Johannes Dose Der Muttersohn – Band II Roman [eines Agrariers] Neuauflage 2010 auf der Basis des 1906 verbotenen Romans und der trotz Verbots erschienenen, überarbeiteten Neuauflage zum 150. Geburtstag des Autors Gesamtherstellung und Copyright by M.-G.-Schmitz-Verlag Herrendeich 5 – 25845 Nordstrand/Nordsee Tel.: 04842 900 215 – Fax: 04842 900 220 kontakt@schmitz-verlag.de www.schmitz-verlag.de Hinweis zu Band II Fast 500 Seiten zählte die Originalversion des Romanes »Der Muttersohn«, in dem es vor allem um Themen wie Armut, Chancengleichheit und Ungerechtigkeit geht; entscheidend für das Verbot des Romans dürften die vergleichsweise wenigen Seiten [hier] 147 – 160, 188 – 189 und 203 – 206 gewesen sein. Obwohl die diabolische Romanfigur Asmus Berg [in der späteren Romanversion Viggo Evers ] Selbstmord begangen hatte, glaubte sich Doses Cousin in dieser Figur wiederzuerkennen und verklagte den Autor. Zweiter Teil: Irrfahrt. Vierter Abschnitt: Das Muttersöhnchen. Es war ein unverhofftes Wiedersehen mit bangen Fragen und bittren Tränen gewesen; aber die heilende Zeit, die durch das langsam wirkende Medikament der Gewöhnung jeden Schmerz lindert, hatte die Mutterkämpfe zur ergebungsvollen Wehmut gedämpft. Im Eisenofen knisterte das Torffeuer, und aus dem Zugloche zuckte ein rotleuchtender Streif über die ausgetretene Diele. Wie eine sanfte Ruhebringerin, die alles Laute stillt und jede Sorge bricht, schlich sich von draußen die Dämmerung, die weißgraue Elbin, ans Fenster und in die Dielenstube hinein. Auf die drei Menschen, die einander so lieb hatten, fiel eine große Stille. Friedlines Stimme flüsterte: »Mutter, mir ist etwas eingefallen … wenn wir nicht in Norderhafen, sondern in der Universitätsstadt wohnten, könnte Amatus immer bei uns sein.« »Ja, dann hätte ich stets an der Heimat einen Halt … aber leider hat Gott es nicht so gemacht.« »Könnte Gott es nicht einrichten?« murmelte die Blinde und blickte nach oben, als wenn sie dort etwas sehen könne und [später ergänzt: noch ] weiter suche. Amatus klappte sein Buch zu. »Nicht mehr von fremden Menschen abhängig zu sein, wäre geradezu eine Erlösung. Es ist ein Kreuz und eine kuriose Sache … alles, was die Vorsilbe ›Frei‹ hat, wie Freiplatz, Freitisch, Freizimmer, bringt eine unerträgliche Unfreiheit mit sich.« Die Mutter verwies ihm die Rede: »Ein geringes Übel ist die äußerliche Rücksichtnahme, aber das schlimmste aller Übel ist die innerliche Unfreiheit.« »Mutter!« rief er bittend, »habe ich dir nicht alles, auch meine Gebundenheit bekannt? Dagegen wäre die Heimat und die Nähe deiner Hand eine starke Hilfe mir.« »Eine starke Hilfe«, wiederholte Friedline wie geistesabwesend und doch gedankenvoll, und Monika seufzte: »Es kann nicht sein, mein Sohn, daß wir zusammen sind.« »Liebe Mutter, es kann dennoch sein!« rief die Blinde, und ihr Lächeln war [später ergänzt: wie ] ein plötzlich aufleuchtendes Licht. »Was kann sein, Friedlinchen?« »Daß Amatus auf der Universität eine Heimat hat und der Freitische nicht mehr bedarf.« »Das ist unmöglich.« »Nein, nein, einfach ist es wie alles, was von Gott kommt … ich bleibe beim Vater und führe ihm den Haushalt … hier kenne ich ja jeden Winkel und finde mich zurecht, auch die Gasse bis zum Krämer hinauf. Du aber, Mutter, ziehst mit Amatus und mietest ein Stübchen, das du ihm zur Heimat machst.« »Kind, Kind!« rief Monika fassungslos und freudig erschrocken. Friedline aber fuhr verständig fort: »Das Wirtschaftsgeld wird geteilt, und es gilt eine Wette, daß ich mit meiner Hälfte auskomme … nur sieben Monate seid ihr [später ergänzt: ja ] fort und fünfe bei uns.« Amatus hatte die Mutter umschlungen. »Wenn es möglich wäre …« »Es ist möglich, und ich glaube, daß Friedlinchen den Gedanken nicht aus sich hat.« Der kluge und kühne Plan der Blinden wurde hin und her erwogen, und da der Vater sofort seine Zustimmung gab, nach reiflicher Vorbereitung ausgeführt. Außer der Schiffskiste wurde ein Schloßkorb gepackt und nach der Bahn befördert. Hans schniefte beim Abschied, aber ertrug die Tatsache mit männlicher Würde. Dann ärgerten ihn die Schreiber, welche fragten, ob es wahr sei, daß die Gerichtsdienersche ihrem Manne davon und mit dem eigenen Sohne durchgegangen sei. Zu Hause ging ihm an seinem Essen und seinem Schlaf nichts ab, denn die Tochter führte mit Lust und Geschick den kleinen Hausstand. Friedline war nicht anzumerken, daß sie die schwerste Last trug, und es [später: das ] war nicht die Arbeit, sondern die Einsamkeit und Sehnsucht. Zehn Tagstunden war sie allein, und abends, wenn der Vater sein Nachtmahl verzehrt hatte, begab er sich am liebsten um acht oder halb neun zur Ruhe. Beim trägen Ticken der Uhr beschlich ein krampfendes Weh ihr Herz [später im Satz vor Weh], das sie aber tapfer verbiß und nicht zum Weinen kommen ließ. Ihre Gedanken eilten in die Ferne zu den Ihrigen, und am liebsten philosophierte ihr Köpfchen über die Kürze der Zeit im allgemeinen und der deutschen Universitätssemester im besonderen. – – – An einem leuchtenden Lenztage hatte Frau Junker ihren Einzug in der Universitätsstadt gehalten und des Tages vor vielen Jahren gedacht, da sie ihr Töchterchen hierher in die Blindenanstalt brachte und der Schrei der vom Mutterherzen Hinweggerissenen sie gellend verfolgte. Böse Menschen sollen mir meinen einzigen Sohn nicht nehmen, ich will und darf als ein schwacher Schutz bei ihm bleiben. Amatus führte die Mutter nach der Teichstraße, in der Hoffnung, daß sein altes Quartier leer stehen möge. Die Frau Obermaatin, die statt der staatlichen Unterstützung viele graue Sorgenhaare bekommen hatte, war mit Freuden bereit, beide Norderhafener aufzunehmen. Aber sie hatte nur eine Bettstelle! »Was nun? Wir müssen eine mieten!« Als aber mit dem Schürzenbande als Meßschnur gemessen wurde, zeigte sich, daß in dem Stübchen kein Raum für ein zweites Bett sei, wenn nicht das Sofa entfernt würde. Alle machten bedauerliche Gesichter, bis Amatus den Knoten löste. »Ich schlage alle Abende meine Bett auf dem Kanapee auf.« Und so ist es gemacht worden. Die gefällige Obermaatin half beim Auspacken und beim Einrichten der Wohnung und erzählte traurig, daß die laufende Unterstützung sich jetzt totgelaufen habe, daß sie keine teuren Gesuche mehr schreiben lasse, sondern mit einer Strickmaschine recht und schlecht sich ernähre. Die Stube lag hoch oben im vierten Stockwerk und war gleichzeitig Wohn- und Schlafgemach und Küche. In dem Ofenwinkel stand der Kochherd, nämlich ein zweiflammiger Petroleumkocher. Die Kommodenplatte diente als Bücherständer, und der Klapptisch, dessen natürliche Halbierung die Grenze ergab, wurde hüben als Eß- und drüben nach dem Fenster zu als Schreibtisch gebraucht. Während der Studiosus die Vormittagsvorlesungen besuchte, bereitete die Mutter das Mittagessen, sehr erfinderisch im Wechseln des einen Gerichtes, das [später: Ganges, den ] es gab. Wenn ihr Sohn heimkam und hungrig zulangte und nach dem Essen sie küßte und sagte: »Das hat besser geschmeckt als der beste Freitischleckerbissen!« dann war sie sehr froh, obgleich ein Kochproblem ihr durch den Kopf ging. »Wie bringe ich es fertig, zwei Gerichte zu bereiten? Ein zweiter Petroleumherd würde zu teuer werden.« Die Obermaatin, welche sie befragte, gab ihr lachend statt eines guten Rats eine mit Heu gefüllte Kiste. »Hier ist ein billiger Ofen, der niemals raucht und kein Holz braucht.« Und es war ein vorzüglicher Sparofen, dahinein Monika die ins Kochen gebrachte Vorspeise stellte, welche dann still und unbeachtet weiter brodelte und ohne Feuer gar sich kochte. Mittags auf dem Flure machte Amatus eine Wahrnehmung, die er seiner Mutter meldete: »Ich glaube, sie [später: die Wirtin ] hat seit drei Tagen kein warmes Essen bekommen … man riecht nie, daß sie etwas kocht.« »Die Armste [später: Ärmste ], die auf den kärglichen Strickverdienst angewiesen ist, verheimlicht ihre Not und lebt [später entfallen: jedenfalls ] tagelang von Kaffee und Brot.« Der Sohn schien weniger Appetit als sonst zu haben, und ein mäßiger Rest des Mahls blieb übrig. »Mutter, könntest du das nicht der Obermaatin stillschweigend in die Küche stellen, so lange es warm ist?« Monika, die einen kurzen, leuchtenden Blick über ihn hingleiten ließ, trug den gefüllten Teller in die Küche hinüber, pochte an die Zwischentür und verschwand ungesehen. Die Studentenfamilie, wie sie in der vierstöckigen Mietskaserne genannt wurde, hatte vom wenigen noch übrig, weil die Einnahmequellen reichlicher zu fließen begannen. Amatus, der sich auf eine Annonce hin gemeldet und vor der gnädigen Frau Gnade gefunden hatte, gab nämlich dem Sohne des Kontreadmirals gut bezahlte Nachhülfestunden [später: Nachhilfestunden ]. Mit eisernem Eifer sein Studium treibend, mied er allen Verkehr als Zeitvergeudung und genoß die Berufsmärsche als Erholungsspaziergänge. Jeweilig [später: Bisweilen ] traf er in den Wandelgängen der Universität mit einem Bruder der Norderhafener Blase zusammen und beantwortete unbehaglich die ständigen Fragen, warum er sich ausgemeldet habe, und wo er jetzt wohne. Er nannte die Teichstraße, aber die Nummer nicht. Eines Tages vernahm er deutlich vor der Tür seines Auditoriums, wie ein Student zu einem andern, der sich setzen wollte, sagte: »Du, nicht da! Das ist der Platz des langen Muttersöhnchens.« Hinterrücks war ihm der Spitzname »Muttersöhnchen« angehängt [später ergänzt: und scheinbar allgemein ge- ] worden. Junker gehörte zu jenen empfindsamen und leicht verletzbaren Naturen, die für das Mienenspiel ihrer Mitmenschen ein viel zu offenes Auge haben, und die jenen zart besaiteten Blumen gleichen, die bei jeder Fingerberührung sich [später entfallen: zusammen ] schließen. Gekränkt zog er sich in selbst und in seine Heimat zurück. Im trauten Stübchen hauste er mit seinen ureigensten Schätzen, mit dem Reichtum seiner Gedanken und dem großen Schatze seiner treuen Mutter. Da war sein Genüge und sein Glück. Zwölf Arbeitsstunden hatte sein Tag, und schneller als irgend einer wollte er sein Studium absolvieren, nicht vom Sporn des Ehrgeizes vorwärts gestachelt, sondern von dem Drange der Befreiung von allem Druck getragen und getrieben. Wollte er Sonntags nach den Büchern greifen, nahm die Mutter sie ihm sanft aus der Hand und sagte: »Nein, was der Sonntag erwirbt, der Montag verdirbt.« Er lehnte den Kopf an ihre Schulter. »Wenn ich nicht lesen darf, was soll ich in meiner Mußestunde tun? Mütterchen muß wohl mit mir spielen.« »Bist du wieder mein kleiner Adam?« sagte sie. »Ja, erzähle mir, wie in meiner Kindheit, ein schönes Märchen!« »Was könnte ich meinem klugen Sohn erzählen?« »Aus deinem Leben, deiner Jugend etwas … wie du den Vater kennen lerntest!« Von der Seite streifte er ihr Antlitz, dessen Heiterkeit zu tiefem Ernst geworden war. Monika sah vor sich hin und in weite Vergangenheitsfernen. Zögernd [später entfallen: und gewogen ] kamen ihre Worte. »Dein Großvater Junker war ein fleißiger Mann. Im Meißeln und Schneiden ein Meister, der die schönsten Schränke und Schnitzsachen verfertigte … ach, ach, bei der Versteigerung ist alles um ein Spottgeld verschleudert worden … aber den Pflug nahm er nicht in die Hand und wurde auf seinen Feldern kaum gesehen … drüben in der ›Klüterkammer‹ saß er, wenn der Exekutor [Erg. d. Hg.: Gerichtsvollzieher] kam, der ihn zu finden wußte … im Frühling mußte der alte Junker das Stroh von seinem Scheinen herunterreißen, um das Vieh vor dem Hungertode zu schützen … zu Mittsommer wohnte er in der kleinen Kate, die er von Hab und Hof behalten hatte. Dein Vater zog mit einem Stabe aus und diente als Vorknecht auf der Andersenschen Hufe in Hellebäck, die unser Nachbarhof war. Das war die dritte Landstelle, die schlechteste und sandigste und auch die letzte, die mein Vater hatte, der von Landwirtschaft nichts verstand … die Pferde waren blank und die Kühe mager, der Rahm wurde gegessen statt gebuttert und für den Nachfolger wurde mit schweren Unkosten Mergel gegraben.« »O, Mutter, Verfall und Verarmung ist mein böses Ahnenerbe … wie würde ich gearbeitet und gewirtschaftet haben, wenn ich meine eigne Ackerscholle besessen hätte! Um ein Bauerngütlein gäbe [später: gebe ] ich meine ganze Theologie hin.« »Amatus versündige dich nicht … freilich, es sind alte und traurige Märchen, die am besten begraben bleiben.« »Muttchen, erzähle mir [später entfallen: ein Märchen aus deiner Maienzeit ] … wie du den Vater lieb gewannst!« [Später entfallen: Sein Blick streifte ihr Gesicht. ] Monika spitzte sinnend den Mund und sprach stockend: »Nun … dein … Vater kam Sonntags oft hinüber … damals war noch keine so große Kluft zwischen Hofbesitzern und Hofleuten.« Sie gab kurzen oder keinen Aufschluß. Der Sohn blickte etwas unruhig, aber ohne Argwohn sie an und schwieg. – – – Blaue Syringen blühten an allen Wegen. Bis über die Mietskasernen der Vorstadt hatte eine neugierige Lerche sich verirrt, und der schwanzlose Kanarienvogel der Obermaatin, der wahrscheinlich ein Weibchen war und sonst nicht sang, mühte sich, das Geschmetter durch sein Gepiepse zu begleiten. Piep, piep, Mittsommer ist da! Piep, piep, Mittsommer ist da! Von dem Gesinge und von den Sonnenstrahlen, die ihm ins Gesicht guckten, erwachte Amatus und reckte sich munter: »Heute ist Sonntag … nur der Arbeitsame kennt die Sabbatsfreude … aber meine Sonntagsruhe ist Wandern, Wandern. Mutter, es ist ein Mittsommermirakel! Der Himmel Schleswig-Holsteins hat keine Wolken. Heute wollen wir weit in die Welt hinaus marschieren! Schneide dir die Hühneraugen und ziehe die großen, bequemen Kähne an!« Monika tat, wie ihr geheißen wurde, und meinte: »Wir nehmen die Hauswirtin, die von früh bis spät mit der Strickmaschine klappert, mit.« Nachdem ein Eßkörblein [später: Eßkorb ] gefüllt war, zogen sie hinaus in die Frühmorgen- und Frühsommerschöne. Die Mutter, jedes Vögleins Schlag kennend, lugte vorsichtig durch die Zweige, um den Sänger nicht zu stören. Der Studiosus der Theologie aber stand vor jedem Hecktor still, mit seinem Kennerauge an den schweren, rotbunten Kühen sich ergötzend, und träumte verstohlen davon, wenn die sein eigen wären. Im blinkenden Sonnenschein vergaßen alle des Lebens Druck und düstere Schatten, und sogar die Obermaatin scherzte kurzweilig und sagte zu der vor ihr schreitenden, schnellfüßigen Monika: »Frau Junker, wie alt sind Sie?« »Ich sage es … fünfundfünfzig!« »Ja, Sie können es sagen … und ich mit meinen grauen Haaren bin zehn Jahre jünger … Sie sind noch eine schöne Frau.« »Nicht einmal gewesen, gewesen, meine Liebe.« »Ja, Mütterchen, das bist du!« protestierte der Sohn, »selbst der stockfischtrockene Amtsrichter [später: Justizrat ] hat mir gesagt, daß er sich in jungen Jahren ein paar Tage lang in dich verliebt hat.« »Sie haben gewiß viele Anbeter gehabt?« Die Wirtin bestrebte sich, ihrer Mieterin etwas Angenehmes zu sagen. Der Sohn nahm das Wort: »Sehr viele! Und sie nahm meinen Vater, obgleich er nichts hatte … hättest du doch einen reichen Hofbesitzer geheiratet! Dann säße ich jetzt im vollen [später ergänzt: , fetten ] Bauernglück.« Frau Junker wehrte dem Gespräch: »Laß das! Ich heiratete deinen Vater, weil ich ihn liebte.« Ihre Wirre verwirrte ihn, so daß er sprach: [Später: Er ließ das Thema nicht fahren. ] »Warum hat Vater nicht den heruntergewirtschafteten Hof übernommen?« »Habe ich dir nicht gesagt, daß er versteigert wurde? Auch war dein Vater nicht der nächste Erbe, sondern sein älterer Bruder [später ergänzt: Tycho ].« Amatus blieb [später ergänzt: starr und ] stutzend stehen. »Aber von einem älteren Bruder meines Vaters weiß ich gar nichts … warum sind die Familienhistorien mir verheimlicht worden?« »Dein Oheim war ein hübscher Mensch und diente auch in Hellebäck … er war so sparsam, daß man ihm Geiz nachsagte … der Ärmste ist wohl längst tot und vermodert.« »Wohl? Wie soll ich das verstehen?« Amatus betrachtete seine Mutter in grosser Spannung. [Später ergänzt: »Was sind das für Rätsel?« ] »Als Tycho – so hieß er – hundert Speziestaler sich erspart hatte, brach der schleswig-holsteinische Krieg aus. Weil er sich nicht freigelost [später: frei gelost ] hatte, wurde er von den Dänen eingezogen … wie hat er beim Abschiede geweint, als wenn er den bösen Ausgang ahne! In der Osterschlacht bei Schleswig blieb er … so müssen wir glauben, weil keine andere Möglichkeit ist. Als die Dänen bei dem Dorfe Busdorf flohen, bemerkte sein Nebenmann, daß er hinter einem Knick in die Kniee sank und zurückblieb. Seitdem hat keiner seiner Kameraden etwas von ihm gesehen [später ergänzt: oder gehört ] … auf den Verlustlisten war Tycho Junker als ›vermißt‹ verzeichnet. Damals wurde die Kontrolle höchst nachlässig geführt … doch wird er gefallen und irgendwo auf der Heide eingescharrt sein.« Amatus wiegte den Kopf. »Das ist ein tragisches Los … mein Onkel Tycho mußte als guter Deutscher für Dänemark sterben … ist er später für tot erklärt worden?« »Nein, es hatte keinen Zweck und hätte nur Kosten verursacht … bei seiner ängstlichen Sparsamkeit hatte er seine Ersparnisse keinem anvertraut, sondern sie im Tornister mitgenommen.« »Mutter, könnte das nicht das Dunkel aufklären? Wenn Hyänen des Schlachtfeldes den Gefallenen ausgeplündert und verscharrt haben, um ihr Verbrechen zu verdecken … oder vielleicht war er nur verwundet …?« »Mach das Grausige nicht noch grausiger! … Der Allsehende weiß es [später ergänzt: , wir werden es nie aufklären ].« Bald verscheuchte der helle Sonnenschein die Schatten, welche die alten Familiengeschichten aus ihrer längst geschlossenen Gruft geworfen hatten. Man stieg in ein großes Dorf hinab, das in einem lieblichen Tale in stiller, satter Ruhe lag. An allen Hängen zogen die grünen Knicks hin und bildeten unregelmäßige Vielecks von wogenden Getreidefeldern und blühenden Kleeäckern. Hier war einer jener vielen Gärten, die Gott im östlichen Holsteinland geschaffen hat, und dem Theologen dünkte jeder Bauernhof mit seinen breiten Scheunen, dem Baumgärtlein und dem Entenweiher ein Erdenparadies, daraus Adam Amatus durch seiner Ahnen Schuld und Leichtsinn vertrieben worden. Die Kirchenglocken läuteten. Monika meinte: »Wir könnten den Gottesdienst besuchen, wenn wir nicht den Eßkorb hätten, aber wo lassen wir den?« »Es wäre keine Kirchenschändung, ihn unter die Bank zu stellen«, sagte er. Nach ihrer Meinung aber ging das nicht, und sie versteckten den Korb an der Kirchhofsecke, wo er unter hohen Nesseln kühl und ungesehen stand. Während der Predigt hatten nicht bloß ihre Seelen, sondern auch ihre müden Beine Sabbatsruh gehalten, und nach derselben setzten sie sich unter die uralten Linden des Friedhofshügels, von wo ein feiner und weiter Ausblick war. Alles Grün glänzte, der schimmernde Brennspiegel des Sees funkelte in seinem Schilfrahmen, leise murmelte der Bach, und laut klapperte der Storch auf dem Dache. Die Obermaatin, die zu sinnieren schien, wurde von Amatus geneckt: »Trauern Sie noch immer um die Laufende?« »Jaja, der Pastor predigte von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt … ich kenne die, welche in der Welt und bei der Obrigkeit gilt … daß die Witwen der Maate, die mit dem ›Großen Kurfürsten‹ untergingen, große Pensionen bekommen und ich keinen Pfennig.« Monika suchte die Verbitterte zu trösten, während ihr Sohn nach dem Eßkorbe lief. Er kam zur rechten und zur letzten Stunde, um ihn zu retten. Eine schnüffelnde Sau, die sich an den Nesseln atzen wollte, hatte ihn aufgestöbert und umgeworfen und stieß ein höchst verblüfftes Uf–uf aus, als ihr der Fund vor dem Rüssel weggenommen wurde. Nachdem das trockne Mittagsmahl verzehrt war, nickten die Frauen ein wenig, und Amatus, in die Wipfel blickend, träumte einen [später ergänzt: lustigen ] Traum. Wenn er in einem solchen Dorfe Pastor wäre und die Mutter und der Vater und Friedline bei hm wohnten … Zwei dröhnende Schläge der Turmuhr weckten den Träumer und die Schläferinnen. »Auf, auf, Frau Obermaatin!« rief er, »der Hahn auf dem Turme hat gekräht.« Die frohen Ausflügler wanderten durch das Dorf und standen vor dem lieblichsten von allen Höfen in beschaulicher Betrachtung still. An den flüsternden Bach schmiegte sich ein smaragdener Wiesenstreif, auf dem weiße Enten sich sonnten und flaumgelbe »Göffel« schwerfällig watschelnd die Grashalme gierig rupften. Über den grünen Grund hingen die baumhohen Syringen des Gartens, der ein Tausendschön von allen Farben, von Dornrot, Goldregen und schneeweißen Blüten war. Vom dichten Blatt- und Blütenhag auf drei Seiten umhegt, lugte ein hellgetünchtes, strohgedecktes Haus mit seinen zwei Scheunen hervor. In dem Hofe stand ein alter, ganz schwarz gekleideter Herr, das Samtkäppchen auf dem kahlen Kopfe und die lange Pfeife im Munde, und neben ihm eine mildblickende, matronenhafte Frau, die eine volle Schale hielt, aus der sie wie ein Säemann die Gerste streute. Husch, husch! Das gackernde Hühnerheer von weißen Italienern flog herbei und pickte und pickte. Von dem Geräusch erwachten die Enten, schrieen ihr Rab-rab [später: Pack-pack ] und schossen flügelschlagend über den Grund, um den nimmersatten Hunger zu stillen. Die kleinen, watschelnden Göffel waren die letzten zur Stelle. Der Herr im Hofe schien schriftbewandert und lachte: »Die letzten sollen die ersten sein«, und abseits von dem großen und gierigen Geflügel warf er den Gänslein ihr Futter. In Wohlbehagen schritt das würdige Ehepaar durch den Garten, und die gelben Göffel liefen ihnen nach. »Ist das nicht ein Erdenparadies?« sagte Monika. »Ja, Mutter, es ist die Pfarre des Dorfes«, antwortete er sinnend. »Woran denkst du, mein Sohn?« »Ich träume einen Traum … wenn ich das Glück erreicht hätte und in einem solchen Stilleben säße … du und Vater und Friedline wäret bei mir … die Äcker und Wiesen würde ich natürlich alle behalten und Pferde und Kühe und Kälber haben … o … den lieben, langen Tag über die Felder streifen und Gras und Korn wachsen sehen, welch ein Glück!« »Aber, Amatus, du wärest doch zunächst Prediger und Seelsorger, müßtest auf der hohen Kanzel reden und in den niedrigen Hütten trösten.« »Selbstverständlich … das müßte ich auch besorgen.« Das Lächeln der Mutter verlor sich: »Wäre dir das nicht die Hauptsache und die Hauptarbeit des Lebens?« »Ich glaube, daß mir der Hof das liebste [später: Liebste ] wäre«, antwortete er ehrlich. »Mein Sohn, mein Sohn! Du willst Pastor werden – um Bauer werden zu können?« »Kann ich nicht beides sein? Ja, das Bauernblut, das bleibt … die trauteste Musika ist mir das Dengeln der Sensen und das Dröhnen der Dreschflegel … kein Röslein ist meiner Nase so lieb als [später: lieb, wie ] der Duft des Heus und der Milchgeruch der Kühe.« Seine [später ergänzt: helle, heiße ] Begeisterung machte die Mutter bedenklich. »Wenn kein Mensch zwei Herren dienen kann, wie viel weniger ein Diener Gottes!« »O«, erwiderte er, »es sind ja nur törichte Träume.« – Am Montagnachmittag machte Junker seinen gewöhnlichen Spaziergang nach dem Villenviertel hinaus, um seine Stunde zu erteilen. [Später entfallen: Nach langer Zeit traf er auf der Straße den Vetter, an dem er mit kaltem Gruß vorüberging; aber die Begegnung dünkte ihm eine schlechte Vorbedeutung. Ja, ] Da war ihm sein Ärger schon bereitet, und [später: denn ] der Quartaner hatte in der Schule eine niederträchtige Zensur bekommen. Als der Kontreadmiral durch den Diener ihn zu sich bitten ließ, räusperte er sich tief. Es kam aber anders, als dem Abergläubischen ahnte. Der hohe Offizier war ein sehr verständiger Vater und sagte sehr schneidig: »Wenn der Stift faul wird, hauen Sie ihm rechts und links ein paar herunter, die er fühlt … dazu will ich Ihnen Vollmacht geben.« Der Studiosus, dem eine Zigarre geboten wurde, lenkte das Gespräch auf den Untergang des Großen Kurfürsten, an welcher traurigen Affäre der Offizier, aktiv, aber unverschuldet teilgenommen hatte, und dann auf die Obermaatin, die bei Gibraltar ihren Mann verloren, und wußte geschickt die große Not seiner Wirtin zu erwähnen. Der Admiral versprach nichts, aber notierte sich den Namen der Obermaatswitwe. – Amatus hatte lange die Sache vergessen. Das Jahr ging bergab, und die langen Sommertage kürzten sich. Der Studiosus saß über die Bücher gebeugt, bis die Dämmerung die Schrift verwischte und die Mutter bat: »Mach Feierabend, mein Sohn!« Er lehnte sich zurück und strich mit den Fingern über die müden Augenlider, und vom Fenster kam leise Frage: »Was sinnst du? Umschwirrt dich noch der Schmetterling?« »Nein, Mutter, ich habe ihn verscheucht.« Frau Junker holte von der Wirtin das neueste Zeitungsblatt, das sie bereits gelesen hatte, und legte es ihm hin, den Zeigefinger auf eine Bekanntmachung haltend: »Fasse dich, Amatus, der lockre Falter hat sein bißchen Glimmerstaub verloren.« Er las die Anzeige, in welcher der Amtsgerichtsrat [später. Justizrat ] die Verlobung seiner Tochter mit dem Doktor [später: Kandidaten ] Evers kundgab, und hielt die Hand über die Augen. Nach einer Weile sprang er empor. »Mutter, nun bin ich geheilt, von einem grauenhaften Blödsinn der Einbildung gründlich geheilt.« Aber in den nächsten Tagen war Amatus nicht wie ein fröhlich Genesender, sondern oft verdrossen, besonders wenn das Durchdenken des dogmatisch-dickflüssigen Stoffes ihm nicht [später ergänzt: gleich ] gelang. Monika gab Obacht auf ihn, und nachdem ein häßlicher Nachttraum sie gequält hatte, graute ihr vor einem Anfall und Angriff des alten Feindes. Trotzdem es ein Werkeltag war, sprach sie: »Du mußt dich ausspannen, wir wollen durch eine Wasserfahrt uns erholen.« Er willigte ein: »Ja, die wehende See ist ein frischer Himmelsbesen, der den dumpfen und alten Staub aus Kopf und Herz herauskehrt.« Nachdem sie am Kanale gelandet waren, wandte sich Monika durch den Gutspark mit seinen hundertjährigen Rüstern und Rieseneichen. Sie ging voran durch den Laubengang, in dem er einst mit Mirzy Schaffys Liedern den langzöpfigen Backfisch angesungen hatte. Davon wußte die Mutter nichts, und er wurde versonnen, weil ringsum ihn im Sonnenschein die toten und törichten Träume wiedergingen. »Amatus, woran denkst du?« »An Sylvia …« »Sie ist keines Gedankens wert.« »Nein … aber denke ich, oder denkt ein anderes in mir? Gute Gedanken kann man nicht herbeizwingen und widrige nicht vertreiben … sie kommen, und wer wüßte, von wannen? Eber hier wanderte ich einmal mit ihr.« Die Mutter nahm hastig seinen Arm und riß ihn hinweg von dem Ort, der ihr nicht mehr geheuer war. Am Kanale, der zwischen Schilfufern wie ein Flüßchen sich schlängelte, und dem zur Seite der Rennsteig [später: Treidelsteig ] lief, gingen sie. Hinter ihnen kam ein zweisitziges Gefährt in schnellem Trabe die Straße hinauf. Ein Aufblick nur! Und Amatus sah, daß sein Vetter die Zügel hielt und die Wohltätige den Bock mit ihm teilte [später anders: die Wohltätige im Wagen saß ]. Ein zweiter, noch schnellerer Blick! Das dahinter, das war Sylvias Hut, der wie eine schmachtende Riesenblume sich zu dem glattschimmernden Gesicht des neugebackenen Doktors [später: geölten Evers ] hinüberlehnte. Amatus zog die Mutter, die ein [später ergänzt: heftiges ] Zucken seines Arms spürte, auf den Rennsteig [später: Treidelsteig ] hinüber. Der Wagen aber fuhr zum Gute hinauf. »Was hast du?« »Sie … sie war es.« Monika fragte nicht mehr, sondern ging eilig den Rennsteig [später: Treidelsteig ] hinauf, dessen sandiger Boden brannte. Amatus warf sich in den Schatten einer Weide und sagte: »Wollen wir hier nicht ruhen?« Seine Gedanken jedoch ruhten nicht, sondern beschäftigten sich unablässig mit dem Gefährt, etwas sauer-sarkastisch. Der Vetter hatte einmal als Knabe ein Ziegengespann besessen, aber seitdem nie Gelegenheit gehabt, einen Zügel in die Hand zu nehmen. Nun kutschierte der die Lüdemannschen und den geölten Doktor als kühner Rosselenker. Ja, der fand sich mit weltmännischer Würde in das Unvermeidliche [später anders: Der freche und glatte Lump kutschierte großartig mit den Lindemannschen Damen und spielte den flotten, feinen und vornehmen Weltmann ] . Dreimal selig sind die Dickhäutigen und die Dummdreisten, denn sie werden vorwärts kommen auf Erden! [Später entfallen: Nach Bekanntgabe der Verlobung war Asmus Berg der erste Gratulant und sein Glückwunsch herzlicher als irgend eines Hausfreundes gewesen. Nur ein sehr scharfer Mienenkenner hätte sehen können, daß unter seinem Lächeln etwas auf der Lauer zu liegen schien. Nachdem seine Einladung zur Ausfahrt angenommen war, ging Berg in den Leihstall, um ein Fuhrwerk zu mieten. Der Besitzer, der ihn für einen Sonntagskutschierer hielt, wollte zwei geduldige Droschkenmähren anschirren lassen. »Nein, nein, die zwei raschesten Gäule, die Sie haben, ich kann fahren.« »Sehr wohl, mein Herr, ich habe hier ein Gespann, ein schneidiges …« »Ausrangierte von der Truppe?« »Ja, es sind Dragonerpferde gewesen, aber junge, feurige Tiere …« »Her mit den Feurigen!« kommandierte Berg. »Hm, hm … Herr … wir sind ja haftbar.« Der Fuhrmann kraute sich und kaute an etwas. »Hat's einen Haken mit den Rennern? Durchgänger? He?« »Das nicht! Nur der rechte hat eine kleine Unart … kriegt er den Schwanz über die Leine, wird er fuchswild und will davon … wenn Sie bloß dafür aufpassen, ist er militärfromm.« »So, so!« machte Berg, und unter dem Blick, mit dem er den militärfrommen Fuchs betrachtete, lag etwas auf der Lauer. »Pah, ich habe keine Bange und werde den Durchbrenner schon meistern.« Als er auf den Bock hüpfte und davonfuhr, schrie der Fuhrherr ihm nach: »Immer stramm die Leine, daß er nicht den Schweif darüberschlägt!« – ] Monika und ihr Sohn mochten eine halbe Stunde unter der Weide gelegen haben, als Rädergerassel sich näherte. Unwillkürlich drückte Amatus sich weiter ins Gebüsch hinein. Aber der Vetter [später anders: Viggo ] erkannte ihn und die Tante und grüßte mit einer eleganten Peitschenbewegung [später: Hutschwenkung] [später entfallen: , welche die Gäule zum Hüpfen brachte ]. Hinter das [später: dem ] Gefährt wirbelte gräulicher Staub und der schallende Klang eines spöttischen Gelächters. Monikas Sohn hatte bitterböse Lippen. »Sie machen sich über die Zaungäste lustig.« »Warte nur, mein Sohn! Wenn du einmal Pastor bist, kannst du vielleicht auch vom Bocke fahren.« Kaum hatte die Mutter das tröstende Wort gesprochen, als sie einen Schreckensruf ausstieß: »Da … da … Himmel … ein Unglück … entsetzlich …« Blitzähnlich, wie jede Katastrophe, brach es herein. Asmus Berg [später anders: Der Kutscher ] war langsamer gefahren und ließ die Zügel schlaffer hängen [später entfallen: und beugte sich scherzend nach hinten ]. Die Fliegen schwirrten und stachen, die Pferde wehrten sich gegen die Quälgeister und schnauften. Eine Stechbremse surrte. Da spitzte der Fuchs die Ohren, schlug mit dem Schweif über die hängende Leine, wieherte zornig und hüpfte mit dem Hinterbein über den Strang. Im Nu warf [später ergänzt: sich der Kutscher ] [später entfallen: Asmus Berg dem alten Fräulein die Zügel hin und sprang ] aus dem Wagen. [Später entfallen: Das, was in seinen Augen auf der Lauer gelegen hatte, brach in einem glühenden Blicke durch. Er hatte die versengenden Augen und den furchtbaren Willen des verbrecherischen Übermenschen, der alles in den Weg Tretende zertritt. Welcher Gedanke stürmte in dieser Sekunde durch seine Seele? Ein kaltblütiger Mordwunsch, der dem Zufall die Meuchelwaffe in die Hand drückt! Was war ihm Evers? Ein verhaßter Todfeind! Und das alte, ausgelebte Wesen? Ein unnützer, seine Zinsen verzehrender Schmarotzer! Und Sylvia? Lieber mochte sie tot, als eines anderen Eigentum sein! ] Während er nach vorne lief, um [später entfallen: anscheinend ] die Pferde zu beruhigen, rief der dem laut kreischenden Fräulein Lüdemann [später: Lindemann ] zu: »Halten Sie fest, fest!« Der Fuchs, vom Zerren an der Leine ganz rasend geworden, riß den zahmen Genossen mit sich. Berg sprang geschickt und gesichert zur Seite [später anders: Der Kutscher sprang zur Seite, um sich zu salvieren ]. Auf dem schmalen Rennsteige [später: Treidelsteige ] schwankte ein zügellos sausendes Gefährt hin und her, wie eine rasselnde, schreiende Staubwolke dahinschwebend. Dann ein totenstiller Augenblick! Über die Böschung war der Wagen mit Menschen und Pferden ins Wasser gerollt. Den ersten Laut gaben die Möwen von sich, die erschreckt aufschrillten. Asmus rührte kein Glied und starrte auf das aufgewühlte Wasser. Die Räder nach oben trieb der Wagen. Seine Stränge waren zerrissen, denn die freigewordenen Pferde stampften und strebten der Böschung zu. Ein Mensch keuchte den Rennsteig [später: Treidelsteig] hinauf – es war Amatus Junker, der dem Vetter [später anders: Kutscher ] einen Stoß gab. »Hinein! Wir müssen sie retten!« Asmus bewegte nichts als nur die Lippen: »Ich kann nicht schwimmen [später ergänzt: und habe keine Lust zu versaufen ].« Dem Doktor [später: Kandidaten ] Evers war es gelungen, die Mähne des linken Pferdes zu ergreifen, daran er sich in der Todesnot klammerte. Amatus, ein sehr mäßiger Schwimmer, hatte den Rock von sich geschleudert und glitt ins Wasser. Hinter ihm griffen zwei Hände in die leere Luft, und eine atemlose, heisere Mutterstimme schrie: »Du kannst nicht … laß es … eine Barkasse kommt schon.« Er stieß aber vom Ufergrunde ab und sah über die sich glättende Fläche. Drüben schwamm ein unförmlicher Frauenhut, den er kannte, und nicht weit davon ein Kopf mit glänzendem Braunhaar, das er oft geküßt. Doch ihm und dem Schilfe am nächsten trieb das alte Fräulein, das auf den geblähten Röcken wie eine breite, schwarze, oben zugespitzte Wasserboje schaukelnd schwamm und gellend kreischte: »Mein Gott! Hilfe! Retten Sie mich zuerst! Ich bin die Älteste.« Nach der Boje steuerte Amatus – nun war er da – und die Unvernünftige griff in die stoßenden, schwer arbeitenden Arme des Retters. Der ungeübte Schwimmer erkannte die große Gefahr und keuchte: »Lassen Sie den Arm los!« Aber in ihrer Todesangst krallte sie die Finger noch fester in [später: um ] ihn. Er hatte bereits viel Wasser geschluckt, hörte ein Sausen und Fauchen und sank. Sein letzter Gedanke war: Gott! Dann merkte er in dunkel wiederkehrendem [später: im … wiederkehrenden ] Bewußtsein, daß sein Körper schwebte und unsanft über einen harten Gegenstand gerollt wurde. Die Männer der Barkasse hatten ihn und das Fräulein mit zwei Bootshaken herausgefischt und konnten trotz des Unglücks kaum ein Schmunzeln unterdrücken, weil die beiden ein einziges, großes, nasses Bündel bildeten. Schnell befreite sich Amatus aus der Umarmung und ging nach vorne. Sylvia, die zuerst geborgen war und neben dem Kessel hockte, sah wie ein Häuflein Elend zu ihm empor und schlug die Hände vors Gesicht, um über sich selbst zu weinen. Das Schiff legte ans Ufer und brachte, nachdem der Doktor [später: Evers ] und Frau Junker an Bord genommen waren, die verunglückte Gesellschaft zur Stadt. [Später entfallen: Berg blieb zurück, um den Wagen aufs Trockne schaffen zu lassen. Sein Blick hatte etwas Glotzendes und Grollendes. ] Die Wohltätige, die wie eine Boje geschwommen, glich jetzt einem hölzernen, mit triefenden Kleidern behangenen Kleiderständer und sagte, mit den Zähnen klappernd: »Lieber Doktor [später: Herr Kandidat ], gehen Sie hin und danken Sie dem Junker für seinen Beistand … ich würde es ihm nicht vergessen.« [Später entfallen: Doktor ] Evers, dessen geöltes Haar von Wasserperlen funkelte, glänzte förmlich in der Sonne und war glätter als je; nur die Stimme holperte, als er seinen Auftrag ausrichtete. Ihm wurde ohne Anstoßen eine schnelle und anstößige Antwort: »Es war nicht Fräulein Lüdemanns [später: Lindemanns ] Schuld, daß wir beide gerettet wurden … ihr Dank kommt an die unrechte Adresse und gebührt dem Schiffer und dem Herrgott.« Amatus und seine Mutter blieben auf dem Vorderdeck und kehrten der übrigen Gesellschaft den Rücken zu. Am Morgen nach dem Bade hatte er einen benommenen Kopf. Trotzdem die Mutter, die alles beobachtete, seine gedrückte Stimmung bemerkte und ihn bat, zu Hause zu bleiben, nahm er seine Mappe, um die Vorlesung zu besuchen. Das Wiedersehen mit Sylvia hatte keinen Schmerz und keine alten Gefühle in ihm erweckt, aber mit einem dumpfen Unbehagen ihn erfüllt. Sein Gemüt war zum Zerspringen mit etwas Schwerem, Stickigem und Explosivem überladen, das Ausbruch und Entladung suchte. Monika hatte mittags die Karbonade gebraten, die Kartoffeln in der Heukiste warm gestellt und die eine Tischhälfte gedeckt. Als es ein Viertel nach zwölf schlug, stand sie horchend neben dem Petroleumherdlein. Auf die Minute pflegte sie sonst mit einem stillen Lächeln die langen Schritte des sehr pünktlichen und sehr hungrigen Sohnes zu hören, der zwei Stufen auf einmal nahm. Der Zeiger der Uhr rückte immer weiter. Die Wartende schraubte die Flamme herunter und murmelte: »Er wird sich vielleicht festgeschwatzt haben.« Tick-tick, tick-tick! Die Uhr schlug einen Schlag. Monika preßte am Fenster den Kopf an die Scheibe, um auf die tiefliegende Straße hinunter zu sehen. »Wo bleibt er, wo bleibt er? Er sollte sich doch nicht festge–?« Den Gedanken vermochte sie nicht zu vollenden [später: auszudenken ], aber ihre Finger legten sich ineinander, als wenn sie bete. Tick-tick! Die Uhr ging ruhelos. Bei den zwei hart dröhnenden Schlägen schrak Monika zusammen, stand schleppenden Schrittes auf und stellte das Essen, von dem sie keinen Bissen berührt hatte, fort. Bei jedem Stück, das sie hinwegräumte, fühlte sie einen wehen Stich. In der Dachstube der Teichstraße hockte eine starre Frau am Fenster, hörte die halben und die vollen Stunden schlagen, und immer die Straße hinunter ging ihr suchender und banger Blick. Es dämmerte. Die Laternen flammten auf. Sie blieb unbeweglich in ihrer Stellung, weit offen die Augen und die Hände gefaltet. Als gegen 10 Uhr laute Nachtschwärmer unten auf der Gasse lärmten, öffnete sie einen Fensterspalt und steckte den Kopf hinaus. Doch nein! Nach Mitternacht war die ganze Vorstadt still und schlief. Plötzlich hörte Monika ein Klappern auf dem Pflaster und einen Schritt, den sie zu kennen meinte, obgleich er etwas Hartes und Fremdes hatte. Mit dem Hausschlüssel die Treppen hinabeilend, schloß sie von innen auf. »Amatus, wie siehst du aus!« »Mut–ter!« sprach er unsicher und ging vor ihr, recht fest und sicher tretend; nur die Züge waren blaß und verändert. Die Mutter schloß kein Auge in der Nacht und hörte ihn atmen und schlafen. In einförmigem Takt gingen die Atemzüge des Schläfers [später ergänzt: die ihr ] [später entfallen: und klangen ihr ] in der nächtigen Stille [,] wie die schaurig blasende Melodie einer ewig wiederkehrenden Sorge [später ergänzt: klangen ]. Der sonst ein Frühaufsteher war, erwachte spät. Die Mutter saß an seinem Bette, reichte ihm den frisch gekochten Kaffee und hielt seine Hand. »Warum schiltst du mich nicht, Mutter? Ich könnte besser deinen Zorn als deine große Liebe ertragen.« »Ich glaube, daß du des Trostes bedarfst.« »Ja, tröste mich, denn ich bin tief, tief elend!« »Amatus, wenn ich zähle … mehr als vier Monate hast du in Stille [später ergänzt: und in Frieden ] gelebt.« »Gerade darum ist es so entsetzlich«, stöhnte er. »Ja und auch nein … der böse Feind hat dich gefällt … wir müssen es dulden, daß er seine Anfälle macht und vielleicht kann er nicht mit einem Mal für immer überwunden werden … aber wir müssen weiter kämpfen und siegen, mein Sohn.« Ihre Milde ermutigte ihn, neue und starke Vorsätze zu fassen. Am Vormittage trat der Postbote ins Zimmer und begann einen Geldbetrag von 30 Mark hinzuzählen, welchen die Wohltätige sandte, um ihr Wort, daß sie des Dankes nicht vergessen werde, in angemessener Weise einzulösen. Ohne Überlegung schoben Mutter und Sohn das Geld zurück, und kopfschüttelnd schrieb der Briefträger sein »Annahme verweigert«, welches in seiner Praxis bei Postanweisungen selten oder nie vorkam. Ebenderselbe Postbote hatte der Obermaatswitwe ein portofreies Schreiben überbracht. Freudeschreiend stürzte sie zu ihren Mietern ins Zimmer: »Ich hab's, ich hab's!« »Was denn? Einen kleinen Raptus?« lachte Amatus. »Meine laufende, meine laufende Unterstützung von 90 Mark jährlich, die mir aus Gnaden bewilligt worden ist.« Nichts, gar nichts hatte Junker getan, nur ein geringes, gutes Wort zu gelegener Stunde gesprochen, und das hatte die Wunderwirkung gehabt, daß ein armes, gedrücktes Menschenherz von neuem auflebte. Wie viele kleine, freundliche, empfehlende Worte bleiben auf Erden ungesprochen – sei es aus Trägheit oder aus falschem Stolz – und könnten doch mühelos Früchte der hellsten Menschenfreude tragen. Die frohe Botschaft der Witwe hat auch die Betrübnis der Familie Junker erhellt. Der Studiosus arbeitete wieder mit neuer Lust und Kraft; sogar das Repetieren, das eintönige Wiederkäuen des Gedächtnisses, war ihm keine langweilige Beschäftigung. Zuweilen verfiel er in kurzes Grübeln, ohne die Mutter zur Vertrauten seiner Gedanken zu machen. Dann suchte er, von der jetzigen Leichtigkeit des Denkens und der Frische seines Geistes in Verwunderung gesetzt, über seinen leiblichen und seelischen Zustand zur Klarheit zu kommen. Sein Selbst befremdete ihn. Abgespannt und reizbar war er gewesen und jetzt nach kurzer Krankheit wie von neuem geboren! War nicht die angesammelte Depression seines Gemüts durch die zufällige Begegnung mit der Lüdemannschen [später: Lindemannschen ] Sippe in Gärung und zur Explosion gebracht worden? Hatten nicht die dumpfen Stickstoffe seines Nervenlebens sich in dem Exzesse entladen und ausgetobt? War das Unbegreifliche nicht wie eine notwendige Krisis, die er durchmachen mußte, um unreine, hemmende Affekte auszuscheiden und sich an Leib und Seele wieder frei zu fühlen? Ja, die Wirkung – die Genesung und Geistesfrische – schien eine Erfahrungstatsache. Aber sein Verstand faßte es nicht und fand keine Lösung des furchtbaren Seelenrätsels. Junker war ein Schnellarbeiter, der beharrlich dem Ziele seines Brotstudiums, welches Examen hieß, zustrebte. Je mehr das Semester seinem Ende sich näherte, desto unruhiger zählte Monika die Tage. Als Schiffskiste und Schloßkorb gepackt wurden, war ihr ganzes Antlitz ein stilles [später ergänzt: Leuchten und ] Lachen. Die Obermaatin aber wischte sich die Augen. »Was wollen Sie mit dem Petroleumkocher sich schleppen? Lassen Sie den doch hier!« »Als Pfand? Sind wir etwas schuldig geblieben?« scherzte Amatus. »Nein, als Bürgschaft, daß Sie wiederkommen … jetzt hab' ich ja meine Laufende und will das Zimmer für Sie offen halten.« – – – Frau Monika war wieder in der Heimat und in ihrem Hause. Ihr sinnender Blick schweifte über das Pappeltal und die Föhrde und den Kirchturm von St. Marien und die roten Ziegeldächer, entdeckte neue Reize an Norderhafen und fand sogar die Gasanstalt, die heute keine Gerüche verbreitete, nicht häßlich. Wie konnten die preußischen Beamten, die von auswärts kamen, den lieblichen Ort ein langweiliges Nest schelten? Ehe Friedline am Morgen ihr Hausmutteramt abtrat und die Schlüssel ablieferte, kramten ihre Finger in der Schatulle und zählten triumphierend acht blanke Talerstücke auf den Tisch. So viel hatte sie von dem ihr zugewiesenen Wirtschaftsgeld erspart, ohne daß der Vater eine Ahnung davon hatte. Darum wurde Hans Gerichtsdiener dermaßen ergriffen, daß er die Blinde umschlang und vor Rührung schluchzte; »Ja, du bist meine eigene Tochter … liebe Mutter, das hat sie von mir … das Sparen, das Sparen!« Am Sonntage wurde von der ganzen Familie ein gemeinsamer Dankgottesdienst gehalten. Lang und breit und erbaulich redete der Propst über das Wort: »Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig.« [Später entfallen: Hans, der die nach dem Zerwürfnis der Vettern eingestellten Sonntagsbesuche und das gute, warme Abendessen bei dem Onkel Hardesvogt nicht verschmerzen konnte, machte auf dem Heimwege ein sehr christliches Gesicht und predigte seinem Sohne, daß er mit dem Vetter sich versöhnen müsse. »Mußt du nicht als angehender Pastor ihm zuerst die Hand bieten?« Aber die fromme Frau Monika unterbrach ihres Mannes Predigt und sagte scharf und unchristlich: »Es ist besser für Amatus, daß die beiden Feinde bleiben … wir wollen statt des Besuches heute Nachmittag einen gemeinsamen Ausflug machen.« ] [Später anders/ergänzt: Für den Nachmittag schlug die Mutter einen gemeinsamen Ausflug vor. ] »Jaja, und im Walde Kaffee kochen!« Friedlinchen klatschte wie ein Kind in die Hände. Hans machte [später ergänzt: aber ] bei diesen Worten mit den alternden, ungeschmeidigen Beinen einen hüpfenden Satz wie in früheren Tagen. Die Familienausflüge und das Begucken von Wald und Wasser war nicht sein Geschmack. [Später entfallen: Der Verkehr zwischen dem Hause des Hardesvogts und der Dachwohnung hatte aufgehört, und Silly trug Kümmernis darum. ] Als die Ferien angefangen hatten, ging sie [später: Silly ] an drei Tagen nach einander durch das Pappeltal spazieren. Am dritten stand Amatus oben am Fenster und grüßte und winkte. Langsam stieg sie die Treppe hinauf, und der Vetter zog sie mit den ausgestreckten Händen die zwei letzten Stufen empor. »Liebe Base, bist du mir böse [später ergänzt: , oder bist du unglücklich ]?« [Später entfallen: »Nein, wir haben uns nicht erzürnt und werden uns nie erzürnen. Was hast du mit meinem Bruder gehabt, der freilich ein Schlingel ist und die Hauptschuld tragen wird? Tante Mona, warum kommt ihr nicht mehr zu uns?« Amatus antwortete nicht, sondern runzelte die Stirn. »Ja, das ist eine kuriose Sache«, sprach die Tante, »ich kann es aus dem Jungen nicht herausbekommen, warum sie sich überworfen haben.« »Auch mein Bruder will den Grund nicht sagen … Amatus, rede du doch die Wahrheit, damit wir nicht Ärgeres glauben!« »Nein, Silly, ich habe mir das Wort gegeben zu schweigen.« »O Gott«, rief die Mutter, »diese Geheimtuerei! Ich fürchte, da wird ein dunkler Fleck sein, den du verdecken mußt.« »Nein, Mutter!« sagte der Sohn fest, »ich gebe dir mein Wort … ich … wir sind unbefleckt.« ] Silly erzählte traurig: »Ach, mein armer Vater kränkelt … in der Nacht hat er die fürchterliche Atemnot und steht am offenen Fenster … der Sanitätsrat sagt, daß es Herzschwäche sei … liebe Tante, [später entfallen: wenn auch die zwei Trotzköpfe sich entzweit haben, darf doch kein Streit in der Familie sein … ] weil ihr nicht kommen wollt [später: kommt ], bringe ich meinen Vater hierher.« Die kleine, sanftmütige Friedenstifterin [später: Silly ] setzte ihren Willen durch. Da der Hardesvogt langsame Spaziergänge machen sollte, führte die Tochter ihn geflissentlich durch das Pappeltal. Die gelben Blätter rieselten herab, die letzten Rosen hingen welk, von Würmern angefressen. Eine Herbstschwermut und Todesahnung beschlich den Sechzigjährigen, der tief atmend stille stand und nach der Herzgegend griff. »Alles, was im Frühling blühte und im Sommer duftete, wird jetzt stinkende Fäulnis. Silly, riechst du nicht die Verwesung überall?« »Nein, Vater, was ist heller als ein wolkenloser Herbsttag, der wie des Jahres abgeklärter Feierabend still mich anheimelt?« Er lächelte hart. »Ja, wenn nicht die schwarze Wolke dahinter aufstiege … der Tod und sein entsetzliches Rätsel. Auch wir sind Moder … pfui, pfui, wie scheußlich ist der Schluß des traurigen Stückes, das wir Leben nennen. Und wohin geht dieser Menschen-Kehricht? Ist er nur der Dung, aus dem neue Geschöpfe und Geschlechter werden und wachsen?« »Was kümmert mich der Leib!« sagte sie kindisch, »unsere Seele geht ja zu Gott … aber du wirst noch lange bei uns bleiben, mein lieber Vater.« Er sah in die Ferne, als wenn er unruhig nach der Wolke ausspähe, und murmelte: »Der Tod ist ein unerbittlicher Gläubiger, dem wir mit Sorgen und Plagen und Krankheit alljährlich hohe Zinsen zahlen, und dem auch ich meine Schuld mit dem Leben bezahlen muß. [Später entfallen: Was aus deinem Bruder werden soll, weiß ich nicht, er hat sein bißchen Vermögen verbraucht … aber dein Erbteil, Silly, ist sichergestellt.« ] Leicht ließ sich der nachgiebige [später: weichgestimmte ] Vater bewegen, seine Schwester zu besuchen. Monika wandte sich ab, um ihr Erschrecken zu verbergen. Der Bruder schien in den fünf Monaten um fünf Jahre gealtert. Er war herzlicher als je. »Mona, wie ist denn das? Du mußt die Deinen verlassen, damit dein Sohn auf der Universität leben kann? Das geht [später ergänzt: doch ] zu weit und ist anstößig vor den Leuten. Wenn ich auch selbst meine liebe Not habe, will ich doch für ihn gutsagen, so daß die Bank eine größere Summe ihm vorstreckt … Amatus, wie viel Semester brauchst du noch?« »Zwei!« »Zwei?« Der Hardesvogt, in dem die alte Natur erwachte, lächelte sarkastisch, »in sechs Semestern willst du dein Studium machen? Dann wärest du ja der ideale Wunderstudent des Trienniums.« »Gilt es eine Wette, Onkel, daß es mir gelingt?« sagte der Neffe keck. Der Onkel antwortete ihm nicht, sondern fragte die Schwester: »Was meinst du, Mona? Ich bin bereit, meine Bürgschaft zu geben.« Sie lehnte das Anerbieten bestimmt ab. »Nein, Leihen und Borgen macht Not und Sorgen. Von unsern Eltern her sitzt mir davor noch ein Grauen in den Gliedern … besten Dank! Wir kommen so durch.« Hegte sie irgend welche Zweifel an der Unabsichtlichkeit seines Anerbietens? Oder wollte sie bei ihrem Sohne bleiben, um mit ihm weiter zu studieren und weiter zu kämpfen? Als die Besucher sich entfernt hatten, hob Friedline den lauschenden Kopf und sagte: »Welch eine klare und süße Stimme hat die Kousine! Ist Silly nicht schön, Amatus?« Er antwortete: »Nein, aber sie hat das beste und schönste Herz, das ich kenne.« Sinnig kehrte die Blinde das kluge Köpfchen, als wenn sie ihn fest ansehen möchte. »Hast du sie nicht lieb?« »Gewiß, ich liebe die gute Silly von Kind an als meine beste Freundin.« Ein lustig-lichtes Lächeln flog über Friedlines Gesicht. »O, Amatus, nun weiß ich etwas … Silly wird einmal deine Frau.« Er lachte gewaltsam. »Haha, haha! Meine Frau? Nein, Friedline! Mit dem Verlieben und Freien und eine Frau sich nehmen bin ich für immer fertig.« Die Lippen der Mutter krausten sich. »Fertig? Ja, so hat manch Männlein und Weiblein mit dreiundzwanzig Jahren gemeint … aber, Gott sei Dank, eine törichte Jugendenttäuschung macht ein rechtes Menschenherz nicht fertig noch gefroren.« – – – Die Professoren hielten ihre alten Vorlesungen, mit Hinzufügung der neu gemachten Forschungen und Entdeckungen, und kamen darum noch weniger zum Ende damit. Die alten [später entfallen: und ] [,] bemoosten Häupter legten mit gutem Gewissen Band und Mütze fort und griffen mit einem [später entfallen: sauer- ] schlechten Gewissen nach den Büchern. Die akademische Ehre, auf die sie nichts hatten kommen lassen, war ja in guten Händen. Neue Füchse ließen sich die bartlosen Gesichter auf den Mensuren zerhacken. Die Universitätsuhr ging mit etlichen kurzen, unvorhergesehenen Stillständen – welche der Pedell ihre Mucken benannte – ein volles Jahr. Ebenso regelmäßig war Amatus Junkers Leben in rastloser Arbeit verlaufen, nur mit einigen kurzen, kritischen Unterbrechungen, die ihm und der Mutter gleich großen Herzkummer bereiteten. Aber Monika ließ die Hoffnung nicht fahren, daß ihr Sohn mit dem zunehmenden Alter und Verstand der schwachen Unart des Willens und den studentischen Mucken entwachsen werde. Sehr erfreut und ein wenig eitel drehte Amatus sich vor dem Spiegel hin und her, als der Schneider ihm den ersten Frack mit Schwalbenschwänzen anprobierte. Er gefiel sich selbst darin, der Mutter aber noch mehr und der Obermaatin am meisten, welche die Hände in die Hüften stemmte und ihr Urteil abgab: »Ganz wie der Geheimrat, wenn der zum Diner beim Exzellenz-Grafen geht.« »Oder wie der Kellner, der mit Bier und Grog die Gäste bedient«, antwortete der Theologe in ärgerlichem Humor, »ja, im Kellnerfrack muß ich vor dem hochwürdigen Konsistorium meine Probepredigt halten.« Das älteste Mitglied der Norderhafener Blase, das sich keines Präzedenzfalles erinnern konnte, schüttelte das Haupt und sagte: »Eben nur ein Muttersöhnchen kann mit sechs Semestern das Examen machen.« Junker hatte ohne Mühe die Prüfung bestanden; und auf das Zeugnis, in dem die Prädikate »gut« sich an einander reihten, tropfte aus den Mutteraugen eine [später ergänzt: volle ] Dankesträne. Fünfter Abschnitt: Der Kandidat des ehrwürdigen Amts. Goldig glänzend war die Sonne des Oktobertages untergegangen. Wie ihr Widerschein lag auf allen Gesichtern der Glanz des ersten, unendlichen Glücks, das diesem Hause geworden. Im dämmernden Zwielicht saß die Familie Junker beisammen, und alle spannen lichte Hoffnungsfäden zu fest gefügten Zukunftsträumen. Am praktischsten träumte Hans: »Ja, meine alten Beine werden schon ein bißchen pflastermüde … wenn du uns, wie du meinst, einmal mit auf die Pfarre nähmest, ließe ich mich gleich pensionieren … am Ende werde ich wieder, wie in Arup, der alte Pastorhans, der die Landwirtschaft betreibt … du würdest ja doch keine Zeit haben, dich mit Pferden, Kühen und Knechten abzugeben.« »O, da bist du in einem großen Irrtum, gerade das würde meine Lust und Lieblingsbeschäftigung sein.« »Hm, hm«, meinte Hans, »soll nicht der Schuster beim Leisten und der Pastor bei der Bibel bleiben?« Ein die steile Treppe hinabhuschender Schritt unterbrach das Gespräch, eine verhüllte Gestalt trat ins Zimmer und kicherte: »Kennt ihr mich nicht?« »Silly, Silly!« »Ja, ich will dir von Herzen Glück wünschen, Herr Soundso. Wie soll man dich titulieren, und was bist du jetzt?« »Weder Fisch noch Fleisch, weder freier Bursch noch unfreier Beamter … trotzdem nenne ich mich nicht ohne Stolz candidatus ministerii reverendi.« »Ja, was heißt die lange Lateinerei?« »Kandidat des ehrwürdigen Amts.« »O, du Ehrwürdiger, laß dir den Schnurrbart scheren, der eine zweifelhafte Kandidatenzierde ist!« Friedline hatte einen tollen Einfall und sagte plötzlich: »Silly, gib ihm einen Gratulationskuß … auf den Schnurrbart!« Die lustige Kousine wurde rot und redete schnell nach der andern Seite: »Tante, wir freuen uns mit euch … mein Vater bittet euch, uns morgen zu besuchen.« [später entfallen: »Und dein Bruder?« fragte Amatus scharf. »Ist nicht zu Hause, sondern bei einem Studiengenossen, dem Baron Witte auf Schönhorst, zur Jagd.« »Bei einem Baron? Himmel! Ich nehme den Hut ab … und mit der alten Salon- und Krähenbüchse?« Die Kousine sah ihn bittend an. »Amatus, an den Spöttern hat Gott kein Wohlgefallen, weil der Spott weh tut … ich weiß es.« ] Im Gehen nickte sie ihm [später: dem Vetter ] zu. »Du wirst morgen vielleicht eine alte Bekanntschaft erneuern«, und raffte den Kapuzenmantel fest zusammen, so daß das Gebrest des Rückens hervortrat. [Später entfallen: Kannte sie darum den wehe tuenden Spott? ] – Hans Gerichtsdiener bog am Sonntagnachmittag nach links, statt wie sonst den Weg durch die Allee zu wählen. Seine Frau [später entfallen: aber ] blieb stehen: »Warum sollen wir den Umweg durch die Stadt machen?« »Liebe Mutter, ich garantiere für nichts und glaube, daß die Fußsteige sehr schmutzig sind.« So bekam er seinen Willen und marschierte stolz und stramm zwischen seiner Frau und seinem Sohne durch die Gassen Norderhafens und flüsterte bald fröhlich-pfiffig: »Merkst du nicht, Mutter, wie wir angeguckt werden, weil es in der Zeitung gestanden hat, daß er Kandidat geworden ist?« Darum hatte er den Stadtweg gewählt. Bei Hardesvogts wurde die alte Bekanntschaft erneuert; und Amatus, der unerwartet vor Klarissa stand, wurde sichtlich verlegen, weil er der wenig vorteilhaften Situation gedachte, als sie vor dem Wirtshause auf der Straße ihm mütterlichen Gruß bestellte. Nachdem er die Befangenheit abgestreift hatte, redete er lebhaft mit ihr und beobachtete ihr Gesicht. Ihre Augen hatten trotz der unbestimmbaren Farbe, die zwischen grau und braun schillerte, eine eigentümliche, ruhige Klarheit, wie er sie noch nicht gesehen. Wenn auch die Züge alles andre als regelmäßig waren und die Nase am wenigsten irgend einem Ideal, weder dem römischen oder griechischen oder auch nur nordschleswigschen [später ergänzt: Nasen-Ideal ], entsprach, war ihre Gestalt [später ergänzt: doch ] groß, schlank und geschmeidig. Ihr Wesen und Gebaren hatte, wie ihr Körper, etwas Abgerundetes, Abgeschlossenes und Geordnetes, wie man es bei selbständigen Charakteren findet, die frühe im Strom der Welt mit eignen Händen haben schwimmen müssen. Auf seine Frage nach dem Freunde Wilhelm erzählte sie freudig-ausführlich: Ihr Bruder, der jetzt in Berlin studiere, werde in diesem Herbst sein Examen als Chemiker machen; ein schlichter Bauer in Dithmarschen, bei dem er Hauslehrer gewesen, habe ihm ohne Schuldschein, bloß auf sein ehrliches Gesicht hin eine bedeutende Summe geliehen. »Hat der edle Bauer vielleicht eine Tochter?« Junker konnte die Frage nicht unterdrücken. In demselben Ton gab sie zurück: »Ja, eine Tochter … fünfjährig und im Flügelkleide.« Die Jungen, die eine Neigung zum Untersichsein haben, gingen in den Garten. In einem Bäumchen hing ein vergessener Apfel, den Amatus als der längste herunterholen mußte. Als er ihn gepflückt hatte, stellte sich Silly ihm zur Linken und sagte: »Siehe, Paris mit dem Apfel in der Hand! Wem von uns beiden wirst du ihn wohl reichen?« Ergötzlich schaute er von der einen zur andern, zog langsam sein Taschenmesser und teilte mit salomonischer Weisheit den Apfel in zwei Hälften. Die erwachsene Klarissa biß sogleich mit kräftigen Zähnen in ihren Anteil hinein. Diese kindliche Art machte ihn kecker, so daß er, als sie fragte: »Herr Junker, geht es nun ins geistliche Amt?« recht burschikose Antwort gab: »Bewahre! Ich werde noch, kürzere oder längere Zeit, draußen im Vorhof des Heiligen warten müssen, in dessen Allerheiligstem die Ge–ne–ral–supe–rin–ten–denten – ich muß immer einen Anlauf machen, um das hohe und lange Hinderniswort ohne Anstoß zu nehmen – und die Konsistorialräte sitzen und über ein armes Kandidatenschicksal entscheiden. Wohin meine Kandidatenfahrt geht, ahne ich nicht einmal … Hauslehrer? Brrr! Lieber doch eine Prädikantenstelle als das kleinere Übel!! »Ein Übel?« Fräulein Reder sah ihn groß und verwundert an. »Na, ein Kandidat, der bei uns in Frack und Schwalbenschwänzen auf der Kanzel steht und über die Köpfe nordschleswigscher Bauern hinwegpredigt, ist ein ziemlich undefinierbares Geschöpf.« Eine glasklare Stimme sprach: »Wie kann ein Mann einen Beruf wählen, an dem er geringschätzend so viele Mängel findet? Wo keine ganze Überzeugung, ist keine volle Hingabe … sondern eine Halbheit.« Dem kecken Kandidaten wurde kleinmütig, als wenn ihm über den losen Mund ein leichter Streich hingewischt worden sei. Ohne Freude an der kindlichen Klarissa stotterte er: »Ich meine nur, daß ein Prädikantenamt eine Halbheit und kein Beruf ist … ordinieren wird man mich nicht – weil ich noch zu jung bin. Nach einer weisen Konsistorialordnung darf einer nicht zu früh Kandidat werden, sondern muß bis zu den vernünftig betagten Jahren – sie nennen's das kanonische Alter – die Universitätsbänke absitzen und seine 9–10 Semester verstudieren muß, wofern er gleich nach dem Examen ordiniert werden will. Meine Mitprüflinge bekommen jetzt sämtlich die Ordination, weil sie ein paar Jahre älter sind und ein schlechteres Zeugnis haben als ich.« »Ich verstehe Ihren Ärger«, antwortete Klarissa, »aber Ihre große Jugend ist doch keine Schande, sondern vielmehr eine Ehre.« »Und ein schwerer Nachteil … allerdings nur bei geistlichen Behörden«, sagte er und schwieg. Obgleich sie ihm seine Ehre ließ, war ihm unbehaglich, von der Erwachsenen an seine große Jugend erinnert zu werden. Auch wirkte der Mundstreich nach, so daß er über ihr Wort nachdachte – war er ohne Überzeugung Theologe geworden? Er hielt doch alle Lehrsätze für wahr und fest fundiert und hängte sich nicht einmal des Anstands halber ein modern freisinniges Mäntelchen um, wie andre es taten, um nicht der schwarzen Finsterlings-Orthodoxie verschrien zu werden. Silly allein blieb lustig. »Amatus, wenn ich mir vorstelle, daß du auf der Kanzel stehst und ich unten in der Kirche sitze.« »Die Vorstellung kann am nächsten Sonntag in St. Marien zur Wirklichkeit werden … ich werde predigen.« Klarissa kneipte mit zwei Fingern den Ellenbogen der Freundin, welches das alte Schulzeichen war, daß sie ihr etwas unter vier Augen zu sagen habe. Auf dem Flure entledigten sich die Mädchen des Geleitsmannes und gingen in das obere Zimmer. Silly machte eine schaudernde Bewegung und lächelte. »O, Rissa, hier war meine Folterkammer, wo ich in Steckriemen lag … und es hat nichts genützt.« »Nichts genützt? Doch!« »Lassen wir, was ich leider weiß! Du wolltest mir etwas im Vertrauen sagen? Magst du ihn noch leiden? Die gesetzte Reder antwortete nur auf die erste Frage mit unsicherer Stimme: »Mir ist eingefallen … ich wüßte vielleicht eine gute Prädikantenstelle für Junker … nämlich bei unserm Pastor …« »Hier in Norderhafen? Wie schön!« »Nein, in Alstrup … Pastor Webers sind vortreffliche Leute, die ihn wie ihr Kind halten würden.« »Sag ihm das doch, Klarissa!« »Nein, ich kann es nicht sagen … weil ich in der Gemeinde auf dem Hofe Egeberg konditioniere …« Die Erwachsene stockte wie ein befangenes Schulmädchen. Und die Freundin betrachtete sie forschend. »Wie findest du ihn?« »Ich weiß nicht ... haben wir uns nicht einmal das Versprechen gegeben, davon nicht zu sprechen?« »Rissa, denkst du noch an das Gelübde in der Kastanienallee … und lachst du nicht darüber?« »Ja, Silly, ich denke daran und lache nicht darüber.« Die Kousine übernahm es, ihrem Vetter nahe zu legen, daß er sich um die Prädikantenstelle bemühe. Junker ging auf den Vorschlag ein, in dem seine Mutter einen Fingerzeig von oben erblickte. Als er beim Abschied Fräulein Reder dankte, war er in seinem Herzen mit ihrem fertig forschen Wesen versöhnt. Die Marienkirche, die sonst nur am ersten Weihnachtstag ganz voll wurde, war es auch am zwanzigsten Sonntag nach Trinitatis. Alle Norderhafener wollten den Gerichtsdienersohn hören, manche der Kuriosität halber, und einige meinten: Ob er wohl stecken bleiben wird, wie der letzte Kandidat? Monika, die im Stuhle ihr stilles Gebet sprach, bat zu Gott, daß solch gräßliches Unheil ihm und ihr nicht widerfahren möge. Der dort oben stand und den Schnurrbart zurückstrich, blieb nicht stecken, sondern hielt einen gewandten, geistlichen und nicht geistlosen Vortrag. Hans Gerichtsdiener starrte begeistert zur Kanzel empor, während die Mutter, aus Furcht, den Redner zu verwirren, den Kopf tief senkte, und Friedlines blinde Augen tropften ein paarmal. Oben auf der Empore hatte der Hardesvogt mit seiner Tochter gesessen und faßte draußen sein Urteil in die Worte zusammen: »Der Bursche hat eine kräftige Suade … kommt er einmal zur Wahl, wird er gewählt, besonders wenn er so gescheit ist, sich vorher nicht zu verloben, jaja!« Fräulein Reder war von Junkers nicht gesehen worden, aber sie hatte hinter einem Pfeiler gesessen und jedem Wort gelauscht. Vor der Kirchtür traten die Norderhafener an den jungen Prädikanten heran, um ihm die Hand zu drücken. Der Kaufmann Petersen, genannt Christian Billig, welcher Kirchenältester war, sagte laut: »Sie haben meine volle Achtung, Sie können besser predigen als mancher Propst.« Hans Gerichtsdiener nahm den Arm seiner Frau, und seine Stimme hatte etwas Schluchzendes: »Mutter, das war ein großer Tag.« »Ja, ein großer Gnadentag Gottes.« – – – Pastor Weber in Alstrup hatte seiner Frau, ohne deren Zustimmung er nichts unternahm, die Zeugnisse vorgelesen, und das alte Ehepaar war sehr befriedigt und sich bald einig, den Kandidaten, der als Sohn eines Gerichtsdieners gewiß keine Ansprüche mache, anzunehmen. Daß Junker Prädikant in Alstrup wurde, verdankte er nächst Gott und dem Generalsuperintendenten, der seine Zustimmung erteilte, am meisten von Menschen dem Fräulein Reder; und je einheimischer er in seinem neuen Lebenskreise wurde, desto mehr Dank wußte er ihr. Alstrup, ein bürgerlicher Flecken mit rein dänischer Kirchensprache, lag nicht weit von der Ostsee in einer fruchtbaren, von hohen Hecken kreuz und quer durchschnittenen Gegend. Pastor Weber, ein zweiundsiebzigjähriger Greis, der sich strack hielt und einen gravitätischen Storchschritt hatte, mit welcher Haltung das freundliche Gesicht nicht in Einklang stand, empfing den Kandidaten im Schlafrock und führte ihn seiner Gattin zu, der er ins Ohr rief: »Bene, hier ist unser neuer Hausgenosse.« Leise setzte er hinzu: »Wollen Sie recht laut und deutlich sprechen, da meine Frau etwas schwerhörig ist?« Die alte Dame, deren breites Gesicht voll Behagen war und Behaglichkeit ausströmte, nickte mit der gepufften Tüllhaube und reichte dem Fremdling wie einem guten Bekannten die Hand. »Wir wollen statt Hausgenosse sagen: Unser Sohn, denn wir haben keinen.« Altmodisch und traulich war die Stube. Weit- und breitläufig erzählte die Pastorin von ihrer einzigen Tochter, die mit dem Pastor Ernst in der Marsch verheiratet sei, der 700 Taler Einnahme und sieben Kinder habe. »Sie werden einsehen, daß wir dort Zuschüsse machen müssen und darum nicht das höchste Prädikantengehalt zahlen können.« »Bene, jetzt überlaß ich Herrn Junker dir … ich muß studieren.« Majestätischen Ganges entschwand der Schlafrock. Gebrauchte der Pastor die Redensart Bene – d.i. zu deutsch gut – als ein unnötiges Flickwort? Nein, es war der Kosename, den er vor mehr als vierzig Jahren seiner Braut Benediktine gegeben und seither beibehalten hatte. In den vier Dezennien seiner Ehe hatte er alles, was sie tat und sagte, bene gefunden, gut geheißen und gebilligt. Die gute Pastorin hatte aber nie etwas Schlimmes getan und ihren Mund immer aufrichtig reden lassen. Weil in ihrem Gemüt kein Fünklein Falsch war, sprach sie bisweilen ihre Gedanken, Ansichten und Urteile mit verblüffender Offenheit aus. Aus der Küche kam die dritte Person, die schnell vor dem Spiegel der Mädchenkammer sich besichtigt und die Stirnhaare gezwirbelt hatte, und die etwas nachlässig und beiläufig als Fräulein Eveline Nissen vorgestellt wurde und des Haushalts Stütze war – ein schmächtiges, stark geschnürtes Figürchen, darauf ein niedlicher, nicht viel sagender Puppenkopf saß. Sie spielte eine recht stumme Rolle und sollte es. Die Pastorin erzählte gern, aber fragte noch viel lieber, und mehr, als fünf Kandidaten beantworten können. Stundenlang und unverdrossen rief Amatus der alten Dame seine Antworten ins Ohr und gewann dadurch ihre Gunst. »Mein lieber Mann sitzt den ganzen Tag und Abend in seinem Zimmer und studiert unablässig und kommt nur zu den Mahlzeiten herüber … so hat er's gemacht, seit wir verheiratet sind … ich muß ihm noch die Untugend abgewöhnen.« »Dann wird's Zeit, Frau Pastor.« Sie lachte. »Jaja … warum nimmt er nicht mitunter eine von seinen alten, schönen Predigten? Ich behalte keine vom einen [später: von dem einen ] Jahr zum andern im Kopfe, und die Alstruper Bauern noch weniger.« Während des Abendessens wagte Fräulein Eveline ein paarmal nach dem neuen Hausbewohner hinüber zu äugeln, um von seinem Äußern ein Bild zu gewinnen. Gleich nach Tisch, als die Stütze in der Küche schaltete und der Pastor weiter studierte, erhielt Amatus einen Beweis sowohl von der scharfen Beobachtungsgabe als auch von der großen, geraden Offenheit seiner Pastorin, die ihm zuflüsterte: »Wenn auch meine Ohren nichts taugen, sind meine Augen um so besser … haben Sie gesehen, wie die [später ergänzt: Nissen ] Ihnen Blicke machte und mit den Augenlidern klapperte? Gehen Sie nur nicht auf den Leim!« Er wußte keine Antwort und schwieg. – Jeden Abend von acht bis zehn Uhr saßen sie zu dreien um den Eichentisch, auf dem ständig eine mit duftendem Edelobst gefüllte Schale stand. »Herr Junker, hier kann jeder nach Belieben zugreifen, wenn er einmal tagsüber Apfelappetit bekommt.« Bei diesen freundlichen, nicht an sie gerichteten Worten lächelte Eveline, von der Lampe gedeckt, eigentümlich in sich hinein. Sie durfte es nämlich nicht, obgleich sie im Hause den stärksten Obsthunger hatte und auch Wege wußte, ihn zu stillen. Frau Bene nahm die Brille ab und schwatzte behaglich, fast ein halbes Jahrhundert zurückgreifend, wie sie ihren Mann als bartlosen Kandidaten kennen gelernt und er dann bei einem lustigen Waldpicknick, aber natürlich abseits von den Leuten, in einem dichten Tannensteige plötzlich zu ihren Füßen auf die weißen, geräuschlosen Nadeln niedergesunken sei. Amatus versuchte, sich den gravitätischen, storchbeinigen Greis in knieender Stellung vorzustellen, und verzog den Mund. »Lachen Sie nicht! Das war eine selige Zeit. Wir genossen das Glück der Verlobung und kosteten es gründlich aus, denn wir mußten sieben Jahre warten … doch wenn wir alle Halbjahr uns sahen und jeden Monat einen langen Brief erhielten, war das eine unbeschreibliche und unendliche Freude. Die neuen Menschen, die flugsweg heiraten müssen, kennen das Glück gar nicht, das innige Sichfreuen auf eine zukünftige Freude, welches die reinste und längste Freude ist.« Die alten, in die Jugend zurückblickenden Augen leuchteten hell. Dem Fräulein entschlüpfte das [später ergänzt: spöttische ] Gemurmel: »Ja, eine lange Freude [später: Verlobungs-Freude ]!« Infolge einer nahe liegenden Gedankenverbindung fragte die Pastorin ohne Umschreibung: »Herr Junker, sind Sie verlobt?« Sofort stand drüben die Häkelnadel still, und das Puppengesicht lugte unter dem Lampenschirm hinüber. Amatus hob seine beiden ringlosen Hände hoch empor. Frau Bene schmunzelte: »Wo ist ein Kandidat der Theologie, der nicht heimlich verlobt wäre? Sie werden's auch sein.« »Gott sei Dank nicht! Ich bin eine rühmliche Ausnahme.« Eveline bewegte lächelnd den Mund, als wenn ein leises Gott sei Dank auch auf ihre Lippen träte. »Es wäre mir lieber, wenn Sie schon verlobt wären«, fuhr die Pastorin fort, »hier in Alstrup müssen Sie auf der Hut sein.« »Auf der Hut? Wovor?« »Vor den jungen, heiratslustigen Mädchen … ja, das kann nett werden … besonders vor den Däninnen müssen Sie sich in acht nehmen.« »O, ich habe einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß sie nicht sehen auf eine Jungfrau.« Bei den Worten guckte er um den Schirm herum und warf dem Fräulein einen Blick zu. Die Pastorin sah gut ohne Brille und hob den Finger. »Sie fangen wohl schon an den Bund zu halten … ich erzählte [später ergänzt: Ihnen ] ja … wie weit war ich gekommen?« »Bis zur reinen Freude der langen Verlobungen«, sagte er. »Im Jahre 1845 bekamen wir eine Stelle in Sundewitt und verheirateten uns … bescheiden, aber groß war das Glück … und kurz, sehr kurz. Nach drei Jahren brach der Krieg aus, mein Mann bekannte offen seine schleswig-holsteinische Gesinnung und wurde aus Amt und Heim von den Dänen verjagt. Auf Geratewohl wandten wir uns nach Hamburg, wo wir in bittere Not gerieten und von den Amtsbrüdern unterstützt werden mußten. Zuletzt gab Gott uns in der Pfalz ein Amt mit 400 Talern Gehalt … o, in den dreizehn bösen, landflüchtigen Jahren haben wir gelernt, uns lassen genügen. Anno 64 kam endlich die Erlösung. Sie werden nun verstehen, daß mein Mann ein guter Deutscher ist und die Dänen nicht liebt … mit den fanatischen Wühlern, davon wir nicht wenige in Astrup haben, verkehrt er nur amtlich. Herr Junker, wie stehen Sie in politischer Beziehung?« »Ich bin gut deutsch«, lachte er. Sie drückte seine Hand, erkundigte sich nach seiner Verwandtschaft und fühlte ihm hinsichtlich seines theologischen Standpunktes auf den Zahn. »Wenn Sie einer von den modernen Theologen sind, die mein Mann nicht leiden mag, müssen Sie mir wenigstens versprechen, nie mit ihm zu disputieren … mein lieber Fidde« – das war der Kosename, den sie für ihren Friedrich bis ins Greisenalter beibehalten hatte – »mein Fidde wird beim Disputieren gleich hitzig, und das ist ihm nicht gesund.« Der Kandidat erklärte, daß er ein Unmoderner sei. »Um so besser! Also keine Dispute und kein Liebäugeln mit den Dänen und Däninnen! Unterlassen Sie die zwei Dinge, werden Sie es gut bei uns haben.« Je weiter die Uhr vorrückte, um so längere Gesprächspausen machte die Schwatzhafte, und um so kleiner wurden ihre Augen. Das Fräulein wagte leise zu wispern: »Spielen Sie mal Domino mit ihr, dann nickt sie völlig ein.« Die schwerhörige Frau hob den Kopf: »Was sagte die Nissen zu Ihnen?« »Daß Sie – eine vortreffliche Dominospielerin sind.« »Ja, wollen wir eine Partie machen, um uns munter zu halten?« Die Steine wurden gesetzt und klapperten einschläfernd. Bald sank der ergraute Kopf der Pastorin auf die Brust, und ihre Nase machte einen melodischen Schnarcher. Auf den Moment hatte Eveline gewartet, kam mit lachendem Gesicht hinter der Lampe hervor und ließ die Blicke lustig spielen. Im Flüsterton wurde eine lebhafte Unterhaltung geführt. »Geben Sie mir einige gute Verhaltensmaßregeln in diesem Hause!« bat der kluge Kandidat. Worauf Eveline schlau lispelte: »Sie sind schon auf dem rechten Wege. Wenn Sie die Prinzipalin sich warm halten, können Sie mit dem Pastor machen, was Sie wollen … bleiben Sie nur in Gottes Namen in dem Geleise!« »Hat sie so großen Einfluß auf ihren Mann?« flüsterte er. Statt einer Antwort kam Pastor Weber aus seiner Studierstube mit den Andachtsbüchern unter dem Arm. Im Erwachen ergriff Frau Bene mechanisch nach einem Stein und setzte ihn. »Sie spielen Domino? Ich danke Ihnen, Herr Junker, daß Sie meine Frau unterhalten … bleiben Sie, bitte, jeden Abend im Familienkreise!« Der Pastor selbst blieb in seinem Studierzimmer und war mit seinem Kandidaten sehr zufrieden. Eveline legte sich in ihr Bett und holte unter dem Kopfkissen drei Äpfel von der allerfeinsten Sorte hervor, die sie langsam verzehrte. Während des Kauens erwog sie, daß der neue Kandidat ihr immer besser gefalle und jedenfalls kein Mucker sei. – Die Prädikantentätigkeit hatte begonnen. Pastor Weber erklärte, daß er noch nicht alt genug sei, um gänzlich aufs Altenteil gesetzt zu werden; an dem einen Sonntag wolle er die Predigt behalten und jeden zweiten seinem Prädikanten überlassen. »Außerdem mögen Sie die Schulversäumnislisten führen und die meisten Leichenpredigten halten und in Ihrer freien Zeit Seelsorge in der Gemeinde treiben … die habe ich bei meiner Arbeitsüberhäufung wenig üben können.« An dem Kandidaten-Sonntag war die Männerseite halb voll von Zuhörern und die Frauenbänke waren dicht besetzt. Der alte Pastor drückte dem jungen Kanzelredner anerkennend die Hand. Aber bei Tisch gab Frau Bene ihrem Kandidaten andere und offenherzige Aufschlüsse: »Ich glaube kaum, daß eins von den jungen Mädchen in Alstrup und den dazugehörigen Dörfern gefehlt hat. Die sind mit einem Mal fleißige Kirchgänger geworden … aber darum dürfen Sie sich nur nichts einbilden, Herr Junker! Das hat vielleicht seine Nebenabsichten.« Amatus erwiderte: »Alles Neue findet immer Zuspruch, aber solcher Zulauf verläuft sich bald.« »Jaja!« Lebhaft pflichtete der Pastor dieser klugen Antwort bei. Eveline wagte zu sagen: »Marie Petersen und Bodil Hansen und Christine Nielsen und [später ergänzt: sogar ] die Martha Monrad, die ich sonst nie in der Kirche gesehen habe, kommen jetzt alle zwei Wochen …« Ihr wurde das Wort von der Prinzipalin [später ergänzt: schroff ] abgeschnitten. »Schauen Sie in der Kirche nicht so viel nach rechts und links, nach oben und allen Seiten! Sehen Sie lieber zu, ob auf dem Tische nichts fehlt! Wo ist die Senfgurke?« Senfsauer lief das Fräulein Nissen in die Küche. – Am Sonntagnachmittage hielt die altmodische Kalesche vor der Pfarre, um alle zum Amtsnachbar hinüberzufahren. Pastor Reibeisen in Fischbäck pflegte zu sagen, daß seine völlige Kahlschöpfigkeit vom vielen Denken herrühre, und war [später ergänzt: wirklich ] ein grundgelehrter Herr, der ein riesiges, antikdogmatisches Wissen, wie die Schätze eines Altertum-Museums, in sich aufgespeichert hatte. Sofort nahm er seinen Kollegen mit sich ins Studierzimmer und las ihm aus seinem Manuskripte vor, das er seit zehn Jahren unverdrossen überarbeitete, alle Jahre zweimal an einen neuen Verleger sandte und ebenso oft unfrankiert und mit verbindlichem Dank zurück erhielt. Amatus blieb bei den Frauen und saß neben Marie Reibeisen, die ein sanftes, stilles Mädchen von zwanzig Jahren war, welches mit dem Munde nicht viel sagte und mehr mit den großen, von langen Wimpern beschatteten Augen sprach. Der Kandidat, der kurzweilig sein konnte, brachte sie oft zum Lachen, und seine Pastorin nickte ihm zu, als wenn sie ihn in seiner löblichen Liebenswürdigkeit ermuntern wolle. Darum kehrte er sich noch ausschließlicher den sprechenden Augen zu, und Eveline nickte auch, aber nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile klang durch die Wand lautes Stimmengepolter. »Nun sind sie im Studierzimmer an einander geraten«, rief Frau Bene und watschelte hinaus, »ich muß auf den Disput einen Dämpfer setzen.« Ihre Beruhigung bestand darin, daß sie ihren Mann am Arme nahm und lachend ins Wohnzimmer führte. Die beiden jungen Mädchen waren in Maries Kammer hinaufgegangen, um sich unter vier Augen auszusprechen. »Wie ist er?« »O, ganz nett«, antwortete Eveline. Weil sie unter sich waren, fragte Marie dreist und direkt: »Ob er schon eine hat?« »Ja, ich glaube, daß er heimlich verlobt ist … mit einer Person in Norderhafen.« »Heimlich verlobt? Greulich!« Die sanfte Stimme bekam eine gewisse sittliche Schärfe. »[Später ergänzt: Pfui! ] Sind nicht die heimlichen Verlobungen das wissentliche Verschweigen einer Tatsache und eine innere Unwahrheit? Aber woraus schließen Sie es, Fräulein Nissen?« »Nun, aus den häufigen Briefen mit dem Poststempel Norderhafen.« Ein tief vertrauliches Gewisper! »Haben Sie schon mal einen über den dampfenden Kessel gehalten?« »Gott bewahre, Fräulein Reibeisen, was denken Sie von mir! Aber die Adresse ist von zierlicher Frauenhand geschrieben.« Eveline lächelte vielsagend und log nicht. – – – Der Prädikant hatte eine glänzend Predigt gehalten, und zwar über das sonderliche Joch, das der Herr auf Evas Töchter gelegt hat. Erbaulich redete er vom Kreuz der Frauen und ergreifend vom Leid der Mutter. In der Kirche flossen viele Tränen und der Kandidat, dem der Eindruck seiner oratorischen Leistung nicht entging, mußte alle seine Demut herbeirufen, um das Schwellen des Kamms zu unterdrücken. Der Kirchenälteste Monrad, der neben ihm über den Kirchhof ging, meinte kaustisch: »Es ist ein Glück, daß die Alstruper Kirche hoch liegt … wenn Sie so predigen, setzen Sie ja die ganze Weiberseite unter Wasser.« Eveline deckte drinnen in der Stube den Tisch und rief der Pastorin zu: »Was sagen Sie nun! Fräulein Reibeisen war in der Kirche und ist eine halbe Meile gelaufen, um Junker zu hören.« Frau Bene verbesserte: »Um Herr [später: Herrn ] Junker zu hören … was regen Sie sich auf! Es ist begreiflich, daß sie, die immer ihren Vater hört, einmal nach einer Abwechslung und andern Predigt sich sehnt.« Als am Nachmittag eine Halbchaise vors Pastoral fuhr, murmelte Eveline, welche die Pferde kannte, vor sich hin: »[Später ergänzt: Jesses! ] Die haben's [später ergänzt: aber ] eilig.« Sie meinte nicht die alten Gäule. Reibeisens machten ihren Gegenbesuch, und der Pastor, der sein Manuskript mitbrachte, ließ den Kandidaten nicht eher los, als bis er es ihm zum Durchlesen aufgeladen hatte. Fräulein Marie bemühte sich heute, die schwerhörige Pastorin zu unterhalten. Sie zeigte für alle Interessen der alten Frau das größte Interesse, und als Frau Bene von ihren neuen, goldgesprenkelten Hühnern viel Rühmens machte, wollte sie dieselben durchaus besichtigen. Vor dem Hühnergitter standen sie, und Fräulein Reibeisen sprach nicht von den Goldgesprenkelten, sondern plötzlich von der Vormittagspredigt. »Aus allen seinen Worten geht hervor, daß er eine gute Mutter hat, die er sehr liebt … aber er könnte auch nicht für die Frauenseele und ihre Empfindungen so tiefes Verständnis haben, wenn er nicht eine Frau liebte.« Frau Weber antwortete laut und lebhaft: »Unsinn, liebes Fräulein! Seine Kenntnisse darüber hat er nur aus Büchern geschöpft, denn ich kann Sie versichern, daß er weder verlobt noch verliebt ist.« Marie lächelte und schien es [später ergänzt: gar ] nicht zu übel zu nehmen, daß sie Unsinn geredet habe. Sie kehrte den Hühnern den Rücken und überließ es fortan ihrer Mutter, die schwerhörige Frau zu unterhalten. – – – Am Montagmorgen brachte der Postbote dem Kandidaten ein Brieflein, das von Frauenhand geschrieben und ohne Unterschrift war. Es enthielt in dänischer Sprache einen blumenreichen Wortstrauß der Verehrung und war der Dankerguß einer [später ergänzt: elegischen ] Frauenseele für die zu Herzen gehende Predigt über das auf Evas Töchter gelegte Joch. Die schwulstige Lobhudelei mißfiel seinem schlichten Sinn, und mit einem ärgerlichen Lachen zeigte er seiner Vertrauten, der Pastorin, das Schriftstück, das sie las und zornig hinwarf: »Solch ein Blödsinn! Das hat ein übergeschnapptes dänisches Frauenzimmer geschrieben … vielleicht die Martha Monrad.« »Nein, die ist zu klug, um das zu schreiben.« »Herr Junker, ich hoffe, Sie werden vernünftig genug sein, durch derartige Schmierereien sich keine Grillen in den Kopf setzen zu lassen.« Als er das energisch bejahte, bat Eveline, ob sie einen Blick hineintun und die Handschrift sehen dürfe. Sie hatte einen bestimmten Verdacht. Doch die Pastorin ergriff schnell das Schriftstück und sah den Kandidaten fest an. »Darf ich das Geschreibsel in den Ofen werfen?« Junker bestand die Probe, und der anonyme Dankhymnus einer ästhetisch-frommen Frauenseele ging in Rauch und Flammen auf. Die Schreiberin hat den Schleier der Anonymität nie gelüftet. Gegen Fräulein Reibeisen sprach der Umstand, daß sie dänisch sehr unorthographisch schrieb. – – Amatus hatte auf dem Hofe Egeberg einen Antrittsbesuch gemacht und Klarissa gesprochen. Nur kurze Zeit war sie in der Stube geblieben, weil sie in die Küche abgerufen wurde, hatte ihm aber freudig mitgeteilt, daß Wilhelm sein Examen mit Glanz gemacht und eine einträgliche, wenn auch leider überseeische Stellung in sichrer Aussicht habe. Mehr erfuhr er von der Eiligen nicht. Auf seinen Wunsch führte ihn der Hofbesitzer Schmidt durch die Stallungen und Scheunen. Jeder gute Bauer ist immer willig, seine Schätze in den Ställen und seinen Stolz, den Düngerhaufen aufzuweisen. Siebzig rotbunte Kühe von der großen Breitenburger Zucht leckten das Schrot- und Palmkuchengemenge aus den Krippen. Amatus ließ einen bewundernden Blick über die blanken Rücken hinschweifen und atmete aus voller Brust die Stalluft. In ihm erwachte das Bauernblut, und die Sehnsucht, solche Schätze zu besitzen, schaute ihm aus beiden Augen. Noch erfreuter als der Besitzer betrachtete er die echten Yorkshire-Schweine, die kurze Schnauzen und Kräuselschwänze hatten, und verlangte noch einmal nach dem Kuhstall zurück. Der Kandidat prüfte den Spiegel der Kühe, trat hier und da in die Reihen, um die weiche Haut und die straffen Milchadern zu befühlen. Schmidt bürstete ihm den beschmutzten Rock ab und lachte: »An Ihnen ist ein Agrarier verloren gegangen! »Ja, aber ein notleidender [später: Notleidender ], denn meine Väter haben die Scholle verloren.« Junker lachte nicht. Vor dem Verlassen des Hofes schien er etwas zu suchen und trat keck entschlossen an das offne Küchenfenster, aus dem der Dampf quoll. Dort stand Klarissa, die Kleiderärmel aufgestreift, weiß- und rundarmig, in einer großen, weißen Schürze und hantierte am Herde, ihm den Rücken zukehrend. Er blieb still in Betrachtung versunken, bis sie des Zuschauers gewahr wurde und leicht errötete. »Verzeihen Sie! Wo hat Wilhelm seine Stellung bekommen.« »Als Chemiker in einer Fabrik in Argentinien.« »Er wird doch vorher Ihnen und mir Lebewohl sagen?« »Ja, Herr Schmidt hat ihn eingeladen … die paar Erholungsmonate, die ihm bis zur Abreise bleiben, wird er bei mir in Egeberg verleben.« Klarissa nickte ihm zu, und er ging. Es war sehr bezeichnend, daß Wilhelm die letzten Monate nicht bei den Eltern blieb. Auf dem ganzen Heimwege hatte Junker abwesende Augen, vor denen, wie Fatamorganas, leuchtende Luftbilder auftauchten. Die siebzig Breitenburger Kühe und die hunderte von Morgen schweren Bodens! Wenn diese Herrlichkeit sein eigen wäre, ja dann fort mit dem schwalbenbeschwänzten Prädikantenrock und den Agrarierstock unter den Arm! Klarissas Bild, wie sie am Herde schaltete, wob sich hinein. Wenn die auf seinem Gütlein als Hausfrau wirtschaftete … Hier erwachte der Kandidat und verscheuchte die dummen Träume. Der Hof Egeberg war unter Brüdern mindestens hunderttausend Taler wert – und Klarissas Bild entschwebte ebenso unerreichbar und unnahbar. – – Heuer gab's weiße Weihnachten, welches in diesem Nordlande eine Ausnahme ist. Jedes Geräusch der Erde vom weichen Teppich gedämpft, kein Laut in der Luft, und das weite Land ein prangendes Wintermärchen! Schöner als im Sommer waren die hohen Hecken, deren schneekristallene Zweige in der Sonne blitzten. In der glatten, knirschenden Räderspur wanderte Amatus frohgemut hinaus, um Seelsorge zu treiben. Dieses Stück des pastoralen Amts war ihm allein und nach freiem Ermessen überlassen worden. Ein vierundzwanzigjähriger Kandidat, dem der Himmel voller Geigen hängt, in den Hütten der Sorge, an den Betten der Sterbenden als Trostbringer und Todvorbereiter! – das ist ein Unding; aber seine Schultern fühlten nicht die ganze Schwere der Last, sondern er machte, seinem Genius und Gemütsinstinkte folgend, die Sache, so gut er's [später ergänzt: eben ] verstand. Das Weinen einer armen Mutter, deren zwei Kinder die grausame Diphtheritis erwürgt hatte, vermochte er mit allen möglichen Bibelsprüchen freilich nicht zu stillen. Als aber sein pastoraler Mund ins Schalkhafte spielte und sagte: »Warten Sie ein Weilchen! Wenn der Frühling und der Storch wiederkommt … wer weiß, ob nicht der Herrgott in Gestalt eines kleinen Meierleins Ihnen Ersatz gibt«, – da mußte die leis errötende Frau Meier lächeln und ward bestärkt in ihrer Hoffnung. Neben dem dampfenden Düngerhaufen eines Bauern stand eine strohgedeckte, verfallene Hütte, in die der lange Kandidat mit gekrümmten Rücken hineinkroch. In einem Raume zusammen mit dem Hund, zwei Katzen und drei Hühnern hausten hier der alte Klaus Katzenschlachter und sein noch älteres Weiblein. Der Greis wischte ein Huhn vom Strohstuhl herunter und nötigte zum Sitzen. Junker hob die Rockschöße hoch und ließ sich auf der äußersten Kante nieder. »O, Herr Pastor, bei armen Leuten ist der Winter ein böser Gast.« Der Kandidat wies den Titel zurück. »Ich bin nicht Pastor.« Drüben murmelte ein Echo: »Nichts zu brennen und nichts zu beißen.« Klaus winkte seinem Weibe Schweigen. »So schlimm ist es nicht, Herr Pa–, Herr –, daß wir Katzen schlachten und braten … die Alstruper sind verleumderische Menschen und sagen mir das nach, weil ich einmal einer kohlschwarzen, die an Gift eines natürlichen Todes starb, das Fell abzog und dem Kürschner verkaufte.« Zum Beweise seiner Katzenliebe streichelte er [später ergänzt: zärtlich ] die Graue. »Es ist aber ein hungerleidiges Leben für unsereinen, Herr Pa–; alte und arme Leute, die zu nichts mehr nütze sind auf der Welt, müßten von Staats wegen [später: Staatswegen ] umgebracht werden.« »Sie haben doch von Staats wegen [später: Staatswegen ] eine Altersrente«, antwortete der Kandidat. »Ja–a, Mutter, wie viel ist es? Mein Kopf behält nichts mehr.« Frau Klaus, die keine Zähne mehr im Munde, aber noch einige von den darauf gewachsenen Haaren behalten hatte, zischelte: »Der alte Pastor Weber mag uns nicht leiden, weil man Mann im Jahre 48 unter den Dänen gedient hat …« »Mutter, das wissen wir nicht und können wir nicht beweisen.« »Wir wissen aber, daß wir von den Fangelschen Legaten nie einen Pfennig gekriegt haben … unsre Nachbarin Bodil bekommt sechzig Mark jährlich, und ihr Sohn, der in Amerika ist, sendet ihr alle Quatember zehn Taler … ja, die kann wohl lachen und starken Kaffee sich kochen.« »Bodil?« Junker besann sich. »Ist das nicht die fleißige Kirchgängerin?« Frau Klaus grinste. »Ja, Bodil betet viel, mitunter auch zur Buddel.« Der Seelsorger wiegte sehr bedenklich den Kopf und sagte plötzlich: »Liebe Frau, lassen Sie doch mal Ihren Speiseschrank sehen!« Klaus humpelte über die löchrige Diele. »Haben Sie die Güte, Herr … das hat uns die Bäuerin geschenkt.« Im Schrank lag ein unappetitliches Gekröse, davon der Kandidat hurtig die Nase zurückzog. Nachdem er drei Mark auf den Tisch gelegt hatte, reichte er beiden die Hand. »Ich will sehen, ob ich Ihnen eine kleine Unterstützung verschaffen kann.« »Herr Pastor, Herr Pastor!« Hinter ihm erhoben die Alten ein Freudengewimmer. Welch ein armseliges Alter voll Not und – voll Neid! Der Bauer Christensen hatte eine blutjunge, schwindsüchtige Tochter. Als Junker sich ans Bett setzte, blickte sie in ängstlicher Scheu empor. Sie wußte, daß der Prädikant eine Art von Pastor sei, und betrachtete, wie die Landbevölkerung, des Geistlichen schwarze Erscheinung als einen Todesspuk. Auch den Seelsorger befiel eine Angst. Wie sollte er hier trösten? Mit langen, stummen Pausen erkundigte er sich nach dem Befinden und stotterte hin und her. Endlich ließ er seinen menschlich mitleidigen Gefühlen freien Lauf und erzählte von der Kochschen Lymphe, die damals großes Aufsehen machte, und weckte eine Lebenshoffnung in dem Mägdlein, das ihn herzlich bat, bald wiederzukommen. Blaßrötlich leuchtete der Schnee auf allen Hecken im Sonnenuntergange. Auf ihren Schlitten sausten die Knaben den Hügel hinab. Einer, der beim Anblick des Kandidaten ausbiegen wollte und herunterkollerte, zog, noch platt auf dem Rücken liegend, ehrerbietig die Mütze. In der Ferne klang das Schellengeläut und hier an der Straße lustiger Dreschflegelklang. Hei, wie wacker klopfte noch der Kätner Krästen Aarö die Roggengarben auf der Tenne! Amatus trat heran, grüßte und brach in ein Gelächter aus. »Was ist das, Krästen? Sie sind ja am Fuße festgebunden, wie ein getüdertes Huhn.« »Ja, eine Gluckhenne bin ich auch und habe sechs Kinder, und das älteste ist acht Jahre alt und die Mutter im Himmel … das hier ist von wegen des kleinsten Küchleins. Die Leine, die ich um den Knöchel geknotet habe, läuft in den Pesel hinein und ist an der Wiege befestigt … sobald nun die Kleine sich rührt, zieh [später: zieh' ] ich mit dem Fuße und setze die Wiege in Bewegung. Sehen Sie! So wird's gemacht. Gleichzeitig führe ich den Flegel mit den Fäusten. So!« »Ja, nun ist die Maschine in Gang«, lachte Amatus, »das heißt zwei Fliegen mit einem Schlage.« Krästen schmunzelte: »Mitunter sind's noch mehr … treten Sie näher! Hier krabbeln die Würmer herum.« Das zweitjüngste, ein pausbackiges, auf den krummen Beinen watschelndes Jahrkind, trug eine Panzerkappe auf Kopf und Schultern, nämlich einen unförmlichen, mit dicker Watte gefütterten Fallhut. »Der da«, sprach Aarö, auf den dritten Sprößling zeigend, »ist ein kleiner Taugenichts und will immer ausrücken und Nichtswürdigkeiten machen … darum ist er festgetüdert.« Wie ein lustiges Äfflein hockte der kleine Hans auf dem Stuhle und schnitt Gesichter. Von seinem Gürtel lief ein Ledergurt, der am Tischbein kunstgerecht verknotet, von seinen unnützen Fingern nicht gelöst werden konnte. Alle Kinder waren wohlgenährt und guter Dinge, und Hänschen griff dreist nach der blinkenden Uhrkette des Fremdlings. Darum wurde er aufs Knie genommen und durfte mit der Talmikette spielen. »Krästen, haben Sie kein Haushälterin?« »Nein, ich muß alles allein machen … es ist zu viel für einen Witmann [später: Wittmann ] mit drei Kühen und sechs Kindern.« »Warum nehmen Sie sich nicht eine tüchtige Person ins Haus?« »Hm, wenn das Nehmen so leicht wäre, Herr Kaplan … von den hiesigen will keine einen Kätner mit sechs unmündigen Kindern haben … die alte Langmari, die derlei besorgt, ist überall herumgewesen.« »Ah, so! Eine Frau suchen Sie?« »Ja, die verlangt keinen Lohn, und wie könnte ich den aufbringen? Neulich kam mir der Gedanke, der Pastor, der die Ehe einsegnet, könnte mir ein bißchen behilflich sein. Ich bat ihn nur, eine Annonce für die Flensburger Zeitung mir aufzusetzen, natürlich kurz und klar, etwa: Eine Haushälterin mit später nicht ausgeschlossener Heirat wird gesucht. Aber Prost, Herr Pastor! Da kam ich schön an, das sei sündhaft und eine Entwürdigung der Ehe, schrie [später ergänzt: und schnauzte ] der Alte.« Das herzhafte Lachen des Kandidaten machte Krästen Mut. »Lieber Herr Kaplan, Sie haben ja den Zustand hier gesehen … wenn Sie mal eine passende Person ausfindig machen, denken Sie an mich und meine Kinder! Auf Schönheit mache ich keinen Anspruch, aber auf gesetzte Jahre, und ein kräftiges, sparsames und vernünftiges Frauenzimmer muß es sein.« Junker nickte und lachte: »Ich will sehen, was ich tun kann.« Dieses halbe Versprechen war der Beschluß seines Seelsorgeramts an dem Tage. Vielfachen und grundverschiedenen Trost begehrten die Astruper von ihrem Seelsorger-Prädikanten. Der Winterabend dunkelte, als Amatus über den hellen Schnee des Kirchhofs ging. Ein schmächtiger Mann kam bergunter getrabt und packte plötzlich den Überraschten an beiden Armen. »Sie! Was wollen Sie?« Der Schmächtige wurde abgeschüttelt und lag im Schnee und fragte: »Amatus, kennst du mich nicht?« »Wilhelm, Wilhelm!« Oben in der Kandidatenstube, auf dem ungepolsterten Sofa der guten, alten, abgehärteten Zeit, saßen die Freunde in warmer Wohligkeit und traulichen Erinnerungen. Nur der Stiefmutter, der langen Stine, wurde nicht gedacht. »Was willst du drüben auf den weiten Grasebenen der Pampas? Büffel weiden?« »Nein, Büffel schlachten und einen neu erfundenen, flüssigen Fleischextrakt, ›Bos‹ genannt, massenweis bereiten … ›Bos‹ wird Liebig aus dem Felde schlagen.« »Gehst du zum Weihnachtsfest nach Norderhafen?« »Eben nicht, vor meiner Abreise will ich noch einmal ein rechtes, inniges Weihnachtsfest zusammen mit meiner Schwester feiern.« Lange währte das Wiedersehen der Freunde. Spät abends stampfte Wilhelm Reder auf dem Flure von Egeberg den Schnee ab. Klarissa hängte seinen Mantel fort und sagte: »Mir hat's vor dem Ohr gesungen … ist von mir in Alstrup gesprochen worden?« »Nein, mit keiner Silbe!« »So!« sagte sie kurz. Der Bruder, der einen Einfall hatte, küßte sie: »Rissa! Willst du nicht mit mir nach Argentinien und mir den Hausstand führen?« Sie sann einen Augenblick. »Nein … in der Fremde wäre ich verloren … auch wirst du bald eine Frau finden, die mich überflüssig machen würde.« Er schüttelte sich. [Hinw. d. Hg.: Im Interesse der Werktreue trotz der rassistischen Aussage im Original wieder gegeben] »Drüben in der spanischen Barbarei sind nur Mulatten- und Mestizenweiber … du weißt, die Kouleur ist mir verleidet, weil man mich schon als Knaben den bräunlichen Wilhelm genannt hat.« »Was, wenn du eine Frau dir mitnähmest, Wilhelm?« sagte sie. »Woher nehmen und nicht stehlen … oder etwa auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege?« »Denkst du nie an Silly Berg? Eine treuere und bessere wird kein Mann finden.« Er sagte nichts, aber [später nach dem Verb] lächelte vielsagend. Klarissa wurde eifriger. »Silly würde dich sehr glücklich machen.« Nun platzte er heraus. »Du bestehst ja darauf, als wenn das besprochen wäre …« »Nein! Pfui, Wilhelm! Nein!« Sie ließ entrüstet das Thema fallen und hatte – ohne wohl an das Backfischgelübde zu denken und ohne [später ergänzt: alle ] Nebenabsichten – zwei Menschen, die sie liebte, glücklich machen wollen. – Der Kandidat verlebte seine Abende im Familienkreise. Die gemütliche Frau Bene amüsierte sich köstlich über den Bericht seiner seelsorgerischen Erlebnisse. Nachdem er Klaus Katzenschlachters Armut mit grellen Farben geschildert, sagte er: »Wollen Sie nicht bei Herr Pastor ein gutes Wort einlegen, damit die alten Leute eine Kleinigkeit aus dem Fangelschen Legat bekommen?« Sie nickte gönnerhaft und geschmeichelt. Auf diesem Umwege, durch Vermittlung der guten Prinzipalin, setzte er sehr oft bei seinem Vorgesetzten nicht nur seine eignen, sondern auch andrer Leute Wünsche durch. Eveline, die sich ungefragt nicht ins Gespräch mischen durfte, häkelte wie eine Maschine. Nach neun Uhr regte sich in der zur Stummheit Verurteilten das [später ergänzt: menschliche ] Verlangen, den Mund einmal aufzutun, und hinter der Lampe zeigte sie mit den Augen nach dem Dominokasten hinüber. Amatus nahm das Spiel als Einschläferungsmittel zur Hand, und der erste Schnarcher war das Signal zum flüsternden Gewisper. Fräulein Nissen schüttete ihr Herz aus. »Ja, Sie können machen, was Sie wollen … aber ich darf mich nicht mucksen.« Auch an diesem gedrückten Gemüt übte er sein Seelsorgeramt und tröstete: »Sie sind hier völlig unentbehrlich.« » Wie so [später: Wieso ]?« Ein voller, freudiger, fragender Blick traf ihn. »Durch ihre kulinarische Kochkunst.« Ärgerlich antwortete sie: »Ja, die werden Sie morgen am Weihnachtsabend bewundern … wir konnten keine Karpfen bekommen … nun raten Sie, was es statt dessen zum [später: als ] Festessen gibt! Gekochten Dorsch mit Senfsauce!« Am Morgen zerlegte Eveline den Weihnachtsdorsch, während die Pastorin im Studierzimmer mit ihrem Manne sprach. Am Vormittag des Weihnachtsabends aber trug Amatus eine Portion des Fangelschen Legats in Klaus Katzenschlachters elende Hütte. Auch andern Bedürftigen der Gemeinde brachte er eine gleiche Gabe, und ihm, der leise ein Weihnachtsliedchen summte, war zu Mute, als wenn er schon am Vormittage das Schönste des Festes gefeiert und vorweggenommen hätte. – – Auf Egeberg brannte der Tannenbaum zum drittenmal. Der Kandidat hatte dem Fräulein geholfen, die Lichter anzuzünden, und Klarissa hatte heute Zeit, die Hände ruhen zu lassen, und saß neben ihm. Ihre Blicke waren [später ergänzt: überaus ] lieb und leuchtend, aber selten auf ihn und meist auf die Lichter des Baums gerichtet. Jene uralte und wenig anders beantwortete Frage, was Glück sei, wurde aufgeworfen. Die Stieftochter der langen Stine rühmte seine Mutter Monika und meinte, daß er in ihr schon das größte Menschenglück gefunden habe. Amatus sah sie von der Seite an. »Wenn aber ein Mensch Vater und Mutter verlassen muß, soll das ein noch größeres Glück sein.« Auf das Thema ging sie nicht ein, sondern holte [später: nicht eingehend, holte sie ] einen andern Gegenstand herbei. »Heute war die Kirche sehr voll.« »Ja, ich sah Sie und würde Sie unter Hunderten sehen.« Klarissa blickte schelmisch. »Sie sehen mich aber nicht immer, sondern verhältnismäßig selten in Ihrer Predigt.« »Ja leider, so muß ich wohl sagen.« Hinter dem Tannenbaum flüsterte sie, damit Webers, die auch auf Egeberg waren, nichts [später ergänzt: davon ] hörten: »Nein, ich besuche ebenso oft den Gottesdienst des alten Pastors, der in einer schlichten und treuen Weise jahrelang gut genug gepredigt hat.« »Das ist sehr richtig, Fräulein Reder«, pflichtete er bei. »Ja, mein Rechtlichkeitsgefühl sträubt sich, und ein Arger [später: Ärger ] sogar regt sich in mir, wenn ich gewahren muß, wie sie den Alten verlassen und seine Rednergabe verkleinern und dem Jungen nachlaufen, der eine bessere Stimme und eine … eine gewisse poetische Ader hat.« Junker verneigte sich, obgleich ihr Rechtlichkeitsgefühl ihm fast zu groß erschien. Wieder ein schelmischer Seitenblick! »Danken Sie nicht zu früh! Der junge Prädikant sollte nur nicht den Oberkörper so viel und so gewaltsam bewegen – das geht über das [später ergänzt: rechte ] Maß hinaus – und auch mit Kraftworten sich etwas mäßigen.« Dieses Mädchen war der einzige Mensch in Alstrup, der seine Predigt bekrittelt hatte. Doch nahm er die gut gemeinte Kritik gern an und sagte: »Ich will versuchen, mir das Maßlose abzugewöhnen … von seinen wahren Freuden soll man die Wahrheit erfahren.« Sie verschwieg, daß die vielen jungen Mädchen, die plötzlich so gottesfürchtig und kirchfleißig geworden waren, auch ihrem Rechtlichkeitssinn ein verdrießliches Lachen bereiteten. Er aber fing an von der gemeinsamen Kindheit zu reden und erinnerte an die Bootfahrt und den Froschsprung ins Wasser und das Versteckspiel im Garten des Onkels. Eine leichte Röte glitt über ihre Wangen und eine weiche, warme Welle über sein Herz. Man ging zu Tisch. Mit Wilhelm, der seine freie, frohe Zeit auskosten wollte, verabredete Junker einen Besuch bei Pastors Reibeisens, woselbst er den neugebackenen Doktor bereits zur großen Freude des Hauses eingeführt hatte, und blinzelte ihm zu: »Cave puellam!« »Was heißt das?« fragte Klarissa. Amatus übersetzte frei: »Heiratsfähiger Jüngling, hüte dich vor den Mägdlein!« Etwas unverschämt gab sie zurück: »Sie brauchen sich noch nicht zu hüten …« »Von mir war nicht die Rede.« Der Prädikant verstummte [später ergänzt: verlegen ] im Bewußtsein seiner Halbheit und Heiratsunfähigkeit. Während der Heimfahrt in der schüttelnden Kalesche sagte Pastor Weber zu seinem Gehilfen: »Seit fünfzehn Jahren ist meine Kirche nie so voll gewesen, wie heute … Dreihundertvierundzwanzig Zuhörer waren da.« Es klang ein wenig bitter. »Haben Sie denn zählen lassen, Herr Pastor, daß Sie die Zahl so genau wissen?« Ich habe meine eigene Zählmethode, um den Kirchenbesuch statistisch festzustellen … wenn ich den Klingenbeutel ausleere, zähle ich die Ein- und Zweipfennige und die sparsam eingestreuten Nickelmünzen … die Zahl der Stücke ergibt ziemlich zuverlässig die Zahl der Besucher.« – An dem Epiphaniassonntag, welches ein sogenannter Pastorsonntag war, trieb Weber auch seine Statistik und zählte dreiundzwanzig Münzen. Bei Tisch sagte Frau Bene besorgt: »Mein Fidde, fehlt dir etwas?« Er biß sie kurz ab: »Du fragst immer zuviel, nichts fehlt mir.« Die üble Laune verschwand am Montag und kehrte nach vierzehn Tagen genau zur selben Stunde wieder. Während der alte Herr sein Mittagsschläfchen hielt, sprach sich die Frau ihrem Günstling gegenüber offenherzig aus: »Meinem Manne fällt es schwer auf die Seele, daß die Gemeinde, der er fünfundzwanzig Jahre gedient hat, sich von ihm abwendet und der Kirchenbesuch bei ihm immer schlechter wird.« Der Prädikant, der den periodisch wiederkehrenden Mißmut seines Brotherrn längst gemerkt und gedeutet hatte, machte ein sehr betrübtes Gesicht, weil das gute Verhältnis bedroht schien. Lange summte und sann er über die Klingelbeutelstatistik hin und her, bis er still in sich hineinlächelte. Über zwei Wochen saß Amatus als passiver Zuhörer in der Kirche und warf statt des üblichen Groschens zehn Zweipfennigstücke in den Beutel. So zahlte und zählte er für zehn Kirchenbesucher und hatte nicht umsonst von seinem Vater Hans ein Gränchen Pfiffigkeit geerbt. Pastor Weber, der vierzig Kirchenbesucher gezählt und gebucht hatte, war mittags wohlgelaunt und hat nichts von dem heimlichen Geber und der gut gemeinten Täuschung gemerkt [später am Satzende], die bei schlechtem Kirchenbesuch regelmäßig geübt wurde. Eines Tages stürzte Wilhelm in das Kandidatenzimmer [später entfallen: und war ] in Aufregung. »Was ist dir begegnet?« »Ein dummer Brief aus Norderhafen, den mir der Postbote draußen vor dem Dorfe gab …« »Haben deine Eltern dich zurückberufen?« »Nein … unser früheres Dienstmädchen Karoline hat zum zweitenmal an mich geschrieben und hängt sich wie eine Klette an mich.« »Darf ich den Brief lesen, Wilhelm?« »Nein, dann lachst du mich aus, aber ich will dir den Inhalt sagen. Sie schmiert einen entsetzlich rührseligen Brei zusammen und schreibt, daß sie zwei Monate lang ›Ichias‹ , womit sie wohl das böse Hüftweh meint, gehabt und noch immer krank und außer Stellung sei … sie erinnert mich an die treue mütterliche Liebe, die mir als Kind von ihr allerdings zuteil geworden ist. Was soll ich machen?« Wilhelm fuhr sich in die Haare. Junker machte ein drollig ernstes Gesicht. »Aus Dankbarkeit mußt du sie heiraten.« »Adieu, wenn du mich in meiner Not verhöhnen willst … du kennst die Klette nicht.« In den Kandidaten fuhr ein Schalksgedanke. »Du! Ich will versuchen, Karoline hier unter und vielleicht sogar unter die Haube zu bringen … aber meinen Plan verrate ich nicht.« »Wenn du es könntest, Amatus … die arme Person tut mir sehr leid und hat mich oft [später vor dem Verb] als Kind gedeckt und vor [später ergänzt: vielen ] Prügel behütet … aber ich kann sie doch nicht zu mir nehmen, wie sie mir zumutet.« »Nun, [später ergänzt: ganz ] abgesehen von Karoline, mein lieber Wilhelm … du mußt heiraten und eine Frau mit nach Argentinien nehmen.« »Kommst du mir auch mit deiner Kousine Silly?« »Auch?« »Ja, meine Schwester preist ihre Freundin in hohen Tönen an … aber Silly ist mir doch zu ungerade.« »O, ein mehr gerades Gemüt und Herz wirst du nirgends finden, aber ich gönne sie dir kaum, und sie wird dich gar nicht nehmen … was unsre Eveline Nissen?« »Zu billig ist nicht begehrenswert … eine andre gefällt mir.« »Ihr Name?« Der noch immer angebräunte Wilhelm wurde kupferrot und lispelte: »Marie Reibeisen!« »Haha! Die du zweimal gesehen hat, hat es dir angetan?« »Ich habe Reibeisens mehrfach allein besucht.« »Ah, hinter deinen trocknen Ohren sitzt ein Schelm … nimm dir ein Mannesherz und deinen Stab in die Hand und mache dich fürbaß nach Fischbäck hinüber … sie wird dich nehmen, so wahr …« »So wahr?« »So wahr ich sie nicht nehmen möchte.« Der Doktor Reder wanderte von Alstrup nach Fischbäck, welches Reibeisens Pfarrdorf war. Junker schrieb allwöchentlich nach seiner Heimat, so daß die Mutter drei Seiten, Friedline die vierte und der Vater viele Grüße bekam. Die Ankunft des Briefes brachte mitten in der Woche einen zweiten Sonntag in die Dachwohnung hinein. Heute gingen zwei Episteln nach Norderhafen. Er hatte auch an Karoline geschrieben [später ergänzt: , nämlich also ]: Der Kätner Aarö sei ein Mann in den besten Jahren mit wenig Schulden und sechs Kindern, die aber vom Vater am Bande gehalten würden und sehr artig wären. Er sei gegen seine erste Frau ein trefflicher Ehegatte gewesen und suche jetzt eine Haushälterin. Sie dürfe zwar nur auf geringes Gehalt rechnen, aber [später nach ›könne sich‹ ] könne sich einen Gotteslohn verdienen. Noch bevor Monika ihr Antwortschreiben abgefaßt hatte, kam Karolines Brief in Alstrup an. Sobald ihr »Ichias« sich so weit gebessert habe, daß sie ohne Stock gehen könne, werde sie eintreffen. Doch müsse der Mann ihr sogleich den Gottespfenning schicken, damit das Verhältnis – worunter sie das Dienstverhältnis verstand – ganz fest gemacht werde. Eine Mark in Freimarken würde genügen. Amatus ging mit dem Brief nach Alstrupfeld. Krästen Aarö riß vor Aufregung mit seinem Fußtüder drei Kinder um, als er aus dem Bettstroh seinen Beutel holte. »Herr Kaplan, wollen Sie ihr zwei Mark als Gottesgeld senden?« Als der Kandidat diese heikle Aufgabe seines Seelsorgeramts einer glücklichen Lösung so nahe gebracht hatte, führte ihn sein Weg an dem Hofe des Hufners und Kirchenältesten Monrad vorüber. Schon hatte er zögernden Schritts die Pforte passiert, kehrte jedoch um und ging ins Haus, wo er selten kam, aber [später ergänzt: immer ] sich gut unterhielt und herzlich empfangen wurde. Sein Pastor hatte nämlich, nicht in Worten, sondern in der leicht verfinsterten Miene eine Mißbilligung dieser Besuche ausgesprochen und die offenherzige Prinzipalin kein Hehl daraus gemacht, daß sie die Monrads nicht möge. Monrad war Mitglied aller dänischen Vereine und ein eifriger Agitator für Südjütlands verlorene Sache. Seine Tochter besuchte regelmäßig die Kandidatenpredigt, während sie an dem Pastorensonntag [später ergänzt: ebenso regelmäßig ] fehlte. Das Dänenfräulein, für ein Bauernkind höchst zierlich und beweglich, hatte einen kleinen, klugen Kopf und große, lebhafte Augen und war ein ansprechendes und gewandtes Persönchen, das nicht viel, aber vielerlei wußte und über alles zu reden verstand, auch recht gutes Deutsch sprechen konnte, aber nicht sprechen wollte. Jenseits der Grenze in aller Weisheit, Litteratur [später: Literatur ] und allen Lebensformen der Dänen ausgebildet, besaß Martha [später ergänzt: nicht wenig ] Schick und Schliff. Monrad bat mit einer Handbewegung den Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen, über dem zwei kleine Danebrogsbanner hingen, und kniff kurios die Augen. »Wofern Sie unter den rotweißen Fahnen Platz zu nehmen wagen … der alte Pastor tut es beileibe nicht, sondern setzt sich ängstlich ans Fenster.« Junker riskierte lachend, sich auf das dekorierte Kanapee niederzulassen. Martha, die eine vollständige Bibliothek der neuen, nordischen Dichter besaß, sprach von Henrik Ibsens »Nora«, die damals auf allen Bühnen ihren Fandango tanzte und Furore machte. Amatus sprach ihr das Frauenrecht ab, ihren Mann und ihr Pappenheim zu verlassen, und übte bescheidene Kritik. Und mitten im schöngeistigen Disput machte der Kandidat einen plötzlichen Sprung aus dem Ästhetischen in das Agrarische hinein und wandte sich an den Vater: »Herr Monrad, ich höre, Sie haben 24 Jütochsen gekauft … wollen Sie die mästen?« »Ja, das ist meine Absicht, wenn die Ochsen wollen, wie ich will.« »Mit Bohnenschrot und Sonnenblumenkuchen? Haben Sie auch Steckrüben genug?« Monrad nickte belustigt: »Ei, was ein Pastor nicht alles weiß! Stammen Sie aus Bauerngeschlecht?« »Ja, meine Vorfahren waren Bauern.« »Hm, nun verstehe ich [später ergänzt: vieles ] … weil Sie ein echter, unverwässerter Nordschleswiger sind, predigen Sie anders als die deutschen Schriftgelehrten, mit denen man uns beglückt.« Junker runzelte die Stirn und verleugnete seine Gesinnung nicht. »Sie irren sich, ich bin ein guter Preuße.« Sarkastisch blinzelte der Bauer: »Kein meerumschlungener Sleswigholsteiner [später: Schleswigholsteiner ]?« »Auch das! Aber nur im Anschluß an Preußen können und wollen wir Schleswigholsteiner Deutsche sein.« Martha lenkte geschwind das gefährliche Gespräch ab und lächelte: »Sie wären auch ein trefflicher Bauer geworden.« Er lächelte zurück: »Auch? Ja, wenn ich mit einem Geldsack von 50 000 Mark geboren wäre, würde ich es wahrscheinlich geworden sein.« »O, Herr Junker, Ihre Predigtgabe ist noch größer … schade, wenn die [später ergänzt: schöne ] Gabe brach geblieben wäre!« Sie ging seine letzte Kanzelrede durch und hob einzelne Schönheiten derselben hervor, und er machte die für einen Prädikanten höchst angenehme Entdeckung, daß das Dänenfräulein seine ganze Predigt im Kopfe habe. – Die abendliche Familienunterhaltung im Pastorat, die an Einförmigkeit litt, war ein Opfer, welches der Kandidat seiner guten Gönnerin brachte. Während er sonst seine Erlebnisse kurzweilig berichtete, schwieg er von dem Besuche bei Monrads. Eveline blieb hinter dem Lampenschirm und fand keine Gelegenheit mehr zu kleinen Flüsterreden mit dem Kandidaten. Unter dem Weihnachtsbaum nämlich hatte ein neues Spiel, »Halma« genannt, gelegen, welches Frau Bene mit derartigem Eifer betrieb, daß keine Schlafsucht in ihre Augen kam. Heißroten Kopfes saß sie über das Brett gebeugt und konnte [später ergänzt: sehr ] erregt werden, wenn sie verlor. Darum ließ er ihre unbesonnenen Züge unbenutzt und nahm zu an Gunst und Gnade bei der alten Dame. Eveline Nissen aber haßte das Halma und liebte den Kandidaten – so meinte sie wenigstens, oben hinter ihrer Kammertür stehend, wenn er nach zehn Uhr die Treppe hinaufschritt. Nur drei Schritte von einander, in den Giebelstuben einander gegenüber, wohnten sie. Und sie hörte, wie er auf und ab ging, die Stiefel auszog, in das Bett sich warf, und wie alles stille wurde. Dann schlüpfte sie ins kalte Bett [später ergänzt: hinein ] und schüttelte sich, [später ergänzt: und ] knusperte keine Äpfel mehr, sondern biß die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Ihre Mädchenträume waren bisher nichts als [später ergänzt: herbe ] Enttäuschung gewesen. Schon in manche schöne und versorgte Situation hatte sie sich hineingeträumt, als Doktor-, Assessor- und Lehrerfrau und jetzt als fromme Pastorin, und keine der vier Fakultäten war ihr fremd – aber alle, alle Situationen waren [später ergänzt: eitel ] Illusionen geblieben. – – Wie das Osterfest nach dem Monde sich richtet, so wandelbar und regelmäßig wurde am ersten Montag nach eingetretenem Vollmond die Predigerkonferenz, die im Turnus rund ging, abgehalten, und diesmal bei Reibeisens. Amatus wunderte sich, daß Wilhelm Reder eingeladen war, und sprach ihn an: »Quid Saulus inter prophetas? Was will Saul unter den Propheten?« Der Doktor der Naturwissenschaften fühlte sich aber anscheinend sehr wohl in der geistlichen Atmosphäre. Weil er sich nicht an der wissenschaftlichen Konferenz im Studierzimmer beteiligte, erbat und erhielt auch der Kandidat die Erlaubnis, bei der Jugend zu bleiben. Hätte er es [später ergänzt: nur ] nicht getan! Drüben saßen die älteren Damen und tranken starken Kaffee und unterhielten sich lebhaft von der Dienstmädchennot der neuen und bösen Zeit. Hüben schwatzten und kicherten die jungen Leute, und ein sehr kleiner Witz rief schon ein helles und herzhaftes Lachen hervor. Ein alter Kalauer! Ein komischer Blick! Ein verlegenes Sichversprechen! Ein törichter Einfall! Eine drollige Gebärde! Das genügte schon! Und das ist das glückselige Vorrecht der Jugend, daß sie zur ausgelassenen Heiterkeit so geringen Anlasses bedarf. Nur Wilhelm, der die Schüchternheit nicht ganz abgestreift hatte, rückte bisweilen auf dem Stuhle, wenn Marie Reibeisen mit den sprechenden Blauaugen den furchtbar redseligen Kandidaten anzureden schien. Die Pastoren konferierten im Studierzimmer und rauchten eifrig Zigarren. Von der Exegese schweiften sie auf das Gebiet der Predigtkunst hinüber. Reibeisen, der seinen Bauern zu gelehrt redete, warf die Frage auf: »Wie sollen wir predigen, um ein volles Gotteshaus zu haben?« Pastor Weber räusperte sich. »Ein alter, erfahrener Theologe hat einmal gesagt: Man muß die Leute erst herauspredigen und dann wieder in die Kirche hineinpredigen.« »Ja«, rief Reibeisen, »das Herauspredigen hätten wir [später ergänzt: gründlich ] besorgt, aber das Hineinpredigen … hic Rhodus!« Pastor Hahn ein kahlköpfiges Männchen, blitzte listig durch die Brille, und seine Stimme erinnerte an ein gedämpftes Gekrähe. »Lieber Amtsbruder, wir müssen von dem Kandidaten Junker in Alstrup lernen, wie wir volle Häuser – ich meine natürlich Gotteshäuser – erzielen.« Reibeisen verteidigte den Abwesenden. »Er ist übrigens ein sehr angenehmer junger Mann … und dem Neuen laufen die Menschen nach.« Pastor Hahn wurde hitziger: »Es ist aber doch arg, sogar Leute aus meiner Gemeinde sind nach Alstrup zur Kirche gerannt.« Pastor Weber räusperte sich: »So, aus Ihrer Gemeinde? Junker hat [später ergänzt: ja ] eine gewisse, nicht wegzuleugnende Gabe zum Predigen.« Hahn schlug leicht auf den Tisch. »Wir Alten müssen eben bei dem Kandidaten in die Schule gehen … aber, lieber Bruder Weber, was die Seelsorge betrifft, wollen wir ihn doch lieber nicht zum Vorbild nehmen … da soll Ihr Junker ja, wie verlautet, tolle Sachen machen.« »Tolle Sachen? Wieso?« Hahn legte sich langsam zurück und berichtete breit: »Kommt er neulich zu einer Frau, die an Schwermut leidet … er tröstet hin und her und rät ihr zuletzt, morgens, wenn die Anfälle am ärgsten, ein Glas Grog zur Erheiterung des Gemüts zu nehmen. Ja, solche Theologie gefällt unsern Bauern.« Mehrere Stimmen riefen: »Ist es möglich!« »Dann die blutjunge Tochter des Bauern Bög …« »Die sich das Leben nehmen wollte?« warf Weber dazwischen. »Ja, die, weil sie den Vorknecht ihres Vaters nicht haben sollte, in den Teich sprang, der zum Glück nicht tief genug war … und was tut Ihr Junker? Mit seiner Beredsamkeit nimmt er nicht die Tochter ins Gebet, sondern bearbeitet [später ergänzt: er ] so lange den Bauern, bis der mürbe wird und seine Einwilligung gibt. Ja, solche Seelsorger mögen unsre jungen Mädchen.« Junkers Pastor schüttelte den Kopf, und Hahn schloß seine Rede: »Ich kann natürlich nicht alles Gerede der Leute verbürgen … aber sehen Sie Ihrem jungen Seelsorger etwas auf die Finger, Bruder Weber!« Die pastorale Konferenz tagte weiter. Drüben im Zimmer saß einer zwischen den jungen Mädchen und hielt mitten im Lachen inne. »O, es saust vor meinem Ohr, man redet von mir.« »Gewiß nur Gutes!« wisperte die sanfte Marie. »Nein, vor dem schlechten Ohre singt es schrill«, sagte der Kandidat Junker. – In der Dienstagfrühe begrüßte Frau Bene ihren Schützling förmlicher als sonst, und der Pastor ließ einen [später ergänzt: sehr ] ernsten Blick über seinen Prädikanten hingleiten. Aber gesagt wurde nichts, und Amatus war zu stolz, um zu fragen. Das Barometer sank tief, und draußen goß der Regen nieder und gurgelte in den Traufen. Nachmittags kam Reder in der peitschenden Nässe, wider das Unwetter mit dem Egeberger Wagenschirm bewaffnet. Tiefsinnig rauchend, kauerte er im Kandidatensofa, das den Körper nicht verweichlichte, und taute trotz der Nässe nicht auf. »Du bist so feierlich, Wilhelm.« »Nach vier Wochen muß ich reisen.« »Fällt dir der Abschied so schwer?« »Ja, sehr!« »Von mir?« »O ja–a–a!« »Das war ein lang gedehntes Ja«, lachte Amatus, »aber von Klarissa?« »Ja, auch von ihr.« »Sonst noch von jemand? Von der blauäugigen Pastorentochter?« Die zusammengedrückte Gestalt schnellte empor. »Sei ehrlich, Amatus, und sag es mir! Hast du ein Einverständnis ..?« »Mit wem?« »Mit der kleinen Marie ..?« »Haha! Nein und dreimal nein! Wilhelm, liebst du sie wirklich?« »Ja, ich liebe sie, o …« »Mensch, habe ich es dir nicht schon gesagt? Sei getrost und freudig, tue dein bestes Gewand an, salbe dein Haar und setze einen hohen Zylinderhut darauf, gehe nach Fischbäck und mache deinen Antrag … [später ergänzt: wahrlich ich sage dir, ] sie wird dich nehmen.« Trotz der Verheißung fiel Wilhelm von neuem in die geknickte Stellung zurück. »Ach, ich finde keine Gelegenheit, sie allein zu sprechen, und wenn ich sie fände, fände ich nicht [später ergänzt: die ] Worte, es ihr zu gestehen.« »Mache dir doch vorher einen Vers, den du im geeigneten Augenblick mutig hersagst!« »Nein, ich bin zu blöde geboren und durch meine Erziehung verschüchtert.« Der Prädikant, der sonst seiner Herde die Demut predigte und pries, paßte seine Seelsorge dem einzelnen Fall an und suchte in dem schüchternen Gemüt des Freundes das Selbstbewußtsein zu wecken. »Du bist normal gestaltet und ein solider Mensch, du bist mit einem heiratsfähigen Einkommen dotierter Doktor der Chemie … Mensch, was willst du mehr?« Wilhelm war von diesen Gründen völlig überzeugt, aber seine Blödigkeit blieb unüberwunden. In schwierigen Fragen und Lagen kam der Genius der schnellen Ratschlüssigkeit dem Kandidaten zur Hilfe, und er löste einfach den vertrackten Kasus. »Ich setze den hohen Hut auf und mache für dich den Antrag.« Wilhelm der Schüchterne machte erst mißtrauische, dann aber fröhlich-dankbare Augen, als er die Überzeugung gewann, daß der scherzhaft klingende Vorschlag ernst und redlich gemeint sei. – In Fischbäck wunderte man sich, daß der Kandidat schon heute zu Besuch kam, aber die Verwunderung war eine sehr angenehme Überraschung. Zwischen Mutter und Tochter saß der Freiwerber und suchte seinen heiklen Auftrag möglichst schnell auszurichten. »Fräulein Reibeisen, wofür interessieren Sie sich am meisten? Für die Musik?« »Nein!« antwortete die Pastorin statt der Tochter, »für die Wirtschaft und das Hauswesen.« »Da ist die löblichste Frauentugend.« »Und die prosaischste«, flüsterte Marie. »Doch die, welche alle andern Tugenden überdauert … aber eine Liebhaberei werden Sie haben, Fräulein Reibeisen?« Bei diesen Worten fand ein sanfter Aufschlag der blauen Augen statt. »Sie nehmen mich ja ins Verhör … [später ergänzt: nun, ] wenn Sie es wissen wollen, meine Lieblinge sind meine Pekingenten, hihi!« Das war ein kindliches Lachen, und er sagte lebhaft: »Sie sind tierlieb! Das Muhen der Kühe im Stall, das Schnattern der Enten, sogar das Quieken der Ferkel ist mir eine trauliche Musik. Darf ich mal Ihre [später ergänzt: weißen ] Enten sehen?« Fräulein Marie ging mit ihm zum Teiche hinaus. Die Mutter stand am Fenster und sah ihnen mit einer fragenden Miene nach, die allmählich ins Pfiffige hinüberspielte. Amatus achtete nicht auf die Enten, sondern ging ohne Einleitung, unverblümt und unverblüfft auf sein Ziel los. »Ich habe Gelegenheit gesucht, mit Ihnen über eine sehr wichtige Angelegenheit zu reden.« Der Schelm sah sie fest an. Ein leichtes, zaghaftes Zittern lief über ihre Gestalt, weil sie dachte: Nun kommt's. Scheu senkte sie die Lider und suchte verstohlen durch die Wimpern zu lugen. Und es kam. »Ich kenne einen ehrenwerten Mann in einträglicher Lebensstellung …« Er hielt inne. Das Fräulein stotterte: »In einträglicher Stellung …« Das verstand sie nicht. »Der Sie lieb gewonnen hat und in Ihrem Besitze unendlich glücklich sein würde … mein Freund Doktor Reder liebt Sie … in seinem Auftrage biete ich Ihnen sein Herz und seine Hand an.« »O Himmel, o Himmel!« Fräulein Reibeisen stand einen Augenblick, wie aus den Wolken gefallen, und lief dann bestürzt ins Haus. Aber sie hatte Besinnung genug, hinter sich zu rufen: »Warten Sie, bitte, hier ein paar Minuten!« Junker betrachtete die weißen Enten und zog oft die Uhr. Marie saß bei der eifrig redenden Mutter und hatte den Kopf in den Händen begraben. Als sie zum Teich [später: Teiche ] zurückkehrte, war sie nicht blutrot, sondern er meinte, auf den etwas blassen Wangen dunklere Spuren zu sehen. Sie hatte wohl Freudentränen geweint und sagte mit einem der ernsten Stunde entsprechenden Ernst: »Ich nehme Doktor Reders Antrag an.« Junker wünschte ihr Glück und rühmte [später ergänzt: sehr ] den Freund: »Wilhelm ist ein herzensguter Mensch, der bisher im Leben wenig Liebe gefunden hat und darum sehr viel Liebe gebraucht, aber auch voll und ganz verdient.« Marie dankte, ohne die Augen aufzuschlagen. In Regen und Sturmschritt ist Doktor Reder nach Fischbäck gelaufen, und dem Schüchternen wurde der schwere Anfang dadurch erleichtert, daß Herr und Frau Reibeisen ihn auf dem Flure als Schwiegersohn begrüßten und umarmten. Nach zwei Tagen aber kehrte Wilhelm der Fröhliche seiner Verlobten das Notenblatt um, und sie sang lächelnd zu ihm empor: In Sturm und Regen Bist du gekommen, Mein Herz beklommen Schlug dir entgegen. Sie waren des Alleinseins froh. Der Pastor mendierte an seinem ewigen Manuskripte, und Frau Reibeisen war in der Kalesche ausgefahren, um alle Nähterinnen [später: Nähmamsellen ] der fünf umliegenden Kirchspiele zu dingen. Nach der gelungenen Werbung – gelungen im doppelten Sinne – lachte Amatus in sich hinein, mit seinem Erfolge zufrieden. Jedoch am Morgen rumorten Gewissensbedenken in ihm. Wird die Ehe ihm und ihr zum Heile gereichen? Oder habe ich mutwillig auf einem morschen Grunde Menschenglück gründen wollen? Sein Pastor, der die frühere Herzlichkeit nicht wiedergefunden hatte, fragte beim Kaffee mit einem Anflug von Spott: »Haben Sie auch gestern nachmittag Seelsorge getrieben?« Die Frage wurde kurz verneint. Kaum hatte der Kandidat in seinem Giebelzimmer die Klappe der hundertjährigen Schatulle, die auch als Pult diente, niedergeschlagen, als unten auf dem Flur polternd gerufen wurde: »Herr Junker, ich muß Sie sprechen.« Pastor Weber warf das blaue Heft der Schullisten zornig auf den Tisch. »Was haben Sie hier gemacht? Wissen Sie nicht so gut wie ich, daß der Schulinspektor jedes Kind nicht mehr als zwölf Tage im Jahre dispensieren darf? Und der Anne Klühn, die längst ihre Tage weg hat, haben Sie trotzdem drei Tage frei gegeben. Ich bin es, der in Ungelegenheiten kommt und, wenn der Kreisschulinspektor es merkt, sich schulmeistern lassen muß. Die Lehrer, die heutzutage an gelindem Größenwahn leiden, ergreifen jeden Anlaß, um einen Pastor zu kompromittieren.« In seiner Hitze vergaß der alte Herr die übliche Reserve. Junker erwiderte ruhig: »Ja, peccavi, ich habe wider den Buchstaben der Vorschrift gesündigt. Aber Frau Klühn liegt mit einem Neugeborenen im Bett, der Vater muß auf Arbeit gehen, und bei der Mutter und den vier jüngeren Geschwistern war niemand im Hause als Anne … als ich das mit eigenen Augen sah, erlaubte ich ihr, die Schule zu versäumen.« »So, so!« Dem Greis stieg die Röte ins Gesicht. »Ich habe Ihnen mein Vertrauen geschenkt und werde fortan die Schullisten selber führen.« Der Prädikant nahm niedergeschlagen seinen ersten Verweis hin und war doch herzensfroh, des leidigen Schulamts enthoben zu sein. Den Bitten der armen Tagelöhnerkinder und -mütter vermochte er kein hartes Nein entgegenzusetzen. Trotzdem kamen die Mütter [später ergänzt: auch fernerhin ] zu dem Kandidaten und quälten ihn, bei dem Pastor ein gutes Wort einzulegen, damit sie nicht gemeldet und bestraft würden. Und Junker ging mehr als einmal zu den Lehrern von Alstrup, bei denen er keinen Größenwahn bemerkte, als Bittsteller und Armenanwalt. Er erfuhr nicht, ob die Lehrer ein Auge zudrückten, so daß sie den Buchstaben des Gesetzes übersahen; aber die ärmsten Familien wurden in Alstrup äußerst selten gedrückt. Eines Morgens flossen dem Kandidaten die schönsten und erbaulichsten Gedanken in die Feder, und sein Geist schwebte auf den Höhen der Pastoralpoesie. Da rissen ihm Flug und Faden ab, ein Klecks troff auf das Papier. So urkräftig klopfte es an die Tür und kam sogleich herein, mit der gebauschten Mantille und dem hochstehenden Hute den Türrahmen ausfüllend. »Karoline!« Ja, sie humpelte, auf den Regenschirm gestützt, ins Zimmer und fiel mit ihrer ganzen Körperschwere ins Sofa und sagte: »Au – au! Herr Junker, hierin versinkt man nicht.« Ihre Augen musterten die Einrichtung. »Na, für einen Pastor könnte es auch ein bißchen feiner sein … bei der Wohltätigen war die Schiffskiste mit der Decke darüber ebenso weich gepolstert.« Unten auf dem Flure stand die schwerhörige Frau Bene und horchte nach oben und lief in die Stube zum Fräulein: »Eveline, wer war die [später ergänzt: korpulente ] Person wohl?« Das Puppengesicht lächelte schlüpfrig: »Ja, das möchte ich auch gern wissen … aber der Herr Kandidat hat ja viele Bekanntschaften und verkehrt bei Monrads täglich.« »Was will er bei dem Stockdänen?« »Vielleicht sich mit Fräulein Martha unterhalten … aber ich weiß nichts.« Frau Bene kraute das Haar zurück und begab sich beunruhigt zu ihrem Manne. Amatus mußte der schwatzhaften Karoline eine volle Stunde opfern. Obgleich er ihr zweimal den Weg zu dem Kätner Aarö erklärte, verstand sie seinen Wink erst, als er ihr auf einem Blatt Papier eine deutliche Wegskizze machte und das Haus durch einen viereckigen Klecks bezeichnete. »Hier, Karoline, ist Ihr zukünftiges Heim.« »Gott gebe, daß es ein Heim würde!« seufzte sie und humpelte von dannen. Bei Tisch wurde der Kandidat fragend angesehen, aber er schwieg. Frau Bene ertrug die Folter der Neugier nicht länger und fragte: »Wer war die Dame, die Sie besuchte?« »Eine Dame? Haha! Ein Dienstmädchen aus Norderhafen war es, dem ich bei dem Kätner Aarö einen Platz als Haushälterin vermittelt habe.« »So, so?« Pastor Weber klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. »Aarö ist einmal auch bei mir gewesen … Sie haben, mit anderen Worten, nicht den Stellen-, sondern den Heiratsvermittler gespielt. Herr Junker, in was für Dinge stecken Sie die Finger! Ich muß Sie dringend ersuchen, mit mir in jedem Falle Rücksprache zu nehmen, bevor Sie in meiner Gemeinde Seelsorge treiben.« Der Kandidat verneigte sich stumm und hatte seinen zweiten Verweis erhalten. Als er aber mit der guten Pastorin allein war, schüttete er ihr sein Herz aus. »Es ist anders [,] als im Anfang [,] geworden … was haben Sie gegen mich?« Die Offenherzige antwortete: »Sie gehen uns zu viel zu Monrads.« »Sind Monrads nicht ehrenwerte Leute?« »Nein, der Vater ist ein Fanatiker, und der Tochter hängt auch eine Anrüchigkeit an.« Amatus horchte auf. »Mir gegenüber hat noch kein Mensch ihren guten Ruf angezweifelt … was hat sie denn gemacht [später: verbrochen ]?« Frau Benes Mienen bekamen einen Ausdruck sittlicher Entrüstung. »Martha Monrad ist vor zwei Jahren politisch sehr lästig geworden … sie ist eine von den sogenannten südjütschen Mädchen!« »Ach, sie gehört zu den tausend nordschleswigschen Jungferlein, die eine gemeinsame Reise durch Dänemark machten«, lächelte Amatus. »Ja, die Monrad hat den Plan der Demonstrationstour ausgeheckt und war die Leiterin der mit rotweißen Bändern geschmückten Schäflein, die überall im kleinen Vaterlande von den Dänen angeredet, angesungen und angeulkt wurden.« Junker erklärte lachend, daß er ein guter Deutscher sei und darum ungefährdet mit Dänen und südjütschen Mädchen verkehren könne. Nachmittags trat er seinen gewöhnlichen Spaziergang in verdrießlicher Stimmung an. Seelsorge durfte und wollte er nicht mehr treiben, aber Besuche abzustatten, ließ er sich nicht verbieten und kehrte darum bei einem Hofbesitzer ein, der froh und ohne Sorgen lebte und einer robusten Gesundheit sich erfreute. Seine Lippen zuckten spöttisch: »Meinem Pastor gegenüber ist hier sogar der böse Schein, als wenn ich auf Seelsorge ausginge, gemieden.« Zwei Nachbarn saßen in der Stube und tranken mit dem Hausherrn Rumgrog. Der Kandidat nahm auch ein Glas und ließ sich zum zweiten nötigen. Mit dem Essen – und noch mehr mit dem Trinken kommt der Appetit. An der Landstraße lag ein Wirtshaus, in das er auf dem Heimwege nach kurzem Zögern einbog. Die Bauern sprangen empor und räumten ihm den [später ergänzt: Ehren- ]Platz im Sofa ein und fragten höflich, ob er ihnen die Ehre antun wolle. Er tat's und trank. »Ja, das ist nett von Ihnen, Herr Kandidat, daß Sie Mensch mit Menschen sind … Sie sind bei allen äußerst beliebt und einen solchen Prädikanten haben wir Alstrup noch nicht auf der Kanzel gehabt … wenn wir einmal den Alten verschlissen haben, wer weiß …« »Still davon, wenn ich nicht aufstehen soll!« sagte er [später: der Kandidat ] energisch. Aber seine Energie reichte nicht aus, [später ergänzt: um nein zu sagen, ] als sie noch zweimal ihn baten, ihnen die Ehre zu erweisen. Abends im Familienkreise war Amatus, der seinerseits keine Verstimmung mehr fühlte, sehr heiter und lebhaft, so daß Eveline hinter dem Schirm sein Gesicht beobachtete und mit dem Näschen nach ihm hinüber roch. Die Kluge witterte etwas. Frau Bene lachte über seine Witze. »Heute sind Sie aber aufgeräumt.« »Ja, bei klarem Frostwetter werde ich springlebendig, wie ein Frosch in seinem Liebesfrühling … überdies habe ich etwas erlebt.« »Erzählen Sie!« »Draußen traf ich den Greve, den Holsteiner, der sich vor zehn Jahren in die Landstelle hineingeheiratet und die achtzigjährige Schwiegermutter auf dem Altenteil hat; und folgendes Zwiegespräch fand statt. In seinem geliebten Plattdeutsch fing er an: ›Herr Pastr!‹ – ›Ich bin nicht Pastor‹ . – ›Herr Kaplan‹ . – ›Ich bin nicht Kaplan.‹ – ›Herr Kandidaat, ik heff en Doden int Hus‹ – ›Was für einen Toten?‹ – ›De ole Minsch is dod.‹ – ›Was für ein alter Mensch?‹ – ›Min Swigermoder, Herr Pa–, Herr Kandidaat.‹ – Bitte sagen Sie es ihrem Manne aber nicht, daß ich trotz des Verbots gewissermaßen Seelsorge getrieben habe … ich konnte nämlich nicht unterlassen, dem Schlingel so lange ins Gewissen zu reden, bis er um seine Schwiegermutter ein paar Tränen vergoß.« Eveline warf dem lustigen Kandidaten einen langen Blick zu und sagte bald Gutenacht und verschwand. Als Amatus leise trällernd die Treppe hinaufkam, regte sich etwas auf dem engen und dunklen Flur. »Ist hier jemand?« sprach er ohne Gespensterfurcht. Eine flüsternde, zitternde Stimme [später ergänzt: wisperte ]: »Rufen Sie nicht so laut! Ich habe meine Streichhölzer verlegt und kann mich nicht zurecht finden.« Sofort rieb er ein Streichholz an, mit dem er die Finsternis und sonderbare Situation beleuchtete. Eveline sah mit verschleierten Augen, die einen feuchten Schimmer hatten, unverwandt zu ihm empor und sagte kein Wort. Wenn er nur einen Finger ausgestreckt hätte, wäre sie weich und willenlos in seinen Arm gesunken. Doch er ließ die Arme schlaff hängen und rieb ein frisches Zündholz an und hob die kleine Leuchte empor, weil ihm gespensterfurchtsam zu Mute wurde. »Reden Sie doch, Fräulein Nissen!« Sie stammelte; »O, Sie kamen heute so heiß … so heiß …« »Nein, Fräulein, hier ist hundekalt, und wenn Sie noch lange stehen bleiben, werden Sie sich einen fürchterlichen Schnupfen holen.« Eveline schrie nicht, sondern stürzte abgekühlt und durcheisigt in ihre Kammer, ohne seine Streichhölzer zu nehmen. In ihrer Gedankenlosigkeit hatte sie vergessen, daß sie auf der Treppe ihre Schachtel in die eigne Tasche gesteckt hatte. Am Morgen fühlte sich Amatus wehleidig und mißmutig, wie seit Monaten nicht. Nicht nur war als natürliche Rückwirkung des gestern genossenen Getränks eine seelische Depression eingetreten, sondern das zwitterhafte Prädikantenamt schien ihm verleidet, und sein getrübtes Urteil erblickte alles grau in grau. Als der Versuch zu arbeiten völlig mißlang, steigerte sich das erdrückende Unbehagen zu einem Anfall des alten Feindes. Aber seinem benommenen Kopfe blieb eine klare Besinnung und die vorsichtige Überlegung, daß er sich um jeden Preis nicht bloßstellen dürfe. Auch kannte er die Bauern, die ins Gesicht schmeicheln, aber über die Popularität eines grogtrinkenden Geistlichen hinter dem Rücken [später ergänzt: desselben ] ihre Glossen machen. Darum ging er in kein Wirtshaus, sondern bestellte beim Kaufmann eine Kiste Portwein, die ihm ins Haus gebracht wurde. Amatus wurde zum heimlichen Trinker. Obgleich er auf der Hut war und jede Gesprächigkeit vermied, machten doch Evelines forschende Blicke und witternde [später ergänzt: Stumpf- ]Nase gewisse Beobachtungen. Als er einmal sein Zimmer verließ, schlich sie sich hinein, zog leise die Schubläden auf und guckte in alle Winkel. Ah, unter der Garderobe stand eine halbvolle Flasche. [Später: Flasche! ] Fräulein Nissens schnell gefaßte Zuneigung war in eine noch augenblicklicher entstandene Antipathie umgeschlagen. Ihrer Herrin flüsterte sie in die schwerhörigen Ohren: »Was hat Herr Junker gestern und heute? Haben Sie nichts gemerkt?« »Was sollte er haben?« »Er ist anders als sonst … ich glaube, er trinkt.« Frau Bene, statt, wie erwartet, neugierig zu werden, fertigte das Fräulein grob ab: »Was scheren Sie sich um unsern Kandidaten? Stecken Sie die Nase in die Küchentöpfe, daß nichts ansengt und versalzen wird!« Die kleine Denunziantin hielt fortan in der Stube den unnützen Mund, aber schwatzte und klatschte um so mehr in der Küche mit der Brotfrau und dem Gartenarbeiter und den Bettelweibern. Am dritten Tage stand Amatus neben seinem Waschtisch und schüttete in einer plötzlichen, heiligen Zornwallung den Rest der Flasche in das Schmutzwasser. Wie war die furchtbare und zur Umkehr entschlossene Reue über ihn gekommen? In der andern Hand hielt er einen eben erbrochenen Brief seiner Mutter, die innig und in ihrem Zartgefühle nur andeutend schrieb: »Mein Amatus, jetzt sind es fünf volle Monate, daß du glücklich bist – wir wollen Gott loben und preisen.« Er stöhnte, und die Scham schrie in ihm, daß er ein heimlicher Trinker geworden. Nach fünfmonatlichem siegreichen Kampfe war er in den Staub gesunken und durch seine Seele ging der tiefe Seufzer: Das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Aber sein jugendlicher Sinn hat nach einigen Tagen die Betrübnis überwunden. Gleich einem Genesenden, der nicht über die vergangenen Schmerzen grübelt, sondern ins Sonnenlicht schaut, wandte Amatus den Blick von der rätselhaften Sphinx seiner Seele und seines Willens hinweg, um nicht die neu erwachende Lebens- und Arbeitslust zu lähmen. Rückwärts lag der Schleier eines Dunkels, den sein heller Verstand doch nicht lüften noch durchleuchten konnte, und vorwärts strebten und stürmten seine regen Kräfte. – – – Pastor Reibeisens machten die Hochzeit ihrer einzigen Tochter. Amatus, der auch eingeladen war, begrüßte die Schreckgestalt seiner Kindheit, die lange Stine, die ihn einmal bei den Haaren unter dem Tisch hervorgezaust hatte, und kannte die Frau kaum wieder. So groß war ihre Liebenswürdigkeit, und ihr längliches Gesicht verzog sich zu einem stereotypen Lächeln, während sie nach seinem Ergehen, seinen Zukunftsplänen und Aussichten eingehend sich erkundigte. Sie war darüber schon orientiert, daß an Kandidaten gegenwärtig kein Überfluß sei, und hörte mit Teilnahme, daß er bald das kanonische Alter erreiche und, wenn es Gott und dem Konsistorium gefiele [später gefalle ], ordiniert werden könne. Klarissa Reder war ihm als Tischdame zugewiesen worden – daß dieses auf einen Wink der Stiefmutter hin von Frau Reibeisen arrangiert worden [später entfallen: war ], blieb beiden verborgen – und Junker war während der Tafel ein vergnüglicher Plauderer und ein sehr mäßiger Trinker. Zuweilen, wenn er am lebhaftesten sich unterhielt, meinte er zu bemerken, daß Frau Reders Auge gnädig auf ihm ruhte, und daß [später: wie ] sie ihrer Tochter mütterlich zunickte. Dann aber blickte Klarissa tief in den Teller hinein. Amatus beugte sich leicht über den Arm seiner Dame und flüsterte: »Ihr Bruder ist für die übrige Gesellschaft abwesend und ganz in den Anblick seiner Gattin versunken. Sehen Sie, wie das Glück seine Züge verklärt hat, wie seine Frau strahlend zu ihm emporschaut! Das muß doch eine schöne Stunde sein«, setzte er leiser hinzu. Klarissa sah ihn voll und fest an: »Die Franzosen haben ein Wort: Corriger la fortune. Herr Junker! Ihre Finger haben Korrektur getrieben und bei diesem Glück nicht wenig nachgeholfen.« »Ich habe nur dem Schüchternen als Sprachrohr gedient.« Worauf sie erwiderte: »Ja, ich hoffe und glaube, daß es zum Guten geschehen ist und gelingen wird … aber mir wäre die Verantwortung zu groß gewesen.« Er schwieg betroffen. Klarissa aber wurde schelmisch. »Wenn ich nun versuchen wollte, Ihr Glück zu machen?« »Zu große, zu große Verantwortung, Fräulein Reder! Wollen wir eine Wette machen, daß ich weiß, was jetzt kommt?« »Was denn?« »Silly! Ja, meine Kousine ist ein liebes, hochherziges Mädchen – aber meine Kousine!« Bei diesen Worten ging ein gespanntes Aufmerken, nicht wie eine Wolke, sondern wie ein flüchtig verschwindender Glanz, über Klarissas Antlitz. Der Zollinspektor, den seine Frau bedeutungsvoll angesehen hatte, stand auf und hob in schlecht gefügten und wohl gemeinten Sätzen sein Glas auf das Wohl des Kandidaten, des Jugendfreundes seines Sohnes, indem er seine Rede mit einem Vivat sequens schloß. Um mit Junker anzustoßen, langte die lange Stine [später ergänzt: mit dem langen Arme ] über die ganze Breite des Tisches. Fräulein Reder aber hielt ihr Glas so ungeschickt, daß es mit dem seinen [später: des Kandidaten ] kaum zusammenklirrte. Am folgenden Tage spürte Amatus nur angenehme Folgen des frohen Hochzeitsmahles und wanderte frischgemut nach Alstrupfeld hinaus, wo Krästen Aarös Kate sein Ziel war. Hänschen stand ungetüdert im Hofe und zog, mit den Holzschuhen im Schlamme wühlend, Abzugsgräben für das Dungwasser. Sobald er den Ankömmling gewahrte, lief er hin und umschlang des Kandidaten lange Beine. Der gut angelernte Bursche streifte auf dem Flure nicht bloß die Holzschuhe ab, sondern zeigte auch auf die Matte und ermahnte in seiner Sprechweise: »Stiefel reine machen … sonst Tante böse.« Aus der Küche kam Karoline hereingehumpelt und stemmte stolz die Hände in die Hüften, als Junker mit seinem Lobe nicht zurückhielt. [Später entfallen: Trotz des Verbots konnte er die Seelsorge nicht ganz unterlassen. Karoline nämlich fing an sich die Augen zu wischen und zu wehklagen, daß sie ein lahmer Krüppel bleiben werde; welche Tränen er mit seinem zuversichtlichen Troste stillte. ] Draußen im Stalle, wo Krästen sein Vieh fütterte, besichtigte er zunächst die drei Kühe und erkundigte sich dann, die Stimme dämpfend: »Na, wie können Sie mir ihr auskommen?« »Ist eine stramme, propre und zuverlässige Person … aber in meinem eignen Hause habe ich nicht viel mehr zu sagen.« »Sie sind nicht ganz zufrieden?« »Herr Kaplan, ich bin sehr zufrieden mit ihr als Haushälterin, aber …« Krästen kraute sich. »Aber die Sache hat einen Haken … eine lahme Person kann doch nicht heiraten, eine Bauerfrau muß vor allem gesunde Hände und gesunde Beine haben.« Amatus, der das eine Auge zukniff, war seinem pfiffigen Vater zum Sprechen ähnlich. »Wenn ich nun ein Sympathiemittel weiß und die Beine bespreche, so daß Karoline nach sechs Wochen stramm wie ein Musketier marschieren kann, was dann, Krästen?« »Dann marschiere ich sofort zum Pastor, daß er uns von der Kanzel wirft … sonst ist sie ja ein sauberes und schönes, ein rasches und rassiges Frauenzimmer.« Das Sympathiemittel des Kandidaten war die alles, auch das Hüftweh allmählich heilende Zeit. Junker ging an der Monradschen Hofstelle nicht vorbei, sondern betrat, Frau Benes Warnung zum Trotz, das Haus [später ergänzt: des Dänen ], weil er sich seinen Verkehr nicht vorschreiben lassen wollte. Die Wohnstube war leer. Draußen in der Küche redete Marthas laute Stimme in einem fort. Sie schien den Mädchen eine donnernde Standrede zu halten, und er [später: der Kandidat ] räusperte sich vergebens. Das Auge des Wartenden fiel auf die Sofawand, [später entfallen: und ] ein Schalk und Schelm fuhr plötzlich in ihn. Er löste die Danebrogsfähnlein aus der Schleife und versteckte sie in der Hausbibel, auf der Seite, wo zu lesen stand: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist! Die Philippika in der Küche riß nicht ab. Darum klinkte er leise die Tür auf und blieb verwundert und angewurzelt auf der Schwelle stehen. Martha stand vor dem Herde, rührte mit dem Löffel im Topfe und hielt in der linken Hand ein dramatisches Büchlein, aus dem sie laut deklamierte. Die bewegliche, bachstelzenhafte Person hatte trotz der komischen Situation etwas unendlich Graziöses und Anmutiges, besonders da sie auf den Zehenspitzen wie eine Ballettänzerin sich drehte und herzhaft auflachte, als der ungesehene Zuhörer in die Hände klatschte. »Ich lerne meine große Rolle … wir wollen [später ergänzt: ja ] hier in Alstrup eine Dilettantenvorstellung geben und ›Die Welt, in der man sich langweilt‹ aufführen.« Amatus wandte nicht die Augen von ihrer Gestalt. »Fräulein Monrad, ich möchte Sie auf der Bühne sehen.« »Dazu bietet sich ja sehr bald Gelegenheit. Werden Sie wirklich hingehen, um meine schauspielerische Kunst zu bewundern oder zu bekritteln?« »Ja, ich werde kommen.« »Ein Wort?« fragte sie, um die Zusage fest zu machen. »Mein Wort darauf!« Nun hatte er sich gebunden, in unbedachter Eile, und zu spät, als er schon zu Hause auf dem Kandidatensofa saß, stellten sich einige Bedenken ein. Was würden sein Präpositus und seine Präposita dazu sagen? Sobald sich Gelegenheit bot, Frau Bene unter vier Augen zu sprechen, schlug er selbst das Theaterthema an, um seine etwas beklommene Brust zu erleichtern. »Ich werde mir Spaßes halber die Bauernkomödie ansehen.« Sie zog das breite, gutmütige Gesicht [später ergänzt: sehr ] in die Länge. »Das wird meinem Mann durchaus nicht passen.« »Aus pastoralen Gründen, weil der Theaterbesuch sich für den Prädikanten nicht schickt?« »Nein, weil es eine ausgesprochen dänische Geschichte wird.« »Das Stück ist eine harmlose, französische Übersetzung und unpolitisch.« »Gehen Sie nicht hin, Herr Junker!« »Ich muß hingehen, denn ich habe es versprochen und schon mein Wort gegeben.« Frau Bene schüttelte den Kopf. »So, Sie haben [später ergänzt: schon ] Ihr Wort gegeben und der Monrad sich versprochen?« »Nein, das nicht!« lachte er gezwungen. Im Pastorat lag eine Verstimmung in der Luft, und Eveline fand bei der schwerhörigen Herrin mehr Gnade und ein williges Gehör. – – – Alstrup hatte zwei Wirts- und Tanzlokale. In dem einen, dessen Besitzer Hans Petersen hieß und am liebsten dänisch sprach, aber dem deutschen Reichstagskandidaten seine Stimme gab, verkehrte der nationale und der neutrale Teil der Bevölkerung. In dem andern, Hotel Danmark genannt, dessen dicker Wirt – Peter Petersen mit Namen – zum dänischen Wahlverein einen beträchtlichen Beitrag zahlte, sollte am Abend des ersten April Komödie gespielt werden. Frühmorgens fand der Kandidat, der zum Kaffeetische kam, auf seinem Teller ein Brieflein. »Ist für Sie abgegeben worden«, sagte Fräulein Eveline mit einer hinweisenden und wegwerfenden Handbewegung. Seine Finger rissen den Brief auf, der ohne Unterschrift war, und er las mit Hast die zwei Zeilen: Wen Anonymes hoch beglückt, Wird meistens in April geschickt. »Hihi, fifi!« Das Fräulein schlug eine kreischende Lache auf, und die Frau Pastor, die hinter dem Ofenschirm gestanden hatte, fiel mit ihrem Basse ein: »Hoho, hoho, April, April!« Pfui Spinne! dachte Junker und tat das Klügste, was ein in den April Gesandter tun kann, er lachte überlaut mit. Der Tag, der mit einer lächerlichen Nasführung begonnen hatte, endete mit einer lustigen Theateraufführung. Auf dem plüschroten, nummerierten [später: numerierten ] Sitz zu zwei Mark saß der Kandidat und zog die Lippen krumm, wenn die Bauernmädchen unhörbar lispelten und lichtfiebrig den Souffleur anstarrten, die Bauernjünglinge aber hinter [später: aus ] den Kulissen gleich preußischen Rekruten hervorstrampelten, steif und stramm vor ihren Damen standen und wie Schulbuben ihren Sermon herleierten. In den Szenen [später entfallen: aber ], wo die Hauptheldin, Martha Monrad, auftrat, beugte er sich weit vor, von ihrem Spiel gebannt. Jede Replik fiel, wie vom Augenblicke eingegeben, von ihren Lippen. Ihr Mienenspiel, ihr Lächeln, jedes Zucken der Brauen war so natürlich und anmutig, daß er kein Auge von der Bretterhöhe, welche die Bühne vorstellte, wandte. Nach jeder Szene schlug er zuerst die Hände zusammen. Die zierliche Monrad war die geborene Schauspielerin. Erstaunt und immer entzückter lauschte er ihrem Spiel und hatte am Schluß einen kleinen Anfall jener Begeisterung, welche die Theaterfexe befällt. Sein rechter Handschuh platzte – so starken Beifall klatschte er und riß [später: klatschend, riß er ] die bedächtigen Bauern dermaßen mit sich, daß »Danmarks« alte Fachwände vom Applaus erzitterten. In der Garderobe half er Fräulein Martha den Mantel umwerfen. Immer neue Worte der Bewunderung entströmten seinem Munde. Sie sah den Eindruck, den sie gemacht, und schaute ihm voll ins Gesicht. »Draußen ist Aprilschnee gefallen … wollen Sie mich nach Hause geleiten? Sie wundern sich vielleicht … so würde wohl keine von Ihren deutschen Damen sprechen.« Er wunderte sich über nichts mehr und war bezaubert. Dicht neben einander gingen sie, und hinter ihnen im weichen, weißen Schnee standen vier tiefe Fußspuren. Martha fragte schalkhaft: »Sie haben meine Danebrogfähnchen mitgenommen, um Ihr Zimmer damit zu schmücken? Ja, Blut ist dicker als Wasser … Sie sind und bleiben eben Nordschleswiger, Herr Junker.« »Um Himmels willen, die Fahnen stecken in Ihrer Bibel«, stammelte er. »Ich weiß, ich weiß … aber kennen Sie meine Hoffnung? Durch die Nacht blitzten ihre Augen zu ihm empor. »Ihre Hoffnung wird wohl die südjütische sein«, erwiderte er ärgerlich. »Ja … und die, daß Sie noch Ihrer selbst sich besinnen und erkennen werden, wie Ihre Väter auf diesem Boden gewohnt und dänisch gesprochen haben.« »Lassen wir die Politik, die den Charakter – und die Freundschaft verdirbt! Fräulein Monrad wird mich nimmermehr zum Proselyten machen.« Martha stieß mit dem Fuße den stiebenden Schnee. Seine Begeisterung war abgekühlt zu einem unbehaglichen Gefühl, als wenn er auch heute abend in den April gegangen sei. Die vier Fußspuren wurden sogleich von zahlreichen Tritten vertreten. Aus dem Saale strömte die Menge, und die Ellenbogen der Frauen und Mädchen gerieten in heftig stoßende Bewegung. »Sieh, sieh, unser Kandidat geht mit der Monrad … das gibt zu denken.« Frauen, die sich etwas denken, machen aus ihren Gedanken kein Geheimnis. Als der zweite April graute, trat die Brotfrau in die Pastoratsküche und zählte die Semmel auf den Tisch. »Ja, Fräulein Nissen, Sie wären eine passendere Partie für ihn gewesen.« »Für den da oben? Ich danke!« Die Frau erzählte und sagte: »Ein Pastor kann doch keine Schauspielerin heiraten.« »Ein Kandidat kann überhaupt nicht heiraten«, lachte Eveline, sich zum Troste, und tischte der Pastorin die Neuigkeit auf. Amatus kam und gab sich unbefangen und berichtete drastisch von der Bauernschauspielerei im Hotel Danmark. Doch sein Präpositus verzog keine Miene, und die mütterliche Frau Bene nickte malitiös: »Lassen Sie sich von den Dänen nur nicht in den April schicken! Die tun's bei einem Deutschen zu gern.« Nicht nur in der Pfarre wußte man alles und noch ein wenig mehr, in Alstrup und umliegenden Dörfern wurden alle Neuigkeiten in ein paar Stunden herumgetragen und selbst den taubsten Leuten im Armenhause ins Ohr geschrieen. Überall schloß das Gespräch mit der Andeutung, daß sich [später nach dem Substantiv] der Kandidat demnächst verloben werde. Obgleich auf dem Hofe Egeberg der Schlachter den ersten Bericht erstattet, der Milchfuhrmann ihn bestätigt und die Eierkäuferin ihn durch Einzelheiten ergänzt hatte, war Klarissa die einzige Person, die Geklatsch haßte und dem [später: das ] Gerücht nicht glaubte. Pastor Weber aber, der seit seiner dreizehnjährigen Landflüchtigkeit dem Dänentum abhold war, hörte auf das Gerede. Der Prädikant schrieb die Verstimmung auch einer andern Ursache zu. Als nämlich der warme Lenz kam und auf allen Feldern die Saat bestellt wurde, verschlechterte sich der Kirchenbesuch, nicht an seinem, sondern am Pastorensonntag, trotzdem er mit dreister Freigebigkeit zwölf Kupferstücke in den Klingelbeutel steckte. An einem Maientage, als die Frösche in allen Tümpeln und Viehtränken quakten, schlenderte Junker nach Alstrupfeld hinaus. Karoline kam vom Acker mit den vollen Milcheimern, gleichmäßig auf den kräftig-gesunden Beinen marschierend und die Hände in die Hüften gestemmt. Er lachte: »Krästen, meine Besprechung hat schnell gewirkt.« Der Kätner grinste zurück. »Ja, wir sind uns schon einig … wollen Sie beim Pastor das Aufgebot bestellen?« Karoline kicherte vergnügt: »Hihi, Herr Junker, nun kommen Sie dran … wann soll Ihre Verlobung sein?« »Wenn der Papst in Rom auf Freite geht«, antwortete er. »Von der Monrad und Ihnen munkelt man allerlei.« »Ja«, sagte Krästen, »wer die kriegt, zieht das große Los … einzige Tochter … und achtzig Tonnen Land hat der Alte und Hypotheken, aber nicht auf seinem Hofe, sondern auf andern Landstellen.« Die ärgerlichen, ewigen Anspielungen verdrossen Amatus, so daß er beschloß, seinen Verkehr bei [später: mit ] Monrads noch mehr einzuschränken. Bald aber lächelte er vor sich hin und sah im Traume Krästens und Karolines Lebensroman zur Zufriedenheit sich entwickeln, wie die Familie um drei flachsblonde Köpfchen wuchs, wie aber auch Land zugekauft wurde und drei neue Kühe im Stalle muhten und gemolken wurden. Sein Traum hat sich im Lauf der Jahre erfüllt. – Im Alltagsgeleise gingen eintönige Wochen. Je länger die Tage wurden, desto mehr lösten die Familienabende sich auf. Die Pastorin, der ihr Kandidat im Garten schneiden und begießen half, blieb freundlich und der Pastor gemessen. Es war nicht mehr das alte Vertrauensverhältnis, obschon ohne Erlaubnis keine Seelsorge getrieben wurde. Ein Gefühl der Einsamkeit und des Alleinstehens beschlich Amatus und eine große Sehnsucht nach seiner Mutter. Er hegte den heißen Wunsch, daß sie ihn einmal besuche, und gab seiner Gönnerin einen deutlichen Wink. Aber Frau Bene wollte ihn nicht verstehen und sagte im Studierzimmer zu ihrem Manne: »Fidde, wir können doch nicht die Frau des Gerichtsdieners als Gast in unser Haus laden.« Monika blieb uneingeladen und ihre Sehnsucht nach dem Sohne ungestillt. – – Es war der längste, hellste und herrlichste Tag des Jahres, der zu Rüste ging. Die nordschleswigschen Bauern ließen, trotz des Alstruper Gensdarms, es sich nicht nehmen, nach alter Vätersitte auf den Hügeln von dürrem, mit Petroleum getränktem Reisig ein lohendes St. Hansfeuer zu zünden. Junker saß mitten in einer Herrengesellschaft auf der Gartenterrasse von Egeberg, und die deutschen Hofbesitzer feierten das Fest, welches auch Herr [später: Herrn ] Schmidts Geburtstag war, und tranken weidlich und trinkfest die Minne des guten St. Johannes und das Wohl des [später ergänzt: wackren ] Geburtstagskindes. Nachdem viel kalter Punsch vertilgt war, knallten die Champagnerpfropfen. Zwei Herren stießen besonders fleißig mit dem Kandidaten an, der seit Monaten wenig Spirituosen genossen hatte, des Getränks ungewohnt war und darum immer auf- und angeheiterter wurde. Er war ja eine Art von Geistlichkeit, und einem Pastor hängen manche mit Vorliebe ein Räuschlein an. Den beiden behäbigen, dickbäuchigen Agrariern machte es Spaß, ihn zu animieren und zu einem überschäumenden Born von lustigen Anekdötchen zu machen. Die Fenster des Hauses standen offen, und er [später: Junker ] erzählte: »Hier in Alstrup lebte vor vielen Jahren ein Pastor, der ein alter Trotzkopf war und ein Gläschen nicht verschmähte. Nun war im Dorfe eine Frau Hansen, die ihm üblen Leumund gemacht hatte. Es traf sich, daß sie eines Kindleins genas und danach ihren üblichen Kirchgang hielt. Nach der Weise der Wöchnerinnen setzte sie sich in die Sakristei, wo der Pastor ein paar passende Worte zu sprechen pflegt, auf die Bank. Er tritt herein, betrachtet sie von oben bis unten und sagt barsch: ›Geh du nur!‹ Nach dem Gottesdienst haben ja die Wöchnerinnen die Gepflogenheit, dem Pastor zu opfern. Auch Frau Hansen geht um den Altar herum, vor dem der Pastor steht, und macht Halt, legt aber kein Opferstück hin, sondern sieht ihn starr an und sagt. ›Steh du nur!‹ « Allgemeines, schallendes Gelächter! Nur Klarissa, die drinnen hinter der Gardine saß und die laute Stimme des Erzählers hörte, kniff die Lippen zusammen und hatte keine Freude an dem Gelage. Bald brachte sie einen Nachtimbiß von belegten Butterbröten den Herren hinaus. Sahen Amatus umnebelte Augen recht? Ja, sie blinzelte ihm, zwar mit gerunzelten Brauen, zweimal verstohlen zu, und er mußte den Wink als eine Aufforderung zu einem kleinen Gespräch unter vier Augen verstehen. Berauscht vom Schaumwein und einer plötzlichen Verliebtheit sprang er auf, um abseits zu gehen, was nicht auffiel, und betrat auf leisen Sohlen den Hausflur. Ja, wahrhaftig, sie wartete auf ihn. Mit klopfendem Herzen und ausgestreckten Armen stürzte er vor. »Klarissa!« Sie aber trat weit zurück. »Ich heiße Fräulein Reder.« Und sie schmälte und schulmeisterte: »Herr Junker, was sind das für Eulenspiegeleien für einen Kandidaten, der auf der Kanzel predigt?« Sein eroberungskühnes Herz entfiel [später ergänzt: ihm ], er stand, wie von einem kalten Wasserstrahl begossen, und bekam einen, der noch nässer war. Rasch und resolut faßte Klarissa seinen Arm und führte ihn in ihr Zimmer. »Schämen Sie sich! Sie haben zu viel getrunken … nun waschen Sie sich hier tüchtig, damit der Kopf klar und rein wird!« Das sagte sie auf der Schwelle, machte die Tür hinter ihm zu und wartete draußen, auf das Plätschern horchend. Gewaschen und begossen kam er heraus. Sie betrachtete und musterte sein Gesicht: »So! Nun geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie, ohne irgend etwas zu trinken, in beherrschter und bestimmter Weise von den Herren Abschied nehmen und sofort nach Hause sich begeben.« Das gelobte er mit einem klein- und demütigen Ja. Aber in schüchterner Dankbarkeit wagte er nach ihrer Hand zu greifen, die sie jedoch nicht fassen ließ. »O, Fräulein Reder, was tun Sie für mich, Sie treue Warnerin!« »Um – um – Ihrer braven Mutter willen habe ich es getan«, stammelte sie. Dann lief sie fort, schlich sich aber durch die Küche in den Garten, schob den Kopf durch die Hecke und überzeugte sich davon, daß er aus dem Torweg trat und nach Hause ging. Amatus war ernüchtert und von Scham und Reue erfüllt. Vor diesem klaren, klaren Blick hätte er sich am wenigsten in seiner Schwäche bloßstellen mögen. Aber auch Klarissas Resolutheit war jetzt verflogen. Sie lag in ihrem Bette und schämte sich schamrot und weinte beinahe über ihre rasche, törichte Tat. »Was wird und muß er von mir denken! O Gott, o Gott!« Sie betete und tröstete sich, daß wenigstens Gott nichts Böses sich dabei denken werde. – Nach einigen Tagen begab sich der Kandidat nach Egeberg und fand nur eine flüchtige Minute, mit dem Hausfräulein allein zu sein. »Entschuldigen Sie, daß ich an jenem Abend so schwach mich zeigte!« »Ja, sehr schwach«, lautete ihre kurze Antwort, »aber sprechen wir nicht davon!« Die Zartfühlende, welche meinte, sich etwas vergeben zu haben, das sie wett machen müsse, begegnete ihm ernst und kühl. Er aber sah nur ihres Wesens schroffe Schale und verließ Egeberg mit der erdrückenden Überzeugung, daß sie ihn als einen Trinker und charakterlosen Menschen verachte. Zwischen den beiden, die als Kinder zusammen gespielt hatten und gute Freunde gewesen waren, baute das Mißverständnis seine Mauer. – Der Alstruper Prädikant fand an seinen Amtspflichten nicht mehr die unvergleichliche [später ergänzt: , schöne ] Freude der ersten Liebe. Wurden die Leute, denen er predigte, irgendwie besser? Ober blieben sie ganz, was sie immer gewesen waren, nordschleswigsche Bauern, vernünftig im Wandel, verschmitzt im Handel, bedächtig im Fleiß und oft unbewußt katholisch in ihrer Kirchfrömmigkeit? Weder mit dem Pastor, der noch auf dem [später ergänzt: Toten- ]Schragen sie ausschänden, aber auch durch einen guten Leichensermon ihnen nützlich sein [später: Ehre erweisen ] konnte, viel weniger mit Gott, dem Herrn und Besitzer des Himmels, wollten sie es verderben. Vor Proprietären und großen Leuten hatten sie überhaupt eine angeborne Hochachtung. Ja, so waren und blieben sie – ein wenig geizig und sehr gastfrei und immer gutmütig, so lange der Geldbeutel unbehelligt blieb, und trotz ihrer dänischen Gesinnung gehorsame und steuerwillige Untertanen. Wenn er von der Kanzel herunterstieg und die tief befriedigten Gesichter der Zuhörer sah, plagte ihn der Gedanke, daß seine wohl gesetzte und wohl gehaltene Rede ihnen eine angenehme Unterhaltung gewesen sei und sie in eine behagliche Sonntagsvormittagsstimmung versetzt habe. Ein Prediger müsse anders wirken und die Menschen umwandeln, aber wie, wie? Was richtete er aus? Wenig oder nichts! Und vor der ungeheuren Verantwortung des geistlichen Amts entsetzte er sich. Das Gefühl der tiefen Vereinsamung inmitten der vielen, der 1500 Seelen, welche die Gemeinde zählte, beschlich ihn; in schwermütigen Stunden pochte die Sehnsucht nach der Mutter laut und stark an sein Herz, Auf seinen Spaziergängen kam er dem Hofe Egeberg oft so nahe, daß er durch die Linden die roten Ziegel des Hauses schimmern sah und die Enten schnattern hörte; aber im Bogen umging er das Gut und warf sich unter eine hohe, schattende Buche hin, die auf der Lichtung einsam stand und aus kleinem Eichengestrüpp und Birkengelichter emporragte. Wenn einmal das Sturmgewitter durch die Lüfte braust, werden die Birken und Bäumlein ihre Wipfel ducken, aber die hohe Buche wird brechen, weil sie nicht unter ihresgleichen steht. Ach, alles Edle ist und war und wird einsam sein auf Erden, und näher und jäher ist dem Großen der Fall, als dem Kleinen und Gemeinen, das im Staube der Alltäglichkeit kreucht. Ihn umwob mitten am hellichten Sommertage ein düstrer Schatten, von einem unbestimmten und doch grauenhaft handgreiflichen Etwas vorausgeworfen, eine finstre Ahnung, daß er vor einer Gefahr und einem Absturz stände. Waren diese ängstigenden Traumbilder nicht ein Erbteil seiner Mutter, die von solchem Vorspuk viel gelitten? Fern war sie und fern Friedline und er allein und nirgends ein Freund, den er in seiner Unruh fragen konnte. Klarissa, die er wert achten gelernt, schätzte [später: verachtete ] ihn als einen minderwertigen Charakter [später entfallen: gering ]. Unter dem tiefblauen Himmel und über der staubgrauen Erde glühte die Hundstagshitze. Nun war auch in seinem Leben Hochsommer geworden und er dem Glück und der Ernte seiner langen, mühevollen Arbeit am nächsten gekommen. Aber ihm schwante, daß seine ganze Ernte durch ein Unwetter verloren gehen könne. Welche Unrast trieb ihn von der Arbeit? Nicht bloß Klarissas Verachtung! Nein, eine Verstimmung war in seinem Körper und seiner Seele. Was hängte sich an seinen Geist mit Bleischwere des Denkens und zog ihn herunter? Was war das für ein finstrer Schatten, der näher schlich? Er fragte und fragte und fand die Antwort: Es ist die Unfreiheit, der alte Tyrann, der um meinen Willen die eherne Kette werfen will. Aber ich will kämpfen und meinen Feind dämpfen. Amatus eilte von dannen, als wenn er dem Schatten und Gespenst seines Lebens entfliehen wolle. Die Pastorin Weber war damit beschäftigt, ihr Fuchsienbeet im Garten zu begießen, und er ging ihr bereitwillig zur Hand. Sie mochte auf seinen Gesichtszügen Schattenreste sehen und sagte mütterlich: »Herr Junker, Sie sind nicht mehr so fröhlich wie früher … lassen Sie die Torheit fahren!« »Welche Torheit?« »Die Leute erzählen sich, daß der junge Christensen bei Martha Monrad angehalten und einen Korb sich geholt hat … ich hätte mich sehr gefreut, wenn sie ihn genommen hätte … die kleine, gebildete, vielleicht nur eingebildete Dänin ist nichts für Sie.« Junker erwiderte: »Frau Pastor, Sie sind in einem großen Irrtum, wenn Sie wähnen, daß Fräulein Monrad mehr Raum in meinen Gedanken einnimmt, als einem guten Nächsten und angenehmen Mitmenschen zukommt.« Die Schwerhörige wollte nicht hören und ihm einmal reinen Wein einschenken. »Es gibt ja Pastoren in Nordschleswig, die mit den Dänen sehr freundlich tun, vielleicht um Liebe oder Beliebtheit zu gewinnen, vielleicht aus andern Gründen. Gesetzt, Sie würden sich mit der Monrad verloben, würden Sie von dem Dänentum auf den Schild gehoben und ungeheuer populär werden.« Er schrie ihr die Versicherung ins Ohr, daß er an eine derartige Verlobung und Volkstümelei nicht denke. Frau Bene jedoch blieb unbeirrt und unbelehrt in ihrem Texte. »Eine solche Volksgunst würde die Ungnade Ihrer vorgesetzten Behörde nach sich ziehen, und Sie möchten lange auf Ordination und Beförderung warten … das Konsistorium könnte Ihnen beim besten Willen nicht helfen, denn es muß immer erst nach dem Regierungssitz hinsehen, ehe es sich entscheiden und seine Überzeugung aussprechen kann. Das bedenken Sie! Ich bin eine Frau, die es gut mit Ihnen meint.« Stolz wurde seine Haltung. »Ich werde meine deutsche Überzeugung stets offen bekennen … ich würde aber auch nie, im Falle daß ich Martha Monrad liebte, um eignen Vorteils oder andrer Menschen Vorurteile willen meine Liebe verleugnen.« »Jaja, wenn … wofern … im Falle daß …« brummte Frau Bene und begab sich ins Haus. Ihr Mißtrauen war nicht beseitigt, sondern bestärkt. Und Eveline blies ihr mancherlei Berichte ins Ohr und schürte so des Argwohns glimmende Kohlen. Um Zerstreuung zu haben, besuchte Junker Pastor Reibeisens. O Unheil, das ihn verfolgte! Das theologische Manuskript war zum elftenmal zu einem Verleger gewandert und gestern zurückgekommen. Aus Höflichkeit mußte er drei Stunden lang sich vorlesen und um seine Meinung sich befragen lassen. In seinem Ärger faßte er den Entschluß, fortan dem handschriftlichen, vierhundert Seiten umfassenden Werk eine Wegmeile aus dem Wege zu gehen. Hintennach aber kam die Freude, als Frau Reibeisen ihm den letzten argentinischen Brief, der von beiden Gatten geschrieben und sechzehn Seiten lang war, zum Lesen reichte. Wilhelm der Wortkarge sang einen Lobhymnus der Eheliebe, und die junge Frau hatte für ihren Gatten nicht weniger als fünf verschiedene, für den Uneingeweihten ziemlich unverständliche Kosenamen. Ganz Argentinien war eitel Wonne, die nur ein kleiner Stoßseufzer unterbrach, [später ergänzt: nämlich ] wegen der Wohnung, die von Holz war, und wegen der Wanzen, die trotz aller Gifte unsterblich schienen. Amatus las und hatte nun ein gutes, beruhigtes und behagliches Gewissen. Nur über zwei an den Rand geschriebene Zeilen der Tochter hielt die Mutter den Finger. Und er, der reich an Ahnungen war, legte ahnungsvoll lächelnd den Finger an die Nase. – In den Wochen, welche die Pastoren die magere Trinitatiszeit nennen, gab es wenig zu tun, alle vierzehn Tage eine Predigt, sonst nichts. Die Alstruper hatten während der Ernte keine Zeit zum Freien, zum Taufen und Sterben. Dennoch befiel den Kandidaten die alte Geistesmüdigkeit. Beim Arbeiten mußte er oft die Gedanken erzwingen, aber das Herausgezwungene mißfiel seinem ästhetischen Sinn, und sein Mißmut warf mitten im Satze die Feder hin. Matt war seine Seele, und in seinem Munde ein fader Geschmack. Der stetig wühlende Wurm einer unerklärlichen Unlust quälte und unruhte [später: beunruhigte ] ihn; aber er stritt und stampfte wider den Stachel. Nachdem die Ernte unter Dach und Fach gebracht worden, gab Holger Monrad, ein Neffe des Hofbesitzers, große Hochzeit. Halb Alstrup, auch das gesamte Pastorat war eingeladen, sogar das Pfarrmädchen hatte eine Invitation für den dritten Hochzeitstag erhalten [später am Satzende], welcher das Knochenfest hieß, weil an ihm die Reste verspeist wurden. Weber sah seinen Prädikanten mit einer Miene an, aus der man nicht klug werden konnte, und sagte: »Wir bleiben zu Hause, aber Sie werden selbstverständlich hingehen und mögen mich vertreten. Doch einen [später ergänzt: guten ] Rat gebe ich Ihnen. Wenn die Bauern so viel des sauren Weins genossen haben, daß sie anfangen, verbotene dänische Lieder zu singen, entfernen Sie sich!« Der Pastor hatte das Paar in der Kirche getraut und ein sehr reichliches Opfer erhalten. Der Kandidat begab sich auf das Hochzeitsmahl, das in einem Riesenzelt abgehalten wurde [später: hergerichtet war ]. Man führte ihn auf den Ehrenplatz, wo er die Gesundheit der Neuvermählten in geschickten Worten ausbrachte. Amatus' Augen wurden glänzend und seine Unterhaltung lebhaft. Der Wein dünkte ihm schmackhaft, so daß er ihn mit Behagen trank und zu fühlen meinte, wie die dickflüssigen Säfte seines Körpers in schnelle und heitere Bewegung gerieten. Ja, die Hochzeitsgäste und der Kandidat wurden immer fröhlicher. Das Barometer der Feststimmung stieg, die Bauern hielten Dauerreden. Der Witzbold von Alstrup brachte auf sich selber einen Toast aus, und Hans mit der Hasenscharte brummelte in den Bart hinein und ließ irgend etwas hoch leben, und alle brachten dem unverständlichen irgend Etwas ein dreimal donnerndes Hurra. Ein Bruder des Bräutigams, namens Rolf Krake Monrad, war anwesend, und zwar, weil er zur Zeit seiner Soldatenpflicht genügte, auf Urlaub und in Musketier-Uniform. Sein Oheim, der Kirchenälteste, nahm das Wort, nachdem Hans mit der Hasenscharte sich gesetzt hatte, und redete gewiegt und wohl bedacht. »Wer im Fett sitzt, den soll man nicht mit Schmalz begießen. Mein lieber Rolf Krake, es ist schwer, dir noch etwas Gutes zu wünschen, was ich doch gern möchte, weil du, die Brust nach vorn und den Steiß nach hinten geworfen« – er äffte die Haltung nach – [später ergänzt: » weil du ] »im vollen, fetten Soldatenglück sitzest und die Ehre, bei den Preußen zu dienen, dir aus Augen und Nase leuchtet.« Der Redner räusperte sich, spuckte aus und ließ die pfiffig plierenden Augen den Tisch hinauf- und herunterlaufen. Auf allen Gesichtern lag der unterdrückte Anfang eines Gelächters, nur Junker blickte finster und stemmte die Hände, wie zum Aufsprunge, auf den Tisch. Monrad nahm seinen Faden auf. »Ja, Rolf Krake, man meint zu sehen, wie der Kamm deiner kurz geschornen Haare geschwollen ist … du bist fein heraus, wie der Jude sagt, ja, feinfein! Die alte, schlechte [später: schlichte ], nordschleswigsche Bauernjacke hast du in den Schrank geworfen und dafür die schöne, bunte Uniform mit den blanken Knöpfen angezogen und die Pickelhaube mit dem Blitzableiter und dem goldenen Kuckuck …« Da machte der Kandidat seinen Aufsprung und schoß zu seiner vollen Länge empor. »Herr Monrad, wenn Sie hier in hämischer Weise den Rock des Königs verhöhnen wollen, werde ich sofort die Hochzeit verlassen.« Martha warf ihm einen vorwurfsvollen, flehenden Blick zu. Monrad aber verneigte sich vor ihm. »Entschuldigen Sie! Allen Respekt vor König und Obrigkeit! Dir aber, mein lieber Rolf Krake, wollen wir ein ganz stilles Glas bringen … du und wir alle wissen, was ich meine … also ein stilles Glas ohne Hohn und Hurra!« Junker ließ sein Glas stehen. Martha warf ihm einen bittenden, besänftigenden Blick zu. Darum beteiligte er sich weiter an dem Hochzeitsgelage, welches jetzt unpolitisch verlief. Oder konnte er nicht fort, weil der Wein ihn fest hielt und die Willensfreiheit ihn bestrickte? Man begegnete ihm mit doppelter Liebenswürdigkeit und titulierte ihn von allen Seiten. Nicht weniger als dreimal wurde auf ihn getoastet, und Monrad feierte ihn als einen Pastor, an dem ein Bauer verloren gegangen sei. Nur der junge Christensen, der von Martha einen Korb bekommen hatte, streifte den Gefeierten, der gewissenhaft sein Glas leerte, mit einem bösen, feindseligen Blick. Die meisten Frauen waren noch nüchtern, sonst aber niemand. Zwei Bauern, die seit einem Jahre um eine tuberkulöse Kuh prozessiert hatten, schlossen sich ans Herz. Weil etliche Kehlen Singlaute machten, stimmte Martha schnell ein harmloses Volkslied an. Als aber die Melodie zu Ende war, sang der junge Christensen plötzlich mit lauter Stimme: Wir wollen heim, heim Zur rot und weißen Fahne. Die südjütsche Sehnsuchtsweise entzündete einen Brand der Begeisterung, und die ganze Tafelrunde brüllte den Kehrreim mit. In dem Kandidaten aber erregte die Protestkundgebung einen patriotischen Zorn. Er schnellte empor, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte, schlug auf den Tisch und fand nach dem ersten Vers so viel Ruhe, daß er in die Versammlung hineinrufen konnte: »Ich könnte mich still und vorsichtig aus dem Staube machen, aber sage meine Überzeugung frei heraus und darf als Deutscher nicht dulden, daß verbotene dänische Lieder gesungen werden. Darum hebe ich hiermit die Tafel auf.« Alle waren wie auf den Mund geschlagen und gehorchten. Nur Christensen flüsterte: »Was bildet der sich ein? Der schwarze Gensdarm!« Im Hofe ergingen sich die Hochzeitsgäste, während das Zelt für den Tanz ausgeräumt wurde. Christensen trat ins Haus und in das Zimmer, wo in einem Blumenscherben zwei Danebrogsfähnchen, die er von draußen gesehen hatte, als Fensterschmuck prangten. Nachdem er die Kreuzbanner lange betrachtet hatte, zuckten seine Finger in patriotischem Diebsgelüst und steckten beide in die Tasche. Die Frauen im Hofe stießen sich mit den Ellenbogen an. Junker nämlich hatte sich an Fräulein Monrad herangemacht und ging neben ihr. Zu stramm war sein Schritt und zu unsicher sein Blick. Um so bestimmter war ihr Blick, als sie ihn ansah und also sprach: »Ich will Ihre Komplimente nicht erwidern, sondern offen und unliebsam Ihnen sagen, daß Sie genug getrunken haben … trinken Sie nicht mehr! Wir wollen ein wenig auf und ab spazieren und uns unterhalten.« Dem treuen, vorsorglichen Mägdlein schlug sein Herz in plötzlicher Rührung entgegen, und sie gingen neben einander. Als sie am Garteneingange durch die Menge sich schoben, drängte sich Christensen von hinten heran und machte sich, grinsend und fingergewandt, an den hinteren Rockknöpfen des Kandidaten zu schaffen [später: Christensen sich unbemerkt von hinten heran. Grinsend und fingergewandt fühlte und fingerte er leise an den hinteren Rockknöpfen des Kandidaten herum ]. Fräulein Monrad und Herr Junker waren [später ergänzt: ganz ] in ihr Gespräch vertieft. Der Musketier zeigte mit dem Finger ihnen nach und kicherte: »Hihi.« Bauernmädchen pufften sich in die Rippen und hielten das Taschentuch vor den Mund, um ein Hoho zu unterdrücken. Ein Bauernbursche krümmte sich und hielt sich den Bauch, als wenn er von den vielen Gerichten Leibbeschwerden bekommen hätte. Andren jungen Männern entplatzte eine laute Lache. Immer mehr Volks schritt grinsend und fingerzeigend in den Fußstapfen der beiden [später: des Paars ]. »Was haben die dummen Menschen?« sprach Martha schnippisch. »Man lacht vielleicht über uns, weil wir zusammen gehen«, sagte er. Sie verließen darum den Garten, wo die Jugend ihre Possen trieb; aber viele Trabanten setzten sich in Trab, um dem Paare zu folgen. Im Hofe wurde es noch ärger. Die ganze Menge brach in ein Gekicher aus, das zum Gekreisch und Gewieher anschwoll. Der beliebte Kandidat wurde trotz seiner Beliebtheit allgemein ausgelacht. »Bin ich so betrunken?« fragte Junker seine Begleiterin entsetzt. »Nein«, erwiderte Martha und blickte zornig um sich und schrie: »Pfui! Abscheulich! Pfui! Man hat Ihnen zwei Danebrogsfahnen an die Rockknöpfe gehängt.« Sie riß die Banner ab und schleuderte sie auf die Erde und stampfte mit dem Fuße. Drüben im Hause fragte Christensen: »Ist der Kandidat mit dem Danebrogsorden dekoriert worden?« Junker, dessen rötlich strahlendes Gesicht fahl wurde, knirschte: »Das ist eine Niedertracht und eines Lumpen Heldentat.« Er stürmte durch die Menge und stürzte hinweg. Fräulein Monrad hob die Fähnchen aus dem Staub und trug sie ins Haus, woselbst [später: wo ] sie [später ergänzt: sogleich ] ihren Hut nahm, um die Hochzeit zu verlassen. Amatus lag lang ausgestreckt auf seinem harten Sofa in [später ergänzt: ekelhafter ] Ernüchterung und unsagbarem Elend. Die furchtbare Ahnung, daß er vor einem Absturz stände, hatte sich erfüllt und war zum erstarrenden Gefühl der Gewißheit geworden, daß seine Stellung vernichtet und sein Leuchter von seiner Stätte gestoßen sei. Wehe mir, ich bin bloßgestellt und in Alstrup unmöglich geworden. [später: geworden! ] Ich habe die größte und unverzeihlichste Dummheit meines Lebens begangen, welches die Sünde ist, die von Menschen nicht vergeben wird. Unter seinen über die Augen gepreßten Händen quollen die Tränen der Zornscham, die bitterbösen, die den Schmerz nicht lindern. Der Vorfall, den zweihundert Augenzeugen gesehen hatten, wurde nicht bloß in Alstrup, sondern in der ganzen Umgegend besprochen und belacht. Die Lacher dachten nicht daran, daß die Zukunft eines jungen Menschen in Frage gestellt [später ergänzt: und vielleicht vernichtet ] sei. Der Verlachte aber drängte die unmännlichen Tränen in die Brust zurück. Was einer tut, das muß er tragen! Der Genius der Geistesgegenwart und Fassung kam auch in diesem jäh hereinbrechenden Ungemach als sein guter Geist ihm zu Hilfe. Alles beichtete er seiner guten Gönnerin, und sie war im Studierzimmer des Pastors eine warme Fürsprecherin. »Fidde, er ist der beste und bescheidenste von allen Kandidaten, die wir gehabt haben … wir müssen ein Auge zudrücken und die dumme Geschichte vertuschen.« Der Pastor aber wand sich ängstlich im Stuhle. »Bene, der Skandal ist nicht bloß in der Gemeinde bekannt, sondern kommt meinen Amtsbrüdern zu Ohren und wird weiter getragen. Ich möchte herzensgern Junker helfen, aber du weißt, daß ich die Altersgrenze erreicht habe und wacklig stehe. Ein kleiner Anstoß kann mich aus dem Amt und in den ehrenvollen Ruhestand stoßen.« Dies eine Mal tat er [später: Weber ] nicht nach Wunsch und Willen seines Weibes, sondern erstattete dem Konsistorium [später ergänzt: ungeschminkten ] Bericht und fragte vor, was er zu tun oder zu lassen habe. Umgehend traf die kurze und kanzleimäßige Antwort ein: Der Kandidat des ehrwürdigen Amtes habe sich als des Amts unwürdig gezeigt und sei als Prädikant zu entlassen. Auch sei demselben zu eröffnen, daß er bis auf weiteres im Kirchendienst keine Verwendung finden werde. Der Pastor wunderte sich, wie gefaßt und ruhig Junker diese Eröffnung hinnahm, durch die der Kandidat brotlos geworden war, noch ehe er Amt und Brot erhalten hatte. Mitleidig ergriff er die Hand seines bisherigen Gehilfen. »Bleiben Sie vier Wochen, bleiben Sie zwei Monate … solange Sie wollen, als Gast in meinem Hause! Sie sind meiner Frau und mir ein lieber Hausgenosse gewesen.« »Nein, ich gehe nach Hause zu meiner Mutter.« Als er seinen Reisekorb packte, wurde ihm ein Brief gebracht, der den Poststempel Alstrup trug. Martha Monrad hatte ihn geschrieben und mutig mit ihrem vollen Namen unterzeichnet. »Lieber Herr Junker! Ich war der mittelbare Anlaß, daß Sie kompromittiert wurden und vielleicht Ihrer Stellung verlustig gehen. Das bedrückt mich wie eine unverschuldete Schuld und wird mein Schreiben erklären und entschuldigen. »In [später: In ] herzlicher Teilnahme möchte ich trösten, möchte ich raten. Mir erscheint es als kein Glück, wenn ein Mann im dänischen Nordschleswig deutscher Pastor sein muß. Wäre ich Sie [später: der Kandidat Junker ], würde ich getrost in Gottes Namen den Predigerrock an den Nagel hängen. In der Not darf man einem Menschen seine Tüchtigkeit als einen Stab vorhalten, damit er daran sich wieder aufrichte. Viele Wege liegen noch offen vor Ihnen, denn Sie haben viele Fähigkeiten. Wollen Sie die poetische Ader, die oft in Ihren Predigten strömte, weiter entwickeln, so werden Sie nach langem Ringen auch auf diesem Gebiet Erfolge erreichen. Sie selbst haben mir gesagt, daß ein starker Rest des Bauernbluts sich in Ihnen regt – und darum sage und frage ich: Wer ist freier als der Bauer, der allein vom Himmel und Herrgott abhängig ist? Fassen Sie einen unentwegten Mut und einen festen Entschluß! Dies schreibt in Freundschaft Ihre Martha Monrad.« Amatus hielt lange den Brief in der Hand und starrte aus dem Fenster und in den blauen Himmel hinein. War das ein Wegweiser der Vorsehung, der durch die Not und Nacht eines hoffnungslosen Menschen ohne klar leserliche Schrift schimmerte? Lag nicht in den unverfänglichen Worten der Wink eines aufrichtigen Mädchenherzens, das ohne Prüderie einer unmittelbaren Eingebung gehorchte? Als einer Verehrerin seiner Predigten, als einer guten Freundin war er der kleinen Dänin zugetan, und sie hatte ihm sehr gefallen, weil – weil er ihr zu gefallen glaubte. Aber er liebte sie nicht. Martha war das einzige Kind ihres wohlhabenden Vaters und die Erbin des [später ergänzt: schönen ] Hofes. Die alte Sehnsucht, die bis auf diesen Tag durch seine Träume wob, ein freier und unabhängiger Bauer auf eigner Scholle zu sein, umspann ihn. Aber sein Gewissen zersetzte das Ränkegespinst der klug rechnenden Vernunft, und seine Lippen sprachen ein lautes Pfui. [Später ergänzt: Nein! ] Ich darf nicht unfrei werden und mehr als meine Stellung und meine Zukunft – mich selbst verlieren. Amatus Junker, der die größte Demütigung seines Lebens hinter sich hatte, richtete sich gerade und groß auf und beschloß, von Norderhafen aus Fräulein Monrad mit herzlichen Worten zu danken. Beim Abschiede drückte er am innigsten die Hand der guten Frau Bene, die aufrichtige Kummertränen vergoß, und sagte: »Ich werde Ihnen ein dankbares Herz bewahren, denn Sie haben getan, was Sie konnten.« An dem Abend, als der Kandidat Alstrup verlassen hatte, lag Klarissa Reder mit geschlossenen Augen in ihrem Bette, und ihr Finger wischte zuweilen über die Wimpern hin. Sie wollte es nicht wissen noch wahrhaben, daß sie Tränen des Mitleids weinte und nicht um ihn, nicht um ihn. Nein, brennend leid tat ihr die alte, arme und brave Mutter eines jungen und nichtsnutzigen Menschen. Amatus Junker und Martha Monrad sahen sich nie wieder. Das kleine Dänenfräulein hat dennoch jenen Bauernsohn, der um seiner Heldentat willen den langen Beinamen Danebrogs-Christensen er- und behielt, zuguterletzt zum Ehemann genommen. Da waren aber drei fruchtbare Sommer ins Land gegangen und über die alte Geschichte viel Gras gewachsen. Sechster Abschnitt: Des Arztes Todesurteil. In der Dachwohnung des Pappeltals war seit Tagen so tiefe Stille, als sein ein Gestorbenes im Hause. Aber das Tote lag im starren Herzen, und die große, gestorbene Hoffnung wurde in trostlosem Schmerz immer wieder von neuem begraben. Kein Weinen ward laut, weil die allertiefste Not keine Tränen hat. Plötzliche Düsternis warf der Abend in die Stube, ein Regenschauer rasselte am Fenster, die Hände lagen reglos, und Monika schaute in die steigende Nacht hinaus. In ihrem sonnenarmen Leben nächtete es jetzt am schlimmsten und schwärzesten, und es konnte nicht mehr licht werden, und der weiße, frostharte und freudlose Winter des Alters kam. Durch die Stille klang ein leises, unterdrücktes Schluchzen. Aus den Augen der Blinden fielen endlich die ersten Tropfen. Nicht ohne Neid hörte Monika hinüber und sagte: »O Friedlinchen, du kannst weinen.« »Mein Bruder ist dennoch gut … wir müssen ihn noch heißer lieben als bisher.« »Ja … aber wo bleibt er? Seit Mittag treibt er sich draußen herum … wenn er aus Verzweiflung der Versuchung unterläge …« »Nein, Mutter, Gott wird ihn nicht verlassen.« Friedline und die Mutter warteten. Als der Regenguß aufhörte, blickte durch zerfetzte Wolkenreste die Mondsichel zu ihnen herein. Hans Gerichtsdiener kam die Treppe hinauf, in den großen, geschmierten Stiefeln schwerfällig müde [später: schwerfällig-müde ] tretend. Aber in der Stube strammte er sich auf und erzählte: »Die höhnischen Schreiber fragten mich, ob der Kandidat jetzt große Ferien habe, aber [später nach dem Verb] sie kamen an den Rechten, und ich antwortete keck: Mein Sohn wird Hauslehrer und hat beschlossen, den höheren Lehrerberuf zu ergreifen.« »O, wenn er [später ergänzt: nur ] eine Hauslehrerstelle hätte … aber wer wird seine Kinder einem entlassenen Kandidaten anvertrauen?« Zu dreien saßen sie im fahlen, kalten Licht des Mondes und spürten keinen Hunger und keinen Trieb zu irgendwelcher Tätigkeit. Ein Totes war ja im Hause. Seit Mittag lief Amatus, von der Unruhe aus dem Hause getrieben und planlos weiter gespornt, ein paar Meilen übers Land auf wenig begangenen Wegen. Hier konnte er unbesehen und unbeschrieen gehen, während er in den Straßen der Stadt überall schadenfröhliche Blicke zu sehen meinte. Als er um acht Uhr heimkam, trat die Mutter mit den weit offnen Augen der Besorgnis dicht an ihn heran, aber [später: jedoch ] sie merkte nichts und atmete tief auf: »Gott sei Dank! Ich fürchtete schon, weil du so lange ausbliebst.« »Nein, liebe Mutter, du brauchst nichts zu fürchten, jetzt ist keine Neigung zum Trinken … und nicht die Zeit.« »Nicht die Zeit! Amatus, daß du Monate lang stark und treu und du selber bist, und dann ein andrer, fremder Mensch … ich faß es nicht, mein Sohn.« Er schrie auf: »Ängstige mich nicht! Ich stehe entsetzt vor der dunklen Sphinx meiner Seele und sehe den unlösbaren Widerspruch meines Selbst, als wären zwei Wesen in mir.« Ermüdet vom Lauf, hatte er sich ins Bett gelegt, und die Mutter saß bei ihm und hielt seine Hand, während er ihr unter Tränen seine Not und seine Sünde klagte. »Wer wird mich erlösen von dem Pfahl in meinem Fleische und dem Stachel in meiner Seele?« »Mein Amatus, ist dieses Elend, das dich zuweilen überfällt und niederwirft, nicht ein Stachel, mit dem Gott um einer andren Sünde willen dich straft und schlägt? Hast du nicht in Hoffahrt dein Haupt erhoben?« »Ja, der Zulauf der Leute wird mir geschmeichelt haben … aber ich weiß, wenn ich hochfahren will, was mich hinterrücks [später entfallen: stäupt und ] niederstößt in den Staub … o, ich elender Mensch schleppe die eine, eiserne Kette der Unfreiheit.« Die arme Mutter erhob Klagen und Anklagen. »Was nun? Was nun? Wir haben auf der Schule und der Universität umsonst gearbeitet.« »Ja, mein Leben war eine lange, mühevolle Saat, die ein Hagelwetter erschlug, als sie zur Ernte reifte.« »Woher kommt das, das Messen mit ungleichem Maße?« fragte sie bitter. »Hier in Norderhafen sind Mediziner und auch Theologen [später ergänzt: genug ] gewesen, die viel schlimmere Ausschreitungen begangen haben und vor Gott schmutziger sind als du; aber sie sind dennoch zu Amt und Brot gekommen.« Er zuckte die Achseln. »Ja, einige können Ungehöriges machen, und kein Hahn kräht danach, während bei mir sofort alle Eulen krächzen.« »Du bist eben armer und einflußloser Leute Kind«, sprach Monika hart. Aber der Sohn antwortete maßvoll: »Es mag ja richtig sein [später anders: steht ja fest ], daß über einen Gerichtsdienersohn ohne weitgehende Barmherzigkeit und mit größerer Leichtigkeit ein Strich gemacht wird [später ergänzt: , als wenn es sich um einen Propstensohn handelt ] … doch das Messen mit zweierlei Maß wird sein, so lange Menschen menschlich sind. Liebe Mutter, weil andre nicht ganz gerecht gewesen, dürfen wir nicht unbillig werden … ich suche in mir die Ursache meines Falls. Habe ich mich nicht gegen das Amt, von dem die Behörde eine tadellose, wenn auch rein äußerliche Ehrbarkeit fordert, offenkundig vergangen? Ja, ich leide nicht unschuldig. Heute habe ich alle Tiefen meiner Seele durchforscht und meine Schuld gefunden. Ursprünglich wollte ich nicht Theologe werden und hätte es nicht werden dürfen … ohne zwingende, hinreißende Überzeugung habe ich nach dem geistlichen Beruf die Hände ausgestreckt … das ist meine Schuld.« »Barmherziger Heiland! Du glaubst nicht, was du gepredigt hast?« »Ja, ich glaube an Gott, welcher Gnade ist, und an Christum, der diesen Gott rein und lauter verkündet und gelebt hat … ich nehme in kindlichem Glauben die tröstliche Wahrheit, weil ich in der undenkbaren Ungewißheit der Welt keinen andern Weg noch Ruheort weiß. Auf dieser Wahrheit will ich leben und stehen und sterben. Aber die Kirche, die das rein Vernunftmäßige verwirft und trotzdem mit oft törichter Weisheiterei das Wie Gottes und seiner Wege bis ins einzelne hat ergründen, erklären und in feste Dogmen pressen wollen – die Dogmatik läßt mich sehr kalt. Ihre Beweise konnten mich nie überzeugen, weil das Ewige nun und nimmer verstanden, geschweige denn bewiesen wird … und dennoch wollte ich ein Diener dieser Kirche und ihrer Dogmatik werden … das ist meine Schuld und meines Scheiterns Ursach.« Die Mutter küßte ihn innig. »Was wollen wir nun, mein armer Amatus?« »Wenn ich nur ein wenig Vermögen hätte, würde ich Bauer … eine unmögliche Utopie! Darum will ich ruhig und verständig überlegen, welchen Beruf ich ergreifen, und wie viel ich aus dem Schiffbruch retten kann.« In der Nacht konnte Frau Junker nicht einschlafen, und [später: auch ] ihr Mann schlug nach kurzem Schlummer die Augen auf und lag wach neben ihr. Plötzlich klang ein Schniefen und Schluchzen. »Mutter, das hat er von mir … die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern … Gott sei mir armen, alten Manne gnädig!« Sie beugte sich weit hinüber und streichelte die grauen, dünn gelichteten Haare. »Ist Gott nicht in deiner Schwachheit sehr stark geworden und dir ein gnädiger Gott gewesen?« »Ja, ja!« Hans richtete sich jählings auf und redete mutig: »Mutter, er wird es einmal gleich wie ich überwinden … in diesem Augenblick hat Gott es mir gesagt!« – – Amatus kannte den Schritt auf der Treppe und schlüpfte eilig in die schräge Kammer hinein, weil er sich vor Silly schämte. Aber die Kousine öffnete die Tür und zog ihn an der Hand in die Stube. Obgleich ihr Antlitz tief bekümmert war, schaute sie ihm mild und freundlich in die Augen. »Du brauchst dich nicht zu verbergen und hast keinen schlechten Streich begangen, der auf dem Charakter des Menschen ein unauslöschliches Mal hinterläßt. Was du getan, ist wie ein Schatten, der augenblicklich dein Gemüt verdunkelt, aber bald verschwinden und von Menschen vergessen wird.« »Wie geht es deinem Vater?« fragte er. »Sehr schlecht! Ich bin hierher gelaufen, weil ich mit meiner Angst allein zu sein nicht länger ertrug. O, Tante Mona, komm [später ergänzt: noch ] heute zu uns! Mein Vater ist viel kränker, als der Arzt mir sagen will.« Frau Junker war sofort bereit, zu ihrem Bruder zu gehen, und nahm Amatus mit. Der Hardesvogt saß, von Kissen gestützt, fast aufrecht im Bette, um der Atemnot willen, die ihn peinigte. Das grau-fahle, gerunzelte Gesicht, der gemarterte Blick und das blasende Luftholen machte den Eindruck eines gebrochenen Menschen und wirkte erschütternd auf die Schwester, die seine Hände faßte. Wie eisig sich die Finger anfühlten! »Mein Bruder!« »Ja, nun ist das Lied und Leid bald zu Ende.« Er preßte die Hand auf die Brust. »Hier sitzt mein Tod … plötzlich wird mir, als wenn das Herz ausquelle und alles Blut ins Gehirn mir schieße … der Atem steht still, eine grausige Angst packt mich, daß ich ersticken und nicht mehr erwachen werde, bis dann die Bewußtlosigkeit mich umfängt … ach, Monika, ich erwache wieder und sterbe täglich, mehr als einmal täglich.« »Was mußt du [später ergänzt: Ärmster ] leiden! Wenn ich doch einen Teil der Schmerzen dir abnehmen könnte!« Er starrte sie ungläubig an. »Das … tätest du für mich? Einen Teil meiner Qual wolltest du tragen?« »Ja, denn ich trüg' es mit Gott, der seine starken Hände meiner Last unterlegen würde.« »Mit Gott?« murmelte der Kranke, »für mich zu spät. Es ist unehrenhaft und feige, in Krankheit oder Todesnot zu Gottes Füßen winselnd hinzukriechen, wenn einer in gesunden Tagen nicht zu ihm gegangen ist.« »Du Allerallerärmster! Laß die falschen Ehrbegriffe fahren, die deines Lebens Verhängnis waren und jetzt zum Fluch dir werden! Bei Gott ist kein Unmöglich und kein Zuspät.« Berg rückte unruhig in den Kissen und unterbrach sie. »Mona, du hast mir manches, du hast mir sehr viel zu vergeben … ich bin dir kein guter Bruder gewesen.« Die Schwester hielt seine Hände, die nervös an der Decke zupften, fest und still. »Wenn ich dir sage, daß ich jedes unbrüderliche und lieblose Wort vergessen habe …« »Nicht, was ich tat oder sagte, sondern was ich im Leben unterließ, ist meine schlimmste Schuld«, sprach er dumpf. »Ja, die unterlassene Liebe! Die müßte auch mich und jeden Menschen verdammen, wenn Gott nicht die Liebe und Vergebung wäre. Karl, glaubst du meiner Versicherung, daß ich dich jetzt in deiner Not mehr liebe als je?« »Ja, in dir war immer guter Grund.« »Mir, einem schwachen und selbst verzagten Menschenkinde, glaubst du aufs Wort … wie viel mehr mußt du dem ewigen Gott vertrauen, der eitel Geduld und Güte ist! [Später entfallen: Siehe! ] So viel höher der Himmel ist über der Erde, so unendlich viel größer ist Gottesgnade als Menschenverzeihung.« Der Bruder sah sie mit dem [später: einem ] gemarterten, bang bittenden Blicke an. »Laß das Unendliche und Undenkbare, vor dem mir schwindelt!« [Später entfallen: Amatus trat hastig ins Zimmer und legte eine Depesche, die der Postbote eben gebracht hatte, auf die Bettdecke. Kaum hatte der Hardesvogt die Blauschrift erblickt, als er heftig zusammenschrak und beide Hände zum Herzen emporhob. Die betäubende Blutwelle schoß in die Schläfen, und sein Atem ging röchelnd. Aber der Anfall, durch die Aufregung verursacht, verlief leichter als sonst und ohne Ohnmacht. Er erbrach das Telegramm, welche keine Unglücksbotschaft war, sondern meldete, daß Asmus Berg die juristische Prüfung bestanden habe. Monika lächelte. »Das ist eine große Freude, die dich aufrichten und wieder gesund machen wird.« Sein grübelnder Blick starrte über die Blauschrift hinweg. »Nein, ich werde nicht mehr gesund … auch kann ich mich der Freude nicht recht freuen. Amatus, willst du auf einen Augenblick hinausgehen? Ich möchte mit deiner Mutter etwas besprechen.« Amatus brachte der Kousine, die in der Küche beschäftigt war, die Depesche, und der Hardesvogt sprach unter vier Augen mit seiner Schwester. »Mona, ich muß es mir von der Seele herunterschreien, was mich betrübt und mich nicht ruhig sterben läßt. Asmus ist kein guter Sohn, kein guter Mensch. Vor Jahren, als sich das Manko in meiner Kasse fand, habe ich nichts untersuchen wollen, weil mir – vor dem Ergebnis graute. Er lebt auf großem Fuß, um seinetwillen hab' ich mich in Schulden stürzen müssen … wie soll das enden, wenn ich meine Augen schließe? Darum kann ich nicht sterben.« »Ja, das Elternleid! Auch ich trage das schwere Kreuz … was soll aus meinem armen Amatus werden?« Die Tränen brachen ihr hervor. ] Des Bruders Stimme klang [später: wurde ] weich. »Ich habe im Leben viele gute Zeiten gesehen und bis jetzt keine Nahrungssorgen gekannt. Ist das ein billiges Geschick? Du, die bessere von uns beiden, hattest alle Tag nur Mühe und Plage.« »Nein, nicht alle, bei weitem nicht alle … als Amatus die Schule besuchte und jeden Ostern versetzt wurde, als mein Mann völlig enthaltsam wurde, bin ich sehr glücklich gewesen.« Das Gespräch unterbrach der Arzt, der ins Zimmer trat und sich sogleich über den Kranken beugte, um mit dem Stethoskop die Herztätigkeit zu untersuchen. Doktor Haltermann war ein weißhaariger und warmherziger Mann, der möglichst wenig mit Mixturen seinen Patienten den Magen verdarb, insonderheit Stimulantien und Opiate verabscheute und statt derselben mit Humor und guter Hoffnung die Verzagten belebte. Wasser und warme Breiumschläge, frische Luft und streng geregelte Lebensweise waren seine vier großen Heilmittel; und seine viel gerühmte Kunst bestand im letzten Grunde in seiner großen Menschenkenntnis, die ihn befähigte, jeden Charakter in seiner Eigenart zu erkennen und demgemäß zu behandeln. Der alte Herr, welcher geduldig Klagen anhörte und dabei lieb und liebenswürdig blieb, konnte auch böse, bitterböse, ja jähzornig werden, nämlich wenn seine Vorschriften nicht befolgt wurden. Dann – so erzählte man sich in Norderhafen – schrak er vor drastischen Kuren nicht zurück. Ungehorsamen und unmäßigen Patienten malte er mit erschrockenen Mienen den Tod an die Wand und verordnete ihnen zur Strafe eine dreitägige Hungerdiät. Ein nicht mehr junges Fräulein, das an Hysterie litt, sollte der Verabfolgung einer kräftigen Ohrfeige von einem besonders heftigen Anfalle geschwind und gründlich geheilt haben. Lange horchte der Arzt auf den schwachen und unregelmäßigen Herzstoß und steckte endlich das Hörrohr in die Tasche. Nach einer leisen Frage des Kranken räusperte er sich, und Monika meinte zu bemerken, daß sein Blick unsicher über die Wände des Zimmers ging, als ob er nach einer geeigneten Antwort sich [später vor dem Subjekt] umsehe. Noch leiser wurde gefragt: »Wie steht es, Herr Doktor?« »Durchaus nicht schlechter als gestern.« »Wie lange kann ich noch leben?« »Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie nicht den alten Doktor Haltermann aus Norderhafen, sondern den allwissenden Herrgott im Himmel konsultieren … vorausgesetzt, daß Ihnen bekannt ist, wann er Sprechstunde hat.« Frau Junker konnte nicht unterlassen, das Wort dazwischen zu werfen: »Die Sprechstunde Gottes ist das Gebet.« Der alte Praktikus hatte sich den Weg geebnet, um sein Heilmittel Humor hervorzuholen und eine lustige Schnurre zu erzählen, die der Kranke aus purer Höflichkeit mit müden, schmalen Lippen belächelte. Draußen in der Küche bereitete Silly das Abendessen, während der Vetter neben ihr am Herde stand, und alle beide schienen von dem Leide, das auf ihnen lastete, aufzuleben, denn sie schwatzten viel. Das schnelle Leidvergessen und das helle Lachenkönnen ist das große und glückliche Vorrecht der Jugend. »Was gibt's zum Abend, Silly?« Ein gut nordschleswigsches Gericht: Buchweizengrütze, Speck und Brot. [Später entfallen: Wenn mein Bruder jetzt Referendar wird, werden wir dafür büßen und es uns am Munde abkargen müssen.« Bei den letzten Worten verlor sich ihr Lächeln. ] [Später stattdessen anders/ergänzt: Wir müssen sparen, sagt mein Vater.« ] »Ihr habt euch bereits eingeschränkt und das eine Mädchen abgeschafft?« »Ja, eben darum könntest du dich nützlich machen und den Tisch für mich decken.« »Das kann ich«, sagte er und machte sich sogleich ans Werk. Als er das Tischtuch glatt ausgebreitet hatte, warf er in Selbstsatire eine Serviette über den Arm und lachte bitter: Wie mancher entgleiste Kandidat vor mir ist über das große Wasser gegangen und Kellner geworden. [Später ergänzt: O weh! ] Sein Geist versank in Grübeln. Durch eine naheliegende Ideenverbindung war Amerika, die letzte Zufluchtsstätte des gescheiterten Europäers, mit einem und zum ersten Male in seinen Gedankenkreis hineingetreten. Amatus holte die Teller und legte die Messerbänkchen [später ergänzt: hin ] – der Amerika-Gedanke war nicht los zu werden. Doktor Haltermann, der sich vom Patienten verabschiedet hatte, betrat die große Stube, und Frau Junker, die ihm das Geleit gab, machte die Tür des Krankenzimmers fest hinter sich zu. Aber die ins Eßzimmer führende Flügeltür war nur angelehnt und durch Vorhänge verdeckt. Amatus behielt den Löffel [später ergänzt: , den er just hinlegen wollte, ] in der Hand und blieb reglos auf dem Flecke stehen, wo er stand. Ungewollt wurde er zum Ohrenzeugen des folgenden Gesprächs. Monika fragte traurig: »Wird mein Bruder die Krankheit durchmachen? Vorenthalten Sie mir die Wahrheit nicht … was nach menschlicher Voraussicht geschehen wird! Ich darf meinen Bruder nicht unvorbereitet in die Ewigkeit hineingehen lassen.« Der gute, alte Doktor, der die Armen umsonst behandelte und Junkers noch nie eine Rechnung geschickt hatte, wiegte den weißhaarigen Kopf. »Es ist die Herzfunktion so schwach, daß wir wenig Hoffnung haben … doch kann und darf ich kein Todesurteil fällen.« Monika seufzte tief: »Das ist das Todesurteil meines armen Bruders.« An der Tür hielt sie krampfhaft die Hand des Arztes fest. »Herr Doktor, darf eine tief betrübte [später: tiefbetrübte ] Mutter ihres Sohnes wegen Sie um Rat fragen?« »Ja, wir wollen uns setzen, meine liebe Frau Junker. Ihr Sohn verlor infolge einer Ausscheitung seine Stellung.« »Alles hat er verloren, und ich, die Mutter, muß sehen, wie er trotz guter Anlagen, trotz der besten Vorsätze, trotz monatelangen, erfolgreichen Kampfes immer wieder in das alte Elend fällt und langsam zu Grunde geht.« Der alte Doktor legte die Hand auf ihren Arm. »Frau Junker, wo ist nun Ihr Gott und Ihr Gottvertrauen? Ein Sohn, für den die Mutter so viel gebetet und gearbeitet hat, kann nicht zu Grunde gehen.« »Ach, ich bin müde geworden und fast am Verzweifeln … jahrzehntelang mußte ich mit meinem Manne ringen, bis er plötzlich und wie durch ein Wunder völlig enthaltsam wurde … und als ich anfing aufzuatmen, stand der grause Erbfeind meines Hauses von neuem wider mich auf. Ist Amatus ein sündiger, leichtsinniger und lasterhafter Mensch? Nein, nein, denn ich kenne jede Regung seiner Seele.« »Nein, Frau Junker, er ist ein zeitweilig kranker Mensch, der krankhaft handelt. Sie brauchen mit Recht das Wort Erbfeind, denn es ist ein zum Teil ererbtes Leiden, dem wir Ärzte den Namen Neurasthenie geben. Ich habe ihn aus der Ferne beobachtet und glaube über seinen Zustand im Klaren zu sein. Periodisch, in langen Zwischenräumen tritt plötzlich eine geistige Abspannung, ein Mangel an Appetit, weil die Magenschleimhäute angegriffen sind, eine nervöse Ermüdung und allgemeine körperliche Verstimmung bei ihm ein. Gegen diese Depression gebraucht er den Alkohol im Übermaße, und nachdem die natürliche Folge, der Katzenjammer, überwunden ist, fühlt er sich frisch und frei und neu belebt.« »Genau so verläuft es, wie ein entsetzlich unbegreifliches Verhängnis.« »Sagen wir richtiger, wie eine böse, böse Krankheit, denn das ist es. O, meine liebe Frau, Sie tun mir in Ihrem Kummer unendlich leid, und Ihr Sohn nicht minder. Sonst ist er durchaus kein Schwächling?« »Nein, im Gegenteil, was er will, das will er. Schnell entschlossen setzt er sich ein Ziel und erreicht es durch zäh beharrliche Ausdauer. Wie oft habe ich ihm gesagt: Amatus, du mußt wollen, du mußt den energischen, eisernen Willen haben, gar nichts zu trinken und das erste Glas nicht zu nehmen … aber in dem einzigen Stücke versagt seine Kraft, und seine Vorsätze fallen wie ohnmächtig hin.« Doktor Haltermann schüttelte den Kopf. »Mit dem Muß der Moral kommt man hier nicht weit, und ich achte wenig den kategorischen Imperativ: Du mußt wollen! solange mir der Imperativ nicht das Interrogativ beantwortet: Woher nehme ich eben diesen unbeugsamen Willen? Schlimm genug ist der Fall Ihres Sohnes, aber er gehört nicht als Trunksucht in die Sündenkategorie des moralisch-ethischen Gebiets, sondern ist als krankhafte Erscheinung medizinisch-pathologisch zu verstehen.« Angstvoll hing die Mutter an den Lippen des [später ergänzt: wackren ] Arztes. »Wenn es Krankheit [später ergänzt: ist ], Herr Doktor … wo ist die Hilfe und Heilung für meinen unglücklichen Sohn?« Der greise Herr bewegte den weißen Kopf hin und her. »Die Neurasthenie kann medizinisch nicht behandelt werden … ein Arzneimittel haben wir nicht dafür.« »So ist mein Sohn unheilbar, unheilbar [später ergänzt: … unrettbar verloren! ]« Monikas gequälte Seele schrie die Worte. Im Nebenzimmer war Totenstille. Doktor Haltermanns Blick ruhte voll tiefster Teilnahme auf dem betrübten Antlitz, aber seine Stimme wurde polternd: »Unheilbar? Unsinn! Alle chronischen Leiden sind langwierig, aber durch vernünftige Lebensweise wohl zu kurieren. Ich kann Ihrem Sohne kein Gegengift verschreiben, das Sie ihm einfüllen, wenn die Anfälle kommen; doch ich will Ihnen einen Weg zeigen, der freilich nicht kurz ist, aber zur Heilung führen kann. Die niederträchtigen Nerven müssen gekräftigt werden, dann wird auch der Wille stark, denn alle Willensschwachheit ist im letzten Grunde Nervenschwäche. Zwei Mixturen wären anzuwenden: Viel Wasser und noch mehr frische Luft! Bei Ihrem Sohne müßte ein Luftwechsel, so daß er mindestens fünfzig Meilen zwischen sich und Norderhafen ließe, und eine völlige Änderung seiner bisherigen Lebensweise eintreten … statt geistiger Anstrengung harte, körperliche Arbeit, am liebsten auf dem einsamen Lande und weit von allen Städten und ihren schlechten Alkohol-Ausdünstungen. Dieser Weg, mit Selbstüberwindung eingeschlagen und mit Ausdauer innegehalten, kann zum Ziele und zur Heilung führen. Gott sei mit Ihnen und mit Ihrem Sohne, meine liebe Frau Junker!« Ehe Monika zu dem Kranken zurückging, hob sie die gefalteten Hände und rang sie über ihrem Haupte. Es war ein stummer Aufschrei, wohl das kürzeste, aber auch das tiefste und gewaltigste Gebet ihres Lebens. Hinter der Eßzimmertür stand Amatus noch auf demselben Fleck, starren Blicks, mit weißen Lippen, vom Scheitel bis zur Sohle erstarrt und wie gefühllos. Mechanisch legte er den Löffel hin, den er noch in der Hand hielt, und ging ohne Kopfbedeckung in den Hof und den Garten hinaus. Der kalte Wind umfächelte ihm die Stirn, und sein Gehirn, das gleichsam stille gestanden hatte, vermochte wieder zu denken. Das war mein Todesurteil, das Todesurteil meines Ich, das tun muß, davor ihm graut, das Todesurteil meiner Zukunft. Ich bin unheilbar krank und elend und ärmer als der Armesünder, der, um die Schuld vor Menschen zu sühnen, sein Haupt hinlegt und einmal stirbt. Der Pfahl in meinem Fleische wird mich stoßen und der Satansengel mich stäupen, daß ich jahre-, vielleicht jahrzehntelang zu Grunde gehe und langsam viele Tode sterbe. O Jammer, Jammer, Jammer! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Und wohin soll ich fliehen vor dem [später ergänzt: hämischen ] Angesicht und bösen Blick der Menschen und meine Schmach verbergen? Silly rief durch den Garten: »Amatus, Amatus!« Sie fand ihn, bleich das Antlitz und wirr das Haar, und schob die Hand unter seinen Arm. »Du bist betrübt um meines Vaters willen … ja, dein Herz ist gut … wenn viele an dir irre werden und einen Stein auf dich werfen, ich werde nie, nie meinen Glauben an dich lassen.« Spät abends auf dem Heimwege sagte der Sohn, den sein Genius der schnell gefaßten Geistesgegenwart [später ergänzt: und Fassung ] beruhigt und gefestigt hatte, zu der Mutter: »Hier ist meine Lebensarbeit geschlossen und mir abgeschnitten … darum will ich auswandern und über das Meer in jenes neue Land gehen, wo auch der Gebildete mit den Händen arbeiten darf, ohne daß körperliche Arbeit ihn schändet und entehrt.« »Den Schritt wirst du dir noch zehnmal überlegen«, erwiderte Monika. Aber er redete mit unbeugsamer Ruhe: »Du weißt, in dem Einen bin ich willenlos, sonst aber will ich, was ich will, und werde es mit Beharrlichkeit durchsetzen.« Sie hob den Kopf und horchte. Das waren ihre eigenen Worte, die sie dem Arzte gegenüber gebraucht: »Hast du [später ergänzt: gehorcht und ] etwas gehört?« »Ich habe alles gehört, und ich muß anderswo die Heilung suchen, die ich hier in Norderhafen und Nordschleswig nicht finden kann.« [Später entfallen: Amatus hat sich durch nichts von seinem Entschlusse abbringen lassen, weder durch Bedenken und Bitten der Mutter, noch durch die bittren Tränen der Blinden. ] [Später ergänzt: Wie die Mutter durch Bitten und der Vater durch vernünftige Bedenken, so versuchte die blinde Schwester mit bittren Tränen, Amatus von seinem plötzlichen Entschluß abzubringen. Doch er ließ sich nicht beirren, sondern, je mehr man in ihn drang, desto starrköpfiger blieb er dabei: Ich gehe nach Amerika! Monikas Mutterliebe kämpfte einen furchtbaren Kampf, den sie auf ihren Knieen nächtelang durchfocht. Durfte sie ihren einzigen und noch dazu krankhaften Sohn hinüber ziehen lassen in jenes ferne, fremde Land des rücksichtslosesten Daseinskampfes, durfte sie ihn, sozusagen, hinausstoßen in den reißenden Strom des Lebens, um mit eigener Kraft zu schwimmen und eine feste Klippe zu erreichen, oder aber um zu ertrinken und zu zerschellen? Wie viele Muttersöhne waren dort drüben untergegangen, verschollen, gestorben und verdorben! Das arme Mutterherz, von dem zweischneidigen Schwerte des Zweifels zerfleischt, blutete und wollte brechen. Die gequälte Frau rang mit den unsichtbaren Mächten des Himmels: Gib mir einen Wink, eine Antwort, eine Gewißheit, ob ich mein Kind von meinem Herzen reißen und über das weite Meer fahren lassen darf! Einige Tage später geschah etwas ganz Wunderbares, das man für ein Mirakel oder für eine Mär halten würde, wenn es nicht reale Wirklichkeit und schwarz auf weiß beglaubigte Tatsache wäre. Aus Kansas in Nordamerika war ein Brief angekommen, ein unscheinbarer, unsauberer, halb unleserlicher Brief, der die ganze Familie in wilde Aufregung brachte und dem alten Hans Junker beinahe den Kopf verdrehte. Der Gerichtsdiener hüpfte im Zimmer herum und heulte förmlich vor Echauffement. »Mein Bruder Tycho lebt und ist nicht bei Schleswig erschossen worden! Tycho ist heimlich desertiert, nach Amerika gegangen und hat seit 38 Jahren kein Lebenszeichen uns gegeben … der schlechte Mensch! Er hat es recht gut und wohnt in Kansas … wo liegt die Stadt, Amatus?« »Vater, schnapp' nicht über!« bat Monika, »das ist dein herzloser Bruder, der nichts von sich hören ließ, weiß Gott nicht wert.« Doch Hans hörte nicht auf zu hüpfen und zu heulen. Amatus versuchte den Brief, der unorthographisch, mit fürchterlichen Krähenfüßen und noch dazu in einem amerikanisch deutschen Kauderwelsch geschrieben war, zu entziffern. Wenn auch manches hieroglyphenhaft blieb, gelang es ihm doch, den wesentlichen Inhalt sich und den Seinen zu deuten. »Onkel Tycho hat under homestead-law d.h. wohl unter dem Heimstättengesetz Land in Kansas genommen … er hat dazu gekauft und besitzt vier Sektionen Land – was ist eine Sektion? Hm, weiter – er hat viel Vieh, viele Schweine und 43 Pferde, ja 43 … Donnerwetter!« Hans Junker machte einen Sprung: »43 Pferde hat er! Mein Bruder muß ein reicher Mann sein!« »Nein, er fügt sofort hinzu, daß man money, daß man Geld nicht bei ihm suchen solle, denn er sei ein poor farmer, ein armer Bauer.« »So!« meinte Hans, »das kann auch unwahr sein, denn ein großer Geizkragen ist er immer gewesen … und wo wohnt er? In einer Stadt Kansas als Bauer?« »Nein, Kansas ist ein Staat, und der Ort, wo er wohnt … ja, das verfluchte Geschreibsel … just der Name ist nicht zu lesen … der erste Buchstabe kann ein A oder O oder X sein. Verflucht und zugenäht! Den Namen kann ich nicht entziffern! Ist es Olga oder Balta oder Xicha? Zu dumm, daß er seine Adresse nicht leserlich geschrieben hat.« Hans Gerichtsdiener machte ein pfiffiges Gesicht. »Der Brief kam im rechten Moment, just wo du nach Amerika gehen wolltest, Amatus. Jetzt reist du natürlich zu meinem Bruder Tycho … geh' ihm nur klug um den Bart! Der alte Knicker wird Geld haben. In Kansas mußt du nach einem Farmer Junker fragen, bis du ihn findest!« Amatus klärte seinen Vater nicht darüber auf, wie schwierig es ist, eine Stecknadel auf dem Tempelhofer Felde und einen verschollenen Onkel in einem Staate von der Größe Süddeutschlands zu suchen und zu finden. Monika aber erblickte in dem Briefe aus Amerika einen Wink und eine Weisung der Vorsehung, der sie nicht zu widersprechen wagte; mit heißen Tränen gab sie ihrem Sohne, der aus seiner Heimat, seinem Vaterlande und seiner Freundschaft ziehen wollte, ihren Muttersegen.] Die in Alstrup gemachten Ersparnisse waren zu gering, um die [später ergänzt: beträchtlichen ] Reisekosten ganz zu bestreiten. Es fehlten noch hundert Mark, und das war des armen Exkandidaten Sorge bei Tag und Nacht, der auf keinen Fall wollte, daß seine Eltern sich um seinetwillen in Schulden stürzten. Da ereignete sich etwas Wunderbares, das [später: noch ein zweites Mirakel, welches aber mit natürlichen Dingen zuging und ] aller Verlegenheit ein Ende bereitete. In einem an Amatus adressierten gewöhnlichen Schreibebriefe lag ein weißer, unbeschriebener Bogen und in demselben ein zusammengefalteter Hundertmarkschein. Silly, der er es auf den Kopf sagte, daß sie die Senderin sei, bestritt es mit so verblüfften Mienen und so bestimmten Worten, daß er ihr glauben mußte. Wer der geheime Geber gewesen, blieb ein ungelöstes Rätsel. Friedline glaubte kindlich an einen unmittelbaren Eingriff des Himmels und an Engelsbriefe mit Hundertmarkscheinen darin. Der Hardesvogt, der auf seinem Krankenlager sich Gewissensbisse machte, daß er nichts für seine Schwester getan, hatte heimlich und ohne Wissen seiner Tochter die Rolle des guten Engels gespielt. – Hinter jener nordschleswigschen Stadt steigt das Land zu einer Höhe empor, welche die Norderhafener mit gewissem Stolze ihren Berg nennen. Dort stand Amatus und nahm Abschied von der Heimat und von allen Stätten seiner Kindheit und Jugend. Zur Linken das Pappeltal, zur Rechten die Schule, dort das rötliche Ziegeldach des Rederschen Hauses und hier des Onkels Garten, in dem er als unschuldiger Knabe gespielt, und über allen Häusern das mächtige Gemäuer von St. Marien, darin er einmal gepredigt! Vergangen wie ein lichter Tagtraum und verklungen wie eine fröhlich stille Weise! Seine Jugend war abgeschlossen und abgetan, und seine Heimat blieb dahinten. Mit einem langen, tieftraurigen Blick, der von Höhe zu Höhe über das traute Tal schweifte, fing er die Heimat auf und verschloß sie [später: er die Heimat ] im Herzen. Das Bild verschwamm in seinem feuchten Auge, das nicht mehr an dem Erdenfleck, den er über alles liebte, sondern an dem Himmel hing, wo die Menschen den Ewigen suchen. »Mein Gott, mit dir will ich es noch einmal wagen und ein Mann werden. Ich muß die eiserne Kette der Unfreiheit zerbrechen, oder ich werde zerbrochen von ihr. Gib mir den Glauben, zu hoffen wider Hoffnung!« – Hans Gerichtsdiener trat aus Vater Nixens Herberge – so hieß im Volke das alte, düstere Haus, das als Gefängnis und dem Aufseher Nixen als Wohnung diente – und stapfte in den Geschmierten die Gasse hinauf, auffallend gekrümmt und in Gedanken vertieft. Seine Hand fuhr nach der Mütze, aber zu spät, und ein Schreck in ihm – er hatte den Bürgermeister, der auf der andern Straßenseite ging, nicht rechzeitig gesehen und nicht gegrüßt. Nach dieser unabsichtlichen Verfehlung, die er sich als Insubordination anrechnete und in ihren möglichen Folgen möglichst schwarz ausmalte, ging Hans noch unglücklicher und geduckter. In der Dachwohnung lag die blinde Friedline angekleidet auf dem Bette und wälzte sich in schluchzenden Weinkrämpfen. Frau Junker hatte heute ihren Sohn nach Hamburg begleitet. Zum dritten Male schnitt der scheußlich schrille Pfiff des kleinen Dampfers, auf dem die Auswandrerherde sich staute, durch Mark und Bein. Zum dritten und letzten Male hatte Amatus sich vom Halse der Mutter losgerissen. Er winkte, über die Reling gebeugt, und verschwand in der Rauchwolke. Das Bild der Mutter, das wehevolle mit den angstvollen Augen und der starren Verzweiflung um die Lippen, blieb stehen in seinem Herzen. Todmüde wankte Monika am Hafen hin und sank unterhalb der Steuermannsschule auf eine Bank nieder. Ihr Herz, das von Leid und Schmerz übervolle, schien auszuquellen, als wenn es bersten wolle. Aber es brach nicht, sondern eine heiße Blutwelle schoß ihr in Körper und Kopf empor, daß [später: sodaß] ihre Sinne in kurzer Ohnmacht entschwanden. Monika erwachte bald, und da wußte sie mit ruhig klarer Gewißheit: In dieser Stunde hat mein Sterben begonnen. – – – – – – – – – – – – Der deutsche Pastor in New-York, der von Einwanderern viel überlaufen wurde, musterte nicht ohne Mißtrauen den Fremdling, obgleich derselbe gut gekleidet war und nichts als einen guten Rat begehrte. »Sie wünschen Arbeit, wie Sie sagen?« »Ja, durch schwere körperliche Arbeit möchte ich mir mein Brot verdienen.« »Mit den feinen, weißen Händen und dem feinen, schwarzen Gehrock? God bless you! Gott segne Ihren guten Vorsatz! Aber ich glaube, kein Mensch wird Sie dingen. Was sind Sie denn in Deutschland gewesen?« »Kandidat des Predigtamts.« Der Reverend schnellte empor und beglotzte den Besucher wie ein Wunder der alten Welt und hüstelte und schnarrte unhöflich: »Haben Sie dafür Ausweise und Papiere?« Nachdem er auf- und abgehend die ihm überreichten Zeugnisse durchgelesen hatte, lachte er laut auf. »Haha, mit Ihrem vortrefflichen Testimonium hätten Sie bleiben sollen, wo Sie waren, und der aufrichtigste Rat, den ich Ihnen geben kann, ist: »Packen Sie Ihren Koffer und reisen Sie mit dem nächsten Schiffe nach Deutschland zurück! Hier in Amerika geht ein deutscher Kandidat den bittersten Enttäuschungen entgegen.« Junker antwortete verblüffend offenherzig: »In der Heimat ist mir der Eintritt ins Amt bis auf weiteres verschlossen, weil ich bei einer Hochzeit zu viel trank und mich ungebührlich benahm.« Der Pastor machte einen breiten Mund und betrachtete ihn [später: den Freimütigen ]. »Hm! Sie sind aufrichtig, junger Freund, und das gefällt mir sehr. Schon mancher vor Ihnen hat im neuen Lande den neuen Menschen angezogen. Aber Farmarbeit ist nichts für Sie. Als ausgebildeter Theologe müssen Sie natürlich Pastor werden, denn für Prediger haben wir immer Gebrauch. Setzen Sie den Wanderstab weiter und machen Sie sich nach dem Westen auf! Was Kansas? Ist freilich ein arges Temperenzland, in dem der Verkauf von geistigen Getränken gänzlich verboten ist, und das mir und manchen guten Deutschen nicht zusagen würde … aber just Ihnen möchte es dienlich sein.« Die Augen des jungen und guten Deutschen leuchteten auf. »Ich gehe nach Kansas. [Später ergänzt: Das war schon in Deutschland meine Absicht, und dort wohnt irgendwo ein Bruder meines Vaters. ]« »Warten Sie!« Der Reverend holte ein Blatt vom Tische. »Die sich neu bildende, deutsche Kansassynode versammelt sich in diesen Tagen in Alma in Sherman County … reisen Sie in Gottes Namen dahin! Ich kann Ihnen im voraus versprechen, daß man irgend eine Stelle für Sie hat … wie groß sie sein wird, werden Sie mit eigenen Augen sehen.« Ein eigentümliches Lächeln und ein herzlicher Händedruck beschloß die Rede. Drei Tage und drei Nächte raste der rasselnde Zug durch die wellenförmige Prärie. Amatus, dessen Kasse bedenklich zusammenschmolz, hatte der Ersparnis halber sich für die Reise verproviantiert. In seinem Abteil befand sich eine sehr arme und sehr kinderreiche Familie aus Oberschlesien; und er sah, wie sie alle trockenes Brot aßen und kaltes Wasser dazu tranken. Wenn er seinen Korb öffnete und einen Imbiß verzehrte, standen sieben Kinderköpfe großäugig um ihn herum und beneideten jeden Bissen, den er in den Mund steckte. Mitleidig teilte er von seinen Vorräten aus und hatte seine Freude daran, die gierig-hungrigen Mäuler zu atzen. In Wohlbefinden, aber etwas ausgehungert kam der Kandidat in Alma an. Ein tüchtiges Mahl war das erste und eine gründliche Waschung das zweite. Dann warf er sich in den feinen, schwarzen Rock, zog die Handschuhe an, setzte den Zylinderhut auf das Haupt und ließ sich den Weg nach der deutschen Kirche zeigen. Drei schmutzige Kinder gafften stumm vor Staunen die ungewöhnlich elegante Männererscheinung an, und der größte, zigeunerbraune Bursche raunte geheimnis- und ehrfurchtsvoll: »The president of the United States, I suppose.« Die Buben hielten den armen, deutschen Kandidaten für den Präsidenten aus dem Weißen Hause. Mannshohes, welkes Unkraut umwucherte die Kirche, die mehr einer weiß getünchten Scheune als einem Gotteshause glich. Im Vorflur stand ein hoher, stark ergrauter Mann, dessen Stirn von einem knollenartigen Auswuchs, welches wie ein Hörnlein an der rechte Schläfe saß, entstellt war. Junker stellte sich mit einer Verbeugung vor und gab kurzen Aufschluß über seine Person und Wünsche. »Well, ich bin Pastor Bock von Redsprings, bin ein Jahrzehnt Pfarrer im alten Deutschland drüben gewesen, jetzt seit zweiundzwanzig Jahren hier in Kansas, allerdings an sieben verschiedenen Stellen, denn die Prediger an amerikanischen Gemeinden erfahren das Wort, daß wir hienieden keine bleibende Statt haben, haha!« »Meinen Sie, daß für mich Aussichten sind, eine Stelle zu bekommen?« fragte Junker besorgt. »Aussichten mehr als genug! Sie können in Redsprings mein Nachfolger werden, wenn ich das Amt – 500 Dollars in bar – erhalte, um das ich mich jetzt bemühe.« Bock lächelte eigentümlich. »Die neu konstituierte Kansassynode ist hier drinnen versammelt … Sie mögen als Zuhörer an der Schlußsitzung teilnehmen, und dann schlage ich gleich Ihre Aufnahme vor.« Unter Herzklopfen betrat Amatus das schlichte Holzkirchlein. Einige zwanzig Männer saßen auf den vordersten Bänken. Die in den kurzen Jacken mußten die Farmer und Laienmitglieder sein; die in den langen Röcken von jedem möglichen und meist unmodernen Schnitt waren die geistlichen Herren, und das Ganze war die ganze Kansassynode. Hinter einem Tische, an das Altargitter gelehnt, stand Pastor Meßner und harkte in seinem Vollbarte, offenbar nach Worten suchend. »Meine Brüder! Wir haben uns mit Schmerzen von unsrer Muttersynode getrennt, in der wir Deutsche als Stiefkinder behandelt wurden, und unter Gebet eine eigne kleine Synode gegründet … aber der Herr ist mächtig in den Schwachen. Meiner Schwachheit hat man das Amt des Präses anvertraut … es ist ein Ehrenamt, dessen Arbeit ich gern übernehme … doch, hm, hm, es erfordert, hm, hm, auch einen gewissen Geldaufwand … ein Siegel muß angeschafft werden, um gültige Urkunden auszufertigen, Papier und Tinte für die Schreibereien muß sein, auch Amtsreisen, um die Einigkeit der Gemeinden wiederherzustellen, werden nicht ausbleiben … hm, hm, die Synode versteht mich wohl … ah, Bruder Diek hat's Wort.« Pastor Diek erhob sich. »Ich beantrage, daß wir dem Präses für die notwendigen Ausgaben eine Pauschalsumme – sagen wir hundert Dollars jährlich – bewilligen.« Der Farmer Christlieb, ein ausgedörrtes, aber sehniges und lebhaftes Männchen, hüpfte empor. »Excuse me, daß ich, ohne das Wort zu erbitten, von meiner Bank ›jumpe‹ . Aber wir dürfen den Gemeinden nicht gleich mit schweren expanses kommen, sie könnten abtrünnig werden … alle Ausgaben sind zu vermeiden.« Von drüben unterbrach ihn eine Zwischenfrage: »Soll die Kansassynode vielleicht kein Siegel führen?« Christlieb, nicht aus der Fassung gebracht, fuhr fort: »Of course, ein Siegel muß sein, aber was kann das kosten? Die Schreibereien sind einzuschränken, und die sogenannten Amtsreisen können ganz unterbleiben … jede Gemeinde hat ihre Ältesten und weiß, was sie zu tun und zu lassen hat. Ich beantrage, daß wir dem hohen Präses zehn Dollars jährlich für business-Unkosten bewilligen.« Die Prediger und ihr Präses schwiegen kleinlaut, und die Summe wurde einstimmig genehmigt. Pastor Bock stand auf und tat kund, daß ein soeben von Deutschland frisch angekommener Kandidat Aufnahme in der Synode begehre. Junker reichte mit einer Verbeugung dem Präses seine Zeugnisse und begab sich nach draußen, wo er zwischen dem Unkraut lustwandelte, während die Synode in geheimer Beratung über sein Schicksal entschied. Die Beratung dauerte vier volle Minuten. Aus der Kirche strömten die Männer und schüttelten ihm kräftig die Hand. Das hob wieder seine stark gesunkene Stimmung. Meßner sprach salbungsvoll: »Sie sind im Namen des Herrn aufgenommen, auch haben wir schon in Bellavista, nicht weit von hier, etwas für Sie in Aussicht … die Stelle ist ein Jahr vakant, und die Verhältnisse sind ein wenig schwierig, aber ein junger, geschickter Mann wird's machen.« Farmer Christlieb reckte seine Zwerggestalt und klopfte dem langen Kandidaten jovial die Schulter. »In diesem Country darf ein Geistlicher nicht so sehr auf das Geld, als auf die gute Behandlung von seiten der Gemeinde sehen.« Alle begaben sich in die Wohnung des Pastoren [später: Pastor ] Diek, der in Alma fungierte, um das Abendessen zu verzehren, welches gut und reichlich war. Die meisten Prediger waren etwas salopp gekleidet, trugen recht fadenscheinig glänzende Röcke und altmodische Kalabreserhüte. Ihr Blick schien häufig und heimlich Junkers tadellosen Anzug zu streifen; und der Tischnachbar betastete [später ergänzt: sogar ] seinen Ärmel und meinte offen: »Ein feines Tuch und splendid gemacht! Solch ein Rock kostet hier schweres Geld, und ein armer Prärie-Pastor kann sich das nicht leisten.« Nach Tisch zog ihn ein schnurrbärtiger, von einer Brüderanstalt hinübergeschickter Reverend abseits und ins Gespräch. Amatus fragte aus, um sich zu orientieren. »Auf Kündigung sind Sie angestellt?« »Ja wohl, auf halbjährliche Kündigung stehen wir alle … das ist einmal nicht anders in Amerika.« »Und wie viel Gehalt bekommt ein Pastor?« Wieder das eigentümliche Lächeln! »Der Präses hat nicht mehr als vierhundert Dollars.« »Das sind in deutschem Gelde sechzehnhundert Mark … und Pastor Bock hat in zweiundzwanzig Jahren siebenmal gewechselt.« »Ja, der hatte in Deutschland ein Amt, das ihm fünftausend Mark brachte.« »Und es aufgegeben, um den armen Gemeinden in Amerika zu dienen?« Junkers Blick wollte voll Bewunderung nach Pastor Bock hinübergleiten. Aber der Schnurrbärtige flüsterte rechtzeitig: »Seine Frau ist ihm mit einem Offizier durchgegangen … um des Skandals willen wanderte er aus, und deshalb nennen wir ihn den gehörnten Bock.« – [Später ergänzt: Junker blickte nach dem Horn, das Pastor Bock auf der Stirn trug. – – – ] Am nächsten Morgen reiste der von der Synode für Bellavista ausersehene Kandidat ab, um sich von der Gemeinde berufen zu lassen. Als alter Praktikus gab Bock ihm einen guten Rat mit auf den Weg. »Bestehen Sie auf einem Minimum von dreihundert Dollars und lassen Sie sich nicht von den guten Leuten übers Ohr hauen [später ans Satzende gestellt], die gern einen Grünen nehmen, aber es sich auch zu nutze machen.« In der deutschen Kirche zu Bellavista hatte die oratorische Leistung des neuen Probepriesters – des vierten in diesem Jahre – allen Männern und noch mehr allen Frauen gefallen. Die Kirchenältesten, der dicke Ladmann, der hagere Jönker, der behäbige Kaufmann Krumpeter und der kurz- und obeinige Hans Kiek, machten keinen Hehl daraus, sondern stellten dem Kandidaten die Berufung in Aussicht. Um die Vokation zum Abschluß zu bringen, möge er sich in das Grandhotel von Bellavista begeben, allwo der Kirchenvorstand seine Sitzungen abhalte. [Später ergänzt: Amatus ging nach dem Hotel und sprach lebhaft mit sich selber auf dem Wege dahin. Himmel! Ist nicht der Kirchenälteste Jönker mein Onkel, der seinen Namen Junker in Jönker amerikanisiert hat? Unleugbar hat der Mann eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Vater. Hastig riß er den Brief aus der Tasche, und jetzt gelang ihm die Entzifferung der Hieroglyphen. Da war kein Zweifel mehr – die flüchtig hingeschmierte Ortsadresse lautete: Bl. Vista, welches nur Bella Vista bedeuten konnte. Der deutsche Kandidat war nach Bellavista verschlagen und hatte mühelos seinen Onkel in dem großen Staate Kansas gefunden. War das ein merkwürdiger Zufall oder gar ein Mirakel? Nein, bei näherer Überlegung sagte er sich, daß es auf ganz natürlichem Wege, ja mit zwingender Notwendigkeit so kommen mußte. Wo ein Filz, wie Junker, im Kirchenvorstande saß, war selbstverständlich die betreffende Predigerstelle so miserabel dotiert, daß sie ständig den Inhaber wechselte und meistens vakant war. Kam aber ein deutsches Kandidatlein nach Kansas, um dort ein Predigeramt zu suchen, so war noch selbstverständlicher, noch naturnotwendiger, daß ihm von der Synode die schlechteste Stelle, die kein andrer haben wollte, zugewiesen wurde. Bellavista war die schäbigste Pfarrstelle im ganzen Lande; mithin mußte, nicht auf mirakelhafte Weise, sondern mit logisch zwingender Notwendigkeit der deutsche Kandidat nach Bellavista verschlagen werden. Und war sein Onkel der größte Filz im Lande, so mußte er ihn im Kirchenvorstand von Bellavista finden. Zunächst wollte Amatus seine stillen Beobachtungen und von seiner Entdeckung keinen Gebrauch machen.] Das Grandhotel war ein nicht sehr sauberes Speisehaus, dessen schwärzlicher Fußboden kein Wasser – es sei denn verschüttetes – [später ergänzt: seit Jahr und Tag ] gesehen zu haben schien. Die vier Ältesten hockten in einem Halbkreise mit übereinander geschlagenen Beinen und zeigten stillschweigend auf einen leeren Stuhl. Ihre Kinnladen waren in steter, langsam kauender Bewegung, als wenn sie Wiederkäuer wären, und sie sagten nichts, sondern grübelten weiter. Zuweilen stand einer auf und beugte sich über den unförmlich großen Spucknapf. Das lange Schweigen machte den Kandidaten stutzig. »Haben Sie sich noch nicht entschlossen, meine Herren?« Hinrik Ladmann entleerte sich des Kautabaksaftes und gab dann Antwort: »Ja, nach einem stillen Gebete haben wir Sie zu unserm Seelsorger berufen und die Bedingungen festgestellt.« »Wie lauten die?« »In the first place … auf dreimonatliche Kündigung.« »Meinetwegen, ich gehe darauf ein … und das Gehalt?« »Der Lohn beträgt zweihundert Dollars jährlich und wird in cash bezahlt.« Bei diesen Worten ließen die Kirchenältesten die kauenden Kinnbacken stille stehen und sahen lauernd empor. Der Kandidat zwang sich zu einem verunglückten Lächeln. »Meine Herren! Für Kost und Wohnung muß ich 3 ½ Dollars pro Woche bezahlen, macht 182 im Jahr [später: Jahre ], also würden mir ganze 18 Dollars für meine übrigen Bedürfnisse verbleiben … es ist eine unerhörte Zumutung!« Er schlug mit den Händen weit aus, und [später ergänzt: Mister ] Krumpeter tupfte beruhigend seinen Arm. »Sir, Sie müssen sich eben verheiraten.« »Eine Frau und Familie kann ich noch viel weniger davon ernähren.« »Hihi, viel leichter! Wir Farmer tragen Ihnen alle Lebensmittel, die hier ja doch nichts kosten, ins Haus.« Junker erwiderte ärgerlich: »Von milden Gaben will ich nicht existieren, sondern von einem festen und anständigen Gehalt. Unter dreihundert Dollars nehme ich den Dienst nicht an.« Wie aus einem Munde riefen alle vier Ältesten: »We cannot, wir können nicht mehr als zweihundert geben.« »In dem Falle würde ich noch lieber Farmknecht werden, den die Deutschen hierzulande besser besolden als ihren Pastor.« Der hagere Jönker kniff das rechte Auge zu, wie die Stillschlauen tun, und nickte: »Das war praktisch und amerikanisch gesprochen [später ergänzt: , young man ]! Predigen ist ja ein bequemer job und bringt darum nicht viel. Wenn Sie wirklich arbeiten wollen, können Sie gleich bei mir eintreten. Ich gebe meinem Manne hundertachtzig Dollars und die volle Kost.« Amatus knöpfte den Rock zu. »Ich frage noch einmal: Wollen Sie mir das geforderte, geringe Gehalt bewilligen?« Die Ältesten schüttelten hartnäckig den Kopf und kauten mit dem Munde. In dem Moment vollzog sich in Amatus eine plötzliche und ungeheure Wandlung, kraft deren er sich, wie im Handumdrehen, amerikanisierte. Entschlossen und energisch rief er: »Wählen Sie zu Ihrem Pastor, wen Sie wollen! Ich gehe mit [später ergänzt: Mister ] Jönker und verdinge mich für 180 Dollars und die Kost.« So war der kühne und gewagte Stegreifsprung des deutschen Kandidaten gemacht [später ans Satzende gestellt], der in die ausgestreckte, schwielige Hand des Farmers hineinschlug. Und der Hagere blinzelte zufrieden: »Abgemacht! Boys, Ihr habt's gehört, auf ein Jahr ist der junge Mann von mir gemietet … ja, Sie sind ein großer und starker Kerl und zu etwas Besserem, als zum Predigen und Trösten und Tränenmachen, geschaffen.« Mit Sachkenntnis und Wohlgefallen maß und musterte er die kräftige Gestalt und führte Junker aus dem [später: schnell verließ er mit seinem neu gedungenen Knechte das ] Grandhotel. Die drei Ältesten glotzten nach der Tür und kauten mechanisch weiter. Auf der Straße beäugte der Farmer den hohen Zylinderhut und den feinen, schwarzen Rock. »Hm, der Langschwänzige und die hohe Angströhre, das paßt für einen Bauer, wie die Faust aufs Auge. Bleiben Sie bis morgen hier und kaufen Sie sich eine Nankingjacke, einen Cowboy-Hut und lange Stiefel mit zweizölligen Sohlen!« Amatus blieb die Nacht in Bellavista und erkundigte sich bei dem Hotelwirt, was Jönker für ein Mann und ob der Platz gut sei. Die lachende Antwort lautete: »Gut? Ja, der alte Grasper und Geizhals steckt bis oben voll von Geld und Güte, weil keins von beidem je aus ihm herausgekommen ist.« [Später entfallen: Ein andrer hätte vielleicht den überstürzten Stegreifsprung bereut. ] Aber Amatus, in dem das starke Bauernblut sich regte, trat unverzagt seine neue Stellung an, und der deutsche Kandidat wurde Farmknecht [später ergänzt: bei seinem Onkel Tycho, ] bei dem großen Viehfarmer Jönker, der vierzehn Meilen von Bellavista an den Ufern eines lehmgelben Flüßchens wohnte. Dritter Teil. Heimfahrt. Erster Abschnitt: Der arme Goldonkel. Die Hähne plusterten schläfrig die Federn und blinzelten mit den Augen, als wenn sie sich besännen, ob es nicht noch zu früh zum Krähen sei. Aber der Farmer Jönker schnellte im Bette empor und krähte von unten nach dem Boden hinauf: »Get up, get up! Heraus, heraus!« In beiden Sprachen ließ er seinen Weckruf erschallen, damit er auf jeden Fall verstanden werde. Das Lager von trockenen [später: trocknen ] Maisblättern raschelte. Amatus, der neue Farmgehilfe, erhob sich und zündete ein Talglicht an, weil noch kein Tagschimmer durch das Moskitogitter des winzigen Bodenfensters sich zwängte. Mit dem Lichte in der Linken kletterte er die Stiege hinunter und [später: die Stiege hinunter kletternd, ] erblickte [später ergänzt: er ] eine hagere Gestalt, die im Halbdunkel mit Eulenaugen ihn anstarrte und dann [später ergänzt: zornig ] krächzte: »Blasen Sie aus! Das ist Verschwendung, Herr! Blasen Sie aus und wecken Sie Tom, der in der Küche schläft! Wenn er nicht wach werden will, spritzen Sie ihm kaltes Wasser ins Gesicht, aber einen tüchtigen Guß! So ist er auch gleich gewaschen, was er aus Faulheit manchen Morgen unterläßt.« Grau weißlich wallte der Himmel im Osten. Über die stille Prärie zog ein lispelnder Luftzug, wie das erste Aufatmen der schlafenden Erde. Sobald der Menschenschritt erklang, krähte der Hahn, und hinter dem Stachelzaun [später: Stacheldrahtzaun ] der Weide wieherte ein Pferd. Weit drüben verlor sich das heisere Bellen eines Präriehundes. Amatus, der Frühaufsteher, begrüßte fröhlich den anbrechenden Morgen, der fast ohne Zwielicht zum hellen Tage wurde. Das weiße Gewölk rötete sich – und da war schon die strahlende Sonne, die in diesem Lande – gleich den Menschen – hastig aus dem Bette stieg. Tom Lincoln, der Farbige [Erg. d. Hg.: im Original: Neger; im Interesse der Werktreue künftig so übernommen], reckte und rollte sich gähnend von der Küchenbank, die ihm als Bett diente, und auf die unförmlich großen und platten Füße. Es war Verleumdung, daß er sich nicht wasche. Er wischte sich mit einer Hand voll Wasser und dann mit einem schmutzigen Handtuch über das schwarze Gesicht, während der Deutsche fragte: »Wie lange sind Sie hier im Dienst?« Nach Beendigung der Katzenwäsche zog Tom den gähnenden Mund unglaublich in die Breite und zeigte die weißen Zähne. »Sehr lang … volle vierzehn Tage.« »Ist das lang?« »Ja, fünf Tage länger als ein Vorgänger.« Amatus rieb sich die Nase und sagte: »Und was sind Sie auf der Farm?« »Everything! Mann und Mädchen für alles! Ich melke die Kühe, koche die Mahlzeiten, kehre das Haus und tue in der Zwischenzeit eines vollen Mannes Farmarbeit.« »Damn–«, murmelte der Deutsche. Das Fluchen erlernt sich in allen fremden Sprachen am leichtesten. »Sie müssen ein ganzer Kerl sein … was gibt's zum Frühstück heute?« Der Neger lachte: »Pork, pork von Anfang bis in Ewigkeit! Zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen Schweinefleisch, Schweinefleisch, Schweinefleisch, gekocht, gebraten, geräuchert, und möglichst fetter, zehnfingerdicker Speck, von dem man am wenigsten essen kann. Sir! Darum gehe ich mit der ernstlichen Absicht um, mich zur jüdischen Religion, die bekanntlich alles Schweinefleisch verbietet, bekehren zu lassen.« »Zu welcher Religion bekennen Sie sich jetzt?« »Well, ich bin Presbyterianer, Baptist und Methodist gewesen und halte es jetzt strikt und streng mit der Heilsarmee.« Tom begann [später ergänzt: sofort ] im Leierkastenton zu singen: Am Kreuz, am Kreuz, wo ich das Heil gefunden. Der Farmer kam schleichenden Schrittes und fragte: »Bist du bald fertig mit deinem Morgengebet [später anders: Morgengeheul ]? Mach schnell!« und winkte seinem weißen Gehilfen, der erstaunt den Herrn im täglichen Arbeitsanzuge von hinten betrachtete. In dem ausgefranzten, scheinbar an [später entfallen: irgend ] einem Weggraben gefundenen Hute, in der überall geflickten Kleidung, die nicht einmal überall geflickt war, glich Jönker mehr einem Landstreicher als einem Landbesitzer, der 2000 Äcker, 700 Haupt Rindvieh und 24 [später anders: 43 ] Pferde sein eigen nannte. Nur die groben Schuhe waren noch heil, aber mit Hanfbändern, wie sie zum Binden des Getreides gebraucht werden, geschnürt. Amatus verstand das Striegeln von damals her, da er den Fuhrknechten als Knabe [später umgekehrte Begriffsreihenfolge] zur Hand ging, und bürstete geschickt und wacker [später ergänzt: darauf los ]; aber er wurde trotzdem nicht gelobt, sondern getadelt, weil er es zu gut und sauber und zeitraubend mache; und eine Stimme von draußen fragte und sagte: »Putzen Sie die Vollblutrenner eines Grafen? Fixer, fixer!« Der Farmer hatte mit der Forke den Dung aus der Stalltür geworfen [später ans Satzende gestellt], vor welcher sich im Laufe der Zeit ein förmlicher Düngerberg getürmt hatte. Seine Miene spielte ins Betrübte. »Hä–äm, heute haben wir leider nur leichte Arbeit, die sich ganz und gar nicht bezahlt … aber wir müssen hier etwas wegfahren, sonst können die Pferde nicht mehr aus dem Stall heraus.« Das war des deutschen Exkandidaten erste Bauernarbeit: Auf einem tiefen, großen Kastenwagen, der unausfüllbar [ , ] wie das Faß der Danaiden [ , ] schien, den lieben, langen Tag Dung zu laden, den der Farmer auf den nächsten Acker fuhr und ausstreute. [Später mit Absatz] Auf den Fingern schwollen acht blühende Blasen und sprangen auf. Amatus verbiß tapfer das Schmerzgefühl – die [später ergänzt: paar ] Wasserblasen sollten ihm die Bauernlust nicht verleiden. Aber die Hitze – uha – die ungewohnte Höllenhitze, über 100 Grad Fahrenheit [Erg. d. Hg.: etwa 38 Grad Celsius] im Schatten! Er zog allmählich alles bis auf Hut, Hosen, Hemd und Schuhe aus, trotzdem ein Meer von Schweiß vergießend und einen Teich von Wasser trinkend. Aber er tat seine Pflicht und hatte, obgleich der Bauer die Pferde antrieb, immer rechtzeitig das Danaidenfaß des Düngerwagens gefüllt. Am Abend freilich waren seine meisten Glieder ihm wie erstorben. Und als die Sonne, die ihn gestochen und gequält, endlich unterging, fühlte er erst den schlimmsten Schmerz. Wie weh das tat, wohin sein Finger tastete! Sein ganzer Nacken stand in dick geschwollenen Beulen [später ergänzt: und Blasen ]. »Was fehlt mir?« fragte er ängstlich. Jönker lachte ihn aus. »Als Grüner kennen Sie nicht den Brand der amerikanischen Sonne … aber weinen Sie nicht! In drei Tagen wird ihre Beulenkrankheit kurieren [später: kuriert sein ].« Tom [im Original: Tom Nigger] war mitleidiger und legte eine kühlende Talgsalbe auf den brennenden Nacken. Amatus setzte sich hin und schrieb eine neue Seite des Briefes an die Mutter, der allmählich entstand und die neue Heimat beschrieb. »Am wohnlichsten haben es die Pferde, einen von Feldsteinen aufgemauerten Stall. Überall im Hofe, wo nicht die schwärzlichen Schweine den Grund aufwühlen, wuchert mannshohes Unkraut, das hier üppiger gedeiht, als irgendwo in der Welt. Die Farm [später ergänzt: des Onkels ] umfaßt rund und reichlich 800 Hektar und hat mithin die Größe eines sehr großen Ritterguts. Aber das Herrenhaus! Besteht aus zwei Gebäuden, die zusammen nicht so geräumig sind, wie unsere Dachwohnung im Pappeltale. Eine viereckige Bretterbude mit einem einzigen Fenster gleich Noahs Arche – ist die Küche. Und das Wohnhaus ist ein Blockhaus aus rohen Stämmen mit einer Tür und drei Fensterlein, die Innenwände allerdings mit Zementbewurf gedichtet, aber höckeriger als die Aruper Kirchhofsmauer. Unten nur ein Raum, in der Decke ein Loch, zu dem eine Hühnerstiege emporführt. Die klettere ich hinauf, krieche gebückt durch das Halbdunkel des dachschrägen Bodens, bis ich mein Bett finde, welches ein Lager von ewig raschelndem Maisstroh ist, als wären zwei Dutzend Mäuse an der Arbeit. Doch nicht die Mäuse, sondern die Moskitos sind meine Quälgeister. Bei der Backofenhitze gebrauche ich ein Laken als Bettdecke.« »Wir täten besser daran, uns zur Ruhe zu begeben, damit wir morgen rüstig sind«, meinte der Farmer. Amatus warf sich todmüde auf sein Lager. Also das war die leichte Farmarbeit, wie sein Brotherr gesagt hatte. Wie würde die schwere sein? Und würde er den Anstrengungen gewachsen sein? Alle seine Glieder surrten, und sein Nacken brannte. Aber er wollte nicht feige die Flinte d.h. die Forke wegwerfen, und die Blasen an Hals und Händen sollten seiner Bauernlust kein schnelles und lächerliches Ende bereiten. Mutig den Schmerz verbeißend, sprach er sein Gebet, sein Gelübde: »Ja, ich will ausharren und meinen Körper härten zum Kampf wider den Feind meines Lebens. In einem gesunden und starken Körper muß auch die Seele genesen.« Als die Gäule aus dem Stall heraus konnten, ohne erst einen Dungberg zu überklettern, war Amatus' Nacken rostbraun wie einer Rothaut geworden. Obgleich der Brotherr die Schweigsamkeit liebte und jedes Schwatzen als zeitraubend streng vermied, nahm er sich doch zehnmal täglich die Zeit, seinem neuen Gehilfen zu sagen, daß er bei der Bibel hätte bleiben müssen und billigerweise nicht mehr als die Kost verdiene. Jönker benutzte die Augenblicke, wo er selbst sich verschnaufen wollte, zu derartigen Bemerkungen, die dem Gehilfen ein Sporn sein sollten. Aber sie hörten mit einem Male auf – als nämlich Amatus sofort stille hielt und ehrerbietig den Worten des Herrn lauschte. »Was … was gucken Sie mich an?« »Ich muß doch genau hören, was Sie mir zu sagen haben.« Jönker kniff das linke Auge zu und richtete das rechte groß und verwundert auf seinen grünen Gehilfen. Fortan unterblieben die Invektiven [Erg. d. Hg.: Beleidigungen], seitdem sie nicht mehr als Sporn dienten, sondern wie ein Stillgestanden aufgefaßt wurden. Nach der leichten Arbeit kam die schwere – die Heuernte, die schon manchem frisch Eingewanderten auf einer Viehfarm des südlichen Kansas den Sonnenstich und den Tod gebracht hat. Amatus rechte, auf der Pferdeharke sitzend, das Gras zusammen, das in zwei Stunden gedörrt war. Aber er stieg oft herunter, um aus dem Wasserkruge zu trinken und seinen Durst zu löschen. Der Farmer, der von der Mähmaschine aus den fleißigen Wassertrinker beobachtete, ermahnte väterlich: »Junger Mann, trinken Sie nicht so viel Wasser! Das ist sehr ungesund.« »Ja, wir müssen kalten Kaffee, der den Durst am besten löscht, mit aufs Feld nehmen«, erwiderte der junge Mann. Worauf Jönker rief: »Mißverstehen Sie mich nicht! O, ich liebe das Wasser und gehöre zu den wenigen Leuten hierzulande, die das Temperenzgesetz halten. Kaffee ist ein [später ergänzt: höchst ] schädliches Reizmittel, aber klares Wasser ist gut und gesund, wenn es mit Maß, mit Maß genossen wird.« »Jawohl, Herr!« bestätigte der Neger und stapfte bedächtigen Schritts zum Wasserkruge. »He, du gehst, als wenn du einer Leiche zu Grabe folgst«, schrie der Herr ihm nach. »Ja, mit mir und diesem jungen Manne wird es bald aus sein … puh, eine Hitze zum Stürzen!« »Tom, wenn du den Sonnenstich kriegst, zahle ich dir tausend Dollars in bar nach deinem Tode.« Tom sagte gemessen: »Es könnte sein, daß ich Sie bitten müßte, mir heute, als am Sonnabend, meinen Wochenlohn auszubezahlen [später: auszuzahlen ].« Des Farmers Züge zuckten schreck- und schmerzbewegt. »Du willst mich doch nicht in der Heuernte verlassen? Nein, wenn du ein Christenmensch bist …« » Frenzen [später: Franzen ] und die andern Farmer geben Sonnabends um fünf Uhr ihren Leuten frei [später: Feierabend ], damit sie nach Bellavista reiten und einen guten Abend sich machen können.« »Sagen wir um sechs!« seufzte Jönker. »Nein, um fünf!« Tom hob die gespreizten Finger der Hand hervor, als wenn er einem Schwerhörigen sich verständlich machen müsse. Die Verdeutlichung und die halbe Drohung half, so daß früh Feierabend gemacht wurde. Amatus saß auf dem Rücken eines Mustangpferdes und sprengte nach Bellavista. Sein erster Gang war nach dem Posthause, wo er einen Brief seiner Mutter und [später ergänzt: auch ] einen schwarzgeränderten vorfand. In dem letzteren teilte Silly ihm mit, daß ihr Vater eines plötzlichen, aber stillen Todes gestorben sei und zuletzt, von seiner Schwester Monika getröstet, einen festen Glauben an Gott gewonnen habe. Um ungesehen eine Träne zu vergießen, ging Amatus in die Hintergasse, wo der Kehricht und die alten Konservenbüchsen lagen; aber er weinte vielleicht weniger um den Oheim als um die arme Kousine, die den Vater verloren hatte. Als er heimgekehrt in seinem Bette lag, hatte er, um den Brief seiner Mutter zu holen, nach der sauren Tagesarbeit einen Ritt von 28 englischen Meilen gemacht. Kein Wunder, daß nicht nur die Arme und Beine schmerzten, sondern auch ein andrer Teil des Körpers ihm sehr wund und wehleidig war. Am Sonntagmorgen versuchte das hagere Gesicht des Farmers leutselig zu lächeln, und er [später: der Herr ] stellte seinem Gehilfen eine kleine, angenehme Sonntagserholung in Aussicht. »Sie sollen mal meine ganze Viehherde sehen [später ans Satzende gestellt], die wir im Korral zusammentreiben wollen … das wird Ihnen Spaß und Freude machen. Satteln Sie mir die Stute Susy, obgleich sie ein bockiger Racker ist!« Amatus nahm eilig und freudig seinen Hut. Aber [später: Und ] der Schwarze wisperte ihm zu: »Wollen Sie Sonntagsarbeit tun? Ich sage Ihnen, es ist ein höllisches Stück Arbeit, 700 Kopf halbwildes Kansasvieh zusammenzujagen.« Der Deutsche aber hatte eine leidenschaftliche Lust, so viele Rinder auf einem Haufen zu sehen und sattelte Susy. Als er den Gurt straff spannte, legte das Pferd die Ohren zurück und machte ein bissiges Gewieher. Jönker setzte steifbeinig den Fuß in den Bügel – da stob Susy zur Seite und riß ihn zu Boden. Zornig sprang er empor und schlug mit der ledernen Kuhpeitsche, wohin er traf. Das Pferd bäumte sich steil. Er zerrte an der scharfen Doppelkandare, daß aus dem Maule blutiger Geifer troff, und schlug und fluchte. Nun stieß die gequälte Stute einen kreischenden Laut aus, zeigte die Zähne und wollte nach ihrem Herren beißen. Darüber geriet Jönker in rasende Wut und brüllte: »Tom! Meinen Revolver! Ich will das Biest, das den Hafer nicht wert ist, erschießen.« Amatus legte sich ins Mittel und bat für die unvernünftige und unverständig behandelte Kreatur: »Lassen Sie, lassen Sie mir das Tier!« Weil Jönker ganz außer Atem war, ließ er ihm [später: dem Gehilfen ] den Zügel und schnaufte nach Luft. »Goddam! Ich will den Racker für seine Haut, für fünf Dollars verkaufen … wollen Sie ihn?« Rasch; um den Handels rechtskräftig zu machen, rief Amatus: »Ziehen Sie es mir vom Lohne ab! Ich nehme Susy für fünf Dollars.« »All right!« Jönker schmunzelte in den Bart; aber auch der andere tat es, und alle beide meinten einen guten Handel gemacht zu haben. Der Käufer führte das keuchende Pferd abseits und redete ihm sanft und verständig zu, es streichelnd und klopfend. Die Sprache des Mitleids schien Susy sofort zu verstehen, denn sie spitzte die Ohren und wurde bald so vernünftig und beruhigt, daß sie sich von Amatus besteigen ließ. Während des Ritts betrachtete er mit freudvollen Augen den bockigen Racker, der ein tüchtiger Renner war. Jetzt war er glücklicher Pferdebesitzer geworden und damit der erste und kleine Anfang des selbständigen Bauerntums gemacht. Er hätte jubeln mögen: A horse, a horse! A kingdom is a horse. Ein Königreich ist ein Pferd, wenn es auch keinen Hafer und kaum die Haut wert geachtet worden. Auf einer unübersehbaren, welligen, grüngelben Grasfläche, die mit hoher Stacheldrahtfenz umzäunt war, weidete die bunte und langgehörnte Herde. Beim Anblick der Reiter pflanzte sich ein kurzes, dumpfes Gebrüll von Maul zu Maul, ähnlich einem unwirsch warnenden Zuruf, als wenn die ferner stehenden Tiere in der Rindersprache von der bevorstehenden Störung verständigt würden. Die alten, schon angelernten Kühe waren klug genug, sich in eiligen Schritt zu setzen und dem Korral zuzustreben. Den Müttern sprangen die großen, blanken Saugkälber nach. Aber dumme Ochsen wollten aus purer Widerspenstigkeit durchaus die entgegengesetzte Richtung einschlagen, und übermütige Färsen hoben steil den Schweif und brachen seitwärts. »Mehr nach links treiben!« schrie Jönker, »dort, wo Sie niedriges Gebüsch sehen, ist die Höllenschlucht … die infame Kuhfalle, die mir manches schöne Stück Vieh gekostet hat.« In dem sanft welligen Gelände war die von Buschwerk verdeckte Schlucht, die mit [später ergänzt: ihren ] steil abstürzenden Rändern wie ein tiefer Krater sich auftat, eine merkwürdige Naturerscheinung. Amatus, der dicht an dem Abgrund vorbeiritt und einen Blick in die unheimlich gähnende Tiefe hinunterwarf, riß unwillkürlich Susy zur Seite. Ein Schwindelgefühl umfing ihn, ein ihn plötzlich durchzuckendes, ahnendes Angstgefühl, als wenn dieser Abgrund ihn bedrohe und er vor der Höllenschlucht sich hüten müsse. Die Herde wurde zu einer dicken, sich vorwärts wälzenden Staubwolke, aus der Gestampf und Geschrei, Gebrüll und Peitschengeklatsch über die Prärie klang. Jeder Ausbrecher mußte umritten und zurückgetrieben werden. Susy und ihr Reiter dampften von Schweiß. Amatus hatte die Kehle voll Staub und sagte heiser, daß es ein hartes und heißes Sonntagsvergnügen sei [später: das sei ]. Jönker lachte lustig. »Wie viele Menschen tanzen sich zum Amüsement noch teufelsmäßiger in Schweiß und Asthma [später ergänzt: und außer Atem ].« Als der letzte Kuhschwanz im Korral verschwand, kam nach der Arbeit das Vergnügen, für den Besitzer, der seine Herde zählte und in Gedanken den Geldwert schätzte, und vielleicht noch mehr für den Gehilfen, der zum erstenmal so viel Vieh in einem Haufen sah und mit den hell leuchtenden Augen der Bauernlust an dem [später ergänzt: grotesken ] Anblick sich weidete. Freilich, die geweihlangen Hörner gefielen ihm nicht. »Psja«, brummte Jönker, »das ist die Texasrasse, die sich nicht herauszüchten läßt. Ich habe mir die teuersten Bullen verschrieben … die direkten Nachkommen waren ja besser gebaut, aber schon im dritten Gliede ist das akkurat so langgehörnt und hochbeinig wie zuvor.« Amatus betrachtete unverwandt das bunte Gewoge. »Siebenhundert Stück.« »Hm, einmal hat ein guter Nachbar uns das Texasfieber ins Country hereingeschleppt … reichlich vierhundert fielen wie die Fliegen hin und krepierten mir in einer Woche … das war ein Jammer … überall die stinkenden Kadaver.« Trotz der lieben Not, die ein Viehfarmer des Westens hat, kam der Deutsche nicht aus dem Staunen und sagte ergriffen: »Welche Herde, welche Herde!« »Ja, wenn man sie in Deutschland hätte, wäre man ein reicher Mann. Sehen Sie diesen tüchtigen Ochsen hier, der seine 1100 Pfund wiegt! Und was meinen Sie, daß er wert ist? In Kansas City bringt er nicht mehr als 25 Dollars.« »Die Masse macht's … und die schweren Kühe!« »Kühe sind kaum los zu werden und Pferde gar nicht, gar nicht zu verkaufen.« Amatus runzelte die Stirn. »So! Sie sind doch heute ein Pferd los geworden und haben wir Susy verkauft.« »Das war ein Gelegenheitshandel, mein Lieber.« Jönker kaute behaglich, als wenn auch er sein kleines Sonntagspläsier habe. Während der Abwesenheit der beiden hatte Tom das Schweinerne geschmort und als Sonntagsgericht zwei Apfelpasteten gebacken, von denen die eine, die er unter kühlendem Geblase verschlang, längst in seinem Magen ruhte. Der Farmer schielte über den Tisch und knurrte: »Das süße [später ergänzt: Apfel- ]Zeug ist nicht gut für die Zähne.« »Wenn Sie nicht mögen, Herr, werden wir zwei, so Gott will, allein damit fertig«, sagte der Neger salbungsvoll. Statt einer Antwort schnitt Jönker hastig die Pastete in drei Teile und gabelte den größten auf seinen Teller. Nach dem Essen legte alles sich nieder. Der Sonntag ist in Amerika ein streng gehaltener Sabbat und für die meisten Menschen ein Tag des Schlafes. Amatus, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, streckte sich zur Siesta in den Schatten des Ahorns. Durch die glühend schwere Luft klang Menschengeschnarche, ein surrendes Summen der Mücken und Insekten-Myriaden, mit denen dieses Land vom Zorn des Schöpfers [später ergänzt: überreich ] gesegnet ist. Aber der beißende Rauch stand wie eine Schutzmauer rings um den Ruhenden, der des Nichtstuns Süße auskostete und von wogenden Rinderrücken, die ihm gehörten, träumte. Wohl war das Tagwerk hart und alle Glieder des Morgens ihm wie eingerostet, bis er durch neue Arbeit sie geschmeidig gemacht. Aber der kühne Stegreifsprung von der Kanzel auf den Düngerhaufen und hinter den Pflug gereute ihn nicht, weil er fühlte, wie unter der körperlichen Arbeit und in der frischen Luft [später ergänzt: alle ] Kräfte in ihm wuchsen und der Geist zu einer gesetzten Ruhe kam. Waren das die Nerven, welche genasen und wie neu wurden? Ein Falter flog träge, setzte sich auf die Sonnenblume und schien einzuschlummern. In allem Unkraut zirpten die kleinsten und unnützesten Lebewesen. Hinter dem Steinwalle standen die Pferde, die hängenden Köpfe zusammengesteckt, und wehrten sich gegen die Feinde – die Fliegen. O, die kitzelnden Kansasfliegen bei Tage und die beißenden Kansasmücken in der Nacht! So große, feiste und unverschämte Fliegen hatte der Deutsche noch nicht gesehen. In Ägypten zur Zeit der Plagen konnte das kaum ärger gewesen sein. Amatus sah immer verschwommener bunte Rinderrücken und schlummerte, je und dann gestochen und gestört. Er erwachte von Toms Singsang, der eine schwermütige Melodie [im Original: Niggerweise] jöhlte. »Down, down in Arkansas in the deep deep grave – Dort unten in Arkansas im tief tiefen Grab.« Gegen Abend, als die Hitze sich mäßigte, schlenderte der Deutsche an dem Flusse entlang, dessen Ufer ein gelichteter und zur Weide mißbrauchter Wald umkränzte. Bob, der Schäferhund, durfte ihn begleiten und erhob ein Freudengebell. Lauschend dem Gemurmel des Wassers, das über die Steine seicht und schläfrig rollte, mit dem qualmenden Rauch in die Mückenschwärme blasend, folgte Amatus einem Pfad, den die grasenden Pferde getreten. Schneller Hufschlag näherte sich – er trat von dem schmalen Steige hinter eine Eiche und sah durch das Gebüsch einen rötlichen Schimmer. Es war das feuerrote Kleid einer Reiterin, deren Gesicht der riesige Strohhut völlig verdeckte. Bob fuhr bellend hinter dem Baume hervor. Das im kurzen Cowboy-Galopp gehende Pferd machte einen plötzlichen Hoch- und Seitensprung. Doch die Reiterin rückte kaum im Sattel. Aber ein Zweig riß ihr den Sonnenhut vom Kopfe und hielt ihn fest, ihre Haarflechte löste sich und flatterte lang und schwer herab. Es war ein Mädchen von nicht mehr als fünfzehn Jahren, das mit blitzenden Augen ihn [später: Amatus ] ansah und das Roß parierte. Trotz der gerunzelten Stirn, trotz der Röte vom raschen Ritt, trotz der auffallenden Sonnenbräune hatte ihr Gesicht etwas sehr Lichtes – nämlich jene Helle der unberührten Kindesunschuld. Amatus rief ihr höflich und hilfsbereit zu, daß er in den Baum klettern und den Hut herunterholen werde. Halb zornig und halb lächelnd blickte sie in der Waldeinsamkeit den fremden Mann an. »Nein, lassen Sie! Help yourself!« Und sie half sich selber und zwängte das Pferd unter den Zweig. Husch-husch knisterte das Kleid, husch-husch hüpfte sie aus dem Bügel auf den Sattel hinauf, auf dem sie kerzengerade wie eine Kunstreiterin stand und ihren Hut sich holte. Mit einem graziösen Hops saß sie wieder unten und hielt eine lange Hopfenranke [später: , eine lange Hopfenranke haltend ], die sie vom Zweige losgerissen hatte. Dem Deutschen blieben die Augen sperrweit offen stehen. »Was stehen Sie hier auf der Lauer? Wenn ich wie Absalom mit meinen Haaren in der Eiche hängen geblieben wäre?« sagte sie keck und bibelkundig. Ihm war die Rede noch wie verschlagen, und er zog ungeschickt den Hut, mühsam ein Excuse me aus dem Halse herausholend. Übermütig warf sie dem Verdutzten die Hopfenranke wie einen Lasso über den Kopf, wandte sich im Sattel und kicherte im Weiterreiten: »Gefangen, gefangen! Mein Herr, bleiben Sie hier still und wie in Stärke gefallen stehen, bis ich mit unsrer Brandmarke komme und Sie als unser Eigentum brenne.« Jeder Farmer hat für seine Herde eine eigene, amtlich geschützte Brandmarke. Das Mägdlein hatte wohl [später: wahrscheinlich ] von dem grünen und an Körperlänge großen Deutschen [später ergänzt: schon ] gehört. Amatus aber ahnte nichts von dem Dasein dieses jungen und schönen Weibes und wähnte, daß er auf der Prärie einer Zirkusdame begegnet sei; und seine Eitelkeit seufzte, daß er sich dumm wie ein gebranntes Öchslein benommen habe. Lange noch, nachdem jeder Hufschlag verklungen war, sah er das rote Kleid und das sonnenbraune Gesicht, und wie die zierliche Gestalt hoch oben auf dem Sattel in der Schwebe stand. Es war ein eben so lebendes wie liebliches Bild gewesen. Zu Hause befragte er Tom Lincoln, welcher sofort erklärte, daß die rote Reiterin niemand anders als Bertie Frenzen, des Nachbarfarmers Tochter, gewesen sein könne. »Ist ein Wildfang, aber auch ein verdammt kouragiertes Frauenzimmer, das über jede Fenz hinwegsetzt und beim Zusammentreiben einer Herde besser als ein Cowboy zu gebrauchen ist. Sie wird, so Gott will, dabei einmal den Hals brechen.« Als Anhänger der Heilsarmee führte Tom das fromme »So Gott will« viel im Munde, es an gelegener und ungelegener Stelle seiner Rede einflickend. Der alte Farmer plierte mit dem rechten, dem pfiffigen Auge. »Häm, mögen Sie die Dirn leiden? So gehen Sie doch heute abend hinüber und besuchen Sie [später ergänzt: einmal ] Frenzen!« »Was würde der für Augen machen, wenn der Farm– Farmknecht seines Nachbars ihm einen Besuch machen wollte?« »Junger Mann, [später ergänzt: , do not forget, ] Sie sind in Amerika, wo es keine Standesunterschiede gibt«, sprach Jönker mit Pathos. »Was die farbigen Bürger?« fragte der Neger streitsüchtig. Sein Herr zitierte ein Spott-Sprichwort der Südstaaten [Erg. d. Hg.: im Interesse der Werktreue hier wiedergegeben]: »Der Knüppel regiert den Hund und der Strick die farbigen Herren. Amatus, es ist besser, Sie bleiben hier! Wer die Nacht vertändelt, taugt am Tage nichts. Weibergunst war nie umsonst. Prinzipiell dulde ich keine Frauenzimmer auf meiner Farm, seitdem ich vor Jahren eine Haushälterin hatte, die vor Gericht ging … jaja …« »Und wegen gebrochenen Eheversprechens Sie verklagte.« Der grinsende Neger gab's dem Herrn zurück und war gut unterrichtet. Worauf Jönker einen langen und gotteslästerlichen Fluch sprach. »Seitdem dulde ich nichts Weibliches in meiner Nähe und esse noch lieber das Brot, das ein männlicher Koch mit seinen schwarzen Fingern knetet.« »Herr!« sagte Tom gekränkt, »der schwarze Koch mit den schmutzigen Händen möchte, so Gott will, zum Sonnabend kündigen!« Nun lamentierte Jönker: »Mach mich nicht unglücklich in der Heuernte! Ich sage nichts von deinen Händen und nehme vor allen farbigen Herren den Hut ab.« – – – Das Heueinfahren war, wie der Neger sich ausdrückte, eine unmenschliche und mörderische Mauleselarbeit. Bauernlust und -mut waren bei dem deutschen Kandidaten zuweilen am Ausgehen. Einmal hatte er die Flinte ins Korn d.h. dem Herrn die Forke vor die Füße geworfen, als dieser ihn anschrie: »Goddam! Sie tragen [später ergänzt: ja ] wie eine Krähe zu Nest!« Das Ausforken auf dem Felde, wo mitunter ein kleiner Luftzug fächelte, war noch erträglich. Aber das Abladen in dem dunstig schwülen Schuppen, das Auseinanderreißen der geschichteten, gestampften und verfilzten Masse – das war oft unmenschlich [später ergänzt: schwer ] und zum Umfallen. Jedoch nach zwei Wochen war auch diese schwerste Arbeit des amerikanischen Bauers gelernt, so daß der Farmer, der selbst lud und die hinaufgeworfenen Heuberge kaum bewältigen konnte, wohlwollend schmunzelte: »Mein Sohn, nun sind Sie gesalzen.« Nach Feierabend reckte Amatus die sehnigen Glieder, die nirgendswo schmerzten. Alle seine Muskeln waren gestählt, und das Bewußtsein der strotzenden Körperkraft und des völligen Gesundseins war ein unendlich angenehmes und auch stolzes Gefühl. Jönker rauchte bedächtig seinen billigen Tabak und sagte wenig. Aber, wie schon früher, warf er kurze Fragen hin und hörte gern seinem Gehilfen zu, wenn dieser von dem alten Vaterlande und seiner schleswigschen Heimat erzählte. Mit den Verhältnissen und Örtlichkeiten des meerumschlungenen Ländchens schien er recht vertraut und zeigte für alles, was diese neue Provinz Preußens betraf, am meisten Interesse. »Drei Jahre die Pickelhaube tragen müssen, ist zum Davonlaufen … die dänischen Nordschleswiger desertieren natürlich viel?« [später ergänzt: , warf Jönker hin. ] »Nein, es kommt äußerst selten vor«, antwortete Amatus, »meine Landsleute haben zu viel Ehrgefühl, um zur erbärmlichen Fahnenflucht zu greifen.« Jönker biß in die Pfeifenspitze und brummte: »Was wissen Sie von Ehrgefühl und erbärmlicher Fahnenflucht!« »Will ein Nordschleswiger nicht dienen, so entzieht er sich vorher durch Auswandern der Militärpflicht …« »Und geht in Nacht und Nebel bei Foldingbro über die Grenze, nicht wahr?« Amatus [später entfallen: blickte in das spöttisch verzogene Gesicht des alten Mannes – hatte es nicht in diesem Augenblick etwas Spitzbübisches? Ein Befremden kam ihm, und er ] stellte plötzlich die Frage: »Was wissen Sie von Foldingbro? Sind Sie Schleswigholsteiner?« »Häm, so halb und halb«, lautete die herausgepaffte und halbe Antwort. [Später entfallen: Jönker zog an der schmutzig singenden Pfeife und schwieg. Der Deutsche betrachtete ihn von der Seite mit einem ungewissen Argwohn. Hatte dieser Mann in seiner Vergangenheit irgend etwas zu verbergen, da er über seine deutsche Herkunft und Heimat nur ausweichende Antworten gab? – ] [Später ergänzt: Da hüpfte der junge Mann von seinem Sitze empor, um die Maske fallen zu lassen und dem Versteck- und Komödienspiel ein Ende zu machen. Wenn auch der alte Jönker ein kaltherziger, unsympathischer Mensch war, der für seine nächsten Blutsverwandten 38 Jahre lang kein Herz und keinen Gedanken gehabt hatte, so war er doch der Bruder seines Vaters und ein alter, ergrauter Mann, mit dem man keine Possen treiben darf. Schon schwebte ihm das Wort: »Ich bin der Sohn deines Bruders« auf der Zunge, als der Neger aus der Küche trat. Es widerstrebte ihm, in Gegenwart des schwarzen Gentlemans eine rührende Erkennungs- und Rührszene aufzuführen. Es könne nicht schaden, wenn der große, gefühlvolle Augenblick noch um einen Tag verschoben werde. – ] Oberhalb der breiten Waldschlucht des Flusses lag die grüngraue Prärie, so weit sie zum Grasschnitt benutzt wurde, zaunlos und ohne Grenzscheide. Über der Bellavistaer Gegend ballten sich dunkle Wolken. Jönker, der geflissentlich an Gehörschwäche, aber auch, wenn es angebracht war, an Gehörtäuschungen litt, behauptete bei Gott, ein [später ergänzt: fernes ] Grollen zu hören, und trieb zur Eile an. Er lud wie toll, während der Deutsche und der Neger von beiden Seiten auf den Wagen forkten. Mit einem Male [später ergänzt: erhob Tom ein Gebrüll: »Look out! The big bull got crazy, der große Bulle ist wild geworden. Dann wurde alles still, und der Schwarze war versunken, wie im Erdboden verschwunden. Über das Gefilde ] stob ein mächtiger Stier, und hinter ihm sprengte, die Lederpeitsche schwingend, jene junge Sonntagsreiterin, aber nicht im feuerroten, sondern im grauen, allzu kurzen Werkeltagskleide. Mit der Forke bewaffnet, sprang Amatus mutig dem Stiere entgegen [später ans Satzende gestellt], welcher bös und brummend die Hörner senkte, aber seitwärts schwenkte. Bertie Frenzen wiegte sich im kurzen Galopp und rief: »Wenn Sie mir helfen würden, ihn in Ihre Hürde hinein zu treiben!« Der hilfsbereite Deutsche rannte mit der hoch geschwungenen Forke übers Feld, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade anzusehen. Einsam, groß und glotzend stand Jönker auf dem Wagen und fluchte feierlich und sprach ein immer längeres und lauteres Goddam nach dem andern. Tom, der zwischen die Hinterräder gekrochen war und wie ein Gorilla grinste, unterdrückte das Gelächter dadurch, daß er sich den Mund mit Kautabak füllte. Als der Bulle glücklich in der Hürde war, zupfte die Reiterin ihr kurzes Kleid um zwei Zoll länger und lachte Amatus mit den dunklen Augen und den weißen Zähnen an. »Warum haben Sie sich noch nie bei uns sehen lassen? Fürchten Sie sich vor mir?« Lächelnd gab er zurück: »Ja, wo solche Augen unter dem Sonnenhut hervorsehen, schaut die Gefahr um die Ecke.« Da brüllte der Farmer durch die vorgehaltenen Hände. »He! Wer bezahlt mir mein Heu, wenn es verdirbt? Das Mädchen ist Manns genug, um selbst ihren Bullen zu bändigen. Tom, Tom!« Unter den Hinterrädern kam der Neger hervor und sagte salbungsvoll: »Über ein Kleines werdet ihr mich sehen … Herr, fluchet und sündiget nicht so schrecklich!« Nach Verlauf von zehn Minuten ritt Bertie über die Prärie und führte den Stier, wie eine Milchkuh, am Lassoseile mit sich. – Das letzte Fuder Heu war eingefahren. Als Tom verlauten ließ, ob nicht die Beendigung der Ernte durch eine kleine Festlichkeit zu feiern sei, litt der Farmer an großer Gehörschwäche. In der Frühe des Sonntags bestieg Amatus seine Stute, die durch verständige und milde Behandlung ein brauchbares Tier geworden war, um nach Bellavista zu reiten. Wo der Weg durch den Fluß über eine von hineingeworfenen Steinen gebildete Furt führte, erwachte in Susy die alte, bockige Natur, und sie wollte durchaus den festen Grund und Boden nicht verlassen. Darum stieg der Reiter ab und streichelte das Pferd, bis es sich [später ergänzt: durch Güte ] bewegen ließ, seine Schuldigkeit zu tun. Noch hatte die deutsche Kirche in Bellavista keinen Prediger gefunden, der geneigt gewesen wäre, für ein Gehalt von zweihundert Dollars das Wort zu verkünden und die Sakramente zu verwalten. Deshalb band der Deutsche sein Pferd vor dem Gotteshause der Presbyterianer an. Ohne daß der er ihr Kommen bemerkt, stand Bertie Frenzen in dem feuerroten Kleide vor ihm. »Guten Morgen, Herr Schüchtern! Mein Vater ist auch ein Deutscher, und wir sind Landsleute, wenn ich auch hier geboren bin und lieber amerikanisch spreche.« »Sprechen Sie nur amerikanisch!« lächelte Amatus. »Well, weil Sie von selbst nicht kommen … [später ergänzt: bitte, ] holen Sie mich heute Nachmittag zu einer kleinen Wagenfahrt ab! Das ist amerikanisch, nicht wahr?« Ja, das war von einem fünfzehnjährigen Mägdlein sehr amerikanisch gesprochen; und er zupfte nachdenklich am Schnurrbart, doch nicht darum, weil er an ihrer Aufforderung moralischen Anstoß nahm, sondern aus einem andern Grunde. »Gern und mit großer Freude täte ich es, Fräulein Frenzen, wenn – wenn ich nur eine Chaise hätte.« Sie wußte sofort Rat. »Reiten Sie doch zu uns hinüber, dann nehmen wir unsern Wagen.« Während der Predigt war der Kandidat ein recht unaufmerksamer Zuhörer, denn auf der Bank vor ihm saß das feuerrote Kleid, und das störte seine Andacht, obgleich er sich christlich bemühte, das kaum der Schulbank entwachsene Mädchen für frühreif zu halten. Nach dem Amen aber entschuldigte er Bertie mit ihrer kindlichen Naivität und den freieren Sitten des Landes. – Mit stolzem, hohem Gang trabte Susy, vor die Frenzensche Chaise gespannt, und das Pärchen fuhr von dannen, zwar ohne Segenswunsch, aber doch mit Wissen der Eltern, die ihren Mittagsschlaf hielten. Viele törichte Fragen stellte Bertie. Ob es wahr sei, daß jeder zweite Mensch in Deutschland eine Pickelhaube trage? Ob die preußischen Prinzen, die mit zehn Jahren Leutnant [später: Leutenant ] würden, schon in der Wiege Uniform an hätten [später: anhätten ]? Warum man bei den vielen Denkmälern, den Stand-, Steh- und Sitzbildern, die in Deutschland errichtet würden, nicht auf den schlauen Gedanken gekommen sei, eine Denkmalsfabrik in Berlin oder Blasewitz zu errichten? Natürlich alle Größen der Nation in verschiedenen Größen und zu festen Preisen! Er [später: Der Deutsche ] lachte laut. »Jawohl, die großen Generalfeldmarschälle vier Meter hoch in Bronze, die kleinen Generalsuperintendenten in Sandstein bedeutend billiger.« »Generalsuper–?« Bertie war baß verwundert, was das für ein Geschöpf [später: für ein Geschöpf ein Generalsuper ] sei? Und ob das auch Uniform trage? Eine Viertelstunde lang hatte sie ihren Spaß daran, das komisch lange Wort zu radebrechen, bis sie es ohne Stottern aussprechen konnte: »Ge–ne–ral–su–per–in–ten–dent.« Die kleine Amerikanerin hatte einen tollen Wissensdurst, den der akademisch gebildete Deutsche nicht immer zu befriedigen vermochte. In Bellavista angekommen, bat sie äußerst schnell und plötzlich ihren Begleiter, Halt zu machen und das Pferd am Pfosten anzubinden. Etwas baff und fragend sah er sie an. Bertie nickte [später ergänzt: höchst ] ungeniert: »Ich will auf einen kleinen Augenblick aussteigen.« Er nickte ein langgedehntes »All right« und blieb in eignen Gedanken ruhig sitzen, ohne ihr mit den [später ergänzt: dezenten ] Augen zu folgen. Fräulein Frenzen stand auf dem Holztrottoir und brach in ein helles Gelächter aus. »Ja, hier ist eine Konditorei … weil Sie so freundlich gegen mich gewesen sind, will ich Schokolade und Kuchen für Sie ausgeben.« Amatus, der so an seine Gentlemanspflicht sich erinnern lassen mußte, wurde feuerröter als ihr Kleid und machte einen Luftsprung aus dem Wagen auf den Bürgersteig hinüber. Alles, was des Mägdleins Herz begehrte, hat er bestellt und bezahlt. Und Fräulein Frenzen brachte es fertig, für einen Dollar Schokolade, Kuchen und Konfekt zu verzehren. Sittsam wie die Ausfahrt war die Rückkehr, obgleich der flüsternde Abend, der verschwiegene Versucher aller jungen Herzen, niedersank. Der junge Mann strich, vielleicht nicht zufällig, über etwas Handschuhloses und Hellbraunes [später ergänzt: zart und leise hin ] – und erhielt in demselben Augenblick einen festen Schlag auf die Finger. Da hielt der Wagen, und Susy stand, die Füße in den Grund gestemmt, in ihrer bockigen Stellung. Es war genau der Fleck, wo die Wege nach der Frenzenschen und der Jönkerschen Farm sich trennten. Susy wollte um keinen Preis nach links. Darum sprang Bertie von ihrem Sitz und lief rücklings, geschickt und graziös, immer grüßend und lachend, ihrer Farm zu. Amatus kam mit seiner eignen Stute und einem fremden Wagen heim. Obgleich Susy ihn schwer geärgert hatte, züchtigte er sie nicht. [später ergänzt: –] Der Montag [später: Montagmorgen ] hellte sich. Tom Lincoln schnarchte auf der Küchenbank und reagierte weder auf Rütteln noch Nasengekitzle. So nahm der Deutsche zu einem Wassergusse seine letzte und erfolgreiche Zuflucht. Der Neger reckte sich und flüsterte: »Haben Sie vielleicht einen Tropfen Whisky in ihrem Koffer? So Gott will, haben Sie es … ich habe mir gestern einen guten Tag gemacht.« »Bei der Heilsarmee?« »Mensch, was meinen Sie!« »Mensch!« gab Amatus erschrocken zurück, »wissen Sie nicht mehr, wo Sie sind? Woher in Kansas Whisky nehmen?« Tom seufzte kopfschwer: »Die es bezahlen wollen und können, kriegen auch im Temperenzlande alles [später ergänzt: , was sie wünschen, ] für schweres Geld.« Das war dem Deutschen etwas Neues, worauf seine Gedanken oft und unwillkürlich zurückkamen. Doch fragte er den Neger nicht näher aus. Und als er sein Abendgebet sprach, fluchte er, ja, er fluchte, von einem heiligen Zorn ergriffen: »Der Teufel soll es [später: Satanszeug ] holen! Hier glaubte ich mich sicher vor der verruchten Alkoholseuche der Menschheit.« Er zwang seine Gedanken, nicht daran zu denken, daß es Whisky in Kansas gäbe, und erneuerte den Entschluß, das Temperenzgesetz des Landes nicht zu übertreten. Unter diesem Abendgebet faßte ihn auch eine Reue, daß er gestern für Bertie Frenzens Schleckereien einen ganzen Dollar vergeudet. Vier Mark! Wenn er die seiner Mutter nach Norderhafen gesandt hätte, wie würde die sich gefreut und das Geld nützlich angewandt haben! Teure Wagenfahrten und dergleichen törichte Dinge wollte er in Zukunft meiden. Das war sein zweiter Entschluß. – Das Barometer sank. In möglichster Eile sollte der gemähte Weizen in Diemen gefahren werden. Amatus hatte sich am Brote satt gegessen, schluckte hastig den letzten Bissen und ließ das Schweinerne unberührt stehen. Auch er hegte jetzt den Wunsch, die jüdischen Speisegesetze in die christliche Religion aufzunehmen. Über die Ackerfläche des tiefschwarzen und furchtbaren Flußbodens fuhr der Wagen die Hockenreihen auf und ab. Hochoben stand Tom und legte die Garben, und der Neger hielt [später ergänzt: plötzlich ] inne und die Hand über die Augen. »Zum Donnerwetter, was guckst du? Mach zu!« »Herr, ich sehe einen Mann, der sich drüben beim Hause zu schaffen macht.« »Hast du alle Türen verschlossen?« »Yes, Sir … nun hat er uns gesehen und kommt übers Feld.« »Laß ihn in Gottes Namen kommen und mach' in des Teufels Namen nur zu, nur zu!« Der Mensch, der näher schlenderte und [später ergänzt: lässig ] zum Hute griff, ohne ihn abzunehmen, war [später entfallen: sehr ] zerlumpt. Jönker brummte leise: »Ein Tramp! Ich gebe Landstreichern keinen Cent!« Und laut und barsch fuhr er den Fremdling an: »He! Was wollen Sie? Arbeit? He?« Der Zerlumpte, der das Englische gebrochen sprach, zeigte auf sein umbundenes Handgelenk, das er sich beim Heumachen verstaucht haben wollte, und hat um eine Kleinigkeit. Es ist nicht schwer, aus der Eigentümlichkeit der [später: seiner ] Aussprache die Herkunft eines Eingewanderten herauszuhören. Jönker stutzte und fragte: »Sind Sie ein Däne?« »Nein, Nordschleswiger.« Nun hörte auch Amatus auf zu arbeiten und horchte. »Woher denn da?« »Aus Apenrade.« »Soso! Und warum sind Sie aus Nordschleswig fortgegangen?« »Ich wollte nicht bei den Preußen drei Jahre dienen.« Jönker sah ihn an und summte und griff großmütig in die Tasche und gab, nachdem er ein paar Mal das Geldstück gedreht, ehe er sich davon trennen konnte, dem Landstreicher die Münze. Amatus gewahrte, daß es ein Vierteldollar war, und war starr vor Staunen. Eilig machte sich der Tramp von dannen, als ob er fürchte [später: fürchtete ], [später entfallen: daß ] der Geber [später ergänzt: könne ] sich versehen und vergriffen haben [später hier entfallen: könne ]. Dieser Vorgang und die unerklärliche Großmut des Geizhalses ging dem deutschen Nordschleswiger während des ganzen Vormittages durch den Kopf. [Später entfallen: Nach beendetem Mittagsmahle sagte der Farmgehilfe plötzlich und unvermittelt: ] [Später ergänzt/anders: In dem verschrumpften Herzen des alten, verknöcherten Mannes zuckte noch klein und schwach eine bessere Regung, selbst in der Brust war ein Heimatgefühl nicht ganz erloschen. Amatus bereute seine zu weit getriebene Verstellungskunst und gab sich seinem Oheim zu erkennen: ] »Herr Jönker, Sie sind Nordschleswiger.« Unter den grauen Brauen schoß ein schräger, mißtrauischer Blick zu ihm hinüber [später: hervor ]. »[Später ergänzt: Hm, ] D/darf ich das nicht sein?« » O, dann sind wir ja [später: Wir sind sehr nahe ] Landsleute … ich stamme von Arup oben an der Grenze.« Das hagere Gesicht zog sich in die Länge und blieb so mit halb offnem Munde stehen. »Von Arup? [Später entfallen: Kennen Sie auch das Dorf Hellebäck?« »Gewiß, dort hatte mein Großvater Berg einen Bauernhof.« Der Farmer schnellte empor. »Ihr Groß–va–ter? Good heavens! Himmel! Himmel! Wie wunderbar! Kommen Sie mit ins Haus hinüber!« Eilig voraus rennend, bis er außer Hörweite des Negers war, blieb er auf der Veranda stehen und sah Amatus ins Angesicht und legte beide Hände auf seine Arme. »Ist das möglich? Ich habe Sie immer bei Ihrem Vornamen Amatus genannt, aber weiß doch von der Predigerwahl her, daß Sie Junker heißen, nicht wahr? Und Ihres Vaters Vorname?« »Mein Vater heißt Hans Junker und war Totengräber in Arup.« Der Farmer ließ die Arme schlaff herabfallen und schnappte nach Worten. »Du … du bist mein Brudersohn … und ich bin Tycho Junker … hast du von dem gehört?« Amatus zitterte so, daß er sich an die Verandasäule lehnen mußte, und war dermaßen kopflos, daß er die sinnlose Frage stellte: »Der Onkel Tycho … der … in der Schlacht bei Schleswig fiel?« »Nein, wenn ich erschossen wäre, stünde ich nicht lebendig hier … ich bin damals von den Dänen, für die ich nicht mein Leben riskieren wolle, desertiert.« »A–ber«, stotterte Amatus, noch immer fassungslos, »Sie – Sie heißen doch Jönker …« »Das ist ja nur die amerikanisierte Aussprache des deutschen Junker.« Tycho strich sich das Kinn, versuchte zu lächeln und wiegte den Kopf. »Eine ganz unglaubliche Geschichte, wenn sie nicht wahr wäre! Mein leiblicher Brudersohn will hier Pastor werden und wird farmhand bei mir. Und meinem Bruder geht es gut? Und Monika?« »Ja, mein Vater ist Gerichtsdiener in Norderhafen.« »Geschwister hast du?« »Zwei Schwestern.« Amatus wurde immer gerührter. »Onkel, wie werden sie erstaunen, wenn ich das nach Hause schreibe.« ] [Später ergänzt im Anschluß an die Frage »Von Arup?«: Wie heißt du denn?« Er hatte seinen Gehilfen stets nur Amatus genannt, wie das auf der Farm üblich ist, und auf den Zunamen nicht geachtet. Jetzt kam der Effekt: »Wir sind sogar sehr nahe Verwandte … mein Vater heißt Hans Junker und war Totengräber in Arup und ist Ihr Bruder.« Der Alte streckte nicht die offenen Arme aus, sondern prallte zurück mit einem unsagbar argwöhnischen Blick und pfiff durch die Zähne. »Sieh, das Grünhorn scheint ein ganz smarter Kerl zu sein … du hast doch wohl in meine Farm verliebt, mein Sohn? Da kann jeder kommen und sagen: Mister Jönker, ich bin Ihr Neffe aus Nordschleswig und verspüre große verwandtschaftliche Zuneigung d.h. Neigung, die Farm und das Vieh einmal zu erben. Mein Brudersohn willst du sein? Junker heißen viele. Hast du darüber Ausweispapiere?« »Ja, Gott sei Dank, ich habe Ausweispapiere, von Ihrer eignen Hand geschrieben.« Amatus holte den Brief, den Tycho an seinen Bruder gesandt hatte, aus der Tasche. Das war eine zweifellose Legitimation des neuen Neffen, aber der Farmer öffnete noch nicht seine Arme, sondern brummte: »All right, er ist mein Brudersohn … aber warum hat der Schlingel einige Wochen lang herumspioniert und Komödie mit mir gespielt?« »Lieber Onkel, warum hast du 38 Jahre lang den Toten gespielt und dem leiblichen Bruder keine Zeile geschrieben?« »Es hatte seine Gründe!« Jönker zupfte den Neffen am Ohrläppchen. Das wollte eine Liebkosung sein und war das einzig Gefühlvolle an dieser Erkennungsszene. »Well, ich habe gesehen, daß du kein Faulpelz bist, sondern die Fäuste gebrauchen kannst. Du wirst natürlich bei mir bleiben und wie mein Sohn gehalten werden, aber arbeiten mußt du wie bisher.« »Jawohl, und bezahlt wird meine Arbeit auch wie bisher.« »Was? Du bist doch nicht mehr mein Farmknecht, sondern mein Sohn und Erbe … wir stehen nicht in einem Dienst- und Lohnverhältnis, sondern ich bestreite alle deine Bedürfnisse!« Der Oheim suchte aus dem neuen Verwandtschaftsverhältnis seinen Vorteil zu ziehen und fing schnell ein anderes Thema an. »Was hast du denn von deinem Onkel Tycho zu Hause gehört? Wohl nicht viel Gutes?« »Ich hörte, daß Onkel Tycho in der Schlacht bei Schleswig gefallen sei.« »Nein, Gott sei Dank nicht … wenn ich erschossen wäre, stünde ich nicht lebendig hier … sie glaubten alle, daß ich gefallen wäre, und sie sollten es glauben … ich bin damals von den Dänen, für die ich nicht mein Leben riskieren wollte, desertiert.« Tycho [später entfallen: aber ] hatte die Erregung und Überraschung verwunden und die Ruhe des Gemüts wiedergewonnen. »Ja, bis die Gäule gefressen haben, kannst du mir [später ergänzt: von zu Hause ] erzählen, aber ein bißchen schnell!« Nach alten Bekannten erkundigte er sich [später ans Satzende gestellt], von denen die meisten schon tot waren. Zuletzt stellte der Neffe die Frage: »Du wurdest von allen tot geglaubt … wie ist das zugegangen in der Osterschlacht, daß man dich für gefallen hielt?« »Ja, das ist eine eigene und kuriose Sache.« Tycho schmunzelte und sah nach der Uhr. »Aber jetzt haben wir dazu [später: zum Schwatzen ] keine Zeit. Heute abend nach Feierabend will ich es dir umständlich erzählen, jaja, hihi … wie ich in der Schleswiger Schlacht fiel und nicht tot, nicht einmal verwundet war und den Dänen entwischte.« Des Neffen Geduld wurde bis zum Abend auf eine lange Probe gestellt. Endlich dunkelte die Julinacht, die Leuchtkäfer zogen wie Glühfäden durch die Luft, und die Mücken surrten. Tycho zündete sich die Pfeife an, paffte bedächtig und erzählte zwischen den langsamen Zügen in abgerissenen Sätzen. »Ich war [später entfallen: ja ] in die Uniform gesteckt worden und mußte mit … aber wollte doch nicht für die Dänen, die ich haßte, mein Leben zusetzen … der Mensch hat ja nur eins zu verlieren. Zu gefährlich [später ergänzt: , zu lebensgefährlich ] geht's im Kriege her … lange hatte ich darüber spintisiert und spekuliert … als die Kanonen krachten und die Kugeln pfiffen, faßte ich mir ein tapferes Herz und den festen Entschluß, es zu versuchen. Bei dem Dorfe Busdorf flohen wir vor den Preußen … ich war der erste …« »Auf der Retirade?« flickte Amatus ein, während der Erzähler paffte. »Ja, natürlich auf der Flucht … ich sprang tief gebückt, um den Kugeln möglichst wenig Zielscheibe zu bieten, über das Feld … beim Überklettern eines hohen Knicks kam ich von ungefähr und mit Absicht zu Fall und schlug längelang hinter demselben hin, so geschickt und glücklich, daß ich im Graben zu liegen kam, der mich gegen Kugeln schützte … ein, zehn, zwölf Dänen oder Preußen traten und trampelten auf mich … ich gab keinen Auwehlaut und kaum einen Atemzug von mir, sondern lag mäuschenstill und wie mausetot … das Getümmel und Geknalle verzog sich in der Ferne nach Schleswig hinüber … und ich blieb immer, ohne mich zu rühren, liegen …« Der Neffe bezwang das Lachen nicht, »Haha, und du warst nicht einmal verwundet.« »Nein, Gott sei Dank nicht! Meinst wohl, ich sei ein schlechter Held gewesen … für die verdammten Dänen wollte ich nicht Kanonenfutter sein … und acht Stunden lang in einem nassen Grabe auf dem Bauche liegen, ist auch ein Heldenstück, das ich tapfer ausgehalten habe.« Der Onkel schmunzelte verschmitzt und schmauchte. »Wurden denn die Verwundeten nicht in die Lazarette geschafft?« fragte Amatus. »Ja, ein paar preußische Ambulanzen gingen an mir vorüber und sagten: ›Der da ist schon fertig‹ , und gaben dem toten Hannemann, der keinen Ton von sich gab, einen Stoß mit dem Fuße. Als es ganz dunkel und still geworden, steckte ich mein bißchen Geld, das ich zum Glück in meinem Tornister trug, zu mir …« »Haha! Und wir schüttelten uns vor Grauen bei dem Gedanken, daß Hyänen des Schlachtfeldes den schwer verwundeten Onkel Tycho ausgeplündert hätten.« »Es war nicht zum Lachen, mir klapperten die Zähne [später ergänzt: im Munde ] … Gewehr und alles ließ ich liegen und kroch auf Händen und Füßen zwischen Toten und Halbtoten hindurch, bis ich das grausige Schlachtfeld hinter mir hatte. Denn lief ich, so rasch ich laufen konnte, an drei Meilen, bis ich beim Taggrauen [später: Tagesgrauen ] einen Heidehof traf. Der Bauer gab mir für gutes Geld einen Lodenrock und ein Paar Linnenhosen … ohne angehalten zu werden, entkam ich nach Hamburg und von da nach Amerika.« »Aber, Onkel, warum hast du niemals deinen Geschwistern geschrieben?« »Ja, es unterblieb …« Der alte Mann stopfte verlegen die Pfeifenasche. »Das … das erzähle ich dir vielleicht ein andres Mal … du bist übrigens deiner Mutter Sohn dem Gesicht nach … wie sieht [später ergänzt: die schöne ] Monika jetzt aus? Ist wohl eine alte Frau?« »O, meine Mutter sieht [später: macht sich ] noch immer sehr gut [später entfallen: aus ] für ihre Jahre.« »Hm, hm, sie war als junges Mädchen sehr schmuck.« Jönker schien in Jugenderinnerungen zu versinken und schwieg. Amatus weckte ihn. »Wie erging es dir in Amerika?« »Hier war noch die volle Wildnis, die Wichita-Indianer hausten ringsum und hatten das Land [später ergänzt: in Besitz ] … ich war in dieser Gegend bis Bellavista, wo eine Haltestelle der Arizona-Post sich befand, der dritte weiße Ansiedler. Mein bißchen Geld genügte, um ein paar tausend Äcker Land zu kaufen … ja, Grund und Boden war damals billig. Das beste Land an der Creek habe ich von einem Indianer-Häuptling für zwei Flaschen Whisky erstanden … zum Glück konnte der Kerl noch eben auf den Beinen stehen, als der Kauf im Landamt eingetragen und gültig gemacht wurde. Der Beamte allerdings war vorher mit einem Zwanziger geschmiert worden. Die 640 Äcker drüben bei der Höllenschlucht bekam ich auch für einen Spottpreis, nämlich für eine silberbeschlagene Pfeife, von einer andern Rothaut. Ja, das waren noch gesegnete Zeiten für den Einwanderer … jetzt wird für das Land 5 – 10 Dollar pro Acker bezahlt.« Amatus hatte das pfiffig fröhliche [später: pfiffig-fröhliche ] Gesicht seines Vaters. »Lieber Onkel, dann bist du ja ein wohlhabender Mann und ein Goldonkel im wahren Sinne des Worts.« Aber da traf er [später: Da traf er aber ] eine empfindliche Stelle des alten Mannes, der den Rauch von sich blies und unbehaglich brummte: »Bilde dir nichts ein! Meine Kleidung und meine Blockhütte zeigen, wie vermögend ich bin … zu viel Vieh ist mir krepiert, und die Ausgaben sind so ungeheuerlich, daß man auf keinen grünen Zweig kommt.« Der Neffe unterdrückte ein stilles Lächeln und kam nicht mehr auf den Punkt zurück, der bei Leuten, die als geldlieb und geizig verschrieen sind, ein Rührmichnichtan ist. – – – Der Weizen war gedroschen und nach Bellavista gefahren. Amatus sah, wie der Onkel eine Handvoll Banknoten in die Tasche steckte, und benutzte die günstige Gelegenheit, seinen bisher verdienten Lohn zu erbitten. Völlig verwundert sah Tycho ihn an und sagte: »Lohn? Davon kann doch zwischen dir und mir, zwischen Onkel und Neffe nicht die Rede sein.« Der junge Mann wurde eindringlicher: »Ich muß aber Geld haben und habe noch keinen Pfennig bekommen.« Der Alte wurde liebevoll und offenherzig: »Siehst du, das bißchen, was ich habe, wird dir einmal als Erbe zufallen … jaja, das ist ein Wort … meine Hand darauf!« »So Gott will, wie Tom sagt, sind das noch sehr, sehr lange Aussichten, davon ich nicht leben d.h. mich kleiden kann. Ich brauche notwendig Geld.« Der Onkel griff in die Tasche. »Einen Fünfer?« »Nein, was wir abgemacht haben.« »Sagen wir einen Zehner?« Noch energischer klang das Nein. »Na, dann fünfzehn Dollars … das andre ersparst du dir mit vier Prozent Zinsen, die ich zahle.« Der niedrigste Zinsfuß in Bellavista war fünf vom Hundert. »Nein, fünfundzwanzig muß ich mindestens haben.« Tycho machte einen Hopser und wand den Oberkörper – in dieser Geste war [später: fiel ] eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Bruder Hans Gerichtsdiener in die Augen [später entfallen: fallend ]. Amatus erhielt nach langem Dingen und Dringen endlich die gewünschte Summe, die der Onkel ihm mit den spöttischen Worten reichte: »Hier ist das viele Geld … nun kannst du dich wie ein Gentleman kleiden und Bertie Frenzen ein [später ergänzt: nobles] Geschenk machen.« Tycho Junkers Neffe eilte nach dem Posthause, wo er einen Brief abgab und gleichzeitig sechzig Mark nach Norderhafen sandte. Ein Geschenk für Bertie wurde nicht gekauft, sondern nur einige notwendige Kleidungsstücke. Im Laden traf er Berties Vater, der außergewöhnlich freundlich ihn begrüßte und bald mit jovialer Herzlichkeit seinen Arm unter den des jungen Mannes schob. Bei den Bauern der neuen sowie der alten Welt werden erst die Wetteraussichten, die Korn- und Schweinepreise besprochen. Als das erledigt war, kitzelte Frenzen den Farmgehilfen seines Nachbars mit dem Zeigefinger und kicherte. »Hihi! Sie Glückspilz! Ich gratuliere von Herzen … wie man hört, haben Sie Ihren Onkel hier ganz unvermutet gefunden … das ist besser als ein Goldfund in Kalifornien … der olle Knick–, excuse me, der alte Herr ist unter Brüdern seine 15 000 wert … ja, ein Goldfund, Sie Glückspilz!« Als Amatus darauf nichts antwortete, wurde die dicke Stimme gedämpft und vertraulich. »Hat er es noch nicht schriftlich fest gemacht [später: festgemacht ], daß Sie ihn beerben sollen?« Der Deutsche gab mit Gleichmut die amerikanische Erwiderung: »I guess not, ich denke, nicht [später: denke nicht ].« »Nein? Wie alt mag der alte Knicker–bocker sein? Hoch in den sechzigern [später: Sechzigern ] gewiß … er könnte sterben, ohne daß Sie etwas schwarz auf weiß in der Hand haben. Das geht nicht, mein Freund. Ich will's schon schlau anfangen und es ihm fein und von hinten herum beibringen, daß er ein Testament machen muß.« »Ich bitte Sie um alles in der Welt, [später ergänzt: nur ] das nicht zu tun.« Frenzen schlug sich auf den Schenkel und grunzte: »Well, well, wie Sie wollen.« Nach einer Weile sagte er: »Ich habe Durst, junger Freund … wollen wir gehen und eins trinken?« Amatus war zu höflich, um die Einladung abzuschlagen, aber auch entschlossen, Berties Vater in dem Kaffeehause seinerseits nicht zu traktieren. Der jedoch führte ihn an der Konditorei vorbei. »Ja, was wollen wir denn trinken, Wasser am Brunnen?« Der Farmer lächelte schlau und schmatzte: »Nein, etwas Besseres [später: besseres ] und mehr Belebendes [später: belebendes ] … ein Täßchen Kansasthee [später: Kansastee ]!« » Kansasthee [später: Kansastee ]? Was ist das?« »Sie werden sehen, ob er Ihnen schmeckt.« Frenzen zog das Taschentuch – die wenigsten Kansasfarmer haben eins – steckte das ganze Gesicht hinein und putzte geräuschvoll die Nase. Er führte den grünen Neuling über einen schmutzigen Hof und in ein abgelegenes Hinterhaus, das keinerlei Firmenschild noch Inschrift trug und sehr wenig appetitlich aussah. Drinnen im kahlen, mit Sägespänen bestreuten Zimmer war eine Tonbank mit Selters- und Limonadenflaschen darauf, hinter denen ein dicker, rotgesichtiger Mann in schmutzig-weißer Schürze stand und stumpfsinnig glotzte. »Hallo, Pit, ich führe diesen jungen Mann, Mister Jönker, bei Ihnen ein.« Ein heiseres Grunzen. »Sehr willkommen! Womit kann ich dienen?« »Zwei Kansasthees [später: Kansastees ]!« Der Theewirt [später: Teewirt ] holte aus einem verschlossenen Verschlage einen Theetopf [später: Teetopf ] hervor und goß zwei weiße Täßchen voll von einer braunen Flüssigkeit. Amatus wunderte sich, daß Frenzen mit ihm anstieß, hielt es aber für einen Scherz, der unter den deutschen Temperenzgegnern üblich sei. Dann nahm er einen Schluck – pfui Teufel! Seine Lippen sprudelten und spieen das Getränk weit von sich, und seine Zunge sprützte, um keinen Tropfen zu verschlucken. Der Kansasthee [später: Kansastee ] war brauner, beißender, schlechter, scheußlicher Whisky, und das Haus eine heimliche Alkoholspelunke. Frenzen setzte erschrocken das klirrende Täßchen hin und erging sich in Entschuldigungen. »Was habe ich gemacht! Ich wußte nicht, daß Sie strenger Wassermann sind. Ist auch ein fürchterlicher Fusel!« Um seinen Zorn zu zeigen, goß er seinen Whiskyrest auf die Sägespäne und fluchte. Amatus eilte aus der Schenke, und der Wirt lief ihm watschelnd nach. »Herr, lieber, bester, edelmütiger Herr, Sie werden mich nicht ewig unglücklich machen und mich anzeigen … ich bin Familienversorger und Vater von sieben Kindern.« »Pit, du lügst, es sind nur fünf, die zwei sind nicht dein, sondern uneheliche Kostkinder.« Frenzen machte seinem Ärger Luft und ließ ihn an dem Wirte aus. Amatus Junker hatte sein Enthaltsamkeitsgelübde gehalten und fuhr mit seinem Oheim nach Hause. Auf dem Wagen saß er frohgemut und pfiff eine lustige Weise. Tycho kniff das schlaue Auge zu. »Du bist wohl in Bellavista Bertie begegnet?« Nein, darum jubelte nicht das Herz des jungen Mannes, sondern das starke Trutzlied des Seelenkampfes und -sieges sang und klang in ihm. Als er aber auf sein Maislager sich [später nach er] hinstreckte, legten sich die hohen und stolzen Töne zu einer fein demütigen Stille, und die Hände faltend, dankte er innig und inbrünstig seinem Gott, der allein ihm eine neue und große Kraft zum Überwinden gegeben. Zweiter Abschnitt: Ein inhaltsschwerer Brief. Das Gras der Prärie war grau und wieder grün geworden. Auf der Farm am gelben Flüßchen war ein Jahr hingegangen in viel Arbeit und Schweiß, in fester, vierzehnstündiger Tätigkeit bei Tag, in noch festerem, achtstündigen Schlafe bei Nacht. Aus dem Stalle, wo die Pferde gefüttert worden und Susy nicht die kleinsten Maiskolben bekommen hatte, trat ein Mann und ging über den Hof dem Hause zu. Rasch, aber etwas schwer war sein Gang, wie bei Leuten, die viel im weichen Pflugacker wandern und waten. Das Gesicht, obgleich von Sonnenbrand und Winddörrnis [später ergänzt: gebeizt und ] rotgebräunt, hatte trotz der reckenhaft langen und überaus breitschultrigen Gestalt etwas zu Feines und Helles für einen Kansasfarmer. In die Breite waren die Schultern gewachsen, und die harten Hände schienen größer geworden, obschon sie für einen richtigen Bauer noch zu unbedeutend waren und blieben. Der starke und stattliche Mann war Amatus, welcher jetzt keine Zerschlagenheit der Glieder, sondern eine überschüssige Kraft spürte, so daß er sich freiwillig an das härteste Ende stellte und überall die schwerste Last hob, die der Oheim nicht meistern konnte, und an welche der Neger seine robuste Kraft, mit der er sparsam umging, nicht verschwenden wollte. Tycho schmunzelte in den grauen Bart, wenn sein Neffe eine Kraftprobe ablegte, einen ganzen Heuhaufen auf die Forke spießte und auf den Boden schleuderte. »Ziemlich gut, mein Sohn! Du trägst nicht mehr wie eine Krähe zu Nest.« Der einstige Kandidat war ein vollkommener Farmer, konnte forken und pflügen, mähen und schneiden und tagelang hinter der Egge im weichen Erdreich storchen, ohne knieschwach zu werden. Er konnte sogar, wenn Tom durch keinen Wasserguß sich wecken ließ, die beiden Kühe melken und das Frühstücks-Schweinerne braten. Ja, das ewige, amerikanische Schweinefleisch! Bei dem Geruch stieg ihm ein Ekel in die Nase, und er sagte: »Onkel, wir streiken.« Der lachte: »Bei Tisch dürft ihr in Gottes Namen streiken … das spart, das spart.« »Nein, Herr, wir legen die Arbeit nieder«, murmelte der Neger, sein Maisbrot kauend. Tycho kraute sich hinter dem Ohr. »Beef, beef begehrt ihr? Woher kommt es, daß die Amerikaner so viel am Magen leiden und für Patent- d.h. Schwindelmedizinen Millionen ausgeben, und daß die meisten von ihnen an Magenkrankheiten und -krebs zu Grunde gehen? Vom übermäßigen Rindfleischgenuß!« Die Furcht vor [später ergänzt: dem ] Magenkrebs war geringer als der Abscheu vor dem Schweinefleisch. »Onkel, wir halten es nicht länger aus.« Nun kramte der Alte im Beutel, bis er ein nicht zu großes Geldstück fand, das er für den Einkauf von Rindfleisch, von Suppenfleisch bestimmte. »Ja, das ist am billigsten«, sagte der Schwarze. – – Sie brachen das Weizenfeld um, und jeder ging hinter seinem Pfluge. Der Neger jodelte Alabama-Weisen und heulte ab und an ein Heilsarmeelied dazwischen. »Am Kreuz, am Kreuz, wo ich das Heil gefunden.« Die böse Hitzzeit war [später ergänzt: jetzt ] vorüber. Herbstwarm herrlich leuchtete die Sonne, die schönsten Tage des Kansaslandes hatten begonnen, der Altweibersommer, den die Amerikaner Indianersommer nennen. Ein aufgescheuchtes Völkchen Präriehühner flog kreischend und flügelklatschend empor. Amatus pfiff vor sich hin und ihm deuchte, daß die Gäule nach der Musik, die er machte, munterer gingen. Ein freudiger Gedanke ging durch seinen Kopf, denn er rechnete und berechnete, nicht wie viel die Farm des Onkels mit ihren Äckern und Weiden und ihren 700 Stück Vieh wert sei, sondern wie lange er gänzlich enthaltsam gewesen. Seit 21 Monaten war keinerlei berauschendes Getränk über seine Lippen gekommen – ja, einmal hatte er einen Schluck in den Mund genommen und sogleich weit von sich geschleudert. Allen Alkohol, in dem mehr Menschen ertrinken als im Meer, hätte er ausspeien und vom Erdboden vertilgen mögen. Am Ende der Runde, wo die Pferde verschnauften, wölbte sich seine Brust, und er reckte die sehnigen Arme im Bewußtsein seiner Kraft. War er nicht ein Riese, der seinen Tyrannen zertreten hatte? Nein, nein, ein andrer war der Held und Hüne, der den grausigen Vergewaltiger seiner Seele überwältigt – der Held und Hüne war der Herr Zebaoth. Er lächelte und lachte zum Himmel empor. Ich bin genesen von dem Pfahl in meinem Fleische, und der Feind meines Lebens ist überwunden. Habe ich ihn gebunden und die Kette gebrochen? Nein, mein Gott, dein ist das Werk und das Wunder, daß ich im neuen Lande und in neuer Luft ein neuer Mensch geworden. Was half und nützte mein jahrelanges Ringen? Dein ist der Ruhm und die Ehre und [später ergänzt: die ] Anbetung allein. Durch seine Seele zog ein Lobgesang der Genesung. Die allerlichteste Freude [später ergänzt: , die Freude ] der Dankbarkeit [,] schimmerte auf allen seinen Zügen. Um ihn war ein Leuchten, wie vom Himmel über sein Gemüt gegossen, und jeder Schatten der Vergangenheit verschwunden. Keine Ahnung eines Unheils unruhte [später: beunruhigte ] seine Seele, die ihr Loblied sang. Und da, im hellsten Sonnenschein, sprengte das Unglück über das Gefild. Bertie Frenzen war die Reiterin, die vor dem Pflüger ihr Roß geschickt und plötzlich parierte. Sie war kein Kind mehr, sondern ein Weib, dessen Körper vom raschen Ritte wogte, und, insonderheit wenn sie im Sattel saß, eine rechte, bräunliche Prärieschönheit mit blitzenden Augen. Nicht ohne jene geheime Befriedigung, die jeder Mann fühlen wird, hatte Amatus bemerkt, daß sie keine Gelegenheit unbenutzt ließ, ihm eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen. Bertie redete den jungen Deutschen an. »Ich war in Bellavista und habe gleich Ihre Post für Sie mitgebracht, die Zeitungen und einen Brief … der ist mal schwer, so daß ich Strafporto bezahlen mußte.« Er nahm den dicken Brief. »Von meiner Mutter …« Seine Hand riß den Umschlag auf. »Ja, nun haben Sie keine Zeit, kein Ohr und keine Auge mehr für mich … aber besuchen Sie uns bald!« Sie ritt von dannen, und er rief ihr nach: »Miß Frenzen, das Porto …« Ein Cowboy-Kunststück machend, warf sie sich mitten im kurzen Galopp auf dem Sattel herum, so daß sie rücklings ritt und ihm das Gesicht zukehrte. Ohne die Zügel zu halten, winkte sie neckisch mit beiden Händen und [später: neckisch mit beiden Händen winkend, ] sprengte über die Prärie. Ihr kurzer Rock flatterte im Winde. Nun aber warf sie die gelenkigen Beine [später ergänzt: rasch ] und [später entfallen: schnurrte ] etwas ärgerlich in die richtige Reiterstellung zurück, denn sie bemerkte enttäuscht, daß er ihre Fertigkeit nicht mehr bewunderte. Nein, die Augen, die ihr einen Augenblick gefolgt waren, richtete er starr und immer starrer auf den erbrochenen Brief, auf die ersten Zeilen. Der schwere Brief entfiel seinen Händen, die er vor das Gesicht schlug. Ein tiefer, seufzender Schluchzer brach aus einer Brust, und er weinte [später: Amatus weinte laut ]. Der Farmer brüllte über das Feld: »Was ist los? Mach zu, daß Toms Gespann dir nicht auf die Fersen kommt!« Der Weinende schrie mit schneidender Stimme zurück: »Onkel, Onkel!« und setzte sich auf den Pflug. Lang schreitend storchte Tycho hinüber. »Ist ein Unglück passiert … was ist mit dir …? Du bist doch nicht vom Rindfleisch krank geworden?« Amatus hob den entfallenen Brief aus der Furche und das traurige, wehe Angesicht empor. »Mein guter, guter ist Vater ge–stor–ben.« Seine Stimme brach. Tychos vornüber geneigter Körper schnellte hüpfend empor. »Das … das geht mich auch an … ich habe ihn seit vierzig Jahren ja nicht gesehen … aber mein Bruder ist tot … es geht mir sehr nahe … wie bald kann der elende Knochenmann einen arglosen Menschen überfallen! Es … es schickt sich wohl nicht, daß wir weiter arbeiten … ich werde deine Pferde abspannen … geh nach Hause! Hallo, Tom, pflüge du nur weiter und faulenze nicht! Ich zähle nachher die Runden, du Racker kannst mich nicht betrügen.« Amatus aß und trank nicht, saß unter dem Ahorn und trauerte um seinen Vater und war nicht imstande, den Brief weiter zu lesen, weil die Buchstaben verschwammen. Erst am Abend las er das Schreiben ganz durch, das nicht weniger als vierundzwanzig eng geschriebene Seiten umfaßte. Sogleich nach der Beerdigung hatte Monika sich hingesetzt und unter den Tränen ihres frischen Schmerzes dem Sohne geschrieben. Der einstige Totengräber war in das enge Bett gelegt worden, das er so vielen Menschen mit sauberem Fleiße bereitet hatte. Oft zog der Leser das Taschentuch und fuhr über die feuchten Augen. Der Tote war ihm ein guter Vater gewesen, der ihm stets nur Liebe, Güte und Nachsicht erwiesen und niemals, trotz seiner Verfehlungen, ihm ein Wort des Vorwurfs gemacht. Wenn er, Amatus, auch von den Leuten ein Muttersohn genannt worden war mit spöttischem Beigeschmack, wenn er auch in stolzer Liebe sich sagte, daß er in erster Linie seiner Mutter Sohn und der geistige Erbe ihrer mannigfachen Gaben sei, so legte er sich doch in dieser Stunde eine klare Rechenschaft davon ab, wie viel er dem Toten verdankte. Abgesehen von dem klugen Anpassungsvermögen und der weltläufigen Gewandtheit, die ihm manchen Dienst geleistet, hatte er nicht wenig treffliche Eigenschaften vom Vater geerbt: Den hellen, unverzagten Sinn, der selbst im tiefen Dunkel neue Hoffnungssterne sah, dazu den rührigen Arbeitseifer, der erwerben und nichts vergeuden wollte. Und wenn er auch manche kleine unliebsame Eigentümlichkeit als Erbe hatte mit in den Kauf nehmen müssen, war nicht der feste Entschluß, den Erbfeind zu überwinden, und die starke Durchführung desselben, die jetzt mit Gottes Beistand gelungen schien, ein Erbteil des Vaters, der ein leuchtendes und mutmachendes Beispiel ihm gegeben, als er plötzlich seine Kette zerbrach? Ja, das dankte er mit Tränen der Rührung dem Toten in seinem Grabe, und im treuen Sohnesgedächtnis wollte er das Andenken seines guten Vaters bewahren. Onkel Tycho fragte voll Teilnahme: »Wie ist das mit meinem Bruder so unerwartet schnell zu Ende gegangen?« Amatus erzählte aus dem Inhalt des Briefes: »Das widerliche Weibsbild, die Brummerhanne, die ihm jahrelang Verdruß und Ärger bereitet hat, ist indirekt schuld [später: Schuld ] an seinem Tode.« »Ein Weibsbild? Hä–äm!« Tycho machte ein langes Gesicht und einen mißtrauisch gespitzten Mund. »Die Brummerhanne?« »Ja, so wird sie in Norderhafen genannt, weil sie die Hälfte ihres Lebens im Gefängnis hat brummen müssen. Schon als Kind stahl sie … damals war die körperliche Züchtigung noch nicht abgeschafft. Sie wurde vom Gericht abgeurteilt und im Gefängnisse gepeitscht, welcher fürchterlichen Prozedur mein Vater beiwohnen mußte, um die Zahl der Schläge zu kontrollieren. Ich weiß mich zu erinnern, wie er krank von dem Anblick nach Hause kam und keinen Bissen essen konnte. Sehr bald hatte die Brummerhanne wieder lange Finger gemacht. Auf dem Transport entwischte sie meinem Vater, woraus ihm viel Verdrießlichkeit entstand. Seitdem war er sehr vorsichtig und fesselte sie stets, und zwar so, daß er eine Kette an ihrem Handgelenk befestigte und zweimal um die Hand sich schlug. Wenn er so mit der Gefangenen durch die Gassen ging, war er in schlimmster Laune, denn seine Bekannten blieben stehen und machten schlechte Witze: ›Ja, Hans, du und die Brummerhanne macht ein hübsches Gespann.‹ Diese bösen Transporte waren meines Vaters Kummertage. Und nun hat die unverbesserliche Diebin sein Ende herbeigeführt.« »Was? Wieso? Sie hat ihn niedergeschlagen?« »Nein, indirekt … als er sie in der üblichen Weise transportierte, machte Brummerhanne beim Krankenhause einen plötzlichen und so gewaltsamen Ruck, daß mein Vater aufs Pflaster hinstürzte und die Kette fahren ließ. Sie warf ihre Holzpantinen von sich und sprang durch den Krankenhausgarten und hinten über den Zaun. Als er sich aufraffte und ihr nachschrie und nachrannte, hatte sie einen großen Vorsprung und niemand war in der Nähe. Aber er lief mit Anspannung all seiner Kräfte bis zur völligen Erschöpfung ihr nach, bis sie über das freie Feld entkam. Mein armer Vater kam verkeucht und triefend naß nach Hause und konnte infolge der Überanstrengung und Aufregung nur einzelne abgerissene Worte sprechen. Am ganzen Leibe zitternd, saß er auf einem Stuhl und glitt plötzlich auf den Fußboden hinunter, wo er wie leblos lag. Der Schlag hatte ihn gerührt.« Tycho summte. »Hm hm, mein Bruder ist gewissermaßen in Ausübung seines Berufs gestorben und sein Tod eine Folge seiner Pflichterfüllung … da muß die Obrigkeit doch seiner Witwe eine gute Pension geben.« »Mein Vater ist nicht gleich gestorben, sondern hat noch drei Wochen krank im Bette gelegen, die rechte Seite vom Schlagflusse gelähmt.« Amatus schwieg und teile dem Oheim den folgenden Passus des Briefes nicht mit. Es hätte auf den Toten einen kleinen Schatten werfen können. Der Gerichtsdiener Hans Junker, der in den dicksohligen, geschmierten Stiefeln ein volles Vierteljahrhundert als allbekannte und -beliebte Persönlichkeit durch die Gassen Norderhafens stapfte, hatte für immer ausgelaufen. Sein letztes Rennen hatte ihm den Todesstoß gegeben. Die Stelle des Briefes, die Amatus für sich behielt, lautete: »Drei Wochen lag er im Bette, in dem er seit den ersten Zeiten unsrer Ehe, wo er am Wechselfieber litt, bei Tage nicht gelegen hatte. Ach, oft wurde er unwirsch, weil er doch wieder essen könne und darum gesund sein und wieder aufstehen wolle. In seiner Sprechweise, die stammelnd geworden war und mir draußen in der Küche die Tränen in die Augen trieb, schalt er ungehalten: ›Mutter, du hast wohl deine rechte Wonne daran, mich im Bett zu halten.‹ Ich konnte ihm nicht sagen, daß er infolge der rechtsseitigen Lähmung gar nicht aufstehen, geschweige denn gehen könne. Er [später: Dein Vater ] war kein geduldiger Kranker. Bitter weh tat es mir, als ich einmal in bester Absicht zum Frühstück ihm zwei weich gekochte Eier brachte. Aber vorwurfsvoll sah er mich an und stotterte: ›Mutter, du bist wohl unter dem Vollmond geboren? Wie sollen wir Doktor und Apotheker bezahlen, wenn wir so verschwenden?‹ »Ich wurde verzagt. Friedlines blinde Augen brachen in Tränen aus. Unwillig fuhr der Vater sie an: ›Was heulst du? Meinetwegen, Mona, gib mir das eine Ei und das andre morgen!‹ Ich trug das ungegessene Ei in die Küche hinaus, und Friedlinchen setzte sich ans Bett und faßte des Vaters Hand. Durch die angelehnte Tür horchte ich in die Stube hinein. Wie eine kleine, kindliche Predigerin des Herrgotts saß sie bei ihm und redete dem Vater [später: ihm ] ins Gewissen. – ›Du darfst die arme Mutti nicht betrüben, die es gut mit dir meint und dich pflegen will.‹ – ›Aber wo soll es herkommen, Friedline?‹ – ›Wir werfen alle unsre Sorge auf ihn, den Vater und Versorger aller Menschen.‹ – Sie streichelte und küßte ihn. ›Wenn du nun stürbest, ich glaube es nicht, aber wenn du scheiden müßtest, hättest du nicht manches zu bereuen?‹ – ›Ja, es geht zu Ende mit mir, mein Kind, ich habe abgelaufen … ich habe oft böse geredet und übel gehandelt und viel zu bereuen … bete mit mir, Friedline, denn mir wird angst und ich muß sterben!‹ – Friedline faltete die Hände und sprach ein kindliches Gebet, innig und ergreifend. »Der Vater weinte laut und wurde von Stund an stiller, sanftmütig und liebevoll gegen uns beide, als habe das Gebet ihn umgewandelt. Morgens und abends verlangte er von selbst, daß ich ihm eine Andacht vorlese, und betete leise mit. Das ist der große Trost in meinem tiefen Schmerze: Friedline und ich haben gesehen, wie er bei Abnahme seiner Kräfte innerlich wuchs, und wir haben die gewisse Zuversicht, daß dein Vater im Glauben an seinen Herrn von uns geschieden ist. In den letzten Zeiten war er ein sehr geduldiger und gottergebener Kranker. »Dann, am Tage vor seinem Tode, kam dein Brief, mein einziger Amatus, und das Geld, das er enthielt. O, das war vor dem Sterben für deinen seligen Vater eine überschwängliche Freude. Er war ja immer sehr aufs Sparen bedacht, und das Geld, das sein Sohn verdient hatte und seinen alten Eltern sandte, rührte ihn zu Tränen. Amatus, du bist ein treuer Sohn. »Nachdem er mit einem Lächeln die Goldstücke durch die Finger hatte gleiten lassen, sagte er zu mir: ›Mutter, das ist ein große Hilfe für Doktor und Apotheker … nun kann ich ruhig sterben. Mein Bruder Tycho wird ihm das meiste von seinem Vermögen hinterlassen, ich erlebe es nicht mehr, aber du wirst noch sehen, daß unser Amatus, wenn auch kein Pastor, so doch in Amerika ein gemachter und wohlhabender Mann wird … jetzt kann ich ruhig meine Augen schließen, mein Sohn wird für seine Mutter und seine blinde Schwester nach meinem Tode sorgen.‹ »Am letzten Morgen bemerkte ich, daß er schwach war und das Sprechen ihm sehr schwer fiel. Noch eine letzte Erdensorge trat an ihn heran und machte ihm Unruhe. Er stammelte die Worte hervor: ›Mona, der Tischler Sörensen – schuldet mir – für Sägebock und Säge, die ich ihm verkauft habe, noch 2 ½ Taler … wenn – wenn ich sterbe, laß ihn den Sarg machen – und ziehe das Geld ab!‹ Ja, in seiner Fürsorge blieb er sich treu bis zum Tode. Gegen Mittag wurden seine Augen plötzlich stier, und er starrte mich angstvoll an und schrie mit brechender Stimme: ›Mutter, Mutter, ich sterbe … in Gottes Namen.‹ Das war sein letztes Wort. In Gottes Namen und im Glauben hat er seinen letzten kurzen und kampflosen Seufzer getan. Nun ruhe er nach seinem Lauf in Frieden! Amen.« Nach dem Amen kam die Briefschreiberin auf einen andern, etwas unchristlichen Gegenstand. Ob der Onkel noch immer so knickerig und geldlieb sei, daß er schwer den sauer verdienten Lohn herausgäbe? Der Geiz sei doch eine Wurzel alles Übels. Diesen Passus las Amatus für sich, und Tycho fragte: »Was meldet deine Mutter sonst?« »Sie schreibt, daß der Geiz die Wurzel alles Übels … mein seliger Vater litt auch an dieser Untugend und hat durch sein unangebrachtes Knausern nicht selten meine Mutter betrübt … ob das Übel in der Familie liegt? Was meinst du, Onkel?« Der Onkel meinte und hörte nichts und sah wie taub aus dem Schiebefenster. Doch kehrte er sich wieder um, als der Neffe allerlei andres aus dem Inhalt des Briefes, von alten Bekannten und von der Familie [später anders: Silly ] Berg, ihm mitteilte. [Später entfallen: »Der Sohn von Karl Berg ist Amtsrichter in Breitenföhrde geworden? Himmel! Dann ist er ja eine große Kreatur und verdient ein Heidengeld und wird seiner Tante Mona helfen.« Amatus nickte, und seine Stimme hatte einen bittern und beißenden Klang. »Mein Vetter Asmus ist Amtsrichter geworden … ja, selig sind die dreisten und rücksichtslosen Herrenmenschen, denn sie werden das Erdreich besitzen – und den Himmel verlieren.« So setzte er unwillkürlich hinzu. »Meiner Mutter helfen, meinst du? Ja, beim Bart des Propheten Zarathustra! Höre, wie er ihr geholfen! Zur Beerdigung kam der Amtsrichter, vielleicht um sich in seiner neuen Würde zu zeigen, mit seiner Schwester Silly, die für ihn den Haushalt führt, nach Norderhafen hinüber.« Er hob den Brief ans Licht des Fensters und las die Worte der Mutter. »Nach dem schweren Gang zum Kirchhofe, wo Asmus einen prachtvollen Kranz – das muß ich ihm lassen – niedergelegt hatte, kamen er und Silly mit mir nach Hause, wo Friedline inzwischen eine Tasse heißen Kaffee gekocht hatte. Dein Vetter hat bereits eine würdevolle Korpulenz und ein Amtsrichterbäuchlein, aber sein Gesicht ist aufgedunsen und ungesund und gefällt mir nicht. Beim Ablegen in der Schlafstube sagte ich zu Silly: ›Ja, jetzt seid ihr im Glücke.‹ Sie verneinte es nicht und wollte offenbar nichts sagen, aber sie machte kein glückliches Gesicht, und das Wort entfuhr ihr: ›Tante, nicht alles, was glänzt, ist rechtes und reines Gold.‹ Beim Kaffeetisch schwatzte Asmus etwas prahlerisch von ihrem gesellschaftlichen Verkehr mit den ersten Familien Breitenföhrdes, und daß er ein großes Haus machen müsse. Dabei blickte ihn die Schwester einmal scharf und so besonders an, daß mir der Argwohn aufstieg: Ob er nicht auch mit andern und nicht den besten Menschen Umgang pflegt? »Plötzlich fragte Asmus mich, wie hoch wohl die Begräbniskosten sich belaufen würden, und als ich erwiderte: ›Mindestens siebzig Mark‹ , sah er seine Schwester an und zog seinen Geldbeutel, aus dem er, wie mir schien, drei Zwanzigmarkstücke nahm, die er spielend durch die Finger gleiten ließ. Ich dachte natürlich, daß er mir dieselben als Beihilfe zum Begräbnis geben wolle, doch er klimperte weiter mit dem Gelde, als wenn er darauf warte, daß ich meine Not klagen und bitten werde. Aber betteln habe ich nie gekonnt, sein Gebahren verdroß mich, und nicht ohne Stolz erzählte ich, daß es dir in Amerika gut gehe. ›Na, das freut mich‹ , lachte er unangenehm, ›daß Amatus anfängt, sich zu einem nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu entwickeln … er ist in die Jahre gekommen, wo die Schwabenstreiche aufhören müssen.‹ »Der spöttische Ton verletzte mich, so daß ich dich in noch höheren Tönen rühmte, daß du ein braver und starker Mann geworden, und daß du als Farmverwalter – die kleine Übertreibung kam mir auf die Zunge, Gott verzeihe mir die Sünde! – als Farmverwalter beim Onkel nicht wenig verdienest und als guter Sohn uns sechzig Mark geschickt habest. Was sagte der Schlingel darauf? ›Das freut mich, Tante, freut mich ganz ungemein, daß Amatus sich seiner Pflichten bewußt wird und für dich und Friedline sorgen kann und sorgen will.‹ Mit einem cynischen Lächeln steckte er ruhig seine Goldstücke in den Beutel zurück, obgleich Silly ihn erschrocken und zornig ansah. Nun bin ich froh, daß ich sein Geld nicht bekommen habe, es hätte mich gebrannt. Wir brauchen seine Hilfe nicht und werden unser tägliches Brot haben.« ] [Später ergänzt/anders im Anschluß an die im Brief erwähnte Silly Berg: Tycho nahm die Pfeife aus dem Munde. »Der Hardesvogt Berg hat ja ein fettes Amt und wird die Schafe nach der Wolle geschoren haben … der muß doch seiner einzigen Tochter ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben. Mache dir um deine Mutter keine Sorgen! Die Silly Berg soll ja eine gute Person sein und wird ihre Tante Junker reichlich unterstützen.« Dahinaus wollte der Onkel, welcher befürchten mochte, daß unliebsame Bitten und Wünsche an seinen Geldbeutel herantreten könnten, und noch einmal betonte: »Sorge dich nur nicht um deine Mutter, sondern wird alle deine Sorge auf den Herrn!« »Sorge dich nur nicht, lieber Onkel! Aus Silly werde ich die Sorge für meine Mutter nicht werfen, sondern mit meinen Händen werde ich für sie und Friedlinchen sorgen. Meine Kousine hat von ihrem Vater nichts, aber von ihrer Großmutter ein kleines Kapital von 6 oder 7000 Talern geerbt. Wenn auch die Zinsen nur zum notdürftigen Lebensunterhalt reichen, wäre die arme Silly doch gegen Not und Sorgen gesichert, sofern sie nicht auf dem besten, d.h. auf dem schlimmsten Wege wäre, eine unbegreifliche und unverzeihliche Sottise [Erg. d. Hg.: Fehler] zu machen.« Amatus hüpfte – nach der Weise seines seligen Vaters – empor und dicht ans Fenster, um die Stelle des Briefes, die ihm Unruhe und Ärgernis bereitete, noch einmal mit finstren Augen zu lesen. Der Kandidat Viggo Evers war zum Doktor der Medizin avanziert und hatte sogar die Prüfung als praktischer Arzt bestanden. Diese Tatsache erzeugte nicht ordinären Neid, sondern einen sittlichen Zorn in Junkers Gemüt, so daß er sprach: Selig sind die frechen und rücksichtslosen Menschen, denn sie werden das Erdreich besitzen – und den Himmel verlieren! Dann folgte ein Passus, der seinen Zorn linderte und ein schadenfröhliches Lächeln hervorrief. Der neue Doktor stolziere ohne Ring durch die Straßen Norderhafens und teile jedem mit, daß die Verlobung mit Sylvia Lindemann seinerseits aufgehoben sei. Daraufhin sei zum allgemeinen Gaudium und Gelächter von dem Justizrat Lindemann in der Grenzwacht publiziert worden, das Verhältnis sei von ihm und seiner Tochter gelöst worden. Und das war die Wahrheit, denn die wankelmütige, berechnende Waldfee, die nach einer brillanten Partie trachtete, hatte zwei Wochen nach der Entlobung einen alten, reichen Fabrikbesitzer geheiratet. Amatus lächelte zu früh, der ethische Zorn stieg ihm wieder in die Schläfen und steigerte sich bis zur sittlichen Wut. Der Doktor Evers hatte die größte und teuerste Wohnung in Norderhafen gemietet und als Spezialist für Nerven- und Frauenkrankheiten sich etabliert. Und nun kam das Tollste, das Monika mit betrübten Worten meldete, und das ihren Sohn zu tollen Verwünschungen hinriß. »Denke dir«, schrieb die Mutter, »Silly ist bei dem neuen Doktor, der übrigens mit viel Geschick auftritt und großen Zulauf von Patienten hat, Hausdame geworden. Das arme, törichte Mädchen hat auf meine Warnungen nicht gehört, sondern die unglückselige Stellung, die ihr nur Unfrieden und Unheil bringen wird, angenommen. Ich habe den Eindruck, daß die gute Seele eine heimliche Zuneigung zu dem gewandten und gewissenlosen Menschen hegt, der gleichsam ihr böser Geist ist und eine unheimliche, hypnotische Macht auf das arglose, unschuldige Mädchen ausübt. Mit Schrecken habe ich einen Einblick in ihr Inneres getan – sie glaubt seiner glatten Rede, sie kehrt alles, was er sagt und tut, zum besten, sie entschuldigt seine Fehler, sogar seinen krassen, christusfeindlichen Materialismus, sie vertraut ihm, sie liest ihm seine Wünsche von den Augen ab, sie liebt ihn. Ach, wie weh ist mir um unsre Silly! Ich fürchte, ihr reines, edles Herz wird eine unheilbare Wunde davontragen, ihr stilles Leben wird voll Leid und Streit werden. Die arme, kleine Törin ist zu wahr und aufrichtig, um mir irgend etwas zu verhehlen … die Törin hat von ihrem Kapital 12 000 Mark dem Doktor zur standesgemäßen Einrichtung der Wohnung geliehen, ohne Sicherheit und Bürgschaft. Vertrauensselig gibt sie den größten Teil ihres Vermögens ihm hin – das sagt mir alles, und das wird dich entsetzen. Dieser Evers, der skrupellos das Vermögen, die ganzen Existenzmittel einer Waise, genommen hat, zeigt seinen ganzen, frivolen Leichtsinn. Mit verschwenderischem Luxus soll er seine Wohnung ausgestattet haben, mit üppigen Banketten macht er sich gute d.h. faule Freunde. Es heißt, der Doktor läßt zwei Renner, Equipage und ein Reitpferd aus Hamburg sich kommen – natürlich auf Sillys Kosten, mit dem Rest ihres Kapitals. O, ich fühle einen bittren Schmerz um unsere gute Silly, einen ohnmächtigen, zornigen Schmerz, der weder raten noch retten kann.« Amatus ballte die Faust um den Brief, den er dann wieder behutsam glättete. Eine förmliche Wut wider jenen Elenden tobte in ihm. Der Schurke wollte seine gute, liebe Silly unglücklich machen und um ihr bißchen Hab' und Gut schmählich betrügen. Amatus warf sich in seinem ersten Zorn hin und schrieb einige Zeilen an Evers, er setzte mit kurzen, scharfen Worten dem Frechling das Messer auf die Brust: Entweder zahlst du sofort meiner Kousine das Darlehen zurück, oder ich gebe ihr Aufklärung über den Kirchenraub von St. Marien. Da entglitt ihm die Feder, er grübelte über die Frage der Moralkasuistik, ob man verpflichtet sei, auch einem Lumpen das Wort zu halten. Unbedingt! Amatus zerfetzte den Brief und schrieb statt dessen einen an Silly. Auf seine vetterliche Liebe sich berufend, warnte er vor dem bösen Viggo, den er einen Menschen ohne Grundsätze, ohne Gott, ohne Treue nannte. Der Brief ging nach Norderhafen und hatte nicht die gewollte, sondern gerade die entgegengesetzte Wirkung. Silly, die edle Seele, hatte die Gepflogenheit, jeden Menschen, der angegriffen, gescholten und verkleinert wurde, zu entschuldigen und zu verteidigen. Sie hat für den Geschmähten Partei ergriffen und ihren Glauben an den Doktor Evers sich nicht erschüttern lassen. Das ist die Weise der reinen, hohen und erhabenen Frauenherzen. ] In der Blockhausstube war Dämmerung und gedämpfte Stille. Das Zwielicht wurde ausgenutzt, um Licht zu sparen. Der alte Mann sog in kleinen, sparsamen Zügen den Rauch aus der leise singenden Pfeife. Der junge träumte von Norderhafen und der Heimat, und alle Menschen, die im Briefe erwähnt waren, zogen an ihm vorüber, die gute Kousine und – Klarissa, deren Gestalt im Dunkel vor dem geistigen Auge seines Gedächtnisses deutlich stehen blieb. Merkwürdig, wie greifbar und gegenwärtig er sie sah, die durch Weltmeere und tausend Meilen von ihm getrennt war! Seltsam, daß er die Stelle des Briefes, die von Klarissa handelte, nach zweimaligem Lesen auswendig wußte! In Kürze schrieb Monika: »Nach dem Tode des Zollinspektors ist sie bei der Stiefmutter geblieben, und sie wird nicht leichte Tage haben. Oft sehe ich sie zusammen durch das Pappeltal spazieren, die lange Stine schleicht dahin, auf den Arm der Tochter gestützt, und ist furchtbar mager und ganz quittengelb im Gesicht geworden – böse Zungen behaupten, von Bosheit und Neid – aber [später: jedoch ] die Ärmste ist krank und soll Brustkrebs haben, der um sich greift, trotzdem sie einmal operiert worden. Mit grenzenloser Geduld pflegt Klarissa die Stiefmutter, die unleidlich sie behandelt. Ja, das ist ein gutes und edles Mädchen. Sie redete mich neulich auf der Straße an und hörte mit heller und herzlicher Freude, daß es dir wohl geht, und bat mich scherzhaft, dich von der ›Erwachsenen‹ , die sich jetzt zur alten Jungfer auswachse, bestens zu grüßen und dir zu melden, daß bei ihrem Bruder Wilhelm, sintemal es in Argentinien keine Störche gäbe, der Pelikan oder irgend ein andrer Vogel zum zweitenmal Besuch gemacht habe.« Es war stockfinster in der Stube geworden. Endlich machte Jönker Licht und zündete die kleine, kuppellose Lampe an [später ans Satzende gestellt], die kümmerlich brannte. Der Neffe schlug die vierzehnte Briefseite um und las: »Mein einzig und innig geliebter Amatus, wir haben große Sehnsucht nach dir. Wärest du doch auf einen Monat, einen Tag, ein Stündchen bei uns! Du mußt nach einem Jahres es möglich machen, uns zu besuchen. Darum sende mir kein Geld mehr, sondern spare für die Reise …« »Was meinst du davon, Onkel?« Ein schwerhöriger Aufblick und dann ein beifälliges Nicken! »Ja, spare, mein Sohn, spare!« Amatus lächelte und las weiter: »In der Dämmerung, wenn wir unsern Gedanken still nachhängen, spricht Friedline zuweilen laut mit sich selber und sagt: ›Ach, wären wir bei ihm!‹ Sie würde auswandern, um bei dir zu sein. Sie stellt oft Fragen, wie viele Meilen lang das Meer sei, und wie viel die Reise koste, und ob alle Menschen, gleichwie die Kinder die Masern, die Seekrankheit bekämen. Ja, das sind die Luftschlösser, die Friedlinchen im träumerischen Zwielicht baut. »Ich bin zu alt für Amerika. Aber meine Träume bauen auch bei Tag und Nacht und schauen die Stunde, wo du, ein großer, sonnenbrauner Mann, an der Hamburger Landungsbrücke von Bord springst und an meinem Halse hängst. Dann will ich gern sterben, wenn ich dich wieder gesehen habe und weiß, daß es dir wohl geht auf Erden … »Bei jener Landungsbrücke, als du dich von mir losgerissen, bekam ich zum erstenmal meinen Herzkrampf. Da hat mein Herz etwas wegbekommen und wird mir manchmal wund und übervoll, als wenn es aus der Brust mir quellen wolle. Doch sei ohne Sorge! Ich bin im übrigen rasch und rüstig und kann noch meine 12–14 Stunden arbeiten. Das Können ist allerdings auch ein Muß …« Onkel Tycho, der des Zimmers Länge auf- und abschritt, wollte vorbeugen und sagte: »Gott sei Dank, daß deine Mutter gesund ist! Hier im wilden Westen würde sie sich höchst unheimisch und unglücklich fühlen.« Der Leser fuhr fort: »Das Können ist auch ein Muß. Ich bekomme allerdings eine Pension von 288 Mark jährlich. [Später entfallen: Als ich es Asmus Berg erzählte, begann er aufzulachen: ›Tante, zu wenig zum Leben und zu viel zum Verhungern! So viel gebe ich im Jahr für Zigarren aus.‹ – ] Friedline und ich könnten allerdings von 288 Mark unsern Unterhalt nicht bestreiten; aber in diesen Trauertagen ist mir ein Wunder widerfahren, eine neue Tür, mein tägliches Brot zu verdienen, mir von Gott aufgetan worden. »Du erinnerst doch des Schreibers Petersen, der immer mehr dem Trunke sich ergab. Zuletzt hatte er im Bureau die Flasche immer bei sich. Eines Tages brach das Delirium plötzlich bei ihm aus; er raste und tobte, warf einem Assessor, der ihn zur Rede stellte, erst die Branntweinflasche und dann das Tintenfaß an den Kopf. Man mußte ihn binden und nach der Zelle im Armenhause schaffen, wo er starb. So endete der unglückliche Mensch, der ein Verführer zum Trinken war und als Versucher deines Vaters mir vor Jahren viel Kummer bereitet hat. Die bedauernswerte Frau Petersen ging in ihrer bittern Not zu mir, und ich gab ihr drei Taler von dem Gelde, das du uns eben geschickt. »Die geringe Wohltat ist mir vielfältig vergolten worden. Am Tage nach dem Tode deines Vaters kam Frau Petersen, um mich zu trösten, und erzählte mir, daß sie durch Handschuhnähen sich einen kleinen Verdienst mache. Wenn ich auch nähen wolle, würde sie es mir unentgeltlich zeigen und mir bei dem Handschuhmacher Wiedemann Arbeit genug verschaffen. Die Frau schien mir ein Engel, von Gott gesandt. »Viel bringt es nicht ein, aber doch etwas. In ein paar Tagen war die leichte Kunst erlernt, und ich nähe jetzt von früh bis spät meine vier bis fünf Paar Handschuhe, für die ich bei Ablieferung 60–75 Pfennige bar bekomme. Welche Aushilfe ist uns dieser Arbeitslohn! Nun sind Friedline und ich geborgen. Immer schneller geht's von der Hand, je länger ich mich hineinarbeite. Wenn ich 12–14 Stunden fleißig am Fenster sitze und mit der Nadel steche, werde ich es auf 80 Pfennige pro Tag bringen können, welches, wie Friedlinchen, die große Kopfrechnerin, schon kalkuliert hat, 240 Mark jährlich macht. Bei einer Einname von 540 Mark werden wir unser gutes Auskommen haben. »Während ich nähe, besorgt Friedline den ganzen Haushalt. Sie bereitet die Mahlzeiten. Ich prickle am Fenster. Mit ihrem feinen Taktgefühl hält sie alles sauber, kehrt und feudelt [später ergänzt: sie ] die Stuben. Ich nähe immerzu am Fenster. Sehe ich einmal ein vergessenes Stäubchen, stehe ich in ihrer Abwesenheit leise auf und fahre mit dem Tuche darüber. Gott sei gepriesen für Arbeit und tägliches Brot!« Amatus legte den Brief fort. »Meine Mutter muß vierzehn Stunden täglich prickeln und die armen, alten, müden Augen überanstrengen … Onkel!« »W–a–s?« Der Onkel Tycho war taub. »Onkel, ich muß sechzig Mark von meinem Lohne haben, ja, ich muß.« Der Alte krümmte, wie gequält, den Körper, aber sah unter diesen Umständen das Muß doch schließlich ein. Beim Morgentauen und -tagen sprengte Monikas Sohn auf Susys Rücken im sausenden Galopp nach Bellavista und sandte auf Postanweisung sechzig Mark nach Norderhafen. So große Eile hatte er, daß der Begleitbrief erst später geschrieben wurde. Dritter Abschnitt: Kleopatra [später: Weihnachten auf der Prärie]. Dick und träge zogen die Novembernebel und blieben wie festgeballter Rauch auf den Wiesen stehen und auf dem Wasser der Föhrde. Draußen war kalte, klamme Nebelnässe, und drinnen in der Stube knisterte behaglich der Ofen. »Bis heute nachmittag dürfen wir nicht mehr einlegen, Friedlinchen … wir müssen's so einteilen, daß die eingekaufte Feuerung ausreicht.« Frau Monika schien von ihrem Seligen den Sparsinn als einzige Hinterlassenschaft geerbt zu haben. Auf der Straße klangen kräftige Beilhiebe, und dann zwei Sekunden lang ein dumpfschwerer Fall, von einem krachenden Bersten begleitet, worauf es wieder stille wurde. Frau Junker ließ den weißgelben Randerschen Handschuh [Erg. d. Hg.: dänische Handschuhe, wie sie vor allem im Raum Randers hergestellt wurden] in den Schoß sinken und sah hinaus. Die große Pappel lag quer über dem Fahrdamm. Alle, alle Pappeln, weil sie altersschwach und morsch geworden, sollten ihr Leben lassen – so hatten die hochweisen Stadtväter beschlossen, und das Pappeltal würde fortan seinen Namen mit Unrecht führen. Obwohl die etwas langweiligen Pappeln sonst nicht ihre Lieblingsbäume waren, sondern vielmehr die lustigen Linden, schnitt ihr der Anblick der toten Baumriesen doch in die Seele. Die ruhlosen Pappelblätter dort draußen hatten in vielen guten und bösen Tagen ihr einförmiges Lied gesäuselt. Monika seufzte. »Ach, nun hauen sie uns alle Bäume fort. So fallen wir Menschen auch, wenn der Tod seine Sichel an uns legt … o, wie wird mir plötzlich!« Die Blutwelle schoß ihr durch die Brust und bis in die Schläfen. Während der Herzaffektion schloß sie die Augen und atmete tief. Friedlinchen hatte die Mutter umschlungen und den Kopf auf die weißen Haare gelegt. »Mutti, du arbeitest viel zu viel und mußt abends früher aufhören.« »Mein Kind … es ist nicht die Arbeit … damals in Hamburg begann mein Sterben … und das schreitet nun langsam fort, wie die schneidende Säge, bis ich plötzlich falle.« Die Blinde drückte einen Kuß auf die Haare. »Mütterchen, du darfst nicht sterben, nicht vor mir sterben. Wie könnte ich hier im Hause, hier auf der Erde allein und ohne dich sein?« »Das ist meine Angst, daß du allein zurückbleibst …« »Mutter, ich bleibe nicht zurück, ich weiß, daß ich vorangehe und ein warmes, stilles Stübchen dir bereite, wo du nicht mehr Handschuhe zu nähen und dir die Augen aus dem Kopf zu sehen brauchst, wo du immer ruhen kannst und von Amatus reden … ich bleibe nicht zurück, ich gehe voran.« »Woher … weißt du das?« »Oft fühle ich mich [später ergänzt: so ] schwach, wenn ich die Diele aufwische und mich bücke … meiner Brust fehlt etwas, hier oben links sticht es bisweilen … Mutter, ich sterbe vor dir.« Mit einem froh leuchtenden Antlitz sprach die Blinde diese Worte. Friedlinchens Brustschwäche machte Monika [später ergänzt: viel ] Sorge. »Weißt du, was heute für ein Tag ist, Friedlinchen?« »Ja, der Tag, an dem Amatus vor drei Jahren nach Amerika ging … ich habe jedes Datum behalten … als er das Amtsexamen machte, das war der zweite Oktober, der große Freudentag … am achtzehnten predigte er in St. Marien … und als er aus Alstrup kam, schrieben wir den dreizehnten September, den bösen dreizehnten …« »Drei Jahre, drei volle Jahre! Ob ich ihn wiedersehen werde, ehe …?« Friedline richtete die klaren, sehlosen Augen empor und sagte mit einer eindringlichen Stimme, die prophetisch war und erschütternd wirkte: »Mutter, ich [später entfallen: habe gebetet und ] weiß von Gott, daß du und ich ihn wiedersehen werden … ich weiß es von Gott.« Von diesem gewissen Kindesglauben ging eine Kraft auf Monika über, [später ergänzt: so ] daß ihre Hoffnung erstarkte. Der Postbote brachte zwei Briefe auf einmal [später anders: einen Brief ]. Ernas Mann, Karl Quistrup, der nach Kiel versetzt und noch immer Aktuar war, schieb, daß der sechste Sprößling glatt und glücklich angelangt sei. Wie er heißen solle? Man sei etwas verlegen, weil man alle männlichen Namen der näheren Verwandtschaft schon verwendet habe. Ob Monikus beanstandet werden würde? Quistrups Eheglück war nicht ohne Galgenhumor. [Später entfallen: Das andere elegante Brieflein hatte Silly geschrieben, welche Tante und Kousine einlud, das Weihnachtsfest in Breitenföhrde zu feiern. Und die Herzensgute hatte in den Brief einen Zwanzigmarkschein hineingefaltet, ohne in ihrem Taktgefühl ein Wort davon zu erwähnen. Das war für die Reisekosten, und die Einladung wurde mit Dank angenommen. – Friedline tat einen Monat lang mit still jubelndem Herzen ihr Hauswerk. Wenn das Husten sie anwandelte, unterdrückte sie es tapfer, damit der kalten Fahrt wegen keine Besorgnisse entstünden. Wenig Freuden bot ihr das Leben, aber die winzigsten wurden ihr zu großen. Nicht die Größe der Freude – trete sie nun in Gestalt eines Geschenks oder Glücksfalls, einer Erholung oder eines Erfolges an den Menschen heran – sondern das Wie des Genießens ist allein entscheidend und erzeugt die rechte Herzfreude. Wie keiner verstand sich Friedline auf den Genuß und Vorgenuß. Das ist die Klugheit des kindlichen Gemüts, daß es die Kunst zu leben, d.h. der kleinen Freuden sich zu freuen, versteht. – Der Bummelzug, der billig war, klapperte stundenlang über die Heide. Obgleich Friedline nichts sah und nur die Sonne fühlte, war ihr Antlitz mit einem stillen, steten Lächeln auf das Fenster gerichtet. Sie fragte: »Wie ist das Land, an dem wir vorbei sausen?« »Flach, flach! Nur Schnee, Schnee, blendend weiß und blitzend, und die Sonne wirft ihren hellgelblichen Schein darüber. Eia, ein rechtes Weihnachtswetter!« In Breitenföhrde bewohnte der Amtsrichter Berg eine große, vornehm ausgestattete Etage. Silly hatte dem Bruder ihr kleines mütterliches Erbteil von 6000 Mark geliehen, um die Einrichtung zu bestreiten. Berg war auffallend dick und aufgedunsen und zündete sich eine frische Zigarre an, ein feines Kraut, von dem er seine zwanzig Stück täglich rauchte. Ohne Zigarre sah man den Amtsrichter nicht, der in der Stadt beliebt und eine Vertrauensperson war und mehreren wohlhabenden Damen das Vermögen verwaltete. Insonderheit die Witwen suchten gern Rat bei ihm. Berg war ja unvermählt und unverlobt, und die Breitenföhrdener Altjungfern und Jungwitwen waren nicht prüde genug, um an einem kleinen Klatschgerücht, das in der kleinen Klatschstadt ging, moralischen Anstoß zu nehmen.. Hm, es hieß, er solle eine Liaison und Liebschaft haben – mit einer nicht ganz einwandfreien Frau. Aber das werde natürlich aufhören, wenn er nur erst mannhaft sich entschlösse, eine wirkliche Liebesehe einzugehen. Asmus setzte den Hut auf und sagte zu seiner Schwester: »Es ist Zeit, der Zug kommt bald. Ich will auch mitgehen und Tante am Bahnhof abholen,« Er paffte ein paar Mal. »Puh … wenn sie sich nur nicht verplappert …« »Wer?« »… Die Tante … und damit herausplumpst, daß ihr Mann Gerichtsdiener war … dann wären wir schön blamiert … kannst du es ihr nicht sub rosa beibringen, daß sie von ihrem Manne usw. nicht in Breitenföhrde spricht?« »Betraue dich selber mit der diplomatischen Mission!« antwortete Silly und lachte auf. Er hatte nämlich den Überrock angezogen und mit großer Mühe zugeknöpft. »Haha, in dem Rocke siehst du aus wie …« »Wie denn?« »Wie eine ausgestopfte Wurst.« Beleidigt kehrte er sich ab und beschloß, einen neuen Überzieher zu kaufen. Auf dem Wege zum Bahnhofe bemerkte Asmus: »Ja, ich werde es ihr zu verstehen geben, daß sie von dem seligen Hans Junker den Mund hält. Tante Mona, vorausgesetzt, daß sie sich ein bißchen nett gekleidet hat, ist eine präsentable Frau, die man vorstellen kann … sie ist eben eine Berg.« Er fixierte die Schwester mit einem boshaft malitiösen Seitenblick. »Dem Amatus soll es in Amerika ja gut gehen, pah, wer's glaubt! Den Suff hat er ja von seinem Vater; aber nach wem der Schlingel in allen andern Dingen degeneriert und entartet ist? Seine Mutter hat einen tadellosen und energischen Charakter.« Silly schluckte eine Weile an dem Ärger, bis sie die zusammengebissenen Lippen öffnete. »Amatus trinkt nicht mehr und ist ein tüchtiger Mensch geworden … das ist so, sonst würde er es nicht schreiben, denn er lügt nicht, lügt nie.« Sie betonte stark und sah den Bruder bedeutungsvoll an. »In Amatus steckt guter Grund … ein aufrichtiges Gemüt und Herz, Herz, hat er.« »Herz? Herz! Haha!« Asmus lachte und höhnte. »Mein liebes Herz! Alte Liebe rostet nicht.« Sie wurde rot und blieb bis zum Bahnhof schweigsam und wie auf den Mund geschlagen. Der Bummelzug fuhr in die Halle. Silly küßte herzlich die Verwandten und führte die blinde Base. Asmus, der Hut und Mantel der Tante mit einem kurzen Blick gemustert hatte, bot ihr kavaliermäßig den Arm. Nachdem er eine höfliche Frage nach ihrem Befinden – aber nicht nach ihrem Auskommen – gestellt und eine freundliche Phrase, wie gut sie noch aussehe, gemacht hatte, räusperte er sich heftig, als wenn ihm etwas im Halse fest säße. Monika äußerte, daß sie die Weihnachtserholung in Breitenföhrde recht genießen werde. »Acht volle Tage ruhen und gar nichts tun! Das Handschuhnähen, das peinlich saubere Prickeln, morgens bei Licht und abends bei Licht, greift die Nerven doch sehr an …« Was in seinem Halse drückte, fuhr jetzt heraus. »Tante, ich bitte dich … wir haben in Breitenföhrde viele vornehme Bekannte … laß nichts davon verlauten, daß du Handschuhe nähst! Es … es gibt Leute, die sich daran stoßen … darum sagen wir auf Befragen gewöhnlich, mein verstorbener Onkel sei Gerichtsbeamter in Norderhafen gewesen, und die Neugier ist befriedigt.« Frau Junker erwiderte nichts, aber Silly kehrte den Kopf nach hinten und sagte mit spöttisch gespitzten Lippen: »Du kennst deine Breitenföhrdener schlecht, die alles, alles wissen, wo der Amtsrichter den gestrigen Abend verbracht hat, wie viel er vorgestern im vingt et un verlor, daß sein Onkel Hans nur Gerichtsdiener gewesen … einem rechten Breitenföhrdener bleibt kein Punkt in der Gegenwart und Vergangenheit seines lieben Mitmenschen verborgen.« Der Hieb saß. Asmus schleuderte ihr einen bösen und bissigen Blick zu. Aber in demselben Moment wechselte sein Gesicht den Ausdruck und wurde lieblich-lächelnd. Gravitätischen, ja majestätischen Ganges bewegte sich eine auffallend gekleidete Dame die Straße herunter. Sehr stark und stattlích und sehr geschnürt war die Figur. Unter der eng anliegenden Jacke schien die fleischig üppige Körperfülle zu wogen, als wenn sie ihre Fischbeinfesseln sprengen wolle. Auch das Gesicht mit den dunklen, dreisten Augen, die unter dem Straußfederhut wie schwarze Similisteine blitzten, war zu voll und fast schwammig. Tief zog der Amtsrichter den Hut vor ihr. Leicht den Kopf zum Gruße neigend, warf sie ihn in den Nacken zurück, ein süß kokettes und künstliches Lächeln auf den Lippen und mit den Simili-Augen zwei feurig funkelnde Pfeile schießend. Jede ihrer Bewegungen schien berechnet, und sie schritt majestätisch weiter. Zwei junge Mädchen, die ihr begegneten, stießen sich mit den Ellbogen an, sahen nach dem Amtsrichter und kicherten laut. Monika fragte verwundert: »Ist das eine Standesperson der Stadt? Sie hatte, wenn ich so sagen darf, so eine … eine Kleopatra-Haltung und -Attitüde.« Silly kehrte sich und brach in ein ihr wohltuendes Gelächter aus. »Kleopatra-Haltung! Seht gut, Tante! Die Person heißt nämlich in ganz Breitenföhrde Kleopatra.« Der Bruder machte noch bissigere Augen und brummte: »Ich verbitte es mir, daß du Damen der Stadt Spottnamen anhängst … ja, als richterlicher Beamter darf ich es nicht dulden, daß meine Schwester vor meinen Ohren Verbalinjurien begeht. Ich verbiete es dir. Weißt du nicht, was der einfache Anstand fordert? Silly, warum hast du Frau Butenblanks höflichen Gruß nicht erwidert?« Scharf und schnippisch lautete die Antwort: »Eine solche Person kenne und grüße ich nicht.« Asmus schwieg, aber sein grollender Blick, der gehässig über die Schwester hinglitt, sagte: Das werde ich dir gedenken. – – – Die Handschuhnäherin und ihre Tochter wähnten ein wahres Schlaraffenleben zu führen und fragten sich manchmal, ob sie das alles nur träumten. Nein, morgens lagen sie, so lange sie mochten, im wohlig warmen Bette. Und dann das Schlemmen! Schon zum Frühstück wurde warm gegessen. Sehr modern und dennoch antik und altdeutsch war die Wohnung. Silly hatte ihr eignes kleines Boudoir. Aber es war nicht ein mit Nippes und Nichtigkeiten überladenes Damenzimmer, sondern der einfachste Raum im ganzen Hause, in dem sie die alten Möbel vom Vater her, die aus dem Verkauf gerettet waren, die Mahagoni-Kommode, den Ohrsessel, das kattunbezogene Sofa, aufgestellt hatte. In dem altmodischen Boudoir hielt Silly sich am liebsten auf. Die Tante saß bei ihr auf dem Kattunbezogenen. »Hier ist doch am traulichsten, Silly, trotz des Luxus in den andern Zimmern. Was für ein Haus ihr macht! Ihr müßt ja reich sein, oder dein Bruder muß ein riesiges Gehalt haben.« »Er hat nur reichlich 3000 Mark und von der Universität her noch Schulden.« »Aber, wie könnt Ihr dann so leben?« Silly ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte: »Eben das fasse ich auch nicht. O, Tante, nicht alles, was glänzt, ist reines und rechtes Glück.« Ihr Auge schimmerte feucht, und ihre Stimme seufzte: »Woher kommen die Mittel?« Er sagt, daß er im Klub kürzlich eine große Summe gewonnen hat … aber auch das ist schrecklich.« »Allerdings kein ehrenvoller Erwerb, aber es wird sich so verhalten, wie Asmus behauptet.« »Tante Mona, ich weiß es nicht, was es ist … aber ich gehe alle Tage wie unter einem geheimen Herzdruck … hier, hier, besonders des Morgens.« »Ach, bei mir sind das die Ahnungen … aber sei ruhig, Kind, es können auch die überreizten Nerven schwarze Stimmungen erzeugen. Sei still und hoffe auf Gott!« »Mein Bruder hat keinen Gott.« »Er hat doch den Abgott der Ehre. Der strengen Ehrenhaftigkeit, der ihn vor allem, was ehrlos und vor Menschen makelhaft ist, bewahren wird.« Ja, das war Sillys Hoffnung und Halt in ihren Ahnungen und Ängsten. Schon um vier Uhr begann der graue Mittwintertag zu dämmern. Die Nichte forderte den Besuch zu einem Gange durch die Straßen auf, um die beleuchteten Weihnachtsschaufenster zu besichtigen. Ihre zweite und eigentliche Absicht verschwieg sie zunächst. In der Marktquergasse begegneten sie einem hochgewachsenen, hageren Fräulein in höheren Semestern, welches ein unförmlich fettes, mit Schabracke und Schellenhalsband behangenes und jeden Baum beriechendes Möpslein an der Leine führte und mit einem minutenlangen, gezierten Lächeln grüßte. Silly lächelte zurück und sagte in angemessener Entfernung: »Fräulein Weinhold, eine sehr reiche Dame und eine sehr unverhohlene Anbeterin des Amtsrichters. Die alte Jungfer würde ihn zu gerne heiraten und hat einmal in ihrer wunderlich-weinerlichen Weise zu mir gesagt: ›Fräulein Berg, Sie lieben doch Ihren Bruder … ach, wenn er nur eine gute Frau bekäme, würde er ein guter Mensch.‹ « »Das war allerdings deutlich … und was sagtest du dazu?« »Ich wußte nichts zu sagen … und gleich hinterdrein erzählte sie mir unter Schluchzen die greulichsten Klatschgeschichten über ihn. Fräulein Weinhold hat ihm förmlich die Verwaltung ihres Vermögens aufgedrängt. Er kauft und bewahrt die Wertpapiere für sie.« »So? Alleinstehende Frauen haben ihm ihr Vermögen anvertraut?« fragte Monika gedehnt. »Ja–a, e–ben.« Das klang noch viel gedehnter, wie ein unangenehmer, insgeheim lang und breit ausgesponnener Gedanke. Die Lichter in den Schaufenstern flammten auf. Welche Pracht, die wohl Augenlust machen konnte! Friedline schaute nichts von der Herrlichkeit, aber sie sog auf dem Markte den Duft der Tannen ein und hörte das Schellengeläut der Schlitten, sie blieb lauschend und lächelnd vor einem Hause, in dem Kindlein mit feinen Stimmen das »Stille Nacht« übten, stehen. Monikas Auge glitt ziemlich gleichgültig über die Schmuck- und Goldsachen des Juweliers, aber vor dem Fenster eines Hausstandsgeschäftes war sie wie festgewurzelt. »Ei, das ist ein schöner Petroleumkocher zu acht Mark … mein alter, den ich kaufte, als ich mit Amatus nach der Universitätsstadt zog, hat bald ausgedient … wie ich.« Silly tat, als wenn sie nichts höre, aber merkte sich den Wunsch der Tante und ließ am nächsten Morgen den Petroleumkocher kaufen. Der eine Zweck des Weihnachtsganges war erreicht, der andre machte wenig Schwierigkeiten. Friedline, die nicht sehen konnte, wo sie sich befand, wurde vor einem Pelzgeschäft gebeten, fünf Minuten auf der Straße zu warten. Auf dem Flure wisperte Silly: »Pstt, ich will ihr einen Muff zu Weihnachten schenken … der alte, den sie hat, ist schon so abgetragen. Ob es ihr recht ist?« »Unendlich wird es sie erfreuen, denn sie genießt jede Freude mehr als andre Menschen, doppelt und dreifach.« Ein guter Muff war bald gekauft. In Läden erwacht die liebe Augenlust der Frauen. Silly, die sich einfach, aber sorgfältig kleidete, wünschte eine nicht zu teure, für ihre Person passende Pelzgarnitur zu besehen. Der Kürschner, der ein gewisses Lächeln verkniff, legte Skunks-, Bisam- und Nerz-Kolliers vor. Sie sah eine Steinmarder-Pelzgarnitur abseits liegen, die ihr sofort gefiel. »Wie teuer, Herr Meyer?« »Hundertachtzig Mark!« »O, o! Das kann ich mir nicht leisten … über achtzig Mark darf ich nicht ausgeben … ich muß wohl beim billigen Skunks bleiben.« Der Verkäufer vermochte nicht länger das verkniffen Lächeln zu unterdrücken. »Was lachen Sie, Herr Meier [Erg. d. Hg.: zuvor: Meyer] ?« »Mögen Sie die Steinmarder-Garnitur leiden?« »Ja, sie ist ganz prächtig … aber was haben Sie doch [Erg. d. Hg.: vermutlich Druckfehler: noch ]? »Hm, gnädiges Fräulein, verzeihen Sie, wenn ich vielleicht indiskret werde … aber, obwohl ich Geschäftsmann bin und gern verdiene, möchte ich Ihnen raten, keine Pelzgarnitur zu kaufen …« »Warum nicht? Sind Motten darin?« »Nein, um Gottes willen, streng reelle Ware! Aber, sehen Sie … häm, hüm … der Herr Amtsrichter hat schon die Steinmardergeschichte für Sie … entschuldigen Sie gütigst! Ich habe natürlich nichts gesagt …« Silly verließ mit einem glücklichen Lächeln den Laden. Die rechtlich Denkende bereute, daß sie einen Schatten auf den Bruder geworfen. »Tante, Asmus ist dennoch gutmütig … wie feinsinnig er daran gedacht, daß ich Muff und Kragen notwendig gebrauche … aber so rasend teuer! Hundertachtzig Mark!« Da rauschte Frau Butenblank vorüber, ohne zu grüßen. Doch die schwarzen Simili-Augen sahen Silly frech an und loderten förmlich. »Wie die Person mich impertinent ansieht!« »Warum verachtest du sie? Und was ist sie?« »Frau Kleontine Butenblank ist Wirtin im »Goldenen Löwen«. Viele Honoratioren-Herren der Stadt nennen es ein feines Restaurant, aber die Frauen sind wohl entgegengesetzter Ansicht. Trotzdem halten die Männer ihren Klub dort ab. Frau Kleo, die im Volksmunde Kleopatra heißt, weiß sie durch ihre Koketterie zu bestricken.« »Ihr Ruf ist kein guter? Und ihr Mann?« »Ihr Mann, der in seiner unglücklichen Ehe sich schnell ausgelebt hat, leidet an Rückenmarkschwindsucht. Den hat sie zu seinem Bruder aufs Land gebracht und so aus dem Wege geschafft.« »Pfui, ihren kranken Mann … die abscheuliche Person!« Monika war in heller Entrüstung. »Ja, sie ist ein Polyp, der mit seinen Armen alles an sich zieht und dann erdrückt, ein Vampyr, der durch teuflische Sirenenkünste den Männern alle guten Regungen aus Herz und Gewissen saugt.« »Und Asmus verkehrt in dem Wirtshaus?« »Ja, leider, leider, täglich kommt er dort in der Klubstunde … und auch sonst.« Silly schwieg und wollte ihren guten und freigebigen Bruder nicht mit Schmutz bewerfen. – Alles war standesgemäß und nobel. Der Tannenbaum mit seinen hundert Lichtern reichte bis zur Decke. Hinter den Zweigen stand Silly versteckt und machte sich zu schaffen und schluckte schwer an irgend etwas. Friedlinchen tänzelte auf dem Teppiche vor Freude und streichelte das weiche Muffell, daß es knisterte. Monika stand sinnig und bedächtig und schraubte an dem Petroleumkocher, sorgfältig prüfend, ob alles in Ordnung sei. Trotz der Zimmerwärme hatte sie dabei noch immer den Mantel um, den der Neffe ihr großmütig geschenkt, damit seine Tante in Breitenföhrde sich sehen lassen könne. Silly blieb mit länglichem Gesicht und die Lippen beißend hinter dem Baum stehen, um die erste Benautheit ihrer schweren Enttäuschung vorüber gehen zu lassen. Mit einer recht billigen Broche [Erg. d. Hg.: vermutlich Druckfehler: Brosche] war sie beschenkt worden. Mechanisch, mißmutig schlug sie das Buch auf, das als zweite Gabe daneben gelegen. »Es war einmal« von Sudermann! Sie schluckte an dem aufsteigenden, erstickenden Ärger. Sollte das für sie eine Weihnachtsfreude sein? Ihr Bruder wußte sehr gut, daß sie Sudermann nicht mochte und an dem »Katzensteg« sich geekelt hatte. Und dennoch schenkte er ihr das Buch. Asmus trat heran und tupfte ihre Schulter, sarkastisch blinzelnd. »Ja, ich sehe, du bist nicht zufrieden. Aber es ist nun einmal so, daß du die modernen Autoren kennen lernen mußt, um in Gesellschaften mitsprechen zu können.« »Gibt es nicht genug gute Bücher, die du mir hättest schenken können, z. B. Storms Schimmelreiter?« antwortete sie kurz angebunden. Wegen des Steinmarderkragens zerbrach sie sich den Kopf. Rätselhaft! Monikas neuer Petroleumkocher wurde eingeweiht und ein Weihnachtspunsch darauf gebraut. Der Glühwein schäumte und schmeckte. Da sagte Friedline plötzlich als das mahnende Gewissen: »Aber wir haben am heiligen Abend gar nichts aus Gottes Wort gelesen und gar nicht gesungen.« Die weißhaarige Tante las den Abschnitt der Schrift, und man sang die lieben, alten, ewig jungen, wunderbaren Lieder. Der Amtsrichter rauchte, mächtig qualmend, mit einem überlegenen Blasen der Lippen, und tat nicht mit. Zuletzt sagte er spöttisch leise zu Silly, die am Klavier begleitete: »Genug des grausen Spiels!« Vor freudiger Erregung konnte Friedline in der heiligen Nacht nicht einschlafen. Am liebsten hätte sie ihren Muff mit ins Bett genommen. Sie lag in Weihnachtsträumen und hörte die leise blasenden Atemzüge der Mutter. Dann hob sie ihren Kopf aus dem Kissen und lauschte mit dem scharfen Gehör. Vorsichtig und fast unhörbar ging eine Tür auf – drüben die Schlafkammertür des Vetters war es gewesen – die Diele knarrte – einmal stolperte ein Fuß auf der Treppe. Ihr Ohr fing ein von unten kommendes, gedämpftes Knirschen auf – die Haustür wurde auf- und zugeschlossen. Wer entfernte sich heimlich aus dem Hause? Ihr Vetter Asmus! Und warum? Das ging ihr durch den neugierig grübelnden Kopf. Wohin begab er sich so spät nach Mitternacht? Pfui, wie häßlich, wenn er noch im Wirtshause eine Nachweihnachtsfeier halten wollte. Der Schlaf der Blinden war noch leiser als sonst. Als sie erwachte, war es stockfinster, und sie wußte nicht, wie lange sie geschlummert hatte. Ein Türschloß kreischte durch die tiefe Stille. Über den Flur ging ein Schritt, der schwer auftrat. Asmus kehrte zurück. In dem Augenblick schlug drüben im Eßzimmer die Stutzuhr fünf laute Schläge. Friedline hatte genau und richtig gezählt und zerbrach sich den Kopf. Wo war der Vetter in der allerheiligsten Nacht von Mitternacht bis fünf Uhr morgens gewesen? Weshalb schlich er sich aus seinem Hause, wie einer, der auf bösen Wegen geht? Friedline fand keinen Schlaf mehr und teilte in der Frühe, im Bette liegend, der Mutter ihre Wahrnehmung mit. »Wie abscheulich, wenn er die Weihnachtsnacht in der Schenke, der Kirche des Teufels, gefeiert hat.« Monika wurde bedenklich und sehr betrübt. Einen noch abscheulicheren Verdacht konnte sie nicht los werden und sagte mit einem Seufzer: »Mein Kind, wir können nichts tun und wollen nichts davon zu Silly sagen, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen.« Friedlinchen faltete die Hände. »Ja, wir können für Asmus nichts tun als beten, daß Gott ihn vor dem Bösen bewahre.« Die beiden sprachen ihr Morgengebet und schlossen Silly mit herzlicher Fürbitte darin ein. – An dem zweiten Festtage, der frostklar und sonnig war, fuhr der Amtsrichter über Land zu einer Herrengesellschaft. Silly Berg ging mit ihren Verwandten an dem schönen Wintertage spazieren und führte Friedline. Wenn die Frauen unter sich waren, war stundenlang von dem in Amerika weilenden Amatus gesprochen worden. Die Kousine brachte wieder das Gespräch auf ihn und lauschte mit derselben Aufmerksamkeit den zum viertenmal wiederholten Berichten. Die Menschen strömten zur Stadt hinaus, dort, wo weithin eine blanke Eisfläche in der Sonne blitzte. Auf den Salzwiesen der Föhrde, wo das Schlittschuhlaufen absolut sicher war und man beim Einbrechen schlimmstenfalls nasse Füße sich holen konnte, tummelte sich ein Gewühl von Männlein und Weiblein, die bei acht Grad Kälte heiße Herzen hatten, von lustig kläffenden Hunden und täppisch purzelnden Kindern, von graziös gleitenden Damen und elegant hinsausenden, im Kreise herumschnurrenden Herren, die ihren Namenszug aufs Eis hinschrieben. »Kleopatra!« wisperte Silly und schoß einen giftigen Blick der Erbosung nach der üppigen, gravitätischen Frauengestalt, an deren Seite ein ältlicher Herr, kurmachend und kavaliermäßig ihr die Schlittschuhe tragend, mit einem verliebten Grinsen ging. »Unser Herr Apotheker! Der dumme, alte glatzköpfige Geck« raunte Silly spitz. Frau Butenblank wurde Fräulein Berg gewahr und schwenkte plötzlich und geflissentlich nach links, um ihr zu begegnen. Sie wollte über die verhaßte Gegnerin, die aus ihrer Geringschätzung kein Hehl machte, einen Triumph feiern. Sillys Augen, die dem frechen Blick der Goldenen Löwenwirtin durch Verachtung Trotz bieten wollte, schlugen jählings nieder, sanken auf den schmutzig weißen Grund. O, o! Als wenn ihr taumelig werde, tastete Silly um sich und faßte mit beiden Händen den Arm der Tante. Aschgrau war ihr Gesicht geworden, und ihre Zähne bissen sich zusammen. Höher sich emporreckend, langsam, langsam, den Kopf in den Nacken zurückwerfend, schritt Kleopatra vorüber und betrachtete von oben, von ihrer Höhe herab Fräulein Berg mit den teuflisch schwarzen, höhnisch triumphierenden Simili-Augen, und ihre Finger hoben spielend den langen Pelzkragen von Steinmarder. Sie, sie trug die Garnitur, die der Amtsrichter bei dem Kürschner Meier gekauft hatte, aber nicht für seine Schwester, sondern für dieses Weib. O, o! Außer Hörweite stöhnte Silly laut und war vor Scham und Zorn keines Wortes und kaum ihrer Füße mächtig. Monika und Friedline mußten sie nach Hause geleiten. Hier schüttete sie ihr bekümmertes Herz aus und machte kein Hehl aus ihrem Argwohn, der jetzt zur Gewißheit geworden. »Man sagt, daß jedes Haus sein Gespenst habe … diese Demimonde … diese Dirne ist der böse Geist meines Bruders, unsres Hauses. Zuerst haben mir die Dienstmädchen es grinsend hinterbracht, daß er dort nachts gewesen. Fräulein Weinhold hat weinerlich mir das Stadtklatsch von dem sonst so lieben und guten und prächtigen Herrn Amtsrichter vorgewimmert. Fräulein Petersen, die alte Pastortochter, die durchaus keine Klatschliese ist, hat mich in wohlmeinender Absicht auf das Gerede aufmerksam gemacht, damit ich meinen Bruder warne.« »Was ist die freche Person ihm?« »Sie ist seine … Geliebte … er vergeudet Unsummen an dem widerlichen Weibsbild. Woher schafft er das Geld? Woher, Tante? Ich verzage, ich verzweifle.« Monika schüttelte den Kopf. »Wie kann ein Mann diesen unförmlichen dicken, unschönen Fleischwanst gern mögen?« »Es ist unbegreiflich, aber sie lockt nicht bloß ihn, sondern manchen andern Simpel in ihr Garn … die schlechten, die scheußlichen Frauen haben eine Gewalt …« »Ja, eine Gewalt vom Bösen«, nickte die Tante und forderte Friedline auf, hinauszugehen und vom Tannenbaum zu naschen. Aber die Blinde horchte im Eßzimmer mit ihrem feinen Gehör. Das, was sie bis jetzt vernommen, war zu traurig, aber auch zu interessant. Tante und Nichte sprachen miteinander im Flüsterton. Nur einzelne Worte wurden im Eifer lauter gesprochen. »Hundertachtzig Mark … den dritten Teil unserer ganzen Einnahme!« »Noch viel größere Geschenke … Tante, woher nimmt er das Geld? Er müßte das doppelte, das dreifache Gehalt haben, um so verschwenderisch leben zu können. Tante Mona, Angst, furchtbare Angst quält mich … und Träume des Nachts, schauderhafte Träume.« »Meine Silly, was können wir tun, als für ihn beten … wie ich für meinen Sohn getan …« »Ach, Amatus war immer gut …« Dicke Tränen tropften aus den Augen der Nichte. »Mich fertigt mein Bruder durch Spott, und wenn das nicht wirkt, durch Grobheit kurz ab. Aber du bist die Schwester seines toten Vaters und noch die einzige Autorität. Auch bist du klug und wortgewandt. Sprich du mit ihm! Stelle ihm eindringlich das Ende und den Untergang vor, wie schmählich und ehrlos er handelt! Halte ihm die Schande vor und faß ihn an der Ehre! Wenn er auch Gott und das Gewissen nicht fürchtet, vor der Schande graut ihm am meisten.« Frau Junker überlegte lange, ehe sie zusagte. Aber nachdem sie sich entschlossen, schwankte sie nicht in dem, was sie als ihre Pflicht erkannt. Der Amtsrichter kam sehr spät vom Termin. Er hatte nach der Amtsanstrengung im »Goldenen Löwen« gut gefrühschoppt. Bei Tisch trank er eine halbe Flasche Rotwein, wurde wohlgelaunt und erzählte ein scherzhaftes Erlebnis aus seiner amtsrichterlichen Praxis. »Gottlieb Hansen, der Kramwarenhändler, der originelle Kerl, der mit der Kiste auf dem Rücken das Land durchzieht, tritt herein und sagt: ›Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Amtsrichter, ich wollte mich von meiner Frau Trine gern scheiden lassen.‹ – ›Auf welche gesetzlichen Gründe hin!‹ frage ich. ›Wegen Untreue?‹ – ›Jawohl, ich bin ihr mehrfach auf meinen Reisen nicht treu geblieben … das kann ich beweisen und beschwören.‹ – Ich sage: ›Der schuldige Teil kann nicht auf Scheidung klagen.‹ – ›Hm, es gibt doch im Gesetz genug andre Scheidungsgründe.‹ – ›Ja, z. B. böswilliges Verlassen.‹ – Er kraut sich im ergrauten Haar. ›Häm, das ist gewiß wie das Amen in der Kirche, daß meine Alte mich nicht verläßt … aber ich könnte sie böswillig verlassen … geht das, Herr Amtsrichter?‹ – Ja, nun ging es, insofern ich den Kerl herausschmiß.« Die Zuhörerinnen saßen gezwungen und lächelten kaum. Nach dem Mahle bat Monika den Neffen um eine Unterredung. Es überraschte ihn sichtlich, weil er sie kannte und wußte, daß ihr Anliegen nicht auf eine kleine Anleihe hinauslaufen werde; doch öffnete er höflich die Tür seines Zimmers. Frau Junker ging stets die geradesten Wege und sagte ohne Einleitung. »Könnte der Mann der Goldenen Löwenwirtin, ja der Goldenen, sich nicht wegen Untreue scheiden lassen?« Der Neffe erbleichte, und sie blickte ihm fest in die kleinen, wie auf der Lauer liegenden Augen. »Asmus, wo bist du in der heiligen Weihnachtsnacht gewesen?« Er fuhr so heftig im Stuhle zurück, daß er die hell brennende Zigarre gegen die Lehne stieß und Feuerstücke auf den Teppich flogen. Jeden Funken mit dem Fuße zertretend, gewann er Zeit zur Überlegung und erwiderte: »Der Junggesellenklub hielt im »Goldenen Löwen« eine Herrengesellschaft ab, an der ich teilnahm.« »Und die Frau Kleo – ?« »Frau Kleontine Butenblank … was soll die?« »War bei der Herrengesellschaft zugegen?« »Natürlich war sie als Wirtin mitsamt dem Kellner da … was soll das Verhör?« Monika erhob sich. »Asmus! Sohn meines verstorbenen Bruders, der ein Ehrenmann war, warum machst du der Frau kostbare Geschenke, eine Pelzgarnitur zum Preise von hundertachtzig Mark?« Der Amtsrichter wechselte die Farbe. Er ergilbte und stotterte in verhaltenem Grimm: »Silly hat ausspioniert …« Monika erzählte den Vorfall beim Kürschner und sagte scharf: »Was ist diese Kleopatra, das eheliche Weib eines andern Mannes, dir? Ich frage dich an deines Vaters Statt.« »Die Honoratioren Breitenföhrdes verkehren da … warum nicht ich?« »Aber sie machen ihr keine Geschenke … oder doch? Hat die Person mehr solcher freigebigen Freunde? Höchstwahrscheinlich, ja gewiß …« Asmus geriet in Wut und schnob: »Ich verbitte mir das, Tante, ich verbiete dir und jedem, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.« Vor ihr warf er die Tür auf. »Du … du zeigst mir die Tür?« »Verletze nicht mein Ehrgefühl!« Hoch aufgerichtet stand Monika an der Tür und rief: »Du bist jedes Ehrgefühls bar, sonst würdest du dich nicht von eines andern Weib umgarnen lassen. Ich rufe den Geist deines ehrenhaften Vaters … er, nicht ich, schreit dir zu: Kehre um von deiner Schande, vor deinem Untergange!« Asmus biß die Lippen, auf die eine kleine Schaumblase trat, und knirschte: »Jetzt muß ich dich bitten, mein Haus zu verlassen.« Stolz schritt Monika hinaus. Aber mit gebeugtem Nacken packte sie in ihrem Zimmer den Schloßkorb. Silly saß schlaff auf einem Stuhle und weinte strömende Tränen. »Er ist fortgerannt und wird außer dem Hause … bei ihr bleiben, bis du dort bist. Die Menschen sagen, wir sind glücklich, und beneiden uns. Wenn sie die Wahrheit wüßten! O grausiges Glück! O glänzendes Elend!« Wind und Wetter waren umgeschlagen. Graue Wolkenschwaden wälzten sich von der Westsee über das feuchtwarme Land. Himmel und Erde weinten leise Staubtropfen, die Dachtraufen und Gossen schluchzten. Überall war Tau und triefende Nässe, von oben kein Sonnenstrahl und unten schmutzig schmelzender Schnee. Im Zuge saßen Mutter und Tochter mit feuchten Füßen und fröstelten. Das war die traurige Heimfahrt der fröhlich begonnenen Weihnachtsreise. Friedline richtete die blauen Augen auf die Mutter, als wenn sie sehen könne, und sagte flüsternd: »Ich weiß alles … Asmus … E–he–bre–cher!« »Still, still!« dämpfte Monika. Worauf die Blinde wie eine Hellseherin langsam sagte: »Asmus ist böse und wird böse enden.« [Später ergänzt/anders im Abschluß an den Brief von Quistrup: Unter dem Briefe, den der Schwiegersohn im Bureau geschrieben und in ein gelbes, grobes Gerichtskouvert gesteckt hatte, lag ein elegantes, parfümiertes Brieflein, welches Monika jetzt erst bemerkte. »Es ist von Silly! Ach, wie selbst die besten Menschen unwillkürlich von ihrer Umgebung beeinflußt werden! Das einfache Mädchen, das früher so schlicht und solide sich gab, schreibt jetzt auf dem allerfeinsten Luxuspapier. Ich bin vielleicht kleinlich … das ist nur eine Kleinigkeit, aber ein Symptom. Silly macht uns Vorwürfe, weil wir sie nicht besuchen. Ich mag das Haus des Doktors nicht betreten, all der Prunk, der auf Kosten des törichten Mädchens angeschafft ist, beleidigt mein Auge; ich mag den Menschen nicht leiden, denn ich werde das vielleicht lieblose Gefühl, daß ich es mit einem Charlatan und Hochstapler zu tun habe, nicht los. Auch muß der Evers unsrem Amatus, der sehr abfällig ihn beurteilt, irgend eine schwere Kränkung zugefügt haben, Friedlinchen. Ich kann nun einmal nicht den Menschen, die mir zuwider sind, ein höfliches, freundliches Gesicht machen.« Kein Fünkchen Falsch war in der Frau, die keine einzige Miene verstellen konnte. Sie wußte nur, was Friedline nicht wissen sollte, daß dieser Evers einmal ihrem Sohne schweres Weh bereitet und seine Sylvia ihm genommen hatte. Die Tatsache freilich bedauerte sie nicht, aber ihre Antipathie bewahrte sie, und das Haus betrat sie nicht. Weil die Tante Junker ihre Nichte nicht besuchte, kam die Nichte zur Tante, freundlich und ohne Vorwürfe, und ihre erste Frage war, ob und was der Amerikaner Amatus geschrieben habe. Monika streifte mit verstohlenen, bedenklichen Blicken von vorne und noch mehr von hinten ihre Nichte, die gegen ihre schlichte Gewohnheit ein elegantes, mit Besatz beinahe überladenes Kleid, welches hinten von der Schneiderin geschickt ausgepolstert war und die hohe Wölbung der Schulter verdecken sollte, trug. Monika antwortete nur mit einem kurzen und schmalen Häm-häm, während Silly lebhafter als je, ein langes und breites von dem Doktor, der von Patienten überlaufen und von den ersten Damen der Stadt konsultiert werde, redete und rühmte. Er hat wunderbare Erfolge, alle seine Kuren reüssieren. Jeder Kranke, zu dem er gerufen wird, spürt sofort eine Besserung, die Schmerzen versteht er wegzuzaubern.« »Häm«, machte Monika, »es gibt ja heutzutage in Hülle und Fülle schmerzstillende Opiate, welche sofort die Schmerzen wegtäuschen.« »Mit seiner guten Laune, seiner unendlichen Liebenswürdigkeit erheitert und heilt er die Kranken.« »Häm, er läßt sich seine Liebenswürdigkeit auch gut bezahlen, denn er soll gehörige Rechnungen ausschreiben.« Monika wurde sarkastisch. Silly blieb sanft, »Evers ist ein guter Mensch. Wie aufmerksam ist er bemüht, andern eine kleine Freude zu machen. Fast alle Tage bringt er mir ein kleines, sinniges Geschenk, ein Paket reinsten Briefpapiers, ein Paar Handschuhe, einen Strauß Blumen mit.« »Häm, er weiß, daß er dein Schuldner ist, und will seinen Gläubiger bei guter Laune halten … sei doch ein bißchen weltklüger, du gutes Kind! Häm, zahlt er dir auch pünktlich die Zinsen deines Kapitals?« »Er ist ja noch ein Anfänger und hat auch einige Schulden von der Universität her.« – Silly konnte nicht lügen, wurde rot und schweigsam. Frau Junker wußte genug und schüttelte den Kopf. »Kind, Kind, laß dir für dein Kapital Sicherheit und Bürgschaft geben! Du bist zu gut, zu leichtgläubig.« Silly ging der unerquicklichen Auseinandersetzung aus dem Wege und in das Schlafzimmer hinein. Friedline nämlich war bettlägerig und hatte arge Stiche in der kranken Brust. »Tante! Sie hat ja hohes Fieber! Und du hast keinen Arzt gerufen!« »Sie weigert sich mit Händen und Füßen, einen Arzt zu nehmen … das arme Kind befürchtet wohl die hohen Kosten und sorgt sich nur um mich.« »Es wäre unverantwortlich, nur eine Stunde zu warten. Ich gehe nach Hause und sende sofort Dr. Evers.« »Nein, den nicht …« Monika sträubte sich. »Der Modearzt ist zu teuer für unsre Verhältnisse.« »Ich bürge dafür, daß er keinen Heller nehmen wird … unbemittelte Leute behandelt er umsonst.« Monika murmelte noch einige schwache Einwendungen, aber Silly wollte nichts hören und hegte wohl die stille Hoffnung, daß Evers, wenn er nur erst Eingang fände, auch diese beiden Frauen gewinnen und bezaubern werde. Sehr bald erschien der Arzt, der so rücksichtsvoll, so fein und höflich sich benahm und so gewissenhaft die Kranke mit dem Hörrohr untersuchte, der so wahrhaft menschliche Teilnahme für das blinde Kind äußerte, daß Frau Junker an ihrer vorgefaßten Meinung irre werden wollte und mit sich selber zu moralisieren anfing. Wen das Leben hart angefaßt, der wird leicht hart in seinem Urteil … die glückliche Silly, die stets an jedem Menschen nur das Gute sieht und sucht … als Christin müßte ich wissen, daß selbst der böse Mensch sich bekehren und der unmoralische sich bessern kann und soll. Doktor Evers machte ein bedenkliches Gesicht, wenn er nach der Mutter hinübersah, ein freundliches, so oft er die Hand Friedlines, die einsilbige Antwort gab, ergriff. »Zunächst müssen wir die Schmerzen, die den Heilungsprozeß hindern, vertreiben«, sagte er, leise den Ärmel des Nachtkleides hinaufstreifend. Die Blinde, die das mißverstand, wurde von keuscher Glut übergossen und riß einfach den Ärmel zurück. Aber die Mutter befahl: »Du mußt stille halten, wenn der Herr Doktor dich untersucht.« Evers hatte in den paar Sekunden mit einer behenden Fingerfertigkeit, der man die Routine ansah, ein Fläschchen, das eine wasserklare, unschuldig aussehende Flüssigkeit enthielt, hervorgeholt und eine Glasspritze vollgesogen. Im Nu war die Nadel befestigt, die Spritze blitzte im Sonnenlicht und schoß blitzschnell in den entblößten Arm nieder. Da stieß Friedline einen kleinen Schrei aus und zuckte mit dem Arme. Ehe Monika recht gewahr wurde, was dort vor sich ging, hatte der gewandte Doktor seine Injektion gemacht. Die unschuldige, wässerige Flüssigkeit war ein starkes Gift, war zweiprozentige Morphiumlösung. Bei dem Aufschrei der Kranken lachte Evers breit, behaglich und belustigt. »Haha! So sind alle Patienten! Vor der ersten Einspritzung haben sie einen wahren Horror, mit beiden Händen sträuben sie sich gegen die liebe Spritze … aber bei der zweiten schon reißen sie das Kleid zurück, strecken sie womöglich beide Arme nach der lieben Spritze aus.« Friedline horchte hoch auf. Frau Junker hörte das mokante Lachen, das ihren Ohren roh und häßlich klang; sie wurde wieder irre und hatte den Eindruck, daß Evers aus seiner Rolle gefallen sei. Als der Arzt gegangen war, gab Friedline ihr Urteil ab: »Ich mag den Doktor nicht leiden, nein, nein! – Die Blinde hatte eine instinktive Antipathie. Sobald die Wirkung des Morphiums eintrat, verfiel sie in einen halbwachen, traumhaften Zustand, wo kein Schmerz mehr stach, keine Sorge und keine Sehnsucht nach dem Bruder mehr sie quälte. Eine selige Ruhe umfing ihr Gemüt, nur die Phantasie arbeitete rege und wob sonnige Träume von der Wiederkehr ihres Amatus und von einem wunderherrlichen Wiedersehen. Gegen Abend des nächsten Tages erschien der gewissenhafte Arzt. Da der quälende Husten und die Bruststiche sich wieder eingestellt hatten, hatte er im Nu die Spritze bei der Hand. Die Blinde sah keinen Schimmer von dem Instrument, aber sie fühlte instinktiv die Nähe; und sie streifte nicht den Ärmel hoch, noch streckte sie begierig den Arm nach der Injektion aus, wie Evers lachend prophezeiht hatte. Nein, das kranke Kind weigerte sich energisch und sprach erstaunliche Worte, die er noch nie aus dem Munde eines Patienten vernommen hatte. »Nein, Herr Doktor, nein! Ich will bei klaren Sinnen bleiben und leiden, was ich leiden muß. Ich will mich nicht mit dem scheußlichen Zeug betäuben und berauschen.« – Friedline steckte beide Arme unter die Bettdecke. Der Doktor Evers zuckte die Achseln, blickte verlegen in die Luft und ging bald, wie einer, der abgeblitzt und abgetrumpft ist, und seine Routine und Redekunst hatte einen Augenblick ihn verlassen. »Das dumme Ding!« brummte der Modearzt. Bald aber wurde er den häßlichen Eindruck wieder los. Ein älteres Fräulein, das an den Nerven litt, begrüßte ihn begeistert: »Sie kommen als mein Erlöser!« – Und sie zog den Spitzenärmel so rasch zurück, daß die Spitze zerriß. Immer trug Evers die Flasche mit der wasserhellen, harmlosen Flüssigkeit in der Tasche, immer hatte er zwei Spritzen bei sich. Immer war er bereit, eine kleine Injektion zu machen, und die Damen Norderhafens priesen ihn als ihren Befreier von allen Schmerzen. Auch die andern, die einfältigen Patienten, die vom Morphium nichts wußten, rühmten, daß der Doktor alle Pein weghexe und ein Wunderdoktor sei. – Vierter Abschnitt: Weihnachten auf der Prärie [ = neues Kapitel in der Erstfassung; später entfielen Untergliederung und Kapitelüberschrift ] Der deutsche Kandidat hatte vier Jahre lang »gefarmt« und war kein Neuling mehr in seinem Beruf und kein Grüner im Lande, sondern ein gebräunter, gewiegter und gesetzter Kansasbauer, überall sicher und sattelfest, mit festen Entschlüssen und harten Händen zugreifend und unter allen Umständen eine starke Seelenruhe bewahrend. Lustig leuchtete die Sonne von sieben bis sechs, trotzdem es seit einer Woche Wintermonat war. Jack Frost, wie die Amerikaner den unwillkommenen Kanada-Gast nannten, wagte sich nur heimlich des Nachts nach Kansas herunter und blies über das Wasser der Tränke, daß man am Morgen eisen mußte. Die Pferde und Rinder hatten in geschützten Vertiefungen gut geschlafen und fanden ihr [später ergänzt: kärgliches ] Futter auf der grauen Prärie. Der weise Schöpfer und Schirmer jedweder Kreatur hatte ihnen zwei Zoll lange Haare als Winterpelz gegeben [später ans Satzende gestellt], die über Nacht gewachsen schienen. Der Bauer hatte [später ergänzt: jetzt ] seine bequemsten Tage. Oheim und Neffe lungerten nach dem Mittagessen auf der Veranda und ließen sich behaglich von den warmen Sonnenstrahlen belecken. [Später ohne Absatz weiter:] Das stille Behagen der Daseinsfreude wurde dem Alten gestört, denn Amatus sagte unvermutet und schroff: »Onkel, ich muß meinen rückständigen Lohn haben.« Tycho hüpfte aus der liegenden Stellung empor. »Was?« Bist du etwa mein Knecht? Oder mein leiblicher Neffe? Alles, was ich habe und besitze, bekommst du einmal, wenn ich tot bin … freilich hoffe ich, noch sehr lange zu leben.« »Ich hoffe es noch mehr.« »So? Wirklich?« »Ja, aber Geld muß ich haben und meiner Mutter etwas schicken … bis Weihnachten sind nur achtzehn Tage.« »Hm, du hast deine Mutter sehr lieb … ich habe Monika auch einmal gern gemocht … hihi … nun wirst du neugierig.« Um den Neffen von der unbequemen Lohnforderung abzulenken, erzählte Jönker alte Geschichten. »In Hellebäck verliebte ich mich in die hübsche Mona Berg, und mein Bruder Hans tat es auch und war der Glückliche, der die Braut heimführte. Dir will ich es jetzt verraten. Auch aus Ärger darüber desertierte ich von den Dänen und ging [später: bin ich … desertiert/gegangen ] nach Amerika und ließ von hier aus absichtlich nichts von mir hören … es machte mir Freude, meinen Bruder und meine Schwägerin wähnen zu lassen, daß ich tot sei. Ob sie um mich geweint hat? [Später ergänzt: Wohl kaum! ] Aber dich hab['] ich gern, Amatus, wie meinen leiblichen Sohn, der mich beerben soll … jaja.« Wer hätte dem alten, vertrockneten und vergeizten Manne ein so starkes und anhaltendes Gefühl zugetraut? In Amatus erwachte eine andre, jahrelang schlummernde Frage [später entfallen: › nicht der unzarten Neugier, sondern der seelischen und Sohnesnot, die der verleumderische Vetter ihm einst bereitet ]. »Warum hat sie meinen Vater genommen, der ihr doch nicht ebenbürtig war?« »Nun, sie liebte ihn eben, denn Hans war ein schmucker Kerl … und … und sie wollte und mußte wohl das Haus ihrer Eltern verlassen …« »Sie – mußte – heiraten?« Ohne daß Amatus wollte, entfuhr ihm das [später ergänzt: erschrockene ] Wort [später entfallen: , das der Vetter gesprochen ]. »Gott bewahre, Mona war ein blitzsauberes Mädchen, blank und rein … aber deine Großmutter war nichts wert.« Jönker kraute sich mit der Pfeifenspitze und paffte und prustete die Worte heraus: »Kurz und gut, nein schlecht! Der Nachbar im Dorfe hieß Johnsen, ein süßer Schleicher, der sich im Hause bei dem alten Berg und noch mehr bei deiner Großmutter einschmeichelte. Er war Hahn im Korbe, und in Hellebäck nannte man ihn allgemein den Hausfreund. Gesehen habe ich nichts. Aber das konnte deine Mutter nicht mit ansehen, das trieb sie aus dem Elternhause, so daß sie Knall und Fall den armen Hans Junker heiratete.« In heftiger Bewegung erhob sich Amatus und atmete tief und immer tiefer aus voller Brust auf, als sei eine jahrelang unbewußte [später entfallen: , unheimlich drückende ] Last von seinem Sohnesherzen hinweggenommen. Hoch und hell und hehr stand jetzt das Bild der teuren Mutter, des Liebsten, was er auf Erden hatte, vor seinen Augen. [Später entfallen: Hatte nicht je und dann ein angstvolles Mißtrauen ihn umflattert? Darum tat seine Seele Buße und bitter brünstige Abbitte ihr, der besten und reinsten und edelsten von allen Menschen. Fluch dem Vetter, dem verlogenen Verleumder! ] Die Geschichte des Onkels hatte seine Gedanken nicht abgelenkt, sondern sein Vorhaben bestärkt, und mit noch größerer Eindringlichkeit bestand er auf der Lohnzahlung. Tycho krümmte sich und grunzte schwerhörig. Als das nichts fruchtete, griff er zu seinem letzten Trumpf und Beschwichtigungsmittel. »Von Lohn darf zwischen dir und mir nicht die Rede sein … alles, was mein ist, wird dein.« Unter seinem Bett hob er eine Dielenplanke auf, nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Neger nicht in der Nähe sei, und aus dem Loch brachte er ein Eisenkästchen zu Tage, dem er ein Schriftstück entnahm und dem Neffen überreichte. »Lies das! Es ist eine Abschrift des Testaments, das ich vorsichtshalber bei dem Rechtsanwalt der deutschen Gesellschaft in Kansas City deponiert habe.« Amatus war zum Universalerben eingesetzt und wurde von echter Rührung ergriffen. Und nun geschah es hinwiederum und wirklich, daß er das verknöcherte Herz des alten Mannes rührte. »Meine arme Mutter hat meine blinde Schwester zu ernähren und muß die müden Augen abquälen und durch angestrengtes Handschuhnähen ihr Brot sauer verdienen. Du hast sie einmal auch geliebt … o, ich wäre ein schlechter, schlechter Sohn, wenn ich ihr zu Weihnachten nichts schicken würde.« Der Alte kaute kleinlaut und kramte noch einmal den Kasten hervor. Unter der Testamentsabschrift lagen die Banknoten. Zögernd, zitternd zählte er dreißig Dollars auf den Tisch, schob mit der Hand die sechs fast neuen Fünfer hinüber und riß sich mit tapferem Entschlusse, aber auch mit einem Seufzer davon los. Von dem empfangenen Geld sandte Amatus zwei Drittel nach Norderhafen, ein Drittel behielt er für sich, um deutsche Bücher dafür zu kaufen. Meistens hatte er sich an den trocknen Trebern der Zeitungslektüre sättigen müssen, und die Feuilletons- und Frauenromane unter dem Strich [Erg. d. Hg.: Viele Zeitungen veröffentlichten früher im redaktionellen Teil als »Lesestoff« in zahlreichen Fortsetzungen Romane; die einzelnen Folgen nahmen meist etwa ein Drittel einer Zeitungsseite ein; gedruckt wurden sie meist über die gesamte Zeitungsbreite am Fuß der Seite und unter einem Strich , der den Roman von den anderen redaktionellen Texten abgrenzte] sein Lesefutter gewesen. Darum quälte ihn ein förmlicher Heißhunger nach guter Geistesnahrung, der jetzt gestillt wurde. Auf dem Posthause in Bellavista erbrach er das angekommene Paket, hastig und hochrot vor Erwartung. Da war Storm, sein Landsmann, und Macauly, der große Historiker des größten Preußenkönigs; Scheffel und Freytag [später: Freitag ] fehlten nicht, und Heinrich Heine, der lieblich-lockere Sänger, schloß den Reigen. Ach, weiter hatten die dreißig Mark nicht gereicht. »Bücher?« brummte der Oheim, »was soll der Unsinn für einen Bauer?« Sorgfältig, mit liebkosenden Fingern legte Amatus die Werke seiner Lieblingsschriftsteller ins Paket. »Diese Bücher sind das Weihnachtsgeschenk, das ich mir selber mache … oder willst du sie mir verehren?« »Nein, ich werfe, Gott sei Dank, mein Geld nicht weg.« Dem deutschen Kandidaten, der argen Geisteshunger hatte, sollten die teuer erworbenen schätze das Weihnachtsfest verschönern. Wie ein Kind freute er sich darauf. Und nach der Weise der Kinder, die nach versteckten Weihnachtsgaben stöbern, konnte er nicht lassen, sein Geschenk hervorzuholen und in den Büchern zu blättern, aus denen der frische Duft der Poesie dem Verschmachtenden entgegenwehte, der ein Feinschmecker war und, um voll und langsam zu genießen, jeden Satz mit Entzücken zweimal las. – An den steilen Rändern der Höllenschlucht wuchsen verkrüppelte Nadelhölzer. Behutsam kletterte Amatus herunter [später: hinunter ] und holte sich von dort für den heiligen Abend eine kleine, kümmerliche Tanne. In den Zweigen befestigte er sechs brennende Lichtstümpfchen und begann die traulichen Lieder der Kinderzeit zu singen [später: er stimmte die traulichen Lieder der Kinderzeit an ]. Nun war in dem düstern Blockhaus ein Stück weihnachtliche und deutsche Heimat. Onkel Tycho wischte sich den grauen Bart und wurde von sehr weicher Stimmung angewandelt, so daß er in die Tasche griff und dem Neger zwei Dollars schenkte – den dritten, den er schon in den Fingern hielt, ließ er wieder zurückgleiten. Tom gaffte zuerst, baß erstaunt über diese Großmut, und grinste dann von einem Ohr zum andern. »Sie leben nicht mehr lange, Mister Jönker … aber ich will für Sie beten, daß Gott Sie noch zwanzig Jahre segne und erhalte.« »Wer weiß, wer weiß, wie nahe mir mein Ende ist.« Die im Scherz gesprochenen Worte des Negers hatten eine sonderbare Wirkung – tiefster Ernst lagerte sich auf dem gefurchten Antlitz des alten Mannes, und plötzliche Todesgedanken flogen ihn an. »Hm, manchmal kommt der Sensenmann geschwind und hinterrücks … wenn ich sterbe, wird niemand um mich weinen. Du, Amatus? Nein, lüge dir nichts vor, denn du bist kein Heuchler! Mein Tod wird dir Vorteil bringen … keinen Menschen habe ich im Leben geliebt und keinem genützt.« Unruhig erhob sich Tycho und horchte zum Fenster hinaus. Der gleichmäßig rauschende Wind hatte sich gänzlich gelegt. Unheimlich war die plötzlich eingetretene Stille, die Stille vor dem wilden, wütenden Wahnsinnsausbruch der Elemente. »Dort draußen braut sich etwas Böses zusammen!« Mit diesen Worten stampfte er auf die Veranda hinaus. Finster war die Nacht und der Himmel mit dunklen Wolkentüchern tief verhangen. Nichts sah das Auge, nichts hörte das Ohr – kein dürrer Grashalm regte sich raschelnd – dumpfe, bängliche Totenstille brütete auf der weiten Prärie. Aber eisig und beißend war die bewegungslose Luft, wie auf dem Meere, wenn in ein paar Kabellängen ein Eisberg vorübertaumelt. Kein Laut, kein Laut! Nur ein bänglich ahnendes, beklommenes Angstgefühl schien geräuschlos gespenstisch, ungreifbar[-]ungeheuerlich über die Erde [später ergänzt: hin ] zu schweben. Tycho erkannte die Anzeichen der Natur und stürzte schreiend ins Haus. »O Gott, o Gott! Wir bekommen einen Schneesturm … einen Blizzard, sobald der Wind vom Norden losbricht.« Der Schwarze sprang [später ergänzt: wie ] elektrisiert empor, während Amatus in seiner grünen Unwissenheit ruhig sitzen blieb. »Einen Blizzard? God gracious! Gnädiger Gott behüte uns!« Wie zum Beten schlug Tom die Finger in einander. »Jungens, auf, auf und die Pferde gesattelt, damit wir die Herde vorher im Korral zusammenbringen!« rief der Farmer und brüllte den betenden Neger an: »Zum Donnerwetter! Jetzt heißt es nicht die Hände gefaltet, sondern flink gerührt! Auf, auf!« Tom schob den Kautabak hinter den andern Kinnbacken und kaute gelassen. »Das Vieh ist klug genug, um das Unwetter zu wittern, und wird rechtzeitig einen geschützten Ort suchen.« »Du fauler Kerl [Hinw. d. Hg.: im Original: faules Schwarzgesicht] willst nicht vom warmen Ofen fort.« »Massa, ich sage Ihnen, Sie riskieren im Blizzard Ihr und unser Leben …« »Goddam! Was ist dein Leben [Hinw. d. Hg.: im Original: dein Niggerleben] wert? Warum zahle ich dir sechzehn Dollar im Monat und zwei zu Weihnachten? Heraus und die Pferde gesattelt!« Alle drei stülpten die Mützen auf und zogen die Fausthandschuhe an und rannten über den Hof. Tom murmelte, wie ein leises Stoßgebet, etwas in den Bart. Es waren die Worte: »So Gott will, werden Sie den Hals brechen … aber Tom Lincoln nicht! Saviour, save him! O Heiland, helf ihm!« Die ganze Natur hatte noch immer etwas unheimlich Lauerndes, wie ein still hingekauertes, mordsüchtiges Raubtier. Die Pferde waren gesattelt. Der Farmer sah sich um im Stalle und schrie; »Wo ist der Schwarze? Der feige, verfluchte Hund hat sich irgendwo versteckt.« Ja, Tom hatte sich selber geholfen und war spurlos verschwunden. Sie mußten zu zweien reiten und sprengten durch die Finsternis, um den kleineren Teil der Herde, der in der Nähe der Farm weidete, in die Hürde zu treiben. Da brach das Unwetter los mit der Plötzlichkeit des Blitzes. Gleich einer heulenden Windhose fuhr vom Norden ein furchtbarer Sturmstoß daher. Das war wie ein Kommandoruf. Die schwarzen, lauernden Wolken stürmten wie wilde Geschwader daher und schleuderten nicht Schnee-, sondern harte, scharfe Eisflocken herunter und den Menschen wie Geschosse ins Gesicht. Der furchtbare Kampf der Natur, der Blizzard hatte begonnen. Das gezähmte Tier sucht unwillkürlich Schutz bei dem starken Menschen. Brüllend stauten sich die Kühe und Kälber in der Nähe der Tränke, und als wären sie verständig der großen Gefahr sich bewußt, ließen sie sich willig in den Hof und hinter den Stall treiben, wo die Mauerwand ihnen etwas Schutz bot. Die Köpfe zusammen, dicht gedrängt standen sie in einem Haufen, um sich warm zu halten. Amatus glitt aus dem Sattel und schlug die totsteifen Hände und Arme, in denen das Blut erstarrt war. Aber sein Gesicht, von den Eisschloßen getroffen, brannte wie Feuer. »Ich kann nicht mehr … und sehe nichts.« »Ich kann auch nicht«, keuchte der Alte. Beide taumelten geblendet und tasteten sich ins Haus, während die Pferde von selbst in den Stall liefen. Von dem kurzen Ritt in dem unbeschreiblichen Unwetter waren die abgehärteten Männer schon völlig erschöpft und tauten sich am warmen Ofen auf. Bald kam Tycho zu sich selber und lamentierte mit kläglich schniefender Stimme: »Ach, all mein schönes Vieh drüben bei der Höllenschlucht, 600 Stück, und davon 240 Ochsen, geht elend zu Grunde. Um Gottes willen, Amatus, wir müssen es retten … es ist auch dein Vieh, mein Sohn. Helf mir!« »Onkel, wenn ich nur könnte! Aber einen so grausigen Schneesturm habe ich nicht erlebt!« »Wir wollen uns mit einem Schluck stärken und innerlich aufwärmen … dann muß es gehen.« Pfiffig den Mund spitzend, hob er die Dielenplanke auf und holte eine Flasche hervor, die neben den Schätzen des Eisenkastens ihren [später: ihr ] Versteck hatte. »Für den Notfall habe ich ein wenig Whisky, und jetzt ist Not am Mann.« Schmunzelnd nahm er einen tüchtigen Schluck und noch einen und bot dem Neffen die Flasche. »Ah, das belebt!« Der aber wehrte ab. »Du weißt, ich trinke keinen Whisky.« »Unsinn! Nimm es als Arznei, als Belebungsmedizin … sonst hältst du den Ritt nicht aus. Not bricht jedes Gebot und Gelübde. Soll ich darum meine ganze Herde verlieren? Trink, trink! Du bist es mir schuldig.« Amatus, von einem starren Frostschauer geschüttelt, griff zögernd nach der Flasche und trank. Der kräftige Schluck tat Wunder und belebte das Blut und den Mut. Aus Not hatte er sein Gelübde gebrochen und die Alkohol-Arznei genommen. Zum Nachdenken, zur Reue war keine Zeit. Schnell in den Sattel! Sie sprengten gegen den Sturm und konnten sich nicht sehen, aber [später nach dem Verb] hielten durch Zuruf sich bei einander. Susy senkte den Kopf und tat ohne Sporn ihre Schuldigkeit. Noch wilder und wahnsinniger tobte der Blizzard, und sein prasselnder Regen von schneidenden Eisstücken machte Menschen und Tiere blind. Die Reiter hatten die große, unabsehbare Weide erreicht und horchten durch den heulenden Sturm. Wo war die Herde? Noch zerstreut? Nein, in der Angst hatten die Tiere sich zusammengefunden. Ein Bulle brüllte auf und brach voran. Eine kompakte, lebende Masse von Viehleibern wälzte sich ihm nach. Der Wahnsinn der Elemente hatte die Tiere angesteckt. Sinnlos, betäubt, geblendet, trieben sie vor dem Sturme, über die Prärie stampfend. Weithin donnerte der Erdboden. »Da sind sie!« gellte des Farmers sich überschreiende Stimme. »Bei Gott! Die Stampede hat schon begonnen … nun geht's auf Tod und Leben. Ich glaube, gerade im Westen muß der Korral sein … immer drauf mit der Peitsche! Du links und ich rechts! So! Halte die Richtung und hüte dich vor der Höllenschlucht! In Gottes Namen!« Verzweifeltes Gebrüll ertönte. Ein schwärzliches Gewoge stürzte vorüber. Amatus hielt sich links und spornte Susy. Aber wie die westliche Richtung halten in dem beißenden, blind machenden Schnee- und Eisregen? Undeutlich sah er hüpfende Rinder vor sich und folgte ihnen, nicht treibend, sondern getrieben. Sogar die Tiere verließ der Instinkt in dem höllisch tobenden Unwetter, das vom Himmel niedersauste. Instinktlos und blindlings ließen sie sich vom Sturm über die Prärie fegen. Der Reiter umklammerte mit den Schenkeln krampfhaft den Sattel und lag weit vornüber gebeugt, um das Gesicht zu schützen. Seine vor Schmerz geschlossenen, geblendeten Augen sahen nichts mehr. Durch das Brausen des Orkans vernahm sein halb betäubtes Ohr ein Donnern und Krachen. Da – mit einem Male bockte Susy und stemmte stutzig und trotzig die Vorderbeine in den Grund, so urplötzlich, daß der Reiter über den Hals hinweg und durch die Luft flog. Er fiel unsanft auf die harte Erde, griff unwillkürlich um sich und faßte [später: erfaßte ] einen Gegenstand, an dem seine völlig verkrampften Fäuste mit ihrer letzten Kraft sich festhielten. Es war ein schmächtiges, schwankes Bäumchen, an dem er hing. Er fühlte mit der Wange noch einmal – beim Aufschlagen schien ihm, als wenn [später: war ] sein Gesicht auf spitze Fichtennadeln gestoßen [später entfallen: sei ]. Weit und breit wuchsen ein paar Zwergtannen nur dort, wo er sein Weihnachtsbäumchen sich geholt – am steilen Rande der Höllenschlucht! Nun wußte Amatus, wo er war. Über dem schauerlich tiefen Abgrunde hing er wie an einem dünnen Faden – wenn der Zweig brach, war ihm sein letztes Stündlein gewiß. O, von unten aus der Tiefe heraus klang dumpfes Gebrüll und Sterbegestöhn der abgestürzten Tiere. Wenn er fiel, würde er zerquetscht von den sich wälzenden Leibern. Das Haar sträubte sich ihm, das helle Grausen lief ihm über Rücken und Nacken. Dem kraftlos keuchenden Mann gelang es endlich, das rechte Bein über den Stamm zu schlagen. Aber wie lange vermochte er mit seinen erstarrten Gliedmaßen sich hier zu halten? Frosteisig war ihm; nur seine Seele brannte in ihm in bitterer Reue. Wehe! Warum hatte er sein sich selbst gegebenes Wort gebrochen und den elenden Whisky getrunken? Vom Leben, von seiner lieben Mutter nahm er unter Tränen Abschied und flehte brünstig: »Mein Gott, verschone meiner und gib mir aus Gnaden die ewige Seligkeit! Wenn es aber dein Wille ist, errette mich vom Tode! Es soll kein Tropfen von dem bösen Gift mehr, solange ich lebe, über meine Lippen kommen. Ich will treu sein, mein Herr und Gott!« Unter dem Abhange etwas gegen die Eisgeschosse des Blizzards [später: Blizzard ] geschützt, holte der Erschöpfte tief Atem und neue Kraft. Warm und mutig durchrieselte ihn ein starker Wille zum Leben. Unter ihm, zwischen den im Todeskampfe sich wälzenden, zerschmetterten Rindern drohte der Tod sicher und schauderhaft. In Gottes Namen wollte er das Wagnis versuchen [später ans Satzende gestellt], nach oben zu klettern. Unter einem Stoßgebet klomm er empor, die Hände wie Krallen in den Grund schlagend. Es gelang in Gottes Namen. Halb bewußtlos lag er langausgestreckt [,] mit den Füßen über dem Abgrunde. Ein warmer, schnaufender Atem weckte und wärmte ihn. Die treue Susy, noch immer die Vorderfüße trotzig in den Grund gestemmt und den Kopf über die Schlucht gestreckt, als wenn sie nach ihrem abgestürzten Herrn ausspähe, wieherte leise. Ihr rechzeitiges Bocken hatte ihn vor dem [später ergänzt: grausigen ] Ende bewahrt. Noch jetzt wäre er ohne das Pferd verloren gewesen; denn er hätte im blendenden Schneesturm die Farm nicht gefunden. Amatus kroch steif und mühsam in den Sattel und schrie dreimal in kurzen Zwischenräumen: »Onkel Tycho!« – Kein Laut, nur das Prasseln und Sausen des Blizzards! In dem Umkreis von wenig Schritten, den er übersehen konnte, kein Horn, kein Rind noch Roß noch lebendes Wesen! »Onkel Tycho!« Der Sturm verschlang die Stimme. Der Reiter lag vornüber auf dem Sattel und überließ sich der Stute, deren kluger Instinkt [später ergänzt: den ] Weg wußte, und die im sausenden Galopp der Farm und dem warmen Stalle zustrebte. Halb bewußtlos taumelte er über den Hof nach dem Blockhaus, dessen Licht ihn leitete. Hier sank er vor dem heißen Ofen nieder und erholte sich bald. Qualmiger, harziger Rauch erfüllte das Zimmer – sein Weihnachtsbäumchen, von den niedergebrannten Lichtern schwelende Glut geworden, rauchte noch. Das war die stille, heilige Nacht auf Erden! Hier auf der Prärie des Wetters wilder Wahnsinn entfesselt und alle furchtbaren Furienmächte der Wolken und Winde losgelassen in der heiligen, geweihten Gottesnacht. O, welch ein Weihnachten! Als wieder das Blut durch die steifen, erstarrten Arme und Beine kreiste, raffte Amatus sich auf und rief durch das Haus und über den Hof den Namen des Oheims, den Namen des Negers. Keine Menschenstimme gab Antwort. War er im Untergange allein übriggeblieben? Entweder lag der Onkel mit zerschmetterten Gliedmaßen in der Höllenschlucht oder erfroren auf der Prärie. Er mußte dem Verunglückten Hilfe bringen – aber wie? In der finstern Nacht, in dem furchtbaren Eissturm vermochte er allein nichts auszurichten. Bei andern Menschen, bei dem Nachbar Frenzen wollte er Beistand suchen. Die müde Susy bockte nicht, sondern ließ sich willig den Zaum anlegen. Er saß im Sattel und hoffte, die nordöstliche Richtung inne halten und Frenzens Farm finden zu können. Was war das für ein Schein, der durch die dunkle Nacht und den dichten Schneeschleier des Blizzards deutlich schimmerte? Genau in der von ihm einzuschlagenden Himmelsrichtung war das Leuchten, das immer heller lohte. Wer hatte in der Schreckensnacht ein Feuer angezündet auf der Prärie? Und warum? Sollte es ein Warnungszeichen oder ein Sammlungssignal sei? Ihm diente das gelbliche Geleucht als Wegweiser in dem wilden, weglosen Eissturm. Susy galoppierte, den Hals lang nach unten gestreckt und vorsichtig spähend und schnobernd. Jetzt hörte der Reiter das Knistern des großen und grellen Feuers. Frenzens Farm stand in Flammen! Er band den Mustang ans Hecktor des Hofes. Ringsum [später: Rings um ] das brennende Gebäude laufend, schrie er mit lauter, gellender Stimme durch den Sturm, der ein wenig nachzulassen schien. Aber ausgestorben war die Brandstätte und keine lebende Seele außerhalb des Hauses! Doch wenn ein Mensch noch drinnen in der Feuersbrunst wäre? Wo war die Familie Frenzen? Und der kleine vierjährige Sohn? Der konnte doch nicht auf dem Felde beim Retten der Herde helfen. Amatus hatte eine angstvolle Ahnung und folgte ihrem unmittelbaren Antriebe. Die gierige Lohe griff bereits über das ganze Holzdach. Der Raum rechts, dessen Fenster der Sturm eingestoßen hatte, war ein Feuermeer. Trotzdem riß er die Tür auf und drang durch den qualmenden Rauch in das links liegende Zimmer. Und hier wimmerte ein schluchzendes Stimmlein: »Bertie, Bertie!« Amatus riß den Knaben mitsamt seiner Bettdecke an sich und fand hinter dem brennenden Hause etwas Schutz gegen das Unwetter und Wärme genug. Da barsten krachend die Dachbalken. Pferde wieherten, und Susy erwiderte den Gruß. Frenzen samt Frau und Tochter, die ihr Vieh im Korral zusammengetrieben und den Feuerschein gesehen hatten, standen fassungslos vor der Brandstätte, und Bertie schrie verzweifelt: »Samuel, Samuel! Wo ist mein Sam?« Sie war wie sinnlos und wollte in die Glut hineinstürzen und den kleinen Bruder suchen, als Amatus hervortrat und ihr den Knaben reichte. Lange herzte sie den Liebling, bis die Mutter ihr ihn wegnahm und fest in eine Decke hüllte. Weinend vor Freude, sah Bertie sich um und legte in einem unmittelbaren und unbezwingbaren Gefühlsausbruch die Hände auf die Schultern des langen Deutschen und drückte einen heißen, heftigen Kuß auf seine Lippen. »Ich danke, ich danke Ihnen.« Dem Deutschen wurde bei diesem fühlbaren Dank etwas wunderlich, ein wenig konsterniert und kopfscheu und herzbefangen zu Mute. Aber bald erlangte er seine männliche Fassung wieder und drang darauf, daß man ihm helfe, den verunglückten Oheim zu suchen. Bertie erklärte sich bereit. Aber Frenzen [später: Frenzen jedoch ] fragte, ob man den Verstand verloren habe, und erklärte unter kläglichem Gejammer, daß es platt unmöglich sei, vor Tagesanbruch irgend etwas zu tun. Das wolle er mit heiligen Eiden beschwören. Man verliere nur sein Leben und rette doch nichts. Er kenne die Örtlichkeit genau und die verdammte Höllenschlucht, in die man nur mit Hilfe eines Seiles bei Tage heruntergelangen könne. Bei Nacht und bei diesem Blizzard, welcher der böseste sei, den er in Kansas erlebt habe, sei es völlig unmöglich. Der Unmöglichkeit gegenüber ist des Menschen Wille machtlos. Allein konnte Amatus nichts ausrichten und nur nutzlos sein Leben opfern. Leise flüsternd bot Bertie ihm an, mitzureiten. Aber das Opfer durfte er nicht annehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach weilte auch der Oheim [später ergänzt: längst ] nicht mehr unter den Lebenden. Die Familie Frenzen stieg zu Pferde und ritt mit nach der Jönkerschen Farm, um dort ein vorläufiges Obdach zu haben. »Siehe da!« Amatus mußte lächeln. Da stand Tom Lincoln, wie vom Himmel gefallen, im Blockhaus, hatte frisches Holz in den Ofen gelegt und wärmte sich den zitternden Körper. »Wo bist du gewesen?« »Ich bin nicht gedungen, für sechzehn Dollars [später: Dollar ] monatlich mein Leben zu verlieren, und habe mich im Heu verkrochen. Aber jetzt will ich flink den Topf auf den Herd setzen und Kaffee kochen.« Der Neger zeigte die Zähne und wisperte: »I bet, the old man is done! Ich wette, [später ergänzt: so Gott will, ] mit dem alten Manne ist es aus … so Gott will, sind Sie jetzt Herr auf der Farm …« »Tom, halte deinen unchristlichen und gottlosen Mund!« Frenzen sagte in sehr bedauerlichem Ton und die Augen traurig verdrehend: »Das meiste von Ihrem Vieh ist wohl draufgegangen.« »Wahrscheinlich hat mein Onkel wenig gerettet.« »O, der Verlust in einer Nacht, der furchtbare Verlust auch für mich! Mein Haus und mein Habe ist verbrannt. Freilich habe ich ziemlich gut versichert, und die Polize liegt sicher aufbewahrt in der Bank in Bellavista. Verloren hab [später: hab' ] ich [später ergänzt: trotzdem ] viel … aber von meinem Vieh wird sich kaum mehr als ein Dutzend verstreut haben … das danke ich der Bertie … die Dirne reitet wie der Teufel.« Über das unglückliche Gesicht des Farmers glitt ein heller uns schlauer Trostschimmer. Der heiße Kaffee erfrischte die Ermüdeten, die des Morgens harrten und an Schlaf nicht dachten. Oft und unruhig trat Amatus aus der Tür. Der Neger schnarchte am Ofen, und Samuel schlummerte in dem großen Bett. Bertie, die den Stößen des Windes lauschte, lief hinaus und lugte zum Himmel empor. Ein gräulicher Morgenschein lichtete die Stockfinsternis. Statt der Eisstücke flogen feine, frostige Schneeflocken. Der brausende und erstarrende Blizzard legte sich zum gewöhnlichen, wehenden Schneesturm. Das junge Mädchen rief die Männer ans Werk: »Hallo! Schon hellt es sich … wir müssen reiten und Jönker suchen.« Amatus sagte, daß das Männersache sei und sie im Hause bleiben müsse. Bertie stand vor ihm und blickte in seine Augen hinein. »Dennoch gehe ich mit Ihnen. So besorgt Sie um mich sind, so viel Sorge trage ich um Sie.« Sie nahmen eine Leiter, Seile und Geräte mit und zogen zu vieren nach der Schlucht. Tom verschwor sich: »I will do my duty as a man.« Wie ein Mann werde er seine Pflicht tun. Neben dem Deutschen ritt Bertie durch den Schnee. In ihrem Herzen klang tief und selig das Lenzlied: He loves me, er liebt mich. Der Tag war angebrochen. Vier Gesichter beugten sich über die Höllenschlucht. Der Blick erstarrte, und das Blut stockte bei dem schauerlichen Anblick, der sich ihnen dort unten darbot. Mehrere hundert Stück Vieh, stöhnend, geifernd, mit zerbrochenen Beinen, mit den Hörnern um sich schlagend oder halbtot zuckend lagen über und durch einander in einem Grausen und Ekel erregenden Knäuel. Aber kein menschlicher Körper war zu erblicken. Lag Tycho unter den Tierbeinen begraben? Frenzen und der Neger hielten das um ein Eichengestrüpp geschlungene Seil. Amatus kletterte hinunter und spähte um sich. Den Revolver ziehend, schoß er die nächsten, noch lebenden Rinder durch den Kopf und blickte nach oben. Behende rutsche Bertie an dem Seile herab. Mit dem Revolver ihres Vaters in der sicheren Hand half sie ihm mitleidig, die Qual der verreckenden Tiere schnell zu enden. Über die noch zuckenden Leiber schreitend, traf sie geschickt mit der gut gezielten Kugel das wild rollende Auge, so daß in derselben Sekunde kein Glied mehr sich regte. Weiter kletterte sie, und er ihr nach, schießend und durch den Pulverrauch suchend. Bewundern mußte er das männlich mutige Mädchen, das, ohne mit der Wimper zu zucken, bei dem mörderischen Mitleidswerk ihm half. Aber er erschrak auch vor dem Starken und Unweiblichen in ihrem Wesen und fühlte in diesem Augenblick einen innerlichen Stoß, der ihn von ihr zurückstieß. Bertie sah einen Stiefel hervorragen und rief: »Hier liegt er!« Ein verendeter Stier, dem die Zunge aus dem geifernden Maule hing, lag auf dem Zerquetschten. Tom mußte herunter und Hilfe leisten, ehe es gelang, den mächtigen Tierleib fortzuwälzen und den zerschmetterten Körper zu befreien. Tycho war sogleich getötet worden und hatte nicht viel gelitten. Dumpfe Schüsse endeten die Qual der seufzenden und elend umgekommenen Kreatur. In der Höllenschlucht regte sich nichts Lebendes mehr. Die Reiter ritten heim, und der Tote lag auf der Leiter, die zwischen zwei Sattelknöpfen festgebunden war. Nach Wochen stieg von der Höllenschlucht ein pestilenzialischer Geruch auf, so daß kein Mensch auf Schußweite sich nähern konnte. Nun liegen dort bleichende Gebeine, und die Schlucht ist als Spukort verschrieen im Country. – – Tycho Junker war auf dem kahlen Prärie-Friedhof hinter Bellavista beigesetzt worden, und der Presbyterianer-Prediger, der für die Leichenrede fünf Dollars [später: Dollar ] bekam – für welche er seinen Kindern die neuen, höchst nötigen Schuhe kaufte –, hatte den Toten über seinem Grabe als einen guten Bürger, Menschen und Christen gerühmt. Der Beweis des Christentums war seine große Nächstenliebe für den Neffen. Ja, er hatte seine Liebe durch die Tat und das Testament bewiesen. Amatus war Erbe und Besitzer der Farm. Vierhundert Haupt Rindvieh waren ihm immerhin noch geblieben. Und die riesige Landfläche! Oft ritt er, ohne bestimmtes Ziel, nur zur fröhlichen Besichtigung, mit dem stolzen Blick und dem ganzen Behagen des Bauers über seinen eignen, weit ausgedehnten Grund und Boden. In der Bellavistaer Gegend galt er für einen wohlhabenden Mann, und die Krämer und Banken boten ihm unbeschränkten Kredit an. Die wunderbare Wendung, die sein Schicksal genommen, war gleichzeitig mit einer Geldsendung nach Norderhafen gemeldet worden. Seine liebe, alte Mutter schrieb einen Brief, der voll Lob und Freude, aber auch in und zwischen den Zeilen voll schmerzhafter Sehnsucht war. Jetzt sei er schon mehr als vier Jahre fort von ihrem Herzen, das nach ihm kranke; auch habe er beim Scheiden ihr versprochen, bald einmal die Heimat zu besuchen, und nun besäße er doch die Mittel, um sein Versprechen einzulösen. »Mein Amatus, ich muß dich sehen vor dem Sterben, um meine Augen in Frieden schließen zu können.« Das war der Schluß ihres Briefes, [später entfallen: und ] aus den stummen Schriftzügen der Mutter klang wie ein Schrei der Sehnsucht ihm entgegen. Für eine mehrmonatliche Reise konnte er seine Farm nicht verlassen und fremder Obhut anvertrauen. Darum müsse er wohl trachten, sie gut zu verkaufen, obwohl er an der weiten Landfläche seine Lust hatte. So schwankte sein Sinn und konnte sich nicht entschließen. Aber als gesetzter und gereifter Mann wollte er nichts übereilen und auf jeden Fall mit Vorsicht und nach reiflicher Überlegung handeln. Bis das Haus wieder aufgebaut war, blieb die Familie Frenzen auf seiner Farm. Aber der Winter und der Bau hatten gute Weile; der letztere, aus Feldsteinen dauerhaft ausgeführt, wurde vielleicht geflissentlich in die Länge gezogen, denn alle Frenzens fühlten sich ungemein wohl und heimisch in ihrem vorläufigen Heim, obgleich die sechs Personen wie die Passagiere eines überfüllten Zwischendecks verstaut waren. Der Neger redete nicht mehr von seinem Übertritt zum Judentum und hatte sein Amt als Koch weißeren, zarteren und geschickteren Händen übergeben. Bertie wirtschaftete wie eine tüchtige Hausfrau, hielt das Haus sauber und kochte schmackhaft. Statt des ewig Schweinernen gab es jetzt vielerlei amerikanische Gerichte mit Gelees und Süßigkeiten. Das bekam dem langen und eßfrohen Leibe des Deutschen sehr gut und erfüllte seine Seele mit dem satten Behagen einer angenehmen Häuslichkeit. Doch kein Erdenglück ist ungetrübt. Andres weckte sein Mißbehagen in recht hohem Maße. Daß sie, ohne ihn zu fragen, nach Gutdünken in seinem Hause schaltete, daß sie ihm befahl, sich die Füße zu reinigen, und die kleine Nase rümpfte, wenn er in seinem Zimmer dicke Rauchwolken von sich blies – das duldete er als ein amerikanischen Frauenvorrecht. Aber als Bertie ohne sein Wissen in Bellavista für sein Haus einen Teppich, einen teuren Schaukelstuhl und andren Komfort kaufte und dreist lächelnd ihm die unbezahlte Rechnung präsentierte, war seine Geduld am Ausgehen, und er biß sich die Lippen, um ein grobes Wort zu unterdrücken. Der Neger blies lustig die Backen auf und sagte leise zu seinem nunmehrigen Herrn: »I guess, ich denke!« »Was denkst du?« »Ich denke, Mister Jönker, daß Sie, so Gott will, sehr bald auf der Jönkerschen Farm nichts mehr zu sagen haben.« Die Gedanken des Schwarzen mehrten seine ärgerliche Ungeduld. Fräulein Bertie geberdete [später: gebärdete ] sich auf seiner rechtlich und redlich ererbten Farm als Herrin fast – so Gott will, sollte es nicht dahin kommen und wollte er der Herr bleiben. Das gelobte er sich in seinem Mißmut über ihre eigenmächtigen Einkäufe. Nichtsdestoweniger bezahlte er ohne Murren die unbezahlten Rechnungen. Ein leckeres Lieblingsgericht versöhnte ihn ganz. Einmal im Zwielicht ruhte sein Auge mit großem Wohlbehagen auf der flinken Hausmutter, die mit feinen und doch festen Händen rasch und rastlos zufaßte. Ihre frische, voll gereifte Gestalt schwebte an ihm vorüber und streifte ihn mit dem Gewande. Eine Augen- und Sinnenlust wandelte ihn an, sie in seine Arme zu nehmen, und er dachte an den Kuß, den sie in jener Schreckensnacht auf seine Lippen gedrückt. Zum Glück war der Knabe gegenwärtig und kletterte in diesem verhängnisvollen Moment auf Amatus' Knie, um zu reiten. Samuel plapperte, natürlich englisch, wie immer: »You! Are you going to be my brother – in – law?« – Willst du mein Schwager werden? »Wer – sagt – das – ?« »Pa – .« Bertie riß das vorlaute enfant terrible an sich und hielt ihm den Mund zu. Aber ihr Auge senkte sich nicht in Scham, sondern richtete sich furchtlos und wie fragend auf den großen brother-in-law des kleinen Bruders. Der kecke, kokette Blick gefiel dem Deutschen gar nicht [später: durchaus nicht ; an das Satzende gestellt], der in blöder Benautheit schwieg und dicke Rauchwolken qualmte. – Der heurige Winter hielt ungewöhnlich lange an mit rauhen Winden und harten Nachtfrösten. Sonst war um diese Zeit die Prärie hellgrün, und der Farmer pflegte anfangs März seinen Hafer zu säen. Infolgedessen gingen die Heuvorräte auf die Neige, [später entfallen: und ] das arme Vieh mußte die trocknen Grasbüschel nagen und grimmigen Hunger leiden. Amatus Junker fuhr sein letztes Fuder hinaus und füllte die langen Raufen der Hürde. Die erste, schwere Bauernsorge lastete auf seinem Gemüt. Woher Futter nehmen, um 420 gierige Mäuler zu füllen? Es würde noch Wochen währen, ehe frisches Gras da wäre. In seiner Not fragte er Frenzen, der in gleicher Lage war und die Achseln zuckte: »Wir müssen sterben lassen, was nicht leben will … die alten, schwachen Kühe gehen drauf und krepieren, aber sie sind auch zum Glück nicht viel wert.« So machten es die Farmer alle mit einem gewissen phlegmatischen Gleichmut und ließen verhungern, was gegen Winternot und Nahrungsmangel nicht Widerstandskraft besaß. Amatus ritt einmal übers Feld und sah empört ein grausig-grausames, ins Herz ihm schneidendes Bild. Mehr als ein Dutzend alte, ausgemergelte Kühe eines Nachbars lagen in einer Schlucht, kraftlos und unfähig sich aufzurichten. Tief ausgehöhlte, gequälte, flehende Augen der vor Hunger verreckenden Kreatur sahen ihn an. Drei eben geborene Kälber standen neben den sterbenden Müttern und blökten kläglich. Weh tat ihm das entsetzliche Seufzen der hilflosen Kreatur, und sein Herz krampfte sich vor Mitleid. Welche Schmach, welche Sünde des Menschen! Der edle Tierschutzverein in Kansas City kam nicht hier heraus auf die Prärie, um diese scheußliche, langsam marternde Tierquälerei zu sehen und zur Anzeige zu bringen. Was es auch koste, er wollte der Unmenschlichkeit sich nicht schuldig machen, sondern sein Vieh vor dem Hungertode schützen. Aber wo Futter kaufen, da meilenweit und -breit der letzte Halm verfüttert war? Jeden Frühmorgen spähte er angstvoll nach dem Tümpel, sah die in der Nacht gefrorene Eiskruste und bat: »Barmherziger Herrgott, laß um der elenden, geplagten Geschöpfe willen Frühling werden im Lande!« Seine große, halbwilde Herde wurde zahm und wich nicht vom Hofe. Er durfte es keinen Tag länger ansehen und erklärte Frenzen, daß er in Kansas City Heu und Stroh einkaufen wolle. Der beschwor ihn, zuerst unter Fluchen, dann unter Anrufung des Namens Gottes: »Heiliger Gott! Sind Sie bei Trost? Was schadet's, wenn einige alte, abgelebte Tiere eingehen … und wenn es hundert wären, würde es höchstens tausend Dollars [später: Dollar ] machen. Never mind!« Amatus schüttelte den Kopf. »Ich reise noch heute.« Frenzen beschwor ihn unter Schluchzen. »Mein teurer, junger Freund! Die Ochsen und Färsen werden sich durchbeißen und das Leben fristen. Für Futtervorräte werden jetzt in Kansas City undenkbare Preise gefordert. Sie dürfen sich nicht ruinieren, ich darf es nicht dulden, daß mein Freund aus Dummheit und Humanitätsdusel finanziellen Selbstmord begeht.« Junker ließ sich in seinem Entschluß nicht erschüttern und reiste an demselben Tage nach Kansas City ab. Geschwind hatten die Händler mit Heu und Stroh, um die Notlage der Bauern auszunutzen, einen Ring geschlossen, den sie, gleichwie eine Erdrosselungsschlinge, dem sich krümmenden Farmer um den Hals warfen. Entweder – oder! Auch unserm Amatus ging der Atem aus, als er den geforderten, wahnsinnig klingenden Preis hörte. Stroh dreißig Dollars pro Ton [so in beiden Versionen; d. Hg.] und Heu vierzig! Der Deutsche rechnete in deutschem Gelde: Hundertzwanzig Mark für zweitausend Pfund Stroh! Und entsetzte sich noch mehr. Aber die Händler mochten und konnten es tun. Junker kaufte, damit sein Vieh nicht Hungers sterbe, für diesen unerhörten Preis Heu und Stroh in gepreßten Ballen. Um die sehr große Summe – auch für Fracht, denn die Eisenbahngesellschaft hatte schleunigst, um ihr Schäfchen zu scheren, die Frachtsätze für Futtervorräte verdoppelt – um die Summe zu bezahlen, mußte er einen Schuldbrief auf seine Farm aufnehmen, nach einer Woche einen zweiten und dann noch einen dritten und letzten. Im Handumdrehen hatte der glückliche Besitzer der großen Farm 16 000 Mark Hypotheken. Doch kein Kälbchen und keine Kuh seiner Herde war vor Hunger gestorben. Gegen Ende März wurde der Winter vertrieben – aber nicht, wie man meinen könnte, vom milden und linden Lenz – nein, mit einem Male und ohne Übergang wurde warmer, heißer Sommer. Wie die Leute des Landes nur aufs Sparen bedacht waren, so sparte sich die Natur des Landes eine volle Jahreszeit. In zwei [später anders: vier ] Tagen war die Prärie saftig grün und alle Not der noch lebenden Kreatur zu Ende. Die Farmer suchten durch Aufzucht den Verlust wett zu machen und fügten sich in das Unabänderliche. Aber der böse Blizzard und die Heueinkäufe und die Hypothekenschulden hatten dem Agrarier Amatus die Lust am amerikanischen Bauerntum verleidet. Er schwankte nicht mehr, sondern wollte verkaufen. Der Frenzensche Neubau war vollendet. Stichhaltige Gründe ließen sich nicht finden, um den Umzug länger hinauszuschieben. Also mußte geschieden sein. Am letzten Abend blieben die Eltern drüben in ihrem Hause mit Einräumen beschäftigt und behielten den allzu redseligen Knaben Samuel bei sich [später ans Satzende gestellt], der allerdings nichts mehr sagte, sondern im Schaukelstuhl schläferte. Amatus und Bertie, die ihr Supper verzehrt hatten, waren allein. Auf der Küchenbank schnarchte der Neger. Es schlug acht Uhr und war völlig dunkel. Er rieb ein Streichholz, und sie hauchte: »Wie schön und traulich ist das schummernde Zwielicht!« Aber er zündete dennoch die Lampe an, und sie waren allein. Nach einer langen, verlegenen Weile nahm er [später: Amatus ] eins seiner Bücher vom Schranke herunter. Mit feucht schimmernden, schmachtenden Augen sah sie zu ihm auf. »Sie … Sie wollen lesen und nicht mit mir reden.« »Ja, was soll ich reden?« »Ge–gefalle ich Ihnen so wenig?« »O, o ja–a–a …« Der Deutsche, der rot wie ein Backfisch wurde, war zu blöde. Darum steckte sie wie ein Kind den Finger in den Mund, schlug die dunklen, schmachtenden Augen voll zu ihm empor und lispelte: »Mister Amatus, Sie ge–gefallen mir …« Das dreiste, unkindliche Wort warf ihn aus allen seinen Einbildungen und Träumen. Das amerikanische, undeutsche, unweibliche Wesen des Mädchens versetzte ihm einen Stoß, so daß zwischen ihr und ihm ein breiter, unüberschreitbarer Raum wurde. Ohne zu antworten, stand er hastig und unhöflich auf und nahm sein Schreibzeug, um seiner Mutter zu schreiben. Unwillkürlich mußte er denken: Würde Silly, würde Klarissa so gehandelt und so gesprochen haben? Nein, nie und nimmer! Und seine Gedanken blieben bei Klarissa hängen, so daß er im Briefe nach Fräulein Reders Ergehen sich erkundigte. Der Mutter teilte er seinen endgültigen Entschluß mit, die Farm zu verkaufen und nach der Heimat zu gehen, um bei ihr und Friedline zu bleiben. Bertie Frenzen argwöhnte, daß er drüben in Deutschland eine betagte Braut zurückgelassen habe. Über den Tisch lugend, suchte sie die Überschrift des Briefes zu entziffern. Aber es gelang ihr nicht, denn die Amerikanerin hatte nicht genug gelernt, um über Kopf deutsche Schrift lesen zu können. – – – In Ermangelung der Glocken rief das unmelodische Gebelle eines Gong [so in beiden Versionen; d. Hg.] die deutsche Gemeinde zusammen. Die Kirche, die vier Jahre verschlossen gewesen, stand weit offen. Ein armes deutsches Kandidatlein, das ein unvorteilhaftes Äußere [so in beiden Versionen; d. Hg.] besaß und sonst nicht verbrochen hatte, war nach Amerika verschlagen worden und hatte sich nach Bellavista verirrt. Der schüchterne Mann, dessen Kopf die Kanzel eben überragte, hielt seine Probepredigt, eine sehr leise und demütige Predigt. Trotzdem war die verwaiste Gemeinde gewillt, ihn zu wählen und ihm ein Gehalt von zweihundert Dollars zu gewähren. Der Kandidat, der keine Subsistenzmittel mehr besaß, hätte für jeden Lohn sich dingen lassen und dem Herrn gedient. Aber Junker, der jetzt im Kirchenvorstand Wort und Stimme hatte, gedachte seiner eigenen Kandidatenschaft und trat für den Kollegen in die Schranken. Schließlich, nachdem die Ältesten im Grandhotel zwei volle Stunden um den großen Spucknapf herum getagt hatten, setzte er es, nicht ohne ein persönliches und beträchtliches Opfer, durch, daß ein Gehalt von dreihundert Dollars bewilligt wurde. Amatus hauste allein mit dem Neger in seinem Blockhause, das so kahl und ungemütlich ihm dünkte. Dagegen war das Dachstübchen des Pappeltals wie ein trauliches Paradies, und nur wo Frauenhände walteten, war wirkliches Behagen. In den stillen Abendstunden sah er die Stube mit den duftenden Blumen im Fenster und hell durchsonnt von den leuchtenden Strahlen. Ob die Mutter noch immer nähte trotz seiner Verbote? Er sah die Weißhaarige am Fenster, wie sie leibte und lebte, und drüben die blanke Föhrde. Lebendig vor seinem Geiste stand das liebliche Städtchen, rund um die turmlose Marienkirche gelagert, als wenn er auf der Höhe hinter Norderhafen Auslug halte. Obgleich seine Lippen traumhaft lächelten, strich ein leise ziehender, schneidender Schmerz über die Saiten seiner Seele, als ob er weinen möchte, weinen müßte. Es war das Heimatweh und die brennende Sehnsucht nach der Mutter und nach Friedline. Deshalb suchte er den Verkauf zu beschleunigen und nahm einen Makler als Vermittler. Das wurde in Bellavista ruchbar, und in der Kansasthee-Schenke [später: Kansastee-Schenke ] besprach man, daß Jönker verkaufen wolle. Frenzen eilte nach Hause und meldete erschrocken, was er gehört. Der sonst zungenschnellen Frau [später ergänzt: Frenzen ] wurde die Rede völlig verschlagen. Samuel, der kleine brother-in-law, begriff nur, daß es etwas Trauriges sei, welches die ganze Familie betreffe, und begann zu heulen. »Der brüllt … und die Dirn wird ganz wunderlich«, brummte der Vater. Ja, Bertie lag auf der Tischplatte, um den Weinkrampf zu verbergen, den sie bekommen. So ging das nicht. Nach einer kurzen Unterredung mit der Mutter steckte Frenzen sich die Pfeife an und schlenderte zum Nachbar hinüber. Auf dem Wege ließ er die Nase hängen, wie er beim schlauen Sinnieren tat. Junker hatte die Kälber getränkt und setzte die Eimer hin. Vom Wetter, vom Graswuchs, von den Viehpreisen schwatzte der Besucher ein Langes und Breites; der andre warf ein Kurzes und Schmales dazwischen. »He, Sie interessieren sich wohl nicht mehr dafür … wollen uns verlassen, wie man hört. Der Blizzard soll Sie nicht bange machen … und hat Ihnen – hum – doch dies alles eingebracht. Aber, ich bitte Sie bei allem, was Ihnen lieb und heilig ist, Sie dürfen die schöne Farm nicht verschleudern, nicht unter 25 000 Dollars verkaufen … geben Sie mir die Hand darauf, mein Freund!« »Ich tue es viel billiger.« Amatus ließ die Hände schlaff hängen. Frenzen paffte und plierte verschmitzt mit den Augen. »Sie müßten nur heiraten und ein Heim haben.« »Zum Heiraten gehören zwei …« Frenzen paffte ein paarmal und wurde verständlicher. »Eine zweite ließe sich finden, [später ergänzt: eine, ] die ihre 640 Äcker mitbrächte … hum, was denken Sie?« »Ich denke gar nichts.« Amatus nahm die Eimer in die Hände. Berties Vater paffte dreimal und wurde unverblümt. »Meine Tochter ist ein braves Kind … sie und uns alle wird es sehr kränken, wenn Sie uns verlassen.« Junker dachte jetzo [später: jetzt ] viel und sagte nichts und storchte mit seinen Eimern über den Hof. Der Freiwerber folgte ihm nicht, sondern paffte und paffte groß- und glotzäugig. Endlich schob er sich langsam von hinnen mit einem langen, englischen Fluch. »Goddam greenhorn!« Verfluchtes Grünhorn! Und wer war der Grüne? Bertie weinte nicht mehr, sondern jagte auf ihrem Rappen wie toll über Stock und Stein, über Holzzäune und Stacheldrahtfenzen, um das verliebte Blut auszutoben und sich Herzensruhe zu erreiten. – Die gütige Vorsehung führte einen guten und zahlungsfähigen Käufer nach Bellavista. Obgleich die Hälfte der Herde in der Höllenschlucht lag, erzielte Amatus beim Verkaufe nach Abzug der Schulden und Unkosten einen Überschuß von 40 000 Mark. Mit einem solchen Vermögen konnte er auch in der deutschen Heimat auf eigner Scholle sein Korn und seinen Kohl bauen und ein freier Bauer sein. Im Handel war alles tote und lebende Inventar mit eingeschlossen; nur das Pferd Susy behielt sich der Verkäufer vor. Tom der Neger erklärte feierlich, daß er nicht zum lebenden Inventar gehöre, und bat seinen Herrn, für ihn die Fahrt bis nach Hamburg zu bezahlen, damit er in seinen alten Tagen ein bequemes Leben haben könne; er gedenke nämlich, so Gott will, als wilder Mann auf den Jahrmärkten Deutschlands sich sehen zu lassen. Statt diese Bitte zu gewähren, gab Junker ihm einen Dreimonatslohn. Für das Geld nahm Tom ein billiges Logis bei einem schwarzen Heilsarmee-Bruder, tat zehn Wochen lang nichts, sondern lag faulenzend in der Sonne, kaute Tabak und sang geistliche Lieder. Als er sein Vermögen verzehrt, warf sein Heilsarmee-Bruder ihn auf die Straße und Tom, der die Rolle des reichen Mannes ausgespielt hatte, ging gelassen hin und verdang sich dem neuen Besitzer der Jönkerschen Farm. Amatus mußte seinen ursprünglichen Gedanken, Susy mit nach Deutschland zu nehmen, als unausführbar aufgeben. Schweren Herzens trennte er sich von dem Pferd und sann [später ergänzt: hin und her ], wie er es in gute und tierliebe Hände gäbe. Zum letzten Male ritt Amatus nach Bellavista und schenkte die treue Stute dem neuen Pastor, bei dem sie bis in ihr Alter die beste Pflege haben werde. Bis heute trägt Susy den menschenfreundlichen Mann zu den Kranken und Trostbedürftigen der weit verstreuten Gemeinde. Fünfter [später: Vierter] Abschnitt: Friedlines letztes Lächeln. Es war die ewig nasse, windig rauhe Zeit der Herbstäquinoktien, wo die Hals-shawls, Pulswärmer und Nastücher in fleißigem Gebrauch kamen und eine Lungenentzündung wohlfeil zu haben war. Eine bösartige, ansteckende Erkältung ging von Haus zu Haus, und von allen Menschen, die in der nördlichen, nordschleswigschen Stadt wohnten, war die Hälfte krank, wenn auch die meisten auf den Beinen blieben und es nur für einen Schnupfen in höchster Potenz hielten und keinen Arzt holten. Welcher Norderhafener wird bei Erkältung einen Doktor konsultieren und bezahlen? Nachdem aber die Ärzte mit sehr bedenklichen Mienen und Gebärden die Krankheit als kontagiöse [Erg. d. Hg: ansteckende] Grippe bezeichnet hatten, wurde den Leuten angst [später: Angst ] um ihr Leben, und die [später ergänzt: Herren ] Doktores liefen mit pfiffigem Augurenblick durch die Gassen und in die Häuser. Der Löwenapotheker verschrieb sich einen halben Zentner Antipyrin, von welcher Arznei eine Unmenge vertilgt wurde. Obschon er ein paar Ärzten von jedem Rezept gewisse Prozente abgab, machte er ein gutes Geschäft. [Später ergänzt: Der Doktor Evers, der Modearzt, machte das beste Geschäft. ] Leider hatte die lästige, schleichende Schnupfenseuche vielfach schlimme Folgen, und nicht wenige von denen, deren Gesundheit schon geschwächt war, Brustleidende, Greisen- und Gebrestkranke, unterlagen ihr. Außer dem Apotheker [später ergänzt: und Arzt ] rieb ein andrer sich die Hände. Der Norderhafener Totengräber verdiente im Novembermonat mehr Grabgeld als im ganzen Sommer. Auch die Pastoren konnten mit den Parentation sgebühren [Erg. d. Hg.: Grabrede] des Monats zufrieden sein. Heiß war es im Dachstübchen, denn die Frauen litten am Frösteln. Monika sprach mit heiserer Stimme und nieste und hielt das Taschentuch vor, damit der Randersche Handschuh keinen Fleck bekäme. Trotzdem sie sich kalt und krank fühlte und einen benommenen Kopf hatte, stachen ihre Finger eifrig mit der Nadel. Trotz Friedlines Bitten blieb sie bei der Arbeit, um ihren Taglohn von 75 Pfennigen zu verdienen. Heute freilich wurden es nur sechzig. Gegen Abend vom Fieber geschüttelt, mußte sie sich hinlegen und trank drei Tassen Kamillenthee [später: Kamillentee ] nach einander, um möglichst schnell gesund zu werden und morgen wieder arbeitsfähig zu sein. Aber Monika, von der Tochter, [später ergänzt: die von ihrem Brustleiden sich erholt hatte, ] treu und sorgsam gepflegt, blieb tagelang bettlägerig und duldete doch nicht, daß der Doktor [später entfallen: , der halbjährlich seine Rechnungen aussandte, ] geholt werde. Draußen vor dem schrägen Dachfenster nebelte der November grau und grämlich, jedes Menschengemüt verdüsternd. Die Kranke hielt die Hände gefaltet – jetzt hatte sie ja Zeit genug zum langen Beten – und blieb dennoch traurig, ungetröstet, und ein Seufzer entfuhr ihr. »Ach, überübermorgen! Meinen Amatus sehe ich nicht wieder.« Unter der Nachthaube quollen die weißen Haare hervor, und die Greisin weinte laut wie ein Kind. »Ich werde sein Angesicht nicht wiedersehen.« »Mutter, ich weiß es gewiß und von Gott, daß du es wirst. Überübermorgen ist der Tag, an dem Amatus abreiste … nun ist er fünf Jahre fort.« »Ja, fünf Jahre! Zuerst in der Kindheit schleichen die Jahre – törichterweise möchte man ihren Schritt beschleunigen – in der Jugend gehen sie viel rascher, und man freut sich des Ganges der Zeit; in den Dreißigern fangen sie das Traben an und laufen immer schneller – und dann im Greisenalter rennen sie, rennen dem Grabe, ja dem Grabe zu.« »Nein, mein liebes, liebes Mütterchen, ich muß nach Gottes Vorherbestimmung zuerst sterben.« Die Blinde sprach's, als wenn ihr Kindesglaube Gottes Ratschluß kenne. Es wurde morgen und übermorgen. Frau Junker hatte die böse Grippe [später ergänzt: ziemlich ] überstanden und fieberte nicht mehr. Um die Patientin zu erfreuen, ging die Pflegerin heimlich zur Nachbarin und lieh die Norderhafener Zeitung. »Hier! Lies die Neuigkeiten, um dich zu zerstreuen!« Friedline, die zu schnell gegangen war, sank in einen Stuhl und unterdrückte ein Stöhnen. Im letzten Jahre war sie sehr abgemagert, was der Mutter, welche sie täglich sah, nicht so auffiel, wie andern Leuten. »Was fehlt dir, mein Kind? Du hast dich überanstrengt.« »Es ist nichts … nur der Stich! Jetzt ist es schon vorüber.« O, das Stechen in der rechten Brustseite machte der Mutter große Bekümmernis. Friedlinchen lächelte, um zu beruhigen. »Was steht in der Zeitung? In unsrer Einsamkeit haben wir lange nichts von der Außenwelt gehört.« Monikas Blick fiel auf die letzte Seite des Blattes. »Todesanzeigen, anderthalb ganze Spalten! Der Sensenmann hält reiche Ernte in Norderhafen. Die Frau Sörensen kenne ich, sie ist in meinem Alter … und was steht hier? Frau Zollinspektor Reder, geb. Ehrlich, ist gestorben!« »Die lange Stine! Nun ist Klarissa Waise … ob sie wohl um ihre Mutter weinen wird?« »Ja, denn treu hat sie die Stiefmutter gepflegt und Böses mit Gutem vergolten.« [Später ergänzt: Frau Junker las die Lokalnachrichten der »Grenzwacht« – da war eine sensationelle Neuigkeit, die ihr lebhaftestes Interesse erregte. Nicht wenig echauffiert rief sie Friedline. »Nun höre mal! Hier in Norderhafen ist eine schreckliche Geschichte passiert … man meint, daß ein Sechsmonatskind des Gasfitters Petersen fahrlässig von einem der ersten Ärzte der Stadt vergiftet worden ist.« »Vergiftet ist das arme, unschuldige Wesen? Der Arzt ist kein andrer als Doktor Evers gewesen!« sagte die Blinde prophetisch, und mit priesterlichem Pathos setzte sie hinzu: »Das Gericht hebt an, Gottes Mühlen fangen an zu mahlen und den Menschen zu zermalmen.« »Die Zeitung nennt keinen Namen, aber wenn hier steht: »Einer unsrer jüngsten Doktoren, ein überaus befähigter und viel gerühmter Arzt, der durch seine Kuren Aufsehen erregt hat, soll das Kind behandelt haben«, so weiß jeder, wer gemeint ist.« »Was hat er gemacht?« drängte Friedline. »Dem kleinen Wurm, das noch die Brust bekam und an Brechdurchfall litt, ist eine viel zu große, wie die Zeitung sich ausdrückt, eine enorme Dosis Opium, die einen Erwachsenen umbringen könnte, versehentlich verabfolgt worden. Von der Staatsanwaltschaft ist eine strenge Untersuchung eingeleitet. Das arme Kind ist nicht mehr aufgewacht … und die unglückliche Mutter! Ja, der schlechte Mensch, der mit Menschenleben gespielt hat, muß schwer bestraft werden.« Monika ereiferte sich nicht wenig. »Die Grenzwacht natürlich, die es stets mit den Großen hält, nimmt Evers in Schutz. Ein bedeutender Arzt, der in kurzer Zeit den Ruf einer Kapazität und eine beispiellos große Praxis sich erworben, habe viele Feinde, Neider und Verleumder. Die Sache mit dem Kinde, von der vielzüngigen Fama aufgebauscht, werde sich hoffentlich harmlos aufklären, denn Brechdurchfall sei bei Säuglingen eine schwere und oft tödliche Erkrankung. So schwatzt die Zeitung.« Friedline wurde noch einmal zur Prophetin. »Der Mensch wird ernten, was er mit seinen scheußlichen Morphium-Kuren gesäet hat.« »Ja, wenn die Geschichte nicht vertuscht wird; aber die hohen Herren hacken einander die Augen nicht aus«, meinte Monika, welche die Menschen zu kennen meinte. Doch die Blinde war noch menschenkundiger: »Nein, der Neid der andern Ärzte wird schon für eine gewissenhafte Untersuchung Sorge tragen.« ] Es war überübermorgen geworden und der Jahrestag der Abreise nach Amerika. Noch lag tiefes Nachtdunkel im Schlafzimmer, als Monika sich regte. »Wie geht es dir heute?« fragte sogleich ein leises Stimmlein vom Bette drüben. »Gut, ich bin hungrig und sehne mich nach dem warmen Kaffee.« Sogleich hüpfte Friedline aus dem Bette, aber [später vor dem Verb] in der Küche blieb sie stehen und hielt die Hand gegen die Brust. Ihr war, als wenn durch die hastige Bewegung dort drinnen eine wunde Stelle aufgerissen wäre. Frau Junker fühlte sich genesen, stand am Vormittage auf und setzte sich ans Fenster. Die Tochter hob den Finger: »Aber nicht nähen!« Dennoch konnte sie nicht unterlassen, einen Handschuhdaumen einzunähen. Besuch unterbrach die Arbeit. Es kam eilig die Treppe hinauf, klopfte an und war vor dem Herein im Zimmer. Silly [später entfallen: , noch im Reisemantel, ] warf sich in die Arme der Tante und konnte lange vor Schluchzen kein Wort hervorbringen. [Später entfallen: Monika ahnte alles. »Du hast deinen Bruder verlassen?« »Ja, verlassen müssen … meine Kraft konnte nicht mehr. Ich schämte mich vor Gott, vor Menschen, vor mir selber, die Schmach anzusehen.« Nachdem sie etwas Warmes getrunken, erzählte Silly: »Asmus erkrankte an der Grippe und lag drei Tage lang im Bette. So gut ich konnte, pflegte ich ihn, obgleich er ungebärdig war und oft grob wurde. Am dritten Tage klingelte es, ich öffne selbst, und die – die schamlose Person rauscht durch die Korridortür hinein und drängt sich an mir vorbei. ›Was wollen Sie?‹ – ›Ich wünsche dem Herrn Amtsrichter melden zu lassen, daß ich hier bin, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen … dann wird er ohne Frage mich zu sich bitten.‹ »In meiner Erbitterung über diese maßlose Frechheit war ich zuerst sprachlos. Dann aber, die Korridortür weit aufwerfend, rief ich: ›Heraus, heraus!‹ – Ihre schwarzen Simili-Augen schossen giftige Flammen, aber sie ging. »Im Bette schellte mein Bruder immer heftiger, und ich lief hinüber. ›Wer war da, wen hast du hinausgeworfen?‹ Er hatte offenbar ihre Stimme gehört, denn sein Gesicht war verzerrt vor verhaltener Wut. – ›Der Kleopatra, dem frechen Weibe, habe ich die Tür gezeigt … sie soll sich nicht erdreisten, dieses Haus zu beschmutzen.‹ – Da sprang er aus dem Bette, seine Augen schienen hervorzuquellen, in seiner Raserei bedrohte er mich mit der geballten Faust und befahl mir, das Haus zu verlassen. Es sei sein Haus.« Silly weinte. »So bin ich aus Breitenföhrde geflohen und habe meinen Bruder seinem Schicksal überlassen müssen … ich kann nicht sagen – der elende, nein, der unglückliche, der unglückliche, von einem Teufel in Weibesgestalt umgarnte Mensch!« Friedline murmelte vor sich hin. »Asmus ist böse und E-he–brecher.« Und Monika sagte: »Wie kann ein sonst gescheiter Mann, der sich auf seine Klugheit etwas zu gute tut, so blind, so töricht, so wahnsinnig sein, in das Netz einer Sirene zu gehen, die ihn ausnutzt, rupft und ruiniert und dann wegwirft? Wie ist es möglich?« Silly nickte traurig. »Groß und schwer ist meines Bruders Sünde und Schuld … sie wird nicht ungerächt bleiben, auch nicht auf Erden. O, das sind die Früchte der sogenannten philosophischen Weltanschauung, die er mir cynisch lächelnd gepredigt, und mit der er mich oft gequält hat. In teuflischer Lust wollte er mir meinen Glauben zerstören, was ihm nicht gelang, weil ich die Früchte seiner Philosophie täglich vor Augen sah. Was ist das für ein Herrenmensch, der über Pflicht und Sitte mit Scheinstärke hinwegschreitet und in dem Garne einer unsauberen Kourtisane zappelt?« Friedline sagte: »Du bleibst bei uns, Silly.« »Nein, ihr habt keinen Platz, ich gehe zu Klarissa Reder.« »Wir haben Platz. Amatus Bett steht immer bereit und mit reinen Bettüchern belegt … darin kannst du schlafen.« Die Blinde machte ein schlaues Gesicht. »Willst du das nicht?« Silly errötete leicht. »Ja … er weilt hunderte von Meilen im Westen … warum habt ihr immer sein Bett bereit gehalten?« Die Tante antwortete: »Es macht uns die Vorstellung, daß er einmal plötzlich heimkehre, Freude … darum hatten wir die Kammer immer fertig.« In Amatus Kammer und Bett hat Silly die Nacht unruhig geschlafen. Vor dem Einschlafen träumte sie von dem fernen Vetter, und in der lichten Morgenfrühe träumte ihr wirklich, daß er unten am Hafen bei der Kastanienallee von Bord springe und sie umarme und küsse. Davon erwachte sie und lachte: Schwerlich wird der Amerikafahrer mit der alten »Marie« in Norderhafen ankommen. Klarissa Reder wollte die Freundin bei sich behalten, und Silly nahm das vorläufige Unterkommen in dem Rederschen Hause an. – – – ] [Später ergänzt/anders im Anschluß an Sillys Besuch bei Monika: Endlich stammelte sie: »Du bist krank, Tante, und läßt es mich nicht wissen … von fremden Leuten muß ich es erfahren. Warum bist du mir böse und was fehlt dir?« »Mir fehlt nichts mehr … aber was fehlt dir, mein Kind?« »Mir?« fragte Silly verlegen. »Ja, du bist so erregt … sage mir alles! Ist in eurem Hause eine Katastrophe hereingebrochen?« »Hast du auch die dumme Geschichte gehört? Evers ist ärgerlich über diesen Knüppel, den ihm seine Kollegen zwischen die Beine werfen wollen, aber unverzagt. Der betreffende Apothekergehilfe, der ein Bummelant sein soll und nachts geweckt wurde, um das Rezept anzufertigen, hat sich natürlich in seinem Dusel vergriffen. Um den Doktor mache ich mir keine Sorge.« Monika sah ihre Nichte durchringend und scharf an. »Darum also nicht! Aber schwere Sorgen machst du dir, Silly! Um was? Ich kenne jeden Zug, jeden Schatten deines lieben, offnen Gesichts, das der Verräter deines Herzens ist. Um was bist du so furchtbar aufgeregt?« Die arme Silly weinte, lehnte sich an die Schulter der Tante und flüsterte stockend und stoßweise. Friedline sollte offenbar die Beichte nicht hören und fing doch mit ihrem feinen Gehör alles Wesentliche auf. »Mein armer Doktor Evers, der sich Tag und Nacht um seine Kranken müht, wird in diesen Tagen vom Unglück, von seinen Feinden und Verleumdern förmlich verfolgt. Ein widerliches Weibsstück hat ihn verklagt und ist offenbar von seinen Feinden, die vor keiner Gemeinheit zurückschrecken, gedungen worden, ihn zu skandalieren und in Norderhafen unmöglich zu machen.« »Warum hat sie ihn verklagt?« »Pfui, ich mag es nicht sagen, es ist so schmutzig«, stotterte Silly. Und sie sagte es doch. »Die Tochter des Gastwirts Hansen von der »Bierquelle«, wo die besseren Herren ihre Bierstunde halten, hat ja geboren und klagt nun gegen den Doktor auf Elemente – was rede ich für Unsinn! – auf Alimente, so heißt es wohl. Ist das nicht entsetzlich?« »Ja, wenn es wahr ist … und es wird wahr sein. Silly, höre auf den Rat deiner Tante! Du mußt sofort das Haus des Doktors verlassen!« »Tante, du glaubst, daß er schuldig ist? Nein, ich sollte ihn verlassen, jetzt, wo er verleumdet und verfolgt wird? Nein, das wäre schlecht! Seine Gegner haben diese Intrigen gegen ihn gesponnen, sie wollen ihn bloßstellen und fällen um jeden Preis. Ich aber, ich glaube, ich glaube an Doktor Evers!« Sie schrie unter Tränen die Worte heraus. Monika aber sagte schwer und wuchtig: »Meine arme Silly, du glaubst an ihn, weil du ihn liebst! Diese Liebe kann nur dein Unfriede, dein Elend, vielleicht dein Tod werden.« Silly war völlig verwirrt. »Ich ihn … lieben … nein … nein … ich möchte gerne sterben.« In kopfloser Bestürzung rannte sie fort. Die Tante ging in heftiger Gemütsbewegung auf und ab. »Gott helf ihr, Gott helf ihr, das Leid tragen, das ihr bestimmt ist!« Am Nachmittage sprach Frau Junker mit ein paar Nachbarfrauen über die Sensation. Aus dem Gerede ließ sich als Tatsache nur feststellen, daß Evers schon lange ein Techtelmechtel mit der Wirtstochter gehabt habe, und alle ihn für den Alimentationspflichtigen hielten. Konstatiert war auch, daß der Apotheker sich nicht vergriffen, sondern nur ein unmögliches, unsinniges Rezept gedankenlos angefertigt habe. Das Rezept lag bei den Akten des Staatsanwalts und lautete: Opium 0,02. Zwei Zentigramm! Für einen Säugling eine ungeheure, unfehlbar tödliche Dosis! In der Eile war statt 0,002 – 0,02 geschrieben worden. Eine fehlende Null hatte furchtbare Folgen und den Verlust eines Menschenlebens herbeigeführt. Die Sache stand offenbar sehr schlimm für Evers und konnte nicht nur seine Existenz vernichten, sondern auch eine entehrende Gefängnisstrafe ihm eintragen. ] Spät hellte [später: erhellte ] sich der Wintermorgen. Monika löschte sparsam die Lampe aus, legte im Ofen Torf nach und wusch die Hände, um nicht auf die Handschuhe ein Fleckchen zu setzen. Ihre alten Augen, die nicht mehr wie früher wollten, waren durch Brillengläser geschärft. Friedlinchen kam langsam aus der Küche und sagte zögernd, als wenn sie sich schäme: »Ich glaube, daß ich ein wenig krank bin und mich hinlegen muß … hier tut's so weh.« Die arme Blinde, deren eingefallene Wangen brannten, hatte seit gestern tapfer geschwiegen und legte sich jetzt auf das Krankenlager, das die Mutter eben verlassen. Wo die böse Grippe einzog, verschonte sie keinen Hausgenossen. Aber Friedlines Anfall war besonders schwer, das Fieber steigerte sich gegen Abend so daß der Arzt – [später entfallen: der, welcher von allen Patienten Honorar nahm ] [später ergänzt: aber nicht Doktor Evers ] – geholt werden mußte. Er klopfte und horchte und konstatierte eine Brustfellentzündung. Die Mutter pflegte ihr krankes Kind, trat halbstündlich ans Bett mit der Arznei oder einem Löffel Fleischbrühe, erhob sich in der Nacht mehrmals, um mit einem Trunk die brennenden Lippen zu netzen, und drückte jedes Mal einen Kuß auf die heiße Stirn des Mägdleins, das mit unsagbar stiller Sanftmut lag und [später ergänzt: viele ] Schmerzen litt. Wenig Ruhe und Schlaf bekam die treu sorgende Mutter, die jeden freien Augenblick benutzte, um sich ans Fenster zu setzen und an dem Handschuh einige Stiche zu nähen. »Mutter!« rief es aus der Kammer, »ich höre die Nadel … ach, schlummere ein wenig zu Mittag und ruhe die Augen … sonst muß ich aufstehen und wieder meine Arbeit tun. Wir haben es doch nicht nötig, da Amatus uns Geld geschickt hat.« Monika gehorchte und nickte ein wenig, die Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und in den Stuhl zurückgelehnt, bis das Schlummern zum festen Schlaf wurde. Die Kranke bezwang gewaltsam jedes Hüsteln und bewegte kaum den Finger, um die Schlafende nicht zu stören. Silly und Klarissa aber kamen und weckten die Übermüdete. [Später ergänzt: Sie hatten von Friedlines Erkrankung gehört. ] »Tante, so geht es nicht weiter, wir nehmen die Handschuhe mit und nähen dir sechs Paar täglich.« »Alles hat seine Wissenschaft, das könnt ihr gar nicht, auch die Kunst des Handschuhnähens will gelernt sein.« »Gut, Frau Junker!« sprach Fräulein Reder energisch, » wir zwei pflegen abwechselnd Friedline und besorgen den Haushalt [später anders: ich pflege Friedline und besorge den Haushalt ], und Sie nähen Ihre Handschuhe, aber nicht mehr als vier Paar.« Dieser Vertrag wurde geschlossen, und Friedline wurde darüber so glücklich, daß sie sich aufrichtete und bestimmt erklärte, in drei Tagen gesund zu sein. Aber kraftlos fiel sie zurück. In der Dachwohnung des Pappeltals lösten Silly und Klarissa in der Pflege sich ab und schmuggelten [später anders: übernahm Klarissa die Pflege und schmuggelte ] manche kleine Erquickung ins Haus, um die Kranke zu laben. Monika merkte es wohl und sah dankbar die [später anders: das ] Mädchen an, die drüben am Bette saßen und laut vorlasen [später Singular]. Auch sie machte sich ja eines ähnlichen frommen Betruges schuldig und brach das Abkommen, insofern sie in den Handschuhen sich mitunter verzählte und ein fünftes Paar nähte. Nach Tagen war Friedline ohne Fieber und in der Besserung und hatte wieder rechte Eßlust und das alte sonnige Lächeln. Aber sie genas nicht, fühlte sich viel zu schwach, um aufzustehen, und blieb blaß und still und stets zufrieden im Bette liegen, von ihren Freundinnen [später: ihrer Freundin ] gepflegt und gehätschelt. So gingen Wochen ohne irgendwelche sichtbare Veränderung. Nach Neujahr, als die Näherin deutlich zu bemerken meinte, die die Tage länger wurden, kam der Doktor und untersuchte Friedline. Nach langem Klopfen und Horchen zog er die Tür des Krankenzimmers [später ergänzt: fest ] hinter sich zu und sagte zur Mutter: »Die akute Entzündung scheint in ein chronisches Leiden überzugehen, besonders der rechte Lungenflügel gefällt mir nicht.« Die erschreckte Mutter faßte diese Worte als des Arztes schonende Vorbereitung auf eine noch schlimmere Mitteilung auf. Silly [später anders: Klarissa ] versuchte zu trösten, daß Friedline alle Tage größere Eßlust zeige und gerötete Bäckchen habe. Frau Junker schüttelte das weiße Haupt und schauderte, denn sie ließ sich nicht täuschen, sie kannte die tückisch-trügerische Gesundheitsröte, die kleinen roten Wangenflecken, welche die untrüglichen Vorboten der Schwindsucht sind. Mit fester Stimme fragte sie den Arzt unter vier Augen auf sein Gewissen, und er verhehlte nicht, daß es die schnelle zehrende Sucht sei, die schon den einen Lungenflügel fast zerstört habe. Friedlinchens Todesurteil war gefällt. Das liebe, gute, herzige Kind, das der Trost ihrer Einsamkeit gewesen und ihr auch nie den kleinsten Kummer bereitet hatte, war unrettbar dem Tode verfallen. Vom Leide niedergestreckt, schlug Monika hin und lag vor dem Arbeitsstuhle auf den Knieen, gewaltsam das Schluchzen erstickend [später nach dem Nebensatz], das wie ein Schrei aus ihrer Seele brechen wollte, damit die Kranke keinen Schmerzenslaut höre. So fand Klarissa, unhörbar eintretend, die verzweifelte Mutter. Einen Augenblick stand die Eingetretene wie fassungslos, aber dann gab sie ihrem unmittelbaren Gefühle nach und umschlang die knieende Frau. »Trösten Sie sich! Friedlinchen wird gesund.« Angstvoll flüsterte Monika ihr ins Ohr. »Nein, vergeblich ringe ich mit Gott … Friedline muß sterben.« Fräulein Reder küßte die gefurchte Stirn und das weiße Haar der Greisin. »Unten auf der Straße bat mich der Postbote, diesen Brief für Sie mitzunehmen … er ist von Ihrem Sohne in Amerika, und es wird ein Trost darin sein.« Monika riß die Hülle auf und las mit großen Augen und gespannten Zügen, die immer heller wurden. »Es ist eine herrliche Freudenbotschaft, die Gott uns sendet.« Sie lief erregt ins Schlafzimmer und rief: »Kommen Sie, Fräulein Reder! Sie gehören zu uns und sollen alles hören.« »Friedlinchen, Amatus hat die Farm verkauft und wird ungefähr 40 000 Mark übrig behalten. Mein Gott! Er ist mit einem Male ein wohlhabender Mann geworden. Und sobald er seine Angelegenheiten geordnet, kehrt er jetzt im Frühling zu uns zurück. Ja, es ist gewißlich wahr, mein Kind, so schreibt er am Schlusse: »Dann fahre ich mit dem schnellsten Zuge und dem flinksten Schiffe und fliege in eure Arme, meine liebste Mutter. Gleichzeitig sende ich auf Postanweisung 160 Mark, darum spare nicht! Spare nur deine Kräfte und sonst in keiner Weise!‹ Friedlinchen! Wie wird … mir …« Monikas Herz quoll aus. Aber der durch die freudige Erregung hervorgerufene Anfall ging schnell und leicht vorüber. Die blinden Augen weinten weiche, warme, wohltuende Tränen des Dankes und der Freude, die alles Leid vom Herzen lösen. Und Friedline lag den Tag lang mit einem Lächeln auf dem Antlitz. Die Gedanken gingen ihr durcheinander, so daß sie bald betete und lobte, bald redete und rechnete. »Vierzigtausend Mark machen 13333 1/3 Taler … Mutti, hat der Senator Petersen wohl so viel Geld? O, wie groß ist Gottes Güte! – Aber, Mutti, die Bertie Frenzen, von der er einmal schrieb, die wird ihn doch nicht in Amerika festhalten?« Recht kunterbunt ging es der Blinden durch das kluge Köpfchen. – – – Silly machte es sich bequem und schob alle Kissen unter die runde Wölbung ihres Rückens. Das wuchs unmerklich von Jahr zu Jahr, und sie merkte es dennoch. Die beiden Freundinnen, die über die erste Jugend hinaus waren, saßen bei einander auf dem Sofa und fielen in Schweigen, versonnen und gedankenvertieft. [Später ergänzt: Silly hatte ihren herben, heimlichen Kummer, den sie sonderbarerweise der Freundin nicht anvertraute. ] Was sollten sie noch reden? Das wunderbare Ereignis, daß Amatus Junker als wohlgestellter Mann zurückkehre, war nach allen Seiten durchgesprochen worden. Sehr plötzlich wandte Silly sich zur Seite und stieß die Freundin an. »Rissa, woran denkst du?« »An – an – nichts, wie der Kürbis, der den großen Kopf hat.« »Freust du dich sehr, daß er zurückkommt?« »Ja–a–a, ich freue mich … um seinet- und … seiner Mutter willen.« »Rissa, ich weiß, daß du viel an ihn denkst.« Klarissa senkte den Kopf und sagte keinen Ton. Die andre fuhr fort: »Ich freue mich auch um meinetwillen, denn ich habe meinen Vetter gern … und mir kann er nicht gefährlich werden [später entfallen: , weil ich ungestalt und gar nicht zum Heiraten bin ].« Jetzo sprach Fräulein Reder mit schmalen Lippen kurz und energisch: »Weißt du nicht, daß ich morgen meinen dreißigsten Geburtstag feiere? Ich bin alt und verständig geworden und über derlei Dinge hinausgewachsen.« »Alt bist du? Haha! Nun muß ich lachen.« »Ja, man ist so alt, wie man sich fühlt, und ich fühle mich, so zu sagen, fertig und recht altjüngferlich und überverständig, daß kein Mann mir gefährlich werden könnte und ich noch viel weniger einem Manne.« [Später entfallen: Ob die Freundinnen es einander aufs Wort glaubten? ] Ob die zwei Aufrichtigen in diesem Augenblick völlig wahr und offenherzig waren? Das Kindesgelübde in der Kastanienallee wurde nicht erwähnt und schien von den erwachsenen und alternden Mädchen vergessen zu sein. Treu und täglich gingen sie [später anders: ging Klarissa ] nach dem Pappeltal, das keine Pappeln hatte, und pflegten [später anders: pflegte ] das brustkranke Friedlinchen. Die braven Mädchen hoben sie behutsam aus dem Bette und schichteten die Pfühle; sie fegten und feudelten, kochten in der Küche und lasen [später anders: jeweils Singular] der Kranken stundenlang vor. Monika, der die Hausarbeit abgenommen war, fädelte eifrig am Fenster und verstach die Fingerspitzen. Nun war wieder ein Paar fertig, und das ein so angenehmes Gefühl. Freilich rief die Tochter von drinnen ihr oft dazwischen, daß sie sich nicht anstrengen dürfe, und rechnete ihr vor, wie großen Reichtum sie haben würden, wenn Amatus mit seinen Schätzen käme. Aber der Mutter war der kleine, selbst erworbene Verdienst das liebste Geld, und sie konnte die Arbeit nicht lassen. Die Jahreszeit, die zusehends heller wird, weckte leise Lenz- und Lebenshoffnungen. Friedline hatte keine Schmerzen und sagte in den Februartagen oft: »Sobald Amatus kommt, werde ich gesund.« Aber sie genas nicht, sondern siechte Woche um Woche langsam hin, immer magerer und matter, immer still und schmerzlos, geduldig und ergeben und bei jedem kleinsten Liebeserweis dankbar lächelnd. An dem Morgen des ersten März, als die Frühsonne durch das Dachfenster schien, erwachte sie mit einem überaus verklärten Gesichtsausdruck, als wenn sie in der Nacht eine Vision gehabt hätte, und nahm die Hände der Mutter: »Nun weiß ich, daß ich sterben werde, und ich will vor dir gehen, um dir, mein Mütterchen, ein traulich kleines Stübchen im Vaterhause zu bereiten … doch weiß ich auch, daß meine Augen sich nicht schließen, bevor sie meinen Bruder gesehen haben. Bald kommt Amatus, balde.« Das Balde währte noch Woche um Woche. Die Kranke wurde schwächer und fiel unter dem Vorlesen oft in Schlummer. Draußen tobte der April mit Sturm und naßkalten Regenschauern. Es war ein böses Wetter, wo der Tod billig zu holen war, wo nicht bloß die greisen Leute, sondern auch manches junge Leben geknickt wurde und der Pastor täglich seine Arbeit auf dem rauhen, zugigen Kirchhof hatte. In der Maiennacht sprang der Wind nach Süden, und das Wetter schlug in milden Frühling um. Beim ersten bleichen Tagschimmer erwachte Friedline und bat mit mühsam flüsternder Stimme: »Trinken, Mutti!« Aus der hingehaltenen Tasse tat sie ihren letzten Trunk. Die blinden Augen, als wenn sie sehen könnten, waren überklar auf die Mutter gerichtet. Das Licht der Ewigkeitswelt leuchtete schon darin, und die Stimme hauchte: »Amatus kommt bald.« Heller tagte der Maientag. Ein sehr hoch gewachsener Mann im Regenrock stürmte mit riesig langen Schritten vom Norderhafener Bahnhof durch die Straßen und das Pappeltal. Er war spät abends vom Schiff gestiegen und gleich die Nacht von Hamburg durchgefahren. Eine innere Unruhe spornte ihn zu seiner großen Hast. Die Treppe in Sprüngen nehmend, riß er die Tür auf und die Mutter in seine Arme. Der Augenblick war groß und heilig und wortlos, wie noch keiner im Leben des Mannes. Von der ungeheuren Überraschung und der inbrünstigen Überschwänglichkeit der Stunde quoll Monikas Herz über. Selig und ohne Sinne sank sie eine Minute an die Brust des Sohnes. Aber die maßlose Mutterfreude tötet nicht. Friedline hörte den Schritt und die Stimme und war zu schwach, um die Lippen zu bewegen. Amatus trat ans Bett und beugte sich über das schneeweiße Gesicht. »Mein einzig liebes Friedlinchen!« In dem Laut lag all seine Liebe. Die Sonne brach hinter dem Nebelschleier hervor. Ihr leuchtender Morgenstrahl fiel durch das schräge Fenster und verklärte das Antlitz der Blinden. Da ging beim Klang der Stimme ihres Bruders ein wunderbar leuchtendes, engelhaft seliges Lächeln über die Züge der sterbenden Friedline. Mit diesem letzten Lächeln verschied sie kampflos und seufzte leise. Als sie friedlich im Tode schlummerte, blieb das wunderbare Lächeln um ihre Lippen liegen. Amatus drückte schluchzend die Lider der sehlosen Augen zu [später ans Satzende gestellt und ergänzt: mit sanfter Hand ], die jetzt aufgetan waren und staunend eine neue Welt erblickten. Weinend vor Schmerz und weinend vor Freude umhalste Monika ihren Sohn. »Das eine Kind hat Gott mir heute genommen und das andere als Ersatz mir wiedergegeben. Laß dich sehen und küssen! Wie stark und stattlich, wie braun und breitschultrig du bist!« »Ja, ein andrer war stark in mir [später ans Satzende gestellt], der den Feind meines Lebens gebunden. »O, selig ist die Tote, und selig bin ich in meinen Tränen … nun will auch ich gern abscheiden, nachdem ich dich gesehen.« »Nein, meine Mutter, jahre-, jahrzehntelang sollst du bei mir bleiben und in Frieden altern und Ruhe und gute Tage haben. – – – Mit sehr starkem Kaffee wurde die Leichenfrau bewirtet und bekam ihre Gebühr, obgleich sie eigentlich gar nichts getan hatte. Silly und Klarissa ließen es sich nicht nehmen, mit eignen Händen die liebe Tote für ihr letztes Bettlein schmuck und schlicht einzukleiden. Die Leute des Pappeltals kamen, die Leiche zu sehen, und sagten, daß Friedline im Tode schön, überirdisch schön sei. Während die Fräuleins [später: Fräulein ] Berg und Reder Kaffee tranken, saß der Amerikaner ihnen gegenüber und erzählte. [Später ergänzt: Silly war sehr blaß und sehr still. ] Auf dem Heimwege hob Silly an: »Was sagst du von ihm?« »Er hat im Gesicht etwas Ernstes und Festes, das er früher nicht hatte.« [Später ergänzt: Das sagte die Reder. ] »Ja, Rissa … ich glaube, er hat in Amerika viel an dich gedacht, denn er hat dich heute immer angesehen.« »Wie du schwätzest, Silly! An dich hat er sich am meisten gewandt … aber das ist doch natürlich, weil du ihm als Kousine nahe stehst.« »Nein, ein paar Mal hat er dich angeschaut … wie … wie …« »Wie denn?« Etwas schnippisch kam die Frage. »Wie wenn er in deine Seele hineinsehen wollte.« Fräulein Reder errötete und machte schmale Lippen. »Beste Silly! Es ist lächerlich … wir wollen nicht darüber streiten, wen er am meisten angesehen hat.« Nein, die zwei alten und aufrichtigen Freundinnen wollten nie und nimmer streiten, am wenigsten um so lächerliche Dinge. Herr Amatus Junker mochte hinsehen, wohin es seinen Augen gefiel. – Auf dem Friedhofe neben ihrem Vater ruhte Friedline. Die welken Blumen der Kränze verstreute der Wind, aber mit einem frischen Efeukreuze war das Grab geschmückt worden. Der Bruder, der täglich die Ruhestätte der geliebten Schwester besuchte, hatte es gewunden. Vom Kirchhof zurückkehrend, fand er die Mutter auf dem Arbeitsstuhl am Fenster und am Handschuh nähend. »Die Biene kann das Sammeln und die Mutter das Nähen nicht lassen, obgleich ihr Sohn ein wohlhabender Mann ist.« »Darf ich nicht ein paar Groschen mühelos nebenher verdienen … für Kleidung und Taschengeld?« »Nein, von nun an sollst du ruhen und nichts tun als meinem Haushalt vorstehen. Du hast ein langes Leben, mehr als sechzig Jahre treu gearbeitet, du hast mit mir gekämpft und den Sieg gewonnen, meine treue und tapfre, meine gute und in Wahrheit große Mutter! Nun wollen wir den Schluß deiner mühsamen Arbeit und das fröhliche Richtfest machen!« Lächelnd glättete er das letzte Paar Handschuhe und preßte es mit dem beschwerenden Stein. Das Richtfest war gut gelungen. Stolz betrachtete Monika den von Kraftfülle und Gesundheit Strotzenden. »Was sind deine Zukunftspläne, mein Sohn?« »Ich werde mir hier in der Norderhafener Heimat einen Bauernhof kaufen, einen guten und nicht zu großen, für dessen Ankauf ohne Überschuldung meine Mittel ausreichen. Und du wirst immer bei mir wohnen …« »Im Altenstübchen!« »Nein, als des Hofes Herrin! Jetzt sind meine kühnsten Träume am frohen Sicherfüllen. Ein freier Bauer auf eigner Scholle werde ich sein – das ist der Traum, der durch mein ganzes Leben sich zieht. Dazu noch darf ich in der Heimat, der engen und doch einzig lieben, bleiben … sein und bleiben bei dir und du bei mir.« »Ja, solange bis du eine liebe und junge Gefährtin gefunden … dann ziehe ich mit Freuden ins Altenteil.« »Wer das wohl sein oder werden sollte?« lachte er laut, fast zu laut. Die Mutter sah ihn zweimal nickend an und nannte keinen Namen. Aber der Lächelnde nahm ein Buch und fiel, die Buchstaben anstarrend, in Sinnen. Aus dem Zimmer, darin Friedline gestorben, kam's, wie die hoch und gerade gewachsene Gestalt eines Mädchens, und schwebte an ihm vorüber. Und es war nur ein Traumgesicht und niemand außer den beiden in der Dachwohnung. Amatus' Blick ruhte lange auf den Buchstaben, ehe er im Buche wirklich las. Sechster [später: Fünfter] Abschnitt: Also starb Zarathustra [später: Der Mode- und Morphium-Doktor von Norderhafen]. Junker hatte einen Teil des Kreises bereist und sich unter den Höfen des Landes umgesehen. Er war ein Vorsichtiger, der sich nicht verhandeln wollte. Die Mutter lachte ihn an. »Jetzt bist du deinem seligen Vater zum Sprechen ähnlich.« Er machte nämlich das pfiffige Gesicht. »Siehst du! Es muß ein günstiger und billiger Gelegenheitskauf sein, wo eine Landstelle verkauft werden muß, entweder erbteilungshalber, oder weil der Besitzer wegen seiner dänisch-politischen Agitation lästig gefallen und ausgewiesen ist. Alles hat seine Zeit, wie die Schrift sagt …« »Auch das Freien, mein Sohn!« »Daran denke ich nicht.« Der Agrarier-Kandidat, der schriftgeläufig war und einen kleinen theologischen Anstrich nicht verleugnete, fuhr fort. »Der Juni ist die Zeit, wo man Land besehen und unbetrogen kaufen soll, wo der Boden am deutlichsten zeigt, was er zu leisten vermag. Auch kaufe ich nicht über meine Leistungsfähigkeit hinaus – nein besser ein kleiner Bauer als ein überschuldeter Gutsbesitzer! – höchstens die Hälfte der Kaufsumme als Hypothekenschuld!« Er trat die zweitägige Reise an und küßte sein liebes, weißhaariges Mütterchen, das in diesem Wunderlenze jung geworden war und ein neues Leben lebte. Den kräftigen Agrarierstock in der Hand, den er von allen landwirtschaftlichen Utensilien zuerst sich angeschafft hatte, wanderte Junker in die Norderhafener Landschaft hinaus. An dem Friedhof konnte sein Fuß nicht vorüber, ohne einzutreten und über das Grab sich zu beugen. Schnell begoß er die durstigen, blühenden Rosen und dachte lange an die Toten. Wenn mein Vater, der immer sparte und nie aus der Armut herauskam, diese Stunde erlebt hätte! Wie stramm und freudig wäre er in den großen Geschmierten mit mir hinausmarschiert, einen Bauernhof zu kaufen, wie hätte er mir geholfen, zu dingen und den Preis zu drücken! Und mein liebes Friedlinchen! Warum durfte sie nicht ein paar glückliche Jahre des Wohlstandes bei mir noch leben und, wie in Arup, das Federvieh füttern? Die Wege Gottes verlieren sich im Nebel der Zeitlichkeit, den erst die Ewigkeitssonne lüften und durchleuchten wird. Eine Träne schimmerte in seinem Auge, aber sein Angesicht lächelte zum Himmel empor. Wie überhell mein Weg geworden ist! Nun ist der Junius, der Mittsommer meines Lebens gekommen. Gerissen ist der Pfahl aus meinem Fleische und mein Feind gestürzt. Nichts Großes mehr will ich ertrachten, aber im kleinen Kreise Tüchtiges leisten und meinen Platz ausfüllen. Straff wurde seine Haltung und rasch sein Schritt; die gewölbte Brust herauswerfend, reckte er die sehnigen Arme. Mit der Lerche um die Wette sang seine Seele ein Loblied dem Geber alles Guten, dem Gott, der im fremden Lande ihm in Wahrheit Kraft und Wunder gewesen. Die demütige Dankbarkeit, welche der notwendige Hemmschuh der ebenso eitlen als dummen Hoffahrt ist, und das tief innere, aber unaufdringliche Vollbewußtsein von seiner eigenen Kraft und seinem eigenen Können, als der unentbehrlichen Triebfeder jeder Tätigkeit – das sind die zwei zuverlässigen Kennzeichen des Edelmenschen. Junker marschierte zu Fuß und mit dem Agrarierstock in der Hand durch das ostwärts gelegene Aufland Norderhafens, welche die herrlichste Korn- und Grasgegend des nordschleswigschen Ländchens ist, darauf ein Bauernauge ruhen kann. Hoch ragten die Haselhecken mit Weißdorn dazwischen, der grüne Weizen schoß in Ähren, im blühenden Klee standen die roten Kühe bis zu den Knieen. Er verstand nicht, wie er es fünf Jahre lang in der Fremde ertragen. Wo in der alten und neuen Welt war es so schön wie hier in der Heimat? Nimmermehr wollte er sie verlassen, sondern hier in Nordschleswig, in Norderhafens Nähe an der Erfüllung seiner Träume und an treuer, schlichter Pflichterfüllung seine Lust haben, hier leben und, wenn es sein mußte, sein Stück Widrigkeit leiden, hier einmal sterben und begraben sein. Drei zum Kauf angebotene Höfe wurden besichtigt. Auf allen war der Boden fruchtbar und stand das Getreide schwer und dicht infolge der günstigen Witterung. Als Kundiger wußte er, daß der Juniregen über die Ernte entscheidet hierzulande, und vor einer Woche hatten reichliche, sanft rieselnde Niederschläge stattgefunden. Am besten gefiel ihm die dritte Landstelle, die in dem stattlichen Dorfe Kirkeby lag. Ihr Besitzer Ebbesen, der im Jahre 66 für Dänemark optiert hatte und dänischer Untertan geblieben war, hatte vom Landratsamt Befehl erhalten, innerhalb drei Wochen das Land zu verlassen. »Was ist der Anlaß Ihrer Ausweisung?« fragte Junker. »Die vielen Kaffeepünsche«, erwiderte Ebbesen aufrichtig, »ich bin sonst ein friedfertiger Mann, der keine Politik treibt und keinem das Wasser trübt … aber auf der dänischen Tierschau in Norderhafen hatte ich ein bißchen in Kopf und Krone bekommen und hielt eine dumme dänische Rede, die natürlich mit donnerndem Applaus aufgenommen wurde. Drei Tage später bekam ich den Ausweisungsbescheid. Das verfluchte Trinken, das mit dem Verstande davon geht!« Amatus, der davon auch ein Klagelied singen konnte, fluchte mit und fühlte Sympathie für Ebbesen, welcher offen zugab: »Ich muß verkaufen und bin gezwungen, meinen guten Hof loszuschlagen … darum will ich gleich den allergeringsten Preis fordern, 75 000 Mark … spottbillig ist es, und Sie, Herr Junker, sehen mir nicht danach aus, daß Sie meine Zwangslage benutzen und ein unzureichendes Angebot [Erg. d. Hg.: im Original: Judenangebot] mir machen werden.« In dem Augenblick sah Amatus seinem pfiffigen seligen Vater nicht ähnlich und versuchte nichts zu dingen, weil die Forderung eine bescheidene war. Auch hatte er die Folgen der nordschleswigschen Politikerei an seinem eigenen Leibe erfahren. Nachdem er alles noch einmal eingehend in Augenschein genommen, erbat er sich drei Tage Bedenkzeit und kehrte nach der Stadt zurück. Der Bauernhof, der mit seinem Wohnhause und den drei strohgedeckten Scheunen ein Viereck bildete und eine kleine eingeschlossene Burg war, erfüllte ihn so, daß er von der Gegend nichts mehr sah. In Gedanken ging er über die Felder, [später entfallen: betrachtete ] die 24 Milchkühe im Klee und [später entfallen: musterte ] die fünf starken Gäule [später entfallen: und die guten Gebäude ] [später ergänzt: musternd ]. Welch ein Glück war ihm geworden! Der Hof konnte mit Leichtigkeit 35 000 Mark Hypotheken tragen. Amatus beschrieb der Mutter alles und war entschlossen, den Kauf abzuschließen. »Ich mag den Preis nicht drücken, der für 50 Hektar des besten Weizen- und Kleebodens niedrig ist … oben ein Fuß Humus, darunter zwei Fuß tiefer Lehm. Es ist ein Priesterhandel, wie die Bauern sagen, den der gewesene Kandidat macht.« Monika sah ihn freudig an. »Nein, gerecht und billig handeln, so wird's gelingen … du bist deiner Mutter Sohn.« Während Amatus in der Dachstube lag und breit und behaglich erzählte, trat [später entfallen: der Postbote mit einem Telegramm in das Redersche Haus. Silly, an die es gerichtet war, erbrach es schrie und die Worte: »Ihr Bruder schwerkrank – kommen Sie sofort – Rechtsanwalt Brodersen. O, Klarissa, es schwante mir … und nun weiß ich gewiß, daß … das Grausige geschehen ist. Brodersen, mit dem mein Bruder sich nicht vertrug, hat depeschiert. Ich muß reisen.« »Er ist schwerkrank geworden«, beruhigte die Freundin, »hat vielleicht, weil er so dick war, einen kleinen Schlaganfall bekommen … das liegt in eurer Familie. Soll ich mit dir fahren? Oder wenn wir einen Mann wüßten, der dir beistehen könnte …« »Vielleicht mein Vetter.« »Ja, ich will nach dem Pappeltal laufen und ihn bitten.« Unruhe im Blick, kurzatmig vom Laufe, trat Klarissa in die Dachstube und schreckte die beiden Glücklichen aus ihrem stillvergnügten Bauen von Luftschlössern, d.h. von strohgedeckten Bauernhäusern empor. Das Plötzliche wirkte bestürzend, so daß Monika einen Anfall des alten Herzleidens bekam. Amatus nahm die Mutter in seine Arme, bis sie sich erholte, und rief geängstet: »Was ist das? Wir müssen einen Arzt fragen.« Monikas Gedanken waren: Das ist der Todesvorbote, der bei mir anklopft. Aber sie flüsterte mit bleichen Lippen: »Der Schwindel ist vorüber … es ist nichts.« Und sie drängte ihren Sohn, mit Silly nach Breitenföhrde zu reisen. Neben Klarissa schreitend, vermochte er kaum Schritt mit ihr zu halten. Also rannte sie, und ihr Herz klopfte. Seitdem sie Kinder gewesen, waren sie nie zu zweien und zusammen gegangen. Der sonst redegewandte Junker bewegte ein paarmal die Lippen, als suche er nach Worten. Für fade Nichtigkeiten war die Stunde zu ernst, aber auch das Schweigen bedrückte. ] [später ergänzt/anders: … trat Fräulein Reder ins Haus. Zwei noch junge Herzen klopften. Der sonst redegewandte Amatus redete vom Wetter, von unwichtigen und nichtigen Dingen.] Mit Mut und mit einem Male brach er [später entfallen: es ] [später ergänzt: los ]. »Als ich Alstrup verließ … verlassen mußte, nahm ich französischen Abschied von Ihnen, weil ich mich mancher Dinge schämte, die ich begangen, der ärgerlichen Dummheiten.« Von der Seite streifte er ihr Gesicht, doch sie hörte ruhig seine Selbstanklage, ohne zu entschuldigen, ohne zu mildern. Darum richtete er sich wie in Selbstverteidigungsstellung empor, und seine Stimme traf unwillkürlich einen bissigen, selbstbewußten Ton: »Aber ich bin jetzt ein andrer … ein Mann und durch Schaden klüger geworden …« »Und reicher, was man durch Schaden selten wird«, lispelte Klarissa verlegen lächelnd. Damit stockte das kaum begonnene Gespräch. Er hatte das scheußliche Gefühl, als wenn er eine neue Dummheit gesagt und begangen. Und sie spürte dasselbe Unbehagen, als ob sie genau das Gegenteil von dem Gewollten gesagt habe. Ihr war ja bekannt, daß der einstige Kandidat von Alstrup sich aus der Scheiterung tapfer und trefflich emporgearbeitet habe, und ein kleines, freundliches Lob hätte Monikas guter Sohn und Sillys stattlich langer Vetter wohl verdient. Reumütig [später entfallen: , aber stumm ging sie neben ihm her. – – ] [später ergänzt: ging Klarissa heim ]. [Später entfallen: Der Zug schnaufte und schütterte, klapperte und keuchte von Norderhafen nach Breitenföhrde. Die niedrig engen Wagenabteils, in denen die Passagiere eingezwängt saßen, glichen den »Kaaks«, den kleinen Stockkäfigen des Mittelalters. Schon bei Tage war die Tour eine folternde Tortur der neuen und humanen Zeit. Und nun bei Nacht im schläfrigen Halbdunkel des dösig trüben Lichts, das von den Tranlampen seine Helligkeit entlehnt hatte! Das war eine furchtbare, durch ihre endlose Länge und Langweiligkeit furchtbare Fahrt. Junker, der an den bequemen Komfort der amerikanischen Bahnen gewöhnt war, brach das Schweigen und schimpfte auf etliche Einrichtungen des geliebten Vaterlandes. Wieder war trotz des geräuschvollen Rädergeklappers tiefe Stille. Silly brütete vor sich hin, voll Ahnung und Entsetzen, und ihre grübelnde Phantasie schuf grauenvolle Gebilde. Er versuchte die arme Base zu beruhigen. »Fürchte nicht das Ärgste! Asmus ist nicht tot. Wie du dir einbildest, sondern eben schwerkrank.« »Der Tod ist nicht das Ärgste, davor mir graut«, murmelte Silly und ließ den Kopf auf die Brust sinken, als wenn sie schlummern möchte. Während der bösen und endlosen Fahrt war tiefes und schlafloses Schweigen. Der Bahnbeamte in Breitenföhrde betrachtete das ihm bekannte Fräulein Berg mit einem eigentümlichen Blick, der ein Gemisch von Schadenfreude, Bedauern und Neugier war. Der Kofferträger grüßte und sagte, über die Mütze hinwegschielend: »Jaa, ik kondoleer ook to dat grote Unglück.« »I–st m–mein Bru–der tot?« Sillys Stimme lallte. Der Mann wollte möglichst gewählt und gebildet sich ausdrücken und sprach hochdeutsch: »Das wär ja ein gräsiges Malör … eine Stunde danach starb der Amtsrichter.« Sie vermochte nicht zu sprechen, noch den Mann nach dem Malheur zu fragen und rannte nach der Wohnung, aus der ihr Bruder sie gewiesen, ja geworfen hatte. Amatus nahm ihren Arm, um sie zu stützen, und führte sie die Treppe hinauf. Im Schlafzimmer stand ein leerer Sarg – und auf dem Bette lag der Tote aufgebahrt im vollen Anzuge, wachsbleich, den Mund halb offen, und den Kopf mit einem weißen Tuch umbunden, das einen talerrunden, blutroten Fleck hatte. Das Tuch verdeckte das tiefe Schußloch in der Schläfe. Silly stieß einen gurgelnden Laut aus und fiel ohnmächtig in Amatus Arme. Er trug sie in das Studierzimmer des Amtsrichters hinüber, legte sie aufs Sofa und rief das Mädchen, Wasser und Äther zu bringen. Sein Auge sah sich um, und sein Haar wollte zu Berge stehen. Da – dort auf dem Tische lag der Zarathustra aufgeschlagen – er warf einen Blick in das Buch – es war die Seite, wo geschrieben stand: »Hören wir noch nichts vom Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir nichts von der göttlichen Verwesung? Auch Götter verwesen! Gott ist und bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!« Auf der andern Seite lag ein loses Blatt, aus dem »Antichristen« herausgerissen, und darauf war zu lesen: »Erster Satz unserer Menschenliebe: Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehen. Und man soll ihnen noch dazu helfen.« Auf dem Tische neben dem Buche – von irgend jemand aufgehoben und hingeschleudert – lag noch die Pistole, mit der Asmus den selbstmörderischen Schuß auf sich abgegeben hatte. Amatus erschauerte vom Scheitel bis zur Sohle und stöhnte: »Also starb Zarathustra.« Sein Blick stierte auf die gotteslästerlichen Worte des antichristlichen Propheten. Der ewige Gott war nicht tot. Sondern lebte und lohnte nach gut oder böse. Freiwillig, da die Schande über ihm zusammenbrach, als ein Schwacher und Mißratener war der unglückliche Vetter in den Tod und die ewige Verwesung gegangen, und die Totengräber lärmten schon, um seinen Leichnam zu holen. Aber der Ewige lebte in heiliger Größe und großer Gerechtigkeit. Schnell verschloß Amatus das Buch und die Selbstmordwaffe im Schreibtisch, denn Silly regte sich und kehrte zum Bewußtsein zurück. Brodersen, der Rechtsanwalt, erschien mit einem Aktenbündel und erklärte höflich kalt, daß er vom Gericht mit dieser traurigen Affäre betraut sei. »Warum hat mein Bruder sich das Leben genommen? Verheimlichen Sie mir nichts … nichts!« Brodersen berichtete: »Er hat die Depositen zweier seiner Klientinnen angegriffen und eine bedeutende Summe, so weit ich bis jetzt feststellen kann, mehr als 50 000 Mark unterschlagen. Vor dem Gefängnis, vor der Schande floh er aus dem Leben.« »Feige, feige«, murmelte Silly. Sie konnte um den Toten nicht recht trauern und jetzt alles hören und tragen. Der Rechtsanwalt fuhr fort: »Ihr sel–, ihr verblichener Bruder hat ein rechtsgültiges Testament hinterlassen, welches in seinem Hauptpunkte besagt: ›Ich habe mein Leben mit 30 000 Mark versichert, welche Summe auch in dem Falle, daß ich freiwillig mein Leben ende, von der Gesellschaft ausgezahlt wird und meiner einzigen Schwester als meiner alleinigen Erbin zufallen soll.‹ Ich glaube, daß Sie die Versicherungssumme für sich retten können, doch muß das Gericht darüber entscheiden, Fräulein Berg.« »Nein, Herr Rechtsanwalt, ich entscheide … jeder Pfennig soll den zwei Frauen, die durch seine Veruntreuungen geschädigt sind, gehören. Nichts, gar nichts will ich haben, nicht einmal die Mobilien, die für mein mütterliches Erbteil gekauft sind, aber zur Masse gehen.« Der Rechtsanwalt lachte sarkastisch. »Diese Aufopferung geht doch zu weit; auf Ihr Eigentum müssen Sie Anspruch erheben.« »Nein, nein und noch einmal nein! Fräulein Weinhold, die Ärmste, hat wahrscheinlich kaum Zinsen genug, um zu leben …« Sillys hochherzige Rede erstarb auf den Lippen. Da war sie selbst, die alte Jungfer, da stürmte sie, auf dem Flure das Dienstmädchen anschreiend, ins Zimmer mit flatternder Mantille. Und sie faßte Silly an und fauchte: »Der schamlose, elende Betrüger … ich will mein Geld, mein bißchen Geld.« Amatus beschwichtigte: »Fräulein Weinhold, Sie werden das meiste retten und aus der Masse mindestens zwei Drittel Ihres Vermögens bekommen.« Aber sie fuhr auf Silly los und schrie: »So eine Verbrecher-Familie! Ich will all mein Geld, mein Geld …« Der starke Vetter riß das alte Fräulein, das sich wie eine Furie gebärdete, hinweg und führte es hinaus mit Gewalt. Aber in der Tür bog Fräulein Weinhold das Haupt zurück und sprützte mit den Lippen: »Verbrecherbande! Ich spucke noch auf sein Grab.« Amatus ordnete alles für eine möglichst schnelle Beerdigung. Nur sechs Menschen folgten dem Sarge des Amtsrichters, der in Breitenföhrde in den besten Familien verkehrt hatte, nach dem Friedhofe hinaus. Als der Zug in die Süderstraße einbog, fuhr eine elegante Dogcart, in der ein schmächtiger Herr und eine korpulente Dame saßen, an demselben vorüber. Die Frau betrachtete mit den stechenden Simili-Augen den schwarzen Schrein und sagte lachend zu ihrem Kavalier: »Wenn Sie erst so liegen, Herr Doktor.« Doktor Wieding schüttelte sich: »Puh, ich bin Arzt und weiß mein Leben zu erhalten. Merkwürdig, daß so viele Leute des neuen Philosophen Lumpen sind. Aber es ist eine Tatsache, daß die rabiatesten Zarathustra-Anhänger an Gehirnerweichung, Gift oder, wie dieser da, an einer Kugel vielfach enden.« Silly schleuderte der davonfahrenden Kleopatra einen Haßblick nach und fluchte dem teuflischen Weibe. Frau Kleontine Butenblank fuhr [Erg. d. Hg.: offenbar gemeint: war einst gefahren] mit dem neuen Doktor übers Land. Als der schmucke, junge Neuling in Breitenföhrde nicht mehr ihren Lockungen widerstand, ließ sie den dicken Amtsrichter, den sie wie ein Vampyr ausgesaugt und ausgeplündert hatte, mit einem höhnischen Lachen laufen. O, über die widerliche Macht der eklen Afterminne! Asmus Berg, von seiner schmutzigen Leidenschaft verzehrt, konnte ohne das Weib nicht sein und geriet in eifersüchtigen Grimm. Der Herrenmensch fühlte sich als der Minderwertige und der Schwächere in dem Kampf um die Dirne und faßte den Entschluß, sein Leben zu enden. Freilich schwankte bereits der Boden unter seinen Füßen, da eine Witwe ihr Deposit zurückverlangt hatte. Silly und die fünf Männer standen über dem offenen Grabe. Kein Pastor geleitete den Selbstmörder zu seiner letzten Ruhe. Darum zog Amatus seinen Hut und übte seine allerletzte pastorale Tätigkeit. Nachdem er drei Handvoll Erde in die Grube geworfen, sprach er ein lautes Gebet, in dem er Gottes Trost für die Lebende und das Erbarmen der ewigen Gnade für den Toten herabflehte. – – – Die Mobilien kamen unter den Hammer, und Fräulein Bergs kleines Erbteil ging verloren. Auf der Heimfahrt, als all das Grauenhafte wie ein vorübergezogenes Unwetter, dahinten lag, wurde ihr immer leichter ums Herz und Amatus hielt die Hand der guten Kousine. »Du bist durch eine edle Handlungsweise arm geworden, Silly, aber ich bin es nicht mehr. Darum sollst du immer wissen, daß mein Haus dir offen steht, und wo du stets ein bescheidenes Heim hast. Ein langer inniger Blick ihrer blauen Augen dankte ihm, aber sie erklärte, daß sie noch jung und rüstig sei und leicht ihr Brot verdienen könne. Frau Junker und Klarissa waren benachrichtigt und erwarteten die von der Beerdigung Zurückkehrenden auf dem Norderhafener Bahnhof. Amatus bot seiner Mutter den einen Arm und nahm Silly, die von den Anstrengungen der letzten Tage schwach und engbrüstig war, einfach und ohne zu fragen, unter den andern Arm und führte beide durch die Straßen. Hinterdrein schritt Fräulein Reder allein und hatte Zeit und ungestörte Ruhe, ihren Gedanken nachzuhängen. Dabei entging ihrem Ohr kein Wort des Gesprochenen, aber ins Gespräch wurde sie nicht gezogen. Ihre Gedanken waren: Wie hoch und stattlich er ist – und wie klein neben ihm Silly erscheint, die in ihrer Trübsal noch mehr in sich zusammengesunken ist. Dennoch gehören sie zu einander, denn er liebt seine Kousine – wie könnte er anders? – und sie hat ihn und keinen andern von Kind an im Herzen getragen. Erst seine zum Abschied ihr entgegengestreckte Hand störte die Sinnende aus ihren stillen Betrachtungen empor. Darum war das Gesicht, in das Amatus hell hineinschaute, noch etwas düster vom Denken und voll von unbeweglichem Ernst. Er aber deutete es anders und hing auf dem Wege nach dem Pappeltale seinen tiefsinnigen Erwägungen nach, daß Fräulein Reder ihm unfreundlich, ja mürrisch begegne, woraus er den nahe liegenden Schluß zog, daß sie ihn nicht möge. »Was machst du für eine Leichenbittermiene!« sagte die Mutter, die jeden leisesten Zug seines Angesichts kannte, »allerdings kommst du von einer Beerdigung, aber so arg wirst du um den Vetter nicht trauern. Hat etwas Unangenehmes dich betroffen?« »Nein, nichts, nichts!« beteuerte er mit einer gewissen Heftigkeit. [Später ergänzt/anders: Während Amatus Junker in der sichren Ruhe eines erreichten Ziels fröhlich sich reckte und freudig die Baupläne eines neuen und schönen Heims zu entwerfen begann, befand sich der viel beneidete Arzt Norderhafens, der freilich viele Patienten verloren hatte, in einer unerträglichen Nervenanspannung und seelischen Aufregung. Er fühlte, wie die schwachen Fundamente seines Ansehens, seiner Existenz und Ehre, wie der Boden unter seinen Füßen schwankte, und in schlaflosen Nächten hörte sein Ohr das Krachen der Katastrophe, die ihn und seine Zukunft zermalmte. In seinen Nöten ging Viggo, der als hochangesehener Bürger von der Loge »Ernstes Wollen« mit offnen Armen aufgenommen worden war, zu seinen Freimaurerbrüdern, damit sie dem Untersuchungsrichter, welcher zufällig Meister vom Stuhl [Erg. d. Hg.: »Chef« der Loge] war, einige brüderliche Winke und Fraumaurerzeichen gäben. Jedoch der Richter war ein ehrenhafter Mann, der sich von brüderlicher Liebe nicht beeinflussen, nicht mit sich sprechen noch spaßen ließ, sondern durch den Besuch der Sendboten mehr gegen als für Evers eingenommen wurde. Man hatte nur erfahren, was man schon wußte, daß die Sache für den Doktor sehr bedenklich stünde. Als die Brüder ihren negativen Bescheid gebracht hatten, ging Evers in Erregung auf und ab, schlug im Strafgesetzbuche nach, wie hoch die Strafe für fahrlässige Tötung sei, und biß sich auf die Lippen. Mit einem halb höhnischen, halb finster trotzigen Gesichtsausdruck nahm er aus einer Schublade eine Browning-Pistole, die er starr betrachtete und dann mit einem Schauder in die Lade zurückfallen ließ. War er auf das Äußerste gefaßt und die Kugel seine ultima ratio? Er fühlte sich wie ein gehetztes, demnächst eingekreistes, umstelltes Tier, auf allen Seiten von dunklen Schicksalsmächten in die Enge getrieben. Evers wußte, daß er schuldig sei und in jener niederträchtigen Nacht, nachdem er allzu reichlich dem Bacchus geopfert, den unbegreiflichen, satanischen Mißgriff gemacht und eine Null zu wenig geschrieben habe. Das Opium-Rezept, von seiner Hand geschrieben, lag als verhängnisvolles Corpus delicti bei den Akten. Ein wahnsinniger Gedanke schoß ihm durch das überhitzte Gehirn: Könnte es nicht aus dem Gerichtsgebäude entwendet und vernichtet werden? Viggo lag Tag und Nacht wie auf einer Folter und litt Marterqualen, aber anzumerken war ihm nichts und seine Wangen nur um eine Nüance bleicher geworden. Er hatte seine Mienen unglaublich in der Gewalt und gab sich zuversichtlich, ja keck und frech vor den Leuten und besonders vor den lieben Kollegen, die mit einer heuchlerischen Kondolenzmiene ihn bedauern wollten. In Norderhafen war ein Mann, ein harmloser, gutmütiger, geschwätziger Mann, vor dem der Doktor einen förmlichen Horror hatte, dessen plötzliches Auftauchen ihm Beklemmung und Übelkeit bereitete und alles Blut aus seinen Wangen trieb. Das war ein unbedeutender, subalterner Mensch, der Nachfolger des alten Hans Junker, der Gerichtsdiener Sörensen, der dem Doktor die gerichtlichen Zustellungen überbrachte. Selbst ein Evers verlor dem gegenüber die Contenance und künstliche Ruhe, und seine Hände zuckten nervös. Sörensen überreichte mit einer linkischen Verbeugung eine Ladung zum Termin in Sachen der unverehelichten Gastwirtstochter Anne Hansen contra den praktischen Arzt Viggo Evers. Das Gericht, das sich gegen den angesehenen Mitbürger rücksichtsvoll benahm, verhandelte hinter verschlossenen Türen und schloß die Öffentlichkeit aus. Aber die Öffentlichkeit erfuhr alles, was sich hinter den Türen zugetragen. Anne Hansen hatte in ihrer Einfalt geglaubt, daß sie durch die Klage den Doktor zur Ehe zwingen werde. Doch Evers hatte mit sittlicher Indignation jede intime Bekanntschaft mit der Klägerin energisch bestritten. Darauf schob das Gericht dem Beklagten den Eid zu. Eine lautlose Stille trat ein, alle Augen waren starr auf den Einen, der seinen Handschuh mit Eleganz herunterstreifte, gerichtet, die Klägerin knickte zusammen und schien in Ohmacht zu fallen. Erhobenen Hauptes und mit hoch erhobenen Fingern beschwor der Doktor, daß er in der fraglichen Zeit vom 3. bis 6. Oktober nach 10 Uhr nicht außer dem Hause gewesen sei, sondern alle diese Nächte in seiner Wohnung zugebracht habe. Der Schluß des feierlichen Schwurs war ein kreischender Schrei, der gräßlich klang und durch Mark und Bein ging. Die unverehelichte Anne Hansen gebärdete sich wie eine wütende Megäre, spreizte die Finger wie Krallen und brüllte wie wahnsinnig: »Der Satan! Der meineidige Mensch! Der meineidige Mensch! Ins Zuchthaus, ins Zuchthaus!« Gerichtsdiener Sörensen versuchte durch gütliches Zureden das verrückte Frauenzimmer zu beschwichtigen. »Still, Anne, still! Sie kommen nicht ins Zuchthaus, aber ins Irrenhaus, wenn Sie sich so unverständig betragen. Still, Anne! Das ist nun einmal Gesetz: Wenn einer schwört, gewinnt er seine Sache.« Mitten in die Gesetzesbelehrung hinein rief Evers: »Unerhörte Beleidigungen! Doch die Person ist nicht zurechnungsfähig … schon diese unsinnige Klage ist ein Ausfluß ihrer Krankheit gewesen.« – Offenbar bestrebt, der fürchterlichen Situation zu entkommen, verließ er hoch erhobenen Hauptes den Gerichtssaal. Zu Hause in seinem Zimmer brach er zusammen, sank er hin, wie von einer Schuld niedergeschlagen. Das finstre Fatum verfolge ihn, ein verdammtes Mißgeschick hänge sich an seine Fersen und hetze ihn zu Tode. Verdammt, verdammt! Gegen den satanischen Zufall mit seinen infamen Fußangeln kämpfe der Klügste vergebens. Die flüchtige Hand verschreibt sich um eine nichtige Null – und diese lumpige, lausige Null macht der glänzenden Laufbahn eines gewandten, geriebenen Kopfes ein schnelles, schmähliches Ende. Pfui Teufel! Ein höherer Hohn, eine ewige Ironie regiert die Welt. Hier in Norderhafen ist es aus mit meiner Herrlichkeit. Nicht das Zuchthaus, aber das Gefängnis öffnet mir seine Pforten. Bis nach den Gerichtsferien habe ich eine kurze Galgenfrist. Zum Satan! Ich muß die Frist nutzen und einfach Vabanque spielen. Jedes Mittel, selbst das waghalsigste, muß mir gut und heilig sein. Heilige, ewige Ironie! Hilf mir! Das Rezept muß verschwinden; wenn es fehlt, so fehlt der Beweis, der mich erdrosselt! Va banque! Und müßte ich einen Menschen umbringen, um meinen Hals aus der Schlinge zu ziehen – ich erwürge ihn, um nicht erwürgt zu werden. Aber Ruhe des Bluts, Ruhe der Nerven ist die erste Pflicht. Um seinen Kopf, der am Zerspringen, um seine Nerven, die am Zerreißen waren, zu beruhigen, nahm Evers von seinen Morphium-Pulvern. Es wirkte und gab Schlaf für einige Stunden. Aber bald nach Mitternacht aufschreckend, wanderte er stundenlang auf Socken hin und her. Sein übernächtigtes, gespenstisches Gesicht beugte sich in den Arzneischrank hinein, er kramte unter den Kruken und nahm zwei große, mit schneeweißem Pulver gefüllte Dosen. Nach langer Überlegung wog er davon drei Gramm genau ab, die er sorgfältig in Papier verpackte und in sein Portemonnaie steckte, Das schneeweiße unschuldige Mehlpulver war Morphium pur., und die abgewogene Dosis genügte, um einen Elefanten umzubringen. Wer Va banque spielt, muß auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Das schneeweiße Pulver war die ultima ratio. Wenn das Spiel aus ist, geht der Mensch schlafen – was macht's, ob ich etwas früher schlafen gehen muß! Als Evers am Morgen seine Visiten machte, begegnete er dem Gerichtsdiener, der ihm sonst verhaßt gewesen war. Aber heute sprach er sehr leutselig und sehr lange mit dem geringen, subalternen Manne, der die hohe Ehre zu schätzen wußte. Der Doktor scherzte mit Galgenhumor: »Sie bringen mir so viele liebe Briefe, mein lieber Sörensen, wenn Sie wieder zu mir kommen, sollen Sie ein Glas Wein und eine feine Havana haben.« – Sörensen dienerte linkisch und wußte nicht, was ihm geschah. Evers wußte aber wohl, was er wollte, und hoffte durch Bestechung des Gerichtsdieners das verzweifelte Spiel zu gewinnen. Kaum war der Doktor zehn Schritte weiter gegangen, als er plötzlich auf drei Personen stieß, die ihm ein Entsetzen einflößten, so daß vor Horror das Haar unter seinem Hute sich bewegte. Anne Hansen kam mit ihrem Vater und mit einem jungen Frauenzimmer, das wie ein Dienstmädchen aussah, des Weges. Die Tochter des Wirts richtete einen trotzigen, triumphierenden Blick auf den Doktor, Hansen spuckte im Vorbeigehen kräftig aus und machte eine beleidigende Handgebärde, sofern er drei Finger hob und absichtlich lange hochhielt. Evers hatte in dem Augenblick ein instinktives Angstgefühl, als wenn das Spiel verloren gehen könne. Es war schon verloren. Die drei Personen gingen zum Staatsanwalt, um gegen Evers wegen wissentlichen Meineids Anzeige zu erstatten. Das Dienstmädchen, das seit Jahr und Tag bei dem Gastwirt konditionierte, erklärte sich bestimmt, und ohne durch das Kreuzverhör unsicher zu werden, dazu bereit, unter ihrem Eide zu bezeugen und zu beschwören, daß sie in der fraglichen Nacht des dritten und auch des fünften Oktober den Doktor zusammen mit Anne Hansen im Flure des Oberstocks des Hauses gesehen habe. Woran sie in der Dunkelheit der Nacht den Doktor identifiziert d.h. erkannt habe? Daran, daß der Doktor sich die Zigarre angezündet und sein Gesicht hell beleuchtet habe, war die prompte Antwort. Wie es möglich sei, daß sie nach Jahr und Tag noch genau die Stunde wisse, wo Doktor Evers im Hausflur gestanden habe? Ob ihrem haarscharfen Gedächtnis nicht von Hansen nachgeholfen worden sei? Der Umstand, daß sie just am fünften Oktober ihren Geburtstag habe, der Umstand habe ihrem Gedächtnis geholfen, genau die betreffende Nacht zu behalten und nicht zu vergessen. Sie wolle beeiden, daß Evers am dritten und fünften Oktober im Hause oben gewesen sei und mithin unter seinem Eide etwas Unwahres ausgesagt habe. Der Staatsanwalt entließ die Leute und überlegte, ob er sofort gegen den Doktor einen Haftbefehl ausstellen müsse. Die Haft wurde nicht verhängt, aber das Verfahren wurde eingeleitet. Die erdrosselnde Schlinge zog sich immer fester um den Hals des Elenden. Das Spiel schien verloren, nur eine letzte Karte hielt er noch in der Hinterhand. Evers war in seiner Eitelkeit überzeugt, daß die arme, kleine, verwachsene Person mit einer närrischen, abgöttischen, zu jedem Opfer fähigen Liebe ihm zugetan sei, und daß ein verliebtes Weib in der Hand des vergötterten Mannes wie Wachs sei, womit er machen könne, was er wolle. Evers stürzte in das Zimmer, wo seine Hausdame am Nähtische nachdenklich grüblerisch saß, legte effektvoll die Hand auf die Brust und sich auf den Teppich zu ihren Füßen. Zu der armen, kleinen, verwachsenen Silly sprach er heiße, leidenschaftliche Worte. – – – In der Abendstunde plauderte Amatus mit seinem Mütterchen, das lachend ein paar Züge aus seiner langen Pfeife tat – das war nämlich ein neues gegen Asthma von einer klugen Frau empfohlenes Hausmittel. Ungeschickt den Rauch verschluckend, bekam Monika einen kleinen Erstickungsanfall. »Pfui Spinne! Das nimmt einem ja das letzte bißchen Luft.« Da sah Monika empor, und Luft und Atem ging ihr bei dem Anblick aus. Silly, ohne Handschuhe, ohne Hut, nur im Hauskleide und in Hausschuhen taumelte ins Zimmer, im Gesicht weiß wie eine Leiche, und sinnlos vor Angst war der Blick der guten Augen. Amatus zog sie sanft aufs Sofa nieder und hatte sofort eine instinktive Ahnung. »Evers hat sich an dir vergangen … hat ein Ver … brechen begangen … du bist außer dir … beruhige dich erst!« Er legte schützend den Arm um ihre zitternde Gestalt und fühlte dabei unwillkürlich, wie hoch und spitz der Rücken sei, und wie ein Schluchzen durch ihren Körper stieß. Erst als sie weinen konnte, wurde sie der Sprache mächtig. »Der Mensch warf sich zu meinen Füßen, um mir mit Ungestüm zu gestehen, daß er mich lange heftig geliebt habe.« »Das lügt er!« rief Amatus zornig dazwischen, »das lügt er!« »Ja, es war Lüge, Verstellung, Heuchelei. Als ich wie betäubt saß und nur nein – nein zu stammeln vermochte, hielt er meine Hände fest … und da zeigte der Elende den Pferdekuß, frech und unverhüllt kam er mit seiner teuflischen Zumutung heraus. Ich müsse ihn retten vor dem Untergange, ich müsse ihm beistehen gegen seine Feinde, ich müsse mich darauf besinnen, daß er am 3., 4., 5., 6. Oktober vorigen Jahres am Abend bei mir gewesen und nicht das Haus verlassen habe, ich müsse das bezeugen; beschwören, damit er nicht meineidig werde, damit er nicht dem Zuchthaus, dem Selbstmord verfalle. O der Elende! Er wollte mich mit seinen falschen, erlogenen Liebesbeteuerungen dazu bewegen, einen Meineid zu schwören, um ihn vor den Folgen des Meineids zu beschützen. Wie kann ich wissen, wo er am 3. Oktober vor einem Jahre sich aufhielt! O, o, o! Mir grauset noch … mir war in dem Moment, als wenn der Satan selber, der Lügner von Anfang an, vor mir auf den Knieen läge, meine Hände umklammere und mich festhalte. Ich riß mich los aus den Krallen des Bösen und rannte hierher. Helft mir gegen den Menschen!« Amatus hielt die Arme um seine Kousine. »Arme Silly! Dein gutes, treues Herz ist am Brechen … der Schurke hat es gebrochen … du hast ihn lieb gehabt.« Sie nahm die Hände vom verweinten Gesicht und sah ihm groß und offen in die Augen. »Nein, nein, ich liebte ihn nicht, aber ich vertraute ihm ganz, ich glaubte an ihn und an die Lauterkeit seiner Gesinnung. Wie könnte ich leugnen, was ich nicht erklären kann! Er hatte eine magische Macht über mich gewonnen, so daß ich ihn für wahr hielt, wo er heuchelte, für gut, wo er nur aus Berechnung mit Güte sich verkleidete und verstellte … aber nein, ich liebte ihn nicht … das glaube mir, Amatus!« Ihr Vetter nickte ihr herzlich zu, denn er wußte, daß Silly wahr und aufrichtig bis in den innersten Winkel ihrer Seele war. »Gott sei Dank! Du liebst den Unhold nicht … dann wird dein wackres Herz bald genesen von der bittren Enttäuschung.« Auch die vorsorgliche Tante nickte, aber traurig vor sich hin. »Dein kleines Vermögen, Silly, deine kleine Versorgung …« »Das habe ich ihm geliehen in meiner Vertrauensseligkeit. Wie dumm ich bin, wie dumm!« Amatus lächelte sie an. »Darum, weil du zu gut, zu gläubig bist, kommst du unter meine Kuratel … was ich noch für dich retten und aus der Höhle des Löwen herausholen kann, das kommt in meine Verwaltung.« Junker handelte sofort, nahm Hut und Stock – es war der dicke Agrarierstock, den er kampflustig in der Faust schwang – und eilte nach der Wohnung des Doktors. Das Haus war bis auf die Straße hinaus voll von Menschen, besonders von Frauen, welche die neueste, entsetzliche Sensation von Norderhafen herbeigelockt hatte. Einige Spittlerinnen raunten und murmelten gedämpft, der Doktor sei gar nicht zu wecken und habe die Schlafkrankheit bekommen, andre, er habe sich vergiftet. Viggo Evers lag lang, starr und steif auf der Chaiselongue, auf dem Tische daneben lag eine weiße Papierhülle und stand ein leeres Glas, das von dem herbeigeholten Polizeimeister dicht an die Gurkennase gehalten wurde und beißend-bitter roch. Ein Kollege des Doktors, der die neugierigen Gaffer grob anschnauzte und dennoch umdrängt wurde, untersuchte Herz und Puls des Schläfers – aber wie lange er auch horchte, da war kein Herzstoß und kein Pulsschlag mehr zu hören. Gegen diese Schlafkrankheit gab es kein Heilmittel, aus diesem tiefen Schlummer gab es kein Erwachen. Der Selbstmörder hatte drei Gramm Morphium, eine ungeheure Dosis, genommen, nachdem er klar erkannt, daß sein Vabanque-Spiel, seine Ehre und seine Existenz verloren sei. Das war das schmähliche Ende des berühmten Modedoktors von Norderhafen. Er war an dem Morphium, das er so gern und so reichlich gab, und dem er seine beneideten Scheinerfolge verdankte, zu Grunde gegangen. Kaum war die Leiche nach dem Armenhause, wo die anatomische Untersuchung stattfand, geschafft worden, als eine Schar von fluchenden, schreienden, lamentierenden Gläubigern mit dem Gerichtsvollzieher ins Haus und auf das feine Hausgerät sich stürzte, um an sich zu reißen, was nicht niet- und nagelfest war. Aber Junker war ihnen zuvorgekommen und hatte schon auf das teure Mobiliar, das von Silly Bergs Geld angeschafft war, gerichtlich Beschlag gelegt, um für seine Kousine zu retten, was aus dem Zusammenbruche noch zu retten war. Jedoch mehr als die Hälfte ihres kleinen Kapitals ging verloren. Und trotzdem sagte Silly: »Das Grauenhafte liegt, wie ein vorüberziehendes gräßliches Gewitter weit dahinten, und jetzt ist mir viel besser und leichter ums Herz, als vor einer Woche.« Amatus drückte die Hand der guten Kousine, die so groß im Unglück war. »Du bist durch deine Großmut …« »Durch meine Leichtgläubigkeit und Dummheit.« »… durch deine vornehme Herzensgüte arm geworden, aber ich bin es nicht mehr. Darum sollst du immer wissen, daß mein Haus dir offen steht, und wo du stets ein bescheidenes Heim hast.« Ein langer inniger Aufblick ihrer blauen Augen dankte ihm, sie erklärte aber, daß sie noch jung und rüstig sei und leicht ihr Brot verdienen könne. ] Infolge der erschütternden Ereignisse der letzten Tage [später entfallen: und der unvorhergesehenen Reise ] war der Hofkauf in Vergessenheit geraten. Die drei Tage Bedenkzeit waren vorgestern verstrichen, ohne daß der Kaufliebhaber, wie er versprochen, etwas von sich hatte hören lasen. Darum war Ebbesen in Kirkeby unruhig geworden und hatte einen Brief geschrieben, der in der Dachwohnung lag. Wenn der niedrige Preis noch zu hoch erscheine, wolle er, sofern der Verkauf gleich abgemacht und die Anzahlung [später ergänzt: pünktlich ] geleistet werde, bis auf 72 000 Mark heruntergehen. Eine ungewollte Verzögerung, des Zufalls Fügung war Amatus günstig. Der Verkäufer hatte sich selbst [später ergänzt: um 3000 Mark ] herabgedungen. In dem Norderhafener Amtsgericht, vor dem die Auflassung stattfand, wurde Junker als Besitzer des Hofes eingetragen. Weil es ein guter Handel war, machte er sich die Not des ausgewiesenen Dänen nicht zu Nutze. Zwar an dem geforderten Preise von 72 000 Mark hielt er fest, aber [später ergänzt: er ] übernahm allein die Zahlung sämtlicher Auflassungskosten. Diese Großmut rührte Frau Ebbesen so sehr, daß sie unter Tränen erklärte, nun habe sie ihren verlorenen Glauben wiedergewonnen, nämlich den Glauben, daß es auch unter den Deutschen gute Menschen gäbe. Siebenter [später: Sechster] Abschnitt: Der lateinische Bauer. Auf dem Weizenstoppelfelde von Kirkeby neben dem haushohen, geschickt gebauten Diemen summte die Dampfdreschmaschine den ganzen Tag – es war der dritte schon – von frühmorgens an; und die goldgelben Körner füllten Sack um Sack. Eia, das Brummen und Summen war dem Bauer und Besitzer des Feldes eine behaglich-behäbige Musika. Da die letzten Garben ausgedroschen waren und als leeres, wirr geknicktes Stroh ausgespieen wurden, schlug sich der neue Hofbesitzer Junker auf den Schenkel und lachte: »Haha, vierzig Doppelzentner Weizen vom Hektar, das geht, und mehr gibt die Marsch kaum.« Sein Lachen klang gleich wie ein froher Lobgesang der Landwirtschaft, die er immer lieber gewann. Der Himmel war ihm günstig, mit einem äußerst fruchtbaren Sommer begann er sein Bauerntum, eine sehr reiche Ernte war eingeheimst und unter Dach und Fach gebracht worden. In diesem Herbste kaufte er zwölf Jütochsen, um sie zu mästen. Mehr Vieh, mehr Dünger, mehr Dung mehr Bodenkraft, mehr Kraft mehr Korn! war sein agrarischer Hauptgrundsatz. Schon Mitte Oktober stallte er seine Kühe auf; denn die kalte Witterung minderte den Milchertrag, den er täglich maß. Wenn er durch den vollen Stall auf- und abging und die 42 Stück blank glänzendes Rindvieh, die täglich gestriegelt wurden, mit leuchtenden Augen überblickte, fühlte er ein tiefes, stilles Vergnügtsein und holte oft die Mutter herbei, daß sie die Freude mit ihm teile. Alle Tiere waren seine Pfleglinge und einige, wie das selbstgezüchtete Stierkalb und die Goldfuchsstute seine besonderen Lieblinge. Lächelnd rechnete und zählte er der Mutter vor: »Mit den Wochenferkeln, mit den Hühnern und dem Hahne, die Enten und den Erpel eingeschlossen und den Hund Grips nicht vergessen, besitze ich nicht weniger als 105 Tiere, hundertfünf.« Das machte den tierfreundlichen Mann überglücklich [später ans Satzende gestellt], der nur die langschwänzigen Ratten gründlich haßte. Darum beugte er sich nieder und streichelte den Hund, der oft an einem Tage einem halben Dutzend den Garaus machte; denn Grips war ein großer Rattentöter in seinem Geschlecht und ein natürlicher Sohn des berühmten Rattenbeißers Bulldog. Mit Hilfe zweier Mägde und einer zu Ostern konfirmierten Jungdirn führte Monika die Wirtschaft. Der Bauer, der frühmorgens der erste auf den Beinen war, griff selbst mit an und fütterte das Kraftfutter und führte noch beim Schein der Lampe seine Bücher. Alles auf dem Hofe gedieh, als wäre es gesegnet. Darum glaubte Junker, der als ein freier Mann auf eigner Scholle sich fühlte, nicht an die Notlage der Landwirtschaft, die damals ihr notleidendes Klagelied leise anzustimmen begann. – Der Weihnachtsabend wurde auf dem Hofe mit großer Festlichkeit gefeiert und das Gesinde reich beschenkt. Der gewesene Kandidat, welcher der Theologie den Abschied gegeben hatte oder von ihr verabschiedet worden war, hatte seinen Glauben, wenn auch nicht an die verweltlichte und verstaatlichte Kirche, so doch an das Christentum bewahrt und war ein frommer Mann geblieben, der heute eine ergreifende Weihnachtsandacht mit den Seinen hielt. War doch ihm die stille, heilige Nacht ein sonderliches Dankfest für große Gotteserrettung und die neue, herrliche Wende seines Lebens. Nachdem das Gesinde entlassen war, zündete er die lange deutsche Pfeife an, die ihm lieber war als der kurze amerikanische Nasenwärmer, und zwischen den Rauchwolken warf er die Worte hin: »Warum kommt Fräulein Reder nicht einmal nach Kirkeby? Du hast sie doch eingeladen, uns zu besuchen.« »Soll ich sie noch einmal schriftlich bitten?« »Nein, nein! Die hat ihren eignen Kopf, und eingeladen ist sie genug … wenn sie nicht will, muß sie es unterlassen und ihren Eigenwillen haben.« Ach, Fräulein Reder saß in eben dieser Stunde so ganz einsam am heiligen Abend. In der Christnacht ist das Alleinsein dem Menschen am schwersten, und er sehnt sich nach freundlichen Menschenlauten und nach ein wenig Menschenliebe. Sie, die sonst hinsichtlich dessen, was sie wollte, nie im Unklaren war, wollte auf einen halben Tag nach Kirkeby und wollte es wieder nicht, und die oft und lang erwogene Absicht, einen Wagen zu nehmen, kam nicht zur Ausführung. Was machte ihren Entschluß schwankend und hemmte ihr Vorhaben, wenn sie schon auf dem Wege war, den Fuhrmann zu bestellen? Klarissa stand vor dem Spiegel und suchte nach einem grauen Haar. Sie mußte lange suchen, aber sie wollte es finden. Beim ersten grauen Haar kommen die Altersberechnungen dem Menschen in den Sinn. Er war neunundzwanzig gewesen, und sie ging in ihr einunddreißigstes Lebensjahr. Schmallippig lächelte sie: »Ich bin nicht mehr von solchen Gefahren bedräut und noch viel weniger gefahrbringend.« Scheu sah sie sich unwillkürlich um, ob niemand ihr Selbstgespräch höre, obgleich keine Menschenseele außer ihr in der einsamen Wohnung war. Am Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr kam Silly Berg, die bei dem verwitweten Pastor in Kragerup Hausdame war, nach Norderhafen. Es war bereits drei Uhr nachmittags, als sie Klarissas schmuckes Stübchen betrat. Ehe sie noch abgelegt, fragte die Freundin hastig: »Wollen wir heute nach Kirkeby fahren und sehen, wie deine Tante wohnt?« »So spät am Tage? Ja, wir müssen es bald einmal …« »Aus einmal wird schließlich keinmal, wenn wir es nicht übers Knie brechen … denn … denn … allein fahre ich nie nach Kirkeby, nur mit dir!« Sie fuhr mit den Armen in die Winterjacke, und Silly war schon reisebereit. Monika vergaß den beiden lieben Mädchen nicht, daß sie während Fiedlines langer Krankheit ihr in treuer Liebe geholfen hatten, und bewirtete sie mit dem Allerbesten, was Küche und Keller vermochte. Silly, die vornüber und nach unten wuchs, saß eingesunken im Sofa und lauschte der lebhaften Unterhaltung und beobachtete unbemerkt und von unten herauf. Klarissa, nachdem sie aufgetaut war und sich frei und natürlich gab, sah Junker beim Sprechen an, und dann hatten ihre braunen Augen einen Glanz wie bei keinem andern Gespräch … jaja! Und auch er, der viel redete und lächelte, hatte andre und blankere Augen. Jaja! Die Augen sind der Seele Spiegel und der Seele Verräter. Als der Vetter sie fragte: »Warum sagst du nichts?« nickte Silly: »Ich hab am Zuhören meine Freude … du bist mit Leib und Leben Landmann.« Er kramte nicht seine agrarische Weisheit aus, sondern bewies mit einem gewissen Stolze, daß alles – bis auf Zucker, Salz und Thee [später: Tee ] – Selbsterzeugnis seines Grund und Bodens sei. Obwohl es neun Uhr war, nahm er den Stalleuchter, und die Damen mußten mit und seine Schätze besichtigen. Er beleuchtete die Tiere von allen Seiten und fragte Klarissa, welche ihr am besten gefielen. Ohne Zögern zeigte sie auf diejenigen, die auch seine Lieblinge waren, welche Harmonie des Geschmacks ihm helle Freude machte. Als des Neumonds schmale Sichel aufging, fuhren die beiden Freundinnen durch die schlafende Nacht und waren still, bis die eine das Schweigen brach: »Woran denkst du, Rissa?« Die Gefragte kehrte nach ihrer Gepflogenheit die Frage um: »Woran dachtest du?« »Das will ich dir nicht … noch nicht sagen, meine Liebe.« Worauf beide wiederum schwiegen und weiter dachten. Aber Sillys Gedanke war mehr als ein flüchtiges Ideenbild und verdichtete sich zum festen Vorsatze – und ihr Gedanke wurde schließlich zu einer guten und großen Tat. Während diese [später ergänzt: beiden ] durch die dämmernde Mondnacht fuhren und beim Aussteigen in Norderhafen ohne ersichtlichen Anlaß sich stürmisch umarmten und küßten, saß Amatus neben seiner Mutter. Es sollte ein Scherzen sein, was sie sagte, und war doch weit mehr. »Mein Sohn, welche von den zwei lieben Mädchen wird's?« »Wohl keine von beiden … Silly ist meine Kousine, und die andre …« Lachend erzählte er, wie die Erwachsene ihm als Sekundaner [später: Schüler ] schon ein Körbchen gegeben und ihm als Kandidat in Alstrup einmal tüchtig den Kopf gewaschen. »Ich glaube, sie mag mich nicht und hat mich immer – als die ältere [später anders: den jüngeren ] behandelt.« »Ich werde alt, mein Amatus, und es wird Zeit, daß du dich umsiehst unter den Töchtern des Landes …« Da! Da war wieder das Verhängnis. Monika fiel leichenblaß ins Sofa zurück, verzerrte den Mund und atmete stöhnend. Mitten im scherzenden Gespräch – früher doch nur bei heftigen Gemütsbewegungen – wurde sie von ihrem Leiden befallen, und die aus dem Herzen quellende Blutwelle schoß betäubend empor. Nach kurzer Besinnungslosigkeit erholte sie sich und blieb in Amatus Armen liegen, der ihren greisen Kopf an seine Schuler lehnte. Mit tiefem Ernst und weicher Innigkeit flüsterte sie: »Früher oder später muß ich von dir zu Friedline und deinem Vater gehen. Ja, mit dem Gedanken an das Grab muß man sich beizeiten vertraut machen, und er ängstigt mich nicht, denn ich weiß, an wen ich glaube, mich unruht [später: beunruhigt ] nur, daß ich dich allein zurücklasse … bedenke, auf dem Bauernhofe allein! Wenn ich vor meinem Abschiede eine Stellvertreterin an deiner Seite sähe, eine Frau, die dich liebte, die jünger, klüger, kräftiger und natürlich auch geliebter wäre und mit Recht sein müßte, dann, nur dann könnte ich in Frieden meine Augen schließen.« Langsam sagte er: »Mein Mütterchen, bei deinen Lebzeiten kann ich keinen Menschen mehr als dich lieben.« – – Die Kirkebyer Bauern gaben Obacht auf Junker, wie der Agrarier-Kandidat es in allen Dingen angreife und treibe, guckten in seine Ställe hinein und inspizierten, wenn er abwesend war, seine Felder. Fast alle schüttelten zweifelhaft den Kopf und sagten platt: »Dat sind woll nije [später: nie ] Moden … jaaa he is'n latinischer Bur.« Wie ihre Väter, Groß- und Urgroßeltern gewirtschaftet hatten, so arbeiteten und ackerten sie weiter auf sechs Ackerschlägen, dem Herkommen und auch vielfach dem ererbten Schlendrian getreu. Nach ihrer Ansicht hatte Junker alles umkalfatert und vieles auf den Kopf gestellt. Bei der Herbst- und Frühjahrsbestellung hatte er sein Land in nicht weniger als zwölf Schläge eingeteilt, und die Vollbrache wollte er möglichst beschränken und durch Hackfrüchte ersetzen. Klaus Klümp, der größte Bauer in Kirkeby, lachte, daß ihm der Schmerbauch schütterte: »Haha! Keine Brache! Im nächsten Jahr werden Sie Hederich statt Hafer ernten.« Dieser Nachbar besuchte Junker oft – aus Neugierde – und sah die Scheunentennen voll von Säcken stehen. Er öffnete einen, steckte die lange Nase hinein und zog sie schnell zurück. »Puh, wie das Zeug stinkt! Was ist das für Dreck?« »Ja, das ist eben Dreck und Dünger, das weißliche Superphosphat, das dunklere Chilisalpeter [Chile-Salpeter; d. Hg.].« »Aha, Sie machen die Moden mit dem künstlichen Dünger mit? Das bißchen Staub soll wirken? Ja, der Gestank muß es tun. Haha, mit Ihrem Stallduft, der in den Garten hinauszieht, düngen Sie wohl Ihre Obstbäume? Wer's glaubt, zahlt einen Taler.« »Wollen wir zweie [später: zwei ] wetten, daß der Staub wirkt?« Als Junker seinem Weizenschlage die Chili-Kopfdüngung gab, nahm er seinen Nachbar mit aufs Feld hinaus und zeigte und sagte: »Die ganze Koppel ist gleichmäßig bestreut, nur in der Mitte hier lasse ich einen schmalen Ackerstreifen ungedüngt … im August zur Ernte kommen wir wieder und sehen.« Aber schon in Juni sah Klaus, wie das Getreide auf dem schmalen Streifen hinter dem andern sichtbarlich zurückblieb. Doch er schwieg mäuschenstill, ärgerte sich innerlich und ging ins Wirtshaus, wo er den Bauern eine Mär aufband. »Dröge Tid! En Köhm und Beer dagegen!« Der Verwalter vom Gute war zugegen, darum fuhr er auf hoch fort. »Habt ihr gehört? Der Junker hat 50 Taglöhner und 50 Gießkannen bestellt und will sein ganzes Weizenfeld begießen, jaja!« »Haha!« lachte man im Chorus und begoß die Kehlen mit Kümmel und Bier gegen die Dürre. – Dem lateinischen Bauer blieb der Agrarier-Verdruß allerdings nicht erspart. Der Juni war durchaus kein Mustermonat, wie der des Vorjahrs, und tat nicht seine Regenpflicht, sondern hatte einen tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Das stete Lächeln des Himmels um Mittsommer hält der Landmann bald für ein höhnisches. Aber was hilft's? Man muß das Wetter nehmen, wie es will. Die anhaltende Dürre war nicht nur der Saat schädlich. Sauber geeggt lag Junkers Koppel, die mit Steck- und Runkelrüben bestellt werden sollte. Aber das blaue Firmament lachte immerzu, und die Kirkebyer Bauern lachten mit, obgleich ihnen sonst nicht zum Lachen war. Sie lachten nämlich Junker aus: »Nun müssen Sie Brache machen, ob Sie wollen oder nicht.« Amatus wartete bis zum 22. Juni. Dann ließ er zwei Dutzend Hände kommen, fuhr Tonnen mit Wasser aufs Feld und pflanzte die Rübenpflanzen – mehrere hunderttausend Stück – in die mit Wasser gefüllten Löcher. Eine mühsame und nicht billige Arbeit! Klaus Klümp stand auf dem Knick als Zaungast und Zuschauer und rief: »Ein Kind kann's ausrechnen … jede Steckrübe wird Ihnen an Taglohn und Ausgaben mindestens fünf Pfennige kosten … jaaa, teures Futter! Klaus tat sich im Wirtshause gütlich und nicht wenig darauf zugute, daß seine Gießkannen-Mär in Erfüllung gegangen sei. Um den Verdruß des lateinischen Bauern voll zu machen, fiel ein starker Gewitterregen eine Stunde, nachdem er mit Pflanzen fertig geworden. Mit dem Himmel ist nicht zu rechnen, noch zu richten. Doch auch die Freude kam bald, als die Rüben so kräftig und schnell emporschossen, daß er morgens ihr Wachsen während der letzten Nacht sehen zu können meinte. In einer Frühe, als die Sonne eben aufgegangen, trat Amatus heftig in das Schlafzimmer der Mutter und harkte sich mit allen zehn Fingern in den Haaren herum. Monika lag wach und richtete sich auf. »Warum bist du so unwirsch? Hat eine Kuh verkalbt?« »Malheur, Malheur!« rief er und wand sich wie sein Vater selig. »So sag's doch!« drängte sie. Ja, die englische Sau, die beste von allen, hatte ihre eben zur Welt gebrachten acht Jungen mit Haut und Haaren aufgefressen. Nun sollte die Rabenmutter zur Strafe gemästet und dann erstochen werden. Die Sensen wurden gedengelt und die Halme fielen. Da kam ein Hagelwetter und schlug einen Teil des mähreifen Hafers nieder. Die Mutter tröstete, daß das strichweise ziehende Wetter nur eine Ecke seiner Felder gestreift habe. Und er trug es mit Fassung und sagte: »Ja, wenn die unvorhergesehenen und unberechenbaren Unglücksfälle nicht wären, könnte der Landmann wohl lachen und seinen Beruf als den besten loben und von seiner Kapitalsanlage einen sehr guten Gewinn erzielen.« Durch Erfahrung gewitzigt, dachte er jetzt doch etwas anders über die Notlage der Landwirtschaft, die ihre Mißhelligkeiten hatte, und stimmte gedämpft in das agrarische Klagelied mit ein. Sonst aller Politikerei abhold, äußerte er zu seinem Nachbar Klaus: »Die Grenzeinfuhr hier oben muß erschwert werden, damit wir anständige Preise bekommen. Die Landwirtschaft darf nicht das Stiefkind des Staates, des großen Gesetzmachers sein, der endlich einmal Gesetze zu ihren Gunsten fabrizieren soll. Allerdings die Hauptsache, Regen und Sonnenschein, Fleiß und Tüchtigkeit des einzelnen, kann nicht durch Reichstags- und Regierungsbeschlüsse geregelt werden. Darum vor allem aus dem alten Schlendrian heraus!« – – – Die Ernte war geborgen und noch mittelgut geraten. Die Steckrüben, die ihre Knollen ansetzen, wenn die Nächte dunkeln, versprachen reichen Ertrag. Der Bauer hatte die härteste Arbeit des Jahres hinter sich und reckte sich behaglich auf dem Sofa und rechnete seiner Mutter die Ernteeinnahmen vor. »Mit sieben bis acht Prozent verzinst sich mein Kapital in diesem Mitteljahr … wir können zufrieden und dankbar sein. Darum werden zwei vom hundert unsrer Reineinnahme für die Armen und die Anstalten in B. und K. hingelegt. Das sollen die feststehenden Gottesprozente sein.« Ein leuchtendes Mutterantlitz beugte sich nieder und küßte die Lippen, die diese Worte sprachen. »Nun gönne dir auch selber, mein Sohn, einige Erholung und Ausspannung … wenn du zum geselligen Verkehr ein paar gleichgesinnte Freunde hättest …« »Schopenhauer sagt: Nur die Lumpen sind gesellig.« »Aber die vom Menschenverkehr sich abschließen, werden Sonderlinge. Möchtest du nicht eine Reise machen, Amatus?« Er richtete sich auf. Etwas war ihm plötzlich wie eine Eingebung des Augenblicks eingefallen. »Ja, eine sehr kleine Reise will ich heute am Sonntagnachmittag machen, nämlich nach Wasserlust. Vor den Wirtshäusern brauchst du mich nicht mehr zu warnen, mein Mütterchen.« »Nein, der Herr sei gepriesen, dem ich täglich danke!« Wasserlust war ein kleines Seebad am Belt, wo an diesem letzten Augustsonntage ein Volks- und Erntefest mit Schießerei und Sacklaufen auf dem Lande, mit Wettsegeln und Wettschwimmen auf dem Wasser gefeiert wurde. Junker schnallte sich die Sporen an und ritt auf dem Goldfuchs hinüber. Als er das Dorf Kragerup, das eine halbe Stunde von dem Badeorte entfernt lag, passierte, fiel er in Schritt und lugte nach dem alten, efeuumsponnenen Pfarrhaus hin. Es lag wie ausgestorben, niemand auf der Lindenbank vor der Tür, kein Menschengesicht hinter den Fenstern. Und doch regte sich die Gardine, wie von einem Lüftchen bewegt. Klarissa, die just zum Besuch im Krageruper Pastorat war, meinte den Goldfuchs zu kennen und hatte dem Reiter nachgesehen. Die Aufrichtige, die sonst nichts vor Silly verheimlichte, behielt die Fensterbeobachtung für sich. Aber nach einer Weile fragte sie etwas zag und zögernd ihre Freundin, ob sie keine Lust verspüre, für ein Stündchen sich das Getümmel am Strande anzusehen. Aus purer, selbstloser Willfährigkeit zeigte Silly einiges Interesse für das Volksfest, welches sie durchaus nicht hatte. Am Bollwerk von Wasserlust stand Amatus und betrachtete die schläfrigen Böte, die bei der Windstille die Segel schlaff hängen ließen und unter keinen Umständen wettsegeln wollten, Da berührte die Kousine seinen Arm und kicherte: »Welch ein zufälliges und schönes Zusammentreffen! Aber wie vermochtest du auf einen halben Tag von deinen Bauernpflichten dich frei zu machen? Konntest du von der Sau weggehen, die wie Kronos ihre eignen Kinder verschlingt?« Sie beobachtete ihn genau, weil er bei Fräulein Reders Anblick zuckte, und wie er ihr beim Händedruck in die Augen sah. Gar nichts entging Silly, die auch bemerkte, daß Rissa sehr rot wurde, sehr backfischrot für ein einunddreißigjähriges Mädchen. Das schöne Zusammentreffen war kein zufälliges gewesen! Silly war hellsehend geworden und wurde still. Der Gedanke, den sie zur grossen Tat werden lassen wollte, mußte heute Wirklichkeit werden. Aber das Wie überlegte sich ihr Köpfchen. Nachdem sie ein Stündchen hin und her geschlendert waren, über die grell geputzten Bauernmädchen und die sacklaufenden Knaben gelacht und viel Staub geschluckt hatten, sagte Silly zu ihrem Vetter, daß er als gewesener Cowboy ihnen seine große Schießkunst zeigen müsse. Sobald er die Büchse in die Hand genommen und bedächtig zielte, um sich nicht zu blamieren, zog sie flink und hinterlistig die Freundin mit sich, schlüpfte durch das Gedränge und machte erst drüben im schattigen Wäldchen Halt, wo sie engbrüstig und etwas stockend begann. »Rissa … auf die Bank hier … wollen wir uns setzen … und vernünftig reden … wir haben als törichte Kinder uns einmal ein Gelübde gegeben … fühlst du dich noch daran gebunden? »Ja, Silly, ich will es halten.« Das sagten leise bebende Lippen, die bestimmt und energisch schmal wurden. Die kleine Berg richtete sich auf, und ihre Stimme klang tief und feierlich. »Rissa, ich löse dich vor Gott und deinem Gewissen von dem Gelübde.« Die andre griff vor Wirre um sich. »Wie … warum, warum? Das … kannst du vielleicht nicht …« »Ja, ich kann und will es, denn ich weiß jetzt, daß mein Vetter dich lieb hat, und daß du ihn seit zehn und mehr Jahren nie vergessen hast … still, Klarissa, du bist frei … und darfst dich freien lassen … ja, du sollst es, denn, um glücklich zu sein, muß ich dich und ihn glücklich sehen.« »Silly, Silly, was sagst du, was tust du! Er mag mich ja gar nicht …« »Ja, er hat dich sehr gern.« Es war zu viel für Silly, die in Tränen barst. Die Freundin umhalste sie und weinte mit ihr. Wer will lachen über die Zähren, unter denen ein treu gehaltenes Kindergelübde zerging und sich zerlöste? – Über das rieselnde Waldbächlein, das wie mit dünner Stimme sang, beugten sich zwei erwachsene Mädchen, tauchten die Taschentücher hinein, tupften und wuschen die Gesichter. Schon war die Sonne am Untergehen, als Amatus, der wie ein verlassenes, seinen Herrn suchendes Hündchen durch die Menschenmenge pürschte, endlich die Verlorenen fand. Sein Erstaunen hatte einen Ton von Ärger: »Meine Damen, wo haben Sie sich vor mir versteckt?« Sein mißtrauischer Blick gewahrte Klarissas nasses Taschentuch, das sie unvorsichtigerweise halb hervorzog und mit heißer Hast in die tiefste Tiefe zurückstopfte; und er fragte nicht ohne einen Anflug von Ironie: »Haben Sie sich unter vier Augen ausgeweint?« Die impertinente Frage war zum Umfallen, zum Ohnmächtigwerden. Aber Silly gewann zuerst die Fassung [später ergänzt: wieder ], und sie, die sonst nie log, sagte die Lüge: »Wenn du es wissen willst … wir haben uns am Bache den Staub abgewaschen.« Höflich lud er beide zum Abendessen ein. Die zwei Restaurants jedoch, die Wasserlust hatte, waren bis auf den letzten Platz belegt und überfüllt. Nicht verlegen führte er die Damen an Bord des Dampfers und ließ in der ersten Kajüte kalte Küche und Wein auftragen. Aber er trank keinen Tropfen, sondern stieß mit seinem Seltersglase an. Die Kousine zwinkerte schelmisch. »Wein? Willst du irgend ein Fest heute feiern?« Man aß und trank, man lachte und schwatzte so lebhaft, daß der erste und der zweite Pfiff des Dampfers überhört wurde. Amatus war in witzigster Laune und erzählte drastisch, wie er in Bellavista zur Predigerwahl gestanden und seinen Stegreifsprung von der Kanzel auf den Düngerhaufen gemacht habe. An Bord des Dampfers, der von Menschen voll sich stopfte, war ein ohrbetäubender Lärm und in der Kajüte lautes Gelächter. Auch hatte die schrille Dampfpfeife infolge ihrer Überanstrengung heute eine belegte und dumpfe Stimme. Der dritte und letzte Pfiff wurde überhört. Nur Silly vernahm ihn und sagte nichts und blinzelte schlau. [Später neuer Absatz.] Plötzlich stampfte die Maschine und stieß das strudelnde Wasser von sich. »Himmel, das Schiff bewegt sich und geht ab!« Junker, gefolgt von Klarissa, stürzte die enge Kajütentreppe hinauf – dicht gestaute Menschen vertraten ihm den Weg. Schon war das Gangbrett eingezogen und ein Sprung an Land nicht mehr möglich. Die kleine verwachsene Berg ließ sich ruhig und gelassen gute Zeit und lächelte wie ein gutmütiges, die Menschenkinder foppendes Heinzelweibchen in sich hinein. Ihr großer Gedanke mußte heute zur Tat werden. Nun war der Zufall, der mitunter ein netter, aber meistens ein schlechter und höchst unzuverlässiger Handlanger Gottes ist, ihr zu Hilfe gekommen. Die drei unfreiwilligen Passagiere fügten sich in das Unvermeidliche und waren genötigt, ganz bis Norderhafen mitzufahren. Die Leute an Bord befanden sich in angesäuselter Stimmung und sangen immerzu, und wem der Herr nicht Stimme gegeben hatte, der schrie [später ergänzt: und grölte ] mit. Um den wilden Disharmonien der Volkslust zu entweichen, begab sich die kleine Gesellschaft in die Kajüte hinunter. Junker sah Fräulein Reder an und bat sie, ein Liedchen zu singen. Sie ließ sich nicht lange bitten und stimmte unbefangen trotz der verfänglichen Liederworte – als breche instinktiv ein schon in ihrer Brust klingender Ton hervor – die Weise an, die sie vor vielen, vielen Jahren auf den Wassern neben dieser Föhrde gesungen hatte. »Mein Liebchen, wir saßen beisammen Traulich im leichten Kahn, Die Nacht war still, und wir schwammen Auf weiter Wasserbahn.« Ihm wurde, als käme mit winkender Hand seine selige Jugend über die Wellen und kehre zu ihm wieder wie Traumerfüllung, ernst und groß und ohne ihre törichten Gebärden. Da erwachte etwas in ihm, was auf diesen Gewässern vor vielen Jahren keimend sproßte und ungestüm aufsprang, was all die ewige Zeit, im weiten Raum der alten und der neuen Welt, oft still und unbewußt, aber immer unwandelbar in seinem Herzen geruht und stark und groß sich gewachsen hatte. Da war Amatus Junker sich seiner einen und einzigen Liebe klar und gewiß, und es war ihm wie ein Erwachen seiner selbst und seiner Seele. Sobald der Dampfer am Norderhafener Bollwerk anlegte, stieß und drängte sich die Menge über das Gangbrett. »Wir müssen aufpassen, daß wir nicht von einander kommen«, mahnte Fräulein Reder. Soeben standen sie noch zu dreien hinter einander und hielten sich an den Armen fest. Und mit einem Male war Silly nicht mehr da und spurlos verschwunden. Auf der Freundin Befehl suchte Amatus, aber mit geringem Eifer, und fand die Vermißte nicht an Bord. Die kleine [,] verschmitzte Person hatte mit der Frau des Stewards alte und oberflächliche Bekanntschaft erneuert und saß in der Kabine derselben hinter der zugezogenen Tür. Ein feines Versteck, dessen er sich nicht vermuten konnte! »Meine Kousine wird schon an Land sein und drüben in der Allee auf uns warten.« Klarissa Reder ging neben ihm, etwas zu gemessen, wie er meinte, so daß er ihr nicht den Arm zu bieten wagte. Sie schritten die Allee hinunter und wieder zurück bis ans andere Ende, als wenn sie Silly suchten. Aber die beiden suchten wohl etwas anderes, sie suchten einander und haben sich endlich gefunden. Rissas Herz pochte, und jeder Fiber fieberte in ihr. Es war ja dieselbe Kastanienallee, die vor vielen Jahren das kindliche Gelübde gehört hatte. Und nun vernahmen die wispernden Baumkronen ein Liebesgeständnis. Nicht war Junker der Mann, um in die Kniee zu knicken und schwärmerisch[-] überschwängliche Worte zu machen. Innig in ihre Augen sich versenkend, sagte er leise und lang: »Kla–ris–sa!« als wenn er jede Silbe des Worts liebkose. Die Erwachsene zitterte sprachlos und verschüchtert wie ein Backfisch. Sein Schnurrbart bewegte sich unmerklich von einem lächelnden, zuversichtlichen Zucken des Mundes. »Sie sagen nicht: Ich heiße Fräulein Reder! Sie verachten mich nicht mehr, nein, Sie dürfen mich ein wenig achten, ich habe meinen Feind überwunden, und wer seine Hand in meine Hand legt, braucht nichts zu fürchten.« Auch unter sotanen Umständen, in einer so sprachraubenden Situation leiht der Widerspruch dem schwächsten Weibe Worte, und die, der die Rede völlig verschlagen war, rief jetzt laut: »Nein, ich habe Sie nie, nie verachtet, sondern immer … immer …« »Geliebt? Ja, geliebt!« So vollendete er kecklich ihren Satz, und seine Stimme klang sicher, selig und sieghaft. »Ja, du! Nun darf ich du zu dir und es dir sagen, was lange Zeiten tief gewurzelt, aber wortlos in meiner Brust gewesen und gewachsen ist. Du bist schön und schlicht und ohne allen Schein, du, Klarissa, bist die eine und einzige, die rechte und reine, die ich liebe und immer geliebt.« Er nahm sie sanft in seine Arme. Sie lehnte weich und willenlos den Kopf an seine Schulter, und ihr Blick lag in seinem Auge. So hätte sie ruhen mögen ohne Ende und lauschen seiner Stimme, welche sang: »Klarissa! Heißt das nicht – die ganz Klare? Ja, das ist dein Wesen, du bist klar wie keine – licht und hell und hoch, stark und gut.« »Aber ich bin – fast zwei Jahre – älter als Sie – als du …« Durch ihr stammelndes Geflüster ging ein Ton, wie das unterdrückte Schluchzen eines unschuldigen Kindes. Da lächelte er sie an mit dem sonnigsten und schönsten Lächeln seines Lebens. »Darauf tu dir nur nichts mehr zu gute! Ich bin jetzt auch erwachsen geworden, meine Liebste, und, obgleich Schleswigholsteiner, mit dreißig Jahren zum Schwabenverstand und zur Raison gekommen. Darum wollen wir vernünftig miteinander reden! Als selbständiger Bauer bin ich in der Lage, eine Frau und« – er räusperte sich schalkhaft – »und Familie zu ernähren.« Um den Gedanken, daß sie um des Ernährtwerdens willen heirate, nicht aufkommen zu lassen, sagte Klarissa [später ergänzt: übereilt ]: »Mein Amatus, ich komme auch nicht mit ganz leeren Händen. Erinnerst du doch noch des Abends, wo du nach deiner ersten Liebeserklärung unter dem Tische hocktest? Meiner Stiefmutter, die sich an deinen und manchmal auch an meinen Haaren tätlich vergriffen hat, müssen wir dennoch ein dankbares Andenken bewahren. Sie hat bei Lebzeiten eifrig gespart und gekargt und mir reichlich 25 000 Mark hinterlassen.« Nachdem die Vermögensverhältnisse vernünftig besprochen [später entfallen: und geordnet ] waren, setzten sie sich zusammen auf die Bank und wurden unverständig; denn sie küßten sich mit großer Innigkeit und Ausdauer, wie zwei blutjunge Menschenkinder, die zum ersten Male lieben und sich küssen. Silly kam vom Schiffe und ging auf leisen Sohlen an den Kastanienstämmen entlang. Plötzlich trat sie hervor und wünschte Glück, Glück und lachte unter Tränen. In ihrer Rührung küßte sie Klarissa und dann – zum ersten und zum letzten Male – den Vetter mitten auf den Schnurrbart statt auf den Mund, weil sie im Männerküssen ungeschickt und unerfahren war und blieb. Im Glück der beiden wollte sie glücklich sein und ist es nach Jahren auch geworden. – – – – – Der Traum, den Amatus Junker als Kandidat einmal auf dem Heimwege vom Hofe Egeberg geträumt hatte, war in herrliche Erfüllung gegangen. Er saß als freier Bauer auf eignem Hofe, und in seinem Hause und an seinem Herde schaltete und waltete sein Weib Klarissa, oft hochgeschürzt, mit den bloßen, runden, starken Armen zugreifend. Es war gekommen, wie es kommen muß, solang ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen wird. Er hat dennoch bei Monikas Lebzeiten eine andre mehr als seine Mutter lieb gewonnen. Aber Frau Junker, die Gereifte, in Gottseligkeit Geläuterte, war ohne eifersüchtigen Neid und hatte die rechte Liebe, die gibt und hingibt, auch zur Schwiegertochter. Sie wußte in ihrer Demut, daß sie so viel und vielleicht noch ein wenig mehr Raum im Herzen des Sohnes besitze, als ihr gebühre. Über den Kirkebyer Bauernhof, der im milden Sonnenschein des arbeitsamen und zufriedenen Stillebens lag, zog eine schwere, schwarze Gotteswolke. Eine erschütternde Heimsuchung, die jeden Muttersohn früher oder später treffen muß, wühlte Amatus['] Seele in ihren Tiefen auf. Am Tische, mitten in der Morgensonne saß Monika und las wie immer die Morgenandacht, nämlich die Worte: »Leben wir, so leben wir dem Herrn, und sterben wir, so sterben wir dem Herrn.« Da fiel sie in ihrem letzten Leidensanfalle zurück und fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Kampflos, schmerzlos, seufzerlos ging ihre Seele, die zu jeder Stunde zum Sterben bereit war, in das Jenseits hinüber. Ein schönes, seliges Ende! Und ihre zuckenden Züge glätteten sich zu einer großen, friedseligen Ruhe. Amatus küßte die erkaltenden Lippen und sah unter Tränen zum unerforschlichen Himmel empor. Die greise Frau mit den weißen Haaren hatte ein Menschenleben lang getan, was sie konnte, hatte an des Vaters, an seiner Seite gekämpft und endlich den Sieg gewonnen. Ja, vor vielen Jahren war sie fromm und edel, starkmütig und herzensgut gewesen, und ihre Mutterliebe war ihre Menschengröße. Ihm hatte der Himmel rechtzeitig für die tote Mutter Ersatz gegeben in Klarissas Liebe. Bei der Beerdigung fragte er die Kousine: »Silly, willst du nicht zu uns aufs Altenteil und in das Stübchen der Seligen ziehen? Es steht immer für dich fertig und bereit.« »Nein, jetzt noch nicht, aber vielleicht später als alte Tante will ich bei euch wohnen – und die Kleinen verhätscheln.« Die Jahre gingen, die Störche zogen her und flogen weg, und die Kleinen kamen noch immer nicht. – – – Über Monikas Grab leuchtet ein weißes Kreuz, darauf zu lesen ist: Diese sind es, welche gekommen sind aus großer Trübsal. Der ein lateinischer Bauer gescholten wurde, hat sich als tüchtiger Landmann bewährt. Junker hat gemischten Betrieb, Milchwirtschaft und Mast, Kornbau und Aufzucht und sagt wohl, wenn bei schlechtem Wetter und bei schlechten Preisen die andern jammern, gelassen lächelnd: »Mir kann die Agrariernot zuweilen wohl an den Leib, aber nicht bis an den Hals kommen; denn, wenn das eine fehlschlägt, hält das andre mich über Wasser … will die Ernte nicht, trägt die Molkerei und Mast es mir ein.« Die Bauern von Kirkeby, die ihn zuerst lauernd beobachtet und ausgelacht hatten, eifern ihm jetzt nach und haben längst statt der Dreifelderwirtschaft neun und mehr Schläge. Klaus Klümp tut im Wirtshaus, als wenn er die Neuerungen eingeführt habe, und verschwört sich: »Nee ohne de künstliche Düngergeschichte kamen wi nich mehr ut … und lichter as de Steckröben kunn ick min leibliche Svigermutter entbehren.« Den lateinischen Bauern hält man in Kirkeby für einen eigenartigen Menschen, aber er ist doch hoch geachtet in der Gemeinde. Nach Jahren der ungetrübten Bauernlust und der ersten Liebe zu seiner eignen Scholle wollte die ausschließliche Bauerntätigkeit seinem regen Geiste nicht allein genügen. Amatus hat eine Liebhaberei, die er in seinen Frei- und Mußestunden treibt. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Haufen Bücher, die er aus der Universitäts-Bibliothek sich hat kommen lassen, und die er sorgfältig mit der Feder in der Hand durcharbeitet. Ganz alte Scharteken mit wunderlichen Buchstaben sind darunter [später ans Satzende gestellt], die er aber mit pietätvollen Fingern anfaßt und am andächtigsten durchliest. Er treibt die Historie Schleswigholsteins und ist allmählich ein großer Kenner seiner Heimatgeschichte geworden, über die er einmal ein Buch schreiben wird, sobald die Funde und Forschungen, die er gemacht hat, druck- und buchreif geworden sind. Seine Klarissa, die ihn zum Abendessen ruft, legt den Arm um seine Schulter und küßt ihn auf die Denkerstirn. »Komm, mein Liebli! Du wirst in dem Buche noch so Hervorragendes leisten, daß sie dich zum Doktor der Philosophie machen – und mich nebenbei zur Doktorin.« Er lacht. »Ja, so weit wird der lateinische Bauer es hoffentlich bringen – um deiner Doktorwürde willen möchte er es – und wenn es ganz gewißlich nicht geschieht, ich habe im Leben gefunden, was ich suchte, einen Beruf, der mich befriedigt, ein Weib, das mich beseligt [später: beseeligt ], [später entfallen: und ] einen treuen Gott, an den ich glaube. Wer die drei Dinge hat, Klarissa, der ist ein in Wahrheit glückseliger Mann.« Leben und Werk von Johannes Dose DOSE, Johannes Valentin, evangelischer Theologe und mit über 30, oft mehrfach aufgelegten Werken zu Lebzeiten einer der bedeutendsten protestantischen Erzähler Norddeutschlands, wurde der bereits im Vorwort erwähnten dänischen Quelle zufolge am 23.8.1860 [laut seines autobiografischen Romans »Der Muttersohn« ist allerdings der 10.8 sein Geburtstag] im damals schleswigschen Dorf Öddis (nahe dem heute dänischen Haderslev; zuvor Hadersleben) geboren und starb am 11.2.1933 in Haderslev. Für den später gefährdeten Erhalt seiner Grabstätte auf dem dortigen Assistentsfriedhof hatte sich erfolgreich u.a. der frühere schleswig-holsteinische Minister- und spätere Landtagspräsident Dr. Helmut Lemke eingesetzt, der sich auch lange nach dem Tod des Autors um Doses Anerkennung als Schriftsteller bemühte, dessen Werke seinerzeit in 15 verschiedenen Verlagen [Alster Verlag; Verlag von Friedrich Bahn; Verlag von Hans Bartholdi; Verlagshandlung der Anstalt Bethel; Falkenroth-Verlag; Verlag Hachmeister \& Thal; Verlag von Max Hansen; Hinstorff'sche Verlagsbuchhandlung; Westdeutscher Jünglingsbund; Verlag G. Koezle; Verlag von Johannes Räde; C. Schaffnik-Verlag; Thienemann-Verlag, Verlag von E. Ungleich; Sächsischer Volksschriftenverlag] erschienen waren. Trotz dieser Fülle an Werken sind die bislang vorliegenden biografischen Angaben über den einstigen Erfolgsautor lückenhaft und stützen sich nach derzeitigem Recherchestand (August 2010) zumeist auf Doses eigene Angaben im »Muttersohn«, wobei – wie bereits im Vorwort dargelegt – bislang offen bleiben muß, welche Angaben in Doses autobiografischem Roman auf Tatsachen beruhen und welche dem Roman-Charakter des Werkes geschuldet sind. Aus Unterlagen im »Gemeinschaftsarchiv des Kreises Schleswig-Flensburg und der Stadt Schleswig« (Melderegister der Stadt Schleswig) lässt sich folgern, dass Doses Mutter Helena Maria Dose, geborene Ritter, verheiratet mit dem Polizeidiener Jens Jacobsen Dose, war. Laut Angaben aus dem Archiv von Haderslev war der Vater Kirchendiener und Friedhofsverwalter; laut »Muttersohn« war Doses Vater zunächst Totengräber und Tagelöhner und später Gerichtsdiener. Der dänischen Quelle zufolge hatte Johannes Dose die Kathedralschule in Haderslev besucht und ab 1880 in Kiel und Leipzig Theologie und Philosophie studiert; im »Muttersohn« dagegen wird nur e i n Studienort benannt. Insbesondere aufgrund der Vermögensverhältnisse von Doses Eltern ist aus Sicht d. Hg. davon auszugehen, dass der Autor, schon aus Kostengründen, sein Studium in der nächstgelegenen Universitätsstadt absolvierte; somit in Kiel und folglich nicht in Leipzig studiert hatte. In einem Anhang zu Doses offiziell [vgl. Vorwort] erstem Roman »Der Kirchherr von Westerwohld« erwähnt ein Professor Karl Kinzel, Dose habe sein Studium mit Auszeichnung bestanden, aufgrund unglücklicher Umstände jedoch keine Pfarrstelle erhalten und sei deshalb verbittert in die USA ausgewandert. Laut dänischer Quelle strebte Dose dagegen nach Abschluß seines Studiums aus privaten Gründen kein Pastorenamt an. Laut »Muttersohn« dagegen wurde Dose das Opfer der Verkettung unglücklicher Umstände: In den ersten 30 Jahren seines Lebens hatte Dose stets zu spüren bekommen, dass er – geboren als »Nachzügler« und [nach zwei Schwestern, eine davon blind] als drittes Kind armer Eltern – in »einfachste« Verhältnisse hineingeboren worden war und im/vom Leben stets benachteiligt wurde: Seine Eltern hatten nicht jährlich 24 Taler Schulgeld und nur dank eines pensionierten Pastors, der das Schulgeld für den aufgeweckten Tagelöhners-Sohn bezahlte, konnte der Autor die höhere Schule besuchen; als der Pastor starb, drohte schulisch das Aus, doch Dose erhielt aufgrund seiner Begabung einen Freiplatz am Gymnasium. Als Kind armer Leute schien trotz guten Abiturs Doses Wunsch zu studieren unerfüllbar; einziger Ausweg war ein Stipendium, doch das konnte nur gewährt werden, wenn Dose – entgegen seiner Absicht – Theologie studierte. Mit gutem Abschluß und in der Rekordzeit von sechs Semestern absolvierte Dose sein »Brotstudium« der Theologie, um nolens volens dann eben als Pastor endlich in finanziell geordneten Verhältnissen leben zu können. Doch wieder spielte ihm das Schicksal übel mit: Da er sein Studium in Rekordzeit absolviert hatte, war er im Alter von erst 23 Jahren noch zu jung, um eine reguläre Pfarrstelle zu erhalten. Dose erhielt lediglich eine schlecht bezahlte Stelle als deutscher »Hilfspastor« im dänischen Nordschleswig. Wann immer dem hochbegabten und -qualifizierten Sproß armer Eltern – mit großem sozialem Engagement und hoher Begabung zum Predigen – »die Galle überlief«, griff er zur Flasche. Als er, »gut deutsch« eingestellt – was immer das sei –, bei einer Feier eine prodänische Agitation unterband, hängte man ihm aus Verärgerung heimlich eine dänische Fahne an den Pastorenrock. Das reichte aus, dass Dose seine Hilfspastorenstelle verlor und ihm klar gemacht wurde, dass er auch auf absehbare Zeit keinerlei Kirchenamt in Aussicht habe. Damit hatte der Theologe »umsonst« studiert, alle seine Mühen, auch alle Opfer seiner Eltern und Geschwister waren vergeblich gewesen. Ohne berufliche Perspektive in seiner Heimat. suchte Dose nun sein Glück als Amerika-Auswanderer. Laut dänischer Quelle war Dose 1889 für einige Jahre nach Nebraska auswandert. Dort soll er als Privatlehrer gewirkt haben. Ein Indiz dafür, dass Dose seinerzeit in Salem/Nebraska lebte, könnte seine Publikation »Unbekannte Helden« (vgl. Werkverzeichnis Punkt 12) sein. Dort wird ein Sioux-Aufstand in jener Zeit und Region beschrieben, in der sich Dose seinerzeit aufgehalten haben könnte. [Möglicherweise ist auch »Friedlieb« (vgl. Werkverzeichnis Punkt 30) im Zusammenhang mit Doses Erlebnissen als Amerika-Auswanderer in Verbindung zu bringen; das konnte vom Hg. noch nicht überprüft werden, weil dieses Werk bislang unauffindbar war.] Eine andere Version findet sich im »Muttersohn«: Danach war Dose nach seiner Fahrt per Schiff von Hamburg nach New York per Zug in die Nähe von Kansas City gefahren, zum einen, um dort möglicherweise eine Anstellung als Pastor zu finden, und zum anderen, um in diesem »Abstinenz-Staat« Kansas dem Alkohol zu entfliehen. Die Dose in »Bellavista« angebotene Pastoren-Stelle war jedoch mit lediglich 200 Dollar Jahresgehalt dotiert; wie der Autor selber vorrechnet, wären ihm nach Abzug seiner Kosten für Unterkunft und Verpflegung ganze 18 Dollar pro Jahr »freies Geld« verblieben. Dose nahm daraufhin eine Stelle als Farmgehilfe an – laut Roman zufällig bei einem Onkel väterlicherseits, der nach der Schlacht bei Schleswig als gefallen galt, jedoch desertiert, in die USA ausgewandert und dort zu Wohlstand gekommen war. Bei einem Blizzard gerät Dose in Lebensgefahr, schwört für immer dem Alkohol ab, überlebt und tritt das Erbe seines Onkels an, der bei eben diesem Blizzard ums Leben kam. Mit 40 000 Mark geerbtem Vermögen kehrt Dose fünf Jahre nach seiner Auswanderung in die Heimat zurück, kauft sich in Nordschleswig einen Bauernhof, widmet sich historischen Studien und beginnt mit der Schriftstellerei. Laut dänischer Quelle kehrte Dose um 1893 nach Deutschland zurück und lebte zunächst [wie auch der Eintrag im Melderegister der Stadt Schleswig belegt] am Wohnort seiner Mutter, in Schleswig. Dass er sich laut des erwähnten Melderegisters noch 1896 offiziell als »Predigtamtscandidat« bezeichnete, könnte ein Indiz dafür sein, dass er noch immer auf eine Pfarrstelle hoffte; ebenso gut aber könnte Dose diese Bezeichnung allerdings gewählt haben, um sich als Akademiker bzw. als ausgebildeten Theologen auszuweisen. Ob Dose verheiratet war und/oder Nachkommen hatte, ist bislang unklar. [Ein bekannter dänischer Journalist namens Johannes Dose ist nach eigenen Angaben nicht mit ihm verwandt, auch nicht (soweit sie telefonisch oder per email bislang erreichbar waren) andere Personen namens ›Dose‹ , die im Telefonbuch/Internet auffindbar waren.] Als gesichert kann gelten, dass Dose aufgrund seines gut und in Rekordzeit absolvierten (und somit wohl zeitintensiven) Theologiestudiums, seiner anschließenden vorübergehenden Auswanderung nach Amerika und aufgrund seiner von ihm selbst in seinen Büchern mehrfach erwähnten Vorgehensweise erst ab seiner Zeit in Schleswig, also nach 1893, schriftstellerisch tätig wurde: Dose beschrieb – meist historische – Begebenheiten erst dann, wenn er die behandelte Region (wozu er vor 1893 kaum Gelegenheit gehabt haben dürfte) zu Fuß durchwandert und genaue Vor-Ort-Recherchen angestellt hatte. Vieles spricht dafür, dass er auch in Archiven forschte und sich auf »oral history« stützte. Aufgrund der gesicherten oder mutmaßlichen Erstausgaben zahlreicher früher Werke von Dose müssen aus Sicht d. Hg. diese oder zumindest entscheidende Vorarbeiten bzw. Konzepte/Entwürfe bereits in Doses Schleswiger Zeit verfasst bzw. erarbeitet worden sein. 1902, nach dem Tod seiner Mutter, zog Dose nach Lübeck, wo er als Privatlehrer und Schriftsteller wirkte, und zu einem derzeit noch unbekannten Zeitpunkt verlegte er seinen Wohnsitz von Lübeck nach Haderslev, wo er laut dänischer Quelle nach langer Krankheit starb. Offenbar war »Steinbeil und Bronzeschwert« (1924), sein letztes Werk, in dem Dose den Stoff der »Höhlenkinder-Trilogie von Theodor Sonnleitner aufgriff und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit von der Stein- bis zur Bronzezeit beschrieb und als Schauplatz die Ostseeküste wählte. Selbst in diesem Roman mit einer Handlung lange vor Christi Geburt geht es Dose wie bei nahezu allen [d. Verf. bislang näher bekannten] Publikationen um Religion und Moral und dies – überraschend bei einem Theologen – literarisch meist eingebettet in eine Liebesgeschichte. Auch viele seiner Buchtitel deuten es an: Offenbar ohne jemals als regulärer Gemeindepastor auf einer Kanzel gestanden zu haben, wollte Dose sein Anliegen als (seinerzeit jedem Gedanken der Ökumene fern stehender) überzeugter Protestant vortragen; wenn nicht als Pastor per Predigt, dann eben als protestantischer Autor per Buch, wobei zeitgenössische Literaturkritiker Doses Stil wiederholt mit Werken von Theodor Storm in Beziehung setzen. [Zur besonderen Bedeutung seines Werkes »Der Muttersohn« siehe Vorwort.] Vergleichsweise billige Taschenbücher gab es vor über 100 Jahren noch nicht, für viele Zeitgenossen Doses waren Bücher Luxusgüter. Selbst von den »Buddenbrooks« des spätern Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann waren 1901 zunächst nur 1 000 Ex. gedruckt worden und mit 12 Mark (geheftet) bzw. 14 Mark (gebunden) verlief der Verkauf zunächst schleppend. Von den über 30 Titeln Doses wurden zahlreiche Werke mehrmals aufgelegt und »Frau Treue« (vgl. Werkverzeichnis Punkt 6) erlebte sogar mindestens 15, »Der Kirchherr von Westerwohld« (Punkt 14) mindestens 10 und »Im Kampf um die Nordmark« (Punkt 13) mindestens 8 Auflagen. Trotz der oft wenig aussagekräftigen Buchtitel waren viele seiner Bücher zwei Jahrzehnte lang lieferbar, »Frau Treue« stieß sogar von 1901 bis mindestens 1935 auf das Interesse der Leser. Davon ausgehend, dass Dose erst ab 1893 als »verhinderter Pfarrer« zum Buchautor wurde und seine Tätigkeit als Schriftsteller aus Krankheitsgründen um 1924 – neun Jahre vor seinem Tod – aufgeben musste, hat Dose in diesen 32 Jahren 32 Bücher mit insgesamt fast 10 000 gedruckten Buchseiten verfasst, also in mehr als drei Jahrzehnten Jahr für Jahr ein Buch veröffentlicht; obwohl er persönlich oder per Post mit 15 Verlagen bzgl. Manuskriptangeboten, Honorarverträgen und Korrekturen korrespondieren musste, er seine Themen genau recherchierte und dabei die jeweiligen Regionen zu Fuß durchwanderte und obwohl es damals zur Arbeitserleichterung weder elektrische Schreibmaschine, noch Computer und Internet gab – eine außerordentliche Lebensleistung. Werkverzeichnis 1. Ein alter Afrikaner, Erzählung, Wismar 1913 (450 Seiten) 2. Der Bonapartefeind, Abenteuer und Amouren, Fahrten und Fährlichkeiten des Oberstleutnant von Wahren, Leipzig 1911 (564 S.) 3. Edelinde, Ein Edelfräulein aus der Nordmark, Glückstadt (um 1900) (203 S.) 4. Einer von anno Dreizehn, Denk und Merkwürdigkeiten des Hans Ohnesorge, (2 Bde), Wismar (1908 = 3. Aufl.); Altenburg 1913 (310 u. 674 S.) 5. Düppel, Ein Kriegsroman aus dem Jahr 1864, Wismar 1914 (403 S.) 6. Frau Treue, Geschichten aus der Geschichte, Leipzig (1901); Schwerin (? – 1935) (179 bzw. 282 S.) 7. Frauenherzen, Geschichten aus Schleswig-Holsteins neuerer Zeit und Geschichten aus hanseatischer Vergangenheit (2. Aufl. 1905) (79 bzw. 84 S.) [Eine Erzählung aus diesem Sammelband wurde, überarbeitet, neu aufgelegt unter dem Titel: Sylt und das Schreckensjahr von 1644, Neuauflage der historischen Liebeserzählung »Eine Sylter Judith«, Nordstrand 2010] 8. Die Freundin des Herrn Doktor Luther, Erzählung aus der Zeit des Bauernkrieges in Thüringen, Bielefeld (1908 = 2. Tsd.); Chemnitz 1930 (351 S.) 9. Mit Gott für König und Vaterland, Bilder aus den deutschen Befreiungskriegen, Barmen 1912 (320 S.) 10. Der blanke Hans, Erzählung vom Untergange Nordstrands [Aspekt Stintebüll], Leipzig o.J. (342 S.) 11. Der Held von Wittenberg und Worms, Düsseldorf 1906; Bonn (1924 = 11.-20. Tsd.), (385 bzw. 399 S.) 12. Unberühmte Helden, Bielefeld 1908 (164 S.) [Eine Erzählung aus diesem Sammelband wurde, überarbeitet, neu aufgelegt unter dem Titel: Der Angriff der Sioux auf die deutschen Auswanderer, Indianer-Geschichte eines norddeutschen Geistlichen und einstigen Bestsellerautors, Nordstrand 2010] 13. Im Kampf um die Nordmark, Potsdam (1913 = 8. Aufl.) (478 S.) [Der Titel wurde eingestellt ins Internet im Rahmen des »Projektes Gutenberg.DE«] 14. Der Kirchherr von Westerwohld, Erzählung aus der Zeit des Unterganges des Nordstrandes [Aspekt Westerwohld], (lt. dänischer Quelle EA o.O. (Schwerin?) 1896 (247 S.) [überarbeitete Neuauflage: Die »erschreckliche Flut« von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand, Nordstrand 2010] 15. König Tetzlaw und sein kurzweiliger Rat, Erzählung aus der Wendenzeit Rügens, Leipzig o.J. (382 S.) 16. Des Kreuzes Kampf ums Dannevirke, Erzählung aus dem ersten Jahrtausend, Schwerin (1903 = 2. Aufl.) (394 S.) 17. Luther-Geschichten, Wismar 1908 (205 S.) 18. Magister Vogelius, Eine Erzählung aus der Zeit des 30jährigen Krieges, Altenburg o.J.; Schwerin (1906 = 5. Aufl.) (163 S.) 19. Der Muttersohn, Roman eines Agrariers, Glückstadt 1904; nach Prozess in Lübeck mit Änderungen/Kürzungen: Der Muttersohn, Roman, Wismar (1908 = 2. Aufl. (488 bzw. 440 S.) [Der Muttersohn, Roman (eines Agariers), Neuauflage auf der Basis des 1906 verbotenen Romans und der trotz Verbots erschienenen, überarbeiten Neuauflage, Bde. I u. II, Nordstrand 2010] 20. Ein blutiges Narrenspiel am Dänenhof, Geschichten aus der Geschichte, Leipzig 1922 (112 S.) 21. Freiwillige und unfreiwillige Nordschlesier im großen Kriege nach Briefen und Berichten, Stuttgart (um 1916) (220 S.) 22. Pastor und Lehrer, Erzählung aus der Gegenwart und der Grenzmark, Altenburg o.J.; Wismar (1910 = 2. Aufl.) (429 S.) 23. Der Paternostermacher von Lübeck, Schwerin (1906 = 2. Aufl.); Hamburg 1921 (325 bzw. 334 S.) 24. Schatzsucher und Schatzfinder, Gesammelte Geschichten, Schwerin 1905 (191 S.) 25. Die Sieger von Bornhöved, Eine deutsche Geschichte, Schwerin (1904 = 2. Aufl.) (427 S.) [überarbeitete Neuauflage: Der Holsten-Graf und die Schicksals-Schlacht bei Bornhöved, Nordstrand 2010] 26. Die Stadt des Glücks und andere Geschichten, Schwerin 1905 (190. S.) 27. Steinbeil und Bronzeschwert, Roman, Hamburg 1924; Berlin 1929 (294 bzw. 332 S.) [überarbeitete Neuauflage: »Die Förde-Leute ›im Heimlichen Grund‹ , Steinzeit-Abenteuer im Bernsteinland, Nordstrand 2010] 28. Ein Stephanus in deutschen Landen, Historische Erzählung aus den Tagen Luthers, Schwerin (um 1903; 1926 = 7. Aufl.) (278 S.) [überarbeitete Neuauflage: Die Schlacht von Hemmingstedt und der Märtyrertod des Heinrich von Zütphen, Nordstrand 2010] 29. Vor der Sündflut, Erzählung von Rungholts Ende, Schwerin (1906 = 2. Aufl.); identisch mit: Rungholts Ende, Hamburg-Berlin-Leizpig (1921 = 10. bis 15. Tsd.) [unklar, ob dieser oder aller Ausgaben] (348 bzw. 412 S.) [überarbeitete Neuauflage: Der Seeräuber Kurt Widerich und der Untergang von Rungholt, Nordstrand 2010] 30. »Johannes Doses Volksgeschichten« sind mit drei weiteren Titeln nur durch den Werbeanhang des Friedrich-Bahn-Verlages in »Frauenherzen« aus 1904 belegt. Jeweils in Schwerin vor 1904 erschienen: Die Kosakenbraut, Erzählung; Friedlieb, Eine deutsch-amerikanische Geschichte; Der Feueranbeter. Manfred-Guido Schmitz * Auswahl weiterer Titel im Verlagsprogramm: Johannes Dose, Der Holsten-Graf und die Schicksals-Schlacht bei Bornhöved, Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Die Sieger von Bornhöved‹ Johannes Dose, Die Schlacht von Hemmingstedt und der Märtyrertod des Heinrich von Zütphen, Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Ein Stephanus in deutschen Landen‹ Johannes Dose, Der Seeräuber Kurt Widerich und der Untergang von Rungholt, Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Rungholts Ende‹ Johannes Dose, Die ›erschreckliche Flut‹ von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand, Neuauflage des um 1900 erschienenen Romans ›Der Kirchherr von Westerwohld‹ Johannes Dose, Steinzeit-Abenteuer im Bernsteinland, Die Förde-Leute ›im Heimlichen Grund‹, Neuauflage des 1924 erschienenen Romans ›Steinbeil und Bronzeschwert‹ Johannes Dose, Sylt und das Schreckensjahr von 1644, Neuauflage der 1904 erschienenen Erzählung ›Eine Sylter Judith‹ Johannes Dose, Der Angriff der Sioux auf die deutschen Auswanderer, Indianergeschichte eines norddeutschen Geistlichen und einstigen Bestseller-Autors, Neuauflage der 1908 erschienenen Erzählung ›Ostern auf der Prairie‹ Bernhardine Schulze-Smidt, Inge von Rantum, Ein Sylter Liebesroman, Bestseller anno 1881 Gustav Schumacher [ehedem Pastor in Tönning], Der ›Mordfall Carsten Hinz‹ und die letzte Hinrichtung auf Eiderstedt, Neuauflage des 1844 erschienenen Berichts ›Das Leben, das Verbrechen und die Bekehrung des Mörders Carsten Hinz, von ihm selber aufrichtig erzählt‹ Willi Hansen/Helmut Liley , Die Halliggräfin von Südfall, 5. Auflage Theodor Storm , Gedichte und Märchen (Reprint) Anton u. Heinrich Heimreich , Chronik von Nordfriesland, hg. v. M.-G. Schmitz auf d. Basis d. Bearb. v. Prof. Dr. N. N. Falck, Tondern 1819 M.-G. Schmitz , Auf Entdeckungsfahrt, Tagestouren durch Husums Umgebung, den Raum Schleswig-Flensburg und die ehemalige Bauernrepublik Dithmarschen Ernst von Bertouch/M.-G. Schmitz [Hg.], Natur und Kultur auf der nordfriesischen Insel Nordstrand, überarb. Neuaufl. v. Bertouchs Werk »Vor vierzig Jahren« (Weimar 1890) M.-G. Schmitz [Hg.], Hallig Nordstrandischmoor und die Sturmflut von 1825, Ein Augenzeugenbericht [nach Johann Christoph Biernatzki, »Die Hallig«] Ulli Harth , Habel, Inbegriff einer Hallig