Sir John Retcliffe Die Abenteurer der Sonora Bearbeitet und herausgegeben von Barthel-Winkler Inhalt Zum Geleit Geschichtliche Einführung Ojo d'Oro Die Fahrt ins Abenteuer Um eine halbe Stunde... Master Schielauge Der Rote Hai Der Mann im Turban Die vorliegende Neuausgabe des Romans »Die Abenteurer der Sonora«, sowie aller in dieser Sammlung erscheinenden Romane Sir John Retcliffe's, fußen auf der vom Verlag erworbenen und ihm allein zustehenden Ausgabe von Ernst Götz, in der Bearbeitung von Barthel-Winkler. Nachdruck, Übersetzung und Verfilmung verboten. Der Roman »Die Abenteurer der Sonora« ist der erste Teil des Werkes »Puebla« und bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Nach den Richtlinien, die wir im Vorwort zu dieser Gesamtausgabe – siehe »Volk in Folter«, Nena Sahib, I. Bd. – gezogen haben, wurden nunmehr sämtliche Werke Retcliffe's sorgfältig durchgearbeitet, von Unstimmigkeiten gereinigt, dem heutigen Geschmack angepaßt und – zum allerersten Male – durch neuaufgefundene Kapitel, zum Teil erheblich, ergänzt. Barthel-Winkler. Zum Geleit In dem vorliegenden dreibändigen Werk der Sonora-Abenteurer, dem Retcliffe den einfachen und anspruchslosen Namen » Puebla « gab, schuf der große Romancier, der unerschöpfliche Fabulierer, der oft grausame Phantast, sein romantischestes Kind. Auf den Barrikaden von Paris, jenem Paris, das der dritte Napoleon mit rücksichtslosem Blutvergießen durch den Kriegsminister Saint Arnaud sich zu Füßen zwingen ließ, beginnt er die abenteuerliche Geschichte des Grafen Horace Aimé Raousset-Boulbon und endet sie mit seinem Tode von Indianerhand auf den unermeßlichen Schätzen der Azteken. Eine Welt von bunten, reizvollen und erschütternd tragischen Dingen liegt zwischen diesem Anfang und diesem Ende. Paris in den Greueln des 2. Dezembers 1851, wächst vor uns auf; das Wildwesttreiben San Franziskos aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und die Räuberromantik des früheren Mexikos. Der Graf Boulbon, dieses famose Gemisch von Anstand und Unzuverlässigkeit, bastardischem Adelsdünkel auf die Lilien Frankreichs und eigensüchtiger Abenteuerei, ist eine Gestalt, die die ganze Meisterschaft Retcliffes verrät und schon allein verpflichtet, das Werk dem Vergessen zu entreißen. Diesem wurzellosen Geschöpf einer innerlich verfaulten Zeit glaubt man den tollen Zug in die Sonora, um ihr, an der Spitze einer leichtfertig zusammengeworbenen Truppe aus Verbrechern und Gescheiterten, das Geheimnis der verschwundenen Schätze der Azteken zu entreißen und sich dort im Schutz der verworrenen politischen Verhältnisse ein Thrönchen zu erkämpfen. Auch außer diesem Grafen Raousset-Boulbon begegnen wir guten Bekannten aus dem ersten Bande von Nena Sahib, »Volk in Folter«, wieder. Da ist neben dem kentuckischen Pferdedieb John Merdith der bibel- und schwindelfeste Methodist Heseliah Slong, der, selber eine schwarze Seele, die Gottseligkeit immer auf den Lippen führt und die anderen in seiner zweifelhaften Gemeinschaft zu bekehren versucht. Es wäre zuviel für den knappen Raum eines Vorworts, alles das aufzuzählen oder auch nur anzudeuten, was uns an dem Werk fesselt; es hält ebm in Spannung vom ersten bis zum letzten Wort. Nur eines der Geschöpfe des Dichters sei noch Erwähnung getan, weil darüber die ganz unerhörte und oft brutal rücksichtslose Gestaltungskraft Retcliffes ausgegossen scheint: Das ist der Kapitän des Piratenschiffes »Satan«, Squale rouge – der Rote Hai. Die Geschichte der Tochter des deutschen Missionars Ronecamp in China, Maria, die mit ihrem Verlobten, dem späteren Lord Drysdale und einer Dschonke voll Chinesenfrauen diesem menschlichen Teufel in die Klauen fällt, gehört zu dem Unvergeßlichsten überhaupt, seitdem Bücher gedruckt und gelesen werden. Überblickt man die Fabel des Werkes, so wundert man sich über seinen ursprünglichen Titel »Puebla«. Kein Kapitel, keine Zeile dieser überraschend farbenreichen Phantasie spielt in Puebla, das im mexikanischen Süden – die Sonora aber im höchsten Norden – liegt. Wer indes die Art Retcliffes aus seinen anderen Werken kennt, wird fühlen, was er beabsichtigte: er wollte diese Geschichte des französischen Abenteurers und Kronprätendenten aus dem Blute der Bourbonen durchführen bis zur Eroberung von Puebla durch die Franzosen; unterwegs aber hat der Dichter sich von seinem eigenen gewaltigen Stoff und dessen künstlerischen Erfordernissen fortreißen und andere Wege führen lassen. Darum läßt er seinen großen Helden am Ziel seiner Sehnsucht, da er klein und erbärmlich wird vor dem überwältigenden Eindruck des Goldschatzes, untergehen. Wonodongah, der Indianer, eine tragische und edle Gestalt ähnlich dem unsterblichen Hiawatha Longfellows, tötet ihn und richtet sich dann selber; blind und verlassen sitzt er bis zum Tode vor dem Geheimnis der Azteken und singt das Sterbelied seiner vergewaltigten Rasse in die Felsenschluchten der Sierra Madre. Barthel-Winkler. Geschichtliche Einführung Die Jahre 1852 und 1853, in denen das Sonora-Abenteuer des französischen Grafen Horace Aimé Raousset-Boulbon spielt, fallen in die dunkelste Zeit der Geschichte Mexikos. Das durch innere Fehden zerrissene und verarmte Land litt nach dem verlorenen Kriege um Texas noch unter dem mörderischen Frieden von Guadalupe Hidalgo, in dem es an Nordamerika die jenseits des Rio Grande del Norte gelegenen Teile der Staaten Tamaulipas, Coahuila, Neumexiko und Neukalifornien, etwa die Hälfte des ganzen Reiches, abtreten mußte. Der Präsident, Antonio Lopez de Santa Anna, floh am Tage nach der Eroberung der Hauptstadt nach Jamaika. Das war am 15. September 1847. Eine böse Zeit folgte. Die Gewalthaber und Diktatoren wechselten unaufhörlich; ein Pronunziamiento jagte das andere. Erst im Dezember 1853 rief man Santa Anna wieder zurück. Seine neue Präsidentschaft währte aber nur zwei Jahre; er mußte abermals fliehen. Sein Nachfolger, der Mischling Alvarez, wurde jedoch schon nach nur viermonatiger Herrschaft von Comonfort gestürzt, dem sechsunddreißigsten mexikanischen Präsidentm innerhalb vierzig Jahren. Unter den Helfern Comonforts tat sich der kluge und zielbewußte Advokat Carlo Benito Juarez, der spätere Präsident, hervor; ein Kind des indianischen Stammes der Zapoteken. Naturgemäß beschäftigte ihn, der bis Anfang 1852 Gouverneur von Oajaca gewesen war, ganz besonders die Gefahr eines Angriffs der Sonora-Grenze durch die benachbarten Apatschen und der mit ihnen für diesen Kampf verbündeten Komantschen. Dem Indianerabkömmling Juarez mußte also die Expedition des bourbonischen Grafen gegen die Rothäute im Norden Mexikos tief verhaßt sein, abgesehen von dem nicht unberechtigten Mißtrauen gegen die weiteren Absichten des abenteuernden Fremden und gegen die eigensüchtigen Pläne Frankreichs überhaupt. Sir John Retcliffe führt ihn deshalb mit Recht als den scharfen Gegner Raousset-Boulbons in seinen Roman ein. Der schlaue Zapoteke kannte aber die unüberwindlichen Schwierigkeiten in der Sonora und sah das unglückliche Ende der tollen Expedition voraus; so überließ er es den Einöden des Felsengebirges und den Waffen der erbitterten Rothäute, sie zu vernichten. Die Zusammensetzung des Zuges war in der Tat auch zu seltsam, als daß er auf die Dauer hätte Erfolg haben können: Weltenbummler, Abenteurer, politische Flüchtlinge und Gesindel. Es ist bemerkenswert und wenige wissen es, daß sich unter ihnen auch ein in der romantischen Dichtung weit bekannter französischer Schriftsteller befand – Gustave Aimard, der dieser boulbonischen Fahrt eine ganze Reihe seiner Romane widmete; allerdings stehen sie an Farbenpracht, anschaulicher Darstellung, Spannung und Phantasie weit hinter dem eigenartigen Werk Retcliffes zurück. Das gleiche ist über einen Roman von Paul Duplessis zu sagen, der ebenfalls die Sonora-Expedition behandelt. Die spätere Geschichte gibt Juarez' Mißtrauen gegen Frankreich recht. Im Jahre 1861 schlossen auf Betreiben Frankreichs »um ihre Untertanen zu schützen und die Republik Mexiko zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen zu zwingen« die Staaten Frankreich, England und Spanien das Übereinkommen von London, und 1862 landeten die drei Mächte ihre Truppen an der mexikanischen Küste. England und Spanien zogen sich jedoch bald zurück, da sie die »exzessiven und der Belege entbehrenden« französischen Forderungen nicht mehr unterstützen wollten; Frankreich fühlte den Krieg gegen den ohnmächtigen und zerrütteten Staat allein weiter, erstürmte 1863 die Stadt Puebla und ließ im Juli dieses Jahres den Erzherzog Maximilian von Österreich zum Kaiser von Mexiko ausrufen. Maximilians tragisches Ende ist bekannt; nachdem ihn Napoleon III. im Stich gelassen, fiel er bei der Einnahme der Festung Queretaro in die Hände der Truppen von Juarez und wurde mit den Generalen Mejia und Miramon kriegsrechtlich erschossen. Retcliffe hat über diesen Abschnitt der mexikanischen Wirren nichts geschrieben, dagegen befaßte sich ein anderer großer Romantiker, Karl May, damit in seinen Romanen »Benito Juarez«, »Trapper Geierschnabel« und »Der sterbende Kaiser«. Ojo d'Oro Die gräßliche Nacht war vorüber. Paris erwachte, um zitternd und besiegt seine Toten auf den Bürgersteigen und Schwellen der Häuser zu suchen. An den Türen und hinter Torwegen hatte das fliehende Volk vergebens Hilfe und Rettung erfleht. Der Kanonendonner auf den Boulevards und an der Kirche St. Eustach schwieg seit vier Stunden. Ein grauenhafter Anblick bot sich in der sonst so prächtigen Straßenreihe. Viele Häuser waren von den Vollkugeln und Kartätschen fast ganz vernichtet, andere waren dem Einsturz nahe. Alle Fensterscheiben waren zerschmettert; in den Vertiefungen um die Bäume her stand das geronnene Blut zollhoch. Auf den Straßen konnte man nur mit Mühe den roten Lachen ausweichen; an einzelnen Stellen hatten die rohen Hände der Soldaten die Toten übereinander geworfen; an anderen lagen sie noch so, wie die verderbliche Kugel sie getroffen. Männer in Blusen und im Rock des Flaneurs; ein armer Wasserverkäufer mit seinem Horn; Frauen aus dem Volk; ein junges, schönes Mädchen in glänzender Gesellschaftskleidung, Hut und Kopf von der Seite durchschossen. Eine tote Frau, deren kaltes Gesicht ein kleines Kind weinend und hungrig streichelte; Bürger und Beamte, die ihr Tagewerk vorüberführte; jene furchtbare Gemeinschaft des Todes, die alle Unterschiede auslöscht, alle Kämpfe mit unwiderstehlicher Macht beendet. Vom Boulevard Poissonière nach St. Denis hin, an der Porte Saint Martin, mehrte sich die Zerstörung. Hier, auf den Barrikaden, hatte sich das revolutionäre Volk – Männer, Knaben und Frauen – bis zum letzten Augenblick geschlagen. Erst ganz zuletzt wurden sie von den Jägern von Vincennes mit dem Hirschfänger auf den Büchsen genommen. Balken, Bohlen, Möbel und Steine, die man dazu benutzt – das Volk hatte selbst ein ganzes Baugerüst an einer Stelle zusammengestürzt – waren nun beiseite gebracht, um den Weg für das Militär und die Bürger von Paris wieder freizumachen. Zitternde, weinende Frauen schlichen durch die Nebel des Dezembermorgens, um ihre Gatten und Söhne zu suchen; Männer spähten voll Unrast nach ihren Frauen; Kinder jammerten nach ihren Eltern. Neugierige, die in den Schrecken des Todes, in den starren Augen der Leichen nur ein sinnenkitzelndes, erregendes Schauspiel suchten, jeden Schritt mit Zittern der Furcht und Schauern der Nerven bezahlend, zögerten an den Straßenecken und drängten sich um Verzweifelte. Auf der Mitte der breiten Straßen biwakierten noch die Truppen, ausruhend von der schrecklichen Menschenjagd, die sie am Nachmittag des vergangenen Tages auf Befehl des Kriegsministers Saint Arnaud begonnen, und die bis lange nach Mitternacht gedauert hatte. Andere Bataillone kamen mit klingendem Spiel, mit einer höhnenden Leichenmusik, heran, um die von Blut, Wein und Pulverdampf erschöpften Kameraden abzulösen. Paris war besiegt, zerschmettert. Die künftige Kaiserkrone für das Haupt des Präsidenten Louis Napoleon war durch den Staatsstreich des 2. Dezember und die Straßenkämpfe vom 4. Dezember aus Blut und Eisen geschmiedet. Es war sieben Uhr morgens. Das Wetter war kalt und unangenehm; ein feuchter, widriger Nebel lag noch zwischen den Häuserreihen; die auf der Mitte der Straße noch immer brennenden Wachtfeuer leuchteten unheimlich durch den Nebelschleier. Die Seiten des Straßendammes flankierten von zwanzig zu zwanzig Schritten Kavallerieposten, die gespannte Pistole in der Hand. Aus der Rue Richelieu kamen langsam zwei Männer heran; sie blieben an der Ecke stehen, um die Zerstörungen im Café Anglais zu betrachten. Die Erbitterung der Soldaten auf einen Schuß, der angeblich aus den Fenstern des Cafés auf die Truppen gefallen war, hatte sich hier an dem elegantesten Treffpunkt der Pariser ausgetobt. Das halbtrunkene Militär war auch in das Café Tortoni und das Café Frascati eingedrungen; man sah deutlich von außen die Verwüstung. Bis in die Wohnung des Musikalienhändlers Brandts gegenüber dem Eckhaus der Rue Richelieu hatte man die Geflüchteten verfolgt; es hatte der größten Anstrengungen der Offiziere bedurft, um die Hausbewohner zu retten. Trotz den sichtbaren Spuren eines heftigen Kampfes begann in den überfallenen Kaffeehäusern wieder das gewöhnliche Treiben. Die Garçons mit den weißen, noch blutbespritzten Schürzen lauschten aus dem Inneren hervor, wagten sich heraus, öffneten die verschlossenen, von Kugeln durchbohrten Rolläden und versuchten die Ordnung einigermaßen wieder herzustellen. Offiziere und Sergeanten, ermüdet, vom Pulverdampf geschwärzt, von dem seinen Sprühregen durchnäßt, holten selber Stühle und Tische, um sich von der Cantinière mit einem Glas Absinth oder Wein, oder noch lieber von den Garçons mit einer Tasse heißen Kaffee bedienen zu lassen. Die beiden Männer, die das Cafe Anglais betrachteten, waren gut gekleidet. Der Vornehmere war ein Mann von einigen dreißig Jahren, von einer hohen kräftigen Gestalt, die trotz der militärischen Haltung etwas Elastisches, Elegantes hatte, wie es der lediglich rohen Kraft selten eigen ist. Der zugeknöpfte Paletot zeigte eine breite, hohe Brust; die mit hellen Glacés bedeckte Hand und der Fuß, dessen Glanzstiefel sich sorgfältig vor einer Berührung mit den Blutlachen hüteten, waren überaus klein und aristokratisch. Der Kopf zeigte eine breite kräftige Stirn, von gelocktem, dunklem Haar umgeben; das Gesicht verriet einen verwegenen, entschlossenen Charakter. Die grauen Augen hatten etwas Unstetes und Unheimliches. Sein Mund war voll, das Kinn auffallend stark, kräftig, energisch; es erinnerte in seiner Form an den bekannten Typus der Bourbonen, die zwei Jahrhunderte lang den Thron von Frankreich besessen. Sein Begleiter war in den Körperformen gerade das Gegenteil; alles an der kleinen, mageren Figur schien Sehne, Muskel, Beweglichkeit. Die tiefe Bräunung des hageren Gesichtes, die feurigen dunklen Augen, das pechschwarze, doch schon mit Grau gemischte Haar ließen den Sohn des Südens erkennen. Er war um mindestens zehn Jahre älter als sein Begleiter; obschon wie dieser gut gekleidet, lag doch in seinem ganzen Wesen, in seinen Bewegungen etwas, als fühle er sich behindert und erinnere sich mit Sehnsucht an die freie luftige Tracht des Lazzaroni oder des Fischers vom Golf von Lion und den weißen Küsten von Marseille. » Ventre saint-gris , Bonifaz,« sagte der Vornehmere und wies mit dem leichten Reitstock in der Hand nach drei übereinanderliegenden Leichen. »Das scheint hier ziemlich scharf hergegangen zu sein. Monsieur Le Petit versteht sein Handwerk so gut wie einst Le Grand.« »Was wollen Sie, Herr Graf,« erwiderte der andere in dem weichen Dialekt von Avignon. »Jeder tut, was er kann. Hätten Ihre hohen Vettern ein bißchen solcher Energie ge*zeigt, ich will einen Spanier mit Haut und Haaren verschlucken, wenn nicht Frankreich noch an diesem gesegneten Tage gut königlich wäre.« »Ich meine, es wird in sehr kurzer Zeit eine neue Auflage des Kaisertums erleben; aber still, man liebt die Politik auf den Straßen nicht. Ich hoffe nur, daß Suzanne sich nicht zu sehr geängstigt und Monsieur Louis die Nase nicht vorlaut aus dem Fenster gesteckt hat.« »Ich habe zweimal versucht zu ihnen zu gelangen, Herr Graf; doch das ganze Viertel war abgesperrt. Aber Madame Suzanne liebt den kleinen Louis wie ihren Augapfel und hat ihn während der ganzen Nacht sicherlich nicht von ihrer Seite gelassen.« »Ich will es hoffen. Sieh da, bon jour , Kommandant! Ich komme, um mir Ihre Arbeit von dieser Nacht anzusehen. Es sieht verteufelt blutig aus!« Er war zu einem älteren Offizier der Linie getreten, der einige Schritte entfernt auf der Straße nach den Boulevards vor der Tür des Cafés saß. » Parbleu! Graf, was wollen Sie hier? Das ist keine Stunde für einen Löwen des Faubourg Saint-Germain. Oder kommen Sie hierher, um uns legitimistische Moral zu predigen für das, was Sie da sehen? Ich sage Ihnen, wir können sie nicht brauchen! Die Roten haben es selber verschuldet.« »Ich danke, lieber Rousselin! Sie wissen von Avignon und Marseille her, daß ich mich nicht gerade vor Blut scheue. Hätte Karl X. oder selbst Louis Philipp es verstanden, sich beizeiten auf ähnliche Weise in Respekt zu setzen, sie wären wahrscheinlich heute noch in Paris. Zu bedauern ist nur das unschuldig geflossene Blut.« Er wies auf die Leichen der Kinder und Frauen. Der Offizier nahm ihn am Arm und führte ihn einige Schritte auf dem Damm hin. »Glauben Sie, daß wir das weniger fühlen? Aber der Bürgerkrieg ist das Entsetzlichste, und wenn die Furien einmal losgelassen sind, ist kein Halt. Erinnern Sie sich an das, was der erste Napoleon gesagt: Mit Hundert, die fallen, rette ich Tausend das Leben, mit Tausend – Zehntausenden. Sie haben keinen Begriff, wie seit Tagen und Wochen der Soldat von diesen Kanaillen, die sich dann immer wieder in der Menge verkriechen, gehetzt und gereizt worden ist. Wer hat den Kampf begonnen? Nicht das Militär. Man hat gestern morgen und mittag die einzelnen Soldaten und Gendarmen in den Nebenstraßen meuchlerisch überfallen und ermordet; man hat das anrückende Militär von den Barrikaden, aus den Fenstern der Häuser mit Schüssen empfangen – was wundert man sich jetzt, daß der Soldat, nachdem der Befehl gegeben war, schonungslos verfahren ist! Ich sage Ihnen, die Offiziere hatten alle Gewalt über die Truppen verloren. Es war nicht möglich, Einhalt zu tun, bis der grimmig geschürte Haß gesättigt war. Wer kann in solchen Augenblicken für Unglück? Oder soll sich die bewaffnete Macht offen Trotz bieten lassen? Nicht auf uns kommt das unschuldig vergossene Blut.« Der Graf zuckte die Achseln. »Kennt man die Zahl der Opfer?« »Es müssen an dreihundert Personen auf den Boulevards gefallen sein. Man ist noch beschäftigt, die Toten und Verwundeten zu suchen. An den Hallen und in der Straße Rambuteau soll es schlimmer hergegangen sein; dort haben die Kanaillen wenigstens Mut gezeigt. Es ist zum mörderischen Kampfe gekommen.« »Kann man die Boulevards passieren?« »Ich hoffe; nötigenfalls berufen Sie sich auf mich. Wohin wollen Sie?« »Nach dem Faubourg Saint-Denis. Ich bin besorgt um teure Personen, die dort wohnen. Gestern konnte ich durch meine Abwesenheit in Versailles und die Absperrung der Straßen während der Nacht nicht zu ihnen gelangen.« »Dann darf ich Sie nicht länger aufhalten, Herr Graf. Soll ich Ihnen vielleicht eine Begleitung mitgeben? Ich fürchte, das Trauerspiel ist noch nicht zu Ende; die Polizei hält jetzt ihre Nachlese. Das Erscheinen eines so bekannten Legitimisten könnte Verdacht erregen und Ihnen Unannehmlichkeiten verursachen. Das Kriegsgericht ist auf dem Quai d'Orsay in Permanenz; und die erste Hitze ist gefährlich.« Der Graf lächelte spöttisch. »Das Blut der Bourbons ist jetzt etwas rar«, sagte er leicht. »Zu einem Experiment à l'Enghien in den Schloßgräben von Vincennes dürfte Ihr künftiger Imperator doch wohl keinen Mut haben, wenn in meinen Adern auch nur ein Nebenstrom rinnt. Besten Dank, Freund, aber sobald die Passage nur gestattet ist, komme ich schon durch. Ich lasse mich nicht gern – eskortieren. Auf Wiedersehen, sobald es Ihr Dienst erlaubt.« Er reichte ihm die Hand und ging, von seinem Begleiter gefolgt, so rasch vorwärts, als es die ihm überall in den Weg tretenden Hindernisse erlaubten. Der feuchte, mit Sprühregen vermischte Nebel war noch immer nicht ganz gewichen, als der Graf über den Straßendamm in die Rue Saint-Denis einbog. Die Truppen waren hier zurückgezogen; nur einzelne Posten der Mobilgarden ritten auf und nieder; Sappeur-Pompiers arbeiteten daran, die Trümmer der erstürmten Barrikade vollends beiseite zu schaffen. Der Graf ging ungeduldig und rasch weiter, ohne angehalten zu werden. Beinahe am Ende des ersten Viertels der Straße standen die Gerüste eines Neubaues, der sich bis zum ersten Stock erhob; das Weinen einer Kinderstimme und ein schwerer stöhnender Seufzer ließen den Grafen unwillkürlich verweilen. » Santa Virgen Maria! – Wenn Ihr ein Christ seid, so kommt mir zu Hilfe!« stöhnte eine Stimme. Der spanische Ausdruck fesselte den Grafen. Er stammte aus dem Süden Frankreichs, kannte aber die Sprache des Landes jenseits der Pyrenäen genau. Es waren wahrscheinlich während des Morgens schon Viele an der Stelle vorüber gegangen und hatten den gleichen Klageruf gehört; Schrecken und Furcht waren aber noch zu groß gewesen, als daß jemand es gewagt hätte, dem Mitleid Gehör zu geben. Der Graf trat näher. In diesem Augenblick hörte er eine helle Kinderstimme im Innern des Hauses sagen: »Sei still, guter Freund, ich verlasse Dich gewiß nicht! Wenn es erst ganz hell wird, führe ich Dich zu Mama. Ich weiß ganz gut unser Haus – nicht weit um die Ecke. Sie wird dich gewiß heilen – du blutest ja auch nicht mehr!« Der Graf erstarrte. »Um Himmels willen, Bonifaz, diese Stimme!« Der Mann mit der Pariser Kleidung und dem Lazzaroniwesen war mit der Behendigkeit des Panthers in einem Sprung über die Bretter, die vor den Eingang gelegt waren. Er stieß einen Jubelruf aus. Der Graf stieg ihm nach in den Raum, aus dem die Stimmen und der Ruf seines Gefährten erklungen waren. Im nächsten Augenblick hing ein Knabe von etwa zehn Jahren an seinem Halse. »Louis, um Gottes willen, wie kommst du hierher? Wo ist deine Mutter? Du blutest? Du bist verwundet?« »Oh, nicht ich, Onkel Graf! Der arme Mann da, der mir das Leben gerettet hat. Er hat leider einen Schuß auf der Barrikade erhalten. Nicht wahr, Onkel Graf, es wäre schlecht gewesen für einen Edelmann, wenn ich ihn hätte verlassen wollen in seiner Not?« »Aber deine Mutter, Kind, wo ist deine Mutter?« »Sie war gestern mittag in die Probe gegangen; du weißt gewiß, daß die Polizei befohlen hat, die Theater müßten alle Abende spielen, wenn auch kein Zuschauer da sei. Als der Spektakel auf den Boulevards losging, wollte ich die Mama abholen. Die alte Françoise wollte mich mit Gewalt zurückhalten und gar einsperren; aber ich werde in einem Monate zehn Jahre und komme im nächsten auf die Militärschule. Sie hätte andere Kräfte haben müssen, ehe sie mich halten konnte; ich habe sie eingeschlossen in die Küche und bin davongelaufen.« »Leichtsinniges Kind! Deine arme Mutter –« »Mama wird sich freilich geängstigt haben, als sie nach Hause gekommen ist,« unterbrach ihn schmeichelnd der Knabe, »aber dafür habe ich auch alles gesehen! Du und Bonifaz, ihr werdet es schon wieder in Ordnung bringen, daß sie nicht zu sehr schilt.« »Du warst auf den Boulevards?« »Ja, Onkel Graf. Hinter der Barrikade an der Porte Saint Denis, als die Jäger von Vincennes das erste Mal angriffen. Ich sage dir, es war verteufelt hübsch, all der Pulverdampf und das Geknalle. Schade nur, daß ich die Vogelflinte nicht bei mir hatte, die du mir geschenkt hast; als wir dann flüchten mußten und die Lanziers kamen, da ging es drunter und drüber. Onkel Graf, Kavallerist muß ich werden, das sage ich dir!« »Aber dieser Mann?« »Wir hatten nebeneinander hinter der Barrikade gestanden; jetzt sehe ich ein, wie gut es ist, wenn man etwas lernt, und daß du immer mit mir spanisch sprichst. Er versteht nur wenig französisch, aber ich konnte mich ganz gut mit ihm unterhalten. Er kommt aus Mexiko und hat Mut gehabt wie ein Löwe.« Der Graf näherte sich dem Verwundeten, der in dem Winkel der vier Mauern am Boden lag. Bonifaz kniete neben dem Mann und war bemüht, ihm einen Verband anzulegen. »Sie sind verwundet, Señor?« fragte der Graf spanisch. » Caramba , ich sollte es meinen! Der Stich in den Arm hat nicht viel zu bedeuten, als daß er ihn gelähmt hat; aber die Kugel des grünen Schurken ist tiefer gegangen, als mir lieb ist.« »Er hat sie erhalten, Onkel Graf, als er mir das Leben rettete.« »Einmal muß der Mensch sterben! Nur hätte ich es lieber dort drüben getan in meinem sonnigen Vaterland – auf der freien Prärie – oder in meinem Mexiko im Kampf mit den Rothäuten. Der Teufel hat mich verblendet, daß ich diesem spitzbübischen Yankee getraut und mich von ihm hierher führen ließ, und noch mehr, daß ich mich in einen Streit eingelassen, der mich nichts anging.« Der Graf wandte sich zu dem Knaben. »Wie ging es zu, Louis? Sprich!« »Als die Soldaten die Barrikade stürmten und alles niedermachten, was nicht davonlief, riß mich der Mann da mit sich fort. Ich glaube, es war in dem Augenblick schon, daß er den Schuß erhielt oder gleich darauf; denn sie schossen hinter uns drein, als wenn wir Hasen wären. Eine Kugel riß mir die Mütze vom Kopf. Mama wird schön schelten, denn sie hat sie mir erst vor drei Tagen gekauft – nun ist sie fort, heidi! Auch die Lanziers kamen hinter uns drein. Ein Bursche mit einem großen Bart verrannte uns den Weg und stieß mit der Lanze nach mir. Aber der gute Mann hier fing den Stich mit seinem Arm auf und deshalb will ich ihn auch nicht verlassen, bis er geheilt ist.« » Caramba !« wehrte der Verwundete. »Wer so oft die Pfeile der Apatschen mit der Hand pariert hat, wird wohl einen solchen Stock beiseite schlagen können. Unsere Lanzenreiter verstehen ihr Handwerk besser. Ich schoß den Schurken vom Pferde mit der letzten Kugel, die ich hatte.« »Ja! Und dann warf er die Pistole fort und wir flüchteten weiter; aber nur eine kurze Strecke, Onkel Graf; denn er sagte mir, er könne nicht weiter und ich solle ihn seinem Schicksal überlassen. Aber er wäre gewiß von den wütenden Soldaten getötet worden, die von allen Seiten durch die Straße tobten. Und da ich ihn nicht bis zu Mamas Hause bringen konnte, fiel mir der Bau ein; ich führte ihn hierher, und wir versteckten uns. Aber so oft ich auch hinausgelugt, die Soldaten blieben die ganze Nacht da; überall standen Posten und überall wurde geschossen.« »Du hast wacker gehandelt, Louis«, sagte der Graf. »Ich bin mit dir zufrieden. – Señor,« wandte er sich zu dem Verwundeten, »nehmen Sie vorläufig meinen Dank für die Rettung des Kindes. Was zu Ihrem Beistand geschehen kann, soll sofort geschehen; die Gefahr ist, denke ich, vorüber. – Bonifaz!« »Herr Graf?« »Wir müssen diesen Mann in die Wohnung von Madame schaffen; es ist der nächste Ort, ihn zu verbergen. Er soll das Zimmer des Knaben nehmen. Laß uns ihn so behutsam wie möglich aufheben und die wenigen Schritte tragen.« » Mordieux , Graf!« meinte der Provenzale. »Wenn ich auch nicht Ihre Riesenkraft habe, die drei solche Burschen in der Rocktasche forttragen könnte, so habe ich doch auch meine Muskeln. Sehen Sie ihn nur an, und Sie werden mir ihn allein überlassen.« Die Gestalt des Verwundeten war allerdings klein und hager, noch magerer als die des Provenzalen. Er trug die vom Knie ab aufgeschlitzten Calzoneras seiner Heimat aus grünem Samt, und über seiner Jacke eine der gewöhnlichen leichten Blusen, wie sie die Arbeiter in Paris oder die französischen Landleute zu tragen pflegen. Um die Hüften hatte er einen leichten Schal von chinesischer Seide geschlungen, deren sich die Seeleute der südlichen und westlichen Meere bedienen. Sein Gesicht war schmal, tief gebräunt, intelligent; aus den großen schwarzen Augen funkelte trotz seiner durch den Blutverlust hervorgerufenen Schwäche, wenn er sprach, lebhaftes Feuer. »Nimm ihn auf, Bonifaz,« sagte der Graf; »ich werde mit Louis vorangehen.« Der Provenzale hob den mageren Körper des Verwundeten, der ein tiefes Stöhnen nicht unterdrücken konnte, empor und legte ihn über seine Schulter. Er trug die Last so leicht, daß man sah, er sei gewohnt, weit schwerere auf sich zu laden. Der Graf nahm den Knaben an die Hand und ging mit ihm voraus auf die Straße. Sie war fast leer; nur am Eingange des Boulevards zeigte sich eine Patrouille der berittenen Gendarmen, der garde de Paris . Einer der Reiter setzte, als er die drei in so verdächtiger Stellung sah, sein Pferd in Galopp. Der Graf rief seinem Begleiter zu, mit seiner Last und dem Knaben vorwärts nach dem Hause zu eilen, in das sie den Verwundeten bringen wollten; es lag in der nächsten Querstraße. Er decke ihren Rückzug, um jedes Hindernis zurückzuweisen. Der Provenzale lief vorwärts und hatte mit dem Knaben die Haustür erreicht, als der Gardist mit geschwungenem Säbel heransprengte. » Halte-là! Ergebt Euch!« Der Graf stellte sich ihm in den Weg; er hatte keine andere Waffe in der Hand, als seinen dünnen Spazierstock. »Zieh die Schnur, Bonifaz. Hinein mit dir! – Was wollen Sie, mein Herr?« »Was ich will? Den Rebellen dort will ich, den Ihr fortschleppt. Und Euch dazu; denn Ihr seid seine Helfershelfer und sollt der Strafe nicht entgehen! Fort da!« »Nehmen Sie sich in acht, Herr,« sagte fest der Graf, den Kopf des Pferdes zurückstoßend, das der Gardist gegen die Tür drängte; sie öffnete sich in diesem Augenblick und ließ den Gefährdeten ein. »Ich bin der Graf Raousset-Boulbon und bekannt genug in Paris, wenn man etwas von mir will. Jener Mann ist ein Verwundeter, den wir aufgehoben haben. Es ist des Mordens genug geschehen; ich werde ihn beschützen und nicht herausgeben.« »Dann sind Sie ein verdammter Rebell! Rufen Sie auf der Stelle vive Napoléon! Oder ich spalte Ihnen den Kopf!« Der Graf blickte lachend in das von Wein und Diensteifer gerötete Gesicht des Gardisten. »Es lebe die Verfassung, wenn wir einmal eine haben sollen!« sagte er spöttisch. »Zum Henker mit der Diktatur Napoleon!« Der Gendarm holte zum Hiebe aus. Mit Gedankenschnelle packte Graf Raousset-Boulbon Bein und Sattel des Reiters und warf mit einem Ruck beide, das Pferd und den Reiter, auf das Straßenpflaster. » Ventre saint-gris! Sei ein andres Mal höflicher, Bursche, wenn du mit dem Blut deiner alten Könige sprichst!« Er trat in die Tür und drückte sie in das Schloß. Dem Portier befahl er, sich nicht um die draußen Lärmenden zu kümmern. Er sprang die Treppe hinauf und öffnete die Tür eines Vorzimmers. In tiefem Mitgefühl sah er durch die offenstehende Tür des anstoßenden Salons. Auf dem Teppich kniete eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren mit langen aufgelösten Haaren und vernachlässigter Kleidung. Die Augen waren vom Weinen geschwollen und gerötet; jetzt glänzten sie aber in freudigem Entzücken; der Knabe, den sie umschlungen hielt, hing an ihrem Halse und bedeckte ihr noch von den Tränen entstelltes hübsches Gesicht mit Küssen, hundert Schmeichelnamen in ihr Ohr flüsternd. Daneben stand eine alte Frau, die Dienerin, der Louis am Nachmittag vorher entwischt war; sie schlug bald weinend, bald lachend die Hände vor Schrecken über all die Gefahren zusammen, von denen der Kleine munter schwatzte. Bonifaz hatte den Verwundeten in einen Lehnstuhl niedergelassen. Er machte die Glücklichen auf den Grafen aufmerksam. Die junge Frau ließ den Knaben los und stürzte auf Boulbon zu, der sie in seinen Armen empfing. »Aimé,« schluchzte sie an seiner Brust, »wo bist du so lange geblieben in dieser schrecklichen Nacht? Wenn du wüßtest, welche Angst ich litt, als uns der Direktor gestern mittag aus Besorgnis nicht nach Hause zurückkehren lassen wollte! Wie gern ich jeder Gefahr getrotzt hätte, um hierher zu unserem Liebling zu eilen! Ich glaubte ihn freilich sicher im Schutze seiner alten Wärterin – welche Verzweiflung, als einer der Beamten mich endlich vor zwei Stunden auf Umwegen hierher geleitete und ich Françoise wehklagend traf – und den Knaben fort, fort! Vielleicht getötet auf den blutschwimmenden Straßen! Hätte nicht eine tiefe Ohnmacht mich willenlos zu Boden geworfen, ich wäre wahnsinnig geworden vor Angst.« Der Graf machte sich freundlich aus ihren Armen los. »Gott ist mit ihm gewesen und hat ihn beschützt, Suzanne; beruhige dich, er ist ja jetzt glücklich und gesund in unseren Armen. Einem künftigen Soldaten mußt du schon den tollen Streich nachsehen. Aber ein anderer hat jetzt alles Anrecht an unsere Sorge. Diesem Manne da haben wir es wahrscheinlich allein zu danken, daß Louis uns wiedergegeben ist. Er ist bei seiner Rettung schwer verwundet worden. Richte so schnell wie möglich des Knaben Zimmer für ihn ein und laß den Hausmeister nach dem nächsten Arzte senden. Schleunige und unauffällige Hilfe ist dringend notwendig.« Die Teilnahme Suzannes für den Fremden, der ihr Kind gerettet, war sofort erregt. Sie schickte Françoise mit dem Befehl des Grafen fort und eilte selber nach dem kleinen Hinterzimmer, in dem das geräumige Bett des Knaben stand; sie breitete frische Linnen darüber und brachte alles in Ordnung. Dann trugen die beiden Männer den Kranken vorsichtig im Lehnstuhl nach dem Gemach, hoben ihn auf das Lager und entledigten ihn der Kleider. Bonifaz blieb bei dem Verwundeten. Der Graf kehrte in den Salon Suzannes zurück. Horace Aimé, Graf Raousset de Boulbon war zu jener Zeit zweiunddreißig Jahre alt, einer jener eben so mutigen wie leichtsinnigen, abenteuersüchtigen und glänzenden Edelleute, die Frankreich vor mehr als einem Jahrhundert, zur Zeit der Regentschaft des Herzogs von Orleans, berühmt und berüchtigt gemacht hatten. Er war in der alten Papststadt Avignon geboren; sein Stammherr war ein natürlicher Sohn des Prinzen Louis von Bourbon-Condé, Bruder des großen Condé. Für die Übertragung reicher Güter verstand sich der Ahnherr der Familie damals zur Veränderung des Namens Bourbon in Boulbon; aber das unruhige Blut des ritterlichen Connetable Karl von Bourbon und seiner Enkel blieb unverändert in ihren Adern und trieb sie, von den Schlachtfeldern ihres Vaterlandes zur Zeit der republikanischen und napoleonischen Herrschaft ihrer Abstammung wegen ausgeschlossen, zu vielen anderen abenteuerlichen Taten. Die Familie war eine der reichsten der Provence. Als Graf Aimé sein väterliches Erbe antrat, besaß er vierzigtausend Franken Renten. Jung, reich, von großer stattlicher Figur, männlicher Schönheit und wahrhaft herkulischer Stärke, die ihm unter den unteren Volksklassen seiner Heimat den Ruf und das Ansehen eines Roland verschafften, stürzte sich Aimé mit aller Leidenschaftlichkeit und allem Übermut der Jugend in das Leben. Er verschwendete in wenigen Jahren sein Vermögen bis auf einen geringen Rest. Schon ruiniert, erwarb er sich in Algier die Freundschaft des Marschalls Bugeaud und zeichnete sich in verschiedenen Treffen gegen die Araber, namentlich in der Schlacht am Isly, aus. Mit Bugeaud kam er nach Frankreich zurück. Nach der Februarrevolution und der Gründung der Republik trat der Graf bei den Wahlen zur Assemblée als Kandidat für den Comtat Venaissin, die der Kirche gehörende Grafschaft, auf; er reiste umher und beteiligte sich an den Klubs. Das Volk hatte eine fanatische Anhänglichkeit für ihn; die gefürchtete Gilde der Lastträger von Avignon gehorchte ihm unbedingt und umgab ihn gleich einer Garde. Man nannte ihn nur Monsieur le Comte , gerade wie man früher nur gewohnt war, zu sagen: der König. Es gab für diese Männer keinen andern Grafen, als ihn. Seine Freigebigkeit, sein ritterliches Wesen, sein Name, endlich seine furchtbare Körperkraft hatten diese Leute schon in seiner Jugend an ihn gefesselt; aus ihnen stammte Bonifaz, der seit achtzehn Jahren sein steter Begleiter war, bald Diener, bald Freund; Vertrauter seiner zahlreichen Liebeshändel; Gefährte und Schützer seiner Abenteuer; Genosse seiner Kämpfe und seiner Verschwendungen. Bonifaz hätte jeden auf der Stelle zu Boden geschlagen, der es gewagt, in seiner Gegenwart Übles von seinem Herrn zu reden. Er besaß die Treue eines Hundes, die Kühnheit eines Bären und die Zärtlichkeit einer Mutter für ihn. Diese Treue hatte er auch auf den Sohn seines Herrn, den kleinen Louis, übertragen. Vor zwölf Jahren trat Suzanne als junge Anfängerin auf der Bühne in Marseille auf. Der Graf machte ihre Bekanntschaft. Zwischen den beiden jungen Herzen entspann sich ein zärtliches Verhältnis. Das junge Mädchen hing mit aufopfernder Liebe an ihm; auch der Graf hatte in allen Verirrungen und Zerstreuungen seines Lebens nie aufgehört, ihr seine Anhänglichkeit und seinen Schutz zu bewahren. Für den Knaben zeigte er die größte Liebe und erklärte, ihn, sobald er in die Armee eingetreten wäre, adoptieren zu wollen. Durch seine Protektion war Suzanne schon seit mehreren Jahren bei einem der kleinen Boulevardtheater engagiert; es verging selten ein Tag, an dem der Graf, seit er wieder in Paris war, Mutter und Kind nicht besuchte. Mit Bonifaz war der Knabe ein Herz und eine Seele und führte unter seinem Schutze alle munteren Streiche aus. Auch in allen körperlichen Übungen war der Avignote sein Lehrmeister. Der Graf saß mit Suzanne und Louis plaudernd im Salon, als Françoise eintrat und den Arzt anmeldete, den sie schon in das Zimmer des Verwundeten geführt hatte. Der Graf kannte den Arzt, den er mehrmals bei der Schauspielerin gesehen; er fand ihn mit der Untersuchung des Kranken beschäftigt. Der Stich in den Arm war wenig gefährlich; der Schuß in den Rücken schien aber die volle Besorgnis des Doktor Connard zu erregen. Der Verwundete hatte sich von Bonifaz eine Zigarette geben lassen und rauchte mit der Ruhe eines Stoikers, während Doktor Connard mit der Sonde die Wunde untersuchte. Die Ränder hatten eine braune, verdächtige Farbe. »Wie lange hat der Mann die Kugel im Rücken?« fragte der Arzt. »Seit gestern abend. Man darf Ihnen vertrauen, Doktor. Er erhielt sie, als er von der Barrikade an der Porte Saint-Denis floh. Ich hoffe, die Heilung ist, wenn auch schwierig, doch nicht unmöglich. Er hat Louis aus dem Getümmel gerettet und beide waren leider gezwungen, die Nacht in dem Keller eines Neubaues ohne Beistand zuzubringen.« Doktor Connard zuckte die Achseln. »Sie waren in Algerien, Herr Graf, und haben Schußwunden gesehen. Das Aussehen hier ist nicht besonders; wäre ärztliche Hilfe sofort in Anspruch genommen worden, so hätte sich die Kugel leichter entfernen lassen, und doch–« »Sprechen Sie.« »Doch ist die Entfernung der Kugel notwendig und die einzige Möglichkeit der Rettung.« »Dann muß sie versucht werden.« Der Arzt zögerte. »Was haben Sie?« »Herr Graf,« sagte Doktor Connard entschlossen, »ich wage die Operation nicht allein zu unternehmen. Der Unterschied von zwei oder drei Stunden kann keine besondere Veränderung in dem Zustand mehr herbeiführen. Da Ihnen so viel an der Erhaltung des Verwundeten liegt, werde ich mich sofort zu Boisset, unserem geschicktesten Operateur begeben und ihn bitten, die Operation unter meiner Assistenz zu übernehmen. Der Verwundete muß jedoch von der Gefahr unterrichtet werden. Der Tod kann –« er senkte die Stimme zu leisem Flüstern – »ja, er wird vielleicht bei der Operation erfolgen. Die Kugel ist in dem Rückenknochen stecken geblieben.« »Und wenn die Operation nicht erfolgt?« »Stirbt er unrettbar.« Der Graf bedachte sich einige Augenblicke. »Er muß es erfahren«, sagte er endlich. »Er scheint mir ein Mann zu sein, der dem Tode oft in das Auge gesehen, – Señor,« sagte er auf spanisch zu dem Verwundeten, der während des Gespräches ruhig die Zigarette weiter geraucht hatte, »ich habe Ihnen eine böse Mitteilung zu machen, die jedoch keineswegs die Hoffnung ausschließt. Doktor Connard benachrichtigt mich, daß Ihre Wunde unbedingt tödlich ist, wenn Sie sich nicht einer Operation unterwerfen wollen. Deren Ausgang aber – ich darf es Ihnen nicht verschweigen – ist zweifelhaft. Gelingt sie, so sind Sie gerettet, aber –« »Nun, Señor?« »Sie kann ebensogut einen schlimmen Ausgang haben.« »Reden Sie klar, Señor. Ich könnte dabei sterben?« »Wenn Sie darauf bestehen, es zu wissen: ja!« »Und wenn ich mich weigere? Wie lange habe ich dann noch zu leben?« Der Graf übersetzte die Frage dem Arzt. »Acht bis zehn Stunden«, antwortete Doktor Connard. » Caramba !– Das lohnt allerdings nicht der Mühe. – Und ich könnte durchkommen, wenn ich den Doktor bohren und schneiden lasse?« »So sagt er.« »Sie wissen vielleicht, Señor, wir Mexikaner sind leidenschaftliche Spieler. Betrachten Sie die Sache als Würfelpiel. Fragen Sie ihn, wie die Chancen stehen: Sechs zu sechs?« Der Graf mußte unwillkürlich lächeln, als er dem Arzt die Frage wiederholte. Doktor Connard zuckte die Achseln. »Bewahre, das wäre Täuschung. Rechnen Sie höchstens drei zu sechs! Wir müssen dem Manne die Wahrheit sagen, wenn er als Fremder etwa Bestimmungen zu treffen hat.« Der Graf wiederholte dem Verwundeten den wenig tröstlichen Ausspruch. »Das ist verteufelt wenig Aussicht«, sagte der Mexikaner. »Indes, ich habe oft noch schlimmere gehabt, kaum eins zu zwanzig, wenn die Hunde, die Apatschen vom Rio del Norte, uns auf der Fährte waren. Bah! Ich erinnere mich noch eines Abends, wo ich Joaquin anbot, eins gegen hundert zu spielen, daß unsere Skalpe am nächsten Morgen an dem Sattel einer Rothaut hängen würden. – Ich nehme den Vorschlag des Doktors an, Senor; man kann nur einmal sterben. Aber ich habe als vorsichtiger Mann noch einige Bedingungen zu stellen.« »Reden Sie; jeder Ihrer Wünsche soll erfüllt werden, wenn es irgend in unseren Kräften steht.« »Es wird Sie nicht viel Mühe kosten. Fragen Sie den Doktor, wann er das Schneiden beginnen will.« »Sagen wir: um elf Uhr diesen Vormittag.« »Also noch über zwei Stunden; gut, ich werde bereit sein. Er hat doch nichts dawider, wenn ich sie hinbringe, so gut ich kann? Ich bin ein mäßiger Mann und trinke nur Wasser.« »Der Herr mag über seine Zeit verfügen, vorausgesetzt, daß er sich ruhig im Bett hält.« » Gracias , Doktor; dafür haben Ihre Landsleute gesorgt. Ich muß Sie dann bitten, Señor Conde – so nennt man Sie ja wohl – einen zuverlässigen Mann, etwa diesen guten Freund hier« – er wies auf Bonifaz – »nach der Rue de Barbitte zu schicken. Er wird dort in dem Logierhaus nach einem Amerikaner fragen, einem Schuft vom Scheitel bis zur Sohle. John Brown ist sein Name. Ich bin durch eine Art Handel sein Kompagnon, und er wird mich sicher über das Ohr hauen, wenn er es möglich machen kann. Mein Tod zahlt ihm vielleicht die Rechnung; ich muß ihm aber wenigstens Nachricht geben, damit er sich keine unnötigen Kosten mit Nachforschungen macht. Nur eines müssen Sie mir versprechen: der Kerl darf nicht eher erfahren, wo ich bin, und nicht eher hier eintreten, als bis der Doktor fertig zum Schneiden ist. Er würde mir vorher die Seele aus dem Leibe kalkulieren und mir jede Minute verbittern.« »Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Bonifaz wird den Mann herbeiholen. Haben Sie sonst noch eine Bestimmung zu treffen für den Fall eines unglücklichen Ausganges?« »Ich bin ein armer Mann, Señor Conde, obschon ich wahrscheinlich mehr Schätze gesehen habe, als der König von Spanien je besessen. Ich habe nicht Kind noch Kegel – und nur zwei Freunde, die sich am Colorado oder Rio Grande umhertreiben und zeitig genug merken werden, daß ich nicht mehr auf der Welt bin, wenn ich an dem bestimmten Tag nicht an den Quellen des Buenaventura mit ihnen zusammentreffe. Aber es fällt mir etwas anderes ein. Sagen Sie, Senor, ist der Knabe, der so tapfer die Nacht über bei mir aushielt und lieber seine schöne Mutter in Angst ließ, als daß er einen armen Fremden verlassen wollte, Ihr Verwandter?« »Er ist mein Sohn.« »Gut, Señor Conde. Ich möchte ihm gern meine Dankbarkeit beweisen und mir zugleich noch ein Vergnügen bereiten, Caramba ! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann den Gedanken nicht los werden, daß diese Indianer von Doktoren am Ende doch noch meinen Skalp bekommen werden, wenn auch die Partie drei zu sechs steht, also gar nicht so schlecht für mich. Wollen Sie mir nicht einen Wunsch erfüllen?« »Mit Freuden.« »Spielen Sie Monte?« Der Graf lächelte. »Da ich nicht weit von der spanischen Grenze zu Hause bin, gewiß – ein wenig. Aber es würden sich hier, wenn Sie etwa mit mir zu spielen beabsichtigten, schwerlich Monte-Karten auftreiben lassen.« »Dafür ist gesorgt«, sagte der Verwundete. »Wenn Sie in die Seitentasche meiner Hose fassen wollen, werden Sie ein Spiel darin finden. Es ist zwar ein wenig schmutzig und abgenutzt, aber ich versichere Sie, ich habe schon manche Million damit gewonnen und verloren.« Der Graf sah den Mann erstaunt an, der eben sich noch arm genannt hatte, dessen Äußeres eher auf bedrängte Umstände schließen ließ, und der von Millionen sprach, die er gehabt und verloren haben wollte. Der Mexikaner bemerkte das Erstaunen und die Zweifel seines Beschützers, er lächelte: »Ich sehe, Sie glauben mir nicht recht; aber ich will es Ihnen erklären, wenn Sie mir gesagt haben, ob Sie mir die Ehre erzeigen wollen, mit mir eine Partie zu spielen.« »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Señor ... ich weiß Ihren Namen noch nicht.« »José, Señor Conde! José Marillos! In meiner Heimat nennt man mich ganz einfach Ojo d'Oro , das Goldauge.« »Also, Señor Don José, Sie sehen mich bereit.« »Dann haben Sie die Güte, etwas frisches Wasser und neue Zigarren bringen zu lassen, Señor Conde, und diese Leute alle zu entfernen, bis das Schneiden beginnt. Ich habe mit Ihnen zu plaudern, ehe wir unser Spiel anfangen. Vergessen Sie den Amerikaner nicht.« Doktor Connard hatte sich bereits entfernt. Der Graf gab Bonifaz einen Wink, die Karten aus den schmutzigen Beinkleidern des Verwundeten zu ziehen, und befahl ihm dann, den Amerikaner aufzusuchen. Sie waren allein. Der Graf rückte einen Stuhl an das Bett des Verwundeten und legte ein Kissen vor ihm nieder. »Nun, Señor Goldauge, ich bin bereit zu Ihrer Unterhaltung. Um was spielen wir?« »Euer Gnaden sind so gefällig gegen einen armen Kerl, daß ich mir schon den Kopf zerbrochen habe, was ich gegen Sie einsetzen könnte. Ich weiß nur eines. Gehen Euer Exzellenz vielleicht einmal nach Amerika?« »Daß ich nicht wüßte!« lachte der Graf; »bis jetzt habe ich keineswegs die Absicht.« »Oder wird Ihr Herr Sohn – Don Louis heißt er ja wohl – vielleicht einmal dorthin gehen?« »Mein Lieber, in einer Zeit, wie die jetzige, kann niemand sagen, dorthin werde ich gehen und dahin will ich nicht gehen. Die Politik, die Eisenbahnen und die Börse haben die Welt reformiert. Seit Monsieur Louis Bonaparte, wie Sie sagen, sechs gegen drei Prozent Aussicht hat, Kaiser von Frankreich zu werden, ist es sehr leicht möglich, daß auch der letzte Bourbon in meiner Person noch einmal den Boden von Frankreich verlassen und nach Kalifornien auswandern muß!« » Par Dios ! Das ist es gerade, auf was ich kommen wollte. Haben Sie je gehört, Señor Conde, was ein Gambusino ist?« »Ein Goldsucher, so viel ich weiß.« »Richtig, Senor; aber nicht etwa ein Mann, der das Gold in den Taschen anderer sucht, sondern einer, der es den Geheimnissen der Wildnis entreißt. Der Gambusino treibt kein Handwerk, das er erlernt; ihn lockt die Wildnis! Den Gambusino bewegt zu seinem gefährlichen Werk nicht Geiz und Habgier – denn seine Schätze, die er gefunden, streut er im nächsten Augenblick mit vollen Händen aus – sondern der innere Drang treibt ihn rastlos, sein Leben einzusetzen für das gelbe Metall, das doch für ihn keinen Wert hat.« »Aber wie kamen Sie denn hierher nach Paris?« fragte der Graf, der unwillkürlich ein größeres Interesse an dem seltsamen Fremden nahm. »Ich bin ein Gambusino, Señor Conde. Mein Vater war ein Gambusino und starb am Marterpfahl der Apatschen; mein Bruder war ein Gambusino und sein Skalp bleicht seit zehn Jahren in dem Wigwam des Grauen Bären. Mir, dem Jüngsten der Familie, hat Gott in seinem unerforschlichen Willen seine reichsten Gaben an Gold gegeben. Ich wiederhole es Ihnen bei dem großen Augenblick des Todes, der mir vielleicht näher ist, als Sie denken – ich habe mehr als einmal Placeros entdeckt, für die ich eine Million hätte fordern können; und ich habe sie bei der ersten Gelegenheit vergeudet, verschenkt oder verspielt.« Der Graf sah den seltsamen Erzähler, der keine ganze Jacke trug, mit immer größerem Erstaunen an. »Wenn diese Lebensbestimmung Ihre ganze Seele erfüllt, so begreife ich wohl, daß Sie sich deshalb jeder Gefahr aussetzen, um Ihr Ziel zu erlangen. Aber das alles erklärt mir noch nicht, weshalb wir Sie, tausend Meilen von den Goldlagern, die Sie suchen, hier an den Ufern der Seine gefunden haben?« Der Mexikaner nickte ihm zu. »Es sind jetzt gerade acht Monate, als wir, ich und meine beiden Freunde, uns mitten im Lande der Apatschen, in ihren wildesten Einöden befanden; wahrscheinlich ist zum erstenmal der Fuß eines Weißen in diese Wildnis gedrungen. Ich will Sie nicht ermüden; und meine Zeit ist zu kurz für die Erzählung der Gefahren, unter denen wir mit Hunger und Durst, mit wilden Tieren, reißenden Strömen und Rothäuten kämpfend, bis dahin vorgedrungen waren. Genug, Sie mögen wissen, daß unter den Komantschen vom Stamme Wonodongahs, des Großen Jaguars, meines Blutbruders, eine alte Sage lebt von ihrer Väter Vätern – lange, bevor die Spanier ihren Fuß in das Land gesetzt haben – von einer großen Goldhöhle, die in der wildesten Schlucht der Gebirge sich auftut. In ihr liegt das Gold in großen Klumpen so offen zutage, daß der Bergmann nicht erst seine Hacke in das Gestein zu schlagen braucht. Aber das Feuer und das Wasser, die Wüste und die Indianer bewachen diese Schätze; nur die Augen der Auserwählten haben sie von langen zu langen Zeiten einmal geschaut, damit die Wunder nicht untergehen in dem Gedächtnis der Menschen. – Zu erfahren, ob diese Sage Wahrheit oder Fabel sei, hatten wir drei entschlossenen Männer uns aufgemacht, die Goldhöhle zu suchen.« »Und Sie haben sie gefunden?« »Ich habe die Höhle gesehen. Ich und vier Augen mit mir. Die Hand Gottes ist gewaltig! Gewaltiger noch in der Wildnis, als in dem Leben der Zivilisation. – Wie und wo wir sie entdeckt, zu verraten, Señor, verbietet uns ein heiliger Eidschwur. Nur in Übereinstimmung von uns Dreien, und nur zu gutem Zweck, darf sie ausgebeutet werden. Aber, Señor, wenn Sie den Herrn dieses Landes fragen, was ganz Frankreich mit all seinen Städten und Palästen kostet, und Sie zahlen ihm den Preis, ohne zu feilschen, in gediegenem Golde, so werden Sie noch nicht die Schätze der Goldhöhle erschöpft haben.« »Sie übertreiben, Señor Don José«, lächelte der Graf. »Lachen Sie nicht. Zweifeln Sie nicht, Senor«, erwiderte ernst der Verwundete. »Ich bin ein Mann, dessen Lippen noch niemals eine Unwahrheit ausgesprochen haben. Es ist mein Handwerk, das Gold zu schätzen. Ich wiederhole Ihnen, die Wunder Gottes offenbaren sich nur in der Wildnis.« Der Graf stützte das Haupt in die Hand; seine Brust wurde beklommen. Er hatte Hunderttausende verschwendet und für seine Launen fortgeworfen, ohne daß ihn je ein Gedanke der Habsucht oder des Bedauerns überkam. Dennoch fühlte er jetzt bei der Erzählung des Gambusino vor seinen Augen ein Funkeln wie von lauter Goldblitzen. Die Wände des kleinen Gemachs schienen sich auszudehnen und zu einem goldstrahlenden Horizont zu werden, der seine Seele verwirrte. Er mußte sich mit Gewalt von diesem Gedanken losreißen. »Sie sind also nach Paris gekommen unter dem Schein der Armut, um Ihren Anteil von jener geheimnisvollen Schatzkammer für die Genüsse dieser Stadt zu opfern?« »Ich habe die Ehre gehabt, Euer Exzellenz zu sagen, daß ich ein mittelloser Mann bin und niemals lüge. Wir sind so arm von jenem Platze wieder fortgegangen, wie wir ihn betreten, nachdem wir drei Tage und drei Nächte dort verweilt und unser Auge an den Wundern Gottes geweidet hatten.« Der Abkömmling der Bourbonen sah den Gambusino sprachlos an. »Wie, Señor,« sagte er endlich nach einer längeren Pause, »Sie hätten nicht einmal eine Probe dieses Goldes mit sich genommen, um dadurch die Wahrheit Ihrer Erzählung beweisen zu können?« »Doch, Señor Conde. Nach gegenseitiger Übereinkunft unter uns dreien habe ich mit meiner eisernen Lanze eine Spitze von etwa zwei Pfund Gewicht von einem großen Block gediegenen Goldes losgesprengt und diese als Beweis mitgenommen. Wir haben sie abwechselnd getragen, denn sie war unser gemeinschaftliches Eigentum, wie das Placer es ist, das wir gefunden.« »Und haben Sie sie noch?« fragte atemlos der Graf. »John Brown, mein Begleiter, zu dem ich Ihren Diener gesandt, hat sie in seinem Besitz. Sie müssen wissen, Señor Conde, daß ich mit dem Spitzbuben in New-Orleans einen Vertrag eingegangen bin. Um das Placer ausbeuten zu können, bedarf es einer Schar entschlossener und tapferer Männer, die sich auf Tod und Leben verbinden. Sie müssen mit ganz anderen Mitteln ausgerüstet sein, als wir armen Schelme sie aufzubringen vermögen. Die Mexikaner – es tut mir leid, daß ich dies von meinen eigenen Landsleuten sagen muß – sind Lügner; es ist ihnen nicht zu trauen; die Engländer und Amerikaner hasse ich als unsere natürlichen Feinde. So hat denn Le Bras-de-fer, Eisenarm, wie ihn die Indianer nennen, der dritte in unserem Bunde, vorgeschlagen, daß wir uns an das Volk der Franzosen wenden und dem großen Kaiser, dessen Name und Ruhm in unsere Einöden gedrungen waren, dieses Geheimnis anbieten sollten. Da ich aber zu arm und in der Welt der Zivilisation zu unerfahren war, um allein die Reise zu unternehmen, so habe ich in New-Orleans einen Mann aus Texas gewonnen, der alle Sprachen der Welt spricht. Er ist ein verteufelt geriebener Bursche und hätte mir gern mein Geheimnis abgelauert; er hat aber davon nicht mehr erfahren, als notwendig war, um ihn begierig zu machen, mich hierher zu bringen. Ich denke, Ojo d'Oro ist ein zu alter Schlaukopf und hat zu oft die besten Spurfinder der Apatschen auf eine falsche Fährte geleitet, um sich von einem ganz- oder halbblütigen Yankee seine Geheimnisse stehlen zu lassen.« »Welche Schritte haben Sie hier getan? Haben Sie Ihr Ziel erreicht?« fragte Raousset-Boulbon endlich. »Als wir hier ankamen, habe ich mich überzeugt, daß die Spitzbuben auf dem Schiff doch recht hatten: daß der große Kaiser Napoleon wirklich tot ist. Man hat mir zwar gesagt, daß der Onkel einen Neffen hat, der auch nicht zu verachten sei; und wenn er auch noch nicht Kaiser der Franzosen geworden sei, doch große Lust habe, es zu werden. Aber ich weiß doch nicht recht, ob es Le Bras-de-fer genehm sein wird, wenn ich den Neffen für den Onkel nehme; überdies habe ich, wie Sie sehen, keine Zeit behalten, mit ihm zu unterhandeln.« Der Graf war in tiefes Nachdenken versunken. »Darf man wissen,« fragte er, »welche Bedingungen Sie dem Kaiser der Franzosen stellen wollten?« »Warum nicht, Señor Conde? Nach dem, was ich Ihnen bereits anvertraut, habe ich kein besonderes Geheimnis mehr. Wir verlangen eine Schar von wenigstens dreihundert wohlausgerüsteten und entschlossenen Männern; denn soviel müssen es mindestens sein, da wir es mit den Apatschen zu tun haben würden.« »Ich denke, dreihundert bewaffnete Franzosen würden mit diesen Wilden nicht viel Federlesens machen.« »Schätzen Sie diese ›Wilden‹ nicht zu gering, Señor Conde. Es ist kein Spaß, dem Grauen Bären oder der Roten Schlange ins Weiße des Auges zu sehen. Es sind wahre Teufel an List und Verschlagenheit, und kühn genug, um jedem Mann den Skalp zu nehmen, der unter ihren Tomahawk gerät! – Es ist nötig, daß die Expedition mit Lebensmitteln auf zwei oder drei Monate ausgerüstet und von ein paar Bergleuten begleitet ist. Vor allem muß ein tüchtiger Anführer an der Spitze stehen, der sich Gehorsam zu verschaffen weiß, der die Liebe und das Vertrauen seiner Leute besitzt, damit sie blindlings tun, was er ihnen befiehlt. Jeder Zwiespalt in der Wildnis wäre ihr Verderben.« »Aber ich dächte, Sie oder einer der Ihrigen würde die Leitung des Ganzen übernehmen?« »Wir sind schlichte Goldsucher und Jäger, Señor, aber keine Offiziere. Wir begnügen uns, der Expedition als Führer zu dienen; ohne uns würde sie in hundert Jahren nicht die Goldhöhle finden!« »Weiter!« »Was meinen Euer Exzellenza?« »Nun, die Hauptsache!« »Welche Hauptsache, Señor Conde?« »Zum Henker: was Sie und Ihre beiden Gefährten für den Verkauf des Geheimnisses und die Überlieferung dieser mythischen Schätze für sich selber fordern!« »Für uns, Señor Conde?« »Nun ja, für wen sonst? – Sie sind doch die Eigentümer?« »Richtig, das hätte ich bald vergessen! – Nun, Señor, ich denke, wir haben Anspruch auf die gleichen Rationen wie jeder andere; und Sie werden uns bei der Teilung auch den gleichen Anteil zugestehen. Da aber Eisenarm und der Große Jaguar niemals Gold anrühren, so denke ich, es wird nicht zuviel sein, wenn sie anstelle des gelben Metalls jeder eine der neuen schönen Büchsen bekommen, von denen wir gehört haben, daß sie stets zuverlässig schießen; dazu noch einen Vorrat von Pulver, Blei und neuen Decken. – Was mich betrifft, Señor Conde, werde ich meinen Anteil lieber verspielen, wenn die Heiligen wollen, daß ich mit dem Leben davonkomme.« Der Graf sah unwillkürlich mit Bewunderung auf diesen Mann, der für unermeßliche Schätze nichts anderes verlangte, als den Anteil jedes Soldaten oder ein paar Büchsen und Decken. Schwere Gedanken wälzten sich in seinem Kopf bunt durcheinander. Er schwieg mehrere Minuten, ehe er den Mexikaner, der sich mit den Karten beschäftigte, wieder anredete. »Haben Sie und Ihre Gefährten, Señor Don José, das Anerbieten ausschließlich für den verstorbenen Kaiser Napoleon bestimmt? Oder würden Sie geneigt sein, dem Blut der rechtmäßigen Könige Frankreichs den gleichen Vorschlag zu machen?« »Was verstehen Sie darunter?« »Ich meine, der Familie der Bourbons, die man ihres Erbes, des Thrones von Frankreich beraubt hat.« » Caramba , Señor Conde! Ich weiß aus meinem Vaterland Mexiko, daß die Pronunziamientos sehr häufig sind; aber ich meine immer, der Mann, der wirklich durch seine Tapferkeit und seinen starken Geist zu herrschen verdient, wird sich die Herrschaft auch nicht nehmen lassen. Indes, da der große Kaiser Napoleon tot ist – ich glaube, daß es meinem Freunde Bras-de-fer hauptsächlich darauf ankommt, die Goldhöhle seinen Landsleuten und nicht einem schuftigen Yankee oder einem hochmütigen Engländer zuzuwenden. Wenn sich also unter den Bourbons einer finden sollte, der den Mut und die Mittel hat, so bürge ich für Eisenarms Zustimmung. Aber mit dem Plaudern vergesse ich ganz meinen Zweck, und der Doktor mit seinen Sägen und Messern wird hier sein, bevor wir mit unserer Partie zu Ende sind.« »Es ist wahr, mein Freund; meine Neugierde hat Sie um Ihre Zerstreuung gebracht. Wollen wir die Partie beginnen?« »Zu Ihren Diensten, Exzellenza! Nur –« »Nun?« »Entschuldigen Sie, aber ich möchte gern zuvor wissen, um welchen Preis Sie geneigt sind, mit mir zu spielen.« »Bestimmen Sie selber den Preis.« »Sie sind ein echter Caballero, Exzellenza! Wohlan denn! Es wäre eine Schande für mich, wenn ich Ihnen vorschlagen wollte, mit mir um die paar Piaster in meiner Tasche zu spielen. Denn dieser Schurke hält mich in der Tat kurz mit dem Geld. Ich will Ihnen daher einen andern Wunsch sagen.« »Lassen Sie hören!« »Ich war vor kurzem in einem kleinen Hause unweit der Seine, in der Nähe von Notre Dame, in dem man die Leichen unbekannter und verunglückter Personen ausstellt.« »Die Morgue?« »Richtig, so heißt der Ort. Ich habe da die nackten Leichname von zwei Männern und einer Frau gesehen. Man hat mir gesagt, daß, wenn sich niemand dazu meldet, sie von den Studenten zerschnitten würden.« »Das ist richtig; sie kommen in die Anatomie und dienen der Wissenschaft.« » Caramba ! – Das ist schlimmer als skalpiert werden. Selbst die Apatschen sind nicht so barbarisch. Ich glaube zwar, daß nach der Metzelei von gestern Ihre Herren Studenten genug Vorrat an Leichen haben werden; aber sie könnten doch der Seltsamkeit halber auf die meine, als die eines Ausländers – vorausgesetzt, daß ich an dieser verdammten Kugel sterben muß – ein besonderes Gelüst verspüren; und das würde mir, offen gestanden, sehr unangenehm sein.« »Ich verspreche Ihnen, daß dem Retter meines Kindes ein ehrliches Begräbnis zuteil werden wird; es versteht sich das von selber.« »Bei der heiligen Jungfrau, Señor Conde, Sie sind ein Ehrenmann; doch das würde Ihnen viele Kosten in dieser großen Stadt verursachen. Ich kann das unmöglich annehmen.« »Aber was wollen Sie denn eigentlich?« rief halb lachend, halb ungeduldig der Graf. »Ich will mit Ihnen um mein Begräbnis spielen.« »Um Ihr Begräbnis?« »Ja. Und es soll Ihnen nicht billig zu stehen kommen für den Preis, den ich dagegen setze. Ich möchte ein schönes Begräbnis mit einer Trauerkutsche, die Führer mit Flor am Hut und die Pferde mit Federn an den Köpfen haben. Es ist wenigstens etwas, um einen armen Kerl dafür zu trösten, daß er nicht unter dem Rasen der einsamen Prärie oder am Ufer des Rio Grande in seinem Vaterlande liegen kann, sondern auf einem Ihrer Kirchhöfe, die so bevölkert sind wie die Alamada zu Mexiko nach Sonnenuntergang.« »Auf mein Ehrenwort; Sie sollen ein solches Begräbnis erhalten, wenn Sie sterben, und einen Leichenstein dazu.« »Nun müssen Sie aber auch wissen, was ich dagegen setze. Kommen Sie näher, Señor Conde.« Der Graf rückte dicht an das Lager. »Sehen Sie her!« Der Mexikaner öffnete mit der gesunden Hand sein Hemd am Halse und zeigte dem Grafen ein ledernes Säckchen, das an einer Schnur aus Aloefasern um seinen Hals hing. »Bitte, helfen Sie es mir abnehmen!« Der Graf hob die Schnur über den Hals des Verwundeten und legte das Beutelchen auf den kleinen Tisch vor dem Bett. »Wissen Sie, was Sie soeben in der Hand gehalten haben, Exzellenza?« »Ein Amulett! Man trägt dergleichen auch bei uns, namentlich im Süden. Sie können ein ähnliches bei Bonifaz finden.« »Euer Exzellenza irren. Es ist das Geheimnis der Goldhöhle.« Der Graf nahm das schmutzige Säckchen in die Hand, betrachtete es vergeblich auf allen Seiten und legte es dann wieder nieder. »Ich verstehe nicht!« »Diese unscheinbare Tasche,« sagte der Verwundete, »birgt ein Stück Haut mit der genauen Zeichnung der Lage der Goldhöhle und des Weges dahin vom Rio Grande und den Ufern des Buenaventura aus. Nur wer in dem Besitz dieses Planes ist und die Bedeutung kennt, vermag den Weg in der Einöde aufzufinden. Wir haben drei Stück dieser Zeichnung gefertigt; jeder von uns besitzt eine von ihnen. Sie ist zugleich der Beweis unseres Anrechts an der Entdeckung, die wir gemeinschaftlich gemacht. Jeder ist berechtigt, sie und damit sein Anrecht zu verkaufen oder zu verschenken.« Er hielt inne. Der Graf sah ihn mit atemloser Spannung an. »Wohlan, Señor Conde; ich setze das Säckchen und mein Anrecht daran gegen Ihr Versprechen des Begräbnisses, wenn Sie zwei Bedingungen eingehen wollen.« »Reden Sie, Mann!« »Die erste ist, daß Sie für den kleinen Don Louis, Ihren Sohn, spielen. Ich möchte dem Knaben gern ein Andenken hinterlassen dafür, daß er in der Gefahr bei mir geblieben ist.« Graf Boulbon nickte. »Dann verlange ich Ihr Ehrenwort, daß, wenn ich die Operation glücklich überstehen sollte, Sie mir das Säckchen uneröffnet zurückgeben. Sie sind dann auch des Begräbnisses überhoben.« »Mein Wort. – Aber warum wollen Sie diesen wichtigen Gegenstand nicht lieber bei sich behalten, bis die unangenehme Frage entschieden ist?« Ein boshaftes Lächeln überflog das verwitterte Gesicht des Gambusino. »Euer Exzellenza werden das seiner Zeit erfahren. Jetzt nehmen Sie die Tasche an sich, und lassen Sie uns unser Spiel beginnen. Wenn ich verliere, gewinnen Sie die Erbschaft und müssen mich begraben lassen; wenn ich gewinne, erhalten Sie nichts – und ich?« »Sie gewinnen das Leben und ich bezahle den Doktor«, sagte lächelnd der Graf. »So soll es sein! – Lassen Sie uns anfangen.« Der Graf mischte die Karten. »Aber, Señor José, wie sollen wir uns für den Fall, daß Sie verlieren, mit den beiden Beteiligten abfinden, da ich sie nicht kenne?« »Euer Exzellenza meinen Wonodongah und Le Bras-de-fer?« »Richtig! Es wird schwierig sein, sie zwischen Veracruz und Kalifornien ausfindig zu machen.« »Die Sache ist nicht so schwer, wie Sie glauben. Wir haben für die nächsten zwei Jahre uns ein Stelldichein gegeben. Aber zum Teufel! Ich finde, daß mein Arm mich beim Halten der Karten gewaltig behindert. Sie sind zu sehr im Vorteil. Sollten Sie vielleicht Würfel besitzen? Das würde uns das Geschäft erleichtern.« »Louis muß sie dort in seinem Spielkasten haben.« Der Graf öffnete ihn und nahm einen Becher mit Würfeln heraus. »Euer Exzellenza sind die Höflichkeit selber. Drei Spiele denn, Señor Conde, wenn es Ihnen gefällig ist.« »Haben Sie die Güte anzufangen.« Der Mexikaner hatte seine Karten weggelegt und schüttelte den Becher. »Euer Exzellenza müssen wissen, daß unsere erste Zusammenkunft für den ersten Tag des ersten Vollmonds im Monat September, gerade um zehn Uhr abends, angesetzt ist. – Ich glaube, ich habe siebzehn geworfen!« »Richtig! – Da ist der meine – neun!« »Ich hoffe, Señor Conde, Sie werden künftig besseres Glück haben. Die nächste Zusammenkunft findet demnach schon in neun Monaten statt. – Dreizehn!« »Teufel! – Ich habe Unglück. – Sieben!« »Die erste Partie ist verloren: aber trösten Sie sich, Unglück im Spiel ist Glück in der Liebe. Zwölf!« »Zehn! Sie sind mir um sechzehn Augen voraus!« »Der Ort, den wir für das nächste Jahr zu unserer Zusammenkunft bestimmt hatten, ist San Franzisko. Bin ich zu dieser Zeit noch nicht eingetroffen oder verhindert, haben wir gerade sechs Monate später ein zweites Stelldichein in der Wüste festgesetzt: an den Quellen des Buenaventura. Sie finden die Stelle auf dem Pergament in jenem Säckchen mit einem roten Punkt bezeichnet. – Aber lassen Sie uns die zweite Partie beginnen, Señor Conde, wenn es Ihnen gefällig ist. Sie wissen, daß ich Ihnen sechzehn Points voraus bin.« »Fangen Sie an.« »Zwölf! – Es ist kein schlechter Wurf. Der erste Treffpunkt also ist – kennen Sie San Franzisko?« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nur in Afrika, nicht in Amerika war. Zehn!« »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Exzellenza. Also auf der Plaza mayor von San Franzisko, und zwar – Neun! Caramba , das ist ein schlechter Wurf!« »Ich hoffe, es besser zu machen. Mordieu ! – Nur Acht! Nun also, Señor?« »In dem Augenblick, wo die Uhr der Kathedrale an der Ostseite des Platzes die zehnte Stunde verkündet, werden Eisenarm und der Große Jaguar genau auf der Stelle sein, wohin die Turmspitze jener Kirche ihren Schatten wirft. – Dreizehn! Das macht vierunddreißig, Señor Conde! Es tut mir leid, aber Sie werden die Begräbniskosten zahlen müssen.« »Elf! Sie haben noch einmal fünf Points, im ganzen also einundzwanzig voraus! Sollten Ihre Freunde wirklich so genau Wort halten? Soviel ich beurteilen kann, muß die Entfernung von dem zweiten Stelldichein ein paar hundert Meilen betragen.« »Sie werden zur Stelle sein, wenn sie noch am Leben sind. Sollten sie fehlen, so ist der Anwesende Erbe ihres Anteils. – Man klopft, Erzellenza. Sollte das schon der verteufelte Doktor sein?« Der Graf fuhr aus tiefen Sinnen auf und ging nach der Tür. »Wer ist da?« Suzanne antwortete: »Doktor Connard und Doktor Boisset sind angekommen; sie sind im Salon und lassen fragen, ob sie eintreten können; Doktor Boisset hat nur wenig Zeit.« »Öffnen Sie, Señor Conde, öffnen Sie! Es muß einmal entschieden sein.« Der Hausarzt der Schauspielerin trat mit einem korpulenten Herrn ein, dessen rotes rundes Gesicht von einem Kranz weißer Haare halb umrahmt war. Über eine goldene Brille hinweg funkelten kleine, gutmütige, graue Augen. Im Knopfloch des blauen Fracks hing ein goldenes Kettchen mit zehn verschiedenen Miniatur-Orden. »Sieh da, Doktor Boisset!« sagte Boulbon, der den berühmten Operateur in verschiedenen Salons getroffen hatte. »Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie sich zu uns bemüht haben.« »Doktor Connard schilderte mir den Fall als besonderen; und Ihr Name, lieber Graf, bewog mich, das Lazarett zu verlassen. Sie können nach den gestrigen Ereignissen denken, daß meine Zeit sehr beschränkt ist. Wo ist der Patient?« »Hier, Doktor!« »Er versteht nur spanisch, wie mir Connard sagt. Desto besser, so sind wir in unserem Meinungsaustausch ungeniert. Lassen Sie mich sehen.« Er untersuchte den Verwundeten genau; dann sagte er: »Ich stimme der Meinung meines geehrten Kollegen Connard vollkommen bei. Der Mann ist noch zu retten, wenn es gelingt, die Kugel, die sich am Rückgrat festgeklemmt hat, herauszuziehen. Aber es ist unmöglich, für die Operation einzustehen; denn ebensogut kann auch bei der geschicktesten Hand augenblicklich der Tod erfolgen. Ist der Mann davon in Kenntnis gesetzt und darauf gefaßt?« »Vollkommen, Doktor!« »Dann ans Werk! – Madame, dies ist kein Anblick für Sie; haben Sie nur die Güte, mir etwas Wasser, altes Leinen und Äther bringen zu lassen. Ist ein Mann in der Nähe, der den Kranken halten kann?« »Ich werde jeden Dienst verrichten, den Sie mir auftragen«, bot der Graf sich an. »Dann haben Sie die Güte uns zu helfen, das Bett in die Mitte des Zimmers zu stellen, so daß ich frei herantreten kann.« Es geschah. Während Doktor Boisset sein Besteck herausnahm und auf einen Nebentisch legte, wandte sich der Merikaner zu dem Grafen. » Caramba , Señor Conde, lassen Sie uns unser Spiel nicht vergessen.« »Wie? Denken Sie wirklich noch daran? Wollen Sie nicht lieber diese wichtigen Augenblicke dem Gedanken an Gott widmen?« »Ich habe dreißig Jahre lang in der Wildnis Veranlassung genug gehabt, an Gott zu denken; mein Leben war oft um keinen Grashalm sicherer als jetzt. Aber wenn ich selbst gewußt hätte, daß die Hunde von Apatschen auf meiner Fährte wären, würde ich ein so schönes Spiel nicht im Stich gelassen haben. Bedenken Sie, Señor Conde, einundzwanzig gegen nichts und noch drei Würfe! Ich müßte verteufeltes Unglück haben, wenn ich nicht gewinnen sollte.« Der Operateur prüfte seine Instrumente; dann reichte er sie seinem Kollegen und nahm die gewöhnliche Sonde und ein kleines Messer mit haarscharfer Spitze. »Wir können beginnen!« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür nochmals und Bonifaz trat ein, gefolgt von einem Mann. »Gnädiger Herr, hier bringe ich Monsieur Brown.« Der Fremde hatte ein ziemlich merkwürdiges Aussehen. Er war von mittlerer Größe und hagerer Gestalt, bekleidet mit einem braunen, mit zahlreichen Taschen versehenen Rock. Ein schäbiger Hut bedeckte eine niedere, im scharfen Winkel vorspringende Stirn, die in eine lange spitze Nase überging. Er hatte Augen von verschiedener Farbe und einen schielenden Blick. Das vorspringende starke Kinn verriet Habsucht und Energie. Dieser höchst unliebenswürdige Mensch blieb, die Hände bis an den halben Ellenbogen in die riesigen Rocktaschen vergraben, den Hut auf dem Kopf, auf der Türschwelle stehen und warf einen Schielblick in das Gemach. »Habe gehört, Master José, daß Ihr Euch in eine saubere Geschichte eingelassen habt«, schnarrte er. »Kalkuliere, daß das gegen unseren Vertrag ist. Ihr seid mir Euer Leben schuldig. Wenn diese Windbeutel, die Franzosen, Euch totgeschossen haben, so habt Ihr mich um mein Geld betrogen.« » Caramba !« fluchte der Verwundete. »Ihr seht ja, daß ich noch nicht tot bin. Ich wollte Euch nur das Suchen nach mir ersparen; deshalb schickte ich zu Euch und ließ Euch hierher bitten.« »Vernünftig von Euch. – Der Doktor will Euch also ins Fleisch schneiden?« »Ja.« »Dieser Mann hat mir gesagt, daß Ihr daran sterben könnt.« »Das ist unser aller Los.« »Kalkuliere, es würde Euch eine verteufelte Erleichterung sein, wenn Ihr mir vorher ein wenig das Herz ausgeschüttet hättet – so von wegen der Dinge, die Ihr wißt.« Er machte eine bezeichnende Gebärde nach der übrigen Gesellschaft, als wolle er sie hinausscheuchen. Der Mexikaner sah ihn spöttisch an. »Was meint Ihr, Brown?« »Zum Henker! Die Nachrichten über eine gewisse Höhle, die Ihr mir undankbarerweise bisher immer vorenthalten habt. Wollt Ihr mir nicht lieber das Dings da geben, das Ihr immer bei Euch tragt, um es in sicheren Händen aufbewahrt zu wissen? Ich meine, es wäre mein Recht.« »Danke«, sagte ruhig der Verwundete; »Euer Recht habt Ihr bereits in der Tasche. Und Ihr habt mich dafür geizig genug behandelt. Unser Vertrag bedingt Euch nur hunderttausend Dollar Belohnung, wenn Ihr das Geschäft zustande bringt; sonst habe ich keine Verpflichtungen gegen Euch; ich nehme diese Señores zu Zeugen.« Doktor Boisset unterbrach das Gespräch. »Bitte, sagen Sie dem Mann, daß wir nicht länger zögern können. Sie dürfen uns hier nicht stören, mein Freund, oder Sie müssen sich entfernen. Bringen Sie den Kranken in die geeignete Lage, Doktor Connard.« Der Mexikaner wurde auf den Leib gelegt und durch Kissen unterstützt; sein Rücken blieb für die Operation frei. Sein Kopf lag über dem Ende des Bettes, so daß er die Anwesenden sehen konnte; ebenso war seine Hand frei. »Darf ich sprechen bei der Geschichte? Ich muß doch meine Partie zu Ende spielen.« Der Graf übersetzte Doktor Boisset das Verlangen. »Meinetwegen; ich habe nichts dawider; vorausgesetzt, daß er sich nicht zu sehr bewegt. Irgendeine solche Ablenkung ist oft sehr gut und macht den Kranken, wenn er sich nicht betäuben läßt, den Schmerz vergessen. Es wird am besten sein, dem armen Burschen den Willen zu tun.« Der Graf rückte das Tischchen mit den Würfeln an das Kopfende des Bettes unter die Augen und unter die Hand Josés; dann zog er einen Stuhl an die andere Seite und setzte sich. Der Amerikaner stellte sich hinter seinen Stuhl, Operation und Spiel zugleich beobachtend. An der rechten Seite des Bettes stand Doktor Connard mit dem Besteck und einem starken Reizmittel. Bonifaz hielt am Fußende Schwamm und Becken; die linke Seite blieb frei für den Operateur. »Sind Sie bereit?« »Ja! – Fangen Sie diesmal an, Señor Conde, Sie wissen, daß ich Ihnen einundzwanzig voraus bin.« »Kalkuliere, Ihr habt ein unverschämtes Glück, Master José«, sagte der Amerikaner. »Ich möchte eine halbe Dublone wetten, daß Ihr auch diesmal wieder gewinnt.« Ein Zug des Spottes flog über das hagere Gesicht des Goldsuchers. »Meint Ihr, Señor Brown? – Es könnte mir diesmal wahrhaftig Vergnügen machen, wenn Ihr gewinnen solltet! – Caramba , ich glaube, Sie haben Achtzehn geworfen, Señor Conde?« Doktor Boisset begann in diesem Augenblick den Kreuzschnitt über die Wunde. Der Gambusino war so vertieft in sein Spiel, daß er den Schnitt gar nicht zu fühlen schien. » Demonio ! Ich habe nur fünf Point«, rief er; seine Augen begannen zu funkeln. »Weiter, Señor Conde, weiter!« Der Graf warf Fünfzehn. »Sieben! Verdammt! Lassen Sie uns rechnen! Vamos ! Ich glaube, die Partie steht sich jetzt gleich! Haben Sie die Kugel noch nicht, Doktor? Sie arbeiten ja seit fünf Minuten in meinem Rücken umher, als wollten Sie mir alles Fleisch von den Knochen schinden. Ich glaubte bisher, das verständen nur die Schufte, die Apatschen, wenn sie einen Weißen am Marterpfahl haben.« Doktor Boisset winkte dem Hausarzt. »Ich fühle mit der Sonde die Kugel; sie ist zwischen dem zweiten und dritten Wirbel von unten eingeklemmt. Die Zange wird nicht genügen. Reichen Sie mir das andere Instrument, das ich mitgebracht habe.« Doktor Connard gab dem Meister das Werkzeug, das der Schrecken der Verwundeten auf den Schlachtfeldern und auf den Amputationstischen der Lazarette ist. Es hatte die Gestalt eines doppelten Kugelziehers für die Büchsenläufe; nur war es kürzer und mit einem Handgriff versehen. Die Zuschauer beobachteten die Vorbereitungen nicht ohne Schauder und Mitleid, bis auf den Amerikaner, der mit gefühlloser Neugier zusah. »Halten Sie den Mann jetzt fest«, befahl der Operateur Bonifaz. »Fassen Sie die Füße an, damit er nicht durch Zuckungen die Operation stört.« Er setzte die Doppelspitze des Instrumentes in das Fleisch. »Einundzwanzig, fünf und sieben sind dreiunddreißig«, sagte der Verwundete. »Wahrhaftig, Señor Conde, Sie haben mich eingeholt; aber nun gilt's! Wollt Ihr noch auf mich wetten, Freund Brown?« Der Yankee bedachte sich. »Eine halbe Dublone ist viel Geld«, sagte er endlich. »Wenn ich nur wüßte, um was es sich handelt?« »Ihr wißt, daß ich nicht gewohnt bin um Kleinigkeiten zu spielen. Wettet immerhin auf mich, amigos ; ich verspreche Euch, Ihr sollt die Hälfte meines Gewinnes erhalten.« »Euer Wort?« »Das Wort eines Caballero.« » Very well . Ich will eine halbe Dublone darauf wagen. – Hier ist sie! – Bin neugierig, wer die Wette halten wird?« Er holte aus der Tasche ein schmutziges Papier, wickelte es auf und legte eine Münze auf den Tisch. »Die Leute hier vertrauen verteufelt auf Euer Glück, Master José«, brummte er. »Ihr seht, es will niemand gegen Euch wetten.« Er war im Begriff, sein Geldstück wieder einzuziehen, da rief Bonifaz vom Ende des Bettes her: » Mordieu ! – Ihr sollt nicht sagen, daß ein Franzose sich gescheut hätte, eine Herausforderung anzunehmen. Ich halte Eure Wette!« »Angenommen!« erwiderte phlegmatisch der Amerikaner. »Aber Ihr seht. Mann, daß ich das Geld bar eingesetzt habe. Es muß gleiches Spiel sein.« » Pardioux ! Seht Ihr nicht, daß ich keine Hand frei habe? Monseigneur, Sie bürgen gewiß für mich?« Der Graf warf einen Louisdor neben die spanische Münze. In diesem Augenblick stieß der Leidende einen furchtbaren Schrei aus und machte eine so krampfhafte Bewegung, daß es der ganzen Kraft des Avignoten bedurfte, um ihn festzuhalten. Sein gelbes hageres Gesicht färbte sich mit einer dunklen Röte. »Ruhig, ruhig, Mann!« sagte der Arzt. »Sehen Sie, Doktor Connard, ich habe glücklich die Kugel gefunden. Die Doppelspitze faßt das Blei. Einige Augenblicke noch, und die Operation wird entschieden sein.« José Marillos hatte die Zähne auf die Unterlippe gebissen, daß das Blut in hellen Tropfen hervordrang. Plötzlich richtete sich sein Kopf in die Höhe; er sah den Grafen an. Das Weiße der Augen schien blutig gerötet; von seiner Stirn perlte dicker kalter Schweiß; trotzdem machte er mit stierem Blick ein energisches Zeichen, daß sein Partner werfen solle. Erschauernd im Innersten konnte sich Graf Raousset-Boulbon doch dem fast magischen Einfluß nicht entziehen. Er ergriff den Würfelbecher und warf. »Siebzehn!« stieß der Yankee hervor; er hatte nur Augen für die Würfel, nicht für die Leiden seines Gefährten. Die Blicke Josés hefteten sich krampfhaft auf die Würfel. Das nervöse Zucken des Spielers durchlief sein Gesicht. Die Finger, die er nach dem Becher ausstreckte, zitterten vor Aufregung. Der Graf hatte die Würfel in den Becher geworfen; des Kranken zitternde Hand erfaßte ihn und stülpte ihn um; aller Augen waren auf den Wurf gerichtet. Plötzlich unterbrach ein Ruf des Arztes die Stille. Er hielt das Instrument in die Höhe, die Spitzen faßten die blutige Kugel. »Triumph! Wir haben sie!« Der Oberkörper des Kranken richtete sich langsam empor; ein Strahl von Freude zuckte aus seinen blutunterlaufenen Augen und lief über seine verzerrten Züge. »Achtzehn! – Caramba ! Ich habe doch gewonnen!« »Ihr wißt, Master José, die Hälfte des Gewinnes ist mein«, schrie auf den Tisch zustürzend der Amerikaner. »Was ist der Preis?« José Marillos sah ihn starr an; Hohn zuckte über sein Gesicht. Er öffnete die fahlen Lippen. »Ein Begräbnis!« Der Kopf des Goldsuchers fiel vornüber – der Mann war tot. Der Graf sprang erschrocken auf. In den Gesichtern aller Anwesenden malte sich tiefe Bestürzung. »Um Gottes willen, Doktor, was ist das? Helfen Sie, retten Sie!« Schnell faßte Doktor Connard den Körper und wendete ihn auf den Rücken. Die Augen waren weit geöffnet und starrten gläsern empor; die Farbe wich langsam aus dem verwitterten Gesicht; die Glieder verloren nach und nach ihre Beweglichkeit. Zwischen den schmalen Lippen glänzten die weißen Zähne, fest aufeinandergebissen, wie die eines Schakals. »Soll ich ihn zur Ader lassen, Doktor Boisset?« »Warum denn? – Es ist unnötig. Ich sagte es Ihnen ja: wenn er die Operation nicht überstände, würde es im Augenblick mit ihm zu Ende sein. Sehen Sie hier; da sitzt die Ursache, die wir nicht wissen konnten. Hätte die Kugel ihre regelmäßige Form behalten, so war er gerettet; aber der Mann hat so harte Wirbel gehabt, daß sie sich abgeplattet hat. Hier diese scharfe Ecke hat die Rückenmarknerven zerrissen.« Doktor Connard hatte die Hand auf das Herz des Toten gelegt, hielt ihm den scharfen Salmiakgeist unter die Nase und versuchte verschiedene andere Mittel. »Es ist vergebens«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Der Mann ist tot. Ihre Freundlichkeit, Herr Graf, hat ihm nicht helfen können.« »Das tut mir aufrichtig leid. Wenigstens soll es mir Pflicht sein, seine letzten Wünsche zu erfüllen. Herr Doktor Boisset, ich bin in Ihrer Schuld für die Hilfe, die Sie dem Verwundeten zugewendet haben.« »Das ist die Pflicht der Wissenschaft«, meinte der große Arzt. »Aber wenn die Operation auch nicht glücken konnte, das Subjekt wird nützlich für die Wissenschaft sein. Ich denke, Sie werden nichts dagegen haben, daß ich den Kadaver für die Anatomie abholen lasse. Bei diesem Bau und der Eintrocknung des Fleisches wird er ein vortreffliches Präparat abgeben, an dem ich meinen nächsten Vortrag über die Rückgratsverletzungen halten kann.« Der Amerikaner, der bis jetzt durch die Wiederbelebungsversuche der Ärzte von dem Toten zurückgedrängt worden war, machte sich jetzt bemerklich. »Kalkuliere, Doktor,« sagte er, »der Bursche ist immerhin seine zwanzig Dollar wert für das Zerschneiden. Wenn Sie eine Kleinigkeit zulegen wollen, sollen Sie meinen Freund haben, sobald ich ihn ausgezogen habe; denn wenn die Sachen auch nicht viel wert sind, hoffe ich doch immer noch ein Geschäft daraus zu machen. Was die Wette anbetrifft, so denke ich, Masters, ich kann mein Geld mit Recht einstreichen.« Dem Wort folgte die Tat; er wollte sich eben an den Toten machen, als sich die Hand des Grafen zwischen ihn und diesen streckte. »Einen Augenblick noch! Sie haben alle gehört, daß ich auf den Wunsch des Verstorbenen mit ihm um sein Begräbnis spielen mußte; da ich verloren habe, so denke ich mein Wort zu halten.« »Ich bitte Sie, liebster Graf,« wehrte Doktor Boisset, »es wäre ein Verlust für die Wissenschaft.« »Kalkuliere,« näselte der Yankee, »es kann dem armen Kerl jetzt gleich sein, ob er in die Erde gelegt oder von dem sehr würdigen und verständigen Herrn hier zerschnitten wird. Wenn Sie mir die Hälfte der Kosten geben wollen, die Sie auf das Begräbnis zu verwenden gedenken, und ich die zwanzig Dollars dazu tue, so hätte ich doch einigermaßen meinen Schaden ersetzt. Ich vermute, es wird mir niemand das Recht der Erbschaft streitig machen.« Er legte die Hand auf den Toten. »Was Ihr Recht ist, mag Ihnen werden. Die Leiche aber wird auf meine Kosten bestattet. Sie haben jetzt hier nichts mehr zu tun.« »Meinetwegen. Sie hätten ein Einsehen haben und einen armen Mann nicht um einen kleinen Verdienst bringen sollen. Ich will nehmen, was mein ist und dann meine Füße weiter setzen.« Er beugte sich über die Leiche, die noch immer mit den offenen, starren Augen dalag, und öffnete ihr den Hemdkragen. Plötzlich fuhr er mit einem lauten Aufschrei zurück. Sein häßliches Gesicht war fast so fahl wie das des Toten. Er warf seine Schielblicke verwirrt umher. »Das Säckchen! Wo ist das Säckchen? Verflucht! Man hat mich bestohlen!« Seine behaarten, hageren Finger griffen krampfhaft auf dem Leichnam umher und durchwühlten die blutige Bettdecke. »Wo ist das Säckchen?! Gott verdamm' meine Seele – ich muß das Säckchen haben!« Seine in jeder Falte des Bettes, in jedem Zimmerwinkel umherforschenden Augen quollen im Schreck betrogener Habgier. Mit zitternden Händen hob er die alten Kleidungsstücke des Mexikaners in die Höhe, durchsuchte die Taschen; dann stürzte er sich auf die Leiche und warf und schüttelte sie so roh umher, daß selbst die beiden schon an der Tür stehenden Ärzte, an schreckliche Auftritte gewöhnt, ein Gefühl des Grauens empfanden. Doktor Connard kam zurück, um den toten Körper vor dieser Entweihung zu schützen. »Das Säckchen! Ich muß das Ding haben, das der Schurke am Halse trug! Es ist mein!« Seine drohenden habgierigen Augen saugten sich an den Grafen; er krallte die Finger in seinen Arm. »Sie haben es – ich sehe es Ihnen an! Geben Sie mir mein Eigentum zurück! Oder ich begehe einen Mord an Ihnen!« Mit einer einzigen kurzen Bewegung seiner Hand schleuderte Graf Raousset-Boulbon den Elenden zurück, daß er an die Wand taumelte. »Ventre saint-gris!« sagte er kalt. »Ich glaube, das Vieh wagt mich zu berühren. Meine Herren, ich muß Ihnen den Auftritt erklären. Es handelt sich ganz einfach um eines der indianischen Amuletts, das der Verstorbene mir im Würfelspiel gegen meine Verpflichtung eingesetzt hat, für sein Begräbnis zu sorgen. Hier ist das Ding! Sie werden sich überzeugen, daß es keinen reellen Wert hat.« Er öffnete das Säckchen, das er bisher in der geschlossenen Hand verborgen gehalten hatte, und zog den Inhalt heraus. Er bestand allein in einem Streifen Haut, der mit allerlei Linien und Punkten bemalt war. Nachdem er es den Ärzten gezeigt hatte, steckte er den Hautstreifen wieder in das Säckchen und barg es in der Tasche. »Man hat mich bestohlen! Ich bin ein unglücklicher Mensch, wenn ich mein Eigentum nicht erhalte!« schrie der Amerikaner von der Wand her. »Es wird noch Gerechtigkeit in diesem Lande geben; die Gerichte müssen mir zu meinem Eigentum verhelfen.« »Narr! Diese Herren haben gehört, wie der Mann da noch wenige Augenblicke vor seinem Tode erklärte, daß er keinerlei Verpflichtung an Sie habe.« »Die Tasche, die Tasche!« heulte der Yankee. »Sie bestehlen mich um Millionen! Der Lederstreifen ist –« Der Graf trat auf ihn zu. Seine Stirn war finster zusammengezogen, sein Auge so drohend wie eine Gewitterwolke. Er hob die geballte Faust. »Still, Schurke! Ein Wort noch, und ich zerschmettere dir den Schädel! Sich her, du kennst mich noch nicht!« Neben ihm stand ein Tisch von Mahagoni. Die Platte war mehr als einen Zoll stark. Ohne auszuholen, fuhr die Hand Boulbons auf die Platte nieder; die Ecke sprang eine Handbreit ab, als wäre sie von einer Säge abgetrennt. »Pack' dich.« »Der Mensch ist verrückt und muß nach Charenton gebracht werden«, lachte Doktor Boisset. »Da Sie durchaus nichts für die Wissenschaft tun wollen, Graf, so begraben Sie immerhin Ihren Mexikaner und leben Sie wohl!« Er verließ mit einem Gruß das Zimmer. Doktor Connard folgte ihm; Bonifaz begleitete auf einen Wink seines Gebieters die Herren die Treppe hinab. Der Graf und der Yankee blieben allein zurück bei dem Toten. Die Fahrt ins Abenteuer Der Amerikaner stand zitternd an der Wand. Seine Stirn und seine Haare waren von kaltem Schweiß befeuchtet; seine häßlichen Schielaugen irrten ratlos in dem Zimmer umher; er schien einen Augenblick die Absicht zu haben, sich auf den Grafen zu werfen und ihm mit Gewalt die Zeichnung zu entreißen; aber die Probe von Kraft, die Boulbon ihm gegeben, überzeugte ihn, daß es ein vergebliches und gefährliches Beginnen sein würde. Der Graf blieb, die Arme über die Brust gekreuzt, vor dem Lager des Toten stehen, mit stolzer Verachtung den erbärmlichen Gegner messend. Plötzlich fiel Brown auf die Knie nieder, streckte die Hände flehend nach dem Grafen aus und rief in jämmerlichem Tone: »Gnade, Herr! Ich sehe, Sie wissen alles und ich Narr habe Sie beleidigt! Aber Sie werden es mir verzeihen; Sie sind ein mächtiger vornehmer Herr, ein Fürst. Sie werden einen armen Kerl nicht seines Glückes berauben wollen. Haben Sie Erbarmen mit mir; geben Sie mir die Tasche.« Der Graf schwieg einige Augenblicke. »Wenn ich es auch tun wollte – gegen das Versprechen, das ich dem Manne hier gegeben – es würde Ihnen wenig nützen, wenn Sie nicht wissen, wie Sie das Geheimnis verwerten sollen.« »O ich werde es finden! Ich werde die Spur verfolgen! Freunde werden mir helfen – nur das Geheimnis, das Geheimnis! Es ist mein Eigentum; ich habe mich in Schulden gestürzt für den Mexikaner; er hat es mir versprochen und verkauft!« Er rang die Hände. »Geben Sie mir den Beweis Ihres Anrechts, dann sollen Sie erhalten, was Sie verlangen.« »Alles, alles! – Euer Gnaden wissen, daß er es mir verkauft hat, daß ich sonst alles weiß; nur der Plan fehlt noch.« »Dann nennen Sie mir Zeit und Ort, wo Sie die Mitberechtigten zu dem Schatz finden sollen.« Der Yankee sah ihn mißtrauisch an. »Ich verstehe Euer Gnaden nicht. Ich bin der einzige Erbe des edlen Don José; er hat den Schatz allein gefunden.« »Schurke! – Ich dachte es mir. Sie wissen nichts von der Sache; und für die Begleitung von Amerika nach Frankreich sind Sie durch die Goldstufe reich entschädigt. Der Tote hat mich in sein Recht eingesetzt.« »Ist das Ihr letztes Wort?« »Mein letztes. Und nun hinaus!« Der Yankee sprang auf; seine schielenden Augen warfen einen Blick des tiefsten Hasses auf seinen Gegner. »So wahr ich John Brown heiße und meine Mutter meines Vaters Weib war: das sollen Sie mir büßen! Ich werde mich an die Fersen des diebischen Edelmannes hängen gleich einer Schlange, und mein Biß soll Sie treffen, wenn Sie es am wenigsten denken! – Ich will verdammt sein, wenn Ihre Augen je die Goldhöhle sehen sollen! Verdorren soll Ihre Zunge! In den Staub will ich alles treten, was Ihnen lieb und wert ist! Fluch dem vornehmen Räuber! Sein Herzblut will ich haben für die heutige Stunde! Triumphieren Sie nicht zu früh; Sie sollen sehen, daß John Brown nicht der Mann ist, der sich sein Recht und sein Eigentum nehmen läßt!« Die kalte Ruhe, die der Graf diesen Drohungen gegenüber bewahrte, reizte den Wütenden noch mehr; die Faust gegen ihn schüttelnd, rannte er nach der Tür. Als er sie erreichte, wurde sie von außen aufgerissen; Bonifaz stürzte in großer Erregung herein; Suzanne folgte zitternd und mit bleichem Gesicht. Auf dem Vorplatz der Wohnung hörte man das Aufstampfen von Gewehren und das Klirren von Waffen. »Die Gendarmen, Herr Graf! Man fragt nach Ihnen, man will Sie verhaften!« Suzanne warf sich in seine Arme. »Um Gottes willen, Aimé, was bedeutet das? Was ist geschehen?« »Ruhe, Kind! – Irgendeine Nachfrage oder eine Verwechselung. Es hat in keinem Falle viel zu bedeuten.« Er ging dem Offizier entgegen, der eben in das Gemach trat. Durch die offene Tür sah man auf dem Flur die blitzenden Bajonette und die bärtigen, noch vom Pulverdampf der Nacht geschwärzten Gesichter der Garden; sie hielten die Treppe und die Ausgänge besetzt. »Kein Mensch verläßt das Haus, bis ich es erlaube«, sagte barsch der Offizier. »Wer von Ihnen nennt sich Graf Raousset-Boulbon?« »Ich habe die Ehre, mein Herr«, verbeugte sich vornehm der Graf. »Was steht zu Ihren Diensten?« Der Offizier wandte sich zu einem der Gendarmen um. »Ist dies der Mann, Jerôme?« »Ja, Leutnant«, knurrte der Gardist, der den Kopf verbunden und einen Arm in der Schlinge trug. »Ich erkenne ihn deutlich wieder.« »Mein Herr,« fuhr der Offizier fort, »Sie haben diesen Morgen einen nichtswürdigen Rebellen, einen Barrikadenkämpfer der verdienten Strafe entzogen. Sie haben sich selber als Rebell gezeigt; Sie haben der bewaffneten Macht Widerstand geleistet. Wo ist der Mann, den Sie in diesem Hause verborgen haben?« »Sie meinen einen armen Fremden, der von Ihren Soldaten bei der Rettung meines Sohnes auf den Boulevards schwer verwundet worden ist?« fragte der Graf gelassen. »Ich meine den Rebellen, den dieser Mann verfolgt hat, als er von Ihnen an seiner Verhaftung gehindert worden ist. Geben Sie ihn auf der Stelle heraus!« Der Graf trat zur Seite. »Sehr gern, wenn Sie dafür die Verpflichtung übernehmen wollen, ihn anständig begraben zu lassen; denn ich habe darauf mein Ehrenwort gegeben!« »Gut«, sagte der Offizier, an das Bett tretend. Er überzeugte sich von dem Tode des Bedrohten. »Der hat, was er verdient; ich habe nichts mehr mit ihm zu tun. Jetzt zu Ihnen, mein Herr! Sie gestehen also, Hand an einen Diener des Gesetzes gelegt zu haben?« Der Graf lachte. »Wenn Sie diese Herren in der vergangenen Nacht als Diener der französischen Gesetze betrachten,« sagte er mit Humor, »und es als ein Verbrechen ansehen, wenn sich jemand von ihnen nicht den Kopf spalten lassen will, dann habe ich allerdings ein großes Vergehen begangen, als ich mich in meinem Samariterdienst zur Wehr gesetzt!« »Ohne Umschweife, kurz und gut! Haben Sie den Gendarmen hier vom Pferde gerissen?« »Bewahre! Ich habe nur ihn und sein Pferd in den Rinnstein geworfen, um ihn ein wenig Höflichkeit zu lehren.« »Dann verhafte ich Sie im Namen der Regierung!« »Wie? Man wagt es?« »Wenn Sie der Graf Raousset-Boulbon sind – gewiß; ich glaube, man wird noch mehr wagen!« » Mordioux! Darauf bin ich neugierig! Wer hat den Befehl zu meiner Verhaftung gegeben?« »Seine Exzellenz, der Kriegsminister, General St. Arnaud.« Der Graf ließ ein leichtes Pfeifen durch die Zähne hören. »Ah, parbleu , das ist etwas anderes. Ich sehe, die Sache wird ernst. Man hofft vielleicht bei der Gelegenheit des allgemeinen Aufräumens sich auch einigen guten Blutes zu entledigen, das dem Herrn Präsidenten der glorreichen französischen Republik für die Zukunft unbequem ist! – Und wohin wollen Sie mich führen?« »Vor das Kriegsgericht in der Kaserne am Quai d'Orsay!« Ein Schrei des Schreckens antwortete auf die Ankündigung; zugleich erklang ein höhnischer Triumphruf. Den Schrei hatte die junge Schauspielerin ausgestoßen, den frohlockenden Ruf der Amerikaner. Der Offizier war dadurch auf Brown aufmerksam geworden. »Wer ist der Mensch?« »Oh, ein Herr, der sich sicher ein großes Vergnügen daraus machen würde, mich hängen oder füsilieren zu sehen; aber ich hoffe, daß er diesen Spaß diesmal noch nicht erleben wird. Fassung, Suzanne; keine weibische Angst! Ich wiederhole dir, die Sache hat nichts zu bedeuten. Die Kaserne d'Orsay ist nicht weit vom Kriegsministerium; ich denke, man wird einen Mann meiner Abkunft nicht so mir nichts dir nichts behandeln wie den ersten besten Straßenvagabunden!« Suzanne warf sich in seine Arme. »Um Gottes willen, Aimé, gehe nicht fort von hier! Sie werden dich ermorden – ich lasse dich nicht!« »Machen Sie ein Ende, Herr Graf, oder ich muß Gewalt brauchen«, sagte barsch der Offizier. Der Graf sah ihn mit Verachtung an. »Sie haben wahrscheinlich noch nicht lange die Ehre, die Epauletten zu tragen, sonst würden Sie sich eines passenderen Benehmens befleißigen. – Ruhe, Suzanne, ich will, ich befehle es! Trage Sorge für das Kind und sei unbesorgt. Schicke nach dem Leichenbestatter und laß für den ar*men Burschen da ein anständiges Begräbnis bestellen, sofern der Herr Präsident der Republik Frankreich es in diesen Tagen gestatten wird. – Bonifaz!« »Ich begleite Sie, Herr Graf.« »Du wirst hierbleiben bei Madame und Louis. – Ruhig, ich befehle es; zunächst aber wirf den Schurken dort aus dem Hause. – Sie erlauben doch, mein Herr Leutnant?« Bevor dieser antworten konnte, hatte der ehemalige Sackträger den sich sträubenden und zeternden Yankee beim Kragen des Rockes und dem Hinterteil seiner Unaussprechbaren gefaßt und aufgehoben. Er trug ihn durch die sich willig öffnende Reihe der lachenden Soldaten bis an die Treppe. Ohne sich im geringsten um die Gliedmaßen des würdigen Amerikaners zu kümmern, warf er ihn im Bogen wie einen Wollsack die Stufen hinab; die Soldaten, rasch zu einem Scherz bereit, setzten die Beförderung nach der Straße fort. Der Offizier, in der Tat aus dem niedersten Rang hervorgegangen und deshalb um so brüsker und rauher aufzutreten gewohnt, wo er zu befehlen hatte, wurde durch das selbstbewußte Verfahren des Hausherrn und durch seine vornehme Ruhe doch etwas außer Fassung gebracht; er glaubte nicht zu weit gehen zu dürfen und sich dadurch etwa eine Rüge seiner Vorgesetzten zuzuziehen. Er murmelte eine Entschuldigung und fragte, ob er einen Wagen holen lassen solle, um den Gefangenen nach der Kaserne d'Orsay zu bringen. Der Graf sah ihn scharf an. »Wie? – Sie haben noch keinen Wagen bereit?« »Ich habe keinen besonderen Befehl erhalten!« Ein Blitz spöttischer Überlegenheit flog über das Gesicht des Aristokraten. »Bitte, bemühen Sie sich nicht«, wehrte er rasch. »Ich bin so oft an der Spitze französischer Soldaten in den Schluchten des Atlas marschiert, als ich noch die Ehre hatte, unter meinem Freunde, dem Marschall Bugeaud in Algerien zu dienen und bei Isly mein Kreuz zu erwerben, daß es mir nur Vergnügen machen kann, noch einmal in der Mitte meiner Kameraden einer kleinen Gefahr entgegenzugehen. Herr Leutnant, der Oberst Raousset-Boulbon steht zu Ihrem Befehl.« Die Erwähnung seines früheren militärischen Ranges nebenher, und die Betonung der Freundschaft des in der ganzen französischen Armee auch nach seinem Tode hochgeehrten Marschalls machte den Offizier noch mehr verwirrt; er grüßte sehr höflich, als er mit einer Bewegung nach der Tür seinen Gefangenen einlud, voranzugehen. Ein befehlender Blick fesselte die weinende und zitternde Suzanne und streifte bedeutungsvoll den treuen Bonifaz. Dann ging der Graf mit leichtem Schritt aus dem Zimmer, es dem Offizier und der Wache überlassend, ihm zu folgen. Vor dem Hause sah er mit einem flüchtigen Blick den Yankee in einem Winkel hocken und seine schmerzenden Glieder reiben; doch ohne auf seine Flüche und Drohungen zu achten, ging er weiter. Der Offizier war an seiner Seite; die Wache folgte in kurzer Entfernung. Die Verhaftungen waren an diesem Tage so zahlreich, der Schrecken über die Ereignisse des Abends und der Nacht noch so groß, daß niemand auf diesen einzelnen Fall achtete. Überall auf den Boulevards zeigten sich die Spuren des gräßlichen Gemetzels. Die Leichen waren zum größten Teil von den unglücklichen Hinterbliebenen und von der Polizei fortgeschafft; dennoch ragten da und dort die Füße von Erschossenen, zu einem gräßlichen Wall übereinander getürmt, aus den kleinen Buden, in die man sie einstweilen niedergelegt. Die Barrikaden am Boulevard Poissonnière und St. Denis waren fortgeräumt; der Durchgang war wieder frei; auf Befehl der Polizei waren die Kaufhäuser und Kaffees wieder geöffnet. Aber die Menge, die sich mit der Neugier, die bei den Parisern die größten Schrecken überwindet, an den Häusern hindrängte, trug noch das Gepräge der Scheu und Besorgnis; Polizei und Wachen hielten sie beständig in Bewegung. An vielen Häusern sah man die Spuren des Geschütz- und Gewehrfeuers; an den Mauern klebten Blutflecken. Um die vertrockneten Lachen auf den Bürgersteigen oder in den Vertiefungen um die Bäume machten die Leute scheu einen Umweg; nur ihre entsetzten Blicke wagten über die schrecklichen Zeugnisse eines Willens hinzutasten, der verstanden hatte, dieses Volk geborener Revolutionäre zu bändigen und einzuschüchtern. Von Zeit zu Zeit hörte man aus dieser dahintreibenden Menge ein lautes Aufschluchzen, den Angstschrei eines gefolterten Herzens; dann sah man ein armes Weib mit fliegenden Haaren und hohlen Augen sich durch die Menge drängen, und die Polizei, die Soldaten oder das Publikum jammernd anflehen, ob sie nicht einen Toten oder Verwundeten gesehen: eine bebende Stimme beschrieb sein Aussehen am Morgen vorher, als er noch ein kräftiger, rüstiger Mann gewesen. Oder ein Mann, dem die hellen Tränen über die bleichen Wangen liefen, ein Kind an der Hand, fragte nach dessen Mutter, die er seit zwanzig Stunden vergeblich von ihrem Einkauf auf den Boulevards zurückerwartete. Ein schwerer blutiger Nebel lag über dem sonst so munteren und bewegten Paris. Selbst die Offiziere der frischen Truppenteile, die ihre vom Blutbad erschöpften Kameraden abgelöst hatten und auf den Straßendämmen Dienst taten, standen flüsternd oder saßen vor dem nächsten Kaffeehause im leisen Gespräch beisammen. Der finstere Haß, der Übermut, der am Tage vorher noch die Truppen beseelt und zu entsetzlichen Auftritten geführt hatte, waren einer Stimmung gewichen, die dem Erwachen nach einem wüsten Gelage glich. Graf Raousset-Boulbon, eine Zigarre zwischen den Lippen, schritt neben dem Offizier auf der freien Seite des Straßendammes, gelassen die Gruppen der Bürger oder die Offiziere der Truppen musternd; in der Entfernung von einigen Schritten folgen die drei Gardisten. Erst jetzt erkannte der Leutnant den großen Fehler, den er begangen, als er seinem Gefangenen gestattet, den Weg zu Fuß zu machen. Die bedeutende Persönlichkeit des Grafen konnte selbst in einem Augenblick, da jeder mit sich und mit dem allgemeinen Schrecken des politischen Ereignisses zu tun hatte, auf die Dauer nicht unbemerkt bleiben. Überdies nahm der ehemalige Abgeordnete die Gelegenheit wahr, wenn er einen Bekannten unter der Menge oder den Truppen bemerkte, diesen auf das freundlichste zu grüßen. Aber noch schien er nicht gefunden zu haben, was er suchte. Vergebens machte sein Begleiter ihm zweimal den Vorschlag, einen Wagen zu besteigen. Der Graf lehnte es mit einem Scherze ab. Gewalt wagte er nicht zu brauchen, um kein unnützes Aufsehen zu veranlassen. An der Ecke der Rue Lepelletier, gegenüber von Marivaux, blieb der Graf stehen. Sein Adlerblick war auf eine Gruppe vor dem Kaffeehaus gefallen. Vom Sattel herabgebeugt, um ein Glas heißen Grog zu nehmen, hielt ein Stabsoffizier von eleganter Haltung bei einigen Offizieren. »Ah!« lachte der Graf, »vortrefflich! Da ist Edgar Ney! Das konnte sich nicht besser treffen. Herr Leroy ist den Brüdern ein Dorn im Auge; er ist gerade der Mann, den ich brauche.« Er wandte sich zu seinem Begleiter. »Sie erlauben wohl, daß ich mit dem Herrn Kommandanten dort einige Worte spreche.« Ohne die Antwort abzuwarten, ging er gemächlich hinüber nach der anderen Seite der Straße und legte die Hand auf die Kruppe des Pferdes. »Guten Tag, bester Ney! Ich hoffe, Ihr Dienst ist in der vergangenen Nacht nicht so strenge gewesen, daß Sie zu ermüdet sind, für einen alten Freund einen kleinen Weg zu machen. Sie reiten den ›Matador‹ – dem ist es von hier bis zum Hotel des Herrn Kriegsministers nur ein Sprung.« Der Angeredete wandte sich um und streckte ihm erfreut die Hand entgegen. »Ah! Sie sind es, lieber Raousset! Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen; denn ich fürchtete schon, Sie wären mit den Herren Lamoricière, Cavaignac und Barras in Vincennes!« Graf Edgar Ney, dritter Sohn des berühmten Marschalls, war damals neununddreißig Jahre, Kommandant und Ordonnanz-Offizier des Präsidenten, zu dessen Hauptstützen sein ältester Bruder, der Prinz von der Moskwa, gehörte. Ein Jahr nach dem Staatsstreich wurde er Kavallerieoberst und Flügeladjutant des neuen Kaisers. Er war ein liebenswürdiger, stattlicher Mann. »Sie sehen, lieber Graf,« spöttelte Boulbon und wies auf seine Begleiter, »wenn man mir auch nicht die Ehre angetan hat, mich mit den Herren Cavaignac und Thiers gleichzusetzen, so gibt man mir doch jetzt meine Adjutanten.« Ney sah erst jetzt die Gardisten und ihren Offizier. »Was zum Teufel!« rief er aus, »Sie sind doch nicht etwa verhaftet?« »Seit einer halben Stunde, mein lieber Graf.« »Und wohin bringt man Sie? Ich frage für den Fall, daß man Sie besuchen will.« »Nach der Kaserne d'Orsay vor das Kriegsgericht.« Der Kommandant nahm die Zigarre aus den Lippen, » Parbleu ! Das wird Ernst! Kommen Sie hierher, Boulbon, daß man uns nicht hören kann. Wissen Sie, was am Quai d'Orsay geschieht?« »Wie sollte ich? – Ich bin gestern von einem Ausflug nach Versailles zurückgekehrt, als die Geschichte hier schon zu Ende war, und bin seit heute morgen in der Wohnung meiner kleiner Frau gewesen. Auf diese Weise durch Paris geführt zu werden, wird mich volkstümlich machen und ist schon des Opfers einiger Stunden Haft wert.« »Täuschen Sie sich nicht über die Gefahr«, sagte ernst Edgar Ney. »Renaud präsidiert vor dem Kriegsgericht und hat ohne weiteres schon dreiundvierzig Verhaftete verurteilt, auf dem Marsfelde erschossen zu werden. Man hat vor einer Stunde die Hinrichtung an der ersten Hälfte vollzogen.« Eine leichte Röte flog über das Gesicht des Bedrohten. »Es würde offenbarer Mord sein«, sagte er. »Indes, ich gestehe, an einen solchen Ausgang habe ich nicht gedacht.« »Was haben Sie getan? Welche Veranlassung haben Sie zu Ihrer Verhaftung gegeben?« »Nichts! – Ich habe einen armen Kerl in meine Wohnung gebracht, der verwundet auf der Straße lag, und einen Gardisten, der mir dafür einen Hieb versetzen wollte, in den Rinnstein geworfen.« »Zum Henker, das waren Sie? Man hat davon gesprochen. Ich hätte mir es denken können; niemand anders besitzt diese Herkulesstärke. – Wissen Sie, wer Ihre Verhaftung befohlen hat?« »General Saint Arnaud.« »Dann ist Absicht dabei; die Sache sieht schlimm aus. Er hat unbedingte Vollmacht; der Präsident hat sich seit vierundzwanzig Stunden eingeschlossen. Niemand hat Zutritt. Was ist da zu machen?« Der Name des Kriegsmmisters hatte seine volle Wirkung getan. Die Brüder Ney haßten seinen Einfluß ebenso, wie die beiden Canroberts; aber in diesem Augenblick hatte er die unbedingte Macht. Die Unterredung wurde durch den Leutnant unterbrochen, der in steigender Verlegenheit wartete und endlich nähertrat. »Ich muß Sie bitten, Herr Graf, unsern Weg fortsetzen zu dürfen; mein Auftrag befiehlt Eile.« Ney fuhr ihn barsch an. »Gehen Sie zum Henker, Herr! Sehen Sie nicht, daß ein vorgesetzter Offizier mit diesem Herrn spricht? Treten Sie zurück, Leutnant! – Sagen Sie mir schnell, Boulbon, stehen Sie gut mit Saint-Arnaud?« »Er liebt mich ungefähr, wie der Wolf den Hund.« »Dann steht Ihre Angelegenheit in Wahrheit schlimm. Der gewaltsame Widerstand gegen die bewaffnete Macht läßt sich nicht leugnen. Kann ich irgend etwas tun, Ihnen aus der Klemme zu helfen? Befehlen Sie ganz über mich.« »Sie erinnern sich meiner Junggesellenwohnung?« »Gewiß, Rue St. Honoré – wo Sie uns vor vierzehn Tagen das vortreffliche Frühstück gaben.« »Eilen Sie sofort dorthin und lassen Sie sich von der Hausmeisterin meine Zimmer öffnen. In meinem Schlafkabinett links steht ein Schreibtisch. Hier ist der Schlüssel. In der zweiten unteren Schublade finden Sie eine alte Brieftasche von grünem Saffian. Nehmen Sie sie an sich und geben Sie mir Ihr Ehrenwort, wenn ich sie in zweimal vierundzwanzig Stunden von Ihnen nicht selber oder schriftlich durch eine vertraute Person zurückerfordere, sie zu öffnen und die Dokumente der nächsten Abgeordnetenkammer vorzulegen.« »Mein Ehrenwort!« »Dann befehlen Sie dem Leutnant dort, sobald er mich in der Kaserne abgeliefert, dem Minister die Karte zu überbringen, die ich ihm geben werde.« »Sofort. – Haben Sie sonst noch etwas?« »Nichts, als daß Sie mir versprechen, übermorgen, wenn es Ihr Dienst erlaubt, mit einigen Freunden und mir bei Béry zu dinieren.« » Parbleu ! – Sie müssen Ihrer Sache sicher sein, lieber Graf«, lachte Edgar Ney. »Aber es wird mir weit mehr Vergnügen machen, mit Ihnen eine Flasche alten Béaune zu leeren, als nach Ihrem Grabe auf dem Marsfelde zu suchen!« »Ich bin überzeugt davon; deshalb habe ich mich an Sie gewandt«, sagte der Graf. »Aber jetzt kann ich den Herrn dort wirklich nicht länger aufhalten; bitte, lieber Ney, geben Sie ihm seine Befehle.« Kommandant Ney ritt zu dem Leutnant. »Mein Herr, ich hoffe, Sie kennen mich. Ich bin der Graf Ney und im Stabe Seiner Kaiserlichen Hoheit des Prinz-Präsidenten. Sie könnten mich durch einen Dienst sehr verbinden.« »Wenn es mein Auftrag gestattet, mit Vergnügen, Herr Graf.« »Sie müssen diesen Herrn an das Kriegsgericht abliefern?« »Zu Befehl, Herr Graf.« »Ich will Sie in Ihrer Pflicht nicht hindern. Was haben Sie dann zu tun?« »Ich habe Befehl, Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister über die Ausführung der Verhaftung zu berichten.« »Das trifft sich ja vortrefflich und kommt meiner Bitte zuvor. Graf Boulbon wünscht eine Karte mit einigen Worten in die Hände des Herrn Ministers gelangen zu lassen. Wollen Sie die Güte haben, dies zu übernehmen?« »Ich sehe keinen Grund, es nicht zu tun. Mein Auftrag lautet nur auf die Verhaftung.« »Dann bitte ich Sie darum, dem Herrn Grafen gefällig zu sein; wenn ich Ihnen irgend wieder dienen kann, so wenden Sie sich dreist an mich.« Der alte Leutnant, der herzlich wenig Aussicht auf Beförderung hatte, grüßte auf das höflichste. »Verlassen Sie sich auf mich, mein Kommandant.« Ney wandte sich zu dem Gefangenen. »Jetzt, lieber Freund, ist alles geschehen, was ich tun konnte, über Ihren Auftrag seien Sie unbesorgt; in zehn Minuten soll er vollführt sein. Ich hoffe, Ihr altes gutes Glück wird Sie nicht verlassen.« Der Graf reichte ihm unbekümmert die Hand. »Vielen Dank! Vergessen Sie übermorgen Véry nicht. Das einzige, um was ich Sie noch bitte, ist ein wenig Eile.« Ney grüßte mit einem Wink nach der Offiziergruppe vor dem Kaffeehaus. »Auf Wiedersehen, meine Herren! Mein Dienst ruft!« Dann winkte er dem Grafen zu und sprengte im Galopp dahin. Der Graf sah ihm ernst nach; er wußte sehr wohl, daß Tod und Leben für ihn von der zuverlässigen Ausführung des Auftrages abhängen konnte. Dann wandte er sich zu seinem Wächter: »Wenn es Ihnen gefällig ist, wollen wir weitergehen.« Der kleine Trupp mit dem Gefangenen setzte seinen Weg durch die Rue de Luxembourg über den Platz und die Brücke de la Concorde fort, an der Abgeordnetenkammer vorüber; auf ihren Stufen lagerte jetzt Militär. Ohne weiteren Aufenthalt kam er zu der Kaserne, in der seit dem Morgen das Kriegsgericht sich in Ständigkeit erklärt hatte. Bevor der Offizier seinen Gefangenen an die Wache ablieferte, hatte der Graf auf seine Visitenkarte einige Worte geschrieben; er nahm dem Leutnant noch einmal das Versprechen ab, sie sofort dem Minister zu überbringen. Die Übergabe war sehr bald erledigt. Von allen Seiten schleppten Soldaten und Polizisten Verhaftete heran; nach kurzem Verhör wurden sie in den vorderen Hof gesperrt, dessen Ausgänge durch starke Wachtposten mit geladenem Gewehr besetzt waren. Der Leutnant, der die Verhaftung des Grafen vollzogen, machte sich auf den Weg nach dem Kriegsministerium in der Universitätsstraße, von dem in diesem Augenblick die Herrschaft über Paris und Tod und Leben seiner Bürger abhing. Denn nur unter der Voraussetzung unbedingter und unverantwortlicher Machtvollkommenheit hatte St. Arnaud den Auftrag des Präsidenten Louis Napoleon zu dem in die Geschichte Frankreichs mit Blut eingeschriebenen Staatsstreich vom 2. Dezember übernommen; dieser Staatsstreich sicherte dem Prinzen Louis Napoleon den Kaiserthron von Frankreich und verhalf St. Arnaud zum Marschallstab und zu einem ruhmlosen Ende in der Krim. Der Leutnant schickte seine Meldung an den General und erhielt nach wenigen Minuten den Befehl, einzutreten. Das Kriegsgericht in der Kaserne hatte seine summarischen Verhandlungen fortgesetzt, die den Angeklagten kaum mehr Gelegenheit zur Verteidigung gaben, als die berüchtigten Schreckensgerichte unter Fouquier-Tinville. Es waren sechs Fälle seit der Ankunft des Grafen verhandelt worden; sie endeten alle mit dem Spruch »Zum Tode durch Erschießen verurteilt«. Als siebenter wurde der Name des Grafen aufgerufen. Graf Raousset-Boulbon trat mit vornehmer Ruhe in den dicht gefüllten Saal vor den Tisch, an dem das Gericht saß. Ein Blick gab ihm die unangenehme Überzeugung, daß unter den Mitgliedern des Gerichtes kein einziges war, auf dessen Beistand er hätte rechnen können. Selbst der General, der dem Gericht präsidierte, war ihm nur vom Sehen bekannt. Das Gerücht bezeichnete ihn als scharfen Bonapartisten und unbeugsamen, harten Charakter. »Ihr Name?« »Aimé, Graf von Raousset-Boulbon-Bourbon«, erwiderte der Verhaftete, das alte Recht seiner Familie auf die königliche Abstammung wahrend. »Oberst in der königlichen Armee von Frankreich und Mitglied der Landesvertretung für Venaissin. Ich protestiere gegen meine ungesetzliche Verhaftung.« »Wir kennen hier weder eine königliche Armee, noch eine gesetzliche Landesvertretung. Die Armee ist die der französischen Republik; die Landesvertretung ist durch Befehl des Präsidenten aufgelöst. Ihre Berufungen, mein Herr, sind schlecht genug.« »Die Auflösung ist ein Gewaltstreich und ungesetzlich. Meine Kollegen haben vor Frankreich, vor ganz Europa gegen diesen Mißbrauch der Gewalt widersprochen!« »Ich habe nicht Lust, mit Ihnen darüber zu streiten. Ihr Einspruch beweist Ihre hochverräterische Gesinnung. Sie sind angeklagt, einen Barrikadenkämpfer der Verhaftung entrissen und die bewaffnete Gewalt angegriffen zu haben. Wo ist der Zeuge?« Der Gardist, den der Graf zu Boden geworfen, trat vor. Er hinkte und hatte den Kopf und den Arm mit Binden umwickelt. »Ist dies der Mann, der Euch bei Ausübung Eures Dienstes überfallen, zu Boden geworfen und einen verwundeten Rebellen gewaltsam befreit hat?« »Der Teufel hole seine Faust!« schalt mürrisch der Gardist. »Ich habe bei dem Sturz den linken Arm gebrochen; mein Knie ist schwer verletzt. Ich werde mein Leben lang ein Krüppel bleiben.« »Dann habt Ihr nur die verdiente Strafe für Eure Frechheit empfangen, mein Bursche«, erwiderte achselzuckend der Graf. »Wer hieß Euch den Säbel gegen mich erheben? Ich habe Notwehr geübt.« »Zeuge, antwortet bestimmt auf die Frage. Ist dies der Mann, der Euch diesen Morgen angegriffen und verwundet hat?« »Gewiß, mein General. Ich erkenne ihn genau wieder.« »Tretet ab. Angeklagter, Sie sind überwiesen des Angriffs auf die in der Unterdrückung des Aufstandes begriffene Macht; ferner des Einverständnisses mit den Rebellen. Haben Sie noch etwas zu sagen, das den Spruch des Gerichts ändern könnte?« »Da Sie wahrscheinlich Ihre Anweisungen von Herrn von Saint Arnaud oder von noch höherer Stelle haben,« lehnte der Graf mit kaltem Hohn ab, »so würde alles unnütz sein, was ich Ihnen zu sagen hätte. Ich verzichte darauf.« Das finstere Gesicht des Generals wurde bei dem tief verwundenden Spott dunkelrot; der grimmige Blick auf den Angeklagten verkündete im voraus den Spruch des Gerichtes. Die Entscheidung dauerte nur zwei Minuten. Der General winkte dem Gerichtsschreiber. »Durch einstimmigen Beschluß des Kriegsgerichtes ist der frühere Oberst Aimé Graf Raousset-Boulbon wegen Beteiligung am Aufruhr und tätlichen Angriffs auf die bewaffnete Macht ...« »Graf Raousset-Boulbon! Wo ist der Herr Graf?« unterbrach eine helle, laute Stimme den Spruch des Gerichtes. Die Menge am Eingange öffnete sich; ein Stabsoffizier schritt hastig vor. »Entschuldigen Euer Exzellenz die Unterbrechung. Hier ist eine Order des Oberbefehlshabers. Ich bin beauftragt, den Herrn Grafen von Raousset-Boulbon augenblicklich zum Herrn Kriegsminister zu führen.« Der General biß wie ein Bulldogg, dem die gefaßte Beute aus den Zähnen gerissen werden soll, auf die Lippen, als er den Befehl las. »Die Verkündung des Urteils ist vorläufig ausgesetzt. Man führe den nächsten Angeklagten vor.« Der Graf machte dem Gericht eine hochmütige Verbeugung. »Es wäre ungeschickt, meine Herren, wenn ich sagen wollte: auf Wiedersehen! Ich empfehle mich Ihnen und wünsche Ihnen einen angmehmen Nachmittag. Mein Herr, ich bin zu Ihrer Verfügung.« »Dann erlauben Sie mir, Herr Graf,« bat höflich der Offizier, »Sie durch die Kaserne zu führen; es wird unsern Weg bedeutend abkürzen, und ich habe bei der Eile, die der Herr Kriegsminister hatte, Sie zu sprechen, einen Wagen mitzubringen unterlassen.« Der Graf winkte lachend mit der Hand. »Lassen Sie uns gehen. Der Spaziergang von heute morgen scheint mir recht gut bekommen zu sein.« Er ging dem Offizier voran aus dem Saal. Sein Gesicht verriet keine Spur von Sorge; dennoch fühlte er sich von einer schweren Last befreit. Er wußte, daß er jetzt das Spiel meistern würde. Zehn Minuten später befanden sich der Graf und sein Führer im Kriegsministerium, das zwischen der Rue de l'Université und der Rue Saint Dominique lag. Höfe, Gänge und Büros waren mit Ordonanzen, Adjutanten, Soldaten und Polizeibeamten gefüllt; unaufhörlich kamen und gingen Menschen, um Befehle zu bringen oder zu holen von dem Manne, der in diesen Tagen das Schicksal von Paris und das Leben seiner Bewohner in Händen hielt. Erst später wurde die Bedingung, unter der Saint-Arnaud die Unterdrückung des Widerstandes übernommen hatte, bekannt: die Bedingung, die ihm gestattete, ganz Paris in Asche zu legen. Aber schon jetzt wußte man, daß er sich ausbedungen hatte, der Präsident dürfe sich in keiner Weise einmischen. Er selber, der Kriegsminister, besaß jede Vollmacht über Leben und Tod. Der General hatte sein Wort gelöst; der Aufstand war niedergeworfen; die Hauptstadt zitterte vor seinen furchtbaren Maßregeln, gebeugt für lange Zeit; aber das Blutbad und das schreckliche Gericht waren so ungeheuerlich, daß die neuere Geschichte kaum etwas Ähnliches aufzuweisen hat. In einem der Gänge, die zu den Zimmern des Ministers führten, begegneten der Graf und sein Begleiter dem Leutnant, der den Grafen verhaftet hatte. Er war jetzt selber in Haft; ein anderer Offizier trug den ihm abgenommenen Degen in der Hand. Der Verhaftete warf im Vorübergehen dem Grafen einen grimmigen Blick und eine wilde Verwünschung zu; aber ehe Raousset-Boulbon sich nach der Ursache seiner Haft erkundigen konnte, führte der Adjutant seinen Gefangenen vorüber. Gleich darauf traten sie in das Vorzimmer des Ministers, das mit Beamten und Stabsoffizieren gefüllt war. Der Adjutant, der den Grafen mit der größten Höflichkeit behandelt hatte, bat ihn, sich hier niederzulassen und zu warten. Dennoch bemerkte Graf Raousset-Boulbon recht gut, wie ein Augenwink des Offiziers die Umstehenden auf ihn aufmerksam machte und ihn ihrer Wachsamkeit empfahl, indes er ihn beim Kriegsminister anmeldete. Der Graf brauchte jedoch nicht lange zu warten; der Adjutant erschien schon nach fünf Minuten wieder. Der General wollte ihn sofort empfangen. In einem zweiten Vorzimmer arbeiteten mehrere Sekretäre eifrig. Der Adjutant öffnete eine dritte Tür zum Arbeitszimmer des Ministers und ließ den Gefangenen eintreten. Die Tür schloß sich hinter ihm; der Graf sah sich allein mit dem Minister. Leroy de Saint-Arnaud war zu dieser Zeit fünfzig Jahre; 1801 geboren, war er der Sohn einer wohlhabenden Bürgerfamilie von Paris. Der Gamin Jacques Arnaud kannte das Pflaster seiner Vaterstadt ebenso vollkommen wie die Schwächen und Neigungen ihrer Bewohner. Seine Jugend war stürmisch und wild gewesen, von jeder Leidenschaft bewegt; sein Alter war nicht viel besser. Er trat 1816 in die Königliche Leibgarde, aus der er jedoch bald toller Streiche wegen als Unteroffizier in das 49. Linienregiment versetzt wurde. Auch dort mußte er aus gleichen Ursachen den Dienst aufgeben. Erst 1831 trat er wieder in das 64. Linienregiment, anfangs Fechtmeister und bald zum Leutnant befördert. Im Jahre 1836 ging er zur Fremdenlegion, jenem Sammelplatz aller Unbändigkeit. Es begann für ihn durch rücksichtslose Verwegenheit und Gewissenlosigkeit jene glänzende Laufbahn, die ihn zu den höchsten Würden führen sollte. 1838 zum Kapitän und Ritter der Ehrenlegion, 1840 zum Bataillonsführer ernannt, diente er ein Jahr bei den Zuaven und war 1844 bereits Oberst. Jeder seiner afrikanischen Feldzüge im Lande der Kabylen und in den Gebirgen des Atlas war durch glänzende Waffentaten, aber auch durch furchtbare Grausamkeit und Strenge gekennzeichnet. Im Jahre 1847 wurde er Brigadegeneral und erhielt das Kommando der Division von Konstantine. 1851 als Bonapartist nach Paris berufen, vertraute der Präsident ihm das Kommando der zweiten Division der Armee von Paris an und ernannte ihn im Oktober zum Kriegsminister. Er war der unbedingte Anhänger des Prinzen. Dessen Erhebung konnte allein seinem unbeschränkten Ehrgeiz dienen und seiner tiefen Verschuldung ein Ende machen. Louis Napoleon erkannte die Notwendigkeit eines solchen Werkzeugs ohne Furcht und Gewissen; aber das Werkzeug kannte auch seine Unentbehrlichkeit und ließ sich seine Dienste schwer bezahlen. Dennoch waren die bedeutenden Summen, die ihm zuflossen, nicht imstande, seine Verschwendung zu decken; er war ein leidenschaftlicher Spieler und immer in Schulden. Es ist später nicht verborgen geblieben, mit welchen Mitteln Louis Napoleon ihn für die Ausführung der Dezembertragödie gewonnen hat, und wie der General sich dabei zu sichern wußte. Als der Graf in das Arbeitszimmer trat, saß der Minister vor seinem Schreibtisch, anscheinend mit dem Lesen eines dringenden Schriftstückes beschäftigt. Er schenkte dem Eintretenden nicht die geringste Aufmerksamkeit. Es war dem Grafen klar, daß er ihn seine Abhängigkeit fühlen lassen und ihn demütigen wollte. St. Arnauds finsteres, breites Gesicht mit den schlappen Wangen und der grauen ungesunden Farbe war in strenge Falten gelegt und nicht sehr geeignet, Vertrauen und Mut zu erwecken. Auch die Umgebung hatte wenig Gefälliges; sie war mehr als einfach, seiner rauhen, an Strapazen und Anstrengung gewöhnten Soldatennatur entsprechend: eine spärliche Ausstattung mit einigen lederbezogenen Stühlen; Karten und Waffenmodelle und einige Schränke. Zu seinen Füßen lag ein großer arabischer Wolfshund mit gelbem, zottigem Fell; man bedient sich ihrer zu den Pantherjagden in den Wildnissen des Atlas. Das Tier hob bei dem Eintritt des Grafen den Kopf. Es zeigte ein etwas morsches Gebiß und stand mit dumpfem Knurren auf. Der Graf trat mit voller Unbefangenheit dem Hunde einen Schritt entgegen und klopfte ihm den Kopf. »O Nero, guter Freund, ich hoffe doch, du wirst deinen alten Bekannten nicht vergessen haben, seit du der Hund eines Ministers geworden bist. – Guten Tag, General, ich sehe, Sie haben das treue Tier noch immer; es hat doch gewiß seine fünfzehn Jahre auf dem Rücken. Nero erinnert Sie sicher an lustigere Tage, als wir sie jetzt haben.« Der Minister hatte gezwungen bei dieser harmlosen Anrede den Schriftsatz weggelegt und sah den Grafen finster an. »Es scheint, mein Herr,« sagte er ärgerlich, »Sie beschäftigen sich überhaupt lieber mit den Erinnerungen der Vergangenheit, als daß Sie den Pflichten und Forderungen der Gegenwart Rechnung tragen.« » Ventre saint-gris , General, da haben Sie unrecht. Ich kann Sie versichern, ich bin das reine Kind des Augenblicks; ich genieße das Leben, wie es sich mir bietet und quäle mich nicht mit Sorgen um die Zukunft.« »Ich glaube, daß Sie das auch nicht besonders nötig haben werden, Herr Graf«, bemerkte höhnisch der General. »Ah bah! Sie meinen, weil Sie mich in einer Stunde auf dem Marsfeld erschießen lassen wollen mit einigen Dutzend armer Teufel? Aber das Urteil ist noch nicht ausgesprochen und es ist so gut, als bestände es nicht. Ihr Adjutant kam gerade zur rechten Zeit, lieber General; er ist ein liebenswürdiger Mann, der mir alle Höflichkeit erwies, gerade wie der Leutnant, den Sie mir heute morgen schickten, und der die Güte hatte, alle meine Wünsche auf das freundlichste zu erfüllen.« »Der Henker hole den Einfaltspinsel!« brach der General los. »Ich glaube. Sie wollen noch Ihren Spott mit mir treiben. Ich habe den Dummkopf nach Vincennes geschickt; er soll sofort in ein Regiment nach Cayenne oder an die marokkanische Grenze gesteckt werden, weil er Sie wie ein Narr durch Paris geführt und Sie der halben Stadt gezeigt hat, statt Sie auf die kürzeste Weise nach der Kaserne zu bringen.« Der Graf lachte und zog einen Stuhl an die andere Seite des Tisches. »Das sollte mir herzlich leid tun um den Mann, lieber General; ich bitte um Gnade für ihn. Sie erlauben – es läßt sich besser so plaudern. Also Sie haben im Ernst vor, General, mich erschießen zu lassen?« »Ich pflege nicht viel Federlesens zu machen mit Aufrührern, vornehm oder gering. Dussoubs und Madier, die auch sogenannte Volksvertreter waren, sind gleichfalls erschossen.« »Auf den Barrikaden, General!« »Das ist gleich. Sie sind beim Widerstande gegen die bewaffnete Macht und die Regierung betroffen. Das Kriegsgericht ist über Ihr Urteil einig.« »Man wird es ändern oder zurücknehmen, General«, sagte der Graf kalt. »Es bedarf ebenso nur eines Winkes von Ihnen, wie es der für meine Verurteilung war.« »Wie? – Sie denken doch nicht –« »Ich weiß, daß ich auf den besonderen Befehl Seiner Exzellenz des Herrn Kriegsministers, General Leroy de St. Arnaud, verhaftet worden bin. Indes, mein Herr, mögen Sie und der Prinz wohl bedenken, daß man nicht ohne Aufsehen einen Mann erschießt, in dessen Adern das Blut der legitimen Könige von Frankreich fließt. Ganz Paris weiß in diesem Augenblick, daß der Graf Raousset-Boulbon verhaftet worden ist, weil er sich von einem Gendarmen nicht gutwillig den Kopf spalten lassen wollte.« St. Arnaud antwortete nur mit einem Knurren. »Lassen Sie uns aufrichtig miteinander reden, General«, fuhr der Graf fort. »Liegt Ihnen gar soviel daran, daß ich erschossen werde?« »Ich sichere nur dem Gesetz und der Ordnung ihren Gang.« »Gut. – Da Sie als Minister mit den Gesetzen so vertraut sind, werden Sie mir gewiß auch sagen können, was auf Fälschung von Quittungen steht, die in amtlicher Eigenschaft ausgestellt sind; ich setze den Fall, über Lieferungen für ein Regiment in Algerien, von denen das Depot nie ein Stück zu sehen bekommen hat. So viel ich weiß, verjähren dergleichen Dinge erst in zehn Jahren?« Das Gesicht des Ministers färbte sich dunkel; er warf einen wilden, drohenden Blick auf sein Gegenüber. »Was soll das heißen?« sagte er barsch. »Wollen Sie mich beleidigen?« »Gott bewahre, General. Sie wissen, daß ich ein großer Verehrer Ihres Mutes und Ihrer kriegerischen Eigenschaften bin, noch von Algerien her, wo wir zusammen dienten. Aber, wie gesagt, ich lasse mich gern belehren; selbst in meiner Todesstunde.« Der General erhob sich, kurz, kalt. »Wenn das alles ist, Herr Graf, was Sie mir zu sagen hatten, so bedaure ich, daß wir beide unsere Zeit verloren haben. Fügen Sie sich in das Unvermeidliche; das Urteil muß in einer Stunde vollstreckt werden, ich bin außerstande, es zu ändern.« Er machte eine kalte Verbeugung und griff nach der Klingelschnur über seinem Arbeitstisch. »Einen Augenblick noch, General. Ich habe noch eine Kleinigkeit auf dem Herzen. Wissen Sie, daß ich die Ehre habe, für zehntausend Franken Ihr Gläubiger zu sein?« »Wieso?« »Ich kaufte bei Gelegenheit einen von Ihnen ausgestellten Wechsel.« »Nun, wenn die Sache in Ordnung ist, wird man ihn an Ihre Erben zahlen, mein Herr«, sagte der Minister spöttisch. »Es hat keine so große Eile; der Wechsel ist längst verfallen; ich kaufte ihn nur als leidenschaftlicher Handschriftensammler. Er stammt noch vom Jahre 1846; ich glaube, es war damals, als Sie das Kreuz der Ehrenlegion erhielten, General.« Der General hatte die erhobene Hand sinken lassen. »Ich erinnere mich nicht; ich war damals allerdings etwas verschuldet, indes, das kann jedem geschehen.« »Sie hatten Unglück im Spiel; Renneville, der Intendant, war dagegen ein sehr glücklicher Spieler.« »Wie? Sie haben den Wechsel von Renneville gekauft? Er sagte mir doch, er hätte ihn vernichtet?« »Ich kaufte ihn einen Tag vor seinem unglücklichen Zweikampf mit dem Baron d'Estalet. Wie gesagt, es handelte sich für mich nur um die seltene Unterschrift.« Der General fuhr mit der Hand über die Stirn, auf der kalter Schweiß perlte. »Ich bin bereit, das Papier einzulösen – sogleich – auf der Stelle!« sagte er. »Ich bedaure, General; ich führe meine Sammlungen nicht bei mir. Sie befinden sich in einer besonderen grünen Tasche in der linken Schublade des Schreibtisches in meiner Privatwohnung, Rue St.Honoré.« Eine dämonische Freude blitzte über das finstere Gesicht des Ministers; er erhob rasch die Hand. »Oder befanden sich vielmehr«, fuhr der Graf fort, ruhig mit einer Feder auf dem Tisch spielend. »Ich habe die Gegenwart mit der Vergangenheit verwechselt; Sie haben doch meine Karte erhalten, General, in der ich um die Rücksprache bat?« »Hier ist sie; aber ich muß gestehen, daß mir die drei Worte unverständlich waren. Das bewog mich. Sie zu empfangen.« »Ich glaube es Ihnen gern; ich schreibe schlecht, meine Erziehung ist darin merkwürdig vernachlässigt worden. Wenn ich mich nicht irre – ich kann oft meine eigenen Hieroglyphen nicht entziffern – so ist das erste ein Datum.« Der General hatte sich wieder auf seinen Sessel fallen lassen; er trocknete sich die Stirn. »Richtig; es ist das Datum des Lieferungsscheines für die Verwaltung Constantine vom 6.März 1844; ich sprach vorhin davon. Das andere sind zwei Namen – Freunde von mir; nur ist der eine leider tot – Renneville, von dem wir vorhin sprachen; der andere aber erfreut sich der besten Gesundheit – Herr Edgar Ney.« »Und was bedeutet sein Name hierbei?« »Nur soviel, daß Sie sich wegen der Einlösung des Wechsels gefälligst an ihn wenden wollen. Seit einer Stunde befindet sich Graf Ney im Besitz der grünen Tasche. Aber ich habe sein Ehrenwort, daß er sie erst öffnen wird, wenn ich in den nächsten achtundvierzig Stunden sie nicht selber von ihm zurückfordere.« Der General rückte unruhig in seinem Sessel. Er hielt seine Augen fest auf den Boden gerichtet. Beide schwiegen kurze Zeit. »Es ist gut«, sagte endlich der Minister. »Sie werden natürlich nicht erschossen werden. Aber Sie müssen Frankreich verlassen. Ich kann es nicht anders machen – dem Prinzen gegenüber.« »Pardioux! Ich erbat die Besprechung hauptsächlich, um Ihnen meine Abreise anzuzeigen und um einige Empfehlungen zu erbitten.« »Wie? Sie wollen Frankreich gutwillig räumen?« »Glauben Sie etwa, General, daß sich das Blut der Bourbons hier auf die Dauer mit dem des Herrn Flahault vertragen kann?« »Aber wohin wollen Sie? – Sie werden sich mit unseren Feinden verbinden! Sie werden zu Chambord gehen oder nach Richmond?« »Ich denke nicht daran. Ich beabsichtige, da die Abkömmlinge des heiligen Ludwig doch nicht gut einfache Untertanen bleiben können, den Bourbonen ein anderes Königreich jenseits des Meeres zu erobern.« »Sie sind toll, Graf.« »Mein voller Ernst. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich einigermaßen bei der mexikanischen Regierung zu beglaubigen, das heißt, nur so lange, bis ich festen Fuß gefaßt habe – und den französischen Konsul in San Franzisko anzuweisen, mir keine Hindernisse in den Weg zu legen, so denke ich binnen zwei Jahren vielleicht die Sonora zu einem recht hübschen Königreich unter bourbonischer Flagge gemacht zu haben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß Frankreich jede Begünstigung in meinem Hafen Guyaquil erhalten soll.« Der Minister schüttelte den Kopf. »Man weiß in der Tat nie, wie man mit Ihnen daran ist«, sagte er. »Tolle Streiche haben Sie schon genug gemacht; am Ende, was geht's uns an, wenn Sie sich irgendwo den Kopf einrennen wollen. Aber um auf die Papiere zurückzukommen –« »Der Graf Raousset de Boulbon gibt dem Herrn Leroy de St. Arnaud sein Ehrenwort, daß in dem Augenblick, wo er sich in Havre nach Amerika einschiffen wird, der geheime Gegenvertrag vom 6. März 1844 und der Wechsel – dessen Bezahlung ich freilich in Anspruch nehmen muß, da meine Kasse etwas geleert ist – in die Hände der Person gelegt werden soll, die Euer Exzellenz die Güte haben werden, zu bestimmen.« Der General sann einige Augenblicke nach. »Wann können Sie abreisen?« »Ich habe übermorgen ein Diner bei Véry an Ney und einige Freunde verloren und kann natürlich nicht absagen. Es ist notwendig, General, wegen der grünen Tasche. Aber am Tage darauf werde ich bereit sein.« Der Minister war an eine Wandkarte getreten. »Der Dampfer von Havre nach New-Orleans geht am 8. Dezember ab. Ich werde telegraphischen Befehl senden, Plätze für Sie zu belegen. Wieviel brauchen Sie?« »O, Exzellenz, ich reise ohne großes Gefolge; ich und mein alter Freund und Diener Bonifaz, ein treuer Avignote.« »Und damit wollen Sie der mexikanischen Regierung die Sonora entreißen?« »Warum nicht? – Aller Anfang ist klein.« »Gut, es ist nicht meine Sache. Sie werden die nötigen Empfehlungen an Levasseur, unseren Gesandten in Mexiko, und an Dillon, den Konsul in San Franzisko an Bord finden. – Bedürfen Sie sonst, noch etwas?« »Nichts, als daß Euer Exzellenz mich wissen lassen, an wen ich die Papiere auszuhändigen habe.« »Sie kennen Madame Saint Arnaud?« »Ich habe die Ehre gehabt, ihr schon als Fräulein Trazegnies d'Ittre meine ehrerbietigste Huldigung darzubringen.« »Gut. Ich werde ihr schreiben, sie möge ihre Rückreise von London über Havre machen.« »Madame de Saint Arnaud befindet sich also in London? Ich habe sie doch noch am Sonntag in Longchamp begrüßt?« »Still, Sie brauchten das nicht zu wissen! Es war unvorsichtig von mir, darüber zu sprechen; ich bitte Sie, der Sache nicht Erwähnung zu tun. Genug, Sie werden Madame zur Stunde der Einschiffung auf dem Dampfer finden. Sie wird Ihnen den Betrag des Wechsels aushändigen und die Papiere dafür in Empfang nehmen.« Der Graf verbeugte sich zustimmend. »Cordieu!« sagte der General. »Ich hätte kaum gedacht, daß wir als so große Freunde scheiden würden. Aber nun, lieber Graf, Sie werden sich denken, daß meine Zeit kostbar ist. – Leben Sie wohl! Ich bin ein zu guter Franzose, um Ihnen nicht aufrichtig alles Glück zu wünschen, auch wenn Sie für die Bourbonen auf Eroberungen ausziehen. Freilich ist mir der Erfolg etwas fragwürdig.« »Und ich, General, bin ebenfalls ein zu guter Franzose, um nicht bei meinem Unternehmen den Gedanken an den Ruhm und den Vorteil Frankreichs allem anderen voranzustellen. Deshalb sage ich Ihnen: wenn die Sache gelingt, so habe ich hier in dieser meiner Hand – so unscheinbar diese Ledertasche aussieht – ein Mittel, um die siebenhundert Millionen der französischen Staatsschuld zu bezahlen. Doch das ist mein Geheimnis. Nur bitte ich Sie, ehe ich Sie verlasse, noch um zwei persönliche Gefälligkeiten.« »Sprechen Sie«, sagte der Minister erstaunt und mit zweifelhaften Blicken das Amulett musternd, das der Graf wieder in seine Brusttasche schob. »Zunächst bitte ich Sie,« fuhr Raousset-Boulbon fort, »da ich gehört habe, daß alle Totenfeiern in diesen Tagen verboten sind, um die schriftliche Erlaubnis, einen armen Fremden, der durch eine Operation bei mir gestorben ist, anständig auf dem Père Lachaise begraben zu lassen.« »Ich werde den Präfekten anweisen, die Erlaubnis zu erteilen.« »Dann, General – ich weiß nicht, ob Sie von meinen Beziehungen zu der kleinen Suzanne, der Sängerin am Saint Martin-Theater, gehört haben.« »Ich erinnere mich. Für einen Don Juan wie Sie ist das doch etwas Alltägliches.« »Nicht so ganz; ich habe einen Sohn von ihr und liebe den Knaben. Ich werde ihn adoptieren; doch soll er meinen Namen nicht vor seinem zwanzigsten Jahre tragen. Er und Frankreich sind meine Erben; deshalb vertraue ich den einen dem anderen. Sie haben mich vorhin, als ich mit einer Milliarde um mich warf, während Ihnen sehr wohl bekannt sein muß, daß ich mich längst ruiniert habe, wie einen Verrückten angesehen. Ich kann Ihnen das nicht verdenken. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn mein Unternehmen glückt, habe ich die Gewißheit, daß ich wahrscheinlich noch reicher bin. Ich will, daß mein Sohn im Dienste Frankreichs erzogen werde und, wenn ich falle, meine Erbschaft mit ihm teilt. Das Ganze ist ein Geheimnis; aber ich werde Sorge tragen, daß selbst aus den Wildnissen der Sonora heraus mein Testament an das Ohr Frankreichs schlägt. Das Kind und seine Mutter bleiben hier; aber da ich mein Vaterland jetzt wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen verlasse, würde dem Knaben, der einen tapferen Sinn zeigt, die männliche Erziehung fehlen. Ich bitte Sie deshalb um Aufnahme meines Sohnes in einer Militärerziehungsanstalt.« Ohne eine Antwort ging der Minister zu einem der offenen Aktenschränke und nahm ein Formular heraus, füllte es aus und reichte es dem Grafen. Es war der Befehl zur Aufnahme des Knaben in die Ecole militaire. »Leben Sie wohl, General«, sagte der Graf und reichte dem Kriegsminister die Hand. »Empfangen Sie meinen Dank. Ich werde mich, wenn wir uns nicht wiedersehen sollten, freuen, zu hören, daß Marschall Saint Arnaud die französischen Fahnen zum Siege geführt hat – auch wenn diese Fahnen statt der königlichen Lilien die Farben der Tricolore oder die kaiserlichen Adler tragen.« Der »Washington« war zur Abfahrt klar; aus den beiden großen Schornsteinen stiegen dunkle Rauchwolken in die blaue Luft des frischen Dezembermorgens. Trotz der rauhen Jahreszeit spielte sich auf dem prächtigen Kai und in dem schönen Hafen von Le Havre ein reges Leben ab. Die Abfahrt des amerikanischen Dampfers, die damals monatlich einmal erfolgte, war stets das Zeichen zu vermehrtem Verkehr. Seeleute von allen Küsten der Erde lungerten an den Geländern des Kais oder an den Bollwerken und in den Wanten der rings ankernden Schiffe; mit ihrem eintönigen Singsang arbeiteten sie am Ein- und Ausladen der Fracht und der Kohlen; andere waren mit der Ausbesserung kleiner Schäden beschäftigt. Keuchende Lastträger schleppten Koffer und Kisten über die breiten Planken. Der Dampfer sah mit seinem zweistöckigen, von Galerien umgebenen Hinterdeck wie ein riesiges schwimmendes Haus aus. Die Stewards und Küchenjungen kamen eilig mit ihren Vorräten gerannt; die Kaufleute und Agenten tauschten und berichtigten ihre Rechnungen; Polizisten prüften die Pässe der Reisenden; der Abschied ließ manche Träne fließen. Überall herrschte lebhaftes Treiben und größte Ordnung. Die Glocke des »Washington« hatte das erste Zeichen gegeben. Der Kapitän, das Sprachrohr in der Hand, stand auf der Treppe und betrachtete gleichgültig das unruhige Durcheinander in dem Bewußtsein seiner Macht, die mit dem Befehl zur Lösung der Taue und der Brückenplanken sofort Ordnung und Gehorsam in diesen Wirrwarr bringen würde. Auf der obersten Galerie des Hinterdecks, über die der Seewind kalt und scharf daherstrich, schritt Graf Raousset- Boulbon unruhig auf und ab. Er war, wie er es dem Kriegsminister versprochen, am Morgen nach dem Diner bei Bérn von Paris abgereist. Suzanne hatte nach seiner Verhaftung die furchtbarste Angst um ihn ausgestanden; Bonifaz, der sie auf seinen strengen Befehl nicht verlassen durfte, konnte sie kaum in ihrer Wohnung zurückhalten. Der Graf hatte ihr nach seiner Rückkehr nur einen Teil der Wahrheit gesagt; er erklärte ihr, seine Sicherheit erfordere unter den gegenwärtigen Verhältnissen, daß er für einige Zeit Frankreich verlasse. Dennoch – und trotz aller Versprechen, bald zurückzukehren oder sie nach New York nachkommen zu lassen – hatte der Abschied die erregte junge Schauspielerin zusammenbrechen lassen. Der Graf hatte sie ohnmächtig in den Armen seines alten Freundes und Dieners zurückgelassen, der noch einen Tag in Paris bleiben mußte, um das Gepäck seines Herrn zu ordnen und mit diesem nachzukommen. Vor seiner Abreise hatte Graf Raousset-Boulbon den kleinen Louis in die Militärschule gebracht. Auch von ihm war der Mutter die Trennung sehr bitter. Am Abend vor der Abfahrt des Dampfers war Bonifaz in Le Havre eingetroffen. Der Graf hatte sich bis zum letzten Augenblick im Hotel Frascati aufgehalten, um dort den Besuch der Frau von St. Arnaud zu erwarten, die für den Kriegsminister die Papiere in Empfang nehmen sollte; aber es hatte sich zu seiner Verwunderung niemand bei ihm gemeldet. Im Zweifel, ob er die in einem mit Aufschrift versehenen Umschlag gesteckten Papiere irgend einer fremden Person zur Beförderung mit der Post anvertrauen könne, schritt er unruhig auf und ab. Er erwartete die Ankunft seines Dieners, der aus dem Hotel das letzte Reisegepäck zum Schiff bringen sollte. Von der Höhe der Galerie aus konnte er die Stadt und den Hafen mit seinem Mastenwald übersehen. Die rechtwinklig ineinander gebauten Straßen scharten sich um die Becken und Docks; sein Blick schweifte abwechselnd von der Mündung der Hauptstraße nach der Umgebung der Stadt, den Hügeln von Ingouville und Calvados und den Höhen von La Hive mit den dreihundert Fuß hohen Zwillings- Leuchttürmen. »Er ist selber schuld, wenn ich abreisen muß, ohne mein Wort gehalten zu haben«, murmelte der Graf. »Dieser alte Narr, der Bonifaz, läßt mich auch warten, statt mir Nachricht zu bringen, ob vielleicht im Hotel Nachfrage nach mir gewesen ist. Ich kann die Papiere unmöglich fremden Personen aufs Geratewohl anvertrauen. Pardioux! Es ist unangenehm!« »Hat der Herr Graf Raousset de Boulbon vielleicht etwas nach Paris zu bestellen?« fragte da plötzlich eine wohlklingende jugendliche Stimme neben ihm. »Es würde mir zum Vergnügen gereichen, seinen Liebesboten zu machen.« Der Graf sah sich erstaunt um; neben ihm stand eine sehr einfach in Schwarz gekleidete Frau mit dichtem Schleier. »Wie, Madame? Diese Stimme? –« »Ist die einer alten Bekannten, wenn das ehemalige Fräulein Trazegnies d'Ittre auf die Ehre Anspruch machen darf.« Er führte ihre kleine Hand an seine Lippen. »Wo auch der Graf Raousset-Boulbon weilen und welches Schicksal ihm auch werden mag,« sagte er liebenswürdig, »er wird sich stets mit Vergnügen und Dank der reizenden Abende in der Chaussee d'Antin erinnern. Aber ich hätte Sie in dieser Verkleidung sicherlich nicht wieder erkannt, besonders unter so dichtem Schleier.« Die junge schöne Frau, die später so oft dem Prinzen Plonplon wahrscheinlich eine Verstümmelung des Doppelnamens Napoleon-Napoleon; Prinz Napoleon Joseph Charles Paul, Sohn des Königs Jérome, des Bruders Napoleons I. verleiten sollte, das Dampfschiff in Varna heizen zu lassen, um ihren Salon in Buyukdere zum großen Ärger des Marschalls zu beehren, statt in der Dobrudscha militärischen Ruf und die Cholera zu suchen, schlug mit liebenswürdiger Schelmerei einen Augenblick den Schleier zurück. »So, mein Herr, nun haben Sie Ihren Willen gehabt; und nun geben Sie mir die Papiere, die ich meinem Manne überbringen soll – und die ihm so wichtig scheinen, daß er eine junge Frau vier Tage länger von Paris entfernt und für ihre zahlreichen Anbeter auf der leidigen Krankenliste hält. In der Tat, es müssen höchst merkwürdige Dinge sein.« »Nicht merkwürdiger als die Angelegenheiten, die die künftige Frau Marschallin nach England geführt haben«, bemerkte mit scharfem Blick der Graf. »Hier sind die Papiere! Ich erfülle mein Versprechen, indem ich diesen versiegelten Umschlag in Ihre Hände lege; ich bitte Sie, Ihren Herrn Gemahl daran zu erinnern, daß wir von diesem Augenblick ab keine politischen Gegner mehr sind.« »Gewiß; ich hoffe Sie recht bald in meinen Salons wiederzusehen. Sie wissen, ich empfange jeden Mittwoch. – Dieses Papier soll ich Ihnen dagegen geben. – Wann kehren Sie zurück von Ihrem Ausflug, lieber Graf?« »Von dort?« Er wies über das Meer. »Nun, New York ist mit den Dampfern, wie ich mir habe sagen lassen, ja in zehn bis zwölf Tagen zu erreichen; diese politischen Streitigkeiten werden gewiß bald zu Ende sein. Mein Mann soll alles mögliche tun, Ihre baldige Zurückberufung zu bewirken. Sie haben ja so viele Freunde...« »Ich gehe freiwillig, Madame«, sagte der Graf ernst; er bot ihr seinen Arm, sie die Treppe hinunterzuführen. »Wenn ich je nach Frankreich zurückkehren sollte, hoffe ich der Erlaubnis eines Bonaparte nicht zu bedürfen. Wo ist Ihre Begleitung?« »Ich bin allein. Ich fürchte mich durchaus nicht, wie Sie gesehen haben. Ich will, daß Sie mich nicht zu weit begleiten, denn es könnte mein Inkognito gefährden. Auf dem Platze halten ja genug Wagen. Leben Sie denn wohl, lieber Graf, und lassen Sie wenigstens etwas von Ihren Abenteuern hören; denn ich kenne Sie und weiß, daß es ohne Tollheiten nicht abgehen wird.« Graf Boulbon lächelte. »Ich hoffe, die Zeitungen werden Ihnen bald davon melden. Denken Sie daran, Madame, wenn man mich allzusehr verleumdet, daß Sie einen Freund jenseits des Meeres zu verteidigen haben.« Er küßte noch einmal ihre Hand und blieb an der Schiffsbrücke stehen, die sie unter der drängenden Menge eilig überschritt; denn soeben hatte die Glocke das zweite Zeichen gegeben; alles, was nicht an Bord gehörte, mußte das Schiff jetzt verlassen. Auf dem Platz am Eingang des Hafens blieb Frau von St. Arnaud noch einmal stehen, winkte ihm mit dem Tuch zu und stieg in einen Wagen. Unwillkürlich hob ein Seufzer seine Brust; denn es war ihm, als schiede mit der flüchtigen Erscheinung der jungen vornehmen Frau erst jetzt von ihm das Leben voll Glanz, Leichtsinn und Lust – das lockende Paris mit all seinen Herrlichkeiten. Vier Augen hatten diesen Abschied mit der größten Aufmerksamkeit, aber mit sehr verschiedenen Gefühlen beobachtet. Der Graf machte, als er von der Landungsbrücke zurückkehrte, einen Gang über das Hauptdeck und traf dort seinen treuen Bonifaz, dessen Ankunft er durch sein Gespräch mit der Gattin des Kriegsministers versäumt hatte. Mit Hilfe eines Schiffsjungen bemühte sich der Avignote, das Gepäck unterzubringen. Die saubere reinliche Kleidung des Knaben fiel dem Grafen auf; sein Gesicht konnte er nicht sehen, da er sich eifrig mit den Koffern und Reisesäcken zu tun machte; und der Graf war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um auf solche Nebendinge zu achten. Aus diesem Grund entging ihm auch eine andere Beobachtung. Nachdem er einige Worte mit Bonifaz gewechselt hatte, kehrte er an dem Logis der Mannschaft und der bort dicht gedrängten Menge der Vorderdeckgäste vorüber zur Galerie zurück. Er sah nicht den seindseligen Blick, der ihn aus dieser Menge verfolgte: ein Blick, der ihm schon seit seiner Ankunft an Bord unaufhörlich nachging. Der Graf stand wieder auf der Galerie, um das bewegte Schauspiel der Abfahrt zu beobachten. Zum dritten Male läutete die Glocke des »Washington«. Ein Schuß donnerte; an dem Mast flog das Sternenbanner Amerikas in die Höhe und flatterte lustig hinaus in die frische Winterluft. Der Kapitän rief von seinem Platz zwischen den mächtigen Radkasten seine Befehle herab; die gelösten Taue flogen durch ihre Oesen; rüstige Hände schoben die Verbindungsplanken zur Landungsbrücke zurück. Mit mächtigen Stößen begann die Maschine zu arbeiten. Aus Schloten und Röhren stiegen dunkle Wolken und zischender Dampf; unter den Schlägen der Räder schob sich der gewaltige Bau von dem Kai und begann sich um sich selber zu drehen, das Bugspriet hinausgewandt nach der unermeßlichen Fläche des Meeres. Ein tausendstimmiger Ruf: »Adieu! Adieu! Bon voyage! Au revoir! Vive la France!« Unter dem Schwenken der Tücher und der Hüte vom Ufer her wurden die Abschiedsrufe vom Bord wiederholt, solange man die Freunde zu sehen, ihre Stimme zu hören vermochte. Dann schoß der »Washington«, die Salutschüsse des Kastells erwidernd, an dem Fort und den Hafenbatterien vorüber hinaus auf die offene See. – An seinem Platz der oberen Kajüte stand lange noch einsam der Graf Boulbon, zurückschauend nach der immer mehr verschwindenden Stadt; stürmische Gedanken, die Erinnerung an alles, was er verlassen, an den unbekannten Kampf, dem er entgegenging, bewegten ihn. Solange er sie sehen konnte, hingen seine Augen an der Fahne Frankreichs, die lustig von dem Turm des Forts wehte. Und waren es auch nicht die Lilien seines alten Königsgeschlechts, war es auch nicht die weiße Fahne der Bourbonen, unter der Frankreich zwei Jahrhunderte groß und mächtig gewesen: auch diese Trikolore war die Flagge seines Vaterlandes und hatte seine Söhne in vier Weltteilen so oft zum Siege geführt. »Lebe wohl, Frankreich! Lebe wohl, mein Vaterland!« Eine leise, sanfte Stimme an seiner Seite wiederholte den letzten Ruf. Eine weiche Hand faßte die seine. Er sah erstaunt und betroffen auf die schlanke Gestalt des Schiffsjungen, den er schon vorhin bemerkt und der sich jetzt leise weinend an seine Schulter schmiegte. Der Matrosenhut von schwarzem Glanzleder war von den braunen Locken gefallen; bittende, flehende Augen, von Tränen umschleiert, hoben sich zu ihm empor. »Suzanne! Um Himmels willen! Was willst du hier?« »Dich begleiten, Aimè! Dein Schicksal teilen, es sei Glück oder Tod«, flüsterte Suzanne. »Ich habe Kind und Heimat – alles, was mir dort lieb und wert war, verlassen, um dir zu folgen; denn mein Herz hat mir gesagt, daß du mich getäuscht über deine Zukunft; daß du unbekannten und großen Gefahren entgegengehst. Laß sie mich teilen und erhöre meine Bitten und Tränen. Laß mich mit dir gehen als deine Dienerin, als deine Sklavin, wenn du willst; laß meine Brust zwischen dir und der Gefahr sein. Stoße mich nicht von dir; denn du würdest deinen guten Engel von dir stoßen.« Sie hielt ihn fest umschlungen; er sah lange auf sie nieder, unentschlossen, und doch gerührt von solcher Liebe. Endlich siegte die Rührung in ihm; er machte sich sanft aus ihrer Umschlingung los und winkte dem in einiger Entfernung nicht ohne Besorgnis harrenden Bonifaz. Er reichte beiden die Hand. »Sei es denn, wie Ihr wollt. Die Treue und die Liebe sollen mich begleiten; der Freund, die Mutter meines Sohnes – und wenn ich je ihrer Hingebung vergesse, möge die Liebe und die Treue mir zum Verderben werden. Seid willkommen! Hand in Hand mit Euch, mit deiner Kraft, Bonifaz, und deinem Herzen, Suzanne, fürchte ich nichts, was auch die Zukunft birgt! Ich werde mein Ziel erreichen!« Er hob die Augen; und als wenn sie auf ein giftiges Reptil getroffen, bebte er unwillkürlich zurück. Sein Blick war dem begegnet, der ihn vorhin aus der Menge der Deckpassagiere heimlich verfolgt. Jetzt stand der Mann frei und offen am Mittelmast an der Grenze des Vorderdecks, die von den niederen Klassengästen nicht überschritten werden durfte. Er stand, die Arme über die Brust gekreuzt, und hielt seinen schielenden Haßblick rachsüchtig und boshaft auf den Grafen gerichtet. Ein Blick hatte Boulbon genügt, den Mann zu erkennen – es war der Amerikaner Brown, der den Gambusino nach Paris geführt hatte. Da waren sie in dem engen Raum vereint; der gute und der böse Engel seiner Zukunft. Wer von ihnen würde den Sieg davontragen? – Hinter ihnen verschwand die Küste Frankreichs. Um eine halbe Stunde... Der Erlös aus dem Verkauf seiner Einrichtung und einiger alter Familienjuwelen und die zehntausend Franken aus dem Wechsel des Ministers gaben dem Grafen Raousset- Boulbon die Mittel zur Gründung einer Gesellschaft für die »Expedition nach der Sonora und dem geheimen Schatz der Azteken am Rio Gila«. Dieses Unternehmen eröffnete er im April 1852 in der alten Goldgräberstadt San Franzisko. In diesem Lande oft getäuschter Goldgräber und Abenteurer konnten zweifelhafte Goldquellen in unbekannter Ferne nicht mehr locken. Graf Raousset-Boulbon verfiel deshalb auf eine Erfindung, die er der eigenen Romantik des neuen Amerikas anpaßte. Durch den ganzen Westen war seit Jahrhunderten die Erzählung von den verborgenen Schätzen des alten Herrschergeschlechtes der Azteken verbreitet, die sie, bei der Eroberung des Landes geflüchtet, in den letzten Zufluchtsstätten der Urbewohner, in den Wildnissen von Neu- Mexiko, in zerstreuten Ruinen der alten Aztekenstädte, verborgen haben sollten. Versuche zur Auffindung der sagenhaften Schätze waren vor dem Unternehmen des Grafen schon gemacht worden, angeblich aber an den mangelhaften Vorbereitungen, der geringen Zahl und den Zwistigkeiten der Teilnehmer oder an den Mühseligkeiten und Gefahren gescheitert. Trotzdem hatte die golddurstige Phantasie den Glauben an das Vorhandenfein jener Schätze nicht aufgegeben. Indem der Graf diese Sage zum Deckmantel seines Unernehmens machte, sicherte er zugleich sein eigenes Geheimnis und seine besonderen Zwecke. Mitten in den Vorbereitungen ereignete sich eine große Feuersbrunst Vgl. Retcliffe, Nena Sahib I. Bd.: »Volk in Folter«. , die ganze Stadtteile niederlegte und alle Verpflichtungen der Teilnehmer an dem Abenteurerzug löste. So niederdrückend diese Feuervernichtung im Anfang wirkte, sie war dem Grafen nicht unwillkommen. Denn seine Ziele hatten sich, je mehr er Land und Leute und politische und wirtschaftliche Verhältnisse kennenlernte, geändert und erweitert. Graf Raousset-Boulbon begriff, daß ein so großer bewaffneter Zug in das Innere des Landes von der mexikanischen Regierung nicht gleichgültig angesehen werden konnte; es bedurfte einer Verständigung, die, wie er glaubte, nicht schwierig herbeizuführen war. – – Kalifornien bildete einen Teil der westlichen Küste Nordamerikas und bestand aus zwei verschiedenen Staaten: Neu-Kalifornien in unmittelbarem Zusammenhange mit dem nordamerikanischen Festland und von diesem nur durch die Sierra Nevada getrennt; seit der Entdeckung des Kapitäns Sutter im Flußgebiete des Sacramentos im Februar 1842 rief gerade dieses Land einen so wahnsinnigen Golddurst und eine neue Völkerwanderung aus allen Weltteilen hervor. Alt- oder Nieder-Kalifornien dagegen ist das Gebiet der langen Halbinsel, die sich an der Einmündung des Kolorados von dem Festlande trennt und den Golf von Kalifornien oder das Mar Bermejo , das rote Meer, bildet; über zweihundertsechzig Meilen lang erstreckt sich die Halbinsel, mit der Küste gleichlaufend, in den Stillen Ozean. Neu-Kalifornien, durch die Revolution von 1836 - 1848 von Mexiko getrennt, war mit seiner Hauptstadt San Franzisko am 7. September 1850 als besonderer und unabhängiger Staat in die nordamerikanische Union aufgenommen Vgl. Retcliffe, Nena Sahib I. Bd.: »Volk in Folter«. worden. Alt-Kalifornien mit den in Verfall gekommenen Silberminen von Moleje und Real-San-Antonio und der berühmten und ergiebigen Perlenfischereien von Cerralve und Espiritu Santo bildete eine Provinz der mexikanischen Republik. Dieser Halbinsel gegenüber an der Küste des Festlandes erstreckte sich die Provinz Sonora mit der Hauptstadt Hermosillo und dem Hafen San José-Guaymas, dem größten der verbündeten Staaten Mexikos. Im Osten von der Sierra Verde und der Sierra des los Tegesuanes, der Kordillerenkette begrenzt, im Norden größtenteils durch den Rio Gila und seine Nebenflüsse von Neu-Mexiko getrennt, bildete die Sonora den Tummelplatz für die wilden Apatschen- und Komantschenstämme. Im Frühjahr und Sommer 1852 hatten die Komantschen und Apatschen wiederholt Einfälle in die Sonora gemacht und die schrecklichsten Verwüstungen angerichtet. Es verlautete in ganz Nordamerika, daß die beiden sonst einander feindlichen Völkerschaften mit ihren zahlreichen Stämmen sich zu einem allgemeinen Vorstoß gegen das mexikanische Gebiet verbündet hätten. Vergeblich hatten die reichen Küstenstädte der Sonora und die großen Hazienderos, die Grundbesitzer im Innern, von der Regierung Hilfe und Beistand gegen die drohende Gefahr verlangt. In klarer Erfassung der politischen Verhältnisse entsandte nun Graf Raousset-Boulbon seinen Vertrauten Bonifaz nach Mexiko, um mit der Regierung zu unterhandeln und ihr seine Hilfe für die Einfälle der Indianer anzubieten. Bei aller Treue, die Bonifaz für den Grafen und seine Ziele besaß, wußte Boulbon doch sehr wohl, daß er nicht fähig war, eine diplomatische Verhandlung zu leiten. Der Geist, der ihn lenkte, mußte ein anderer sein – Suzanne begleitete daher den Avignoten, von dem Grafen mit bestimmten Anweisungen versehen. Suzanne trug Männertracht und galt als Mann. Nach ihrem Zusammenfinden an Bord des »Washington« hatte eine eingehende Beratung stattgefunden. Wollte Suzanne nicht die Pläne des Grafen hindern, so mußte sie sich ganz seinem Willen und Anordnungen fügen. Er bestimmte sie, einen jungen Verwandten von ihm darzustellen; ihrer Schauspielkunst war das keine schwere Aufgabe. Nur unter dieser Bedingung hatte der Graf, der sie anfangs von New York nach Frankreich zurückschicken wollte und der alle Beschränkungen voraussah, die ihre Anwesenheit ihm bereiten mußte, ihr erlaubt, sein Schicksal zu teilen. Das Geheimnis der Goldhöhle kannte Suzanne nicht; sie wußte nur, daß ein wichtiger und glänzender Zukunftsplan es ihm nötig machte, in das Innere der Sonora vorzudringen. Trotz seiner anfänglichen Befürchtungen hatte indes die Begleitung und die treue Anhänglichkeit Suzannes in ihrer Verkleidung ihm bereits mannigfache Vorteile gebracht. Ihr scharfer, aufgeweckter Verstand, ihre Schlauheit und Gewandtheit hatten ihn in vielen Verhandlungen unterstützt and wesentlich dazu beigetragen, mit den geringen Mitteln, die er zu Anfang besaß, die Sonoragesellschaft zu gründen und eine Anzahl kühner Abenteurer für diesen Zweck anzuwerben. Die Verhandlungen mit der mexikanischen Regierung waren zu wichtig und waren nur ganz geheim und geschickt zu gutem Ende zu führen, als daß der Graf nicht alle seine Macht über Suzanne aufgeboten hätte, um sie zu bewegen, sich von ihm für kurze Zeit zu trennen und den Avignoten nach Mexiko zu begleiten. So war es gekommen, daß Suzanne und der treue Bonifaz während des furchtbaren Brandes, der San Franzisko zerstörte, abwesend waren. Drei Monate waren nun seit der Abreise Suzannes und Bonifaz' verstrichen; der Graf erwartete seine Boten mit Ungeduld zurück. Er hatte die Zeit von dem Brande der Stadt und der Abreise des Maharadschas Srinath Bahadur Vgl. Nena Sahib Band l: »Volk in Folter«. mit der Gesellschaft der kühnen Männer, die ihm Nena Sahib nach Indien entführte, nicht unbenutzt verstreichen lassen. Mit jener wunderbaren Schnelligkeit, mit der sich die oft nur aus Leinwand und Brettern erbaute Stadt wieder aus den Verheerungen des Feuers erhob, war auch die Sonoragesellschaft wieder hergestellt. Drei Tage nach der Abfahrt der »Sarah Elise«, des Schiffes, das Nena Sahib mit Margarethe O'Sullivan, ihrem Bruder Edward und den Abenteurern nach Indien trug, war ein neues großes Zelthaus auf dem Platze der früheren Sonoragesellschaft errichtet; an ihm prangte in noch riesigerem Umfang ein prächtiges Schild mit dem Wappen des Grafen, den drei Sarazenenköpfen, den Lilien Frankreichs und dem schrägen Bastardbalken; darunter die Abbildung der neuen Truppe, flüchtende Indianer, und die Ruinen mit der Überschrift: »Eingang zu dem geheimen Schatzgewölbe des Itze-Cate-Cäulas, Enkel Montezumas, des letzten Aztekenfürsten«. Daran schloß sich eine Inschrift in ellengroßen Buchstaben: Horace Aimé, Graf von Raousset-Boulbon Marquis de Tremblay aus dem fürstlichen Hause Lusignan. General en chef der Expedition nach Sonora und dem geheimen Schatz der Azteken am Rio Gila. Kurs der Aktien 268¼. So weit waren in wahnsinniger Steigerung die Anteile des Unternehmens in die Höhe gegangen auf die Nachricht, daß die verbrannten Vorräte doppelt versichert seien. Der Bankier Don Enriquez, der rechtlichste Mann in ganz San Franzisko, bestätigte öffentlich die Kunde, daß der Graf hunderttaufend Dollar aus seinem geretteten Vermögen bar und in besten Papieren für das Unternehmen bei ihm hinterlegt habe. Viele der zuerst für die Sonoragesellschaft Angeworbenen hatten sich allerdings die großmütige Erklärung des Grafen zunutze gemacht, daß mit dem Brande jede Verbindlichkeit erloschen und das empfangene Handgeld ihr Eigentum sei. Andere aber waren geblieben und hatten aufs neue Werbegeld genommen. Jedes Schiff, jeder Zug aus den Bergen brachte neue Scharen von Abenteurern, bereit, für die Aussicht auf die leichte und kühne Erwerbung von Gold willig jeden Augenblick ihr Leben in die Schanze zu schlagen. Der Graf war jedoch jetzt in der Auswahl strenger als früher geworden. Er wünschte vor allem die Leibwache von tapferen, kühnen und erfahrenen Männern wieder zu ersetzen, die ihn früher umgeben und die er dem indischen Fürsten freiwillig überlassen hatte. Dieser Ersatz war ihm bis jetzt jedoch nur zu geringem Teil gelungen; denn außer dem Torero Antonio Perez, dem Sekundanten des unglücklichen Hillmann bei dem Stiergefecht im Zirkus von San Franzisko[R1], den er zu seinem Leutnant gemacht hatte, waren unter der ganzen Gesellschaft, die sich schon auf einhundertfünfzig Köpfe belief und müßig in den Schenken und Spielhäusern San Franziskos ihr Wesen trieb, keine Männer, die ihm den Verlust der Franzosen Delavigne, Cordollier und Vaillant, Ralphs des Bärenjägers, Ioaquin Alamos, des Pfadfinders, und des Kanadiers Adlerblick ersetzen konnten. Noch mehr fehlten dem Grafen das irische Geschwisterpaar, der junge Edward und die hochherzige und schöne Margarethe O'Sullivan Vgl. Nena Sahib Band I: »Volk in Folter«. .   Es war gegen acht Uhr abends am 3. September 1852, des ersten Tages des Vollmondes in diesem Monat. Die Plaza mayor, an der das Zelthaus des Grafen lag, war um diese Stunde sehr belebt. Alles benutzte den frischen Seewind zu einem erquickenden Spaziergang oder strömte den Spielhäusern zu. Vor dem Eingang der Sonoragesellschaft hatte sich eine zahlreiche Menge gesammelt und tauschte ihre Bemerkungen über zwei kleine, glänzend polierte Kanonen aus, die der Graf mit einem der letzten Schiffe von New Orleans erhalten hatte. Sie hatten einen großartigen Eindruck auf die Phantasie der Amerikaner und der unbeschäftigten Abenteurer gemacht. Niemand zweifelte seitdem mehr an dem glücklichen Ausgang des Unternehmens; zur Zeit der Ankunft der Kanonen waren die Anteile der Gesellschaft um fünf Prozent gestiegen, und am selben Tage hatten sich nicht weniger als vierzehn Personen für die Gesellschaft gemeldet. Der Graf war den ganzen Tag über auffallend unruhig und zerstreut gewesen. Wohl hundertmal hatte er nach der Uhr gesehen, als könne er den Gang der Zeit damit beschleunigen; auch jetzt, während er rastlos in dem großen Gemach umher ging, prägte sich seine innere Erregung aus. Der aufsteigende Vollmond warf sein glänzendes Licht auf die Stadt und mischte es mit dem hellen Glanz, der aus den Fenstern der Trink- und Spielhäuser rings umher das Halbdunkel erhellte. An einem Tisch in dem Zimmer, in dem Graf Raousset- Boulbon so ungeduldig wartete, saß der Leutnant Antonio Perez mit einer Liste, in die er die Namen der vierzehn Abenteurer eintrug, die sich zur Teilnahme an dem Zuge gemeldet hatten. Er las die einzelnen vor und machte dazu seine Bemerkungen. »Diego Muñoz, Erzellenza. Er war Capataz der Lastträger von Guaymas und mußte flüchten, weil er in der Übereilung einem Vater und zwei Söhnen sein Messer in den Hals gestoßen hatte. Die Sache machte Aufsehen, da die Verstorbenen nicht zu den Leperos gehörten, sondern einiges Vermögen besaßen, das bei ihrem Tode mit Doña Juanita, der Tochter des Hauses, verschwunden war. Man beschuldigte Señor Muñoz, dabei die Hand im Spiel gehabt zu haben, weil er Doña Juanita den Hof gemacht hatte. Aber ich bin überzeugt, daß man ihm Unrecht getan hat; denn Señor Muñoz war ein Mann von Ehre; und der schuftige Alkalde hatte bloß einen Haß auf ihn, weil er einmal seinem Sohn drei Zähne eingeschlagen. Darum mußte er denn Guaymas auf einige Zeit verlassen.« »Der Kerl ist ja ein offenbarer Mörder und Dieb. Man schneidet drei Männern nicht mir nichts dir nichts den Hals ab.« »Entschuldigen Sie, Exzellenza! Es geschah bei hellem Tage während der Siesta, als sie sich zu unvorsichtig in einer Cabaña am Strande dem Schlaf überlassen hatten. Es war ein Unglück, daß Señor Muñoz gerade an der offenen Hütte vorbeigehen mußte und übler Laune war, weil sie ihn kurz vorher beleidigt hatten. Er war seither am Sakramento, aber die Goldlager scheinen nicht mehr ergiebig genug. – Soll ich ihn in die Liste eintragen?« »Gewiß nicht. Wir haben genug Schurken.« »Ich erlaube mir nur die ehrerbietige Bemerkung,« beharrte Perez, »daß Señor Muñoz hoffte, unter Euer Exzellenz Schutz nach Guaymas zurückkehren zu können, um sich von dem üblen Verdacht des Diebstahls zu reinigen. Er hat einen großen Anhang in Guaymas und könnte uns dort sehr nützlich sein.« »Meinetwegen; nehmen Sie ihn an. Ein Schuft mehr oder weniger ist im Grunde gleich. – Haben Sie noch mehr von dem Gesindel?« »Zwei Matrosen sind von dem englischen Schiff ,Jane' entlaufen und bestehen darauf, sich uns anzuschließen.« »Aber ihr Kapitän wird sie wiederholen!« »Wir sind in einem freien Lande, Señor General; es kann sie niemand zwingen.« »Dann nehmen Sie sie an; es sind zwar wahrscheinlich Trunkenbolde und Krakehler; aber in gewisser Beziehung kann man sich auf sie verlassen. Nur die Yankees taugen nichts.« »Yankees – da fällt mir ein, daß der Bursche aus New Orleans, den Euer Exzellenza dreimal abgewiesen haben, heute zum viertenmal da war und dringend um die Erlaubnis bat, den Zug mitmachen zu dürfen. Er behauptet, Sie seien ihm diese Erlaubnis schuldig; er befinde sich im tiefsten Elend.« »John Brown?« »Ich glaube, so heißt er.« »Geben Sie dem Halunken zehn Dollars und jagen Sie ihn zum Teufel; ich will nichts von ihm wissen.« Der Leutnant machte ein Kreuz bei dem Namen. »Haben Sie noch mehr auf der Liste?« »John Merdith, Exzellenza; er hat sich entschlossen.« »Wie? – Der Bankhalter? Der Besitzer des großen Spielzeltes?« »Er hat in letzter Zeit bedeutende Verluste gehabt. Man munkelt, daß all seine Habe schon lange den Gläubigern gehört. Es ist heute der letzte Abend, daß er die Bank hält.« »Dann müssen wir ihm noch einen Besuch machen. Wir haben ihm viele unserer Leute zu danken. Sind Sie zu Ende?« »Zwei Personen noch.« »Sagen Sie rasch die Namen.« »Der eine«, sagte Leutnant Perez, »hat mir diese Karte übergeben; der andere ist ein Trapper und führt den Namen: Kreuzträger.« »Kreuzträger? Das ist ein eigentümlicher Name; wie kommt der Mann dazu?« »Es ist ein französischer Kanadier. Er hat auf ein silbernes Kreuz, das er auf seiner Brust trägt, geschworen, jede Woche einen Apatschen zu töten. Ich weiß nicht, auf welchen Ereignissen das Gelübde beruht. Aber es müssen jedenfalls sehr traurige sein. Ich weiß nur, daß er von den Apatschen gefürchtet wird, als wäre er der Teufel selber; und ich glaube, sie haben wenig Ursache, ihn viel anders anzusehen.« »Aber wenn der Mann ein solches Gelübde getan hat, wie kommt er hierher?« »Caramba! – Das ist sehr leicht zu erklären.« »Nun?« »Er steht bei den Apatschen in Vorschuß. Er wird im voraus gearbeitet haben und hat nun Zeit. Wo kann er sie besser zubringen als in San Franzisko?« Der Graf hatte gegen diese schlagende Erwiderung nichts einzuwenden. Er betrachtete die Karte, die er zwischen den Fingern zerknittert hatte. »Baron Arnold von Kleist,« sagte er; »Leutnant außer Diensten. Ein Deutscher– wenn ich nicht irre, dem Namen nach ein Preuße. – Sind die Angemeldeten da?« »Alle, mit Ausnahme des Kentuckiers. Ich habe sie hierher bestellt, um sie Euer Exzellenz vorzustellen.« »Lassen Sie sie eintreten.« Der Mexikaner ging hinaus. Dreizehn Männer traten in das Gemach und stellten sich nach einem kurzen Gruß vor dem Grafen auf. Es fiel keinem ein, im Lande der Freiheit die Kopfbedeckung abzunehmen. Freilich war sie bei einigen in so traurigem Zustande, daß jede nicht durchaus notwendige Berührung den Besitzer der Gefahr aussetzte, künftig ganz barhaupt zu gehen. Die Gesellschaft war sehr merkwürdig zusammengewürfelt: Vaterland, Gesichtsfarbe, Kleidung, Stand und Besitz – alles war verschieden. Die beiden englischen Teerjacken waren schwer betrunken, hielten sich aber durch die Macht der Gewohnheit standfest. Der ehemalige Cavataz war ein kräftiger, sonnverbrannter Mann mit schönen Zügen, krausem, schwarzem Haar und dem Auge eines Tigers. Außer diesen dreien befanden sich in der Gesellschaft zwei verkrachte Börsenleute, verkommene Europäer, die sich an den Goldminen vergeblich abgemüht hatten; ein Schwede von riesiger Gestalt, der früher als Harpunier auf einem Walfischfahrer gedient; ein Chinese mit langem Zopf und geschlitzten Augen, der bei der Sonoragesellschaft Handel zu treiben hoffte; ein Spanier mit blauem Blut und zerrissenem Mantel; einer jener kühnen und abgehärteten Perlenfischer von Espiritu Santo, der wegen Unterschlagung einer kostbaren Perle aus seiner Zunft gestoßen war; ein Herkules mit brutalem Gesicht, dem man den Seemann, aber zugleich den Piraten auf den ersten Blick ansah, und der in seinem roten Leibgurt Pistolen und Messer trug; dann ein Mensch von eigentümlichem und lächerlichem Aussehen: er trug einen Hut, dessen große Ränder sein Gesicht tief beschatteten; ein breites schwarzes Pflaster klebte auf dem rechten Auge, das fast die Hälfte des ganzen Gesichts einnahm. Seine Bekleidung stammte offenbar aus einer alten Theatergarderobe; sie bestand aus einem feuerroten langen Mantel, der die überaus hagere Gestalt bis auf die zerrissenen Schuhe einhüllte. Der Graf überflog mit einem Blick die saubere Gesellschaft. Etwas abseits standen zwei Männer, die sich in ihrem Äußeren und ihrer Haltung vorteilhaft von den anderen unterschieden. Der eine war jung, von hoher schlanker Gestalt und straffer Haltung. Sein schwarzer, abgetragener, aber sauberer Rock war bis an den Hals zugeknöpft; die Handschuhe zeigten die Gewohnheiten der besseren Gesellschaft. Er trug eine leichte Jagdmütze auf dem krausen hellbraunen Haar; ein kleiner Bart bedeckte die Oberlippe. Er konnte etwa sechsundzwanzig Jahre zählen; sein Gesicht war nicht schön, aber männlich offen, doch blaß und hager, als hätten Krankheit und Not daran gezehrt; in den ernsten blauen Augen lag ein Ausdruck von Schwermut und Trauer. Den Grafen zog das Äußere des jungen Mannes auf den ersten Blick an; er fühlte, daß er hier vielleicht einen Gefährten finden konnte, der für ihn mehr Wert hatte, als ein Dutzend der gewöhnlichen, wenn auch noch so kecken und verwegenen Abenteurer. Von ganz anderer Art war der Mann, der neben ihm stand, den Kolben seiner langen Flinte auf den Boden, die verschränkten Hände auf die Mündung gestützt. Sein gebräuntes, gefurchtes Gesicht mit einer schmalen Adlernase und blinkenden dunklen Augen verschwand zur Hälfte unter einem dichten weißen Bart, der Wangen und Mund umgab und bis auf die Brust herabfiel. Er trug eine rauhe Mütze von Otternfell, ein ledernes, indianisches Jagdhemd, die Nähte statt mit Menschenhaaren mit verblichenen Fransen besetzt, und hohe Ledergamaschen. Über der Schulter hing ihm eine große Jagdtasche. In dem Ledergürtel, der das Hemd zusammenhielt, steckte ein langes starkes Jagdmesser mit Horngriff. Auf der Brust glänzte an einer Lederschnur ein fingergroßes, silbernes Kreuz. Dies war Kreuzträger, von dem Antonio Perez gesprochen hatte. Der Graf begrüßte die Eingetretenen mit vornehmem Kopfnicken und trat dann auf sie zu. »Sie wollen Dienste nehmen in der Sonoragesellschaft! – Sind Ihnen die Bedingungen bekannt, unter denen allein die Aufnahme stattfindet?« Ein vielstimmiges »Ja« in verschiedenen Sprachen antwortete. Nur der junge Mann begnügte sich mit einer stummen Verbeugung und der alte Trapper mit einem Kopfnicken. »Sie verpflichten sich,« fuhr der Graf fort, »auf ein Jahr, mir zu jeder Unternehmung zu folgen, zu der ich Sie führe oder die ich Ihnen auftrage. Sie erhalten fünfzig Dollars Handgeld und einen regelmäßigen Sold von vier Dublonen monatlich. – Die erste Bedingung, die ich stelle, ist unbedingter Gehorsam unter meine Befehle.« »Vier Dublonen, Jack«, meinte grinsend der eine Matrose zu seinem Gefährten. »Goddam, das gibt 'ne hübsche Portion Rum.« »Mit Euer Exzellenz Erlaubnis,« sagte der Mann im roten Mantel mit einer auffallend näselnden Stimme, »ich hoffe demütig zum Herrn, daß bei unserem gottgesegneten Unternehmen das ewige Seelenheil der armen betörten Wilden nicht vergessen werden wird, und daß alle, die zu Gefangenen gemacht werden, das Bad der gesegneten Taufe empfangen sollen. Euer Exzellenz würden uns überdies sehr verbinden, wenn Sie Ihren ganz untertänigsten Dienern mitzuteilen gemhen wollten, wie es mit dem Landbesitz und der Teilung des berühmten Schatzes Ihrer Majestäten, der verstorbenen Azteken, gehalten werden soll?« »Der fünfte Teil des Goldes, das wir finden oder erobern, soll unter die Mannschaft zu gleichen Teilen fallen.« »Caramba! Das ist wenig genug«, mäkelte der Kerl, der wie ein Korsar aussah. »Und wer bürgt uns dafür, daß wir zuletzt nicht noch um unser gutes Recht betrogen werden?« »Ich, der Graf Raousset-Boulbon!« »Das klingt recht gut, ist aber wenig wert. Die beste Bürgschaft, denke ich, wird unsere eigene Faust sein. Ich wollte niemandem raten, mir meinen Anteil zu kürzen. Ich meine, es ist das beste, man sagt das von vornherein.« Der Graf trat ihm einen Schritt näher. »Wie heißt Ihr?« Der Kerl grinste ihn mißvergnügt an. »Pah! Ich denke, bei diesem Unternehmen wie dem unseren und in diesem Lande wird es nicht viel auf einen Namen ankommen; einer ist so gut wie der andere. Ihr könnt mich den Roten Hai – Squale rouge – wie Ihr Franzosen sagt, nennen; der Name ist bekannt genug zwischen dem Kap Concepcion und dem Chinesischem Meer.« Alle Blicke hafteten auf dem höhnischen, gemeinen Gesicht. Der Graf stutzte und pfiff durch die Zähne. »Hallo! – Ihr seid also der berüchtigte Seeräuber?« »Seeräuber hin, Seeräuber her; ein jeder nährt sich so gut er kann, mein Gräflein. Wenn der Rote Hai nicht Unglück auf dem Wasser gehabt und die verfluchten Engländer ihn nicht in letzter Zeit so gejagt und ihm sein Schiff verbrannt hätten, würde er trotz allen Stürmen, die der Teufel im Ozean aufwühlt, nicht hier sein. So will ich es einmal eine Zeitlang mit dem Lande versuchen. – Aber das merkt Euch, der Hai geht seinen eigenen Weg und ist nicht gewohnt, vor der Bö jeder Laune eines Junkers die Segel zu streichen.« Der Graf fühlte, welchen Eindruck die trotzigen Worte des Halunken auf die ganze Gesellschaft machten; jedes Zögern mußte seine Überlegenheit schwächen. »Nun wohl, Meister Hai,« sagte er kalt, »es wird meine Sache sein, mir den nötigen Gehorsam zu verschaffen, wenn ich Euch gestatte, an meiner Gesellschaft teilzunehmen. Vorläufig habe ich nur eins zu bemerken.« »Und das wäre?« »Ich rate Euch um Eurer selbst willen, niemals an dem Wort des Grafen Raousset-Boulbon zu zweifeln; in meinen Adern fließt das Blut der rechtmäßigen Könige Frankreichs. Sonst–« Der Seeräuber sah ihn frech an, die Hand an den Griff seines breiten türkischen Dolches legend. »Sonst? –« wiederholte er höhnisch. »Sonst geschieht Euch jedesmal, was Euch jetzt geschieht!« Und die geballte Rechte des Grafen traf mit einem Faustschlag die Stirn des Seeräubers so gewaltig, daß er der Länge nach rücklings den Boden maß. Seine Kameraden wichen bei der unerwarteten Bestrafung erschrocken zurück. Der Getroffene stieß ein Gebrüll aus; den Dolch aus der Scheide reißend, sprang er mit einer für sein Alter wunderbaren Behendigkeit empor und stürzte sich auf den Grafen. Ein Schrei des Entsetzens erscholl durch das Gemach. Jeder glaubte den kühnen Franzosen verloren; denn der Ruf des Seeräubers war böse, und er selber auch jetzt, da er sein Schiff und seine Bande verloren hatte und sich als Flüchtling in San Franzisko umhertrieb, von jedem gemieden und gefürchtet. Nur der junge preußische Offizier versuchte es, sich zwischen den Grafen und den Korsaren zu stürzen und den Mordstoß abzuwenden. Die scharfe Schneide der Klinge verwundete ihn leicht am Arm. Im gleichen Augenblick fühlte er sich ruhig, aber mit unwiderstehlicher Kraft zur Seite gedrängt. Der Graf stand dem Mörder allein gegenüber. Seine rechte Hand hielt den Arm des Roten Hai etwa drei Finger breit oberhalb des Gelenkes umspannt. Kein Zug in dem Gesicht des Edelmanns hatte sich verändert; es schien wie aus Marmor gemeißelt, nur mitten auf der Stirn zeigte sich ein roter Fleck. Seine Augen leuchteten in seltsamem Glanz. Man sah nicht, daß der Graf seinen Arm oder seine Hand bewegte; der ausgestreckte Arm war so starr und unbeweglich wie sein Blick; dennoch wand und krümmte sich die herkulische Gestalt des Seeräubers unter dieser Hand, wie eine Schlange sich an dem Eisen windet, das sie festgenagelt, wie ein reißendes Tier in der Falle, in der es seine Tatze verfing. Das finstere, häßliche Gesicht des Roten Hai färbte sich dunkelrot; seine Augen quollen hervor; weißer Schaum trat auf seine Lippen; er stieß ein Geheul aus, grimmig und wild, in jämmerliches Schmerzgeschrei übergehend. Die Faust öffnete sich. Der türkische Dolch entfiel den Fingern. Vergeblich suchte die Linke den wie in eisernen Klammern gefangenen Arm zu befreien; dichte Schweißtropfen traten aus allen Poren seiner Stirn. Kraftlos sank die mächtige Gestalt in die Knie. Ein Ächzen drang über die schaumbedeckten, blutig zerbissenen Lippen: »Gnade!« Der Rote Hai, der hundertmal diesen Ruf der höchsten Angst vor sich hatte winseln hören, wenn seine Opfer, von den rauhen Händen seiner Genossen gepackt, mit einer letzten Hoffnung auf Erbarmen sich an das Leben klammerten – der Mörder, der so viele Flehende mit teuflischer Härte dem nassen Grab oder dem Messer überliefert hatte, lag kniend und um Gnade wimmernd vor dem Mann, dem er noch wenige Augenblicke vorher den übermütigsten Trotz geboten. Der Graf ließ den Arm los und stieß den Roten Hai zurück. »Steh auf!« sagte er ruhig. »Laß dich heilen auf meine Kosten. Wenn du hergestellt bist, melde dich bei Don Perez. Ich erteile die Erlaubnis zu deiner Aufnahme in die Sonoragesellschaft.« Der Rote Hai machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen. Nur ein heiseres Stöhnen kam aus seinem Munde. Er versuchte den Arm zu bewegen; aber er hing kraftlos an seiner Seite nieder. Der Arm war aus dem Gelenk gedreht. Auf einen Augenwink des Grafen führte Leutnant Perez den Korsaren hinaus. Tiefe Stille, nur unterbrochen von dem Ächzen des Roten Hai, hatte die Vorgänge begleitet; die Zuschauer betrachteten einander mit scheuen, verstohlenen Blicken; keiner wagte ein Wort. Selbst der Capataz hatte seine übermütige, hochfahrende Haltung verloren. – Der Graf hatte seinen Zweck erreicht: er hatte diese verschiedenen gefährlichen, aber ihm notwendigen Elemente eingeschüchtert. Jetzt trat er zu dem Preußen und reichte ihm die Hand. »Sie waren der einzige,« redete er ihn freundlich an, »der sich zwischen mich und die Gefahr warf. Daraus habe ich erkannt, daß Sie ein geborener Soldat sind. Wenn Sie den Posten annehmen wollen, mein Herr, so ernenne ich Sie hiermit zu meinem Adjutanten.« »Aber Sie kennen mich nicht, Herr Graf; lassen Sie mich anfangs dienen wie jeden andern in Ihrer Schar!« »Ich denke,« entgegnete lächelnd der Graf, »ich habe einige Menschenkenntnis. Ich täusche mich nicht in meiner Wahl. Seien Sie unbesorgt, wir beide werden nicht bloß die Anstrengungen und Gefahren des geringsten Teilnehmers auf uns nehmen, sondern mehr davon haben als jeder andere. – Wie ich aus Ihrer Karte sehe, Herr Baron, waren Sie Offizier in der preußischen Armee? Ich achte und schätze diese Armee; denn sie war stets eine Schule soldatischer Ehre und Tapferkeit. – Was Sie hierher geführt, geht mich nichts an – das Schicksal spielt oft wunderlich genug mit unserem Willen und unseren Absichten; das sehen Sie an mir.« Arnold von Kleist verbeugte sich. »Seien Sie versichert, Herr Graf, daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt haben. Lassen Sie mich Ihnen hier meinen Reisegefährten durch die Einöden der Felsgebirge vorstellen: einen Mann mit dem Herzen des Löwen.« Er wies dabei auf den Trapper an seiner Seite. Der Kreuzträger lachte bescheiden. »Parbleu! Wer wird so viel Aufhebens machen von einer Büchsenkugel, die ein Mann für den andern abschießt. Das kommt alle Tage vor. Sie hätten gewiß das gleiche für mich getan. Das kleine Scharmützel hat mir zu drei neuen Kerben auf meinem Holz verhelfen.« »Ich habe gehört, Meister Kreuzträger,« bemerkte der Graf, »daß Sie ein Gelübde getan haben, alle Tage einen Apatschen zu erschießen, weil dieser Stamm Ihnen einst ein großes Leid angetan hat.« Eine dunkle Wolke flog über die energischen Züge des Trappers; seine Augen sprühten Feuer bei der Erinnerung an die Vergangenheit. »Verflucht sei das giftige Gewürm«, knirschte er in tiefem Haß. »Aber ich habe nur geschworen, alle Wochen einem von ihnen das Lebenslicht auszublasen – nicht alle Tage – die Schurken haben so sechshundert Prozent Vorteil gegen mich.« Der Graf lachte. »Ich dächte, das Konto ist bereits hoch genug; die Herren Apatschen werden keinen größeren Prozentsatz wünschen. – Wieviel haben Sie ihrer schon in diesem Jahre abgetan?« Der alte Mann zog ein viereckiges Holz aus seinem Gürtel und reichte es dem Grafen. »Da ist meine Rechnung! Die Kerben bedeuten einen, die Querschnitte fünf. Ich glaube, ich habe noch einige übrig; was ich jetzt versäume, denke ich nachzuholen, wenn wir erst am Rio Gila sind.« »Zum Henker, Meister Kreuzträger«, sagte der Graf, das Kerbholz betrachtend. »Ihr habt da eine ganz hübsche Reihe. Und wie viele habt Ihr von den Indianern schon in ihre ewigen Iagdgefilde befördert?« »Es sind im nächsten Frühling fünf Jahre, Monseigneur, daß ich den Kampf mit den Apatschen führe«, erwiderte der Trapper, als handle es sich um die Kriegserklärung eines mächtigen Fürsten an den andern. »Sie werden es selber berechnen können.« »Pardioux – Das sind ja rund zweihundert Rothäute! – Wahrhaftig, Meister Kreuzträger, die Provinz Sonora hat alle Ursache, sich bei Euch zu bedanken. Wenn wir einmal mehr Zeit haben, müßt Ihr mir erzählen, wie Ihr zu dem blutigen Gelübde gekommen seid. Wenn Ihr noch lange lebt, werden die Apatschen für Eure Menschenjagd nicht mehr ausreichen.« »Es sind genug auf der Prärie, Herr; und ich hoffe, daß ich mit diesem Zuge meiner Verpflichtung ledig werde.« »Wie meint Ihr das?« »Mein Gelübde dauert nur so lange, bis die Apatschen einen ihrer Häuptlinge in meine Hände geliefert haben; an ihm will ich die Tat sühnen, als deren Rächer mich Gott in die Prärie gesandt hat.« »Und wer ist das?« »Es ist der Graue Bär der Apatschen.« »Mir ist, als habe ich den Namen schon nennen hören.« »Er ist der tapferste, aber auch der grausamste Krieger der Apatschen«, sagte der Kreuzträger. »Sein Herz ist das eines Jaguars; seine Kraft die des Bären, von dem er den Namen führt. Seine Stärke und die teuflische Schlauheit seines Verbündeten, der Roten Schlange, sind es, die die Apatschen zum Schrecken der Prärien und der Haziendas bis in das Herz der Sonora machen.« Der zweite Name erinnerte den Grafen an die Gelegenheit, bei der er sie gehört hatte. Der Gambusino hatte sie ihm bei seiner Erzählung von der Goldhöhle genannt. »Es sind nur zwei in der Wüste, die ihnen außer mir Trotz bieten«, sagte der Trapper mit selbstbewußtem Stolz. »Wenn Sie die beiden gewinnen, Monseigneur, werden Sie die Apatschen bis zum letzten Mann besiegen!« »Wie heißen diese Männer, denen Ihr soviel zutraut, Meister Kreuzträger?« »Es ist Le Bras-de-fer, der ,Eisenarm- und Wonodongah, der ,Große Jaguar´ der Komantschen.« Der Graf schwieg betroffen bei diesen beiden Namen, die gerade heute so große Wichtigkeit für ihn hatten. Dann fragte er hastig: »Kennen Sie die beiden Jäger, Meister Kreuzträger? Wissen Sie, wo sie zu finden sind?« »Nein, General; wir sind nie miteinander in Berührung gekommen, obwohl unser Ruf uns gegenseitig bekannt genug sein mag. Sie lieben die Berge – ich liebe die Prärie; aber ich denke hier ihre Bekanntschaft zu machen.« »Hier? Sind sie also hier?« »Wenn sie nicht hier sind, werden sie sicher kommen. Ich habe von Lopez, dem einäugigen Fallensteller, gehört, daß sie auf dem Wege nach Kalifornien waren, um einen alten Freund aufzusuchen.« Der Graf unterdrückte mit Gewalt eine Bewegung der Befriedigung; er sah jetzt, nachdem er noch immer unwillkürlich an den Worten des verstorbenen Gambusino gezweifelt, seine Pläne, seine Wünsche gesichert. »Meine Herren,« sagte er mit kaum unterdrückter Genugtuung, »Sie können Ihren Kameraden sagen, daß die Sonoragesellschaft in wenigen Tagen nach Guaymas unter Segel gehen wird. – Jetzt begleiten Sie mich bitte in den Spielsaal des Herrn John Merdith, der künftig Ihr Gefährte sein wird und heute Ihnen einen Abschiedsschmaus auf meine Kosten geben soll. Herr Baron, kommen Sie.« Er ging nach der Tür; aber Arnold von Kleist hielt ihn auf. »Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich Sie nicht begleite,« sagte er mit einiger Befangenheit; »aber ich spiele niemals.« »Wenn Ihnen die Karten früher Unglück gebracht haben, wie ich nach dieser Einwendung vermute,« lachte der Graf, »gut, Herr Baron, so beschäftigen Sie sich nicht mit ihnen; Sie werden gut daran tun; denn dieses höllische Spielzeug ist in der Tat für einen Mann noch gefährlicher als die Weiber. – Aber das schließt nicht aus, daß Sie uns begleiten können! Ich wünsche es, und Sie werden dort genug andere Unterhaltung finden, wenn auch diese Herren nichts Eiligeres zu tun haben dürften, als ihre fünfzig Dollars Handgeld, die Senor Don Perez sofort auszahlen wird, zu verdoppeln oder loszuwerden.« Der neue Adjutant verbeugte sich schweigend und folgte dem Grafen, der nach seiner Gewohnheit die Melodie eines leichtfertigen Liebchens trällernd und mit der Reitpeitsche seinen Fuß schlagend, voranging. Die ganze Gesellschaft zog jubelnd hinterdrein, als der Leutnant Antonio Perez erklärte, daß er jedem in dem Spielzelt gegen Unterzeichnung des Vertrages das Handgeld auszahlen werde. Der Spielsaal des Kentuckiers war von einer bunten Menge besetzt: Handelsleute, Seefahrer, Grundbesitzer, Goldsucher aus den Minen, die hier ihren mühsam und unter hundert Gefahren errungenen Erwerb in der Hoffnung, ihn vor der Rückkehr nach Europa zu verdoppeln, wieder verschleuderten; Auswanderer, kürzlich erst angekommen, die ihre letzte Habe auf dem grünen Tisch des Bankhalters opferten in der Erwartung, in den goldhaltigen Bächen der Sierra Nevada binnen wenigen Tagen mit leichter Mühe alles tausendfach ersetzen zu können; Abenteurer aller Art, von dem Wegelagerer und falschen Spieler an bis zu dem politischen Flüchtling; kecke Soldaten, die Unglück gehabt, oder die Lust nach Abenteuern umhertrieb; Schieber aller Art, verkommene Genies und freche Frauenzimmer; Fremde und Einheimische, Menschen aus fast allen Ländern der Erde, in zehn verschiedenen Sprachen redend, drängten sich hier zusammen. Ebenso verschieden wie Abstammung, Kleidung, Habe und Charakter, waren auch die Beschäftigungen der bunten, lärmenden, rauchenden, lachenden und zankenden Gesellschaft. Der Spielsaal war an Stelle des ersten erbaut, in dem einige Wochen früher der Graf und sein damaliger Gegner Nena Sahib zusammengetroffen waren, und der, wie fast alle Gebäude der Plaza Mayor, von den Flammen des großen Brandes verzehrt worden war. Während aber zu dem Aufbau der Kathedrale noch herzlich wenig Anstalten getroffen waren, stand das Spielhaus schon nach acht Tagen, wie aus der Erde gewachsen, fix und fertig da, noch glänzender ausgestattet als früher. Die Einrichtung war ziemlich von gleicher Art: vorn das »tap« mit den Schankstätten von allerlei Getränken; im Hintergrunde des langen Saales ein Orchester aus männlichen und weiblichen Musikanten; vor ihm eine Bühne zu besonderen Vorträgen, und in der Mitte des Saales größere und kleinere Tische zum Pharao und Roulette. Eine Wolke von Tabaksqualm, an die sich das Auge erst gewöhnen mußte, verdüsterte die Gasflammen der Kron- und Wandleuchter. Aus dem Gelächter, dem Streit, den Verwünschungen und der Musik klang immer wieder der eintönige Ruf der Bankiers: ›Gagné - perdu - faites votre jeu, Messieurs!‹ In diesen Lärm klang beim Eintritt des Grafen ein Tusch des Orchesters. Dann rief eine laute Stimme: »Ladies und Gentlemen, wir bitten einen Augenblick um Ruhe und Aufmerksamkeit. Ihre Exzellenz, die Frau Gräfin von Landsfeld alias Senora Lola Montez, eine der berühmtesten und reizendsten Damen der alten Welt, verbannt durch die Undankbarkeit der Fürsten und des herrschsüchtigen Adels, wird die Ehre haben, Ihnen verschiedene Vorträge in spanischer, französischer und deutscher Sprache zu halten!« Ein donnerndes »Hört, Hört! Hip, hip! Hurra!« dröhnte durch den Saal; aber der Zudrang zu der Bühne, auf der in der Tat im Reifrock, mit Federhut und Peitsche, schon ziemlich angegriffen aussehend, die berühmte Abenteurerin erschien, blieb ziemlich gering. Lola Montez, die einst nach Petersburg gereist war, um den Kaiser Nikolaus zu erobern, und für diese offen verkündete Absicht am Tage nach ihrer Ankunft durch einen Flügeladjutanten wieder bis an die preußische Grenze zurückgeschickt wurde, hatte selbst für die Yankees schon die Anziehungskraft verloren. Es ist bekannt, daß die Geliebte Ludwigs I. von Bayern später in ein Beguinenkloster ging und im größten Elend starb. Der Eintritt des Grafen mit seinem Gefolge erregte mehr Aufmerksamkeit, als die Tanzvorträge der Lola Montez; denn das Gerücht von der Bestrafung des gefürchteten Roten Hai und von dem nahen Aufbruch der Sonoragesellschaft verbreitete sich mit Windeseile; die zahlreichen Angeworbenen, die im Zelt anwesend waren, sammelten sich sofort um den Führer und ihre neuen Kameraden. Der Graf trat an den großen Spieltisch in der Mitte des Saales; dessen Eigentümer hielt mit seinem Partner Bank, während die kleineren Spieltische umher an verschiedene Unternehmer vermietet waren. Das Spiel an dieser Tafel war wie gewöhnlich sehr hoch, namentlich bei den Goldsuchern, die eben mit ihrem Erwerb aus den Minen zurückgekommen waren. Vor dem Bankhalter lag eine kleine Wage, auf der der Goldstaub oder die Goldkörner abgewogen wurden. Der Graf warf einige Goldstücke auf die Tafel und beteiligte sich am Spiel. Im Nu war der grüne Tisch mit dem Handgeld der Neuangeworbenen bedeckt; nur der Rotmantel hielt vorsichtig zurück, obgleich er gerade gegenüber dem Bankhalter verharrte. Der Kentuckier warf ihm mehrere Male beobachtende mißtrauische Blicke zu, aber der Mantel des Fremden war so hoch heraufgezogen, und der breite Rand seines Hutes beschattete so tief das Gesicht, daß an ein genaues Erkennen nicht zu denken war. Plötzlich indes streckte der Rotmantel seinen mageren Arm aus, legte die Hand auf die Karten und sagte: »Va banque!« Alle Augen wandten sich auf den kecken Spieler. »Ihr wißt doch, was Ihr tut, Fremder?« sagte unruhig der Kentuckier. »Es stehen mehr als zweitausend Dollar in der Kasse!« »Was sind zweitausend Dollars gegen die Macht des Herrn«, sagte mit näselnder Stimme der Rotmantel. »Ich halte sie; denn wenn er es will, der das Meer bewegt und die Erde zu seinem Garten macht, können sie sich im Nu Zugunsten seines demütigen Dieners verdoppeln. Master Merdith wird einem alten Freunde gewiß den Dienst erweisen, für ihn Bürgschaft zu leisten – und wenn es bis zur Höhe von fünftausend Dollars wäre.« Mit einer von den Umstehenden unbeachteten Bewegung ließ er bei diesen Worten den oberen Zipfel des Mantels fallen, der sein Gesicht verhüllte, und wendete sich so, daß der Kentuckier, der trotz all seiner Frechheit bei dem Ton dieser Stimme zusammengefahren war, dies Gesicht erblicken konnte. Sofort verhüllte er sich wieder. Der Bankhalter wurde totenbleich; seine Glieder zitterten; er mußte sich den kalten Schweiß von der Stirne trocknen. Endlich, da er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren, faßte er sich mühsam und stammelte: »Es ist gut, ich kenne den Herrn – das Spiel ist angenommen.« »Halt! Halt!« schrie die Stimme seines Teilhabers dazwischen und die Finger des kleinen Mannes spreizten sich über den Gold- und Banknotenhaufen. »Gentlemen, Master Merdith ist nicht bei Sinnen! Er kann nicht ein Spiel um Geld annehmen, das ihm nicht mehr gehört!« »Spitzbube, was unterstehst du dich! Erst morgen –« »Spitzbube hin, Spitzbube her – mein Geld ist mein Geld! Wenn Sie mich zwingen, es zu sagen vor dieser hochachtbaren Gesellschaft, die mir mein Recht lassen wird, so muß ich es heute schon sagen, daß Sie ein Habenichts sind, dem nichts mehr gehört als der Rock auf dem Leibe; das alles ist mein wohlerworbenes Eigentum! Wenn Sie mir Flausen machen, werd' ich noch mehr sagen und werd' den Schutz vom Gesetz anrufen!« »Schurke!« Der Kentuckier griff nach dem Revolver, der vor ihm auf dem Spieltisch lag, eine notwendige Warnung in dieser Gesellschaft. Aber der Teilhaber war nicht ohne seine Freunde; mehrere fielen dem edlen John Merdith sofort in den Arm und entrissen ihm die Waffe. »Nichts da, ehrlich Spiel! Wenn der Sloman der Eigentümer des Zeltes geworden ist, hat er recht!« »Meine Herren und Damen«, sagte der kleine Sloman, eifrig die eine Hand bewegend, während die andere noch immer die Kasse bedeckte. »Es ist ein Ereignis, das Sie erst morgen erfahren sollten durch den Franzisko-Advertiser. Die Umstände zwingen mich, es schon heute zu verkünden. Die Firma Merdith, Sloman und Kompagnie hat Pleite gemacht. Kann, Sie wissen, dem ehrlichsten Mann geschehen, wenn er Unglück haben soll. Aber Sie sollen nicht Ihr Vermögen und die Gelegenheit einbüßen, Ihren Gewinn zu machen. Das ganze Geschäft habe ich übernommen und werde Sie mit Freuden bedienen. – Messieurs, faites votre jeu! – Wenn der Gentleman hier, der gesagt hat »Va banque!«, die Gewogenheit haben will, zweitausend Dollars bar zu hinterlegen, bin ich bereit!« Mürrisch und besorgt, den Kopf in die Hand gestützt, saß John Merdith auf seinem Stuhle. Die Spieler sahen von ihm auf den verwegenen Fremden und erwarteten, ihn sich als irgendeinen Krösus aus den Goldminen entpuppen und dem vorsichtigen Bankhalter einen gewichtigen Sack mit Goldkörnern entgegenhalten zu sehen. Statt dessen schlug der Rotmantel sein grelles Kleidungsstück auseinander, zog höflich seinen Hut und machte der erstaunten Versammlung seine Verbeugung. »Geliebte Brüder,« sagte er mit dem näselnden Ton, der den Kentuckier so sehr erschreckt hatte, »der sündige Mammon ist nicht die Sache eines so demütigen Dieners des Herrn, wie Ihr untertänigster Hesekiah Slong sich zu sein schmeichelt. Wenn ich im Besitz von baren zweitausend Dollars wäre, würde ich nicht diesen armen gebrechlichen Leib, der dem Dienste der Religion geweiht ist, vor einer Stunde an die Sonoragesellschaft Seiner Exzellenz, des berühmten Herrn Grafen General von Raousset-Boulbon verkauft haben. Doch darf ich auch hoffen, durch den Geist der Gnade, der sich niederläßt auf die geringsten seiner Gefäße, das Wort zu verbreiten unter den Gottlosen und Lauen.« Es war in der Tat Master Slong, der Methodist, der seit der Abreise Nena Sahibs spurlos verschwunden war. Ein schallendes Gelächter im Kreise der Spieler, von denen viele den ausgepichten Halunken kannten, antwortete der Lästerung. Zehn Hände streckten sich aus, ihn zu begrüßen; von allen Seiten fragt man ihn, wo er denn solange gewesen wäre. Nur der jetzige Eigentümer der Bank zeigte sich äußerst erbittert über den Methodisten und die Verzögerung in seinem Geschäft. »Soll Euch doch holen der Dalles,« schrie er erbost, »Ihr psalmenplärrender Lump! Kommt hierher, zu stören ehrliche Leute in ihrem Vergnügen! Macht Platz den geehrten Gentlemen, wenn Ihr kein Geld habt. Was braucht ihr zu schreien va banque, wenn alles ist Unsinn und kein Dollar in Eurer Tasche!« »Ich bitte demütig um Eure Verzeihung, würdiger Bekenner des Alten Testaments«, sagte spöttisch der Methodist. »Meine Absicht war bloß, zu prüfen, ob die erhabenen Gefühle der Freundschaft in dem Busen des würdigen Master Merdith so groß wären, daß er für einen alten Freund sich verbürgen würde. Sintemalen ich nun zur innigen Befriedigung meines Herzens gesehen habe, daß in dieser gottlosen Welt noch das holdselige Blümlein wahrer Freundschaft blüht, bin ich zufrieden und reiche diesem werten Freunde die Hand, ohne von seinem hochherzigen Anerbieten Gebrauch zu machen.« Der Kentuckier, dem der Methodist, die Augen salbungsvoll verdrehend, in der Tat die Hand entgegenstreckte, sah ihn wie eine knurrende Dogge an, die nicht weiß, ob sie dem Hätschelnden an den Hals springen oder ihm die Hand lecken soll. Endlich legte er die Hand zögernd in die seines früheren Kameraden und sagte kleinlaut: »Wißt Ihr auch, Master Slong, daß ich in Wahrheit kein Geld mehr habe? Die fünftausend Dollars sind auf und davon; Ihr mögt allerdings Ursache haben, Euch über mich zu beklagen, aber ich schwöre Euch zu, wenn Ihr nicht gar ein so geiziger Hund gewesen wäret und ich anders hätte an Euer Geld kommen können, ich würde einem braven Burschen, wie Ihr es seid, wahrhaftig nichts zuleide getan haben.« Das würdige Paar war aus dem Spielerkreise getreten, der zur großen Genugtuung des Bankhalters wieder die Karten besetzte. Der Methodist schielte seinen würdigen Kameraden von der Seite an. »Dummkopf,« grinste er, »glaubst du, daß ich dich nicht ebensogut ins Meer geworfen hätte, wenn du einen Sack mit Dollars bei dir getragen hättest? Der Teufel hole meine Albernheit, daß ich sie dich sehen ließ! So habe ich sie verloren und meinen Anteil an dem Zirkusgeschäft dazu. Die Spitzbuben in San José spielen noch geschickter als wir und haben mich in den sechs Wochen rein ausgeschält.« »Ich freue mich aufrichtig, Slong, daß Ihr wieder lebendig geworden seid«, meinte der Kentuckier. »Aber wie zum Henker habt Ihr denn das angefangen? Warum habt Ihr nicht früher von Euch hören lassen?« »Daß ich ein Narr gewesen wäre, nachdem ich deine Hand an meiner Kehle gefühlt hatte«, lachte der Methodist. »Du wußtest wahrscheinlich nicht, daß ich schwimmen kann. Meine einzige Angst, als ich im Wasser lag, war die vor den Haifischen. Aber der Herr verläßt seine Diener nicht; Ihr solltet das bedenken, John Merdith, bei Eurem leichtsinnigen Lebenswandel, der Ihr niemals in eine Kirche geht und die Heiligen verspottet. Ich schwamm eine Strecke unter dem Wasser fort; als ich weit genug entfernt zu sein glaubte, tauchte ich wieder empor und sah dich mit meinem Gelde eifrig der Küste zurudern. So schwamm ich denn der Insel ?erba Buëna wieder zu; denn die 'Sarah Elise' mit dem Inderfürsten steuerte mit vollen Segeln in das Meer, und ein anderes Boot war nicht in der Nähe. Mit des Herrn Beistand kam ich auch glücklich ans Ufer, ohne dem Satan in Gestalt eines gefräßigen Haifisches begegnet zu sein; dort hatte ich genug Zeit, über meine Lage nachzudenken. Nach San Franzisko zurückkehren und dich vor Gericht stellen, Freund Merdith, wcire eine große Torheit gewesen. Höchtens konnte man vom Schiff aus unfern kleinen Handel bemerkt haben; und das war längst auf dem Wege nach Indien. So hatte ich nicht den geringsten Beweis; und überdies wäre auch die Neugier der Leute unangenehm gewesen, woher Hesekiah Slong, der arme Teufel, die schönen Goldstücke gehabt hat. Du hast sie doch nachgezählt, John? Es mußten fünftausend Dollars sein, sonst hat dieser Inder mich betrogen.« Der Kentuckier nickte. »Es waren gute fünftausend Dollars; ich wünschte nur, ich hätte sie nochl« »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen«, seufzte salbungsvoll der Methodist. »Ich will von den Zin- sen nicht reden und dir nur die fünftausend Dollars auf dein Konto schreiben, John Merdith. Da ich nun wußte, daß du sie gutwillig nicht herausgeben würdest und ich deine verteufelte Geschicklichkeit kannte, mit der du den armen Sharp an den Pfahl hängtest, meinte ich, es wäre gut, wenn ich San Franzisko einige Zeit mit dem Rücken ansähe und anderswo mein Heil versuchte. Ich ließ mich daher erst am andem Abend nach dem Festlande übersetzen, grub meinen Teil an der Zirkuseinnahme da wieder aus, wo ich ihn klüglich verscharrt hatte, und machte mich auf den Weg nach San José und Monterey; aber ich habe dir schon gesagt, daß die Schurken mich in sechs Wochen so rein ausgeschält haben, daß dieser schöne Mantel das einzige ist, was ich mit zurückgebracht habe.« Der Kentuckier sah verächtlich auf das gepriesene Kleidungsstück. »Warum seid Ihr aber nun zurückgekommen, Slong?« fragte er. »Warum? Lieber Bruder im Herrn, wenn man keinen Cent mehr in der Tasche hat, faßt man selbst den Teufel bei den Hörnern. Ich hatte gehört, daß du von meinem Gelde den großen Spielsaal hier gebaut hattest, und auch, daß der französische Graf wieder seine Werbungen eröffnete. So wanderte ich denn hierher in der Hoffnung, daß du einen alten Freund nicht ganz im Unglück sitzen lassen würdest, wenn wir uns nur erst verständigt hätten. Unter dem Schutz dieses Franzosen glaubte ich auch dann sicher zu sein, wenn es dir etwa einfallen sollte, deine Hand an mir zu versuchen.« »Ich danke schön, Freund Slong. Ihr wolltet diesen verteufelten Tollkopf auf mich Hetzen, das war doch Eure Absicht! – Nun, Ihr habt Euch überzeugt, daß ich so kahl bin wie Ihr, und daß selbst dieser Franzose nicht fünfzig Dollars aus mir herausholen würde.« »Ich habe!« sagte mit kläglichem Blick der Methodist. »Laß uns nicht mehr darüber reden, es wird das beste für uns sein. Es bleibt mir nun weiter nichts übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben und mit der Sonoragesellschaft nach Guaymas zu ziehen.« »Dann,« meinte der Kentuckier, »bleiben wir wenigstens Gefährten; es wird sich schon etwas finden für uns.« »Wie, John Merdith? Du hast dich auch anwerben lassen?« »Gewiß. Was konnte ich besseres tun, nachdem dieser Sloman mir alles abgenommen hat? Ich helfe mit, den Schatz der Azteken suchen. Übrigens habe ich einen alten Be*kannten getroffen, der selber große Teilnahme an der Sache hatte und mir eifrig zuredete.« »Wer ist es?« »Er heißt Brown. Ich lernte ihn in Texas kennen. Dort an dem Pfeiler muß er stehen; ich sah ihn vorhin noch, wie er kein Auge von unserem General verwandte. Aber, um Henker! Wo ist der General geblieben?« In diesem Augenblick schlug die große Uhr des Spielaales die zehnte Stunde. Der Graf hatte die Gelegenheit benutzt, während die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf den Methodisten und den bisherigen Bankhalter gerichtet war, um sich unbemerkt zurückzuziehen und den Saal zu verlassen. Aber so ganz unbeachtet, wie er gehofft, war dies doch nicht geschehen. Denn wieder waren zwei böse Augen unverändert und beharrlich auf ihn gerichtet geblieben. Kaum näherte sich der Graf dem Ausgange des Saales, als auch John Brown seinen Platz hinter dem Pfeiler verließ und ihm in der Entfernung folgte. Der Graf verließ das Gebäude, ging durch die vor dem Eingang versammelten Gruppen und trat auf den Platz. John Brown, der Yankee, folgte ihm. Es war der erste Tag des Vollmondes. Die breite Scheibe des großen Gestirns der Nacht trat eben erst aus dem Dunkel und warf ihr volles Licht auf die Erde. Scharf zeichneten sich die Schatten aller Gebäude. Die Plaza mayor von San Franzisko war ein weiter Raum. In diesen Gegenden wurde noch nicht jedes Fleckchen Erde mit Gold bedeckt, wie in den Hauptstädten der alten Welt. Der Graf blieb einige Augenblicke stehen, um sich über den Mondschein und die Schatten zu unterrichten. Dann schritt er langsam nach der Seite hin, wo vor dem Brande die Kathedrale von San Franzisko gestanden hatte und wo das Mauerwerk des neuen Baues wieder emporstieg. Man darf sich unter dem hochklingenden Namen der Kathedrale von San Franzisko nicht eine jener Prachtbauten der alten Welt oder auch Neu-Spaniens denken, wie die berühmten Dome von Puebla und Mexiko, in denen sich die religiöse Begeisterung vergangener Jahrhunderte ausspricht. San Franzisko ist eine zu neue Stadt; im Jahre 1847 zählte sie erst 459 Einwohner von aller Herren Länder und war ein ganz unbedeutendes Nest. 1849 war die Einwohnerschaft schon auf 18000 gestiegen und 1852 auf mehr als 30000; aber die meisten Häuser waren aus Holz erbaut und die Straßen anstatt der Pflasterung mit Brettern belegt, so daß die drei früheren großen Brände vom 24. Dezember 1849, dem l4. Juni 1850 und dem 10. Mai 1851 die größten Verheerungen angerichtet hatten. Nach jedem dieser Brände erstieg die Stadt zwar mit fabelhafter Schnelligkeit gediegener und glänzender aus der Äsche; aber die vierundzwanzig Kirchen San Franziskos bestanden damals – und unter ihnen die »Kathedrale« – aus nichts anderem als etwas größeren Holzgebäuden, höchstens mit einem Turm darauf. Der Graf maß in Gedanken diesen Turm vor der letzten Feuersbrunst ab und überlegte sich, wohin auf dem weiten Platz die Spitze seines Schattens gefallen sein würde. Es schien ihm, als sähe er sich dort drei dunkle Gestalten bewegen. Die Zahl drei war ihm auffallend, da er nach der Erzählung des Gambusinos nur zwei Mitwisser und Eigentümer des Geheimnisses erwartet; aber ohne weiter zu zögern, ging er rasch über den Platz; denn soeben verkündete eine der Uhren die zehnte Stunde. Plötzlich hemmte eine ihm bekannte Stimme seine Schritt, »Hierher, Señor Don Esteban, wenn es Ihnen und der Doña gefällig ist! Dieser verteufelte Brand hat zwar alles verändert, aber man bat mir gesagt, daß Seine Exzellenz der Herr Graf seine Wohnung an der früheren Stelle hat, wir werden im Augenblick dort sein.« Der Graf sah zugleich sechs oder sieben Reiter über den Platz kommen. Einer war abgestiegen und führte sein Pferd am Zügel. »Bonifaz!« »Cap de Bioux! – So wahr ich die ewige Seligkeit finden will, da ist Seine Exzellenz selber!« Aber ehe der wackere Avignote noch sein Pferd einem der Diener übergeben und herbeieilen konnte, warf sich ein anderer der Reiter von seinem Tier und stürzte auf den Grafen zu. »Aimé! Gott sei Dank, daß ich dich glücklich und gesund wiederhabe!« Zwei weiche Arme umschlangen seinen Hals, zwei warme Lippen preßten sich im innigen Kuß auf die seinen. »Suzanne!« Seine treue Gefährtin drückte ihn mit aller Freude der Liebe in ihre Arme und küßte ihn, unter Tränen lächelnd. Bonifaz faßte kaum weniger erregt als die Schauspielerin die Hand seines Freundes und Gebieters. Rasche Fragen kreuzten sich, ohne daß eine einzige beantwortet wurde; dann aber, als Bonifaz sah, daß Suzanne in ihren Liebkosungen gar kein Ende finden konnte, legte er seine Hand auf ihren Kopf: »Kleiner Jean, vergiß nicht, daß wir nicht allein sind, und daß der Herr Graf Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen hat. Man könnte am Ende glauben, du seist ein verkleidetes Mädchen.« Die Warnung war leise gesprochen; die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Eingedenk ihrer Rolle, ließ Suzanne den Geliebten los und begnügte sich, Bonifaz die Hand des Grafen streitig zu machen. Auch der Graf hatte sich von der freudigen Überraschung gefaßt und fühlte die Notwendigkeit der Beherrschung; denn ein paar Müßiggänger, die über den Platz schlenderten, waren unfern der Gruppe neugierig stehengeblieben; und etwa dreißig Schritte entfernt hielten die Reiter, mit denen die beiden Vertrauten des Grafen angekommen waren. »Von welchen Gästen sprichst du?« fragte der Graf. »Das sollen Sie sogleich sehen,« meinte Bonifaz, »wenn Sie mir einige Schritte folgen wollen. Ich versichere Euer Gnaden, die Botschaft, die wir Ihnen bringen, verdient einige Höflichkeiten.« »Dann sprich, alter Murrkopf, was gibt's?« Der Avignote gab Suzanne einen Wink; dann ging er auf die Reiter zu; Jean-Suzanne zog den Grafen mit sich hinter ihm drein. Bei dem hellen Mondlicht und der Klarheit der Nacht konnte Graf Boulbon an der Spitze der kleinen Schar einen Herrn und eine Dame erkennen. Der Mann hielt sich, in seine weite Sarape gehüllt, steif im Sattel und rauchte seine Zigarette von Maisstroh. Der breite Sombrero, der seinen Kopf bedeckte, ließ nicht einmal erkennen, ob er alt oder jung war. Die Dame in dunkler spanischer Kleidung saß auf einem Maultier und trug auf dem Kopf einen kleinen kastilianischen Hut mit wehendem Schleier. Nach ihren schlanken Formen und ihrer Haltung mußte sie jung sein. Die Männer hinter den beiden waren offenbar Diener. Bonifaz trat vor und machte seine ungeschickte Verbeugung. »Señor Don Esteban da Sylva Montera und Sie, Señora Doña Dolores da Sylva Montera, bitte ich um Erlaubnis, Ihnen meinen verehrten Gebieter, den Conde Don Raousset-Boulbon, den General der Sonoragesellschaft, vorstellen zu dürfen. Monsieur Conde, ich habe die Ehre, Ihnen in diesen hochgeehrten Personen den Bevollmächtigten Seiner Gnaden des Herrn Gouverneurs der Sonora, den Vertrauten des neuen Präsidenten der Republik, des Generals Cevallos, den sehr ehrenwerten Señor Don Esteban da Sylva Montera, einen der ersten und reichsten Würdenträger des Staates, und seine liebenswürdige Tochter vorzustellen; der Herr Bevollmächtigte hat den Auftrag, uns hierher zu begleiten, um mit Eurer Exzellenz den Vertrag in Ordnung zu bringen.« Nachdem der ehrliche Bonifaz diese für seine Kräfte sehr anstrengende Rede glücklich zu Ende gebracht hatte, stieß er ein lautes »Uff« aus, trocknete sich den Schweiß ab und verlor sich in einige Entfernung. Der Spanier war sofort bei der gegenseitigen Vorstellung mit aller jener Höflichkeit und Feierlichkeit seines Volkes vom Pferde gestiegen und hatte sich dem Grafen genähert. »Señor Conde,« sagte er mit einer steifen Verbeugung, »ich komme im Auftrage Seiner Exzellenz des Generals Cevallos, um Ihnen die Antwort der gegenwärtig in Mexiko allein rechtmäßigen Regierung auf Ihre Vorschläge an den Präsidenten Arisia zu überbringen. Mögen Euer Exzellenz tausend Jahre leben, um das große Werk der Befreiung der Sonora von diesen gottverfluchten heidnischen Indianern zu vollenden!« Der Graf, mit den Regeln der spanischen Sitte hinlänglich vertraut, unterdrückte sein Erstaunen über die neue Veränderung der mexikanischen Regierung. Er erklärte, daß die Gäste »sein Haus als das ihre ansehen möchten;« eine Redensart, die in den spanischen Ländern sehr häufig nur bedeutet, daß die Fremden sehen können, wo sie innerhalb von vier Wänden Unterkommen und Unterhalt finden mögen. So unangenehm ihm jedoch die unerwartete Unterbrechung seiner Absicht war, besaß er doch zu viel Klugheit und Höflichkeit, um seine neuen Gäste eher zu verlassen, bis er sie nach seiner Wohnung geführt und für ihre Bequemlichkeit alle Anstalten getroffen hatten Er ergriff mit höflichen Worten den Zügel des Maultieres, auf dem Doña Dolores saß, und führte es vor die Tür seines Hauses; zwischen den beiden dort aufgestellten Kanonen bot er ihr mit aller Ritterlichkeit eines echten Franzosen die Hand, um ihr aus dem Sattel zu helfen. Dolores setzte die Spitze ihres zierlichen Fußes in die Hand des Grafen, berührte leicht seine Schulter und sprang auf den Boden. »Gracias, Señor!« Im Schein der Gasflammen, die vor dem Eingange brannten, richtete Graf Boulbon zum erstenmal seine Augen auf das Gesicht der Spanierin. Er konnte sein Erstaunen nicht unterdrücken, das er über die stolze Schönheit empfand. Mit einer leichten Bewegung des Kopfes hatte Dolores den Rebozo zurückfallen lassen, der bisher ihre Schultern und den unteren Teil des Gesichts verborgen hielt. Sie mochte höchstens siebzehn Jahre zählen; aber bei der frühen Reife der Frauen dieser Zonen war ihre schlanke und dennoch im schönsten Ebenmaß gerundete Gestalt vollkommen entwickelt. Die Stirn unter schwarzem Haar war hoch, die Nase fein und von kühner Biegung, die bei Frauen Stolz und Energie verkündet und dem Profil etwas Falkenartiges gibt; die Augen, von starken hochgewölbten Brauen umzogen, blitzten in tiefem Dunkel. Das Feuer ihres Blickes war herrisch und verzehrend in unwiderstehlicher Leidenschaft. Der Graf blieb einen Augenblick wie geblendet vor dieser eigentümlichen Schönheit; Dolores begegnete seinem bewundernden Blick mit siegesbewußtem Lächeln, ohne die mindeste Verwirrung zu zeigen. Im Schatten hinter ihnen stand der Knabe Jean, die verkleidete Suzanne. Nach der leidenschaftlichen Freude des Wiedersehens hatte sie dies erste Zusammentreffen des mit aller Hingebung und Aufopferung geliebten und verehrten Mannes mit der jungen Spanierin, ihrer Reisegefährtin, unruhig erwartet. Ihr hübsches offenes Gesicht, dem die kurzen dunklen Locken reizend standen, drückte ängstliche Erwartung und Besorgnis aus. Durch die Anstrengungen der langen Reise und die natürliche Sorge der Mutter um den fernen Sohn war sie etwas blaß und hager geworden und zeigte nicht mehr jenen leichten, unbekümmerten Frohsinn, der dem Grafen so manche Stunde erleichtert hatte. Sie war bei der Ankunft vor dem Hause beobachtend in den Schatten zurückgetreten. Als die Augen ihres Geliebten und der Spanierin einander begegneten und der Eindruck, den die Schönheit Dolores Monteras auf den Grafen machte, sich so offen auf seinem männlichen Gesicht spiegelte, entfloh ein leiser Seufzer den Lippen Suzannes. Ihre Hand zuckte unwillkürlich nach dem Herzen, als habe sie einen Stich empfangen. Eine rauhe, kräftige Hand legte sich auf die ihre; eine Stimme flüsterte: »Mut, Kind! Sie wissen, daß er Sie liebt und – für den Notfall, wozu wäre denn der alte Bonifaz da?« Sie drückte dem wackeren Avignoten die Hand; aber sie konnte nicht verhindern, daß ihre Brust sich krampfhaft hob. »Nun, Señor – ich warte.« Die stolzen Worte störten den Grafen aus seiner Überraschung auf; er entschuldigte sich gewandt und reichte Dolores, deren Mund ein Lächeln stolzer Befriedigung umspielte, den Arm, um sie in seine Wohnung zu führen; er sprach ihr lebhaft sein Bedauern aus, daß sie zu wenig für einen so unerwarteten und seltenen Gast eingerichtet sei. Dolores legte ihre seine Hand leicht auf den dargebotenen Arm des Grafen und überschritt die Schwelle. Plötzlich fuhr sie trotz ihrer sicheren Haltung zusammen und zitterte. Ein unheimlich fauchender, nie von ihr gehörter Ton, so nahe, daß er sie fast unmittelbar zu berühren schien, klang an ihr Ohr. »Santa virgo da Puebla! – Señor, was ist das?«, flüsterte sie, unwillkürlich sich näher an ihren Begleiter drängend. »Beruhigen Sie sich, Señorita«, sagte lächelnd der Graf. »Ich vergaß, Sie darauf aufmerksam zu machen – es ist nur Bob, der Tiger!« »Der Tiger, Señor? – Aber ich habe mehr als einmal auf der Hazienda meines Vaters die Tigreros begleitet, wenn sie auf den Anstand zogen.« »Ah! Sie nennen den Jaguar den amerikanischen ›Tiger‹. Aber, Senorita, wenn Sie einmal meinen guten Freund Bob, mit dem ich vor einigen Wochen ein kleines Abenteuer zu bestehen hatte, gesehen haben, dann werden Sie den Unterschied zwischen einem amerikanischen und einem wirklichen Tiger von Bengalen erkennen.« »Nun, Señor? So machen Sie mich mit Ihrem Bob bekannt.« »Wenn Sie sich nicht fürchten, Señora –« Dolores lächelte verächtlich. »Sie ziehen aus meiner Schwäche von vorhin einen falschen Schluß, Señor Conde. Ich kann vielleicht einen Augenblick erschrecken; aber es gibt nichts in der Welt, was ich fürchten könnte.« Der Graf verbeugte sich schweigend und schob den Teppich, neben dem sie im Flur des Hauses standen, zurück. Jetzt zeigte sich, warum das Fauchen des Raubtieres so nahe geklungen hatte. Der Käfig des Königstigers stand dicht hinter dem Teppich; Dolores war kaum einen Meter weit von den Eisenstäben entfernt, hinter denen das riesige Tier rastlos auf und ab lief. Beim plötzlichen Einfallen des Lichtes kroch der Tiger bis in den Hintergrund seines Käfigs zurück. Dann warf er sich plötzlich mit einem so gewaltigen Sprunge gegen die eisernen Gitterstäbe, daß diese in ihren Fugen klirrten und erzitterten. Der rote Rachen des Raubtieres mit den mächtigen Zähnen dampfte zwischen seinen Pranken die Zuschauer an; sein heiseres blutdürstiges Schnauben ließ selbst die Männer zurückweichen. Suzanne stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank halb ohnmächtig vor Schrecken in den Arm des Avignoten. Nur Dolores war keinen Zoll breit von ihrem Platz gewichen; nicht die geringste Bewegung zeigte, daß sie sich gefürchtet. »Es scheint,« sagte sie kalt, »das Eisen des Käfigs hält ziemlich gut. – Ich danke Ihnen, Señor Conde, daß Sie meine Neugier befriedigt haben. Jetzt können wir weitergehen.« Graf Boulbon hatte sie mit unverhohlenem Staunen beobachtet. »Señorita,« sagte er, indem er den Teppich wieder zuzog, »Sie haben mich einem seltsamen Schauspiel beiwohnen lassen. Ich bewundre Ihren Mut. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß eine Dame so feste Nerven haben kann; denn ich habe in der Tat das Tier selten so wild gesehen.« Dolores lachte stolz und legte ihre Hand wieder auf den Arm Raousset-Boulbons. »Wenn Sie einmal das Angriffsgeschrei der Apatschen gehört und ihnen in die bemalten Gesichter gesehen haben werden, Señor Conde, dann werden Sie allen Jaguars oder Tigern der Welt Trotz bieten. Wer das Kriegsgebrüll kampfdürstiger Indianer gehört hat, fürchtet keine andere Gefahr mehr!« »Ich hoffe, Señora, daß Sie es nur aus Erzählungen anderer kennen?« »Sie irren, Señor. Ich habe zweimal einen Angriff der Apatschen auf die Hazienda meines Vaters erlebt und dem Grauen Bär in die Augen gesehen! – Blicken Sie her!« Sie schob den Hut von der Stirn zurück und strich die langen dunklen Locken zur Seite. Dicht darunter zeigte sich eine anderthalb Zoll lange rote Narbe. »Um Himmelswillen, was ist das? Sie waren doch nicht verwundet?« »Wie Sie sehen, Señor Conde, war ich ziemlich nahe daran, skalpiert zu werden. Um seine Linke hatte der Graue Bär mein langes Haar gewunden, das, wie die Caballeros von Puebla und Mexiko sagen, nicht mein schlechtestes Besitztum ist; und das Messer des Apatschen hatte schon seine blutige Arbeit begonnen.« Der Graf hatte fast erregt ihre Hand gefaßt. »Ich hoffe, dem Burschen, wenn er noch lebt, zu begegnen«, sagte er energisch. »So wahr das Blut Heinrich IV. in meinen Adern fließt, soll er seine Frechheit büßen! – Aber wer, Señorita, war so glücklich, Sie aus den Händen dieses Teufels zu retten? Ich beneide ihn um die Tat.« »Dann, Señor Conde, beneiden Sie eine Rothaut.« »Wie?« »Ein junger Indianer, ein Komantschenhäuptling, kam zur rechten Zeit dazu und schlug den gefürchteten Häuptling der Apatschen zu Boden. Während mein Vater und unsere Leute tapfer die Mauern der Hazienda gegen die Apatschen verteidigten, war es dem Grauen Bären mit dreien seiner Krieger gelungen, durch ein unbewachtes Fenster in das Innere des Hauses zu dringen und mich zu überraschen; und meine Büchse hatte ich noch nicht wieder geladen.« »Und der Komantsche?« »Er diente kurze Zeit als Tigrero auf der Hazienda. Die heilige Jungfrau hatte ihn wirklich gerade noch zur rechten Zeit mit seinem Gefährten uns zu Hilfe geschickt; ohne seinen Beistand wäre ich wohl verloren gewesen. Er stillte das Blut meiner Wunde und trug mich aus der Gefahr; sein Gefährte, ein Jäger, trieb die andern eingedrungenen Krieger aus der Hazienda; aber auch der Häuptling entkam dabei, wenn auch schwer verwundet.« »Er soll seinen Lohn erhalten! Aber, so kurz auch unsere Bekanntschaft ist, Señorita, fühle ich mich dem Komantschenhäuptling doch hoch verpflichtet, der Sie retten konnte. Wenn ich die Ehre habe, künftig vielleicht einmal die Hazienda Don Estebans zu besuchen, werde ich nicht verfehlen, diesem Diener meine Dankbarkeit zu beweisen.« Dolores wandte sich, um das flüchtige Erröten zu verbergen, das ihr Gesicht überflog, zur Seite. »Sie würden ihn nicht mehr finden, Señor«, sagte sie beherrscht. »Er hat den Dienst meines Vaters verlassen, da er ein freier Häuptling ist.« »Darf ich Sie wenigstens um seinen Namen bitten, Senorita?« »Sie sind allzu liebenswürdig gegen eine Fremde, Señor Conde«, erwiderte Dolores fast mit Spott. »Er ist, wie ich Ihnen sagte, ein Komantsche und führt den Namen Wonodongah: der Große Jaguar in unserer Sprache. Sein Gefährte war ein Kanadier und heißt Eisenarm.« Diese beiden Namen erschreckten den Grafen fast; denn sie erinnerten ihn, daß er, von seiner Schwäche für weibliche Schönheit gefesselt, den Augenblick der wichtigen Zusammenkunft versäumt hatte. Die Gesellschaft war in das Gemach eingetreten, das dem Grafen zum Empfange seiner vornehmeren Besuche und zu seinem Aufenthalt diente. In der vollen Beleuchtung ließ Dolores ihren Rebozo fallen. Noch einmal ruhte der Blick des Grafen auf der sieghaften Schönheit des jungen Geschöpfes; dann riß er sich fast mit Gewalt von ihr los. Er hieß den Señor Don Esteban nach der spanischen Art noch einmal auf das höflichste willkommen, ließ der jungen Haziendera ein Gemach anweisen, und bat sie, ihn für kurze Zeit zu entschuldigen, damit er für ihre Bequemlichkeit und Sicherheit die nötigen Maßregeln treffen könne. Dann überließ er dem Avignoten die weiteren Anordnungen und eilte aus dem Hause. – Auf diese Weise hatte Graf Raousset-Voulbon bei dem von Ojo d'Oro so genau bezeichneten Stelldichein eine halbe Stunde versäumt. Indes hegte er deshalb keine große Besorgnis; er wußte nun, daß die beiden Männer, von denen der Erfolg des ganzen Unternehmens abhing, wirklich lebten und sogar auf dem Wege nach San Franzisko gesehen worden waren. Man macht nicht einen Weg von tausend Meilen, um dann um eine halbe Stunde zu markten! Er schritt rasch, in der Hoffnung, die Vertrauten Ojo d'Oros zu finden und sich mit ihnen zu verständigen, über den Platz nach der Richtung der früheren Kathedrale hin. Mit der Hand überzeugte er sich, daß die Tasche mit dem Erkennungszeichen des Gambusinos auf seiner Brust wohl bewahrt war. Im Zwielicht der Nacht sah Graf Boulbon verschiedene Menschen über den Platz gehen. Der Mond warf sein helles Licht an die Häuser und malte tiefe Schatten in den Winkel, wo die alte Kathedrale gestanden hatte und sich nun der halbe Rohbau der neuen erhob. Es war leicht zu berechnen, wo der Turmschatten des abgebrannten Gotteshauses noch vor einer halben Stunde hingefallen sein mußte. Der Graf erinnerte sich seiner geringen Höhe und maß die Winkel des Lichtes und die Entfernung. Dort auf jene Hausstufen war die Spitze des Schattens hingefallen; das war der Ort der bestimmten Zusammenkunft. – Die Stelle war leer. So große Geistesgegenwart der Graf auch bei jeder Gelegenheit bewies, im ersten Augenblicke fühlte er sich bedrückt und überrascht. Dann blickte er zurück nach dem Ort, wo die Kathedrale gestanden hatte, prüfte wiederholt den Schatten und überzeugte sich abermals, daß er die richtige Stelle beim ersten Blick gefunden. Seine Uhr zeigte auf 10 Uhr 35 Minuten. Der nächste Gedanke war, daß die Männer, die versprochen hatten, sich hier einzufinden, Ort und Zeit durch das Niederbrennen der Kirche verpaßt und eine andere Stelle in der Nähe gewählt hatten. Aber soviel er sich auch auf dem großen Platz umsah, er bemerkte keine Gruppe, die stillstand und nach jemandem auszuschauen schien. Unter den Erwarteten befand sich ein Indianer; der Scharfsinn und die Pünktlichkeit der Krieger des wilden Westens waren sprichwörtlich. Es blieb also nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß irgendein unbekanntes Hindernis eine Verspätung herbeigeführt hatte; denn er konnte unmöglich annehmen, daß seine eigene, kurze Verzögerung die Schuld trage. Der Graf beschloß zu warten, und begann auf und nieder zu gehen. Es verfloß eine Viertelstunde, eine halbe; trotz der schönen Sommernacht leerte sich der Platz immer mehr. Aber keine der vorübergehenden Gruppen glich den Freunden Ojo d'Oros. Zuweilen blieben Vorübergehende stehen und sahen sich nach dem einsamen Spaziergänger um. Die hohe kräftige Gestalt des Grafen scheuchte Strolche und Banditen, an denen San Franzisko keinen Mangel hat, zurück. Im übrigen ging in dem neuen Dorado jeder seinen eigenen Geschäften und Vergnügungen nach, unbekümmert um den anderen, außer, wenn dieser ihm in den Weg trat. Je weiter die Zeit vorrückte, um so ungeduldiger wurde Graf Boulbon. Geduld gehörte überhaupt nicht zu seinen Tugenden; mit der Leichtigkeit, mit der er sich über Schwierigkeiten fortzusetzen liebte, begann er die Schuld auf die Freunde des Gambusinos zu werfen. Er redete sich ein, daß ein von ihm unabhängiger Zufall die Zusammenkunft verhindert habe, und daß es ihm eine leichte Mühe sein werde, am Morgen durch den Avignoten und den Kreuzträger ermitteln zu lassen, ob Bras-de-fer und Wonodongah angekommen seien. Es war Mitternacht. Er beschloß, seine einsame und unangenehme Wache aufzugeben. Beschluß und Tat waren bei ihm eins; er kehrte sofort nach seinem Hause zurück. Trotz all seinem Leichtsinn und seiner Zuversicht drückte ihn aber doch die Frage schwer nieder, was aus dem Unternehmen werden sollte, wenn die beiden Führer und Begleiter, die ihm Ojo d'Oro verheißen, nicht zu finden waren. Mit einem seinen abenteuerlichen Charakter kennzeichnenden Vertrauen hatte er den Mitteilungen José Marillos unbedingten Glauben geschenkt; er hatte sich auf die Erzählung eines sterbenden Spielers, auf ein Vermächtnis hin, das in nichts als in der rohen Zeichnung einer unkundigen Hand und der Redlichkeit und Treue zweier ihm unbekannter Wüstenläufer bestand, in ein Unternehmen eingelassen, das nicht nur den Rest aller seiner weltlichen Habe verschlang, sondern auch sein Leben und das von zweihundert tapferen Männern tausend unbekannten Gefahren preisgeben sollte. Dennoch lebte in ihm die unbezwingliche Überzeugung, daß Ojo d'Oro wahr gesprochen, und der Trotz, das, was er begonnen, auch glücklich zu Ende zu führen. In dieser Stimmung kehrte er in seine Wohnung zurück. Er hörte von Suzanne, daß Dolores sich zur Ruhe begeben, ohne die lange Abwesenheit ihres Wirtes auch nur einer Bemerkung zu würdigen. Graf Boulbon traf noch einige Bestimmungen für den anderen Tag; er befahl, schon zeitig am Morgen Kreuzträger zu ihm zu senden. Dann begab er sich zur Ruhe. Master Schielauge Als der Graf Boulbon sich mit dem Glockenschlage Zehn aus dem Spielsaale entfernte, folgte ihm der Yankee John Brown, der ihn unausgesetzt hinter dem Pfeiler beobachtet hatte. Er war nur fünfzig Schritte von ihm entfernt, als der Graf durch Zuruf des Avignoten Bonifaz von seiner Richtung nach einer anderen Stelle des Platzes abgelenkt wurde. John Brown bemerkte sogleich, daß nur ein Zufall den Grafen von seinem Vorhaben gelockt hatte; er setzte daher die ursprüngliche Richtung fort, von Neugierde und von geheimer Ahnung getrieben. Er war noch nicht weit gegangen, als er vor sich drei Gestalten im Scheine des Mondes unweit der Stelle erblickte, an der sich früher die niedergebrannte Kathedrale befunden hatte. Ihr Aussehen erregte sofort seine Aufmerksamkeit; denn oft genug hatte Ojo d'Oro von seinen Freunden in der Öde gesprochen, die mit ihm zusammen das ungeheure Goldlager entdeckt hatten. Der Mondschein reichte hin, ihr Äußeres erkennen zu lassen. Der eine, ein Mann, über die Mitte des Lebens hinaus, von wahrhaft riesigen Körperverhältnissen, trug ein ledernes Jagdhemd, Mokassins, eine Mütze von Otterfell und über der Schulter eine Jagdtasche von schwerem Gewicht. Er lehnte sich auf eine lange Büchse; ein starkes Messer mit Horngriff steckte in dem Gürtel seines Jagdhemdes. Der zweite war ein Krieger der Eingeborenenstämme, die das Vordringen und die Brutalität der Weißen von dem Erbe ihrer Väter und den Jagdgründen immer weiter vertrieb und in die Einöden der Felsgebirge oder der Prärie zurückdrängte und mit jedem Jahre durch ihre Kugeln, durch das Feuerwasser und durch den Hunger verminderte. Der indianische Krieger war eine hohe, schlanke Gestalt in der vollen Kraft der Jugend. Das Haupt war unbedeckt, die lange Skalplocke mit zwei Adlerfedern geschmückt. Leicht und in malerischen Falten hing über der Schulter eine wollene Decke; seine breite, gewölbte Brust schaute aus dem geöffneten Jagdhemd von gegerbtem Hirschleder hervor. Lederne Beinkleider mit Fransen von Menschenhaaren reichten bis auf die Mokassins, die mit den Stacheln und Zähnen des Stachelschweines zierlich gestickt waren. Er mochte sechsundzwanzig Jahre zählen und sein Gesicht, nicht entstellt durch die Kriegsmalerei, war stolz und ernst. Der junge Indianer trug einen Karabiner von alter spanischer Arbeit; am Gürtel steckten ein Tomahawk, in einer Fischhaut sein langes Messer und die kurze Pfeife mit einem Tabaksbeutel. Pulverhorn und Kugelbeutel hingen am Riemen von Hirschhaut um die Schultern. Hals und Brust schmückte eine Kette von Zähnen und Krallen des Jaguars. In der Mitte war sie wie mit einem Ordenszeichen geschlossen durch die getrocknete Tatze des furchtbarsten Bewohners des Felsengebirges: des grauen Bären. An diese edle und wie aus Marmor gemeißelte Gestalt lehnte sich eine andere, ebenmäßig und schlank wie sie, aber zart und jugendlich. Es war eine junge Indianerin, in einem bis über die Knie reichenden Rock von weicher Rehhaut gekleidet; ihre Brust war im Kreuz mit einem Streifen von buntem Kaliko umwunden. Das Gesicht war fein und länglich, mit schönen und freundlichen Zügen, auf denen kindliche Unschuld und Demut ruhte. Zu den Füßen des Mädchens lag ein in Decken zusammengeschnürtes Bündel, das sie getragen. »Es soll mich wundern, ob wir den Weg hierher vergeblich gemacht haben und im nächsten Jahre an die Quelle des Bonaventura wandern müssen«, sagte nach längerem Schweigen der riesige Jäger. »Ojo d'Oro hat Zeit genug gehabt, von jenseits des Meeres zurückzukehren, wenn es ihm nicht etwa dort zu gut gefallen und er uns darüber vergessen hat.« »Das Goldauge,« erwiderte der Indianer, »ist ein Sohn der Prärie. Kann mein weißer Vater den Adler zum Wasservogel machen? Oder den Büffel zum Zugochsen der weißen Männer in den Ansiedlungen? Das Goldauge kann nur dort leben, wo sein Eisenstab das gelbe Metall aus seinen Fesseln sprengt.« »Sehr wahr, Wonodongah!« nickte der Jäger. »Die Wandervögel kehren immer wieder in ihre Heimat zurück; wer einmal einen gut gerösteten Büffelrücken gewöhnt ist, dem können die Leckereien in den Städten nicht behagen. Aber es könnte unserem Freunde irgend etwas geschehen sein; er könnte krank liegen. – Es kommen merkwürdige Dinge im Lande der Weißen vor, die ein roter Krieger sich gar nicht ausmalen kann.« »Der große Geist ist mit den Rechtschaffenen, wo sie auch sein mögen. Die Stunde ist da, die uns zeigen wird, ob wir künftig allein durch die Prärie wandern werden!« »Nicht allein, Häuptling!« lachte gutmütig Bras-de-fer, der Eisenarm, ohne auf die Bemerkung seines Begleiters über die Zeit einzugehen. »Seit du die Windenblüte aus dem Dorfe deines Stammes mitgenommen, wandern wir nicht mehr allein durch die Prärie!« »Die Apatschen sind Hunde«, sagte grimmig der Komantsche. »Sie haben Comeo, der Tochter meines Vaters, das Zelt geraubt, in dem sie in Frieden wohnte. Ihre Skalpe sollen an den Stangen unserer neuen Wigwams bleichen.« »Du weißt, Häuptling, daß ich meine eigene Rechnung mit dem Schurken, der Roten Schlange, habe; aber bis dahin werden wir noch manchen Weg machen müssen. Comeo ist ein wahrer Segen für uns; ich fürchte nur, sie wird den Anstrengungen unseres Lebens nicht gewachsen sein. Ich weiß nicht, Häuptling, warum du nicht die Güte der Doña Dolores für sie in Anspruch genommen hast; sie verdankt dir ihr Leben und hätte sich dir sicherlich auf diese Weise gern erkenntlich gezeigt. Aber du hast sie so ängstlich gemieden, obwohl wir immer kaum zwei Stunden weit vor oder hinter ihr waren. – Die Hazienda del Cerro würde gewiß ein Plätzchen für Comeo gehabt haben.« Die Nacht verhinderte den Jäger, die tiefe Röte zu sehen, die sich über das Gesicht seines jüngeren Freundes ergoß. Wonodongah – denn daß der Indianer der zweite Gefährte des verstorbenen Gambusinos sein mußte, konnte dem lauschenden Yankee nach den einzelnen Worten, die er aus der Unterredung im Komantschendialekt verstanden hatte, nicht zweifelhaft sein – blieb einige Augenblicke die Antwort schuldig. Dann wandte er sich zu dem Trapper und legte die Finger auf die Schulter des Mädchens. »Comeo ist die Tochter eines Häuptlings«, sagte er. »Soll die Schwester des Großen Jaguar die Dienerin einer Weißen sein, auch wenn der große Geist ihr die Schönheit der stolzen Aloe gegeben hat, die nur in hundert Jahren einmal die Augen des Menschen erfreut?« Ehe der Trapper antworten konnte, daß er, der Häuptling der Komantschen, selber auch nicht zu stolz gewesen sei, als Tigrero, als Tigerjäger im Dienst der Hazienda zu jagen, wurde ihr Gespräch durch ein »Uff!« des jungen Mädchens unterbrochen. Der Trapper richtete sich aus seiner bequemen Stellung auf. Der Komantsche ließ die Flinte von der Schulter in seinen Arm gleiten. »Was hast du, Comeo?« »Es ist ein Fremder in unserer Nähe.« »Davon gibt es viele in San Franzisko und auf diesem Platz.« »Er belauscht die Rede Wonodongahs«, beharrte die Indianerin. »Es kann unmöglich Ojo d'Oro sein,« sagte der Trapper, »sonst wäre er zu seinen Freunden geeilt. – Zeige mir den Mann, Comeo!« Windenblüte wies auf den Yankee im Schatten. Er sah die Bewegung des Mädchens und erriet leicht, daß er entdeckt sei; deshalb tat er das beste, was er tun konnte, er schritt sofort auf die drei zu. Im ersten Augenblick ließ sich der Trapper durch die ähnliche Kleidung und Gestalt täuschen; er glaubte wirklich, daß ihr alter Gefährte zurückgekehrt sei. »Goldauge?!« – Die Stimme des Näherkommenden belehrte ihn über den Irrtum. »Ich bin nur der Bote Ojo d'Oros, Senor«, sagte John Brown schmeichelnd. »Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich nicht den berühmtesten Jäger am Rio Grande, Bras-de-fer, den Eisenarm, und den edlen Häuptling der Komantschen, den Großen Jaguar, vor mir sehe!« »Ich weiß nicht, was Ihr mit Eurem ›berühmt‹ sagen wollt«, lachte der Jäger. »Es leben viele Leute an der Grenze und in der Wüste, deren Büchse ebenso sicher und deren Auge ebenso fest ist wie das meine. – Aber Ihr habt recht – ich bin Eisenarm und dies hier ist Wonodongah, der letzte Häuptling der Toyahs vom Stamm der Komantschen. Wenn Ihr eine Botschaft habt von unserem Freunde José, so sagt sie uns rasch; denn wir warten hier auf ihn.« John Brown ließ sich unwillkürlich einen pfeifenden Laut entschlüpfen. Sein Gefährte auf der Reise nach Paris hatte ihm zwar mitgeteilt, daß er seine beiden Genossen an der Entdeckung an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit wiedertreffen werde; aber das Wann und Wo hatte er bei seiner großen Vorsicht und dem sichtlichen Mißtrauen verschwiegen. Nach dem Streit mit dem Grafen am Totenbett, bei der späteren ruhigen Überlegung hatte John Brown sehr richtig geschlossen, daß sein Reisegefährte dem Franzosen größeres Vertrauen geschenkt als ihm; und wahrscheinlich setzten ihn Ojo d'Oros Mitteilungen in den Stand, mit den Gefährten des Geheimnisses in Verbindung zu treten. Er hatte deshalb beschlossen, jeden Schritt des Grafen zu belauern und ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Er machte den größten Teil seiner Goldstufe zu Geld, packte sorgfältig die geringe Habe des Verstorbenen zusammen und folgte dem Grafen, dessen Spur bei seinem offenen und kühnen Wesen leicht zu finden war, nach Havre, nach New Vork und später nach San Franzisko. Vergeblich versuchte Master Brown, sich bei der Sonoragesellschaft anwerben zu lassen, als deren geheimen Zweck er die Aufsuchung der Goldhöhle argwöhnte. Der Versuch scheiterte an der entschiedenen Ablehnung Boulbons und steigerte nur noch den Haß des Yankees gegen den Franzosen. Seiner Gewohnheit gemäß hatte er auch an diesem Abend den Grafen genau beobachtet und war ihm, da sein Benehmen und seine Ungeduld ihm auffielen, gefolgt. »Es freut mich,« erwiderte Brown rasch auf die Aufforderung Eisenarms, »daß ich die beiden Männer getroffen habe, die mir Señor José so angelegentlich empfohlen. – Was ich Euch mitzuteilen habe, ist wichtig; aber es darf hier nicht geschehen; denn Ihr habt hier einen Euch unbekannten, gefährlichen Feind. Ich bitte, Señor Eisenann, mir mit Eurem Freunde an einen sicheren Platz zu folgen.« Der Trapper schüttelte den Kopf. »Das geht unmöglich, Fremder«, sagte er bedenklich. »Wir haben unserem Freunde versprochen, ihn auf dieser Stelle zu erwarten. Wir kennen Euch nicht!« Der Yankee sah durch Eisenarms Pflichtgefühl seinen ganzen Plan gefährdet. Er sann einige Augenblicke nach. Dann sagte er: »Ich habe keinen Beweis zur Stelle, daß ich der Bote des Señor Don José bin, als dies Stückchen Gold. Aber wenn Ihr mir folgen wollt, werde ich Euch Beweise genug zeigen, daß ich aus Frankreich komme, um Euch Botschaft von ihm zu bringen.« Er holte aus seiner Tasche ein Stück Zeug, in dem er etwas eingewickelt trug, und reichte es dem Trapper. Es war eine Ecke der Goldstufe, die der Gambusino mit seinen Freunden bei dem Besuch des Goldtales abgesprengt hatte. Eisenarm nahm das Stück und betrachtete es, soweit das Mondlicht es erlaubte, von allen Seiten; der Yankee warf unruhige und ungeduldige Blicke umher in der Furcht, jeden Augenblick den Grafen zurückkehren zu sehen; aber soviel der ehrliche Trapper auch an dem Stück herumsah, er konnte kein Kennzeichen daran finden. Er reichte es dem Komantschen. »Da, Jaguar, sich du zu, was du daraus machen kannst. Das Ding sieht aus wie jedes andere Stück. Ich wüßte nicht, was es für den Mann da Bürgschaft leisten könnte.« Wonodongah hatte das Erz kaum in die Hand genommen und einen Blick darauf geworfen, als er zustimmend nickte. »Uff! – Es ist von dem gelben Stein unseres Freundes, nach dem die weißen Männer so begierig streben. Ich habe diese Spitze in der Hand gehabt, als das Eisen Ojo d'Oros sie absprengte.« »Alle Wetter!« rief der Trapper. »Ich denke doch auch, daß ich Augen für eine Spur in der Savanne habe! Aber aus dem abgebrochenen Teil eines Stück Erzes das Ganze zu erkennen, dazu gehört das Gedächtnis und das Auge eines Indianers. – Doch das tut nichts, ob ich es kenne oder nicht, Fremder«, wandte er sich zu dem ungeduldigen Yankee. »Wenn es Wonodongah sagt, so ist es so gut, als hätten es zwanzig Gerichtshöfe beschworen. Wir sehen jetzt, daß Ihr mit unserem Freunde in Verbindung gestanden habt. Wir wissen aber noch immer nicht, ob er Euch wirklich einen Auftrag an uns gegeben hat.« »Señor Eisenarm,« sagte ärgerlich der Yankee, »ich will Euch noch ein weiteres Kennzeichen sagen. Ihr habt Euern Freund nach Frankreich geschickt. Er sollte dort eine Schar von Männern werben, die Mut genug haben, mit Euch das Goldtal – den Apatschen zum Trotz – aufzusuchen. – Ich komme als der Bote des Señor Don Ojo d'Oro direkt von Paris.« »So ist unser Freund nicht in Amerika?« »Nein. Ich schwöre es Euch.« Eisenarm sann einige Augenblicke nach; dann wandte er sich zu dem Indianer. »Was meinst du, Jaguar? Dürfen wir dem Fremden folgen?« »Wenn das Goldauge hier ist, werden ihn seine Freunde zu finden wissen. Seine Spur ist die eines weißen Mannes.« »Gut, Häuptling! Es ist Verstand in deinen Worten. Was uns der Mann hier mitzuteilen hat, kann uns nicht lange aufhalten. – Nimm deinen Pack auf, Windenblüte; geht voran. Fremder; wir sind bereit, mit Euch zu gehen.« Ohne sich mit einer Erwiderung aufzuhalten, schritt der Yankee hastig voran. Der Trapper half der Indianerin das Paket auf den Kopf nehmen und schulterte nun seine lange Flinte. Dann folgte das Kleeblatt in der gewöhnlichen Indianerreihe, einer hinter dem anderen, dem Amerikaner. Die Vier waren kaum in einer der gegenüber der alten Kathedrale ausmündenden Gassen verschwunden, als Graf Raousset-Boulbon in großer Hast, die Versäumnis nachzuholen, auf dem Platz erschien und seine verspätete und vergebliche Wacht begann. – Master Brown hatte zwar seine Wohnung nicht weit von der des Grafen; aber er hütete sich wohl, seine Gäste auf dem geraden Wege dahin zu führen. Er schlug verschiedene Umwege ein, bis er die bestimmte Richtung wieder erreicht hatte. Dann geleitete er sie durch den matt erleuchteten Flur einer Spelunke der niedersten Sorte über den Hofraum nach einem kleinen, aus Balken und Brettern zusammengeschlagenen Hintergebäude. Er schloß auf und steckte eine Lampe an. Die Wohnung war bequemer, als der äußere Anschein hatte vermuten lassen. Die Wände waren mit Segeltuch und alten Tapeten behangen. Ein Diwan, mit einem Teppich bedeckt, stand an einer Seite; auf der anderen ein Schrank mit festem Schloß. Ein Tisch mit mehreren handfesten Stühlen vervollständigte die Einrichtung. An der Rückwand führte eine Tür in eine dunkle Kammer, die zum Schlafgemach diente. An den Wänden hingen Kleidungsstücke, eine Jagdtasche und eine Flinte. Master Brown ging sofort an den Schrank und nahm einen Krug mit Whisky, Brot und den Rest einer tüchtigen Hirschkeule heraus, Wasser und Gläser stellte er auf den Tisch. »Ihr seid sicherlich müde und hungrig, Señores«, sagte er einschmeichelnd. »Das Mädchen ist zu jung, um die Anstrengungen eines langen Marsches zu ertragen. Langt zu! Und dann laßt uns von Geschäften reden. – Da drinnen in der Kammer ist eine einfache Lagerstätte von Maisstroh und Decken; wenn sie schläfrig wird, mag Eure Begleiterin sich niederlegen. – Hier sind Zigarren von Kuba, die ich gestern erst gekauft.« Der Kanadier schenkte sich ein Glas des feurigen Branntweins ein und leerte es auf einen Zug. »Verteufelt gutes Zeug, Mann«, sagte er behaglich. »Ich habe lange nichts ähnliches gekostet in der Prärie. Aber –« fuhr er auf ein Stirnrunzeln Browns fort – »Wonodongah trinkt niemals das Feuerwasser der Weißen.« Der Indianer, statt von dem aufgetragenen Mahl zu genießen, hatte seiner Schwester ein Zeichen gegeben. Comeo öffnete niederknieend das Reisebündel und legte für sich und ihren Bruder einige Streifen gedörrten Büffelfleisches und ein Stück frischen Maiskuchen auf den Tisch. Dann ging sie hinaus in den Hof und holte von dem Brunnen, den sie dort gesehen, in ihrer Kürbisflasche frisches Wasser. Sie kauerte in einem Winkel nieder, bis der junge Häuptling seine Mahlzeit gehalten hatte. Dann erst schenkte sie sich selber einen Becher ein und nahm ein Stück von dem Fleisch und dem Kuchen. Ihrem Wirt gefiel das zurückhaltende Benehmen herzlich wenig, trotz der Beruhigung seines weißen Gastes; denn er wußte aus seinem Verkehr in den Prärien von Texas sehr wohl, daß ein Indianer niemanden als seinen Gastfreund ansieht, nicht einmal als befreundet, ehe er nicht mit ihm sein Brot geteilt hat. Er konnte im Augenblick dieses offenbare Mißtrauen nicht ändern und mußte sich mit dem Eifer und dem Appetit Eisenarms begnügen. Die Reste der Hirschkeule verschwanden mit einer fabelhaften Schnelligkeit unter seinen mächtigen Kauwerkzeugen. Wiederholt befeuchtete er seine Mahlzeit mit einem tüchtigen Glase, ohne daß der genossene Branntwein den geringsten Einfluß auf seine riesenhafte Natur ausübte. Als er endlich gesättigt war, warf er einen fragenden Blick auf seinen roten Freund; als Wonodongah indes keine Miene machte, seine Pfeife anzuzünden, sondern ruhig und stumm am Tische stehenblieb, schüttelte er den Kopf und steckte sich eine der Zigarren an. »Nun, Mann, ich glaube, es wird Zeit sein, Näheres von unserem Freunde, dem Gambusino José zu hören«, redete er den Yankee an. »Wo verließt Ihr Goldauge?« »In Paris, Señor Eisenarm.« »Meiner Treu, das ist weit genug! Und was machte er, als Ihr ihn zuletzt saht?« »Er schlief!« »Wie? – Er schlief?« »Den Schlaf,« sagte ernst Wonodongah, »den die weißen und roten Männer tun, bevor ihre Geister eingehen zu den Jagdgefilden ihrer Väter!« Der Trapper sprang erschrocken auf. »Um Himmels willen, Jaguar, was willst du damit sagen?« »Daß Ojo d'Oro in dem Lande jenseits des großen Wassers gestorben ist!« »Woraus schließest du das? – Ich weiß, deine Zunge ist nicht die eines schwatzhaften Weibes und spricht nicht Dinge aus, für die sie keine Beweise hat.« Der Komantsche wies ruhig nach der Wand, an der im Schatten die Jagdtasche und die Büchse hingen. »Das scharfe Auge meines weißen Bruders ist von dem Feuerwasser getrübt,« sagte er überlegen, »sonst hätte er längst die Waffe unseres Freundes erkannt.« Mit zwei Schritten war der Kanadier an der Wand und riß die Büchse herunter. »Wahrhaftig! – Dein Auge ist das eines Adlers! – Es ist das alte Gewehr Goldauges, das er schon längst gegen eine neue Büchse vertauscht haben würde, wenn der Teufel des Spieles ihm dazu das Geld gelassen hätte! – Und das ist auch seine Tasche. – Mensch!« er faßte den Yankee bei der Brust und schüttelte ihn wie eine Feder, »wie kommst du zu den Sachen! Was hast du mit unserem Freunde angefangen?« Der Amerikaner machte sich kräftig von der Faust seines Gastes los. »Sachte, sachte, Senor Eisenarm. Ihr tut einem unschuldigen Manne Unrecht, statt Eure Kraft an den Mördern Eures Freundes zu erproben. – Was Ihr hier seht, ist die ehrliche Erbschaft des guten Señor Don José; denn es ist leider wahr, daß er ein toter Mann ist.« Eisenarm setzte sich bei der Bestätigung dieser Nachricht schweigend auf seinen Platz. »Zwanzig Jahre lang – und zehn davon mit dir, Wonodongah – haben wir zusammen die Berge und die Prärie durchstreift und manchen Schuß mit den verräterischen Hunden, den Apatschen gewechselt«, sagte er traurig. »Und nun hat ihn das schändliche Gold in den Tod getrieben. Und wir sind schuld daran, weil auch wir uns verblenden ließen und unsere Einwilligung zu der Reise gegeben haben. Was kümmerte es mich, ob meine Landsleute die Goldschätze besitzen oder nicht! – Und wenn der ganze Buenoventura ein flüssiger Strom voll von dem gelben Metall wäre, er könnte uns nicht das Leben eines treuen und wackeren Freundes ersetzen!« – Dann plötzlich raffte er sich von diesem Ausbruch seines Schmerzes empor und richtete sein Auge drohend auf den Yankee. »Ihr habt von seinen Mördern gesprochen!« sagte er finster. »Das ist nicht das Wort für einen Tod im rechtlichen Kampf. So wahr meine Mutter im Frieden eingeschlafen ist – wir wollen nicht ruhen, bis Ojo d'Oro gerächt ist!« »Ihr braucht deshalb nicht über das Meer fahren, Señor Eisenarm«, erwiderte heimtückisch der Amerikaner. »Der Mörder hat sich selber Eurer Rache überliefert!« Der Kanadier hatte sich zu seiner vollen Höhe aufgerichtet; seine gewaltige Faust stützte sich auf den Tisch, während er scharf und drohend auf den Arglistigen schaute. »Ihr sprecht in Rätseln, Fremder«, sagte er barsch. »Wir Westleute sind zwar gewohnt, die Andeutungen des Himmels zu verstehen oder die Teufeleien herumstreichender Apatschen zu erraten, aber nicht die Schlechtigkeit der Leute in den Städten. Redet deutlich! Erzählt, was Ihr wißt, wenn wir Euch nicht selber in Verdacht haben sollen.« Dem drohenden Worte des Trappers antwortete ein beistimmender Ausruf des Indianers: »Howhg!« Master Brown begriff, daß er all seine Schlauheit und Kaltblütigkeit nötig haben würde, um den Verdacht zu besiegen. Er nahm daher ruhig die Jagdtasche des Gambusinos von der Wand, öffnete sie und zog mehrere Kleidungsstücke heraus; es war die noch mit Blut bedeckte, von der Kugel zerrissene Jacke José Marillos', die Brown sich nach der mißlungenen Operation und dem Tode Josés mit der Büchse, der Tasche und anderen Kleinigkeiten zu verschaffen gewußt hatte. Die Bewegung des Trappers bewies dem Yankee, daß er den Rock seines alten Freundes wieder erkannt hatte. »Hört mich an, Señor Eisenarm!« sagte er gefaßt und jedes Wort genau überlegend. »Ihr sollt erfahren, was ich von Eurem Freunde weiß. – Señor Don José hat in New-Orleans mich zum Teilnehmer angeworben für die Ausbeutung des großen Goldschatzes, den Ihr drei zu entdecken das Glück hattet und wovon diese Stufe hier eine Probe ist. – Da es bestimmt war, daß er damit über das Meer gehen sollte, um sie in Frankreich der Regierung oder einer Gesellschaft anzubieten, so habe ich all meine Habe zu Geld gemacht und Don José als Geschäftsführer begleitet. Er glaubte, wie zwei Dritteile in Mexiko, daß der Kaiser Napoleon, der Feind der Engländer, noch immer auf dem Throne von Frankreich säße; pah! – die Engländer haben ihn längst vor mehr als dreißig Jahren auf einer wüsten Insel verhungern lassen! – So sahen wir bald ein, daß es nichts war mit unserm Handel in Paris und daß die Leute dort genug zu tun haben mit ihren eigenen Angelegenheiten, statt nach Amerika zu kommen und gegen die Apatschen zu kämpfen. – Gestohlen hätten sie uns freilich gern das Geheimnis. Und so ist es leider auch gekommen. Ein vornehmer Herr und berühmter Krieger, der sein Vermögen in der eigenen Heimat verschwendet hat und dem Don José unvorsichtig einen Teil des Geheimnisses anvertraute, hat ihn durch seinen Schurken von Diener bei einem Aufstand hinterrücks erschießen lassen und ihn dann des Plans beraubt, auf dem die Lage des Goldtales verzeichnet ist. – Ich habe ihn bis zum letzten Augenblick verteidigt – und mich hat er sterbend beschworen, Euch das Erbe seiner Rache zu überbringen. Obwohl man versuchte, mich ins Gefängnis zu werfen, bin ich ihnen glücklich, wenn auch mit Verlust meiner Habe, entkommen; und der Himmel hat mir die Kraft gegeben, daß ich der Spur des Mörders unseres Freundes bis hierher folgen und zugleich Euch erwarten konnte. Gemeinschaftlich mit Euch will ich den Ermordeten rächen!« Master Brown trocknete sich mit einer heuchlerischen Gebärde des Kummers und der Entrüstung eine Träne aus seinem Schielauge und suchte dabei den Eindruck seiner lügnerischen Erzählung zu beobachten. Die Stirn des Trappers hatte sich zu finsteren Falten zusammengezogen; sein Auge starrte auf die blutigen Kleider seines Freundes; seine Faust umklammerte den Griff des großen Jagdmessers so fest, als wollten die Finger sich in das harte Hirschhorn eingraben. Von dem Trapper wandten sich die forschenden Augen des Yankees auf den Indianer. Der junge Häuptling erhob den Kolben seiner Büchse, prüfte das Schloß und stellte sie an die Wand. Dann – zum ersten Male, seit er das Gemach des Amerikaners betreten – ließ er sich auf einen der Holzstühle nieder und öffnete das lederne Jagdhemde. »Comeo!« Windenblüte erhob sich aus ihrem Winkel und trat zu ihrem Bruder. Er sagte einige Worte in der Komantschensprache. Behende schlüpfte sie zu dem Paket, das ihre kleinen Habseligkeiten und Vorräte enthielt, öffnete die Decke und holte einen kurzen Lederbeutel heraus. Wonodongah nahm aus dem Beutel einige Stücke farbiger Erde und Kreide, schabte davon in eine Muschelschale, befeuchtete es mit einem dünnflüssigen Harz und begann sich in schwarzen, weißen und roten Streifen das Gesicht und die Brust zu bemalen. Eisenarm warf ihm einen finster« Blick zu. »Was soll das, Häuptling? – Hast du vergessen, daß wir uns in einer Stadt der weißen Männer befinden? Deine Kriegsfarben sind da nicht angebracht!« »Mein Bruder Eisenarm,« sagte der Komantsche ruhig weiter zeichnend, »redet mit seiner weißen Zunge. Warum hat er seine rote Zunge in der Prärie gelassen? Das Blut eines Freundes schreit nach Rache in den Mauern einer Stadt, wie zwischen den Gräsern der Prärie.« »Bras-de-fer ist nicht der Mann, der zurückbleibt, wenn es gilt, einen Freund zu verteidigen oder seinen Tod zu rächen!« antwortete der Kanadier. »Aber jedes Volk hat seine Gebräuche. – Es mag gut sein für die Wildnis, sich mit Kriegsfarben zu bemalen; aber in die Städte paßt es nicht; und die Jungen auf der Straße würden dir hier nachlaufen.« »Wonodongah ist ein großer Häuptling«, sagte der Komantsche. »Er verachtet das Lachen der Weiber und wird sie an ihrem Feuer weinen machen, wenn er die Skalpe ihrer Männer und Brüder genommen hat. – Die Schielende Ratte« – er bezeichnete mit diesem schmeichelhaften Namen den Yankee – »hat dem Jaguar gesagt, daß die Mörder seines Freundes hier sind. Er kennt nur einen Weg von der Stunde an. Die Schielende Ratte möge vorangehen und die Mörder zeigen; der Tomahawk wird in der Hand Wonodongahs sein.« Die Entschlossenheit des Komantschen schien jedoch dem Yankee keineswegs zu gefallen; er rührte sich nicht von seinem Platz und schüttelte bedeutsam den Kopf nach dem Trapper. »Kalkuliere, Señor Eisenarm,« sagte er bedächtig, »Ihr seid ein ruhiger und verständiger Mann. Ihr werdet einsehen daß eine unüberlegte Tat mitten in der Bevölkerung von San Franzisko uns allen große Unannehmlichkeiten bereiten müßte. Ich habe Euch gesagt, daß der Mörder – denn ich zähle den Arm und nicht das Messer – ein großer und vornehmer Herr ist, an den arme Leute nicht so leicht herankommen können. Sonst, so wahr ich Jonathan Brown heiße, hätte diese eine Hand genügt, den armen José zu rächen!« »Nennt uns den Namen, Mann; und dann überlaßt die Sache uns«, sagte finster der Trapper. Der Yankee schüttelte bedächtig den Kopf. »Nicht so rasch, nicht so rasch, Señor Bras-de-fer! Ehe ich Euch den Namen nenne und meinen Hals in die Schlinge stecke, möchte ich auch gern wissen, wofür ich das tue. Wir müssen zuerst doch miteinander bereden, ob Ihr den Vertrag Eures toten Freundes mit mir halten wollt; im andern Falle sage ich Euch im voraus, daß ich keine Lust habe, mir die Finger zu verbrennen.« »Und worin bestand Euer Vertrag? Sagt uns die Bedingungen. Wenn ein ehrlicher Mann sie halten kann, soll es geschehen.« »Schaut, Señor,« meinte der Yankee mit schlauem Augenblinzeln, »ich kalkuliere, daß Ihr ganz die Männer dazu seid, da Ihr den Weg zu dem Schatze kennt. – Señor José«, Euer Freund, hatte mir, um es kurz zu machen, versprochen, daß, ich gleichen Teil mit Euch dreien haben sollte, wenn ich ihm die Mittel verschaffte, die Mine auszubeuten, oder, wenn es Euch recht wäre, wollte er mir auch ganz das Recht daran verkaufen. Er hat eine bedeutende Summe als Vorschuß empfangen; denn die Reise über das Meer und der Aufenthalt in Paris kosten Geld. Nun ist er als mein Schuldner gestorben, und ich bin ein betrogener Mann, wenn Ihr sein Wort nicht haltet!« »Macht nicht soviel Reden!« sagte barsch der Kanadier. »Was unser Freund José Euch schuldet, soll bezahlt werden. Meinst du nicht auch, Jaguar?« Der Komantsche lächelte verächtlich. »Das rote Gold hat nur für die weißen Männer Wert. Wenn die Schielende Ratte uns den Namen des Mörders nennt, soll er meinen Anteil am Golde haben.« »Zum Henker, den meinen auch! – Ich kümmere mich ebensowenig um das Gold, vorausgesetzt, daß der Erbe unseres Freundes es uns an Pulver und Blei nicht fehlen läßt und ein Paar gute Büchsen für dich und mich hinzufügt. – Habt Ihr gehört. Mann?« Der Yankee hatte während des kurzen Wortwechsels, ohne eine Silbe zu verlieren, aus dem Schrank Tinte und Papier genommen. Die Frage Eisenarms störte ihn aus tiefen Gedanken. Trotz aller seiner Schlauheit und Kaltblütigkeit konnte Master Jonathan kaum seine innere Bewegung beherrschen. Diese beiden einfachen Männer vor ihm, kaum mit dem Notdürftigsten versehen, warfen gleichgültig Schätze von sich, die Millionen bis zum Wahnsinn geblendet hätten. Seine kleinen Augen funkelten vor Habgier. Er empfand in seiner Kehle ein Gefühl des Erstickens bei dem Gedanken, mit so leichter Mühe das alleinige Recht auf die unermeßlichen Reichtümer erlangt zu haben. Aber er begriff auch, daß er diese Habgier, diesen Golddurst unmöglich sehen lassen dürfe, wenn er nicht Widerwillen hervorrufen und vielleicht den ganzen Handel rückgängig machen wollte. Zugleich trat ihm eine andere Erwägung nahe. Er wußte, daß er ohne diese beiden Männer niemals das Urbild dieser Fata Morgana, deren blendende Strahlen sein Gehirn erhitzten, auffinden konnte; aber er begriff auch, daß mit diesem Auffinden allein nur wenig gewonnen war. Zwischen der zivilisierten Welt, dem Genuß der Schätze und diesen Schätzen selber, als deren Besitzer er sich zu betrachten anfing, lagen drei mächtige Hindernisse: die Gefahren der Wildnis, die Apatschen, und die Sonoragesellschaft des Grafen von Boulbon. Er wußte nicht, wie weit das Amulett, das der sterbende Gambusino dem Grafen geschenkt oder um das er ihn, wie seine eigene schlechte Natur gehässig glaubte, betrogen hatte, das Geheimnis der Goldhöhle verriet. Aus den vorsichtigen Andeutungen des Gambusinos meinte er aber entnehmen zu können, daß es allein nicht genügte, um ohne Führung den Ort auffinden zu können. Sonst hätte er kaum während der langen Reise und des Aufenthaltes in Paris gezögert, sich, selbst durch einen Mord, in den Besitz dieses Amuletts zu setzen und dann auf eigene Hand zu suchen. Es galt also vor allem, diese beiden einzigen Kenner des Weges und Mitwisser des Schatzes von dem Grafen fernzuhalten. Das hatte er zum Teil erreicht durch die Verhinderung, der Zusammenkunft und durch die Verdächtigung des Feindes. Nun mußte er den Trapper und den Indianer zu Todfeinden des Franzosen machen, um sie ganz seinen eigenen Absichten und Plänen dienstbar zu sehen. Bei allem Vertrauen, das der Mut, die Kaltblütigkeit, die Geschicklichkeit dieser Männer ihm einflößte, wußte er doch, mit welchen unsäglichen Gefahren der Weg durch die Sonora verknüpft war. Es fehlte ihm keineswegs an dem Mut, mit dem der Geizhals sein Leben gegen den Räuber einsetzt, der ihm sein Geld nehmen will; aber seine Vorsicht und Berechnung war überwiegend. Selbst wenn es ihm mit seinen beiden Begleitern gelang, die Goldhöhle zu erreichen, gewann er nichts, als daß er sich mit eigenen Augen von ihrem Vorhandensein überzeugte. Denn das Gold, das er auf dem ebenso gefährlichen Rückwege mit sich tragen konnte, war in der Berechnung seiner Habgier nichts gegen die Schätze, die er dann zurückließ. Daß sich seine Gefährten nicht zu seinem Vorteil mit Goldstufen beladen würden, dafür bürgten ihm ihr Charakter und ihre Gewohnheiten. Unter all diesen Schwierigkeiten und Bedenken fuhr ihm ein ebenso teuflischer wie glänzender Gedanke durch den Kopf. Er mußte den Grafen seinen Zug zur Auffindung und Eroberung des geheimnisvollen, von so vielen Gefahren umgebenen Goldtales antreten lassen, ja ihn nötigenfalls dabei unterstützen. Der Graf mit seinen dreihundert Abenteurern sollte ihm den Weg bahnen und die Gefahren und Hindernisse für ihn bekämpfen; die Apatschen besiegen und verjagen und ihm; John Brown, dann im letzten Augenblick Platz machen, damit er über seine Leiche hinweg seine Hand auf jene unermeßlichen Schätze legen könnte mit dem Rufe: Jetzt sind sie mein! – Der kalt berechnende Schurke fühlte, so abenteuerlich auch der Gedanke klang, er war doch ausführbar. In einem Kampf zwischen solchen Feinden konnte es ohne ein langes und tödliches Blutvergießen nicht abgehen. Die Abenteurer Boulbons mit ihren größeren Hilfsmitteln mußten, – daran zweifelte er nach den Erfahrungen der amerikanischen Kriege nicht – die Stämme der Apatschen besiegen und vernichten; aber in diesem Kampfe mußten sie selber aufgerieben werden. Es blieb, wenn sie in der Nähe des Goldtales anlangten, sicher nur noch eine so kleine Schar übrig, daß seine Schlauheit leicht mit ihr fertig werden konnte. Die einen Feinde durch die anderen verderben: das öffnete ihm den Weg zu seinem Ziele! – Der Geist des Yankees wuchs mit seiner Habgier. »Señor Eisenarm,« sagte er heiser vor innerer Erregung, »es wird gut sein, wenn wir die Punkte unseres Vertrages zu Papier bringen. Nicht, daß ich Euch oder dem tapferen Häuptling im geringsten mißtraute; es ist nur, damit später kein Streit über irgendeine Frage entsteht.« »Der Teufel hole Eure Schreibereien! Sie sind an allem Unheil in den Städten schuld. Ihnen allein verdanken es die Rothäute, daß ein Stück Land nach dem anderen von ihren Jagdgebieten abgerissen worden ist. Ein Manneswort ist besser als alle Tintenklecksereien.« Der Indianer machte eine ungeduldige Bewegung. »Möge die Schielende Ratte ihren Vertrag malen; der Häuptling der Komantschen hat seine Augen offen, wenn er sein Totem darunter setzt.« »Gut, Häuptling! – Wenn du nichts dagegen hast – mir ist es gleichgültig. – Schreibt also immerhin und haut uns nicht übers Ohr. Denn wenn meiner Mutter Sohn, Gott sei Dank, auch nicht schreiben kann, hat er doch ein vortreffliches Gedächtnis.« Der Yankee entwarf kurz und bündig einen Vertrag. Er las ihn vor: »Louis Leblanc, genannt Eisenarm, und Wonodongah, Häuptling der Toyahs, verpflichten sich mit ihrem Wort, von heute ab auf ein Jahr lang dem Jonathan Brown gegen seine Feinde beizustehen, ihn zu dem Goldtale im Apatschengebiet zu geleiten und ihren Anteil ihm zu überlassen; wogegen besagter Jonathan Brown sich verbindlich macht, die Genannten mit guten neuen Gewehren und allem Schießbedarf während des Unternehmens zu versehen, auch alle sonstigen Kosten und Ausrüstungen zu tragen. Er verpflichtet sich ferner, ihnen die Personen zu überliefern, die José Marillos, den Gambusino, zu Paris am 4. Dezember 1851 schändlich ermordet haben.« Der Yankee wußte, daß diese einfachen Worte vollkommen genügten, ihn zum Herrn dieser beiden Männer zu machen. Er reichte Eisenarm die Feder zur Unterzeichnung. Der Riese drehte das kleine Werkzeug, das soviel Aufklärung und Unheil in die Welt gebracht, wie ein zerbrechliches Spielzeug zwischen den kräftigen Fingern. »Mein Vater selig,« sagte er endlich, »hat sein Geld besser anzuwenden verstanden, als daß er einen Schulmeister für mich gehalten hätte. – Aber ich habe mir sagen lassen, daß die Leute in den Städten und in den Ansiedlungen in solchem Falle drei Kreuze unter das Geschreibsel zu malen pflegen, und daß es ebensoviel ist, als hätten sie sich mit ihrem vollen Namen verpflichtet.« »Es genügt vollkommen, Señor Eisenarm.« Der Trapper nahm die Feder, wie er etwa sein Jagdmesser zu fassen pflegte, und malte drei Kreuze auf das Papier, die über den halben Bogen reichten. »Uff!« sagte er, die Feder sorgfältig dem Indianer hinhaltend, und sich den Schweiß von der Stirn trocknend, »es ist wahrhaftig leichter, einem Apatschen eine Kugel zwischen die dritte und vierte Rippe zu jagen! Alles kommt auf die Gewohnheit an. Jetzt ist die Reihe an dir, Wonodongah, deinen Totem zu malen.« Der junge Häuptling wies mit einer kalten und stolzen Gebärde die Feder zurück. »Wonodongah kann warten.« »Wie, Komantsche, du willst nicht die Mörder unseres Freundes in deine Gewalt bringen?« »Mein weißer Bruder vertraut zu leicht. Der Große Jaguar der Toyahs wird sein Totem unter jenes Papier setzen, wenn die Schielende Ratte ihm beweist, daß der Mann, dessen Verderben sie will, unseren Freund ermordet und beraubt hat, und daß sie ihn in unsere Hand liefern kann.« Die scharfe Beobachtungsgabe des Indianers hatte richtig den Haß des Yankees als Triebfeder seiner Handlungsweise erfaßt. »Du hast recht, Komantsche«, nickte der Jäger. »Man muß uns die Namen nennen und die Beweise liefern; eher gilt der Handel nicht.« Master Brown biß sich ärgerlich auf die Lippen; er zitterte innerlich vor Zorn, so nahe an der Erreichung seines Zweckes wieder aufgehalten zu werden. Aber er verbarg seinen Verdruß so gut wie möglich. »Ihr werdet gewiß auf dem Wege hierher von der großen Sonoragesellschaft haben sprechen hören, Señor Eisenarm,« sagte er, »die ein französischer Graf vorbereitet?« »Ein Fallensteller, mit dem wir vor zwei Tagen unsere Mahlzeit teilten, hat uns davon erzählt. Es sollen sich wackere Männer und tüchtige Jäger daran beteiligt haben. Wenn wir nicht durch die Übereinkunft mit unserem Freunde gebunden gewesen wären, hätten wir wohl Lust gehabt, uns zu melden.« »Ihr werdet anders denken, wenn Ihr erfahren habt, daß der Graf Raousset-Boulbon durch seinen Diener hinterrücks Ojo d'Oro hat ermorden lassen.« »Teufel! – Wenn Ihr das beweisen könnt – und wenn er der Kaiser Napoleon selber wäre – meine Büchse sollte ein Wort mit ihm zu sprechen bekommen.« »Ich hoffe. Euch den Beweis geben zu können,« sagte giftig der Lügner, »wenn Ihr mir versprechen wollt, vorsichtig zu sein und Euch ganz meinen Unordnungen zu fügen.« »Wir sind Männer!« »Laßt Eure Waffen und Euer Gepäck hier bei dem Mädchen, das sich unterdes zur Ruhe legen kann. Sie ist hier sicher. Wir haben einen Ausgang zu machen, bei dem uns nicht Eure Büchsen, sondern nur List und Vorsicht helfen können.« Von dem dringenden Wunsch getrieben, sich von der Wahrheit zu überzeugen, willigten die beiden Männer ein, daß Windenblüte allein zurückbleiben sollte. Master Brown empfahl Comeo, das Haus unter keinen Umständen zu verlassen und niemandem zu öffnen. Dann winkte er den beiden Freunden und verließ mit ihnen das Haus. Master Brown hatte seine Spionage über alle Handlungen seines gehaßten Gegners mit so großer Geschicklichkeit betrieben, daß er vollständig in seiner Wohnung Bescheid wußte und sie mehr als einmal heimlich betreten hatte. Er war deshalb nicht im geringsten besorgt, seinen Zweck zu erreichen. Nur aus einigen Spiel- und Trinkhäusern, in denen die Schwelgerei bis zum hellen Morgen zu dauern pflegte, schien noch Licht und tobte wüster Lärm; den einzelnen trunkenen und händelsüchtigen Heimkehrenden, denen die drei Männer begegneten, gingen sie aus dem Wege; die Strolche, die auf nächtlichen Fang ausspähten, wichen den hohen und kräftigen Gestalten des Trappers und des Indianers aus. Ohne Hindernis gelangten sie wieder auf die Plaza mayor und an das Haus, das der Graf mit seinen Leuten bewohnte. Es war ein weites, einstöckiges Gebäude. Mit jener fabelhaften Schnelligkeit, wie alle die Wohnungen umher, war es aus dem Schutt des großen Brandes entstanden, nur leicht aufgesetzt aus Fachwerk, Brettern und Leinewand. John Brown ging um das Gebäude herum und überzeugte sich sorgfältig, daß nirgend mehr Licht war; alles lag im tiefsten Frieden. Dann kehrte er zu seinen beiden Begleitern zurück. »Habt Ihr schon einen Tiger gesehen, Seüores?« fragte er. »Ich habe ihrer wenigstens zwei Dutzend erlegt. Wenn wir zurückkommen, könnt Ihr Euch an den Kerben meines Büchsenschaftes überzeugen. Und Wonodongah war Tigrero wie ich.« Der Trapper befand sich in dem gleichen Irrtum wie auch Dolores Montera. »Von den amerikanischen Tigern ist nicht die Rede, Señor Bras-de-fer,« sagte Brown, »sondern von dem indischen, der dem Grafen, unserem Feinde, gehört. Er bewacht den Eingang wie der beste Hüter. Wenn ein Fremder die Schwelle bei Nacht zu überschreiten wagte, würde sein Geheul bald die ganze Sippschaft auf die Beine bringen. Ich bin zwar ein guter Freund der Bestie, da ich ihr jedesmal, wenn ich hier war, irgendeinen Hund oder eine Katze zum Spielen mitgebracht habe. Und ich bin vielleicht der einzige, den sie nicht mehr anheult; da Ihr beide aber dabei seid, müssen wir einen anderen Weg nehmen.« Er führte die Jäger nach der Rückseite des Hauses und klopfte dann mit einem Stock vorsichtig an die Eisenstäbe eines der über Manneshöhe vom Boden befindlichen schmalen Fenster. Nachdem er dieses Zeichen noch einmal wiederholt hatte, wurde die Decke von geteerter Leinewand, die zum Schutz gegen die Nachtluft und die Moskitos diente, zur Seite geschoben; der kahl geschorene Kopf eines jungen Chinesen mit dem langen Zopf und den kleinen Schlitzaugen, die in der Schlaftrunkenheit fast ganz verschwanden, kam an dem Gitter zum Vorschein. »Ay, wer klopft denn noch so spät in der Nacht? Ich bin müde und habe keine Lust zu Gesprächen.« »Ich bin es, Tschu-sin, dein Freund Brown. Ich habe dich dringend zu sprechen. Mach' keine Umstände. Öffne!« »Ay, Senor Brown, Ihr seid es«, gähnte der Bursche. »Können wir das Geschäft nicht hier abmachen? Der Herr hat Gäste erhalten; das ganze Haus ist voll.« »Eben deshalb. – Beeile dich ein wenig, damit ich morgen früh dem Richter Walker nicht ein Wort ins Ohr zu flüstern brauche von dem silberenen Besteck, das du vor acht Tagen an den Hehler in der Hafenstraße verkauft hast. Es trug ein hübsches Wappen, das schwerlich deinem Herrn um bekannt sein dürfte.« »Pscht, pscht, Herr! – Tschu-sin ist Euer gehorsamer Diener! Ihr wißt es ja! – Ich komme sogleich.« Das Gesicht des jungen Diebes verschwand von dem Gitter; kurze Zeit darauf öffnete sich geräuschlos eine kleine Tür beim Fenster. Der Chinese, in blauem Kalikokittel und mit nackten Beinen, trat heraus und sah sich besorgt um. Als er die dunklen Gestalten der Jäger erblickte, wollte er sich erschrocken wieder zurückziehen; aber der Yankee hielt ihn am Arm und zog ihn einige Schritte von der Tür weg. Ihre leise Unterredung dauerte wohl zehn Minuten. Tschu-sin sträubte sich heftig gegen ein Verlangen des Yankee. Aber alle Ausflüchte halfen ihm nichts; der Amerikaner hatte ihn so fest in seinen Klauen, daß der junge Schelm endlich nachgeben mußte. Er bedang sich nur aus, daß er bei dem gefährlichen Unternehmm als Wachposten an der äußeren Tür bleiben durfte, um beim geringsten Anschein von Gefahr sich schleunigst aus dem Staube machen zu können. Von dem Chinesen hatte Jonathan Brown gehört, daß der Graf, anscheinend sehr mißmutig und zerstreut, gegen Mitternacht nach Hause zurückgekehrt war; nach einer kurzen Unterredung mit Bonifaz hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen und lag nun seit einer Stunde im Schlaf. Der Chinese wußte aus Erfahrung, daß dieser tief und fest zu sein pflegte. Das Schlafgemach des Grafen ging auf eine offene Veranda nach der Meerseite und war von zwei Seiten aus dem Innern zugänglich. Darauf hatte der mit dem Hause bekannte Yankee seinm Plan gebaut. Sobald er Tschu-sin seinem Verlangen gefügig gemacht hatte, gab er ihm ein Zeichen, voranzugehen. Er winkte seinen Gefährten, ihnen zu folgen. Einer nach dem andern trat in das Haus; der Yankee zündete seine mitgebrachte Blendlaterne an und bedeutete dem Trapper und dem Indianer, so leise wie möglich aufzutreten und jedes Geräusch zu vermeiden. Die Warnung war kaum nötig. Der Große Jaguar und Eisenarm waren durch die tausend Gefahren der Wildnis oft genug in einer Lage gewesen, wo der Erfolg ihrer Unternehmungen, ja ihr Leben von der Geräuschlosigkeit ihrer Bewegungen abhing; der geringste falsche Tritt, der Laut eines knisternden Blattes, eines geknickten Zweiges mußte das scharfe Ohr ihrer Feinde treffen. Auch der Yankee schien an solche Spähergänge gewöhnt; er zog in dem Flur, den sie betraten, seine Schuhe aus, schob sie in die weiten Taschen seines Rockes und schlich jetzt auf Strümpfen voran; den schwachen Schein der Laterne versteckte er sorgfältig in seinem Hut. Der Chinese blieb an der Tür zurück, bereit, bei dem geringsten Geräusch sich auf französische Art zu empfehlen. Durch Tschu-sin wußte John Brown, wo die am Abend Angekommenen untergebracht waren; so konnte er die Räume vermeiden, in denen sie auf einen der Schläfer stoßen mußten, deren Schnarchen oder unruhiges Atmen sie mehr als einmal durch die dünnen Türen oder die Matten hörten. Sonst herrschte die tiefste Stille im ganzen Hause. Aus dem Flur führte ein offener Ausgang nach dem kleinen, von den Hintergebäuden umgebenen Hof. Wie Schatten glitten die drei über den Raum, erstiegen die vier Stufen, die zu dem Schlaf- und Arbeitszimmer des Grafen führten. Eine kleine Holzbrüstung lief um die innere Seite des Gebäudes; auf diese öffnete sich eine der Türen des großen Gemaches. Zu seiner Freude fand der Amerikaner, daß diese Tür der Hitze wegen nur angelehnt war. Auf einen Wink kamen seine Begleiter näher. Er bog den Kopf an die Spalte und lauschte sorgfältig. Nichts ließ sich hören, als ein schwerer, ruhiger und regelmäßiger Atemzug. Der Graf, der die kleinen Eigentümlichkeiten seines berühmten Geschlechtes teilte, schlief einen festen und gesunden Schlaf. Unhörbar öffnete die geschickte Hand des nächtlichen Eindringlings die Tür; die drei traten lautlos in das Zimmer. Ein leichter Schein der Diebslaterne zeigte die einfache Einrichtung. An den weißgetünchten Wänden hingen Waffen und Kleidungsstücke; an der Winkelwand der Veranda stand ein großer Tisch mit Papieren und einer Karte von Mexiko. An der entgegengesetzten Wand, auf beiden Seiten frei, sahen die Männer ein niederes Ruhebett, von einem Musselinvorhang verhüllt, um den Schläfer gegen die lästigen nächtlichen Gäste, die Moskitos, zu schützen. Master Brown wartete eine Weile, bis er sich überzeugt hatte, daß ihr Eintreten nicht bemerkt worden war. Dann schritt er mit lautlosen Katzenschritten nach dem Bett, während seine Gefährten ihm folgten. Hier blieben sie noch einmal lauschend stehen. Nichts war zu hören, als der regelmäßige schwere Atemzug. Plötzlich machte Wonodongah eine Bewegung, um die Aufmerksamkeit seines Gefährten zu erregen. Dann hob er die Hand auf und streckte zwei Finger in die Höhe. Sein scharfes Gehör hatte das Atmen einer zweiten Brust vernehmen lassen. Eisenarm beugte aufmerksamer den Kopf an den Vorhang; dann nickte er. Diese Bestätigung vermehrte das Unbehagen des Yankees bedeutend. Er sah umher, als dächte er an einen Rückzug. Aber ein Blick auf das finstere strenge Gesicht des Komantschenhäuptlings und das Bewußtsein, daß für ihn alles auf dem Spiele stand, gab ihm die frühere Zuversicht wieder. Langsam zog er den Vorhang zurück und ließ einen schwachen Strahl der Blendlaterne auf das Lager fallen. Zwei Schläfer ruhten da: der Graf, und, von seinen Armen umschlungen, eine zweite zierliche Gestalt, halb bekleidet in der leichten Leinewandtracht eines Knaben: Jean-Suzanne. Ihr Kopf war auf die Brust des Grafen gelehnt; ihr Schlaf war sanft und süß; ein freundliches Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Ein Blick genügte dem Vankee, um in diesem nur durch die Reise und die Glut der mexikanischen Sonne ermüdeten Gesicht den jungen Verwandten des Grafen zu erkennen, der seit drei Monaten aus San Franzisko mit dem alten Avignoten verschwunden gewesen war. Ein zweiter Blick erklärte ihm, was ihm bisher trotz seinem Spähertalent ein Geheimnis geblieben war: – unter dem leichten Linnenhemd des schlafenden Knaben atmete der Busen einer Frau. Suzanne ruhte in dem Arm des Mannes aus, dem sie ihre Liebe und Treue, ihr ganzes Leben hingebend geopfert hatte. Ein höhnisches Grinsen über das entdeckte Geheimnis seines Feindes überflog das häßliche Gesicht des Yankees. Er hob spöttisch seinen Schielblick zu seinen Gefährten. Eisenarm blickte gleichgültig, doch nicht unfreundlich auf die junge Frau; Wonodongah aber hatte in dem natürlichen Schicklichkeitsgefühl des Naturkindes seine Augen von der Frau abgewandt und richtete sie auf die athletische Gestalt des Grafen. Je länger sie in dem matten Lichte der Diebslaterne auf dem vermeintlichen Mörder hafteten, um so glühender und drohender wurden sie. Sein Blick bohrte sich fest auf eine Stelle der ruhig atmenden Brust des Grafen. Ohne daß seinen Lippen ein Laut entfloh, schien doch sein bezeichnendes »Howßkl« seinen Gefährten so deutlich ans Ohr zu schlagen, daß auch ihre Blicke sich auf die Stelle bannten, die alle Aufmerksamkeit Wonodongahs gefesselt hielt. Hier befand sich der Beweis, den sie verlangt hatten, der jeden Argwohn, jedes Mißtrauen gegen Brown schwinden machen mußte. Das kleine, ihnen wohlbekannte Ledersäckchen des Gambusinos, in dem er die rohe Zeichnung des Weges zu dem Goldtal verborgen hatte, ruhte frei auf der breiten Brust des Grafen. Es war mit einer starken goldenen Kette um seinem Nacken befestigt. Man hätte es ihm nicht ohne Kampf entreißen können. Diese Entdeckung schien dem Grafen Raousset-Boulbon das Leben zu kosten. Der triumphierende Blick, mit dem der Yankee auf das Ledersäckchen wies, verwandelte sich in einen Blick des Schreckens, als er auf das grimmige Antlitz des Indianers traf. Wonodongah hatte seine Büchse und seinen Tomahawk in der Wohnung des Yankees zurückgelassen; er war aber dennoch nicht ohne Waffen; denn in seinem Gürtel steckte das lange scharfe Messer, dessen er sich auf der Jagd und zum Skalpieren seiner Feinde bediente. Blitzschnell hatte er es aus seiner Scheide von Fischhaut gerissen und schwang es zum Stoß, der das Herz des Mörders durchbohren sollte. Weder der Yankee noch die kräftige Hand Eisenarms, die sich nach dem Kampfgefährten ausstreckte, hätten die Tat verhindern können, wenn nicht jene geheimnisvolle Macht der Seele, die eine Gefahr des Geliebten vor- und mitempfindet, den Komantschenhäuptling gehindert hätte. Suzanne machte im Traume eine Bewegung; ein Seufzer entfloh den halb geöffneten Lippen. Ihr voller Arm legte sich schützend über die Brust ihres Geliebten. Das Herz des Mannes hätte nicht durchbohrt werden können, ohne auch die Frau zu verletzen. Wonodongah zögerte. Diesen Augenblick benutzte Eisenarm, die Faust des Häuptlings zu fassen und ihr das Messer zu entwinden. »Wonodongah ist kein Mörder, sondern ein Krieger«, flüsterte streng der Kanadier. Die Worte waren tonlos gesprochen; sie konnten unmöglich die Schläfer stören; aber die unvermeidliche heftige Bewegung bei dem kurzen Ringen und ein nur halb unterdrückter Angstruf des Yankees weckten Suzanne. Der Graf schlief fest weiter. Aber die Augen der jungen Frau öffneten sich langsam und starrten verwundert und noch schlaftrunken in das Halblicht. Der Blick wurde plötzlich starrer. Suzanne sah vor sich das von der Kriegsmalerei und von Haß und Zorn entstellte Antlitz Wonodongahs. Im ersten Augenblick glaubte Suzanne unter dem Druck eines bösen Traums zu leiden und starrte die furchtbare Erscheinung sprachlos an. Erst das Verschwinden des Lichtstrahls, das Niederfallen der Gardine und das Wort »Fort!« brachten sie zum Bewußtsein. Sie stieß einen lauten Schrei aus und fuhr entsetzt vom Lager empor. Der Graf erwachte sofort und griff zuerst nach seinen Pistolen am Kopfende des Bettes. »Was ist? Was gibt's?« »Um der heiligen Jungfrau willen, Aimé! – Es sind Feinde im Hause! – Ein furchtbares Gesicht – ein Wilder –« »Du träumst, Suzanne!« Zitternd mühte sich Suzanne, Licht zu machen. Als der Graf den Fuß auf den Boden setzte, trat er auf einen harten Gegenstand, den er von der Rohrmatte aufhob. »Bei allen Heiligen, Aimé, ich habe es deutlich gesehen! – Männer im Zimmer! – Licht! – Eine furchtbare Gestalt, die sich über dich beugte –« Der Strahl der Lampe fiel auf den Gegenstand, den der Graf in der Hand hielt. »Pardioux! – Du kannst recht haben! – Wie kommt das indianische Messer hierher?« Er faßte hastig seine Waffe. In diesem Augenblick hörte nan aus den Schlafzimmern des gegenüberliegenden Hauses den Knall eines schwachen Pistolenschusses. Der Graf warf einen Mantel über die Schultern und eilte hinaus. Der Schuß hatte die meisten Schläfer geweckt. Ehe sie sich aber aufgerafft hatten, um Hinauseilen zu können, war doch eine kurze Zeit vergangen. Der Graf war einer der ersten, die in dem gegenüberliegenden Hause erschienen, wo die Schlafzimmer seiner mexikanischen Gäste lagen. Beim Schein der herbeigebrachten Lichter sah man noch an der Decke des Flurs den Pulverrauch wirbeln. Nirgends aber war der Schütze oder sein Ziel zu sehen. Auch Don Esteban da Sylva Montera erschien unter der Gruppe, neugierig und erstaunt über die nächtliche Störung; mit ihm seine beiden Diener. Nur die Tür der Señora Dolores blieb verschlossen. Auf Befehl des Grafen wagte man nicht, sie zu stören; indes wurde im Schein der Lichter geradeüber von ihrer Tür auf dem Estrich des Ganges eine frische Blutbahn entdeckt. Leichte Blutspuren führten auch bis zu jener Hintertür des Hauses, durch die Tschu-sin die drei Männer eingelassen hatte. Die Tür war offen; der Chinese aber befand sich unter den versammelten Hausbewohnern mit der erschrockensten und unschuldigsten Miene und in so spärlichem nächtlichen Anzuge, daß nicht der geringste Verdacht gegen ihn laut wurde. Lange suchte man vergeblich eine Lösung der rätselhaften Störung. Man nahm an, daß irgendeiner der Vagabunden, an denen San Franzisko keinen Mangel hatte, einen Einbruch versucht hatte und wahrscheinlich auf der Flucht durch Selbstentladung seiner Waffe verletzt worden war. Der Graf beorderte eine Wache aus seinen Leuten an die Tür und bat seinen Gast, sich unbesorgt wieder zur Ruhe zu begeben.   Die drei Eindringlinge waren entflohen. Als der Yankee seinen Gefährten das »Fort!« zugerufen und den Vorhang des Bettes hatte fallen lassen, packte er zugleich den Arm des Trappery und zog ihn mit sich weg, überzeugt, daß der Indianer ihnm dicht auf den Fersen folgte. Die Übung der Wildnis hatte sie ohne jedes Geräusch durch die angelehnte Tür schlüpfen lassen. Sie eilten rasch über den Hof und betraten die andere Seite des Hauses, durch die sie eingedrungen waren. Hier bemerkte Wonodongah, daß er sein Jagdmesser verloren hatte. Er kehrte zurück, um es aufzufinden; seine beiden Gefährten hatten den Flur betreten, der zur Ausgangstür führte. Nicht mehr durch den Schein ihrer aus Vorsicht gelöschten Laterne unterstützt, stolperte der Yankee über eine Stufe und verstauchte sich den Fuß; er stieß einen Schmerzensruf aus. Eisenarm half ihm sofort wieder empor und trug ihn weiter, ohne sich nach seinem roten Gefährten umzusehen, dessen Gewandtheit und Kaltblütigkeit er vollkommen vertrauen konnte. Er war überzeugt, daß Wonodongah, wenn nötig, ihren Rückzug schützen würde. Zu diesem Zweck gab er ihm das für solche Fälle zwischen ihnen verabredete Zeichen, das leise, durchdringende Zischen der Klapperschlange. Wonodongah war bis an die Tür des Schlafzimmers zurückgesprungen, als er hörte, wie Suzanne den Grafen weckte und zu Hilfe rief. Er begriff, daß in wenigen Augenblicken alles aufgeschreckt sein würde. Sein Messer im Stich lassend, eilte er mit der Schnelligkeit des flüchtigen Hirsches zurück, um seine Freunde einzuholen. Er hatte den Flur wieder erreicht, als ihn das Zischen seines Gefährten warnte. Sofort blieb er stehen. Seine Hand faßte nach dem Gürtel, um den Tomahawk zu ergreifen; aber die Stelle war leer; er hatte ihn mit seiner Büchse und seiner Schießtasche in der Wohnung des Yankees zurücklassen müssen. Wonodongah war jetzt völlig waffenlos; aber er zögerte keinen Augenblick, dem Zeichen Eisenarms zu gehorchen und blickte im Dunkel umher, um die Gefahr zu erkunden und sich ihr entgegenzuwerfen. Gerade vor sich bemerkte er durch die Spalten der Tür einen Lichtschein; in der gleichen Sekunde öffnete sich diese Tür. In weitem weißen Nachtgewande, das schöne, entschlossene Antlitz von dunklem Gelock umwallt, stand auf der Schwelle ihres Zimmers Dolores Montera. Ihre Linke stützte sich gegen die Tür, ihre Rechte hielt ein gespanntes Terzerol. Im Hintergrunde warfen aus einem Armleuchter drei Kerzen ihren ungewissen Flackerschein auf den drohend vorgebeugten Komantschenhäuptling. Wonodongah stieß ein halb unterdrücktes »Uff!« hervor und machte unwillkürlich eine Bewegung auf Dolores zu. Aber ehe sie den Häuptling im Halbdunkel erkannte, hob sie blitzschnell die Waffe – der Schuß krachte. Die Kugel streifte den Oberarm des Häuptlings; das Blut rieselte nieder und färbte den Boden. Von der Hintertür her rief das zweite Zeichen Eisenarms den Komantschen eilig herbei. Von zwei widerstrebenden Gefühlen hin- und hergerissen, zauderte Wonodongah – dann deutete er auf die Wunde an seinem Arm. »Das Blut des Jaguars gehört der Tochter der großen Sonne!« – Erst jetzt wußte Dolores, wer unter der Kriegsmalerei verborgen war: der Tigrero der Hazienda del Cerro, der sie vor dem Grauen Bären gerettet hatte. Eine dunkle Röte überlief ihre Stirn; der Mund zuckte zu einem Wort der bitteren Verachtung und des Widerwillens; aber schon war der junge Häuptling gleich einem Schatten im Dunkel verschwunden. Der Blick, den Dolores ihm nachsandte, war ein seltsames Gemisch von Trotz, Bitterkeit und Besorgnis. Dann verlöschte sie das Licht der drei Kerzen mit bebender Hand, und die Tür schloß sich hinter ihr, bevor der Graf in den Flur stürzte. – Zwei Worte des Yankees hatten die Angst des jungen Spitzbuben Tschu-sin beruhigt. Er kehrte in seine Kammer zurück. Als Wonodongah bei Eisenarm und John Brown anlangte, übersah er mit schnellem Blick die Hilflosigkeit des Yankees und half wortlos, ihn in die nächste dunkle Seitengasse zu führen; unverfolgt erreichten sie seine Wohnung. Auf ihr Zeichen öffnete Windenblüte, die mit der ihr eigentümlichen Geduld in ihrer Ecke sitzengeblieben war, ohne sich zur Ruhe zu legen. Eisenarm und Jaguar ließen ihren fluchenden Gefährten auf einen Stuhl niedersitzen; der Komantsche kniete nieder, um die Verletzung zu untersuchen. Erst jetzt bemerkte Eisenarm, daß Wonodongah blutete. »Mein roter Bruder ist verwundet? – Hat der Schuß, den wir hörten, dich getroffen?« »Mein weißer Bruder mag ruhig sein! Zwei Blätter der Espe werden die Schramme heilen; der Große Jaguar wird seinem Feinde entgegentreten können, wenn die Sonne über die Felsgebirge emporsteigt. – Kann die Schielende Ratte ihren Fuß soweit bewegen, um das Papier zu holen, auf dem das Totem eines Häuptlings fehlt?« »Der Häuptling der Toyahs will den Vertrag jetzt unterschreiben?« fragte der Yankee frohlockend. Ein Blick grimmigen Hasses aus den Augen Wonodongahs antwortete ihm. »Der Adler der Weißen wird das Messer Wonodongahs an dem Lager seines Weibes finden«, sagte er stolz. »Das Kriegsbeil ist ausgegraben zwischen Jaguar und dem Mörder Ojo d'Oros, solange der Große Geist es will. Ich schwöre bei den Gebeinen meiner Väter, daß der weiße Mann nicht lebendig das Goldtal erwerben wird! – Gib den Vertrag!« Master Brown hatte sich beeilt, trotz seiner Schmerzen das Papier auf den Tisch zu legen. Wonodongah malte sein Totem, die rohe Gestalt des Jaguars, unter den Vertrag des Verräters. Ein Strahl habsüchtigen Triumphes schoß über das widerwärtige Gesicht des Yankees, als er jetzt diese beiden Männer gebunden wußte. Seine Befriedigung steigerte sich noch, als Wonodongah nach der Untersuchung seines Fußes die übersprungenen Flechsen wieder einrenkte und ihm aus seinem Medizinbeutel ein stillendes Mittel auflegte; er erklärte, daß der Fuß in vierundzwanzig Stunden wieder hergestellt sein würde. Kurze Zeit darauf lagen Eisenarm, Wonodongah und Comeo in festem Schlaf. Der Yankee aber wälzte sich ruhelos auf seinem Lager. Trotz den Schmerzen, die ihm der Fuß verursachte, berauschte er sich fast bis zum Wahnsinn an den Träumen von unermeßlichem Reichtum.   Am Morgen, während seine Gäste noch im tiefen Schlummer lagen, stellte Graf Raousset-Boulbon eine kurze Untersuchung über die Abenteuer der Nacht an. Die Angaben Suzannes über das, was sie gesehen haben wollte, schienen ihm mit den Schreckbildern ihres Traumes gemischt; sie waren auch schwankend und unbestimmt; die Zahl der nächtlichen Einbrecher konnte nicht festgestellt werden. Auch der Beschreibung des schrecklichen Gesichts mit den grellen Farben wollte der Graf keinen Glauben schenken, da alle bisherigen Erfahrungen dagegen sprachen, daß Indianer einen so verwegenen Streich gewagt haben sollten. Weit wichtiger war dem Gründer der Sonoragesellschaft die Nachforschung nach den beiden Männern, die er am Abend vorher vergeblich auf der Plaza mayor erwartet hatte. Durch Kreuzträger wußte er, daß der Trapper Bras-de- fer auf dem Wege nach San Franzisko gesehen worden war. Der Graf beriet sich mit seinem treuen Bonifaz, der, wenn er auch nicht sein ganzes Geheimnis kannte, doch wenigstens wußte, daß zur Ausführung seiner Pläne zwei Männer von seinem Gebieter erwartet wurden. Er holte Kreuzträger herbei, um ihn zu befragen und seinen Beistand in Anspruch zu nehmen. Zwei so aufrichtige Männer wie der Sackträger von Avignon und der gefährliche Feind der Apatschen mußten sich bald finden. Der Graf empfing sie in seinem Arbeitszimmer, auf dessen Tisch noch das Messer lag, das er in der Nacht auf dem Teppich vor seinem Bett gefunden hatte. Er teilte dem Jäger seinen Wunsch mit. »Ventre bleu!« meinte Kreuzträger. »Ich will zwar nicht sagen, daß meiner Mutter Sohn nicht ebensogut eine Fährte finden oder einen Apatschen zu Boden bringen kann, wie irgendein anderer Mann! Aber ich habe meiner Treu nichts dagegen, wenn eine Büchse von dem Ruf Bras-de-fers für unsere Gesellschaft knallt. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Ruhm eines Kameraden, Exzellenz. Der Teufel soll mich holen, wenn ich nach der gestrigen Probe mit diesem verdammten Wasserhai nicht begierig bin, zu sehen, ob Eisenarm oder Euer Exzellenz eine stärkere Faust besitzen.« Der Graf lächelte. »Ich hoffe, es wird zu keinem Streit zwischen mir und Meister Eisenarm kommen; wir wollen die besten Freunde werden, aber eben deshalb muß ich ihn und seinen Kameraden, den Großen Jaguar, sobald wie möglich sprechen.« Kreuzträger hatte während dieser Worte mit der Unbefangenheit der amerikanischen Westläufer das Messer in die Hand genommen, das neben ihm auf dem Tisch lag, und es zuerst gleichgültig, dann aber aufmerksamer betrachtet. Dann hob er erstaunt den Blick zu dem Grafen. »Euer Exzellenz wollen den Großen Jaguar treffen? Aber Sie haben ihn ja gesehen!« »Ich?« »Parbleu! Oder meine Augen fangen an, schlecht zu werden ! – Ich müßte mich sehr irren, wenn dies nicht das Messer des tapferen Komantschen ist; denn auf dem Griff hier sehe ich sein Totem eingeschnitten.« Der Graf ergriff hastig das Messer und besah es. In der Tat waren auf dem Horngriff die rohen Umrisse eines Tieres eingeschnitten, die man für die eines springenden Jaguars gelten lassen konnte. Die Entdeckung, daß die beiden gesuchten Männer in dieser Nacht heimlich an seinem Lager gewesen waren, machten den Grafen einen Augenblick bestürzt. Er fühlte, daß hier ein Rätsel vorlag, das er nicht zu lösen vermochte. – Wie konnten die beiden Jäger wissen, daß ein ihnen fremder Mann in Verbindung mit dem Gambusino gestanden hatte? Und wenn sie es durch einen Zufall erfahren hatten, warum suchten sie ihn nicht frei und offen auf? – Oder hatte der nächtliche Besuch überhaupt einen anderen, verbrecherischen Zweck, wie er anfangs angenommen? War es ein Zufall, daß der Einbruch gerade ihn betroffen? – Dennoch ließ ihn der auch von Kreuzträger verbürgte Ruf der Ehrenhaftigkeit Eisenarms und Wonodongahs mit Recht daran zweifeln, daß sie sich an einem gemeinen Verbrechen beteiligt haben sollten. Trotz alles Grübelns vermochte er diese bedrückenden Fragen nicht zu lösen. Das einzige, was er konnte, war, Kreuzträger und Bonifaz den Auftrag zu geben, den Trapper und seinen indianischen Gefährten in San Franzisko zu ermitteln und zu ihm zu führen. Graf Boulbon verabschiedete die beiden und erhob sich, um zum Frühstücke seine mexikanischen Gäste einzuladen. Dolores lehnte jedoch die Einladung ab und blieb den größten Teil des Tages unter dem Vorwande der Ermüdung in ihrem Gemach. Der Senator, Don Esteban, erschien sofort. Die gewöhnlichen steifen Höflichkeiten der Mexikaner, die sich einer Abstammung von dem »blauen Blut« der alten spanischen Konquistadoren rühmen, leiteten das Frühstück ein. Nach reichlich einer Stunde sonderten sich die beiden Herren ab und begannen die diplomatischen Verhandlungen, denen indes der Graf ziemlich zerstreut folgte. Bonifaz und Kreuzträger gaben sich während des ganzen Tages die größte Mühe, den Trapper und den Häuptling zu ermitteln; aber am Abend hatten sie nicht die mindeste Spur von den Gesuchten gefunden. Entweder waren sie gar nicht in San Franzisko gewesen und das Messer mit dem Totem des Jaguars war durch Zufall in eine andere Hand gefallen, oder sie hatten schon in der Nacht die Stadt wieder verlassen. Jonathan Brown war ein zu schlauer Kunde, um sich nicht auf die Nachforschung vorzubereiten. Mit Lügen hatte er seine neuen Verbündeten getäuscht und sie an sich gefesselt. Mit Lügen legte er ihnen strengste Verborgenheit auf, die um so leichter auszuführen war, als sie die Wohnung bei Nacht betreten hatten und von niemandem gesehen worden waren. Der Yankee dagegen ließ sich, um jeden Verdacht zu vermeiden, in den Straßen und in der Nähe der Wohnung des Grafen sehen und beobachtete, was dort vorging. Zugleich benutzte er die Gelegenheit, die Ausrüstung für sich und die Jäger zu besorgen, um jeden Augenblick bereit zu sein, der Sonoragesellschaft zu folgen. Unter den Abenteurern herrschte ein reges Leben und Treiben; denn die Erklärung des Grafen am Abend vorher, daß der Zug schon in den nächsten Tagen nach Guaymas unter Segel gehen werde, veranlaßte laute Freude. Alles war eifrig beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Auch am folgenden Tage blieben die Nachforschungen des Avignoten und Kreuzträgers ohne Erfolg. Der Graf konnte sich nicht mehr verhehlen, daß er das Stelldichein mit den beiden Freunden des toten Gambusinos verfehlt hatte. Die Tatsache stand fest, daß er mit seinen Plänen jetzt allein auf sich und die geringen Fingerzeige der unvollkommmen Zeichnung des Goldsuchers angewiesen war. Graf Boulbon war jedoch nicht der Mann, der wegen dieser Vereitelung seiner zuversichtlichen Erwartungen seinen Plan und seine Hoffnungen aufgab. Er vertraute, wie immer im Leben, seinem guten Glück und seiner Entschlossenheit. Er hoffte, wenn er sich erst in der Sonora befand, mit Hilfe Kreuzträgers doch noch die Spuren Bras-de-fers und Wonodongahs aufzufinden. In jedem Fall mußte die Expedition in diesen Tagen ihren Auszug nehmen; er durfte um keinen Preis merken lassen, wie sehr seine Hoffnungen getäuscht worden waren. Unter diesen Umständen kam ihm der Auftrag des Senators Don Esteban um so willkommener. Als Bevollmächtigter des neuen Präsidenten der Republik, des Generals Cevallos, überbrachte Don Esteban die Vorschläge auf das Anerbieten, das Graf Raousset-Boulbon dem gestürzten früheren Präsidenten gemacht hatte; denn der General Cevallos mußte alles aufbieten, um sich Stützen und Anhänger gegen die anderen Anwärter zu schaffen. Das Anerbieten des Grafen Boulbon, mit der von ihm geworbenen Schar die wichtige Provinz Sonora von den räuberischen Apatschen zu säubern, war ihm daher sehr willkommen, und um so mehr, als die reiche Kaufmannschaft von Guaymas und anderen Hafenstädten und auch die Versammlung der Hazienderos sich willig erboten hatten, alle Kosten zu tragen. Wenn die Abenteurerschar erst ihren Zweck erfüllt hatte, war es einem Manne von dem weiten Gewissen des mexikanischen Präsidenten Cevallos leicht, sich ihrer auf die eine oder andere Weise zu entledigen. Zwischen Cevallos und dem Grafen wurde daher nach langen Verhandlungen durch den Senator Don Esteban da Sylva Montera ein festes Abkommen geschlossen. Der Graf Raousset-Boulbon trat mit einer Schar von zweihundert vollständig ausgerüsteten Männern in den Dienst des Staates Sonora – unter Anerkennung des Präsidenten Cevallos – und hatte für den Schutz der nördlichen und der östlichen Grenzen des Staates gegen die räuberischen Einfälle der Apatschen zu sorgen. Die Maßregeln blieben seinem eigenen Ermessen überlassen. Eine geheime Klausel des Vertrages verpflichtete ihn jedoch, neben der Indianer- Expedition, sofern es nötig, für den Staat und für die Anerkennung des neuen Präsidenten aufzutreten. Don Esteban, einer der reichsten und angesehensten Hazienderos an der Grenze, war beauftragt, mit seiner Kenntnis des Landes und des Feindes den Grafen zu unterstützen und die Sonoragesellschaft zu begleiten. Der Graf fühlte sehr wohl, daß dies weniger zu seiner Unterstützung, als zu seiner Beaufsichtigung geschah; er mußte es indes der Zukunft überlassen, sich im entscheidenden Augenblick jede lästige Einsprache vom Halse zu schaffen. Für die Dienste des Grafen und seiner Schar verpflichtete sich die Kaufmannschaft von Guaymas und die Versammlung der großen Grundbesitzer, dem Grafen fünfzigtausend Dollars zur Einrichtung und für jeden Monat einen Sold von zehntausend Dollars zu zahlen; nach beendigtem Kriege sollten jedem Manne zehn Acker Land – den Offizieren fünfzig Acker Land – in der Sonora zur Niederlassung gewährt werden. Der Graf verschmolz diese Angebote mit seinen Träumen von dem Zug nach dem Goldtal, verband so die Notwendigkeit mit den ehrgeizigen Plänen. Daß Gefahr irgendeiner Art ihn nicht abschrecken konnte, war bei seinem Charakter selbstverständlich. Zur Beschleunigung der Verhandlungen trug nicht wenig Dolores Montera bei. Die bewußte Macht ihrer Schönheit verfehlte nicht ihren Eindruck auf den empfänglichen Franzosen. Er zeigte sich vom ersten Tage an offen als ihren Bewunderer. Suzanne wußte er leicht mit der Andeutung zu beruhigen, daß die Gewinnung des Señor Don Esteban für den Erfolg seiner Pläne unbedingt notwendig sei; und er überredete sich selber, daß er ihr die Wahrheit sage. Denn der stolze, schlaue und ehrgeizige Spanier kam ihm auf halbem Wege entgegen. Ihre Pläne nahmen bald einen so hohen Schwung an, wie er trotz seiner Abenteuerlichkeit ihn kaum erträumt. Die Aufstände jedes ehrgeizigen Generals, ja jedes untergeordneten Offiziers, hielten fortwährend das Land in Gärung. Es war nichts seltenes, daß ein Capataz, ein Anführer der Lastträger irgendeines Seehafens der Westküste, oder ein kecker Kapitano in den inneren Provinzen sich über Nacht zum Gouverneur ausrufen ließ und, da er mit einem der Prätendenten in Mexiko den Sturz der bestehenden Regierung herbeiführen konnte, zuletzt nicht zögerte, seinen Protektor selber zu verdrängen. Die vereinigte Regierung in der Hauptstadt vermochte überhaupt bei der Zerrüttung der Geldverhältnisse den Einzelstaaten keinen Schutz zu gewähren. Sie konnte ihren Einfluß daher nur durch Ränke aufrechterhalten, so daß die Einzelstaaten sich durch Sonderbündnisse gegen drohende Gefahren zu schützen suchten. Selbst in Zoll- und Steuersachen suchten sie ihre Selbstbestimmung zu rechtfertigen. Dennoch hatten diese Zustände, aus denen heraus 1849 die sieben Staaten Alt-Kalifornien, Sonora, Cinoloa, Chihuahua, Cohahuila und Tamaulipas ihre Unabhängigkeit verkündet hatten, keinen Zerfall der Gesamtrepublik zur Folge gehabt. Die Zollstreitigkeiten hatten nun durch eine Revolution an Stelle des Präsidenten Mariano Arista, mit dem der Graf ursprünglich durch seine Abgesandten unterhandeln wollte, den General Cevallos an die Spitze der Regierung gebracht. Cevallos hatte sich beeilt, den Grafen und seine Schar für sich zu gewinnen. Denn er allein fühlte sich der Leitung des Staates unter so verwickelten Verhältnissen und gegen so zahlreiche Gegner kaum gewachsen. Wie im Norden mit der heimlichen Unterstützung der Nordamerikaner Carbajal noch immer auf die Gelegenheit zu einem Einfall lauerte und er es hauptsächlich war, der die Indianer zum Kriege aufhetzte, ebenso bewachte der seit 1847 in Jamaika lebende frühere Präsident, der berühmte und berüchtigte Santa Anna, Mexiko mit Argusaugen und sann auf seine Rückkehr. General Cevallos gehörte zu seinen Anhängern und Vertrauten. Bei erster Gelegenheit beabsichtigte er, für seinen alten Führer aufzutreten und ihm die Herrschaft wieder zu verschaffen. Dieser Plan des Präsidenten Cevallos war jedoch noch wohlverschwiegen. Don Esteban hatte keine Ahnung davon. Dagegen kannte er die Schwäche der gegenwärtigen Regierung sehr wohl. Und durch die Huldigung verführt, die der vornehme Franzose seiner Tochter widmete, glaubte er in dem Grafen Raousset-Boulbon den Mann gefunden zu haben, der seine eigenen ehrgeizigen Pläne in dieser unruhigen und günstigen Zeit verwirklichen könnte. Einer Verbindung des blauen Blutes seiner spanischen Ahnen mit dem des alten Königsgeschlechtes der Bourbonen schmeichelte dem Stolz des alten Hidalgo. Er hatte in ihrer letzten geheimen Unterredung keine Scheu mehr, darauf hinzudeuten, wie leicht es einem so gediegenen Manne wie dem Grafen sein müßte, aus den westlichen Provinzen Mexikos ein eigenes Reich, einen neuen Thron der Bourbonen zu schaffen. Dieser Gedanke fand in der ehrgeizigen Seele und dem abenteuerlichen Geist des Grafen flammenden Widerhall. Der Traum seiner Jugend und seines Mannesalters! Das Blut des großen Heinrich wallte in ihm auf. Und wie einst der Herzog von Vendome, der Sohn seines Ahnherrn von seiner Geliebten Gabriele d'Estrées sich Marokko zu erobern versucht, hatte auch er hundert ähnliche ehrgeizige Pläne entworfen. Jetzt bot sein abenteuerliches Unternehmen ihm eine Gelegenheit, diese Träume, diese unmöglichen Wünsche zu verwirklichen. Auf diesen Plan warf er sich mit aller Energie und allem Ungestüm seines Charakters, allem Fanatismus der Begeisterung. Der Tag war noch nicht zu Ende, da hatten die beiden Männer, der hochmütige Schachspieler der mexikanischen Politik und der kühne Abenteurer sich verständigt – ohne ausdrückliche Worte und Verpflichtungen. Don Esteban war überzeugt, daß er alles weitere der Schönheit und dem Geiste seiner Tochter werde überlassen können. Am Abend hatte Don Esteban eine lange und ernste geheime Unterredung mit Dolores, die sie in allen ihren Leidenschaften und Eitelkeiten im tiefsten aufwühlte. Die nächsten zwei Tage waren den Vorbereitungen der Abreise gewidmet; denn der Graf, von dem Senator angetrieben, hatte beschlossen, am dritten Morgen in See zu gehen. Am Nachmittag sollte die Einschiffung der Mannschaften und ihrer Ausrüstung auf zwei Schiffen erfolgen: ein stattlicher Fregatt-Schoner und ein kleineres Fahrzeug lagen im Hafen von San Franzisko abfahrtbereit. Am Abend vor der Abfahrt beabsichtigte der Graf, auf dem Verdeck des Schoners den Teilhabern des Unternehmens, seinen Freunden in San Franzisko und der ihn begleitenden Schar ein großes Abschiedsfest zu geben. Die Vorbereitungen zur Einschiffung, zum Fest, und eine Versammlung, die dem Zuge zwei Bevollmächtigte mitsenden wollte, die in Guaymas seine Erfolge abwarten sollten, nahmen jeden Augenblick seiner Zeit in Anspruch. Bei dem Eifer der Mannschaft, die sich nach Abenteuern sehnte, und bei dem Anteil dieser Bevölkerung an jeder Festlichkeit und Aufregung war es jedoch möglich geworden, alle Anstalten zur bestimmten Zeit zu vollenden. Die beiden Schiffe lagen eine halbe Meile hinaus im Golf nach der Insel Yerba Buëna zu. Da das Fest erst am Abend nach Sonnenuntergang beginnen sollte, waren die Sonnenzelte aufgerollt. Ihre Taue und Stangen waren zu einem chinesischen Lichterfest von bunten Papierlaternen benutzt worden. Der Graf hatte die Kajüte des großen Schiffes, die anfangs zu seiner eigenen Wohnung bestimmt war, zur Aufnahme Dolores' und ihres Vaters einrichten lassen. Zwei Dienerinnen waren angenommen worden, um die Señora auf der Fahrt nach Guaymas zu begleiten. – Nach einem heißen Tage sank der Abend mit den wunderbaren Farben des Südens rasch über die sonnenübergoldete Bucht von San Franzisko. Vom Ufer her erhob sich ein leichter Landwind und trieb die mit Laternen und bunten Flaggen geschmückten Barken und Boote herauf, die die geladenen Gäste zum Feste führten. Die Dunkelheit hatte rasch zugenommen; aber es war nicht jene trübe, undurchdringliche Finsternis des Nordens, sondern das milde, durchsichtige Halbdunkel, jener unbeschreiblich sanfte Schatten der Tropen, von Myriaden glänzender Sterne durchblitzt. Von dem Ufer der Bucht trug der Landwind die balsamischen Düfte der Kräuter und Blumen und mischte sie mit dem frischen kräftigen Hauch der See. Die Scharen der Delphine und der fliegenden Fische zogen ihre leuchtenden Furchen durch dies sanftbewegte Meer; Millionen von Mollusken färbten die Höhlung der Wellen mit phosphorartigem Glanz in flüssiges leuchtendes Silber. Jede der Barken trug nach spanischer Sitte ihre Sänger und Guitarrespieler; die Schar sammelte sich wie ein glänzender Schweif um das große von zwölf Rudern geführte und mit Kränzen und Teppichen geschmückte Boot. Wandernde deutsche Musikanten, die nach Kalifornien geraten und von den Erfahrungen bald belehrt, daß das Gold für sie auf den Straßen von San Franzisko leichter zu finden wäre, als in den Sturzbächen des Sakramentes, ließen von der Spitze des Bootes ihre lustigen Melodien erschallen. Auf weichem Sitz im Bug wiegte sich Senator Don Esteban mit seiner schönen Tochter Dolores. Die beiden Schiffe der Expedition lagen dunkel und still bis auf eine große Laterne am Bugspriet des Schoners, die den Barken die Richtung angab. Plötzlich, als das große Boot des Senators sich dem Schiffe nahte, donnerten die beiden Kanonen, und eine Gewehrsalve aller der Abenteurer, die in den Schiffsbooten einen Kreis um den Schoner bildeten, begrüßte die Gesellschaft. Feuergarben von Raketen stiegen rings aus dem Meere empor. Wie mit einem Zauberschlage erhellten sich beide Schiffe. Prächtige, bunte Laternen flammten um das Deck, an den Tauen und Spieren entlang bis hoch hinauf zur Spitze des Hauptmastes. Der Graf, in der französischen Oberstenuniform, geschmückt mit dem Ordensband des heiligen Geistes und dem Kreuz der Ehrenlegion, empfing seine Gäste an der bequemen Schiffstreppe. Huldigend reichte er Dolores die Hand, um ihr an Bord zu helfen. Er geleitete sie auf den erhöhten Ehrenplatz, während seine Adjutanten und Offiziere den Damen und Herren aus ihren Booten halfen und sie zu ihren Sitzen führten. Graf Raousset-Boulbon bot neben der stolzen Dolores ein schönes Bild; gar manche Bemerkung der Anwesenden deutete darauf hin, daß man ihnen wünschte, die nächste Zukunft möge sie mit einem engeren Bande fesseln. Die meisten dieser Bemerkungen wurden in englischer Sprache gemacht, die Suzanne nicht verstand. Aber der Anblick der unverhohlenen Liebenswürdigkeiten des Grafen gegen die Mexikanerin genügten, um ihr das Herz zu zerreißen. Eine Ahnung des drohenden Schicksals senkte sich gleich einem finsteren Schatten über ihr vertrauendes Gemüt. Nicht ohne Zwang erfüllte sie all die Pflichten, die ihr ihre Verkleidung auflegte; gerade ihre Rolle als Verwandter des Grafen fesselte sie in der Nähe ihrer Gegnerin und machte sie so zum Zeugen seiner Artigkeiten. Das Fest begann mit Wettspielen der Schiffsmannschaft und der Abenteurer, in denen sie ihre Gewandtheit und Kraft zeigten. Das berühmte Messerwerfen der Chinesen, das Schleudern mit dem Tomahawk, das Ringen, die wilde Jagd durch die Takelage und ein Pistolenschießen nach der Scheibe fesselten die Gesellschaft bis zur Tafel. Während man dann auf dem Verdeck speiste und die köstlichsten Weine der alten Welt mit den kühlenden Getränken Westindiens schlürfte und die deutsche Musik ihre munteren Weisen spielte, wurde von den Booten ringsumher ein wunderbares chinesisches Feuerwerk abgebrannt. Und dann folgte der Tanz: der berauschende Fandango und die spanischen Tänze der Alameda von Mexiko und Puebla wechselten mit dem irischen Nationaltanz, den lustigen Reigen der Deutschen und der graziösen der französischen Quadrille. Als das Erbleichen der Sterne und das heraufdämmernde Morgenrot den Morgen verkündeten, endete das Fest. Ein Kanonenschuß gab den harrenden Barken das Zeichen, anzulegen, um ihre Gäste nach dem Strande zurückzuführen. Unter tausend Glückwünschen für das Gelingen des Zuges schieden die Bewohner der Stadt. Der Singsang der Matrosen beim Drehen der Ankerwinde mischte sich mit dem Knarren und Stöhnen der Spieren; die Segel wurden in Bereitschaft gesetzt, um sie sofort nach dem Heben der Anker vor der frischen Morgenbrise fallen zu lassen. Auf der Kajüte stand der Graf, neben ihm Don Esteban mit seiner Tochter; die Schar der Abenteurer drängte sich auf beide Decks. Da tönte der Pfiff des Bootsmanns. Die Anker erschienen am Bugspriet; das Sprachrohr des Kapitäns donnerte den Befehl zur Lösung der Segel. »Auf nach Guaymas!« Ein hundertfältiges Lebewohl, Winken der Hüte und Tücher begleitete die Bewegung der Schiffe. Der Wind füllte die Segel. Aus den Reihen der Barken, von den Inseln Perba Buëna her, schoß plötzlich ein leichtes Boot an dem Schoner vorüber. In dem Boot saßen zwei Männer an den Rudern, ein Indianer und ein Weißer von riesiger Gestalt. Ein indianisches Mädchen kauerte im Hinterteil des leichten Fahrzeugs. Ein dritter Mann stand aufrecht an der Spitze. Als das Boot an dem Schoner vorüberschoß, hob der Mann den breiträndrigen Strohhut. Das hämische, boshafte Gesicht des Yankees wurde sichtbar. »Auf Wiedersehen in der Sonora, Senor Conde!« Wie damals bei der Abfahrt von Havre hatte Graf Raousset-Boulbon den verachteten, aber gefährlichen Feind erkannt. Ein Blick auf den Indianer und seinen Begleiter ließ die Gewißheit durch seine Seele zucken, daß Jonathan Brown ihm die so lange gesuchten Freunde des Gambusinos, seine Miterben, entführte. Er öffnete den Mund zu einem Ruf. Aber das Wort, das dem Schiffer beizulegen befahl, verklang ungehört in dem Lärm der Abfahrt. Der Wind schwellte die Segel des Schoners. Der Nachen des Betrügers war in der Schar der Boote rasch verschwunden. Der Rote Hai Eine frische Brise trieb die Goelette »Santa Magdalena« in flotter Fahrt voran. Dem Winde unbekümmert ausgesetzt, den Arm in der Binde, spähte mit unruhigem Blick der Abenteurer Niels Hawthorn – der Rote Hai – voraus nach dem Schwesterschiff »Lys de France«, auf dessen weißer Flagge die bourbonischen Lilien eingestickt waren. Aber nicht dem Schoner galt der gierige Blick der blutunterlaufenen Augen: er saugte sich an der Gruppe fest, die plaudernd im Sonnenschatten vor der offenen Kajüte saß. Der Graf Raousset-Boulbon, sein junger Vetter Jean, Don Esteban und Dolores hatten sich nach dem ersten Frühstück wie gewöhnlich zusammengefunden; indes der Graf und der Senator sich bald in politische Gespräche verloren, wandte sich Dolores an den hübschen Vetter des Franzosen und sandte ihm unter den langen, schwarzen Wimpern einen jener Blicke zu, von denen sie wußte, daß sie die Herzen der Männer schneller schlagen ließen. »Nun, Señor Juan, Sie sind so still! – Wollen Sie mir nicht von Ihrem schönen Paris erzählen? – Der Señor Conde, Ihr Vetter, schwärmt so von der einzigen Stadt, daß ich sie wohl einmal besuchen möchte!« Die freundliche Anrede und der liebenswürdige Blick der Señorita hatte indes nicht die Wirkung, die sie sonst ausübten. Der kleine Jean hielt sich nur scheu beiseite und gab eine fast stotternde Antwort. Eine Plauderei, wie sie Dolores beabsichtigt, kam nicht in Gang. Da Jean aber auch sonst in Gegenwart des Senators und seiner Tochter sehr scheu und zurückhaltend war, fiel sein Wesen der jungen Spanierin nicht sonderlich auf. Sie begnügte sich, ihm noch einmal zuzulächeln und störte dann mit einer Frage das Gespräch der beiden Männer. Der Graf wandte ihr seine Aufmerksamkeit wieder zu, und so blieb der kleine Jean unbeachtet. Er erhob sich und lehnte sich gegen die Reling der »Lys de France«. Sein Blick schweifte schwermütig in die Weite. – Nur mit bohrender innerer Qual sah Suzanne den Zauber, in den Dolores den geliebten Mann verstrickte. Der Graf sprach nicht zu ihr – sie wußte nicht, welche Ziele den Senator ihm verbündeten – aber ihr Frauenherz ließ sie empfinden, was verschwiegen blieb. Oft sehnte sie sich fast bis zum Zusammenbrechen nach Louis, ihrem in Frankreich zurückgebliebenen Knaben – nach ihrer Heimat – nach der ersten, leidenschaftlichen Liebe, die Aimé ihr geschenkt ... Liebte Aimé sie nicht mehr? War es dieser Stolzen – dieser hochmütigen Spanierin, die soviel jünger war als sie – gelungen, ihn ihr zu nehmen? Suzannes Fingernägel krallten sich in die Handflächen. Gewaltsam bezwang sie den Haß, der in ihr aufstieg. Ah –! Sie hätte der Lächelnden, Kalten, die den Werbungen des Grafen nur mit kokettem Spott, mit Überlegenheit, mit Abwehr zu begegnen schien, die Brust durchbohren mögen! – Tränen in den Augen, wandte sie sich ab. Da rief sie die Stimme des Geliebten an: »Kleiner Jean – lauf' – die Señorita hat ihren Fächer vergessen!« Fast ohnmächtig vor Schwäche starrte Suzanne ihn an. Welche Grausamkeit ... warum mußte er sie so peinigen? Wenn er die andere liebte – oh, warum mußte er sie, die Mutter seines Sohnes, leichtherzig und spielerisch zertreten? – Oder vergaß er unter den lockenden Blicken der Sirene, daß sie, Suzanne, ein Weib – ein fühlendes, sehnsüchtiges Weib war?! Sah denn auch er, ihr Geliebter, sie nur als – den Knaben Jean –? Der Blick des Grafen hob sich zu ihr. Eine Mahnung schwebte auf seinen Lippen: Nun, Freund Jean – warum eilst du nicht, dieser stolzen jungen Königin zu dienen –? Er traf auf Suzannes totenbleiches Gesicht ... und erinnerte sich. Flüchtige Röte glitt über seine Stirn. Er erhob sich und legte den Arm um die bebenden Schultern. »Kleiner Jean – du träumst! – Komm, wir wollen den Fächer zusammen holen!« – Ein halblauter Ausruf Dolores Monteras ließ seinen Fuß stocken. »Das abscheuliche Gesicht – wie es mich anstarrt!« Ihre Hand wies zurück auf die Goelette »Santa Magdalena«, auf Niels Hawthorn, den Roten Hai, dessen lüsterner Blick sie nicht losließ. Eine unmutige Gebärde des Grafen wollte den Korsaren fortscheuchen – aber die Antwort war nur ein höhnisches, trotziges Lachen, das deutlich über den kaum bewegten Spiegel des Meeres durch die klare Luft herüberklang. Unverwandt hing der Blick des Roten Hai an der jungen Schönheit Dolores Monteras. Seit fast drei Wochen waren die beiden Schiffe unterwegs und hatten bis jetzt eine glückliche Fahrt gehabt. Der Wind war günstig und hatte sie an der Küste der langgestreckten mächtigen Halbinsel Niederkalifornien entlanggetrieben. Sie überschritten den Wendekreis und umschifften Kap Lukas und Kap Palmo. Dann traten sie in das Mar Bermeja, das Rote Meer oder die See des Cortez, mit der sich der prächtige Golf von Kalifornien öffnet. Bei dem ruhigen Wasser und dem günstigen Wind waren der Schoner und die Goelette, die unter dem Kommando des Leutnant Antonio Perez und der Überwachung des treuen Bonifaz einen Teil der Mannschaft trug, sich nie außer Sicht gekommen. Der Graf, oder wenigstens sein Adjutant Arnold von Kleist, besuchten fast täglich vom Bord des größeren Schiffes aus das kleinere Fahrzeug. Der Tag war heiß gewesen. Auf dem Verdeck der Goelette hatten sich in bunten Gruppen zwischen dem Schiffsvolk die Abenteurer gelagert. Der Graf hatte von vornherein auf strengen Gehorsam gegen seine oder die Befehle der von ihm gewählten Offiziere gehalten. Das Verhältnis zwischen diesen und der Mannschaft war bei deren Charakter und ihrer bunten Zusammensetzung natürlich sehr ungezwungen. Das Hauptvergnügen während des Tages war bei dem Müßiggang der Mannschaft jene rasende Leidenschaft der spanischen Rasse, das Spiel. Wenn der Abend kam, kürzte eine Erzählung aus dem wildbewegten Leben der Abenteurer die Zeit, während der duftige Rauch der Zigarren in leichten Wölkchen sich kräuselte und die Kühle des Seewinds die von der Hitze abgespannten Glieder erfrischte. – Eine solche Gesellschaft hatte sich auch an diesem Abend auf dem Hauptdeck in der Nähe der Steuerpinne gesammelt und lag oder saß auf den noch von den Sonnenstrahlen heißen Planken oder auf dem niedern Bollwerk, auf Tauringen und Kisten. Sie bestand aus dem Schiffer, einem graubärtigen kräftigen Alten mit einer wahren Mahagonifarbe, dem Leutnant Don Antonio Perez, Bonifaz, dem Kreuzträger, dem ehemaligen Perlenfischer von Espiritu Santo, dem schwedischen Walfischfahrer und einigen anderen. In ihrer Nähe lagen faul das würdige Freundespaar John Merdith und Hesekia Slong. Neben ihnen, ihrem Fingerspiel mürrisch zusehend, hockte finster der Korsar. In scheuer Entfernung von ihm hatte sich, hinter dem Mayordomo des Grafen, der langzöpfige Chinese niedergekauert. »Pardioux« sagte Bonifaz, der Avignote, »Ihr habt eine verteufelt warme Sonne über Eurem Roten Meer, wie Ihr es zu nennen beliebt, Senor Diego. Ich weiß freilich nicht, wie Ihr zu diesem Namen kommt; denn ich habe noch niemals gehört, daß die Juden auch in Amerika durch ein Wasser marschiert wären. Es muß kein Spaß sein, so rechts und links das Meer sich über dem Kopf hängen zu sehen, jeden Augenblick bereit, einen vernünftigen Christenmenschen zu begraben. Und wäre es nicht des Grafen wegen, ich hätte mich nimmermehr bewegen lassen, einen guten festen Boden mit dem schwankenden Wasser zu vertauschen und eine Seeratte zu werden.« »So seid Ihr früher nie zur See gewesen, Senor Don Bonifazio, ehe Ihr unser gesegnetes Amerika betratet?« fragte Antonio Perez. »Nur einmal, und es hätte mich warnen sollen! Es war, als ich mit dem Grafen, der noch sehr jung war, nach Afrika ging. Er half Bugeaud, diese Hunde von Tunesen verhauen, und schoß seinen ersten Löwen Siehe Redcliffe's Novellen. !« »Ich habe dreiundzwanzig getötet«, sagte der Kreuzträger. »Pumas oder Jaguars, Freund Kreuzträger«, lachte der Avignote. »Das nennt Ihr hier Löwen und Tiger! – Aber ich versichere Euch, Senores, das ist ein Unterschied, wie zwischen einem französischen Dreidecker zu Toulon und dieser elenden Goelette! Sie erinnern sich alle an Bob?« »Caramba! Ich denke wohl«, meinte der Leutnant Perez. »Die Bestie hätte mir beinahe einmal im Handumdrehen den Arm abgerissen. Zum Glück kam ich mit dem Verlust eines schönen Ärmels und einigen Fleischritzen davon. – Um daran zu denken, Señor Don Bonifazio, was ist aus Bob geworden?« »Der Graf hat ihn für sechshundert Dollars an einen englischen Schiffskapitän verkauft, der ihn mitnehmen will nach London, um ihn für Geld sehen zu lassen!« »Ich glaubte, diese Tiger wären Eure Löwen und auf den Prärien und in den Wäldern von Europa zu Hause?« fragte harmlos Kreuzträger. »Gott bewahre uns, Freund Kreuzträger«, rief entrüstet der Avignote. »Ihr habt eine gute Vorstellung von Europa und namentlich von Frankreich! Ihr müßt wissen, daß ganz Frankreich nicht anders betrachtet werden kann, wie eine große Stadt, tausendmal schöner als San Franzisko, das gar nicht den Namen einer Stadt verdient, und selbst als New York und New Orleans. Nur hin und wieder liegt zwischen den Gassen ein Stückchen Garten oder ein Getreidefeld, ein Weinberg oder ein Wäldchen, in dem man spazieren geht. Aber um auf den Löwen zu kommen – Señores: dieser Tiger Bob ist ein wirklicher Tiger. Was Sie hier oder vielmehr drüben auf dem Festland einen Tiger zu nennen belieben, verhält sich zu Bob wie eine Katze!« Der Avignote nahm auf diese Rede einen tüchtigen Schluck Grog aus dem Glase, das neben ihm stand, während die Amerikaner mit tiefer Kränkung über die Unterordnung ihrer eigenen Bestien die Überlegenheit des asiatischen Tigers zugestehen mußten. »Und nun, Señores,« fuhr der Haushofmeister nach diesem Siege fort, »was den Löwen, das heißt den wirklichen afrikanischen Löwen betrifft, nicht die Katze, den Puma, den Sie hier mit dem Titel des Königs der Tiere zu nennen belieben, so kann ich Sie versichern, daß der Löwe in seinem majestätischen Aussehen gerade soweit über dem Tiger Bob steht, wie dieser über Ihren Pumas!« Der Kreuzträger warf dem Redner einen mißtrauischen Blick zu, begnügte sich aber mit einem leisen Kopfschütteln. »Ich könnte Ihnen von unserem berühmten Löwenjäger Kapitän Gérard erzählen,« fuhr Bonifaz fort, »der ein wahrer Segen für Algerien ist, und ohne den die Regierung im Lande gar nicht hätte ansiedeln können. Er geht allein auf die Löwenjagd, die sonst nur von einem ganzen Bataillon von Arabern gewagt wird; aber ich habe ihn selber zu dem Grafen sagen hören, ihm habe bei dem Anblick des ersten Löwen in der Wildnis das Herz so gewaltig geschlagen, daß er kaum den Finger an den Drücker seiner Büchse zu bringen vermochte. Nun bedenken Sie, wie es uns zumute sein mußte, als wir plötzlich in der Nacht einer solchen Bestie gegenüberstanden, ohne eine andere Waffe, als einen schlechten Karabiner und den kurzen Chasseursäbel.« »Ihr habt also zusammen mit dem Grafen einen Löwen getötet, Señor?« fragte der Kreuzträger. Der ehemalige Lastträger von Avignon schien anfangs Lust zu haben, die Frage zu überhören; als sie aber von Perez wiederholt wurde, siegte die Zuneigung und Bewunderung für den Grafen, und er gab der Wahrheit ihr Recht. »Nein, Señores – die Ehre gebührt Seiner Exzellenz allein. Er war damals, wie ich Ihnen wiederhole, noch ein sehr junger Mann, kaum zwanzig Jahre alt, als er, nachdem er den Löwen getötet hatte, den berühmten Sprung mit seinem Pferde ›Sidi Hamed‹ machte. Die Zeitungen waren damals seines Namens voll, und Louis Philipp sandte ihm das Kreuz der Ehrenlegion!« »Hört, Señor Don Bonifazio,« sagte der Schiffer – »wenn es schon so lange her ist, werden wenige an Bord der »Santa Magdalena« sein, die von jener Geschichte wissen. Ich möchte Euch vorschlagen, uns die Geschichte mit dem Sprung und dem Löwen zu erzählen, und ich versichere Euch, daß unter uns sich einer befindet, der, wenn Ihr von den Tigern und Löwen des alten Landes berichten könnt, Euch von dem Tiger dieser Meere eine Geschichte zum besten geben kann, die Euch die Haare auf dem Kopf sträuben und Euer Herz ebenso erbeben machen wird.« Diesem Vorschlag stimmten die Männer zu; und nachdem noch einmal der Grog die Runde gemacht hatte, begann unter vielem Räuspern und Bartstreichen Bonifaz seine Geschichte Siehe Retcliffe's Novellen. . Der milde Abend wob schmeichelnd über dem Schiff und entführte die Gedanken der wilden Abenteurer in die Ferne nach Afrika. Lange, nachdem der Avignote geendet, seufzte der Kreuzträger tief auf und reichte ihm die Hand. »Ich habe mit großer Teilnahme Ihre Geschichte gehört, Monsieur Bonifaz«, sagte er. »Sie erinnert mich an die schrecklichste Stunde meines eigenen Lebens. Aber darf ich Sie fragen, was nach diesem Erlebnis mit unserem Anführer geschah?« »Wir verließen Afrika; der Graf nahm bald seinen Abschied aus der Fremdenlegion und kehrte nach Frankreich zurück. Ich folgte ihm, wie ich ihm seit fast zwanzig Jahren gefolgt war, und wie ich ihm jetzt übers Meer in einen dritten Weltteil gefolgt bin. Aber sagtet Ihr nicht eben, Meister Kreuzträger, daß Ihr Ähnliches erlebt habt?« »Ja, Monsieur Bonifaz. Und seitdem bin ich geworden, was ich bin, ein rastloser Wanderer, der seine Feinde verfolgt, um schreckliche Stunden zu rächen.« »So hängt die Geschichte also mit Eurem Eid und dem Kreuz zusammen, das Ihr auf der Brust tragt?« »Ja, Monsieur!« »Und es waren die Apatschen, die Euch braten wollten?« »Es waren die Apatschen, Señor; aber nicht ich war es, dem ihr Feuer galt, sondern dem Liebsten und Besten, was ich auf der Welt hatte.« Der Trapper legte die Stirn auf seine Hände, die er um den Lauf seiner Büchse geschlungen hielt und schien in tiefe Erinnerungen verloren. Plötzlich erhob er den Kopf und warf einen feurigen drohenden Blick umher. »Ich will Ihnen die Geschichte ein andermal erzählen, Mayordomo,« sagte er finster; »denn sie ist wohl wert, daß sie von allen gehört wird, die jetzt im Begriff stehen, die Apatschen zu bekämpfen. Sie wird Sie lehren, die tausend Listen dieser Teufel nicht zu gering anzuschlagen und sich vor ihnm zu hüten, wenn Sie Ihren Skalp auf dem Kopfe behalten wollen. – Heute, Monsieur, erlassen Sie es mir, denn ich bin nicht in der Stimmung, davon zu reden.« »Dann trinken Sie wenigstens dies Glas!« Aber der Kreuzträger wies es mit einer ernsten Gebärde zurück. »Nun gut,« meinte der Haushofmeister, der seinen Humor wiedergefunden hatte, »hoffentlich sind Sie morgen besserer Laune. Aber der Abend ist so schön und der Rum noch nicht alle. Wie wäre es, wenn irgendeiner sein Garn noch spinnen wollte?« »Kapitano, erzählt uns Eure Geschichte von den Meertigern!« forderte Perez den Schiffer auf. Der Schiffer lachte. »Die heilige Jungfrau bewahre mich! – Aber Senor Juan Racunha war auf den Perleninseln von Espiritu Santo; er weiß so manches, was Euren Ohren absonderlich klingen würde!« Juan Racunha, der Perlenfischer, ließ sich nicht lange bitten. Während die Nacht immer tiefer sank und die Sterne auffunkelten, begann er mit dem ganzen Feuer des Südländers eine leidenschaftliche Liebesgeschichte und einen blutigen Kampf mit den Tigern des Meeres, den Haifischen, zu erzählen, die für Stunden die lauschende Abenteurerschar in Bann hielt Siehe Retcliffe's Novellen: »Die Perle von Espiritu Santo« . Erst spät gingen an diesem Abend die Leute des Grafen zur Ruhe. Mancher noch lag lange wach und träumte den Schicksalen auf dieser Erde nach: dem Kampf und Sieg, den Freuden und Leiden, dem Unglück und dem Tode, der das Ende aller Abenteuer ist ... Auf dem Schoner »Lys de France« aber lag, während die Goelette »Santa Magdalena« im silbernen Mondschein die Abenteurer von Sonora der neuen Küste zutrug, in ihren bitteren Tränen Jean-Suzanne allein, indes der Graf noch bis zur Mitternacht vor den Glutaugen Dolores Monteras die Mutter seines Sohnes vergaß. Am andern Morgen nach Sonnenaufgang hatten die beiden Schiffe die Felseninseln, von denen der Perlenfischer am Abend vorher seine seltsame Geschichte erzählt hatte, unter ihrem Lee, und gar manches Auge suchte nach den Stellen, von denen Juan Racunha gesprochen hatte. Im Licht der Sonne, bei dem frischen günstigen Winde, der von dem Eingang des Golfs herstrich, konnte man kaum glauben, daß sie die Stätte solcher romantischer Ereignisse gewesen war. Jetzt waren die beiden Inseln fast unbewohnt und leer; nur eine oder zwei Hütten sah man, und der in die frische Morgenluft aufsteigende Rauch bewies, daß Menschen, wahrscheinlich eine arme Fischerfamilie, dort lebten. Bonifaz war am Vormittag durch ein Zeichen des Grafen nach dem Schoner gerufen worden, und als er nachmittags zurückkehrte, sandte er mit dem Boot, das ihn brachte, den Kreuzträger hinüber, da der Graf ihm einige Fragen über das Innere des Landes vorzulegen wünschte, dem sie entgegenfuhren. Da der Kanadier an Bord des Schoners blieb, fehlte er am Abend in dem Kreise, der sich nach dem Sinken der Sonne wie gewöhnlich in der Nähe des Steuers gebildet hatte. » Carbioux !« sagte Bonifaz, als er die Zigarette aus dem Munde nahm und sich mit einem tüchtigen Schluck Grog erfrischte, »Monsieur Kreuzträger scheint die Nacht auf der ›Lys de France‹ zuzubringen, und ich rechnete für heute abend auf die Erzählung seiner Geschichte mit den Apatschen! Für was, zum Henker, hätte ich sonst den schwarzen Kerl dort eine doppelte Portion Rum heraufbringen lassen? Allons, Messieurs , ich hoffe, daß einer oder der andere uns dafür entschädigen wird. Caballeros, wie Sie, müssen so manches erlebt haben! Ich gestehe, daß die gestrige Geschichte von dem Haifisch, der das Liebespaar aufgefressen hat, mir ein ganz eigentümliches Gruseln verursacht hat. Ich habe davon geträumt und bin lange nicht so vergnügt aufgewacht, als da ich fand, daß ich nicht zwischen den Kiefern einer Tintorera steckte!« »Haben Sie bemerkt, Señor Don Bonifazio, daß seltsamerweise zwei Haifische heute fortwährend der ›Santa Magdalena‹ gefolgt sind?« fragte der Padrone. »Die Matrosen zeigten mir die Flossen der Bestien, als ich zurückkam. Ich war froh, als ich wieder die Beine auf dem Verdeck hatte, denn ich meinte immer, sie würden nach mir schnappen!« »Zwei Haifische!« mischte sich plötzlich die höhnische Stimme des Roten Hai ein. »Das ist nichts! – Ich habe ihrer wohl vierzig um ein Schiff schwimmen sehen und alle vierzig tummelten sich vor Vergnügen wie die Meerschweine über das frische Fleisch, das sie bekamen.« Niels Hawthorn, der Pirat, hatte sich wieder in die Nähe des Kreises gesetzt und schien heute besserer Laune; denn sein finsteres häßliches Gesicht überzog ein spöttisches Lächeln. Es hatte ihm Spaß gemacht, daß der Graf ihm am Tage zuvor vergeblich gedroht hatte, weil er Dolores mit seinem frechen Blick anstarrte; und seine hämische Freude steigerte sich, da er ihn auch heute nicht zur Rechenschaft zog, als er abermals am Vormittag die Spanierin aus der Ferne beobachtete. – Er hatte eine tüchtige Portion Rum zu sich genommen und war gesprächiger als sonst. »Gott verdamm' mich,« fuhr er grinsend fort, »der Bursche da hat gestern so viel Aufhebens gemacht von einem Frauenzimmer, das die Haifische gefressen haben! Wenn Ihr ein tüchtiges Glas Grog spendieren wollt, so will ich Euch eine Geschichte erzählen, wie die See um das Schiff so rot von Weiberblut wurde, daß sie einem Trog glich, in dem man ein Mutterschwein mit einem Halbdutzend Ferkel abgestochen hat!« »Wart Ihr selber dabei?« fragte Muñoz. »Ich fuhr auf dem Schiff, auf dem's geschah! – Haha! – Der Teufel hole meine Augen! Aber wir hatten einen Kapitän, der etwas lustig war und seinen Leuten auch ein Vergnügen gönnte. – Es war ein Hauptspaß, wie die Weiber eins nach dem andern im Wasser zappelten!« »So erzählt, Ihr sollt den Grog haben«, sagte der Avignote finster. »Aber merkt Euch eins dabei: sobald Ihr wieder ein schlimmes Wort nach Eurer meuterischen Gewohnheit gegen den General einfließen laßt, schlag' ich Euch mit der Handspeiche dort zu Boden!« Der Pirat warf ihm einen bösen tückischen Blick zu. »Unbesorgt, Herr Franzose«, sagte er spöttisch. »Unser vortrefflicher Anführer hat mich von aller Lust, ihm oder Euch zu mißfallen, gründlich kuriert, und da mein Arm bald wieder ganz in Ordnung ist und ich vom Gold der seligen Azteken mein Teil kriegen soll, bin ich sein ganz gehorsamster Diener. Wir sind die besten Freunde, und ich gönne ihm die stolze Fregatte, die Spanierin – was liegt an einem Weibe! Auf die gute Gesundheit Seiner Exzellenz, und daß ihm nichts Übles geschehe!« Er hob seinen Zinnbecher, aber er mußte ihn leeren, ohne daß jemand mit ihm anstieß. Der Pirat ließ seine bösen Augen über die ganze Gesellschaft laufen. Dann begann er seine Geschichte. Wort für Wort mußte Bonifaz sie später dem Grafen berichten; auch andere erzählten, was sie von dem Ungeheuer in Menschengestalt wußten: von Mund zu Mund lief es bei der Mannschaft, was am andern Tage der Chinese Fong-sin dem Avignoten zugeflüstert: »Du hast die Geschichte des schlimmen Mannes gehört?« » Carbioux ! Das hab' ich! Und ich wünschte, der Bursche hätte eine vierundzwanzigpfündige Kugel an den Beinen und läge auf dem Meeresgrunde!« »Fong-sin weiß ein Geheimnis!« »Sprich nur! Du stehst unter meinem Schutze!« »Der böse Mann ist der Kapitän vom ›Satan‹!« »Von dem verfluchten Seeräuberschiff? – Woher weißt du das?« »Fong-sin«, gestand der Chinese stockend, »war sehr jung und sehr arm. Er war drei Monate Küchenjunge bei Kapitän Seeräuber, bis er davonlief.« »Gut! – Ich will mit dem Grafen sprechen, daß der Kerl fortgeschafft wird – bis dahin schweige um deiner selbst willen, mein guter Langzopf!« – Aber Fong-sin konnte nicht schweigen – und so wußte es jeder Mann an Bord der »Santa Magdalena«: unter ihnen atmete eine Bestie, schlimmer als Tiger und Schlange! Und dies ist die Geschichte des Roten Hai und der Menschen, die er verdarb: In den vierziger Jahren war der Preußische Missionsverein in China und Siam durch den bekannten Missionar Gützlaff vertreten. Von Macao aus, wo er zumeist wohnte, sandte er die Missionare an ihre einzelnen Bestimmungsorte. Mit Unterstützung des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen kam im Jahre 1847 der Missionar Wilhelm Ronecamp, ein Westfale von Geburt, nach Indien und China. Seine Gattin und seine Tochter begleiteten ihn auf der Überfahrt mit einer englischen Fregatte, die nach den indischen Gewässern bestimmt war, um gegen die Seeräubereien der Malayen zu kreuzen. Der zweite Leutnant der Fregatte »Waterloo« hieß Henry Norford. Er war ein junger Mann aus guter Familie und von der besten wissenschaftlichen Erziehung. Beim Anblick der stillen, ernsten Maria Ronecamp, der Tochter des Missionars, fühlte der junge Seeoffizier eine seltsame, tiefe Erschütterung, die sich während der Überfahrt von Tag zu Tag bis zur leidenschaftlichen Liebe steigerte. Auch Maria empfand vor ihm die zärtliche Hinneigung des ganz jungen, schwärmerischen Mädchens. In Kalkutta, wo die Familie des Missonars Aufenthalt nahm, ehe sie weiterreiste, hielt er bei dem Ehepaar um die Hand der Tochter an. Norford war ein junger Mann von bestem Ruf in seinem Dienst; er hatte sich bei verschiedenen Gelegenheiten als Offizier von großen Kenntnissen, schneller Entschlossenheit und einem durch nichts einzuschüchternden Mut bewährt. Dennoch glaubte der Missionar Ronecamp ihm seine Tochter versagen zu müssen; denn er hatte bemerkt, daß Henry Norford ein sehr hitziges und leidenschaftliches Gemüt besaß. Da Maria als Predigerstochter sehr still und bescheiden erzogen war, fürchtete er, daß sie bei einer so weiten und vielleicht lebenslänglichen Trennung von den Eltern nicht selbständig genug sein würde, um bei dem Charakter ihres Mannes ihr häusliches Glück sichern zu können. Es war auch sein Lieblingswunsch, daß sein einziges Kind einen Mann seines Standes heiraten sollte, der mit ihm gemeinsam an dem großen und erhabenen Werke der Verbreitung des Christentums arbeite. Maria, erst siebzehn Jahre alt, war viel zu fromm erzogen, um einen Widerspruch zu äußern, wenn auch ihr junges Herz sich Henry Norfords Liebe und Werbung erschlossen hatte. Leutnant Norford erhielt eine höfliche, aber bestimmte Ablehnung unter Angabe der Gründe; die Wirkung, die sie auf seinen ungestümen und leidenschaftlichen Charakter hervorbrachte, schien dem Missionar ein neuer Beweis, daß er recht gehandelt hatte. Henry Norford tobte, bat, drohte. Als der Geistliche fest blieb und ihm erklärte, daß er nur mit einem Mann seines Standes und seiner Lebensgewohnheiten das Glück Marias gesichert halte, schwor Norford hoch und teuer, daß er sie dennoch erringen und ihr überallhin folgen werde. Die Familie Ronecamp sollte ein halbes Jahr in Kalkutta bleiben, um sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen, sich an das Klima zu gewöhnen und mit der asiatischen Lebensweise vertraut zu machen. Deshalb war der junge Seeoffizier gewiß, sie bei seiner Rückkehr von der Kreuzfahrt im indischen Archipel wiederzufinden, zu der die Fregatte aus dem Hafen von Kalkutta bestimmt wurde. Die »Waterloo« kehrte nach zwei Monaten zurück. Sie hatte eine Anzahl Malayendschonken und andere Piratenschiffe versenkt und verbrannt. Henry Norford betrat Indien mit der sehnsüchtigsten Liebe und den freudigsten Erwartungen; denn er war durch den Tod des ersten Leutnants der Fregatte an dessen Stelle gerückt, und der Dienst in Indien versprach ihm bald eine weitere Beförderung. Wie ein Donnerschlag traf ihn aber die Nachricht, daß der Missionar Ronecamp mit seiner Familie in einem Chinafahrer nach Kanton abgesegelt sei. Seine Leidenschaft, seine Aufregung waren so groß, daß er in ein hitziges Fieber verfiel. Mehrere Wochen rang er im Hospital mit dem Tode. Endlich siegte seine kräftige Natur; er genas; aber es bedurfte einer langen Zeit und der größten Ruhe zur Wiederherstellung seiner Kräfte. Als er endlich das Hospital verließ, war eine seltsame Umwandlung mit ihm vorgegangen. Der sonst so heitere, kühne Seemann war ernst und schwermütig geworden. Er unterdrückte mit einer ungewöhnlichen Willensstärke jede Aufwallung seines früheren leidenschaftlichen Wesens. Schon vom Krankenbette aus hatte er ein Gesuch um Entlassung aus seinem Dienst und aus der Flotte eingereicht; vollständig genesen, verschwand er aus der Gesellschaft Kalkuttas; dieses Untertauchen in einem Lande, in dem jährlich Tausende von Leben verlorengehen, ohne daß man weiß, wie, und ohne daß man sich im geringsten darum kümmert, war leicht. Nach zwei Jahren erschien in Schanghai, dessen Hafen durch den englischen Krieg von 1842 und durch die Verträge mit Amerika vom 3. Juli 1844 und mit Frankreich vom 25. August 1845 dem Handel und der europäischen Kultur eröffnet war, ein Mann von etwa dreißig Jahren, ernst und still; ein englischer Missionar, der sich dem schweren Liebeswerk geweiht hatte. Er meldete sich bei dem Vorstand der Schanghaier Mission, dem ehrwürdigen Geistlichen Ronecamp. Das Erstaunen der Familie, als sie in dem jungen Missionar Henry Norford, den ehemaligen Schiffsoffizier, erkannte, war groß. Norford erklärte offen seine Beweggründe. Die schwere Krankheit, die er nach der Abreise seiner Geliebten überstanden, hatte ihn zu diesem Entschluß gebracht. Er hatte eingesehen, daß er mit dem Ungestüm seines Charakters und bei dem Dienst, den er erwählt und der ihn monatelang, ja auch jahrelang von seiner Erwählten trennen mußte, Maria nicht glücklich machen würde. Der Wünsche des Vaters eingedenk, hatte er sich entschlossen, alle Ausichten und Ehren seiner kriegerischen Laufbahn daran zu binden und ein Missionar zu werden. Er hatte sich mit Eifer auf die theologischen Studien geworfen, die für seinen künftigen Beruf nötig waren; die ostindische Missionsgesellschaft hatte ihm nun den Auftrag erteilt, sich der Station in Schanghai und auf der Insel Tschusan anzuschließen, um von hier aus in das Innere der Provinz Kiang-Su einzudringen. Er erklärte sich dem ältern Missionar gegenüber zu jeder Prüfungszeit bereit, nur seiner Liebe zu Maria, in der Prüfungszeit geläutert und vertieft, wolle und könne er nicht entsagen. Eine solche Aufopferung, eine solche Festigkeit rührte auch das Herz des Deutschen. Trotzdem, vielleicht unsicher unter den der Heimat fremden Verhältnissen, vielleicht in der Überbesorgnis für seine zarte, scheue Tochter setzte Ronecamp noch eine Frist von zwei Jahren fest, in der sich Henry Norford bewähren sollte. Schweren Herzens fügte sich der liebende Mann. Aber ehe diese Zeit verstrichen war, traten Geschehnisse ein, die Norfords Absichten, dem stillen Wirken für das Christentum allem zu leben, veränderten. Der ehemalige Offizier war mit den chinesischen Verhältnissen nicht unbekannt; er hatte als Midshipman unter Admiral Elliot, Commodore Bremer und Admiral Parker den Krieg gegen China von 1840 bis 1842 mitgemacht, in dem die Schlauheit der Minister des himmlischen Reiches der Mitte so lange und so wiederholt die englische Macht narrte und alle ihre Erfolge zunichte machte, bis die Gewalt der Waffen endlich den Vertrag vom 26. August erzwang. Dieser Vertrag öffnete China der freien Einführung des englischen Opiumgiftes und – des Christentums; freilich dem Christentum nur als Nebenartikel für die Küstenprovinzen. Dadurch war Norford schon damals mit der chinesischen Sprache und den Sitten des Landes bekannt geworden. Aus diesem Grunde sah man ihn auf den Missionen für bedeutendere Dienste vor, die ihn allerdings, sehr gegen seinen Wunsch, dann und wann von Maria entfernten. Anderthalb Jahr nach seinem Eintreffen in Schanghai trug sich ein Ereignis zu, das der Missionsfamilie schwere Prüfungen auferlegte und von ihr selber das verlangte, was sie den Völkern Asiens zu bringen gedachte: die Ergebung von Gott! – Die Ronecamps bewohnten eine kleines, halb europäisch, halb nach Landesgebrauch eingerichtetes Häuschen vor einem der Tore von Schanghai in der Nähe der englischen Faktorei. An einem Abend erschreckte ein immer mehr anwachsender Lärm die Familie; er kam von den Kaufläden der Chinesen; zwischen Matrosen eines amerikanischen Schiffes, das draußen auf der Reede lag, und den Eingeborenen war es zu Zank gekommen; der wüste Streit endete damit, daß der Anführer der Seeleute einem Mann sein Messer in den Leib stieß und einen zweiten zu Boden schlug. Der Getötete war ein wohlhabender Kaufmann und, wie der Missionar später erfuhr, in vollem Recht gewesen; denn der Amerikaner hatte im trunkenen Übermut auf offener Straße seine Frau angefaßt und beleidigt. Der Mord endete die sonst große Geduld der Chinesen; sie waren sich ihrer starken Überzahl bewußt und fielen über den frechen Beleidiger her; zu dem Mörder, der einer der Steuerleute des Schiffs sein sollte, gehörten noch drei Matrosen. Alle vier waren wohl bewaffnet. Ihr Anführer war ein Mann von herkulischem Bau und großer Kraft. Sie wehrten sich wie die Löwen, und das Leben zweier der Matrosen, die im wahren Sinne des Wortes, als sie zu Boden sanken, von den wütenden Asiaten in Stücke zerrissen wurden, erkaufte er allein mit der dreifachen Zahl von Gegnern. Dem rasenden Steuermann und seinem noch übriggebliebenen Gefährten gelang es endlich, sich aus mehreren Wunden blutend bis an die Mauer der Mission zurückzuziehen. Hier aber fand er die Tür verschlossen. An das Tor gelehnt, stand Hawthorn, der Steuermann: Die Zähne fest aufeinandergebissen, die Augen rot unterlauen. Aus einer Kopfwunde rann in dunklem Strom das Blut über sein von Wut und Schmerz entstelltes Gesicht. Seine rechte Faust hielt den Griff eines langen Bowiemessers; die linke faßte noch das nutzlose Pistol, das er längst gegen seine Gegner abgeschossen hatte. Sein Gefährte war ein malayischer Matrose in leichter, malerischer, aber mit Blut besudelter Kleidung. Er hatte bis jetzt außer einigen Beulen noch keine Verletzung davongetragen. Der Malaye hatte sich den weißen Turban abgerissen und den dicken Musselin um den linken Arm geschlungen, mit dem er schon mehr als einen Stich und Hieb abgewehrt hatte. Ein Augenblick kurzer Ruhe in dem ungleichen Kampf war eingetreten. Die wütende Menge, die einen Halbkreis um ihre beiden Opfer bildete, verstummte; in die Stille hinein vernahm man das Läuten des Glöckchens, das an einem Gerüst auf dem Dach der Missionsstation hing; es war von den angsterfüllten Frauen und Dienern in Bewegung gesetzt worden, um von der Faktorei Hilfe herbeizurufen. Gleich darauf hörte man einen entfernten Trommelwirbel. Die Chinesen wußten, was das zu bedeuten hatte; den englischen Bajonetten würden sie nicht widerstehen können. Aber unter dem mit jedem Augenblick sich mehrenden Volk befanden sich viele Taipings – Abkömmlinge der tatarischen Stämme; daß es diesen keineswegs an Mut fehlte, hatten die Engländer schon mehrfach zu ihrem Schaden erfahren. Ein wütendes Zetergeschrei erhob sich aus der Masse. Die Taipingsoldaten drängten sich in die vorderen Reihen; zwei Luntenflinten langten über die Köpfe und richteten ihre weiten Mündungen auf die Bedrängten. »Fluch über diese feigen Betbrüder, die nicht wagen, ihren Schlupfwinkel zu öffnen«, stöhnte Hawthorn. »Die Kanaille wird uns in Stücke reißen wie Steffens und den Spanier. Aber wir wollen unser Leben teuer verkaufen, Mahadrö, mein Junge!« »Massa nicht sterben«, sagte der Malaye, seinen Kris schwingend. »Solange Mahadrö Odem hat, fürchten Langzöpfe das Messer!« »Zum Teufel, laß deiner Tollwut freien Lauf! – Ein Dutzend von den Jungens auf unserem Schiffe – und ich wollte die Bande in die Stadt zurückjagen, daß sie ihre Glieder in den Straßenwinkeln suchen müßten! – Vorwärts, da kommen die Schurken!« Die tobende Volksmenge stürzte sich wie eine brüllende Woge gegen die zwei. Balken, Spieße, Steine, Säbel, Haus- und Ladengeräte – alles war gegen sie erhoben; alles heischte Rache für den schändlichen Mord. Der tapfere Malaye sprang mit dem Satz eines Panthers vor seinen Herrn. Den linken Arm hielt er zum Schutz gegen die Hiebe und Stöße vor. Der gewundene Stahl seines gefährlichen Dolches tauchte dreimal in die andringende Menge; jedesmal kehrte er blutig zurück. Hawthorn hatte mit einem schweren Hieb seines Bowiemessers den kahlen Schädel eines Chinesen gespaltet; aber ein Schlag mit einer Stange auf den Arm zwang ihn, die Waffe loszulassen. Ein zweiter Hieb warf ihn auf die Knie, Kreischend stürzte sich ein gelbes Rudel auf ihn; aber trotz der Wunden und des Blutverlustes faßte er mit jeder Faust einen der Angreifer und stieß sie so heftig mit den Köpfen gegeneinander, daß beide betäubt zurückfielen. Doch seine herkulische Kraft nützte nichts gegen die gewaltige Übermacht. Im nächsten Augenblick wurde er zu Boden geworfen. Zehn Säbel und Messer blitzten über dem vergeblich ringenden Körper. Mahadrö, der Malaye, hatte kaum die Gefahr seines Gebieters gesehen, als er von seinem eigenen Kampf abließ. Wie ein Tiger schnellte er auf die Bedränger Hawthorns, stieß sie von ihm zurück und warf sich über den am Boden Liegenden. Mit seinem unbeschützten Körper fing er die Schläge und Stöße auf. Jauchzendes Geschrei verkündete den Sieg der Chinesen. Nun konnten sie ihrem Rachedurst freien Lauf lassen. Da öffnete sich plötzlich das Tor der Mission. Ein einzelner Mann und ein Mädchen standen den Wütenden gegenüber: der Missionar Ronecamp und Maria. Keiner der Diener der Mission hatte gewagt, Vater und Tochter bei dem mutigen Werk der Nächstenliebe zu begleiten; alle hielten sich in den Gebäuden versteckt; seine Gattin lag zitternd in ihrem Gemach auf den Knien und betete. Der alte Geistliche trug das dunkle Predigergewand; sein Silberhaar hing unbedeckt um sein ehrwürdiges Gesicht. Die blonde Maria lehnte, die Hände bittend gefaltet, an seiner Schulter wie eine rührende Engelserscheinung. Der Anblick der beiden schutzlosen Menschen, der Bekennermut zur christlichen Liebe übte auf die tobende Menge einen großen Einfluß aus. Das Geschrei hörte auf; die erhobenen Waffen sanken nieder; unwillkürlich wich der Menschenwall einige Schritte zurück und ließ in seiner Mitte die beiden blutenden Opfer, den Malayen und seinen Herrn zurück. »Freunde!« sprach der Missionar sie milde in chinesischer Sprache an. »Warum wollt Ihr diese Männer töten? – Ich bitte Euch, habt Erbarmen! Wenn sie Euch beleidigt oder gegen das Gesetz verstoßen haben, übergebt sie ihrer Obrigkeit!« »Sie haben Kiang-tin, den Seidenhändler, ermordet, weil er sein Weib verteidigt hat! Sie müssen sterben!« schrie eine Stimme aus der Menge. »Ist das wahr?« fragte der Missionar ernst den Seemann. »Zum Henker mit Euren albernen Fragen!« brüllte Hawthorn. »Laßt mich in die Tür! Ihr hättet längst öffnen sollen! Und dann laßt sie kommen, die Hunde!« »Tötet ihn! Laßt den Mörder nicht entkommen!« Wieder hob der Missionar die Hand; noch einmal schwieg der Lärm. »Ihr wißt, Freunde, daß die Gerichtsbarkeit über die Europäer nicht Euch zusteht, sondern den Konsuln. Ihr steht hier auf englischem Grund und Boden; diese Männer müssen ihrer zuständigen Behörde überliefert werden. Bedenkt, was Ihr tut und welche Folgen für Euch daraus entstehen würden!« »Er hat in unserer Stadt gemordet! – Hört Ihr die Trommeln der roten Barbaren?« schrien wilde Stimmen. »Auf sie! Sonst wird man sie entfliehen lassen!« Hawthorn hatte sich auf ein Knie erhoben. Mit letzter Kraftanstrengung sprang er empor und schoß mit einem Satz hinter dem Missionar durch die geöffnete Tür, die er hinter sich zuschlug und verriegelte. Ein Wutgebrüll der Menge prallte gegen den Mörder, den sie ihrer Rache entkommen sah. Ihre Waffen erhoben sich drohend über dem Missionar. Unbekümmert um das Geschrei und die Drohungen der erbitterten Chinesen war indes Maria zu dem Malayen getreten, der seinen Herrn so treu verteidigt hatte. Sie kniete neben dem vom Blut überströmten Körper nieder, hob den Kopf auf ihren Schoß und versuchte den aus der gefährlichsten Verletzung quellenden Lebensstrom zu stillen. Der Verwundete öffnete die Augen. Sein Blick traf auf die schönen, reinen Züge des Mädchens noch mit einem so grimmigen, tigerhaften Ausdruck, daß Maria erbebte. Aber sogleich hatte sie sich gefaßt; sie wischte mit ihrem Taschentuch das Blut von seiner Stirn. Umherblickend suchte sie ein bekanntes Gesicht, das sie um Beistand anrufen konnte. So groß die Erbitterung der Chinesen gegen die rohen Matrosen auch war, wagten sie doch nicht, dem Missionar oder seiner Tochter etwas zuleide zu tun. Beide standen in Schanghai unter den Eingeborenen in der größten Achtung; denn während die Bemühungen des Missionars zum Groll der chinesischen Beamten eine nicht unbedeutende christliche Gemeinde gebildet hatten, war es Maria Ronecamp gelungen, unter den Feinden ihres Glaubens durch Wohltaten gegen die Armen, durch aufopfernde Pflege von Kranken und eine Schule für Kinder sich viele Freunde unter dem Volke zu erwerben. Und dies um so mehr, als die wenigen europäischen Frauen, die mit ihren Gatten oder Verwandten in den Faktoreien wohnten, sich gegen die Eingeborenen sehr abgeschlossen und hochmütig zu benehmen pflegten. So kam es, daß ein Teil der Menge gegen die Mauern und die Tür der Mission anstürmte und nach Herausgabe des Mörders schrie, während ein anderer sich schützend um den Missionar und seine Tochter scharte. Der grimme, wilde Ausdruck, mit dem die blutdürstigen Augen des Malayen auf Maria starrten, wandelte sich in Staunen. Sanft, wie in einem glücklichen Traum, schlossen sich die Lider. Maria Ronecamps menschenfreundliches, mutiges Herz zeigte sich in seiner vollen Güte. Sie sah noch einmal umher, ob sie nicht ein Mitglied der Gemeinde fände. »Sigan-Sing, mein Freund,« sagte sie bittend zu einem älteren Chinesen, »wenn du mir vergelten willst, daß ich neulich deine Frau gepflegt und ihren Arm geheilt habe, so hilf mir, diesen Mann in die Mission zu tragen!« »Aber Himmelsblüte« – so nannten die Chinesen das junge Mädchen – »er hat zwei unserer Männer erstochen! – Du siehst, er hält noch den blutigen Kris in seiner Hand!« »Es ist ein großes Unglück«, erwiderte Maria. »Aber er hat es in Verteidigung seines eigenen Lebens getan. Das Gericht mag zwischen Euch blutdürstigen Männern entscheiden. – Jetzt steht er unter meinem Schutz. Ich bitte dich, ihn nach unserm Hause zu schaffen, damit ich auch nach deinen verwundeten Freunden sehen kann!« Die Macht Maria Ronecamps auf die erregten Gemüter war in der Tat so groß, daß außer dem Angesprochenen sich noch zwei andere Männer entschlossen, den fast leblosen Körper des Malayen aufzuheben. Sie wurden daran von ihren Gefährten nicht gehindert; denn in diesem Augenblick schlugen die Trommeltöne eines im Geschwindschritt herbeikommenden Piketts englischer Soldaten aus der nahen Faktorei an ihre Ohren. Der bei den häufigen Streitigkeiten den Chinesen wohlbekannte energische Kommandoruf: »Gewehr an! Fällt das Gewehr!« räumte im Nu den Platz vor der Mission. Die Menge stob auseinander und flüchtete nach der Grenze der Chinesenstadt zurück; selbst die Männer, die den blutigen Körper des Malayen aufgehoben hatten, ließen ihn wieder fallen; und nur die beiden im Handgemenge von dem Kris des Malayen Schwerverwundeten und ein mit seinen Polizeidienern herbeikommender Mandarin blieben zurück. Die Streitigkeiten zwischen den Europäern, namentlich den rohen, aus allen Nationen zusammengesetzten Mannschaften der im Hafen von Schanghai ankernden Schiffe und den chinesischen Händlern und Lastträgern sind so häufig und enden so selten ohne Blutvergießen, daß auch diesem Vorgang wenig Bedeutung beigelegt wurde. Der englische Offizier erklärte dem Polizei-Mandarin, wenn noch einmal ein Angriff des Pöbels auf die Mission stattfinde, würde der britische Konsul mit Unterstützung des nächsten Kriegsschiffes schwere Rechenschaft fordern. Als er hörte, daß Hawthorn zu dem Schoner »Seeschwalbe« gehörte, der unter amerikanischer Flagge im Hafen lag, überließ er es dem Beamten, seine Klage in der amerikanischem Faktorei anzubringen. Er entfernte sich, ohne den Mörder festzunehmen. Der Mandarin wußte sehr wohl, daß die Klage wenig helfen würde. Er bedauerte in seinem Innern nur, daß es Hawthorn gelungen war, sich der wohlverdienten Vergeltung zu entziehen. Von seinen mit langen Bambusstöcken versehenen Häschern ließ er die Verwundeten, die Maria so gut wie möglich verbunden hatte, sehr rücksichtslos nach der Chinesenstadt zurückbringen. Das Menschenleben hatte in China geringen Wert; die Art, wie die europäischen Faktoreien ihre durch den abgezwungenen Frieden errungenen Rechte in den fünf Küstenniederlassungen ausübten, war sehr rücksichtslos und tyrannisch. Der Missionar hatte den bewußtlosen Malayen durch seine Diener in das Haus tragen und in eines der Krankengemächer bringen lassen, da die Mission zugleich als Krankenhaus diente. Ronecamp besaß nicht unbedeutende Kenntnisse in der Heilkunde; von ihm hatte Maria vieles gelernt. Bis zur Ankunft des Arztes der Ansiedelung genügte ihre Hilfe vollkommen; und Maria hatte die Freude, den Geretteten bald wieder zum Bewußtsein zurückkehren zu sehen. Dank aus seinen glühenden Augen traf die liebliche Deutsche. Aber nicht der Malaye allein ließ auf ihr seine Blicke ruhen. – Der englische Offizier hatte dem Seemann Hawthorn bedeutet, daß er seiner Wege gehen und bei dem amerikanischen Konsulat die Klage der Chinesen über den begangenen Mord abwarten solle. Niemand hatte sich inzwischen, schon wegen seines niederträchtigen Benehmens gegen seinen Gefährten, um ihn gekümmert. Er war den Dienern gefolgt, die den verwundeten Malayen nach dem Krankenzimmer brachten. Die Arme übereinandergeschlagen und an die Wand des Gemachs gelehnt, die eigenen Verletzungen nicht achtend, sah er in mürrischem Schweigen den Bemühungen des Missionars und Marias um den Leidenden zu. Seine finsteren, unheimlichen Augen waren mit leidenschaftlichem Ausdruck auf Maria gerichtet. Erst als der Arzt dann den Verband beendet hatte, wandte er sich an ihn. »Nun, Doktor, wie ist's? – Muß der dumme Tropf zur Hölle fahren oder nicht?« Der Arzt sah ihn unwillig an. »Mit Gottes und dieser braven Menschen Hilfe,« sagte er, »hoffe ich das Leben dieses Mannes zu erhalten; er ist schwer genug verwundet! – Ich habe mir übrigens sagen lassen, daß er für Sie diese Wunden erhielt!« »Bah! – Das war seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit! – Ich bin sein Herr; er ist ein malayischer Schurke, wie sie schockweise in den indischen Gewässern zu haben sind. – Aber denkt Ihr, Meister Pflasterkasten, daß ich ihn an Bord seines Schiffes bringen lassen kann?« »Es würde sein Tod sein.« »Nun gut, so mag er bleiben, wo er ist. Aber wie lange, zum Teufel, wird die Geschichte dauern?« »Unter vier Wochen ist die Herstellung nicht möglich!« »Höll' und Verdammnis! – Solange kann das Schiff nicht in diesem Nest liegenbleiben. – Der Bursche ist zwar sehr brauchbar, aber doch immer nur ein Malaye. Wißt Ihr was, Doktor, Gold tut alles in der Welt; es wird wohl auch Euren Arzeneien auf die Beine helfen. In diesem Beutel sind zwanzig goldene Mohurs; da, nehmt! Schafft mir Mahadrö in drei Tagen gesund!« Er warf dem Arzte brüsk den seidenen Beutel zu. »Es geht nicht, Sir, wenn ich auch mein bestes tue. Vor acht Tagen ist der Mann nicht reisefähig!« »Dann mag ihn der Teufel holen! Ich kann solange nicht warten! – Hört, frommer Herr, nehmt Euch des Burschen etwas an; es ist ja Euer Handwerk. Ich will's gut bezahlen. Für das Begräbnis der beiden andern brauch' ich glücklicherweise nicht zu sorgen; die Hunde haben sie ja zerfetzt, daß kein Stück an ihnen ganz geblieben ist. Ich will bei erster Gelegenheit diesen kahlköpfigen geschlitzten Schurken einen Tanz aufspielen, der sie an den heutigen Tag denken lassen soll! – Morgen komm' ich wieder, um noch einmal, eh' ich segle, nach dem Burschen zu sehen!« Ohne dem mutigen Einschreiten des Missionars, der ihm damit das Leben gerettet hatte, auch nur ein Wort des Dankes zu widmen, ging der Seemann davon – zur großen Erleichterung der Missionsbewohner, die sich wohl hüteten, den wüsten Menschen zum Wiederkommen einzuladen. Aber Hawthorn kam nicht nur am nächstfolgenden, sondern auch am zweiten und dritten Tage wieder. Seine Besuche dehnten sich weit länger aus, als nötig gewesen wäre. Er wählte immer verschiedene Zeiten, um Maria, die dem Malayen eine besondere Pflege widmete, am Lager des Kranken zu überraschen und ihr einige plumpe Schmeicheleien zu bezeigen. Maria, die der wilde Charakter aufs höchste abstieß, fand stets eine Gelegenheit, sich bald zu entfernen. Die frechen, lüsternen Blicke des Dänen – aus diesem Volke stammte der Steuermann – widerten ihren reinen Sinn an und trieben die Röte auf ihre Wangen; er fand es jetzt für gut, sein Fluchen möglichst zu unterdrücken und sich in der Mission weniger wild und roh zu benehmen; trotzdem verleugnete sich seine Art nicht. Nachdem bei einem erneuten Besuch des Seefahrers Maria Ronecamp unsichtbar geblieben war und ihr Vater auf die Frage nach ihr ihm kurz bedeutet hatte, daß sie für einige Zeit abwesend sei, hörte die Familie zu ihrer großen Befriedigung am fünften Tage, daß der Schoner »Seeschwalbe« die Anker gelichtet hatte und in See gegangen war. – – Was man über das Schiff vernahm, war nicht sehr geeignet, es zu empfehlen. Es galt als Opiumschiff; seine Papiere schienen in bester Ordnung; wenigstens hatte der amerikanische Konsul der Benutzung der Flagge seines Landes nichts in den Weg gelegt. Aber ein Gerücht der Eingeborenen behauptete, daß der Schoner noch eine weit verwerflichere Bestimmung hätte, als die Unterstützung jener humanen und moralischen Politik des Krämerkabinetts von St. James, die mit Kanonen und Bajonetten ein großes Land zwang, sich gegen seine Gesetze das Opiumgift einführen zu lassen. Mit dem Absegeln der »Seeschwalbe« verloren sich diese Gerüchte und die Besorgnis vor ihrer Mannschaft. Maria kehrte wieder zu ihrem Werk christlicher Liebe, der Pflege des verwundeten Malayen, zurück. Seine Heilung erforderte jedoch längere Zeit, als der Arzt anfangs glaubte. In dieser Zeit führte Henry Norford einen Auftrag der Missionsgesellschaft auf einer anderen Station aus. Als er endlich zurückkehrte, zur selben Zeit, als der Malaye wieder sein Lager verlassen konnte, erschütterte ein Unglück die Familie auf das härteste. Die Cholera war in den Küstenstädten ausgebrochen und forderte zahlreiche Opfer auch in Schanghai. Eines von ihnen war der Vater Marias. Frau und Tochter widmeten ihm die liebevollste Pflege, aber schon nach achtundvierzig Stunden erlag der Missionar, stark und vertrauend in seinem Glauben, der Krankheit. In diesen Tagen des Leidens und Kummers legte Mahadrö, der wilde Malaye, wahrhaft rührende Beweise seines Dankes und seiner Zuneigung für seine Retterin an den Tag. Er folgte wie ein Hund ihren Schritten; als der Missionar gestorben war, und Mahadrö die tiefe Trauer der Tochter sah, verhüllte er sein Gesicht mit den Falten seines Turbans und nahm drei Tage weder Speise noch Trank zu sich. Am dritten Tage – dem Tage nach dem Begräbnis des Missionars – lehnte Maria Ronecamp allein, das Haupt in die Hand gestützt, in trübem Nachdenken auf dem Diwan von Bambusrohr im Arbeitszimmer ihres toten Vaters und dachte an ihre Zukunft. Sie hörte die Tritte eines Mannes hinter sich; in der Meinung, es sei ihr Verlobter, streckte sie ihm, ohne aufzuschauen, die Hand entgegen. Aber sie fühlte die Finger in rauher, ungewohnter Weise, gefaßt und gepreßt; als sie emporsah, begegnete sie den leidenschaftlichen, frechen Blicken des Steuermanns Hawthorn. »Gott verdamm meine Augen, schöne Maria,« lachte der Dreiste, »man muß Euch ja suchen wie ein verlorenes Boot in der Bö! – Gut, daß ich Euch hier allein finde, mein Schätzchen; denn ich habe Euch allerlei zu sagen.« Maria hatte sich rasch erhoben und ihre Hand freigemacht. »Was unterfangen Sie sich, Sir?« sagte sie stolz. »Wie kommen Sie in dieses Zimmer?« »Alle Teufel, da auf meinen zwei Beinen, denk' ich,« lachte der Unhold, »da ich doch schwerlich auf den Planken der ›Seeschwalbe‹ durch diese engen Türen einsegeln kann. – Aber ich würde doch lieber ein Dutzend Burschen zum Frühstück peitschen lassen, bis ihnen das Blut in die Schuhe läuft, als daß ich Euch erschrecken wollte, Täubchen. – Ich habe gehört, daß der alte Griesgram, Euer Vater, gestorben ist, der ein so hübsches Mädel hier immer hinter Schloß und Riegel hielt, statt sie ein lustiges Leben kosten zu lassen. Viel Geld und Geldeswert wird er gerade auch nicht zurückgelassen haben. Eure verwünschten blauen Augen haben mir's bis zum Närrischwerden angetan! Ich mache Euch den Vorschlag, mit mir zu kommen und die Herrin zu spielen in der Kajüte der ›Seeschwalbe‹ und über die vier Dutzend Galgenvögel, die seine Mannschaft bilden!« »Sir ...« »Zum Henker, wenn Ihr's nicht anders wollt und das einer freien amour vorzieht, will ich mich vor dem Konsul mit Euch zusammenspleißen lassen! Meine früheren Weiber hat längst der Teufel geholt! Aber mein müßt Ihr werden, das hat Niels Hawthorn beim Kreuz von Dänemark geschworen; und dann setzt er seinen Willen durch, ob alles zugrunde gehen sollte. Also sperrt Euch nicht lange und sagt Eure Bedingungen. Ich verspreche Euch, Ihr sollt es besser haben, als die reichste Fürstin von Indien.« »Verlassen Sie augenblicklich das Zimmer; oder ich rufe um Hilfe«, rief Maria empört. »Hoho! Also du willst nicht gutwillig, mein kleines hübsches Möwchen«, lachte Hawthorn. »Wenn du nicht meine Frau werden willst, mußt du doch meine Geliebte werden. Ich will schon Mittel finden, dich fügsam zu machen. Ich will dir bis morgen Zeit zum Überlegen geben. Die Weiber spreizen sich alle zu Anfang. Das da wird vielleicht helfen, dich etwas kirre zu machen.« Damit warf er ein zusammengeknüpftes Seidentuch auf den Tisch, aus dem goldene Spangen, Ketten und andere Kostbarkeiten herausrollten. »Unverschämter –!« »Nicht doch, Herzchen! Einen tüchtigen Schmatz muß ich haben als Pfand auf unseren Handel!« Er umfaßte sie und preßte sie an sich in wilder Begierde. Maria Ronecamp schrie laut auf. »Hilfe, Henry! Zu Hilfe!« Die zwei Türen, die in das Gemach führten, öffneten sich fast im gleichen Augenblick. Durch die eine stürzte der Malaye herein; in der anderen erschien Henry Norford. Unwillkürlich fuhr Mahadrö einen Schritt zurück, als er den Mann erkannte, in dessen Armen Maria sich wand. Ein furchtbarer Kampf – der Kampf zwischen dem gewohnten Gehorsam gegen seinen Herrn und seiner Dankbarkeit gegen seine Beschützer ließ den Malayen erbeben. Die gleiche Erregung erschütterte Norford, den ehemaligen Seeoffizier. Als er seine Verlobte, das teuerste Wesen, das er auf der Welt hatte, in den Fäusten des brutalen Wüstlings sah, waren all die seit zwei Jahren streng beobachteten Vorsätze der christlichen Ruhe und Geduld verschwunden; er stürzte, die Faust erhoben, als schwinge sie noch den Säbel an der Spitze seiner Leute bei dem Angriff auf ein feindliches Verdeck, in das Zimmer. »Schurke, was tut Ihr da?« Hawthorn wandte sich wild gegen ihn. »Oho! Ein junges Pfäfflein! Weht der Wind aus dem Kompaßstrich?« »Laßt augenblicklich los! Oder bei Gott ...« »Nun?« Die Faust Norfords fiel so kräftig auf seine Stirn nieder, daß Hawthorn unwillkürlich die Arme öffnete und an die Wand taumelte. Maria wäre zu Boden gefallen, wenn nicht der Malaye seine gütige Pflegerin aufgefangen hätte. Hawthorn stieß einen Fluch aus, raffte sich empor, griff nach dem Messer in seinem Gürtel und wollte sich auf den unbewaffneten Gegner stürzen. Henry Norford war an Körperkräften seinem Gegner keineswegs gewachsen; aber er besaß mehr ruhigen Mut und bewußte, kühne Entschlossenheit. Er packte einen der Bambussessel und schwang ihn gegen seinen Feind. Dennoch wäre er verloren gewesen, wenn sich nicht Mahadrö zwischen ihn und seinen blutgierigen Gebieter geworfen hätte. »O Sahib, was tust du? Sie haben Mahadrö und dich gerettet! – Er ist ein heiliger Derwisch der Christen!« »Zum Teufel mit deinem Leben, du Hund! Mag es hundertmal verloren gehen! Er hat mich geschlagen! Er muß sterben!« »Hinaus mit dir, Schurke! Hinaus!« Der mutige Offizier ging auf den Mörder los; der Hilferuf Marias führte von allen Seiten Diener des Hauses, darunter mehrere kräftige Europäer, herbei, die sich um ihn drängten. Der wilde Hawthorn sah ein, daß er den Kürzeren ziehen mußte. Selbst wenn es ihm gelang, augenblicklich seine Rache zu befriedigen, war der Mord eines europäischen Missionars nicht so unbedenklich, wie der eines hilflosen Chinesen. Er hätte ihm den Strick gebracht. Und mehr grausam, als von wahrem Mute beseelt, stieß er sein Messer in die Scheide zurück und begnügte sich, die Faust drohend gegen Norford zu schütteln. Der junge Missionar hatte sich gefaßt und begann sich der alten leidenschaftlichen Hitze zu schämen. »Werft das betrunkene Tier augenblicklich aus dem Hause«, befahl er, sich beherrschend. »Wenn der Mensch sich je wieder in der Mission blicken läßt, tragt Sorge, daß er kein neues Unheil anrichten kann!« Hawthorn sah die Diener, die nach ihm griffen, mit einem so wilden Blick an, daß sie zögerten. »Wer mich anrührt, dem dreh' ich die Klinge in den Eingeweiden um«, drohte er. »Wir sehen uns wieder, Pfaffe, und dann soll der schwarze Rock deine Feigheit nicht schützen! – Du, Dirne, weißt, was ich dir gesagt habe. Was Niels Hawthorn beim Kreuz von Dänemark geschworen hat, das hält er!« »Hinaus!« Hawthorn schritt, die Hand noch immer am Messer, nach dem Ausgang. Die Diener machten ihm unwillkürlich Platz. Da fiel sein tückischer Blick plötzlich auf den Malayen. »Hierher, Mahadrö!« »Sahib! Sie waren so gut gegen mich!« »Ich lasse dir den Rücken peitschen! Du bist mein Eigentum und folgst augenblicklich!« Der Däne hatte in der Tat von einem wilden Völkerstamm auf Borneo Mahadrö eingehandelt und konnte ihn also als Sklaven betrachten. Mahadrö warf einen verzweifelten Blick auf seine Hausgenossen; aber er erkannte an der finsteren Stirn des Missionars und an dem Schluchzen der erschrockenen Maria, die sich angstvoll an die Schulter ihres Verlobten schmiegte, daß sie ihm nicht helfen konnten, wenn Hawthorn ihn zurückforderte. Mit einem Stöhnen des tiefsten Seelenschmerzes warf der Halbwilde sich vor dem Mädchen nieder und preßte ihr Gewand an seinen Mund. Dann sprang er empor, kreuzte die Arme über seiner Brust und verließ mit gesenktem Haupte hinter seinem fluchenden Gebieter die Mission. Auf den Befehl Norfords, den das zitternde Mädchen durch einen stummen Wink auf die zurückgelassenen Kostbarkeiten aufmerksam machte, beeilten sich die Diener, sie Mahadrö und ihrem Besitzer nachzutragen. Wochen waren seitdem vergangen. In Schanghai hatte man nichts mehr gehört von dem Schoner und seiner Mannschaft; auch bei dem Ereignis in der Mission hatte das verdächtige Schiff nicht im Hafen geankert, sondern war, wie man später erfuhr, an einer der kleinen Tschin-san-Inseln liegengeblieben. Maria hegte anfangs Besorgnis für die Sicherheit ihres Verlobten und hielt ihn nach Kräften ab, allein außerhalb der Mission zu verweilen. Henry Norford aber verwies ihr diese Furcht; sein natürlicher Mut ließ ihn an eine Rache des wilden Dänen nur mit Verachtung denken. So wurde Hawthorns Überfall allmählich vergessen; es schien nur manchmal Maria Ronecamp, wenn sie von einem oder zwei Dienern der Mission begleitet, ihre Gänge weiter über das Gebiet der Faktorei ausdehnte und die chinesischen Stadtteile besuchte, als würde sie auf ihren Wegen von fremden Leuten beobachtet und verfolgt; zweimal meinte sie unter der Menge versteckt, die Gestalt und das Gesicht Mahadrös wiederzuerkennen. Da er aber sich ihr nie näherte, glaubte sie sich getäuscht zu haben, um so mehr, als bei den scharf ausgeprägten, einander ähnlichen Gesichtern asiatischer Rassen ein Europäer die einzelnen schwerer zu unterscheiden lernt. – Von der Hauptmission war nach dem Tode des würdigen Ronecamp ein anderer Missionar auf die Station gesandt. Henry Norford erhielt die Anweisung, sich nach der britischen Niederlassung Sarawak auf Borneo zu begeben und eine Anzahl chinesischer Familien dahin zu begleiten. Diese Familien waren im Innern des Landes fortdauernden Verfolgungen wegen ihres christlichen Glaubens ausgesetzt geblieben, ohne daß die Konsulate an der Küste sie genügend schützen konnten; sie zogen es deshalb vor, wie alljährlich viele Tausende ihrer Landsleute um des Handels und anderer Ursachen willen, nach den Inseln des indischen Archipels auszuwandern. Henry Norford wünschte dringend, vorher seine eheliche Verbindung mit Maria zu vollziehen; aber die Mutter wollte die Trauerzeit um den Tod des Vaters nicht so rasch abkürzen; an der Probezeit, die der alte Ronecamp dem neuen Missionar bestimmt hatte, fehlten auch noch drei Monate, und Frau Ronecamp hing mit einem gewissen Eigensinn an den Bestimmungen ihres Mannes. So wurde denn, da kein geeignetes englisches Kauffahrerschiff in Schanghai bereitlag und die Chinesen bei solchen Fahrten sich lieber ihren langsamen und ungeschickten Fahrzeugen anvertrauen, beschlossen, eine große chinesische Dschonke zu mieten und auf ihr sehr bald die nicht ungefährliche Überfahrt zu machen; denn es nahte sich die Jahreszeit der Taifune, die von den Chinesen sehr gefürchtet waren. Die Dschonke hieß »Juen-schang«, der »Fliegende Schwan«; sie hatte aber mit Ausnahme des breiten Bordes und des hohen, halsartigen Schiffsschnabels herzlich wenig Ähnlichkeit mit dem stolzen Vogel; sie kroch über Wasser, statt zu fliegen, und vergeblich mühte sich Norford, dem Schiffer und seinen nacktbeinigen Matrosen eine geschicktere Anwendung der Segel und der Verteilung des Gleichgewichts beizubringen. Die Dschonken sind überhaupt keine Fahrzeuge, die für Schnellsegeln und Sicherheit auf stürmischen Wogen gebaut sind. Die größeren Dschonken sind von etwa zweihundert Tonnen Last, haben zwei Mastbäume und ebenso viele Segel, die sich beim Aufziehen wie Fächer in eine Reihe Falten zusammenlegen. Die Schiffe sind aus Balken von leichtem Holz, nachlässig bearbeitet, zusammengefügt. Rippen und Streben sind gewissermaßen nur an die Balken angehängt, so daß ein Schuß aus grobem Geschütz das ganze Fahrzeug gefährdet. Ihr Hauptbestandteil ist der Bambus, aus dem die Verdecke, die Kajüten, die Schanze, kurz fast alles, gefertigt ist. Unförmlich in ihrem Aussehen und in ihren Bewegungen, werden sie doch nicht bloß zu Küstenfahrten, sondern häufig zu Reisen durch den ganzen Indischen Ozean benutzt; man begreift kaum, daß sie nicht bei der ersten frischen Brise zerschellen. So plump wie ihre Schiffe, so unwissend sind die chinesischen Schiffer in der Schiffahrtskunde. Sie hängen mit dem diesem Volke eigentümlichen Eigensinn fest an den früheren geringen Kenntnissen und Gebräuchen. Obschon Norford eigentlich der Schiffsherr war, da er das ganze Fahrzeug für den Transport seiner Kolonie gemietet, so war es doch aller seiner Mühe, selbst seinen Befehlen nicht möglich, den Schiffer und seine Matrosen aus ihrem alten Schlendrian herauszubringen und aus seinen besseren nautischen Kenntnissen Vorteil zu ziehen. Schon nach den ersten Tagen gab er diesen Kampf mit dem Eigensinn auf und beschränkte sich darauf, für die Bequemlichkeit seiner Braut und ihrer Mutter nach Kräften zu sorgen. Außer dem Missionar und den beiden Frauen befanden sich vierunddreißig chinesische Familien auf der Dschonke. Der Schiffer hatte sich betrügerischerweise noch erlaubt, eine Menge blinder Passagiere zur Überfahrt einzuschmuggeln, so daß das Schiff ohne die Mannschaft hundertundvierzig Menschen trug, darunter hundert Frauen und Kinder von jedem Alter. Das Gedränge auf der Dschonke war fürchterlich. Das Verdeck wimmelte von Weibern und Kindern, die auf ihren Fersen umherhocken, die schmutzigen Opiumpfeifen rauchen, oder ihren Reis bereiten. Die Männer suchten auf diesem engen Raum ihren listigen Handel zu treiben. Ketten von Zwiebeln und Früchten aller Art hängen zwischen den Masten und Böten; Kisten und Ballen machten die Gangwege enge und türmten sich oft bis zur halben Höhe der niederen Masten empor; die angestrichenen hölzernen Kanonen streckten wie Kinderspiel ihre falschen Öffnungen aus den Luken; sie hatten noch nie einen der kecken Feinde, die diese Meere durchschwärmten, zurückgeschreckt. Maria und ihre Mutter hatten es sich in der Campanje, einer großen Hütte, die in übermäßiger Höhe mit buntgemalten Läden und Fenstern das Hinterdeck einnimmt, bequem gemacht. Am fünften Tage der Ausfahrt von Schanghai hatte ein heftiger Südwest die Dschonke weit hinaus ins Chinesische Meer geblasen, weiter, als die Schiffe sich sonst von der Küste zu entfernen pflegen. Als der Missionar mit seinen eigenen, aus seiner Leutnantszeit zurückbehaltenen Bestecken am Mittag die Sonnenhöhe aufnahm, fand er, daß sie sich etwa auf der Höhe der Tschusaninseln im Osten und etwa hundert Seemeilen von der Küste an ihrem Steuerbord befanden. Schon seit dem Morgen verfolgte den gleichen Kurs mit der Dschonke ein Fahrzeug, das sich aber sorgfältig zwischen ihnen und der Küste hielt. Obschon in diesen Meeren der Verkehr sehr groß war, ging man unbekannten Schiffen doch gern aus dem Weg; denn die malayischen Seeräuber schweiften bis hier hinauf, und von der chinesischen Küste schwärmten zahlreiche Korsaren auf leichten Fahrzeugen nach irgendeiner faßbaren Beute. Die größte Energie der englischen und französischen Stationsschiffe vermochte diesem Unwesen nicht zu steuern. Im Laufe des Vormittags war das fremde Fahrzeug näher heraufgekommen. Norford, der es beobachtete, konnte die erfreuliche Feststellung machen, daß es keine der gefährlichen Prauen, sondern nach seiner Takelage ein schnellsegelnder europäischer Schoner war. Nach der Beobachtung der Sonnenhöhe griff Norford aufs neue nach dem Fernrohr und wandte es gegen das fremde Schiff; es hatte sich jetzt bedeutend genähert und hielt nun gerade auf den »Fliegenden Schwan« zu. Der chinesische Schiffer und Maria standen neben ihm; beide bemerkten nicht ohne Besorgnis, daß während der langen Beobachtung Norfords Gesicht immer ernster wurde. »Singh Padre,« sagte der dicke Chinese endlich, bald nach seinen Fächersegeln, bald nach dem fremden Fahrzeug hinschielend, »ich möchte Eure Heiligkeit fragen, was Sie aus dem Schiffe dort machen?« »Sieh selber, würdiger Hoan-Tsin«, sagte der Missionar, dem alten Chinesen das Glas reichend. Hoan-Tsin sah lange hindurch. Sein gelbbraunes, faltiges Gesicht wurde aschgrau bis an die Wurzel des langen Zopfs. »Heiliger Konfuzius!« murmelte er. »Das ist der Schoner, der vor sechs Monden im Hafen von Schanghai ankerte, und dem man sehr schlimme Dinge nachsagte!« Maria Ronecamp hatte dem Gespräch der Männer aufmerksam zugehört. »Welches Schiff meinst du?« »Es hieß ›Seeschwalbe‹, aber das Volk munkelte, es führe auch noch andere Namen.« »Um Himmelswillen! – Dann ist der Steuermann Hawthorn! Wir sind verloren!« Der Missionar beruhigte sie. »Es ist eine unangenehme Begegnung, aber nicht so schlimm, wie du fürchtest. Soviel ich gehört habe, war die ›Seeschwalbe‹ ein Schmugglerschiff oder diente zum Opiumhandel. – Es wird nicht wagen, friedliche Reisende zu belästigen; oder es müßte die strenge Bestrafung der englischen Regierung fürchten.« Der Chinese zuckte die Achseln. »Unsere Mutter Viktoria ist weit, und diese Schmuggler machen sich wenig aus den Gesetzen. Ich will noch das Staatssegel aufziehen lassen, dann wird der ›Fliegende Schwan‹ ihnen hoffentlich den Weg abgewinnen.« Der ehemalige Seeoffizier winkte ungeduldig. »Glaubst du denn mit dieser Schnecke, die nicht den Namen ›Schiff‹ verdient, der schnellsegelnden und trefflich gebauten ›Seeschwalbe‹ auch nur eine Stunde lang entkommen zu können? – Das einzige, was wir tun müssen, ist ruhig unsern Kurs fortzusetzen und die britische Flagge aufzuhissen, unter deren Schutz wir segeln. Laß das sogleich tun, Hoan-Tsin; ich glaube, daß er es nicht wagen wird, sie zu mißachten!« Der kleine wohlbeleibte Chinese lief eilig nach vorn, wo die Schiffsleute und Passagiere sich drängten und gleichfalls nach dem fremden Schiffe schauten; er befahl, die auf allen Meeren des Erdballs wohlbekannte Flagge an beiden Masten aufzuziehen. Es geschah mit vielem Geschrei, ohne das das chinesische Schiffsvolk nicht den kleinsten Dienst verrichten kann. Große Unruhe und Furcht bemächtigten sich der ganzen Gesellschaft, die durcheinanderrannte wie eine Herde Schafe, wenn der Wolf in der Nähe ist. Ohne dem Aufziehen der Flagge durch ein gleiches Zeichen zu antworten, setzte der unheimliche Schoner seinen Lauf gerade auf die Dschonke zu fort. Der Missionar hatte seine Verlobte bewogen, in die Kajüte zu gehen und mit ihrer Mutter dort zu bleiben. Er selber verweigerte ihre dringenden Bitten, ihr zu folgen. Nachdem Maria sich endlich zitternd und angstvoll entfernt, rief er aufs neue den Schiffer herbei. »Wenn das Spielwerk ehrliches Metall wäre,« sagte er, verächtlich mit dem Fuß gegen eine der Kanonen stoßend, »so könnten wir den Burschen leicht in der gehörigen Entfernung halten. So müssen wir uns auf uns selber verlassen. Glaubst du, Hoan-Tsin, daß deine Mannschaft bereit sein würde, für das Schiff zu fechten, wenn es mir gelänge, die Mitglieder der Gemeinde zu einem entschlossenen Widerstand zu bewegen?« »Möge dein Angesicht niemals schwarz werden, Singh Padre«, schrie der Chinese. »Was denkst du von diesen Männern? Sie sind gemietet, die Segel zu ziehen und die Schiffsarbeit zu machen, aber nicht zu fechten! Ich glaube, daß du auf dem ganzen Schiff keinen Mann finden wirst, der nicht ein Mann des Friedens ist und vom Krieg nichts wissen will!« »Memmen!« murmelte verächtlich der Missionar; er trat auf die andere Seite des Verdecks und unterdrückte mit Gewalt jede Regung seiner früheren Kampfeslust; er durfte selber nur ein Mann des Friedens sein und Gefahren nicht anders begegnen, als mit Ergebung und christlicher Ermahnung. Plötzlich störte ihn der Donner eines Schusses, dem verworrenes Angstgeheul vom Vorderschiff her folgte. Der Schuß war von dem Schoner hergekommen, der etwa noch zwei Kabellängen entfernt war; die Kugel – ob absichtlich oder nicht, ließ sich nicht entscheiden – war über den Bug des »Fliegenden Schwans« hinaus gerichtet gewesen. Der Missionar wußte zuerst nicht, was das Geschrei der Schiffsmannschaft bedeuten sollte, bis der kleine Schiffer auf ihn zugesprungen kam und mit beiden Händen wie unsinnig nach dem fremden Schiff deutete. »Der Rote Hai! Himmlischer Konfuzius, beschütze uns! Der Rote Hai!« Von dem Schoner, der eben den Pulverdampf durchschnitt, wehte an der Gaffel des Hauptmastes eine große schwarze Flagge. Die Schiffe waren einander so nahe, daß Norford inmitten des schwarzen Tuchs die große rote Zeichnung eines Haifisches erkennen konnte. Bei dem Anblick der schwarzen Fahne sank Norford im Gedanken an seine Begleitung der Mut; denn er kannte sehr wohl ihre Bedeutung: die Seeräuberei. Am Bugspriet des fremden Schiffes war ein fratzenhafter Teufelskopf mit Hörnern und bleckender Zunge angebracht. Als der Schoner jetzt vorausschoß, um zu wenden, las er an dem Hinterkastell in großen weißen Buchstaben den in den indischen und chinesischen Gewässern, ebenso wie den Kapitän, den Roten Hai, gefürchteten und mit ihm eng verbundenen Namen »Satan«. Henry Norford wußte, daß dies Schiff, seit mehr als zwei Jahren einer der berüchtigsten Korsaren, bisher vergeblich von den englischen Kreuzern verfolgt worden war. Seine Mannschaft hatte die schändlichsten Untaten begangen. Ebensogut aber wußte er, daß jeder Versuch des Widerstandes, selbst wenn die Mannschaft der Dschonke nicht aus Feiglingen bestanden hätte, vergeblich gewesen wäre; denn der »Satan« war auf beiden Borden mit drei messingnen Vierpfündern und einer langen Drehbasse auf dem Vorderkastell bewaffnet. Das Erscheinen des Raubschiffes war ihm übrigens um so unerwarteter, als man an diesem Teil der chinesischen Küste seit mehreren Monaten durch die Wachsamkeit der englischen Kreuzer nichts mehr von ihm und seinen Taten gehört und sich der Hoffnung hingegeben hatte, daß es nach andern Gegenden geflüchtet sei. Die Verwirrung auf den Verdecken der Dschonke war grenzenlos, als man die Wahrheit erkannte. Die Matrosen, der Schiffer an der Spitze, eilten hinunter, um sich zu verbergen; die jammernden Chinesen drängten sich um den Missionar, als suchten sie bei ihrem Seelsorger Schutz auch gegen die Gefahr für Leben und Gut. Nur mit Mühe vermochte Norford sich von ihnen loszumachen, um noch einmal in der Kajüte nach seiner Verlobten und ihrer Mutter zu sehen, ihnen Mut einzusprechen und die Mahnung zu wiederholen, sich in ihre Kabine einzuschließen. Als er wieder auf das Deck kam, hatte das Seeräuberschiff um die Dschonke geviert und war im Begriff, sich an ihren Backbord zu legen. Wilde, bis an die Zähne bewaffnete Männer hingen an den Wandungen des Schoners, bereit, sich sofort auf den hohen Bord des chinesischen Schiffes zu schwingen; da der »Satan« sehr tief im Wasser ging, vermochte der Missionar sein ganzes Deck zu übersehen. Mit tiefem Unwillen dachte er daran, mit welchem Erfolg er dem Seeräuberschiff hätte die Spitze bieten können, wenn diese hölzernen Kanonen gute, bis an die Mündung mit Kartätschen geladene Karonaden, und an seiner Seite statt dieser Feiglinge auch nur zwanzig wackere Matrosen gewesen wären. Unwillkürlich suchte er unter der zum Entern bereiten Mannschaft seinen Gegner, den wilden Steuermann. Aber er bemerkte ihn nirgends, bis sein Blick auf einen am Fuß des hintern Mastes stehenden Mann fiel, der sich auf eine große afghanische Streitaxt stützte. Der Mann trug ein blutrotes Hemd. Ein roter Gürtel von chinesischer Seide barg Schieß- und Stichwaffen. Es war der Kapitän des Seeräuberschiffes, der berüchtigte Squale rouge , der Rote Hai. Er erteilte, halb abgewendet, der Mannschaft Befehle; als er sich umkehrte, erkannte Henry Norford den Mann, den er in Schanghai zu Boden geschlagen: den Dänen Hawthorn. Die beiden Männer erkannten sich in dem Augenblick, als die Schiffe zusammenstießen. Ein teuflisches Licht funkelte in den Augen des Dänen; der Missionar raffte alle seine Kraft zusammen, um diesem Blicke mit der Ruhe eines Christen und der Würde eines Geistlichen zu begegnen. Die Seeräuber warfen sich mit wildem Triumphgeheul aus den Wandungen ihres Schiffes auf die Dschonke. Sie schossen Pistolen und schwangen mit wilden Gebärden ihre Waffen; niemand wagte den wilden, verwegenen Gestalten, von denen kein Mitleid zu erwarten war, Widerstand zu leisten. Was den Reisenden bevorstand, zeigte gleich die erste Handlung eines der Korsaren, als er an Bord sprang. Ein Kind von drei Jahren war bei der Flucht seiner Eltern in den Raum auf dem oberen Deck zurückgelassen worden. Es lief in Angst vor den Seeräubern schreiend umher. Der Korsar schleuderte es mit einem Wurf über das Bollwerk ins Meer. Kugeln flogen um Norford her; unbeweglich, wenn auch im Innern von der furchtbarsten Angst um das Schicksal seiner Lieben verzehrt, bewahrte er seine Haltung. Ein Teil der Eingedrungenen eilte in den Raum, um zu plündern, und die Passagiere und Schiffsleute herauszuzerren; drei stürzten auf Norford zu, dessen Ruhe ihnen einen gefährlicheren Feind, eine würdigere Beute zu verkünden schien; sie bedrohten ihn mit Handschars und Säbeln. Aber einer ihrer Gefährten, ein kräftiger, brauner Mann, sprang vor ihn und rief seinen Kameraden einige, dem Missionar unverständliche Worte zu. Zögernd ließen sie von ihm ab. »O Sahib Padre,« flüsterte der Seeräuber, »warum nicht gefahren sein mit Himmelsblüte auf englischem Schiff? Schlimm, sehr schlimm!« Norford erkannte nicht ohne freudige Bewegung den Malayen, den seine Braut so sorgsam gepflegt hatte; er wollte ihn eben bitten, vor allem Maria zu schützen, als Mahadrö hastig von ihm weg unter seine Gefährten sprang. Mit unheimlichem Schweigen stieg der Kapitän des Piratenschiffs über die Bordwand empor und kam langsam, die schwere Schiffsaxt in der Hand, auf den Missionar zu. Gefaßt erwartete Henry Norford sein Schicksal und betete zu Gott nur um Schutz für die Geliebte. Fünf Schritt von ihm ließ sich der Rote Hai auf einem Warenballen nieder. Seine Leute umstanden ihn, auf ihre Waffen gestützt und bereit zu jeder Untat; über das Schiff hallte das Jammergeschrei, das Gekreisch der Frauen und der Todesschrei der Verwundeten. Henry Norford schritt entschlossen auf den Piratenkapitän zu und blieb vor ihm stehen, kühn und fest seinem wilden Blick begegnend. »Mit welchem Recht, Sir,« sagte er mutig, »wagen Sie es, friedliche, unter dem Schutz der englischen Flagge segelnde Reisende zu überfallen? – Bedenken Sie wohl, daß Englands Macht einen Frevel an seinen Untertanen und Schutzbefohlenen nicht ungerächt läßt!« Der Rote Hai lachte höhnisch auf. »Mit welchem Recht? Zum Teufel, ich denke, mein Recht dort« – er wies auf die schwarze Flagge des Schoners – »ist hier ebenso gültig wie die Flagge von England.« »England ist in Frieden mit allen Nationen – was Sie getan, ist Seeräuberei!« »Der Squale rouge will auch nichts anderes! – Halt dein Maul, Pfaffe, bis die Reihe an dich kommt; ich denke, unsere Abrechnung wird schwer genug sein. Wo ist der Kerl, der Kapitän dieser elenden Bambusbretter?« Die Piraten hatten unterdes Hoan-Tsin und die meisten Chinesen heraufgeschleppt und wie eine Herde Schafe auf dem Verdeck vor der Hütte zusammengetrieben. Jetzt stießen sie den Schiffer in die Mitte des Kreises. »Du bist der Kapitän des Schiffes?« herrschte der Rote Hai ihn an. Hoan-Tsin fiel auf die Knie und streckte flehend die Hände aus. »O Sahib!« stöhnte er, »Hoan Tsin ist nur zum Teil Eigentümer des ›Fliegenden Schwans!‹ Du wirst Erbarmen haben mit einem unglücklichen Mann!« »Wo ist das Silber, das Ihr bei Euch führt?« »Heiliger Konfuzius! Ich weiß von keinem Silber!« »Schneidet dem Schurken die Fußsohlen auf und gebt ihm unser Pulver zu kosten, bis er gesteht!« Das zeternde Sträuben nützte dem Chinesen nichts. Er wurde zu Boden geworfen; die Füße wurden in die Höhe gezogen und in tiefe Einschnitte in den Sohlen rieb ein Kerl mit grimmiger Freude den pulverisierten roten Pfeffer. Der Schmerz, den diese Vergiftung des Blutes verursacht, ist entsetzlich. Als der alte Chinese wieder auf seine Füße gestellt wurde, begann er unter dem Hohngelächter der rohen Halunken einen wahnsinnigen Tanz, hob wechselnd beide Beine in die Höhe und heulte vor Schmerzen laut auf. »Glaubt der langzöpfige Hund,« drohte der Rote Hai, »wir wüßten nicht, daß er heimlich hundert Silberbarren an Bord genommen hat? Ein Geizhals und ein Narr wie er hat sie ihm anvertraut, um sie nach Macao zu schaffen. Du siehst, daß unsere Spione in Schanghai mich gut unterrichtet haben! Ich weiß, daß Ihr schlitzäugigen Schurken schlau und zäh seid wie die Nattern, wenn es gilt, Euer Geld zu verbergen. Ich habe aber keine Zeit, mich mit dem Suchen auf dieser verdammten Trödelbude abzugeben; gestehe, oder ich lasse dir die Glieder mit glühenden Zangen abreißen!« Die Korsaren ergriffen den Chinesen aufs neue, um den Befehl zu vollziehen; da gestand er aufheulend vor Angst, daß die einzelnen Barren in den Wasserfässern verborgen wären. Henry Norford hatte mit steigendem Entsetzen dem Auftritt zugesehen; er begriff, was er von diesem Teufel zu erwarten hatte und verwünschte die Unvorsichtigkeit, den beiden Frauen die Überfahrt auf dem chinesischen Schiff gestattet zu haben; denn die Worte des Roten Hai hatten ihm gezeigt, daß er wochenlang ihre Absichten hatte belauern lassen. Das Zusammentreffen mit dem »Satan« war kein zufälliges. Er bereute, nicht auf alle Gefahr hin wenigstens den Versuch gemacht zu haben, die Dschonke zu verteidigen – vielleicht hätte sie ein rascher Tod vor diesen Greueln bewahrt. Die Korsaren hatten mit großer Fertigkeit und Übung die Plünderung fortgesetzt. Alle Ballen und Kisten, armselige Habe der Auswanderer, wurden aufgebrochen und des wertvollsten Inhalts beraubt. Was den Räubern nicht paßte, wurde achtlos umhergestreut oder über Bord geworfen; die wichtigere Beute und die Silberbarren wurden an Bord des Schoners geschafft. Passagiere und Schiffsleute, die noch am Leben waren oder nicht verwundet im Raume lagen, schleppte man nach oben. Frau Ronecamp und Maria fehlten in der Menge; schon gab sich Norford der Hoffnung hin, daß es den beiden Frauen gelungen sei, ein Versteck zu finden, in dem sie vielleicht unentdeckt bleiben konnten. Er rechnete auf die Dankbarkeit des Malayen, den er nicht mehr auf Deck gesehen hatte. Aber seine Hoffnung wurde zerschlagen. Hawthorn wandte sich ab von seiner Beute und ließ seine Blicke über die zitternden Gefangenen schweifen. »Mahadrö! – Mahadrö soll kommen!« Der Malaye kam aus der Tür der Kajüte. »Wo sind die beiden Weiber?« Der Malaye zögerte mit der Antwort; aber ein strenger Blick seines Herrn traf ihn. Er wußte, daß er nicht helfen konnte. »Da, Kapitän!« »Hole sie!« Der Malaye verschwand; als er zurückkehrte, folgten ihm die Witwe des Missionars und ihre Tochter. Maria war sehr blaß; aber sie suchte ihren Mut aufrechtzuerhalten. Als sie ihren Verlobten erblickte, eilte sie auf ihn zu und faßte seine Hand. Norford starrte finster vor sich nieder. Der Kapitän des »Satan« grinste höhnisch bei dem unwillkürlichen Tun des Mädchens. Er freute sich an ihrer Angst. »He, Dirne«, höhnte er. »Jetzt bist du in meiner Gewalt und wirst ein anderes Liedchen pfeifen als damals in Schanghai. – Erinnere dich, daß Hawthorn dir gesagt hat: wir sehen uns wieder!« »Sir ... Maria ist meine Braut!« Der Rote Hai lachte grell auf. »Ich möchte ihr raten, sich einen andern Freier zu suchen; dich dürften ihr bald genug die Haifische streitig machen. – Was wollt Ihr? Verschont mich mit Eurem Geheul, oder es geht Euch schlimm!« Die barsche Drohung war an die alte Witwe des Missionars gerichtet, die vor ihm in die Knie gesunken war. »Haben Sie Erbarmen, Herr, mit einer unglücklichen Mutter«, schluchzte Frau Ronecamp. »Erinnern Sie sich, daß mein Gatte und meine Tochter Ihnen das Leben gerettet haben, und daß wir treu Ihren Diener pflegten!« »Zum Henker, will ich Euch nicht belohnen dafür? – Die Dirne soll meine Liebste sein und mag dich meinetwegen bei sich behalten, wenn ich sonst auch mit alten Weibern nichts zu tun haben will!« Ein Schrei des Entsetzens antwortete. Maria fiel bewußtlos an die Brust ihres Verlobten, dem der kalte Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn perlte. »Macht ein Ende!« brüllte Hawthorn. »Ist alles Wertvolle an Bord des ›Satan‹?« »Ja, Kapitän!« »Bringt die Weiber hierher. Wählt die aus, die Ihr haben wollt!« Mit einem tollen Jauchzen stürzten die Seeräuber über die zitternden Frauen und Mädchen her. Mütter, die ihre Töchter verteidigen wollten, wurden zu Boden geschlagen. Die Gewänder der Ärmsten rissen in Stücke. Einer der Räuber warf sie wie leblose Ballen dem anderen zu; neunzehn junge chinesische Mädchen und Frauen, halb nackend unter den rohen Händen, wurden nach dem Deck des Schoners gebracht. »Hussah, Jungens, das wird eine lustige Nacht für Euch werden«, lachte laut der Kapitän. »Nun könnt Ihr erfahren, warum diese geilen Langzöpfe ihren Weibern die Füße zusammenschnüren, daß sie nur watscheln können!« Maria Ronecamp lag in den Armen ihrer weinenden Mutter. Der Missionar war in die Knie gesunken. In seiner Brust tobte ein gewaltiger Kampf. Er streckte seine Hände hinauf zu den Wolken und rang in verzweifelndem Gebet. »Allmächtiger Gott! Du Vater der Erschaffenen! Du kannst nicht dulden, daß das strahlende Licht deiner Sonne solche Greuel und Verbrechen bescheinen darf! Laß die Schuldlosen lieber sterben als die Beute dieser Tiger werden. Herr, erbarme dich unser und laß diese Augen das Schrecklichste nicht sehen ...« »Es ist Zeit, Dirne! Her zu mir!« Henry Norford war mit einem Sprung empor. »Ungeheuer! Wage es nicht, sie anzurühren!« »Reißt sie von der alten Heulhexe los! Fort mit ihr auf den Schoner!« »Niemals! Eher soll sie sterben – und du zuvor!« Die Ergebung des Geistlichen versank in der Empörung des angstzerrissenen Herzens. Der kühne Seemann und Offizier gewann in Henry Norford wieder die Oberhand. Er warf sich waffenlos auf seinen Gegner und rollte mit ihm, seinen Stierhals umklammernd, nieder auf das Deck. Einen Augenblick lang schien der Erfolg seiner verzweifelten Tat sicher, da nur wenige der Seeräuber in der Nähe waren. Fast alle beschäftigten sich mit der Sicherung ihrer Beute und der Weiber. Mahadrö, der einzige, der neben dem Kapitän stand, rührte weder Fuß noch Arm zu seinem Beistand. »Mahadrö!« brüllte Hawthorn laut. Hätte der Missionar auch nur die geringste Waffe gehabt, so wäre es um den Roten Hai geschehen gewesen. Aber schon in den nächsten Augenblicken faßten zehn Hände nach Norford und rissen ihn von seinem Opfer. Keuchend, mit blaugerötetem Gesicht und blutunterlaufenen Augen, raffte sich der Rote Hai empor, nahm die Streitaxt auf und schwang sie über seinem Haupt zum furchtbaren Streich auf den Feind. Furchtlos, mit von der Anstrengung wogender Brust und mit blitzenden Augen, von den Händen der Korsaren gehalten, blitzten Norfords Augen ihn an. »Schlag' zu, niederträchtiger Mörder! – Der Tod ist alles, was ich mir und den Meinen wünsche!« Langsam sank die erhobene Hand des Seeräubers nieder. Nicht zum tödlichen Schlage; er ließ die Axt, als sei ihm ein besserer Gedanke gekommen, fallen und warf einen so teuflischen Blick auf den Missionar, daß Norford trotz allem Mut erbebte. »Bindet ihn! – Fest! – Schnürt den Schurken an das Bollwerk! – Mit dem Gesicht hinüber nach dem ›Satan‹!« Maria und ihre Mutter umklammerten aufschreiend die Füße des Roten Hai, um das Leben Norfords flehend. Der Missionar machte einen letzten, vergeblichen Versuch, sich aus den Händen seiner Wächter zu befreien; dann ergab er sich mit finsterem Schweigen in sein Schicksal. Er wagte seine Augen nicht auf die Geliebte zu richten. Die flehenden Gebete seines Geistes, die fieberhafte Angst seines Herzens verwandelten sich in verzweiflungsvolle Verwünschungen. Die tückischen Augen des Roten Hai suchten nach einem neuen Opfer; sie blieben auf Mahadrö, dem Malayen, haften. »Nimm die Dirne«, befahl er. »Trage sie hinüber in die Kajüte. Binde sie fest auf mein Bett. Du stehst mir mit deinem Leben dafür!« Der Malaye machte eine demütige, knechtische Gebärde gegen seinen Herrn. »O Sahib, Mahadrö kann ihren Leib nicht berühren; sie hat den meinen gepflegt, als er wund und krank war!« »Schurke – willst du gehorchen? – Bring' mich nicht auf! – Du verdienst ohnedies Strafe, weil du vorhin, als der Narr mich erwürgen wollte, mir nicht zu Hilfe sprangst!« »Strafe mich, Sahib! Laß mich zu Tode peitschen, wenn du willst. Aber fordere nicht von mir, daß ich sie beleidige!« »Sklave!« »O Sahib!« Er stand, die Arme über der Brust gekreuzt, den Todesstreich erwartend, vor ihm. Eine schreckliche Stille herrschte ringsum, nur von dem Schluchzen Marias unterbrochen. »Antonio Diaz!« Der zweite Offizier des Schiffes, ein schmaler, großer Portugiese mit schielendem Blick und einer von einem Säbelhieb abscheulich gespaltenen Nase, trat vor. »Hier, Señor Capitano!« »Laßt dieses Mädchen nach dem Schoner bringen und in meiner Kajüte bewachen, bis ich komme!« Ein Wink des Leutnants genügte; zwei Piraten rissen Maria Ronecamp unter dem herzzerreißenden Geschrei der Mutter aus ihren Armen. »Henry, zu Hilfe! Henry, rette mich!« Norford wand sich unter dem Hohngelächter der Korsaren in seinen Banden. »Schlagt den Booten den Boden aus!« Die zwei unbehilflichen Boote der Dschonke wurden mit einigen Axtschlägen zertrümmert. »Laßt die großen Stacheleisen bringen. – Wo ist der Zimmermann?« Der Neger, der dies Amt versah, kam mit seiner Axt herbei. Der Kapitän gab ihm einen knappen Befehl. Das teuflische Grinsen des Schwarzen antwortete. Mit zwei Gehilfen stieg er in den Raum der Dschonke hinunter. Der Abend senkte sich über das Meer. Der Wind hatte sich gelegt; die beiden Schiffe lagen still nebeneinander; die Sonne mußte in kaum einer halben Stunde am Horizont versinken. Nirgends war ein anderes Segel zu entdecken – die Unglücklichen waren hilflos ihrem Peiniger preisgegeben. Nach dem Befehl des Roten Hai hatte man vom Bord des »Satan« Ketten und Eisen gebracht, zwei große, geöffnete Ringe, auf der inneren Fläche mit kurzen, aber starken und stumpfen Spitzen, an den Halsenden mit Schrauben versehen. Auf einen Wink des Roten Hai wurden sie vor ihm niedergeworfen. Mahadrö stand noch immer, das Haupt gebeugt, die Arme gekreuzt. Hawthorn wandte sich zu ihm und wies auf die furchtbaren Geräte, die den Erfindungen der Marterkammern des Mittelalters Ehre gemacht haben würden. »Du kennst ihre Bedeutung«, sagte er rauh. »Du weißt, wie sie dem Deutschen vor zwei Monden die Knochen zerbrochen haben, als er es wagte, meinem Befehl ungehorsam zu sein. – Jetzt geh' hinüber in meine Kajüte und schnüre die greinende Dirne auf das Rohrbett fest!« »O Sahib, bei der Mutter des Propheten, töte mich! Aber habe Mitleid mit ihr. Sie hat Mahadrö das Leben gerettet. Er kann sie nicht berühren!« »Zum letzten Male – gehorche!« Der Malaye antwortete nicht. Kapitän Hawthorn stieß einen gräßlichen Fluch aus. »Knebelt ihn!« Zwei Korsaren faßten den Malayen, der widerstandslos alles mit sich geschehen ließ, und banden ihm die Füße. »Nieder mit ihm! – Was zögert Ihr, Hunde? Die Schraube um die Beine!« Die Männer warfen Mahadrö auf das Deck und legten eines der offenen Eisen um seine beiden Knie. »Willst du gehorchen?« Der Malaye ließ den Kopf auf seine Brust sinken, ohne zu antworten; Norford wandte seine Augen von dem Dankbaren ab. »Die Schraube! Zieht die Schraube an! – Her mit dem Armeisen!« Eine Drehung der Schraube, so gering sie auch von den sonst so wilden Gefährten in Raub und Mord ausgeführt war, preßte die Knie des Malayen in der schmerzhaftesten Weise zusammen und ließ die stumpfen Spitzen in Fleisch und Muskeln dringen. »Das Armeisen! Schnell!! ...« Die neue Marter entriß Mahadrö einen kurzen wilden Schrei, den einzigen Laut, den er von sich gab. Man wand zwei an das Knieeisen befestigte kurze Ketten um seinen Nacken. Der Körper wurde eng zusammengeschnürt, so daß die Knie bis zum Kinn hinaufgezogen waren. Dann wurden die Hände des Malayen von außen um die Beine gezogen und die Handgelenke unterhalb der Knie mit dem zweiten kleineren Eisen zusammengeschraubt, so daß der Körper eine willenlose Kugel bildete. Diese Strafe ist bei den Chinesen, die überhaupt Meister in der Erfindung von Martern sind, häufig. Nur wird sie nicht mit solcher Grausamkeit, nicht von Eisen vollzogen, die die Knochen des Opfers zermalmen und aus den Gelenken reißen. »Den Stock! Nehmt die Handspeiche dort!« Das Holz wurde zwischen den inneren Ellbogen und Kniegelenken durchgestoßen, so daß der Körper nun eine unförmliche und bewegungslos um das Holz geschnürte Masse war. »Hängt das Aas an die Strickleiter neben seinen Schützling, den Pfaffen! Der hat ja die Zunge frei und kann ihm Geduld predigen, bis sie zusammen zum Teufel gehen. – Ist deine Arbeit getan, Cäsar?« Cäsar, der schwarze Zimmermann, der eben mit seinen Gehilfen aus dem Raum heraufgestiegen war, nickte mit vergnügtem Grinsen. »Vorwärts, jagt die heulende Brut hinunter! Vernagelt die Luken! – Es ist Zeit, daß wir nach dem ›Satan‹ hinüberkommen und unseren lustigen Abend beginnen. – Bindet die Dschonke mit dem Ankertau an den Schoner und dann laßt sie auf drei Faden weit abtriften, damit dem hochwürdigen Herrn nichts von unserer Festlichkeit entgeht und er den Segen dazu sprechen kann! Tummelt Euch, der Grog und die Weiber warten!« Noch einmal warf sich die Mutter Marias in den Weg. »Erbarmen!« Ohne Worte packte der Rote Hai sie in beide Arme, hob sie hoch und schmetterte sie auf die Planken nieder. Hart schlug der Schädel der alten Frau auf das Holz. Kein Laut, kein Seufzer entrang sich mehr ihrem Munde. Die Gattin Ronecamps war tot. Ohne den vor Entsetzen stummen Chinesen nur einen Blick zu schenken, verließ er die Dschonke und stieg auf den Schoner nieder. Der Herr des »Satan«, dem mit besserem Recht dieser Name gebührte, wußte, daß seine Rache an dem Missionar erst noch kommen würde. Die zurückgebliebenen Piraten trieben mit Stößen und Schlägen die Bemannung des Schiffes mit den Passagieren hinunter in den Raum und verrammelten die Luken. Unter Hohnlachen und Geschrei verließen sie den »Fliegenden Schwan« und stiegen wieder an Bord des »Satan«. Die Enterhaken wurden gelöst. Mit einigen Ruderschlägen trieb der Schoner von dem unbehilflichen chinesischen Fahrzeug ab, bis er in der Entfernung von vier Faden liegenblieb, durch ein starkes Tau mit der Dschonke zusammengehalten. Niemand an Bord des »Fliegenden Schwans« hätte vermocht, es zu lösen. Auf dem Verdeck befanden sich nur der Missionar und Mahadrö, beide bis zur vollständigen Hilflosigkeit geknebelt; alle anderen waren in dem unteren Raum eingeschlossen. Die Sonne war jetzt unter den Horizont gesunken; mit der Schnelligkeit, die in diesen Breiten den Tag zur Nacht übergehen läßt, trat fast ohne Dämmerung die Dunkelheit ein. An Bord des »Satan« wurde es lebendig. Bunte chinesische Laternen wurden an den unteren Rahen und dem Bollwerk aufgehängt; ein Fäßchen Rum und Körbe mit Weinflaschen wurden aus der Proviantkammer heraufgeschrotet und alle Anstalten zu einer wilden Feier der Lust getroffen. Der Spiegel des Schoners war so gegen die Dschonke gekehrt, daß ihre Fenster den beiden Gefesselten gegenüberlagen. Aber sie blieben dunkel; wie sehr auch der Missionar seine Augen anstrengte, konnte er doch nichts erkennen. Das leise Stöhnen des armen Malayen zog endlich die Aufmerksamkeit Henry Norfords von seinen vergeblichen Bestrebungen ab und erinnerte ihn an die Pflichten seines heiligen Berufes. »Armer Mann,« sagte er teilnehmend, »du leidest um unsertwillen, ohne daß ich dir helfen kann! Ich bin hilflos wie du! – Laß uns auf den vertrauen, der die Prüfungen zuläßt zu unserer Läuterung!« Der Malaye antwortete auf diese Tröstung nicht. Nach einer Weile sagte er: »Sahib Padre, du sehen die leuchtenden Streifen hier um das Schiff?« »Das Leuchten des Meeres?« »Nein, Sahib Padre. Es sind die Haifische! Mahadrö wußte, daß Schlimmes geschehen werde; denn seit zwei Tagen folgen die Fische dem ›Satan‹. Fische können nicht reden, haben aber Verstand. Wissen, was kommt! – Sahib Padre muß sein gefaßt noch auf Schlimmes!« »Ich fürchte den Tod nicht und hoffe wie ein Mann und Christ zu sterben. Nur eines ...« Ein wilder Jubel vom Bord des Schoners her, in den sich das Gekreisch von Weiberstimmen mischte, unterbrach seine Worte. Die höllische Feier hatte begonnen; die Frauen und Mädchen mußten den Korsaren dienen, die sich in Wein und Rum berauschten und wie die Teufel auf dem Verdeck umhersprangen. Der Missionar erbebte; das Gebet, das er zu dem glänzenden Sternenhimmel emporsandte, erstickte auf seinen Lippen. »Ich habe erzählen hören,« stöhnte der Malaye, »der Gott der Christen verlangt, daß seine Bekenner ihren Feinden vergeben, Sahib Padre?« »Du sollst vergeben deinen Feinden und wohltun denen, die dich beleidigen und verfolgen«, flüsterte Henry Norford mit erstickter Stimme; denn in diesem Augenblick begann sich die Kajüte des Schoners zu erhellen. »Dann ist ein Allah ein besserer Gott, denn er verlangt nicht das Unmögliche!« knirschte grimmig der Malaye. »Schau hinüber und sage, ob du deinem Feinde vergeben kannst!« »Schurke! – Teufel! – Wage es nicht, sie zu berühren! – Allmächtiger Gott, hast du keine Blitze für den Schänder!« Henry Norford riß und zerrte an seinen Banden. Ein Schrei, ein viehisches Hohnlachen, ein Wimmern um Gnade antwortete dem Ausbruch der Verzweiflung. Die Kajüte im Spiegel des »Satan« war glänzend erhellt, die Fenster waren weit geöffnet; immer mehr vermochten die beiden Gefesselten das Innere zu übersehen, obgleich der »Satan« weit tiefer im Wasser lag als die Dschonke. Auf einem Ruhebett von Rohrgeflecht lag Maria mit aufgelöstem Haar und zerrissenen Kleidern, den Leib mit einem Strick an das Ruhebett gebunden. Der Tisch in der Mitte der Kajüte wurde von einem schwarzen Diener mit Weinflaschen, Gläsern und Näschereien bedeckt. Noch konnte der Missionar nicht genau erkennen, wer dort lag, aber sein Herz sagte ihm: Maria ... »Allmächtiger Gott, erbarme dich! Sende ihr den Engel des Todes, ehe du sie verderben läßt!« Die Tür der Kajüte wurde aufgestoßen; Kapitän Hawthorn trat herein, das Gesicht gerötet von Branntwein und Gier. Zwei seiner Offiziere folgten ihm; jeder schleifte eines der chinesischen Mädchen hinter sich drein. »Hierher mit den Dirnen, Antonio«, brüllte der Kapitän. »Setzt sie an den Tisch! Kitzelt sie mit den Dolchen, wenn sie nicht lustig sind; wir wollen den Kerlen da drüben eine lustige Melodie aufspielen zu ihrer Höllenfahrt! – Schenkt ein! – Hussah für die Mission von Schanghai und ihre gelben Weiber!« Er goß eine Flasche Wein in einen silbernen Pokal, ein früheres Altargefäß, und leerte ihn. »Lustig, lustig! – Der Teufel soll meine Seele haben, wenn wir nicht leben wollen wie der Großmogul von Delhi. – Habt Euch da zwei nette Dinger ausgesucht, aber sie sind nichts gegen die da! Schaut: ein Prachtweib, was? Hab' schon damals einen Narren an ihr gefressen. So blond und weiß wie aus Charlottenlund! Gib das Geflenne auf; der Rote Hai ist ein anderer Kerl als die langweilige Altarkerze drüben. – Brauchst ihr keine Träne nachweinen heut Nacht!« Ein krampfhaftes Schluchzen Marias antwortete ihm. Durch das Gejohl der trunkenen Seeräuber auf dem Verdeck des Schoners drang eine dröhnende Stimme. »Mann, du bist ein Christ! Schone die Unschuld!« Der Rote Hai trat zum Fenster der Kajüte; er schwang den vollen Becher in der Hand. »Hört, wie das Pfäfflein da drüben pfeift«, lachte er. »Der Teufel stärke seine Augen! – Er soll uns den Hochzeitssegen sprechen! – Vorwärts, Leute, was zaudert Ihr?« Die beiden Chinesenmädchen flüchteten schreiend in einen Winkel. Die Korsaren zerrten sie zurück; vergeblich rangen sie in den Armen ihrer Verfolger; Diaz, erbittert durch den Widerstand seines Opfers, stieß seinen Dolch durch ihren Arm; wehklagend sank die Chinesin auf die Kokosmatten zurück. Wie ein Raubtier auf seine Beute stürzte sich der Rote Hai auf die Braut des Missionars. Maria kämpfte verzweifelt gegen die rohe Kraft; an das Ruhebett gefesselt, war sie fast wehrlos ausgeliefert. Der Rote Hai schnürte ihr auch noch Hände und Füße fest; dann schnitt und riß er ihr die Gewänder ab. »Erbarmen!« flehte Maria. Verzweiflung zermartete Henry Norford. Er sah, sah mit seinen Augen die Qual des heilig verehrten Wesens – sah mit seinem Herzen, und konnte nicht helfen ... Er wand sich in seinen Banden, die Riemen und Stricke schnitten tief in sein Fleisch – tiefer aber schnitt der Angstruf, der wahnsinnige Schrei Marias in seine Seele! Der Frieden Gottes, die gewaltige Ruhe der Natur lag über dem weiten Meeresspiegel ausgegossen; und drüben, im engen Raum, feierte das Verbrechen seinen scheußlichen Sieg, vernichtete hohnlachend Lebensglück und Liebeshoffnung zweier Menschen ... Blut spritzte aus seinen Gelenken. – Vergeblich! Die Riemen von Büffelhaut, die Stricke von Hanf hielten fest gegen die übermenschliche Anstrengung. Immer tiefer und tiefer sank das hohe Verdeck der Dschonke hinab zu der Wasserlinie des Schoners. Schrill schnitt ein gellender Schrei durch das brüllende Gelächter der Korsaren ... »Herr, mein Gott!« Henry Norford hing in seinen Banden, kraftlos, das Haupt gebeugt. Tränen rollten über seine Wangen. Er wußte, Maria war verloren ... Krampfhaft, fast im Wahnwitz, murmelten seine Lippen den Psalm: »Bewahre meine Seele und errette mich; laß mich nicht zu Schanden werden, denn ich vertraue auf dich!« »Das Wasser! Hilfe! Das Wasser!« gellten jäh hundert Stimmen in Todesnot. An den Luken des »Fliegenden Schwans« hämmerte und pochte es. Gegen das Verdeck schlug es mit dem Ungestüm der letzten Angst. »Das Wasser! Das Wasser!« Langsam neigte sich Henry Norford zu seinem Leidensgefährten. »Mahadrö! Was wollen sie? Was ist geschehen?« »Sahib Padre, du weißt nicht, was die Männer des ›Satan‹ getan haben auf den Befehl des Massa Kapitän?« ächzte der Leidende. »Was meinst du?« »Cäsar, der Zimmermann, hat den Boden der Dschonke durchlöchert. Das Wasser dringt ein. Das Schiff sinkt; ehe eine Stunde vergeht, werden auch wir im Paradies des Propheten, bei den Houris sein.« »Allmächtiger Gott! Ich danke dir, daß du mir den Tod sendest! Ich segne deine Werkzeuge!« »Sahib Padre, du segnest deinen Feind?« »Ich segne den, der mir den Tod bringt und das bessere Leben. – Hörst du den Jammer der Sterbenden da unten? Sie mahnen mich an meine Pflicht! – Gott, du mein Herr, vergib mir, daß ich um eine Seele die vielen vergessen habe!« Tiefer und tiefer sank das Deck. Schwächer wurde das Todesgestöhn im Innern des Schiffes. Gurgelnd drang die Flut ein. Aus den Fenstern des »Satan« aber klang der wüste Jubel, der höllische Triumph der Dämonen – »Erbarmen! Erbarmen! – Zu Hilfe, Henry, zu Hilfe!« Eine fanatische Verzückung bemächtigte sich des Missionars. Er sah, er hörte nicht mehr die Stimme seiner Braut – durch den Todesruf seiner Gemeinde, durch das Geheul der trunkenen Piraten drang gewaltig sein Todesgesang: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir! Herr, höre meine Stimme, laß deine Ohren merken auf mein Flehen! So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?« Höher und höher gurgelten die Wasser; stiller und stiller wurde es im »Fliegenden Schwan«. In der Kajüte des »Satan« erloschen die Lichter; die heisern Stimmen der Trunkenheit, der Lärm auf Deck, der Jubel der Lust und der blutige Streit schwiegen. Nur Henry Norford sang, ohne Pause; schaurig dröhnte seine irre Stimme über das nächtliche Meer ... »Sahib,« raunte der Malaye, »hörst du mich?« »Ich höre dich, Heide! – Warum störst du mich?« »Du bist ein Diener deines Gottes. Dein Gott ist größer als Allah! – Der Tod dieser Christen hat mein Herz gerührt; ich möchte beten zu dem Gott, den du preisest in deinem Leiden!« »Hast du nicht gesehen, Mahadrö, daß seine Blitze die Frevler schonen? Daß die Schuldlosen verderben, daß seine Hand sie nicht schützt? – Was willst du mit dem Gott der Christen? – Bleibe bei deinem Allah, der dir die Rache schenkt!« »Taufe mich, Sahib Padre,« bat der Malaye, »Mahadrö will im Himmel der Christen der Herrin dienen, der er im Leben nicht helfen konnte.« Der Missionar schwieg vor dieser Hingebung; dann sprach er langsam und feierlich die Worte der Taufe. »Laß uns denn zusammen sterben – als Brüder im Leiden, als Brüder in Christo! – Gott vergebe uns unsere Sünden und nehme unser unsterblich Teil gnädig auf in seine Hände!« Der »Fliegende Schwan« war tiefer und tiefer gesunken; die kräuselnden Wellen umspielten die Füße der Todbereiten. Dunkel rollte das Meer – nur ab und zu flimmerten leuchtende Schlangenlinien auf dem schwarzen Wasser zwischen der sinkenden Dschonke mit ihren Toten und dem stillen Bord des »Satan«. Eine große Stille lag nach dem Toben rings um sie her, erschütternd in ihrer Ruhe und Majestät. In ewigem Licht glänzten die Sterne. Nur das gleichmäßige Rauschen der Wellen unterbrach den Frieden. Auf den Schwingen der Nachtluft schwebte es zuweilen wie ein leises, fernes Weinen. – Henry Norford wagte nicht, die Lippen zu dem geliebten Namen Maria zu formen. Er fürchtete, seine Stimme hätte sie noch im Leben halten können ... Stumm hing er in seinen Banden. – Aus dem Ozean tauchte die Sonne. Noch trieben die beiden Schiffe langsam, fast unmerklich dem Wellenzuge folgend; noch hatte der Morgenwind sich nicht erhoben. Überrascht bemerkten die erwachenden Korsaren die halb gesunkene Dschonke noch immer vertäut mit dem Schoner. In der Entfernung von wenigen Faden schwamm sie nebenher, bis zum obern Deck unter Wasser; die Flut spülte durch die leichten, von den Seeräubern an vielen Stellen zerstörten Bollwerke hin. Henry Norford, stumm, mit dem Blick des Wahnsinns, hing bis über die Knie im Wasser; neben ihm schwebte dicht über der Flut die Kugelgestalt des Malayen. Nur die dunkelleuchtenden Augen verkündeten, daß Leben in diesem Gliederknäuel war. Mahadrö und Norford waren die einzigen noch lebenden Wesen auf dem »Fliegenden Schwan«. Die Piraten beeilten sich, ohne den Befehl abzuwarten, die Taue zu kappen. Sie glaubten, daß diese allein die Dschonke am Versinken gehindert. Auch Hawthorn war durch den Lärm an Deck aus seinem Schlaf geweckt. Er erhob sich, noch wüst und halbtrunken von dem viehischen Gelage. Mit Fußstößen jagte er die beiden Gefährten seiner Verbrechen vom Boden der Kajüte auf. »Der Teufel segne euch den Schlaf! Auf! Seht nach dem Schiff, ihr Hunde, damit der ›Satan‹ seinen richtigen Kurs steuert! – Verdammt, da steht die elende Dschonke wahrhaftig noch im Wasser und die Psalmorgel ist noch am Leben!« Er war an die Fenster im Stern getreten, vor dem eine schmale Galerie lief; höhnisch schaute er hinüber zur Dschonke. Der Leutnant und der Steuermann hatten sich aufgerafft und waren aus der Kajüte geschlichen, ohne sich um ihre beiden Opfer zu kümmern. Die Chinesinnen waren scheu an der Wand zusammengekrochen. Kapitän Hawthorn betrachtete mit leerem Blick seinen Feind; dann wandte er sich zurück in die Kajüte an das Lager. »Nun, Dirne?« sagte er rauh und durchschnitt die Bande, die Maria noch ans Lager gefesselt hielten. »Mein mußtest du werden; ich hatte es mir geschworen! Jetzt wirst du wohl vernünftig sein! – Bist viel zu schön und zu schade für das hagere Gebetbuch – Haha, wir beide wollen andere Lieder singen! – Ergib dich drein; wird dir schon gefallen. Du hast's mir verteufelt heiß angetan, Mädchen, und sollst es gut haben bei mir. Die anderen da sind deine Sklavinnen! – Auf, Dirnen, bedient eure Sultanin!« Sein Blick glitt über Maria und die Kleiderfetzen am Boden hin. »Hm, laß sie dir wieder zusammenflicken von den Gelben da! Werde selber nachsehen, ob der ›Satan‹ so etwas zwischen seinen Wanten birgt wie einen heilen Weiberrock!« Regungslos blieb Maria liegen. Kaum verkündete das schwache Heben und Sinken ihrer Brust, daß noch Leben in ihr war. Der Rote Hai winkte drohend den beiden Chinesinnen und trat aus der Kajüte. Sein erster Blick galt den Masten und Spieren, an denen noch ungeordnet die Segel hingen. Eben begannen die Wimpel im ersten Luftzug des Morgenwindes zu zittern. »Einen Mann zum Ausguck nach oben, Diaz! – An das Steuer, Torglinton. Focksegel auf zum Wenden! Ha, ihr faulen Hunde, wischt den Rum aus den Augen, oder ich lasse euch peitschen, daß die Lappen fliegen!« Er stand auf dem Hinterdeck und ballte den verschlafenen Burschen die Faust. »Mastkorb – ahoi!« »Ja, Señor!« »Wer ist da oben?« »Perez.« »Zum Teufel mit ihm! Er wird uns die scharfen Augen des Malayen niemals ersetzen. – Halt guten Ausguck, Bursche, oder wahre deinen Schädel!« »Ja, Señor!« klang die eintönige Versicherung des Mannes. »An die Arbeit, los! Schweppt das Verdeck! Bringt die Taue in Ordnung! – Leutnant, das Gut von der Dschonke wird sicher weggestaut, bis wir es teilen können. Wir segeln nach Manila; da könnt Ihr wieder tollen! – Höll und Teufel, was ist das?« Ein schneidender Schrei – das Hilfgekreisch von Weiberstimmen ... Hawthorn war mit einem Sprung am Steuerrad, von dem aus er über das Bollwerk auf die schmale Galerie unter den Fenstern der Kajüte sehen konnte. »Maria! – Weib, bist du toll?« Die beiden Chinesinnen in der Kajüte hatten sich, nach der Entfernung des Roten Hai, aufgerafft und waren zu der Braut des Missionars getreten; sie betrachteten sie als ihre Herrin, als ein über ihnen stehendes Wesen. Sie versuchten, sie aufzurichten und ins volle Bewußtsein zurückzurufen; sie gaben ihr hundert Schmeichelnamen. Endlich schlug Maria Ronecamp die Augen auf. Anfangs starrte sie ohne Ausdruck und Ziel umher. Ihre langen blonden, von Tränen gefeuchteten Locken hingen wirr um Brust und Schultern. Dann fiel ihr Blick auf die zerrissene Kleidung am Boden, auf die beiden Mädchen. Mit einem Wehlaut sprang sie auf. Die Chinesinnen fielen ihr zu Füßen und bettelten. »Kapitän sagen, weiße Frau es gut haben ...« Die Erinnerung erschütterte sie wie ein Blitzstrahl; ihre irren Augen suchten nach dem Roten Hai. Ihr grenzenloses Elend brach vernichtend auf sie nieder. Taumelnd tastete sie nach den Fenstern. Ihr Blick traf die Dschonke, die sich immer mehr entfernte. Er fand die dunkle Gestalt des geliebten Mannes ... Ihr Schrei klang über die Wogen; Henry Norford hob mühsam den Kopf. Ehe die Mädchen sie hindern konnten, schwang sie sich aus dem Fenster auf die Galerie. »Henry! Ich komme!« Der Missionar sah einen lichten Leib durch die Luft fliegen; einen lichten Leib mit erhobenen Händen sah der Korsar niedergleiten ins Meer. Die blitzenden Wellen schlossen sich über ihm. »Maria!« Dem Schrei von der versinkenden Dschonke antwortete der wilde Fluch des Dänen. »Das Boot! Setzt das Boot aus!« Am nächsten Tau schwang sich die breite Gestalt Hawthorns über die Brüstung hinunter auf die Galerie; er mühte sich, das Gig im Stern von seinen Rollen zu lösen. Aber Menschenhände konnten nicht mehr helfen ... Von allen Seiten schossen Streifen durch die goldglitzernde Flut, verschwanden, tauchten wieder auf. Die jammernden Mädchen an den Fenstern schrien; aus dem Meere hob sich ein helles Rot. »Kommt herauf, Sir«, rief der Steuermann über die Brüstung. »Die Dirne ist hin; die Haifische haben sie gefressen!« Als Antwort auf die kurze Grabrede klang von dem Mastkorb des Hauptmasts der Ruf des Ausgucks. »Ahoi!« »Was gibt's?« »Segel an Steuerbord!« »Verdammt!« Der Rote Hai war mit einem Sprung wieder auf Deck. »Höll und Teufel! Ein Kriegsschiff! Ich sehe seine untern Segel mit bloßem Auge. Holt mein Glas! – Die schwarze Flagge herunter! – Die amerikanische auf! Bemannt die Spieren, Diaz. Setzt an Segeln, was der ›Satan‹ tragen will! – Laßt den Schurken im Ausguck ablösen! Soll seine Strafe haben für die schändliche Nachlässigkeit!« Alles an Bord war in Bewegung. Die Segel wurden gesetzt, das Gepäck von der Dschonke im Kielraum verstaut, die Teufelsfratze am Bugspriet durch das Bild einer Möwe ersetzt. Der Name des Schiffes verschwand. In den ersten Augenblicken hatte der Rote Hai nicht Zeit, an die Dschonke und an die Frauen zu denken. Der Portugiese hatte ihm das Fernrohr gebracht. Hawthorn beobachtete über die Schiffswand genau die Segel; alles stand, der Befehle gewärtig. So wild und verbrecherisch der Rote Hai auch war, so tyrannisch er die Mannschaft behandelte, als Seemann genoß er bei ihr unbedingtes Vertrauen. Die Entfernung von der Dschonke hatte sich auf eine halbe Kabellänge vergrößert. Jetzt wandte sich Hawthorn um; seine Stirn war finster. »Verflucht die Hand, die den Kiel gelegt! – Es ist die ›Diomede‹, die uns schon dreimal gejagt hat. Sind die Leute an ihren Posten?« »Ja, Sir!« »Herum mit dem Steuer. – Laßt den Schoner um zwei Strich vom Winde abfallen. – Das ist seine beste Segelkraft, und ich will an der Nocke baumeln, wenn wir ihr nicht entwischen. Wenn nur die Brise stetig bleibt! – Für alle Fälle müssen wir gerüstet sein, es aufzunehmen mit ihr. Die Waffen bereit, Munition herauf! Bringt die beiden Weiber her.« »Was soll mit den Burschen da drüben auf der Dschonke geschehen?« »Der Teufel soll sie holen! – Wir haben keine Zeit mehr für sie. Ehe die Korvette das Wrack erreicht, vergeht mehr als eine Stunde; dann sind sie längst bei den Fischen und können nicht mehr plaudern. Der Schurke von Zimmermann sollte gekielholt werden, daß er seine Arbeit so schlecht getan! – Schafft die Weiber auf die Laufbrücke steuerbord!« »Alle?« »Alle!« Die Chinesinnen wurden von den Korsaren herbeigezerrt. Bleich und wirr, in zerrissenen Kleidern. Aber noch ahnten sie nicht das schreckliche Schicksal, das ihnen bevorstand. Als sie von den zwei Gefährtinnen den Tod der Himmelsblüte erfuhren, die alle liebten, begann ein lautes Jammern und Wehklagen. »Höll' und Verdammnis!« tobte Hawthorn, »die Kanaillen hetzen uns die ganze englische Flotte auf den Hals! Wo sind Eure Weiber, Diaz?« »Hier.« »Cäsar!« Der schwarze Zimmermann trat vor. »Höre,« sagte grimmig der Kapitän, »du hast deine Arbeit da auf der Dschonke jämmerlich getan; du verdientest die Bastonade! Ich hoffe, daß du die Schreihälse hier nicht wieder so lange singen lassen wirst!« »Soll ich sie knebeln, Massa Kapitän?« »Ich weiß etwas Schöneres als deine Knebel. – Warum habt ihr eure Herrin nicht besser bewacht, Kanaillen?« Die Chinesinnen verstanden ihn nur halb, da er englisch sprach; aber sie merkten aus dem von Zorn geröteten Gesicht, daß er Böses mit ihnen vorhatte; zitternd fielen sie auf die Knie. »Gnade!« »Gnade vom Roten Hai? – Hinunter ins Wasser, Cäsar!« Ein jammerndes Hilfegeschrei. – Der riesige Äthiopier packte die um sich Schlagenden und schwang sie über das Bollwerk. »Kameraden,« sagte der Kapitän, »es muß sein! – Weiber kriegt ihr in Manila zur Genüge. Aber wenn eine dieser heulenden Brut am Leben bleibt, und die Korvette erreicht uns, sind wir verloren! Ins Meer mit ihnen! – Die Haifische warten!« Ein entsetzlicher Kampf, gegen den die Raserei in der Nacht ein Nichts war, begann auf dem »Satan«. Nach allen Seiten entsprangen die Frauen den Mördern. Einige klammerten sich in so wahnsinniger Angst an die Taue und Bordwände, daß ihnen die Korsaren die Finger zerschneiden mußten. Andere warfen sich ihnen zu Füßen, boten ihnen ihren Leib, erinnerten sie in herzzerreißenden Worten an ihre Hingabe. Nur leben – leben! In ausbrechendem Wahnsinn stürzten sich zwei der Gehetzten selber in die See; im nächsten Augenblick endeten sie im Rachen der Haie. Mahadrö hatte die Wahrheit gesprochen: – Es war, als hätten die stummen Tiger des Meeres das Fest geahnt. Nicht einer der greulichen Schar war bei der versinkenden Dschonke geblieben; alle begleiteten den Schoner und drängten sich; sie hoben die grauen Leiber über das Wasser, schleuderten sich auf den Rücken, den weiten Rachen mit der dreifachen Zahnreihe weit aufgerissen, um die Opfer zu empfangen. Eine breite Blutlache trieb im Kielwasser – da und dort zuckten noch menschliche Glieder zwischen den Ungeheuern der Tiefe. Einem der Mädchen war es gelungen, den Männern zu entkommen; sie flüchtete über das Deck und klomm an einer Strickleiter in die Höhe. Der Korsar, in dessen Arm sie die Nacht geruht, ein junger, verwegener Gesell, in Pondichery von einem französischen Schiff desertiert, verfolgte sie; aber erst nahe am Mastkorb konnte er sie einholen. Mit aller Kraft krampfte das verzweifelte Mädchen sich fest; vergeblich bemühte er sich, sie loszureißen. Hawthorn, von dem vergossenen Blut, dem Verlust Marias und der Überraschung durch die Korvette bis zur Raserei entflammt, kannte kein Erbarmen. »Mach' ein Ende, Bursche!« brüllte er hinauf. Der junge Franzose hielt mit einem Arm das Mädchen. »Sie hat Mut, Kapitän«, rief er halb lachend herab. »Schenkt ihr das Leben – ich stehe für sie!« Der Däne riß ein Pistol aus dem Gürtel und spannte den Hahn. »Hinunter mit ihr, Schurke, oder ich zerschmettere dir den Schädel!« » Sacré bleu ! Wenn's denn sein muß!« Er hatte den Fuß gegen die Leiter gestemmt und riß an ihr. Die Kräfte des Weibes versagten – beide stürzten, sich noch umschlungen haltend, herab. Sie schlugen auf die Taue der Wantung und prallten weit hinaus ins Meer. Der Matrose kam wieder hoch; ein vortrefflicher Schwimmer, machte er sich von seinem Opfer los und heulte um Hilfe. Seine Kameraden eilten nach Backbord und warfen ihm ein Tau zu; denn die Haifische tummelten sich auf der andern Seite. Der Pirat faßte das Tau und erreichte die Schiffswand. Da stieß er einen gräßlichen Schrei aus. Der Körper hob sich an dem umklammerten Tau aus dem Wasser; ein Blutstrom schoß an ihm herunter – sein rechtes Bein war dicht über dem Knie abgebissen, als sei es mit Säge und Messer amputiert. Als er an Bord gehoben wurde, rollten die Augen im Todeskampf. Aus Wogen von Blut, über verstümmelte Körper und die Tiger der Tiefe hinweg furchte der schnelle Schoner die Wasser in eiliger Flucht. Stumm umstanden die Piraten den Todeskampf des Kameraden. Der Rote Hai jagte sie auf. »Schüttet die Oberbramsegel aus! Setzt die Seitensegel an! Die Enternetze bereit! – Bei allen Teufeln! Die Korvette gewinnt uns den Vorteil ab!« Geduckt, eine Bestie vorm Sprunge, belauerte der Rote Hai die Feindin. Unter vollem Segeldruck jagte der Kiel vor dem Winde durch die Flut – es war, als flöhe selbst der Satan schaudernd den Ort des Grauens. Anderthalb Stunden später war die englische Korvette auf gleicher Höhe mit der Dschonke. Hawthorn hatte sich getäuscht – das Fahrzeug mit seiner schaurigen Last war noch nicht gesunken. Und dies aus sehr guten Gründen. Die Dschonke besaß, da sie wie die meisten ihrer Schwestern aus sehr leichtem Holz gebaut war, eine große Tragkraft und vermochte infolgedessen nur unter ganz besonderen Umständen zu sinken. Die Lecks, die die Korsaren in den Schiffsboden gehauen hatten, ließen zwar das Wasser eindringen; da aber die Luken verschlossen und vernagelt wurden, preßte sich die Luft unter dem obern Deck zusammen und ließ das Fahrzeug eben nur bis zu diesem einsinken. Die Reisenden und die eingesperrte Mannschaft ertranken zwischen den Wanten ihres Schiffs. So hätte die Dschonke noch tagelang als schwimmender Riesensarg auf dem Ozean treiben können. Vom Bord der Korvette hatte man, aufmerksam geworden, die Spieren und die unordentliche Takelage des chinesischen Schiffes bemerkt. Als man näherkam, entdeckte man mit Hilfe der Gläser die rätselhaften dunklen Gestalten des Missionars und des Malayen, die gleichsam aus der Fläche des Meeres sich erhoben und oft von den Wogen mehr als zur Hälfte überflutet wurden. Die »Diomede« gierte daher in der Verfolgung soweit backbord ab, um ein Boot zu dem sonderbaren Wrack senden zu können. Der Midshipman, der es führte, fand den Missionar bewußtlos in seinen Banden hängen. Er wurde in das Boot gehoben; man schnitt auch den Malayen ab, aber es war unmöglich, den armen Burschen sofort von seiner Marter zu befreien, da man keine Werkzeuge zur Hand hatte. Aus seinen Worten erfuhr man, wenigstens oberflächlich, was geschehen, und daß das Schiff am Horizont der berüchtigte Piratenschoner, der »Satan«, war. Auf die Frage nach der Mannschaft der Dschonke blickte der Malaye auf die vernagelten Luken und erzählte in unzusammenhängenden Worten, daß man sie in den Raum des Schiffes getrieben und dort ertränkt habe. Obgleich kein Zweifel an ihrem Tode sein konnte, da selbst die oberen Planken schon stundenlang unter Wasser gestanden, wollte der Midshipman sich doch überzeugen und befahl zwei Matrosen, an der Vorderluke ein Loch in das Deck zu schlagen. Er gebrauchte die Vorsicht, das Boot einige Faden weglegen zu lassen; zum Glück für alle; denn kaum hatten die Seeleute mit dem einen Beil, das sie bei sich führten, eine der Planken gelöst, als die eingepreßte Luft mit großer Gewalt ausströmte und die Bretter auseinanderriß, wobei ein Matrose leicht verwundet wurde. Kaum hatten sie Zeit, sich in die See zu werfen und nach ihrem Boot zu schwimmen. Gerade hatte man sie über den Bordrand gezogen, da sank der »Fliegende Schwan«, von dem oben eindringenden Wasser gefüllt, mit einem starken Wirbel in die Tiefe. Nur der äußersten Anstrengung der Matrosen und ihrer Kaltblütigkeit gelang es, das Boot glücklich aus der Gefahr zu bringen und nicht im Strudel der sinkenden Dschonke zu kentern. Mit aller Kraft legten sich die Männer in die Riemen, von kaltem Entsetzen über das Geschehene geschüttelt. Eine halbe Stunde später waren sie wieder an Bord der Korvette. Der Kapitän ließ auf die Nachricht, daß das verfolgte Fahrzeug der berüchtigte Pirat war, alle Leinwand, die das Schiff nur tragen und der Wind nur schwellen mochte, setzen. Er mußte die mit der Rettung der beiden Unglücklichen versäumte Zeit wieder einholen; alle Mann arbeiteten stumm und verbissen in den Rahen und Stangen. Sie glühten im Eifer, die Teufel zwischen ihre Fäuste zu kriegen, die das schändliche Bubenstück an der Dschonke verübt hatten. Unterdes leisteten der Wundarzt und die Offiziere auf dem Hauptdeck Norford und Mahadrö jeden möglichen Beistand. Es war ein grauenhafter Anblick, der selbst manchen der harten, Wunden und Tod gewohnten Matrosen eine Träne in die Augen trieb, als der Gehilfe des Waffenmeisters der Korvette die Schlösser der eisernen Reifen um die Glieder des Malayen losgeschlagen hatte. Die eisernen Spitzen waren tief in das Fleisch gedrungen und hatten zum Teil Muskeln und Knochen zerquetscht. Er mußte während der langen Zeit, fast vierzehn Stunden, unsäglich gelitten haben, und dennoch hatte er nicht einen Schrei der Klage hören lassen. Die Beine waren furchtbar verletzt; der Wundarzt versicherte achselzuckend, daß, wenn er ihm auch das Leben retten könne, er doch sein Lebelang ein Krüppel bleiben werde. Nur die Arme hoffte er ihm in alter Kraft zu erhalten. Mit finsterem, verschlossenem Ausdruck lag der Malaye, während ihm die Verbände angelegt wurden, auf dem Deck; von Zeit zu Zeit erkundigte er sich, wie es seinem Herrn gehe, und ob die Korvette dem Schoner schon einen Vorteil abgewonnen habe. Henry Norford war durch reichliche Anwendung von flüchtigen Salzen und anderen Mitteln wieder zum Bewußtsein zurückgebracht worden. Die erschöpfte Natur forderte aber ihre Rechte, und ehe er noch voll die Erkenntnis seines Elends erlangt hatte, sank er in einen tiefen Schlaf. Er wurde eifrig und sorgfältig gepflegt. Außerdem erkannte Kapitän Oxbridge, der Kommandeur der Korvette, in ihm einen früheren Schiffsgenossen wieder. Er hatte ohnehin den Auftrag neben seiner eigenen Absicht gehabt, ihn in Schanghai aufzusuchen. Die Korvette war vom Admiral abgeschickt, den englischen Handel auf den nördlichen Faktoreistationen zu beschützen und zu diesem Zweck im Gelben Meere zu kreuzen. Kurz vor Sonnenuntergang erwachte Henry Norford. Erstaunt sah er sich um; die Wände der engen Kajüte, die ihm Kapitän Oxbridge eingeräumt, versetzten ihn anfangs in seine Jugendzeit zurück und ließen ihn glauben, er befinde sich noch an Bord der Fregatte »Waterloo«. Dann aber schoß es wie ein Strahl der Erinnerung durch seine Seele – er fuhr mit beiden Händen nach der Stirn, starrte umher und riß sich von seinem Lager hoch. Neben ihm saß als Wärter ein alter, rauher Matrose. »Um Gottes willen! – Wo bin ich hier, Mann? – Was ist mit mir geschehen?« »Wo Ihr seid, Sir? – Goddam, wo sollt Ihr anders sein als an Bord der ›Diomede‹, Ihrer Majestät Korvette von sechzehn Kanonen! – Es läßt sich denken, daß Ihr ein Stück von Eurem Verstande eingebüßt habt – es ist kein Spaß für einen geistlichen Herrn, eine Nacht so im Wasser zuzubringen, Sir, alle Augenblicke gewärtig, daß so ein verfluchtes Biest einem die Beine wegschnappt! – Aber Ihr habt ja doch noch Eure gesunden Glieder bewahrt; aber ein Jammer ist's, den armen Kerl, Euren Gefährten, anzusehen!« Norford faßte den Arm des Matrosen. »Von wem sprichst du?« »Ei zum Henker, von wem anders, als von dem braunen Burschen, den man wie eine Kugel zusammengeschnürt an den Wanten neben Euer Hochwürden gefunden hat.« »Mahadrö? – Barmherziger Gott! – Und Maria? – Wo ist das Schiff? – Wo ist das Schiff?« Er warf sich von dem Lager. »Meine Kleider! Wo sind meine Kleider?« »Na, seid nicht närrisch, hochwürdiger Herr!« meinte der Seemann. »Den schwarzen Rock hat das Seewasser verdorben. Der Kapitän hat Euch einen von den seinen hierherlegen lassen durch den Steward, und meinte, der passe ohnehin besser für Euch. Es sei eine Schande, daß ein Mann wie Ihr im Pfaffenrock stecke! – Ja, das hat er gesagt, der Alte. – Und hat auch recht. – Aber ich muß jetzt die Meldung machen, daß Ihr wieder bei Verstande seid, was man so nennt; der Erste Leutnant hat's im Auftrag des Kapitäns streng befohlen.« Der alte Seebär verließ die Kajüte; Henry Norford warf hastig die trockenen Kleidungsstücke über, die man ihm hingelegt. Dann eilte er ohne Aufenthalt auf das Verdeck. Dort sah ihn Kapitän Oxbridge. »Henry Norford! – Willkommen, alter Schiffskamerad! – Und Gott sei gedankt, daß ich Ihnen einen solchen Dienst erweisen konnte und nicht zu spät kam!« Der Missionar starrte ihn an; dann legte er die Hand an die Stirn. »William Oxbridge, wahrhaftig, ich erkenne Sie! – Aber Maria? – Bei allem, was Ihnen heilig ist, beschwöre ich Sie: Wo ist Maria – meine Verlobte – meine Braut?« »Sir Henry«, sagte ernst der Kapitän. Er faßte des alten Freundes Hand. Er hatte genug aus den kurzen, abgebrochenen Mitteilungen des Malayen entnommen, um das unaussprechliche Unglück seines Freundes zu begreifen. »Sie waren stets ein Mann – beweisen Sie es auch jetzt. Seien Sie meiner innigsten Teilnahme an dem traurigen Schicksal gewiß, das Sie betroffen hat. Ich sage Ihnen, die Flagge Alt-Englands wird nicht eher ruhen, bis der schändliche Verbrecher seine Strafe erhalten hat!« »Maria! – Wo ist Maria? – Ich habe ihren Geist gesehen ...« »Das Mädchen ist im Himmel! – Bedenken Sie, daß Sie ein Priester Gottes geworden sind, und daß Ergebung Ihnen geziemt. – Wie der Malaye erzählt, hat sie selber den Tod in den Wellen gesucht.« Henry Norford barg das Gesicht in die Hände; die ganze entsetzliche Erinnerung kehrte ihm zurück; dicke Tropfen perlten zwischen seinen Fingern hindurch. »Mahadrö! – Wo ist Mahadrö?« »Freund,« sagte der Kapitän, »bevor ich Sie zu den armen Burschen führe, habe ich Ihnen wichtige Nachrichten aus England mitzuteilen. Ich bringe Briefe für Sie nach Schanghai, die die Zeitungsberichte bestätigen. Ihr älterer Bruder, Mylord, ist gestorben, und da sein Sohn kurz vorher verunglückte, fällt die Pairswürde auf Sie. – Ich habe die Ehre, Sie als Lord Drysdale zu begrüßen.« Norford hatte kaum auf die Worte gehört, noch weniger berührte ihn die Kunde. »Mahadrö!« wiederholte er. »Führen Sie mich zu Mahadrö!« »Mylord, Ihr Schmerz ist gerecht, aber er wird der Notwendigkeit weichen. – Kommen Sie!« Der Kapitän bedeutete mit einer Bewegung der Hand Offizieren und Matrosen, zurückzutreten; dann führte er den Missionar nach dem Vorderdeck. Auf einer Matratze lag dort die verkrümmte Gestalt des Malayen, die gebrochenen Glieder in Schienen und Binden. Neben ihm sah man noch die Werkzeuge seiner Marter. Henry Norford warf sich an seiner Seite nieder und faßte die gesunde Hand. »Mahadrö, mein Freund«, stöhnte er erschüttert. »Sprich Rede du! – Ist es wahr, was ich meiner Erinnerung meinen Sinnen nicht glauben kann? – Wo ist Maria, meine Braut?« »Bei deinem Gott, Sahib, wohin die Guten und Gerechten gehen, und wo wir sie wiederfinden werden, da auch der arme Malaye ein Christ geworden ist durch dich! Himmelsblüte ist im Paradiese, wohin der Rote Hai und die Männer des ›Satan‹ niemals kommen werden!« »Des ›Satan‹! – Ja, beim großen und gerechten Gott ich will ihn zu seiner Hölle schicken!« Norford war aufgesprungen und packte wild den Arm des Kommandeurs. »Oxbridge,« sagte er heiser, »wenn Sie je mein Kamerad, mein Freund gewesen sind, stellen Sie mich an die Spitze Ihrer Enterer und dann hinan an Bord des Korsaren! – Zögern Sie nicht länger! – Aber daß kein anderer wage, seine Waffe mit ihm zu kreuzen! – Ich will ihn haben, ich! – Mein muß er sein!« Der Kapitän führte ihn an das Bollwerk und zeigte nach dem Horizont, an dem eben die Sonne in die Fluten sank. »Bei unserer alten Kameradschaft, Henry Norford,« sagte er ernst, »ich wollte die Aussicht auf mein Patent als Postkapitän darum geben, wenn ich Ihnen den Degen in die Hand drücken und sagen könnte: Vorwärts! – Aber die Schurken sind schneller als wir und wissen ihren Vorteil zu benutzen. – Wir haben alles getan, was ehrlichen Seeleuten möglich ist und jeden Fetzen Leinwand aufgesetzt, den die »Diomede« tragen konnte. – Dort sehen Sie ihre Oberbramsegel verschwinden; und ehe die Sonne wieder aufgeht, werden sie in ihren Schlupfwinkeln zwischen den Inseln verschwunden sein, während ich meinem Befehl folgen und den Kurs nach Norden steuern muß! – Vertrauen Sie auf Gott, armer Freund! – Seine Hand wird die Bestien finden!« Eine Weile starrte Henry Norford auf den Punkt am Horizont, an dem das letzte Zeichen des »Satan« verschwunden war. Die hageren Züge verzerrten sich. Ein wilder Haß und eine eiserne Entschlossenheit lag auf dem Gesicht. Langsam wandte er sich um. Ein kaltes, fast höhnisches Lachen brach stoßweise über seine bleichen Lippen. »Vertrauen Sie auf Gott, armer Freund!« wiederholte er verächtlich und bitter die Worte des Kapitäns. Dann hob er feindlich die rechte Faust und schüttelte sie. – »Ja, Gott! – Aber nicht der Gott, zu dem ich vergeblich gefleht! – Du hast den Gott der Christen gewählt, Mahadrö, der Liebe befiehlt zu den Feinden und Vergebung denen, die uns das Teuerste mordeten und entweihten! – Wohl, so wähl' ich den deinen, der die Rache befiehlt – die glühende Rache, die Vernichtung der Feinde! – Bei dem Gott, der die Unschuld elend verderben ließ, bei deinem Allah, der mir das Schwert in die Hand drückt – hier schwör ich's: Ich räche dich, Schatten der Gemordeten und Entweihten! Möge mein Gehirn verdorren unter der Erinnerung, möge der Tropfen Wasser mir zur verzehrenden Glut werden und das Blut in meinen Adern verbrennen, wenn ich nicht jeden Augenblick meines Daseins, jeden Schilling meiner Habe daran setze, diesen Teufel über die Erde zu peitschen, bis ich ihn erreicht habe!« Er hob auch die geballte Linke, warf den Kopf in den Nacken und starrte wild in den Abendhimmel. »Mit diesen Händen will ich dich zermalmen und mit Martern, wie sie noch kein Mensch erdacht, will ich dir vergelten!« Vier Monate später ging von Kalkutta eine Brigg unter Segel, die den Namen »Der Rächer« führte. Sie war ein überaus schnellsegelndes Schiff und für eine große Summe angekauft, frisch kalfatert und aufgetakelt, führte sechs Karronaden und zwei lange Neunpfünder an Bord, und war überhaupt mit der peinlichsten Sorgfalt als Kriegsschiff ausgerüstet. Eine Bemannung von sechzig wettergebräunten, erprobten Seeleuten, Männern, die keine Gefahr und keine Furcht kannten, verkündete die Bestimmung des Schiffes, und in der Tat hatte der Eigner der Brigg, der zugleich ihr Kapitän war, vom Gouverneur von Indien eine Bestallung als Kaper der Regierung erhalten, die ihn ermächtigte, Piratenschiffe »zu nehmen, zu verbrennen und zu versenken«, wo er sie fände. Auf dem Hinterdeck stand ein hochgewachsener, finsterer Mann mit bleichem, abgezehrtem Gesicht, von fester entschlossener Haltung. Er trug einfache schwarze Kleidung von europäischem Schnitt; nur statt der Mütze oder des Hutes bedeckte ein malayischer Turban von roter Farbe sein dunkles Haar, in das sich schon viele Silberfäden mischten, obgleich der Mann kaum die Dreißig überschritten haben konnte. Er stützte sich auf eine große Lochaber Axt, die berühmte und schreckliche Waffe seiner gälischen Vorfahren, und erteilte mit fester kräftiger Stimme seine Befehle. Neben ihm am Boden hockte, auf zwei Krücken gelehnt, mit denen er sich behend fortzuschieben verstand, ein Krüppel; seinen Beinen schien jede Muskelkraft zu fehlen. Das Rückgrat war gekrümmt, dabei stand der Arme noch im besten Mannesalter. Seine schwarzen Augen leuchteten aus dem gelbbraunen Gesicht wie zwei Dolchspitzen. Es waren Mahadrö und der Kapitän Henry Norford, Lord Drysdale. Von dem Augenblick an, da der »Rächer« mit seiner Besatzung aus dem Hugli-River in den Golf von Bengalen steuerte, begann seine zähe Jagd nach dem Piratenschoner »Satan« durch das indische und chinesische Meer. Kein Versteck der Inseln blieb undurchsucht; jeder Teil der Küste wurde sorgfältig durchspäht, jedes Schiff um Nachricht über den berüchtigten Korsaren angehalten. Lord Drysdale streute mit offener Hand Gold aus und unterhielt die gewandtesten Spione. Im Laufe eines Jahres war der »Rächer« zweimal dem Piratenschiff begegnet. Der »Satan« aber war gewarnt und suchte ihn auf alle Weise zu meiden; denn das Gerücht von dem Schicksal und dem Unternehmen des englischen Lords hatte sich bald in den Häfen herumgesprochen und war auch Kapitän Niels Hawthorn zu Ohren gekommen. Das erste Mal geschah es durch einen glücklichen Zufall, daß der »Rächer« den Schoner in der Nähe der Baschi- Inseln sichtete, nachdem er eben ein Kauffahrteischiff geentert und geplündert hatte. Die Brigg eröffnete alsbald ihr Feuer; der Schoner erwiderte und steuerte gegen ihn, da er keine andere Rettung für sich sah, um ihn zu entern. Auf dem Hinterdeck des »Rächers« stand der Lord, hochaufgerichtet, starr wie eine Statue, mit glühenden Augen; auf dem des Schoners der Däne Niels Hawthorn. Wenige Augenblicke noch, und die Schiffe mußten zusammentreffen – da traf eine Lage des »Satan« den Fockmast der Brigg und stürzte ihn mit dem ganzen Segelwerk über Bord. Wohl antworteten die mit Kartätschen geladenen drei Karronaden und der Neunpfünder der Backbordseite der Brigg, aber sie lag unbehilflich vor dem Steuer. Die Verwirrung auf der Brigg benutzte der Däne, der sich in Rum den Mut getrunken hatte, seinem Gegner entgegenzutreten, um sofort den Schoner zu wenden und die Flucht zu ergreifen. Ehe der »Rächer« sich von Tauwerk und Trümmern befreien und einen Notmast aufrichten konnte, war das Seeräuberschiff vor der steifen Brise in weiter Ferne und bald darauf hinter dem Horizont verschwunden. Lord Drysdale trug es in verbissenem Schweigen, daß ihm sein Todfeind durch dies Mißgeschick entgangen war. Einen Monat lang suchte er den »Satan« unablässig zwischen den Inseln, ohne ihn wieder vor sein Glas zu bekommen. Nur die neuen Verbrechen, die der »Satan« beging, gaben Kunde davon, daß er sich noch auf dem Meer herumtrieb. Aber bald darauf verklang auch diese; es schien, als sei das Korsarenschiff in einem der heftigen Stürme untergegangen. Da erhielt im letzten Monat des Jahres Lord Drysdale die Nachricht, man habe ein Schiff ähnlich dem »Satan«, in der Nähe der Ladronen gesehen, und daß es dort einen deutschen Kauffahrer, der von Lima kam, aufgebracht und geplündert habe. Der Kapitän des »Rächer« gönnte seinem Ersten Leutnant kaum Zeit, die Brigg mit Trinkwasser und neuen Vorräten zu versehen. Dann richtete er den scharfen Bug nach den Inseln, in deren Gewässern der deutsche Kauffahrer dem Roten Hai in die Hände gefallen war. Am einundzwanzigsten Tage darauf, in der Nacht, hörten die Bewohner von Saypan den Lärm eines Gefechts auf See und sahen einen amerikanischen Schoner, der seit einigen Tagen in einer Bucht ihrer Küste ankerte, in vollen Flammen stehen. Am anderen Morgen hörte man, daß der Amerikaner von einem englischen Fahrzeug überfallen und verbrannt worden sei. Der Engländer lag noch in der Nähe des bis zum Wasserspiegel niedergebrannten Schiffes; seine Rahen trugen eine schaurige Last. Neunzehn Männer hingen an ihren Nocken, an dreißig waren im Kampf gefallen. Jetzt erst erfuhren die Eingeborenen, daß das verbrannte Fahrzeug das berüchtigte Raubschiff »Satan« gewesen war. Aber der Engländer schien mit diesem furchtbaren Gericht nicht zufrieden; schon am frühen Morgen setzten seine Boote eine starke Abteilung der von der Blutarbeit der Nacht erschöpften Mannschaft aus, die an der ganzen Küste eifrig nach etwa ans Land geflüchteten Korsaren forschte. Es hieß, das Haupt der Seeräuber, der Rote Hai, wäre mit zwei seiner Gefährten, nachdem er mit dem Kapitän der englischen Brigg im Handgemenge zusammengetroffen und von ihm verwundet worden, im Gemetzel und unter dem Schleier der Nacht in einem kleinen Boot entkommen; wenigstens wurde er weder unter den Gefangenen noch unter den Toten gefunden. Eine Woche lang setzte Lord Drysdale vergeblich seine Nachforschungen über die Insel und auf den Nachbarinseln fort; er bot eine hohe Summe für die Entdeckung der Korsaren und des Roten Hai. Endlich mußte er mit der Überzeugung die Anker lichten, daß auf diesen Inseln der Gehaßte keine Zufluchtsstätte gesucht, und daß, wenn er wirklich entkommen war, er in dem leichten Boot sich den Gefahren des weiten Ozeans anvertraut haben mußte; wahrscheinlich hatte er längst sein Grab in den Wellen gefunden. Dies war die Geschichte des Roten Hai und der Menschen, die er verdarb ... Die Abenteurer der »Santa Magdalena« schwiegen und sahen weit hinaus in die Nacht. Nur das Rauschen des Meeres an den Wanten des Schiffes störte die Stille. Mitten unter ihnen hockte Niels Hawthorn, der Rote Hai. Was er erzählt, war nur ein schwacher Widerhall des wirklich Geschehenen; aber der Ton seiner heiseren, höhnischen Stimme, seine Freude an dem Ausmalen der Höllenbilder verrieten jedem seiner Hörer die Wahrheit: Er selber – wenn er auch in seiner Geschichte die Namen geändert – mußte es sein, der den Tigern des Meeres soviele Leben geopfert, der die Schönheit und die Tugend besudelt, der die Seelen zweier edler Menschen vernichtet. Hart und gell dröhnte ein Lachen in die Stille. »Nun, Señores – mir scheint, meine Geschichte gefällt Euch nicht?« Versteckt klang in den Worten die brutale Drohung des Piraten. Auch jetzt gab ihm niemand Antwort. Der Wechsel blutiger Taten, die Reihe der Erlebnisse, der Verbrechen unter den Abenteurern war so groß, daß der Zeitraum von zwei Jahren, die seit diesen Ereignissen vergangen, genügte, dem einzelnen in den Augen der Menge die Verjährung zu sichern. Es fiel niemandem ein, den Mörder jetzt noch zur Rechenschaft zu ziehen. Nur der wackere Bonifaz machte aus seiner Gesinnung kein Hehl. »Daß Euch der Teufel Eure Geschichte segne!« gab er auf die drohende Frage des Piraten zurück. »Mir tut bitter leid, daß der Lord den Schuft nicht gefaßt hat – meiner Treu, ich könnte mir kein größeres Vergnügen denken, als ihn an der Spitze des Hauptmastes seines ›Satans‹ baumeln zu sehen!« Der Korsar pfiff wütend durch die Zähne, aber der würdige Master Slong kam einem Zornesausbruch Hawthorns zuvor. »Der Herr ist milde, so ein Sünder seine Schuld bekennet und ihn um Vergebung anflehet!« näselte seine durchdringende Stimme. »Ihr wäret also bei diesem Schlachtfest des Beelzebub dabei?« Ein Knurren wehrte seine Einmischung ab; doch Hesekiah breitete abermals seine Hände wie ein Prediger nach dem struppigen Kopfe des Roten Hai. »Beunruhigt Euch nicht, reuiger Schuldner der göttlichen Liebe! Eure Beichte und Euer Bekenntnis genügt dem zur Vergebung Geneigten ...« »Beichte?« fuhr Hawthorn auf. »Seid Ihr verrückt, winselnder Schuft?« »... Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben! unsern Schuldigern«, stöhnte Hesekiah. »Ihr steckt dennoch tiefer im Morast, als ich glaubte, denn Ihr verkennet meine reinen Absichten! – Mann, Euch soll geholfen werden!« Auf diese Ankündigung wandten auch die übrigen ihre Aufmerksamkeit dem Methodisten zu. Hesekiah erhob sich und trat an die Seite Hawthorns. »Sei Eure Seele auch noch so bedrückt, eine Gemeinde von frommen Gläubigen wird Euch die Last tragen helfen. Und obschon ich die Anhänger des Vatikans nicht liebe, in Eurem Falle müßte eine Armesündermesse eine wahre Gnade sein! Ich erhebe also meine Stimme zu Euch, die Ihr bei der schmerzlichen Erinnerung dieses Ärmsten Zeuge wäret: opfert aus Euren vollen Beuteln jeder nur zehn Cents, und ich will Euch unter dem Kreuz des Südens eine Seelenmesse für den Roten Hai lesen, daß Ihr die Engel im Himmel weinen höret! Zehn Cents nur, Gentlemen ...« Ein wilder Fluch des Dänen ließ ihn vorsichtig zurückweichen. Er stolperte und fiel in die Arme seines Freundes John Merdith. Das Gelächter der Mannschaft der »Santa Magdalena« über den spitzbübischen Methodisten hallte weit über das Meer. Am dritten Morgen darauf erreichte die Gesellschaft des Grafen Raousset-Boulbon die Reede von Guaymas und warf Anker im Hafen der westlichen Handelsstadt. Die ganze Mannschaft stand auf den Decks des Schoners und der Goelette dicht gedrängt und wartete auf die Ausschiffung. Plötzlich erbleichte der Pirat, der sich selber Squale rouge genannt; er wand sich aus der Gruppe der Abenteurer und zog seine neuen Freunde Hesekiah Slong und John Merdith durch die Luke wieder hinab in den Schiffsraum. Er mußte etwas Schreckliches erblickt haben; denn er war so erschüttert, als sei eine Kanonenkugel zu seinen Füßen eingeschlagen. In das Gewirr der Boote, das die beiden Schiffe umgab, und durch das die Barke des Grafen, der in großer Uniform mit dem Señor Don Esteban sich zum Gouverneur der Stadt begab, sich eben mühsam einen Weg bahnte, war eine Gig geraten. Sie gehörte zu einem englischen Schiff, das auf der andern Seite der Reede lag. Sie ruderte nahe am Bord der »Santa Magdalena« vorüber nach der Stadt. Im Stern dieses Bootes saßen zwei Personen: ein hoher, blasser Mann in dunkler europäischer Kleidung, den Kopf mit einem roten Turban bedeckt, und, neben ihm kauernd, von einem weißen Linnenmantel verhüllt, ein malayischer Krüppel. Die Kanonen des Forts begrüßten mit ihrem Donner die dreifarbige Flagge Mexikos, die am Mast der beiden Schiffe aufgezogen war; neben ihr flatterten stolz das Sternenbanner Amerikas und die weiße Flagge des alten Königtums von Frankreich hinaus in die Morgenluft. Der Mann im Turban An der Stelle, wo der Rio de Guayamas aus der Ebene kommt und die Sierra del Nazareno durchbricht, um sich in den mächtigen kalifornischen Meerbusen zu stürzen, liegt San José Guayamas oder Guaymas in geringer Entfernung von der Hafenstadt San Fernando de Guaymas. Die Einbuchtung des Golfs dort, geschützt von dem Kap Haro, bildet den besten Hafen des westlichen Mexikos. Allerdings erlauben beide Städte, San José und San Fernando, keinen Vergleich mit den östlichen Städten Amerikas oder gar mit europäischen; indes herrscht in ihnen ein so eigentümliches Leben und Treiben, daß der Reisende, auch wenn er nicht Handel treibt, nicht ohne innere Bereicherung und Befriedigung in ihren Mauern verweilen wird. Die Stadt selber sieht zwar sehr dürftig aus; an größeren Häusern finden sich nur die steinernen Handelsniederlassungen der englischen, amerikanischen und spanischen Kaufleute, oder die Villen, die sich diese in genügender Entfernung von dem Schmutz der ungepflasterten, mit der gewöhnlichen spanischen Sorglosigkeit behandelten Straßen der Stadt erbaut haben. Die mexikanischen Häuser der Bewohner sind, wie im ganzen Binnenlande, niedere, flache und unreinliche Gebäude; sie unterscheiden sich nur wenig von den Hütten der eingeborenen Indianer an den äußersten Grenzen der Stadt. Nur etwa vier öffentliche Gebäude, darunter das Zollhaus und das Haus des Gouverneurs, machen eine Ausnahme. So unerfreulich das äußere Bild der Stadt aber auch ist, so betragen doch die Reichtümer, die oft hier aufgehäuft werden, Millionen; die fabelhafteste Verschwendung herrscht neben den Lumpen des Armen, den ein Zufall, ein plötzliches Ereignis, ein politischer Umsturz, mit Gold und Macht überschütten kann. Das Fort, wenn man diesen einfachen Bau von Erdwällen und Palisaden, im Viereck um einige Gebäude aufgeworfen, so nennen darf, ist in seiner Bewaffnung sehr kümmerlich. Dennoch gehört es zu dem Charakter dieses seltsamen, an tausend Hilfsquellen so reichen und damals doch so verkommenen Landes, daß die Bewohner von Guaymas mit einem gewissen Stolz auf ihre Festung blicken; in Wahrheit würde das Fort sie nicht vor einem einzigen tüchtigen Kriegsschiff beschützt haben; in den zahllosen Pronunziamientos und Revolutionen der Stadt, der Provinz und des Landes aber hat es eine bedeutende Rolle gespielt, da ihr Besitzer, sei es durch Kampf, durch Bestechung oder Verrat, immer als Sieger und augenblicklicher Machthaber betrachtet wurde. Zur Hauptstadt des Staates Sonora war gegenwärtig an Stelle von Hermosillos das weiter hinauf am Rio Sonora gelegene Arispe von dem Gouvernement gewählt worden, eine Stadt mit etwa dreitausend Einwohnern. An der Spitze der Regierung stand der freiheitlich gesinnte General Don Manuele Paredos, von vielen Kaufleuten der Küstenstädte unterstützt, während der Hauptteil der großen Grundbesitzer gleich Don Esteban zur Partei der Konföderados, der Bündler, gehörte. Der Haziendero hatte nicht versäumt, schon auf der Überfahrt den Grafen Boulbon aufs genaueste mit allen Verhältnissen und Persönlichkeiten bekanntzumachen. Der Hafen von Guaymas oder Guayamas bot am Morgen der Ankunft der beiden Schiffe ein überaus buntes und belebtes Bild. Der Strand ist flach; notdürftig nur bildeten die minderwertigen Hafenbauten zum Aus- und Einladen der Boote streckenweise einen Molo, einen Hafendamm; an den andern Stellen wirft das Meer seine Wellen unmittelbar gegen das sanft emporsteigende Sandufer, bedeckt es mit seinem Tang und seinen in hundert Farben schillernden Muscheln, oder rollt in Bogen seinen weißen Schaum darüber hin. Auf der Reede lag, außer den beiden Schiffen der Sonoragesellschaft und der englischen Brigg, die unter dem Schutze des Kap Haro ankerte, wohl ein Dutzend größerer Schiffe aller seefahrenden Länder; sie harrten ihrer Befrachtung oder brachten europäische Güter, während zahlreiche Küstenfahrzeuge über den prächtigen Spiegel der Bai kreuzten, über die niederen Häuser der Hafenstadt und von Guaymas selber hob sich der Blick zu den Höhen der Sierra de Santa Clara, der Fortsetzung der Sierra del Nazareno, die in der Entfernung von wenig Meilen die Hochebenen von dem Küstenstrich scheidet. Zwischen dem Landungsplatz und den Schiffen durchschnitt eine Menge Boote den Wasserspiegel und führte Menschen und Güter hin und her; an dem Strande hatte sich fast die ganze eingeborene und zufällige Bevölkerung versammelt, die Ausschiffung der Sonoragesellschaft zu sehen, von der man sich schon so vieles erzählte und auf die man so große Hoffnungen setzte. Diese Ansammlung der Einwohner war wie die aller südlichen Seeküsten und westlichen Länder sehr bunt. Neben den amerikanischen und englischen Seeleuten sah man den feurigen und gewandten Chilenen, der in seinem Schiff eine Ladung der berühmten Maultiere der Provinz zu holen gekommen war; Kalifornier von La Paz oder Espiritu Santo und Ceralbo, jenen Schwesterinseln, zwischen denen sich die abenteuerliche Geschichte Juan Racunhas Vergl. Novellen Retcliffes. zugetragen, hatten die Ausbeute der Perlenfischerei des Sommers und des Schildkrötenfanges gebracht; Arrieros und Vaqueros, die Pferdehirten und Pferdebändiger der Hazienden im Innern waren mit den Herden gekommen, die sie zur Versorgung der Schiffe oder zum Unterhalt der Bevölkerung lieferten; Karawanen von Indianern hatten auf langen Reihen von Maultieren Früchte und Baumwolle, Salz, Alaun und edle Metalle aus den Bergwerken von Nacohari, San Juan de Sonora und Babiocora hergebracht; die Besitzer der Goldwäschereien in den Tälern der Sierren waren hier, um den Ertrag der mühsamen Arbeit zu verwerten und ihn, wie häufig, in wenig Stunden zu vergeuden; die Schar der Lastträger, ein Hauptbestandteil der niederen Bevölkerung von Guaymas, mit ihrem Capataz und den Unteranführern, keuchte schweißtriefend und dennoch lustig und munter unter den schweren Bürden oder arbeitete in den offenen Warenhäusern; der Ranchero, der sich der Abstammung von spanischem Blut rühmte, sah stolz auf den armen Indianer, der sein Leben in den Tiefen des Meeres oder den Stollen der Bergwerke für geringen Unterhalt wagte, auf den Opata, der den Ertrag seiner Viehzucht oder seiner Arbeit, die die Trägheit der Europäer beschämt, hier zu Markte brachte. Die leichtsinnigen Mädchen Mexikos und Frauen in allen Schattierungen der braunen Haut, Mönche und Soldaten, Herren und Diener, Kinder und Schwarze, Seeleute und Kaufherren bewegten sich auf dem Platz bunt durcheinander, stritten, tauschten ihre Neuigkeiten aus oder schlossen einen Handel. Als das Boot mit Don Esteban und dem Grafen an den Stufen der Treppe landete, erscholl ein donnernder Jubelruf. » Viva! – Viva! « Die zahlreichen Bekannten und Diener des reichen und mächtigen Hazienderos drängten sich heran, ihn zu begrüßen und sich nach seinem und der Doña Dolores Wohlbefinden zu erkundigen. Aber mehr noch als der Senator nahm sein Begleiter die Aufmerksamkeit der Männer und Frauen in Anspruch. Es wäre kaum nötig gewesen, daß Don Esteban ihn mehreren seiner vornehmeren Freunde als den berühmten Anführer der Sonoratruppe, den Grafen Raousset-Boulbon vorstellte, denn seine stolze Erscheinung und seine reiche militärische Kleidung hatte die Menge das sofort ahnen lassen. Die Frauen schämten sich nicht, durch Ausrufe der Bewunderung den Eindruck kundzugeben, den der Graf auf sie machte; auch die Männer konnten sich diesem Eindruck nicht entziehen; bei allen südlichen Rassen spielen körperliche Vorzüge bekanntlich eine bedeutende Rolle. Das Gerücht der beabsichtigten Fahrt zur Aufsuchung der Schätze der Azteken, und die Erzählung von dem merkwürdigen Zweikampf im Zirkus von San Franzisko war schon wochenlang der Ankunft des Grafen vorausgeeilt und hatte die Einbildung der Bevölkerung von Guaymas gereizt und ihre Erwartung auf das höchste gesteigert. Der mexikanische Volkszug ist ein seltsames Gemisch von Leidenschaften, von Feigheit und Heldenmut, Geiz und Verschwendung, Eitelkeit und Aufopferung. Die besten und die schlechtesten Züge des menschlichen Herzens scheinen in ihm verschmolzen. Man hat nicht bloß in dem großen Befreiungskampf zahllose Züge von Begeisterung und Heldensinn gesehen, die den schönsten Taten des Altertums zur Seite zu stellen sind, sondern man findet sie noch täglich in dem unruhigen Leben dieser Menschen und in dem Kampf mit der Wildnis und ihren Bewohnern. Auch in den schlechtesten Volksschichten äußert sich ein gewisser ritterlicher Zug, Edelmut oder Stolz, der selbst die Verbrecher nicht gemein erscheinen läßt, und der offenbar in der Vermischung mit dem Blut der spanischen Eroberer seinen Ursprung hat. Bei diesem Hange zu Abenteuern, bei dieser Empfänglichkeit für hervorragende Taten des Mutes und der Kraft mußte der Empfang des Helden des furchtbaren Zweikampfes von San Franzisko natürlich voll stürmischer Begeisterung sein; und dies um so mehr, als die äußere Erscheinung des tapfern Grafen das von der Phantasie der Männer und Frauen entworfene Bild nicht täuschte, sondern ihm vollkommen entsprach. Der Name » il Conde Boulbon, il grande tigrero « verbreitete sich mit Blitzesschnelle, von Mund zu Mund lief er; der Jubel des Empfanges verzehnfachte sich, und ein Regen von Blumen aus den Händen der Frauen begrüßte den bewunderten Gast. Der Graf dankte mit dem Schneid und der Sicherheit eines vomehmen Herrn und folgte Don Esteban, der nach der Stelle vorausging, an der man seine Diener mehrere Pferde bereithalten sah. In diesem Augenblick nahte sich ihnen ein Offizier in der Uniform der mexikanischen Dragoner durch die sich öffnende Menge und blieb vor ihnen stehen. Zwei Soldaten führten hinter ihm an langen Zügeln einen aufgezäumten, pechschwarzen Hengst, dessen feurige Augen und fortwährendes Bäumen und Ausschlagen bewiesen, daß er noch nicht lange seiner Heimat in den Prärien entrissen und gebändigt war. Die beiden Soldaten konnten ihn nur mit Mühe halten; die Menge wich erschrocken vor den Hufen des unbändigen Tieres zurück. Der Offizier war ein junger Mann von finsterem verschlossenem Aussehen; sein Gesicht trug den eigenartigen Zug der aztekischen Rasse; die zurückweichende Stirn und die schmal nach unten zulaufende Form. »Señor Senator Don Esteban,« sagte er höflich, »wenn dieser Herr der erlauchte Conde Don Boulbon, der Kommandeur der von der mexikanischen Regierung angeworbenen Kompagnie ist, so bitte ich Sie, mich ihm vorzustellen. Ich habe einen Auftrag an diesen Herrn.« So höflich die Anrede auch war, so lag doch in den Worten, die die abhängige Stellung der Sonoratruppe bezeichneten, offenbar eine bestimmte Absicht. Der Senator erwiderte die Verbeugung des Offiziers mit der gleichen gemessenen Höflichkeit. »Ich habe die Ehre, Señor Teniente[R1 Leutnant] Don Carboyal, Sie hiermit Seiner Exzellenz dem Herrn Grafen Don Horace Aimé von Raousset-Boulbon, Obersten in der Armee des Königs von Frankreich und General en chef der Sonoraexpedition vorzustellen. Wir sind im Begriff, uns nach San José zu begeben und seiner Exzellenz dem Herrn Statthalter unsern Besuch zu machen.« Der Graf und der Offizier verbeugten sich gegeneinander. »Verzeihen Sie, Señor Don Esteban,« sagte der Leutnant, »wenn ich Sie einen Augenblick aufhalte; ich werde sogleich die Ehre haben, Ihnen meinen Auftrag vorzutragen. Aber da ich, wie Ihnen bekannt sein dürfte, in diesen Dingen unerfahren bin, so erlauben Sie mir wohl eine Frage zu meiner Belehrung.« »Fragen Sie, Señor Teniente!« Die Blicke der beiden Männer, des Rancheros und des Offiziers, kreuzten sich mit einem kalten hochmütigen Ausdruck. Es war der Haß und der Stolz beider Rassen, die der Graf hier zum erstenmal einander begegnen sah, des Mannes von reinem spanischen Blut, des Nachkommens der Eroberer, und des Sohnes der alten Bewohner des Landes, des aztekischen Stammes. »Wenn ich recht verstanden habe, Señor Senator, und dieser Herr es erlaubt,« fuhr der Offizier fort, »so haben Sie gesagt: Oberst in der Armee des Königs von Frankreich. Nun aber habe ich von dem Herrn Statthalter gehört, daß es einen König von Frankreich nicht gibt, sondern nur eine französische Republik, deren Flagge wir zuweilen die Ehre haben, als uns befreundet in den Häfen unseres Landes zu sehen.« Die Hand des jungen Mannes wies dabei wie fragend nach den beiden Schiffen der Sonoragesellschaft, von deren Gaffel neben der mexikanischen und amerikanischen Flagge das weiße Banner mit den Lilien der Bourbons wehte. Eine leichte Röte überflog die Stirn des Grafen. Eine Handbewegung bedeutete den Senator, daß er selber die Antwort übernehmen werde. »Señor,« sagte er kalt, »ich habe die Ehre, mich Ihnen als Obersten der französischen Armee vorzustellen und bin bereit, meine Gefälligkeit soweit zu treiben, Ihnen sogar meine Urkunde darüber vorzulegen, falls Sie es wünschen oder für nötig halten. Wenn meine erhabenen Verwandten allerdings gegenwärtig auch nicht auf dem Thron sitzen und mein Vaterland in diesem Augenblick die Freuden einer republikanischen Regierung genießt, so haben sie doch ihrem Rechte nach nie aufgehört, Könige von Frankreich zu sein. Sie werden, so jung Sie auch noch sind, aus Ihren eigenen Erfahrungen in Ihrem Lande wissen, daß in den heutigen Zeiten die Regierungsformen sehr unsicher sind und einem raschen Wechsel unterliegen können! Jene Flagge aber ist die meiner Familie, das heißt der wahren, rechtmäßigen Könige von Frankreich.« Der Offizier verbeugte sich wiederum sehr höflich. »Ich danke Euer Exzellenz bestens für diese Belehrung und bitte Sie nochmals, meine Unwissenheit zu entschuldigen. Aber wie die Regierungen jenseits des Meeres in Europa auch wechseln mögen, so wollen wir doch Gott und die Heiligen bitten, daß sie unserm Lande den Segen einer freien Republik und Föderation dauernd bewahren mögen.« »Haben Sie die Güte, zur Sache zu kommen, Señor Teniente!« Der Leutnant verbeugte sich abermals. »Der Herr Gouverneur,« sagte er, »da er bedacht, daß Euer Exzellenz zu Wasser von San Franzisko gekommen sind und noch nicht Zeit gehabt haben, sich beritten zu machen, hat mich beauftragt, Ihnen als ein Zeichen seiner Achtung und seines Wunsches, möglichst schnell Ihre Gegenwart zu genießen, dieses Pferd, ein Tier unseres Landes, zu überbringen!« » Par Dios , Señor Teniente! Dieses Pferd scheint ja eben erst aus der Wildnis zu kommen!« rief der Haziendero. »Es ist für einen Fremden unmöglich, es zu besteigen; meine Diener halten Rosse bereit, die sich besser eignen.« Ein spöttisches Lächeln überflog das Gesicht des Grafen. Don Esteban hatte ihm während der Überfahrt genug über die Verhältnisse mitgeteilt, um zu wissen, daß man ihm mit dieser anscheinenden Höflichkeit eine Falle gestellt habe. Der Statthalter von Guaymas, den er besuchen ging, stammte aus den Familien der Eingebornen wie sein Leutnant, den er zu ihrer Begrüßung gesandt; und er haßte die Fremden. Bei den Verhandlungen hatte der Gouverneur alles mögliche aufgeboten, das Zustandekommen des Sonoravertrages zu verhindern, und nur der überwiegende Einfluß der bedrohten großen Grundbesitzer und der Kaufleute hatte ihn zum Nachgeben gezwungen. Der Graf erkannte zugleich, daß jede Zögerung, das zweideutige Geschenk des Gouverneurs anzunehmen und zu benutzen, dessen Zweck erfüllen würde; es mußte den Eindruck schwächen oder vielleicht ganz verwischen, den der Ruf seiner Taten und seiner Erscheinung auf die Menge ausgeübt hatte, die ihn jetzt im Kreise neugierig und erwartungsvoll umgab. Sein Entschluß war gefaßt. Ein bezeichnender, ernster Blick hielt den Senator von einer Einmischung zurück. Der Graf wandte sich an den Boten. »Seine Exzellenz, der Herr Gouverneur von Guaymas,« sagte er mit der leichten übermütigen Bissigkeit, die ihm eigen war, »scheint trotz Ihrer Versicherung, Señor, doch nicht so große Eile zu haben, meine Gegenwart zu genießen. Sonst hätte er mir, der ich zweihundert Meilen hergekommen bin, um diesem Lande meine Dienste zu widmen, den Weg von San Fernando nach San José erspart. Ich bin indes seiner Exzellenz und Ihnen sehr dankbar für das schöne Geschenk, das Sie mir überbracht, und werde es benutzen, um diesen Dank so bald wie möglich zu überbringen.« Der Graf warf einen flüchtigen Blick zurück nach der Landungsstelle – soeben hatten die ersten Boote angelegt und der Avignote mit zwanzig der Abenteurer stieg ans Ufer. Bonifaz und Arnold von Kleist näherten sich ihm, die weiteren Befehle einzuholen. Ohne ihre Ankunft abzuwarten, schritt der Graf furchtlos auf das Pferd zu. » Paso! Cuidado! Exzellenza! – Langsam! Vorsichtig!« riefen verschiedene Stimmen aus der Menge. »Dieser Teufel würde dem besten Vaquero zu schaffen machen!« Der Graf dankte mit einem Lächeln für die Teilnahme; aber er schritt ruhig weiter und stand jetzt etwa drei Schritte vor dem Pferd; das Tier bäumte sich bei seiner Annäherung hoch auf und schlug mit seinen Hufen durch die Luft. Seine geröteten Augen blitzten vor Erregung und Wildheit; die beiden Männer auf seinen Seiten vermochten kaum die Zügel festzuhalten und wurden mehrfach hoch in die Höhe gerissen. »Das Leder dieser Zügel scheint gut zu sein?« fragte der Graf kaltblütig und wandte den Kopf halb nach dem Offizier um. »Sie sind aus Streifen von Büffelleder geflochten«, antwortete der Teniente. Trotz seiner Abneigung bewunderte er unwillkürlich die Ruhe des Grafen. »Sie können sich auf sie verlassen, Señor, aber ich sehe, daß Sie keine Sporen tragen.« Er blickte auf seine pfundschweren silbernen Sporenräder nieder. »Es ist unnötig – überdies zu spät. Ich darf den Herrn Gouverneur nicht warten lassen. – Geben Sie mir die Zügel, meine Freunde!« Der Soldat an der linken Seite des Pferdes reichte, sichtlich erleichtert, dem Grafen sofort den Zügel und sprang zurück. Im gleichen Augenblick warf sein Gefährte den anderen herüber; Raousset-Boulbon fing ihn geschickt auf. Eine atemlose Stille, nur von dem Schnauben des Pferdes unterbrochen, legte sich über die Menge. Der Graf, an der linken Seite des bäumenden Pferdes, hatte die beiden Zügel in der linken Faust. Das wilde Tier stieg auf den Hinterfüßen hoch, warf aus Maul und Nüstern weißen Schaum und schlug mit den Vorderhufen in die Luft. Man sah die rechte Hand des Grafen sich ausstrecken und den linken Vorderfuß des Tieres etwa eine Spanne hoch über der Fessel umfassen. Ein Schrei des Entsetzens aus dem Munde der Frauen unterbrach das Schweigen. »Er ist verloren! – Zu Hilfe dem Caballero! – Es wird ihn zu Boden reißen!« Aber seltsam – das Pferd stand wie eine Mauer; es versuchte offenbar, sich wieder auf den Boden niederzulassen, aber es vermochte dies nicht – der Arm des Grafen, der die Kraft einer Eisenstange zu haben schien, hielt das Bein des Tieres frei in der Luft; er trug seine ganze Last und zwang es, in dieser Stellung zu bleiben. Die Augen des wilden Rappen schienen blutunterlaufen aus ihren Höhlen zu quellen; mit dem Geifer, den er ausschnob, mischten sich Blutflecken, der freie Huf schlug toll umher, ohne jedoch den Bändiger treffen zu können. Dann faßte die Linke des kühnen Mannes die Zügel kürzer, und, indem er zugleich den Fuß losließ, riß er mit gewaltigem Ruck das Tier herunter, so daß es schwer auf seine Hufe fiel. Im gleichen Augenblick, da die Hufe den Boden berührten, packte die Linke des Grafen fest die Nüstern des Tieres und drückte trotz allem Sträuben seinen Kopf tief auf den Boden nieder; das edle Roß mußte die Vorderfüße beugen und sank auf die Knie. Das wilde und kräftige Tier versuchte noch gegen diese unwiderstehliche Gewalt anzukämpfen; dann schien es den Meister zu fühlen und seinen Herrn anzuerkennen; ein ängstliches, halbersticktes Stöhnen gurgelte aus der keuchenden Brust hervor. Das Pferd regte sich nicht mehr, es blieb in seiner knienden Stellung liegen. Der Graf warf einen kurzen triumphierenden Blick umher. Er gab die zusammengedrückten Nüstern frei, wickelte den Zügel um die linke Hand, und diese auf die Vorderlehne des hohen mexikanischen Sattels stützend, warf er sich mit einem einzigen Sprung auf den Rücken des Rappen. Ein donnerndes Brava und Viva begleitete diese ebenso kühne wie geschickte Bewegung; das erschrockene Tier sprang auf und schaute wild um sich. Aber schon hatte es seine Herrschaft verloren. Der Graf saß kaum im Sattel und fühlte das Pferd emporspringen, als er ihm einen Druck der Schenkel gab, der ihm den Atem und alle Lust zu weiterem Kampf gegen die Überlegenheit des Menschen nahm. Die Zügel fest in der Hand, zwang er es in dem Galopp, mit dem es davon sprang, zu einer Wendung und galoppierte zweimal im weiten Kreise umher, bis er wieder auf die alte Stelle zurückkam. Das Pferd, ganz von Geifer und Schaum bedeckt, stand wie eine Mauer vor dem mexikanischen Leutnant. »Jetzt, Senor Teniente«, sagte der Graf so ruhig, als säße er an der wohlbesetzten Tafel eines Freundes oder befände sich auf einem weichen Diwan einer Dame gegenüber und nicht auf dem Rücken eines wilden Rosses der Prärie, »haben Sie die Güte, Ihr Pferd zu besteigen und mir den Weg zu Ihrem Herrn zu zeigen!« Der Schrecken und die Begeisterung der Umstehenden schien nur auf diesen Beweis der Kaltblütigkeit und Sicherheit gewartet zu haben. Jetzt erhob sich ein Sturm von Jubel und Beifall. Die Vivas wollten kein Ende nehmen; die Frauen hoben ihre Kinder in die Höhe, ihnen den tapfern Extrangero, den großen Fremden, zu zeigen; die Mädchen lösten die Blumen aus ihren Haaren und von ihrer Brust und warfen sie ihm zu; die Männer schworen bei ihren Schutzheiligen, daß er der erste Pferdebändiger, der ausgezeichnetste Vaquero der Welt sei. Bei einem Volk, wo das Pferd eine so bedeutende Rolle spielt, wo auch der Ärmste gewohnt ist, im Sattel jeden Weg zurückzulegen, konnte diese Begeisterung für das bei seiner großen Körperkraft sonst ziemlich einfache Kunststück nicht wundernehmen. Der Graf begriff, daß er durch sein erstes Auftreten einen vollständigen Sieg in der Meinung dieser heißblütigen Menschen gewonnen hatte. Er erwiderte daher lachend die Vorwürfe, die ihm sein getreuer Bonifaz machte, gab ihm einige Befehle wegen der Ausschiffung der Expedition und wandte sich dann nach dem Haziendero und dem Offizier, die schon im Sattel saßen. »Sie haben mir da wirklich ein herrliches Geschenk überbracht, Señor Don Carboyal«, sagte er zu dem Leutnant und klopfte den Hals des Pferdes jetzt schmeichelnd und beruhigend, »und ich bin dem Herrn Gouverneur zu aufrichtigem Danke verpflichtet. – Und jetzt, Señores, vamos! »Vorwärts! Laßt uns gehen!« Ein beliebter spanischer Ausdruck, wie das französische: » Allons! « wie Sie zu sagen pflegen!« Der Teniente verbeugte sich schweigend und gab seinem Pferde die Sporen. Bei allem Vorurteil, das er gegen den Fremden hegte, unterlag er doch selber zu sehr den Neigungen und Ansichten seiner Nation, um nicht gleichfalls mit Bewunderung den Vorgang in sich aufgenommen zu haben. Das Pferd, das den Grafen mit seinen Begleitern jetzt in schnellem Galopp nach San José Guaymas trug, war in der Tat ein herrliches Tier und, nachdem es erst gebändigt worden, ein wertvolles Geschenk. Zaum und Sattel waren nach der Sitte des Landes reich mit Samt und Silber verziert. Der Graf ritt, ohne die vergangene aufregende Szene mit einer Silbe zu erwähnen, mit seinen beiden Gefährten weiter und plauderte über gleichgültige Dinge. Der Weg zwischen San Fernando und San José Guaymas ist nicht weit; er ist eben und offen, aber er enthält dennoch auf seiner Mitte ein seltsames Hindernis. Ein Morast, ein Sumpf, eine Art von Baya oder Meeresarm, zuweilen von den Sturmfluten neu getränkt und von einem aus dem Innern kommenden Bach genährt, erstreckt sich quer über die Straße. Es ist bezeichnend für die Fahrlässigkeit oder vielmehr Gleichgültigkeit, mit der in diesem Lande alle Angelegenheiten der öffentlichen Ordnung behandelt werden, daß trotz des lebhaften Verkehrs es noch keinem Menschen eingefallen war, diesen Sumpf auszutrocknen oder wenigstens einen festen Damm für die Straße hindurchzubauen. Die drei Reiter, hinter ihnen die beiden Dragoner des Leutnants und ein Diener des Senators, näherten sich diesem Sumpfe. Ein anderer Reiter aber war ihnen auf diesem Wege zuvorgekommen und hielt eben an der Hütte, die am Rande der Furt von Rohr, Baumzweigen und Rasen erbaut war. Dieser Reiter war schwarz gekleidet. Er trug einen roten, indischen Turban. Auf seinen Ruf kam aus der Hütte ein in seine zerlumpte Zarape gehüllter Indianer, ergriff eine lange Stange und schlug damit unter lautem Geschrei ins Wasser. Nach einigen Minuten trieb der Reisende sein Pferd in das Wasser, ritt durch die Furt und setzte am andern Ufer im Galopp seinen Weg nach San José fort. Fünf Minuten später war die Gesellschaft des Grafen Boulbon an derselben Stelle; der Graf wollte sein Pferd ohne weiteres in das Wasser treiben; hastig hielt ihn der Senator zurück. »Señor Conde! – Wollen Sie sich fressen lassen, eh' wir noch unser Werk begonnen?« Der Graf sah ihn fragend an. »Es ist der Alligatorsumpf«, erklärte Don Carboyal. »Der Wächter muß sie erst vertreiben, ehe man den Sumpf durchqueren kann!« »Aber ich sehe Ihre Kaimans oder Alligatoren nicht!« »Der Reisende vor uns hat sie verjagt. Es war der Mann mit dem roten Turban, der bei unserer Ankunft in einem Boot an uns vorüberfuhr«, sagte Don Esteban. »Vielleicht, daß ihn der Señor Carboyal kennt?« Der Leutnant Carboyal hatte unterdes dem Indianer einen Befehl gegeben und wandte sich dann zu dem Grafen. »Es ist ein englischer Lord, der mit der Brigg angekommen ist, die im Hafen von San Fernando ankert. Sie werden ihn wahrscheinlich bei Seiner Exzellenz dem Gouverneur finden. Sehen Sie, das Gewürm wälzt sich wahrhaftig schon wieder im Sumpf!« In der Tat rauschte bei den Stangenschlägen des Indianers der Sumpf auf. Sechs der mit Schlamm bedeckten riesigen Eidechsen huschten zur Seite, ohne jedoch die Menschennähe viel zu fürchten; denn zwei der größten blieben etwa zehn Schritt von dem Durchgang entfernt im Morast hocken, streckten den häßlichen Kopf durch das Schilf und sperrten die rosenfarbenen, mit gewaltigen Zähnen umkränzten Rachen auf; ihre grünen Augen glotzten lauernd die Reiter an. Der Graf wandte sich zu Leutnant Carboyal. »Sind die Pistolen in Ihren Halftern geladen, Señor Teniente?« »Immer, Herr Graf!« »Darf ich Sie dann um eine der Waffen bitten?« »Mit Vergnügen, Señor; aber wenn Sie sich die Unterhaltung machen wollen, auf eine der Bestien zu schießen, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß es eine vergebliche Mühe ist; denn selbst eine Büchsenkugel würde von ihrem Panzer abprallen. Nur durch einen Schuß ins Auge sind sie zu töten.« »Geben Sie!« Der Graf hatte die Pistole genommen und den Hahn gespannt. Sein Pferd versuchte einen Seitensprung; aber er zwang es mit festem Schenkeldruck, den Sumpf zu betreten. Langsam ritt er durch die Furt; die Alligatoren klappten geräuschvoll mit den Kinnladen und starrten in Furcht und Wut. Plötzlich hob er rasch die Hand und feuerte. Die Alligatoren tauchten unter und verschwanden unter der Wasserdecke. Der mexikanische Offizier lachte spöttisch. »Ich sagte es Ihnen vorher, Señor. Ein Schuß ins Auge allein ist ihnen gefährlich.« »Und wenn man sie ins Auge trifft?« »Erfolgt der Tod sogleich. Wenige Augenblicke nachher zeigt sich ihr weißer Unterleib auf der Oberfläche.« Als die Gesellschaft das andere Ufer erreicht hatte, drehte der Graf gelassen sein Pferd um. » Voilà, Monsieur! « Sein Finger wies auf die Stelle zurück, an der vorhin die beiden Alligatoren ihre Köpfe herausgestreckt hatten. Ein weißlichgelber Körper hob sich aus dem schmutzigen Wasser empor. » Caramba! – Es ist der Alligator! – Bei allen Heiligen, das war ein Meisterschuß!« »Ich schieße nie fehl!« sagte der Graf kalt und gab die Pistole zurück. »Und jetzt wird mich dies Viehzeug hoffentlich kennen und mir nicht mehr den Weg versperren, wenn ich Seine Exzellenz, den Herrn Gouverneur, zu besuchen denke. – Vamos! « Er gab seinem Pferde die Fersen und galoppierte weiter. Der Offizier war über die zweite Lehre, die er im Verlauf von kaum einer halben Stunde erhalten hatte, anfangs etwas verblüfft; aber er faßte sich bald und folgte dem Voransprengenden. Der erfreute Indianer holte mit einem langen Haken die ihm so unverhofft zugefallene Beute aus dem Sumpfe. Die Nachricht von der Ankunft der Gesellschaft und dem Besuch ihres Anführers bei dem Gouverneur hatte sich auch in San José verbreitet. Die Reiterschar wurde bei ihrem Eintreffen mit gleicher Begeisterung empfangen wie im Hafen. Das Haus des Gouverneurs lag an der Plaza mayor; Don Carboyal ritt einige Minuten voran. In dem Augenblick, als der Graf und der Senator aus dem Sattel stiegen, erschien unter der Veranda der Gouverneur von Guaymas, Oberst Juarez, mit einigen seiner Offiziere und dem eben eingetroffenen Lord Drysdale. Es war in der Tat der spätere Präsident und berühmte Führer der mexikanischen Nationalen, der damals die Stelle als Gouverneur der wichtigsten Hafenstadt des Westens bekleidete. Zu jener Zeit war er noch ein untergeordneter, aber ehrgeiziger und schlauer Offizier, und als großer Gegner der spanischen Partei bekannt. Der Unterschied zwischen den beiden Männern, die sich mit dem ganzen Hochmut ihrer Nationalität, aber auch mit allen gewandten und höflichen Formen gegenübertraten, war ein großer. Der stattlichen Herrschergestalt des Abkömmlings der Bourbonen gegenüber verschwand die zierliche des Mexikaners, dessen Gesichtszüge gleich denen des Don Carboyal stark an die aztekische Rasse erinnerten. Dennoch fehlte es ihm nicht an einer gewissen Würde, die seinen Anspruch auf die Abstammung von den alten Herrschern des Landes bekräftigte; seine schwarzen Augen zeigten Klugheit und Energie. »Mögen Euer Exzellenz tausend Jahre leben und willkommen sein in unserem Lande!« begrüßte Carlo Benito Juarez den Grafen, ohne eine Vorstellung durch den Senator abzuwarten. »Haben Sie die Gnade, Senor Conde, mein Haus als das Ihre zu betrachten!« Damit reichte er dem Grafen Boulbon die Hand und führte ihn durch die Veranda in das große Gemach des Hauses, in dem ein Frühstück nach mexikanischer Sitte bereitgestellt war. »Senor Don Esteban,« fuhr hier der Gouverneur fort, »ich habe die Ehre, Ihnen zu Ihrer Rückkehr Glück zu wünschen. – Wie ich hörte, hat die liebenswürdige und hochgeehrte Senora Donna Dolores Sie auf dieser beschwerlichen Reise begleitet? – Ich hoffe, die Zierde der Sonora ist in erwünschtem Wohlsein zurückgekehrt?« Jeder Zug in dem Gesicht des Gouverneurs Juarez war bei dieser Erkundigung eitel Höflichkeit. Der Graf konnte keinen andern Ausdruck entdecken, obgleich er ihn scharf beobachtete; denn er wußte von dem Senator, daß Oberst Juarez als Witwer sich um die Hand der Donna Dolores beworben hatte, um in wohlberechnetem Ehrgeiz durch diese Verbindung die Volkstümlichkeit seiner Abstammung mit dem Gewicht des Einflusses und des Reichtums der spanischen Familien vom reinen Blut zu verbinden. Die Ablehnung seiner Bewerbung war eine der Ursachen des politischen Zwiespalts und der Grund seines Widerstandes gegen die Sonoragesellschaft. Der Haziendero verbeugte sich mit der gleichen Höflichkeit. »Senor Don Juarez,« sagte er kalt, »ich sage Ihnen meinen untertänigsten Dank für die Erkundigung. Senora Dolores befindet sich als Verlobte vortrefflich.« Diesmal konnte Juarez bei aller Selbstbeherrschung eine heftige Bewegung nicht unterdrücken. » Caramba , Señor Don Esteban! – Was sagen Sie da? – Señora Dolores verlobt?« »Ich habe die Ehre, Exzellenz, Ihnen in dem Herrn Grafen Raousset-Boulbon den künftigen Gemahl der Señora Doña Dolores da Sylva Montera vorzustellen. Es ist jedoch eigentlich noch ein Familiengeheimnis, da die Vermählung erst stattfinden soll, wenn der Señor Conde von der Besiegung der Apatschen zurückkehrt; indes ich weiß, daß Euer Exzellenz und diese Señores den freundlichsten Anteil an meiner Familie nehmen.« Der Gouverneur hatte sich gefaßt. »Gewiß, Señor, gewiß! – Nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche; und da auch von diesen Herren die Rede ist, so erlauben Sie mir, Ihnen Seine Herrlichkeit, den Lord Drysdale vorzustellen; Sie haben seine Brigg wahrscheinlich in der Bucht von San Fernando bei Ihrer Ankunft bemerkt. Ich bin sehr erfreut, daß er mir die Ehre seines Besuches und seiner Freundschaft erzeigt hat.« Die Vorgestellten verbeugten sich. Graf Raousset-Boulbon hegte zu viel französische Ablehnung gegen die Briten, um sonderlich viel auf den Lord zu achten; doch konnte er sich nicht verhehlen, daß er tieferen Eindruck auf ihn machte. Lord Drysdale sprach nur wenig; seine Züge waren noch immer ernst, fast finster. Tiefe Schwermut lagerte auf seinem von der Sonne der Tropen gebräunten Gesicht. Aus den wenigen Bemerkungen, die er während des Frühstücks machte und aus einigen Worten des Gouverneurs ging hervor, daß der Lord schon früher Don Juarez kennengelernt hatte. Er bereiste diese Küsten auf dem Wege nach San Franzisko. In der Tat hatte Henry Norford nach der Vernichtung des Raubschiffes »Satan« in der Bucht von Sayzan an den Ladronen seine Kriegsfahrt aufgegeben und war mit seiner Brigg »Der Rächer« vorläufig im Hafen von Guaymas vor Anker gegangen. Aber er konnte sich noch immer nicht entschließen, diese Meere zu verlassen, deren Tiefe sein Liebstes barg. Ihn hielten die Erinnerung und der Gedanke, daß der Rote Hai dennoch jenem Gemetzel entkommen und noch unter den Lebenden sein könnte. So war er seit zwei Jahren von einer Küste des Großen Ozeans und der indischen Meere zur andern geschweift. Er wollte sich jetzt aber, an seinen Erfolg nicht mehr glaubend, nach Kalifornien begeben, um von hier aus den Landweg durch die Felsgebirge nach New York anzutreten. Im Vaterlande wollte er seinen Schmerz begraben; denn die Vergeblichkeit aller seiner Nachforschungen hatten ihn endlich überzeugt, daß aller Wille zur Rache, aller Haß, alle maßlose Verzweiflung nicht genügten, die Spuren des Bösen aufzufinden, wenn die Langmut Gottes sie verbarg. In diesem Augenblick führte die ewige Gerechtigkeit den Mörder seines Glücks aufs neue in seinen Weg. Noch ahnte indes Lord Drysdale nicht, welche Erschütterung ihm bevorstand. Man hatte es mit mexikanischer Höflichkeit vermieden, während des Frühstücks von Geschäften und von dem Zweck der Anwesenheit des Grafen mit seiner Schar zu sprechen. Oberst Juarez verstand es meisterhaft, sich zu beherrschen und die Gefühle in sich zu verschließen, die in ihm die Mitteilung des Haziendero von der Verlobung seiner Tochter Dolores erregten. Erst als die Gesellschaft sich erhob, um zurückzukehren nach dem Hafen, wandte er sich an Raousset-Boulbon. »Wann, Señor Conde, gedenken Sie die Ausschiffung Ihrer Leute beendigt zu haben?« Der Graf warf einen Blick auf den Senator. Don Esteban legte, wie zufällig, zwei Finger auf die Brust. »In zwei Tagen, Señor Gobernador!« »So daß ich demnach mit Euer Exzellenz Erlaubnis übermorgen Musterung über Ihre Kompagnie halten kann?« Eine dunkle Röte überflog bei dieser Frage die Stirn des stolzen Bourbonen. »Es wird mir ein Vergnügen machen,« sagte er kalt, »übermorgen früh meine Mannschaft Euer Exzellenz vorstellen zu können.« »Ich bin überzeugt davon, Herr Graf,« fuhr Juarez fort, »daß ein Offizier Ihrer Erfahrung verstanden hat, eine tüchtige Truppe zusammenzubringen. Wenn auch als Freischar, wird sie sicherlich dem Wert der mexikanischen Armee, der sie für eine bestimmte Zeit anzugehören die Ehre hat, entsprechen. Freilich ist der Krieg an unseren Grenzen und mit den wilden Horden der Indianer ein anderer als in Europa; die Interessen der Regierung verlangen daher, daß ich mich sorgfältig um die Verwendung ihrer Mittel und die Ausführung des Vertrages kümmere; sonst könnte der Zug leicht ohne den gehofften Erfolg bleiben. Mit Übereinstimmung des Herrn Generalgouverneurs in Arispe werde ich Ihnen eine Abteilung unserer Dragoner, zuverlässige und in unseren Kriegen erfahrene Leute, unter dem Kommando des Señor Don Carboyal mitgeben.« Das Gesicht des Grafen war bei diesen Worten, die offenbar den Zweck hatten, ihn zu demütigen, immer dunkler geworden; aber ein warnender Blick des Haziendero ermahnte ihn zur Kaltblütigkeit. »Ich hoffe, Señor Don Gobernador,« sagte er mit gewaltsamer Fassung, »Ihnen binnen kurzem zu beweisen, daß meine Leute sich alle Mühe geben werden, der Armee von Buena-Vista und Cerro Gordo Zwei berühmte Niederlagen der mexikanischen Truppen unter Santa Anna im amerikanischen Krieg. sich würdig zu zeigen. Señor Esteban wird die Güte haben, die weiteren Punkte meines Regierungsvertrages mit Euer Exzellenz zu verhandeln. Was die freundliche Unterstützung durch eine Abteilung der regulären Dragoner betrifft: Euer Exzellenz überhäufen einen armen Fremden mit Güte! Ich habe Ihnen noch für das ausgezeichnete Geschenk zu danken, das Sie mir durch unsern jungen Freund hier überbringen ließen.« Er deutete auf das Pferd, das eben die Diener vor die Stufen der Veranda geführt hatten. » Carrajo ,« rief Oberst Juarez mit aufleuchtendem Blick, »ich habe gehört, daß es Ihnen wirklich gelungen ist, diesen Teufel zu bändigen! Das war bisher noch keinem meiner Reiter geglückt!« Der Graf lachte hochmütig. »Euer Exzellenz sehen, daß ein Franzose mit Wilden wie mit Zahmen fertig zu werden versteht. – Ich hoffe, Euer Exzellenz davon noch weitere Proben zu geben, wenn ich den Schatz Ihrer Vorfahren hebe, den zu finden Señor Juarez bisher nicht gelang.« Den Fuß leicht in den Bügel setzend, sprang er in den Sattel des Pferdes und zwang es zu einer Lançade. Juarez war einen Augenblick erbleicht bei den letzten Worten des Grafen; denn die Überlieferung seiner Familie war ihm nicht unbekannt, die von den ungeheuren Reichtümern der letzten Herrscher Mexikos sprach, die sie auf ihrem Rückzug vor den spanischen Überwindern in den Einöden an der Grenze der Sonora verborgen haben sollten. Er hatte jedoch Selbstbeherrschung genug, seine Bewegung zu verbergen. »Mögen Euer Exzellenz tausend Jahre leben, um Ihre Absicht auszuführen! Auf Wiedersehen in San Fernando!« Der Graf und der Senator gaben ihren Pferden den Zügel und galoppierten unter den Vivas der Menge davon; Oberst Juarez kehrte in sein Gemach zurück. Er verabschiedete die Offiziere bis auf seinen Adjutanten Carboyal und blieb mit diesem und dem Lord Drysdale allein. » Caramba !« fluchte er, indes er sich eine Zigarette von Maisstroh drehte. »Was sagen Sie zu diesem Franzosen?« »Dieser Franzose, Señor Juarez,« erwiderte Lord Drysdale gelassen, »ist ein Mann!« »Pah! Er ist ein Prahler und Abenteurer nach allem, was Don Valerio von ihm erzählt! Bei dem Schatten Montezumas, ich fürchte, daß die Herren Komantschen und Apatschen seiner Hochzeit mit dieser hochmütigen Närrin vom blauen Blut einen Riegel vorschieben werden!« »Dann wird' er sie vorher heiraten!« sagte achselzuckend Leutnant Carboyal. Juarez schaute ihn fragend an. » Par Christo ! – Es ist, wie ich sage! – Was ich von seinen Banditen gesehen habe, flößt mir wenig Zutrauen ein. Der Aufenthalt bei den Fleischtöpfen von Guaymas dürfte ihnen besser behagen, als der Krieg in der Wüste. – Wer wird sie daran hindern?« »Ich!« »Euer Exzellenz Energie ist bekannt. Aber ich bitte Sie, zu bedenken, daß wir nur vierhundert Mann Truppen in Guaymas haben. Und Don Esteban ist ein alter Fuchs, der die Anwesenheit dieser Männer für seine eigenen Zwecke benutzen könnte.« »Sie haben recht, Don Valerio! Wir müssen sofort unsere Anstalten treffen. – Wo, sagten Eure Herrlichkeit, begegneten Sie der ›San Trinidad‹?« »Auf der Höhe der Punta San Ignacio, Sir!« Der Gouverneur schlug auf ein Becken, das im Zimmer hing. Ein Diener erschien. »Man sende mir augenblicklich Volaros hierher!« Einige Augenblicke später trat der mit dem Namen des »Fliegenden« bezeichnete ein, ein Mann von etwa vierzig Jahren, der nur Haut und Muskeln zu sein schien. Wie ein Vaquero der großen Haziendas war er ganz in Leder gekleidet, mit mächtigen spannenlangen Sporen an den Stiefeln. »Wieviel Leguas vermögen Sie in vierundzwanzig Stunden zurückzulegen, Senor Volaros?« fragte der Gouverneur den Staatsbooten - das war das Amt des Mannes. »Caramba, Senor! - Das wird weniger auf mich, als auf das Pferd ankommen, das ich reite.« »Sie kennen El Zapote aus meinem Stall?« Der Reiter schnalzte mit der Zunge. »Teufel!« lachte er, »dann muß das Geschäft allerdings Eile haben, wenn Euer Exzellenz mir Ihr bestes Pferd zu Gebote stellen wollen; seine Beine werden nur von den Muskeln des Teufels übertroffen, den dieser verdammte Franzose uns zur Schande reitet!« »Also?« »Mit El Zapote, Senor Gobernador, mache ich mich anheischig, in vierundzwanzig Stunden fünfundzwanzig Leguas zurückzulegen.« »Und wenn Sie unterwegs das Pferd wechseln können?« Dreißig bis fünfunddreißig!« »Ihr Wort?« Der Bote griff in die Tasche seiner Lederjacke und zog einen Rosenkranz und ein Spiel schmutziger Karten heraus. Den ersteren küßte er andächtig und steckte ihn wieder ein; die Karten legte er auf den Tisch. »Catad, Senor! - Jede Versuchung ist entfernt. Ich gebe Ihnen mein Wort als Caballero!« »Muy bien! - Machen Sie sich fertig, in zehn Minuten im Sattel zu sein!« »Nach Arispe, Senor?« »Nein - Sie werden es im Augenblick erfahren, wenn Sie den Brief abholen. - Satteln Sie El Zapote!« Der Bote verbeugte sich und ging. »Es ist unnötig,« fuhr der Gouverneur fort, »daß er vorher erfährt, wohin er zu gehen hat. Wenn Sie der 'San Trinidad' an der Punta San Ignacio begegnet sind, muß sie jetzt in der Mündung des Mayo oder des Fuerte, schlimmstenfalls in der Bucht von Ahome ankern. Das ist nicht volle dreißig Leguas von hier entfernt; er kann sie morgen um diese Zeit erreicht haben, und da der Seeweg der kürzere ist, kann die \>San Trinidad\< bei günstigem Winde übermorgen vormittag im Hafen von San Fernando sein! – Ich habe Sie für diesen Fall um eine Gefälligkeit zu bitten, Mylord!« »Sprechen Sie!« »Ihr Schiff liegt im Hafen. – Haben Sie die Güte, es außerhalb des Hafens gegenüber dem Cap Haro für die nächsten Tage ankern zu lassen, so daß jedes vom Süden herkommende Fahrzeug ihm zunächst in Sicht kommen muß. Sobald die \>Trinidad\< ankommt, haben Sie die Güte, dem Kapitän ein Schreiben, das ich Ihnen bis morgen zustellen lassen werde, durch ein Boot zu senden.« » Yes! « »Señor Teniente, ich bitte Sie, sofort das Ersuchen an Don Fabiano Floreno, den Kapitän der \>San Trinidad\<, auszufertigen, so rasch wie möglich nach der Reede von Guaymas zu steuern. In fünfzehn Minuten muß Volaros auf dem Wege sein. Ein zweiter Bote wird Seine Exzellenz den Generalgouverneur in Arispe von unfern Vorsichtsmaßregeln in Kenntnis setzen. Euer Herrlichkeit werden mir sicherlich das Vergnügen schenken, der Heerschau über diese Abenteurer beizuwohnen?« Lord Henry nickte seine Einwilligung; er versprach, seine Abfahrt nach San Franzisko um drei Tage aufzuschieben. Indes die Eifersucht des Gouverneurs und der Nationalhaß Schwierigkeiten und Gefahren der Gesellschaft des Grafen vorbereiteten, hatte Raousset-Boulbon auf dem Rückweg mit dem Haziendero ein ernstes Gespräch. Der Graf ritt einige Zeit stumm neben dem Senator her, mit unangenehmen Gedanken kämpfend. Seine Leidenschaft für die schöne, stolze Dolores war während der Überfahrt von San Franzisko rasch gewachsen und hatte ihn in der Tat verleitet, bei dem Senator um sie anzuhalten. Jedoch war man um der mit dieser Verbindung verknüpften politischen Pläne willen dahin übereingekommen, die Verlobung vorläufig geheimzuhalten. Dem Grafen war dies um so lieber, als er die Bemerkungen Bonifaz' und die Qual Suzannes fürchtete. Um einem Zusammenbruch des treuen Geschöpfes vorzubeugen, wollte er Suzanne erst nach und nach auf seinen Entschluß vorbereiten und ihr die Vorteile und die Notwendigkeit dieser Verbindung auseinandersetzen. Um so mehr hatte ihn daher die offene Erklärung des Senators bei dem Gouverneur in Erstaunen gesetzt und fast verletzt; er sann darüber nach, wie er am kürzesten die beiden ihm Nahestehenden in das bisher vorenthaltene Geheimnis einweihen sollte; denn er sah wohl ein, daß es nun nicht länger verschwiegen bleiben konnte. Der Senator hatte eine Weile darauf gewartet, daß der Graf ihn ansprechen sollte. Als dies aber nicht geschah, regte sich sein spanischer Stolz. »Es scheint, Señor Conde,« sagte er hochmütig, »daß ich mich in meiner Erwartung getäuscht habe. Ich hatte geglaubt, daß Sie die erste Gelegenheit ergreifen würden, mir für die Anerkennung Ihres Verlöbnisses mit einer Tochter aus dem ruhmreichen Hause der Montera Dank zu sagen. Ich finde Sie aber stumm wie einen Fisch! Wir haben doch Wichtiges genug zu besprechen! – Sollte Ihnen diese Verbindung mit dem besten Blute Spaniens, das selbst dem königlichen nicht nachsteht, leid geworden sein?« Der Graf riß sich gewaltsam aus seiner Stimmung; er fühlte die Gefahr des Verzuges. »Verzeihen Sie, Señor Don Esteban! – Sie wissen sehr wohl, wie glücklich mich jede Abkürzung der Zeit macht, in der ich hoffen darf, Señora Dolores meine Gattin zu nennen. – Aber ich muß gestehen, daß ich erstaunt war. Sie unsere Verbindung verkünden zu hören, nachdem gerade Sie es wünschten, sie geheim zu halten, bis wir unser Ziel erreicht...« Der Senator unterbrach ihn. »Das Ziel ist vielleicht näher, als Sie denken. Der vertraute Diener meines Hauses hat mir während unseres Rittes Bericht erstattet über die Ereignisse in der Zeit meiner Abwesenheit in San Franzisko. – Oberst Juarez ist ein Mann von glühendem Ehrgeiz, voll Haß gegen den Adel des Landes. Er steht in Verbindung mit dem General Carbajal in Texas und ist auf dem Punkt, sich selber zum Generalgouverneur der Staaten Sonora und Chihuahua ausrufen zu lassen. Ja, es liegen bestimmte Anzeichen vor, daß er der Bewegung und dem Bündnis der Indianer nicht fremd ist.« »Aber der Generalgouverneur in Arispe?« »Ein Mann ohne Energie! Juarez hat ihn nicht zu fürchten. Was er fürchtet, das ist unsere Gesellschaft, die seine Pläne bedroht. Sie bildet hier eine Macht, der, wenn wir mit den Grundbesitzern vereint sind, die seine kaum die Spitze bieten kann. Er hat die Ankunft der Schiffe wahrscheinlich nicht so rasch erwartet, sonst wäre der Schlag, den er vorhat, sicherlich schon erfolgt. Aus diesem Grunde hat er den tückischen Versuch gemacht, Ihnen in den Augen der Menge gleich bei Ihrem ersten Schritt auf mexikanischem Boden eine Niederlage zu bereiten. Ihr Mut und Ihre Gewandtheit, Señor, haben seine List zunichte gemacht. Aber verlassen Sie sich darauf, daß er bei diesem Versuch nicht stehenbleiben wird. Es ist ihm gelungen, das ganze Unternehmen bei dem General Cevallos zu verdächtigen, und es ist bereits beschlossen, die von Ihnen geworbene Schar in einzelnen Posten an der Grenze zu verteilen und so Ihre Macht zu brechen. Man wird Sie als einen Offizier der mexikanischen Armee behandeln, nicht als selbständigen Führer – Sie haben die Andeutungen vorhin gehört!« Der Graf strich sich den Schnurrbart. »Ventre saint gris!« sagte er. »Ich möchte diesem Halbindianer das Spiel verderben! – Warum wollen wir unter diesen Verhältnissen noch warten und nicht sofort ausführen, was doch später geschehen soll?« »Das ist es, Señor Conde! Darüber wollte ich mit Ihnen reden! Ich habe es für zweckmäßig gehalten, Ihre Verlobung mit Dolores schon jetzt bekanntzumachen, um Sie dadurch mit dem Adel des Landes zu verschmelzen und Juarez zu einem rascheren Zeigen seines Hasses und seiner Pläne zu verleiten. Er hat sich genug verraten! – In meinem Hause in San Fernando sollen Sie weiteres hören. Noch diesen Abend werden meine Boten unsere Freunde benachrichtigen, daß sie sich bereithalten und uns Unterstützung senden. – Sie glauben also, sich auf Ihre Schar verlassen zu können?« Der Graf lachte. »Ich bin überzeugt, daß ich mit ihr die Hölle erstürmen könnte, wenn wir nur den Weg dahin wüßten.« »Desto besser, Señor Conde«, sagte in gedämpftem Ton der Senator. »Die Königskrone der Sonora wird meinen Enkeln nicht zu schwer sein!« In tiefen Gedanken setzten die beiden Männer ihren Weg fort. Der arme Indianer José hoffte diesmal vergeblich auf einen neuen Pistolenschuß des Forestero, der ihm wieder den weißen Bauch eines Alligators zeigen sollte. In San Fernando herrschte am Abend ein ausgelassenes Leben; es war, als ob die bösen Geister ihren Sabbat feierten. Nachdem die Abenteurerschar wochenlang an Bord der Schiffe eingesperrt gewesen war, benutzte sie die erste Gelegenheit, um sich dafür zu entschädigen, und das Geld, das ihr die Spielbanken von San Franzisko etwa übriggelassen hatten, möglichst rasch zu vergeuden. Der Graf hatte dazu seinem Haushofmeister Bonifaz, dem Zahlmeister der Gesellschaft, befohlen, den Leuten einen Monatsold auszuzahlen, damit ihr erstes Auftreten in Guaymas ihrem Rufe zur Ehre gereichte. Hafenschenken, Spielbuden, und selbst die meisten Privatwohnungen der unteren Klassen waren daher überfüllt von übermütigen Abenteurern. Auf dem Landeplatz waren mitten zwischen den aufgehäuften Warenballen große Feuer angezündet; Grogkessel brodelten daran, fette Hammelrücken brieten, während beim Klang der Gitarre und Kastagnetten lustige Gesellen mit den Mädchen von Guaymas den Bolero tanzten. Diego Muñoz, der ehemalige Capataz der Lastträger, der wegen des Mordes eines Vaters und seiner zwei Söhne und der Entführung der Tochter aus Guaymas hatte flüchten müssen, stolzierte hochmütig und im Gefühl voller Sicherheit unter seinen Gefährten umher. Er hatte an jedem Arm eine der hübschesten und gefälligsten Chinas von San Fernando und blies mit eitler Befriedigung den Dampf seiner Maiszigarette in die Luft. Diese Befriedigung galt nicht allein den hübschen Mädchen und der Rückkehr in seine Heimat, sondern hauptsächlich der neuen Würde, zu der ihn der Graf erhoben. Um eine bessere Ordnung seiner Truppe zu bewirken, hatte Raousset-Boulbon sie zu je dreißig bis vierzig Mann abgeteilt, und über jede Abteilung einen Führer gesetzt. Dazu war auch Diego Muñoz wegen seiner Landeskenntnis und seines Anhangs befördert worden. Die anderen Führer waren der Torero Antonio Perez, der bisherige Leutnant mit einer entsprechenden Ausdehnung seiner Truppe; Juan Racunha, der Perlenfischer von Espiritu Santo; ein ehemaliger deutscher Unteroffizier von der Artillerie, namens Weidmann, der den ersten Feldzug in Schleswig-Holstein mitgemacht hatte und dann nach Kalifornien gegangen war; bei aller Neigung zu geistigen Getränken verstand er doch vortrefflich seinen Dienst; ein Pole, der schon die Schlachten von Grahow und Ostrolenka mitgefochten und in den letzten Jahren wieder von Miroslawski sich hatte betören lassen, an der unsinnigen und hoffnungslosen Erhebung in Posen teilzunehmen, war der vierte. Später hatte er in Ungarn unter Bem gefochten, war mit ihm nach der Türkei übergetreten und über England nach Amerika gekommen. Hippolyt von Morawski war ein Mann von mehr als fünfzig Jahren, graubärtig und von finsterem Ansehen; der Graf, der großes Vertrauen zu seiner Energie und Treue gewann, hatte ihn zum Führer der leichten Reiterabteilung bestimmt, die er sich bilden wollte. Meister Kreuzträger, dem Boulbon gleichfalls ein Kommando zugedacht, hatte es abgelehnt; er bat, sich fünf bis sechs Kameraden nach seinem Belieben aussuchen zu dürfen, mit denen er es übernehmen wollte, den Kundschafter- und Jägerdienst auf dem Marsch zu versehen. Den ehemaligen preußischen Offizier Arnold von Kleist hatte der Graf zu seinem persönlichen Adjutanten bestimmt. Juarez hatte, wie sich der Graf bei seiner Rückkehr nach San Fernando überzeugte, noch keine Anstalten für die einstweilige Unterbringung der Schar getroffen; wenn dies auch darauf zurückgeführt werden konnte, daß die Gesellschaft früher angekommen war, als man sie erwartet hatte, zeigte doch das weitere Verfahren eine beleidigende Vernachlässigung; denn im Laufe des ganzen Tages ließ sich kein Bote oder Beamter des Gouverneurs blicken, um die Versäumnis nachzuholen. Der Graf befahl daher, daß die Mannschaft einstweilen auf dem Hafenplatz ein Biwak aufschlagen sollte; das war um so weniger eine Belästigung für sie, als die Nacht ohnehin unter Spielen und Trinken zugebracht wurde. Die Bewohner von San Fernando beeiferten sich, sie mit Lebensmitteln zu versehen. Der Graf mit seinen Begleitern, Bonifaz und Suzanne, hatte seine Wohnung in den Gebäuden der weitläufigen Handelsniederlassung genommen, die der Senator zum Absatz der Produkte seiner Hazienden in San Fernando-Guaymas besaß. In der Wohnung des Senators und des Grafen war an diesem Abend ein geheimnisvolles, aber sehr reges Leben und Treiben. Boten waren schon am Nachmittag von dem Senator nach verschiedenen Seiten an alle auf zehn Leguas in der Runde wohnenden Freunde gesandt worden, um sie für den nächsten Tag nach der Stadt zu bescheiden. Andere, Männer von entschlossenem und kühnem Aussehen, sprengten im Galopp mit besonderen Aufträgen fort. Im Dunkel der Nacht kamen Geistliche in ihren braunen und weißen Kutten in das Haus geschlichen und hielten mit dem Hausherren geheime Unterredungen. Selbst zwei Soldaten des Forts waren von dem alten Diener des Senators bei ihm eingeführt worden und hatten ihn mit sehr vergnügten Gesichtern wieder verlassen, um sich sofort in die nächste Spielbude zu begeben. Der Graf hatte unterdes die Rapporte Arnold von Kleists über die Ausschiffung und den Zustand der Leute entgegengenommen. Er besuchte ihr Biwak auf der Plaza, mit Begeisterung und Jubel empfangen. In sein Heim zurückgekehrt, ließ er Diego Muñoz, den ehemaligen Capataz der sehr ehrenwerten, nur etwas wilden und händelsüchtigen Zunft der Lastträger von Guymas, zu sich rufen. »Wieviel Mann, Señor Muñoz,« fragte der Graf, »sagten Sie doch, daß die Zunft hier zählt?« »Hundertdreiundzwanzig, Señor Conde; alles Burschen, um eine Seele aus dem Fegfeuer zu holen! Aber dieser Schurke von Herrero, ihr jetziger Capataz, ist ein verfluchter Föderalist, so daß ...« »Nun?« »Daß Sie auf meine Kameraden wenig zählen können, es sei denn ...« Der würdige Gegner Herreros stockte und warf einen etwas unsicheren Blick auf seinen Anführer. »Ich wünsche, daß Sie offen mit der Sprache herausgehen, Kapitän! – Sie haben selber gesehen, wie man uns hier behandelt.« » Caramba ! Ich dächte wohl! – Das Volk ist gut, nur die Regierung taugt nichts. Diese Yorkinos waren von jeher Spitzbuben; das kommt von den Engländern und Amerikanern, die sich hier angesiedelt haben; sie verlangen wahrhaftig, daß wir arbeiten sollen. Aber um es kurz zu machen, Señor General: wenn ich wüßte, daß ich keine Gefahr liefe, gehängt zu werden, würde ich bald mit diesem Schurken von Herrero aneinander sein und ihm das Capatazspielen verleiden. Wenn Sie dann noch ein Auge zudrücken wollen, wenn bei einem kleinen Lärm etwa eines oder das andere der englischen Warenhäuser abbrennen sollte, glaube ich wohl, eine Mehrheit erhalten zu können; denn im Grunde sind die Herren Lastträger ganz vernünftige Leute, und es ist lange kein Pronunziamiento gewesen. Man sehnt sich nach einer kleinen Veränderung!« Der Graf lachte. »Sie begreifen, Señor Capitano, daß wir bei einem Zuge ins Goldland hier keine Feinde zurücklassen dürfen. Wie lange brauchen Sie, um Ihre früheren Kameraden, die mir allerdings sehr ehrenwerte und vernünftige Leute zu sein scheinen, umzustimmen?« »Diese Nacht und der nächste Tag werden genügen. Nur werden sie verlangen, daß ich sie freihalte!« »Ich verstehe. – Hier sind hundert Piaster; das wird vorläufig genügen!« »Ich denke. Haben Euer Exzellenz sonst noch Befehle?« »Nein. Sie werden mir morgen im Laufe des Tages melden, wie weit Sie sind! Bis dahin – silentio!« Der neugebackene Kapitän legte mit einer Verbeugung die Hand auf das Herz. »Euer Exzellenz können ganz auf mich rechnen!« Er hatte kaum die Tür geschlossen, als sie sich wieder öffnete und den roten Mantel hereinließ, in dem noch immer der würdige Methodist, Master Slong, steckte. Er wand sich wie ein Wurm unter allen möglichen Verdrehungen seiner Glieder herein und machte die seltsamsten Verbeugungen bis zur Erde. »Der Gott Zebaoth sei mit unserem erhabenen General«, näselte er fromm. »Die Leuchte, die uns führen wird durch das Tal der Finsternis zu der Quelle des Lichts, so die sündige Menschheit in ihrer groben Sprache das Gold nennt, möge ihrem unwürdigsten Diener vergeben, wenn er das hohe Nachdenken stört.« Der Graf liebte es, sich zuweilen an der Frechheit des heuchlerischen Schurken zu ergötzen; aber diesmal war er wenig in der Stimmung dazu und fuhr ihn barsch an: »Wer zum Teufel hat Sie hereingelassen? Ich habe Befehl gegeben, daß niemand mich ungerufen stören soll!« Der »Prediger in der Wüste« hob die Hände in die Höhe. »Die Stimme, die aus dem Dornbusch sprach auf der Höhe des Horeb,« wimmerte er, »hat befohlen: fürchte nicht den Zorn der Mächtigen und Vornehmen, wenn es gilt, ein gottseliges Werk zu tun. Die Zornigen versöhnen, den Bittenden helfen und den Reuigen die Pforten der Gnade öffnen, ist ein gottgefälliges Tun. Señor Perez, unser allverehrter Kapitän, die rechte Hand Euer Exzellenz, hat unsern Bitten nicht widerstehen können, und da John Merdith, ein würdiger Soldat und treuer Diener, gerade vor Euer Exzellenz Tür die Wache hat, so sind wir hier – Dero Gnade zu erflehen, nicht für mich, ein unschuldiges Lamm, das noch niemand beleidigt hat, sondern für einen büßenden Sünder, weil Vergebung die Palme im Strahlenkranze christlicher Tugend ist!« Der Graf unterbrach mit einer Handbewegung ungeduldig die widrigen Schwülstigkeiten. Ohne die zarte Andeutung des Methodisten, daß er sich in ihrer Gesellschaft, also in ihrer Gewalt befinde, zu beachten, war er doch neugierig zu wissen, was der Halunke im Schild führe. »Der mitleidigen Schildwache, Ihrem würdigen Freunde Merdith,« sagte er streng, »werde ich sofort Arrest geben. Unterdes kommen Sie zur Sache, Master Slong; sagen Sie in kurzem verständlichen Englisch oder Spanisch, was Sie wollen und wen Sie unter dem ›Wir‹ verstehen?« Der Methodist begriff, daß er nicht länger die Geduld des Grafen auf die Probe stellen dürfe, wenn es nicht auf Kosten seiner Person geschehen solle; er öffnete daher mit einer demütigen Verbeugung die Tür. Niemand anders als der Rote Hai, der Seeräuberkapitän des »Satan« trat ein – hinter ihm grinste wenig Vertrauen erregend das Gesicht des Kentuckiers. Einen Augenblick war der Graf etwas betroffen und machte eine unwillkürliche Bewegung nach seinem auf dem Tisch liegenden Revolver; das flüchtige Lächeln, das über das Gesicht des Methodisten flog, ließ ihn aber sofort seine Absicht ändern; er kreuzte die Arme über der Brust und wandte sich auf seinem Sessel ruhig nach dem Eingetretenen. »Im Himmel ist mehr Freude über einen Gefallenen, so da wiederkehrt, als über zehn Gerechte«, näselte Slong, »Gehen Sie, mein Freund; schütten Sie Ihr Herz unserem würdigen General aus! Er wird seine Hand über Sie halten!« Der Rote Hai blickte seinen frommen Beschützer mit der Miene eines Bullenbeißers an, der einem Menschen, der ihn streichelt, an die Kehle springen will. Er murmelte, Slong möge sich zum Teufel scheren. »Werde ich nun endlich erfahren, was Sie hier wollen?« fragte der Graf streng. »Zum Teufel«, brummte der Pirat. »Sie sind ungeduldig! – Glauben Sie etwa, daß es einem alten Seewolf, wie ich bin, so leict ankommt, mit Friedensvorschlägen zu einem Manne zu kommen, der ihm den Arm aus dem Gelenk gedreht hat?« Er hob den rechten Arm in die Höhe, den er zum erstenmal außer der Binde trug, aber nur schwerfällig bewegen konnte. »So? Sie kommen also, um mir Friedensvorschläge zu machen?« » Damned! – Ich muß wohl!« Der Graf lächelte spöttisch. »Vor allem, Meister Rot-Hai, oder wie Sie sich sonst nennen, gehören zu Friedensunterhandlungen zwei gleichberechtigte Mächte. Sie haben mir einen Dolchstoß versetzen wollen. Ich habe Sie dafür bestraft. – Ich sehe nicht ein, was unter uns weiter zu verhandeln wäre!« »Meinetwegen,« murrte Hawthorn, »nennen Sie's, wie Sie wollen! – Sie haben diesmal die Macht in Händen. Der Teufel soll mich bei lebendigem Leibe verzehren, wenn ich jemals einen Menschen um Verzeihung gebeten habe! – Zum Henker, wenn Sie es denn mit Gewalt hören müssen, ich war ein Narr, daß ich mich vom Zorn hinreißen ließ! – Es tut mir leid, Sir!« »Das ist etwas anderes«, sagte der Graf. »Es ist gut; kommen wir zur Sache, Master Haifisch.« »Die Sache ist die: ich bin bei Ihrer Kompagnie in Dienst getreten. – Sie wissen bei welcher Gelegenheit.« »Und Sie wünschen unseren Vertrag wieder zu lösen?« fragte der Graf. »Es ist gut; sprechen Sie deshalb mit Kapitän Perez. Ich bin einverstanden. Mein Mayordomo hat mir ohnehin einige Dinge erzählt, die eine Trennung als das beste erscheinen lassen. Ich werde die Anweisung geben, Ihnen drei Monate Sold auszuzahlen!« »Den Teufel auch,« fluchte grimmig der Korsar, »ich mag Ihr Geld nicht, Sir! Ich will Ihren Schutz! Sie dürfen ihn mir nicht entziehen, nachdem Sie mich wehrlos gemacht haben!« »Meinen Schutz?« »Ja! – Haben Sie mich nicht unter Ihre Gesellschaft aufgenommen?« »Das ist richtig; aber ich glaubte, Sie selber wollten Ihren Vertrag lösen.« »Der Satan soll mich holen, wenn ich daran denke! Dieser verfluchte Engländer würde mich bei der ersten Gelegenheit bei lebendigem Leibe rösten!« »Welcher Engländer?« »Dieser Teufel, Lord Drysdale, den Sie heute in San José beim Gouverneur getroffen haben.« Der Korsar hatte keine Zeit versäumt, durch seine Freunde Erkundigungen einzuziehen. »Lord Drysdale?« »Er hat einen alten Haken auf mich wegen einer längst abgetanen Geschichte! Er ist mein Todfeind!« »Einem Todfeind stellt sich ein Mann im ehrlichen Kampf!« Das blutgeäderte Auge des Korsaren schoß einen bösen Blick. »Wehe ihm, wenn wir das nächste Mal aneinanderkommen; und wäre es nur, um den schändlichen Traum loszuwerden! – Aber diese Faust hat noch nicht die Kraft wieder, eine Waffe zu brauchen.« »Wenn es der Engländer ist,« sagte der Graf streng, »von dem mir Bonifaz erzählte, so hat er Ursache genug, Sie an die erste Rahnocke zu hängen; Sie haben es hundertfach verdient!« Der Rote Hai sah finster zu Boden. »Meinetwegen denn! – Man kann nur einmal sterben! – Caramba! Was schadet's groß, wenn die Leute sagen, daß ein Mann aus dem königlichen Blut von Frankreich, mit dem Sie prahlen, den Engländern zuliebe einem armen Teufel sein Wort gebrochen hat!« Er drehte sich um, das Zimmer zu verlassen. Ein donnerndes »Halt!« des Grafen fesselte seine Schritte. »Ich habe Ihnen mein Wort gegeben?« »Den Teufel, ja! Haben Sie nicht einen Vertrag mit uns allen auf die Dauer eines Jahres geschlossen? Wir dürfen Sie während der Zeit nicht im Stich lassen, aber ebensowenig Sie uns!« » Ventre saint gris! Das ist wahr. So sehr Sie auch den Strick verdienen für Ihre Untaten, ein Bourbon muß sein Wort halten. – Doch merken Sie wohl! Sie haben sich zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet; wagen Sie es, Ihren Eid zu brechen, so ist unser Vertrag gelöst, und Sie sind vogelfrei!« »Bah! – Sagen Sie, was ich tun soll; es wird geschehen!« »Übermorgen findet eine Musterung der Mannschaft auf dem Hafenplatz statt. Lord Drysdale wird zugegen sein. Ich befehle, daß Sie sich in der ersten Reihe Ihrer Abteilung befinden!« Der Rote Hai wollte eine Einwendung erheben; aber der feste Blick des Grafen erstickte sie. »Wählen Sie: wollen Sie gehorchen oder nicht!« »Ich werde dort sein.« »Gut! Das Weitere ist meine Sache. – Jetzt gehen Sie. Sagen Sie Kapitän Perez, daß er sogleich die Wache vor meiner Tür ablösen und auf vierundzwanzig Stunden in strengen Arrest schicken soll. Gute Nacht! – Master Slong, Sie werden Kreuzträger aufsuchen und ihn zu mir schicken!« Ein Wink der Hand verabschiedete beide; ohne weiter ein Wort zu wagen, entfernten sie sich. Graf Boulbon ging, unwillig über das Geschehene und im voraus neue Verwicklungen ahnend, in seinem Gemach auf und nieder, als der Kreuzträger eintrat. Das ehrliche Gesicht des alten Pfadfinders mit dem traurigen und doch so festen Ausdruck wirkte beruhigend auf den Grafen; er blieb vor ihm stehen und reichte ihm die Hand. Kreuzträger drückte sie respektvoll, aber mit einer gewissen Würde. »Es freut mich, Sie zu sehen, Monsieur Kreuzträger«, begrüßte ihn Boulbon. »Ihren wahren Namen, muß ich gestehen, kenne ich noch immer nicht.« »Meine Eltern, General, hießen Vignard und nannten mich in der Taufe Jérome. Also Jérome Vignard, wenn's Ihnen gefällt, General. – Aber ich habe nichts dawider, wenn Sie mich Kreuzträger nennen, da ich das Kreuz, das mir Gott auferlegt hat, nun doch einmal tragen muß.« Der Graf wies nach einem Rohrstuhl. »Setzen Sie sich, Monsieur Vignard«, sagte er freundlich. »Ich habe ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie die Prärien früher als Pfadfinder durchzogen?« »So ist es, mein General. Ich begleitete die Karawanen von Santa Fé nach Chihuahua durch das Land der Apatschen; und auf einem dieser Züge traf mich das Unglück, dem ich meinen Namen verdanke.« »Sie haben mir versprochen, diese traurige Geschichte zu erzählen«, sagte der Graf mit Teilnahme. »Ich werde Sie bei Gelegenheit daran erinnern. Jetzt bedarf ich Ihres Rates und Ihres Beistandes. Ich habe zu Ihrem Scharfblick und Ihrer Besonnenheit das meiste Zutrauen!« »Gott der Herr hat seine Gaben verschieden verteilt«, sagte der Pfadfinder. »Das weiße Haar, Monsieur, bringt die Ruhe der Überlegung.« »Sie haben wahrscheinlich bei unserer Ausschiffung bemerkt, daß der Hafen von Guaymas und die ganze Hafenstadt durch ein Fort beherrscht wird, wenn man die plumpe Anlage auf dem Hügel so nennen kann?« »Es fällt in die Augen, Monsieur, für die Verteidigung im Kriegsfall eine ziemlich gutgewählte Stellung. Ich habe oft schlechtere gehabt mit den Karawanen von Santa Fé, wenn wir uns gegen die Indianer verteidigen mußten!« »Das glaube ich gern. Um so besser werden Sie die festen oder schwachen Punkte einer solchen Stellung zu würdigen wissen; besser vielleicht, als ein Ingenieur von Fach. – Es handelt sich darum, mir einen genauen Bericht über das Fort zu erstatten. Ich selber mag es nicht besuchen, das könnte Mißtrauen erregen; wenn ein Mann wie Sie aber aus Neugier dort herumschlendert, so wird niemand dabei an eine Absicht denken.« »Meine Aufgabe ist also?« »Was ich Ihnen gesagt, Monsieur Kreuzträger: die schwächsten Stellen dieses Forts zu erspähen und mir über seine Bewaffnung genaue Nachricht zu bringen. Ich habe Ursache, zu fürchten, daß man etwas gegen uns im Schilde führt oder wenigstens nicht besonders guten Willen für uns hegt; es ist gut, für alle Fälle gerüstet zu sein. Ich erwarte morgen mittag Ihren Bericht. Und nun – gute Nacht, Monsieur Vignard! Helfen Sie mit, ein wenig Ordnung unter unsern Leuten zu halten!« Der Kreuzträger entfernte sich mit militärischem Gehorsam, ohne weiter eine Bemerkung zu machen. Es war Mitternacht; aber der Graf ging noch immer unruhig auf und nieder; es war, als scheue er sich, sein Schlafgemach zu betreten. Endlich schien er einen festen Entschluß gefaßt zu haben. Er nahm den silbernen Armleuchter mit den brennenden Kerzen und ging durch zwei leere Zimmer. Vor der Tür des dritten blieb er stehen, ehe er die Hand auf die Klinke legte. Dann fuhr er über die feuchte Stirn. »Es muß sein! Es ist zu unserem Besten!« Er öffnete rasch die Tür. Ein spanisches Bett mit Vorhängen stand in der Mitte des Zimmers; an seinem Fußende kniete Suzanne in Frauenkleidern, das Gesicht tief in die Decken gedrückt, schmerzlich schluchzend aus tiefster Brust. Bonifaz kam dem Grafen ernst und traurig entgegen. »Sie weiß alles!« sagte er leise in vorwurfsvollem Ton. » Carbioux! Ich will lieber einen Dreimaster ausladen, als das Stück Arbeit noch einmal tun!« »Sie wird also nach Frankreich zurückkehren?« »Niemals! In diesem Entschluß ist sie wie ein Stein. Versuchen Sie Ihr Heil!« Bonifaz wischte sich eine Träne aus dem Auge und ging hinaus. Die Tür schloß sich hinter ihm. Graf Raousset- Boulbon war mit der Mutter seines Kindes, die ihm soviel geopfert, die ihn so innig liebte, allein.