Sven Elvestad Montrose I. Eine Frühlingsnacht Schutzmann Nummer 314 steckte seine Signalflöte in die Tasche, blieb regungslos stehen und spähte die Straße hinunter. Die Uhr mochte ungefähr drei sein, es war eine ganz stille Frühlingsnacht und ziemlich dunkel. Der Himmel war von schwarzen Wolken bedeckt. Es hattehatte kürzlich geregnet, und die Luft war von einem betäubenden Blumenduft aus den Gärten gesättigt. Kein Wagenrollen und keine Schritte waren zu hören. Die asphaltierte Straße stieg sanft an und verschwand am Horizont. Zu beiden Seiten der Straße lagen Villen, unter den duftenden Blüten der Fruchtbäume halb begraben. Kein Licht in den Fenstern. Der Schutzmann lauschte noch immer, während er einen bestimmten Teil der Straße im Auge behielt, der von einem hohen und vornehmen Gitter aus Schmiedeeisen begrenzt war. Dahinter ragte die Silhouette eines schlanken Kirchturms zwischen den dunklen Kronen der Bäume hervor. Auch andere Teile eines Gebäudes waren zwischen den Bäumen sichtbar, der Schimmer von einer schönen Fassade, Bruchteile von Gesimsen und ein Stück Mauer. Von hier draußen sah es aus, als ob ein großer Herrensitz oder ein altes Schloß in der Stille des Gartens hinter den dichten Eisenstäben des Gitters träumte. Endlich ertönte der Laut von Schritten weiter hinten in der Straße, die hastigen Schritte näherten sich, und der lauschende Schutzmann nickte erfreut. Ein Mann kam angelaufen. Kurz darauf schien er aus dem Schatten der Bäume aufzutauchen. Es war ein zweiter Schutzmann. »Beeile dich,« rief Nummer 314. »Hier geht etwas vor.« »Ich habe dein Signal gehört,« antwortete der andere atemlos. »Was ist denn los?« Dieser Schutzmann trug in blanken Messingziffern die Nummer 12 auf seiner Uniformmütze. 314 zeigte auf das Gitter. »Da drinnen,« antwortete er erklärend, während er den anderen mit sich zog, »Geschrei, Lärm und zersplitterte Fensterscheiben.« »I du meine Güte,« rief Nummer 12 erstaunt. »Dort drinnen?« Die beiden Schutzleute blieben vor dem großen Portal von kunstvoll geschmiedetem Eisen zwischen massiven Granitsockeln stehen, das den Eingang zu dem Besitztum bildete. Natürlich, das Tor war verschlossen. 314 überlegte einige Sekunden, und um keine Zeit mit unnötigen Erklärungen zu verlieren, sagte er laut: »Es ist besser,« sagte er, »über das Gitter zu steigen, als um das Haus herum zu der anderen Straße zu laufen.« (Das große Besitztum breitete sich nämlich zwischen zwei Straßen wie eine Parkanlage aus.) Nummer 12 war derselben Meinung, und wie geübte Turner kletterten sie schnell über das Gitter. Sie machten so wenig Lärm wie möglich, dennoch konnten sie es nicht verhindern, daß es um sie herum knackte, als sie von dem Gitter in das dichte Gebüsch hinuntersprangen. Ohne sich zu besinnen, rannten sie weiter auf das Gebäude zu, das jetzt deutlicher in dem hinteren Teil des Gartens zu sehen war. »Schnell, schnell!« rief 314, indem er weiterraste, denn während sie liefen, hörten sie von neuem Lärm von Stimmen und zerbrochenen Fensterscheiben. »Hörst du?« rief Nummer 12. »Ja,« stieß der andere hervor. »Sie schimpfen und fluchen. An so einem Ort, hu! Jetzt kneifen sie aus.« Klappernde und eilige Schritte von laufenden Menschen entfernten sich in die entgegengesetzte Richtung, man hörte das Krachen von Zweigen und Ästen. 314 setzte die Signalflöte an den Mund und pfiff höchst jämmerlich. Dann wurde alles still. Die Schutzleute wußten, daß die andere Straße nicht asphaltiert war. Darum konnte man dort laufen, ohne daß die Schritte auf dem weichen Boden zu hören waren. Die Gewalttäter, wer sie auch sein mochten, hatten sich wahrscheinlich schon zwischen den vielen Gäßchen dieses Stadtteils in Sicherheit gebracht. Die Schutzleute hatten jetzt die Haupttür erreicht. Wieder dachte 314 laut. Es war ihm klar, daß ein Einbruch stattgefunden hatte. Ein losgerissener Fensterflügel mit zerbrochenen Scheiben hing lose in den Angeln und kreischte kläglich. Drinnen flackerte ein unruhiger, aber schwacher Feuerschein. Das bestimmte ihn. »Steig durchs Fenster und sieh nach, was drinnen los ist,« sagte er zu Nummer 12. »Ich mach indessen, daß ich weiterkomme.« Während der andere Schutzmann durch das offene Fenster stieg, lief 314 durch den Garten, um, wenn möglich, noch einen Schimmer von den Verbrechern zu erhaschen. Aber alles war jetzt wieder ganz still. Er konnte deutlich ihren Weg über die niedergetretenen Blumenbeete und an den geknickten Ästen vorbei verfolgen. Als er zum Gitter kam, sah er einen dunklen Stoffetzen von einer Eisenstange flattern. Er kletterte hinauf und nahm ihn an sich. Es war ein abgerissenes Stück von einem Priesterrock, wie die katholischen Priester ihn zu tragen pflegen. 314 blieb auf dem Gitter sitzen und sah sich spähend um. Aber es war nirgends ein lebendes Wesen zu entdecken. Die Straße war wie ausgestorben. Der dämmernde Frühlingsmorgen warf einen schwachen Schein in das Gäßchen hinab und blitzte auf Fenstern und Ladenschildern. Dort in dem Straßengewirr, dachte 314 bei sich, verbergen sie sich. Und er seufzte, denn er wußte, daß es vorläufig hoffnungslos sein würde, die Verbrecher in diesem Großstadtchaos zu suchen, wo die Straßen sich kreuzten wie Risse in altem Lehm. Nachdem er den Garten längs des Gitters vergeblich untersucht und keine Spur gefunden hatte, kehrte er mit dem Stoffetzen in der Hand zu seinem Kollegen zurück. Hätte Nummer 314 den geringsten Sinn für Naturschönheit gehabt, würde ihm die wunderbare Ruhe, die frühlingsmilde Stille, die nach dem Lärm im Garten herrschte, ans Herz gegriffen haben. Die Bäume neigten sich groß und unbeweglich über die weißen Gartenwege; die Blumenbeete, die noch feucht waren nach dem abendlichen Regen, strömten leise Wohlgerüche aus. In einer Laube von dichtem wildem Wein standen Liegestühle aus hellem Korbgeflecht, über dem einen Stuhlrücken hing achtlos eine vergessene Decke. Tiefer drinnen im Garten sah man über den Bäumen den Turm einer kleinen roten Ziegelsteinkirche – und gerade vor 314 lag das Wohnhaus, wo der Einbruch stattgefunden hatte, ein entzückendes kleines Fachwerkgebäude, von Beeten mit weißen und blauen Frühlingsblumen umgeben, die Mauern waren von dem dichten Grün der Schlinggewächse bedeckt und über dem Dach schwebten Kirschbaumkronen wie duftende Wolken. Das ganze Gebiet von der Kirchturmspitze bis zum Gitter schien nichts als seltsame, sanfte Ruhe auszudrücken, in die die Erinnerung an das Geschrei und den Lärm der zersplitterten Fensterscheiben wie etwas sinnlos Unzugehöriges hineinklang. Nichts von all diesem aber empfand Nummer 314, während er auf das niedrige Fachwerkgebäude zuschritt. Er rechnete nur trocken und planmäßig: Einbruch zehn Minuten vor drei Uhr – er dachte bereits an den Rapport. Und verständig wie er war, dachte er gleichzeitig an die Einwendungen, die gemacht werden würden: Warum, würde man ihn vielleicht auf der Polizeibehörde fragen, warum lief nicht einer von Ihnen auf die andere Seite des Hauses. Darum, wollte er antworten, weil man selbst bei hastigstem Lauf nicht weniger als fünf Minuten gebraucht hätte, um um das Haus herumzugelangen. Und von dem Augenblick, wo die Schutzleute beim Gitter standen, bis die Diebe verschwanden, waren kaum zwei Minuten vergangen. So dachte 314. Als er in die Nähe des Hauses kam, wurde die breite Tür aufgerissen und in der Tür stand Nummer 12. »Hier ist niemand,« sagte Nummer 12, »keine lebende Seele.« Etwas Merkwürdiges in seiner Stimme weckte indessen 314's Aufmerksamkeit. 314 blieb auf dem Gartenweg stehen. Der Morgen wurde heller und heller. Die blauen Uniformen der Schutzleute hoben sich grell von dem gelben Sand ab. Die Stimmen der Polizeibeamten klangen fast metallisch scharf. »Hast du was gesehen?« fragte 314. »Es sieht schrecklich aus drinnen,« antwortete Nummer 12. »Alles ist durcheinander geworfen. Und überall ist Blut.« »Aber das Feuer?« »Das Feuer ist gelöscht.« 314 ging weiter. Der Sand knirschte unter seinen schweren Stiefeln. Dies fand statt am 2. Mai im Garten der katholischen Gemeinde. Die Kirche, deren Turm und Dach zwischen den Bäumen sichtbar war, war die kleine katholische Kirche der großen protestantischen Stadt. Und das Wohnhaus im Garten gehörte dem gelehrten Abbé Montrose. II. Während Keller diktiert Eine Stunde später, als das Leben in der Stadt erwachte, mit eifrigen Schritten auf dem Asphalt, munterem Peitschenknallen und rollenden Wagen, herrschte geschäftige Unruhe in Abbé Montroses Arbeitszimmer. Dort waren mehrere Menschen zur Stelle gekommen. Außer den beiden Schutzleuten sah man einen Herrn von mittleren Jahren in einem Frühlingsmantel, dessen Kragen hochgeschlagen war, als ob ihn an diesem herrlichen Frühlingsmorgen fröre. Dieser Herr gähnte mehrmals, und vielleicht fror ihn wirklich, denn Müdigkeit setzt, wie bekannt, die Körpertemperatur herab. Er gab seiner Ungeduld Ausdruck, indem er sich in der Nähe der Tür aufhielt. Er sah aus, als ob er bei sich dächte: Was in aller Welt habe ich hier verloren? Läge ich nur in meinem Bett. Dieser Mann war der Gerichtsarzt. Neben Abbé Montroses großem Schreibtisch stand eine unbeschreibliche Person. Das heißt, sie war insofern unbeschreiblich, als sie keine besonderen Merkmale an sich hatte. Es war ein Mensch wie Gogols Helden in den »Toten Seelen«, weder hell noch dunkel, weder dick noch mager, ein ganz gewöhnlicher Mensch, den man schon oft gesehen zu haben meint, wenn man ihn zum erstenmal sieht. Er konnte ebensogut Kaufmann wie Beamter sein, er ist aber Detektiv, bei der Detektivabteilung angestellt. Er hat ein für einen Detektiv vorzügliches Äußere, indem er nie und nirgends von seiner Umgebung absticht, ein Mensch, der in der Menge verschwindet, sich in der farblosen Masse verliert. Er heißt Keller. Neben ihm vor dem Schreibtisch, mit der Feder in der Hand, sitzt Schutzmann Nummer 12 und schreibt sorgfältig und langsam nach Kellers Diktat. Keller sieht sich hin und wieder nach verschiedenen Gegenständen im Zimmer um, es scheint, daß er im Begriff ist, eine Inventarliste aufzunehmen. Einmal wendet er sich an den Gerichtsarzt mit folgender Frage: »Sind Sie sicher, Doktor, daß diese roten Flecke Blut sind?« »Ja,« sagt der Gerichtsarzt, »das unterliegt keinem Zweifel.« »Also,« fährt Keller in seinem Diktat fort, »eine Decke von Blut befleckt, ein rot und gelbes Halstuch, auch von Blut befleckt –« »Auch ... von ... B ... lut ... be ... fleckt,« murmelt Nummer 12, während er schreibt. In einem tiefen und bequemen Lehnstuhl sitzt ein ganz stummer Herr, der sich anscheinend nur für seine Stiefelspitzen interessiert. Jedenfalls blickt er die ganze Zeit darauf herab, so daß sich seine Glatze hell von dem dunklen Leder des Stuhles abhebt. Sein Gesicht ist mager und bleich, aber mit festen charakteristischen Zügen und einem leicht ergrauten, kurz gestutzten Schnurrbart. Sein Kinn, das jetzt auf dem schwarzen Schlips ruht, ist ungewöhnlich breit und kräftig. Neben dem Schreibtisch steht Schutzmann Nummer 314 und verzehrt langsam und bedächtig sein Butterbrot. Nichts hindert einen Schutzmann, sein mitgebrachtes Butterbrot in der Nacht zu essen. Oft können einsame Nachtwanderer Papiergeraschel aus einem halbdunklen Torweg hören, das ist der Schutzmann, der sein Butterbrot ißt. In vielen stillen Städten geschieht in der langen Nacht überhaupt nichts anderes, als daß der Schutzmann sein Butterbrot ißt. Im Augenblick hatte 314 nichts Besonderes zu tun, darum hatte er sein Butterbrotpaket hervorgezogen, wie einfache Naturen nun einmal sind. Es fiel 314 keinen Augenblick ein, daß es merkwürdig war, wie er hier auf dem Schauplatz eines blutigen Dramas stand und kaute. Denn das große Zimmer trug unverkennbare Anzeichen von furchtbaren Ereignissen. Es war die Bibliothek und das Arbeitszimmer des Abbés, mit stilvollem und sicherem Geschmack eingerichtet, der sowohl Kultur wie Reichtum verriet. Die vielen Bücher, die die eine Längswand fast ganz bedeckten, waren alle kostbar gebunden. Da waren alte Möbel und alte Bilder und auf dem Teppich lagen die traurigen Überreste von altem Porzellan. Denn die Friedensstörer waren mit diesem schönen Raub übel umgegangen. Möbel waren umgestoßen, Bücher aus den Borten gerissen, überall lag Papier verstreut, und der große Schreibtisch war von Tinte und Blut beschmutzt. Ein Mahagonischrank war vollständig zerbrochen und die Schubladen lagen auf dem Fußboden. Das zersplitterte Fenster hing lose in den Angeln und bewegte sich kreischend im Morgenwind. Wir haben bisher Nummer 314 und Nummer 12 kennengelernt, ferner den Gerichtsarzt und den Detektiv Herrn Keller. Wer aber war der Herr mit den Stiefelspitzen, der schweigsame Herr, der aussah, als ob er zwischen den Kulissen säße und auf sein Stichwort in einem Konversationsstück wartete? Man wird es sofort erfahren, denn plötzlich zeigte es sich, daß der Mann mit den Stiefelspitzen durchaus kein uninteressierter Beobachter war, sondern daß er im Gegenteil Kellers Diktat mit größter Aufmerksamkeit gefolgt ist. Keller war in seiner Inventaraufnahme bei folgendem angelangt: »Die Photographie einer jungen Dame –« als der Herr mit den Stiefelspitzen den Kopf hebt und sagt: »Aus?« »Aus?« fragte Keller erstaunt. »Was meinen Sie damit, Herr Asbjörn Krag ?« »Aus Arendorffs Atelier,« setzt der andere fort und erhebt sich. »Wenn die Liste genau sein soll, dürfen Sie doch das Wesentlichste nicht vergessen.« Asbjörn Krag, der bekannte Detektiv, begab sich in den Garten, und der Gerichtsarzt folgte ihm, während die anderen Polizeibeamten ihre Arbeit fortsetzten. Krag konnte mit seiner geschmeidigen Gestalt noch für einen jungen Mann gelten. Sein eigenartiges Gesicht mir den tiefen Linien um den Mund, den nadelfeinen Fältchen an den Augen und die kahle, weiße Stirn aber schienen darauf zu deuten, daß er das mittlere Alter bereits überschritten hatte. Trotzdem aber war Krag erst vierzig Jahre alt. »Was meinen Sie dazu?« fragte der Gerichtsarzt und gähnte. Verbrechen waren für ihn etwas Altgewohntes. »Ich meine, daß es ein herrlicher Morgen ist,« antwortete der Detektiv, kreuzte die Arme und atmete begehrlich die duftgesättigte Luft. »Nein, ich meine die Sache da drinnen,« sagte der Arzt. »Das sehen Sie ja selbst,« antwortete Krag, »Einbruch, Plünderung, Raub, was Sie wollen. Ich nehme an, daß Abbé Montrose viele Wertsachen in dem zerbrochenen Mahagonischrank gehabt hat.« »Es sind mehrere Verbrecher gewesen.« »Zweifelsohne. Einer von ihnen war höchstwahrscheinlich Seemann.« »Alle Wetter, woher wissen Sie das?« Krag wandte sich zum Arzt um und zeigte seine kräftigen Zähne in einem gutmütigen Lächeln. »Es fiel mir ein Vers aus einem Seemannslied ein,« antwortete der Detektiv, »der so lautet: In leuchtenden spanischen Farben, In Farben von rot und gelb – An diesen Vers habe ich die letzte halbe Stunde unablässig denken müssen.« »Ich verstehe Sie nicht,« sagte der Arzt mit leiser Stimme. »Glauben Sie, daß ein Mord begangen ist? All das Blut –« »Ja, Blut ist überall,« antwortete der Detektiv ausweichend. »Jedenfalls hat ein Kampf auf Leben und Tod stattgefunden.« »Ohne Zweifel.« »Wo aber ist Abbé Montrose?« »Verschwunden,« sagte Krag, »aber er ist zugegen gewesen.« »Heute nacht, während des Kampfes?« »Sicherlich.« Der Gerichtsarzt schauerte wie bei Kälte zusammen. »Es wäre traurig,« sagte er, »wenn ihm ein Unglück zugestoßen ist, solch edle Persönlichkeit, solch wirklich hervorragender Gelehrter – glauben Sie, daß man ihn erschlagen hat?« »Nicht unmöglich,« sagte der Detektiv. »Und seine Leiche mitgenommen?« »Das wäre allerdings eine merkwürdige Idee,« murmelte Krag. »Man hat einen Fetzen von dem Priesterrock des Abbés an dem Gitter gefunden, auf dem Weg, den die Verbrecher bei ihrer Flucht eingeschlagen haben –« »Sehr richtig,« sagte Krag, »und der Abbé ist nirgends zu finden. Das Ganze ist rätselhaft.« »Und unheimlich?« fragte der Arzt unsicher. Krag nickte. »Und unheimlich,« bestätigte er. Ein sanfter Wind bewegte die Bäume des Gartens, das Laub rauschte, es klang wie eine ferne Brandung. Krag blieb stehen, starrte grübelnd vor sich hin und der Gerichtsarzt hörte ihn murmeln: »Er kommt nicht wieder ... vielleicht kommt er nicht wieder –« Der Detektiv starrte gedankenvoll in die Ferne, als erwarte er, daß jemand oder etwas, eine Person oder ein Wahrzeichen sich zwischen den mächtigen, wogenden Kronen der Bäume zeigen und mit dem Morgenlicht durch das Laub auf ihn zukommen würde. Die große Stadt erwachte mehr und mehr. Der Lärm des Tages hatte die Stille abgelöst. III. Die Photographie »Die Tageszeitung«, die um zwölf Uhr herauskam, war die erste Zeitung, die einen ausführlichen Bericht aber das seltsame Ereignis brachte. Die Zeitung behandelte das Geschehnis recht ausführlich, da es nach Meinung der Redaktion keinen Zweifel gab, daß hier ein merkwürdiges und häßliches Verbrechen begangen sei. Die Zeitung legte das Hauptgewicht auf das mystische Verschwinden von Abbé Montrose. Hier einige Auszüge aus dem Manuskript des Berichtes: »Das Verbrechen ist zwischen zwei und drei Uhr heute nacht begangen worden. Nach den Fußspuren im Garten zu urteilen, sind mindestens drei, wahrscheinlich aber noch mehr Personen, an dem Verbrechen beteiligt gewesen. Sie beabsichtigten Abbé Montroses Wohnung zu plündern, wo man teure Wertgegenstände vermutete. Hierin haben die Missetäter sich auch nicht geirrt. Abbé Montrose ist, wie bekannt, ein sehr reicher Mann, der eine ästhetische Vorliebe für alte Schmucksachen hatte und wahrscheinlich eine ganze Sammlung davon besaß. Einige davon bewahrte er in seiner Bibliothek in einem vierhundertjährigen alten venezianischen Wandschrank auf. Dieser Schrank ist zerbrochen und sein Inhalt verschwunden. Ferner hat man festgestellt, daß der Abbé tags zuvor zehntausend Kronen in der Bank erhoben hat, mit denen er die Wochenrechnungen des katholischen Hospitals bezahlen wollte. Abbé Montrose war nämlich der Kassenführer des Hospitals. Die Auszahlungen pflegten am Freitag stattzufinden. Daß das Verbrechen gerade in der Nacht zum Freitag begangen ist, kann der Polizei ein Fingerzeig sein, daß man die Verbrecher zwischen denen suchen muß, die mit den lokalen Verhältnissen vertraut waren. Diese zehntausend Kronen sind auch gestohlen. Abbé Montrose« – fuhr die Zeitung fort – »hatte sein Schlafzimmer neben der Bibliothek. Wahrscheinlich ist er durch das Geräusch, das die Verbrecher in der Bibliothek machten, geweckt worden. Aber bereits hier zeigt sich der erste mystische Umstand. Anstatt nämlich gleich ins Nebenzimmer zu stürzen und die Diebe zu verscheuchen, hat Abbé Montrose sich gute Zeit zum Ankleiden gelassen und sich erst, nachdem er den Priesterrock übergeworfen hat, in die Bibliothek begeben. Was sich dann ereignete, ist schwer zu verstehen. Einer der Verbrecher mag eine Pfeife geraucht und sie beim Erscheinen des Abbés in seiner Kirchentracht, vor Schreck von sich geworfen haben; vielleicht war es die Absicht des Abbés, den Verbrechern zu imponieren. Die brennende Pfeife hat auf dem Teppich Feuer gefangen, das von den Schutzleuten gelöscht wurde. Die Blutspuren und der Zustand des Zimmers beweisen, daß ein furchtbarer Kampf stattgefunden hat. Abbé Montrose hat es verstanden, in der kurzen Zeit, wo er als Haupt der katholischen Gemeinde wirkte – wenn auch keine Freundschaftsverbindung, denn er ist ein sehr verschlossener Mann –, so doch höchste Anerkennung für seine Wohltätigkeit und großen wissenschaftlichen Verdienste zu erringen. Wir bedauern darum, der Ansicht Ausdruck geben zu müssen, daß dieser hochgeachtete Mann wahrscheinlich das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Gleichzeitig aber müssen wir auf die Mystik hinweisen, die die Sache in ihr Dunkel einhüllt. Am merkwürdigsten ist der Umstand, daß die Verbrecher Zeit gefunden haben, den Abbé – tot oder lebendig – zu entführen. In welcher Absicht dies geschehen sein könnte, ist sowohl für die Polizei, wie für andere, die sich in diese merkwürdige Angelegenheit vertieft haben, ein bisher unlösbares Mysterium. Bei Redaktionsschluß« – so endet die Darstellung – »erfahren wir, daß man noch nichts von dem Abbé weiß. Die letzte Spur des verschwundenen Priesters ist der Fetzen seines Rockes, den die Schutzleute an dem Gitter gefunden haben.« Diesen Artikel las Asbjörn Krag, während er auf der Fensterbank in Detektiv Kellers Kontor saß. Nach beendigter Lektüre legte er die Zeitung beiseite und wandte sich dem Fenster zu. Die Räume des Polizeiamtes gingen auf einen großen, offenen Platz hinaus, auf dem mehrere Straßen mündeten und wo der Verkehr der Großstadt lärmte. Krag war allein im Zimmer, aber er schien auf jemanden zu warten, denn er sah mehrmals ungeduldig auf seine Uhr. Schließlich ging die Tür auf und Keller kam herein. »Der Mann hat recht,« sagte Keller und reichte Krag ein Stück Papier. »Es scheint wirklich, daß Abbé Montrose seine Aufzeichnungen auf solche kleinen Papierfetzen machte. Ich habe mehrere gefunden.« Während Krag den Zettel las, vertiefte Keller sich in die Tageszeitung, die Krag beiseite gelegt hatte. Das Stück Papier, das Keller Krag gegeben hatte, war eine abgerissene Seite von einem Block, auf der folgendes stand: »Habe Gartenarbeiter S. für sechs Arbeitstage dreißig Kronen ausbezahlt.« Dann kam das Datum: 1. Mai. »Das ist eine Entlastung für ihn,« sagte Krag, »wir wollen ihn aber trotzdem in Haft behalten.« »Natürlich,« antwortete Keller und blickte von der Zeitung auf. »Die Tageszeitung weiß übrigens noch nichts von der Verhaftung,« fügte er hinzu, »und das ist gut. Diese verfluchten Reporter mit ihrer Geschwätzigkeit verderben uns immer das Spiel. Der Abbé aber ist noch immer verschwunden und der Schreck in der Gemeinde ist groß. Mary, seine alte Haushälterin, hat den ganzen Vormittag geweint. Ich habe eben den Rapport von unserem fliegenden Korps bekommen, nirgends eine Spur, obgleich das ganze Mayonnaise-Viertel kreuz und quer durchsucht worden ist.« (Mayonnaise-Viertel wurde in der Polizeisprache jener unruhige und chaotische Stadtteil genannt, der hunderttausend mehr oder weniger zweifelhafte Individuen beherbergte und der seine schmutzigen Ausläufer bis zu dem vornehmen Viertel erstreckte, wo die katholische Gemeinde ihre Kirche, ihr Hospital und ihren großen Garten hatte.) Keller schlug sich mit der zusammengefalteten Zeitung aufs Knie. »Wenn ich nur begreifen könnte,« sagte er, »was mit der Entführung des Priesters bezweckt wird. Tot oder lebendig haben sie ihn mitgeschleppt. Was in aller Welt wollen die Herren Verbrecher damit erreichen? Ist es eine Erpressungssache, eine Entführung?« »Warum gerade Abbé Montrose entführen, der weder Familie noch Freunde hat?« sagte Krag. »Und gesetzt den Fall, daß die Verbrecher ihn umgebracht haben, – aus einem Toten kann man doch kein Geld mehr herausschlagen.« »Nein eben. Wozu dann aber all diese Umstände? Bedenken Sie, die Verbrecher haben ihn über das Gartengitter und mit in die Mayonnaise geschleppt. Ist es nicht auch seltsam, daß keiner Zeuge dieses ungewöhnlichen Schauspiels gewesen ist? Wozu wollen Sie nun greifen? Dem Arrestanten noch weiter zu Leibe gehen?« »Nein,« antwortete Krag, »ich will ihn bis auf weiteres in Ruhe lassen. Ich erwarte eine Mitteilung vom Hafen. Ich kann nämlich das alte Seemannslied von den bunten spanischen Farben nicht vergessen.« – Dieses Gespräch fand ungefähr um ein Uhr mittags zwischen den beiden Detektiven statt. Das Gespräch verriet, daß sich etwas Wichtiges ereignet hatte: Man hatte eine Verhaftung vorgenommen. Diese Verhaftung war noch ein Geheimnis für die große Öffentlichkeit. Was war es, was sich ereignet hatte? Folgendes. Asbjörn Krag und Keller hatten, nachdem der vorgeschriebene Rapport mit dem dazugehörigen Verzeichnis über die gefundenen Sachen abgeschlossen war, die übrigen Beamten fortgeschickt. Darauf hatten die beiden Detektive in einer Konferenz die Umstände zu sammeln versucht, die für die augenblickliche Lage Bedeutung haben konnten. Es gab genügend Spuren. Krag hatte gesagt: »Eines ist sicher: Die Verbrecher sind überrascht worden. Ein heftiger Kampf hat stattgefunden, höchstwahrscheinlich zwischen ihnen und dem Abbé. Er hat sich tüchtig verteidigt. Darauf deutet das Aussehen des Zimmers und der Sachen, die die Verbrecher in der Hitze des Gefechts verloren haben. Diese Gegenstände, das Halstuch, die Photographie, der Tabaksbeutel usw. verraten gleichzeitig, daß die Verbrecher wahrscheinlich zwischen dem Pack zu suchen sind, das sich in dem Schlupfwinkel des Mayonnaise-Viertels aufhält. Mehrere dieser Sachen leiten zu direkten Spuren hin, vor allen Dingen die Photographie.« »Es ist die Photographie einer jungen Dame,« fuhr Krag fort, »eines jener hübschen, sympathischen, jungen Mädchen, wie man sie zu Tausenden in den Zigarren- oder Modegeschäften der Stadt findet. Wahrscheinlich ist sie die Braut eines der Verbrecher und heißt Anni, oder Dolli oder Polli oder dergleichen. – Die Photographie ist augenblicklich der beste Wegweiser, der zur Aufklärung des Verbrechens führen kann. Lassen Sie uns dem Wegweiser folgen. Auf der Rückseite der Photographie steht nämlich Name und Adresse des Ateliers, abgesehen von der Nummer 2,007 und dem bekannten Satz: ›Die Platte wird für Nachbestellungen aufbewahrt.‹ Ferner ist die Photographie ziemlich schmutzig und scheint seit längerer Zeit von dem Besitzer in der Tasche getragen zu sein. Eine genaue Untersuchung wird wahrscheinlich Fingerabdrücke und weitere Merkmale an den Tag bringen.« Das alles war der Grund, weshalb Photograph Arendorff bereits morgens um sechs Uhr aus dem Bett geholt wurde und die beiden Herren in sein Atelier begleiten mußte. Eine Minute später war man sich darüber klar, daß die Photographie die Frau des Arbeiters Arnold Singer, Husarenweg 28, darstellte. Um sieben Uhr befanden Krag und Keller sich vor Nummer 28 auf dem Husarenweg. Hier stießen sie auf einen Mann, dem sie die Photographie zeigten, und der sagte: »Das ist das Bild meiner Frau und die Photographie gehört mir.« Die Einzelheiten bei der Begegnung zwischen den Detektiven und diesem Mann aber waren derartig, daß sie die größte Bedeutung für die Entwicklung dieser sonderbaren Sache bekommen sollten. Darum ist es nötig, ausführlicher auf das Geschehene einzugehen, von dem Augenblick, wo die Detektive das Atelier des schlaftrunkenen Photographen verließen, bis zu der Begegnung mit dem Mann auf dem Husarenweg. Also: Krag und Kellner verließen den Photographen. – IV. Mord Hier muß festgestellt werden, daß der Husarenweg nicht zum Mayonnaise-Viertel gehörte, im Gegenteil, der Husarenweg gehörte zu den Straßen in dem großen neuen Viertel, das nach Osten das Verbindungsglied zwischen Stadt und Land bildete. Dort hatte eine fürsorgliche Stadtverwaltung die eine von den großen Gemeindewiesen zur Bebauung nach modernen Prinzipien für den kleineren Mittelstand zur Verfügung gestellt. Auf dem großen Gebiet hatte sich in kurzer Zeit eine reizende Gartenstadt erhoben, Straße nach Straße von kleinen Villen, mit gepflegten Gärten umgeben. Den Straßen hatte man militärische Namen gegeben, um die glorreiche Militärmacht des Landes zu ehren. Außer dem Husarenweg gab es dort den Kürassierweg, den Infanterieplatz, die Dragonergasse, Generalstraße usw. Und da beständig neue Straßen hervorschossen, hatte man, um im Stil zu bleiben, seine Zuflucht zu Bezeichnungen wie: Sergeantweg, Bajonettplatz und Ordonnanzstraße nehmen müssen. Ein Stück von dem bewußten Hause entfernt, verließen Krag und Keller das Auto und gingen das letzte Ende zu Fuß. Es war zu der Stunde, wo Menschen sich zur Arbeit begeben. Auf dem Fußsteig wimmelte es von Arbeitern, Kontoristen und Ladenmädchen, überall klingelten die eifrigen Warnungsrufe der Fahrradglocken, und die Straßenbahnen fuhren bimmelnd und vollbesetzt vorbei. Es war die Ouvertüre zu dem mächtigen Musikwerk des Arbeitstages, dieser lebhafte und mitreißende Auftakt des Lebens, der den Morgen in allen Großstädten prägt. »Sehen Sie nur,« rief Keller und faßte seinen Freund am Arm. Sie waren vor Nummer 28 stehen geblieben, auf der anderen Seite der Straße. Nummer 28 war, wie die meisten Villen, ein kleines, freundliches Einfamilienhaus mit einem eingefriedigten Garten davor. Auf dem Gang, der das Haus von der Straße trennte, zwischen blühenden Apfelbäumen, ging ein junges, glückliches Paar. Der Mann war nicht eigentlich in Arbeitstracht, aber auch nicht städtisch gekleidet. Man konnte glauben, daß er auf einem Speicher oder dergleichen beschäftigt war. Die Frau trug beglückt ein kleines Mädchen auf dem Arm. Es ging wie ein Glücksschimmer von ihnen aus und man sah ihnen von weitem an, was sie waren: jungverheiratet und glücklich, ein junges Weib, das ihren Mann begleitet, der zur Arbeit geht. Der Mann gab seiner Frau die Hand zum Abschied – strich der Kleinen übers Haar und sah sich nach der Straßenbahn um, die sich mit kreischendem Laut der Haltestelle näherte. »Das ist unser Mann,« sagte Krag und schritt über die Straße, »leider müssen wir das Idyll stören.« Keller folgte ihm. Jedesmal wenn Krag einen Verbrecher verhaften wollte, achtete er genau darauf, wie die betreffende Person sich in dem Augenblick benahm, wo es ihr klar wurde, daß die Polizei da sei. In solcher schicksalsschweren Sekunde konnte Krag viel in dem Auge eines Menschen lesen, Schreck, Verwirrung, Verzweiflung, und er hatte gelernt, zwischen der Ratlosigkeit desjenigen, der nicht versteht, und desjenigen, der sich ertappt weiß, zu unterscheiden. Als er aber vor diesem jungen Mann stand und sagte: »Wir sind von der Polizei,« meinte er, in dem Blick des Mannes keine dieser gewohnten Beobachtungen entdecken zu können. »Ihr Name ist Singer?« fragte Krag. »Ja,« antwortete der Mann, »Arnold Singer ist mein Name. Was wünschen Sie von mir?« »Sie sind Arbeiter?« »Ja.« Vielleicht ist er älter als er aussieht, dachte Krag. Sein Gesicht war weder regelmäßig noch hübsch zu nennen. Die Augen aber waren merkwürdig, blau und offen, der Blick fest und ruhig, fast grüblerisch in sich gekehrt. Bei diesem Blick stutzte Krag unwillkürlich, und er sah jetzt auch, daß die Augen dem Gesicht den Ausdruck ungewöhnlicher Intelligenz verliehen. Es war nicht zum erstenmal, daß der Detektiv stutzte, wenn er einem Menschen Aug' in Aug' gegenüberstand und einen überzeugenden Ausdruck von der Intelligenz dieses Menschen empfangen hatte. Dieser Ausdruck hatte nichts mit Bildung oder Gelehrsamkeit des Individuums zu tun, es war etwas Ursprüngliches, etwas Überlegenes, Tatkräftiges und Elastisches, das aus dem forschenden Blick der Augen strahlte. Solche Augen hatte Krag sowohl im Parlament wie vor den Gerichtsschranken, sowohl zwischen berühmten Staatsmännern, wie zwischen schlauen Verbrechern aus der Tiefe des Mayonnaise-Viertels gesehen. Der Zufall kennt keine Regel, und gleichzeitig begriff Krag, daß der Mann, den er vor sich hatte, sich nicht leicht zur Strecke bringen lassen würde. Während Asbjörn Krag diese blitzschnellen Beobachtungen machte, hatte Keller die Photographie hervorgezogen. Sie brauchten keine Vergleiche anzustellen, denn bereits von der anderen Seite der Straße hatten die Detektive die junge Frau erkannt. Der Arbeiter gab auch ohne weiteres zu, daß es seine Frau sei. »Das ist sie,« sagte er und faßte sie unterm Arm. Sie war etwas ängstlich geworden, was keiner der Detektive verwunderlich fand. Das Wort Polizei wirkt immer einschüchternd auf einfache Naturen. »Wem gehört aber die Photographie,« sagte Keller. »Mir. Ich habe sie wahrscheinlich gestern verloren.« »Wo?« Der Arbeiter blickte von einem zum andern. Lacht er? dachte Krag. »Den Ort kann ich nicht angeben,« antwortete der Arbeiter. »Das kann man ja nie, wenn man etwas verloren hat.« »Wo wollen Sie jetzt hin?« fragte Krag, »zur Arbeit?« »Ja.« »Wo arbeiten Sie?« »Ich will erst Arbeit suchen .« »Sie haben also keine feste Arbeit. Was ist Ihr Fach?« »Eigentlich bin ich Gartenarbeiter. Aber ich nehme auch andere Arbeit.« »Wann sind Sie gestern abend nach Hause gekommen?« »Gegen neun Uhr.« »Und sind dann zu Hause geblieben?« »Nein, ich bin ungefähr um elf Uhr fortgegangen und eine Stunde später zurückgekommen.« »Wo haben Sie sich in der genannten Zeit aufgehalten?« Der Arbeiter zuckte die Achseln. »Ich bin spazieren gegangen,« antwortete er. Krag zeigte aufs Haus. »Begleiten Sie uns hinein,« sagte er. Der Arbeiter ging ohne Unruhe, aber zögernd voraus. Die junge Frau beschloß den Zug. Sie kamen in ein ziemlich großes Wohnzimmer, das nett und einfach möbliert war. Die Fenster standen offen, die weißen Mullgardinen blähten sich im Morgenwind, es war ein helles und freundliches Heim. Krag bemerkte, daß ein gepackter Koffer in der Nähe der Korridortür stand. Die Frau ging mit dem Kind ins Nebenzimmer, kam wieder herein und schloß die Tür hinter sich. Keller begann gleich das Zimmer, besonders den Teppich, zu untersuchen. Der Arbeiter betrachtete ihn neugierig. Lacht er wieder? dachte Krag. Plötzlich wandte Keller sich an die Frau. »Ist dieser Teppich heute gefegt worden?« fragte er. »Nein, noch nicht,« antwortete sie etwas zaghaft, als ob die Bemerkung des Detektivs einen Vorwurf gegen sie als Hausfrau enthielte. »Ist er gefegt worden, seit Ihr Mann gestern Nacht von seinem Spaziergang nach Hause kam?« »Nein.« »Das darf er auch nicht,« sagte Keller, »der Teppich darf nicht gefegt werden, bevor ich ihn näher untersucht habe, verstanden!« Auf Aufforderung des Arbeiters nahm Asbjörn Krag Platz, der Arbeiter selbst aber blieb stehen. Er wartete. »Lieber Herr Singer,« sagte Asbjörn Krag, »Sie müssen uns etwas Näheres über Ihren nächtlichen Spaziergang mitteilen.« »Vorher möchte ich gern wissen,« sagte Singer, »weswegen die Polizei mich in Verdacht hat. Ich nehme an, daß hier irgendein unglückseliges Mißverständnis vorliegt. Um was handelt es sich?« »Raub und Mord,« antwortete Krag, » Mord ,« wiederholte er deutlich. Seltsam. Es war, als ob das Zimmer plötzlich dunkler wurde, die weißen Gardinen schienen graubleich zu werden, wie die Laken in einem Totenbett, und in der Stille, die den Worten des Polizeibeamten folgte, ging ein kalter Lufthauch durchs Zimmer. Auf diese Weise empfindet das Gemüt stets die Nähe eines Mordes, es ist, als ob das Tageslicht grau wird vor Entsetzen, wenn dies schrecklichste aller Worte nur ausgesprochen wird. Auch die Anwesenden fühlten sich von dieser plötzlichen und unwiderstehlichen Unruhe ergriffen. Da unterbrach Krag das Schweigen. »O ihr starken Männer und ihr schwachen Weiber!« sagte er, »sehen Sie nur Ihre Frau.« Das junge Weib stand über den Tisch gebeugt und griff sich krampfhaft mit den Händen an die Brust. Sie zitterte und ihr Gesicht wurde noch blasser. Der Arbeiter sprang auf sie zu und stützte sie. »Clary,« sagte er tröstend und besorgt zugleich, »Clary ...« Darauf sah er die Polizeibeamten an, blickte von einem zum anderen. Asbjörn Krag bemerkte in diesem Blick Mut und abweisenden Zorn. Da hörte er den Arbeiter zu seiner Frau sagen: »Beruhige dich, Clary, sei ruhig und verlaß dich auf mich.« In diesem Augenblick betrat ein neuer Mensch das Zimmer. »Hallo, Charlie,« rief Keller laut und vergnügt, »sind Sie es wirklich, mein Freund!« V. Der Unglücksvogel Der Eintretende, der ungestüm aus dem Nebenzimmer hereinkam, schien über Detektiv Kellers erkennenden Ausruf keineswegs erstaunt zu sein. Es war ein junger Mann, etwa zwanzig Jahre alt, ganz gut gekleidet, mit einer Locke, die ihm in die Stirn fiel. Er sah aus, als ob er Kellner oder irgendein untergeordneter Kontorist sei, es lag etwas Kindliches und Unselbständiges über ihm. Es war nicht schwer, die Ähnlichkeit zwischen ihm und Singers Frau festzustellen, sie waren anscheinend Geschwister. Für Krag war das Eintreten dieses Menschen ganz überraschend gekommen und noch erstaunter war er, daß Keller den jungen Mann kannte und ihn noch dazu so empfing, wie Freunde oder wie Polizeibeamte alte Bekannte zu begrüßen pflegen, was allerdings nicht dasselbe bedeutet. Es zeigte sich bald, daß hier letzteres zutraf. Das Erscheinen des jungen Mannes aber bewirke zugleich, daß die arme unglückliche Clary ihre Fassung wiedergewann. Als ihr Bruder ins Zimmer gestürzt kam, schlug sie entsetzt die Hände zusammen. »Unglücksvogel!« rief sie, warf sich über den Tisch und verbarg ihr weinendes Gesicht in den Armen. Sie weinte leise. Ihr Mann blieb neben ihr stehen und ließ seine Hand auf ihrer Schulter liegen. Krag liebte solche dramatischen Szenen. Denn es kam vor, daß in Augenblicken, wo menschliche Leidenschaften zum Ausbruch kamen, mehr von dem Zusammenhang eines Konflikts verraten wurde, als bei langen und eingehenden Verhören. »Der Unglücksvogel« kam nicht gleich zu Worte, weil er gar zu überwältigt wurde von Detektiv Kellers Anwesenheit und Zuruf. Einen Augenblick schien es, als ob er bereue, daß er hereingekommen sei. Er sah sich spähend nach der Tür und darauf nach dem Fenster um, als ob er die Möglichkeiten einer Flucht abschätzte. Dann aber sagte er: »Mit dieser Sache habe ich nichts zu schaffen.« Er griff in die Tasche, zog ein Bündel Scheine hervor und warf sie dem Arbeiter vor die Füße, indem er schrie: »Behalt dein Geld, ich will nicht in neue Geschichten hineingerissen werden.« In Singers Gesicht stieg eine flammende Röte auf. »Das ist kein gestohlenes Gut,« sagte er ärgerlich, »es ist mein eigenes Geld. Und so behandelt man kein Geld.« »Mach, daß du fortkommst,« sagte er drohend. Keller pfiff leise den Refrain der letzten populären Operettenmelodie. »Was für eine Komödie,« rief er und lachte. Und indem er mit dem Kopf auf den »Unglücksvogel« deutete, fügte er zu Krag gewendet hinzu, der stillschweigend am Fenster saß und dem Gang der Ereignisse folgte: »Das ist Charlie Whist, im Grunde ein flinker Junge, nur etwas wankelmütig von Charakter. Er hat erst vor kurzem sechs Monate wegen Billettfälschung gesessen ... Und schon wieder auf Abwegen, Freundchen, diesmal steht die Sache aber fauler. Nein, nein, verlassen Sie sich nicht auf die Tür. Zwischen Ihnen und der Tür stehe ich. Und verlassen Sie sich auch nicht aufs Fenster, dort steht mein Kollege. Wir wollen lieber vernünftig miteinander reden und werden uns bald einigen. Nur ruhig. Wir brauchen nicht so zu schreien, daß die ganze Nachbarschaft zusammenläuft. Was ist es für Geld, was Sie mit dieser unvergleichlichen Geste von sich werfen?« Charlie antwortete nicht. Singer aber beugte sich herab und nahm die Scheine auf. »Es ist mein Geld,« wiederholte der Arbeiter. Das Kind, das im Nebenzimmer allein gelassen war, fing jetzt an zu weinen. Frau Singer erhob sich, ging hinein und kam mit der Kleinen auf dem Arm zurück. »Sie sind nicht gefragt worden,« begann Keller wieder, »im übrigen – rufen Sie das Kindermädchen, damit das Kind hinauskommen kann, dies hier ist keine Kindervorstellung. Die Mutter aber muß hierbleiben und alle Erwachsenen können es sich schenken, Türen und Fenster in ihre Betrachtungen einzuziehen.« »Wir haben kein Kindermädchen,« antwortete die junge Frau, »wir sind nicht reich.« »An Kleingeld scheint es hier im Hause nicht zu fehlen,« sagte Keller ironisch. »Soweit ich von hier sehen kann, schätze ich das Geld in der Hand Ihres Mannes auf tausend Kronen, das ist immerhin eine ganz hübsche Summe.« Und indem er sich an Charlie wandte: »Was wissen Sie von diesem Geld?« fragte er barsch. Und als Singer seiner Antwort zuvorkommen wollte, schrie er ihn an: »Halten Sie den Mund, Mensch, Sie sind ja dumm. Wenn Sie ihn daran hindern, eine Erklärung zu geben, verschlimmern Sie Ihre Sache nur.« »Halten Sie den Mund,« murmelte Singer, als ob diese Anrede ihn in Erstaunen setze. Krag betrachtete ihn die ganze Zeit unverwandt. Dieser Arbeiter hatte etwas Hilfloses und Eigensinniges zugleich an sich. Krag dachte bei sich, daß ein kluger Mann, der in einer außerordentlich schweren Lage ertappt worden ist und Zeit gewinnen will, um einen Ausweg zu finden, gerade so auftreten würde. Aber auch etwas anderes hatte dieser Mann an sich, etwas, was Krag unsicher machte, es war ein Ausdruck von Erstaunen in seinen Augen, als beobachtete er ein Schauspiel, das ihn selbst nichts anging. Charlie antwortete: »Ich hab' das Geld von dem da bekommen.« Krag beobachtete alles bis auf die kleinsten Einzelheiten. »Der da,« sagte Charlie mit einem Ton von Verachtung und meinte seinen Schwager. Charlie war ja ein notorischer Verbrecher, dennoch schien es, als ob er der Ansicht sei, daß er moralisch über dem anderen stehe. »Wann haben Sie das Geld bekommen?« fragte Keller. »Heute nacht, ich glaube, es war zwischen zwei und drei Uhr.« »Und Sie bekamen das Geld von Ihrem Schwager, als er von seinem nächtlichen Spaziergang zurückkehrte?« »Ja.« »War er vielleicht ausgegangen, um das Geld herbeizuschaffen?« »Ja.« »Eilte es?« »Ja, denn ich sollte heute morgen um neun Uhr mit dem Dampfer nach Südamerika reisen. Sie können ja sehen, da steht mein Koffer.« »Wann sind Sie aus dem Gefängnis entlassen?« »Gestern nachmittag.« »Hm, ich fange an zu verstehen,« sagte Keller. »Man hat Ihnen drüben einen Platz angeboten und Sie wollten so schnell wie möglich fort, weil Sie sich nach dem Skandal mit dem Billett ungern zwischen alten Bekannten zeigen wollten. Ich sehe Sie nicken, es stimmt also. Und darum kamen Sie zu Ihrer Schwester, damit sie Ihnen helfen sollte. Wann?« »Gestern abend um acht Uhr. Aber der da kam erst um zwölf Uhr nach Hause. Ich werde dir das Geld verschaffen, sagte er, und ging wieder fort.« »Wo haben Sie das Geld geholt?« fragte Keller und näherte sich dem Arbeiter. »Bei einem Freund,« antwortete Singer, »bei einem sehr guten Freund.« (Das ist dumm, dachte Krag, solchen verbrauchten Ausweg hätte ich einem Mann, der so helle aussieht, nicht zugetraut.) »Wie heißt dieser Freund und wo wohnt er?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen,« antwortete Singer, »er möchte nicht genannt sein.« (Krag dachte bei sich: Er sagt es jedenfalls gut, er trägt diesen Unsinn auf eine recht glaubwürdige Weise vor, vielleicht meint er, daß er uns täuschen kann, wenn er Dummheit simuliert. Ich nehme an, daß er folgenden Ausweg ergriffen hat: er will uns einbilden, daß er ungewöhnlich einfältig ist. Ein Schaf aber hat keine solchen Augen, er gehört der höheren Tierwelt an.) Keller lachte laut. »Das sind Schulausreden,« sagte er. »Lieber Charlie,« fuhr er fort, »Ihr Benehmen deutet an, daß Sie bereits vorher Mißtrauen hegten. Das Gefängnis scheint einen guten Einfluß auf Sie gehabt zu haben, immerhin scheint es Sie nicht zu verlangen, dorthin zurückzukehren.« »Ich will nicht wieder in solche Sachen verwickelt werden,« antwortete Charlie mürrisch, »ich hab' das Geld zurückgegeben und habe nichts mehr damit zu tun.« »Daran tun Sie recht, mein Lieber,« antwortete Keller und klopfte dem jungen Mann ermunternd die Schulter. »Diesmal hätten Sie leicht in eine verfluchte Geschichte verwickelt werden können. Ich kann Ihnen erzählen, daß das Geld heute nacht bei Abbé Montrose gestohlen worden ist.« »Abbé Montrose?« sagte Singer halb für sich. »Wirklich?« »Kennen Sie ihn vielleicht?« fragte Keller. »Ja,« antwortete Singer. »Haben Sie bei ihm gearbeitet?« »Ja, in seinem Garten.« »Sind Sie Gartenarbeiter?« »Ja.« (Krag dachte: Jetzt antwortet er nicht planlos. Er geht bewußt ins Netz. Wenn man hart bedrängt wird, ist es klüger, ins Netz zu gehen, als sich demselben zu entziehen. Er scheint aber einen Ausweg zu haben. Ich glaube bestimmt, daß er einen gefunden hat.) »Wann haben Sie zuletzt in seinem Garten gearbeitet?« fragte Keller weiter. »Gestern. Dort habe ich wahrscheinlich auch die Photographie verloren, als ich die Beete jätete .« »Und Sie meinen, daß der Abbé sie dort gefunden und mit in sein Zimmer genommen hat?« »Ja.« Keller lachte laut. »Haben Sie gehört, Krag,« sagte er, »das ist doch wirklich kindlich. Die ganze Sache scheint mir sonnenklar. Was meinen Sie?« »Fast zu klar,« antwortete Krag. Singer ließ seinen Blick erst auf Keller, dann auf Krag ruhen, und Krag dachte: Mich betrachtet er mit größerer Neugierde. Fast scheint es, als ob er Keller bereits durchschaut hat. Es ist, als ob er Klarheit darüber gewinnen möchte, welche Gefahr ich möglicherweise für ihn bedeute. Keller sagte: »Hier haben wir nichts weiter zu tun. Folgen Sie uns, Singer.« »Aber ich habe Ihnen nichts weiter mitzuteilen.« Keller nahm die Sache von der gemütlichen Seite, als ob bereits alles klar und erledigt wäre. »Was Sie sagen,« meinte er, »nun, wir wollen Sie auf alle Fälle etwas näher kennenlernen.« Plötzlich fiel Asbjörn Krag ins Gespräch ein: »Haben Sie nicht Blut auf Ihrem Anzug.« VI. Leuchtende Farben. Asbjörn Krags plötzliche Bemerkung wirkte brutal, und dadurch erreichte er seine Absicht. Als sie das Wort Blut hörte, wurde Singers Frau wieder furchtbar erregt. Krag war über sie keinen Augenblick im Zweifel. Clary spielte keine Komödie, die Angst, die ihre fieberhafte Nervosität verriet und förmlich von ihrem bleichen Gesicht ausstrahlte, war nicht gekünstelt und berechnend. Ebenso sicher war, daß diese zwei Menschen, der Gartenarbeiter, der sich Singer nannte, und die junge Frau mit dem Kind auf dem Arm, sich liebten. Wo aber war das felsenfeste Vertrauen, womit eine Frau oder Geliebte den Anklagen begegnet, die gegen den Geliebten erhoben werden? Davon war hier keine Spur. Statt dessen legte sie eine ausgesprochene Unruhe an den Tag, einen Mangel an Zutrauen, der auffällig war. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, um festzustellen, daß in dieser jungen Ehe irgend etwas geschehen war, was das Zutrauen der Frau zum Mann untergraben hatte. Das alles erkannte Krag deutlich und er überlegte, wie er einen neuen Schreckensausbruch bei Clary hervorrufen könnte. »Arnold,« sagte Clary unruhig flüsternd und trat mit dem Kind auf dem Arm zu ihrem Mann. Er legte seinen Arm wie schützend um ihre Taille. Sie bildeten eine Gruppe, die wie das Bild eines schönen jungen Eheglücks gewirkt hatte, wenn die Umgebung nicht so ungewöhnlich gewesen wäre: Das Geld, das auf den Tisch geschleudert war, der junge Verbrechersprößling Charlie in herausforderndem Trotz mitten im Zimmer und zwischen ihm und der Tür Detektiv Keller mit seinem ausgeprägten Polizeiäußeren, wachsam, hartherzig und lässig; ein Beamter, der verführerisch liebenswürdig gegen Dienstmädchen sein kann, wenn er etwas von ihnen wissen will; der unbarmherzig scherzend auftritt, wenn er einen Bankbetrüger auf der Dampferbrücke verhaftet; der eine Tür mit seiner runden gutmütigen Schulter eindrücken kann; der auf herzzerreißende Frauentränen mit einem Lächeln und einer schnoddrigen Bemerkung antwortet. Das Wort ›Blut‹ war ausgesprochen, und es war, als ob die Luft für einen Augenblick im Zimmer erstarrte. In dieser Stille hörte man das Flüstern der sympathischen jungen Frau so deutlich wie ein Gebet in einer stillen Kapelle. »Arnold,« sagte sie, »sag' die Wahrheit, wenn du etwas weißt. Verschweige nichts.« (O diese Weiber, dachte Krag, wie oft schaden sie ihren Männern und ihren Geliebten!) Ihr Mann aber nahm es mit erstaunlicher Ruhe. Nichts in seinem Benehmen verriet Ärger darüber, daß sie mit ihrem Mißtrauen seine Lage verschlimmerte. Er antwortete ihr nur sehr ernst und eindringlich: »Verlaß dich auf mich, Clary, hörst du, du darfst nicht an mir zweifeln.« »Nein,« sagte sie weinend, »ich will nicht an dir zweifeln.« Wenn sie sich auf ihn verließe, würde sie nicht weinen, dachte Krag. Arnold Singer trat einige Schritte vor. »Wer ist ermordet worden?« fragte er. Keller antwortete: »Sie sind ein Heuchler, mein Lieber, sagen Sie uns lieber die Wahrheit. Ist Abbé Montrose ermordet oder entführt worden?« »Abbé Montrose,« murmelte Arnold, »der gute und gelehrte Abbé Montrose ...« Es hatte den Anschein, als ob er beim Gedanken an den gottesfürchtigen und milden Prälaten gerührt würde. »Achtung, Keller,« rief Asbjörn Krag von seinem Platz, »wenn jemand diesen Ton anschlägt, ist er nicht ungefährlich.« Keller faßte Arnolds Hände. »Keine Gewalttätigkeiten,« bat der Arbeiter. »Ich werde gutwillig mitgehen, und an meinem Anzug klebt kein Blut.« Keller sah Charlie an. »Was wollen wir mir dem machen?« fragte er nachdenklich. »Er soll sich auf dem Polizeiamt melden,« sagte Krag, »vielleicht bekommen wir Verwendung für ihn.« Das gefiel Charlie nickt. Er warf seinem Schwager einen haßerfüllten Blick zu. »Eine schöne Suppe hast du mir eingebrockt,« sagte er und drohte ihm mit der Faust. »Mir ahnte ja etwas Schlimmes, als du mit dem Geld kamst. Hätte ich es dir nur gleich an den Kopf geworfen.« Arnold ließ sich von dieser Beleidigung nicht aus seiner Ruhe bringen. Er antwortete nur: »Die Gefängniszeit scheint dich feige und treulos gemacht zu haben. Das wird man vielleicht im Gefängnis. Führen Sie mich ab, meine Herren.« Wieder wunderte Krag sich über seinen Ton. Er klang eher erstaunt und vorwurfsvoll, als eigentlich erregt. Es war, als ob Arnold die ganze Zeit über etwas nachdächte, was er nicht verstehen konnte. Und sein tragischer Ernst, der mit seiner frischen Männlichkeit wenig übereinstimmte, wirkte beklemmend. Das Ereignis schien für ihn einen schrecklichen Doppelsinn zu haben, in den er hineinblickte. So erschien es jedenfalls Krag. Als er abgeführt wurde, erklang Clarys schmerzliches und verzweifeltes Weinen, es war, als ob ein Windhauch voll Entsetzen durch die Zimmer ginge und die freundliche Stimmung des Heims mit etwas unsagbar Düsterem vertauschte; als Arnold hinausgeführt wurde, kam das Unglück durch die offene Tür herein. Ohne der jungen Frau etwas Trostreiches sagen zu können, verließ Krag eilig mit den anderen das Zimmer – ihre Klage griff ihm ans Herz. Bei dem Verhör auf dem Polizeiamt, das jetzt folgte, verstärkte sich noch der Eindruck, daß Arnold Singer sich mit Absicht in ein geheimnisvolles Dunkel einhüllte. Er ließ sich auf keine näheren Angaben ein, blieb nur bei dem einen, daß er Gärtner sei und die letzten Tage in Abbé Montroses Garten gearbeitet habe. Seine Absicht war nicht schwer zu durchschauen. Der einzige Beweis für seine Teilnahme am Verbrechen war die Photographie, die in dem Chaos der Bibliothek gefunden worden war und die er bei der Schlägerei wahrscheinlich aus der Tasche verloren hatte. Wenn es ihm nun gelang, einen glaubwürdigen Grund für die Anwesenheit dieser Photographie in der Bibliothek zu geben, hatte er Aussicht, den Beweis aus dem Weg zu räumen. Wenn er beweisen konnte, daß er wirklich dort gearbeitet hatte, würde er viel gewonnen haben. Und Arnold Singer schien es tatsächlich für möglich zu halten, daß er es beweisen konnte. Er sagte: »Ich habe die letzten vier Tage in Abbé Montroses Garten gearbeitet, und habe gestern Abend meinen Lohn für die Arbeit von Abbé Montrose selbst empfangen. Ich sah, daß der Abbé die Auszahlung auf einem Stück Papier notierte, das sich vielleicht noch in der Bibliothek befindet. Es war ein Betrag von dreißig Kronen.« Dagegen weigerte er sich hartnäckig, nähere Aufschlüsse darüber zu geben, woher die tausend Kronen stammten, die er seinem Schwager in der Nacht gegeben hatte. Auch der Beweggrund zu dieser seiner Weigerung war leicht zu durchschauen: Er wollte Zeit gewinnen, um vielleicht einen Ausweg zu finden, womit er diesen Umstand ebenfalls erklären konnte. Dies alles überzeugte Keller davon, daß Arnold Singer ein ungewöhnlich schlauer Verbrecher sein müsse. Asbjörn Krag zweifelte ebenfalls nicht an der Verschlagenheit des Mannes, doch war da etwas in dem überlegenen Auftreten des Arbeiters, das ihn unsicher machte. Der Tag verging damit, Bestätigung für die knappgefaßten Aufklärungen, die man von Singer erkalten hatte, zu finden. Außerdem hatte Detektiv Keller seine liebe Not, etwas über das frühere Leben des Verhafteten zu erfahren. Singer hatte sich auch auf diesem Punkt in geheimnisvolles Dunkel eingehüllt. Glücklicherweise aber war Keller hier nickt allein auf den Arbeiter angewiesen. Er konnte sich vor allen Dingen an die Frau halten, die nicht imstande war, in ihrem Unglück irgend etwas zu verbergen. Außerdem hatte er den Schwager Charlie, der eifrig bemüht war, der Polizei zur Hand zu geben, weil er darauf brannte, die Polizei von seiner eigenen Unschuld zu überzeugen. Diese Nachforschungen brachten dem eifrigen Keller sonderbare Resultate. Und während er noch damit beschäftigt war, kamen die Zeitungen mit ihren Berichten. Die Zeitungen stellten die Frechheit des Verbrechers fest. Sie konnten mitteilen, daß die ganze Kasse geplündert war und ein mörderischer Überfall stattgefunden hatte. Alle Zeitungen waren sich darin einig, daß Abbé Montrose ermordet und seine Leiche zu irgendeinem Zweck fortgeschafft worden war. Ferner waren die Zeitungen sich darin einig, daß die Polizei jetzt ernstlich zwischen den Mysterien des berüchtigten Mayonnaise-Viertels aufräumen müsse. Zum Schluß konnte man noch mitteilen, daß der bekannte und in der ganzen Welt berühmte Detektiv Asbjörn Krag an den Nachforschungen teilnähme. So stand die Sache, als Krag und Keller sich am Nachmittag im Kontor der Detektiv-Abteilung trafen. Man hatte Abbé Montroses Notiz über die 30 Kronen, die er an den Arbeiter Singer ausgezahlt hatte, gefunden. Also bis auf weiteres waren die Angaben des Verhafteten richtig. »Vorläufig«, sagte Keller, »müssen wir über eine Hauptperson und zwei Nebenpersonen Näheres feststellen. Etwas habe ich schon von ihnen erfahren: Sehen Sie her, hier habe ich die Sache aufgezeichnet. Es ist eine merkwürdige Geschichte.« Keller hatte das Ganze schematisch geordnet. Er las vor: Arnold Singer, Gärtner. Clary Whist-Singer, seine Frau. Charlie Whist, sein Schwager, kürzlich aus dem Gefängnis entlassen. Krag saß dabei und spielte mit dem Halstuch, das man in der geplünderten Bibliothek gefunden hatte, das Halstuch in den ›leuchtenden spanischen Farben‹, in rot und gelb. »Sie können noch einen Punkt hinzufügen,« sagte er, »nämlich: IV. H. Ch. Andersen.« Keller bemerkte: »Mich dünkt, diesen Namen habe ich schon mal gehört.« »Sehr wahrscheinlich,« antwortete Krag, »denn es ist der Name des berühmten Dichters, der das Märchen von ›dem häßlichen grauen Entlein‹ geschrieben hat.« VII. Eine Mannsperson. »Aber«, fuhr der Detektiv scherzend fort, »der berühmte Dichter kann nichts dafür, daß er einen Namen trug, der seit zweihundert Jahren in seinem Heimatland Dänemark sehr allgemein war. Sie können sicher sein, daß ein Mann, der Hans Christian Andersen heißt, an den freundlichen dänischen Gestaden zu Hause ist.« Krag breitete das spanische Halstuch aus und ließ die Farben im Sonnenschein, der durchs Fenster fiel, leuchten. »Jedenfalls ist es bei dem Besitzer dieses Tuches der Fall,« sagte er, »bei Hans Christian Andersen, dem dänischen Leichtmatrosen auf der Brigg ›Eddystone‹. Der ist Nummer IV auf unserer Liste.« »Auf diesen Namen bin ich bei der Affäre Montrose noch nicht gestoßen,« sagte Keller. »Wo zum Teufel haben Sie den aufgefischt? Steht dieser Name auf dem abscheulichen Halstuch?« »Nein,« antwortete Asbjörn Krag, »hier steht ein anderer Name: Cienfuegos, Bilbao.« »Ist das vielleicht Nummer IV?« »Keineswegs, das ist nur der Firmenname. Er steht hier oben in der Ecke. Können Sie sehen, Keller, das Halstuch ist ganz neu und von bester Seide. Einer der Verbrecher hat es in der Hitze des Gefechts in der Bibliothek verloren. Wahrscheinlich hat er es nur dieses eine Mal getragen. Es ist ein typisches Seemannshalstuch, wie sie in den spanischen Häfen in kleinen Hafenläden verkauft werden. Es gehört kein besonderer Scharfsinn dazu, um dies als eine Spur zu erkennen. Im Laufe des Tages habe ich Nachforschungen am Hafen anstellen lassen und erfahren, daß das Segelschiff ›Eddystone‹ vor fünf Tagen aus Bilbao angekommen ist und daß einer der Leichtmatrosen gestern zum ersten Mal Landurlaub gehabt hat und mit solch einem Halstuch an Land gegangen ist. Dieser Matrose ist Däne und heißt Hans Christian Andersen, was indessen das einzige ist, was er mit dem Verfasser des ›häßlichen grauen Entleins‹ gemein hat.« »Donnerwetter,« rief Keller, »das ist ja ein äußerst wichtiger Aufschluß.« »Vielleicht,« murmelte Krag, »nun lassen Sie mich aber etwas Näheres über die römischen Ziffern I, II und III erfahren.« Keller breitete seine Papiere aus und las: »I. Arnold Singer, gibt an, daß er fünfunddreißig Jahre alt und nicht vorbestraft ist, weder seine Fingerabdrücke, noch seine Photographie sind in der Signalementabteilung der Polizei vorhanden. Behauptet, nichts von dem Verbrechen bei Abbé Montrose zu wissen. Gibt auffallend spärliche Aufschlüsse über sein Leben. Hat Gärtnerei in der Handelsgärtnerei bei Hobbemas in Amsterdam gelernt. Verließ diese, als er siebzehn Jahre alt war, ist später zur See gefahren und hat bald hier, bald dort Arbeit gehabt. Auf die direkte Frage, ob er vor ungefähr drei Jahren als Dekorateur im Hotel ›Zum vergoldeten Pfau‹ gearbeitet hat, gibt er dies ohne weiteres zu. (Siehe unter II.) Gibt an, daß er vorige Woche als Gärtner in Abbé Montroses Garten gearbeitet und dafür dreißig Kronen erhalten hat. Eine von der Hand des Abbés gemachte Auszeichnung bestätigt diese Behauptung. Erklärt, daß er während der Arbeit im Garten die Photographie, die später in der Bibliothek gefunden wurde, verloren hat. Die Photographie zeigt deutliche Fingerabdrücke und Flecke von Gartenerde. Es sind Arnold Singers Fingerabdrücke. (Kellers private Anmerkung: Die Polizei muß zugeben, daß die Umstände, die die Photographie betreffen, den Arbeiter Arnold Singer entlasten.) II. Clary Whist-Singer , Tochter des Wirts ›Zum vergoldeten Pfau‹. Lernte Arnold Singer vor drei Jahren kennen, als er als Dekorateur im Hotel ihres Vaters arbeitete. Heiratete ihn einen Monat darauf. Erklärt, daß sie ihren Mann über alle Maßen liebt, erklärt ferner, daß ihr Mann ein Muster von Ordnung und Fleiß ist. Alle vierzehn Tage gab er ihr von seinem Verdienst genug, um den kleinen Hausstand zu führen. Er war fast den ganzen Tag auf Arbeit, sogar häufig des Nachts, wenn er an entlegenen Orten Arbeit hatte. Gibt zu, daß sie sich bisweilen darüber gewundert habe, daß Arnold keine feste Arbeit hatte. Gesteht ferner, daß sie unruhig war, wenn er mehrere Tage fort blieb und daß sie dann auf den Gedanken verfiel, daß er etwas Geheimnisvolles an sich habe; sobald er sich aber zeigte, verflog diese Unruhe wieder. Zweimal hatte sie ihn zufällig im Besitz bedeutender Geldsummen gesehen, mehrerer großer Scheine. Als sie ihn aber fragte, wie es mit diesem Geld zusammenhinge, hatte er lachend Ausflüchte gemacht und gesagt, daß er etwas für einen Freund zu besorgen habe. Diesen Freund hatte sie nie gesehen, Arnold verkehrte mit niemandem, und es kam niemand in ihr Haus. Sie bestätigte in allen Punkten die Erklärung, die ihr Mann von den Ereignissen der Nacht gegeben hatte. Sie glaubte nicht, daß Arnold später als zwei, halb drei Uhr nach Hause gekommen sei (die Verbrecher verließen den Garten um drei Uhr), doch konnte sie es nicht mit Bestimmtheit sagen. (Kellers private Anmerkung: Geht man von dem Verdacht aus, daß Arnold Singer ein Verbrecher ist, stellt sich das Eheleben des jungen Paares als ein typisches Bild der Ehe eines Verbrechers dar. Arnold verheimlicht seiner Frau, daß er von gestohlenem Gut lebt. Wenn er nachts auswärts ist, was Verbrecher oft sein müssen, kommt er mit nichtssagenden Ausflüchten. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es auch ganz natürlich, daß Arnold seiner Frau nicht sagen kann, daß er feste Arbeit hat. Sonst hätte sie ihn leicht auf Lügen ertappen können. Alles deutet darauf hin, daß er seine Verbrechen um jeden Preis vor seiner Frau, die er liebt, verbergen wollte. Er ist der Typ eines modernen Verbrechers, der ein freundliches Familien- und ein dunkles Verbrecherleben führt, eines dieser schlauen kaltblütigen Individuen, die eine große Gefahr für den Staat sind. Mit großer Geschicklichkeit versucht er jetzt zu retten, was noch zu retten ist. Es paßte ihm nicht, daß der leichtsinnige Charlie sich herumtrieb, Charlie konnte ihn leicht in Gefahr bringen, und da sich ein Ausweg bot, ihn los zu werden, benutzte er ihn gern. Er hat ohne Zweifel in Gemeinschaft mit Kameraden das Verbrechen in der Bibliothek begangen. Eine ganz zufällige Spur hat die Polizei zu der idyllischen Villa hingeführt.) III. Charlie Whist , Bruder von II, Sohn des Wirtes ›Zum vergoldeten Pfau‹. Ein leicht zu durchschauendes Subjekt, das eine untergeordnete Rolle spielt. Er wurde gestern aus dem Gefängnis entlassen, wo er seine erste Strafe abgesessen hatte und wandte sich an die Schwester, statt an den Vater, dem er nicht unter die Augen zu treten wagte. Als er nachts von Singer das Reisegeld erhielt, bekam er gleich den Verdacht, daß ein armer Arbeiter nicht ohne weiteres über solche große Summe verfügen könne. Und als die Polizei morgens auftauchte, schleuderte er das Geld fort, weil er nicht abermals in die Krallen des Gerichts geraten wollte. (Kellers private Anmerkung: Charlies Darstellung ist Punkt für Punkt durch Nachforschungen bestätigt worden. Er hatte einen Platz an Bord des Dampfers ›Argo‹ genommen, der um neun Uhr nach Argentinien abgehen sollte und auch abgegangen ist. Die Ereignisse haben ihn zum Aufschub seiner Reise gezwungen.)« »Das ist alles,« sagte Keller. »Viel ist es ja nicht, dennoch übernehme ich es, auf Grund dieser flüchtigen Angaben, Arnold Singers Teilnahme an dem Verbrechen festzustellen. Jetzt gilt es nur noch, seiner Mitschuldigen habhaft zu werden. Und es scheint fast, als ob Sie bereits den einen aufgespürt hätten. Lassen Sie hören.« Krag hatte keine Aufzeichnungen gemacht, halb scherzhaft aber ging er mündlich auf Kellers Protokollstil ein. Er sagte: »Römische Ziffer IV, Hans Christian Andersen , Leichtmatrose, auf dem Segler ›Eddystone‹, Besitzer dieses Halstuches in leuchtenden spanischen Farben, das in der Bibliothek gefunden worden ist. Hat auf Grund desselben zweifellos an dem Überfall auf Abbé Montrose teilgenommen. Bekam gestern morgen Landurlaub, hat sich später nicht wieder an Bord gezeigt . Als der Kapitän erfuhr, daß die Polizei gern Hans Christians habhaft werden wollte, antwortete er, das wolle auch er lieber wie gern. Es zeigt sich nämlich, daß der Matrose alle Wertgegenstände des Kapitäns mitgenommen hat. Er ist mit anderen Worten durchgebrannt, und muß überall anders als an Bord der ›Eddystone‹ gesucht werden. Hier können Sie,« fuhr der Detektiv fort, »als private Anmerkung von Krag hinzufügen: Diese Flucht beweist, daß das Verbrechen in der Bibliothek des Abbés bereits längere Zeit geplant war. Daß dieser Plan aber auf einen Matrosen an Bord eines Schiffes, das gerade von einer langen Reise zurückgekehrt war, zurückzuführen ist, macht die Sache noch rätselhafter.« Keller stieß einen Fluch aus. »Einen durchgebrannten Matrosen in dem überfüllten Hafenviertel aufzuspüren,« sagte er, »heißt dasselbe, wie eine Stecknadel in einem Heuhaufen suchen.« Krag wiegte sich auf seinem Stuhl hin und her; wie ein Amerikaner hatte er die Beine auf den Tisch gelegt. Er antwortete geistesabwesend, als ob seine Gedanken ganz irgendwo anders seien. »Mir könnte es nie einfallen,« sagte er, »eine Nadel in einem Heuhaufen zu suchen. Dieser ewige Heuhaufen ist ein schlechtes Beispiel für die Schwierigkeiten bei Nachforschungen. Wer eine Nadel in einem Heuhaufen sucht, muß verrückt sein. Das Sprichwort kann also nur von den trüben Erfahrungen eines Verrückten herrühren.« Was Keller auf diese Bemerkung erwidern wollte, erfuhr die Welt niemals. Denn in diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und eine Mannsperson kam wie ein Dieb hereingeschlichen. Er blickte sich scheu um, als ob er sich verfolgt glaubte und schloß darauf vorsichtig die Tür. »Entschuldigen Sie,« sagte diese Mannsperson, »entschuldigen Sie, daß ich auf diese Weise hierherkomme, aber ich fürchte, daß ich meinen Platz verlieren könnte.« »Ich glaube, er ist verrückt,« meinte Keller. »Vielleicht kommt er geradewegs aus dem Heuhaufen,« sagte Krag. »Ich verstehe Sie nicht, meine Herren,« lispelte die Mannsperson verschüchtert, »aber ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen. Ich habe Abbé Montrose gesehen.« »Das haben noch andere außer Ihnen,« antwortete Keller, »aber seit heute nacht um drei Uhr ist der Abbé verschwunden.« Die Mannsperson antwortete: »Ich aber habe Abbé Montrose heute morgen um sechs Uhr gesehen, als er von einer weiten Reise kam.« VIII. »Zum vergoldeten Pfau« I »Sie sind Kellner?« sagte Krag. Das war nicht schwer zu erkennen, die schwarzen Hosen und die weiße, fleckige Hemdbrust verrieten ihn. Statt des Kellnerfracks trug er einen großkarrierten Mantel. Er sah aus wie ein Schauspieler, der mit geübter Maskierungskunst einen Kellner aus einem kleinen Wirtshaus darstellen will. Alles an diesem Mann war von durchwachten Nächten und Trunk geschwächt. Durch den gelben und dünnen Bart sah man die blasse Haut. Die Reste seines Haares waren mit anerkennenswerter Ökonomie und mit Hilfe von Pomade zierlich geordnet, um den zunehmenden Mond zu verbergen, wenn es angebracht ist, bei diesem Schädel einen Vergleich mit der hohen Astronomie zu wagen. Der Blick seiner Augen war matt und trübe und erinnerte an den schmierigen Glanz eines schlecht abgewaschenen Schnapsglases, die Nase war spitz und hatte jenes verfrorene Aussehen, das Menschen, die schon längere Zeit Bacchus angebetet haben, kennzeichnet. Er sprach in einem leisen, vertraulichen Ton und verbeugte sich immerzu, als fragte er diskret, ob er die Rechnung bringen dürfe. »Ja, ich bin Kellner,« flüsterte er, »und fürchte sehr, daß ich meinen Platz verlieren könnte.« »Wie heißen Sie?« fragte Keller. »Rudolf.« »Und wo sind Sie Kellner?« »Das kann ich den Herren erst sagen, wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu verraten.« »Das versprechen wir.« »Denn wenn mein Prinzipal erfährt, daß ich auf die Polizei gegangen bin, o du mein Himmel, dann jagt er mich gleich fort.« »Hat Ihr Prinzipal solche Angst vor der Polizei?« »Nein, nein, so war's nicht gemeint, er mag nur nicht, daß die Polizei sich in seine Angelegenheiten mischt. Die Polizei hat in einem anständigen Geschäft nichts zu suchen, sagt mein Prinzipal immer.« »Da hat er recht,« sagte Keller, »und wir wollen Sie auch nicht in Verlegenheit bringen. Also, wo sind Sie angestellt?« »Im Hotel ›Zum vergoldeten Pfau‹.« Keiner der beiden Detektive verriet durch das leiseste Mienenspiel die Überraschung, die sie bei diesen Worten fühlten. Die kleine Pause aber, die entstand, zeigte, daß sie beide an den unerwarteten Zufall dachten, der die Fäden abermals auf dieses Hotel zuführte. »Und in diesem Hotel sind Sie Abbé Montrose begegnet?« »Ja.« »Heute morgen um sechs Uhr?« »Gleich nachdem ich aufgestanden war, und ich stehe immer Punkt sechs Uhr auf.« »Kannten Sie denn Abbé Montrose von früher?« »Nein.« »Woher wußten Sie denn, daß er es sei?« »Das erfuhr ich auch erst später – als ich die Zeitung gelesen hatte.« Keller machte ein mißmütiges Gesicht. »Da haben wir es,« murmelte er, »wenn ein Mensch verschwindet und die Zeitungen eine Sensation daraus machen, kommen immer eine Menge Menschen, die uns Dummheiten einbilden wollen.« »Vergessen Sie nicht, das Hotel ›Zum vergoldeten Pfeil‹,« sagte Krag. »Das ist wahr,« gab Keller zu. »Wir müssen Näheres erfahren. Sagen Sie mal, Herr Rudolf, Sie meinten also den Abbé nach der Beschreibung der Zeitungen zu erkennen?« »Freilich,« antwortete Rudolf, »der Priesterrock ... der Priesterrock mit dem Riß darin.« »Hallo,« fiel Krag freundlich ein. »Kommen Sie näher und setzen Sie sich ...« Und Krag zog seine Füße vom Tisch herunter. »Der Priesterrock,« sagten beide Detektive wie aus einem Munde, »war der Abbé denn in Amtstracht?« »Nicht als er kam,« antwortete Rudolf, »er hatte sie aber bei sich. Er kam vom Bahnhof mit einer braunen Handtasche. Ich ließ ihn herein, denn der Wirt war noch nicht aufgestanden.« »Einen Augenblick,« unterbrach Keller. »Hatten Sie diesen Mann schon früher gesehen?« »Nein, nie.« »Gut, fahren Sie fort.« »Er fragte, ob er ein Zimmer bekommen könne, denn er wolle einige Stunden ruhen, er käme von einer langen Reise, sagte er. Ich wies ihm ein Zimmer an und er ging gleich zu Bett, nachdem er mir aufgetragen hatte, ihn um zwei Uhr zu wecken. Er schrieb seinen Namen ins Fremdenbuch, Thomas Uri, Schiffsmakler. Ein komischer Name, finden Sie nicht auch, meine Herren?« »Ein gut gekleideter Mann?« fragte Keller. »Ein sehr feiner Herr, höchst anständiges Trinkgeld, ein vornehmes und priesterliches Auftreten. Leider habe ich ihn nicht um seinen Segen gebeten, als er wieder fortging, denn ich ahnte damals nicht, wer er war, ich habe ja so selten Gelegenheit, in die Kirche zu gehen,« lispelte Rudolf unzusammenhängend. »Wie kamen Sie auf den Gedanke«, daß es Abbé Montrose sei?« fragte Keller. »Ich will der Reihe nach erzählen,« antwortete Rudolf. »Um zwei Uhr weckte ich also den Herrn. Hat jemand nach mir gefragt? war das erste, was er sagte. Nein, Herr Thomas Uri, antwortete ich, denn wenn man sich den Namen der Gäste gleich merkt, wird man immer freundlich behandelt. Ich erwarte einen Herrn, sagte er, führen Sie ihn gleich herauf, wenn er kommt. Kaum fünf Minuten später erschien dieser Herr. Es war ein älterer, sehr vornehm aussehender Herr, mit zarter, rosiger Haut und weichem Bart. Wenn ich's mir recht überlege, kann es ein Bischof gewesen sein, ich habe allerdings nie das Glück gehabt, einen Bischof zu sehen. Aber so hab' ich ihn mir vorgestellt, mit solchem Gesicht, das geradezu Frieden ausstrahlte. Nun, diesen Herrn, den ich mir erlaube, einen Bischof zu nennen, obgleich er vielleicht nur ein Pfandverleiher aus der Hafengegend war, diesen Herrn führte ich selbst zu Herrn Thomas Uri hinauf, und sie sprachen eine halbe Stunde sehr leise zusammen, auf Herrn Uris Zimmer.« »Waren Sie denn bei diesem Gespräch zugegen?« fragte Keller. »Nein, allerdings nicht, aber es wurde so leise geführt, daß ich draußen nichts verstehen konnte. Nachdem eine halbe Stunde verstrichen war, klingelte Herr Uri und bezahlte seine Rechnung und dann gingen die Herren zusammen hinunter. Herr Uri trug seine kleine braune Handtasche selbst, ich durfte es nicht. Bei dieser Gelegenheit aber erfuhr ich, daß Herr Uri schon früher im Hotel gewohnt haben muß, obgleich nicht zu meiner Zeit. Denn er war mit der Hausgelegenheit vertraut. Er ging ohne weiteres durch die Tür ins Café, obgleich der eigentliche Ausgang vom Hotel durchs Vestibül und den Torweg führt. Im Café blieben sowohl Herr Uri wie der Bischof vor der Bar stehen und begrüßten den Wirt.« »Herrn Whist?« fragte Keller. »Ja, Whist, obgleich dieser Name besser auf einen jungen Gecken als für den Wirt paßt, der ein furchtbar dicker, schwerfälliger Mann ist, ganz rot und ganz weiß, denn er steht immer hinter dem Schenktisch in einem weißen Anzug mit einer weißen Mütze auf dem Kopf. Herr Uri kannte den Wirt, der allerdings nicht mit ihm sprach, denn der Wirt spricht selten, das strengt ihn zu sehr an, aber er gab ihm seine Hand über den Bartisch. Ich kenne diese Begrüßung. Sie bedeutet vertrauliche Freundschaft, ein Grunzen bedeutet Wiedererkennen, ein kleines Räuspern bedeutet Willkommen. Wenn er sich aber von dem Schenktisch losmacht und hervorkommt, weiß und rot wie ein drohendes Morgengewölk und den Fuß hebt, dann bedeutet es Abschied, meine Herren, hinaus aus meinem Haus, Elender, bedeutet es, und was soll dann der arme Rudolf machen? Sie werden also begreifen, was ich aufs Spiel setze, meine Herren, und Sie müssen sehr vorsichtig sein und mich nicht verraten.« Krag warf ihm einen Geldschein zu. »Weiter,« sagte er ungeduldig. Rudolf steckte den Schein mit einer Behendigkeit in die Tasche, wie nur der sie besitzt, der aus alter Gewohnheit auf einen Schein herauszugeben vergißt. »Ich begab mich auf Herrn Uris Zimmer,« fuhr Rudolf fort, »was ich stets zu tun pflege, um nachzusehen, ob die Reisenden etwas vergessen haben. Menschen sind so vergeßlich. Wenn die Gäste etwas Wertvolles vergessen haben, behalte ich es – bis sie wiederkommen und danach fragen. Ich bin, wohlgemerkt, ein ehrlicher Mensch. Wenn es etwas weniger Wertvolles ist, laufe ich hinter den Gästen her und bekomme dann immer ein kleines Trinkgeld. Ich öffne also die Tür und nehme einen Überblick über das Zimmer. Niemand versteht es wie ich, meine Herren, in einem einzigen Augenblick ein Zimmer zu übersehen. Die kleinste Veränderung entgeht mir nicht. Und da sah ich gleich, daß der Zipfel eines schwarzen Kleidungsstückes aus dem Gitter der Zentralheizung heraussteckte. Der Heizkörper sitzt unter dem Fenster und ist von einem hübschen Messinggitter verdeckt. Nur mein geübter Blick konnte den kleinen Zeugfetzen entdecken. Ich öffne das Gitter (es laßt sich nämlich öffnen) und ziehe, was glauben Sie, einen Priesterrock, Abbé Montroses Priesterrock hervor.« »Woher wußten Sie, daß es Abbé Montroses Rock sei?« »Liebe Herren,« antwortete Rudolf. »Ich hatte ja in der Zeitung von dem zerrissenen Rock gelesen und dieser Rock war genau so zerrissen, wie die Zeitungen es beschrieben hatten. Da dachte ich bei mir: Donnerwetter, der verschwundene Abbé ist hier gewesen, und darauf stopfte ich den Rock wieder auf den Heizkörper. Ich habe keiner lebenden Seele etwas davon gesagt, denn ich wußte ja, daß Herr Uri den Wirt kannte, und ich bin zu klug, um die Geheimnisse des Hotels zu verraten und bin klug genug, um zu verstehen, daß solche Geheimnisse wertvoll sind.« Er schlug mit Wohlbehagen auf seine Tasche, wo Krags Schein steckte. Krag erhob sich. »Wann müssen Sie wieder im Hotel sein?« fragte er. »Um neun Uhr.« »Schön. Um halb zehn kommen zwei Herren, die in Ihrem Hotel einkehren wollen.« »Ich verstehe, ich verstehe,« antwortete Rudolf. »Was aber wollen die beiden Herren sein? Das Hotel ›Zum vergoldeten Pfau‹ ist eine besondere Art Hotel, und ungewohnte Gäste erwecken Aufsehen.« »Sie haben recht,« antwortete Krag, »was sollen wir denn vorstellen?« »Verzeihen Sie,« antwortete Rudolf, »aber Sie müssen ein Trapezkünstler und der Herr dort ein Bänkelsänger sein. So ist nun einmal unser Hotel.« IX. »Zum vergoldeten Pfau« II »Bänkelsänger!« rief Keller. »Trapezkünstler!« sagte Krag – und beide lachten. »Die Herren sollten unsere Fremdenliste sehen,« erklärte Rudolf eifrig. »Es ist ein ganz besonderes Publikum, das im Hotel ›Zum vergoldeten Pfau‹ einkehrt. Da das Hotel in der Nähe des Hafens liegt, kommt es vor, daß dieser oder jener Seemann bei uns einspricht, sonst sind es fast nur Leute, die der Artistenwelt angehören. Simpson, der Schlangenmensch, oder Miß Rosa, die Löwenbändigerin, erwecken nicht mehr Aufsehen im ›Vergoldeten Pfau‹ als ein Großkaufmann im Palasthotel. Sie müßten nur die Bestellungen hören: Einmal Kaffee für die Löwenbändigerin. Für den Feuerfresser auf Nr. 6 ein eiskaltes Pilsener. Ja, ja, so geht es bei uns zu. Aber es kommen auch feine Gäste. Grafen und so ... Es ist ein sehr gutes Hotel.« »Aber Bänkelsänger,« brummte Keller unwillig. Rudolf betrachtete den Detektiv musternd. »Dann sagen wir vielleicht lieber Impresario, Spezialität Boxen. Wir haben augenblicklich keine Boxer im Hotel, das paßt also gut. Um halb zehn erwarte ich die Herren, ich werde im Café sein. Vergessen Sie nicht, meine Herren, daß Sie nicht durch den Torweg, sondern durchs Café hereinkommen. Über der Tür ist ein Pfauenschwanz gemalt. Leichtes Handgepäck ist erforderlich.« Nachdem er nochmalige Versicherungen wegen absoluter Verschwiegenheit empfangen hatte, zog Rudolf sich unter Verbeugungen zurück. »Was glauben Sie?« fragte Keller. »Ich glaube, daß er die Wahrheit sprach,« antwortete Krag, der sehr ernst geworden war. »Und ich glaube, daß es Abbé Montroses Rock ist, der auf der Zentralheizung liegt. Es sieht nicht gut aus für den lieben Abbé. Ich fürchte, daß er nicht mehr am Leben ist. Falls er aber ermordet ist, dann hat einer seiner Mörder heute vormittag im Hotel ›Zum vergoldeten Pfau‹ gewohnt.« »Auffallend ist,« sagte Keller, »daß Arnold Singer ebenfalls Verbindung mit diesem Hotel hat. Ich glaube, wir sind einer Lösung des Rätsels näher als wir ahnen.« »Es wird sich zeigen,« antwortete Krag nur. Das Hotel »Zum vergoldeten Pfau« lag im Mayonnaise-Viertel, doch nicht in dem schlimmsten Teil desselben. Keller kannte es von Hörensagen und teilte Krag einiges darüber mit, während sie im Auto dorthin fuhren, jeder mit einer Handtasche versehen. Es war, wie Rudolf ganz richtig geschildert hatte, ein Artistenhotel. Ein paarmal hatte es unter polizeilicher Aufsicht gestanden. Das eine Mal, als es sich um eine Spielaffäre handelte, das andere Mal war ein junger Herr aus der besten Gesellschaft in den Irrgängen des Hotels verschwunden, – wie man behauptete bei der Jagd nach einer hübschen Seiltänzerin. Der Besitzer aber hatte immer verstanden, sich reinzuwaschen und das Hotel stand auf der Liste der Polizei, wenn auch nicht mit einem Stern, so doch als erstes zwischen den recht anständigen kleineren Hotels. Man wußte, daß die Künstlerboheme sich in frohen Stunden bisweilen dorthin begab. Der »Pfau« war wegen seiner vorzüglichen Küche bekannt, die sich dem Geschmack des internationalen Artistenpublikums anpaßte. Hier konnte der Italiener seinen Knoblauch und seine Makkaroni bekommen, der Franzose sein » escargot «, der Deutsche sein Sauerkraut und der Russe seinen Wodka. Chinesische Taschenkünstler aßen gebratene Ratten mit Stäbchen in einem Raum für sich. Natürlich wurde auch in diesem Lokal ein besonders billiges, aber wohlschmeckendes Gericht, Goulasch, für Dirigenten von Negerorchestern serviert, doch nur für Dirigenten, farbige Musikanten hatten keinen Zutritt. Es dämmerte bereits, als das Auto der Detektivs vor dem kleinen Hotel hielt. Die Straße war eng und winklig, und die hohen Häuser, die sich zu beiden Seiten der Straße eng aneinanderdrängten, erhoben sich wie steile Wände um eine Kluft. Über der Kluft hing der nebelgraue Abendhimmel, an dem ein einsamer blasser Stern schimmerte. Es war ein ungewöhnlich schöner und warmer Abend. Das Halbdunkel der Straße, Lichter, die hier und dort in den Häusern angezündet wurden, und matt und sinnlos durch den schwindenden Tag leuchteten, die phantastischen Umrisse der Schilder, die blanken Messingbecken der Barbiere, die gewölbten Portale der Kinos, die Schritte der Menschenmassen auf den Fußsteigen, die wie ferner Regen klangen – das Schwirren von Stimmen, das Töff-Töff der Autos, die lebhaften Signale der Fahrradglocken und der unbeschreibliche Geruch von alten Steinhäusern und zahlreichen Altkleiderhändlern – das alles sammelte sich zu dem überzeugenden Eindruck von dem mannigfaltigen Leben der Stadt, ein Eindruck, wie man ihn sonst nur von Reisen aus fernen Ländern mit heimbringt. Die Detektive bezahlten das Auto, schickten es fort und blickten sich um. Von draußen sah das Hotel sehr einfach aus. Es hatte eine schmale Fassade, darum konnte es aber doch von einer bedeutenden Tiefe sein. Über dem Torweg stand Hotel und über dem Caféeingang Restaurant . Zu letzterem führte eine kleine Treppe mit einer Messingbalustrade. Über der Tür prahlte ein vergoldeter Pfauenschwanz, nur der Schwanz, der Vogel schien bereits auf dem Weg durch die Wand zu sein. Auf diese Weise empfingen die Besuchenden gleich auf der Schwelle einen merkwürdigen Eindruck von diesem seltsamen Hotel, das Klarheit in so viele Geheimnisse bringen sollte. Zuerst kamen sie in einen kleinen viereckigen Vorraum, der durch Vorhänge abgeteilt war, die in schweren Falten von Messingstangen herabfielen. Oh, diese Cafévorhänge, dachte Krag mit einem leisen Schauder, diese ewigen Cafévorhänge, die wie Löschpapier alle Art Gerüche von Zigaretten, Likören und unbezwinglicher Faulenzerei an sich ziehen. Die beiden Detektive schoben die Vorhänge beiseite und traten ins Café. Es war eine Bar. Aber rechts und links führten Türen zu anderen Caféräumen. Hinter dem Bartisch saß das weiße und rote Morgengewölk. Mehr Zeit zum Beobachten hatten die Herren nicht, denn jetzt näherte sich ihnen eine Mannsperson und griff nach ihren Handtaschen. Es war Rudolf. »Die Herren wünschen Zimmer,« sagte er, »groß oder klein, Einzel- oder Doppelzimmer?« »Zwei große Einzelzimmer,« antwortete Keller. »Bringen Sie bitte unser Gepäck hinauf, wir wollen uns noch ein Glas zu Gemüte führen.« »Sehr wohl.« Rudolf wandte sich mit den Taschen in der Hand an das Morgengewölk, aus dessen rötlichem Abgrund jetzt einige Laute kamen, die mehr Ähnlichkeit mit einem tierischen Grunzen als mit menschlicher Rede hatten, worauf Rudolf sagte: »Nummer sechs und acht, meine Herren« – und verschwand leise vor sich hinpfeifend mit den Taschen. Krag erinnerte sich, daß Nummer sechs Thomas Uris Zimmer gewesen war. Außer den bekannten Taburetts vor der Bar gab es auch kleine Tische mit bequemen Ledersesseln. Die beiden Detektive nahmen an einem dieser Tische Platz, und ein servierender Jüngling in einer weißen Schürze, den Arm voll von verschiedenen Flaschen, kam auf sie zu. Seine Backen waren gelblich-weiß, seine Lippen aber feuerrot, und er fragte lachend mit fast lasterhafter Kindlichkeit: »Einen kleinen Likör, meine Herren, gelb, braun oder grün?« Ohne allzu große Neugierde an den Tag zu legen, benutzten die Detektive die Zeit, um sich umzublicken. Hinter dem Bartisch, das Morgengewölk wie freundlichere und leichtere Wölkchen flankierend, saßen vier Damen. Sie waren sowohl jung wie schön, die dicke Schminke im Gesicht war nicht imstande, die Jugend, noch die Schönheit zu verbergen. Es hatte den Anschein, als ob ihre Lippen und Wangen und Augenbrauen einzig und allein bemalt worden waren, um zu dem farbenprangenden Spiegelbüfett zu passen, das den Hintergrund bildete. Mit seinen seltsam geformten Flaschen, in denen sich, wie in Prismen, alle Farben des Regenbogens brachen und in der Zaubertiefe des Spiegels vervielfältigten, wirkte es vollkommen überwältigend. Auf dem obersten Bord standen die allermerkwürdigsten Flaschen, und die ganze Herrlichkeit wurde von einer birnenförmigen Flasche gekrönt, deren tiefsinniger und giftig-grüner Inhalt sogar den degeneriertesten Alkoholisten zu dem Ausruf hinreißen würde: »Den, den will ich haben.« – Die geschminkten Schönheiten hinter dem Schenktisch schienen durch irgendeine Sinnlosigkeit des Schicksals einzig und allein hier zu sein, um sich mit Handarbeiten zu beschäftigen. Die eine häkelte Spitzen, ihr weißes Knäuel war über den Schenktisch gerollt und wiegte sich an ihrer weißen Schnur wie eine Jolle auf der blitzenden Glasfläche. Vor ihr auf einem Taburett saß ein ganz junger Herr im Frack, stumpf, mit einem Likörglas vor sich, nicht größer wie ein Fingerhut. Er verkörperte das Bild verschmähter Liebe, während die tiefgesenkten Augenlider seiner Angebeteten herzlose Abweisung ausdrückten. Der Kopf des unglücklichen jungen Mannes schien sich in der dunklen Tiefe seines Zylinders verstecken zu wollen, während sein Stock mit dem silbernen Knopf, den er unterm Knie hielt, nachschob, um ihn möglichst schnell hineinzubefördern. Sein rechtes Bein hing schlaff vom Taburett herunter, über dem durchbrochenen Strumpf am Fußgelenk blitzte eine goldene Kette. Die anderen Damen waren auch fleißig mit Handarbeiten, Porzellan- oder Miniaturmalerei beschäftigt – alle Beschäftigungen eines vornehmen Heims schienen hinter diesem Bartisch reichlich vertreten zu sein – und davor versammelten sich die Leiden des gefährlichen Lebens in Gestalt von Männern, die sich stumm oder leise plaudernd über den Tisch beugten und mit Wohlbehagen von der Unnahbarkeit der Schönen kaltstellen ließen. Mitten in diesem Blumenbeet aber thronte die Unbeschreiblichkeit, der Wirt selbst, vor einem Champagnerkübel aus Silber, von Mixbechern umgeben. Wie er dort stand, rosenrot und weiß, konnte man ihn für eine perverse Schlachterphantasie halten; es fehlte nur, daß er ein frisches grünes Blatt im Munde hielt, um einen delikaten Schweinskopf zu verkörpern. Aus den anderen Caféräumen erklangen leise Gespräche in verschiedenartigen Sprachen, während Gäste beständig hin- und hergingen. Ein Chinese, nach der letzten europäischen Herrenmode gekleidet, schlich sorglos und dennoch so vorsichtig umher, als ob er auf Eis ginge. Ein unbeschreiblicher Jude aus dem fernen Trapezunt glitt auf weichen Katzenpfoten vorbei. In der Nähe der Detektive saß ein Mann von mittleren Jahren allein an einem Tisch und starrte mit erloschenem Blick vor sich hin. Sein Gesicht hatte eine auffallend gefängnisblasse Farbe. Da kam Rudolf, um die Herren auf ihre Zimmer zu führen – Thomas Uris Zimmer. X. Der singende Priester Es erregte kein Aufsehen, als die Herren die Bar des ›Vergoldeten Pfau‹ verließen; in jenem Lokal schien es Regel zu sein, daß jeder tat, was ihm beliebte, ohne daß andere sich darum kümmerten. Der kolossale Wirt hinter dem Schenktisch schien ganz und gar in das Putzen des Champagnerkübels vertieft zu sein – und nichts störte die vier Schönen in ihren häuslichen Beschäftigungen. Eine von ihnen hatte begonnen sich ihre Nägel mit einer Nagelbürste zu polieren, und ihre Freundin daneben sah interessiert zu. Bald näherte sich wohl die Zeit des Abends, wo die leeren Taburetts vor der Bar sich füllen und eine Veränderung in der Beschäftigung der Damen eintreten würde. Der Mann mit dem gefängnisbleichen Gesicht starrte leer und gleichgültig durch das Lokal, als Krag und Keller an ihm vorbeigingen. Keller flüsterte: »Ich meine bestimmt, daß ich dieses Gesicht schon mal gesehen habe, ich weiß nur nicht wo.« »Vielleicht im Gefängnis,« sagte Krag. »Er sieht so aus, als ob er von dort käme,« gab Keller zu, »aber ich meine mit Bestimmtheit, daß mich eine andere Ideenverbindung mit seinem Gesicht verknüpft. Er saß so auffallend schlaff da, seine Augen waren wie erloschen, es war, als ob er mit jedem Nerv lauschte. Wenn ich ihn aber kenne, dann kennt er auch mich. Und dann sind wir nicht mehr anonym in diesem sonderbaren Haus.« Rudolf ging mit fliegenden Rockschößen voran, indem er seine Serviette hin und her schwenkte. Die ganze Zeit murmelte er in einem halb singenden Ton: »Meine Herren, diesen Weg, diesen Weg, meine Herren.« Man hatte einen Wegweiser im »Vergoldeten Pfau« allerdings sehr nötig. Krags Mutmaßung, daß sich hinter der einfachen und schmalen Fassade ein ziemlich tiefes Gebäude verbarg, traf zu. Anscheinend war das Hotel mehrfach angebaut worden. Die Stockwerke lagen übereinander, wie unordentlich zusammengeklebte Schachteln. Die verschiedenen Baumeister, die zu verschiedenen Zeiten dieses Haus vergrößert hatten, hatten keine Rücksicht auf Form oder Verhältnisse genommen, sondern nur da, wo sie Platz fanden, ein Viereck angebaut und mit dem alten durch schlau angelegte Treppen und winklige Gänge verbunden. Gänge und Treppen liefen wie Maulwurfwege im ganzen Haus herum. Drei Treppen hinunter und dann ein Stück Korridor, vier Treppen hinauf, ein schmaler Gang mit einer scharfen Biegung, darauf drei Treppen, und von neuem ein Korridor, der sich in mehrere Gänge teilte, und wieder neue schmale Gänge und neue Treppen. Hin und wieder riefen ihre Schritte einen schwachen metallisch verhallenden Laut hervor, der verriet, daß der Gang über einen Torweg oder einen darunter liegenden Korridor führte. Die Korridore aber waren überall mit Teppichen belegt, die die Schritte dämpften. Auf den Wandfeldern zwischen den Türen, die alle in einem roten Farbton gehalten waren, der an altes Blut erinnerte, waren phantastische Tiergestalten gemalt, die zum großen Teil einer unwirklichen Welt angehörten. Der Basilisk zeigte seine schreckeinflößenden Augen, die Seeschlange schlängelte sich gefährlich um die Türpfosten, und riesengroße Märchenvögel breiteten ihre Flügel bis weit über die Decke. Zwei Tierformen aber kehrten beständig wieder: Der Pfau, der mit seiner graziösen Pracht unbeschreibliches Wohlbehagen ausdrückte, und der Affe, der an seinem Schwanz baumelte und ein grimmiges, aber menschliches Gesicht zeigte. Um die Verwirrung noch größer zu machen, hatten die Türen keine fortlaufenden Nummern, sondern die Zahlen waren nach einem besonderen System geordnet, dessen leitenden Gedanken man unmöglich gleich erfassen konnte. So stand z. B. 6 neben 17 und 244 neben 88. Daß es aber wirklich ein System war, ersah Krag daraus, daß in einem Korridor die Zahlen 3 in folgender Ordnung gesammelt waren: 3, 13, 23, 33, 43 usw. In einem anderen Korridor standen die Zahlen 2, 4, 8, 16, 32, 64 usw. Dies alles schien darauf berechnet, einen seltsamen Eindruck zu machen. Am rätselhaftesten, fast unheimlich wirkte indessen die Stille im Hotel. Das heißt, es war nicht ganz still, aber alle Laute hatten einen unendlich gedämpften Klang, als ob sie durch dicken Nebel zu einem drangen, und in diesem Hotel gab es viele verschiedene Sorten Laute. Irgendwo sang eine eintönige Stimme ein trauriges Lied, der Gesang kam von sehr weit her und doch hätten die lauschenden Polizeibeamten darauf schwören mögen, daß er ganz in ihrer Nähe aus Nummer 33 kam; auf diese Weise wurde jeder Laut von Teppichen und filzüberzogenen Zwischentüren gedämpft. Aus einer anderen Richtung hörte man Mandolinenspiel, hin und wieder erklang das leise Echo von Gelächter, aber es war unmöglich festzustellen, woher es kam. Vereinzelte Wesen schwebten vorbei, Kellner mit Wein in Küblern, und Gäste, die meistens ein ausländisches Gepräge hatten. Auf einem Korridor begegnete den Detektiven eine ganze Artistenfamilie, die auf dem Weg zum Zirkus zu sein schien, denn sie trugen allesamt schwarze Mäntel über ihren bunten flatternden Kostümen. An der Spitze ging der Mann, gewaltig von Umfang, aber elastischen Schrittes; ihm folgte seine Frau, keineswegs umfangreich, aber schwerfälliger im Gang; dann die übrigen Familienmitglieder, bis zu einem ganz kleinen Jungen herab, einer von denen, die hoch oben in der Luft herumgewirbelt werden und lachend herunterkommen. Alle schlichen fast lautlos über den weichen Teppich und verschwanden in der Tiefe des Korridors. »Nummer 6, meine Herren.« Rudolf riß eine Tür auf. Auf der Schwelle fragte Krag: »Können Sie den Weg zurückfinden, Keller?« »Ohne Zweifel,« antwortete Keller, »ich habe einen vorzüglichen Orientierungssinn im Nebel, wir sind die ganze Zeit nach Westen gegangen. Der Rückzug muß also mit östlichem Kurs gesteuert werden.« »Nummer 8 ist nebenan,« sagte Rudolf. Krag wollte sofort auf das Gitter vor der Heizung zusteuern, Rudolf aber stellte sich ihm in den Weg. Er legte zwei Anmeldeformulare auf den Tisch. »Ihre Namen, meine Herren,« sagte er. Krag nahm den Bleistift. Was sollte er schreiben? Er sah Rudolf fragend an. Rudolf lachte vergnügt. Der Kerl hatte anscheinend Phantasie. Die Namen, die er vorschlug, bewiesen, daß Stoff in ihm zu einem Verfasser von Abenteuerromanen war. Indem er sich leicht vor Krag verbeugte, sagte er: »Mir ist, als ob der Herr Havanna Jack heißen müßte. Beruf: Trapezkünstler.« Krag schrieb ohne Einwendung. »Und ich?« fragte Keller. Rudolf überlegte. »Dieser Herr ist Impresario, Spezialität Boxen,« murmelte er. »Mir müssen etwas Romantisches finden. Es macht mir Freude, ausgefallene Namen in den Büchern zu haben. Oh, meine Herren, neulich war hier ein Reisender, der Alexis Schrumpenüre hieß. Ich war den ganzen Tag glücklich! Ich schlage vor: Max Landauer, Impresario. Zufrieden?« »Sie sind ein Meister,« sagte Keller und schrieb. Rudolf nahm die Anmeldeformulare. »Ich trage jetzt Herrn Landauers Reisetasche auf Nummer 8,« sagte er, »womit ich die Ehre habe, mich zurückzuziehen. Ich bin die Feinfühligkeit in Person und außerdem fürchte ich das Morgengewölk. Wenn aber der Herr Trapezkünstler aus Havanna tropische Wärme in diesem Zimmer wünscht, so ist die Zentralheizung dort drüben. (Er zeigte auf das Messinggitter unter dem Fenster.) Was sich sonst in diesem Zimmer befinden mag, habe ich vergessen. Vergessen Sie auch mich, meine Herren, bis es ans Trinkgeldzahlen geht. Leben Sie wohl.« Darauf verschwand er mit einer eleganten Verbeugung. Eine Minute später hatte Krag das Gitter geöffnet. Er zog ein schwarzes, zerdrücktes Zeugbündel heraus und wickelte es auf. Es war ein Priesterrock. Er hielt den Rock ins Licht. Unten war ein Riß, der zu dem abgerissenen Fetzen paßte, den die Schutzleute auf Abbé Montroses Gartengitter gefunden hatten. »Es ist kein Zweifel mehr möglich,« sagte Keller, »wir befinden uns auf der richtigen Spur, dies ist Abbé Montroses Priesterrock, und fühlen Sie hier, Krag, und hier, und hier –« Krag strich mit der Hand über das zerknitterte Kleidungsstück. »Noch feuchte Flecke, und rote Flecke – das ist Blut, mein Lieber.« »Ohne Zweifel,« antwortete Krag, »das Schicksal des guten Abbé macht mir Sorge,« fügte er ernst und gedankenvoll hinzu. »Wie meinen Sie das?« »Ich fürchte, daß er nicht mehr am Leben ist.« »Diese Schweinehunde,« rief der grobe Keller mit einem Kraftausdruck. »Alle Spuren führen auf dieses seltsame Hotel zu. Der verhaftete Arnold Singer war hier angestellt. Seine Frau, dieses heuchlerische kleine Wesen, ist die Tochter des Morgengewölks. Und nun finden wir hier im Hotel des Morgengewölks diesen blutbefleckten Rock.« Er sann nach. »Ich nehme an, daß wir das Hotel mit fünfzehn Mann überrumpeln können,« sagte er nach einer Weile, »sie in ihrem eigenen Rattenloch fangen, das Morgengewölk und Thomas Uri und das Gefängnisgesicht und den Trapezkünstler und Boxer und die ganze Bande.« »Erstens,« antwortete Krag scharf, »muß ich aufs entschiedenste dagegen protestieren, daß Clary Singer ein heuchlerisches Wesen ist. Sie sind sehr energisch und tüchtig, Keller, es fehlt Ihnen aber an Geduld und Menschenkenntnis, und ohne diese beiden Eigenschaften kann man dieser seltsamen Affäre nicht auf den Grund kommen. Zweitens: was wollen Sie mit einer Erstürmung dieses Hotels erreichen? Wir kennen ja nur diesen einen Eingang.« »Genügt das nicht, um einzudringen?« »Zum Eindringen allerdings, aber Sie können überzeugt sein, daß das Hotel mehrere Ausgänge hat.« Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Rudolf zeigte sich von neuem. »Hallo,« rief Krag, und sah den Kellner interessiert an, »endlich mal ein menschlicher Ausdruck in diesem Komödiantengesicht. Er ist erstaunt . Was ist denn geschehen?« »Der Abbé,« stammelte Rudolf, »Abbé Montrose ist hier.« »Meinen Sie Herrn Thomas Uri?« »Nein, den nicht, sondern den Abbé selbst . Er singt.« »Er singt?« fragte Krag. »Ja,« antwortete Rudolf, »er singt. Das tun viele hier im Hotel.« XI. Gelehrsamkeil und Cocktails Keller packte Rudolf so heftig am Rock, daß der unglückselige Kellner wie ein Betrunkener schwankte. »Hören Sie, mein Bester,« sagte er, »hier scheint nicht nur das Hotel wahnsinnig zu sein, sondern auch die Dienerschaft. Oder sind Sie betrunken? Was wollen Sie uns eigentlich aufbinden?« »Der Abbé,« stammelte Rudolf erschrocken, »ich versichere Sie, meine Herren, der Abbé in eigener Person.« Krag zeigte ihm den zerrissenen und blutigen Priesterrock. »Fort damit!« schrie der Kellner, »stopfen Sie ihn wieder hinter die Heizung, bedenken Sie, wenn die Abendsonne käme!« (Rudolf nannte seinen riesigen Prinzipal abwechselnd das Morgengewölk, das Unwetter und die Abendsonne – abgesehen von vielen anderen Namen.) »Übrigens,« fügte er etwas getroster hinzu, »er kommt nicht hierher, denn er kann sich nicht durch den Korridor drängen. Au!« Es war Keller, der ihn in den Arm kniff. »Recht so,« sagte Krag, »drücken Sie den Zappel-Philipp ordentlich, damit wir etwas aus ihm herausquetschen.« An den Kellner gewandt, fuhr er fort: »Sie haben uns eben erst gesagt, daß der Mann, der diesen Anzug hier zurückließ – daß der Mann, der sich Thomas Uri nannte, der Abbé war. Und jetzt kommen Sie mit einem anderen.« »Nein, nein,« stammelte der Kellner. »Herr Thomas Uri ist dennoch nicht der Abbé gewesen. Dies ist der richtige.« »Aber Sie kennen ihn ja gar nicht. Woher können Sie es mit solcher Bestimmtheit behaupten?« »Weil er es selbst sagt,« antwortete Rudolf. »Wo ist er?« »Er wohnt auf Nummer 333, das ist gleich hier nebenan.« »Ja, natürlich,« rief Keller erbittert, »da dieses Zimmer Nummer 6 ist, muß Nummer 333 natürlich gleich nebenan sein, ein verflucht bequem eingerichtetes Hotel, Verehrtester. Wie ist er hierher gekommen?« »Keine Ahnung. Plötzlich sitzt er auf seinem Zimmer und bestellt Cocktails, Gloria morning fizz . Er ist in vollem Ornat mit einer goldenen Kette auf der Brust.« »Cocktails,« murmelte Krag erstaunt. »Abbé Montrose,« sagte Keller nicht weniger erstaunt, »der gelehrte Abbé Montrose an diesem Ort und mit Gloria morning ... Ich begreife wirklich nicht –« »Sie vergessen,« sagte Krag, »daß wir vor zwei Alternativen stehen, die beide gleich rätselhaft sind: entweder ist Abbé Montrose von den Einbrechern ermordet, und in diesem Fall ist es unbegreiflich, warum sie seine Leiche mit sich genommen haben, oder er ist lebendig entführt worden, und in diesem Fall ist es ebenso unbegreiflich, wie die Entführung stattgefunden hat. Er muß ja bis zu einem gewissen Grade gutwillig mitgegangen sein, wie wäre es den Räubern sonst möglich gewesen, ihn über das Gartengitter zu befördern. Lassen Sie uns darum nicht gar zu verwundert sein, wenn die Sache eine unerwartete Wendung nimmt. Es erwarten uns sicher noch genug Überraschungen. Ich nehme an, daß der Abbé nichts dagegen hat,« sagte er zu Rudolf gewandt, »daß wir ihm unsere Aufwartung machen.« Der Kellner schwitzte Angst. »Wie komme ich nur wieder aus dieser Patsche heraus,« sagte er, »ich kriege ein furchtbares Donnerwetter von der Abendröte. Wäre es nicht besser, wenn ich den Abbé hierher brächte?« »Warum sollte das besser sein?« »Der Abbé hat sich ausdrücklich alle Besuche auf seinem Zimmer verbeten. Er sagte aber, daß jemand in diesem Hotel nach ihm fragen würde. Nun könnte ich ja so tun, als ob ich nicht besser wüßte, als daß Sie dieser Jemand seien.« Krag und Keller sahen sich an. Keller war unzufrieden, Asbjörn Krag aber sagte: »Tun Sie, was Sie wollen, aber machen Sie schnell.« Als Rudolf draußen war, stopfte Krag den zerrissenen Priesterrock wieder hinter das Gitter der Zentralheizung. Keller ging unruhig im Zimmer auf und ab. »Glauben Sie wirklich,« sagte er, »daß diese neue Figur, die plötzlich auftaucht, der entschwundene Abbé ist?« »In unserer Branche ist nichts unmöglich,« antwortete Krag. »Wir müssen damit rechnen, daß diese Tragödie sich nach und nach zu einer Komödie entwickelt.« »Vielleicht hat der berühmte Abbé so viel in gelehrten Werken gelesen, daß er nicht mehr ganz richtig im Kopf ist,« sagte Keller, »sowas hat man schon früher gehört. Vielleicht liegt gar kein Einbruch vor, vielleicht hat der Abbé selbst, durch Studieren verrückt geworden, die ganze Komödie ins Werk gesetzt. Wenn der Wahnsinn erst mal von solchen gelehrten Herren Besitz ergreift, rumstiert er entsetzlich in ihren unnatürlich aufgeblasenen Köpfen.« Krag zeigte auf den Heizkörper. »Und wo wollen Sie in solcher Komödie den Herrn Thomas Uri mit dem zerrissenen, blutbefleckten Priesterrock unterbringen?« »Nein, nein, aber –« »Und wie wollen Sie Arnold Singers Geld und die Photographie erklären?« »Allerdings, aber –« »Bisher haben Sie wie ein Löwe für die Annahme gekämpft, daß Arnold Singer zu den Verbrechern gehört, weil es in Ihren Kram paßte, kaum aber bekommen Sie eine neue Idee, so verbessert sich die Lage des armen Arnold Singer bedeutend. Es ist wahrlich nicht angenehm, in die Krallen der Polizei zu geraten, das Schicksal der armen Verdächtigen wird meistens den Hypothesen der Herren Detektive angepaßt.« »Sie scherzen, lieber Freund,« antwortete Keller gereizt. »Aber zum Donnerwetter, es ist auch nicht leicht, diesen verfluchten Wirrwarr zu durchschauen.« »Und wie wollen Sie den Lärm der vielen Stimmen nachts in der Bibliothek erklären und das Geräusch der vielen fliehenden Füße auf dem Rasen, das die Schutzleute hörten.« Keller unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Still,« sagte er, »das scheint der Abbé zu sein.« Rudolf führte ihn herein, blieb aber selbst in der Tür stehen. »Herr Abbé,« sagte er, »diese beiden Herren bitten Sie um die Ehre einer Unterredung.« Worauf er den Abbé sachte ins Zimmer schob und selbst durch die Tür verschwand. Er hatte offenbar Angst, in das Drama verwickelt zu werden. Der Abbé blieb etwas unsicher mitten im Zimmer stehen. War er es wirklich? Weder Keller noch Krag kannten Abbé Montrose, und es existierte kein Bild von ihm. Dieser Mann aber, der vor ihnen stand, hatte wirklich ein priesterliches Aussehen. Die Tracht war bis aufs Letzte durchgeführt, von dem langen feierlichen Gewand mit der weißen Halskrause, bis zu dem kleinen runden Hut, den der Mann nach Sitte katholischer Priester auf dem Kopf behielt, außerdem lag etwas Priesterliches über seinem blassen, glattrasierten Gesicht, das augenblicklich allerdings etwas exaltiert aussah, und auf seiner Brust hing ganz richtig eine dünne blitzende Goldkette. Asbjörn Krag hatte sofort festgestellt, daß der Abbé bei seinem Eintritt erstaunt war über die Personen, denen er gegenüberstand. Er kennt also die, die ihn sprechen wollen, dachte Krag, und wundert sich, daß er es mit zwei anderen zu tun hat. Er schob ihm einen Stuhl hin und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Der Abbé setzte sich zögernd. Krag hatte den Stuhl so gestellt, daß das Licht voll auf das Gesicht des Abbés fiel. Fast eine Minute lang betrachtete Krag dieses Gesicht aufmerksam. Auch Keller sagte nichts; in schweren diplomatischen Situationen überließ er immer Krag die Initiative. Keller hatte Nerven von Guttapercha, keiner konnte so wie er, vollkommen unberührt dasitzen und abwartend seinen Schnurrbart drehen. Es genügte ihm, daß er ein fast unmerkliches pfiffiges Lächeln um Asbjörn Krags Lippen spielen sah, alles andere wartete er ruhig ab. Merkwürdigerweise schien das peinliche Schweigen auch den Abbé nicht im geringsten zu berühren. Plötzlich sagte Krag: »Nach dem Vorgefallenen ist es uns eine besondere Freude, Sie wiederzusehen, Herr Abbé.« Der Abbé neigte würdig sein Haupt. »Es ist ein Glück, daß ein so ausgezeichneter Vertreter der Wissenschaft abermals geruht, sich zu erkennen zu geben.« Der Abbé beugte von neuem das Haupt – wenn möglich noch würdiger. »Wünschen Sie Whisky oder Cocktail?« Keller konnte sich kaum das Lachen verbeißen. Der Abbé dagegen schien die Wahl Asbjörn Krag überlassen zu wollen, denn er neigte nur von neuem das Haupt. Krag klingelte und richtete Rudolf seine Bestellung aus. Bei dieser Bestellung riß Keller die Augen auf, Rudolf aber schien befriedigt, daß die Gesellschaft sich so gut vertrug. Während man auf die Getränke wartete, fragte der Abbé: »Ist heute Donnerstag?« »Ja,« antwortete Krag (obgleich Montag war), »es ist Donnerstag abend, zehn Uhr.« Der Abbé kniff die Augen zusammen, als ob er tief nachdenke, die Donnerstag-Angelegenheit schien ein ungewöhnliches schweres Problem für ihn zu bedeuten. Darauf sagte er sehr langsam und deutlich eine lateinische Phrase, die etwa bedeutete: Wem Gott Kinder schenkt, dem gibt er auch Sorgen. Worauf er tief aufseufzte. Plötzlich blickte er auf und schien verwundert über die Gesellschaft, in der er sich befand. Keller flüsterte Krag leise zu: »Ich glaube, ich bekomme doch Recht, es ist ein typischer Fall.« Laut fragte er: »Ist es nicht schwer, so gelehrt zu sein?« Der Abbé heftete seine Augen auf ihn, sagte aber nichts. »Ich meine,« fuhr Keller etwas verwirrt fort, »wenn man so über alle Maßen gelehrt ist, kommt es vor, daß man hier oben im Kopf ... ich meine ...« Der Abbé wandte sich von ihm ab, als ob er in den hohen Regionen, in denen er lebte, nicht erfaßte, was dieser Alltagsmensch meinte, dagegen verbeugte er sich formell in die Richtung, wo Krag saß und schien erst jetzt in seinem Gedankengang dort angelangt zu sein, wo die anderen schon vor mehreren Minuten waren. »Danke, Cocktail,« sagte er. Von der Tür hörte man jetzt ein lautes klirrendes Geräusch. XII. Das Gefängnisgesicht Es war der Kellner, der die Getränke brachte. Da waren verschiedene Sorten Flaschen und Gläser, Eis und Mixgefäße. Krag bereitete die Getränke wie ein geübter Barmeister. Der Abbé saß unbeweglich dabei und sah zu. Nur das Klirren der Gläser war im Zimmer zu hören. Als aber die Mischung fertig war, erklang ein Seufzer. Es war der Abbé, der seufzte. Aber es war ein Seufzer der Erleichterung, und der Abbé ergriff das Glas. Er ließ sich nicht die Zeit, mit den anderen anzustoßen und trank es mit einem Zuge leer. Es schien eine hochfeine Mischung zu sein, denn sein Gesicht klärte sich plötzlich auf und ein einnehmendes Lächeln spielte um seinen Mund. »Sie sind ein Meister,« sagte er zu Krag, »was haben Sie für ein Geschäft?« »Ich bin Arzt,« antwortete der Detektiv, »und der Herr dort ist mein Assistent.« »Ah, man könnte eher glauben, daß Sie Apotheker seien.« Das Glas wurde von neuem gefüllt, und er führte es an seine Lippen. Es war, als ob seine schlummernden Seelenkräfte mit Hilfe dieses Nektartrankes zurückkehrten, oder als ob er von jenen unerforschlichen Höhen, wo seine Seele sonst schwebte, zu irdischer Alltäglichkeit zurückgekehrt sei. »Was wollen Sie von mir?« fragte er. »Mein Beruf als Arzt erklärt alles,« antwortete Krag. »Wie Sie sich wohl denken können, hat Ihr Verschwinden großes Aufsehen erregt.« Der Abbé wurde wieder nachdenklich. »Bin ich verschwunden?« fragte er erschrocken. »Ja,« antwortete Krag. »Sie sind heute nacht um drei Uhr auf rätselhafte Weise verschwunden. Zur selben Zeit ist in Ihrer Wohnung eingebrochen und Ihre ganze Bibliothek geplündert worden.« Der Abbé runzelte die Stirn. »Das ist eine verfluchte Lüge!« rief er. »Davon weiß ich nichts.« Keller fuhr auf. Dieser ausgezeichnete und solide Polizeibeamte hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, sich in höherer Priestergesellschaft zu bewegen, darum kannte er ihre Sitten nicht. Dennoch hatte er eine schwache Vorstellung davon, daß eine Sprache, wie der Abbé sie führte, für jene Kreise recht ungewöhnlich war, ebenfalls sein eingehendes Verständnis für Cocktail. Krag aber fühlte sich von dem Ausruf des Abbés nicht im geringsten aus der Fassung gebracht. Keller stellte fest, daß sein Kollege in diesem Augenblick wirklich einem Arzt glich, einem interessierten und geduldigen Arzt, der einen beschwerlichen Patienten ausfragt. Krag sagte: »Dennoch stimmt meine Behauptung mit der Wahrheit überein. Ich habe Verbindungen mit der Polizei und weiß daher aus sicherer Quelle, daß die Polizei der Auffassung zuneigt, daß Abbé Montrose, also Sie, ermordet worden sind.« »Ha!« rief der Abbé und trank, » von wem ,« fügte er hinzu und sah den Detektiv streng an. »Von niemandem natürlich,« antwortete der Detektiv, mit einer verbindlichen Handbewegung, »von niemandem natürlich, da Sie ja am Leben sind. Ich sage es auch nur, um festzustellen, wie gründlich die Polizei sich irren kann. Die Polizei steht hier einem merkwürdigen Fall gegenüber und weiß weder ein noch aus. Dieser eigentümliche Fall hat mich indessen als Arzt und Psychiater nicht in Erstaunen gesetzt, denn in meiner Praxis sind schon mehrere ähnliche Fälle vorgekommen. Lieber Herr Abbé, das Resultat Ihrer umfassenden wissenschaftlichen Arbeiten zeigt, daß Ihr Leben von intensiver geistiger Arbeit erfüllt gewesen ist. Dadurch ist Ihr Gehirn nach und nach in ein hochgespanntes Stadium eingetreten, ebenso wie eine Maschine, deren Kräfte aufs äußerste ausgenutzt, in Gefahr ist, gesprengt zu werden. Ein erschütterndes Ereignis hat den Anstoß zu einem zufälligen Zusammensturz gegeben, kein Niederbruch, sondern nur eine vorübergehende Störung. Das erschütternde Ereignis war der Einbruch in Ihre Bibliothek, Sie haben einen Nervenchock bekommen, Herr Abbé, und von dem Augenblick an, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Gleichgewicht Ihres Seelenzustandes verloren.« Der Abbé hörte Asbjörn Krags Erklärung mit fast fanatischem Interesse zu, man sah ihm deutlich an, daß sein Gehirn arbeitete, um den Sinn festzuhalten, er starrte den Detektiv die ganze Zeit an und blinzelte mit den Augen. Dann zeigte er mit seinem Zeigefinger auf die Brust und sagte: » Ich , ich bin Abbé Montrose.« »Daran zweifelt kein Mensch,« antwortete Krag leichthin. »Überhaupt kann niemand, der Ihr wahrhaft priesterliches Gesicht, Ihre reinen, edlen Züge sieht, daran zweifeln, daß Sie von Geburt an für die Wissenschaft und den Priesterstand bestimmt waren.« (Ist das wirklich mein Freund Krag, dachte Keller, der sich in so banalen Sätzen ausdrückt, wie ein junges Mädchen, das schlechte Romane gelesen hat?) Der Abbé war entzückt von Krags Worten, und sein Entzücken äußerte sich dadurch, daß er sich langsam erhob, eine posierende Stellung einnahm, und seinen Blick schwärmerisch über eine eingebildete Versammlung schweifen ließ. Gleich darauf aber erschlaffte er wieder und fing von neuem an mit den Augen zu blinzeln, als ob er sich bemühte, eine Vorstellung festzuhalten. Darauf ließ er sich schwerfällig auf den Stuhl fallen und sagte überwältigt: »Tod und Teufel!« Dann streckte er dem Detektiv seine Hand entgegen, die dieser lange und warm drückte. »Und sollte jemand,« sagte Krag, »sich erdreisten, daran zu zweifeln, daß Sie wirklich Abbé Montrose sind – ich meine, daran zweifeln, während Ihr Gleichgewicht gestört ist, so haben Sie sicher Beweise in Händen, daß Sie der aristokratische und vornehme Gelehrte sind, wofür Sie sich ausgeben.« Keller begann jetzt zu verstehen, wo Krag hinwollte. Und er hörte seinem seltsamen Geschwätz mit größerem Interesse zu. Der Abbé tastete auf seiner Brust nach einem kleinen Medaillon, das an einer dünnen Goldkette befestigt war, die auf dem schwarzen Tuch blitzte. Er zeigte Krag das Medaillon. Die Buchstaben A. M. waren eingraviert. »Armand Montrose,« flüsterte der Abbé geheimnisvoll, »das bin ich.« Krag öffnete das Medaillon. Es war leer. Der Abbé nickte. »Können Sie sehen, daß es leer ist,« flüsterte er, als ob diese Tatsache eine wertvolle Aufklärung enthielte. »Aber ich habe noch andere Dinge,« fügte er hinzu, »ich weiß, wo alles liegt.« »Wo was liegt?« Die Antwort des Abbé verriet, daß es gewisse Worte gibt, auf die ein Mensch, der nicht im Besitz seines geistigen Gleichgewichts ist, sich lieber nicht einlassen sollte. Er sagte: »Die Kospenz.« Da er aber selbst merkte, daß dieses Wort allerhand an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließ, wiederholte er langsam, mit Nachdruck auf jedem Wort – als wenn ein Mensch nach einem Beinbruch zum ersten Male vorsichtig eine Treppe hinuntergeht –: »Die Korrespondenz.« »Aha, Sie haben Briefe, darf ich sie sehen?« sagte Krag und streckte die Hand aus. Der Abbé erhob sich. »Nicht hier,« sagte er, »ich werde sie holen, sie sind auf Nummer 333, –« Wie er die Nummer aussprach, schien sie mindestens drei Millionen und mehrere Hunderttausende zu enthalten. »Ich werde Sie begleiten,« sagte Krag. Da aber machte der Abbé eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Das wollte er nicht. Indessen würde er gleich zurückkommen. Das Zimmer läge ja nur drei Türen von hier entfernt, nur drei Türen. Damit verschwand er. Als die beiden Detektive allein geblieben waren, beugte Krag den Kopf und lachte. »Glauben Sie, daß er zurückfindet?« fragte Keller. Krag lauschte in dem offenen Türspalt. »Ich höre, daß er jetzt in sein Zimmer gegangen ist,« sagte er, »aber es wird wohl eine Weile dauern, bis er die Briefe gefunden hat.« »Was meinten Sie damit, daß seine Seele nicht im Gleichgewicht ist,« fragte Keller. »Mich dünkt, daß ist ein sehr milder Ausdruck.« »Viel zu milde,« antwortete Krag, »er ist ganz einfach betrunken, total betrunken.« Keller schüttelte bedenklich den Kopf. »Ein merkwürdiger Abbé,« sagte er, »ein äußerst seltsamer Mann Gottes.« »Nannten Sie ihn Abbé?« fragte Krag und lachte wieder. »Sollte es vielleicht gar nicht Abbé Montrose gewesen sein!« »Nein, sicher nicht.« »Zum Teufel, wer ist es aber dann gewesen?« »Das werden wir gleich erfahren,« antwortete Krag und öffnete die Tür ganz. »Er bleibt übrigens lange fort, wir wollen ihn lieber aufsuchen.« In dem Augenblick, als die beiden Polizeibeamten aus der Tür traten, ging ein Mann auf dem Korridor an ihnen vorbei. Es war der Mann mit dem Gefängnisgesicht. Er ging über den Teppich mit jenem eigentümlichen, regelmäßigen, schleichenden Gang, der Gefangene kennzeichnet, die lange im Gefängnis gesessen haben und deren einzige Bewegung der Spaziergang auf dem Gefängnishof und das Hin- und Hertraben in ihrer engen Zelle gewesen ist. Der Teppich aber dämpfte seine Schritte, und sein plötzliches Erscheinen, sein bleiches Gesicht mit den kalten, in sich gekehrten Augen, machte solch unheimlichen Eindruck, daß Keller ein Hu! nicht unterdrücken konnte. Das hörte der Mann. Er drehte sich um und sah sie an. Die ungewöhnliche Blässe seines Gesichtes schien die Dimensionen desselben gleichsam zu erweitern, so daß es in dem dunklen Korridor unnatürlich groß erschien. Er sagte aber nichts, sah sie nur an und ging auf dieselbe schleichende Weise weiter, bis er in der Dunkelheit des Korridors verschwand. Sein Auftauchen hatte nicht allein einen Eindruck von Grauen, sondern auch von Gefahr hinterlassen. Die beiden Polizeibeamten eilten auf Nummer 333 zu und klopften an. Als keine Antwort erfolgte, rissen sie die Tür auf. Drinnen im Zimmer saß der Abbé tot in einem Stuhl. XIII. 333 Der Tote saß in einem Lehnstuhl, als ob er sich hingesetzt hätte, um einen Augenblick zu ruhen. Auf seinem Gesicht aber lag ein Ausdruck von Schrecken. Der Priesterhut war ihm vom Kopf gefallen und lag auf der Erde. Die weiße Halskrause war zerknittert und abgerissen, – das einzige Zeichen, daß ein Gewaltakt begangen war. Von einer Wunde in der Brust rann Blut über seinen Anzug. An dem Ausdruck seines Gesichtes, das wie im Krampf verzerrt war, sah Krag sofort, daß der Tod schon eingetreten war. Er sagte: »Der Messerstich hat seinen Tod sofort herbeigeführt.« Keller zeigte auf den Kopf des Toten mit dem dunklen, graumelierten Haar. »Der da war kein Priester,« sagte er. »Nein, nicht mehr als Sie und ich,« antwortete Krag und beugte sich über den Ermordeten. Krag war sehr ernst und seine Stimme bebte, als ob ein großes Unglück geschehen sei. »Es ist sehr bedauerlich,« sagte er, »daß wir ihn gehen ließen, wer aber konnte ahnen, daß ein Mörder ihn erwartete. Dennoch fühle ich die Verantwortung.« »Ja,« murmelte Keller, ebenso schuldbewußt wie sein Kollege, »ich fühle auch die Verantwortung. Mord ist eine ernste Sache, vielleicht hätten wir ihn durch mehr Vorsicht verhindern können.« »Vielleicht,« gab Krag zu. »Was aber die moralische Verantwortung betrifft, so möchte ich sie doch nicht zu schwer nehmen. Vielleicht hat der, der dort sitzt, ebensoviel Schuld, wie der, der ihn ermordet hat. Was aber hält er da in der Hand?« Ein Stück Papier sah zwischen den steifen Fingern des Toten hervor. Asbjörn Krag löste es vorsichtig, glättete es aus und las halblaut etwas, was ihn im höchsten Grade in Erstaunen zu setzen schien. Dann gab er Keller das Stück Papier und sagte: »Hier haben Sie abermals eine Verbindung mit Arnold Singer. Kennen Sie die Handschrift?« »Es ist Abbé Montroses Handschrift,« antwortete Keller. »Seine richtige Handschrift, ja.« »Aber du mein Gott, das ist ja ein Aktenstück, das der Polizei gehört. Das ist ja die Quittung über den Lohn des Gartenarbeiters Singer.« Keller las halblaut, was auf dem Papier stand: »Gartenarbeiter S. für sechs Arbeitstage dreißig Kronen ausgezahlt.« »Das ist genau dasselbe Papier,« sagte Asbjörn Krag, »auf das der verhaftete Arnold Singer sich beruft, als Beweis für seine Unschuld. Dieses Blatt Papier gehörte bis vor wenigen Stunden der Polizei.« »Ich habe es selbst in dem eisernen Schrank des Detektivkontors eingeschlossen, zusammen mit den anderen Papieren, die die Affäre des verschwundenen Abbé Montrose betreffen,« sagte Keller, »und jetzt finden wir es hier in diesem Hotel, in den Händen eines toten Mannes! Lieber Krag, sind wir denn allesamt verhext? Wie ist dieses Stück Papier aus den Geheimfächern der Polizei in den Besitz dieses stark berauschten Mannes gekommen, warum zerknittert er es in seiner Hand, als ob Leben und Tod von dem Besitz desselben abhinge, warum ist er ermordet worden und wer ist dieser Mann?« »Und wer ist der Mörder?« fügte Krag ungeduldig hinzu. »Sagen Sie mal, lieber Freund, sind Sie bewaffnet?« »Wie immer,« antwortete Keller und zog einen Revolver aus der Tasche. »Ich denke an den Mörder,« fuhr Krag fort, »erinnern Sie sich des Mannes mit dem gefängnisbleichen Gesicht, der so unheimlich vor einem Augenblick auftauchte?« »Sie haben recht. Ein anderer war nicht auf dem Korridor zu sehen und der Mord muß im Laufe der letzten zehn Minuten begangen worden sein.« Keller wollte läuten, Krag aber hielt ihn davon zurück. Er zeigte ihm, daß der Klingelapparat, der an dem Türpfosten entlang lief, in halber Zimmerhöhe durchschnitten war. »Hu,« sagte Keller. »Einem so überlegten Mord steht man selten gegenüber. Was meinen Sie, daß wir jetzt tun sollen?« »Ich schlage vor, daß Sie hier bleiben. Bewaffnet sind Sie ja. Außerdem glaube ich nicht, daß wir etwas zu befürchten haben. Betrachten Sie den Toten dort, ich glaube, daß alles, was geschehen sollte, bereits geschehen ist. Inzwischen gehe ich in die Bar hinunter und alarmiere das Hotel. Ich werde auch einige Schutzleute von der Straße herbeirufen. Das Beste ist, daß wir das Hotel bis auf weiteres schließen, es muß vom Keller bis zum Dach durchsucht werden.« »Sind Sie selbst bewaffnet?« fragte Keller. »Ja,« antwortete Krag. »Ich fühle mich auch nicht sicher in dem langen Korridor. Ich rate Ihnen, die Tür abzuschließen, wenn ich fort bin. Ich werde ein deutliches Signal geben, wenn ich zurückkehre. In der Zwischenzeit können Sie das Zimmer gründlich durchsuchen, ich bin sicher, daß es hier verschiedene Spuren gibt. Dieses Stück Papier stecke ich bis auf weiteres in die Tasche. Zum zweiten Mal soll es der Polizei nicht verlorengehen.« Damit ging Krag hinaus und von draußen hörte er, wie Keller die Tür verschloß. Auf dem langen Korridor war niemand zu sehen, und er hörte nichts weiter, als gedämpfte Töne von einem Streichorchester. Krag begriff, daß es die Musik sei, die unten im Café begonnen hatte, und er folgte der Richtung der Töne. Es galt, denselben Weg zurückzufinden, den sie gekommen waren, treppauf und treppab, nach rechts und nach links, wie in einem Labyrinth; dennoch fand er den Weg ohne größere Schwierigkeiten. Die fast lautlose Wanderung auf den dicken Teppichen, der halb dunkle schmale Tunnel, die phantastischen und verzerrten Dekorationen an den Wänden mit Tieraugen und seltsamen Vogelschwingen – das alles im Verein mit dem Bewußtsein, daß ein ermordeter Mensch sich in einem der Zimmer befand, lösten eine seltsame Stimmung in Krag aus, ein Gefühl von Unwirklichkeit und Grauen, das ihm neu war. Vorm Eingang zum Café stieß er auf Rudolf und faßte ihn am Arm. »Ich werde Sie nicht verraten,« sagte er, »und Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, aber es hat sich etwas Ungewöhnliches im Hotel zugetragen. Der Herr auf Nummer 333 ist vor zehn Minuten ermordet worden.« »O Himmel, der Abbé.« »Seien Sie nicht so theatralisch,« sagte Krag, »sondern folgen Sie mir und seien Sie mir behilflich.« Krag betrat hastig das Café, nicht wie ein Mensch, der eine schreckensvolle Nachricht zu überbringen hat, sondern wie ein Mann, der plötzlich in einer gefährlichen Stunde auftaucht und mit Recht das Kommando übernimmt. Alles wurde gleich auf ihn aufmerksam. Es waren jetzt mehr Gäste gekommen, fast alle Taburetts vor der Bar waren besetzt, die Schöne auf dem linken Flügel hatte ihre Häkelarbeit beiseite gelegt und sich dazu herabgelassen, ein Gläschen mit ihrem Verehrer, dem jungen Herrn mit der goldenen Kette am Fußgelenk, zu trinken. Das Morgengewölk war verhältnismäßig stark beschäftigt, indem er Cocktails mischte. Krag ging auf ihn zu. »Ich bin Detektiv,« sagte er, »hier ist meine Legitimation. Vor einigen Minuten ist in Ihrem Hotel ein Mord begangen worden. Der Ermordete sitzt noch in seinem Stuhl auf Nummer 333.« Als das Morgengewölk diese Mitteilung bekam, hielt er gerade ein Glas unter dem Selter-Siphon. Eine Sekunde floß das Selterwasser über und schäumte über die Glasplatte, was bei den vier Schönen in den kostbaren Kleidern und ihren Bewunderern fast ebensoviel Schreck hervorrief, wie die Mitteilung von dem Mord. Die Damen sprangen von ihren Stühlen auf und der junge Herr mit der goldenen Kette glitt auf die Erde herab. Das Morgengewölk aber schloß hastig den Hahn des Siphons, und Krag mußte zugeben, daß es das einzige Anzeichen war, womit der Wirt seine Fassungslosigkeit verriet. Er murmelte etwas, was Krag indes nicht verstand und als er fragte, wiederholte der Fleischberg, wenn auch undeutlich: »Es sind fünfzehn Jahre her.« »Nein, es ist eben geschehen,« antwortete Krag, »vor kaum einer Viertelstunde.« »Es sind fünfzehn Jahre her,« wiederholte der Wirt unbeirrt, »fünfzehn Jahre her, seit ein Mord in meinem Hotel begangen ist. Darum weiß ich, wie man sich in solcher Lage benimmt.« Es strengte ihn anscheinend sehr an, so viel auf einmal zu sagen. Er atmete schwer. »Die Küchentür,« fauchte er und heftete seine verschwommenen Augen auf den zitternden Rudolf, indem er ein: Hrup! ausstieß, wie ein Elefant, der rasend wird. Rudolf eilte durch eine Tür hinter dem riesigen Büfett, und Krag hörte ihn mit kreischender Stimme rufen, daß die Küchentür geschlossen werden solle. Krag protestierte nicht gegen diese Maßnahme, obgleich er an ihrem Nutzen zweifelte, denn es war bereits so viel Zeit verflossen, daß der Mörder schon längst das Hotel verlassen hatte. Es gehörten viele Leute dazu, um das Etablissement vom Keller bis zum Dach zu durchsuchen. Darum öffnete er die Tür zur Straße, um Hilfe herbeizurufen. Die Luft in der Bar war erstickend heiß gewesen, von Weinatem und Parfüms gesättigt, darum empfand er die Luft von draußen frisch und feucht. Säuerlich wie die Luft auf einem Kirchhof, dachte Krag, in einer seltsamen Ideenverbindung mit dem Toten. Der mannigfache Lärm der Straße schlug über seinem Kopf zusammen, und der verdichtete Verkehr zog an ihm vorbei, ein stolzer, donnernder Chor. Im Laternenschein zwischen den wimmelnden Menschen, Pferden und Wagen glänzten einige Schutzmannshelme. Krag setzte seine Polizeiflöte an den Mund und ließ ein gellendes Pfeifen hören. In der Volksmenge entstand Bewegung. Nachdem er die herbeieilenden Schutzleute angewiesen hatte, die Türen zu bewachen, eilte Krag von einigen Schutzleuten gefolgt, nach Nummer 333 zurück. Auf der Schwelle des Zimmers blieb Krag wie festgewachsen stehen, indem er nicht übel Lust verspürte, seinem Erstaunen in einem lauten Schrei Luft zu machen. Das Zimmer war leer. Weder der Ermordete noch Keller waren da. Ganz hinten aus dem Korridor aber erklang ein Stöhnen. Es war das Morgengewölk, der Wirt, der sich bemühte, durch den Gang zu kommen, wobei er mit seinem unermeßlichen Korpus immer wieder in dem engen Korridor festsaß. Krag machte einen hastigen Überschlag. Mehr als sieben bis acht Minuten konnten nicht vergangen sein, seit er Keller mitsamt dem Toten in diesem Zimmer verlassen hatte. Und jetzt war das Zimmer leer. Krag ahnte nicht, daß sich im selben Augenblick ein Drama an einem ganz anderen Ort abspielte und daß Detektiv Keller in diesem Drama die bedauernswerte Hauptperson war. XIV. Die Königsfamilie Während die Türöffnung sich mit den erstaunten Gesichtern des Personals und der Gäste füllte, und der Wirt im Hintergrund erbittert über den engen Gang schimpfte, blieb Krag einen Augenblick stehen, um sich zu orientieren. Es handelte sich hier um einen Mord, trotzdem erschien ihm die Lage fast komisch, mit solch kinematographischer Geschwindigkeit war die Veränderung vor sich gegangen. Vor kaum zehn Minuten hatte Keller sich im Zimmer eingeschlossen, um einen Toten zu bewachen – und jetzt waren sowohl Detektiv wie der Tote verschwunden. Dort war der Stuhl, dort der Tisch, nichts war umgestellt, alles war wie vorher. Ein Kampf hatte nicht stattgefunden. Krag stand ganz stumm da und ließ einen Blick über die Wände schweifen, um in seiner Ratlosigkeit einen Ausweg zu suchen, aber er konnte zu seinem Trost nichts anderes finden, als ein Porträt der Königsfamilie des Landes, ein Porträt, das er auch bemerkt hatte, als er zuletzt mit Keller und dem Toten hier drinnen war. Inzwischen war es dem Wirt geglückt, sich durch den engen Korridortunnel zu drängen. Er schaufelte die anderen Neugierigen zur Seite, füllte die Tür mit seiner roten und weißen Masse und das Schweigen mit seinem hörbaren Atemholen. Wenn er sprach, stieß er die Worte asthmatisch heraus, seine Meinung kam rasselnd wie aus einer Schleuse, von innerer Feuchtigkeit beschwert. »Wo ist der Unglückliche?« fragte er. »Dort im Stuhl hat er gesessen,« antwortete Krag, »jetzt aber ist er nicht mehr da. Einer meiner lebendigen Freunde war bei ihm, aber auch er ist fort – sie sind alle beide verschwunden, ich weiß nicht mehr aus noch ein.« »Sind Sie sicher, daß es in diesem Zimmer war,« fragte das Morgengewölk. »Ja, ganz sicher, es war Nummer 333.« Krag blickte sicherheitshalber auf die Tür. »Außerdem erkenne ich das Zimmer wieder, den Stuhl, den Tisch, die Königsfamilie und alles.« »War die Tür verschlossen, als Sie kamen?« fragte der Wirt. »Nein, sie war offen, als ich aber meinen Kollegen verließ, hörte ich deutlich, wie er sie von innen abschloß. Niemand anders als Keller kann sie geöffnet haben ... es ist ja Wahnsinn. Ich glaube, das ganze Hotel ist verhext. Sie haben ein höchst merkwürdiges Hotel, Verehrtester.« »Es ist mein eigenes Haus,« stieß der Wirt gurgelnd hervor, »und ich darf es wohl einrichten, wie es mir paßt. Übrigens ist es nicht ausgeschlossen, daß ein anderer die Tür von drinnen geöffnet hat, Verehrtester.« »Wer?« »Der Herr, den Sie den Ermordeten zu nennen belieben.« Krag schüttelte den Kopf. »Sie meinen, daß er nicht ermordet war,« sagte der Detektiv, »das ist unmöglich. Die Wunde in der Brust, der lange Dolchstich, der offenbar durchs Herz gegangen war, seine erloschenen Augen und starren Hände, die bereits angefangen waren zu erkalten. Nein, mein Herr, solche Menschen stehen nicht mehr auf.« Obgleich er es für sinnlos hielt, begab Krag sich trotzdem auf den Korridor und rief Kellers Namen mehrere Male laut. Seine Stimme schallte durchs ganze Haus. Aber es erfolgte keine Antwort. Überhaupt war jetzt im ganzen Hotel nichts anderes zu hören, als der leise sausende Laut der Zentralheizung. Krag kehrte ins Zimmer zurück und setzte sich in den Stuhl des Toten. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Im Augenblick war er wirklich vollständig ratlos. Ihm war, als ob er aus einem Traum erwacht sei und in diesem Zustand halben Wachseins, Traum und Wirklichkeit miteinander vermengte – als ob der Mord und der Priesterrock und Keller und das ganze Mysterium dem Traum angehörte, und das leere Zimmer und der verwunderte Wirt einer keineswegs angenehmen Wirklichkeit. Aber nein, er wußte ja, daß alles stattgefunden hatte. Im Augenblick erschien ihm die Lage allerdings rätselhaft, doch war er überzeugt, daß das Rätsel einen Schlüssel und eine Erklärung haben müsse, die vielleicht ungeheuer einfach waren, vielleicht gerade, weil sie so mystisch erschienen. Hier hat also der Tote gesessen, dachte er, in diesem Stuhl. Krag blickte auf die Erde. Blutspuren waren nicht da. Er untersuchte den Teppich näher. Nein. Wirklich nicht die geringste Blutspur. Dann aber fiel ihm ein, daß derartige tödliche Dolchstöße durchs Herz sehr wenig Blutung im Gefolge haben, oft nur einige Tropfen auf dem weißen Hemd. Die Gäste draußen im Korridor begannen jetzt miteinander zu flüstern und die Sache fing an, einen Schein von Lächerlichkeit zu bekommen. Darum war es ausschließlich aus egoistischen Gründen, mit Rücksicht auf seine eigene Würde, daß Krag Sorge trug, daß die Neugierigen und Unbefugten fortgewiesen wurden. Während sie sich brummend entfernten, drängte ein Kellner aus dem Café sich zum Wirt durch und flüsterte ihm etwas zu. Der Wirt schien erstaunt und wandte sich gleich an Krag. »Er teilt mir mit,« sagte der Wirt, »daß das Zimmer Nummer 333, also dieses Zimmer, seit mehreren Tagen nicht besetzt gewesen ist. Was sagen Sie dazu, mein Herr. Meine Bücher lügen nicht. Dort aber kommt der Portier, Sie können ihn selbst fragen.« Ein Mann in Livree, die Mütze in der Hand, zeigte sich. »Das ist ausgezeichnet,« sagte Krag, »kommen Sie herein, auch Sie, Rudolf – und verschließen Sie die Tür. Jetzt befinde ich mich also Aug' in Aug' mit Menschen, die etwas in dieser Angelegenheit zu sagen wissen. Es ist ein förmliches Verhör. Noch vor wenigen Minuten hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß ich in dem Stuhl des Ermordeten sitzen würde, um Leute nach dem Verbleiben des Toten auszufragen. Denn verschwunden ist er, das ist sicher, sowohl er wie der Detektiv. Also,« fuhr Krag zum Portier gewandt fort, »Sie behaupten, daß dieses Zimmer seit mehreren Tagen nicht besetzt gewesen ist?« Der Portier legte sein Buch auf den Tisch. »Bitte, Sie können selbst sehen,« sagte er. »Das Zimmer hat in den letzten drei Tagen leer gestanden.« »Gut. Aber was sagen Sie, Rudolf? Sind Sie nicht auch sicher, daß der Mann, den Sie Abbé Montrose nannten, sich vor einer Stunde in diesem Zimmer aufgehalten hat?« Der Name Abbé Montrose machte einen starken Eindruck auf die Anwesenden. Alle hatten natürlich die aufsehenerregenden Artikel in den Zeitungen gelesen. Das Morgengewölk ließ ein kräftiges Brummen vernehmen. »Ja,« sagte Rudolf, »ich bin ganz sicher. Er klingelte und bestellte Cocktails, noch dazu Gloria morning fizz ‹. »Die Marke des verrückten Professors,« murmelte der Wirt. Krag verstand nicht, wen er mit dem verrückten Professor meinte, und beschränkte sich bis auf weiteres darauf, diesen Namen in seinem Kopf festzuhalten. »Wußten Sie denn,« setzte Krag das Verhör fort, »wußten Sie denn, Rudolf, daß dieser Mann in Zimmer Nummer 333 wohnte?« »Nein.« »Ist es möglich, daß der Mann ins Hotel kommen und auf dieses Zimmer gelangen konnte, ohne daß jemand ihn gesehen hat?« »Das kann schon sein,« antwortete der Portier. »Wir haben die Gäste, die ein- und ausgehen, nicht immer unter Kontrolle.« »Und Sie servierten ihm die Cocktails?« Die Frage war abermals an Rudolf gerichtet und er antwortete: »Natürlich. Und er hat sie auch gleich getrunken.« »Und darauf brachten Sie ihn auf unsere Aufforderung nach Nummer 6.« »Ja.« »Oh, diese verfluchten Nummern. Man stelle sich vor, 6 liegt in unmittelbarer Nähe von 333.« »Es ist mein eigenes Haus,« brummte der Wirt. Krag unterbrach ihn. »Und dann?« fragte er Rudolf. »Dann geschah nichts weiter, bis Sie angestürzt kamen und sagten, daß ein Mensch auf 333 ermordet worden sei.« Krag hörte kaum auf das, was Rudolf antwortete. Endlich schien der Detektiv einen Leitfaden gefunden zu haben. Er stand anscheinend mit dem Zimmer in Verbindung, denn die verwunderten Zuschauer sahen, wie er seine Blicke über den Fußboden schweifen ließ und hörten ihn murmeln: »Kein Gepäck ... kein Gepäck ...« »Nein, Gepäck hatte er nicht,« schob Rudolf ein. Worauf Krag mit zerstreuter Miene seinen Blick über die Wände schweifen ließ und vor sich hin murmelte: »Die Königsfamilie ... die Königsfamilie ...« Plötzlich sprang er vom Stuhl auf, riß die Tür auf, war mit einem Satz über den schmalen Korridor und öffnete mit einem Krach die Tür zum gegenüberliegenden Zimmer. Er zeigte hinein und rief: »Die Königsfamilie! Großer Gott, die Königsfamilie!« Auch in diesem Zimmer hing die Königsfamilie an der Wand. Darauf rief er alle Anwesenden auf den Korridor hinaus, schloß die Tür zu Nummer 333 und zeigte ihnen die Nummer. Alle standen und starrten die Nummer blöde an und hatten keine Ahnung, was er meinte. Krag aber griff sich mit den Händen an den Kopf und stieß ein jammerndes Ah – Ah! aus, wie jemand, der eine große Dummheit im Kartenspiel begangen hat und es selbst entdeckt. Darauf zeigte er auf sein eigenes Zimmer Nummer 6 und berechnete offenbar die Entfernung zwischen den beiden Zimmern Nummern 6 und 333. Darauf zeigte er auf das Zimmer neben Nummer 333, das die Nummer 66 trug und fragte: »Ist dieses Zimmer besetzt?« »Nein,« antwortete der Portier, »auch dies Zimmer ist frei.« Er wollte die Tür zu Nummer 66 öffnen, sie war aber verschlossen. »Keller!« rief Krag, »Keller! Keller!« Keine Antwort. »Bringt ein Brecheisen herbei!« schrie er, »und sofort!« Seine Stimme drückte Angst aus. XV. Die Erklärung Nachdem Krag die gesprengte Tür zur Seite geschoben hatte, blieb er auf der Schwelle stehen und überblickte die Lage im Zimmer. Er begriff sofort, daß das Unglück nicht so groß war, wie er gefürchtet hatte. Hinter ihm drängten sich der Wirt, die Polizeibeamten und die Kellner. Krag hörte den Wirt mehrmals ausrufen: »Das ist ja der verrückte Professor, bei meiner Seele – das ist der verrückte Professor.« »Ach ja, jetzt erkenne ich ihn auch,« flüsterte Rudolf, »ohne den Hut sieht er ganz anders aus.« Der Tote war unberührt. Er saß wie vorhin im Lehnstuhl, und zu seinen Füßen lag der breitrandige Priesterhut. Drüben auf dem Bett aber lag Detektiv Keller. Es sah aus, als ob er sich zu einem kleinen Mittagsschlaf hingelegt hätte und jetzt wütend war, weil man ihn störte. Er lag angezogen auf dem Bett und hatte ein Tuch über sein Kinn gezogen, so daß nur etwas von der Nase und seine Augen sichtbar waren. Diese Augen aber sagten alles. Sie funkelten förmlich vor Wut und Erbitterung. Bei ihrem Anblick war es, daß Krag sich beruhigte, so daß er mehrere Sekunden auf der Schwelle stehen blieb. Krag hatte fast eine Katastrophe gefürchtet, diese Augen aber gehörten so unbedingt einem lebendigen Menschen, daß er sich beruhigte. »Warum haben Sie die Tür nicht geöffnet?« fragte Krag. Keller antwortete nicht. »Warum antworteten Sie nicht, als ich Sie rief? Ich hab ja so laut geschrien, daß selbst ein Tauber es hören mußte.« Noch immer antwortete Keller nicht. »Aha,« murmelte Krag verständnisvoll, trat ans Bett und zog das Tuch zurück. Dort lag Keller, an Händen und Füßen gebunden, mit einem Knebel im Mund. Krag befreite ihn von dem Knebel, und während er noch dabei war, seine Fesseln zu durchschneiden, hörte er, wie sein Freund seiner Wut durch eine Salve von Flüchen Luft machte. Kaum war er frei, als er ans Fenster eilte und seine Beschimpfungen fortsetzte. Er schien sich an unsichtbare Wesen zu wenden, die über dem Dach zwischen Himmel und Erde schwebten. »Sind Sie bald fertig?« fragte Krag. »Ja, jetzt bin ich fertig,« antwortete Keller und atmete tief auf. Er blickte das Morgengewölk grimmig an und äußerte sich in aufgebrachten Worten über das Hotel, was den Fleischklumpen sehr zu beleidigen schien. Indessen beruhigte Krag seinen Freund, so gut er es vermochte, schickte die Kellner fort und behielt nur den Wirt. Krag hatte ein gewisses Zutrauen zu dem dicken Menschen gefaßt. »Ich war kaum zehn Minuten fort,« sagte Krag darauf zu Keller, »eine lange Zeit ist das nicht, trotzdem aber ist es Ihnen geglückt, in dieser Zeit etwas zu erleben. Solches Glück habe ich selten.« Er zeigte auf den Toten. »Sind Sie vielleicht von dem überrumpelt worden?« »Der ist mausetot,« antwortete Keller. »Wer kann es gewesen sein? Ich habe ja selbst gehört, daß Sie die Tür verschlossen, als ich Sie verlassen hatte.« »Zum Teufel, das war ja gerade das Pech. Die Schurken hielten sich hier drinnen auf, und ich konnte nicht hinauskommen.« »Wo hielten sich die Schurken auf?« fragte Krag. Keller schob einen Vorhang beiseite. Der Vorhang verbarg eine Tür, die zu einem Nebenzimmer führte, die Tür aber lag so tief in der Wand, daß sich zwischen ihr und dem dicken Vorhang reichlich Platz für mehrere Menschen befand. »Es geschah, während ich die Tür verschloß, gleich nachdem Sie gegangen waren,« erklärte Keller, »und ich dem Vorhang den Rücken kehrte. Plötzlich fühlte ich mich von starken Fäusten festgehalten. Sie wissen, wie schnell so etwas geht. Krag, eine Minute danach lag ich gebunden auf dem Bett, mit einem Knebel im Munde, außerstande, mich zu bewegen oder zu schreien. Ich mußte hübsch still wie ein Kind in einer Wiege liegen und zusehen, wie die beiden Kerle hier im Zimmer rumstierten.« »Demnach waren es zwei,« sagte Krag, »und der eine war Seemann, nicht wahr?« Keller sah ihn erstaunt an. »Haben Sie sie gesehen?« fragte er. »Nein,« antwortete Krag, »aber nur Seeleute können einen Strick auf diese Weise binden. Ich kenne diesen Knoten. Nun aber erklären Sie mir, wie ist es möglich, daß Sie sich jetzt auf Zimmer Nummer 66 befinden, während ich Sie auf Zimmer Nummer 333 verließ?« »Dies ist Nummer 333,« antwortete Keller. »Nein,« sagte Krag und zeigte ihm die Nummer über der Tür. Kellers Erstaunen war fast komisch. »Ich bin nicht eine Sekunde ohne Bewußtsein gewesen,« sagte er, »das kann ich mir nicht erklären.« »Bis vor einem Augenblick meinte ich auch, daß es ganz unerklärlich sei,« antwortete Krag und zeigte auf das Bild der Königsfamilie an der Wand. »Dieses Bild erst brachte mich auf die Spur. So ein Bild hängt in allen Zimmern, nicht wahr,« fragte er den Wirt. »Ja,« antwortete der Wirt, »in den meisten.« »Und außerdem ist das Zimmer nebenan genau ebenso möbliert. Sobald ich das entdeckt hatte, wurde es mir klar, daß wir uns in der Nummer des Zimmers geirrt hatten. Die Nummern sind vertauscht worden, während ich unten im Café war.« »Unmöglich,« brauste der Wirt auf, »dies Zimmer ist Nummer 66 und ist immer Nummer 66 gewesen, und das Zimmer, in dem wir zuerst waren, ist Nummer 333. Ich werde mein eigenes Hotel doch kennen.« »Sehr richtig. Aber wie Sie selbst wissen, sind die Nummerschilder draußen an den Türen beweglich und können gewechselt werden. Ich begreife nicht, warum der arme Kerl dort ermordet worden ist; daß die unbekannten Verbrecher aber den Mord geplant haben, das ist sicher, und sie haben geplant, daß das Verbrechen in diesem Zimmer, also auf Nummer 66 stattfinden sollte. Warum es just hier geschehen sollte, kann Keller uns vielleicht erklären.« Keller trat ans offene Fenster und blickte hinaus. »Die Ursache mag sein,« sagte Keller, »daß dieses Zimmer zwei Ausgänge hat.« »Zwei Ausgänge,« brummte der Wirt. »Ja, einen durch die Tür und einen durchs Fenster. Hier unterm Fenster hängt nämlich eine Rettungsleiter aus Eisen, die an der Mauer befestigt ist, und in dieselbe Richtung habe ich die Verbrecher verschwinden sehen.« »Gut,« bemerkte Krag, »das ist eine sehr annehmbare Erklärung. Im übrigen kann man sich das Vorgefallene leicht erklären. Die Mörder haben ihr Opfer hierher locken wollen, und haben Nummer 66 mit Nummer 333 vertauscht, während der Unglückliche bei uns war. Darauf ist der Mann fehlgegangen, das kann man ja leicht in diesem Labyrinth, und das Verbrechen ist ausgeführt worden. Als wir hier drinnen waren, Keller, haben die Mörder bereits hinter dem Vorhang gestanden, haben unser Gespräch mit angehört und sind zum Vorschein gekommen, als ich das Zimmer verließ. Nachdem sie Sie dann wehrlos gemacht hatten, haben sie die Nummern wieder umgetauscht. Da haben Sie die ganze Verwechslung.« »So wird es wohl gewesen sein,« sagte Keller, »ich erinnere mich übrigens, daß einer der Verbrecher die Tür öffnete und sich etwas daran zu schaffen machte. Gleich nachdem er die Tür wieder abgeschlossen hatte, hörte ich Ihre Schritte auf dem Korridor, Krag, ein recht erheiternder Gedanke, nicht wahr?« »Seltsam,« antwortete Krag, »während wir uns im Nebenzimmer befanden und in Betrachtungen darüber verloren, wieso es leer sei, haben die Mörder sich also hier in diesem Zimmer aufgehalten. In Wahrheit seltsam. Warum flohen sie nicht gleich durchs Fenster?« »Weil sie sich erst der Briefe des Ermordeten bemächtigen wollten, seiner Korrespondenz oder Kospenz, wie er es nannte.« »Die Briefe, die beweisen sollten, daß er war, wofür er sich ausgab, nämlich Abbé Montrose.« »Es ist nicht Abbé Montrose,« zischte der Wirt, »es ist der verrückte Professor.« »Sie nahmen dann auch alles mit sich, was sie in den Taschen fanden,« fuhr Keller fort, ohne sich um die Bemerkung des Wirtes zu kümmern. »Lange aber suchten sie nach einem Stück Papier, ich nehme an, daß es die Quittung war, die Sie aus der Hand des Toten lösten.« »Und die aus dem Archiv der Polizei gestohlen sein muß,« sagte Krag, »und die ich jetzt in meiner Tasche habe.« »Ja. Als sie sie aber nicht fanden und hörten, daß Sie hier draußen auf dem Korridor meinen Namen riefen, gaben sie es auf und eilten fort. Oh, Sie können mir glauben, Krag, es war heiter, Sie draußen rufen zu hören, und hier machtlos mit einem Knebel im Munde zu liegen.« »Wir müssen den Ermordeten fortschaffen,« sagte Krag, »ich werde die Schutzleute rufen. Das Seltsame bei dieser Sache ist, Keller, daß immer mehr Geheimnisse auftauchen, je mehr wir uns in sie vertiefen. Es ist, als ob bei jedem abgehauenen Kopf soundso viel neue herauswachsen. Nicht weniger als acht Fragen gibt es zu beantworten: Wo ist Abbé Montrose? Tot oder lebendig? Wie ist dieser Mann in den Besitz von Abbé Montroses Papieren gekommen? Warum ist er ermordet worden? Wer hat ihn ermordet? Wo sind die Mörder? Sind diese Verbrecher dieselben, die Abbé Montrose entführt und ermordet haben? Warum hat dieser Mann sich für Abbé Montrose ausgegeben?« »Was Nummer 5 betrifft,« antwortete Keller, »so kann ich vielleicht einen Aufschluß geben. Der eine der Verbrecher war ein unbarbierter Kerl mit einem brutalen Gesicht. Gleich, als ich ihn sah, mußte ich an Ihren Märchendichter H. C. Andersen denken.« »Aha, der Seemann, der verschwundene Montrose. – Hier haben wir abermals eine Verbindung mit dem Drama in der Bibliothek des Abbé.« »Und was die Frage Nummer 6 betrifft,« fuhr Keller fort, »indem er aufs Fenster zeigte, »so wissen wir jedenfalls, daß die Verbrecher sich nicht mehr im Hotel befinden.« Krag trat ans Fenster. Es führte zu einem dunklen und engen Hof. Er sah den Wirt fragend an. »Sie müssen durch zwei Höfe, bevor sie auf die Straße kommen,« erklärte dieser, »in diesem Viertel ist ja alles ineinandergeschachtelt. Ja, ja, durch zwei Höfe, dann erst gelangen sie auf die Straße.« »Welche Straße?« fragte Krag. »Den Husarenweg,« antwortete der Wirt. »Die Straße, in der Arnold Singer wohnt,« murmelte Krag nachdenklich. »Abermals dieser Name.« XVI. Die Gemüsehändlerin Asbjörn Krag wurde mehr und mehr davon überzeugt, daß der Wirt vom »Vergoldeten Pfau« nur eine originelle Großstadtfigur sei, die offenbar nichts Direktes mit den unheimlichen Geschehnissen zu tun hatte. Indessen hatte der Wirt so nahe Beziehungen zu mehreren Hauptpersonen des Dramas, daß der Detektiv beschloß, ihn im Auge zu behalten. Darum befahl er dem Wirt, daß er sich am nächsten Morgen in der Detektivabteilung melden solle. Der Wirt schimpfte leise über die Polizei, die ihre Nase in sein Geschäft gesteckt habe und fluchte laut über den verrückten Professor, während er in seine unvergleichliche Bar zurückkehrte, wo Polizeibeamte an allen Türen Wache hielten. Krag schickte auch die beiden Kellner fort. Als Krag und Keller mit dem Toten allein geblieben waren, betrachtete Keller schweigend das Gesicht des Ermordeten. Dann sagte er: »Ich begreife nicht, daß wir diesen Mann jemals für einen hervorragenden Priester gehalten haben. Sehen Sie nur die Züge des Unglücklichen, sind sie nicht ein schlagender Beweis für das Bild eines verfallenen Trinkers? Warum mußte er ermordet werden?« »Er war ein Trinker,« sagte Krag, »ging umher und schwatzte Dummheiten. Das ist vielleicht Erklärung genug. Unter dem Einfluß des Rausches war er geschwätzig, und anderen Menschen wird es nicht gepaßt haben, daß dieser Schwätzer frei umherging. Vielleicht wußte er zuviel, ja, sicher wußte er zuviel. Darum mußte er aus dem Weg geräumt werden. Hätten wir ihn noch eine Stunde bei uns behalten, würde er uns vielleicht die Lösung des Rätsels gegeben haben. Während wir mit ihm auf unserem Zimmer Unsinn schwatzten, haben die Verbrecher sich bereits in unserer Nähe herumgetrieben. Wahrscheinlich unserem Gespräch gelauscht, ein unheimlicher Gedanke. Sie sahen wohl ein, daß ihre eigene Sicherheit in Gefahr sei, solange der gute Professor frei herumging und in seinem betrunkenen Zustand alles ausschwatzte. Sie beschlossen, ihn aus dem Weg zu räumen und führten ihren Plan so schnell und schlau durch, wie ich selten etwas erlebt habe. Daß sie aber so viel aufs Spiel setzten, überzeugt mich wiederum davon, daß diese seltsame Geschichte eine tiefe Tragödie enthält. Ich fürchte, lieber Freund, daß der wirkliche Abbé Montrose nicht mehr am Leben ist.« »Ich bin fest davon überzeugt, daß er tot ist,« antwortete Keller, »nur begreife ich nicht, warum diese gefährlichen Verbrecher sich just Abbé Montrose als Opfer ausgesucht haben. Wenn Verbrecher ans Werk gehen, unter der Voraussetzung, daß Menschen aus dem Weg geräumt werden sollen, pflegen sie meistens mit größerer Beute zu rechnen, als mit der, die sie bei Abbé Montrose erwarten konnten.« »Vielleicht«, bemerkte Krag nachdenklich, »ist das Verbrechen wie ein Schneeball gewachsen, der im Rollen ist. Anfänglich haben sie vielleicht nur einen gewöhnlichen nächtlichen Einbruch in der Wohnung des Abbés geplant, da sie wußten, daß die Gemeindegelder, einige tausend Kronen, sich in seinem Geldschrank befanden. Sie wurden indessen von dem Abbé überrascht, und um sich zu retten, haben sie ihn aus dem Weg räumen müssen. Darauf haben sie den verrückten Professor unschädlich machen müssen, weil er sie in Gefahr brachte, sie mit seiner Trinkergeschwätzigkeit auszuliefern.« Keller lachte. »Das klingt ja ganz logisch,« sagte er, »ist es aber nur scheinbar. Ihre Erklärung hinkt. Warum begnügten die Verbrecher sich nicht damit, den Abbé totzuschlagen? Warum schleppten sie ihn auch mit sich? Oder wäre der Fall denkbar, daß er lebt und wie ein merkwürdiger Affe über das hohe Gartengitter geklettert ist –? In Gesellschaft der Verbrecher? Und wie kommen so schlaue Verbrecher, wie diese anscheinend sind, dazu, solch armen Toren, wie den verrückten Professor, zu ihrem Mitschuldigen zu machen?« »Eitel Rätsel,« anwortete Krag. Und indem er den Toten abermals forschend betrachtete, fügte er hinzu: »Dieser Mann hätte uns fast die Lösung des Rätsels gegeben. Sein Tod hat ihn daran verhindert. Dennoch glaube ich, daß sein Schicksal uns helfen wird. Er wohnt hier in der Nähe bei der Gemüsehändlerin Großmann, wie Rudolf mir gesagt hat. Die Gemüseläden werden heute am Sonnabend spät geschlossen, wir werden Frau Großmann sicher noch antreffen. Wenn wir etwas Näheres über das Leben dieses sonderbaren Mannes erfahren, werden wir sicher auch Näheres von dem Drama, in dem er mitgespielt hat, zu wissen bekommen.« Da erklangen Schritte auf dem Korridor, und ein Polizeibeamter kam herein und teilte mit, daß das Publikum unten im Café wütend sei, weil man es zurückhielte. Er bat um Instruktion. »Was sollen wir mir diesen Menschen?« fragte Keller. »Allesamt können wir sie ja doch nicht verhaften, dazu haben wir kein Recht.« Er zeigte aufs Fenster und fuhr fort: »Die Mörder, die einzigen Personen, die uns interessieren, haben sich schon auf diesem Weg davongemacht.« »Und sind jetzt über alle Berge,« fügte Krag hinzu. »Schließen Sie die Türen auf, Schutzmann, und geben Sie den Leuten im Café die Freiheit. Jeder kann gehen, wohin es ihm beliebt.« »Vielleicht der Wirt,« meinte Keller fragend. Krag aber antwortete: »Ein Mann mit solchem Körperumfang flieht nicht.« Nachdem er dem Schutzmann noch Verhaltungsmaßregeln wegen des Toten gegeben hatte, verließ er mit Keller zusammen das Zimmer. Unten im Café nahmen sie Rudolf mit sich, damit er ihnen den Weg zu der Gemüsehändlerin Großmann zeigen konnte. Die Bar war übrigens in einem Zustand vollkommener Auflösung. Die Mädchen standen eingeschüchtert in einem Haufen hinter dem Schenktisch, das Morgengewölk saß unbeweglich hinter seinem blitzenden Mix-Apparat, mit Flüchen geladen, es war gefährlich, in seine Nähe zu kommen. Und der ganze bunte Schwarm von Chinesen und Juden, Schlangenmenschen, Luftköniginnen und Löwenbändigern redete durcheinander, man hörte Flüche und Schimpfworte in allen Sprachen. Mitten in dem Wirrwarr aber standen zwei riesige Schutzleute unbeweglich und unbestechlich. Dann kam der Befehl, daß die Türen geöffnet werden sollten, und um dem Befehl Nachdruck zu geben, wurden sie weit aufgerissen. Die säuerliche, kühle Frühlingsluft strömte ins Café und machte die Mädchen frösteln. Sie fingen an zu niesen und kletterten auf ihre Taburetts. In der Dämmerung draußen auf dem Fußsteig sah man neugierige fahle und glotzende Menschengesichter. Von dem Luftzug getragen, kam der frische Lärm stoßweise in seiner Mannigfaltigkeit in das eingeschlossene schwüle Café ... Jetzt aber erlebte man das Sonderbare, daß in dem Augenblick, wo der Weg frei war, niemand sich gutwillig entfernen wollte. Nur ein paar ältere Spießbürger, die kühn diesen Ort aufgesucht hatten, schlichen sich gedrückt davon. Da rief das Morgengewölk: »Schließt die Türen!« Die Türen wurden geschlossen, aber aus freiem Antrieb. Der junge Herr mit der goldenen Kette am Fußgelenk nahm wieder auf dem Taburett vor seiner Angebeteten Platz. Die Gäste sammelten sich um die Tische, denn alle hatten das Bedürfnis, beisammen zu sein und das Geschehene zu besprechen ... Da aber waren Krag und Keller, vom Kellner Rudolf geführt, bereits bei der Gemüsehändlerin angelangt, die im Begriff war, ihren Laden zu schließen. Frau Großmann war eine korpulente und selbstsichere Matrone, so eine, wie man sie in den meisten Gemüseläden antrifft, wo sie wie ein alter geprüfter Grenadier, das Tuch auf der Brust gekreuzt, hinterm Ladentisch zu stehen pflegen. Auf der Oberlippe hatte sie einen kleinen Schnurrbart, und ihre Hände waren so rot wie reife Tomaten. Sie betrachtete die beiden Polizeibeamten mit ruhiger Neugierde, Rudolf aber, den sie anscheinend kannte, mit entschiedenem Mißtrauen. Rudolf erklärte ihr, daß die beiden Herren sie wegen des verrückten Professors aufsuchten. »Er wohnt ja bei Ihnen, nicht Frau Großmann?« »Ja,« antwortete sie vorsichtig. »Die beiden Herren sind von der Polizei,« erklärte Rudolf. »Was Sie sagen,« antwortete sie nicht weiter erstaunt. Plötzlich heftete sie ihre zornigen Augen auf Rudolf und rief: »Packen Sie sich weg, Sie elender Wicht. Ich will mit der Polizei allein sprechen.« Rudolf drückte sich schleunigst. Als die beiden Polizeibeamten mit der Frau allein geblieben waren, sagte Krag: »Es scheint Sie nicht sonderlich zu verwundern, daß die Polizei Sie wegen des verrückten Professors aufsucht?« »Nein,« antwortete sie. »Wie lange hat er bei Ihnen gewohnt?« »Zwei Jahre. In der ersten Zeit fragte ich mich selbst immer: kommt die Polizei nicht bald? Aber keine Polizei kam. Seither habe ich aufgehört, mich danach zu fragen. Und jetzt ist die Polizei also da. Aber verwundern tut es mich nicht.« Sie griff nach einem großen Schlüsselbund, das an einer rostigen Kette auf ihrem Leib hing. »Ich glaube nicht, daß er zu Hause ist,« sagte sie. »Er ist nicht zu Hause,« antwortete Krag. »Aber wir wollen gern sein Zimmer sehen.« Sie hob eine Klappe im Ladentisch und die Detektive traten näher. Erst wackelte sie zur Ladentür und schloß sie ab. Darauf führte sie, indem sie vorausschritt, das rasselnde Schlüsselbund in ihrer tomatenroten Faust, die Detektive durch einen Raum hinter dem Laden, der mit Säcken und Kisten und allerhand Obst und Gemüsen voll war. Die Luft war dick und herbe. Von diesem Raum führte eine Tür zu einem dunklen Gang. Die rauhe Feuchtigkeit hatte sich durch die Mauern gefressen. Auch in dem dunklen Gang roch es nach Kartoffeln und Kohl und anderem Gemüse, und dieser Geruch begleitete sie die Treppe hinauf, bis er nach und nach von dem unbeschreiblichen Geruch abgelöst wurde, der unausrottbar an alten Häusern klebt und von feuchten Mauern und altem faulen Holz herstammt. Die Treppe war eng und knarrte jämmerlich unter dem Gewicht der schweren Frau. Man konnte keine Hand vor Augen sehen, die Gemüsehändlerin aber ging mit geübter Sicherheit durch die Dunkelheit und die Detektive folgten ihr auf den Fersen. Schließlich blieb sie auf einem Absatz stehen und steckte den Schlüssel in eine Tür. Die ganze Zeit über hatte sie kein Wort gesagt, jetzt aber fragte sie: »Ist er verhaftet?« »Nein,« antwortete Krag. »Er ist tot.« Einen Augenblick verharrte das Schlüsselbund geräuschlos in ihrer Hand. Auch von draußen kam kein Laut, und die Dunkelheit umgab sie dicht und beklemmend. Von unten aber drang ein rauher, saugender Luftzug durch die enge Treppe zu ihnen hinauf. Sie drehte den Schlüssel um, und die drei Menschen betraten einen Raum, der auch dunkel war, nur an einer Stelle sah man ein graues Fensterviereck, nicht größer als eine Steintafel über einem Grab. Keller atmete tief. »Was für ein Duft!« rief er erstaunt aus. »Blumen ...« »Frische Blumen,« sagte Krag, »wie auf einem Kirchhof. Machen Sie Licht.« XVII. Die Schlüssel Es dauerte eine Weile, bevor die Gemüsehändlerin die Schachtel mit Schwefelhölzern in ihrer geräumigen Tasche fand, und währenddessen standen die beiden Polizeibeamten in völliger Finsternis und atmeten den seltsamen blumengesättigten Duft, der den Raum füllte. Dieser Duft gab den Anwesenden eine visionäre Empfindung von der Nähe des Todes. Es war, als ob der verrückte Professor bereits vor ihnen nach Hause gekommen, oder als ob seine Seele von dem erdfeuchten, kalten Luftzug in dem alten Haus die Treppe hinaufgetragen sei und jetzt in dem Blumenduft schwebte. Ähnlich empfinden Lebende oft die Nähe kürzlich Verstorbener auf dem Kirchhof in dem Duft der Blumenpracht auf dem Sarge. Das Gefühl, in der Nähe von etwas Ungewöhnlichem zu sein, wurde bei Asbjörn Krag so stark, daß er mit lauter Stimme wiederholte: »Machen Sie Licht!« Endlich glückte es der Alten, ein Streichholz zu entzünden. Beim ersten flackernden Schein sahen die Detektive ein Gewirr von Farben im Zimmer, eine intensive Glut längs der Wände, und als die Lampe brannte, bekamen sie eine Erklärung für diesen Farbenschimmer und den betäubenden Blumenduft: in einer langen Reihe von Flaschen und Kruken standen alle möglichen prächtigen und seltsamen Blumen. Einige waren in voller Blüte, die meisten aber – und diese waren es, die den betäubenden Duft aussandten – waren bereits im Verwelken und hingen traurig und sterbend mit ihren Köpfen. »Friedhofsdieb,« murmelte Keller und betrachtete kritisch einige wundervolle Tulpen, die in einer grünen Wasserkanne standen. »Kaum,« antwortete Krag, der einen hastigen Überblick über die ungewöhnliche Blumenpracht genommen hatte, »diese Blumen sind nicht aus Kränzen oder Buketts herausgerissen, sie sind aus Beeten abgeschnitten.« Während er leise die Namen der verschiedenen Arten murmelte, zuckte er die Achseln, als ob er das Schicksal dieser schönen Blumen bedaure. Er hob eine schwarze Likörflasche, in der zwei bezaubernde Sonnenrosen standen und sagte: »Diese hier sind vor kaum vierundzwanzig Stunden in einem Treibhaus gepflückt worden.« »Aber in welchem Treibhaus?« fragte Keller. Krag antwortete indirekt: »Abbé Montrose war ein großer Blumenliebhaber.« Keller lachte und zeigte auf das kleine Zimmer. »Haben Sie die wahnsinnige Zusammenstellung von Abbé Montrose und dem verrückten Professor noch nicht aufgegeben,« sagte er. »Betrachten Sie doch nur alle diese geleerten und halb geleerten Flaschen Branntwein, und Liköre von der allergewöhnlichsten Sorte. Ist das nicht Beweis genug, daß hier ein Trinker gewohnt hat? Und der Wahnsinn des Trinkers hat sich darin geäußert, daß er die leeren Flaschen mit schönen Blumen schmückte, wie man Leichen schmückt. Hier hat erst vor kurzem ein großes Begräbnis stattgefunden, er war ja auch total betrunken, als wir ihn trafen.« »Er war fast immer betrunken,« schob die Gemüsehändlerin mit ihrem groben Baß ein. Keller lachte, wie nur der lachen kann, der vollkommen überzeugt ist: »Und wenn ich an den vornehmen und angesehenen Abbé Montrose denke, den berühmten Gelehrten, der den ganzen Tag in seiner Bibliothek saß, in seine Studien vertieft, dann bin ich leider nicht imstande, Ihnen in Ihren kühnen Mutmaßungen zu folgen.« »Ich habe gar keine Mutmaßungen,« sagte Asbjörn Krag, der den Blumen noch immer seine unverwandte Aufmerksamkeit schenkte. »Ich behaupte etwas, was ich ganz genau weiß: diese Blumen sind nicht von einem Friedhof gestohlen, sie sind kürzlich in einem Treibbaus abgeschnitten worden. Wissen Sie nicht, lieber Freund, daß Abbé Monrrose ein großer Blumenliebhaber war, er hatte ein herrliches Treibhaus in seinem Garten. Diese Blumen gehören Abbé Montrose – mag er tot oder lebendig sein.« »Sie können sich also immer noch nicht von dem Gedanken trennen, daß der verrückte Professor mit Abbé Monrrose identisch ist?« »I bewabre, diesen Gedanken habe ich schon lange fallen lassen. Ich stelle nur fest, daß diese Blumen uns von neuem mit Abbé Montroses Garten, und dadurch mit dem Verbrecher in Verbindung bringen. Ich bedaure von neuem, daß der verrückte Professor tot ist, sonst hätte er uns das Rätsel leicht lösen können.« Die Gemüsehändlerin brummte ungeduldig. Offenbar wollte sie ungern mit den Aufschlüssen, die sie geben konnte, einbrennen. Wie die meisten ihrer Gesellschaftsklasse war sie glücklich, wenn sie der Polizei einen Dienst erweisen konnte. Sie erzählte, daß der verrückte Professor, der sich Warren nannte, vor zwei Jahren dieses Zimmer gemietet habe. Gleich von vornherein habe er sich so sonderbar benommen, daß es ihr aufgefallen sei. »Erstens hatte er offenbar nichts zu tun,« sagte sie, »und Menschen, die nichts zu tun haben, sind mir immer verdächtig. Dagegen hatte er die Eigenschaft, daß er sich gern verkleiden mochte: als er mal in den Besitz eines Doktorhutes kam, so einem, wie man sie auf der Universität trägt, war er glücklich. Da trieb er sich hier in der Nähe auf den Straßen herum, redete Leute an, bis die Polizei ihm den Doktorhut fortnahm, weil er immer eine Volksmenge um sich versammelte und den Verkehr hinderte. Er trank fürchterlich, und wenn er betrunken war, hielt er lange und sonderbare Zwiegespräche hier oben in seinem Zimmer. Stundenlang konnte er predigen, als ob er auf einer Kanzel stehe. Häufig kam er mit Blumen nach Hause, die er unter seinem Mantel verbarg, und sobald er eine Flasche leer getrunken hatte, schmückte er sie mit Blumen. Gestern war er ganz wild vor Freude, weil er in den Besitz eines ganzen Priesteranzugs gekommen war, mit dem er sich ausstaffiert hatte.« »Hatte er bisweilen Besuch?« fragte Krag. »Selten,« antwortete Frau Großmann, »und dann waren es meistens Trunkenbolde, die er von der Straße aufgesammelt hatte und mit denen er zechte. Vor einigen Stunden aber waren hier zwei Männer, die nach ihm fragten.« Krag bat sie, diese beiden Männer zu beschreiben und Keller war sich bald darüber klar, daß es die Männer waren, die ihn geknebelt hatten und dann durchs Fenster geflohen waren. Das teilte er Krag mit, und Krag schien sich nicht darüber zu wundern. Die Detektive begannen jetzt das Zimmer näher zu untersuchen, aber sie fanden nichts weiter als einige vertragene Kleidungsstücke und einige Bogen Papier, worauf seltsame Krähenfüße gemalt waren. »Sind das assyrische Schriftzeichen?« fragte Keller und betrachtete das Papier neugierig. Krag lachte. »Entweder ist es die Schrift eines Geistesgestörten«, antwortete er, »oder auch eine Sprache, die kein Lebender deuten kann. Ich glaube ersteres, denn es sind Brocken von ursprünglichem Wissen und Kenntnissen dabei. Sehen Sie hier einige chinesische Schriftzeichen, hier einige Hieroglyphen, hier einen griechischen Satz. Hallo, was ist denn das?« Krag hatte zufällig mit dem Arm an eine alte Jacke gestoßen, die in einer Ecke hing, und hörte ein klirrendes Geräusch. Der Detektiv hielt die Jacke ans Licht. Er sah, daß sie frische Spuren von Erde hatte. »Ist das seine Jacke?« fragte er. Frau Großmann nickte, das Kleidungsstück war ihr wohl bekannt. Vorsichtig, damit die Erde nicht abbröckelte, untersuchte Krag die Jacke. In den Taschen lagen einige abgerissene, grüne Blatter. »Er hat Blumen in dieser Jacke nach Hause getragen,« sagte Krag, »erst kürzlich, denn die Taschen sind noch feucht von den nassen Blättern, außerdem ist frische Erde auf dem Zeug. Sie werden sehen, daß es Erde aus Abbé Montroses Treibhaus ist.« »Was aber klirrt dort in der linken Tasche?« fragte Keller ungeduldig. Krag nahm vorsichtig ein Schlüsselbund aus der Tasche. Die Gemüsehändlerin trat näher, um besser zu sehen. »Das sind nicht seine Schlüssel,« brummte sie. »Woher wissen Sie das?« »Was sollte er wohl mit all den Schlüsseln? Er hatte nur einen Schlüssel für das Haustor und einen für die Tür. Und die sind nicht dabei.« Das Bund enthielt acht größere und kleinere Schlüssel, alle aus Stahl, blank und fein. Dazwischen war auch ein kleiner silberner Schlüssel, der offenbar zu einem Schrein gehörte. Und an dem Bund war ein kleines Schild von Silber befestigt, wie ein Schild gehämmert, wo der Buckstabe M eingraviert war. »Derartige Funde gefallen mir,« sagte Krag vergnügt. »Lassen Sie mal sehen, was haben wir jetzt alles beisammen: vor allen Dingen die Quittung über die sechs Arbeitstage, dann das Halstuch in den leuchtenden spanischen Farben, ferner die Photographie von Clary Singer. Die Jacke mit den frischen erdigen Flecken, und schließlich dieses Schlüsselbund. Es sind allerdings sehr verschiedene Sachen, solche Dinge bilden aber doch schließlich eine Kette. Das Namenschild trägt den Buchstaben M , wie Sie sehen. Montrose?« fragte Krag nachdenklich. »In dem Fall wären es Abbé Montroses Schlüssel,« sagte Keller, »und was dann?« »Ja, was dann,« antwortete Krag und wog das Schlüsselbund in seiner Hand. Er zählte die Schlüssel. »Acht,« sagte er, »wenn es Abbé Montroses Schlüssel sind, können wir durch seine Wohnung gehen und probieren, wo sie passen.« »Und was kann uns das helfen?« fragte Keller. »Nein, natürlich,« murmelte Krag halblaut und abwesend. Es war, als ob er laut dächte und sich um die anderen im Zimmer gar nicht kümmerte. »Aber,« fügte er hinzu, »wenn Schlüssel in diesem Bund sind, die zu keinem Schloß in der Wohnung des Abbés passen, zwei überflüssige Schlüssel, zwei Schlüssel, deren Verwendung uns unklar ist –« »Was dann?« fragte Keller wieder. »Ja, was dann,« antwortete Krag. Da hörten sie Lärm auf der Treppe. XVIII. Das Schicksal Asbjörn hatte Bescheid gegeben, daß die Schutzleute den Toten vom Gasthof »Zum vergoldeten Pfau« in seine Wohnung tragen sollten. Als jetzt die Detektive Schritte auf der Treppe hörten, dachten sie im ersten Augenblick, daß es die Polizisten seien, die mit ihm kämen. Krag öffnete die Tür, so daß das Licht durch den dunklen Treppenschacht fiel. Der Laut von Schritten verstummte. Unten stand ein uniformierter Schutzmann. »Was wollen Sie?« fragte Krag, der ihn nicht kannte. »Ich möchte einen der Detektive, Herrn Krag oder Herrn Keller sprechen.« »Was wollen Sie?« fragte Krag von neuem und nannte seinen Namen. »Kommen Sie etwas näher,« fügte er hinzu. Der Schutzmann stieg die knarrende Treppe einige Stufen hinauf und sagte: »Ich habe im Restaurant ›Zum vergoldeten Pfau‹ bereits nach Ihnen gefragt. Dort sagte man mir, daß Sie hier seien. Ich bringe Ihnen eine Mitteilung vom Polizeiamt.« »Betreff des verschwundenen Abbé?« fragte Krag. »Ja.« »Hat man ihn gefunden?« »Nein. Aber etwas anderes hat sich ereignet. Der Arrestant Arnold Singer hat einen Fluchtversuch gemacht.« Krag erschrak. Keller hatte im Zimmer gehört, was draußen gesprochen wurde und eilte jetzt die Treppe hinunter. »Er ist aber wieder gefaßt worden, wenn ich Sie recht verstehe?« fragte der Detektiv. »Ja. Man hat ihn wieder gefaßt – eine Stunde nach seiner Flucht. Und jetzt ist er von neuem im Gewahrsam. In dieser Veranlassung aber wünscht man, daß wenigstens einer der Herren sich auf dem Polizeiamt einfinden möchte. Unten wartet ein Automobil.« Krag und Keller verhandelten einen Augenblick und wurden sich einig, daß Krag dem Schutzmann folgen, während Keller hierbleiben sollte, um nähere Aufschlüsse zu bekommen, hauptsächlich über Arnold Singer, den der Wirt »Zum vergoldeten Pfau« ja näher kennen mußte, da er mit seiner Tochter verheiratet war. Auf der Fahrt im Automobil erfuhr Asbjörn Krag die näheren Umstände von dem mißglückten Fluchtversuch. Diese näheren Umstände setzten Asbjörn Krag sehr in Erstaunen, weil sie die Vorstellung, die er sich von dem eigentümlichen Arrestanten gebildet hatte, ganz verschoben. Er hätte ihm ein schlaueres Vorgehen zugetraut, Krag fand den Fluchtversuch an und für sich sehr dumm, und außerdem so plump ins Werk gesetzt, daß der Detektiv plötzlich den überraschenden Einfall bekam, Arnold Singer habe diesen Fluchtversuch vielleicht einzig und allein aus dem Grunde gemacht, um den Verdacht, der auf ihm lastete, noch zu verstärken. Abends um acht Uhr hatte Singer den Antrag gestellt, von neuem ins Verhör genommen zu werden. – Nicht in einer der Kriminalkammern, sondern unten in der Detektiv-Abteilung. Wahrscheinlich hatte er bei einem früheren Verhör bemerkt, daß dort eine Tür vom Korridor direkt auf die Straße hinausführte, und die Umstände für einen Fluchtversuch günstig waren. Das hatte er sich zu Nutzen gemacht. Als sein Wächter ihn hinunterführte, hatte er diesem einen heftigen Schlag versetzt, der ihn momentan betäubte, hatte die Tür aufgestoßen und war auf die Straße hinausgeeilt. Indessen traten zwei Umstände ein, die die Flucht hinderten. Erstens war der Schlag, den er dem Wächter versetzt hatte, nicht stark genug gewesen. Der Mann schrie um Hilfe und Polizisten kamen aus allen Türen angestürzt. Das Schlimmste aber war, daß Arnold Singer, als er auf die Straße kam, zufällig einem Schutzmann begegnete, der ins Haus wollte. Dieser Schutzmann, den der Fliehende fast umgerissen hätte, erfaßte sofort die Situation und rannte auf der Straße hinter ihm her. Nach ihnen kamen dann die anderen Schutzleute. Man schrie: »Faßt den Dieb!« Und viele Menschen schlossen sich den Verfolgern an. Es wurde eine der bekannten Jagden, Straße auf und Straße ab, wobei Arnold Singer wie ein gejagter Taschendieb um seine Freiheit lief, während die Volksmenge wie eine Koppel bellender Hunde hinter ihm her war. Schließlich verschwand er durch einen offenen Torweg in einem Hause, wo es ihm eine Zeitlang glückte, seinen Verfolgern zu entgehen. Die Schutzleute aber umringten das Haus von allen Seiten, worauf sie es von oben bis unten durchsuchten. Arnold Singer wurde schließlich unten im Keller gefunden und mit Handschellen zum Gefängnis zurückgeführt. Das war in aller Kürze die Geschichte der sonderbaren Flucht. Der Schutzmann, der Krag davon Bericht erstattete, hatte selbst an der Jagd teilgenommen. Krag fragte ihn, wie Singer sich nach seiner Festnahme benommen habe. »Er lachte,« antwortete der Schutzmann. »Er schien das Ganze für einen Spaß zu halten und ließ sich willig abführen. Er sagte, daß er an einen täglichen Spaziergang gewöhnt sei und daß der kleine Laufmarsch ihm sehr wohlgetan habe. Im übrigen aber wollte er nicht mit der Sprache heraus.« Obgleich die Uhr bereits elf war, beschloß Krag dennoch, den Gefangenen in seiner Zelle aufzusuchen. Arnold Singer lag auf seiner Pritsche, als Krag eintrat, und stand auch während ihrer Unterredung nicht auf. »Sie haben mit diesem Fluchtversuch eine große Dummheit gemacht,« sagte Krag, »und Ihre Lage in bedenklichem Grad dadurch verschlimmert.« »Was Sie sagen,« antwortete der Gefangene. »Ich dachte übrigens, Sie seien der Ansicht, daß meine Sache durch nichts mehr verschlimmert werden könne. Soweit ich mich erinnere, hatte die Polizei Beweise, daß ich Abbé Montroses Mörder bin.« »Keine Beweise,« antwortete Krag aufrichtig, »aber so starke Indizien, daß Ihre Stellung sehr gefährdet ist. So war die Lage jedenfalls heute vormittag. Im Laufe des Tages trat dann allerdings eine Verbesserung ein.« »Worin bestand diese Verbesserung?« »Wir haben eine Aufzeichnung von Abbé Montrose über Auszahlung von dreißig Kronen für sechs Arbeitstage gefunden.« Diese Mitteilung schien keinen besonderen Eindruck auf Singer zu machen. Er verarbeitete sie indessen mit gewohnter Logik, indem er folgendes feststellte: »Das einzige Indizium, das die Polizei gegen mich hat, ist eine Photographie, die man in der geplünderten Bibliothek fand und die mir gehört. Die Polizei behauptet, daß ich sie vor dem Mord oder Überfall verloren habe. Ich dagegen behaupte, daß ich sie verloren habe, während ich im Garten arbeitete. Nun meine ich, daß das Indizium der Polizei hinfällig wird, in dem Augenblick, wo ich beweisen kann, daß ich wirklich als Gartenarbeiter bei Abbé Montrose gearbeitet habe. Und wird dies nicht dadurch bewiesen, daß die Quittung über den Arbeitslohn gefunden ist?« »Ohne Zweifel,« antwortete Krag, »und dieser Umstand bedeutete auch, wie ich bereits sagte, eine ansehnliche Verbesserung Ihrer Lage. Später aber sind zwei Umstände eingetroffen, die sie verschlechtert hat. Die Quittung existiert nicht mehr, sie ist heute nachmittag aus dem Archiv der Polizei gestohlen worden.« Diese Mitteilung schien einen außerordentlich starken Eindruck auf Arnold Singer zu machen. Er richtete sich auf den Ellbogen auf und starrte den Detektiv mit weit aufgerissenen Augen an. »Gestohlen?« rief er aus. »Diese kleine Quittung, dies unwichtige Stück Papier – ist wirklich gestohlen?« »Ja,« antwortete Krag. Da lachte Singer ein fast herausfordernd heiteres Lacken. »Sie nennen es ein unwichtiges Stück Papier,« sagte Krag. »Für Sie aber hatte es doch eine unerhörte Bedeutung.« »Mit anderen Worten,« sagte Singer, »ein Mensch, der die Bedeutung dieses Stück Papieres verstanden hat, hat es verschwinden lassen.« »Davon können wir ruhig ausgehen.« »Möglicherweise kann mein Leben davon abhängen,« sagte Singer, »dieser Mensch muß also mein Feind sein.« Er streckte sich wieder auf die Pritsche und schob seine Arme unter den Nacken. »Ich fürchte ihn aber nicht,« sagte er. »Dazu haben Sie auch keinen Grund,« antwortete Krag, »wir haben den Dieb gefunden.« »So – oh, wer ist es denn?« »Kennen Sie den verrückten Professor?« »Das ist kein Name.« »Strantz heißt er.« »Hat die Polizei ihn gefunden?« fragte Singer hastig. »Dann bedaure ich im Namen der Polizei,« fuhr der Arrestant fort, »daß sie abermals in dem Versuch, meine Schuld zu beweisen, fehlgegriffen hat. Ich kenne Strantz. Ich habe mit ihm im Garten des Abbé gearbeitet. Er war leider ein schlechter Gärtner, denn er stahl Blumen.« »Auch Strantz kann nicht für Sie zeugen,« antwortete der Detektiv. »Warum nicht?« »Weil er tot ist! Heute abend um neun Uhr ist er durch den Dolchstich eines unbekannten Mörders gefallen. Sie haben wirklich gefährliche Feinde, lieber Arnold Singer. Das einzige Dokument, das für Ihre Unschuld sprechen konnte, wurde gestohlen und der einzige Mensch, der zu Ihren Gunsten zeugen konnte, ist ermordet worden.« Nach diesen Worten des Detektivs verharrte Singer lange stumm. Dann fragte er: »Ist Strantz im Verhör gewesen?« »Nein.« Wieder eine lange Pause, worauf Singer halb zu sich selbst, mit einer Stimme, deren seltsam verstörter Klang Krag erbeben machte, sagte: » Das ist das Schicksal .« XIX. Die Gestalt im Garten Als Krag an diesem Abend die Sache überdachte, konnte er sich nicht verhehlen, daß, obgleich die Umstände mehr und mehr darauf deuteten, daß Arnold Singer der Verbrecher sei, er trotzdem mehr und mehr die Überzeugung gewann, daß da etwas nicht in Ordnung sei. Krag war stets geneigt, sich zweifelnd zu stellen, wenn andere überzeugt waren. Das Entscheidende für seinen Standpunkt in dieser Sache war folgendes: Die einfache Lösung Arnold Singer erschien ihm gar zu einfach im Verhältnis zu den sonderbaren Umständen, die das Verbrechen umgaben. Erstens der rätselhafte Umstand, daß der Abbé selbst tot oder lebendig verschwunden war. Ferner, daß Menschen, die noch in Freiheit waren, offenbar so viel aufs Spiel setzten, um den Verdacht, den die Polizei gegen Singer hatte, zu verstärken. Nur wenn Krag sich vorstellte, daß die wirklich Schuldigen noch frei herumliefen, wurde der Mord, der an dem verrückten Professor begangen war, erklärlich, denn er allein konnte eine Zeugenaussage zum Vorteil für Arnold Singer abgeben. Darum wurde er aus dem Wege geräumt, ein toter Mann plaudert nichts mehr aus. Andererseits mußte Asbjörn Krag zugeben, daß Arnold Singers Sache nicht gut stand. Das selbstbewußte, überlegene Wesen des Mannes hatte einen starken und auf gewisse Weise vorteilhaften Eindruck auf Krag gemacht, der sich unwillkürlich von seelenstarken Menschen angezogen fühlte, ob sie in Gestalt eines Räubers oder eines ehrenhaften Mannes auftraten. Es wollte ihm nicht recht einleuchten, daß dieser Mann bei dem Verbrechen eine untergeordnete Rolle gespielt haben sollte. Krag hatte ihn von vornherein für den Führer der Bande gehalten. Solch ruhiger und gegen jede Einwirkung gefeiter Mann wie Arnold Singer, war zum Befehlen geboren. Daß er vor dem Verbrechen am Ort der Tat gewesen war, konnte fast unwiderlegbar bewiesen werden. Auch sein plumper Fluchtversuch sprach stark gegen ihn, denn ein Unschuldiger flieht nicht vorm Gericht, er bleibt – und verteidigt sich. Also: wenn er schuldig war, deuteten alle Umstände daraus, daß er der Haupträdelsführer war. Wie aber war es dann zu erklären, daß seine Mitschuldigen nicht einmal vor einem Mord zurückschreckten, wenn es galt, einen Beweis seiner Unschuld zu vernichten, oder einen Menschen, der zu seinem Vorteil zeugen konnte, aus dem Wege zu räumen? Sonst pflegen Kameraden doch, wenigstens die untergeordneten, alles zu tun, um einem Anführer, der in die Klemme geraten ist, zu Hilfe zu kommen. Hier lag also wieder ein Umstand vor, dem es an logischem Zusammenhang fehlte. Und an derartigen Widersprüchen war diese Sache reich. Just das war es, was Krag in Erstaunen setzte und ihn veranlaßte, sich gründlich mit den Einzelheiten der Sache zu beschäftigen. Das Hauptgeschehnis selbst wies solch eine Lücke in der logischen Folge auf. Der Überfall auf den Abbé, in der Absicht, sein Geld zu rauben, war ja eine ganz alltägliche Affäre. Mitten darin aber tauchte jener ganz sinnlose Umstand auf: das Verschwinden des Abbés. Ging man nun davon aus, daß Arnold Singer schuldig war, dann war er von dem Augenblick seiner Verhaftung mit großer Klugheit aufgetreten und hatte seine Verteidigung mit strenger Logik durchgeführt. Plötzlich aber kam der ganz sinnlose Fluchtversuch. Was sollte der bedeuten? Eine andere Sache: Das Verbrechen war mit Kühnheit und Kaltblütigkeit durchgeführt, warum aber hatten die Verbrecher den armen Wicht, den stets betrunkenen und töricht schwatzenden verrückten Professor, zu ihrem Mitschuldigen gemacht? Zu irgendeinem Zeitpunkt steckte immer ein Teufel seinen Kopf hervor, sowohl was das Gebaren der Menschen, wie die Entwicklung der Ereignisse betraf, und brachte alles durcheinander. Woher aber kam dieser Teufel? Alle diese widersprechenden Überraschungen weckten in Krag die Ahnung, daß ein noch größeres Geheimnis in diesem Drama mitspielte. Der nächste Tag brachte mehrere unerwartete Ereignisse. Die Polizei hatte an diesem Tag eine gute Presse, dank der Verhaftung von Arnold Singer, was die Zeitungen als eine gute Detektivtat bezeichneten. Die Journalisten hielten nicht mit ihrer Meinung zurück, daß man hier wahrscheinlich den Hauptverbrecher der Bande gefaßt habe. Im übrigen waren die Zeitungen voll von Bemerkungen über das Privatleben von Abbé Montrose, auf das man nicht den geringsten Schatten werfen konnte. Man pries seine wissenschaftliche Gründlichkeit, seine Wohltätigkeit und seinen Fleiß, und bedauerte, daß ein unsanftes Schicksal diesen angesehenen Gelehrten allzu zeitig hingerafft habe. Den Mord, der an Strantz, dem verrückten Professor begangen worden war, hatten bisher nur vereinzelte Zeitungen gebracht. Man hatte den Zusammenbang zwischen diesem Mord und dem Verbrechen in Abbé Montroses Bibliothek noch nicht recht kapiert. Eine der Zeitungen berichtete jedoch, daß der Ermordete als Gartenarbeiter in Abbé Montroses Garten gearbeitet habe und knüpfte daran eine poetische Bemerkung. Sie schrieb: »Es ist, als ob ein mystischer Tod die Menschen verfolge, die in diesem Frühjahr das Lenzesbrausen in Abbé Montroses Garten erlebt haben. Erst wurde der Abbé selbst eines Nachts getroffen, als die Bäume in ihrem ersten zarten grünen Flor standen. Darauf suchte der Tod einen der Arbeiter heim, der sein Teil dazu beigetragen hatte, den Garten für den Einzug des Frühlings empfänglich zu machen. Wird die Todessense noch mehr niedermähen, bevor der Garten in seiner vollen Pracht steht ...?« Merkwürdigerweise beschäftigte dieser poetische Erguß Asbjörn Krag, als er am Morgen durch die schmiedeeiserne Gitterpforte den Garten des Abbés betrat. Im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden hatte der Frühling dort große Fortschritte gemacht. Das Laub war dichter und saftiger grün geworden, und ein milder Südwind strich langsam durch die Bäume, mit jenem unvergleichlichen Frühlingsbrausen, das die Gemüter der Menschen mit sehnsuchtsvoller Wehmut füllt und sie die Enge und Unbarmherzigkeit des Lebens intensiver empfinden läßt. Etwas geheimnisvoll Tönendes lag in dem einförmigen Gesang dieser Jahreszeit. Krag dachte an den Mann, der jetzt verschwunden war, der aber sonst zur Frühjahrszeit unter diesen Bäumen gelustwandelt hatte, und es war ihm, als ob er in einer mystischen Ahnung etwas von der Seele des Rätsels in dem Sausen der Baumkronen hörte. Es war, als ob eine geheimnisvolle Stimme, die von weit her kam, hier auf ihrer stillen Wanderung eingefangen ward und tönenden Ausdruck bekam. Der Duft des sprießenden Gartens erinnerte ihn an die übertriebene und perverse Blumenpracht in dem elenden Zimmer des verrückten Professors; und wieder war es ihm, als ob der Blumenduft ihm die unbarmherzige Vision von Kirchhof und Tod näher brachte ... Kein Mensch war im Garten, der Frühling breitete sich in seiner Alleinherrschaft und Fülle, von der tiefen schwarzen Erde bis zu den höchsten Baumkronen. Als Asbjörn Krag sich der Wohnung des Abbés näherte, sah er, daß noch alles wie am vorhergehenden Tage war, als er das Haus verlassen hatte. Noch hing das zerschlagene Fenster schief in seinen rostigen Angeln, und unten auf dem gelben Sand blitzten die Glasscherben wie Silber in der Sonne. Krag ging durch die breite Haustür und begab sich zur Bibliothek, wo ebenfalls noch alles unberührt stand. Er machte eine Runde durch die Zimmer und betrachtete die verschiedenen Gegenstände; die mit dem Verbrechen im Zusammenhang standen: den zerschmetterten Schrank, die umgeworfenen Stühle, das zerbrochene Tintenfaß und all die kleinen Gegenstände, die während des Kampfes durcheinander geworfen waren. Er untersuchte auch die Blutspuren, die hier und dort zu finden waren: auf dem Teppich, dem Schreibtisch und – mit heimtückischer Deutlichkeit – auf dem weißen Feld der Tür. Schließlich sammelte er alles in einem Überblick, als ob er durch das schweigende Zimmer, denen Verstörtheit eine abgebrochene aber gewaltsame Bewegung verriet, eine Vorstellung von dem Geschehenen erlangen wollte. Eines wurde ihm klar – daß der Kampf, der hier ausgekämpft wurde, ein Kampf auf Leben und Tod gewesen war, Stühle hatten als Waffen gedient, Tinte floß wild umher, die zahlreichen Blutspuren deuteten darauf, daß Messer in Tätigkeit gewesen waren ... Aber, dachte Krag, indem er einen Gedankengang vollendete – Arnold Singers Anzug hatte keinen Riß, keinen Blutfleck gehabt. Darauf ging der Polizeibeamte an die Ausführung seiner eigentlichen Absicht: er untersuchte alle Schlösser und es wurde ihm sofort klar, daß seine Annahme betreffs der Schlüssel, die er in dem Zimmer des verrückten Professors gefunden hatte, richtig gewesen war. Es war Abbé Montroses Schlüsselbund. Dieser Umstand bestätigte die Mitschuld des verrückten Professors; wahrscheinlich hatte er sich beim Kampf der Schlüssel bemächtigt, oder auch ... und bei diesem Gedanken erbebte Krag – oder auch gehörte dieses Schlüsselbund zu den Gegenständen, die der entführte Abbé Montrose, tot oder lebendig bei sich getragen hatte. Krag hatte bald den Schlüssel zur Haustür gefunden, er fand auch die Schlüssel zu den anderen Türen, zum Bücherschrank, Schreibtisch, Kleiderschrank, sogar zur Küchentür, zum Weinkeller und zum Treibhaus. Vier Schlüssel aber blieben übrig, deren Verwendung er sich nicht erklären konnte. Es war ein Yaleschlüssel mit dem Stempel Nummer 22 470, ein gewöhnlicher Haustürschlüssel, ein Schrankschlüssel (oder Schubladenschlüssel) und ferner ein kleiner, kunstvoll geschmiedeter Schlüssel, dessen eigentümliche Form verriet, daß er zu einem wertvollen alten Schrein gehörte. Asbjörn Krag löste diese vier Schlüssel von dem Bund, behielt sie in der Hand und betrachtete sie lange. Sie überzeugten ihn davon, daß es ein Geheimnis gab, das sich nicht auf die zerstörte Bibliothek und den frühlingsbrausenden Garten allein beschränkte. Krag hatte sich mit dem Schlüssel in der Hand in einen Lehnstuhl des Abbés niedergelassen. Von seinem Platz aus hatte er Aussicht über den Garten und den breiten Kiesweg, der von dichten Bäumen beschattet, zum Treibhaus führte, dessen blitzendes Glasdach zwischen den Bäumen sichtbar war. Er fühlte den kalten Stahl der Schlüssel zwischen seinen Fingern und hatte ein klares instinktives Gefühl, daß, wenn er diesen kalten Stahlschlüsseln folgen könnte, wohin sie gehörten, er zum Kern, zur Lösung des Geheimnisses durchdringen würde ... Er würde an eine Tür kommen, die Tür mit diesem Schlüssel öffnen – und was würde ihn drinnen erwarten? Ein Toter? Ein Sterbender? Ein Lebendiger, ein Glücklicher? Wieder war es der Verschwundene , der ihn beschäftigte, der unerträgliche Gedanke: Warum ist der Abbé mit fortgeschleppt worden, warum ist er nicht hier? Da erreichte ein schwacher Laut aus dem Garten sein Ohr. Er blickte auf. Zwischen den Bäumen zeigte sich eine menschliche Gestalt, die sich gleichsam aus dem Schatten loslöste. Die Gestalt kam näher. Es war ein schwarz gekleideter Herr von priesterlichem Aussehen, der sich der Bibliothek näherte, und indem er aus dem Schatten trat, in starker Sonnenbeleuchtung auf dem gelben Sand stand. XX. Der Brief Asbjörn Krag verharrte unbeweglich und betrachtete den Mann, der sich näherte. In dem großen und stillen Garten kam ihm das Erscheinen dieses Menschen wie etwas Unwirkliches vor. Plötzlich stand die Gestalt da, von der Frühlingssonne scharf beleuchtet. Sie war aus der Dunkelheit herausgetreten, hatte unter den verworrenen Schatten der Bäume Gestalt angenommen, und in der seltsamen Gemütsverfassung, in der Krag sich befand, meinte er, daß das plötzliche Auftauchen dieses Menschen wie eine Offenbarung wirkte, eine Kundschaft aus der Dunkelheit und dem Rätselhaften. Als er das priesterliche Gepräge der Gestalt sah, durchfuhr ihn ein erwartungsvoller Schauer. Krags Gedanken waren stark mir dem verschwundenen Abbé beschäftigt gewesen, jetzt suchte er unwillkürlich eine Verbindung zwischen dem Verschwundenen und dem Herrn, der, anscheinend mir der Umgebung vertraut, gesenkten Hauptes, nachdenklich auf dem goldschimmernden Weg des Gartens daherkam. Der Fremde konnte ungefähr fünfzig Jahre alt sein. Er trug einen hohen Hut und einen langen Gehrock, der bis zum Hals hinauf geknöpft war. Ein weißes Halstuch hob sein priesterliches Aussehen. In der Hand hielt er einen Stock. Er kam über den Gartenweg wie ein Mann, der weiß, wo er hin will, ohne nach rechts oder links abzuweichen. Krag stellte fest, daß er durch die südliche Gittertür des Gartens hereingekommen sein müsse, die selten benutzt wurde und auf alle Fälle immer verschlossen war. Als der Mann bis zur Bibliothek gekommen war, blieb er stehen und blickte sich prüfend um. Krag konnte sein Gesicht jetzt genauer sehen; es hatte ein Gepräge von Ruhe und Freundlichkeit, und der weiße Backenbart verlieh ihm ein gewisses großväterliches Aussehen. Der Mann trat langsam auf das mittlere Fenster zu und blickte in die Bibliothek, indem er seine Augen mit der Hand beschattete. Es sah aus, als ob die große Unordnung in der Bibliothek ihn erschreckte, denn er zog sich mit einer heftigen Bewegung zurück. Dann aber fiel sein Blick auf Asbjörn Krag, der im Lehnstuhl saß und sein Gesicht wurde sofort von frohem Erkennen erhellt, als ob er den gefunden hätte, den er suchte. Er winkte dem Detektiv zu, der sich erhob und die Tür öffnete. Der Fremde trat ein und reichte dem Polizeibeamten freundlich die Hand. »Gerade Sie suche ich,« sagte er, »ich erkenne Sie nach den Bildern in den Zeitungen.« Er betrachtete Krag neugierig. »So sieht also ein Detektiv von internationalem Ruf aus,« murmelte er. Darauf warf er von neuem einen Blick durchs Zimmer und seine Stimme bebte leicht, als er fortfuhr: »Es erschüttert mich, wie schrecklich es in diesem Zimmer aussieht, an dieser ausgeprägten Stätte des Friedens. Wenn ich an die herrlichen Stunden denke, die ich in diesem Zimmer verbracht habe, wenn –« »Warum haben Sie mich an diesem Ort aufgesucht?« fragte Krag, »und mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« Der Fremde suchte in seinem Taschenbuch nach einer Visitenkarte und antwortete: »Ich suche Sie hier, weil ich Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen habe und weil ich Sie auf dem Polizeiamt nicht antraf. Hier ist meine Karte, mein Name ist Ihnen vielleicht nicht unbekannt.« Krag nahm die Karte, die der Herr ihm reichte und las: Dr. jur. Thomas Wide. »Ah, der bekannte Rechtsgelehrte,« sagte Krag, »gewiß kenne ich Sie dem Namen nach. Es freut mich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Als ich Sie draußen im Garten sah, glaubte ich übrigens, daß Sie Geistlicher seien.« Dr. Wide nickte erfreut, er schien diese Bemerkung als ein Kompliment aufzufassen. Krag hob einen der umgeworfenen Stühle auf und bat ihn, Platz zu nehmen. »Ich nehme an,« sagte er, »daß Sie wegen der traurigen Sache mit Abbé Montrose kommen?« »Ganz recht,« antwortete Dr. Wide, »ich bin Abbé Montroses juristischer Beirat und außerdem sein Freund. Ich habe mich stets für kirchliche Fragen interessiert und verkehre gern mit Geistlichen. Viele aus meiner Familie gehören dem geistlichen Stande an. Das alles hat natürlich auf mich eingewirkt, so daß mein Wesen etwas Priesterliches angenommen hat. Gewissensfragen haben es indessen mit sich gebracht, daß ich dem Wunsch meines Herzens nicht folgen und Mitglied des Priesterstandes werden konnte.« Krag betrachtete diesen Mann verwundert, der zu so ungewöhnlicher Zeit, an einen so ungewöhnlichen Ort gekommen war, um ihm von seinen privaten Verhältnissen zu erzählen. »Ich darf wohl sagen,« fügte Wide hinzu, »daß ich der einzige bin, der Abbé Montroses Vertrauen besitzt, ja, vielleicht bin ich sein einziger Freund.« Krag fiel die Form dieser Bemerkung auf und er sagte: »Wenn Sie die Zeitungen genau gelesen haben, dürfte es Ihnen klar sein, daß Sie kaum mehr davon sprechen können, daß Sie Abbé Montroses Freund sind .« »Sie meinen, daß ich es war ,« antwortete Dr. Wide. »Ja,« sagte Krag, »leider deutet viel darauf, daß der Abbé nicht mehr zwischen den Lebenden ist.« Dr. Wide blickte Krag forschend durch seine goldgefaßte Brille an. Bei diesem Blick stutzte Krag. Er war prüfend und vorsichtig. »Ich wage zu behaupten,« sagte der Jurist, »daß ich noch immer, auch in dieser Sache, Abbé Montroses Vertrauen besitze.« Der Detektiv horchte hoch auf. »Sie drücken sich mit solcher Bestimmtheit aus,« sagte er, » wissen Sie etwas?« »Ja.« »Lebt Abbé Montrose?« »Ja,« antwortete Dr. Wide, »jedenfalls lebte er noch gestern.« »Am Tage nach der Plünderung. Kennen Sie seinen Aufenthaltsort?« »Nein.« Krag erhob sich und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Schließlich blieb er vor dem Juristen stehen. »Wenn Sie wahr sprechen,« sagte Krag, »so hält Abbé Montrose einen Schleier über ein Geheimnis gebreitet, das der Polizei bei ihren gesetzmäßigen Bemühungen, ein Verbrechen aufzuklären, große Hindernisse in den Weg legt. Dieses Verbrechen verbirgt bereits einen Mord. Als Jurist dürfte es Ihnen bekannt sein, was das bedeutet. Warum gibt Abbé Montrose sich nicht zu erkennen?« »Er hat sich zu erkennen gegeben.« »Ja, Ihnen, warum aber kommt er nicht selbst?« »Daß weiß ich nicht,« antwortete Dr. Wide, »ich habe einen Brief von ihm bekommen.« Während der Jurist einen Brief aus seinem Taschenbuch nahm, konnte Krag kaum seine Neugierde beherrschen, trotzdem unterließ er es nicht, alter Gewohnheit getreu, einen Blick auf das Kuvert zu werfen, bevor er den Brief entfaltete. Es war ein einfaches graublaues Geschäftskuvert, aber es war sehr zerknittert und schmutzig, als ob es durch viele und nicht sehr reine Hände gegangen sei. Das Kuvert hatte keine Freimarke , der Poststempel auf der Rückseite aber zeigte, daß der Brief von Dr. Wide mit Strafporto ausgelöst war, was der Jurist auf Krags Frage bestätigte. Krag zog den Brief aus dem Kuvert und entfaltete ihn. Es war ein gewöhnlicher viereckiger liniierter Bogen. Auch er war zerknittert. Krag las halblaut: »Lieber Freund! Teile der Polizei mit, daß ich lebe und mich von meiner Arbeit zurückgezogen habe, um mich eine Zeitlang in Ruhe besonderen Studien widmen zu können. Dein ergebener Freund Montrose.« Nachdem Krag diese wenigen Worte genau gelesen hatte, steckte er den Brief wieder ins Kuvert und fragte: »Darf ich den Brief behalten?« »Ja,« antwortete Dr. Wide, »ich glaube kaum, daß Montrose etwas dagegen einzuwenden hätte.« »Ist der Brief sicher von dem Abbé selbst geschrieben?« sagte der Detektiv. »Darüber kann ganz und gar kein Zweifel herrschen,« antwortete Dr. Wide. »Abbé Montroses Handschrift ist so charakteristisch, daß man sie unmöglich mit einer anderen verwechseln kann. Was halten Sie im übrigen von dem Brief?« »Er ist so überraschend gekommen,« sagte Krag, »daß ich noch nicht Zeit gefunden habe, mir eine Meinung darüber zu bilden. Eines aber ist gewiß, daß dieser Brief die Sache nicht vereinfacht, sondern sie im Gegenteil noch viel geheimnisvoller macht. Der Brief gibt Aufschluß darüber, daß Abbé Montrose gestern noch am Leben war, er gibt aber keinen Aufschluß darüber, ob er heute noch lebt.« »Sollte es möglich sein,« murmelte Dr. Wide unruhig. »Warum aber meinen Sie –« »Weil der Brief beweist,« antwortete Krag, »daß Abbé Montrose nicht mehr Herr über seine Handlungen ist. Ich glaube kaum, daß ich fehlgehe, wenn ich zu behaupten wage, daß er in der Gewalt anderer Menschen ist.« Während der Detektiv sprach, hatte er das Kuvert aufmerksam studiert. »Dieses Kuvert erzählt viel,« sagte er. »Wollen Sie hören, was es erzählt –« XXI. Die fünf Teufel Asbjörn Krag schob seinen Stuhl an den Schreibtisch und legte Kuvert und Brief vor sich hin. Auch Dr. jur. Thomas Wide rückte interessiert näher. »Beachten Sie, daß sowohl Brief wie Kuvert sehr zerknittert sind und das Kuvert gleichzeitig sehr schmutzig ist. Ich nehme an, Herr Doktor, daß die Papiere bereits so aussahen, als sie in Ihren Besitz kamen?« »Das können Sie ruhig annehmen,« antwortete der zierliche Rechtsgelehrte lachend. »Ich wurde sehr erstaunt, als ich diesen schmutzigen Brief bekam und Abbé Montroses Handschrift erkannte. Man könnte glauben, daß der Brief aus einem Kohlengeschäft abgeschickt sei.« »Oder von einem Kohlenhändler besorgt worden ist,« fügte Krag hinzu, »denn die Post pflegt Briefe derartig nicht zuzurichten. Indessen lege ich Gewicht darauf, daß der Bogen selbst nicht schmutzig ist, dagegen ist er ebenso zerknittert wie das Kuvert. Mit anderen Worten, der Brief ist übel zugerichtet worden, seit er in die Hände desjenigen gekommen ist, der ihn besorgen sollte. Der Brief ist auf der Annahmestation C 4 gestempelt, was bedeutet, daß er in einen Postkasten im Zentrum der Stadt geworfen und auf dem Postamt gestern nachmittag um vier Uhr abgestempelt worden ist. Ferner ist er B 37 abgestempelt.« »Sehr richtig,« sagte Dr. Wide. »Mein Kontor liegt im Postbezirk B und der Brief lag zwischen meiner Post, als ich heute morgen ins Kontor kam.« »Ein anderer bemerkenswerter Umstand ist der,« fuhr Krag fort, »daß der Brief unfrankiert ist. Bringen wir dieses mit dem schmutzigen Kuvert usw. in Verbindung, dann kommen wir zu dem einfachen Resultat, daß der Brief von einem diebischen Straßenjungen in den Postkasten geworfen ist, der das Portogeld behalten und den Brief unfrankiert abgeschickt hat. Eines können wir jedenfalls als sicher annehmen, daß nämlich Abbé Montrose selbst einen Brief nicht in solchem Zustand abgeschickt hat.« »Undenkbar, ganz undenkbar,« antwortete Dr. Wide und schüttelte seinen hübschen Kopf. »Andererseits will es mir auch undenkbar erscheinen, daß Abbé Montrose einen so wichtigen Brief den Händen eines kleinen schmutzigen Jungen anvertrauen würde, der ihn auf solche Weise behandeln konnte. Überhaupt muß die außerordentliche Wichtigkeit des Briefes das entscheidende Moment bei unseren Schlußfolgerungen bleiben. Ich möchte die paradoxe Behauptung aufstellen, daß der Brief so wichtig ist, daß er nicht hätte abgeschickt werden dürfen.« Dr. Wide lachte. »Was meinen Sie damit,« fragte er. »Ich meine, wenn Abbé Montrose am Leben ist, müßte es für ihn von größter Bedeutung sein, seine Freunde und die Polizei hiervon in Kenntnis zu setzen. Das aber würde am sichersten dadurch geschehen, daß Montrose selbst käme und sagte: Meine Herren, ich bin nicht tot, ich bin springlebendig. Nach dem Brief zu urteilen, scheint er sich über das außerordentliche Aufsehen, das sein Verschwinden geweckt hat, völlig im klaren zu sein. Mag er seine ungestörte Arbeitsruhe auch noch so sehr lieben, so muß er doch begreifen, daß er seiner selbst wegen, den Skandal, der seinen Namen bedroht, niederschlagen müßte. Das aber tut er nicht mit so einem Brief, der nicht einmal Aufschluß darüber gibt, wo er sich befindet. Sieht es Abbé Montrose ähnlich, auf diese Weise aufzutreten? Sie kennen ihn ja, sieht es ihm ähnlich?« »Ganz und gar nicht,« antwortete Dr. Wide, »im Gegenteil, ich kenne niemanden, der seinen Ruf so hütet, wie mein Freund Abbé Montrose, niemand, der sich mehr fürchtet, Sensation und Aufsehen zu erregen. In einem Fall wie diesem, würde er sicher selbst zur Polizei geeilt sein.« »Und da er es nicht tut,« sagte Krag, »können wir als sicher annehmen, daß meine erste Annahme richtig ist, nämlich, daß er nicht kommen kann , weil er nicht Herr über seine Handlungen ist – daß er sich mit anderen Worten in der Gewalt gemeiner Schurken befindet, die ihn in irgendeiner Absicht mit Drohungen dazu getrieben haben, diesen Brief zu schreiben. Nehmen wir ferner an, daß Abbé Montrose irgendwo in der Vorstadt, oder noch wahrscheinlicher ein gutes Stück außerhalb der Stadt, gefangen gehalten wird, so haben wir damit auch die Erklärung für das beschmutzte Aussehen des Briefes. Denn in diesem Fall hat einer der Banditen ihn bei sich getragen und in der Stadt in einen Postkasten geworfen.« »Ist es aber nicht sonderbar,« wandte Dr. Wide ein, »daß die Herren Banditen nicht die Mittel gehabt haben sollten, das Porto zu bezahlen?« »Das kann ein Zufall sein – gerade derartige Vergeßlichkeiten sind mir in dieser Sache schon aufgefallen.« »Aber«, fuhr Dr. Wide fort, »warum sollten die Banditen ihn mit Drohungen dazu gezwungen haben, diesen an und für sich ganz gleichgültigen Brief zu schreiben?« »Wahrscheinlich, weil sie ein bestimmtes Interesse daran haben, der Öffentlichkeit mitzuteilen, daß er am Leben ist.« »Was für ein Interesse sollte das sein?« Asbjörn Krag zuckte die Achseln. »Das ist bis auf weiteres in Dunkel gehüllt,« sagte er, »wahrscheinlich aber wird es sich schneller als wir glauben aufklären.« Dr. Wide verharrte eine Weile schweigend, dann sagte er: »Dergleichen Briefe pflegen einen anderen Charakter zu haben, ich kenne solche Briefe aus meiner Rechtspraxis. Sie pflegen einen Passus zu enthalten, daß, falls zu einer bestimmten Frist, an einer bestimmten Stelle, nicht soundso viele Tausend ausgezahlt würden, das Opfer, das den Brief schreibt, darunter zu leiden hätte. So pflegen Erpressungsbriefe sonst abgefaßt zu sein.« »Das ist der Teufel,« sagte Krag. »Wie meinen Sie?« »Da haben wir wieder den verfluchten kleinen Teufel, der alle Schlußfolgerungen auf den Kopf stellt. Sie sehen selbst, daß die Erpressungsgeschichte fix und fertig ist, von Abbé Montroses rätselhafter Entführung bis zum Brief. Dann aber kommt der Widerspruch: der Brief enthält kein Wort von Erpressung. Auf diese Weise trifft in dieser Sache stets irgendein überraschendes Moment ein, das alle Schlußfolgerungen über den Haufen wirft.« »Gibt es viele solche überraschende Momente?« fragte Dr. Wide und sah den Polizeibeamten forschend an. »Ja, viele.« »Könnte es nicht eine Kette werden, wenn man alle diese abweichenden Momente zusammenhielte?« Krag lachte. »Daran habe ich auch schon gedacht,« sagte er, »vorläufig aber habe ich nur Fetzen ohne Zusammenhang; dennoch sammle ich sie. Damit Sie einen Eindruck von dem seltsamen Chaos des Ganzen bekommen, will ich Ihnen den Faden in diesem Drama aufrollen. Also hören Sie: Das Verbrechen ist offenbar von mehreren Verschworenen geplant worden, deren Anführer als Gartenarbeiter hier im Garten gearbeitet und als solche Gelegenheit gehabt haben, sich mit den lokalen Verhältnissen vertraut zu machen. Der eine, der Arnold Singer heißt, ist verhaftet. Ich glaube nicht, daß ich mich irre, wenn ich ihn als den Leiter des Ganzen bezeichne. Sehen Sie nun dieses Zimmer, welch wilder Kampf hat hier stattgefunden! Blut und Tinte und umgeworfene Stühle und zerschlagene Möbel überall. Kaum zwei Stunden nachdem das Verbrechen stattgefunden hatte, verhafteten wir Arnold Singer, aber es ist uns nicht gelungen, an seinen Kleidern Blutflecke oder nur die geringsten Abzeichen des Kampfes zu entdecken.« »Das war Teufel Nummer I,« murmelte Dr. Wide. »Dieser Umstand im Verein mit seinen sehr klugen Aussagen, bewirkten, daß seine Sache eigentlich ganz gut stand. Dann aber fällt er aus der Rolle und macht einen vollständig sinnlosen Fluchtversuch.« Also Teufel Nummer 2,« sagte Dr. Wide. »Ferner,« fuhr Krag fort, »warum haben die Banditen Abbé Montrose entführt? Ich versichere Sie, das Sinnlose einer solchen Gewalttat liegt auf der Hand. Die Verbrecher müssen ihn mit sich über das hohe Gitter geschleppt haben. Mit der Polizei auf den Fersen aber erscheint das so gut wie ausgeschlossen. Nichtsdestoweniger ist Abbé Montrose in Gesellschaft der Banditen verschwunden. Ich kann es mir im Augenblick nicht anders erklären, als daß er freiwillig mitgegangen ist, und Sie, der Sie Abbé Montrose kennen, werden wahrscheinlich das Sinnlose einer solchen Annahme zugeben.« »Nummer 3,« murmelte der Rechtsgelehrte. »Gesetzt den Fall, daß es mit Hilfe irgendeiner unerklärlichen List, den Banditen indessen wirklich geglückt sein sollte, den gelehrten und angesehenen Abbé zu entführen, so kann es nur in der Absicht geschehen sein, von seinen Freunden und Verwandten Geld zu erpressen. Dann aber kommt dieser Brief, in dem von Erpressung gar keine Rede ist. Nummer 4, nicht wahr?« Dr. Wide nickte. Halb ärgerlich wollte Asbjörn Krag seine Darstellung fortsetzen, durch die er die unzusammenhängenden Einzelheiten des Dramas zu sammeln versuchte, als abermals Schritte auf dem Kiesweg des Gartens erklangen. Es war Detektiv Keller. Er kam in großer Hast angelaufen, riß die Tür auf und fragte: »Haben Sie ihn gesehen?« »Wen?« »Das Gefängnisgesicht, den Mann aus dem ›Vergoldeten Pfau‹. Er ist just in diesem Augenblick über den Gartenzaun gestiegen.« »Nummer 5,« sagte Krag und erhob sich. XXII. Unter den Bäumen des Gartens »Mein lieber Keller,« sagte Krag, »warum erzählen Sie mir das jetzt? Wäre es nicht besser gewesen, Sie hätten damit gewartet, bis Sie seiner habhaft geworden wären? Ich fürchte, daß dieser Mann, ›das Gefängnisgesicht‹ wie Sie ihn nennen, eine wichtige Persönlichkeit ist. Ist er in diesem Augenblick über das Gartengitter gestiegen?« »Beruhigen Sie sich,« antwortete Keller, indem er bitter auflachte und Krag zurückhielt, der auf dem Weg durch die Tür war, »es ist bereits zu spät, der Kerl ist in der Mayonnaise untergetaucht, ich habe aber Nummer 314 hinter ihm hergeschickt. 314 ist der beste Läufer der ganzen Schutzmannstruppe. Wir wollen hier auf Bescheid von ihm warten. Es hat fast den Anschein, als ob das Gefängnisgesicht besonderes Interesse für Sie hat, Krag. Er hat Sie bereits mehrmals in auffallender Weise im ›Vergoldeten Pfau‹ verfolgt, und jetzt scheint er Ihnen auch hier im Garten nachgespürt zu haben.« Keller zeigte in den Garten hinaus. »Als ich durch den südlichen Eingang in den Garten kam,« sagte er, »sah ich ihn dort zwischen den Bäumen stehen und ins Fenster spähen. Ich schlich mich so leise wie möglich heran, und war ihm schließlich so nahe, daß ich sein Gesicht deutlich erkennen konnte.« Keller machte es sich in einem Stuhl bequem und fuhr fort: »Ein seltsames Gesicht hatte dieser Mensch. Selten hab ich die Schrecken des Gefängnisses mit allem was sie umfassen, schlechte Luft, einengende Mauern, Einsamkeit und Erniedrigung, deutlicher in dem Gesicht eines Menschen ausgedrückt gesehen. Doch enthielt es auch noch etwas anderes, was zum Vorschein kam, während er stand und hier hereinstarrte, etwas unaussprechlich Rachgieriges, etwas intensiv Feindliches und Raublüsternes; es war so auffallend, daß ich unwillkürlich stutzte und einen Augenblick drauf und dran war, meine Geistesgegenwart zu verlieren. Da aber entdeckte er mich und rannte davon. Mit erstaunlicher, rein affenartiger Behendigkeit schwang er sich über das Gitter und verschwand im Mayonnaise-Viertel. Glücklicherweise war Schutzmann 314 in der Nähe, durch das Gitter gab ich ihm hastig Bescheid, so daß er ihm folgen konnte. Ich wäre auf alle Fälle zu spät gekommen. Jetzt aber ist Aussicht vorhanden, daß wir ihn noch fassen. Können Sie begreifen, weshalb er sich so sehr für Sie interessiert, Krag?« »Nein. Ich erinnere mich nicht, daß ich je etwas mit ihm zu tun gehabt habe. Aber seine Anwesenheit hier im Garten erscheint mir sonderbar. Wir müssen nähere Erkundigungen über ihn einziehen.« »Das ist auch meine Meinung,« sagte Keller. Dr. Wide, der einsah, daß seine Gegenwart hier überflüssig war, zog sich mit einigen höflichen Phrasen zurück. »Dr. Wide ist Abbé Montroses Freund und juristischer Beirat,« sagte Krag erklärend. »Ah, ich verstehe,« antwortete Keller, »Sie meinen war?« »Nein, Abbé Montrose lebt.« »Beweislich?« Krag reichte ihm den Brief, den Abbé Montrose an Dr. Wide geschrieben hatte. Keller las ihn genau durch und verharrte lange schweigend. »Je mehr ich über die Sache nachdenke,« sagte er schließlich, »desto verwickelter wird sie. Und dieser Brief bringt weiß Gott nicht mehr Klarheit. Noch eine andere Mitteilung hab ich heute bekommen, die mich ebenfalls verwirrt. Ich bin hergekommen, um mit Ihnen darüber zu sprechen, Krag. Erinnern Sie sich der Quittung über den ausgezahlten Arbeitslohn, der wir solch große Bedeutung beigemessen haben?« »Die aus dem Archiv der Polizei gestohlen worden ist?« »Als ich die Sache heute vormittag näher untersuchen wollte,« fuhr Keller fort, »fand ich zu meinem größten Erstaunen die Quittung im Archiv genau an derselben Stelle, wo wir sie hingelegt hatten. Die Quittung ist demnach überhaupt nicht gestohlen worden, dagegen hat Abbé Montrose zwei gleichartige ausgeschrieben. Hier sehen Sie sie beide.« Krag nahm die beiden Notizen und verglich sie. Nachdem er eine Weile überlegt hatte, sagte er: »Wir haben vergessen, daß der Name des verrückten Professors Strantz auch mit S. anfängt, ebenso wie Singer. Beide arbeiteten in Montroses Garten. Es ist anzunehmen, daß sie ihren Wochenlohn am selben Tage bekommen haben. Wie alle Gelehrten, ist wahrscheinlich auch Abbé Montrose ein sehr unpraktischer Mann gewesen, der keine Bücher führte, sondern seine Ausgaben auf lose Papierlappen schrieb. Der verrückte Professor mag durch irgendein Mißverständnis seine Quittung mitgenommen haben, während die Singers in der Bibliothek liegen geblieben ist. Das dünkt mich, ist eine ganz natürliche und einfache Lösung.« Keller lachte aufgeräumt. »Ich wünschte, Krag,« sagte er, »daß all die anderen verfluchten Widersprüche in dieser Sache ebenso leicht zu lösen wären.« »Je verwickelter eine Sache ist,« sagte Krag, »desto einfacher pflegt die Lösung zu sein. Wenn man nur erst den richtigen Faden gefunden hat, geht alles wie geschmiert.« So saßen die beiden Polizeibeamten eine lange Weile und sprachen miteinander, der eine beklagte sich über die Undurchdringlichkeit der Sache und der andere beklagte sich über die Undurchdringlichkeit der Sache, ihre Art zu sprechen aber verriet, daß ihre Gedanken die ganze Zeit irgendwo anders waren. Während sie sprachen, blickten sie zerstreut aneinander vorbei und ihre Augen schweiften suchend in den Garten hinaus. Hin und wieder fiel eine Bemerkung, die Zeugnis davon ablegte, daß sie beide das Dunkel zu durchdringen versuchten und daß jeder auf seine Weise nach dem Faden suchte, der sie ans Ziel führen konnte. Bisweilen begegneten sie sich in ihren Gedankengängen. Einmal sagte der eine laut: »Daß er lebt, macht die Sache nicht klarer.« Der andere antwortete: »Nein, denn der Brief kann mehrere Tage alt sein.« Und der erste wiederum: »Darum kann er doch tot sein.« Diese anscheinend widersprechenden Worte zeigten, daß ihre Gedanken denselben Punkt umkreisten. Beide dachten: Der Brief kann in einer bestimmten Absicht geschrieben und dem Abbé eventuell vor der Plünderung oder dem Mord abgepreßt sein. Wie dem aber auch war, die Sache blieb in dasselbe Dunkel gehüllt. Ein heftiger Windstoß führte eine Woge von Wohlgeruch durch die offene Tür. Schließlich sagte Keller und durch seine Stimme klang Mißmut: »Wissen Sie noch, Krag, gleich nach dem Ereignis standen wir auch hier und starrten in den Garten hinaus. Ich hatte dabei das Gefühl, lieber Krag, daß Sie nach dem Geheimnis ausblickten und erwarteten, daß es zwischen den Bäumen des Gartens plötzlich hervortreten würde. Jetzt sind die Kronen der Bäume mächtiger geworden, hören Sie nur, wie sie im Winde rauschen. Sagen sie Ihnen jetzt mehr? Mir nicht. Und wissen wir mehr als das vorige Mal? Dies und das haben wir erfahren, das Geheimnis aber ist nur noch undurchdringlicher geworden. Ich glaube kaum, daß es Zweck hat, daß wir in diesem Garten und unter diesen Bäumen nach der Lösung suchen.« Krag antwortete: »Vielleicht sind wir weiter gekommen als wir glauben, aber wir haben Pech gehabt. Gestern, als wir mit dem verrückten Professor sprachen, standen wir dicht vor der Lösung. Erinnern Sie sich nicht mehr, wie er sagte: Ich weiß, wo alles liegt. Hinter diesen Worten verbirgt sich des Rätsels Lösung. Dann aber trat der Tod zwischen ihn und uns.« »Der Tod kam, um ihn daran zu hindern zuviel auszuplaudern,« antwortete Krag, »und wenn die Sache erst klar ist, zeigt sie vielleicht ein noch schrecklicheres Gesicht, als wir bisher angenommen haben. Hallo, was ist da?« Keller erhob sich neugierig. Ein Mann kam durch den Garten angelaufen. XXIII. Husarenweg 28 Der Mann kam durch den Garten von dem südlichen Eingang, dem Tor, das dem Mayonnaise-Viertel zugekehrt war und das Detektiv Keller hinter sich offen gelassen hatte. Als der Laufende aus dem Schatten der Bäume trat und der Sonnenschein auf seine Gestalt fiel, sahen die beiden Polizeibeamten; daß Metall auf seiner Brust glänzte. »Uniform,« sagte Krag. »314,« vervollständigte Keller. »Richtig,« rief Krag, »jetzt erkenne ich ihn auch. Er scheint es furchtbar eilig zu haben.« »Etwas Wichtiges muß sich ereignet haben,« sagte Keller, »sehen Sie nur, wie er läuft. Er wirbelt eine ganze Staubwolke auf.« Es dauerte nicht viele Minuten, bis der Schutzmann den großen Garten durcheilt hatte. Diese Zeit benutzten die beiden Detektive, um sich über ihn zu unterhalten, als ob sie Zuschauer bei einem Wettrennen seien. Beide waren aufs höchste gespannt, welche Nachrichten der Schutzmann bringen würde, aus alter Gewohnheit aber verbargen sie ihre Neugierde unter gleichgültigen Worten. Als der Schutzmann nähergekommen war, sagte Krag: »Es ist ja derselbe, der an dem Morgen, als das Drama anfing, hinter den Verbrechern herlief. Es ist natürlich nicht passend, in einer so ernsten Sache zu scherzen, aber sieht es nicht aus, als ob er die ganze Zeit hinter der Lösung des Rätsels hergejagt sei und jetzt resultatlos zum Ausgangspunkt zurückkehrte? Bravo 314, was bringen Sie uns für Neuigkeiten?« Schutzmann 314 blieb vor seinen beiden Vorgesetzten stehen und meldete stockenden Atems folgendes, was den beiden Detektiven wirklich einen Stoß gab: »Habe zu melden ... einen Mord ... einen Mord auf dem Husarenweg Nr. 28.« Krag und Keller fuhren in die Höhe und riefen wie aus einem Munde: »Das ist Arnold Singers Haus!« Tatsächlich hatte das neue Verbrechen in der Wohnung des verhafteten Gartenarbeiters stattgefunden. Und der, der diesmal von Mörderhand gefallen war, war Charlie – Clary Singers Bruder. * Was den beiden Detektiven zuerst zu denken gab, war der Umstand, daß 314 ausgeschickt worden war, um den verdächtigen Menschen, den sie das Gefängnisgesicht nannten, einzufangen und daß er nach einiger Zeit zurückkehrte und von einem Mord berichtete. Es war darum nicht zu verwundern, daß sie das eine mit dem anderen in Verbindung brachten, und als die drei Männer im Auto saßen, das sie in sausender Fahrt nach dem Husarenweg 28 brachte, fragte Keller seinen Untergebenen: »Haben Sie das Gefängnisgesicht zu fassen bekommen?« »Nein,« antwortete der Schutzmann, »er entkam mir in den engen Gassen in der Nähe des ›Vergoldeten Pfaus‹.« Der Schutzmann berichtete: »Fast hätte ich ihn erwischt, als er aber in dem Mayonnaise-Viertel untertauchte, entkam er mir. Sie wissen, wie leicht es ist, sich dort zu verbergen, wo die dunklen Torwege so dicht nebeneinander liegen, wie Rattenlöcher in einem alten Speicher. Nachdem ich eine Weile dort herumgeschlichen war, erfuhr ich von einem Kollegen, der von einem Patrouillendienst zurückkehrte, daß eine Gestalt von dem Äußeren des ›Gefängnisgesichtes‹ sich just durch die Himmelsgasse geschlichen hatte, wo der ›Vergoldete Pfau‹ liegt. Da ich wußte, daß dieser Mensch im Pfau zu verkehren pflegt, nahm ich sofort ein Auto und fuhr dorthin. Als ich aus dem Auto stieg, wollte das ›Gefängnisgesicht‹ sich gerade aus dem Tor des ›Vergoldeten Pfau‹ schleichen. Mich sehen und wieder in das Tor zurückspringen, war eins. Und ich hinter ihm her.« Als der Schutzmann, der offenbar ein gründlicher und zuverlässiger Mann war, in seinem Bericht bis hierher gekommen war, versuchte er, trotz des Rüttelns des Autos, etwas auf einem Stück Papier aufzuzeichnen. Krag aber hielt ihn davon zurück. »Ich verstehe,« sagte er, »Sie wollen uns einen Riß von der Lage des ›Pfau‹ aufzeichnen, aber wir wissen schon Bescheid. Durch das Tor kommt man auf einen Hof, voll von altem Gerümpel, Treppen, Ecken und Winkeln.« Der Schutzmann nickte. »Dann werden Sie auch begreifen,« sagte er, »daß es dem Kerl ein Leichtes war, sich vor mir zu verbergen. Es dauerte zehn Minuten, bevor ich feststellen konnte, daß er über eine Planke entkommen war, die den Hof des ›Pfau‹ von dem nächsten Hof trennt. Dieser Hof ist wenn möglich noch winkliger und schmutziger als der erste. Und von diesem führt abermals ein enger Gang zu den Resten eines alten Gartens, und von dort aus gelangt man wieder zu einem neuen Wirrwarr von Hinterhöfen und Bauplätzen, die an die kleinen Arbeiterwohnungen auf dem Husarenweg grenzen. Auf diese Weise kann man, wenn man all diesen Winkeln und Gängen folgt, durch die ganze stinkende Häusermasse gelangen, die die Himmelsgasse von dem Husarenweg trennt – jedenfalls, wenn man genügend Lokalkenntnis besitzt. Und das schien mein Mann zu haben, wie ich leider zugeben muß.« »Es scheint ein Weg für Verbrecher zu sein,« bemerkte Keller bitter, indem er seiner eigenen Niederlage gedachte, »auf demselben Weg sind gestern schon zwei Mörder entkommen.« Der Schutzmann fuhr fort: »Als ich schließlich auf dem Hinterhof von Husarenweg Nummer 28 stand, konnte ich nur noch feststellen, daß das ›Gefängnisgesicht ‹ schon längst entkommen sein mußte. Meine Nachforschungen in dem Gewimmel der Hinterhöfe hatten mindestens eine Viertelstunde gedauert.« Krag, der die Zeit feststellen wollte, fragte: »Sind Sie sicher, daß das ›Gefängnisgesicht‹ fünfzehn Minuten Vorsprung hatte?« »Mindestens,« antwortete der Schutzmann, indem er überlegte. »Vielleicht waren es sogar zwanzig Minuten. Und nachdem ich es festgestellt hatte, gab ich die Verfolgung auf. Da trat aber etwas ein, was mich auf die Spur des neuen Verbrechens brachte. Wie ich bereits gesagt habe, befand ich mich auf dem Hinterhof zu dem Hause Nummer 28 auf dem Husarenweg. Während ich noch stand und überlegte, ob ich zum ›Vergoldeten Pfau‹ zurückkehren sollte, um wenigstens etwas über das ›Gefängnisgesicht‹ zu erfahren, geschah etwas im höchsten Grade Überraschendes. Eine Frau, die ganz verstört schien, zeigt sich plötzlich in einem der offenstehenden Fenster des Hauses, streckt die Arme aus und ruft herzzerreißend um Hilfe. Es war eine junge und schöne Frau, die mit allen Anzeichen äußersten Entsetzens drauf und dran war, sich aus dem Fenster zu stürzen. Ich lief näher und sah die Ursache ihrer Verstörtheit: Auf dem Sofa im Zimmer lag die Leiche eines ermordeten Mannes.« »Und die Frau war Clary Singer?« fragte Krag. »Ja,« antwortete der Schutzmann, »und der Ermordete war ihr Bruder. Jetzt aber sind wir am Ziel, meine Herren, hier ist Husarenweg Nummer 28.« Das Auto der Polizei wurde gleich von einer glotzenden, neugierigen und verängstigten Menschenmenge umringt. Die Neuigkeit hatte sich bereits in der Nachbarschaft verbreitet. Viele Menschen waren versammelt. Vor dem Gitter des kleinen Gartens stand ein leerer Doktorwagen. Die Gittertür wurde von einem grobgliedrigen Polizeibeamten in einer engschließenden Uniform bewacht. Da waren Menschen in allen Altern, von jenem bestimmten Kleine-Leute-Typ, der immer herbeiströmt, wenn etwas Ernstes geschieht, eine Feuersbrunst, ein Verbrechen, oder wenn ein Kind überfahren ward. Da stand der barfüßige Straßenjunge mit seinem Kreisel, ernst, mit aufgerissenem Mund, von kleineren Kindern umgeben, die kaum miteinander zu flüstern wagten, rotbäckige Weiber, die dicken, bloßen Arme über dem Leib gefaltet, Arbeiter vom Neubau in der Nähe, einige mit ihrem Werkzeug in der Hand, andere ohne Hüte, ein Beweis von der Eile, mit der sie ihre Arbeit verlassen hatten. Ferner sah man die Typen zufällig Vorbeigehender, wie man sie bei Aufläufen auf der Straße anzutreffen pflegt: Den feinen graubärtigen Herrn im Zylinderhut, der auf einem Spaziergang begriffen war, den Telegraphenboten, der von seinem Rad gestiegen ist, die verstörte alte Dame, die bereits ihr Taschentuch gezogen hat, der Herr im Rollstuhl, der unbarmherzig seinem Schicksal überlassen worden ist – alle vermischten sich ohne Standesunterschied zu einer flüsternden, erschreckten, fragenden Menge. Weit, weit hinten in der Straße aber sieht man einen Mann auf Flügeln von Staub dahergeeilt kommen, einen Boten aus entlegenen Stadtteilen, wo die Neuigkeit bereits hingelangt ist. Die Luft war neblig geworden, und ein kalter Wind, der Regen prophezeite, zerrte an den Bäumen des kleinen Gartens. Die geöffneten Fenster von Nummer 28 erschienen unnatürlich schwarz und gähnend, mit jenem drohenden Ausdruck, den Fenster in einem Haus haben, wo ein Unglück geschehen oder ein Feuer gerade gelöscht ist. Drinnen im Zimmer aber flatterten die Gardinen wie dunkle Schatten. XXIV. Blumen und schmutzige Finger Zum zweitenmal erschien Asbjörn Krag in Arnold Singers kleiner Wohnung. Mit dem Sinn für Kleinigkeiten, der für Polizeibeamte charakteristisch ist, erfaßte er auch jetzt sofort, wie rein und ordentlich alles in der kleinen Häuslichkeit gehalten war. Es sah aus, als ob die Angst und Aufregung der letzten Tage den Sinn für Sauberkeit bei der jungen Frau nicht im geringsten beeinträchtigt hätte, sogar frische Blumen standen auf den Borden ... Blumen! Krag blieb auf der Schwelle stehen und ließ die anderen vorangehen. Er blieb stehen und betrachtete die Blumen. Es waren ungewöhnlich zahlreiche und ungewöhnlich schöne Blumen. Erst als der Arzt sich Krag mit einem Gruß näherte, konnte der Detektiv sich von seiner Bewunderung für die schönen Blumen losreißen, – eine Bewunderung, die Keller so unangebracht vorkam, daß er seinen Freund vorwurfsvoll ansah. Der Arzt sagte: »Hier ist nichts mehr zu machen – ein Schuß durch die Schläfe – der den Tod sofort herbeigeführt hat. Ich werde später meinen ausführlichen Rapport einreichen.« »Wer hat nach Ihnen geschickt?« fragte Krag. Der Arzt deutete aufs Nebenzimmer. »Der da drinnen,« sagte er, »ein großer, dicker Mann, sein Vater, wie ich annehme.« Als Krag ins Nebenzimmer trat, war Keller bereits im Begriff, den Toten zu untersuchen. Krag blieb in der Tür stehen und nahm das Zimmer in Augenschein. Es war etwas kleiner als das erste, offenbar eine Art Ankleidezimmer in sehr anspruchslosem Stil. Das Zimmer hatte zwei Fenster, eins zur Straße und eins zum Hof. In dem Fenster zum Hof hatte Schutzmann 314 Clary Singer gesehen, als sie zu Tode erschrocken um Hilfe schrie. Beide Fenster standen offen und der feuchte Wind strich durchs Zimmer und machte die Stimmung drinnen noch ungemütlicher. Die Luft wurde immer dunkler, der Regen war nicht mehr fern. Der Arzt war gegangen, und außer Krag und Keller hielten sich nur zwei Menschen im Zimmer auf. Der eine war der Wirt vom »Vergoldeten Pfau«, der riesige Restaurateur Whist, der mit seiner ungeheuren Körperfülle das Fenster beschattete, und der, als er Asbjörn Krag ansichtig wurde, förmlich vor Ingrimm schwoll und schrie: »Sie! Sie – Sie!« Mit diesen Worten drückte er so deutlich wie es ihm möglich war, seinen Abscheu und sein Bedauern über das Geschehene aus. Der Wortvorrat dieses Kolosses schien ungewöhnlich beschränkt zu sein und seinen Gefühlen nicht Luft genug schaffen zu können, so daß er fast platzte. Krag trat auf ihn zu und ließ seine Hand in einer regenfeuchten Falte der Gewitterwolke verschwinden. »Wir sind hier, um Klarheit in das Vorgefallene zu bringen und das Verbrechen zu rächen,« sagte er, »uns brauchen Sie darum nicht böse zu sein.« »Nein, nein,« brummte das Morgengewölk, »aber seitdem ich Ihr Gesicht im Pfau gesehen hab', ist all dies Unglück über uns hereingebrochen.« »Doch nicht alles,« antwortete Krag, »denn es hatten sich schon Dinge zugetragen, bevor ich mich dort zeigte.« Krag wußte, daß das Morgengewölk diese Bemerkung nur halb verstehen würde, er hatte aber Lust, ihm in die Augen zu sehen. Sie glänzten grimmig wie immer in diesem gewaltigen und unnatürlichen Kopf, gleichzeitig aber drückten sie in diesem Augenblick eine gewisse Hilflosigkeit aus. Darauf wandte Krag sich an die zweite Person, die sich im Zimmer befand. Müde gegen den Fensterpfosten gelehnt, während sie mit ihren bebenden Händen die flatternde Gardine zurückzuhalten versuchte, stand Clary Singer. Krag faßte sie sanft am Handgelenk und führte sie sorgsam ins Nebenzimmer, wo 314 wartete. Sie ließ sich willig führen, es war, als ob sie ein gewisses Zutrauen zu ihm gefaßt habe. »Können Sie sich das Geschehene erklären,« fragte der Detektiv. Sie schüttelte nur den Kopf. »Nein,« antwortete sie hilflos. »Ich war ausgegangen, um Milch fürs Kind zu holen, das im Schlafzimmer schläft. Charlie lag auf dem Sofa und las. Er war gerade von der Polizei zurückgekommen, wo er sich ja jeden Tag melden muß. Ich kam mit der Milch zurück, öffnete die Tür zum Schlafzimmer und das Kind schlief noch immer. Es schläft auch jetzt noch. Wollen Sie es sehen?« »Nein,« antwortete Krag, »lassen Sie das Kind schlafen. Was dann weiter?« »Dann blieb ich am Fenster sitzen, wo ich die ganze Zeit gesessen habe, seit Sie mir Arnold genommen haben. Ich sitze am Fenster und sehe auf die Straße hinaus, denn ich erwarte ja noch immer, daß er jeden Augenblick zurückkommt. Ich bin fest davon überzeugt, daß Arnold nichts mit all diesen Geschichten zu tun hat. Ich weiß es, denn ich kenne ihn. Wenn die Polizei ihn besser kennte, würde sie es auch verstehen; wenn Sie ihn kennten, dann ...« »Hier ist nicht von Arnold die Rede,« unterbrach Krag sie, »sondern von Ihrem ermordeten Bruder. Wie entdeckten Sie den Mord? Haben Sie etwas gehört?« »Nein,« antwortete sie, »im Gegenteil, ich hörte gar nichts, ich hörte nicht einmal, daß er die Seiten seines Buches umblätterte, alles war totenstill. Das Furchtbare muß geschehen sein, während ich fort war. Gerade die furchtbare Stille weckte mein Mißtrauen. Sie wissen nicht, wie entsetzlich es ist, wenn man Stunde um Stunde wartet und nachts nicht schlafen kann, nein, Sie ahnen nicht, wie schrecklich es ist, wenn alles um einen herum still ist, totenstill. Während ich so saß, wurde ich ernstlich unruhig, weil ich nicht mehr hörte, wie er die Seiten umwandte, und schließlich rief ich zu ihm hinein: ›Charlie, schläfst du?‹ Er aber antwortete nicht. Da dachte ich: Er schläft. Und wieder saß ich eine lange Weile und lauschte, ob ich seine Atemzüge nicht hören könnte. Ich hörte aber nichts. Die Tür stand offen und ich dachte: Vielleicht ist er ausgegangen. Ich ging zur Tür und guckte hinein, und plötzlich meinte ich, daß ich einen furchtbaren Traum hätte, denn er lag mit den Füßen auf der Erde und dem Kopf auf dem Sofa, und Blut rann von seiner Stirn auf den Teppich. Und dann weiß ich nichts mehr von mir, bis ich am Fenster stand und schrie, während ein Schutzmann auf mich zukam ...« Sie sprach mit einer Art hysterischer Geschwätzigkeit, der Frauen bei nervösen Anfällen anheimfallen. Ihre Augen waren weit aufgerissen und verstört. Krag hieß sie zu dem Kind hineingehen und dort bis auf weiteres verweilen. Außerdem ließ er 314 an der Tür aufpassen, damit sie nichts Unüberlegtes tat. In dem kleinen Ankleidezimmer hatte Keller unterdessen eine sorgfältige Untersuchung des Toten vorgenommen. »Sehen Sie hier,« sagte er, als Krag hereintrat, »ein gewaltsamer, aber kurzer Kampf hat stattgefunden, die Kleider des Ermordeten sind auf der Brust aufgerissen und das Hemd ist zerfetzt. Das Gesicht des Toten spiegelt einen intensiven Schreck. Das ist indessen nicht das Wichtigste, sondern das Wichtigste ist, daß der Mörder deutliche Abdrücke seiner Finger auf dem Hemd hinterlassen hat. Endlich etwas, woran wir uns halten können. Was ist Ihnen denn ...« Keller sah seinen Kollegen bestürzt an. »Sie wittern durch die Luft wie ein Hund,« sagte er, »was soll das bedeuten?« »Das Wichtigste,« antwortete Asbjörn Krag halb abwesend, »das Wichtigste ist vielleicht dieser seltsame Duft. Kennen Sie ihn nicht aus dem Zimmer des verrückten Professors? Es ist derselbe Blumenduft und dieselben Blumen.« XXV. Das Kind und der Mord Keller stutzte. Er mußte Krag recht geben. In der kleinen Wohnung waren ungewöhnlich viele schöne und wohlriechende Blumen. Als Krag das vorige Mal hier gewesen war, hatte er die Blumen auch gesehen, aber er hatte gedacht, daß die stille und sympathische junge Frau Vorliebe für schöne Blumen habe und sich nicht weiter bei diesem Gedanken aufgehalten. Jetzt aber rief der Duft der Blumen mit intensiver Deutlichkeit die Erinnerung an den säuerlichen, fast friedhofsartigen Blumenduft in dem Zimmer des verrückten Professors wach. Auch jetzt umschwebte der Blumenduft einen ermordeten Menschen. Vielleicht war dies der Grund, daß die bunten Blumenfarben plötzlich so unheimlich wirkten und mit solcher Eindringlichkeit die Vorstellung von der Nähe des Todes hervorriefen. »Dieselben Blumen,« murmelte Krag. »Sehen Sie nur, dort auf dem Bord stehen ebensolche roten, japanischen Sonnenrosen wie bei dem verrückten Professor.« »Ich gebe zu, daß es mit diesen Blumen und diesem ermordeten Menschen ein seltsames Zusammentreffen ist,« sagte Keller, »die Blumen selbst aber scheinen mir hier durchaus nicht unerklärlich. Sie stammen allesamt aus dem Treibhaus des Abbés.« »Zweifellos.« »Nicht nur der verrückte Professor hat Blumen gestohlen, sondern auch der Gartenarbeiter Singer hat lange Finger gemacht.« Darauf antwortete Krag nicht. Lange konnte er seine Augen nicht von den Blumen losreißen; hätte jemand in diesem Augenblick in seinem Gesicht lesen können, würde er darin ein plötzliches Nachdenken bemerkt haben. Als er die bunten Farben der Blumen sah und den Wohlgeruch spürte, der wie ein Hauch von Gräbern und Friedhofskapellen durch seinen Kopf zog, war es, als ob er zum erstenmal das Geheimnis ahnte, das schließlich alles erklären sollte, was jetzt so geheimnisvoll erschien. Indessen war Keller in den Toten und die Fingerabdrücke vertieft, die ihn weit mehr zu interessieren schienen als die Blumen, die die Wohnung schmückten. Mit Hilfe der schmutzigen Fingerabdrücke, die der Verbrecher auf der Fensterbank hinterlassen hatte, war es ihm ein Leichtes, festzustellen, daß der Mörder auf diesem Wege ins Zimmer gekommen war. Wahrscheinlich hatte Charlie versucht, ihn zu entwaffnen, ein heftiger, kurzer Kampf war entstanden, worauf Charlie von einem Schuß aus nächster Nähe durch den Kopf getötet worden war. Darauf hatte der Mörder das Zimmer ganz ruhig durch die Tür verlassen. Dies alles erklärte Keller Krag mit großem Eifer. Um den Mörder identifizieren zu können, riß er ein Stück von Charlies Hemd ab und legte es sorgfältig in sein Taschenbuch. Der dicke Wirt horchte mit steigender Unruhe und Interesse auf das Gespräch der Detektive, während sie murmelnd und forschend über den Toten gebeugt standen und mit einem Vergrößerungsglas die Flecke auf der weißpolierten Fläche der Fensterbank untersuchten. Er hörte sie folgendes sagen: »Von dort muß er gekommen sein.« »Er hat Charlie durch das geöffnete Fenster gesehen.« »Der Schuß muß gefallen sein, während der Schutzmann in der Nähe des ›Pfau‹ nach ihm suchte.« Da brummte die Gewitterwolke zornig: »Soll der ›Pfau‹ vielleicht auch an diesem Mord schuld sein, meine Herren?« Krag antwortete ihm: »Sie scheinen mehr um Ihr Wirtshaus als um Ihren Sohn besorgt zu sein?« »Der ist ja tot,« antwortete die Gewitterwolke mit einer Logik, die keiner von den anderen verstand. Und er fügte hinzu: »Außerdem ist er ja erst kürzlich aus dem Gefängnis gekommen. Er hat nie ordentlich arbeiten wollen. Vielleicht hält der Tod ihn davon zurück, daß er von neuem dorthin kommt.« »Wissen Sie, ob er Feinde hatte?« »Ich kenne weder seine Feinde, noch seine Freunde.« »Wer hat nach Ihnen geschickt?« »Ich nehme an, daß es einer von den Schutzleuten war. Ich aber habe nach dem Arzt telefoniert.« Krag forderte ihn auf, seine Tochter und ihr Kind mit sich nach Hause zu nehmen. »Lieber wie gern,« brummte die Gewitterwolke bitter und wehmütig, »und dort soll sie bleiben. Ich hätte sie nie fortgeben sollen. Alles Unglück stammt von damals, als sie mich verließ, um mit dem Maler davonzugehen.« »Maler?« fragte Krag. »Meinen Sie den Gartenarbeiter Singer?« »Meinetwegen können Sie ihn auch Gartenarbeiter nennen. Er hat nie feste Arbeit gehabt. Als er zu mir kam, war er Maler. Er ist es, der alle Pfauen in meinem Hotel gemalt hat. Der ist nun auch fort. Den haben sie schon gefaßt, und den da drinnen können sie nicht mehr kriegen. Ich gehe jetzt und nehme meine Tochter mit mir, die sollen sie jedenfalls nicht bekommen und mich auch nicht, und wenn sie zehntausend Teufel auf uns hetzen, um uns ins Elend zu bringen.« Es war lange her, seit das Gewittergewölk sich so kräftig entladen hatte, und er atmete mühsam nach der Anstrengung. Krag hielt ihn am Mantelaufschlag zurück. »Einen Augenblick noch,« sagte er. »Hat wirklich Arnold Singer die Pfauen gemalt?« »Ja.« »Gut gemacht,« sagte er, »ein bedeutendes Malertalent, ungewöhnlich und etwas degeneriert, doch bedeutend.« Krag äußerte sich über Blumen und Kunst, als ob er seine Meinung in einer Ausstellung zum Besten gäbe. Es klang seltsam an diesem Schreckensort, wo Polizeihelme blitzten, eine erschreckte Volksmenge im Regenwetter vor den flatternden Gardinen wartete, eine blutige Leiche im Zimmer lag und das verzweifelte Weinen einer Frau zu hören war. Krag stand noch immer und bewunderte die Blumen, als Clary mit dem Kind auf dem Arm und von dem Koloß geleitet, die Wohnung verließ. Gerade, als sie die Schwelle überschreiten wollte, erwachte das Kind und legte seine runden Ärmchen um den Hals der Mutter, während seine Augen, die von Gesundheit und Schlaf blank waren, von dem blitzenden Messing der Schutzmannhelme eingefangen wurden. In diesem Kinderblick, aus dem Unschuld und Spiel sprach, erreichte der Gegensatz zwischen dem frommen Anfang des Lebens und seiner schweren und gefahrvollen Entwicklung fast das Sublime. Als das Kind fort war, erschien das Elend in diesem zerstörten Heim doppelt sinnlos. Doch Polizeibeamte bekommen so viel Derartiges zu sehen, daß es sie schließlich nicht mehr berührt. Darum fiel es auch Keller nicht schwer, seinen polizeimäßigen Ton wieder aufzunehmen. »Der Mord hat in der Viertelstunde stattgefunden, als Clary Singer fort war, um die Milch zu holen. Genau in dieser Viertelstunde hat der Schutzmann 314 das ›Gefängnisgesicht‹ durch das Häuserviertel vor sich her gejagt. Das ›Gefängnisgesicht‹ muß sich in dem Augenblick hier in der Nähe aufgehalten haben. Wahrscheinlich hat er den Mörder gesehen, oder er ist selber der Mörder gewesen.« »Einverstanden,« sagte Krag. »Und da wir den Fingerabdruck haben,« fuhr Keller fort, »wird es uns ein Leichtes sein, festzustellen, inwieweit letztere Annahme richtig ist.« Bevor eine Stunde um war, war man sich über folgendes klar: Die Fingerabdrücke auf dem Hemd des Ermordeten führten auf einen Mann zurück, der kürzlich aus dem Gefängnis entlassen war, wo er wegen Raubmordversuch gesessen hatte. Der Name des Mannes war Georges . Als man im Verbrecheralbum nachschlug, zeigte es sich, daß Georges mit dem ›Gefängnisgesicht‹ identisch war. Charlie war also von dem Mann ermordet worden, den 314 vor sich hergejagt hatte. Dieses Resultat hatten die beiden Detektive halb und halb erwartet. Was man indessen nicht erwartet hatte, war die Aufklärung, die man aus dem Verbrecheralbum bekam, wo unter anderem stand: Georges, geboren 1879, ehemals Steuermann auf dem Segler ›Eddystone‹ ... »Ich hätte darauf schwören mögen, daß er Seemann war,« sagte Keller, »so wie der Kerl klettern konnte.« ›Eddystone,‹ sagte Asbjörn Krag nachdenklich. »Jetzt sind wir wieder bei dem Märchendichter und den bunten spanischen Farben angelangt. Denn von der ›Eddystone‹ ist H. C. Andersen verschwunden, nicht der Verfasser des ›Häßlichen grauen Entleins‹, sondern sein Namensvetter Hans Christian Andersen, Eigentümer des Halstuches aus Bilbao.« XXVI. Die Finger. Im Gefängnis erfuhren sie ferner, daß Georges nach abgelaufener Strafzeit, vor ungefähr einem Monat entlassen worden war. Sein Betragen war während der Gefängniszeit nicht exemplarisch gewesen; ein paarmal hatte er Disziplinarstrafen bekommen, das letztemal wegen eines Meutereiversuches. Der Gefängnisprediger gab ihm das Zeugnis, daß er ein ungewöhnlich verschlossener, trotziger und streitbarer Mensch war. Der Aufenthalt im Gefängnis hatte keinen guten Einfluß auf ihn gehabt, schrieb der Prediger und fügte hinzu: »Vielleicht hat der Verlust der Freiheit auf diesen Mann, der von frühester Jugend an volle Freiheit auf allen Meeren der Welt genossen hatte, einen moralisch niederdrückenden Eindruck gehabt –« Jetzt galt es, Georges' habhaft zu werden, und die Detektive gaben sich der Hoffnung bin, daß man ihn bald finden würde, denn da das Signalement überall ausgegeben war, konnte ein Mann mit solch ausgeprägtem Äußeren sich nicht lange verborgen halten. Ein merkwürdiger Umstand bei dem letzten Mord war, daß die Detektive sich nicht klar darüber werden konnten, ob es sich um einen direkten Mord oder einen Mord aus Notwehr handelte. Was hatte Georges außerdem damit bezweckt, als er Krag und Dr. Wide in Abbé Montroses Garten auflauerte? Gab es irgendeinen Zusammenhang zwischen ihm, der Tragödie Montrose und der Ermordung des armen verrückten Professors? Was stützte die Annahme, daß er an diesen Affären teilhaftig war? Einer von Strantz' Mördern gehörte zu der Besatzung des Schiffes »Eddystone«. Das Gefängnisgesicht war früher Steuermann an Bord dieses Schiffes gewesen. Das Gefängnisgesicht war auf dem Korridor im »Vergoldeten Pfau« unmittelbar vor Strantz' Ermordung gesehen worden. Alle diese Umstände, die sich aneinanderreihten, konnten unmöglich zufällig sein. Ferner war er vor 314 geflüchtet ... (weil er ein schlechtes Gewissen hatte). Jetzt kamen indessen die Widersprüche (so schlossen die Detektive). Hat Georges Charlie ermordet, weil er sich von der Polizei hart bedrängt fand und weil Charlie seine Flucht zum Husarenweg hinderte? Oder – hatte Georges durch Zufall Charlie entdeckt und eine bestimmte Ursache gehabt, ihn niederzuschießen? Die Detektive neigten letzterer Auffassung zu, obgleich Georges offenbar keinen Versuch gemacht hatte, den Ausgang durch das Haustor mit Gewalt zu erzwingen (das Hoftor war verschlossen, aber nicht verriegelt); er war geradewegs auf das geöffnete Fenster losgegangen. Charlie, der auf dem Sofa lag und las, konnte leicht vom Hof aus gesehen werden. Hier fügte Asbjörn Krag, während sie darüber hin und her sprachen, folgende allgemeine Betrachtungen hinzu: »Alles deutet darauf, daß Georges durch eine Reihe von Zufälligkeiten auf den Hof von Arnold Singer gelangt ist. Da er die ganze Zeit vom Schutzmann verfolgt wurde, hat er sich von Straße zu Straße und schließlich von Hinterhof zu Hinterhof geschlichen. Er kannte natürlich die Schleichwege durch das alte Viertel, das die Himmelsgasse vom Husarenweg trennt. Er wußte, daß er durch das Tor von Arnold Singers Haus auf den Husarenweg gelangen konnte. Als er aber auf den Hof kam, erblickte er durch das offene Fenster Charlie, der im Zimmer auf dem Sofa lag. Er vergißt seine eigene gefährliche Lage, vergißt, daß er sich durch das Tor retten kann, er wird von einer plötzlich auftauchenden, alles beherrschenden Idee erfaßt, daß er nämlich den Mann, der dort liegt, ermorden will. Und er führt seine Absicht aus, obgleich er weiß, daß der Schutzmann ihm auf den Fersen folgt. Daß er trotzdem entkommt, hat er dem Zufall, nicht seiner Geschicklichkeit zu danken. Warum hat er diesen Mord verübt?« Keller, der in den Rapport des Gefängnispredigers und das Protokoll über Fingerabdrücke vertieft war, hatte Krag nur mit halbem Ohr zugehört. Jetzt blickte er auf. »Ich habe mir immer vorgestellt,« sagte er, »daß ein Wahnsinniger mit Mordmanie genau auf solche Weise auftritt.« »Ein Wahnsinniger,« murmelte Krag, »damit würde ja die Annahme, daß Georges an der Tragödie Montrose beteiligt ist, fortfallen. Außerdem ist es ein alter Aberglaube, daß Wahnsinnige mit Mordmanie auf solche Weise auftreten. Wenn es Georges Absicht oder – wenn Sie lieber wollen – sein Instinkt gewesen ist, des Mordes wegen zu töten, dann wäre es wahrscheinlicher gewesen, daß er mit dem Revolver in der Hand dem Schutzmann entgegengetreten wäre, der ihn verfolgte. Nein, ich glaube bestimmt, daß Georges die ganze Zeit bei vollem Verstand gewesen ist. Anfangs ist es nur seine Absicht gewesen, dem Schutzmann zu entkommen; dann aber, als er den Hinterhof von Arnold Singers Haus erreichte, hat er durch das offene Fenster Charlie gesehen – und von einer momentanen Eingebung getrieben, hat er gehandelt.« »Welche Eingebung?« fragte Keller. »Die Eingebung, die einen Menschen ergreift, wenn er sieht, daß er endlich am Ziel ist.« »Meinen Sie, daß Charlie das Ziel war?« »Charlie zu ermorden war Georges Ziel.« »Warum hat er ihn dann nicht früher getötet?« »Weil er ihn früher noch nicht gefunden hatte.« »Meinen Sie, daß er sich in unserer Nähe herumgeschlichen hat, weil er glaubte, Charlie in unserer Gesellschaft zu finden?« Darauf antwortete Krag nicht. Er zuckte nur die Achseln – eine Geste, die bedeuten kann, daß man nichts weiß und daß man sehr viel weiß. »Warum aber mußte Charlie sterben?« Dieselbe vielsagende oder nichtssagende Geste. »Es ist sonderbar,« fuhr Keller fort, »während wir uns mit der ursprünglichen Affäre beschäftigen, mit Abbé Montroses rätselhaftem Verschwinden, dringt das eine unerwartete Ereignis nach dem andern auf uns ein. Kaum aber sind die Ereignisse eingetroffen, so zeigt es sich, daß sie allesamt miteinander in Verbindung stehen, daß sie sich ineinander flechten, wie die Blätter in einem Kranz. Was aber mag es zu bedeuten haben, daß wir nichts von dem, was kommen wird, ahnen, und daß Mordtat und Mordtat unerwartet über uns hereinbricht? Das bedeutet nichts anderes, lieber Krag, als daß wir noch vollkommen im Dunkeln tappen. Und in dieser verflucht hoffnungslosen Situation greifen wir in der Verzweiflung nach den sinnlosesten Lösungen. Wissen Sie, was ich in dem Augenblick dachte, als ich die Spuren von den Fingern des Mörders auf Charlies Hemd sah?« »Sie dachten einen Augenblick,« antwortete Krag, »daß es die Spuren von Abbé Montroses Finger seien.« »Ja,« gestand Keller und blickte auf. Seine Stimme klang erregt, er konnte kein Wort mehr hervorbringen. Der Gedanke allein ließ sein Blut erstarren. Kurz darauf sagte er leise: »Sie lachen.« Krag wurde wieder ernst. Er fuhr zusammen, als ob er aus tiefen Grübeleien geweckt worden sei. XXVII. Die Jagd Dies Gespräch fand in Kellers privatem Kontor in der Detektiv-Abteilung statt. Während der letzten Minuten hatten elektrische Glocken unaufhörlich in den angrenzenden Zimmern geläutet. Krag ging zur Tür. »Die Polizeibehörden fangen an zu telefonieren, wie es scheint,« sagte er, indem er seine Uhr zu Rate zog. »Wir können jetzt die ersten Berichte erwarten.« Er nickte und schickte sich zum Gehen an, besann sich aber wieder. »Nein, ich habe nicht gelacht,« sagte er. »Das kam mir doch so vor,« antwortete Keller, »es war aber auch ein wilder Einfall von mir.« »Sie haben recht,« sagte Krag. »In einer Lage wie dieser verfällt man auf die merkwürdigsten Ideen, und es war nicht meine Meinung, Sie mit Hohn zurückzuweisen. Ich muß gestehen, ich wußte nicht einmal, was Sie sagten, ich hörte nur den Klang Ihrer Worte. Und wenn ich den Mund ein wenig verzog, bedeutete es nur, daß ich in Betrachtungen vertieft vor mich hinlachte, so zerstreut, als ob ich ferne Musik hörte.« Keller erhob sich heftig und schlug mit der flachen Hand auf den mit Papieren bedeckten Tisch. »Nein, jetzt werden Sie mir zu poetisch,« rief er halb scherzend, halb ärgerlich. »Sie sprechen nur noch von Rosen und Märchendichtern und Musik. Was meinen Sie mit dieser letzten Bemerkung?« »Ach, nichts Besonderes,« antwortete der andere gutmütig. »Ich wollte nur bildlich ausdrücken, daß ich eine Ahnung habe, mir ist, als ob ich ferne Musik hörte, oder Duft von Blumen spürte, die ich nicht sehen kann. Ich bin kein Dichter, aber ich wünschte, daß ich in der unbestimmten und unbestimmbaren Form eines Dichters meine Gefühle darlegen könnte, wenn ich ahnungsvoll merke, daß mein Sinn im Begriff ist, das Richtige, das Licht, die Lösung einzufangen. Was ich jetzt empfinde, empfindet sicher auch ein Dichter, der lange mit der Vollendung eines Werkes gekämpft hat und plötzlich die erlösende Stimmung fühlt, nicht deutlich und handgreiflich, sondern ahnungsvoll herannahend und wachsend. Jetzt will ich nur noch alles sammeln, Keller, dann habe ich die Lösung, das Licht. Es ist eine höchst sonderbare Affäre.« Keller erinnerte sich nicht, seinen Freund je so erregt gesehen zu haben und blickte ihm erschrocken und verwirrt nach. Krag ging durch den langen Korridor, der die Halle des Detektiv-Gebäudes mit der eisernen Treppe verband, die zum Zellengefängnis führte. Auf dem Korridor begegnete er einem zivilgekleideten Detektiv, dessen Beinkleider am Fußgelenk mit Fahrradspangen zusammengehalten waren. Er ließ ihn vor sich in einen großen Raum treten, wo mehrere andere Detektive saßen und an einem großen Tisch mit grünem Tuch warteten. Es war das Sitzungszimmer der Kriminalpolizei, voll von Telephonapparaten und Handbüchern, im übrigen aber nur spärlich möbliert; außer dem großen Tisch waren da nur einige unbequeme Stühle und ein riesiger Wandschrank. Während der vor ihm eingetretene Detektiv sich ans Telephon begab, begann Asbjörn Krag eine Unterhaltung mit den anderen Detektiven. Einer von ihnen verabschiedete sich, nachdem er einen kurzen Bescheid von Krag bekommen hatte; andere fanden sich ein, ein Schreiber in Uniform kam mit Papieren herein, die er auf den grünen Tisch legte, worauf er wieder verschwand. Währenddessen läuteten die Telephone mit ihrem scharfen knatternden Metallklang. Ein Mann in der Uniform der Gefängniswärter kam mit einem Brief herein, den er Krag übergab, und den dieser ungeöffnet in der Hand behielt, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte. Ein dicker Polizeikommissar, der vor Wärme stöhnte und seine Uniform aufgeknöpft hatte, legte ein großes, rotgerändertes Plakat auf den Tisch. Krag besah es und nickte beifällig. Es war das Plakat mit dem Signalement des »Gefängnisgesichtes«, das an alle Anschlagsäulen geklebt werden sollte. Es wurden nur kurze und leise Worte gewechselt. Keiner sagte etwas Überflüssiges. Hin und wieder hörte man das Hallo! Hallo! der Beamten, die am Telephon saßen. So sah es in der Zentrale der Kriminalpolizei an Mordtagen aus oder wenn sonst etwas Ungewöhnliches im Gange war. Eine intensive Geschäftigkeit, aber keine Verwirrung. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen von Männern, deren Äußeres in keiner Weise mit dem landläufigen Begriff übereinstimmte, den man von Detektiven hat. Kräftige Männer mit einem militärischen Zuschnitt, blauäugig und aufgeweckt, zu Rad heimkehrend und wieder forteilend. Der einzige, der von diesen Menschen abstach, war Asbjörn Krag, der seine Lieblingsstellung am Fenster einnahm, den Rücken dem Licht zugekehrt, den Brief, den er soeben erhalten hatte, lesend. Seine Gesichtszüge waren ausdrucksvoller, verfeinerter; mit seiner Glatze sah er eher wie ein Richter, ein Assessor, als wie ein Detektiv aus. So war das Leben in diesem ungemütlichen, kasernengelben Raum mit den kahlen Fenstern, ein Leben, das verdichtete zielbewußte Geschäftigkeit, intensives Streben ausdrückte. Draußen in der grauen Steinwüste der Großstadt aber ahnte man das Wild, den Mörder, der sich in dem Menschengewühl und den dunklen Schatten verbarg, bebend gehetzt mit Todesgewißheit im Blick. Wenn ein Unbefugter während dieser Stunden in die Zentrale der Kriminalpolizei gekommen wäre und eine Weile den Befehlen und Bruchstücken der Unterhaltung gelauscht hätte, würde er sehr bald zu der Überzeugung gekommen sein, daß man hier nach einem bestimmten Plan arbeitete. Währenddessen beantwortete Krag eine telephonische Mitteilung und man konnte ihn sagen hören: »Nehmen Sie die Wirtschaften in der B.-Straße vor und dann alle Seemannskneipen am Kai.« Oder: »Sie sind im Seemannshaus gewesen? Gut. Es gibt auch noch ein Heim für christliche Seeleute am Viktoriakai, gehen Sie dort auch hin.« Oder: »Schicken Sie Johnson zu den Dampfschiffsgesellschaften.« Oder: »Veranlassen Sie, daß keine Segelschiffe auslaufen.« Da rief der Mann am Telephon laut durchs Zimmer: »Pat hat eine Spur auf dem Kohlenkai entdeckt, hat sie aber wieder verloren.« Krag, der gerade mit dem Chef der Polizei im Gespräch stand, nickte nur. Der Polizeichef war einen Augenblick in die Kriminalabteilung gekommen, um persönlich zu hören, wie die Sache stand. Seine Exzellenz war nervös. Das Ansehen der ganzen Polizei stand auf dem Spiel. Er spürte bereits eine unerhörte Aufregung in den Zeitungsredaktionen. Er nahm nicht selbst an der Arbeit teil, als oberster Chef aber trug er die Verantwortung. In einer Stunde sollte er zu einer Mittagsgesellschaft beim Minister und er wollte gern (Krag kannte seine Eitelkeit und lächelte), er wollte gern die Neuigkeit von der Verhaftung beim Mittagessen mitteilen, wie der mächtige Polizeichef solche Neuigkeiten mitzuteilen liebte, unberührt lässig, mit einem eisgrauen Polizeiblick: »Liebe Frau X. Wir haben den Mörder um 6 Uhr 34 gefaßt.« Und Krag sagte: »Er kann uns nicht entgehen, Ew. Exzellenz, wir sind ihm auf den Fersen, ich meine bereits seine fliehenden Schritte zu hören. Der da (er zeigte mit dem Kopf auf den Detektiv mit den Fahrradspangen) berichtete, daß er nach der Mordtat nicht in das kleine Zimmer, das er bewohnt, zurückgekehrt ist. Er hat es nicht gewagt, denn er weiß, daß wir hinter ihm her sind. Ich hatte übrigens erwartet, daß er sich gutwillig melden würde.« »Wirklich,« sagte der Polizeichef erstaunt. »Warum glaubten Sie das?« »Ich dachte es mir, nachdem ich das Motiv zur Tat geprüft hatte.« Krag legte die Hand auf den Brief, den er soeben erhalten hatte. »Das Motiv habe ich hier,« sagte er, »der Ärmste mag aber doch noch an die Möglichkeit einer Flucht geglaubt haben. Er ist langjähriger Seemann und weiß, daß gerade in dieser Zeit Seeleute knapp sind und mancher notleidende Kapitän gern Schleichwege geht, um einen Mann zu bekommen. Vielleicht kennt er auch irgendeine gewissenlose Person, die willig ist, ihm zu helfen. Unsere Leute aber sind überall. Jedes Schiff ist unterrichtet, jedes Heuerkontor, Seemannsheim, jede Kneipe. Vielleicht zögert er noch etwas, weil er ängstlich ist, aber er wird sicher bald kommen.« »Ich erwarte weiteres auf meinem Kontor,« sagte Seine Exzellenz. »Telephonieren Sie mir bitte sofort.« Und die intensive Geschäftigkeit in der Zentrale der Kriminalpolizei nahm ihren Fortgang. Leute kamen und gingen. Die Berichte folgten einander. Schließlich trat der Augenblick ein, den viele Menschen von anderen Verhältnissen im Leben kennen. Jener Augenblick, wo man an einem heftigen Ruck der Lebensäußerungen um sich her, an der abnehmenden Geschäftigkeit und dem hastigen Atemholen merkt, daß eine Entscheidung gefallen ist. Plötzlich läutete eine Glocke ungewöhnlich grell, und alle Stimmen vermischten sich zu einem vielstimmigen Gemurmel, als ein verstaubter und schweißtriefender Radfahrer ins Zimmer gestürzt kam; die Tür wurde aufgerissen und blieb weit offen stehen, so daß man viele herbeieilende Schritte auf dem Gang hörte. Dann fielen die drei Worte, kurz und scharf: » Wir haben ihn. « XXVIII. Die Peitschenschläge Er saß hinter der Schranke auf der Polizeibehörde B. unten beim Hafen. Er war zaghaft auf das Heuerkontor der Seemannsmission gekommen mit der Mütze m der Hand und hatte mit heiserer Stimme gefragt, ob es für einen geübten Seemann Heuer gäbe, und dann hatte man ihn gleich verhaftet, denn ein Detektiv hatte schon dort gesessen und gewartet. Er sagte nur: »Es ist gut« – und seither hatte er nichts wieder geäußert. Man hatte ihm einen Revolver, in dem noch vier Schüsse waren, abgenommen. Jetzt saß er auf der Bank hinter der Schranke, vornübergebeugt, die Arme auf die Knie gestützt. Hin und wieder sah er zu dem Schutzmann auf und reckte seinen Körper, eine Bewegung, mit der er stumm eine Art trotzige Selbstaufgabe ausdrückte. Die Schutzleute behandelten ihn gemütlich, wie die Polizei stets das Wild behandelt, wenn es eingefangen und in ihrer Gewalt ist. Er bekam Kaffee und Brot, das er begehrlich hinunterschlang, und Tabak wurde ihm angeboten, den er indessen nicht annahm. Er habe selbst Tabak, sagte er. Als der Assistent ihn fragte: »Warum haben Sie den armen Burschen erschossen?« Antwortete er: »Weil er es verdient hat.« Worauf er trotzig seine Muskeln streckte und schwieg. Bald darauf kam Krag herein und setzte sich neben ihn auf die Bank hinter der Schranke. Er behielt seinen Regenmantel an, hatte aber seinen Filzhut in der Hand. Er war allein in einem Auto vom Polizeiamt gekommen. »Sie haben ein sauberes Stück Arbeit ausgeführt,« sagte Krag zu ihm. Georges richtete sich höher auf, aber rückte etwas zur Seite auf der Bank, um nicht so dicht neben dem Detektiv zu sitzen. »O ja, es war ganz gut gemacht,« sagte er und lachte. Ein sonderbares Lachen in diesem graubleichen, unberührten Gesicht. Das schwache Geräusch von Wagenrollen und Straßenbahngeklingel drang halb erstickt durch die dicken Wände. Wie ein Blitz schoß der Gedanke Krag durch den Kopf: Die Stadt draußen, Tausende von Menschen, beschäftigten sich jetzt mit dieser alles überragenden Mordsensation. Durch ein meilenweites Gewimmel von Straßen gellt es: Der Mörder, der Mörder, habt ihr ihn? Wo ist er? Wie bei einer Katastrophe, die alle mit Tod bedroht, bei einem unheilverkündenden Wahrzeichen, das alle sehen können, ist die Bevölkerung, der Begriff alle , von einem gemeinsamen schreckgemischten Verlangen besessen, etwas von diesem einen Menschen zu erfahren. Wo ist er? Durch welche unserer unzähligen menschenbelebten Straßen eilen jetzt seine verängstigten Schritte? Und nun sitzt er hier in diesem engen und düsteren Raum, von einer bläulichen Gasflamme beleuchtet, die von einer frisch gekalkten Decke herabhängt, und zeigt ein Lächeln in einem schmutzigblassen, unglaublich müden Gesicht. Er hat braune, von Tabak verdorbene Zähne. Krag sagte zu ihm: »Wenn die Verhältnisse anders gewesen wären, hätte ich gern gesehen, daß Sie auf das Meer entkommen wären, an Bord eines Segelschiffes zum Beispiel. Stellen Sie sich vor, wenn Sie in diesem Augenblick auf einem schaukelnden Deck stünden, während die Leuchtfeuer hinter Ihnen verschwänden.« »Es ist gut, so wie es ist,« sagte Georges und schwang seine Mütze. »Wie lange dauert es?« »Was?« »Bis ich gehängt werde?« »Vielleicht werden Sie gar nicht gehängt. Das kommt drauf an.« »Nein, es ist unmöglich,« antwortete Georges, »es ist unmöglich, zum Teufel.« Er blickte sich im Zimmer um wie ein Mensch, der erwacht und sein Auge blieb an dem Revolver haften, der auf dem Tisch lag. Asbjörn Krag machte ein Zeichen und der Polizeibeamte steckte den Revolver in die Tasche. »Der soll Sie nicht mehr in Versuchung bringen,« sagte der Detektiv freundlich zu Georges. Das »Gefängnisgesicht« beugte den Kopf und ließ ein tiefes Brummen hören, das ganz unten aus der Brust zu kommen schien. Krag bat jetzt, daß man ihn mit dem Gefangenen allein lassen möge und die beiden Polizeibeamten entfernten sich, obgleich sie dem Verhör gern beigewohnt hätten. Der eine nahm ein Stück Papier und der andere ein Protokoll; auf diese Weise pflegen Menschen aufzutreten, die nur notgedrungen ein Zimmer verlassen. Das »Gefängnisgesicht« begriff, daß das Verhör beginnen sollte, und wurde offenbar unruhig. Er rückte noch weiter von Krag ab. Sie saßen da und sprachen wie zwei, die zufällig nebeneinander in dem Wartesaal eines Bahnhofes sitzen. Dieser Vergleich fiel Asbjörn Krag ein, als er die gelbe blankgescheuerte Bank sah. Wenn die Unterhaltung zu Ende war, würden sie sich trennen und jeder seinen Zug besteigen. Krag würde zum Leben und zu allem, was es bot, zurückkehren – der andere aber hatte nur die unwiderrufliche letzte Reise ins Nichts vor sich. Sie waren gleich alt, der eine aber war frei und der andere gezeichnet. Der eine triumphierte, der andere saß bebend und wünschte sich den Tod und kämpfte mit einem seltsamen rauhen Husten, der unterdrücktem Weinen glich. Krag fragte: »Sind Sie heute im Garten der katholischen Gemeinde gewesen?« »Ja.« »Warum?« »Weil ich nach ihm, dem Schuft, suchte. Ich wußte ja, daß er an der Sache mit dem Priester beteiligt war. Und da dachte ich: Früher oder später wird er sich wohl in Gesellschaft der Detektive zeigen. Und dann kommt die Reihe an mich.« »Bereuen Sie nicht Ihre Tat?« »Nein.« »Würden Sie es noch einmal tun?« »Ja.« »Hatten Sie denn etwas verbrochen, bevor Sie den Mord ausführten? Warum flohen Sie vor dem Polizeibeamten?« »Ich fürchtete, daß man mich wieder verhaften würde. Mit einem verdächtigen Menschen, der so aussieht wie ich, pflegt nicht viel Federlesens gemacht zu werden.« »Es war also ein reiner Zufall, daß Sie Charlie Whist hinter dem Fenster entdeckten?« »Ja.« »Womit wollen Sie sich verteidigen?« »Mit nichts. Ich will meine Sache so schlecht wie möglich darstellen.« »Ein Rachemord ist ein überlegter Mord, damit machen Sie Ihre Sache auch nicht besser. Sie können gern die Wahrheit eingestehen.« Der Mörder richtete sich wieder auf und lehnte den Oberkörper nach hinten, als ob ihm das Atmen schwer würde; wenn er ausatmete, röchelte es leise in seiner Brust. Wie deutlich drückte dieses beschwerliche Atmen seine Qual aus, seine Hoffnungslosigkeit und gleichzeitig seine erbitterte Selbstbehauptung! Plötzlich riß er seine Jacke und sein Hemd von den Schultern. Über seiner nackten Haut liefen die breiten Spuren von Peitschenschlägen. Krag betrachtete voller Mitgefühl seine Augen, in denen eine verzweifelte Frage, eine stumme Anklage über eine unerhörte Kränkung leuchtete, die nur der Tod rächen konnte. »Ich geriet ins Gefängnis,« sagte der Mann, »weil ich in der Heftigkeit einen gemeinen Schlingel zu hart angepackt hatte.« »Warum aber ertrugen Sie die Gefängnisstrafe nicht mit Geduld?« »Wer ergreift nicht eine günstige Gelegenheit, wenn sich ihm eine bietet? Mir bot sich solche Gelegenheit, und unsere Flucht wäre geglückt, wenn wir nicht von diesem elenden Gewürm Charlie verraten worden wären.« »Das alles weiß ich,« unterbrach Krag ihn, der den Mann gern beruhigen wollte. »Der Gefängnisdirektor hat es mir geschrieben. Charlie, der gleichzeitig mit Ihnen in Haft war, hat Sie verraten. Sie mußten sich einer Disziplinarstrafe unterziehen, das ist hart, aber gerecht. Bedenken Sie, im Gefängnis sitzen zweitausend Verbrecher, dazwischen Mörder, die vor nichts zurückscheuen.« Georges hatte ihm gar nicht zugehört. Er mußte seinem Zorn über die Demütigung, den tödlichen Schimpf, den er erlitten hatte, Luft machen. »Warum hat dieser fette, krummbeinige Bengel uns verraten? Um ein besseres Bett zu bekommen und Zigaretten und Weißbrot zum Kaffee. O wie freute ich mich, als ich ihn gepackt hatte. Ich sah an dem Schreck in seinen Augen, daß er alles begriff. Warum sollte ich ihn schonen? Ich träume noch oft von dem Raum mit den dicken Wänden und dem Arzt, der untersuchen sollte, wieviel Schläge ich vertragen konnte, ich , ein ehrlicher Seemann, nein ...« Er schüttelte den Kopf und kniff die Lippen zusammen. »Nein, es ist gut so,« sagte er, »ich bereue nichts.« Krag ließ jetzt die anderen Polizisten wieder hereinkommen und trug ihnen auf, den Gefangenen in eine Zelle zu führen. Als der Detektiv im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, sagte er noch wie zufällig zu dem Gefangenen: »Sie sind ja Steuermann an Bord der ›Eddystone‹ gewesen. Kennen Sie einen Matrosen, der Hans Christian Andersen heißt?« »Ja. Das ist kein guter Mensch, er ist an Land jetzt, ich sah ihn neulich im ›Pfau‹, wo er ein Mädchen hat, ›die rote Dora‹.« »Haben Sie mir ihm gesprochen?« »Nein.« »Mehr habe ich Sie vorläufig nicht zu fragen,« sagte Krag freundlich, »ich wünsche Ihnen die Ruhe und den Frieden, den Sie nötig haben.« Krag schickte das Auto fort und ging zu Fuß zum Polizeiamt zurück. Er wollte sich etwas vom Herzen wälzen, das ihn aufs Tiefste verstimmte. Und als er mir hockgeschlagenem Mantelkragen, die Hände in den Taschen, in dem regenschweren und dunklen Abend durch die Stadt wanderte, konnte er sich nicht von den traurigen Betrachtungen über die unbarmherzigen Zufälle des Lebens, die auf ihn eindrangen, freimachen. Er sah Clarys verständnislose und schmerzerfüllte Augen vor sich und meinte ihr kindliches Weinen zu hören, er sah die Augen des Mörders Georges mit ihrem hoffnungslos fragenden Blick, und meinte die seltsamen Stöße aus seiner eingesunkenen Brust zu hören. Zur selben Zeit war seine Exzellenz, der Polizeichef, so glücklich, seiner Tischdame auf der Mittagsgesellschaft beim Minister erzählen zu können: »Gnädige Frau! Wir haben den Mörder um sieben Uhr gefaßt.« Diese Worte wurden von seiner nächsten Umgebung aufgefangen; alles verstummte und blickte mit unverhohlener Bewunderung auf den zierlichen Herrn mir dem stahlgrauen Blick. XXIX. Der Vicomte Ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, klein an Wuchs, mager, dunkel und elegant, fast geckenhaft gekleidet, betrat das Detektivkontor. Es war acht Uhr abends. »Seit gestern abend hab' ich Sie gesucht, mein lieber Vicomte,« sagte Asbjörn Krag, »zum Teufel, wo haben Sie gesteckt?« Der Vicomte ließ sich auf das harte Polizeisofa sinken, mit einer Miene, als ob er sich auf einen türkischen Diwan niederließe, während er mit Aufbietung seiner ganzen Energie ein Gähnen unterdrückte. »Ich bin sehr müde,« sagte er. Krag stellte sich vor ihn hin und blickte mit einem humoristischen Schimmer im Auge auf ihn herab. »Ich fürchte, daß Sie Ihre Aufgabe zu ernst nehmen,« sagte er. »Wenn Sie so fortfahren, werden Sie es nicht mehr lange treiben können. Gestern nachmittag um sechs Uhr haben Sie Ihr Haus verlassen, und ich nehme an, daß Sie jetzt direkt aus dem Tanzpalast kommen.« »Im Gegenteil, lieber Freund,« sagte der Vicomte, »ich komme direkt von zu Hause. Ich habe mich heut nachmittag um fünf Uhr schlafen gelegt, Sie können also selbst ausrechnen, daß ich zweieinhalb Stunden geschlafen habe. Ich bin wirklich sehr müde, werde aber bald ganz wach werden, besonders,« fügte er erschreckt hinzu, »wenn ich etwas zu tun bekomme.« Hier ist es notwendig, einige Bemerkungen darüber einzuschieben, was der Mann, den Krag Vicomte nannte, für eine Aufgabe hatte. Vielleicht war er Vicomte, vielleicht auch nicht. Auf dem Polizeiamt aber kannte man ihn nur unter diesem Namen. Er zeichnete sich durch Vornehmheit, mehr aber noch durch Leichtsinn aus, die Repräsentationsrechnungen, die er bei der Administration einlieferte, brachten den alten Kassierer zur Verzweiflung. Da er aber ein lustiger und liebenswürdiger Mensch war, mochten alle ihn gern leiden und behandelten ihn halb nachsichtig, halb humoristisch – wie man einen aufgeweckten und kecken Knaben behandelt. Gleichzeitig aber hatte man auch Respekt vor ihm, denn er war nicht nur leichtsinnig, sondern auch mutig und verschlagen. Mehrmals hatte er der Polizei große Dienste geleistet. Man verwandte ihn in solchen Fällen, wo es weniger auf Handfertigkeit, als auf ein geschmeidiges, elegantes Wesen ankam. In den Klubs, wo niemand ahnte, daß er zur Polizei gehörte, ging er wie ein selbstverständlicher Gast aus und ein, er trieb munter mit in dem Strom der Bohemewelt, wo man ihn für einen Bildhauer hielt, und in der Halbwelt war er auf Grund seiner guten Laune und seines flotten Auftretens der Liebling aller. Er hatte viele Namen: Bei der Polizei nannte man ihn den Vicomte, in den Künstlerkreisen wurde er schlecht und recht Pol genannt und dieser Name folgte ihm auch in die Tanzlokale und Nachtkabaretts, in den Klubs ging er unter dem Namen de Blondel. Es klingt paradox, stimmt aber trotzdem mit der Wirklichkeit überein, daß er für die, die ihn nur flüchtig kannten, kein Rätsel war. Im Klub ein junger Edelmann, in Bohemekreisen ein angehender Künstler mit Geld in der Tasche, im Tanzpalast ein junger Lebemann. Für die aber, die ihn näher kannten, war er ein Rätsel. Als heimlicher Polizeibeamter verdiente er gut und bekam reichliche Repräsentationsgelder, und trotzdem wußte man, daß sein Privatleben viel größere Summen verschlang, als seine Arbeit einbringen konnte. Keller sagte einmal zu ihm: »Mein lieber Vicomte, warum machen Sie sich solche Ungelegenheiten. Sie könnten doch sorglos von Ihrem eigenen Vermögen leben.« Darauf antwortete der Vicomte: »Sie ahnen nicht, wie furchtbar langweilig es ist, sich zu amüsieren.« Mit einigem Recht konnte man darum annehmen, daß der Vicomte die Beschäftigung bei der Polizei gesucht hatte, um einige Stunden totzuschlagen. Seine besondere Lebensaufgabe schien zu sein, die Langeweile zu bewältigen und dabei hatte er die ganze Skala von Vergnügen und Zeitvertreib bereits durchlaufen, bis er zu dem Resultat gekommen war, daß das Vergnügen selbst ihm eine Quelle zum Lebensüberdruß war. Und darum hatte er andere Sensationen gesucht. Der Begriff Arbeit war ihm eine Zeitlang Sensation gewesen, bis er die äußerste Potenz derselben in der unberechenbaren, nervenaufreizenden Arbeit der Polizei gefunden hatte. Mit diesem Mann nun verhandelte Krag. Der Vicomte saß zusammengesunken in seinem Frühlingsüberzieher und wippte mit seinem blanken Lackstiefel auf und nieder, während er Krags Auseinandersetzungen lauschte. Seine Augen waren halb geschlossen, das Haar klebte ihm feucht an der Stirn; in diesem Augenblick, wo er halb zu schlafen schien, konnte man sehen, daß er trotz seiner Jugend von Lebensüberdruß verheert war. »Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so soll ich Dora ›Pfau‹ aufsuchen. Hu, ich kenne sie, sie trinkt wie ein Schwamm und kreischt so verflucht.« »Darein müssen Sie sich finden.« »Das werde ich auch. Haben Sie übrigens nicht bemerkt, daß alle verbrecherischen Frauen Dora heißen? Warum heißen sie nicht Cäcilia? Ich wage zu behaupten, daß Eltern, die ihr Kind Dora nennen, damit eine furchtbare Verantwortung übernehmen. Wenn ich jemals eine Tochter bekomme, werde ich sie Cäcilia nennen. Damit habe ich getan, was in menschlicher Macht steht, um sie vor der Verbrecherbahn zu retten. Ich soll also heute abend Dora die Kur machen. Gott, wie wird sie entzückt sein! Erst aber werde ich ins Grand Hotel gehen und mir ein Soupé zu Gemüte führen, Champagner, einen alten Kognak zum Kaffee, einen Whisky oder zwei, um Mut und Kraft zu bekommen. Darauf werde ich zu Dora eilen!« »Denken Sie nicht ans Geld dabei.« Pol hob müde die Augen. »Dazu werde ich wahrscheinlich keine Zeit haben. Dora wird mir genug zu denken geben. Ans Geld pflegt übrigens Dora zu denken.« »Vergessen Sie aber nicht, daß ihr Freund, der Märchendichter, ein großer und gefährlicher Verbrecher ist, dessen wir habhaft werden müssen. Durch Dora.« Pol war offenbar bereits in seine Berechnungen vertieft. Halb zu sich selbst sagte er: »Ich nehme an, daß Hans Christian nicht im Lokal ist. Die wirklichen Freunde der Mädchen pflegen bei den abendlichen Belustigungen nicht zugegen zu sein. Er schwebt im Hintergrund. Hin und wieder hört man seine Stimme im Hause, wie ein drohendes Gemurmel hinter der Wand. Ich stelle mich, als ob ich berauscht wäre, stark berauscht, obgleich es etwas anstrengend ist. Dann mit Dora nach Hause, Champagner nehmen wir mit. Geschlossenes Automobil, nein, besser offenes, bravo. Dann schlafe ich auf dem Sofa ein und Dora befühlt mich versuchsweise. Ich springe auf und schlage einen furchtbaren Lärm, drohende, grobe Männerstimme hinter der Wand. Ich ergebe mich nicht, gieße Dora Champagner über den Kopf, Dora schreit. Die Tür wird aufgerissen und der Märchendichter stürmt herein. Ich spiele die Rolle eines sinnlos Betrunkenen, werde die Treppe hinuntergeworfen und gelange auf die Straße hinaus, wo ich einige Schutzleute über den Haufen zu rennen versuche, die mich verhaften. Ich aber zeige erbittert auf eine falsche Hausnummer, während Dora und ihr Märchendichter hinter der Gardine stehen und sich totlachen. Eine halbe Stunde später werde ich ins Polizeiamt gebracht, wo ich plötzlich nüchtern werde und zu Ihnen sage: Lieber Krag, die Adresse ist Pelikanstraße 32. Versuchsweise.« Krag klopfte ihm ermunternd die Schulter. »Recht so,« sagte er, »Sie können Ihre Sache am Schnürchen.« »A-b-e-r,« murmelte Pol und senkte nachdenklich den Kopf, »es wäre ja auch möglich, daß Dora sich in mich verliebt, das wäre nicht – bravo.« Plötzlich erhob er sich. »Jedenfalls werde ich mich kopfüber in die Affäre stürzen. Sagen Sie mir nur auf alle Fälle das eine: Sind Sie in der Nähe?« »Möglicherweise,« antwortete Krag. »Hiermit empfehle ich mich.« Da aber geschah es, daß Keller ins Zimmer gestürzt kam und die unerwartete Mitteilung machte, daß der Gefangene Arnold Singer den Wunsch geäußert habe, ihm ein Bekenntnis abzulegen. XXX. Vor der Entscheidung Keller sah triumphierend aus, als er diese Mitteilung machte, und hinter ihm stand ein Gefängniswärter mit einem rasselnden Schlüsselbund. Der Gefängniswärter nickte. »Ja, das hat seine Richtigkeit,« sagte er. »Ich sollte von dem Gefangenen Nummer 42 grüßen und er möchte gern ein Bekenntnis ablegen. Während der letzten Tage ist er still und verschlossen gewesen, offenbar bereut er und will sein Gewissen entlasten.« »Warum gehen Sie nicht zu dem Untersuchungsrichter damit?« fragte Krag. »Weil er sein Bekenntnis nicht vor der Schranke, sondern in der Zelle ablegen will, sagte er.« »Und vor dem Prediger?« »Er will mit keinem Priester sprechen.« »Warum aber gerade Keller?« fragte Krag weiter. Diese Mitteilung war ihm offenbar höchst überraschend gekommen. »Natürlich, weil er Vertrauen zu mir gefaßt hat,« warf Keller ein, nicht ohne einen gewissen Stolz. Der Gefängniswärter fügte hinzu: »Der Gefangene hat ausdrücklich gewünscht, sich Herrn Keller anzuvertrauen.« »Kannte er ihn vielleicht?« »Nein, er sagte nur, daß er mit dem Detektiv in dem gelben Khakianzug sprechen möchte.« Krag betrachtete Keller, der einen gelbbraunen Khakianzug trug, der bei Hitze so praktisch ist. Er selbst, Krag, trug einen gewöhnlichen schwarzen Jackettanzug. Ein Mißverständnis war ausgeschlossen. Singer hatte Keller gemeint. Keller lachte herausfordernd. »Sie sind wohl paff, nicht wahr, lieber Freund,« sagte er. »Keineswegs,« antwortete Krag, »ich bin nie erstaunt, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Ich bin immer auf Überraschungen vorbereitet.« »Ich sehe bereits die Zeitungen morgen früh vor mir,« fuhr Keller in demselben neckenden Ton fort. »Der Gefangene hat gestern dem tüchtigen Detektiv Sirius D. Keller ein vollständiges Geständnis abgelegt – – – klingt das nicht gut? Dergleichen hat immer einen günstigen Einfluß auf die Beförderung. Aber ernsthaft gesprochen, Krag, das ist nur Scherz von mir. Ich weiß ja, welchen wesentlichen Anteil Sie an der Arbeit in dieser Sache haben. Sie sollen mich auch ins Gefängnis begleiten ... Aber zum Teufel, warum starren Sie mich denn so an?« Asbjörn Krag betrachtete seinen Kollegen von oben bis unten, eifrig forschend, als ob er plötzlich etwas Eigentümliches an ihm entdeckt habe. »Es fällt mir zum erstenmal auf,« sagte er, »wie verschieden wir beide im Grunde sind. Ich bin groß, mager und sehnig, wie ein Bergsteiger, Sie sind mittelgroß und muskulös, wie ein moderner Sportsmann. Der Khakianzug steht Ihnen übrigens gut. Sie sollten stets in Khaki gehen. Wenigstens in dieser Jahreszeit. Die Sonne sticht bereits wie mitten im Sommer.« »Zum Donnerwetter, was soll das bedeuten?« rief Keller ärgerlich und runzelte die Stirn. »Machen Sie sich über mich lustig?« »Keineswegs,« antwortete Krag und reichte ihm die Hand. »Ich pflege nur so ins Blaue hinein zu schwatzen, wenn ich an etwas ganz anderes denke.« »Wollen Sie mich ins Gefängnis begleiten?« »Ja, ich werde Sie begleiten, um festzustellen, daß ich hinausgeworfen werde.« »Von wem?« »Von dem Gefangenen.« »Wie beliebt? Wie sollte ein Arrestant es wagen, Sie hinauszuwerfen?« »Wenn der Gefangene sagt, daß er den Mund nicht auftun wird, solange ich in der Nähe bin, dann nenne ich es mit einem milden Ausdruck, daß ich hinausgeworfen werde.« »Wir werden sehen.« »Aus diesem Grunde gehe ich mit.« Pol erhob sich. »Wenn ich recht verstehe,« sagte er, »ist meine Expedition jetzt überflüssig geworden.« »Im Gegenteil,« sagte Krag, »sie ist jetzt erst recht notwendig.« »Gut, dann wird es Zeit, daß ich verschwinde.« Er nahm seine Brieftasche heraus, zählte die hohen Scheine und brummte befriedigt. »Da ich ausgehe, um mich bestehlen zu lassen,« sagte er, »wünsche ich um einen anständigen Betrag bestohlen zu werden. Ich bin ein Mann von Ehre.« Krag trat ans Fenster, um Pol im Auto abfahren zu sehen. Schlank und elegant lehnte er sich graziös in die Ecke des Autos zurück. Dann fuhr er ab. Bevor die beiden Detektive sich ins Gefängnis begaben, fragte Krag: »Haben Sie den Rapport über das Gefängnisgesicht gelesen?« »Über Georges, ja. Und ich muß gestehen, daß ich selten so überrascht worden bin. Das bringt uns der Lösung ja nicht um den kleinsten Schritt näher. Die Affäre Georges ist eine Sache für sich, eine Rachetat, die ganz und gar nichts mit der Affäre Montrose zu tun hat.« »Sehr richtig,« antwortete Krag, »und gerade solche Fälle machen die einfachste Sache so undurchdringlich geheimnisvoll. Nach Georges' Bekenntnis habe ich seine Angaben Punkt für Punkt durchgeprüft und sie haben sich alle als richtig erwiesen. Übrigens hatte ich bereits, als ich den Brief von dem Gefängnisdirektor bekam, in dem er Charlies gemeine Verräterei und Georges' unglückliche Grübeleien erwähnte, das bestimmte Gefühl, daß Georges nichts mit der Affäre Montrose zu tun habe. Durch einen reinen Zufall haben der Fall Montrose und der Fall Georges sich gekreuzt. Wären wir davon ausgegangen, daß ein innerer Zusammenhang zwischen diesen Sachen existierte, würden wir niemals diesem Geheimnis auf den Grund gekommen sein. Durch einen Zufall bekamen wir durch Charlie die Verbindung mit der Affäre Montrose, weil er Husarenweg 28 wohnte und mit dem verdächtigen Arnold Singer verschwägert war. Georges' Rache aber hätte ebensogut irgendeinem anderen gelten können, und in dem Fall hätte diese ganz nebensächliche Rachetat niemals unsere Annahmen gekreuzt.« »Auf diese Weise,« meinte Keller mißvergnügt, »kann es leicht geschehen, daß auch andere Glieder in der Untersuchung sich in Bestandteile auflösen, die nichts miteinander zu tun haben. Vielleicht haben wir es hier nicht mit einer Sache, sondern mit mehreren Sachen zu tun, die sich nur rein zufällig ineinander verfilzt haben.« »Das glaube ich kaum,« antwortete Krag, »denn alles übrige kann direkt auf die tragische Nacht in Abbé Montroses Garten zurückgeführt werden. Übrigens, wenn die Sache Georges uns auch nicht direkt angeht, so hat sein Bekenntnis uns doch erklärt, warum es Charlie so eilig war, fortzukommen. Ihm ahnte, daß der Rächer unterwegs sei. Er mußte Geld haben, um noch in derselben Nacht abzureisen. Aber ich bin froh, daß wir die Affäre Georges abgesondert haben, weil uns auf diese Weise die Lösung des Knotens leichter werden wird.« »Leichter,« rief Keller erstaunt. »Durch Arnold Singers Bekenntnis werden doch hoffentlich alle Rätsel aus dem Wege geräumt werden.« »Meinen Sie?« antwortete Krag. »Nun, wir werden sehen, was er zu sagen hat.« Die beiden Detektive bekamen den Schlüssel von dem Gefängniswärter und standen einige Minuten darauf in Arnold Singers Zelle. Die beiden Tage seiner Gefangenschaft hatten den Gartenarbeiter auffällig verändert. Er war magerer geworden und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen. Diese Augen aber leuchteten noch immer mit demselben ruhigen, intensiven Glanz. Krag fühlte sich stets von diesem Blick gefesselt, der durchdringend, überlegen und wachsam war. Solche Augen, dachte der Detektiv, gehören einem willensstarken und unzugänglichen Menschen. Ebenso wie das vorige Mal, als Krag ihn besuchte, lag er auch jetzt auf der Pritsche ausgestreckt, die Arme unter dem Nacken verschränkt. Vor ihm auf der Erde stand sein Essen, das er nicht angerührt hatte. »Warum essen Sie nicht,« fragte Krag. »Weil ich krank bin,« antwortete Arnold Singer. »Sie haben den Wunsch geäußert, ein Geständnis abzulegen?« »Ja.« »Warum wollen Sie nicht vor die Schranken gestellt werden?« »Weil ich es nicht vertragen kann, all die dummen neugierigen Augen auf mich gerichtet zu sehen.« »Haben Sie etwas dagegen, daß ich höre, was Sie zu sagen haben?« »Solange Sie hier sind, werde ich kein Wort sagen. Man vertraut sich doch nur einem Menschen an.« »Und Sie wünschen nicht, daß ich dieser Mensch bin?« »Nein, ich will mich diesem Herrn da anvertrauen. Wie heißen Sie? Keller, schön. Ihnen will ich mich anvertrauen. Es ist ja das einzige, was mir noch freisteht, nicht wahr, den zu wählen, dem ich mich anvertrauen will.« Er sah Krag kalt und abweisend an. »Adieu, mein Herr,« sagte er. XXXI. Kellers Papiere »Gut, ich werde gehen,« antwortete Krag, »aber Sie werden erlauben, daß ich eine gewisse Neugierde verrate. Wann darf man das Resultat erwarten?« »Das kommt darauf an,« antwortete Arnold Singer, »vielleicht in einer Stunde, vielleicht in zwei. Das beruht darauf, wie lange meine Kräfte reichen.« »Es ist also ein langes Bekenntnis?« »Ja,« antwortete Arnold Singer, »ich werde nichts verschweigen. Alles soll an den Tag, alles, vom ersten Tage an. Haben Sie Papier und Bleistift, Herr Keller? Das ist gut. Ich möchte, daß Sie das Ganze niederschreiben, damit nichts vergessen wird.« »Gestatten Sie mir eine Frage,« sagte Krag. »Betrifft das Geständnis auch die Affäre Montrose?« Arnold richtete seine Augen auf ihn. »Was sonst?« fragte er. »Werden wir erfahren, warum und wie Abbé Montrose verschwunden ist?« »Sie werden erfahren,« antwortete Arnold, »wie Abbé Montrose ums Leben gekommen ist.« »Er ist also tot?« »Ja, unwiderruflich tot.« Krag stand vor dem Gefangenen, breitbeinig, die Hände in den Seiten. Er blinzelte so seltsam mit den Augen, oder war es vielleicht nur sein Kneifer, der in der Sonne blitzte. »Unwiderruflich tot,« wiederholte Krag, »Das ist ein seltsamer Ausdruck.« »Wenn Sie wüßten, was ich weiß, würden Sie wahrscheinlich denselben Ausdruck gebrauchen.« »Vielleicht, vielleicht,« sagte Krag. Arnold schloß die Augen und wartete. Keller wartete auch fieberhaft, die Bleistiftspitze auf dem Papier. Krag drehte den Schlüssel um und öffnete die Tür. »Sie schließen die Tür wohl hinter mir ab, Keller,« sagte er. »Ja,« antwortete Keller. »Vergessen Sie nicht, daß der Schlüssel dreimal umgedreht werden muß.« »Ja, ich weiß,« antwortete Keller – und er fügte hinzu, als ob er Krags Gedanken gelesen hätte, »außerdem bin ich ja selbst hier.« »Gut. Auf Wiedersehen, meine Herren.« »Auf Wiedersehen,« antwortete Keller. Arnold sagte nichts. Als Krag auf den Gang hinausgegangen war, wartete er einen Augenblick, den Kopf nachdenklich gebeugt, als ob er noch einen Augenblick überlegte, bevor er einen wichtigen Entschluß zu fassen wagte. Darauf schritt er langsam durch den Gang. In der großen Halle, wo einige Gefängniswärter auf und ab gingen, blieb er stehen und sagte, indem er zu einer flackernden Gasflamme hinaufzeigte: »Sie haben schlechte Beleuchtung hier des Abends.« »Allerdings,« antwortete der eine Gefängniswärter und trat auf ihn zu, »aber wenn wir lesen oder schreiben wollen, gehen wir in die Wachtstube.« »Warum nimmt der Gefangene auf Nummer 42 keine Nahrung zu sich?« fragte Krag. »Er behauptet, daß er krank sei,« antwortete der Wärter. »Der Arzt ist heute bei ihm gewesen und hat gesagt, daß er sehr schwach sei. Er will morgen wieder nach ihm sehen.« »Etwas Bestimmtes aber fehlt ihm nicht?« »Nein, nichts Bestimmtes, allgemeine Schwäche sagt der Arzt. Unterernährung. Ich glaube, es ist von Zwangsernährung die Rede.« »Ich werde mit dem Arzt sprechen,« murmelte Krag und ging weiter. Als Krag sein Kontor betrat, war er noch immer sehr nachdenklich. Er stand lange am Fenster und blickte über die Stadt, die jetzt in blauer Abenddämmerung dalag. Der Lärm der Straße war nicht mehr so stark, durch das Getöse hörte man ferne Kirchenglocken. Plötzlich sagte Krag zu sich selbst – bestimmt, als ob er endlich einen Entschluß gefaßt habe: »Ich wage es. Ich lasse es ihn tun.« * Etwas später am Abend ließ der Polizeichef Asbjörn Krag zu sich kommen. Seine Exzellenz hatte den Polizeirapport über Georges' Verhaftung und Geständnis vor sich. Der hohe Herr war nicht besonders gut gelaunt. »Dies ist eine elende Affäre,« sagte er. »Gott weiß, was die Zeitungen morgen sagen werden. Wir haben uns in der Sache Montrose festgerannt. Leider können wir nicht darauf rechnen, daß der Scharfsinn der Polizei morgen in der öffentlichen Meinung Triumphe feiert. Das Publikum ist verstört, die Zeitungen nervös und ausfallend. Man will etwas von Montrose wissen, von dem Mörder oder dem Opfer. Als ich gestern abend die Mitteilung von Georges' Verhaftung bekam, dachte ich wirklich, daß wir am Ziel seien.« »Exzellenz wollten sich auf der Gesellschaft beim Minister darüber äußern,« bemerkte Krag. Seine Exzellenz schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. »Ich habe mich darüber geäußert,« sagte er. Asbjörn Krag verstand, daß der Polizeichef den Mund zu voll genommen und den hohen Herrschaften mitgeteilt hatte, daß das Geheimnis bereits aufgeklärt sei. Krag hatte Mitleid mit ihm. »Noch ist seit dem Verschwinden des Abbés keine Woche vergangen und bereits haben wir einen Mörder gefaßt. Ich verspreche Ihnen, bevor die Woche zu Ende ist, werden wir auch die anderen haben.« »Sie meinen also, daß es mehrere sind?« Krag zuckte die Achseln. »Wenn wir das mit Bestimmtheit wüßten, Exzellenz,« sagte er, »dann wären wir am Ziel.« Der Polizeichef erhob sich und schritt nervös im Zimmer auf und nieder. In der Hand zerknitterte er ein Kuvert. »Im Grunde ist Georges ein ganz wertloser Fang gewesen,« sagte er. »Ganz und gar nicht,« antwortete der Detektiv. »Erstens ist es stets eine Befriedigung, wenn ein Mörder gefaßt wird, und zweitens hat sein Geständnis Licht über einen Teil der Angelegenheit geworfen, insofern, als wir jetzt wissen, daß Charlies Tod nicht mit Abbé Montroses Verschwinden in Verbindung steht.« »Die anderen und gefährlicheren Mörder aber gehen noch immer frei umher. Ich will Ihnen etwas sagen, wenn ein neues Unglück, ein neues Verbrechen geschieht, dann ist meine Stellung unhaltbar.« »Die öffentliche Meinung ist ein ungeduldiges und grimmiges Tier,« antwortete Krag. »Ich hoffe aber zuversichtlich, daß kein neues Unglück dieses Tier reizt.« »Wie meinen Sie das?« »Die Arbeit der Polizei in dieser Sache ist nicht ungefährlich,« antwortete Krag – und er war jetzt ebenso nachdenklich und ernst, wie vor einigen Minuten, als er in seinem Zimmer die seltsamen Worte äußerte: »Ich wage es ... ich lasse es ihn tun ...« Der Polizeichef sah ihn an, bemerkte seinen Ernst und änderte seinen Ton. Er reichte ihm den Brief, den er in der Hand hielt. »Hier ist ein Brief von dem katholischen Bischof,« sagte er. »Er hat eine Mitteilung für uns.« Der Brief von dem Bischof lautete folgendermaßen: »Anläßlich des rätselhaften Verschwindens meines Freundes und Glaubensgenossen Abbé Montrose, ist mir eingefallen, daß ich eine Aufklärung geben könnte, die vielleicht den Nachforschungen dienlich sein kann. Abbé Montrose hat mir an dem Abend vor dem nächtlichen Drama einen Brief geschrieben, dieser Brief bezieht sich allerdings nicht auf die traurigen Ereignisse, die damals nahe bevorstanden, vielleicht aber ist er dennoch von Bedeutung. Ich bin morgen um zwölf Uhr anzutreffen.« »Was halten Sie davon?« fragte Seine Exzellenz. »Sie wissen,« antwortete Krag, »daß wir in den letzten Tagen Hunderte von Mitteilungen bekommen haben, von Personen, die meinen, daß sie uns wichtige Aufklärungen geben können. Einige von ihnen waren von Freunden des Abbés. Keine aber hat uns im geringsten auf die Spur führen können. Aber natürlich wollen wir auch hören, was der Bischof zu sagen hat. Ich werde selbst zu ihm gehen.« Nachdem Krag den Polizeichef verlassen hatte, wartete er noch eine halbe Stunde auf seinem Kontor. Endlich kam Keller. Er hatte beide Hände voll von beschriebenen Papieren. Ohne abzuwarten, was Keller zu berichten hatte, zog Krag ihn ans Licht und betrachtete ihn aufmerksam. »Es stimmt,« sagte er, »Sie sind verlegen und verwirrt. Gestehen Sie, daß es ein Bekenntnis war, wie Sie es nicht erwartet hatten.« Keller blätterte in seinen Aufzeichnungen, das Papier raschelte, als ob seine Hände bebten. »Ein ganz entsetzliches Geständnis,« murmelte er. »Ich komme gerade vom Polizeichef,« sagte Krag. »Er ist ungeduldig, weil nichts geschieht. Ich hätte ihn glücklich machen können, wenn ich ihm erzählt hätte, daß Arnold Singer im Begriff sei, sein Geständnis abzulegen. Ich tat es aber nicht. Habe ich richtig gehandelt?« »Ich weiß wirklich nicht,« antwortete Keller unsicher, »ich weiß wirklich nicht – – – Soviel aber weiß ich, daß dies die seltsamste Mordgeschichte ist, die ich je in meiner Praxis erlebt habe –« »Also eine Mordgeschichte?« »Ja,« antwortete Keller und breitete die Papiere vor sich aus. XXXII. Arnold Singers Bekenntnis I. Der sonst so robuste und ruhige Polizeibeamte Keller konnte nicht verhehlen, daß er ebenso verwirrt wie aufgebracht war über das, was er während der letzten Stunde in der Gefängniszelle Nummer 42 gehört hatte. Es stimmte so wenig mit dem überein, was er erwartet hatte. Er und Asbjörn Krag befanden sich allein im Kontor, als er Arnold Singers Bekenntnis zusammenfaßte, indem er teils aus seinen Aufzeichnungen vorlas, teils das Gehörte nach dem Gedächtnis wiederholte. Es war in Krags Kontor, wo sie ganz ungestört bleiben konnten; die gelben Gardinen waren zugezogen. Durch die dicken Mauern des Polizeigebäudes hörten sie wie Wogenbrausen gegen ferne Ufer, den Lärm der abendlichen Stadt. Der Lärm war nicht größer, als daß sie den tönenden, metallischen Laut der Gasflammen über ihren Köpfen hören konnten. »Seit mehreren Tagen habe ich keine Nahrung zu mir genommen,« so begann Arnold Singers Bekenntnis. »Und mit außerordentlicher Befriedigung merke ich, wie der Hunger meinen physischen Zustand schwächt. Nach und nach versinke ich in einen Traumzustand, der schließlich meinen ganzen Körper betäuben wird. Schon fühle ich die Schwere meiner Glieder. Wenn ich meinen Arm hebe, kann ich als Folge meiner Ermattung das Gewicht der Hand feststellen, denn sie senkt sich unfreiwillig im Handgelenk, und meine eigenen Finger erscheinen mir blaß und fremd. Es ist, als ob ich meine Adern geöffnet hätte und die Lebenskraft sich langsam in ein Gefäß ergießt. Ich sehe bereits den Augenblick vor mir, wo die Kraftlosigkeit, der völlige Mangel an gesunder Schwere meinem Dasein etwas ungewohnt Leichtes und Schwebendes verleiht. Es ist kein Hungerstreik, mein Herr, meine vollständige Passivität ist nicht eingetreten, weil ich etwas erreichen oder gegen etwas protestieren will. Außer meinem eigenen seelischen Dasein interessiert mich nichts mehr, ich will einen bestimmten Zustand bei mir selbst hervorbringen, das ist alles. Ich bin im Begriff, meine Bilanz zu ziehen. Ich will die tiefsten Beweggründe zu meinen Handlungen suchen, ich will zu den Empfindungen zurückkehren, die meinen Willen ursprünglich in Fesseln geschlagen haben. Da ich mich jetzt am Schluß meiner Abrechnung befinde, befriedigt es mich nicht mehr, nur festzustellen, daß ich so und so gehandelt, diese und jene Missetaten begangen habe, nein, ich suche auch eine Antwort auf dieses furchtbare Warum, das unerbittlich und sphinxgleich das Leben der Unglücklichen verfolgt. Ich glaube, daß die Antwort mich schließlich erreichen wird, nicht in Form von Worten oder direkten Kundgebungen, sondern wie eine schwache, aber überzeugende Empfindung und Ahnung; ich werde sicher ein Verständnis erleben, das wie eine durchdringende Brise von den äußersten Grenzen des Daseins zu mir kommen wird. Ich bereite jetzt die Empfindsamkeit meines Gemütes vor. Ich will mich selbst an die Grenze der menschlichen Auflösung bringen, damit der Geist frei gemacht und empfänglich wird. Ich habe die Qual des Hungers gewählt. Es gibt noch andere Tore, die zu der seltsamen Unwirklichkeit führen, wo die Seele Ahnungen, Offenbarungen, Düfte, Töne auffängt, die uns sonst nicht erreichen können. Wir haben das Tor des Fiebers , wo die Seele vom Körper losgerissen, klar denkend und im höchsten Grade empfänglich für alle unbestimmte Eindrücke auf die dunklen Regionen des Todes zuschwebt. Wir haben auch das Tor der unerhörten Kälte: Ich aber habe den Hunger gewählt. Ich wollte mit Ihnen allein sein, nicht, weil Sie mir lieber sind als ein anderer, sondern weil Ihr ganz alltägliches Aussehen ermattend und beruhigend auf mich wirkt. Ihre Anwesenheit ist mir erwünscht, damit ich nicht gezwungen bin, ein Selbstgespräch zu führen, was nur zur Folge hätte, daß meine eigene Stimme mich irritieren würde. Ich bin also im Begriff zu bekennen, und ich will es in einem Gemütszustand und in einer Form tun, die gleichzeitig meine Wißbegierde über mich selbst befriedigt. Denn nicht nur für die Polizei ist der Verbrecher ein Rätsel, er ist es oft in noch größerem Maße für sich selbst. Von materiellen Mühen des Lebens befreit, will ich meine eigenen Handlungen kritisch betrachten, während meine Denkfähigkeit krankhaft visionär, aber klar ist; wie bei einem Menschen, der angesichts des Todes alle Ereignisse seines Lebens in wenigen Minuten durchlebt, will ich versuchen, die innersten Beweggründe zu verstehen. Darum kann ich mein Mordbekenntnis nicht vor der Schranke in einem Gerichtssaal ablegen. Ich sehe nicht mehr die faktische Struktur der Mordtat. Mein Gemüt hat bereits in seiner überirdischen Schwärmerei die eigentliche Seele des Mordes abgetan, den bebenden Schreck, der der Tat vorangeht, die unsagbare Angst des Augenblickes, die furchtbare nachfolgende Stille. Wie deutlich erinnere ich mich an alles, wenn ich die Augen schließe ... oh, dieser Duft von Frühling und Apfelblüte; es war im Frühling, als es geschah.« »Stellen Sie sich ein Haus vor,« so lautete Arnold Singers seltsames Bekenntnis weiter, »stellen Sie sich ein gewöhnliches Haus aus gelbem Sandstein vor. Es liegt am Ausläufer einer kleinen Stadt und es ist ein Abend Ende Mai. Ich werde die Umgebung später noch näher beschreiben, denn augenblicklich fühle ich nichts anderes, als die Stimmung, die die Stille des Abends in mir auslöste, die Bäume, die unbeweglich und hochragend die Villa flankierten, die Luft, die sich frühlingsherb am Himmelsrand vertiefte, grün und klar wie Rheinwein. Die Sonne war im Westen untergegangen, noch aber ruhte ihr Glanz auf dem oberen Teil des Waldes. Während ich stand und wartete, konnte ich den weichenden Tag in dem wechselnden Lichtspiel auf den Baumkronen verfolgen. Wie goldenes, glitzerndes Spinngewebe lagen die Strahlen zwischen dem Laub, wo sie wundersame, kupferglänzende Grotten bildeten. Fast unmerklich hob der Lichtstreifen sich, um schließlich auch von den obersten Baumwipfeln zu weichen. Der Garten wurde dunkler. Die Dämmerung heftete sich auf die Bäume und ließ mit ihrer Kühle das Laub erbeben, oder war es nur mein Herz, das in Angst und Ahnung erbebte? Gibt es etwas Friedlicheres als solch kleines Haus vor der Stadt, auf der Grenze zum Lande mit Feldern und Wäldern? Anspruchsloser aber deutlicher als ein Haus in einer großen Stadt, drückt es die friedlichen Beschäftigungen des Alltagslebens aus. Tagsüber liegt es sonnenbeschienen und warm da, mit weißen, freundlichen Gardinen, die in den offenen Fenstern flattern. Eine Dame in einem hellen Sommerkleid kommt langsam und sorglos vor sich hinsummend, die Treppe hinab, um einige schöne Blumen im Garten abzuschneiden. Ein Kind spielt mit einem Hund. Ein Mann nimmt auf dem Balkon im Schatten einer rot- und weißgestreiften Markise Platz und entfaltet eine Zeitung. Gedämpfte Klaviertöne aus dem Innern des Hauses, losgerissene alltägliche Worte, die deutlich auf der staubweißen Landstraße zu hören sind, die Landstraße selbst, mit den Spuren von Fahrrädern und Milchwagen, der Rauch, der aus dem Schornstein steigt, die Telephondrähte, die in die gelbe Mauer führen, das Staket um den Garten mit den gleichmäßigen Pfählen und der kunstfertig gearbeiteten Tür, der Laut von Schritten auf der Steintreppe, der Klang der Mittagsglocke, der durch die offenen Fenster dringt, ist das alles nicht ein Ausdruck für das friedliche Leben der Menschen, für das Ewige und Unerschütterliche, das sich Familie nennt, für den Begriff Tag um Tag, Jahr um Jahr? ... Dann kommt der Abend, die Menschen im Hause gehen zur Ruhe. Die Fenster werden dunkel und das ganze Haus bekommt diesen schlafenden Ausdruck, den Häuser in stillen Sommernächten zu haben pflegen, wenn sie auf ihren dumpfen Schlagschatten ruhen. Ein Hund bellt, ein Wagen fährt ratternd vorbei, das Haus aber schlummert in ungestörter Ruhe. Solch einem Haus kann man von außen ansehen, daß es Menschen beherbergt, die keine Gefahr fürchten, Menschen, deren Herzen durch keine Gefahr schneller klopfen. Plötzlich aber geschieht es in einer Nacht, wenn alles ganz still ist, daß das Haus lautlos sein Aussehen verändert. Wie solch schwarze Fenster plötzlich erschreckt blicken können, wenn der Mörder aus dem Schatten des höchsten Baumes über das Staket steigt, der Mörder, mein Herr, der kein Mensch mehr ist, sondern ein lebendes Wesen, fern von aller Unschuld des Kindes, in dem sich alles menschliche Entsetzen und der primitive Schreck aller Zeiten vereinigt.« XXXIII. Arnold Singers Bekenntnis II. »Was sagte ich? Ist er bereits über das Staket gestiegen? Meine Gedanken haben den Ereignissen vorgegriffen, mein Herr. Ich fühle dasselbe Beben, dieselbe Unruhe wie damals. Auch damals eilte meine Phantasie den Ereignissen voraus. Ich befand mich wie in einem Wogengang von schreckerfüllter Erwartung. Ich versuchte, meine Angst mit einer unerträglichen Eile zu übertäuben. So ist es auch jetzt wieder, wo ich mir alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen versuche; mein Herz hämmert wild, schneller! schneller! Wie ein Tier, das Nahrung wittert, eile ich der Entscheidung, der unwiderruflichen Entscheidung entgegen, die mein Gemüt mit Ruhe sättigen soll. Und dennoch erkenne ich jetzt, daß ich auf meiner Reise vom Gartenzaun bis zur eichenen Haustür, eine Unendlichkeit von Beobachtungen und Stimmungen erlebt habe. Eine Reise nenne ich es, mein Herr, obwohl es nur eine schleichende Wanderung von wenigen Minuten war. In diesen wenigen Minuten aber unmittelbar vor der Handlung, legt der Mörder eine seltsame Reise durch die Himmelsstriche wechselnder Stimmungen zurück. Alle seine Sinne sind in einer unerhörten Empfänglichkeit geöffnet, alles, was er hört und sieht, alles, was er aufnimmt, jede Kleinigkeit bekommt eine ungewöhnliche Bedeutung, während die heftigen Stoßwinde in seinen Nerven ihn vorwärtstreiben. Die Zeit selbst hat ihren Umfang verändert. Darum empfindet er die Sekunden schwer, sein Auffassungsinstinkt arbeitet aufs differenzierteste, ein Schatten, ein Blatt auf seinem Wege, das Geräusch eines rollenden Steines, werden zu großen, folgenschweren Ereignissen, die Schreck, Nachdenken, Verzweifeln und wieder Entschlossenheit hervorrufen. Oh, mein Herr, es ist richtig, daß der Mörder der größte Feind des Lebens ist, darum tun sich auch alle Äußerungen des Lebens zusammen, um seinen letzten Schritt zu einer langen, entsetzlichen Reise zu machen. Überwindet er sie, dann vollbringt er die Handlung, immer aber wird er von der schmerzvollen Ewigkeit der letzten Minuten eingefangen. Was sah der Mörder, als er im Schatten des höchsten Baumes über das Staket glitt? Er sah, wie das Haus in der Stille schlummerte. Die Bäume waren dunkel, die Landstraße grauer geworden. Wie eine halb verwischte Kohlenzeichnung ruhte die Landschaft in der Nacht, nur die hohen Pappeln zeichneten ihre Konturen, wie zwei schwarze Risse auf der tiefblauen Schale des Himmels; als er unter dem Baum dahinschlich und das Laub berührte, meinte er, daß das Rascheln des Laubes wie ein Flüstern in den Zweigen des Baumes klang. In der Stille, die darauf folgte, war es ihm, als ob der Baum etwas gesagt habe und als ob der ganze Garten atemlos einer furchtbaren Mitteilung lauschte. Eine Fledermaus fliegt auf unhörbaren Schwingen an ihm vorbei, er erbebt, ihm ist, als flöge sie durch sein Herz. Ein Spinnwebenfaden schneidet ihm messerscharf über die Stirn, und der Laut des leise knisternden Kieses unter seinen Füßen berührt ihn mit einem eisigen Kälteschauer. Das Gras ist feucht von Tau und klebt wie ein blutgesättigter Teppich an seinen Sohlen. Myriaden von Motten umschwärmen ihn, er sieht sie nicht, fühlt aber ihre Stöße gegen seine Augenlider und fängt mit einem unsagbar empfindsamen Gehör den schärfsten und leisesten Ton der Nacht auf: das Silbersausen der Legionen von Molekülen. Die Luft ist von Lebewesen erfüllt. In der Nähe ist ein Teich, er meint im Teich zu waten, die dunklen Rasen unter den Bäumen sind wie Schilf in stillstehendem Wasser. Von einer plötzlichen und unmotivierten Vorstellung ergriffen, blickt er ängstlich nach einem Toten aus, der still und mondbeleuchtet im Schilf liegt; der Mond aber zeigt sich heute nacht nicht, und was er sieht, ist Gras, eisgrüne Rasen, wie Gräber geformt, und über den Bäumen sieht er erschauernd die luftige Drapierung der Milchstraße. Ist eine Sekunde von der Ewigkeit des Mörders verflossen? Er kommt zu einem offenen Platz und bleibt unwillkürlich stehen, weil er nicht mehr von den tiefen Schatten und der unmittelbaren Nähe der Bäume geschützt ist. Die Zweige, die er bei seiner schleichenden Wanderung zur Seite gebogen hat, gleiten wieder in ihre ursprüngliche Lage zurück und von neuem wird alles still. Der offene Platz um ihn herum wird kalt und feindlich, und er fühlt sich von dem fast unwiderstehlichen Verlangen, sich zu verstecken, ergriffen. Er meint, daß er sich in der Schußlinie einer Gefahr befindet und daß er im nächsten Augenblick getroffen werden kann. Von was getroffen? Es würde ihm eine Beruhigung sein, wenn er die geringste Äußerung menschlichen Lebens spürte, nur eine Stimme in der Ferne oder einen Schritt auf dem Wege. Aber diese ununterbrochen beobachtende und stumme Natur wirkt unglaublich beklemmend auf ihn. Die Steinpfosten der Gittertür haben ihren Granitblick auf ihn gerichtet. Die unergründlichen Massen der Pappeln verbergen Augen, die er nicht sehen kann, deren wachsame und drohende Macht er aber spürt. Alles Menschliche in ihm ist der bösen Seele des Mörders gewichen und bevölkert jetzt die toten Dinge um ihn her mit eindringlichen Vorwürfen; sein Gewissen starrt ihm aus der grauen Helligkeit der Landstraße entgegen. Ängstlich erhebt er seinen Blick zum Hause, und plötzlich wird es ihm klar, daß das Haus ihn entdeckt hat und sein Kommen erwartet. Das Haus hat seine schwarzen Fensteraugen aufgerissen! Menschliche Augen können keinen intensiveren Schreck ausdrücken, als diese boshaft starrenden schwarzen Höhlen. Er sieht nur die drei oberen schwarzen, viereckigen Fenster, die unteren werden vom Garten verborgen. Er sieht auch undeutlich die aufgerollten Markisen über den Fensterrahmen, was die Ähnlichkeit mit aufgerissenen und erschrockenen Augen noch verstärkt. Während der Mörder dieses Phantom anstarrt, dieses traumähnliche Gesicht von Stein und Schatten, nimmt seine eigene unablässig wechselnde ahnungsvolle Gemütsstimmung eine neue Form an. Er meint seine eigene Angst in dem Phantom zu sehen. Langsam, als wenn eine Photographie auf einer anderen hervorgerufen wird, tritt ein neues Bild in seine weit geöffneten Augen. Die Bäume vor dem Hause, zwischen deren Zweigen der Mörder am Abend die hellen und freundlichen Gardinen des Fensters gesehen hat, und eine Frau, die sich sorglos gegen den Fensterrahmen lehnte – diese Bäume stehen jetzt wie mit Dunkelheit gefüllte Abgründe zu beiden Seiten der Treppe. Etwas ist plötzlich aus dem Gesicht des Hauses herausgefallen und verschwunden, die Dunkelheit der Bäume bildet zwei gewaltige, leere Augenhöhlen, und das knochengelbe Gestein der Fassade ist wie die Silhouette eines Totenkopfes gegen den Nachthimmel. So, alle Sinne von Tod und Untergang erfüllt, geht er zur Mordtat, sogar die Luft schwitzt einen durchdringenden Geruch von Friedhof aus. Fledermäuse umflattern ihn auf schwarzen, stummen Schwingen. Bei jedem schleichenden Tritt in dem feuchten Gras ruft er die Geister des Mordes, diese Wesen der Dunkelheit und des Schweigens. Jetzt schweben sie über seinem Kopf, lautlos, in steigendem und fallendem Fluge ... Wo bin ich geblieben? Ich habe ein Gefühl, als ob ich ihm nicht mehr folge, und doch bin ich der Mörder. Ich stehe draußen im Garten, umgeben von dem unbeschreiblichen Frühlingsduft. Und dennoch befinde ich mich drinnen vor der Paneeltür mit den breiten, braun gebeizten Feldern. Worauf warte ich hier draußen? Jetzt kommt es. Auf den Todesschrei des Opfers. Den will ich hören. Ich sage Ihnen, mein Herr, nicht nur das Opfer schreit. In diesem Schrei werden alle stummen Leute beredt. Der ohnmächtige Schreck der Menschenwohnung, die wachsame Dunkelheit der Pappeln, alles, was den Menschen gehört und seine Freunde sind, die Steinpfosten der Gittertür, die Landstraße, das saubergeschnittene Gras der Rasen, alles, was mit seinen toten, aber abwartenden Augen die Ankunft des Mörders gesehen hat, macht seinem Schmerz in dem Todesschrei des Opfers Luft, wie eine unvergängliche Anklage alles dessen, was dem Leben und den Menschen gehört. Da hörte der Mörder den Schrei, ja, da hörte ich ihn – –« Keller war zu Ende. Während er vorgelesen hatte, war er sich unablässig mit der Hand übers Haar gefahren. Jetzt fiel ihm nichts Besseres ein, als nervös in den Papieren zu blättern, seine Finger zitterten, er war sehr nervös und sah mit einem fragenden Blick auf. »Alle Wetter,« rief Krag erstaunt, »ist das alles?« »Ja, bis auf weiteres. Als er soweit gekommen war, schloß er die Augen und sagte, daß er todmüde sei. Ich solle in einigen Stunden wiederkommen, dann wolle er fortfahren.« »Stenographieren Sie?« »Ja.« »Was glauben Sie?« fragte Krag weiter. »Was ich glaube,« antwortete Keller mit einem bitteren Lächeln, »ich glaube, daß Sie zweifeln. « »Das meine ich nicht. Was glauben Sie von dem Bekenntnis?« Keller, der sonst so kühle Polizeiagent, war offenbar von dem Erlebnis mit Arnold Singer stark erschüttert. Er verbreitete sich eifrig darüber, welch starken Eindruck dieser Mann auf ihn gemacht habe. »Er ist offenbar eine höchst seltsame Erscheinung im Leben der Großstadt,« sagte er. »Ich bin fest davon überzeugt, daß wir die merkwürdigsten Enthüllungen von ihm erwarten können. Er ist ein Produkt unserer überreifen Zivilisation. Sie wissen, lieber Krag, daß während der letzten zwei, drei Jahre mehrere rätselhafte Morde unaufgeklärt geblieben sind. Stellen Sie sich vor, wenn nun Arnold Singer uns diese Geheimnisse lösen würde. Vielleicht ist er eine Art mystische Figur, einer von den seltsamen Tigern des Großstadtlebens.« »Aber Montrose?« fragte Krag und lachte. »Ja, Montrose – – – das kommt noch, das kommt später. Ich fragte ihn auch nach Montrose. Das kommt, sagte er. Es dauert noch eine Stunde, bis das Verhör von neuem beginnt. Ich bin selten so gespannt gewesen.« »Ich möchte Sie nur noch einmal daran erinnern,« sagte Krag, indem er seinen Mantel anzog, »ich möchte Sie nur noch daran erinnern, was wir vor allen Dingen erfahren müssen, nämlich: Wo ist Montrose, tot oder lebendig? Wer und wo sind seine Mörder oder die, die ihn entführt haben? Wo sind die Mörder des verrückten Professors?« »Ich glaube,« sagte Keller, »daß Arnold Singer Abbé Montrose ermordet hat.« »Aber, lieber Freund, kann man sich auch auf seine Vernunft verlassen, wenn er es sagt? Er ist augenblicklich sehr exaltiert.« »Seine Exaltation gibt ihm ja gerade die visionäre Erinnerung an alles Geschehene. Sie hätten sein Gesicht sehen sollen, als ich ihn verließ und bevor ich das Licht löschte. Er war versteinert, abwesend ... Ich muß beständig an ihn denken.« Krag dachte auch an ihn. Er meinte ihn unbeweglich in der dunklen Zelle liegen zu sehen. Er mußte an den Ausdruck vom Reisen denken, den er gebraucht hatte. Jetzt reiste Arnold Singer in seiner Zelle in einem kleinen Viereck von Stein, fern von allem Gegenwärtigen, dem Verbrechen früherer Tage und dem Entsetzen ehemals erlebter Stunden entgegen. Daran dachte Asbjörn Krag. XXXIV. Nummer 32. Hier. An diesem Abend war der »Pfau« von Menschen überfüllt. Die Sensation von Abbé Montroses Verschwinden und die geheimnisvolle Mordaffäre waren eine riesige Reklame für das Lokal geworden. Dreimal mußten die Türen geschlossen werden, so groß war der Andrang von neugierigen Gästen. Dem Morgengewölk, der in seiner roten und weißen Fülle die Residenz hinter dem Bartisch wieder eingenommen hatte, gefiel dieser Andrang gar nicht, denn er verstand die Veranlassung sehr wohl. Einige Neugierige, die ganz naiv die Frage stellten, ob sie das Zimmer sehen könnten, wo der Professor ermordet worden sei, begegneten einem furchtbaren Blick aus den geschwollenen Augen des Gewittergewölks und einem heiseren, brummenden Laut, dessen Bedeutung nur Rudolf erfaßte. Der verständnisvolle Kellner eilte herbei und brachte die zudringlichen Frager draußen auf der Straße in Sicherheit. »Verschwinden Sie, meine Herren, verschwinden Sie um Gottes willen. Er brummt nur einmal. Dann kommt es.« »Was kommt dann?« fragten die hinausgeworfenen Gäste mißmutig. Rudolf deutete mit sprechender Plastik an, was kommen würde, wenn die Gewitterwolke noch einmal brummte. Und diese Plastik war in Meister Rudolfs Darstellung so deutlich, daß die Neugierigen verstummten. Es war also nicht ratsam, dem Gewittergewölk heute zu nahen. Seine schlechte Laune lastete auch auf seiner Umgebung, den schönen, weißen Wolken in Tüll und Puder, die seinen mächtigen Korpus flankierten. Diese Verzagtheit im Wolkenreich gab indessen Veranlassung zu intimerem Gedankenaustausch. Der junge Herr mit der goldenen Kette fehlte auch an diesem Abend nicht. Er war ganz glücklich, weil seine Auserkorene, statt wie sonst herumzuschwärmen und mit den Gästen zu schäkern, still und ordentlich mit ihrer Häkelnadel dasaß. Wie sie dort so nett und häuslich mit niedergeschlagenen Augen saß, konnte sie für ein tugendreiches Edelfräulein aus vergangenen Zeiten gelten, während der junge Mann, der noch immer kein Wort sagte, sondern sie nur anstarrte und hin und wieder an seinem kleinen, grünen Glas nippte, das Stadium der unglücklichen, unerwiderten Liebe noch nicht überschritten zu haben schien. Die einzige, die etwas störend wirkte, war wie gewöhnlich Dora. Ihren feuchtglänzenden Augen konnte man ansehen, daß sie sich bereits reichlich mit den Flaschen beschäftigt hatte. Noch aber war sie weit von ihrem Höhepunkt entfernt, wenn sie mit zerzaustem Haar und gellender Stimme die Orgien im galanten »Pfau« anzuführen pflegte. Die anderen Mädchen machten ihrer verhaltenen Unruhe Luft, indem sie Puderdosen austauschten, gegenseitig an ihren Parfüms rochen und ihre Nägel und Handspiegel sorgfältig polierten. Und das Gewittergewölk brummte. Für den aber, der in dem Gewimmel dieses Abends handelnd eingreifen sollte, war dieses Gedränge vortrefflich und willkommen. Es waren so viele fremde Gesichter da, daß keines von den neuen Aufmerksamkeit erweckte. Sogar der schärfste Beobachter konnte nichts anderes entdecken, als den Zustrom von Neugierigen und die augenfällige Unruhe über die unheimlichen Ereignisse. Und dennoch ging im Gewühl etwas vor, etwas Bestimmtes, etwas, was von geheimnisvollem Augenzwinkern, listigen Zeichen und hastigen Zuflüsterungen im Vorbeigehen begleitet wurde. Ein Mann mittleren Alters, mit einem harten, unsympathischen Gesicht, kam durch die Hoteltür. Er blieb eine Weile stehen, ganz unangefochten vom Gedränge, und spähte beobachtend durch die Menge. Dann ließ er sich mit einer heftigen Bewegung auf einem Taburett vor der Bar nieder und bestellte ein Getränk. Er kam gerade in dem Augenblick, als Dora sich eine ausgelassene Lachsalve gestattete. Sie hielt mitten im Lachen inne und sah ihn an, fuhr dann aber fort zu lachen, wenn möglich noch lauter. Auf seinem Gesicht war kein Zeichen des Wiedererkennens zu bemerken. Übrigens war auch niemand da, der seiner achtete. Es war ein Fremder, er hatte kurzes, kohlschwarzes Haar, das mit einer dicken Locke in die Stirn fiel. Warum lachte Dora? Die arme Dora mußte ihren Ruf, die heiterste zwischen den Heiteren zu sein, aufrecht erhalten – sie lachte meistens über gar nichts. In ihrer halb betrunkenen Exaltation stimmte sie ohne die geringste Veranlassung muntere Lachsalven an, nur, um dem Morgengewölk zu beweisen, daß sie, was Fröhlichkeit anbetraf, eine einzig dastehende Anziehungskraft sei. Diesmal aber hatte sie wirklich Ursache zu ihrer Ausgelassenheit. Der kleine Vicomte, Pol, der Liebling aller Mädchen und aller Nachtkabaretts, war von einem kleinen Ausflug zurückgekehrt, er war eine Stunde fort gewesen und befand sich jetzt in einem Zustand, der höchst bedauerlich von Spiritus beeinflußt war. Pol und Dora saßen an einem polierten Marmortisch und steckten die Köpfe zusammen. Pol erzählte. Er war in einem heimlichen Spielklub gewesen. »Erst setzte ich hundert«, sagte er, »und verlor. Da setzte ich zweihundert und verlor. Da setzte ich dreihundert und verlor. Dann setzte ich eintausend und gewann, bravo. Da setzte ich nochmals tausend, und gewann wieder. Da setzte ich nur hundert, und verlor zweihundert. Verlor. Da setzte ich tausend und gewann, bravo.« Dora lachte ungewöhnlich laut. »Lassen Sie mich mal sehen,« sagte sie. Pol zog eine Handvoll Scheine und Gold aus der Tasche. Dora schrie nach Champagner. Zwei Champagnerpfropfen knallten. Pol trank und verschüttete das meiste auf den Marmortisch. Dora trank und verschüttete noch mehr, worauf sie wie zufällig die eine Flasche unter dem Tisch verschwinden ließ und zwei neue Flaschen unter zunehmender Munterkeit bestellte. Und Pol erzahlte: »Ich gewann beständig. Da kam der Wirt, ein sehr feiner Herr, Whiskers, englischer Lord, eine goldene Uhr mit Wappen in der einen Tasche, ein falsches Kartenspiel in der anderen. Hm, hm. Es freut mich, Ihr Glück im Kartenspiel zu sehen, sagte der Wirt, ein Glas, mein Herr. Nein, danke, sagte ich, aber eine Zigarre, dadurch kann man nicht betäubt oder vergiftet werden, sagte ich. Darauf setzte ich tausend und gewann. Da weinte der Wirt, keine Tränen, sondern Whisky. Dann kamen Damen, schöne Damen, bravo. Gib mir einen Schein von deinem Gewinn, sagte Leonora, du kennst sie gewiß. Zwei, sagte ich, zwei Scheine, und dann stopfte ich sie ihr in die Taille, weißt du, hier, versuchsweise, schrei doch nicht so verflucht, Dora ...« Sie aber schrie überglücklich und behielt die Scheine, indem sie noch dazu die Hand auf ihre Brust legte. Der arme Pol wurde indessen immer betrunkener, einmal schlummerte er sogar ein, den Kopf auf der Marmorplatte, wurde aber unbarmherzig von Dora geweckt, die ihm eins auf den Kopf gab. Da hob er seinen Kopf wieder, er war bei dem elegischen Stadium angelangt, er hatte Tränen in den Augen und vertraute Dora flüsternd seine heiße Liebe an. Während er vergeblich vom Stuhl auf die Knie zu fallen versuchte, wechselte Dora verstohlen Blicke mit dem unsympathischen Fremden. Er zündete sich gerade eine Zigarre an, und durch Zigarrenrauch blickten seine Augen verschlagen, kalt und befehlend. Weder diese heimlichen Zeichen, noch Pols unglückselige Betrunkenheit oder Doras Heiterkeit hatten indessen Aufmerksamkeit geweckt. Dazu waren derartige Auftritte viel zu alltäglich im »Pfau«, außerdem wimmelte das Lokal von Menschen, so daß es nicht möglich war, bei all dem Lärm ein Wort zu verstehen. Der Mann mir der schwarzen Stirnlocke bezahlte und ging und ein neuer Gast nahm seinen Platz ein. Es war ein ältlicher Herr, einer jener Typen, die man häufig in dergleichen Lokalen sieht, traurige Ruinen ehemaliger Lebemänner. Sein Gesicht war rot geschminkt, einige Haarsträhne lagen ihm über der Stirn, wie die leeren Strohhalme einer eingefahrenen Heuernte, und wenn er sich bewegte, knackte es hörbar in seinen podagrakranken Gliedern, außerdem legte er einen von Gehirnerweichung zeugenden Mangel an Beredsamkeit an den Tag. Aber er war entzückt über die Gegenwart der Schönen und kniff unaufhörlich das Monokel ins Auge, um hinter den Schenktisch zu sehen. Und wenn er etwas Amüsantes entdeckt zu haben meinte, sagte er: »Äh ... äh ... äh ...« und lachte. Dieser ältere Lebemann nahm später Pols Platz ein, als der berauschte Spieler nach einer flüsternd geführten Unterhaltung mit Dora schwankend das Lokal verließ. Die muntere und robuste Dora hatte ihm offenbar ganz den Kopf verdreht. Der Marmortisch sah traurig aus nach Pols Orgien. »Pfui,« sagte der ältere Herr. Gleichzeitig aber legte er seine flache Hand auf den Rand des Tisches und dort ließ er sie die ganze Zeit liegen. In dem Marmor waren einige fast unsichtbare Zeichen eingeritzt, und diese Zeichen bedeckte der ältere Herr mit seiner Hand. Dort stand: »Nummer 32. Hier.« Und das hatte Pol mit seinem Diamantring eingeritzt. XXXV. Pol wird nüchtern. Mit vorgebeugtem Kopf, das Haar in die Stirn hängend, wie eine heruntergerollte Gardine, schwankte der berauschte Pol aus dem Lokal. Er hatte ein Stelldichein mit Dora auf Nummer 32 verabredet. Erst hatte er mit ihr vereinbart, daß er sie mit einem Auto abholen und zu einem anderen Nachtlokal fahren wollte, wo sie ihre Zecherei fortsetzen konnten, plötzlich aber war sie anderer Meinung geworden und hatte ihm zugeflüstert: »Nummer 32, die Treppe links.« Vielleicht fand sie ihn zu betrunken und wollte lieber mit ihm in einem Zimmer allein sein. Das sah Dora indessen nicht ähnlich. Sie war selbst immer betrunken und hatte ihre Freude an betrunkenen Goldvögeln. Außerdem war ihre Sinnesänderung ganz plötzlich gekommen. Sollte sie ein Signal bekommen haben? Pol erinnerte sich des unangenehmen Menschen mit dem brutalen Gesicht und der Narbe auf der einen Backe, den klaren, kalt prüfenden Augen und der Zuhälterlocke in der Stirn. Wenn dieser Mann mit Dora in Verbindung stand, mußte man vorsichtig sein, dachte Pol und überzeugte sich, ob er seinen Revolver in der Tasche hatte. Ja, er war da. Während dieser Überlegungen war er die Treppe hinaufgestiegen. Nun kann man mit Recht fragen, wie ein berauschter Mann wie Pol zu solchen Überlegungen imstande war. Aus allem, was an diesem denkwürdigen Abend geschah, geht indessen hervor, daß der Vicomte keineswegs so berauscht war, wie er gewissen anderen Personen gern einreden wollte. Pol hatte bereits mehrmals unten in der Bar gesessen und mit den Mädchen gescherzt, noch nie aber hatte er seinen Fuß ins Hotel gesetzt. Darum setzten die seltsamen Dekorationen an den Wänden ihn auch höchlichst in Erstaunen. Das Restaurant war voll Unruhe gewesen, das Hotel war sehr still. Die engen, halbdunklen und teppichbelegten Korridore, die sich wie Katakomben kreuzten, atmeten eine eigene geheimnisvolle Stimmung. Er dachte an all die Menschen, die hier wohnten, Asiaten, Amerikaner und Europäer, Schwarze und Weiße aus dem bunten Gewimmel der Artistenwelt – und es ging ihm eine Ahnung auf, daß dieses Hotel mit seinen vielen Räumen die seltsamste Mystik beherbergte. Da hörte er, wie eine Filztür ganz in seiner Nähe vorsichtig geöffnet wurde, und da er sich beobachtet glaubte, verfiel er wieder in seinen fast sinnlos berauschten Zustand. Schleppenden Schrittes, gegen die Wände stoßend, wanderte er durch die Gänge und sah nach den Türnummern. Die unregelmäßige Ordnung der Zahlen verwirrte ihn so sehr, daß er einen Augenblick wirklich glaubte, daß er betrunken sei. Schließlich aber, durch einen reinen Zufall, fand er Nummer 32. Pol hatte die Äußerungsformen der Trunkenheit in all ihren Nuancen studiert. Kein routinierter Schauspieler konnte einen Betrunkenen besser spielen als er. Auf gewisse Weise genoß er seine Rolle und steuerte sie mit all den Einzelteilen unfreiwilliger Komik aus, die der von Alkohol Belastete zum besten gibt. Hört nur, wie er gegen die Tür poltert. Erst rastend und fast unhörbar, als ob er die Entfernung falsch berechnet habe und die Tür kaum mit den Fingern berührte. Dann aber, als er richtig zugreifen wollte, zwei fürchterliche Stöße gegen die Tür, so daß sie in ihrem Schloß erzitterte. Dieses Manöver wiederholte er mehrmals, worauf er ohne eine Antwort abzuwarten, die Tür aufriß und ins Zimmer taumelte, während seine Hand wie festgeklebt am Türdrücker haften blieb. Darauf verwickelte er sich in das weitläufige Unternehmen, die Tür zu schließen, wobei er fast wieder auf den Korridor hinausgetaumelt wäre. Schließlich aber befand er sich glücklich im Zimmer, bei verschlossener Tür. Das Zimmer war leer. Pol blieb einige Augenblicke stehen und blickte sich musternd um. Er entdeckte sofort, daß das Bett in einem Alkoven stand und von einem Vorhang verdeckt war. Darum fuhr er in der Rolle des Betrunkenen fort und ließ sich in einen Lehnstuhl gleiten, wo er vornübergebeugt sitzen blieb. So vergingen mehrere Minuten. Endlich ging der Vorhang auseinander, ein Mann trat hervor und stellte sich vor Pol aus. Es war der Mann aus der Bar mit der schwarzen Stirnlocke. Er stand eine Weile und betrachtete Pol. Pol hob seinen schweren Kopf und sah ihn mit verschwommenen Augen an. Da sagte der Fremde: »Wie lange gedenken Sie diese Komödie zu spielen?« »Wo ist Dora?« fragte Pol. »Machen Sie Schluß,« antwortete der Fremde. »Sie sind ja nicht im geringsten betrunken. Ich habe Sie den ganzen Abend beobachtet.« »Ich will eine Flasche trockenen Champagner haben. Und dann will ich eine Flasche süßen Champagner haben. Ha, ich habe Tausende gewonnen ... mehrere Tausende, bravo.« Der Fremde ging zur Tür und verschloß sie. Pol erhob sich hastig und stand schwankend zwischen Stuhl und Tisch. Er versuchte sich an der Tischecke festzuhalten, was indessen nur zur Folge hatte, daß eine Blumenvase umfiel. »Was sind Sie für ein Frechdachs?« fragte Pol. »Sind Sie vielleicht mit Dora verheiratet, wie?« Worauf er wieder in den Stuhl sank und die Tischdecke mit sich zog. Der Fremde faßte wieder vor ihm Posten. »Wir haben sehr wenig Zeit,« sagte er. »Wir,« rief Pol, wie mit einem Schimmer von Vernunft, »wir! Scheren Sie sich meinetwegen zum Teufel, ich habe reichlich Zeit. Ich brauche nicht vor 1924 in meinem Kontor zu sein.« Die lange Jahreszahl verursachte ihm Schwierigkeiten, schließlich aber glückte es ihm doch, sie hervorzustammeln. »Es ist wirklich schade um Ihr Talent,« sagte der Fremde und lachte höhnisch, »Sie hätten Schauspieler werden sollen. Vielleicht wäre es Ihnen sogar geglückt, auch mich zu täuschen, wenn ich Sie nicht bereits seit mehreren Stunden beobachtet hätte. Jetzt kann es genug sein.« So leicht aber ließ Pol sich nicht schrecken. Er redete weiter dummes Zeug von Dora und Champagner. Da rief der Fremde: »Harry!« Hinter dem Bettvorhang kam eine neue Gestalt hervor, ein untersetzter, seemännisch gekleideter Mann, der einen Gummiknüppel in der Hand hielt. »Da sehen Sie meinen Freund Harry,« sagte der Fremde fast freundlich. »Beachten Sie, was er in der Hand hält, und beachten Sie seine kräftigen Arme. Können Sie sehen, daß der Totschläger Appetit auf Sie hat, er wedelt bereits mit dem Schwanz. Hallo, nein, lassen Sie Ihre Hand von der Tasche! Noch eine Bewegung und es ist aus mit Ihnen. Nimm ihm das kleine Ding ab, Harry. Sieh mal einer an, eine hübsche, kleine Waffe, D Coll-Modell 1910, ein Polizeirevolver, dachte ich mir's doch. Wir wollen jetzt ein ernstes Wort miteinander reden, es ist die höchste Zeit. Wir müssen nämlich eine sehr wichtige Angelegenheit verhandeln, mein Lieber.« Pol richtete sich auf. »Nehmen Sie Platz,« sagte er, »ich liebe es nicht, mit stehenden Personen zu sprechen, wenn ich selbst sitze.« »Gut, das ist ein anderer Ton,« sagte der Fremde und ließ sich Pol gegenüber am Tisch nieder. Er spielte wie scherzend mit Pols Revolver, und Pol hielt den Blick auf seine Finger gerichtet. Der Fremde schien seine Gedanken zu erraten. »Nein,« sagte er, »nein, Sie haben nichts zu befürchten. Wir spielen nicht mit solch geräuschvollen Dingen. Weshalb sollten wir die frohen Menschen dort unten in ihrem Vergnügen stören? Dagegen dürfen Sie meinen Freund Harry mit dem Totschläger nicht vergessen. Wie Sie vielleicht die Güte haben zu bemerken, steht er neben Ihnen. Er wartet nur auf einen Wink von mir. Es kommt nur auf Sie an, ob ich ihm diesen Wink geben soll.« »Wo haben Sie solch gebildete Sprache gelernt, Tobbi?« fragte Pol. »Ich heiße nicht Tobbi.« »Na, dann meinetwegen Tommi oder irgendein anderer Name vom Hafen. Sie sind sicher einmal Fahrstuhljunge oder dergleichen gewesen und man hat Sie verabschiedet, weil die Taschen der Reisenden nicht sicher vor Ihren Fingern waren.« »Harry,« sagte der Fremde sanft, »lieber Harry –« Pol lachte. »Sie haben mich nicht hierher gelockt, um mich gleich totzuschlagen,« sagte er. »Ich nehme an, daß ich meine Sinne beisammen behalten werde, bis ich erfahren habe, was Sie von mir wünschen. Jetzt, meine Herren Schurken, bitte ich Sie, sich zu beeilen, denn ich habe nicht die Absicht, es in der Zwischenzeit an Schimpfworten fehlen zu lassen.« »Was wir wünschen, läßt sich mit wenig Worten sagen,« sagte der Fremde, »wir wollen, daß Sie einen Brief schreiben.« »Und wenn ich mich weigere?« »Das ist undenkbar,« antwortete der andere lachend. »Sie werden diesen Brief schreiben.« Pol beobachtete seinen Gesichtsausdruck und mußte im stillen zugeben, daß er vielleicht dazu gezwungen werden würde. XXXVI. Pols Brief. Obgleich der Vicomte im stillen zugab, daß Gefahr im Anzuge sei, verriet sein Auftreten nichts davon. Im Gegenteil. Er war sich nicht klar über die Absicht der Banditen und es war ihm recht zweifelhaft, wie das Abenteuer verlaufen wurde. Aber er befand sich hier einer neuen Sensation gegenüber, die seine Nerven kitzelte, und deshalb war er im Grunde sehr vergnügt, was er auch durch gute Laune an den Tag legte. Es fehlte nur eine Tasse Kaffee, oder ein Glas Wein, damit es den Anschein hatte, als ob er in einem Salon säße und über die gleichgültigsten Dinge der Welt konversierte. Sein gleichgültiges Auftreten reizte die anderen. »Ich kann mir denken,« sagte er, »daß keiner von den Herren Banditen einen Brief schreiben kann. Ein Mann mit solcher Stirnlocke wie Sie, Tommi, kann natürlich nicht orthographisch richtig schreiben. Falls ich einen Brief für Sie an Ihre Herzliebste schreiben soll, dann können Sie überzeugt sein, daß niemand solch echte Gefühle in einem Brief auszudrücken versteht wie ich. Gestern habe ich erst einen Brief für meine Köchin geschrieben an ihren Soldaten. Geliebter Roland, so fing ich an ... Nein, nein, mein lieber Harry, schwenken Sie den Totschläger lieber nicht so heftig durch die Luft. Er könnte mich treffen und ein bewußtloser Mann kann nicht mehr schreiben. Also, meine Herren Abschaum, wenn es sich um einen Liebesbrief handelt, so bin ich bereit. Ich begreife nur nicht, warum Sie sich so viel Ungelegenheiten machen wegen einer ganz gewöhnlichen Liebesepistel an Ihre Köchin. Ich hätte auch für weniger zu Diensten gestanden. Heißt sie Kathinka? Ist sie sehr schön? Wie beliebt, mein lieber Tommi? Sie lachen in Gedanken an die Schöne, bravo, oder zeigten Sie nur Ihre Zähne?« »Eine Minute,« sagte Tommi und legte seine Uhr vor sich auf den Tisch. »Wie beliebt?« fragte Pol, »was meinen Sie?« »In einer Minute halten Sie Ihren Schnabel,« antwortete der Mann mit der Stirnlocke, und indem er seinem Kameraden einen Blick zuwarf, fügte er hinzu: »Hast du verstanden, Harry.« »Ja freilich,« antwortete Harry, indem er den Totschläger hin und her bewegte, um ihn in Schwung zu bringen. Pol zeigte mit seinem Finger auf die Uhr. »Eine Minute,« rief er, »ausgezeichnet. Ich bin nicht recht in Stimmung, meine Herren, das bedauere ich, denn Sie ahnen nicht, was ich im Laufe einer Minute sagen kann. An dem vernarbten Messerstich an Ihrem Hals, Sie schwarzhaariges Wildschwein, sehe ich, daß Sie mit einem ehrenwerten Mann, den Sie wahrscheinlich bestehlen wollten, im Kampf gewesen sind. Ihr verfaultes Herz stinkt durch Ihren Atem, Sie Kloakensohn. Ihre gräßlich langen Finger sind schmutzig von dem Futter in anderer Leute Taschen. Ihre Augen blinzeln angestrengt, weil Sie sich ausnahmsweise nicht in der Dunkelheit eines Hinterhalts befinden. Ihre Füße, die in gestohlenen Stiefeln stecken, die Sie einem armen Schuhmacher mit sieben unversorgten Kindern entwendet haben, scheinen dazu geschaffen, anderen Fußtritte zu versetzen. Sie hätten unmittelbar nach Ihrer Geburt öffentlich gehängt werden müssen. Wenn ich recht täte, so würde ich meinem Freund bei der Polizei einen Brief schreiben: Hier sitze ich zusammen mit zwei Erzhalunken, halte einen Galgen in Bereitschaft und teile dem Oberarzt beim Krankenhaus mit, daß gleich zwei ff. Kadaver kommen. Halt!« Pol hob den Zeigefinger. »Noch zwei Sekunden,« rief er. »Es war im letzten Augenblick. Jetzt werde ich den Mund halten, meine Herren.« Worauf er die Lippen aufeinanderpreßte und die Arme kreuzte. Der Revolver bebte in der Hand des Verbrechers, der vor Wut zitterte. Pol beobachtete ihn neugierig und dachte: Wenn er derartig zittert, kann der Schuß leicht losgehen. Der Verbrecher lachte. Aber es war ein seltsames Lachen. Und Pol hatte recht, als er vorhin fragte: Lachen Sie, oder zeigen Sie die Zähne? Harry aber, Harry mit dem Totschläger war vollständig paff über Pols Frechheit und ganz imponiert über seinen Vorrat an Schimpfworten. Erst sah er Pol an, der vollständig unberührt dasaß und seinen Lackschuh vor der Nase seines Kameraden auf- und abwippte. Darauf sah er seinen Kameraden mit grenzenlosem Erstaunen an, als ob er sagen wollte: »Warum lebt dieser Windhund noch?« Laut sagte er: »Die Zeit vergeht, Bussi.« Bussi war also der Kosename des Mannes mit der Stirnlocke. Pol merkte es sich. Bussi legte den Revolver auf den Tisch. »Ich muß sagen, daß Sie ausgezeichnete Einfälle haben. Was aber den Brief anbetrifft, so scheinen wir uns darin ganz einig zu sein.« »Wirklich, das freut mich.« »Ja, ich gehe auf Ihren Vorschlag ein, daß Sie einen Brief an Ihren Freund bei der Polizei schreiben.« »Worauf ich sofort meinen Vorschlag zurückziehe,« sagte Pol. Bussi stampfte wütend mit dem Fuß auf die Erde. »Sie wollen mit Ihrem verfluchten Geschwätz Zeit gewinnen,« sagte er, »es soll Ihnen aber nicht glücken. Hören Sie, was ich von Ihnen verlange. Ich will, daß Sie einen Brief an einen Mann bei der Polizei schreiben, Sie haben ja oder nein zu antworten, ob Sie es wollen.« »Ich habe keine Tinte,« sagte Pol. »Ja oder nein!« »Ja, zum Teufel. Haben Sie doch ein wenig Geduld, Mensch.« »Sie haben mich lange genug aufgehalten,« schrie Bussi wütend. »Hol die Tintenflasche von dort hinten, Harry. So, hier haben Sie Tinte. Dort liegt Papier.« »Ich habe aber keine Feder,« sagte Pol. Harry warf eine Feder auf den Tisch und benutzte die Gelegenheit, um Pol eine behaarte und drohende Faust unter die Nase zu halten. Pol wendete das Blatt hin und her. »Soll ich auf dieser Seite anfangen oder lieber auf der anderen?« fragte er. »Harry,« sagte der Mann mit der Stirnlocke, »gib ihm eine Ermahnung.« Harry schwang den Totschläger. »Halt,« schrie Pol, »rühren Sie mich nicht an, man schlägt keinen Menschen, der eine Feder in der Hand hält.« Diese seltsame Behauptung hemmte wirklich Harrys primitive Energie. Pol hielt die Feder bereit. Er blickte fragend zu Bussi auf. »Schreiben Sie,« sagte Bussi: »Lieber Krag.« Pol pfiff durch die Zähne. »Schreiben Sie!« brüllte Bussi. »Erlauben Sie mir nur eine Bemerkung,« sagte Pol gefügig. »Obgleich ich kein Taschendieb, ja nicht einmal für den Galgen vorausbestimmt bin, so verfüge ich dennoch über eine gewisse Höflichkeit. Gestatten Sie, daß ich lieber Herr Krag schreibe.« »Zum Teufel, schreiben Sie meinetwegen, was Sie wollen. Also lieber Herr Krag, sind Sie fertig?« »Lieber Herr Krag – weiter.« »Kommen Sie sofort und ganz unbemerkt nach Nummer 32 im Hotel ›Zum goldenen Pfau‹. Kommen Sie verkleidet und in aller Heimlichkeit. Klopfen Sie dreimal an die Tür. Ich erwarte Sie.« »Hallo,« rief Bussi plötzlich und griff nach seinem Revolver, »wer da?« Es hatte an die Tür geklopft, drei lange und drei kurze Schläge. »Das ist Doras Signal,« sagte Bussi. »Oeffne ihr, Harry.« Harry öffnete die Tür. Es war Asbjörn Krag. XXXVII. Das Märchen ist aus Krag hatte richtig gerechnet. Er wußte, daß sein unerwartetes Eintreten so verblüffend auf die Gesellschaft wirken würde, daß er die wenigen Sekunden, die er nötig hatte, gewinnen würde. Auch hatte er mit Pols Geistesgegenwart gerechnet. Und er hatte sich alles in allem nicht geirrt. Kaum war er durch die Tür gekommen, als er schon mit erhobenem Revolver vor Bussi stand. Bussi wich zum Tisch zurück, um sich Pols Revolver zu bemächtigen. Pol aber hatte ihn bereits an sich genommen und hielt damit Harry im Schach. Die beiden Verbrecher hatten die teuren Sekunden verloren, und die beiden Detektive waren ihnen jetzt überlegen. Nichtsdestoweniger aber war die Lage gefährlich und sie konnte leicht kritisch werden, wenn die Verbrecher zu einer Verzweiflungstat griffen. Bussis Augen flackerten hierhin und dorthin nach einem Ausweg. »Ich habe mit Ihnen zu reden,« sagte Krag. »Tun Sie nichts Unüberlegtes, denn bei der geringsten Bewegung schieße ich. Wir sind auch nicht allein.« »Hallo,« rief er plötzlich laut, »sind Sie draußen, Keller?« »Ja,« antwortete eine grobe Männerstimme vom Korridor, »wir sind vier Mann stark.« »Und unterm Fenster?« »Auch vier,« antwortete die Stimme, »alle Wege sind gesperrt.« Da entschlüpfte Bussi ein Fluch. »Sie sehen also ein,« sagte Krag, »daß jeder Widerstand vergeblich ist. Hände hoch, meine Herren, so ist's recht! Und werfen Sie den Totschläger fort, Freundchen, für den haben Sie keine Verwendung mehr. So ist's schön. Jetzt kommen Sie an die Reihe, Pol, seien Sie so freundlich und untersuchen Sie die Taschen der Herren. Ich denke, wir werden dort einige hübsche Sachen finden. Ein Revolver, sieh mal einer an, noch einer, hm, Sie sind ja fürchterlich bewaffnet, mein lieber Bussi. Und wie steht's mit Harry? Wieder ein Revolver! Und ein Dolch, pfui, das ist eine barbarische Waffe, lieber Freund, eine, wenn ich mich so ausdrücken darf, unfreundliche Waffe, die indessen den Vorzug hat, lautlos zu sein. Indessen ziehe ich doch die Fäuste vor. Recht so, legen Sie alles dort auf die Kommode, Pol, es ist ja ein ganzes Arsenal, und nehmen Sie jetzt aus meiner linken Rocktasche ein Paar hübsche Armspangen, die ich mitgebracht habe. Ganz recht, in dieser Tasche. Sie wissen sicher, wie man solche Dinger anwendet, Pol. Ja, knack, ausgezeichnet; und dann der andere, knack, knack, ja, dieses Schloß geht etwas schwer. Danke. Jetzt sind die beiden hübsch geschmückt. Und wenn ich die Herren nun bitten dürfte Platz zu nehmen. Sehen Sie nicht so wütend und hinterhältig aus, Bussi, nehmen Sie Platz! sage ich. Ich bin ein höflicher, aber auch ein sehr bestimmter Mann.« Zögernd nahmen die beiden Verbrecher Platz. Wie sie dort mit gefesselten Händen saßen, sahen sie trotzig und düster aus. Krag senkte den Revolver. »Es war aber auch Zeit,« sagte er, »mein Arm ist ganz steif geworden.« Pol nahm den Totschläger von der Erde auf und ließ ihn prüfend durch die Luft sausen. »Der hatte es auf mich abgesehen,« sagte der Vicomte lachend, »ich aber hab' ihn genarrt.« Harry blickte ihn boshaft und verstohlen an. Pol schwang den Totschläger vor seiner Nase. »Möchten Sie vielleicht eine Feder in der Hand halten?« fragte er. »Man schlägt ja keinen Menschen, der eine Feder in der Hand hält, war es nicht so?« Krag las den Brief, den Pol gerade geschrieben hatte. »Das ist ja eine Einladung,« sagte er, »ich danke Ihnen, meine Herren, doch ziehe ich es vor, solche Wirte wie Sie, mit einem unangemeldeten Besuch zu überraschen. Im übrigen durchschaue ich Ihre Absicht, meine Herren, und bin sehr traurig über den Verfall der edlen Gastfreundschaft, denn ich brauche wohl nicht weiter zu erwähnen, was meiner wartete? Vermutlich ein Batonschlag, sobald ich ins Zimmer getreten wäre. Vielleicht noch etwas Schlimmeres. Ich fing wohl an, den Herren etwas beschwerlich zu werden? Sie hatten entdeckt, daß ich Ihnen auf der Spur war und darum galt es, mich unschädlich zu machen. Ich muß gestehen, Sie handeln rasch und rücksichtslos. Als es vor einigen Tagen galt, einen anderen beschwerlichen Mann aus dem Wege zu räumen, nämlich Strantz, den verrückten Professor, da wurde auch er prompt ins Jenseits befördert. Gerade vor unserer Nase, aber so etwas wiederholt sich nicht, meine Herren. Das Ereignis lehrte uns Vorsicht. Sie haben auch andere Sünden auf Ihrem Gewissen, Sie haben eine lange und schlimme Rechnung, die auf ihren Abschluß wartet, wir hatten Ihre Spur aber eine Zeitlang verloren. Im übrigen ist es klug, hin und wieder zu verschwinden. Wie gefiel es Ihnen an Bord des Schoners ›Eddystone‹, Bussi, gut, nicht wahr? Ein andermal aber hinterlassen Sie kein Halstuch in bunten spanischen Farben, das ist ein zu gutes Erkennungszeichen. Und jetzt kommen wir zur Hauptsache. Ja, Sie haben sich auch für die hübsche kleine Affäre in Abbé Montroses Garten zu verantworten.« »Der verfluchte Priester,« brummte Bussi, »der hat uns alles verdorben.« »Wo ist er?« fragte Pol. Bussi antwortete nicht. »Wonach haben Sie gefragt,« bemerkte Krag. »Er muß doch wissen, wo der Priester ist,« antwortete Pol. »Wenn ich das wüßte,« sagte Bussi, »hätte ich ihm schon längst den Hals umgedreht.« »Eine nette Gesellschaft,« murmelte Krag. »Gut, daß wir sie jetzt dingfest gemacht haben.« Krag trat ans Fenster und blickte hinaus. »Sehr richtig,« sagte er wie zu sich selbst, »dies hier ist ein vortrefflicher Raum. Durch die Tür herein, durch das Fenster hinaus, oder umgekehrt. Ich glaube, ich werde die Polizei veranlassen müssen, dieses Hotel zu schließen. Das Morgengewölk ist zu alt und zu dick, um seine Gäste im Zaum zu halten. Es geht nicht an, daß wir solche Verbrecherhöhle mitten in der Stadt haben.« Krag ging durchs Zimmer und öffnete die Tür. »Wo bleiben nur unsere Leute,« sagte er. Der Korridor draußen war leer. Bussi brummte einige undeutliche aber wütende Worte zwischen den Zähnen. Krag schloß die Tür wieder und lachte. »Draußen ist kein Mensch,« sagte er, »und unterm Fenster auch nicht. Ich bin nämlich ein vortrefflicher Bauchredner und es ist nicht das erste Mal, daß mein Talent mir aus der Klemme geholfen hat. Man wird sozusagen zahlreicher dadurch, wenn man allein ist.« Krag blieb vor dem gefesselten Verbrecher stehen und sagte: »Geben Sie zu, daß das Märchen zu Ende ist, mein lieber H. C. Andersen.« Der Verbrecher zuckte zusammen. »Ja, Sie sind erkannt,« fuhr Krag in seinem liebenswürdigen Geschwätz fort, indem er Wasser in die Waschkumme goß, um die Spuren des alten Lebemannes abzuwaschen. »Im übrigen hat es ja nichts zu sagen, ob Sie dänischer Abstammung sind. Ich denke mir, daß Ihre Eltern durch diesen Namen die großen Hoffnungen ausdrücken wollten, die sie auf Sie setzten. Sie sollen auch hoch steigen, mein lieber H. C. Andersen, mit dem Beinamen Bussi. Ich verspreche Ihnen, daß Sie hoch steigen sollen. Sie sollen aber auch tief fallen. Wie tief ist der Fall eigentlich? Sechs Fuß, habe ich mir sagen lassen ... Ab, es ist wohltuend, die Maske loszuwerden. Ich liebe es nicht, solch alte verlebte Herren zu spielen, doch war ich dazu gezwungen. Die Mädchen betrachteten mich mit Abscheu, auch Dora. Arme Dora, der jetzt für einige Zeit das Lachen vergangen sein wird. Ich hoffe indessen, daß sie sich als eine verhältnismäßig unschuldige Mitarbeiterin erweist. Ihre unnatürliche Heiterkeit hat etwas recht Ansprechendes. Jetzt höre ich an den schweren Schritten auf der Treppe, daß unsere Leute kommen, Pol. Hiermit übergebe ich Ihnen das Oberkommando. Sorgen Sie dafür, daß unsere Gäste ein gesundes, aber sicheres Logis bekommen, leben Sie wohl, meine Herren, wir sehen uns in einem anderen und größeren Saal wieder.« ... Es war vier Uhr nachts geworden, bevor Krag zum Wachtzimmer der Detektivabteilung zurückkehrte. Er fragte nach Keller. »Keller ist vor zwei Stunden fortgegangen,« antwortete einer der anwesenden Polizeibeamten, »und ist noch nicht zurückgekehrt.« »Also zwei Stunden Vorsprung,« sagte Krag. Der Polizeibeamte stutzte. »Was meinen Sie damit!« rief er aus. »Ich meine nur,« antwortete Krag, »daß das Mysterium Montrose nicht mehr existiert, das Rätsel ist gelöst. Kommen Sie, folgen Sie mir zu Arnold Singers Zelle.« XXXVIII. Seine Eminenz. Es war eine stille Nacht auf dem Polizeiamt. Im Wachtzimmer befanden sich mir wenige Polizeibeamte. Auf dem Wege zum Zellengefängnis blieb Asbjörn Krag auf dem dunklen Gang stehen und fragte einen der wachthabenden Schutzleute: »Wie lange haben Sie Wache gehabt?« »Von acht bis zwölf Uhr und von zwei bis jetzt.« »Sie haben also Detektiv Keller hier vorbeigehen sehen?« »Ja, mehrere Male. Er hat Arnold Singer lange Besuche abgestattet. Das letzte Mal verließ er ihn unmittelbar nachdem ich meine Wache wieder aufgenommen hatte. Da ging Keller hier vorbei und durch die Tür links hinaus.« »Wie war er gekleidet?« fragte Krag. »Gekleidet?« Der Schutzmann schien nickt zu verstehen ... »Er hatte seinen braunen Khakianzug an,« sagte er. Der Schutzmann, den Krag zuerst in der Wachstube getroffen hatte, erzählte ihm, daß er ungefähr um ein Uhr nachts einige Worte mir Keller gewechselt habe. Keller war von seinen Besuchen bei Arnold Singer außerordentlich ergriffen gewesen. Er hatte dem Gefangenen seinen zweiten Besuch abgelegt und wollte wieder zu ihm, sobald der Kranke und Erschöpfte eine Stunde geruht habe. Keller hatte etwas von einzig dastehenden Enthüllungen, psychologischen Rätseln, seltsamen Verbrechertypen und dergleichen gesagt und war überhaupt sehr erregt gewesen. Krag lauschte diesen Mitteilungen auf dem Weg zu Arnold Singers Zelle, ohne daß sie ihn sonderlich zu interessieren schienen. Er war ganz und gar von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen. Die Leute aus der Wachmannschaft, die ihn begleiteten, hörten ihn halblaut zu sich selbst sagen: »Ich hätte es doch vielleicht nicht wagen sollen ... wenn nur kein Unglück geschehen ist.« Vor der Tür zu Arnold Singers Zelle blieben sie stehen. Krag faßte den Türdrücker. »Die Tür ist verschlossen,« sagte er. Der Gefängniswärter lachte. »Ja, natürlich ist sie verschlossen,« sagte er, »Sie können sich doch denken, daß Keller so sorgfältig gewesen ist, sie hinter sich zu verriegeln.« »Schließen Sie auf,« sagte Krag. Der Gefängniswärter rasselte mit den Schlüsseln. »Der arme kranke Gefangene ist gewiß müde jetzt,« sagte er. »Könnten Sie nicht bis morgen warten?« »Schließen Sie auf,« sagte Krag wieder. Als die Tür geöffnet wurde und die Polizeibeamten die enge Zelle betraten, begegnete ihnen ein unerwarteter Anblick. In dem bleichen Morgenlicht, das durch das Fenster strömte, sahen sie einen halbentkleideten Mann wie tot auf dem Boden liegen. Krag eilte auf ihn zu und beugte sich über ihn, während die anderen zurückwichen und wie versteinert stehenblieben. Nach einer hastigen Untersuchung richtete Krag sich auf. Seine Augen blitzten befriedigt. »Keine Gefahr,« sagte er, »es ist nur eine vorübergehende Bewußtlosigkeit. Holen Sie Wasser und Kognak.« Während einer der Wärter nach dem Verlangten lief, beugten die anderen sich über den Bewußtlosen. »Das ist ja Keller!« riefen sie wie aus einem Munde. »Ja, gewiß ist es Keller,« antwortete Krag. »Aber Keller hat vor mehr als zwei Stunden das Gefängnis verlassen.« »Nein,« antwortete Krag, »er hat hier die ganze Zeit gelegen.« »Aber ich hab' ihn ja mit eigenen Augen gesehen. Ich hab' ihn doch gegrüßt.« »Im Halbdunkel des Korridors. Können Sie beschwören, daß es Keller war.« »Der Khakianzug,« begann der andere. »Begreifen Sie denn nicht,« sagte Krag, »daß es der Gefangene war, der fortging, Arnold Singer in Kellers Anzug?« Der Mann, mit dem Krag zuerst gesprochen, griff in das Gespräch ein. »Jetzt begreife ich, was Sie mit Vorsprung meinten,« sagte er. »Arnold Singer hat also zwei Stunden Vorsprung?« Krag nickte. Der Mann zeigte auf den Bewußtlosen. »Wußten Sie dies?« fragte er. »Ich ahnte es,« antwortete Krag, »aber ich hoffte etwas anderes und ich fürchtete einen Augenblick das Schlimmste.« Jetzt kam der Gefängniswärter mit dem Kognak. Nach einigen Sekunden schlug Detektiv Keller die Augen auf. Das erste, was sein verstörter Blick traf, war Krags freundlich lächelndes Gesicht. Plötzlich fuhr Keller in die Höhe. »Greift ihn!« schrie er. Krag legte ihm beruhigend die Hände auf die Schultern. »Das hätten Sie vor zwei Stunden rufen sollen,« sagte er. * Einige Stunden später, als das Leben auf dem Polizeiamt in vollem Gange war, konnten Schutzleute, die zufällig das Zimmer der Detektive passierten, einen großen Lärm auf Krags Kontor hören. Es war Keller, der dort drinnen tobte. Krag versuchte ihn zu beruhigen, aber es war nicht möglich. Erst erging Keller sich in furchtbaren Selbstvorwürfen, die mit Flüchen und Ausdrücken wie Idiot, Rindvieh, Schafskopf und dergleichen gespickt waren. Da er damit nur sein eigenes Verhalten zu charakterisieren versuchte, beschränkte Krag sich darauf, hin und wieder ein zaghaft widersprechendes »Na, na« einzuschieben. Schließlich ergriff Keller einen Haufen beschriebener Papiere, die auf dem Tisch lagen, zerriß sie in viele tausend Stücke und warf sie in den Kohlenkasten. »Pfui Teufel,« sagte er, »da liegt die ganze Literatur. Natürlich war es die seltsame Darstellung des Mannes, die mich betrog. Stellen Sie sich vor, daß ich wirklich ins Netz gegangen, daß ich auf dieses ganze Geschwätz über Psychologie und dergleichen hereingefallen bin, womit ein anständiger Detektiv sich überhaupt nicht befassen sollte. Jetzt begreife ich auch, weshalb es immer an positiven Aufklärungen in dem Bekenntnis fehlte. Er konnte überhaupt keine Aufklärungen geben.« »Nein,« antwortete Krag, »denn er hat gar kein Verbrechen begangen. Seine Absicht war, Sie in dem charakteristischen gelben Khakianzug hin- und herzuschicken, damit alle glauben sollten, daß Sie es seien, als er selbst nach dem dritten oder vierten Male ganz ruhig in Ihrem Kostüm durch den Raum marschierte. Dank der Dunkelheit glückte es ihm auch. Es war eine glänzende Köpenickiade.« Keller faßte sich an den Hals. »Und der Kerl war stark.« »Und kannte den Griff,« sagte Krag, »er ist Anatom. Er wußte, was dazu gehört, einen Menschen bewußtlos zu machen.« »Und ich glaubte nicht anders, als daß er ein schwacher und kranker Mensch sei, halb tot vom freiwilligen Hungern.« »Er ist ans Fasten gewöhnt,« antwortete Krag. * Um zehn Uhr am selben Vormittag wurde Krag in Bischof de Marnys Arbeitskabinen vorgelassen. Es war ein großer vornehm ausgestatteter Raum mit alten Möbeln, Lithographien und Büchern. Die Vormittagssonne fiel sommerwarm und strahlend durch die offene Balkontür. Es war eigentlich der erste richtige Sommertag. Unter den Fenstern rauschten die voll entfalteten Bäume des Parkes im Winde, der von Duft gesättigt war. Durch die durchsichtige und helle Luft glänzten die vielen vergoldeten Kirchtürme der Stadt. Der diskrete, auf lautlosen Sohlen gebende Diener hatte Asbjörn Krag in dem großen Zimmer allein gelassen. Während er wartete, empfand er deutlich den Frieden und die Harmonie, die innerhalb dieser Wände ruhten. Alles atmete Stille und aristokratische Zurückgezogenheit, nichts schien hier der eiligen und nervösen Gegenwart anzugehören. Der Bücherschrank war voll von Büchern in dunklen und soliden Einbänden. Der riesige Mahagonischreibtisch stand auf seinen schweren Füßen, als ob er dort für ewige Zeiten hingepflanzt sei. Aus den grauen und einförmigen Lithographien der Wände blickten vergangene Jahrhunderte auf den Besucher herab. Das einzige, was den Ernst erhellte, war eine Schale mit Frühlingsblumen vor dem Platz Seiner Eminenz. Seine Eminenz ließ auf sich warten. Krag benutzte die Wartezeit, um die Büchertitel zu studieren. Es war hauptsächlich wissenschaftliche Literatur. Besonders fiel ihm ein Buch auf, das den Titel trug: Verbrechertypen bei Shakespeare. Von Armand Montrose . Während er noch in diesem Buch blätterte, trat Seine Eminenz ein. Bischof de Marny war noch kein alter Mann. Krag hatte ihn noch nie gesehen, fand aber, daß der Bischof etwas an sich hatte, was an dieses Arbeitszimmer erinnerte. Etwas Zurückgezogenes, Vornehmes, Altmodisches, mit jenem Zusatz von unbeschreiblich freundlicher und menschlicher Nachsicht, wie man sie häufig bei wirklich hervorragenden Geistlichen findet. »Wie ich sehe,« sagte Seine Eminenz, »halten Sie ein Buch in der Hand, das mein unglücklicher Freund Abbé Montrose geschrieben hat. Er gehört eigentlich mehr der Wissenschaft als der Kirche an. Ich sage es mit Bedauern, obgleich ich mit Grund annehmen kann, daß er in diesen Tagen gerade seine Wahl getroffen und die Wissenschaft gewählt hat. Wir haben heute den vierundzwanzigsten. Wären nicht all diese unheimlichen Dinge eingetroffen, hätte ich ihn heute um diese Zeit erwarten können.« »Er kommt,« sagte Krag. XXXI. Abbé Montroses Rückkehr Seine Eminenz bat Krag, Platz zu nehmen, und er setzte sich ihm gegenüber in seinen bequemen Lehnstuhl. »Es freut mich außerordentlich,« sagte er, »daß die energischen Nachforschungen der Polizei Erfolg gehabt haben. Wenn ich Sie recht verstehe, werden wir bald die Freude haben, Abbé Montrose wieder unter uns zu sehen. Ich hoffe, daß ihm nichts Ernstes zugestoßen ist. Da alles bereits aufgeklärt zu sein scheint, ist es vielleicht nicht einmal nötig, daß ich Ihnen den Brief zeige, den Montrose mir geschrieben bat?« »Doch,« antwortete Krag. »Ich bin des Briefes wegen hergekommen. Ich halte ihn für außerordentlich wichtig. Ich hoffe, daß vor Ablauf einer Stunde etwas geschehen wird, das diese ganze Angelegenheit auf befriedigende Weise abschließt. Falls dieses Etwas aber nicht eintrifft, glaube ich dennoch, daß der Brief das letzte entscheidende Glied in meiner Beweiskette sein wird.« »Es freut mich aufrichtig, daß Sie den Brief für so bedeutsam halten,« antwortete Seine Eminenz mit seinem verbindlichen Lächeln, »dann weiß ich jedenfalls, daß ich Sie nicht unnötig bemüht habe.« Der Bischof öffnete seine Schreibtischschublade und suchte zwischen Papieren. »Der Brief ist ganz privat,« sagte er, »darum habe ich bisher daran gezweifelt, daß er der Polizei von Nutzen sein könnte.« »Der Inhalt ist auch nicht so wichtig, sondern der Brief als solcher.« »Aha, ja, auf so etwas versteht die Polizei sich besser, als ein alter Priester. Der Inhalt ist in Kürze folgender,« fuhr Seine Eminenz fort, indem er den Brief entfaltete, »Abbé Montrose bittet mich um eine Unterredung, weil es seine Absicht ist, die Kirche zu verlassen, um sich ganz seinen wissenschaftlichen Studien zu widmen. Er bittet mich, ihn aus dem Verband der Kirche zu lösen. Er schreibt, daß sein Entschluß feststeht und fügt hinzu, daß Umstände da sind, die eine Änderung in seinem Entschluß unmöglich machen. Dieser Brief ist am Abend vor dem bedauernswerten Auftritt in der Bibliothek des Abbé geschrieben. Ich gestehe, daß Montrose mir bereits bei früheren Gelegenheiten diesen selben Plan vorgelegt hat, und daß ich dann getan habe, was meine Pflicht mir gebot, indem ich versuchte, ihn von diesem aufsehenerregenden Schritt zurückzuhalten. Als ich diesen Brief bekam, sah ich indessen ein, daß es keine Wahl mehr gab, denn Montrose gehört zu jenen willensstarken Menschen, die von einem einmal gefaßten Entschluß nicht abzubringen sind. Darum sah ich ein, daß es nichts anderes zu tun gab, als das Band auf die geeignetste Weise zu lösen. Das ist ja eben die Stärke unserer Kirche, daß sie mehr mit den unvermeidlichen Ereignissen des Menschenlebens rechnet, als andere Kirchengemeinden dieses Erdenlebens. Hier ist der Brief, mein Herr.« »Das Gesagte beweist mir bereits,« sagte Krag, »daß der Brief das abschließende Glied meiner Beweiskette bildet. Und es freut mich, daß Abbé Montrose auf jene Nachsicht rechnen kann, die alle Schwierigkeiten im Menschenleben verständnisvoll und freundlich beurteilt.« Seine Eminenz beugte bejahend den Kopf. Krag durchflog hastig den Brief, der nichts weiter enthielt, als was der Bischof bereits kurz wiedergegeben hatte. Darauf nahm er aus seiner Tasche ein sehr starkes Vergrößerungsglas und die Photographie einer jungen Frau – dieselbe Photographie, die er in jener Nacht in der Bibliothek des Abbés gefunden hatte. Er untersuchte eine Weile sowohl den Brief wie die Photographie sehr genau durch das Vergrößerungsglas. »Zweifeln Sie an der Echtheit der Handschrift?« fragte der Bischof. »O nein,« antwortete Krag. »Als Abbé Montrose Ihnen diesen Brief am Abend schrieb, bekam er zufällig etwas Tinte an den Daumen. Mit Hilfe des Vergrößerungsglases finde ich nämlich den Abdruck seines Daumens ganz unten in der rechten Ecke des Briefes. Derselbe Abdruck ist auch, viel deutlicher, auf der Rückseite der Photographie zu finden. Diese Photographie wurde in der geplünderten Bibliothek des Abbés gefunden. Als einige Stunden darauf ein Mann des Verbrechens verdächtigt wurde, stimmte sein eigener Fingerabdruck mir dem Abdruck auf dieser Photographie überein. Verstehen Sie, was das zu bedeuten hat?« »Nein, ich muß sagen – –« Krag legte die Photographie vor Seine Eminenz hin. »Eine junge Frau,« sagte der Bischof, »ein junges und sympathisches Gesicht.« »Ihr Name ist Clara Singer,« sagte Krag, »und diese Frau ist schuld daran, daß Abbé Montrose Ihnen den Brief geschrieben hat.« »Ah, ich fange an zu verstehen –« »Aber«, fuhr Krag fort, »damit Euer Eminenz ein deutliches Bild von der ganzen Sache bekommen, wird es notwendig sein, daß ich sie ganz kurz wiederhole. Die Sache hat in der Öffentlichkeit ein so großes Aufsehen erregt, wie sie es von Anfang an gar nicht verdiente. Ursprünglich handelte es sich nämlich um nichts anderes, als um einen ganz gewöhnlichen, plump ausgeführten Einbruch. Die Verhältnisse aber brachten es mit sich, daß das eine Verbrechen ein größeres nach sich zog. Überhaupt ist diese Affäre ein charakteristisches Beispiel dafür, wie verwickelt eine an sich ganz klare Sache werden kann, wenn sie mit einer anderen, nicht dazugehörigen Sache vermengt wird. Die Affäre Montrose ist nicht eine, sondern zwei Affären, die in diesen Tagen nebeneinander hergelaufen und von der Öffentlichkeit und der Polizei, übrigens begreiflicherweise, vermischt worden sind. So etwas kann ja leicht in einer großen Stadt vorkommen, wo Menschen und Geschehnisse einander ununterbrochen kreuzen. Bevor ich aber fortfahre, habe ich Euer Eminenz ein Geständnis für eigene Rechnung abzulegen. Ich habe jemanden mit hierhergebracht. Dieser Jemand hält sich in einem Nebenzimmer auf, und wenn es so weit ist, werde ich mir erlauben, Euer Eminenz die betreffende Person vorzustellen.« »Es wird mir eine Freude sein, den Betreffenden kennenzulernen,« antwortete der Bischof freundlich. »Im übrigen bin ich sehr gespannt, die Fortsetzung dieser merkwürdigen Sache zu hören. Bitte, fahren Sie fort, mein Herr.« Statt aber fortzufahren, verharrte Krag eine Weile in lauschender Stellung. »Es läutet,« sagte er. »Lassen Sie sich nicht davon stören,« sagte der Bischof, »die Besucher warten im Vorzimmer.« »Ich möchte Euer Eminenz trotzdem raten, sich zu erkundigen, wer eben gekommen ist.« »Wie Sie meinen. Ich verstehe, daß Sie eine besondere Absicht haben.« Er drückte auf den elektrischen Knopf auf dem Schreibtisch, und nach einem Augenblick trat ein livrierter Diener ein. Das Gesicht des Bedienten trug Spuren äußerster Verstörtheit. »Ja, ein Herr ... ich meine, der verschwundene ... ich –« »Wer, mein lieber Morten Philipp?« fragte der Bischof von neuem. » Herr Abbé Montrose ,« antwortete Morten Philipp. »Führe den Abbé herein,« befahl der Bischof und erhob sich erregt. Abbé Montrose trat ein in einem schwarzen Rock, wie Priester ihn zu tragen pflegen. Große, blaue Brillengläser verbargen seine Augen. »Treten Sie näher,« sagte der Bischof, »Sie kommen wie ein Wesen von jenseits des Grabes.« Auch Krag hatte sich erhoben und betrachtete den Abbé. Montrose rührte sich nicht. Da ging der Detektiv auf ihn zu und streckte ihm seine Hand entgegen. »Lieber Arnold Singer,« sagte er, »nehmen Sie Ihre Brille ruhig ab, die Wahrheit ist unterwegs.« Abbé Montrose schien einen inneren Kampf durchzumachen. Da nahm er hastig die Brille ab und trat mit festen Schritten ins volle Licht. Es war Arnold Singers bleiches Gesicht und seine strahlenden Augen, die Krag von Anfang an aufgefallen waren. »Ja,« rief er, »von jetzt ab nur die Wahrheit und nichts anderes. Ich bin Arnold Singer . Aber ins Gefängnis gehe ich nicht wieder zurück.« »Das sollen Sie auch nicht,« antwortete Krag, »die richtigen Verbrecher sind ergriffen und werden bald ihren Lohn bekommen. Ich war gerade dabei, Seiner Eminenz zu entwickeln, daß jetzt nichts anderes zu tun ist, als jene menschliche Nachsicht zu üben, die Wunden heilt und Glück zurückgibt. Sie haben bereits genug auf Grund des Mißverständnisses der Polizei gelitten. Sie sind außer Gefahr.« Zum Bischof gewandt, fuhr Krag fort: »Die Ankunft dieses Herrn macht die Sache vollständig. Soll ich fortfahren? Also gut, nehmen Sie Platz, lieber Abbé Montrose, meine Erzählung ist in vieler Beziehung Ihre Geschichte. Ich bitte Sie, mich zu unterbrechen, wenn ich etwas sage, was nicht mit der Wahrheit übereinstimmt. Also, meine Herren, Abbé Montrose hat sich vor drei Jahren den Gesetzen des Lebens und der Liebe unterworfen und ist eine Ehe mit Clary Whist, der Tochter des Wirts aus dem ›Vergoldeten Pfau‹ eingegangen.« Abbé Montrose verhielt sich noch immer schweigend. Es war also wahr. »Bereits damals«, fuhr Krag fort, »begann er das Doppelleben, das vielleicht nicht so unerhört selten ist innerhalb des priesterlichen Standes, wie man gern glauben möchte, und das einerseits sein Verlangen, sein eigenes Leben zu leben, befriedigte, andererseits seine Stellung nach außen als angesehenen Gelehrten und Prälaten nicht schädigte. Seine Frau kannte ihn nur als den braven und künstlerisch interessierten Arbeiter, der ihres Vaters Hotel so hübsch und phantasievoll dekoriert hatte. Sie führten ein vollendet glückliches Familienleben. Jeden Morgen begleitete sie ihren Mann zur Straßenbahn; jeden Abend, wenn er nach Hause kam, ging sie ihm strahlend und froh entgegen. Ein Kind erhöhte noch ihr Glück. Ich brauche mich nicht in Kleinigkeiten darüber zu verlieren, wie es Abbé Montrose glückte, sein Doppeldasein zu verbergen. Wahrscheinlich hatte er irgendwo in der Stadt einen heimlichen Zufluchtsort, wo er täglich, wenn seine Anwesenheit in der Abbéwohnung nicht mehrere Tage hintereinander erforderlich war, seine Verkleidung vornahm. Ich sehe Ihnen an, Abbé Montrose, daß ich richtig geraten habe. Ich brauche auch nicht weiter auszumalen, wie furchtbar peinlich dieses Doppelleben mit der Zeit wurde. Die Wissenschaft und Ihr Amt hielten Sie lange fest, schließlich aber siegte das Leben , und Sie beschlossen, Ihr offizielles Verhältnis zur Kirche zu lösen und wandten sich in dieser Veranlassung an Ihren Freund, Seine Eminenz, ohne jedoch den tatsächlichen Sachverhalt zu verraten. Ihr Verhältnis zur Kirche wäre auch sicher in aller Stille und ohne Aufsehen gelöst worden, wenn nicht ein unvorhergesehenes Ereignis eingetroffen wäre, das Sie veranlaßte, schnell zu handeln, und da schrieben Sie jenen Brief dort an den Bischof. Da geschieht es, daß das Verbrechen in Ihr Schicksal eingreift. Und das Verbrechen wiederum bangt mit der Entdeckung Ihres Doppellebens zusammen. Habe ich recht? Gut, wir sind jetzt zum Abend vor der Plünderung in Ihrer Bibliothek gekommen.« XL. Schluß. »Bevor ich aber weitergehe,« fuhr Asbjörn Krag fort, »muß ich einige Worte über das arme verkommene Subjekt sagen, das in Abbé Montroses Garten als Arbeiter angestellt war, ich meine Strantz, auch der ›verrückte Professor‹ genannt. Ich habe nähere Erkundigungen über ihn eingezogen. Er war ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt und studierte Theologie an der Universität. Trunksucht und Not aber brachten ihn auf Abwege, bevor er sein Studium beendet hatte. Er sank tiefer und tiefer, und wenn er keine zufällige Arbeit hatte, lebte er mit Verbrechern und allen möglichen Menschenwracks zusammen. Aber sogar in seinem tiefen Erniedrigungszustand konnte er die Träume seiner Jugend nicht vergessen und war glücklich, wenn er im Rausch sich und anderen einbilden konnte, daß er die Verwirklichung seiner Träume erreicht hatte. Er liebte es, den Gelehrten zu spielen und war beglückt, wenn er sich in irgendein priesterliches Gewand kleiden konnte. Ich habe ihn in so einer Situation gesehen und habe selten das Elend des Lebens tragischer empfunden. Da geschieht es, daß dieser Mann Sie, Herr Abbé, in Arnold Singers Gestalt wiedererkennt. Wahrscheinlich in der Nähe Ihres Hauses.« »Es geschah eines Morgens auf der Straßenbahn,« erklärte der Abbé. »Ohne daß ich es merkte, folgte er mir zu meiner heimlichen Wohnung und sah mich von dort in meiner geistlichen Tracht fortgehen. Es war am Tage vor dem unheimlichen Ereignis in der Bibliothek.« »Da haben wir's, und wenn ich mich nicht sehr irre, teilte der verkommene Strantz Ihnen bereits am selben Abend mit, was er wußte und versuchte eine Gelderpressung.« »Sie irren sich nicht.« »Wie behandelten Sie ihn?« »Mit Verachtung natürlich. Ich verabschiedete ihn sofort und nahm als Vorwand, daß er Blumen aus dem Garten der Abbéwohnung stahl, was er auch wirklich tat.« »Bei selber Gelegenheit bezahlten Sie ihm den Restbetrag seines Lohnes und notierten die Summe auf einem Stück Papier, wie es Ihre Gewohnheit war.« »Ja.« »Weiter: Bei selber Gelegenheit konnte Strantz bemerken, daß Sie eine größere Geldsumme in Ihrem Geldschrank aufbewahrten.« »Die Hospitalgelder, sehr richtig.« »Sie wiesen Strantz mit Verachtung die Tür, und er ging mit Zorn im Herzen. Gleichzeitig aber sahen Sie ein, daß Ihr Geheimnis, das Sie drei Jahre so gut gehütet hatten, nicht mehr sicher sei, nachdem dieser gemeine Mensch es durchschaut hatte, und Sie beschlossen, den Knoten mitten durchzuhauen. Darum schrieben Sie diesen Brief an Seine Eminenz. Darauf begaben Sie sich zu Ihrer Frau. Jetzt aber taucht eine neue Gestalt auf dem Wahlplatz auf, Ihr Schwager Charlie, der gerade aus dem Gefängnis entlassen war und aus verschiedenen Gründen, unter anderem, weil er die Rache eines Mitgefangenen fürchtete, am nächsten Morgen mit dem Dampfer nach Amerika wollte und mußte. Hierzu aber hatte er die Summe von tausend Kronen nötig, und Sie gehen aus, um ihm das Geld zu verschaffen. Da war es ein Uhr nachts und Sie hegten keine Bedenken, durch die Dunkelheit geschützt, sich zur Abbéwohnung zu begeben, um in der Bibliothek das Geld zu holen.« »Ich holte das Geld und kam damit zurück.« »Aber Sie vergaßen Ihr Schlüsselbund auf dem Tisch in der Bibliothek.« »Ja, leider.« »Und die Photographie Ihrer Frau.« »Sie war in einer Schublade eingeschlossen. Ich nahm sie nur hin und wieder heraus, um sie zu betrachten. Ich liebe meine Frau.« »Gut,« sagte Krag, »soweit sind wir also gekommen. Während Sie alles dies vornahmen, die Bibliothek verließen und zu Ihrer Frau zurückkehrten, nahm indessen das Verbrechen, das so seltsam mit Ihrer Angelegenheit verquickt wurde, an einem anderen Ort seinen Anfang. Von Grimm erfüllt und voller Begierde nach dem Gold, das er in Ihrem Geldschrank sah, hat Strantz einige schlechte Subjekte seiner Bekanntschaft aufgesucht, dazwischen einen neuerdings angekommenen Seemann dänischer Herkunft, namens Hans Christian Andersen, einen alten Bekannten der Polizei. Diese Menschen nun beschließen einen Einbruch in der Bibliothek und setzen ihren Plan auch ins Werk, unmittelbar nachdem Sie den Garten verlassen haben. Der Geldschrank wird erbrochen und geplündert, und zwischen der Beute, die Strantz an sich rafft, sind auch die Schlüssel, von denen er sich viel verspricht. Er kennt ja Ihre heimliche Wohnung. Ich nehme an, daß Strantz erst später seinen Kameraden von diesem Geheimnis Mitteilung gemacht hat, und darauf versuchen die Verbrecher, die Polizei auf falsche Spur zu bringen, indem sie Ihre Handschrift nachahmen und Ihrem juristischen Beirat Dr. Wiede einen Brief schicken.« »Die Verbrecher sind auch in meiner heimlichen Wohnung gewesen,« schob Montrose ein, »dort ist alles durcheinander gewühlt.« »Der verrückte Professor ist auf alle Fälle dort gewesen,« antwortete Krag, »denn ich habe die Ehre gehabt, ihn in einem Ihrer priesterlichen Gewänder auftreten zu sehen. Es war kurz bevor er als Opfer seiner Kameraden fiel. Ich, kehre indessen zur Plünderung und zur Bibliothek zurück. Der Schutzmann, der in der Nähe patrouillierte, wurde aus einen ungewohnten Lärm in der Bibliothek aufmerksam. Es ist wahrscheinlich, oder richtiger, es ist Tatsache, daß die Verbrecher bei der Verteilung der Beute in Streit gerieten und sich in eine wilde Schlägerei verwickelten, von der die Bibliothek deutliche Spuren trägt. Zerbrochene Stühle, zerrissene Decken, zerschmetterte Fenster. Einer hat einen Schlag auf die Nase bekommen, wobei das Blut durch das Zimmer gespritzt ist. Das ist die Erklärung dafür, daß man annahm, daß Sie, Herr Abbé, überfallen und schließlich tot oder lebendig entführt worden seien. Indessen hörten die Verbrecher, daß die Schutzleute sich näherten. Sie packten in aller Eile das geraubte Gut in einen Ihrer Priesterröcke und stiegen damit übers Staket. Ein Zipfel des Rockes blieb an den Eisenstangen des Stakets hängen und daraus meinte man schließen zu können, daß Sie, Herr Abbé, freiwillig oder mit Gewalt denselben Weg genommen hätten. Dann begann die Arbeit der Detektive. Unsere Mißgriffe find durch die eigentümliche Natur der Umstände zu entschuldigen. Wie es sich zeigt, stimmen die Fingerabdrücke auf der Photographie vollständig mit denen des Arbeiters Arnold Singer überein. Der Arbeiter kann keine befriedigende Erklärung wegen der tausend Kronen geben. Überhaupt scheint alles darauf hinzudeuten, daß er der Verbrecher ist. Was nun den verhafteten Arbeiter Arnold Singer betrifft, so weiß er, daß er gerettet ist, wenn er aus dem Gefängnis entkommen kann, um so mehr als er erfährt, daß die Verbrecher den verrückten Professor ermordet haben, weil er mit seinem betrunkenen Geschwätz drauf und dran war, alles an zwei Detektive, die mit ihm in einem Hotelzimmer sprachen, zu verraten. Darum versucht er zu entkommen, das erstemal mißglückt der Fluchtversuch, das zweitemal aber glückt er, nachdem er mit Intelligenz und Phantasie eine Falle ausgelegt bat, in die mein tüchtiger, aber etwas naiver Freund Keller glatt und willig hineingeht. Ich habe Ihnen einen speziellen Gruß von ihm zu entrichten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Sache indessen bereits durchschaut. Ich begriff, was Sie mit Ihrem phantastischen Geständnis bezweckten, wollte aber die Patience nicht am Aufgehen hindern. Sie war bereits damals ihrer Lösung nahe. Und jetzt«, schloß Krag, und ging auf die Tür des Nebenzimmers zu, »werde ich mir erlauben, Euer Eminenz die Person vorzustellen, die mich hierher begleitet hat, eine arme unglückliche Frau, die mitten in ihrem Glück einen furchtbaren Schlag erlitt, die aber jetzt ihr Glück zurückerhalten kann, kraft menschlicher Nachsicht.« Er führte Clary Singer ins Zimmer. Sie eilte in die Arme ihres Mannes. Und hier verließ Asbjörn Krag die Wiedervereinten und kehrte zum Verbrechen zurück. Dank Bischof de Marnys Fürsorge wurde Abbé Montroses an und für sich unschuldige Teilnahme an der Affäre ohne Aufsehen abgewickelt. Kurze Zeit darauf wurde der Abbé aus dem Verband der Kirche gelöst. Er hat später mit großem Erfolg seine interessanten Studien über die Verbrechertypen bei Shakespeare fortgesetzt. Harry und Bussi wurden für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen. Und was das Morgengewölk betrifft, so verlebte er seine letzten behaglichen Tage als Obergärtner in dem Garten, den Dr. phil. Armand Montrose auf seinem Landsitz anlegte. Denn der »Vergoldete Pfau« wurde für immer geschlossen. Krag aber ist von neuem an der Arbeit.