Emma Uhland Ludwig Uhlands Leben Aus dessen Nachlaß und aus eigener Erinnerung zusammengestellt von seiner Wittwe. 1874 Vorwort. Im vergangenen Jahr hat Uhlands Vaterstadt dem Entschlafenen ein schönes Denkmal errichtet. Vielleicht erregt dasselbe in manchem Beschauer den Wunsch, auch von des Mannes äußeren Schicksalen und von dessen geistiger Entwicklung ein möglichst treues Bild zu besitzen. In diesem Sinn wird von der Wittwe des Dichters die schlichte Schilderung seines Lebens der Oeffentlichkeit übergeben. I. Die Kinderjahre. 1787–1801. Die Familie UhIand, seit dem Jahre 1720 in Tübingen ansäßig, stammt aus Kleingartach. Dort wurde Johann Michael Uhland, der Ureltervater Ludwig UhIands, geboren, der, laut der Familientradition, als Quartiermeister den Türkenkrieg mitmachte und bei der Einnahme von Belgrad, 1688, durch Max Emanuel von Bayern, einen türkischen Bassa niederhieb. Zum Andenken ließ er über die Thür seines Hauses einen Arm mit einem Türkensäbel und die Anfangsbuchstaben seines Namens in Stein einbauen. Dieses Haus ist noch im Besitz seiner Nachkommen. Sein Sohn, Joseph Uhland, erlernte in Tübingen die Handlung, heirathete eine Tübinger Bürgerstochter und gründete die jetzt noch bestehende Handlung daselbst. Sein ältester Sohn, Ludwig Joseph, geboren den 15. Mai 1722, ist der Großvater unseres Dichters. Er studierte Theologie, wurde Diakonus in Marbach, dann Professor der Theologie in Tübingen, Superattendent des evangelischen Stiftes, und starb, nachdem er lange Zeit dieses Amt bekleidet, im 81. Lebensjahr. Sein zweitältester Sohn, Johann Friedrich, geboren 1756, der Vater Ludwig Uhlands, studierte die Rechtswissenschaft, übernahm die Stelle des Universitäts-Secretärs Jakob Samuel Hoser, dessen Tochter Elisabeth er im Jahr 1783 heirathete. Diese Familie stammt aus Augsburg, wo drei Glieder derselben Bürgermeister der freien Reichsstadt waren. Ludwig Uhland, das dritte Kind seiner Eltern, kam am 26. April 1787 zur Welt. Sein ältester Bruder war bald nach der Geburt gestorben; der zweite, Friedrich, war zwei Jahre älter als Ludwig. Es wird oft bei Dichtern die Frage aufgeworfen: von wem sich die poetische Begabung auf den Dichter vererbt habe? Ohne ein Gewicht darauf zu legen, ist hier zu bemerken, daß die Mutter seines Vaters eine Tochter des Landschaftseinnehmers Stäudlin war und drei Geschwister Stäudlin, zwei Brüder und eine Schwester, Gedichte herausgegeben haben, und auch die Mutter des Aesthetikers Friedrich Vischer ein Glied dieser Familie war. Daß diese Großmutter des Dichters eine Frau von seinem Geist und Gemüth gewesen sein muß, bezeugen die von ihr noch vorhandenen Briefe. Auch von ihrem Gatten, dem Großvater Uhlands, sind Gedichte vorhanden, die er an Frau und Kind gerichtet hat. Sie zeigen aber weniger eine entschiedene poetische Begabung, als einen frommen und zarten Sinn. Ein wahrhaftes, redliches und frommes Gemüth hat sich jedenfalls von den Großeltern und Eltern auf Ludwig UhIand vererbt und wurde von ihnen mit großer Liebe und Treue in ihm ausgebildet. Ein bis in die letzte Zeit ungedruckter Vers von ihm darf wohl auf ihn selbst angewendet werden. Zu stehn in frommer Eltern Pflege; O welch ein Segen für ein Kind! Ihm sind gebahnt die rechten Wege, Die Andern schwer zu finden sind. Das Haus, in welchem Ludwig geboren wurde, steht in der Neckarhalde, ganz nahe bei der großväterlichen Amtswohnung. Es wurde aber bald mit einem andern Hause vertauscht, welches dem Großvater angehörte. Seine Eltern hatten den ersten Stock inne, den zweiten bezog bald nach ihnen ein anderer Sohn des Großvaters, der Doctor der Medicin, Gotthold UhIand (später langjähriger Oberamtsarzt in Tübingen). Diesem wuchsen im Laufe der Jahre drei Töchter heran, mit welchen Ludwig viel zusammen war. Mit der ältesten, ihm im Alter am nächsten, stand er in so gutem Vernehmen, daß, wenn sie wegen einer Kinderunart eingesperrt wurde, er sich in seiner Mutter Küche auf den Herd setzte und durch den Rauchfang hinauf der lieben Base Märchen erzählte, um ihr die Zeit zu verkürzen. Ludwigs älterer Bruder war ein schönes, feines Kind, während dieser auf Schönheit keinen Anspruch machte. Doch zieht ein noch vorhandenes, gutgemaltes Brustbild des etwa sechsjährigen Knaben durch den treuen, klaren Blick der großen blauen Augen und den festen Zug um den Mund den Beschauer an. Bei den Verwandten war der ältere Bruder viel beliebter, als der jüngere, der ungemein lebhaft, ja wild gewesen sein soll. Wenn beide Brüder zusammen einen Besuch gemacht, so habe es immer geheißen: »grüß Gott, lieber Fritz, das ist schön, daß du zu uns kommst!« und dann eine Octave tiefer: »so Louis, du kommst auch mit;« eine Bevorzugung, welche Ludwig wohl fühlte, aber neidlos anerkannte. Die Eltern durften sich nicht lange beider begabten Knaben freuen; das Scharlachfieber raffte den älteren in seinem zehnten Jahre hinweg, und als dieser auf den Kirchhof gebracht wurde, lag der jüngere an der gleichen Krankheit im heftigsten Fieber, fort und fort seine lateinischen Conjugationen hersagend, bis ihm die Stimme versagte. Im Jahre 1795 wurde den Eltern eine Tochter geboren, zärtlich von dem Bruder geliebt, obgleich in den Kinderjahren durch die Altersverschiedenheit nicht zum Spielkameraden geeignet. Auch war Ludwig so wild und muthig, daß ihm bald kein Graben zu breit, keine Treppe zum Hinabspringen zu hoch war. Im Sommer übte er sich im Neckar im Schwimmen, im Winter war das Schlittschuhlaufen (in welchem er es zur Virtuosität gebracht) seine Freude. Die Gesundheitspflege machte ihm manche Drangsale. »Im Frühjahr mußte ich Schleenblüthethee trinken gegen die Würmer, das hat mir fast den Frühling entleidet,« erzählte er. Winters unterdrückte er im Zimmer, so lange es möglich war, den Husten, um nicht zu Hause bleiben zu müssen. Auch seine Kleidung wurde ihm oft lästig; er mußte lederne Kniehosen tragen und seine Haare pudern und hinten in ein Zopfband flechten lassen. Oft habe er sich durch Ohrfeigen den Puder aus den goldblonden Haaren gestäubt. In der Schule wurde dem Knaben das Lernen leicht, und der gestrenge Rector Hutten hatte den fleißigen Knaben, der fast immer den ersten Platz einnahm, gern. Ueberhaupt war Hutten bei allem Eifer doch gut gegen seine Schüler. Er konnte zwar wohl ausrufen: Ihr Nägel meiner Bahre! Ihr Teufel meiner Gesundheit! machte aber dadurch keinen zu tiefen Eindruck auf seine Schüler. Die Gegend von Tübingen, mit dem klaren Flusse, dem nahen Walde, der die Höhen um das freundlich ernste Neckarthal bekleidet, bildete frühe in dem empfänglichen Gemüth des Knaben den Sinn für landschaftliche Schönheit aus, um so mehr, als Vater und Mutter diesen Sinn theilten und erweckten. Rottenburg, der jetzige Bischofssitz, war damals unter österreichischer Herrschaft und gehörte zur Grafschaft Hohenberg. Dorthin nahm ihn der bei allem Ernste und vielleicht etwas Pedanterie doch liebreiche Vater zuweilen mit sich. Es lagen dort Ungarn und Kroaten in Garnison, deren fremdartige Bewaffnung und Bekleidung den Ludwig sehr anzog. Auch das Fronleichnamsfest mit dem feierlichen Umzug mit Heiligenbildern, Fahnen und Kerzen, war ihm dort sehr merkwürdig. Aber auch in Tübingen selbst sollte er bald fremde Gäste sehen, denn Oestreicher und Franzosen zogen abwechselnd in großen Schaaren durch die Stadt. Die Spiele der Knaben nahmen dadurch einen kriegerischen Charakter an. Sie standen sich als Franzosen und Oestreicher gegenüber, wobei es Uhland immer mit den letzteren hielt. Obgleich ziemlich klein für sein Alter, zeigte er sich doch, nach den Aussagen seiner Zeitgenossen, ritterlich, und nahm es mit den größten in der Schule auf. Konnte er seine Zeit nicht im Freien zubringen, mit den Kameraden sich herumtummelnd oder den Schmetterlingen nachjagend, so ging er nach vollbrachter Arbeit gerne in das Haus der Großväter Uhland und Hofer; die Großmütter waren längst gestorben. Der väterliche Großvater hatte seine Amtswohnung, wie schon gesagt, in der Neckarhalde, neben dem Stifte, dessen erster Vorstand er war. Dort saß der Knabe gerne in dem schön gelegenen Hausgarten mit einem Buche. Der Vater seiner Mutter bewohnte mitten in der alten Stadt ein eigenes Haus allein, mit zwei alten Dienerinnen. Die eine, die mehr als fünfzig Jahre bei dem Großvater gedient und seit dem Tode der Frau die Wirtschaft führte, war in der Jugend schön und liebenswürdig gewesen; sie hätte längst eine Frau Professorin sein können, wenn sie nicht vorgezogen hätte, bei ihrem alten Herrn zu bleiben. Musje Louis, wie sie den Enkelsohn hieß, gewann sie auch so lieb, daß er später, nach des Großvaters Tod, als er schon Student war, gerne in ihrem eigenen Hauswesen Mittags ihr Gast war. In dem alten Haus, das sich bis zum sechsten Stockwerk hinaufthürmte, war Raum genug für altes Gerümpel aller Art; da gab es eine besondere Kammer für des Herrn Reisemützen, Perücken und Stöcke, in einer andern waren alte Bücher und Chroniken, mit wunderbaren Bildern, Reiseschilderungen von Ländern, wo die Bewohner nur ein Auge mitten auf der Stirne, andere wo Menschen mit Pferdefüßen und Kranichhälsen zu sehen waren, ein großes Kupferwerk mit gräulichen Darstellungen aus dem spanischen Kriege in den Niederlanden u. dgl. Da fand die Wißbegierde und die Phantasie des Knaben reiches Feld. Der Großvater war immer freundlich, wenn auch so stiller Art wie später der Enkelsohn. Die alte Madel hatte ein Herz voll Liebe zur Familie ihres Herrn. Sie wollte den Ludwig und seine Schwester Luise durchaus zu Erben ihres Ersparten einsetzen, und die Mutter der Kinder konnte sie nur dadurch bewegen, ihr Vermögen den eigenen Verwandten nicht zu entziehen, daß sie ihr vorschlug, ein Legat zu einstigen Hochzeitsgeschenken für die Kinder zu bestimmen. Die fünfzig Gulden für den »lieben Louis« wurden dann auch später von diesem zum Ankauf eines schlichten eichenen Schreibtisches und eines Bücherschrankes in die neue Wirthschaft verwendet, und wenn später die Hausfrau gerne für einen bequemeren Schreibtisch gesorgt hätte, so hieß es: »Ach laß mir meinen Schreibtisch, er ist von meiner lieben Madel!« So ist er auch in seinem Zimmer geblieben, wenn gleich französische und deutsche Touristen sich über die allzu einfache Einrichtung des Arbeitszimmers verwunderten. Noch nach einer Reihe von Jahren findet sich in Uhlands Tagebuch angemerkt: »Todestag der Madel.« Der Lehrer der höheren Klasse, in welche Uhland mit dem zwölften Jahre eintrat, der Rector Kaufmann, war als tüchtiger Philologe bekannt. Er scheint seinen Lehreifer mit vieler Humanität gepaart zu haben. Die Knaben durften die lateinischen Verse, die sie zu liefern hatten, wohl zum Beispiel auf dem Fenstersims stehend und in die grünen Vorhänge drapirt vortragen. Oft war es ihnen auch freigestellt, ob sie lateinische oder deutsche Verse machen wollten. Das Bilden der lateinischen Verse scheint Uhland ungewöhnlich leicht geworden zu sein; über einen Sonntag lieferte er dem Lehrer einmal hundert. Auf der Schultreppe, beim Ueberzählen, fand er nur neunundneunzig; aber flugs wurde der hundertste noch vollendet. Oft fertigte er auch minder begabten Knaben die ihrigen, nur mußten sie sich gefallen lassen, daß die für sie bestimmten mit Humor nach ihrer Individualität gemodelt wurden. Der Rector unternahm auch zuweilen Spaziergänge mit seinen Schülern, und hielt sie dann zu kriegerischen Spielen an. Einmal bestieg er mit ihnen den Roßberg, den höchsten Punkt der Gegend, um dort die Sonne aufgehen zu sehen. Als die Erwartete endlich heraufstieg, habe Uhland die Arme ausgebreitet und ausgerufen: Sonne, du kommst! Die Knaben erwarteten ein Gedicht, aber zu ihrem Staunen blieb es bei diesen Worten. Von einem Gange, den er zuweilen mit den Eltern machen durfte, hat Uhland immer mit freudiger Erinnerung erzählt. Auf dem Hofgut Roseck, über dem Ammerthal auf der Höhe gelegen, wohnte ein herrschaftlicher Verwalter, ein Bekannter der Eltern. Das ländliche Leben ergötzte das junge Gemüth. Die Raben flogen auf den bekannten Ruf aus dem Wald herbei, um sich Futter zu holen. Unten im Hofe versammelten sich die so oft feindlich gesinnten Thiere, Hunde, Katzen, junge Schweinchen mit Waldvögeln und dem zahmen Federvieh in Eintracht um die große Futterschüssel. Dazu die liebliche Aussicht über das Neckarthal und auf der andern Seite der stille Wald. Auf solchen Gängen, bald mit den Eltern, bald allein, entwickelte sich wohl in der jungen Seele der Sinn und die Liebe zur Natur, da wurde das Auge für ihre Schönheit gewonnen, da nahm er die Bilder in sich auf, die uns in seinen Liedern so frisch anwehen. Mit einem Schulkameraden las er nun auch Ritterromane von Spieß und Cramer. Sie hatten aber noch solchen Kindersinn dabei, daß sie die Ritter, Knappen und Burgpfaffen Sonntags Mittags sich malten und aufpappten und die Geschichten dann mit ihnen aufführten. Auf der Höhe des Oesterbergs, damals noch Heideland, hat er sich zuerst mit frohen Kameraden herumgetummelt, oder den Schmetterlingen nachgejagt; nun saß er mit einer Rittergeschichte, etwas später mit Ossian und Hölty daselbst. Oft sah er auch dort den ziehenden Wolken, dem herannahenden Gewitter, dem Leuchten der Blitze zu, und erst wenn der Regen herabzuprasseln anfieng, eilte er mit großen Sätzen dem Elternhause zu. Dort ist auch später, im Jahre 1806, das frische Gedicht »Des Knaben Berglied« entstanden. Schon von dem Jahre 1800 finden sich in einem kleinen Hefte eingeschriebene Gedichte, sie zeigen aber noch kein eigenes Gepräge. Das erste, welches angeführt werden soll, ist im Frühjahr 1801 entstanden. Es ist eigentlich eine Schulaufgabe. In der Tübinger Schule war es Sitte, daß der Erste in der Klasse in selbstverfertigten Versen den Schulvorstand um die Erlaubniß zur Vakanz ansprechen mußte. Diese Obliegenheit traf unsern jungen Dichter; er mußte im schwarzen Mäntelchen (das er sich aber erst in der Hausflur des Herrn Dekans umgebunden hatte), das folgende Bittgedicht vortragen: Bitte um die Frühjahrsvakanz. Der stürmische Winter im rauhen Gewande Floh hin zu des Eismeers versilbertem Strande, Floh hin zu des Nordpols verödeter Flur. Da weckte der Frühling im blumigten Kleide, Geschmückt mit dem duftenden Kranze der Freude, Aus ruhendem Schlummer die junge Natur. Das heitere Licht der erwärmenden Sonne Erfüllt die Natur mit Entzücken und Wonne, Ihr Feuer zerschmolz den gefrorenen See; Er löste sich los in gekräuselten Wellen, Da stürzte sich in romantischen Fällen Vom hohen Gebirge der glänzende Schnee. Jetzt schweigt das Getöse der zürnenden Winde; Der Zephyr umsäuselt die knospende Linde, An welche der flötende Schäfer sich lehnt. Die Heerde durchhüpfet mit fröhlichem Blöcken Die grünenden Anger, die blühenden Hecken, Wonach sie so lange, so sehr sich gesehnt. Das Zwitschern der Schwalben, das Klappern der Störche, Das Schlagen der Wachtel, das Trillern der Lerche Durchströmet die Lüfte in buntem Gemisch. Es plätschert die schlüpfrige muntere Schmerle Im Teiche beschattet vom Wipfel der Erle, Und unter dem haarigen Weidengebüsch. Die wärmenden Strahlen der Sonne erweckten Unzählige Heere von kleinen Insekten, Sie füllen mit dumpfem Gesäusel die Luft. Der Schmetterling flattert durch blumigte Waiden, Durch junge Gebüsche, durch sonnige Haiden Und schlürfet der Veilchen erquickenden Duft. Der Ackermann jocht die gemästeten Stiere Vergnügt an den Pflug und die stattlichen Thiere Erfreut die Erlösung vom düsteren Stall. Hell schallen des Ackermanns ländliche Lieder Verdoppelt vom schattigen Tannenwald wieder, Vermischt mit der Peitsche erschütterndem Knall. Und wir, wir Söhne der Musen, wir schauen Hinaus in des Neckar-Thals heitere Auen, Und Durst nach Vergnügen bewegt uns die Brust. Hier unter dem blauen, erhabenen Himmel, Zu wandeln im freudigen, bunten Gewimmel, O welches Entzücken, welch himmlische Lust! Drum nahen wir uns nach der jährlichen Sitte Uns Ihnen, Hochwürd'ger! mit hoffender Bitte, Um Zeit zu des Frühlings vergnügtem Genuß. Doch nicht um in Muße die Zeit zu verträumen, Des Fleißes geheiligte Pflicht zu versäumen; Den Fleiß zu ermuntern sei unser Entschluß! Dann kehren wir wieder mit frischeren Kräften Zurück zu den Musen, zu unsern Geschäften, Zurück mit erneuertem Eifer und Fleiß. Und daß wir gemäßigt die Freude genossen, Daß nicht blos in Muße die Zeit uns verflossen, Sei Wachsthum im Guten der schönste Beweis! Der Confirmations-Unterricht, den Uhland von seinem hochbejahrten Großvater erhielt, weckte eine ernste Stimmung in ihm, die sich in dem folgenden Liede, gedichtet den 3. Mai 1801, ausspricht. Jesu Auferstehung und Himmelfahrt. In eines Felsen nachtumflortem Schoose, Da lag der heil'ge Gottessohn, Da lag er blaß, entstellt, auf weichem Moose, Des Lebens Odem war entflohn; Da ruhten seine Glieder, ach die müden, In stillem Frieden. Da lag er ach! im Felsen eingemauert, Von keinem Lüftchen angeweht, Von wenigen Getreuen nur betrauert, Von Vielen frech verhöhnt, verschmäht. Die Todtenvögel klagten an den Felsen Aus heisern Hälsen. Nur wen'ge seiner treuen Schüler wallten Mit Thränen oft zum Grab hinaus, Doch Myriaden Trauerlieder hallten Dort oben in des Vaters Haus; Dort weinten ihm in unermeßnen Weiten Der Engel Saiten. Doch endlich dämmerte der dritte Morgen, Seitdem der Leib begraben war, Noch lag er in der Felsenkluft verborgen, Noch klagte sanft der Engel Schaar. Da wurde schnell das Land des Herrn erschüttert, Judäa zittert. Da brausten wild der Erde Eingeweide, Die Meere strebten himmelan, Der Tabor und der Hermon wankten beide, Palläste riß des Sturmwinds Zahn. Da sprang der Jesusfels gleich alten Eichen Bei Wetterstreichen. Und aus den hohlen, weitgespalt'nen Klüften Steigt feierlich der Herr einher; Ein Silberkleid umflattert seine Hüften Und ihn umfließt ein Strahlenmeer, Ein Strahlenmeer, als wären tausend Sonnen In Eins zerronnen. Und seine Wächter, die vorher so dreisten, Ertragen nicht das Gotteslicht, Sie werfen Spieß und Schwerter aus den Fäusten Und stürzen hin auf's Angesicht. Da liegen sie, die Würmer, ach! sie gleichen Erblaßten Leichen. Doch nicht um Rache an dem Feind zu üben, Entstieg der Heil'ge seinem Grab; Ach nein! er wandelt hin zu seinen Lieben Und trocknet ihre Thränen ab; Er will als Gottes Sohn den Jüngerschaaren Sich offenbaren. Doch bald entschlüpft dem Tabor eine Wolke Und hebet den Erstand'nen auf. Er spricht zu seinem tiefgerührten Volke: »Getrost, zum Vater geht mein Lauf!« Und bald entschwind't er über allen Sternen In blauen Fernen. Im Spätjahr 1801 durfte Uhland eine Vakanzreise zu Verwandten in Stuttgart und Brackenheim unternehmen. Ein Brief der zärtlichen Mutter, der ihm nach Stuttgart nachgeschickt wurde, zeigt durch die mannigfachen Ermahnungen, die er enthielt, wie z. B. nicht zu trinken, wann er warm habe, nicht zu weit zu Fuß zu gehen, bei unbeständigem Wetter lieber mit dem Boten zu fahren u. s. w. das ängstliche Mutterherz. Der Sohn war noch nicht lange in Brackenheim bei seinem Oheim, dem Dekan Uhland, angekommen, als Vater und Mutter angefahren kamen, dem Sohne zu großer Ueberraschung. Unvorhergesehene Umstände hatten sie zur Reise veranlaßt. Nachdem ihr Ludwig die Vakanzreise angetreten hatte, war ein Professor, der ein beträchtliches Familienstipendium zu verwalten hatte, zum Vater gekommen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ein Platz darin erledigt werde, und daß sein Sohn das erste Recht darauf habe. Um aber eingesetzt zu werden, müsse dieser jetzt schon inscribiren und entweder die Theologie oder die Rechtswissenschaft zum Studium erwählen, weil der Stifter, dem die Aerzte von einem schweren Leiden nicht helfen konnten, die Medicin Studierenden vom Genusse ausgeschlossen hatte. Bei den Eltern hatte sich die Ansicht gebildet, ihr Sohn würde am Besten thun, den Beruf eines Arztes zu wählen, wie der Onkel Doctor, bei dem sie im Hause wohnten. Ludwig Uhland hätte sich am liebsten der Philologie gewidmet, wenn es in jener Zeit üblich gewesen wäre, diese zum Hauptstudium zu wählen. Die Einrichtungen im württembergischen Studienwesen waren aber damals von der Art, daß das Studium der Philologie und Theologie enge mit einander verbunden waren. Alle Lehrstellen im Lande wurden mit Männern besetzt, die Philologie und Theologie studiert hatten. So kam es, daß Ludwig der Eltern Ansicht: er solle Mediciner werden, ohne Abneigung zur seinen gemacht hatte. Der Onkel Doctor war auch so liebenswürdig und wurde überall so hoch geschätzt, daß sein Vorbild ihm die Wahl wohl einleuchtend machen konnte. Die Nachricht des Professors war für Uhlands Vater die Veranlassung, jetzt schon eine entschiedene Berufswahl mit dem Sohn zu treffen; er stellte diesem die Wahl frei, bemerkte ihm aber, daß, wenn er sich zur Rechtswissenschaft entschließen wolle, er den Ertrag des Stipendiums für ihn zu einer künftigen Reise aufbewahren wolle. Dem Knaben, dem die Mutter kaum erst geschrieben hatte, er möge Acht geben, daß er dem Wagenrade nicht zu nahe komme, wurde nun die Wahl des künftigen Berufes anheimgegeben! Er machte des Vaters Ansicht, er werde wohl thun, das Jus zu ergreifen, auch zur seinigen. »Ich kehrte mit den Eltern heim und inscribirte den 3. October als Jurist,« erzählte er später den Freunden. Hiemit schließen wir die Kinderjahre, setzen aber der Zeit etwas vorgreifend ein Neujahrsgedicht vom 1. Januar 1802 an die Eltern bei, weil es seine herzliche Dankbarkeit gegen diese ausspricht. Meinen Eltern am Neujahr 1802. Meines Lebens zarte Blüte Hat die Zeit nun abgestreift, Und, bewahrt durch Gottes Güte, Sind die Früchte bald gereift. Wie nach Freunden, die in's Ferne Unserm Aug enteilend gehn, Wir zwar trüben Blicks, doch gerne Noch, so weit wir können, sehn: Also durch der Vorzeit Dunkel Seh ich nach der Kindheit Glück, Das, wie goldner Sterne Funkel Fern im Nebel blinkt, zurück. Stets aus sinnendem Gemüthe Tönt mir dann der laute Ruf: Dank den Eltern, deren Güte Jene Zeit so glücklich schuf! II. Die Studienjahre. 1801–1810. Es war in jener Zeit nicht ungewöhnlich, daß die Söhne der Tübinger Bürger schon frühe als Studenten aufgenommen wurden. Die lateinische Schule reichte nur bis zum 14. Jahre, dann wurde durch Privatunterricht, wozu die Repetenten des evangelischen Stiftes gute Gelegenheit boten, die Kenntniß der alten Sprachen weiter geführt und dazu kamen noch einige Vorlesungen, wie Geschichte, Literaturgeschichte, die Naturwissenschaften und Mathematik. Für unsern angehenden Studiosen wurde Repetent Seubert (später Garnisonsprediger und Prälat) zum Lehrer gewählt. Uhland hatte für die alten Sprachen viel Interesse; er erzählte später: »Auch außer den Unterrichtsstunden beschäftigte ich mich viel mit den klassischen Autoren; mit meinem Freunde und Schulkameraden Hermann Gmelin (später Oberjustizrath) habe ich wiederholt die Odyssee und die griechischen Tragiker, besonders den Sophokles, gelesen. Den Sommer über brachten wir manche Abendstunde in seines Vaters Garten damit zu. Ich machte auch gerne meine Neujahrsgedichte für den Großvater in horazischen Versen. Ueberhaupt war ich Familiendichter. Auch für Onkel Doctors Mädchen machte ich ihre Geburtstagswünsche. Die deutschen Verse wurden zu Hause und bei Behörden gerne gesehen, um – den Styl zu bilden. Um diese Zeit fand ich bei einem Verwandten, dem Professor Weisse, in einem Journal, das Heidelberger Museum betitelt, Lieder aus dem Heldenbuche, namentlich das Lied vom alten Hildebrand, das tiefen Eindruck auf mich machte.« Der Lehrer der Mathematik, Professor Bohnenberger, war wohl der ausgezeichnetste von Uhlands Lehrern, aber für dieses Studium hatte er nur wenig Begabung. Der Geschichtsvortrag des Professors Rösler sprach ihn wenig an, da er seinen Stoff meistens sarkastisch behandelte. Rösler war aber sehr freundlich gegen Uhland, seine Bibliothek stand ihm immer offen. »Wie glücklich war ich (sagte Uhland hierüber), wenn ich den Saxo Grammatikus in der Uebersetzung von Müller oder die Heldensage mit nach Hause nehmen konnte; aus diesem Werke entkeimte meine Vorliebe für die nordischen Mythen. Der Heldensage habe ich meinen blinden König (1804) entnommen.« Mehr Anregung als durch Rösler erhielt er durch eine Vorlesung des Professor Seybold über den Homer. Als der Lehrer die Odyssee, Ossian (oder die Aeneide?) und das lateinische Gedicht Walther von Aquitanien verglich, war das sehnsüchtige, liederdürstende Herz seines Zuhörers voll Wonne. Mit klopfender Brust eilte er in die Wohnung des Lehrers und erbat sich den Waltharius von ihm. In dem Liede von Walther und Hildegund hatte er nun gefunden, was die eigenthümliche Richtung seines Wesens verlangte. »Das hat in mich eingeschlagen,« sagte er. »Was die klassischen Dichtwerke, trotz meines eifrigen Lesens, mir nicht geben konnten, weil sie mir zu klar, zu fertig dastunden, was ich an der neueren Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmucke vermißte, das fand ich hier: frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen Hintergrunde, der die Phantasie beschäftigte und ansprach!« Er fühlte sich so reich in diesem Buche, daß er in seiner Begeisterung anfing den Band in der Nacht abzuschreiben; ein Unternehmen, das er freilich nicht zu Ende führen konnte, das aber zeigt, wie sehr er durch das Buch hingenommen war. Nicht lange nachdem Uhland zu studieren angefangen hatte, wurde Philipp Conz (bisher Helfer in Ludwigsburg, wo er sich Justinus Kerners sehr freundlich angenommen hatte) als Professor der deutschen Literatur an die Universität berufen. Er zeigte sich auch gegen Uhland sehr gefällig, lieh ihm seine Bücher und ging ihm mit Rath und That zur Hand, und obgleich der junge Poet, dessen Lieder nach und nach bekannt wurden, andere Wege in der Poesie einschlug, zeigte ihm Conz immer wohlwollende Theilnahme. Uhland führte später als Professor in seinem Stylisticum an, daß er ein derartiges Colleg in seiner Jugend vom Professor Conz mit Nutzen gehört habe. Weitere Nahrung fand er im Jahre 1805 in des Knaben Wunderhorn. Auch Herders Volkslieder wurden ihm nun bekannt, und wie dieser durch die von Bischof Persy gesammelten und herausgegebenen altenglischen Lieder, die Reliques of ancient English Poetry , zu seinen Forschungen veranlaßt wurde, so wurde nun Uhland angetrieben, mit dem Französischen und Englischen, später auch mit dem Spanischen und den nordischen Sprachen sich zu beschäftigen, um die alten Lieder im Urtexte lesen zu können. All dieses trieb er, außer dem Französischen, stille für sich. Die Schulkameraden waren anderen Bahnen gefolgt und mit den Studenten hatte er noch wenig Verkehr. Das Schweigsame in seinem Wesen, über das früher öfters geklagt wurde, mag wohl in jener Zeit entstanden sein, so weit es nicht schon von Kindheit an in seiner Natur lag. Für oberflächliches Gespräch hatte er allerdings wenig Sinn, wenn er aber durch ein tieferes Interesse für bedeutende Gegenstände angeregt wurde, wenn er Empfänglichkeit dafür fand, so wurde er belebt und es war ihm ein Genuß, sich mitzutheilen. Das eigentliche Burschenleben hat er nur selten mitgemacht, auch in späterer Zeit nicht, wo er mehr mit Studenten umging. Vom rohen Studentenwesen blieb er durch das ihm innewohnende Zartgefühl bewahrt, aber auch an erlaubten Jugendgenüssen hat er sich weniger betheiligt, weil er im Elternhause lebte. Das Taschengeld, das ihm der Vater gab, wurde gar oft zu Büchern verwendet und reichte dann nicht mehr zu Studentenlustbarkeiten. Mehr fordern mochte er nicht, da er sah, daß auch die Eltern bei dem mäßigen Einkommen sich beschränken mußten, so herzliche Gastfreundschaft auch im Hause geübt wurde. In der Kindheit und der ersten Jugend hat er manche Stunde dem Zeichnen, besonders dem Landschaftszeichnen mit Aquarellfarben gewidmet, zu welchem er Anlage hatte. Die Lust zum Studium der Sprachen und zur Poesie hat diese Begabung in den Hintergrund gedrängt. Wenn er aber später in seinem Mannesalter den kleinen Neffen auf ihren Wunsch eine Thiergruppe oder Soldaten zeichnete, so war an dem flüchtig entworfenen Bilde zu sehen, wie fein der Formensinn des Zeichners war. Diese Bilder wurden mit der linken Hand ausgeführt, deren er sich überhaupt gern bediente. Es mag dieß, neben seiner großen Kurzsichtigkeit, dazu beigetragen haben, daß er sich minder gewandt zeigte, wenn etwas angefaßt, geknüpft oder angeboten werden sollte. Musik hat er zwar nie selbst getrieben, er hatte aber ein richtiges Ohr und viel Sinn und Gefühl für sie. Später, auch in beschränkter Lage, hat er sehr gerne die Oper in Stuttgart besucht und noch in hohen Alter versäumte er selten eine musikalische Aufführung. Die Violine war sein Lieblingsinstrument und Quartette der Streichinstrumente waren ihm besonders lieb. In heiterer Gesellschaft nahm er eifrig Theil am Singen der Gesellschaftslieder. Vom Tanze war er gerade kein großer Freund, doch besuchte er in seiner späteren Studentenzeit gerne das Casino in Tübingen. – Vom Jahr 1804 ist das folgende Lied: Lied eines Hochwächters. Was kümmert das Getümmel Der kleinen Erde mich! Hoch in dem blauen Himmel Leb unter Sternen ich. Und seh so klein da unten Die Erdenmännlein gehn, Seh wie sie sich in bunten Geschäft'gen Wirbeln drehn. Doch Dank! zu meiner Höhe Dringt nicht ihr Modezwang, Schwingt sich kein Ach und Wehe Und keiner Fessel Klang. Dem Himmel angetrauet Kann frei und froh ich sein, So weit mein Auge schauet Ist diese Erde mein. Und mein sind alle Sterne, Die durch den Himmel gehn, Und sich in blauer Ferne Mir überm Haupte drehn. Wenn einst mit Gottes Willen Mein Erdenleib zerfällt, So trägt man ihn im Stillen Hinab zur kleinen Welt. Und ihr geschäft'gen Leute! Ihr leget ihn zur Ruh, Längst schwang sein Geist voll Freude Sich sel'gern Welten zu. Auch das Lied: »Die sterbenden Helden« ist aus dieser Zeit. Im Jahre 1804 kam Justinus Kerner nach Tübingen. Schon früher waren die jungen Leute bei gemeinschaftlichen Verwandten bekannt geworden. Die Liebe zur Poesie brachte sie sich immer näher und Kerners bewegliches zutrauliches Wesen übte auf den zurückgezogeneren Uhland einen sehr günstigen Einfluß. Durch ihn wurde er nun auch mehr mit anderen Studenten bekannt und bald bildete sich ein Kreis von Freunden, die in Abendzusammenkünften frohe und genußreiche Stunden verlebten und für das ganze Leben sich an einander schloßen. Karl Mayer (später Oberjustizrath in Tübingen), auch durch die Poesie mit Kerner und Uhland verbunden, trat beiden innig nahe. Heinrich Köstlin, Georg Jäger (beide später Medicinalräthe zu Stuttgart), dann Karl Roser, in der Folgezeit Uhlands Schwager, und kurz vor ihm als Staatsrath zu Stuttgart gestorben, und andere mehr, bildeten einen frohen, geistig bewegten Kreis. Vom Jahr 1805 an mußte sich Uhlands Studium, das bisher mehr der Philologie und Geschichte zugewendet war, mehr auf die Rechtswissenschaft richten; sie wurde auch nicht vernachlässigt, obgleich er wenig Neigung für sie hatte und – wenig anregende Lehrer ihn auch nicht mehr dafür gewinnen konnten. Doch blieb, neben treuem Fleiße für dieses Fach, noch manche Stunde der Poesie gewidmet, zu welcher er sich in dieser Lebenszeit besonders hingezogen fühlte. Von seinen Liedern sind viele während der Studienzeit gedichtet. Im Spätjahr 1806, in der Herbstvakanz hatte er die Freude, mit einigen Freunden, Jäger und Hochstetter und einem Schweizer, Kind aus Chur, eine Fußreise durch die deutsche Schweiz machen zu dürfen. Auf starken Tagmärschen durchzogen sie den größten Theil derselben. Außer »Tells Platte« hat sich aber kein Gedicht über diese Reise vorgefunden, mit so lebhafter Erinnerung Uhland auch später derselben gedachte. Seine Liebe zu Volksliedern ließ ihn auch in der Schweiz emsig danach forschen und als er bei einem Schuhmacher in Meyringen im Haslithal sich die Stiefel sohlen ließ, glückte es ihm, auch zwei alte Balladen zu erhaschen, die in Seckendorfs Almanach abgedruckt wurden. Er schickte dem Schuhmacher als Gegengeschenk Schillers Wilhelm Tell. Durch Vermittlung eines Landsmanns, des nachherigen Legationsrath Kölle, sandte Uhland 27 Gedichte von sich und 7 von Kerner an Leo von Seckendorf nach Regensburg zur Aufnahme in seinen Almanach. Seckendorf äußert sich gegen Kölle sehr zufrieden über diese Sendung und wundert sich, daß er von diesen Dichtern noch gar nichts gehört habe. Bald darauf wurde Uhland selbst brieflich mit Seckendorf bekannt und schickte ihm Uebertragungen aus dem Heldenbuche, die dieser günstig aufnahm. Von dem Ende des Jahres 1806 ist folgender Brief Uhlands an Seckendorf. Uhland an Leo von Seckendorf zu Regensburg. Ihr Brief vom 18. Okt. (erhalten d. 10. Nov.), öffnete mir die angenehme Aussicht, mit Ihnen in nähere Bekanntschaft und literarische Verbindung treten zu können; ließ mich aber beinahe besorgen, daß Sie mehr von mir erwarten, als ich zu leisten vermag. So sehr mir nehmlich das Studium der altdeutschen Poesie am Herzen liegt (und am Herzen lag zu einer Zeit, da die Bemühungen der Neueren noch nicht öffentlich, oder mir wenigstens noch nicht bekannt waren), so sehr ich wünsche, mich in Verhältnisse versetzt zu sehen, wo auch ich zur Wiederbelebung unserer poetischen Vorzeit mein Geringes beitragen könnte – so wenig sah ich mich bisher im Stande, in diesem Fache zu wirken. In einem Alter von noch nicht vollen 20 Jahren und bei einer ganz entgegengesetzten Bestimmung ist es mir wohl schon an sich nicht möglich, große literarische Umsicht erlangt zu haben. Dazu kommt, daß mir keine ansehnliche Bibliothek offen steht, aus der ich verborgene Schätze hervorziehen, oder auch nur mich mit dem schon Vorhandenen vertraut machen könnte. Vorerst also hab' ich weder etwas bedeutendes in Händen, noch zeigt sich mir Gelegenheit zu einer bestimmten Richtung meiner Neigung für die altdeutsche Poesie überhaupt. Mit Vergnügen aber würd' ich Alles ergreifen, was Zufall oder Unterstützung eines Freundes mir zuführen sollte. Mittheilung eines Gegenstandes, an dem ich meine Kräfte auf angemessene Art üben könnte, oder auch nur Anweisung, wo ein solcher zu finden wäre, sind mir daher immer willkommen. Da jedoch zu jeder ästhetischen, wenn auch nicht productiven Arbeit eine Stimmung erforderlich ist, welche die launische Stunde nach Willkür gibt oder versagt, so kann ich für mich selbst nicht Bürge sein, wiefern mir die Ausführung dieser oder jener Arbeit möglich wäre, abgesehen davon, daß auch die Zeit, die ich auf diese Studien verwenden kann, sehr beschränkt ist. Der einzige Versuch, den ich in diesem Fache gemacht habe, sind die Bruchstücke aus dem Heldenbuche. Vielleicht würde ich mehrere auf diese Art bearbeitet haben, wenn mir nicht bekannt wäre, daß man neuerlich ein älteres und ächtes Heldenbuch aufgefunden haben will. Da ich nicht Gelegenheit habe, den dahin gehörigen Aufsatz von Docen zu lesen, so würde mir einige Belehrung über diesen Gegenstand sehr erwünscht sein. Hat man wohl alle Theile des Heldenbuches in einer älteren Gestalt aufgefunden? Welche Sprache und welche Versart hat das ältere Heldenbuch? Etwa die des Nibelungenliedes? Tieck soll während seines Aufenthaltes in Rom wichtige Entdeckungen im Felde der altdeutschen Poesie gemacht haben. Noch red' ich von einem Gegenstand, der unsrem beiderseitigen Interesse nicht fremd sein möchte. Der deutsche Dichter, dem es um die wahre, in rüstigem Leben erscheinende Poesie zu thun ist, fühlt einen auffallenden Mangel an vaterländischer Mythologie (nicht in dem Sinne, in welchem man die nordische Götterlehre der Edda bei uns geltend machen wollte), er findet so wenig alte Kunden seiner Nation, die sich der bildenden Kraft ohne Sträuben hingäben und doch auf der andern Seite das tiefste Leben der Seele zur objectiven Erscheinung förderten. Die Geschichte kann diesen Mangel nicht ersetzen. Die griechischen Dramatiker hatten vor sich ihre Epiker, Shakespeare eine reiche Menge alter Lieder und romantischer Erzählungen; auch wir Deutsche stehen auf dem Punkte der dramatischen Kraft und suchen eine Vorwelt epischer Dichtungen. Wir haben zwar einige Volksromane (obgleich wenige der bekannteren ursprünglich deutsche sein mögen), ihre Anzahl ist aber so gering, daß die brauchbareren meist schon von Tieck und anderen bearbeitet sind. Leider liegt zwischen uns und den Zeiten, wo solche Mären im Gange waren, eine altkluge Periode, welche auf jene romantischen Kunden verachtend herabsah, und sie der Vergessenheit überließ, oder gar gewaltsam in dieselbe hinabstieß. Um so ernster sollte man in unsern Tagen darauf denken, zu retten was noch zu retten ist. Aber nicht bloß ursprünglich deutsche, auch die Kunden verwandter Völker, von den Rittern der Tafelrunde, des Grals, Karls des Großen u. s. w., sowie die altnordischen Erzählungen verdienen alle Aufmerksamkeit. Ein Geist des gothischen Ritterthums hatte sich über die meisten Völker Europas ausgebreitet. Auch gehört manches hierher, was in deutschen und lateinischen Chroniken treuherzig als Geschichte erzählt wird und oft auch wirklich Geschichte ist oder doch eine historische Grundlage hat. Denn auch die Geschichte der alten Zeiten trägt einen romantischen Schein. Zwar zeigten sich in unsern Tagen mehrere Bearbeiter von Volksmärchen, es wurden wohl auch diejenigen solcher Kunden, welche sich durch bessere Darstellung empfehlen, aus alten Schriften herausgegeben, allein könnte nicht noch mehr geschehen? Sollte nicht der Literator, dem ein reicher Vorrath alter Schriften zu Gebote steht, und der nicht selbst die Absicht hat, Kunden dieser Art poetisch zu bearbeiten, solche wenigstens, wo er sie antrifft, sammeln und den Dichtern seines Volkes anbieten? sollt' er es nicht thun, wenn auch diese Kunden, wie er sie in alten Büchern findet, keinen künstlerischen Werth haben, aber doch aus den Schlacken ein körniges Gold blicken lassen, das der Künstler bearbeiten könnte? Eine plane, den alten Büchern getreue, oder noch lieber wörtlich daraus genommene Erzählung würde zu diesem Zwecke hinreichen, wenige Mühe kosten und für Manchen von großem Werthe sein. Auch mir wäre es sehr wichtig, wenn ich solche Kunden zu Gesichte bekommen oder Andeutungen erhalten könnte, in welchen alten oder neuen Büchern derlei zu finden sind. (Die Bibliothek des Romantisch-Wunderbaren, wovon ich 2 Theile in Händen hatte, mag zum Theil diesen Zweck haben, schien mir aber, obwohl auch dieß verdienstlich ist, mehr nur romantische Bilder als größeren gediegenen Stoff zu geben.) Gibt es eine Volksbibliothek oder Bibliothek von Volksromanen, und ist solche gehaltreich? Ueberhaupt nehmen Viele, besonders das gewöhnliche Lesepublikum zu wenig Rücksicht darauf, daß man bei Wiederaufgrabung der verschütteten Vorwelt auch das hereinzuziehen habe, das zwar für sich ohne großen Werth ist, aber doch als Stück in der großen Ruine seinen Platz ausfüllt. So sind z. B. in dem werthen Buche: Des »Knaben Wunderhorn« auch sehr mittelmäßige oder unvollständige Lieder. Solche, die das Buch flüchtig durchblättern und solche einzelne Stücke lesen, rufen aus: Was soll das? Dem aber, der in den ganzen Cyklus der altdeutschen Poesie eingeweiht sein möchte, werden auch diese geringeren Reste nicht gleichgültig sein, sie werden ihm zur Erklärung des Kostbareren und in Hinsicht auf das Ganze manchen Nutzen versprechen. Man rette lieber zu viel als zu wenig! Wenn dieser Brief etwas lang geworden ist, so haben Sie es Ihren eigenen Einladungen und der Berührung eines Stoffes, der mir so nahe liegt, zuzuschreiben. Meine Adresse ist: Ludwig Uhland zu Tübingen. Leo von Seckendorfs freundliche Antwort, vom 25. Januar 1807, lautet im Auszug: »Ich habe Ihren Brief mit wahrem Interesse gelesen, denn er enthält Stellen, die mich wie aus den ersten goldenen Träumen meiner Jugend trafen – sie wurden nicht erfüllt, alle Blüthen meines Geistes sproßten auf unfruchtbarem Boden. Das innere Gähren konnte sich zu keiner reinen Schöpfung gestalten und ein glücklicher äußerer Anstoß hat mir stets gefehlt. Auch Ihnen scheint die Gegenwart entgegen zu wirken, der Kampf Ihrer Neigung mit den Verhältnissen ist da – aber in einem solchen Kampfe gedeiht auch das poetische Gemüth, gezwungen sich am eigenen Feuer zu wärmen und sich zu concentriren, um seinen Gegnern die Spitze bieten zu können.« – Er berichtet ihm von Planen in Bezug auf altvaterländische Literatur, die er mit Docen besprochen habe, wenn – er dazu einen Verleger finde. Dann macht er Uhland Mittheilungen über Docens Thätigkeit, er habe Fragmente des Heldenbuches aufgefunden u.s.f. Auch beantwortet er die Anfragen in seinem Briefe. Später schreibt er von Uhlands Proben einer Uebersetzung aus dem Heldenbuche. »Gerade diese Enthaltsamkeit im Umkleiden ist es auch, was mich in ihren Proben in meinem Almanach so sehr anspricht, der Geist des Ganzen weht mich an, deßwegen wünschte ich wohl das ganze Gedicht (wenn wir es erst in reiner Gestalt besitzen) von Ihrer Hand.« Dann ermuthigt er Uhland, sich auch in dramatischer Poesie zu versuchen; er nennt ihm dazu einen Stoff: Francesca da Polenta aus Dantes Hölle. Uhland ergriff diesen Stoff, führte ihn aber nur zum Theil in Versen aus. Auch zur Bearbeitung des Fortunats räth Seckendorf. Uhlands Erwiederung auf diesen Brief kann aus dem Concept, dem sie entnommen ist, nur unvollständig wiedergegeben werden. Uhland an Leo von Seckendorf. Tübingen, 6. März 1807. Herzlichen Dank für Ihren Brief, der so manche Zeichen Ihrer freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich enthält und von so manchen Gegenständen handelt, die mir am Herzen liegen. Die Belehrungen über das Heldenbuch waren mir sehr wichtig. Das Heldenbuch in der ächten Gestalt wird für eine künftige Bearbeitung um vieles leichter, da die Hälfte der Reime wegfällt und in dem größeren Zwischenraume von einem Reime zum andern sich weit ungezwungener diese oder jene Wendung nehmen läßt. Meiner Meinung nach sollten die Bemühungen der Literatoren sich zuerst und vorzüglich auf das Heldenbuch selbst und auf mit dem Heldenbuch und den Nibelungen verwandte Gedichte richten, wie Dietrich von Bern, der getreue Eckard, hörnerne Siegfried, König Etzel. Sie umfassen doch wohl die älteste Heldenwelt, die ächte Mythologie unserer und der mit ihr verwandten Nationen und sind wahrscheinlich Originalgedichte. Mir ist daher auch das lateinische Gedicht von Walther von Aquitanien werth, das doch wahrscheinlich auf einem altdeutschen Original beruht, dessen Auffindung zu wünschen wäre. In den Nibelungen (S. 115, V. 9179 f.) ist auf die in jenem Gedichte erzählte Begebenheit angespielt – – Wenn Sie mich zu Bearbeitung altdeutscher Gedichte tüchtig glauben, so trauen Sie mir vielleicht zu viel Fleiß und Geduld zu. Ueberdieß haben solche Bearbeitungen, wie man sie jetzt geben kann, nur ephemeren Werth und sollen nur solchen haben, denn je mehr das Publikum mit altdeutscher Sprache und Art bekannt wird, desto ächter kann man ihm das Denkmal der Vorzeit überliefern. Wenn daher, will's Gott, das Publikum in zehn Jahren hierin um ein Merkliches vorgerückt ist, so kann man ihm schon eine dem Original um vieles nähere Bearbeitung in die Hände geben, als man jetzt wagen dürfte. Schon durch Tieck und andere Dichter ist dadurch Gutes gewirkt worden, daß sie alte Worte und Formen wenigstens in einem gewissen Kreise in Kurs gebracht. Neuere Dichter sollten auf diesem Wege muthig fortschreiten und sich mit der Sprache sowohl als der Mythologie und ganzen Poesie unserer Väter mehr und mehr in traulichen Verkehr setzen. Wie wäre es, wenn man in Almanachen (wie in Ihrem künftigen Musenalmanach) eine Abtheilung der altdeutschen, die andere der neudeutschen Poesie bestimmte? Es freut mich schon, daß zwei Recensionen Ihres Almanachs aus meinen eigenen Gedichten und aus den Bruchstücken aus dem Heldenliede Stellen ausheben, ohne zu bemerken, wem sie eigentlich angehören. – Frühe schon wollte ich meine Poesie zum Größeren sammeln. Ich könnte Ihnen eine Reihe von Planen zu epischen und dramatischen Gedichten aufführen, die ich mit Liebe entworfen, oft ziemlich klar gestaltet (zu Papier brachte ich nur weniges) und dann verlassen habe. Nur Eines will ich gedenken. Vor etwa zwei Jahren begann ich eine Tragödie zu entwerfen: Achilleus Tod. Sie sollte die Idee darstellen: wenn auch das Schicksal die Ausführung unserer Entschlüsse hindert, haben wir sie nur ganz und fest in uns gefaßt, so sind sie doch vollendet. Was in der Wirklichkeit Bruchstück bleibt, kann in der Idee ein großes Ganzes sein. (Die Idee bleibt unberührt vom Schicksal.) Verschiedene Ursachen, besonders aber meine Vorliebe für das Romantische, dem der griechische Boden nicht angemessen war, hielten mich von der Ausführung ab. Ich hatte seitdem mehrere andere Entwürfe, aber ein gewisser Kampf in mir ließ keinen zur Vollendung kommen. Ueberdieß habe ich sehr wenig Neigung zum Gedichte-Schreiben. Ich komme schwer dazu, Gestalten, die ich in begeisterten Momenten gesehen und entworfen, in ruhigen auszumalen. Wenn ich mich nach poetischem Stoff umsehe, so geschieht es vorzüglich darum, weil bloß idealische Gestalten nicht so leicht vollkommene Objectivität erhalten, wie solche, die dem Dichter schon lebendig entgegentreten, aber ihr höheres Leben erst von ihm erwarten. Er wird durch die letztern in angenehme Selbsttäuschung versetzt, sein unbestimmtes Schweifen erhält eine Begrenzung, seine peinigende Willkür wird gebunden, zwar nicht mit Fesseln, aber durch die Arme der Geliebten. Ihre Beurtheilung meiner Gedichte war mir willkommen. Sie sind größtenteils lyrische Ergüsse eines jugendlichen Gemüthes. Ueber diese sei mir erlaubt einiges zu sagen. Die ersten Gefühle und Lebensansichten einer erwachenden Seele, sie bilden die erste Periode meiner Poesie. Sollte der Dichter alles darstellen dürfen, nur sich nicht? Ich glaube, daß es dabei sehr auf die Dichtungsart ankommt, die er wählt. Die lyrische Stimmung steht der Subjectivität offen. Aber selbst im Drama, dünkt mir, kann er sich selbst, oder vielmehr seine ideale Individualität einführen, wenn er ihr nur Leben und Objectivität für Andere zu geben weiß. Die meisten Erstlinge dramatischer Dichter sind auch von dieser Art. Freilich hat er sich dabei wohl zu hüten, daß nicht alle Personen nur verschiedene Modificationen des Hauptcharakters werden. Will er sich selbst auftreten lassen, so wisse er sich auch von andern zu unterscheiden. Das Morgenblatt veranlaßte eine Gesellschaft junger Freunde, hier ein geschriebenes Sonntagsblatt herauszugeben, das einem vertrauten Kreise mitgetheilt wird. Es soll ein gemeinschaftlicher Verein unserer Jugendpoesie sein. Gespräche über verschiedene Gegenstände, Gedichte, Aufsätze über Poesie, Satyren u. s. w. sind der Inhalt. Man theilt einem traulichen Kreise Dinge mit, die sich nicht für das Publikum eignen würden. Es sind wirklich einige vorzügliche Stücke von Kerner und einem Ungenannten zu Tage gekommen. Auch Musikalien, Zeichnungen von einem unserer Freunde, der nicht geringes Talent zur Carikatur besitzt, sind beigefügt. Da ich überhaupt seit geraumer Zeit weniges habe, so konnte ich bisher weniges beitragen. Es ist, wie ich schon gesagt, als wäre mit der Sammlung in Ihrem Almanach eine gewisse Periode meiner Poesie geschlossen. Unlängst habe ich ein Blatt ausgearbeitet, das ganz der alten Poesie geweiht ist. Es enthält ein Bruchstück aus den Nibelungen mit Beziehungen auf das Ganze, welche letztere ich Ihnen hier mittheile, obgleich unvollständig entworfen. Dann folgen einige altenglische Balladen, wovon ich zwei im vorigen Spätjahre auf einer Fußreise in der Schweiz aufgetrieben habe. In einem künftigen Sonntagsblatt will ich auch meine Ansichten über das Romantische zur Prüfung ausstellen. Ueber Romantik und Objectivität, zwei Worte, die jetzt so stark im Gange sind, wünschte ich sehr, auch Ihre Ansicht kennen zu lernen und die meinige damit zu vergleichen und vielleicht zu berichtigen. Durch Herrn Kölle hoffe ich Notizen über altdeutsche Manuscripte in der Bibliothek zu Paris zu erhalten. Leben Sie glücklich und eingedenk Ihres Ludwig UhIand. An seinen Landsmann, dessen Uhland im letzten Briefe gedenkt und der sich damals in Paris befand, hat er ähnliche Fragen gerichtet und das gleiche Verlangen ausgesprochen. Es folgen hier zwei Briefe von Uhland und im Auszug einer von Kölle. Uhland an Kölle in Paris. Tübingen, 26. Januar 1807. »Gerade als ich darauf dachte, meine Brieftaube an Sie abzufertigen, kam der Ihrige mit einem willkommenen Geschenk bei mir an. Ich sage Ihnen zum Voraus, mein Brief ist sehr unpoetisch, obgleich ich Anfangs den Plan zu einem Schreiben voll Gemüths entworfen hatte. Vielleicht ein andermal besser. Was Sie von Ihrer Ansicht der Antiken sagen, stimmt mit der überein, die ich von den griechischen Gedichten habe. Die Romantik und das Drama schlägt bei mir überall dem antiken Epos vor, denn als solches betrachte ich auch die antike Komödie. Schön ist es, daß Ihr Brief meinen werdenden schon in einigen Punkten beantwortete. So wollte ich Sie beschwören bei dem heiligen Mutternamen Deutschlands, gehen Sie, wann Sie immer können, in die Bibliotheken von Paris, suchen Sie hervor was da vergraben liegt von Schätzen altdeutscher Poesie. Da schlummern sie, die bezauberten Jungfrauen, goldene Locken verhüllen ihr Gesicht; wohlauf ihr männlichen Ritter, löset den Zauber! sie werden heißathmend die Locken zurückwerfen, aufschlagen die blauen träumenden Augen. Allein sehen Sie nicht ausschließend auf deutsche Alterthümer, achten Sie auf die romantische Vorwelt Frankreichs. Ein Geist des Ritterthums waltet über ganz Europa. Wo Sie in einem alten Buche eine schöne Kunde, Legende u. s. w. finden, lassen Sie die nicht verloren gehen, wir haben ja so großen Mangel an poetischem Stoff, an Mythen. Tieck soll bei Brentano gewesen sein und ihm gesagt haben, daß er in Rom ein herrliches altdeutsches Gedicht gefunden und abschreiben lassen, das nur mit der Ilias zu vergleichen sei. Seckendorf hat uns eingeladen bei seinen Lieblingsstudien mitzuwirken; sollte er uns geneigt finden, so würde er uns tiefer in seine Plane einweihen. Wir antworteten vor einiger Zeit, daß wir keine privatisirende Gelehrte, sondern Studenten seien und uns keine literarische Vorräthe zu Gebote stehen, daß es mich aber freuen würde, wenn er mir Gegenstände mittheilen möchte, an denen ich meine Kräfte auf angenehme und freie Weise üben könnte. Die Antwort ist noch nicht angelangt. – Das Morgenblatt, davon täglich, außer Sonntags, ein Blatt herauskommt, veranlaßte Kerner, ein Sonntagsblatt zu veranstalten, nehmlich ein geschriebenes. Ein Stück ist bereits erschienen. Man gibt unvollendete Gedichte, Entwürfe u.s.w. einem Cirkel vertrauter Freunde zum Besten. Wahrscheinlich wird es aber nur bis zum Frühjahr währen. Senden Sie auch dazu wenigstens literarische und andere Notizen. Es soll aber der Vertrautheit unseres Briefwechsels durchaus nicht schaden. Ich werde gewiß zu unterscheiden wissen, was Andere lesen dürfen oder nicht. Ein anderes Mal, wenn mein Gemüth ruhiger und gefaßter ist als jetzt, will ich es Ihnen mehr eröffnen. Mein poetisches Leben ist jetzt ein Umherschweifen von einem Entwurfe zum andern. Dringend fühle ich dabei den Mangel an Stoff zu poetischer Bearbeitung. Ich kann mir kein größeres Glück denken, als nach wohl entworfenem Plane, in einer sich selbst gegebenen Grenze, aus dem unendlichen Gebiete des Schönen und Großen, der inneren und der äußeren Welt, Gestalten aller Art wie in einem Zauberkreis hervorzurufen. Ein Drama, ein Roman, welches Entzücken muß es sein, so was vollendet vor sich zu sehen, ein höheres Leben, ein gestaltendes Gemüth! Festgegründet und in's Unendliche deutend. Geben Sie mir Kunde von Ihrem poetischen Wirken! Sammeln Sie Ihre Strahlen zum Größeren! Vielleicht verschlingt uns der Abgrund, vielleicht siegen wir? Doch es ist gar zu arg! Leben Sie wohl, mit deutscher Freundschaft Ihr L. U. Nachschrift . Kennen Sie die Schriften eines Grafen Tressan? Sind Ihnen sonst keine Bücher bekannt, worin alte romantische Sagen, eine poetische Vorwelt für dramatische Bearbeitung vorliegen? Schreiben Sie mir bald wieder. Werfen Sie Strahlen in mein düsteres Gemüth. Conz liest diesen Winter Theorie der Dichtkunst. Er sagt viel Gutes. Das nächstemal schicke ich Ihnen vielleicht einige Producte von mir.« In einer Antwort auf diesen Brief schreibt Kölle an Uhland: – – »Der deutsche Codex, den Tieck benützte, ist beinahe der einzige deutsche poetische der kaiserlichen Bibliothek. Ungefähr 200 alte Romane, theils im Romanzo, theils schon in der langue d'oui (der Quelle des heutigen Französischen) liegen da. Ich fange, wie billig, meine Lectüre bei dem Romane von der Rose an. Jede Entdeckung werde ich mit meinen Freunden theilen. Um Gotteswillen kommen Sie nach dem Examen sogleich hierher! Man lebt hier wohlfeil, und auch abgesehen davon, für äußere und innere Bildung ist Paris einzig, und es müßte schlecht gehen, wenn Sie nicht bald etwas liefern könnten, was Sie in den Stand setzt, auf eigenem Fuß hier zu leben.« Im nächsten Briefe Uhlands an Kölle dankt er ihm für Beiträge in das Sonntagsblatt und berichtet, was indessen darein gegeben worden. Besonders erfreut äußert er sich dann über Carikaturen, die sein Freund Mayer darein gestiftet hat. Dann entschuldigt er sich in seiner bescheidenen Weise: »Wenn ich Ihnen so Vieles von mir zusende, so geschieht es nicht, weil ich meine Producte für so vortrefflich halte, sondern weil ich Sie mit meinem Treiben bekannt machen möchte. Unter meinen Beiträgen finden Sie ein Sonett, das einzige, das ich je gemacht. Ich muß gestehen, daß ich diese Gedichtsform, so schön sie sich im Einzelnen ausnehmen mag, im Ganzen unserer Sprache nicht angemessen finde. So sind wir genöthigt, gewisse reichhaltige Reimendungen: sinken, schweben u. dgl. zu häufig anzubringen, da wir so viele Worte haben, die sich nur auf weniges reimen. – – Aus Docens Miscellen für altdeutsche Literatur ist zu ersehen, daß die Nibelungen ( à propos noch habe ich Ihre Nibelungen in Händen), mehrere Bearbeiter gefunden, von der Hagen, Niemeyer u.s.w. Ich habe ein Bruchstück davon mit einer kleinen Abhandlung in das Sonntagsblatt gesetzt. Leider habe ich mich mit Examenspräparationen, bald auch mit Inauguraldisputation (ja wohl absque augure !) zu beschäftigen. Nächstes Frühjahr hoffe ich frei zu sein. Paris aber scheint nicht in meines Vaters Plan zu liegen. Ihr L. U.« Ueber das Sonntagsblatt, dessen Uhland in den Briefen an Seckendorf und Kölle erwähnt, giebt sein Freund Karl Mayer im Weimarischen Jahrbuch V , S. 42 ff. näheren Bericht. Aus diesem Aufsatz haben die Nekrologe von Otto Jahn und Friedrich Notter Uhlands Aufsatz über das Romantische und die Einleitung zu einem Bruchstück der Nibelungen (mit dem Uhland die Freunde im Sonntagsblatt bekannt machte) bereits gegeben. Das Sonntagsblatt dauerte nur bis zum Mai 1807, da die Freunde Tübingen im Frühjahr und theilweise im Herbste verließen. Der Zurückbleibende richtet folgendes Abschiedslied an die Scheidenden: Abschied. Noch schwebt der Lenz im blauen Aether nur, Ist noch zur Erde nicht herabgestiegen. Die Lerchen eilen zu ihm aufzufliegen, Indem sie froh in seinem Licht sich wiegen, Verkündigen sie ihn der öden Flur. Da fühlt der Anger bald die warmen Lüfte, Aus Veilchen windet er den ersten Kranz, Die mehr durch leise ahnungsvolle Düfte Vom Frühling zeugen, als durch Farbenglanz. Der Jünglinge, wohl auch der Mädchen Herzen Empfinden da ein wunderbares Glühn, Die Wonnen knospen und die süßen Schmerzen, Und Jedes will hinaus in's Freie fliehn. – So mögt ihr denn, ihr Freunde, freudig ziehn! Ich wünsch' euch alles Schöne, alles Gute, Wie's Jeder liebt nach seinem Sinn und Muthe. Die ihr der Frühlings- und der Jugendtage In frischem Leben und Genuß euch freut, Euch möge mit den Rosen, die vom Hage Des Gartens aus dem Laube freundlich blinken, Zugleich ein rosig Mädchenantlitz winken. Die ihr der süßen Dichtereinsamkeit Des Abends wunderreiche Stunden weiht, Und zu dem Himmel sehnlich blickt empor, Euch wünsch' ich, daß aus rothen Aetherhallen, Wie aus des Paradieses offnem Thor, Die lichten Engel zu euch niederwallen. Doch, lieben Freunde, eh' ihr zieht von hier, So blickt noch einmal alle her zu mir! Ein theures Kleinod halt' ich in der Hand, Eine Wunderblume aus dem Fabelland, Gepflegt in warmer Busen Heiligthume: Ein wechselnd Farbenspiel in ihrem Ring; Beweglich, Blume halb, halb Schmetterling; Aus Sonntagsblättern eine Sonntagsblume . In Erinnerung an diese Jugendzusammenkünfte und an das Sonntagsblatt schrieb er in späterer Zeit folgendes Lied nieder: Den Jugendangedenken, Der freien Musenzeit, Den Scherzen und den Schwänken, War dieses Buch geweiht. Seitdem ist hingeflossen Gar manches trübe Jahr, Darin das Buch geschlossen Und schier vergessen war. Nun kämpften unsre Retter, Die Freiheit brach sich Bahn, Da wurden diese Blätter Von Neuem aufgethan. Herein, wem deutsche Jugend Im tapfern Herzen glüht! Wir leben neue Jugend Wenn uns die Freiheit blüht. Ein Brief, wahrscheinlich an den Repetent Schickard, mit dem Uhland viel Umgang hatte, drückt seine Empfindung bei der Trennung von den Jugendfreunden mit viel Innigkeit aus. Tübingen, 30. Januar 1808. »Zwar habe ich lange nicht auf Deinen Brief geantwortet, allein dennoch wirst Du nicht glauben, daß ich nicht oft an Dich denke. Wenn ich so auf die Zeit unseres freundschaftlichen Umganges zurückblicke, die sich in die fabelhaften Tage der Kindheit verliert, so verweile ich mit besonderer Liebe bei der Periode, als wir zuerst in's Jünglingsalter übergegangen waren. Du warst etwas früher als ich in die Welt getreten und theiltest dann treulich mit mir (der ich noch viel eingezogener lebte), was Du Angenehmes und Unangenehmes ersehen, und erwecktest so in mir ein wunderbares Bild des Lebens, das Dir noch selbst erst wunderbar erschienen war. Auf unsern häufigen Spaziergängen nach Waldhausen, wo wir, unter den blühenden Obstbäumen sitzend, die Sonne untergehen sahen, und dann im Scheine des Mondes und der Sterne nach Hause wandelten, eröffneten wir uns unsere Gefühle und Hoffnungen, und wie das weite Thal in dämmernder Mondbeleuchtung unter uns lag, so lag auch die Welt vor uns im magischen Dufte, harrend des hellenden Tageslichtes. Es ist wahrlich eine herrliche Zeit, wo der Mensch noch eine so weite, schöne Zukunft vor sich hat. Es kann noch Alles mit ihm werden; er hat noch kein edles Wirken, keinen hohen Genuß versäumt. Zwar sind wir, denke ich, auch jetzt noch nicht gealtert, und es liegt noch Vieles vor uns; aber dennoch sind mehrere Jahre, die man zu den schönsten des Lebens zählt, die damals noch Zukunft waren, jetzt Vergangenheit; und wie Manches blieb ungenützt, ungenossen! Sind wir, was wir hätten werden können? Wie mancher schöne Wahn hat sich uns in kaltes Besserwissen aufgelöst. Im Menschenleben ist doch wohl im Ganzen die Blüthe schöner als die Frucht! Wie damals in die einheimische, so bist Du jetzt vor mir in die fremde Welt getreten, und ich hoffe, Du werdest (wie mir überhaupt immer mehr von Dir zukam, als Dir von mir), auch jetzt mir die Erfahrungen mittheilen, freilich nicht mehr in jener schönen unmittelbaren Ergießung, sondern auf dem langsamen Wege der Briefe. Dabei ist leicht einzusehen, daß ich weit mehr von Deinen Briefen zu erwarten habe, als Du von den meinigen. Denn in meiner gegenwärtigen Lage weiß ich Dir wenig Neues zu schreiben. Ich werde wohl erst am Anfang des Sommers oder Anfang des Herbstes von hier wegkommen, ob nach Göttingen, weiß ich noch nicht gewiß zu sagen. Meine Examina fallen ungefähr in den Wonnemond! Bis zu meiner Abreise verengt sich mir das Leben, statt sich zu erweitern, und ich werde, da einer meiner Freunde nach dem andern abgeht, auf den Sommer fast einsamer sein sogar, als ich es in der ersten Zeit der Jugend war. Gestern war unseres Jägers Disputation. Kerner geht an Ostern von hier weg. Mayer schreibt mir häufig, auch Roser u. A. m. Du wirst nun in Grätz einheimisch sein und viel neue Bekanntschaften gemacht haben. Was sind die Studien? Je einsamer ich bin und werde, um so mehr Freude werden mir die Briefe meiner Freunde gewähren, und ich hoffe, daß auch Du mich bald wieder mit einem Briefe erfreuen werdest. Lebe wohl! Ewig Dein L. U.« Mit Kerner zusammen hat Uhland um diese Zeit ein humoristisches Singspiel: »Der Bär,« verfaßt. Es wurde später von einem Freunde, dem Registrator Knapp, in Musik gesetzt; die Composition soll sehr gelungen sein, ging aber bei dem frühen Tode Knapps verloren. Seinem Freunde Karl Mayer gibt er in einem Briefe vom Febr. 1808 Bericht über seine Studien in dieser Zeit. »In Jure habe ich seit dem Herbst außer der Vollendung der Hofackerschen Pandekten Folgendes gelesen: Hofackers Institutionen, einen kleinen Rest im Canonicus, Rundes deutsches Privatrecht, Meisters Criminale, Puttmanns Wechselrecht und einige Abhandlungen von Gönners Handbuch, das mir sehr gefällt. Nun hab ich noch Lehnrecht und Landrecht vor mir; überdieß will ich noch Gönners Handbuch absolvieren; auch hab ich besonders den Concursprozeß noch zu reiten, lese auch noch ein Pandektencompendium u.s.w.; nehme ich dazu die Rekapitulation des Ganzen, so gehen schon noch zwei Monate herum, bis ich mich zum ersten Examen melden kann, dann einige praktische Arbeiten, bis ich zum zweiten Examen schreite, und endlich die Disputation. Vielleicht geh ich dann nach Paris, doch weiß ich nicht, ob dieß oder eine Reise durch Deutschland den Vorzug verdient, denn wie manchen edlen Mann kann man da kennen lernen?« Im Mai 1808 ging das Fakultätsexamen mit dem Prädikat cum laude glücklich zu Ende. In einem Briefe an Mayer schreibt er im Juli: »Nicht ohne mächtige Anregung habe ich von Deiner schönen, glücklichen Reise vernommen – wenn ich bedachte, wie ich seit letztem Herbste nicht über zwei Stunden von Tübingen hinausgekommen, wie manche Beschwerde, ja Schmerz indes auf mich gedrückt, wie selten eine mächtige Freude in mein trübes Leben hineingeleuchtet. Möchte mir der Himmel auch einmal wieder einen recht fröhlichen Tag oder nur eine selige Stunde schenken! Man hat daran noch lange nachher zu zehren. Von meinem Examen weiß ich Dir nicht viel zu schreiben. Im römischen Recht ist es mir am besten, im kanonischen Rechte am schlimmsten ergangen. Noch diese oder die andere Woche werde ich wohl meine Bittschrift um das Advokatenexamen einschicken. Unter diesen Umständen konnten freilich die Musen keine sonderliche Freude an mir haben, und obwohl ich seit dem Fakultäts-Examen nicht viel gearbeitet habe und gewünscht hätte, daß einmal wieder eine poetische Stimmung in mir wach würde, so brachte ich doch nichts zu Stande, als ein hundert Verse zu einem Trauerspiel (nicht Achilleus) und wozu auch der »Brautgesang« gehört. Aber gleich war der Anflug wieder verschwunden und jetzt kommen wieder die schweren Zeiten. Meine Balladen sammt Kerners Gedichten sind in die Zeitung für Einsiedler (bei Mohr und Winter) geschickt. Sie interessierte mich gleich; es zog mich die Liebe zur alten Zeit an. Diese Zeitung hat einen Charakter, es herrscht ein Geist der Freiheit darin. Kerner ist nun auch examiniert. Wie sehne ich mich nach der Zeit, wo ich von dem Examenwesen frei, wo ich für Freundschaft, Poesie, Natur einmal wieder frei erwärmen kann!« Den 12. October: »Mein Examen ist überstanden und so, daß ich zufrieden sein kann, wenn gleich nicht splendid.« Wenn Uhland die abgegangenen Freunde schmerzlich vermißt, so geht es diesen ebenso, wie eine Reihe Briefe beweist. »Ich möchte nur einmal wieder mit Dir über die Neckarbrücke gehen können!« schreibt H. Köstlin, und Karl Roser: »o lieber Olaf (so hieß Uhland scherzweise) wäre ich nur wieder bei Dir in Tübingen; ich und der Jäger reden immer von Dir, wenn wir zusammen kommen, und der Mayer schreibt auch von Dir.« Nach den beiden glücklich bestandenen Examen wäre Uhland gerne auf Reisen gegangen, allein der Vater wünschte, daß er vorher auch noch Doctor würde. Die Dissertation beschäftigte ihn lange Zeit. Er schreibt darüber am 9. März 1809: »Von meiner Dissertation kann ich Dir am wenigsten schreiben, weil sie gar nicht vorrücken will.« Den Winter von 1808–9 brachte Varnhagen in Tübingen zu, um Kielmeyers Vorlesungen zu hören. Er nahm seine Wohnung im gleichen Hause mit Kerner und durch diesen wurde er auch mit Uhland bekannt. Kerners zutrauliches, leichtbewegliches Wesen war mehr geeignet, sich an Fremde anzuschließen, (wie er ja auch sein ganzes Leben lang Freunde unter allen poetischen und politischen Parteien gehabt hat,) als der stille, schwerer zugängliche Uhland. So war Kerner ein gutes Bindemittel zwischen den verschiedenen Naturen Varnhagens und Uhlands. Varnhagen schildert in seinen Denkwürdigkeiten Uhland als »ungemein schweigsam, fast so schweigsam als Immanuel Bekker, aber getreu in allen seinen Aeußerungen und in seinem Leben.« Gegen Varnhagens Gesprächigkeit und Kerners belebte Laune mochte allerdings Uhlands schweigsames Wesen um so mehr abstechen, als er hier seiner Neigung, Andern stille zuzuhören, doppelt nachleben konnte. An Ostern 1809 verließen Kerner und Varnhagen Tübingen, Kerner um auf Reisen, zunächst nach Hamburg zu seinem Bruder zu gehen. Varnhagen begab sich nach Wien, wo er bald darauf in das Militär eintrat. Das Jahr 1809 verfloß nach ihrem Abgang Uhland sehr einsam, geteilt zwischen der Arbeit für die Dissertation, einigen Advokatenarbeiten und dem poetischen Schaffen. Die Studienzeit war die productivste für seine Gedichte. – Die Einsamkeit, in die ihn das Weggehen der Freunde versetzte, stimmte ihn oft trübe. »Mein Leben gleicht seit geraumer Zeit einer schlaflosen Winternacht,« ist in seinem Tagebuch zu lesen. An Mayer schreibt er: »Meine Poeterei verliert sich nun beinahe ganz in die Balladen; ich bin wirklich wieder in einer solchen befangen. Das Buch der Balladen wird auch das größte werden von den dreien, in die ich meine Lieder geteilt. »Ich dachte vielleicht als Prolog eine Art von Apologie dieses meines Hanges zum Alterthümlichen zu geben, obgleich er nach meiner Ueberzeugung keiner Apologie bedurfte. Ich empfehle vielmehr jedem Dichter, sich recht innig in die Schachten des deutschen Alterthums zu versenken und seine Bildung aus dem Stamme des deutschen Vaterlandes erwachsen zu lassen. Wie dadurch ein Dichter zum Nationaldichter wird, zeigt sich bei Goethe. Wie vertraut ist dieser mit ächtdeutschen Mythen, mit Volkspoesie u.s.w.« Später schreibt er an denselben: »Meine Gedichte habe ich in neuerer Zeit mit ziemlich mißtrauischen Augen betrachtet. Es ist mir überhaupt oft, als wäre manches nicht Poesie, was ich sonst dafür hielt. Das bloße Reflektieren oder das Aussprechen von Gefühlen (so schön dies auch sein kann, so sehr mich die Ergüsse einer edlen Seele entzücken können), scheint mir nämlich nicht die eigentliche Poesie auszumachen. Schaffen soll der Dichter, Neues hervorbringen, nicht bloss leiden und das Gegebene beleuchten. Wie weit in dieser Rücksicht meine Gedichte so zu heißen verdienen, kann ich nicht entscheiden. So viel mein' ich doch, daß Kerner ungleich mehr Dichter ist, als ich. Ich habe überhaupt zu seinem poetischen Talent das größte Vertrauen. Jede Kleinigkeit, die er hinwirft, hat Leben, es springt etwas hervor, wenn du nur seinen Anteil am Bären mit dem meinigen vergleichen könntest.« Mehr als früher kam er nun zur Lectüre der gleichzeitigen Schriftsteller. Die Wahlverwandtschaften und andere Goethesche Schriften werden angeführt. Auch Shakespearsche Stücke, besonders König Lear. An Kerner schickt er von ihm übersetzte Stellen aus Kyd's Spanish tragedie und Strophen von Dryden. Von Jean Pauls Flegeljahren schreibt er im Tagebuch: »Sie sind mir zur Disputationszeit ein wahrer Trost gewesen.« Brief von Uhland an Karl Mayer. Tübingen, 6. Februar 1810. »Endlich, geliebter Freund, vernehme ich Deine Stimme wieder. Fast zu gleicher Zeit erhielt ich Dein Schreiben aus Braunschweig und die an Deine Eltern gerichteten Briefe bis zu dem aus Hildesheim vom 30. Oct. Welch ein Unterschied, wenn ich Dein und Kerners bisheriges Leben mit dem meinigen zusammenhalte! Ueber das Letztere Dir viel zu schreiben erläßt Du mir. Soll ich das Unangenehme durch Erinnerung, die Erinnerung durch Schreiben festhalten? Ich schreibe Dir lieber nur die scherzhafte Ansicht. Nur selten komm' ich aus dem Zimmer, doch will die Arbeit nicht vom Ort; geöffnet sind die Bücher immer, doch rück ich keine Seite fort. Bald spielt mein Nachbar auf der Flöte und führt mir die Gedanken hin, bald steht am Fenster, beim Filete, die angenehmste Nachbarin. So weit bin ich nun freilich fortgerückt, daß ich mit der Abschrift der Dissertation anfangen werde, aber oft ist mir, als sollt es Alles anders sein. Die beste Zeit so zu verderben! Und doch – konnt' ich anders? Dem Dichter mag freilich das Umtreiben in der Fremde, unter den Menschen, in seinen jungen Jahren das Vortheilhafteste sein. Was mein Treiben in der Poeterei betrifft, so fehlte mir bisher, besonders in der letzten Zeit, jenes Leben; doch war mir auch diese Zeit nicht unnütz, ich lernte wenigstens etwas geläufiger die Feder führen. Außer vielen kleinen Gedichten hab' ich seit Deiner Abwesenheit auch Einiges von größerem Umfang theils ausgeführt, theils angefangen und entworfen. Ausgeführt habe ich eine dramatische Bearbeitung desselben Volksromans, welchen Kerner in seinem trefflichen Schattenspiel bearbeitet; sodann (innerhalb zwei Tagen) eine Art von Trauerspiel: Benno, in Prosa, nur ungefähr so groß als in gewöhnlichen Dramen ein Akt und ziemlich grell. Daß ich Euer Urtheil nicht vernehmen kann, thut mir leid; indeß kann ich diese Stücke wenigstens als Studien betrachten. Zu Größerem, z. B. der Franceska, fehlt mir Muße, innere Ruhe, Lebensanregung; ich kann Alles nur fragmentarisch treiben. Bis zum ersten Akt (drei sollens werden) und eine Scene darüber hab' ich Tamlan und Jannet, dramatische Bearbeitung einer schottischen Ballade, gebracht. Von obigem unvollendeten Drama sind Bruchstücke in die Gedichtsammlung von Uhland aufgenommen worden: das Ständchen unter den dramatischen Dichtungen, dann Ritter Harald, und die Elfen. Kerner, der bis zum Frühling in Wien bleiben wird, hat viel Herrliches producirt. Er hat bereits den größeren Theil seiner Reise in phantastisch-humoristischen Schattenbriefen beschrieben, worein er viele Lieder, auch Vieles von seinem früheren Leben und Dichten verwebt hat. Es erwartet Dich ein großer Genuß. Braunschweig wird unter Anderem einen besondern Brief einnehmen. Er machte mir den Vorschlag zur Herausgabe eines Taschenbuches, das aus diesen Briefen, meinem Eginhard, unsern neueren Liedern und was Freunde beisteuerten, bestehen sollte. In Wien hat er Varnhagen wieder getroffen, der als österreichischer Offizier in der Schlacht von Wagram verwundet, im Spital gefangen, nachher ausgewechselt wurde. Varnhagen war im Begriff mit seinem Obristen nach Italien zu reisen; dieß hat sich aber verschoben und er steht jetzt in Prag in Garnison. Ich habe auch einen Brief von ihm erhalten. Leo Seckendorf ist im Felde geblieben. So hat ihn weder Kerner noch ich in diesem Leben kennen gelernt! Kerner hat in Wien die genaue Bekanntschaft des Lustspiel-Dichters Stoll, ehemaligen Mitherausgebers des Prometheus, gemacht. Kerner warf mir vor, daß ich Dir bei Deiner Abreise nicht Adressen nach Hamburg gegeben. Ich mache Dich daher auf folgende Personen aufmerksam, wenn Du etwa dahin kommen solltest. Mlle. Rosa Maria Varnhagen (bei Herrn Oppenheimer auf dem Kamp Nr. 276), des Dichters Schwester, auch Dichterin. Sie ist eine genaue Freundin von Kerner ( mehr nicht , wie ich bestimmt weiß), mit der er in Correspondenz steht, liebenswürdig, von trefflichem Charakter. Du würdest sie auch von mir grüßen. Ferner Doctor Julius, ein Mediciner, sehr reich, Freund der altdeutschen Poesie und der neuen Schule; Neander , ein Theolog, vertrauter Freund Hermann Gmelins, von Göttingen her; sie schreiben sich noch. Diese Beiden könntest Du bei Mlle. Varnhagen erkunden. Endlich Maler Runge, ein Freund Tiecks, der die Zeichnungen zu des Letzteren Minneliedern, sodann die Zeichnungen zu den Tagszeiten verfertigt, ein romantischer Maler, Verfasser des Kindermärchens in den Einsiedlern. Landsmann Doctor Kerner, des unsern Bruder. Ich hoffe, diese Adressen werden Dir nicht unnütz sein, Menschen sind denn doch das Interessanteste. Deines Bruders Bekanntschaft erfreute mich. Er hat offenen Sinn für Poesie, der sich auch in seinen Gedichten productiv zeigt. Die Form des Sonetts ist ihm so natürlich, daß auch seine Gedichte in andern Sylbenmaßen sich in ihrem innern Bau zum Sonett hinneigen. Köstlin hat sich als Practicus in Stuttgart gesetzt. Fleischmann ist Cadett bei der reitenden Artillerie. Hermann Gmelin und Schnurrer sind mein meister Umgang. Kölle war auch wieder einige Zeit hier. Er ist mit Hebel in Karlsruhe sehr vertraut. Diesen will er persuadiren, einen Musenalmanach zu redigiren. Du erhältst hier die schwere Menge Gedichte von mir. Ich möchte wissen, ob je einmal auf einem so kleinen Raum so viele Lieder beisammen gestanden. Die Mühe des Abschreibens verdient es, daß Du mir auch Dein Urtheil nicht vorenthältst. Ich erhielt indeß einen Brief von Kerner vom 24. Januar. Er arbeitet fleißig an den Schatten. Spätestens zu Anfang Aprils will er kommen. Varnhagen war noch in Wien. Du schreibst nichts über die Zeit Deiner Zurückkunft. – Wenn ich nicht reisen dürfte – das fehlte noch! Lebewohl L. U.« Bruchstück eines Briefs Uhlands an Justinus Kerner. Tübingen, 20. Januar 1810. »Ich habe Dir, geliebter Freund, auf drei Briefe zu antworten. Wenn Varnhagen noch in Wien ist, so theile ihm diesen Brief mit. Herzlichen Dank ihm für seinen Brief, für sein freundliches Andenken, sein Lied, sein Wohlwollen für die Meinigen, seine gegründeten Ausstellungen. Den Auftrag, der seinen Brief veranlaßte, werde ich besorgen und sodann an ihn besonders schreiben. – Herzlichen Dank Dir für so viel Werthes! Daß meine Bemerkungen über die Schatten so sehr gegen Euern Sinn liefen, ist mir leid. Die Einheit von Fabel und Wirklichkeit unter einem höhern Princip verkenn' ich nicht, es wäre ohne diese Anerkennung so Vieles für mich verloren. Nur die Art der Vereinigung in dem Schattenbriefe mit den Geistergeschichten hat meinem Gefühle nicht zugesagt. Jener Brief war, wenn ich nicht sehr irre, bei derjenigen Sendung, welche Du mir schleunigst an Rosa abzufertigen anbefahlst, was auch gleich nach der Durchlesung geschah, so daß mir also ein längeres Verweilen bei der Bilderreihe nicht vergönnt war. Erst geraume Zeit nachher schrieb ich Dir hierüber nach dem Eindrucke, der mir geblieben, den in Worte zu bringen mir schwer fiel, wahrscheinlich auch nicht gelungen. Dadurch, daß ich die einzelnen Dichtungen und Erzählungen, auch die noch weiter anzureihenden, der Geisterwelt weniger angehörenden Episteln, schon zuvor als für sich bestandene Ganze gekannt hatte, mochte mir das Erkennen einer organischen Vereinigung erschwert werden und das Ganze weniger aus dem Einen großen Gusse der Begeisterung, als durch eine Art von Sammlung entstanden scheinen. Wie dem sei, ich sagte Dir schon ehemals, daß mir Deine Dichtungen beim Wiederlesen immer theurer, schöner zu werden pflegen; vielleicht geht es auch hier so, wenn ich jenen Brief wieder zu Gesicht bekomme. Die neue mythische Person der Nachtfräulein hat mich gleich im Eginhard ergriffen; ich schrieb Dir vielleicht einmal darüber nach Hamburg. Was meinen von Dir angenommenen Unglauben in Hinsicht auf Erscheinungen etc. betrifft, so bemerke ich: daß ich bis jetzt weder zum Verwerfen noch zum Glauben Grund gefunden; daß ich, eben weil ich für den Glauben empfänglich bin, weil mir die Sache bedeutend ist, mich vor spielender Selbsttäuschung hüte, mich scheue, ungewisse oder erklärbare Begebenheiten in's Geisterreich zu heben. – Was ich über Correktheit, Regelmäßigkeit u. s. w. geschrieben, gab Dir Gelegenheit, Dich lustig zu machen. Du hast mich vielleicht mißverstanden. Ich bemerke nur, daß mir dein Eginhard in der Form vollendet erscheint. Auch laß' ich mich nicht abhalten, zu dem trefflichen Schachspiel anzumerken: daß mir der Name Zwerg im Schachspiel unbekannt ist, die Rochen (auch Thürme, Elephanten genannt), sind dagegen ausgelassen; daß ich nicht weiß, ob im Schach der Ausdruck schlagen gebraucht wird. Der plötzliche Sprung Halders könnte ein Seitensprung sein, da die Springer im Schach auf diese Art springen. Daß die schon gedruckten Gedichte ohne Deine Absicht in Baggesens Almanach gekommen, mußte ich natürlich denken. Ich stellte mir die Sache so vor, daß Du, wie Du über Deine eigenen Dichtungen aus Bescheidenheit wortkarg zu sein pflegst, die Gedichte dem Baggesen mit einer Unbestimmtheit hingeworfen, die er nachher für seinen Zweck auslegte. Eine Anzeige ist freilich nöthig, theils weil die meisten schon gedruckt sind, theils wegen der Verhunzung, theils wegen des Klingklingelalmanachs, an dem mich am meisten ärgert, daß hier Deutsche, wie von dem Fremdling zum hölzernen Gelächter über mehrere ihrer edelsten Schriftsteller abgerichtet erscheinen. – Nur ist mir leid, daß Ihr mir die Besorgung übertragen, da ich Eurem Verlangen nicht entsprechen kann . Es ist meine Pflicht, Euch den Grund treulich anzugeben, er ist: weil mir doch Varnhagens Erklärung besonders gegen das Ende etwas zu streng dünkt. In Hinsicht der Koref'schen Gedichte, besonders der vorher nicht gedruckten, sind mir die Verhältnisse nicht so ganz klar. Gegen meine Ansicht nun kann ich in der Sache auch nicht einmal als mechanisches Werkzeug durch Adresse und Uebersendung mitwirken, wenn Ihr auch gleich vielleicht dieß kleinlich findet, so leid es mir thut, Freunden in etwas nicht zu willfahren. Daß Ihr mir's nicht verargt, hoffe ich zu Eurer Freundschaft. – – Ein Druckfehler ohne Gleichen soll im Almanach für Liebende stehen; statt Ringellocken voll junger Sylphen heißt es: Ringellocken voll Ungeziefer – –« Ohne Kerners Brief bleibt freilich in diesem Bruchstück Manches unverständlich; und doch giebt es einen so guten Einblick in das trauliche Verhältniß der Freunde und auch wieder in die Verschiedenheit ihrer Charaktere, wie sie sich in ihren abweichenden Ansichten über das Geisterreich darstellt, daß das Schreiben doch wohl hier eine Stelle einnehmen darf. Die Briefe, die von Uhland in diesen Blättern mitgetheilt werden, sind außer den Briefen an seine Familie meistens Concepten entnommen. Bei Briefen poetischen oder politischen Inhalts schrieb er häufig zuerst ein Concept. Er hielt etwas auf einen rein geschriebenen Brief ohne Durchstrich oder Einschiebsel und versicherte, er komme schneller mit einem Briefe zu Stande, wenn er denselben zuerst entwerfe und dann in das Reine schreibe, als wenn er gleich das Schreiben zum Abschicken richte, weil es ihm dann oft nicht genüge und er es doch zum zweitenmale schreibe. Bis zu seiner letzten Krankheit blieb seine Handschrift fast dieselbe wie in den früheren Jahren, so daß es bei seinen Papieren oft schwer hält, zu entscheiden, aus welcher Zeit das Geschriebene stammen könne, wenn der Inhalt nicht darauf führt. Am 1. April 1810 wurde die Dissertation, mit der er sich so lange beschäftigt hatte, übergeben. Das Thema war: De juris Romani servitutum natura dividua vel individua . Doctor Klüpfel sagt von der Dissertation: »Die Arbeit wird von Solchen, die sie näher kennen gelernt, als ein Muster von Feinheit, Schärfe und Reichhaltigkeit geschildert.« Es wurde ihr auch die Ehre zu Theil, daß Bangerow derselben rühmend gedenkt. Den dritten April fand die Disputation statt und die Doctors-Creirung wurde mit einem Schmause gefeiert. III. Reise nach Paris und Advokatur in Tübingen. 1810 – 1813. Den 6. Mai 1810 trat Uhland die längst ersehnte Reise nach Paris an, von den Eltern und der Schwester nach Karlsruhe begleitet, wo sie bei seiner Mutter Bruder, dem Hofrath Hofer, noch einige Tage verweilten. Auf dem Postwagen kam er am 13. nach Frankfurt und am nächsten Tage auf einem Marktschiff mit mehr als 100 Personen nach Mainz. Das Tagebuch spricht von der herrlichen Gegend bei Bingen und den unbeschreiblich schönen Ruinen, die er von der Rheinjacht, auf der er bis Coblenz fuhr, bewundern konnte. »Ein unbekannter Reisegenosse blies das Posthorn zwar ziemlich schlecht, aber die Töne verklärten sich im Wiederhall, da zog ein Anderer eine Flöte hervor und dann stimmte die Gesellschaft mit Gesang ein. Ein sonderbares Zusammentreffen mit meinem Liede: »Das Schifflein« bemerkt hierzu unser junger Reisender. Wie so oft auf Reisen folgt auf diesen genußreichen Tag einer, der die Reiseunannehmlichkeiten zeigen sollte. Der Douanier in Coblenz wollte den Koffer nicht mehr visitiren, ein nothgedrungener Rasttag war die Folge davon. Die zerstörte Festung Ehrenbreitstein, auf der ein einzelnes Schaf weidete und ein armes Weib, das Gras abmähte, stimmte das junge deutsche Herz auch nicht heiter; Abends wurde noch der erkaufte Postschein verloren; so schließt dieser Tag ziemlich trübselig im Tagebuch, mit dem Ausrufe: »Gott gebe mir morgen einen guten Tag!« Auf der Diligence wurde am nächsten Abend Trier erreicht. Ein alter Mann, der mitfuhr, rühmte sich, den Menschen am Gesichte und an der Haltung ihren Stand und ihr Gewerbe absehen zu können. Seinem schwäbischen Reisegenossen erklärte er, daß er kein Gelehrter, kein Kaufmann, wohl aber ein ehrsamer Handwerker, etwa ein Uhrmacher sein werde. Dieser ließ ihn auch getrost auf diesem Glauben. Ueber Trier und Luxemburg ging es nun nach Metz. »Von Metz (heißt es ferner) fuhr ich mit drei französischen Offizieren, die sich über meine Unbeholfenheit in der französischen Sprache moquirten. Als ich jedoch beim Abendessen in Verdun auf eine höfliche Weise die Sache abzulehnen suchte, wurden sie sehr artig.« Ergründet haben sie aber den jungen Deutschen auf der Reise nicht, denn als der eine von ihnen später in der Gallerie des Louvre wieder mit Uhland zusammentraf, hielt er es für nöthig, ihm die mythologischen Bilder zu erklären, »weil er diese sonst unmöglich verstehen könne.« Am 25. Mai, zwölf Tage nach der Abreise von Karlsruhe, langte er in Paris an! Er hatte aber freilich in dieser Zeit auch mehr gesehen, besonders das herrliche Rheinland – als man jetzt im Fluge auf der Eisenbahn genießen kann. – Zuerst wurden die alten Tübinger Freunde Eduard Gmelin und Prägitzer aufgesucht und im gleichen Hause mit ihnen, im Hotel de Piemont, Quartier genommen. Er war mit der Portiersfrau, der Mère Michel , so wohl zufrieden als sie mit ihm. Herr Otto Jahn berichtet uns »sie habe die Mutter dieses Sohnes glücklich gepriesen.« Manches Schwabenkind hat nach Uhland bei ihr Wohnung genommen und sich wohl befunden. Als Gustav Schwab mehr als zwanzig Jahre nachher in Paris war und sie aufsuchte, erinnerte sie sich noch mit Antheil an Uhland. Dem Museum und dem Manuscriptendepot der Bibliothek galt nun der erste Besuch. Bei den obern Brücken wurden Volksromane gekauft, les quatre fils d'Aymon u. s. w. Auch ein spanisches Dictionnaire wird angeschafft und durchlesen. Aber auch zu der place du temple , zu dem palais de Justice wird gewandelt. Wie in Tübingen so muß ja doch auch in Paris die Jurisprudenz neben dem Lieblingsstudium beachtet werden. Wenn Kerner ihn brieflich abhalten wollte, nach Paris zu gehen, »er solle lieber in Deutschland Bilder sehen, als in Paris die gestohlenen,« so ist daraus nicht der Schluß zu ziehen, er habe seinen Freunden sein Vorhaben, die alten Handschriften aufzusuchen, absichtlich verborgen; wenn er auch mit Kerner, der sich mit der Philologie nicht beschäftigte, nicht gerade viel darüber gesprochen haben mag. Es war aber auch kein Vorwand, wenn er des Studiums der französischen Gesetzbücher und Gerichtseinrichtungen erwähnt; es war auch dieß seine redliche Absicht, er fand es aber schwer, Zutritt zu den Gerichtshöfen zu erhalten. Doch erwähnt er einigemale der Vorlesungen von Pastouret. Deshalb soll aber nicht bestritten werden, daß diese Studien denen seiner Neigung etwas nachstehen mußten. Werktags ist er fleißig an der Arbeit, Abends mit den Freunden zusammen, und Sonntags wird womöglich mit diesen ein Ausflug auf das Land gemacht. Auf einer solchen Tour nach Versailles erfreut er sich besonders »der frischeren Natur«. Den Eltern schreibt er: »Ich gehe in der Regel um 10 Uhr in die Bibliothek, oder wenn ein merkwürdiger Fall vorkommt, in das palais de Justice. Auf der Bibliothek beschäftige ich mich mit deutschen und französischen älteren Manuskripten.« Dann beschreibt er ein Fest, das die Garde dem kaiserlichen Paare gab, wozu er und die Freunde Billets von dem Gesandten erhielten. Sie mußten sich aber, um demselben anwohnen zu können, ein habit habillé miethen und brachen in helles Lachen aus, als sie sich so travestirt erblickten. In einem andern Briefe schreibt er: die Vendôme -Säule mit den Basreliefs aus dem östreichischen Kriege sei freilich kein erfreulicher Anblick für ein deutsches Herz. In der Gallerie begegnet ihm zu seiner Ueberraschung Varnhagen, der als Fähndrich mit dem Obersten, Fürsten Bentheim, nach Paris gekommen war. Durch diesen wird er mit Chamisso bekannt und ist nun Abends öfters mit ihm zusammen. Chamisso liest ihm in seinem Zimmer seinen Fortunat vor. Es folgt hier ein Brief von Uhlands Mutter, der uns zeigt, was sie von ihrem Sohne hält und – was sie an ihm zu tadeln hat. Frau Uhland an ihren Sohn. Tübingen, 30. Juni 1810. »Gottlob lieber Louis! daß Deine Briefe immer so gut lauten, sowohl in Ansehung Deiner Gesundheit, als auch, daß Du Deine Zeit so angenehm zubringen kannst, und wie ich hoffe, auch nützlich. Ich bin beruhigt, da ich Dir so gute Grundsätze zutraue, daß Deine Moralität durch keinen bösen Einfluß leiden werde. Vergiß nur nie, daß Du einen allwissenden Zeugen ob Dir hast, der einst Rechenschaft aller Deiner Handlungen fordern wird, so wirst Du Deine Tage ruhig zubringen und jedes Vergnügen, das Du unschuldig genießest, wirst Du doppelt fühlen, weil Dich die Erinnerung daran niemals schamroth machen wird; jeder Jüngling darf sich so seiner Jugend freuen und so gönne ich es Dir von Herzen. Ich will ganz aufrichtig gegen Dich sein und Dir zeigen, daß ich mit Deinem innern Gehalt, der mir das Vorzüglichste ist, zufrieden bin; aber ich vermisse sehr das Aeußerliche an Dir, das zwar Nebensache ist, aber um fortzukommen einmal erwartet wird. Du mußt mich aber nicht mißverstehen; ich will nichts Schmeichlerisches, Deine Denkart soll durchaus ihre Reinheit behalten, nur meine ich, Du solltest was in Dir ist auch Andern ohne Prahlerei mehr zeigen können. Du solltest gefällige, wohlwollende Gesinnungen auch äußerlich mehr zeigen können, aus Gefälligkeit gesprächiger sein. Diese Außenseiten wirst von den Franzosen ablernen können. Nur mußt keine so geschwätzige Gesellschaft suchen, wie K. und H., die vor zwei reden und Du nicht zum Worte kommen kannst. Kurz Deine äußere Bildung soll auf der Reise gewinnen. Das Oekonomische wirst von Deinem Vater hören, sein Plan ist, 1000 fl. auf Dich zu verwenden. Er meint, Du würdest damit bis zum Januar oder vielleicht etwas länger ausreichen. Würde dann aber kalte oder schlimme Witterung einfallen, kann man es nicht auf 8–10 Louisd'or errathen. Nach einiger Zeit wirst selbst sehen, wie das geht und kommt – wie Frau Conz sagt. – In Stuttgart war ich überrascht, den Kerner im Theater zu sehen. Er ist noch der alte gute, doch seine Bildung hat gewonnen. Er schrieb mir diese Woche, ich solle ihm doch um Gotteswillen was von Dir schreiben, gerade war aber Dein Brief an ihn unterwegs. Hast Du einmal Gelegenheit, dem Louisle etwas von Paris zu schicken, so thue es. Sie getraute sich nicht, Dir französisch zu schreiben, das nächstemal aber soll sie es doch thun. Deine treue Mutter Elisabeth Uhland.« Das vierzehnjährige Schwesterchen setzt diesem Brief bei: »Du bist und bleibst auch in Paris immer noch der alte trockene Vetter, schreibst nur immer von Bibliotheken, Museen u. s. w., Sachen, die mich ganz und gar nicht interessiren. Schreibe lieber auch von den Pariser Mädchen, was sie für Kleider anhaben, wie sie gemacht sind u. dgl. Auch von der Kaiserin und von ihrem Anzug möchte ich viel wissen, was freilich für dich blinden ließ schwere Fragen sind. Doch für was hast Du Deine Brille? Auch von der Kocherei möchte ich hören.– –« Eine sehr werthvolle Bekanntschaft war für Uhland die von Immanuel Bekker (der von Varnhagen erwähnte stille Bekker) den er bei den Manuscripten kennen lernte. Später, in den Winterabenden, forderte Bekker Uhland auf, mit ihm spanisch zu lesen und manchen Abend saßen sie dann zusammen. Zuerst wurde El rei Bamba gelesen. Auch das Portugiesische wurde vorgenommen. Auf die Einwendung Uhlands: er kenne die Sprache nicht, meinte Bekker: es werde schon gehen, und siehe, es gieng! Sie lasen die Lusiaden zusammen. Mit Freuden berichtet Uhland später die ihm von Bekker vorgeschlagene Brüderschaft. Diese Freundschaft war eine Wohlthat für unsern Dichter, denn früher steht im Tagebuch nach der erfolgten Abreise der Landsleute: »Immer einsamer werdendes Leben, Verschwinden der Erwartungen.« Die gelegentliche Auffindung alter Bücher war eine weitere Freude. Auf dem Pont St. Michel fand und erkaufte er Guerras civiles de Granada . Er sagt darüber: da mir schon oft von alten Büchern, die ich fände, geträumt hat, so zweifelte ich beinahe im ersten Augenblicke, ob es nicht ein Traum sei? Von neuen Bekanntschaften außer den schon genannten sind besonders anzuführen: Sieveking von Hamburg und Koreff, dann Pilat, bei der österreichischen Gesandtschaft angestellt, und ein Franzose Jourdain, mit dem er französisch las. Ein Besuch der Schwimmschule hätte ihm fast verderblich werden können. Da er sich in Tübingen im Schwimmen geübt hatte, so warf er sich getrost in das Wasser, aber es ging in der stillen Seine nicht so leicht wie im Neckar, er mußte bald zu der dargebotenen Stange greifen und nahm deshalb, im September noch, einen Kurs in der Schwimmschule. Den ganzen September und einen Theil des Octobers war die Bibliothek geschlossen. Er schreibt den Eltern darüber: »Ich bin deshalb viel zu Hause und beschäftige mich mit Lesung des Maleville und mit Sprachen. Ich denke viel an Tübingen. Um zwölf Uhr, was immer durch einen Schuß auf dem Palais royal angezeigt wird (Schlagen und Läuten hört man hier wenig, die Glocken wurden meist in der Revolution zerstört), stelle ich mir lebhaft vor, wie man sich jetzt in Tübingen an den Tisch setzt, wo ich dann noch vier Stunden zu warten habe. Ich denke mir dann die Schnutz (die Hauskatze), wie sie mit den Vorderfüßen auf dem Tische steht und Luischen Complimente macht. Luischen grüße ich tausendmal; sie wird den Brief sammt Zugehör durch Prägitzer erhalten haben.« – – Es zeigt sich fast etwas von Heimweh in diesem Briefe. Gar zu gerne wäre Uhland, so lange die Bibliothek geschlossen war, nach Havre gereist, es war aber nicht möglich, in Paris einen Paß dahin zu erhalten. Das Theater, besonders das Lustspiel, besuchte er sehr gerne, soweit es ihm seine Kasse erlaubte. Die Shakespeare'schen Stücke und die Wahlverwandtschaften wurden auch wieder von ihm gelesen. Als die Bibliothek wieder offen war, heißt es dann im Tagebuch: »Herrliche Stellen in dem Romane Wilhelms von England – Begeisterung dadurch!« Im folgenden Brief spricht er sich darüber aus. Uhland an Baron de la Motte Fouqué. Paris, 29. October 1810. »Als ich diesen Abend Ihren Brief wieder las, erwachte in mir das lebhafte Verlangen, Ihnen einmal wieder näher zu treten. Ich weiß, indem ich die Feder ansetze, nicht, was ich schreiben soll, und ich fühle, daß es nicht die Schrift ist, sondern das lebendige Wort, was mir fehlt. Mein Brief ist eigentlich schon zu Ende, doch füge ich einige Nachschrift bei. Ueber Varnhagens Aufenthalt in Paris brauche ich nicht zu schreiben, da Sie mit ihm in stäter Verbindung stehn. Ich hatte mich einmal recht einsam gefühlt, als ich auf die Gallerie gieng und hier unerwartet Varnhagen fand und durch ihn Chamisso, von dessen Hiersein ich nichts gewußt hatte. Gegenwärtig ist meine liebste Zeit, in der ich mich mit altfranzösischen Dichtungen beschäftige. Ich habe besonders eine Reihe normannischer Kunden von eigenthümlicher Trefflichkeit aufgefunden, von denen ich bereits einige übersetzt. Eine, die ich als Volksroman getroffen, hab' ich in Balladenform zu bearbeiten begonnen. Ich wünschte überhaupt eine Sammlung von Übersetzungen und Bearbeitungen altfranzösischer Dichtungen zusammen zu bringen. Diejenigen Dichtungen nehmlich, die mir in der Form, in welcher ich sie vorfinde, schon vollendet erscheinen, übersetze ich getreu, andere, die durch unangemessene Einkleidung, besonders durch Weitschweifigkeit entstellt sind, such ich zu bearbeiten; denn hier scheint mir die Treue eben darin zu bestehen, daß die lebendige Sage von der schlechten Einkleidung befreit und ihr ein Gewand gegeben wird, in dem sie unentstellt erscheint und frei sich bewegt. Wie viel ich leisten kann, wird zum Theil von der Dauer meines hiesigen Aufenthaltes abhängen. Das Abschreiben ist sehr mühsam und die Übersetzung in zweischlägigen Hans Sachsischen Reimen, worin die meisten Erzählungen verfaßt sind, hat manche Schwierigkeiten. Eine größere Dichtung, König Wilhelm von England, die Ähnlichkeit mit dem Oktavianus hat, aber in originellem Geiste aufgefaßt und durchgeführt ist, rein poetisch, kindlich phantastisch, wünschte ich sehr, abgeschrieben zu haben, um sie nach meiner Zurückkunft übersetzen zu können. – Ich weiß nicht, ob Andere die Begeisterung theilen würden, zu der mich diese Gedichte hingerissen, und wenn ich so die schlichten Worte stundenlang abschreibe, werde ich zuweilen selbst irre, allein wenn mir dann dem Buche fern die lebendige Dichtung unter die Bäume und in den Mondschein nachwandelt wie ein Geist, der seinen Grabstein verläßt, dann kann ich nicht glauben, daß es nur selbstsüchtiges Wohlgefallen an eigenem Treiben ist, was mich so mächtig überströmt, so mein eigenes Dichten verschlungen hat. Wenn es Ihnen nicht unangenehm war, blos von mir zu hören, so bitte ich Sie, mir einmal von Dem zu schreiben, was von neuen Dichtungen Sie beschäftigt; ein Vorrecht der Geweihten, zu wissen, was für neue Erscheinungen am Himmel der Poesie sich bereiten und die aufgehenden Sterne in der Tiefe des Gemüths zu entdecken, in der sie der übrigen Welt noch nicht sichtbar sind. Mit Achtung der Ihrige L. Uhland.« Es scheint dieser Brief derjenige zu sein, dessen Uhland in dem Briefe vom 19. Dez. gegen Fouqué gedenkt, welch letzteren Otto Jahn schon veröffentlicht hat. Unter dem 1. Nov. ist in dem Tagebuch bemerkt: »Hoffnung zur Auffindung einer Reihe fränkischer Sagen, »Sage von Pipin. Bestimmtere Auffassung der Tendenz »meiner Sammlung altfranzösischer Poesien. Hauptsächlich Sage, Heldensage, Nationalsage, lebendige Stimme, »mit Hintansetzung des künstlichen, bürgerlichen u. s. w. »Erkaufung einiger Bände der Bibliothèque des Romans. « Den 3. Dez. heißt es: »Ich hatte Morgens in »Lope de Vega die Romanze von Kaiser Karl u. s. w. »gelesen. Mit dem Gedanken an diesen Fabelkreis gieng »ich gegen die Notredame-Kirche, auf dem Pont St. »Michel vergeblich nach alten Büchern suchend, bis ich »endlich ganz unerwartet beim Louvre den Volksroman »von Karl dem Großen fand.« Dann kommt wieder: »Vergeblicher Gang zu Pastourets Vorlesung.« Immer noch muß die Rechtswissenschaft neben der Poesie herlaufen, wenn auch wie ein Stiefkind etwas hintendrein, denn gleich heißt es wieder: »Nachsuchung nach dem Fierabras, wozu ich mir das Manuscript N. geben ließ, worin ich zwar nicht das Gesuchte, aber die Belagerung von Vianes fand.« Um diese Zeit wurde auch Rousseau's neue Heloise gelesen und darüber gesagt: »die neue Heloise ist vielleicht das Höchste, was nicht die Gluth der Phantasie, aber die Gluth des Herzens hervorgebracht hat.« Nun kam aber ein Brief der Eltern mit der Nachricht, daß das Gesuch um Erlaubniß zum verlängerten Aufenthalt in Paris vom König abgeschlagen worden sei und er in zwei Monaten zurückkehren müsse. Und doch hatte er kein Amt und keine Reiseunterstützung von der Regierung! Anfangs Januar 1811 muß es bitter kalt auf der Bibliothek gewesen sein, denn Uhland, der sich ungemein hart war und nicht leicht klagte, machte doch die Bemerkung »Kalte Hände«. Wann die rechte Hand über dem Schreiben erstarrt war, führte er oft die Feder mit der linken, bis er die andere an dem großen Kohlenbecken wieder erwärmt hatte. Es kam nun die Zeit, wo er von Paris und von ihm lieb gewordenen Menschen scheiden mußte. Er führt ein Gespräch mit Bekker über die neuere Poesie und über sein eigenes Dichten an, aber ohne das Nähere anzugeben. Bisher mochten sie wohl mehr von klassischer Literatur und von mittelalterlicher Poesie gesprochen haben als vom eigenen Schaffen. Eine herzliche Freundschaft haben sich die zwei stillen und doch innerlich so lebendigen Geister durch das ganze Leben erhalten. Am 26. Januar reiste Uhland mit seinem Landsmann Schickard von Paris ab und kam am 30. in Straßburg an. Vor Allem interessirte und beglückte ihn das Münster. »Um- und Durchgehen des Münsters, bei Glockenklang und Nachts.« O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt! ruft er aus. In einem Brief an Bekker schildert er den Eindruck, den das Münster auf ihn gemacht hat. Otto Jahn hat ihn in seiner Schrift gegeben. In Karlsruhe hielt er sich einige Tage bei seinem Oheim auf. Ueber das Theater daselbst macht er dieses mal die Bemerkung: »Schmerzliches Vermissen des Vortrefflichen.« Auf der Weiterreise besuchte er Kerner im Wildbade, wo sich dieser nach der Zurückkunft von seiner Reise als Arzt niedergelassen hatte und langte dann am 14. Februar in der Vaterstadt an. Von den in die Sammlung aufgenommenen Gedichten sind folgende in Paris entstanden: Der Rosenkranz. Der nächtliche Ritter. Das Reh. Amors Pfeil. Schicksal. Das Ständchen. Graf Eberhards Weißdorn. Die Jagd von Winchester. Todesgefühl. Der Ring. Die drei Schlösser. Altfranzösische Gedichte. Ein ungedrucktes Gedicht auf Raphaels Madonna della Sedía schildert den tiefen Eindruck, den dieses Gemälde auf ihn gemacht hat. Die Romanze: Graf Eberhards Weißdorn, hat er nach seinem Tagebuch am 13. Oct., Nachts zehn Uhr, fast ganz im Palais royal gedichtet. So wohlthuend das Wiedersehen der geliebten Eltern für Uhland war, so mußte er doch die Vortheile und das bewegte Leben der großen Stadt, die Hülfsmittel für seine Lieblingsstudien, die ihm dort in reichem Maße zur Benützung standen, nun in Tübingen sehr vermissen. Auch traten die Ansprüche des bürgerlichen Lebens nun an ihn heran, während er doch so sehr gewünscht hätte, der Ausarbeitung des in Paris Gesammelten ungetheilt seine Zeit widmen zu können. Der hier folgende Brief zeigt seine Seelenstimmung. Uhland an Karl Mayer. Tübingen, 23. Februar 1811. »Deinen Brief, theurer Freund, den ich nicht lange vor meiner Abreise von Paris erhielt, wollte ich im Strudel der letzten Tage nicht mehr beantworten, und schreibe nun erst, nachdem ich wieder in der Einsamkeit bin. Alte Geschichten will ich hier nicht hervorziehen, wir frischen sie lieber bei mündlicher Unterhaltung mit einem Glase Wein an, auch ist Dir Manches aus meinen Briefen an Kerner bekannt. Wenn ich den Werth einer Reise nach ihrem Werthe für das Gemüth schätze, worin ich immer mehr das höchste Interesse des Lebens anerkenne, so war wahrscheinlich die Deinige um Vieles bedeutender als die meinige. Eben darum kann ich an der Deinigen den Theil am wenigsten billigen, der in bloßem flüchtigen Städtedurchwandern bestand und gerade auf Deine Gesundheit am nachtheiligsten wirken mußte. Um so mehr beneide ich Dich um Deinen längeren Aufenthalt in Hamburg u. s. w. Die letzte Zeit meines Aufenthaltes in Paris war mir besonders durch die innige Freundschaft mit Bekker, einem Berliner, werth. Er ist zum Professor der classischen Literatur bei der Universität in Berlin ernannt, bleibt aber noch einige Zeit in Paris, wo er in den griechischen Manuskripten arbeitet. Ich war eigentlich zurückberufen, glücklicher Weise aber traf der mir gesetzte Termin mit der Zeit wo ich ohnedieß zurückgekehrt wäre, so ziemlich zusammen. Die ungünstige Jahreszeit machte nur den nächsten Weg wünschenswerth. Ich reiste mit Schickard, der nun bald Repetent wird, für jetzt aber Vikar in Köngen ist, bis Karlsruhe, wo ich mich acht Tage aufhielt und bei Kölle und Rehfues eine recht landsmannschaftliche Aufnahme fand. Von da gieng ich zu Kerner und blieb vierthalb Tage bei ihm. Ungeachtet es die meiste Zeit regnete, waren wir doch recht gut beisammen. Wir hatten uns so Vieles zu sagen, theilten uns unsere Papiere mit, setzten uns ins Bad, machten, wenn es möglich war, kleine Spaziergänge an dem wilden Strome hin, machten uns mit der Redaction des Almanachs zu schaffen. Kerner hat bereits viel zu thun und obgleich dieser Aufenthalt in mehrerer Rücksicht für ihn nicht geeignet ist, so ist doch auch die romantische Waldgebirgs-Gegend für ihn nicht ohne günstigen Einfluß, was sich mir bereits erfreulich in den Scenen eines neuen Schattenspiels: der erste Bärenhäuter , erwies, die ich vorgestern von ihm zugeschickt erhielt. Besonders erregte mich in einer nächtlichen Waldscene der spukende Geist eines Jägers, welcher spricht: Wenn die Eul' im Wald sich reget, Wolf und Marder Beute suchen, Wenn der Mond blickt durch die Schläge, Reißt mich's aus dem Leichentuche, Und der Hengst, darf ihn nicht rufen, Steht schon wiehernd auf dem Hügel, Trägt mich wie auf Sturmesflügel, Durch die Klüfte bis zum Steine, Drin versteinern die Gebeine, Die mich ewiglich verfluchen. (Er verschwindet vor einem Steine.) Das Almanachmanuscript hat mich sehr erfreut, es sind sehr gute Beiträge vorhanden und so viele, daß Kerner gesonnen ist, gar keine Prosa zu nehmen. Von Fouqué, Graf Löben u.s.w. Seit acht Tagen bin ich wieder hier und fühle mich entsetzlich einsam. Es ist zwar noch nicht ausdrücklich von der Sache gesprochen worden, allein es scheint mir, daß ich hier bleiben und seiner Zeit Procurator werden werde; es ist mir, wie wenn ich in die Eiswüsten von Siberien hinein liefe. Umgang hab ich hier sehr wenigen. Und nun bitte ich dringend, mich bald zu besuchen, oder doch mich wissen zu lassen, wo wir uns treffen können. Schreibe mir sogleich darüber, damit ich mich zum voraus freuen kann und damit wir uns nicht verfehlen. Mit alter Liebe Dein L. U.« Die früheren Studiengenossen fand er nicht mehr in Tübingen, aber es fügte sich glücklich, daß Gustav Schwab, der im Herbste 1809 in das Tübinger Stift gekommen war, sich freundlich an ihn anschloß und er durch ihn mit andern jungen Männern, die, wie er, strebsam und Freunde der Poesie waren, bekannt wurde. Es waren besonders August Köstlin (jetzt Präsident des Consistoriums), Bruder von Uhlands Freund, und August Mayer (später im russischen Feldzug umgekommen und Bruder seines Freundes Karl Mayer). Schwabs lebhaftes Gefühl für die Natur und Poesie hatte einen wohlthätigen Einfluß auf Uhland, der das Bedürfniß nach Anregung und Mittheilung in hohem Grade hatte. Mit diesen jungen Freunden kam er auch öfters in das Haus des Professors Schrader, dessen liebenswürdige Frau die poesiereichen jungen Männer freundlich und gerne um ihren Theetisch versammelte. Mit der gleichen Güte wurden sie im Doctor Hehl'schen Hause aufgenommen. Diesen Abenden hat das Theelied seine Entstehung zu danken. »Meine juridische Arbeit macht mir tausend Skrupel,« findet sich im April verzeichnet. Dann wieder »Gewaltsames und instinktmäßiges Vordringen der Poesie, unter ganz fremdartigen Beschäftigungen, wie ich mir das Verfallen auf das Märchen »La belle au bois dormant« durchaus nicht zu erklären weiß.« So schildert er seine Lage in jener Zeit. Die Selbstverläugnung, die er in seinem späteren Leben aus treuem Herzen oft jüngeren Männern angesonnen, wenn sie von ihm sich Rath holen wollten, ob sie sich ganz der Poesie widmen sollen? er hat sie in der Jugend selbst geübt und sich nicht nachgegeben, wenn ihm der Advokatenstand auch recht lästig wurde. Er athmete aber leicht auf, wenn ihm einige Zeit frei und ungestört für seine Studien blieb. Schwab brachte ihm das Buch der Helden von von der Hagen. Mit Freuden sagt er darüber: »Ich las heute den Siegfried, Etzels Hofhaltung und Alphards Tod. Es eröffnet sich in diesen Gedichten eine ganz eigene Ansicht der Poesie, die äußerste Objectivität, der durchgängige treue deutsche Sinn!« Am andern Tage kommen aber Gantakten von Reutlingen und nehmen seine Zeit in Anspruch! Der Aufsatz über das altfranzösische Epos, bald nach der Rückkehr von Paris begonnen, wurde verschiedene Male umgeschrieben und endlich im Mai 1812 an Fouqué zur Aufnahme in die von ihm herausgegebenen Musen abgeschickt, aber erst 1813 gelang es ihm durch Schwab einen Abdruck davon zu erhalten. Nachdem er die Nibelungen wieder gelesen, machte er die Bemerkung: »Der Eindruck derselben läßt sich mit dem Vers 3681 vergleichen: Im ragete von dem hercen eine gerstange lang.« Mit Kerner hatte er viel über den Almanach, den dieser herausgeben wollte, zu verhandeln; es zeigte sich aber längere Zeit kein Verleger dazu, doch erschien er für 1812 unter dem Titel: Poetischer Almanach. Uhland hat seine eigenen Gedichte in diesen Jahren Cotta und Braun vergeblich zum Verlag angeboten. Von Kerners Mährchen »Goldener« schreibt er: »Heute habe ich Kerners »Mährchen Goldener, das ganz Goldglanz ist, gelesen. »Wenn mich etwas recht entzückt, ob es gleich »an sich nicht von der rührenden Art ist, so pflegt es »mich Thränen zu kosten.« Einige Briefe vom Jahre 1812 bezeichnen seine Lage in Tübingen in Beziehung auf die Hülfsmittel für die Studien seiner Neigung und das, was er gerne erstrebt hätte, wenn er sich ihnen mit ganzer Kraft hätte widmen können. Der erste ist an den Grafen von Löben gerichtet, mit dem ihn der poetische Almanach in Berührung gebracht hatte. Der zweite Brief ist an Ferdinand Weckherlin, der bei der Bibliothek in Stuttgart verwendet war und frühe gestorben ist, geschrieben. Uhland an Graf von Löben. Tübingen, 18. März 1812. »Da ich die Freude Ihrer ersten Begrüßung einzig der Poesie verdanke, und da eben diese, wie ich hoffe, uns einander mehr und mehr nahe bringen soll, so erwiedere ich Ihr freundliches Schreiben gleich damit, Ihnen die gegenseitige Mittheilung unsrer Ansichten von der Poesie vorzuschlagen. Nicht von dem Innersten der Poesie, denn darüber ist keine Verständigung möglich, wo sie nicht von Anbeginn vorhanden war; daß sie aber bei uns vorhanden ist, dafür bürgen mir einerseits Ihre nur zu günstigen Urtheile über meine Lieder, andererseits der Eindruck, welchen Ihre Dichtungen, namentlich Arkadien, durch die inwohnende Liebe auf mich gemacht. Ueber den Stoff aber, die Form, die Sprache, oder was immer zur äußeren Erscheinung der Poesie gehört, darüber bedarf es allerdings zwischen uns einer Erklärung, denn wir wandeln auf sehr verschiedenen Pfaden, und es kömmt darauf an: welcher der rechte sei, ob vielleicht beide oder keiner von beiden? Ich hoffe, Sie werden mir es nicht verdenken, wenn ich theils Manches von mir selbst und für mich spreche, theils Verschiedenes gegen Sie. Bei dem Ersteren ist nicht davon die Rede, was ich geleistet habe oder leisten könne, sondern was ich mir zum Ideal gesetzt. Das Letztere konnte aber nicht unterbleiben ohne der Freimüthigkeit zu vergeben und eine wahre Verständigung unmöglich zu machen. Mein Streben geht dahin, mich immer fester in ursprünglich deutsche Art und Kunst einzuwurzeln, der wir leider solange entfremdet waren; Ihre Poesie ist dem Süden zugewendet, nicht sowohl um selbst ausheimisch zu werden, als um fremde Herrlichkeit auf unsern Boden zu verpflanzen. Mir kam es diesem nach zu, in Bild, Form und Wort mich der größten Einfachheit zu befleißigen, sollte sie mir auch den Vorwurf der Trockenheit zuziehen, die einheimischen Weisen zu gebrauchen, vaterländischer Natur und Sitte anzuhängen, mir unsere ältere Poesie und zwar unter dieser wieder die wahrhaft deutsche, zum Vorbild zu nehmen. Ihnen stand es zu, die Schäferwelt des Südens neu hervorzurufen, den Glanz und Reichthum der Bilder zu entfalten, den Schmuck der Worte umzulegen, die Melodie der südlichen Gedichtformen vernehmen zu lassen. Sie waren hierin consequent, aber eben diesen Glanz der Bilder, diesen Schmuck der Worte, diesen Gebrauch der südlichen Formen nehme ich in Anspruch, um Ihre ganze Richtung anzufechten, so wie ich nunmehr von der meinigen schweige und sie Ihren Einwürfen ausgestellt lasse. Ihre bilderreiche Sprache mahnt an die Spanier, aber dürfen wir jemals mit diesen um den Preis der Phantasie in die Schranken treten? Phantasie ist das Element der spanischen Poesie, Gemüth das der deutschen; dem ewig zuströmenden Bilderreichthum geziemt die Pracht der Rede, je voller der Strom, um so höhere und rauschendere Wellen schlägt er. Das Gemüth aber liebt die unmittelbarsten Laute und weiß das einfachste Wort zu beleben. So meine ich, könne es dem Deutschen begegnen, daß er den prunkhaften Styl der Gleichheit wegen noch fortführe, wo die Bilderfülle nicht eben so stätig mitschreitet, und daß er andererseits die innigeren Regungen des Gemüths, mithin sein Eigenstes, unter dem äußeren Schmuck erdrücke. Es ist ein treffliches altes Sprüchwort: Schlicht Wort und gut Gemüth, ist das ächte deutsche Lied. Die Trefflichkeit der südlichen Gedichtsformen verkenne ich gewiß nicht, aber ich glaube, wir müssen dieselben ganz anders gebrauchen, als sie im Süden selbst gebraucht werden. Die südlichen Sprachen sind etwas für sich, ein schöner Klang; die deutsche existirt nur durch den inwohnenden Geist. Darum existirt z. B. ein deutsches Sonett blos durch diejenigen Gegensätze, Aufgaben und Auflösungen, welche die innere Form des Sonetts ausmachen, und unser Sonett ist mehr malerisch als musikalisch. Hiedurch hört das einfache Gedicht Sonett bei uns zugleich auf, ein leichtes Spiel zu sein, es wird zum besonnensten Kunstwerk. Ohnedieß sind die mechanischen Schwierigkeiten unläugbar. Zwang aber und Seltsamkeit in einzelnen Wendungen heben wieder die Harmonie des ganzen Gedichts auf, und so entziehen sich jene Gedichte bei uns dem allgemeinen Gebrauch; im Süden sind sie Blumen, bei uns Juwelen. Sie werden in diesem Allem mein vielleicht egoistisches Bemühen erkannt haben, Sie von Ihrem Wege auf den meinigen zu locken. Ich fühle mit Freude, daß wir, wie zwei Alpströme, aus Eines Berges Schooß entsprungen sind; es thut mir aber leid, daß Sie nach Süden hinabströmen, während ich nach Norden. – Sonst wüßte ich Ihnen kaum etwas von Angelegenheiten der Poesie zu schreiben, meine gegenwärtige Lage ist für die Poesie wenig begünstigend und derselbe Fall ist bei Kerner. Diesen habe ich seit einem Jahre nicht mehr gesehen, bin aber in beständigem Verkehr mit ihm. Möchten Sie, was ich geschrieben, mit derselben Liebe aufnehmen, aus der es geflossen, und nun Ihrerseits mit gleicher Offenheit zu mir sprechen und auch wider mich. Mit Freundesgruß der Ihrige. Ludwig Uhland.« Uhland an Ferdinand Weckherlin. Tübingen, 29. Juli 1812. »Als ich vor geraumer Zeit Ihnen Dippolts Leben Karls des Großen zurücksendete, war ich verhindert, einen Brief beizulegen, daher ich meinen verbindlichen Dank nunmehr nachhole. Einzelne Notizen des Anhanges: Ueber Poesie und Sagen von Karl dem Großen waren mir sehr erwünscht; in der Ansicht des Ganzen konnte ich jedoch keineswegs mit dem Verfasser übereinstimmen, was sich leicht dadurch erklärt, daß ihm die eigentlichen Quellen dieses Studiums unzugänglich waren. Das Beste, was ich über diesen Gegenstand kenne, steht in Görres' Volksbüchern unter dem Artikel Heymonskinder. Görres hat Manches vorgeahnt, was die Aufschließung der Quellen seiner Zeit bewähren wird. Einen Aufsatz über das altfranzösische Epos mit Auszügen und Uebersetzungen aus einem Heldengedicht habe ich schon längst an Fouqué geschickt, ohne daß es bis jetzt entschieden ist, ob derselbe in der Quartalschrift die Musen, oder als besondere Schrift, oder auf keine von beiden Arten erscheinen wird. Solche Schwierigkeiten sind freilich wenig erweckend, da es mir ohnedieß so sehr an Zeit und Ruhe zu Fortsetzung dieser Studien gebricht. Das Hinderniß, welches Ihrer Beziehung der hiesigen Universität in den Weg getreten, dürfte Ihrem Studium der altdeutschen Poesie nicht ungünstig sein, da Sie in Stuttgart ganz andere Gelegenheit hiezu haben, als hier, wo z. B. nicht einmal die Müllerische Sammlung und die Bodmer'schen Minnesänger zu finden sind. Sie würden mich sehr erfreuen, wenn Sie mir von Zeit zu Zeit etwas von Ihren neueren Entdeckungen mittheilen wollten. Wenn ich irgend Muße und Gelegenheit hätte, so wäre meine liebste Beschäftigung das Verfolgen der germanischen Poesie einerseits in den Norden hinauf und bis in den Orient, andererseits durch die verschiedenen, von germanischen Nationen eroberten und besetzten Länder; im Mittelalter ist der Zusammenhang unverkennbar. Mit Achtung und Ergebenheit der Ihrige L. Uhland.« Einem Briefe an den Freiherrn la Motte Fouqué vom 8. Aug. 1812 ist folgende Stelle entnommen: »Burg Vollmerstein ist das Lieblichste was ich von Ihnen gelesen habe; es hat so recht den goldenen Himmel und die Farbenhelle altdeutscher Gemälde. Wenn das altfranzösische Fragment zu der Romanze von Roland und Alda die Veranlassung gegeben hat, so ist dieß gerade die Frucht, die ich von meinen Studien zu gewinnen mehr wünschte als hoffen durfte. Das herrliche Alterthum soll nicht bloß für die Wissenschaft aufgedeckt sein, sondern im Dichten lebendig fortwirken. – –« Zwischen Dichten und Verfertigen von Proceßschriften verfloß das Jahr 1811 und der größte Theil von 1812. Es scheint, daß Uhland innerlich damit umgieng, sich ganz dem Studium der deutschen Philologie zuzuwenden; er schreibt von einem »Entwurf zum gründlichen Studium der alten Poesie.« Da wird ihm aber gegen Ende des Jahres der Vorschlag gemacht, als provisorischer zweiter Secretär bei dem Justizministerium in Stuttgart einzutreten, mit der Zusicherung, daß er entweder längstens in einem halben Jahre in die Besoldung einrücken werde oder – wenn er dieses vorzöge, ihm dann eine Procuratorsstelle gewiß sei. Wohl nicht ohne inneren Kampf nahm er den Antrag an, der an sich ein ehrenvoller war, da er ohne alles Gesuch von seiner Seite ihm zugekommen war und günstige Aussichten darzubieten schien; er meldete sich um die Stelle, zu welcher er am 6. Dez. ernannt wurde, worauf er am 16. Dez. nach Stuttgart übersiedelte. IV. Dienstleistung auf der Kanzlei des Justizministers. 1813 – 1814. Der Eindruck, den der Chef des Justizministeriums, der Freiherr von der Lühe, auf unsern Dichter machte, war kein ermuthigender. Nach der Antrittsaudienz schreibt er von ihm: »Ein bewegungsloses Gesicht, Statuenaugen.« Die Angewöhnung in Stuttgart und besonders die Stellung im Justizministerium wurde ihm schwer. Bei Erwähnung eines Ganges nach Feuerbach in das dortige Pfarrhaus (die Pfarrerin war eine Schwester seines Vaters) steht im Tagebuch: »Wie sich das gequälte Herz nur vor Gott aufschließt.« In einem Briefe an die Eltern schreibt er nach einiger Zeit: »Ich war schon einigemal des Sonntags in Feuerbach, was mir immer eine wahre Erholung ist, da ich am Werktag selten Zeit zu einem Spaziergang habe.« Und später: »Wann ich Abends um sieben Uhr vom Bureau heimkomme, ist mir alles Schreiben in hohem Grade entleidet. Abends von 9–10 Uhr bin ich gewöhnlich im Museum. Dieß ist aber auch alle Zeit, die ich der Literatur widmen kann.« Abgesehen von der Verläugnung, die der junge Mann üben mußte, indem er fast seine ganze Zeit den Bureauarbeiten widmen und aller Beschäftigung mit den Studien, zu denen ihn seine Begabung hinzog, für jetzt entsagen mußte, war die Weise, wie die Geschäfte im Ministerium behandelt wurden, seiner Ansicht oft ganz entgegen. Er hatte die Aufgabe, die Entscheidungen der Gerichte zum Vortrag an den König zu bearbeiten. Der Minister, der den herrischen, despotischen Sinn seines Herrn wohl kannte und wußte, daß er vor Kabinetsjustiz keine Scheue trug, wollte öfters, vielleicht in wohlmeinender Absicht, den Bericht so abgefaßt, wie er am ehesten hoffen konnte, bei dem gestrengen Herrscher mit seiner Ansicht durchzudringen. Der junge Secretär aber verstand sich schlecht auf Umwege, um endlich doch an das rechte Ziel zu gelangen; er hatte auch schon öfters erfahren, daß er dann, wenn er schlicht und bestimmt aussprach, was das Recht verlange, am ehesten bei dem König zum Zwecke komme. Diese Verschiedenheit der Behandlungsweise der Geschäfte zwischen dem Minister und dem Secretär wurde für beide Theile unbehaglich und mochte den geraden, aufrichtigen Gehülfen dem Minister wohl nicht lieb machen, ungeachtet er öfters gegen ihn aussprach, daß er mit seinen Arbeiten wohl zufrieden sei. Von diesen schreibt Uhland an Mayer: »Meine Arbeiten sind zwar nicht gerade die leichtesten und unbefangensten, aber auch nicht die uninteressantesten,« und ein ander Mal: »Gedichtet habe ich hier freilich noch nichts, doch wird mir die Poesie in dieser äußeren Abgeschiedenheit von ihr gewissermaßen innerlich klarer und lebendiger, wie es oft bei entfernten Freunden der Fall ist.« Im Mai starb ein werther Oheim Uhlands, der Pfarrer Hoser in Schmiden bei Kannstadt. Bei seinem Begräbniß dichtete er das Lied »Auf den Tod eines Landgeistlichen«. Nach diesem Todesfall, den Uhland seiner Mutter anzeigt, schreibt ihm diese in ihrem nächsten Brief: »Ich danke Dir für diesen abermaligen Beweis Deiner Liebe zu mir und der Schonung, die Du mir dabei zeigtest. Du gibst Liebe da, wo sie das Herz besonders anspricht; wer solche zu geben fähig ist, der erhält gewiß wieder Liebe dagegen.« – – Das Lied schickt er der Mutter aber erst im October und schreibt dabei: »Anliegende Verse, die ich machte, als ich von des Onkels Leiche zurückgieng, versäumte ich seither Ihnen, liebste Mutter, zu schicken. Seit dieser Zeit habe ich keinen Vers mehr gemacht. Es kommen mir wohl manchmal Ideen zu Gedichten, aber zur Ausführung habe ich weder Zeit noch Ruhe.« Noch einmal, im Jahr 1822, hat ihm das Andenken an diesen Oheim auf einem einsamen Spaziergang nach Münster, von wo er sich über den Neckar führen ließ, den Stoff zu einem tief innigen Gedicht gegeben: »Ueber diesen Strom vor Jahren bin ich einmal schon gefahren.« Der vatergleiche Freund in diesem Liede war eben dieser Oheim, der hoffnungsreiche ein junger Harpprecht, mit dem er in der ersten Jugendzeit viel verkehrte. Er blieb aber nur ein Jahr auf der Universität, wählte sich dann den Militärstand und verlor sein Leben im russischen Feldzug. Auf den Wunsch der Eltern des Geschiedenen hat Uhland eine Reihe seiner Gedichte zusammengestellt und herausgegeben. Am Schlusse des Jahres 1813 schrieb Uhlands Mutter voll Sorge an ihren Sohn: ob er nicht zur Landwehr ausgehoben werde. Er solle nur jetzt keinen Schritt wegen seiner definitiven Anstellung thun. »Ich bitte Dich um meinetwillen, mahne jetzt gar nicht an Dich; es ahnt mir ein Unglück für Dich.« Dieser antwortet am 31. Dezember darauf: »Was die gegenwärtige Einberufung von Söhnen der Honoratioren, Advocaten, Actuare u.s.w. betrifft, so weiß man überhaupt noch nicht, wie weit dabei die Absicht des Königs geht und was daran etwa blos eine Folge der unbestimmten Fassung des Rescriptes ist. Uebrigens scheint gewiß, daß Angestellte nicht damit gemeint sind. Sie werden deßhalb außer Sorgen sein können. So wenig ich mich übrigens muthwilliger Weise aussetzen werde, so kann ich doch nicht verhehlen, daß, wenn mit der Zeit auch bei uns eine Landwehr, d.h. eine allgemeine Volksbewaffnung und Dienstleistung während des Krieges eingerichtet werden sollte, wie solche bereits bei allen, von den größten bis zu den kleinsten Staaten Deutschlands stattfindet, und wogegen unser König allein sich bisher verwahrt hat, ich mich einem solchen der guten Sache zu leistenden Dienste auf keine Weise entziehen möchte und darin eine wahre Beruhigung für mein ganzes künftiges Leben finden würde. Ich erinnere mich sogar noch wohl, daß die liebe Mutter selbst einst im Gefühl unseres bisherigen schmählichen Zustandes geäußert hat, daß sie, wenn es einmal auf unsere Befreiung ankäme, auch ihren Sohn nicht zurückhalten würde. Vorderhand ist zu erwarten, was der Himmel fügt; die Fortschritte der Alliirten und die sonstigen Nachrichten aus Frankreich machen sogar einen baldigen Frieden nicht unwahrscheinlich. Das Jahr, dem wir entgegengehen, wird ein bedeutendes sein, wofür ich uns Allen Gottes Segen erflehe.« Diese Aeußerung des Sohnes, absichtlich so gefaßt, daß die Mutter mit seinem Wunsch in die Landwehr zu treten, sobald es die Regierung ernstlich mit ihrer Errichtung meine, bekannt werde, beunruhigt sie fortwährend und sie kommt wieder darauf zu sprechen. Er schreibt mit Erbitterung über die Regierung oder den Regenten: »Der Landsturm steht nun zwar auf dem Papier, er wird Ihnen aber wenig Sorge machen, denn wenn er jemals zusammengerufen würde, so hat man dafür gesorgt, daß kein Unglück mit Gewehren geschehe .« Den jungen Württembergern war es kaum anders möglich den Feldzug nach Frankreich mitzumachen, als entweder durch Eintritt in das Linienmilitär; wo dann der König, der es im Herzen mit Napoleon hielt, den freiwillig Eingetretenen vielleicht erst in eine Garnison im Lande eingetheilt hätte, oder ohne Urlaub (was bei einem schon im Civildienst Stehenden ernste Folgen für ihn und sogar für die Seinigen gehabt hätte) in ein anderes deutsches Heer einzutreten. Wenn auch die Napoleonische Herrschaft in Württemberg unbeliebt war, so war die Erbitterung gegen ihn doch nicht so groß, als in Preußen, das, von Frankreich eingenommen, als Feindesland behandelt worden war. Der Krieg gegen Frankreich veranlaßte die Lieder eines deutschen Sängers »Vorwärts« und »An das Vaterland«. Was Uhlands geselligen Verkehr und literarische Beziehungen während dieser Zeit betrifft, so folgt hier ein Brief von Justinus Kerner, der Wildbad verlassen, sich in Welzheim als Arzt niedergelassen und seine Braut heimgeführt hatte. Justinus Kerner an Uhland. Welzheim, 20. März 1810. »Mein theurer Uhland! Vergebens wartete ich bis jetzt auf Briefe von Dir. Ich hoffte dadurch Stoff Dir zu schreiben zu erhalten. Ich lebe vergnügt, wie Du Dir vorstellen magst; das Alphorn tönt auch alle Tage leiser und leiser, und die blauen Gebirge, nach denen ich mich sehnte, treten immer näher und sind nun grün und fast mit Blumen besäet. Das Rickele grüßt Dich von Herzen und Du sollest doch nur zu uns kommen! Von Osiander und dem Almanach vernehme ich kein Wort; ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat. Nach Norden wird man nun gar nicht mehr schreiben können; wahrscheinlich sind Fouqué und Varnhagen auch mit den Berlinern gezogen; vielleicht erscheinen sie bald bei uns. Ich bitte Dich mir den Wanderer z.M.R. doch zuzustellen. Auch die Briefe von Fouqué und Campe möchte ich gerne wieder. Gedichtet wurde seitdem nichts, wahrscheinlich desto mehr von Dir. Was Kleines, das ich Dir beilege, ist fast zu unbedeutend. Den Köstlin grüße ich von Herzen. Ewig Dein Kerner.« Der Almanach, den die zwei Freunde herausgeben wollten, kam doch noch zu Stande unter dem Titel: »Dichterwald«. Das Vorwort dazu: »Freie Kunst«, ist von Uhland verfaßt. Im Februar 1813 kauft er sich das Heft der »Musen«, in welchem sein Aufsatz über das altfranzösische Epos abgedruckt war. Es scheint, daß er sich nicht einmal einen Abdruck bedungen hatte. Er bemerkt dabei: »Es will mir mit meinen literarischen Unterhandlungen wenig glücken.« Seit dem Beginn des Jahrs wohnte Uhland im Hause von Schwabs Eltern, wodurch er diesen, wenn er die Eltern von Tübingen aus zu besuchen kam, auch öfters sprach. Durch frühere Freunde, Roser, Köstlin, Jäger, Schott, wurde er in eine geschlossene Gesellschaft, die sich zweimal in der Woche in einem Weinhaus, zum Schatten genannt, zusammenfand, eingeführt. Wohl konnte er dieses Ausruhen am Schlusse des mühevollen Tagewerks brauchen. Dieser Gesellschaft wurden manche Lieder Uhlands gedichtet, wie z.B.: »Die sieben Zechbrüder« und das folgende: Ich weiß mir einen Schatten, Da fließt ein kühler Quell, Der stärket jeden Matten, Der quillt so rein und hell. Er ist von edlem Schlage Und strömt nicht Wasser, nein! Der Quell, von dem ich sage, Ist ächter, goldner Wein. Im Schatten, frisch und labend, Da tönt so heller Sang, Der tönet manchen Abend Und manche Nacht entlang. Doch sind es nicht die Lieder Der bangen Nachtigall, Wir sind's, wir Schattenbrüder, Beim frohen Becherschall. In diesem Schatten blühen Viel Blumen hold und fein, Sie duften und sie glühen Und haben gut Gedeih'n. Nicht Veilchen sind's, noch Rosen, Was uns so lieblich blüht, Nein Scherz und traulich Kosen Und brüderlich Gemüth. Im Schatten, den ich meine, Da träumt es sich so mild; Man sieht im Dämmerscheine Gar manches schöne Bild. Wie träumten wir so gerne Vom heilgen Rettungsstreit, Vom nahen Freiheitssteine, Von Deutschlands goldner Zeit! Nie mög' in unsrem Schatten Der Quell versiegen geh'n, Nie soll der Sang ermatten, Die Blume nie verweh'n; Auch nimmer soll verfliegen Der goldnen Träume Schaar, Das Aechte wird doch siegen, Der Traum im Schatten wahr. Zwanzig Jahre später schließt sein hoffendes Gemüth wieder ein Lied mit den Zeilen: Wohl werd' ich's nicht erleben, Doch an der Sehnsucht Hand Als Schatten noch durchschweben Mein freies Vaterland. Es waren nun schon 16 Monate verflossen, seitdem Uhland auf dem Bureau des Justizministers eingetreten war, und immer verschob der Minister das Stellen eines Antrages an den König wegen definitiver Einrückung in die bisher ohne Gehalt besorgte Secretärsstelle. Uhland konnte sich nicht entschließen, noch länger auf seines Vaters Kosten, der bei wenigem Vermögen nur einen sehr mäßigen Gehalt bezog, in Stuttgart zu leben. Mit des Vaters Billigung erklärte er dem Minister, daß er um seine Entlassung einkommen müsse, wenn der Antrag nicht gestellt werde. Der Minister entschloß sich dazu, wurde aber abschläglich beschieden; es hieß in der Resolution: »Bei der jetzigen Ueberbürdung der Staatskasse könne diese Stelle nicht besetzt werden; wenn daher der Accessist Uhland sie nicht wie bisher besorgen wolle, so solle sich der Minister um einen andern Accessisten umsehen.« Hierauf schrieb Uhland an seine Eltern: Stuttgart, 10. Mai 1814. »Liebste Eltern! Gestern Abend ist in meiner Angelegenheit auf das nach vorgängiger Communication mit dem Finanzministerium am Sonntag erstattete Anbringen, welches mir der Minister vorher zu lesen gegeben und ich nach jeder Hinsicht zweckmäßig abgefaßt gefunden hatte, die hier abschriftlich beigelegte Resolution erfolgt. Es muß Ihnen freilich schmerzlich sein, daß Ihre bisherigen bedeutenden Opfer, deren Werth ich um so dankbarer erkenne, als sie mit so vieler Schonung gegen mich gebracht worden, den eigentlichen Zweck nicht erreicht haben, und auch mich wird Mancher bedauern, daß mir eine anderthalbjährige, ziemlich mühselige Arbeit keine Frucht getragen. Auf der andern Seite jedoch werden Sie wohl mehr als ich in mancher Lage des Lebens erfahren haben, wie oft dasjenige, was äußerlich als ein hartes, ungerechtes Schicksal erschien, in der Wahrheit und im tiefern Grunde die weise Leitung einer gütigen Vorsehung war. So darf ich nun auch aussprechen, was ich bisher nie gegen Sie geäußert habe, daß durch ein längeres Beharren in meinen bisherigen Verhältnissen und nun vollends ein entschiedenes Anketten an dieselben mein Inneres von Tag zu Tag mehr gelitten haben würde. Nicht als ob es mir unerträglich geworden wäre, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir von Natur fremd, ja widrig sind, oder als ob es mich zu sehr geschmerzt hätte, die Entwicklung sonstiger Fähigkeiten, die Gott in mich gelegt, gänzlich gehemmt zu sehen, – ich glaube diese beiderlei Uebelstände seit geraumer Zeit so ziemlich überwunden zu haben und sehe wohl ein, daß man sich zunächst eine äußere Existenz gründen muß und in gegenwärtiger Zeit am wenigsten seinen Liebhabereien leben kann; allein in denjenigen Geschäftsverhältnissen, worein ich hier immer tiefer verwickelt werden sollte, hätte ich, je mehr ich äußerlich vorgeschritten wäre, um so mehr an Seelenruhe und innerer Selbstständigkeit verloren. Statt daß ich, wenn der Antrag durchgegangen wäre, eine fixe Anstellung mit ungefähr 800 fl. und der, wenn auch noch entfernten Aussicht auf künftige vortheilhaftere und angenehmere Stellen erhalten hätte, stehe ich nunmehr freilich wieder als simpler Advokat da, der sich erst wieder auf irgend einer Seite Bahn brechen muß. Dabei ist aber denn doch auch nicht zu vergessen, daß ich durch die bisherige Dienstleistung ein Recht erworben habe, mich um jede Stelle umzuthun, daß ich hier manche, ihrer Zeit vielleicht nützliche Bekanntschaft gemacht habe, und daß ich jedenfalls hoffen kann, auch als Advokat mir ein ordentliches Auskommen bei mehrerer, besonders in jetziger Zeit so wünschenswerther Unabhängigkeit zu verschaffen. Ich weiß in diesem Augenblick noch nicht, ob ich diesen Brief durch die Post oder sonstige Gelegenheit abschicke, oder ob ich nicht selbst dessen Ueberbringer sein werde. Geschieht Ersteres und bleibe ich etwa noch diese Woche hier, so ist dabei meine vorzügliche Absicht, mich, ehe ich mündlich mit Ihnen über meine künftige Bestimmung zu Rathe gehe, hier ein wenig umzusehen, was etwa da oder dort zu machen wäre. Mit der innigsten Liebe Ihr gehorsamer Sohn L. P.S. Mein Logis bei Schwabs habe ich schon an Georgi aufgekündigt. Das Geld (4 fl.) habe ich an Jäger bezahlt, die Quittung aber noch nicht erhalten.« Welch treuen Freund Uhland an Karl Roser, damals Ministerial-Secretär, hatte, zeigt folgender, bei diesem Anlaß geschriebener Brief. Der Name Olof wurde ihm von Roser oft gegeben. »Deinen Brief, Wahrscheinlich den nach Tübingen. lieber Olof, habe ich heute noch glücklich angebracht, als eben die Pferde schon am Wagen waren, und wenn Du nun heute wirklich nach Tübingen reisest, so wünsche ich Dir von Herzen glückliche Reise; aber komme bald wieder und bleib dann hier bei uns. Du bekommst gewiß, spätestens in Jahresfrist, so viele Geschäfte, daß Du bequem von ihrem Ertrage leben kannst. Bis es so weit ist, wirst Du natürlich anfangs etwas zusetzen müssen, aber auch dieses wird das reichlichere Einkommen einiger späteren Jahre Dir sicher ersetzen, und wenn Du auf so lange, bis diese Zeit eingetreten ist, einen Vorschuß von zwei- bis dreihundert Gulden von mir annehmen wolltest, so würde ich dieß als einen wahren Beweis Deiner Freundschaft ansehen. Du würdest mir diesen Vorschuß wieder erstatten nach wie vielen Jahren und auf welche Weise, als es Dir gerade nach den eintretenden Umständen recht wäre. Und Du kannst dieses Anerbieten um so unbedenklicher annehmen, als es für mich gar keine Entbehrung zur Folge hat, als es nicht einmal ein Geschenk, sondern ein bloßer Vorschuß ist, wovon es sich handelt, und als ja dieser Vorschlag gemacht wird von Deinem aufrichtigen, treuen Freund K. Roser.« St., 11. Mai 1814. Nach einem Besuche bei den Eltern erklärte Uhland mit ihrer Beistimmung seinen Austritt aus der bisher versehenen Stelle. Der Minister wollte ihn zwar bestimmen noch eine Zeit lang zu bleiben, nur noch 4 bis 6 Wochen, aber Uhland äußerte seinen festen Entschluß: nicht länger mehr zuwarten zu wollen, und erhielt dann die verlangte Entlassung ohne irgend eine Anerkennung der geleisteten Dienste. Der Minister scheint seine Weigerung, länger auszuharren, empfindlich aufgenommen zu haben. Uhland sollte wenig Glück im Staatsdienst haben, wie wir später nochmals sehen werden. V. Fernerer Aufenthalt in Stuttgart als Advokat. Landtag in Ludwigsburg. Verlobung und Trauung. 1814–1820. Rücktritt zur Advokatur. Das Mißglücken seiner Anstellung im Justizministerium war eine schmerzliche Erfahrung für den jungen Mann; schmerzlich besonders um der Eltern willen, deren Wunsch, ihn »versorgt zu wissen,« ihm so wohl bekannt war. Für ihn selbst hatte die Aussicht auf die Advokatur, die nun nach fast anderthalbjährigen vergeblichen Mühen wieder vor ihm lag, auch nichts Erfreuliches, aber mit gutem Muthe trat er in Stuttgart in diese Bahn wieder ein. An Kenntnissen und Geschäftserfahrung hatte er gewonnen durch seine Thätigkeit in der Ministerialkanzlei. Oft hat er später gesagt, daß seine Ueberzeugung, wie nothwendig feste Rechtsnormen und die Herstellung der ständischen Verfassung für sein Heimathland sei, durch die Einsichten und Erfahrungen die er dort gewonnen, in ihm geweckt und befestigt worden seien. Etwas mehr Freiheit für seine Lieblingsstudien konnte er sich nun auch erringen, aber der innere Kampf hörte nicht auf. Er mochte wohl völlig hinreichende Kenntnisse für einen guten Advokaten haben, aber die Leichtigkeit im Arbeiten fehlte ihm vielleicht, wie er sich denn ursprünglich schon »des Rechtes beflissen gegen seines Herzens Drang.« So kam es, daß er mit allem Fleiße doch nur ein kaum genügendes Auskommen sich erringen konnte, so daß all seine Bedürfnißlosigkeit und Einfachheit dazu gehörte, um damit auszureichen. In einem Briefe an seinen Freund Mayer schreibt er: »Freilich bin ich nicht zum Advokaten geboren, es fehlt mir besonders das Talent zum Erwerb.« Einige Zeit später: »An Advokaten-Geschäften fehlt es mir gerade nicht, desto mehr aber an Leichtigkeit im Geschäft, besonders bin ich allzu zerstreut. Seit ich wieder die meiste Zeit zu Hause bin, locken mich immer alte und neue Phantasien von der Arbeit ab, und ich habe in der letzten Zeit wieder Verschiedenes gedichtet und entworfen, was dann freilich dem Erwerb, der mir jetzt so nöthig wäre, wenig zu Statten kommt.« Nicht selten mag er fast erschrocken sein, wenn ihm ein Proceß aufgetragen wurde, weil er sich dadurch in der Ausführung eines poetischen Entwurfs oder in der Fortsetzung seiner Studien mußte unterbrechen lassen. Seine Freunde Roser und Schott nahmen herzlichen Antheil an seinem Geschick. Albert Schott, Procurator in Stuttgart, etwa vier Jahre älter als Uhland, war ihm schon von Tübingen, wo sein Vater Oberamtmann war, befreundet. Er gab Uhland von seinen Arbeiten ab und bereitete ihm in seinem Hause, da er schon einen Hausstand begründet, manche heitere Stunde. Die Freunde setzten auch eine Stunde fest, wo sie zusammen die griechischen Schriftsteller lasen. Später kamen sie durch die Gleichheit der politischen Ansichten und Bestrebungen sich noch näher. Roser war sein täglicher Begleiter auf Spaziergängen und übte mit seinem heitern Geist einen wohlthätigen Einfluß auf Uhland aus. Die andern auswärts wohnenden Freunde konnte er nun auch eher besuchen; so war er im Jahr 1814 zweimal bei Kerner in Weinsberg. Inniges Wohlgefallen fand er an der kleinen Tochter dieses Freundes, wie das Lied »Auf das Kind eines Dichters« ausspricht. Auch die Eltern und die zur lieblichen Jungfrau herangewachsene Schwester konnte er nun öfters mit seinem Kommen erfreuen. Kurz vor seiner Uebersiedelung nach Stuttgart, im Jahr 1812, war der Freiherr von Wangenheim als Curator der Universität nach Tübingen gezogen. Er erzeigte Uhland viele Freundlichkeit, sah überhaupt junge, strebsame Männer gerne in seinem gastlichen Hause. Als Uhland im Spätjahr 1814 bei seinen Eltern war, erbot Wangenheim sich sehr freundlich, mit Cotta wegen Herausgabe seiner Gedichte sprechen zu wollen, worauf ihm Uhland sein schon längere Zeit zur Herausgabe zugerichtetes Manuscript übersandte. Dem Zuspruch von Wangenheim hatte er es wohl zu danken, daß Cotta sich nun geneigt zeigte die Gedichte in Verlag zu nehmen. Sie erschienen im Sommer 1815. So war ihm in der für ihn ungünstigen Zeit doch Ein Wunsch erfüllt! Bei der Uebernahme der Secretärsgeschäfte im Ministerium war ihm, wie schon gesagt, entweder die Secretärsstelle, oder, wenn er es wünschte, eine Procuratur zugesagt worden. Aber trotz mehrmaligem Melden und verschiedenen Eingaben des Vaters wurde ihm auch dieses Gesuch nicht bewilligt. Der folgende Brief zeigt seine damaligen Verhältnisse und seine Stimmung dadurch. Uhland an seine Mutter. Stuttgart, 22. Juni 1815. »Liebste Mutter! Die Nachricht von dem unvermutheten Tode des Onkels in Karlsruhe wurde mir zuerst als unverbürgtes Gerücht vom Heilbronner Mayer geschrieben, am folgenden Tage aber gab die Zeitung traurige Bestätigung. Ich betraure in ihm einen wackeren Mann, der mir stets mit besonderem Wohlwollen zugethan und von den redlichsten Wünschen für mein Wohlergehn beseelt war, zugleich ist es mir ein schmerzlicher Gedanke, wie empfindlich Ihnen der Verlust dieses letzten Ihrer Geschwister gefallen sein müsse. Ein solcher Todesfall erweckt leicht auch die Vorstellung, wie Manche, die sich durch Bande des Bluts und der Liebe innig angehören, doch so wenig zu einem wahren Zusammenleben gelangen können und sich nur durch Erinnerung und einzelne Begegnungen, wie Reisende auf der Kreuzstraße, verbunden bleiben. Diese Vorstellung schwebt mir ohnedieß seit geraumer Zeit nur zu lebendig vor, da ich befürchten muß, zuweilen auch Ihnen, liebe Eltern und Schwester, etwas entfremdet zu erscheinen, wenn ich an Mittheilungen größtentheils aus dem Grunde sparsam bin, weil mich die widrigen, unbestimmten Verhältnisse, worin ich so lange her mich befinde, so wenig Erfreuliches mittheilen lassen. Freilich erhebt mich dann auch wieder das Bewußtsein meiner sich innerlich stets gleichbleibenden Liebe und Anhänglichkeit und das Gefühl, daß eben dieses Unvollkommene und Zerrissene der irdischen Verhältnisse auf die Nothwendigkeit einer, den Bedürfnissen des liebenden Herzens entsprechenden Zukunft hinweist, wo diejenigen, die sich mißkannten, sich ganz durchschauen, und die sich im Leben oder im Tode verloren haben, sich zu innigem Vereine wiederfinden. Ihr gehorsamer Sohn L. U.« Die Mutter schreibt ihrem Sohne hierauf, nachdem sie sich zuerst über den Tod ihres Bruders ausgesprochen, wie folgt: »Lieber Louis! ich verstand Deinen Brief Wort für Wort ganz ; wir gehen von Einer Ansicht aus, insofern es biedere Gesinnung heißt, nur hat es nicht einerlei Wirkung, uns sollte man in einander gießen können. Ich thue zu viel, lege und sage meine Gesinnung zu offen an den Tag, und Du verschließest sie zu viel in Dich, ich gebe gern jedermann zu gute Worte, ohne die Absicht zu schmeicheln von weitem zu haben, und Du – hast gern, wenn man Dir zuvorkommt. Nicht Jedermann ist so in näherer Berührung wie wir mit Deiner Denkungsart, wir wissen sie zu würdigen, aber Fremde halten vor Stolz, was nur aus einer gewissen Selbstständigkeit und dem Bewußtsein Deiner guten Absicht herrühren mag; aber so kommst Du eben nicht weiter und stoßest an. So weiß der liebe Vater wohl, daß Du es gut mit ihm meinst, deßwegen betrübt es ihn aber doch, daß Du ihm nicht sagst, da er es doch für Dein Wohl für unumgänglich nöthig hält, ob Du nach seinem Wunsch bei Mandelsloh und Kohlhaas gewesen, was sie gesprochen, und ob Du gewiß wissest, daß der Minister zum zweitenmal den Bericht zu verfertigen liegen ließ? wann und wie er ihn zum Machen bekommen? Dieß alles sei mit einem Gang in's geheime Kabinet zu erfragen. Ob Du nicht auch Schritte thun könntest und solltest und gute Worte austheilen? Auf dieß alles kommt keine Antwort.« – Die liebreichen mütterlichen Vorstellungen waren theilweise gegründet, aber dieß Eine wußte sie nicht, daß Liebe und Respect öfters den Sohn abhalten mochten, dem Vater zu sagen, daß manches in den Vorschlägen wegen der Schritte die er thun solle für die ihm früher zugesagte Anstellung als Procurator, in die Zeit nicht mehr ganz passe, und daß Anderes gegen das wohlbegründete Selbstgefühl des Sohns, der ungerecht behandelt worden war, anstoße. Der Vorwurf der Schroffheit ist aber Uhland in seinem Leben öfters gemacht worden, so daß er vielleicht nicht in allen Fällen unbegründet gewesen sein mag. Wie eine edle Natur in einzelnen Fällen zu weich und nachgiebig sein kann, so kann auch eine andere edle Natur, bei aller wahren Bescheidenheit, doch im Gefühl der innern Unabhängigkeit zu weit gehen und dadurch mißkannt werden. Die Zeitumstände nöthigten König Friedrich, bei all seiner Abneigung vor Einengung seiner Machtvollkommenheit, dem allgemeinen Andringen auf ständische Einrichtungen einige Rechnung zu tragen. Er glaubte aber, wenn er selbst eine Constitution proclamire, wohlfeileren Kaufes wegzukommen und berief im Frühjahr 1815 Landstände ein. Wie wir weiter oben gesehen haben, hatte die Beschäftigung auf dem Justizministerium auf Uhland die Wirkung gehabt, daß er die großen Mißstände, die das unumschränkte Regiment des Königs für das Land brachte, noch deutlicher erkannte. Er begrüßte daher den Umschwung der Zeit, die Versprechungen, die auf dem Wiener Congreß dem deutschen Volk gemacht wurden, mit Hoffnungen auch für die württembergischen Zustände, und sein Umgang mit Schott und mit anderen Männern von der gleichen Gesinnung führte ihn immer tiefer in die politischen Fragen hinein. Mit allem Feuer seiner Seele betheiligte er sich an den Vorberathungen, die von den gewählten Abgeordneten und ihren Gesinnungsgenossen gehalten wurden, und die dahin gingen, daß die von dem König dem Lande bestimmte Constitution sich nur auf der Grundlage der alten Verfassung und auf dem Vertragswege erheben könne. Uhland selbst war zum Eintritt in die Ständeversammlung noch zu jung, eine Stelle als Registrator oder Archivar wäre ihm aber in dem Falle der Einigung in diesen Punkten, nach Wunsch gewesen. Ueber den Verlauf der Verhandlung zwischen dem König und den Ständen berichtet Uhland den Eltern wie folgt. Stuttgart, 15. März. »Liebste Eltern! Sie haben dießmal lange keinen Brief von mir erhalten und ich habe auch dem Felleisen, das zugleich mit gegenwärtigem ankommen wird, keinen beigelegt, weil ich abwarten wollte, bis ich etwas Bestimmtes über die landschaftlichen Angelegenheiten und meine besonderen Interessen dabei schreiben könnte Es sollen nach einer vorläufigen Bestimmung bei den neuen Ständen eine Archivarstelle mit 1000 fl. und eine Registratorstelle mit 800 fl. Besoldung errichtet werden. Liebhaber dazu zeigten sich mehrere, doch waren allem Anschein nach für mich und Weisser die Aussichten besonders günstig. Wir wollten uns nicht im Wege stehen und meldeten uns daher jeder um beide Stellen, d. h. um die Archivar- oder Registratorstelle, waren auch zusammen bei dem Präsidenten, Fürsten Hohenlohe, der uns gut aufnahm und uns veranlaßte, unser Exhibitum ihm zu übersenden. Das meinige wurde ihm gestern durch Regierungsrath Schott zugestellt. Auch Minister Reischach, der als Gutsbesitzer eine Stimme hat, versprach uns, unsere Sache zu empfehlen und hat es auch wirklich gethan. Von den Deputirten darf ich mir ohnedieß nicht Wenige geneigt glauben. Freilich stand zu erwarten und war zu wünschen, daß es noch nicht sogleich zur Ernennung dieser Stellen kommen und die landständischen Angelegenheiten zuvor noch eine ganz andere Wendung nehmen würden, was denn auch heute geschehen ist. Es wurde nehmlich in der heutigen Ständeversammlung vom König, der mit großem Pomp aufgezogen kam, zuerst eine Rede gehalten und alsdann von einem Staatsrath die beabsichtigte Constitution vorgelesen, welche sodann nach Wiederabfahrt des Königs von der Versammlung in Deliberation genommen wurde und man erfährt als Resultat derselben: daß die Fürsten und mediatisirten Grafen alles Weitere auf die Entschließungen des Wiener Congresses aussetzen, und daß die adeligen Gutsbesitzer, mit Ausnahme eines Einzigen, sowie die übrigen Deputirten unanimiter gegen die ihnen vorgelegte Constitution zu protestiren und die altwürttembergische Verfassung zu reclamiren beschlossen haben. Dieses erfreuliche Ereigniß, verbunden mit der unerfreulichen Nachricht, daß Napoleon bereits vor Lyon stehe, hemmt natürlich den Fortgang der Verhandlung, und die Versammlung wird ohne Zweifel vorderhand wieder auseinandergehen. Doch konnte natürlich nur auf diese Art der Grund zu etwas Rechtem gelegt werden und ich tröste mich damit gerne über die hinausgeschobene Ersetzung der landschaftlichen Stellen. Die Deputirten wurden bei ihrem Herausgehen von der Versammlung mit lautem Vivat begrüßt. So viel in Eile nebst herzlichem Gruß Ihr gehorsamer Sohn L. U.« Das Vordringen Napoleons in Frankreich machte den König natürlich wenig geneigt, auf das Verlangen der Landstände, die alte Verfassung herzustellen, einzugehen. Am 27. März schreibt Uhland seinem Vater: »Von den Begebenheiten in Frankreich mag ich gar nicht reden, es quälen mich ohnedieß diese Gedanken Tag und Nacht.« Eine wohlthätige Erheiterung fand er auf einer Reise den Neckar hinab nach Heidelberg. Ein Advokatengeschäft hatte ihn nach Heilbronn geführt und dort bestimmte ihn sein allzeit reiselustiger Freund Mayer, mit ihm diesen Ausflug zu machen, der auch für beide Freunde sehr vielen Genuß brachte, schon durch die herrliche Fahrt auf dem Neckar und noch besonders dadurch, daß ihnen in Heidelberg die Freude zu Theil wurde, die Bekanntschaft der Brüder Boisserée und ihrer altdeutschen Bilder zu machen. Zwischen Proceßschriften und Beschäftigung mit politischen Gegenständen brach doch zuweilen die Poesie sich Bahn. Er dichtet den »normännischen Brauch,« arbeitet am Fortunat, und im Juli entstehen die Balladen von Eberhard dem Rauschebart. Die Strophe: In Fährden und in Nöthen zeigt erst das Volk sich ächt, drum soll man nicht zertreten sein altes gutes Recht! weist auf die Zeit der Entstehung hin. Am 6. Juni richtet er an den Abgeordneten Doctor Zahn von Calw folgendes Schreiben: »Da ich gehört habe, daß Sie gegenwärtig mit Ausarbeitung einer neuen landständischen Vorstellung an den König, worin unter anderen das Justizwesen betreffenden Punkten auch auf unzulässige Extentionen neuerer strenger Strafgesetze die Rede komme, beschäftigt seien, so gibt mir dieß die Hoffnung, bei dieser Gelegenheit einige Fälle dieser Art zur Erörterung bringen zu können, wie solches längst mein vergeblicher Wunsch gewesen. Anliegende Beilage enthält das Nähere. Ich wollte mir diesen Vormittag die Ehre geben, Ihnen solche zu überbringen, da ich aber nicht so glücklich war, Sie zu treffen, so erlaube ich mir schriftliche Uebersendung mit angelegentlichster Bitte um geneigte Berücksichtigung dieses Gegenstandes.« Die Ausführung enthielt ein, wie Uhland überzeugt war, ungehörig geschärftes Urteil gegen zwei Männer, die sich eines Diebstahls an königlichem Eigentum (der Eine hatte bei einer Jagd einen silbernen Teller entwendet) schuldig gemacht und dafür zu siebenjähriger Galiotenstrafe verurteilt wurden. Es wurde Uhland die Genugtuung, zu hören, daß dem Einen der ganze Strafrest von 6 ½ Jahren, dem Andern die Hälfte daran erlassen wurde. Urteilssprüche dieser Art waren es, die ihn im Justizministerium so gedrückt und die Sehnsucht nach gesicherten Rechtsverhältnissen in ihm erweckt hatten. Die Eltern Uhlands, vom Wunsche erfüllt, den Sohn in einer festen Lebensstellung zu sehen, drangen in ihn, sich wieder um eine Procuratorsstelle zu bewerben, worauf er ihnen im folgenden Briefe antwortet. Stuttgart, 2. August 1815. »Liebste Eltern! Die Entscheidung der landschaftlichen Angelegenheiten, worauf ich die Beantwortung Ihres letzten Briefes bisher ausgesetzt, ist nunmehr erfolgt. Da Regierungsrath Schott bereits nach Tübingen abgereist ist, so wird man daselbst schon unterrichtet sein, was diese einstweilige Entscheidung herbeigeführt habe; man wird auch die kräftigen und zweckmäßigen Adressen zu lesen bekommen, welche die Stände zuletzt an den König gerichtet. Der Abend des 26sten war hier sehr erfreulich; es wurde den Ständen, welche bis Mitternacht zusammenblieben, eine Musik gebracht, wobei viele Vivats auf die Landstände, auf den Präsidenten, auf Bolley, Waldeck, auch auf den Kronprinzen, Herzog Christoph etc., besonders aber auf die alte Verfassung mit großem Enthusiasmus gerufen wurden. Der König soll dieses sehr übel aufgenommen, übrigens aber von der Polizeidirection, die zur Verantwortung gezogen worden, die Versicherung erhalten haben: daß Sr. Königl. Majestät dabei mit keinem Worte gedacht worden sei. Die Sache ist jedoch noch keineswegs für abgemacht anzunehmen, sondern es werden nunmehr von allen Seiten Adressen um Herstellung der alten Verfassung und Wiedereinberufung der Stände einkommen. Die hiesige Bürgerschaft macht damit den Anfang, indem unter derselben bereits die Unterschriften zu einer solchen Adresse gesammelt werden. Mein Exhibitum um die Procuratur ist vom 8. Juni v. J. und das Monitorium vom 13. Sept. Uebrigens darf ich nicht verhehlen, daß, wenn ich heute zum Procurator ernannt würde, ich von dieser Ernennung nicht einmal Gebrauch machen könnte, indem es durchaus meiner Ueberzeugung entgegen wäre, bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge dem König einen Eid zu schwören. Ich muß daher einstweilen sehen, wie ich mich auch ohne weitere Beförderung hier oder anderswo ehrlich fortbringe. Es läßt sich hoffen, daß eine so gespannte Lage der öffentlichen Angelegenheiten, wie sie gegenwärtig bei uns stattfindet, nicht von Dauer sein werde. Von Zinsgeldern habe ich gegenwärtig nur 25 fl. daliegen; es geht mit der Zahlung äußerst elend. Soll ich diese 25 fl. schicken oder warten, bis Mehreres hinzukommt? Uhlands Vater hatte mehrere große Vermögensadministrationen, für welche der Sohn die Zinse bei der Staatskasse erheben mußte. Es ist ein Irrthum, wenn man glaubte, die Zinse, von denen öfters in den Briefen die Rede ist, seien für den Sohn gewesen. Viele Grüße der Schwester! Mit herzlicher Liebe Ihr gehorsamer Sohn L. U.« Diese Erklärung des Sohnes fiel den liebenden Eltern um so schwerer, als sie die Nothwendigkeit dieses Entschlusses von ihrem Standpunkt aus nicht einzusehen vermochten. Von Zeit zu Zeit, wie wir später sehen werden, bringen sie ihre Wünsche wieder zur Sprache, und ihnen nach seiner Ueberzeugung nicht entsprechen zu können war für den zärtlichen, aber eben so charakterfesten Sohn kein kleines Opfer. An der Wiedereröffnung des Landtags am 14. Oct. nahm Uhland den lebhaftesten Antheil. Er verfertigte zu einem Feste, das dem Abgeordneten von Stuttgart, Bürgermeister Klüpfel, am 18. Oct. gegeben wurde, das Gedicht: »Die Schlacht der Völker ward geschlagen« und spricht in seinem Tagebuch von der allgemeinen Begeisterung bei diesem Feste. Ueber den Gang der ständischen Verhandlungen berichtet er seinem Vater: Stuttgart, 15. November 1815. »Theuerste Eltern! Die Resolution auf die letzte Eingabe der Stände, der man täglich entgegensah, ist heute erfolgt und damit allerdings ein Schritt geschehen, indem der König das Recht des alten Landes auf die alte Verfassung nicht länger zu bestreiten weiß; allein insofern zugleich wieder Vergleichsverhandlungen eröffnet werden sollen, um auch über die neuen Lande und die Zusammenfassung des ganzen Landes unter eine gemeinschaftliche Verfassung in's Reine zu kommen, wird sich die Sache, auch wenn die Stände auf diese Unterhandlungen eingehen, abermals weiter hinausziehen. Der Fürst von Oettingen-Wallerstein, der sich in den ständischen Angelegenheiten auszeichnet, ließ mir vor einiger Zeit sagen, daß er mich kennen zu lernen wünsche. Ich ging daher mit Schott, der sein Agent ist, zu ihm. Er ist ein leidenschaftlicher Liebhaber altdeutscher Literatur und Kunst und besitzt große Sammlungen alter Gemälde, Handschriften, Drucke e.t.c. Er hat mich eingeladen ihn öfter zu besuchen. Wann ich wieder nach Sulz abreisen werde, weiß ich noch nicht bestimmt, da noch nicht bekannt ist, ob und bis wann die Vaihinger'schen Eheleute eingeliefert werden. Mit herzlichen Grüßen an Alle Ihr gehorsamer Sohn L. U.« Gegen den Schluß des Jahrs 1815 kam Rückert als Redacteur des Morgenblatts nach Stuttgart. Er wurde bald mit Uhland bekannt, und dieser schrieb seinem Vater über ihn: »Rückert ist mir eine sehr werthe Bekanntschaft.« Sie trafen sich oft des Abends beim Weine oder theilten sich in ihren Zimmern ihre neuen Gedichte mit. Auf den Vorschlag eines Freundes unternahmen sie das bekannte Tenzon, das in Rückerts Gedichten vollständig enthalten ist. Die verschiedene politische Ansicht, Rückerts Parteinahme für Wangenheim (dessen Einwirkung auf die württembergischen Verfassungskämpfe Uhland für verderblich halten mußte, so werth ihm Wangenheim in anderer Beziehung immer blieb), störte später die Beziehungen beider Dichter. Im Frühjahr 1816 erwachte die Lust dramatischer Production wieder lebhaft in Uhland; er beschäftigte sich mit Planen zum später ausgeführten »Herzog Ernst,« zu »Konradin,« zu den »Weibern von Weinsberg« und Anderem. Aber die juridischen Arbeiten und der lebhafte Antheil an den ständischen Kämpfen war der Ausführung entgegen. Ein Ausflug nach Wallerstein mit Schott brachte ihm Erheiterung und den Anblick von vielen Gegenständen im fürstlichen Schlosse, welche zu besichtigen er vom Fürsten freundlich eingeladen war und welche ihn sehr interessirten. Wie im letzten Jahre, so wurde ihm auch jetzt wieder von seinem Vater vorgeschlagen, sich um eine Staatsstelle zu bewerben, und auch jetzt konnte er nicht in der Eltern Wünsche eingehen, sondern antwortete, wie folgt: Stuttgart, 28. Juli 1816. »Liebste Eltern! Den Brief des lieben Vaters, worin er mir seine Meinung in Betreff der erledigten Secretärsstelle beim Obertribunal mittheilt, würde ich früher beantwortet haben, wenn es mir nicht schwer geworden wäre, mich abermals auf eine Art zu äußern, von der ich Ihre Billigung mir nicht versprechen darf. Ich mißkenne nicht die Vortheile und Annehmlichkeiten, womit die Tübinger Stelle für mich verbunden wäre. Es haben aber die Ansichten, die ich Ihnen bei einer ähnlichen Veranlassung vorgelegt, so sehr in mir Wurzel gefaßt, daß mir nichts übrig bleibt, als den einmal betretenen Weg mit Beharrlichkeit zu verfolgen. Sie werden mir glauben, daß es nicht die Bequemlichkeit meiner jetzigen Lage ist, was mich in derselben festhält, und daß es mir insbesondere nicht gleichgültig ist, Ihren gerechten Wünschen bisher so wenig entsprochen zu haben. Ob ich übrigens die Stelle wirklich erhalten würde, wenn ich mich darum bewürbe, ist sehr zweifelhaft. Dem Justizminister könnte ich, wie der liebe Vater selbst bemerkt, keine guten Worte darum geben, die unmittelbare Meldung aber hat immer einiges gegen sich. Auf Martini ziehe ich vielleicht zu Procurator Schott, der bis dorthin in die Walz'sche Apotheke, in der Nähe meines gegenwärtigen Quartiers, zu wohnen kommt. Die Eisenbach'schen machen noch keine Anstalt zum Auszug, und so lange diese bleiben, bleibe ich auch, wenn ich nicht gedrängt werde. Vom wirklichen Auszug werde ich Ihnen sogleich Nachricht geben, auch meine Anzeige in die Zeitung einrücken. Mit den herzlichsten Grüßen auch an Luise Ihr gehorsamer Sohn L. U.« Der Mutter Antwort gibt ein so getreues Bild der lieben Frau, daß sie auch hier eine Stelle finden mag. Tübingen, 3. August. »Lieber Louis! Noch einmal laß mich meine Gedanken aussprechen, die ich über Deine Gesinnungs- und Handlungsweise hege; besser ich sage sie, Aufrichtigkeit war immer ein Hauptzug meines Charakters, wenn ich auch mißverstanden werden sollte. Besonders gegen meine Kinder, deren erste Freundin ich sein will, halte ich es für Pflicht so zu handeln. Glaube aber ja nicht, daß ich Dir meine Meinung aufdringen will; ich weiß wohl, daß Du nun im männlichen Alter und selbst fähig bist zu beurtheilen, was gut oder nicht gut für Dich ist, indessen bist Du mir doch zu lieb, als daß ich ganz schweigen könnte, wo etwas nicht mit meiner Gesinnung übereinstimmt. Ich weiß wohl, daß ich nur Weib bin, wo übrigens ein gesunder, schlichter, wohlwollender Menschenverstand, den ich mir nicht abspreche, öfters doch einen richtigen Blick hat, den ich Dir nun hier mittheilen will. Glaube nicht, daß ich den lieben Vater veranlaßt habe, Dir wegen der bewußten Stelle zu schreiben; ich wußte vorher, was Du antworten würdest, das dem lieben Vater nicht gefallen würde; ich mochte also Beide nicht betrüben; es war ganz Seine Gesinnung, die mit der meinigen allerdings übereinstimmt. Auch wollte er nochmals seine Pflicht thun, weil wir in der Folge Reue über Deine Verfahrungsart besorgen. Immer ist Patriotismus etwas Löbliches und Pflichtmäßiges; es führt Dich aber aus bloßer Neigung von höheren Pflichten ab. Die erste unserer zeitlichen Pflichten ist so viel Gutes als möglich auf der Welt zu wirken, als wir können. Kannst Du das als Landschafts-Secretär? wirst Du noch außerdem das gewiß, wegen dem Du alles Andere aufopferst? Glaubst einmal als Consulent, oder was sonst für eine entsprechende Stelle in der Landschaft sein mag, einzurücken, um dann für das Vaterland nützlich zu werden? Der Plan dünkt mir ein Hirngespinnst. Das gar nicht einmal zu berühren, ob der Gehalt so ausfallen könnte, um davon sein Lebtag zu leben, weil man von da nimmer weiter rücken kann. Und was versäumst Du? Trätest Du in ein Collegium, in das Du durch die erste Stufe als Secretär einträtest, glaubst Du nicht, daß Du ebensoviel Gutes hier wirken könntest, oder wenn Du Professor würdest, was Dir wirklich nicht fehlen würde, so könntest Du ja auf ganze Generationen fortwirken, möchte es Dir auch Dich in ein Fach einzuarbeiten schwer werden, so kannst Du doch nicht in Abrede ziehen, daß Du Talent dazu hättest. Es dünkt mir überall mehr als bei Deinem Plan, und wenn Du wartest und noch einmal wartest, so geht die thätigste Lebenszeit herum, und dann geht es Dir wie den alten Jungfern, die in der Jugend die Wahl hatten, denen aber nichts gut genug war: sie bleiben am alten Platz, es reut sie und dann werden sie bitter, wenn immer Jüngere vorrücken. So könnte es Dir gehen. Du könntest nun wohl wählen und thust es nicht. Wenn dann am Ende die Buben H.., G.. u. dgl. vorrücken, unter diese kannst und magst nimmer, und dann bleibst, was Du bist! eine angenehme Aussicht! Auch kommen alte Advocaten aus der Mode. Und dann um wie viel häusliches Glück bringst Du Dich, kannst lange nicht heirathen und wirst Du älter, macht einmal ein Mädchen vielleicht eine Verstandesheirath mit Dir, vielleicht ohne viele Neigung, das wolltest Du doch auch nicht. Kommst Du durch Warten ganz um's Heirathen – frage alte Junggesellen, ob ich nicht Recht habe, daß sie der Stand im Alter ganz unglücklich macht. Was den Eid anbelangt, der Dich zu diesem Plane führt, ist er nicht so, daß Du ihn nicht leisten könntest. Auch läßt es sich gar nicht denken, daß unter so vielen hundert Männern, die ihn geschworen, worunter auch Dein Vater, nicht redliche, religiöse wären, und Du der ganz Einzige sein müßtest, der so gesinnt wäre. Dieß ist doch auffallend! Es soll alles heraus, was mir nicht gefällt, weil es das letztemal ist, daß ich es sage. Du kennst Dich selbst nicht, sonst würdest Du neben Deiner innern Gefälligkeit, die ich Dir bestimmt zuspreche, auch äußerlich es mehr sein. Ich bemerkte dieß abermal bei Deinem letzten Hiersein. Kam einer, wo Du gerade nicht in der Laune zum Reden warst, so machtest Du ein Gesicht, als ob Du ihm feind wärest; er mußte froh sein eine Antwort zu erhalten; konnte er es voraussehen, daß er Dich nicht in der passenden Laune traf? Gefällt es Dir, wenn es Dich so trifft? Nun magst Du das aufnehmen, wie du willst, mein Gewissen sagt mir, daß ich es liebend mit Dir meine. Glaube nicht, daß ich auf irgend eine Weise mein Interesse dabei suche, als in so fern als es mit dem Deinigen zusammenhängt. Freilich versprach ich mir am Abend meines Lebens Freude, das ja nicht allein für mich, sondern für Euch gut wäre, von denen sie ausginge. Bald ist ja ohnedieß von mir zu sagen: sie ruht, die Müde! – Thue mir den Gefallen den Brief, den ich ungern schrieb, ehe Du ihn zerreißest, mit Bedacht zu lesen. Lebe wohl, glücklich und vergnügt nach Deinem Sinn. Treffe ich Dich nur einmal im Himmel an, ist alles recht. Dieß ist das tägliche Gebet Deiner Dich ewig liebenden Mutter Elisabeth. Eines noch: aus welchen Gründen gehst nicht zur Kirche und zum Abendmahl?« Eine Sorge, die die Mutter später nie mehr hatte. Uhland an seine Mutter. Stuttgart, 9. August. »Liebste Mutter! Empfangen Sie meinen herzlichen Glückwunsch zu Ihrem bevorstehenden Geburtstag, zugleich aber auch meinen innigen Dank für Ihren wohlmeinenden, mütterlichen Brief! Ich habe gewiß Alles wohl beachtet, was Sie mir darin an's Herz legen, und ich habe das Vertrauen, es werde nicht das letztemal sein, wie Sie schreiben, daß Sie auf solche Art mir Ihre Gesinnung und Wünsche aufschließen. So viel glaube ich übrigens versichern zu dürfen, daß es nicht bloße Neigung ohne Rücksicht auf höhere Pflichten ist, was meine Handlungsweise bestimmt. Welche Opfer mich diese schon gekostet, werde ich Ihnen einmal besser sagen, wenn es mir gelungen sein wird, auf dem eingeschlagenen Wege durchzudringen. Was Sie von dem oft Ungefälligen meines äußern Wesens schreiben, kann ich nicht widersprechen. Es mag vielleicht in der bisherigen Ungunst meiner Verhältnisse und in der mannigfachen Bewegung meines Innern einige Entschuldigung finden. Auch habe ich mich bei alle dem doch von jeher der Anhänglichkeit mancher Redlichen zu erfreuen gehabt. Religiöse Gesinnung fehlt mir gewiß nicht und ich bin mir bewußt, das Irdische stets auf ein Höheres zu beziehen. Nach der langen Regenzeit sind nun doch endlich warme, sonnige Tage eingetreten, wobei Ernte und Herbst noch gedeihen mag. Will es Gott, wird auch mir die Frucht des Lebens nicht verloren sein. Möge Gott Sie, liebe Eltern, noch lange erhalten, damit es mir besser als bisher gelingen möge, Ihnen Freude zu machen. Ewig Ihr liebender Sohn L. U.« Dieser Brief braucht wohl keinen Commentar. Spiegelt er nicht des Schreibers ganzes Gemüth? Bei aller ruhigen Festigkeit, die UhIands Briefe aussprechen, zeigten aber doch die wehmüthigen Lieder: »Mailied,« »Klage« und »Rechtfertigung« wie sehr sein Gemüth unter seinen innern Kämpfen litt. Sie sind im Mai 1816 gedichtet, letzteres im September vollendet. Sollte den liebenden Eltern noch nicht die ersehnte Freude werden, den Sohn in einer gesicherten Lebensstellung und in häuslichem Glücke zu wissen, so wurde ihnen doch in diesem Jahre die Freude, die Tochter als glückliche Braut eines wackeren Mannes zu sehen. Friederich Meyer aus Walsrode, im Hannöverischen, der in Tübingen Theologie studierte, gewann das Herz der Tochter und beschloß aus Liebe zu ihr, sich in Württemberg eine Pfarrstelle zu suchen, was damals leichter war, als heut zu Tage. Unser Dichter war über dieses Familienereigniß recht erfreut und schloß sich herzlich an den neuen Schwager an. Die meisten Lieder dieses Jahres, auch außer den vaterländischen, haben ein politisches Gepräge, so sehr war seine Seele von den Kämpfen der Zeit hingenommen. Er sagt es uns auch selbst in dem Liede: »Die neue Muse,« vom 7. Mai. Ein Lied folgt oft rasch dem andern, wie hier zu ersehen ist. Am 20. Febr. entstand das Lied: An die Bundschmecker; den 24.: Württemberg; den 1. Sept.: Das alte Recht; den 3.: Gespräch; den 6.: An die Volksvertreter; den 7.: Rechtfertigung und die neue Muse; den 8.: Ernst der Zeit, das neue Märchen, Aussicht, an die Mütter, an die Mädchen, alle an diesem Tage. Am 15.–17. Oct. das Lied: Wenn heut ein Geist hernieder stiege; am 12. Nov.: Schwindelhaber; am 20.: Hausrecht; am 21.: Das Herz für unser Volk; am 28. Dec.: Neujahrswunsch. Auch in die Correspondenz mit Freunden, wo sonst von Kunst und Literatur gehandelt wurde, tritt nun die Politik ein, wie uns der folgende Brief zeigt. Uhland an Varnhagen von Ense. Stuttgart, 7. November 1816. »Dein herzlicher Brief, theuerster Freund, den Du mir im verflossenen Mai durch den trefflichen Kunstgenossen Rückert geschickt hast, sollte freilich längst beantwortet und ebenso für die Gedichtsammlung, womit Du mich so erfreulich überraschtest, längst gedankt sein. Was die Sache verzögerte, war Deine Ansicht unserer württembergischen Angelegenheiten, die Du im Briefe an Kerner angedeutet hast und worüber ich Dir gerne meine entgegengesetzte Meinung entwickelt hätte. Nun kommt mir aber gerade da Du mich so freundschaftlich anmahnst, zur Hülfe, daß man die Lieder, die ich über diesen Gegenstand gemacht habe, neuerlich zusammengedruckt hat. Aus diesen, die ich hier beilege, ersiehst Du vielleicht am besten, was meine Ansicht ist. Die Aufnahme, welche diese Lieder bei öffentlichen Vereinen und sonst gefunden haben, läßt mich annehmen, daß sie auch die bei uns herrschende Meinung so ziemlich ausgesprochen haben. Sie sind im Gegensatz nicht blos zu den eigentlich schlecht Gesinnten, sondern hauptsächlich auch zu Denen gedichtet, die mit Hintansetzung unserer Geschichte, unserer Eigenthümlichkeit, wie solche jeder Volksstamm hat und haben soll, aus dem Blauen herab und nach individuellem System uns umgestalten und wohl gar beglücken wollen. Du vermissest vielleicht einigermaßen die Beziehung auf's Ganze. Aber theils ist der Cyklus noch nicht geschlossen, theils glaube ich, daß Deutschland von oben herab, von den Congressen und Bundestagen, den obschwebenden Verhandlungen der Cabinette zunächst wenig mehr zu erwarten hat; daß hingegen, wenn erst jeder Volksstamm zum Selbstgefühl erwacht und zu innerer Begründung gelangt sein wird, hieraus auch die Kraft des Ganzen hervorgehen wird. Durch Verunglimpfung in öffentlichen Blättern, herausgerissene und entstellte Einzelnheiten mögen auswärts unsere Landstände verloren haben, bei uns behielten sie die öffentliche Meinung für sich, ihre gedruckten Verhandlungen sprechen nicht gegen sie. Wenn Du sonst von meinem Treiben in der Dichtkunst zu wissen verlangst, so weiß ich nicht viel zu sagen. Zwei Gedichte beschäftigen mich, ein erzählendes in Stanzen: »Fortunat und seine Söhne,« woran ich aber seit zwei Jahren nicht mehr als zwei Gesänge zu Stande gebracht habe und ein Trauerspiel: »Herzog Ernst von Schwaben,« mit dessen Ausführung ich aber nicht anfangen mag, wenn ich nicht hoffen kann, es in einem Stücke wegzuarbeiten. Das will aber meine Lage fortwährend nicht gestatten. Einige kleine Sachen habe ich noch beigeschlossen. Und mit diesem sei denn herzlich und in alter Freundschaft gegrüßt von Deinem L. U.« Am 30. October 1816 starb König Friedrich; es zeigte sich aber bald, daß, obwohl mancher Mißbrauch abgeändert wurde, für das Bestreben, die alte Verfassung mit den durch die Zeit gebotenen Veränderungen wieder in das Leben zu führen, auch unter König Wilhelm noch wenig Hoffnung vorhanden war. Der Freiherr v. Wangenheim, schon von König Friedrich im October 1815 in die Verfassungscommission berufen und den Bestrebungen der Altwürttemberger sehr entgegen, galt auch bei König Wilhelm viel. Uhlands Lieder: »Schwindelhaber,« »das Herz für unser Volk,« »Gespräch« und andere beziehen sich auf seine Einwirkung auf die Verhandlungen. Die Stände wurden am 6. December vertagt, aber zugleich ihre Wiedereinberufung auf Anfang März ausgesprochen. Im Juli wurde Uhland zum Beitritt in die Berliner deutsche Sprachgesellschaft eingeladen und ist später mit einem Aufsatz für dieselbe beschäftigt. Auch dichtet er das Lied: »An die deutsche Sprachgesellschaft.« Den Anfang des Jahres 1817 widmete er der Arbeit am Herzog Ernst. Am 9. Febr. schreibt er seinem Vater: »Wenn ich schon dreißig Jahr alt wäre, würde ich wahrscheinlich Repräsentant von Backnang.« Ein ander mal: »Daß mein Gedicht: »Das Herz für unser Volk« dem König vorgelegt worden sei, habe ich auch von verschiedenen Seiten gehört, jedoch ohne es gerade aus sicherer Quelle zu wissen.« Uhland an die Eltern. Stuttgart , 3. Mai 1817. »Diesen Vormittag war Gottesdienst zur Feier des wieder eröffneten Landtags. Der König mit seiner Gemahlin und sämmtliche Landstände erschienen dabei. Stiftsprediger Flatt hielt eine sehr wackere Rede. Alsdann begaben sich die Stände und der Geheimerath in das Landschaftsgebäude, wohin der König zu Pferde mit seinen Adjutanten nachfolgte. Er hielt eine Anrede an die Stände, die ohne Zweifel in der Zeitung kommen wird. Nachdem der König sich entfernt hatte, wurde der geheimeräthliche Verfassungsentwurf den Ständen vom Justizminister mit einem Vortrag übergeben. Dieser Entwurf ist über alle Erwartung schlecht ausgefallen: zwei Kammern, keine Kasse, kein Ausschuß. Die Stände müssen ihn verwerfen. – Man ging so weit, den Ständen anzusinnen, daß sie dieses Machwerk jetzt ohne Weiteres mit dem Geheimenrath, der ihrer Versammlung anwohnen würde, Punkt für Punkt durchverhandeln sollen, was aber vorderhand schon darum zurückgewiesen wurde, weil schon die Frage, ob eine solche Verhandlung statthaft sei, eine freie Berathung der Stände voraussetze. Der Minister Stein ist schon gestern oder vorgestern wieder abgereist. Ohne Zweifel wollte er mit einem solchen Verfassungswerk nichts zu thun haben. Es soll in der heutigen Versammlung wie auf einem polnischen Reichstage hergegangen sein. Die Herrn Geheimeräthe mußten aber unverrichteter Dinge wieder abfahren. Den belobten Entwurf habe ich nur auf kurze Zeit in Händen gehabt und verkauft wird er heute noch nicht. Sobald ich ihn aber bekommen kann, werde ich dem lieben Vater ein Exemplar zuschicken. Ein besonderer Anhang betrifft die Universität. Jetzt speisen die Stände und der Geheimerath beim König, es mag eine schöne Vertraulichkeit sein. Mit herzlichen Grüßen auch der lieben Schwester Ihr gehorsamster Sohn L.« Am Namenstag des Herzogs Christoph schrieb Uhland sein Gedicht: »An die Landstände,« und brachte es in das Ständehaus. Ueber die zwei Kammern, die in dem geheimeräthlichen Entwurf vorgeschlagen wurden, verfaßte Uhland einen Aufsatz, der hier folgt: »Die altwürttembergische Verfassung wird mit Recht darum gerühmt, daß sich in ihr das Vertragsverhältniß zwischen Regenten und Volk so klar und ausgesprochen darlege. In ihr ist keine bourbonische Legitimität, sie ist ein Gesellschaftsverhältniß freier, vernünftiger Wesen. Sie giebt dem Regenten den Standpunkt, von dem ihn die Aufklärung der Zeit nicht verdrängen wird, sie giebt dem Volke die Stellung, in der auch ein über Menschenrecht aufgeklärtes Volk sich gefallen darf. Eben in diesem Reinmenschlichen unsrer alten Verfassung löst sich das Räthsel, daß ein dreihundertjähriger Rechtszustand noch jetzt vollkommen zeitgemäß erscheinen kann, und gerade jetzt, wo das Gefühl der Freiheit und der Menschenwürde neu erwacht ist. Steht nun in dieser Verfassung, auf welche der neue Vertrag gegründet werden soll, das Verhältniß zwischen Regenten und Volk so vernünftig, menschenwürdig und darum auch für unsere Zeit geläutert da: sollen wir dazu schweigen, wenn man uns zwischen Adel und übrigem Volk ein Verhältniß herbei führen will, das jenen rein menschlichen Verband durch Mysticismus und Vorurtheil beflecken würde? Der Adel nehme denjenigen Standpunkt ein, der seinen geschichtlichen Beziehungen und seinem Grundbesitz angemessen ist! Wir machen dem Adel seine Rechte nicht streitig. Aber man spreche uns nicht von Söhnen Gottes und Söhnen des Menschen, man stelle nicht Geburt und Verdienst in Vergleichung! Adels vorurtheil ertragen wir nicht. Darum keine Adelskammer! (Prälaten und Gelehrte beunruhigen uns nicht.) Kein Stand soll dem menschlichen Verkehr mit den andern enthoben sein, alle sollen sich gegenüberstehen, Auge in Auge, wie es Menschen gegen Menschen geziemt. Man sage uns nichts von Rechten, (wären es auch Kasse und Ausschuß), deren Ausübung wir durch Zugeben der Adelskammer zurückerlangen möchten, nichts davon, wie die Adelskammer in Steuersachen und sonst unschädlich gemacht werden könnte! Um die Idee ist es zu thun, um die Menschenwürde . Unser Adel selbst hat die Trennung nicht begehrt, er wird nicht begehren, was die Zeit verwirft. Dreißig Jahre lang hat die Welt gerungen und geblutet, Menschenrecht sollte hergestellt, der entwürdigende Aristokratismus ausgeworfen werden, davon ist der Kampf ausgegangen. Und jetzt, nach all dem langen, blutigen Kampfe, soll eben dieser Aristokratismus durch neue Staatsverträge geheiligt werden? Hiezu einwilligen, ihr Volksvertreter, hieße den Todeskeim in die Verfassung legen, neue Umwälzungen vorbereiten, unsere vernünftige altwürttembergische Verfassung entweihen, die Sache des Vaterlandes und der Menschheit verlassen.« Brief Uhlands an Varnhagen von Ense. Tübingen, 5. April 1817. »Theuerster Freund! Aus einem Deiner Briefe an Kerner ersehe ich, daß Du ein Votum gegen zwei Kammern herausgegeben hast. Da ich überzeugt bin, daß Du den Gegenstand gründlich und eindringlich behandelt, so wünschte ich sehr Deine Schrift auch bei uns in Umlauf zu bringen, und du würdest mich verpflichten, wenn Du mir zu diesem Behuf so bald als möglich einige Exemplare zusenden wolltest. Unsere Stände haben sich schon früher bestimmt gegen zwei Kammern erklärt und hiernach in ihren Verfassungsentwurf nur Eine aufgenommen. Auch der König war dagegen. Die Trennung in zwei Kammern ist aber eine leitende Idee bei Wangenheim, der seit geraumer Zeit von Seiten der Regierung an der Spitze der Unterhandlung steht. Er hat diese Idee in den königlichen Verfassungs-Entwurf gebracht und wird Alles daran setzen, sie zu realisieren. Er findet auch jetzt noch bei dem größern Teil der Stände keine Neigung dafür, vielmehr hat sich die Abneigung zum Teil schon entschieden genug ausgesprochen. Gleichwohl scheint es mir nicht überflüssig, hierüber die öffentliche Meinung noch weiter aufzuregen und zu bestimmen. Wir hatten nämlich früher in Württemberg keinen Landadel und das Verhältnis zum Adel ist deshalb ein Punkt, der bei uns bisher nicht so gäng und gebe geworden, wie andere Teile der Verfassung. Auf die Wichtigkeit dieses Gegenstandes muß daher fortdauernd aufmerksam gemacht werden. Du erhältst hiebei auch mein Votum, das soeben die Presse verläßt. Du siehst, ich habe mir die Sache leicht gemacht und sie von der aller einfachsten Seite aufgefaßt. Die einfachste Seite aber wird bei staatsrechtlichen Verhandlungen oft am meisten vernachläßigt. Der kleine Aufsatz ist übrigens aus specieller Veranlassung entstanden und es war nicht sowohl um die Deduction, als um das offene Aussprechen zu thun. Ueber unsere Angelegenheiten wird große Täuschung verbreitet. Ich muthe Dir nicht zu, diese zu durchdringen, aber ich bitte Dich, wenn etwa in künftiger Woche schon ein völliger Bruch eintreten sollte, den Vorwurf nicht zum Voraus schon auf die Stände zu werfen. Sie sind gerade jetzt in sittlicher Hinsicht ihren Gegnern sehr überlegen. Kerner ist nicht zum Politiker geschaffen; er ereifert sich, wie ein Mädchen, über eine Einzelheit, die nicht einmal eigentlicher Streitpunkt ist und sich leicht geben würde. Meine vaterländischen Gedichte, die Du zum Theil schon kennst, habe ich zusammendrucken lassen und überschicke sie Dir hiebei. Mit herzlichen Grüßen Dein U.« Da die Unterhandlung der Regierung mit den Ständen nicht zu dem von ihr gewünschten Ziele führte, so wurden sie am 5. Juni aufgelöst. Uhland weiht den Ständen einen Nachruf, der mit der Anerkennung ihrer Festigkeit zugleich sein politisches Glaubensbekenntniß enthält. Noch ist kein Fürst so hoch gefürstet, So auserwählt kein ird'scher Mann, Daß, wenn die Welt nach Freiheit dürstet, Er sie mit Freiheit tränken kann. Daß er allein in seinen Händen Den Reichthum alles Rechtes hält, Um an die Völker auszuspenden So viel, so wenig ihm gefällt. Die Gnade fließet aus vom Throne, Das Recht ist ein gemeines Gut; Es liegt in jedem Erdensohne, Es quillt in uns wie Herzensblut, Und wenn sich Männer frei erheben Und treulich schlagen Hand in Hand, Dann tritt das innre Recht in's Leben Und der Vertrag giebt ihm Bestand. Vertrag! es gieng auch hier zu Lande Von ihm der Rechte Satzung aus; Es knüpfen seine heil'gen Bande Den Volksstamm an das Fürstenhaus. Ob Einer im Palast geboren, In Fürstenwiegen sei gewiegt, Als Herrscher wird ihm erst geschworen, Wenn der Vertrag besiegelt liegt. Solch theure Wahrheit ward verfochten, Und überwunden ist sie nicht. Euch Kämpfer ist kein Kranz geflochten, Wie der beglückte Sieg ihn flicht: Nein, wie ein Fähnrich wund und blutig Sein Banner rettet im Gefecht, So blickt ihr, tief gekränkt, doch muthig Und stolz auf das gewahrte Recht. Kein Herold wird's den Völkern künden Mit Pauken und Trompetenschall, Und dennoch wird es Wurzel gründen In deutschen Gauen überall, Daß Weisheit nicht das Recht begraben, Noch Wohlfahrt es ersetzen mag; Daß bei dem biedern Volk in Schwaben Das Recht besteht und der Vertrag. Nach Auflösung der Landstände trat eine ruhigere Zeit für Uhland ein, die er, freilich immer neben den Advokatengeschäften, der Ausarbeitung des Herzog Ernst widmete. Mitte August kam er damit in's Reine und machte dann mit Herrn und Frau Schott, dem gewesenen Landtagsabgeordneten Apotheker Gaupp und dessen Frau eine Reise, den Neckar hinab nach Heidelberg und Worms. In Heidelberg wohnte er mit Schott bei Buchhändler Winter. Durch seine Reisegenossen wurde er mit Kirchenrath Paulus bekannt, wo er dann auch Jean Paul kennen lernte. Bei Boisserée's hatte er die Freude, auch Tieck zu treffen. Der Herzog Ernst wurde bei Winters vorgelesen und günstig aufgenommen, so daß Winter über den Druck einen Vertrag mit Uhland abschloß um ein Honorar von 400 fl. An seinen Vater schreibt er darüber: »Zu meinem Herzog Ernst haben sich mir vier Verleger angeboten.« Da König Wilhelm für jetzt von Berufung der Stände abstrahirt hatte, so sollte das Land ohne solche neu organisirt werden. Uhland schrieb hierüber Folgendes nach Hause. Stuttgart, 10. November 1817. »Liebste Eltern! Nachdem man auf heute das Erscheinen des großen Organisationswerks erwartet hatte, so hört man, daß in der verflossenen Nacht alles schon Gedruckte zusammengerafft, in Kisten gestampft und versiegelt worden ist. Man will dieß den Protestationen der Geheimenräthe zuschreiben und es soll jetzt von diesen die Sache erst debattiert werden. Wenn diese Debatte nicht eine bloße Förmlichkeit ist, so kann sich die Sache noch ziemlich in die Länge ziehen. Indeß ist jetzt entschieden, daß Malchus Finanzminister, Otto Minister des Innern ist, womit das Kirchen- und Schulwesen vereinigt wird, und Kerner in den Geheimenrath zurücktritt. Wangenheim wird heute als Gesandter beim Bundestag nach Frankfurt abgereist sein. Er soll selbst um seine Entlassung vom Ministerium gebeten haben. Auch höre ich, daß der Abtritt von der Lühe's vom Justizministerium bestimmt sei, ihn wird Neurath ersetzen. – Es sind durch diese Geschichten eine Menge Menschen in einer sehr gespannten Lage. Mehreres weiß ich für dießmal außer bloßen Gerüchten nicht zu schreiben. Mit herzlichen Grüßen Ihr gehorsamer Sohn L.« Schon im Frühjahr hatte der Vater an seinen Sohn geschrieben, daß im Senat von mehreren Mitgliedern darauf angetragen worden sei, ihn an die Universität zu berufen und hatte die sehr günstigen Gutachten der Senatoren beigelegt; in einem Briefe vom December kommt er wieder mit Folgendem darauf zu sprechen. Tübingen, 18. December 1817. »Lieber Sohn! Wir danken Dir sehr für die überschickten Exemplare Deines Trauerspiels, das ich aber noch nicht Zeit gewann, mit Muße zu lesen; die zu meiner Disposition beigelegten Exemplare erhielten Dr. Bengel, Prof. Ferdinand Gmelin und von Bühler. Letzterer interessirt sich sehr für Dich. Vor einigen Tagen schrieb er mir, er wünsche zu wissen, wie Dir die neue Organisation gefalle; er habe auch Deinen Namen vergebens darin gesucht, worauf ich ihm nur im Allgemeinen antwortete und bemerkte, daß Du bisher keine Anstellung gesucht habest. Vor wenigen Tagen ist der Senat beauftragt worden, sich über die Anstellung des Repetenten Tafel, der das gleiche Fach wie Conz übernehmen soll, und Rückerts, der besonders das Fach der alten und neuen deutschen Sprache und Literatur mit praktischen Uebungen verbunden, lehren soll, gutachtlich zu äußern, und man glaubt, Jeder werde 1200 fl. erhalten. Auf Rückert, den man nur aus dem Morgenblatt kennt, wird wohl auf keinen Fall angetragen werden. – In Rücksicht, daß es Dir etwas Leichtes sein dürfte, die letztere Stelle zu versehen, daß die Verhältnisse einer solchen Stelle nicht unangenehm sind, daß du an Ferd. Gmelin und A. gute Gesellschaft erhieltest, daß ich annehmen darf, du werdest in dem Falle in Vorschlag gebracht werden, wenn man weiß, daß Du die Stelle annehmen würdest, wünsche ich mit der ersten Post Deine Meinung darüber zu erhalten. – –« Ludwig Uhlands Antwort an seine Eltern. Stuttgart, 17. December 1817. »Liebste Eltern! Den Brief des lieben Vaters nebst Zins-Quittungen habe ich erhalten und werde den Einzug der Gelder besorgen. Was die Professorsstelle für deutsche Literatur anbelangt, so steht mir in Hinsicht derselben der nämliche Grundsatz entgegen, der mich von jeder Bewerbung bei der neuen Organisation abhalten mußte: vor Herstellung eines Rechtszustandes in unserem Lande auf jede Stelle zu verzichten, welche mit einer Verpflichtung auf den Namen des gegenwärtigen Königs verbunden wäre. Wenn unsere Collegien nach diesem Grundsatz gehandelt hätten, so wären wir jetzt schwerlich in diesem verfassungslosen Zustand. Wegen des Helferathauses in Haiterbach habe ich schon früher mit Wepfer gesprochen. Er hat zwar die Sache nicht im Referat, versprach aber nachzusehen. Ich werde ihn wieder anmahnen. Es dürfte auch zweckgemäß sein, wenn Meyer eine ernstliche Vorstellung darüber machte. Gegenwärtig bin ich wieder mit einer Criminaldefension behaftet. Ich werde wahrscheinlich diese Woche noch zum gütlichen Verhör nach Ludwigsburg mich begeben. Daß Schwab jetzt hier ansäßig ist, freut mich, wiewohl ich ihn künftig in Tübingen vermissen werde. Sie und die liebe Schwester grüße ich von Herzen Ihr gehorsamer Sohn L.« In wehmüthiger Stimmung richtet er am letzten Tag des Jahrs einen Brief an die Eltern, mehr für sie, als für sich bekümmert. Stuttgart, 31. December 1817. »Liebste Eltern! Meinen innigsten Dank für das schöne Christgeschenk! Das seidene Halstuch ist gerade recht gekommen, um seinen zerrissenen Vorgänger zu ersetzen. Die Feiertage habe ich meist mit einer Criminaldefension zugebracht, die am Sonntag abgegangen ist. Am Freitag kam Karl Mayer hierher, auf der Durchreise nach Ulm, wohin er heute abgegangen ist. Der heutige Abend wird auf dem Museum mit einem Ball gefeiert. Ich für meinen Theil werde demselben nicht anwohnen, sondern bei Rosers zu Nacht essen. Mit leichtem Herzen kann ich freilich nicht in das neue Jahr eintreten, nachdem es mir im verflossenen so wenig gelungen ist, meine Wünsche, und woran mir eben so viel liegt, die Ihrigen an mir erfüllt zu sehen. Wenn ich aber Dem folge, was die innere Stimme mich heißt, so glaube ich nicht, daß ich es zu verantworten haben werde, was daraus Unerfreuliches erwächst. Es kann aber auch noch Gutes erwachsen, und schon manchmal hat sich ein Lichtstrahl eröffnet, wo Alles verschlossen schien. In dieser Gesinnung wünsche ich uns Allen ein glückliches neues Jahr. Der lieben Schwester danke ich schönstens für ihren Brief. Mit treuer Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« Außer dem Drama Herzog Ernst , sind in diesem Jahre nur die vaterländischen Gedichte: »Den Landständen am Christophstag,« »Gebet eines Württembergers« und »Nachruf,« und dann das Eine Gedicht: »An die deutsche Sprachgesellschaft,« zum Druck gelangt. Brief vom Vater Uhland an seinen Sohn. Tübingen, 23. Januar 1818. »Liebster Sohn! In meinem letzten Schreiben habe ich meine und der lieben Mutter Wünsche in Beziehung auf deine Versorgung und zugleich die Gefühle geäußert, die bei unserer Sorge für dein Wohl dadurch erregt werden mußten, daß so viele Deinesgleichen und auch weit Jüngere bereits angestellt sind, Du aber noch ganz auf dem nämlichen Punkte stehst, wie vor mehreren Jahren. Als Vater, dem das Wohl seines einzigen Sohnes so sehr am Herzen liegt, glaubte ich verpflichtet zu der Aeußerung zu sein. Es bleibt mir nun nichts übrig, als mein ganzes Vertrauen in die gütige Vorsehung auch in Beziehung auf Dich zu setzen und ihr Deine Wege und Deine Versorgung zu empfehlen. Oft habe ich auch Sorge, daß Dein Einkommen nicht hinreiche; dann denk ich aber wieder, daß in Stuttgart viele Advokaten sich gut fortbringen, und daß Du in Stuttgart viele gute Freunde hast. Du wirst nun schon eine jährliche Berechnung machen können; es wäre mir lieb, wenn ich über diesen Punkt beruhigt würde. Hat man Dich wohl gar nicht gefragt, ob Du Procurator werden oder sonst eine Stelle annehmen wolltest? Ich hätte geglaubt Georgii, der Dich kennt, würde doch an Dich denken. Bei der Universität geht es wunderlich zu. Von Forstner und List sollen als Mitglieder der staatswirtschaftlichen Facultät und Professoren in den Senat kommen. So etwas hätte man sich vor einigen Jahren nicht träumen lassen. Die hiesige Universität erhält dadurch etwas Eigenes vor allen anderen Universitäten, daß sie jetzt nicht nur 32 Senatoren zählt (in Göttingen sind es 14), sondern nicht wissenschaftlich gebildete Professoren hat und das größte Kollegium im Königreich ist. Unter herzlichen Grüßen von uns Allen Dein treuer Vater Uhland.« Den alten Universitäts-Bürger und Professoren-Sohn verletzt die Neuerung. Wie mußte es ihn erst schmerzen, daß der Sohn, der im Senate zu einer Professur in Vorschlag gebracht worden, aussprach, er könnte unter den jetzigen Umständen die Stelle gar nicht annehmen, wenn auch je der Minister darauf eingienge. Wohl wußte er, daß dieser Entschluß den Sohn ein Opfer koste, aber beklagt hat er ohne Zweifel diese Ansicht des Sohnes, da er wußte, daß er die Advokatur so wenig mit Neigung betrieb. Gegen das Ende des Jahres beschäftigten Uhland neben seinen juridischen Arbeiten dramatische Plane: »Der Nibelungen Tod,« »Der arme Heinrich« unter andern. Ein Ausschreiben des Königs von Bayern zu einer Preisbewerbung für ein Stück aus der bayrischen Geschichte bestimmte ihn zu dem Drama »Ludwig der Bayer,« welches er »als ein Symbol der deutschen Stammes-Einheit« auffaßte. Gustav Schwab, der seit Kurzem als Professor am obern Gymnasium angestellt war, und seine Braut, Sophie Gmelin aus Tübingen heimgeführt hatte, nahm regen Theil an dieser Arbeit, welche ihm, so wie sie vorschritt, mitgetheilt wurde. So selbstständig Uhland im Handeln war, so sehr war ihm Anregung und Billigung eines Freundes bei seinem dichterischen Schaffen Bedürfniß, weil er leicht mißtrauisch gegen seine Leistungen wurde. Frau Schwab war ihm als Landsmännin und als Freundin seiner Schwester schon lange werth, und wenn die Annahme Grund hat, daß ihre frühe schon als Braut verstorbene Schwester in des Dichters erster Jugend Eindruck auf sein Herz gemacht, (die zwei Lieder: »Ein Abend« und »Rückleben« sollen sich auf sie beziehen), so wäre neben ihrer eigenen Liebenswürdigkeit noch ein weiterer Grund vorhanden gewesen, eine Anziehungskraft auf ihn auszuüben. Er durfte manche trauliche Stunde in diesem neuen Hauswesen zubringen, das für Viele eine Quelle edlen Genusses wurde. Wie viel herzliche Theilnahme und Freundschaft Uhland von diesem jungen Paare zukam, werden wir später noch hören. Der neue Schwager Uhlands war zum Helfer in Haiterbach ernannt worden, und am 2. Mai wohnte Uhland der Hochzeit der geliebten Schwester in Tübingen bei. Am Hochzeitstag, in seinem kleinen Stübchen mitten unter den Zubereitungen zum Hochzeitsmahl, dichtete er das nebenstehende Lied. Du lebtest an der Eltern Herde, Du warst ihr Trost, ihr liebstes Gut; Du scheuchtest Sorgen und Beschwerde Mit Deinem heitern Jugendmuth. Der Blumen wußtest Du zu pflegen, Und hast damit das Haus geschmückt, Und selbst bei Wintersturm und Regen Der Eltern Blick daran erquickt. Doch wenn die Tochter freudig blühet, Dann drohet Schmerz der Mutter Brust, Dann ist der Tag schon aufgeglühet, Der Beides bringet, Leid und Lust. Die Liebe, die vom Himmel steigend, Allmächtig herrscht, wo sie erscheint, Sie naht und wir gehorchen schweigend, Wenn sie hier trennt und dort vereint. Er selbst, der Dich von hinnen führet, Trägt an der Trennung keine Schuld; Der Liebe, die sein Herz berühret, Mußt er sich fügen in Geduld. Den Seinen hat sie ihn entrissen, Ihn traf der herbste Trennungsschmerz, Die Vatererde muß er missen, Und seine Heimat ist Dein Herz. Doch einmal noch wird er umfassen Des alten Vaters theures Haupt, Und wird vor ihn Dich treten lassen, Damit der Vater sieht und glaubt. Wohl Dir, wenn dann von Lust durchdrungen, Der Greis gesteht, Du seist es werth, Daß so der Sohn nach Dir gerungen, Um Dich des Vaterlands entbehrt. So zeuch denn hin zum frommen Greise Und schiff hinab den freud'gen Rhein, Und laß die schöne Frühlingsreise Ein Sinnbild Deiner Zukunft sein. Fahr wohl! geneigt sei Wind und Sonne, Und kehrst Du in das eig'ne Haus, So füll auch das mit sanfter Wonne Und schmück auch das mit Blumen aus. Die Mutter und der Bruder begleiteten das junge Paar auf der Reise nach Hannover bis Karlsruhe zu den Verwandten. Bei Freund Varnhagen lernte Uhland nun auch dessen Gattin kennen und las dort die fertigen Gesänge seines Fortunats. Nach der Rückkehr wurde der »Ludwig« vollendet und mit dem Motto: Poscimur nach München geschickt. Es kamen 35 Stücke beim Preisgericht ein. Daß der Preis nicht Uhland zufiel, ist bekannt. Das Stück wurde dann Reimer in Berlin in Verlag gegeben. Auf eine neue Anfrage seines Vaters, ob er sich nicht um die Justitiar-Stelle in Tübingen melden wolle, antwortet Uhland: Stuttgart, 4. October 1818. »Liebster Vater! Es ist mit mir sonderbar gegangen; als ich eifrigst irgend eine Anstellung suchte, wollte sich nichts fügen, und erst seit mir Grundsätze verbieten, mich um eine solche zu bewerben, kommt man mir da und dort entgegen. Ich will aber meinen Grundsätzen getreuer bleiben als ... es seinen politischen Gesinnungen geblieben ist. Würde ich jetzt nach mehrjähriger Ausdauer zurücktreten, so müßte ich Alles, was ich bisher durchgemacht, für eine Thorheit erklären. Hievon abgesehen würde zwar die befragte Stelle den Vortheil gewähren, mich in Ihre Nähe zu bringen. Auf der andern Seite aber muß ich doch bezweifeln, ob der neue Justitiar so gestellt werden werde, daß es als eine gründliche und dauernde Versorgung angesehen werden könnte. Vielleicht würde sich doch bald das Bedürfniß ergeben, eine andere Anstellung zu suchen. Professor Rösler ist wahrscheinlich Derjenige, der die Sache eingeleitet hat; er hat schon vor einiger Zeit etwas Aehnliches gegen mich geäußert. Ich bin ihm für seine wohlwollende Fürsorge allen Dank schuldig, wenn ich gleich davon keinen Gebrauch mache. Die Empfindungen, die dieser neue Anlaß in mir erregt, will ich in mich verschließen. Ich hatte fast im Sinne, geschwind nach Tübingen zu kommen und Ihnen meine Gesinnung mündlich mitzutheilen. Weg und Wetter sind aber zu schlecht und aufhalten wollte ich die Sache auch nicht. Die bevorstehende Organisation wird auch auf mich Einfluß haben und mich vielleicht zu einem entscheidenden Schritte drängen, was denn wohl auch eher zu einem glücklichen Ziele führen könnte, als das bisherige Hinbrüten. Ich wünsche, daß Sie zu der Reise nach Haiterbach bessere Witterung bekommen mögen. Es freut mich sehr, daß den lieben Haiterbachern, die ich sammt der lieben Mutter herzlich zu grüßen bitte, der elterliche Besuch zu Theil geworden. Was die Organisation betrifft, so spricht man davon, daß sie in ungefähr sechs Wochen an das Tageslicht gebracht sein werde. Vielleicht hat es einigen Aufenthalt verursacht, daß Präsident Groß, welcher erst neuerlich über die neue Justizeinrichtung befragt worden, sich sehr ungünstig darüber geäußert haben soll. Ueber die künftigen Weinpreise weiß man auch hier noch nichts Bestimmteres; was ich über diesen Gegenstand erfahre, werde ich Ihnen berichten und mich auch deßhalb in Feuerbach erkundigen. Es soll jetzt für jeden der vier Kreise ein besonderer Obergerichtshof angeordnet werden, welcher sich in zwei Senate, der eine für die Criminal- und der andere für die Civilsachen, abtheilen würde. Dieses würde daher auch eine andere Einrichtung des Cassations-Gerichtshofs in Tübingen bewirken. Die Zinsgelder werde ich entweder mit dem Dienstags-Postwagen oder zugleich mit der Wäsche übersenden. Mit herzlicher Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« Im nächsten Briefe, schon nach drei Tagen, berichtet er dem Vater: – – »Die neue Organisation soll in einem Hauptedict und mehreren Instruktionen und Decreten, welche dem ersteren als Beilagen dienen, bestehen. Diese Piecen werden schubweise an die zweite Abtheilung des Geheimenraths zur Berathung hinübergegeben. Das erste, was man hinübergab, war das Besoldungsdecret, worüber aber im Geheimenrath die Meinung gewesen sei, daß man nicht über die Besoldungen urtheilen könne, so lange man noch nicht wisse, was Diejenigen zu thun haben werden, denen diese Besoldungen bestimmt seien. Ueberdem seien über die Sache selbst bedenkliche Aeußerungen gefallen, und namentlich habe Präsident Georgii erklärt, daß diese Organisation nur in verfassungsmäßigem Weg eingeführt werden könne, indem die bisherigen Proceßordnungen verabschiedete Gesetze seien, welche nicht einseitig aufgehoben werden können. Es würde gerade bei einer neuen Einrichtung im Justizfache am unpassendsten sein, wenn solche nicht im Wege der Gerechtigkeit ausgeführt würde. Es wird sich nun zeigen, ob man die Geheimeräthe, die solche Bedenklichkeiten zeigen, noch ferner zu Rathe zieht.« – – Daß ihm von Seiten der Regierung eine Oberamtsrichter-Stelle oder der Eintritt in einen Gerichtshof angeboten wurde, das mochte der Sohn, der seinem Grundsatze, nicht in einen württembergischen Staatsdienst während der verfassungslosen Zeit einzutreten, getreu bleiben mußte, gar nicht sagen, um den Eltern den Schmerz zu ersparen; wir ersehen es nur aus seinem Tagebuch. Die Stelle in Uhlands Brief vom 4. Oct.: »Die bevorstehende Organisation wird auch auf mich Einfluß üben und mich zu einem entscheidenden Schritt drängen,« bezieht sich auf sein Vorhaben, sich außerhalb Württembergs um eine Universitäts- oder auch Kanzleistelle umzusehen. Schon vom 19. Sept. ist das Fragment eines Briefes an Varnhagen datirt, worin er diesem seinen Entschluß mittheilt. Ungeachtet der Brief nicht vollendet wurde, soll er doch hier folgen, da er die Gründe, die ihn dazu bestimmten, darin niedergelegt hat. »Theuerster Freund! Ich kann in den Fall kommen, und er ist vielleicht nahe, daß ich Württemberg verlassen muß. Es ist mir schon angekündigt, daß ich nach einer neuen Einrichtung nicht mehr hier werde als Advokat practiciren können. Das Advokatengeschäft habe ich, wie Du weißt, nie aus Neigung getrieben. In beständigem Widerstreit mit meiner Natur verzehrt es mich innerlich, ohne mir auch nur äußerlich eine erträgliche Existenz zu verschaffen. Es sollte mir blos eine Auskunft sein, mich so lange unabhängig zu erhalten, bis andere öffentliche Verhältnisse eintreten würden. Diese habe ich längst vergeblich abgewartet und ferneres Warten würde mich verderben. Durch sehr feste Bande bin ich an mein Vaterland geknüpft, und es ist nur die Nothwendigkeit, die mich losreißt. Zeigt sich mir ein Mittel, meinen Grundsätzen unbeschadet zu bleiben, ich werde es mit Freuden ergreifen. Einstweilen aber darf ich nicht versäumen, mich um ein Unterkommen auswärts umzusehen. Du stehst mit vielen Menschen und Orten in Berührung, daher meine Anfrage an Dich: ob Du Dich auf nichts besinnen könntest, was mir dienen möchte? Ich weiß, man pflegt in solchen Fällen nicht eben die Auswahl zu haben, doch ist zu wünschen erlaubt. Was ich suche, ist« – – So weit geht der Brief; Uhland beschließt dann aber später selbst nach Karlsruhe zu reisen. Im Anfang des December geht er zuerst nach Tübingen, um mit den Eltern über seine Verhältnisse zu sprechen. So viel lieber sie ihn auch in der Nähe behalten hätten, so sind sie doch mit seinen Schritten zur Anstellung auswärts einverstanden. Professor Bahnmeyer von Tübingen hatte schon für ihn nach Basel wegen einer Professorsstelle geschrieben. Von Tübingen aus besucht Uhland die Schwester in Haiterbach, geht von dort zu Fuß weiter nach Calw, und von dort in einem Wintertag wieder zu Fuß nach Karlsruhe, wo er bei seiner Tante immer die liebreichste Aufnahme fand. Auch von Varnhagen ist er freundlich aufgenommen und dieser bemüht sich in verschiedenen Richtungen für seine Wünsche. Durch die Angelegenheit, die ihn nach Karlsruhe geführt, nicht eben heiter gestimmt, las er dennoch bei Varnhagens seinen »Ludwig der Bayer« vor. Auch an Kirchenrath Paulus, den er bei Schotts und Gaupps öfters gesprochen, wendet er sich in dieser Angelegenheit. »Hochwohlgeborner, Hochzuverehrender Herr Geh. Kirchenrath! Schon bei Ihrer Anwesenheit in Stuttgart ist die Rede davon gewesen, wie sehr mir eine baldige Veränderung meiner Lage erwünscht sei. Die Advokatenpraxis habe ich nie aus Neigung getrieben, sondern sie sollte mir blos dazu dienen, mich bis zur Erledigung unserer Verfassungs-Angelegenheiten in einiger Unabhängigkeit zu erhalten. Nun ist aber nicht blos die endliche Herstellung eines verfassungsmäßigen Zustandes weit aussehend, sondern ich bin auch, wie Euer Hochwohlgeboren schon aus meinen mündlichen Aeußerungen wissen, durch eine bevorstehende neue Justiz-Organisation gedrängt. Bei uns, unter dermaligen Verhältnissen, in den eigentlichen Staatsdienst zu treten, ist gegen meine Ihnen bekannte Grundsätze. Mein angelegentlichster Wunsch muß es daher sein, außerhalb Württembergs eine Stelle zu finden, die mir das nöthige Auskommen gewährte und mich in eine, meiner Neigung und Naturanlage angemessene Thätigkeit versetzte. Sie haben bereits Kenntniß davon, daß ich mich wegen der Lehrstelle für deutsche Literatur, in Verbindung mit der Theorie der schönen Wissenschaften, welche bei der neuorganisirten Universität Basel errichtet werden soll, dorthin gewendet habe. Die erhaltenen Nachrichten lauten aber dahin, daß es sich mit der wirklichen Besetzung der neuen Lehrstühle noch ziemlich in die Länge ziehen dürfte. Auch in Karlsruhe war ich neuerlich und erkundigte mich dort, ob nicht auf einer der badischen Universitäten in ähnlichen Fächern, wozu ich noch besonders die Erklärung der altdeutschen Dichtwerke rechne, etwas zu machen wäre, und man schien dieses nicht für unmöglich zu halten. Sollte sich hiezu Gelegenheit darbieten, so erlaube ich mir, Ihre wohlwollende Verwendung in Anspruch zu nehmen. Früher schon habe ich ein Augenmerk auf die freie Stadt Frankfurt gerichtet, und es wäre mir von großem Interesse, zu erfahren, ob nicht daselbst bei dem Gymnasium in den oben bemerkten oder verwandten Lehrfächern, bei einer Bibliothek, einem Archiv, einer Kanzlei, Anstellung zu erhalten wäre. Ich selbst kenne in Frankfurt Niemanden, an den ich mich unmittelbar wenden könnte. Hingegen weiß ich, daß Euer Hochwohlgeboren daselbst angesehene Bekannte haben, bei denen durch Ihre gütige Verwendung zu meinem Zweck gewirkt werden möchte. Die literarischen Arbeiten, die mir zu einiger Beglaubigung dienen könnten, sind außer einer von mir selbst verfaßten juridischen Dissertation vom Jahre 1810 eine Abhandlung über das altfranzösische Epos in der Zeitschrift »die Musen« vom Jahre 1812, das Resultat meiner Nachforschungen in den altfranzösischen Handschriften der Bibliothek; die 1815 bei Cotta herausgekommene Sammlung meiner Gedichte, die Ihnen bekannten vaterländischen Lieder, die beiden historischen Schauspiele: »Ernst von Schwaben« und »Ludwig der Bayer«, deren letzteres nächstens bei Reimer in Berlin erscheinen wird. Geschäftskenntnisse in anderer Beziehung habe ich mir durch mehrjährige Advokatenpraxis und frühere Dienstleistungen in der Kanzlei des Justizministeriums erworben. Euer Hochwohlgeboren würden mich nun zu dem lebhaftesten Danke verpflichten, wenn Sie es übernähmen, bei Ihren Freunden in Frankfurt Erkundigungen einzuziehen und mir von deren Resultat baldige Nachricht zu geben. Der ich mit ausgezeichneter Hochachtung beharre Ihr Dr. Ludwig Uhland.« Aus einem Briefe an Uhlands Eltern theilen wir folgende Stellen mit: »Das Trauergeläute, das ich in Karlsruhe gehört hatte, ist bald auch hier erklungen. Der Tod der Königin war hier eben so unerwartet, als er Ihnen gewesen sein wird; man wußte kaum, daß sie unwohl war. Es wird davon gesprochen, der König werde eine Reise nach Weimar und Braunschweig machen; er ist sehr angegriffen. Die Organisation hat durch diesen Trauerfall auch Verzögerung erlitten, doch wird jetzt wieder gedruckt. Es scheinen auch wieder Landstände im Werke zu sein. Von Karlsruhe habe ich noch keinen Bescheid erhalten. Die in Frankfurt von Paulus eingezogenen Erkundigungen haben das Resultat ergeben, daß dort wenig oder gar nichts zu machen sei. Nach dem Kalender, den Sie mir überschickt haben, giebt es heuer ein recht angenehmes Jahr, keinen December, dafür mehrere Frühlings- und Sommermonate doppelt. Wir wollen zufrieden sein, wenn sie sich nur einfach einstellen.« L. Uhland an seine Eltern. Stuttgart, 5. Februar 1819. »Sie erhalten hiebei, liebe Eltern, Im Morgenblatt. ein Gedicht, das ich auf den Tod der Königin gemacht habe. Ich hielt für angemessener, es ohne meinen Namen drucken zu lassen. Doch mache ich kein Geheimniß daraus, daß ich der Verfasser bin, was sich auch leicht errathen läßt. Es thut mir leid, daß ich Ihnen für dießmal nicht mehr Exemplare schicken kann; das eine ist für die lieben Haiterbacher bestimmt. Es sind mir aber noch mehrere zugesagt, und dann kann ich mit Weiterem dienen. Mit inniger Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« In den ersten Monaten des Jahres 1819 arbeitet Uhland an einem Schauspiel: »Otto von Wittelsbach«, von dem aber nur der Plan und einige Aufzüge ausgeführt sind. Sein Trauerspiel: »Herzog Ernst von Schwaben« wurde zuerst in Hamburg aufgeführt. Uhland schrieb damals an seine Eltern: »Wie ich höre, wurde es beifällig aufgenommen; aus den Theateranzeigen in Hamburger Blättern ersehe ich, daß es am 5. Mai zum ersten, und am 10. zum zweitenmal gegeben wurde. Bei uns hat freilich der Schauspieldichter von solchen Vorstellungen eines gedruckten Stückes keinen Vortheil, während in Frankreich jede Vorstellung auf jedem Theater seine Procente abwirft.« In Stuttgart wurde dieses Stück von Auguste Brede zu ihrem Benefice gewählt, und nachdem sie und Eßlair sich mit dem Verfasser mehrmals darüber besprochen, am 7. Mai aufgeführt. Im Morgenblatt kam eine günstige Anzeige über diese Aufführung von Freiherrn von Thumb. Auch wurde das Stück bald wiederholt. Uhlands Eltern waren zur Ueberraschung ihres Sohnes zur ersten Aufführung nach Stuttgart gekommen. Der lebhafte Beifall mußte den Eltern sehr wohl thun. Der Vater wurde überhaupt durch die Wahrnehmung der Achtung, die seinem Sohne von vielen Seiten zu Theil wurde, über manches Mißlingen, manchen vergeblichen Wunsch getröstet. Seit dem Erscheinen der Gedichtsammlung und der vaterländischen Lieder hatte sich Uhland viele Freunde gewonnen und wurde oft von Fremden aufgesucht. Nachdem die Wiedereinberufung von Ständen ausgesprochen war, mußten alle dichterischen Plane von Uhlands Schreibtisch verschwinden, und die ständischen Verhandlungen, die französische Charte und Vinckes Verfassung von Großbritannien nehmen ihre Stelle ein. Aus einer Reihe Briefe, die Uhland in dieser Zeit an seine Eltern schrieb, folgen hier einige ganz, andere im Auszug. Stuttgart, 24. Juni 1819. »Liebste Eltern! Es hat mich sehr gefreut, aus dem Briefe der lieben Mutter zu ersehen, daß Sie und die lieben Haiterbacher wohl sind. Nun kommen ja die Landstände nach zweijähriger Unterbrechung wieder zusammen, und zwar einstweilen in Ludwigsburg. Wie man sagt, hat Groß es durchgesetzt, daß die Sache wieder auf den Vertragsweg eingeleitet wurde und die Stände nicht nach gegebenen Bestimmungen einberufen sind, woran vielleicht das Ganze wieder gescheitert wäre. Was mich betrifft, so werde ich mich zwar um keine Repräsentanten-Stelle umthun, wenn aber eine Wahl auf mich fällt, gedenke ich auch nicht abzulehnen. Gestern war ich mit Rosers, die gewöhnlich am Sonntag Abend bei Hofrath Pistorius zu Nacht speisen, dahin eingeladen, und wurde wohl aufgenommen. Ihnen und den lieben Haiterbachern meine herzlichen Grüße. Ihr gehorsamer Sohn L.« Stuttgart, 28. Juni 1819. »Liebste Eltern! Auf die gestern Abend durch Sie und Herrn Prof. Gmelin, dem ich für seine freundschaftlichen Gesinnungen sehr dankbar bin, erhaltenen Nachrichten, will ich nun abwarten, wie es mit der Wahl in Tübingen abläuft. Die Ludwigsburger Amtsangehörigen werden sich nun um einen Andern umsehen. Auch von Neuenburg wurde mir gestern noch ein Antrag gemacht. Ich bin nun begierig auf den Erfolg in Tübingen und bitte, mich davon bald möglichst zu benachrichtigen, auch, wenn die Wahl auf mich fällt, über das Stimmenverhältniß und wer nach mir die am meisten Begünstigten waren. Daß mir die Wahl für das Tübinger Oberamt erfreulich sei, hatte ich gleich Anfangs geschrieben. Nur wäre es gegen meine Gesinnung gewesen, blos durch äußeren Einfluß und mit Verdrängung eines früheren Repräsentanten, wenn solcher die Zuneigung der Wähler hätte, berufen zu werden. Ich vergaß seither zu schreiben, daß ich mit Cotta über eine neue Auflage meiner Gedichte übereingekommen bin und dafür 800 fl. Honorar bezogen habe. Damit kann ich mich nun doch ordentlich für den Landtag ausrüsten. Herzliche Grüße von Ihrem gehorsamen Sohn L.« Uhland wurde wirklich vom Oberamt Tübingen gewählt und begab sich zur Eröffnung der Ständeversammlung, die am 11. Juli statt hatte, nach Ludwigsburg. Ludwigsburg, 16. Juli 1819. »Liebste Eltern! Der Strudel, in dem wir uns seit unserer Ankunft hier befinden, hat mir seither nicht erlaubt, an Sie, noch an meine Committenten zu schreiben. Auch wird fast Alles ebenso bald im Schwäbischen Merkur, den Feuerlein mit landständischen Nachrichten versieht, gelesen, als ich es berichten könnte. Daß ich in das Comité zu Abfassung der Dankadresse gewählt war, werden Sie ersehen haben. Die Adresse ist von mir nach vorhergegangener Berathung im Comité aufgesetzt. Heute kamen zuerst die Propositionen des Convocationsrescripts über die Art der Verhandlung in Vortrag. Es wurde auf die Wahl von sieben Commissarien gestimmt. Hiezu wurden zuerst der Präsident und der Vicepräsident Weishaar bestimmt, die fünf übrigen sollen morgen, jeder besonders, durch absolute Stimmenmehrheit gewählt werden. Da diese Wahlart sehr umständlich ist, so werden wir ohne Zweifel vom Morgen bis zum Abend mit der Wahl zu thun haben. Ich schließe hier und behalte mir Mehreres auf einen ruhigern Tag vor. Mit herzlicher Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« Ludwigsburg, 19. Juli 1819. »Liebste Eltern! Die Zeit für das Schreiben geht mir immer sehr nahe zusammen. Ueber den Sonntag war ich in Stuttgart, wo ich Verschiedenes zu thun antraf. Am Sonntag Abend machten wir, Rosers, Emma und Schwabs, einen Spaziergang nach Heslach, und für das Abendessen war ich wieder zu Hofrath Pistorius eingeladen. Am Samstag war die Wahl der ständischen Commissarien, die durch absolute Stimmenmehrheit gewählt wurden. Die Wahl fiel außer dem Präsidenten und Vicepräsidenten auf Varnbühler, Zahn, Theobald, Gmelin und Burkhard von Rottweil. Statt des Letzteren hatten die Altwürttemberger mich im Sinne. Die Neuwürttemberger aber, mit denen der größte Theil des Adels gestimmt zu haben scheint, waren auf Burkhard versessen. Er machte schon Gmelin den Platz streitig und es mußte (da die absolute Stimmenmehrheit mehr als die Hälfte aller Stimmen erfordert) bei der Wahl des sechsten Commissärs (Gmelins) viermal und bei der Wahl des siebenten (Burkhards) dreimal abgestimmt werden. Es folgt hier ein Verzeichniß dieser sieben Abstimmungen für die zwei letzten Wahlen, wobei jedoch diejenigen, welche nur wenige Stimmen erhielten, nicht bemerkt sind. Für die Sache mag es gut sein, daß noch ein Neuwürttemberger hinein kam, es hätte sonst Eifersucht erregen können und mir für meinen Theil ist es mehr um die freiere Wirksamkeit in der Plenarversammlung als um die Commissionsgeschäfte zu thun. Heute wurde darüber debattirt, ob der Commission ein Comité beigegeben werden soll? Die Frage wird erst morgen zur Abstimmung kommen und wahrscheinlich verneint werden. Es wird dann auch etwas ruhigere Zeit eintreten, so daß ich auch an meine Committenten berichten kann. – Es freut mich sehr, daß die liebe Luise ihr Wochenbett in Tübingen halten wird. In Eile! Ihr gehorsamer Sohn L.« Stuttgart, 25. Juli 1819. »Liebste Eltern! Gestern wurde die landständische Deputation, von der auch ich Mitglied war, dem König vorgestellt. Sie bestand aus den sieben Commissarien, dann vierzehn gewählten Mitgliedern, welche bereits in der Zeitung genannt sind. Der Präsident hielt eine Rede, welche der König erwiederte. Er äußerte, daß er der einzige deutsche Fürst sei, der den Weg des Vertrags betrete, daß er uns hiezu die Hand biete und daß der Tag, an dem er den Vertrag unterzeichne, der schönste seines Lebens sein werde. Hierauf ließ er sich durch den Präsidenten jedes Mitglied der Deputation besonders vorstellen und sprach mit Jedem einige Worte. Zu Weishaar sagte er, daß er diesen Vertragsweg gerne betrete. Zu mir: er habe mir noch für ein Gedicht zu danken (ohne Zweifel das auf den Tod der Königin). Ich antwortete: es habe meine tiefste Empfindung ausgesprochen. Worauf er weiter äußerte: er hoffe, wenn wir in den Ansichten verschieden seien, so werden wir es nicht in den Gefühlen sein. Morgen werde ich wieder nach Ludwigsburg gehen, aber wahrscheinlich nur auf kurze Zeit, da während der Arbeiten der Commission wenig oder gar keine Sitzungen sein werden und sich deßhalb ohne Zweifel ein großer Theil der Versammlung beurlauben wird. Mit herzlicher Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« Die von Uhland verfaßte Adresse lautet wie folgt: Eure Königliche Majestät haben durch das Allerhöchste Manifest vom 10. d.M. die Versammlung der Stände einberufen, damit durch gemeinschaftliches Einverständniß das Werk der Verfassung vollendet werde. Der Tag, an welchem die Versammlung eröffnet wurde, ist derselbe, der einst Allerhöchst Sie vom Felde des Siegs in das jubelnde Vaterland zurückgeführt. Nicht minder ruhmvoll ist er dießmal aufgegangen. Von neuem den Weg des Vertrags betretend, auf dem sich von jeher die Verfassung des Landes entwickelt hat, bewähren Eure Majestät die höchste Achtung für Ihr Volk und den Geist der Gerechtigkeit, der des Fürsten erste Tugend ist. Erweckend, frohbelebend, hat jener Ruf vom Throne das Land durchdrungen. Wir, die versammelten Stände, glauben unsere und des gesammten Volkes freudige Dankbarkeit durch nichts so sehr im Sinne Eurer Majestät darlegen zu können, als durch redliche und rastlose Förderung des großen Werkes. Möge der Blick Eurer Majestät unsere Bestrebungen wohlwollend begleiten und in uns die Vertreter nicht blos der Rechte des Volks, sondern ebenso sehr seiner Liebe erkennen. Möge die erneuerte Verfassung hervorgehen aus der Kraft allseitiger Ueberzeugung, aus dem reinen dauernden Sieg des Vertrauens, der Wahrheit, der Gerechtigkeit. In tiefster, aufrichtigster Ehrfurcht verharren wir Eurer Königlichen Majestät allerunterthänigste, treugehorsamst versammelte Stände des Königreichs. Präsident: Fürst von Waldburg-Zeil-Trauchburg. Der Vicepräsident: Weishaar. Im Namen der Virilstimmführer: Ernst, Prinz zu Hohenlohe-Langenburg. Im Namen der gewählten Abgeordneten: Uhland, Abgeordneter des Oberamtsbezirks Tübingen. Die beiden Secretäre: Oberjustiz-Procurator Feuerlein. Dr. Schott. Stuttgart, 23. August 1819. »Liebste Eltern! Die Nachricht von der glücklichen Entbindung der lieben Schwester hat mich ausnehmend erfreut. Mögen Sie auch an dem Enkel noch viele Freude erleben! Unsere Commissarien werden vermuthlich um die Mitte der Woche fertig. Ihre Relationen werden sodann gedruckt und unter die Mitglieder vertheilt. Alsdann soll es mehrere Tage bis zur Eröffnung der Plenar-Versammlung anstehen, damit man sich vorbereiten und besprechen könne. Vielleicht fangen auf diese Art die Plenarversammlungen erst von heute über vierzehn Tagen wieder an. Allein es wird schon in der nächsten Woche, wenn man das Gedruckte in Händen hat, schwer abzukommen sein. Ob unter diesen Umständen mein Wunsch, bei der Taufe meines lieben Neffen anwesend zu sein, in Erfüllung gehen kann, muß ich bezweifeln. Auf jeden Fall aber wünsche ich Nachricht zu erhalten, wann die Zeit der Taufe sein wird. Nach Ludwigsburg gedenke ich morgen oder übermorgen zurückzugehen. Mit inniger Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« Ludwigsburg, 6. September 1819. »Liebste Eltern! Lange schon bin ich ohne Nachrichten von Ihnen, der lieben Luise und ihrem Kleinen. Ich hoffe, daß sich alle zusammen wohl befinden. Seit Wiedereröffnung der Verhandlungen gibt es viel zu thun. Wir haben die commissarische Proposition selbst noch nicht vollständig, auch erhält jeder nur ein Exemplar statt Manuscriptes, sonst würde ich dem lieben Vater und meinen Committenten das Erschienene mitgetheilt haben. Uebrigens wird es jedesmal gleich in der Zeitung abgedruckt und kommt dadurch auf dem schnellsten Wege zur allgemeinen Kenntniß. Freilich ist diese Proposition nicht so glänzend ausgefallen, als man sich anfangs Hoffnung machte. Besonders kann ich die Adelskammer nicht hinunterbringen, vollends so, wie hier die Einrichtung vorgeschlagen ist. Unsere Commissarien hätten sich, meines Erachtens, nimmermehr hierauf einlassen sollen. Neuerlich war ich Mitglied eines Comité, das zu Entwerfung der Adresse auf Oeffentlichkeit der Verhandlungen niedergesetzt wurde. Der Entwurf der Adresse ist von Herrn von Varnbühler. Heute wurde das erste Kapitel des neuen Entwurfs in der Versammlung abgehandelt. Es geht bis jetzt noch ziemlich friedlich her. Den Brief des lieben Meyers würde ich längst beantwortet haben, wenn ich gewußt hätte, ob ich meiner Abwesenheit ungeachtet als Taufpathe eingetragen worden bin. Heute erhielt ich eine Zuschrift der Sickenhäuser, worin sie mich ihren gnädigst erwählten Repräsentanten betiteln. Mit herzlichen Grüßen an Alle. Ihr gehorsamer Sohn L.« Stuttgart, Sonntag, 19. September 1819. »Liebste Eltern! Während der letzten vierzehn Tage war es mir unmöglich. Ihnen zu schreiben. Beständige Sitzungen, in der letzteren Zeit Vor- und Nachmittags, ließen kaum die nöthige Zeit zur Vorbereitung. Gestern Abend sind wir nun fertig geworden und unsere Arbeit ging noch gestern an die königlichen Commissäre ab. Der commissarische Entwurf hat freilich nicht viele wesentliche Aenderungen erhalten. Zwei Kammern sind geblieben, ich habe, wie Sie aus der Zeitung ersehen werden, auch noch einen Schuß dagegen gethan. Die Meinung, daß man in diesem Punkte nichts ausrichte, war übrigens in der Versammlung fast allgemein. Von diesem Punkte abgesehen, muß man gestehen, daß der Entwurf viel Gutes enthält und bei näherer Prüfung gewinnt, statt daß der frühere königliche Entwurf hin und wieder bloßen Schein gab. Statt des Kanzlers haben wir einen von der Universität gewählten Abgeordneten vorgeschlagen. Herr Vicekanzler brachte diese Veränderung selbst in Vorschlag. Auf den Mittwoch erwartet man die Antwort vom Könige und dann wird wahrscheinlich am Ende der Woche die Unterschrift des Vertrags erfolgen. Wenn nun freilich nicht jedem gerechten Wunsche entsprochen ist, so wird doch wieder ein Zustand der Ordnung und des Rechts im altherkömmlichen Wege des Vertrags hergestellt. Der Himmel gebe seinen Segen dazu! Der König wird, wie man hört, künftige Woche zum Congreß nach Warschau reisen. Um so besser, daß die Verfassung vorher unterschrieben wird. Auf Mittwoch bin ich nach Feuerbach zu Onkels Geburtstagsfeier eingeladen. Ob ich werde erscheinen können, ist noch ungewiß. Der lieben Schwester gratuliere ich nachträglich zum Geburtstag; ich habe an diesem Tage mit brüderlichen Wünschen an sie gedacht. Mit inniger Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« »Ich bin erst diesen Morgen wieder hierhergekommen und werde morgen wieder nach Ludwigsburg zurückkehren.« Am 23. September beschloß die Versammlung die Annahme des Entwurfs, welcher dann am 24. unterschrieben wurde. Vom 25. heißt es im Tagebuch so kurz als möglich: »Solennisation des Vertrags, Tafel bei Hof.« Den 26. hatten die Abgeordneten noch ein Abschiedsmahl zusammen und am 30. wurde die Rückreise nach Stuttgart angetreten. Schon am nächsten Tage besuchte Uhland dann die Eltern in Tübingen und erfreute sich des kleinen Neffen. In Stuttgart beschäftigte ihn nach der Rückkehr die Correktur und die Einreihung der neuen Gedichte in die zweite Ausgabe seiner Lieder und ebenso die Correktur von Fouqué's Gedichten. Zur Feier der Verfassung sollte in Stuttgart Uhlands Herzog Ernst gegeben werden, und er wurde um einen Prolog dazu ersucht. Es blieb ihm nur ein Tag dazu, denn am 26. Oktober erhielt er den Auftrag und am 27. Mittags fuhr er wieder nach Tübingen, wohin er zur Verfassungsfeier eingeladen war. Dort hielt am 28. der Bürgermeister vom Balkon des Rathhauses herab eine Rede, auf dem Marktplatz sang die Bürgerschaft, dann war feierliches Mittagsmahl; von diesem hinweg wurde Uhland von den Bürgern in ihr Festlokal abgeholt, las dort den von ihm verfertigten Prolog vor und beteiligte sich am Ball mit den Bürgersfrauen. Der nächste Tag findet ihn wieder in Stuttgart im Theater, wo Eßlair den Prolog vortrug, ein Festlied gesungen und dann Herzog Ernst gegeben wurde. War auch nicht alles erreicht, was Uhland gewünscht hätte, war auch die Adelskammer gegen seinen Sinn, so war doch die Verfassung auf das alte Recht, durch Vertrag zwischen Fürst und Volk neu begründet. Darauf legte Uhland, wie wir wissen, wie er in seinem Liede ausgesprochen, so großes Gewicht. Uhlands Vater war hocherfreut über die Anerkennung, die sein Sohn in Tübingen gefunden. Er schreibt ihm: »Es war für uns eine wahre Elternfreude, Dich hier ohne alle unser und Dein Zutun so allgemein geehrt zu sehen, und es wird dieser Tag mir so lange ich noch lebe, immer in angenehmer Erinnerung bleiben.« Die Ludwigsburger Versammlung hatte für Uhland persönlich auch eine erwünschte Folge. In den Briefen, die er von dort an seine Eltern schrieb, lesen wir öfters, daß er mit Rosers und Emma einen Spaziergang gemacht und daß er mit Rosers bei Hofrath Pistorius den Abend zugebracht habe. Der Name Emma wird schon seit dem Jahre 1815 öfters in seinem Tagebuch genannt. Das junge Mädchen, das er damit bezeichnete, hieß Emilie und wurde nur der Kürze wegen im Elternhause Emma genannt. Sie hatte ihren Vater, den Kaufmann Vischer in Calw, frühe verloren, und wuchs mit zwei ältern Geschwistern im Hause des zweiten Gatten ihrer Mutter, des Hofrath Pistorius in Stuttgart auf. Emmas ältere Schwester hatte sich gegen den Schluß des Jahrs 1814 mit Uhlands Freund, Roser, verheiratet; durch diesen wurde Uhland bei dessen Schwiegereltern eingeführt. Justinus Kerner war gleichfalls dort bekannt, und mit ihm wurde Uhland öfters zu Pistorius eingeladen, als jener im Jahre 1815 auf Besuch in Stuttgart war. Ob es eine Divination des Dichters war, oder ob Kerner so frühe schon eine keimende Neigung in dem Herzen des Freundes entdeckt hatte, von dieser Zeit an entstand die Sage, wohl durch Kerner veranlaßt, Uhland werde sich mit Emma Vischer verloben. Das Gerücht interessierte wohl das noch ganz junge Mädchen, mehr noch interessierten sie die gerade damals herausgekommenen Gedichte Uhlands, die sie bei der Schwester zu lesen bekam; aber – an dem ernsten, stillen Herrn Uhland war doch auch gar nichts von einem Liebhaber zu entdecken! Doch erwuchs aus dem anfänglichen Wohlgefallen mit der Zeit eine tiefere Neigung in Uhlands Herz, aber neben dieser Neigung wuchs auch eine immer lebhaftere Beteiligung an den württembergischen Verfassungskämpfen, wie sie sich in seinen vaterländischen Gedichten zeigt. Aus den Briefen Uhlands an seine Eltern ist auch ersichtlich, daß Uhland sich durch seine politischen Ansichten für verpflichtet hielt, vor Herstellung der Verfassung keinen Staatsdienst in Württemberg zu suchen oder anzunehmen. Dadurch fühlte er sich denn auch abgehalten, seine Neigung zu äußern oder als Bewerber um Emmas Hand aufzutreten. Seiner feinsinnigen Zurückhaltung ungeachtet gewann jedoch diese bei längerer Bekanntschaft einen tieferen Einblick in sein Herz und lernte begreifen, wenn auch unter manchen innern Kämpfen, daß einem überzeugungstreuen Manne kein Opfer zu groß sein dürfe, daß Uhland schweigen und zuwarten müsse, bis günstigere Umstände für seine Wünsche eintreten würden. Dieses Verständniß konnte in ihr die Hochachtung und Neigung nur vertiefen und durch treue Freunde, wie Schwabs, wurde die Hoffnung in beider Herzen bestärkt. Als im Spätjahr 1818 die Aussichten auf Herstellung der Verfassung sich immer mehr trübten, that Uhland die bekannten Schritte in Basel, Karlsruhe und Frankfurt, um zu einer Stellung im bürgerlichen Leben zu gelangen. Auch hier schien sich wenig Hoffnung auf Erfolg zu zeigen, aber nun war auch das lebendige Gefühl des Zusammengehörens in beiden Herzen so entschieden geworden, daß Uhland im Mai 1819 das folgende Lied am Geburtstag an Emma richtete. Am 15. Mai 1819. Zu eines Tages Ruhme, Der uns viel Heil beschied, Bricht man wohl eine Blume, Und singt man wohl ein Lied. Was heißt's, ein Blümchen brechen, Wo reicher Frühling blüht? Ein armes Lied zu sprechen, Wo volle Liebe glüht? Auf eines Berges Gipfel, Da möcht' ich mit Dir stehn, Auf Thäler, Waldeswipfel, Mit Dir herniedersehn. Da möcht' ich rings Dir zeigen Die Welt im Frühlingsschein, Und sprechen: wär's mein eigen. So war' es mein und Dein. In meiner Seele Tiefen, O sähst Du da hinab, Wo alle Lieder schliefen, Die je ein Gott mir gab! Da würdest Du erkennen: Wenn Aechtes ich erstrebt, Und mag's auch Dich nicht nennen. Doch ist's von Dir belebt. Die Mutter Emma's war schon im Jahr 1816 aus dem Leben geschieden. Auf ihr Grab hat Rückert seinen Sonettenkranz: »Rosen auf das Grab einer edlen Frau« niedergelegt. Emma's liebevoller Vater, wie ihr treuer Pfleger, Dr. Zahn von Calw, waren beide auch als Abgeordnete in der Ständeversammlung in Ludwigsburg und hatten dort die erwünschte Gelegenheit, mit Uhland näher bekannt zu werden. Waren auch die politischen Ansichten vielleicht nicht in allen Punkten dieselben, so überzeugten sie sich doch, daß die Tochter der theuren Verstorbenen, von dem zweiten Vater wie ein eigenes Kind betrachtet, an der Seite des ernsten, von denen, die ihn wenig kannten, wohl öfters schroff geheißenen Uhland, wohlgeborgen sei. Sie hatten UhIands Charaktertüchtigkeit und seinen edlen Sinn näher kennen lernen und er wurde nun als Familienglied angesehen, wenn auch die Verlobung noch nicht ausgesprochen wurde. In Tübingen war auch große Freude, daß die langst gehegten Wünsche sich der Erfüllung näherten. Die Mutter war nun beruhigt, daß ihr Sohn nicht, wie sie in ihrer Aengstlichkeit schon befürchten wollte als ein Hagestolz durch das Leben gehen werde. Anfang Decembers machte Uhland seinen Eltern einen längeren Besuch und arbeitete dort an seinem »Conradin,« der aber ein Fragment geblieben ist. Stuttgart, 24. December 1819. »Liebste Eltern! Für die schönen Christgeschenke meinen herzlichen Dank. Die Kindergeschirre sind ganz nach Wunsch ausgefallen, sie haben lebhaften Beifall gefunden. Emma läßt der lieben Mutter für die gütige Besorgung recht sehr danken. Ich habe von ihr eine schöne, selbstgestickte Brieftasche zum Christgeschenk erhalten. Den Einzug der Zinsquittungen werde ich besorgen, so wie die Bestellungen nach Feuerbach. Was die Wahlangelegenheiten betrifft, so lasse ich der Sache ganz ihren Lauf. Sollte ich am Ende auch gar nicht gewählt werden, so würde ich mich nicht allzu sehr darüber grämen. Nach Böblingen bin ich gar nicht gekommen. Ich hatte die Einladung, die ich bloß als Compliment betrachtete für die Becherinschriften, gleich Anfangs abgelehnt. Auch reiste Schott selbst nicht hin, sondern es war am Dienstag eine Deputation bei ihm, die ihm den Becher sammt einem Bürgerdiplom überbrachte. Dr. Schott hatte von seinen Wählern einen schönen silbernen Becher erhalten. Uhland hatte die Inschrift dazu gemacht: Billig wird mit einem Becher Dieser wackre Mann beschenkt. Weil er als des Landes Sprecher Klaren Wein hat eingeschenkt. Ich speiste in Gesellschaft dieser Herren bei Schott. Der Becher ist recht schön ausgefallen und die Inschriften scheinen Beifall gefunden zu haben. Mit inniger Liebe Ihr gehorsamer Sohn L.« Stuttgart, 29. December 1819. »Liebste Eltern! Die officielle Nachricht von der auf mich gefallenen Wahl für die Stadt Tübingen, nebst Ihrem Schreiben, kam mir schon gestern Abend gegen sechs Uhr zu. Es sind 106 Stimmen von 127 auf mich gefallen. Hier hatte sich die Nachricht verbreitet, ein Bäcker Heckmann werde mir den Platz streitig machen. Ich bin nun begierig, wer heute für das Amt gewählt wird. Emma schien sehr erfreut über diese Nachricht. Es ist möglich, daß ich vor den Sitzungen noch nach Tübingen komme, wiewohl die Zeit nahe zusammengeht. Uebrigens bitte ich darüber noch nichts zu äußern. Jedenfalls müßte ich hier vorher noch eine Weile zuwarten, wie sich die Aspekten für die nächste Versammlung anlassen. Mit herzlichen Grüßen Ihr gehorsamer Sohn L.« Die Eröffnung des ersten ordentlichen Landtags, bei welchem Uhland als Abgeordneter der Stadt Tübingen, als zweiter Votant auf den Bänken der Abgeordneten erschien, hatte am 15. Januar 1820 statt. Auch der folgende Tag hatte für ihn eine besondere Bedeutung, indem an diesem Tage der stille Bund der Herzen öffentlich ausgesprochen wurde durch seine Verlobung mit Emilie Vischer. Sobald es ihm die landständischen Geschäfte gestatteten, brachte er die neue Tochter nun auch den Eltern nach Tübingen. Aus seiner Mutter Herz heraus hatte er wohl die Worte genommen, die er seine Gisela schon früher sagen ließ: »Denn wie des Vaters Stolz darin besteht, Den Sohn gekrönt zu sehn mit Ruhm und Macht, So ist's der Mutter Wonne, wenn der Sohn Einhertritt mit der jugendlichen Braut, Der liebenden, die ihm das Leben schmückt.« Nur Einen frohen Tag im Elternhause gestattete sich aber der pflichtgetreue Abgeordnete, wie überhaupt sein Bräutigamsstand in eine für ihn sehr geschäftsvolle Zeit fiel; es waren tägliche Sitzungen, er war wieder Verfasser der Dankadresse, auch war er in mehreren Commissionen und häufig mit Berichten beschäftigt. Am 25. Januar gab er seinen Antrag wegen Prüfung der Organisationen ein, wurde dann in die Organisationscommission, so wie in die Geschäftsordnungscommission gewählt. Für die Justizsection der Organisationscommission erstattet er am 12. April das Referat über Notwendigkeit eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs und über Oeffentlichkeit der bürgerlichen Rechtspflege. Herr Otto Jahn sagt von diesem Bericht: er bezeuge, wie gründlich er als praktischer Jurist diesen Gegenstand durchdrungen habe. Später, am 14. Juni, hatte er dann auch den Commissionsbericht über die Rechtspflege zu erstatten. Uhlands Hochzeittag, der 29. Mai, fiel noch in diese unruhige Zeit. Den ganzen Morgen desselben, bis zwei Uhr Mittags brachte er im Ständehaus zu, und sogar nach der Trauung, die um drei Uhr statt hatte, ging er auf kurze Zeit noch einmal dahin zurück. Von seinem Freunde Schwab, der den herzlichsten Antheil an dem Glücke des jungen Paares nahm, ist folgendes Gedicht. Auf Ludwig Uhlands Hochzeit. Wohl dem, der das errungen, Was unser Freund errang, Dem, wie ihm viel gelungen, Das Leben auch gelang. Zum Kranz der Bürgertugend, Den ihm das Volk verlieh, Zum Kranz der ew'gen Jugend Der süßen Poesie Reicht sie den Kranz der Liebe, Im Stolz der treuen Brust, Die mit dem schönsten Triebe Zu schalten frei gewußt. Jetzt wird aus ihrem Bilde Der Dichtkunst Born genährt: Jetzt wird von Lieb' und Milde Das strenge Recht verklärt. Drum Heil Dir, Paar! am Ziele, Heil in Dein neues Haus! Ich weiß, es sprechen Viele Mit mir den Segen aus. Viel Freunde sprechen's, ächte, Die Eure Wonne labt, Es sprechen's die Geschlechte, Die Ihr verbunden habt. Und wem des Mannes Ringen Den vaterländ'schen Muth Gestählt: und wem sein Singen Zum Herzen trieb das Blut: Heil rufen sie dem Bunde, Sie jubeln Alle drob: Drum gönnt auch meinem Munde Das ungestüme Lob. Die Liebe mag verdunkeln Jedweden andern Stern, Doch ihr zur Seite funkeln Läßt sie die Freundschaft gern. VI. Thätigkeit in der Ständekammer, häusliches Leben und Ernennung zur Professur. 1820 – 1830. Obgleich die Landstände bald nach Uhlands Hochzeit, am 20. Juni vertagt wurden, so mußte er, als in den Ausschuß gewählt, doch noch einige Wochen in Stuttgart bleiben, ehe er mit seiner jungen Frau eine Schweizerreise antreten konnte. Kurz vor der Reise wurde er durch den Besuch des Freiherrn Joseph von Laßberg, mit welchem er indessen nur Briefe gewechselt, erfreut. Laßberg hatte ihm nicht lange vorher den ersten Band seines Liedersaals zum Geschenk geschickt, was Uhland mit der gerade erschienenen zweiten Ausgabe seiner Gedichte erwiederte. Laßbergs Bekanntschaft wurde für Uhland von großem Werth. Er gewann einen treuen, liebevollen Freund, der ihm die Benützung seiner großen Bibliothek, seiner seltenen Handschriften und Collectaneen mit größter Bereitwilligkeit, ja man darf sagen: mit Freuden gewährte. Uhland stand, so viele treue Freunde er auch in Stuttgart hatte, doch in Bezug auf seine Vorliebe für altdeutsche Studien ziemlich einsam; durch Laßberg, der mit den ausgezeichnetsten Männern vom Fache in beständigem Briefwechsel und Austausch stund, erfuhr er nun Vieles, was ihm von Wichtigkeit war. Dießmal dauerte der Aufenthalt Laßbergs in Stuttgart nur wenige Tage. Viele genußreiche Stunden hat Uhland später in Eppishausen und Meersburg bei dem edlen Freiherrn zugebracht. Am 8. Juli konnte das neue Ehepaar die Reise antreten. Der größte Theil der deutschen Schweiz, das Thurgau, St. Gallen, dann über Kloster Einsiedeln und den Paß zwischen den Schwyzerhaken nach Schwyz und auf den Rigi, wurde zu Fuß durchzogen. Es machte Uhland Freude, seiner Frau die Schweiz zu zeigen, und ihr gab die Freude mehr Kräfte als sie sich zugetraut; Ihm zu Liebe, der am liebsten zu Fuß ging, wurden auch die größeren Touren über die beiden Scheidecken, dann durch das Emmenthal und Entlibuch gerne von ihr zu Fuß zurückgelegt. Die Unterhaltung mit den Landleuten hatte großen Reiz für Uhland. Er mochte sich dann gerne mit ihnen lagern und den mitgenommenen Proviant mit ihnen theilen; wenn auch für ihn selbst dann wenig überblieb, weil er den Andern zu große Theile gegeben hatte. Seitdem man die Schweizerthäler auf der Eisenbahn durchzieht und auf den schroffsten Höhen ein Hotel steht, fehlt doch auch mancher Reiz der Reise, weil man von dem Kern des Volks wenig mehr kennen lernt. In St. Gallen in der reichen Stiftsbibliothek, dann in der Wasserkirche, der Züricher Bibliothek, wurde jedoch auch eingekehrt und die Schätze beaugenscheinigt. Auf der Heimreise wurden die Eltern in Tübingen und der kürzlich erst nach Pfullingen versetzte Schwager Meyer besucht. Der glücklichen Reisezeit folgte nach der Heimkehr wieder die ständische Arbeit. Die Organisationscommission sollte während der Vertagung der Kammer ihre Anträge ausarbeiten und mit den königlichen Commissarien darüber berathen; so blieb Uhland für die Studien seiner Neigung nur wenig Zeit. Er hatte eine Wohnung in der Kronenstraße, in der damals erst wenige Häuser stunden, bezogen. Sein Arbeitszimmer gieng in das Freie hinaus auf große Wiesen, an denen sich seine Augen ergötzten und Nachts freute er sich des großen Horizontes. Er hat es oft ausgesprochen, wie wohl es ihm thue, daß er dem Wirthshausleben, zu dem ihn seine Verhältnisse genöthigt hatten, entronnen sei. Auch daß er seine Eltern und die Freunde, die ihn so gastlich bei sich aufgenommen, nun auch bei sich sehen konnte, machte ihm viele Freude. In abendlichen Zusammenkünften mit Schott und Schwab nebst ihren Frauen wurde vorgelesen, die Nibelungen, der arme Heinrich und Anderes. Von eigener Poesie hat dieses Jahr nur eine Grabschrift auf eine junge Schwägerin aufzuweisen. Der Landtag, der im December wieder zusammenkam, zog sich bis in den Sommer 1821 hinein, Uhland war in vielen Commissionen beschäftigt, doch konnte er die Monographie über Walther von der Vogelweide beendigen, welche am Schlusse dieses Jahres gedruckt wurde. Die Hoffnung auf einen festen Rechtszustand, auf Grundlage der Verfassung, wurde durch manche Regierungsmaßregeln wie durch die Bundesbeschlüsse geschwächt. In der Verfassung war Preßfreiheit verheißen, aber daneben wurde die Censur wieder eingeführt. Ein Kammermitglied, Professor List, Abgeordneter von Reutlingen, wurde der Regierung mißfällig, weil er eine Petition auf Reform der Finanzen und der Justiz verfaßt hatte; er sollte in Anklagestand versetzt werden, wozu die Einwilligung der Kammer erforderlich war. Uhland trug als Referent der Commission darauf an; daß die Kammer weder den Ausschluß von der Kammer, noch seine zeitweilige Suspension zugeben solle. Aber auf einen Antrag der Minorität der Commission beschloß die Versammlung, daß List vorläufig auszutreten habe. Nach einer langen Untersuchung wurde er zu zehnmonatlicher Festungsstrafe verurtheilt. Auf einen in späterer Zeit von List von Aarau aus an Uhland geschriebenen Brief antwortete dieser: Uhland an Professor List in Aarau. Stuttgart, 23. December 1823. »Hochzuverehrender Herr Professor! Sie haben mir das Vertrauen geschenkt, mir eine offene Protestation zu überschicken, die ich der Kammer der Abgeordneten mittheilen soll; ich erwiedere dieses Vertrauen mit Aufrichtigkeit. Das gegen Sie ergangene Straferkenntniß halte ich für ungerecht und ich scheue keinen Anlaß, dieses auszusprechen. Aber als Abgeordneter habe ich kein verfassungsmäßiges Mittel in Händen, Richtersprüche zu entkräften; stünde mir ein solches zu Gebot, ich würde es hier unaufgefordert anwenden. Ich kann daher die Vertretung jener Protestation bei der Kammer nicht übernehmen. Sie bedürfen eines besonderen Vertreters nicht und können, was Sie an die Kammer zu bringen für angemessen halten, an dieselbe unmittelbar einsenden. Gemäßigte Sprache würde ich für jeden Fall anrathen, sie ist dem Gekränkten oft schwer, aber bei Andern muß die Sache sprechen. Ob ich den Aufsatz Ihnen zurücksenden soll, hängt von Ihrer Bestimmung ab. Mit größter Hochachtung und mit wahrer Theilnahme an dem Gange Ihres Schicksals L. Uhland.« Uhland athmete leicht auf, als gegen den Sommer hin der Landtag zu Ende gieng. Er wurde in den engeren Ausschuß gewählt, dessen Mitglieder eine feste Besoldung genoßen, er wäre aber den Arbeiten seiner Neigung dadurch gar zu viel entzogen worden und nahm deshalb diese Wahl nicht an, sondern ließ sich nur zum Eintritt in den weiteren Ausschuß, der nur periodisch einberufen wurde, bestimmen. Im Juli 1821 trat er mit seiner Frau und mit ihren Verwandten, Hofkaplan Cleß und Frau, eine Rheinreise an. In Heidelberg wurden alte Freunde besucht und neue Bekanntschaften gemacht, unter welchen Uhland die von Professor Schlosser sehr werth war. Von Bingen aus bedienten sich unsere Reisende der Rheinjacht, von Dampfschiffen war noch keine Rede. Zwei junge Dänen, die auf Kosten ihrer Regierung Deutschland und Frankreich bereisten, um die Studienanstalten dieser Länder kennen zu lernen, schlossen sich zutraulich an die Reisenden an und befreundeten sich so sehr mit ihnen auf der zweitägigen Wasserreise, daß sie späterhin zweimal nach Stuttgart kamen und Wohnung bei den Reisegenossen nahmen. Damals hätte keines geahnt, daß sich eine solche Kluft zwischen Dänen und Deutschen aufthun werde! Auf dem Rückweg von Köln wurde Bonn besucht, wo die Reisenden sich vieler Freundlichkeit von Arndt und den beiden Professoren Welcker zu erfreuen hatten. Die letzte, sehr vergnügliche Reisestation für Uhlands war Weinsberg, wohin Kerner unlängst als Oberamtsarzt ernannt worden war. Wunderlich genug war das Wiedersehen der alten Freunde. Als Uhland in Kerners Wohnung trat, begegnete ihm dieser auf der Hausflur, mit einer umgebundenen Schürze und einer Spritze in der Hand. Auf Uhlands erstaunte Frage: was Kerner treibe? erklärte ihm dieser: er stelle Versuche mit Katzen an, die er mit der von ihm in sauer gewordenen Blutwürsten aufgefundenen Blausäure vergiftet habe. In der folgenden Nacht sollte Uhland noch mehr davon erfahren. Es erhub sich in der Nähe der im Parterre gelegenen Gaststube ein so klägliches Schreien und Lärmen, daß man hätte glauben können, die Geister, mit denen sich Kerner später so viel zu thun machte, seien schon in dem friedlichen Hause eingekehrt. Als Kerner am Morgen von den kläglichen Tönen hörte, fiel es ihm ein, daß er die Katzen in dem Vorkamine der Gaststube eingesperrt hatte. So verschieden die Ansichten der beiden Freunde in der Politik waren, und so wenig Anklang Kerners Glaube an Geistererscheinungen und an Somnambulismus bei Uhland fand, so blieb doch die herzliche Freundschaft, die diese zwei Männer seit der Jugendzeit verband, durch diese Meinungsverschiedenheit unberührt. Die Poesie und die Ueberzeugung, daß es jeder mit seinen Mitmenschen gut meine, war das feste Band, das sie zusammenhielt. Schon vor der Rheinreise hatte Uhland eine Wohnung in demselben Hause, ja auf demselben Boden mit seinem Freunde und Schwager Roser, bei dem er auch schon als unverheirathet mehrere Jahre gewohnt, bezogen. Da die Männer Jugendfreunde, die Frauen Schwestern waren, so bildete sich ein überaus behagliches Familienleben. Auch die Roser'schen Kinder gehörten wesentlich dazu, da Uhland viele Liebe zu Kindern hatte. Manchen Soldaten, manche Thiergruppe ließen sie sich von dem freundlichen Onkel malen, während die schon etwas größeren bald die Bilder der Heldensage und die Grimmschen Hausmärchen von ihm bei ihren Besuchen sich erbaten. Sonntags wurden größere Spaziergänge zusammen unternommen und einmal in der Woche besuchten die Männer das schon so lange bestehende Schattenkränzchen. Wenn das Amt im ständischen Ausschuß Uhlands Thätigkeit nicht in Anspruch nahm, so vertiefte er sich mit Lust in die mittelalterlichen Studien, er faßte die Idee auf: eine Geschichte der Poesie des Mittelalters zu schreiben und sammelte eifrig den Stoff dazu. Während er sich in die Poesie der alten Zeit vertiefte, ruhte seine eigene, und nur ein Gedicht und wiederum ein Gelegenheitsgedicht auf den Geburtstag einer verehrten Familienmutter, der Regierungsrath Feuerlein, Großmutter seiner Frau, wurde in diesem Jahr geschaffen. Es soll hier folgen, da es nicht in die Gedichtsammlung aufgenommen ist, eine so edle Frau schildert und zugleich ein Ausdruck davon ist, wie er »das Irdische auf ein Höheres bezog.« Zum Antritt des 75. Lebensjahres der besten Mutter. Den 18. December 1821. Wir wissens, Deine fromme Seele Sie theilt sich zwischen dort und hier ; Wir alle fühlen was ihr fehle, Was Du verlorst, verloren wir. Die Theuern, die dahingeschieden, Sie winken Dir zum schönern Land; Doch viele blieben Dir hienieden Und halten liebend Deine Hand. Dir lächeln Viele heut entgegen, Die kaum erst Deinen Werth verstehn: O laß auch sie in Deinem Segen Noch manches Jahr durch's Leben gehn! Mag auch Dein Herz hinüberstreben, O gönn uns Dich noch lange Zeit! Denn flüchtig ist das längste Leben Und endlos ist die Ewigkeit. Und in der irdischen Beschwerde Ist Eines doch, was göttlich flammt, Was an den Himmel knüpft die Erde: Die Liebe die vom Himmel stammt. Das Jahr 1822 fand Uhland eifrig an den Studien der Poesie des Mittelalters. Sonst verfloß es ihm still. Da Briefe die Verhältnisse der Menschen anschaulich machen, so sollen hier einige folgen, die er an seine Frau schrieb. Stuttgart, 9. Juli 1822. Sehr erfreulich, liebe Emma! ist es mir, daß Du Dich so gut in Deinem einsamen Aufenthalt angewöhnt. Du hast die verflossenen Tage angenehmer zugebracht als ich, der ich drei volle Tage an Schnupfen und Kopfweh so zu leiden hatte, daß ich kaum hin und wieder etwas lesen konnte. Vermuthlich hab' ich mir's durch die häusliche Geschäftigkeit im Keller zugezogen; ich war damals gerade erhitzt vom Spaziergang zurückgekommen. Heute ist es zuerst besser und ich habe wieder das große Buch vorgenommen. Unter diesen Umständen weiß ich von wenig Schönem zu erzählen, nichts von Lindenblüthe, Vogelsang, klaren Strömen, Waldes schatten, Burggetrümmer. Den Tag über lag ich verdrießlich zu Haus, doch thut mir Abends der Spaziergang wohl. Zum Gastessen war ich nicht aufgelegt und blieb daher meist über Tisch zu Hause. Sonntag hatte ich Schwager Ferdinand zu Gast. Am Donnerstag ist der Geburtstag des lieben Vaters in Tübingen, weshalb ich morgen dahin schreiben werde. An welchem Tage ich mich auf den Weg zu Dir begeben werde, bin ich noch nicht entschieden. Klettre mir nur nicht allzukühn und einsam in Burgen und Wäldern umher und laß Dich gut von den bellenden Hütern des Hauses bewachen, wenn es Nachts im Lindengange rauscht. Doch hoffe ich, daß sie mich verschonen werden. Gar sehr freue ich mich, mein liebes Weib wiederzusehen und gedenke auch nicht so ganz kurz in der ländlichen Stille zu verweilen. Einstweilen herzliche Grüße! Dein zärtlicher L.« Stuttgart, 2S. Juli. »Liebste Emma! Diesen Vormittag um 11 Uhr sind wir von unserer Reise wohlbehalten wieder hier angelangt. Sie ist zu unserer vollen Zufriedenheit abgelaufen, ob wir gleich nicht wenig vom Regen durchnäßt und von der Sonne verbrannt worden. In Neuenbürg schloß sich Pistorius an uns an; er nahm seine Droschke mit, auf der wir am Samstag Vormittag nach Herrenalb fuhren. Von da aus bestiegen wir die Teufelsmühle, einen der höchsten Punkte des Schwarzwaldgebirges. Im Vordergrunde das reizende Murgthal, im Hintergrunde unser geliebter Rhein fast von Straßburg bis unterhalb Speier und die weite Vogesenkette. Dort, Liebe, hättest Du bei mir stehen sollen, es war der großartigste und ergreifendste Anblick auf dieser Reise, die uns doch so manches Schöne dargeboten. Gerade vom Gebirg hinab giengen wir nach Gernsbach und erstiegen von dort aus noch das Ebersteinschlößchen, dessen Dir vermuthlich bekannte Aussicht wir in günstiger Abendbeleuchtung genossen. Am Sonntag reisten wir weiter nach Baden. Auf der Höhe ließen wir das Gefährt vorangehen und wendeten uns zu den Trümmern der Ebersteinsburg, die uns wieder eine herrliche Aussicht gewährte. Durch schöne Waldung gelangten wir zu dem alten Schlosse von Baden und kamen vor Tisch in Baden an. Der Wirthstisch im Salinen war überaus zahlreich besetzt, überhaupt war es an diesem Tag in Gasthöfen, Straßen und auf den Promenaden recht volkreich und lebendig. Abends machten wir einen Spaziergang nach Lichtenthal. Im Ganzen hat uns aber doch dieses Gewimmel nicht besonders zugesagt, es erinnerte mich an den Sonntag in Wiesbaden. Gerne setzten wir am folgenden Tag die Reise fort. In Gernsbach verließ uns Pistorius mit der Droschke, um über Loffenau zurückzukehren. Roser und ich reisten theils zu Fuß, theils auf einem Leiterwagen, mehrmals vom Regen eingeweicht, mitunter auch wieder durch Sonnenschein erfreut, durch das Murgthal nach Freudenstadt. Besonders in der Gegend von Reichenbach hat mich dieses Thal an Gegenden der Schweiz gemahnt, die wir zusammen durchwandert. Den folgenden Tag machten wir von Freudenstadt aus theils fahrend, theils gehend, einen Abstecher auf den Kniebis und in die Bäder von Griesbach und Nippoldsau. Spät Abends kamen wir nach Freudenstadt zurück. Gestern giengen wir dann zu Fuß über Nagold bis Sindlingen, wo uns Rofers Vater mit seiner Chaise erwartete und mit sich nach Herrenberg führte. Als ich an die Nagold kam, dachte ich wohin sie fliehe, und wäre gerne ihrem Laufe gefolgt. Heute fuhren wir bis Vaihingen und legten den übrigen Rest des Weges zu Fuß zurück. Ich gedenke in den ersten Tagen der nächsten Woche wieder in Liebenzell zu sein, es zieht mich gewaltig dahin und ich freue mich gar sehr, noch einige Tage in dem grünen, stillen Thale mit Dir zu verleben. Auf baldiges Wiedersehen. Innig Dein L.« Der Aufstand der Griechen gegen die türkische Herrschaft führte in dieser Zeit in Stuttgart einen Verein herbei, um zu ihrer Befreiung mitzuwirken. Von diesem Verein wurde Uhland mit Albert Schott in den Ausschuß gewählt und nahm regen Antheil an den Verhandlungen und Aufrufen dieses Vereins. Der folgende Brief gibt davon Beweise. Uhland an Heinrich Stieglitz. Stuttgart, 23. August 1823. »Sie haben, geehrtester Herr, durch die Zusendung der Gedichte zum Besten der Griechen mich sehr erfreut. Eine Reise und andere Abhaltungen müssen mich entschuldigen, daß ich Ihnen so spät erst meinen Dank ausdrücke. Zugleich erfülle ich die Pflicht, Ihnen im Namen des Vereins für Griechenland, auf welchen ich den empfangenen Wechsel von 48 Rthlr. übertragen, für diese schöne Gabe herzlich zu danken. Der Schein des Cassiers ist beigelegt. Noch immer liegt in der Schweiz der größere Theil der vielen Griechen, welche vorigen Winter von Odessa kommend im traurigsten Zustand hier angelangt sind. Der Eintritt in Frankreich wird ihnen nur unter sehr erschwerenden Bedingungen gestattet. Von zwei zu zwei Tagen werden je vier Männer eingelassen, und wenn sich auf diese Weise vierzig in Marseille gesammelt, so wird ein weiterer Durchzug nicht eher erlaubt, als bis jene vierzig eingeschifft sind. Die längere Verpflegung und die vereinzelte Ueberschiffung macht außerordentliche Kosten und die Schweizer Vereine haben schon sehr Bedeutendes aufgewendet, auch von hier aus wird nach Kräften mitgewirkt. Bei uns sind neuerlich wieder mehrere Nachzügler angekommen; mit vier derselben hat man den Versuch gemacht, sie über Rotterdam an den Londoner Verein und durch diesen in ihr Vaterland zu befördern. Weitere vierzehn werden einstweilen in hiesiger Gegend verpflegt, da auch die Schweiz keine mehr einläßt, bevor die dort befindlichen flott gemacht sind. Erfreulich ist es auch unter diesen Schwierigkeiten für Griechenland dasjenige wirken zu können, was ihm leicht das Nützlichste ist, die Zusendung seiner eigenen wehrhaften Söhne. Wenig erfreuend sind die Nachrichten von den nach Morea gezogenen Deutschen. Es scheint, daß Sitte, Lebensweise, Alles zu verschieden sei, als daß deutsche Krieger, zumal beim jetzigen noch wenig geordneten Stand der Dinge, dort festen Boden gewinnen könnten. Daher führt selbst die notdürftigste Unterstützung der Zurückkehrenden nicht unbeträchtliche Kosten herbei. Die neueste Rechnung des Vereines schließe ich hier an. Die Gedichtsammlung, mit welcher Sie mich beschenkt, hat auf mich den wohlthuenden Eindruck eines auf das Naturgemäße und Dauernde gerichteten Bestrebens gemacht, im Gegensatz der in dieser Zeit vorherrschenden Künstelei und Gefallsucht, wodurch der Dichter gegen sich selbst eben so unredlich ist, als gegen Andere. An Ihren Griechenliedern hat sich mir es bestätigt, wie durch eine ernste und lebendig ergriffene Idee die schwankende Bildungskraft auf einmal bestimmt, gehoben und veredelt wird. Unter diesen Liedern selbst ziehe ich den längeren und allgemeiner gehaltenen diejenigen vor, worin eine bestimmte Situation erfaßt ist, und es scheint mir, daß dieser letztere Weg Ihrem Talent besonders zusagen müsse. Vielleicht bin ich deutlicher, wenn ich diejenigen bezeichne, die mich besonders angesprochen haben: der Beseeler, der Suliotenknabe, die Griechenbraut; der Griechenlehrling, den ich obenan stelle, der Lorbeerhain auf Sunium. Die Aenderungen, welche Sie mehreren Liedern beigeschrieben, sind Beweise, daß Sie auf reine Darstellung, auf einen Styl, der nur die Sache will, hinarbeiten. Hochachtend L. Uhland.« Eine Reise zu Herrn von Laßberg und nach St. Gallen wurde im Sommer 1823 ausgeführt. Briefe Uhlands an seine Frau geben hierüber Bericht. Uhland an seine Frau. St. Gallen, 1. Juni 1823. »Liebe Emma! Meinen ersten Reisebericht schloß ich, als ich im Begriff war, zu Herrn von Ittner in Constanz zu gehen, um wegen Laßberg nachzufragen. Man sagte mir dort, daß Ittner schon seit einigen Tagen bei Laßberg in Eppishausen sei. Nachdem ich ein kleines Mittagsmahl zu mir genommen, machte ich mich gleichfalls auf den Weg dahin. Dieser führt von Kreuzlingen aus, dem ersten Ort über Constanz, zuerst meist durch Wälder, dann aber durch ein grünes, baumreiches Gelände mit vielen Weilern und einzelnen Häusern, im Hintergrunde das Appenzeller Gebirg. Wie man aus dem Walde tritt, sieht man in einiger Entfernung das Schloß Eppishausen auf einem Hügel liegen. Es ist ein großes, wohlgebautes Haus mit mehreren Wirthschaftsgebäuden; in früheren Zeiten stand hier eine Burg, später ließ das Kloster Muri im Aargau, welches hier viele Einkünfte hatte, jenes schloßartige Gebäude errichten und setzte einen Statthalter darein. Von Herrn von Laßberg wurde ich freundlich empfangen, ich fand bei ihm außer Ittner noch einige Besuche aus Constanz und der Nachbarschaft, von denen aber die meisten gegen Abend zurückgingen. Es sind nach Constanz zwei und eine halbe Stunde. Bei Laßberg blieben nur Ittner und von Seethal. Ittner, ein bejahrter Mann, jedoch heiter und lebhaft, hat im Aeußern große Aehnlichkeit mit Conz, jedoch ist er, bei herzlichem Benehmen, gewandter und beweglicher. Seethal scheint Geschäfte für Laßberg zu besorgen, er ist auf Heiligenberg zu Hause. Am späten Abend kam auch noch ein Sohn Laßbergs, Lieutenant in bayrischen Diensten, mit seinem Rittmeister, dessen Namen ich nicht recht hörte. Sie liegen zu Augsburg in Garnison und waren bei Lindau über den See gefahren. Der folgende Tag gieng meist damit hin, daß mir Laßberg seine literarischen Schätze zeigte. Doch wurden auch Morgens und Abends kleine Spaziergänge gemacht. Die Aussicht von diesem Landsitz ist trefflich. Vor sich hat man ein weites hüglichtes Land: Wiesen, Felder, herrliche Obstbäume, dazwischen kleine Tannen- und Laubwälder, eine große Menge von kleinen Ortschaften, zerstreuten Höfen, Landsitzen. Am Fuße des Hügels das Dorf Eppishausen, nicht viele Häuser, aber wie alles in der Gegend das Gepräge der Wohlhabenheit und Reinlichkeit tragend. Vom obern Stocke des Hauses sieht man den Bodensee mit dem jenseitigen Gebirge; die Waldburg, Tettnang u.s.w. erkennt man ganz deutlich durch den Tubus. Ersteigt man eine Anhöhe hinter dem Hause, zu welcher ein schattiger Waldweg gemächlich hinanführt, so kömmt man zu einem Weinberg, vor dessen Häuschen stehend man auch die Appenzeller Schneeberge erblickt. Gestern früh führte Laßberg den Rittmeister und mich hierher nach St. Gallen, drei Stunden von Eppishausen. Wir brachten mehrere Stunden bei den Alterthümern der Bibliothek zu. Neuerlich ist auch eine ägyptische Mumie dahin gestiftet worden. Ich quartierte mich wieder im Hecht ein. Nach Tisch fuhren die Beiden nach Eppishausen zurück, ich blieb hier und benützte den Abend zu einem Spaziergang nach der schönen Kräzerbrücke über die Sitter, eine Stunde von hier, und nachher noch auf den Freudenberg, wo ich mich eines herrlichen Sonnenuntergangs erfreute. Im Buche fand ich unsere Namen vom 10. Juli 1820. Lebhaft erinnerte ich mich jenes schönen Tages, an dem wir den Mittag in Arbon, das ich vor mir sah, und den Abend auf diesem Freudenberge zugebracht haben, und so viel Schönes erwartete uns noch auf unserer Reise! Unter den neuern Inschriften des Buches gefiel mir folgende am besten: »Heute, den 26. April 1823 bin ich Martin Rott, Bockwirth von Mühlhausen im Elsaß, hier auf dem Freudenberg gewesen und alles sehr genau beobachtet, damit ich denen Meinigen zu Haus Alles deutlich erklären könnte.« Heute habe ich den ganzen Vormittag auf der Bibliothek zugebracht und werde jetzt den Nachmittag wieder dort zubringen. Morgen Vormittag werde ich noch hier zu thun haben und dann vermuthlich noch eine Strecke weiter gehen, über Vögliseck etc. in das Rheinthal, nach Bregenz, Lindau wieder nach Eppishausen und Constanz. Hier im Gasthof begrüßte mich der Oberkellner sogleich als Bekannter; er hat mir ehemals in der Sonne zu Stuttgart oft meine Nahrung gebracht. Man erzählt hier, daß die Gesandten der heiligen Allianz von Stuttgart abgereist seien. Glück auf den Weg! Ich schließe, um mich wieder in die alten Handschriften zu vertiefen. Ob ich gleich alle Ursache habe, mit meiner Reise zufrieden zu sein, so ist sie mir doch nicht so herzerfreuend, wie die vor drei Jahren. Ich weiß aber auch, wer mir fehlt. Lebewohl! Dein L.« Constanz, Montag, 16. Juni 1823. »Liebstes, bestes Weib! Gestern Abend bin ich auf der Rückreise wieder hier eingetroffen. Da ich seit St. Gallen meist in abgelegenen Gegenden mich befand, so konnte ich diese Zeit über meinem Eifer im Briefschreiben nicht so Genüge leisten, wie früher. Den Dienstag und Mittwoch brachte ich in St. Gallen auf der Bibliothek zu; es waren Regentage, in denen ich kaum Abends ein wenig um und durch die Stadt gehen konnte. Doch war es mir lieb, daß der Regen gerade auf Tage gefallen war, die ich ohnehin in den Klostermauern verlebte. Am Donnerstag setzte ich beim schönsten Sonnenschein meinen Stab weiter; ich gieng über Vögliseck, Speicher, Trogen in das Rheinthal hinunter nach Altstetten und von da thalabwärts bis Rheineck, unweit des Einflusses vom Rhein in den Bodensee. Der Gang durch das grüne Appenzell, im Anblick des Schneegebirges, war höchst vergnüglich; der Uebergang in das Rheinthal, gewährt herrliche, überraschende Aussicht, wovon Du Dir von der Fahrt auf den Stoß her einen Begriff wirst machen können. Im Rheinthal gehört mir besonders die Aussicht bei einem Ort, den man zur Aue nennt, zu den Bildern, die unerlöschlich in meiner Erinnerung sind. Der breite, volle, rasche Strom, der hier dem Weg nur geringen Raum übrig läßt, eine baumreiche Insel und im Umkreis die Tyroler, Vorarlberger, Appenzeller Schneegebirge. Das Thal war durch die Heuernte belebt. Ein kurzer Gewitterregen machte einen schönen Regenbogen an den Bergen hin. Gegen Abend aber kam ein sehr heftiger, anhaltender Regen, der in mehreren Gegenden des Thurgaues als Hagel großen Schaden gethan hat. Da das Wetter wieder schlecht und die Berge völlig verhüllt waren, so bestimmte mich dieses, nicht nach Bregenz und Lindau abzuschweifen, sondern meine Reise am folgenden Morgen, nachdem ich noch einen lichten Blick von der zerstörten Burg Rheineck gehabt, über Rorschach und Arbon nach Eppishausen fortzusetzen, wohin mich ohnedieß der Hauptzweck meiner Reise zurückrief. In Arbon war ich zuerst noch beim Sonnenschein und dann bei heftigem Regen im wohlbekannten Gartenhäuschen; vergeblich suchte ich unsere Namen in der Fensterscheibe; der Hagel hat sie noch im nämlichen Sommer zerschlagen. – In Eppishausen brachte ich nun die weitere Zeit sehr angenehm zu und fuhr gestern Abend mit Staatsrath von Ittner hierher. Er will mich heute auf die Reichenau führen, von da ich dann nach Radolfzell überzusetzen gedenke. Dann geht die Reise, wenn es das Wetter gestattet, über Hohentwiel, Sigmaringen, Ebingen nach Tübingen, wo ich am Donnerstag oder Freitag eintreffen werde. Auf den Tag hin läßt es sich bei gegenwärtiger Witterung nicht bestimmen. Würd' ich meine Frau dort finden, wie innig würd' es mich erfreuen! Muß ich mich aber bis Stuttgart gedulden, so bitt' ich, wenn es noch Zeit ist, mir nach Tübingen ein Hemd und Strümpfe zu schicken. Nun auf frohes Wiedersehn tausendmal gegrüßt von Deinem L.« Uhland an Freiherrn von Laßberg. »Hochwohlgeborner, hochzuverehrender Herr Baron! Nur zu sehr fühle ich, wie der Schein des Undanks auf mir lastet, indem ich für all' die Güte, der ich mich bei meinem Aufenthalt in Eppishausen zu erfreuen hatte, so spät erst meinen innigen Dank ausspreche. Die Erinnerung an jene Tage, die mir durch Ihr gastfreundliches Wohlwollen so angenehm geworden, hab' ich gleichwohl in treuem Herzen bewahrt. – Sogleich bei meiner Ankunft zu Hause empfieng mich ein Auftrag, der den Gegenständen, die mich auf der Reise beschäftigt hatten, sehr fremdartig war. Die Rechtsvertheidigung eines wegen Todtschlags Angeschuldigten war mir übertragen und nahm mich für geraume Zeit gänzlich in Anspruch. Ich habe Ihnen wohl schon früher gesagt, daß ich eine Darstellung der deutschen Dichtkunst im Zeitalter der Hohenstaufen auszuarbeiten vorhabe. Sie wird in mehrere Abschnitte zerfallen, deren jeder für sich ein kleineres Ganzes bilden soll. Mit dem Abschnitt über den Minnesang, der mir einer der schwierigsten schien, hab' ich die Ausarbeitung begonnen. Diesen Abschnitt hoffte ich im vergangenen Sommer zu beendigen, und es wäre mir nun überaus wünschenswerth gewesen, ihn Ihrer Prüfung unterstellen zu können. Allein eben jene Störung, wie so manche andere, verzögerten den Fortgang der Arbeit; doch trachte ich sehr, solche noch vor Einbruch des Winters zu Ende zu bringen, da mich dieser durch die bevorstehende Einberufung unserer Ständeversammlung den literarischen Beschäftigungen fast gänzlich entziehen wird. Darf ich auch so lange noch die mir gütig anvertraute Abschrift des Heidelberger Codex sammt den Manessischen Bildern in Händen behalten, so wird dieses meinen Studien sehr zu statten kommen. Die Vergleichung jener Handschrift mit der Weingarter und der Manessischen ist in mehrfacher Beziehung ersprießlich. Dem Abschnitt über den Minnesang soll zunächst derjenige über die einheimische Heldensage folgen. Conz, den ich bei meinem Besuch in Tübingen gesprochen, ist durch meine Erzählung sehr lüstern geworden, das schöne Eppishausen zu besuchen. Doch hat er diesen Sommer eine Badreise gemacht und will darum diesen Herbst zu Hause bleiben. Angelegentlichst bitte ich Sie, mich den verehrten Männern, die ich bei Ihnen habe kennen lernen, zu empfehlen. An Herrn von Ittner, der mir so vieles Wohlwollen erzeigt, schreibe ich besonders. Mit dankbarer Verehrung beharre ich Euer Hochwohlgeboren gehorsamster Diener Ludwig Uhland.« Stuttgart, 2. October 1823. Uhland an Staatsrath von Ittner zu Constanz. »Verehrtester Herr Staatsrath! Schüchtern ergreife ich die Feder, indem ich nach mannigfachen Störungen erst jetzt für so viele Beweise des Wohlwollens danke, die mir, dem vorher Unbekannten, auf meiner Bodenseereise von Ihnen geworden sind. Die Tage in Eppishausen und der Abschiedstag auf der Reichenau stehen mir in unerlöschlichem Andenken. Von dem Felsen Hohentwiel sah ich noch einmal auf den See, die Inseln und die alte Bischofsstadt dankbar zurück. Ich denke mir, Sie werden sich jetzt wieder nach Eppishausen aufmachen, um vor Einbruch des Winters noch einmal erfrischende Landluft einzuathmen; ich stelle mir vor, wie Sie in dem Weinberge, an dem damals die Hagelwolke drohend, aber unschädlich vorüberzog, mitten unter dem Getümmel der Winzer ein Theokritisches Idyll oder eine Horazische Ode aufschlagen. Sei es mir gestattet, Ihnen, dem erklärten Freunde Venusinischen Gesangs, die anliegende Arbeit eines meiner Freunde, des hiesigen Professors Schwab, der als Dichter rühmlich bekannt ist, zu übergeben. Noch bitte ich, den Herrn v. Baier und Rosenlächler mich in freundliche Erinnerung zu bringen. Von ganzem Herzen wünsche ich, daß gesellige Heiterkeit und die Muse, die das Leben verschönt, noch lange Ihre Tage umschweben möge. Bleibt mir entfernt nicht Ihr! Denn was, wenn die Chariten fehlen, Ist noch Holdes dem Menschen! O stets bei den Chariten sei ich! Ihr gehorsamster Diener Ludwig Uhland.« Stuttgart, 2. October 1823. Baron von Laßberg an Uhland. Eppishausen, 11. October 1823. »Lieber Herr! Ich möchte lieber sagen Freund! wenn ich hoffen dürfte, diesen Namen bei Ihnen zu verdienen: jeder andere, den Sie mir geben können, ist mir höchst gleichgültig, und nach diesem werde ich streben, so lange Sie mir erlauben, von mir und meinem Treiben und Thun Ihnen Nachricht zu geben. Ihr Schreiben vom 2ten dieses hab' ich erst heute erhalten. Daß Sie die Erinnerung an die kurzen Stunden, die Sie der Villa Epponis und ihrem Einsiedler geschenkt, in Ihrem Herzen bewahren wollen, hat mich innig gerührt und, so weit mich noch Etwas freuen kann, herzlich gefreut. Es schien mir, als ob irgend eine mir unbekannte Ursache Sie zurückgehalten habe, sich ganz zu erschließen; daß diese meine Ansicht nicht die einzige gewesen ist, mögen Sie aus folgenden Worten meines Freundes Ittner, die ich heute mit Ihrem Briefe erhalte, schließen: »Diese Woche erhielt ich von dem Dichter Uhlandus, dem wir kein Lächeln ablocken konnten, die lateinischen Oden von Gustav Schwab, die er unter dem fetten König Agag an die Landstände dichtete, fast alle in alkaischem Versmaße. Sie sind von verschiedenem Werthe, doch meistentheils gut und strotzen von Vaterlandsliebe und freisinnigen Gedanken, wie sie die Könige nicht gerne hören. Das Beste dabei aber sind die herrlichen deutschen Uebersetzungen von Uhland, die das Original bei Weitem übertreffen und die verschlossenen Ideen hell und deutlich an's Tageslicht ziehen.« Herr v. Ittner hatte die Uebersetzung für das Original gehalten. Nun zur Beantwortung Ihres Briefes! Von Ihrem Vorhaben, eine Darstellung der deutschen Poesie im Zeitalter der Hohenstaufen zu geben, haben Sie mir weder im Allgemeinen, noch in Bezug auf die Abtheilungen etwas gesagt, allein als ich Ihren Walther von der Vogelweide gelesen hatte, war mir schon klar, daß in dieser Zeit nur Sie, oder sonst Niemand, diese Arbeit mit Glück und Geschick unternehmen und vollführen können. Daß Sie solche meiner Prüfung unterstellen möchten, sehe ich für eine bloße Höflichkeit an, denn Sie verstehen das in jeder Beziehung besser als ich; und wenn ich je Etwas war und konnte, so hat die Trauer nun zu viel Gewalt über mich gewonnen, als daß ich mir noch schmeicheln dürfte, etwas Gutes und Großes in meinem Sinne zu leisten. Non sum qualis eram, sub bonae regno Cynarae! Gleichviel, wenn nur das Gute geschieht, durch wen es geschehe! Nicht nur die Abschrift des palatinischen Codex Nr. CCCLVII und die Zeichnungen aus der Manessischen Handschrift, sondern mein ganzer literarischer Apparat stehen Ihnen zu jeder Zeit und auf so lange Zeit als Sie ihn nutzen wollen zu Diensten. Wozu hätte ich ihn sonst erworben? Möchte ich im Stande sein, Ihnen recht viele Dienste zu leisten und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich einen Mann ehre und liebe, der seinem Vaterlande theuer sein muß, hätte er auch kein anderes Verdienst um dasselbe, als daß er so oft gezeigt hat, wie theuer ihm das Vaterland ist. Die Vergleichung der Manessischen Ausgabe mit der Weingarter Handschrift muß Ihnen unzweifelhaft wichtige Resultate gewähren. Ich glaube, daß der Weingarter Codex dem sogenannten Manessischen zur Grundlage gedient hat; daß letztere für den Bischof Heinrich (von Klingenberg) von Constanz geschrieben worden sei, ist mir beinahe mehr als wahrscheinlich. – – Leben Sie recht wohl und vergnügt mit Ihrer liebenswürdigen ehelichen Wirthin und gedenken Sie zuweilen Ihres Sie aufrichtig verehrenden J. v. Laßberg.« In seinem Brief an Laßberg erwähnt Uhland, daß er eine Criminaldefension, die ihm vom Gerichte aufgetragen worden, zu Hause angetroffen. Obgleich er keine Processe mehr übernahm, so mochte er doch die Erklärung beim Ministerium nicht abgeben, daß er von der Advokatur zurücktrete, weil er vermuthete, daß es seinen Vater betrüben könnte. So nahm er eben diesem zu lieb die Last auf sich, wenn die Reihe der Armenprocesse an ihn kam. Mehreremal kam es vor, daß, wenn er von einer wissenschaftlichen Reise zurückkam und nun sich freute, an die Arbeit zu gehen, er solche Aufträge auf seinem Tische fand. Uhland an Freiherrn von Laßberg. »Verehrtester Freund! Wenn ich so spät erst das Schreiben erwiedere, wodurch Sie mir diesen Namen gestatten, und wenn ich so lange im Besitz Ihrer gütigen Mittheilungen geblieben bin, so wird mir zu einiger Entschuldigung gereichen, daß ich nun seit mehr als sieben Monaten durch landständische Verhandlungen Demjenigen, wohin mich die Neigung trägt, fast gänzlich entfremdet bin. Doch kann ich den Sonntag, den ich im vorigen Sommer zu Eppishausen so angenehm zugebracht, nicht ohne einige Zeilen dankbarer Erinnerung vorübergehen lassen. Die Abschrift der Pfälzer Liederhandschrift, die ich mit innigem Dank zurücksende, hat mich in meinen Studien mannigfach gefördert. Wenn gleich im Ganzen nachläßig und gedankenlos geschrieben, giebt dieser Codex doch eine Menge neuer Lesarten und berichtigt an vielen Stellen den gestörten Rhythmus; vorzüglich aber hat er manche werthvolle Lieder, die in der Manessischen Sammlung fehlen, der Vergessenheit entrissen. Die Zeichnungen aus der Manessischen Handschrift sind in mehrfacher Beziehung erläuternd. Manche stammen offenbar aus älteren Handschriften her, namentlich aus der Weingarter. Das Bild Ulrich von Lichtensteins ist ohne Zweifel, sammt den Liedern, aus einer Handschrift des Frauendiensts entnommen, Königin Venus erhebt sich aus dem Meer zu Mestre. Mehrere mögen nach alten Siegeln, welche die Ritter in voller Wappnung darstellen, gezeichnet sein. Die Wappen zeigen, zu welchen von verschiedenen Geschlechtern des gleichen Namens man in so naher Zeit den Sänger gezählt hat; manche sind aber wohl auch in Ermanglung festeren Anhalts nach den Namen aus der Phantasie gemalt. Sehr erfreulich ist die Entdeckung des Gabriel von Montevel. Auch diese Hegäuburg tritt nun in den Glanz der Poesie. Neuerlich hat ein Herr Heinrich Schreiber in der Bibliothek des protestantischen Seminars zu Straßburg die Handschrift einer älteren Alexandreis als Rudolphs gefunden und davon in der Zeitschrift Charis Proben gegeben. Solche Stücke aus dem 12. Jahrhundert, mit unvollkommenen Reimen, wie der alte Tristan u. s. w. scheinen mir, wenn gleich einem ganz anderen Kreise angehörend, über das Alter des Nibelungenlieds mehreres Licht verbreiten zu können. Mit Sehnsucht sehe ich der Zeit entgegen, die mir gestatten wird, der alten vaterländischen Dichtkunst wieder einige Muße zu widmen. Das Nächste wird dann wohl sein, daß ich den Aufsatz über den Minnesang, wovon ich Ihnen schon früher gemeldet, in's Reine bringe. Mit aufrichtiger Verehrung und Freundschaft der Ihrige. Ludwig Uhland.« Stuttgart, 13. Juni 1824. Nach dem anstrengenden Landtag war eine Erholung für Uhland Bedürfniß; er reiste deßhalb mit seiner Frau und einer jüngeren Schwägerin durch das Breisgau nach Basel, dann durch das Münsterthal auf den Weißenstein und über Bern, Vevay, Genf in das Chamounithal. Von dort wurde der Weg über den Col de Balme in das Wallis genommen, das Leuker Bad besucht und über Thun, Bern und Luzern der Rigi wieder besucht, dessen volle Schönheit aber auch diesesmal die Wanderer nicht genießen konnten, weil das Wetter ungünstig war. Gegen das Ende des Jahres verheerten ungeheure Regengüsse, die eine große Ueberschwemmung herbeiführten, einen Theil des württembergischen Landes. Die Brücken wurden weggerissen, die Häuser von Wasser unterwühlt, das Viehfutter weggeschwemmt, in den Mühlwerken, die Schaden gelitten, konnte nicht gemahlen werden. Deßhalb vereinigte sich Uhland mit andern Männern, sie ließen einen Aufruf zu Beiträgen zur Linderung der Noth ergehen. Ihre gute Absicht wurde mit über alle Erwartung reichem Erfolg belohnt und sie dadurch in die Lage gesetzt, den Nothleidenden wirksame Hülfe bringen zu können. Uhland und sein Schwager, Kaufmann Neeff, reisten im schlechtesten November-Wetter in den am meisten betroffenen Ortschaften herum, um nach Besprechung mit den Orts- und Oberamtsvorständen Linderung für die erste Noth zu bringen und zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser Mittel beizusteuern. Er führte die Verzeichnisse mit großer Pünktlichkeit selbst, während er im eigenen Hauswesen sich ganz gerne von der Frau helfen ließ. So hat er auch einmal, als er in der Finanzcommission war, einen bedeutenden Rechenfehler gefunden, während die Rechenkunst doch gar nicht zu seiner Begabung gehörte. Er konnte aber nichts halb thun, alles schlotterige, unpünktliche Wesen war ihm zuwider. In seinen Briefen, ja selbst in seinen Manuscripten ist selten etwas ausgestrichen. Uhland an Freiherrn von Laßberg. Stuttgart, 16. April 1825. »Verehrtester Herr und Freund! Für das Geschenk, das Sie mir mit dem 2. Band des Liedersaales gemacht, sage ich erst jetzt meinen herzlichen Dank, nachdem es mir auf abermalige lange Unterbrechung wieder vergönnt ist, zu den altdeutschen Studien zurückzukehren und dabei auch dieser schönen Gabe mich zu erfreuen. Besonders wichtig ist mir auch das reichhaltige Vorwort. Möge das Buch, das sich über Heinrich von Klingenberg schreiben ließe, nicht ungeschrieben bleiben! Aber die Zueignung dieses zweiten Bandes erweckt wehmüthige Erinnerung an den Biedermann, von dem es nun erst recht heißt: mich mwet harte sere das ir so verre sint! In vorigem Spätjahr hatte ich mich viel mit Wolfram von Eschenbach beschäftigt, auch Einiges niedergeschrieben; aber statt der erwarteten altfranzösischen Handschriften von Bern, welche mir zu gründlicher Behandlung dieses Dichters unentbehrlich schienen, kam die Antwort, daß solche nicht abgegeben werden. Dieses nöthigte mich, den ganzen Abschnitt zurückzulegen, und ich habe mich jetzt zu der deutschen Heldensage gewendet. Eine neue Ausgabe der Manessischen Handschrift zu bearbeiten, möchte, wenn auch kein Hinderniß obwaltete, mein grammatisches Talent kaum ausreichen. Mich freut es, wenn nur endlich das ganze Material dieser reichen Liedersammlung zu Tage kömmt. Davon aber hat mich die Vergleichung der hiesigen Weingarter Handschrift überzeugt, daß man die älteren Minnesänger aus dem Manessischen Codex nicht in ächter Gestalt kennen lernt. – Lachmanns Bekanntschaft habe ich hier gemacht. Von ihm ist gewiß Bedeutendes für Sprache, Prosodie, Kritik zu erwarten. Ein anderer eifriger Freund des deutschen Alterthums, Maßmann, war an Ostern hier, als ich mich gerade in Tübingen befand. Er ließ mir die Anzeige seiner beabsichtigten Ausgabe der Kaiserchronik zurück, die ich für den Fall, daß sie Ihnen noch nicht bekannt wäre, hier beilege. Er reist dieses verdienstlichen Unternehmens wegen noch nach München und Straßburg, und wird auf dem Rückweg wieder hier eintreffen. Eine weitere Ankündigung altsassischer Sprachdenkmale von Scheller erregt große Erwartungen. Zu verwundern ist nur, daß mit einer spätern Uebersetzung der Anfang gemacht wird. Der Frühling, für den Sie uns einen Besuch hoffen ließen, ist nun angebrochen. Ich darf nicht erst versichern, wie ungemein es mich erfreuen würde, Sie recht bald unter meinem Dache zu begrüßen. Auch Conz, den ich vor wenigen Tagen gesprochen, ist zu treffen und freut sich Ihrer Ankunft. Mit aufrichtiger Verehrung Ihr L. Uhland.« Stuttgart, 26. September 1825. »Verehrter Herr und Freund! Mein lieber Freund, Professor Schwab, der im Begriff ist, eine Reise an den Bodensee anzutreten, hat mich um einige Zeilen der Empfehlung an Sie ersucht. Seine vor zwei Jahren erschienene Beschreibung der schwäbischen Alb, worin er mit der historisch-topographischen Darstellung die poetische Auffassung der Natur und Sagenwelt zu verbinden gesucht, ist Ihnen vielleicht bekannt. In gleichem Sinne unternimmt er jetzt den Bodensee und das Rheinthal zu beschreiben, und macht sich auf den Weg, um Alles wiederholt in's Auge zu fassen. Die Aufgabe ist interessanter, aber auch schwieriger als die frühere. Durch Studien und Berufsgeschäfte bisher vorzüglich dem griechischen und römischen Alterthum zugewendet (wiewohl er auch den Waltharius manufortis im Nibelungenmaaße verdeutscht hat), ist ihm sehr angelegen, für das neue Unternehmen Rath und Beistand ortskundiger und in der mittleren Zeit einheimischer Männer zu gewinnen. Zu Erfüllung dieses Wunsches glaubte ich durch nichts so sehr behülflich sein zu können, als indem ich mir gestatte, sein Vorhaben Ihrer wohlwollenden Aufmerksamkeit zu empfehlen. Für die gütige Zusendung vom 3ten Bande des Liedersaals hole ich meinen wärmsten Dank noch nach, aber nur mit Aerger kann ich daran denken, daß die Mittheilung der Weingarter Handschrift für die Fortsetzung des Werkes verweigert worden. Die Consequenzen wegen eines Ablehnens nach anderer Seite mögen der Grund davon sein. Wäre mir nur ein brauchbarer Abschreiber für solchen Zweck bekannt, mit Vergnügen würde ich eine sorgfältige Vergleichung der Urschrift für den Liedersaal vornehmen. Oder würde mir nur der Codex auf ein halb Jahr in's Haus gegeben, würde ich wohl nach und nach damit fertig, besonders wenn etwa der schon gedruckte Gott Amur wegbleiben könnte. Ihrem freundlichen Andenken mich angelegentlichst empfehlend mit unwandelbarer Verehrung Ludwig Uhland.« Laßberg an Uhland. Heiligenberg, 25. Mai 1826. »Verehrtester Freund! Meinen besten und innigsten Dank für das große Opfer, das Sie mir mit Verwendung Ihrer kostbaren Zeit auf Abschreibung des Weingarter Codex bringen. Wann und wie werde ich im Stande sein, diesen Freundschaftsdienst zu erwiedern? Doch, Ihnen bleibe ich gerne ein Schuldner. Herr Professor Schwab hat mir von Zeit zu Zeit von dem Fortgang dieser Arbeit Kunde gegeben und mir Hoffnung gemacht, sie bis Ende dieses Monats beendigt zu sehen; dann wollte ich zu Ihnen kommen, Sie besuchen und die Vergleichung mit der Urschrift vornehmen. Ein gestern erhaltenes Schreiben des Herrn Professors thut keine Erwähnung von dem Weingarter Codex; ich schließe daraus, daß ich noch nicht kommen soll, und erwarte vorher noch weitere Nachricht von ihm oder Ihnen. Ich freue mich, Sie nach so langer Zeit wieder einmal zu sehen und zu sprechen; dann wollen wir die Theotisca leben lassen, in welcher doch noch hie und da etwas gethan wird; so muß Ihnen z. B. Lachmanns Ausgabe vom ältern Münchner Codex des Nibelungen-Liedes gefallen haben, da sie uns die älteste Ueberlieferung desselben so treu als möglich giebt. Ich sende Ihnen hier: Die treue Maid von Bodman ; sie soll mich bei Ihnen und Ihrer ehelichen Wirthin anmelden. Es ist mancher weniger schöne Stoff in der neueren Zeit zur Romanze verwendet worden: möchte er Sie, mein Freund, zu einem guten schwäbischen Lied anregen! Leben Sie wohl und schreiben Sie mir bald, daß dem Weingarter apographum das Explicit feliciter ist beigesetzt worden. J. v. Laßberg.« Vollendet zu Constanz am 4. Juli 1826. Es war Sulpiz Boisserée gelungen, die obenerwähnte Weingarter Handschrift von der königlichen Privatbibliothek zu erhalten; er besorgte für Laßberg das Abzeichnen der Bilder und gab sie dann Uhland in's Haus, welcher mit Schwab zusammen die Abschrift des Textes besorgte. Im August kam dann Laßberg, um die Texte zu vergleichen, zu Uhland, dem es eine große Freude war, den liebenswürdigen Mann unter seinem Dach beherbergen zu dürfen und längere Zeit seines Umgangs genießen zu können. In einem Briefe Laßbergs an Uhland, den Laßberg von Sigmaringen, wo er bei seinem ältesten Sohne einkehrte, schrieb, fährt er, nachdem er seine Reise bis dahin erzählt, also weiter fort: »Da haben Sie, mein Freund, den getreuen Bericht meiner kurzen, eben nicht ereignißreichen Reise, auf der ich so oft an Sie und Ihre liebe eheliche Wirthin gedacht habe und an die Liebe und Freundschaft, die ich empfing, nie ohne Empfindung herzlichen Dankes für den stillen Frieden, den ich bei Ihnen genoß. Sonderbar, daß auch auf dieser kurzen Fahrt das Glück mich wieder in meinen Forschungen begünstigte und ich in dem Hause des Bischofs v. Evara die Heimath eines schweizerischen Sängergeschlechtes entdecken mußte, wie Sie aus der Beilage ersehen werden. Ich denke in ein paar Tagen die Ufer des Bodensees wieder zu sehen und von der Villa Epponis aus Ihnen weitere Nachricht zu geben. Indessen tausend herzliche Grüße an die wackere Frau Emma und den biedern Suabo, dem ich nochmals, sowie Ihnen, theurer Freund, für die große Hilfe an dem Codex Weingartensis innig danke. Die Ihrigen, ich meine Herrn Roser und seine schöne Frau, auch den lieblichen kleinen Gustav Roser, bitte ich von mir vielmal zu grüßen; kann ich Ihrem Herrn Schwager in der Umgebung des Bodensees oder in der Schweiz entomologische Aufträge besorgen, so werde ich es mit eben so viel Pünktlichkeit als Vergnügen thun. Bitten Sie Schwab in meinem Namen auch an seine Frau einen schönen Gruß auszurichten. An sein Buch werde ich am ersten Tage meiner Zuhausekunft Hand anlegen und es ihm bald möglichst zurücksenden. Vale et me amare perge. Lassbergius. Explicit am 6. September 1826. Schon am Schlusse des Jahres 1825 schreibt Uhland in einem Briefe an seinen Vater, wie folgt: »Heute war Weisser bei mir und sagte mir, sein Bruder sei gestern von Tübingen zurückgekommen und habe den Auftrag von Ferdinand Gmelin, mich zu fragen, ob ich die Wahl zum Abgeordneten wieder annehmen würde? Ich weiß nicht, ob Gmelin von dortigen Bürgern veranlaßt ist, sich zu erkundigen. Bisher hatte ich keinen Anlaß, meine Entschließung zu äußern, weil mich Niemand gefragt hat. Aber es ist mein überlegter Entschluß, dießmal keine Wahl anzunehmen. Indem ich die sieben unruhigen Jahre durch ausgehalten habe, glaube ich meine Bürgerpflicht in dieser Hinsicht erfüllt zu haben. Auf noch einmal sechs Jahre mich von jedem andern Beruf und Bestimmung auszuschließen, kann nicht von mir verlangt werden, abgesehen davon, daß mir auch sonst die Lust und Liebe fehlt, die vor allem zu einem solchen Wirkungskreise erforderlich ist. Wenn etwa der liebe Vater gefragt wird, so bitte ich ihn, den Fragenden meinen bestimmten Entschluß zu sagen; dasselbe wird auch Weisser in Beziehung auf Gmelins Anfrage heute an Onkel Doktor schreiben. Ich wünschte nicht, daß Jemand vergeblich seine Stimme mir gäbe, oder gar eine vergebliche Wahl vorgenommen würde, indem ich sie ablehnen würde. Schlayer wäre wohl sehr geeignet, für eine der Abgeordnetenstellen von Stadt oder Amt Tübingen gewählt zu werden; ob er es wünscht oder annehmen würde, ist mir jedoch unbekannt. Emma hat eine große Wäsche. Daher nur ihre herzlichen Grüße mit denen Ihres gehorsamen Sohnes L.« Stuttgart, 2. December 1825. Ein Stammbuchblatt für Albert Schott, in Uhlands Gedichtsammlung mit der Aufschrift: »In ein Stammbuch« aufgenommen, zeigt, wie dieser Brief, daß die Hoffnung, Gutes und Ersprießliches für sein Heimathland in der Ständekammer wirken zu können, durch die Zeit sehr geschmälert wurde. Noch im Jahre 1860, als er nach Schotts Tode für seinen Nekrolog um einige Data angegangen wurde, sprach er es aus, indem er in seiner Antwort sagte: »Ein Irrthum ist, daß ich mit Schott aus der Kammer getreten sei; ich verblieb in derselben, wenn auch freudlos , bis zum Schluß der sechsjährigen Wahlperiode.« Im häuslichen Kreise und unter Freunden behielt er aber guten Muth und trug durch seinen Humor oft sogar wesentlich zur Erheiterung der Gesellschaft bei. Zum Belege soll hier ein Brief folgen, der von Verkleidungen spricht. Uhland an seine Frau. Stuttgart, 1. Februar 1826. »Liebes Weib! Wie ist es Dir denn bei der grimmigen Kälte gegangen? Wir haben uns zwar unbehaglich, aber sonst wohl befunden. Auch der kleine Neffe Gustav ist wieder gesund. Gerade als ich zu schreiben anfing, kam er mit Ludwig und gab mir einen Gruß an Dich auf. Meine Absicht war, Dir gestern schon zu schreiben, aber Vormittags war Sitzung und Nachmittags Gastmahl beim Herrn Fürstpräsidenten. Da hatte ich denn erstaunlich mit meiner Toilette zu schaffen. Du hättest sehen sollen, wie ich einige Stunden lang alle Kisten und Kästen, Schubladen und Fächer durchwühlt und umgekehrt habe, um die mancherlei Stücke meiner Amtsmaskerade zusammenzusuchen, und doch habe ich noch entlehnen müssen. Und wie steht es denn mit unserer Maskerade? Bist Du fleißig an meiner Flüeler Tracht gewesen und hast Du für Dich eine hübsche Carikatur aufgefunden? Jetzt sind fast täglich Ausschußsitzungen. Zu Hause habe ich noch wenig gegessen. Mit Karl die Reise zu machen, wäre ich schon Amtshalber verhindert gewesen, und Du wirst, rathe ich, auch die forcirte Rückreise nicht mitmachen. Nun grüße die Calwer bestens, sage Bruder Gustav meine herzlichsten Wünsche zum Geburtstag und kehre wohleingepackt zurück in die Arme Deines harrenden L.« Uhlands waren damals Theilnehmer eines sogenannten Kränzchens. Die Mitglieder unterhielten sich häufig durch Aufführung von Charaden oder durch Darstellung Schiller'scher und anderer Balladen. Zu humoristischen Rollen, oder auch zu von ihm humoristisch aufgefaßten, ließ sich Uhland gerne bereit finden und ergötzte oft die Gesellschaft durch seine heitern Einfälle, die so ungesucht und anspruchslos angebracht wurden. Auf den Wunsch der Mutter des schon lange Jahre geisteskranken Dichters Hölderlin besorgte Uhland mit Freund Schwab die Herausgabe seiner Gedichte. Ein Brief Uhlands an Varnhagen, der ihn zur Theilnahme an einer neuen Literaturzeitung aufforderte und eine Recension von Hölderlins Gedichten ihm zu schreiben vorschlug, gibt von dieser Arbeit nähere Kunde. Uhland an Varnhagen. »Lieber Freund! Deine Zeilen vom 26. December 1826 traf ich bei meiner Zurückkunft von einer kleinen Reise. Seit einigen Wochen bin ich der Beschäftigung bei den Landständen entbunden und muß nun vor allem mein Bestreben darauf richten, eine längst angefangene, aber vielfach gehemmte Arbeit im Fache der Geschichte der deutschen Poesie einmal zu Ende zu führen. In meinen Beruf zur Kritik im voraus mißtrauisch, vermag ich für jetzt wenigstens Deiner freundlichen Aufforderung nicht zu folgen; obgleich ich das Bedürfniß einer kritischen Zeitschrift von regerem Geiste als die bisher vorhandenen, vollkommen einsehe. Was Hölderlins Gedichte insbesondere betrifft, so ist Dir vielleicht nicht unbekannt, daß die in Berlin veranstaltete, dann durch Kerners Hand gegangene Sammlung, von Professor Schwab und mir aus Druckschriften und aus den uns von dem Stiefbruder des unglücklichen Dichters mitgetheilten Papieren, deren Durchsicht mit manchen Schwierigkeiten verbunden war, nach Kräften ergänzt worden ist. Aus der Lava dieser Handschrift haben wir namentlich das Bruchstück des Empedokles ausgegraben. An den Druckfehlern sind wir unschuldig, wir hatten uns zur Revision angeboten; nachdem aber die Handschrift lange liegen geblieben, kam uns plötzlich der größere Theil des Buches, zu Augsburg gedruckt, vor Augen; nur durch ein langes Verzeichniß der Druckfehler, was einige Cartons veranlaßte, konnte ich, soweit es ohne das Manuscript möglich war, noch nachhelfen. Bei jener Beschäftigung mit den trefflichen Gedichten kam zwischen uns manches zur Sprache. Ich denke, daß die Ansicht, in der wir übereinstimmten, bereits in einem Aufsatz ausgesprochen sein wird, den Schwab in das literarische Conversationsblatt eingeschickt hat, obgleich ich diesen Aufsatz nicht selbst vorher gelesen habe. Kerner hat sich in Weinsberg recht angenehm mit Haus und Garten angebaut, ein alter Thurm im Garten ist zum romantischen Studirzimmer und zum Ueberblick der schönen Gegend eingerichtet; oft sieht man von seiner Zinne papierne Drachen hoch in die Lüfte steigen. Auch mir geht es gut und ich habe mir jetzt wieder freiere Thätigkeit eröffnet. Deines literarischen Werkes freue ich mich von Herzen. Dir, und wer sich sonst meiner erinnert, die besten Grüße der Deinige L.« Auszug aus einem Briefe Lachmanns. Professor Karl Lachmann aus Berlin bat um diese Zeit Uhland um seine Abschrift des Weingarter Codex. »Sie wissen ja, daß ich lange zu Walther von der Vogelweide vorgearbeitet habe, mir fehlt nur noch diese Handschrift.« Mit Freuden schickt ihm Uhland die begehrte und am 15. Juni 1827 erhält er dann von Lachmann dieselbe zurück. Dieser schreibt dazu: »Jetzt endlich kommt Walther zu seinem Herrn zurück: ich meine nicht nur Ihre Abschrift, sondern die Lieder, die erst durch Sie uns andern recht eingeleuchtet haben und mich zu den Anmerkungen gespornt, wenn diese anders etwas Gutes enthalten. Was meine Kritik betrifft, so ist mein höchster Wunsch, Sie mögen finden, daß einige Lieder sich jetzt erst in ihrer ganzen Schönheit zeigen, und zugeben, daß so wenig auch Abdrücke von Handschriften zu tadeln sind, doch wenn dem Dichter kein Unrecht geschehen soll, auch eine eigentlich kritische Behandlung nöthig ist.« Den Monat Juli 1827 benützte Uhland zu einer Reise mit seiner Frau nach München, Salzburg, in das Salzkammergut, Berchtesgaden, Innsbruck, Botzen, Meran, dann über Vorarlberg an den Bodensee und nach Eppishausen zu Laßberg. In München wurden die Kunstschätze mit dem angenehmsten Geleitsmann, Sulpiz Boisserée, mit großem Interesse gesehen; Uhland fühlte sich besonders auch durch die Landschaften von Ruysdael angezogen. Von größerem Werthe waren für ihn aber doch vielleicht noch die Schätze der Bibliothek und die werthvolle Bekanntschaft von Docen und von Schmeller, den er zum erstenmale sah und der ihm ein so theurer Freund wurde. Auch werthe frühere Bekannte, Professor Mahmann und Hofrath Schorn, traf er in München wieder. Salzburg und das an großartiger Natur so reiche Tyrol sprach Uhland sehr an. Von Innsbruck aus wurde natürlich auch die Ambraser Sammlung besucht. Das Wiedersehen von Laßberg machte zu der schönen Reise einen erwünschten Schluß. Gegen das Ende des Jahres 1826 wurde Uhland durch Professor Diez von Bonn mit seinem Werke über die Poesie der Troubadours beschenkt, mit einer sehr herzlichen Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen. Uhland schreibt hierauf: »Verehrter Herr Professor! Sie haben mir mit Ihrem Werke über die Poesie der Troubadours ein so erfreulich überraschendes Geschenk gemacht, daß ich mir sehr vorwerfen muß. Ihnen meinen herzlichen Dank nicht früher ausgedrückt zu haben. Dieses Werk, dem die verdiente Anerkennung gewiß nicht fehlen wird, konnte wohl doch Niemand erwünschter erscheinen als mir, der ich mit der verwandten Poesie der deutschen Minnesänger seit einiger Zeit mich näher beschäftigt hatte. Dabei kommt mir nun dasselbe mit unentbehrlichen Untersuchungen über den provençalischen Minnesang entgegen, welche weit vollständiger sind und mir einen sichereren Anhalt gewähren als diejenigen, welche ich selbst anzustellen im Fall gewesen wäre. Hierüber aber hätte ich mich ausführlicher mit Ihnen zu unterhalten gewünscht als mir bisher möglich war, und ich erspare es auch besser, bis ich Ihnen meine Ansicht über die deutschen Minnelieder einmal im Zusammenhang werde vorlegen können, wobei Sie jedoch nicht gerade erhebliche Entdeckungen zu erwarten haben. So sehr ich Raynouards Leistungen dankbar erkenne, so hat es mir doch patriotische Befriedigung gewährt, zu erkennen, wie die Betrachtung des Gegenstandes durch das deutsche Werk an Tiefe, Schärfe und Uebersicht gewonnen hat. Fauriels geschichtliche Darstellung ist mir noch nicht zugekommen. Mögen Sie doch bald den zweiten Theil mit dem Leben der Sänger und, wie ich hoffe, mit zahlreichen Uebertragungen charakteristischer Lieder nachfolgen lassen, wodurch das geschichtlich poetische Leben jener Zeit zur volleren Anschauung gebracht werden wird. Bei Abfassung des Buches war Ihnen eine provençalische Handschrift noch nicht bekannt, welche sich in der Bibliothek des Fürsten von Wallerstein befindet, von der Sie aber vielleicht wohl seitdem erfahren haben; das epische Gedicht von Fierabras, dessen einstiges? Vorhandensein in altfranzösischer Sprache mir längst unzweifelhaft war. Ob dasselbe ursprünglich provençalisch abgefaßt war, ist noch zu untersuchen, da es in dieser Sprache ziemlich vereinzelt dasteht, während es nordfranzösisch in einen vollständigen Cyklus einträte, in welchem es bisher vermißt wurde. Die Alexandrinerform und der epische Styl sind dieselben, wie in den nordfranzösischen Chansons de Geste . Uebrigens wäre die Bekanntschaft mit diesem Gedicht für Ihr Werk mehr nur der literarischen Seltenheit wegen von Interesse gewesen, da der Nerv der provençalischen Dichtung doch im Lyrischen liegt. Der Anfang, woraus zugleich der nordfranzösische Ursprung sich bestätigen möchte, lautet so: – – Sie erwähnen zweier altfranzösischer Gedichte, wovon ich einst Nachricht gegeben. Von allen Quellen entfernt, habe ich die altfranzösischen Studien seither bei Seite liegen lassen. Sollte Ihnen die Kenntniß dieser Stücke von Interesse sein, so würde mir es Freude machen, Ihnen solche zu jedem Gebrauche mitzutheilen. Wie sehr wäre überhaupt zu wünschen, daß Ihre Bemühungen auch auf die Poesie der Nordfranzosen, welche gerade in ihrem besten und ergiebigsten Felde, dem epischen Kreise und dem romantischen Rittergedicht, noch so gänzlich vernachlässigt ist, sich erstrecken möchte. Allerdings wäre hier noch ein unübersehbarer Stoff zu behandeln und ein längerer Aufenthalt in Paris wohl unerläßlich; aber welch ein Schatz neuer Entdeckungen und wichtiger Aufschlüsse für die Geschichte der gesammten Poesie der neuen Völker müßte dem muthigen Forscher lohnen! Mit der aufrichtigsten Hochachtung der Ihrige L. Uhland.« Stuttgart, 12. Mai 1827. Der alte Freund Uhlands, Baron Lamotte Fouqué, hatte einen jungen Norddeutschen, Herrn Halling, der seine Studien in Tübingen fortsetzen wollte, an Uhland empfohlen. Sein Interesse für die altdeutschen Dichtwerke erfreute Uhland, und da er beabsichtigte, das »glückhafte Schiff« von Fischart herauszugeben, so war ihm Uhland gerne behülflich. Die Osiander'sche Buchhandlung in Tübingen wollte die Herausgabe übernehmen, wenn Uhland ein Vorwort dazu gebe. Da arbeitete Uhland den Aufsatz über die Freischießen aus und dieser wurde dem Werke vorgedruckt. Es erfreute Uhland sehr, wenn sich jüngere, strebsame Leute, wie Studenten der Hochschule, vertrauensvoll an ihn anschlossen, und er war gerne im Verkehr mit ihnen, theilte ihnen auch gerne von dem mit, was ihn selbst beschäftigte; so gewann er manchen jungen Freund, der ihm ein Freund durch das ganze Leben blieb. So machte er auch die Bekanntschaft Adolph Schölls von Brünn, später Hofrath in Weimar, der im Jahre 1828 längere Zeit in seinem Hause ein willkommener Gast war. Mit ihm zusammen machte er eine Reise nach Nürnberg, wo sich dann ihre Wege schieden. Von dort aus schrieb er an seine Frau: Nürnberg, 23. October 1828. »Liebes Weib! Indem ich Dir von meiner Ankunft in Nürnberg Kunde gebe, bin ich bereits nahe daran, den Wanderstab zur Rückreise zu ergreifen. Die zwei Tage, die ich in Nürnberg zugebracht (denn gestern waren wir in Erlangen), ließen wenig zum Schreiben kommen. Es gibt hier so mancherlei zu betrachten, daß ich das Gesehene, meiner bekannten Gabe der Kürze unerachtet, nicht in einen Brief zu fassen wüßte, und daher alles mündlich beschreiben werde. Und mehr noch als alles Einzelne ist mir der Eindruck des Ganzen, den ich erst noch in mir selbst verarbeiten muß. Von Roth und Andern, auch in Erlangen, wurde ich auf das Freundlichste aufgenommen und der Himmel hat eine in dieser Jahreszeit unerwartete Freundlichkeit bewiesen. Ich dachte darauf, morgen Nachmittag noch eine Strecke des Rückwegs abzumachen, zweifle nun aber, ob ich noch dazu kommen werde. Heute kam ich von Morgen 8 Uhr bis Abends 8 Uhr nicht in meine Herberge zurück, bin aber doch noch für morgen mit Manchem im Rückstand. Dagegen wird mich Wallerstein nicht lange festhalten, indem die Kunstsachen schon von dort weggebracht sein sollen. Ich hoffe daher, zur besprochenen Zeit einzutreffen und werde mich vom Anfang bis zum Ende des Remsthals nach lieber Begegnung umsehen. Allen herzliche Grüße, die innigsten aber Dir selbst von Deinem L.« Auf dem Heimweg von Nürnberg, den Uhland größtentheils zu Fuß zurücklegte, machte er einen Umweg zu dem Dorfe Eschenbach, wo Wolfram von Eschenbach begraben liegt; es konnte ihm aber nur die Stelle bezeichnet werden, wo sein Grabstein gewesen sei. Es war ihm immer von Werth, sich die Gegend zu besehen, an der irgend eine Sage haftet, oder wo ein ausgezeichneter Mensch gelebt hat. Er sagte, es werde ihm durch die Landschaft und die Lage eines Ortes die Sage oder die Persönlichkeit und die Werke viel gegenwärtiger und klarer. Manchem seiner Gedichte ist es auch wohl anzufühlen, daß er ein klares Bild vor seinem geistigen Auge gehabt, als er zur Ausführung schritt. So zum Beispiel bei Tells Tod. So oft er an den Vierwaldstädter See kam, so ging er auch nach Altdorf und in das Schächenthal hinauf. Wo es einen Drachenfelsen gibt, nicht nur am Siebengebirg, auch bei Dürkheim an der Hardt und in der Schweiz im Canton Unterwalden, ließ er sich Zeit und Mühe nicht dauern, der Platz mußte besichtigt werden. Auch im vorgerückten Alter noch bestieg er auf Reisen meistens den Kirchthurm, sobald die Gegend irgend anziehend war. Ueber die Absichten, die er in dieser Zeit für sein künftiges Leben hatte, gibt ein Concept eines Briefes, der an Professor Ferdinand Gmelin in Tübingen gerichtet war, uns Auskunft. Uhland an Professor Gmelin. Stuttgart, 20. Februar 1829. »Verehrtester Herr Professor! Die Absicht, selbst nach Tübingen zu kommen und, ich darf es wohl sagen, die sorgfältige Ueberlegung Ihres Vorschlags hat meine Antwort auf Ihr verbindliches Schreiben verzögert. Das Unternehmen, wovon Sie mir Nachricht geben, ist mir zu achtbar, um nicht meine größte Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, und doch sehe ich nicht ab, wie ich im Stande wäre, mich demselben wirksam anzuschließen. Als Redakteur voranzustehen, würde mir in keinem Fall geziemt haben, aber auch zu einer thätigen Theilnahme als Mitarbeiter finde ich mich dermal nicht in den Stand gesetzt. Erlauben Sie mir, hier über etwas weiter auszuholen. Nachdem ich sieben Jahre lang bei der ständischen Arbeit ausgeharrt und in dieser Zeit den Beschäftigungen meiner Neigung und meines innern Berufs mich großentheils entzogen hatte, war es mir klar geworden, daß wenn ich in letzteren nach meinen Kräften noch irgend etwas Tüchtiges leisten wollte, es durchaus nothwendig wäre, von den erstern zurückzutreten. Dabei war aber nicht meine Absicht, mich einsiedlerisch einzuspinnen, sondern ich gab meinen Studien die bestimmte Richtung auf eine akademische Thätigkeit, wofür ich immer Vorliebe gehegt und wozu mir das Vertrauen, mit dem sich mir häufig jüngere Männer näherten, einigen Aufruf zu geben schien. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß man mich auf meine, von dem Senate unterstützte Meldung und in diesem vorzüglich auch durch Ihr Wohlwollen, seit mehr als anderthalb Jahren in einer keineswegs aufmunternden Ungewißheit gelassen hat. Je weniger mir hier zu Lande nun äußere Förderung wird, um so nöthiger ist es mir, mich für die Zwecke, die ich nicht aufgebe, innerlich gesammelt zu halten und durch keine neue, verschiedenartige Wirksamkeit davon abzulenken. Ich bin aber auch hier außer allen Verbindungen, welche mir von den Betrieben der neueren Gesetzgebung und Verwaltung eine genaue Kenntniß verschaffen könnten. In Erörterungen ruhig abhandelnder Art, wie sie einem Journal anstehen, war ich ohnehin niemals geübt und meine landständische Kriegskunst bestand immer nur darin, einer Sache den Anstoß zu geben, das von Andern Vorbereitete durchzufechten, Aug in Auge mit dem Gegner etwas kurz abzumachen. Sollte ich gleichwohl durch irgend einen Gegenstand aus dem Gebiete der bezweckten Zeitschrift mich nicht bloß (was zuweilen der Fall ist) heftig aufgeregt, sondern auch durch specielle Kenntniß der Behandlung desselben gewachsen fühlen, so würde ich meine Ansichten nirgends lieber niederlegen als in einem Verein so geschätzter, wohldenkender Männer. Entschuldigen Sie, daß ich so Vieles von mir gesprochen; aber ich glaubte die Rechenschaft, die ich Ihren gütigen Gesinnungen schuldig war, nicht anders als aus meiner Persönlichkeit geben zu können. Mit der aufrichtigsten Verehrung Ihr ergebenster L. U.« Die Regierung zeigte wenig Lust, den freisinnigen Abgeordneten in den Staatsdienst zu berufen; als nun aber der Senat in seinem Jahresbericht in einem Monitorium nochmals auf die Besetzung der vakanten Lehrstelle der deutschen Literatur antrug und Uhland neben Schwab wieder in Vorschlag brachte, wurde er am Schlusse des Jahres 1829 zum außerordentlichen Professor ernannt; vielleicht nur, weil von einer Berufung nach Bayern die Rede war. Zu der Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter wünschte Uhland eine Handschrift der Berner Bibliothek zu benützen; da es nicht möglich war, dieselbe nach Stuttgart zu bekommen, so ließ der treue Freund Laßberg dieselbe für sich nach Eppishausen kommen und Uhland konnte sie dann bei ihm benützen und zugleich Laßbergs erweckenden Umgang genießen. Uhland an seine Frau. Eppishausen, 5. Juli 1829. »Hier, liebste Emma, die Nachricht von meiner glücklichen Ankunft jenseits des Bodensees, dem Du so wenig Gutes zutrauen wolltest. Erst heute kann von hier ein Brief auf die Post gegeben werden. – Auf dem Postwagen traf ich den Maler Dieterich und einen Handlungsreisenden. Es schien mich am meisten zu fördern, zumal das Wetter sich zweifelhaft anließ, wenn ich mit dem Wagen weiter bis Ehingen fuhr, wo derselbe um sieben Uhr ankam. Dieterich, der zu einer Arbeit in diese Gegend berufen war, entschloß sich, mich am folgenden Tag bis Biberach, seiner Vaterstadt, zu Fuße zu begleiten, was mir recht angenehm war. Nachdem ich dort Gaab besucht, auch bei einem Antiquar nach alten Sachen gestöbert, war es Mittag geworden. Ich nahm ein Fuhrwerk bis Waldsee und ging dann zu Fuße noch bis Ravensburg. Auf diesem Wege habe ich viel an unsere frühere Reise gedacht. Ich mußte meine Schritte beflügeln, um noch auf der bekannten Höhe die Sonne untergehen zu sehen. Von Ravensburg ging ich über Weingarten, wo ich die große Kirche besuchte, auf die Waldburg. Es ist ein schöner, fast schweizerischer Weg über zerstreute Weiler, grüne Wiesen und durch kleine Tannenwälder, in denen noch lange das harmonische Glockengeläute von Weingarten (es war der Tag, wo Maria über das Gebirge ging), wie aus der verlorenen Kirche wiederhallte. Vom Altan auf dem Dache der alten Burg genoß ich der weiten Aussicht, das Gebirg erfreute mich, wenn es auch nicht ganz entschleiert war, den Säntis sah ich mit seinem beschneiten Haupte hell vor mir. Auf dem Wege von der Waldburg nach Tettnang überfiel mich ein starker Regen, der den Leuten, die überall in der Heuernte begriffen waren, sehr ungelegen kam und an diesem Tag kein gutes Zeichen ist, indem nun unbeständiges Wetter folgen soll, bis Maria wieder zurückkommt. In Friedrichshafen kam ich bei guter Zeit an und hatte noch eine schöne Abendbeleuchtung am See. Morgens acht Uhr fuhr das Dampfschiff nach Rorschach, das Wetter war trüb, und ehe man landete, fiel Regen ein. In Rorschach nahm ich daher einen Einspänner, der mich gegen zwei Uhr nach Eppishausen brachte. Herr von Laßberg nahm mich sehr freundlich auf, hatte mich aber noch nicht erwartet und die Handschrift von Bern war auch nicht da. Aber noch am nämlichen Abend traf sie ein und ich habe gestern schon fleißig daran gearbeitet, so daß ich gar nicht zum Hause hinauskam. Es ist freilich ein gewaltiges Stück Pergament, und ich werde in der Zeit nicht kürzer wegkommen als ich bei der Abreise angenommen hatte; auch wird doch manche Stunde von Gespräch über unsere gemeinschaftlichen Beschäftigungen hingenommen. Ich wohne in einem der Zimmer des oberen Stocks mit der schönen Aussicht in das grüne Land, eben höre ich den sonntäglichen Gesang von der Kirche im Thal. Wohl wäre es schön, wenn Du jetzt mit mir am offenen Fenster ständest; aber wenn ich dann wieder über der alten Handschrift säße, da hättest Du doch wenig Kurzweil. Wie freue ich mich auf das Wiedersehen in Tübingen, wohin ich an des Vaters Geburtstag schreiben werde. Lebe gesund und vergnügt und liebend eingedenk Deines L.« Einem Briefe von Laßberg an Uhland vom 28. November 1829 ist Folgendes entnommen: »Nun aber, lieber Freund, zürnen Sie mir nicht, wenn ich auch einmal nach dem Fortgang Ihres Werkes über die deutsche Heldensage und den Minnesang frage. Während Ihres Hierseins, ich gestehe es, erwartete ich hierüber einige Mittheilung; denn ich wußte, daß Sie schon Andern einige Abtheilungen daraus vorgelesen hatten: allein Sie schwiegen, und so getraute ich mich nicht davon anzuheben; nun aber, da man allgemein weiß, daß Ihr Buch schon so weit vorgerückt ist und selbst aus dem Norden hierüber Anfragen an mich geschehen sind, wage ich es, mich zu erkundigen, ob wir nicht bald etwas von Ihrer Arbeit zu sehen bekommen? Sie haben mit Ihrem Walther von der Vogelweide alles auf dies noch nicht bearbeitete Feld unserer Literatur aufmerksam gemacht; aber nicht nur auf dieses, sondern ebenso sehr auf Sie selbst, da man nun sah, was Sie hierin im Stande sind zu leisten. Ich, dem Ihr literarischer Ruhm nicht weniger am Herzen liegt als mich Ihr bürgerlicher erfreut, bin also wohl zu entschuldigen, wenn Ihnen meine Anfrage auch etwas zudringlich vorkommen sollte: wäre das, so sehen Sie solches als nicht geschehen an. Des biedern Schwab und seiner geistreichen Frau Besuch hat mich über die Maßen erfreut, und ich habe um so größeren Genuß davon gehabt, als das abscheulichste Wetter uns alle die Tage ihres Hierseins in die Stube zusammengesperrt hat. Dies klingt zwar eigennützig; aber ich hoffe, meine lieben Gastfreunde sind überzeugt, daß ich mit nicht weniger Freude mit ihnen in dem alten Sängerlande herumgefahren wäre, wenn es der Jupiter pluvius erlaubt hätte. In Ihrem nächsten Briefe hoffe ich zu erfahren, ob ich Ihnen zum Professor oder zum Bibliothekar Glück wünschen soll. Eines und das andere wäre mir lieb, lieber das erstere; aber secundum leges baiuvariorum vivere, möchte ich meinen guten lieben Uhland nicht gerne sehen. Leben Sie wohl und grüßen Sie aufs Herzlichste die wackere Frau Emma von Ihrem I. Laßberg.« Hätte Laßberg während Uhlands Besuch nur getrost nach seiner Arbeit gefragt, er hätte ihm gewiß gerne davon berichtet. Er hatte aber eine fast unüberwindliche Schüchternheit, selbst von seinen Arbeiten anzufangen, während ihm doch die Mittheilung gegen einen Freund so wohl that. Schwabs zutrauliches, zur Mittheilung Muth machendes Wesen wirkte deßhalb so günstig auf Uhland ein. Recht gerne las er Schwab oder Mayer oder einem andern Freund von seinen poetischen oder prosaischen Arbeiten vor, wenn er Interesse dafür voraussetzen konnte, aber ohne Aufforderung wäre er schwer dazu gekommen. Die Studien und Vorarbeiten zur Heldensage und zum Minnelied, zum Theil zum Drucke bereit, wurden nun, da er zum Professor ernannt war, zu Vorlesungen umgearbeitet und sind dann von ihm nicht mehr im Drucke veröffentlicht worden. In die vierte Auflage der Gedichte, die in diesem Jahr erschienen war, kamen die Lieder: »Frühlingstrost,« »Künftiger Frühling,« dann »Auf Wilhelm Hauffs frühes Hinscheiden,« »Die Ulme Zu Hirschau« und: »Auf eine Tänzerin.« Der Winter von 1829 – 30, der letzte seines beständigen Wohnens in Stuttgart, weckte die Lust zum Dichten neu in Uhland auf. Sei es, daß die Befreiung von ständischen Arbeiten, oder sein Schaffen in dem Felde seiner Neigung dazu beitrug. Im Laufe des Winters entstanden: »Der Mohn,« »Bertran de Born,« »Der Waller,« »Ver sacrum,« »Münstersage,« »Merlin der Wilde« (an Karl Mayer), »Der Graf von Greyers« und »Tells Tod.« Als der Frühling anbrach, im April, erfolgte die Uebersiedlung nach Tübingen. Wohl schmerzte es ihn, werthe Verwandte und liebe Freunde, unter diesen besonders Schwabs, verlassen zu müssen; aber in Tübingen warteten sein theure Eltern und ein längst ersehnter, seinen Talenten und Studien gemäßer Beruf. Als er an dem Reisetag an das Ende der Stuttgarter Markung kam, fand er seine Stuttgarter Freunde und manche Kampfgenossen aus der Ständeversammlung, die ihm Glück auf die Reise wünschten und einen Lorbeerkranz übergaben. Er nahm herzlichen Abschied Von den Freunden, aber den Lorbeerkranz hing er im nächsten Walde an eine Eiche auf, mit der Bemerkung gegen seine Frau: »Ich kann doch nicht mit einem Lorbeerkranz in Tübingen ankommen!« und mit dem Scherze: »Wie wird der nächste Wanderer sich wundern, daß diese Eiche Lorbeerblätter trägt.« VII. Uhland als Lehrer an der Universität. Niederlegung seines Amtes. Ferneres Leben in Tübingen. Reise nach Wien. 1830–1838. Groß war die Freude der Eltern, ihren Sohn nun an der Stelle zu sehen, welche er und sie schon lange für ihn gewünscht hatten. Der Großvater hatte bis in das achtzigste Lebensjahr eine Professorsstelle bekleidet, der Vater als Beamter sein Leben der Universität gewidmet; daß nun auch der Sohn hier wirken solle, machte sie ganz glücklich. Unter der studierenden Jugend kam Uhland viel Zutrauen und Neigung entgegen. Doctor Klüpfel sagt in seinem Lebensabriß von Uhland über seine Lehrthätigkeit: »Nach den Osterferien eröffnete er seine Vorlesungen in dem grüßten akademischen Hörsaale. Die Geschichte der deutschen Poesie im 13-14. Jahrhundert war der Gegenstand. Sein Vortrag war nicht frei; er las das sorgfältig ausgearbeitete Manuscript vor, aber mit kräftiger, markiger Stimme; man fühlte es ihm an, daß er sein Bestes gab, daß er sich mit ganzer Seele in den Stoff vertieft hatte. Das, was er vortrug, war nicht ein zum Behuf der Vorlesung im Drange des täglichen Bedürfnisses niedergeschriebenes Heft, sondern die Frucht vieljähriger Forschung. Im Sommersemester des folgenden Jahres gab er die Fortsetzung der Geschichte der deutschen Poesie im 15. und 16. Jahrhundert. So viele Geschichten der Poesie des Mittelalters wir auch seitdem in der deutschen Literatur bekommen haben, so ist doch keine vorhanden, die in wissenschaftlicher Durcharbeitung des Stoffes, wie in Frische und Schwung der Darstellung, jenen Vorlesungen Uhlands gleichkäme. Im Winter 1831-32 und im folgenden Sommer las er über romanische und germanische Sagengeschichte, dazwischen erklärte er auch zweimal das Nibelungenlied. Uhlands Vorlesungen weckten bei Manchen ein tieferes Interesse für Poesie und Geschichte und würden noch mehr Anklang gefunden haben und zahlreicher besucht worden sein, wenn nicht damals die Philosophie das Interesse der Höherstrebenden vorzugsweise in Beschlag genommen hätte. Noch mehr als durch seine wissenschaftlichen Vorlesungen wirkte er durch die Uebungen in schriftlichem und mündlichem Vortrage, die er einmal in der Woche zu halten pflegte. Es wurden hier Gedichte oder prosaische Aufsätze eingereicht und entweder von den Verfassern, oder wenn diese, was bei Gedichten häufig der Fall war, ungekannt bleiben wollten, von Uhland vorgetragen und beurtheilt. Er hatte dabei eine ungemein liebenswürdige Art, die Mängel zu rügen und andererseits das Gute anzuerkennen und die Verfasser zu ermuthigen. Nie fehlte es an Stoff; es fanden sich immer Viele ein, um sich zu betheiligen, beitragend oder zuhörend.« In einem Verzeichniß vom 1. Semester sind 49 Nummern von Beiträgen aufgeführt. Nach der ersten Vorlesung wurde Uhland durch einen stattlichen Fackelzug und ein Ständchen geehrt. Die Freude der Wiedervereinigung mit den Eltern durfte Uhland nicht lange genießen. Im Frühjahr 1831 erkrankte die geliebte Mutter und starb am 1. Juni. Manche Nacht hat der Sohn an ihrem Bette wachend zugebracht und hatte dann am Tage ein neues Colleg auszuarbeiten und vorzutragen. Wenige Minuten nach dem Verscheiden, am Bette der Mutter, schrieb er die Strophe nieder: Du, Mutter! sahst mein Auge trinken Des ird'schen Tages erstes Licht; Auf Dein erblassend Angesicht Sah ich den Strahl des Himmels sinken. Und als er von ihrer Bestattung zurückkam, entstand eben so schnell: Verweh'n, verhallen ließen sie Den frommen Grabgesang: In meiner Brust verstummet nie Von Dir ein sanfter Klang. Auch der geliebte Vater wurde den Kindern kurze Zeit darauf, am 29. August, durch den Tod hinweggenommen. Wie tief ihm der Verlust der Eltern zu Herzen gieng, bezeugt das tief wehmüthige kleine Lied: Zu meinen Füßen sinkt ein Blatt, Der Sonne müd, des Regens satt; Als dieses Blatt war grün und neu, Hatt' ich noch Eltern, lieb und treu. O wie vergänglich ist ein Laub, Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub! Doch hat dies Laub, das niederbebt, Mir so viel Liebes überlebt. Während der Herbstvakanz kamen Schwabs mit ihrem neu gewonnenen Freund Niembsch (Lenau) zu Uhlands. Es war eine wohlthätige Erheiterung für ihn. Mancher Gang in die schöne Umgebung Tübingens wurde mit den Freunden unternommen; häufig nahmen auch die gemeinsamen Freunde, Paul und Gustav Pfizer, Theil an solchen Gängen. Mit Paul Pfizer wurde Uhland in der letzten Zeit seines Stuttgarter Aufenthalts durch Schwab bekannt. Pfizer wurde noch vor Uhlands Ernennung als Assessor an den Gerichtshof in Tübingen versetzt. Die beiden Männer wurden bald innig befreundet. Die gemeinsame Liebe zum deutschen Vaterlande beseelte Beide. Der jüngere Bruder, Gustav Pfizer, war dem Schlüsse seiner Studien nahe; er war ein eifriger Zuhörer Uhlands und seine dichterische Begabung brachte für das Stylistikum sehr willkommene Beiträge. Niembschs liebenswürdiges Wesen und sein Dichtertalent machten ihn Uhland sehr werth; er hatte aber frühe schon ein fast ahnungsvolles Gefühl von dem Krankhaften in Niembschs Stimmung. Ein zweiter Besuch von Schwab mit einer Anzahl Stuttgarter Bürger war für Uhland minder harmlos und zeigte sich später als folgenschwer. Es waren Stuttgarter Wahlmänner, die Uhland zur Annahme einer Wahl in die bevorstehende Ständeversammlung als Repräsentant ihrer Stadt zu bestimmen strebten. Die Vorgänge in Frankreich hatten die Hoffnungen der freisinnigen Partei unter der Stuttgarter Bürgerschaft neu belebt, und da auch Uhland die Ansicht theilte, daß die Verwirklichung der Verfassungsrechte und die Bestrebungen für eine innigere Verbindung der deutschen Stämme, als unter dem Bundestage bisher möglich war, mehr Aussicht hätten durchzudringen, so glaubte er sich dem Eintritt in die Kammer bei einer auf ihn fallenden Wahl nicht entziehen zu dürfen, so schwer ihm auch aus verschiedenen Gründen der Entschluß wurde. Am 3. Juni 1832 wurde er in Stuttgart, und Paul Pfizer in Tübingen gewählt. Beide wohnten dann auch Versammlungen der liberalen Abgeordneten von Württemberg und von gleichgesinnten Freunden in Boll und in Echterdingen an. Die Regierung, in der klugen Berechnung, daß die hochgehenden Wogen sich mit der Zeit legen könnten, verschob die Einberufung der Kammer so lang, als es nur immer möglich war, bis zum 15. Jan. 1833. Paul Pfizers Buch, Briefwechsel zweier Deutschen, war in dieser Zeit erschienen und hatte großes Aufsehen gemacht. Er wurde von der württembergischen Regierung sehr übel darum angesehen und nahm seine Entlassung aus dem Staatsdienst. So sehr die Ansichten von Pfizer und Uhland in allen andern Punkten übereinstimmten, so war dieses bei Pfizers Ausführung, daß Preußens König an die Spitze von Deutschland gestellt werden sollte, weniger der Fall, weil Uhland dieses ohne Ausschluß von Oesterreich nicht für möglich hielt. Die Beschlüsse des deutschen Bundestags vom 28. Juni 1832, die die Verfassungsrechte so sehr bedrohten, machten auf Uhland tiefen Eindruck, wie der nächste Brief zeigt. Uhland an Professor v. Rotteck. Tübingen, 14. Juli 1832. »Hochwohlgeborner, hochverehrter Herr! Sie haben mir die Ehre erwiesen, im Namen der Redaction des Freimüthigen mich zu Beiträgen für denselben einzuladen. Es hat sich mir bei allem Interesse für die vaterländischen Angelegenheiten doch niemals ein besonderes Geschick für politische Ausführungen ergeben, und so steht mir auch jetzt nichts zu Gebote, was ich der geehrten Redaction einsenden könnte. Aber die jetzige Zeit kann zu Manchem einüben, was man vorher nicht gelernt, und so ist es für mich von größtem Werthe, mir vorkommenden Falles die Blätter dieser liberalen Zeitschrift geöffnet zu wissen und dadurch in Verbindung mit Männern treten zu können, deren Verdienste für die Sache der bürgerlichen Freiheit ich so hoch stelle. Mit der aufrichtigsten Verehrung beharre ich Eurer Hochwohlgeboren gehorsamster Diener L. U.« Im Herbste, nach dem Schlusse der Vorlesungen, machten Uhlands wieder eine Schweizerreise und dieses Mal glückte ihnen die Besteigung des Rigi besser, als die zwei früheren Male; sie konnten bei klarem Himmel die Aussicht, und Abends und Morgens die herrlich beleuchteten Schneeberge des Berner Oberlandes genießen. Ueber den Vierwaldstättersee fuhren sie dann nach Altdorf und Bürglen, das Uhland als Tells Geburtsort immer anziehend war, stiegen das Schächenthal und den Gebirgspaß zwischen den Klariden hinauf und gelangten bei schon angebrochener Nacht noch glücklich ins Linththal, nach Stachelberg hinab. Den Schluß der Reise bildete auch in diesem Jahre wieder ein Besuch bei dem Freunde in Eppishausen. Uhland hatte seine Antrittsrede an der Universität lange verschoben, weil ihm bei seiner Ernennung im Ministerium gesagt worden war, sie könne ihm erlassen werden; da aber die Ansicht in Tübingen eine andere war, so mußte er sich doch noch dazu entschließen. Er entwickelte dabei die Sage von Ernst, Herzog von Schwaben. Da nach der Vakanz die Zeit bis zum Beginn der Ständeversammlung nur noch kurz war, so konnte er keine Vorlesung mehr beginnen, und da er später, durch die Ereignisse gedrängt, um seine Entlassung einkam, so war diese Antrittsrede – eine eigene Ironie des Zufalls – Uhlands letzte akademische Thätigkeit. Deßhalb sagte er später: die obligate Musik dabei habe ihm »abgeblasen.« Nach dem Neujahr 1833 bezog Uhland mit seiner Frau eine Interims-Wohnung in Stuttgart. Auch bei diesem Landtag wurde er in der Commission mit der Dankadresse beauftragt. Schon in der Commission, und noch mehr in der Kammerberathung, in geheimer Sitzung, wurde jeder Satz, der eine entschiedene Farbe trug, verwischt, die neuesten Bundesbeschlüsse, die die Verfassung bedrohten, sollten nicht erwähnt werden, so daß Uhland endlich selbst gegen die Adresse stimmte. Erfahrungen dieser Art mögen ihn später in seinem Gedichte »Wanderung« zu der Stelle veranlaßt haben: »Nur nichts mein Lieber, nur nichts vom Bundestag!« Die am 13. Febr. eingebrachte Motion des Abgeordneten Pfizer gegen die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni 1832 wurde von der Regierung so übel aufgenommen, daß der Geheimerath, noch ehe die Kammer an die Berathung kam, in einem Rescript einzelne Behauptungen der Motion, als »ungegründet und eben so wenig mit den Verhältnissen des Königs zum deutschen Bunde, als mit dessen Souveränetätsrechten vereinbar« bezeichnete und hiernach die Erwartung für gerechtfertigt erklärte, »daß die Kammer der Abgeordneten die Pfizer'sche Motion mit verdientem Unwillen verwerfen werde.« Nicht nur bei den Meinungsgenossen von Pfizer, auch bei den ruhigeren Kammermitgliedern, wenn sie auf die Rechte und die Ehre der Stände hielten, mußte dieses Ansinnen der Regierung einen bittern Eindruck machen. Die staatsrechtliche Commission, von welcher Uhland und Pfizer Mitglieder waren, wurde mit der Berathung über dieses Rescript beauftragt und am 7. März trug Uhland als Berichterstatter der Commission eine feste, entschiedene Antwort an den Geheimenrath vor. Die Regierungspartei strengte alle ihre Kräfte an, um diese Antwort zu hintertreiben, und jede Entgegnung für jetzt, bis auch die Motion selbst berathen sei, zu verschieben. Obwohl sonst die Opposition in der Minderzahl war, wie bei der sogenannten Demagogenfrage und der über die Wahl des Freiherrn von Wangenheim, so fühlten sich doch in diesem Falle auch manche andere Kammermitglieder gedrungen, nachdem die Adresse manche ihrer schärfsten Kanten durch ihre Amendements eingebüßt hatte (so daß Uhland bat, »die Adresse doch nicht ganz auszubeinen«), dieses Mal mit der Opposition zu stimmen. Im Laufe der Debatte hatte Uhland erklärt, daß er die Motion auch zur seinigen mache. Die Adresse schließt mit dem Satze: »Nimmermehr würden wir uns bestimmt finden können, eine Motion mit Unwillen zu verwerfen, welche uns noch unabhängig von unserem Urtheil über die Hauptfrage, den Eindruck gewissenhafter Forschung von Seiten des Verfassers zurückließ. Vornehmlich halten wir uns aber für verpflichtet, gegen die vorgreifende Einschreitung in den gemessenen Gang unserer Verhandlungen, wie solche durch den Erlaß vom 27/28. Febr. geschehen ist, eine Einschreitung, wodurch uns für die Beschlußnahme selbst die Gemüthsstimmung angesonnen wird, sowohl die Freiheit der Kammer als die verfassungsmäßige Unverantwortlichkeit des einzelnen Mitgliedes derselben hiemit feierlich zu verwahren.« Dieser Erklärung folgte nach wenigen Tagen die Auflösung der Kammer und neue Wahlausschreiben. Auch in die neue Kammer wurde Uhland nach einem hitzigen Wahlkampf wieder gewählt. Er erhielt zwar nur Stimmengleichheit mit dem Obertribunalpräsidenten Volley, welcher sonach als der Aeltere in die Kammer zu treten gehabt hätte, aber die Wahl nicht annahm. Als Staatsdiener hatte Uhland die Genehmigung zum Eintritt von der Regierung nöthig, welche ihm aber versagt wurde. In dem Rescript an das Rectorat der Universität wird diesem der Auftrag ertheilt, dem Professor Uhland zu eröffnen: »Daß, da er auf dem aufgelösten Landtag bei den Verhandlungen über die bekannte Pfizer'sche Motion theils als Verfasser der Antwortsadresse auf das Geheimerathsrescript, theils durch die bei der Berathung dieser Adresse abgegebene Erklärung, wonach er ohne allen besondern Anlaß, gleichsam dem Tadel des Geheimenraths zum Trotze, die Pfizer'sche Motion nachträglich auch zu der seinigen machte, ein Benehmen sich erlaubt hat, das, wie wenig es auch die Rechtssphäre des Abgeordneten an und für sich überschreiten mag, doch mit der äußeren Achtung, welche der Staatsdiener gegen die Staatsregierung, selbst als Mitglied »einer ständischen Opposition, nicht außer Augen setzen darf, im offenen Widerspruch steht, ihm der nachgesuchte Urlaub zum Behuf seines abermaligen Eintritts in die Ständeversammlung unter Beibehaltung seines Amts nicht ertheilt werden könne.« Die Ehre gebot Uhland, das ihm theure Amt zum Opfer zu bringen und um seine Entlassung in folgendem Schreiben einzukommen. Professor Dr. L. Uhland kündigt seine Staatsdienststellung ehrerbietigst auf. »E. K. Majestät! Durch das akademische Rectoratamt wird mir so eben ein aus K. Ministerium des Innern des Kirchen- und Schulwesens ergangener Erlaß vom 14. d. M. auf meine Eingabe vom 10. ebd. dahin eröffnet: »daß mir der nachgesuchte Urlaub zum Behuf meines abermaligen Eintritts in die Ständeversammlung unter Beibehaltung meines Amtes nicht ertheilt werden könne.« Diese Verfügung des provisorischen Departements-Chefs, über deren beigefügte Motive ich mich hier jeder Aeußerung enthalte, nöthigt mich, den bisher von mir bei hiesiger Universität bekleideten Staatsdienst hiemit aufzukündigen. In größter Ehrerbietung E. K. M. Dr. L. Uhland.« Tübingen, 16. November 1833. Nun mußte Uhland aber auch noch um seine gleichbaldige Entlassung einkommen, um in die Kammer treten zu können, worauf wieder an das Rectorat die Antwort des provisorischen Departements-Chefs, Staatsraths Schlayers, einlief: »Da S. K. M. vermöge höchster Entschließung vom gestrigen Tage dem Professor Dr. Uhland an der Universität Tübingen auf dessen dießfallsige Eingaben vom 16. und 19. d. M. die nachgesuchte gleichbaldige Entlassung aus dem Staatsdienste sehr gerne zu ertheilen geruht haben, so wird solches dem akademischen Senat in Tübingen zu erkennen gegeben, um hievon dem Dr. Uhland Eröffnung zu machen und das Weitere zu besorgen. Schlayer.« Stuttgart, 22. Mai 1833. Uhland reiste nun sogleich nach Stuttgart ab, um sein mühevolles Amt daselbst wieder anzutreten. Wie viel lieber und seiner Natur angemessener wäre das Fortwirken in seinem Lehrberufe für ihn gewesen, wenn ihn seine Ueberzeugung nicht zum Wiedereintritt in die Kammer gedrungen hätte! Die Regierungspartei hatte sich in der neuen Kammer doch etwas verstärkt und fest organisirt; auch wurden durch die Nothwendigkeit, das Budget zuerst zu berathen, die staatsrechtlichen Fragen verschoben, und als dann dieses von der Mehrheit verwilligt war, so wurde im December die Kammer vertagt. Von den staatsrechtlichen Fragen kam nur die eine Motion von Schott über die Herstellung der Preßfreiheit nach der Berathung in der staatsrechtlichen Commission auch zur Berathung und Abstimmung in der Kammer. Aus Uhlands Rede zur Unterstützung von Schotts Antrag, »die Regierung um Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Preßfreiheit durch Aufhebung der Censur zu bitten,« führen wir einige Stellen an: »Von allen staatsrechtlichen Fragen, die in dieser Kammer angeregt wurden, von den Interessen, die man den materiellen gegenüber die geistigen nannte, ist einzig die Frage von der Preßfreiheit zur Begutachtung und nun auch zur Berathung durchgedrungen. So oft aber auch diese Frage in Erinnerung gebracht wurde, war es immer, als ob ein Gespenst durch den Saal schritte, etwa der Geist eines Erschlagenen. Ich gebe dieser Scheue keine feindselige Deutung, sondern die billigste. Es war eine alte Verheißung: »ein freies großes Deutschland, lebenskräftig und in Einheit gehalten, wiedergeboren aus dem ureigenen Geiste des deutschen Volkes, sollte wieder unter den Völkern Europa's erscheinen.« Das hatten nicht deutsche Demagogen verkündigt, sondern mächtige Monarchen den Völkern zum Lohne ihrer Anstrengungen verheißen. Aehnliches wurde auch zur Weihe des neueröffneten Bundestags ausgesprochen. Die deutschen Völker harrten in unermüdlicher Geduld auf die Erfüllung dieser Verheißungen, sie verharrten geduldig, auch nachdem sie den Glauben an die Erfüllung derselben aufgegeben hatten. Selbst einzelne thätliche Ausbrüche der Ungeduld stehen in keinem Verhältniß mit der vorherrschenden Ruhe in der großen Masse des Volkes. Es war aber auch in der That nicht möglich, daß die verheißene Verjüngung Deutschlands in Erfüllung gehe. Sie sollte heraustreten aus dem Geiste des Volks. Diesem Geiste aber war kein Organ geschaffen, kein Feld freier Wirksamkeit für das große Erneuerungswerk eröffnet. Im Gegentheil wurde dieser Geist in immer engere Bande geschlagen. Die Beschlüsse, wodurch die Preßfreiheit vernichtet, Bücher und Zeitblätter verboten, die öffentlichen Verhandlungen der Volkskammern unter besondere Aufsicht gestellt, Vereine und Versammlungen untersagt, gemeinschaftliche Vorstellungen an den Bundestag über öffentliche Angelegenheiten für ungesetzlich erklärt wurden, alle diese Beschlüsse waren nicht geeignet, den ureigenen Geist des deutschen Volkes zur Gestaltung zu bringen. Gleichwohl hat derselbe jezuweilen ein Lebenszeichen gegeben. Die Julirevolution des Jahres 1830 gab nicht blos den politischen Ideen des weltbürgerlichen Liberalismus neues Leben; sie erweckte auch ein Gefühl von mehr natürlicher als politischer Art, das Nationalgefühl. Auch in der deutschen Eiche hob es wieder zu rauschen an. Die Volksstämme der vorliegenden constitutionellen Bundesstaaten betrachteten sich und sahen ihre Blöße. Ohne selbstständige Macht, ohne Anhalt in einem größeren Verbande, dem sie mit Neigung und Vertrauen angehört hätten, standen sie in dumpfer Erwartung, ob sie, bei ausbrechendem Kampfe, mit Aufopferung deutschen Nationalgefühls dem Zuge der liberalen Ideen, oder im deutschen Bundesheere der Fahne des Absolutismus folgen würden. In diesem peinlichen Zustand der Unentschiedenheit mußte die Erinnerung an jene alte Verheißung von einem mächtigen zugleich und freien Deutschland schmerzlich wiederkehren. – – Statt daß nun ein großartiger Entschluß diesen neuerwachten Regungen des deutschen Nationalgefühls entgegen gekommen wäre, und sich derselben zu schöner Entwicklung bemächtigt hätte, folgten sich Schlag auf Schlag weitere und verstärkte Hemmungen und Gewaltmaßregeln. Selbst die unschuldigen Hülfrufe deutscher Staatsbürger an den Bundestag zu Gunsten des mit der Verzweiflung ringenden polnischen Volkes waren strenge zurückgewiesen, und zum Anlaß genommen worden, die Thore des Bundespalastes gemeinschaftlichen Vorstellungen über öffentliche Angelegenheiten für immer zu verschließen. Nur vereinzelt bestand noch in den minder mächtigen Staaten der ständische Organismus. Es gehört zur Unnatur der deutschen Zustände, daß das Repräsentativsystem nur in den kleineren Bundesstaaten sich begründet hat. Die schwächeren Schultern sollen die Träger der großen Volksrechte sein .... Ermüden wir dennoch nicht, unsre ehrenvolle Bürde, das künftige Eigenthum des gesammten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen. Rechte und Freiheiten, die in unserer Pflege mühsam gedeihen, können, wenn wir sie nur treulich schirmen und furchtlos vertheidigen, einst noch von größeren Volksvertretungen und in der Mitte selbstständiger Bundesstaaten von einer deutschen Nationalversammlung zu voller und segensreicher Entfaltung gebracht werden. Die Frage von der Preßfreiheit ist geeignet, alle übrigen Fragen, welche die freie Entfaltung des Volksgeistes angehen, zu vertreten und in sich aufzunehmen. Unterliegen wir auch im Kampfe für sie, einem Kampfe der geistigen, der moralischen Kraft gegen die mechanische, so werde ich doch niemals das Vertrauen aufgeben, daß der ureigene Geist eines großen reich begabten Volkes einst noch diesem die würdige Stellung erringen werde, die ihm nicht bloß von Monarchen dieser Erde verheißen, sondern von einer viel höheren Macht angewiesen ist.« Schotts Antrag in dieser Sache erhielt zwar die Mehrheit, blieb aber, wie zu erwarten war, von der Regierung unberücksichtigt. Ueber das Budget gab Uhland seine Stimme mit folgenden Worten ab: »Die Abstimmung über das Budget ist die Blume aller vorangegangenen Abstimmungen. Früher ausgesprochene Gesinnungen verlieren ihre Geltung, wenn sie hier nicht die Probe halten. Ich meines Theils würde mit meinem ganzen bisherigen Verfahren in Widerspruch gerathen, wenn ich jetzt für die Verwilligung stimmte. Von den Verfassungsfragen, auf die ich besonderen Werth legte, ist keine erledigt. Ueber die Bundesbeschlüsse vom 28. Januar 1832, deren praktische Bedeutung wohl nicht lange mehr zweifelhaft sein wird, hat keine Berathung stattgefunden. Durch Unterdrückung der Preßfreiheit ist die Verfassung in einem der wichtigsten Rechte verletzt; darum kann es mir nicht genügen, um Herstellung dieses verfassungsmäßigen Rechtes zu bitten. Mit einer solchen Bitte ist gar nichts geschehen, wenn zugleich zur Fortsetzung des verfassungswidrigen Zustandes die Mittel dargebracht werden. Das Steuerverwilligungsrecht steht mir nur durch die Verfassung zu, ich darf es auch nur für diese, für den von ihr begründeten Rechtszustand gebrauchen. Im Laufe der Etatsberathung selbst bin ich nach Form und Gegenstand bei vielen und erheblichen Abstimmungen in der Minderzahl geblieben. Vorzüglich finde ich den Aufwand für die Departements des Kriegswesens und der auswärtigen Angelegenheiten, welch' letzteres zu den unserem Verfassungsleben feindseligen Beschlüssen mitgewirkt hat und solche täglich vollzieht, weder der Größe unseres Landes angemessen, noch den wahren Interessen desselben förderlich. Dagegen sind die Anerbietungen der Kammer für Zwecke des Unterrichts und der Volksbildung, worin ich unsere wahrsten Interessen erkenne, nicht angenommen worden. Unter solchen Umständen stimme ich, meinen früheren Abstimmungen getreu, auch hier mit Nein.« Kurz vor dem Schlusse des Jahres wurde die Kammer vertagt und Uhland konnte nun wieder nach Hause zurückkehren, aber leider nicht mehr zu dem ihm so werthen Amte, das er so lange sich gewünscht und gerne versehen hatte. Wer es beobachten konnte, mit welch' herzlichem Vertrauen ihm viele seiner Zuhörer ergeben waren, wie sein männlich fester und doch milder Sinn sie ansprach, der mußte, zumal beim Blick auf das fruchtlose Ringen in der Kammer, es beklagen, daß diese Wirksamkeit ein so frühes Ende finden sollte. Zum Zeichen ihrer Anhänglichkeit wurde ihm nach seiner Zurückkunft von einer Deputation der Studentenschaft ein schöner silberner Pokal übergeben, welcher in einem Kranze von Eichenlaub die Inschrift enthielt: »Dem Meister deutschen Rechts und deutscher Kunst. Die Studierenden der Universität Tübingen.« Auf dem Deckel hält ein ruhender Löwe eine kleine Tafel mit der Inschrift: »Das alte Recht.« Auch von seinen Stuttgarter Wählern wurde Uhland durch das Geschenk eines kostbaren Kunstwerks, eines großen silbernen Pokals, geehrt. Die Zeichnung dazu war von Maler Schnitzer, die meisterhafte Ausführung von Commerzienrath Sick. Den untern Theil des Pokals bildet eine gar schön modellirte Jünglingsgestalt, mit dem Schwert in der Hand, den andern Arm um den Stamm einer Eiche geschlungen. Am Baume lehnt der Schild mit der Aufschrift: Wahrheit. Die Trinkschale selbst zeigt an ihrer äußern Seite die vier Stände, den Handel mit der abgebrochenen Zollschranke, den Lehrstand, die Kunst und den Ackerbau. Den Deckel schmückt ein goldner Lorbeerkranz und eine Lyra. Frauen und Jungfrauen Stuttgarts wollten Uhland auch durch ein Zeichen ihrer Liebe ehren. Ihre kunstreichen Hände vereinigten sich zur Fertigung eines höchst geschmackvollen Arbeitssessels und Fußteppichs. Während des Landtags wurde Uhland durch einen Brief von Ferdinand Wolf aus Wien erfreut, von dem hier ein Auszug folgt. Wien, 16. August 1833. »Indem ich mir die Freiheit nehme, Ew. Wohlgeboren ein Exemplar meines Werkchens über das altfranzösische Epos zu übersenden, erfülle ich nur die Pflicht der Dankbarkeit. Denn fast auf jeder Seite habe ich Ihren trefflichen Aufsatz über diesen Gegenstand benützt und angeführt, und er ist trotz der neueren Leistungen der Franzosen mein sicherster Führer, ja die Grundlage meines Büchleins geblieben – – –« Es war für Uhland immer eine wahre Erholung, wenn er von den aufregenden Landtagsbeschäftigungen durch etwas von außen Kommendes wieder auf die eigenen Studien geführt wurde. Vereinigen konnte er die verschiedenen Beschäftigungen nicht, die politischen Gedanken ließen ihn nicht los, auch wann er Zeit zu Anderem gehabt hätte, was während dieser Session schon öfters der Fall gewesen wäre, weil er nicht wie früher in Commissionen beschäftigt war. Zu Hause angekommen, versenkte er sich dann in seine Forschungen und arbeitete am Mythus vom Thor. Ob ihm die Stille des Hauses oder die ungestörte Arbeit wohl that, unerwartet regte sich die Lust zum Dichten im Frühling und Sommer 1834. Wie in seiner Jugend folgte eine Zeitlang ein Lied dem andern. In einem Heftchen, in welches er die meisten der Dichtungen eintrug, welche er für den Druck bestimmte, finden sich folgende mit dem Datum der Ausführung eingetragen. 15/16. März Die Bidassoabrücke, 2. April Dichterseegen. Am gleichen Tage Die Lerchen. 15. April Die Geisterkelter, 27. Mai, mit dem Beisatze: auf dem Wege nach Pfullingen: Maienthau. Ebendamals zu Unterhausen: Die versunkene Krone. 14. Juni Von den Sterbeklängen Nr. 2 und 3: Die Orgel und die Drossel. 16. Juni Die Todtenglocke (Nachruf 6). Ebendamals Die Birke (in Schildeis). 20. Juni Die Glockenhöhle, 22. Abendwolken, 22/23. Juni Sonnenwende, 28/29. Reisen, 7. Juli Die Malwe, 8. Juli Wein und Brod, 20. Juli Das Singenthal, 23. Das versunkene Kloster, 26. Das Glück von Edenhall. Auf diesen Liederfrühling kommt dann wie ein trüber Herbsttag am 6/7. Octbr.: Wanderung. Schon in der Blüthezeit von Uhlands Dichten finden wir die gleiche Erscheinung von rasch sich folgenden Liedern, wie wenn Ein Lied das andere weckte, und dann wieder von langen Pausen, ohne daß in seinem äußern Lebensgang ein Grund für diesen Wechsel zu finden wäre. Von jetzt an begegnen wir dieser anhaltenden dichterischen Stimmung nicht mehr bei Uhland und nur vereinzelt und nach längeren Pausen entsteht ein neues Lied. Aus der ersten Jugendzeit, vom Jahr 1804, findet sich ein ungedrucktes Lied von ihm, das fast einer Prophezeiung oder einem frühen Grundsatz über das Dichten in späteren Lebensjahren gleichen könnte. Laßt uns Freude kosten, Freude singen, Weil die Jugend in der Fülle blüht! Will der Mann noch mit der Muse ringen, Wird's ein ernstes dämmerichtes Lied. Will der Greis die goldnen Saiten rühren: Wird's ein Denkspruch, seinen Stein zu zieren. Es wurde an einer neuen Auflage (der achten) der Gedichte gedruckt, als die oben bezeichneten Gedichte entstanden; so konnten die meisten davon, gleich vom Herzen weg, eingereiht werden. Von nun an erschien fast jährlich eine, öfters auch zwei Ausgaben in einem Jahr, auch wurden die Ausgaben späterhin von einem Tausend auf zweitausend Exemplare erhöht. Die Sangbarkeit der Lieder veranlagte, daß viele davon componirt wurden, von Glück, Kreuzer, Silcher, später auch von Mendelssohn und Anderen, was auch zur Verbreitung der Gedichte beitrug. Der folgende Brief Uhlands bezeichnet die Art seiner geschäftlichen Verbindung mit der Cotta'schen Buchhandlung. Uhland an den Kammerherrn G. von Cottentdorf. »Euer Hochwohlgeboren haben die Güte gehabt, mir das Honorar für die achte Auflage mit 1000 fl. nebst 24 Freiexemplaren selbst zu übersenden, wofür ich meinen ergebensten Dank bezeige und mir erlaube, die der Buchhandlung nöthige Quittung hier anzuschließen. Da ich selbst nicht mehr als das bisherige Honorar in Anspruch genommen hatte, so ist nun nur zu wünschen, daß der Erfolg der vermehrten Sammlung dem erhöhten Honorar und der übrigen Ausstattung entsprechen möge. Meine Frau beauftragt mich, für die ihr früher schon gütig überschickten Exemplare des schön gearbeiteten Bildnisses Ihnen verbindlichst zu danken. Verehrungsvoll verharre ich Euer Hochwohlgeboren gehorsamster L. U.« Nach einem Besuch, den Niembsch von Strehlenan bei Uhland machte, schreibt Niembsch an seinen Schwager Schurz nach Wien über diesen Besuch: – – »Neulich war ich mit Mayer bei Uhland in Tübingen. Er war wieder ganz Poet, die leidige Politik ist wenigstens bis zum nächsten Landtag abgeschüttelt. Er war auch ganz Freund und ich hatte ihn nie so liebenswürdig getroffen: Es ist ein schöner Zug in seinem Charakter, diese wahrhaftige Freude an den poetischen Bestrebungen eines Andern. Das Urtheil eines solchen Mannes wiegt Bibliotheken von Recensionen auf. Ich las ihm einige Faustiana vor, und zwar die nächtliche Scene im Walde mit der Johannisprocession las ich ihm, ohne es zu wissen, gerade in der Johannisnacht. Er hatte große Freude daran. Von seinen Gedichten wird jetzt schon die achte Auflage gedruckt. Am Johannistag machten wir, nämlich Uhland sammt Frau, Mayer und ich einen Ausflug nach Niedernau, einem hübschen Badort. Auf dem Wege wurde sehr viel über Poesie verhandelt, bis in die kleinsten praktischen Details. Uhland spricht sehr gründlich und ist gewandt im Denken und scharf im Auffassen fremder Ansichten. Schwab äußerte einmal gegen mich seine Verwunderung, daß Uhland mit so viel Poesie so viel Schärfe des Urtheils vereinige, mich wundert das gar nicht. Ohne scharfes Urtheil kann man bei der glücklichsten poetischen Fähigkeit nichts schreiben, das da fertig ist, klippt und überall klappt. Mayer sprach weniger, der Bescheidene schien mehr seine Freude daran zu finden, daß er die Freunde hörte und genoß« – – Die Liebe zu Kindern veranlaßte Uhlands, denen der Himmel die Freude eigener Kinder versagt hatte, einen Knaben von fünf Jahren, Sohn eines früh gestorbenen würdigen Geistlichen, Dekan Steudel, zu sich zu nehmen und zu erziehen. Gott hat diesen Entschluß mit seinem Segen begleitet, der kleine Wilhelm wuchs fröhlich und gesund heran und vergalt Liebe mit Liebe, ohne seiner Mutter und seinen Geschwistern fremd zu werden. Uhland folgte bei seiner Erziehung dem Beispiele seiner eigenen Eltern und ließ den Knaben sich frei entwickeln, dem guten Grunde vertrauend, den Wilhelms Eltern früh schon gelegt hatten. Wer neben Uhland aufwachsen durfte, seinen religiösen Sinn, seine Liebe zu seinen Mitmenschen, seine Seelenreinheit und Wahrhaftigkeit und seinen rastlosen Fleiß täglich vor Augen hatte, brauchte auch nicht viele in Worte gefaßte Lehren. Außer diesem Pflegesohn hatte Uhland, seitdem er in Tübingen wohnte, fast immer den einen oder den andern jungen Anverwandten bei Tische, wohl auch im Hause, so lange die Studienzeit währte. So verschieden die Naturanlagen dieser jungen Leute auch waren, so gewannen doch Alle den Onkel Uhland von Herzen lieb, seine edle Männlichkeit war ein leuchtendes Beispiel für sie. Eine Reise, die von Uhlands im Sommer 1834 in das bayrische Gebirge nach Partenkirchen, an den schönen Achensee, dann nach München, Regensburg, Bamberg, Würzburg unternommen wurde, machte ihnen um so mehr Freude, als der Jugendfreund Karl Mayer, Oberamtsrichter in Waiblingen, zum Theil dabei ihr Begleiter war. Im September wartete Uhlands eine andere Freude. Auf einer größeren Reise nach Westphalen begriffen, verweilte Herr von Laßberg wieder einige Tage in ihrem Hause. Ein solcher Besuch war Uhland immer ein Fest und niemand würde ihn da wortkarg gefunden haben. Schmeller von München und Hoffmann von Fallersleben erfreuten Uhland auch durch ihren werthen Besuch. Den Winter von 1834–35 widmete Uhland fast ausschließlich dem Studium der nordischen Mythologie und der Abfassung der ersten Frucht dieses Studiums, seines Thors, der 1836 ausgegeben wurde. Im Sommer 1835 führte ihn das Suchen nach alten Volksliedern den Rhein hinab, nach Cöln. Ein eigenes Zusammentreffen war es, daß er in Cöln im gleichen Gasthof mit dem König von Württemberg zu wohnen kam. Uhland wurde daselbst von einem großen Zuge Sänger und patriotischer Gesinnungsgenossen mit einem Ständchen überrascht. Die erste Hälfte des Jahrs 1836 mußte er wieder in Stuttgart bei einem unerquicklichen Landtag zubringen. Auch hatte er den Schmerz, die einzige Schwester, die ihm so theuer war, während dieser Zeit zu verlieren. Nach dem Schlusse des Landtags bezog Uhland ein neugekauftes Haus, das ihm durch seine freundliche Lage an der Neckarbrücke und durch den großen Garten, der hinter dem Hause terrassenförmig am Oesterberg hinaufführt und den weiten Ausblick über das Neckarthal gewährt, lieb wurde. Mancher Freund Uhlands wird sich erinnern, mit welchem Behagen er ihn in seinen Garten führte, ihm mit heimathlichem Stolze von dort aus die Gegend zeigte und in traulichem Gespräche mit ihm oben weilte. Wir erinnern uns besonders auch eines solchen traulichen Morgens mit Anastasius Grün. Bis in das hohe Alter, bis zu seiner letzten Krankheit stieg er mit Leichtigkeit die vielen Treppen zu der oberen Terrasse hinan. Bei mancher frohen Weinlese versammelten sich die Tübinger Freunde mit ihren Kindern dort oben, da ein Theil des Berges mit Reben bepflanzt war. Uhland war dann ein recht heiterer Wirth, hatte meistens zwei Kinder der Gäste an den Händen, aus liebreicher Sorge für sie, und Abends half er eifrig beim Abbrennen des Feuerwerks. Aber auch allein war er sehr gerne oben, in seine Arbeiten vertieft. Viel beschäftigte ihn auch der Wolken und des Windes Zug. Er war ein guter Wetterprophet, theilweise auch aus körperlicher Empfindung, denn das Herannahen eines Gewitters fühlte er durch einen Druck auf den Kopf lange vorher, ehe Andere seine Nähe ahneten. Ueber den »Thor« schreibt Freund Laßberg am 21. August 1836 wie folgt: »Ich danke Ihnen herzlich für die Mittheilung Ihrer Sagenforschungen. Ich habe bereits ein halbhundert Seiten in Ihrem Thor gelesen und es kam mir oft vor, als wenn ich es schon einmal gelesen hätte; als ich die Sache näher betrachtete, fand sich, daß es Ihre Darstellung, Ihre Ansicht, Ihre Erklärung war, die mich so ansprach, ich möchte sagen: anheimelte; denn ich hatte von Anfang, als ich mit diesen Mythen bekannt wurde, bis nun, sie beinahe immer so angesehen und aufgenommen, wie ich sie in Ihrem Buche vorgetragen finde; auch habe ich wieder eine Klarheit und Gediegenheit in diesem Opusculum gefunden, welche mich immer in Ihren Schriften, selbst in Ihren poetischen, so sehr erfreute. Aber welchen großen Plan, mein Freund! haben Sie sich vorgezeichnet! Ich fürchte, daß die nordische Mythologie allein Ihre Zeit auf viele Jahre in Beschlag nehmen werde; wo bleiben Zeit und Raum für unsere Lieder? – –« Freund Schmeller schreibt aus gleicher Veranlassung: »Ihre Darstellung hat uns jenes großartige, sinnbildliche Volksepos des Nordens vom Werden, Wirken und Vergehen der Welt und ihrer Kräfte freundlich und anschaulich genug gemacht. Und damit mögen wir zufrieden sein, da von Früherem, aus welchem auch diese in ihrem Dogmatismus schroffen und abenteuerlichen Phantasiegebilde hervorgegangen sein dürften, kaum mehr irgend schriftliche Kunde zu hoffen ist. Hätten wir nur auch von Lappen, Finnen, Letten, Slaven wenigstens so viel so Altes wie vom germanischen Norden.« Uhland an Professor A. W. Strobel in Straßburg. Tübingen, 1. November 1836. »Verehrtester Herr Professor! Daß Sie in Gemeinschaft mit Herrn Collard meine mythologische Arbeit in das Französische übertragen wollen, gereicht mir sehr zur Ehre und Freude. Ist meine Schrift überhaupt geeignet, in Frankreich einigen Anklang zu finden, so wird eine Bearbeitung aus so befreundetem Sinn und durch so geschickte Hände, von der Sie mir bereits eine Probe gefälligst überschickt haben, das Beste dazu thun. Mit Vergnügen würde ich die Verlagshandlung auffordern. Ihnen die Bogen der Fortsetzung zugehen zu lassen, wenn ein zweiter Theil wirklich schon druckfertig wäre. Allein er muß erst geschrieben werden. Als Mitglied unserer Abgeordnetenkammer war ich acht Monate von Haus entfernt und größtentheils auch meinen Studien entfremdet, zu denen ich erst kürzlich zurückgekehrt bin. Die Ungewißheit, ob und wann ich jene Arbeit fortzuführen im Falle sein werde, veranlaßte mich, dem ersten Heft auch den besonderen Titel zu geben, wodurch es als Monographie für sich bestehen könnte. Zwar beabsichtige ich, nun auch den Mythus von Odin zu behandeln, aber dazu sind mir noch so manche Vorarbeiten nöthig, daß ich die Zeit der Beendigung noch nicht zu bestimmen vermag, wenn mir auch die Lust zum Werke ungeschwächt bleiben sollte. Ich hielt mich für verpflichtet, hierüber umständlicher zu sein, weil es vielleicht auf Ihr Vorhaben Einfluß haben könnte. Schon länger beschäftigt mich eine Arbeit über die deutschen Volkslieder, wie sie in geschriebenen und gedruckten Sammlungen, so wie auf fliegenden Druckblättern des 15. und 16. Jahrhunderts vorkommen. Da Straßburg eine der Hauptwerkstätten dieser alten Liederdrucke war (wie z. B. dort bei Thiebalt Berger um 1570 viele einzelne Liederbogen gedruckt wurden, auch nach Docens Miscellaneen I, 275 daselbst noch 1624 das große nun verschollene Liederbuch von 333 schönen Liedern herauskam), so bat ich vor einiger Zeit Herrn Dr. August Stöber um Nachricht, ob sich auf den dortigen Bibliotheken Wohl noch Einiges für diesen Zweck vorfinde, wie denn namentlich die alten Flugblätter öfters in Collectaneenbände zusammengefaßt wurden. Er meldete mir, daß die Stadtbibliothek wegen Bauwesens derzeit nicht ganz zugänglich sei, theilte mir jedoch einige Notizen mit, die er Ihrer Güte verdankte, worin unter Anderem eines Bohnenliedes von Murner gedacht ist. Es ist mir nun sehr erwünscht, mich an den in jener Zeit so wohl bewanderten Herausgeber der Beiträge zur deutschen Literatur mit der Anfrage unmittelbar wenden zu können, ob sich mir etwa in Straßburg noch Quellen für die Kenntniß der alten volksmäßigen Lieder erschließen könnten? Ihnen und dem Herrn Rektor Collard mich hochachtungsvoll empfehlend Ihr ergebenster L. U.« Uhland an Herrn Dr. Böhmer zu Frankfurt. Tübingen, 24. December 1836. »Hochgeehrtester Herr Doctor! Sie haben mich durch Übersendung des alten Liederbändchens, wofür ich den Empfangschein hier beilege, sehr erfreut. Dasselbe enthält, wie es immer der Fall ist, nach Art, Alter und Werth sehr verschiedene Stücke; ich traf darunter manche alte Bekannte, doch unter anderen Druckorten, aber auch Mehreres, was mir neu ist und meine Sammlung bereichert. Ich hoffe mit Vergleichung und Excerpten in einigen Wochen fertig zu sein und dann Ihr weiteres so gütiges Erbieten benützen zu können. Daß Sie die einst mit Brentano aufgezeichneten Notizen für mich nachsehen wollen, erkenne ich mit vielem Danke; das Wunderhorn hat seiner Zeit überaus anregend gewirkt, allein den Wenigen, welche die Neigung für diese alten Lieder nachhaltig bewahrt haben, muß es angelegen sein, was dort erneuert und ergänzt ist, in seiner ursprünglichen Gestalt zu constatiren. Im zweiten Bande desselben, S. 302 ff., finden sich die Abenteuer Thedels von Walmoden, nach den Reimen von Georg Thym (Wolfenbüttel 1563); dieses Büchleins habe ich noch nirgends ansichtig werden können, sollte Brentano solches etwa auch von der Frankfurter Bibliothek gehabt haben? Verehrungsvoll beharre ich Ihr gehorsamster Diener L. U.« Uhland an Ferdinand Wolf in Wien. Tübingen, 9. Mai 1827. »Verehrtester Herr! Sie haben mir seiner Zeit mit den altfranzösischen Untersuchungen, dann mit Bruder Rausch und nun neuerlich mit der Floresta so werthvolle und erfreuliche Geschenke gemacht, daß es höchste Zeit ist, mich über das lange Ausbleiben meines Dankes zu entschuldigen. Bei einer ohnedieß nicht sehr schreibseligen Natur war ich in den letzten Jahren oft lange den Studien meiner Neigung gänzlich entrückt, und so gerieth auch mein literarischer Briefwechsel in den leidigsten Rückstand. Im Herzen blieb ich gleichwohl alter Sagen- und Liederdichtung treulich zugethan, und so habe ich auch Alles, was Sie für dieses Feld theils in besonderen Schriften, theils in den Wiener Jahrbüchern und den altdeutschen Blättern geleistet, zu meiner Belehrung und Freude mit regem Antheil verfolgt. Die jüngste Zeit war auch unserem gemeinschaftlichen Interesse für die altfranzösische Sagengeschichte überaus günstig. Durch die rüstige und einsichtsvolle Thätigkeit Michels und Anderer öffnen sich die Quellen täglich ergiebiger; und doch wie Vieles ist hier noch zu thun! weitverzweigte Adern des karolingischen Epos sind noch kaum geschürft. Es wäre zu wünschen, daß, während die Herausgabe der Quellen doch nur allmählig vorschreiten kann, ein unterrichteter Mann ein übersichtliches Werk in lebendigen Auszügen aus den Gedichten aller französischen Fabelkreise nach Art von Müllers Sagenbibliothek oder Ellis' specimens lieferte. Diese Bücher sind auch nach Veröffentlichung der altnordischen Sagen und der Metrical Romances von Weber, Utterson etc. nicht überflüssig geworden, sondern werden stets für den Ueberblick des Sageninhalts für literargeschichtliche und andere Beziehungen nützliche Dienste leisten Lange schon ist es mein Wunsch, Sie, geehrtester Herr, einmal unter den reichen Schätzen der Wiener Bibliothek heimsuchen zu können. Wenn ich noch ein Heft der nordischen Forschungen fertig haben werde, dann gedenke ich ernstlich an die deutsche Heldensage zu gehen, für deren Betrachtung mir jene nordischen Studien eine nothwendige Vorarbeit zu sein schienen. Da sollen denn Wolfdietrich, für den mich bereits Herrn Bergmanns Güte wohl ausgerüstet hat, Herzog Ernst, dessen Sage bei Ihnen in einer noch wenig bekannten Bearbeitung vorhanden ist u. s. w. an die Reihe kommen. Namentlich aber verspreche ich mir in Wien noch manches Förderliche für eine Arbeit im Fache des älteren deutschen Volksliedes. Ich gehe seit Jahren darauf aus, eine Sammlung alter, hoch- und niederdeutscher Volkslieder mit einer übersichtlichen Einleitung und mit Anmerkungen zur Geschichte der einzelnen Lieder, über die Anklänge derselben in der Volkspoesie verwandter Stämme u. dgl. m. zu Stande zu bringen. Schon manchmal habe ich für diesen Zweck den Wanderstab ergriffen, aber das Angesammelte hat mir noch immer nicht die genügende Füllung. Was ich suche, sind volksmäßige Lieder, wie sie, wenn auch die besten weit früheren Ursprungs, in handschriftlichen Sammlungen des 15 – 16. Jahrhunderts zu finden sind. Jene kurzen, epigrammatischen Tanzreime, Kinder des Augenblicks, wie sie aus Oestreich, Steyermark, Tirol, dem bayrischen Gebirge schon vielfach aufgezeichnet sind, kommen mir weniger in Betracht, als die balladenartigen, typischen, ernsten oder scherzhaften Tones. Für diese Klasse ist besonders Meinerts leider nicht fortgesetzte Sammlung sehr schätzbar, und es werden wohl auch in dem unter Herrn Leitners Anordnung zu erwartenden steirischen Liederschatze reichhaltige Beiträge dieser Art zu Tage treten. Im Vorwort zu Ziska's und Schottky's östreichischen Volksliedern war eine eigene Sammlung des älteren östreichischen Volksgesanges in Aussicht gestellt, es ist aber nichts davon erschienen. Leon hat 20 Jahre vorher in Bragur ( VI , 70) einige alte Stücke gegeben. – – – Dieß ist z. B. einer der alterthümlichen Sammelbände, die ich unter Ihrer freundlichen Führung auf der kaiserlichen Bibliothek einzusehen begierig wäre. Haben Sie die Gefälligkeit, auch Herrn Endlicher, dem Mitgeber des Bruder Rausch, meinen herzlichen Dank zu sagen. Mit aufrichtiger Hochachtung und Ergebenheit Ihr L. U.« Das Jahr 1837 durfte Uhland seinen Arbeiten widmen. Er strebte seine schon lange begonnene Volksliedersammlung zu vervollständigen. Eine Reise nach Straßburg wurde auch zu diesem Zwecke unternommen und zugleich wollte er auch seiner Frau das Münster zeigen. Später im Jahre besuchte er auch wieder Herrn von Laßberg in Eppishausen, welchen er dieses Jahr in neuer Häuslichkeit traf, da er sich im Jahr 1835 eine Frau in Westphalen geholt, die ihn 1836 mit Zwillingstöchtern beschenkt hatte. Durch die Ernennung von Gustav Schwab zum Pfarrer in Gomaringen, nur zwei Stündchen von Tübingen entfernt, wurde für Uhlands eine neue liebe Nachbarschaft gewonnen. Als rüstiger Fußgänger legte er den Weg dahin oft zurück, um einen Tag in dem behaglichen Pfarrhause bei den geliebten Freunden zuzubringen. Mit dem Jahr 1838 begann wieder ein Landtag, dießmal ein außerordentlicher, hauptsächlich zur Berathung eines Criminalgesetzbuches. Nun mußten wieder seine Arbeiten zur Seite gelegt werden; so wenig er mit der strengen Richtung des vorgelegten Gesetzes einverstanden war, so widmete er doch fast all seine Zeit der mühsamen, unerquicklichen Prüfung desselben. Wenn er auch neben den täglichen Sitzungen und dem Durchgehen der Vorlagen einige freie Stunden hatte, so konnte er sie nur zum Lesen eines Buches für seine Studien benützen, weil seine Gedanken zu sehr von der fremdartigen Amtsaufgabe hingenommen waren. Während all den Jahren seiner Landstandschaft hat er nur eine einzige Sitzung, und diese wegen Unwohlseins versäumt. Erleichtert wurde ihm die beständige Anwesenheit freilich dadurch, daß seine Frau über die Landtage mit ihm nach Stuttgart zog. Auch der Pflegesohn und ein geliebtes Töchterchen der verstorbenen Schwester waren mit in Stuttgart. Freiherr von Laßberg an Uhland. Eppishausen, am 21. Hornung 1838. »Lieber Freund Uhlandus! In der Freude meines alten, aber noch immer grünen Herzens kann ich nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß ich vorige Woche die Nachricht erhielt, wie daß mir die alte bischöfliche Burg zu Meersburg für den von mir gebotenen Preis von der Domänenkammer zu Karlsruhe zugeschlagen wurde. Eine schöne, große Burg, wohlerhalten, da vor einem Jahre noch das Hofgericht sammt dem Hofrichter darinne saß, hell, warm, und in einer Lage, die eine der schönsten Aussichten am Bodensee gewährt. Sagen Sie dieß auch Schwab und Abel, und daß man in einem Sommertag von Stuttgart oder Tübingen, wenn man ein wenig frühe aufsteht, mit der Post bequem nach Meersburg kommen kann. Wie viele geschichtliche Erinnerungen knüpfen sich an diese Besitzung. König Dagobert von Austrasien baute sie, Karl Martell erneuerte die Burg, die Welfen, die Hohenstaufen besaßen sie. Wahrscheinlich trat sie Conradin seinem Vormunde, dem biedern Bischofe Eberhard von Waldburg, ab. – – Die Gegend sowie die ganze Nachbarschaft ist fruchtbar, freundlich und wohlangebaut; der Wein, welcher seit einigen Jahren da aus Traminertrauben gezogen wird, gehört gewiß unter die vorzüglichsten Weine Schwabens, und ich hoffe, wir sollen in einem der runden Gemächer der alten Burg, welche die Aussicht auf die blauen Fluthen des Potamus geben, mehr als Einmal die Erfahrung hievon machen. Jetzt geht es an's Einpacken, das ist mühsam und langweilig; aber das Auspacken und Aufstellen ist hinwieder lustig, und dann will ich auch wieder mit erneutem Muth und Lust arbeiten; denn dort wird mir ein Wunsch gewährt, den ich bisher stets vergeblich nährte, alle meine Bücher und Handschriften in einem schönen, hellen, gewölbten (ehemaligen Archiv) Saale beisammen aufstellen und durch die Glasthüre eines anstoßenden Arbeitszimmers alles übersehen zu können. Sie wissen nun, mein Freund! wo Sie uns wieder finden können; hiemit sage ich Ade! Herzliche Grüße von Jenny und mir an Frau Emma. Wälzen Sie indessen den Stein des Sisyphus und lassen Sie es sich nicht verdrießen, quand même – Ihr treuer Freund J. v. Laßberg.« Die Stände wurden im Juli vertagt und Uhland trat noch von Stuttgart aus eine Reise nach Wien an, allein, weil die Frau durch Sorge um eine kranke Schwester vom Mitreisen abgehalten wurde. Von dieser Reise gibt er in den folgenden Briefen Bericht an seine Frau. Wien, 10. Juli 1838. »Liebste! Gestern Abends gegen sieben Uhr bin ich am Ziel meiner Reise angelangt; ich beeile mich, Dir davon Kunde zu geben. Die Eilwagenreise nach Regensburg, wo man Morgens vier Uhr ankam, gewährte eben nicht viel Merkwürdiges; doch war es mir lieb, Freising und die vormalige Universitätsstadt Landshut mit ihrem langen Thurme zu sehen. Einer meiner Reisegefährten, der meist die Unterhaltung führte, war ein Regensburger Israelit, Namens Lilienthal; dieß erinnerte mich daran, daß bei dem früheren Besuche in Regensburg ein Herr Rosenheim meine erste Bekanntschaft war. Herr Gruber, Architekt und Professor an der Gewerbeschule, den ich damals auch kennen lernte, widmete sich mir sehr freundschaftlich, er führte mich zur Walhalla und auf einige Bierkeller. Der Dom war dießmal innerlich ganz mit Gerüsten verstellt, ich glaube um ein fehlendes Gewölbe zu ergänzen. Die Bibliothek beschäftigte mich mehr als ich gehofft hatte. Den folgenden Morgen fuhr ich um vier Uhr mit dem Dampfschiffe ab. Die zweitägige Donaufahrt war überaus genußreich, nicht durch alte oder neue Bekanntschaften auf dem Schiffe, deren sich mir keine darbot, sondern durch den reichen Wechsel schöner Landschaftsbilder; milde und fruchtbare Gegenden, mit der Aussicht auf nahes oder ferneres Gebirge, wechseln mit wilden Felspartien, wie besonders beim Strudel und Wirbel der Donau, der Burg Dürrenstein u. s. w. Mein Reisebericht ist freilich ein sehr trockner, aber ich habe nicht die Gabe, solche Anschauungen sogleich wiederzugeben; sie sollen darum nicht verloren sein. Einen eigenthümlichen Reiz hatte mir auch die fortlaufende Erinnerung an die Fahrten Kriemhildens und der Nibelungen. Auf der Post traf ich noch keinen Brief von Dir, will aber darum doch nicht zögern, den meinigen abgehen zu lassen. Auf der Bibliothek, woselbst ich vorhin eine Weile war, wurde ich von Wolf freundlich aufgenommen und werde morgen meine Arbeiten beginnen. Dein nächstes Schreiben adressirst Du am besten an mich im Gasthof zur Stadt Frankfurt, wo ich gestern mit Mühe Unterkunft fand. Möge mir bald erfreuliche Nachricht von Euch zukommen; ich bin sehr begierig, wann Eure Abreise nach Tübingen stattfinden wird und reise in Gedanken mit Euch. Am Hochzeitfeste bring' auch meine Glückwünsche dar, die mir aus treuem Herzen gehen. Meyer grüße bestens. Lebe wohl, Liebe! Die Reise gibt viel Schönes und Werthes, aber Du wirst es mir nicht verdenken, wenn ich mich auf die Heimath freue. Dein L.« Wien, 18. Juli 1838. »Dein Brief, Liebste! hat mich sehr erfreut; er bringt mir gute Nachrichten und er kommt von Dir. Ich las ihn gleich am Stephansthurme, in dessen Nähe die Post ist. Mein hiesiger Aufenthalt läßt sich für meine literarischen Zwecke günstig an; ich finde Manches, was mir bisher nicht zugänglich war, und von Seiten der Besitzer oder Bewahrer freundliches Entgegenkommen. Die öffentliche Bibliothek hat unter den Musikalien viele ältere Liederbücher mit deutschen Texten, die ich nacheinander durchgehe und deren Ertrag ich noch nicht bemessen kann. Ein hiesiger Antiquar, Namens Kuppitsch, ist zugleich Liebhaber und Sammler seltener Drucke des sechzehnten Jahrhunderts und hat davon einen ungemein reichen Vorrath zusammengebracht, worunter denn auch Vieles an Liedern in Sammlungen und fliegenden Blättern sich befindet. Er hat mir bereits Mehreres mit nach Hause gegeben. Ein Privatgelehrter, Kaltenbäck, hat mir gleichfalls sein Besitzthum in diesem Fache zum Gebrauche angeboten. Das finde ich allerdings, daß ich in Folge meiner vielfachen Nachforschungen auf diesem Gebiet häufig auch alten Bekannten begegne. Auf der Bibliothek bringe ich gewöhnlich den Vormittag von neun bis zwei Uhr zu. Wolf ist mir nicht nur hier gefällig, sondern bringt mir auch aus seiner eigenen Bibliothek viel Interessantes von altfranzösischer und altenglischer Poesie zu. Die Sammlung von Alterthümern, die einst auf dem Schlosse Ambras bei Innspruck aufgestellt war und deren Custos, Bergmann, mir schon durch Briefwechsel befreundet war, habe ich unter seiner Leitung gesehen. Einige auswärtige Arbeiter im Felde altdeutscher Literatur, Mone von Karlsruhe und Hahn von Heidelberg, habe ich gleichfalls kennen gelernt. Dabei geht denn auch der gesellige Verkehr nicht leer aus. Am Samstag machte ich mit Endlicher, dem Custos des Naturalienkabinets, einem überaus freundlichen Manne und dessen Familie, sowie mit dem vorgenannten Herrn Kaltenbäck, nachdem wir in Endlichers Hause auf dem Lande zu Mittag gegessen, einen Spaziergang auf den Leopoldsberg und den Kahlenberg, Aussichtspunkte, von denen man die Stadt Wien und den Lauf der Donau weithin überschaut, dann das Marchfeld mit den kleinen Karpathen im Hintergrunde; nach der andern Seite zeigen sich die steyrischen Gebirge. Ein trauriger Anblick aber war das Dörfchen Kahlenberg, das an eben diesem Tage zum größten Theil abbrannte. Auf heute Abend bin ich mit Mone zu Wolf eingeladen und auf Samstag habe ich gar eine Einladung zum Erzherzog Karl nach seinem Schlosse Weilburg bei Baden erhalten. Ich weiß nicht, ob ich diese Gunst Bergmann verdanke, der die Söhne des Erzherzogs unterrichtet. Uebrigens versichert Bergmann, daß dort ein einfacher Ton herrsche; auch werden wir damit einen Ausflug nach Heiligkreuzthal und Baden über den Sonntag verbinden. Im Ganzen bringe ich übrigens gerade die Abende meistens einsam zu; die Theater sind bis zum Anfang Augusts, eins ausgenommen, sämmtlich geschlossen und die meisten Angestellten fahren Abends oft ziemlich weit hinaus auf benachbarte Dörfer, wo sie mit ihren Familien den Sommer über wohnen. Ich helfe mir dann mit Spaziergängen im Prater und andern öffentlichen Gärten. Doch erlaubt die große Hitze nicht frühe auszugehen. Ich finde den Aufenthalt hier nicht wohlfeil; man ißt an keiner Wirthstafel, sondern zu jeder beliebigen Zeit nach der Karte, was sich hier auch mir, meines geringen Appetits unerachtet, nicht als Ersparniß darstellt. Mit dem ersten August hat die Bibliothek Ferien. Einige Tage dürften dann hinreichen, um noch einige wieder eröffnete Theater zu besuchen und meine sonstigen Arbeiten abzuschließen. In München möchte ich auf dem Rückweg ein Paar Tage verweilen, da ich dort noch Einiges einzusehen habe. Diese Zeilen treffen Dich ohne Zweifel in Tübingen. Mögen sie Dich mit den Kindern gesund finden und in heiterer Stimmung und freundlich gedenkend Deines L. Grüße die Kinder.« Wien, 28. Juli 1838. »Theuerste! Deiner lieben Briefe sind nun drei in meinen Händen, der letzte vom 20. d., der mir Eure glückliche Ankunft in Tübingen meldet. Wenn Du mich gleich nicht im Garten erblickst, so bin ich dennoch manchmal dort. Ich mache hier die Erfahrung, daß für einen kürzeren Aufenthalt in einer großen Stadt die Verfolgung eines nicht ganz beschränkten literarischen Zweckes etwas Mißliches hat. Will man dann dem Umgang, den Merkwürdigkeiten des Orts, den Umgebungen auch ihr Recht widerfahren lassen, so ist man bedeutend umgetrieben, ohne doch Allem genügen zu können. So habe ich mir selbst am wenigsten genügt, indem ich dießmal mit dem Schreiben an Dich länger im Anstand blieb. Oefters werde ich schon vor dem Gange auf die Bibliothek und dann auf dieser selbst mit Besuchen erfreut und auch die Einladungen sind mit großem Zeitaufwand verbunden. Die Reise nach Baden nahm zwei Tage in Anspruch. Früh morgens am Samstag fuhr ich mit Bergmann hinaus, wurde dann um zehn Uhr in dem schön gelegenen Schlosse Weilburg dem Erzherzog vorgestellt, hierauf von dem Erzieher seiner noch im Hause befindlichen Kinder zu der nahen Burgruine Rauheneck und in die schönen Gartenanlagen geführt und endlich zur Tafel gezogen. Es war bei all diesem kein höfischer Zwang. Abends ging ich noch mit Bergmann durch ein schönes Thal nach dem Kloster Heiligkreuz, wo wir im Wirthshaus übernachteten; den Vormittag hindurch und auch zum Mittagessen waren wir im dortigen Cisterzienserstift, wo Bergmann bekannt ist; dieses Klosterleben war mir etwas Neues. Nachmittags machten wir den Rückweg durch die Briel, eine Gegend, die in solcher Nähe bei einer Residenzstadt überrascht; mächtige Felspartien, Wälder, frische Wiesengründe, Ruinen, worunter zum Ueberfluß auch manche künstliche, von denen der verstorbene Fürst Liechtenstein ein großer Liebhaber war. Die Woche über setzte ich meine Arbeit auf der Bibliothek fort, besuchte die Gemäldegallerie, auch einigemal das geöffnet gebliebene Theater in der Leopoldstadt, und war zweimal, nach erhaltener Einladung, auf dem Lande: in Döbling bei einem der Collegen Wolfs, von Gevay, der jeden Dienstag dort Gesellschaft gibt, und in Penzing, bei Hofrath Kleyle, in dessen Hause Niembsch wohlbekannt ist. Der Tochtermann des Ersteren, von Löwenthal (als Dichter Otto von Walden), bei welchem Niembsch wohnt, führte mich dorthin und dann noch auf einen schönen Aussichtspunkt bei St. Veit. Ein eifriger Freund der altdeutschen Literatur, von Karajan, beim Archiv angestellt, der sich mir überhaupt sehr gefällig erweist, hat mich auch auf einen Abend in seine Wohnung in der Vorstadt, bei der ein hübscher Garten ist, eingeladen. Am heutigen Sonntag werde ich mit Karajan zu Grillparzer nach Dornbach gehen, wo die Gegend sehr schön sein soll. Ich habe Grillparzer zuvor schon ein Paarmal hier gesprochen, er war ganz wieder, wie wir ihn in Stuttgart kennen gelernt hatten. Am Dienstag ist die Bibliothek zum Letztenmal geöffnet, dafür wird dann am Mittwoch die Hauptbühne, das Burgtheater, wieder eröffnet. Die Schätze des Antiquar Kuppitsch, Laxenburg, die Eisenbahn u. s. f. dürften mich immer noch mehrere Tage beschäftigen und meine Abreise bis zum Ende der Woche verzögern. So sehr ich mich nach Hause freue, will ich doch, einmal hierher gekommen, das Erforderliche mitnehmen. Bestimmtere Nachricht gebe ich Dir jedenfalls noch von hier aus. Ich schließe diesen Brief nach der Rückkehr von der heutigen Sonntagspartie, die wegen veränderlicher Witterung nicht nach Dornbach, sondern nach Klosterneuburg gemacht wurde, wo ich bei dem Geistlichen, der uns im Kloster herumführte, meine Gedichte antraf. Grillparzer, Karajan, von Feuchtersieben und noch ein Freund von diesen waren meine Geleiter. Lebewohl mit den Kindern, deren Wohlverhalten mich freut, grüße sie und sei aus liebendem Herzen gegrüßt. Dein L.« Wien, 6. August 1838. »Liebste Emma! Mein Aufenthalt in Wien hat sich länger hinausgezogen als ich bei Absendung meines letzten Briefes vom 29. Juli, dem Deine erfreuenden Zeilen vom 26. entgegenkamen, mir gedacht hätte. Die Arbeit auf der Bibliothek setzte ich noch einen Tag über den Anfang der Ferienzeit fort und erhielt auch sonst Einiges mitgetheilt. Den ganzen Freitag war ich nicht hier; Wolf lud mich wiederholt zu einer Fahrt nach Ebergassing, einem Schloß, nicht weit von der ungarischen Grenze, ein, wo ein Freund von ihm, der Baron Münch-Bellinghausen, als Dichter des Trauerspiels Griseldis unter dem Namen Halm bekannt, sich aufhält. Derselbe wünschte meine Bekanntschaft zu machen und soll wegen Augenübels die Stadt jetzt nicht besuchen. Das Schloß ist an einem großen Park gelegen, der von einem frischen Flüßchen durchströmt, angenehme Spaziergänge gewährt. Münch macht durch Einfachheit und Gutmüthigkeit bei geistiger Bildung einen vortheilhaften Eindruck. Ich hatte hier auch Gelegenheit, das Landleben einer österreichischen Adelsfamilie anzusehen. Professor Rosenkranz von Königsberg war mit mir eingeladen. Gestern war ich, nachdem ich bei Karajan zu Mittag gegessen, mit diesem in Laxenburg, wo auf einer Insel des umfangreichen, mit schönen Wasserspiegeln geschmückten Parkes, eine künstliche Ritterburg erbaut ist, in deren überfüllten Räumen aber viele wirkliche Alterthümer, Waffen, Rüstungen, Glasgemälde und andere Bilder, Humpen u. dgl. versammelt sind. Die Theater habe ich nun öfters besucht und in der Oper besonders das Ensemble, in Chören, Terzetten etc. ausgezeichnet gefunden. Das neue, auch wieder eröffnete Burgtheater werde ich heute zum Erstenmale besuchen, um Kotzebues Kleinstädter zu sehen. Das Lustspiel soll dort vorzüglich aufgeführt werden. Ich hätte gewünscht, morgen Abend abzureisen; allein der Eilwagen, auf dem nächsten Wege (über Braunau) nach München, auf welchem man, ohne längere Zeit vorher einen Platz bestellt zu haben, expedirt werden muß, fährt erst am Mittwoch Abend fünf Uhr von hier ab. Auf diesen habe ich bereits ein Billet in Händen. Man kommt in München Samstag in der Frühe an. Ich werde diesen Aufschub der Abreise benützen, um die Gemäldegallerie im Belvedere, die ich früher etwas rasch besichtigt, noch einmal gemesseneren Schrittes zu durchwandern, auch einige weitere Merkwürdigkeiten noch mitzunehmen. In München ist zwar der Sonntag für meine Absichten auf der Bibliothek nicht günstig, vielleicht aber kann ich an diesem Tage die Pinakothek besuchen. Wenn ich nicht irre, so fährt der Eilwagen von München Abends ab; ob ich davon am Montag Gebrauch machen kann, wird davon abhängen, wie ich mit meinen Desiderien auf dortiger Bibliothek vorankomme. Mein inniges Verlangen ist, bald wieder bei Dir, Liebste, zu sein und noch einige Wochen mit Dir und unseren lieben Pfleglingen in der ländlichen Stille unseres Hauses und Gartens vor dem herannahenden Landtage verleben zu können. Im frohen Vorgefühl des Wiedersehens Dein L.« Nach der Rückkehr aus Wien mußte Uhland nochmals, doch nur auf einige Wochen, zum Landtag. Für das so mühsam und eifrig berathene Criminalgesetz konnte er aber nicht stimmen, weil er mehrere Strafsätze zu hart fand und ihm andere Artikel nicht für einen constitutionellen Staat zu passen schienen. Mit dieser Session war sein ständisches Wirken in Württemberg geschlossen. VIII. Rückkehr nach Tübingen und zu den Studien. 1839–1848. Als Uhland auf seine Professorsstelle verzichtete, weil er es für Pflicht hielt, in einer Zeit, wie die damalige, dem an ihn ergangenen erneuten Ruf in die Kammer zu folgen, hegte er die Hoffnung, vielleicht nach dem Schlusse des Landtags als Docent seine Vorlesungen fortsetzen zu können. Allein die schnöden Ausdrücke des Entlassungs-Rescriptes machten es ihm unmöglich, denselben Minister, von dem es ausgegangen, um die dazu nothwendige Erlaubniß anzusprechen. Die langen Landtage in dieser Wahlperiode (besonders auch durch die Berathung des Criminalgesetzes), hätten ihm aber auch kaum Zeit dazu vergönnt. So kehrte er eben zu seinen einsamen Studien, zu der Arbeit am »Odin« und zur Volkslieder-Sammlung zurück. Er hat aber das ihm liebe Amt, das ihm durch den Umgang mit den Collegen und den Zuhörern Anregung für seine eigenen Arbeiten brachte, oft vermißt. Für die Vervollständigung der Volkslieder war ihm keine Mühe zu groß. So ungern er sonst zum Briefeschreiben kam, so hat er für diese Sammlung doch nach allen Seiten hin Anfragen und Bitten gerichtet. Auch seine häufigen Reisen waren meistens für diesen Zweck unternommen. Im Sommer 1839 benützte er die Bibliothek in Bern dafür, besuchte auch wieder das Berner Oberland und am Schlusse der Reise den Freund Laßberg auf seinem neuen Wohnsitze, der alten Meersburg. Obgleich das collegialische Verhältniß zu den Professoren nun aufgehört hatte, so blieb er doch mit manchen in Verbindung. Ein »Kränzchen« versammelte allwöchentlich eine Anzahl derselben, nebst andern Männern, abwechselnd in ihren Häusern, und der Hausherr hatte dann die Obliegenheit, seinen Gästen neben der leiblichen Nahrung auch eine geistige Kost durch einen zwanglos gehaltenen Vortrag zu reichen. Auch die Frauen nahmen von Zeit zu Zeit an den Zusammenkünften Theil, und dann wurde ein Gegenstand gewählt, der auch für sie Interesse haben konnte. So hielt Uhland über die Maifahrten und über die Tanzwuth im Mittelalter ansprechende Vorträge. Außer diesem geselligen Kreise besuchte er auch ein- oder zweimal in der Woche abendliche Zusammenkünfte von Männern im Gasthof oder in ländlichen Einkehrorten. Häufig war er freilich ein stummer Zuhörer, denn Stadtgeschichten waren ihm gründlich zuwider und auch an politischen Disputen nahm er nicht leicht Antheil; wenn aber etwas sein inneres Feuer aufregte, so konnte er auch so lebhaft werden, daß er nachher meinte, zu viel gesprochen zu haben. Seine größte Freude war, liebe Gäste bei sich im Hause zu haben. So lange Schwab in Stuttgart wohnte, erfreute er Uhland meistens in den Ferien durch seinen lieben Besuch. Auch Karl Mayer aus Waiblingen, auch Niembsch und Paul und Gustav Pfizer kehrten gerne bei ihm ein. Andere Freunde und Strebensgenossen besuchten ihn wenigstens auf der Durchreise. Auch Briefe wie die folgenden von Jakob und Wilhelm Grimm, die er zwar noch nicht persönlich kannte, aber schon lange verehrte und liebte, waren eine Quelle von Freude und Ermuthigung für Uhland. Wilhelm Grimm an Uhland. Kassel, 3. December 1839. »Mit Vergnügen übersende ich Ihnen, verehrtester Herr, den Meistergesang von des Brennbergers Fahrt nach Frankreich, der dem Auszug in unsern Sagen zu Grund liegt; mein Bruder hatte selbst in Dresden davon Abschrift genommen, freilich vor langer Zeit, noch unter Napoleonischer Herrschaft. Damals umgab, wie Sie bemerken, diese Studien noch die Frische und der Reiz des ersten Beginnens, indessen hat der Fortschritt andere Vortheile mit sich geführt, auch die Beruhigung, daß diese Richtung nicht wieder untergehen kann. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß Haupt mit dem Erec schon auf dieser Stufe beginnt; wie viel aber noch vor uns liegt, zeigt sich eben darin, daß ein so treffliches Gedicht bis dahin unbekannt geblieben ist. Daß ich, was Sie indessen gethan haben, namentlich Ihre geistig belebten Untersuchungen über Thôr, in ihrem vollen Werth erkenne, brauche ich nicht zu sagen. Ich freue mich im Voraus auf die Sammlung von Volksliedern um so mehr, da, wie es scheint, Meusebach sich nicht zu einer Bearbeitung und Herausgabe seiner Sammlung entschließen wird. Wir Beide benutzen die uns zugetheilte Muße nach Kräften. Mein Bruder arbeitet den ersten Band seiner Grammatik um, oder vielmehr er liefert ein neues Werk, denn in den eilf bis jetzt gedruckten Bogen ist keine Zeile der früheren geblieben. Ein Band der »Weisthümer« und ein angelsächsisches Gedicht wird in kurzer Zeit fertig sein. Ich habe eine kritische Ausgabe der »Goldenen Schmiede« mit einer Einleitung zum Druck bereitet, und sie wird wohl zu Ostern erscheinen. Die Vorarbeiten zu dem deutschen Wörterbuch haben guten Fortgang, und schon kann ich fast sechzig Mitarbeiter zählen, die uns bei den Auszügen Beistand leisten. Ich möchte nicht gerne zudringlich sein, aber wenn es Ihnen möglich wäre, für dieses Werk, das seiner Idee nach doch ein allgemein vaterländisches ist, etwas zu thun, oder in dem Kreis Ihrer Bekannten einen und den andern dafür zu gewinnen, so würde ich das dankbar anerkennen. Das Nähere über die Einrichtung will ich gerne mittheilen. Indem wir Beide, mein Bruder und ich, Ihrem freundschaftlichen Andenken uns empfehlen, verharre ich in herzlicher Verehrung Wilh. Grimm.« Jakob Grimm an Uhland. Kassel, 31. December 1839. »Meine Wege gehen auf Ihre Straße, aus der Sie aber auch gern in jene abzulenken pflegen. Ich übersende hier die Ausgabe zweier angelsächsischer Gedichte, deren Styl schon an sich merkwürdig ist und manches aus Beowulf näher erläutert. Vielleicht achten Sie auch auf ein paar mythologische Bemerkungen, in denen versucht ist, den Abweichungen des angelsächsischen Cultus von dem altnordischen beizukommen. Daß uns die Edda über Oski und Omi im Dunkel läßt, mag eben im Hervortreten dieser Aeußerungen derselben Gottheit bei andern deutschen Stämmen begründet sein; wenn mich die aufgefundenen Spuren des Uunsc und Vôma , nicht zu weit verleitet haben. Ich möchte darin eine etwas geistigere Stufe des Wuotan erkennen als die sinnliche Fassung des nordischen Odinn ist. Auf allen Fall scheint mir die festere Anknüpfung und der Zusammenhang des alten Leben von Wichtigkeit. Haben wir nicht bald Ihre Untersuchungen über Odin zu erwarten? Doch freue ich mich eben so sehr auf die, welche Sie jetzt zunächst dem Volksliede zu Theil werden lassen. Ganz Ihr Jakob Grimm.« Der Sommer 1840 führte Uhland und seine Frau an den Rhein und die Mosel. In Trier stieß Schwab zu ihnen, um die Moselfahrt nach Coblenz mit ihnen zu machen. Das Dampfschiff fuhr aber nur je den dritten Tag von Trier ab. Die Freunde warteten zwei Tage auf dasselbe, die ihnen durch manche ihnen erzeigte Güte und Aufmerksamkeit, so wie durch die Besichtigung der Ueberreste aus der Römerzeit, besonders des theilweise erhaltenen Amphitheaters und der Porta nigra , angenehm verflossen. Als das Dampfschiff endlich ankam, zeigte sich, daß es beschädigt war und am andern Morgen nicht abfahren konnte. Die Freunde entschlossen sich nun, die Reise den Strom hinab auf einem Kahn zurückzulegen. So brauchten sie dann freilich fast drei Tage statt des einen auf dem Dampfschiffe. Sie hatten es aber nicht zu bereuen, das Wetter war nicht ungünstig und die Gesellschaft guten Muths. Die Mosel muß sich in vielen Krümmungen um Bergvorsprünge herumwinden; dieß benützten die Freunde häufig zum Aussteigen, um über den Berg hinüber auf die andere Seite zu Fuß zu gehen, wo dann später das Boot sie wieder aufnahm. Sie hatten dabei schöne Blicke, bald auf waldige Berge, bald auf sonnige Rebhügel, auf alte Burgen und Kapellen und den Fluß unter ihnen. In ländlicher Herberge warteten sie dann wohl auch auf ihre zwei Schiffmänner mit dem Boote. Daß das Moselthal sehr verschiedene Weine erzeuge, hatten sie dabei auch Gelegenheit zu erfahren. Schwabs belebte Unterhaltung machte einen Hauptreiz der Fahrt aus. Er hatte den »Ausonius« mitgenommen und verdeutschte aus der » Mosella « den Freunden die Schilderung der Gegend, die sie durchzogen. Mit seiner geistreichen Lebendigkeit konnte er in Jubel ausbrechen, daß ja Alles noch so sei, wie es der Dichter vor fünzehnhundert Jahren geschildert habe. Es war auch ergötzlich, ihm zuzuhören, wenn er die Schiffleute über die Fische in der Mosel ausfragte und die Namen mit denen im Buch verglich, wohl auch durch kühne etymologische Versuche herausbrachte, es könnte dieser oder jener Fisch gemeint sein. Leider wurde diese genußreiche Reise in der Erinnerung schmerzlich getrübt, indem die Freunde auf dem Heimweg in Heidelberg Schwabs jüngsten Sohn, Ludwig, (Uhlands Pathchen), der dort bei Verwandten geblieben war, am Nervenfieber schwer erkrankt antrafen und wenige Tage darauf der Tod dieses hoffnungsvollen Knaben erfolgte. Uhland schrieb über diesen Todesfall folgenden Brief: Uhland an Gustav Schwab. Tübingen, 27. October 1840. »Lieber Schwab! Wenn ich unter den Freunden, die Dir ihre Theilnahme bezeugen, vielleicht einer der spätesten bin, so kann ich doch sagen, daß mir der Antheil an Deiner Sorge und an Deinem Verluste, seit wir uns zuletzt in Heidelberg sahen, ein stets gegenwärtiger Begleiter war und mir besonders auch bei der Rückkehr in die Heimath schmerzlich nahe trat, in der wir sonst die Zeugen Eurer Freude an dem lieben, reichbegabten Kinde waren. Eine harte Entbehrung wird es Dir sein, daß Du nicht gleich wieder in den häuslichen Kreis zu stiller Sammlung eintreten durftest; zwar die Arbeit kann wohl auch ermuthigen, möge nur diejenige, die Dich jetzt in Stuttgart in Anspruch nimmt, nicht zum Kummer den Verdruß bringen. Schwab war zu einer Commission wegen eines neuen Gesangbuchs nach Stuttgart berufen. Auf die Reise, die wir in so heiterer Stimmung und in einem längern, traulichen Zusammensein, wie es sich uns noch selten gefügt hatte, zurücklegten, wirft Dir freilich die nachgefolgte Trauer einen tiefen Schatten, und ein solcher ist auch mir und meiner Frau auf die sonst werthen Erinnerungen gefallen. Dennoch ist mir die Gegend, durch die wir im kleinen Kahne hinabfuhren, der stille Strom, mit seinen einsamen Bergufern, bald von tiefhängenden Regenwolken verdüstert, bald vom durchbrechenden Sonnenstrahl herrlich erleuchtet, auch wieder so erschienen, daß ein trauerndes Gemüth sich gerne in sie versenken könne. Deiner lieben Frau, die hier nur durchgefahren ist, konnten wir unser inniges Beileid noch nicht ausdrücken. Am Samstag werde ich aus Anlaß der Trauung meines Schwagers nach Stuttgart kommen, wo ich Dich zu sehen und Paul Pfizer in völliger Wiedergenesung zu treffen hoffe. In alter Treue Dein L. U.« Uhland an Dr. Ph. Wackernagel zu Stetten. Tübingen, 21. December 1840. »Das Werk, durch dessen Zueignung und Zusendung Sie mich geehrt und erfreut haben, ist ein solches, für das der Empfänger nur dadurch sich dankbar erweisen kann, daß er von tieferem Eingehen auf das Geleistete Zeugniß gibt. Schreiben Sie es diesem Gefühle zu, wenn ich mit dem Ausdruck meines Dankes zu sehr im Verzuge geblieben bin. Die Reichhaltigkeit der Sammlung und die Treue Ihrer Arbeit ist mir zwar bald genug klar geworden, aber die rechte Benützung des Buches wird für mich erst dann eintreten, wenn die Einleitung zu den Volksliedern, mit der ich jetzt beschäftigt bin, mich auf das geistliche Lied führen und mir Anlaß geben wird, auch meinerseits im Zusammenhange darzulegen, wie sich mir diese Seite des Volksgesangs ergeben hat. Eine Sammlung der historischen Lieder, mit derselben Sorgfalt ausgeführt, wie die der kirchlichen, wird zu diesen ein schönes Seitenstück abgeben, und ich wünsche sehr, daß Sie den Plan festhalten. Weitschichtig und mühsam ist allerdings das Unternehmen, aber es fehlt Ihnen ja nicht an Eifer und Beharrlichkeit. Was meine Sammlung betrifft, so ist von den fünf Büchern derselben eines den geschichtlichen Liedern bestimmt; ich muß darauf bedacht sein, auch diese Liederclasse durch eine Anzahl charakteristischer Stücke vertreten zu sehen, aber den Reichthum derselben irgend zu erschöpfen, kann nicht meine Absicht sein, die übrigen Abtheilungen würden von der historischen erdrückt werden, wenn ich in dieser auch nur eine relative Vollständigkeit erstreben wollte; eine andere wird in dieser Gattung überhaupt nicht erreichbar sein, die schweizerischen allein könnten einen Band füllen. Sie sehen hieraus, daß wir einander nicht den Weg vertreten, und es kann für mich nur erfreulich sein, wenn wir eine Strecke weit zusammengehen. Mit Hochachtung und Freundschaft der Ihrige L. U.« Auszug ans einem Briefe Uhlands an Professor Welcker in Freiburg. Tübingen, 28. December 1840. – – »Was aber das Staatslexikon betrifft, so bin ich der günstigen Meinung, in der Du mich zur Theilnahme an einem so gediegenen Werke berufst, aufrichtig dankbar, allein ich habe mich niemals als publicistischer Schriftsteller versucht und bin auf keine Weise gerüstet, hier als ersprießlicher Mitarbeiter einzustehen. Mit den Jahren, die ich unsern langwierigen Ständeversammlungen zu widmen hatte, ist mir ein gutes Stück Lebenszeit verrauscht und so Manches, was ich begonnen oder vorbereitet hatte, liegt unausgeführt vor mir, daß ich alle Ursache habe, mich nicht in neue Bahnen zu werfen, sondern auf dem mir durch Naturanlage, Neigung und Vorstudien angewiesenen Felde zu fördern, was noch möglich ist. Mit Rotteck traf ich zuletzt vor zwei Jahren in Wien zusammen. Er war damals so aufrecht und rührig, daß ich ihn nicht so nahe dem Ziele seines thätigen Lebens geglaubt hätte. Sein Hinscheiden begegnet sich mit dem Ablauf einer Periode unseres öffentlichen Lebens, dessen Aufgang und Höhepunkt vorzüglich auch in seiner ausgezeichneten Persönlichkeit vertreten war. Was an und in den Repräsentativverfassungen der mittleren deutschen Staaten sich entwickelt hat und entwickeln konnte, dazu hat er von Anfang an unermüdlich, oft siegreich gewirkt; aber wir stehen an der Grenze einer lebendigen Wirksamkeit auf diesem Wege; was irgend einmal entgegen kommen sollte, die Volksvertretung eines größeren vaterländischen Staates, hat sich nicht eingestellt, der Bündel ist nicht zu Stande gekommen, das Beil hat kein Heft und die Stäbe liegen zerknickt umher. Selbst die Hoffnung einer solchen Einigung in politischer Mündigkeit ist neuerlich uns abgesprochen worden, aber gegen das sittlich Nothwendige gibt es keinen Bannspruch, und eben in dem Absterben des kleinstaatlichen Verfassungswesens scheint mir die Nothwendigkeit einer großartigeren Entwicklung gesetzt zu sein. In Freundschaft und Hochachtung L. U.« Aus einem Briefe Uhlands an Frau Welcker. – – »Seit langer Zeit habe ich mich mit der Poesie nicht in eigener Uebung, sondern nur in geschichtlichen Forschungen beschäftigt, und wenn ich überhaupt zu dichterischen Arbeiten zurückkehren soll, so wird mir dieß kaum bei einzelnen Anlässen, sondern nur durch eine veränderte Gesammtstimmung möglich sein, zu der mir die gegenwärtig waltenden Gestirne wenig Hoffnung machen.« Uhland an den bayrischen Reichs- und Staatsrath Regierungspräsidenten Eduard von Schenk. Tübingen, 13. Januar 1841. »Euer Excellenz haben mich aus hohem Auftrag mit der Einladung beehrt, über den vorläufigen Entwurf der Satzungen eines deutschen Dichtervereins meine Ansicht darzulegen. Indem Euer Excellenz die Idee dieses Unternehmens als eine ächt deutsche bezeichnen, ergibt sich mir noch besonders die Aufforderung, mich über dasselbe mit Offenheit zu äußern. Mancher einsam und wild gehende deutsche Dichter wird befremdet aufblicken, wenn der Ruf zu einer allgemeinen Versammlung der Genossen und Freunde seiner Kunst ihm zu Ohren kommt. Es ist wahr, die ächten Schöpfungen der Poesie steigen nur aus der Tiefe des gesammelten Geistes auf; aber nicht minder gewiß ist, was ein alter Spruch sagt: Glut belebt sich an Glut, Mann wird dem Mann durch Rede kund. Zum erstenmal in der neuen Zeit soll eine Gesammtheit von Dichtern als sichtbarer Theil des Volkslebens persönlich und öffentlich auftreten, und zwar nicht zu unbestimmtem geselligem oder schöngeistigem Verkehr, sondern zu einem ausgesprochenen, gehaltigen Zwecke: »Förderung und Stärkung der Einigkeit aller deutschen Völkerstämme, auch in ihrer Dichtkunst, Erweckung einer wahrhaften deutschen Nationalpoesie.« Sollte dieser neue und schöne Gedanke nicht lebhaften Anklang in einer Zeit finden, in der durch unleidliche Anmaßungen des Auslands das deutsche Nationalgefühl erregt ist und jedes tüchtige Mittel zur Kräftigung desselben erwünscht sein muß? Eben diese praktische Beziehung führt aber auch darauf, die angezeigte nationale Richtung des Vorschlags genauer in's Auge zu fassen. Wenn die Beseitigung der zwischen Süd- und Norddeutschland theilweise bestehenden literarischen Trennung mit zum Zwecke des Vereins gezählt wird, so scheint mir dieses von untergeordnetem Belange zu sein; ich rechne jene Spaltung mehr nur zu den Dingen, an die man glaubt, weil davon gesprochen wird. Wesentlich ist es, sich zu vergegenwärtigen, wie der nationale Geist zu nehmen sei, der in und mittelst der Poesie geweckt und genährt werden soll. Gewiß ist es nicht die Absicht, der Universalität des deutschen Geistes, die ja eben auch zu seiner Eigenthümlichkeit gehört, Eintrag zu thun. Sofern aber durch die näheren Bestimmungen dichterische Bearbeitungen deutscher Nationalstoffe, Forschungen zur Geschichte der deutschen Poesie, Herausgabe alter Lieder und Sagen in den Bereich der Gesellschaft gezogen werden, ist auch die Vorliebe für den historisch-nationalen Standpunkt genugsam angedeutet. Meiner persönlichen Neigung, den Studien, die ich fortwährend pflege, können die mitgehenden antiquarischen Zwecke nur befreundet zusagen, und auch ohne persönliche Befangenheit wird sich behaupten lassen, daß mitten in unsrer vielseitigen Bildung die Unkenntniß und Stumpfheit dem Heimischen gegenüber vielfach anerzogen, und es darum verdienstlich sei, nach dieser vernachlässigten Seite hin anzuregen. Der Werth des Vaterländischen steigt, wenn das Vaterland Unbill erfährt, und das Insichgehen hat schon einmal sich wirksam auch zur That erwiesen. Gleichwohl darf ich nicht verschweigen, daß es vorzüglich die Zeitgemäßheit des Unternehmens ist, was sich mir in Zweifel stellt. Die bezweckte »Einigkeit aller deutschen Volksstämme auch in ihrer Dichtkunst« ist ein Bestandtheil der umfassendern geistigen Einheit in Sprache, Wissenschaft, Kunst, geschichtlicher Erinnerung, mit welcher neben dem Fortschritte der merkantilischen und neuerlich auch der militärischen Einigung das gefühlte Bedürfniß eines engeren und kräftigen Nationalverbandes sich zu beschwichtigen sucht. Jene geistige Einheit, nicht selten als Ersatz der staatlichen, ja als ein viel Höheres angerühmt, hat noch jüngst in Denkmalstiftungen und Gedächtnisfeiern eine geschäftige Rolle gespielt. Der Befreier vom Römerjoche, der Erfinder des Bücherdrucks, der Dichter des Gedankens erheben sich als Bürgen unserer Nationaleinheit im Geiste. Aber diese Denkmalfeste haben auch gezeigt, daß die ehernen Standbilder hohl sind, daß es der gepriesenen Einheit an einem festen Anhalt im Leben fehlt; von diesem Gebrechen niemals zu reden ist stillschweigende Bedingung jeder öffentlichen Feier; nicht in Fesseln, nur mit Blumen bekränzt, durfte die deutsche Presse im Zuge geführt werden. Das Ungenügende solcher Abfindungen mit dem, was noch ist, tritt noch merklicher in der neuesten Zeitbewegung zu Tage. Fremde, die sich in Deutschland gefielen, Verehrer deutscher Literatur und Sitte, nahmen keinen Anstand, dem geistig-einen Volke statt der Rheinlande die vormals ostgothische Küste des schwarzen Meeres anzubieten und uns damit vom Sänger des Rheinliedes auf den alten Ulfila zu verweisen. In gerechter Entrüstung erwidern die Sprecher deutscher Tagblätter, aber was wiegt die Rede, die nur gestattet ist, wann und wie sie gerne gehört wird! Der Zwang straft sich, indem er den Patriotismus zur Wohldienerei stempelt; das Wort, augenblicklich und halb frei gegeben, wird von Solchen verschmäht, die es am wirksamsten zu führen wüßten; der teutoburgische Hermann darf sein Riesenschwert drohend nach Westen strecken, nach innen darf er keinen warnenden Finger heben. Warum uns das Ausland mißachtet, was wir beim Feste missen und noch leidiger in der Stunde des bittern Ernstes, das ist die politische Einigung, nicht in einer starren Centralisation, sondern in der lebendigen Gemeinschaft einer vernünftigen Volksfreiheit; ein Volk, das durch geistige und sittliche Eigenschaften berufen ist, keinem andern in politischer Berechtigung nachzustehen, wird im Stande politischer Unmündigkeit niedergehalten, es hat kein Organ in seinen Gesammtangelegenheiten, keine Stimme, kein freies Wort in den Fragen, die es mit Gut und Blut ausfechten soll. Ergeht an die Deutschen der Aufruf zu den Waffen, sie werden abermals treulich für das Vaterland kämpfen; aber ein Rüstzeug ist ihnen versagt, der Stolz des freien Bürgers. In einem Augenblick nun , der so herbes Bewußtsein aufdrängt, kann der bestgemeinte neue Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen als ermuthigen; immer nur der Stein statt des Brodes. Selbst was zum Glanz und Gedeihen des Vereines bestimmt ist, der Schutz eines kunstliebenden Fürsten, würde die Versammelten verpflichten, nichts zu berühren, was die obwaltenden Verhältnisse von solcher Nähe ausschließen. Nicht als sollte die Politik vom Zaune gebrochen, der Dichterverein zum Parteikampfe verkehrt werden; aber wenn die deutsche Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so können ihre Vertreter nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschränkt sein, jede vaterländische Frage der Gegenwart, wem sie das Herz bewegt, muß einer würdigen Behandlung offen stehen. Je allgemeiner eine so ungewohnte Versammlung die Blicke auf sich ziehen müßte, um so gewisser würden die Dichter mit der Freiheit auch das Vertrauen der Nation verscherzen. Da aber die freie Bewegung der öffentlich vereinigten Dichter in unsern Tagen überhaupt nicht gedenkbar ist, so erscheint es räthlicher, daß sie auch fernerhin im herkömmlichen Freistaate verharren. Indem ich dieses niederschreibe, haben Euer Excellenz vielleicht von andern Seiten bereits entsprechendere und heiterere Ansichten vernommen; um so eher wird auch das Zurückstehen eines Einzelnen freundliche Würdigung finden. n vollkommener Verehrung Euer Excellenz gehorsamster L. U.« Der Sommer 1841 verfloß Uhland in Tübingen, da schmerzliche Trauerfälle, der Tod seiner Schwägerin Roser und des verehrten Vaters seiner Frau, von größeren Touren abhielten. Erst im October reiste er an den Bodensee, wie uns sein Brief erzählt. St. Gallen, Freitag, 14. October 1841. »Liebste Emma! Meine Reise hieher ist wohl abgelaufen. In Hechingen war ich zwar unangenehm überrascht zu hören, daß man nur fünf Minuten halte und die Passagiere schon in Tübingen gespeist haben; doch raffte ich mir in Balingen einige Nahrung auf und wurde dann in Tuttlingen durch die gewohnte selbsteigene Bedienung des alten Postmeisters entschädigt. Die Haselnüsse zum Nachtisch erinnerten mich freundlich an unsern Hausgenossen Hansel. In Stockach, wo man um Mitternacht ankam, ging ich dreiviertel Stunden, bis zur Abfahrt des Wagens nach Radolfszell, zwischen einem schnarchenden Kellner und einem schlafenden Hund in der Wirthsstube auf und nieder. Um vier Uhr war man in Radolfszell und ich ruhte dann noch bis nach sieben Uhr, so daß ich frisch die Weiterreise antreten konnte. Eine halbe Stunde weit fuhr ich auf dem See und gieng dann auf badischer Seite an dem sich zum Rheine verengenden Seezuge nach Stein. Der Himmel wechselte mit Regen und Sonnenschein, und das gab mannigfaltige Beleuchtungen. Zu Stein langte ich um ein Uhr an und begab mich gleich nach genommener Erfrischung zum Pfarrer Kirchhofer. Den Liederband hatte er mir nicht geschickt, weil er ihn bis jetzt nicht wieder gefunden hatte. Doch gab er für den Fall des Auffindens gute Zusicherung. Ich beschloß, von Stein aus den Weg nach St. Gallen über Frauenfeld zu nehmen, da ich diesen Hauptort des Thurgau's noch nie gesehen hatte. Kirchhofer machte eine ansehnliche Strecke des Weges, der drei Stunden beträgt, meinen Wegweiser, denn es ist keine sehr besuchte Straße und man läßt sich einmal, in Ermanglung einer Brücke, über die stark strömende Thur schiffen. Herr Briel, den ich in Frauenfeld aufsuchte, war in Zürich. Dagegen fand ich bei dessen Schwager, dem Rector und Pfarrer Mörikofer, der sich auch mit älterer deutscher Literatur beschäftigt, sehr freundliche Aufnahme, brachte den Abend in seiner Familie zu und erhielt von ihm, was mir in Stein nicht geworden, einen Band mit alten Liederdrucken, den er mir zu benützen mitgab und der mir, wenn auch nicht erhebliche Ausbeute, doch immerhin eine Erweiterung meiner Kenntnisse dieses Feldes gewährt. Gestern Morgen gieng ich, von Mörikofer begleitet, drei Stunden bis Münchwyl, und fuhr dann mit der Post nach St. Gallen, wo ich um fünf Uhr ankam. Ich wollte eben von einigen Adressen, die mir Mörikofer mitgegeben, Gebrauch machen, als man mir sagte, daß eine diesen Morgen begonnene wichtige Sitzung des Großen Rathes über die Instruction der St. Gallischen Gesandtschaft zur Tagsatzung in der Aargauischen Klosterfrage noch immer fortdaure; das wollte ich doch nicht versäumen und war auch bis nach neun Uhr in der Sitzung, die vor einem dichtgedrängten Publikum statt fand. Um diese Zeit waren die Hauptfragen entschieden, auf eine, wie mir scheint, diplomatisch verzwickte Weise, welche zeigt, daß auch in diesem Kanton die Reaktion der katholischen Partei stark heraufgewachsen ist. Die Verhandlung war übrigens lebhaft und interessirte mich. Jetzt, Vormittags, will ich meine Gänge machen und kann freilich noch nicht wissen, ob oder wie lange ich hier beschäftigt sein werde. Den Rückweg gedenke ich über Laßbergs alten Seethurm zu nehmen. Ich hoffe, daß auch Du, Liebste! wohl und gesund seiest und mich über diese weitläufige Beschreibung einer kurzen Reise schönstens beloben werdest. Innig Dein L.« Nachdem sich Uhland den Winter über mit der Volksliedersammlung beschäftigt, reiste er dieser zuliebe in die Maingegenden. Uhland an seine Frau. Frankfurt, Samstag, 14. Mai 1842. »Daß ich nicht auf Deinen Geburtstag in Tübingen zurück sein könne, hat sich nun freilich gezeigt. Dennoch werde ich an diesem Tage innig bei Dir sein, auf dem Rhein und auf dem Heidelberger Schloß. Gestern war ich in Seligenstadt an der Stelle, wo Eginhard und Emma beisammen bestattet sind; wäre das Grabmal nicht mitten in der alten Kirche, wo keine Blumen wachsen, so würde ich Dir eine abgebrochen haben. Die Zeit reicht nicht, von meiner Wanderung umständlich zu berichten. Seit ich bei Eberbach das Dampfboot verlassen, war ich Fußreisender durch den Odenwald, über Erbach, Michelstadt, Amorbach nach Werthheim und dem ehemaligen Kloster Brummbach, dann wieder Main abwärts bis Miltenberg. Dort nahm ich gestern Morgen einen Einspänner nach Seligenstadt und von da langte ich mit einem Retourkutscher noch zeitig genug in Frankfurt an, um an dem schönen Abend noch fast die ganze Stadt umwandern zu können. Aschaffenburg sah ich nur aus der Entfernung, es war mir der Bibliothek wegen darum zu thun, den Samstag hier zu sein, und ich werde gleich nachher Böhmer aufsuchen. Meine Reise war im Ganzen vom Wetter sehr begünstigt. Wann im Odenwald die Vögel so vielstimmig ineinander sangen, war mir, ich müßte unsern Wilhelm lustig mitpfeifen hören. Du wirst nun mit Deiner theuren Freundin und ihren Kindern viele Zeit im Garten zubringen; hoffentlich eilt sie nicht so sehr wieder nach Hause, daß ich sie nicht um die Mitte der Woche noch in Tübingen treffen sollte; grüße sie bestens von mir! Für meine literarischen Zwecke hat sich mir bisher keine Ausbeute ergeben als die Spuren verlorener Liederbücher. Ob Frankfurt noch etwas abwirft, muß sich heute zeigen. Ein ernster Reisebegleiter war mir in den letzten Tagen der Gedanke an das ungeheure Unglück Hamburgs, wovon ich zuerst bei der Ankunft in Werthheim Kunde erhielt; ich empfand an mir, wie mannigfach diese Flammenschrift an Geist und Gesinnung sprechen muß. Ob die Eindrücke tiefer gehen, wird die Zeit lehren. Lebe wohl, Theuerste! und gedenke auch Du liebend Deines L.« Im Juli dieses Jahrs wurde Uhland durch einen kurzen Besuch von Nikolaus Niembsch erfreut. Nachher besuchte Niembsch auch Freund Kerner in Weinsberg und erzählte ihm, daß Uhland ihm aus seiner Abhandlung über das Volkslied vorgelesen habe. Er soll darüber gesagt haben: »Uhland hat sich ganz in Liebe hingegeben an das Mittelalter. So ein Buch ist für unsere Zeit ein Segen. Das klopft einmal wieder an der rechten Thüre, am Herzen. In einer Zeit, wo alles Abstraktion, ist dieß Beschäftigen mit dem alten Volksliede viel werth. Es ist wieder Naturboden. Es ist das Schwerste, Alles so umfassend und prächtig einfach hinzustellen, wie er; man sieht dem Mittelalter bis in's Herz hinein. Und diese Spürkraft, die Uhland hat! Wie der Indianer im Grase weiß er die leiseste Spur zu finden.« Es war der letzte Besuch, den Niembsch in Tübingen gemacht. Wohl aber hat ihn Uhland während seines traurigen Aufenthalts in Winnenthal besucht. Nach Niembsch's Abreise traten Uhlands eine Reise nach Norddeutschland an, welche auch auf Kopenhagen ausgedehnt wurde. Beide hatten die See noch nicht gesehen und in Kopenhagen hoffte Uhland auf der Bibliothek seine Sagenforschungen vervollständigen zu können. Bis nach Düsseldorf wurde die Reise auf dem Rhein gemacht, dort die Bildergallerie besichtigt und dann ging es Tag und Nacht fort nach Bremen. Die Söhne und die Tochter einer werthen, schon aus dem Leben geschiedenen Freundin waren gütig bemüht, die Merkwürdigkeiten ihrer Vaterstadt den Fremden zu zeigen. Da die alte Hansestadt Uhlands sehr interessirte, so machte Schwabs zweiter Sohn, der sich damals in Bremen aufhielt, den Vorschlag, mit ihm eine Fahrt auf der Weser, der Stadt entlang, zu machen. Die alten hochgiebelichten Häuser, mit Krahnen zum Ein- und Ausladen von Waaren versehen, gaben ein lebhaftes anziehendes Bild der alten Handelsstadt. Eine Abendcollation im Bremer Rathskeller war durch die Oertlichkeit und die Freundlichkeit der Bewirther noch labender als durch die Darreichung der berühmten Apostelweine. Von der Weser ging es nun zur Elbe, in das durch den schrecklichen, kaum erst gedämpften Brand schwer heimgesuchte Hamburg. Rechts und links vom Gasthof, in dem die Reisenden Wohnung genommen, lag alles in Trümmern. Von dem Hause gegenüber stand wohl noch die Facade, aber durch die ausgebrannten Fensteröffnungen schaute man in den Graus der Zerstörung. Auch der Blick von dem bekannten Jungfernstieg zeigte weithin das Brandunglück. Uhland wurde von seinen früheren Bekannten, dem Syndicus Lappenberg und Professor Wurm's freundlich aufgenommen und auch Neubekannte, wie Professor Petersen, erwiesen viele Freundschaft. Ein Bruder des Letzteren, Steuermann auf einem Westindienfahrer geleitete die Reisenden auf sein Schiff. Ein solches Seeungethüm hatten die Binnenlandbewohner freilich noch nie gesehen! Von Lappenberg wurden sie zu seiner Geburtstagsfeier nach Blankenese, auf das Gut seines Schwiegervaters, eingeladen. Schon vom Zimmer aus, und noch mehr von einem hoch aufgemauerten Walle des Parks, am Ufer der Elbe hinführend, war die Aussicht den stattlichen Strom mit den vielen Segelschiffen hinab beim Sonnenuntergang eine großartige und reizende zugleich, da der Park mit herrlichen Bäumen besetzt war. Fühlte sich Uhland durch das Gespräch des gelehrten Freundes angezogen, so war seiner Frau ein Spaziergang mit der durch ihre Wirksamkeit für Arme und Verlassene so rühmlich bekannten Amalie Sieveking von großem Werthe. Die Bekanntschaft edler Menschen ist ja doch die beste Reiseerrungenschaft. Von Hamburg fuhren Uhlands nach Kiel, wo sie von den Landsleuten Pfaff und Dorner aufs Liebreichste begrüßt und in den Kreis ihrer Bekannten eingeführt wurden. Uhland zu Ehren wurde ein großes Gastmahl in dem nahen Seebad Düsterbrook veranstaltet. Auf reich geschmückten und bewimpelten Schiffen, von Musik begleitet, fuhr die große Gesellschaft vom Hafen ab. Bei Tische wollten die Toaste gar nicht enden. Wenn die Trinksprüche Deutschland galten, so stimmte Uhland von Herzen ein, sich selbst aber so überschwänglich als es hier geschah, preisen zu hören, war für seinen bescheidenen Sinn fast peinlich. Liebe und Anerkennung that ihm freilich wohl, er mochte sie aber lieber im Stillen fühlen dürfen als hören und – darauf antworten sollen! Er war im Herzen dankbar und erfreut über die mehr als gastliche Aufnahme, die er in Kiel gefunden, äußerte aber später: eine Morgenfahrt im Nachen mit einem der Kieler Professoren, ein erquickendes Seebad und Frühstück darauf sei doch ein behaglicherer Genuß als die große Ehre, die ihm zu Theil geworden. Nicht ohne Grund sang einst Freund Schwab von ihm: »Du liebest nicht das laute Lieben!« Der freundschaftliche, trauliche Ton der Kieler Professoren unter einander gefiel Uhland gar wohl; er meinte, er habe es noch selten auf einer Universität so getroffen. Die zwei Tage in Kiel blieben ihm eine liebe Erinnerung. Die Fahrt auf der Ostsee von Kiel nach Kopenhagen war ein neuer großer Genuß. Uhland konnte kaum vom Verdeck herabkommen. Die Mitternacht fand ihn noch oben und vor Sonnenaufgang war er wieder dort. Es fügte sich auch günstig, das Wetter war ruhig und klar und auf halbem Wege, ferne von allem Lande, sahen die Reisenden eine Reihe russischer Linienschiffe in geringer Entfernung vorüberziehen. In Kopenhagen war Uhland von Huldigungen gänzlich verschont, aber durch einen Landsmann, den Hofbaumeister Hetsch, wurde unsern Reisenden viele Freundlichkeit erwiesen, während mehrere Dänen, mit denen sie in der Heimath bekannt geworden, die damals in ihrem Hause gerne verweilt und auf die sie sich gefreut hatten, sich nun fremd und gleichgültig zeigten. Die Zeitungsberichte von Kiel, von den ausgebrachten Toasten auf Deutschland mochten vielleicht erkältend gewirkt haben. Die Bibliothek hielt Uhlands eine Woche fest, dann fuhren sie noch im Sund hinauf nach Helsingör. Am andern Morgen ging es zur Festung Karlskrona. Diese bot einen herrlichen Ausblick auf die Ostsee, auf die nahe schwedische Küste und auf der andern Seite über einen großen Theil der Insel Seeland. Uhland hatte beabsichtigt, auf die schwedische Küste überzusetzen und das nahe Vorgebirge Kullen zu besteigen; da es aber schwerer war, sich verständlich zu machen als er geglaubt hatte, weil er mit Leichtigkeit die nordischen Sprachen lesen konnte, so gab er diesen Plan auf und kehrte zu Lande, viel durch herrliche Buchenwälder, nach Kopenhagen zurück. Dort wurden in der Frauenkirche auch Thorwaldsens Meisterwerke, Christus und die Apostel und in seinem Atelier noch sonst viel Schönes bewundert. Von Kopenhagen schifften Uhlands nach Lübeck über, wo sie sehr freundlich aufgenommen wurden. Im Lübecker Rathskeller war große Männergesellschaft, nachher wurde Uhland unter Fackelschein ein Ständchen und Hoch gebracht. Herrlich nahmen sich die alterthümlichen Gebäude am Marktplatze, von der Gluth der zusammen geworfenen Fackeln beleuchtet, aus. Lübeck, besonders die uralte Schifferhalle, mit einem an der Decke aufgehängten alten Boote, gefiel Uhland besonders wohl. Nun ging es nach Lüneburg, wo wieder ein sehr freundlicher Empfang ihrer wartete und dann über Braunschweig nach Wolfenbüttel. Dort hielten die Schätze der Bibliothek Uhland mehrere Tage fest. Von Braunschweig war er weggeeilt, sobald er von einer Einladung hörte, aber die gastfreundliche Gesinnung folgte nach Wolfenbüttel nach und es wurde ihm zur Ehre eine Zusammenkunft auf der alten Harzburg, unweit vom Brocken, veranstaltet. Vom Städtchen Harzburg zog man mit Musik voran zur Ruine hinauf und dann zu einem mit Festons geschmückten Platz in einem Wäldchen. Dort wurde Halt gemacht, aber – der Sprecher, der Uhland begrüßen, sollte – fehlte. Nach einigem verlegenen Warten kam derselbe, ein schon älterer, freundlicher Consistorialrath, und sprach ein lateinisches Begrüßungsgedicht. Es hatte mit »Verehrter Greis« beginnen sollen, als aber der originelle Mann gesehen hatte, daß Uhland noch gar nicht wie ein Greis aussah, war er verschwunden, um die Eingangsstrophe abzuändern. Im Freien wurde nun ein Gabelfrühstück eingenommen, es ging ganz lustig zu, die feierlichen Toaste unterblieben glücklicherweise für Uhland. Gegen Abend trennte sich die Gesellschaft, die Einen fuhren nach Braunschweig zurück und Andere begleiteten Uhlands auf den Brocken, wo die Nacht zugebracht wurde. Aber weder im Abendlicht noch bei Sonnenaufgang war der Himmel klar genug, um die Fernsicht zu genießen. Vom Brocken herabgestiegen, fuhren Uhlands nach Wernigerode, wo Uhland den gelehrten Bibliothekar Zeisberg und seine reiche Bibliothek besuchte. Es war nach den belebten Tagen ein erwünschter Genuß für Uhland, mit einem so gefälligen und unterrichteten Studiengenossen in seinem freundlichen Hauswesen und unter den Bücherschätzen sich aufzuhalten. Von Wernigerode wurde über Gotha und Würzburg die Rückreise fortgesetzt und ohne ferneren Aufenthalt die Heimath erreicht. Uhland an seine Frau. Tübingen, 23. November 1842. »Liebste Emma! Die Nachrichten, wie gut es Dir im Kreise der Geschwister geht, haben mich herzlich erfreut. Auch Kunstgenüsse sind Dir bereitet. Mich wird zwar die Vorstellung des Herzog Ernst nicht nach Stuttgart führen. Du weißt ja, daß ich Trauerspiele nicht gerne besuche; um so mehr aber würde es für mich von Interesse sein, von Dir, als einer unparteiischen Zuschauerin, zu vernehmen, wie das alte Ritterstück sich in dieser modernen Welt ausgenommen hat. Vor Wilhelm darf ich nicht äußern, welches Vergnügen Du ihm halb zugedacht; auch ich würde ihm dasselbe von Herzen gönnen, aber sein eben erst angetretener neuer Studienlauf würde doch auf einige Tage unterbrochen werden; auch der Confirmationsunterricht beginnt am Freitag wieder. Letzten Freitag hat er mit vergnügtem Gesicht ein gutes Zeugniß gebracht. Du erhältst hiebei zwei auf den 5. December fällige Zinsquittungen, womit Du, wie ich hoffe, Dir und mir recht schöne Einkäufe machen wirst. Der Taglöhner meint, daß es jetzt guter Boden zum Baumsetzen wäre. Es sind außer dem vom Einsiedel versprochenen Pfirsichbaum vier Stücke erforderlich. Einen Lederäpfelbaum und einen Bödigheimer würde man vielleicht zweckmäßiger vom Einsiedel beziehen als aus dem wärmeren Unterlande, aber eine gute Winterbergamotte und ein Aprikosenstämmchen möchten eher in Stuttgart zu Hause sein. Neues von hier weiß ich Dir nicht zu schreiben. Sei innig gegrüßt von Deinem L.« Die bisherigen Briefe Uhlands an seine Frau waren größtentheils Reiseberichte, der obige zeigt ihn nun auch als Hausvater. Der Garten war ihm zur Freude, er interessirte sich namentlich für seine Bäume. Es war ihm und seiner Frau auch eine ergötzliche Beschäftigung, nicht gar zu hohe Bäume zusammen abzuleeren, obgleich er wegen seiner Kurzsichtigkeit häufig dabei das Glas zum Auge führen mußte. Geldgeschäfte hingegen waren ihm lästig und seine Schwäger standen ihm deßhalb oft bei, rühmten auch immer, wie leicht mit ihm etwas zu besorgen sei, weil, was er that oder schrieb, mit Pünktlichkeit und Klarheit geschah. Den Winter über arbeitete Uhland an der Zusammenstellung der Volkslieder und an seinem Aufsatz dazu. Der Wunsch nach Vervollständigung dieser Sammlung veranlaßte ihn zu einer Bitte in der Allgemeinen Zeitung um Mittheilung von Volksliedern und im Frühjahr zu einer Reise nach Nürnberg, Zwickau und Leipzig. Das Ergebniß derselben enthalten die folgenden Briefe an seine Frau. Nürnberg, Sonntag, 21. Mai 1843. »Liebste Emma! Du wirst mich wegen des schlechten Reisewetters bedauert haben. Allein da ich diese Zeit über beschäftigt war, so kam es mir für meinen Theil weniger auf die Witterung an. Für meine Liedersammlung zeigt sich dießmal hier gute Ausbeute und es hat sich bereits als zweckmäßig erwiesen, diese Reise noch vor Beginn des Druckes zu unternehmen. Besonders ist die Merkel'sche Handschrift, die ich seit vorgestern im Hause habe, reichen und für mich erheblichen Inhalts. Sie nach Tübingen zu erhalten, scheint Schwierigkeit zu haben, auch ist es ein mächtiger Folioband, der nicht sehr reisefertig aussieht. So werde ich, besonders wenn noch ein Ausflug nach Schwabach hinzukommt, nicht vor Mitte der Woche von hier fortkommen. Damit zieht sich freilich meine Reise etwas länger hin als ich bezweckt hatte; allein es würde mich doch nachher reuen, wenn unbenutzt geblieben wäre, was ich bereits in Händen hatte. Leid ist mir freilich, daß eben dadurch auch eine Störung in Deinen Reiseplan kommen kann. Meine Ankunft fand am Donnerstag gegen zehn Uhr Vormittags statt. Von Roth und Professor Meyer, den ich vor zwei Jahren am Postwagen in Waiblingen kennen lernte, wurde ich freundlich aufgenommen und thätig gefördert. Vorgestern war ich bei Herrn von Tuchers Geburtstagsfeier in dessen Hause, gestern Abend, bei heiterem Sonnenuntergang, machte ich einen Spaziergang auf den Johanniskirchhof und sah am Eingange desselben Krafts Christus am Kreuze in der wirksamsten Beleuchtung durch das sinkende Sonnenlicht. Wenn Du mir nach Empfang dieses schreiben wolltest, poste restante nach Zwickau, so könnte ich wohl dort Nachricht von Euch erhalten, wonach ich mich so sehr sehne. Jedenfalls schreibe bald nach Leipzig. Hier werde ich ohne Zweifel vergeblich schon nach einem Briefe von Dir fragen. Den Tag meiner Abreise von hier werde ich Dir noch bestimmter schreiben, sobald ich ihn wirklich angeben kann. Lebe wohl und sei mit Wilhelm innig gegrüßt von Deinem L. Die bedeutendsten Kunstwerke ließ ich nicht unbesucht, besonders fand ich Sonntag Morgen die Lorenzkirche in ihren farbigen Fenstern herrlich erleuchtet.« Leipzig, 30. Mai 1843. »Liebste Emma! Da ich auch hier mit der Zeit in einigem Gedränge bin, so kann mein Reisebericht wieder nur kurz und dürftig ausfallen, die Ausmalung muß ich auf das Wiedersehen verschieben. In Zwickau kam ich am Freitag Abends zehn Uhr an, nachdem ich auf der Mittagsstation in Hof unerwartet Herrn Erhard, der von der Leipziger Messe kam, angetroffen hatte. Den Samstag blieb ich in Zwickau, wo ich die Bibliothek mit ihrem einstigen Liederschatze wirklich rein ausgeplündert fand. Ein einziges Lied, von unserem Herzog Ulrich, der mir auch in Nürnberg begegnete, und der Schlacht bei Laufen, fand ich dort in einem mir noch unbekannten Drucke. Uebrigens ward mir die freundlichste Aufnahme, Conrector Lindemann führte mich Abends einen schönen Weg in das Muldethal und auf eine Anhöhe, von der man den Ausblick nach dem Erzgebirge hat. Das Hofleben der reichen Kohlenbauern, die rings bei ihren Kohlenschachten in stattlichen Häusern wohnen, deren eines eine wahre Villa, war mir neu und eigenthümlich. Auf dem Rückwege kamen wir nach einem Belustigungsorte der Zwickauer, dem Schwanenschlößchen, über einem großen Teiche gelegen, wo ich durch eine große Gesellschaft von Gesangfreunden überrascht wurde. Sonntag Morgens fuhr ich auf einem sogenannten Personenwagen nach Altenburg, in Begleitung des Justizamtmanns von Zwickau, Heisterbergk, und seines hübschen Knaben. Derselbe war schon bei der Abendgesellschaft gewesen und fuhr jetzt mit mir auf Besuch bei Verwandten in Leipzig; auf dem Wege sahen wir viele Altenburger Bauersleute, von der Kirche kommend, in ihrer berühmten Volkstracht. In Altenburg, wo Mittag gemacht wurde, sahen wir das Schloß, die Wachtparade und die vermauerten Fenster, aus denen einst die Prinzen geraubt wurden; ein Anschlag bedroht mit zweitägigem Gefängniß jeden Ersteiger der Felsen, wahrscheinlich damit nie mehr ein Prinz gestohlen werde. Auf der Eisenbahn kamen wir Nachmittags hier an und Abends holte mich mein Herr Justizamtmann mit seinem Schwager, einem jungen Prediger und dessen Frau zu einem Gang in das Rosenthal ab. Dieser »Dyregaarden« Bezieht sich auf den Dyregaarden bei Kopenhagen. der Leipziger, jedoch ganz nahe an der Stadt beginnend, ist ein herrlicher, meilenweit sich erstreckender Eichwald; bei Gartenmusik tranken wir Kaffee und hörten dann am Ufer der stark angeschwollenen Elster den Gesang der Nachtigallen nebst dem Rufe des Kuckucks und dem Gezwitscher der Grasmücke. Gestern Morgen schickte mir der Amtmann durch seinen Knaben ein kleines Gedicht zu, worin er sich meinen Namen in ein hier erkauftes Exemplar meiner Lieder erbat. So gibt es nicht bloß in Schwaben poetische Oberamtsrichter! Vormittags machte ich die nöthigen Gänge, Nachmittags besuchte ich zwei Bibliotheken, auf denen ich nicht Vieles, aber doch Einiges traf, was mich beschäftigte. Zum Abendessen war ich in Gesellschaft mehrerer Professoren, auch der Buchhändler Reimer und Hirzel, bei Haupt, der sich mir sehr gefällig erweist. Hier wurde mir von den Studenten ein Vivat und Gaudeamus gebracht. Heute Nachmittag will ich nun mit dem Bahnzug nach Dresden abgehen; Hoffmann von Fallersleben, der mich hier gleich auf der Rathsbibliothek aufsuchte, wird mit mir fahren. Dresden wird mich immerhin einige Tage festhalten, dann denke ich wieder über Leipzig und Nürnberg, wo ich noch weiteren Bescheid zu holen habe, die Rückreise zu machen. Dein zweiter Brief kam mir noch in Zwickau, gerade vor der Abreise, zu, den ersten langte ich gestern hier ab und war durch beide höchlich erfreut. Ob ich in Dresden oder hier wieder einen finden werde, weiß ich freilich nicht. Aber nach Nürnberg könntest Du mir wohl noch schreiben. Thu' es doch, Liebe, und laß mich damit wieder die Heimathluft anwehen. Bist Du noch in Tübingen, so grüße Wilhelm, Fritz, Mayer herzlich. Lebe wohl und denke Deines L.« Dresden, Pfingstfest, 4. Juni 1843. »Liebste Emma! Heute Nachmittag, liebste Emma, werde ich von hier, dem Endpunkte meiner Reise, mit dem Bahnwagen nach Leipzig zurückfahren. Dort hatte mir noch am Tage meines Abgangs ein junger Mann, Dr. Leyser, der bei der Bibliothek angestellt ist und früher selbst eine Volksliedersammlung beabsichtigte, Mehreres mitgetheilt und noch Einiges in Aussicht gestellt, was mich wohl noch einen Tag in Leipzig festhalten wird, so daß ich vermuthlich erst am Dienstag wieder auf die Eisenbahn komme. Auch Nürnberg wird noch einen Tag erfordern, was mich zugleich der Beschwerde enthebt, drei Nächte hintereinander auf dem Eilwagen zu sein. So dürfte meine Ankunft in Stuttgart etwa am Freitag erfolgen, genau kann ich freilich den Tag nicht bestimmen. Du bist wohl bereits dort angekommen. Hier in Dresden war für meinen besonderen Zweck geringe Ausbeute, doch brachte ich die Vormittage auf der Bibliothek zu, die mir, wenn nicht für die Sammlung, doch für die Abhandlung Brauchbares darbot. Freundliche Aufnahme ist mir auch hier geworden. Oberbibliothekar Falkenstein brachte mir herbei, was ihm irgend für mich dienlich erschien, und war erfreut über die Beiträge, die ich ihm zu seiner Autographensammlung lieferte. Der zweite Bibliothekar, Klemm, Besitzer einer Sammlung deutscher Alterthümer, behielt mich, nachdem er mir solche lehrreich gezeigt, beim Abendessen. Der Dichter Julius Mosen führte mich in die Werkstätte des Bildhauers Hänel, bei dem das Modell zum Standbilde Beethovens für den Münsterplatz zu Bonn, ein wohlgelungenes Werk, zu sehen war; von da brachte er mich nach dem Dorfe Steelen, wo er im Sommer mit seiner Familie wohnt, und hatte eine kleine, aber für mich passende Gesellschaft eingeladen. Gestern Abend ging ich noch auf eigene Faust nach dem ein halbes Stündchen von hier entlegenen großen Garten, dem Hauptspaziergange der Dresdner, einem schönen Walde, wie das Leipziger Rosenthal, zwar ohne Fluß, aber mit Aussicht nach den Höhen der sächsischen Schweiz. Während ich meinen Durst am geringen Bier stillte, schlürfte ein Dresdner Bürger neben mir einen Stiefel Zuckerwasser; er war voll Lobes seiner Stadt und Gegend, und als ich darein einstimmte, gewann ich mir seine Gunst und er geleitete mich auf einem schönen Wege durch den von Vogelsang durchhallten Wald nach der Stadt zurück. Dresden ist wirklich eine schöne Stadt, seine Kirchen und die vielen palaisartigen Gebäude im Geschmack der Renaissance und des Rococco, dabei aber grüne Alleen, Gartenanlagen, Terrassen mit der Aussicht auf den breiten, durch die berühmte Brücke, die stets voll Wandelnder ist, durch Dampfschiffe und andere bewimpelte Fahrzeuge belebten Strom, auf den ich auch von meinem Zimmer in der Stadt London, einem recht guten Gasthause, den Ausblick habe; ein bestimmter Charakter, ein ganz anderer als der von Nürnberg. In die Gallerie führte mich gestern der Maler Rolle und machte mir es möglich, auch in kürzerer Zeit das Schönste der großen Sammlung kennen zu lernen. Die Madonna sah mich, in der Lebensfarbe, freundlicher an als im Kupferstiche, der sie etwas ernster gemacht hat. Für diesen Vormittag hat mich Hoffmann von Fallersleben zu sich beschieden, er hat seine Kisten öffnen lassen, um mir seine Sammlungen zu zeigen. Wie sehr freue ich mich nun auf das Wiedersehen! Dein L.« Für die werthe Nähe von Freund Schwab, der bald nach dem Tode seines Sohnes als Stadtpfarrer nach Stuttgart zurückkehrte, wurde Uhland im Frühjahr 1843, durch die Ernennung von Karl Mayer zum Oberjustizrath in Tübingen, der fast tägliche Umgang eines andern theuren Freundes und Jugendgenossen zu Theil. Professor Lachmann von Berlin an Uhland. Berlin, 4. November 1843. »Mein hochverehrter Freund! Die zweite Ausgabe vom Walther stellt sich Ihnen mit einem Vorblatte dar, das ganz in demselben Sinne, wenn auch vielleicht mit etwas anderen Worten, schon vor der ersten hätte stehen können, wenn mich nicht eine Art jugendlicher Blödigkeit davon abgehalten hätte. Möchten Sie nun mit den Zusätzen der zweiten Ausgabe wenigstens nicht ganz unzufrieden sein. Sie sind wenigstens mit Liebe gemacht und thun mir nur als verlassene Kinder weh, weil ich sehe, daß eine Fortsetzung des »Minnesangs Frühling,« wie ich auf Tscherningische Weise die Lieder des zwölften Jahrhunderts zu nennen vorhabe, in meinem nächsten, durch die Läppereien des Rectorats verkümmerten Jahre, nicht zu Stande kommen wird. Wenn Sie wüßten, oder sich bestimmter deutlich gemacht hätten, wie Bekker und ich es schmerzlich empfunden haben, daß Sie nicht entweder nach Berlin gekommen sind oder uns nach Leipzig beschieden haben, so hätten Sie uns Beiden das nicht zu Leide gethan. Indessen wir sind noch alle vier jung genug, um das Versäumte gut zu machen. Indessen empfehle ich mich in herzlichem Zutrauen Ihrem Wohlwollen als Ihr ergebenster L. Lachmann.« Uhland an Professor Lachmann. Tübingen, 13. November 1843. »Verehrtester Freund! Den werthvollen Geschenken, die mir von Ihrer freundschaftlichen Güte zugekommen sind, haben Sie eines hinzugefügt, das ich mir so besonders aneignen, zur Ehre und Freude rechnen darf. Ich habe den neuen Walther kaum erst in Händen und bin durch bedeutsame Bemerkungen und Winke schon mannigfach angeregt und belehrt. Jetzt darf ich den Ausdruck meines innigen Dankes nicht mehr zurückhalten, mit dem ich früher nur darum gezögert habe, weil es unter Strebsamen der beste Dank ist, je nach Vermögen ein Lebenszeichen, ein fertiges Werk für das andere zu bieten. Noch kann ich aber von meiner Seite nichts aufweisen, da mein Neuestes, die Volksliedersammlung, erst in diesen Tagen an den Verleger abgeht; und dann ist eben noch die Frage, wie die Sachkundigen es aufnehmen werden; denn, wie Sie zum Iwein bemerken, erst gedruckt werden solche Dinge vollkommen deutlich, und meine Arbeit insbesondere war eine einsame, ohne Beirath und prüfendes Auge von Freunden. Der Ausblick, den Sie in das zwölfte Jahrhundert erschließen, das schöne Vorhaben, die Lieder desselben zu sammeln, wozu nun durch Pfeiffers gewiß sorgfältige Ausgabe der Weingarter Handschrift eine Vorbedingung erfüllt ist, hat für mich um so größeren Belang, als auch die Geschichte des Volkslieds mich überall auf jene jugendfrische, ahnungsvolle Zeit hinweist. Als ich im Mai dieses Jahrs mich auf die Reise begab, stand mir allerdings Berlin im Sinne, wo theure Freunde aus früherer Zeit meiner treulich gedenken, und wo mir ein lange gehegter Wunsch erfüllt werden konnte, die Brüder Grimm einmal auch persönlich kennen zu lernen. Dagegen war mir Meusebachs Liederschatz nicht eine Verlockung, sondern für dießmal eine Abhaltung. Quid juvat aspectus? Ich muß es natürlich finden, daß er, was er mit Liebe, Einsicht und großen Opfern gesammelt, auch für den entschiedensten Beruf der eigenen Herausgabe zusammenhält. Damit ist er in seinem vollen Recht. Ein Anderes aber, ein Unrecht ist es, daß er seltene Bücher öffentlicher Bibliotheken auf unbegrenzte Zeit in seinen Verschluß nimmt und so der freien Benützung jedes Anderen entzieht. Auf die seltenen Liedersammlungen der Zwickauer Bibliothek (Aufseß's Anzeiger 1, 747, vgl. Bragur V. 2. S. 27) kann ihm ein ausschließlicher Nießbrauch nicht zustehen, und nachdem ich an Ort und Stelle Kenntniß genommen, glaube ich in meiner Quellenangabe eine Mahnung nicht unterlassen zu dürfen, daß die seit vielen Jahren vorenthaltenen Liederbücher doch endlich wieder dahin gestellt werden, wohin sie gehören. Volkslieder sind keine Monopole. Daß mir so manche der besten Quellen, die ich vorhanden weiß, doch nicht erreichbar waren, wie z. B. auch eine öffentliche Anfrage nach den drei Theilen der Bergreihen, Nürnberg bei Hans Dautmann 1543 (wovon, wie ich neuerlich höre, von der Hagen eine Abschrift haben soll) vergeblich war; diese Mangelhaftigkeit meines Unternehmens ist mir jetzt, da ich abschließen soll, besonders fühlbar. Allein ich weiß nirgend weiter anzuklopfen und gebe nun, was ich geben kann. Ueber den Streit der Jahreszeiten habe ich Manches zusammengebracht und Sie selbst haben mir aus dem dritten Bande der Müller'schen Sammlung den Kampf des Maien mit dem Herbste freundlich mitgetheilt. Nun ist auch ein niederländisches Lied: vanden zomer und vanden winter etc. (Haupts Zeitschrift 1. 238) angezeigt. Ich wandte mich deßhalb durch Pfeiffers Vermittlung an Herrn Zacher und dieser versprach seine Abschriften aus dem Haager Codex an Pfeiffer zu schicken, sobald Sie derselben nicht mehr bedürfen würden. Mir ist es nur um das einzelne Stück zu thun und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie von demselben eine Abschrift für mich nehmen ließen, ja nicht, wie früher, selbst nähmen. Herrn Zachers Zustimmung glaube ich nach obigen Umständen voraussetzen zu dürfen. Grüßen Sie mir Freund Bekker bestens und seien Sie selbst aus treuem Herzen gegrüßt von Ihrem ergebensten L. U.« Von einer kleinen Reise in das Breisgau, die Uhland im Spätjahr noch unternommen, berichtet er in einem Briefe an den Professor Dr. Schreiber in Freiburg. Tübingen, 1. Februar 1844. »Verehrter Freund! Sie haben mich durch die gütige Zusendung Ihrer neuesten Abhandlung auf das Angenehmste überrascht. Bin ich gleich in den keltischen Alterthümern ein Laie, so hat doch diese Wiederentdeckung eines verschütteten Volkslebens für mich den größten Reiz. Die Feen hatte ich mir sogleich verschafft, als ich von dem Erscheinen dieser akademischen Schrift Kunde erhielt, und ich werde nun durch eines der beiden Exemplare meinen gelehrten Freund, Professor Keller, erfreuen. Sie haben jenen mythischen Wesen die erste umfassende Forschung gewidmet, welche fruchtbar fortwirken wird. Ich gestehe zwar, daß mich die römischen τρια ψατα nicht loslassen wollen, da die Feen auch, wo sie nach Ihren belehrenden Nachweisungen mit keltischen Denkmälern in Berührung treten, doch meist schicksalspinnend und vorbestimmend erscheinen, aber Ihre reichhaltige Schrift hat sich mir bereits selbst für die Auffassung der germanischen Nornen anregend erwiesen. Leider mußte ich Sie bei meinem letzten Besuch in Freiburg verfehlen. Auch Welcker war noch nicht zurück und Rotteck kehrt niemals wieder. So eilte ich denn, nachdem ich den Münsterthurm und den Schloßberg bestiegen, dem Rheine zu und freute mich in Breisach eines schönen Herbstabends; von da ging es nach Kolmar und Straßburg. Schon vor mehreren Jahren hatte ich in Straßburg, wo eine der thätigsten Druckstätten für die Liederbücher und fliegenden Liederblätter des 16. Jahrhunderts sich befand, in dieser Richtung vergeblich nachgeforscht. Als ich nun meine Sammlung abschließen sollte, ließ es mir keine Ruhe, nochmals anzuklopfen, der Erfolg war aber nicht günstiger. Sollte wirklich das Elsaß mit seinen alten Reichsstädten nichts mehr von diesem einstigen Liederschatz bewahrt haben, oder bin ich nur nicht an die rechten Quellen gekommen? Zwei handschriftliche Lieder vom elsäßischen Bauernkrieg waren der ganze Ertrag, aber wie anderwärts Lieder gegen die Bauern; für diese habe ich bis jetzt überhaupt nur eines gefunden, von ihnen selbst gesungen keines. Meine Volksliedersammlung ist jetzt unter der Presse und ich habe eben den fünfzehnten Bogen zur Revision, es werden deren gegen fünfzig werden. Die Darstellung des deutschen Volkslebens mittelst dieser alten Lieder würde eine sehr mangelhafte geblieben sein, wenn nicht auch die religiöse Seite desselben bedacht würde. Das letzte Buch meiner Sammlung gibt daher geistliche Lieder, Wallfahrtslieder u. dgl., soweit auch auf diesem Felde der Volkston eingehalten ist, und ich hätte nur gewünscht, daß mir auch hiefür reicherer Vorrath zu Gebote gestanden wäre. Bei Anordnung dieses Theils fand ich, daß Sie mir einmal von einem Hefte geistlicher Lieder aus dem fünfzehnten Jahrhundert geschrieben haben, das Sie mir, da es sich im Augenblicke verschoben, später mittheilen würden. Nun kommt mir Ihre neue freundliche Sendung und ermuntert mich. Sie damit zu behelligen. Sollte jenes Heft inzwischen wieder zum Vorschein gekommen sein, so würde vielleicht Einiges von seinem Inhalt mit Verwandtem in meiner Sammlung ergänzend zusammentreffen und könnte gerade noch an der rechten Stelle eingerückt werden. Ist das Gedicht auf die Murtner Schlacht, das Sie zugleich mit dem Kranzliede aufgefunden, seitdem irgendwo abgedruckt worden, oder ist es etwa kein Lied, sondern eine nicht strophische Erzählung? Möge das angetretene Jahr Ihnen ein frohes, Ihren schönen Forschungen gedeihliches sein und Ihr freundschaftliches Wohlwollen mir stets erhalten bleiben. Mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebenster L. U.« Sobald die erste Abtheilung der Volkslieder revidirt war, im Anfang August 1844, begab sich Uhland mit seiner Frau und einer Schwägerin auf eine Reise nach Belgien. Zuerst den Rhein hinab nach Königswinter, wo der Drachenstein bestiegen wurde, dann über Bonn und Köln nach Aachen. Dort wurde der Dom und der alte Kaiserpalast, die alte schmale Kaisertreppe, über welche zweiunddreißig deutsche Kaiser nach ihrer Krönung hinaufgestiegen, besichtigt. Am andern Morgen wurde die Reise aus der Eisenbahn über Lüttich nach Brüssel fortgesetzt; nach zwei Tagen führte die Bahn die Reisenden nach Gent, wo Uhland von Herrn D. Willems und D. J. B. Wolf gar freundlich aufgenommen wurde und an ihnen die gütigsten Geleiter zu Kirchen und andern merkwürdigen Bauwerken fand. Dann wurde Ostende besucht und die hochgehenden Wogen der Nordsee angestaunt. Ueber Brügge und Löwen führte die Bahn die Reisenden nach Antwerpen zu großem Kunstgenuß in der Gemäldegallerie. Ueberall fanden sich freundliche Begleiter zu dem vielen Schönen und Merkwürdigen, das die alten Städte darboten. Nach der Rückkehr in die Heimath schreibt Uhland an Dr. Wolf in Gent. Tübingen, 2. September 1844. »Geehrtester Herr und Freund! Vor meiner Abreise von Gent erlaubte ich mir nicht mehr, Sie in Ihrem Hause aufzusuchen, nachdem ich benachrichtigt worden war, in welcher Unruhe und Kümmerniß Sie sich damals befanden. Meine innige Theilnahme und meinen gefühltesten Dank, daß Sie noch unter solchen Umständen unermüdet für mich sorgten, wollte ich Ihnen schriftlich ausdrücken, bevor ich den belgischen Boden verließe, aber die Hast, mit der man bei jetziger Reiseweise von Ort zu Ort, von einem Lande zum andern fortgerissen wird, läßt mich erst von der Heimath aus jene angelegene Pflicht erfüllen. Ihrer thätigen Verwendung verdankte ich nicht nur an Herrn van Duyse, dessen Andenken ich mich herzlich empfehle, den gefälligsten Geleitsmann für Gent, sondern auch über diese Stadt hinaus, in Brügge und Antwerpen, die beste Aufnahme. Die Ausbeute, die ich selbst für mein Unternehmen mit nach Hause gebracht, ist zwar nicht bedeutend: ein niederrheinisches geschichtliches Lied von der Stadtbibliothek zu Aachen, und ein lateinisch flämisches aus einer Handschrift der burgundischen Bibliothek, welche sich eben bei Herrn Abbé de Ram in Löwen befand. Allein Ihre literarischen Freunde haben mir Verschiedenes in Aussicht gestellt, was nachträglich meiner Arbeit zum Gewinne werden kann. Herr Abbé Carton in Brügge, dessen interessante Bekanntschaft uns unvergeßlich fein wird, zeigte mir mehrere romanzenartige Lieder aus Volksmund, von denen er Abschrift für mich nehmen lassen wollte; er hat sie zur Einsendung in die Wodana bestimmt. Eifrig suchte er mit mir bei einem Antiquar nach alten Liederbüchern, die er bei demselben gesehen; sie waren im Augenblick nicht aufzufinden, doch gab er die Hoffnung nicht auf, sie später noch zu entdecken. Herr van Kerkhoven, der uns in Antwerpen freundlich führte, glaubt von einem Freund in der Nachbarschaft mir Beiträge verschaffen zu können. Da diese Herren zu wissen wünschten, durch welche Vermittlung sie mir das etwa Aufgefundene zukommen lassen sollten, so zählte ich auch hiebei auf Ihre freundliche Vermittlung, indem ich Sie als Empfangnehmer bezeichnete. Nur das Bedenken, daß die unmittelbare Versendung an mich Schwierigkeit finden möchte, bestimmte mich, Ihnen dadurch neue Bemühung aufzuladen, daß ich Sie ersuche, wenn etwas für mich eingeht, mir solches auf dem Wege, der Ihnen der geeignetste scheint, mit gefälliger Benennung jeder Auslage für Abschriften und Porto, übermachen zu wollen. Von meiner Volksliedersammlung wird soeben der erste Theil ausgegeben, und ich habe die Cotta'sche Buchhandlung beauftragt, Ihnen denselben zugehen zu lassen. Der literarischen Gesellschaft in Gent, die mir die Ehre erwiesen hat, mich zum correspondirenden Mitglied zu ernennen, werde ich ein Exemplar besser erst dann senden, wenn mit der zweiten Abtheilung die Sammlung vollständig erschienen ist, was, wie ich hoffe, noch in diesem Spätjahr der Fall sein wird. Wenn ich Ihrer Aufforderung zu einem Lied an die wackeren Fläminge in der Zerstreuung des Reiselebens und bei dem Stillstand, der überhaupt in meinen lyrischen Stimmungen eingetreten ist, nicht zu entsprechen vermochte, so wünsche ich nur um so mehr, daß meine Arbeit im Gebiete des Volkslieds einiges Zeugniß davon geben möchte, wie sehr auch mir die flämischdeutsche Verbrüderung eine Sache des Herzens ist. Meine Frau hegt mit mir den teilnehmenden Wunsch, daß die Gefahr, welche über Ihrem Familienkreise schwebte, glücklich vorübergegangen sein möchte und uns hierüber günstige Kunde zukommen möge. In aufrichtiger Freundschaft und Hochachtung Ihr ergebenster L. U.« Uhland an Justinns Kerner. Tübingen, 3. September »Lieber Kerner! Als wir in jungen Jahren einmal von der Wurmlinger Kapelle herabkamen, hörten wir auf einem Hügel unter dem Kreuz einige Hirtenknaben volksmäßige Lieder singen. Wir gingen hinauf, ihnen die Lieder abzufragen, aber die Knaben wollten keinen Laut geben. Kaum waren wir wieder unten, so sangen sie uns zum Hohne von Neuem mit heller Stimme. Noch in späteren Jahren bin ich diesen Liedern emsig nachgegangen und habe davon viele eingehascht, aber der romantische Duft, in dem sie uns damals erglänzten, ist ihnen hie und da von den Flügeln gestreift, sie sind leibhafter, geschichtlicher, selbst gelehrter anzusehen. Doch sind sie eben damit wahrer und ächter geworden, wie sie aus dem Leben ihrer Zeit hervorsprangen. Ich kann Andern nicht zumuthen, daß sie die lang genährte Vorliebe für das alte Liederwesen mit mir theilen, aber ich hoffe, daß Du in Erinnerung vergangener Tage die beifolgende Sammlung freundlich aufnehmen werdest. Ich grüße Dich und Deine liebe Frau bestens und wünsche bald auch wieder gute Nachricht von Eurem Befinden zu erhalten. Von Herzen Dein L. U.« Uhland an Geh. Regierungsrath Dr. Böckh zu Berlin. Tübingen, 2. Mai 1845 »Euer Hochwohlgeboren hatten die Güte, mir das von Ihnen unterfertigte Diplom der königlichen Akademie der Wissenschaften zugehen zu lassen, wodurch ich zum Correspondenten der Akademie der Wissenschaften philosophischer und historischer Klasse ernannt werde. Mit den Geschäftsformen dieser gelehrten Gesellschaft noch nicht bekannt, erlaube ich mir an Euer Hochwohlgeboren die angelegene Bitte, gegen dieselbe den Ausdruck des ehrerbietigen Dankes vermitteln zu wollen, zu dem ich mich durch jene ehrenvolle Berufung verpflichtet fühle. Mit größter Verehrung beharrend Euer Hochwohlgeboren gehorsamster Dr. Ludwig Uhland.« Als die neue Aula in Tübingen eingeweiht wurde, am 31. October 1845, beehrte der Senat Uhland mit dem Doctorsdiplom der Philosophie. So wurde ihm doch noch im Alter der Doctorstitel, den er in der Jugend am liebsten erstrebt hätte. Aber auch die Facultät, der er sich damals geweiht, zeichnete ihn im Jahre 1860, fünfzig Jahre nachdem er Doctor Juris geworden, durch Erneuerung und feierliche Uebergebung seines Doctordiploms aus. »Juris legumque propugnatori acerrimo, incorruptissimo, poetarum nostrae aetatis principi, antiquitatis germanicae investigatori sagacissimo indefesso, viro morum intrgritate animique candore et constantia inter omnes conspicuo« so lautet das Diplom. Die Wiener Akademie der Wissenschaften ernannte ihn am 4. Mai 1848 zu ihrem correspondirenden Mitgliede. Hat es Uhland so an freundlicher Anerkennung nicht gefehlt, so hat ihn auch die Kritik erreicht. Goethe's herbe Aeußerung hat er im Stillen hingenommen. Unter seinen nachgelassenen Papieren fanden sich die folgenden Zeilen, bei denen er vielleicht an Goethe gedacht hat. Frage: Gerne wüßt' ich, weil Dein Wort gar so mächtig ist erklungen. Wie Du denn so eigentlich selber das Geschick bezwungen? Heines Urtheile haben ihn sehr ruhig gelassen. Hatte doch Heine wenige Jahre früher in einem Briefe an Uhland, bei Ueberschickung der eigenen Gedichte, sich mit viel Anerkennung über Uhlands Gedichte ausgesprochen. Eine Erholungsreise nach Rheinbayern, im September 1845, gewährte Uhland auch für seine Studien manches Erwünschte. Bei Anweiler interessirte ihn besonders die alte Burg Trifels, wegen ihrer pittoresken Lage auf einem Felsvorsprung und weil dort früher die Reichskleinodien aufbewahrt wurden. Dann zog ihn ein neuer »Drachenfels«, der zwischen Neustadt und Dürkheim seitab im Walde liege, so sehr an, daß er den Umweg nicht scheute und dann auch durch eine ganz überraschend schöne Aussicht von einer schroff abfallenden Felsplatte herab sich sehr belohnt fühlte. Wahrend man sich mitten im Walde glaubt, kommt man auf diese Stelle, und das Auge sieht weit hinab, bis über Speyer hin, den Rhein erglänzen. Von Dürkheim aus wurde dann auch die schöne Klosterruine Limpurg bestiegen. Aus dem theilweise erhaltenen Chore tönten Uhland die eigenen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, entgegen. So mochte er seine Lieder am liebsten hören, wenn keiner der Sänger ihn kannte. Seitdem Uhlands Namen bekannter geworden, wurde er gar häufig aufgefordert, seine Ansicht über ihm zugeschickte Gedichte und Dramen zu sagen. Oefters sollte er auch Vorreden dazu schreiben und Verleger suchen. Auch sollte er sich äußern, ob der junge Verfasser nicht am Besten thäte, all' seine Zeit der Poesie zu widmen. Aus treuem Herzen widerrieth er dieses in gar manchen Briefen, von denen wir hier einen vorlegen. Uhland an Herrn Forstkandidat N. N. Tübingen, 30. September 1845. »Geehrtester Herr! Von mehreren Seiten zugleich in Anspruch genommen, konnte ich Ihre schätzbare Zusendung nicht so zeitig beantworten, als ich selbst gewünscht hätte. Sie äußern Ihr Bedauern, durch ein Ihnen an sich nicht unliebes Fachstudium abgehalten zu sein, Ihre ganze Zeit der Poesie zu widmen. Ich habe schon mehrmals in ähnlichen Fällen vom Aufgeben des ergriffenen Berufes auf das Bestimmteste abgerathen; selbst bei der entschiedensten poetischen Dichtergabe würde die ausschließliche Beschäftigung mit dem Idealen, ohne einen Widerhall in positiven Kenntnissen und ohne eine gemessene Thätigkeit im wirklichen Leben, der Poesie selbst zum Nachtheil gereichen. Die Lyrik vollends ist so sehr von Stimmungen, über die sich nicht gebieten läßt, abhängig, ist so vorwaltend Sache des jugendlich erregten Gefühls, daß auf sie am wenigsten ein nachhaltiger Lebensplan gegründet werden kann. Denken Sie aber darauf, andere Wege des Dichtens einzuschlagen, so kann hierüber nur das Bewußtsein der inneren Berufung, keine Weisung von Außen, gültig entscheiden. Der allgemeine Vorsatz, sich in dieser oder jener Dichtgattung zu versuchen, kann noch kein lebenskräftiges Erzeugniß verbürgen; ein Gedanke, ein Gegenstand muß voraus zur poetischen Darstellung drängen, und dann wird sich auch die rechte Form dazu ergeben. In den mitgetheilten Proben verkenne ich nicht die poetische Seelenstimmung, die ideale Anschauungsweise, finde aber im Allgemeinen zu wenig feste Gestaltung, zuviel verschwimmenden Glanz, die Anlage manchmal zu künstlich und den Ausdruck zu geschmückt. Nur eine technische Bemerkung ist es, daß mir die Ueberleitung des Satzverbandes von einer Strophe in die andere störend erscheint; eine Strophe, die mit »daß nicht« ausklingt, ist nicht mehr lyrisch, das heißt singbar. Am meisten haben mir zugesagt unter den Zeitgedichten Nr. 5 und Nr. 8. – – Daß überhaupt gewisse Naturbilder und ihre Beziehungen zum Geistigen gerne wiederkehren, scheint eben von der geringen Mannigfaltigkeit der Gegenstände herzukommen und bestärkt den Zweifel, ob diese Dichtweise sich als andauernde Lebensaufgabe bewähren könne. Sie werden immerhin gut thun, in einer Zeitschrift oder einem Almanach mittelst ausgewählter Stücke die öffentliche Stimmung zu erforschen, nur bin ich seit langer Zeit außer Verbindung mit belletristischen Blättern. Jungen Dichtern die Nativität zu stellen, aus ihren Erstlingen das Maß ihrer künftigen Leistungen zu bestimmen und darüber abzuurtheilen, ob sie im Gedränge des poetischen Deutschlands sich in ausgeprägter, den Vorbildern ihrer ersten Versuche entwachsener Eigenthümlichkeit hervorstellen werden, ist ein mißliches Geschäft. Ich beschränke mich auch in vorliegendem Falle auf den wohlgemeinten Rath: daß Sie auf eine feste Berufsstellung im practischen Leben und auf die Erweiterung Ihrer Kenntnisse unverdrossen hinarbeiten, der Poesie als einer freundlichen Zugabe zu diesen Bestrebungen sich erfreuen und mit ihr, ohne sie ängstlich aufzusuchen, sich gerade so weit und je in der Richtung beschäftigen, wie Sie sich dazu wahrhaft innerlich gedrungen fühlen. Ihr ergebenster L. U.« Dem Briefe des Oberbibliothekars Böhmer in Frankfurt, der Uhlands Wünschen auf Mittheilung von Büchern und Handschriften, sowie seinen Bitten um Auskunft immer auf das freundlichste entsprochen hatte, entnehmen wir einige Stellen: »Eben erhalte ich auch den zweiten Band Ihrer Volkslieder, als ein von Ihnen mir bestimmtes Geschenk. Ich möchte es besser als durch guten Willen verdient haben. Genehmigen Sie meinen herzlichen Dank. Da meine Freunde Arnim und Brentano todt sind, da Görres andere Bahnen verfolgt, freut es mich innig, daß doch noch Jemand, der jenem schönen Heidelberger Kreise nahe stand, Jemand, den Arnim in seinem Epilog zum »Wunderhorn«, obwohl ohne Namensnennung, als einen Segner des ersten Versuches anruft, daß gerade Sie dasselbe Unternehmen gediegener vollenden, als es einer jener Freunde vermocht hätte. Das allereinzige, woran ich mich noch gewöhnen muß, ist die etwas pretentiöse Druckausstattung. – –« Uhland an Oberbibliothekar Böhmer zu Frankfurt. Tübingen, 28. October 1845. »Verehrter Herr und Freund! Herr Professor Reyscher, bekannt mit der freundlichen Förderung, die Sie meinen Studien angedeihen ließen, ist der Meinung, daß vielleicht einige Zeilen von meiner Hand seinem erneuten Ansinnen zur Unterstützung dienen könnten. Ich selbst setze meinen Namen der öffentlichen Aufforderung nur bei, damit auch aus hiesiger Gegend sich mehrseitige Theilnahme an einem Unternehmen zeigen möge, das auf thätige Betheiligung aus allen deutschen Ländern berechnet ist. Eben in dieser Hinsicht würde Frankfurt vermöge seiner centralen Lage sich besonders gut zur ersten Germanistenversammlung eignen. In einer größeren Stadt treten auch die Anfänge eines solchen Unternehmens geräuschloser auf, die Bewohner derselben brauchen nicht, wie an kleineren Orten, mit Quartierslast und andern Ansprüchen behelligt zu werden, und die Männer der Wissenschaft können sich, weil weniger bemerkt, um so gesammelter ihrem Zwecke widmen. Soll es aber Frankfurt sein, so wären die Auspicien sehr ungünstig, wenn Sie gänzlich zurückstehen wollten. Die Sache muß sich freilich erst gestalten, aber sie kann nur dadurch die rechte Gestalt gewinnen, daß die Berufensten Hand anlegen. In freundschaftlicher Hochachtung Ihr ergebenster L. U.« Nach stillverlebtem Winter führte das Verlangen nach Vervollständigung der Volkslieder Uhland wieder auf die Reise. Zuerst wieder nach Nürnberg, dann nach Bamberg, wo er an dem Privatgelehrten Heller eine ihm sehr schätzbare Bekanntschaft machte, und in das ganz vereinsamte Pommersfelden, wo ein Schloß, im Versailler Styl gebaut, dem Grafen Schönborn gehörig, eine werthvolle Bibliothek und Gemäldesammlung enthält. Wie in einer Einöde verborgen, wird es wohl deßhalb auch seltener besucht. Dort verweilte er mit seiner Frau mehrere Tage, eifrig mit Abschreiben beschäftigt. Eine zweite kleine Reise mit Frau und Pflegesohn in den Schwarzwald, nach Triberg und Allerheiligen, galt zuerst mehr dem Naturgenuß, dann aber ging er noch allein weiter, den Handschriften nach, und berichtet den in die Heimath zurückgekehrten Reisegenossen wie folgt: Straßburg, Sonntag, 26. Juli 1846. »Liebste Emma! Seit wir uns bei Oppenau trennten, war ich so rastlos auf Fahrt und Wanderung, daß ich mich nicht zum Schreiben niedersetzen konnte. Für meine Liederforschungen hat sich nicht eben Bedeutendes ergeben und die Bibliotheken waren rasch abgemacht, doch traf ich in Kolmar eine noch unbekannte Meistersängersatzung und mit der dortigen Bibliothek ist eine merkwürdige Sammlung altdeutscher Bilder vereinigt. Je weniger mich die Gelehrsamkeit beschäftigte, um so mehr nahm ich Anlaß, das naheliegende Gebirg etwas näher kennen zu lernen. Drei Gänge machte ich auf dieses; den einen von Kolmar aus zu den drei alten Burgen von Rappoltsweiler, den andern von Schlettstadt nach der Hochkönigsburg, der großartigsten Burgruine in den Vogesen, den dritten gleichfalls von Schlettstadt auf den Odilienberg. Alle drei gewährten reichen Genuß an herrlicher Nah- und Fernsicht, sowie an geschichtlichen Erinnerungen. Von den Brüdern Stöber in Mühlhausen war ich für den ganzen Weg mit Empfehlungen an evangelische Geistliche wohl versehen, bei denen ich gastliche Aufnahme und angenehme Begleitung fand, auch dienen mir diese Empfehlungen noch zu neuen Bekanntschaften in Straßburg. Die Gebirgsgegenden und Aussichten haben Aehnlichkeit mit denen von Trifels, der Madenburg und dem Drachenfels. Wenn ich dießmal Deine teilnehmende Gegenwart vermißte, so mußte mich die Erwägung trösten, daß es Dir bei der großen Hitze sehr beschwerlich, zum Theil fast unmöglich gewesen sein würde, die weiten Bergpfade zu ersteigen. Hier werde ich, da am Sonntag die Bibliothek nicht zugänglich ist, wohl aber Besuche gemacht werden können, noch den morgigen Montag zu verbleiben haben. Wird mir nicht gerathen, noch einen Abstecher nach Hagenau zu machen, so kann ich um die Mitte der Woche zurück sein, etwa gleichfalls über Freudenstadt; doch kann ich Sicheres in diesem Augenblicke noch nicht bestimmen. Hoffentlich ist auch eure Reise gut abgelaufen und Dein Aufenthalt bei Schwester Ricke ein angenehmer gewesen. Da Du denselben nur bis Montag oder Dienstag ausdehnen wolltest, so kann ich diesen Brief nur nach Tübingen abgehen lassen. Mayers Schreiben hab' ich hier auf der Post abgelangt und bin ihm dafür mit bestem Gruße dankbar. Du selbst sei innig gegrüßt, ich freue mich sehr auf das Wiedersehen und den mündlichen Austausch unserer Reiseerfahrungen. Mit treuem Herzen Dein L.« Erinnerungen an diese Reise sind auch niedergelegt in einem Brief Uhlands vom folgenden Jahr an G. Pfizer, worin er Erkundigungen wegen zweckmäßiger Einrichtung eines Ausflugs in dieselbe Gegend eingehend beantwortet. Uhland an Gustav Pfizer. »Es thut mir leid, die Anfragen Deiner lieben Frau in Beziehung auf eine Reise in's Elsaß nur höchst ungenügend beantworten zu können. Mein Ausflug dahin im vorigen Sommer wurde so rasch beschlossen und ausgeführt, daß ich weder mit Handbuch noch Karte versehen war, und ich weiß auch nicht, ob es überhaupt einen compendiösen Wegweiser für jene Gegend gibt. .... In Mühlhausen würden die Brüder Stöber durch einen Besuch von Dir sehr erfreut werden und könnten zur Weiterreise guten Rath geben; wenn Du sie besuchst, grüße sie doch von mir! Von Mühlhausen aus wird sich die kurze Fahrt nach Thann, des dortigen Münsters wegen, wohl lohnen, ich selbst kam nicht dahin. In Kolmar befindet sich auf der Bibliothek eine sehr sehenswerthe Sammlung altdeutscher Bilder, meist von Martin Schongauer; auch die Hauptkirche besitzt eines seiner bedeutenderen Bilder. Von der Station Ribauviller (zu deutsch Rappoltsweiler) gelangt man mit dem Omnibus in kurzer Frist nach dem Städtchen dieses Namens und kann von da die drei Rappoltsteiner Burgen besteigen, die, für sich merkwürdig, auch eine treffliche Aussicht gewähren; in einer Bergschlucht liegen die Trümmer des Kirchleins am Dusenbach, wo die Spielleute, deren König der Herr von Rappoltstein war, ihre Jahresfeier begiengen. Zu den Burgen muß man vom Städtchen aus einen Wegweiser nehmen, der dann auch über den Kamm des Waldgebirges hinüber, zur Hochkönigsburg, einer vormaligen Veste der Hohenstaufen, der größten Burgruine im Elsaß, wieder mit ausgebreiteter Fernsicht, und von da hinunter nach der Bahnstation St. Hippolyte (Pölten) führen kann. Jenseits Schlettstadt, von der Station Barr, bringt der Omnibus in ein Seitenthal zum Städtchen Barr, von wo aus man den berühmten Odilienberg besteigt. Die verschiedenen bedeutenden Aussichtspunkte gewähren doch in der Hauptsache dasselbe großartige Bild, rückwärts die Vogesen, vorn hinaus das Hügelland und die Ebene, mit Burgen, Städten, dem glänzenden Laufe des Rheinstroms und jenseits dem Schwarzwaldgebirge. Reicht die Zeit nicht zu Mehrerem, so würde ich vorzugsweise zum Odilienberge rathen. Der schöne Weg durch die Wälder, die bedeutende Höhe des Bergs, das Nonnenkloster mit der Wallfahrt, die keltischen Steinumhegungen, beim Herabsteigen die Burgruine Landsberg, auch der Anblick auf die furchtbare Baurenschlachtstätte von Scherweiler, Alles malerisch, legendarisch, historisch bedeutsam. In Barr wäre wohl auch, unter allen diesen kleinern Städten, das beste Nachtquartier, in dem Gasthaus, wo der Omnibus anfährt und wo man auch mit einem Wegweiser versehen wird, bei einer höchst rührigen, ältern Wirthsfrau. Diesseits des Rheins bist Du wohl schon bei den Wasserfällen von Allerheiligen gewesen, die wir im vorigen Sommer von Oppenau aus mit großem Genusse besuchten. Meine Frau grüßt mit mir herzlich, wir freuen uns, daß Ihr nun unbesorgt eine Erholungsreise antreten könnt und wünschen Euch dazu den goldensten Sonnenschein. An Paul unsern herzlichen Gruß. Dein L. Uhland.« Tübingen, 24. Juni 1847. Den Winter über beschäftigten Uhland Arbeiten zur »Schwäbischen Sagengeschichte« und diesen entsprangen auch die zwei Romanzen »Der Lerchenkrieg« und »Der letzte Pfalzgraf«. Als Uhland im September 1846 der Germanistenversammlung anwohnte, wurde ihm die lang ersehnte persönliche Bekanntschaft der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, mit denen er schon seit längeren Jahren Briefe gewechselt hatte. Es waren glückliche Tage, die er damals in Frankfurt verlebte, er hat ihrer oft mit Freuden gedacht. Der Zeitschrift Diutiska vom 26. Nov. 1862 entnehmen wir aus einem Vortrag, den Doctor Theodor Creizenach bei einer Gedächtnißfeier des Liederkranzes zu Uhlands Andenken gehalten hat, das Folgende: »Sechzehn Jahre sind es, da sahen wir ihn in unserem Kaisersaal, geehrt unter den Meistern der deutschen Forschung, hochaufmerkend auf der Anderen Wort, am höchsten aber, wenn das Wort ein freies war. Und am Abend des Tages sprach er vor demselben Verein, der diese Feier veranstaltet, den denkwürdigen Spruch, der uns im Gedächtniß geblieben ist: »»Wenn der Frühlingswind geht, knospet die Saat, wenn der Herbst kommt, schießen die Trauben, wenn die Flamme ausbrechen soll, kommt es aus allen Ritzen; und als diesen Morgen im Saal das Wort Freiheit genannt wurde, das gieng ja wie ein Lauffeuer durch die Versammlung und man meinte, die alten Kaiser wollten aus ihren Rahmen springen.«« Weiter unten bemerkt Herr Creizenach, daß Uhland es gewesen sei, der die Wahl Jakob Grimms zum Vorsitzenden angeregt habe. Jakob Grimms Werke standen immer auf Uhlands Schreibtisch, sein an das Arbeitszimmer anstoßendes Bücherzimmer war ihm für diese werthen Schätze schon zu entfernt. Von Dr. Mappes waren Uhlands auf das Liebreichste als Gäste aufgenommen worden, eine Bekanntschaft, die in ernsteren Tagen, im Jahre 1848 sich noch fester knüpfte. Groß war Uhlands Freude, als Jakob Grimm sich entschloß, nach der Germanistenversammlung mit ihm nach Tübingen zu reisen und wenigstens einen Tag unter seinem Dache zuzubringen; nur hätte er den werthen Gast gar zu gern über die nahe Herbstfeier bei sich behalten, um auch den Tübinger Freunden, die jetzt noch in den Ferien waren, die Freude seiner Bekanntschaft zu verschaffen; Grimm konnte aber nicht länger verweilen. Jacob Grimm an Uhland. Berlin, 13. Juli 1847. »Es wird Ihnen, verehrter Freund, wie mir von Dresden aus die Einladung zugekommen sein, über einen Dichterpreis zu entscheiden, der von Tiedge oder zu Tiedges Andenken gestiftet worden ist. Solch ein Urtheil vermögen Sie nun weit richtiger zu fällen als ich. Mir ist der Gedanke gekommen, ob wir nicht denselben Ihrem Landsmann Mörike zuwenden sollten. Vor einiger Zeit las ich seine Idylle vom Bodensee mit Wohlgefallen (ist der gute Spaß mit der im Walde spöttisch angestellten Hochzeit in schwäbischer Volkssitte gegründet?). Wenn Sie meiner Ansicht sind, so melden Sie mir's, oder geben Sie noch Besseres an; denn ich folge Ihnen willig. Seit Sie mich vorigen Herbst zum Tübinger Posthaus geleiteten, habe ich Sie noch oft in Gedanken gesehen. Im Postwagen saßen nur drei württembergische Schulmeister, die nichts von Ihnen wußten. Unterdessen bin ich nicht faul gewesen und habe schon den ersten Theil meiner Geschichte der deutschen Sprache gedruckt vor mir liegen, von der ich Ihnen redete. Er soll aber erst ausgegeben werden, wann auch der zweite vollendet sein wird, und bis dahin werden Sie sich schon gedulden. Die herzlichsten Grüße an Sie und Ihre Frau. Jacob Grimm.« Uhland an Jacob Grimm. Tübingen, 22. Juli 1847. »Verehrtester Freund! Auf das Schiedsrichteramt für die Preisstiftung zu Tiedges Andenken glaubte ich seiner Zeit verzichten zu müssen, weil ich der schönen Literatur der letzten fünf Jahre nicht so gefolgt bin, wie es der vielumfassende §. 18 des Statuts zu fordern schien. Sonst kann ich über die Idylle vom Bodensee vielleicht am unbefangensten mich äußern, indem ich die Worte beisetze, die ich unter dem frischen Eindruck des ersten Lesens an Mörike schrieb. »»Es hat mir lange nichts so ungetrübten poetischen Genuß gemacht. Ein so trefflich gelungenes Werk muß zu weiteren Lust und Muth geben. Dichten Sie rüstig fort, so lange Ihnen diese glückliche Stimmung wach ist! Sie haben sich in unserer unmüßigen Zeit den Frieden der Poesie gewahrt, ohne ihn doch in idealer Ferne suchen zu müssen, er lag Ihnen näher in der innersten Wirklichkeit des Volkslebens und Volksgemüths.«« Dieses lebendige Gefühl für die feinere Seele im Volk berührt sich wohl auch mit den »höheren geistigen Interessen der Menschheit,« wovon das Statut spricht. Mörike ließ sich schon vor einigen Jahren wegen Kränklichkeit mit einem ohne Zweifel geringen Ruhegehalt vom Pfarramt entbinden. Er lebt in Mergentheim an unserer fränkischen Grenze, und soll sich neuerlich sehr leidend befinden. Ein Sonnenblick der Anerkennung wird ihm wohl thun. Ich glaube kaum, daß der lustigen Hochzeit im Wald eine Volkssitte zu Grunde liegt, sie scheint mir einer dem Dichter eigenthümlichen Richtung der Phantasie anzugehören. Daß Sie, verehrter Freund, wenigstens Tag und Nacht unter meinem Dache weilten, wo Sie doch längst einheimisch sind, ist mir ein dauernder Gewinn. Wäre ich nur im Stande gewesen, Sie länger festzuhalten, unsere Umgegend hätte doch einiges Anziehende bieten können. Seien Sie von meiner Frau und mir herzlich gegrüßt. Dem raschen Fortschritt Ihres neuen Werkes meine besten erwartungsvollsten Wünsche. Der Ihrige L. U. Was sind denn die Tuwinge , wenn nicht Angehörige des noch nicht lautverschobenen Ziu, (Tysaettûngar) allemannische Cyuvari. « Hermann Meier aus Bremen an Uhland. Bremen, 24. Juli 1847. »Hochverehrter Herr! Die Veranlassung der gegenwärtigen Zeilen ist eine freundliche Bitte, die ich in meiner Associés und meinem Namen vorzutragen habe, nämlich es gütigst genehmigen zu wollen, daß wir einem neuen Schiffe, welches wir augenblicklich erbauen lassen, Ihren gefeierten Namen geben; wenn gleich wir Kaufleute uns in unserm vielbewegten Leben nicht so den Musen weihen können, wie manchmal Erziehung und Neigung uns veranlassen würden, so möchten wir persönlich doch gerne einen Beweis geben, wie sehr wir den deutschen Dichter und freien deutschen Mann ehren und hochschätzen, und hoffen deshalb, daß Sie unsere Bitte gütigst gewähren werden. Der Uhland ist zur Fahrt zwischen hier und New-Orleans bestimmt und würde es uns lieb sein, wenn Sie sich persönlich überzeugen könnten, ob das Schiff als solches würdig sei, Ihren Namen zu tragen; sollte uns dieses Vergnügen nicht vergönnt sein, so müssen Sie sich schon mit unserer Versicherung begnügen, daß wir es in jeder Hinsicht schön und tüchtig zu erbauen streben; es ist bis jetzt das größte Schiff, welches eine deutsche Flagge führt und wird derselben hoffentlich Ehre machen. Es wird Ende nächsten oder Anfang des folgenden Monats vom Stapel gelassen und wird seine erste Fahrt etwa am 1. October antreten. Indem ich mich Ihrer Frau Gemahlin bestens zu empfehlen bitte, verharre ich mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebener Hermann Meier.« Uhland an Herrn Meier. Tübingen, 9. August 1847. »Hochgeehrter Herr! Ihr freundliches Schreiben vom 24. vor. Monats ist hier angekommen, während ich auf einer Reise mich befand; ich bitte damit die verspätete Beantwortung für entschuldigt zu halten. Sie haben mir eine gänzlich überraschende Ehre zugedacht, indem Sie Ihrem neuerbauten Seeschiff meinen Namen mitgeben wollen. Ich meinestheils bin für diesen neuen ausgezeichneten Beweis der freundschaftlichen Gesinnung Ihnen und Ihren verehrten Associés von Herzen dankbar und kann nur wünschen, daß der Name dem stattlichen Fahrzeuge zur guten Vorbedeutung gereichen möge. Meine Fahrt, die freilich nicht auf dem großen Weltmeer gieng, hat sich wohl mitunter etwas stürmisch angelassen, dann ist aber auch wieder Friede geworden und es ist fortwährend mein Bestreben, nicht ohne einigen Lebensertrag für mich und Andere in den Hafen einzulaufen. Ihnen und den Ihrigen unsere besten Grüße! In aufrichtiger Freundschaft und Hochschätzung Ihr ergebenster L. U.« Im Juli war Uhland in München, um die Bibliothek zu benützen, und im September machte er mit Frau und Pflegesohn eine Schweizerreise. In Zürich hörte er, daß am folgenden Tag, am Sonntag, eine große Volksversammlung des Canton Schwyz am Rothenthurm, einige Stunden vom Zürich-See entfernt, gehalten werden werde. Bei seinem großen Interesse für die Mitbetheiligung des Volkes an den öffentlichen Angelegenheiten konnte er dem Verlangen, diesem Akte der Volkssouverainetät anzuwohnen, nicht widerstehen und verabredete gegen den Rath seines alten, treuen Freundes, Professor Caspar von Orelli, mit einigen Züricher Herren, die er im Gasthof traf, auf den frühen Sonntagmorgen eine Fahrt zum Schauplatz der Versammlung. Orelli begrüßte am Sonntag die in Zürich zurückgebliebene Frau mit den Worten: »Also macht Uhland wirklich den tollen Streich, er kann Schläge genug bekommen!« Um Mitternacht kam aber Uhland wohlbehalten von der gewagten Fahrt zurück, und obwohl ihm der Beschluß der Versammlung: den Sonderbundskrieg zu beginnen, schlecht gefallen mußte, so war ihm die Art der Verhandlung und das Auftreten Abibergs doch als ein imposantes Schauspiel erschienen. Damals konnte Uhland noch nicht ahnen, daß das nächste Jahr auch in Deutschland Volksversammlungen und Berathungen bringen werde. Leider ist aus ihnen nicht eine festere Vereinigung der deutschen Staaten hervorgegangen, wie es in der Schweiz nach dem Sonderbundskrieg doch noch der Fall war! IX. Uhland als Vertrauensmann in Frankfurt. Theilnahme an der Nationalversammlung. Einberufung zum Staatsgerichtshof. 1848–1850. Nach neun friedevollen Jahren, die Uhland seinen Forschungen gewidmet hatte, brachte der Februar 1848 mit der französischen Revolution große Aufregung für das Allgemeine, und für ihn eine völlige Unterbrechung seiner Arbeit. Von den Tübinger Mitbürgern dazu aufgefordert, trug Uhland am 2. März in dem großen Tübinger Reithause vor einer sehr zahlreichen Versammlung von Bürgern, Professoren und Studenten eine Adresse an den ständischen Ausschuß vor, welche als das Grundgebrechen des deutschen Gesammtvaterlandes bezeichnete, daß die volksmäßige Grundlage, die freie Selbstthätigkeit des Volkes, die Mitwirkung seiner Einsichten und Gesinnungen bei der Bestimmung seines staatlichen Lebens fehle, und den Antrag stellte: der Ausschuß möchte die alsbaldige Einberufung der vertagten Ständeversammlung veranlassen. Er bezeichnete sieben Punkte für ihre Berathung: 1) Ausbildung der Gesammtverfassung Deutschlands im Sinne eines Bundesstaats mit Vertretung durch ein deutsches Parlament; 2) allgemeine Volksbewaffnung; 3) Preßfreiheit im vollen Umfang, gemäß dem §. 28 der Verfassungsurkunde; 4) Aufhebung der Beschränkung der Vereine; 5) vollständige Durchführung des Grundsatzes der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege; 6) vollständige Herstellung der Selbstständigkeit der Gemeinden und Bezirkskörperschaften; 7) Revision der Verfassungsurkunde nach den gemachten Erfahrungen während ihres 28jährigen Bestehens, namentlich zum Zweck der Herstellung einer ungemischt aus dem Volke hervorgehenden Abgeordnetenkammer. Die Adresse schließt mit den Worten: »Wir enthielten uns, die einzelnen Anträge ausführlicher zu begründen; sie betreffen Gegenstände, die einer deutschen Ständeversammlung wohlbekannt sind, und wir setzen voraus, daß der Ruf der Zeit, wie er uns ergriffen hat, auch an die Herzen der Volksvertreter und der Leiter des Staats vernehmlich geschlagen habe.« Mit Begeisterung ward der Vortrag angehört und die Absendung der Adresse beschlossen, welche noch am gleichen Tage mit 1011 Unterschriften nach Stuttgart abgieng. Herrn Abgeordneten Dr. Duvernoy in Stuttgart. »Lieber Duvernoy! Hier geht die Stimmung nach Maß und Gegenstand bereits über das hinaus, wozu sie am Donnerstag durch die Eingabe an den ständischen Ausschuß zusammengehalten werden konnte. Schon damals und gleich nachher wurden Anträge auf die Auflösung der jetzigen Ständeversammlung und Entlassung des Ministeriums gewünscht, vorerst aber durch die Erwägung beseitigt, daß die Regierung in diesem Augenblicke durchaus von den Kammern umgeben sein müsse, daß die andringenden Begehren des Volks eben jetzt ein gemeinsames, verfassungsmäßiges Organ erheischen und die einzuberufende Vertretung vielleicht schon als eine verwandelte wiederkehren werde. Die Bewegung in Karlsruhe, durch Gerüchte noch übertrieben, die nur provisorische Aufhebung der Censur, die hinausschiebenden, wenig eingehenden Erwiderungen an den Ausschuß, das gestern verkündete Manifest ohne politischen Inhalt haben die Aufregung fortwährend gesteigert. Der kühle Ministerialerlaß im heutigen Blatte wird sie nicht dämpfen, so wenig als die ergangene Kanzleifeuerordnung. Und auch heute wieder keine Einberufung der Kammern. Wird Dasjenige, was man geben will und auf die Dauer doch nicht vorenthalten kann, wird es nicht unverzögert, rückhaltlos, klar und vollständig gegeben, werden bei weitschichtigern Gegenständen nicht wenigstens die Grundsätze voll und unwiderruflich ausgesprochen (z. B. bei dem Antrag auf Revision der Verfassungsurkunde der Grundsatz einer reinen Volkskammer, dieses dringende Bedürfniß, dieses billigste Verlangen der Wegräumung einer konstitutionellen Abnormität), so fällt der tiefstehende Wärmemesser des Vertrauens jeden Tag noch tiefer, die Verwirrung steigt und die Vernünftigen wissen nicht mehr, was sie den Unvernünftigen sagen sollen. Dir, lieber Freund, ist es wohl durch Stellung und Persönlichkeit vor Andern möglich, ein unumwundenes, wirksames Wort an der rechten Stelle zu sprechen. Mit herzlichem Gruße Dein L. Uhland.« Tübingen, 5. März 1848. Uhland an Paul Pfizer. Tübingen, 7. März. »Lieber Pfizer! Gestern waren Albert Schott und H. Müller hier, sie brachten Folgendes zur Sprache. Der Abgeordnete von ..., des Vertrauens seiner Committenten verlustig, sei abgetreten, und solche Verzichtleistungen seien noch mehrere vorauszusehen; so würden in der Kammer Plätze für Dich, für Schott und mich offen werden und es werde unser Eintritt auch wirklich gewünscht und erwartet. Was nun mich betrifft, so erwiederte ich, daß doch nur eine Stelle, eben die von ... thatsächlich erledigt sei, daß ein systematisches Austreiben der einzelnen mißliebigen Abgeordneten im Gegensatz zu einer neuen Wahl mir nicht gefalle, und daß ich überhaupt mich nicht zur Annahme einer neuen Wahl erklären könne. Meine Gründe sind diese. Es fehlt mir der innere Ruf zu der Stellung, die ich einnehmen soll; schon in früheren Stadien unserer ständischen Entwickelung war ich je nur in Augenblicken des ersten Anstoßes und Kampfes ohne Verdrossenheit an meiner Stelle, die langwierigen Verhandlungen lähmten mich und verdarben mir eine Reihe der besten Jahre. Die einfache Ursache davon ist, daß Politik, Rechts- und Staatskunde nie meine Lebensaufgabe waren, nur als Freiwilliger, als Bürger, als Einer aus dem Volke trat ich mit an. Allerdings ist jetzt wieder ein Augenblick eines gewaltigen Umschwungs vorhanden, allein dieser muß bei uns in den Hauptsachen vollzogen sein, ehe nur eine neue Wahl im Ganzen oder im Einzelnen zu Stande kommen kann; dann würde erst die Ausführung und Ausbildung in umfassenden Gesetzesentwürfen folgen, ich müßte also im 61sten Jahre auf drei oder sechs Jahre mich gerade wieder zu der mir widerstrebenden Thätigkeit verpflichten und was ich auf meinem Wege aus eigenem Antrieb in der mir noch vergönnten Lebensfrist leisten könnte oder möchte, wäre für immer abgethan. Nach den Erfahrungen, die ich nur allzufühlbar gemacht habe, darf man nicht in augenblicklicher Anregung ohne freie Neigung oder das schlagende Bewußtsein einer sittlichen Nothwendigkeit auf Jahre hin über sich verfügen lassen. Auch ist ja nicht alle öffentliche Wirksamkeit einzig auf den Sitz in der Kammer beschränkt. Andere in Anspruch zu nehmen, wo man selbst nicht einstehen will, erscheint zwar ungehörig; dennoch glaube ich dem dringenden Begehren der beiden Freunde nicht widerstehen zu können, daß ich ihren Wunsch auch meinerseits bei Dir befürworten möchte. Allerdings trifft bei Dir im besten Maße zu, was mir abgeht. Du hast Recht, Staat und Kirche zum Gegenstand des anhaltendsten und tiefsten Nachdenkens gemacht, Du bist so beträchtlich jünger als ich, vor Allem aber bist Du bewährter Vertreter eines Standpunktes, der eben jetzt nicht gefährdet werden darf. Dein »Briefwechsel zweier Deutschen« hat unter den Schwingungen der Julirevolution das deutsche Vaterlandsgefühl bei uns gerettet und gewahrt und in gleicher Hinsicht würde, einem selbstvergessenen Enthusiasmus für die französische Erhebung gegenüber, Dein Auftreten die rechte Bürgschaft sein. Antworte mir nicht, lieber Freund, in diesen unruhigen Tagen. Ich ehre im Voraus Deinen Entschluß, wohin er falle. Mit unsern besten Grüßen Dein L. U.« Wenige Tage später kam Pfizer auf Besuch zu Uhland, und während seines Aufenthaltes kam die Aufforderung an ihn, als Chef des Justiz-Departements mit Duvernoy als Chef des Departements des Innern in's Ministerium zu treten, worein er nur unter der Bedingung willigte, daß auch Römer, als Haupt der Opposition, berufen werde. Dieses geschah, und nun übernahm dieser das Justiz-, Pfizer das Cult-Departement. Nach Pfizers Rückkehr nach Stuttgart schreibt er an Uhland: Stuttgart, 15. März. »Lieber Uhland! Du weißt ohne Zweifel schon, daß durch förmlichen Bundesbeschluß die sämmtlichen Bundesregierungen eingeladen sind, Männer des allgemeinen Vertrauens, und zwar für jede der 17 Stimmen des engeren Rathes einen, alsbald (spätestens bis zu Ende dieses Monats) mit dem Auftrag nach Frankfurt abzuordnen, der Bundesversammlung und deren Ausschüssen zum Behuf der Vorbereitung der Revision der Bundesverfassung mit gutachtlichem Beirath an die Hand zu gehen. Könntest Du Dich entschließen, Einer dieser Siebenzehn zu sein, so ist kein Zweifel, daß die neueingetretenen Mitglieder des jetzigen Ministeriums Deine Ernennung durchsetzen und dadurch eine Bürgschaft, wie sonst kein anderer Name sie darbietet, geben könnten. Ich bitte Dich daher inständig, entweder mit umgehender Post mit Ja zu beantworten, oder so bald als möglich selbst hierher zu kommen. Dich und Deine verehrte Gattin herzlich grüßend Dein P. Pfizer.« Nach Besprechung mit den Freunden in Stuttgart entschloß sich Uhland zur Uebernahme dieses Auftrags und wurde hierauf zum König beschieden. Er fühlte sich gedrungen, dem König zu bemerken, daß im Falle er zu dem zu erwartenden Parlament gewählt werden sollte, er wünsche, dieser Versammlung in freiester Weise anwohnen zu können, worauf der König erwiederte, daß er damit ganz einverstanden sei. Eine gewünschte Mittheilung der königlichen Ansicht über die ihm übertragene Stellung fand nicht statt. Vor der Abreise nach Frankfurt wurde Uhland von der Universität und Stadt durch einen schönen Fackelzug geehrt. Bei seiner Dankesrede sagte er: »es erscheine zwar als eine mißliche Sache, zu einem Manne des Vertrauens ernannt zu sein, aber der heutige Abend gebe ihm die frohe Ueberzeugung, daß ihm hier wenigstens das Vertrauen nicht fehle. Der eigenen Kraft traue er nicht Vieles zu, hoffe aber auf einen Erfolg der Bestrebungen zum Besten Deutschlands. Tübingen möge fortfahren auf der betretenen Bahn: hier habe kein Bruch des Gesetzes stattgefunden. Es gelte in einer Zeit, welche selbst die verglimmende Asche noch anfache und die jugendlichen Herzen noch anders anrege, neben der Festigkeit im Bewahren seiner Rechte, auch kein Recht zu verletzen.« An dem Morgen des Tages, der nach Tübingen die falsche Kunde brachte, die Franzosen seien im Anmarsche, reiste Uhland nach Frankfurt ab. Uhland an seine Frau. Frankfurt, 28. März 1848. »Liebste Emma! Meine Reise hieher ist gut von Statten gegangen. Sonntag Vormittags 10 Uhr fuhr ich von Stuttgart mit dem Eilwagen nach Durlach ab, wo ich um 6 Uhr, und dann mit dem letzten Bahnzug um 8 Uhr Abends in Heidelberg ankam. Hier war großes Getümmel, da noch Viele von der Volksversammlung sich auf den Heimweg machten; es wurden auf den Straßen Freudenschüsse abgefeuert, auch hörte man Stimmen, welche die deutsche Republik leben ließen. Nach dem Rathe eines Mitreisenden aus Mannheim begab ich mich in ein Gasthaus zweiten Ranges, den Darmstädter Hof, wo ich auch wirklich ein gutes Quartier fand. Im Gastzimmer fanden sich viele junge Bürger von Heidelberg ein, die mit den heutigen Verhandlungen nicht recht zufrieden waren, es seien Gegenstände zu wenig vorbereitet in die Versammlung geworfen worden. Ich weiß nicht, wer mich erkannt hatte, doch ließen sie bei aller Erregtheit mich ruhig und nur geistweise wurde ein Hoch auf Arndt, Uhland und andere deutsche Dichter ausgebracht. Die Stimmung war hier ganz im deutschen Sinne. Um sechs Uhr früh fuhr ich ab, freute mich der schönen Bergstraße und traf um neun Uhr auf dem Sachsenhauser Bahnhof ein. Von Mappes und Fräulein Gräter wurde ich mit bekannter Freundlichkeit empfangen und die Kinder bedauerten, daß Du nicht mitgekommen seiest. Man wies mir dasselbe Zimmer an, das wir zusammen bewohnt haben. Heute wird auch Wurm erwartet und morgen Wächter. Gestern Abend war ich bei Welcker, der gleichzeitig mit mir angekommen war. Von den sogenannten Vertrauensmännern hatte sich außer mir noch keiner eingefunden. Es wird daher vor der großen Versammlung, die am Freitag und Samstag abgehalten werden soll, schwerlich ein Zusammentritt stattfinden können. Doch zähle ich nicht auf eine lange Dauer des hiesigen Aufenthaltes. Ich hoffe auf baldige gute Nachricht von Euch, grüße Euch Alle herzlich und bin mit inniger Liebe Dein L.« Frankfurt, 1. April. »Liebste Emma! Begierig sah ich einem Schreiben von Dir entgegen, gestern Abend nun kamen die erwünschten Nachrichten von Eurem Wohlbefinden an. Dießmal reicht mir die Zeit nur für wenige Linien, da Vormittags neun Uhr die zweite Versammlung beginnt. Frankfurt ist festlich geschmückt, der Zug vom Römer in die Paulskirche war feierlich und die Verhandlung belebt. Während derselben wurde verkündigt, daß eine bewaffnete Schaar zum Bockenheimer Thor eingedrungen sei; es war ein blinder Lärm, den ein unbedeutender Krawall herbeigeführt hatte. Es sind viele Württemberger anwesend, auch Pfizer. So viel nur in Eile, damit Du weißt, daß ich wohl und gesund bin. Erfreue mich bald wieder mit einem Briefe. Grüße Wilhelm und Ludwig, wenn diese noch in Tübingen sind. Auch Freund Mayer. Innig Dein L.« Emilie Uhland an ihren Mann. Tübingen, 2. April 1848. »Lieber Uhland! Frau Professor Ewald, die morgen nach Darmstadt abreist, will die Güte haben, mir etwas für Dich mitzunehmen. Da ich nun dieser Tage zu meinem Leidwesen gesehen, daß ich Dir statt einem neuen seidenen Halstuch ein älteres eingepackt habe, so erhältst Du nun auf diesem Wege das neue. Am liebsten hätte ich mich selbst von ihr mitnehmen lassen, um zu sehen, wie es Dir Geliebter geht. Meine Gedanken sind immer bei Dir und Eurem schwierigen Werke. Könnte ich Dich nur auch eine Stunde sprechen hören. Die verschiedenen Ansichten, die die Zeitungen aussprechen, ohne daß ich ihnen eine eigene Ansicht entgegenzusetzen habe, machen mir immer banger und banger für die Sache, an deren Lösung zu arbeiten Du berufen bist. Heute rückt württembergisches Militär hier ein. Da meine Nachbarn Quartier erhalten, so erwartete ich ganz bestimmt auch einige Mann als Gäste. Ich hatte schon Wilhelms Zimmer als Wohnung für sie bestimmt, auch für Fleisch und Brod gesorgt; es scheint aber, daß ich damit verschont bleiben soll, wohl aus Rücksicht für Dich. Da Wilhelm noch hier ist, hätte ich es mir aber nicht schwer genommen, um so mehr, als nur die Gemeinen einquartiert werden, den Officieren aber die Gasthäuser angewiesen sind. Vielleicht kommt die Reihe das nächste Mal an mich. Freitag haben mich unsere lieben Gäste verlassen; es ist mir recht erwünscht, daß Wilhelm noch einige Zeit hier bleiben will, daß ich nicht so ganz allein hier sein muß. In unserem Garten regt sich Alles, Du würdest Dich freuen über den mancherlei Frühlingsblumen; gestern habe ich fast den ganzen Tag oben zugebracht. Auch die Nächte sind gegenwärtig so schön und sternhell. Der Blick zum Firmament hat doch etwas recht Beruhigendes und Tröstendes. Der die Sternenheere in ihren Pfaden lenkt, wird auch die Erdengeschicke in seiner festen und weisen Hand halten und leiten. Wenn Du nach Deiner lieben Gewohnheit vor Schlafengehen zum Himmel aufblickst, dann denke auch an mich, wie ich an Dich denke. Wie freue ich mich auf einen Brief von Dir, lasse ihn wo möglich auch etwas lang ausfallen! Da von Deinen Stuttgarter Freunden mehrere in Frankfurt gewesen sind, so wirst Du wohl auch einen Entschluß wegen des Eintritts in die Kammer haben aussprechen müssen; vergiß doch ja nicht, mir auch hierüber in Deinem nächsten Briefe Nachricht zu geben. Es vergeht keine Stunde, in der ich Dir nicht etwas sagen oder Dich um etwas fragen möchte. Soeben kommt Wilhelm aus einer Volksversammlung zurück, die von Reutlingen und Tübingen veranstaltet wurde. Sie sollte schon vor acht Tagen sein, wurde aber damals wegen dem blinden Lärmen eines feindlichen Einfalls verschoben. Nicht nur eine, sondern drei Adressen wurden beschlossen, die alle drei wohl besser unterblieben wären. Professor ... proponirte eine an die Franzosen, eine Huldigung, daß sie die Tricolorfahne als Banner des Fortschritts der Welt aufgerichtet, dann eine an das östreichische und eine an das preußische Volk, an das letztere mit der Aufforderung, ihren König abzudanken. Die Versammlung sei nicht sehr besucht gewesen. Gegen die erste Adresse habe Stockmeyer sich ausgesprochen und ungefähr Zweifünftel der Versammlung haben ihm beigestimmt, doch gehe die Adresse ab. Wenn doch nur das eingerückte Militär und die aufgeregten Bürger nicht heute Abend noch Streit bekommen! Gott sei mit Dir, lieber Mann, und gebe Segen zu Eurem Geschäft. Deine Emilie.« Uhland an seine Frau. Frankfurt, 5. April 1848. »Liebste Emma! Gestern Nachmittag überbrachte mir Ewald Deinen Brief mit dem Halstuch. Ich bin durch Deine Zeilen herzlich erfreut worden und bedauerte nur das Eine, daß Du über die hiesigen Vorgänge mehr bekümmert scheinst, als wirklich dazu Grund vorhanden ist. Vorgestern Abend wurde die große Versammlung geschlossen und bereits ist Frankfurt wieder im ruhigen Zustande. Ueber die Verhandlung selbst werden die Zeitungen nun auch genügendere Berichte bringen und vielleicht ist auch Fallati, den ich darum ersuchte, bereits bei Dir gewesen, um Dir mündlichen Bericht zu erstatten, da mir selbst in den letzten Tagen zum Schreiben weder Zeit noch Ruhe vergönnt war. Gestern wurden bereits die Verhandlungen der Beigeordneten zum Bundestag wieder aufgenommen und heute fortgesetzt. Ich wollte dabei vorerst entnehmen, wie es sich mit meinem Aufenthalt in Frankfurt gestalten würde, und darauf muß ich nun auch, um den Brief nicht aufzuhalten, den Inhalt desselben beschränken. Die constituirende Nationalversammlung soll, wie Du gelesen haben wirst, Anfang Mai's zusammentreffen; dieß ist aber leichter beschlossen als ausgeführt, und es mag damit wohl auch sechs bis acht Wochen anstehen. Bei dem halb aufgelösten Bunde ist uns Beigeordneten die Fertigung eines Entwurfes der neuen Bundesverfassung aufgetragen und bis zum wirklichen Zusammentritt der constituirenden Versammlung werden wir kaum unserer jetzigen Stellung enthoben werden. Ein Antrag für die neuen Wahlen in die württembergische Kammer ist mir nicht gemacht worden, und ob ich für das constituirende deutsche Parlament (für das auf Württemberg des Guten fast zu viel, etlich und zwanzig Mitglieder kommen würden) in Vorschlag gebracht werde, ist mir unbekannt. Die Dauer der Parlamentsberathungen (eine Versammlung von etwa achthundert Mitgliedern) ist gewiß auf einige Monate anzuschlagen. Würde mein Aufenthalt aber auch nur sechs Wochen dauern, so kann ich meinen freundlichen Wirth nicht so lange in Anspruch nehmen. Es wird daher das Beste sein, mich demnächst um ein kleines Logis für Dich und mich umzusehen, denn wenn Du auch nicht die ganze Zeit hier zubringen wolltest, so muß doch für Dein Unterkommen bald gesorgt werden, da, wenn die große Versammlung heranrückt, die Wohnungen viel weniger zur Auswahl stehen werden. Laß mich nun hierüber bald möglich Deine Ansicht wissen, oder besser, komme, wenn Deine Anwesenheit in Tübingen Dir nicht nothwendig erscheint, selbst hierher, um, da Du dieß besser verstehst, eine passende Unterkunft ausmitteln zu helfen. Wilhelm würde Dich wohl gerne bis Heidelberg begleiten, etwa so, wie ich die Reise gemacht habe: von Stuttgart zehn Uhr mit dem Eilwagen nach Durlach und dann gleich weiter auf der Bahn nach Heidelberg, wo Du 8 Uhr Abends ankämest, dann Morgens 6 Uhr hierher, wo die Ankunft 9 Uhr Vormittags erfolgt. Gib mir nur, wenn Du auch nicht gleich abkommen kannst, jedenfalls baldige Nachricht, was und wie Du es für das Beste hältst. Wenn Du gerne meine Mittheilungen hörtest, so vermisse ich gewiß nicht minder, Dich zur Vertrauten meiner täglichen Erfahrungen zu haben. Grüße Wilhelm und Mayer herzlich und laß uns ungebeugt zusammen durch die ernste Zeit gehen. Mit treuester Liebe Dein L.« Aus diesem Briefe ist wohl zu ersehen, daß Uhland ohne Illusionen in die Zukunft sah. Am Bunde völlige Rathlosigkeit, in den Volksversammlungen widersprechende Ansichten und überstürzende Beschlüsse, und in dem Collegium der Vertrauensmänner bereits das Lossteuern auf das preußische Erbkaiserthum, dessen Realisirung mit Oesterreich ihm unmöglich erschien, und ein Lostrennen von Österreich konnte er sich gar nicht denken. Aber auch von den andern Fürsten erwartete er eine entschiedene Abneigung gegen diesen Plan. In dem Collegium der Vertrauensmänner war die Ausarbeitung eines Entwurfes zu einer Reichsverfassung einem Comité von vier Mitgliedern neben dem Vorsitzenden übertragen. Selbst den andern Mitgliedern des Collegiums gegenüber beobachteten diese völliges Stillschweigen über ihre Thätigkeit und auch nach Vorlegung des Entwurfes wurde von der Mehrheit ausgesprochen, daß derselbe nur als schon beschlossenes Ganzes veröffentlicht werden solle. Da keine förmliche Endabstimmung über das Ganze beliebt wurde, so konnte Uhland nur seine abweichende Stimme zu Protokoll geben und begründen. Jetzt erst konnte er dem württembergischen Gesandten Mittheilung machen und seine Ansicht aussprechen. Seinen Bericht an die Regierung schließt er später mit den Worten: »Da für die nur in mangelhafter Zahl noch anwesenden Mitglieder kein mit ihrem ursprünglichen Auftrag zusammenhängendes Geschäft mehr vorhanden ist, und ich zu denen zähle, welche die Stelle eines Beigeordneten am Bunde nicht mit der eines Mitglieds der constituirenden Nationalversammlung wohl verträglich finden, so fühle ich unter geziemender Dankbezeugung für das mir bewiesene hohe Vertrauen bei der ganz nahe bevorstehenden förmlichen Constituirung der Versammlung mich gedrungen, um Enthebung von diesem Auftrag hiemit einzukommen.« Bald nach dem letzten Briefe Uhlands kam seine Frau nach Frankfurt und die Gatten bezogen ein paar Zimmer in der Nähe von ihrem Freunde Mappes. Am 26. April war Uhland von den Wahlbezirken Tübingen-Rottenburg mit 7086 von 7682 Stimmen in das Parlament gewählt worden und schrieb darauf an die Wähler des Bezirkes Rottenburg-Tübingen: »Da es mir nicht vergönnt war; persönlich in Ihrer Mitte zu erscheinen, so erfülle ich auf diesem Wege die Pflicht des Dankes für das ehrenvolle Vertrauen, das Sie mir, dem Abwesenden, durch die Wahl zum Volksvertreter beim deutschen Verfassungswerke erwiesen haben. Ich schreibe diese Zeilen in der Frühe des Tages, an welchem die nunmehr in genügender Zahl versammelten Abgeordneten aus allen deutschen Ländern zum feierlichen Beginn ihrer Arbeit erstmals in die Paulskirche einziehen werden. Zwar kann ich meinen Wählern keine Verheißungen geben, wie der Bau sich gestalten werde, an dem so Viele mitzuschaffen haben und der unter täglich wechselnden Einwirkungen einer mächtig bewegten Zeit aufsteigen soll, aber das kann ich versichern, daß ich beim Eintritt in die Versammlung, zu der Sie mich absenden, tief durchdrungen bin vom Ernste der inhaltschweren Aufgabe, alle die Bruderstämme zum großen Gesammtwesen in Freiheit, Einheit und heilbringender Ordnung zu verbinden. Ludwig Uhland.« Frankfurt a. M., 18, Mai 1848. Diese Aufgabe, alle deutschen Bruderstämme zum großen Gesammtwesen in Freiheit und Einheit zu verbinden, ist nicht geglückt, aber das Bewußtsein, mit seinem besten Wissen danach gerungen zu haben, durfte Uhland aus dem Schiffbruch aller Hoffnungen mit sich in die Heimath nehmen. Da Uhland seine Ueberzeugung keinem Parteigebot unterwerfen wollte, so gesellte er sich zu keinem Clubb. Demokratischer gesinnt als Manche, denen er in anderen Lebensbeziehungen näher gestanden wäre und sich sonst gerne zugewandt hätte, war er auf der andern Seite durch Stimmung und durch verschiedene Ansicht über die Wahl der Mittel von denen getrennt, mit deren politischer Ueberzeugung er mehr übereinstimmte. Nur selten besuchte er die Abendzusammenkünfte des linken Centrums oder der linken Seite. Wenn Römer in Frankfurt war, dessen Ansichten er wohl am meisten theilte, war er Abends oft bei Jakoby mit ihm zusammen, sonst war seine Stellung eine einsame. Am Sonntag, vor Tisch, war es ihm eine wahre Erholung, Jakob Grimm in seiner Gartenwohnung vor dem Bockenheimer Thor aufzusuchen und in einem Gespräch über die gemeinsamen Studien sich die Seele zu befreien. Aber dieser schied bald wieder von Frankfurt und kehrte zu seinen Arbeiten zurück. Den Sonntag Mittag und Abend brachte Uhland mit seiner Frau meistens bei Freund Mappes oder mit ihm in den Umgebungen Frankfurts zu und schöpfte in der schönen Gegend, oft auf einer der Taunushöhen, neue Kraft für die schwüle Arbeit der Wochentage. Uhland an seine Frau. Frankfurt, 29. Juli 1848. »Dieser verspätete Brief trifft Dich, liebste Emma! vielleicht schon nicht mehr in Tübingen, doch wird er Dir nach Stuttgart nachgeschickt werden. Seit Deiner Abreise war mit Ausnahme des Sonntags täglich Sitzung, meist bis drei Uhr, mitunter auch noch Abends Ausschußsitzung. Dann waren gerade in den letzten Tagen werthe Gäste hier, Wilhelm Roser mit seiner Frau. Es war mir sehr angelegen, gestern an Dich zu schreiben; da war man aber halb sieben Uhr früh zum Grabgeleite des Abgeordneten Wirth beschieden, der nur eine Sitzung in der Paulskirche mitgemacht hatte. Nachmittag und Abend mußte ich Rosers widmen, mit denen ich vorgestern eigentlich nur beim Essen in Westendhall zusammen sein konnte. Sie scheinen gerne hier zu sein. Roser kommt Abends zu Jakoby und Fanny macht von Deiner Karte in der Paulskirche Gebrauch. Am Samstag voriger Woche fuhr ich nach Wiesbaden, um dreierlei Zwecke zu verfolgen. Einmal wollte ich Professor Keller besuchen, der mir hätte berichten sollen, was sich inzwischen im Gebiete der altdeutschen Literatur Neues begeben; die Unruhen in Wiesbaden hatten ihn aber veranlaßt, seinen gewöhnlichen Kurort Baden wieder aufzusuchen. Dann ging ich Morgens mit Wackernagel nach Schierstein, eine kleine Stunde von Wiesbaden, um den Archivar Habel, der mich früher auf unserer Rheinfahrt eingeladen hatte, zu besuchen, traf aber auch diesen nicht, doch war ein kurzer Aufenthalt in einem Wirthschaftsgarten zu Biebrich, dicht am Rhein, sehr lohnend. In den Grundrechten ist man während Deiner Abwesenheit nicht einen halben Schritt weiter gekommen. Erst auswärtige Politik, dann vier Tage hindurch Posener Frage, wobei eine ganze Sitzung nur auf die Abstimmungen ging. Gestern eine Verhandlung wegen Abkürzung der Beratungen über die Grundrechte, welche damit schloß, daß man über Anträge und Ausschußbericht zur Tagesordnung überging. Heute ist keine Sitzung. Montag Wahl des Präsidenten und neue Verloosung der Abtheilungen, woran zu ersehen, daß wieder ein Monat abgelaufen ist. Endlich Dienstag: Grundrechte. Auf morgen bin ich von Mappes zu einem Ausflug nach Königstein und Kronenberg eingeladen, wo seine Kinder noch sind, was mir nach der schwülen Woche schon erwünscht ist; Du solltest nur dabei sein. Es hat mich sehr erfreut, aus Deinem lieben Briefe zu ersehen, daß Dir im eigenen Hause und Garten wohl ist. Laß Dich die Sorge um mich nicht bestimmen, zu kurz in Tübingen oder bei den Geschwistern in Stuttgart zu bleiben. So sehr ich mich auf Deine Zurückkunft freue, so muß ich doch erwägen, daß Du noch hinreichende Zeit in Frankfurt wirst zubringen können. Herzliche Grüße an Wilhelm, Ludwig und Mayers. Innig Dein L.« Bei der Wahl des Reichsverwesers war Uhland unter den zuletzt Abstimmenden und gab seine Stimme nicht dem Erzherzog Johann, sondern Heinrich von Gagern. Damit wollte er wohl aussprechen, daß er kein unverantwortliches gekröntes Haupt an der Spitze Deutschlands wünsche, sondern einen Präsidenten eines Bundesstaats. Es ist gesagt worden: Uhland sei ausschließend für Oesterreich und gegen Preußen eingenommen gewesen. Beides ist unrichtig, er war nur für ein ganzes Deutschland. Trotz wiederholter Aufforderung seiner Bekannten und der Fragen des Erzherzogs nach ihm kam er nie dazu, dessen Soiréen zu besuchen. Als bei dem Leichenzug des General Gagern eine Gesellschaft junger Männer Uhland, als einem Freunde der Freiheit, ein Lebehoch brachte, sagte er mit großem Ernste: »Ja, für die Freiheit bin ich, welche die Einheit schafft!« Manche schriftliche Ausarbeitungen sind noch vorhanden und zeugen davon, wie sorgfältig sich Uhland auf die Sitzungen vorbereitete, wenn er auch selten das Wort ergriffen hat. Wohl konnte er von sich sagen: Er habe die Stufen der Rednerbühne nicht abgetreten. Uhland an Baron Dornis in Jena. Frankfurt, 15. November 1848. »Verehrter Herr! Das Leben in den hiesigen öffentlichen Verhandlungen ist von der Art, daß immerfort eine schwierige Frage, eine stürmische Verhandlung die andere ablöst, und so sind der Tage und Tagesstunden wenige, in denen für die stilleren Anregungen der Literatur und Kunst Zeit und Sammlung bleibt. Seit acht Monaten von Hause entfernt, muß ich für dringende Besorgungen die freien Stunden verwenden, und an die eigenen Studien kommt es, wenn überhaupt davon die Rede sein kann, gewöhnlich zuletzt. Unter diesen Umständen mögen Sie mich für entschuldigt halten, wenn die freundlich mitgetheilten Zeichnungen allzu lang bei mir liegen geblieben sind. Es ist nicht möglich, ein Kunstwerk in sich aufzunehmen, wenn der Sinn verschlossen ist. So bin ich erst über den letzten Sonntag dazu gelangt, Ihre Darstellungen aus der thüringischen Geschichte und Sage vollständig und im Zusammenhang mir vorüberzuführen. Ich bin Ihnen herzlich dankbar für diesen Genuß, es war mir ein frischer Hauch aus der altvertrauten Sagenwelt und besonders hat mich erfreut, hier nicht jene verschwommene manierirte Phantasie zu treffen, in der man Gegenstände aus dem Mittelalter häufig aufgehen läßt, vielmehr eine lebenskräftige Gestaltung, die der Arabeske einen Stamm und dem landschaftlichen Ausblick einen Vordergrund gewährt. Mit aufrichtiger Hochachtung L. U.« Am 6. October hatte Uhland in längerer Rede gegen die Ausschließung Oesterreichs gesprochen und als im Januar die Reihe an die Berathung über das Reichsoberhaupt kam, erhob er seine Stimme gegen das Erbkaiserthum in folgender Rede: »Ich erkläre mich für periodische Wahl des Reichsoberhaupts durch die Volksvertretung. In voriger Sitzung habe ich, ohne Aussicht auf Erfolg, für den weitesten Kreis der Wählbarkeit gestimmt, also folgerichtig auch dagegen, daß jene Würde nur einem regierenden Fürsten übertragen werden dürfe. Nachdem dieß nunmehr beschlossen ist, so bleibt mir übrig, für Anträge zu stimmen, durch welche die Erblichkeit und eben damit die Bevorrechtung eines einzelnen Staates und Stammes, sowie der Ausschluß Oesterreichs beseitigt wird, vor allem für das Grachten IV, Wahl auf sechs Jahre. Befürchten Sie keine weitläufige Ausführung meiner Ansicht. Mein Vorhaben ist einzig, jetzt, da wir vor dem Schlußstein unsrer Arbeit stehen, mit wenigen Worten an den Grund derselben, an unsern eigenen Ursprung zu erinnern, dessen Gedächtniß mir nicht mehr überall lebendig zu sein scheint. Es ist in diesen Tagen wiederholt von Jugendträumen gesprochen worden; ich bekenne meinerseits, daß mich zuweilen noch ein Traum verfolgt, der Frühlingstraum des Jahres 1848. Die von einem Theile des Ausschusses angetragene Erblichkeit und die damit zusammenhängende Nichtverantwortlichkeit ist eine Anwendung bekannter Grundsätze der in den deutschen Einzelstaaten durchgeführten constitutionellen Erbmonarchie auf die neuzugründende Würde des Reichsoberhaupts. Ich will die Verdienste dieser Staatsform, ihre geschichtlichen Leistungen und ihre Nützlichkeit in der Gegenwart keineswegs herabsetzen, darf aber auch eine Schattenseite derselben nicht unberührt lassen, die ich gerade da erblicke, wo die reine Lehre den glänzendsten Lichtpunkt des Systems gefunden hat. Jene Schattenseite besteht, nach meinem Dafürhalten, darin, daß der unverantwortliche, erbliche Monarch nur ein personificirter Begriff der einheitlichen und stätigen Staatsgewalt ist, ein allegorisches Wesen, eine Fiction des Regierens, keine natürliche Wahrheit. Da er nicht vermöge seiner persönlichen Eigenschaften, sondern durch das Erbfolgerecht zur Gewalt berufen ist, so müssen für den rechten Gebrauch der letztern verantwortliche Räthe einstehen. Unter dieser Bevormundung können selbstständige Charaktere schwer gedeihen, oder wenn solche sich fühlen, wenn sie hervorbrechen wollen aus der lästigen Stellung eines lebenden Gemäldes, so gerathen sie mit dem constitutionellen Rahmen in Widerstoß. Dieses System hat sich in England geschichtlich herangebildet, hat von da aus weitere Pflanzungen gegründet und ist sodann von der Doctrin als das alleinseligmachende für ewig festgestellt worden. Ursprünglich deutsch ist es nicht. Die deutschen Wahlkönige, erblich, so lange das Geschlecht tüchtig war, fallen nicht unter diese Staatsform; es waren in langer Reihe Männer von Fleisch und Bein, kernhafte Gestalten, mit leuchtenden Augen, thatkräftig im Guten und Schlimmen. Der Mißstand, den ich berührte, hat sich in unsrer jetzigen Verhandlung auf merkwürdige Weise hervorgestellt. Ein früherer Redner hat uns belehrt, daß der König von Sachsen durch sein dermaliges Ministerium behindert sei, seine ursprüngliche und auch jetzt unbezweifelte deutsche Gesinnung zu Gunsten des preußisch-deutschen Erbkaiserthums wirksam zu machen. Also diejenige Form, die dem Fürsten bei den hochherzigsten Entschließungen die Hände bindet, wird uns für die neue Reichsgewalt empfohlen, von dem gleichen Redner lebhaft angepriesen. Eine mächtige Volkserhebung, wie die deutsche des vergangenen Frühjahrs, muß sich aus ihrem eigenen Geiste die rechte und lebenskräftige Form erschaffen. Wenn es neulich von dieser Tribüne für einen Widerspruch erklärt worden ist, die Monarchie in den Zweigen zu erhalten und im Gipfel zu entbehren, so läßt sich dem ein anderer Widerspruch entgegenhalten. Ist denn der Anstoß und Grundtrieb unsrer politischen Neugestaltung von der monarchischen, oder dynastischen, aristokratischen Seite des bisherigen deutschen Staatslebens ausgegangen? nein! unbestritten von der demokratischen. Die Wurzel also ist eine demokratische; von der Wurzel aber, nicht von den Zweigen schießt auch der Gipfel auf. So kann es dem natürlichen Wuchse der neuerstehenden deutschen Eiche nicht gemäß sein, daß ihrem Gipfel ein Brutnest erblicher Reichsadler aufgepflanzt werde. Wollte man, der Systematik wegen, durchgängige Uebereinstimmung des Ganzen mit dem Einzelnen verlangen, was ich nicht für nöthig halte, so würde viel eher folgen, daß das Alte sich dem neuen, durchwaltenden Geiste füge, als umgekehrt. Ich bin aber auch der Meinung, daß die Staatsformen oft in der Wirklichkeit nicht so weit aus einander liegen, als in der Theorie oder im Feldgeschrei des Tages. Durch die Aufhebung der politischen Standesvorrechte und durch freisinnige Wahlgesetze werden die monarchischen Verfassungen der Einzelstaaten den demokratischen Anforderungen der Neuzeit bedeutend näher gerückt. Ich mache daher auch keinen Angriff auf den Fortbestand dieser Staatsform in ihrer Auffrischung, ich glaube nur nicht, daß dieselbe fähig sei, eine neue , nachhaltige Schöpfung, ein verjüngtes Gesammtdeutschland, hervorzutreiben. Ein Andres ist der Fortbestand und die Verbesserung vorhandener Einrichtungen, ein Andres die Frage: ob eine gegebene Staatsform, hier die monarchisch-constitutionelle, für eine gänzlich neue, viel umfassendere Schöpfung triebkräftig oder maßgebend sein könne? Ich gestehe, einmal geträumt zu haben, daß ein großartiger Aufschwung auch bedeutende politische Charaktere hervorrufen werde und daß hinfort nur die hervorragendsten an der Spitze des freigewordenen und geeinigten Deutschlands sollten stehen können. Dieß aber ist nur durch Wahl, nicht durch Erbgang möglich. Hier auf gänzlich neuem Felde war freie Bahn für die Verwirklichung wahrer und kühner Gedanken und ich zweifelte nicht, daß das deutsche Volk für solche Gedanken empfänglich sei. Ich mußte mir wohl einwenden: was vermag der einzelne Mann ohne Hausmacht, ohne dynastischen Glanz? Gleichwohl, wenn wir in der Zeit, als uns noch das volle Vertrauen des Volkes ein Rückhalt war und die Staatsmänner noch nicht aufhören mußten, Volksmänner zu sein, wenn wir damals einen Mann an die Spitze gestellt hätten, einen solchen, der in der ganzen Größe bürgerlicher Einfachheit durch den Adel seiner freien Gesinnung auch die rohe Gewalt zu bändigen, die verwilderte Leidenschaft in die rechte Strömung zu lenken verstanden hätte: ich denke, das gesammte deutsche Volk wäre seine Hausmacht gewesen. Jugendträume! wie schon gesagt. Ein Hauch des ursprünglichen Geistes gab sich wirklich noch in dem Beschlusse der Volksvertretung kund, gänzlich aus eigener Macht den Reichsverweser zu wählen. Ein Fürst wurde gewählt, nicht weil , sondern obgleich er ein Fürst war. Aber indem man die Nichtverantwortlichkeit beigefügt hatte, war schon wieder nach der constitutionellen Richtung eingebeugt. Ich habe wesentlich darum nicht für einen Fürsten gestimmt, ich sah in dieser Verbindung bereits den doktrinären Erbkaiser auftauchen, dessen Widersacher ich schon gewesen bin, als er noch bei den Siebzehnern in den Windeln lag und zärtlich gewiegt wurde, und der mir nicht lieber geworden ist, nun er ernstliche Versuche macht, auf den deutschen Thron zu klettern. Seit jener Wahl ist die Stimmung noch weiter zurückgegangen und der neueste Beschluß gestattet nur noch die Berufung eines regierenden Fürsten. Das Wahlrecht ist an sich noch unverloren, aber auf diesen engen Kreis von Wählbaren beschränkt. Die Beschränkung selbst, wonach andere Angehörige der fürstlichen Geschlechter ausgeschlossen sind, kann so aufgefaßt werden, daß es nicht die dynastische Eigenschaft, sondern der Regentenberuf ist, wodurch die Wählbarkeit bedingt wird. Mit Festhaltung der periodischen Wahl wäre mindestens jener äußerste Partikularismus abgewiesen, vermöge dessen ein Fürstenhaus, ein Volk Gottes für ewig über alle andern deutschen Stämme erhoben würde und diese, nach dem glücklichen Ausdruck des Berichterstatters, in ein Verhältniß des Dienens träten. Der Reichsvorstand soll nicht das Gepräge eines preußischen, eines östreichischen, sondern das eines gemeinsam deutschen Oberhauptes tragen. Dieses aber wird nicht erreicht durch die neue Fiction: der zum Reiche berufene Fürst eines Einzelstaates werde nun ganz und einzig deutsch sein, denn die Reichsverfassung selbst beläßt ja eine, nur beschränkte Selbstständigkeit aller einzelnen Staaten. Jenes allgemein deutsche Gepräge kann vielmehr nur dadurch aufgedrückt und frisch erhalten werden, daß die Wahl durch die Gesammtvertretung der Nation periodisch erneuert wird und daß die Möglichkeit der Wahl aus jedem deutschen Volksstamme, je nach dem Bedürfniß der Zeit und nach der Beschaffenheit der Personen, gegeben bleibt. Eine erste und einmalige Wahl, die Wahl eines Fürsten, der fortan die Würde vererben würde, wäre lediglich ein feierlicher Verzicht auf das Wahlrecht. Mögen Sie diesen Verzicht nicht aussprechen, er widerstrebt dem Geiste, der Sie hieher berufen hat. Die Revolution und ein Erbkaiser, das ist ein Jüngling mit grauen Haaren. Ich lege nur noch meine Hand auf die alte, offene Wunde, den Ausschluß Oestreichs. Ausschluß ist und bleibt das aufrichtige Wort, denn wenn Sie das erbliche Kaiserthum ohne Oestreich beschließen, so ist keine Hoffnung, daß es noch irgend einmal eintreten werde. Ich erinnere abermals an die Zeit unsres Ursprungs. Als man Schleswig erobern wollte, wer hätte daran gedacht, daß wir Oestreich preisgeben würden? Als die Abgesandten aus Oestreich mit der deutschen Fahne und mit den Waffen des Freiheitskampfes in die Versammlung des Fünfzigerausschusses einzogen und mit lautem Jubel begrüßt wurden, wer hätte da geträumt , daß vor Jahresfrist die östreichischen Abgeordneten ohne Sang und Klang aus den Thoren der Paulskirche abziehen würden? Die deutsche Einheit sollte ja geschaffen werden; diese Einheit ist aber nicht lediglich eine Ziffer, sonst wäre sie vorhanden, wenn der edle Reichsapfel weiter und weiter ausgeschält würde, wenn zuletzt Deutschland in Liechtenstein aufginge. Die wahre Einheit muß alle deutschen Ländergebiete zusammenfassen, wie es im ersten Satze der Reichsverfassung ausgesprochen ist; es ist eine stümperhafte Einheit, die ein Dritttheil dieser Gebiete außerhalb der Vereinigung läßt. Die Einigung mit Oestreich ist schwierig, das wissen Alle, aber es scheint mir auch, Manche nehmen es zu leicht, auf Oestreich zu verzichten. Manchmal, wenn östreichische Männer in diesem Saale sprachen und wenn sie auch nicht in meinem Sinne redeten, war es mir doch, als ob ich einen Ruf von den Tyroler Bergen vernehme oder das adriatische Meer rauschen höre. Wie sehr verengt sich unser Gesichtskreis, wenn wir Oestreich aufgeben! Um wieviel flacher und farbloser wird das deutsche Vaterland, wenn die östlichen Hochgebirge zurückweichen, wenn die volle breite Donau nicht mehr deutsche Ufer spiegelt! Es genügt nicht, staatsmännische Plane auszusinnen und abzumessen, man muß sich in die Anschauung, in das Land selbst versetzen, man muß sich Oestreich vergegenwärtigen mit all seiner reichen Lebensfülle. Welche Einbuße wir, mit seinem Ausscheiden, an Macht, an Gebiet, an Volkszahl erleiden würden, ist hinreichend erörtert worden. Ich füge nur Eines hinzu: Deutschland würde ärmer werden um alle die Kraft des Geistes und Gemüths, die in einer deutschen Bevölkerung von acht Millionen lebendig ist. Wenn wir mit einem Bundesstaate ohne Oestreich nach Hause kommen, wird das deutsche Volk unser Werk loben? zumal das süddeutsche, das mit dem östreichischen durch Naturanlage und geschichtliche Erinnerung am nächsten verwandt ist? Schonen Sie das Volksgefühl! Diese Gefühlspolitik ist nicht ganz zu verwerfen. Ich habe Ursache, die hochfahrende Vernachlässigung derselben für bedenklich zu halten. Wir wollen – zum letztenmal – einen Dom bauen. Wenn unsere alten Meister ihre riesenhaften Münster aufführten, der Vollendung des kühnen Werkes ungewiß, so bauten sie den einen Thurm und für den andern legten sie den Sockel. Der Thurm Preußen ragt hoch auf, wahren wir die Stelle für den Thurm Oestreich! Doch der Thurmspitzen ist große Zahl, ich will es anders fassen. Mitten in der Zerrissenheit dieser Versammlung ergriff mich zuweilen das Gefühl, daß wir, so heftig wir uns gegen einander aufbäumen, dennoch durch das nicht mehr zu berechnende, im Volksbewußtsein gefestigte Gebot der deutschen Einheit wie mit eisernen Banden zusammengeschmiedet seien. Trennen wir Oestreich ab, so ist das Band zerschlagen. Ich schließe: verwerfen Sie die Erblichkeit, schaffen Sie keinen ewig herrschenden Einzelstaat, stoßen Sie nicht Oestreich ab, retten Sie das Wahlrecht, dieses edle Volksrecht, für das Sie der Nation verantwortlich sind, dieses fortwirkende Wahrzeichen des volksmäßigen Ursprungs der neuen Gewalt! Glauben Sie, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten , das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Oeles gesalbt ist!« Uhland an seine Frau. Frankfurt, 10. Februar 1849. »Liebste Emma! Du hast mich durch Deinen Reisebericht sehr erfreut. Hier hast Du in der Paulskirche nichts versäumt. Es wurde ein rückständiges Stück der Grundrechte ohne lebendige Theilnahme verhandelt und darauf wird auch noch der Anfang der nächsten Woche verwendet werden. Es war wohl davon die Rede, daß am 19. die Frist der Erklärungen der Einzelstaaten zu Ende gehe und dann sogleich die schwierigen Paragraphen »vom Reiche« zur zweiten Berathung kommen sollen. Aber da ist nun auf einmal, als Seitenstück der preußischen Note, vorgestern eine östreichische gekommen, worin Oestreich erklärt, daß es statt, wie es gewünscht hätte, in Gemeinschaft mit Preußen, nun allein den Weg der Vereinbarung mit Frankfurt betrete, daß es sich gegen einen einheitlichen Centralstaat, gegen das Gagern'sche Programm ausspreche, daß es gegen eine Unterordnung des Kaisers von Oestreich unter die von einem andern deutschen Fürsten gehandhabte Centralgewalt sich feierlichst verwahre. Es bezeigt sogar Lust, nicht bloß mit seinen deutschen, sondern auch, wenn nicht gleich im Augenblick, doch weiterhin, zugleich mit seinen außerdeutschen Ländern in Gemeinschaft mit Deutschland zu treten. Das würde nun auf ein Direktorium unter Oestreichs Vorsitz hinweisen und in dieser wie in anderer Hinsicht ist diese Erklärung eine unerfreuliche. Zugleich aber wird dadurch das allzu übermüthige und gegen Oestreich schonungslos betriebene preußische Erbkaiserthum gekreuzt. Du wirst der hiesigen Angelegenheiten wegen nicht Ursache haben, Deine Rückkehr zu beschleunigen. Den Plan, Dir nach Heidelberg entgegen zu kommen, kann ich unter diesen Umständen nicht festhalten. Es könnte nöthig sein, hier auf dem Platze zu bleiben, um sich zu unterrichten. Heute war ich mit Schott bei Mappes zu Tisch. Am Mittwoch fuhr ich um eilf Uhr nach Mainz, weil mir in Erwartung eines raschen Ausgangs der Verhandlungen der Nibelungenhort in Mainz keine Ruhe ließ; ich traf aber den Maler Becker, dem die Reise galt, nicht an. Der Tag war so blau, sonnig und frühlingsmäßig, daß mir ein langer Gang am Rhein, dessen Spiegel von Schiffen und dessen Ufer von Spaziergängern wimmelte, im Anblick des herrlich erleuchteten Gebirges sehr wohlthuend war. Daß Du nicht bei mir warst, ist um so bedauerlicher, als Du mir am gleichen Tage über dichten Nebel klagst. Ich freue mich auf Deine Zurückkunft und bin äußerst begierig auf Deine Berichte aus der Heimath. Grüße Ludwig, Wilhelm und Mayers und wer sonst von Bekannten mein gedenkt. Mayer danke für seinen Brief. Innig Dein L.« Am 22. März, bei der Kaiserwahl, mußte Uhland seiner Ueberzeugung folgen und erklären: »Ich stimme nicht« und als es am 11. April an die Abstimmung über die Reichsverfassung kam, dieselbe ablehnen. Als der König von Preußen sich gegen die Annahme der Reichskrone erklärte, zogen sich viele Abgeordnete vom Parlamente zurück, weil sie an einem günstigen Ausgang verzweifelten. Auf den Wunsch des Dreißiger-Ausschusses verfaßte Uhland folgende Ansprache an das deutsche Volk. »Die Nationalversammlung fühlt sich gedrungen, an das Volk, von dem sie gewählt ist und das sie in seiner wichtigsten Angelegenheit zu vertreten hat, über ihre neueste Stellung aufklärende und aufmunternde Worte zu richten. Diese Stellung ist eine so schwierige geworden, daß es wohl das Ansehen gewinnen mochte, als stände die verfassunggebende Versammlung ihrer Auflösung nahe, als müßte eben damit das von ihr mühsam zu Ende geführte Verfassungswerk in Scherben gehen, als sollte der gewaltige Strom der deutschen Volkserhebung kläglich im Sande verrinnen. Die Schwierigkeiten, die sich vor uns aufthürmen, kommen theils von Außen her, durch den Widerstand der fünf mächtigsten Einzelregierungen und nun auch der von uns selbst ins Leben gerufenen Centralgewalt gegen die Durchführung der endgiltig beschlossenen und verkündigten Reichsverfassung, theils aber und zumeist noch aus unsrer Mitte, durch den massenhaften Austritt derjenigen Mitglieder, die entweder dem Abruf ihrer Regierungen folgen zu müssen vermeinten oder am Gelingen des Werkes und an allem fruchtbaren Fortwirken der Versammlung verzweifelten. Diesen Hindernissen zum Trotze glauben wir noch immer unsern Bestand und die uns anvertraute Sache aufrecht erhalten zu können; wir setzen der Ungunst der Verhältnisse diejenige Zähigkeit entgegen, die schon manchmal zum endlichen Siege geführt hat. Den Regierungen, deren Staatsweisheit im vorigen Jahre so machtlos und rathlos, so gänzlich erstarrt war, daß sie jene siebzehn Vertrauensmänner am Bunde auffordern mußten, die Initiative eines Verfassungsentwurfs zu ergreifen, und die, nachdem sie wieder warm geworden, uns nicht bloß Vereinbarung ansinnen, sondern sogar die Octroyirung in Aussicht stellen, ihnen halten wir beharrlich den schon im Vorparlament geltend gemachten, dann im Anfang unsrer Verhandlungen feierlich ausgesprochenen und fortan thatsächlich behaupteten Grundsatz der Nationalsouveränetät entgegen; wir lehnen uns an diejenigen, wenn auch minder mächtigen Staaten und ihre Bevölkerungen, welche die Beschlüsse unsrer Versammlung für bindend und die verkündigte Verfassung für rechtsbeständig anerkannt haben. Die neuesten Erfahrungen haben schlagend bewiesen, daß aus einer Vereinbarung von neununddreißig Regierungen unter sich und mit der Nationalvertretung, dazu noch mit allen Landesversammlungen, niemals eine Reichsverfassung hätte hervorgehen können und daß die Nationalversammlung, selbst gegen eigene Neigung, das Verfassungswerk in die Hand hätte nehmen müssen , wenn es überhaupt zu Stande kommen sollte. Gegenüber der durch unser Gesetz vom 28. Juni v. J. geschaffenen provisorischen Centralgewalt, welche jetzt, da es gälte, die auf Durchführung der Verfassung gerichteten Beschlüsse zu vollziehen, sich dessen weigert und ein Ministerium am Ruder läßt, dem die Versammlung ihr Vertrauen alsbald abgesagt hat, ist in unsrer Sitzung vom 19. Mai, noch vor dem großen Austritt, beschlossen worden, daß die Versammlung sofort, wo möglich aus der Reihe der regierenden Fürsten, einen Reichsstatthalter wähle, welcher vorerst die Rechte und Pflichten des Reichsoberhaupts ausübe. Damit glaubte man auch für die Zeit des Uebergangs dem Sinne der Verfassung selbst am nächsten zu kommen. Endlich der durch Massenaustritt dem Bestande der Nationalversammlung erwachsenen Gefahr suchten wir durch den gestrigen Beschluß zu begegnen, daß schon mit 100 Mitgliedern (statt früher angenommenen 150) die Versammlung beschlußfähig sei; nicht als ob wir eine so stark herabgeschmolzene Zahl für keinen Uebelstand ansähen, oder dadurch den Sieg einer ausharrenden Partei erringen wollten, sondern darum, daß nicht das letzte Band der deutschen Volkseinheit reiße, daß jedenfalls ein Kern verbleibe, um den bald wieder ein vollerer Kreis sich ansetzen könne. Noch sitzen in der Paulskirche Vertreter fast aller deutschen Einzelstaaten und gerade diejenigen Staaten sind noch immer namhaft vertreten, deren Abgeordnete zurückberufen wurden, Preußen, Oestreich und Sachsen. Eine bedeutende Zahl von Mitgliedern ist nur zeitig abwesend und es soll für ihre Einberufung gesorgt werden; durch Stellvertreter und Nachwahlen ist für Abgegangene Ersatz zu erwarten. Sollte aber auch nicht der ernste Ruf des Vaterlandes seine Kraft bewähren, so gedenken wir doch, wenn auch in kleiner Zahl und großer Mühsal, die Vollmacht, die wir vom deutschen Volk empfangen, die zerfetzte Fahne, treugewahrt in die Hände des Reichstags niederzulegen, der, nach den Beschlüssen vom 4. d. M. am 15. August zusammentreten soll und für dessen Volkshaus die Wahlen am 15. Juli vorzunehmen sind. Selbst aus diesen Beschlüssen ist ein Eingriff in die Regierungsrechte herausgefunden worden, während sie eben dadurch unvermeidlich waren, daß vom Inhaber der provisorischen Centralgewalt kein Vollzug zu gewarten stand. Für diese Bestrebungen, die Nationalvertretung unerloschen zu erhalten und die Verfassung lebendig zu machen, nehmen wir in verhängnißvollem Augenblicke die thätige Mitwirkung des gesammten deutschen Volkes in Anspruch. Wir fordern zu keinem Friedensbruch auf, wir wollen nicht den Bürgerkrieg schüren, aber wir finden in dieser eisernen Zeit nöthig, daß das Volk wehrhaft und waffengeübt dastehe, um, wenn sein Anrecht auf die Verfassung und die mit ihr verbundenen Volksfreiheiten gewaltsam bedroht ist, oder wenn ihm ein nicht von seiner Vertretung stammender Verfassungszustand mit Gewalt aufgedrungen werden wollte, den ungerechten Angriff abweisen zu können; wir erachten zu diesem Zwecke für dringlich, daß in allen der Verfassung anhängenden Staaten die Volkswehr schleunig und vollständig hergestellt und mit ihr das stehende Heer zur Aufrechthaltung der Reichsverfassung verpflichtet werde. Außerdem mahnen wir dazu, daß durch Ersatzmänner und Nachwahlen unsre Versammlung ohne Säumniß Ergänzung erhalte. Vor Allem aber hegen wir zu dem Männerstolz und Ehrgefühle unseres zur Freiheit neuerwachten Volkes das feste Vertrauen, daß es nimmermehr auf ein willkürlich octroyirtes Reichswahlgesetz, sondern einzig nach demjenigen, welches die verfassunggebende Versammlung erlassen hat, die Wahlen vornehmen und daß, wenn der bestimmte Wahltag herankömmt, gleichzeitig in allen deutschen Gauen ein reger Wetteifer sich bethätigen werde, das gemeinsame Wahlrecht zu gebrauchen oder zu erlangen.« Zusatz der Minorität des Dreißiger-Ausschusses. Grundbedingung für den Sieg der Ehre der Einheit und Freiheit des Vaterlandes ist die Treue gegen die Reichsverfassung, somit das Unterlassen und Aufgeben aller Maßregeln, welche ihr widersprechen; Grundbedingung ist nicht minder die Treue gegen das Vaterland selbst und seine Ehre, somit die entschiedene Zurückweisung jeder Einmischung der Fremden in die inneren vaterländischen Zwiste, komme solche Einmischung vom Osten oder vom Westen. Welcker. Kierulff. Liebmann. Backhaus. Zachariä von Göttingen. Eckert. Nach der Annahme dieser Ansprache wurde der Antrag eingebracht: die Versammlung nach Stuttgart zu verlegen. Uhland erklärte sich gegen diesen Antrag: »Unter den Beschlüssen des Vorparlaments, wie solche vom Fünfziger-Ausschuß zusammengestellt sind, befand sich einer, der so lautet: »»Die constituirende Nationalversammlung hält ihre Sitzungen in Frankfurt a. M.;«« demgemäß hat das deutsche Volk seine Vertreter nach Frankfurt gewählt und es steht diesen nicht an, ohne Noth den bestimmten Ort zu verlassen. Noch sind wir hier unvertrieben. Aber auch einzig vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit betrachtet, war Frankfurt uns nicht ohne Grund zum Aufenthalt angewiesen. Die centrale Lage der Stadt an der Mainlinie, wo Süd und Nord des deutschen Vaterlandes sich die Hand reichen, die neutrale Stellung derselben als eines der mindest mächtigen Staaten, diese günstigen Verhältnisse bezeichneten Frankfurt wie keinen andern Ort zur Stelle des Zusammentritts der gemeinsam deutschen Volksvertretung. Eben darum aber wird, wenn wir von der Stelle weichen, wenn wir uns in eine südliche Ecke zurückziehen, ein neuer Riß in die große deutsche Gemeinschaft gemacht werden. Der Ortswechsel soll freilich nur eine Schwenkung sein, um von dem Süden aus den Norden für die Verfassung zu erobern; aber ich fürchte, wir machen die Schwenkung, ohne durch sie die Eroberung zu machen. Mit dieser Erwägung hängt eine andere genau zusammen. Die Mitgliederzahl dieser Versammlung hat sich in dem Maße vermindert, daß wir durch verschiedene Beschlüsse und Einleitungen ernstlich dafür sorgen mußten, sie nicht völlig versiegen zu lassen. Wir haben bereits für die Beschlußfähigkeit eine Zahl festgesetzt, unter die nicht weiter herabgegangen werden kann. Denn die Vertretung einer großen Nation erfordert auch einen Körper, sie kann nicht als bloße Idee lebendig und wirksam sein. Ich besorge nun sehr, wir würden uns selbst auf die Seite schieben, würden durch den Beschluß, von hier abzuziehen, einen weiteren Theil der Versammlung gänzlich austreiben, einen sehr achtbaren Theil, der hier ausgehalten hat und hier aushalten will, auch nachdem er sich beträchtlich in der Minderheit befindet. Wir haben wahrhaftig nicht Ursache, uns noch weiter zu vermindern, vielmehr müssen wir uns zu mehren und zu stärken suchen. Darum haben wir auch ferner beschlossen und dringend aufgefordert, daß durch Ersatzmänner und Neuwahlen die gebrochenen Lücken so viel möglich wieder ausgefüllt werden. Dieser Aufruf wird aber in manchen Gegenden Deutschlands um so weniger fruchtbar sein, je mehr wir uns durch die veränderte Stellung diese Gegenden entfremden. Wir dürfen uns nicht verhehlen, es wird sich, wenn auch ohne zureichenden Grund, die Vorstellung bilden, als sei die deutsche Nationalvertretung zu einem unfreien, die Bewegungen des südlichen Deutschland keineswegs leitenden, sondern von ihr beherrschten und bewältigten Winkelconvent geworden. So würde die Verlegung, die zur Aufrechthaltung und Kräftigung der deutschen Nationalvertretung dienen soll, gerade in das Gegentheil umschlagen.« Uhlands Abmahnen wurde nicht beachtet, sondern die Verlegung mit 71 gegen 64 Stimmen beschlossen und Uhland folgte, wenn auch mit schwerem Herzen, nach Stuttgart. Dort wurde gleich in der ersten Sitzung eine Regentschaft von fünf Personen an die Stelle der Centralgewalt vorgeschlagen. Römer, Schott, Uhland, Vischer, Klett, Giskra und einige Andere stimmten gegen die Regentschaft, welche aber in der nächsten Sitzung gewählt wurde. Uhland und die Obigen enthielten sich der Abstimmung. Die Unmacht der Regentschaft zeigte sich bald bei dem der Versammlung vorgelegten und von ihr angenommenen Gesetz für Bildung der Volkswehr, zur Durchführung der Reichsverfassung. Von einem Abgeordneten wurde ausgesprochen, wenn Römer nicht zur Durchführung dieses Gesetzes behülflich sei, so sei er ein Verräther. Uhland nahm nun das Wort: »Ich habe weder die Kundgebungen des württembergischen Ministeriums, noch die Beschlüsse der württembergischen Kammer zu vertreten, aber das ist meine Ueberzeugung, daß, so wie die Verhältnisse liegen, die Regierung, die Kammer, das Volk von Württemberg ohne vorgängige Prüfung nicht gedanken- und willenlos sich allen und jeden Anforderungen der Nationalversammlung und der von ihr eingesetzten Regentschaft zu fügen haben, selbst dann, wenn ihnen vor Augen läge, daß die Erfüllung solcher Anforderungen, ohne dem Allgemeinen zu helfen, die Zerspaltung und Zerrüttung des Landes herbeiführen müßten. Ich erkenne den rechtlichen Fortbestand der Nationalversammlung bei einem Minimum von 100 anwesenden Mitgliedern fortwährend an; wenn ich dieß nicht thäte, so wäre ich nicht hier. Ich bezweifle auch nicht die Berechtigung der Versammlung, eine Regentschaft zu wählen, wie sie gethan hat, und ich habe gegen diese neue Executivgewalt darum gestimmt, weil ich sie, so wie sie gestaltet ist, weder für heilbringend, noch für wirksam halten kann. Allein dieselbe Nothwendigkeit, die für diese Abweichung von einem früheren Beschlüsse dieser Versammlung geltend gemacht wurde, dieselbe Nothwendigkeit, welche schon früher zu den wichtigsten Beschlüssen geführt hat, eben diese Nothwendigkeit ist auch jetzt, wo Deutschland mit seinen obersten Gewalten überall aus den Fugen gegangen ist, diese gebieterische Notwendigkeit liegt für Württemberg vor, von sich abzuwehren, was zu seinem offenbaren Verderben gereichen würde. Indem ich diese meine Ansicht offen ausspreche, glaube ich ebenso wenig einen Treubruch oder Hochverrath zu begehen, als ich meinen Freund Römer eines solchen schuldig erachten kann, wenn er nicht Land und Volk Württemberg eiligst und unbedingt zu Handen und Banden der neuen Reichsgewalt stellen will. Man mag mir persönliche Befangenheit vorwerfen, und Eines ist, was ich aufrichtig bekenne: die deutsche Bewegung hat in größerer Anzahl Talente hervorgerufen und entwickelt als Charaktere. Um so weniger bin ich geneigt, einen Charakter, den ich einmal als einen gesunden, tüchtigen erkannt und erprobt habe, leichtfertig wegzuwerfen. Ich werde mein Urtheil dem seinigen nicht dienstbar machen, aber ich werde, was von ihm ausgeht, genau ansehen, bevor ich verdamme – – Römer ist ein Charakter, lauter wie Gold und fest wie Stahl, ich weiß nicht, ob seine Nachfolger von edlerem Metalle sein werden.« Die Sorge um Aufrechthaltung des Friedens im Lande nöthigte bald darauf das Ministerium, dem ferneren Tagen des Parlaments Einhalt zu thun. Römer schrieb dem Präsidenten und ersuchte ihn, »ohne Verzug dahin zu wirken, daß Parlament und Regentschaft sich einen andern Sitz aussuchen und in Stuttgart jeden weiteren officiellen Akt unterlassen möchten.« Dieses Schreiben wurde in der württembergischen Kammer vorgelegt und Römer bemerkte: er habe noch keine Antwort hierauf. Der anwesende Vicepräsident des Parlaments, Schoder, zugleich Kammermitglied, antwortete hierauf: »Die Antwort kann ich geben, um drei Uhr ist Sitzung.« Hierauf ließ Römer militärische Anstalten treffen, um die Sitzung zu verhindern. Uhland war am Vormittag dieses Tages in Berg bei Verwandten und hörte erst nach Tisch, bei einem Freund, von dem Vorgegangenen, und dann den Trommelschlag und das Annähern des Militärs. Er eilte nun in des Präsidenten Löwe Wohnung und als er ihn da nicht antraf, in das Hotel Marquardt, dort war Löwe mit andern Parlamentsgliedern; sie beschlossen nun, sich im Zuge in die Sitzung zu begeben und dort die Gewalt an sich vollziehen zu lassen. Schott und Uhland nahmen den Präsidenten in ihre Mitte und gingen dem Sitzungslokale zu. In der Nähe desselben fanden sie Infanterie aufgestellt, die ihnen das Weitergehen verwehrte. Aus den Reihen des Fußvolks trat der Civilcommissär und erklärte dem Präsidenten: daß keine Sitzung gehalten werden dürfe. Der Präsident wollte sprechen und Protest einlegen, da wurden aber die Trommeln gerührt und als er es auf's Neue versuchte, fielen die Trommeln wieder ein und von der Seite heran rückte die Cavallerie und drängte die Abgeordneten auseinander. Diese wichen nun der Gewalt und kehrten in das Hotel zurück, um dort ein Protokoll über den Vorgang aufzusetzen. Zum Glück kam keine Verwundung vor. Da übertriebene und widersprechende Berichte in Umlauf kamen, so veröffentlichte Uhland eine Darstellung und Erklärung, deren Schluß hier folgt. »Es wäre der Nationalversammlung nicht angestanden, auf die bloße Meldung hin, daß die Straßen gesperrt seien, den Gang nach ihrem Sitzungslokale aufzugeben; sie war es sich und dem Volke schuldig, das sie zu vertreten hatte, thatsächlich und augenfällig festzustellen, daß sie nur der äußern Gewalt weiche und zugleich gegen diese Gewalt Verwahrung einzulegen. Daß hiebei zwei Abgeordnete aus Württemberg zur Seite des Präsidenten mit an der Spitze gingen, war nahezu die einzige Gastfreundschaft, welche der Versammlung geworden ist. Hier kann auch nicht die politische Parteiung in Betracht, sondern einzig das Bewußtsein des Zusammengehörens in dem zuletzt noch aufrecht gebliebenen Bestände der deutschen Nationalvertretung. In dem gemeinsamen Zuge lag weder für die Versammlung selbst noch für den öffentlichen Frieden eine wahrscheinliche Gefahr. Es war nicht zu viel verlangt, wenn man erwartete, der Civilcommissär werde unter Hinweisung auf die vor uns aufgestellten Truppen den Durchgang verweigern und sodann den Präsidenten seine Verwahrung entgegensetzen lassen. Damit wäre der Sache von beiden Seiten Genüge geschehen. Nicht zu erwarten war aber, daß die wiederholten Versuche des Präsidenten, seinen Protest zu erheben, übertrommelt wurden, und noch weniger war es durch die Umstände geboten, daß von der Seite her, und vor den Reihen des Fußvolks, Reiterei heranzog, um, wenn auch nur im Schritt vorrückend, die unbewaffneten Volksvertreter hinwegzudrängen oder abzuschließen. Dadurch erst war die Gefahr hervorgerufen, daß wenn die Entrüstung des obwohl nicht zahlreich versammelten Volkes sich Luft gemacht hätte, die Abgeordneten mitten in den Zusammenstoß gerathen wären. Die Gerüchte, daß ich selbst körperlich verletzt worden, sind schon anderwärts widerlegt; die einzige Verletzung, die ich davon getragen, ist das bittere Gefühl der unziemlichen Behandlung, welche dem letzten Reste der Nationalversammlung in meinem Heimathlande widerfahren ist.« In den ersten Tagen nach der Sprengung des deutschen Parlaments reiste Uhland nach Tübingen zurück, nachdem er fünfzehn Monate von Hause entfernt gewesen. Obgleich er sich von Anfang an die Schwierigkeiten, die sich einer glücklichen Neubildung der deutschen Verhältnisse entgegenstellten, nicht verborgen hatte, so mußte ihm der Schiffbruch aller Hoffnungen doch sehr schmerzlich sein. Es war vielleicht gut für ihn, daß er zu Hause vielerlei zu besorgen vorfand nach der langen Entfernung. Während des Frankfurter Aufenthaltes hatte er einen geliebten Schwager, den Mann seiner verstorbenen Schwester, durch den Tod verloren; er hatte die Pflegschaft des jüngeren der beiden Söhne zu übernehmen, der ihm nun während seiner Studienjahre ein lieber Hausgenosse wurde und dem er alle Liebe seines treuen Herzens zuwendete. Ludwig Meyer studierte die Rechtswissenschaft, Wilhelm Steudel, der andere Pflegesohn, die Medicin. Die jungen Leute brachten Leben in das stille Haus und erhielten die Verbindung mit der Außenwelt. Uhland wußte, daß seine Tübinger Freunde und Bekannte größtentheils einer andern Ansicht in der Politik angehörten und zog deßhalb vor, in der nächsten Zeit von gesellschaftlichen Vereinigungen ferne zu bleiben. Ueber seine Theilnahme am politischen Leben äußerte er einst: » Es lag nie in meinem Wunsche, eine Stellung als Leiter einer Partei einzunehmen, überhaupt betheiligte ich mich an politischen Verhandlungen nur, weil ich es für Pflicht hielt, mich nicht zu entziehen, wenn ich dazu berufen wurde. Ich wollte aber immer nur als gemeiner Soldat dienen und ließ die hervorragenden Stellen gerne den Andern, die sich dazu drängten. Ohne Rückhalt mich aussprechen, wie meine Ueberzeugung gebot, das wollte ich, in der Ständeversammlung, wie im Parlament. In letzterem hat es leider an den Officieren gefehlt.« Von seinem Verbleiben bis zur Sprengung des Parlaments sagte er: »Der massenhafte Austritt der Preußischgesinnten hat mich so verletzt, daß er mich in dem Entschluß, auszuharren bis zum Aeußersten, befestigte. Auch hätte es mir, der kurz vorher die Proklamation mit der Aufforderung zum Bleiben und zur Vornahme neuer Wahlen verfaßt hatte, am wenigsten angestanden, selbst auszutreten. Auch als Württemberger durfte ich es nicht. Meine wenn auch unmächtige Stimme gegen unsinnige Beschlüsse zu erheben, das war meine Pflicht, aber nicht durch meinen Austritt die Versammlung unvollzählig zu machen, dieß hätte mich angewidert, wie alle die Ansinnen, die deßhalb an mich gemacht wurden. Wir mußten bleiben, dem Volk sein Anrecht an ein Parlament erhalten, bis die faktische Unmöglichkeit constatirt war. Meine Lage war unerträglich, aber nur der Ausbruch des Bürgerkriegs hätte mich berechtigt, zu weichen.« So wenig Uhland den Aufstand in Baden gebilligt hatte, so konnte er doch den standrechtlichen Urtheilen, die der preußischen Militärgewalt von der wieder eingesetzten Regierung in Baden überlassen wurden, nicht unthätig, ohne seine Stimme dagegen zu erheben, zusehen. Dieß zeigt sein nächster Brief. Uhland an Professor Mittermaier. Tübingen, 25. September 1849. »Hochverehrter Herr! Noch immer bringen uns die Zeitungsblätter aus Baden standrechtliche Erkenntnisse, meist Todesurtheile, und wo die Milde vorschlägt, Verurtheilungen zu zehnjähriger Zuchthausstrafe. Von Tag zu Tag hat man die Einstellung dieser außerordentlichen Strafrechtspflege erwartet, vergeblich! Wie die gleichgültigste Fristerstreckung wird die Fortdauer des Standrechts je wieder von vier Wochen zu vier Wochen verkündigt. Der Eindruck dieses Verfahrens ist der, daß nicht der gegenwärtige Zustand des badischen Landes die Verlängerung erheische, sondern daß derselbe lediglich verfügt werde, damit nicht die milderen, ordentlichen Gerichte eintreten, bevor Alle, an denen man ein blutiges Beispiel aufstellen zu müssen glaubt, standrechtlich getroffen sind. Umsonst versucht man es, für diese Gerichtsbarkeit überhaupt einen rechtlichen Standpunkt zu ergründen. Es ist auch meines Wissens von der badischen Regierung nirgends ein solcher angegeben worden. Ist es denn auch jemals erhört worden, daß eine Regierung den Stab der Blutgerichte über ihre eigenen Angehörige freiwillig in die Hände einer fremden Militärgewalt übergeben hat? Mußten es Kriegsgerichte sein, war es denn durchaus unmöglich, aus einem neuen Kerne des badischen Heeres ordnungsmäßig solche herzustellen? Und war dieß wirklich nicht ausführbar, wäre man wirklich genöthigt gewesen, alle jene Processe an den ordentlichen gemeinen Richter zu verweisen, und hätte man dann auch nach früheren Erfahrungen von den Geschworenen nur parteiische Lossprechungen erwarten zu dürfen gemeint, so fragt es sich noch immer (und dieß ist der politische Gesichtspunkt) auf welcher Seite lag das größere Unheil? Lag es darin, daß keine Hinrichtungen stattgefunden hätten, der strafenden Gerechtigkeit nicht ihr Opfer geworden wäre, oder liegt es nicht vielmehr in einer Maßregel, welche die Wunden des zerrütteten Landes nicht heilen läßt, weil sie täglich neu aufgerissen werden? Es ist wahrlich nicht abzusehen, wie eine Regierung sich befestigen kann, die den ernstesten Theil des Richteramts verfassungswidrig auf eine Weise hingibt, wodurch bei der besiegten Partei fortwährend der Schrei der Rache geweckt, und auch bei Solchen, die nicht zu dieser Partei zählen, der Groll des Widerwillens und der Entrüstung erzeugt wird. Ja, verehrter Mann, Sie erinnern sich, denn Sie haben in erster Reihe daran gearbeitet, mit welchem Eifer, mit welcher ängstlichen Sorgfalt wir in den Grundrechten des deutschen Volkes und noch bei Berathung des letzten Ausnahmartikels der Verfassung die Strafrechtspflege unabhängig und unantastbar hinzustellen bemüht waren. Und nun, in einem Lande, dessen Regierung die Grundrechte verkündet, die Verfassung anerkannt, diese Behandlung des Strafrechts! Die Zerrüttung, ich erkenne das an, ist in Baden nicht von der Regierung ausgegangen, aber durch solche Maßregeln pflanzt sie die Zerrüttung fort, verdirbt sich gründlich ihre Stellung, bringt sich um Zuneigung und Glauben im eigenen Land und im deutschen Gesammtwesen; denn welcher Vaterlandsfreund sollte sich nicht tief verletzt, gedemüthigt fühlen, daß nach den Erwartungen und Anstrebungen des Jahres 1848 in einem deutschen Staate dieser Zustand, und dazu noch mit dem harmlosen Anspruch auf rechtliche Gültigkeit, seit Monaten sich erhalten kann! Sie haben wohl gelesen, daß in Württemberg von vielen Seiten, auch von den conservativen Gemeindebehörden, dringende Aufforderungen an unsere Regierung ergehen, sich mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln für die Aufhör des badischen Standrechts überhaupt, und namentlich auch in Beziehung auf dort verhaftete Württemberger zu verwenden. Ich weiß nicht, ob dem württembergischen Ministerium die Mittel einer wirksamen Verwendung zu Gebot stehen, ob nicht alle volksmäßigen Kundgebungen in dieser Sache von den Gewalthabern in Baden nur für Parteigetrieb angesehen werden. Unbekannt ist mir auch, was in Ihrem Lande selbst in dieser Richtung geschehen, ob insbesondere etwas dem Aehnliches versucht worden ist, was ich Ihrer Erwägung hier vorzulegen mir gestatte. Wenn angesehene Rechtskundige, Sie, Welcker, Mohl und andere Männer, die außerhalb der schroffen Parteiung stehen, und dafür anerkannt sind, die als badische Staatsbürger und Volksvertreter den nächsten, dringendsten Beruf der Beteiligung haben, wenn diese ungesäumt und öffentlich vor Baden und vor der ganzen deutschen Nation ihr nach allen Seiten rückhaltloses Rechtsgutachten, ihren entschiedenen Rechtsausspruch darüber abgäben, gegenüber jenen Ausnahmgerichten: was Verfassung, Gesetz, selbst die allgemeinsten Rechtsgrundsätze fordern und verwerfen, ich denke mir, eine solche Stimme würde nicht wirkungslos verhallen. In dieser quälenden Zeit sinnt Jeder an seinem Theil auf Rath und Abhülfe; nehmen Sie auch meinen Gedanken, dem Sie vielleicht auf anderem Wege schon werkthätig vorgegriffen haben, mit derselben freundlichen Gesinnung auf, der ich mich durch alle Wechselfälle der Frankfurter Versammlung von Ihnen zu erfreuen hatte. In aufrichtiger Hochschätzung L. U.« Auch in das württembergische Blatt, »Der Beobachter,« schickte er folgenden Aufsatz ähnlichen Inhalts am 16. October ein: Das Standrecht in Baden: Die Auflehnungen der öffentlichen Meinung gegen das rastlos fortarbeitende Blutgericht in Baden sind nicht blos Ausdruck des natürlichen Gefühls oder der politischen Parteiung, es steht ihnen das strenge, tiefverletzte Rechtsbewußtsein zur Seite. Wohl hätte sich erwarten lassen, daß im rechtsgelehrten Deutschland gerade dieser Standpunkt nachdrücklicher, entschiedener eingenommen würde. Dem Schreiber dieser Zeilen ist nicht bekannt, was nach solcher Seite in Baden selbst durch angesehene Rechtskundige, Volksvertreter, Reichstags-Abgeordnete, die zu den Grundrechten mitgewirkt haben, öffentlich und mit dem vollen Gewicht ihres Namens geschehen ist. Wenn die Genossen der besiegten Partei dort ihre Stimme nicht erheben können, wohl auch nur zu ihrem Nachtheil erheben würden, so ist jetzt eben die rechte Zeit für das abwehrende Einschreiten der Gemäßigten, Unverdächtigen, und wenn der Parteiruf verstummen muß, ist es stille Luft für die Schärfe des juristischen Urtheils. Aber es handelt sich auch nicht lediglich um eine badische Angelegenheit. Mag die Reichsgewalt zerfallen, das Vaterland mehr als je zerrissen sein, dennoch ist es eine gemeinsam deutsche Sache, daß nicht auch die Rechtsbegriffe untergehen, daß an keinem einzelnen Orte die Rechtsordnung und mit ihr die deutsche Bildung und Nationalehre zu Boden liege. Lebhaft hat sich an dieser Angelegenheit Württemberg betheiligt; aber auch hier ist weniger der streng rechtliche Gesichtspunkt festgehalten worden. Zu Gunsten derjenigen Württemberger, die in Baden wegen Theilnahme an dem dortigen Aufstand gefangen und dem standrechtlichen Verfahren ausgesetzt sind, ist die Ansicht und Thätigkeit des württembergischen Ministeriums in folgender Weise kund geworden. Die allgemeine Rechtsregel, daß den Gerichten des Landes, in welchem ein Verbrechen begangen worden, auch dessen Bestrafung zustehe, gestatte dem Ministerium nicht, die Auslieferung jener Gefangenen zu verlangen , es könne sich nur dafür verwenden . Es habe darum auch nicht dieselben reklamirt , wohl aber für sie dringend sich verwendet, und es sei Hoffnung vorhanden, daß bei weitem der größte Theil derselben an Württemberg werde ausgeliefert werden. Diese Hoffnung ist bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen, und wenn sie auch im bezeichneten Maße sich verwirklicht, so werden doch unter jenem größeren Theile gerade die am meisten Beschwerten und Gefährdeten kaum begriffen sein. Daß ein Staat nicht in die unabhängige Strafrechtspflege des andern einschreiten darf, ist ein unbestrittener Rechtssatz. Aber damit ist der vorliegende Fall rechtlich nicht erschöpft. Wenn die Angehörigen eines Staates in dem andern einer gerichtlichen Behandlung unterworfen werden, welche mit der Verfassung und den Gesetzen des letztern selbst, wie mit den allgemeinsten Rechtsnormen im Widerspruch steht, dann ist nicht bloß eine Verwendung, sondern eine Einsprache , eine Forderung gerechtfertigt, und geboten, das Verlangen, daß jene Angehörige nicht anders als in rechtsgültiger Form untersucht und abgeurtheilt werden. Ist es nun mit der badischen Verfassung, mit den badischen Gesetzen und Einrichtungen, geschweige mit den von Baden verkündigten Grundrechten des deutschen Volkes vereinbar, daß die Strafrechtspflege dieses Landes einseitig von der Regierung desselben – ein wohl niemals erhörter Fall – der Militärgewalt eines andern Staates überantwortet ist? Daß die Standrechte fortdauern, und von Monat zu Monat, als wären es die gleichgültigsten Fristerstreckungen, erneuert werden, nachdem die Grundbedingungen jeder Standrechtsbestellung, Kriegsgefahr, Aufruhr, so augenscheinlich beseitigt sind, daß der größere Theil des eingerückten Heeres zurückgezogen werden konnte? oder wäre Das ein Rechtsgrund für das Fortleben der Standgerichte, daß nur mittelst ihrer Diejenigen, die alle getroffen werden sollen, mit der Todesstrafe getroffen werden können? Wenn das württembergische Ministerium, wie nicht zu zweifeln, sich diese Fragen verneint, so wird es für sein Recht und für seine Aufgabe erkennen, neben der Verwendung, sei es auch ohne bestimmte Aussicht auf Erfolg, verlangend, einsprechend aufzutreten. Es haftet Gefahr auf dem Verzuge. L. U.« Es ist behauptet worden, daß dieser Artikel nicht wirkungslos geblieben sei. Uhland an Professor ... Tübingen, 24. November 1849. Geehrter Herr! »Auf Ihre freundliche Einladung zur Theilnahme an der neuen politischen Monatschrift säume ich nicht, zu erwiedern, daß ich niemals mich als politischer Schriftsteller versucht habe, die poetische Auffassung aber für mein Gefühl nicht an der Zeit ist. Jetzt erst in die ungewohnte Bahn einzutreten, wäre für mich um so schwieriger, als ich schon in Frankfurt und seitdem noch mehr die herbe Erfahrung gemacht habe, daß ich, wie die Parteien sich gestellt, mit meinen Ansichten und Neigungen sehr vereinsamt stehe. Achtungsvoll L. U.« Uhland an Professor Mühlenhoff in Kiel. Tübingen, 30. December 1849. »Sie erhalten hiebei, verehrtester Herr Professor, meinen freilich nicht sehr reichen Apparat zum »Wolfdietrich.« Der »Ambraser Otnit« ist Abschrift von der Hand Bergmanns, der mich freundlich damit beschenkt hat; den dazu gehörigen »Wolfdietrich,« der leider auch in der Handschrift unvollständig ist, ließ ich durch Franz Goldhahn in Wien abschreiben. Die Auszüge aus der ungenügenden Frankfurter Handschrift habe ich selbst gemacht. Es wäre zu wünschen, daß von der Hagen, der, nach dem mit anliegenden Blatte, bedeutendes Material haben muß, Ihnen damit an Hand ginge, vielleicht könnte Maßmann, der ihm näher steht, dieß vermitteln. Ich würde sogleich, als ich durch Pfeiffer von Ihrem Vorhaben hörte, Ihnen die Abschriften angeboten haben, wenn ich nicht damals noch unschlüssig gewesen wäre, welche meiner angefangenen Arbeiten ich nach langer Abwesenheit von Hause zunächst wieder aufnehmen solle. Zu einem Theil derselben wären mir die Collectaneen für »Wolfdietrich« unentbehrlich gewesen. Seitdem habe ich wieder zu den Volksliedern gegriffen, und Ihre Zuschrift kommt jetzt meinen eigenen Gedanken erwünscht entgegen. »Wolfdietrich« war schon in früher Zeit mein Liebling; vor mehr denn vierzig Jahren, als Student, ließ ich in Seckendorfs Musenalmanach einige Übertragungen daraus, nach dem Heldenbuche von 1509, abdrucken, und späterhin, als Universitätslehrer, suchte ich ihn wenigstens im Kreise meiner Zuhörer zur verdienten Anerkennung zu bringen. Es muß von zufälligen Umständen herrühren, daß selbst W. Grimm in der Heldensage und Jacob Grimm in der Mythologie ihm nicht mehr Beachtung geschenkt haben. Nach meiner Ansicht gehört er in mythischer und zumal auch in ethischer Beziehung zu dem Kostbarsten, was uns hoch herab aus dem deutschen Alterthum überliefert ist. Um so mehr bin ich jetzt erfreut, die endliche Herausgabe in den besten Händen zu wissen. Für das gütig überschickte Programm bin ich noch meinen herzlichen Dank schuldig; möchte bald die Fortsetzung dieser schönen Abhandlung zu Tage treten. Die Zurücksendung der beifolgenden Mittheilungen kann bis gegen den Sommer hin anstehen, und wenn ich ihrer auch dann nicht bedürfen sollte, noch weiterhin, denn ich wünschte Ihnen zu ersparen, daß Sie nicht erst Abschriften davon nehmen zu lassen brauchten, sondern die meinigen unmittelbar zur Bereinigung des Textes benützen könnten. Mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebenster L. U. Uhland an Professor Häßler in Ulm. Tübingen, 31. December 1849. »Sie haben mich sehr erfreut, verehrtester Freund, indem Sie meiner literarischen Anliegen so treulich gedenken. Sämmtliche Lieder näher kennen zu lernen, wird mir von Interesse sein und nicht minder die Veesenmaier'sche Handschrift, die ich in den Abgrund der Meusebach'schen Sammlungen versunken glaubte und nun zu meiner Befriedigung in Ihrem Besitze weiß. Wollen Sie mir all' dieß gütig zukommen lassen, so geht meine Ungenügsamkeit noch weiter, wenn ich Sie bitte, ein Lied auf Herzog Ulrich, von dem Sie mir sagten, im Fall es sich auch wieder vorgefunden hat, gleichmäßig beizulegen. Manches, was sich mir nicht in die Liedersammlung selbst eignet, zu der ich übrigens Nachträge zu geben denke, kann mir für die Abhandlung über die ältern deutschen Volkslieder nützlich sein, an der ich jetzt arbeite. Eben diese Beschäftigung muß mich auch entschuldigen, daß ich Ihre früheren Mittheilungen noch in Händen habe; ich werde sie aber nunmehr erledigen und mit den neu zu hoffenden wohl bewahrt zurückliefern. Eine Arbeit dieser stillen Art setzt sich freilich dem Vorwurf aus, daß sie in der jetzigen Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit, eher als ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens, an dessen Gesundheit man irre werden muß, wenn man einzig die Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edleren reineren Geist geschichtlich herzustellen um so weniger unnütz sein mag, je trüber und verworrener die Gegenwart sich anläßt. Die Gefangenen in Augsburg sind nun doch noch zu Weihnachten frei geworden. Ich verweilte dort nur einen halben Tag, da Herberger verreist war. In Nördlingen, wonach Sie fragen, fand ich auf der Stadt- oder Gymnasial-Bibliothek nur einige ältere Drucke von Fischart etc. Dagegen wurde mir von der fürstlich Wallersteinischen in der Nachbarschaft gesprochen, die ich vielleicht auf's Frühjahr besuchen werde. Nun, theurer Freund, noch meine besten Wünsche zum angehenden Jahre; möge es Ihre Gesundheit völlig herstellen und in lichteren Ausblicken für das Vaterland auch dem Vaterlandsfreunde froheren Muth bringen. Der Ihrige L. U.« Uhland an Professor Moritz Haupt in Leipzig. Tübingen, 10. Februar 1850. »Sie haben durch Ihr gütiges Anerbieten, mir die wieder aufgetauchten Liederbücher zugehen zu lassen, mich freudig überrascht. Meine Reise nach Sachsen im Jahr 1843, auf der ich von Ihnen so gastfreundlich aufgenommen war, hatte besonders auch den Zweck, jenen Liederbüchern nachzuforschen. Was damals nicht gelang, soll jetzt in gelegenster Zeit in Erfüllung gehen. Nachdem ich fünfzehn Monate von Haus und von den Studien entfernt war, und bei der Rückkehr so mancherlei zu ordnen vorgefunden hatte, bin ich endlich, wenn es auch nachschwingt, dazu gelangt, mir die vorbereiteten, angefangenen, halbausgeführten Arbeiten wieder anzusehen, und ich habe nun zunächst wieder zu den Volksliedern gegriffen. Es soll ein Band der Abhandlung zum Drucke zugerüstet werden, und ich dachte zugleich darauf, einen Nachtrag zur Liedersammlung aus dem später Gewonnenen und noch zu Erreichenden beizugeben. Sie sehen hieraus, wie doppelt erfreulich mir eben jetzt die anerbotene Mittheilung kommen wird. Ich werde dieselbe mit achtsamer Sorge benützen und zurückbeordern. Möge doch über dem Meusebach'schen Nachlaß ein günstiger Stern walten, damit nicht eine Sammlung in's Elend gehe, oder kläglich zerstreut werde, die so recht dem eigensten Leben des deutschen Volkes angehört und, einmal verschleudert, nicht mehr zu ersetzen wäre. Nehmen Sie meinen besten Dank für die schöne Erläuterung zum Parcival, die zuletzt an den Berg anknüpft, der eben in der Morgensonne vor mir liegt. In treuer Ergebenheit Ihr L. U.« Uhland an Rechtsanwalt ... in Münster. Tübingen, 21. März 1850. »Hochgeehrter Herr! Die verehrliche Zuschrift vom 14./19. d. M., worin Sie als Vertheidiger des Herrn Oberappellationsgerichts-Directors Temme mich zum Zeugniß über dessen Verhalten in den Clubversammlungen zu Frankfurt und Stuttgart auffordern, säume ich nicht, mit Folgendem zu beantworten: Während der ganzen Dauer des Parlaments in Frankfurt war ich niemals Mitglied eines Clubs. Einzelnen Clubversammlungen, aber auch dieß nicht häufig, habe ich angewohnt, namentlich in solchen Fällen, wo über bedeutendere Fragen, welche der Nationalversammlung zur Entscheidung vorlagen, die verschiedenen Fractionen der Linken, oder auch des linken Centrums, zu einer Vorberathung zusammentraten. Auch an den vorberathenden Zusammenkünften in Stuttgart habe ich, in Folge meiner politischen Stellung zu der Mehrheit des dahin übergesiedelten Parlamentes, nur wenig Theil genommen. Insbesondere aber kann ich mich durchaus nicht erinnern, daß in irgend einer derartigen Versammlung, soweit ich gegenwärtig war, Herr Temme als Sprecher aufgetreten wäre. Ich weiß nicht einmal mit Bestimmtheit, welchem Club er sich angeschlossen. Unter diesen Umständen vermag ich über einen positiven Inhalt dessen, was Herr Temme in Clubversammlungen zu Frankfurt oder Stuttgart geäußert, lediglich nichts auszusagen. Das aber kann ich mit bestem Gewissen bezeugen, daß ich in den von mir besuchten Versammlungen oder Vorberathungen niemals ein Wort vernommen habe, wodurch Herr Temme zum Verlassen des gesetzlichen Bodens oder zur Aufregung des Volkes gerathen hätte. Eine Aeußerung dieser Art, deren übrigens Temme gar nicht beschuldigt zu sein scheint, würde sich meinem Gedächtniß um so gewisser eingeprägt haben, als die Erscheinung des vielgeprüften Mannes vielmehr den entgegengesetzten Eindruck, den Eindruck einer milden und ernsten Persönlichkeit auf mich gemacht hat. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. L. Uhland.« Aehnliche Anfragen und Anforderungen wie die in dem letzten Briefe beantworteten, schmälerten die Zeit, die Uhland nach der langen Unterbrechung so gerne ungetheilt seiner Arbeit zugewendet hätte. Eine leidige Einberufung zum Staatsgerichtshof, in welchen er im Jahr 1848 von der zweiten Kammer gewählt worden war, hatte im Juli 1850 statt. Herr Bibliothekar Dr. Klüpfel berichtet darüber Folgendes: »Der damalige provisorische Vorstand des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten, Freiherr von Wächter, später Justizminister, war wegen des Beitritts zum sogenannten Interim, d. h. der interimistischen Bundescentralcommission, welche 1840 durch Oestreich und Preußen eingesetzt wurde, und wegen der Theilnahme am sogenannten Münchner Dreikönigsbund in Anklagestand versetzt worden, weil er diese politischen Acte nicht, wie der Verfassung gemäß hätte geschehen sollen, den Ständen vorgelegt hatte. Uhland mußte nicht nur seinen Sitz im Staatsgerichtshof einnehmen, sondern wurde auch zum Correferenten bestellt. Er unterzog sich dieser schwierigen und unter damaligen Verhältnissen, wo das fragliche Bündniß bereits keine practische Bedeutung mehr hatte, undankbaren Arbeit mit der gewohnten Sorgfalt und Gründlichkeit und verfaßte einen ausführlichen Bericht. Sein Votum ging dahin, daß allerdings eine Verfassungsverletzung vorliege, während der andere Referent auf Abweisung der Klage und Freisprechung des Angeklagten antrug. Letzteres Votum erhielt die Majorität.« Die nächstfolgenden Briefe schrieb Uhland während dieser Arbeit von Stuttgart aus an seine Frau. Stuttgart, 22. Juli 1850. »Liebste! Meine Hoffnung, daß der vierte Bericht über das gerichtliche Verfahren, mit dem ich jetzt beschäftigt bin, meine letzte schriftliche Arbeit in dieser widerwärtigen Sache sein werde, ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Es sollen auch für die Hauptfragen die gleichen Referenten bleiben. Da die Parteien Revision ergreifen könnten, für welchen Fall dann beim nämlichen Gerichtshof neue Referenten bestellt werden müßten, so sollen nicht vier Mitglieder schon zum Voraus abgenützt werden. Am Freitag hatte ich wieder den ganzen Tag zu arbeiten, und am Samstag war Sitzung von neun bis halb zwei Uhr. Nun ist man so weit, daß gestern die Anklageschrift dem Beklagten mitgetheilt und ihm zu seiner vorläufigen Vernehmlassung eine Frist von acht Tagen gegeben wurde. Man hört, daß ihm sehr an baldiger Erledigung gelegen sei und er sich deßhalb so schleunig erklären dürfte, daß man übermorgen vielleicht wieder Sitzung halten könnte. Dann wäre aber ein fernerer Termin etwa auch von acht Tagen für die öffentliche Verhandlung anzuberaumen, hierauf vom Referenten der Hauptbericht auszuarbeiten und mir zum Correferat zu geben, sofort vom Gerichtshof über Schuld und Strafe zu berathen und zu beschließen, endlich eine abermalige öffentliche Sitzung zu Verkündung des Urtheils zu veranstalten. Wird nun, wie zu hoffen, auch nicht noch Revision verlangt, so geht doch immer noch eine mühselige Zeit bis zu meiner Erlösung vorüber. Wilhelms Ankunft hat mich gestern herzlich erfreut. Ich war bei Neeffs über Mittag und ging dann Abends mit ihm nach Gaisburg. Sein Aussehen ist gut, und ich hoffe, daß ihm diese Lebenserfahrung Die militärische Dienstleistung. nicht unzuträglich sein werde. Meine Uebersiedlung in den Großfürsten führte ich gleich nach Deiner Abreise aus. Ich kann hier im Hause wohl zufrieden sein; heute war Wilhelm bei mir zu Gaste, er kann sagen, ob es ihm wohl geschmeckt hat. Heute Abend wollen wir zusammen auf der Eisenbahn nach Untertürkheim fahren. Solche Abendausflüge in's Neckarthal, diesen Morgen auch ein Neckarbad, sind meine Erholung. Morgen soll ich bei Roser mit seinen Kindern zu Abend essen. Das Päckchen mit Wäsche ist richtig angelangt. Für die öffentliche Sitzung werde ich die seidene Weste nöthig haben, doch keineswegs, wie unser Präsident andeutete, eine weiße Halsbinde. Nun sei bestens gegrüßt, grüße Ludwig, Mayer und die Seinigen. Ist von Mappes keine Nachricht gekommen? Innig Dein L.« Stuttgart, 15. August. »Liebste Emma! Mappes und seine Kinder sind sehr vergnügt mit ihrem Tübinger Aufenthalt hier angekommen und es haben mir gestern Nachmittag alle zusammen einen Besuch gemacht. Später hatte ein Abendessen bei Marquart für den Frankfurter Freund statt; es waren acht Gedecke; außer mir: Römer, Sternenfels, Frisch, Murschel, Kreuser und Duvernoy. Als ich am Montag von meinem Ausflug zu Euch wieder ankam, war noch nichts für mich vorhanden. Doch brauchte ich nicht ärgerlich zu werden, denn als ich mich gegen vier Uhr eben zum Taufschmause festlich ankleiden wollte, kamen zehn Bogen Referat, die ich vor Allem durchzulesen für nöthig fand und deßhalb erst um sechs Uhr noch zum Nachtische bei Ferdinands eintraf. Es war dort, des Champagners unerachtet, kein großer Lärm, doch freute mich's, die Geschwister zu sehen; die Getaufte heißt Anna. Da das Stück Referat, welches ich bis jetzt erhalten habe, sich noch nicht über dasjenige erstreckt, was ich für die Hauptsache halte, so wird noch ein starker Nachschub kommen, und es wird daher, wenn ich gleich jetzt schon arbeite, vor Ende nächster Woche von einer Sitzung nicht die Rede sein können, so daß also diese unerträgliche Geschichte wohl nicht vor Anfang Septembers zu Ende geht. Die Gedichte des Herrn ... in Hohenheim werden, ein zusammengelegtes Papierheft, wahrscheinlich auf dem Kommödchen in meinem Arbeitszimmer unter Büchern und Brochüren liegen. Ich hatte die Absicht, sie ihm schon vor meiner Abreise zu schicken; aber gehetzt, wie ich bin, vergaß ich es, und Du wirst mir einen Gefallen thun, wenn Du sie, vielleicht mit ein paar Worten von Dir oder einem der jungen Leute, daß ich schon lange von Hause abwesend sei, ihm zugehen läßst; die Welt wird den Druck derselben erwarten können. Von Herzen Dein L.« Stuttgart, 21. August 1850. »Liebste Emma! Du wirst mir allerdings einen Gefallen thun, wenn Du nach Pfullingen schreibst, wie Du nach Deinem letzten Brief im Sinne hattest. Wenn von Rechtsconsulent Traub inzwischen nicht die Rechnungen gekommen sind, so wirst Du wohl auch gegen die Theilungsbehörde erwähnen, daß solche Passiva noch von dort zu erwarten sind. Jetzt arbeite ich anhaltend an meinem Correferat; da übrigens das Referat, von dein ich sechszehn Bogen in Händen habe, noch nicht ganz abgeschlossen ist, obgleich nur Weniges noch fehlen wird, und da überhaupt die Sache doch weitläufiger ist, als man meinen möchte, so werde ich noch diese Woche und einen Theil der nächsten vollauf zu thun haben. Der Vortrag der Referate wird kaum in einer Sitzung beendigt werden können, dann die Berathung, die doch auch ausführlicher werden wird, endlich noch eine Tagfahrt zur Verkündigung des Erkenntnisses, das gibt Wohl noch vierzehn Tage der Trübsal. Nichte es nun mit der Reise nach Hedelfingen ein, wie Du es am besten findest; eher etwas mehr Luft werde ich haben, wenn einmal die schriftliche Arbeit abgestoßen ist; die Sitzungen werden mir dann, da ich lange genug vorbereitet bin, weniger zu schaffen machen. Daß mich Professor Liebrecht verfehlt hat, thut mir leid, da er ein in meinen Fächern kundiger und thätiger Mann ist. Grüße unsere Leute und freue Dich, nicht Mitglied des Staatsgerichtshofs zu sein wie Dein mühseliger L. Am Sonntag, Mittags zwölf Uhr, war Adolf Neeffs Trauung in der Hospitalkirche; ich war mit Ferdinand und Weigelin auf der Emporkirche und sah in lebendiger Erinnerung auf die Stufen herab, auf denen einst auch wir knieten,« Nach Beendigung der lästigen Arbeit am Staatsgerichtshof, der letzten politischen von Uhland, machte er eine kurze Schweizerreise an den Vierwaldstädter-See und auf den Gotthard. X. Stillleben in Tübingen. Krankheit und Tod. 1851 – 1862. UhIand an Professor Moritz Haupt in Leipzig. Tübingen, 7. October 1850. »Verehrtester Freund! Dem Danke für die werthvolle Mittheilung der Liederbücher hab' ich jetzt bei Zurücksendung derselben den weiteren beizufügen, daß Sie mir damit so sehr lange Geduld tragen wollten. Ich hatte wohl den besten Vorsatz, alles auf die bestimmte Zeit zu erledigen, aber die Abhaltungen, die dazwischen traten, waren mannigfach. Zwei Sommermonate mußte ich als Mitglied unseres Staatsgerichtshofs in Stuttgart Dienste leisten. Angenehmer war die Unterbrechung, die sich schon früher dadurch ergab, daß der literarische Verein, dessen Leitung durch Keller und Holland jetzt von hier ausgeht, im Laufe dieses Jahres mehrere Handschriften von Heidelberg, Wolfenbüttel etc. mitgetheilt erhielt, welche neben dem, was sie für die Zwecke des Vereins selbst darboten, auch für meine Studien im Gebiete der Volkspoesie Manches abwarfen, während mir für gelegentliche Benützung derselben nur genau bemessene Zeit übrig blieb. Es ist Ihnen vielleicht nicht unlieb, zu hören, daß dem Verein neuerlich auch eine Abschrift des Aufseßschen Herzog Ernst zugekommen ist, dessen Verhältniß zu dem Wiener Texte, von dem ich vor vier Jahren einige Auszüge gemacht, jetzt erst untersucht werden muß. Mitten in der Schwüle dieser zerrütteten Zeit lassen es doch jene Brunnen aus der Tiefe des deutschen Wesens niemals gänzlich an Labsal und Erfrischung fehlen. Während des stürmisch bewegten Lebens in Frankfurt habe ich mir, oft in der stillen Nacht, ohne Bücher und nur aus der Erinnerung an die heimathlichen Dinge, eine Art schwäbischer Mythologie zugebildet, an der sich mir manchmal der Geist erholt hat, wenn ich sie auch niemals schriftlich ausführen sollte. Sie, verehrtester Freund, haben zu der Heillosigkeit der allgemeinen Zustände noch besondere, persönliche Drangsal erleiden müssen. Mögen sich Ihnen hiebei die schönen Arbeiten, deren Vollendung wir begierig entgegensehen, als ermuthigender Anhalt bewährt, vor allem aber Ihre angegriffene Gesundheit nicht weitere Störung erfahren haben. Mit herzlichem Gruß Ihr aufrichtig ergebener L. U.« Ueber das innerliche Schaffen an einer schwäbischen Mythologie, von welcher Uhland in dem letzten Briefe schreibt, hat er auf einem Spaziergang in Frankfurt seiner Frau folgendes mitgetheilt: »Es ist eigen, mir schwebt jetzt, wo ich doch mit ganz Anderem beschäftigt bin, oft in der stillen Nacht eine Mythengeschichte von Schwaben vor. Es wird mir ohne alle Bücher manches klar und deutlich, und wann ich wieder nach Hause komme, will ich es ausarbeiten. Den letzten Winter habe ich mich viel mit fränkischen Mythen und Sagen beschäftigt, und nun ich von Hause weg bin, ist es als ob Schwaben mir deutlicher geworden wäre. Von den Sueven und Alemannen zieht sich mir ein Faden durch die Heldensage und das Mittelalter. Hauptsächlich im Schwarzwald und bis zum Bodensee finde ich Vieles, was mir Licht verschafft. Auch die Grafen von Tübingen gehören mir in dieses Gebiet. Ich dachte daran, in Vorträgen an die Studenten das niederzulegen, was ich nicht mehr drucken lassen kann; ich fühle nun aber, daß wann ich wieder heimkomme, ich etwas schaffen und ausführen muß; studiren und vorbereiten wäre mir nach dem hiesigen Treiben nicht möglich. Vor dem Einschlafen, beim Erwachen oder beim Baden kommen mir die Gedanken zu, ich arbeite im Geiste fort ohne Hülfsmittel, vielleicht ist manches darunter irrig, und doch meine ich, es sei mir manches klar geworden.« – Zu diesem Schaffen wurde ihm aber durch die nothwendigen Arbeiten, die er zu Hause traf, durch mannigfache politische Anfragen und durch die Einberufung zum Staatsgerichtshof nur wenig ruhige Zeit vergönnt. Im October dieses Jahrs kam Uhlands vieljähriger Freund Schwab (der, nachdem er Gomaringen verlassen, als Dekan nach Stuttgart zurückgekehrt und später zum Mitglied des Studienraths und zum Consistorialrath ernannt wurde), auf Besuch zu seinen Kindern nach Tübingen; seine älteste Tochter war an den Bibliothekar Dr. Klüpfel daselbst verheirathet. Noch einmal hatte Uhland die Freude, den Umgang des Freundes zu genießen und ihn in seinem Hause einen Abend zubringen zu sehen. Es war das letzte trauliche Beisammensein der Freunde, denn schon am 4. November wurde Schwab erschütternd schnell vom Tode hingerafft und Uhland konnte am 6. November nur noch die Hülle des langjährigen Freundes zum Grabe geleiten. Auszug aus einem Briefe Dr. Mappes' von Frankfurt an Uhland. Frankfurt, 8. December 1850. »Sehr werther Freund! So oft seit unserem Besuche von Tübingen gesprochen wird, und das geschieht oft, mischt sich in die Freude ein Gefühl der Beschämung über meine Verspätung. Ich bin lange nicht von einem Orte mit so schwerem Herzen weggegangen, als dieses Mal von Tübingen. Ich saß lange still im Wagen und erst bei Bebenhausen konnte ich ein Gespräch beginnen. Die Kinder sagten zu mir: Dir hat der Abschied von Tübingen auch recht leid gethan, aber auch wir waren recht gerne dort. Daß ich auf der überhaupt schönen, unvergeßlichen Tour nach Lichtenstein Schwab in heiterer Lebensfrische angetroffen und mit ihm noch herzlich verkehrt habe, ist mir nun von großem Werthe; im Schloßhofe, als wir dort alle froh beisammen saßen, erzählte er mir noch seinen früheren Anfall und wie er auf eine dann endigende Wiederholung gefaßt sei. In zuversichtlicher Entgegnung stieß ich noch mit ihm an auf recht langes Zusammenleben und öfteres Wiedersehen. Um so erschütternder war mir die baldige Erfüllung seiner Voraussagung. Immer kleiner wird der Kreis der Zeitgenossen und Jugendfreunde. Ich habe Uhland im Geiste mit zu seiner Leiche begleitet. – – Indem ich den Brief überlese, finde ich ihn sonderbar abgefaßt. Er ist bald an Eines, bald an Beide zugleich gerichtet, übersieht man aber diese ordnungswidrige Form, nun so ist er ganz richtig seinem Wesen nach, weil mir Beide stets untrennbar vorschweben, ich habe dann keines vom andern grüßen zu lassen und nur die herzlichsten, dankbarsten Grüße der Kinder an Alle auszurichten. Ich wünsche Euch einen vom Innern aus glücklichen Winter, und daß der Störenfried von Außen Euch und uns Alle möglichst verschonen möge; wann der Sommer die Reiselust weckt, so liegt Frankfurt an der Etappenstraße und mein Haus zur längeren Rast. Den werthen Pflegesöhnen freundlichen Gruß. Mappes.« Mit der Dienstleistung beim Staatsgerichtshof war Uhlands politische Thätigkeit beendigt und er hätte sich nun ganz der Vollendung seiner angefangenen Arbeiten widmen können, wenn nicht immer in steigendem Maße Anforderungen und Gesuche an ihn gekommen wären, handschriftliche Gedichte und Dramen zu lesen und zu beurtheilen, wohl auch Vorreden dazu zu schreiben, Verleger und Subscribenten zu ermitteln. Auch sollte er sagen, ob der Verfasser sich nicht besser der Poesie ausschließend widmen sollte. Viele Stunden giengen ihm damit verloren, er hatte nicht die Gabe, schnell zu lesen und mit einigen Worten eine Sache abzufertigen, war auch zu gewissenhaft, einen oberflächlichen Ausspruch zu thun. Er klagte oft, daß ihm der Kopf schwindle vor lauter Lesen. Wann er von einer Reise, die er für die eigenen Arbeiten unternommen, zurückkam und sich freute, nun an die Ausarbeitung zu gehen, so fand er meistens eine Anzahl neu eingelaufener Manuscripte in seinem Zimmer, oft auch schon wieder Mahnschreiben der Verfasser wegen einer Antwort. Jeder Einzelne dachte nur an sich und sein Werk, nicht daran, daß Uhland auch arbeiten wolle und Andere die gleichen Ansprüche an ihn machten. Dem Einen sollte Uhland ein Drama anbringen, zum Trost, weil ihm ein Kind gestorben; ein Herr wurde in seinen alten Tagen noch zum Dichter, weil er seine Frau verloren, er schickte ein Holzkistchen voll fast unentzifferbarer Gedichte mit der eigenen Bemerkung: er sollte freilich Uhlands alten Augen nicht zumuthen, seine undeutliche Handschrift zu lesen, allein – er schicke sie doch. Diesem Verlangen konnte er aber bei all seinem guten Willen nicht entsprechen. Von einem jungen Mann kam ein Heft lyrischer Gedichte mit dem naiven Beisatz: er habe zwanzig davon nacheinander im Bette gemacht, so lange er geschwitzt habe; er brauche sich gar nicht zu besinnen, die Gedanken fliegen ihm nur so zu; wie werde es erst sein, wenn er wieder gesund sei? Uhland soll ihm sagen: ob er sich nicht lieber ganz der Poesie widmen solle? Gar vielen dieser Sendungen war der Vers aus Uhlands Gedicht: Freie Kunst »Singe wem Gesang gegeben,« als Motto vorgesetzt, so daß er einst im Unmuth ausrief: Ich habe aber gesagt: »Wem Gesang gegeben.« Das eigenhändige Abschreiben alter Lieder in seine Volksliedersammlung, so wie die Excerpte aus alten Handschriften, die ihm geliehen waren, und die er aus Sorgfalt für dieselben und wegen der schwierigen Rechtschreibung, keiner fremden, weniger kundigen Hand anvertrauen wollte, nahm auch viel Zeit in Anspruch. Uhland an Herrn Karl Gödeke in Hannover. Tübingen. 28. November 1851. »Verehrter Herr! Das Kistchen mit Ihrer schönen Sammlung alter Liederdrucke, dem Ihr freundliches Schreiben vom 12. d. vorausgegangen war, ist ehegestern hier angelangt. Sie haben mich damit sehr erfreut und schon ein rascher Durchblick hat sich für meine Liederstudien ergiebig und anregend erwiesen. Indem ich nicht säume, Sie über die glückliche Fahrt dieser seltenen Blätter zu beruhigen, sage ich für die Mittheilung aus der Ferne meinen verbindlichen Dank. Nur das muß ich bedauern, daß Sie nicht mir die Kosten einer so erwünschten Zusendung überlassen wollten. Wenn ich dieselben wohlbehalten in Ihre Hände zurückgegeben haben werde, dann ergreife ich auch Ihr gütiges Erbieten, mir die inhaltreichen Mappen Ihrer abschriftlichen Sammlungen zur Benützung zuzustellen. Ich gehe selbst in trostlosen Zeiten gerne in den grünen Wald. Eben der heutige Morgen bringt uns Kunden aus Hannover, die nicht so heiterer und harmloser Natur sind, als was mir der vorgestrige von dorther gebracht hat. Ihr achtungsvoll ergebener L. U.« Karl Gödeke an Uhland. Hannover, 16. December 1851. »Verehrtester Herr! Dankbar für die rasche Meldung des richtigen Empfanges meiner kleinen Liederbibliothek bitte ich Sie, sich mit der Benutzung in keiner Weise zu übereilen. Ich werde sobald keine Veranlassung haben, nach den Blättern zu greifen und weiß sie bei Ihnen so gut aufgehoben wie bei mir selbst. Die anliegende kleine Schrift über Reinfrit, die wegen der Berührung mit dem Liede vom edeln Möringer zu Ihren Studien gehört, empfehle ich Ihrer Nachsicht und Geduld. Aus der Inhaltsangabe des Gedichts, die ich für den hiesigen historischen Verein übernommen hatte, ist im Arbeiten selbst etwas mehr geworden, aber etwas Unfertiges und Ungenügendes. W. Grimm, dem ich ein Exemplar mittheilte, meint, das ganze Gedicht würde sich für die Veröffentlichungen des Stuttgarter literarischen Vereins eignen. Darf ich Sie für den Fall, daß Sie mit Herrn Prof. Ad. Keller verkehren, bitten, ihm das zweite Exemplar zu übergeben und ihn zu fragen, ob er dem Vereine die Herausgabe vorschlagen mag? Die Abhandlung kommt als selbstständige Schrift nicht in den Buchhandel und ist nur in 50 Exemplaren gedruckt. Der niederdrückende Odem, der über die Welt geht, führt wieder zu den alten Dingen zurück, an denen mehr Freude offenbar wird, als an den aufreibenden, hoffnungslosen politischen Kämpfen. Meine Mitbürger erwiesen mir einen üblen Dienst, daß sie mich gegen Stüve aufstellten und damit wieder in den Parteikampf hineinzogen, dem ich glücklich entronnen war. Aber wer darf sich sträuben, wenn plötzlich die Zeit aus stillen Asylen die Versteckten hervorzieht an's helle Tageslicht und in's Geräusch des lauten Marktes! Wie ich aus F. W. Wolfs mythologischen Beiträgen sehe, haben Sie sich an die Spitze stellen müssen, um ein oberrheinisches Sagenbuch zu sammeln. Wie beneide ich diesen regen Trieb Ihrer Landsleute. Hier ist nichts der Art zu Stande zu bringen, alles dem Glück des Einzelnen überlassen. Bleiben Ihre nordischen Sagenforschungen liegen? Sie haben uns so viel gegeben, daß wir im Verlangen kein Maß mehr kennen. Sie müssen die unbescheidenen Wünsche stillen; Sie selbst haben sie angeregt. Mit der innigsten Verehrung empfiehlt sich Ihnen Karl Gödeke.« Uhland an Herrn Archivar Wintermantel in Donaueschingen. Tübingen, 4. August 1852. »Verehrter Herr Archivar! Es bedarf sehr meiner Entschuldigung, daß ich für die gütige Besorgung und Uebersendung der von mir gewünschten Abschriften aus der Zimmernschen Hauschronik erst jetzt meinen herzlichsten Dank abstatte. Nach Empfang derselben war ich durch so mancherlei gedrängt, was vor einer beabsichtigten Reise nach München und an den Bodensee erledigt werden sollte, von der ich nun am Ende voriger Woche zurückgekommen bin. Die Auszüge aus jener reichhaltigen Handschrift haben mir große Freude gebracht. Was ich mir einzeln angemerkt hatte, das bildet jetzt in der fortlaufenden Reihe sorgfältiger Abschriften eine Sammlung schwäbischer Volkssagen und Märchen, welche für die Arbeit, mit der ich gegenwärtig beschäftigt bin, von erheblichem Belang ist. Es war mir freilich nicht möglich, innerhalb zweier Tage die beiden Foliobände so zu durchforschen, daß mir nicht Manches ähnlicher Art entgangen sein sollte. Wenn z. B. pag. 1345 die copirte Erzählung vom Ritter von Staufenberg überschrieben ist: In Capput als von den Merfeyne geredt von Thierstein Zimbern und Tengen , so bezeugt dieß, daß an andern Stellen der Chronik noch Verschiedenes von solchen Feen berichtet sein müsse. So wiederholte mir auch neuerlich Laßberg die Angabe, daß darin verzeichnet sei: Wie Johann von Zimmern (oder etwa Werner? vor 1483 Ruckgaber S. 101) sich vor der Pest nach Wildenstein geflüchtet und dort ein Lied von Dietrich von Bern gedichtet habe; welche Meldung ich nicht auffinden konnte, vielleicht aber unter vielen Nachträgen zu vorangehenden Capiteln hätte suchen sollen. Es ist mein lebhafter Wunsch, später einmal, namentlich wenn auch das Pergamentexemplar der fürstlichen Bibliothek von Karlsruhe zurückgekommen sein wird, wieder einige Tage in dem gastfreundlichen Donaueschingen zuzubringen und mich noch etwas tiefer in das nach vielen Seiten lehrreiche Buch einlesen zu können. Für jetzt bleibt mir nur die angelegene Bitte um nachträgliche Bezeichnung der für Mühe und Zeitaufwand des Copisten schuldigen Entschädigung. Habe ich außerdem in einem Theile der überschickten Blätter sogar Ihre eigene Handschrift richtig erkannt, so verpflichtet dieß mich noch besonders zum aufrichtigsten Danke. Vor acht Tagen war ich in Meersburg bei dem theuren Laßberg, den auch Sie kürzlich besucht haben. Der letzte Krankheitsanfall hat ihn leider körperlich bedeutend geschwächt und er selbst betrachtet sich als einen Abscheidenden. Gleichwohl belebte sich im Verlaufe des Gesprächs seine Haltung und sein Ausdruck in der Weise, daß ich die Hoffnung mit mir nahm, seine kräftige Natur könnte sich auch dießmal wieder aufraffen. Mit dankbarer Wertschätzung Ihr ergebenster L. U.« Von Gerichtswegen wurde an Uhland das Ansinnen gestellt, auf Verlangen der kurhessischen Staatsregierung, sich über das Verhalten der kurhessischen Parlamentsabgeordneten vernehmen zu lassen. Uhland sowie Professor F. Vischer, ebenfalls Parlamentsmitglied, beriefen sich auf die Unverantwortlichkeit der Abgeordneten und verweigerten deshalb die Vernehmlassung. Der Gerichtshof entschied mit Einer Stimme Mehrheit gegen ihre eingegebene Rechtsverwahrung und verurtheilte sie zweimal in Geldstrafen, ließ aber dann bei ihrem Beharren die Sache beruhen. An Herrn Archivar Schneegaus in Straßburg. Tübingen, 20. August 1852. »Verehrtester Herr und Freund! Bei meiner Zurückkunft von einer Reise nach Bayern und an den Bodensee traf ich Ihre werthen Mittheilungen vom 13. v. M. Noch bin ich Ihnen alten Dank schuldig und Sie erfreuen mich jetzt mit neuer Gabe. Die treffliche Tonsetzung, die meinem Bergliede durch Ihre verehrte Gemahlin geworden ist, die Abschriften der Geschichtlieder aus dem sechszehnten Jahrhundert, womit Sie zu meinem Bedauern eigenhändig sich so sehr bemüht haben, sind mir in den stürmischen Tagen zugekommen, welche der Auflösung des deutschen Parlaments nahe vorangiengen. Dann aber hat auch die mehr als anderthalbjährige Abwesenheit von Haus mich in den ruhigeren Beschäftigungen und namentlich im Briefwechsel weit zurückgeworfen, so daß ich sehr verspätet die angelegene Pflicht des Dankes Ihnen Beiden gegenüber für Altes und Neues zugleich erfülle. Das Wormser Lied zähle ich zu dem Liebsten, was mir seit dem Drucke meiner Volksliedersammlung durch Freundeshülfe zugewachsen ist; es wird einem Nachtrag, für den sich inzwischen Manches ergeben hat, zu wahrer Zierde gereichen. Der Ton ist noch der des alten Heldensangs, als ob er aus den Rosengartenliedern nachklänge, und wie heldenhaft erscheint der Bürger, der auf der Mauer stehend das Liedlein gesungen hat. Sie haben mir gestattet, mein eigenes, auch schon altes Liedlein in das Album Ihrer hochgeehrten Gattin einzuschreiben. Möge sie diese Zeilen wohlwollend aufnehmen und mein herzlicher Glückwunsch zu ihrem Geburtstag nicht zu spät ankommen. Ueber die nun vollendete elsäßische Sagensammlung, an der Sie selbst wohlthätigen Antheil genommen, habe ich meine dankbare Freude in einem Schreiben an August Stöber ausgesprochen, das ich offen beizulegen mir erlaube, da ich weiß, daß Sie mit Stöber in regem Verkehr stehen, und es mir lieb wäre, wenn Sie vor gefälliger Weiterbeförderung vom Inhalt desselben Kenntniß nehmen wollten. Ihre Beiträge zum Sagenbuche sind großentheils handschriftlichen Chroniken und anderen Aufzeichnungen des sechszehnten Jahrhunderts entnommen, wie z. B. die mir besonders merkwürdige Nachricht über das Wuotansheer im Elsaß und Breisgau, S. 433 ff. Auch meine Nachforschungen zur schwäbischen Sagenkunde haben mich erkennen lassen, wie viel lebendiger und vollständiger in den alten Städtechroniken und Hauschroniken angesehener Geschlechter die Volkssage meist noch wiedergegeben ist, als sie drei- vierhundert Jahre später aus mündlichen Ueberlieferungen aufgefaßt werden konnten; eben die Sage vom Wuotansheer greift, wie solche von Ihnen beurkundet ist, noch unmittelbar in die damalige Zeitbewegung ein. Sollte Ihnen bei Gebrauch derartiger handschriftlicher Quellen dieß oder jenes begegnet sein, oder noch begegnen, was den Ursprung der Schwaben oder die Ableitung ihres Namens sagenhaft berührt, was zum Ruhm oder zum Spotte (als Schwabenstreiche) von denselben gemeldet wird, so würde mir es sehr erwünscht sein, darauf durch Ihre vielfach erfahrene Güte aufmerksam gemacht zu werden. Noch bitte ich Sie, mich Ihrem Herrn Schwager Bergmann in freundliches Andenken zu rufen; daß sein Eddawerk druckfertig sei, habe ich von Prof. Keller mit lebhaftem Interesse vernommen. In aufrichtiger Freundschaft und Hochachtung Ihr ergebenster L. U.« Uhland an... Schriftsetzer. Tübingen, 7. November 1852. »Geehrtester Herr! Ich lebe hier nicht in weiteren Kreisen, in denen ich für Ihre Gedichte Unterzeichnungen sammeln könnte. Setzen Sie mich selbst mit zwei Exemplaren auf die Liste. Die mitgetheilten Liederproben haben frischen Klang, zeigen reges Gefühl, lebendige Bewegung; lassen Sie sich aber durch die Lust und Leichtigkeit, womit Ihnen das Lied von statten geht, nicht verleiten, zu viel und zu rasch zu dichten. Es genügt nicht am Drang, an der angeregten Stimmung; der poetische Gedanke muß klar vor dem Geiste stehen, der Gegenstand innerlich gestaltet sein, bevor zum Verse gegriffen wird, sonst gibt es nur Anklänge und verschwimmende Nebelbilder. Räthlich scheint mir, daß für die Sammlung, mit der Sie an die Oeffentlichkeit treten wollen, weniger auf große Liederzahl, als auf sorgfältige Auswahl Bedacht genommen werde, weniger Blätter als Blumen. Mit freundlichem Gruß Ihr ergebener L. U.« Uhland an Fräulein Emma Schmeller in München. Tübingen, 3. März 1853. »Verehrtes Fräulein! Sie haben mir mit dem wohlgetroffenen Bilde Ihres unvergeßlichen Vaters ein werthvolles Geschenk gemacht, für das ich Ihnen den innigsten Dank sage. Dasselbe wird fortan mit den Bildern einiger andern meiner theuersten Freunde in meinem Arbeitszimmer hängen, und wie die Werke des Verewigten mir täglich zur Hand sind, werden nun auch seine Gesichtszüge mir stets gegenwärtig sein. Freilich werden sie auch mitten unter dem Arbeiten mich an den schmerzlichen Verlust mahnen, der mich durch seinen Hingang getroffen hat. Wer noch im späteren Alter etwas zu Stande bringen möchte, dem fällt eine wichtige Aufmunterung hinweg, wenn gerade Diejenigen, Einer nach dem Andern, abscheiden, deren billigendes Urtheil zu erlangen ein stilles Bestreben war und der liebste Lohn sein sollte. Die wenigen Tage, die ich vorigen Sommer noch in Schmellers Umgang zubrachte, sind mir jetzt von besonderem Werth; leider ging gleich darauf sein Weg nicht, wie gehofft war, zur Heilquelle, sondern zum Friedhof. Die Verspätung meines Dankes muß ich damit entschuldigen, daß ich von einer eben erwarteten neuen Ausgabe meiner Lieder Ihnen ein Exemplar zu überreichen wünschte, das ich nun mit der Bitte um gütige Aufnahme hier anschließe. Die mir überschickten Bücherverzeichnisse habe ich in geeigneten Kreisen verbreitet, und hoffe, daß sich auch aus unserer Gegend Betheiligung zeigen werde. Ihr ergebenster L. U« Eine längst beabsichtigte Reise nach Berlin wurde im Juni und Juli 1853 von Uhland und seiner Frau ausgeführt. Die Schätze der Bibliothek, in welche nun auch die große Meusebach'sche Sammlung aufgenommen war, sowie das Verlangen, theure Freunde wiederzusehen, führten ihn dahin. Ueber Nürnberg und Leipzig, wo liebe Freunde besucht wurden, kamen die Reisenden nach Berlin. Die Bibliothek nahm gar viel von Uhlands Zeit in Anspruch, um so mehr, als er die Manuscripte nur dort benützen konnte. Abends erholte er sich dann bei den Jugendfreunden Varnhagen von Ense und dem werthen Immanuel Bekker, bei den verehrten Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm und dem immer gefälligen, treuen Freunde Maßmann. Die traulichen Abende in diesen Familien blieben für Uhland und seine Frau theure Erinnerungen. Mit dem raschen Fußgänger Jakob Grimm ergieng er sich einmal Abends bis gegen 10 Uhr im Thiergarten, so daß die Frauen Wilhelm Grimm und Uhland fast besorgt um die Männer wurden, die im eifrigen Gedankenaustausch die einbrechende Nacht nicht beachteten. Auch in abendlichen Lesezusammenkünften von Professoren war es Uhland vergönnt, interessante Stunden zubringen zu dürfen. Nachdem die Arbeiten in der Bibliothek beendigt, widmeten die Reisenden noch einige Tage den Kunstschätzen Berlins und der Umgegend; Charlottenburg, Potsdam und Babelsberg wurden mit Interesse besucht und die schönen Havelufer ergötzten die Reisenden. Nach dem Abschied von den theuren Freunden wurde das altbekannte Wolfenbüttel wieder besucht (Bibliotheken hatten eine gar große Anziehungskraft) und dann führte die Reise nach Hannover und Bückeburg. In Hannover wurde ein Rasttag gemacht und unter dem gütigen Geleite Herrn Karl Gödekes einem großen Schützenfeste angewohnt. Ueber Bückeburg und Minden führte die Bahn nach Köln und Bonn; dann wurde nach behaglichem Ausruhen in dem gastlichen Frankfurt bei Freund Mappes und nach Begrüßung werther Freunde, wie des unermüdet gefälligen Herrn Dr. Franz Roth, die Heimath wieder aufgesucht. Der September dieses Jahres brachte durch das Tagen der Naturforscherversammlung in Tübingen werthe Freunde in das stille Uhland'sche Haus. Justinus Kerner mit seiner Frau, dann Freund Mappes aus Frankfurt und Uhlands Schwager, Staatsrath Roser, waren die werthen Gäste. Andere kamen wenigstens auf Stunden. Bei einem Feste, das der Versammlung in dem nahen Bade Niedernau gegeben wurde, schlug ein Fremder einen Toast auf Ludwig Uhland vor. Auf Uhlands ablehnende Entgegnung: das Fest gelte den Naturforschern, nicht den Dichtern, rief ein anderer Fremder entrüstet aus: werft den Kerl zur Thür hinaus! natürlich zu großer Erheiterung derer, die Uhland kannten. Er selbst lachte, daß ihm die Thränen in den Augen stunden, dazu. Es waren schöne, frohe Tage damals; seitdem sind der Hauswirth und die lieben Gäste alle in das Grab gesunken! Karl Gödeke an Uhland. Hannover, 16. September 1853. »Hochgeehrtester Herr! Herr Berthold Seemann aus Hannover, der als Naturforscher auf der britischen Fregatte »Herald« eine Reise um die Welt gemacht hat und zur Naturforscherversammlung nach Tübingen reist, erbietet sich freundlich, die Ihnen verheißenen Blätter mitzunehmen und Ihnen mit meinen herzlichsten Grüßen zu überbringen. Der liebenswürdige Bote wird Ihnen vielleicht willkommener sein, als was er bringt. Nach genauester Durchsicht meines eingebildeten Reichthums mit Ihrem Quellenverzeichniß fand ich, daß ich kaum irgend etwas besitze, was Ihnen nicht bereits zu Gebote gestanden. Was ich bieten kann, besteht meist aus fliegenden Blättern geistlichen Inhalts. Vielleicht ist eins oder anderes darunter, wenn auch nur mittelbar, für Ihre Studien brauchbar. Sehen Sie sich alles mit voller Muße und zu gelegener Zeit durch; die Rücksendung hat keine Eile und ist weder an Monate noch Jahre gebunden. – Die wenigen Stunden, die Sie unserer Stadt schenkten, sind ihr unvergessen und erfüllen mich immer noch mit sonniger Festtagsfreude. Möge auch Ihnen unsere Stadt beim Rückblick auf Ihre Sommerreise in freundlicher Erinnerung geblieben sein. In treuer Verehrung für Sie steht Hannover keinem Orte des Vaterlandes nach. Als Sie abgereist waren, kannte die Stadt nur zwei Parteien, eine freudige, welche Sie gesehen, und eine bedauernde, die Sie verfehlt hatte. Empfehlen Sie mich Ihrer verehrten Frau freundlich. Von ganzem Herzen Ihr Karl Gödeke.« Uhland an seine Frau. Schaffhausen, Samstag, 15. October 1853. »Liebste Emma! Meine Reise ist bis jetzt gut abgelaufen. Daß ich in Rottweil bis Dienstag Abend verweilen mußte, habe ich nicht zu bedauern. Unter der Leitung des Stadtpfarrers Wolf, eines Freundes von Prof. Keller, besuchte ich den ältesten Sänger in Schwaben, Orpheus, und andere römische Alterthümer, dann besonders auch die in der Lorenzkapelle ein eigenes Museum bildende Sammlung alter Holzschnitzwerke. In Donaueschingen wurde ich wieder überall freundlich aufgenommen und eine handschriftliche Chronik voll Mährchen, Sagen, Schwänke und alter Volksgebräuche hätte mich vielleicht noch den vierten Tag festgehalten, wenn ich nicht hier in Schaffhausen an dem für meine Nachfragen ungünstigen Sonntag anzulangen gefürchtet hätte. So schiffte ich mich in strömendem Regen gestern Abend 10 Uhr auf dem Eilwagen nach Schaffhausen ein, kam hier zwischen 3 und 4 Uhr frühe an, begab mich dann im einfachen aber mir wohl zusagenden Gasthof zum Schwan noch auf mehrere Stunden zur Ruhe und verspürte am Morgen, der freundlich aufgieng, nichts mehr von der Nachtfahrt. Frauer ist in den Ferien abwesend. Aber sein Amtsvorgänger Götzinger, ein Bekannter von früherer Zeit, geleitete mich diesen Vormittag bei warmem, hellem Sonnenschein zum Rheinfall, an dessen Anblick ich Herz und Auge weidete. Götzinger gab sein Lehramt am Gymnasium auf, weil er auf der rechten Seite des Oberleibs gelähmt ist, geht jedoch rüstig und scheint gerne sich zu bewegen. Er will sich mir auch diesen Nachmittag und Abend widmen und seine Mittheilungen werden auch für meine Studien nicht unergiebig sein. Morgen um 8 Uhr fährt das Rheindampfboot von hier nach Konstanz ab, von wo ich dann Nachmittags werde nach Meersburg überfahren können. Ob ich dann am Dienstag, Mittwoch oder gar noch später mit der Eisenbahn nach Stuttgart fahre, wird davon abhängen, wie ich es bei Laßberg treffe. Er soll sich recht erfreulich erholt haben. Am wahrscheinlichsten wird der Dienstag mich nach Stuttgart bringen, ein späterer Tag nur, wenn ich besonderen Anlaß fände, mich länger zu verweilen. Ich freue mich innig darauf, Dich dort wiederzusehen, und je früher ich ankomme, werde ich um so eher auch für den Stuttgarter Aufenthalt zugeben können. Lebewohl, sei mit Wilhelm und Mayer herzlich gegrüßt von Deinem L. In Donaueschingen, wo ich den größten Theil des Tags auf dem Archiv zubrachte, hättest Du wenig Kurzweil gehabt, aber am Rheinfall hättest Du bei mir sein sollen.« An Ludwig Uhland. Zwei Namen sind, im Süden und im Norden, Zugleich ob Deinem Haupte sichtbar worden; Laß mich den ersten sein von allen Deinen, Die feiernd und glückwünschend Dir erscheinen. F. D. München, 28. November 1853. Angekommen in Tübingen am 30. November. Diese Zeilen und ein Brief von Berlin, aber nicht wie irrthümlich gesagt wurde, von Jakob Grimm, veranlaßten Uhland zu dem nächsten Schreiben. Uhland an Alexander v. Humboldt. »Euer Excellenz! Von verschiedenen Seiten und in glaubhafter Weise kommt mir heute die Nachricht zu, daß das Kapitel des Ordens, der sich Ihrer Vorstandschaft erfreut, beschlossen habe, mich zum Mitglied desselben vorzuschlagen. Es mag voreilig erscheinen, wenn ich vor erfolgter Bestätigung dieses Vorschlags und vor irgend welcher amtlichen Eröffnung mir eine Aeußerung gestatte, die eine gänzlich überflüssige sein kann. Gleichwohl ergreife ich eben den Augenblick der noch unentschiedenen Sache, um nichts zu versäumen, was ein so überraschender und unverdienter Gunsterweis mir auflegt. Er verpflichtet mich, jetzt schon unrückhaltig zu sagen, daß ich mit literarischen und politischen Grundsätzen, die ich nicht zur Schau trage, aber auch niemals verläugnet habe, in unlösbaren Widerspruch gerathen würde, wenn ich in die mir zugedachte, zugleich mit einer Standeserhöhung verbundene Ehrenstelle eintreten wollte. Dieser Widerspruch wäre um so schneidender, als nach dem Schiffbruch nationaler Hoffnungen, auf dessen Planken auch ich geschwommen bin, es mir nicht gut anstände, mit Ehrenzeichen geschmückt zu sein, während Solche, mit denen ich in Vielem und Wichtigem zusammengegangen bin, weil sie in der letzten Zerrüttung weiterschritten, dem Verluste der Heimath, Freiheit und bürgerlichen Ehre, selbst dem Todesurtheil verfallen sind, und doch, wie man auch über Schuld oder Unschuld urtheilen mag, weder irgend ein Einzelner, noch irgend eine öffentliche Gewalt sich aufrichtig wird rühmen können, in jener allgemeinen, nicht lediglich aus kecker Willkür, sondern wesentlich aus den geschichtlichen Zuständen des Vaterlands hervorgegangenen Bewegung durchaus den einzig richtigen Weg verfolgt zu haben. Der politisch parteilose Standpunkt, den das verehrte Ordenskapitel einnimmt, das ausgezeichnete Wohlwollen, das mir in jetziger Zeitlage doppelt erfreuend zugewandt wird, müssen, ich fühle das sehr wohl, den Tadel schärfen, der unvermeidlich über meinen Entschluß ergehen wird; aber Überzeugungen, die mich im Leben und im Liede geleitet haben, lassen mir keine Wahl, so wenig sie dem lebhaften Danke Eintrag thun, mit dem mich die mir in hohem Grad ehrenvolle Beschlußnahme des Kapitels erfüllt hat. Genehmigen Euer Excellenz den Ausdruck meiner vollkommenen, dankbarsten Verehrung. Dr. L. U.« Tübingen, 2. December 1853. Alexander v. Humboldt an Uhland. I. »Ein so lange von mir gehegter, oft öffentlich ausgesprochener Wunsch ist endlich erfüllt worden. Als Kanzler des Ordens pour le Mérite für Wissenschaft und Kunst, von Friedrich dem Großen gestiftet und von dem jetzigen König erweitert, kann ich Ihren schönen ächt deutschen Namen in die Liste der dreißig Ritter setzen, die, sich selbst wählend und ersetzend, über das ganze deutsche Vaterland zerstreut leben. Mit übergroßer Stimmenmehrheit gewählt, sind Sie heute von Seiner Majestät dem König, der schon als Jüngling Ihre poetische Schöpfungen zu schätzen gelernt hatte, ernannt worden. Die officielle Bekanntmachung der Wahl als Ersatz von Ludwig Tieck kann statutenmäßig erst am 27. Januar 1854, am Geburtstag des großen Königs, erfolgen: ich aber habe mir die Freude nicht versagen wollen, schon jetzt diese Zeilen an Sie, hochverehrter Mann, zu richten, und Ihnen die Huldigung zu erneuern, die hoher geistiger Begabung zum Lied, tiefem dichterischem Gefühle und edler Freiheit der Gesinnung im öffentlichen Leben so gerne gezollt wird. Darf ich Sie freundschaftlichst bitten mir zu schreiben, ob wir Sie auf der zu veröffentlichenden Liste des Instituts, das mehr eine Akademie als ein Orden ist, also bezeichnen sollen: Dr. Uhland, Professor in Tübingen? Mit inniger Verehrung Ihr anhänglichster Alexander v. Humboldt.« Potsdam, Stadtschloß, 5. Dec. 1853. Alexander v. Humboldt an Uhland. II. Verehrungswerther Mann! An dem Tage, an dem der König Ihre Ernennung an unserem rein wissenschaftlichen und künstlerischen Institut, das in seiner freien Organisation mit keinem andern Aehnlichkeit hat, bestätigt; eine Stunde, nachdem ich Ihnen aus voller Seele mit der gutmüthigsten Vertraulichkeit meine Freude über eine endlich erfüllte Hoffnung äußerte, erhalte ich Ihren Brief vom 2. Dezember. In einem 84jährigen vielbewegten Leben ist mir wohl nie etwas mehr Unerwartetes vorgekommen! Bei der Gründung des Instituts, das ein äußeres Zeichen hat, das man tragen oder nicht tragen kann, ernannte der König die ersten 60 Mitglieder über ganz Europa (die Hälfte in allen deutschen Gauen) selbst. Mein theurer Freund Arago, bald darauf Präsident der französischen Republik und damals schon durch seine republikanische Gesinnung bekannt, und Melloni, der größte Physiker unseres Zeitalters, vormals Präsident della Giunta revoluzionaria in Parma, wurden zu Mitgliedern des Instituts ernannt recht eigentlich, um gleich bei der Gründung an den Tag zu legen, daß hier nur von Geistesgaben und intellectuellen Verdiensten die Rede sei, daß politische Betrachtungen so wie alle kirchlichen ausgeschlossen blieben, nach des Gründers ernstem und in der Folge beharrlich festgehaltenem Willen. Um noch mehr Freiheit zu geben, wurde eingeführt, daß so wie die deutschen Mitglieder des Instituts sich selbst ersetzen, so werden die Fremden, bei denen Selbstwahl wegen ihrer Zerstreutheit über Europa und (wie ich hoffe) recht bald über die amerikanischen Freistaaten unmöglich ist, von unseren beiden Akademieen der Wissenschaften und der Künste, je drei Personen, vorgeschlagen. Der König wählt sich den, der unter dreien die meisten Stimmen von den vorgeschlagenen Ausländern hat. Arago antwortete: »dieses Institut ist mehr als ein Orden, es ist die Idee einer großen unabhängigen europäischen Akademie! Wie würde ich dazu es über mich gewinnen, auszuschlagen und Dich in so bittere Verlegenheit setzen!« Ich belästige Sie, edler Mann, mit diesem kleinlichen Detail, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, daß wenn Sie von der innern Organisation des Instituts genauer unterrichtet sind, besonders von der Tendenz, die sich so klar darin ausspricht, Sie vielleicht meine herzliche Bitte erfüllen und die Ernennung annehmen. Der große italienische Literator und Dichter Manzoni wollte auch erst die Ernennung nicht annehmen, weil er sich vorgesetzt, keinen Orden zu tragen. Ich durfte ihm antworten, wie Ihnen, man wünsche ja nur, daß ein so schöner Name nicht auf einer Liste mangle, welche die Illustrationen des Zeitalters enthalten soll; die Nothwendigkeit, den Orden zu tragen, beschränkt sich nur auf den Fall der Gegenwart des Monarchen, welcher der Gründer des wissenschaftlichen und künstlerischen Instituts ist. Ich ehre tief die Grundsätze politischer Consequenz, wie der Treue an die, welche nach dem Schiffbruch nationaler Hoffnungen verfolgt werden; aber unter Verhältnissen, die (wie die Wahl von Arago und Melloni, von Manzoni und Thomas Moore, der die heilige Allianz so gewaltig in Versen verspottet hatte, bezeugen) der Politik wie den religiösen Ahndungen total fremd sind, werden Sie nicht in unlösbaren Widerspruch mit sich selbst gerathen, wenn Sie einfach annehmen, was Sie »eine zugleich mit einer Standeserhöhung verbundene Ehrenstelle« nennen. Wer möchte bei dem gefeierten, schönen, mit dem Andenken an die große Zeit des Befreiungskrieges so eng verwandten Namen Ludwig Uhland an die Mythe von Standeserhöhung und Ritterthum denken? Erfüllen Sie meine Bitte, es ist mir manches geglückt im Leben. Auch meine Gesinnungen, meine unveränderte Anhänglichkeit an freie Institutionen stehen offenbar in meinen Schriften, die von 1768-1790 heraufreichen, als ich mit Georg Forster in Paris war. Sollte ich nicht einiges Recht haben, Sie zu bitten, meiner zu gedenken, des Labyrinthes von Verlegenheiten, in welches Sie mich setzen, der es nicht um Sie verdient. Ich ehre über Alles den strengen catonischen Sinn, auf Verhältnisse angewandt, in denen er fruchtet und deren Werth er erhöht. Was ich gegen Sie unvorsichtig zu schützen wage, gehört einem andern Gebiete an. Erfreuen Sie mich bald mit einigen Zeilen. Mit dem Ausdruck inniger Verehrung Ihr anhänglicher Potsdam, 5. December, A. v. Humboldt. Nachts, 1853. Verzeihen Sie einem Urmenschen die Unleserlichkeit und Incorrection des Styls.« Uhland an Alexander v. Humboldt. »Euer Excellenz! Ihre verehrten Schreiben, beide vom 5. d. M,, sind mir ehegestern und gestern zugegangen. Das zweite, ein Zeugniß unermüdeter Güte, sagt mir leider, daß meine fast voreilig beschleunigten Zeilen vom 2. d. doch nicht zeitig genug in Ihre Hände gekommen sind. Oeffentliche Blätter brachten und besprachen zwar sogleich die Kunde von der auf mich gefallenen Wahl des Ordenskapitels, von meiner Seite blieben Empfang und Inhalt der beiden Zuschriften überall unerwähnt, so dankbar ich derselben zu gedenken volle Ursache hätte. Ein eigenes Zusammentreffen der Umstände hat es gefügt, daß am nächsten Morgen nach Abgang meines Schreibens vom 2. d. mir von München aus die Nachricht einer gleichen Verleihung amtlich zukam, worauf ich sofort in derselben Weise wie nach Berlin und mit Beziehung auf die hier rückstellige Wahl meine Aeußerung einzuschicken mich beeilte. Darin liegt nun freilich, abgesehen von den Grundsätzen, die thatsächliche Unmöglichkeit eines Wechsels meiner Entschlüsse. Mein Verhalten darf gewiß nicht nach der einen und der andern Seite ein verschiedenes sein; und wie könnte ich mit gutem Gewissen die huldvolle Wahlbestätigung Sr. Majestät des Königs von Preußen mir aneignen, da ich annehmen muß, daß dieselbe nicht erfolgt wäre, wenn jener andere Vorgang, oder wenn meine in dem Schreiben an Euer Excellenz ausgesprochene Gesinnung zuvor noch zur höchsten Kenntniß hätte gelangen können. Um die Darlegung meines ehrfurchtsvollen Dankes an höchster Stelle Sie zu bitten, darf ich mir unter solchen Verhältnissen kaum gestatten. Tief empfinde ich, daß es minder schwer ist, der Ungunst und dem Unrecht die Stirne zu bieten, als einer großen und unerwarteten Begünstigung sich nicht entgegenkommend zu erzeigen; über Alles drückend aber ist mir das Bewußtsein, daß Ihnen, edler hochgestellter Mann, in dem Augenblicke, da Sie für die wohlwollendste mit Aufopferung verfolgte Absicht nur Unlust und Verlegenheit ernten, mein inniger Dank, meine anhänglichste Verehrung nichts gelten kann. Euer Excellenz ehrerbietigster Dr. L. U.« Tübingen, 10. December 1853. Uhland an S. Ex. Staatsminister von der Pfordten in München. »Euer Excellenz verehrte Zuschrift, wodurch ich von der Aufnahme unter die Mitglieder des von Sr. Majestät dem Könige von Bayern neugestifteten Ordens für Wissenschaft und Kunst benachrichtigt werde, kommt so eben in meine Hände. Die königliche Huld, von der mir diese große und überraschende Auszeichnung zugedacht ist, verehre ich mit tiefgefühltem Danke und würde den Ausdruck desselben an Sr. Majestät unmittelbar gerichtet haben, wenn nicht die nachbemerkten Umstände dieß als weniger zukömmlich erscheinen ließen. Gleichzeitig mit der hohen Begünstigung in München bin ich ebenso unverhofft vom Kapitel des für gleichen Zweck gegründeten königlich preußischen Ordens zum Mitgliede gewählt worden. Da jedoch diese Wahl erst noch höherer Bestätigung bedurfte, so ergriff ich den Zeitpunkt der noch unentschiedenen Sache, um den Vorstand des Kapitels in Kenntniß zu setzen, daß ich durch den Eintritt in eine solche Ehrenstelle mit literarischen und politischen Grundsätzen, die ich nicht zur Schau trage, aber auch niemals verläugnet habe, in unlösbaren Widerspruch gerathen und dieser Widerspruch um so stärker hervortreten würde, wenn ich in derselben Zeit mich mit Ehrenzeichen geschmückt fände, in welcher Solche, mit denen ich als Mitglied der Nationalversammlung zwar nicht in Allem, aber doch in Vielem und Wichtigem zusammengieng, dem drückendsten Loose verfallen sind. Die Ueberzeugungen, die mich in dem einen Falle über Verdienst zuerkannter Auszeichnung geleitet haben, müssen auch im andern Falle meine Handlungsweise bestimmen. Das Statut des Maximiliansordens kennt nun zwar nicht die zwei verschiedenen Stufen der Wahl und der Bestätigung, aber bis jetzt hat auch die Ausfertigung der königlichen Ernennungsdekrete noch nicht stattgefunden. In dem Augenblicke, da ich die hochverehrliche Benachrichtigung empfieng, war ich im Begriff, an einen würdigen Gelehrten in München die Bitte zu stellen, daß er am geeigneten Orte mein Bedenken zur Sprache bringen möchte, womit sich denn das Beruhen der förmlichen Ernennung von selbst ergeben würde. Jetzt bleibt mir nur übrig, Euer Excellenz zu versichern, daß es mir für Erweise reichen Wohlwollens nicht an regem Gefühle fehlt, zumal in einer Zeit, die auch bittere Erfahrungen brachte, und daß es mir schwer fällt, durch Festhalten an Grundsätzen, denen ich Treue schuldig bin, mich dem von anderem Standpunkt begründet erscheinenden Vorwurf der Schroffheit gerade da auszusetzen, wo ich so gerne nur den Empfindungen der Dankbarkeit Raum geben möchte. Der ich in ausgezeichneter Verehrung unterzeichne Euer Excellenz ehrerbietiger Dr. L. U.« Tübingen, 3. December 1853. Der Sommer des Jahres 1854 führte Uhlands über Badenweiler nach Basel. Dort freute er sich, seinen Freund und Studiengenossen, Professor W. Wackernagel, besuchen zu können, er war aber auf einem Gute seiner Schwiegermutter in der Nähe von Bukten. Das Verlangen, den Freund zu sehen, führte Uhland ihm nach auf die Jurahöhe, wo das Gut auf schöner Alpe liegt. Ein gemüthlicher Abend und Morgen mit der werthen Familie verlebt, bot reichen Lohn. Ueber Aarau ging es dann weiter, wiederum zu Laßberg. Noch einmal durften Uhlands sich des Umgangs des edlen Greisen erfreuen, das Letztemal! Gegen den Schluß des Jahrs verfaßte Uhland für eine Tochter seines Freundes Mayer, die sich nach Amerika verheirathete, folgenden Scheidegruß. Auf die Reise. Um Mitternacht, auf pfadlos weitem Meer, Wenn alle Lichter längst im Schiff erloschen, Wenn auch am Himmel nirgends glänzt ein Stern, Dann glüht ein Lämpchen noch auf dem Verdeck, Ein Docht vor Windesungestüm verwahrt, Und hält dem Steuermann die Nadel hell, Die ihm untrüglich seine Richtung weist: Ja, wenn wir's hüten, führt durch jedes Dunkel Ein Licht uns, stille brennend in der Brust. Freiherr von Laßberg an Uhland. Meersburg, 9. November 1854. »Welche große Freude haben Sie mir gemacht, mein theurer und herzlieber Freund, durch das mir so werthe und so wichtige Buch. Geschichte der Pfalzgrafen von Tübingen von Dr. Schmid. welches in der Geschichte unseres lieben alten Schwabenlandes auf eine so verdienstliche Weise eine so bedeutende Lücke ausfüllt. Nehmen Sie meinen besten Dank für dieses werthe Geschenk an. Ich bin im Lesen selber schon so weit gekommen, daß ich den unermüdlichen Fleiß, die seltene Gründlichkeit des Verfassers erkennen und mich dankbar freuen muß. Vorzüglich befriedigend war mir auch zu sehen, daß er, wie ich seit mehr als fünfzig Jahren, die Tübinger Grafen im Gegensatz zu neueren Schriftstellern von den mit Karl dem Großen verschwägerten Buchhornern ableitet. Sehen Sie, mein lieber Freund! diesen Herrn Dr. Schmid, so bitte ich Sie, ihm meinen Dank auszurichten für sein Buch, das einem alten Schwaben schon viele vergnügte Stunden gemacht hat: ich lese täglich darinne. Ich frage nicht: Haben Sie eine gute Reise gemacht? Haben Sie an der Quelle des Isters (wo Zeus nach der III. Pindar'schen Ode seinen Sohn Herakles hinsandte, um da den Oelbaum zu pflanzen) noch etwas gefunden: quod faciat ad rem? Ich sage auch nicht: Schreiben Sie mir! Denn ich weiß wohl, daß Sie anderes und besseres zu thun haben. Wir alle, alt und jung, grüßen Sie und Frau Emma von ganzem Herzen. Wir haben das Haus voll Gäste, und ich sitze heute mit neun Laßbergen zu Tische; das ist in meinem langen Leben nicht oft geschehen. An Dr. Keller und Holland und wer noch mein gedenkt, die besten Grüße. Leben Sie wohl und lieben Sie immer ein wenig Ihren alten Freund Dr. Joseph von Laßberg. Von Freund Justinus, der uns wenige Tage nach Ihnen verließ, hörten wir nichts mehr. Schwabs Sophie, die uns schon im August besuchen wollte, läßt auch nichts von sich hören.« Dieser Brief war der letzte des treuen Freundes. Wenige Monden darauf ging der fünfundachtzigjährige Greis zur Ruhe ein. Uhland an Freifrau von Laßberg. Tübingen, 25. März 1855. »Hochverehrte Frau! Die Nachricht vom Hinscheiden Ihres edlen Gemahls hat in weiten Kreisen Trauer verbreitet; unter seinen vielen Freunden und Verehrern in Schwaben mußte sie aber besonders schmerzlich mich betreffen, der ich so lange Jahre hindurch seiner unwandelbaren wohlwollendsten Freundschaft mich zu erfreuen hatte. Meine Frau nimmt an diesem großen Verluste den aufrichtigsten Antheil und gibt mir auf, Ihnen und den trauernden Töchtern mit meinem innigen Beileid auch das ihrige auszudrücken. Wir hatten freilich bei wiederholten Besuchen in den letzten Jahren uns sagen müssen, daß der Abschied wohl auch einer für dieses Leben sein könne; aber seine kräftige Natur raffte sich doch wieder auf und gerade noch im vorigen Sommer fand ich ihn geistig munterer als zweimal zuvor. Wie ich auf jeder Reise an den Bodensee auf dem einen oder andern Ufer gastfrei von ihm aufgenommen war, so wird auch sein Andenken bei jedem späteren Besuch der Gegend in mir lebendig sein. Während meiner letzten Anwesenheit in Meersburg saß Laßberg einmal an seinem sonnigen Fenster, eine alte Schrift in der Mappe für mich aufsuchend, sein ehrwürdiges Gesicht hob sich auf dem weiten Hintergrunde des Sees und Gebirges ab; so steht mir das Bild des schwäbischen Forschers und Freundes unvergänglich vor dem geistigen Auge. Möge, verehrte Frau, der Trost von oben Ihnen und den Ihrigen diese schweren Tage tragen helfen. Bewahren Sie uns fernerhin Ihre wohlwollende Gesinnung. Mit unveränderlicher Hochschätzung L. U.« Waren mit Schwab und Laßberg werthe, langjährige Freunde aus dem Leben geschieden, so wuchsen Uhland in jüngeren Männern auch neue und anhängliche Freunde heran. So stand er schon seit längerer Zeit mit Professor, Bibliothekar Stälin in Stuttgart in brieflichem Verkehr und wenn er nach Stuttgart kam, so war meistens der erste Ausgang zu ihm gerichtet. Der unermüdlich gefällige Freund machte ihn mit allem bekannt, was sich in der Bücherwelt für Uhland merkwürdiges und neues begeben hatte, und der rege Antheil, den Stalin an seinen Studien nahm, war höchst aufmunternd für Uhland, der wohl das Bedürfniß der Mittheilung, aber weniger die Leichtigkeit hatte, sich mitzutheilen. Er stand in seiner Jugend mit seinen Studien sehr allein. Die Freunde, wie Kerner und Mayer, hatten mehr Sinn für seine Poesie als für seine Forschungen; jedenfalls war er in diesem Fache bei ihnen mehr der Geber als der Empfangende gewesen und hatte daher leicht das Gefühl, man sei mehr aus Freundlichkeit teilnehmend, als aus Interesse für die Sache, deßhalb that ihm das rege Interesse, das er bei Stälin und seit Professor Franz Pfeiffers Aufenthalt in Stuttgart auch bei diesem für diese Seite seines Geistes fand, so wohl. Auch in Tübingen hatte er seit einigen Jahren das, was er für sich ausgearbeitet, einem Kreise jüngerer Freunde, den Herren Professoren Keller, Fallati, Rapp, Holland und Klüpfel, die fast alle während der kurzen Zeit seiner Lehrtätigkeit seine Zuhörer gewesen, vorzutragen. Durch Pfeiffers neu entstandene Zeitschrift Germania bot sich ihm nun auch eine willkommene Gelegenheit dar, die Früchte seines emsigen Fleißes in einzelnen Abschnitten durch den Druck bekannt zu machen. So lange er die Hoffnung hatte, seine Abhandlungen über die Heldensage, die schwäbische Sagengeschichte und das Volkslied zu Ende zu führen, war er auf freundliche Aufforderungen zu Beiträgen in derartige Zeitschriften nicht eingegangen, um seine Arbeit nicht zu zersplittern; nun, da ihm aber die völlige Lösung der Aufgabe, die er sich gestellt, nicht mehr möglich schien, entschloß er sich gerne zu theilweiser Veröffentlichung seiner stillen Arbeiten. So erschienen nach und nach in der Germania aus der schwäbischen Sagenkunde: »Die Pfalzgrafen von Tübingen,« »Dietrich von Bern,« »Bodmann und die Todten von Lustnau;« letzterer Aufsatz, während der Krankheit von ihm vollendet, wurde erst nach seinem Tode gedruckt. Zur Heldensage gehören: »Sigemund und Sigefred,« »Der Rosengarten von Worms.« Der Abhandlung über das Volkslied entnommen sind: »Zwei Gespielen,« »Rath der Nachtigall« und »Sommer und Winter.« Wie bescheiden Uhland über seine eigenen Leistungen dachte, zeigen seine Briefe an Professor Pfeiffer. Er schreibt bei der ersten Mittheilung: »In Folge Ihrer freundlichen Aufforderung zu einem Beitrag für die Germania übersende ich vorerst nur zur Einsicht ein Stück meiner schwäbischen Sagenforschungen. Ein zweites von minderem Umfang könnte sich zu gleichzeitigem Abdruck reihen. Sie werden aber für das erste Heft eine mehrseitige Theilnehmerschaft längeren Mittheilungen der Einzelnen vorziehen. Die hier mitfolgende bedarf jedenfalls einer nochmaligen Durchprüfung.« In einem späteren Briefe: »Hiebei folgt die nochmals durchgesehene erste Nummer meines Beitrags zum ersten Hefte Ihrer Zeitschrift. Das Manuscript ist durch Zusätze und Abänderungen weniger reinlich geworden und doch wäre eine nochmalige Reinschrift umständlich gewesen. Sie haben wohl die Güte, wenn Ihnen Uebersehenes auffällt, es zur Nachbesserung im Druck zu beachten.« Pfeiffers Zeitschrift wirkte günstig auf Uhlands Produktivität. Die gelinde Nöthigung, mit der Arbeit abzuschließen, war bei ihm, der sich selbst nie genug thun konnte, immer noch einen neuen Aufschluß, eine nähere Begründung zu finden hoffte, am Platze. Wie das Stylistikum während seiner akademischen Thätigkeit die Lust zu dichten in ihm erregte, so wirkte die Gelegenheit, mit Einzelnem hervorzutreten, anfeuernd auf seine Arbeiten ein. Doch lockte die schöne Jahreszeit ihn vom Schreibtisch in die freie Natur zu einem Aufenthalt am Vierwaldstädtersee, nach Beckenried, von wo er den Canton Unterwalden durchstreifte und den Sagen von Arnold Winkelried, zu einem »Drachenloch« nachging. Die Abtei Engelburg wurde auch besucht, aber die frommen Brüder hatten nichts in ihrer Bibliothek für seine Studien. Der Winter 1856 verfloß dann wieder in stiller Arbeit, bis der Bodensee zum Baden einlud. Dießmal wurde Ueberlingen zum Aufenthalt gewählt. Die auf der andern Seite des Sees gar schön gelegene Ruine von Altbodmann, unten der neuere Herrschaftssitz der Herren von Bodmann, seit Jahrhunderten Besitzer hier, interessirte Uhland lebhaft. Die alte Pfalz Bodmann und die Sagen, die an dem Geschlechte hafteten, reizten seinen Forschungstrieb nicht nur in diesem, sondern ebenso im nächsten Sommer. Er wurde dabei von dem edlen, gastfreien Freiherrn von Bodmann auf das bereitwilligste unterstützt und so entstand der Aufsatz »Bodmann,« der im vierten Jahrgang der Germania abgedruckt wurde. Nach Ueberlingen wurde auch noch der Bregenzer Wald besucht. Uhland an Professor Pfeiffer. Tübingen, 26. Februar 1856. »Verehrter Herr und Freund! Mein längeres Stillschweigen war dadurch verursacht, daß ich immer noch meinte, den »Dietrich von Bern« rechtzeitig für das zweite Heft fertig bringen zu können, aber zu der äußeren Abhaltung kam auch noch Verschiedenes, was in der Sache selbst neu zu thun war. Während ich auf der einen Seite abzukürzen suchte, erschloßen sich auf der andern Ausblicke, die eine Erweiterung herbeiführten. Der Aufsatz wird nun voll das zweifache der Pfalzgrafensage ausmachen, also etwa 2 ¼ Bogen. Da ist es nun jedenfalls besser, wenn er erst im dritten Heft erscheint und ich nicht gleich wieder so beträchtlichen Raum einnehme. Ueber die von Kemnaten und Linouwe habe ich mich bei Herberger befragt und bin von ihm auf Kaisers Oberdonaukreis, den auch Stälin anführt, und auf die Jahresberichte des historischen Vereins für diesen Kreis aufmerksam gemacht worden. Diese Schriften sind hier, eine weitere darin genannte: Reisers Wappen der Städte im Oberdonaukreis 1834, werde ich vielleicht in Stuttgart finden, wo auch anderwärts noch unbekannte Drucke von: Ecken Ausfahrt, Augsburg bei Hans Zimmermann, vorhanden sind. Die Leimnauer in derselbigen Gegend bei Kaufbeuren und Kloster Irrsen (alt Ursin) kommen freilich überall kurz weg und ihnen besser auf die Spur zu kommen, wäre mir allerdings erwünscht. Ich überzeuge mich immer mehr, daß sie mit den Kemnaten zusammentreffen. Ihr erstes Heft hat auf mich den günstigsten Eindruck gemacht, ich freue mich aufrichtig dieses Vereins neu auftauchender Kräfte mit schon bewährten, und sehe darum den auf dem Umschlag in Aussicht gestellten Arbeiten begierig entgegen. Ihr ergebenster L. U.« Uhland an Professor Lüning in Zürich. Tübingen, 6. Juni 1856. »Hochgeehrter Herr! Auf Ihre freundliche Anfrage beehre ich mich Folgendes zu erwidern. Es war wohl vormals meine Absicht, auf ähnliche Weise wie den Mythus von Thôr, auch den viel umfassenderen von Odin zu behandeln; aber zu dem Umfang und den Schwierigkeiten der Aufgabe selbst kamen äußere Unterbrechungen von langer Dauer und ich beschränkte später meine Arbeit auf einen einzelnen Theil der Odinsfabeln. Allein auch mit diesem bin ich noch nicht zum Abschluß gekommen und kann nicht voraussehen, ob und wann es dazu kommen werde. Indem ich dem Erscheinen Ihrer Schrift über die Edda mit regem Eifer entgegensehe, bin ich hochachtungsvoll Ihr ergebenster L. U.« Professor Pfeiffer an UhIand. Stuttgart, 3. März 1857. »Herzlichen Dank, verehrter Freund, für Ihren Beitrag. War er auch nicht so umfangreich als die in Aussicht gestellte Abhandlung über die Siegfriedssage (die ich nun für's dritte Heft erhalte?), so habe ich doch alle Ursache, mit dem Tausche zufrieden zu sein. Ich schätze mich glücklich, in der Germania die erste Probe Ihrer »Geschichte des deutschen Volksliedes« geben zu können, und bin überzeugt, meine Leser werden davon ebenso entzückt sein, wie ich. Freilich wird dadurch die Sehnsucht nach dem Ganzen von neuem geweckt. Holtzmann läßt herzlich grüßen. Mit dem Glossar zu den Nibelungen ist er nun glücklich fertig und der Druck wird nun rasch beendigt werden können. Leben Sie recht wohl. Mit herzlichen Grüßen Ihr treuergebener Pfeiffer.« Die Beschäftigung mit der Heldensage veranlaßte Uhland im Juni 1857 zu einer Reise nach Rheinbayern. Er wollte in den Sagen genannte Oertlichkeiten, namentlich den Wasgenstein, auch Wasichenstein genannt, bei Schönau besuchen. Von Bergzabern aus gelangte er nach Schönau und wurde von dem Direktor des dortigen Eisenwerks sehr freundlich geleitet. Der Wasgenstein liegt über der französischen Grenze und die Begleitung war ihm deßhalb und weil der Weg viele Schwierigkeiten bot, recht von Nutzen und wurde dankbar von ihm gerühmt. Die Besichtigung dieser Felsgegend bestärkte Uhland in der Vermuthung, daß hier wohl der Kampf Walthers vorgegangen sein könnte. Bei Bergzabern besuchte er auch die in schöner Waldgegend liegenden Burgruinen Berwartstein und Drachenfels. Die Reise wurde dann nach Kaiserslautern, auf den Donnersberg, Speyer und Worms fortgesetzt, bei Freund Mappes in Frankfurt eingekehrt und über Baden die Heimath wieder erreicht. Nach dem gewöhnlichen Badaufenthalt am Bodensee begab sich Uhland im September zur Philologenversammlung nach Augsburg. Es war ihm in Augsburg immer besonders behaglich, wozu hauptsächlich der Umgang mit Archivar Herberger, der ihm immer so viele Güte und Gefälligkeit erwies, beitrug. Dießmal traf er auch sonst noch manche Bekannte und Freunde, welche auch die Versammlung hergeführt hatte und mit denen er vergnügte Tage verlebte. Mit dem Frühling 1857 hatte Uhland das siebenzigste Lebensjahr zurückgelegt; außer einiger Abnahme des Gesichts und des Gehörs war er von Altersgebrechen frei, seine Haltung war aufrecht, sein Gang rasch und leicht. Vom Eintritt der warmen Jahreszeit bis gegen den Herbst gebrauchte er das Bad im heimathlichen Neckar, später im Sommer im Bodensee. In Tübingen zog er vor, einen weiten, gegen Mittag oft heißen Gang bis weit über die Stadt hinauf zu machen, nur um im freien Fluß baden zu können; der Anblick der freien Gegend und das Schwimmen gehörte ihm wesentlich zum Badegenuß. Noch konnte er große Fußtouren ausführen und war jeder weichlichen Bequemlichkeit abhold. Manchen großen Stein, den die Fuhrleute am Wege liegen gelassen, hat er auf die Seite geschafft, damit in der Nacht Niemand darüber fallen könne, und auf Spaziergängen die Dornenzweige, die von andern nachlässig in den Weg geworfen waren, aus Rücksicht für die Frauen beseitigt. Begegnete er auf seinen Gängen Gebrechlichen und Alten, die ihm der Unterstützung bedürftig schienen, so schrieb er den Namen und ihre Wohnung in seine Schreibtafel, damit er sich genauer nach ihnen erkundigen konnte. Es war ihm eine Freude, zu helfen, wo er konnte. Die Bücher, die er sich für seine Studien angeschafft, lieh er bereitwillig an Andere und es konnte wohl vorkommen, daß er sich nach einem Buche auf der Bibliothek umsah, weil er das eigene Exemplar ausgeliehen hatte. Bis in das Alter eilte er zu jedem Brande in der Stadt oder Umgegend. Noch vor etwa zehn Jahren hat er bei einer Feuersbrunst in dem eine Stunde entfernten Dorfe Weilheim mit einem Bäuerlein an der Pumpe gestanden, und als er nach gelöschtem Feuer zu Hause bei Tisch saß und die Feuerglocke nochmals ertönte, eilte er wieder dem Dorfe zu, bis er hörte, daß alle Gefahr vorüber sei. Aber nicht nur gegen Menschen war sein Herz voll Mitgefühl, auch der Thierwelt stand es offen. Oft stand er vom Abendessen oder vom Lesen auf, um einem Nachtfalter, der in Gefahr war, sich am Lichte zu versengen, das Fenster zu öffnen. So strenge er gegen sich selbst war, so war er gegen Andere mild und schonend. Liebloses Urtheilen oder gar Rachsucht war seinem Herzen fremd. Ueber sich selbst sprach er wenig, selten ohne Aufforderung. Einiges, was er über seine Studien und seine Arbeiten seiner Frau gelegentlich gesagt, folgt hier. »Meine literarischen Forschungen sind nun theilweise veraltet, die Wissenschaft ist über sie hinausgeschritten. Dennoch kann ich sagen, daß sie nicht ganz ohne Erfolg waren. Mein erstes Werk »Ueber das altfranzösische Epos« wurde bald von den Franzosen anerkannt und oft citirt. Zum »Walther von der Vogelweide« kam ich, indem ich nach politischen Gedichten zu dem »Otto von Wittelsbach,« den ich dramatisch behandeln wollte, bei ihm suchte. Ich glaube, daß er ein Zeitgemälde ist. Auch mein »Thôr« wurde und wird oft citirt. – Als ich am Anfang des Jahres prüfend überschaute, was ich von meinem Vorbereiteten noch ausarbeiten könne, wählte ich mir zum Anfang das schwerste und mühsamste; komme ich mit diesem zu Stande, so ist dann das andere leichter, es ist auch ansprechender.« Auf die Frage: ob es der »Odin« sei? sagte er: »nur eine Seite desselben;« er beklagte, daß ihn niemand dazu anrege und ermuthige. Die Bemerkung, es müsse im Dichtergemüth liegen, nur stückweise zu arbeiten und nach einiger Zeit zu Anderem überzugehen, gab er zu und bemerkte, der Reiz des Schaffens liege eben im Erfinden und Anlegen, im Ueberwinden des Schwierigen, nachher komme man lieber wieder zu etwas Neuem. Später einmal sagte er, es liege ihm noch zu viel Forschung in dem, was er am »Odin« ausgearbeitet, er lasse ihn übrigens nicht liegen, jede Spule sei doch im Gange, wenn er gleich nicht jetzt gerade daran arbeite. Die Volkslieder seien ihm zu weit angelegt, das halte ihn ab davon. Er habe viel gesammelt, viel im Kopfe dazu, viel auch schon ausgearbeitet mit der Feder. Im Gespräch über Riehl und sein Bestreben, Vergangenes festzuhalten, äußerte Uhland: »Ich werde gar oft mißverstanden; weil ich mich des Mittelalters erfreue, vieles schön finde, meinen die Leute, ich müsse dafür sein, daß es auch jetzt, in einer ganz anderen Zeit, wieder in das Leben treten soll. Ich kann mich wohl freuen, daß der Speyrer Dom hergestellt ist, obgleich er mir etwas zu bunt ausgefallen ist; aber ich kann mich nicht für den Ausbau des Kölner Domes begeistern. Als er unternommen wurde, da waren Meister und Gesellen, die Steinhauer- und Malerschulen durchdrungen von dem, was sie schufen, sie lebten in den Ideen, die ihn hervorbrachten; das läßt sich nicht mehr in unsere Zeit bringen, es ist eine erzwungene Begeisterung. Daß erhalten wird, was die schöne Zeit erschaffen hat, das freut mich daran. Wenn ich mit Liebe die alte Zeit erforsche und abschildere, so ist es nicht, daß ich sie der Jetztzeit aufzwingen möchte, die eine materielle Richtung hat. Nur wissen sollen sie, daß es hinterm Berg auch Leute gab, daß eine andere Zeit auch Schönes hatte. Für eine Poesie für sich, vom Volke abgewendet, eine Poesie, die nur die individuellen Empfindungen ausspricht, habe ich nie Sinn gehabt. Im Volke mußte es wurzeln, in seinen Sitten, seiner Religion, was mich anziehen sollte. Schon von meiner Knabenzeit an habe ich die Poesie so gefaßt. Als Student habe ich meine Freunde in unserm Sonntagsblatt mit den Nibelungen bekannt gemacht, als noch keiner von ihnen etwas davon wußte. In Paris habe ich den Aufsatz »Ueber das altfranzösische Epos« geschrieben. Eigentlich ist es ein deutsches Epos aus Karl des Großen Zeit. Fünfzehn Jahre, nachdem ich den Aufsatz geschrieben, wurde er hervorgezogen und anerkannt. Gedichte, deren Existenz ich ahnete, wurden dann aufgefunden. Es wurde mir öfters von Norddeutschen der Vorwurf gemacht, ich habe zu wenig von der ausländischen Literatur Notiz genommen. Ich habe mich aber mit spanischer, französischer und nordischen Sprachen viel beschäftigt, habe es aber allerdings am meisten in Bezug auf den Zusammenhang mit der Literatur und der Geschichte des deutschen Volkes gethan. Diesem galt mein Studium von meiner frühen Jugend an. Meine eigenen Gedichte sind in der Liebe zu ihm gewurzelt, und nur als einen Theil der deutschen Literatur möchte ich sie angesehen wissen. Auch meine dramatischen Stücke, die geschriebenen, wie die, die ich mir vorgenommen hatte, zu schreiben, sind daraus hervorgegangen. Wer sich nicht mit meinen Studien befaßt, kann nicht über mich schreiben.« – – Der Niederlassung der beiden Pflegesöhne, des Schwestersohnes Ludwig Meyer als Rechtsconsulent in Reutlingen, Wilhelm Steudels als Arztes in Böblingen folgte bald auch ihre Verehelichung und später brachte das Aufblühen lieber Kleinen neue Freude in Uhlands Haus und veranlaßte auch zu Besuchen in den neuen Hauswesen. Den Weg nach Reutlingen legte Uhland gerne zu Fuß zurück. Dem alten Freunde, Justinus Kerner, war die geliebte Frau gestorben und er selbst seit Jahren fast ganz des Augenlichtes beraubt. Dieß veranlaßte Uhland zu öfteren Besuchen in Weinsberg. Sein Kommen erheiterte den gedrückten Freund sichtlich. Es war dann ergötzlich, die beiden alten Männer zu hören, wie die Erinnerung an alte Zeiten sie wie verjüngte, wie sie herzlich zusammen lachen konnten. Zu Hause trat der Lebensernst bei Uhland mehr hervor. Die Zeit war auch von der Art, daß ein deutsches Herz wenig Freude daran haben konnte. Ein Zeugniß seiner Stimmung über die allgemeinen Zustände gibt das Folgende. Uhland an Herrn A., Director des Liederkranzes in N. Ihr fordert, daß ich Lieder singe, Mit Deutschlands Barden Glied an Glied? Der Anblick unsrer deutschen Dinge, Der geht mir über's Bohnenlied. »Mit aufrichtiger Würdigung der vaterländischen Gesinnung des dortigen Liederkranzes. Tübingen, im Februar 1859. L. U.« Uhland an Herrn Ph. Artaria in Mannheim. Tübingen, 11. Februar 1859. »Verehrtester Herr! Die vortrefflichen Kunstwerke, mit denen Sie mir ein so werthvolles Geschenk gemacht haben, werden meiner einfachen Wohnung zu großer Zierde gereichen, sie werden mir selbst, wie den Genossen und Freunden meines Hauses mitten unter den Vorkommnissen des täglichen Lebens einen ernsten und erhebenden Anblick darbieten. Es ist aber noch ein Anderes, was mich erfreut und mit herzlichem Danke erfüllt, ich meine die überaus freundliche Gesinnung, die Sie mir, dem persönlich Unbekannten, gänzlich überraschend erwiesen haben. Zwar sind die Lieder, die mir dieses Wohlwollen verschafften, ihrem Hauptbestande nach Erzeugnisse längstvergangener Jahre, das spätere Alter wird von lyrischen Anregungen nicht so leicht ergriffen; aber die Grundstimmung, aus welcher einst Lieder hervorgegangen, ist in mir noch jetzt lebendig und darum eigne ich mir dankbar an, was jenen Geisteskindern Liebes geschieht. Möge, verehrter Herr, Ihr angestrengtes Wirken für die Verbreitung geistbildender Kunstdenkmale forthin von segensreichem Erfolg begleitet sein. In größter Hochachtung Ihr ergebenster L. U.« Uhland an seinen Neffen, Ludwig Meyer. Tübingen, 18. Juni 1859. »Das frühe Erlöschen der Elternfreude, die Euch in dem Neugeborenen und seinem anfänglichen Wohlbefinden aufgegangen war, hat auch uns schmerzlich betroffen. Vom Tauftage hatten wir doch einige Hoffnung mitgenommen, daß es noch besser mit dem leidenden Kinde werden könnte. Möge nur die Anstrengung und Trauer auf die Gesundheit der lieben Luise nicht nachtheilig einwirken; in den zwei lebensfrischen Kindern, um die Ihr im vorigen Jahre besorgt waret, hat Euch Gott ja einen wohlthätigen Trost erhalten. Wir werden morgen frühe mit unseren Gedanken am stillen Grabe des lieben Ernsts gegenwärtig sein. Mit inniger Theilnahme Euer treuer Oheim L. U.« Du kamst, Du gingst mit leiser Spur, Ein flücht'ger Gast im Erdenland; Woher? Wohin? wir wissen nur: Aus Gottes Hand in Gottes Hand. Der Sommer 1859 führte Uhland wieder in die geliebte Schweiz, nach Bern, Brienz, Lauterbrunnen, auf den Seelisberg, nach Altorf, wohin ihn die Tellssage, der er immer noch eifrig nachging, zog. Dießmal mußte zwar der Gang über die beiden Scheidecken unterbleiben, weniger des Aufsteigens als des Absteigens wegen, weil zunehmende Kurzsichtigkeit ihm den Tritt unsicher machte, doch brachte auch von den Thälern aus gesehen die Alpenwelt vielen Genuß. Einen andern brachte das Zusammentreffen mit lieben Angehörigen. Werthe Freunde mußte Uhland auf der andern Seite nun in der Schweiz vermissen, den guten Orelli, der den Aufenthalt in Zürich immer so angenehm gemacht; dießmal konnten Uhlands nur sein Grab auf dem St. Anna-Kirchhof aufsuchen, und der treue Freund Laßberg ruhte auch im Grabe. Bei dem Schillerfeste am 10. November 1859 war Uhland in Stuttgart zugegen. Folgende freigesprochene, erst nachher aufgeschriebene Worte sprach er nach dem, Festmahl: »Als auf dem Festplatz die große Glocke der Stadt Stuttgart erklang, gemahnte sie mich daran, daß Schiller in jungen Jahren dieselbe vielmals gehört haben muß, daß eben dieser Klang in seiner Seele geschlummert haben und lange nachher zum mächtigen Lied von der Glocke geworden sein mag. Er hat die Glocke zum Symbol einer umfassenden dichterisch-sittlichen Weltanschauung erkoren. Eine große, weitschallende Glocke ist Schillers ganze Poesie. Der Dichter hat gleichwohl nicht das Haupt emporgeworfen. Im Augenblick, da die blühenden Töchter der Stadt den Fuß der Säule bekränzten, sahen wir das edle, gebeugte Haupt vom hervortretenden Sonnenscheine beleuchtet. Ueber Länder und Meere tönt heute die Festglocke der Schillerfeier. Auch jenseits des Oceans werden Deutsche, die nun seit zehn Jahren in der Verbannung leben, von einer heftig erregten Zeit her, in welcher selbst die Höchsten und Edelsten nicht auf festem Boden standen, diesen Laut vernehmen, mit schmerzlicher Erinnerung und doch mit freudigem Stolz auf den Gewaltigen aus dem Heimathlande. In der deutschen Heimath selbst wird die Glocke nicht unwirksam und segenslos verhallen. Daß die Feier, zu der sie geladen, eine volksthümliche sei, des sind wir alle Zeugen, die wir den in Ernst und Scherz wohlgelungenen Festzug angesehen. Mahnend und zugleich ermuthigend wird der ernste Klang in deutsche Länder dringen, die solange schon in ihren theuersten Rechten sich tief gekränkt fühlen. »Heil'ge Ordnung, Himmelstochter!« spricht der Meister des Glockengusses; zu der heiligen Ordnung aber zählt' er das frohbewegte Leben »in der Freiheit heil'gem Schutz.« Ertönen wird der Glockenruf in die Zerrissenheit des deutschen Gesammtvaterlandes, in dessen klaffende Wunde wir eben erst tief hinabblickten. »Concordia soll ihr Name sein!« tauft der Meister seine Glocke. Concordia bedeutet aber nicht eine träge, todte Eintracht, nein! wörtlich: Einigung der Herzen, in Schillers Sinne gewiß: Eintracht, frischer, thatkräftiger, redlicher, deutscher Herzen. Concordia schalle hoch!« Unter Uhlands Papieren fand sich noch ein kurzer Trinkspruch, den er entweder auch an diesem Feste ausgebracht hat, oder auszubringen beabsichtigte, dann aber wieder unterließ, weil er den längeren inzwischen improvisirt hatte. Er heißt: »Es ist Gegenstand gelehrter Forschung geworden, ob jemals ein Tell gelebt habe? (Wenn die Frage verneint wird, das ist erst recht Tells Tod.) Ich habe mich lebhaft mit diesen Untersuchungen beschäftigt, denen die Berechtigung nicht abgesprochen werden kann; hieher gehören sie nicht. Aber Eines gehört hieher: gewiß ist, daß ein Schiller gelebt hat; er lebt noch und mit ihm lebt ein Tell, sie sind unzertrennlich verbunden, der Denker und Dichter, der Held der Freiheit, sie leben hoch!« Der Tod von Wilhelm Grimm ging Uhland sehr zu Herzen; ein, jedoch nicht abgeschickter Brief an seinen Bruder Jakob gibt davon Kunde. Daß der Brief nicht abgeschickt wurde, kam daher, daß in Uhlands Hause zur Zeit, wo er geschrieben wurde, eine schwer kranke Nichte lag; in der Bestürzung jener Tage blieb der Brief unbesorgt und dann schien es Uhland zu spät dazu. Nun ist der verehrte Bruder, an den er gerichtet war, den Uhland so hoch hielt, dem Bruder auch im Tode gefolgt! Uhland an Jacob Grimm. Tübingen, 31. December 1859. »Gestatten Sie, Verehrtester, auch mir ein Wort der schmerzlichen Theilnahme. Die erschütternde Todesnachricht traf mich eben in einer Zeit, in welcher das treffliche Buch über die deutsche Heldensage zu täglicher, treuester Berathung bei einsamen Studien dieses Bereichs vor mir lag. Auch der Rosengarten war mir neuerlich viel zur Hand, dem er so unermüdliche Pflege gewidmet hat und an seinem Urtheil über meine Auffassung dieses Gedichts, die ich versuchen wollte, mußte mir an erster Stelle gelegen sein. Für wen schreibt man denn, wenn nicht für diejenigen, auf die man am meisten vertraut? Das ist ein bitteres Geschick des Alters, das doch nicht müßig gehen will, daß Einer nach dem Andern von denen, die man bei der Arbeit im Auge hat, unversehens hinwegschwindet. Vollends im Fache des deutschen Alterthums, wenn die Erwecker und Gründer hingehen, die Unersetzlichen, denen in der wissenschaftlichen Vertiefung auch die jugendliche frische Lust des ersten Schaffens geblieben ist, die Herzenswärme, die Poesie. Meine Frau nimmt mit mir den innigsten Antheil an der herben Trauer, die ein theures Haus betroffen hat, in dem wir, als ich den Hingeschiedenen zuletzt sah, so gastfreundlich aufgenommen waren. Fortwährend hat er mich durch werthvolle Spenden seiner fruchtbaren Thätigkeit und wohlwollende Gesinnung zu andauerndem Danke verpflichtet. Möge das eintretende Jahr Ihnen die rüstige Kraft erhalten, von welcher das ablaufende kaum erst in der Schillersrede und dem neuesten Hefte des Wörterbuchs erfreuendes Zeugniß gebracht hat, möge der geliebte Bruder als lichter, tröstender Geist der Erinnerung und der Hoffnung Ihnen forthin unzertrennlich zur Seite stehen. Treuergeben der Ihrige L. U.« Ueber Jakob Grimm, den er so hoch hielt, der ihm so innig theuer war, sagte er: »Er hat mehr geleistet, als die Forscher anderer Nationen. Als ich mir Michelets Werk anschaffte und mit großer Begierde zu lesen anfing, da fand ich, daß er es ohne Grimm gar nicht hätte schreiben können. Ebenso ist es mit dem Werke von Kemble.« Am 5. April 1860 waren es fünfzig Jahre, daß Uhland zum Doctor creirt worden war. Eine Deputation der Juristenfacultät ehrte ihn an diesem Tage mit ihrem Besuch und mit der Erneuerung des Diploms, wie schon früher angeführt worden ist. Auch die Berliner Universität erfreute ihn mit einem Glückwunsch. Uhland dankte darauf in folgendem Briefe. Uhland an den Geheimenrath Dr. Böckh in Berlin. »Die Glückwünsche, die Sie als Vorstand und im Auftrag des Senats der Universität Berlin mir am Morgen des 5. April zugehen ließen, verpflichten mich zum innigsten Danke. Sie konnten dieser wohlwollenden Zuschrift nichts mir Ehrenvolleres voranstellen, als daß Sie mich mit dem Namen eines treuen Vaterlandsfreundes begrüßten. Unter den Wirren der Gegenwart ist uns ja das wieder so dringend noth, daß die Liebe zum deutschen Gesammtvaterlande allerwärts lebendig sei, daß sie dem Alter nicht verlösche und in den Herzen der Jugend thatkräftig aufglühe. Mit aufrichtiger Hochschätzung Tübingen, 11. April 1860. Dr. L. U.« Präsident Jaup an Uhland. Darmstadt, 10, April 1860. »Hochverehrter deutscher Mann! Die Allgemeine meldet, daß Sie am 5. dieses Monats Ihre fünfzigjährige Doctorwürde erlebt haben. Deutschland muß hiezu sich glückwünschen; erlauben Sie mir (der bereits im September 1853 ein so alter Doctor geworden) Ihnen dieß auszudrücken, in der nicht bescheidenen Hoffnung, daß Sie aus der Zeit der siebenzehn Vertrauensmänner und der verfassunggebenden Nationalversammlung meiner großen Verehrung für Sie noch eingedenk seien. Gott segne Sie, Gott erhalte Sie ferner! Präsident Jaup.« Nach der gewöhnlichen Badereise an den Bodensee, wo dieses Jahr der Aufenthalt in Rorschach genommen wurde, wurde im Herbste noch Stuttgart und Weinsberg besucht. Der Winter verfloß im stillen Schaffen, wie denn in der Germania 1860: »Sommer und Winter« und im ersten Hefte von 1861 der »Rosengarten von Worms« erschien. Im Juni 1861 schied ein alter treuer Freund und Mitkämpfer aus dem Leben: Procurator Albert Schott. Als ihn Uhland im Frühjahr auf seinem Krankenlager besucht hatte, kam er sehr wehmüthig von ihm zurück. Zu seiner Bestattung eilte er nach Stuttgart und obwohl noch ganz gesund, soll er doch auf dem Rückweg vom Gottesacker gesagt haben: »Jetzt kommt die Reihe auch bald an mich.« Ueber Schott äußerte er: »Der Rückblick auf seinen Lebensgang bestätigt mir recht anschaulich wie sein Herz nicht müde ward, von Neuem zu erglühen.« Uhland an seine Frau. Tübingen, 21. Juni 1861. »Liebste Emma! Da sich keine andere Gelegenheit zeigt, Dir die gewünschten Gegenstände zu schicken, erhältst Du sie durch die Post. Vorgestern kam ich Abends sieben Uhr nicht besonders ermüdet hier an; ich hatte die Sonne im Rücken und den Luftzug im Gesicht; in Weilheim machte ich eine halbe Stunde Rast. Haus und Garten fand ich in Ordnung und aus letzterem erhielt ich schöne Prestlinge zum Nachtisch. Gestern machte ich einen Besuch bei Mayers Bäbele; sie war auf, sieht aber angegriffen aus. Sie sagte mir, daß sie ihre Herrschaft in den nächsten Tagen erwarte. Wirklich fanden sich dann schon heute Morgen die beiden Töchter in unserem Hause ein. Dem Vater ist gerathen, noch eine Woche in Cannstadt zu bleiben, wo ihm die Kur wohl bekomme. Von unsern Reutlingern hätte ich gerne hier Nachricht angetroffen und es hat mich dieß hauptsächlich schon hierher getrieben. Jetzt werden sie eher nach Niedernau schreiben, nachdem uns die heutige Zeitung als Badgäste angezeigt hat. Die böhmische Badmusik für Niedernau hat auf der Durchreise bereits hier gespielt. Ich werde sie noch zur Genüge hören, da die nächste Woche den Badgästen gar zwei tanzfrohe Feiertage bringt. Dieß soll mich aber nicht abhalten, wenn nicht noch irgend eine geschäftliche Besorgung mich festhält, am Montag nach Niedernau zurückzukehren. Wenn mir auch die Stille sonst zusagt, so ist mir doch das Haus ohne Deine liebe Gegenwart sehr verödet. Innig grüßend Dein L.« Am ersten September wurde wieder die Reise an den Bodensee unternommen und trotz ziemlich kühlem Wetter badete Uhland im See. Er war sich so wenig weich, daß als er einst morgens vergeblich an das Badhaus ging und dann Nachmittags der Badfrau Vorwürfe machte, daß er es verschlossen gefunden habe, diese ihm erwiederte: »Wer wird denn auch bei eilf Grad im See baden und,« setzte sie hinzu, »vollends ein so alter Herr, wie Sie!« Er machte auch gerne noch größere Spaziergänge und nach einer Anzahl Bäder eine Eisenbahntour um den Wallenstadter See. Auf der Heimreise wurde auch noch des theuren Freundes Laßberg Grab besucht. Der Kirchhof von Meersburg ist hoch gelegen; an der obern Ecke desselben ruht er bei seiner hochbegabten und edlen Schwägerin, Annette von Droste-Hülshoff und ihrer Mutter, die beide bei Laßberg ihre letzten Tage zugebracht hatten. Eine schönere Ruhestätte konnten der deutsche Mann und die sinnige Dichterin nicht finden. Von ihrem Grabe aus übersieht man den See in seiner ganzen Ausdehnung, mit seinem herrlichen Gelände und von den Schweizer und Tyroler Alpen begrenzt. Mit der scheidenden Sonne, die See und Berge vergoldete, schieden Uhlands in tiefer Rührung von dem theuren Grabe. In den verödeten Burghof, wo sonst eine herrliche Blüthenfülle von der Hausfrau gepflegt wurde, warfen sie nur wehmüthige Blicke, da Laßbergs Wittwe und seine Töchter auf Besuch in Westphalen waren, und schieden von dem Orte, wo ihnen so viele genußreiche Stunden geworden waren. Noch einmal weilten sie in Stuttgart bei dem schon leidenden Schwager Roser und kehrten dann in die Heimath zurück. Bald darauf hatte Uhland die Freude, Freund Simrock mit seinen Kindern bei sich zu sehen. Die letzten Tage des Jahrs führten Uhland zu einem schmerzlichen Gange nach Stuttgart, er geleitete den durch mehr als fünfzig Jahre ihm so innig verbundenen Freund, seinen Schwager Roser zu Grabe. Als Jünglinge, als rüstige Männer, als Greise war ihre Freundschaft – unbeirrt durch verschiedene Ansicht und Lebensstellung – die gleiche geblieben, Freud' und Leid wie Brüder zusammen theilend, wie ihre Frauen leibliche Schwestern waren. Stiller noch als sonst floß der Winter Uhland dahin. Etwas mehr Müdigkeit, weniger Lust zum Spazierengehen war von der Frau wohl bemerkt, aber auf Rechnung des erlittenen Verlustes gedeutet worden. Doch mochte er auch im Januar gerne einem Tauffeste bei dem Pflegesohn Steudel in Böblingen anwohnen. Die Arbeit machte ihm auch noch den gleichen Genuß wie sonst, und wenn ihn Freund Mayer Abends in eine Männergesellschaft abholte, fand er ihn stets geneigt dazu. Er arbeitete diesen Winter an drei Aufsätzen. Der eine: Die Todten von Lustnau, wurde während seiner Krankheit noch vollendet. Der andere gehörte zur deutschen Sagengeschichte: Walther vom Wasgenstein, und der dritte zum gothischen Sagenkreise: König Ermenarich beschäftigte ihn noch oft in seinen Gedanken während der Krankheit. Eine neue Trauerbotschaft erreichte Uhland am 23. Februar. Sein alter Freund Kerner war einem Anfall der Grippe, die sich zu seinem Gichtleiden gesellte, unterlegen. Im Spätherbst hatte Uhland ihn besucht, hatte ihn zwar leidend gefunden, aber das Wiedersehen des Freundes hatte ihn so erheitert, daß es dennoch fast frohe Stunden waren, die sie mit einander zubrachten. Doch mußte der Abschied bei Kerners leidendem Zustand ein wehmüthiger sein. Der Winterkälte unerachtet ließ sich Uhland nicht abhalten, der Beerdigung in Weinsberg anzuwohnen; er und Freund Mayer machten die Reise dahin zusammen. Es war ihm nach der Zurückkunft kein Unwohlsein anzufühlen, und einige Tage nach der Zurückkunft begleitete er in Tübingen nochmals einen Jugendgenossen und Schulkameraden, den Prosector Bauer, zu seiner letzten Ruhestätte. Zwei Tage darauf fühlte er sich heiser, klagte aber nicht weiter darüber. An diesem Tage schrieb er den letzten Brief mit eigener Hand. Uhland an Karl von Killinger in Karlsruhe. Tübingen, 8. März 1862. »Theuerster Vetter! Es war uns eine innig erfreuende Nachricht, die wir von der Verlobung Deiner Marie mit einem ihrer Achtung und Liebe so würdigen Lebensgefährten erhalten haben. Die junge Verwandte ist uns persönlich sehr werth geworden, so daß wir diesen ihren wichtigen Schritt mit den teilnehmendsten Glückwünschen begleiten. Hoffentlich gebt Ihr uns bald einmal durch freundlichen Besuch Gelegenheit, Euch in dieser frohen Erweiterung Eures Kreises wiederzusehen. Die neueste Zeit hat mir freilich auch Trauriges bereitet. Zum Jahresschluß stand ich am Sarge meines treuen Freundes und Schwagers Roser, in vorletzter Woche warf ich die Scholle in das Grab Kerners, den ich jährlich in Weinsberg heimzusuchen pflegte, und eben noch in diesen Tagen gab ich einem hiesigen Schulkameraden, Prosector Baur, das letzte Geleit. So bringt es das vorgerückte Alter mit sich; da leuchten aber auch wieder die hellen Glückessterne herein, die über den Häuptern eines jüngeren befreundeten Geschlechtes aufgehen. Dir und den Deinigen unsere herzlichen Grüße. Dein treu ergebener L. U.« Am folgenden Tag, Sonntag den 9. März, am allgemeinen Bußtag, wollte Uhland trotz der fortwährenden Heiserkeit mit seiner Frau in die Kirche gehn, ließ sich aber durch ihren Rath davon abhalten. Den Arzt rufen zu lassen, hielt er nicht für nöthig, doch willigte er gegen Abend, da sein Aussehen offenbares Unwohlsein verkündete, auf ihre Bitte und den Zuspruch eines Freundes darein. Der Arzt fand den Puls schnell und ungleich und eine Entzündung des Rippenfells angezeigt. Auf die angewendeten Mittel besserte sich zwar das Befinden wieder, so daß der Patient nach einigen Wochen außer Bett sein und bald auch bei warmen Stunden in den Garten gehen konnte; aber die Kräfte kehrten nicht zurück und der schnelle Puls und ungleiche Athem traten immer von Zeit zu Zeit wieder ein. In guten Stunden unterhielt er sich gerne mit seinen Freunden, behielt das rege Interesse für seine Studien und war dankbar, wenn seine Freunde Keller und Holland bei ihren Besuchen ihm Neues darüber mittheilten. Aber die Nächte waren häufig unruhig und wenn er schlief, so plagten ihn aufregende Träume, oft von Ermenarich, über den er vor dem Erkranken einen Aufsatz angefangen hatte. Der Ermenarich hat mich wieder nicht schlafen lassen! klagte er einigemal des Morgens. Obwohl er keine eigentlichen Schmerzen hatte, so war dieser Zustand für ihn, der seit seinen Kinderjahren keine Krankheit gehabt, in langen Jahren nie einen Tag zu Bette zugebracht hatte, doch eine schwere Prüfung. Mit Ergebung nahm er aber das Leiden auf sich und beklagte nur, daß er unthätig sein müsse. An einem leichteren Tag ließ er sich seine Papiere geben und gieng den Aufsatz: Die Todten von Lustnau durch. Mit strahlendem Gesicht erzählte er es der Frau, die ausgegangen gewesen. Dann kamen aber wieder unruhige Nächte und das Arbeiten mußte unterbleiben. So kam sein Geburtstag, der 26. April, heran; er wurde mit Sorgen von den Seinen begangen. So viel als möglich wurden glückwünschende Besuche ferne gehalten, sogar der alte Freund Hoffmann von Fallersleben, der am Abend zuvor ihn begrüßen wollte, gab seinen schönen Glückwunsch nur der Frau, da er hörte, daß Uhland nur wenige Besuche sehen könne und schon mehrere bekommen habe. Aus allen Gegenden Deutschlands kamen Telegramme und Glückwünsche, aber Uhland lag still, meistens schlummernd in seinem Bette. Doch konnte er zu Tisch aufstehen und mit den Pflegesöhnen eine gemüthliche Stunde zubringen. Aus Oberschwaben hatte er von fremder Hand ein Briefchen, von »einem Schwabenkinde« erhalten mit beigeschlossenem Goldstückchen. Im Briefe steht: der Schreiber sei am Feste von Mariä Verkündigung mit dem Gedanken an dieses Fest spazieren gegangen, da sei ihm Uhlands »Waller« in den Sinn gekommen; »froh« – fährt er fort – »in dem Bewußtsein, daß die Reine, die der Himmel mit seinen Gnaden überschüttet, solch einen würdigen Sänger gefunden, faßte ich den glücklichen Entschluß, Euer Wohlgeboren zum 75. Geburtsfest in beiliegendem Scherflein den Tribut meiner Verehrung zu bringen. Trinken Sie dafür eine Flasche des allerbesten Weins, der Ihr Herz mit Himmelswonne laben möge!« Nicht leicht war Uhland durch ein ihm gebrachtes Zeichen von Liebe und Anerkennung so freudig bewegt, so heiter gestimmt worden, als durch diese Zeilen und das so gut gemeinte Geschenk. Der Wein wurde von ihm und den Pflegesöhnen getrunken und des Gebers dankbar dabei gedacht. Als der Arzt am Tage der Erkrankung Uhlands Herzschlag untersuchte, fand er an der linken Brust einen kleinen Auswuchs, der ihm bedenklich war; Uhland hatte diesen schon längere Zeit bemerkt, aber entweder sich keine Sorge darüber gemacht, oder aus zu viel Schonung gegen seine Frau nicht davon sprechen wollen. Als der Entzündungszustand sich gebessert und die Kräfte wieder mehr gehoben hatten, trug der Arzt auf die Wegnahme des Auswuchses an, da zu befürchten war, daß bei fernerer Entwicklung derselbe gefährlich werden könnte. Uhland war gleich dazu entschlossen und die Operation gieng glücklich und schnell vorüber. Uhland hatte vorgezogen kein Chloroform zu nehmen und war so ruhig und getrost, daß er es war, der die zagende Frau aufrichtete und auf Gottes wohlmachende Führung verwies. Der Kranke wurde auch durch die Operation nicht mehr geschwächt und die Heilung trat vollständig ein. Aber die Hoffnung, die man sich gemacht, daß nun die völlige Genesung und die Wiederkehr der früheren Kraft erfolgen werde, gieng nicht in Erfüllung. Die unruhigen Nächte und der immer wiederkehrende schnelle, ungleiche Puls dauerten fort. An guten Tagen konnte er ausfahren und seinen Garten besuchen, aber die Lebensgeister waren auch oft sehr gedämpft, und die Sorge der Seinigen wuchs von Tag zu Tag. Auf Uhlands Wunsch, dem der Arzt nicht entgegen war, wenn er sich gleich kaum eine günstige Wirkung des Bades versprechen konnte, wurde ein Besuch des Soolenbades Jaxtfeld unterhalb Heilbronn beschlossen. Uhland suchte seine Papiere zusammen und brachte voll Freude seiner Frau die drei begonnenen Aufsätze, die er in Jaxtfeld zu vollenden hoffe. Er ertrug die Reise gut, so daß die Frau und der Pflegesohn, seit kurzem Badarzt in Jaxtfeld, neue Hoffnung für das geliebte Leben faßten; aber die erwartete Hebung der Kräfte trat nicht ein, der früher so rüstige Wanderer war vom kleinsten Gang erschöpft, die Nächte brachten wenig Schlaf, dagegen war der Kranke bei Tag öfters in einem schlummerhaften Zustand. Das mit Vorsicht gebrauchte Salzbad blieb ohne Wirkung, auch der Athem wurde eher stockender als leichter. Auf der hochaufgemauerten Terrasse vor dem Hause, wo man den Neckar weit hinauf und hinab sieht und das liebliche Wimpfen dem Hause gegenüber die Landschaft schmückt, saß Uhland stundenlang, bald mit seinem Glase die Landschaft betrachtend, bald in Gedanken versunken. An einem besonders leichten Tage freute er sich des Planes, den er ausgedacht, er wolle auf dem täglich in der Frühe am Hause haltenden Dampfschiff nach Heidelberg fahren, dort wolle er Freund Holtzmann zu sich zu Tische bitten, mit ihm über ihre Studien sprechen und Abends mit dem Bahnzug nach Stuttgart zurückkehren. Es war der letzte Reiseplan, den er sich ausgedacht! Dem guten Tage folgten matte, bedrückte Tage und schlaflose Nächte, auch der Athem wurde beklommener. Als nach einer sehr übeln, fieberhaften Nacht seine Frau ihm mit Zustimmung des Arztes die Abreise, vorerst nach Stuttgart vorschlug, um von dort nach einigen Ruhetagen die Heimath zu erreichen, sagte er mit der liebreichsten Schonung gegen sie: aber liebe Frau! es könnte auch leicht meine letzte Stunde in Stuttgart herbeikommen. – Die Reise gieng leichter vorüber, als zu erwarten war, er konnte auch in Stuttgart kurze Besuche der Verwandten und Freunde mit seiner gewohnten Herzlichkeit annehmen, sonst blieb er auf seinem Zimmer, viel bei Tage schlummernd. Nach acht Tagen der liebreichsten Aufnahme und Pflege der Geschwister reiste er am 10. September nach Tübingen zurück. Es war ein schmerzliches Heimkehren, da die gehoffte günstige Wirkung des Bades so gar nicht eingetreten. Noch konnte er bei guten Tagen im Garten sich aufhalten oder ausfahren, er konnte auch mit einem Freunde heiter, ja scherzhaft sein; aber oft war auch der Geist durch die körperliche Schwäche gedrückt. In freieren Stunden ließ er sich gern aus der Bibel vorlesen oder ein Lied von Paul Gerhard, dessen Lieder er gerne hörte. Auch sein Interesse für die deutschen Studien blieb lebendig. Von der Philologen-Versammlung in Augsburg und von der in Reutlingen ließ er sich mit reger Theilnahme durch die Freunde Keller und Holland berichten. Als gegen das Ende Octobers ein Brief von Professor Wilhelm Wackernagel an ihn ankam, welcher mit herzlichen Worten der Anerkennung und Liebe eine neue, Uhland gewidmete Ausgabe des Walthers von der Vogelweide, von Max Rieger und W. Wackernagel herausgegeben, ankündigte, die demnächst in Tübingen ankommen werde, und zugleich liebevolle Wünsche für Uhlands Genesung aussprach, war Uhland freudig bewegt, und als er am andern Morgen aufwachte, suchte er das Buch auf der Bettdecke, das ihm doch erst angekündigt war, und sagte dann mit Lächeln: »So hat es mir also nur geträumt, daß es angekommen sei.« Auch die Widmung eines andern Buchs (zugleich mit Freund Keller) und ein freundlicher Brief der Verfassers, Herrn Michelant, machte ihm in diesen Tagen noch Freude. Bald aber konnten die Seinigen sich nicht mehr verbergen, daß sein Lebenstag sich neige. So freundlich er auch die von Stuttgart aus ihn besuchenden Verwandten und die Tübinger Freunde, vor allen Freund Mayer begrüßte, so konnte er doch nur ganz kurze Zeit bei ihnen im Zimmer bleiben und mit ihnen sprechen. Er schlummerte viel bei Tage und war beim Erwachen sich nicht immer gleich klar bewußt. Bei Tag war er noch außer Bett, aber die Nächte waren häufig fast ohne Schlaf. Wenn seine Frau ihn tröstete, es könne mit Gottes Hülfe auch wieder besser kommen, so sagte er freundlich: »Und wenn Gott es anders fügt, so schicke ich mich auch darein, wenn ich auch gerne noch bei Dir geblieben, gerne noch gearbeitet hätte.« Er klagte wenig, war immer dankbar für jede Hülfleistung und bedauerte nur, daß er Mühe machen müsse. »Nur Ruhe, nur Stille und Du zur Pflege« war sein Verlangen. Der Zustand wurde schlimmer, die Füße schwollen mehr an und das Gehen wurde ihm schwerer. Am 6. November ließ er sich mit fromm gehobener Stimmung das Abendmahl von seinem Freunde und Seelsorger reichen. Seine irdischen Angelegenheiten hatte er schon vor Monaten geordnet. Nach wenigen Tagen mußte er auch den Tag über zu Bette sein; seine Klage: was habt ihr mir für ein schweres Tuch auf den Kopf gelegt, warum denn? zeigte, daß nun auch das Gehirn von der Krankheit ergriffen sei. War dadurch auch die Geisteskraft und das Gedächtniß theilweise getrübt, so blieb sein liebreiches Gemüth, der Zartsinn, der ihn auszeichnete, sich doch gleich. Am vorletzten Tage rief er mit ganz glückseliger Stimme dreimal: Mutter, Mutter! und Vater! (War sein Geist da schon loser von der irdischen Hülle oder träumte er sich in längst vergangene Tage zurück?) Es kamen nun noch schwere Stunden für den Leidenden, schwere Stunden für die Seinen, die dem Ringen nach Athem zusehen mußten und hülflos dabeistanden. Da kam die Erlösungsstunde doch noch früher und sanfter als sie gedacht. Am 13. November Abends neun Uhr verließ der unsterbliche Geist die müde Hülle.