« »Gut, gut,« antwortete der Apache. »Ich möchte mit dieser Dame allein sprechen. Das Auto wartet draußen. Ich komme gleich.« »Wenn das Auto wartet,« antwortete Krag, »brauche ich dieses Zimmer ja nicht zu verlassen.« Der Apache bemerkte Krags veränderten Ton. Er warf einen hastigen Blick auf seinen Mantel, und im nächsten Augenblick stand er neben dem Stuhl, worauf dieser lag. »Ich bin gewohnt,« sagte er, »daß meine Helfer mir unverzüglich gehorchen.« »Und ich,« antwortete Krag lächelnd, »bin gewohnt zu tun, was mir beliebt.« »Machen Sie, daß Sie fortkommen!« schrie der Franzose. »Ich lasse mich nicht auf Unterhaltungen mit einem gemeinen Taschendieb ein.« Da lachte Krag laut auf. Ein Lachen, das den andern sehr zu reizen schien. Krag aber hatte erreicht, was er beabsichtigte. Frau Sonja war ruhiger geworden. Sie sah ihn voll Vertrauen an, und Krag wurde seltsam gerührt durch diesen Blick. Eine unendliche Bitte lag darin, ein stummer Hilferuf. Der Detektiv wandte sich kaltblütig an den Franzosen. »Da Sie meinen Beistand in dieser Sache gesucht haben,« sagte er, »wünsche ich meine Bedingungen zu stellen, bevor die Affäre zur Entscheidung kommt.« Der Apache antwortete nicht. Er durchsuchte die Taschen seines Mantels. Und plötzlich erblaßte er, denn Krag zeigte ihm einen Revolver. »Suchen Sie vielleicht diesen?« fragte er. »Seien Sie ein andermal vorsichtiger und vergessen Sie ihn nicht in der Manteltasche, wenn Sie den Mantel aus der Hand legen! Und zugleich möchte ich die Gelegenheit benutzen, um Ihnen zu sagen, daß Sie der größte Schurke sind, der mir in meinem Leben begegnet ist, obgleich ich seit fünfzehn Jahren Polizeibeamter bin.« Bei dem Wort »Polizeibeamter« zuckte der Franzose zusammen. Seine Blicke jagten durchs Zimmer. »Dort ist das Fenster,« sagte Krag, »und dort die Tür. Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich mit dem Revolver zeige! Aber Sie werden wohl einsehen, daß ich vorläufig hierbleiben muß. Das Auto kann warten. Es ist übrigens sonderbar,« fügte er neckend hinzu, »wie machtlos Apachen wie Sie, ohne diesen kleinen, blanken Gegenstand sind. Sonst pflegt Ihresgleichen doch auch ein Messer für alle Fälle bei sich zu haben? Ja, ja, dachte ich mir's doch! Seien Sie so freundlich und halten Sie Ihre Hand ganz still! Ich kenne Sie. Sehen Sie mir in die Augen! Zweifeln Sie daran, daß ich Sie niederschieße, wenn Sie nur die geringste Bewegung machen?« Der Apache war weiß vor Wut. Aber er bezwang sich und heuchelte Überlegenheit, indem er sagte: »Ah, Sie sind also der Ritter dieser Dame! Haben Sie vielleicht die Absicht mich zu verhaften?« »Ja, tot oder lebendig.« »Dann seien Sie so freundlich und verhaften Sie diese Dame gleich mit! Ich kann Ihnen ihre Geschichte erzählen. Wir haben viel zusammen erlebt. Wir haben einige heitere Erinnerungen aus Asnières, einige hübsche und rote Erinnerungen.« »Sie irren sich,« antwortete Krag, indem er nachlässig mit dem Revolver spielte. »Diese Dame hat viel für das gelitten, was sie einst begangen haben mag. Sie ist sicher bereit, mit ihrem eigenen Leben zu sühnen, was sie verbrochen hat. Ich aber habe beschlossen, sie zu schonen und Sie zu fällen.« In diesem Augenblick machte er dasselbe hastige Manöver mit dem elektrischen Knopf wie vorhin. Aus dem Garten ertönten Schritte. »Da kommt Ihr Gatte, gnädige Frau,« sagte Krag. Die Stubenuhr schlug drei.   Dreiundvierzigstes Kapitel Das Schicksal Sie hörten, daß die Haustür geöffnet wurde und ein Mensch im Begriff war, sich durch den dunklen Flur vorwärtszutasten. Indessen sagte Krag: »Gnädige Frau« – aber er hielt die ganze Zeit seinen Blick unverwandt auf den Apachen gerichtet – »jetzt kommt Ihr Gatte. Ich höre bereits seine Schritte. Ich habe ihm geschrieben, daß er Sie hier treffen kann, er ist also auf eine Begegnung mit Ihnen vorbereitet. Ich habe ihn gebeten, so beherrscht wie möglich zu sein, und habe angedeutet, daß wir uns mitten in einer großen Abrechnung befinden. Sie sehen ein, nicht wahr, daß die Lage etwas ungewöhnlich ist? Ich halte den Menschen dort mit meinem Revolver fest. Wir dürfen nicht gestört werden. Sie müssen Ihren Gatten im Flur begrüßen. Er tastet sich soeben durch die Dunkelheit vorwärts. Gehen Sie zu ihm hinaus! Ich erwarte Sie hier.« Frau Sonja eilte hinaus. Und durch die geschlossene Tür konnten die beiden Männer, die sich gegenüberstanden, einen verwirrten Lärm von Tränen und Stimmen und Liebkosungen hören. »Jetzt, wo wir allein sind,« sagte der Apache, »möchte ich die Gelegenheit benutzen, Ihnen zu sagen, daß Sie sich sehr dumm benommen haben.« »Was Sie sagen! Finden Sie vielleicht, daß ein Mann, der machtlos vor dem Revolverlauf eines andern steht, sich klüger benommen hat?« »Sie hätten viele Tausende auf Ihren Teil bekommen können.« »Auf meinen Teil kommt nur die Anerkennung, daß ich einen Schurken wie Sie an die französische Polizei ausliefere.« »Wir pflegen uns nicht verhaften zu lassen.« »Sie sind waffenlos, und ich stehe mit dem Revolver in der Hand. Sie sind bereits verhaftet.« »Wir pflegen uns nicht lebend verhaften zu lassen.« »Dann meinetwegen tot. Ich habe meinen Entschluß gefaßt, Sie haben keinen Ausweg mehr.« »Ich möchte nur wissen, wie Sie die Dame, die Sie Frau Sonja nennen, davor schützen wollen, daß sie mit ins Unglück hineingerissen wird. Was glauben Sie, wird ihr Mann dazu sagen, wenn die Welt erfährt, daß seine Frau, die Mutter seines Kindes, an den Abenteuern französischer Banditen beteiligt ist?« »Diese Seite der Angelegenheit habe ich auch schon in Betracht gezogen,« antwortete Krag. »Sie unterschätzen mich.« »Sie sehen also ein, daß ich hier im Vorteil bin.« »Wie meinen Sie das?« »Ich bin bereit, mit Ihnen zu unterhandeln.« Krag wollte gerade antworten, als die Tür geöffnet wurde und Sonja und der Advokat hereinkamen. Asbjörn Krag, der die ganze Zeit den Franzosen im Auge behalten mußte, konnte den Eintretenden nicht sehen. An seinem heftigen Atmen und seinen unruhigen Bewegungen aber merkte er, daß er in starker Erregung war. Sonja ging schnell durchs Zimmer. Krag sagte, indem er zu dem Advokaten sprach: »Dort steht der Mann, der das Unglück über Ihr Haus gebracht hat. Er hat den Versuch gemacht, Ihre Frau zu treffen, indem er Sie und Ihr Kind traf. Sie ist bereits seit mehreren Monaten in seiner Gewalt gewesen. Sie hat ihm Tausende gegeben, um ihn zu verhindern, seine Drohungen wahr zu machen. Schließlich wollte er sie dazu zwingen, Verbrechen zu begehen. Da verschwand sie. Ihre Frau wird Ihren vielleicht später selbst erzählen, was sie gelitten hat.« »Ich habe ihr verziehen,« flüsterte der Advokat. »Es ist ein Telephon im Hause,« fuhr Krag fort. »Darf ich Sie bitten, der Polizei zu telephonieren?« Da erhob der Franzose warnend die Hand. »Erst müssen Sie mich anhören,« sagte er. Wenn ich verhaftet werden soll, dann verlange ich, daß diese Frau mit mir ins Gefängnis wandert. Sie hat uns verraten; ich habe kein Mitleid mit ihr. Hier in Ihrem Land habe ich kein Verbrechen begangen, kann hier also nicht festgehalten werden. Man muß mich an Frankreich ausliefern. Und dann ist diese Frau nicht mehr zu retten. Die französische Obrigkeit wird ihre Auslieferung sofort verlangen. Und jetzt frage ich Sie, ihren Gatten, wünschen Sie, daß Ihr Haus von dieser Katastrophe betroffen wird?« »Es ist entsetzlich,« flüsterte der Advokat. Der Franzose lächelte triumphierend. »Ich bin vielleicht doch nicht so machtlos,« sagte er. »Es lohnt sich mit mir zu unterhandeln.« »Was wünschen Sie,« fragte der Advokat. »Ich wünsche dieses Haus als freier Mann zu verlassen.« »Und dann?« fragte Krag. »Der Zug ins Ausland geht in wenigen Stunden,« antwortete er. »Ich werde unverzüglich nach Frankreich zurückkehren.« »Und Sonja bei Ihren Freunden verklagen?« »Nein, ich verspreche, daß ich sie vergessen werde.« »Das ist nur ein Versprechen,« sagte Krag. »Welche Bürgschaft können Sie uns geben?« »Mit diesem Versprechen rette ich mein Leben. Das werde ich nie vergessen, andere Bürgschaft kann ich nicht geben.« »Herr Advokat,« sagte Krag, »darf ich Sie noch einmal bitten zu telephonieren?« Der Advokat rührte sich nicht vom Fleck. »Sie wollen nicht?« fragte Krag. »Nein,« antwortete der Advokat. »Ich kann nicht.« Krag konnte seiner Stimme anhören, wie verzweifelt und ratlos der Mann war. Aber Krag war selbst in diesem Augenblick verwirrt. Er wußte nicht, ob der Apache wirklich ein großer Verbrecher war. Durch verschiedene Drohungen hatte er eine Andeutung davon bekommen, aber er wußte es nicht mit Bestimmtheit. War er ein Mörder? Ein Räuber? Er hatte Bonnets Namen gehört. War er einer von den Automobilbanditen? Plötzlich fiel ihm die Waffe ein, die Sonja in ihrem Ärmel versteckt hatte, und er faßte den kühnen Plan, das Schicksal Richter sein zu lassen. »Wenn wir ihm heute abend die Freiheit schenken,« sagte er, »haben wir keine Sicherheit, daß er nicht schon morgen die Rache vollführt, mit der er gedroht hat.« Der Advokat rang die Hände. »Es bleibt uns keine Wahl,« murmelte er, »und jetzt, wo ich die Gefahr kenne, kann ich meine Frau besser beschützen. Als ich Sonja heiratete, wußte ich, daß sie Anarchistin gewesen war. Sie warnte mich und sagte, daß Zeiten kommen könnten, wo sie meinen Schutz nötig hätte. Sie teilte mir mit, daß ihr Leben dunkle, unheimliche Punkte habe. Ich habe die Verantwortung auf mich genommen. Ich kann sie nicht verlassen. Ich liebe sie und will sie zum Leben zurückführen.« »Ich aber stehe hier als Polizeibeamter,« sagte Krag, »Sie übersehen, daß es etwas gibt, was Pflicht heißt.« »Drohen Sie nur!« sagte der Advokat. »Ich werde sie gegen Sie in Schutz nehmen. Ich habe einen angesehenen Namen in Skandinavien, ich werde wie ein Löwe für sie kämpfen. Sie dürfen nicht vergessen, daß sie dänische Untertanin ist. Sie hat nichts verbrochen. Und da die Sache dieses Mannes in gewisser Hinsicht auch ihre Sache ist, will ich auch ihn verteidigen. Mir bleibt keine andere Wahl. Was hat dieser Mann getan? Wer ist er? Was wissen Sie von ihm?« Während der berühmte Advokat sprach, wurde der Franzose immer eifriger und nickte im Takt zu seinen Worten. »Ich höre an Ihrer Stimme,« sagte Asbjörn Krag, »daß ein tief verzweifelter Mann spricht. Sie nehmen also sein Angebot an? Und übernehmen das Risiko?« »Ja.« »Dann werde ich Ihnen beweisen, daß ich in erster Linie Mensch und dann erst Polizeibeamter bin.« Er machte einige hastige Bewegungen mit dem Revolver. Klirrte etwas darin? »Im übrigen haben Sie recht,« fuhr Asbjörn Krag fort, »ich kenne diese Dame nicht und weiß nichts von diesem Mann.« Er hörte, wie der Advokat in tiefer Qual einen Dank stammelte. »Dann werden Sie mir erlauben,« sagte er, »daß ich mich aus diesem Haus zurückziehe, wo ich nichts mehr zu schaffen habe. Es ist sehr spät geworden. Sie haben wohl nichts dagegen, daß ich das eine Auto benutze?« Krags Mantel hing über einem Stuhlrücken in der Nähe. Als er ihn nahm, um ihn anzuziehen, legte er den Revolver auf den Tisch und kehrte dem Apachen den Rücken. Und in diesem Augenblick fällte das Schicksal das Urteil. Der Apache stürzte einige Schritte vor und stieß einen triumphierenden Ruf aus, indem er den Revolver ergriff. Als Krag sich umwandte, schoß der Apache auf ihn, aber der Revolver versagte. Da sah Krag dem Apachen, der den Revolver in der Hand hielt, frei ins Gesicht. Als der Franzose Asbjörn Krags ruhigen und sicheren Blick sah, ging ein heftiges Entsetzen über sein Gesicht. Merkte er in diesem Augenblick, daß er verspielt hatte? Der Apache wollte zum zweitenmal schießen. Da fiel aus einer andern Ecke des Zimmers ein Schuß, und der Apache stürzte zur Erde, in den Kopf getroffen. Sonja hatte den Schuß abgegeben. Sie stand zitternd da, die rauchende Waffe in der Hand. »Es ist Ihre Schuld,« rief sie. »Warum haben Sie den Revolver aus der Hand gelegt!« »Ich danke Ihnen,« sagte Krag und beugte den Kopf. »Sie haben mir vielleicht das Leben gerettet. Niemand wird Sie wegen dieses Schusses zur Rechenschaft ziehen, denn Sie haben in der Notwehr gehandelt.« »Das Schicksal hat es so gewollt,« sagte der Advokat bewegt. »Hörten Sie nicht, daß der Revolver versagte?« Krag streckte seine rechte Hand aus und öffnete sie. In der Höhlung der Hand lagen zwei Revolverpatronen. Es entstand ein Augenblick der tiefsten Stille. Die drei Menschen sahen sich an. Plötzlich wurde dem Advokaten die Sache klar. »Sie haben sie selbst herausgenommen,« sagte er, »Sie haben es so gewollt?« Krag nickte ruhig und legte die Patronen auf den Tisch. Der Advokat folgte seiner Bewegung mit aufmerksamen Blicken. »Ihre Hand zittert,« sagte er. »Ja, wahrhaftig,« antwortete Krag verwundert, »meine Hand zittert.«   Ende.