Balduin Groller Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer. Band I - III Ein Novellen-Zyklus Die feinen Zigarren. 1. Nach dem Abendessen begab man sich in das Rauchzimmer. Das war eisernes Gesetz und durfte durchaus nicht anders sein. Die beiden Herren wären vielleicht lieber noch bei Tische sitzengeblieben, um im Nachgenusse der kulinarischen Meisterleistungen in aller Behaglichkeit ihre Zigarre zu rauchen, aber das ging nicht, ging absolut nicht. Das wußten sie so schon lange, und nun schien ihnen der Aufbruch und die Auswanderung nur das Selbstverständliche. Die schöne Hausfrau hatte das so eingeführt. In ihrem Hause durfte nur im Rauchzimmer geraucht werden. Dort hielt sie sogar gelegentlich mit und rauchte selbst in Gesellschaft eine Zigarette, aber für alle anderen Gemächer bestand – das setzte sie durch – strengstes Rauchverbot. Frau Violet Grumbach hielt wie auf sich selbst, so auch auf den Rahmen für ihre Persönlichkeit, auf ihre Wohnung. Wie ihre äußere Erscheinung mit aller nur erdenkbaren Sorgfalt, mit Geschmack und guter Berechnung in Szene gesetzt war, so auch die Wohnung. Die Einrichtung war modern, war kostbar, alles war blitzblank und funkelte förmlich vor Sauberkeit. Und da sagt man noch manchmal, daß gewesene Künstlerinnen im allgemeinen keine guten Hausfrauen abgäben! Frau Violet war Schauspielerin gewesen. Nicht eine von den allerersten, aber sicherlich eine der allerhübschesten. Auch jetzt noch – alles, was wahr ist! – war sie eine ungemein anziehende Frau. Etwas unter Mittelgröße, die Formen von angenehm entwickelter rundlicher Fülle, jetzt doch schon beträchtlich mehr entwickelt als zuzeiten ihrer aktiven Künstlerschaft; lichtblondes, immer kunstreich geordnetes Haar, lebhaft blitzende graue Augen, feingezeichnete zarte, rote Lippen und ein pikantes, keckes Stumpfnäschen, das dem runden Gesichtchen auch jetzt noch eine Art kindlichen Ausdruckes lieh, – alles in allem ein sehr angenehmes Ensemble. Zu den Mahlzeiten liebte sie es, immer in besonders gewählter Toilette zu erscheinen. Kinder waren nicht im Hause, so hatte sie Zeit dazu, überhaupt besaß sie eine ganz gute Art, sich das Leben zu verschönen; sie schmückte sich und ihre Umgebung. Da begreift es sich denn, daß sie ihre Vorhänge, ihre Spitzen und Deckchen, ihre Plafonds und Seidentapeten nicht der bösen Wirkung des Tabaksqualms aussetzen wollte. Heute war nur ein Gast anwesend, der alte Hausfreund Dagobert Trostler, und der war im Hause Grumbach so zu Hause, daß man seinetwegen keinerlei Umstände mehr machte; wenn Frau Violet doch wieder große Toilette angelegt hatte, so galt das nicht einmal eigentlich ihm. Es war einmal Gepflogenheit, die eingehalten ward, auch wenn sie mit ihrem Mann allein zu Tische ging. Höchstens daß einige Nuancen auf Rechnung des Gastes kamen, so der herzförmige Ausschnitt der weißen Spitzenbluse, der dem Beobachter einige Aus- und Einblicke gestaltete, und die halblangen Spitzenärmel, die den rundlichen Unterarmen, die sich zu den seinen Handgelenken und den hübschen kleinen Händen zart verjüngten, den wünschenswerten Spielraum gewährten. Andreas Grumbach, Besitzer einer großen und sehr einträglichen Jutespinnerei, Präsident der Allgemeinen Bauunternehmungsbank und außerdem Träger zahlreicher Titel und Würden, war ganz erheblich älter als seine Gattin; so an zwanzig Jahre, und wenn es verwehrt ist, das Alter der Damen mit allzu brutaler Genauigkeit nachzurechnen, so darf es bei ihm schon verraten werden. Er mochte doch so seine drei- oder vierundfünfzig Lenze gesehen haben, aber er sah sogar noch etwas älter aus, als er war. Sein schönes dunkelbraunes, glattgebürstetes Haar bewies nichts. Er hätte auch außer Haus frisieren lassen können. Der Backenbart zu beiden Seiten schimmerte schon sehr stark ins Silbrige, und dabei trug er doch das Kinn ausrasiert in dem Bestreben, doch etwas jünger auszusehen und den Silbersegen nicht allzusehr anwachsen zu lassen. Dagobert Trostler, sein alter Freund, war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, als Grumbach, einem holden Johannistriebe nachgehend, vor etwa sechs Jahren die Schauspielerin Violet Moorlank als sein ehelich Gemahl in sein Haus führte. Es war aber nichts dagegen zu machen, und schließlich hatte Dagobert auf der ganzen Linie unrecht behalten. Es ward eine ganz akzeptable und respektable Menage daraus, die Ehe gestaltete sich zu einer durchaus glücklichen. Dagobert selbst war Junggeselle geblieben. Er war ein ausgedienter Lebemann mit stark gelichtetem Scheitel und einem Petrus-Schöpfchen. Sein sokratisches Gesicht wurde belebt durch zwei dunkle ausdrucksvolle Augen. Jetzt hatte er nur noch zwei große Passionen, die Musik und die Kriminalistik. Sein großes Vermögen gestattete ihm, sich diesen seinen beiden so divergierenden Liebhabereien ohne jegliche andere Sorge zu widmen. Zur Musik hatte er ein genießendes und ein schaffendes Verhältnis. Seine Freunde behaupteten, daß er stärker war im ersteren. Auch er hatte Violet schon gekannt, als sie noch dem Theater angehörte, und wenn es damals irgendeine ihrer Rollen mit sich brachte, daß sie einige Lieder zu singen hatte, so war er es, der sie ihr einstudierte. Natürlich als Amateur. Auf allen Tätigkeitsgebieten, aus denen er sich umtat, blieb er Amateur, passionierter Dilettant, gentleman-rider. Seinen Profit hatte er aber bei jenen musikalischen Einpaukungen doch. Es gelang ihm nämlich manchmal, auf diesem Wege die eine oder die andere seiner eigenen Kompositionen als Einlagen in die Öffentlichkeit zu schmuggeln. Was seine kriminalistischen Neigungen betraf, so äußerten die sich zunächst darin, daß er am liebsten von bedeutenden Raubmorden und halbwegs anständigen Unterschlagungen sprach. Er war überzeugt, daß an ihm ein Kriminalkommissär von Klasse verloren gegangen wäre, und behauptete steif und fest, daß, wenn alle Stricke rissen, er sehr wohl in der Lage sei, sich als Detektiv sein Brot zu verdienen. Seine Freunde machten sich auch oft genug lustig über ihn. Nicht etwa, daß sie an seinem einschlägigen Talent gezweifelt hätten. Von dem hatte er ja oft genug überzeugende Proben geliefert. Sie fanden nur die Passion sonderbar, sich selbst eine Rute auf den Rücken zu binden. Denn seine Liebhaberei brachte ihm nicht nur mancherlei Unannehmlichkeiten ein, sondern sie verstrickte ihn gelegentlich wohl auch in recht gefährliche Situationen. Wenn es irgendwo eine Ansammlung von Menschen gab, war er sicher mit dabei, aber nicht mit dem allgemeinen Interesse an dem aktuellen Vorgange, welcher Art er auch sein mochte, – er paßte auf Taschendiebe und trachtete, sie bei der Arbeit zu beobachten und auf frischer Tat zu ertappen. Er geriet da nicht selten in bedenkliche Verwicklungen, aber es gelang ihm doch, manchen Langfinger der Polizei in die Hände zu liefern. So liebte er es auch, bei dunklen Kriminalfällen auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, und daher kam es, daß er sich alle möglichen Scherereien auf den Hals lud, alle Augenblicke bei Gericht zu tun hatte oder auf die Polizei zitiert wurde, der seine privaten Bemühungen manchmal schon unbequem geworden waren, – aber das alles machte ihm Vergnügen. Er war eben Amateur. – Man begab sich also ins Rauchzimmer. Die beiden Herren setzten sich an das Rauchtischchen, das in der Nähe des Fensters stand, Frau Violet nahm auf einer kleinen gepolsterten Bank Platz, die – ein ganz reizendes Möbelstück – sich von dem hohen und feingegliederten Kamin bis zur Tür hinzog und dort den Raum sehr schicklich ausfüllte. Der Kamin stand in einer Ecke, und so war dort ein sehr trauliches Plätzchen geschaffen. Grumbach nahm vom Rauchtische ein Zigarrenkistchen; nicht auf gut Glück. Es waren deren mehrere da, und er hatte erst bedachtsam gewählt. Er öffnete es und wollte die Zigarren eben Dagobert reichen, als er stutzte. »Ich weiß nicht,« sagte er nachdenklich, »es muß in meinem Hause doch noch einen Liebhaber geben – gerade für diese Sorte. Es wäre kein schlechter Geschmack. Das Stück kostet einen Gulden!« »Bemerkst du Abgänge?« fragte Dagobert. »Ich glaube sie zu bemerken,« erwiderte Grumbach. »In unserem Hause wird nichts gestohlen!« warf Frau Violet ein in Verteidigung ihrer Hausfrauenehre. »Gott sei Dank – nicht!« gab Grumbach zurück. »Und doch – ganz bestimmt kann ich es natürlich nicht behaupten – aber mir ist, als hätten aus der oberen Lage gestern nur zwei Zigarren gefehlt, und heute fehlen da acht oder neun Stück.« »Eigene Schuld,« bemerkte Dagobert. »Müßtest sie eben unter Verschluß halten!« »Man soll in seinem Hause auch etwas frei herumliegen lassen können!« »Vielleicht irrst du dich doch?« gab Frau Violet zu bedenken. »Es wäre nicht unmöglich, aber ich glaub's nicht. Nun, ein Unglück ist's gerade nicht, aber es beunruhigt.« »Das müßte doch nicht schwer sein, der Sache auf den Grund zu kommen,« äußerte Dagobert, in dem sich die Detektivleidenschaft zu regen begann. »Das Einfachste wird sein, deinen Rat zu befolgen, Dagobert. Verschließen – das ist der beste Schutz!« »Das wäre mir nicht interessant genug,« lautete die Antwort. »Man muß den Marder erwischen!« »Soll ich mich vielleicht auf die Lauer legen und tagelang aufpassen? Da komme ich noch billiger weg, wenn ich's mich ein paar Zigarren kosten lasse.« »Du mußt doch wissen, wer Zutritt in das Zimmer hat!« »Für meinen Diener stehe ich. Der nimmt nichts!« »Und ich für mein Stubenmädchen,« beeilte sich Frau Violet hinzuzufügen. »Sie ist seit meiner Kindheit bei mir, und es ist noch nicht eine Stecknadel weggekommen!« »Desto besser!« fuhr Dagobert fort. »Glaubst du, daß täglich Abgänge vorkommen?« »I bewahre! Das fehlte gerade noch! Vorige Woche glaubte ich's einmal schon bemerkt zu haben und dann einmal vielleicht auch in der vorvorigen Woche.« Dann ließ man das Thema fallen. Man sprach noch eine Weile von den Tagesereignissen, die gerade die öffentliche Meinung beschäftigten: darauf erhoben sich Hausfrau und Hausherr, um sich noch ein wenig herzurichten für die Oper. Es war gerade ihr Logentag, Mittwoch, und Dagobert sollte wie gewöhnlich mit von der Partie sein. Einen so alten Bekannten und vertrauten Hausfreund durfte man schon ein Viertelstündchen allein lassen, ohne sich erst groß zu entschuldigen. Frau Violet meinte im spöttischen Scherz, es müsse ihr sogar sehr erwünscht sein, eine Weile allein bleiben zu dürfen, da er nun um so ungestörter dem düsteren Problem nachsinnen könne, wohin die verschwundenen Zigarren wohl geraten sein mögen. Er als Meisterdetektiv werde das doch gewiß herausbringen! Es hätte nicht erst dieses spöttischen Appells bedurft, um ihn an seine Liebhaberei zu erinnern. Er hatte im stillen ohnedies schon bei sich beschlossen, den Täter zu entdecken, und so war es ihm nun ganz besonders willkommen, sich ungestört auf dem Schauplatz der Tat genau umsehen zu können. Der Fall war ja herzlich unbedeutend und geringfügig, aber was tut ein Amateur nicht, um im Training zu bleiben? Man nimmt einmal auch so etwas mit. Er setzte sich, als er allein war, in seinem Fauteuil zurecht und begann nachzudenken. Gar so einfach war die Geschichte denn doch nicht. Die letzte Untat war am Tage vorher begangen worden. Er besah sich das Zigarrenkistchen, den Rauchtisch – da war nichts zu entdecken. Es war einfach ekelhaft, was in dem Hause für Reinlichkeit herrschte! Wie da täglich aufgeräumt und aufgewischt wird! Da soll dann ein Mensch etwa noch einen Fingerabdruck auf dem Holzrahmen des Rauchtisches entdecken, der die rote Tuchfüllung der Platte umgrenzt! Der Rahmen war wahrscheinlich auch gestern nicht staubig, und seither ist ja wieder unsinnig gewischt und gebürstet worden, – und da soll ein Mensch daktyloskopische Studien machen! Damit war es also nichts. Im Zimmer leuchteten jetzt vier elektrische Lampen. Er drehte mit einem Griff auch noch die übrigen acht auf. Strahlende Helle erfüllte nun den Raum, und jetzt untersuchte er weiter. Er schritt das Gemach nach allen Richtungen ab, und überall hin sandte er den forschenden Blick, ohne irgendeinen Anhaltspunkt finden zu können. Dann setzte er sich wieder an den Rauchtisch. Es war klar, daß dieser das Zentrum für die Nachforschungen bilden müsse. Wie er aber auch spähte, hier ließ sich keine Spur und kein corpus delicti entdecken, – doch – eben als er wieder seine Wanderungen aufnehmen wollte, bemerkte er etwas. Eingebettet in der schmalen Spalte zwischen Tuch und Holzrahmen des Rauchtisches und über sie herausragend ein Haar, dunkel und glänzend, nicht lang – gerade gezogen vielleicht fünf Zentimeter, aber es hatte die Tendenz, sich zu einem Kreise zu schließen. Dagobert fuhr mit der Hand über Tuch, Rahmen und Spalte, wo das Haar steckte. Dieses bog sich und blieb stecken. Es hat also auch Bürste und Staubtuch standhalten können. Anderseits – bei der Art, wie hier rein gemacht wurde, wie bereits erwähnt – geradezu ekelhaft! – war es wohl anzunehmen, daß der Widerstand kaum von Dauer sein würde. Mehrfache Angriffe würden das Haar doch wohl wegfegen. Es war also ganz gut möglich, ja wahrscheinlich, daß es erst gestern hingelangt ist. Er dachte einen Augenblick daran, sich den Diener hereinzuläuten, um sich zu vergewissern, ob nicht heute schon irgend jemand, der nicht zum Hause gehörte, das Zimmer betreten hätte, vielleicht ihn auch darüber auszuholen, wer gestern dagewesen sei, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Natürlich wollte er, mußte er spionieren, aber nicht bei der Dienerschaft! Das konnte zu albernem Gerede führen, und eine gewisse Rücksicht war er doch dem Hause seines besten Freundes schuldig. Er hob also das Haar mit den Fingerspitzen heraus und barg es mit aller Sorgfalt in seinem Taschenbuche. Dann setzte er seine Nachforschungen fort. Er sah sich in dem ganzen Zimmer noch einmal gut um; es war wohl kaum noch etwas zu holen. Die Beleuchtung war so hell, daß ihm nicht leicht etwas entgehen konnte. Oben auf der glatt polierten Fläche des schwarzmarmornen Kamingesimses bemerkte er ein dunkles Klümpchen, das den scharfen geraden Zug der Linie unterbrach. Ob es wohl verlohnte? Für einen Detektiv verlohnt sich alles, kann sich alles verlohnen. Er rückte sich einen Ledersessel hin und stieg auf ihn. Ein Zigarrenstummel, etwa vier Zentimeter lang. Eine ganz leichte Staubdecke auf der polierten Platte. Wenn die Hausfrau das wüßte! Da ist heute nicht abgewischt worden. Der Herr Bediente hat sich's bequem gemacht. Wahrscheinlich wischt er da nur jeden zweiten oder dritten Tag ab. Älter war die dünne Staubschicht nicht. Auch der Stummel war nicht älter. Das konnte ein Raucher schon beurteilen. Und noch eins. Auf der Staubfläche zeigte sich keine Spur einer Hand oder eines Fingers. Die Platte war also nicht schon staubig, als der Zigarrenrest da hingelegt wurde. Er dürfte also – er ist also gestern hingelegt worden. Dagobert untersuchte den Rest. Er stammte von der inkriminierten Sorte. Nun stieg Dagobert vom Sessel, steckte den bedachtsam verpackten Stumpf in die Tasche, löschte die überzähligen Lampen wieder aus und fuhr dann, als die Zeit gekommen war, mit in die Oper. 2. Grumbach hatte die ganze Zigarrenaffäre am nächsten Tage schon wieder vergessen. Der vielbeschäftigte Fabrikherr und Großkaufmann hatte wahrhaftig an anderes zu denken. Er kam auch später nicht wieder auf sie zurück, weil sich kein Anlaß dazu ergab. Ganz zu Ende war sie aber doch noch nicht. Dagobert hatte fast eine ganze Woche verstreichen lassen, bevor er sich wieder in dem Grumbachschen Hause sehen ließ. Das letztemal war er am Mittwoch dort gewesen, und erst am darauffolgenden Dienstagabend zeigte er sich wieder. Frau Violet empfing ihn im Rauchzimmer. Das Diner war vorbei, und zum Kaffee, den er mit ihr nehmen sollte, rauchte sie selber ganz gern eine Zigarette. »Ich komme Ihnen ungelegen, gnädige Frau?« begann er die Unterhaltung. »Sie sind mir immer willkommen, Herr Dagobert,« erwiderte sie liebenswürdig, aber etwas betreten schien sie doch, als sie sich auf der Kaminbank zurechtsetzte. »Ich meinte nur,« fuhr er harmlos fort, »weil ich ja annehmen konnte, den Herrn Gemahl nicht zu Hause zu treffen.« »Allerdings – Dienstag ist sein Klubtag; da ist er nie zu Hause. Desto angenehmer für mich, Gesellschaft zu haben.« »Es wäre aber doch auch möglich gewesen, daß Gnädige sich bereits mit anderweitiger Gesellschaft versorgt hätten, und ich vielleicht nur störend gewesen sein würde.« »Sie stören niemals, Herr Dagobert,« versicherte sie eifrig und lenkte dann ab, indem sie ihn, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, bei seiner schwachen Seite packte und ihn mit seiner Detektivleidenschaft zu necken begann. »Nun? Haben Sie den ruchlosen Zigarrenmarder noch immer nicht entdeckt?« fragte sie mit fröhlichem Spott. »Spotten Sie nicht zu früh, Gnädige!« »Mein Gott, ein paar Zigarren können leicht wegkommen, ohne daß man erfährt, wohin sie geraten sind. Man sollte gar nicht forschen. Am nächsten liegt es, den Diener zu beargwöhnen. Er ist sicherlich unschuldig, aber wenn einmal der Verdacht geweckt ist, – mein Mann ist sehr genau! – da kann der arme Teufel leicht um sein Brot kommen.« »Wir werden uns ja gleich überzeugen,« entgegnete Dagobert und drückte auf den elektrischen Taster. Frau Violet erschrak über seine Voreiligkeit und machte eine Bewegung, ihn zurückzuhalten, aber es war schon zu spät. Im nächsten Augenblick stand der Diener im Zimmer der Befehle gewärtig. »Sie, lieber Franz,« begann Dagobert, »Sie werden so gut sein, mir einen Fiaker zu holen, so etwa in einer Stunde.« »Sehr wohl, gnädiger Herr!« »Hier, lieber Freund, für Ihre Mühe eine feine Zigarre!« Dagobert griff dabei nach dem Kistchen. »Ich bitte um Verzeihung, gnädiger Herr, ich rauche nicht.« »Ach, Unsinn, Franz!« sagte Dagobert. »Jetzt tun Sie nur Ihre Zigarrentasche heraus; wir wollen sie einmal ordentlich anfüllen.« Und er griff jetzt mit der ganzen Hand in das Kistchen. Franz lachte mit dem ganzen Gesicht über den herablassenden Scherz und versicherte noch einmal, daß er kein Raucher sei. »Na, dann ist's ja gut,« bemerkte Dagobert leutselig, »dann werden wir uns schon noch miteinander verrechnen. Sie sollen deshalb nicht zu kurz kommen.« Der Diener verbeugte sich und verließ geräuschlos das Zimmer. »Sie sehen. Gnädige,« nahm darauf Dagobert wieder das Wort. »Er ist es nicht gewesen.« Nun war es an Frau Violet, hell aufzulachen. »Wenn das Ihre ganze Kunst ist, Dagobert, dann lassen Sie sich nur ruhig wieder das Lehrgeld zurückgeben! Ich sage ja nicht, daß er's gewesen ist – er ist es bestimmt nicht gewesen –, aber selbst, wenn er sich schuldig gefühlt hätte, glauben Sie wirklich, daß er Ihnen in diese plumpe Falle gegangen wäre?« »Wer sagt Ihnen denn, Frau Violet, daß das meine ganze Kunst ist? Ich wollte Ihnen nur vordemonstrieren, daß er der Schuldige nicht sein kann.« »Weil Sie ihm sofort alles glauben! Sie sind naiv, Dagobert.« »Für mich war es ganz zwecklos, ihn vorzuladen. Ich wollte nur vor Ihnen seine Ehrenrettung bewerkstelligen. Eigentlich recht überflüssiger Weise. Denn auch Sie sind von seiner Unschuld überzeugt, und damit könnten wir ja die Sache als abgeschlossen betrachten.« »Dagobert, Sie wissen mehr, als Sie sagen wollen.« »Ich will alles sagen, wenn es Sie interessiert, meine Gnädige.« »Es interessiert mich sehr.« »Wäre es nicht besser, überhaupt nichts mehr davon zu reden?« »Ja, warum sollte das nun besser sein, Dagobert?« »Ich dachte nur – ich weiß nämlich alles.« »Um so besser! Lassen Sie hören, was Sie herausgebracht haben.« »Es ist ja möglich, daß ich im einzelnen irre, dann werden Sie in der Lage sein, mich zu korrigieren.« »Ich?!« Sie sah ihn groß an. »Sie, meine Gnädige. Es ist ja auch möglich, daß ich mich schwer blamiere – ich glaube es nicht, aber möglich wäre es immerhin. Sie müssen berücksichtigen, daß ich ausschließlich auf meine Kombination angewiesen war und es ganz selbstverständlich verschmäht habe, Ihre Dienerschaft auszuhorchen.« »Keine so lange Einleitung, Dagobert; zur Sache, wenn ich bitten darf.« »Gut, ich decke meine Karten auf. Sie erinnern sich, meine Gnädigste, daß ich am letzten Mittwoch zum erstenmal von den Abgängen erfuhr. Fünf Minuten später hatte ich die genaue Personenbeschreibung –« »Wie haben Sie denn das angefangen?« »Die genaue Personenbeschreibung des – des Rauchers. Ich denke, wir bleiben bei dieser Bezeichnung und vermeiden den odiosen Ausdruck Dieb oder auch nur Zigarrendieb. Die Zigarren sind ja tatsächlich nicht gestohlen, sondern nur geraucht worden, ohne daß der Hausherr davon wußte. Der Raucher ist also ein hochgewachsener junger Mann, einen guten Kopf größer als ich, mit einem wohlgepflegten schwarzen Bart und prachtvollen Zähnen.« »Woher wissen Sie das?« »Ich werde Ihnen alles sagen, Gnädigste. Übrigens hoffe ich, die Richtigkeit der von mir gelieferten Personenbeschreibung heute noch eklatant bestätigt zu sehen. Ich rechne nämlich darauf, daß der vortreffliche junge Mann binnen kurzem uns die Ehre seiner Gesellschaft gewähren wird. Ich habe auch schon das Kistchen mit seiner Lieblingssorte zurechtgerückt.« Da tat sich die Tür auf, und der Diener trat mit der Meldung ein, daß der Wagen für den gnädigen Herrn bestellt sei und pünktlich zur festgesetzten Zeit vorfahren werde. Dann richtete er an die Hausfrau die Frage, ob es ihm nun erlaubt sei, zu »gehen«. Die Erlaubnis wurde erteilt, und er zog sich dann mit einer devoten Verbeugung und einem dankenden »Küß d' Hand!« wieder zurück. »Franz ist nämlich ein Theaternarr,« erläuterte Frau Violet. »Einmal in der Woche muß er ins Theater gehen, und da gebe ich ihm am liebsten den Dienstagabend frei, wo mein Mann ohnedies nicht zu Hause ist, er also am leichtesten entbehrt werden kann.« »Ach sooo!« erwiderte Dagobert nachdenklich. »Nun, das ist ja ganz in der Ordnung.« »Lassen Sie sich aber dadurch nur nicht ablenken, lieber Dagobert,« fuhr Frau Violet fort. »Sie sind mir die Aufklärung schuldig, wie Sie zu jener Personenbeschreibung gelangt sind.« »Ich hatte am Mittwoch, als Sie und Ihr Herr Gemahl sich zurückzogen, um sich fürs Theater fertig zu machen, einige Minuten Zeit zur Untersuchung. Die Sache wäre vielleicht schwierig geworden, wenn ich am Schauplatz der Tat keine Spuren gefunden hätte.« »Und Sie haben welche gefunden?« »Ja. In der Spalte des Rauchtisches ein Haar und hier oben am Kamin einen Zigarrenrest.« »Die konnten aber schon lange hier und dort liegen!« »Ich hatte meine guten Gründe, anzunehmen, daß es wirklich corpora delicti und erst am Tage vorher dorthin gelangt seien. Ich habe dann bei mir zu Hause die beiden Gegenstände genau, das Haar sogar mikroskopisch untersucht.« »Und das Resultat?« »Ein vollkommen befriedigendes. Das Haar wies auf einen Täter mit schönem schwarzen Bart. Naturechtes Schwarz, keine Spur von künstlichem Farbstoff – also ein alter Mann ist unser Raucher nicht. Ich kann sogar sagen, daß es ein junger Mann ist. Denn das Haar war weich, bieg- und schmiegsam. Nicht gerade erster Flaum, aber doch noch immer zart. Es hätte derber, borstiger sein müssen, wenn da vorher schon jahrelang ein Rasiermesser gewaltet hätte. Der junge Mann hält auch etwas auf seinen Bart, denn unter dem Mikroskop wies das Haar eine Spur von Brillantine auf. Das ist ein ganz harmloses, kosmetisches Mittel, aber ein wenig eitel muß man doch sein, um es anzuwenden. Da Sie den Täter kennen, Gnädigste, werden Sie ja beurteilen können, ob meine Annahme eine richtige oder irrige ist.« »Ich glaube, daß Sie sich da in eine fixe Idee verrannt haben.« »Möglich; aber das ist ja nicht von Belang. Gehen wir weiter. Hier oben am Kaminsims lag der Zigarrenrest.« »Zu welchen Schlüssen führte Sie der?« »Es war mir zunächst angenehm, feststellen zu können, daß die Sorte stimmte. Die weiteren Schlüsse ergaben sich von selbst. Erlauben Sie jetzt, daß ich noch einmal auf Ihren Diener zurückkomme. Ich erwähne da etwas beinahe zum Schluß, wovon ich ausgegangen bin und womit ich eigentlich angefangen habe. Nicht ohne Grund hatte ich ihn jetzt hereinzitiert. Sie sollten sich ihn noch einmal ansehen. Also der Mensch ist blond, und sein Gesicht ist, wie sich das für einen ordentlichen Diener gehört, der auch bei Tisch serviert, glatt rasiert. Er hat ferner, wie es sich eigentlich für einen ordentlichen Diener nicht gehört und wie Sie sich überzeugen konnten, als er uns so freundlich angrinste, recht schadhafte Zähne. Endlich konnten Sie sehen, daß seine Statur eine ziemlich kleine ist. Er ist noch etwas kleiner als ich, und wir haben doch festgestellt, daß der unbekannte Täter einen schwarzen Bart trägt, sehr gute Zähne hat und einen Kopf größer ist als ich.« »Das haben wir durchaus noch nicht festgestellt!« »Dann wollen wir es gleich besorgen. Die Spitze der Zigarre war nicht mit einem Messer abgeschnitten, sondern prompt und glatt abgebissen worden. Dazu gehören gute Zähne. Darüber wären wir also im klaren. Nun muß noch seine ungewöhnliche Körperlänge bewiesen werden. Nichts einfacher als das. Reproduzieren wir einmal die Situation, meine Gnädige –, eigentlich gar nicht nötig. Denn sie ist schon hergestellt. Sie auf Ihrem bevorzugten Platze –, ich in respektvoller Entfernung, aber doch gerade noch nahe genug für unsere Konversation, Ihnen gegenüberstehend, an den Kamin gelehnt. Die Aussicht, die ich da beinahe aus der Vogelperspektive genieße, ist eine entzückende. Sie brauchen nicht zu drohen, Frau Violet –, eine entzückende. Auch ich würde ohne besonderen Grund meinen glücklichen Beobachterposten nicht verlassen. Wenn ich aber eine Zigarre wegzulegen hätte, so müßte ich mich zum Rauchtische begeben, auf dem die Aschenbecher stehen. Denn ich könnte nicht auf den Sims hinauflangen, mir wäre er zu hoch! Da hätte ich nun die Personenbeschreibung begründet. Stimmt sie, meine Gnädigste?« »Sie stimmt,« gab Frau Violet lachend zu. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Herr Dagobert. Sie sind ein fürchterlicher Mensch, und ich sehe schon, es wird doch am besten sein, wenn ich selber gleich ein umfassendes Geständnis ablege, sonst glauben Sie am Ende noch Gott weiß was!« »Keine Geständnisse! Ich lehne sie ab. Geständnisse können – ich spreche natürlich ganz akademisch – können auch falsch sein. Es sind auf Grund von falschen Geständnissen schon Justizmorde verübt worden, und nichts vermag mich mehr aufzuregen, als der Gedanke an einen Justizmord. Zudem – ich brauche das Geständnis nicht; es kann mir nichts mehr nützen. Ich bin hier nur Untersuchungsrichter und habe kein Urteil zu schöpfen. Meine Aufgabe war, den Tatbestand aufzuklären und die Täterschaft zu erweisen. Ob dann bei der Schlußverhandlung gestanden oder geleugnet wird, das geht mich nichts an.« »Gut, also hören wir weiter!« »Ich mußte also weiter kombinieren. Der hochgewachsene junge Mann mit dem schönen Bart und den guten Zähnen hat seine Zigarre hier in Ihrer Gegenwart geraucht und Ihnen dabei Gesellschaft geleistet. Er hat mit Ihnen geplaudert, wie ich jetzt mit Ihnen plaudere. Ein besonderes Geheimnis konnte nicht dahinter stecken.« »Gott sei Dank, daß Sie mir das wenigstens nicht zutrauen, Dagobert!« »Konnte nicht dahinter stecken. Wir kennen uns nun schon lange genug – Sie sind eine kluge Frau. Sie wissen, was auf dem Spiele steht, und Sie machen keine Dummheiten.« »Ich danke für das ehrende Vertrauen!« »Mein Vertrauen ist auch felsenfest, nicht minder mein Respekt. Aber es ist nicht nur das. Ich habe offene Augen und gute Ohren. Ich selbst hätte irgendeinmal etwas bemerken, oder irgendein Gerede hätte auch zu mir dringen müssen. Nichts von alledem. Sie haben da einen Besuch empfangen, der weiter nicht auffallen konnte, sonst wäre er schon aufgefallen. Warum fiel er nicht auf? Weil Sie ihn oft empfangen. Es mußte also ein ganz harmloser Besuch sein. Ein Umstand konnte allerdings stutzig machen. Aus den hingeworfenen Äußerungen Ihres Mannes konnte ich mir so ungefähr herausnehmen, daß die Zigarren gewöhnlich am Dienstagabend verschwanden, zu der Zeit also, wo er im Klub war. Was ich nicht wußte, was Sie aber angaben, ist, daß am Dienstag Ihr Diener das Theater zu besuchen pflegt.« »Hoffentlich ziehen Sie aus diesem Umstand nicht auch Ihre Schlüsse!« »Ich denke nicht dran. Tatsache scheint mir, daß der junge Mann ziemlich häufig im Hause vorspricht, daß er aber gerade am Dienstag etwas länger verweilt und die Hausfrau unterhält.« »Das ist richtig, aber ich kann versichern, daß die Unterhaltungen ganz harmloser Natur sind.« »Daran habe ich niemals gezweifelt, zumal der junge Mann – wie soll ich sagen? – ein wenig unter Ihrem Stande ist.« »Wie haben Sie das nun wieder herausgebracht, Dagobert?« »Es erklärt sich von selbst, gnädige Frau. Freund Grumbach hat nicht eine oder zwei Zigarren vermißt, sondern gleich sechs oder sieben. Sie erinnern sich; nach seiner Angabe hatten aus der obersten Schicht am Tage vorher zwei Zigarren gefehlt. Die hat Grumbach jedenfalls selber herausgenommen und sich dabei halb unwillkürlich das Bild eingeprägt, das das Innere des Kistchens darbot. Einen Tag später schien es ihm, als fehlten acht oder neun Stück. Also Abgang von sechs oder sieben Stück. Man raucht aber nicht sechs oder sieben schwere Zigarren während eines Plauderstündchens mit der Hausfrau, man raucht eine, wenn's hoch kommt zwei. Der Vorgang war nun der, daß die Hausfrau den jungen Mann beim Abschied ermutigt hat, sich noch einige Zigarren einzustecken.« »Auch das ist richtig. Aber daraus folgt doch noch nicht, daß ich mich, wie Sie sich auszudrücken belieben, unter meinem Stande unterhalten hätte.« »Ich bitte um Verzeihung, meine Gnädigste. Einem gesellschaftlich vollwertigen Besuch empfiehlt die Hausfrau vielleicht, sich auf den Weg eine Zigarre mitzunehmen –, eine! Natürlich ohne Betonung. Eine Handvoll zu geben oder – zu nehmen, das deutet schon auf einen gewissen gesellschaftlichen Abstand.« »Sie sind wirklich der reine Kriminalkommissär, Dagobert!« »Auf einen Abstand und doch auch auf eine gewisse Sympathie.« »Es ist auch ein ganz netter, liebenswürdiger junger Mann. Haben Sie sonst noch etwas herausgebracht?« »O, noch eine ganze Masse! Ich legte mir die Frage vor: Was kann das für ein junger Mann sein, der so oft, vielleicht täglich, ins Haus kommt, ohne daß es irgendwie auffiele? Die Antwort darauf war nicht schwer. Es konnte nur ein Beamter aus dem Bureau Ihres Mannes sein, wohl einer, der die Aufgabe hat, jeden Tag am Abend dem Chef die Kassaschlüssel oder den Tagesrapport zu überbringen.« »Er bringt allerdings nach Geschäftsschluß die tägliche Abrechnung nach Haus. Mein Mann hat sich das so eingerichtet.« »Woran er sehr recht getan hat. Das weiß ich übrigens nun auch. Denn ich war inzwischen bei Ihrem Direktor.« »Nein, was Sie nicht alles treiben, wenn Sie eine Spur verfolgen!« »Man fängt entweder nicht an, meine Gnädigste, oder man fängt an, dann aber muß man auch bis ans Ende gehen, sonst hätte es keinen Sinn.« »Und was haben Sie bei dem Direktor ausgerichtet?« »Alles, was ich wünschen konnte.« »Lassen Sie hören, Dagobert!« »Ich sagte ihm, daß ich gekommen sei, einen jungen Mann zu protegieren –, er solle mich nur dem Chef nicht verraten. Der Direktor lächelte. Er wisse ganz gut, daß, wenn ich vom Chef etwas wolle, es von vornherein bewilligt sei. Wohl möglich, gab ich zu, es wäre mir aber lieber, ihn nicht direkt um den Freundschaftsdienst zu bitten. Der Direktor begriff oder tat, als begriffe er, und stellte sich mir zur Verfügung.« Um was handelt es sich? fragte er. Sie haben da einen jungen Mann im Kontor, erwiderte ich, – na, wie heißt er doch nur? Ich habe so ein scheußliches Namensgedächtnis! Tut übrigens nichts; werde schon draufkommen. Also ein auffallend großer junger Mann mit liebenswürdigen Manieren – sonst hätte er Ihnen nicht gefallen, meine Gnädigste –, mit einem schönen schwarzen Bart und guten Zähnen. Abends bringt er gewöhnlich dem Chef – Ach, das ist ja unser Sekretär Sommer! unterbrach mich der Direktor. Sommer, natürlich Sommer! Daß mir der Name entfallen konnte! Sehen Sie, lieber Direktor, Sommer ist ja ein ganz begabter Mensch, aber er ist in der Kanzlei, bei der Korrespondenz nicht am richtigen Platze. Es fehlt die letzte Genauigkeit und Exaktheit bei der Arbeit. Dagegen müßte er sich vortrefflich verwenden lassen für den Verkehr mit den Parteien. Ich weiß, daß Sie schon geraume Zeit nach einer geeigneten Persönlichkeit suchen zur Leitung der Verkaufsfiliale in Graz. Wäre das nichts für Sommer? Der Direktor schlug sich mit der Hand auf die Stirne. Donnerwetter, das ist eine Idee! Da suchen wir uns die Augen aus dem Kopfe und haben den Mann in nächster Nähe! Natürlich ist Sommer wie geschaffen dafür! Sie üben da nicht Protektion an ihm, sondern erweisen uns einen Dienst mit Ihrem Vorschlag. Er geht nach Graz. Die Sache ist abgemacht. »Sie sehen, meine Gnädigste, ich war glücklich genug, ein wenig Vorsehung spielen zu können.« »Aber Dagobert, wie konnten Sie die Behauptung riskieren, daß der junge Mensch nicht fürs Bureau tauge?« »Da war nichts riskiert dabei. Ich verließ mich auf mein bißchen Psychologie. Der richtige Bureaumensch ist immer mehr oder minder – bis zu einem gewissen Grade – Pedant. Er wird es durch seine Beschäftigung, die unausgesetzte minuziöse Genauigkeit erfordert. Ein Pedant ist unser Freund nicht. Der richtige Bureaumensch beißt die Spitzen der Zigarren nicht mit den Zähnen herunter, sondern er schneidet sie säuberlich ab mit dem Federmesser oder mit einer besonderen Maschinerie, die er sicher bei sich trägt, wenn er Zigarrenraucher ist. Und noch etwas tut der richtige Bureaumensch nicht. Er legt Zigarrenstummel nicht auf Marmorkamine. Er bemüht sich vielmehr zum Aschenbecher und deponiert den Rest dort, immer bestrebt, darauf zu achten, daß nicht etwas von der Asche daneben gehe. Unser sorgloser junger Freund, der es mit einem Zigarrenstummel nicht so genau nimmt, wird es wahrscheinlich auch mit der Bureauarbeit nicht gar zu genau nehmen. Er hat's nicht in sich!« »Und daraus haben Sie dann gleich geschlossen, daß er der richtige Mann für den Parteienverkehr ist?« »Nicht nur daraus, sondern auch aus der Bevorzugung, die Sie ihm haben zuteil werden lassen, meine Gnädigste. Er muß ein sehr angenehmes Mundwerk haben, wird wohl auch ein kleiner Schwerenöter sein. Das alles ist ganz vortrefflich, wenn man mit der Kundschaft in persönliche Berührung zu treten hat.« »Eines müssen Sie mir noch aufklären, Dagobert. Sie haben sich bemüht, den jungen Mann wegzubringen, weil Sie um meine Tugend besorgt waren?« »Aber, Frau Violet! Sie wissen doch, welches Vertrauen ich in Sie setze! Da ich aber wußte, daß die abgängigen Zigarren durch Ihre Hände gegangen waren, und Sie daraus Ihrem Manne gegenüber ein Geheimnis machten, mußte der Raucher notwendigerweise verschwinden. Das mußte sein!« »Ein Geheimnis! Da steckt ja die Ungeschicklichkeit von mir. Ich hatte es meinem Manne nicht gleich gesagt; hatte nicht daran gedacht, und als er dann eine Affäre daraus machte, da wäre es so merkwürdig herausgekommen. Es wäre mir peinlich gewesen.« »Geradeso habe ich es aufgefaßt, gnädige Frau ... Für mich dürfte übrigens der Wagen vorgefahren sein. Sollte der junge Mann noch kommen, sich zu verabschieden, dann bieten Sie ihm zur Abwechslung eine Zigarre von einer anderen Sorte an, und dann wird diese wichtige Affäre für alle Zeit erledigt sein.« Der Falschspieler Andreas Grumbach hatte eigentlich immer ein recht zurückgezogenes Leben geführt. Seine Ehe mit der Schauspielerin Moorlank hatte sich, entgegen der ursprünglichen Annahme der abratenden Freunde, zu einer durchaus ungetrübten und glücklichen gestaltet. Die blonde Frau Violet führte das Hauswesen mit tadelloser Sorgfalt und Geschicklichkeit, und Grumbach fühlte sich zu Hause so wohl, daß er an besondere gesellschaftliche Zerstreuungen gar nicht dachte, obschon vielleicht Frau Violet nicht abgeneigt gewesen wäre. Sie war aber zu klug, da auf Änderungen zu dringen, wo ohnedies alles zu allseitiger Befriedigung sich abwickelte. Tagsüber hatte Grumbach genug zu arbeiten, und da war es ihm doch am liebsten, wenn er die Abende in seinem Heim verbringen konnte, das ihm Frau Violet mit aller Umsicht, mit Takt und Geschmack ganz in seinem Sinne eingerichtet hatte. Einmal in der Woche besuchte er seinen Klub, das war er sich schuldig; und für einen Abend in der Woche hatte er eine Loge in der Oper, das war er Frau Violet schuldig. Sonst aber blieben sie fein zu Hause, wo es nach seiner Auffassung doch am schönsten war. Gäste sahen sie selten bei sich. Dagobert Trostler, der gediente Lebemann, der im ruhigen Genusse seiner Renten jetzt nur noch seinen Liebhabereien lebte, der zählte kaum mit. Er konnte kommen und gehen, wann er wollte. Man war auf den alten Freund des Hauses immer vorbereitet, und er gehörte sozusagen zum Hause. Seine großen Passionen wurden ja vielfach belächelt, aber er war zu sehr Philosoph, um sich das sonderlich anfechten zu lassen. Für Grumbachs war er geradezu unentbehrlich geworden, schon durch die Macht der Gewohnheit; aber auch sonst. Er war ein treuer und sorglicher Freund, auf den man sich in allen Lebenslagen unbedingt verlassen kannte. Er war aber auch der Mittler für die Außenwelt; er brachte die Neuigkeiten des Tages ins Haus, sorgte dafür, daß man in Sachen der Kunst aus dem laufenden blieb und wußte in einemfort allerlei Räuberromane und Kriminalgeschichten zu erzählen, bei denen man sich auch ganz gut unterhalten konnte. Dieses Idyll hatte aber nun ein Ende gefunden, und Grumbachs wurden mit einem Male hineingerissen in den Wirbel des gesellschaftlichen Lebens der Reichshaupt- und Residenzstadt, sehr gegen die Neigung des Mannes, nicht so auch gegen die von Frau Violet, die da fand, daß sie nun erst die Rolle spiele, die ihr eigentlich und von Rechts wegen schon lange gebührt hätte. Das war so gekommen: Freiherr Friedrich von Eichstedt, der Chef der altberühmten Firma Eichstedt \& Rausch, war der eigentliche Begründer des Klubs der Industriellen gewesen und dessen alljährlich neugewählter Präsident durch volle zehn Jahre. Als die zehn Jahre um waren, wurde das Jubiläum unter großartigen Ovationen gefeiert. Es gab ein denkwürdiges Bankett, zu dem auch die Damen der Mitglieder eingeladen waren, – die Toilette von Frau Violet war sehenswert. Die große Überraschung für den Präsidenten war die feierliche Enthüllung seines von Leopold Horowitz für den Sitzungssaal gemalten Porträts. Er hatte dem Künstler natürlich dazu gesessen. Es wurden prachtvolle Reden gehalten, und alles war sehr schön. Nur eines schien bedauerlich. Der Präsident wollte nicht mehr. Er hatte genug; er wollte durchaus und durchaus nicht mehr. Er habe seinen Dienst zehn Jahre gemacht, nun solle ein anderer 'ran. Es war nichts zu machen, und in der nächsten Generalversammlung wurde einstimmig zum Präsidenten – Andreas Grumbach gewählt. Nun war sie da, die Bescherung! Ablehnen ging nicht. Zu Hause redete Frau Violet zu, und sie hatte sich sogar hinter Dagobert gesteckt, daß er ihrem Mann die etwaigen Bedenken austreiben möchte. Aber auch ohne das – es ging wirklich nicht, abzulehnen. Die Wahl bedeutete eine Auszeichnung, die reichlich auch einen hohen Orden aufwog. Der erste Klub der Stadt, der Klub der Millionäre, wie er im Volksmund hieß! Der Mann, der da an die Spitze berufen wurde, der stand damit eigentlich an der Spitze der Industriellen überhaupt. Dazu mußte einer doch schon, figürlich gesprochen, von guten Eltern sein, das will besagen, daß sein persönlicher und geschäftlicher Ruf über allen Zweifel erhaben, sein Kredit ein unbeschränkter und dementsprechend auch sein Reichtum ein sehr wohlfundierter sein mußte. Für einen Geschäftsmann war also eine solche Berufung nicht mehr und nicht minder als ein Adelsbrief. Derlei lehnt man nicht ab, zumal die Würde auch ihre Bürde hatte, welche die Übernahme in doppelter Hinsicht als Ehrenpflicht erscheinen ließ. Es war bekannt und durch die Amtsführung des ersten Präsidenten förmlich zur Tradition geworden, daß mit der Leitung des Klubs ganz erhebliche materielle Opfer verbunden waren. In Wien haben die Klubs von jeher einen sehr schweren Stand gehabt. Die unzähligen eleganten Kaffeehäuser, die London, der klassische Boden des Klubwesens, nicht hat, bieten da mit ihren Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten eine schier unbesiegliche Konkurrenz. Darum vegetieren denn auch alle Klubs nur notdürftig und arbeiten mit Defizit, solange es eben geht. Trotzdem wollten die Industriellen ihren Klub haben, und bei dem mußte natürlich von vornherein jeglicher Zweifel an seinem Bestande ausgeschlossen bleiben. Da nun aber auch die Industriellen nicht zaubern können, so verließ man sich ruhig darauf, daß der jeweilige Präsident schon für die Ehre des Hauses, also auch dafür sorgen werde, daß da kein Defizit zum Vorschein kam. Die Mitgliedsbeiträge waren recht ansehnlich, zweihundert Gulden jährlich, und dazu kamen noch Einnahmen aus den Kartengeldern, die im Jahre doch an die zwanzigtausend Gulden ausmachten. Aber auch an Ausgaben fehlte es nicht. Zehntausend Gulden Miete, zehntausend Gulden das Personal, zehntausend Gulden für Heizung, Beleuchtung, Zeitungen und sonstige Anschaffungen, zehntausend Gulden Verlust bei Küche und Keller; denn es mußte alles erstklassig und dabei billig sein, um die Mitglieder heranzulocken und zusammenzuhalten. Und so ging das fort. Da läppern sich die Ausgaben doch schon zusammen. Mit all diesen Sorgen war nun Andreas Grumbach beladen, und das war noch nicht einmal alles. Die neue Würde legte auch Repräsentationspflichten auf, vor denen er früher so schön Ruhe gehabt hatte. Früher hatte er so bequem abseits gesessen, und nun riß ihn der gesellschaftliche Strom mit. Gab der Minister des Kaiserlichen Hauses und des Äußeren einen Rout oder der Ministerpräsident eine Soiree, wurde ein Denkmal enthüllt oder ein General begraben, eine Schule eingeweiht oder eine Ausstellung eröffnet, – der Präsident des Klubs der Industriellen wurde eingeladen und mußte dabei sein, was dann natürlich auch immer zum ewigen Gedächtnis ins Protokollbuch der Vorstandssitzungen eingetragen wurde. Dann kamen auch noch die privaten Einladungen, für die man sich revanchieren mußte. Kurz, es ging recht bunt zu, und Frau Violet war's sehr zufrieden. Die Hauptschuld an allem trug eigentlich Baron Eichstedt. Erstlich einmal, weil er überhaupt das Präsidium niedergelegt hatte, und zweitens, weil er sich in Frau Violet ganz verliebt hatte – natürlich und selbstverständlich in allen Ehren. Das war die Dame, wie er sich sie schon lange gewünscht und lange gesucht hatte. Seine eigene Frau war ihm schon vor zwölf Jahren gestorben, und seit der Zeit hatte alles gesellschaftliche Leben in seinem Hause geruht. Er hatte sich ganz seinem Klub gewidmet, der ihm das Heim ersetzte. Nun regte sich aber doch das Gewissen in ihm; das mußte anders werden. Als seine Frau gestorben war, hatte sie ihm ein einziges Kind hinterlassen, eine kleine Tochter, Gretl. Das war jetzt eine junge Dame von achtzehn Jahren, an deren Zukunft man doch denken mußte. Er mußte Leute bei sich sehen, und er mußte das Mädchen in die Welt einführen. Dazu brauchte er eine befreundete Dame, die liebenswürdig genug war, an seiner Seite in seinem Hause bei festlichen Anlässen mit die Honneurs zu machen und außer Hause seine Tochter mit der nötigen Anmut und Würde zu chaperonieren. Weit und breit hätte er da keine geeignetere Persönlichkeit finden können als Frau Violet. Das war eine Dame von Welt, die sich anzuziehen, sich zu benehmen und zu repräsentieren wußte, und dabei war sie niemals steif und langweilig, sondern immer gut aufgelegt und munter. Gretl konnte von ihr schon etwas lernen. Daß sie Schauspielerin gewesen, tat ihr gesellschaftlich keinen Abbruch. Wenn es anfänglich vielleicht hier und da Bedenken gegeben haben mochte, so hatte diese das Schwergewicht des gesellschaftlichen Ansehens ihres Mannes doch sehr bald beiseite gedrückt. Dagobert Trostler tat bei alledem immer mit. Grumbach hätte ihn um keinen Preis aufgegeben, und auch Frau Violet war so an ihn gewöhnt, daß er ihr sehr gefehlt hätte. Er hatte also, als Grumbach Präsident wurde, nicht nur in den Klub einzutreten, er mußte es sich auch gefallen lassen, auf Vorschlag des Präsidenten in den Ausschuß kooptiert zu werden. Die Freundschaft war eine notorische, und man richtete sich danach. Man wußte, daß man dem Herrn Präsidenten gefällig sei, wenn man mit ihm auch seinen Freund einlud. Wie jedem großen Manöver die Kritik folgt, so folgte jeder mitgemachten Unterhaltung, und wenn man noch so spät heimkehrte, im Hause Grumbach die kritische Besprechung derselben. Dagobert mußte immer noch »auf einen kleinen Schwarzen und eine Zigarre« mitfahren. Frau Violet wollte es so. Man könne doch nicht gleich schlafen gehen. Ein kleiner Plausch, ein kleiner Tratsch, ein bisserl Leutausrichten – das beruhigt die Nerven wunderbar. So saßen die drei wieder einmal zu nächtlicher Stunde beisammen und übten Manöverkritik an der eben absolvierten Soiree bei Eichstedts. »Es war doch sehr hübsch,« bemerkte Frau Violet, die da allerdings interessierte Partei war. »Es war tadellos,« bekräftigte Dagobert, seinen Schwarzen schlürfend. »Sie waren einfach bewunderungswürdig, Frau Violet, wie Sie die Honneurs machten.« »Mein Gott, es ist so schwer, wenn so viele Leute da sind!« »Ja, ein wenig zu voll war es doch wohl.« »Sie haben sich darüber nicht zu beklagen, Dagobert. Sie liegen ja immer auf der Lauer mit Ihren Beobachtungen. Je mehr Leute, desto besser für Sie.« »Das ist nicht richtig, Frau Violet. Es beobachtet sich besser, wenn das Gewühl nicht so groß ist.« »Also gar keine Ausbeute heute?« »O doch, eine Kleinigkeit schon! Ich möchte wissen, ob sie ihn auch liebt.« »Sie haben so eine merkwürdige Art, Dagobert, die Leute mit unvermittelten Fragen und Behauptungen zu überrumpeln. Wer soll wen lieben? Und wie soll ich das wissen?« »Nicht so unvermittelt, wie es scheint, Gnädigste. Ich liebe es nur, gelegentlich das Bekannte als bekannt vorauszusetzen und mich damit nicht weiter aufzuhalten. Ich meine wirklich, daß, wenn jemand es wissen könnte, Sie es sein müssen.« »Etwas deutlicher, wenn ich bitten darf!« »Ich habe im Vorzimmer, als wir weggingen, eine hübsche kleine Szene beobachtet. Eine Schauspielerin hätte davon lernen können.« »Sie machen mich neugierig, Dagobert.« »Die Dienerschaft half den Herrschaften in die Überkleider. Ein junger Mann, unzweifelhaft der hübscheste in der ganzen Gesellschaft – er hat so schöne melancholisch-träumerische Augen – « »Ich weiß schon – Baron André, der kleine Attaché.« »Bei welcher Gesandtschaft?« »Bei keiner vorläufig. Er ist Diplomat von Beruf und wartet nun hier darauf, daß ihn seine Regierung nach Petersburg oder Madrid dirigiere.« »Gut. Ich bemerkte also, daß dieser junge Mann nicht ohne Geschicklichkeit so manövrierte, daß nicht einer der sechs Lakaien dazu kam, ihm beim Anziehen behilflich zu sein, sondern das einzige im Vorzimmer anwesende Stubenmädchen.« »Die war eigentlich da, um den Damen zu helfen.« »Verstehe vollkommen. Kein schlechter Geschmack; hätte mir auch lieber von ihr helfen lassen. Ich beobachtete weiter. Und nun kommt die kleine Szene; sie war allerliebst. Er drückt ihr etwas in die Hand, das Trinkgeld. Da hätten Sie das Gesicht des Kammerkätzchens sehen sollen; es war zu reizend. Im ersten Moment Verblüffung, eisige Kälte, ja geradezu Entrüstung. Dann ein rascher Blick und darauf sofort hellster Sonnenschein. Rasch fuhr die ordnende Hand noch einmal über seinen Überrrock, dann ein freundliches Lächeln und eine devote Verbeugung. Das Mädel hat mir gefallen!« »Wenn sie Ihnen nur gefallen hat, Dagobert! Und was hat es weiter auf sich mit Ihren interessanten Vorzimmerstudien?« Frau Violet sagte das in nicht gerade sehr gnädigem Tone. Freund Dagobert hätte wissen können, daß man bei einer schönen Frau, vielleicht bei einer Frau überhaupt, sehr selten Glück damit hat, wenn man über ein anderes weibliches Wesen besonders entzückt ist. Und nun erst, wenn dieses andere Wesen ein Stubenmädchen ist! Ernste Forscher sind zwar längst darüber einig, daß unter Umständen auch Stubenmädchen ihre ästhetischen Vorzüge haben können, aber über gewisse Dinge ist mit Frauen einmal nicht zu reden. »Ich meine,« fuhr Dagobert fort, »daß dieses wechselnde und ausdrucksvolle Mienenspiel einer Künstlerin auf der Bühne einen Spezialapplaus eingetragen haben würde. Während der Fahrt zu Ihnen, meine Gnädigste, habe ich mir die Sache dann zurechtgelegt. Die Zofe hat in ihrer Hand zuerst die kleine Münze gespürt. Darob die gerechte Entrüstung. Der rasche Blick belehrte sie, daß es keine kleine Münze, sondern ein Goldstück war. Daraufhin –« »Erlauben Sie, lieber Dagobert,« unterbrach ihn Frau Violet ein wenig ungeduldig, »Ihre Trinkgeldphilosophie mag ja recht interessant sein, aber eigentlich ist es doch nicht das, was ich von Ihnen wissen wollte.« »Ich bin ganz bei der Sache, meine Gnädigste, aber man muß einen Menschen doch ausreden lassen. Goldstücke als Trinkgelder sind bei uns nicht recht gebräuchlich. In älteren Opern und Tragödien wirft man der Dienerschaft noch einen Beutel Zechinen hin, aber das ist nicht mehr modern. Heutigestags sind nur noch die französischen Dramatiker besonders verschwenderisch. Die lassen ihre Helden gewöhnlich einen ungeheuern Aufwand treiben – aus eine Million mehr oder weniger kommt es ihnen gar nicht an –, und namentlich lassen sie sie gern riesige Trinkgelder verteilen. In unserem bürgerlichen Gesellschaftsleben ist das nicht Stil. Wir geben einen Silbergulden, und ich meine –« »Aber – Dagobert!!!« »Werden Sie mir nur nicht ungeduldig, meine Gnädigste!« »Wie soll da aber ein Mensch auch nicht ungeduldig werden! Sie wollten von einem Herzensroman sprechen, bei dem ich eine Rolle spielen sollte, und nun halten Sie mir einen Vortrag – über Trinkgelder!« »Ich sagte, daß ich mir die Sache im Wagen zurechtgelegt habe. Die Trinkgeldgeschichte hat mich erst auf die richtige Fährte gebracht. Der junge Mann ist nicht dumm –« »Hat auch niemand behauptet!« »Und geht sehr methodisch vor. Baronin Gretl ist die anmutigste und liebenswürdigste junge Dame, die ich kenne. Wer hat ihn denn eigentlich in die Gesellschaft eingeführt?« »Gretls Vettern, Fredl, der Kavallerist, und Gustl, der Ministerialsekretär, mit denen er intim befreundet ist. Sie müssen ihn übrigens auch vom Klub her kennen, wo er, seitdem er hier ist, als Gast eingeschrieben ist.« »Er war mir noch nicht ausgefallen. Also er geht methodisch vor. Er liebt Baronin Gretl, und das ist ihm sicher zu verdenken.« »Woher wissen Sie das, Dagobert?« »Zuerst bemerkte ich es daran – aber Sie dürfen nicht böse werden – wie er Ihnen den Hof machte, gnädigste Frau.« »Mir?!« »Ihnen. Allerdings. Das war ganz richtig kalkuliert. Sie vertreten dort die Hausfrau und, wie ich gleich hinzufügen will, mit bewunderungswürdiger Grazie und unvergleichlicher Umsicht. Er hat Ihren Einfuß nicht zu hoch eingeschätzt. Seine Chancen stünden schlecht, wenn er Sie gegen sich hätte. Er hatte sich also an Sie herangemacht und, wie ich mit Vergnügen bemerkt habe, nicht ohne Erfolg.« »Was wollen Sie damit sagen, Dagobert?« »Was ich gesagt habe. Sie haben ihn in Ihr Herz geschlossen.« »Weil er ein reizender Mensch ist.« »Das sage ich auch. Es läßt sich nichts Hübscheres und Liebenswürdigeres denken als die Art, wie Sie, gnädige Frau, trotz der vielseitigen Inanspruchnahme die beiden Leutchen wohlwollend zu bemuttern wußten.« »Habe ich damit etwas Unrechtes getan?« »Gewiß nicht. Mir war es eine spezielle Freude, zu sehen, wie sich auch bei Ihnen der echt weibliche Trieb, Ehen zu stiften, betätigte.« »Und was hat bei alledem – das Trinkgeld zu tun?« »Nicht viel mehr, als daß es mich auf einige Ideen gebracht hat. Ich hätte sonst kaum über die ganze Geschichte weiter nachgedacht. Methodisch – sagte ich. Sie waren gewonnen. Irgendein Lümmel von den Lakaien hätte ihm kaum etwas nützen können, dagegen kann die Zofe unter Umstünden eine ganz verwendbare Bundesgenossin werden.« Nun war auch Frau Violet befriedigt. Es hatte ihr doch gefallen, wie Dagobert all das herausgebracht hatte, wovon sie geglaubt hätte, daß es noch kein Mensch bemerkt habe. – Einige Tage später befand sich Dagobert wieder im Grumbachschen Hause. Sie waren nur zu dritt bei Tisch gewesen, dann begaben sie sich ins Rauchzimmer, wo Frau Violet sich's auf ihrem Lieblingsplätzchen beim Kamin bequem machte, während die beiden Herren sich am Rauchtische einrichteten. Man saß erst eine Weile schweigend, und dann begann Dagobert mit ganz harmloser Miene, als spreche er von der natürlichsten und selbstverständlichsten Sache der Welt: »Weißt du übrigens, mein lieber Grumbach, daß in deinem Klub falsch gespielt wird?« »Um Gottes willen!« rief Grumbach und fuhr wie von der Tarantel gestochen auf. Er war ganz blaß geworden. »Das ist ja entsetzlich! Und das sagst du mir erst jetzt?!« »Ich weiß es selber erst seit heute vormittag, und ich wollte dir nicht vor Tisch den Appetit verderben.« »Ich danke ab!« »Das heißt, du willst dich um nichts kümmern. Dein Nachfolger soll dann sehen, wie er mit der Geschichte fertig wird.« »Jedenfalls will ich mit solchen Geschichten nichts zu tun haben.« »Von dir aus soll also dann ruhig weiter falsch gespielt werden?« »Aber Dagobert, siehst du denn nicht, daß meine Lage furchtbar ist?« »Angenehm ist sie allerdings nicht, Herr Präsident!« »Da wird sich ein namenloser Skandal entwickeln!« »Das ist wohl anzunehmen.« »Und der Klub wird dabei zugrunde gehen! Was haben wir uns nicht alles auf unsere bürgerliche Ehrbarkeit zugute getan! Mit welcher Beruhigung haben nicht unsere alten Herren uns ihre Söhne zugeführt, – und nun das, das Allerschrecklichste. Ich geh'!« »Ich denke, daß du gerade bleiben mußt, um den Klub zu retten.« »Ich danke dir! Wessen Name wird mit der schmutzigen Geschichte in Zusammenhang gebracht werden? Der meinige! Das Regime Grumbach! Unter seinem Vorgänger war derlei doch nicht möglich! Den Klub retten? Der ist so wie so verloren. Es braucht nur ein Wort davon in die Öffentlichkeit zu dringen, – und wie willst du das verhindern? – und jeder, der nur etwas auf seine Reputation hält, wird sich zurückziehen. Mit Recht. Polizei, Staatsanwalt, ein Skandal, wie er noch nicht da war, – und mitten drin throne ich als Präsident!« »Es ist eine böse Geschichte, Grumbach, aber eben deshalb müssen wir trachten, den Kopf nicht zu verlieren.« »Da läßt sich nichts mehr machen, wenn die Sache einmal ins Rollen gekommen ist. Soll ich's vielleicht auf mich nehmen, solche Geschichten zu vertuschen?! Es ist meine Pflicht, die Anzeige zu machen, und damit reiße ich den Klub zusammen.« »Hja – ehrlich gestanden, bin ich mir in diesem Falle selber nicht klug genug.« »Was weißt du, Dagobert?« »Ich weiß zunächst nur, daß falsch gespielt wird, mehr nicht.« »Hast du Beweise?« »Ich habe sie in der Tasche.« Er griff in die Rocktasche und brachte ein Spiel Karten zum Vorschein, das er Grumbach überreichte. Frau Violet, die schon still vor sich hinzuweinen begonnen hatte, weil sie nicht ohne Grund ihre glücklich errungene gesellschaftliche Stellung ernstlich bedroht sah, wenn Grumbach wirklich abdankte, gesellte sich nun zu den beiden Herren und begann mit ihrem Gatten das verhängnisvolle Spiel zu prüfen. Beide waren aber außerstande, irgend etwas Verdächtiges zu entdecken. »Die Sache ist ja nicht schlecht gemacht,« gab Dagobert zu, »aber es ist doch die einfachste Form der Maquillage. Es gibt noch bessere Methoden. Diese ist nur die bequemste und für ein Publikum, das nicht argwöhnisch ist, vollkommen ausreichend.« »So zeigen Sie uns doch,« drängte Frau Violet, »wie und wo diese Karten gezeichnet sind!« »Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste. Zuerst will ich Ihnen aber beweisen, daß sie wirklich markiert sind. Wollen Sie so freundlich sein und das Spiel mischen. Nur noch mehr! So! Haben Sie gut gemischt?« »Gewiß!« »Gut, und nun, Grumbach, hebe du ab. Noch einmal! Man kann nicht vorsichtig genug sein. Und nun werde ich Blatt geben. Wie viele Karten soll ich Ihnen geben, Gnädigste?« »Sagen wir vier.« »Gut, da haben Sie vier Karten. Halten Sie sie nur recht vorsichtig, damit ich sie nur ja nicht sehe. Hier auch für dich vier Karten, Grumbach. Glauben Sie, daß ich sehen konnte, was ich Ihnen gab?« »Unmöglich!« »Natürlich ganz unmöglich, aber Sie, meine Gnädigste, haben Herz Dame, Carreau König, Herz acht und Pique Dame, und du, Grumbach: Pique König, Herz Buben, Treff Aß und Carreau Aß. Stimmt es?« Es stimmte. »Und glauben Sie nun,« fuhr Dagobert fort, »daß mir diese Wissenschaft einen recht erheblichen Vorteil über meine Mitspieler sichert?« »Ob ich das glaube!« rief Frau Violet. »Hören Sie, Dagobert, Sie sind mir unheimlich. Sie sind ja förmlich selber ein vollendeter Falschspieler!« »Ich könnte es wenigstens sein, meine Gnädige. Denn alles, was dazu gehört, weiß und beherrsche ich vollkommen. Mein Gott, man macht seine Studien. Es gibt nämlich auch dafür eine Literatur. Ein sehr belehrendes Buch über das Falschspiel hat der hervorragende französische Polizist Mr. Cavaillé geschrieben. Unterhaltend ist auch das Buch des Prestidigitateurs Houdin über denselben Gegenstand. Das gründlichste Buch darüber schrieb aber natürlich ein Deutscher, der unter dem Pseudonym Signor Domino sich nur notdürftig verbarg. Sogar eine eigene Zeitschrift war dieser nobeln Disziplin gewidmet. Sie erschien knapp vor Ausbruch der großen Revolution und führte den Titel Diogène à Paris . Das Falschspiel dringt auch in weitere Kreise und höher hinauf, als man gemeiniglich annimmt. Von Kardinal Mazarin wird mit aller Bestimmtheit behauptet, daß er ein Falschspieler gewesen sei. Vielleicht ist das Mythe, sicher aber und beglaubigt ist es, daß im Jahre 1885 Graf Callado, der Gesandte des Kaisers von Brasilien, in Rom beim Falschspielen abgefaßt worden ist.« »Hören Sie, Dagobert, Sie wissen aber auch alles!« »An mir ist, vielleicht nicht nur meiner Überzeugung nach, ein Detektiv verloren gegangen, und eine was für klägliche Rolle müßte ein solcher gegebenenfalls spielen, wenn er das alles nicht wüßte und könnte.« »Jedenfalls mochte ich mit Ihnen nicht spielen,« sagte Frau Violet lachend. »Ich danke für das ehrende Vertrauen, aber ich möchte es Ihnen selbst nicht anraten. Ich bin nämlich ein starker Spieler und in allen Sätteln gerecht. Ich habe das Spieltalent. Viel tue ich mir darauf nicht zugute, aber es ist einmal da. Ich wäre also auch ohne Mogelei für jeden, geschweige denn für Ihr kindliches Gemüt, meine Gnädige, ein sehr gefährlicher Gegner. Weil dem aber so ist, und weil ich alles weiß und kenne, spiele ich selbst niemals, grundsätzlich nicht. Ich bin nur ein sehr geachteter Kiebitz, der im Zuschauen keine Fehler macht, und gelte bei allen Streitfragen als oberste und inappellable Instanz.« Grumbach war viel zu erregt und bekümmert, um jetzt den Plaudereien Dagoberts den richtigen Geschmack abgewinnen zu können. Er wollte wissen, wie Dagobert darauf gekommen sei, daß im Klub mit gezeichneten Karten gespielt werde. »Das war sehr einfach,« entgegnete Dagobert. »Als Ausschußmitglied habe ich die Pflicht, mich um die Verwaltung zu kümmern. Was Küche und Keller betrifft, habe ich mich schon umgetan. Es ist alles in schönster Ordnung, und – tröste dich – das Defizit aus diesen Betrieben wird uns ungeschmälert erhalten bleiben. Dann wollte ich mich auch für das Kartendepartement interessieren. Von einem Amateurdetektiv wird dich das nicht wundernehmen. Auch da, was die Verrechnung betrifft, alles in Ordnung.« »Ich danke für eine solche Ordnung!« rief Grumbach mit Bitterkeit dazwischen. »Da kam mir die Idee,« fuhr Dagobert fort, »die einem anderen vielleicht nicht gekommen wäre. Ich wollte einmal die überspielten Karten überprüfen. Ich ließ mir also alle Kartenspiele, die während der abgelaufenen Woche zur Verwendung gelangt waren, ins Vorstandszimmer bringen, sperrte die Tür ab und nahm dann die Überprüfung vor.« »Wie viele Spiele hat man Ihnen denn hingeschleppt?« fragte Frau Violet. »Vierhundertundfünfzehn Spiele, meine Gnädige.« »Herrgott, da haben Sie ja eine furchtbare Arbeit gehabt!« »Es war nicht so arg. Sie müssen nicht glauben, daß ich jede einzelne Karte unter die Lupe genommen habe, sonst säße ich ja noch dort. Ich nahm aus jedem Spiele nur eine Karte, allerdings ein Honneur. Wenn nämlich die wichtigen Karten nicht gezeichnet waren, dann waren es die übrigen sicher auch nicht. War aber ein Spiel markiert, dann mußten es in erster Linie jene Blätter sein, auf die es in der Partie hauptsächlich ankommt. So konnte ich doch in drei Stunden fertig werden.« »Und was hast du gefunden?« fragte Grumbach. »Wie ich bereits bemerkt, – daß im Klub falsch gespielt wird. Ich habe sechs gezeichnete Spiele beseitigt und unter Verschluß genommen. Eines davon ist das hier.« »Sie haben uns noch immer nicht gezeigt, wie sie markiert sind.« »Ich glaube es doch schon gesagt zu haben, – Maquillage, einfache Maquillage!« »Wir sind nicht vom Fach, lieber Dagobert. Mit uns müssen Sie schon etwas deutlicher reden.« »Wohlan, hören Sie mir zu, gnädige Frau. Sie werden enttäuscht sein, wie einfach die Geschichte ist. Sehen Sie sich diese Rückseite der Karten an. Sie ist bedruckt und weist ein einfaches, mit Absicht so gewähltes Muster auf, daß es dem Auge keine besonderen Anhaltspunkte biete. Wir haben hier zahllose Punkte und kleine, nicht ganz geschlossene Kreislinien. Der Falschspieler hat nun folgende Methode gewählt: er nahm eine seine Nähnadel, tauchte ihre Spitze in reines, farbloses und durch Erhitzung flüssig gemachtes Wachs. Dann stach er leicht an bestimmter Stelle in die Rückseite, natürlich nicht so stark, daß die Spitze durch das Blatt durchgedrungen wäre. So leicht er auch stach, die Spitze hat doch eine kleine Vertiefung verursacht, und in dieser setzte sich ein Atom von Wachs fest.« »Das kann man aber doch unmöglich mit den Fingerspitzen spüren!« bemerkte Frau Violet, indem sie gleich die Probe zu machen versuchte. »Wenn er sich auf seinen Tastsinn hätte verlassen wollen, hätte er eine andere Methode versucht. Es gibt solche, sie sind aber gefährlicher und darum weniger empfehlenswert.« »Aber sehen kann er diese Pünktchen doch auch nicht!« fuhr Frau Violet fort, wieder bemüht, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen. »Man kann sie sehr gut sehen. Lassen Sie nur das Licht auf der Rückseite spielen!« »Ja, wahrhaftig!« rief Frau Violet erfreut. »Hier sieht man es ganz deutlich, – ein matter Punkt!« »Das ist der ganze Witz. Das Kartenpapier glänzt, und in den Lichtreflexen macht sich ein toter Punkt leicht bemerkbar, allerdings nur für den Wissenden. Alles übrige ergibt sich von selbst. Sie sehen, da stehen acht kleine Kreislinien in einer Reihe, und es gibt zwölf Reihen. Ein Spiel könnte also aus sechsundneunzig Blatt bestehen, und der Künstler käme noch immer nicht in Verlegenheit, wo er für jedes Blatt seinen Punkt hinsetzen soll, wenn er sein System einmal festgestellt hat. Seinem Gedächtnis ist dabei gar nicht viel zugemutet. Die erste Reihe gilt für Coeur, die zweite für Carreau und so weiter. Angefangen wird mit dem König, dann kommt die Dame, – die ganze Sache, so frech sie ist, ist beinahe kindisch.« Grumbach hatte bei weitem nicht das Interesse für die Details wie seine Frau. Ihn peinigte die kritische Lage, in die nun er und mit ihm der ganze Klub geraten war. Seine Gedanken bewegten sich nach ganz anderer Richtung. »Ich bin nur glücklich, Dagobert,« begann er, »daß ich dich jetzt zur Hand habe. Du bist der Mann, dem Schwindel ein Ende zu machen.« »Ich schmeichle mir allerdings, der richtige Mann zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein. Ich verbürge mich dafür, daß ich dir den Gauner in wenigen Tagen stelle!« »Du bist zu gütig, Dagobert, aber dafür danke ich ganz entschieden!« »Habe ich mir so gedacht.« »Wenn ich ihn kenne, muß ich ihn dem Gerichte ausliefern. Muß ich, geht gar nicht anders; und dann haben wir den öffentlichen Skandal mit all seinen Konsequenzen.« »Das glaube ich auch. Was soll ich aber sonst tun?« »Bringe mir den Schurken in aller Stille weg. Er soll sich seinen Strick anderswo suchen. Kein Mensch darf von der Geschichte auch nur ein Sterbenswörtchen erfahren, und was mich betrifft, so will ich nie mehr etwas von ihr hören.« » Bon! Soll besorgt werden.« Vier Tage später saßen sie wieder zu dritt im Grumbachschen Hause. Bei Tisch, wo die Dienerschaft ab und zu ging, wurde nur von gleichgültigen Dingen gesprochen, von den Soireen bei Eichstedts, von dem nächsten Damenabend, der im Klub veranstaltet werden sollte, und dergleichen mehr. Als sie aber dann im Rauchzimmer saßen, sicher vor Störungen durch die Dienerschaft, und Dagobert sich anschickte, harmlos weiterzuplaudern über die alltäglichen Ereignisse, da konnte Grumbach doch nicht länger an sich halten und brach mit der spannungsvollen Frage los: »Nun, Dagobert, wie steht's?« »Womit?« »So sei doch nicht so, – du kannst dir ja denken!« »Du meinst doch nicht die – die gewisse Affäre?« »Natürlich meine ich die! Was sollte ich sonst meinen?!« »Ich dachte, damit dürfe man dir überhaupt nicht mehr kommen!« »Sei nicht kindisch, Dagobert, ich muß doch wissen, was vorgeht!« »Ich habe selbstverständlich deinen Auftrag erfüllt. Die Sache ist erledigt. Du kannst ruhig sein: es ist all right .« »Gott sei Dank!« rief Grumbach aufatmend. »Ich kann also wirklich wieder ruhig schlafen?« »Wie ein Murmeltier. Kein Mensch wird je etwas davon erfahren. Es müßte denn sein, wofür ich mich natürlich nicht verbürgen kann, daß der betreffende Herr selber plaudert, aber ich glaube, daß das nicht sehr wahrscheinlich ist.« »Sie müssen erzählen!« drängte nun Frau Violet. »Aber der Herr Gemahl erlaubt es ja nicht!« »Unsinn, Dagobert, – erzähle!« »Es gibt nicht viel zu erzählen, wenigstens nichts Dramatisches, da ich mich natürlich an deine Befehle halten mußte. Ich hatte zu erreichen, daß nicht mehr falsch gespielt werde. Das ist erreicht.« »Ich bin furchtbar neugierig, wie Sie das gemacht haben,« warf Frau Violet ein. »Die Sache war von Haus aus nicht schwer, und sie ist noch leichter gegangen, als ich mir es vorgestellt hatte. Zunächst also, meine Gnädige, mußte ich mir klarmachen, wie der Betrug ins Werk gesetzt wurde. Die Karten waren selbstverständlich vorher präpariert, – wie aber wurden sie auf den Spieltisch geschmuggelt? Am einfachsten ließ sich das machen, wenn einer von den Dienern, die mit den Karten zu tun haben, mit im Einverständnis war. Bei uns ist die Einrichtung so, daß zu jedem Spieltisch eine silberne Tasse mit drei Päckchen Karten auf ein niedriges Taburett gestellt wird. Die Herren lieben es, wenn sie eine Stunde mit einem Spiele gespielt haben, ein frisches Päckchen zu nehmen. Der Diener hätte also zu dem betreffenden Spieltisch und der betreffenden Gesellschaft –« »Welche Spielgesellschaft war es?« fragte Grumbach. »Keine Ahnung! – unter den drei Spielen nur das gezeichnete mit zu servieren gehabt. So hätte sich die Sache ganz unauffällig gemacht.« »Und ist es so gemacht worden?« forschte Frau Violet. »Nein, meine Gnädige. Unser Künstler arbeitet ohne Gehilfen. Das ist sicherer und billiger. En Mitwisser ist immer eine Gefahr, und zu große Spesen will man sich bei dem Geschäft doch auch nicht machen.« »Ich begreife überhaupt nicht recht,« bemerkte Grumbach dazwischen, »wie einer bei uns auf diese Idee verfallen konnte, wo ich doch grundsätzlich und mit aller Strenge darauf halte, daß im Klub kein Hasardspiel gespielt werde. Das dulde ich absolut nicht!« »Ein sehr schöner Grundsatz – zweifelsohne, und du hast sehr recht damit, mein lieber Grumbach, aber in der Praxis gibt es auch da einen Haken. Das Verbot muß bestehen – natürlich; der Staat erläßt es ja auch, obschon nur da die Bevormundung weniger gefällt. Wenn ein paar Tagediebe dumm genug sind, sich auch auf solche Scherze einzulassen, so weiß ich nicht, ob man das Recht oder die Pflicht hat, sie gerade da beim Zipfel zu nehmen. Läßt man sie da nicht, so wissen sie sich sicher irgendeine andere, nicht minder ausgiebige Dummheit zu finden.« »Man muß die Leute vor sich selber schützen,« bemerkte der Herr Präsident. »Vielleicht die wirtschaftlich Schwachen. Für die Schwachen im Geist und Charakter gibt es keinen Schutz.« »Nur jetzt keine Philosophie, lieber Dagobert!« flehte Frau Violet. »Erzählen Sie lieber weiter; so neugierig war ich noch nie!« »Sofort, meine Gnädige – nur noch eine Bemerkung. Der Trieb, Hasard zu spielen, besteht einmal, ist vielleicht in der menschlichen Natur begründet, und da kann er, wenn er sich betätigt, leicht gefährlicher werden, wenn das gezwungenermaßen im geheimen geschieht, als im Lichte und unter der Kontrolle der Gesellschaft. Aber das nur nebenbei. Das Verbot muß natürlich schon anstandshalber doch aufrechtbleiben. In unserem Falle bedurfte es des Hasardspiels gar nicht. Gespielt wird mit Marken. Wie hoch sich die Herren diese bewerten, das ist ganz ihre Sache, und kein anderer braucht es zu erfahren. Unser Künstler konnte sich da auch bei dem harmlosesten und erlaubtesten Spiele ganz ohne alles Aufsehen täglich seine drei- oder fünfhundert Gulden verdienen. Das ist, meine ich, auch schon etwas!« »Hinrichten müßte man einen solchen Menschen!« meinte Frau Violet so nebenbei. »Ich habe also die Klubdiener aufs Korn genommen. Es wird dir angenehm sein zu hören, Grumbach, daß sie mit dieser Sache absolut nichts zu tun haben. Ich habe sie, ohne daß sie's merkten, besonders scharf examinierte Sie sind vollkommen ahnungslos.« »Das ist mir auch angenehm,« bestätigte Grumbach. »Nun mußte ich also weiter kombinieren. Ich hatte sechs Spiele säsiert, und zwar drei Tarock- und drei französische Spiele, und alle waren nach demselben System gezeichnet. Durchgesehen hatte ich das Material von einer Woche. Nun war ich zu folgenden Schlüssen berechtigt: erstens: es gibt da nur einen Falschspieler. Zweitens: der Falschspieler hat täglich nur ein gezeichnetes Spiel in Verwendung gebracht. Das ist auch erklärlich. Denn drittens: er mußte das vorbereitete Spiel selber auf das Taburett praktizieren und dafür ein anderes Spiel in seiner Tasche verschwinden lassen. Kein ganz leichtes Problem, ich gebe es zu, aber doch immerhin lösbar. Die jungen Herren erscheinen meist im Frack. Denn gewöhnlich haben sie entweder ein Diner hinter sich oder irgendeine andere gesellschaftliche Verpflichtung noch vor sich. Mit Hilfe eines Claque und eines seidenen Taschentuches, die unauffällig auf die Kartentasse gelegt und von dort wieder ebenso unauffällig weggenommen werden können, ist das Problem schon zu lösen. Bei drei Spielern hatte der Fälscher immer zwei Chancen, neben dem Taburett zu sitzen. Bei einiger liebenswürdigen Beflissenheit hatte er überhaupt alle Chancen für sich. Auf die Wahl der Plätze wird ja nicht geachtet; es kommt auch nicht darauf an. Er konnte sogar noch einein der Partner gegenüber zuvorkommend sein und brauchte dann nur dem anderen wirklich zuvorzukommen.« »Du warst von vornherein überzeugt,« fragte Grumbach, »daß es ein junger Mann sein müsse?« »Ja. Einer von unseren alten gediegenen Firmenträgern läßt sich auf solche Dinge nicht ein. Da wäre doch zuviel auf dem Spiele gestanden. Nein, das mußte ein leichtsinniges Früchtchen, irgendein verlorener Sohn sein.« »So rücken Sie doch endlich mit Ihrer Enthüllung heraus, Dagobert!« mahnte die Hausfrau ungeduldig. »Gleich, meine Gnädigste,« erwiderte Dagobert ruhig und sah auf die Uhr. »Ich habe absichtlich ein wenig gezögert, weil ich jetzt eine Störung, einen kleinen Zwischenfall erwarte. Punkt sieben Uhr! Es sollte mich doch wundern – ich muß sagen, eine Unpünktlichkeit würde ich in diesem Falle doch sehr übelnehmen.« »Ja, was erwarten Sie denn?« forschte Frau Violet neugierig. »Ein kleines Lebenszeichen von dem Falschspieler.« »Sie meinen doch hoffentlich nicht, daß er so freundlich sein wird, uns mit seinem Besuch zu beehren?« »Das habe ich nicht verlangt.« »Was sonst?« »Ich habe ihm befohlen, heute punkt sieben Uhr abends an den Herrn Präsidenten eine Buße von fünftausend Kronen zu senden. Ah, er scheint wirklich pünktlich gewesen zu sein. Was gibt's Neues, Peter?« Die letzten Worte galten dem Diener, der eben eingetreten war. Es sei ein Dienstmann draußen mit einem Brief, den er Herrn Grumbach persönlich übergeben müsse. Der Mann wurde hereingelassen. Grumbach schnitt das ihm überreichte große und starke Kuvert auf. Es enthielt fünf Stück Tausendkronennoten und sonst keinerlei schriftliche Mitteilung, auch eine Adresse war auf dem Umschlag nicht. »Wer schickt Sie?« fragte Grumbach den Mann. »Verzeih, lieber Freund,« fiel da Dagobert ein und wandte sich dann an den Boten. »Bezahlt sind Sie doch?« »Jawohl, Euer Gnaden.« »Dann können Sie gehen. Richten Sie aus: ›Es ist gut.‹ Sonst nichts. Adieu!« Als der Dienstmann wieder draußen war, fuhr er fort: »Du mußt schon entschuldigen, Grumbach, daß ich dir da dazwischengefahren bin, aber es ging nicht anders. Dabei bin nämlich auch ich beteiligt, und wenn das der Fall ist, muß ich wenigstens auf fair play halten. Ich habe dem Mann einige Verpflichtungen auferlegt. Die hat er erfüllt, zum Teile wird er sie noch erfüllen. Damit habe ich stillschweigend als Gegenleistung übernommen, ihn nicht zu verraten.« »Mit Gaunern paktiert man nicht!« »Das ist richtig. Dann hatte ich ihn aber kurzerhand der Polizei übergeben müssen. Das wolltest du nicht. Da mußte also ein Ausweg gefunden werden. Jedenfalls geht es nicht an, einen Menschen, und sei es auch ein Verbrecher, für eine Sache doppelt zu strafen, ihn erst privatim zu brandschatzen und ihn dann auch noch dem Gerichte auszuliefern. Das wäre nicht fair .« »Wer ist denn nun aber der Unglücksmensch?« fragte Grumbach erregt. »Ja, wie soll ich das wissen?!« antwortete Dagobert mit sehr unschuldiger Miene. »Da hört doch alles auf – wer sonst?!« rief Grumbach. »Ich gebe dir mein Ehrenwort, Grumbach, daß ich es nicht weiß.« Frau Violet sah mit offenem Munde zu Dagobert auf. »Sie wissen es nicht, Sie geben Ihr Ehrenwort – und das soll ein Mensch glauben?! Und hier liegen die fünftausend Kronen! Ja, Dagobert Trostler, sind Sie von Sinnen?« »Ach, die fünftausend Kronen, – die sollten nur eine sinnige Überraschung für Sie sein, meine Gnädigste. Sie sehen, ich denke immer an Sie. Im übrigen bin ich wirklich kein Hexenmeister. Es geht alles sehr natürlich zu. Grumbach wollte den Übeltäter nicht kennen. Mir war es auch lieber, wenn ich seine persönliche Bekanntschaft nicht machen mußte und wenn ich eine persönliche Begegnung vermeiden konnte. Ich hätte ihn doch wenigstens ohrfeigen müssen. Das wäre das mindeste gewesen, was mir geblüht hätte. Und – Sie begreifen – man regt sich nicht gern ohne Not auf. Da habe ich es doch vorgezogen, an unserem Programm festzuhalten, den Mann nicht zu entlarven, den Skandal zu vermeiden und nur seinen weiteren Betrügereien einen Riegel vorzuschieben.« »Und wie haben Sie das angestellt?« »Es war kein besonderes Kunststück. Ich wußte, daß der Gauner die präparierten Spiele selber mitbringen müsse, und zwar zwei Spiele, da er gerüstet sein mußte sowohl für französische Karten wie für Tarock. Zur Verwendung bringen konnte er nur ein Spiel, und im vornhinein konnte er nicht wissen, welches. Es schien mir nicht wahrscheinlich, daß er zwei Spiele bei sich am Leibe tragen werde. In einem knappen, eleganten Salonanzug hätte das doch leicht auffallen können. Ich begab mich also, als alles beim Spiele an der Arbeit war, in die Garderobe, und indem ich tat, als suchte ich meinen Überzieher, fuhr ich mit beiden Händen an allen dort hängenden Röcken herunter. Einen Diener, der mich hilfsbereit fragte, ob ich etwas suche, schnauzte ich so furchtbar grob an, daß er sofort spurlos verduftete. Dann fand ich auch, was ich suchte.« »Ein Kartenspiel?« »Ich fühlte es von außen, daß es ein Kartenspiel sei. Ich griff in die Tasche. Die Karten waren unter ein seidenes Taschentuch gesteckt, damit sie nicht etwa von außen gesehen werden konnten. Ich nahm die Karten an mich. Eine kurze Prüfung im Vorstandszimmer überzeugte mich, daß ich an den richtigen Mann, beziehungsweise an den richtigen Rock geraten war. Nun war die große Frage: was tun? In Anbetracht aller Umstände entschied ich mich für folgenden Ausweg: ich schrieb hastig einen Brief, den ich nun an Stelle der Karten in jene Tasche steckte.« »Was schrieben Sie in dem Brief, Dagobert?« fragte Frau Violet gespannt. »Ich kann ihn wörtlich zitieren: ›Die Beweise habe ich in der Hand. – Zwei Bedingungen: 1. Sie werden den Klub nicht mehr betreten. 2. Der Präsident wird von Ihnen am nächsten Dienstag um sieben Uhr abends, pünktlich! fünftausend Kronen als wohltätige Spende für den Verein für entlassene Sträflinge zugeschickt erhalten.‹« »Der Verein für entlassene Sträflinge!« rief Frau Violet erfreut. »Eine Buße mußte ich ihm auferlegen, und ich entschied mich auf gut Glück für die genannte Summe, obschon ich natürlich nicht wissen kann, wieviel er seinen Opfern abgenommen hat. Drei Tage ließ ich ihm Zeit, weil ich annahm, daß es ganz gut möglich sei, daß ein Spieler momentan kein Geld hat, daß er es sich aber in drei Tagen beschaffen kann, wenn es unbedingt sein muß. Daraus kann man sich bei Spielern schon verlassen.« »Dagobert, Sie denken aber auch an alles!« »Ich bin noch nicht fertig, Gnädigste. Weiterungen wollten wir ja vermeiden; ich durfte also auch nicht nach den Opfern forschen, um ihnen etwa den Verlust ganz oder teilweise zu ersetzen. Dabei hätte ja die ganze Geschichte aufkommen müssen. Ich entschloß mich also, den Verein für entlassene Sträflinge zu bedenken. Aus zwei Gründen: erstens, um Ihnen eine Freude zu machen, da Sie doch eine der eifrigsten Vorstandsdamen des Vereines sind, und zweitens, weil ich es nur für recht und billig hielt. Ich dachte mir nämlich, wenn der Mann schon das Geld hergibt, soll er wenigstens die Möglichkeit haben, einmal auch etwas davon zu haben.« »Dagobert, Sie sind ein Humorist!« »Indem ich ihm aber die Bedingungen stellte, habe ich einen Vertrag mit ihm geschlossen und mich meinerseits stillschweigend verpflichtet, ihn nicht, wenigstens nicht gleich zu verraten. Du siehst also, Grumbach, es wäre nicht loyal gewesen, den Dienstmann über den Absender auszuholen. Übrigens – verlaß dich darauf – hätte es auch nichts genutzt. So klug war er jedenfalls, daß er nicht selber den Boten abgefertigt, sondern daß er sich einer unverfänglichen Mittelsperson bedient hat, deren Personalbeschreibung uns gar nichts nutzen würde.« Grumbach hätte nun doch gern erfahren, wer der Betrüger sei, der den Klub geschändet hatte, aber er wußte, daß Dagobert einen harten Schädel hatte und sich nicht nach Belieben weiter treiben ließ, als er gehen wollte. Im Innern war er doch sehr zufrieden über diese Art der Lösung, weil sie dem öffentlichen Skandal vorbeugte, der sonst unvermeidlich gewesen wäre. Dagobert ließ sich einige Tage nicht blicken und kam erst wieder, um verabredetermaßen Frau Violet zu einer Soiree bei Eichstedt abzuholen. Grumbach, geschäftlich aufgehalten, wollte erst eine Stunde später nachkommen. Während der Fahrt kam Frau Violet wieder auf den Falschspieler zurück. Der Fall interessierte sie doch sehr. »Dagobert,« begann sie, »ich glaub's nicht, daß Sie's nicht herausgebracht haben, wer es ist. Das kann Ihnen doch keine Ruhe gelassen haben!« »Ich habe es auch herausgebracht, meine Gnädigste, aber verraten Sie mich Ihrem Mann nicht.« »Das ist lieb von Ihnen, Dagobert, daß Sie mir's sagen wollen.« »Das habe ich nicht gesagt, und das werde ich auch nicht tun.« »Ja, was soll ich denn nicht verraten?« »Daß ich's weiß; sonst setzt er mir doch zu, und es wäre nutzlos.« »Warum wollen Sie mir's aber nun nicht sagen?« »Es gibt ernste Gründe dafür, daß Sie es nicht erfahren.« »Das verstehe ich nicht, Dagobert.« »Ist auch gar nicht nötig, meine Gnädige.« »Aber wie Sie's herausgebracht haben, können Sie mir doch sagen.« »O ja, schon damit Sie sich keine übertriebenen Vorstellungen von meiner Detektivkunst machen. Dazu bedurfte es keiner besonderen Schlauheit. Ich wußte, daß die Diener in der Garderobe den Mitgliedern und den ständigen Gästen immer dieselbe Nummer anweisen. Das ist ja sehr praktisch. Ich brauchte mich also nur zu erkundigen, wem die betreffende Nummer gehörte, an welcher der bewußte Überzieher hing.« »So einfach?« sagte Frau Violet ein wenig enttäuscht. Sie hatte sich die Sache viel romantischer vorgestellt. »Sagen Sie noch eins, Dagobert. Haben Sie nicht gefürchtet, daß Sie den Mann zum Selbstmord treiben konnten, als Sie ihm jenen Brief zusteckten?« Dagobert zuckte die Achsel. »Ich hätte das für kein Unglück gehalten und mein Gewissen nicht beschwert gefühlt.« »Sie sind schrecklich, Dagobert. Er hätte aber auch Ihnen etwas antun können.« »Ich hatte, was ich sonst nicht gern tue, anonym geschrieben. Hätte ich mich genannt, dann hätte ich ja auch nicht schweigen können.« »Noch eins, Dagobert. Mußten Sie nicht annehmen, daß er auf Ihren Brief hin fliehen werde, und zwar, bevor er die hohe Summe als Buße erlegte?« »Ich vermutete gleich, daß er nicht fliehen würde, und jetzt weiß ich es bestimmt. Er hat noch ein großes Geschäft vor, das er nur im äußersten Notfall im Stiche lassen wird. Aber wir sind zur Stelle; erlauben Sie, daß ich zuerst aussteige.« Sie waren als die ersten gekommen, aber bald strömten die Gäste herzu, und Frau Violet machte in ihrer entzückenden Art die Honneurs. Dagobert suchte sich Baronin Gretl auf. »Baronin Gretl!« begann er. »Wollen Sie mir zwei Minuten schenken?« »Mit tausend Freuden auch viel mehr, Herr Dagobert!« Sie nannte ihn auch Dagobert, wie die meisten Leute. Viele wußten nicht einmal, daß das gar nicht sein Zuname sei. »Aber ungestört!« fuhr er fort. »Dann stellen wir uns in jene Fensternische.« »Das ist mir nicht ungestört genug.« »Dann kommen Sie mit in Papas Schreibzimmer. Dort können wir die größten Geheimnisse verhandeln.« Im Schreibzimmer setzten sie sich zurecht, und Dagobert fuhr sich sorgenvoll mit der Hand über sein Petrusschöpfchen, als er wieder begann: »Baronin Gretl, ich muß Ihnen Schmerz bereiten.« »Von Ihnen kommt nichts Schlimmes, Herr Dagobert.« »Wollte Gott, daß Sie es leicht nähmen! Baronin Gretl, Sie interessieren sich für einen jungen Mann.« »Ach Gott, Herr Dagobert, – nun kommen auch Sie mir damit! Sie werden mir jetzt beweisen, daß er nichts hat. Das alles weiß ich schon, weiß es aus seinem Munde. Er denkt zu vornehin, um das zu verschweigen, und ich vielleicht, um mir etwas daraus zu machen!« »Nein, Baronin, das wollte ich nicht. Ich bin kein Philister, und ich würde mich über Ihre Tapferkeit nur freuen. Sie haben es nicht nötig, sich von schäbigen Geldrücksichten bestimmen zu lassen.« »Ich tät's auch nicht, wenn ich's nötig hätte, Herr Dagobert.« »Brav gedacht, Baronin Gretl! Wenn der junge Mann auch nur brav und tüchtig und nebenbei ein hübscher Mensch ist –« »Ist er's vielleicht nicht?« fragte Baronin Gretl lachend. »O – er hat wunderhübsche Augen! Aber davon kann gar keine Rede sein, daß er Ihrer würdig wäre.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß er vielleicht alles, aber nur kein anständiger Mensch ist.« »Herr Dagobert, derlei muß man beweisen können!« »Natürlich muß man das.« »Dann beweisen Sie es!« »Nein, Baronin, das will ich nicht. Es würde für Sie eine zu häßliche Erinnerung sein für das ganze Leben. Auch Ihr Vater soll es nicht erfahren. Er würde es immer als einen Schandfleck auf seiner Ehre empfinden –« »Herr Dagobert!« »Als einen Schandfleck, daß ein solcher Mensch in seinem Hause ein- und ausgegangen ist.« »Und das alles soll ich Ihnen aufs Wort glauben?!« »Doch nicht ganz, Baronin. Wir wollen nur im allseitigen Interesse über die Qualitäten des jungen Mannes schweigen. Ich hoffe, Sie auch so überzeugen zu können.« »Und wenn nicht?!« »Dann rette ich Sie gegen Ihren Willen. Ich habe schon einmal einen Selbstmörder aus dem Wasser gezogen, der mich dann durchgeprügelt hat. Das kommt vor. Ich dulde einfach nicht, daß der Mann Ihnen noch einmal die Hand reicht, noch einmal das Wort an Sie richtet. Ich dulde es nicht. Ich will Ihnen sagen, was sich in der nächsten Viertelstunde begeben wird und was Ihnen als vollgültiger Beweis dienen mag. In dem Moment, wo man sich zu Tische setzen wird, wird ein Diener jenem Herrn diesen Brief überreichen. Lesen Sie ihn Baronin.« Baronin Gretl las: »Ich befehle Ihnen, die Gesellschaft sofort und ohne Gruß zu verlassen. Ich befehle Ihnen weiter, innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden von Wien abzureisen und sich nie wieder in dieser Stadt blicken zu lassen, – sonst Polizei! Dagobert Trostler. Wien 1., Tuchlauben 2. I.« »Das ist entsetzlich!« sagte Baronin Gretl tonlos, als sie gelesen hatte. Sie war ganz blaß geworden, und sie blickte ratlos und wie hilfesuchend zu Dagobert auf. »Glauben Sie, Baronin,« nahm dieser das Wort, »daß ein anständiger Mensch sich das bieten läßt? Wenn er noch einen Funken Ehre im Leibe hat oder den letzten Rest eines guten Gewissens, dann muß er mich auf der Stelle ohrfeigen – Sie sehen, ich habe mich voll unterschrieben –, oder er schickt mir unverzüglich seine Zeugen, und ich muß mich mit ihm schießen auf Leben und Tod. Nichts von alledem wird der Fall sein. Er wird sich lautlos davonschleichen wie ein verprügelter Hund.« Baronin Gretl saß bleich und stumm da, aber sie drängte tapfer die aufschießenden Tränen zurück. Plötzlich leuchtete es in ihren Augen auf wie von Entschlossenheit. »Gut,« sagte sie. »Wenn er sich das gefallen lassen muß, dann ist er ein verlorener Mensch!« »Er ist verloren, Baronin, und er verdient kein Mitleid. Mich schmerzt es, daß ich Ihnen wehe tun mußte. Glauben Sie, daß ich handelte, wie ich als Ihr Freund und als der Freund Ihres Hauses handeln mußte?« »Ja, Herr Dagobert, das glaube ich.« Die Ereignisse spielten sich genau so ab, wie Dagobert sie vorher verkündet hatte. Kalligraphierte Karten auf den Gedecken bezeichneten jedem seinen Platz an der Tafel. Dagobert hatte vorher eigenmächtig seine Karte zwischen die Plätze von Baronin Gretl und Baron André niedergelegt. Als man zu Tisch ging, überreichte ein Diener dem Baron André einen Brief, den dieser ungelesen in die Tasche steckte. Der Diener erlaubte sich, dem empfangenen Auftrage entsprechend, die untertänige Bemerkung zu machen, daß der Brief sehr dringlich sei und unverzüglicher Bescheid erwartet werde. Der Baron öffnete den Brief und durchflog ihn rasch. Dann neigte er sich vor, als wolle er das Wort an Baronin Gretl richten. Dagobert flüsterte ihm leise, aber sehr bestimmt zu: »Allons donc – sans adieu!« Der Baron richtete sich wieder auf und verließ schweigend das Gemach. Die Gesellschaft bemerkte seine Entfernung kaum, und das Fest nahm seinen weiteren ungestörten Verlauf. Der große Unterschleif. Das schönste Zimmer im Palast der A. B. B. – man sagte immer und überall nur A. B. B., und doch wußte jeder sofort, daß damit die Allgemeine Bauunternehmungs-Bank gemeint sei – war das Bureau des Generaldirektors. Dieser, ein verhältnismäßig noch junger Mann von gewinnender Erscheinung, saß vor seinem mächtigen Schreibtisch und ordnete mit seinen wohlgepflegten und ringgeschmückten Händen die vor ihm aufgehäuften Briefe und sonstigen Schriftstücke. Da öffnete sich, ohne daß vorher angeklopft worden wäre, die nach dem Vorzimmer führende Tür. Er hob den Kopf. Ein hübscher Kopf. Die ob der wohl nicht ungewohnten, in dieser Form aber ungebührlichen Störung erstaunt blickenden Augen waren blau, und selbst durch den augenblicklichen Unmut hindurch, der nun gerade aus ihnen sprach, hätte ein Menschenkenner und Beobachter einen Strahl von Güte und einer gewissen, beinahe künstlerischen Schwärmerei erkennen müssen. Das glänzende braune Haupthaar war gescheitelt, und zu diesem bildete der erheblich lichtere, ja entschieden blonde Vollbart einen ganz bemerkenswerten Kontrast. Der Kopf, der nun zunächst bei der Tür hereingesteckt wurde, war auch wohl geeignet, Aufmerksamkeit zu erregen. Es war ein Charakterkopf, der so die Mitte hielt zwischen faunischer und biblischer Erscheinung. Das von einem schwarzen Bart umrahmte volle Gesicht sprühte ordentlich von Freude am Lebensgenuß, während das Petrusschöpfchen auf dem gelichteten Scheitel beinahe anlockte, genauer hinzusehen, ob nicht etwa der dazu gehörige Heiligenschein zu entdecken sei. »Haben Sie ein halbes Stündchen für mich Zeit, Herr Ringhoff?« fragte der Mann mit dem fehlenden Heiligenschein. »Ah, Herr Dagobert Trostler!« rief der Generaldirektor sich erhebend. Jede Spur des Unmuts war aus seinem offenen Gesicht geschwunden. »Ob ich Zeit habe? Für Sie immer, auch wenn Sie nicht mein gestrenger Verwaltungsrat wären. Welche Freude! Sie waren verreist, Herr Trostler?« »Jawohl, mehrere Wochen, weit weg – sogar in Amerika!« »Was Sie nicht sagen! Eine Vergnügungsreise, Herr Trostler?« »Ja, es war recht vergnüglich, Herr Generaldirektor. Ich habe vieles gesehen.« »Haben Sie sich auch den Yellowstone-Park angesehen? Der soll ja hochinteressant sein.« »Natürlich habe ich den auch besucht.« »Da müssen Sie aber erzählen, Herr Trostler.« »Dazu bin ich ja zu Ihnen gekommen, Herr Generaldirektor!« Man richtete sich ein. Dagobert setzte sich an die Seite des Schreibtisches mit dem Rücken zum Fenster. Der Generaldirektor rückte ihm ein Zigarrenkistchen zurecht, aber Dagobert lehnte ab. Er habe als Raucher seine Eigenheiten. Er sei einmal auf eine Sorte eingeschossen und von dieser gehe er nicht ab. Darum rauche er immer nur seine eigenen Zigarren. Tatsächlich habe er auch noch keine bessere Havanna-Marke angetroffen. Der Generaldirektor möge nur versuchen und sich selbst überzeugen. Ringhoff bediente sich und forderte seinen Besuch neuerdings auf, zu erzählen. »Es ist ein ganzer Roman, den ich Ihnen zu erzählen habe, und ich muß ein bißchen weit ausholen, aber die Geschichte wird Sie interessieren.« »Mich interessiert alles, was Sie betrifft, Herr Trostler.« »Danke schön. Sagen Sie 'mal, lieber Generaldirektor, haben Sie sich niemals darüber gewundert, wie ich eigentlich in die A.B.B. hereingekommen bin!« »Warum soll ich mich nun darüber gewundert haben, Herr Trostler?« »Aber ich verstehe doch nichts vom Bankwesen, das heißt – ich verstand nichts davon, hatte nicht die blasseste Ahnung. Jetzt natürlich, nach mehr als einem Jahre, habe ich mich ordentlich eingearbeitet.« »Sie kamen zu uns wie die übrigen Herrn Verwaltungsräte. Sie sind ein sehr vermögender Mann, Herr Trostler, und was das Sachverständnis betrifft, so haben Sie sehr bald alle übrigen Herren überflügelt. Zur Verwunderung lag für mich durchaus kein Anlaß vor. Aber Sie wollten ja von Ihrer Amerikareise erzählen –« »Ich bin dabei, das gehört mit dazu. Sie sollen erst erfahren, wie und warum ich zur A. B. B. kam. Ich war immer der Meinung, daß jeder irgendeinen Sport betreiben solle, und nun gar ein Mensch wie ich, der vollkommen frei und unabhängig ist, und nicht Kind und nicht Kegel hat. Ich habe also gleich zwei große Passionen. Die eine ist die Musik. Ich weiß nicht, ob Sie von meinen Leistungen auf diesem Gebiete schon gehört haben – « »Gewiß habe ich davon schon gehört,« log der Generaldirektor verbindlich, »und – die andere?« »Ja die andere – das ist ein ganz absonderlicher Fall. Ich bin Amateurdetektiv. Sie machen große Augen? Ich versichere Sie, – wenn man Passion für die Sache hat und etwas Vokation – es gibt nichts Interessanteres.« »Mit der ersten Liebhaberei war bei uns nicht viel zu machen.« »Wohl aber mit der zweiten! Sie erinnern sich ja der Geschichte, – wie sollten Sie nicht! Man hatte die A. B. B. gegründet und sich dazu als Präsidenten meinen Freund Grumbach geholt, der zugleich Präsident des Klubs der Industriellen ist. Das ging nun ein Jahr lang ganz gut, und dann, Sie wissen ja, verschwand der Kassier und mit ihm drei Millionen Kronen.« »Es war ein furchtbarer Schlag!« »Mein Freund Grumbach, er ist mein intimster Freund, hat in gewissen Dingen Pech. Er hatte, kaum warm geworden als Klubpräsident, auch so eine unangenehme Geschichte. Damals kam er zu mir und ich habe ihm herausgeholfen. Das könnte ich Ihnen eigentlich auch erzählen. Es war eine ganz feine Gaunerei; aber das würde uns doch zu weit führen. Dieses Mal kam er also auch wieder. Wenn einer helfen könnte, so sei ich es. Ich ließ mir den Fall genau auseinandersetzen, aber es gab nicht viel zu erzählen. Die Bücher waren scheinbar in der größten Ordnung, aber der Kassier und das Geld verschwunden. Zudem hatte der Kassier bereits einen Vorsprung von reichlich zwei Wochen.« »Ich erinnere mich leider nur zu genau.« »Er hatte unbehelligt seinen vertragsmäßigen Urlaub angetreten, und als dann der große Unterschleif aufkam, war jede Spur seines Erdenwallens verwischt. Nun sollte ich ihn suchen.« »Das war allerdings viel verlangt!« »Grumbach hat in solchen Dingen einen harten Schädel. Von einer Anzeige bei den Behörden wollte er durchaus nichts wissen, und ich konnte ihm in diesem Falle nicht einmal Unrecht geben. Drei Millionen – das ist allerdings ein kolossaler Betrag, aber der Diebstahl mußte eine Bank mit sechzig Millionen eingezahltem Kapital nicht gleich zugrunde richten. Wohl aber hätte das schwindende Vertrauen sie zugrunde richten müssen, wenn es ruchbar geworden wäre, daß schon nach kurzem Bestande derlei möglich gewesen sei.« »Das war auch meine Meinung, Herr Trostler.« »Ich weiß. Auf Antrag des Präsidenten beschloß also der Verwaltungsrat, die fatale Geschichte vollkommen geheim zu halten, den Fehlbetrag auf die Verwaltungsräte zu repartieren und aus Eigenem zu ersetzen.« »Es war schließlich doch der beste Ausweg.« »Jawohl. Also nun sollte ich helfen. Ich überlegte. Zunächst mußte ich einen vollkommen klaren Einblick in das Getriebe der A. B. B. gewinnen. Ich dachte daran, mich zu diesem Zwecke als Beamten anstellen zu lassen, verwarf aber die Idee sehr bald. Dazu konnte und wußte ich zu wenig, und das hätte mich sehr schnell auffällig oder verdächtig gemacht. Ich ließ mich also als Verwaltungsrat kooptieren. Der macht sich nicht auffällig, wenn er nichts weiß und nichts kann.« Der Generaldirektor schmunzelte diskret zu dieser satirischen Bemerkung und äußerte leichthin: »Dann waren Sie ja eigentlich nicht sowohl als Verwaltungsrat, denn als Detektiv bei uns tätig?« »Natürlich!« »Sie werden es begreiflich finden, Herr Trostler, daß es mich einigermaßen verstimmen muß, daß man mir davon nicht ein Sterbenswörtchen gesagt hat!« »Mein lieber Herr Generaldirektor, wenn die Katze darauf ausgeht, Mäuse zu fangen, da wird sie sich nicht erst eine Schelle um den Hals binden. Kein Mensch außer dem Präsidenten hat davon gewußt, und Sie sind nun der erste, dem ich die offenherzigen Mitteilungen mache – wenn Sie's überhaupt interessiert, was ich ja nicht wissen kann.« »Es interessiert mich sehr!« »Dann will ich also weiter erzählen von meiner – Amerikareise. Ich mußte mich also erst ordentlich einarbeiten bei uns. Das hat sich gemacht, nicht schlecht gemacht, wie Sie zu bezeugen die Güte gehabt haben, Herr Generaldirektor.« »Ich kann nur sagen, daß Sie die Seele unserer Verwaltung geworden sind, Herr Trostler.« »Besten Dank, Herr Generaldirektor. Ein solches Urteil von so kompetenter Seite muß mich stolz machen. Meine erste Sorge mußte also darauf gerichtet sein, die Wiederholung solcher Ereignisse unmöglich zu machen. Sie begreifen, daß solche Wiederholungen auf die Dauer doch ein wenig ermüdend wirken müßten.« »Ich begreife vollkommen.« »Das ist gelungen. Ich darf sagen, daß die Kontrolleinrichtungen der A.B.B. jetzt geradezu mustergültige und schulbildende geworden sind.« »Sie sind es und werden überall anerkannt und nachgeahmt.« »Meine weitere Sorge war dann die Nachforschung nach dem verschwundenen Kassier, und was eigentlich noch wichtiger war, nach dem verschwundenen Gelde. Keine leichte Sache. Der Mann war spurlos verschwunden und dann – der Vorsprung! Alle Bemühung schien von Haus aus aussichtslos.« »Und haben Sie wirklich einen Erfolg gehabt?« »Mein Gott, ich bin zufrieden. Man konnte mir auf meinen Wunsch eine Photographie des Verschwundenen und mehrere Schriftproben zur Verfügung stellen. Das war nicht viel, nicht wahr? Aber was will man machen, wenn man nicht mehr hat?! Dann – Sie dürfen wich aber nicht auslachen, Herr Generaldirektor! – wandte ich mich an eine Auskunftei um eine Information über den abgängigen Herrn Josef Benk.« »Da war allerdings für den vorliegenden Fall voraussichtlich wenig zu holen.« »Ich gebe es zu und habe es auch im voraus gewußt, aber ich erfuhr doch einige Einzelheiten, mit deren Erhebung ich mich sonst selbst hätte beschäftigen und aufhalten müssen und die doch notwendig waren zu meinen weiteren Erhebungen. Die Auskunft war eine glänzende: Josef Benk Ritter von Brenneberg – von seinem Adelstitel hatte er keinen Gebrauch gemacht und in der Bank hatte man nichts davon gewußt – gewesener Offizier, höchst ehrenhafter Charakter, unbedingt verläßlich –« »Dafür hatte er auch bei uns immer gegolten bis –« »Ich weiß. Damit war also nicht viel anzufangen, immerhin gab es doch einige Details, an welche ich weitere Nachforschungen anknüpfen konnte. Nun dachte ich an Isouards kriminalistische Grundregel: Cherchez la femme . Sie dürfen mich wieder nicht auslachen, Herr Generaldirektor. Das ist ja wirklich ein Gemeinplatz, und jeder Laie würde sich seiner erinnern, aber das spricht doch nicht gegen seine Stichhältigkeit. Tatsächlich ist es für kriminalistische Untersuchungen sehr häufig von Belang, nach den Beziehungen zum Ewigweiblichen zu forschen. Glauben Sie mir, Herr Generaldirektor. Ich bin zwar nur Amateurdetektiv, nehme aber für mich die Erfahrungen eines Professionals in Anspruch. Ich meine nicht, daß immer das Weib die Anstifterin des Verbrechens sein müßte oder daß gerade um des Weibes willen die meisten Verbrechen begangen werden, ich vertrete nur die Ansicht, daß das weibliche Element für viele Verbrecher das Siegfriedsche Lindenblatt bedeutet. Sie verstehen mich doch, Herr Generaldirektor. So etwas wie die Achillesferse oder den Küraßfehler, es weist auf die Stelle hin, wo sie sterblich sind. Es ist Ihnen doch klar?« »Vollkommen.« »Ich glaube da entschieden im Rechte zu sein. Simson wäre nie zu bändigen gewesen, wenn er sein Haupt nicht in Delilas Schoß gebettet hätte.« »Und haben Sie, Herr Trostler, jene so wichtigen weiblichen Beziehungen auch in diesem Falle aufgespürt?« »Aber natürlich! Der Flüchtige hatte eine Braut zurückgelassen – alle Achtung! Eine Bürgerschullehrerin – das reizendste Persönchen, das Sie sich vorstellen können; die verkörperte Anmut, Klugheit und Ehrenhaftigkeit. Kein Mensch auf der Welt hätte besser wählen können.« »Und die hat er schnöde im Stiche gelassen?« »Nicht doch! Es war abgemacht, daß sie nachkommen solle, sowie er sich drüben eine geregelte Existenz eingerichtet haben werde.« »Und hat man von ihm wieder etwas gehört?« »Er hat sich eine vollständig geordnete Existenz ausgebaut. Diese Angelegenheit ist vollkommen glatt erledigt. Mir war es vergönnt, ihm die reizende Braut zuzuführen – es ging doch nicht an, sie die weite Reise über das Meer allein machen zu lassen –, und ich hatte die Ehre bei ihrer Vermählung als Beistand zu fungieren.« Der Generaldirektor erhob sich. »Verzeihen Sie, Herr Trostler,« sagte er lächelnd, »wenn ich Ihre Erzählung einen Augenblick unterbreche. Ich will nur rasch in der Buchhaltung einen Auftrag geben um dann ganz ungestört Ihrem interessanten Bericht folgen zu können.« »Sie bemühen sich umsonst, Herr Generaldirektor,« erwiderte Dagobert ruhig sitzenbleibend. »Dort kommen Sie nicht durch. Im Nebenzimmer sitzen nämlich auch zwei Detektivs, und zwar wirkliche Detektivs der Polizei und nicht armselige Amateurs wie ich. Unnötig zu sagen, daß auch auf der anderen Seite – im Vorzimmer – ebenfalls zwei sitzen. Die sorgen schon dafür, daß wir völlig ungestört bleiben. Sie haben strikten Auftrag, niemanden hereinzulassen. Es kann aber auch – außer mir – niemand dieses Zimmer verlassen, ohne sofort festgenommen zu werden. Wollen Sie es darauf ankommen lassen, Herr Generaldirektor?« »Nein. Was wollen Sie von mir?« »Ich will vor allen Dingen Ihnen gegenüber volle Aufrichtigkeit walten lassen. Nicht um mir dadurch auch Ihre Aufrichtigkeit zu erschleichen. Meine Position wäre eine sehr schlechte, wenn ich auf sie angewiesen wäre. Ich brauche sie nicht. Was ich will, ist nur, Ihnen die Überzeugung beizubringen, daß ich Sie mit eisernen Klammern festhalte, so fest, als stäken Sie in einem Schraubstock. Erst wenn Sie davon völlig überzeugt sind, kann ich auf jene Entschließung Ihrerseits rechnen, die meines Erachtens noch einzig möglich und vernünftig ist, und die ich noch brauche.« »Welche Entschließung?« »Darauf kommen wir gleich, erst muß ich Sie noch besser überzeugen. Sie gestatten mir ja, mich kurz zu fassen. Ich habe mich bei Frau von Benk als Zimmerherr einquartiert. Das ist die Mutter unseres gewesenen Kassiers, die Witwe eines Oberstleutnants. Sie lebt in engen Verhältnissen, aber es ist ein durchaus ehrenhaftes, moralisch reinliches Milieu. Wie kein Meister, so fällt auch kein Verbrecher vom Himmel. Ich war ordentlich aus der Kontenance gebracht, und meine Hoffnung, da den Schlüssel zu einer verbrecherischen Tat zu finden, ward stark heruntergedrückt. Ich hatte mich für einen Klavierlehrer ausgegeben und führte ein sehr solides und häusliches Leben, um mir das Vertrauen der Damen zu erwerben. Der Damen; denn Benks Braut, Fräulein Ehlbeck, kam täglich zu Besuch und gehörte sozusagen zum Hause. Das gelang mir denn auch ohne besondere Schwierigkeit. Ich hatte die Vorsicht gebraucht, gleich bei meinem Einzug die Bemerkung fallen zu lassen, daß ich nur einige Monate zu bleiben gedenke, bis ich mir genug zusammengespart hätte, um meinen Plan der Übersiedlung nach Amerika ausführen zu können. Diese harmlose Andeutung traf ihr Ziel. Sowohl Fräulein Ehlbeck, mit dem ich sehr viel vierhändig spielte, wie die Mutter kamen immer wieder auf das Thema Amerika zurück. Ich ging systematisch vor. Ich sandte von Zeit zu Zeit durch Postanweisung verschiedene bescheidene Beträge an meine Adresse, angeblich Honorar für meine Lektionen, und bat Frau von Benk sie für mich aufzuheben. Das Geld sei bei ihr besser aufgehoben als bei mir, und ich wolle es zusammenhalten für die Reise. Von dem flüchtigen Sohne war nie die Rede, aber es war auch nie ein Symptom von Angst oder Heimlichkeit wahrzunehmen. Etwaige Gewissensqualen waren da entschieden nicht vorhanden, und es war klar, von einer Mitwissenschaft oder gar Mitschuld konnte da nicht die Rede sein. Aber es scheint, Herr Generaldirektor, daß meine Rede Sie angreift. Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser einschenken?« »Ich danke Ihnen, Herr Trostler, vollenden Sie, und bitte machen Sie's kurz!« »Ich werde es kurz machen. Endlich traf ein, worauf ich lange gewartet hatte, – ein Brief aus Amerika. Sie können sich's denken, daß ich ein scharfes Auge auf die Briefträger hatte. Ich sah den Umschlag und erkannte die Schrift. Den Brief hätte ich leicht stehlen oder heimlich lesen können. Derlei tue ich nicht. Man hat seine Grundsätze. Fremde Briefe waren mir immer ein Heiligtum. Ich erbat nur die Briefmarke für meine Sammlung. Natürlich war es mir nur um den Poststempel zu tun, und da fand ich bestätigt, was ich ohnedies schon wußte. Ich hatte ja längst schon die Adresse, die auch Sie sehr genau kennen, Herr Generaldirektor: Mr. Brenneberg, 1400 Second avenue South, Minneapolis, Minnesota, U. S. A. « Der Generaldirektor wurde bei diesen Worten noch blässer. Mit einer plötzlichen verzweifelten Aufraffung steckte er den Schlüssel in seine Schreibtischlade, um sie aufzureißen. »Nur keine Unbesonnenheit, Herr Generaldirektor!« rief ihm Dagobert zu. »Lassen Sie die Lade ruhig geschlossen; sie kann Ihnen nichts helfen. Sie haben dort einen Revolver, und ich habe die Hand in der Tasche und in der Hand auch einen Revolver. Ich würde entschieden geschwinder sein, und außerdem – Ihr Revolver war geladen, meiner ist es. Ich hatte mir nämlich erlaubt, bei meiner Inspektion die Kammern für alle Fälle zu entleeren und die Patronen zu mir zu stecken.« »Sie haben mit Nachschlüsseln gearbeitet!« »Natürlich! Sogar zu Ihrer großen Kasse habe ich mir die Duplikate der Schlüssel verschafft.« »Wissen Sie, daß das infam ist! Und das hat Grundsätze und rührt keine fremden Briefe an!« »Regen wir uns nicht auf, Herr Generaldirektor. Die Aufregung kann nur schaden, und ich bin kein Freund von dramatischen Szenen außerhalb der Bühne. Sie müssen doch selbst sehen, wie Sie sich damit schaden. Diese Aufwallung, mit der Sie da nach dem Revolver greifen wollten, war doch eine Anwandlung von Schwäche, die Ihrer entschieden nicht würdig war. Verlieren Sie doch nur die Ruhe nicht. Sie gehören ja zu den großen Dieben, die man laufen läßt, laufen lassen muß, – leider! Sie glauben mir doch, daß ich das ehrlich bedauere?« »Weiter, kommen wir zum Schluß!« »Ich bin schon dabei. Erst wollte ich Ihnen nur noch zweierlei sagen: Erstlich, daß Sie infolge meiner freundlichen Bemühungen schon längst hinter Schloß und Riegel säßen, wenn es nicht das Interesse der A. B. B. erforderte, daß Ihre Gaunerei – Sie haben doch nichts dagegen, daß ich mir in diesem Stadium kein Blatt mehr vor den Mund nehme? – nicht an die große Glocke gehängt werde. Aber ausgeschlossen ist natürlich auch das nicht, wenn unsere Unterhandlungen hier nicht zu dem gewünschten Ziele führen sollten. Und zweitens: man hat allerdings seine Grundsätze, und ich werde tatsächlich nie etwas Ungesetzliches oder auch nur Ungehöriges tun. Es ist aber weder ungesetzlich noch ungehörig, daß der Herr die Sachen eines ungetreuen Dieners durchsucht, mein Herr Generaldirektor! Der Präsident war bei der Durchsuchung zugegen.« »Vollenden Sie!« »Viel habe ich nicht gefunden. Daß Sie die Zeugnisse Ihrer unreinlichen galanten Abenteuer lieber in Ihrem Bureau aufheben als im Bereiche Ihrer Frau, das begreift sich, das geht uns nicht an. Also nicht viel, aber doch zwei wertvolle Fingerzeige. Erstens die bereits erwähnte Adresse, und zweitens der Nachweis Ihrer Verbindung mit der Nationalbank unter dem Decknamen Ihrer Frau Schwiegermama.« »Das ist kein Deckname. Das Geld gehört tatsächlich ihr!« »Es wäre schlimm für uns, wenn es so wäre, aber es ist nicht so. Sehen Sie, Herr Generaldirektor, ohne es zu wollen, haben Sie mir zu einer von mir selbst nicht gewollten Karriere verholfen. Erst mußte ich Verwaltungsrat werden, und dann wurde es unbedingt nötig, daß ich Zensor der Nationalbank wurde. Mit der mächtigen Hilfe unseres Präsidenten ging auch das. Ich mußte es werden, um ganz genauen Einblick zu gewinnen. Mir können Sie also jetzt keine Romane über Ihre Frau Schwiegermama erzählen. Schließlich werde ich, und zwar heute noch, sogar Generaldirektor werden, aber nur für so lange, bis wir einen geeigneten Ersatz für Sie gefunden haben werden.« »Sie tun immer, als wenn ich defraudiert hätte. Das werden Sie mir doch erst beweisen müssen!« »Aber, lieber Generaldirektor – es ist wahrscheinlich das letztemal, daß ich Sie so nennen darf –, begreifen Sie denn Ihre Situation noch immer nicht? Ich kann Ihnen mit wenigen Worten verraten, wie Sie es angestellt haben. Sie kannten Benk von früher her und wußten, daß es die Sehnsucht seines Lebens war, sich in Amerika, in der Atmosphäre der Freiheit, einen Wirkungskreis zu schaffen. Als er seine Bücher abgeschlossen hatte und seinen Urlaub antreten wollte, boten sie ihm sechzigtausend Kronen dafür, daß er spurlos verschwinde. Ein Makel könne auf seinen Namen nicht fallen, da er doch die Kasse in voller Ordnung übergeben und sein Absolutorium in der Tasche habe. Sein Verschwinden werde zwar Bestürzung aber sonst keinerlei Nachteil hervorrufen. Für Sie würde die Bestürzung von unermeßlichem Vorteil zur Befestigung Ihrer Stellung sein. Denn Sie seien dann der einzige, der für den weiteren ungestörten Gang der Maschine sorgen könne, und damit sei Ihre Unentbehrlichkeit eklatant dokumentiert. Das sei Ihnen das Opfer wert. Benk ließ sich überreden, umso eher, als Sie ihn schon von der Schule her kannten. Sie duzten sich ja auch, nur freilich auf Ihren Wunsch in der Bank nicht.« »Es ging einfach nicht – der anderen Beamten wegen.« »Ich begreife. Nun konnte also der große Coup von Ihnen gewagt werden. Sie fühlten sich sicher. Der Verdacht würde doch auf den verschwundenen Kassier fallen. Sie konnten wissen oder doch mit gutem Grund annehmen, daß man aus Scheu vor dem öffentlichen Skandal von der gerichtlichen Anzeige absehen werde. Übrigens hatten Sie auch für diesen Fall Ihre Maßnahmen getroffen. Soll ich Sie Ihnen rekapitulieren?« »Ich danke, ich verzichte.« »Gut, so will ich nur andeuten, daß ich unter anderen auch bei der H. A. P. A. G. – das ist die Hamburg-amerikanische Paketboot-Aktiengesellschaft – einiges erhoben habe. Ich habe mir die Nummer der Kajüte notiert, die Sie auf der ›Kolumbia‹ gemietet hatten. Die Urlaubsverhältnisse hätten Ihnen hinlänglich Zeit zu dem wünschenswerten Vorsprung gewährt.« »Was wollen Sie nun von mir?« »Eine Kleinigkeit, Ihre Unterschrift. Sie haben das durch Vollmacht ausgewiesene Verfügungsrecht über das Depot Ihrer ›Schwiegermama‹ bei der Nationalbank. Das Depot reicht gerade aus, um den Schaden der A. B. B. zu decken. Diese Vollmacht werden Sie auf mich übertragen. Hier ist das vollständig adjustierte Schriftstück, Sie brauchen nur Ihren werten Namen darunter zu setzen.« »Das werde ich nicht tun!« »Wie Sie glauben, – genötigt wird nicht. Ich wollte Ihr Bestes, und nur wenn Sie sich selbst davon überzeugt haben, sollen Sie unterschreiben, sonst nicht. Die Verhältnisse haben sich nämlich zu Ihren Ungunsten verschoben, geehrter Herr. Alle Vorkehrungen zur Sicherung jenes Depots sind getroffen, falls Sie sich wirklich weigern sollten. Sie müßten sich nämlich klar machen, daß die A. B. B. jetzt keine Ursache mehr hat, die gerichtliche Anzeige zu scheuen. Der etwaige üble Eindruck der Nachricht von dem großen Unterschleif würde durch die Tatsache paralysiert werden, daß man nicht nur deren Urheber prompt erwischt, sondern auch für die sofortige Schadensgutmachung prompt gesorgt hat. Nun – was meinen Sie?« Der Generaldirektor unterschrieb. Dagobert fertigte einen im Vorzimmer des Auftrages harrenden Vertrauensmann mit dem Schriftstück ab. »Nur noch zwei Minuten,« nahm er dann wieder das Wort. »Die Nationalbank ist ja gleich daneben. Inzwischen kann ich Ihnen ja sagen, daß es eine sinnige Überraschung für unseren Herrn Präsidenten sein wird, eine unschuldige Freude, die er nicht erwartet hat. Denn ich habe weder ihm, noch sonst jemandem von dem Fortgange meiner Bemühungen berichtet. Ich liebe es, mit fertigen Tatsachen zu kommen. Man hat so seine Eigenheiten!« Nach wenigen Minuten ertönte wirklich ein Signal vom Telephonapparat am Schreibtisch her. Der Generaldirektor legte die Hörmuschel ans Ohr. »Die Nationalbank,« meldete er, »ich verstehe aber nicht –, der Mohr kann gehen – Schluß!« »Ganz richtig!« rief Dagobert. »Das ist das Schlagwort, das ich mir bestellt habe zur Bestätigung, daß alles in Ordnung sei. Und jetzt, Herr Ringhoff, sind Sie Generaldirektor – gewesen! Erlauben Sie nur, daß ich die Türen öffne. Damit ist die Überwachung aufgehoben.« Ringhoff nahm seinen Hut, verneigte sich und verließ die A. B. B., um sie nie wieder zu betreten. Anonyme Briefe. Seit einiger Zeit ward Andreas Grumbach, der Präsident des Klubs der Industriellen, durch häufig wiederkehrende anonyme Briefe behelligt, die indessen ihren Zweck nur in recht unvollkommenem Maße erfüllten. Andreas Grumbach zählt, vermöge seines Reichtums, seines Ansehens in geschäftlichen Kreisen und seiner gesellschaftlichen Stellung zu den Großen dieser Welt, und diese lassen sich durch Briefe so leicht nicht ins Bockshorn jagen. Wenn man täglich seine hundert und mehr Briefe empfängt und durchfliegt, so wird man bald doch recht abgestumpft, und mancher Absender würde sehr enttäuscht sein in seinen Erwartungen und etwaigen Hoffnungen, wenn er selber sähe, wie wenig tief die moralische Wirkung geht, die er mit seinem Schreiben zu erzielen gedachte. Da ist keine Spur mehr von jenen Gemütsbewegungen, welchen der beim Anblick eines Briefträgers unterworfen ist, der alle heiligen Zeiten einmal einen Brief erhält. Andreas Grumbach kannte die Briefe bald. Es war immer dasselbe eigentümliche Papier und sie wiesen immer dieselbe eigentümliche steile Handschrift auf, und er warf sie nun immer uneröffnet in den Papierkorb. Damit wäre die Sache abgetan gewesen. Es kam aber etwas dazu, was den Fall einigermaßen komplizierte. Auch Grumbachs Gemahlin wurde mit derartigen Briefen förmlich überschüttet und sie brachte ihnen gegenüber nicht dieselbe kühle Philosophie auf, wie ihr Mann. Sie war unglücklich, weinte viel, ward nervös und getraute sich gar nicht mehr unter die Leute. Alles Zureden half nichts. Sie kam aus den Erregungen gar nicht mehr heraus, sie hatte keine frohe Stunde mehr und ihr Leben war geradezu zerstört. Auch Frau Grumbach nahm eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft ein und sie war auf sie ängstlicher bedacht, als es wohl unumgänglich nötig gewesen wäre. Denn niemand dachte daran, sie zu bestreiten oder gar zu untergraben; aber in ihr selbst wirkte noch ein Gefühl der Unsicherheit. Sie war die kleine Schauspielerin Violet Moorlank, als Grumbach sie nahm, und daher noch die Unsicherheit. Nie hatte sich zwar die üble Nachrede an sie herangewagt, aber die heimliche Angst, daß die Gesellschaft sie nicht werde anerkennen und für voll nehmen wollen, war sie doch niemals ganz los geworden. Diese Angst war nun ganz überflüssig; denn ihres Gatten Ansehen war gefestigt und stark genug, um auch ihre Stellung zu einer durchaus unangefochtenen zu machen, aber sie bestand einmal, war nie ganz auszutilgen und ward nun natürlich maßlos gesteigert durch jene infamen Briefe mit ihrem tückischen, hämischen und unsäglich gemeinem Inhalt. Da entschloß sich denn Andreas Grumbach, doch alles daranzusetzen, um der Sache womöglich ein Ende zu machen. Er hatte ja seinen Freund Dagobert Trostler, den gedienten Lebemann, dessen große Passion es war, sich in der ihm reichlich zugemessenen Zeit der Muße als Amateurdetektiv zu betätigen. Der hatte ihm schon in manchen schwierigen und heiklen Fällen mit seiner Findigkeit und Kunst der Kombination wesentliche Dienste geleistet, er würde sicherlich auch da Rat schaffen können. Dagobert war Hausfreund bei Grumbachs, und als sie nun wieder einmal zu dritt bei Tische saßen, setzte ihm Grumbach den Fall auseinander, indem er ihm zunächst nur von jenen Briefen sprach, die ihm gesandt worden waren. »Also das ist es, Frau Violet!« entgegnete Dagobert, sich an die Hausfrau wendend. »Wissen Sie, Gnädigste, daß ich schon ernstlich böse war auf Sie! Sie haben einen Kummer und halten ihn geheim vor mir, sagen mir kein Sterbenswörtchen. Gehört sich das?« »Wer spricht denn von mir?« »Wir sprechen nur von Ihnen. Ihr Mann ist ein – Mann und ein Mann setzt sich leicht über gewisse Bübereien hinweg. Ich müßte mich aber schlecht verstehen auf die Psychologie jener anonymen Bestien, wenn ich annähme, daß sie sich damit begnügten, nur den Mann zu quälen, wo sich ihnen eine so schöne Gelegenheit darbietet, auch die Frau zu malträtieren. Das ist ja immer noch das dankbarere und sicherere Unternehmen.« »Dagobert, vor Ihnen kann man wirklich nichts geheimhalten!« entgegnete Frau Violet. »Nun denn – ja; ich werde malträtiert mit diesen fürchterlichen Briefen, und sie werden mich noch zur Verzweiflung treiben.« »Es war mir nach den Andeutungen Ihres Mannes nicht schwer, Ihrem Kummer auf den Grund zu kommen. Daß ein Kummer bestand, wußte ich und habe ich Ihnen längst angesehen. Da Sie aber fortgesetzt schwiegen, durfte ich nicht fragen. Wollen Sie mir die Briefe zeigen?« »Nicht um die Welt!« »Ich begreife; sie sind zu unflätig, aber schließlich – es wird doch nötig sein, wenn wir versuchen wollen, den Täter oder – die Täterin zu entdecken.« »Die Täterin? So schreibt keine Frau!« »Hüten wir uns vor vorgefaßten Meinungen! Sie kennen meine Anschauungen, Frau Violet. In allem Guten und Großen stelle ich die Frau höher als den Mann; in allem Bösen, oder sagen wir lieber in aller Bosheit stelle ich sie tiefer. Jedenfalls geben Sie mir die Briefe und zwar alle, die Sie haben. Grumbach hat die seinigen weggeworfen. Das war übereilt und ist sehr schade. Je mehr Material ich habe, desto eher kann ich hoffen, eine Spur zu entdecken.« Frau Violet brachte die Briefe, einen ganzen Stoß, wohl an sechzig oder achtzig Stück. »Sie dürfen sie aber nicht in meiner Gegenwart lesen,« verwahrte sich Frau Violet, »ich müßte vor Scham in die Erde sinken.« »Ich werde sie zu Hause studieren,« beruhigte sie Dagobert. »Untersuchen wir also hier zunächst nur einige Äußerlichkeiten. Die Briefe sind alle vollkommen gleichförmig. Resedagrünes Papier mit der Ambition elegant zu sein, und dabei doch nur eine billige und schlechte Imitation des gediegenen geschöpften holländischen Büttenpapieres – leider!« »Warum – ›leider‹, Dagobert?« »Weil ich schon im stillen gewisse Hoffnungen gehegt hatte. Ich hatte nämlich schon einmal einen Fall mit anonymen Briefen. Der war aber kinderleicht. Der vorliegende scheint weitaus schwieriger zu sein.« »Was war das für ein Fall? Das müssen Sie erzählen, Dagobert!« »Mit Vergnügen, meine Gnädigste, aber vorläufig wollen wir bei der Sache bleiben. Alles deutet darauf hin, daß der Absender oder die Absenderin mit großer Vorsicht arbeitet. Die Schrift nämlich läßt einen Schluß auf das Geschlecht nicht zu. Ich darf das sagen; denn was in Sachen der Graphologie durch Studium und Beobachtung zu erlernen ist, das habe ich zu lernen mich redlich bemüht.« Dagobert prüfte die Adressen mit einer Taschenlupe und dachte dann intensiv nach. Dabei drehte er ganz in sich versunken an seinem Petrusschöpfchen, daß es sich bald in die Höhe reckte fast wie der Schopf eines Clowns. »Da geht Männliches und Weibliches durcheinander, daß man förmlich verrückt werden könnte,« sagte er vor sich hin. »Das ist entweder ein sehr männliches Frauenzimmer oder ein weibischer Mann. Haben Sie gar keinen Verdacht, Frau Violet?« »Nicht die leiseste Ahnung!« »Auf die Graphologie dürfen wir hier also keine besonderen Hoffnungen setzen. Bei verstellter Handschrift – und hier ist sie mit System und Konsequenz verstellt – muß sie versagen. Hier können wir nur annehmen, daß die Hand, die das schrieb, für gewöhnlich eine schräge Schrift schreibt. Das ist alles. Durch die steile, aufrechte Stellung hier ist der Schriftcharakter natürlich völlig verändert, und es ist sehr die Frage, ob die Briefe mir genügende Anhaltspunkte bieten werden, den Originalcharakter zu rekonstruieren.« »Sie haben also keine Hoffnung, Dagobert, den Schurken zu entlarven?« »Der Fall interessiert mich, und ich werde mir Mühe geben. Vor allen Dingen muß ich das Material studieren. Es wäre ja auch möglich, daß aus dem Inhalt der Briefe, aus dem Stil, aus einzelnen Wendungen, aus der Orthographie Anhaltspunkte zu gewinnen wären. Im vorhinein läßt sich da gar nichts sagen. Wie vorsichtig gearbeitet wird, das können Sie beispielsweise aus den Poststempeln ersehen. Da sehen Sie, fast jeder Brief trägt einen anderen Stempel. Hier Postamt 66, hier Postamt 125, hier Postamt 13, 47, 59 – die Briefe wurden auf weiten Spaziergängen oder Spazierfahrten aufgegeben. Da geht es freilich nicht an, ein bestimmtes Postamt oder einen bestimmten Briefkasten zu überwachen.« »Sie haben also wirklich keine Hoffnung?« »Ich sagte, daß ich mir Mühe geben werde, also habe ich Hoffnung.« »Das klingt recht zuversichtlich, Dagobert.« »Schließlich darf man sich ja auch etwas zutrauen!« »Sie sagten, daß Sie schon einen ähnlichen Fall gehabt hätten, Dagobert. Wie war es damit?« Frau Violet war begreiflicherweise sehr neugierig, darüber Näheres zu erfahren. »Der Fall war, wie ich schon erwähnte, sehr einfach, aber er hat mir gleichwohl viel Vergnügen gemacht. Eines Tages erscheint der Adjutant des Erzherzogs Othmar bei mir und bescheidet mich in das erzherzogliche Palais. Ich gehe also gleich mit, und in einer Privataudienz macht mir der Erzherzog die schmeichelhafte Eröffnung, daß er mit ganz besonderem Interesse von einigen meiner Leistungen als Amateurdetektiv gehört habe. Auch er hätte nun einen Auftrag, beziehungsweise eine Bitte. Natürlich stellte ich mich sofort zur Verfügung und bemerkte, daß Seine Kaiserliche Hoheit nur zu befehlen hätte. Der Fall lag wie hier. Es handelte sich um anonyme Briefe, und auch hier war nicht nur der Herr des Hauses, sondern auch seine durchlauchtigste Gemahlin mit ihnen bedacht worden. Der Erzherzog sagte mir, daß ihm viel daran läge, den Schreiber zu ermitteln, daß es ihm aber widerstrebe, sich an die Polizei zu wenden. Nach allem, was er gehört, hätte er in dieser Sache mehr Vertrauen zu mir. Schön. Ich ließ mir die Briefe geben. Das war erstaunlich; es waren ihrer Hunderte! Ich nahm sie mit.« »Waren sie auch so gemein?« fragte Frau Violet gespannt. »O, meine Gnädigste, was man Ihnen auch geschrieben haben mag, es ist unmöglich, daß die Unflätigkeit und Gemeinheit, die dort aufgestapelt ward, erreicht, geschweige denn überboten worden ist.« »Und Sie haben diese Schufterei enthüllt?!« »Ich hatte Glück. Die Sache war in vierundzwanzig Stunden erledigt.« »Erzählen Sie, Dagobert!« »Als ich die Briefe an mich nahm, war auch dort meine erste Frage natürlich, ob die Hoheiten etwa schon einen Verdacht oder einen Anhaltspunkt hätten. Die Frage wurde verneint. Ich nahm also die Briefe mit nach Hause, las sie aufmerksam durch und überlegte dann reichlich zwei Stunden, ohne jedoch zu irgendeinem nennenswerten Resultat zu kommen. Der erste halbe Tag verging, ohne daß mir eine halbwegs vernünftige Idee eingefallen wäre. Erst in der Nacht, förmlich im Schlafe kam mir die Erleuchtung. Ich hatte mich zu Bett begeben, und nach langen fruchtlosen Bemühungen einzuschlafen, war endlich der erste Schlummer über mich gekommen, aus dem ich aber bald wie im Schrecken auffuhr. Nun war mit einem Male die Idee da, auf der sich weiter bauen ließ. Die Briefe lagen auf meinem Nachtkästchen. Ein feiner Chypreduft war von ihnen aus mir in die Nase gefahren. Chypre ist ein vornehmes Parfüm. Ich machte Licht, so viel Licht, als überhaupt möglich war und nahm die Briefe wieder vor. Da wurde mir sofort eines klar: das ganze intensive Studium der Schrift und des Inhalts der Briefe war vorderhand vollkommen überflüssig und nutzlos gewesen. Ich mußte mich da nur an Äußerlichkeiten halten und konnte nur von diesen ausgehen. Bei aller Niedrigkeit des Inhalts umgab doch eine gewisse vornehme Atmosphäre die Briefe. Gewiß, auch da konnte bewußte, auf Täuschung und Irreführung gerichtete Absichtlichkeit mitspielen, aber immerhin – sie wies auf ein vornehmes Haus, wenn schon nicht auf vornehme Provenienz überhaupt. Es konnte ja ein tückischer Lakai oder eine boshafte Zofe die Hand im Spiele haben. Sie konnten das parfümierte Papier der Herrschaft entwendet haben. Von dem Parfüm erhoffte ich allerdings keine Aufklärung, aber – das Papier! Ich bin Kenner in Papiersorten. Es war das köstlichste und, ich kann sagen, das kostbarste Luxuspapier, das mir je in die Hände geraten war. Es war also ein ziemlich kostspieliger Luxus, solche Briefe massenhaft in die Welt zu senden, und wenn der Absender das Papier nicht stahl, dann mußte er wohl in der Lage sein, sich diesen Luxus zu gönnen. In aller Frühe setzte ich mich in meinen Unnumerierten und fuhr bei einigen besseren Papierhandlungen vor. Ich legte ein abgerissenes, unbeschriebenes Blatt eines Briefes vor und verlangte jene Sorte. Auf die Auskunft, die ich erhielt, war ich von vornherein gefaßt gewesen. Diese Sorte führten sie nicht: sie sei zu teuer und fände wohl keinen Absatz. Die Auskunft freute mich. Damit war der Kreis für meine Nachforschungen schon bedeutend enger gezogen. Nun betrat ich mit einiger Spannung den Laden ›L. Wiegand, k. k. Hoflieferant‹ am Graben. Ich wußte, daß dieses Geschäft zweifellos die vornehmste Kundschaft der Stadt habe. Ich zeigte das Muster, und der Chef, der mich persönlich bediente, legte mir sofort die gewünschte hochelegante Kassette mit hundert Bogen und den dazu gehörigen Umschlägen vor. ›Sechzig Kronen!‹ Ich kaufte, erbat aber eine Unterredung unter vier Augen. Der Mann führte mich in das kleine Kontor, das sich hinten an seinen Laden schloß. Ich möchte von Ihnen erfahren, Herr Wiegand, begann ich, ob dieses Papier auch noch in einem anderen Geschäft in Wien verkauft wird. Ganz bestimmt nicht, erwiderte er selbstbewußt. Die Bezugsquelle ist mein Geheimnis. Es ist englisches Fabrikat, schaltete ich ein, um ein wenig mit meiner Sachkenntnis zu protzen. Allerdings, aber es gibt nur eine Fabrik, die es erzeugt. Für die anderen Geschäfte, fügte er geringschätzig hinzu, ist das auch kein Artikel. Es würde ihnen liegen bleiben. Verkaufen Sie viel davon? O, sehr viel! Ich bin zufrieden. Ich sah, daß ich die Geschichte nicht ganz richtig angepackt hatte. Wenn ich den jetzt noch weiter renommieren ließ, dann kam ich von meinem Ziele nur immer mehr ab. Ich nahm also, gewissermaßen um mich zu legitimieren, ein Dutzend Briefe aus der Tasche und zeigte ihm die Aufschriften. Die Wirkung war eine befriedigende; sein Gesicht nahm sofort einen ehrfürchtigen Ausdruck an. Herr Wiegand, sagte ich, Sie sind Hoflieferant und sicher muß Ihnen daran gelegen sein, sich den Hof zu verpflichten. Er verbeugte sich sehr devot und legte die Hand aufs Herz, um anzudeuten, daß – für den Hof! – er bereit sei, auch sein Leben zu lassen. Also, Herr Wiegand, fuhr ich fort, Sie werden sich die höchsten Herrschaften zu Danke verbinden, wenn Sie mir einige Fragen beantworten. Verkaufen Sie wirklich viel von dem Papier? Herr, ich mache mein Geschäft damit. Es geht mit dem übrigen. Davon allein könnte ich natürlich nicht leben. Das kann ich mir denken. Sind Sie in der Lage, die hauptsächlichsten Abnehmer für diesen Artikel namhaft zu machen? Merken Sie wohl auf, Herr Wiegand, den Kaiserlichen Hoheiten ist die präzise Beantwortung dieser Frage von besonderer Wichtigkeit! Der Mann war ganz Bereitwilligkeit und Ergebenheit. Er knickte förmlich zusammen, so oft ich der hohen Herrschaften Erwähnung tat. Er dachte nach und gestand dann, daß er für dieses Papier eigentlich nur drei Kundschaften habe. Er liefere das Papier für den serbischen Hof, dann sei Lady Primrose von der englischen Botschaft Abnehmerin, die stärkste Kundschaft sei aber Gräfin Tildi Leys, die monatlich mindestens einmal erscheine, um eine Kassette zu kaufen. Ich danke Ihnen, Herr Wiegand, ich werde nicht ermangeln, Ihre gütige Bereitwilligkeit hohen Orts entsprechend hervorzuheben. Dann ging ich. Ich war befriedigt. Denn nun war der Kreis doch schon recht eng gezogen. Also drei Ausgangspunkte und alle drei eigentlich gleichwertig. So mußte ich sie einschätzen. Denn ich habe es mir bei meinem Metier zum Grundsatz gemacht, von vornherein gar nichts als unwahrscheinlich anzunehmen, wenn ich nicht gute Gründe für eine solche Annahme hatte. Anzufangen war hier zweifelsohne mit der Gräfin Leys. Nicht nur weil da die Nachforschung am leichtesten und bequemsten schien, sondern weil da schon eine bestimmte, vielversprechende Angabe vorlag. Der starke Verbrauch war doch auffällig. Ich sah auf die Uhr: zehn Uhr. Aus den Poststempeln der Briefe hatte ich erkundet, daß sie an verschiedenen Stellen zwar, aber doch fast ausnahmslos zur selben Zeit, so gegen zwölf Uhr mittags aufgegeben worden waren. Meinen Wagen dirigierte ich in die Reisnerstraße und ließ gegenüber von dem Palais Leys halten, und da blieb ich nun in den Wagen zurückgelehnt als Beobachtungsposten. Bei meinem Geschäft muß man Geduld haben. Ich ließ mich's nicht verdrießen und hatte ein scharfes Auge darauf, wer aus dem Hause ging. Die Dienerschaft interessierte mich nicht. Denn zweierlei war mir schon klar geworden: erstens daß die Briefe nicht aus dem Kreise der Dienerschaft hervorgegangen waren. Wenn die Gräfin monatlich ungefähr nur eine Kassette verbrauchte – was freilich unter normalen Verhältnissen schon sehr viel war – so war es doch unmöglich, daß ihr unbemerkt so viel von dem Papier gestohlen werden konnte, als für jene massenhaften Briefe nötig war. Und zweitens: Wenn man schon solche Briefe schreibt, dann vertraut man ihre Aufgabe nicht der Dienerschaft an. Derlei besorgt man schon selber und höchst persönlich. Ungefähr eine Stunde hatte ich gewartet, als aus dem Palasttore ein pompöser Portier heraustrat, um die Ausfahrt einer Equipage zu sichern. Ich gab meinem Kutscher einen Wink. Wir fuhren dem Wagen nach. So lange wir fuhren, blieb ich ruhig sitzen; da konnte nichts geschehen. Als aber nach einer ausgiebigen, etwa halbstündigen Spazierfahrt haltgemacht wurde, sprang ich rasch aus dem Wagen. Wir waren auf dem Schottenring, und der schönste Frühlingssonnenschein beleuchtete die Szenerie. Ein rascher Blick belehrte mich, daß ein Briefkasten in der Nähe war. Aus der Equipage stieg, unterstützt von einem am Schlag stehenden Bedienten, eine elegante junge Dame von ganz außerordentlicher Schönheit, blond, das reine Madonnengesicht. Sie schritt zum Briefkasten. Ich war rascher dort, öffnete die Klappe und hielt sie, als wolle ich ihr den Vortritt lassen oder gar behilflich sein. Sie dankte mit einer leichten Neigung des Kopfes und einem verbindlichen Lächeln. Als sie dann ihren Brief in den Spalt schieben wollte, entriß ich ihn mit einem raschen Schwung ihren Fingern und brachte ihn in meiner Tasche in Sicherheit. Entsetzt und wie gelähmt blickte sie auf mich; sie brachte zunächst kein Wort hervor und war dem Umsinken nahe. Verzeihen Sie, Gräfin, sagte ich, das mußte sein! Nun erst fand sie wieder Worte. Wer sind Sie? Was wollen Sie? Sie haben da eine Infamie begangen. Geben Sie nur meinen Brief wieder, oder ich nehme die Hilfe der Polizei in Anspruch. Das wäre das beste, was Sie tun könnten. Gräfin. Ich mache darauf aufmerksam, daß wir gerade vor der Polizeidirektion stehen – wenn es also gefällig ist –! Ich habe hier noch einige Briefe, die wir zur Vergleichung mit heranziehen könnten. Ich zog ein Päckchen Briefe aus der Tasche und zeigte sie ihr. Sie wurde sehr bleich und war nun nahe daran, ihre ganze Fassung zu verlieren. Der Bediente, der jetzt erst zu bemerken schien, daß da nicht alles ganz in Ordnung sei, rückte nun heran, gleichsam zu ihrem Schutze. Vor allen Dingen, Gräfin, schaffen Sie uns den Bengel vom Halse. Er braucht nicht zu hören, was wir verhandeln. Ein Blick von ihr beorderte die Bedientenseele zurück. Und nun, Gräfin, gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Ich heiße Dagobert Trostler, bin, was Sie vielleicht beruhigen wird, keine Amtsperson, bin aber von den Hoheiten beauftragt, dem häßlichen Spuk ein Ende zu machen. Es war der letzte derartige Brief, den Sie geschrieben haben. Sie nickte stumm, und wie sie so völlig vernichtet dastand, begann sie mir leid zu tun. Was wollen Sie? Man hat seine kleinen Schwächen, und vor Frauenschönheit habe ich nie recht standhalten können. Ja doch, sie war eine schwer Schuldige, aber sie war reizend. Wir können da nicht stehenbleiben, redete ich weiter auf sie ein. Wollen Sie mich in Ihrem Wagen mitnehmen, oder ziehen Sie es vor, mit mir zu promenieren und uns unsere Wagen nachfahren zu lassen? Sie zog das letztere vor, und so marschierten wir denn traulich nebeneinander. Was werden Sie jetzt tun, Herr Trostler? fragte sie. Was ich muß, Gräfin. Ich werde meinen hohen Austraggebern Bericht erstatten. Sie werden meinen Namen nennen? Ich muß wohl. Damit werden Sie ein Todesurteil gesprochen haben. Ein gesellschaftliches Todesurteil – vielleicht. Es wäre kein unverdientes. Nicht nur gesellschaftlich. Wenn Sie das tun, dann lebe ich heute meinen letzten Tag. Ich sah sie an. Das war nicht phrasenhaft gesprochen. In ihren Augen flimmerte etwas, was auf einen unerschütterlichen Entschluß deutete. Nun, wissen Sie, Frau Violet, man ist schließlich doch kein Unmensch. Es war ein schmähliches, ein häßliches Verbrechen, das da begangen worden war. Diese ideale Mädchenschönheit hatte Tag für Tag Worte niedergeschrieben, die einen Wachtmeister von den Dragonern hätten zum Erröten bringen müssen, aber ein Selbstmord – das hätte ich doch nicht gern aufs Gewissen genommen!« »Sie haben sie doch nicht etwa straflos laufen lassen, Herr Dagobert?« rief Frau Violet mit kaum verhohlener Entrüstung. »Nein; Strafe muß sein. Ich war nur schwankend, ob es gleich die Todesstrafe sein müßte. Ich hatte in meinem Gedächtnis einige Notizen über die gräfliche Familie Leys aufgespeichert. Der Vater der jungen Dame war Alkoholiker gewesen und ist im Delirium gestorben, ein Bruder war Epileptiker. Ohne Zweifel lag da eine erbliche Belastung vor, durch welche allein die perverse Neigung, so schändliche Dinge niederzuschreiben, bei diesem jungen Mädchen zu erklären war.« »Die erbliche Belastung!« rief Frau Violet unmutig. »Das ist die übliche Ausflucht. Sagen Sie lieber ehrlich, Dagobert, Sie haben die Milderungsgründe gesucht!« »Nicht die Milderungsgründe, nur die psychologische Erklärung für das scheinbar völlig Ungereimte. Lassen Sie mich's kurz machen. Nach langem Hin- und Herreden gab ich zwar kein festes Versprechen, aber ich sagte zu, es zu versuchen, ihren Namen, wenn es halbwegs ginge, nicht preiszugeben. Da nahm sie aus ihrem Reticule eine zierliche kleine goldene Dose, öffnete sie und zeigte mir ihren Inhalt. Es waren ansehnliche Brocken von Cyankali. Ich kenne das. Das war genug, um ein ganzes Geschlecht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Sie sagte, durchaus nicht pathetisch, aber überzeugend, daß sie sich damit noch an demselben Tage vom Leben befreien werde, wenn ich ihren Namen bekanntgeben würde. Ich nahm ihr das Döschen aus der Hand, um die wundervoll zarte Arbeit besser bewundern zu können. Es war ein Meisterwerk der Kleinkunst im Barockstil. Natürlich gab ich es ihr nicht zurück. Ich schloß einen Pakt mit ihr. Ich würde heute noch ganz bestimmt bei ihr vorsprechen und dann auch ihr die Dose samt Inhalt zurückgeben. Sie verspricht dagegen, bis dahin keinerlei Unbesonnenheit zu begehen und die Selbstmordidee definitiv aufzugeben, wenn es mir gelingen sollte, die ganze Angelegenheit zum Abschluß zu bringen, ohne ihren Namen zu verraten.« »Haben Sie ihr nicht auch noch eine besondere Belohnung für ihre schöne Leistung versprochen?« fragte Frau Violet recht unmutig. »Im Gegenteil, ich habe ihr eine Strafe diktiert. Unser Pakt war sehr klar. Ich liebe die Klarheit bei allen Abmachungen. Gelang es nur nicht, sie durch Geheimhaltung ihres Namens zu decken, dann – vogue la galère , dann war sie frei, zu tun, was sie für gut hielt. Sollte es mir aber gelingen, ihr den Dienst zu erweisen, dann hatte sie eine Buße auf sich zu nehmen.« »Welche Buße?« forschte Frau Violet. »Ich glaube streng genug gewesen zu sein. Das feierliche Versprechen, nie wieder so etwas zu tun, rechne ich natürlich nicht zur Buße. Das war selbstverständlich. Ich verlangte also entweder zwei Jahre Kloster oder fünfjährige, sofort anzutretende Verbannung aus Wien – widrigenfalls!! Sie entschied sich für das letztere. Wir schieden mit einem recht freundschaftlichen shake hands . Ich fuhr nun ins erzherzogliche Palais und wurde sofort vorgelassen, obschon die hohen Herrschaften gerade beim Dejeuner saßen und ich durchaus nicht vollkommen etikettemäßig angezogen war. Das erzherzogliche Paar frühstückte allein. Auf einen Wink der hohen Hausfrau wurde auch für mich ein Gedeck aufgelegt, und ich hielt tapfer mit. Denn meine Expedition hatte mir Appetit gemacht. So lange die aufwartende Dienerschaft ab und zu ging, wurde der Angelegenheit, die mich hergeführt hatte, keine Erwähnung getan. Erst als abgeräumt und die Luft rein war, kam Se. Kaiserliche Hoheit auf unsere Sache zu sprechen. Nun, lieber Herr Dagobert, begann der Erzherzog lächelnd – beachten Sie wohl, meine Gnädigste, er sagte Dagobert, weil er gehört haben mochte, daß ich im Freundeskreis nur so genannt werde. Er wollte mir also damit einen Beweis seiner Huld geben. Sie kommen ohne Zweifel, um sich weitere Informationen zu erbitten. Leider können wir Ihnen aber mit solchen nicht dienen. Ich komme zunächst nur als Briefbote, erwiderte ich, nahm den abgefangenen Brief aus der Tasche und überreichte ihn ehrfurchtsvoll der Frau Erzherzogin, an die er adressiert war. Sie können sich denken, daß sie kein sehr gnädiges Gesicht dazu machte. Von solchen Briefen hatte sie nun schon gerade genug. Ich bitte Ihre Kaiserliche Hoheit, fuhr ich fort, höchstihre Aufmerksamkeit auf einen Umstand zu lenken: der Brief trägt keinen Poststempel! Es war der Erzherzog, dem zuerst ein Licht aufging. Ja, aber dann – Herr Dagobert – schon wieder! dann müßten Sie ja eigentlich den Täter schon kennen! Oder was soll es sonst heißen?! Es soll heißen, Kaiserliche Hoheit, daß ich der trüben Quelle auf den Grund gekommen bin und sie verstopft habe. Das war der letzte dieser Briefe und es wird kein weiterer folgen. Auch für diesen konnte schon die Vermittlung der Postanstalt umgangen werden. Ich verbürge mich dafür, daß keine Fortsetzung folgen wird. Vielen, vielen Dank, Herr Dagobert! Auch die Erzherzogin dankte bewegt und fragte: Wer also ist der Absender? Eine Dame. Eine Dame? Das ist unglaublich! Es ist so, Hoheit – eine Dame der Gesellschaft. Die Herrschaften mußten sich erst fassen, um daran glauben zu können. Dann forschten sie natürlich sehr eifrig nach dem Namen. Ich erstattete zunächst Bericht über die Einzelheiten meiner Untersuchung, soweit ich es im gegebenen Falle für rätlich und zulässig hielt, und man kargte dabei nicht mit Lobsprüchen. Schließlich – man kann ja sagen, daß ich nicht frei bin von Eitelkeit, aber ich bin einmal nicht der Mann, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Was nun den Namen betrifft, schloß ich meinen Bericht, so möchte ich die Entscheidung, ob ich ihn wirklich nennen soll oder nicht, der Weisheit und der Gnade Eurer Kaiserlichen Hoheiten selbst überlassen. Ich schilderte die Dinge, wie sie lagen, und verschwieg nicht, daß die Preisgebung des Namens meinerseits aller Wahrscheinlichkeit nach eine Katastrophe zur Folge haben würde. Der Erzherzog runzelte die Brauen. Hier sei doch wahrhaftig kein Anlaß, besondere Gnade walten zu lassen.« »Das glaube ich auch!« fiel hier Frau Violet dem Erzähler ins Wort. Sie war in sehr grausamer Stimmung gegen die feigen Absender von anonymen Briefen, und sie hatte ja guten Grund dazu. »Ich plädiere dennoch für Milde, fuhr ich fort, und entwickelte auch meine Gründe dafür. Ich war überzeugt, daß die Androhung des Selbstmordes keine leere Redensart gewesen war. Ich wies zur Bekräftigung meiner Auffassung die goldene Dose mit den Cyankalistücken vor und fügte hinzu, daß ich versprochen hätte, sie heute noch zurückzustellen. Das dürfen Sie nicht, Herr Dagobert! rief der Erzherzog. Ich habe es versprochen. Kaiserliche Hoheit. Und dann – wenn einmal ein solcher Entschluß feststeht, dann weiß man sich auch ohne eine solche Dose zu behelfen. Ich werde den Namen nennen, wenn Ihre Hoheiten darauf bestehen, allein ich möchte zuvor einen Umstand der gnädigen Erwägung anheimgeben. Hoheiten haben gewünscht, daß die Angelegenheit in aller Stille und ohne Aussehen erledigt werde. Bei einem Selbstmord kann man nie wissen, ob nicht ein Brief zurückgelassen wird, der dann zu aufsehenerregenden und unerfreulichen Weiterungen führen könnte. Ich habe, Ihre gütige Zustimmung vorausgesetzt, der Verbrecherin die Strafe der fünfjährigen Verbannung von Wien auferlegt. Der Erzherzog stimmte sofort zu, und seine rasche Sinnesänderung überraschte mich einigermaßen. Übrigens glaube ich, sagte er mit einem Blick auf seine Gemahlin, daß wir hier das Urteil der Erzherzogin zu überlassen haben. Die Erzherzogin hatte sinnend das tödliche Gift in der Dose betrachtet, die sie mir aus der Hand genommen hatte. Nun blickte sie auf und sagte: Es kommt mir nicht zu, ein Todesurteil zu sprechen. Dann gab sie mir die Dose zurück, dankte noch einmal mit vieler Wärme und reichte mir die Hand zum Kusse. Während sie sich zurückzog, tippte mich der Erzherzog heimlich auf die Schulter. Ich nahm das als ein Zeichen, daß ich noch verweilen solle, um eine vertrauliche Mitteilung entgegenzunehmen, und hatte mich nicht getäuscht. Einen Augenblick noch, Herr Dagobert; sagte er dann, als seine Gemahlin das Zimmer verlassen hatte, ich möchte Ihnen noch etwas sagen. Ich kenne die Täterin. Denn ich habe mit einem Blicke bemerkt, was sowohl Sie als meine Frau übersehen hatten. In den verschlungenen Ornamenten auf dem Deckel der Dose ist in winziger Ausführung und förmlich versteckt ein Wappen angebracht, das ich kenne. Ich überzeugte mich und schämte mich. Das hatte ich wirklich übersehen! Und doch waren Sie viel klüger als ich, Herr Dagobert. Es ist eigentlich eine sehr traurige Geschichte. Ich habe diese Dame geliebt, und ich darf annehmen, daß auch sie für mich gefühlt hat. Es ist wohl möglich, daß es die Liebe war, die hier in ihr häßlichstes Zerrbild umschlug, und es wird ganz gut sein, wenn der Dame nun einige Jahre Muße gegönnt werden, auf ihren Schlössern oder meinetwegen in London oder Paris über ihre schmähliche Verirrung nachzudenken. – – – Das, Frau Violet, ist die Geschichte meines ersten Falles mit anonymen Briefen.« »Sie haben doch die Gräfin wiedergesehen, Dagobert?« »Natürlich; noch an demselben Tage; wie ich es versprochen hatte.« »Nun – und?« »Sie war gefaßt, auf alles gefaßt. Sie bereute und nahm die Strafe auf sich.« »Eine schöne Strafe – auf den Schlössern oder in Paris!« »Immerhin eine Strafe, Gnädigste, die Einkehr und Umkehr, vielleicht völlige Besserung möglich erscheinen ließ, während –!« »Sie würden nicht so von Humanität triefen, lieber Freund, wenn sie vielleicht weniger hübsch gewesen wäre!« »Wohl möglich; man soll nichts verschwören,« erwiderte Dagobert, indem er wieder an seinem Petrusschöpfchen drehte. »Jedenfalls war und bin ich auch mit mir in dieser Sache vollkommen zufrieden. Die Gräfin bat mich, die kleine Dose zum Andenken an sie und als Pfand ihrer Umwandlung zu behalten. Auch ich solle an sie denken, da sie in unauslöschlicher Dankbarkeit immer meiner gedenken werde. Ich behielt das Kleinod und habe es meiner Sammlung einverleibt.« »Es fällt mir nur auf, Dagobert, daß ich in meinem Leben noch nichts von einem gräflichen Geschlecht der Leys gehört habe!.« »Ja, haben Sie denn wirklich vorausgesetzt, meine Gnädigste, daß ich irgendeinem Menschen auf der Welt den wahren Namen verraten würde? Der Name war natürlich erfunden.« »Aber die Person lebt?« »Sie lebt, und sie hat ihr Versprechen bisher gehalten. Es ist auch wenig Aussicht vorhanden, daß sie bald oder überhaupt jemals wiederkehren sollte. Sie ist jetzt die Gattin eines Pairs im Auslande und soll dort eine große Rolle spielen.« »Mich interessiert vornehmlich,« nahm nun Herr Grumbach, der bisher schweigend zugehört hatte, das Wort, »wie eine feingebildete, hochstehende junge Dame zu einer so entsetzlichen und entehrenden Verirrung kommen kann.« »Da sind wir ja wieder beim Ausgangspunkt,« entgegnete Dagobert. »Ich habe die ganze Geschichte nur erzählt, um darzutun, daß wir uns vor vorgefaßten Meinungen zu hüten haben. ›So schreibt keine Frau!‹ hat Frau Violet in kategorischer und fast jeden Widerspruch ausschließender Weise ausgerufen. Ich habe gezeigt, daß allerdings eine Frau und sogar ein zartes Mädchen so schreiben kann und noch ärger. Damit will ich ja nicht sagen, daß auch diese Briefe von einer weiblichen Hand herrühren müßten, ich wollte nur zur Vorsicht mahnen und vor vorschnellem Urteil warnen.« »Jetzt begreife ich auch,« rief nun Frau Violet, »warum Sie die schäbige Eleganz unserer Briefe gar so sehr bedauert haben, Dagobert.« »Sehr mit Recht, Gnädigste, wie Sie sehen. Ja, so bequem hat man es nicht immer! Auf diesem Papier schreiben in Wien zehn- oder zwanzigtausend Leute. Da kann ich nicht die Papierhandlungen ablaufen.« »Aber Sie werden sich doch Mühe geben, Dagobert?« »Gewiß, Gnädigste, ich werde mir Mühe geben.« »Sie versprechen es?« »Ich verspreche es.« Dagobert nahm die Briefe mit sich und er bat sich bei Grumbach entschieden aus, daß nun von den etwa noch einlangenden, ja mit Bestimmtheit zu erwartenden, keiner mehr in den Papierkorb geworfen werde. Ungelesen mochten sie immerhin bleiben von Grumbach, auch Frau Violet täte am klügsten, wenn sie sie nicht läse, aber er müßte sie alle in die Hände bekommen. Je mehr Material, desto besser. Der Fall war entschieden schwieriger als der, von dem er erzählt hatte, und es mußte nun mit aller Sorgfalt nach Anhaltspunkten geforscht werden. Dazu mußte jeder einzelne Brief genau durchstudiert werden. Nicht einer durfte unbeachtet bleiben. Frau Violet war recht ungeduldig. Sie hätte womöglich auch schon am nächsten Tage das Geheimnis gern enthüllt gesehen. Dagobert wiegelte aber ab und mahnte zur Geduld. Er konnte keine bestimmte Zusage machen, ob es ihm überhaupt gelingen werde, den Schleier zu lüften, unter allen Umständen würden aber darüber Wochen, wenn nicht Monate vergehen. Schließlich, um Ruhe zu haben, verbot er Frau Violet überhaupt, von der Angelegenheit zu sprechen. Er würde schon selber anfangen, wenn es etwas zu berichten gäbe. Früher hätte alles Reden keinen Zweck, und könnte gar nichts nützen. Frau Violet hielt auch brav Disziplin. Sie fragte nicht mehr, aber es fiel ihr furchtbar schwer. Denn sie war sehr neugierig und wenn sie auch die Vereinbarung getreulich einhaltend, nicht fragte, so richtete sie doch manchen verlangenden Blick auf Dagobert, wenn sie nach Tisch in gewohnter Weise im Rauchzimmer plaudernd beisammensaßen, sie auf ihrem Lieblingsplätzchen beim Marmorkamin. Dagobert ihr gegenüber und Grumbach auf seinem bequemen Lehnsessel mehr in der Mitte des Zimmers. Nachdem sie so mehrere Tage tapfer ausgehalten hatte, ließ sich Dagobert durch ihre sehnsüchtigen Blicke doch rühren. »Es geht langsam, Frau Violet,« begann er, »aber es geht doch vorwärts. Einige leichte Spuren hätten wir doch schon.« »Haben Sie wirklich schon etwas herausgebracht, Dagobert?« fragte sie in höchster Spannung. »Es ist sehr wenig, aber immerhin ein Ausgangspunkt, vielleicht der archimedische Punkt.« »Was für ein Punkt?« »Der archimedische. Den braucht man nämlich, um die Welt aus den Angeln zu heben. Sie wissen ja, Gnädigste, daß Archimedes – « »Ja, ich weiß, aber nur jetzt keine Mythologie, Dagobert!« »Erlauben Sie, Gnädigste, Archimedes gehört doch nicht – « »Ja doch meinetwegen! Lassen Sie jetzt nur die Archimandriten, oder wie sie heißen, in Ruhe. Ich glaube Ihnen alles unbesehen, aber jetzt erzählen Sie nur, was Sie herausgebracht haben!« »Einige Kleinigkeiten. Also: der Schreiber – ich bin nämlich nun ziemlich sicher, daß es ein Schreiber und keine Schreiberin ist – ist glattrasiert und raucht Zigaretten. Belieben ein enttäuschtes Gesicht zu machen. Gnädigste? Es ist in der Tat recht wenig, aber man kann weiterbauen darauf.« »Sie können doch unmöglich alle Leute stellen, Dagobert, die glattrasiert gehen und Zigaretten rauchen!« »Das wäre allerdings einigermaßen umständlich, wenn auch nicht gar so sehr, wie Sie sich das vorstellen, Frau Violet. Der Briefschreiber – das ist erwiesen – kennt Sie sehr genau. Sie sehen also, daß wir da schon einen Kreis mit ganz bestimmten Grenzen haben. Also gar so umständlich wäre es nicht, mir wäre es nur nicht sicher genug.« »Also – warum glattrasiert?« »Es ist nur eine Vermutung und noch keine Gewißheit. Darum möchte ich mich auch darüber jetzt noch nicht äußern. Ich erbitte also noch acht Tage Frist. Da werde ich Ihnen schon mehr, vielleicht alles sagen können.« »Und warum – Zigarettenraucher?« »Darüber läßt sich reden. Zigarettenraucher allein, das wäre auch mir als Anhaltspunkt zu wenig. Ich bin in der Lage, in meinen Schlüssen etwas weiter zu gehen. Es ist einer, der die Gewohnheit hat, selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen. Auch damit ist ja noch nicht viel erreicht, aber jeder Umstand ist von Wert, der den Kreis enger zieht.« »Wie sind Sie darauf gekommen, Dagobert?« »Bei meinem Geschäft muß man ein Kleinigkeitskrämer sein. In zweien der vielen Briefe fand ich je ein winziges Atom von Tabak, kaum größer als eine Stecknadelspitze, so viel eben an der eintrocknenden Tinte eines Buchstabenteils hängen bleiben kann. In Tabaken – das wissen Sie – bin ich Kenner. Ich nahm die Lupe, um mir zu bestätigen, was ich so schon wußte. Denn ich habe gute Augen. Das waren Partikelchen von Sultan flor .« »Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, wollen Sie auf den Räuberfang ausgehen, Dagobert?« » Sultan flor ist ein lang- und feingeschnittener, lichtgelber türkischer Rauchtabak. Er wird nur zu selbstgerollten Zigaretten verwendet und höchstens noch aus dem Tschibuk geraucht. Darum muß ich mir auch noch vorbehalten, meine ursprüngliche Angabe zu berichtigen. Es könnte also auch ein Tschibukraucher sein, obschon solche bei weitem nicht so zahlreich sind, wie die Zigarettenraucher. Sultan flor ist ein ganz guter Tabak, und er ist insbesondere den Leuten zu empfehlen, die halbwegs anständig und dabei doch billig rauchen wollen. Man gibt nicht viel aus und hat doch etwas Ordentliches.« »Sehen Sie, das beruhigt mich ungemein!« entgegnete Frau Violet ein wenig empfindlich über die Dürftigkeit der ihr gewordenen Enthüllungen, aber mehr war an jenem Tage aus Dagobert durchaus nicht herauszukriegen. Und da war eben weiter nichts zu machen. Wahrend der nächsten acht Tage kam Frau Violet glücklicherweise nicht dazu, sich mit der unleidlichen Briefaffäre viel zu beschäftigen. Sie hatte den Kopf voll mit anderen Dingen, und alle Hände voll zu tun. Zwei große Soireen im Hause Grumbach in einer Woche! Dagobert hatte sie angeordnet und sich dabei hinter Grumbach selbst gesteckt. Frau Violet sollte von seiner Absicht gar nichts erfahren. Er wollte sich einmal den ganzen Grumbachschen Kreis bequem in der Nähe besehen. Es wären zu viel Leute geworden für einen Abend, und so wurden denn zwei veranstaltet. Man nahm eine Teilung vor. Erst kamen seine Freunde dran und dann ihre Leute. Zwei Soireen vorzubereiten und durchzuführen – natürlich hatte Dagobert in dieser Zeit Ruhe vor Frau Violet. Als der Rummel glücklich vorüber war, saßen die drei eines Tages wieder traulich beisammen im Rauchzimmer, und Dagobert machte der Hausfrau Komplimente über ihre beiden schönen Feste. »Man spricht in der Stadt davon,« sagte er, »und man ist einig in der Bewunderung Ihrer Hausfrauentugenden, Frau Violet.« »Waren Sie auch zufrieden mit mir, Dagobert?« »Ich war einfach entzückt.« »Das freut mich. Denn ich weiß, Sie sind ein strenger Kritiker, Dagobert. Einen Verdacht aber werde ich doch nicht los. Mir ist nämlich nachträglich die Idee gekommen, daß ich diese Soireen eigentlich für Sie machen mußte?« »Für mich?!« »Jawohl, zu Studienzwecken. Mir ist, als hätten Sie die ganzen Veranstaltungen in irgendeiner Weise mit Ihren Untersuchungen in der Angelegenheit der Briefe in Zusammenhang bringen wollen.« »Ich beuge mein Haupt, Gnädigste; Sie haben mich durchschaut.« »Nun – hat es wenigstens etwas genützt?« »Ich glaube wohl, daß wir um einen Schritt vorwärts gekommen sind. Aus dem Inhalt der Briefe geht hervor, daß ihr Absender zu den Bekannten, vielleicht zu den Intimen des Hauses gehört. Diese wollte ich nun gern einmal beisammen sehen. Ich hätte es auch schon als einen Erfolg angesehen, wenn das Ergebnis ein rein negatives gewesen wäre, und ich die Überzeugung gewonnen hätte, daß der Briefschreiber nicht in Ihrem engeren Kreise zu suchen sei.« »Es wäre mir sehr lieb, Dagobert, wenn Sie zu dieser Überzeugung gelangt sein sollten, und ich hätte gar nichts dagegen, wenn meine Mühe eine vergebliche gewesen wäre.« »Dann müßte ich mir Vorwürfe machen, daß ich sie Ihnen verursacht habe.« »Haben Sie wirklich etwas gefunden, Dagobert?' »Ich habe mich in einer Meinung bestärkt, und das ist schon etwas. Ich habe meine Spur, und ich glaube, daß sie die richtige ist.« »Dagobert, das wäre großartig, wenn Sie uns diesen Dienst leisten könnten! Sagen Sie, wen Sie im Verdacht haben.« »Das geht nicht so schnell, meine Gnädigste. Mit Vermutungen ist uns nicht geholfen. Wir müssen Beweise haben.« »Quälen Sie mich nicht so, Dagobert! Sie wissen etwas; sagen Sie es!« »Es tut nicht gut, vorzeitig zu plaudern. Ich setze voraus, Gnädigste, daß selbstverständlich auch Sie mit keinem Menschen über diese häßliche Affäre gesprochen haben.« »Selbstverständlich nicht, das heißt, einem habe ich doch mein Herz ausgeschüttet, aber das ist so, als wenn ich es niemandem gesagt hätte. Walter Frankenburg –« »Walter Frankenburg!« »– ist mein ältester Freund noch von der Bühne her, und er war mir schon damals ein wahrhaft väterlicher Freund. Als ich heiratete, war er mein Beistand vor dem Altar. Das ist ein Mensch, dem ich alles sagen darf.« »Ich habe Sie beobachtet, Gnädigste, als Sie mit ihm sprachen, und ich hätte vorhin meine Bemerkung nicht gemacht, wenn ich nicht vermutet hätte, daß Sie ihn ins Vertrauen gezogen haben.« »Daraus können Sie mir keinen Vorwurf machen. Dagobert. Der Mann ist verläßlich.« »Ich hätte es für besser gehalten, überhaupt nicht zu sprechen. Haben Sie ihm am Ende auch mitgeteilt, daß Sie mich mit den Nachforschungen betraut haben?« »Sie wurden nicht erwähnt, Dagobert. Ich wiederhole, daß ich für Walter Frankenburg die Hand ins Feuer lege. Er ist ein wahrhaft edler und ehrenhafter Mensch, aber lassen wir das jetzt. Erzählen Sie lieber von Ihren Beobachtungen.« »Wir hatten also zwei Gruppen von Gästen, die Gruppe Grumbach und die Gruppe Frau Violet. Auf die erstere hatte ich von Haus aus wenig Hoffnung gesetzt. All die Großindustriellen und Finanzbarone – die haben doch gemeiniglich andere Sorgen, als sich Tag für Tag hinzusetzen und anonyme Briefe zu schmieren. Sie haben auch nicht die Zeit dazu oder sie nehmen sich sie nicht. Mehr Aussicht bot schon die zweite Gruppe, das Künstlervölkchen.« »Ich danke im Namen der Künstler für das Kompliment!« »Ich wollte Ihre Gefühle nicht verletzen, Frau Violet. Wenn Sie darauf bestehen, will ich Ihnen sogar bestätigen, daß Neid und Mißgunst und Gehässigkeit Untugenden sind, die in der Schauspielerwelt gar niemals vorkommen. So bin ich!« »Ich bestehe nicht darauf.« »Schön. Ich habe Ihnen schon neulich erwähnt, daß die Briefe wahrscheinlich von einem glattrasierten Manne geschrieben worden seien. Ich wollte damit nicht die Meinung erwecken, daß ich imstande sei, das aus der Schrift zu entdecken. Die Wahrheit ist, daß ich die Briefe sehr genau auch auf ihre stilistische Ausdrucksweise hin durchstudiert habe. Da waren mir gewisse wiederkehrende Wendungen und Ausdrücke aufgefallen. Es ist – um einige Beispiele anzuführen – es ist zum Schreien – ich freue mich diebisch – eine Bombenrolle – die talentlose Bestie – die Reklametrompete – die Beispiele ließen sich noch häufen. Nun, Frau Violet, finden Sie darin nicht doch einen Fingerzeig?« »Allerdings, Dagobert, wenn man einmal aufmerksam gemacht wird!« »Ich durfte also vermuten, daß ein glattrasierter Herr der Verfasser ist.« »Warum gerade ein Herr?« »Ich erinnere Sie an den Sultan flor .« »Es gibt auch rauchende Damen!« »Allerdings, aber sie rauchen nicht Tschibuk und gewöhnlich rollen sie sich auch die Zigaretten nicht selber. Ich habe mir also die Leutchen bei Ihnen gut angesehen und beim allgemeinen Aufbruch schloß ich mich einer Gruppe an, die mir einige Aussichten zu bieten schien.« »Ich habe es wohl bemerkt, Dagobert. Auch Walter Frankenburg schloß sich Ihnen an.« »Er kam auch mit, und ich bestätige Ihnen gern, daß er in seinen Kreisen ein hohes Ansehen genießt. Er ist auch außerhalb der Bühne ganz père noble Wir gingen nach gewohnter Sitte noch in ein Kaffeehaus. Natürlich wurde Ihr Abend besprochen und gründlich rezensiert, Frau Violet.« »Bin ich sehr stark ausgerichtet worden?« »Nicht im mindesten, ich versichere. Im Gegenteil. Einen Augenblick allerdings fühlte ich mich versucht, mit dem Ausrichten zu beginnen, um die anderen zur Fortsetzung zu animieren.« »Ein schöner Freund!« »Ich habe es nicht getan, ob schon ich mir wohl einen Erfolg davon versprechen konnte. In dem Briefschreiber muß sich doch ein starker Bodensatz von Gehässigkeit angesammelt haben, und davon mußte, wenn er sich in der Gesellschaft befand, in der Arglosigkeit etwas zum Vorschein kommen. Seien Sie ruhig, Frau Violet; ich habe es nicht getan. Man hat seine Grundsätze, und als Agent provocateur würde ich selbst im alleräußersten Notfall nicht auftreten.« »Um den Preis hätten Sie es schon tun dürfen, Dagobert!« »Niemals! Wir unterhielten uns natürlich ausgezeichnet. Das war noch auf Rechnung Ihres herrlichen Rheinweins und Ihres Heidsieck zu setzen, Frau Violet. Ich bot meine besten Havanna herum und erbat dafür eine Zigarette. Sofort wurden mir ein Dutzend Dosen entgegengestreckt. Ich lehnte ab. Ich hätte jetzt zu meinem kleinen Schwarzen gerade Gusto auf eine selbstgerollte. Nur einer in der Gesellschaft konnte dienen. Ich nahm die Dose – Sultan flor! « »Ah!« »Wir kamen ins Reden. Der Mann, der mir ausgeholfen hatte, erzählte eine Geschichte, und er leitete sie mit den Worten ein: Kinder, es war zum Schreien! Die Geschichte war recht abgeschmackt, aber die Einleitung hatte mich interessiert. Dann kam er auf Sie zu sprechen, und er erklärte, daß Violet heute einen Bombenerfolg gehabt habe.« »Wer war das, Dagobert?« »Lassen Sie mich auch weiterhin vorsichtig sein, Frau Violet.« »Aber Sie scheinen nun doch schon wirklich nahe daran zu sein!« »Vielleicht noch näher, als Sie glauben, Frau Violet. Ich werde morgen zu ungewohnter Zeit bei Ihnen sein, um zehn Uhr vormittags, und wenn wir morgen nicht zum Ziele kommen, auch die folgenden Tage zur selben Zeit. Ich bitte dich, Grumbach, auch so lange zu Hause zu bleiben, bis ich komme. Dein Bureau wird dir inzwischen nicht davonlaufen.« »Und jetzt wollen Sie gar nichts mehr sagen, Dagobert?« »Ich kann nicht. Nur eins noch: sollte inzwischen wieder einer der Briefe kommen, dann bitte, halten Sie den Umschlag schräg gegen das Licht. Ich hoffe, daß Sie da eine neue Nuance entdecken werden. Ich vermute nämlich, daß nun die Tinte einen Metallglanz ausweisen wird.« Als Dagobert am nächsten Vormittag wiederkam, fand er Grumbachs schon eifrig damit beschäftigt, einen eben empfangenen Brief immer und immer wieder schräg gegen das Licht zu halten. Unverkennbar; die Tinte wies einen metallischen, grüngoldigen Glanz auf. Frau Violet war in großer Aufregung. »Dagobert,« rief sie, »Sie sind ein Hexenmeister! Wie konnten Sie das wissen?« »Verzeihung, Gnädigste, daß ich selbst ein wenig unpünktlich war. Ich wollte eigentlich gern selbst dabei sein, wenn der Briefträger kam. Ich wußte ja nun zur Genüge, mit welcher Post diese holden Briefe zu kommen pflegen, aber Sie wissen ja, ich bin ein unverbesserlicher Langschläfer. Es tut übrigens nichts. Lassen Sie mal sehen. Richtig – der schönste Metallglanz – womit ich die Ehre habe, mich hochachtungsvoll und ergebenst –« »Was, Dagobert – Sie wollen doch nicht jetzt gleich wieder davonrennen! Erst müssen Sie erzählen.« »Ich darf keine Zeit verlieren, um die Klappe zu schließen, Frau Violet. Es gibt noch viel zu tun. Ich lade mich aber heute zu Tische bei Ihnen ein, und dann werde ich Ihnen Rede stehen, so viel Sie wollen.« Er eilte davon und erschien erst nachmittag um fünf Uhr pünktlich zum Essen, wie er es versprochen hatte. Er speiste mit gutem Behagen, während Frau Violet in ihrer Aufregung die köstlichen Gerichte fast unberührt ließ. Sie konnte es kaum erwarten, seinen Bericht zu vernehmen, aber sie wußte, daß er bei Tische von der Sache nichts reden würde, und sie konnte es auch mit Rücksicht auf die Dienerschaft nicht wünschen. Als sie sich's aber nach dem Mahle im Rauchzimmer, Frau Violet auf ihrem Lieblingsplätzchen, bequem gemacht hatten, da erteilte sie ihm sofort das Wort. »Die Arbeit ist getan, Frau Violet,« begann er. »Meine Mission ist erfüllt. Sie werden mit diesen elenden Briefen nicht mehr behelligt werden. Und auch du, Grumbach, wirst der Unannehmlichkeit enthoben sein.« »Was mich betrifft,« erwiderte dieser, »so hätte es mich bei meiner Methode auch weiter nicht sonderlich gestört. Jedenfalls hast du mich aber wieder einmal tief zu Danke verpflichtet, Dagobert.« »Erzählen Sie!« drängte Frau Violet. »Ich weiß nicht, Gnädigste, ob es nicht rätlicher wäre, daß Sie sich mit der Tatsache der Befreiung begnügten, ohne nach den einzelnen Umständen zu forschen.« »O nein, Dagobert, ich will alles wissen!« »Gut. Also – den Missetäter hätten wir!« »Wer ist es?« »Wie ich bereits bemerkt habe, ein Zigarettenraucher, der glattrasiert ist. Wie ich daraufgekommen bin, wissen Sie. Wir waren bis dahin gekommen, daß mir einer Ihrer Freunde von seinem bürgerlichen Sultan flor anbot.« »Wer ist das?« »Am nächsten Tage machte ich diesem Manne meinen Besuch, und zwar zu einer Zeit, wo ich bestimmt wußte, daß er nicht zu Hause sein werde. Ich konnte das wissen; denn ich hatte mich erkundigt. Er war zu jener Zeit bei einer Bühnenprobe beschäftigt. Mein Besuch war nötig und nützlich. Ich konnte meine Vorkehrungen treffen. Als ich Sie heute morgen verließ, fuhr ich zum Kriminalkommissär Dr. Weinlich. Das ist der einzige fähige Kopf bei unserer Kriminalpolizei. Wir sind befreundet und tauschen gelegentlich unsere Erfahrungen und Beobachtungen aus. Ich darf wohl sagen, ohne unbescheiden zu sein, daß wir uns gegenseitig anregen und gegenseitig voneinander lernen. Ich trug ihm den Fall vor und fragte ihn, ob er behilflich sein wolle, die bedrohte Ehre und den Frieden eines angesehenen Hauses zu schützen. Ich verlangte nicht ein amtliches Eingreifen, erklärte dieses sogar von vornherein für ausgeschlossen. Ich brauchte nur einen sachkundigen und eindrucksvollen Zeugen zu der Verhandlung, die ich vorhatte. Er war sofort mit von der Partie, und wir fuhren zu dem Manne, den wir diesesmal – dessen hatte ich mich schon versichert – zu Hause trafen. Der Schwarze ist heute übrigens wieder ganz vorzüglich, Frau Violet, und was Ihren Kognak betrifft, so wollte ich schon längst einmal fragen –« »Ach, Dagobert, lassen Sie jetzt doch die Kognakfrage! Erzählen Sie weiter!« »Nein, wirklich! Für Kognak, müssen Sie wissen, bin ich Kenner, und da –« »Dagobert!« »Also wir trafen den Mann zu Hause.« »So sagen Sie doch endlich um Gottes willen, wer es ist!« »Er empfing uns großartig. Auch zu Hanse ganz – père noble .« »Dagobert! Sie wollen doch nicht sagen – –« »Ich will.« »Doch nicht Walter –« »Walter Frankenburg, der grosse Mime und väterliche Menschenfreund.« »Das ist entsetzlich!« »Er empfing uns also großartig. Mich wollte er gleich nur umarme, ich winkte aber gelassen ab. Ich machte es kurz und entschieden. Ich stellte den k. k. Polizeioberkommissär Dr. Weinlich vor, den ich gleich mitgebracht habe, da wir einer ganz niederträchtigen Lumperei auf der Spur seien. Dann zog ich zwei Briefe aus der Tasche, den von vorgestern und den heutigen, beide noch uneröffnet. Kennen Sie diese Briefe, Herr Frankenburg? Nein. Man wird doch nicht glauben – Was wird man nicht glauben? Daß ich sie geschrieben habe! Warum sollten denn Sie sie nun nicht geschrieben haben können? Es könnte ja ihr Inhalt zufällig auch ein hochanständiger sein! Er merkte, daß er sich verfangen hatte, und erbleichte, immer war er aber noch ganz der Heldenvater. Er sei hier zu Hause und werde sein Hausrecht wahren. Er sei nicht gesonnen, sich in seiner Wohnung wegen einer ebenso schmählichen als unbegründeten Verdächtigung förmlich verhören zu lassen. Ich war der Meinung, entgegnete ich, daß Sie ein Verhör hier dem im Gerichtssaale vorziehen würden. Im Gerichtssaale, Herr, werden Sie sich zu verantworten haben! Ich fürchte nur, daß Sie mir keine Gelegenheit dazu bieten werden. Also Sie leugnen. Das ist Ihr Recht. Sie wissen aber leider nicht, daß ich Sie mit meinen Beweisen wie in einem eisernen Schraubstock halte. Sie können zappeln, so viel Sie wollen, Sie kommen nicht mehr los. Die Beweise möchte ich kennen! Sofort. Ich hatte mir die Ehre gegeben, gestern bei Ihnen vorzusprechen. Sie haben meine Karte doch vorgefunden? Ja. Haben Sie sie noch? Jawohl, hier ist sie. Schade. Sie hätten sie vernichten sollen. Denn sie bildet nun ein starkes, vielleicht das stärkste Beweisstück gegen Sie. Was soll die Karte gegen mich beweisen? Sie schreiben mir auf ihr, ob ich nicht in der nächsten Zeit im Klub der Industriellen etwas vortragen wollte. Ich habe bis jetzt weder zugesagt, noch abgelehnt. Wie soll ich da nun etwas verbrochen haben?! Sie wollen noch immer nichts zugeben. Gehen wir also methodisch vor. Zunächst wäre ich also in der Lage, Ihnen nachzuweisen, daß sich dasselbe Briefpapier, das zu diesen anonymen Sudeleien verwendet worden ist, in Ihrem Schreibtische vorfindet. Wer kann das behaupten? Ich. Ich bin nicht umsonst fünf Minuten an diesem Schreibtisch gesessen, wenn auch unter den sorglichen Augen Ihrer Wirtschafterin, die mir die Honneurs machte. Hier, Herr Kriminalkommissär, was für Parfüm haben diese beiden Briefe? Ich glaube, es ist ein leichtes Veilchenparfüm, erwiderte Dr. Weinlich, nachdem er die Briefe zur Nase geführt hatte. Einerlei, was es ist, erklärte ich, jedenfalls billige Sorte. Für Parfüms bin ich Kenner. Die Hauptsache ist, wollen Sie einmal, Herr Kriminalkommissär zur oberen Schreibtischlade rechts riechen. Es ist in der Tat genau dasselbe Parfüm. Das ist die Hauptsache. Sie wollen uns die Lade nicht aufschließen, Herr Frankenburg. Ich nötige Sie nicht, obschon ich glaube, daß wir dort einen Beweis finden könnten. Allerdings keinen genügenden. Das gebe ich Ihnen zu. Sie können auch sonst beruhigt sein. Wir haben keinen Hausdurchsuchungsbefehl mit, können Sie also auch nicht zwingen. Wir könnten uns ja schließlich einen solchen Befehl verschaffen, aber wir brauchen ihn nicht. Ich habe etwas Besseres. Als ich an diesem Tische zu sitzen die Ehre hatte, habe ich die Gelegenheit benutzt, um aus diesem Vexierring, den Sie an meinem Finger sehen, drei Tropfen in Wasser aufgelöster Bronzefarbe in Ihr Tintenfaß zu träufeln. Sie konnten den kleinen Scherz nicht bemerken, Herr Frankenburg, er hat Sie aber festgemacht. Die Karte, die ich schrieb, war das letzte Dokument, das an diesem Schreibtisch mit glanzloser Tinte geschrieben wurde. Was später geschrieben wurde, mußte, wenn die Tinte einmal eingetrocknet war, den verräterischen und unwiderleglichen Metallglanz aufweisen. Vergleichen Sie gütigst diese beiden Briefe, Herr Kriminalkommissär. Der eine ist vor, der andere nach meinem Besuche geschrieben worden, wie die Poststempel ausweisen. Auch das ist unverkennbar, bestätigte Dr. Weinlich. Tatsache ist nun, daß Sie alle Schreibtische Wiens gerichtlich durchsuchen lassen können, auf keinem wird diese absonderliche Tinte wiederzufinden sein. Glauben Sie nun, Herr Walter Frankenburg, daß ich Sie festhalte?« »Nun, hat er gestanden?« fragte Frau Violet in höchster Spannung. »Er war gebrochen, gab jeden Widerstand auf und alles zu. Und nun, Frau Violet, rüsten Sie sich zur großen Gerichtsverhandlung!« »Was fällt Ihnen ein, Dagobert?! Soll ich mich vielleicht als Zeugin hinausstellen und dann in den Sensationsberichten durch alle Zeitungen schleifen lassen!!« »Ja, was soll ich sonst mit dem Manne anfangen?« »Schaffen Sie ihn ab aus Wien, legen Sie ihm sonst eine Buße auf, was Sie wollen, aber mich lassen Sie aus dem Spiele!« »Merkwürdig, wie man sich täuschen kann! Ich dachte, weil Ihnen diese Art der Strafe bei der Gräfin viel zu mild schien –« »O, das war etwas ganz anderes!« »Ich weiß nicht, ob es etwas ganz anderes war, aber für alle Fälle habe ich auch ihn vom Fleck weg verbannt. Er wird nie mehr eine Wiener Bühne betreten, außerdem schickt er diesen Betrag für Ihren Wohltätigkeitsverein, meine Gnädigste. Den Ausweis wird er in den Zeitungen finden. Das Schlagwort wird lauten: ›Von einem überwiesenen Schurken‹, und er wird sich erkennen.« Zweiter Band Dagoberts unfreiwillige Reise. Andreas Grumbach, seine Gattin, Frau Violet, hatten sich gerade zu Tische gesetzt, als Dagobert eintrat. War das eine Überraschung! Seit zwei Monaten hatten sie ihn mit keinem Auge gesehen. Er war förmlich verschollen gewesen. »Es ist schön von Ihnen, Dagobert, daß Sie wenigstens noch am Leben sind!« bewillkommnete ihn Frau Violet freudig erregt, während ihm Grumbach mit Herzlichkeit die Hand schüttelte. »Ich gebe zu, es ist ein hübscher Zug von mir, aber es hätte wahrhaftig nicht viel gefehlt –« Er vollendete nicht, und man fragte nicht. Man wußte von früher her schon, daß er bei Tische, solange die aufwartende Dienerschaft noch ab und zu ging, nicht zum Reden zu bringen sein werde, und so fragte man sich vorderhand nur gegenseitig das Befinden ab und erging sich sonst in allgemeinen und gleichgültigen Redensarten. Der Bediente, der gerade die Suppe servierte, hatte gar nicht erst den Wink der Hausfrau abgewartet, sondern, wie es sich für einen gutgeschulten Diener, der den Brauch des Hauses kennt, gehört, aus freien Stücken und im eignen Wirkungskreise für den Gast ein frisches Gedeck aufgelegt. Frau Violet war aber doch riesig neugierig, und sie hatte auch allen Grund dazu. Zwei Monate sich nicht anschauen zu lassen und gar kein Lebenszeichen von sich zu geben – so etwas war überhaupt noch nicht dagewesen! Dagoberts Antlitz wies eine Blässe wie von überstandener Krankheit auf, und sein Petruskopf erschien ihr nun noch viel interessanter als schon früher. Sie kannte die große Passion Dagoberts, sich als Amateur-Detektiv um Dinge zu kümmern, in Sachen hineinzumischen und ihnen nachzugehen, die ihn eigentlich gar nichts angingen und sich dabei gelegentlich in recht bedenkliche und gefährliche Zwischenfälle verwickeln zu lassen. Sie erinnerte sich dabei dankbaren Gemütes, welch wichtige Dienste er mit seiner merkwürdigen Gabe scharfsinniger Kombinationskunst als Gentleman-Detektiv wiederholt auch ihrem Hause schon geleistet habe. Als der Diener auf einen Augenblick das Zinnner verließ, konnte sie sich nicht enthalten, ihm die Frage zuzuflüstern: »Sie waren verreist, Dagobert?« »Jawohl, eine kleine Reise – eigentlich eine unfreiwillige Reise.« »Wohin?« »Nach Preßburg.« »Eine Stunde von Wien – das ist doch keine Reise!« »Es sind so gegen sechzig Kilometer.« »Man bleibt nicht zwei Monate in Preßburg, noch dazu im Winter!« »Sehr richtig. Für die Rückfahrt mußte ich allerdings einen kleinen Umweg machen so von ungefähr zweitausend Kilometern. Ich bin nämlich über Mentone zurückgekommen.« Die Unterhaltung wurde unterbrochen, als der Diener wieder eintrat. Frau Violet, die ja wußte, daß Dagobert, wie er das immer gern getan hatte, nach Tisch beim schwarzen Kaffee im Rauchzimmer, seine Erlebnisse in der Zwischenzeit erzählen werde, war doch zu ungeduldig, einiges Nähere jetzt schon zu erfahren, um nicht eine neuerlich sich darbietende Gelegenheit zu einer Frage zu benützen. »Sie waren natürlich wieder – in Geschäften fort, Dagobert?« »Ich antworte wie Franz Liszt antwortete, als ihn ein Potentat fragte, ob er in Wien gute Geschäfte gemacht habe: Ich mache keine Geschäfte, ich mache Musik, Majestät.« »Aber ich meinte ja – die Musik, Dagobert!« Auch so wäre noch ein Mißverständnis möglich gewesen. Denn tatsächlich hatte Dagobert die große Passion auch für die Musik, die er leidenschaftlich liebte. Auch da galt er als hingebungsvoller Amateur, und dabei hätte er es sich keineswegs gefallen lassen, bloß als Dilettant angesehen zu werden. In Wahrheit hatte Frau Violet gar nicht die Musik gemeint, sondern seine andere Liebhaberei, die für die Detektivkunst. Diese Kunstliebhaberei war ihr an ihm doch noch die interessantere. Als dann die kleine Gesellschaft das Rauchzimmer betrat, richtete Frau Violet dem Gaste, den sie der an ihm ungewohnten Blässe halber noch immer als Patienten betrachtete und daher mit einer gewissen Mütterlichkeit betraute, seinen Sitz in der Nähe ihres Lieblingsplätzchens am Kamin her. Der Hausherr selbst nahm seinen gewohnten Platz am Ranchtischchen in der Mitte des Zimmers ein. Der Kaffee war serviert, man hatte sich mit Zucker, die Herren mit Zigarren, Frau Violet mit einer Zigarette versorgt. Man war unter sich und ungestört. »Sie haben sich sicher wieder in irgendeine verrückte Geschichte eingelassen, Dagobert,« begann Frau Violet. »Sehr verrückt, meine Gnädigste!« »Sie werden einmal schlecht dabei wegkommen, Dagobert. Ich habe Sie oft genug gewarnt.« »Man schafft sich seinen Lebensinhalt, Frau Violet. Wissen Sie, was ich eigentlich am allerliebsten täte?« »O ja, am liebsten würden Sie – Musik machen.« »Das tue ich so wie so. Die tiefste Sehnsucht gilt immer dem Unerreichbaren, und am liebsten möchte man gewöhnlich das tun, was man nicht kann.« »Was möchten Sie denn also am allerliebsten tun?« »Novellen schreiben.« »Aber – Dagobert!« »Da ich das aber nicht kann – leider! – so trachte ich wenigstens, meine Novellen zu erleben.« »Erlebte Novellen – das ist auch schon etwas, vielleicht mehr und Besseres als geschriebene.« »Ob auch Besseres – das möchte ich nicht so schroff behaupten, Frau Violet! Das Leben ist kolossal fruchtbar im Dichten, aber es dichtet nicht immer kunstgemäß. Wo nach allen Regeln der Kunst eine verfolgte Unschuld not täte, da fehlt gewöhnlich die Unschuld, und wo man den geistsprühenden Baron brauchte, wie einen Bissen Brot, daß er mit seiner wundervollen Vorurteilslosigkeit zum Schlusse alles ins richtige Geleise bringe, da ist im Leben weit und breit keine Spur von ihm zu entdecken. So sind denn meine Novellen eigentlich immer recht kunstlos gefügt, und sie geraten sehr selten zu einem allseits befriedigenden Abschluß. Die Kunstform der Novelle –« »Mein lieber Dagobert, das alles ist sicher sehr schön und gut, was Sie mir da entwickeln wollen, aber es ist nicht das, was ich von Ihnen erwarte.« »Verzeihung, Gnädigste. Ich weiß, daß ich verpflichtet bin, Ihnen meine Beichte abzulegen. Ich beginne also meine Novelle, die eigentlich keine ist, weil –« »Keine Philosophie mehr, Dagobert. Ich wünsche Tatsachen.« »Gut. Eine Tatsache war es, daß mein Arzt eines schönen Tages – es war so um die Mitte Oktober herum – an mir eine leichte Leberanschwellung und gleichzeitig eine kleine Gallenaffektion feststellte.« »Sie waren leidend, Dagobert, und haben uns keine Mitteilung gemacht!« »Der Esel meinte, ich hätte vielleicht ein wenig zu gut gelebt. Als ob man überhaupt zu gut leben könnte. Natürlich habe ich immer darauf gehalten, so gut als möglich zu leben, aber ich bin ein Epikuräer und habe mir immer etwas zugute getan auf meine Weisheit im Genießen.« »Nun scheint Sie Ihre Weisheit gelegentlich doch im Stiche gelassen zu haben.« »Meine Leber hat mich im Stiche gelassen. Ich hätte Besseres von ihr erwartet. Also nun los mit der Karlsbader Kur! Es war nicht nötig, deshalb nach Karlsbad zu fahren; sie konnte auch zu Hause erledigt werden. Der Arzt hatte es gnädig gemacht mit mir. Des Morgens vor dem Frühstück einen anständigen Becher Mühlbrunn, darauf sofort eine halbe Stunde spazieren laufen – das war alles. Die Sache war mir ungewohnt und nicht eben angenehm. Gleich in aller Gottesfrühe fortrennen und so zwecklos spazieren gehen – das ist nie mein Fall gewesen, aber es mußte sein.« »Dem Arzte muß man folgen, Dagobert!« »Natürlich. Ich schiebe also los und hatte gleich am ersten Tage meine Novelle.« »Sie haben immer Glück gehabt.« »Es kommt darauf an. Wie Sie wissen, habe ich mein Junggesellenheim vor kurzem nach der Elisabeth-Promenade verlegt, die sich ja, wie Sie wissen, großartig herausgemacht hat. Früher hieß sie Roßauer Lände und unsere Stadtväter haben sie jetzt erst umgetauft. Ich finde, daß das eine recht überflüssige Wallung von Vornehmtuerei war. Roß-Au-Lände – so gut deutsche Wörter, die frische und angenehme Vorstellungen wecken. War es da unbedingt nötig –« »Gott, Dagobert – ich warte auf Ihre Novelle!« »Ich wollte nur sagen, das damit die Linie für meine Spaziergänge gegeben war.« »Natürlich! Die Promenade ist sehr schön.« »Im Gegenteil – durchaus nicht natürlich. Die Promenade – wenn Sie das kühne Bild gestatten wollen – wächst mir nämlich schon zum Halse heraus. Wenn man den Weg tagtäglich ohnedies mehrmals machen muß, dann wird man sich ihn nicht auch noch zum Spazierengehen aussuchen. Das wäre ja tödlich langweilig. Für mich war es also klar, daß ich meinen Weg über die Brigittabrücke nehmen mußte, in die Brigittenau, den zwanzigsten Bezirk, in den ich früher äußerst selten gekommen war und den ich daher fast noch gar nicht kannte. Als Grillparzer in seinem ›Armen Spielmann‹ die Brigittenau schilderte, da war sie wirklich noch eine Au, jetzt ist sie eine Großstadt für sich mit einer allerdings verhältnismäßig recht armen Bevölkerung. Da konnte ich immerhin erwarten, Neues zu sehen und mancherlei Anregung zu empfangen.« »Ich selbst bin in meinem Leben noch nicht dort gewesen, Dagobert.« »Gleich bei der Brücke ist dort jetzt der ›Schanzel‹ der Obstmarkt, etabliert. Ein hübsches, farbiges Bild. Da hatte ich sie nun vor mir, förmlich in Reih und Glied aufgestellt, die berühmten Schanzelweiber, berühmt ob der Kolossalität ihrer Leibesformen und nicht minder ob der Kolossalität der Derbheit ihrer Ausdrucksformen, wenn sie gereizt werden oder sonst in schlechter Laune sind. Vor ihnen auf umfänglichen Gestellen Berge von Obst, das sie feilhalten; hinter ihnen der Donaukanal, die zahlreichen Obstschiffe mit ihrem schier unerschöpflichen Inhalt. Ein prachtvolles, buntes Bild! Ich schreite die Stände langsam ab, und als ich am vierten Stand vorbeigekommen war, da wußte ich, daß meine notgedrungenen Spaziergänge nun doch über die langweilige ärztliche Vorschrift hinaus eine Art Zweck und Ziel haben würden. Ich werde da am Rückweg ebenfalls vorbeikommen und morgen wieder und überhaupt alle Tage, solange noch das Martyrium der kurgemäßen Lebensweise dauern sollte.« »Aha – cherchez la femme « »Sehr richtig, meine Gnädigste. Sie kennen mich. Es war aber auch ganz merkwürdig.« »Es wird doch nicht gleich eine Gräfin unter die Obstweiber gegangen sein?« »Das allerdings nicht. Ich glaube aber, daß so manche Gräfin sich beglückwünschen könnte –« »So schön war sie, Dagobert?« »Nicht einfach schön. Sie war überraschend in der Umgebung. Denken Sie sich unter den wetterharten Kolossalweibern ein zierliches Figürchen, Kubikinhalt bei weitem nicht die Hälfte von dem der übrigen Berufsgenossinnen. Die verkörperte Anmut. Nicht wesentlich eleganter gekleidet als die übrigen; ja sie trug, wie die anderen, ein weit, für meinen Geschmack zu weit ausladendes Kopftuch, so daß man förmlich Kunststücke machen mußte, um ihr ins Gesicht zu sehen, aber wie sie ihr Zeug trug, das war doch etwas ganz anderes! Und auch sonst. Die anderen hatten ihre Füße in warme Filzpatschen gesteckt der Herbst hatte schon recht rauh eingesetzt – sie trug ganz entzückende Stiefelchen, die unter dem geschürzten Kleid vortrefflich zur Geltung kanten. Ihre Hände waren auffallend klein und schön, aber fest von der Arbeit, und wie sie ihren Obstkram ordnete, bemerkte ich, daß sie einen Ehering trug.« »Und von dem Gesicht, der Hauptsache, reden Sie nichts?« »Das kommt zuletzt; das ist das merkwürdigste. Sie können sich das Feinste vorstellen, und Sie werden ihr nicht zurecht tun. Wie soll ich's Ihnen nur anschaulich machen? Sie erinnern sich der köstlichen typisch englischen Frauenschönheiten, die Dumourier für den ›Punch‹ zu zeichnen pflegte. Der brave Künstler ist längst tot, sonst hätte man glauben können, sie sei eines seiner beliebtesten Modelle gewesen. Wahrhaftig das Urbild eines der englischen Idealmädchen, obschon ihr Haar dunkel war. Sie trug es an der Seite gescheitelt, und so beschattete eine kunstvoll gebauschte Haarwelle die feine Stirne. Das Kinn, die Lippen, die zartgezeichnete Nase – kurz ein Gesicht, das unter den Hofdamen der Königin von England nicht überrascht hätte, das aber bei einer ›Frau Sopherl vom Naschmarkt‹ noch einigermaßen auffallen mußte.« »Ich werde hingehen und mich überzeugen, Dagobert!« »Und Sie werden mir dann zugeben, daß ich nicht übertrieben habe. Ich kokettierte natürlich sofort scharf hinüber, aber erfolglos. Ich wurde keines Blickes gewürdigt. Auf dem Rückweg dieselbe Geschichte: sie bemerkte mich nicht. Sie begreifen, Gnädigste, daß so etwas schmerzt. Man ist es sonst gewohnt, bemerkt zu werden. Man schmeichelt sich doch –« »Ich bin ganz unbesorgt, mein lieber Dagobert, Sie werden sich schon bemerkbar gemacht haben!« »Ich danke für die gute Meinung, meine Gnädigste; ich fürchte aber, daß Sie mich in diesem einen Falle überschätzen. Auch an den nächsten Tagen äugelte, liebäugelte ich hin, vergeblich. Sie besorgte ihre Sachen bei ihrem Stand und sah überhaupt niemanden an. Das gab mir zu denken.« »Natürlich! Ihr Herren der Schöpfung steht gleich vor einem unlösbaren Problem, wenn einmal ein hübsches Frauenzimmer sich nicht geneigt zeigt, euch die gebührende Aufmerksamkeit zu erweisen!« »Ich suchte nach einer Erklärung dieser völligen Gleichgültigkeit der Flucht der Erscheinungen gegenüber und glaubte, sie in einer starken inneren Benommenheit zu finden. Diese junge Frau mußte irgendetwas haben, was sie mit zwingender Ausschließlichkeit beschäftigte. Ich hatte sie mir immer genau, sehr genau angesehen, und da hatte ich auch zwei ganz feine Linien bemerkt, die sich vom Ansatz der zartgeschwungenen Nasenflügel zu den Mundwinkeln zogen. Von diesen beiden Linien schloß ich zunächst auf ein Leid oder auf ein Leiden. Das verminderte mein Interesse nicht. Ich nahm mir vor, wenn ich Obst kaufen werde – und ich werde Obst kaufen – es selbstverständlich nur bei ihr zu kaufen. Ich kaufte also, kaufte wiederholt. Sie füllte mir die Weintrauben in den Papiersack, wog, wechselte mit völligem Mangel irgendwelcher persönlicher Anteilnahme. Kein Lächeln, wenn ich wiederkam, nicht einmal das leiseste Anzeichen, daß sie mich überhaupt wiedererkenne. Auf meine Versuche, Gespräche anzuknüpfen, ging sie nicht ein. Sie antwortete einsilbig, teilnahmlos. Sie war die personifizierte Teilnahmlosigkeit. Da konnte ich hundert Jahre lang Weintrauben einkaufen, ohne ihr auch nur um einen Schritt näher zu rücken.« »Für Ihr Geld hatten Sie auch auf mehr nicht Anspruch, Dagobert, als auf Weintrauben.« »Das ist nicht ganz richtig, meine Gnädigste. Als Kundschaft hat man auch Anspruch auf ein freundliches Lächeln als Zugabe. Ich gestehe, mein Interesse begann abzuflauen. Die reizvolle Erscheinung übte zwar noch immer ihre Anziehungskraft, die Anmut war unleugbar und war entzückend, und doch das Ganze schien nicht beseelt. Ich begann meine psychologischen Erklärungen umzudeuten und jene feinen Linien, die dem Gesichtchen etwas Vergrämtes gaben, umzuwerten. Diese Linien sind einfach von der innerlichen Bösartigkeit eines ungezügelten Naturells gezogen.« »Das ist wieder echter Dagobert! So sind die Männer. Weil sie ihn nicht anlächelt, muß sie gleich eine bösartige Katze sein!« »Allerdings, sie schien mir nun mehr bösartig als vergrämt, verteufelt hübsch, aber bösartig. Meine ursprüngliche Begeisterung für die Prinzessin unter den Plebejerinnen mußte noch einen weiteren Stoß erleiden. Ich stand in der Nähe, als eine Dame bei ihr Weintrauben einkaufen wollte, als Anna Burgholzer – ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß ich ihre Generalien längst schon ausgekundschaftet hatte – bei meinen Beziehungen zur Polizei übrigens eine sehr einfache Sache, eine Nachfrage beim Marktkommissariat – aber halten wir uns damit nicht auf –« »Nein, Dagobert, das dürfen Sie nicht so nebensächlich behandeln. Sie war also wirklich verheiratet?« »Jawohl. Ihr Mann war Fischer –« »War – ist es hoffentlich noch?« »War Fischer in Kagran, jenseits der großen Donau. Von dort aus zog er täglich in die Lobau, übrigens ein historischer Boden, auch Aspern und Wagram liegen in der Nähe, und übte dort sein Gewerbe aus.« »Schön, und was war es mit der Dame, die Weintrauben kaufen wollte?« »Sie hatte sich vermessen, sich selbst die Trauben auszusuchen, und sogar den sträflichen Versuch gewagt, besonders schöne Trauben von unten weg herauszuziehen, wodurch allerdings der ganze Bau leicht ins Wanken hätte geraten können. Anna Burgholzer verwies ihr das kurz und schroff, und als die Dame daraufhin, vielleicht weil sie die Mahnung überhört oder angenommen hatte, daß die scharfe Zurückweisung unmöglich ihr gegolten haben könne, nicht sofort Order parierte, da begann Anna Burgholzer eine Standrede so urkräftiger Art, daß die Dame erschreckt und wortlos davoneilte. Der Redestrom flutete aber weiter, und die entfesselte Obstmarktfrauen-Beredsamkeit brachte in schier endloser Reihe so durchaus ordinäre Beschimpfungen hervor, daß ich selbst wie angedonnert dastand. Das also war meine englische Hofdame!« »Geschieht Ihnen schon recht, Dagobert! Ein hübsches Lärvchen genügt Ihnen, um gleich alle erdenklichen Vorzüge damit in Verbindung zu bringen. Ihr alle seid bestochene Richter!« »Da war allerdings auch nicht der leiseste Unterschied mehr von den übrigen Marktweibern zu entdecken. Von meiner Schwärmerei war ich nun so ziemlich geheilt, und ich beschloß, mich für die Dame nicht weiter zu interessieren. Schon am nächsten Tage aber wurde mein Interesse wieder auf das lebhafteste angeregt. Als ich wieder dort in gemessener Entfernung vorbeiging – sie selbst bemerkte mich bei meinen Promenaden niemals – sah ich einen Mann bei ihr stehen, und zwar nicht vor dem Verkaufsstand, sondern hinter demselben ganz dicht neben ihr, der sofort meine volle Aufmerksamkeit herausforderte. Ich umkreiste den Schauplatz und stellte meine Beobachtungen an. Sie wissen, gnädige Frau, ich habe etwas vom Jagdhund an mir.« »Ich weiß, Dagobert.« »Ich hatte eine Witterung in die Nase bekommen. Das war etwas für mich. Eine famose Figur. Eine hohe, sehr kräftige Gestalt. Starker dunkler Schnurrbart. Das derbe, blatternarbige Gesicht etwas bleich. Die Kleidung funkelnagelneu, aber von ordinärer Eleganz. Lichter, rehlederfarbiger Überzieher, neuer Zylinderhut, Lackschuhe, die phänomenal großen Hände in Glacéhandschuhen steckend, die noch das kräftige rote Handgelenk sehen ließen. Ich postierte mich hinter die beiden, lehnte mich ans Ufergeländer und tat, als sei ich ganz in Anspruch genommen von dem Treiben auf den Obstschiffen. Dabei behielt ich aber den Elegant natürlich scharf im Auge.« »Warum hat denn der Sie nur gar so sehr interessiert, Dagobert?« »Man hat seinen Blick, meine Gnädigste. Ich hatte gleich die Überzeugung: der Mann ist vor kurzem erst aus dem Zuchthaus herausgekommen!« »Das kann man doch um Gottes willen einem Menschen nicht gleich von der Nase herunterlesen.« »Vielleicht doch! Das Gesicht war an und für sich ein gediegenes Spitzbubengesicht, vielleicht nicht so im allgemeinen, aber doch für den Kenner. Und dann was mich eigentlich auf die Idee gebracht hatte – die verdächtige Blässe. Der Mann sah nicht aus wie ein Patient, der sich nun in der Rekonvaleszenz befindet – der Mann hat einfach längere Zeit im Kühlen gesessen. Die beiden sprachen sehr wenig miteinander, und ich hätte es auch nicht hören können. Dennoch waren meine Beobachtungen nicht ganz erfolglos. Während meine Schöne eine Kundschaft bediente, griff der Galan in ihre Geldlade und langte sich eine Handvoll Kleingeld heraus. Mit dieser Hand gab das schon aus!« »Haben Sie ein Glück, Dagobert! Gleich so in flagranti « »Nein, nein, meine Gnädigste, so einfach war die Geschichte doch nicht. Das war kein Diebstahl. Das geschah mit ihrem Einverständnis. Sie selbst rückte ihm mit der Linken die Lade zurecht, während sie mit der Rechten weiter bediente. Das Ganze wurde recht rasch und unauffällig gemacht. Das war aber noch nicht alles. Das Wichtigere kam noch. Als er das Kleingeld in der Hosentasche untergebracht hatte, griff er in die äußere Seitentasche seines Überziehers und brachte, nachdem er sich flüchtig umgesehen hatte, ob er nicht beobachtet werde, ein paar zerknüllte größere Geldnoten hervor, die er dann in die Geldlade schob.« »Also ein Wechselgeschäft!« »Eher eine Vorsichtsmaßregel. Für ihn war es nicht rätlich, große Geldnoten bei sich zu tragen und vielleicht gefährlich, sie wechseln lassen zu wollen. Ihm war mit Kleingeld besser gedient. Darauf grüßten sich die beiden kurz, eigentlich nur mit den Augen, und dann ging er davon.« »Sie natürlich ihm nach, Dagobert?« »Natürlich. Ich nahm im stillen vorläufigen Abschied von meiner verwunschenen englischen Hofdame und trug jetzt weit besseres Verlangen. Ich stieg dem eleganten Herrn nach. Mein Arzt wäre nun sehr zufrieden mit der Ausgiebigkeit meines Spazierganges gewesen. Der edle Kavalier ging die Spittelaner Lände entlang in der Richtung nach Nußdorf. Nach etwa halbstündigem Marsche kehrte er in eine sehr unansehnliche Branntweinschenke ein. Ich wartete. Er muß eine recht kräftige Stärkung zu sich genommen haben. Denn sein Gesicht war gerötet und seine Augen glänzten, als er wieder herauskam. Er ging weiter und richtig – bis Nußdorf. Dort bog er in ein Seitengäßchen ein und betrat ein niedriges, im übrigen recht weitläufiges und dabei sehr schmieriges und baufälliges Haus. Er schien zu Hause zu sein. Ich wartete wieder.« »Eine recht strapaziöse Geschichte, Dagobert.« »Ich wartete. Es war elf Uhr, und ich dachte mir, daß er so gegen zwölf sich doch wohl um sein Mittagessen kümmern werde. Ich hatte richtig kalkuliert. Schon um halb zwölf kam er aus seinem Bau heraus und verlor sich in ein nahegelegenes Wirtshaus. Der Kavalier hatte jetzt hohe Stiefel an und einen Lodenrock: keine Spur mehr von der früheren Eleganz, aber das grobe Zeug stand ihm viel besser und natürlicher. Er sah nun genau so aus, wie die anderen Nußdorfer Hauerbuben. Ich mußte seine Behausung sehen und ging direkt auf die Türe zu, aus welcher ich ihn hatte herauskommen sehen. Sie war unversperrt und ich sah in ein Gemach, das gar nichts Auffälliges bot. Ehrlich gestanden, ich hatte auch nichts Auffälliges erwartet. Ich fühlte nicht einmal die Versuchung, einen Blick in den Schrank oder in den Koffer zu tun, um nach etwaigen Einbruchswerkzeugen zu fahnden. War meine Vermutung richtig, daß er eine kriminalistische Vergangenheit hinter sich habe, so war nicht anzunehmen, daß er so dumm sein werde, verfängliche Dinge in seiner Behausung zu halten. War sie falsch, dann war er vielleicht überhaupt kein Verbrecher.« »Das ist ganz schön, Dagobert, aber hatten Sie nicht damit gerechnet, daß Sie jemand stellen und fragen konnte, was Sie da eigentlich zu suchen hätten.« »Darauf war ich allerdings vorbereitet. Ich hätte mich nach meiner Wäscherin Frau Sali Rumpolt erkundigt und steif und fest behauptet, daß sie da wohnen müsse. Ich wurde aber nicht behelligt und hielt mich auch nicht damit auf, mich um etwaige Auskünfte zu bemühen. Das wäre ihm doch zu Ohren gekommen, hätte Verdacht erregt und mir meine weiteren Nachforschungen nur erschwert. Es hätte auch keinen Zweck gehabt. War der Mann wirklich belastet, dann residierte er da wahrscheinlich unter falschem Namen. Hatte er sich aber nichts vorzuwerfen, dann hatte meine ganze Spioniererei überhaupt keinen Sinn. Ich fuhr nach der Stadt zurück und überlegte während der Fahrt, ob ich meine Untersuchungen überhaupt fortführen solle. Die Sache schien doch recht unsicher, aber ich wollte doch noch nicht locker lassen. Ich mußte zu einer Gewißheit kommen. Der erste Eindruck war doch ein zu starker gewesen. Wenn mich mein physiognomischer Blick da getäuscht hatte, dann konnte ich mein Geschäft überhaupt an den Nagel hängen und mir das Lehrgeld zurückgeben lassen.« »Sie tun ja gerade, als müßten Sie von Ihrer Detektivkunst leben!« »Man muß seinen Beruf haben, Frau Violet. Sie haben ganz richtig von einer Kunst gesprochen. Der Künstler hat seinen Ehrgeiz, auch wenn keine materiellen Fragen ins Spiel kommen. Ich fuhr beim neuen Polizeipalast vor und suchte mir meinen Freund den Oberkommissär Dr. Weinlich auf. Er ist die Seele der kriminalpolizeilichen Abteilung, und Sie wissen, daß wir gegenseitig schon wiederholt in der Lage waren, uns nicht unerhebliche Dienste zu leisten.« »Ich erinnere mich sehr gut, Dagobert, daß er uns in der Affäre der schmählichen anonymen Briefe behilflich gewesen ist.« »Ich ließ mir das Verbrecheralbum vorlegen.« »Nun – haben Sie ihn gefunden, Dagobert?« »Nein, meine Gnädigste. Zwei Stunden lang habe ich mich mit den Bildern beschäftigt, und das Resultat war, daß ich schließlich ganz dumm im Kopfe wurde. So ging's nicht. Ich mußte seinen Daumenabdruck haben. Ich ging also am nächsten Tage hin und holte mir seinen Daumenabdruck.« »Das geben Sie großartig, Dagobert! Ich holte mir seinen Daumenabdruck! Wie haben Sie denn das angestellt?« »Das war weiter kein schwieriges Unternehmen. Ich war um die Zeit, da er zum Mittagessen gehen sollte, zur Stelle und verlegte ihm den Ausgang aus dem Haustor durch ein breitspuriges und wackliges Stativ, das ich als Pseudophotograph dort ausgestellt hatte. Ich war natürlich dazu entsprechend schäbig gekleidet.« »Was Sie für Einfälle haben, Dagobert! Und das Stativ und den Apparat hatten Sie sich bis Nußdorf hinausgeschleppt?!« »Ach nein, meine Gnädigste. Der erste Tag hatte mich schon gewitzigt. Von nun an hatte auf meinen Exkursionen mir mein Wagen nachzufahren, und was ich fahren konnte, wurde gefahren. Er konnte also aus dem Haustor nicht heraus. Ich bat, ohne mich in meiner Geschäftigkeit auch nur nach ihm umzuwenden, um einen Augenblick Geduld. Auf seine Frage, was ich da vorhabe, antwortete ich, daß ich eine Ansichtskartenaufnahme vom Kahlenberg machen wolle. Er könnte mir übrigens einen Freundschaftsdienst leisten und das Stativ, das so verflucht wacklig sei, zwei Sekunden halten; länger werde es nicht dauern. Er erklärte sich bereit und streifte den Rucksack ab, den er umgehängt trug. Als er ihn niederstellte, gab es einen harten Klang und einen klirrenden Ton, der, so leise er war, von mir nicht unbemerkt blieb. Ich wirtschaftete weiter mit riesigem Eifer an meinem Apparate und demonstrierte, wie er das Stativ zu halten habe. Die Hauptsache sei, daß das Stativ nicht wackle. Ich zeigte ihm genau, wie er die Daumen an der oberen schmalen Leiste anzusetzen und dann recht kräftig nach abwärts zu drücken habe.« »Ja aber, Dagobert, das Holz nimmt doch nicht gleich einen Daumenabdruck auf?« »Gewiß nicht, Frau Violet, aber ich hatte auf die schmale Holzleiste erst einen Streifen amerikanischen Heftpflasters aufgeklebt und diesen dann wieder abgezogen, bevor er kam.« »Ach so!« »Er griff fest zu, ganz nach der Vorschrift. Ich zog die Klappe, und in wenigen Sekunden war das Werk getan. Er nahm seinen Rucksack aus – wieder ein Klang, der mir nicht entging – und zog seines Weges. Ich stäubte ein wenig Federweiß auf die mir nun wichtig gewordene Holzleiste und brachte das Stativ mit aller gebotenen Behutsamkeit zu meinem Wagen. Ich fuhr aber nicht gleich davon, sondern blieb noch auf der Lauer. Ich wollte wissen, wohin er nach seinem im Wirtshaus eingenommenen Mahle seine Schritte lenken werde. Nicht länger als eine halbe Stunde hatte ich zu warten, dann sah ich ihn wieder mit seinem Rucksack auftauchen. Er stieg zum Donaustrom hinunter. Einige Minuten war er meinen Blicken entzogen, dann sah ich ihn wieder im Boote des Fährmanns. Ich blickte ihm nach, bis er am jenseitigen Ufer ausstieg. Es war mir wichtig, die Richtung zu kennen, welche er einschlagen würde. Er hielt sich rechts, und ich konnte ihn ziemlich lange verfolgen, bis er sich in dem Weidengestrüpp der Auen verlor.« »Hören Sie, Dagobert, eine solche Geduld brächte ich in meinem Leben nicht auf!« »Mir war das wichtig für etwaige spätere Nachforschungen. Eines wichtigen Vorteils über ihn hatte ich mich ja schon begeben: er hatte mich bereits gesehen! Weitere Begegnungen hatte ich also zu vermeiden. Ich orientierte mich für den Fall, daß ich ihn auf diesem Wege noch einmal sollte beobachten müssen. Das war klar, daß ich ihm in einem Boote nicht nachfahren konnte. Ich konnte aber mit meinem Wagen – Sie wissen, Gnädigste, daß ich zwei gute Amerikaner, flinke Sekundentraber, vorgespannt habe, darauf halte ich! – über die nächste Brücke stromabwärts ein Umgehungsmanöver vollführen und ihm dann den Weg kreuzen.« »Sagen Sie mal, Dagobert, fürchten Sie sich denn gar nicht?« »Vorläufig war ja noch nichts riskiert. Ich fuhr nun nach Hause und machte bei Blitzlicht eine scharfe photographische Aufnahme der Daumenabdrücke. Am nächsten Vormittage arbeitete ich auf der daktyloskopischen Abteilung meines Freundes Dr. Weinlich. Mit der Daktyloskopie ist das doch etwas anderes, meine Gnädigste, als mit der Photographie! Das Verbrecheralbum hatte mich nur konfus gemacht. Bei den Fingerabdrücken spielt weder die Barttracht, noch der erzwungene Ausdruck eine verwirrende Rolle. Es ist ganz erstaunlich, welche klare Sprache diese Abdrücke führen und noch erstaunlicher die unendlichen Variationen, die die Natur aus einer so kleinen Fläche zu spielen vermag. Man wird unter Tausenden und Tausenden von Abdrücken auch nicht zwei finden, die gleich oder sich auch nur ähnlich wären. Die Unterschiede sind immer so markant, daß jeder Irrtum geradezu ausgeschlossen ist. Ich hatte kaum eine Stunde gesucht und hatte meinen Mann gefunden. Mit untrüglicher Sicherheit. Denn nun bot auch die zu der gefundenen Nummer gehörige Photographie die Bestätigung. Da erst erkannte ich ihn auch im Bilde wieder, trotz der seitherigen nicht unwesentlichen Veränderungen.« »Also doch ein bereits bestrafter Verbrecher?« fragte Herr Grumbach dazwischen. »Ich hatte keinen Augenblick ernsthaft daran gezweifelt. Max Glan, vulgo ›der g'flickte »G'flickt« vulgär wienerisch – blatternarbig. Die mildere wienerische Form: blattersteppig. Maxl‹, wiederholt vorbestraft, das letztemal mit fünf Jahren schweren Kerkers; Spezialität: Einbruch, dabei aber auch zu schwerer Körperverletzung geneigt und bereit, wenn das Geschäft es erforderte. Dr. Weinlich interessierte sich lebhaft für meine Arbeiten, aber ich war mit meinen Mitteilungen zurückhaltend. Man hat seinen Künstlerehrgeiz. Ich wollte meine Sache allein fertig machen. Er weiß übrigens, daß er sich auf mich verlassen kann und daß schließlich ein etwaiger Erfolg auf sein Konto gebucht werden wird. Ich bin ein Jäger von Passion, aber ich bin nicht schußneidig. Es machte mich nicht redseliger, erhöhte aber meine Passion noch ganz beträchtlich, als er mir eröffnete, daß er sich wieder einmal ganz besonders gerade für den ›g'flickten Maxl‹ interessiere. Es sei noch keine vierzehn Tage her, daß in der Hietzinger Villa Seiner Exzellenz des Feldmarschall-Leutnants v. Jung eingebrochen und eine Kassette geraubt worden sei, und wenn vom Täter auch noch keine Spur gefunden werden konnte, so deute doch die Arbeit auf die kundige Hand des g'flickten Maxl.« »Was enthielt die Kassette?« fragte ich. »Sehr viel,« erwiderte der Oberkommissär. »Achtzehntausend Kronen in Barem und fast das Doppelte in Wertpapieren, die für den Einbrecher allerdings wertlos sind, dann eine Anzahl wichtiger Dokumente und endlich sämtliche Orden Seiner Exzellenz, eine recht stattliche Anzahl.« »Diese Mitteilungen regten mich auf. Vor meinem Geiste tauchte die Gestalt mit dem Rucksack auf, wie ich sie aus weiter Ferne durch die Donau-Auen schreiten sah. Das waren so ziemlich die einsamsten Strecken im weiten Bereich der Großstadt. Was hatte der Mann dort zu suchen? Warte, Bürschchen, dir werden wir jetzt erst recht auf die Kappen gehen!« »Meine Absichten waren die besten, aber leider mußte ich schon am nächsten Tage erleben, daß der Vogel ausgeflogen war. Maxl war ausgezogen, unbekannt – wohin? Ein gewitzter Bursche, der sich auskennt! Für Leute seines Schlages ist häufiger Domizilwechsel äußerst empfehlenswert als das allerbeste und sicherste Schutzmittel. Also entwischt. Nun konnte ich mir ihn suchen in der Millionenstadt!« »Was haben Sie da getan, Sie armer Dagobert?« fragte Frau Violet teilnahmvoll. »Geärgert habe ich mich, meine Gnädigste.« »Und dann als Sie sich ausgeärgert hatten?« »Da habe ich von vorn angefangen. Ich habe meine Spaziergänge zum Schanzel wieder aufgenommen und ich kann versichern, daß ich auch nun nicht umhin konnte, Frau Anna Burgholzer für ganz außerordentlich hübsch zu finden. Allerdings – meine Gänge hatten wenig Zweck. Der Mann, den ich erwartete, kam nicht, oder er kam vielleicht gerade, da ich nicht zur Stelle war. Sie selbst konnte ich nicht ausfragen, und wenn ich's versucht hätte, wäre es eine große Dummheit gewesen.« »Ich hätte die Sache da schon längst entmutigt aufgegeben, Dagobert.« »Zur Entmutigung lag gar kein Grund vor. Im Gegenteil, ich hatte trotz alledem das Gefühl, daß ich meinen Mann sicher hatte.« »Eine schöne Sicherheit!« »Vergessen Sie nicht, daß ich schon eine ganze Reihe von Anhaltspunkten hatte. Soll ich rekapitulieren?« »Nein, Dagobert, ich weiß alles. Nur weiß ich nicht, was ich nun an Ihrer Stelle angefangen hätte.« »Die Linien waren mir klar vorgezeichnet. Sie müssen sich erinnern, Frau Violet, daß die Anna Burgholzer nicht als ein Ding an sich in der Welt stand, losgelöst von allen sozialen Beziehungen. Sie war verehelicht; sie hatte einen Mann. Den Mann mußte ich kennen lernen. Ward er einfach betrogen oder gehört er mit zum Klüngel? Ich traf meine Vorkehrungen und fuhr nach Kagran hinaus, mir einmal den Burgholzer aufzusuchen. Ich traf ihn nicht zu Hause; er war schon seiner Beschäftigung nachgegangen. Ich ließ mir genau seinen Stand am Ufer in der Lobau beschreiben und habe ihn dann auch richtig gefunden. Ein junger Mann, wohl kaum viel über die dreißig, aber sichtlich der Typus eines Alkoholikers und darum etwas älter aussehend. Kurzer blonder Vollbart, dichtes kurzes Haupthaar, das Gesicht gerötet und ein wenig gedunsen, die Augen schwimmend. Er stand am Ufer an der Arbeit. Etwa fünfzig Schritte landeinwärts stand seine Hütte, die ganz gut auch für die Nacht eine Unterkunft bieten konnte. Ich wurde bald einig mit ihm. Ich sei ein passionierter Fischer und an ihn empfohlen. Ob ich in seiner Nähe fischen dürfe. Was ich fangen sollte, würde ich natürlich ihm abliefern. Mir sei es nur um den Sport zu tun. Als ich mich dann auf seine Frage mit der amtlich ausgestellten Lizenz auswies, war er einverstanden. Ich bezog in seiner Nähe meinen Stand und dann fischte ich sofort drauf los.« »Nun ist Dagobert gar ein Fischer worden!« »Fischer müssen schweigsam sein. Ich habe also keine Silbe geredet und zeigte ein unerschütterliches Phlegma und eine ungeheure Wurstigkeit der ganzen Außenwelt gegenüber. Das hinderte mich natürlich nicht, ihn unauffällig im Auge zu behalten. Es war nichts Besonderes zu sehen, höchstens daß er gelegentlich bei der Arbeit der geliebten Flasche zusprach. Das hätte ich nicht erst zu sehen gebraucht. So gegen zehn Uhr vormittags machte er eine Frühstückspause und lud mich ein. Er war in guter Stimmung. Ich hatte ihm doch schon acht bis zehn Pfund gefangen, und das war ja der bare Reinprofit. Ich aß von seinem Speck und trank von seinem Fusel und redete noch immer nichts. Er sollte nur selber 'rankommen, aber ich nahm mir vor, am nächsten Tage selber ein Frühstück und meinen eignen Kognak mitzubringen und ihn einzuladen. Denn schließlich hat alles seine Grenzen. So wurden wir nach und nach gute Freunde und mein Kognak, vor dem er eine ungeheure Hochachtung bekundete – er war offenbar Kenner – machte ihn redselig. Ich behielt mein Phlegma bei und tat als hätte ich für nichts auf der Welt Interesse als höchstens fürs Fischen.« »Und Sie gingen nun wirklich jeden Tag dahinaus fischen, Dagobert?« »Jawohl, meine Gnädigste. Fischen ist ein sehr anregender Sport.« »Aber das war doch nicht Ihr Zweck, und mit Ihren sonstigen Absichten, scheint es, kamen Sie nicht weiter!« »Nur Geduld, Gnädigste! Auch ich mußte Geduld haben, viel Geduld. Ich wußte, daß ich ein Dreieck vor mir hatte, und die drei Punkte waren gegeben. Mein guter Fischer, seine geschätzte Gemahlin und der sehr ehrenwerte Maxl, und doch konnte ich mir die Linien noch nicht ziehen. Das Leben richtet sich nämlich nicht immer genau nach den geometrischen Lehrsätzen. Einmal als ich Meister Burgholzer wieder in recht redseliger Stimmung hatte, ließ ich die Bemerkung fallen, daß ein Mann, wie er, doch sehr gut daran täte zu heiraten. Er blinzelte mich schlau an und lachte.« »Ich bin ja so schon verheiratet!« sagte er dann. »Was Sie nicht sagen, Meister Burgholzer! Wie kommt es, daß ich Ihre Frau noch nicht gesehen habe? Sie könnte Ihnen ja ganz gut das Essen da herausbringen.« »Das geht nicht; sie hat ihr eignes G'schäft in der Stadt.« Ich ließ mir nun berichten, was ich ohnedies schon wußte, und warf ihm weiter das Hölzel, um ihn zum Reden zu bringen. Also – er war schon drei Jahre verheiratet und hatte keine Kinder. »Hoffentlich haben Sie sich aber eine fesche Frau ausgesucht, Meister Burgholzer!« »O, Herr von Trostler – (ich hatte es nicht für notwendig erachtet, hier inkognito aufzutreten. Es wäre auch wegen der Fischkarte nicht gegangen, die ich doch nicht auf einen falschen Namen ausstellen lassen konnte) – wenn Sie die erst sehen werden! In der ganzen Wienerstadt gibt's keine zweite wie sie!« »Sapperment, Sapperment, so ein Ausbund also! Schön und – schwer, Meister?« »Nicht wie Sie glauben, Herr von Trostler. Sie ist a wengerl z'niftig, g'ring im Gewicht, aber wie a Stadtfräuln, und wenn man s' richtig anziehget, dann kunnten Sie s' für a Prinzessin ausgeben!« »So, so – dann sind Sie ja wirklich zu beneiden. Denn sicherlich ist sie auch eine kluge Frau.« »G'scheit! davon machen Sie sich gar keine Vorstellung!« »Und ganz selbstverständlich – auch brav!« »Brav ist sie auch – da gibt's nichts!« Ich war berechtigt, weiter zu fragen. Denn eine Wolke von Sorge und Kummer war über sein Gesicht geflogen, als er ihre Bravheit bestätigte, und er hatte sich keine Mühe gegeben, seine gedrückte Stimmung vor mir zu verbergen. »Und Sie sind noch immer nicht zufrieden?« fragte ich unschuldig. »Ja, wissen S', gnä' Herr, das ist so eine eigene Sach'! Sie tragen's ja nicht hinaus, und es ist nur, daß man davon redet, helfen tut's ja so nichts, und helfen kann mir überhaupt niemand.« »Wo fehlt es denn, Burgholzer?« »Wenn ich's nur so sagen könnt'! Sehen Sie, gnä' Herr, darum trinke ich. Nicht nur um zu vergessen; das geht ja doch nicht, sondern um a bisserl mehr Kurasch zu kriegen. Dazu hilft's. Ich fürchte mich und komme aus der Todesangst gar nicht mehr heraus, und da soll es doch wenigstens einen Menschen geben, der weiß, wie es war, wenn ich einmal nicht mehr bin, und das wird bald sein.« »Lieber Burgholzer, Sie müssen doch schon deutlicher reden, wenn ich Sie verstehen soll.« »Ihnen will ich's sagen, Herr von Trostler, Sie sollen es wissen. Es wird nicht mehr lang dauern und ich werde da in der großen Donau verschwunden sein.« »Sie werden doch die Verrücktheit nicht begehen, sich etwas anzutun?« »Ich nicht, aber ein anderer wird mir etwas antun. Sie sollen es wissen – der g'flickte Maxl wird es getan haben.« »Wer ist der g'flickte Maxl?« »Das ist ein Schlosserg'hilf', eine alte Bekanntschaft von der Anna. Er hätte sie auch geheiratet, ist aber dann auf a paar Jahrl eing'naht worden. Jetzt haben sie ihn wieder herausgelassen, und mein Unglück ist fertig.« »Sagen Sie, Burgholzer – Ihre Frau hält es mit dem Manne?« »Ob sie es mit ihm halt! Ich weiß, daß sie ihn gern hat, immer gern g'habt hat, und er is rein wie a Narr auf sie!« »Na – wenn das die berühmte Bravheit ist –!« »Sie ist brav! Was glauben Sie denn, Herr von Trostler?! Haben Sie wirklich geglaubt? Ah, da muß ich bitten! Da kennen Sie meine Annerl schlecht! Die hält auf ihre Ehr', wie nur irgendeine Frau in der Wienerstadt. Die – und ein Ehebruch! Aber – Herr!! Eher fallt der Himmel ein und die Welt geht zugrund. Das gibt's bei ihr nicht, und das ist mein Unglück.« »Sie können doch nicht wünschen, daß es anders wär'!« »Das wäre grad' so ein Unglück – g'hupft wie g'sprungen. Dann bringet ich mich selber um, und so wird er es tun.« »Ja, warum denn, um Gottes willen?!« »Weil er ihr sonst nicht zukann. Er weiß das. Sie hält auf ihre Frauenehr', und solang ich lebe, kann er sich abzappeln wie er will, es wird ihm doch nichts nützen. Freilich, wenn ich einmal tot bin, dann weiß ich nicht, was geschieht – oder besser, ich weiß es ganz genau: sie wird mit ihm gehen.« »Sie können sich denken, Frau Violet, daß diese Mitteilungen mein ursprüngliches Interesse für das Persönchen der Frau Anna Burgholzer nicht abschwächten. Ich mußte mich erst mit ihren starren Ehrbegriffen abfinden. Die Frauenehre über alles! Das ist groß und das imponiert mir. Im übrigen aber gestattet diese Ehre ohne weiteres, mit einem notorischen Gauner und Einbrecher gemeinsame Sache zu machen.« »Ich finde das nicht so unbegreiflich, Dagobert,« sagte Frau Violet. »Weil Sie eine Frau sind. Das ist so ein Problem der weiblichen Psyche, mit dem unsereins, wenn es gerade kein großer Psychologe ist, nichts anzufangen weiß, das sich aber der weiblichen Auffassung ohne sonderliche Schwierigkeit zu lösen scheint.« »Was taten Sie nun, Dagobert?« »Ah, nun war ich doch um ein gewaltiges Stück vorwärts gekommen! Ich hatte wieder alle Fäden in der Hand. Aus Burgholzer hatte ich herausgeholt, daß Maxl in seinem Hause häufiger Gast sei, und weiteres auch die Zeit, wann er gewöhnlich zu erscheinen pflegte. Ich legte mich also wieder auf die Lauer und folgte ihm dann auf seinem Heimwege. So brachte ich auch seine neue Unterkunft in Erfahrung, draußen in Hernals, im schwarzen Viertel. Nun ging es leicht. Ich folgte ihm tagelang auf seinen Gängen. Einmal drang ich sogar wie seinerzeit in Nußdorf in seine Wohnung, in seiner Abwesenheit natürlich. Dazu nahm ich nur Flora, meine famose englische Vorstehhündin mit. Sie hat mich zwölfhundert Gulden gekostet, aber sie ist ihr Geld wert. Ich weiß nicht, ob es auf dem Kontinent eine bessere Nase gibt, und Sie wissen, Frau Violet, auf gute Hunde halte ich. Ein guter Hund –« »Schon gut, Dagobert. Wenn ich Sie jetzt über Ihre Flora reden lasse, dann erfahre ich nichts mehr von Ihrem Maxl.« »Sein Zimmer bot wieder nichts Bemerkenswertes. An einem Nagel hing ein völlig zerrissener Rock. Ich ließ Flora daran riechen, überhaupt im Zimmer herumschnuppern; dann riß ich einen Fetzen vom Rock, hielt ihn Flora an die Nase und nahm ihn mit, und ließ dann im Laufe des Tages Flora wiederholt daran riechen. Sie sollte mit diesem Geruch vertraut werden. Das konnte doch irgendwie nützlich werden. Schon am nächsten Tage machte ich die Probe auf das Exempel. Ich ging Maxl wieder nach. Er zündete sich auf der Straße eine Zigarre an. Rasch gab ich meinem Kutscher, der mir, wie nun immer, nachzufahren hatte, ebenfalls eine Zigarre, er solle sich von dem Manne Feuer geben lassen und dazu Flora mitnehmen. Die Zügel sollte einstweilen mein Diener halten.« »Warum haben Sie nicht gleich den Diener geschickt, Dagobert?« »Das hervorragend dumme Gesicht meines Kutschers schien mir vertrauenswürdiger. Er lief also, und ich paßte auf, vornehmlich auf Flora. Ganz wie ich erwartet hatte. Die raschen Schwingungen des Schweifes drückten lebhafte Gemütsbewegungen aus. Flora schnupperte und schnupperte, und ihre Miene und ihr Gehaben ließen erkennen, daß sie sich erinnere, schon einmal irgendwie und irgendwo das Vergnügen gehabt zu haben. Mein Zweck war erreicht. Da ich dem Manne doch nicht mehr selber unter die Augen treten konnte, ohne Verdacht zu erwecken, hatte ich beschlossen, bei meinen weiteren Forschungsreisen Flora mitzunehmen. Da konnte ich doch in entsprechendem Abstand folgen, ohne befürchten zu müssen, die Spur auf einmal ganz zu verlieren.« »Nun sagen Sie nur eins, Dagobert: hielten Sie die Befürchtungen Burgholzers wirklich für begründet?« »Für nur allzu begründet!« »Sie trauten Ihrem Maxl auch ein solches Verbrechen zu?« »Ohne weiteres. Vergessen Sie nicht, Frau Violet, daß da die Leidenschaft für ein Weib ins Spiel kam. Im Banne einer solchen Leidenschaft halte ich den anständigsten Menschen eines Verbrechens fähig und nun erst meinen Maxl!« »Mich wundert's aber dann, daß Sie sich mit dieser Sorge weiter nicht aufgehalten haben!« »Wer sagt denn das? Ich hatte es sofort für eine Gewissenssache gehalten, die Angelegenheit mit meinem Freunde Dr. Weinlich zu besprechen. Wir kamen aber zu keinem rechten Ergebnis. Auch die sorgfältigste polizeiliche Überwachung hätte einen meuchlerischen Überfall nicht verhindern können, und die Überwachung besorgte ich nun selbst. Besser hätte es die Polizei auch nicht können; sie wäre mir höchstens in die Quere gekommen. Das einzig sichere Mittel wäre gewesen, ihn für längere Zeit wieder festzusetzen. Dazu fehlten vorläufig der Anlaß und die gesetzliche Handhabe. Nun hatte ich allerdings die stille Hoffnung, in kurzer Zeit eine solche Handhabe zu finden, aber es mußte gewartet werden, bis sie gegeben war.« »Das war doch eine recht vage Hoffnung, Dagobert. Worauf konnten Sie sich denn bei dieser Annahme stützen?« »Ich erinnere Sie daran, meine Gnädigste, daß einige Anhaltspunkte für diese Annahme doch schon gegeben waren. Maxl hat seiner geliebten Anna einige größere Geldnoten zugesteckt. Wie war er zu diesen Noten gekommen? Das mußte herausgebracht werden und war herauszubringen. Weiter – der Einbruch bei dem Feldmarschall-Leutnant. Eine genauere Prüfung des Tatbestandes und der Vorakten brachte mich zu der Überzeugung, daß die Annahme Dr. Weinlichs wohl etwas für sich habe. Der Einbruch war offenbar ein ›echter Maxl‹. Ich war im Zuge und fühlte mich sehr sicher auf meiner Spur. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß es mir sehr bald gelingen werde, die so notwendige gesetzliche Handhabe zu schaffen.« »Ich bewundere Ihre Zuversicht, Dagobert!« »Das macht die Praxis, Gnädigste. Man kriegt mit der Zeit schon das Gefühl dafür, ob man auf richtiger Fährte ist oder auf falscher. Schon die nächsten Ereignisse gaben mir recht. Es war gegen drei Uhr nachmittags, als Maxl mit dem umgehängten Rucksack seine Schritte wieder nach Nußdorf lenkte. Ich konnte ruhig im Wagen bleiben und langsam nachfahren. Meine Berechnung war eine richtige gewesen. Er wandte sich zur Überfahrtstelle. Nun galt es, rasch zu handeln. Ich befahl meinem Kutscher zu laufen, was er konnte, um die Überfuhr ebenfalls noch zu erreichen. Flora mußte mit ihm; die Sache war ein bißchen gewagt. Denn eine Begegnung hatte ja schon stattgefunden, aber jetzt gab es keine Zeit, lange zu überlegen, und es war mir von ganz besonderer Wichtigkeit, daß nun Flora so eine halbe Stunde mit dem Manne in einem Boote sein sollte. Von meinem Kutscher hatte ich nichts zu befürchten. Er ist glücklicherweise so dumm, daß er bei den Exkursionen, bei welchen er mir fast täglich zu folgen hat, niemals auch nur die leiseste Ahnung hat, um was es sich eigentlich handelt. Der konnte also nichts verderben. Er kam noch zurecht, und ich sah das Boot abfahren. Dann setzte ich mich auf den Bock, nahm die Zügel selber in die Hand und ließ meine Pferde ausgreifen. Es war eine feine Fahrt, rechts hinunter stromabwärts, dann über die Brücke und dann links hinauf durch die mit Bäumen und Gestrüpp bestandenen Auen bis in die Nähe der Stelle, wo das Boot landen mußte. Ich stellte den Wagen so auf, daß er den Blicken Maxls entzogen bleiben mußte. Er nahm seinen Weg, wie ich erwartet hatte, stromabwärts. Der Kutscher und der Hund waren bei der Landungsstelle zurückgeblieben. Ich wartete eine Weile, bis Maxl außer Gesichtsweite war, und ließ dann einen leisen Pfiff ertönen. Flora war nach wenigen Sekunden bei mir und bald darauf auch mein braver Kutscher, der natürlich noch immer nicht wußte, was vorging. Ich befahl ihm, mit dem Wagen zurückzubleiben und zu warten, bis ich wiederkäme, und sollte es darüber auch Nacht werden. Dann machte ich mich auf und nahm Flora mit. Ich hielt ihr noch einmal den bewußten Tuchfetzen unter die Nase, damit kein Mißverständnis zwischen uns aufkomme, und sagte leise: ›Such', Flora, such'!‹ Und nun ging's wie auf der Streifjagd, lautlos, vorsichtig, mit gespannter Aufmerksamkeit, von meiner Seite auch mit gespanntem Revolver. Ich hatte ihn aus dem Futteral genommen und handlich in der Seitentasche meines Überziehers untergebracht. Die Gegend war außerordentlich einsam, und schließlich – wenn man auf Räuberfang ausgeht, muß man auf manches gefaßt sein. Flora hielt sich hart an mich und drückte im Gehen ihren Kopf an mein linkes Bein. Ein prachtvolles Tier! Ich bin überzeugt, sie hätte sich erschlagen lassen, bevor sie einen Laut gegeben hätte. Sie hatte die Spur mit voller Sicherheit, und wo mein Schritt abirren wollte, drängte sie auf die richtige Fährte zurück. So ging es etwa eine halbe Stunde; dann wurde die Situation kritisch. Die Spur führte in ein dichtes Dickicht von Gebüsch und Unterholz. Es war schwer, da noch geräuschlos vorwärts zu kommen, und ein Ausblick war unmöglich. Das war nun um so bedenklicher, als man, ohne selbst zu sehen, doch gesehen werden konnte, wenn der Kopf gelegentlich über einen Busch emporragte. Ich legte mich auf den Boden und horchte. Es war nichts zu hören. Ich wollte mich dennoch nicht wieder aufrichten und kroch behutsam auf allen vieren weiter. Die Dämmerung brach herein. Das war mir nicht unlieb, zumal ich ja selber in meiner Lage nichts sehen konnte. Das Wild konnte nicht mehr weit von uns sein. Denn Flora zitterte an meiner Seite vor Erregung. Das ist die große Passion der Jagd auf dem Kulminationspunkt. Ich kenne das an ihr. Richtig – da klingt ein leichtes Geräusch an mein Ohr. Ich schiebe mich mit aller Behutsamkeit noch weiter vor, und das Geräusch wird immer deutlicher. Ein feiner Klang. Es knirscht und klingt. Ein guter Stahl wühlt in der Erde, fährt durch Sand und Kies. Maxl arbeitet fleißig mit dem Gerät, das er sich im Rucksack mitgebracht. Dann wird's eine Weile still, und dann wieder ein Geräusch. Sehr deutlich. Erst war ausgeschaufelt worden, und jetzt schaufelte er zu. Ich überlegte. Mit meinem verläßlichen Revolver in meiner verläßlichen Hand fühlte ich mich sicher genug, den Mann zu überrumpeln und zu stellen. Es wäre aber nicht klug gewesen, es zu versuchen. Dazu war es vor allen Dingen auch schon zu finster. Ein Fluchtversuch hatte viel Aussicht auf Gelingen. Ohne Not schießt man auch auf einen Einbrecher nicht gern. Ich hätte ihn nur verscheucht, und das hätte keinen Sinn gehabt. Ich blieb also im Hinterhalt, bis die Luft rein war. Darüber war es glücklich vollständig finster geworden. Für mich gab's da nichts mehr zu tun. Es ließ sich in der Dunkelheit einfach nichts machen. Ich suchte meinen Wagen wieder auf und dachte während der Heimfahrt darüber nach, ob ich zu Hause angelangt mich mit einer Blendlaterne versehen und sofort umkehren oder bis zum nächsten Morgen warten solle. Ich entschloß mich für das letztere. Das Tageslicht war zwar nicht günstig für mein Unternehmen. Störungen waren nicht ausgeschlossen und leicht möglich, aber die Wirtschaft mit der Laterne schien mir doch nicht rätlich. Ihr Schein hätte aus größerer Entfernung schon gesehen werden können, während ich selbst nicht die Möglichkeit eines weiteren Ausblicks hatte. Das hätte mich zu sehr in Nachteil gesetzt. Am nächsten Morgen war ich schon vor Tagesanbruch zur Stelle – »Dagobert als Frühaufsteher!« »Ich bin nicht bequem, Gnädigste, wenn ich bei der Arbeit bin. Ich hatte Flora mitgenommen und ein handliches Grabscheit. Die Stelle hätte ich nun auch ohne Floras Mitwirkung gefunden. Wer es nicht schon gewußt hätte, daß da am Abend vorher die Erde frisch aufgeschaufelt worden sei, hätte natürlich kaum etwas bemerkt und Verdacht geschöpft, ich wußte es aber. Nach einer viertelstündigen Arbeit, war ich im Besitz der gesuchten Kassette.« »Wirklich, Dagobert?!« »Ich fuhr mit ihr geradewegs zu Dr. Weinlich ins Amt, wo ich allerdings noch eine gute Stunde auf ihn zu warten hatte. Wir öffneten die Kassette. Es war in der Tat die des bestohlenen Feldmarschall-Leutnants. Die Wertpapiere und die Orden waren noch vollständig zur Stelle. Von dem baren Geld fehlten gegen dreitausend Kronen. Maxl scheint in der Zeit nicht schlecht gelebt zu haben!« »Dr. Weinlich wird Augen gemacht haben!« »Damit war für mich die Sache erledigt; mein Werk war getan. Ich bezeichnete noch genau das Nest; die Polizei brauchte es nur auszuheben. Bequemer konnte man es ihr schon gar nicht machen. Dr. Weinlich dankte und versprach, sich den Vogel sofort herauszulangen. Für mich gab's also nichts mehr zu tun.« »Aber erlauben Sie, Dagobert, Sie sagten doch, Sie hätten in dieser Angelegenheit sogar Reisen machen müssen?« »Leider war das noch nötig. Ich bin unschuldig daran. Die Ungeschicklichkeit der Polizei hatte mir die Suppe eingebrockt. Drei Tage später ließ mich Dr. Weinlich holen und teilte mir ziemlich bestürzt mit, daß der Vogel vorzeitig ausgeflogen sei. Er sagte es nicht ausdrücklich, aber ich erkannte es aus allen Umständen, daß da Ungeschicklichkeit und Übereifer seiner Agenten alles verdorben hatten. Es gibt ja einige tüchtige Leute unter den Berufsdetektivs, aber im allgemeinen ist ihre Intelligenz eine unzureichende. Man kann übrigens für die Entlohnung, die sie erhalten, auch kaum mehr verlangen. Sie hatten Maxls Haus in seiner Abwesenheit förmlich belagert, um ihn sofort hopp zu nehmen, wenn er heimkehrte. Maxl tat ihnen den Gefallen nicht und kehrte überhaupt nicht heim. Er ist ein geriebener Gauner und wird die Belagerungsmannschaft rechtzeitig gesehen und mit Gemütsruhe gemustert haben. Dann, als er den Braten gerochen hatte, ist er selber verduftet. Die Sache beunruhigte mich sehr. Es war ja ein Weib im Spiele, und ich glaubte es Burgholzer aufs Wort, daß er seines Lebens nicht sicher sei. Mit Dr. Weinlich sprach ich sehr kühl und meinte, daß er nun doch nichts anderes tun könne, als seine Bemühungen fortzusetzen und alles aufzubieten, um des Ausreißers habhaft zu werden. Die Polizei sollte nur ein möglichst großes Aufgebot entfalten. Das gönnte ich ihr. Ich aber beschloß im stillen sofort, die Nachforschungen für meine Person selbst wieder aufzunehmen. Über mein Programm war ich keinen Augenblick im Zweifel. Meine Vormittage gehörten Frau Burgholzer, ohne daß sie es geahnt hätte, und an den Nachmittagen spionierte ich bei ihrem Herrn Gemahl herum. Es war eine schlimme, beschwerliche Zeit, und ich möchte sie nicht wieder durchleben diese abspannenden, erfolg- und ereignislosen Tage. Meine Ausdauer wurde aber schließlich doch belohnt, wenn man das gerade ›belohnt‹ nennen kann. Eines Tages – es begann schon zu dämmern – bekam ich Maxl doch wieder zu Gesicht. Er schritt mit Meister Burgholzer durch die Au zum Donauufer. Sie gingen Arm in Arm, und es schien, als werde Burgholzer von Maxl gestützt. Es schien als habe jener es auch nötig; denn sein Schritt war ein bedenklich schwankender. Ich schlich mich von Flora begleitet vorsichtig heran, konnte aber doch nicht nahe genug kommen, um bei der herrschenden Dämmerung alles genau sehen zu können. Da – mir stockte förmlich der Herzschlag – höre ich ein lautes Geräusch, ich sehe noch das Wasser weiß aufspritzen – und dann ragt nur noch eine Gestalt auf und hebt sich ab gegen den Horizont. Ich laufe vorwärts, was ich kann. Maxl wendet sich mir zu. ›Steh' und gib dich oder ich schieße!‹ schreie ich ihn an. Maxl überlegt eine Sekunde, dann wendet er sich und springt ins Wasser. Ob das nun Selbstmord – oder Fluchtversuch war, ich mußte ihm nach. Ich hake Burgholzers Fischerzille, ein geräumiges Flachboot los und bin mit drei Ruderschlägen bei Maxl. Ich neige mich vor, um ihn zu fassen. Da sehe ich in seiner Hand etwas schimmern, fühle einen wuchtigen Stoß gegen die Brust und habe noch das klare Gefühl, daß der Mann mit einem Messer zugestoßen hat. Ich reiße den Revolver aus der Tasche, sehe auf Schrittweite seine bleiche Stirne und die dunklen Augen vor mir; ich drücke los – und dann ward es Nacht.« »Um des Himmels willen, Dagobert, wie kann man sich in so entsetzliche Sachen einlassen!« »Es war Nacht geworden, das heißt, ich war in Ohnmacht gefallen, zusammengeklappt wie ein leeres Futteral. Als ich wieder zu mir kam, brauchte es eine Weile, bis ich mich im Geiste halbwegs zurecht finden konnte. Stockfinstere Nacht um mich her; ich auf dem Grunde eines Bootes auf der großen Donau schwimmend. Meine Lage mit dem Kopf abwärts war eine äußerst unbequeme. Ich versuche es, mich aufzurichten und falle darauf prompt wieder in Ohnmacht. Das wiederholt sich im Laufe der Nacht mehrmals, so daß ich schließlich den Versuch aufgebe, meine Lage zu ändern, um wenigstens bei Bewußtsein zu bleiben. Ich hatte in diesen Stunden reichlich Gelegenheit, Studien zu machen über das Wesen der Ohnmachten. Der Übergang vom Bewußtsein zur Bewußtlosigkeit ist ein unvermittelter, blitzartiger. Anders beim wiederkehrenden Bewußtsein. Das steigt allmählich an und ist ein wunderbares Gefühl. Erst leise unklare Dämmerung, dann eine äußerst rasche und lebhafte Rotation von Vorstellungen und Gedanken. Es ist, als würde in unserem Kopfe ein Kaleidoskop mit wahnsinniger Geschwindigkeit gedreht. Wenn man dann ganz bei sich ist, hat man zunächst kein Interesse für die momentane Lage, sondern bemüht sich, sich ins Gedächtnis zu rufen, woran man bei jener rotierenden Hast gedacht habe. Als wenn das überhaupt möglich wäre! Übrigens – wenn die Ohnmacht ein Abbild des Todes wäre – ich wäre es zufrieden.« »Gott, Dagobert, jetzt philosophieren Sie schon wieder und spannen mich dabei auf die Folter!« »Also tiefe Nacht; ich auf der Donau schwimmend, in einem führerlosen Boote verwundet und unfähig, auch nur die geringste Bewegung zu machen. Wie sollte das enden? Aus der Geographiestunde erinnerte ich mich, daß die Donau ins Schwarze Meer münde. Es lag nicht in meiner Absicht, auf dem Schwarzen Meere herumzugondeln. Zerbrechen wir uns den Kopf nicht darüber! Lebend würde ich ja doch nicht hinkommen. Das war überhaupt so eine Sache. Ich hatte nähere Aussichten. In der Stockfinsternis konnte mein Boot durch irgendeinen Schleppdampfer über den Haufen gerannt werden, oder es konnte sich in einer menschenleeren Gegend an einer seichten Uferstelle festsetzen. Ich sah nichts als die Sterne über mir und hörte nichts als das gurgelnde Spiel der Wellen, die mit dem Boote machten, was sie wollten. Als der Tag graute, ließ ich von Zeit zu Zeit Rufe ertönen, um mich womöglich bemerkbar zu machen. Dabei nahm ich mit Mißvergnügen wahr, wie kraftlos und wenig ausgiebig meine Stimme geworden war. Nach einstündiger Bemühung hatte ich aber doch Erfolg. Zwei Köpfe wurden über meinem Bootrand sichtbar. Ein Fischer und sein Weib hatten meine Rufe gehört und sich dann beeilt, dem geheimnisvollen Boote nachzukommen. Die Frau stieß einen Schreckensruf aus, als sie meiner ansichtig wurde. Ich lag ja in einer mächtigen Blutlache da, wovon ich freilich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Sie stieg in mein Boot herüber, um mir Beistand zu leisten. Zum Glück verstanden die Leute deutsch. Ich bat sie, mich vorläufig nicht anzurühren und mich zu lassen, wie ich sei. Ich fühlte mich sehr schwach und traute mir nicht recht. Eine neuerliche Ohnmacht wäre mir jetzt durchaus ungelegen gekommen. Vor allen Dingen wollte ich mich erst orientieren können, um dann die nötigen Maßregeln anzuordnen. Ich erkundigte mich zunächst, wo ungefähr ich sei, und war sehr erfreut zu vernehmen, daß wir uns ganz in der Nähe von Preßburg befänden. Preßburg kannte ich ja von zahlreichen Ausflügen her ganz genau, und im Hotel Palugyay, das gute Weine führt und eine feine Küche, hatte ich so manches Mal fröhlich bankettiert. Ich bat also, mich ans Ufer zu lotsen, wo das Maria Theresia-Denkmal steht, nebenbei eine recht effektvolle Arbeit des ungarischen Bildhauers Fadruß. Von dort seien es nur ein paar Schritte zum Hotel Palugyay, und dahin sollten sie mich dann vorsichtig schaffen lassen. So geschah es. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich, als sie mich aus dem Boote hoben, wieder schmählich in Ohnmacht fiel. Erst als ich im Bette lag und der Arzt vor mir stand, erhielt ich die wünschenswerten Aufklärungen. Maxls Messer war mir knapp unter dem linken Schlüsselbein in die Brust gefahren, und die Klinge war dann kurzweg abgebrochen und stecken geblieben. Ja, dann allerdings! Nun begriff ich meine kläglichen Ohnmachten – ich bin doch sonst nicht so. Da allerdings mußte jeder Versuch, mich zu bewegen, ein solches Ende nehmen. Es war keine große Sache, die Klinge wieder herauszuziehen, die ich übrigens meinem Museum einverleibt habe. Da die ganze Geschichte nun einen zweifellos kriminellen Anstrich hatte, war der Arzt verpflichtet, die Anzeige zu machen, worauf sich die Behörde ins Mittel legte und ich unverzüglich weitläufigen Verhören unterzogen werden sollte. Ich kürzte aber das Verfahren wesentlich ab, indem ich mir den Dr. Weinlich herantelegraphieren ließ, dem ich die nötigen Aufklärungen gab, der dann alles übrige im Amtswege erledigte.« »Hatten Sie daran noch lange zu leiden, Dagobert?« »Mehr als mir lieb war. Ich bin überhaupt kein geduldiger Patient. Es stellte sich starkes Wundfieber ein, und dann gesellte sich noch eine höchst überflüssige Lungenentzündung dazu, die mich doch so herunterbrachte, daß ich dann zu meiner Rekonvaleszenz einen Abstecher nach Mentone machen mußte; und nun nach Mentone war mein erster Weg zu Freund Grumbach und zu Ihnen, meine Gnädigste. J'y suis, j'y reste! « »Ich danke Gott, daß Ihr Abenteuer so ausgegangen ist, Dagobert, und auch Sie haben alle Ursache, Gott zu danken. Es hätte leicht viel schlimmer kommen können. Hoffentlich haben Sie nun aber auch die entsprechenden Lehren gezogen aus dem, was Sie erlebt und glücklicherweise überlebt haben!« »Ich möchte nichts verschwören, Frau Violet. Ich habe mich darüber nie einer Täuschung hingegeben, daß mein ›Sport‹ – Sie belieben den Ausdruck gelegentlich zu gebrauchen, wenn Sie gnädigst nicht geradezu ›Verrücktheit‹ sagen wollen – allerdings manchmal mit Gefahren verbunden ist. Sonst wäre er wohl auch nicht so verlockend und so interessant. Ich habe mich aber auch damit abgefunden: wo Holz gemacht wird, fliegen Späne. Ich gedenke also auch noch weiterhin ›Holz zu machen‹, und halte das noch immer für besser, als daß ich Steeple chase ritte.« »Sie sind unverbesserlich, Dagobert! Jetzt sagen Sie noch: haben Sie Gewisses über das Schicksal Burgholzers und Maxls erfahren?« »Ich habe mich bei Dr. Weinlich erkundigt. Zwei Männer sind in Wien verschwunden, und nicht die leiseste Spur mehr war von ihnen zu entdecken, weder zu Wasser noch zu Lande. Was Meister Burgholzer betrifft, so glaube ich, leider keinen Zweifel mehr hegen zu dürfen.« »Und Maxl? Glauben Sie, daß Sie ihn in die Stirne getroffen haben?« »Ich weiß es nicht und will es nicht wissen, will darüber nicht nachdenken. Gesehen habe ich es nicht mehr. Dabei beruhige ich mich. Sollte er noch am Leben sein, so wird er sich doch auf Wiener Boden schwerlich mehr blicken lassen; sollte er's nicht mehr sein, dann ist ihm nur sein Recht geschehen. Es nützt nichts, darüber noch weiter nachzudenken.« »Haben Sie die schöne Anna wiedergesehen?« »Gewiß. Sie waltet an ihrem Stande wie eh. Sie ist nur ein wenig blässer geworden, und die beiden feinen Furchen von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln ein wenig tiefer, aber trotzdem – noch immer würde sie als englische Hofdame eine gute Figur machen.« »Sie können wirklich von Glück sagen, Dagobert, daß Sie noch so weggekommen sind.« »Einen schmerzlichen Verlust habe ich dabei doch erlitten. Meine arme Flora ist bei der Affäre zugrunde gegangen, ohne daß ich recht wüßte – wie? Als ich in höchster Erregung ins Boot sprang, dachte ich nicht an sie, und ich kann nur kombinieren, was dann geschehen sein mag. Ich denke, daß sie, als ich abruderte, ins Wasser sprang, um mir nachzuschwimmen. Dabei ist sie nun entweder im Strome verunglückt, oder wenn sie doch noch ans Land gekommen ist, dort elend zugrunde gegangen, sonst wäre sie sicher zurückgekommen. Ich habe nie einen Hund so lieb gehabt wie Flora. Ich werde ihr ein Denkmal setzen lassen.« Der große Rubin. »Das hast du nun davon, mein lieber Dagobert!« begann der Hausherr, als sie wieder einmal, wie nach alter Übereinkunft regelmäßig wöchentlich zweimal, bei Tische zusammensaßen, Andreas Grumbach, der Großkaufmann und Präsident des Klubs der Industriellen, seine liebens- und verehrungswürdige Gattin Frau Violet und der getreue Hausfreund mit dem Petruskopf Dagobert Trostler. »Das hast du nun davon, daß der Ruhm deiner großen Passion, die zugleich deine große Kunst ist, in immer weitere Kreise dringt. Man wendet sich lieber an dich, den berühmten Amateurdetektive, als an die Polizei. Das ist bequemer und billiger –« »Das ist noch kein großes Kompliment für mich,« warf Dagobert dazwischen. »Aber auch sicherer! Man weiß, daß man sich auf dich verlassen kann, und daß die Sachen nicht gleich an die große Glocke gehängt werden. Polizei und Gericht sind für sich schon ein Stück Öffentlichkeit; jedenfalls leitet ihre Tätigkeit meist in die Öffentlichkeit, und das entspricht nicht immer den Wünschen der Beteiligten, selbst der Beschädigten nicht. Da kommt man also zu dir, und so hätt' ich denn wieder Arbeit für dich, und zwar Postarbeit. Es ist sehr dringlich, und der Fall scheint mir schwierig.« Nun mengte sich Frau Violet tief gekränkt ins Gespräch. »Was, Andreas – du erfährst Geschichten und erzählst mir nichts?!« »Aber, liebes Kind, ich bin ja gerade dabei!« »Ja – jetzt! Weil Dagobert da ist. Sonst hätte ich vielleicht nie etwas erfahren –« »Wenn ich aber versichere; daß die Geschichte noch ganz brühwarm ist? Ich habe sie erst eine halbe Stunde vor Tisch erfahren. Der junge Baron Friese ist ganz außer sich!« »Baron Eugen Friese – unser Klubmitglied?« fragte Dagobert. »Der junge Friese, der vor zwei Jahren die Lichtenegger geheiratet hat?« forschte Frau Violet. »Jawohl,« bestätigte der Hausherr, »ganz derselbige. Er ist furchtbar aufgeregt und hat mich als väterlichen Freund und seinen Klubpräsidenten ins Vertrauen gezogen, da er sich selbst nicht mehr zu helfen weiß. Ich habe ihm nun auch nicht helfen können, aber ich habe ihm, da ich wußte, daß Dagobert da sein würde, geraten, seinen schwarzen Kaffee heute bei uns zu trinken.« »Was – du hast ihn eingeladen, und auch das sagst du jetzt erst und so nebenbei?!« »Ich habe nicht gedacht, daß dich die Sorge um einen kleinen Schwarzen mehr aus der Fassung bringen werde.« »Davon ist nicht die Rede, aber vielleicht hätte man den Wunsch gehabt, sich etwas besser anzuziehen! Aber erzähle jetzt: Was also ist dem kleinen Friese passiert?« »Eine tolle Geschichte! Ich begreife, daß er vor Wut die Wände hinauflaufen möchte. Die Geschichte war so –« »Entschuldige, lieber Freund,« unterbrach nun Dagobert, »soll das die Geschichte werden, zu deren Aufhellung mir eine Rolle zugedacht ist?« »Natürlich. Davon sprechen wir ja.« »Dann möchte ich dich bitten, sie nicht zu erzählen.« »Warum denn nun nicht um alles in der Welt?« fragte Herr Grumbach erstaunt. Auch Frau Violet protestierte gegen die Behinderung; denn sie war schon recht neugierig. »Du sagtest doch,« fuhr Dagobert standhaft fort, »daß Friese in kürzester Zeit selbst hier erscheinen werde.« »Allerdings, aber das ist doch kein Hindernis, dir den Fall vorher klar zu machen.« »Ein ernstes Hindernis. Ich traue dir nicht.« »Das verstehe ich nicht.« »Und ich traue mir nicht. Bei solchen Dingen kommt es sehr auf die Genauigkeit der Details an. Du wirst mir sicher etwas Falsches erzählen.« »Erlaub' du einmal!« »Und dann wird Friese erzählen, und schließlich würde ich dann hinterher bei irgendeiner vielleicht entscheidenden Einzelheit selbst nicht mehr wissen, ob ich sie von dir, also wahrscheinlich unrichtig, oder von Friese, also wahrscheinlich richtig, habe. Man muß sich vor Voreingenommenheiten hüten, die bei Nachforschungen immer die allergrößte Gefahr bilden. Ich kenne das.« »Du bist übertrieben, Dagobert, und ein Pedant. So verwickelt ist der Tatbestand doch nicht, daß ich ihn nicht richtig darstellen oder dich durch meine Erzählung konfus machen könnte.« »Mein lieber Grumbach! Ich erinnere dich an mein Experiment mit deiner Whistpartie.« »Was für ein Experiment?« »Es war etwa vor einem halben Jahr. Ihr wart vier Herren von der Partie im Klub. Ich erzählte euch eine sensationelle Mordgeschichte, die ich mit einigen Details ausstattete.« »Jetzt erinnere ich mich. Nun – und?« »Tags darauf bat ich jeden einzelnen der vier Herren vertraulich, mir genau aufzuschreiben, was ich erzählt hatte. Du warst ja mit drunter.« »Jawohl, nur war ich der Meinung, daß ich allein mit dem Auftrag beehrt worden sei.« »Alle vier mußten berichten, alle vier durchaus vertrauenswürdige, ernsthafte Männer, die es mit der Wahrheit sehr genau nehmen.« »Nun, und was weiter?« »Alle vier Berichte, die ich gewissermaßen als Zeugenaussage auffaßte, waren falsch und wiesen in wesentlichen Punkten solche Verschiedenheiten auf, daß sie einen Untersuchungsrichter hätten zur Verzweiflung bringen müssen. Darum nehme ich mir das Recht heraus, vorsichtig zu sein.« Gegen Dagobert war nicht aufzukommen, man hatte aber nicht lange zu warten. Gerade als die kleine Gesellschaft sich vom Tisch erhob, um sich ins Rauchzimmer zu begeben, wurde Baron Friese gemeldet. Frau Violet machte mit gewohnter Unmut und Liebenswürdigkeit die Honneurs, und wenige Minuten später waren die Herren im Rauchzimmer mit schwarzem Kaffee und Zigarren versorgt, während Frau Violet sich an die Zigaretten hielt. Sie hatte sich auf ihrem Lieblingsplätzchen beim Marmorkamin eingerichtet, rechts ihr gegenüber saß Dagobert, links der Baron, während Grumbach seinen gewohnten Platz in der Mitte des Zimmers am Rauchtisch einnahm. Dagobert eröffnete die Feindseligkeiten: »Also, lieber Baron, Sie haben, wie ich höre, einen dummen Streich gemacht. Wir erwarten ein umfassendes Geständnis. Schießen Sie los!« »Ja, Herr Dagobert« – auch er nannte ihn nur schlechtweg Herr Dagobert; niemand wird es ergründen, wie sich das gemacht hat, aber die Tatsache stand fest, daß keiner aus dem Bekanntenkreis Dagoberts ihn anders denn mit seinem Vornamen ansprach. Manche mochten vielleicht nicht einmal wissen, daß sie sich damit eine eigentlich unzulässige Vertraulichkeit erlaubten – »Ja, es war eine Dummheit, aber meine Schuld ist nicht so schlimm, wie sie sich auf den ersten Anblick ausnehmen mag. Darum habe ich auch nichts dagegen gehabt, daß die Angelegenheit in Gegenwart der gnädigen Frau verhandelt werde. Ich muß ja selbst die volle Aufklärung wünschen, wobei ich allerdings um streng vertrauliche Behandlung bitten muß. Es hätte keinen Zweck und wäre mir äußerst peinlich, wenn meine Frau etwas von dieser dummen Sache erführe.« Frau Violet gelobte feierlich tiefstes Stillschweigen, worauf der junge Mann verbindlich dankte und der Meinung Ausdruck gab, daß er von ihrem weiblichen Takt und Scharfsinn sogar einen nützlichen Rat erhoffe. »Am meisten aber,« fuhr er fort, »erwarte ich mir von Ihrer berühmten Geschicklichkeit, Herr Dagobert. Der Herr Präsident hat mir Mut gemacht, mich an Sie zu wenden.« »Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Baron.« »Also hören Sie! Meine Frau befindet sich seit vier Wochen zur Kur in Franzensbad. Sie können sich denken, daß so ein gottverlassener Strohwitwer zur Sommerzeit ein recht trauriges Leben in der Stadt führt.« »Na, na! Es muss eben getragen werden.« »Man trägt's. So begab ich mich denn eines schönen Sommerabends in meiner tiefen Trostlosigkeit mit einigen Freunden nach dem lustigen ›Venedig in Wien‹. Uns hatte vornehmlich der Star der Arena, die berühmte ›dramatische Tänzerin‹ aus St. Petersburg, die Fürstin Feodorowna Obolinskaja, angelockt.« »Ich glaub's!« gab Dagobert, selbst ein gedienter Lebemann, mit sachverständigem Kopfnicken zu. »Es war der Mühe wert. Ein phänomenales Frauenzimmer und mit Schmuck von geradezu phantastischem Reichtum angetan. Man munkelte, daß sie sogar die Freundin von –« »Ich kenne die Legende,« unterbrach Dagobert ihn, »– und weiter?« »Nein, Dagobert,« legte sich da Frau Violet ins Mittel, »Sie dürfen nicht immer unterbrechen, wenn's anfängt, am interessantesten zu werden. Glauben Sie wirklich, Baron, daß sie – seine Freundin gewesen ist?« »Man sagt so.« »Vielleicht sagt sie es,« meinte Dagobert. »Es wäre kein schlechtes Mittel der Reklame.« »Mag sein!« fuhr der junge Baron fort, »es kommt nicht darauf an. Uns gefiel sie sehr wohl. Da hatte einer von uns den Einfall – ich war es nicht – wir sollten unsere Karten hinauf in die Garderobe schicken, ob wir nach der Vorstellung die Ehre haben dürften, sie in unserer Gesellschaft im Champagnerpavillon zu begrüßen.« Frau Violet schlug die Hände über dem Kopf zusammen über die Vermessenheit der jungen Männer von heutzutage. »Sie kam,« fuhr Baron Friese fort, »und wir unterhielten uns ganz ausgezeichnet.« »Das Datum – wenn ich bitten darf!« mahnte Dagobert, indem er Bleistift und Notizbuch hervorholte. »Ja, das weiß ich so genau nicht mehr.« »Es könnte aber vielleicht von Wichtigkeit sein.« »Möglich, aber wenn man mit einer Tänzerin soupiert, so glaubt man nicht immer gleich, daß man für den Untersuchungsrichter soupiert. Es war sehr hübsch, und ich hatte das Glück, von ihr besonders ausgezeichnet zu werden. Ich hatte schließlich auch die Ehre, sie im Fiaker nach Haus bringen zu dürfen.« »Ah, ah!!« »Pardon, meine Herrschaften! Selbstverständlich nur bis zum Haustor! Dort wurde ich verabschiedet. Das ist doch selbstverständlich! Ich hatte zu erwähnen vergessen, daß die Fürstin mit ihrer Mutter erschienen war, und das war keine Theatermutter. Die Ähnlichkeit war unverkennbar, und auch das Benehmen der Fürstinmutter war durchaus vornehm und einwandfrei. Die Bekanntschaft war nun einmal gemacht, und sie wurde weitergepflegt. Der Zufall fügte es, daß ich gelegentlich auch ohne meine Freunde die Vorstellung besuchte.« »Der Zufall?!« »Jawohl, meine Gnädigste, solche Zufälle ereignen sich. Das ist das Leben. Aber ich versichere wieder, es ging in allen Ehren zu. Die Damen waren regelmäßig meine Gäste; ich brachte sie regelmäßig nach Haus und wurde regelmäßig beim Haustor entlassen.« »Also die unschuldigste Idylle von der Welt,« bemerkte Dagobert, »wobei ich nur nicht an Ihrer Stelle gewesen sein möchte, lieber Baron.« »Warum? Es war ja ganz angenehm. Das Nachspiel freilich –« »Darauf warten wir.« »Eines Abends erklärte die Fürstinmutter, auch im Namen der schönen Tochter, daß es nun hohe Zeit für sie sei, sich ein ganz klein wenig zu revanchieren. Ich müßte nun einmal bei ihnen soupieren. Ich nahm die Einladung an. Der Tag wurde festgestellt. Das Souper hat stattgefunden.« »Wann?« forschte Dagobert. »Gestern.« »Gestern?! Die Toten reiten schnell, lieber Baron. Erzählen Sie weiter!« »Die Damen menagieren nicht zu Hause. Das Mahl war von Sacher beigestellt. Ich habe einige Praxis in Sacherschen Menüs. Es war eins für fünfzig Kronen das Gedeck, also immerhin annehmbar. Es ging alles sehr korrekt zu, und wir trennten uns im besten Einvernehmen.« »Das war gestern abend!« rief nun Frau Violet. »Eigentlich gestern nacht. Denn wir kamen ja erst nach der Vorstellung dazu, und es war reichlich zwei Uhr nach Mitternacht, als ich mich empfahl.« »Und heute schon bedürfen Sie der Hilfe Dagoberts?? Wie geht denn das zu?« »Allerdings recht sonderbar. Ich war noch nicht aufgestanden, als mir der Diener der Fürstin gemeldet wurde, und zwar in einer sehr dringlichen und durchaus unaufschiebbaren Angelegenheit. In Gottes Namen denn! Ich ließ ihn vor. Er brachte einen Brief von der Fürstin.« Dagobert rückte sich auf seinem Sessel zurecht, als gewänne er jetzt erst Interesse für die Sache. »In dem Brief teilte sie mir mit ...« »Nicht doch, lieber Baron!« unterbrach hier Dagobert. »Sie haben den Brief sicherlich bei sich. Wir möchten ihn im Wortlaut kennen.« »Das kann geschehen.« Er holte den Brief aus der Tasche und las: » Mille remerciments , verehrter Freund, für den schönen Abend, den Sie uns bereitet haben, und an den ich mich immer mit Vergnügen erinnern werde. Sie waren so wunderbar aufgeräumt, aber heute müssen wir wieder ernsthaft sein. Bringen Sie also Ihren liebenswürdigen Scherz zu Ende, und schicken Sie mir den Ring mit dem großen Rubin durch Überbringer dieses zurück. Herzlichst Ihre dankbare Freundin Feodorowna O.« »Ja, hatten Sie denn wirklich einen Ring mitgenommen, Baron?« fragte Frau Violet. »Ist mir natürlich nicht eingefallen. Ich sehe den Diener verständnislos an und suche mich zu erinnern. Vergeblich. Ich hatte absolut nicht so viel getrunken, daß ich irgendeine Dummheit hätte machen sollen. Ich bin in der schönsten Manierlichkeit zu Fuß nach Haus gegangen. Die Fürstin wohnt auf dem Kolowratring, ich auf dem Kärntnerring. Ich erinnere mich deutlich, wie gemächlich ich ging, wie ich noch in ein Kaffeehaus einkehrte, dort noch einige illustrierte Blätter durchsah. Ich erinnere mich noch der einzelnen Illustrationen und der Unterschriften. Es ist völlig ausgeschlossen, daß der Wein mir den Sinn verwirrt haben sollte. Ich sage also dem Diener ruhig, daß ich von dem Ring nichts wüßte, und daß damit die Sache für mich erledigt sei. Dieser Fall scheint vorausgesehen worden zu sein. Denn der Diener hatte auch für ihn seine Instruktionen. Er erlaubte sich in aller Untertänigkeit zu bemerken, daß auch er von dem Scherz wüßte. Nicht nur Ihre Durchlaucht, auch er habe gesehen, wie ich beim Abschied den Ring in das äußere Seitentäschchen meines Überziehers praktiziert hätte. Das war mir doch zu toll. Die Fürstin hatte allerdings nach Tisch ihre Schmucksachen vor mir ausgebreitet und sie gebührend von mir bewundern lassen, aber ich war doch wahrhaftig nicht auf die verrückte Idee verfallen, mir einen Ring einzustecken. Ich läutete meinem Diener und ließ den Überrock hereinbringen, den er schon wieder in den Kasten gehängt hatte. Der Rock wird gebracht, und in dem äußeren Seitentäschchen fand sich der Ring!« »Sollte sich da nicht vielmehr die Fürstin einen kleinen Scherz erlaubt haben, um Sie ins Bockshorn zu jagen, lieber Baron?« fragte lächelnd Frau Violet. »Die Sache ging mir sehr bald über den Spaß, wie Sie gleich hören werden, gnädigste Frau. Es war in der Tat ein kostbarer Ring: ein ungewöhnlich großer und schöner Rubin, umkränzt von sechs wundervollen Diamanten. Was konnte ich tun? Ich übergab ihn dem Diener und ließ durch ihn meine Entschuldigungen für das Unbegreifliche entbieten. Nun kommt aber erst die Hauptsache!« »Das läßt sich denken,« schaltete Dagobert ein. »Es war noch keine halbe Stunde vergangen – ich saß gerade beim Frühstück – da war der fürstliche Diener schon wieder da, und er brachte wieder einen Brief. Hören Sie nur. Er lautet: ›Geehrter Herr! Weder die guten noch die schlechten Scherze dürfen zu weit getrieben werden und müssen ein Ende finden. Ich finde sogar, daß Ihr Scherz sehr ernst geworden ist. Die Steine an dem Ring, den Sie mir zurückgeschickt haben, sind falsch. Die meinigen waren echt, wie mir der Hofjuwelier Georg Friedinger, bei dem ich den Ring vor noch nicht vier Wochen gekauft habe, jederzeit bestätigen wird. Der Preis, den ich bezahlt habe, betrug sechstausend Kronen, wie ebenfalls Herr Friedinger zu bestätigen in der Lage sein wird. Ich erwarte nun von Ihnen entweder die umgehende Übersendung des genannten Betrages oder, was ich vorzöge, die sofortige Zurückstellung der echten Steine. Sollte ich bis heute nachmittag vier Uhr nicht voll befriedigt sein, so wäre ich um so mehr gezwungen, die Angelegenheit meinem Rechtsanwalt, dem Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Valerian, zu übergeben, als ich schon übermorgen abreisen muß, um ein Engagement in Paris anzutreten. Hochachtungsvoll Fürstin Feodorowna Obolinskaja.‹« »Das ist stark!« rief Frau Violet empört. »Der reine Erpressungsversuch!« »Oder Betrugsversuch,« versetzte der junge Baron, »oder eigentlich beides, und ich fürchte – ein erfolgreicher.« »Was?« ließ sich nun Dagobert vernehmen. »Sie werden doch der Bande nicht sechstausend Kronen in den Rachen werfen wollen!« »Ich hätte es schon getan, wenn der Herr Präsident, dessen Meinung ich erst einholte, mir nicht eindringlich davon abgeraten hätte.« »Mit gutem Grund,« bemerkte Grumbach. »Ja doch,« fuhr der Baron fort, »es wäre hellichter Wahnsinn, aber ich muß um jeden Preis einen Skandal vermeiden. Das weiß das Frauenzimmer, und darum zieht sie die Schraube so an. Erstlich einmal muß ich verhindern, daß meine Frau von der albernen Geschichte etwas erfährt, da sie sich, so unschuldig ich auch bin, ganz falsche Vorstellungen machen würde. Ich habe keine Lust, mir solcher Dummheiten wegen meine glückliche Ehe trüben zu lassen. Weiter aber bin ich Fabrikherr und leite ein grosses Geschäft. Nun denken Sie sich den Eindruck in der Geschäftswelt, wenn solche Dinge über mich ruchbar würden! Dr. Valerian würde schon dafür Sorge tragen, daß die Zeitungen den interessanten Fall veröffentlichen. Ich danke schön. Da bezahle ich lieber mein Lehrgeld, allerdings – sechstausend Kronen – ein bißchen teuer!« »Das ließe sich ja hören,« nahm Grumbach wieder das Wort, »nur meine ich, daß es nichts nützen würde. Gibt man den Erpressern einmal nach, dann ist man ihnen mit Haut und Haar verfallen. Die Versuche würden fortgesetzt werden, und man muß ihnen willfahren, oder man hat das erste Opfer umsonst gebracht und hat dann nicht nur das Lehrgeld bezahlt, sondern den Skandal doch noch obendrein, ist also doppelt geschlagen. Dann lieber gleich den Skandal, als sich lebenslänglich an die Kette hängen zu lassen.« »Ich bin auch der Ansicht,« meinte Frau Violet, »daß man für sein Recht kämpfen und es sonnenklar an den Tag bringen lassen soll.« »Sie haben leicht reden, gnädigste Frau,« entgegnete der junge Baron, »vielleicht weil Sie eine Frau sind.« »Ich sollte doch meinen, daß gerade eine Frau besonders befähigt wäre, die Scheu vor einem öffentlichen Skandal zu verstehen und zu würdigen, aber in diesem Fall –« »Ja, meine Gnädigste, Sie unterschätzen doch die Macht der öffentlichen Meinung der Kaufmannschaft. Man würde mich kaum mehr ernst nehmen. Es mögen philiströse Anschauungen sein, die da vorherrschen, aber man kann nicht aufkommen gegen sie. Schließlich kann man auch nicht aufkommen gegen das Vorurteil einer gekränkten Gattin. Darum will ich lieber jedes Opfer bringen, bevor ich es auf einen Eklat ankommen lasse. Was ist Ihre Meinung, Herr Dagobert? Der Herr Präsident ließ mich hoffen, daß Sie vielleicht einen Ausweg aus dieser Sackgasse zu finden wüßten.« »Meine Meinung ist die, daß ich wütend bin!« knurrte Dagobert. »Wieder einmal muß man sich um das Einfachste und Natürlichste herumdrücken, um nur um Gottes willen kein Aufsehen zu erregen. Das Einfachste und Natürlichste wäre, die ganze Sippschaft sofort festsetzen zu lassen.« »Doch wohl nur die Fürstin?« »Die ganze Sippschaft – und statt dessen soll nun herumdiplomatisiert werden!« »Aber Sie sehen doch ein, Herr Dagobert –« »Natürlich sehe ich ein. Ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf, Baron. Derlei kann jedem von uns passieren.« »Sie aber sind wenigstens Junggeselle!« gab Frau Violet zu bedenken. »Nicht nur das, sondern auch vielleicht etwas vorsichtiger als unser junger Freund. Was nun den Fall selbst betrifft, so liegt er beinah einfacher, als mir lieb ist. Es ist nicht viel Ehre dabei zu holen. Die Falle ist zu plump gestellt. Da tät's die Polizei auch, und ich brauchte mich gar nicht erst zu bemühen.« »Aber Sie wissen doch, Herr Dagobert, daß ich mich an die Polizei nicht wenden kann!« »Weiß schon, und das versöhnt mich noch mit der Sache. Lassen Sie also Ihrer Donna die Verständigung zukommen, daß Sie, da sie es doch so eilig hat, ihr morgen nachmittag um vier Uhr bei ihrem Anwalt, dem Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Valerian, mit Vergnügen zur Verfügung stehen. Sie solle sich nur auch den Hofjuwelier Friedinger mitbringen. Er ist nämlich, wie ich nebenbei bemerken will, beeideter gerichtlicher Schätzmeister, wird also in der Lage sein, den bei ihm gekauften Ring zuverlässig zu schätzen.« Der Baron machte große Augen zu Dagoberts Vorschlägen. »Erlauben Sie, Herr Dagobert,« sagte er, ein wenig aus dem Kontakt gebracht, »ich bin ja bereit zu bezahlen, da es nun einmal nicht anders geht, aber ich verstehe doch nicht recht, daß Sie mich förmlich in die Höhle des Löwen schicken wollen. Mir wäre es doch lieber, wenn sich die Sache bei meinem Rechtsanwalt abspielte. Ich werde schlechte Figur machen unter ihren Leuten und diesen völlig preisgegeben sein. Die Fürstin, ihr Anwalt, ihr Juwelier – die werden ja mit mir machen, was sie wollen, und mir nach Belieben die Kehle zuschnüren.« »Das ist schon die richtige Zusammensetzung; verlassen Sie sich darauf.« »Aber wenigstens werde ich mir meinen Rechtsanwalt mitnehmen!« »Es hätte keinen Sinn, lieber Baron, überflüssigerweise noch mehr Leute einzuweihen. Ihr Anwalt werde ich sein.« »Ah, dann bin ich schon beruhigt.« »Ich werde pünktlich um vier Uhr zur Stelle sein. – Verehrte Hausfrau, Sie werden sicherlich den Wunsch hegen, von dem Ergebnis der Unterhandlungen möglichst bald in Kenntnis gesetzt zu werden?« »Natürlich brenne ich darauf, den Ausgang zu erfahren!« »Dann brauchen Sie nur den Baron und mich morgen zu Tisch zu laden.« »Was hiermit geschieht und mit tausend Freuden. Aber, Dagobert, Sie wissen, unsere Speisestunde ist um fünf.« »Eben weil ich das weiß, Gnädigste, habe ich die Konferenz für vier Uhr anberaumt, um fünf Uhr wird alles vorbei sein, und wir werden an Ihrem Tisch sitzen. Ich empfehle Ihnen übrigens, Frau Violet – – Sie wissen doch, wie gern ich Sie in Ihren Hausfrauensorgen unterstütze – ein, zwei Flaschen Sekt in Eis stellen zu lassen. Ich meine nur unseres jungen Freundes wegen, und da es doch eine Siegesfeier werden wird. Denn ich für meine Person werde Ihrem wundervollen und mit Recht so berühmten kühlen Rüdesheimer treu bleiben.« »Es wird für jeden Geschmack gesorgt sein, meine Herren!« Der Baron erschöpfte sich in Entschuldigungen und versicherte, daß er sich nie erlaubt hätte, sich aufzudrängen, aber Dagobert schnitt ihm das Wort ab. »Wir müssen, gnädigste Frau, diesen jungen Mann ein wenig unter unsere Obhut nehmen, damit er uns keine unnützen Streiche mache. Sie sehen, wie notwendig es ist, daß er bemuttert werde.« Dagobert vergönnte sich am nächsten Tag den Witz, um fünf Uhr nachmittags mit dem Glockenschlag in Begleitung des jungen Barons im Haus Grumbach anzutreten. Frau Violet ihrerseits vergönnte sich wieder den Witz, daß Punkt fünf Uhr die Suppe auf dem Tisch dampfte. Das sollte ein Kompliment für Dagobert sein und das Vertrauen ausdrücken, das sie in seine Worte setzte. »Um den Sekt erkundige ich mich gar nicht,« sagte Dagobert, als man sich niederließ. »Er steht im Eis.« »Selbstverständlich auch um meinen Rüdesheimer nicht.« »Er wird die richtige Temperatur haben. Überhaupt, Dagobert, habe ich mich auf ein Siegesmahl eingerichtet, und wenn wir uns damit nun blamieren sollten, so wird es nicht meine Schuld sein.« »Keine Angst, Gnädigste,« rief der junge Baron begeistert, »Sieg auf der ganzen Linie!« Im Hause Grumbach wußte man, daß Dagobert bei Tisch der aufwartenden Dienerschaft wegen nicht gern vom »Geschäft« sprach. Man stellte also auch keine Fragen und unterhielt sich über mehr oder minder gleichgültige Dinge. Erst als man wieder im Rauchzimmer in gewohnter Sitzordnung beim kleinen Schwarzen saß, vor jeglicher Störung gesichert, da ließ Frau Violet der lange gebändigten Neugierde die Zügel schießen und verlangte genaueste Berichterstattung. »Herr Dagobert war einfach großartig!« rief der junge Baron begeistert. »Unser Triumph war vollständig und die Niederlage der gegnerischen Partei zerschmetternd. Die Sache war so – Sie müssen mich erzählen lassen, Herr Dagobert!« »Gewiß, Sie sollen das Wort haben, geehrter Freund, nur müssen Sie mich vorerst von der kurzen Vorarbeit berichten lassen, die ja auch Sie noch nicht kennen. Diese Vorgeschichte wird notwendig sein zum Verständnis Ihrer Darstellung. Viel Zeit hatte ich nicht. Die Sache war ja eilig. Für vier Uhr hatte ich die Konferenz bestimmt. Wir mußten rasch fertig werden, zumal auch die Fürstin in kurzer Frist abzureisen gedachte. Den mir zur Verfügung stehenden Vormittag hatte ich gut benutzt. Ich hatte zweierlei zu tun. Erstlich einmal mußte ich auf die Polizei –« »Sie haben doch um Gottes willen keine Anzeige gemacht?« fragte erschrocken der junge Baron. »Das wäre wider die Verabredung gewesen. Ich mußte vor allen Dingen erst wissen, mit wem wir es zu tun haben. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß ich an Ihre ›Fürstin‹ vom ersten Augenblick an nicht geglaubt habe. Ich habe von jeher ein, wie ich glaube, berechtigtes Mißtrauen gegen alle durchlauchtigen Varietéprinzessinnen. Es gibt nun zwei behördliche Instanzen, die nicht mit sich spaßen lassen: das Steueramt, das mich in diesem Fall allerdings nichts anging, und die Polizei. Ich habe gute Beziehungen zur Polizei. Oberkommissär Weinlich von der Kriminalabteilung, dem ich ja auch schon manchen Dienst zu leisten in der Lage war, erleichtert mir gern eine diskrete Nachforschung. Ich hob also den Meldezettel der ›Fürstin‹ und ihres Haushalts aus. Wie ich erwartet hatte: ›Maria Oblitschew, genannt Fürstin Feodorowna Obolinskaja‹. Die Polizei ist in dem Punkt nicht engherzig. Wenn eine Artistin sich auf einen schönen Namen für das Programm steift, so läßt sie sie gewähren, sofern nur die Personalakten selbst in Ordnung sind. Auch eine Kaiserin ist schon aufgetreten, allerdings die Kaiserin der Sahara, und Könige gibt es zu Dutzenden, Könige der Jongleure, Könige der Kettensprenger und so fort! Der Meldezettel verriet noch Weiteres: Alter 35 Jahre! Sie machen ein entsetztes Gesicht, lieber Baron:?« »Fünfunddreißig Jahre!« »Das ist doch hoffentlich noch kein Verbrechen!« meinte Frau Violet, ein wenig verstimmt durch das naive Entsetzen des jungen Barons. »Nein, gewiß nicht,« gab dieser sofort mit großer Bereitwilligkeit, aber noch immer sehr konsterniert zu. »Sie haben sie wohl für erheblich jünger gehalten?« fragte Dagobert, mit grausamer Beharrlichkeit bei diesem Punkt verweilend. »Allerdings für ganz beträchtlich jünger!« »Nun, der Polizei muß man die Wahrheit sagen. Es ist auch das sicherste. Eine Falschmeldung kostet zwar nicht gleich den Kopf, aber es gibt doch eine öffentliche Verhandlung. Die kommt dann in die Zeitung – und das ist das Schreckliche. Noch einiges andere kündete der Meldezettel. Die ältere Dame ist, woran wir ja auch nicht gezweifelt hatten, wirklich ihre Mutter. Interessanter aber ist schon die Tatsache, daß der Bediente, der auch Sie mit seinem Besuch beehrt hat, ihr Bruder ist!« »Eine merkwürdige Wirtschaft!« rief Frau Violet. »Aber praktisch, wie es sich beinah wieder gezeigt hatte und sich sicherlich auch schon gezeigt hat,« fuhr Dagobert fort. »Als ich meine Sachen auf der Polizei besorgt hatte, blieb mir noch übrig, das ›Milieu‹ der fürstlichen Herrschaften zu studieren.« »Sie wollen doch nicht sagen,« rief der Baron erstaunt, »daß Sie bei ihr oben waren?« »Genau das wollte ich sagen. Ich war bei ihr oben, und zwar eine volle Stunde.« »Aber davon hat sie doch nicht ein Sterbenswörtchen erwähnt!« »Konnte sie auch nicht, weil sie es nicht gewußt hat.« »Dann war sie vielleicht nicht zu Hause?« »Sie war zu Hause und noch dazu in einem reizenden Negligé.« »Das verstehe ich nicht!« »Wir sind solche Stückl von ihm schon mehr gewöhnt,« ließ sich Frau Violet vernehmen. »Erzählen Sie, Dagobert, wie Sie das wieder angestellt haben.« »Das Haus, in dem sie wohnt, wird durch die Internationale Elektrizitätsgesellschaft mit elektrischem Licht versorgt. Zu meinen zahlreichen Würden und Bürden gehört auch eine Verwaltungsratsstelle bei dieser Gesellschaft, um die ich mich bisher allerdings recht wenig bekümmert hatte. immerhin konnte ich mir nun da schon etwas richten. Ich holte mir einen Monteur heraus und gab ihm die nötigen Weisungen. Ich ging mit ihm, angetan mit der blauen Bluse eines Arbeiters, und trug die Leiter. Unkenntlich machte ich mich durch meine fürchterliche Automobilbrille und durch eine unförmliche Chauffeurkappe mit weit ausladendem Schild.« »Sie müssen schön ausgesehen haben!« rief Frau Violet lachend. »Auf Schönheit kam es mir nicht besonders an. Ich dachte mir aber, daß Laien sehr wohl glauben könnten, daß ein Arbeiter der Elektrizitätsgesellschaft so aussehen müsse. Wir gingen also hinauf, und das Wort führte ausschließlich der Monteur, während ich mich in meiner Vermummung und mit der Leiter immer im Hintergrund hielt. Er demonstrierte, daß es im Haus einen Kurzschluß gäbe, und daß wir, da Gefahr im Verzug sei, nun sofort alle Leitungen aufs genaueste untersuchen müßten. Während er noch sprach, hatte ich schon meine Leiter aufgestellt und war hinaufgeklettert, und nun betrachtete ich mir die Dinge in aller Gemächlichkeit von oben herunter. So studierte ich, selbst unbeachtet, alle Gemächer, und als wir das Haus verließen, hatte ich meinen Zweck erreicht. Ich wußte nun, was ich wissen wollte.« »Haben Sie wirklich etwas Besonderes ausgekundschaftet, Dagobert?« fragte Frau Violet. »Doch leidlich Wichtiges. Die Zimmer der Herrschaft boten zwar gar kein Interesse, um so mehr aber das Dienerzimmer, wo ich mich auch am längsten aufhielt.« »Was haben Sie dort Interessantes gefunden, Dagobert?« »Das wird sich ja sofort aus der Erzählung unseres Freundes ergeben, dem ich nun doch nicht länger hinderlich sein möchte.« »Es ist wahr, Herr Dagobert,« nahm nun der junge Baron das Wort, »der Bericht über Ihre Vorarbeit war nötig. Ich selbst begreife jetzt erst manches, was mir bisher unverständlich war. Nun aber lassen Sie mich der gnädigen Frau und dem verehrten Hausherrn von unserer Verhandlung erzählen. Ich lege Wert darauf, selbst zu erzählen, weil Herr Dagobert wahrscheinlich aus Bescheidenheit seine prachtvolle Leistung nicht ins richtige Licht setzen würde. Also – als wir hinkamen, war alles schon versammelt: Dr. Valerian, der Hof- und Gerichtsadvokat, der Hofjuwelier Friedinger, die Fürstin in Begleitung der Fürstinmutter und sogar der Bediente. Kaum waren wir eingetreten, als der Rechtsanwalt mich auch schon apostrophierte, mir beteuerte, wie außerordentlich peinlich es ihm sei, usw. usw. Es war ein Wortschwall, und in diesen mengten sich die Redefluten der Fürstin und der erlauchten Mutter. Kurz, man konnte dabei förmlich irrsinnig werden. Diesem Chaos machte aber Herr Dagobert ein rasches Ende, indem er erklärte, daß man so nicht verhandeln könne. Dann dankte er für das allgemeine Vertrauen, mit dem man ihn zum Vorsitzenden erwählt habe –« »Ja, hatte man ihn denn dazu erwählt?« fragte Frau Violet. »Keine Idee!« gab Dagobert zu, »aber ein Vorsitzender war nötig, und in dieser Gesellschaft gab es zufällig keinen besseren.« »Herr Dagobert übernahm also den Vorsitz,« fuhr der Baron fort, »sagte volle und allseitige Redefreiheit zu, versicherte aber dafür sorgen zu wollen, daß immer nur einer auf einmal rede. Dann forderte er den Anwalt der Fürstin auf, eine Darstellung des Falls zu geben und die Ansprüche zu präzisieren. Der Anwalt wollte ausbiegen. Bei der besondren Peinlichkeit der Angelegenheit wäre eine vertrauliche und delikate Erledigung wohl am angemessensten. Er schlage vor, daß ich mich mit ihm zurückziehe, um mit ihm in gegenseitigem Einvernehmen die Sache in aller Stille und mit aller gebotenen Diskretion zu erledigen. Herr Dagobert wies den Vorschlag kurz ab. Für uns hätte die Angelegenheit durchaus nichts Peinliches, und wir hätten nicht die mindeste Ursache, auch eine noch viel größere Öffentlichkeit zu scheuen. Er solle also nur ruhig loslegen und ungescheut heraussagen, was er auf dem Herzen habe. ›Wenn Sie es selbst wünschen,‹ erwiderte Dr. Valerian, ›dann muß ich mich wohl fügen.‹ Und dann gab er seine Darstellung, wie ich sie Ihnen gegeben hatte. Er schloß mit den Worten: ›Und nun fordere ich den Herrn Baron Friese auf, sich endlich zu diesem Gegenstand zu äußern!‹ Herr Dagobert schnitt mir sofort das Wort ab, mit der Erklärung, daß der Herr Baron sich selbstverständlich nicht äußern werde. Er werde überhaupt nicht ein Wort sagen, da es – wieder ganz selbstverständlich – durchaus unter seiner Würde sei, auf solche Albernheiten auch nur mit einem Wort einzugehen. Er bitte um Entschuldigung, wenn der Ausdruck ›Albernheiten‹ vielleicht nicht ganz parlamentarisch sei. Er habe ihn nur gebraucht, weil er den treffenderen nicht anwenden wollte – ›Infamien‹! Er habe übrigens keinen Anlaß, sein tiefes Erstaunen zu verhehlen, daß ein Anwalt vom Rang des Dr. Valerian es nicht verschmäht habe, sich in eine so schmutzige Sache einzulassen. Nun stieg Dr. Valerian: ›Ich lehne es ab, mir von gegnerischer Seite derlei Vorhalte machen zu lassen. Ich weiß schon selbst sehr wohl, was ich zu tun und zu lassen habe. Wenn das eine ›schmutzige Sache‹ ist, was ich ohne weiteres zugebe, so sind wir daran unschuldig, und wir werden nicht aufhören in der Verfolgung unseres Rechts, weil es zufällig ein hochgestellter und in der Gesellschaft angesehener Herr ist, gegen dessen ›Scherze‹ oder ›Sinnesverwirrungen‹ einzuschreiten wir gezwungen sind.‹ ›Sie haben sehr schön gesprochen, Herr Doktor,‹ erwiderte Herr Dagobert ruhig, ›aber Sie werden – aufhören. Das gebe ich Ihnen schriftlich, wenn Sie wollen. Wir werden den Tatbestand ja sehr bald aufgehellt haben. Fräulein Oblitschew, haben Sie zu diesem Gegenstand noch etwas zu bemerken?‹ Bei dieser Anrede machten der Advokat und der Hofjuwelier erstaunte Gesichter, in den schönen Augen der ›Fürstin‹ flammte aber ein Zornesblitz auf. ›Wenn ich etwas zu bemerken hätte,‹ antwortete sie mit fliegendem Atem, ›so wäre es das, daß ich nicht da bin, mich insultieren zu lassen.‹ ›Kein Mensch denkt daran, Sie zu insultieren. Ich wollte nur andeuten, daß wir hier nicht im Varieté sind und hier nicht Theater spielen. Für uns sind Sie hier Fräulein Oblitschew und sonst nichts.‹ ›Es ist mir gleichgültig, was ich für den Herrn bin oder nicht bin. Ich verlange nur, daß mir der Herr Baron meinen Ring zurückgibt.‹ ›Das ist begreiflich. Wenn der Herr Baron den Ring genommen hat, dann muß er ihn auch wieder zurückgeben.‹ ›Jawohl, und zwar den echten, nicht aber eine Fälschung! Ich lasse mich nicht betrügen.‹ ›Schön.‹ ›Der Herr Hofjuwelier Friedinger wird mir bestätigen –‹ ›Den Herrn Hofjuwelier werden wir ja gleich selbst hören. Vorerst gestatten Sie mir aber wohl, einige Fragen an Ihren Diener zu richten.‹ ›Bitte.‹ Der Diener trat vor. ›Sie heißen?‹ ›Simon.‹ ›Schön. Also, Simon, Sie haben es auch gesehen, daß der Herr Baron vorgestern beim Abschied von Ihrer Herrin den fraglichen Ring in das äußere Seitentäschchen seines Überziehers gesteckt hat?‹ ›Jawohl, das habe ich gesehen.‹ Simon spricht ebenso wie seine Herrin fließend Deutsch. ›Das wäre nun allerdings ein vollgültiger Beweis. Freilich ist es fraglich, ob man Sie überall als klassischen Zeugen wird gelten lassen wollen. Doch davon später. Jetzt möchte ich von Ihnen nur einiges aufgeklärt haben. Sie haben gestern um halbzehn Uhr vormittags dem Herrn Baron eine Botschaft gebracht. Stimmt das?‹ ›Jawohl!‹ ›Sie haben dann den Ring mitgenommen, haben ihn nach Haus getragen; Ihre Gnädige hat dann einen Brief geschrieben. Den haben Sie übernommen, und um zehn Uhr waren Sie dann wieder bei dem Herrn Baron. Stimmt auch das?‹ ›Jawohl, das stimmt!‹ ›Mir stimmt es aber mit der Zeit nicht. Ich habe die Strecke vom Ende des Kolowratringes bis zum Anfang des Kärntnerringes in gutem Tempo abgeschritten. Unter fünfzehn Minuten ist das nicht zu machen. Hin und zurück – macht dreißig Minuten, da fehlt mir also die Zeit zur Abfassung des Briefes, der durchaus nicht in Eile, sondern sehr bedachtsam und sorgfältig geschrieben worden zu sein scheint.‹ ›Dann wird es wohl länger als eine halbe Stunde gedauert haben, bis ich wieder zurück war.‹ ›Der Herr Baron ist gegenteiliger Ansicht, aber Ihre Antwort ist gut, Simon. Unsere Schwäche besteht nämlich darin, daß wir die Zeit Ihrer Abwesenheit nicht mit der Uhr in der Hand abgestoppt haben. Es wurde uns aber dadurch doch der Gedanke nahegelegt, daß es eine abgekartete Sache war, daß Sie gar nicht erst wieder nach Hause gingen, sondern den vorbereiteten Brief schon in der Tasche hatten. Regen Sie sich nur nicht unnötig auf. Wir können Ihnen das nicht beweisen.‹ ›Ich weiß nichts von abgekarteten Sachen und nichts von einem vorbereiteten Brief.‹ ›Sie wissen nichts davon – gut; aber Sie wissen doch mehr, als Sie zeigen möchten. Sehn Sie mal, als ich Sie vorhin fragte, wie Sie heißen, sagten Sie: Simon. Warum sagten Sie nicht gleich: Simon Oblitschew?‹ Valerian und der Hofjuwelier machten wieder erstaunte Gesichter, Herr Dagobert fuhr aber ruhig fort: ›Warum sagten Sie weiter nicht gleich zur Vereinfachung der Situation, daß Sie der Bruder von Fräulein Oblitschew sind?‹ Nun fuhr aber die Oblitschew wieder mit zornfunkelnden Augen los. ›Ich sehe, man hat es hier nur darauf abgesehen, mich zu demütigen. Wenn das ein Mittel sein soll, meine Ansprüche herabzudrücken, so ist es recht unglücklich gewählt.‹ ›Wir denken nicht daran, mein Fräulein, aber Sie werden doch nun selbst zugeben, daß jeder Richter sich bedenken würde, einen solchen Zeugen ohne weiteres gelten zu lassen. Doch wir wollen nun Ihrem Wunsch entsprechen und endlich auf den Ring zu sprechen kommen. Herr Hofjuwelier, darf ich bitten! Sehen Sie sich, bitte, den Ring recht genau an.‹ ›Das habe ich bereits getan.‹ ›Ist er bei Ihnen gekauft wurden?‹ ›Ja; allerdings waren die Steine, die ich verkauft habe, echt. Diese sind falsch.‹ ›Selbstverständlich waren sie echt. Überhaupt, Herr Friedinger, möchte ich von vornherein nachdrücklich betonen, daß wir weit davon entfernt sind, gegen Sie auch nur das geringste Mißtrauen zu hegen. Im Gegenteil. Sie sind gerichtlicher Sachverständiger. Das ist uns sehr angenehm und sehr wertvoll, und wir geben hiermit die bindende Erklärung ab, daß wir uns Ihren: Urteil und Ihrer Schätzung unbedingt unterwerfen werden. Über den Preis brauchen wir nicht erst viel zu reden.‹ ›Der Ring hat sechstausend Kronen gekostet, und der Preis war angemessen.‹ ›Ihre Firma ist als zuverlässig bekannt. Wir erheben keine Einsprache gegen die Wertbestimmung. Wir wissen nun, daß die Fälschung vorgenommen wurde, nachdem der Ring von Ihnen verkauft war.‹ ›Selbstverständlich.‹ ›Sie haben, wie Sie sagten, den gefälschten Ring genau angesehen. Ist die Fälschung gut oder stümperhaft?‹ ›Die Fälschung ist sehr gut.‹ ›Könnten Sie uns, Herr Sachverständiger, einige Auskünfte geben über das Wesen der guten und schlechten Fälschungen?‹ ›Das ist sehr einfach. Eine Fälschung ist schlecht, wenn sie auf den ersten Anblick zu erkennen ist, und sie ist gut, wenn auch das Auge des Kenners einige Mühe hat, sie zu entdecken.‹ ›Fräulein Oblitschew hat die Fälschung sofort erkannt.‹ ›Allerdings, aber das Fräulein – die Fürstin Obolinskaja ist, wie ich mich überzeugt habe, eine sehr genaue Kennerin von Edelsteinen.‹ ›Auch das wollen wir keineswegs bezweifeln. Nun noch eins, Herr Friedinger. Es würde uns außerordentlich interessieren, wenn Sie uns einige Aufschlüsse über die Methode oder die Methoden der Fälschungen geben wollten.‹ ›Das ist eine ganze Wissenschaft. Es gibt zwei Methoden. Die erste besteht darin, daß wertvolle Steine durch andere Steine, die immer noch Edelsteine, aber minderwertiger Art sind, ersetzt werden.‹ ›Ist das hier der Fall gewesen?‹ ›Nein. Hier ist ›Straß‹ zur Verwendung gelangt.‹ ›Was ist das eigentlich – Straß?‹ ›Straß ist eine Glassorte, die sehr viel Blei enthält, mehr noch als Flintglas. Es wird hergestellt aus Kieselerde oder sehr fein zerstoßenem Bergkristall, aus Kalisalpeter, reinem Bleioxyd und aus Borsäure. Diese Bestandteile, zu denen dann auch noch die entsprechenden Färbemittel hinzugefügt werden müssen, werden in sogenannten hessischen Tiegeln –‹ ›In Tiegeln!‹ ›Jawohl, in Tiegeln, durch vierundzwanzig Stunden geglüht und im Schmelzfluß erhalten. Zeigt der Guß dann vielleicht Luftblasen, dann muß er wieder eingestampft und die Arbeit wiederholt werden.‹ ›Das ist ja sehr belehrend. Dann folgt noch der Schliff, also eine recht umständliche Geschichte.‹ ›Allerdings, Geduld muß man haben bei der Arbeit.‹ ›Sie sagten, Herr Sachverständiger, daß die vorliegende Fälschung gut sei. Womit begründen Sie diese Ansicht?‹ ›Der Guß ist rein und tadellos, die Farbennuance des Rubins vorzüglich getroffen. Besonders beachtenswert ist endlich der Schliff. Die Fassettierung der Originalsteine ist mit großem Geschick aufs allergenaueste nachgeahmt.‹ ›Mit einem Wort: der Fälscher ist ein sehr tüchtiger Mann, dem man sein Kompliment machen darf. Und nun noch eine Kleinigkeit, Herr Friedinger, eine Frage, die Sie uns als Sachverständiger beantworten sollen: Was glauben Sie, wieviel Zeit braucht selbst ein geschickter und erfahrener Arbeiter, um mit dem ganzen umständlichen und, wie wir gehört haben, sehr komplizierten Verfahren zustande zu kommen?‹ ›Doch mindestens vierzehn Tage.‹ ›Doch mindestens vierzehn Tage. Wenn es aber sehr, sehr eilig sein sollte?‹ ›Dann wohl auch acht Tage, vielleicht sechs.‹ ›Ich danke Ihnen, Herr Sachverständiger; ich habe keine Frage mehr zu stellen. Und nun zu Ihnen, Herr Dr. Valerian! Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einige Umstände lenken. Vorgestern, eigentlich war es schon gestern, es war ja zwei Uhr nach Mitternacht, soll der Ring mitgenommen worden sein, früher konnte es nicht geschehen sein. Denn man hat ja ›gesehen‹, wie er eingesteckt wurde. Nicht ganz acht Stunden später wurde der Ring wieder abgeholt, und da war die kunstvolle und schwierige Fälschung schon vollendet. Ich frage Sie nun, Herr Dr. Valerian, als einen unserer angesehensten Advokaten, ob Sie uns noch immer keine Erklärung abzugeben haben?‹ ›Allerdings habe ich eine Erklärung und eine Entschuldigung zu bieten. Die Entschuldigung für den Herrn Baron, dessen Verzeihung ich noch zu erlangen hoffe. Die Erklärung für die ganze Gesellschaft: ich sehe mich veranlaßt, hiermit die Vertretung der – Fürstin Obolinskaja niederzulegen.‹ ›Somit wären wir eigentlich fertig,‹ nahm Herr Dagobert darauf wieder das Wort, ›ich möchte nur noch darauf hinweisen, daß wir das ausnehmende Vergnügen haben, jenen talentvollen Mitarbeiter in unserer Mitte zu sehen. Sie, lieber Simon, Sie haben uns noch etwas Interessantes verschwiegen, daß Sie nämlich auch ein gelernter Goldarbeiter sind.‹ ›Wer sagt das?!‹ ›Das sage ich, und wenn ich es sage, können Sie es glauben. Ihre feinen Werkzeuge und die hübschen hessischen Tiegel haben Sie wunderschön in Ordnung, nur sollten Sie sie etwas sorgfältiger verschließen, wenn Sie aus Ihrer Kunst schon durchaus ein Geheimnis machen wollen.‹ Sie werden mir zugeben, gnädigste Frau,« schloß der Baron seinen Bericht, »daß Herr Dagobert da wirklich eine Meisterleistung geboten hat.« »Ich weiß, daß man von Dagobert überhaupt nur Meisterleistungen zu erwarten hat. Eine Mitteilung sind Sie uns aber noch schuldig, lieber Baron. Die – Fürstin haben Sie doch nicht so ohne weiteres laufen lassen?« »Herr Dagobert hat sie gnädig behandelt. Er sagte, daß nun auch er mit einem vorbereiteten Brief operieren wolle. Er zog ihn auch sofort aus der Tasche und ließ ihn erst von der – Fürstin und sodann von allen Anwesenden als Zeugen unterschreiben. In dem Brief bekannte sie sich eines unsauberen Betrugs- und Erpressungsversuchs schuldig, dankte für die besondere Gnade, daß man sie nicht dem Strafgericht übergeben habe, und gab die bündige Erklärung ab, daß sie keine wie immer geartete Forderung an Baron Eugen Friese zu stellen habe.« »Das ist alles ganz schön,« meinte Frau Violet, »aber ich finde diese Lösung doch unmoralisch. Die Betrügerin durfte so leichten Kaufs nicht davonkommen!« »Sie vergessen nur eins, gnädigste Frau,« verteidigte sich Dagobert, daß eine andere Lösung mit Ausschluß der Öffentlichkeit nicht gut möglich war. Diese aber mußte nun einmal ausgeschlossen bleiben.« »Das sehe ich ein. Hoffentlich läßt sich aber unser junger Freund die Geschichte zur Warnung dienen. Man soll sich in gar nichts einlassen, was nicht auch die Frau wissen darf!« Der große Schmuckdiebstahl. Ein vollständig verunglücktes Diner. Und es hätte so hübsch werden können und sollen. Andreas Grumbach, der verdienstvolle Präsident des Klubs der Industriellen, hatte für nachmittags drei Uhr den Vorstand und den Ausschuß des Klubs zu einer Sitzung in seiner Wohnung geladen. Es gab Wichtiges zu besprechen, da die Generalversammlung vor der Türe stand. Die Klubräumlichkeiten selbst wurden gerade einer einschneidenden baulichen Veränderung unterzogen, und so wurde die Sitzung ausnahmsweise in der Wohnung des Präsidenten abgehalten. Das Hans Grumbach hatte seinen bewährten Ruf als Pflegestätte seiner Geselligkeit und liberaler Gastfreundschaft, und der Hausherr hatte sich die Ehre gegeben, auch diesmal die gebotene Gelegenheit zu benützen. Da er die Herren einmal so schön beisammen hatte, wollte er sie auch bei sich behalten. Das war schon auf der Einladung zur Sitzung vermerkt, damit sich die Herren darauf einrichten konnten. Das machte sich ganz ungezwungen und natürlich. Die Sitzung dauerte voraussichtlich zwei, drei Stunden, und dann war es Essenszeit geworden im Hause Grumbach. Zur Essenszeit schickt man aber im Hause Grumbach die Leute nicht weg, sondern behält sie da. Der gesamte Vorstand und Ausschuß war auch vollzählig erschienen, zehn Mann hoch. Dazu dann noch der Präsident und last , sicherlich nicht least , die bezaubernd liebenswürdige Herrin des Hauses, Frau Violet; das gab die richtige Tafelrunde von zwölf Gedecken. Ein Mitglied der Verwaltung, Herr Dagobert Trostler, hatte an der Sitzung allerdings nicht teilgenommen. Er war für sie zu spät, fürs Diner aber noch rechtzeitig gekommen. Er als alter Hausfreund durfte sich das erlauben. Auch ohne ausdrückliche Entschuldigung von seiner Seite konnte man sich seine Abhaltungen vorstellen. Man kannte seine Schwäche, die zugleich seine Stärke war. Er war ein passionabler Amateur-Detektiv und fortwährend in allerlei seltsame Geschichten verwickelt, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Seine Freunde machten allerlei gute und böse Witze über seine große Passion, aber sie hatten im ganzen doch Respekt vor seinen Leistungen. Denn sie wußten von einigen seiner Erfolge, die in der Tat aller Achtung wert waren. So war er auch diesmal um die Wege gewesen. Man wußte, daß es ein falscher Silbergulden sei, der ihn beschäftige. Man hatte ihm irgendwo beim Herausgeben einen falschen Silbergulden angehängt. Nicht etwa, daß man ihn damit betrogen hätte. Dagobert Trostler betrügt man nicht. Er hatte das Falsifikat sofort erkannt und wortlos angenommen. Nun hatte er wieder seine Aufgabe, eine Spur, die er zurückverfolgen wollte. Gegen seine Gewohnheit hatte er von dieser seiner Absicht einigen Freunden Mitteilung gemacht, während er sonst, wenn er eine Fährte verfolgte, sich grundsätzlich in ein unverbrüchliches Schweigen hüllte. Nun bekam er die Folgen seiner ausnahmsweisen Mitteilsamkeit zu verspüren. Man empfing ihn mit den ungereimtesten Fragen, mit losen Witzen und Neckereien, die er in evangelischer Milde hinnahm als von Leuten, die es eben nicht besser verstanden. Die evangelische Milde ließ auch dem Manne mit dem Petrusschöpfchen ganz wohl, obschon sie eigentlich mehr als starkes Selbstbewußtsein anzusprechen war, denn als Milde. Die Sitzung war also geraume Zeit schon zu Ende, als Dagobert eintraf, und während man sich unterhielt, wartete man eigentlich nur noch auf das Signal, das zu Tische rufen sollte. Das sollte von der Hausfrau gegeben werden, die sich aber noch nicht hatte blicken lassen. Endlich trat auch sie bei den Herren ein; strahlend, liebenswürdig, heiter, kurz entzückend wie immer. Nach der Begründung brachte sie sofort ihre Entschuldigungen vor. Das sprudelte nur so hervor: »Ich habe mich vielleicht etwas verspätet, meine Herren, und Sie werden mich für eine schlechte Hausfrau halten. Damit würden Sie aber eine schwere Ungerechtigkeit begehen. Denn gerade weil ich eine gute Hausfrau sein wollte, habe ich mich ein wenig verspätet. Ich war selber noch rasch ausgefahren, um unser Giardinetto zu vervollständigen. Die Auswahl des Obstes vertraue ich niemandem an. Das muß ich immer selber besorgen. und nun bitte ich nur noch um knappe fünf Minuten zum Ablegen und dann werde ich die Herren bitten.« Aus den fünf Minuten wurden reichlich fünfzehn. Man hörte Türen hastig öffnen und schließen; es gab ein geheimnisvolles Herumschießen im Hause, und einmal steckte Frau Violet sogar den Kopf bei der Türe herein und ließ ein verstörtes Antlitz erblicken. Es war, als wolle sie den Gemahl herausrufen, und dann verschwand sie doch wieder plötzlich, als habe sie es sich anders überlegt. Nach einer längeren Pause erschien sie dann doch, um die Gesellschaft zu Tische zu bitten. Wie gewöhnlich war Dagobert zu ihrem Kavalier und Tischnachbarn ausersehen. Er reichte ihr den Arm und führte sie in das Speisezimmer. »Gnädigste haben eine Unannehmlichkeit gehabt,« fragte er leise, während sie sich am Tische niederließen. »Sollte am Ende gar – es wäre entsetzlich – die Suppe versalzen oder der Braten angebrannt sein?« Frau Violet schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Sie würgte nur, um die Tränen zurückzuhalten. Das ging eine Weile, aber nicht lange. Plötzlich brach sie doch in Tränen aus und begann herzbrechend zu schluchzen. Dagobert machte ein sehr erschrockenes Gesicht und suchte sie zu beruhigen. Der Hausherr steckte eine strenge Miene auf, blickte zu seiner Gattin hinüber und sagte kategorisch: »Aber Violet! Was soll das? Was gibt's denn?« Die ganze Tafelrunde war in sichtlicher Verlegenheit und Bestürzung. Frau Violet bat tausendmal um Verzeihung, beteuerte, daß es nichts, wirklich nichts sei – nur die Nerven! Und schließlich kam es nach langem Nötigen und Parlamentieren doch heraus: während ihrer kurzen Abwesenheit war ihr ihre Schmuckkassette mit dem ganzen kostbaren Inhalt abhanden gekommen. Sie hatte sie nicht erst wieder versperrt, da sie ja doch höchstens eine halbe Stunde wegbleiben wollte. So habe sie sie denn in ihrem Boudoir auf dem Toilettetischchen liegen lassen. Daran erinnere sie sich mit vollster Bestimmtheit, und nun sei die Kassette verschwunden, gestohlen. Die Dienerschaft sei von erprobter Verläßlichkeit – »Sind alle noch vollzählig im Hause?« unterbrach Dagobert. »Es fehlt niemand,« erwiderte Frau Violet noch immer schluchzend, »und alle erklären auf das Bestimmteste, daß in der Zwischenzeit kein Fremder die Wohnung betreten habe.« Dagobert erhob sich. »Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.« »Ich bitte um Ruhe!« rief da der Hansherr mit großer Bestimmtheit. »Wir sind jetzt bei Tische und bleiben bei Tische. Ein kleines häusliches Mißgeschick darf sich nicht auf Kosten unserer lieben Gäste vollziehen. Es wird meine Sache sein, meiner Gattin den Schaden zu ersetzen, und damit ist die Sache für uns und vorläufig erledigt.« Dagobert blickte scharf nach seinem Freunde hin und setzte sich dann wieder ruhig nieder. Eigentlich war es ein großer Moment. Der Schmuck der Frau Violet Grumbach, der Gattin des Präsidenten des Klubs der Industriellen, das war doch keine Kleinigkeit. Das wußte die ganze Stadt. Der stellte einen Wert vor von vielen, vielen Tausenden. Der wird gestohlen, und da der Hausherr das erfährt, erklärt er kaltblütig, daß ihm und seinen Gästen das Mittagessen nicht gestört werden dürfe. Ein feierlicher Moment. So ungefähr wie in der französischen Kammer, als in ihr eine Bombe explodierte und der Präsident darauf gelassen verkündigte: Die Sitzung dauert fort! Das Mahl nahm also seinen Fortgang, und Frau Violet gab sich alle Mühe, ihren Kummer zu unterdrücken. Es gelang ihr aber schlecht. Immer wenn man schon geglaubt hatte, sie habe sich gefaßt, stürzten die Tränen doch wieder hervor. An dem Schmuck hatte ihr Herz gehangen. Nicht nur der Kostbarkeit wegen. An jedes einzelne Stück knüpfte sich eine liebe Erinnerung, und jedes einzelne Juwel war ein Stück Lebensinhalt geworden. Der Verlobungsring, das Brautgeschmeide – die Rivière aus Saphiren und Brillanten hatte sie nach der Geburt ihres Töchterchens erhalten, des einzigen Kindes, das bald darauf starb – das Diamanten-Diadem, als sie zum erstenmal als Frau Präsidentin zu repräsentieren hatte, das Perlenhalsband nach glücklich überstandener schwerer Krankheit – es war nicht nur der materielle Wert, an allem hing ein Stück Herz, und das und die Erinnerungen, die waren auch im Falle des Ersatzes beim Hofjuwelier nicht zu kaufen. Frau Violet blieb also während der ganzen Mahlzeit tief bekümmert und weinte viel, so sehr sie sich auch bemühte, schon um der Gäste willen ihre Haltung zu bewahren. Diese nahmen die Sache natürlich etwas leichter, obschon sie mit dem Ausdruck ihrer Teilnahme nicht kargten. Sie trösteten nach Kräften und sprachen die feste Zuversicht aus, daß es doch gelingen werde, den Schmuck wieder zur Stelle zu bringen. So nach und nach gewannen ihre Tröstungen sogar einen Stich ins Humoristische. Man habe ja das Glück einen so ausgezeichneten Amateur-Detektiv, wie Dagobert, zur Gesellschaft zu zählen. Der habe da doch eine wunderschöne Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, und es sei kein Zweifel, daß er auch dieses Mal die hohe Meinung, die allgemein über seine Fähigkeiten gehegt werde, bestätigen und rechtfertigen werde. Frau Violet nahm auch hier die Sache vollkommen ernst. Sie hatte wirklich Vertrauen zu Dagobert. Sie wußte von seinen Taten und ihr selbst hatte er durch seine Kunst schon einen unschätzbaren Dienst geleistet, als ihr Leben durch eine Flut von schmählichen anonymen Briefen förmlich vergiftet worden war. Sie ergriff mit wahrer Empfindung seine Hände und bat ihn, ihr auch jetzt beizustehen. Baron Eichstedt, das Vorstandsmitglied, stieß heimlich den Hausherrn an, dieser blickte bedeutsam zu dem Ausschußmitglied Baron Friese hinüber; es ging ein leichtes Schmunzeln durch die Gesellschaft: Dagobert hat wieder seine Aufgabe! »Ich glaube, Violet,« ließ sich der Hausherr vernehmen, »daß du dir wirklich keine übertriebenen Sorgen machen sollst. Vielleicht hast du die Schatulle doch nur verlegt, und sollte sie wirklich entwendet worden sein, so wird uns ja Dagobert sicher seinen bewährten Beistand leihen.« »Ich bin in der Tat sehr begierig,« warf Baron Friese dazwischen, »ob Herr Dagobert auch da das Korpusdelikti entdecken wird.« Frau Violet war durchaus nicht geneigt, auf den leichten Ton der Unterhaltung einzugehen. Sie sagte nichts mehr und hob, als es Zeit war, mit einem schweren Seufzer die Tafel auf. So vortrefflich auch das Menü war – eine Selbstverständlichkeit im Hause Grumbach – so war das Mahl doch ein durchaus verunglücktes. Als ihr Dagobert Mahlzeit bot – der Wiener sagt »Speis z'am« – »Ich wünsche wohl gespeist zu haben,« – und ihr die Hand küßte, traten ihr wieder die Tränen in die Augen, und aufs neue richtete sie in tiefer Bekümmernis die Bitte an ihn, ihr in ihrem Unglück doch ja helfen zu wollen. »Ich werde tun, was ich kann, Gnädigste,« lautete seine Antwort. »Wie wollen Sie das aber anfangen?« »Anfangen – selbstverständlich mit der Aufnahme des Lokalaugenscheines.« Frau Violet führte ihn in ihr Boudoir, ein Wunderwerk in blaßblauer und altrosa Seide, von zarten Spitzen und schwellenden Teppichen. Dagobert ließ einen prüfenden Blick durch den duftigen Raum gleiten und bemerkte dann: »Seit mehr als zehn Jahren bin ich der Freund und regelmäßige Gast des Hauses und doch habe ich diesen Raum noch niemals zuvor betreten.« »Das ist doch nicht besonders wunderbar, Dagobert. Ich fürchte nur, daß Sie da schwerlich etwas entdecken werden, was Sie auf eine Spur bringen könnte.« »Das Wichtigste habe ich schon entdeckt, Frau Violet. Das Zimmer hat nur einen Eingang – den, den wir benutzt haben. Ich werde hier nun meine Studien machen. Dazu muß ich allein und ganz ungestört sein. Bitte also, meine Gnädigste, sich in Ihren weiteren Hausfrauenpflichten nicht stören zu lassen.« Die Herren hatten sich inzwischen ins Rauchzimmer zurückgezogen. Auch Frau Violet begab sich nun dahin und machte weiter die Honneurs, während der schwarze Kaffee und die Liköre serviert und die Zigarren und Zigaretten herumgereicht wurden. Dagobert nahm, als er sich allein sah, ein Abendblatt aus der Seitentasche seines Frackes und legte sich der Länge nach hin auf die einladende, mit altrosa Seite überzogene Chaiselongue und begann zu lesen. Er las nur wenige Minuten; dann entsank das Blatt seinen Händen, und er verfiel in ein wohltuendes, gesundheitförderndes Mittagsschläfchen. Etwa ein halbes Stündchen mochte er geschlafen haben, als er geweckt wurde. Freiherr v. Friese als der jüngste in der Gesellschaft war delegiert worden, ihn einzuholen. Ob er denn noch immer nicht fertig sei mit seiner Lokalaugenscheinaufnahme! »O ja, ich bin schon fertig,« entgegnete Dagobert, sich rasch ermunternd und ließ sich ohne weiteres zur Gesellschaft hinüber geleiten. Bevor er noch das Rauchzimmer betreten hatte, konnte er zu seiner Befriedigung wahrnehmen, daß die allgemeine Stimmung sich wesentlich gebessert habe. Denn es klang aus dem Rauchzimmer ein volltöniges Lachen heraus. Man ward aber sofort wieder ernster, als er eintrat. Der Hausherr fragte ihn mit besorgter Miene, ob er irgendwelche Anhaltspunkte gefunden habe, und auch die anderen bestürmten ihn mit Fragen ähnlichen Inhalts. Dagobert beschäftigte sich mit dem ihm nachservierten Schwarzen und bat sich dazu ein Gläschen grüner Chartreuse aus. Dann wühlte er sich mit kundigem Blick unter den zahlreichen Havannakistchen seine gewohnte Sorte heraus, schnitt umständlich die Spitze der Zigarre ab und nahm sich endlich Feuer. Und erst als er sich überzeugt hatte, daß die Zigarre guten Zug habe, ließ er sich herbei zu bemerken, daß er wohl glaube, der Sache auf den Grund kommen zu können. Frau Violet klatschte in die Hände. »Wenn Dagobert das sagt – ich kenne ihn – dann kriege ich meinen Schmuck wieder!« »Meine Gnädigste,« erwiderte Dagobert, »ebensowenig wie im Sport gibt es bei meinem Handwerk tote Gewißheiten. Die Aussichten auf den Erfolg drücken sich in den Odds aus. Sie wissen doch, was ›Odds‹ sind, Gnädigste?« »Ja, Dagobert. Dazu war ich oft genug auf dem Turf, um auch das zu erfahren. Odds drücken das Verhältnis der Wetten oder, wenn Sie wollen, ihre Kurse aus.« »Nun denn, ich glaube, unsere Chancen stehen so, daß Sie nur noch ›Auf‹-Wetten legen könnten, und dabei ist nicht viel zu verdienen.« »Ich will keine Wetten, Dagobert, ich will meinen Schmuck!« »Wir werden sehen, was sich für Sie tun läßt, meine Gnädigste.« »Kann ich irgendwie mithelfen, Dagobert?« »O gewiß, meine Gnädigste, ich rechne sehr stark auf Sie!« »Dann befehlen Sie!« »Wir werden so, wie wir sind, morgen wieder bei Ihnen dinieren. Sie brauchen nicht so ein erschrockenes Gesicht zu machen, meine Gnädigste –« »Dagobert, Sie sind ein abscheulicher Mensch! Ich habe gar kein erschrockenes Gesicht gemacht – im Gegenteil! Ich freue mich darauf, und die Herren sind hiermit höflichst eingeladen.« »Nicht doch. Gnädigste. Ein kleines Mißverständnis. Vor allen Dingen leiste ich also amende honorable und nehme das ›erschrockene Gesicht‹ feierlich zurück. Im übrigen habe ich es aber gar nicht so gemeint, wie Sie es nun gedreht haben, meine Gnädigste.« »Dagobert, ich habe gar nichts ›gedreht‹; meine Gäste sind mir immer herzlich willkommen.« »Daran ist kein Zweifel gestattet. Wir werden also morgen bei Ihnen dinieren. Das erfordert der Gang der Untersuchung. Er erfordert aber nicht, daß wir Ihnen Scherereien bereiten.« »Mischen Sie sich nicht in meine Hausfrauensorgen, Dagobert!« »Ich beschäftige mich lediglich mit meinen Untersuchungssorgen. Sie werden also die Güte haben, keinen Finger zu rühren. Ebenso ist es von Wichtigkeit, daß Ihre Dienerschaft nicht herumgehetzt und ihr keine außergewöhnliche Arbeit aufgebürdet wird. Das Diner wird Ihnen fertig ins Haus gebracht.« »Das kann gut werden!« »Verlassen Sie sich auf mich, Frau Violet. Ich verstehe, zu essen. Und ein wenig können Sie sich auch auf die Firma Sacher verlassen, die die teuerste Küche in Wien führt, aber, wie man sagt und ich glaube mit Recht, die beste. Ich werde auch nicht knausern. Ich weiß, was ich Ihrem Hause schuldig bin.« »Ich als Hausherr,« warf Herr Grumbach dazwischen, »bitte dich sogar ernst und ausdrücklich, nicht zu knausern.« »Dich, lieber Freund, geht die Geschichte vorläufig gar nichts an, und auch ich bitte dich ernst und ausdrücklich, dich in den Gang der Untersuchung nicht einzumengen. Ich habe jetzt mit deiner verehrten Frau Gemahlin Wirtschaftssachen zu besprechen, und da möchten wir ungestört bleiben. Also, meine Gnädigste, die Sache wird so sein: das Diner wird fertig beigestellt, und nicht nur das, sondern auch die Bedienungsmannschaft, das ganze Tafelzeug, Silber, Tischwäsche, Tafelaufsätze, Blumen, Porzellan und Glasservice. Sie werden sich nur zu Tische zu setzen haben. Das soll Ihre ganze Mühe sein. Eine Stunde nach dem Mahle muß der ganze Spuk wieder spurlos aus dem Hause verschwunden sein. Das alles wird glatt erledigt werden. Die Feststellung des Menüs überlassen Sie ruhig mir. Sie wissen, in der Gourmandise bin ich ein wenig Fachmann.« »Ich weiß, Dagobert, Sie sind Kenner. Worin wären Sie es nicht?« »Ich werde auch dafür Sorge tragen, daß zu jedem Gang die richtige Weinsorte serviert wird. Meine einschlägigen, sehr gewissenhaften Studien werden mich auch in diesem Punkte vor jedem Mißgriff bewahren. Die Komposition des Menüs habe ich im Kopfe schon fertig. Wünschen Sie, es kennen zu lernen?« Die Gäste protestierten. Sie wollten sich überraschen lassen. »Gut,« erwiderte Dagobert, »und nun, Frau Violet, habe ich nur noch eine Bitte an Sie. Sie müssen mir gestatten, einen Gast mitzubringen.« »Darf man seinen Namen erfahren?« »Es ist mein Freund, Oberkommissär Doktor Weinlich, wie Sie wissen, einer unserer tüchtigsten Kriminalisten. Sie müssen sich erinnern, Gnädigste, daß wir nicht sowohl ein Festessen, als ein Zweckessen veranstalten wollen. Wir wollen dem Schmuckdiebstahl auf den Grund kommen. Vielleicht kann uns da der erfahrene Kriminalkommisär von Nutzen sein.« »Es fällt mir auf,« nahm nun der Freiherr v. Friese das Wort, »daß Freund Dagobert hier polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen glaubt. Das ist sonst nicht seine Art und würde auch in diesem Falle seinen Detektivruhm nicht erhöhen.« »Was meinen Ruf, wenn Sie wollen, meinen Ruhm anbelangt – ich widersetze mich nicht – so können Sie die Sorge dafür ruhig mir überlassen, lieber Baron. Hier handelt es sich nicht um meinen Ruhm, sondern darum, daß der gestohlene Schmuck wieder zur Stelle gebracht wird. Ich glaube, wir werden den Dieb ermitteln, Herr Baron, und wenn dann eine Verhaftung vom Fleck weg sich als nötig erweisen sollte, dann würden meine privaten Machtmittel am Ende nicht ausreichen. Sie sehen also, daß unter Umständen der Gast uns ganz nützlich werden könnte.« Am nächsten Tage erschienen die Gäste vollzählig zur festgesetzten Zeit. Frau Violet empfing sie mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Sie hatte ihre Haltung wieder gewonnen, und nichts deutete auf den schweren Kummer, der sie am Tage vorher noch bei Tische so niedergedrückt und um alle Fassung gebracht hatte. Dagobert hatte auch seine kulinarische Mission glänzend erfüllt. Es war ein tadelloses und erstklassiges Mahl, das den Herrschaften vorgesetzt wurde. Während man bei Tische war, wurde der eigentliche Gegenstand der Tagesordnung nicht berührt. Dagobert hatte es abgelehnt, auch nur mit einer Bemerkung auf die Sache einzugehen, solange die aufwartende Mannschaft ihres Dienstes waltete. Erst als die Gesellschaft nach aufgehobener Tafel sich ins Rauchzimmer zurückgezogen, sich's dort bequem eingerichtet hatte, mit Kaffee, den feinen Schnäpsen und Zigarren versorgt und eine weitere Störung durch Bedienungsmannschaft nicht zu gewärtigen war, erklärte sich Dagobert bereit, auf den vorliegenden Fall einzugehen. Er saß auf seinem gewohnten Platze Frau Violet gegenüber, die in ihrer traditionellen Kaminecke mit Spannung der Dinge harrte, die nun kommen sollten. Freiherr v. Friese war der erste, der den Stein ins Rollen brachte. Er deklamierte mit komischem, falschem Pathos wie folgt: »Achtung, meine verehrten Herrschaften – nur hereinspaziert! Soeben beginnt die große Vorstellung: der weltberühmte Matador Herr Dagobert wird die Ehre haben, auf dem gespannten Drahtseil seiner hohen Detektivkunst einem hohen Adel und dem sonstigen verehrungswürdigen Publiko eine Probe seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit zu bieten. Anerkennungsschreiben liegen vor. Kinder und das Militär vom Feldwebel abwärts zahlen die Hälfte. Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften!« »Sagen Sie mal, lieber Baron,« fragte hierauf Dagobert ruhig von unten herauf, »genießen Sie das unschätzbare Glück, noch eine Großmama zu haben?« »Bedaure lebhaft, nicht mehr aufwarten zu können.« »Schade!« »Warum?« »Ich hätte Ihnen sonst den freundschaftlichen Rat erteilt, es doch vielleicht erst mit ihr zu versuchen und lieber Ihre geschätzte Großmutter zum besten halten zu wollen, als einen Dagobert Trostler, wenn er auf dem Kriegspfade wandelt. Vielleicht hätten Sie da mehr Glück, übrigens danke ich Ihnen auch für diesen Scherz, der für meine Untersuchung nicht ganz wertlos gewesen ist.« »Kommen wir zur Sache!« mahnte der Hausherr beschwichtigend. »Jawohl,« fügte die Hausfrau hinzu, ängstlich geworden, daß da ein Streit entstehen könnte, »wir haben Wichtigeres vor, als einem Wortgeplänkel der Herren zu lauschen.« »Das Wichtigste, Frau Violet,« lenkte Dagobert sofort ein, »ist, daß wir den gestohlenen Schmuck zur Stelle schaffen. Ich denke, das wird sehr bald erledigt sein. – Lieber Freund Grumbach, würdest du wohl so freundlich sein, mir deine Kassaschlüssel auf eine Minute anzuvertrauen?« Verdutzte Gesichter. Der Hausherr griff unter sichtlicher Verlegenheit in die Tasche und folgte die Schlüssel aus. Die Kasse stand in einer Ecke des Rauchzimmers. Sie war von zierlichen Dimensionen. Es war ja nur die Hauskasse. Die großen und gewichtigen standen in den Geschäftsbureaus. »Ich bitte, mir nur genau auf die Finger zu sehen, meine Herrschaften,« sagte Dagobert, während er öffnete. »Denn wenn hinterher eine kleine Million fehlen sollte, dann möchte ich's nicht gewesen sein!« Er zog die schwere Türe vollends auf, nahm die Schmuckkassette heraus und überreichte sie der Hausfrau. – »Bitte, überzeugen Sie sich. Gnädigste,« bemerkte er dazu, »ob auch nichts fehlt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß für jeden etwaigen Abgang der Herr Gemahl haftpflichtig ist.« »Es fehlt nichts, Dagobert!« erwiderte Frau Violet lachend und blickte bewundernd zu Dagobert auf. »Ich mache Sie weiter darauf aufmerksam, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »daß der Herr Gemahl Ihnen eine Entschädigung schuldig ist für den ausgestandenen Schrecken, und daß diese Entschädigung am zweckmäßigsten erfolgen wird durch eine fachgemäße Vervollständigung des Inhalts dieser Kassette.« »Bewilligt!« sagte Herr Grumbach sofort, aber er sagte es nicht eben in sehr freundlichem Tone. Er war ärgerlich. Nicht daß er da zu einer größeren Ausgabe gepreßt ward – seiner Frau eine Freude zu bereiten, war ihm immer ein Vergnügen – aber wieder die alte Geschichte, daß keine Vereinbarung etwas nützt, geplaudert wird doch immer! Er kannte das von den vertraulichen Sitzungen her. Immer war etwas davon doch in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Leute können einmal ein Geheimnis nicht bewahren. Das war seine Meinung, und mit dieser hielt er auch jetzt nicht hinter dem Berge. Eine so einmütige Opposition hatte aber der Herr Präsident in seinem ganzen Leben noch nicht gefunden, wie in diesem Falle. Jeder einzelne überschüttete ihn mit Beteuerungen, daß er geschwiegen habe wie das Grab, und auch Dagobert gab die bündige Versicherung ab, daß kein Verrat geübt worden sei. Es sei in diesem so einfachen Falle doch wahrhaftig auch nicht nötig gewesen. »Wie konntest du sonst darauf kommen?« fragte Grumbach. »Durch eine einfache Kombination, ohne die bei meinem Sport überhaupt nichts zu erreichen ist.« »Dagobert,« bat die Hausfrau, »Sie müssen uns genau erzählen, wie Sie das herausgebracht haben.« »Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste! Freilich wäre es vorsichtiger, wenn ich mich nun mit dem Resultat begnügte, das doch einen positiven Erfolg vorstellt, während ich mich noch immer blamieren kann, wenn ich die Methode und den Weg aufzeige, die mich zu dem Schlußergebnis geführt haben. Auch mir ist aber – nach berühmten Mustern – das Suchen und Forschen nach Wahrheit interessanter und wichtiger als die Wahrheit selbst. Darum will ich also gern verraten, wie ich zu dem Schlüsse gekommen bin.« »Nicht so viele Reflexionen!« erklang es aus der Korona heraus. »Wir wollen Tatsachen. Dagobert soll erzählen, nicht philosophieren!« »Nur nicht ungeduldig, meine Herren, Sie werden's noch früh genug erfahren. Bevor ich beginne, muß ich doch noch eine schmerzliche Betrachtung anstellen. Meine Herren! All unser Wissen ist Stückwerk. Ich war lediglich auf meine Kombination angewiesen, die ich Ihnen nun entwickeln will, und Sie werden meine Richter sein. Ihr Amt ist kein schwieriges, denn Sie sind ja genau eingeweiht, ich aber kann mich leicht blamieren, und dann werden Sie mich auslachen.« »Die Hauptsache hast du ja doch herausgebracht!« tröstete der Hausherr. »Deshalb könnten mir aber in der Kombination doch Irrtümer unterlaufen sein. Sollten es wesentliche Irrtümer sein, dann muß ich die Buße auf mich nehmen. Dann werde ich das heutige Festmahl bezahlen.« »Sonst?« fragte Freiherr von Friese. »Sonst, lieber Baron, wird ein anderer bluten müssen. Ich beginne also. Die Situation, die ich vorfand, war folgende: Wenige Minuten nachdem ich eingetreten war, begrüßte uns die verehrte Hausfrau heiter und rosig, wie immer. Eine Viertelstunde später bittet sie uns zu Tische und ist bleich und verstört, und wieder einige Minuten später bricht sie in Tränen aus. Wir erfahren auch den Grund. Sie hat in der kurzen Zwischenzeit des Toilettenwechsels für das Diner die Entdeckung gemacht, daß ihre Schmuckkassette abhanden gekommen sei. Ich erhebe mich, ich steige wie das alte Schlachtroß beim Klang der Kriegsdrommete. Das war ja ein Fall für mich. Es wird Ihnen aufgefallen sein, und um so leichter werden Sie sich daran erinnern, daß ich mich so rasch beruhigte und wieder niedersetzte. Ich bedauere, es sagen zu müssen, denn es wird Ihrer Eigenliebe nicht sehr schmeicheln, meine Herren: ich hatte da Ihr Spiel schon durchschaut.« »Das kann man jetzt leicht sagen!« warf Baron Friese dazwischen. »Sie können mich ja dann dementieren, Herr Baron, wenn meine Folgerungen sich als falsch erweisen sollten. Was mich zunächst stutzig machte, war das: der Kummer unserer lieben Hausfrau war echt; der Ihrige, meine Herren, war falsch, war schlecht gespielt. Schämen Sie sich! Auch der Hausherr spielte seine Rolle nicht gut. Mein lieber Grumbach, allen Respekt vor deiner etwaigen Seelengröße im Unglück, aber wenn man ein noch so großer Held ist, man benimmt sich doch etwas anders, wenn man, den Suppenlöffel in der Hand, mit der angenehmen Botschaft niedergerannt wird, daß der Gattin für hunderttausend Gulden Schmuck gestohlen worden ist.« »Deshalb wäre die Welt noch nicht untergegangen!« »Ich vermute; aber man benimmt sich doch anders! Ich versuchte, mir die Lage klar zu machen. Da war etwas abgekartet, die Hausfrau aber nicht ins Vertrauen gezogen worden. Man hatte sich nicht gescheut, im Interesse der eigenen Unterhaltung der Hausfrau einen ernsten Schrecken und einen wirklichen Kummer zu bereiten. Das verdient Strafe, und es wird, verlassen Sie sich darauf, nicht ungestraft bleiben. Ich bin übrigens nicht der Mann, der sich etwaigen Milderungsgründen verschließt. Vielleicht hielt man es zum Gelingen des Komplotts für nötig, die Hausfrau nicht einzuweihen. Das würde ich als keine genügende Entschuldigung für die begangene Grausamkeit betrachten. Wohl aber wäre es noch möglich, daß man keine Zeit gefunden hatte, sie einzuweihen. Also ein Komplott! Gegen wen? Kein Zweifel, es war auf mich abgesehen.« »Wie mag es zustande gekommen sein? Ich konstruierte, rekonstruierte mir den Sachverhalt wie folgt: die Sitzung, an der ich nicht teilnehmen konnte, war vorbei, und es folgte die zwanglose Unterhaltung vor Tisch. Dabei kam die Rede auch auf Dagobert und sein berühmtes Steckenpferd. Man sollte ihn zur allgemeinen Erheiterung einmal ordentlich hineinlegen, meinte der eine. Das wird nicht so leicht gehen. Der fällt uns nicht herein, hatte ein anderer die Güte, mir die Ehre anzutun. Ich vermute, daß dieser wahrhaft edle ›andre‹ mein Freund Grumbach gewesen ist.« »Bravo, Dagobert,« rief der Hausherr, »so war es!« »Ich kenne meine Pappenheimer. Es käme auf einen Versuch an, meinte wieder der eine. Und nun wurde die großartige Idee ausgeheckt. Die Gelegenheit war günstig. Die Hausfrau nicht zu Hause. Sie wird zwar sehr erschrecken, aber dann ihre Rolle nur um so glaubwürdiger spielen. Hier steckt der Frevel, der bestraft werden muß und bestraft werden wird. Vielleicht hätte sie Freund Grumbach übrigens doch noch verständigt, aber es fand sich dazu die unauffällige Gelegenheit nicht mehr. »Der Diebstahl wurde also vollführt. Eine solche Beute kann man nicht unter dem Tisch verstecken. Um sie aus dem Hause zu schaffen, fehlte die Zeit und auch jede nötigende Veranlassung. Da gab es nur einen sicheren Versteck – die feuer- und einbruchsichere Kasse des Hausherrn, darauf wird Dagobert doch in seinem Leben nicht verfallen! Wie Sie gesehen haben, hatte ich die Ehre, sie dort vorzufinden. Also ein schwieriger Fall war das wahrhaftig nicht, und ich bin es meiner Reputation schuldig, Sie zu bitten, meine Herrschaften, wenn Sie wieder einmal die Neigung verspüren sollten, mir eine Falle aufzurichten, doch mit etwas mehr Schläue vorzugehen und nur nicht eine Aufgabe zu stellen, die so kinderleicht ist. Ich kann Ihnen meine fachmännische Kritik nicht vorenthalten, daß Sie Ihre Sache nicht gut gemacht haben. Nicht ich, wohl aber Sie selbst tappen gutmütig und willig in die erste beste Falle hinein, die man Ihnen stellt, und mag sie noch so plump sein. Ich habe mich gestern nach Tisch zurückgezogen – um den Lokalaugenschein aufzunehmen, wie Sie meinten. Ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe drüben ruhig geschlafen. Ich wollte Ihnen nur Zeit gönnen, unsere verehrte Hausfrau einzuweihen und sie zu beruhigen. Letzteres ist Ihnen gelungen, das ist aber auch Ihr ganzer Erfolg, der allerdings nicht viel Findigkeit zur Voraussetzung hatte. Mir aber die kolossale Dummheit zuzutrauen, daß ich den Umschwung in der Stimmung bei der Gnädigen auch bei gutgespielter Mitwirkung nicht bemerken würde, dazu gehörte eine Naivität, die Ihnen selbst nach der mildesten Auffassung nicht verziehen werden kann. Damit, meine Herren, bin ich zu Ende.« »Noch eine Aufklärung geben Sie den Herren,« bat darauf Frau Violet, und aus ihren Augen leuchtete dabei ein Strahl des Triumphes. Sie hatte niemals an seiner Kunst gezweifelt, und nun war sie stolz darauf, daß er ihr Vertrauen wieder so glänzend gerechtfertigt hatte. »Ihr Freund und nun auch unser Freund, der Herr Oberkommissar Weinlich, ist uns heute ein lieber und werter Gast und wird es in aller Zukunft sein, aber er hatte bei dieser Affäre nichts zu tun, und doch sagten Sie, daß Ihnen seine Mitwirkung unentbehrlich sei.« »Die hätte nötig werden können, meine Gnädigste. Ich konnte nicht wissen, wie die Wetten auf und gegen mich abgeschlossen worden sind. Die Propositionen waren mir unbekannt. Nun hätte es geschehen können, daß ich zu dem Endresultat überhaupt nicht gelangen konnte. Ihr Herr Gemahl brauchte nur nach irgendeiner Proposition der Wette oder weil dieser oder jener mir den Erfolg nicht gönnte, mir die Ausfolgung der Kassaschlüssel zu verweigern. Man muß alles bedenken. Für diesen Fall hätten wir ihn dazu gezwungen. Ein großer Diebstahl war begangen worden. Hier mußte entweder die Wahrheit bekannt oder es durften der Untersuchung, die ich auf eine Spur geleitet halte, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mein Freund Herr Doktor Weinlich hat einen ordnungsgemäß ausgestellten amtlichen Hausdurchsuchungsbefehl in der Tasche, und nichts hätte uns gehindert, davon Gebrauch zu machen.« »Donnerwetter!« rief der Hausherr lachend, »das heiße ich eine Sache scharf durchführen!« »Mein Künstlerruhm stand auf dem Spiele,« entschuldigte sich Dagobert, »und dann hat ja die Sache nicht nur ihre strafrechtliche, sondern auch ihre zivilrechtliche Seite. Vergessen Sie nicht, meine Herren – das heutige Diner – es freut mich, daß es Ihnen so wohl geschmeckt hat – habe ich bestellt. War meine Kombination falsch, so sollte es meine Strafe sein, daß ich es bezahlte. Sie war aber richtig, und nun muß ein anderer heran – der, der die ganze Geschichte angezettelt, der unsere liebe Hausfrau in Schrecken gejagt, der – die schlimmste Todsünde! – an meiner Kunst gezweifelt, gegen sie gewettet hat – der muß nun heran und der muß berappen. Herr Baron v. Friese – ich habe die Rechnung bereits in der Tasche, und ich habe sie der Einfachheit halber gleich auf Ihren Namen ausstellen lassen. Darf ich sie Ihnen hochachtungsvollst und ergebenst überreichen?« »Herr Dagobert,« erwiderte der Baron ein wenig elegisch, »mein Kompliment! Ich bitte um die Rechnung.« Dritter Band Der Kasseneinbruch. Es war am Dienstag nach Pfingsten. Grumbachs hatten wieder einmal ihren alten Hausfreund Dagobert bei Tische zu Gast. Das war kein Ausnahmefall, da es sich regelmäßig wöchentlich zweimal ereignete. Die Uhr schlug eben ein Viertel nach sechs, man war schon beim Nachtisch und unterhielt sich über die Vorkommnisse der Feiertage, als der Diener Herrn Kienast, den Hauptkassierer der A. B. B. meldete, der den gnädigen Herrn unverzüglich in einer höchst dringlichen Angelegenheit zu sprechen wünsche. Alle Welt in Wien, den Diener dieses Hauses natürlich nicht ausgenommen, wußte, was die drei Buchstaben zu bedeuten hatten, und so war es leicht verständlich, daß man der Kürze halber beim Sprechen und beim Schreiben sich lieber mit ihnen begnügte, als sich mit dem umständlichen Titel »Allgemeine Bauunternehmungs-Bank« abzumühen. Herr Andreas Grumbach, der bekannte Präsident des Klubs der Industriellen, war ungleich auch Präsident dieser Bank. Sein Freund Dagobert Trostler, der gediente Lebemann, der große Musikfreund und Amateur-Detektiv aus Passion, hatte ihm zuliebe eine Verwaltungsratsstelle bei derselben Bank angenommen. Frau Violet, die liebenswürdige Gattin Grumbachs, die in dieser kleinen Tischgesellschaft – außer ihr waren nur noch die beiden genannten Herren und sonst niemand anwesend – den Vorsitz führte, war über die ganz ungewohnte Meldung nicht wenig erschrocken und erteilte, bevor noch der Hausherr das Wort ergreifen konnte, den Befehl, den gemeldeten Herrn sofort eintreten zu lassen. Der Hauptkassierer, ein älterer Herr mit einem rötlichen, schon stark angegrauten Vollbart und wasserblauen, mit goldgeränderter Brille bewaffneten Augen, ließ auf den ersten Anblick seine große Aufregung erkennen, und zu dieser gesellte sich dann die sichtliche Verlegenheit. Er hatte es offenbar sehr eilig und sehr dringlich und wußte doch nicht, ob er reden solle und dürfe. In seiner Verwirrung versuchte er es durch Blicke und Mienenspiel zu verstehen zu geben, daß er eigentlich mit dem Herrn Präsidenten unter vier Augen zu sprechen hätte. »Was ist denn geschehen, Herr Kienast?« fragte Herr Grumbach, nun schon selbst aufgeregt durch den Anblick seines aufgeregten Hauptkassierers. »Herr Präsident, wenn ich bitten dürfte.« »Ist ein Unglück geschehen?« »Es ist ein Unglück geschehen, Herr Präsident, und wenn ich bitten dürfte.« »Ein Unglück – in der Bank und – geschäftlicher Natur?« »Jawohl, Herr Präsident, in der Bank und geschäftlicher Art. Wenn ich bitten dürfte.« »Sie möchten mit mir allein sprechen?« »Wenn ich bitten dürfte!« »Es hätte keinen Zweck, Herr Kienast. Setzen Sie sich nur ruhig her zu uns und erzählen Sie. Meiner Frau müßte ich's dann doch wieder erzählen, und was Freund Dagobert betrifft, so gehört er ja zum Verwaltungsrat, wird also doch alles erfahren müssen. Ich lege sogar Wert darauf, daß er von vornherein alles wisse. Was also ist geschehen? Hoffentlich wird es nicht gleich den Kopf kosten!« »Herr Präsident, es ist bei uns eingebrochen worden!« »Sie wollen doch hoffentlich nicht sagen, daß man in unsern Kassenraum eingedrungen ist?!« »Allerdings – in den Kassenraum –« Grumbach schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Das war der Mühe wert, sich in Unkosten zu stürzen!« rief er erregt. »Vor noch nicht einem Jahre legen wir achtzigtausend Kronen an, um uns einen unterirdischen feuer- und einbruchsicheren gepanzerten Kassenraum herstellen zu lassen, damit mir doch ruhig schlafen können, und bei der ersten besten Gelegenheit spazieren die Einbrecher hinein, so gemütlich, wie in ein Kaffeehaus und tragen uns das Geld weg. Wieviel ist denn geraubt worden?« »Herr Präsident – ich weiß es noch nicht!« »Sie wissen es nicht? Herr, so fassen Sie sich doch und erzählen Sie endlich!« »Wie ich heute morgen in die Bank komme, finde ich nach den beiden Feiertagen und weil Ultimo vor der Tür ist, viel Arbeit vor. Ich erledige alles glatt im Laufe des Tages und begebe mich nach Kassenschluß kurz vor sechs Uhr hinunter nach dem Tresor, um wie gewöhnlich die tagsüber eingelaufenen Effekten und Barbeträge unter sicheren Verschluß zu bringen.« »Sie sind doch nicht allein gegangen?« fragte Dagobert dazwischen. »Natürlich nicht, Herr Verwaltungsrat. In meiner Begleitung war der Oberbuchhalter Herr Höllerl, der die Gegensperre hat.« »Weiter!« »Schon wie ich die Türe aufschließe, übersehe ich mit einem Blick das ganze Unglück.« »Wieso denn?« forschte Dagobert weiter. »In dem Raum ist es doch stockfinster!« »Das ist's ja eben! Alle elektrischen Lampen waren aufgedreht. Die Einbrecher hatten bei elektrischer Beleuchtung gearbeitet und hatten sich bei ihrem Abzug nicht mehr die Mühe genommen, das Licht abzudrehen. So sah ich auf den ersten Blick, daß die Kasse für die Barbestände – das ist die kleinste von allen – erbrochen war.« »Wieviel ist gestohlen worden?« fragte Herr Grumbach noch einmal. »Ich weiß es nicht, Herr Präsident,« stöhnte der arme Hauptkassierer. »Was heißt das – Sie wissen es nicht?! Sie sind unser Hauptkassierer; Sie sehen eine Kasse erbrochen und Sie interessieren sich nicht im mindesten dafür, wieviel man aus ihr entwendet hat!« »Verzeihung, Herr Präsident! Als wir, Herr Höllerl und ich, das Unglück übersahen, da beratschlagten wir, was nun zu tun sei, und kamen zu dem Schluß, daß wir den Raum nicht betreten dürften, bevor der Herr Präsident verständigt oder die etwa anzuordnende behördliche Lokalaugenscheinaufnahme vorgenommen worden sei.« »Es wäre Ihre Pflicht gewesen, sich über die Schadenhöhe sofort zu vergewissern,« ließ sich der Präsident sehr ungnädig vernehmen. Da legte sich aber Dagobert ins Mittel: »Rege dich nicht noch unnütz auf, Grumbach. Ich glaube, daß die Herren vollkommen richtig gehandelt haben. Es ist für die Untersuchung immer besser, wenn ihr der erste Eindruck durch keinerlei Zufälligkeit getrübt worden ist. Sie soll ihre Arbeit auf jungfräulichem Boden beginnen können. Über die Schadenhöhe brauchen wir uns nicht erst die Köpfe zu zerbrechen. Wissen Sie ungefähr, Herr Kienast, wieviel Sie in Ihrer Kasse hatten?« »Das weiß ich ganz genau, Herr Verwaltungsrat. Ich hatte die Gehälter und Löhne und alle sonstigen Fälligkeiten pro ultimo zurecht gemacht, im ganzen 164000 Kronen.« »Dann kommen wir auf die Schadenziffer: 164000 Kronen. Nichts kann einfacher sein. Wenn ich eine Kasse erbreche, in der sich nur bares Geld befindet, dann räume ich gründlich aus und lasse keine Reste zurück.« »Es ist allerdings anzunehmen,« gab Grumbach zu, »daß auch die Einbrecher nicht so dumm gewesen sind. Nun aber wollen wir doch rasch hinfahren und uns die Bescherung ansehen. Ich bin nur froh, daß wir Freund Dagobert gleich bei der Hand haben.« »So werden wir das nicht machen, lieber Grumbach,« sagte Dagobert nach einiger Überlegung. »Die A. B. B. ist eine zur öffentlichen Rechnungslegung verpflichtete Anstalt. Wir dürfen uns also da nicht einen Formfehler zuschulden kommen lassen, nur weil ich zufällig von einer Privatpassion besessen bin. Wir hätten allerdings unzweifelhaft das Recht, uns die Bescherung erst einmal zu besehen, die Geschichte geht uns ja nahe genug an, und wir sind die Hausherren, aber korrekter ist es doch, wenn wir, wie die Dinge einmal nun liegen, der löblichen Polizei den Vortritt lassen. Darum, Herr Kienast, werden Sie sich jetzt unverzüglich auf die Kriminalabteilung der Polizeidirektion verfügen, nehmen Sie meinen Wagen, der vor dem Hause steht, und werden mit einer schönen Empfehlung von mir meinen Freund, den Oberkommissär Dr. Weinlich bitten, am Schauplatz der Tat zu erscheinen. Sie können gleich direkt mit ihm hinfahren. Grumbach und ich werden inzwischen schon zur Stelle sein und Sie am Haustor erwarten. Ist dir das so recht, Grumbach?« »Vollkommen.« Der Hauptkassierer tat, wie ihm geheißen, und Grumbach ging hinaus, um Befehl zu erteilen, daß sofort angespannt werde. Diese Gelegenheit benutzte Frau Violet, um Dagobert zu bitten, er möge es doch bei ihrem Manne durchsetzen, daß sie zu dieser Expedition mitgenommen werde. Es interessiere sie ganz ungemein, die Angelegenheit ebenfalls genau verfolgen zu können. Dagobert hatte nichts dagegen, und als der Hausherr wieder eintrat, begann er sofort, sich seiner diplomatischen Mission zu entledigen: »Du, Grumbach, der heutige Abend gehört von Rechts wegen unserer Gnädigen. Wenn wir ihr jetzt durchgehen und sie allein lassen, wird sie sich langweilen. Das darf nicht sein. Ich schlage vor, wir laden sie ein, mit von der Partie zu sein, vorausgesetzt, daß sie nichts dagegen hat, was ich natürlich nicht wissen kann! Man sieht doch nicht alle Tage frisch erbrochene Kassen. Hätten Sie nicht Lust, Gnädigste, sich einmal auch so etwas anzusehen?« Frau Violet war sehr dafür, und Herr Grumbach gab nach einigem Sträuben nach. Er gab Befehl, statt des Zweisitzers den Landauer einzuspannen, und wenige Minuten später fuhren sie beim Hauptportal des Palastes der A. B. B. vor. Dort stand auch schon, ganz bleich und zitternd vor Aufregung, Herr Höllerl, der Oberbuchhalter, gleichsam als Schildwache auf die vom Hauptkassierer versprochene Ablösung wartend. Er war in seinem hastig vorgebrachten Bericht noch nicht weit gekommen, als auch schon Dagoberts flinker Gummiradler heranvibrierte, dem mit Mühe folgend und beträchtlich rasselnd, ein Fiaker nachgaloppierte, welchem zwei uniformierte Wachmänner und zwei Detektivs entstiegen. Im ersten Wagen waren der Hauptkassierer und der Oberkommissär Dr. Thaddaeus Ritter v. Skrinsky gekommen. Der Hauptkassierer erzählte erläuternd, daß Dr. Weinlich von seinem Pfingsturlaub noch nicht zurückgekehrt gewesen und daß ihm daher dessen Kollege, Dr. v. Skrinsky, mitgegeben worden sei. Der Oberkommissär übernahm nach vollzogener Begrüßung und Vorstellung sofort die Leitung der ganzen Angelegenheit. Er entsandte einen Detektiv zum Portier, daß er mit den Schlüsseln komme und die Bureaus aufsperre. Der Mann kam, doch nicht mehr in der feierlichen, goldstrotzenden Portier-Livree, sondern in seinem saloppen Hausmeistergewand. Der Tagesdienst war ja vorüber. Unter seiner Führung begab sich der Zug die Treppe hinauf, dem Führenden dichtauf Präsident Grumbach mit dem Oberkommissär und ganz zum Schluß Dagobert, Frau Violet galant am Arm führend. Die beiden unterhielten sich flüsternd miteinander. »Wir haben kein Glück, Gnädigste,« ließ sich Dagobert leise vernehmen. »Weinlich wäre mir bedeutend lieber gewesen, Skrinsky ist eine Katastrophe.« »Wieso denn, Dagobert?« »Er ist ein Kretin, der in seinem Leben nichts herauskriegen wird.« »Aber – erlauben Sie mir – ein Oberkommissär und noch dazu Doktor!« »Er mag vielleicht vorzüglich geeignet sein für das Fundbureau oder für das Meldezettelamt, aber von der Kriminalpolizei hat er nicht die leiseste Ahnung – die aufgelegte Talentlosigkeit! Ich kenne ihn genau.« Als der Kassenraum aufgesperrt wurde – man hatte, um zu ihm zu gelangen, von den Bureaus auf besonderer Stiege wieder zwei Stockwerke tief heruntersteigen müssen – da gab es, trotzdem man ja auf den Anblick gefaßt sein mußte, doch für alle eine Sensation. Der Raum erstrahlte im hellsten Licht. Die elektrischen Lampen, vierundzwanzig an Zahl, waren noch immer ausnahmslos in Funktion und ließen jede Einzelheit in dem gepanzerten Raum deutlich erkennen. Acht große Kassen standen an den Wänden in wuchtiger Majestät. Es war ersichtlich, daß ihnen beizukommen der Versuch erst gar nicht unternommen worden war. Nur die kleinste der Kassen an der schmalen Seitenwand gegenüber der Eingangspforte war in Angriff genommen worden. Sie war umgestürzt worden und lag mit dem Gesichte auf einem Sandhaufen. In die Rückseite war eine für den Zweck hinreichend große Öffnung durchgestemmt oder durchgesägt worden. Alle wollten nun sofort zu dieser Kasse eilen, da ließ sich aber Dagobert sehr kategorisch vernehmen: »Halt, meine Herrschaften! Nicht einen Schritt! Erschweren wir dem Herrn Oberkommissär sein Amt nicht!« Der Oberkommissär war sichtlich geschmeichelt durch die auf so eindrucksvolle Art erfolgte Anerkennung seiner kriminalistischen Autorität und trat nun allein zur Kasse hin. Er steckte den Arm durch das Loch und stellte fest, daß die Kasse völlig ausgeräumt sei. Mit großer Befriedigung las er auch vom Boden mehrere corpora delicti auf: eine Garnitur feiner englischer Einbruchwerkzeuge, einen Hosenknopf mit einem englischen Fabrikstempel, eine nur wenig angerauchte Havannazigarre, zwei elegante Halskragen und eine Manschette, in der auch noch ein Manschettenknopf stak. »Herr Trostler, wenn ich bitten darf,« rief er Dagobert an, »Sie verstehen sich ja, glaube ich, auf derlei – der Knopf ist natürlich unecht?« »Er ist echt,« entschied Dagobert nach kurzer Prüfung. »Das ist echtes Gold und der Brillant in der Mitte ist ebenfalls echt.« »Desto besser! Das bestärkt mich nur in meiner schon beim ersten Anblick gefaßten Meinung. Die Herren hätten ebensogut gleich ihre Visitkarten dalassen können!« »Sie glauben also, Herr Oberkommissär, daß Sie der Einbrecher werden habhaft werden können?« fragte Präsident Grumbach. »Ich glaube jetzt schon Ihnen dafür garantieren zu können. Treten Sie näher, Herr Präsident, daß ich Ihnen den Vorgang, will sagen, das Verfahren der Einbrecher ganz genau erläutere und förmlich rekonstruiere. Auch alle andern können jetzt schon näherkommen– « Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein plötzlicher Schreck die ganze Gesellschaft durchfuhr. Eine feurige, blendende Lohe erfüllte mit einem Male blitzartig den Raum, die alle Gesichter totenbleich und die elektrischen Lichter im kläglichen Scheine von Nachtlichtern erscheinen ließ. Man konnte glauben, es sei eine Explosion erfolgt, aber Dagobert hatte nur eine Magnesiumpatrone spielen lassen und eine photographische Momentaufnahme bei Blitzlicht gemacht. Nicht am wenigsten erschrocken war der Herr Oberkommissär, und seine Worte klangen recht ungnädig, als er sich an Dagobert wandte: »Pardon, Herr Trostler! Ich schätze ja auch die Herren Amateur-Photographen, aber ich glaube, daß für derartige Liebhaberkünste der gegebene Anlaß doch ein bißchen zu ernst ist. Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun. Wollen Sie so gütig sein, Herr Präsident?« Grumbach trat heran und alle andern folgten ihm und stellten sich auf den Sandhaufen, um besser sehen zu können. Der Oberkommissär dozierte nun, wie nach seiner Meinung und nach seinen Beobachtungen der Einbruch vollführt worden sei. Dabei räusperte er sich ziemlich häufig, womit er diskret, aber doch vernehmlich seine Vorwürfe an Dagobert adressierte. Denn das Blitzlicht hatte nicht nur eine starke Rauchentwicklung, sondern auch einen ganz erheblichen Gestank zur Folge gehabt. »Wir haben im allgemeinen doch noch Glück, Herr Präsident,« schloß er seine Darlegungen. »Die Verbrecher haben Spuren zurückgelassen, die uns die Nachforschungen wesentlich erleichtern werden. Allerdings – sie können schon einen großen Vorsprung haben. Wir hatten zwei Feiertage, und wir können nicht wissen, ob das Verbrechen gestern oder vorgestern begangen worden ist. Mit den Hilfsmitteln aber, die sie uns zurückzulassen die Freundlichkeit hatten, werde ich sie erreichen und wenn sie am Ende der Welt wären!« Während seines Vortrages hatte er den Präsidenten, dem sich nun seine Gattin angeschlossen hatte, im Kreise um die erbrochene Kasse herumgeführt. Dabei knirschte der Sand unter ihren Füßen, was insbesondere den Herrn Oberkommissar ganz nervös machte. »Und überhaupt,« fragte er unmutig und mit strengem Stirnrunzeln, »wie kommt der Sandhaufen da herein?!« Der Hauptkassierer konnte Auskunft geben. Vor kurzem seien in dem Raum noch zwei Nischen hineingemauert worden, und da sei der Sand übriggeblieben, der noch nicht hinausgeschafft worden sei. Übrigens habe sich seines Wissens der Sandhaufen an der entgegengesetzten Seitenwand in der Nähe der Türe befunden. »Die Sache ist durchsichtig,« erläuterte der Oberkommissär. »Die Einbrecher haben den Sand hierher geschaufelt, um den Fall der Kasse zu dämpfen. Für uns ist das freilich nicht angenehm; denn es ist einfach ekelhaft, hier auf dem knirschenden Sand herumzustiefeln. Ich habe das nie vertragen. Übrigens, lieber Mann,« wandte er sich an den Portier, »könnten Sie uns wenigstens hier bei der Kasse herum den Sand ein wenig wegkehren.« Der Portier hatte keinen Besen zur Hand, er half sich aber, indem er seine blaue Arbeitsschürze abband und, indem er niederkniete, den Sand mit dieser, so gut es ging, wegwischte. In diesem Augenblicke flammte wieder das Magnesiumlicht auf. Dagobert hatte abermals eine Aufnahme gemacht. Der Oberkommissär war wütend und wurde nun geradezu grob. »Das ist doch unerhört,« rief er mit großer Schärfe im Ton, »mit solchen Spielereien den Gang der Untersuchung zu stören. Ich habe es satt, mich zum Opfer der Passionen eines Amateur-Photographen machen zu lassen. Jetzt wird man hier bald überhaupt nicht mehr existieren können. Ich muß Herrn Trostler auf das allerentschiedenste bitten, uns nicht noch weiter zu belästigen!« Dagobert zuckte die Achseln und zog sich wortlos zurück. Er begab sich in die Wohnung des Portiers, die er unversperrt fand, um dort die Rückkehr der Gesellschaft abzuwarten. Der Oberkommissär fühlte sich nach Dagoberts Rückzug nur um so mehr ermutigt, seine Autorität herauszukehren und seiner Entrüstung noch durch zahlreiche »Unerhört!« und »Unglaublich!« effektvollen Ausdruck zu geben. »Das sind,« wandte er sich an Herrn und Frau Grumbach, »die Manieren der dilettierenden Kriminalisten, und ich glaube, sagen zu dürfen, es sind keine guten Manieren.« Damit hatte Dagobert seinen Seitenhieb weg, und es gereichte dem Oberkommissär zur besonderen Befriedigung, daß er Gelegenheit gefunden hatte, ihn anzubringen. Lange war es nun in der Tat in dem raucherfüllten Raum nicht mehr auszuhalten, und so gab denn der Herr Oberkommissär schon nach wenigen Minuten das Zeichen zum Aufbruch. Dagobert hatte, als der Zug in der Toreinfahrt anlangte, die Portierwohnung schon wieder verlassen und wartete am Tore, um Frau Violet beim Einsteigen in den Wagen behilflich zu sein. Vor dem Hause hatte sich schon eine beträchtliche Menschenmenge angesammelt; denn die polizeiliche Auffahrt hatte doch einiges Aussehen erregt. Dagobert half Frau Violet in den Wagen und sagte dabei: »Ich lade mich noch zu einer Tasse bei Ihnen für heute abend ein, Gnädigste.« »Kommen Sie denn nicht jetzt mit uns, Dagobert?« »Ich habe noch einiges zu besorgen, Frau Violet. Ich komme später. Du wirst doch auch zu Hause sein, Grumbach? Wir werden noch einiges zu besprechen haben.« »Gewiß werde ich zu Hause sein, zumal wenn du dich ansagst!« * Es war halb zehn Uhr abends, kaum eine Stunde, nachdem sie sich vor dem Palais der A. B. B. getrennt hatte», als Dagobert bei Grumbachs wieder antrat. Frau Violet hatte, wohl wissend, daß Dagobert niemals vom »Geschäft« reden wollte, solange die aufwartende Dienerschaft ab und zuging, nicht im Speisesaal, sondern gleich im Rauchzimmer zum Abendessen decken lassen. Für den Tee bedurfte es keiner weiteren Bedienung. Den servierte sie als Hausfrau am liebsten selber, und mit den paar kalten Schüsseln konnten sie sich ebenfalls recht gut allein behelfen. Man war also ganz ungestört. Frau Violet saß an ihrem gewohnten Lieblingsplätzchen am Marmorkamin, vor sich den Samowar und die Tassen; ihr gegenüber auf seinem Stammplatz Dagobert, und Grumbach mehr in der Mitte des Zimmers am Rauchtischchen, wo nur für ihn gedeckt war, in seinem bequemen Fauteuil. »Nun, Frau Violet,« begann Dagobert, »haben Sie sich bei der schönen Kriminaluntersuchung gut unterhalten?« »Es hat mich außerordentlich interessiert, und ich danke Ihnen, daß Sie mich mitgenommen haben.« »Jedenfalls war es ein kostspieliges Vergnügen!« brummte Grumbach ein wenig verdrossen in den Bart. »So weit sind wir noch nicht,« vertröstete Dagobert. »Was sagst du aber zu unserem wunderbaren Oberkommissär?« »Mein Gott, was sollte er tun? Was läßt sich überhaupt tun?« »Das sage ich auch,« bemerkte Frau Violet. »Ich finde, daß er getan hat, was er tun konnte. Sie dürfen nicht ungerecht sein, Dagobert. Auf Sie war er natürlich wütend; Sie haben ihn aber auch wahrhaftig schwer gereizt.« »Ich mußte tun, was ich für nötig hielt.« »Gut, aber das zweitemal!« »Da erst recht!« »Was haben Sie an ihm auszusetzen?« »Alles!« »Das ist ein bißchen viel. Das müssen Sie schon gütigst etwas näher erklären.« »Dazu bin ich da. Wie bemerkte ich doch so treffend zu Ihnen, Gnädigste, als wir seiner ansichtig wurden? Ich glaube, ich sagte, er ist ein Rhinozeros!« »Ich erinnere mich nicht, Dagobert.« »Dann war's eine Unterlassungssünde, die nicht oft genug gut gemacht werden kann. Schon die Art, wie er die polizeiliche Wachtparade aufzog, war blödsinnig. Natürlich blieben die Leute sofort stehen und machten sich ihre Kommentare. Wir konnten doch ein Interesse daran haben, daß die Sache vorläufig geheim gehalten wurde, oder es konnte im Interesse der Untersuchung liegen.« »Das ist wahr, Dagobert, den polizeilichen Glanz hätte er nicht entfalten sollen.« »Weiter! Er betritt mit seiner Rotte den gepanzerten Kassenraum und interessiert sich nicht im mindesten für die Frage, wie die Einbrecher – für ihn steht es von vornherein fest, daß es Einbrecher in der Mehrzahl waren – da herein gelangt sein mögen.« »Ja, das ist aber auch wirklich wahr, Dagobert, daran hat er gar nicht gedacht!« »Ich sagte Ihnen ja, Frau Violet, daß ich bei seiner Dummheit auf vieles gefaßt war. Er hat aber selbst meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Übrigens – auch wenn er daran gedacht hätte, er hätte nichts gefunden. Ich habe die Schlüssellöcher untersucht. Sie weisen keine Spuren auf. Gut, aber auch das ist wichtig, zu wissen. Man zieht seine Schlüsse daraus.« »Was für Schlüsse, Dagobert?« »Das ist doch sehr klar,« mischte sich nun Grumbach hinein. »Daraus folgt, daß entweder die Türe nicht versperrt war, oder daß sie aufgesperrt, also nicht erbrochen wurde, und zwar aufgesperrt mit den richtigen Schlüsseln oder mit Nachschlüsseln. Waren es die richtigen Schlüssel –« »Halten wir uns mit diesen scharfsinnigen Untersuchungen nicht auf. Wir bedürfen ihrer nicht mehr!« »Nicht mehr?« rief Frau Violet. »Dagobert, Sie tun ja, als wenn Sie schon alles wüßten!« »Ich weiß einiges, Gnädigste, aber lassen Sie mich systematisch vorgehen. Das hatte er also übersehen. Gut; kann auch vorkommen. Was aber nicht vorkommen darf, das ist sein ganzes weiteres Vorgehen, wie er endlich drin war. So darf sich eine Kuh im Porzellanladen benehmen, aber nicht ein Kriminalkommissär auf dem Schauplatz eines Verbrechens! Bei einem Haare hätte er mir sogar alles verdorben.« »Ja aber, lieber Dagobert, er hat doch nicht für Sie gearbeitet! Er hat sich vor allen Dingen der zurückgelassenen Gegenstände bemächtigt. Das hätte ich auch getan. Die sind doch sehr wichtig. Denken Sie nur: zwei Halskragen – also waren es zwei Einbrecher; zwei elegante Kragen – also es waren nicht gewöhnliche Strolche. Die Havannazigarre, der Knopf mit dem englischen Stempel, die Manschette mit dem echten, wertvollen Knopf, die feinen englischen Werkzeuge – das alles ist ja schon ein halber Erfolg für die Untersuchung, wenn nicht ein ganzer. Wir können jetzt annehmen, daß es nicht heimische ordinäre Räuber, sondern reisende, elegant auftretende internationale Kasseneinbrecher waren, wahrscheinlich Engländer. Das sind doch sehr wichtige Anhaltspunkte!« »Sie dürfen so schließen, Frau Violet. Sie sind eine Dame und waren noch niemals in die Lage versetzt, eine Kriminaluntersuchung zu führen. Sie haben also die Rechtswohltat zahlreicher Milderungsgründe für sich. Wenn aber ein Oberkommissär ebenfalls sofort so wohlwollend und harmlos aufsitzt, so schicke ich ihn, wenn ich etwas dreinzureden habe, sofort in Pension. Ich bin nämlich auf den ersten Anblick zu ganz anderen Schlüssen gelangt.« »Da bin ich neugierig, Dagobert!« »Zwei Halskragen – also nur ein Täter; zwei elegante Kragen – also ein ordinärer Kerl, jedenfalls ein Mensch, der niemals hohe Modekragen trägt, niemals Manschetten mit echten Knöpfen verwendet und niemals Havannazigarren raucht. Der englische Stempel und das feine englische Werkzeug, das, nebenbei bemerkt, wie auf einen Blick festzustellen war, noch niemals verwendet worden ist – also es war ein einheimischer Gauner, den wir in der Nähe zu suchen haben.« »Das ist Ihre Ansicht, Dagobert, die ja etwas für sich haben kann, aber es ist noch kein Beweis.« »Also bleiben wir bei Ihrer Annahme, Frau Violet, die ich Ihnen ja nicht weiter zur Last lege. Also es waren zwei internationale reisende Bankräuber, wahrscheinlich Engländer. Wir dürfen annehmen, daß es schlaue, ganz durchtriebene Gesellen sind. Bei dem Geschäft kann man dumme Kerle nicht gebrauchen. Das geben Sie doch zu?« »Natürlich müssen es sehr geriebene Spitzbuben sein!« »Gut. Das zeigt sich schon in der Wahl des Zeitpunktes. Sie hatten sich die Pfingstfeiertage ausgesucht, und wahrscheinlich hatten sie sich schon am ersten ans Werk gemacht. Sie hatten zwei Tage und zwei Nächte vor sich, wo sie vor Störung absolut sicher waren. Zeit hatten sie also zur Genüge. Nicht das mindeste deutet darauf hin, daß sie plötzlich Hals über Kopf zu einer hastigen Flucht gezwungen worden wären und daß sie dabei so den Kopf verloren hätten, daß sie ein ganzes Arsenal von sehr wichtigen Erkennungsmitteln zurückließen. Wenn sie es aber nicht eilig hatten – warum dann die Hinterlassenschaft der verräterischen Spuren, die für sie sehr gefährlich, ja verhängnisvoll werden konnten?« »Ach, sie kümmerten sich nicht weiter darum!« »Gut; sie kümmerten sich nicht weiter darum, aber um etwas anderes mußten sie sich doch kümmern – wie sie da unverdächtig wieder hinauskämen. Im Dunkel der Nacht ging's nicht. Da hätten sie den Portier passieren müssen. Das war zu gefährlich. Sie mußten also bei Tage unauffällig davongehen. Wir haben festgestellt, daß es schlaue Gesellen waren. Ich frage nun: wäre es schlau gewesen, ohne Not eine ganze Sammlung verräterischer Objekte zurückzulassen? Wir wissen ferner, daß es elegante Leute waren. Große Kisten oder Säcke hatten sie nicht fortzuschleppen. Was sie davon trugen, konnten sie bequem in ihren Brusttaschen bergen. Ich frage nun weiter: Wenn die Leute wirklich elegant angezogen waren, mußte es nicht auffallen, wenn sie sich – ohne Halskragen blicken ließen? Und hatten sie nicht Gründe, zu wünschen, daß sie nicht auffielen?« »Ja, da haben Sie eigentlich recht, Dagobert!« »Schlaue Einbrecher gehen nicht so vor. Die Komödie war einfach für den Herrn Kriminalkommissär eingerichtet, als wenn der Einbrecher – es war wirklich nur einer – geahnt hätte, daß es der Skrinsky sein werde, der denn auch wirklich prompt darauf hineingefallen ist. Der wird nun auch, wenn man ihn ruhig gewähren läßt, die Spuren wochen- und monatelang verfolgen und schließlich wirklich –« »Den Täter erwischen?« »Das nicht, aber herausbringen, wo die Kragen gekauft und wo die Manschette zum letztenmal gewaschen worden ist. Er ist voller Zuversicht, weil er sich eines glorreichen Präzedenzfalles erinnert und sich dem süßen Wahne hingibt, daß es ihm ebenso glücken werde.« »Was ist das für ein Fall, Dagobert?« »Der Fall Gröschl. Das war ein Einbrecher, dessen Spezialität es war, die Stadtwohnungen der Parteien auszuplündern, die gerade in der Sommerfrische weilten. Eine gute und bequeme Spezialität – alles, was wahr ist! Nachdem er schon mehr als hundertmal mit Erfolg operiert hatte, passierte ihm bei seinem letzten Unternehmen – es war in einer Wohnung im Schottenhof – ein kleines Versehen. Er ließ auf dem Tatort eine Manschette zurück. Der Kriminalkommissär – es war nicht der Doktor Thaddäus Ritter v. Skrinsky – schickte mit dieser Manschette einen Detektiv aus, damit er der Reihe nach, wenn nötig bei sämtlichen Wäscheputzerinnen Wiens, Umfrage halte. Auf der Innenseite der Manschette war nämlich mit Tinte ein Zeichen gemacht worden, ein Buchstabe und eine Ziffer, und es mußte nun herausgebracht werden, welche Putzerin oder Wäscherin solche Zeichen zu machen pflege. Nach vierzehn Tagen war die richtige Putzerin gesunden. Sie erkannte ihr Zeichen und wußte auch – die Wäscherinnen haben für derlei ein Gedächtnis – die Kundschaft anzugeben, der die Manschette gehöre. Man brauchte also nun Herrn Gröschl nur aus seiner Wohnung abzuholen.« Dagobert Trostler fuhr in seiner Erzählung fort: »Es war ein hübscher Fall, ich gebe es zu. Skrinsky wird also nun seine Methode befolgen. Während er aber von seinen zukünftigen Siegen träumte, habe ich es vorgezogen, mich mit dem Einbrecher gleich persönlich ins Einvernehmen zu setzen.« »Dagobert!« Herr und Frau Grumbach hatten das gleichzeitig ausgerufen. Jener war sogar aufgesprungen und rief 22 Detektiv Dagobert. III. in höchster Erregung: »Du kennst den Täter? Hoffentlich ist es keiner unserer Beamten?!« »Wer ist es, Dagobert?« drängte Frau Violet. »Nein wirklich – diese Lachsbrötchen!« »Dagobert, Sie sind ein entsetzlicher Mensch!« rief Frau Violet. »So erzähle doch!« bestürmte ihn der aufgeregte Präsident. »Ich will ja nichts anderes, aber bei euch kann man ja nicht zu Worte kommen. Es muß doch alles schön der Reihe nach gehen, und man sollte einen Menschen doch ausreden lassen!« »Haben Sie ihn verhaftet, Dagobert?« »Verhaftet? Bin ich der Oberkommissär, daß ich die Leute nur gleich so verhaften kann?« »Dann haben Sie also gar nichts ausgerichtet?« »Einiges doch. Ich habe das geraubte Geld mitgebracht.« »Dagobert!« »Hier ist es.« Er zog aus der hinteren Rocktasche einen ziemlich voluminösen, in Wachsleinwand eingeschlagenen Pack und reichte ihn dem Präsidenten. »Da, zähle nach, Grumbach!« Der Präsident zählte nach und sagte dann mit einem Seufzer der Erleichterung: »Ja, wahrhaftig, es ist alles da. Einmalhundertsechzigtausend Kronen!« »Nicht alles, Grumbach. Viertausend Kronen fehlen. Du hast ein prophetisches Gemüt, und dein ahnend Herz betrog dich nicht, als du vorhin sagtest, es sei ein kostspieliges Vergnügen gewesen. Das war es allerdings für mich. Die viertausend Kronen werde ich nämlich bezahlen, aber das Vergnügen war es mir wert.« »Jetzt erzählen Sie aber endlich, Dagobert, wie das alles zugegangen ist!« »Sie können sich denken, Frau Violet, daß ich ganz gehörig aufpaßte, als die Untersuchung begann, schon deshalb, weil ich zu unserem Oberkommissär nicht das geringste Vertrauen hatte. Die vielen Fundobjekte waren mir gleich verdächtig. Das roch doch zu sehr nach Absicht, und zwar nach Absicht der Irreführung. Zwei Kragen! Schließlich – auch wenn es zwei Täter gewesen sein sollten, warum sollten dann beide ihren Hemdkragen vergessen haben? Weiter. Die Kasse lag in schiefer Richtung da. Hätten da zwei Leute gearbeitet, dann wäre sie nach dem Satze vom Parallelogramm der Kräfte wohl in gerader Richtung gefallen. Für einen Mann ist das Umwerfen einer solchen Kasse allerdings eine sehr schöne Leistung, beinahe eine unwahrscheinliche.« »Ich glaube es auch nicht, Dagobert, daß ein Mann allein das zustande bringen kann,« bemerkte Herr Grumbach. »Man hat seine technischen Hilfsmittel, mein Lieber. Ich bemerkte auch an der Wand, an der die Kasse gestanden hatte, Spuren, die deutlich darauf hinwiesen, daß da mit einer eisernen Stange gearbeitet und deren Hebelwirkung ausgenützt worden sei. Das alles entging unserem Oberkommissär natürlich. Die Stange war nicht mehr da. Merkwürdig! Man vergißt nicht nur Halskragen, sondern auch die feinen Werkzeuge; die grobe, ungeschlachte Eisenstange, die nicht nur schwer zu transportieren, sondern beim Transport auch schwer zu verbergen war, die nimmt man mit!« »Das ist allerdings sonderbar, Dagobert, und was schlossen Sie daraus?« »Daß der Mann mit seiner Stange nicht weit zu gehen hatte. Was aber das Allerwichtigste war und wofür unser gediegener Kriminalist gar kein Auge hatte, das waren die Fußspuren im Sande. Ich habe genau hingesehen, es waren doch nur die Spuren eines Mannes, einmal der rechte Fuß, einmal der linke, ganz deutlich zu unterscheiden, aber immer desselben Mannes. Diese Fußspur – das war nun eine Handhabe! Damit ließ sich doch etwas anfangen. Was tut nun aber der gediegene Kriminalist Skrinsky? Er läßt seinen ganzen Festzug auf die Spuren drauftrampeln! Es war erreicht. Die richtigen Spuren waren verwischt und die hohe Behörde glücklich auf die falschen geleitet.« »Das hätten Sie aber nicht zulassen sollen, Dagobert!« »Ich fühlte durchaus nicht das Bedürfnis, den Herrn Oberkommissär vor einer wohlverdienten Blamage zu bewahren. Übrigens habe ich das Meinige getan, als ich im letzten Augenblick noch wenigstens die schönste Fußspur mit Blitzlicht photographierte.« »Was sollte das nützen, da Sie doch nicht die genauen Maße aufgenommen hatten?« »Deren bedurfte ich in diesem Falle nicht. Was ich brauchte, war in Sicherheit gebracht. Ich hatte lange überlegt. Der Einbrecher hatte beträchtliche Umsicht und Schlauheit entfaltet. Ich suchte nun nach der einen Dummheit oder Unachtsamkeit, die sich erfahrungsgemäß auch der schlaueste Verbrecher gewöhnlich zuschulden kommen läßt. Ich habe sie gefunden.« »Was war das, Dagobert?« »Ich habe sie gefunden, und als ich dann, wie Sie wissen, mit Glanz hinausgeworfen wurde, da lag mir nichts mehr daran. Für mich war die Untersuchung abgeschlossen. Ich hatte meinen Mann, und ich habe dann die Sache ziemlich rasch erledigt, wovon Sie sich ja bereits überzeugt haben. Als ich Sie zu Ihrem Wagen gebracht hatte, begab ich mich zum Portier, der an seinem Tische in der Mitte des Zimmers saß; und sich erhob, als ich eintrat. Ich schloß die Türe hinter mir ab und begann dann in sehr bestimmtem Tone: ›So, Hartwanger! Wo ist das Geld?‹« »Was für Geld?« fragt er rauh. »Ich weiß von nichts!« »Tu' nicht so unschuldig, du Schuft! Das Geld, das du uns gestohlen hast!« »Ich habe nichts gestohlen,« brachte er mit dumpfer Stimme hervor. »Wer sagt, daß ich etwas gestohlen habe?« Er wurde sehr rot dabei, als er so sprach, aber es war nicht die zarte Röte der Scham, meine Gnädigste. Es war ein rasender Zorn, der in dem Manne aufstieg. Seine Stirnadern schwollen an, und seine blutunterlaufenen Augen gewannen einen unheimlichen Glanz. Mit einem Male hatte er – ich wußte nicht einmal, wo er es hergenommen hatte – ein langes Messer in der Hand. »Um Gottes willen, Dagobert, in was für Geschichten lassen Sie sich ein!« rief Frau Violet, ganz bleich vor Schrecken. »Na also – ich bin gerade kein Freund von solchen Mätzchen. Da kann ich sehr ungemütlich werden. Und ich wurde es. Zunächst riß ich den bereitgehaltenen Revolver aus der Tasche und hielt ihn ihm entgegen, und dann schimpfte ich – in einer Weise – Gnädigste, wenn Sie das gehört hätten, ich weiß nicht, ob Sie mir heute noch die Tasse eingeschenkt hätten! Aber es half. Ich kriegte den Kerl klein. ›Was?! Du miserabler Galgenstrick!‹ schrie ich ihn an – ich wiederhole nur die zarteren Ausdrücke, meine Gnädigste – ›Nicht genug, daß du ein Dieb und ein Räuber bist‹ – wirklich nur die feineren Ausdrücke, meine Gnädigste! – ›möchtest es einmal auch als Mörder versuchen. Da schau her, du Lump!‹ Und damit schoß ich ihm knapp am Ohr vorbei nach seiner Wanduhr, daß sich ein Regen von Glassplittern über uns ergoß. ›Dort schau hin, Esel du, wie ich das Zentrum herausgeschossen habe. Glaubst du da, daß ich einen Lackel, wie dich, nicht treffen werde? Jetzt wirst du das Messer augenblicklich unter das Bett werfen!‹ Er zögerte noch, ich ließ aber nicht locker. ›Bei der geringsten Bewegung,‹ fuhr ich fort, ›drücke ich los. Glaube nicht, daß ich dich totschießen werde. Es wäre doch zu schade um dich, solange wir das Geld nicht zurückhaben. Und vielleicht wäre dir das jetzt sogar ganz recht. Den Gefallen tue ich dir nicht. Nein, nur ein bißchen die Kniescheibe zerschmettern, das genügt vollkommen. Wirst du das Messer unter das Bett werfen?!‹ Jetzt gehorchte er. Der Mann war mürbe. Gerade gemütlich war der Aufenthalt in dem Raum nicht. Auch hier kaum zu atmen vor Rauch und Gestank. Ich gebe zu, ich bin manchmal ein recht unbequemer Gast, meine Gnädigste. Ich nahm nun am Tische Platz und ließ ihn vor mir stehen – drei Schritte vom Leib, und hielt ihm einen kleinen Vortrag: ›Du mußt nicht glauben, Hartwanger, daß ich bei dir einbreche, wie du bei uns eingebrochen hast, und dir das Geld mit Gewalt wegnehmen will, oder daß ich – pfui Teufel! – von dir nur etwas erpressen möchte. Solche Sachen mache ich nicht, eklig werde ich nur, wenn du mich dazu zwingst. Ja, wenn du mit dem Messer kommst! Sonst können wir ganz ruhig miteinander reden. Du bist ganz sicher vor mir. Ich werde dich nicht verhaften, ich bin kein Polizeikommissär. Ich will nur unser Geld zurückhaben. Willst du's nicht hergeben – auch gut. Ich kann dich nicht zwingen. Dann ziehe ich einfach unverrichteter Dinge ab.‹ ›Ich habe es nicht genommen.‹ ›Darauf kommen wir später noch. Ich glaube, dich noch überzeugen zu können, daß du es genommen hast. Vorerst wollte ich dir nur sagen, daß es für dich viel besser ist, wenn du dich mit mir abfindest, als wenn du es darauf ankommen läßt, daß die Polizei sich mit dir beschäftigt. Aber, wie gesagt, genötigt wird nicht. Wenn du nicht willst, du mußt nicht.‹ ›Ich kann nichts gestehen, wenn ich nichts getan habe.‹ ›Dann natürlich nicht. Ich will dir etwas sagen, Hartwanger. Du kannst vielleicht einen Oberkommissär um den Daumen drehen, aber mich nicht. Der Oberkommissär glaubt dir wirklich, daß es zwei englische Einbrecher waren; ich weiß, daß du es allein warst.‹ ›Das soll mir einer beweisen!‹ ›Natürlich! Das will ich ja.‹ ›Den möchte ich sehen, der allein so eine Kasse zwingt!‹ ›Warum nicht, wenn einer so stark und so geschickt ist, wie du, und wenn einer eine so gute eiserne Stange hat, wie die ist, die du verwendet hast. Sie ist ausgezeichnet und ganz unverdächtig. Sie dient als Verschluß für die Kellertür und liegt jetzt in deiner Küche hinter dem Herde.‹ Das wirkte. Ich bemerkte es sofort und nützte nun meinen Vorteil aus. ›Das ist übrigens vielleicht noch kein Beweis,‹ fuhr ich fort. ›Kein genügender Beweis; ich gebe es zu. Du kannst dich ausreden, Hartwanger. Es gibt viele Eisenstangen in der Welt. Daß sich jene dort befindet, kannst du zur Genüge erklären, und es würde schwer sein, dir zu beweisen, daß bei dem Einbruch gerade sie zur Verwendung gelangt ist. Sehr schwer, obschon es mir natürlich sehr angenehm war, sie dort vorzufinden. Ich habe etwas Besseres, etwas, das bewirkt, daß du mir gar nicht auskommen kannst, mit dem besten Willen nicht.‹« »Ich wußte, daß Sie noch etwas in petto hatten, Dagobert,« warf Frau Violet ein. »Etwas sehr Wichtiges, Gnädigste. Ich tue mir nicht viel darauf zugute. Es war Glückssache. Bei manchen Untersuchungen geht es rasch, bei andern zäh, ich gebe zu, es ist oft Glückssache.« »Doch nicht ganz, Dagobert. Glückssache – wie ein General Glück haben muß, um ein guter General zu sein. Warum hat der Oberkommissär nicht das Glück gehabt?« »Ich spielte also meinen letzten Trumpf aus. ›Paß genau auf, Hartwanger,‹ fuhr ich fort, ›was ich jetzt sage, und sage dann selbst, ob ich dich wie in einem eisernen Schraubstock halte oder nicht. Wie du alles sehr klug angestellt hast, hast du auch das mit dem Sandhaufen ganz gut gemacht. Der schöne, weiche, gelbe Sand! Eine Unachtsamkeit hast du dir aber dabei doch zuschulden kommen lassen. Du hattest nicht bedacht, wie schön der die Fußspur aufbewahrt! Du lächelst jetzt stillvergnügt und denkst dir in deinem dummen Schädel, daß, wenn ich nichts Besseres habe, ich dem Täter und dem Gelde noch lange nachlaufen kann. Das Lachen wird dir aber vergehen, mein Lieber, das gebe ich dir schriftlich und daraus kannst du Gift nehmen, wenn dir das ein besonderes Vergnügen machen sollte.‹ ›Wo sind die Fußspuren? ‹sagte er leidlich beruhigt. ›Allerdings – ich weiß, der Herr Oberkommissär selber und seine getreue Mannschaft haben sie zertreten und zerstört, aber du wirst dich erinnern, daß ich die schönste der Fußspuren rasch noch photographiert habe, bevor sie zerstört wurde. Ich weiß, was du sagen wirst. Mit so einer photographierten Fußspur ist nichts anzufangen. Das ist noch lange kein Beweis. Nach der Photographie – mein Gott! – Das konnte ebensogut ein kleiner wie ein großer Fuß gewesen sein. Nicht wahr? Du siehst, ich gebe dir alles zu. Du wirst dich aber erinnern, mein geschätzter Einbrecher, daß ich noch ein zweites Mal photographiert habe – als du niederknietest und den Sand auswischtest. Da habe ich deine rechte Fußsohle photographiert. Auch das beunruhigt dich noch nicht? Na, es ist doch schon etwas. Wenn die beiden Bilder sich zufällig sehr ähnlich sehen sollten – aber noch immer gebe ich dir zu, es können sich sehr viele Sohlen ähnlich sehen. – Das wird jeder vernünftige Mensch zugeben müssen. Gewiß, und ich glaube kein unvernünftiger Mensch zu sein. Jetzt kommt aber die Hauptsache. Passe gut auf, Hartwanger. Die Spur im Sande zeigte in der Mitte einen feinen Querstrich. Es war also eine gedoppelte, Beschuhung, Stiefel oder Schuh, den der Einbrecher anhatte. Weiter war noch ein feiner schiefer Strich da, beginnend hinter dem Ballen und hinüberlaufend bis etwa zur Spitze der kleinen Fußzehe. Also: der Einbrecher hat die Eigentümlichkeit, seine Sohle, und zwar die Stiefelsohle, denn du trägst Stiefel, in der Gegend der rechten großen Fußzehe besonders zu strapazieren, und da du ein sparsamer Mann bist, so hast du dir nicht die ganze Sohle wieder doppeln, sondern dir nur einen frischen Fleck an die beschädigte Stelle setzen lassen. Als du niederknietest, hatte ich das ausnehmende Vergnügen, diesen Fleck in seinem vollen Glanze zu sehen und zu photographieren. Und nun sage mir, ob du mir noch auskommen kannst. Sieh dir doch einmal gefälligst deine rechte Sohle an, wenn du mir nicht glaubst.‹ Er besah sie sich wirklich, und nun allerdings war er gebrochen. Er warf noch einen raschen Blick unter das Bett, dann aber auch einen ebenso raschen auf das kleine Schießeisen, das vor mir auf dem Tische funkelte, und dann gab er endlich klein bei und verlegte sich aufs Jammern und aufs Betteln. Ich ließ mit mir reden. Für mich war die Hauptsache, daß ich das Geld wieder bekam, und dem entsprechend ging ich vor. Ich überdachte rasch alle Möglichkeiten. Es wäre nicht klug gewesen, den Mann zu einem verzweifelten Schritte zu treiben. Mir konnte er nicht gut etwas anhaben, er konnte mich aber durch einen wahnwitzigen Fluchtversuch zwingen, auf ihn zu schießen. Derlei tut man doch nicht gern. Es hätte eine langwierige Geschichte gegeben, ebenso wenn ich ihn nun sofort der Polizei übergeben hätte. Wer weiß, ob der Mann sich die Sache dann nicht noch überlegt und ruhig seine paar Jahre abgesessen hätte, ohne vorher zu verraten, wo er das Geld versteckt habe. Ich zeigte mich also umgänglich und ließ mit mir reden. Ich sagte ihm, ich sei keine Amtsperson und habe keine Macht über ihn. Für ihn sei es aber entschieden besser, wenn er sich mit mir abfinde, als wenn er mich zwinge, ihn der Behörde zu übergeben. Ich wolle nur das Geld zurück haben, und alles übrige sei mir gleichgültig, nicht so aber auch der Polizei und dem Gerichte. Für die sei die Bestrafung mindestens ebenso wichtig, wie das Geld. Er sollte mir den Raub nur ausfolgern, dann werde ich ihm beweisen, daß ich kein Unmensch sei, und daß ich noch immer etwas für ihn tun könne. Der Mann war schwer zu bearbeiten. Endlich hatte ich ihn aber so weit, daß er ›gemacht‹ war. Er führte mich in den Keller und holte dort aus dem Versteck das Päckchen mit den Banknoten hervor. Ich hatte ihm ruhig folgen können. Denn er trug die Laterne, und er war beleuchtet, nicht ich. Dann gingen wir wieder zurück in seine Wohnung. Ich zählte nach. Es stimmte. Hundertundvierundsechzigtausend Kronen. Viertausend gab ich ihm.« »Aber, Dagobert!« rief Frau Violet vorwurfsvoll. »Ich sagte schon, Gnädigste, es sei ein kostspieliges Vergnügen gewesen, aber die ersetze ich natürlich der Bank.« »Es ist nicht das, Dagobert, aber war es nicht unmoralisch?« »Vielleicht, aber ich hatte versprochen, etwas für ihn zu tun, sonst wäre ich vielleicht nicht zum Ziele gekommen, und sein Versprechen muß man halten, auch wenn man es einem Gauner gegeben hat. Ich gab ihm also das Geld und sagte ihm, er solle sich seinen Galgen anderswo suchen. Ich sei zwar verpflichtet, die Behörde sofort zu verständigen, ich vermute aber, daß ich Pech haben und heute abend den Oberkommissär nicht mehr antreffen werde. Ich hatte noch nicht ausgeredet, als der Mann auch schon, wie er stand und ging, bei der Türe draußen und im Dunkel der Nacht verschwunden war. Ich fand noch einen Diener in der Bank. Den installierte ich in der Portierloge und fuhr dann her. Ich habe das Meinige getan, so gut ich konnte. Die gröbere Arbeit, den Menschen einzufangen, überlasse ich gern dem Oberkommissär Dr. Ritter v. Skrinsky.« Der schreckliche Brief. Das Mittagessen im Hause Grumbach hatte seinen Verlauf genommen wie gewöhnlich, wenn Dagobert zu Gaste war. Nach Tisch zog sich die kleine Gesellschaft ins Rauchzimmer zurück. Der Hausherr trank rasch seinen Schwarzen und mahnte dann zum Aufbruch. Es war nämlich abgemacht worden, daß er und Dagobert noch zu einer wichtigen Sitzung fahren sollten. Zu seiner Überraschung erklärte indes Dagobert, daß er keine Lust habe, an der Sitzung teilzunehmen. Er zöge es vor, der verehrungswürdigen Hausfrau noch Gesellschaft zu leisten. Die Hausfrau lohnte ihm diesen Entschluß mit einem dankbaren Augenaufschlag, und so ging denn Andreas Grumbach allein. Kaum war er draußen, als Dagobert auch schon begann: »Sie sehen, Frau Violet, ich habe Ihren Befehl erfüllt, aber –« »Es war mein dringender Wunsch, Dagobert, daß Sie blieben, aber befohlen hatte ich doch nicht.« »Meine liebe Gnädige, wenn ich nicht einmal Sie durchschauen könnte, dann hieß ich nicht der Tell und könnte mir ruhig das Lehrgeld zurückgeben lassen. Schon bei meinem Eintritt und dann bei Tisch die ganze Zeit sah ich es Ihnen am Gesicht an, daß Sie etwas auf dem Herzen hätten. Der Wunsch war dringend und die Verlegenheit groß. Ich zweifle nicht, daß, wenn ich jetzt mich erhoben hätte, um mich mit Ihrem Manne zu entfernen, Sie mich heimlich am Rockschoß gezupft hätten, um mich zum Bleiben zu veranlassen.« »Dazu war ich allerdings entschlossen, Dagobert, als zum letzten Auskunftsmittel.« »Das wollte ich eben vermeiden, und darum bin ich aus freien Stücken geblieben. Ich habe also Ihren Befehl erfüllt, aber – es gibt, wie ich schon vorhin andeutete, ein Aber dabei!« »Was für ein Aber?« »Man hat keine Geheimnisse vor seinem Manne, Gnädigste!« »Wenn man aber sein Ehrenwort gegeben hat?« »Es gibt Ehrenwörter, die man eben nicht gibt!« »Sie haben recht. Sie werden sehen, daß die Sache sehr ernst ist. Wir bedürfen Ihrer Hilfe.« »Lassen Sie hören!« »Es ist ein Fall von allergrößter Wichtigkeit.« »Er betrifft nicht Sie?« »Nicht mich, aber meine beste Freundin. Warten Sie – jetzt ist's zehn Minuten nach dreiviertel auf sieben. In fünf Minuten wird sie selbst hier sein. Wir haben verabredet, daß sie um sieben da sein soll, um selber mit Ihnen zu sprechen. Die Sache ist nämlich die –« »Nein, Frau Violet; jetzt bitte ich Sie, mir nichts zu erzählen. Wenn es da wirklich etwas für mich zu tun geben sollte, muß ich von Haus aus vorsichtig sein. Vor allen Dingen muß ich mich vor jeder Voreingenommenheit hüten. Ich verstehe mich einigermaßen auf die Psychologie der Zeugenaussagen. Es könnte Ihnen – ganz unabsichtlich natürlich – ein Wort oder eine Wendung entschlüpfen, die eine irrtümliche Auffassung bedingen würde, und ich wäre hinterher vielleicht nicht mehr in der Lage, festzustellen, ob ich mich dann im einzelnen auf Ihre Darstellung oder auf die Ihrer Freundin stütze, und ich könnte so auf einen Holzweg geraten. Ich ziehe es vor, mich unmittelbar durch Ihre Freundin selbst informieren zu lassen.« »Das wird auch besser sein,« gab Frau Violet zu. »Jetzt will ich Ihnen nur rasch noch sagen, um wen es sich eigentlich handelt. Es ist die ...« Bei Nennung des Namens machte Dagobert große Augen. »Donnerwetter – hat die eine kolossale Karriere gemacht! Ihr Mann ist einer der Großen, der Größten des Reiches! Ich habe sie ja auch gekannt – die kleine Käthe Gracht!« »Natürlich haben Sie sie gekannt, und auch sie erinnert sich Ihrer mit Vergnügen. Wir waren Kolleginnen und an mehreren Bühnen zu gleicher Zeit engagiert. Sie ist um einige Jahre jünger als ich.« Kaum hatte Frau Grumbach ausgeredet, als, vom Diener gemeldet, die Erwartete eintrat. Sie begrüßte Dagobert mit vieler Herzlichkeit als alten Bekannten, nachdem sie mit Frau Violet erst die üblichen Küsse getauscht hatte. Dagobert betrachtete mit dem Wohlgefallen des Kenners die zierliche, elegant herausstaffierte Frau. Sie hatte goldrotes Haar und glänzende schwarze Augen. Man hielt sich nicht lange mit Förmlichkeiten auf, Dagobert ging gerade auf das Ziel los. »Exzellenz haben Kummer gehabt?« fragte er. »Hat Ihnen Violet erzählt?« »Noch nicht. Ich wollte Ihre Geschichte von Ihnen selbst hören, Gräfin.« »Es ist ein namenloses Unglück, Herr Dagobert,« begann sie, und ihre schönen Augen füllten sich mit Tränen. »Meine Ehre, meine ganze Existenz und damit mein Leben stehen auf dem Spiele. Violet hat versprochen, daß Sie sich meiner annehmen würden, Herr Dagobert. Ich flehe Sie an, retten Sie eine unglückliche und, ich schwöre es Ihnen – schuldlose Frau. Nur der Schein spricht gegen mich, aber der Schein kann mich zugrunde richten.« »Erzählen Sie, Exzellenz, aber seien Sie aufrichtig, und beschönigen Sie nichts!« »Ich habe nichts zu beschönigen. Vorgestern vormittags besuchte ich die Ausstellung im Künstlerhause. Ich hatte eine bestimmte Absicht dabei. Mein Mann war am Firnißtage unter den geladenen Gästen dort gewesen. Ich selbst war damals durch ein leichtes Unwohlsein verhindert. Als er nach Hause kam, sprach er mit Entzücken von einem Gemälde, einem Interieur der Malerin Olga Wisinger-Florian. Ich hörte das mit Vergnügen und faßte sofort den geheimen Plan, das Bild zu kaufen.« »Ich kenne das Bild, Gräfin. Auch ich bin entzückt davon. Es ist mit großartiger Bravour gemalt und von wunderbarer Feinheit und Geschlossenheit in der Farbenwirkung. Auch ich habe mich um den Preis erkundigt. Es kostet achttausend Kronen.« »Das stimmt alles, Herr Dagobert. Ich wollte also das Bild erst ansehen, obschon ich bereits entschlossen war, es zu kaufen. In vier Wochen ist der Geburtstag meines Mannes, und ich wollte ihn damit überraschen. Auch lag mir daran, der Künstlerin eine Freude zu machen. Ich verkehre mit ihr freundschaftlich und habe in ihrem Hause in angenehmer Gesellschaft Soireen mitgemacht. Das wäre also eine hübsche Revanche gewesen.« »Haben Sie das Bild gekauft, Exzellenz?« »Ich werde es kaufen – vorausgesetzt, daß nach dem, was vorgefallen ist, mir noch die Mittel bleiben werden. Das Bild hat aber mit meinen Sorgen nichts zu tun.« »Das kann ich mir denken. Ich fragte nur, weil ich sonst vielleicht selbst mich doch noch entschließen würde.« »Die Ausstellungssäle waren recht leer. Sie wissen, daß Ausstellungen und Galerien sehr müde machen. Ich setze mich also auf einen der herumstehenden Diwans, um ein wenig auszuruhen. Da tritt ein eleganter Herr an mich heran und grüßt. Ich erkenne ihn erst nicht, erhebe mich aber dann rasch und freudig erregt und strecke ihm beide Hände entgegen. Ein alter lieber Bekannter von mir und Violet aus der Zeit unseres Berliner Engagements, der geniale und sehr angesehene Rechtsanwalt Doktor Oskar Feld!« »Wie sagten Sie, Gräfin?« »Doktor Oskar Feld.« »Ach sooo! Da geht mir allerdings ein Licht auf!« »Ich wollte, es wäre mir beizeiten aufgegangen! Ich begrüße ihn also sehr freundschaftlich, erzähle ihm auch gleich brühwarm, weshalb ich die Ausstellung besucht habe, erzähle ihm von meinem Manne, und was ich für ein großes Glück gemacht hätte, wie man eben einem alten Freunde erzählt, den man ewig lange nicht gesehen hat.« »Sie wußten nicht, Exzellenz, daß der Mann als Rechtsanwalt infam kassiert worden ist, und daß er seither der Reihe nach die großen Hauptstädte des Kontinents mit seiner Gegenwart beehrt, um sich recht und schlecht als Hochstapler fort zu bringen?« »Nein, Käthe wußte es nicht,« warf hier Frau Violet ein, »hat es aber noch an demselben Tage von mir erfahren.« »Ich wußte es nicht,« bestätigte die Gräfin, »fand aber sehr bald Anlaß, meine rasche Red- und Vertrauensseligkeit zu bedauern. Vielleicht wenn ich bei dieser zufälligen Begegnung nichts über meine gesellschaftliche Stellung und meine Verhältnisse ausgeplaudert hätte –!« »Beruhigen Sie sich, Gräfin,« sagte Dagobert ernst. »Das war keine zufällige Begegnung. Solche Leute gehen nicht zum Vergnügen in menschenleere Kunstausstellungen. Das war ein ausgespähter und wohlvorbereiteter Überfall. Ich fange an, klar zu sehen. Bitte, erzählen Sie weiter!« »Ja, wahrhaftig, Herr Dagobert! Es war ein vorbereiteter Überfall, sonst hätte unmöglich alles so klappen können. Wie ich so in aller Freundschaft und Herzlichkeit mit ihm rede, wird er auch zutunlich, versichert, daß auch seine Gefühle dieselben geblieben seien, und daß er mich noch immer so liebe wie früher. Das war also die erste Unverschämtheit, denn von Liebe ist zwischen uns niemals auch nur mit einem Worte die Rede gewesen. Es kam aber noch schlimmer. Als Beweis, wie sehr er mich liebe, möge nur dienen, daß er einen Brief von mir stets an seinem Herzen trage und sich nie im Leben von ihm trenne. Zweite Unverschämtheit! dachte ich mir. Später habe ich dann allerdings aufgehört, zu zählen. Ich erinnerte mich nicht, ihm jemals einen Brief geschrieben zu haben, und sagte ihm das entrüstet rund heraus. Da holte er seine Brieftasche hervor und entnahm ihr mit aller Sorgfalt einen Brief. »Sie sehen, daß die Sache vorbereitet war!« »Er hob ihn aus dem Umschlag »und ließ mich einen Blick in ihn tun.« »War es eine Fälschung?« »Nein, es war meine Handschrift. Die Schlußzeilen, die ich las, waren für mich einfach niederschmetternd. Ich schäme mich, davon nur zu reden.« »Gleichwohl müssen Sie mir alles sagen, Gräfin.« »Ich sehe ein, daß Sie alles wissen müssen, Dagobert. Dort stand zu lesen: »Wir erwarten dich bestimmt, mein Schatz. Mit tausend Küssen – deine Käthe Gracht.« »Wieviel hat er für den Brief verlangt?« »Das kommt erst später. Erst müssen Sie mir gestatten, mich zu rechtfertigen. Herr Dagobert! Halten Sie mich für fähig – glauben Sie wirklich – es ist entsetzlich! – daß ich ein unerlaubtes Verhältnis –!« »Ich halte Sie fähig, Exzellenz – einer Unklugheit. Die haben Sie begangen.« »Wer konnte aber an so etwas denken! Herr Dagobert, Sie wissen ganz gut, daß bei den Leuten vom Theater der Verkehrston ein leichter und ungezwungener ist. Man ist gleich dabei, sich mit Freunden und guten Bekannten zu duzen. Hier sitzt Violet als Zeugin. Haben wir uns nicht auch nicht Ihnen geduzt, Herr Dagobert? Und ist deshalb jemals auch nur ein unziemliches Wort zwischen uns gefallen?« »Niemals, meine Gnädigste. Ich kannte Sie beide zu gut, um nicht genau zu wissen, daß ich mir auch nicht das geringste hätte erlauben dürfen.« »Beim Burgtheater mag das ja anders sein. Das sind förmlich Hof- und Staatsbeamte, aber in der Provinz und auf der Schmiere! So haben wir also auch den großen, den berühmten Rechtsanwalt geduzt, der viel unter uns verkehrte und ein brillanter Gesellschafter war. Einmal hatten Violet und ich einen lustigen Abend veranstaltet. Es waren viele reiche und berühmte Leute dazu eingeladen, und es sollte eine Art Komiteesitzung werden. Wir hatten nämlich vor, eine Wohltätigkeitsvorstellung zusammenzubringen zugunsten einer armen, alten und kranken Kollegin. Feld, der als glänzender Redner einen Ruf hatte, sollte dabei eine schöne Rede halten und damit Stimmung für unser Unternehmen machen. Er sprach auch großartig, und wir konnten die Sache gut durchführen und unserer alten Freundin einen Reinertrag von zweitausendachthundert Mark übergeben. Um Feld nun sicher zu haben, zu gewinnen, schrieb ich ihm damals in jener scherzhaften Herzlichkeit. Ich kann aber beschwören bei allem, was mir heilig ist, daß er niemals auch nur einen einzigen Kuß wirklich bekommen hat. Die stehen nur auf dem Papier!« »Immerhin hat er nun eine gefährliche Waffe in der Hand!« »Dessen sollte ich zu meinem Schrecken sehr bald innewerden.« »Was hat er verlangt?« »Zunächst erklärte er, daß er ganz zufällig in mißliche Umstände geraten sei. Er wohne hier in einem der ersten Hotels – die erwarteten Geldsendungen seien ausgeblieben – ich müsse ihn flott machen.« »Exzellenz ließen sich einschüchtern!« »Ich versprach, ihn nicht stecken zu lassen. In dem Augenblick hatte ich ihm das Blaue vom Himmel herunter versprochen, aber dann, nachdem ich mir seine Adresse hatte geben lassen, kam doch noch etwas, was ich trotz alledem nicht versprechen konnte, was mich einfach starr machte. Er meinte, er werde die Geldaushilfe als kleinen Freundschaftsdienst mit Dank annehmen, aber eigentlich sei es ihm nicht darum zu tun gewesen, obschon er sie selbstverständlich unverzüglich erwarte. Was er von mir wolle, sei etwas anderes. Er strebe eine seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechende Lebensstellung an. Die könne und müsse ich ihm verschaffen. Ich solle es durchsetzen, daß er als Privatsekretär meines Mannes angestellt werde.« »Sonst nichts?! Nun, Gräfin, glauben Sie noch immer an das zufällige Zusammentreffen?« »Ich glaubte schon damals nicht daran. Er gab sich keine Mühe, sich nicht durchschauen zu lassen. Noch wußte ich nicht, wie es wirklich um ihn stand, alle näheren Einzelheiten erfuhr ich später erst durch Violet, aber ich wußte doch schon genug, um auf das tiefste empört zu sein über die freche Zumutung. Ich sollte mit ihm konspirieren, ihn zu meinem Manne bringen, ins Haus nehmen! Ich wandte mich, ohne eine Antwort zu geben, zum Gehen. Er hielt mich aber fest und sagte mit großer Bestimmtheit, während er mir drohend ins Auge sah: ›Sie werden es tun!‹ Ich schüttelte den Kopf, er wiederholte aber: ›Sie werden es bestimmt tun!‹ und dabei schlug er sich mit der flachen Hand auf die Brust, da wo er die Brieftasche hatte, in der sich mein Brief befand.« »Kein Zweifel – der Mann versteht sein Geschäft!« »Ich flüchte mich halb ohnmächtig ins Sekretariat, wo ich noch wegen des Ankaufs einiges zu besprechen hatte, und bringe dort das Nötige in Ordnung. Wie ich mich dann zu meinem Wagen begebe, wird mir der Wagenschlag, statt von meinem Bedienten, von einem respektabel aussehenden älteren Herrn gehalten. Während ich einsteige, sagt er leise zu mir: ›Exzellenz haben in der Ausstellung mit einem Herrn gesprochen – ‹« »Allerdings. Was ist's damit? Wer sind Sie?« Er neigte sich in den Wagen und schlug dabei seinen Überrock ein wenig zurück, so daß ich den messingenen Doppeladler an seinem Rockaufschlag sehen konnte! »Ah, ein Detektiv!« rief Dagobert. »Wahrscheinlich der alte Maurer. Ein ganz tüchtiger Mensch. Man merkt doch gleich, daß mein Freund, der Oberkommissär Doktor Weinlich, vom Urlaub wieder zurück ist! Was wollte er?« »Er sagte: ›Ich wollte mir nur untertänigst erlauben, eine Warnung auszusprechen!‹ Damit schloß er den Wagenschlag, und ich fuhr davon, ganz betäubt von dem, was ich erlebt hatte. Gleich nach Tisch suchte ich Violet auf, um mich mit ihr zu beraten. Ich habe sonst niemanden auf der Welt, dem ich mich hätte anvertrauen können.« »Käthe wußte,« nahm hier Frau Violet das Wort, »daß ich den Mann kannte, und zufällig konnte ich ihr auch völlig die Augen über ihn öffnen.« »Und was haben Sie geraten, Frau Violet?« fragte Dagobert. »Natürlich waren Sie mein erster Gedanke, Dagobert. Ich sagte sofort: wenn uns ein Mensch auf der Welt helfen kann, so sind Sie es!« »Vielen Dank für die gute Meinung, Frau Violet, aber seither sind zwei Tage vergangen! Haben Sie gar nichts getan?« »O doch, Dagobert, aber ich getraue mich gar nicht, es zu sagen!« »Sie haben also ein schlechtes Gewissen, Frau Violet?« »Ja, Sie werden uns auszanken – ich kenne Sie – aber wir konnten doch nicht anders.« »Erzählen Sie, bitte!« »Käthe wollte ihm Geld schicken, hatte aber augenblicklich nur zweitausend Kronen zur Verfügung. Ich fürchtete, daß das zuwenig sein werde und legte noch einen Tausendkronenschein bei. Ich weiß, daß Ihnen so etwas ganz gegen den Strich geht. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß man sich durch einen Erpresser nicht einschüchtern lassen darf und ihn vom Fleck weg verhaften zu lassen hat.« »So vom Fleck weg geht das nicht immer, aber sonst ist das im allgemeinen allerdings mein Standpunkt. Was aber nun unseren besonderen Fall betrifft, so werde ich die Damen nicht auszanken. Sie haben ganz richtig gehandelt. Wäre ich dabei gewesen, so hätte ich sogar vielleicht geraten, noch einen Tausendkronenschein mehr beizulegen. Frauen sind in diesem Punkte manchmal ein bißchen kleinlich. Immerhin wurde auch so der Zweck erreicht, ihm für einige Zeit den Mund zu stopfen. Darauf kam es allein an. Wie die Dinge lagen, hätte sich am Ende auch eine Verhaftung bewerkstelligen lassen, aber wir mußten befürchten, daß dann doch eine Notiz darüber in die Zeitung kommt. Man hätte weiter geforscht, und man hätte es herausgebracht – es ist eine Erpressung an der Gräfin Soundso versucht worden. Das mußte vermieden werden. Auch so eine Notiz schon kann zu einer Katastrophe werden. Sie haben ihm also das Geld geschickt. Hat er darauf ein Lebenszeichen gegeben?« »Ja,« antwortete die Gräfin entrüstet. »Er hatte die Unverschämtheit, mir zu schreiben. Der Brief kam mit der übrigen Post, während wir beim Frühstück saßen. Mein Mann war mit seinen eigenen Briefen beschäftigt, ist im übrigen viel zu ritterlich gesinnt, um sich um meine Korrespondenz zu bekümmern. Er weiß ganz gut, daß ich sein Vertrauen niemals täuschen würde.« »Was schreibt der Biedermann; kann ich den Brief sehen?« »Ich habe ihn verbrannt.« »Sie haben recht getan. Darf ich den Inhalt erfahren?« »Ich habe mir ihn genau gemerkt. Er schrieb: Exzellenz Frau Gräfin! Mit Dank bestätige ich den richtigen Empfang der kleinen Abschlagszahlung auf Ihre Schuld und sehe gern baldigen und doch etwas ausgiebigeren Fortsetzungen entgegen. Dabei bitte ich Sie, die Hauptsache nicht zu vergessen, damit ich nicht genötigt bin, meine gerechten Ansprüche vor der Öffentlichkeit geltend zu machen!« »Das ist der Gipfel der Unverschämtheit!« rief Dagobert wütend aus. »Der Mann fühlt sich vollkommen sicher und – gestehen wir es uns nur – er ist es auch, solange er im Besitz jenes Briefes ist. Wir können ihn verhaften, einsperren, ausweisen lassen, aber er hat den Brief, und das ist eine Waffe, mit der er Unheil anrichten kann, auch vom Auslande her. Er braucht sich nur mit einem skandalsüchtigen Winkelblatt in Verbindung zu setzen.« Gräfin Käthe war außerordentlich aufgeregt. Die Tränen schossen ihr aus den Augen, und sie versicherte schluchzend, daß sie einen solchen Skandal ganz bestimmt nicht überleben würde. Ihr Mann sei die Güte und Großmut selber, und nun solle sie Schmach aus sein Haupt häufen. Sie könne nicht wie ein gehetztes Wild weiterleben, und sie werde den Tod der Schande vorziehen. Frau Violet weinte mit und versuchte doch zu trösten. Jener schreckliche Brief sei ja eigentlich gar nicht so schlimm, wenn er nur genügend aufgeklärt werde. »Die Öffentlichkeit interessiert sich nur für den Skandal, nicht für die Aufklärung!« rief die Gräfin verzweifelt. »Wir haben aber doch Herrn Dagobert!« tröstete Frau Violet weiter. »Wenn er sich unser annimmt, kann noch alles gut werden. Dagobert, Sie müssen uns helfen!« Bei dieser persönlichen Apostrophe fuhr Dagobert auf. Er war so in Gedanken vertieft gewesen, daß er das letzte Zwiegespräch der beiden Damen ganz überhört hatte. »Ich glaube, Exzellenz,« sagte er ruhig, »daß Sie keinen Grund zur Sorge haben. Einen großen Vorteil haben wir in dem Kampfe mit jenem Schurken jetzt schon voraus. Wir kennen seine Waffe. Es existiert doch nur dieser eine Brief?« »Nur dieser eine, Herr Dagobert, und ganz bestimmt kein anderer!« »Also – wir kennen den Inhalt des Briefes. Wir wissen, daß er im Grunde harmlos ist, und daß es trotzdem die verderblichsten Folgen haben müßte, wenn darüber gesprochen werden sollte. Zunächst müssen wir also den Mann noch hinhalten. Möglich, daß das vorläufig noch Geld kosten wird. Das spielt keine Rolle. Sollten Ihnen, Exzellenz, gegenwärtig die etwa erforderlichen Mittel unauffällig nicht erreichbar sein, so stehe ich Ihnen natürlich mit jedem gewünschten Betrage zur Verfügung. Darüber ist kein Wort zu verlieren.« »Worin aber steckt der Vorteil, den Sie erwähnten, Herr Dagobert?« »Darin, daß wir den Brief kennen, und daß wir wissen, wo er sich befindet.« »Er wird sich den Brief nicht entreißen lassen!« »Man wird ihn vielleicht nicht fragen!« »Sie können es nicht auf einen Eklat ankommen lassen!« »Natürlich nicht. Wir müssen vorläufig auf seine Wünsche eingehen. Auch das mit der ›Hauptsache‹ muß in Erwägung gezogen werden. Ich habe es wohl überlegt. Wir dürfen ihn auf keine Weise reizen und so zu irgendwelchen verzweifelten Versuchen treiben.« »Aber, Herr Dagobert, das ist doch unmöglich. Ich kann ihn nicht ins Hans nehmen, und es wäre schmachvoll, wenn ich meinem Manne zureden wollte, ihm in seiner Umgebung eine Vertrauensstellung zu verleihen!« »Eine Vertrauensstellung können Sie einer solchen Persönlichkeit natürlich nicht verschaffen,« sagte Dagobert. »Jetzt komme ich aber dazu, doch meine Strafpredigt an Frau Violet anzubringen. Sie sehen, meine Gnädigste, wie es durchaus nicht gut ist, vor dem Gatten Geheimnisse zu haben. Die Gräfin nehme ich aus. Sie ist da in einer außergewöhnlichen Lage und so gewissermaßen im Stande der Notwehr. Grumbachs Mithilfe wäre uns jetzt sehr vonnöten. Ich bin also dafür, daß er eingeweiht werde. Erstlich einmal, weil es durchaus nicht angeht, daß zwischen Mann und Frau ein Geheimnis bestehe, und zweitens – weil wir ihn brauchen.« »Was kann mein Mann da tun?« fragte Frau Violet. »Das will ich Ihnen erklären, meine Gnädige. Die Gräfin wird ihren ›Schützling‹ wissen lassen, daß sie sehr gern bereit sei, ihm die gewünschte Stellung zu verschaffen, daß es aber derzeit unmöglich sei. Die Stelle sei besetzt, und es müsse dem gegenwärtigen Sekretär erst gekündigt werden. Er werde einsehen, daß sich solche Dinge nicht von heute aus morgen richten lassen. Um ihn aber für die Zwischenzeit zu versorgen, werde sie trachten, ihm durch warme Empfehlungen eine ähnliche Stelle in einem anderen großen Hause zu verschaffen. Jenes andere große Haus soll – das Haus Grumbach sein!« »Sie glauben doch nicht im Ernste, Dagobert,« fuhr da Frau Violet dazwischen, »daß ich meinem Manne damit kommen würde?« »Ich glaube, daß sich das sehr empfehlen würde. Herr Feld wird es schon wissen oder es doch sehr leicht erfahren können, daß Grumbach zu den ersten und angesehensten Persönlichkeiten der Stadt gehört, und er wird gern zugreifen. Um die Arbeit ist es ihm natürlich nicht zu tun, aber so ein erstklassiges Haus, das des Präsidenten des Klubs der Industriellen, ist ein prachtvolles Sprungbrett für weitere Hochstapeleien.« »Und dazu soll ich mithelfen, Dagobert?!« »Sie sollen zunächst Ihren Gemahl ins Vertrauen ziehen, Frau Violet. Ist er einmal unterrichtet, dann besteht auch keine Gefahr mehr.« »Ich danke schön für diese Beruhigung, Dagobert, aber weder möchte ich mit jenem Herrn in Berührung kommen, noch zulassen, geschweige denn mithelfen, daß mein Mann sich mit ihm einläßt.« »Ausreden lassen, meine Gnädige! Nicht so hatte ich es gemeint. Grumbach wird jenen schätzenswerten und so glänzend empfohlenen Herrn empfangen, sehr liebenswürdig empfangen und ganz untröstlich sein, den Wunsch der verehrten Exzellenzfrau nicht sofort erfüllen zu können. In seinem Hause ginge es dermalen absolut nicht, aber er wolle gern alles tun, was in seinen Kräften stehe, schon um der so beachtenswerten Empfehlung willen. Vielleicht daß der Herr Vizepräsident –? Er glaube zu wissen oder gehört zu haben, daß er einen fähigen Privatsekretär suche.« »Aber der Herr Vizepräsident sind ja Sie, Dagobert!« »Allerdings habe ich die Ehre, das zu sein, also auch ein leidlich großer Herr. Fassen Sie nun alles ins Auge. Ich würde ihm sehr günstige Bedingungen stellen, dann solche Protektionen und solche Zukunftsaussichten! Ich glaube, unser Ehrenmann dürfte darauf eingehen.« »Und Sie würden ihn wirklich zu sich nehmen?« »Ich wünsche nichts sehnlicher. Ich leide nämlich bitteren Mangel an Privatsekretären. Das wäre das einfachste und sicherste Mittel. Sollte er nicht darauf eingehen, dann allerdings müßten wir ein anderes Mittel suchen. Darüber uns den Kopf zu zerbrechen, können wir uns für später aufsparen.« * Es kam, wie Dagobert es vorausgesehen hatte: Doktor Oskar Feld war bei Dagobert als Privatsekretär eingetreten. Dagobert kam nach wie vor zweimal wöchentlich zum Speisen zu Grumbachs, und die einzige Abwechslung im Programm war nur die, daß an jenen Tagen nun auch Gräfin Käthe zum kleinen Schwarzen erschien. Natürlich bildete da immer der neue Privatsekretär den Mittelpunkt der Unterhaltung. Man wurde nicht müde, Dagobert auszufragen, und konnte nicht genug hören, aber Dagobert war namentlich in den ersten Tagen recht zurückhaltend mit seinen Äußerungen. »Ich muß den Mann erst studieren,« pflegte er zu sagen, wenn er gedrängelt wurde. Erst nach und nach wurde er mitteilsamer und fügte so Zug um Zug zu einem Charakterbilde, das sein volles Interesse in Anspruch nahm. »Ich muß sagen,« versicherte er einmal bei einer solchen Zusammenkunft, »dieser Doktor Feld ist die interessanteste Gaunerfigur, die mir seit langem vorgekommen ist. Ein Problem, mit dem sich zu beschäftigen, es wohl der Mühe wert ist. In ihm sind Fähigkeiten, Intelligenz und Kenntnisse vereinigt, wie man sie selten findet. Ich sage Ihnen, man könnte ihn jeden Augenblick zum Minister machen, und er würde seinen Mann stellen. Ich selbst könnte mit einem solchen Sekretär zur Seite wie im Himmel leben. Er weiß, er versteht, er kann alles, und ich könnte ruhig die Hände in den Schoß legen und alle meine Geschäfte ihm überlassen. Er hat förmlich meine Sympathien gewonnen, und er tut mir ordentlich leid; denn er ist doch verloren. Er muß zugrunde gehen an der völligen Haltlosigkeit und Niedrigkeit seines Charakters. All seine glänzenden Eigenschaften vermögen keine Hemmungen zu schaffen gegen die Versuchungen, die seiner Charakteranlage entspringen. Es ist eine komplizierte Natur, und ich weiß nicht, ob da nicht ein Verteidiger mit Erfolg auf eine krankhafte Veranlagung, direkt auf moral insanity plädieren könnte.« »Sie vergessen, Herr Dagobert,« gab Gräfin Käthe zu bedenken, »daß es mir hier nicht um das ›Problem‹ zu tun ist, sondern um meinen Brief!« »Ich habe das nicht vergessen, Exzellenz! Sie können sich denken, daß ich auch schon in seiner Abwesenheit alle seine Sachen sehr genau durchsucht habe.« »Den Brief haben Sie nicht gefunden?« »Ich hatte nicht erwartet, ihn zu finden. Ich wollte mich nur vergewissern, daß er ihn wirklich immer bei sich trägt. Daraufhin konnte ich dann schon etwas wagen. Es wird Sie vielleicht interessieren, Gräfin, zu erfahren, daß ich mich persönlich davon überzeugt habe, daß der Brief sich wirklich noch dort befindet, wo er vor Ihren Augen wieder verwahrt worden ist – in seiner Brieftasche.« »Wie konnten Sie das, Herr Dagobert?« »Er war sehr spät in der Nacht heimgekommen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich ihn scharf beobachten lasse. Ein jeder seiner Schritte ist bewacht, und ich weiß auch auf den Kreuzer genau, was er ausgibt. Es ist nicht wenig. Der Mann lebt gut und hat noble Passionen, die häufig recht niedrige Passionen sind. Er ist Stammgast in den feineren Kabaretts, trinkt fleißig Sekt, spielt und verliert beträchtlich und unterhält Liebschaften, die man billige nennen darf, wenn sie auch kostspielig sein mögen. Und das alles, Gräfin, vorläufig auf Ihre Kosten! Er muß eine eiserne Natur haben. Denn bei all diesem wüsten Leben ist er am Tage vollkommen frisch und seine Arbeitsleistung im Dienste eine tadellose. Das soll ihm ein anderer nachmachen! Ich habe doch auch meinen wilden Hafer gesät, aber –« »Sie wollten von dem Briefe erzählen, Herr Dagobert!« »Ich bin dabei. Er war also sehr spät heimgekommen. Am Morgen betrat ich sein Zimmer. Er schlief sehr fest. Ich näherte mich seinem Bette. Auf seinem Nachtkästchen lag neben seiner Uhr die Brieftasche. Ich riskierte es, sie in die Hand zu nehmen, während ich ihn im Auge behielt. Er schlief fest und ruhig. Ich öffnete die Brieftasche und – ich hatte Ihren Brief in der Hand, Exzellenz!« »Sie haben ihn dann doch an sich genommen, Herr Dagobert?« »Ich habe ihn wieder in die Brieftasche gesteckt, diese wieder auf das Nachtkästchen gelegt und mich dann unbemerkt davongemacht. Ich wußte, was ich wissen wollte und was ich wissen mußte.« »Ja, aber um alles in der Welt, Herr Dagobert, warum haben Sie ihm da den Brief nicht gleich weggenommen?« »Ich meine auch, Freund Dagobert,« mischte sich da der Hausherr ins Gespräch, »das wäre doch die einfachste und radikalste Lösung gewesen.« »Eine Unklugheit wäre es gewesen,« entgegnete Dagobert ruhig, »und wir hätten ihm nur eine Waffe mehr in die Hand gedrückt. Wer hat denn den Skandal zu fürchten – er oder wir? Er hätte die Diebstahlsanzeige gemacht. Ein Brief Ihrer Exzellenz ist ihm gestohlen worden! Das Aufsehen! Warum hat man den Brief gestohlen? Die ganze Welt hätte sich den Kopf darüber zerbrochen, was in dem Brief wohl gestanden haben mag, und das Übel wäre nur ärger geworden, als es jetzt schon ist. Man hätte Schlimmeres gemutmaßt, als wozu der immerhin unkluge, aber doch aufzuklärende Brief selbst berechtigt hätte. Dann hätte die Erpressung nur noch mit doppelter Dampfkraft fortgesetzt werden können, nein, mein lieber Grumbach, so werden solche Sachen nicht gemacht. Von allem anderen aber abgesehen, meine Herrschaften – ich stehle nicht! Ich arbeite im Dienste der Gerechtigkeit, muß manchmal, um zum Ziele zu gelangen, Schleichwege wandeln, aber ich werde niemals, und sei die Versuchung noch so groß, selber eine Ungesetzlichkeit, ein Unrecht begehen, um dem Recht zum Siege zu verhelfen.« »Dagobert hat wieder einmal recht,« bekannte Grumbach. »So ging es wirklich nicht; wie soll es aber nun angestellt werden?« »Darüber hoffe ich bald berichten zu können.« Die Geduld der Beteiligten wurde auf eine ziemlich harte Probe gestellt. Bei den nächsten zwei, drei Zusammenkünften hatte Dagobert nichts von Belang zu erzählen oder wollte nicht. Er war wortkarg und begnügte sich damit, bereits Bekanntes vorzubringen, Rühmliches über die Fähigkeiten und die Arbeitskraft Doktor Felds und Unrühmliches über seinen Charakter. Erst etwa zehn Tage nach jener Unterredung zeigte er sich wieder aufgeräumter, so daß die Gräfin, die schon ganz verzagt gewesen war, wieder Hoffnung schöpfte. Als sie ihn so heiter sah, blickte sie fragend und bittend zu ihm auf. »Es geht gut, Exzellenz,« erwiderte er auf ihre stumme Frage, sich die Hände reibend. »Er bestiehlt mich schon!« »Und das freut Sie so sehr, Herr Dagobert?« »Ja, Gnädigste, ich freue mich wie ein Kind, dem man etwas geschenkt hat.« »Und was weiter?« »Sonst nichts. Sonst absolut nichts Neues.« »Und das ist das ganze Resultat Ihrer bisherigen Bemühungen?« »Das ganze. Ich bin sehr befriedigt davon.« »Ach, Herr Dagobert, ich fürchte, wir sind noch weit vom Ziele. Sie können ihn nun verhaften und einsperren lassen, aber damit ist mir noch sehr wenig gedient. Ich muß meinen Brief haben!« »Mir ist es um nichts anderes zu tun, als um den Brief. Mir liegt gar nichts daran, daß er eingesperrt werde.« »Sie glauben, daß, wenn Sie ihn des Diebstahls überweisen, er Ihnen als Entschädigung den Brief ausfolgen wird?« »Ich denke nicht daran! So ein Esel ist er nicht. Er hat nur bisher siebenhundertundzweiundachtzig Kronen gestohlen; der Brief ist seine Hunderttausend wert. Solche Geschäfte macht er nicht. Er darf gar nicht ahnen, daß ich von dem Briefe Kenntnis habe und in dessen Besitz gelangen möchte.« »Was wollen Sie also nun tun, Dagobert?« »Ich bitte nur noch um vierundzwanzig Stunden Geduld. Der Hauptschlag ist vorbereitet, und er soll, wenn alles klappt, im Laufe des morgigen Tages geführt werden. Machen Sie sich darauf gefaßt, Exzellenz, morgen wird es einen blamierten Europäer mehr geben: das wird der Doktor Feld sein – oder ich!« »Im letzteren Falle würde dieser Europäer – eine Europäerin sein. Ich beschwöre Sie, Herr Dagobert, nehmen Sie die Sache nicht scherzhaft und nicht leicht. Mir hängt das Leben daran!« »Seien Sie versichert, Gräfin, daß ich den Ernst der Sachlage vollkommen würdige. Auf morgen denn!« Gräfin Käthe war ganz blaß vor innerer Erregung, als sie am nächsten Tage zur verabredeten Zusammenkunft bei Grumbachs erschien, und erkundigte sich sofort angelegentlich, ob endlich etwas geschehen sei. »Ich habe allerdings heute einige Mitteilungen zu machen,« erwiderte Dagobert ruhig und mit einem beinahe schläfrigen Gesichtsausdruck. »Ach, Herr Dagobert, nicht auf Mitteilungen warte ich, auf den Brief, den Brief!« »Die Mitteilungen betreffen den Brief, Gräfin,« versicherte er langsam und mit einem fast unerträglichen Phlegma. »Ich vermute, Sie werden nicht mehr lange zu leiden haben. Also hören Sie: Ich habe bereits meiner Befriedigung Ausdruck gegeben, daß Herr Doktor Feld mich bestiehlt.« »Ja, das haben wir schon gehört,« warf hier Frau Violet ein, die nun schon selber ungeduldig wurde. »Ich möchte nur bemerken,« fuhr Dagobert fort, »daß das Bestohlenwerden an sich sonst nicht zu meinen besonderen Vergnügungen zählt. Hier war es mir angenehm, daß diese Tatsache mir die Richtigkeit meiner Kombination bestätigte. Was ein richtiger Hochstapler ist, und Doktor Feld hat Anspruch darauf, zu den besseren Hochstaplern gezählt zu werden, verschmäht auch einen kleineren oder größeren Diebstahl nicht, wenn sich die passende Gelegenheit dazu ergibt. Für solche Gelegenheiten hatte ich nun reichlich gesorgt, und Feld benutzte sie fleißig. Ich bin sonst ein Pedant in Geldsachen; hier markierte ich geniale Sorglosigkeit und Zerstreutheit. Ich bezeichnete ihm meine obere Schreibtischlade links als meine Geldlade. Jede Post brachte mir Geldsendungen – das hatte ich schon so arrangiert – und ich legte die Beträge vor seinen Augen in jene Lade oder hieß ihn sie hineinlegen. Aus der Lade heraus ließ ich ihn wirtschaften, wenn es Geld abzusenden galt, und er war berechtigt, aus ihr Rechnungen zu bezahlen, wenn diese in meiner Abwesenheit anlangten. Es herrschte eine greuliche Unordnung in der Lade – scheinbar. In Wirklichkeit wußte ich natürlich auf den Heller genau, wie es mit der Kasse stand. Unser Ehrenmann braucht sehr viel Geld. Sein Nachtleben ist kostspielig. In den letzten Nächten hat er besonders hoch und mit besonderem Unglück gespielt. Es ist für einen Hochstapler ein ganz unverzeihlicher Fehler, wenn er sich nicht auf das Falschspielen versteht. Ich wußte, daß es nun mit seinen Finanzen sehr schlecht bestellt sei, und es sollte mich nicht wundern, Exzellenz, wenn bereits in allernächster Zeit wieder ein dringender Mahnbrief bei Ihnen anlangen sollte.» »Ist bereits angelangt, Herr Dagobert,« erwiderte die Gräfin tränenden Auges, »heute morgen angelangt, und ich wollte Sie fragen, wie ich mich jetzt verhalten soll.« »Ich denke, wir werden ihn nicht beantworten. Er war also vollständig fertig und sehr in der Klemme. Bei der letzten Partie war er so hängen geblieben, daß er blank wurde und außerdem noch auf achthundert Kronen Bons ausstellte, die heute vormittag eingelöst werden mußten. Darauf baute ich meinen Plan. Wegen lumpiger achthundert Kronen geht ein Mann, der solche Ressourcen hat, nicht durch. Für meine Lade war der Betrag doch zu groß, daß er auf einen einmaligen Angriff unbemerkt hätte verschwinden können. Dem Manne mußte also auf andere Weise geholfen werden.« »Wie Dagobert für seinen Schützling besorgt ist!« meinte lächelnd Frau Violet. »Ja, ich habe ihn ins Herz geschlossen; ich mußte besorgt sein um ihn. So wie er also heute morgen aufgestanden war, läute ich ihn zu mir herein und bitte ihn, in meinem Namen an die Nummer 92001 zu telephonieren. Das ist die Nummer des Wagen- und Pferdeverleihers Heimel. Er möchte sofort einen Phaethon mit zwei Rappen schicken, da meine Pferde unpäßlich seien. Eine Viertelstunde später war mein Freund, der Oberkommissär Doktor Weinlich, bei mir, ein feiner, von mir hochgeschätzter Kriminalist! Ihnen kann ich's ja gestehen, daß jene Telephonnummer nur eine Deckadresse ist. Wenn Dagobert Trostler telephoniert, wird die Botschaft sofort telephonisch weitergegeben an die richtige Adresse. Meinen Sekretär hatte ich inzwischen mit einigen schriftlichen Arbeiten auf sein Zimmer geschickt. Ich konnte also ungestört mit Weinlich verhandeln. ›Sehen Sie sich diese Tausendkronennote an,‹ sagte ich ihm, als er Platz genommen hatte. ›Ich vermute, daß sie mir sehr bald gestohlen werden wird. Unsere Aufgabe wird es dann sein, sie wieder zustande zu bringen. Um aber sicher zu gehen und unliebsamen Verwechslungen vorzubeugen, wollen wir sie doch mit einem unauffälligen Merkmal versehen. Sehen Sie, ich mache hier mit einer feinen Nadel auf der deutschen Textseite in der linken Ecke oben im Dreieck drei Punkte. Die Spur glätte ich jetzt mit dem Falzbein, um sie nicht zu deutlich erscheinen zu lassen. Jetzt kann man die Spur mit bloßem Auge überhaupt nicht mehr sehen, wohl aber, wie Sie sich überzeugen können, mit dem Mikroskop. Trauen Sie sich zu, die Note mit Sicherheit wiederzuerkennen?‹ ›Um so mehr, geehrter Freund, als ich mir inzwischen schon ihre Nummer angemerkt habe.‹ ›Da sieht man doch gleich den Fachmann, mit dem zusammenzuarbeiten ein Vergnügen ist! Haben Sie die gewünschten ›Rappen‹ (zwei Geheimagenten der Polizei) mitgebracht?‹ ›Die Rappen stehen in der Nähe des Hauses bereit. Zu Ihrer Information: der eine verteilt Reklamezettel für ein phänomenales Haarwuchsmittel – es ist sein Nebengeschäft; der andere ist Couleurstudent, der bei der letzten Mensur schlecht weggekommen ist. Seine edlen Züge sind durch einen Gazeverband verhüllt.‹ ›Ausgezeichnet!‹ Ich klärte ihn nun, soweit als es nötig war, auf, worauf es mir zunächst ankam, und wie er die Rappen zu unterrichten habe. Ich versprach ihm noch, daß ich mich spätestens in einer Stunde in seinem Bureau einfinden werde, und dann ging er. Als er fort war, läutete ich stürmisch meinem Sekretär. Er erschien, und ich fluchte mörderlich über die tausend unnützen Sachen, mit denen ich da täglich behelligt würde. Dann raffte ich die vielen Briefe und sonstigen Schriftstücke auf meinem Schreibtisch summarisch zusammen und bepackte ihn damit. Er möge das selber nach Gutdünken erledigen und mir dann Bericht erstatten. Eilig werde wohl all das dumme Zeug nicht sein. Auf dem Tisch hatte auch der Tausender gelegen. Feld hatte ihn gesehen. In meiner Hast und Ungeduld hatte ich auch die Note in die Schriften gemengt. Ich ließ mir dann von meinem Diener in den Überrock helfen, mir Hut und Stock reichen und empfahl mich. Feld begab sich mit seiner Last in sein Zimmer, ich aber legte den Überrock wieder ab und zog mich ins Badezimmer zurück. Ich bade also ganz gemütlich und höre dabei, wie ich es erwartet hatte, nach einer Weile Schritte im Vorzimmer und gleich darauf die Türe gehen. Feld hatte sich entfernt. Nun kleidete ich mich rasch an und fuhr zu Doktor Weinlich aufs Amt. Ich fand ihn noch allein, aber bald bekamen wir Gesellschaft. Zunächst erschien der Reklamezettelverteiler und brachte Doktor Feld mit, der sich sofort auf das hohe Roß setzte und einen Protest gegen seine ganz unbegreifliche und ungerechtfertigte Verhaftung zu Protokoll diktieren wollte. »Darüber werden wir später sprechen,« erwiderte ihm Doktor Weinlich trocken. Dann wandte er sich an den Agenten: »Führen Sie diesen Herrn auf die Abteilung III und veranlassen Sie erstens die Leibesdurchsuchung, zweitens die anthropometrischen Messungen und drittens die photographische Aufnahme. Dann bringen Sie ihn wieder her.« Feld wurde abgeführt, und gleich darauf erschien der Couleurstudent mit einem fremden Herrn auf dem Plane. Meine Berechnung, Exzellenz, hatte sich also als richtig erwiesen. Doktor Weinlich hatte in meinem Auftrage die ›Rappen‹ zu einer Arbeitsteilung anzuleiten. Der eine sollte sich der Geldnote, der andere der Person Felds versichern. Ich nahm an, daß Feld die Note sofort in Umlauf bringen würde. Ich wußte, daß er noch am selben Vormittage seinen glücklichen Partner aufsuchen werde, um seine Spielschuld zu bezahlen. Man vertreibt sich ja eine aussichtsreiche Kundschaft nicht leicht. Noch war allerdings möglich, daß er die Note vorher wechseln würde. Für alle Fälle hatte der Agent die Aufgabe, die Persönlichkeit, die die Note in Empfang nehmen sollte, ferner diese selbst festzustellen. Der zweite Agent sollte Feld, nachdem er die Note verausgabt hatte, seinem Chef vorführen. Es ging alles wie am Schnürchen: Feld trat bei einem Juwelier ein, kaufte eine Busennadel und wechselte die Note. Als er den Laden verließ, nahm ihn der Reklamezettelverteiler in Empfang, während inzwischen im Laden selbst der Student das Nötige besorgte. Als man uns Feld wieder vorführte, war er einigermaßen betreten, unter den Anwesenden auch mich zu bemerken. Vorher hatte ich mich nämlich seinen Blicken zu entziehen gewußt. Doktor Weinlich machte seine Sache kurz und bündig. Er legte die Sachen vor sich hin, die dem Eingelieferten bei der Leibesvisitation abgenommen worden waren, dann fragte er ihm die Generalien ab und schritt zum Verhör. ›Sie haben heute eine Tausendkronennote verausgabt?‹ ›Allerdings, aber hoffentlich wird hier ein anständiger Mensch noch nicht verdächtig oder gar straffällig, wenn er eine größere Note einwechselt!‹ ›Unter Umständen vielleicht doch – das heißt – ein anständiger Mensch gewiß nicht. Können Sie sich ausweisen, wie Sie in den Besitz jener Note gelangt sind?‹ ›Gewiß! Ich kann nachweisen, daß Ihre Exzellenz–‹ ›Um Gottes willen, Herr Dagobert!‹ fiel hier Gräfin Käthe ein. ›Hat er meinen Namen genannt?‹ ›Seien Sie ganz ruhig, Gräfin, er kam nicht dazu. Doktor Weinlich schnitt ihm sofort das Wort ab. Wir werden ja sehen,‹ sagte er und wandte sich dann an den fremden Herrn: Herr Hofjuwelier Bruns, haben Sie die Note bei sich, die Ihnen dieser Herr gegeben hat?‹ ›Jawohl, ich habe sie bei mir.‹ ›Können Sie beeiden, daß es dieselbe ist, die er Ihnen gegeben hat?‹ ›Jawohl, das kann ich beeiden!‹ ›Ist aber auch jeder Irrtum ausgeschlossen?‹ ›Jeder Irrtum ist unmöglich. Sofort, nachdem ich sie eingenommen hatte, wurde sie von diesem Herrn, den ich als »Vertrauten« kannte, reklamiert. Es war mein erstes Geschäft am Tage, und ich hatte keine andre Tausendkrone in meiner Handkasse.‹ ›Schön,‹ fuhr Doktor Weinlich fort, ›wir werden also sehr bald fertig sein. Wir suchen nämlich eine ganz bestimmte Note. Sehen Sie doch nach, Herr Hofjuwelier. Die Note muß die Nummer 7102 haben und in der linken Ecke oben auf der deutschen Textseite drei feine Nadelstiche im Dreieck aufweisen. Fehlen diese Merkmale, dann ist es nicht unsere Note, und ich verfüge sofort die Freilassung Herrn Doktor Felds. Stimmen sie aber, dann muß ich ihn dem Kriminal einliefern.‹ Der Hofjuwelier untersuchte die Note genau und reichte sie dann herum. Die Merkmale stimmten. Feld erbleichte; er sah sich überführt. Nun mischte ich mich in die Sache, um mich mit aller Wärme für meinen Sekretär einzusetzen. Der Diebstahl sei allerdings erwiesen, aber ich erachte mich nicht für geschädigt und sei auch nicht gesonnen, die Strafanzeige zu machen. Damit sei gewissermaßen die vom Gesetz vorgesehene Schadensgutmachung vor erfolgter Anzeige erfolgt, und somit könnte wohl Herr Doktor Feld ohne weiteres freigegeben werden. ›So einfach geht das doch nicht,‹ entgegnete Doktor Weinlich. ›Ich kann davon absehen, diesen Herrn dem Kriminal einzuliefern, aber ich kann nicht davon abstehen, die sofortige Ausweisung über ihn zu verhängen. Sie können dagegen Berufung einlegen, Herr Doktor Feld, aber ich bemerke, daß ich Sie bis zur Erledigung der Berufung in Haft behalten müßte, und daß ich dann nicht dafür einstehen könnte, daß daraufhin nicht doch das gerichtliche Verfahren eingeleitet werden wird.‹ ›Ich lege keine Berufung ein,‹ erklärte Feld. ›Dann wären wir soweit in Ordnung. Agent Flachsmann, Sie bringen den Herrn zur Nordwestbahn und fahren mit ihm mit dem nächsten Zuge bis zur Grenze –.‹ ›Ich habe Ähnliches vermutet,‹ mischte ich mich nun wieder hinein, ›und habe deshalb das gesamte Gepäck meines Herrn Sekretärs hierherschaffen lassen. Der Wagen wartet unten vor dem Haustor.‹ Feld sah mich mit einem Blicke an, den ich gern photographiert hätte. Liebe drückte jener Blick gewiß nicht aus, aber Respekt lag doch darin. Und dabei wußte er nicht einmal und wird es auch nie erfahren, aus welchem Grunde eigentlich dieser ganze Apparat von mir aufgeboten worden war. ›Nun kann ich Ihnen auch Ihre Sachen wiedergeben,‹ fuhr Doktor Weinlich fort, ›die Ihnen bei der Visitation abgenommen wurden. Sie werden mir nur erlauben, sie rasch durchzusehen und zurückzubehalten, was besser bei uns als bei Ihnen aufgehoben sein könnte.‹ Er stöberte alles durch, behielt einige Papiere und folgte ihm dann die übrigen Sachen aus. Er gab ihm noch die Lehre mit auf den Weg, er möge sich ja nicht wieder über die Grenze herüberwagen. Es würde dann unnachsichtlich zu seiner Verhaftung und zur Wiederaufnahme des Verfahrens geschritten werden. Damit war die Verhandlung zu Ende – und hier, Exzellenz, haben Sie – Ihren schrecklichen Brief!« »Herr Dagobert!« rief Gräfin Käthe begeistert. »Das war eine Meisterleistung von Ihnen!« Eine teure Depesche. Sie saßen wieder zu dritt im Rauchzimmer: der Hausherr Andreas Grumbach, seine Gattin Frau Violet und Dagobert Trostler. Dagobert war wieder eine Woche verreist gewesen und hatte keine Nachricht von sich gegeben. Frau Violet war einigermaßen neugierig, zu erfahren, was er eigentlich auf seiner Reise angezettelt habe. Sie war in diesem Punkte nicht ganz der Meinung ihres Gatten gewesen, dem die diesmalige Abwesenheit Dagoberts besonders ungelegen gekommen war. »Ich hätte ihn gerade jetzt so notwendig gehabt wie noch nie,« hatte er tiefer Verstimmung seiner Gattin geklagt. »Er wußte das, mußte es wissen, und dennoch setzt er sich auf und tritt, ohne auch nur ein Wort zu sagen, eine Vergnügungsreise an!« Frau Violet glaubte an die Vergnügungsreisen Dagoberts nicht. Wenn der sich auf die Strümpfe machte, so hatte er sicherlich irgendeinen realen Zweck dabei im Auge, und welcher Art dieser sei, das war bei seiner bekannten großen Passion nicht schwer zu erraten. Gewiß hatte er wieder mit seinem vielfach bewährten Scharfsinn irgendeine Spur verfolgt, und Frau Violet rechnete nun darauf, daß er wie üblich Bericht über die Ergebnisse seiner Nachforschungen erstatten werde. Dagobert aber machte keine Miene. Er rührte den Zucker in seinem kleinen Schwarzen um und blickte träumerisch den blauen Rauchringeln seiner Havannazigarre nach. Frau Violet ärgerte sich ein wenig über den ostentativen Gleichmut, wo sie selbst doch schon so gespannt war. Sie gestattete sich auch eine spitzige Bemerkung. »Dagobert, hüten Sie sich, auch mich noch böse zu machen!« »Auch Sie?! Wer ist denn sonst noch böse?« »Ach, niemand – nur mein Mann.« »Der Herr Gemahl?!« Dagobert leistete sich einen unschuldigen Augenaufschlag und fuhr dann harmlos fort: »Du bist böse, Grumbach? Das wußte ich ja gar nicht. Darf ich mich bei dieser Gelegenheit vielleicht erkundigen, was ich eigentlich angestellt habe?« »Das weißt du ganz gut, Dagobert. Dieses eine Mal hast du wirklich nicht sehr freundschaftlich an mir gehandelt!« »Aber wieso denn?« »Tu nicht so! Vorige Woche hatten wir die Sitzung der Internationalen Kommission. Du weißt, was da vorgegangen ist. Nach der Sitzung verduftest du und trittst eine Vergnügungsreise an!« »Vielleicht war es gar keine Vergnügungsreise!« »Oder du läufst einem kleinen Defraudanten nach und lässest mich in einer geradezu welthistorischen Patsche sitzen, wo ich dich so notwendig gebraucht hätte, wie noch nie im Leben!« »Ich muß doch bitten, meine Herrschaften!« mengte sich da Frau Violet hinein. »Man spricht nicht in Gegenwart eines Dritten und nun gar einer Dame, der Frau des Hauses, in einer fremden Sprache. Sie aber reden in einer fremden Sprache, und ich verstehe kein Wort. Was ist denn das für ein Ding, die Internationale Kommission?« »Sehr richtig, meine Gnädigste!« bemerkte Dagobert. »Das bedarf einer Aufklärung; vielleicht auch die – wie sagte er doch? – die weltgeschichtliche Schlamastik, glaube ich.« »Jawohl, Dagobert; um diese Aufklärung wollte ich Sie eben gebeten haben, da mein Herr Gemahl –« »Aber liebes Kind,« entschuldigte sich Herr Grumbach, »was interessieren dich denn diese Geschichten, von denen du ja doch nichts verstehst.« »Da mein Herr Gemahl« – Frau Violet ließ nicht locker – »mich für viel zu gering erachtet, um mich mit seinem Vertrauen zu beehren!« »Ohne mich,« entgegnete Dagobert, »in die hier sich verheißungsvoll vorbereitende häusliche Szene einmengen zu wollen, für deren weiteren Verlauf ich meinerseits jetzt schon eine streng neutrale Stellung garantieren zu können glaube, bin ich doch der Meinung, daß das Wort jetzt Herrn Grumbach gebührt. Dort sitzt der Ankläger; er bringe seine Anklage vor, begründe sie, dann will ich sehen, was ich für mich tun kann.« Herr Grumbach mußte sich also zu Erklärungen herbeilassen. »Sei froh,« sagte er, sich an seine Gattin wendend, »daß du von all diesen Dingen nichts weißt. Wer weiß, ob du sonst so ruhig schliefest! Also was die Internationale Kommission ist, möchtest du wissen? Eine große Sache. Das ist eine Verwaltung, die für die Kleinigkeit von dreihundert Millionen die Verantwortung trägt.« »Ganz nett!« meinte Frau Violet mit gnädigem Kopfnicken. »Die Gesellschaft will eine direkte Zugverbindung zwischen Wien und Paris einer- und zwischen Wien und Rom andererseits herstellen. Sie setzt sich zusammen aus österreichischen, französischen und italienischen Kapitalistengruppen; daher die Bezeichnung Internationale Kommission.« »Eine sehr hübsche Idee; bin ganz einverstanden.« »Das ist lieb von dir, Violet, und wird die Kommission ungemein freuen. Zum Präsidenten der Gesellschaft haben sie mich gemacht. Natürlich! Du weißt ja, wenn irgendwo auf der Welt irgend etwas los ist, so ist immer das das erste, daß sie mich zum Präsidenten machen. Als wenn es überhaupt keinen andern gäbe!« »Gestatten Sie hier eine Zwischenbemerkung, Gnädigste,« nahm nun Dagobert das Wort. »Es ist vollkommen richtig, was Ihr geschätzter Gemahl da bemerkt, nur müßte er noch etwas hinzufügen. Er hat seit einigen Jahren die Gepflogenheit angenommen, nirgends hineinzusteigen, ohne mich mitzunehmen, und so bin auch ich hier zum Handkuß und in die Kommission gekommen. So bin auch ich mit der Zeit, und ich kann sagen ganz contre coeur , ein Finanzgenie geworden.« »Er hat ganz recht getan, Dagobert. Ich an seiner Stelle ließe Sie auch nicht aus.« Nach dieser Unterbrechung fuhr Grumbach fort: »Für Donnerstag voriger Woche, neun Uhr früh, hatte ich eine Sitzung der Kommission einberufen. Die Tagesordnung war eine sehr wichtige. Die erste Emission von Aktien im Betrage von 50 Millionen war im Vorjahre glatt vor sich gegangen. Nun sollte ein weiterer Posten von abermals 50 Millionen zur Subskription aufgelegt werden, und darüber sollte ein Beschluß gefaßt werden. Dieses Mal sollte aber die Sache nicht so glatt verlaufen. Knapp vor Eröffnung der Sitzung sehe ich nur noch rasch die Depeschen des ›Freien Morgenblatt‹ durch, und da glaube ich, vom Sessel fallen zu müssen. Es war nicht anders, als wenn eine Bombe vor mir geplatzt wäre. Dort stand groß und breit ein Originaltelegramm zu lesen, daß die französische Regierung beschlossen habe, die Kotierung der neuen Emission an der Pariser Börse nicht zu bewilligen.« »Was heißt das?« erkundigte sich Frau Violet. »Mit mir muß man deutsch reden.« »Das hätte heißen sollen, daß die französische Regierung das Vertrauen zu unserer Unternehmung verloren habe, das französische Kapital schützen und deshalb die fragwürdigen Aktien zur Pariser Börse nicht zulassen wolle. Damit wären wir einfach zugrunde gerichtet gewesen. Nicht nur, daß das französische Kapital sich zurückgezogen halte, wir hätten das Vertrauen im Publikum überhaupt verloren, und es wäre eine bare Unmöglichkeit geworden, die Aktien unterzubringen. Das ist klar. Wer hätte sich denn unter solchen Umständen zu dieser Kapitalsanlage entschließen sollen? Zum Glück verlor ich den Kopf doch nicht. Ich eröffnete die Sitzung, die sofort einen sehr stürmischen Charakter annahm. Ich war aber der Situation gewachsen. Ich setzte den Leuten auseinander, daß wir vor allen Dingen kaltes Blut bewahren müßten, und beantragte zunächst zu beschließen, daß wir uns nicht fürchten. Wir hätten es da mit einer Tatarennachricht zu tun, die sicher nicht wahr sei. Allerdings – das ›Freie Morgenblatt‹ sei ein ernstes und anständiges Blatt, aber es sei sehr wahrscheinlich, daß es einer Mystifikation zum Opfer gefallen sei. Wenn aber das der Fall sei, dann liege hier ein verbrecherischer Anschlag, ein schmutziges Börsenmanöver vor, und deshalb habe ich als Präsident der Gesellschaft es für meine Pflicht erachtet, noch vor Eröffnung der Sitzung unsere Kriminalpolizei telephonisch von dem Fall zu verständigen und ihr die weitere Verfolgung desselben ans Herz zu legen. Diese Mitteilungen beruhigten die Versammlung doch einigermaßen, unseren Freund Dagobert speziell so sehr, daß er daraufhin die Sitzung verließ. Und seither sehe ich ihn heute, nach acht Tagen! zum erstenmal wieder. Als ich am Abend desselben Tages noch bei ihm vorsprechen wollte, um mich mit ihm zu beraten, teilte mir sein Diener mit, daß sein Herr eine Vergnügungsreise nach dem Süden angetreten habe. Da hört doch verschiedenes auf! Das sind unsere Freunde! Hoffentlich hast du dich wenigstens gut unterhalten!« »Ich danke der gütigen Nachfrage, es war gottlob recht angenehm.« »Das Aussehen ist erfreulicherweise ein befriedigendes. Die Sonne des Südens scheint dir wohlgetan zu haben.« »Ich kann nicht klagen. Die Sitzung mußte ich leider meiner Reisevorbereitungen halber vorzeitig verlassen. Ich weiß auch nichts über ihren weiteren Verlauf, und es würde mich wohl interessieren, etwas von ihr über die Entwicklung der Dinge überhaupt bis auf den heutigen Tag zu erfahren. Auf der Reise erfährt man nichts, und so bin ich der reine Tor, der voll nichts eine Ahnung hat.« »Die Angelegenheit wurde gründlich durchgesprochen. Die naheliegende Idee, dem ›Freien Morgenblatt‹ eine geharnischte Berichtigung auf Grund des § 19 des Preßgesetzes zu schicken, mußte verworfen werden. Die positive Grundlage für eine solche fehlte uns noch, und kompromittieren durften wir uns nicht. Eine telegraphische Verständigung mit der französischen Regierung schien nicht rätlich. Wenn auch nur etwas an der Sache wahr war, konnte der telegraphische Verkehr eher nur noch Schaden bringen, während auch in diesem Falle die persönliche Intervention vielleicht noch manches retten konnte. Es wurde also unser Generaldirektor Knall und Fall nach Paris entsandt. Dort sollte er durch Vermittlung unserer Botschaft mit der französischen Regierung in Beziehung treten, um sich mit ihr auseinanderzusetzen.« »Und die Emission?« »Wir überlegten lange, ob wir sie unter solchen Umständen wagen durften. Wir beschlossen, sie trotzdem durchzuführen. Jetzt durften wir kein Zeichen von Schwäche geben. Das hätte verhängnisvoll werden müssen. Wir eröffneten also die Subskription, als wenn nichts geschehen wäre.« »Und der Erfolg?« »Der Erfolg hat uns recht gegeben. Der Verlauf war, wie wir ihn erwartet hatten. Im Anfang flau, sehr flau. Darauf mußten wir ja gefaßt sein. Die Beteiligung war schwach, und an der Börse gab es am ersten und zweiten Tage einen Kursverlust von zehn Prozent, am dritten und vierten Tage sogar bis zu zwanzig Prozent. Am Abend des vierten Tages traf der Bericht unseres Generaldirektors ein. Nicht eine Silbe jenes Telegrammes war wahr gewesen. Nun konnten wir auch ein Communiqué an die Zeitungen schicken und das Publikum aufklären. In weiteren zwei Tagen war nicht nur der ganze Kursverlust hereingebracht worden, wir stehen heute sogar schon fünf Prozent über dem Emissionskurs, und ich habe das Vertrauen zu unserer guten Sache, daß wir mit Gottes Hilfe überhaupt nie mehr unter diesen Kurs sinken werden.« »Gott sei Dank, daß die Geschichte noch so abgegangen ist!« rief Frau Violet aufatmend aus. »Aber Dagobert, schön war es von Ihnen wirklich nicht, daß Sie da schnöde abgefahren sind und meinen armen Mann im Stiche gelassen haben.« »Man wird doch einmal im Jahre auch eine Vergnügungsreise machen dürfen, meine Gnädigste.« »Es hätte aber nur nicht gerade in dem Moment sein müssen, als André Sie vielleicht sehr notwendig brauchen konnte!« »Aber Sie sehen doch, Frau Violet, daß auch so alles vortrefflich gegangen ist.« »Es hätte aber auch schiefgehen können, und in solcher Lage läßt man seinen Freund nicht allein.« »Es ist auch wirklich so gegangen,« nahm der Hausherr wieder das Wort, »und ich glaube, mir darauf etwas einbilden zu dürfen. Jedenfalls war ich der einzige, der den Kopf nicht verlor. Sage selbst, Dagobert, ob ich mich da nicht mit Anstand aus der Affäre gezogen habe.« »Ich habe keinen Augenblick gezweifelt, daß du dich der Situation gewachsen zeigen wirst. Darum schon bin ich mit aller Gemütsruhe abgefahren. Wie ich nun höre, ist alles ausgezeichnet gemacht worden. Besonders hoch rechne ich es dir an, daß du gar nicht erst versucht hast, mit vorzeitigen und nicht hinreichend belegten ›Berichtigungen‹ hervorzutreten. Das hätte nur aufreizend wirken und überflüssige Entgegnungen hervorrufen und im ganzen nur schaden können. Wie du es gemacht hast, war es jedenfalls am besten.« »Ich danke für die Anerkennung,« entgegnete Grumbach lächelnd, und dann fügte er, sich an seine Gattin wendend, hinzu: »Willst du übrigens den eigentlichen Grund für seine schleunige Flucht wissen? Da wirkte ein psychologisches Motiv mit – beleidigter Künstlerstolz!« »Jetzt bin ich aber wirklich selber neugierig, zu erfahren, warum ich abgefahren bin!« »Ich will dir's ehrlich sagen, lieber Freund. Es war nichts anderes, als was ich schon angegeben habe. Es war da eine Gaunerei begangen worden, und ich teile der Versammlung mit, daß ich die Behörde sofort aufgefordert hatte, der Sache nachzugehen. Das vertrug Freund Dagobert nicht. Er ist der, wie ich ohne weiteres zugebe, vollkommen berechtigten Ansicht, daß man es nicht nötig hat, sich zur Aufhellung einer Lumperei an die löbliche Polizei zu wenden, wenn man so glücklich ist, ihn zur Verfügung zu haben.« »Dieser Meinung bin ich auch,« sagte Frau Violet. »Ich nicht minder, wie bereits erwähnt,« fuhr Grumbach fort, »nur war es hier wirklich nicht möglich, selbst wenn es das vernünftigste gewesen wäre, die Kunst Dagoberts in Anspruch zu nehmen. Wir stehen im Lichte der Öffentlichkeit, und es sind ungeheure Summen, die hier ins Spiel kommen. Es galt, ein internationales Publikum zu beruhigen. Welch einen Sturm von internationalen Rekriminationen hätte es erregt, wenn es ruchbar geworden wäre, daß wir, um die vielen Tausende von unseren Aktionären vor infamer Ausbeutung zu schützen, uns, statt an die Autorität der staatlichen Behörden, an einen privaten Herrn wenden, der zufällig Liebhaber in der Detektivkunst ist. Natürlich hätte Dagobert alles besser gemacht. Das wissen wir , aber das internationale Publikum weiß es vielleicht doch noch nicht, obschon sein literarischer Freund es an Emsigkeit wahrhaftig nicht fehlen läßt, die Welt mit seinen Leistungen bekannt zu machen. Wir wären mit Vorwürfen überschüttet worden und hätten alles Vertrauen verloren. Das siehst du doch ein, Dagobert?« »Ich sehe das nicht nur ein, sondern ich finde darin auch bestätigt, was ich ohnedies schon längst wußte, daß du nämlich ein sehr gescheiter Mensch bist, mein lieber Grumbach, und daß die Leute nur sehr recht haben, wenn sie dich auf jeden irgendwo freiwerdenden Präsidentenstuhl setzen. Du hast mich vorhin nur nicht ausreden lassen, sonst hätte ich mir gleich zu bemerken erlaubt, daß der allerfeinste Zug in der ganzen Affäre von dir der war, daß du meinen Namen überhaupt nicht genannt hast.« »Ich glaube aber,« mengte Frau Violet sich wieder ein, »daß diese Angelegenheit nun zur Genüge durchgesprochen ist. Dagobert hat seine – seien wir gerecht – diesmal nicht unverdiente Strafe erhalten. Damit ist die Affäre in ritterlicher Weise erledigt. Lassen wir sie also ruhen und hören wir jetzt endlich von Dagoberts Reiseabenteuern. Ohne Grund sind Sie nicht nach Italien gefahren. Das werden Sie nur niemals weismachen!« »Ich bin geneigt zu vermuten, daß man im allgemeinen und überhaupt niemals ganz ohne Grund nach Italien zu reisen pflegt.« »Sie verstehen schon ganz gut, wie ich es meine, Dagobert. Das Jagdfieber hat Sie getrieben; Sie haben wieder eine Spur verfolgt.« »Ha, ich bin entlarvt!« »Erzählen Sie etwas davon. Was hatten Sie vor?« »Ich wollte eine Lumperei aufdecken.« »War es ein interessanter Fall?« »Mich hat er interessiert. Denken Sie nur, Gnädigste: in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die das Haus Grumbach sehr nahe und doch auch mich ein wenig angeht, erscheint ein offenkundig lügenhaftes Telegramm. Das wird mir offiziell mitgeteilt –« »Was?!« unterbrach da Grumbach aufs höchste erstaunt. »Du hast dich über diese Sache hergemacht?! Unglücksmensch – und davon sagst du nicht eine Silbe?!« »Man hat mich ja nicht gefragt! Und überhaupt, in diesem Hause läßt man ja einen Menschen nicht zu Worte kommen.« »Aber ich warte doch schon seit einer Stunde, daß Sie erzählen sollen!« ließ sich Frau Violet darauf vernehmen. »Ich dachte, wir wären nur abgekommen.« »Nein, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »wir waren ganz bei der Sache. Übrigens war die Angelegenheit wichtig genug, um Ihnen zur Kenntnis gebracht zu werden. Wenn Ihr Rabengatte nicht früher dafür gesorgt hatte, so werden Sie ihm dafür gewiß verdientermaßen – unter vier Augen den Standpunkt klarmachen. Wenigstens kennen Sie nun die Vorgeschichte. Die Anklagerede haben Sie gehört, hören Sie nun auch die Verteidigung.« »Ich kann mich noch immer nicht fassen,« rief Grumbach. »Ohne ein Wort zu sagen!« »Ich hatte keine Zeit dazu. Mit der Nachricht war auch ich überrumpelt worden. Ich bin kein Frühaufsteher. Der Herr Präsident hatte die Laune gehabt, für neun Uhr früh, also zu nachtschlafender Zeit, eine Sitzung einzuberufen –« »Das hatte seinen guten Grund,« erläuterte Grumbach. »Die europäischen Börsen sollten noch rechtzeitig von ihrem Ergebnis telegraphisch oder telephonisch verständigt werden können.« »Jedenfalls hatte ich noch keine Zeitung gelesen,« fuhr Dagobert fort. »Als ich das Wesentlichste erfahren hatte, den Inhalt des Telegramms und die Tatsache, daß der Herr Präsident sich korrekterweise – wie ich betone – an die Behörde gewendet habe, da hatte ich in der Sitzung nichts mehr zu tun und empfahl mich englisch.« »Ich glaube, man sagt –französisch,« meinte Frau Violet. »Meinetwegen holländisch! Ich glaube nun nachweisen zu können, daß mir zur Veranstaltung von besonderen Abschiedsfeierlichkeiten wirklich keine Zeit übrigblieb.« »Was taten Sie zuerst, Dagobert?« »Zuerst natürlich ging ich auf die Polizei.« »Aber mit der hatte doch ich mich schon ins Einvernehmen gesetzt!« warf Grumbach ein. »Ganz richtig, eben deshalb. Ich hatte richtig kalkuliert, daß, wie gewöhnlich die wichtigeren Fälle, auch dieser meinem Freunde, dem Kriminalkommissär Doktor Weinlich zugeteilt worden sei. Ich kam glücklicherweise gerade zurecht, ihn noch veranlassen zu können, daß er die Hand davon lasse.« »Das ist aber stark!« rief Grumbach einigermaßen entrüstet. »Wo ich die Anzeige gemacht hatte!« »Doktor Weinlich war sehr froh, daß ich abwinkte. Er ist ein tüchtiger Praktiker und weiß, daß bei derlei Untersuchungen, wenn sie die Polizei in die Hand nimmt, nie etwas Vernünftiges herauskommt. Eine falsche Nachricht – mein Gott! man hat sich geirrt, man war unrichtig informiert, ist selbst ein Opfer geworden und so weiter. Die mala fides läßt sich in den seltensten Fällen nachweisen, und jedenfalls haben bei solchen Börsenmanövern die Betrüger ihr Schäfchen längst ins trockene gebracht, bevor die Polizei überhaupt noch einen Anhaltspunkt gefunden hat, um ihrer habhaft werden zu können. Solche Fälle gehören zu den sogenannten undankbaren. Ein positiver Erfolg ist bei ihnen höchst unwahrscheinlich, die Blamage ziemlich gewiss. Als ich also abwiegelte und das Feuer einzustellen bat, da fiel dem erfahrenen Kriminalisten förmlich ein Stein vom Herzen. Ich gebe zu, lieber Grumbach, es war eine Eigenmächtigkeit von mir, daß ich deinen Auftrag so durchkreuzt habe –« »Du mußtest wissen, was du tust. Jedenfalls übernahmst du damit die Verantwortung.« »Dessen war ich mir bewußt. Es mußte rasch gehandelt werden. Von der Polizei fuhr ich zum ›Freien Morgenblatt‹. Den Chefredakteur kenne ich, und ich weiß, daß er sein Blatt zu unreinlichen Manövern nicht hergibt. Er traute der Nachricht selbst nicht recht, und er hätte sie auch nicht veröffentlicht, ohne sich erst über ihre Richtigkeit zu vergewissern. Das sei aber nicht möglich gewesen. Er selbst habe das Telegramm erst am Morgen gelesen. Es war spät in der Nacht gekommen, und der Nachtredakteur habe geglaubt, es nicht unterdrücken zu dürfen, und so gab er es, wie es gekommen war, ohne Kommentar. Übrigens müsse er bemerken, daß sein venezianischer Korrespondent Sarto ein durchaus ehrenwerter und verläßlicher Mann sei. Da hatte ich endlich den ersten Anhaltspunkt. Das Telegramm war also in Venedig aufgegeben worden. Datiert war es in der Zeitung aus Paris. Darin sei an sich nichts Auffälliges, meinte der Chefredakteur. Das Telegramm war gleich druckfertig adjustiert, und die Pariser Datierung sei ganz einfach zu erklären. Die Nachricht sei entweder von Paris aus an ein venezianisches Blatt telegraphiert worden, mit dem Sarto in Verbindung stehe und von diesem dann nach Wien weitergegeben worden, oder die französische Regierung habe direkt die italienische verständigt, und Sarto habe das ebenfalls erfahren. Ich ließ mir das Telegramm ausheben. Es war in Venedig um 10 Uhr 45 Minuten nachts auf dem Amte 1 aufgegeben worden und war in Wien um 12. 31 eingelangt. Ich bat nun den Chefredakteur, an seinen Korrespondenten sofort ein dringendes Telegramm mit bezahlter Rückantwort auszufertigen mit der Bitte, wenn es ihm möglich sei, seine Quelle anzugeben. Ich würde in etwa drei Stunden wiederkommen, um mir die Antwort zu holen.« »Ist die Antwort eingetroffen?« fragte Grumbach gespannt. »Prompt. Sie lautete, wie ich gleich vermutet hatte: Habe über Kotierung überhaupt nicht telegraphiert. Mißbrauch meines Namens. Werde sofort Betrug recherchieren. Sarto.« Ich ließ unverzüglich zurücktelegraphieren: »Recherchen einstellen bis nach Rücksprache mit Herrn Dagobert, die morgen früh erfolgt.« Dann ließ ich mir für alle Fälle das erste verhängnisvolle Telegramm ausfolgen und ging weiter meinen Geschäften nach. »Wie ich Sie aber kenne, Dagobert,« meinte Frau Violet lächelnd, »haben Sie auch die ersten drei Stunden nicht müßig verbracht.« »Gewiß nicht, meine Gnädigste; es gab sogar sehr viel zu tun. Zunächst fuhr ich – ich mußte die knappe Zeit vor der Börse noch benutzen – bei einigen großen Banken herum, deren Direktoren ich kenne. Mit diesen mußte ich mich, ohne auch nur die geringste Eile zu verraten, über die augenblickliche Weltlage überhaupt unterhalten. Dabei kamen wir natürlich auch auf die verweigerte Kotierung zu sprechen. Ich bezweifelte die Richtigkeit der Meldung. Man widersprach mir nicht, meinte aber mit vielsagendem Mienenspiel, daß es heute trotzdem eine scharfe Baisse geben würde. ›Ich glaube wohl,‹ erwiderte ich, mich dumm stellend, ›daß Frankreich jetzt massenhaft die Papiere auf den Markt werfen wird.‹ – ›I wo!‹ lautete ausnahmslos die Antwort, ›Frankreich rührt sich merkwürdigerweise gar nicht, wohl aber Italien. Italien gibt! Wir haben starke italienische Orders.‹ – Das war es, was ich hatte wissen wollen. Weiter forschte ich auch nicht. Denn das wußte ich, daß mir die Namen der Kommittenten doch nicht bekanntgegeben werden würden. Auch die Banken halten auf ihre ›Redaktionsgeheimnisse‹, und auch bei ihnen gilt es für unehrenhaft, sie preiszugeben. Es konnte nicht meine Absicht sein, jemanden zu einer Unanständigkeit zu verleiten. Dann machte ich noch einen Sprung auf die Mittagsbörse und konnte da mit allerdings sehr gemischten Gefühlen beobachten, wie die Raubzüge gelangen. Die Beute muß eine enorme gewesen sein. Ich ging bald davon. Sie können sich denken, Frau Violet, in welcher Stimmung! So ungefähr wie ein verprügelter Hund. Dann holte ich mir die Antwort auf der Redaktion, und dann ging die Arbeit erst recht wieder los. Ich fuhr abermals zur Polizei und ließ mir durch Doktor Weinlichs Vermittlung ein warmes Empfehlungsschreiben an den Chef der Kriminalpolizei von Venedig ausstellen. Dann ging's zur italienischen Botschaft, wo ich einige Herren kenne. Ich setzte auseinander, um was es sich handle, und bat um eine eindringliche Empfehlung an den Direktor des Post- und Telegraphenamtes in Venedig. Bis ich all das beisammen hatte, war es Abend geworden, und ich hatte noch keinen Bissen gegessen. Mit dem Nachtzuge fuhr ich nach Venedig, wo ich am nächsten Morgen eintraf. Mein erster Weg war zu Sarto. Ich lernte in ihm einen umgänglichen, älteren Herrn von guten Manieren kennen, mit dem es sich ganz angenehm plauderte. Er war früher einmal selbst Bankier gewesen. As solcher war er dann niedergebrochen, und nun brachte er sich als Zeitungskorrespondent in ehrenwerter Weise fort. Er war sehr aufgeregt über den Mißbrauch seines Namens und wunderte sich nicht wenig über die Gleichgültigkeit, mit der ich die Angelegenheit behandelte. Ich zeigte in der Tat wenig Interesse für sie. Ich teilte ihm zwar mit, daß ich allerdings Mitglied der Internationalen Kommission sei, und da ich gerade um die Wege war, ihn habe telegraphisch benachrichtigen lassen, daß ich mit ihm Rücksprache nehmen wolle, sei aber überzeugt, daß es auch hier wie bei den meisten Börsenmanövern überhaupt sehr schwer sei, dem Schwindel auf den Grund zu kommen. Er solle sich also keine überflüssige Mühe machen, dafür lieber ein kleines Vergnügungsprogramm für meinen Aufenthalt in Venedig ausarbeiten. Es werde mir ein besonderes Vergnügen sein, bei Absolvierung desselben ihn als meinen lieben Gast betrachten zu dürfen.« »Wozu brauchen Sie denn einen Cicerone, Dagobert?« fragte die Hausfrau. »Soviel ich weiß, kennen Sie Venedig sehr genau.« »Wie meine Tasche, Frau Violet. Ich wollte den Mann nur immer unter den Augen haben.« »Hatten Sie denn Verdacht gegen ihn?« »Wenn ich ihn gehabt hätte, so ward er doch schon bei unserer ersten Begegnung völlig zerstreut. Ich hatte einen andern Grund. Ich sah gleich – man hat seinen Instinkt – daß mir der Mann kaum etwas nützen konnte. Er konnte aber vielleicht schaden. So ein Korrespondent kommt viel herum. Eine unbedachte Äußerung an rechter oder unrechter Stelle über meine Anwesenheit und den etwaigen Zweck derselben hätte mir meine Aufgabe sehr erschweren, ihre Lösung vielleicht unmöglich machen können. Ich mußte also vorsichtig sein, sprach nichts von meinen Absichten und lenkte schließlich ganz ab von dem Thema, in das ich mich innerlich doch schon ganz verbissen hatte. Jetzt war das Vergnügungsprogramm die Hauptsache. Für dieses braucht man Geld. Ich fragte ihn, ob er mir nicht irgendeinen Cambiavaluterich empfehlen könnte, bei dem man seine paar Kronen in Lire umwechseln lassen könnte, ohne daß einem dabei gleich die Haut über die Ohren gezogen würde. Er nannte mir die Wechselstube des Hauses Pasqualati \& Reiner. Das ist eine vorzügliche Idee! rief ich erfreut. Das ist eine große Firma. Und eine angesehene, fügte er hinzu; man schätzt sie auf zehn Millionen. Das wußte ich. Die Firma ist auch in der Internationalen Kommission vertreten, und während ich hier meine Zeit angenehm verplauderte, zerbrach sich Herr Pasqualati mit den anderen Herren der Kommission in Wien den Kopf, wie dem kühnen Einbruchsversuch am besten zu begegnen sei. Er war ja mit in der Sitzung gewesen, aus der ich durchgegangen war. Ich war wirklich dankbar für die gute Auskunft. Leider ist aus der Verwirklichung des Vergnügungsprogramms doch nichts geworden. Gerade wie wir im besten Plauschen waren, erhält Herr Sarto vom ›Freien Morgenblatt‹ den telegraphischen Auftrag, sich unverzüglich nach Triest zu begeben, um dort dem Stapellauf des neuen österreichischen Kriegsschiffes ›Erzherzog Karl‹ beizuwohnen. Dagegen ließ sich nichts tun. Er mußte sofort abreisen.« »Und so haben Sie eigentlich von der ganzen Unterredung mit der wichtigsten Persönlichkeit in dieser Sache nichts gehabt!« meinte bedauernd Frau Violet. »Nicht doch, meine Gnädigste; sie hat wesentlich mitgeholfen, daß ich schon am nächsten Tage die Hand auf den gesuchten Betrüger legen konnte.« »Dagobert!« rief nun der Präsident maßlos erstaunt und aufgeregt. »Du hast den Betrüger gefunden?!« »Weshalb wäre ich denn sonst nach Venedig gefahren?!« »Mensch, bist du rein toll geworden?! Hat ihn und sagt kein Wort!!« »Wer sagt denn, daß ich nichts sage? Ich bin doch eben dabei! Wenn man mich aber noch weiterhin insultiert, wie das in diesem Hause schon zur Gewohnheit geworden zu sein scheint – gut; dann sage ich eben nichts!« »So sei doch kein Kind, Dagobert! Du siehst, ich sitze aus Nadeln!« »Der ganze Dagobert!« sagte Frau Violet. »Er verblüfft die Leute, er überrumpelt sie, er rennt sie nieder. So macht er es auch mit uns. Man fängt doch nicht mit dem Ende an. Man erzählt doch den Leuten erst, wie alles zugegangen ist!« »Das Ende, Frau Violet, ist die Hauptsache, alles übrige ist nebensächlich. Sie sollen ja alles erfahren, nur wollte ich dieselbe Geschichte nicht zweimal erzählen.« »Wieso zweimal?« »Ich muß doch über meine Unterhaltung mit dem Betrüger berichten, den wir also nun glücklich hätten. Meiner Gewohnheit gemäß habe ich ihm ganz loyal und aufrichtig erzählt, wie ich ihn eingefangen habe. Das hat immer seine Wirkung. Die Leute müssen sich selber überzeugen, daß sie mir nicht auskommen können. Dann erst werden sie gefügig.« »Sagen Sie, Dagobert, war es wirklich Sarto selber?« »Ach, wo denken Sie hin, Gnädigste?! Das ist, wie ich auf den ersten Blick erkannt hatte, ein durchaus anständiger und vertrauenswürdiger Mensch. Also hören Sie. Daß Sarto plötzlich abreisen mußte, war mir gar nicht so unangenehm, wie ich vorschützte. Nun behielt ich doch ganz freie Hand, und in Triest konnte er mir nichts schaden. Ich dagegen konnte ungehindert den Tag und die Nacht für meine Zwecke benutzen, und Sie können sich denken, Gnädigste, daß ich nicht müßig gegangen bin. In vierundzwanzig Stunden war ich so weit, daß ich meine Mission als beendet betrachten konnte. Am nächsten Vormittag um zehn Uhr betrat ich die Wechselstube Pasqualati \& Reiner, um mir ein paar hundert Lire einzuwechseln. Als das besorgt war, erkundigte ich mich um den anwesenden Chef, Herrn Reiner. Er wurde geholt, und ich erklärte, daß ich ein größeres Geschäft mit ihm zu besprechen hätte. Das berührte den kleinen Mann mit dem Geiergesicht sehr angenehm und er geleitete mich freundlich in sein Kabinett. Er bot mir erst einen Sitz und dann eine Zigarre an. In dem Fauteuil ließ ich mich behaglich nieder; denn ich war wirklich ein wenig müde; für die Zigarre dankte ich. ›Wenn Sie aber erlauben, Herr Reiner,‹ fügte ich hinzu – die Unterhaltung wurde in deutscher Sprache geführt – ›dann zünde ich eine von meinen eigenen an.‹ Das tat ich denn auch, und unter dem Anzünden bemerkte ich harmlos: ›Ich nehme nämlich grundsätzlich keine Zigarren von Gaunern an.‹ Da wurde der Mann bös, sprang auf und wollte seine Leute herbeirufen, um mich hinauswerfen zu lassen. Ich blieb ruhig sitzen und gab der Ansicht Ausdruck, daß es vielleicht besser wäre, die Leute nicht hereinzurufen, denn dann müßte ich vor ihnen sagen, was ich ihm vorläufig unter vier Augen mitteilen wollte. Das könnte ihm am Ende doch unangenehm werden, und ich wäre geradezu trostlos, wenn ich ihm auch nur die geringste Unannehmlichkeit dieser Art bereiten müßte. Er nahm Räson an und setzte sich wieder. Ich solle sagen, was ich zu sagen hätte. Er jedenfalls wisse, daß er sich nichts Unrechtes vorzuwerfen habe. ›Desto besser für Sie,‹ räumte ich ein. ›Dann wird mir zum Schlusse nichts anderes übrigbleiben, als Sie um Entschuldigung zu bitten.‹ ›Das war wohl früher zu überlegen, bevor Sie in so rüder Weise beleidigten!‹ ›Es war meine Ansicht, und ich hege sie noch. Ich sehe aber ein, daß, wenn ich unrecht habe, es mit einer bloßen Entschuldigung nicht abgetan ist. Für diesen Fall würde ich mich auch ohne weiteres zu einer Buße von einer Million verstehen, anderenfalls aber – doch davon später!‹ ›Was wollen Sie eigentlich?‹ ›Wie bereits angedeutet, ich will einen Gauner unschädlich machen.‹ ›So können wir nicht weiterreden!‹ ›Ich sehe nicht ein, warum nicht! Ich habe in meinem Leben schon ziemlich viel Gelegenheit gehabt, mit Gaunern zu verkehren und ich muß sagen, Herr Reiner, daß, wenn die gegenseitigen Ansprüche nicht gar zu hoch gespannt waren, wir gewöhnlich ganz gut miteinander ausgekommen sind.‹ ›Kommen Sie endlich zur Sache!‹ mahnte er ungeduldig. Das war mir ganz recht, daß er ungeduldig wurde. Ich hatte absichtlich so lange herumgeredet und ihn zappeln lassen, um ihn nervös zu machen. ›Gut, ich will Ihnen reinen Wein einschenken, Herr Reiner,‹ fuhr ich fort. ›Die Vorgeschichte darf ich ja bei Ihnen als bekannt voraussetzen?‹ ›Welche Vorgeschichte?‹ ›Sie wollen nichts wissen – auch gut. Ich hatte nicht die Absicht, Ihnen eine Suggestivfrage zu stellen. Ich arbeite nicht mit solchen Mitteln und dazu habe ich eine zu hohe Meinung von Ihren Fähigkeiten. Fangen wir also beim Anfang an. Vorgestern brachte das Freie Morgenblatt in Wien ein Originaltelegramm mit der Meldung, daß die französische Regierung die Erlaubnis zur Kotierung der Aktien der Internationalen Eisenbahngesellschaft verweigert habe. Für die Eingeweihten, zu welchen ich mich zählen darf, war es sofort klar, daß hier ein schwindelhafter Bluff vorlag. Immerhin war der Anschlag gut genug, das Publikum irrezuführen und auszuplündern. Als Mitglied des Direktoriums der Internationalen Kommission – mein Name ist Trostler. Verzeihen Sie, daß ich so spät erst die gesellschaftliche Pflicht der Vorstellung erfülle – habe ich es als meine Aufgabe erachtet, dem Schwindel auf den Grund zu kommen. Ich habe meine Aufgabe gelöst. Das Telegramm ist eine Fälschung und der Fälscher – ich bedauere es sagen zu müssen – sind Sie, Herr Reiner.‹ ›Das ist eine infame Lüge!‹ ›Ich kann Ihnen die starken Ausdrücke nicht verbieten, Herr Reiner, da ich sie gerne selbst gebrauche – wo sie am Platze sind. Ein kleiner Unterschied besteht doch zwischen uns beiden. Wenn ich starke Ausdrücke brauche, dann bin ich in der angenehmen Lage, für sie den lückenlosen Wahrheitsbeweis anzutreten. Das ist eine Rechtswohltat, die Ihnen für Ihre Verbalinjurien nicht zustatten kommt. Ich zürne Ihnen deshalb nicht, schon aus dem Grunde nicht, weil Sie sich dadurch Ihre eigene Lage verschlimmern und Ihre schließliche Blamage nur noch erhöhen. Ich garantiere Ihnen, daß Sie von Ihrem hohen Roß noch schön sanft herabsteigen werden.‹ ›Das werden wir ja sehen!‹ ›Ich denke, es wird sich sehr bald ereignen. Das Telegramm wurde in Venedig aufgegeben. Der es aufgab, mußte in verschiedene Verhältnisse gut eingeweiht sein. Er mußte von der Sitzung der Kommission Kenntnis haben, in der die Emission beschlossen werden sollte; er mußte mit der Börsenlage vertraut sein, er mußte den Korrespondenten, dessen Namen er betrügerischerweise mißbraucht hat, kennen und durch diesen auch orientiert sein über den redaktionellen Geschäftsgang beim Freien Morgenblatt. Ich gehe weiter. Bei jedem dunklen Verbrechen hat man sich zunächst zu fragen: cui bono ? Zu welchem Zwecke, wem sollte es nützen? Hier war es sehr klar: der Fälscher wollte sich selbst nützen. Er konnte also nicht der erstbeste sein. Ich will Ihnen beweisen, daß es ein Mann – wie soll ich nur sagen? – ein Mann von Gewicht sein mußte. Ein armer Teufel konnte dieser Schwindler nicht sein. Denn dann hätte ihm der ganze Schwindel nichts geholfen. Der Schwindler war unter den Millionären zu suchen. Sehr einfach: mit dem Telegramm an das ›Freie Morgenblatt‹ gingen auch telegraphische Orders für starke Abgaben ab an die großen Banken in Wien, an die Länderbank, die Unionbank, die Kreditanstalt, an die Anglobank usw. Wenn solche Aufträge ausgeführt werden sollen, dann müssen bei den Beauftragten schon entweder hinreichende Summen zur Deckung erliegen, oder es muß der Name und die Kreditwürdigkeit des Auftraggebers eine über alle Zweifel erhabene Sicherheit bieten. Sie sehen, Herr Reiner, ich mache Ihnen da eigentlich lauter Komplimente. Ein armer Schwindler kann sich in solche Unternehmungen nicht einlassen.‹ ›Und auf diese Anhaltspunkte hin glauben Sie einen Ehrenmann verdächtigen zu dürfen, der in zwanzigjähriger geschäftlicher Tätigkeit sich das Vertrauen der ganzen Welt erworben hat?‹ ›I bewahre, Herr Reiner! Wo werd' ich so unklug sein! Das war nur die Einleitung: ich komme schon noch deutlicher, ich fürchte, viel deutlicher, als Ihnen lieb sein wird. Ich reiste also hierher nach Venedig, um den Schwindel aufzudecken. Ich suchte den Direktor des Post- und Telegraphenwesens auf, um von ihm die Erlaubnis zu erwirken, Einsicht zu nehmen in die Originalhandschrift jener Branddepesche an das ›Freie Morgenblatt‹. Die Antwort lautete, wie ich sie erwartet hatte: Meinem Wunsche könne nicht willfahrt werden. Da ich darauf gefaßt war, regte mich die Verweigerung nicht weiter auf. Ich wußte, auch die Telegramme stehen unter dem Schutz des Briefgeheimnisses. Da war also weiter nichts zu machen. Trotzdem gab ich natürlich das Rennen nicht auf. Im Gegenteil, ich verschärfte die Pace. Ich begab mich zum Chef der Kriminalpolizei. Sie können sich denken, Herr Reiner, daß, wenn ich einen solchen Schritt unternehme, ich auch schon die Vorbereitungen dazu getroffen habe. Meine Empfehlungen waren derart, dass er mir willig seinen Beistand lieh, nachdem ich ihm den Fall auseinandergesetzt hatte. Er gondelte mit mir zum Post- und Telegraphendirektor, und nun wurde die Handschrift ausgehoben. Ich photographierte sie mir auch für alle Fälle. Ich habe nämlich eine wunderbare Handkamera, Herr Reiner. Wirklich, wenn Sie 'mal Bedarf haben sollten, so kann ich Ihnen die Firma bestens – nicht? Verzeihen Sie; ich meinte ja nur so. Das war nun schon etwas; nicht viel – ich gebe zu. Ich kenne Ihre Handschrift nicht, Herr Reiner, aber ich denke, wir hätten jetzt eine schöne Gelegenheit zur Handschriftenvergleichung. Das ist eine ganz interessante und anregende Unterhaltung. Sie scheinen keine rechte Lust zu haben, aber ich bitte – ganz nach Belieben. Ich nötige nicht. Das tue ich nie. Das hat ja auch keinen Zweck. Ich bitte Sie, stellen Sie sich das nur vor! Wenn man aufs Zureden angewiesen wäre – man würde eine schlechte Figur machen. Wir können weitergehen. Jetzt erst begann die eigentliche Arbeit für mich. Mit dem photographierten Dokument war mir nur sehr wenig gedient. Ich wollte ja den Betrüger abfassen. Das schien nicht besonders schwierig, wenn man mir nur freie Hand ließ. Nach einer längeren Rücksprache mit Ihrem Polizeidirektor hatte ich auch das erreicht. Ich wollte mit seiner Einwilligung, beziehungsweise auf seine amtliche Anordnung, einige Stunden, wenn nötig auch mehrere Tage, hinter dem Schalter des Telegraphenamtes, das ich ins Auge gefaßt hatte, neben dem amtierenden Telegraphisten sitzen dürfen. Ich gestehe, es war nicht leicht, die Erlaubnis zu erwirken. Auch hier war es der Schutz des Briefgeheimnisses, der ihm Bedenken verursachte. Ich erklärte, daß ich überhaupt in kein Telegramm Einsicht nehmen wolle, nur solle es dem Beamten erlaubt werden, mir ein Zeichen zu geben, wenn ein Telegramm zur Aufgabe gelangen sollte, dessen Inhalt und Adresse ich vorher bekannt geben würde. Ich setzte auseinander, daß es sich um einen großen Betrug handle, und daß das Publikum geschützt werden müsse, in erster Linie doch auch das italienische. Schließlich bot ich auch eine Kaution in jeder gewünschten Höhe an als Sicherstellung gegen einen etwaigen Mißbrauch meinerseits. Der Direktor überdachte die Sache genau, prüfte meine Empfehlungen noch einmal und gab mir dann ohne Kaution vollständig freie Hand. Ich hatte so kalkuliert: dem Betrüger war der erste Anschlag in der wünschenswertesten Weise gelungen. Das Freie Morgenblatt hatte die Fälschung nicht bemerkt. Die Börsen hatten der Berechnung gemäß reagiert. Die Kurse unseres Papiers waren stark gefallen. Die Aufklärung mußte erfolgen, aber sie war noch nicht da. Beim Börsenspiel kommt alles nur auf den Vorsprung an. Es galt also, die Wirkung der unausbleiblichen Aufklärung zu eskomptieren. Ihnen brauche ich diese Dinge nicht zu erklären, Herr Reiner. Sie sind ja darin Fachmann ersten Ranges. Also es war erst nur die Hälfte der Arbeit getan. Sie hatten teuer verkauft. Jetzt hieß es billig zu kaufen, und womöglich doppelt soviel, als verkauft worden war. Das Geschäft war ein sicheres und sehr einträgliches. Es mußten nun die telegraphischen Kauforders an die Wiener Banken abgehen, und um diesen den entsprechenden Nachdruck zu geben, konnte es ja mit einem neuerlichen gefälschten Telegramm an das ›Freie Morgenblatt‹ versucht werden. Warum nicht, da es das erstemal so gut gelungen war? Über die Zeit, in welcher die Aufgabe erfolgen sollte, war ich im klaren. Man geht von einer Methode nicht ab, wenn sie sich einmal bewährt hat. 10 Uhr ist eine ganz schöne Zeit. Das Telegramm kommt noch gerade für den Nachtredakteur zurecht, der tausend Dinge im Kopf und jedenfalls keine Zeit mehr hat, noch lange zu forschen, zu prüfen und zu überlegen. Ich installierte mich also gestern abend Punkt zehn Uhr auf dem Amte. Ich saß neben dem Beamten, aber mit dem Rücken zum Schalter, so daß ich von außen nicht gesehen werden konnte. Um zehn Uhr vierzig kamen die Telegramme an die Banken. Alle Achtung, Herr Reiner, Sie haben da ganz kolossal hineingefeuert! Ich habe Ihre Bemühungen sogar unterstützt und habe mir erlaubt, ebenfalls einen telegraphischen Auftrag auf ein paar hundert Stück abzusenden. Damit habe ich die Nachfrage vermehrt, und mir persönlich ist es ja sehr angenehm, wenn unsere Aktien steigen. Bald darauf kam auch das Telegramm an das ›Freie Morgenblatt‹. Es war wieder genau 10 Uhr 45. Den Auftraggeber habe ich allerdings nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber nun hatte ich doch alles beisammen. Der Ring war geschlossen.‹ ›Sie haben den Aufgeber nicht gesehen und behaupten doch schlankweg, ich sei es gewesen!‹ Reiner hatte sich bemüht, einen überlegenen Ton anzunehmen, aber seine Stimme klang doch schon recht unsicher. Ich hatte nun meinen letzten Trumpf auszuspielen und vergönnte mir eine kleine Kunstpause. Ich zündete mir eine frische Zigarre an, natürlich eine von meinen eigenen – Sie wissen ja –!« »Sie machen es jetzt mit uns, wie mit Herrn Reiner,« sagte Frau Violet. »Sie spannen uns auf die Folter und lassen uns zappeln.« »Ich bin gleich fertig. Gnädigste. – ›Herr Reiner,‹ fuhr ich dann fort, ›Sie glauben noch immer nicht, daß ich Sie so sicher habe, als hätte ich Ihnen schon Handschellen angelegt. Das ist beinahe beleidigend; denn Sie unterschätzen mich offenbar. Ich müßte auf den Kopf gefallen sein, wenn ich nicht schon begriffen hätte, daß ich in Ihnen eine Kapazität ersten Ranges vor mir habe. Einem solchen Manne darf man nicht mit leeren Redensarten kommen, sondern nur mit Tatsachen. Ich komme mit Tatsachen. Wenn Sie noch immer leugnen, so gleichen Sie dem Fisch, der an der Angel hängt und der, indem er an der Schnur zerrt, die Widerhaken, die ihn halten, nur immer tiefer hineintreibt. Ich sagte, daß ich Sie nicht gesehen hätte. Das ist ja richtig, aber doch nur cum grano salis aufzufassen. Ich hatte es nicht nötig, mich Ihnen zu zeigen, um so weniger, als ich meine anderweitigen Vorkehrungen schon getroffen hatte. Ein kleines Arrangement von zwei Spiegeln und einer transportabeln elektrischen Lampe von 60 Kerzenstärke. Der Beamte war beauftragt, wenn das bewußte Telegramm erscheinen sollte, sich beim Aufgeber um die Schreibweise eines Wortes zu erkundigen. Dabei mußte der Aufgeber sich zum Schalter bücken, und damit hatte er die richtige Stellung für mein Spiegelarrangement. Im zweiten, scharf beleuchteten Spiegel hatte ich nun sein Bild klar vor mir. Ich drückte los. Habe ich Ihnen schon mitgeteilt, daß ich eine ganz ausgezeichnete Handkamera von einer wirklich empfehlenswerten Firma – ach ja, Sie wissen schon! Heute in den Morgenstunden habe ich im Atelier Naja entwickelt und kopiert. Letzteres geht bei der gesegneten venezianischen Sonne besonders rasch und leicht. Hier habe ich die Photographien. Wollen Sie sie gefälligst betrachten. Die beiden ersten sind vielleicht weniger interessant. Sie zeigen uns die Handschriften des ersten Telegramms und des zweiten. Die Schriften sind identisch. Die Bilder sind, wie ich zugebe, nicht von Belang. Denn für den Notfall können ja die Originale selbst beschafft und vorgelegt werden. Wertvoller scheint mir das dritte Bild. Es zeigt uns die Züge des Aufgebers. Finden Sie nicht, daß Sie ganz gut getroffen sind, Herr Reiner? Ihrer besonderen Beachtung empfehle ich, daß das Porträt gewissermaßen auch einen Rahmen hat. Der Rahmen des Schalters, in dem der Kopf erscheint, ist nämlich mitphotographiert und der Hintergrund auch. Wie Sie sehen, immerhin ein wertvolles Beweismittel.‹ Reiner sah sich das Bild aufmerksam an, und ich hatte nun das Gefühl, daß ich ihn endlich untergekriegt hatte, obschon er keine besondere Aufregung verriet. Seine Kaltblütigkeit war sogar eine bewunderungswürdige, als er mich mit der Frage verblüffte: ›Was soll die Geschichte kosten?‹ ›Sie wird ziemlich viel kosten, Herr Reiner,‹ erwiderte ich. ›Ich glaube übrigens, Ihnen schon eine Andeutung gemacht zu haben.‹ ›Ich erinnere mich nicht.‹ ›Nun Ihr Telegramm wird jedenfalls eines der teuersten sein, die jemals aufgegeben worden sind. Es wird Sie eine Million Lire kosten!‹ Er fiel nicht vom Sessel und verzog nicht einmal die Miene. Er sagte nur ruhig: ›So viel verdiene ich bei dem ganzen Scherz nicht.‹ ›Sehen Sie, Herr Reiner, das ist mir nun ungeheuer gleichgültig. Sie werden eine Million und nicht um eine Lira weniger bezahlen.‹ ›Was wird dafür geboten?‹ ›Hören Sie, Geschätzter, das ist doch der Gipfel der Unverschämtheit! Ich bin nicht da, um mit Ihnen zu verhandeln, sondern um Ihnen Bedingungen zu diktieren. Sie haben allerdings die Freiheit, solange Sie sich ihrer noch erfreuen, sie anzunehmen oder abzulehnen, aber das merken Sie sich – abgehandelt wird da nichts!‹ ›Ich muß doch wissen, ob damit wenigstens die Angelegenheit abgeschlossen ist, sonst hätte es ja gar keinen Zweck, mich von Ihnen brandschatzen zu lassen.‹ ›Wählen Sie Ihre Ausdrücke vorsichtiger, Herr Reiner, sonst kriegen Sie von mir noch einen Ehrenbeleidigungsprozeß auf den Hals. Ich brandschatze nicht; ich lege Ihnen eine Buße auf. Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie auf meinen Vorschlag nicht einzugehen. Es war nur so eine Idee von mir. Ein Mandat, mit Ihnen zu verhandeln, habe ich nicht. Ich tue es aus freien Stücken und aus gutem Herzen.‹ ›Dann könnten Sie es schon billiger machen!‹ ›Bedauere sehr – ich bin für feste Preise. Ich bin nicht abgeneigt, von Ihnen eine Million entgegenzunehmen und sie dem Direktorium abzuliefern. Ich kann nicht wissen, ob dieses geneigt sein wird, sie anzunehmen. Für diesen Fall – es wäre der ungünstigere für Sie – würden Sie den Betrag zurückerhalten. Dann würde eben das Gericht zu sprechen haben, und das, Herr Reiner, wäre für Sie der bürgerliche Tod.‹ ›Was gedenken Sie mit der von mir erhaltenen Summe zu tun?‹ ›Das habe ich schon gesagt. Ich werde sie dem Direktorium übergeben. Meine Idee dabei ist, daß dieser Betrag als Dispositionsfond angelegt werde zur Verfolgung und Aufhellung etwaiger ähnlicher Schwindeleien in Zukunft. Ich arbeite hier kostenlos, aber ich kann nicht dafür gutstehen, daß ich auch in Zukunft immer Lust haben werde, jedem Schwindler nachzulaufen. Andere Leute kosten aber Geld. Sie sehen, Herr Reiner, daß Sie da mit Ihrem Gelde ein gutes Werk stiften werden.‹ ›Werden Sie für Ihren Antrag beim Direktorium eintreten?‹ ›Das will ich tun, eine Bürgschaft aber für seine Beschlüsse kann ich natürlich nicht übernehmen. Vorbedingung ist selbstverständlich, daß Ihre Firma aus der Kommission sofort austritt.‹ ›Die Demission wird heute noch schriftlich erfolgen.‹ ›Gut. Dann scheint mir die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen, daß das Direktorium von einer gerichtlichen Verfolgung absehen wird. Nicht aus zarter Rücksicht für Sie, sondern im eigenen Interesse, um einem europäischen Skandal vorzubeugen, der ihm nichts nützen kann.‹ ›Ich bin einverstanden. Sie werden aber begreifen, Herr Trostler, daß man eine Million nicht immer bereitliegen hat.‹ ›Und Sie werden begreifen, Herr Reiner, daß ich hier nicht fortgehen werde, bevor ich sie habe. Ihre Firma ist gut akkreditiert. Ich nehme auch einen Wechsel.‹ ›Auch das hat seine Schwierigkeit, einen solchen Betrag auf einmal flüssig zu machen. Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihnen zehn Akzepte mit der Fälligkeit am Ersten der nachfolgenden zehn Monate ausstelle?‹ ›Ich habe nichts dagegen.« Er füllte zehn Blankette aus und übergab sie mir. ›Ich glaube, wir sind fertig,‹ sagte er. ›Nicht ganz. Ich laufe nicht in Italien herum, mit einer Million in der Tasche.‹ Ich erbat ein starkes Leinwandkuvert, siegelte und schrieb die Adresse, meine Adresse. Als er die Adresse las, da gingen ihm die Augen auf. ›Dagobert Trostler,‹ rief er erstaunt. ›Sie sind Herr Dagobert?! Ja, dann allerdings wird mir manches klar!‹ Ich dankte für das Kompliment und bat, daß er den Diener hereinläute. Diesem übergab ich den Brief zur Aufgabe und fünf Minuten später hatte ich den Aufgabeschein in Händen. ›Sind wir jetzt fertig, Herr Dagobert?‹ fragte er. ›Noch immer nicht ganz, Herr Reiner. Unsere Unterredung hat Sie angestrengt; Sie bedürfen der Erholung. Sie werden jetzt ein erfrischendes Bad am Lido nehmen. Das wird Ihnen guttun.‹ ›Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Dagobert, ich habe aber wirklich keine Zeit und bin auch nicht in der Stimmung, Vergnügungen nachzugehen.‹ ›Ich bedaure unendlich, auf meiner Bitte beharren zu müssen. Da Sie mich zwingen, muß ich es sagen, daß ich Sie jetzt unmöglich auch nur auf einen Augenblick allein lassen kann. Noch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß der Abgang des Briefes telephonisch oder durch einen Boten verhindert wird. Ich weiß und bin im tiefsten überzeugt, daß mein Mißtrauen ein gänzlich unbegründetes ist, aber man ist nicht jeden Tag in der Lage, sich für eine Million verantwortlich zu fühlen.‹ Er nahm Hut und Stock. Wir bestiegen den Vaporetto nach dem Lido. Dort nehme ich, wie es sich für einen so illustren Gast gebührt, trotz des kurzen Weges eine Equipage. Er hatte keine rechte Lust, ins Wasser zu gehen, aber ich zwang ihn. Ich war dabei, wie er sich auskleidete und wie die Meereswogen die fragwürdige Pracht seiner Glieder umspielten. Nach und nach schien er doch auf den Geschmack zu kommen. Als ich ihn weit draußen sah unter den Hunderten von Badegästen, fühlte ich mich beruhigt. Darauf verduftete ich schleunig und spurlos und erreichte eben noch meinen Zug. Der Brief traf pünktlich ein. Hier, lieber Grumbach, hast du die zehn Akzepte, und nun mag das Direktorium beschließen, was es für gut hält.« Frau Violet schlug nur die Hände über dem Kopf zusammen.