Robert Seitz Die Häuser am Kolk Wenn es zum Herbst ging, kamen die Möwen bis zu den Häusern im Kolk. Sie saßen auf dem Geländer der Holzbrücke, die über den Wasserlauf führte oder umkreisten die breiten Kähne, die hin und wieder sich langsam vorbeischoben, um ihre Ladung nach der Zuckerfabrik hinter dem Damm zu bringen und von dort mit neuer Fracht wieder auf die Reise zu gehen. Die heiseren Schreie der Möwen erfüllten tagsüber die schmale Straße. Seit Jahrhunderten sind sie die Gefährten der Seeleute, sie bewachen die Einfahrt und Ausfahrt der Schiffe, fast ist es so, als wären die bangen Abschiedsgrüße der Frauen am Ufer während all der Zeit in den Klang der Möwenstimme übergegangen, ihre Besorgnis, ihre Angst und ihre Warnung. Diese plumpen, zärtlichen Vögel schwebten, von gleichmäßigem Flügelschlag gehalten, wie eine weiche Wolke über dem Leben im Kolk. »Die Möwen sind da«, sagte der Invalide Anton Olkers. Er war verwundert darüber, daß es schon so spät im Jahre sein sollte, denn in dem winzigen Garten neben Barbe Wiels Haus blühte noch eine Rose so, als könnte sich der Sommer nicht vom Kolk trennen. Barbe Wiel stand vor der Türe und nickte zu Olkers hin. »Die Möwen sind da«, wiederholte sie. Ihre Sprache war betulich und trug jede Neuigkeit wie ein großes Ereignis. »Es geht zum Winter, die Möwen kommen schon von der See«, sagte der Invalide noch einmal nachdenklich, ehe er an der Frau vorbei über die Brücke ging. Unter seinem schwerfälligen Schritt klang die Brücke dumpf wie ein Faß. Die Möwen stoben von dem Geländer auf. Für einige Minuten war ein wirres Kreischen. Atze Uhlig öffnete die Tür seines Ladens und sah neugierig in den schwirrenden Möwenschwarm. Er hielt noch die Schaufel in der Hand, die er zum Abwiegen des Mehls gebrauchte. »Die Möwen sind da«, sagte er vergnügt vor sich hin. Wenn es zum Herbst ging, waren die faulen Monate des Sommers vorbei, in denen man nie wußte, wie die Menschen eigentlich lebten. Erst wenn die Tage kälter wurden, besannen sie sich darauf, daß sie auch Petroleum, Wolle und vielerlei Dinge gebrauchten, die Uhlig zu verkaufen hatte. Das alles gab es in seinem Laden. Es war erstaunlich, wie Atze Uhlig all diese Schätze in Regalen, Säcken und Fässern in dem engen Raum untergebracht hatte, so daß immer noch Platz für Menschen war, die beim Einkauf einen kleinen Schwatz liebten. Barbe Wiel aber hatte das Recht, stundenlang auf einem Stuhl zwischen den Fässern zu sitzen und an allen Gesprächen teilzunehmen. Dafür stellte sie abends für ihn einen Teller Suppe bereit, zu dem er die Zutaten lieferte, und später noch eine Tasse Kaffee, bei der man die Neuigkeiten durchsprach, die man im Laufe des Tages in dem Laden gehört hatte. Sie besorgte ihm auch die Wäsche und half ihm, so gut es ging, die Stube in Ordnung zu halten. Atze Uhlig ließ sich ihre Obhut gefallen. Wenn man vierzig Jahre lang am Schürzenband der Mutter gelaufen ist, hat man kein Zutrauen mehr zu jungen flattrigen Röcken. In ihrer letzten Stunde hatte die alte Frau Uhlig den Sohn der Umsicht ihrer Nachbarin anvertraut, und es wäre undenkbar gewesen, daß einer von beiden sich dem Wunsche der Sterbenden entzogen hätte. So war alles im gleichen Schritt geblieben. Oft wundert man sich, wie wenig durch den Tod eines Menschen sich ändert. Eine Türe öffnet sich, ein Mensch wird hinausgetragen, aber ein anderer tritt herein und das Leben geht weiter. Uhlig stand am Geländer und warf den Möwen Brocken zu. Dabei ließ er die Ladentüre nicht aus dem Auge. Die Vögel schienen über seiner ausgestreckten Hand mit schlagenden Flügeln in der Luft zu stehen. Er lockte sie, aber sie waren noch zu vorsichtig, um ihm das Brot aus der Hand zu nehmen. Hinter dem Damm tauchte ein Kahn auf, der mit langer Stange von einem Mann in der Mitte des Wassers gehalten wurde, damit die Planken nicht mit der Steinwand des Ufers in Berührung kämen. »Holla, Atze Uhlig!« »Du, Löders, wieder im Land?« »Mit Kohlen für die Zuckerfabrik. Ich komme nachher zu dir.« »Tu das, wir haben uns lange nicht gesehen.« Der Kahn glitt schwerfällig vorbei. »Da bist du ja«, sagte Uhlig später, als Löders in den Laden trat. Zuerst wird hin und her geredet. Wie lange haben wir uns nicht gesehen, sagt man. Weiß Gott, wie die Zeit vergeht, und alles gut bei Wege? – Nun ja, so so. – Es sind böse Zeiten und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Man muß zusammenhalten, versichert man einander. Darauf trinkt man eins. Machandelschnaps ist immer gut. Auch am frühen Morgen. Wenn es, wie jetzt, auf Mittag geht, belebt er den Appetit. »Nehmen wir noch einen«, sagt Löders, »einen für den Magen, einen fürs Herz. Das macht Mut.« Er hat sich auf das Faß gesetzt und sieht zu, wie Uhlig das Mehl abwiegt. Es ist alles gesagt. Nach einem Weilchen beginnt Löders: »Du kennst mich von Kind auf, Atze«, sagt er, »wir sind Freunde.« »Das sind wir«, antwortet Uhlig und wiegt weiter ab. Es ist schönes weißes Mehl, schneeweiß ist es und ohne jedes Tüpfelchen. »Da ist kein Mausdreck zwischen«, sagt Uhlig. Aber Löders hört nicht hin. Er will sich in seinem Gedankengang nicht stören lassen. Er geht jetzt grade aufs Ziel los. »Jawohl, wir sind Freunde. Das sind wir«, wiederholt er. Er hat was auf dem Herzen, denkt Uhlig, das merke ich doch, und aus seiner Gutmütigkeit heraus fragt er: »Wo brennt's, Löders?« Ja, das ist eine verteufelte Geschichte. Man hat Pech gehabt. Man hängt bei seinem Geldgeber. Aber man wird schon wieder rauskommen. Gott sei Dank ist man ja kein Kerl, der sich unterkriegen läßt. Aber im Augenblick sitzt man doch verflucht drin. Wenn man jetzt jemand hätte, der einem unter die Arme greifen könnte. Er kriegt alles auf Heller und Pfennig wieder. Dafür wird man schon grade stehen. »Du hast wohl zufällig nichts flüssig, Atze?« »Ich würde es ohne Bedenken tun. Das sei gesagt. Aber nun ist's solche Sache, Löders. Man lebt selbst von der Hand in den Mund. Auch muß man immer wieder was einkaufen und bar bezahlen. Wenn man erst anfängt, Kredit zu nehmen, dann schnürt's einem bald den Hals zu. Wie soll man hier in dem kleinen Laden auch zu Reichtümern kommen? Ist ja alles nur ein Pfenniggeschäft.« »Weiß ich, weiß ich, Uhlig. Kenn ich selber! Was kommt heute schon dabei heraus, selbst wenn man sich von morgens bis abends schindet. Was hilft's. Trinken wir noch einen.« Nun geht er, die Hände auf dem Rücken, nachdenklich auf und ab. Die Kinder von Stam Öffgen kommen in den Laden. Als andere noch Milchbrei und Pamps bekamen, hat Stam sie schon mit Heringen gefüttert. »Erst fressen wir sie, dann fressen sie uns«, sagt er von den Fischen. Sein Vater und sein Großvater sind draußen ertrunken, und jedesmal, wenn er wieder auf See geht, sagt er zu seiner Frau: »Ein Jahr warte wenigstens.« Florentine Öffgen ist eine bleiche schmale Frau. Sie hat vom Leben nichts mitbekommen als ihren Namen. »Tina« wird sie von ihrem Manne gerufen. Er ist stolz darauf, daß ihr Vater bei der Post angestellt war und daß sie selbst im Hause eines Reeders gedient hatte. Damals, als Stam Öffgen sie kennenlernte, war er bei der Marine. Sie tanzten sonntags zusammen. Tina war ein Mädchen, mit dem man sich sehen lassen konnte. Als sie dann heirateten, zogen sie in die Stadt, denn Tina wollte nicht auf dem Dorfe leben. Stam Öffgen hatte gedacht, sich selbständig zu machen, ein Boot zu kaufen und auf Fischfang zu gehen. Auch ein kleines Haus hätte man haben können, einen Garten und ein Stück Vieh. Nun mußte er sich Arbeit in der Stadt suchen und kam in der Zuckerfabrik an. Es war schließlich gleichgültig, auf welche Weise man seinen Lebensunterhalt verdiente. So dachte er anfangs, aber bald stellte er mit Verwunderung fest, daß ihm eine Unruhe im Herzen saß. »Ich werd' mich schon gewöhnen«, dachte er, doch gewöhnte er sich nicht. Als ihn der Vorarbeiter einmal mit harten Worten antrieb, warf er die Arbeit hin. »Ich werd' mir doch von so einer Landratte nichts sagen lassen«, schimpfte er zu Haus. Nun fuhr er schon jahrelang auf Schleppkähnen bis in die Hafenstadt und ließ sich dort auf großen Schiffen anheuern. Er konnte in vielen Sprachen radebrechen, und wenn er zwischendurch auf Tage oder Wochen zu Hause war, saß er bei Atze Uhlig im Laden und erzählte von fremden Städten. Man mußte annehmen, daß er die ganze Welt schon bereist hätte. So genau konnte er das Land beschreiben, aus dem Zimt und Ingwer kamen, oder ein anderes, darin Kaffee und Kakao ihren Ursprung hatten. Er war auf Petroleumdampfern gefahren und auf schwedischen Seglern. Er verstand es, solche Berichte in anschaulicher Art zu geben, nicht etwa mit einem Schwall von Worten, sondern in kurzen, beinahe nackten Sätzen, so daß jeder Zuhörer darüber hinaus seine Phantasie spielen lassen konnte. Man hörte ihm gerne zu, und wenn er da war, gaben die Kunden noch ein halbes Stündchen darauf. Atze Uhlig mußte oft verwundert den Kopf schütteln: so also sieht die Welt aus. Das war Stam Öffgen. Er brachte seiner Frau bunte Tücher mit. »Sie hält was auf sich«, sagte er, »ihr Vater war bei der Post.« Aber Tina trug diese Tücher selten. Es war wohl so, daß sie mit ihrem Leben nicht zufrieden war. Die beiden Kinder, die nun bei Atze Uhlig im Laden stehen, werden Gitti und Köppje genannt. Der Junge hält ein zerrissenes Zeitungsblatt in der Hand. Er ist hinter jedem Papierschnitzel her, um ihn schwimmen zu lassen. Er nimmt sich keine Zeit, erst ein Schiffchen zu falten, wie es die Schwester gerne möchte. Es genügt ihm, wenn es schwimmt. Manchmal wirft er auch ein Stück Bindfaden von der Brücke ins Wasser. »Das ist meine Angel«, sagt er. Er kommt mit der Hosentasche voll Steinen nach Hause. »Soviel habe ich gefangen«, ruft er und zählt die Steine auf den Tisch. »Eins, zwei, drei, fünf.« »Vier«, verbessert ihn Gitti, aber er bleibt dabei und beginnt von neuem: »Eins, zwei, drei, fünf.« Er verlangt auch, daß die Schwester ihm die Fische kocht. »Das sind Steine«, sagt Gitti. – »Fische sind's«, behauptet Köppje. Er wird ärgerlich, weil es die Schwester nicht glauben will, trampelt mit dem Fuß und sein runder Kopf wird rot. »Du mußt dir die Hände waschen«, mahnt Gitti. »Nein«, sagt er und spreizt die schmutzigen Finger. Er ist stolz darauf, daß sie schwarz sind und daß man sieht, wie er tagsüber zwischen den Teerstricken herumgekrochen ist. »Willst du einen Bonbon haben?« fragt Atze Uhlig. Köppje nimmt das Zuckerstück und steckt es in die Tasche. Da hinein tut er zunächst einmal alles, was er ergattert. Später wird es sich entscheiden, was er mit den Dingen anfängt. Als die Kinder aus dem Laden sind, lacht Uhlig: »Das wird mal ein tüchtiger Bursche, der Köppje.« Seine Gedanken sind mit den beiden Kindern beschäftigt, daß ihm das Gespräch von vorhin ganz aus dem Sinn kommt. »Es sind die Kinder von Stam Öffgen«, sagt er, »die Mutter kann froh sein, daß sie so verständig sind. Sie geht waschen, da sind die Kinder allein. Wenn der Mann zurückkommt, bringt er Geld mit, aber das reicht nicht lange. Er hat eine lockere Hand.« »Ja, das Geld«, sagt Löders, »da hinkt der Hase. Das ist schon eine Not.« Eine ganze Weile ist nichts als das Klappern der Waage, auf der Uhlig wieder das Mehl abwiegt. »Wie gesagt«, beginnt Löders von neuem, »ich hab' gedacht, sprichst mal bei deinem alten Freund Uhlig vor. Vielleicht weiß der einen Weg. Ich kann mir schon denken, daß du nichts auf der hohen Kante hast, aber es könnte ja sein, daß du als Geschäftsmann, der Land und Leute kennt, einem einen Fingerzeig hättest geben können. Nun, wenn's nicht ist, schadet nichts. Darüber wollen wir in gutem Einvernehmen bleiben.« »Halt«, sagt Uhlig. Löders, der das leere Glas zwischen den Fingern gedreht hat, stellt es plötzlich hin. »Was?« fragt er und sieht hastig auf. »Ja«, sagt Uhlig. »Das wär's vielleicht. Komm doch heute abend noch mal. Ich will mit Schowe sprechen.« »Schowe?« fragt Löders. »Er hat wieder Acker an die Zuckerfabrik verkauft«, erzählt Uhlig, »der weiß schon, wie man Geld macht. Die wollen ja weiter bauen. Ein neues Maschinenhaus soll dahin. Es war ein schönes Ackerstück, aber die Fabrik fragt nicht danach, die frißt bloß.« »Er hat doch viel in den letzten Jahren verkauft«, sagt Löders. »Da sitzt die Frau hinter. ›Mein Mann ist Hausbesitzer‹, sagt sie, ›er macht Geldgeschäfte.‹ Krieg keinen Schreck, Löders, ein Halsabschneider ist er nicht. Das bleibt alles in seinen Grenzen. Aber sie möchte gerne, daß er was Besseres vorstellt als Ackerbürger. Sie geht auf den Rentier los. Du hast wohl schon gesehen, der große Dunghaufen auf dem Hof ist auch schon weg.« »Ja«, sagt Löders. Er hat das leere Glas genommen und dreht es wieder nachdenklich zwischen den Fingern. »Es sollte mich ja wundern«, setzt er hinzu, »ich habe mit Schowe mein Lebtag keine zehn Worte gesprochen. Du kennst ihn ja besser, vielleicht tut er's.« »Heute abend«, sagt Uhlig noch einmal, als er mit Löders schon vor dem Laden steht. Über dem Damm ist Sonne und der Kolk ist ganz hell. Die Möwen sitzen jetzt auf dem Geländer zum Unterdamm. Ein Kahn fährt vorüber. Vom Deck flattert Wäsche. Ein Hund läuft bellend auf und ab vor der Kajüte. Der Schiffer grüßt laut herüber. Löders ist gegangen. Er geht mit großem, ein wenig wiegendem Schritt, den Kopf hält er gesenkt. Auch der Rücken ist etwas gebeugt. Er hat Sorgen, denkt Atze Uhlig. * Das Haus, darin Uhlig wohnt, ist ein dreistöckiges graues nüchternes Haus. Es hat einen breiten Torweg, damit Schowes Wagen und Ackergeräte ein- und ausfahren können. Dieses Haus ist vor Jahren auf Betreiben von Frau Schowe gebaut worden. Ursprünglich stand hier ein kleines einfältiges Haus, worin zu ebener Erde der Ackerbürger Schowe wohnte, während in dem engen Obergeschoß Frau Uhlig mit ihrem Sohne lebte. Auf dem Hof hinter dem Hause zwischen den Stallungen und den Remisen hat Atze Uhlig seine Kindheit verbracht. Damals war von der Stadt nicht viel zu merken. Man lebte auf dem Lande. Frau Uhlig war mit der alten Frau Schowe befreundet. Sie half auf den Feldern mit, in den Kartoffel- und auf den Rübenäckern. Es gab Erntetage, an denen man nach schwerer Arbeit in der Küche bei Schinken und gebratenen Kartoffeln saß. Oft wurde auch Kuchen gebacken und den Kaffee, den man dazu trank, brannte man selbst. Vor dem Hause fuhren die Kähne vorbei nach der Zuckerfabrik. Aber damals hatte die Fabrik nur einen Schornstein und die Gebäude waren zum größten Teile noch Fachwerkbauten. Es war eine Fabrik, die nichts verschlang, eher war es eine gemütliche Werkstatt, darin gekocht und gesiedet wurde. Wenn der alte Schowe seine Zuckerrüben dorthin fuhr, war für den kleinen Atze Uhlig jedesmal ein Festtag. Er stand dabei, wenn die drolligen, vielgestalteten Rüben in den großen Vorratsraum geschippt wurden, und war glücklich, wenn er von dem Lagerverwalter braunen Kandiszucker geschenkt bekam. Während der Hauptzeit arbeitete seine Mutter wochenlang in der Fabrik, denn der Vater war früh gestorben und die Mutter mußte jeden Pfennig Verdienst mitnehmen. Für Atze war das eine schöne Zeit. Er konnte dann auf dem Fabrikhof spielen, mit den Kindern des Portiers und des Inspektors. Abends ging er mit seiner Mutter nach Hause, und sie hatte immer irgend etwas von ihrer Arbeit zu erzählen. Für Atze stand es fest, daß die Zuckerhüte, die man zu Weihnachten beim Kaufmann sah, alle samt und sonders ihr Dasein einzig und allein seiner Mutter zu verdanken hatten. Das war die Kindheit. Nun war das alte einfältige Haus niedergerissen und an seiner Stelle erhob sich das neue, dessen Mietserträge pünktlich von Herrn Schowe einkassiert wurden. Bis zum Unterdamm reichten jetzt die Mietshäuser, in denen Menschen monatlich ihren Zins entrichten mußten, nur um in dieser sonderbaren Welt ein Unterkommen zu haben, vier Wände, die ihnen niemals zu eigen gehören würden und für die sie am Ende ihres Lebens eine Geldsumme ausgegeben hatten, mit der sie, wenn das Schicksal sie nicht von der Hand in den Mund leben ließe, längst eigenen Grund und Boden hätten erwerben können. In dem Hause des Herrn Schowe wohnten Menschen, denen es schwerfiel, die Miete aufzubringen, obgleich man nicht hätte sagen können, daß diese Miete übermäßig hoch gewesen wäre. Es war sogar den andern Häusern gegenüber ein bescheidener Mietssatz. Frau Schowe drängte wohl oft auf eine Erhöhung, aber ihr Mann wehrte sich dagegen, weil er nicht wollte, daß es von ihm hieße, er zöge einem Mitmenschen das Fell über die Ohren. An dieses Haus grenzte ein Ackerstück, das auch Schowe gehörte. Es wurde nicht sonderlich ausgenützt, es diente mehr für den Gemüsebedarf. Früher wurde es von der alten Frau Schowe mit besonderer Liebe bestellt, aber jetzt verwendete man wenig Mühe darauf. Es war auch ein Stück Land, das für eine Spekulation kaum in Frage kam. Wenn überhaupt einmal, so würde es doch lange Jahre dauern, bis man auf den Gedanken käme, aus dem Kolk eine neuzeitliche Straße erstehen zu lassen. Auf der anderen Seite dieses Feldstreifens lag das Haus der Barbe Wiel. Wenn man auf dem Damm stand, hatte es den Anschein, als verkröche sich dieses Haus in die Erde. Eigentlich war es nur ein Dach, das wie ein brauner Pilz aus dem Boden wuchs. Hier lebte Barbe Wiel mit ihren freundlichen fünfzig Jahren. Wie man ein Jahr in Jahreszeiten einteilt, so hatte auch sie ihr Leben eingeteilt, nach ihrer Mutter, nach ihrem Manne und nun, da beide tot waren, hieß der Herbst ihres Lebens Atze Uhlig. Als sie jetzt aus der Türe trat, sah sie Löders die Stufen zu dem Boot heruntersteigen. Sie hat einen dicken grauen Rock an, darüber eine blaue Schürze. Über der Bluse mit den ausgebuchteten Ärmeln trägt sie ein schwarzes Tuch. Ihr Haar ist glatt gestrichen. Von dem Tuch, das sie umhat, trennt sie sich nur selten. Was gegen die Kälte gut ist, hilft auch gegen die Hitze, sagt sie. So trägt sie es sommers und winters. Aber es ist noch ein anderes. Dieses Tuch hat ihr Leben mitgelebt. Es hat Schluchzen gehört und Lachen, aber es hat wohl mehr Tränen erfahren als Freuden. Dieses Tuch ist weich wie ein guter Abend. Es umschmiegt zärtlich die kleinen Wirrnisse eines einfachen Herzens. Als Barbe Wiel zu Uhlig in den Laden kommt, fragt sie: »War das nicht Löders?« »Wir haben einen Schnaps getrunken«, sagt Uhlig. »Daß er sich mal wieder sehen ließ«, antwortet Barbe Wiel und setzt sich auf den Stuhl, der zwischen den Fässern steht. »Er ist ein Gernegroß«, ihm paßte es hier nicht. Immer hatte er Flausen im Kopf. Bald dies, bald das. Er hätte mit seiner Erbschaft einen Laden aufmachen sollen wie du, aber statt dessen muß es ein Kahn sein. Abends geht's dann in die Hafenkneipe, das kennt man. Ich möchte wissen, was von dem Geld noch da ist.« »Schowe hat den Acker verkauft«, lenkt Uhlig ab. »Seine Tochter bekommt jetzt Klavierunterricht«, sagt Barbe Wiel. Uhlig lacht. »Wally«, lacht er belustigt. Wenn Wally Schowe die Treppe herunterkommt, schüttert das Haus. Sie muß rosa Kleider tragen. Junge Mädchen sind wie der Frühling, sagt Frau Schowe. Sie hat es irgendwo gelesen. Im Winter geht Wally Schowe eingezwängt in knapper Pelzjacke. Sie bekommt Schlittschuhe über den Arm gehängt und wird mit ihren Freundinnen auf die Eisbahn geschickt. Wally treibt Sport, nennt das die Mutter. Wenn der große Hausbesitzerball ist, kommt die Friseuse schon vormittags. Wally soll einen griechischen Knoten haben, sagt die Mutter. Es ist auch ein junger Mann da, der Wally verehrt. Herr Peine ist ein höflicher Mensch, urteilt Frau Schowe. – »Er hätte Sattler werden sollen wie sein Vater«, sagt ihr Mann, »so nennt er sich Kaufmann und ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Was ist schon ein Kaufmann, der kein eigenes Geschäft hat. Wenn's seinem Chef paßt, setzt er ihn an die Luft.« »Herr Peine hat sein Vielliebchen verloren«, berichtet Wally, »er hat mir dies Bild geschenkt.« Es ist das Bildnis einer Sängerin im Silberrahmen. Es wird auf dem Klavier stehen, das Frau Schowe anzuschaffen beabsichtigt. Manchmal kommt Wally in Uhligs Laden und kauft eine Tüte Zuckerwerk. Das darf niemand wissen. Zucker macht dick, hat die Mutter gewarnt. Wally hat große Hände und dumme langsame Finger. Nun wird sie Klavierspielen lernen. Wenn Atze Uhlig während der Geschäftszeit eine Besorgung hat, bleibt Barbe Wiel so lange im Laden. »Ich will nur mal schnell zu Schowe hinaufspringen«, sagt Atze Uhlig etwas verlegen. »Was ist denn?« fragt Barbe Wiel. »Ich soll für Löders was fragen«, gesteht er zögernd, »ich hab's ihm versprochen.« »Wohl Geld?« erkundigt sich Barbe Wiel, aber Uhlig ist schon aus dem Laden. »Guten Tag, Herr Uhlig«, sagt Wally und errötet. Sie wird immer leicht rot. Sie läßt Uhlig vor der Korridortüre stehen und ruft in die Stube hinein: »Herr Uhlig ist da!« Vom Sofa her sagt Schowe: »Kommen Sie herein, Uhlig!« Die eine Ecke des Zimmers ist ausgeräumt. »Da soll das Klavier hin«, sagt Schowe, »es kommt morgen.« »Nußbaum mit goldenen Leuchtern«, setzt Frau Schowe hinzu. »Ich störe doch nicht?« fragt Uhlig. »Sie kommen wegen des Kellers«, sagt Schowe, »das können wir gleich perfekt machen. Ich denke, fünf Mark im Monat ist nicht zu viel. Da haben Sie eine schöne Niederlage.« »Jawohl«, antwortet Uhlig. »Wenn ihr es schriftlich gemacht habt, können wir essen«, sagt Frau Schowe und geht hinaus. Atze Uhlig atmet auf. Er hätte im Beisein der Frau kein Wort wegen Löders herausgebracht. Nun will er die Zeit wahrnehmen, solange sie draußen ist. Er sagt: »Ein Wort noch, Herr Schowe!« »Fünf Mark ist doch billig.« Schowe schiebt Uhlig den Vertrag hin. Alles muß seine Ordnung haben. »Es ist nicht deswegen. Ich habe da einen Freund. Löders heißt er. Er fährt auf eigenem Kahn. Sie kennen ihn doch?« »Löders? Löders?« überlegt Schowe. »Richtig, der!« Dabei bewegt er die Finger, als wollte er Löders' langes Gesicht in die Luft zeichnen. »Stimmt«, sagt Uhlig. Dann trägt er die Schwierigkeit vor, in die Löders vorübergehend geraten wäre. Er steht für jeden Pfennig grade. Da ist nichts zu verlieren. »Was erzählen Sie mir das?« brummelt Schowe. »Ich dachte, daß Sie ihm aus der Klemme helfen könnten«, sagt Uhlig bescheiden. »Sie haben doch jetzt das Geschäft mit der Zuckerfabrik abgeschlossen, wie man erzählt.« Schowe ist geschmeichelt, daß man sich an ihn wendet und daß die Nachbarschaft etwas von seinen Geldgeschäften ahnt. Er steht auf und geht mit langsamen Schritten durch das Zimmer. »Lieber Freund, was das hier alles kostet! Nein, so leid mir's tut, es geht nicht.« »Wir sind alte Freunde von Kind auf, Löders und ich«, sagt Uhlig, »da muß man einer für den andern einstehen. Ich hätte es ihm selber gegeben, wenn ich's hätte. Tun Sie mir den Gefallen, Herr Schowe.« »Lieber Freund«, antwortet Schowe wieder und verstummt. Uhlig ist unruhig, daß Frau Schowe jetzt vielleicht in das Zimmer kommen könnte. »Sie sind ein Mensch mit Herz«, sagt er, »die ganze Gegend weiß es.« Schowe legt Uhlig die Hand auf die Schulter. »Ich bin jetzt über fünfzig und habe schwer gearbeitet in meinem Leben. Das ist bekannt. Ich kann doch mein Geld nicht so weggeben. Gehört denn Löders der Kahn?« »Selbstverständlich«, sagt Uhlig. »Das muß man wissen«, entscheidet Schowe. »Wenn ich es täte, wäre es nur Ihretwegen. Ich kenne Sie genau. Sie sind ein zuverlässiger Mensch. Aber Löders kenne ich nicht. Da müßte ich einen Bürgen haben.« »Wenn Sie meinen«, wirft Uhlig ein. »Gut«, sagt Schowe. »Wenn ich Ihre Unterschrift mitbekomme, können wir drüber sprechen. Über die Prozente werden wir uns schon einigen.« »Meine Unterschrift?« wundert sich Uhlig. »Ihre. Sie halten doch Löders für gut? Sonst wären Sie ja wohl nicht für ihn hergekommen. Es ist auch nur für alle Fälle.« »Natürlich«, sagt Uhlig. »Abgemacht, ich komme heute abend zu Ihnen hinunter. Wir wollen keine Frauensleute dazwischen haben.« Schowe streckt seine Hand aus. Für ein paar Sekunden hängt sie derbe und schwer in der Luft. Dann schlägt Uhlig ein. »Und, wie gesagt, der Keller ist wirklich preiswert«, sagt Schowe im Korridor. Die Tür schlägt dann zu und das schlecht verkittete Fenster klirrt. * Jedes Jahr Ende November ging der Invalide Anton Olkers mit einem Rucksack in die Stadt. Er hatte eine Anzahl Bekannte, von denen er vorjährige zerbrochene Spielsachen abholte, die er für wenig Geld zu Weihnachten wieder in Ordnung brachte, frisch bemalte und oft so aufs neue herrichtete, daß die Kinder sie kaum wiedererkannten. In diesem Jahre gab es für ihn nicht viel zu tun. Das Geld war knapp und die Väter machten sich selbst an die Reparaturen, um den Groschen Arbeitslohn zu sparen. So hatte Olkers außer einem Holzpferd, das nur noch drei Beine besaß, und einem Segelschiff, dessen Mast abgebrochen war, nichts mitbekommen. Doch hatte ihm der Inspektor der Zuckerfabrik in Aussicht gestellt, ihn als Weihnachtsmann zu seinen Kindern zu rufen, wenn er sich auf Brummen und Poltern verstünde und den Kleinen mit ermahnenden Fragen den leibhaftigen Knecht Ruprecht vortäuschen könnte. Der alte Olkers ging mit hartnäckigem Eifer an dieses Studium. Er wollte seinen Auftraggeber nicht enttäuschen. Von Barbe Wiel ließ er sich aus weißen Wollfäden einen langen Bart herrichten. Auch sollte sie ihm Watte wie Schneeflocken auf den Mantel heften. In diesen Tagen wichen die Kinder von Stam Öffgen nicht von der Seite des Invaliden. Das Mädchen wollte sich überall behilflich zeigen und hatte allerhand Vorschläge, wie man wohl Antons alten Mantel noch schöner herrichten könnte. »Ihr dürft mich aber nicht verraten«, sagte der Alte. Einmal, mitten in all den Vorbereitungen, kam es ihm in den Sinn, daß Gitti und Köppje vielleicht selbst noch an die Wunder der Weihnachtszeit glauben könnten, darum sagte er entschuldigend: »Man muß Knecht Ruprecht etwas Arbeit abnehmen. Es könnte sein, daß er bei den vielen Kindern irgendwo aufgehalten wird.« Köppje antwortete: »Er soll einen Esel haben, der alles trägt.« Anton erschrak etwas über diese Worte. Er sann ein Weilchen nach. »Grade der Esel ist oft schuld«, behauptete er endlich. »Er hat seine schwere Last und oft liegt der Schnee sehr hoch. Da geschieht es dann, daß Knecht Ruprecht nicht mit der Zeit auskommt.« Köppje sah aufmerksam zu, wie der Invalide mit einer feinen Säge ein Bein für das Holzpferd herzustellen versuchte. Als er damit fertig war, ergab es sich, daß dieses vierte Bein zu groß geraten war. So mußte wieder ein Stückchen abgesägt werden. Das Pferd hatte zierliche schwarz lackierte Hufe, und Anton stritt lange mit den Kindern, weil sie behaupteten, daß der Huf des neuen vierten Beines größer wäre als die anderen. »Das sieht man doch«, sagte Köppje. Schließlich nahm der Invalide ein Taschenmesser und schnippelte an dem Huf, bis Köppje endlich zufrieden war. Während dieser Zeit erzählte der Junge alles, was sich an seltsamen Geschichten über die heiligen Wesen, die um die Weihnachtszeit die Menschenkinder beglücken wollen, in seinem Kopfe angesammelt hatte. Als er dann abends mit der Schwester die Treppe hinaufstieg, lachte er plötzlich. »Das ist ja alles nicht wahr«, behauptete er. Aber am nächsten Tage saß er wieder bei dem Invaliden und berichtete merkwürdige Geschichten. »Ich habe ihn selber gesehen«, sagte er, als Anton den Bart umband, den ihm Barbe Wiel angefertigt hatte. »Sein Bart ist viel länger und weißer«, sagte Köppje. In diesen Tagen erzählten die Kinder auch, daß ihr Vater zum Fest kommen würde. »Er bringt mir Muscheln mit«, sagte Köppje, »ich will auch einen großen Fisch haben.« Sie freuten sich, daß der Vater zurückkam, aber sie machten nicht viel Wesens davon. Sie waren zu sehr daran gewöhnt, daß er kam und ging. Tina Öffgen kam in dieser Zeit später als sonst nach Hause. Überall wurde zu dem Fest noch einmal gewaschen und reine gemacht, und es gab an allen Ecken zu helfen. Sie war müder als sonst, und wenn sie sich an den Tisch setzte, um das Brot zu essen, daß Gitti schon aufgetragen hatte, geschah es oft, daß sie einschlief. Wenn sie dann die Kinder zu Bett gebracht hatte, war sie zu müde, um sich auszuziehen. Sie setzte sich in ihren Kleidern wieder auf den Stuhl, stützte den Kopf und schlief ein. Oft wachte sie erst mitten in der Nacht auf. Dann war das Feuer im Ofen erloschen und die Nachtluft zog eisig durch das gesprungene Fenster, dessen Riß mit Seidenpapier verklebt war. Tina schrak hoch, weil das Licht noch brannte und wieder ein paar Pfennige nutzlos vertan waren. Sie löschte hastig die Lampe und schlich leise in die Kammer, damit die Kinder nicht erwachten. Sie kleidete sich im Dunkeln aus und stieß sich oft an der harten Kante des Bettes. Wenn sie in die rauhen Kissen kroch, war es wie ein Verstecken. So war es Tina Öffgen vom Schicksal bestimmt, die heilige Zeit vor Weihnachten zu erleben. Ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest kam Stam Öffgen. Er war groß und gesund. Man merkte ihm an, daß er von der See kam und daß die starke Luft des Meeres seine Lungen gefüllt hatte. Er brachte eine große Muschel für Köppje mit, einen geschnitzten Kasten für Gitti und ein Tuch für seine Frau. Er stand mitten in der Stube, hob die Kinder hoch und setzte sie lachend wieder nieder. Er legte seinen Arm um Tina, klopfte ihr die Wangen und sagte: »Du siehst schmal aus.« Dann setzte er sich, trank Kaffee und aß von dem Kuchen, den die Frau noch im letzten Augenblick gebacken hatte. Er behielt den ersten Schluck Kaffee im Munde, so als überlegte er, ob dieser braune Trank es wert wäre, hinuntergeschluckt zu werden. »Es ist nur wenig Zichorie darin«, sagte Tina. Stam Öffgen nickte. Er trank die Tasse langsam leer. Er sah seine Frau an, er nickte wieder und ließ sich eine zweite Tasse einschenken. »Ich habe dir noch etwas zu beichten«, sagte er. »Es ist eine dumme Geschichte. Man hat mir in Marseille das Geld gestohlen.« Tina Öffgen erschrak, aber sie faßte sich und antwortete nichts als: »Ja.« Sie blickte ihren Mann nicht an, denn sie fürchtete, daß er seinen Kopf senken könnte. Er wollte ihr erzählen, wie es mit dem Gelde gewesen wäre und daß er den estnischen Koch in Verdacht hätte, aber Tina unterbrach ihn: »Wir wollen jetzt nicht davon sprechen. Du brauchst dir keine Sorge zu machen. Ich habe ein paar Mark zurückgelegt. Vor Weihnachten gibt es ja immer etwas zu verdienen.« »Du bist eine tüchtige Frau«, sagte Stam Öffgen. Er streichelte ihre Hand, die für die rote aufgesprungene Haut zu fein gegliedert war. Damals als Stam Öffgen Tina kennen lernte, hatte er sich oft über ihre Hände gewundert: »Man sieht ihnen gar nicht an, daß sie arbeiten.« Aber nun waren sie von dem ewigen Waschen und den ätzenden Seifenlaugen wund und zerrissen. Es tat Tina Öffgen weh, als der Mann ihr die Hand drückte. Doch ließ sie sich nichts merken. Später ging Stam Öffgen zu Atze Uhlig in den Laden. Barbe Wiel half hinter dem Ladentisch. Die Kunden kamen und gingen. Es war noch allerhand einzukaufen für das Fest. Stam Öffgen hatte sich auf eine Kiste in die Ecke gesetzt und ließ sich von jedem begrüßen. »Wieder da?« fragten die Nachbarn, und er erzählte von seiner Fahrt. »Was du alles zu sehen bekommst«, sagten die Nachbarn. Mitten drin in einem solchen Gespräch rief Stam Öffgen plötzlich zu Uhlig hin: »Weißt du, wen ich in Hamburg getroffen habe?« Uhlig war mit dem Bedienen der Kunden beschäftigt und antwortete nicht sofort. »Einen alten Bekannten«, sagte Stam Öffgen. Er nahm es nicht weiter übel, daß Uhlig seine Frage überhört hatte. »Einen alten Bekannten«, sagte er. »Löders. Du kennst ihn ja. Er hat es satt, sich hierzulande zu quälen. Solch Kahn bringt ja auch nicht viel ein.« Atze Uhlig hielt jäh inne. Er war gerade dabei, ein Stück Zeug abzuschneiden. Er klappte die Schere hastig zusammen. »Wen?« fragte er. »Löders«, sagte Stam Öffgen, »er hat sich anheuern lassen.« Atze Uhlig bewegte sich nicht. Die Nachbarin, für die das Stück Zeug bestimmt war, sah ihn verwundert an. Barbe Wiel lachte: »Er macht ein Gesicht, als käme Post aus Frankreich.« Uhlig stand noch immer stumm da. Stam Öffgen sagte: »Löders will nach Amerika. Das ist kein dummer Gedanke. Er kann's sich schon leisten, er ist ledig. Andere haben Frau und Kinder.« Uhlig öffnete langsam die Schere und begann wieder das Stück Zeug abzuschneiden. »Es wird schief«, rief die Nachbarin, »er hat kein Augenmaß mehr.« Barbe Wiel sah ärgerlich hin. »Gib her«, sagte sie. Sie schnitt mit umständlicher Vorsichtigkeit weiter. »Ich muß Lichter heraufholen«, sagte Uhlig leise. Er ging aus dem Laden. Barbe Wiel schüttelte den Kopf. »Das hätte doch Zeit bis nachher«, sagte sie zu der Nachbarin. Uhlig ging in den Keller, den er von Schowe zugemietet hatte. Es war ein grauer, mürrischer Keller gewesen, darin Spinnen gehaust hatten und Würmer. Aber unter Barbe Wiels Fegen und Scheuern hatte sich dieser trübe Raum in ein freundliches Gelaß verwandelt. Nun standen auf sauberen Regalen die Vorräte, die Uhlig für seinen Laden gebrauchte. An dem Tage, an welchem dieser Keller in Benutzung genommen wurde, hatte sich Barbe Wiel gar nicht von dem Anblick trennen können, den er nun bot: »Du hättest ihn schon früher mieten sollen«, hatte sie gesagt. »Was Gutes kommt immer zurecht«, gab Uhlig zur Antwort. »Es geht vorwärts, wir haben uns vergrößert.« Nun stand er in diesem Keller inmitten seiner kleinen Welt, die sauber geordnet aus Holzgestellen ihm entgegenwuchs. Es waren bescheidene Dinge aus aller Herren Ländern. Getrocknete Früchte, die auf großem Schiff gekommen waren, Gewürze, unter fremder Sonne gereift, Heringe von Island und Zündhölzer aus Schweden. Darüber hatte er oft versucht, mit Barbe Wiel zu reden. »Was alles so zusammen kommt«, hatte er gesagt. »Das liegt nun hier in meinem Laden.« Barbe Wiel konnte nicht viel damit anfangen. »Das gibt es doch bei jedem Kaufmann«, hatte sie geantwortet. Uhlig war immer vergnügt gewesen, wenn er einen Grund fand, in seinen Keller hinabzusteigen. Nun stand er da, sah in die leere Luft und sagte nur: »Löders ist fort.« Er kauerte sich auf den Schemel. Seine Gedanken liefen hin und her. Was ist das für eine Welt? Man kommt ihr freundlich und offenherzig entgegen und sie bedient sich eines Freundes, um einen zu Fall zu bringen. Auch ein Schönwettermorgen hat schon seine List in sich, denkt Atze Uhlig, das sollte man mit vierzig Jahren gelernt haben. Man hatte gut geschlafen, seinen Kaffee getrunken und ging dann an die Arbeit. Die Möwen waren auch schon früh auf den Beinen und warteten auf ihre Brocken. Man warf Krumen von seinem Frühstücksbrot hoch in die Luft und sie fingen es im Fluge. Auf einmal tauchte am Damm ein Kahn auf. ›Holla, Atze Uhlig!‹ – ›Du, Löders, wieder im Land?‹ – ›Ich komme nachher mal zu dir, Uhlig.‹ – ›Schön, schön‹, – so hatte es begonnen. ›Wir sind Freunde gewesen von Kind auf‹, hatte Löders gesagt, ›kannst du mir nicht helfen?‹ – Da war man zu Schowe gegangen und hatte alles in Bewegung gebracht. ›Ich will aber Ihre Unterschrift‹, hatte Schowe gesagt. Am Abend waren dann die beiden, Löders und Schowe, zu ihm in den Laden gekommen. Schowe hatte den Schuldschein schon ausgestellt. ›Du schreibst noch immer wie gestochen, Atze Uhlig. Schon auf der Schule warst du der Beste. Also dann dank ich auch. Ich wußte ja, auf dich kann man sich verlassen. Wenn du selbst einmal –‹, das hatte Löders gesagt. ›Schon gut, schon gut, Löders, lassen wir das.‹ – ›Wie gesagt, Uhlig, es ist kein Risiko für dich. Ich halte die Frist pünktlich inne, präzise auf Heller und Pfennig.‹ – ›Schon gut, Löders!‹ – Nun war er also fort. Er hatte sich anheuern lassen. Dann war also auch der Kahn nicht mehr da. ›Er gehört Ihnen doch, Löders?‹ hatte Schowe gefragt. ›Selbstverständlich, Herr Schowe!‹ – ›Nun, ich kann mich ja auf Uhlig verlassen!‹ Damit war Schowe gegangen. Ein Vierteljahr war vorbei. Man hatte noch ein Vierteljahr Zeit. Sechs Monate genügen, hatte Löders gesagt, es ist ja nur eine momentane Verlegenheit. Warum sitze ich hier? denkt Atze Uhlig. Was ist schon passiert? Es ist ja noch Zeit. Er wird bis dahin zurück sein. Er kann das Geld auch schicken. Das wird er schon tun. ›Wir sind ja Freunde von Kind auf‹, hat er gesagt. Ich bin doch kein Mädchen, das sich gleich einen Schreck einjagen läßt, aber es hat mir doch den Atem verschlagen, denkt Atze Uhlig. Das ist Unsinn! Barbe Wiel hält nicht viel von Löders. Ich kenne ihn besser. Wir haben als Kinder oft unser Brot geteilt. So was bleibt für's Leben. Atze Uhlig richtet sich hoch, aber er bleibt noch ein Weilchen sitzen. Vor der halb geöffneten Kellertüre war ein kleiner, erschrockener Schrei. Gitti hatte ihn ausgestoßen. Nun steckte Köppje seinen Kopf durch die Tür und rief: »Es ist bloß Herr Uhlig!« Dann war ein lautes, gutmütiges Lachen. Uhlig kannte es. Es gehörte dem Invaliden Anton Olkers. Er war mit den Kindern in den Keller gegangen, um Kohlen zu holen. Während er die großen Stücke kleinschlug, verlangte Köppje eine Geschichte zu hören. »Aber eine gruselige«, hatte er gesagt. Der Invalide mußte lange überlegen. Endlich erzählte er: »Hier im Kolk hat einmal ein Mann gewohnt. Dem war die Frau gestorben. Aber das wollte er nicht glauben, und er wartete darauf, daß sie wiederkäme. Er ging jeden Tag bis zur Brücke und sah das Wasser entlang, denn er bildete sich ein, daß sie auf einem großen Boot mit weißem Segel zurückkäme. Zuerst war er sehr fröhlich gewesen in diesem Gedanken. Er pfiff sich eins, wenn er auf der Brücke stand. Aber nach Jahr und Tag verlernte er das Pfeifen. Das nächste Jahr hat er Tag für Tag auf der Brücke gewartet, ohne einen Ton von sich zu geben. Er stand immer da wie eine Salzsäule. Das Jahr darauf aber begann er während des Wartens zu singen. Er sang Lieder, wie man sie sonst nur in der Kirche hört. Er hatte sich wohl überlegt, daß man Menschen, die vom Tode zurückkommen, nicht mit Trommeln und Pfeifen empfangen darf, sondern nur mit Klängen, die Gott wohlgefällig sind. Aber er wartete vergebens auf der Brücke. Als er das eingesehen hatte, dachte er wohl, daß er zu Hause bleiben müßte, um seine Frau dort in Empfang zu nehmen. Er hat dann immer in seiner Stube gesessen auf dem Stuhle, welcher der Türe gegenüber stand. So ging das wieder ein Jahr. Als die Frau auch in dem nächsten Jahre nicht zurückkam, vergaß er wohl, weshalb er wartete. Wenn er über die Straße ging, blieb er vor jedem Nachbar stehen und fragte: ›Haben Sie nichts für mich?‹ Manchmal dachten die Menschen, daß er betteln wollte, und gaben ihm einen Pfennig. Er nahm die Pfennigstücke und zählte sie Abend für Abend. Wenn man ihn so durch das Fenster unter der Lampe sitzen sah, konnte man wohl annehmen, daß er ein Geizhals wäre, der sich nur mit seinem Gelde beschäftigte. Eines Abends merkte er, daß ein paar Kinder ihre Nasen gegen die Scheibe drückten und ihm etwas zuriefen. Von dieser Stunde an zählte er seine Pfennigstücke nicht mehr in der Stube, sondern er ging damit in den Keller. Wenn man dann abends über den Kolk ging, konnte man einen Lichtschein sehen, der aus dem Kellerloch unter der Straße flackerte. Die Kinder fürchteten sich vor diesem flackernden Licht und sie sagten, es wäre ein böser Zwerg, der in dem Keller zwischen den Kohlen wohnen sollte.« »Das war hier im Kolk?« fragte Köppje. »Wo ist denn der Zwerg geblieben?« Bei dieser Frage gingen die drei schon den dunklen Kellergang entlang und die Kinder hielten sich dicht an den Invaliden. »Manchmal soll er hier noch herumspuken«, sagte Anton. »Da kannst du das Gruseln lernen, Köppje.« In diesem Augenblick hatte Gitti vor Uhligs Kellertüre aufgeschrien, aber Köppje hatte allen Mut zusammengenommen. »Es ist bloß Herr Uhlig!« rief er. Als Uhlig wieder in den Laden kam, fragte Barbe Wiel: »Wo hast du denn die Lichter?« Uhlig stand mit leeren Händen da. »Dazu ist der Mensch nun in den Keller gegangen«, meinte Barbe Wiel. Sie mußte wieder den Kopf schütteln. Stam Öffgen saß noch immer auf der Kiste und erzählte. »Aber es ist doch so, daß man froh ist, mal wieder zu Hause zu sein«, sagte er Wenn die Ladentüre sich öffnete, wurde das Schreien der Möwen vernehmbar. »Es gibt Frost«, sagte Stam Öffgen, »ich höre es.« * Am frühen Silvestermorgen schon stand Köppje vor Uhligs Laden und sang. »Heute ist Silvester«, sang er. Auch hielt er die große Muschel, die sein Vater mitgebracht hatte, in der Hand und tat so, als bliese er darauf. Uhlig schenkte ihm eine Handvoll Nüsse. »Eins, zwei, drei, fünf«, zählte Köppje, als er sie mit Gitti teilte. Von Barbe Wiel erhielt er ein Stück Weihnachtsstolle für seinen Gesang. Da ihm die Kälte hart zugesetzt hatte, verlangte Barbe Wiel, daß sich Köppje in der Küche ein bißchen aufwärmte, aber er hatte keine rechte Ruhe. »Ich will noch am Unterdamm singen«, wehrte er ab, »sonst kommen die anderen früher.« Doch dann lockte es ihn, aus der großen buntgeränderten Tasse warme Milch zu trinken. »Aber bloß fünf Minuten«, sagte er wie ein Erwachsener. »Das hab' ich früher auch so gemacht, zu Silvester gesungen«, erzählte Barbe Wiel. »Mit Schowe, euerm Hauswirt, der damals ein Junge war, ging ich von Haus zu Haus. Seine Mutter war jedesmal ärgerlich darüber, aber sein Vater lachte dazu und meinte, das wäre so Brauch. Wir bekamen manchen Dreier zusammen, denn damals war es noch nicht so, daß man jeden Pfennig zehnmal umdrehen mußte, ehe man ihn ausgab. Von dem Geld kaufte Schowe Punsch und von seiner Mutter ließ er sich ein Stück Kuchen einwickeln. Damit gingen wir am Silvestertag, wenn es schummrig wurde, zu einer alten Waschfrau, die am Damm wohnte. Wir haben dann mit ihr den letzten Tag des alten Jahres gefeiert.« »Mit Herrn Schowe?« fragte Köppje. »Damals sah er nicht anders aus als du«, antwortete Barbe Wiel, »später kam er auf die höhere Schule. Man will nämlich wissen, daß es mit der Welt besser wird, wenn die Menschen klüger werden. Ich hab' nichts davon gemerkt. Nun, Schowe ist wohl nicht weit genug gekommen auf der hohen Schule.« Barbe Wiel lachte. »Du hast mit Herrn Schowe gespielt?« wunderte sich Köppje. Für ihn war der Hauswirt die Respektsperson im Kolk. Er besaß Pferde und Wagen und jagte einen aus dem Stall, wenn man mit den kleinen wunderlichen Ferkeln spielen wollte. ›Als wenn sie davon kaputt gingen‹, dachte Köppje. Am Monatsersten steckte die Mutter Geld in eine Tüte. »Das bekommt Herr Schowe, es ist die Miete«, sagte sie. Sie war ängstlich, wenn ein paar Groschen noch daran fehlten. Köppje war stolz, wenn seine Mutter ihn mitnahm. Herr Schowe saß dann vor einem großen Schreibtisch, über dem ein Bild hing, das einen Engel darstellte, der zwei Kinder, die über eine Brücke gehen wollten, beschützte. Auf dem Schreibtisch lag ein Hund aus Porzellan. Wenn Köppje ihn streicheln wollte, sagte Herr Schowe: »Liegen lassen. Er ist aus China.« Herr Schowe hatte sich eine goldene Brille aufgesetzt und zählte das Geld nach, das die Mutter gebracht hatte. Er zählte das Geld langsam und machte dann in einem großen Buche einen Vermerk. »Sie wohnen wirklich spottbillig, Frau Öffgen«, sagte er immer, »aber ich will keinem das Fell über die Ohren ziehen.« Die Mutter wagte dann nicht mehr zu sagen, daß die Stube vielleicht einmal gestrichen werden müßte. Sie antwortete nur: »Schönen Dank, Herr Schowe.« * Am Silvesterabend kam Atze Uhlig zu Barbe Wiel. Er brachte eine Flasche Glühwein aus dem Laden mit, Mandeln und Nüsse. »Man muß das neue Jahr begrüßen«, meinte er. »Es soll für uns ein gutes Jahr werden«, sagte Barbe Wiel und stieß mit ihm an. Er seufzte und hielt den Kopf etwas gesenkt, aber dann lächelte er und sagte laut: »Viel Glück!« Es war so, als wollte er das Glück auf sich aufmerksam machen, es hereinrufen und beschwören, nicht vorbei zu gehen. Er hatte das Fenster weit geöffnet. »Viel Glück!« rief er in die kalte Nacht. Auch die anderen Fenster waren aufgetan und vom Nachbarhause her schrie Herr Schowe: »Prost Neujahr!« Man hörte Klavierspielen, und von der Stadt her läuteten die Kirchglocken. Dann war ein Knall und über die Straße sprang ein lustiges Funkenspiel. Stam Öffgen hatte einen Leuchtfrosch abgebrannt, der nun knatternd über das Pflaster hüpfte. Dazu rief der Schiffer: »Gute Fahrt ins neue Jahr!« Er bemerkte Uhlig am Fenster. »Meine Frau ist schon schlafen gegangen«, sagte er. »Komm herein«, rief Uhlig, »es ist noch ein Gläschen da.« Sie stießen an. »Meine Frau ist eine schwächliche Person«, sagte Stam Öffgen, »ihr hättet sie früher sehen sollen. Da war nicht daran zu tippen.« »Sie quält sich wacker«, antwortete Barbe Wiel, »manchmal hat sie die ganze Woche keinen Ruhetag. Sonntags näht sie für die Kinder.« »Sie ist eine tüchtige Frau«, sagte Stam Öffgen. »Wir wollen auf sie anstoßen«, schlug Barbe Wiel vor. »Tina soll leben«, rief Uhlig. Der Glühwein hatte ihm einen heißen Kopf gemacht. »Das soll sein«, antwortete Öffgen. Er setzte das Glas wieder hin. »In Hamburg sind Mädchen, die gehen ran wie Blücher«, sagte er. »Man wird sich doch mit solchen Frauensmenschen nicht einlassen«, erschrak Barbe Wiel. »Bewahre«, lachte Öffgen, »aber Löders hat mir da eine Geschichte erzählt, na, ich sag euch!« Auf einmal brach für Atze Uhlig in die bescheidene Silvesterfeier ein jäher Schreck. Er sah nach der Tür, als müßte da Löders hereinkommen, schwankend und das lange Gesicht vom Punsch gerötet. ›Prost Neujahr, Atze Uhlig, du denkst wohl, ich bin ein Lump, der dich sitzen läßt. Du denkst wohl, ich bin ein Hundsfott, der seinen besten Freund betrügt.‹ – ›Nicht doch, Löders, wie werde ich so was denken? Aber ich habe ein bißchen Sorge gehabt, das muß ich schon sagen. Woher sollte ich denn das Geld nehmen, wenn du nicht wiedergekommen wärst. Dabei würde ja mein kleiner Laden draufgegangen sein. Das soll dich nicht kränken, aber man ist ein Mensch, über den manchmal schlimme Gedanken herfallen.‹ – ›Schowe ist kein Halsabschneider, Uhlig, das hast du selber gesagt. Der hätte dir schon deswegen nichts am Zeug geflickt.‹ – ›Ich habe Vertrauen zu den Menschen, Löders, ich glaub' das schon mit Schowe, aber es ist doch besser, daß du wieder da bist und die Schuld einlöst.‹ »He, Uhlig, komm zu dir«, schrie Stam Öffgen. Er stieß Barbe Wiel in die Seite und lachte. »Er ist in Gedanken unterwegs, die Stillen haben's hinter den Ohren! Was, Uhlig? ›In Hamburg an der Elbe, graderüber von Helgoland ...‹« Stam Öffgen sang mit dröhnender Stimme. Uhlig fuhr auf. Die Türe war geschlossen geblieben. Sie saßen zu dritt in der Stube. Barbe Wiel sah Uhlig besorgt an. »Er ist in der letzten Woche etwas verändert«, sagte sie zu Stam Öffgen. »Was hast du denn auf dem Herzen, Uhlig? Mir könntest du's doch sagen.« »Es ist nichts«, antwortete Uhlig. Er schenkte den Rest Glühwein aus. »Es ist wirklich nichts«, sagte er, »was sollte auch sein? Nein, nein, es ist nichts!« »Du solltest heiraten, Uhlig«, lachte Öffgen, »da vergehen dir die Grillen!« Er setzte das Glas hart hin, daß Barbe Wiel besorgt herübersah. Stam Öffgen nahm das Glas noch einmal hoch und betrachtete es prüfend. »Es ist ganz geblieben«, sagte er. »Das Glas ist noch von früher«, antwortete Barbe Wiel entschuldigend. »Wir haben uns die Gläser gekauft, als wir heirateten. Das sind so kleine Andenken. Meine Schwester hat die gleichen. Sie sind schon so ihre dreißig Jahre alt. Die Zeit vergeht.« »Das soll sein«, sagte Stam Öffgen. Barbe Wiel kam ins Erzählen. Sie sagte: »Ich hatte eine Stelle nach Fehmarn angenommen und wollte sehen, ob ich meine Schwester Klara, die damals siebzehn Jahre war, nicht auch dort unterbringen könnte. Aber nun war das Boot schon abgefahren und wir liefen am Steg hin und her. Es war unsere erste Reise. Da lag noch ein zweites Boot, ein Fischerboot. Darin saßen zwei junge Männer und lachten uns aus. Es waren die beiden Brüder Wiel, Christian und Otto. Sie haben uns dann nach Fehmarn rübergebracht, aber sie haben uns bald wieder weggeholt. Christian war ein guter Mann. Nun sind sie beide schon lange unter der Erde.« Sie erzählte oft die Geschichte ihrer Heirat. Meistens fügte sie noch hinzu: »Ich habe mich immer gut verstanden mit Klara.« Sie sagte das, um eine Entfremdung zwischen sich und ihrer Schwester nicht wahrhaben zu wollen. Aber im Grunde war es wohl so, daß Klara, die mit Otto Wiel in dem Fischerdorf wohnen geblieben war, ein ärmliches Leben führte, während Christian bei einer Schiffahrtsgesellschaft angestellt wurde und sein regelmäßiges Auskommen hatte. So konnte sich Barbe Wiel manches leisten, was Klara versagt blieb. Auch jetzt lebte die Schwester noch in dem kleinen Dorf und verdiente sich hier und da ihr Brot. Barbe Wiel aber bekam seit dem Tode ihres Mannes eine kleine Rente von der Schiffahrtsgesellschaft. Ab und zu, aber nur selten, schrieben sich die Schwestern. Sie hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Nun, da Barbe Wiel ins Erzählen gekommen war, hätte es für sie noch bis tief in die Nacht gehen können, doch Stam Öffgen, der die meisten ihrer Geschichten schon kannte, stand auf. »Da wäre nun also Silvester vorbei«, sagte er. Er ging mit Uhlig nach Haus. Mit langsamer Bedächtigkeit kam der Invalide Anton Olkers angestapft. »Ich hab' mir heute ein Gläschen geleistet«, rief er vergnügt. »Da ist nun wieder ein Jahr herum und die Welt ist nicht besser und nicht schlechter geworden. Ich denke mir, daß es wohl so bleiben wird. Was soll sich hier auch im Kolk ändern? Manchmal gibt's eine kleine Überraschung. So war ich diese Weihnachten Knecht Ruprecht. Die Kinder haben mich nicht erkannt, obwohl der Inspektor ihnen gesagt hatte, jetzt kommt der Weihnachtsmann aus dem Kolk. Er wollte mich hineinlegen, der Herr Inspektor. Aber da kennt er Anton Olkers schlecht! Entweder oder, sage ich, und dabei soll's bleiben.« Er war ganz redselig geworden, der alte Invalide. Sie standen vor der Haustür und schwatzten. Bei Schowes klimperte noch immer das Klavier. »Herr Peine ist da«, zwinkerte der Invalide, »wenn er sich selbständig gemacht hat, wird geheiratet.« Es war eine klare Frostnacht mit vielen Sternen. Das Wasser war gefroren und lag wie eine blasse Straße unter dem hohen Himmel. * Am Neujahrstage kamen viele Menschen nach dem Kolk. Sie hatten Schlittschuhe und fuhren über die glänzende Fläche. Sie glitten auf silbernem, geflügeltem Stahl dahin, zogen Schleifen und Kreise und kunstvolle Achten. Die Möwen stoben den ganzen Tag aufgeregt hin und her. Sie begleiteten kreischend den flitzenden Lauf der Menschen. Auf der Brücke standen zwei Musikanten, Trompete und Posaune. Ehe die Menschen auf die gefrorene Bahn hinunterstiegen, drückten sie ihnen ihr Scherflein in die Hand. Die Musik rollte und polterte gegen die Häuser im Kolk. Es war ein lustiger Spektakel, der es schon wert war, daß man die Fenster trotz der Kälte im Riegel ein bißchen lockerte. Am Nachmittag war auch Herr Peine gekommen und holte Wally auf die Eisbahn. Herr Schowe war zum Kartenspiel gegangen, doch Frau Schowe ließ es sich nicht nehmen, von der Brücke aus neben der Musik den Kindern zuzusehen. Sie trug einen schwarzen Pelzmantel aus geglätteten Fellen. »Es ist Seal«, sagte sie. Jedesmal, wenn Wally und Herr Peine unter der Brücke hindurchglitten, winkte sie ihnen zu. Sie bewegte unablässig die Füße, und als ihr dennoch von der Kälte die Zehen steif wurden, ging sie schließlich hinauf und setzte sich an das Fenster. Herr Peine hatte eine weiße Strickmütze auf und einen dicken weißen Schal um den Hals. Er trug kurze, weitgebauschte Hosen, die dicht unter dem Knie in grau gesprenkelten Strümpfen landeten. Er hatte sich mit Wally kreuzweis angefaßt und warf immer ein Bein mit weitem Schwung von sich. Es war erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit er es wieder zurückholen und mit dem anderen Beine abwechseln konnte. Er zog Wally mit sich fort, die wie ein runder, gemütlicher Pompon über das Eis rollte. Sie bewegte dabei kaum die Füße. ›Es ist ein ansehnliches Paar‹, dachte Frau Schowe am Fenster. Auch Stam Öffgen war auf dem Eis. Er konnte holländern und nahm wenig Rücksicht auf die anderen. Wenn hier und da einer zu Fall kam, war Stam Öffgen immer in der Nähe gewesen. Er sauste weiter, drehte sich, wirbelte und wendete, und es hätte nur noch gefehlt, daß er vor Lebensfreude seine Mütze in die Luft geworfen und bei jeder Schleife wieder aufgefangen hätte. Auf dem Eis war auch ein derbes Mädchen in rotem Kleid. Wenn sie an Stam Öffgen vorbeiglitt, lachte sie jedesmal. Die Kreise, die sie zogen, wurden enger. Schließlich streckte Stam Öffgen seine Hände aus und sie faßte herzhaft zu. Sie sprachen kaum miteinander, aber sie trennten sich nicht mehr. Sie liefen bis zum Abend auf dem Eis hin und zurück. Sie waren die letzten, die gingen. Es war still geworden im Kolk. Die Trompete war verstummt und die Posaune. Hier und da saß eine Möwe müde auf einem Holzpflock am Rande. »Du kommst doch morgen wieder«, sagte Stam Öffgen zu dem Mädchen. – Sie kicherte und war fort. Als er die Treppe hinaufstieg, pfiff er vor sich hin. Er trat lachend in die Stube. »Das war eine Person«, sagte er zu Tina, »hast du gesehen, sie lief wie der Teufel. Du solltest auch mal deine Schlittschuhe vorsuchen.« »Ich habe doch keine«, sagte Tina. »Ach so«, antwortete Stam Öffgen, »daran hab' ich gar nicht gedacht. Wir wollen dir morgen welche kaufen.« »Sie haben doch dein Geld in Marseille gestohlen«, sagte Tina. »Das ist eine dumme Geschichte«, antwortete Stam Öffgen. Er sprach nicht mehr von den Schlittschuhen. * Nun fiel schon tagelang Schnee. Die Musikanten waren noch ein paarmal gekommen, aber es war wärmer geworden und an einzelnen Stellen trug das Eis nicht mehr. Auch hatte man sich an die Musik gewöhnt und achtete nicht mehr darauf. Bloß die Kinder standen noch bei den Musikanten. Aber die beiden Männer wollten wohl nicht für die Kinder alleine blasen. Darum blieben sie schließlich fort. Stam Öffgen ging jetzt oft abends aus. Eigentlich wollte er in der zweiten Januarwoche wieder abfahren, doch blieb er den ganzen Monat über. »Ich kann im Januar auf einem Mittelmeerdampfer ankommen«, hatte er gesagt, »es soll ein gutes Schiff sein und der Kapitän ein vernünftiger Mensch.« Die Kähne konnten des Eises wegen noch nicht fahren, Stam Öffgen hätte also die Eisenbahn benutzen müssen. »Das Fahrgeld«, sagte er zu Tina, »und dann müßte ich auch noch einen Taler in der Tasche haben.« Tina kramte das Schubfach aus, aber es fanden sich nur ein paar Markstücke, die nicht her und nicht hin reichten. »Laß nur«, hatte Stam Öffgen gesagt, »ich will's mir bei Uhlig borgen. Er macht das schon.« Aber er hatte nicht mit Atze Uhlig gesprochen und er redete auch nicht mehr von der Abreise. Wenn sie sich am Tisch gegenüber saßen, sah ihn Tina oft von der Seite an, als wollte sie ihn etwas fragen, aber sie seufzte nur und schwieg. Es fiel ihr auf, daß er einen neuen Tabaksbeutel hatte und den ganzen Tag die Pfeife nicht ausgehen ließ, doch auch dazu sagte sie nichts. Er stand morgens zeitig auf und schippte den Schnee vor dem Hause fort. Dafür bekam er von Schowe eine Kleinigkeit. Das war auch alles, was er tat. Am Straßenrand türmte sich ein hoher Schneewall. Da spielte Köppje mit den anderen Kindern, und sie versuchten einen Schneemann aufzurichten, der ein Gesicht aus Kohlenstückchen haben sollte und eine leere Blechbüchse als Hut. Weil die Kinder mit diesem Kunstwerk nicht zu Ende kamen, bat Köppje den Vater, daran zu helfen, aber Stam Öffgen hatte keinen großen Sinn dafür. Es war am Nachmittag, und er sah oft auf die Uhr, ob es nicht später würde. Am Abend ging er dann wieder aus. Er hatte sich von Tina ein buntes Tuch geben lassen, das er um den Hals knotete. Es war ein leuchtendes Tuch und man konnte sich an dem Glanz freuen, der nun über dem schäbigen Mantel lag. »Ich gehe nach dem Oberdamm«, sagte er, »da hört man immer was Neues.« Es lag dort eine Kneipe, in der ein Musikautomat gröhlte und eine dicke Frau Bier und Schnaps ausschenkte. Einmal war Tina daran vorbeigegangen, aber sie hatte ihren Mann nicht gesehen. Als er nachts nach Hause kam und durch sein Gepolter sie aufweckte, sagte er: »Heute war's lustig am Oberdamm.« »Du warst da?« fragte Tina müde. »Den ganzen Abend«, sagte er. An jenem Abend hatte Tina gehofft, daß er in der Kneipe sein würde, sie hereinholen und ein Gläschen Bier ihr anbieten möchte. Sie war vom anderen Ende der Stadt gekommen, wo sie im Hause eines Bankbeamten bis zum Abend gewaschen hatte. Unterwegs dachte sie: ich habe etwas Geld verdient, es wird Musik am Oberdamm sein. Wir werden ein Stündchen dort sitzen und ich will heute einmal eine Flasche Karamelbier trinken. Es ist ein süßes, sämiges Bier, das schwer und dunkel aussieht und nicht berauscht. Das hatte Tina Öffgen an jenem Abend auf dem Heimwege gedacht. Nun aber ging sie nicht mehr an der Kneipe vorbei. Das Eis war in Bewegung gekommen, und der große Frachtkahn, der den Monat über vor der Zuckerfabrik gelegen hatte, konnte seine Fahrt antreten. Stam Öffgen kam in diesen Tagen eines Abends früher nach Haus. Noch im Mantel rief er in die Stube hinein: »Morgen geht's los! Eine gute Gelegenheit, ich kann mit dem Frachtkahn fahren.« Sein Bündel lag bereit in der Ecke, denn er hatte ja schon lange abreisen wollen. Es war kaum noch etwas hinzuzutun. Tina wollte ihm Geld mitgeben, doch nahm er nur einige Groschenstücke. »Du brauchst das Geld selbst. Es ist alles in Ordnung.« Am Mittag darauf ging er nach der Ladestelle an der Zuckerfabrik. Köppje und Gitti begleiteten ihn, aber er schickte sie auf halbem Wege zurück. »Geht nach Haus«, sagte er, »eure Mutter ängstigt sich bloß.« Später, als sich der Kahn an den Häusern am Kolk vorbeischob, stand Stam Öffgen breitbeinig auf den Planken und winkte. Tina grüßte vom Geländer zurück und Köppje schrie aus Leibeskräften. Es war ein neuer, sauberer Kahn, der neben der Treppe ein kleines Fenster hatte, mit einem Blumenbrett davor. Jetzt im Winter war es kahl, aber es leuchtete doch in seiner grellen grünen Farbe. Für einen Augenblick war hinter diesem Fenster das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein derbes Gesicht, das hastig hervorlugte und sofort wieder verschwand. Tina hatte es gesehen. Das alles war nur wie ein Schatten. Sie fühlte, daß ihr Blick zitterte und sie strich über die Augen. Dann, als ihr Blick wieder klar war, sah sie nur noch Stam Öffgen, der noch immer von den Planken her winkte. Später war nichts als die verwehende Rauchfahne des Schleppdampfers sichtbar. In den letzten Wintertagen kam Herr Peine täglich zu Schowes. Er brachte immer irgendeine Kleinigkeit mit. Ein Stück Marzipan in Silberpapier oder einen Lebkuchen in Silberpapier oder eine Tafel Schokolade in Silberpapier. Herr Peine liebte alles, was in Silberpapier eingepackt war. Wally formte große Kugeln daraus, die dann auf eine Schale gelegt wurden, die auf dem Büfett stand. Wenn das Licht darauf fiel, erstrahlten diese Kugeln, und wenn Wally dann am Klavier saß und ihre Lehrstücke herunterspielte, saß Herr Peine in der Sofaecke und sah versunken auf diese Kugeln. »Es ist eine eigenartige Stimmung bei Ihnen, Frau Schowe«, sagte er oft. Er war ein gebildeter Mann. Sie sprachen auch über Bücher und über Ölgemälde, die bei dem Glasermeister am Unterdamm im Schaufenster hingen. »Es ist ein prachtvolles Stück darunter«, sagte Frau Schowe. »Ein goldener Herbst, weiße Birken und welkes Laub, das über den Weg wirbelt.« »Auf der Bank sitzt ein junges Mädchen mit einem Buch«, fuhr Herr Peine fort. »Ich habe das Bild wohl bemerkt. Es ist eine künstlerische Leistung.« So sprachen sie über Kunst, Wally blätterte in den Noten und Herr Schowe las die Zeitung. Frau Schowe konnte sich ihrem Manne gegenüber nicht genug tun über Herrn Peines Wohlerzogenheit. Sie achtete jetzt darauf, daß Wally im Hause nicht mehr die Schuhe ohne Absätze trug. Sie hatten ein paar Halbschuhe aus Eidechsenhaut gekauft mit fingerhohen Hacken. Darin knackte Wally über die Dielen. Herr Peine bewunderte diese Schuhe. Frau Schowe sagte: »Ich habe als junges Mädchen hohe Knöpfstiefel getragen, so war es damals Mode. Ich muß sagen, daß sie recht elegant aussahen.« Sie holte ein Photographiealbum herbei, das in roten Samt gebunden war und einen Schmuck aus Messingblech oben auf dem Deckel trug. Sie wendete langsam Blatt um Blatt und Herr Peine betrachtete jedes Bild. Wenn Herr Schowe dann mit seiner Zeitung fertig war, ging er an den geschnitzten Zigarrenschrank und nahm eine Kiste heraus. Es waren lange dunkle Zigarren. »Sie sind gut und billig«, sagte er. Herr Peine quälte sich den ganzen Abend an seiner Zigarre. So waren die Abende. »Ich hoffe, daß er sich bald erklärt«, sagte Frau Schowe. »Woraufhin soll er denn heiraten?« antwortete ihr Mann. »Ich möchte ihm Wally nicht geben, ehe er nicht was Eigenes hat.« »Er müßte ein Geschäft eröffnen«, sagte Frau Schowe. »Du müßtest ihm dabei behilflich sein. Ich halte viel von seiner Tüchtigkeit, und ich weiß, daß Wally gut bei ihm aufgehoben ist.« »Was soll ich denn tun?« fragte Schowe. »Die ganze Stadt ist schon mit Geschäften gepflastert, so viel Publikum gibt es gar nicht.« »Uhlig kommt doch mit seinem Geschäft gut zurecht«, sagte Frau Schowe. »Es ist eine Pfennigbude«, warf Schowe ein. »Man könnte es ja vergrößern und ausbauen«, sagte Frau Schowe. »Außerdem hat jeder größere Kaufmann heute einen Lieferwagen. Hier ist doch Platz genug.« »Was denn? Du meinst, ich sollte Uhlig raussetzen?« verwunderte sich Herr Schowe. »Jeder ist sich selbst der Nächste«, antwortete Frau Schowe. Weiter sagte sie nichts, aber sie kam jetzt öfter auf diese Angelegenheit zu sprechen. Eines Tages suchte sie nach einem Schnittmuster alle Schrankfächer durch. Sie hatte es gut fortgelegt, weil Wally nach dieser Zeichnung eine Bluse bekommen sollte. Nun wußte Frau Schowe nicht mehr, wohin sie das Blatt getan hatte. Sie kramte auch in dem Schreibtisch herum zwischen Schowes Schriftstücken, denn es konnte ja sein, daß sich das Schnittmuster dahin verirrt hatte. So fand sie den Schuldschein von Löders und Uhligs Unterschrift darauf als Bürgschaft. Sie studierte aufmerksam das Schriftstück, dann legte sie es an die alte Stelle zurück und erwähnte ihrem Manne gegenüber davon kein Wort. An einem der nächsten Tage kam Frau Schowe zu Uhlig in den Laden. Meistens besorgte Wally die Einkäufe, aber von Zeit zu Zeit ließ sich auch Frau Schowe sehen. Bei Uhlig im Laden wurden alle Geschehnisse erörtert, welche die Nachbarschaft betrafen. So hörte man immer etwas Neues. »Ich habe zwar kaum noch mit den Leuten Fühlung«, sagte Frau Schowe immer, »aber es interessiert einen doch.« Nun sprach sie mit Barbe Wiel. »Was ist eigentlich mit Uhligs Freund Löders?« fragte sie so nebenbei. Sie kannte Löders nicht, aber sie tat jetzt so, als hätte sie ihn öfter auf seinem Kahn gesehen. »Man kennt ja schließlich die Schiffer auch«, sagte sie, »wo man gut seine zwanzig Jahre dicht am Wasser wohnt.« »Er hat sich anheuern lassen«, antwortete Barbe Wiel, »er soll auch in Amerika sein.« Sie erzählte, was sie über ihn von Stam Öffgen wußte. »Was sagt denn Uhlig dazu?« »Uhlig? So befreundet waren sie doch nicht.« »Soso, ich dachte!« »I Gott bewahre.« Barbe Wiel schüttelte energisch den Kopf. »Also in Amerika?« wiederholte Frau Schowe. Am Abend kam sie beiläufig auf Uhligs Laden zu sprechen. »Man müßte, wenn es soweit ist, die Wohnung von Olkers mit zunehmen. Die Stube schließt direkt an den Laden.« »Da ist nicht drüber zu reden«, antwortete Schowe. »Uhlig hat noch zwei Jahre Kontrakt.« Er schien über diese Tatsache froh zu sein. »Es könnten besondere Umstände eintreten«, erwiderte Frau Schowe. »Wieso?« Herr Schowe legte das Zeitungsblatt hin. »Löders ist durchgegangen!« Frau Schowe zupfte bei diesen Worten an den Fransen der Decke. Sie war unruhig, daß ihr Mann ihr Vorhaltungen machen würde, weil sie im Schreibtisch gekramt hatte. Aber Schowe nahm nur die Zigarre aus dem Mund und sah seine Frau an. »Er ist nach Amerika«, erklärte Frau Schowe. Sie berichtete, was sie von Barbe Wiel erfahren hatte. Die Fransen der Decke hingen jetzt wieder glatt und geordnet nebeneinander. »Eine verteufelte Geschichte!« rief Schowe. Er war aufgesprungen und lief im Zimmer auf und ab. »Du brauchst dir keine Kopfschmerzen zu machen. Du hast ja Uhligs Unterschrift«, beruhigte ihn Frau Schowe. »Eine verteufelte Geschichte«, sagte Schowe immer noch. Er sah auf den Kalender. Es war Anfang März. »Ich hätt' es ja nicht getan«, sagte er, »aber Uhlig hat mich herumgekriegt. Das hat er nun von seiner Leichtgläubigkeit.« »Ich glaube gar, du regst dich darüber auf! Aber das muß ich dir doch sagen, du wirst auch noch mal an deiner Gutgläubigkeit kaputt gehen. Die Menschen verdienen das nicht. Wenn du dich diesmal nicht an Uhlig halten könntest, wäre das schöne Geld hops.« »Ja, glaubst du denn, daß er die Summe auftreiben kann?« »Er hat doch den Laden«, antwortete Frau Schowe. »Ich kann ihm doch nicht den Hals zuschnüren«, rief Schowe. Frau Schowe sagte nichts darauf. Sie ging in das Schlafzimmer. Später im Bett fiel es Schowe ein: woher weiß die eigentlich, daß ich das Geld gegeben habe. Ich habe doch gar nicht davon gesprochen. Er richtete sich halb auf und rief ein paarmal: »Anna!« Doch bekam er nur tiefe, schlafende Atemzüge als Antwort. Er ärgerte sich darüber. Er war ganz wach geworden und rief in die Dunkelheit: »Du hast also im Schreibtisch gewühlt?« Er schlug mit der Faust auf die Bettdecke. »Ich verbitte mir das, verstanden«, schrie er. Frau Schowe rührte sich nicht. Sie schlief. Er drehte sich auf die andere Seite und lag mit offenen Augen da. In seinen Gedanken tanzte alles durcheinander. Uhligs freundliches Gesicht tauchte auf, öffnete die Lippen und sprach – Hä, fragte es verschlafen in Schowes Kopf. Der Mund sprach weiter, aber man verstand kein Wort. Das ist ja überhaupt Löders, dachte Schowe. Richtig, es war Löders' langes Gesicht. Also in Amerika! Unsinn, das war ja überhaupt Herr Peine. Herr Peine mit seinem steifen Kragen und hohen Hut. Er lächelte verbindlich. Sprechen Sie doch lauter, Herr Peine! Schowe warf sich auf die andere Seite. Er konnte jetzt den schmalen Schein des Fensters sehen. Vollmond, dachte er. Je länger er hinsah, um so heller wurde das Fenster. Da soll einer schlafen, sagte Schowe. Er wurde ärgerlich und stieß mit dem Fuß gegen die Bettwand. Er schrie ganz laut: »Donnerwetter!« Frau Schowe richtete sich erschrocken auf. In der Tür zum Nebenzimmer erschien verstört Wally. Sie stand im langen Nachthemd da und fragte ängstlich: »Vater?« Schowe hatte die Augen schnell geschlossen. Er stellte sich schlafend. Darüber schlief er ein. Wally begriff gar nicht, daß nichts geschehen war. Schowe pflegte in den späten Vormittagsstunden sich auf dem Hofe zu schaffen zu machen. Es war ein Knecht da, der Albert hieß, ein Mittelding zwischen einem Bauernburschen und einem Arbeiter, ein jüngerer Mann, der die Schweine fütterte, die Pferde besorgte, es aber auch verstand, die Lichtleitung, die Schowe in seine Wohnung hatte legen lassen, in Ordnung zu halten und ihren Fehlern nachzuspüren. Albert war ein Mensch, der zu allen Dingen geschickt war. Wenn Schowe in den Zeitungen über Neuerungen las, deren technischem Sinn er nicht beikommen konnte, holte er sich bei Albert Aufklärung. Es hatte sich eine Vertraulichkeit zwischen ihnen entwickelt, die es dem Knecht, denn als solcher wurde er immer in der Hausstandsliste verzeichnet, gestattete, hier und da Kritik zu üben oder gelegentlich mit Vorschlägen zu kommen. An diesem Vormittag hatte Atze Uhlig auf einem Handwagen einige Kisten von der Bahn geholt. Als er mit seiner Fuhre auf dem Hofe anlangte, rief Albert von der Stalltüre her: »Da kommt ja Anno Tobak!« »Der hält noch sein Jahr aus«, sagte Atze Uhlig und lachte. Albert half beim Abladen. »Du solltest dir einen Lieferwagen anschaffen, sowas kriegt man heute auf Abzahlung«, schlug er vor. »Dabei drückt einen bloß der Schuh. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Schließlich gehört es einem nicht einmal.« »Das ist heute Mode«, versuchte Albert ihn zu belehren. »Da gehen ganz andere Menschen ran als du. Wer's nicht mitmacht, hat das Nachsehen.« »Was soll ich mit einem Lieferwagen?« fragte Uhlig belustigt. »Dann käme Schwung in dein Geschäft. Sollst mal sehen, was das für eine Sache würde. Da brauchtest du abends nicht Groschen zu zählen, dann gab es Taler.« »Ich bin zufrieden«, antwortete Uhlig. Er senkte ein bißchen den Kopf und setzte hinzu: »Wenn's bloß so bliebe.« Schowe kam und stellte sich dazu. »Du willst Uhlig wohl Flausen in den Kopf setzen«, sagte er zu Albert. »Heute muß man Schritt halten. Sie machen's richtig, Herr Schowe. Bares Geld arbeitet ganz anders.« Der Knecht war voller Anerkennung. Schowe tat ärgerlich. Er wünschte vor Dritten solche Vertraulichkeiten nicht. Beim Mittagessen sagte er zu seiner Frau: »Das sind schon Einfälle. Vorhin hat doch Albert dem Uhlig vorgeschlagen, sich einen Lieferwagen anzuschaffen.« »Wenn's Albert gesagt hat, wirst du es wohl glauben«, antwortete Frau Schowe spitz. »Natürlich müßte ein Lieferwagen da sein, wenn Herr Peine das Geschäft übernimmt.« »Da gehörte ein Chauffeur zu«, sagte Schowe. »Wir haben ja Albert«, antwortete sie. Herr Schowe verwunderte sich, wie seine Frau schon alles durchdacht hatte. Am Vormittag war das Gespräch zwischen ihm und Atze Uhlig noch weiter gegangen. Er hatte Uhlig im Hausflur beiseite genommen. »Ich habe gehört, daß Löders weg ist.« Atze Uhlig überfiel ein Zittern. Es ließ ihn kein Wort finden. »Es ist ja noch Zeit«, sagte Schowe, »ich bin kein Unmensch, aber Sie hätten vorsichtiger sein sollen.« Uhlig war noch immer still. Er faßte sich ins Gesicht, rieb und zupfte. Er war auf einmal wie ein Junge, dessen Freund eine Fensterscheibe zerschlagen hatte und davongelaufen war. Aber ihn hatte man gefaßt und wollte ihn zur Rechenschaft ziehen, weil er dabei gestanden hatte. Vielleicht hätte er am liebsten geweint und gesagt: ich habe keine Schuld. Es ist lächerlich, wenn ein Mann so dasteht. Schowe ärgerte sich darüber und sagte: »Ich kann mein Geld nicht auf die Straße werfen.« Doch dann spürte er einen Anflug von Mitleid vor Uhligs Fassungslosigkeit und er fügte hinzu: »Er wird schon noch von sich hören lassen.« Herr Schowe wollte die Treppe hinauf gehen, doch jetzt hatte sich Uhlig gefaßt, riß sich zusammen und sagte mit klarer und fester Stimme: »Ich werde für alles einstehen.« Schowe wandte sich nicht um. Er dachte, der kleine Mann mache sich groß. Wir werden sehen, die Summe ist kein Papenstiel für ihn. Da bin ich neugierig. – »Uhlig will pünktlich zahlen«, sagte er zu seiner Frau. »Wer wird ihm heute schon Geld borgen«, antwortete Frau Schowe. Sie war ganz sicher. In den nächsten Wochen stand Barbe Wiel oft im Laden und bediente die Kunden. Uhlig war viel unterwegs. Sie konnte sich nicht erklären, was seine Wege in die Stadt zu bedeuten hätten. Er schob diesen oder jenen Grund vor, aber sie glaubte ihm nicht. Er kam von seinen Gängen müde zurück und saß in trüber Nachdenklichkeit da. Er beteiligte sich nur noch selten an den Gesprächen im Laden. Oft kam es vor, daß die Kunden ihre Bestellung wiederholen mußten. Man fing an, sich über ihn den Kopf zu zerbrechen. Wenn der Invalide Olkers Barbe Wiel traf, sagte er jedesmal: »Er gefällt mir nicht.« »Ich weiß nicht, was er hat«, antwortete Barbe Wiel, »er spricht nicht darüber.« Sie hatte es aufgegeben, in ihn zu dringen, sie sagte sich: wenn es soweit ist, wird er schon den Mund auftun. Sie fürchtete nur, daß es dann vielleicht zu spät sein könnte. Sie hatte Sorge um ihn und betreute ihn inniger als je zuvor. Sie wollte gutmachen, was von ungekannter Seite Arges in ihm angerichtet war. Sie sah nur seinen Kummer und gab sich Mühe, ihn zu trösten mit all den kleinen Freundlichkeiten, die in ihrem Bereich lagen. Er empfand jede winzige Guttat und nahm sie dankbar hin wie ein bekümmertes Kind. Es schien ihm schon zu genügen, wenn sie sagte: »Du mußt heute den Schal umbinden. Es ist naßkaltes Wetter.« Dann streichelte er täppisch ihre Hand, bevor er wieder in die Stadt lief. Olkers hatte sich vorgenommen, mit ihm zu reden, aber nun hatte Frau Schowe zu ihm gesagt: »Es ist möglich, daß wir Ihre Wohnung gebrauchen. Wir wollen es Ihnen bloß rechtzeitig sagen.« Der Invalide begriff dies nicht. Es war eine kleine Wohnung, Stube und Küche. Sie lag hinter Uhligs Laden und hatte ihre Fenster nach dem Hof. »Da werde ich also mein Bündel schnüren müssen«, sagte er zu Barbe Wiel. »Ich wohne hier schon fünfzehn Jahr.« Sie wunderten sich, was Schowes mit dieser Wohnung im Sinn haben könnten. »Ich habe immer pünktlich die Miete bezahlt«, rief Olkers. »Ich falle keinem zur Last.« »Sie werden sich's überlegen«, tröstete Barbe Wiel, »manchmal hat die Frau solche Ideen.« Dann trat ein Ereignis ein, das die Nachbarschaft in Atem hielt. Herr Peine hatte sich mit Wally verlobt. An einem Sonntag vormittag war er gekommen in schwarzem Gehrockmantel und hohem Hut. Er trug knallgelbe Handschuhe. Den rechten hatte er angezogen, während der linke um ein Blumenpaket baumelte. Er kam langsam zu Fuß den Kolk entlang. Köppje, der auf der Straße spielte, unterbrach seine Beschäftigung und ging einen halben Schritt hinter Herrn Peine her. Sein rundes Gesicht war ein bewunderndes Staunen. Er stand noch lange sprachlos vor der Haustüre, die knarrend wieder ins Schloß gegangen war. Als Herr Peine oben klingelte, öffnete Frau Schowe. Sie trug eine kleine Schürze über ihrem Kleid. Während Herr Peine im Korridor ablegte, band sie die Schürze ab und warf sie auf die Spiegelkommode. Sie konnte trotz aller Vorbereitung ihre Unruhe nicht verbergen. »Bitte, treten Sie näher«, sagte sie. »Nach Ihnen«, antwortete Herr Peine und verbeugte sich. »Bitte«, wiederholte sie. Da ging Herr Peine zuerst in das Zimmer. Er hatte die Papierhülle von den Blumen entfernt. Es waren rote Rosen. Herr Schowe hatte die Angewohnheit, sich die Sonntagmorgen in Hemdsärmeln gemütlich zu machen. Heute saß er im grauen Jackett da. Herr Peine nahm auf einem Sessel Platz. Es fiel ihm ein gelesen zu haben, daß man bei solchen Besuchen den hohen Hut vor sich zwischen die Füße stellt. Aber der hohe Hut hing an dem Kleiderständer auf dem Korridor. So mußte sich Herr Peine damit begnügen, die gelben Handschuhe über dem Knie glatt zu streichen. Frau Schowe saß auf dem Sofa und Herr Schowe drehte seinen Schreibtischstuhl um, so daß er Herrn Peine ansehen konnte. Man schwieg ein paar Augenblicke. Dann sagte Herr Peine: »Sie werden ahnen, was mich zu Ihnen führt. Ich hatte den Vorzug, Ihr Fräulein Tochter kennen und lieben zu lernen.« Herr Peine hatte an dieser Rede studiert. Er fügte, ohne zu stocken, Satz an Satz. Wenn man ihn nachts im Schlafe geweckt haben würde, wäre ihm sofort jedes Wort gewärtig gewesen. Herr Peine schloß: »Wenn ich Sie nun um die Hand Ihrer Tochter bitte, so tue ich es mit dem Versprechen, Ihr Fräulein Tochter glücklich zu machen.« Frau Schowe saß während dieser Ansprache steif da. Es war viel Wohlgefallen in ihren Augen. Manchmal sah sie mit einem bedeutsamen Blick zu ihrem Mann hinüber. Herr Schowe hatte zuerst ein Bein über das andere geschlagen. Er hatte auch seine roten Hände auf die Stuhllehne gelegt. Er dachte zuerst auch: was macht dieser Mensch für ein Gerede? Ich habe Anna hinter der Haustüre gefragt und später mit ihrem Vater auf dem Feld gesprochen. Doch dann bekam er Hochachtung vor Herrn Peines Gewandtheit. Er nahm das übergeschlagene Bein herunter und schob die eine Hand in das Jackett. Die andere aber ließ er breit auf dem Knie liegen. Es war die Hand, die einen goldenen Siegelring trug. Als Herr Peine geendet hatte, war wieder ein kurzes Schweigen. Frau Schowe sah ihren Mann auffordernd an und hüstelte. Er wußte nun, daß er zu antworten hatte. Herr Schowe sagte: »Ihr Antrag ehrt uns. Ich glaube, Anna, wir haben nichts dagegen. Was meinst du?« Eigentlich hatte er sich vorgenommen, Herrn Peine zu fragen, woraufhin er denn einen eigenen Hausstand zu gründen gedenke. Doch die unerwartete Feierlichkeit verschlug ihm diese Frage. Frau Schowe nickte auch schon freundlich und erwiderte: »Selbstverständlich, Schowe.« Sie nannte ihn immer beim Vatersnamen und selbst in diesem Augenblick entfuhr er ihr, obgleich sie sich eingeprägt hatte, ihn in dieser Situation bei seinem Rufnamen Berthold zu nennen. »Selbstverständlich«, sagte Frau Schowe, »wir kennen Herrn Peine als einen Ehrenmann. Ich glaube, wenn unsere Wally Ihre Liebe erwidert, Herr Peine, wir würden wohl nichts dagegen haben. Nicht wahr, Berthold?« Sie sagte diesen Namen mit besonderem Nachdruck. Er war Herrn Schowe aus ihrem Munde so ungewohnt, daß er sich gar nicht angesprochen fühlte. Er schwieg und dachte nur: ich hätte ihn doch vorher danach fragen sollen. Frau Schowe gab ihrem Mann einen kleinen Wink und stand auf. Schowe machte ein etwas verwundertes Gesicht und erhob sich ebenfalls. An der Türschwelle faßte Frau Schowe ihn am Ärmel und zog ihn hinaus. Herr Peine war bewegungslos sitzen geblieben. Er kehrte der Tür den Rücken zu und bemerkte nicht, daß Wally hereintrat. Sie trug ein rosa Kleid und eine Knospe im Gürtel. Sie war verlegen und wußte nichts Rechtes mit sich anzufangen. Da sie einsah, daß sie nicht an der Türe hinter Herrn Peines Sessel stehenbleiben konnte, kam sie langsam zum Vorschein. Er stand auf und hielt ihr die Rosen entgegen. »Wally«, rief er. Als die Eltern wieder hereinkamen, saßen die beiden auf dem Sofa. Sie hatten die Hände ineinander gelegt. Von der Küche her zog ein Bratenduft näher. Herr Peine blieb zum Essen. Man trank Wein und duzte sich. Später, bei der Zigarre, stellte Schowe seine Frage. »Ich würde mich gerne selbständig machen«, antwortete Herr Peine. »Anna hat es mir schon gesagt«, meinte Herr Schowe. Man war in guter Fahrt und es hatte keinen Sinn, jetzt noch mit irgendwelchen Überlegungen, die man schon früher angestellt hatte, hinter dem Berg zu halten. Herr Schowe sah Wallys glückliches Gesicht, und während er dem Schwiegersohn zutrank, rief er: »Das wollen wir schon kriegen!« Frau Schowe lachte zustimmend. »Nun siehst du's auch ein.« »Wally ist mein ein und alles.« Herr Schowe war aufrichtig gerührt. Beim Nachmittagskaffee gab er schon zu, daß selbstverständlich auch ein Lieferwagen angeschafft werden müßte und daß Albert wohl geschickt genug wäre, ihn zu fahren. »Überhaupt werden wir an Albert eine gute Kraft im Geschäft haben«, sagte er. Er tat schon so, als würde er an dem Unternehmen seines Schwiegersohns wie an etwas Eigenem beteiligt sein. »Ich habe Olkers bereits die Wohnung gekündigt«, sagte Frau Schowe, »nun mußt du das bloß noch mit Uhlig ins reine bringen.« Schowe spürte ein Mißbehagen. »Ja, da wird man wohl den richtigen Weg finden müssen«, meinte er. »Ich glaube, es wird alles einfacher sein, als du denkst«, antwortete Frau Schowe. Sie hatte wieder die Schürze umgebunden und Herr Schowe hatte das Jackett ausgezogen. »Ich kann's mir doch gemütlich machen?« fragte er. »Man ist froh, wenn man sonntags seine Bequemlichkeit hat.« Herr Peine gab ihm recht. Er hatte seinen schwarzen Rock aufgeknöpft und die gelben Handschuhe lagen schon lange neben dem hohen Hut im Korridor. Herr Peine ging erst gegen Mitternacht. Wally begleitete ihn die Treppe hinunter und sie standen noch lange vor der Haustüre. Es war kalt und windig, doch sie ließen sich dadurch nichts anhaben. Sie hielten sich umfaßt und sagten, daß sie glücklich wären. * Im April verschwanden die Möwen aus dem Kolk. Sie waren eines Morgens plötzlich fort. Das Geländer war kahl und die Holzpflöcke, auf denen sie auszuruhen pflegten, standen verwaist. Ihre Stimmen erfüllten nicht mehr die kleine Straße, ihr Flügelschwung zog nicht mehr wie eine weiße Flocke an den Fenstern vorüber. Sie hatten den Winter über die guten und bösen Tage mit den Nachbarn am Kolk redlich geteilt. Aber nun waren sie fortgeflogen nach der großen See, um für die andere Hälfte des Jahres Gespielen der Wellen zu werden und der großen Schiffe. Die Häuser am Kolk blieben zurück wie die Frauen, deren Männer hinausfuhren auf das Meer und in die Abenteuer. Stam Öffgen hatte lange nicht geschrieben. Es war seine Gewohnheit, in bestimmten Zwischenräumen von sich hören zu lassen, aber nun war die Zeit längst überschritten und der Postbote hatte nicht an die Türe geklopft: »Guten Tag, Frau Öffgen, ein Brief von ihm!« Meistens betrachtete er noch die Briefmarke, ehe er das Schreiben aushändigte. Also in Lissabon, sagte er freundlich, oder: also in Riga. Es war ein alter Beamter, der schon jahrelang die Post im Kolk austrug. Er kannte alle Anwohner und nahm Anteil an den Nachrichten, die er brachte. Er wußte, daß Stam Öffgen seit Wochen schon wieder unterwegs war und er wunderte sich, daß er keinen Grund hatte, an Tinas Türe zu pochen. Wenn er sie zufällig traf, legte er die Finger an die Mütze und rief: »Nichts dabei, Frau Öffgen!« Anfangs hatte sie ihn wohl auch gefragt oder wenigstens erwartungsvoll angesehen, aber nun ging sie an ihm vorbei und antwortete nicht mehr auf seinen Zuruf. In dieser Zeit fühlte sie auf einmal, daß sie von Tag zu Tag müder wurde. Vielleicht dachte sie zuerst, daß die viele Arbeit, das späte Nachhausekommen und das frühe Aufstehen Schuld daran trügen. ›Wenn ich mich ein paar Tage ausruhe, wird es schon gehen‹, sagte sie sich. Die beiden Tage, die sie dann zu Hause blieb, waren voll Unruhe. Gitti, die nicht daran gewöhnt war, ihre Mutter den ganzen Tag um sich zu haben, wich nicht von ihrer Seite. Tina wäre gerne im Bett liegen geblieben, aber sie fürchtete, daß die Kinder glauben könnten, sie wäre krank, und daß sie sich um sie ängstigen würden. So stand sie um dieselbe frühe Stunde auf, und weil ihre Hände das Stillsein verlernt hatten, begann sie, sich mit kleinen Dingen im Haushalt zu beschäftigen. ›Das strengt mich weiter nicht an‹, dachte sie, ›und einmal muß es ja auch getan werden.‹ Als die Kinder herausbekommen hatten, daß sie zu Hause bleiben würde, gab es einen großen Jubel. Sie konnten sich nicht darauf besinnen, wann sie einen solchen Feiertag zum letzten Male erlebt hatten, Sonntags wohl, aber niemals mitten in der Woche. Gitti begann damals kleine Handarbeiten zu fertigen. Nun wollte sie gute Ratschläge haben, und bald mußte Tina ihr dies oder jenes zeigen. Köppje kam mit allem Krimskrams, den er im Laufe des Winters gesammelt hatte, war ausgelassen und tobte durch die Stuben. Die Kinder waren nicht dazu zu bewegen, auf die Straße spielen zu gehen. »Wir lassen dich nicht allein«, riefen sie. Tina gab sich Mühe, auf alle ihre Fragen und Antworten einzugehen. Schließlich war sie froh, als sie, die Kinder an der Hand, durch die lauten Straßen ging, mit ihnen vor Schaufenstern stehen blieb und nicht mehr auf ihr kindliches Geschwätz zu hören brauchte, denn es gab in diesen Straßen so viel zu sehen, daß die Kinder vor diesem Übermaß keine Antwort mehr aus dem Munde ihrer Mutter verlangten. Tina ging langsam und schwerfällig. Sie hatte einmal einen leichten Gang gehabt und Stam Öffgen hatte von ihr behauptet, daß sie besser zu tanzen verstünde als je ein Mädchen, das er in den Armen gehalten hätte. Aber bei dem ewigen Stehen vor Waschtrögen und der Nässe der kalten Fliesen, in der Dumpfheit der dicken Strümpfe, die sie bei ihrer Arbeit trug, war die Spannung ihrer Füße erloschen, die Knöchel gesenkt und die Adern schwer geworden und träge. Zu jener Zeit war Tina dreißig Jahre alt, doch in den Falten ihres Gesichtes schien das Unglück eines langen Lebens geschrieben zu sein. Wenn sie an ihre Jugend dachte, war es, als lägen Gebirge zwischen jener Zeit und den kleinen armseligen Tagen, die sie nun zu leben hatte, Gebirge, über die ihre Gedanken nicht mehr den Pfad fanden, sondern nur bis zu halber Höhe hinaufzuklimmen vermochten und dann umkehrten in seufzendem Verzicht. In jenem versunkenen Tale waren Gelächter gewesen, Gesang und bunte Stunden. Die Arbeit, die damals getan werden mußte, wurde aus frohem Herzen getan. Wenn sie später in den Waschküchen fremder Menschen sich mühte, war manchmal unvermittelt ihr ein Lächeln angeflogen. Es war wie ein ferner Vogelruf, der plötzlich von irgendwoher durch die Luft schwebt. Sie hatte in solchen Augenblicken verwundert aufgehorcht, denn sie konnte sich nicht mehr erklären, woher für eine Sekunde eine Heiterkeit sie überfliegen konnte. Kam sie an solchen Tagen nach Haus, nahm sie den Gruß der Kinder mit helleren Augen entgegen. Sie erzählte dann von dem Vater, der nun fern auf einem Schiff wäre oder in einer fremden Hafenstadt an sie dächte. Jetzt hatte Tina Öffgen solche Augenblicke nicht mehr. Sie bemühte sich wohl, an ihren Mann zu denken, aber sie sah nur jenen Lastkahn, hinter dessen grellem grünen Blumenfenster ein fremdes Gesicht stand. Ihr Körper war zu schwach, um zürnend dagegen aufzustehen. Sie ging unter einem schweren, grauen Himmel, vor dessen Entladungen sie sich fürchtete und unter dessen Last sie ihren Atem hinsterben fühlte. Sie konnte sich keine Rechenschaft darüber geben. Sie war ein einfacher Mensch, der sein Leben nicht zu ergründen versteht. Sie ahnte nur dumpf ein Geschick, das sich nicht mehr abwenden ließe, aber wie ein Tier bis zum letzten Augenblick, ehe man es in das Schlachthaus führt, seinen Tag lebt und die dürre Weide hinnimmt, die sich ihm bietet, so setzte Tina Schritt vor Schritt in den alltäglichen Gang ihres Lebens. Sie brachte ihren Kindern alle Wärme entgegen, die ihrem Herzen noch verblieben war. Sie gab sich Mühe, ihre laute Unbändigkeit mit guten Worten zu ertragen. Die Kinder hatten niemals einen harten Verweis aus dem Munde der Mutter gehört. So war sie ein guter Kamerad für sie geworden, von dem man verlangte, daß er zu allen Einfällen bereitwillig wäre. Zu dem Vater aber sahen sie ernst und zuversichtlich auf. Er kam zu ihnen von langen Seefahrten zurück, wußte vielerlei Erzählungen, und es gab nichts, was er nicht am besten verstanden hätte. Zuweilen war Köppje der schweigenden Duldsamkeit der Mutter überdrüssig. Dann erkundigte er sich ungeduldig, wann der Vater zurückkäme, der ihn wild auf den Knien reiten ließ, ihn auf die Schultern nahm und wie ein Pferd mit ihm durch die Stube tollte. Gitti dagegen hatte eine große Selbständigkeit entwickelt. Sie besorgte in der Abwesenheit der Mutter das Haus so gut sie es vermochte, und sie war davon überzeugt, daß keiner es besser verstünde als sie. Sie setzte sich weinend in die Ecke, wenn die Mutter ihr eine Arbeit aus der Hand nahm, von der sie behauptete, daß das Mädchen noch zu klein dazu wäre. »Ich bin groß genug«, schluchzte Gitti, und sie beruhigte sich erst, wenn die Mutter ihr die Arbeit zurückgab, denn Tina war froh, in den kurzen Stunden daheim Aufregungen zu vermeiden. Sie hatte sich nie sonderlich zu den Nachbarn gehalten. Wenn sie früh morgens fortging, war die Straße noch leer, und wenn sie abends zurückkam, lag schon ein leiser Schlaf über dem Kolk. Das Schicksal hatte ihr einen engen Kreis gezogen, darin sie wie in einem Käfig rastlos auf und ab lief. Als sie an jenem Abend mit den Kindern von dem Gang durch die Stadt zurückkam, stand Uhligs Handwagen vor dem Hause und der Invalide Olkers mühte sich, seine Habseligkeiten darauf zu verstauen. Uhlig half ihm dabei und Barbe Wiel stand daneben, einen Spiegel unter dem Arm. Köppje lief hinzu und wollte sich als Pferd davor spannen. »Nun geht es los, Frau Öffgen«, rief der Invalide. Tina begriff es zuerst nicht. Sie konnte sich nicht erinnern, davon gehört zu haben, daß Schowe dem Invaliden die Wohnung gekündigt hatte. Sie fragte: »Weshalb denn?« »Ich habe immer die Miete bezahlt«, antwortete Olkers. »Das ist ja schrecklich«, sagte Tina. Der Handwagen mit den wenigen Möbeln, der wie heimatlos im Abend stand, hatte sie verwirrt. Es war das trübe Bild ausgewiesener Möbelfuhren, die sie auf ihren Heimwegen oft in den ärmeren Straßen gesehen hatte. Olkers lachte: »Jetzt geht's ein Haus weiter.« »Er zieht zu mir«, erklärte Barbe Wiel, »ich habe eine Stube übrig. Wir haben es uns so überlegt.« »Ein Haus weiter«, kommandierte Olkers. Es war ein grimmiges Vergnügen in ihm. »Fünfzehn Jahre hab ich ihm die Miete in den Rachen geworfen. Nun wird man mir nichts dir nichts rausgesetzt.« »Sie bleiben ja bei uns im Kolk«, tröstete Atze Uhlig. »Ich habe immer die Pferde schnaufen hören«, sagte der Invalide. »Sie scharrten manchmal den ganzen Abend.« »Das ist schon was Rechtes«, rief Barbe Wiel dazwischen, »da wird es ihm wohl bei mir zu ruhig sein.« »Ich hab' es fünfzehn Jahre gehört«, beharrte der Invalide, »es war auch ein Schwalbennest am Fenster.« »Schwalben sind überall«, entgegnete Barbe Wiel. Sie fing an, sich über solche Einwände zu ärgern. Man war endlich soweit, daß der Stuhl fest auf dem Schrank lag. Der Invalide zog und Uhlig schob den Wagen. Barbe Wiel ging nebenher, sie trug vorsichtig den Spiegel. Köppje sprang voran und sang aus Leibeskräften. Als sie mit der Fuhre ein Stück hin waren, wandte sich Uhlig verstohlen nach dem Hause um. In dem Fenster seines kleinen Ladens spiegelte sich die Laterne, die auf der Brücke hing. Uhlig mußte hastig mit der Hand über die Augen fahren. »Mal sehen, wer der zweite ist«, hatte Olkers gerufen. »Er scheint ja was vorzuhaben mit seinem Haus.« Tina sah dem Wagen nach. Es fiel ihr ein, daß sie sich bei diesem Umzüge vielleicht nützlich machen könnte. Sie tat ein paar Schritte, aber dann kehrte sie um. Sie wußte nicht, woher auf einmal ein Weinen über sie kam. »Du kannst ruhig noch unten bleiben«, rief Gitti altklug von der Treppe, »ich koche schon die Kartoffeln.« Tina blieb noch ein Weilchen vor der Haustüre stehen. Herr Peine ging an ihr vorüber. Er kam jetzt jeden Abend. Er grüßte sie nicht, denn er kannte die Leute nicht, die da im Hause wohnten. Später besichtigte er noch mit Herrn Schowe die leere Wohnung. Er trug ein Metermaß in der Hand, einen Notizblock und einen Bleistift. Am nächsten Morgen kamen schon die Maurer und rissen die Wand zwischen Stube und Küche ein. * »Was sollen wir lange reden, Uhlig. Ich will Ihnen einen Vorschlag in Güte machen«, sagte Herr Schowe. Sie saßen in dem Abschlag vom Laden sich gegenüber, an dessen Tapetentür ein Schild angebracht war mit der Aufschrift »Kontor«. Dieses Kontor war drei Schritte lang und drei Schritte breit. Es besaß ein kleines Schiebefenster nach dem Laden hin. Auf dem Drehschemel vor dem Pult thronte jetzt Herr Schowe. Er hatte dort gleich Platz genommen. Zu Beginn ihrer Unterredung war Uhlig an der Türe stehen geblieben und erst, als Schowe ihm zurief: »Warum setzen Sie sich denn nicht?«, hatte er sich den gelben Rohrstuhl herangezogen, der für Fremde bereit stand, wenn sie mit Angeboten Herrn Uhlig zu sprechen wünschten. »Ich habe über die Zeit gewartet«, hatte Schowe gesagt. »Ich bin kein Unmensch.« Man merkte ihm an, daß er sich bei diesem Gespräch nicht behaglich fühlte, aber die Sache mußte endlich ins reine gebracht werden.« »Wie lange willst du eigentlich noch warten?« hatte Frau Schowe gefragt. »Die Kinder wollen doch zum Herbst heiraten. Ich dächte, da würde es Zeit.« »Man soll nichts übers Knie brechen, auch eine Heirat nicht.« Das war anfänglich Schowes Ansicht gewesen, doch dann hatte er sich belehren lassen müssen, daß Herr Peine einen bestimmten Herbsttag in Aussicht genommen hatte, weil es der Hochzeitstag seiner verstorbenen Eltern war. »Bis dahin muß doch der Umbau fertig sein, das siehst du wohl selbst.« Das waren die letzten Worte gewesen, die Frau Schowe in dieser Angelegenheit gesprochen hatte. So wenigstens behauptete sie. Es hatte dann doch noch eine Auseinandersetzung gegeben, ehe Schowe einsah, daß er nun handeln müßte. »Du hast kein Herz für Wally«, hatte Frau Schowe weinend gerufen. Sie zerknüllte das Taschentuch und drohte, mit ihrer Tochter zu Verwandten auf das Land zu fahren, falls Schowe nicht endlich handelte. »Ich will Sie ja nicht ruinieren, Uhlig«, sagte er, »ich denke, gegen meinen Vorschlag ist nichts einzuwenden.« »Ich hänge an meinem Geschäft«, hatte Uhlig ängstlich eingeworfen, »ich bin seit Jahren selbständig, ich habe das alles langsam aufgebaut.« »Sie sind ein schlechter Kaufmann. Ein anderer hätte solche Bürgschaft nicht übernommen.« »Er war doch mein Freund«, sagte Uhlig. »Ein Betrüger ist er, das ist Ihnen wohl nun klar. Sie sind ein gutmütiger Mensch, aber damit kommen Sie heute nicht weiter. Ich will Ihnen keinen Strick daraus drehen, das haben Sie doch gehört. Ich verlange mein Geld nicht zurück. Ich will dafür nichts weiter, als daß Sie von dem Kontrakt zurücktreten, und mir den Laden überlassen. Ich will ja auch Ihre Vorräte übernehmen, wegen der Summe werden wir uns schon einigen. Das ist doch gewiß kulant. Ich tue es auch nur, weil ich Sie von klein auf kenne und weil Ihre Mutter immer in unserem Hause war.« »Sie war mit Ihrer Mutter befreundet«, sagte Uhlig leise. »Sie hat bei uns gearbeitet, wenn es auf dem Feld was zu tun gab oder in der Wirtschaft«, verbesserte Herr Schowe. »Aber das steht hier nicht zur Rede«, setzte er hinzu. »Ich muß also von neuem anfangen«, sagte Uhlig aus seinen Gedanken heraus. »Es wird sich schon was finden«, versuchte Schowe zu trösten. »Wenn man Geld in Händen hätte, könnte man sich wo anders einrichten, aber ich habe doch nichts hinter mir.« Uhlig schien nur noch zu sich selber zu sprechen. Schowe war aufgestanden und sah durch das kleine Schiebefenster in den Laden. ›Da ist ja der Malermeister Frommhold, ich könnte gleich mit ihm sprechen‹, dachte er, ›er soll mir aber nicht mit einer hohen Kalkulation kommen, es kostet sowieso schon genug.‹ »Ich bin hier im Kolk aufgewachsen«, sagte Uhlig, »nun ist man vierzig Jahre alt geworden, und das alles ist aus.« Schowe drehte sich um. »Wir wären nun wohl im klaren«, sagte er, »ich will Sie nicht vor die Tür setzen, aber wir müßten doch bald daran denken. Es muß hier alles umgebaut werden. Es soll ein Versandgeschäft werden.« Er legte Uhlig die Hand auf die Schulter. »Man soll sich nicht unterkriegen lassen, wenn einmal etwas gegen den Strich geht. Sie konnten das mit Löders auch nicht voraussehen, und wie gesagt, ich verlange ja das Geld nicht zurück.« Er holte ein Notizbuch aus der Tasche und entfaltete daraus ein Schriftstück. »Es ist so eine Art schriftlicher Abmachung«, sagte er, »Sie können es sich durchlesen. Es steht darin, daß die bewußte Summe als Abstand für den Laden aufgerechnet wird. Wenn Sie es unterschrieben haben, gebe ich Ihnen gleich den Schuldschein zurück. Sie brauchen ihn auch, wenn Sie Löders mal verklagen wollen. Es könnte ja sein, daß er wieder auftaucht. Ich bin morgen vormittag zu Haus.« Damit ging Herr Schowe. »He, Frommhold«, rief er hinter dem Malermeister her. Sie standen dann ein Weilchen vor der Türe und sprachen lebhaft miteinander. Einmal trat Frommhold auch dicht an die Ladentüre und sah hinein. Er musterte prüfend den Raum, er berechnete wohl in Gedanken die Maße. Uhlig stand an seinem Pult. Vor ihm lag das Schriftstück, das Schowe dagelassen hatte. ›Das alles sollte man mit vierzig Jahren gelernt haben‹, denkt er, ›nun ist es zu spät. Ich bin überall herumgelaufen, um das Geld aufzubringen. Es war umsonst. Schluß, nun wird also hier Schluß sein. Ich weiß keinen Rat. Ich will mit Barbe Wiel sprechen, einmal erfährt sie es doch.‹ »Um Gottes willen«, sagt Barbe Wiel. Sie setzt die Tasse hart hin, so erschrocken ist sie. Sie nimmt die Hand nicht vom Henkel. Das hat Zeit bis nachher. Erst einmal nachdenken. Alles ist gut gegangen lange Jahre. Nun auf einmal kommt es hageldick. »Etwas kann ich dir geben. Will gleich mal nachzählen. Wo ist denn der Schlüssel?« »Nein«, sagt Atze Uhlig. »Das ist dein Altersgroschen. Es würde auch keinen Zweck haben. Er will den Laden für seinen Schwiegersohn. Ein Versandgeschäft soll es werden. Er hat mir alles erzählt. Sie heiraten zum Herbst. Da muß vorher noch umgebaut werden.« »Es ist noch nicht alles Wasser aus dem Brunnen«, antwortete Barbe Wiel. Sie wischte mit der Schürze über den Tisch. Das war ihre Angewohnheit, wenn sie die Absicht hatte, jemand zu bewirten. »Was wollte ich doch?« fragte sie. »Ich bin ganz konfus.« Sie war wie ein aufgescheuchtes Huhn. Schließlich lief sie an das Spind und holte eine Tasse. Es war eine von den beiden Tassen, die einen goldenen Rand und eine Inschrift trugen und aus denen seit Jahren niemand mehr getrunken hatte. Sie standen in dem Spind dicht hinter der Glasscheibe, geputzt und in behäbiger Neugier, wie alte Frauen, die im Sonntagsstaat zu einem Schwatz sich an das Fenster setzen. In ihrer Aufregung nahm Barbe Wiel eine dieser Tassen heraus. Erst als der Kaffee eingegossen war, merkte sie es. Sie schüttelte den Kopf über ihre Unachtsamkeit, aber dann sagte sie: »Nun soll auch daraus getrunken werden.« Sie schob Uhlig die Tasse hin. Er sah sofort den Irrtum. »Das ist die gute«, antwortete er verwundert. »Zum Trost«, nickte Barbe Wiel. Er trank langsam. Er sagte: »Es war alles in guter Reihe, nun wirft es mir Schowe durcheinander. Und wer weiß, was noch kommt.« Barbe Wiel bewegte in ängstlicher Hast ihre Hände. »Man soll das Unglück nicht rege machen«, warnte sie leise. »Wenn meine Mutter eine schlechte Nachricht bekam, machte sie das Fenster auf. Es soll sich nicht erst setzen, sagte sie immer. Zur Türe kommt es herein, zum Fenster muß es hinaus.« Barbe Wiel sah Atze Uhlig an. Sie hoffte wohl, daß er aufstehen und das Fenster öffnen möge. Doch er blieb sitzen und antwortete nichts. Da erhob sich Barbe Wiel, schob den Tisch mit einem Ruck beiseite, ging an das Fenster und riß es auf. »Mit Kopfhängerei ist nichts getan«, rief sie ärgerlich. Ihr Erschrecken über die Nachricht, die Uhlig gebracht hatte, war in Zorn umgeschlagen. Da niemand anders da war, ließ sie ihren Groll an Uhlig aus. »Aber du bist kein Mann«, zankte sie, »man kann dich um den Finger wickeln. Dich werden noch ganz andere hineinlegen als Löders und Schowe. Das läuft in seiner Dummheit umher und nachher weiß sich's keinen Rat. Ich denke, du hättest mich lieber vorher fragen sollen. Nun wo der Kram kaputt ist, machst du den Mund auf. Löders soll mir bloß unter die Augen kommen. Es ist ein Unglück für dich, daß deine Mutter so früh starb. Du läufst ja wie ein Neugebackenes in der Welt rum!« Atze Uhlig sah mit großen Augen auf ihre fuchtelnden Hände. Er verstand nicht, weshalb sie so über ihn in Erregung geraten war. Als er fort ging, war er noch so verschüchtert, daß er vergaß, seinen Hut aufzusetzen. Die Häuser im Kolk lagen dunkel da und der Widerschein des abnehmenden Mondes zitterte in ungewisser Form auf dem träge hinfließenden Wasser. Ein stumpfer Lichtkreis schwebte nahe der Uferwand, es war eine trübe Öllampe, die über den schwarzen Umrissen eines Frachtkahnes schwelte. Wenn man dicht an das Geländer trat, wurde ein kleiner Lichtschein hinter der Ankerwinde sichtbar. In dem runden Bootsfenster neben der steilen Treppe, die in das Innere des Kahnes führte, brannte noch Licht. Uhlig war gedankenlos zwischen den Häusern und der Brücke auf und ab gegangen. Eine Verlassenheit war in ihn eingebrochen, die jeden Gedanken verscheucht hatte. Man war zu einem Menschen gegangen, um Trost und Rat zu holen, aber man wurde mit Vorwürfen weggeschickt. Nun blieb nichts weiter übrig als auf und ab zu gehen, auf und ab in einer Nacht, in der nicht einmal der Mond mehr ganz war. Vielleicht hätte man gut getan, sich im Bett zu verkriechen, die Knie bis unter das Kinn zu ziehen und sich so klein werden zu lassen, daß das Unheil es nicht mehr für wert hält, Notiz von einem zu nehmen. Für einen Augenblick wohl wird man den Kopf aus der Decke nehmen und in die Nacht horchen. Die Stille summt einem in den Ohren, aber noch ehe sie laut werden kann wie ein Schrei, wirft man den Kopf in das Kissen zurück, schließt die Augen und läßt sich hintreiben in schlaflosen Traum. Die großen Tiere, vor denen man sich in der Kindheit fürchtete, ziehen vorüber. Wenn sie fern und kaum noch wahrnehmbar sind, atmet man auf aus einem Alp. Die großen Traumtiere haben einem nichts getan. Warum sollte der Tag, der in Stunden anbricht, ungnädiger sein? Doch man geht ruhelos auf und ab. Man bleibt auch an dem Geländer stehen, aber in den Füßen ist noch immer das rastlose Hin und Wieder, als könnte man vor dem Morgen davonlaufen, vor einer Entscheidung, vor seinem Schicksal. Nun ist da ein kleiner, friedlicher Lichtschein im Boot. Wie oft hat man schon den Frieden abendlicher Lampen erlebt. Man ist so daran gewöhnt, daß man ihn hinnimmt wie ein Selbstverständliches. Es ist so einfach, eine Lampe anzuzünden, und man denkt nichts weiter dabei. Wenn man ein Brot anschneidet oder eine Lampe anzündet, sollte man eigentlich einen Spruch auf den Lippen haben. Nur in trostlosen Nächten ahnt man die heilsame Kraft des Lichtes. Es kommt daher wie ein Freund, es beruhigt und segnet. Uhlig steht an dem Geländer. Er sieht den Schein einer Lampe im Boot. Er kennt alle Schiffer, die hier vorüber fahren und anlegen. Was sie brauchen, kaufen sie bei ihm im Laden. Uhlig beugt sich vor, er kann den Namen des Kahnes nicht entziffern, aber er denkt, es wird Wiedemann sein oder Gülke, Aderholt oder Brose. Einer von denen, die im Grunde sich alle gleichen, breite, zuverlässige Gestalten, die mit jeder Last fertig werden. Sie haben ihre Sorgen und ihren täglichen Verdruß, aber das Wasser, das ihre Kähne trägt, hat ihnen in langen Jahren ein gleichmütiges Hingleiten gegeben, aus dem sie nur zuweilen in jäher Wucht auffahren, wenn ihnen das Schicksal zu hart zusetzt, so, wie ein Gewitter zürnend aufbricht, wenn die Luft voll war von Ersticken. Man steigt ein paar Stufen zu dem Kahn hinunter. »Du bist es, Uhlig«, sagt der Schiffer. Es ist Brose. Er hat die Luke beiseite geschoben. Er winkt ärgerlich. »Das ist ein Gejammer da unten. Ich sage, wenn Frauensleute zusammen sind, sitzt das Heulen schon dabei.« Atze Uhlig blickt in das helle Fenster. Er sieht Frau Brose und Tina Öffgen. Ihre Gesichter sind über den Tisch gebeugt. »Was können wir dabei tun, wenn der Mann nicht wiederkommen will«, sagt Brose. »Nun sitzt sie schon den ganzen Abend da unten. Neulich war sie auch auf Gülkes Kahn. Wir sollen mit ihm reden. Nun sag mir einer, was das hilft. Er lebt mit einem Mädchen in Hamburg. Er hat sie hier im Winter kennen gelernt.« »Stam Öffgen?« fragt Uhlig. Er ist ganz erschrocken. »Er wird doch wohl wiederkommen«, setzt er besorgt hinzu. »Dreck!« schreit Brose. Weiter nichts: »Dreck!« Uhlig sieht durch das Fenster auf Tina. Er antwortet nicht, er fragt auch nicht weiter. Er sieht nur die Frau, die jetzt mit der Hand über die Augen fährt. »Wir könnten gut einen Schnaps vertragen«, sagt Brose, »aber da unten wird er sauer schmecken.« »Komm«, sagt Uhlig. Er hat sich von dem Fenster abgewendet, er steht noch verwirrt da. »Komm«, bittet er. Brose ruft in die Luke hinein: »Wir gehen noch zu Uhlig! He! Wir gehen noch zu Uhlig!« Er stapft breit über die Planken. »Verfluchtes Tau«, schimpft er noch. Sie gehen über die Straße. Sie sind in dem Laden. »Laß die Jalousie halb hoch, Uhlig, falls die Frauen noch kommen.« Brose hat sich einen Stuhl an den Ladentisch gezogen. Er mustert jede Flasche, die Uhlig ihm hinhält. »Hier ist Gin, Original-Gin«, sagt Uhlig, »hier ist Kirsch und hier Bismarck.« Er baut alle Flaschen vor sich auf. Es ist plötzlich eine Lust in ihm, alle seine Schätze noch einmal herbeimarschieren zu lassen. Es ist eine Parade von Flaschen auf dem Tisch. »Donnerlittchen«, sagt Brose. »Das läßt sich sehen. Daß unsere Eltern reiche Kinder kriegen«, lacht er. Uhlig hat vier Gläser hingestellt. »Für die Damen gleich mit«, hat er gesagt. »Da machen wir uns also eine vergnügte Nacht«, sagte Brose. »Das ist ein guter Einfall. Du bist ein Tausendkerl, holst mich da vom Kahn weg. Willst mir wohl einen aufhucken!« Sie sind schon beim fünften Glas. »Wie wär's mit einem Doppelkümmel?« zwinkert Uhlig. Er sieht dem Schiffer Brose mitten in das Gesicht. Das ist ein breites, rundes Gesicht wie eine Pfanne. Wie die Augen darin schwimmen. Brose hat auch einen breiten Rücken. Wer weiß, was sich dahinter versteckt. Uhlig schuddert ein wenig. Vielleicht blickt so eine Fratze über Broses Schulter weg und grinst. He, Uhlig, Atze Uhlig, nun ist's hier aus. So leb denn wohl, du altes Haus. Nun geht's hinaus mit Mann und Maus. »Du singst akkurat wie der Kantor«, brüllt Brose. »Du bist ein fideler Mensch. So hab ich dich noch gar nicht gekannt. Natürlich trinken wir 'nen Doppelkümmel. Einen ganzen Kümmel, runter mit dem Lümmel!« »Schade um jeden Tropfen«, sagt Uhlig. Er hat das Glas so voll gegossen, daß es überläuft. In den kleinen süßen Teich auf der Tischplatte steckt Brose den Finger und läßt ihn schwimmen. Er hat ein O auf die Tischplatte gemalt, es kann auch eine Null sein. »Da soll man nun mit Öffgen reden, das ist doch alles Unsinn. Wenn ein Mann nicht will, will er nicht. Was helfen da Weibertränen?« Seine Zunge ist schon schwer. Er sagt: »Das ist nämlich ein Bursche, der Öffgen. Der war als Junge schon nicht ohne. Damals trieb er sich auf allen Kähnen herum und wollte überall steuern. Er hing wie ein Wollknäuel an dem großen Steuerbaum, der Knirps. Ein Lausejunge. Jawohl! Das hat seine eigenen Beine. Das läuft, wohin es will. Da kann man nicht dirigieren.« »Nun kommt ein grüner Pfefferminz!« ruft Uhlig. »Grün ist die Hoffnung, die Hoffnung ist grün«, gröhlt Brose. Uhlig hat das eigene Glas leer gelassen. »Nun?« fragt Brose und tippt an das Glas. »Man kann auch allein spazieren gehen«, sagt er dann und trinkt. Uhlig blickt ihm wieder direkt ins Gesicht. Das ist schon ein Schädel, so ein runder stiernackiger Schädel, so ein Faß voll Hoffnung. Da hängt so ein voller Mond überm Ladentisch. Da möchte man doch mal an diese dicken, zuverlässigen Backen fassen. »Brose«, freut sich Uhlig und grapscht ihm wie ein Kind ins Gesicht. Brose ist ganz gerührt. Er fängt an zu salbadern. Er meint: »Der Mensch ist ein Geschöpf für sich. Er wandelt seine Zeit und geht dahin. Er kommt nackt und bloß von der Mutterbrust. Es ist sein Unglück, daß er Beine hat und laufen lernen muß, Uhlig. Wenn ich nochmal solche Handvoll wäre, ich würde mich weigern, Uhlig, ich würde niemals wieder Laufen lernen. Und wenn sie zehn Pferde vorspannten, ich bliebe liegen. Prost, Uhlig. Aber wir haben alle die Hoffnung.« Brose mußte sich die Augen wischen, aber Uhlig lachte. Er lachte, daß es von allen Wänden widerklang. Er erschrak über sein Lachen. Er sah besorgt auf eine Heringstonne, als könnte aus ihr ein Gespenst aufsteigen, dünn und lang wie eine Heringsseele. ›He, Uhlig, du lachst noch? Du weißt wohl nicht, woran du bist? Du scheinst noch obenauf zu sein, und morgen ist alles kurz und klein.‹ »Kurz und klein«, schreit Uhlig. »So ist's richtig«, brüllt Brose, »kurz und klein!« Er haut mit der Faust auf den Tisch, daß die Flaschen klirren. Uhlig lacht wieder. Er tritt von einem Fuß auf den andern, daß es dröhnt. »So ist's richtig«, schreit Brose, »jetzt soll Marie mal munter werden!« Er trommelt wie ein Besessener. »Im Rosengarten«, singt er, nur immer diese Worte: »Im Rosengarten.« »Pst«, sagt Uhlig. Er starrt auf die halb offene Jalousie. Was ist das für ein Kopf, der da hereinblickt? Das ist doch Schowe. Brose hat sich umgewendet. Er sagt: »Treten Sie näher, Herr Schowe.« Da steht also Schowe, der Hauswirt, im Laden. Er hat nur die Hose übergezogen und sein Kopf guckt oben aus dem blau beränderten Nachthemd heraus. Sein Gesicht ist knallrot vor Ärger. »Was ist das hier für ein Spektakel«, schimpft er. »Meine Frau kann nicht schlafen. Es ist ein Skandal!« »Nicht doch, nicht doch, Herr Schowe«, sagt Brose. »Sie müssen doch den Menschen eine kleine Freude gönnen.« Er schiebt Schowe einen Stuhl hin. »Ein Gläschen gefällig?« fragt er. »Was soll'« sein? Ein Kümmel, ein Kirsch? Oder ein Klosterschnaps?« »Ich verbitte mir das«, sagt Schowe noch einmal. Sein Blick kommt nicht von dem Ladentisch los. »Das ist ja eine Batterie von Flaschen«, sagt er schon besänftigter. »Das ist eine ganze Flottille«, schreit Brose. »Nicht so laut, Herr Brose«, mahnt Schowe. »Es stört meine Frau. Sie hat Migräne.« Er horcht zur Decke empor und winkt Uhlig ab, der etwas sagen will. »Ich dachte schon, sie klopft«, sagt Schowe vorsichtig. Nun halten auch Brose und Uhlig den Kopf hoch, aber es rührt sich nichts. »Sie wird wieder eingeschlafen sein«, sagt Schowe. »Im allgemeinen hat Anna einen festen Schlaf.« »Der Frau Gemahlin zur Gesundheit«, antwortet Uhlig. Sie stoßen mit Schowe an. Schowe sagt: »Das ist eine angenehme Nachtruhe. Prost, meine Herren!« »Auch um Mitternacht schmeckt der Schnaps«, erwidert Brose. Er hat seine Stimme gedämpft. Die drei trinken schweigend. Ein Gläschen und noch eins. »Der Kirsch ist gut«, sagt Schowe. Er bewegt nachschmeckend die Lippen. »Wie's kommt, wird's gesoffen«, sagt Brose. Seine Stimme zittert etwa«, weil er sich bemüht, leise zu sprechen. »Wir sind Männer«, sagt er, »wir lassen uns nicht unterkriegen. Und wenn es hageldick kommt.« »Hageldick«, bestätigt Uhlig. Er sieht Schowe an. »Es geht nicht immer nach Gefall«, antwortet Schowe. Er ist verlegen vor Uhligs Blick. »Wenn's nach mir ginge, Herr Uhlig, Sie können's glauben.« Er hält Uhlig die Hand hin. »Was ist denn?« fragt Brose. »Nichts von Bedeutung«, erwidert Uhlig. Er hat in Schowes Hand eingeschlagen. Er ist verlegener als Schowe. »Grämen Sie sich nicht, Herr Schowe«, sagt er und scheint ganz nüchtern geworden zu sein. Aber auf einmal sind Tränen in seinen Augen. Er geht rasch in den kleinen Verschlag, an dessen Türe Kontor steht. »Er ist ein guter Kerl, der Uhlig«, sagt Brose. »Ein prima Mensch«, antwortet Schowe. »Er hat den Laden in Schwung gebracht, alles was recht ist. Wir kaufen bei ihm.« »So ist es«, bestätigt Schowe. Er hält den Kopf gesenkt. »Vorhin hab' ich gesagt, Uhlig, hab' ich gesagt, wenn die Hoffnung nicht war, das habe ich gesagt, Herr Schowe! Ich bin nüchtern. Nach dem neunten Glas bin ich immer nüchtern, Herr Schowe, aber dann das dreizehnte, das bricht einem das Genick! Also ich bin nüchtern, Herr Schowe. Ich sage, der Uhlig ist ein Kerl. Ein Kaufmann ist er! Der hat aus dem Kolk was gemacht mit seinem Laden.« »So ist es«, sagt Schowe. Er blickt auf die kleine Türe. Er ist unruhig, daß Uhlig nicht wieder zum Vorschein kommt. Brose hat die Gläser wieder voll gegossen. »Einen Augenblick«, sagt Schowe. Er geht an die kleine Türe und öffnet sie vorsichtig. Uhlig hockt vor seinem Pult und weint wie ein Kind. Schowe geht hinein, er legt ihm die Hand auf die Schulter. »Na, na, na«, sagt er aufmunternd. Uhlig springt auf. Er lacht und die Tränen laufen ihm über den Mund. »Der Schnaps«, schluckt er. Er reibt sich das Gesicht. Er geht mit Schowe in den Laden zurück. Brose ist eingenickt vor den Gläsern. Die beiden setzen sich zu ihm. Sie stören ihn nicht. »Es ist nicht mein Wille gewesen, Uhlig«, sagt Schowe leise, »aber was soll ich machen. Wally ist unsere einzige Tochter. Wir müssen an ihre Zukunft denken.« »Sie haben recht, Herr Schowe«, antwortet Uhlig. »Es war nicht Ihr Wille.« »Wir werden schon was für Sie finden, Uhlig«, tröstet sich Schowe. »Unsere Mütter waren Freundinnen, so war es. Sie können sich auf mich verlassen.« Uhlig ist auf einmal vergnügt. Er stößt Brose an und lacht. »Das schläft und schläft«, lacht er. Brose fährt auf. »Teufel auch!« brummelt er. Er tippt gegen die leeren Gläser. Das klingt für eine Sekunde wie Mückenton. »Bim baum«, macht Brose, »die Gläser sind leer. Das soll uns keiner nachreden.« Nun sind die Gläser wieder voll. »Das dreizehnte«, ruft Brose. Er ist aufgestanden und hebt das Glas hoch. »Nun halt dich fest, Brose«, ermahnt er sich. Sie trinken. Sie setzen die Gläser langsam hin. Da ist doch noch wer in den Laden gekommen. Da steht doch noch jemand zwischen uns? Es ist eine runde, gemütliche Kanne, eine große Kanne mit zwei Armen. Eine Kanne mit einem Kopf. »He, Alte«, blinzelt Brose, »da seid ihr ja, ihr Weibervolk! – Kluck, kluck«, kichert er. Tina ist an der Türe stehen geblieben. »Was soll's sein?« fragt Uhlig höflich. »Sie wollte gar nicht, aber ich hab' sie doch mitgeschleppt. Komm her, Tina«, sagt Frau Brose. »Setz dich dahin. Die Männer sind duhn.« Schowe ist aufgestanden und gibt Tina seinen Stuhl. Er sagt sogar: »Bitte, Frau Öffgen«, aber er taumelt ein wenig und stößt ihr den Stuhl gegen das Knie. Tina zuckt zusammen. »Es hat doch nicht weh getan?« fragt Schowe besorgt. »Nein«, sagt Tina und lächelt. Ihre Augen sind noch gerötet vom Weinen. Sie setzt sich. Sie sitzt steif auf dem Stuhl. Sie bewegt sich nicht. Sie sagt nur »bitte« und »danke«. Uhlig will ihr einen Likör einschenken, aber sie wehrt ab. »Nein, danke«, sagt sie. Frau Brose hat den gelben Ingwer schon getrunken. »Was soll ich Ihnen anbieten?« fragt Uhlig Tina. »Nichts«, antwortet Tina leise. »Hier wird getrunken«, lallt Brose. Uhlig sieht sich im Laden um. Er mustert seine Schätze. Er fragt: »Soll's Bier sein?« »Wenn Sie Karamel hätten«, sagt Tina schüchtern. »Frauenbier«, poltert Brose. Schowe hat vorsichtig die Jalousie herunter gelassen. Er klinkt die Türe fest zu. »Doppelmalz«, lobt Uhlig, als er einschenkt. »Es ist dick und schwer und berauscht nicht«, sagt Tina. Brose ist wieder eingenickt und Schowe steht unschlüssig da. Er möchte wohl gehen, aber nun sind die beiden Frauen gekommen und man kann nicht unhöflich sein. Er spricht leise mit Frau Brose. Uhlig steht hinter dem Ladentisch, er sieht Tina an und sagt: »Es ist sozusagen ein Abschied.« Tina blickt ihn fragend an. »Ich werde ausziehen«, erklärt Uhlig. Er ist ganz ruhig und sagt jedes Wort so, als spräche er von einem Dritten. »Herr Schowe braucht den Laden für seinen Schwiegersohn. Es wird ein Versandgeschäft.« Tina kann das nicht fassen. Sie sieht zu Schowe hinüber, aber der spricht noch immer mit Frau Brose. »Ja, ja«, seufzt Uhlig. Nach einer Weile antwortet Tina: »Das ist wohl nur Ihr Scherz, Herr Uhlig.« Sie kann es noch immer nicht glauben. Zwischen beiden ist auf einmal eine große Niedergeschlagenheit. Die ist wie ein verregnetes Fenster. Man steht hüben und drüben, kann sich nicht genau erkennen und wünscht doch, sich dem andern verständlich zu machen. Wie man dann den Rockärmel nimmt und über das Fenster streift, um den andern zu erspähen, so fährt Atze Uhlig mit seiner Hand durch die Luft. Einmal, zweimal hin und her. Dazu fällt ihm ein, was Brose vorhin gesagt hat, und er erwidert: »Wir kommen und gehen. So ist das nun einmal.« Und er setzt hinzu: »Wir haben keine bleibende Stätte.« Dann, als er das herausgebracht hat, denkt er wohl: was habe ich da eigentlich gesprochen? Und um sich verständlich zu machen, erklärt er: »Ich gebe das Geschäft auf.« Tina hat sich nie sonderlich um Uhlig gekümmert. Sie ist täglich ein paarmal an seinem Laden vorbeigegangen, manchmal auch zu einer Besorgung eingetreten, aber sie haben nie viel Worte gewechselt. Nun hat sie vorhin in dem kleinen Wohnraum des Kahnes über ihre Verlassenheit weinen müssen. Sie hatte sich kaum darüber beruhigt, als sie, von Frau Brose mitgezogen, in Uhligs Laden kam. Als sie dann aber sein gutmütiges Gesicht erblickte, fühlte sie einen kleinen Trost. ›Der gute Nachbar ist noch da. Er ist freundlich und geht hinter seinem Tisch auf und ab‹, hatte sie wohl gedacht. Das ist wie ein kleiner Stern, der sich zwischen vielen Regenwolken hindurchzwängt, ein wenig funkelt und ein bißchen zuversichtlich macht. ›Der gute Nachbar‹, dachte sie. Nun hört sie, er geht – und sie erschrickt. Sie erschrak so, daß sie zitterte. »Sie werden uns doch nicht verlassen?« fragte sie, und ihr Mund bebte. Sie begann leise zu weinen. Uhlig war bestürzt. »Herr Schowe hat gekündigt«, sagte er entschuldigend. »Was höre ich denn da?« fragte Frau Brose dazwischen. Uhlig sah etwas ängstlich auf Schowe. Daß man auch nicht von dieser Ungelegenheit loskommt. Man hat ein Stündchen vergnügt gefeiert. Man war eine kurze Spanne ganz leicht im Kopf. Nun ist das Unheil wieder da, sitzt zwischen den Flaschen und balanciert auf jedem Gläserrand. Läßt sich hinunterschlucken, klettert wieder hoch und hockt im Kopf. Man will gar nichts von ihm wissen, aber es hämmert in den Gedanken herum. Uhlig zieht das Taschentuch heraus und tupft sich die Stirn. Herr Schowe hat umständlich die Sachlage dargelegt. »So«, wettert Frau Brose, »das ist eine Gemeinheit. Sie machen ihn brotlos. So was sollte nicht erlaubt sein.« Sie spricht so laut, daß Brose aufwacht. »Das ist nicht erlaubt«, brummelt er. »Nehmen Sie doch Vernunft an, Frau Brose«, verteidigt sich Schowe. »Was soll ich denn machen? Wally ist unsere Einzige. Wir sind als Eltern verantwortlich. Das gibt auch Herr Uhlig zu. Ich will ihm doch helfen, liebe Frau, das habe ich doch alles schon gesagt.« Seine Stimme klingt weinerlich. »Bin ich ein Unmensch?« fragt er. »Sie wollen ihn also auf die Straße setzen«, beharrt Frau Brose. Jetzt erst fällt es Uhlig ein, daß er nicht bloß seinen Laden und den Keller, sondern auch die Stube verliert. Also auch die kleine Stube, wo das Bett steht, der Schrank und die Waschkommode. Also auch das Fenster mit dem Fischglas und der Schusterpalme. Also auch die Wand mit den Tapetenblumen und dem Bild von Mutter Uhlig, mit dem Spruch und dem bunten Kalender. Also auch die Tür, durch die man jahrelang gegangen ist. Das alles. Daran hatte man noch gar nicht gedacht. Atze Uhlig ist so erschüttert, daß er sich gar nicht zu helfen weiß. Er steht einen Augenblick wie eine Bildsäule da, dann bückt er sich pfeilschnell, nimmt ein Staubtuch unter dem Ladentisch hervor und beginnt ohne Sinn und Verstand die sauberen Kruken, darin Reis und Zucker aufbewahrt sind, noch einmal zu säubern. Er reibt an ihnen herum, guckt von rechts und von links, reibt wieder und immer wieder, nimmt den Deckel ab, hält ihn gegen das Licht, haucht dagegen und putzt und putzt, lege den Deckel in irgendeine Ecke und läßt die Kruke offen stehen, geht weiter in seinem Laden, immer hinter dem Ladentisch auf und ab, wischt hier und wischt da, zieht Kästen auf und schiebt sie zu, steht da und sieht seine Gäste an, glotzt von einem zum andern. ›Gute Nacht, meine Herrschaften‹, denkt er, ›gute Nacht, es ist nun Zeit.‹ Er geht um den Tisch, geht langsam durch den Laden. Er hat das Wischtuch wie ein Kellner unter den Arm geschoben, er geht bis zur Türe, er öffnet die Türe und zieht die Jalousie hoch. Er steht in der offenen Türe, das Wasser gluckert sich leise am Kolk vorbei, er sieht zum Himmel empor, es sind Sterne da, und der Kolk ist ganz still. Die Straßen, die unter den Sternen gehn, tragen ein mildes Gesicht, daß sie tagsüber in Tränen stehn, mitternachts wissen sie's nicht. Uhlig tritt auf die Straße. Er geht bis an das Geländer. Über dem Kahn glimmt fahl und trübe die Öllampe. Er hört Schritte, die über die Steine schlürfen, er sieht sich nicht um, es werden ihm Worte zugerufen, er antwortet nicht. Er steht lange an dem Geländer, dessen Eisen kalt in seinen Händen liegt. Er steht wie in Gedanken versunken, aber es sind gar keine Gedanken da, es ist ganz leer in seinem Kopf. Als er sich endlich umwendet und in den Laden zurückgeht, ist der Laden leer. Die Gäste sind fort, nur die bunten Flaschen stehen auf dem Tisch, grüne, gelbe und rote Flaschen, und leere Stühle stehen da, und das Licht brennt noch immer. * Köppje hatte im Kolk einen jungen Vogel gefangen. Es stand kein Baum im Kolk, und es konnte auch schwerlich ein Nest da sein, darin es andere Vögel gab als Sperlinge und Schwalben. Aber dieser junge Vogel hatte nichts mit den plumpen gefiederten Straßenjungens zu tun und nichts mit den schlanken blauen Seglern. Man wußte nicht genau, aus welcher Familie er stammte. »Ein Stieglitz«, sagte der eine, der andere sagte: »Ein Zeisig.« Aber nun war der Vogel da und es genügte Köppje, daß man für das Junge den Namen Tütchen gefunden hatte. Gitti war zuerst darauf gekommen. Nun saß Tütchen in einem gelben Käfig, der außen am Fenster angebracht war, damit der Sonnenschein den Vogel zu einem kleinen Gesang verlocke. Doch vorläufig blieb es noch beim Piepsen und tolpatschigem Gehops. Damals ging noch alles gut oder besser gesagt, es war wieder gut geworden. An der Ladentüre klebte zwar immer noch ein Schild: »Wegen Umbau geschlossen.« Man hätte dieses Schild gar nicht anzubringen brauchen, denn das Gerüst vor dem Schaufenster und die aufgestemmte Wand verrieten genug. Die einzigen Überbleibsel von früher waren ein paar Blechschilder, gegen welche die Kinder von Stam Öffgen trommelten, morgens, wenn sie zur Schule gingen, und nachmittags, wenn sie auf der Straße herumtollten. Die Vorräte aus dem Laden waren in dem Keller mit aufgestapelt worden, soweit sie nicht schnell verkauft werden mußten, damit sie nicht verdürben. Für diese Vorräte hatte Uhlig eine kleine Summe bekommen, mit der er nun etwas Neues hatte beginnen müssen. Er war der Hoffnung gewesen, daß sich Herr Schowe bei dieser Gelegenheit großzügiger zeigen würde, doch Herr Schowe hatte ihm auseinandergesetzt, daß alles unheimlich viel kostete und daß er gar nicht wüßte, woher er all das Geld nehmen sollte. So mußte man mit dem zufrieden sein, was man erhalten hatte, denn von anderer Seite wäre noch weniger geboten worden. Der Laden war also geschlossen und die Tage der Ratlosigkeit waren vorübergegangen. Uhlig hatte wieder etwas festen Boden unter den Füßen. Die paar Möbelstücke, die er besaß, waren zu Tina Öffgen heraufgeschafft worden, die sich nun mit Küche und Kammer begnügte, und die Stube nach der Straße hin an Uhlig abgegeben hatte. Frau Brose war auf diese Idee gekommen. »Wo dein Mann weg ist, braucht ihr nicht soviel Platz«, hatte sie gesagt. »Ich selbst bin nicht fürs Abvermieten, aber wenn man die Person kennt, die man herein bekommt, dann kann man's schon riskieren. Uhlig ist ein fleißiger Mensch und wird pünktlich zahlen. Wo soll denn der arme Kerl auch hin? So bleibt er wenigstens im Hause.« Tina hatte Bedenken. Uhlig dagegen leuchtete der Vorschlag sofort ein. Seit Barbe Wiel Uhlig ausgezankt hatte und er statt Trostworte Vorhaltungen zu hören bekam, ging er ihr am liebsten aus dem Wege. »Wenn er denkt, daß er für seine Dummheit noch gestreichelt werden muß, dann soll er woanders hingehen«, sagte Barbe Wiel zu dem Invaliden Anton Olkers. »Er ist ein Mutterkind. Wenn er die Nase in den Wind hält, kriegt er den Schnupfen. Nachher hat man das Jammern, weil man dachte, man könnte allein mit seiner Nase was anfangen. Da heißt's dann, was soll ich nun machen? Wenn man ihm dann den Kopf zurecht setzt, zieht er ein Maul. Mir kann's recht sein, daß er nicht kommt. Ich will's gar nicht sehen.« Insgeheim aber war sie doch um ihn besorgt und ermunterte Olkers, hin und wieder bei Uhlig mit vorzusprechen. »Er hat einen Gewürzhandel«, berichtete Olkers. »Das ist auch kein Geschäft«, antwortete Barbe Wiel. Sie würde ihm bestimmt dazu geraten haben, wenn er sie vorher gefragt hätte. Aber so sagte sie: »Er hätte es lieber mit Versicherungen versuchen sollen.« »Treppauf, treppab läuft er«, erzählte Anton Olkers, »er hat seinen Laden jetzt in der Aktentasche. Manchmal hat er einen ganz hübschen Verdienst, wenn es gerade so klappt. Er besucht die Herrschaften in der neuen Altstadt.« Die neue Altstadt waren ein paar Villenstraßen, die sich am Altstädtischen Graben entlang nach dem Stadtwald hinzogen. Da wohnte auch der Direktor der Zuckerfabrik, der Uhlig einige Empfehlungen gegeben hatte. »Also treppauf, treppab«, sagte Barbe Wiel, »und bei jedem Wetter. Da soll er sich nur immer warm anziehen. Er konnte Zugluft nie vertragen. Wer stopft ihm denn jetzt die Strümpfe?« erkundigte sie sich. »Das wird wohl Tina machen«, meinte Olkers. »Die hat doch keine Zeit dazu«, antwortete Barbe Wiel. »Du kannst mir die Strümpfe mal mitbringen. Er wird wohl jetzt viel zerreißen.« Nach ein paar Tagen kam Olkers mit der Nachricht, daß Uhlig auch versuchen wollte, die Vertretung einer Versicherung zu bekommen. »Ich hab' ihn auf den Gedanken gebracht«, sagte der Invalide. »Ich denke doch wohl, daß ich es gesagt habe«, antwortete Barbe Wiel. »Wie ist es denn mit den Strümpfen?« »Das läßt sich Gitti nicht nehmen. Du sollst mal sehen, wie das Mädchen das schon versteht. Die kleinen Hände, das geht wie der Teufel.« »So, wenn man mich nicht braucht –«, ärgerte sich Barbe Wiel. Ein paar Tage lang schwieg sie hartnäckig, wenn der Invalide von Atze Uhlig erzählen wollte. Aber dann begann sie wieder sich nach ihm zu erkundigen. An dem Hause war nun ein kleines Schild angebracht worden, darauf »A. Uhlig, Gewürze und Versicherungen« zu lesen war. Der Name prangte wieder wie früher an der grauen Hausfront, kleiner und bescheidener zwar, doch freundlich und sauber in blauer Schrift auf weißem Grund. Abends saßen sie wie eine Familie um den Tisch in der Küche, Atze Uhlig, Tina Öffgen und die beiden Kinder. Jeden Abend auch wurde Tütchen in seinem gelben Käfig in die Küche geholt. Man plauderte ein halbes Stündchen mit ihm, und wenn es dann Zeit zum Schlafen für Tütchen war, wurde sein Gitterhaus mit einem großen Zeitungsbogen verhüllt. Anfangs verlangte Köppje dann immer, daß man sich nur noch im Flüstertone unterhielte, damit Tütchen nicht in seiner Ruhe gestört würde. Doch dauerte es gar nicht lange, bis Köppje als erster seine Stimme ungehindert wieder erschallen ließ. War der Invalide Olkers abends zu Besuch bei ihnen, dann durfte Tütchen ein Viertelstündchen langer wach bleiben. Olkers saß während der ganzen Zeit vor dem Bauer und versuchte durch kleine, lockende Pfeiflaute den Vogel zu irgendeiner Äußerung zu bewegen. »Sie sind schlau, diese Art Vögel«, behauptete er, »ihr werdet es eines Tages erleben. Sie fressen dann aus der Hand, lassen sich kraulen und gehen einem nicht von der Schulter. Es gibt auch einige Sorten, die singen. Er ist nur noch zu jung dazu.« Hatte man dann Tütchen zur Ruhe gebracht, begann Olkers von Barbe Wiel zu erzählen. »Du solltest mal zu ihr gehen, Uhlig. Sie hat ein gutes Herz. Da hat sie mir doch das hier für dich in die Tasche gesteckt.« Es war ein Notizblock. Sie hatte ihn bei einem Einkauf zubekommen. »Du kannst ihn gut gebrauchen, Uhlig«, sagte er. Köppje wollte gleich darin malen, aber Tina nahm ihm den Block weg und gab ihn Uhlig. »Er ist praktisch liniert«, antwortete er. »Du meinst, ich sollte mal zu ihr gehen. Sie wird mir bloß wieder den Kopf waschen wollen.« »Sie ist schon damit einverstanden, wie du dir nun alles eingerichtet hast«, beruhigte ihn Olkers. »Wenn du zu ihr gehst, brauchst du von dem Block da nichts zu sagen. Ich hab ihn mir geben lassen, weil ich mir sagte, was soll sie damit. Sie wird schon ahnen, daß ich ihn hierher gebracht habe.« Uhlig erwähnte nichts von diesem Notizblock, als er Barbe Wiel besuchte. Sie tat zuerst so, als wäre sie durch sein Fernbleiben beleidigt gewesen. Sie machte auch kein Hehl daraus, daß sie es unklug gefunden hatte, so ganz ohne ihren Rat sein Leben umgestellt zu haben. Schließlich mußte sie doch zugeben, daß Uhlig gar nicht so ungeschickt gehandelt hatte. »Ich glaub' schon, daß du bei Tina gut aufgehoben bist«, meinte sie, »wenn die Leute nichts dabei finden.« »Wieso?« fragte Uhlig verwundert. »Na ja«, sagte sie zögernd, »man hört so hin und wieder mal was. Tina ist jung und ihr Mann ist weg.« »Wie meinst du denn das?« erwiderte Atze Uhlig. »Ich selbst meine gar nichts«, sagte sie, »aber die Leute nehmen gern einen Nachbarn ins Maul.« »Was sagen sie denn?« erschrak Atze Uhlig. »Was sollen sie wohl sagen«, ärgerte sich Barbe Wiel, »du bist ein Dummkopf. Das könntest du dir doch wohl denken.« »Ach so«, fiel es Uhlig ein und er lachte. »Da muß man ja wirklich lachen. Das ist ja zum Schießen. Was den Menschen so in die Köpfe kommt.« Barbe Wiel war über diesen Ausbruch verwundert. Sie hatte geglaubt, daß sich Uhlig über das dumme Gerede, das in der Nachbarschaft aufzukommen begann, ärgern würde. Aber er lachte wie ein Kind und tippte andauernd vor seine Stirn. »Es wär' schon gescheiter, wenn du ernst bliebst«, sagte Barbe Wiel. »Man muß solchem Geschwätz den Kopf abhauen, sonst reißt es einem selbst den Kopf ab.« »Wenn's den Menschen Spaß macht«, lachte Uhlig noch immer. Barbe Wiel schüttelte den Kopf. Sie wurde unsicher. Was soll das Lachen heißen? »Ihr habt doch nichts miteinander?« fragte sie erschrocken. Atze Uhlig starrte sie an. Es dauerte ein Weilchen, bis er sich faßte. »Was soll das heißen?« rief er. »Du solltest mich doch kennen!« Er lief aufgeregt an das Fenster und trommelte gegen die Scheiben. »Da soll doch –«, schrie er. Er nahm seinen Hut und lief davon. Barbe Wiel war ganz durcheinander. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Endlich band sie ihr Tuch um und ging zu Tina Öffgen. »Ist Uhlig schon da?« fragte sie. »Ja«, sagte Tina, »er ist in seiner Stube. Er muß Ärger gehabt haben.« »Kann man ihn sprechen?« fragte Barbe Wiel. Tina klopfte an die Stubentüre und rief: »Es ist Besuch da!« Atze Uhlig kam heraus. Er sah Barbe Wiel kaum an, er sagte nur: »Du bist es.« Seine Stimme klang so fremd, daß Barbe Wiel nicht wußte, was sie vorgeben sollte. Auch stand Tina dabei und brachte sie noch mehr in Verlegenheit. So sagte Barbe Wiel nur: »Wenn du mal mit vorbeikommen könntest.« Atze Uhlig sah Barbe Wiel noch immer nicht an. Er sagte laut in die Stube: »Nein.« Tina blickte fragend auf Barbe Wiel. »Nein«, sagte Uhlig noch einmal. Da wandte sich Barbe Wiel um und ging aus dem Flur. Sie stieg langsam die Treppe hinunter, fast schwerfällig, die Hand am Geländer. Was habe ich da angerichtet, dachte sie in einem fort. Tina sah ihr nach, bis sie um den Treppenabsatz verschwunden war. Atze Uhlig saß schon wieder in seiner Stube. Vielleicht wäre Uhlig damals von Tina fortgezogen, wenn er nicht gewußt hätte, wie notwendig sie sein Mietsgeld brauchte, und wenn er sich leichteren Herzens von den Kindern hätte trennen können, von den Kindern und von Tütchen. Abends wartete Köppje schon. Er hatte immer ein Anliegen oder eine Frage. Er war stolz, daß jetzt wieder ein Mann im Hause war, mit dem man über Dinge reden konnte, von denen Frauen nichts verstanden, von Telegraphenstangen zum Beispiel und von Kanallöchern, von deren Tiefe man sich durch einen Steinwurf überzeugen konnte. Es hatte sich eine Freundschaft zwischen ihm und Uhlig entwickelt, und kam dann noch als dritter der Invalide Olkers hinzu, so war man ein Kleeblatt, das in der Küche sein Recht behauptete. Köppje fühlte deutlich, daß diese Tatsache Gitti Respekt einflößte, und daß sie es nicht mehr so oft wie früher unternahm, ihn bei jeder Gelegenheit belehren zu wollen. Er lohnte die Hilfsstellung, die ihm Uhlig ohne Wissen dabei gab, mit einer treuen Anhänglichkeit, die oft soweit ging, daß er Uhlig in den Abendstunden entgegenlief, ihn vom Rücken her mit kühnem Ansprung begrüßte und ihm mit einem freundschaftlichen Knuff die Tasche entriß, um dann mit seiner Beute stolz neben Uhlig herzugehen. Für Uhlig war so eine neue Welt aufgegangen, in die er sich durch seine Unbeholfenheit Kindern gegenüber anfänglich nur schwer gewöhnen konnte, und in der er später infolge seiner Gutmütigkeit manches zu erdulden hatte. Aber alle kleinen Unannehmlichkeiten wurden von dem glücklichen Gefühl überwogen, etwas zu bedeuten, und um der Kenntnisse willen, die man einst aus Büchern und Zeitschriften erworben hatte, geschätzt zu werden. Vor allem hatte Uhlig einen dankbaren Zuhörer, wenn er von den fremden Ländern erzählte, aus denen die Dinge kämen, die man in den Kaufläden erstehen könnte. Für Köppje war es selbstverständlich, daß alle diese Waren mit großen Schiffen über das Meer gekommen waren. Von Uhlig hörte er zum ersten Male auch etwas über die Kamele, die geduldig ihre Lasten trügen und die man in einem Bilderbuch hätte sehen können, das Uhlig früher einmal besessen hatte. Weil Köppje nicht immer der sein wollte, der staunend zuhören mußte, so erfand er sich selber Geschichten von Fischen, auf denen man reiten konnte, und von Muscheln, die so groß wären wie ein Boot. Tina hörte oft ihren Erzählungen zu und fand zuweilen ihr Lachen wieder. Gitti dagegen wollte solchen Unsinn nicht glauben, und wenn Uhlig tat, als wäre er von der Wahrheit dieser Geschichten überzeugt, konnte sie bis zum Weinen zum Widerspruch gereizt werden, bis Uhlig, um sie zu versöhnen, die Hände hinhielt, damit sie ihr Wollknäuel darüber spannen könnte. Man saß in der Küche und hatte nach den Mühen des Tages seinen guten Abend. Wie hätte man glauben können, daß es dem Schicksal gefallen würde, selbst dieses kleine Genügen anzutasten. Nun jedoch standen die Worte der Barbe Wiel wie eine jähe Mauer da, von deren Ausmaß man erschüttert war, und in deren Schatten man fror. Von jenem Tage an war Uhlig Tina gegenüber befangen. Sie fragte ihn, was er mit Barbe Wiel gehabt hätte, aber er antwortete ihr nur ausweichend. Sie merkte, daß es einen Zusammenhang mit ihr haben müßte, und sie erklärte, daß sie Barbe Wiel selbst fragen würde. »Mach es dir nicht zu wissen«, bat er, »was soll auch schon gewesen sein.« Es hatte sich im täglichen Umgange ergeben, daß sie du zueinander sagten, doch dachten sie sich nichts weiter dabei, es war das Du der Kameradschaft unter arbeitenden Menschen, die aus einer Krippe essen. Tina ließ sich bestimmen und fragte Barbe Wiel nicht. Es wird ein dummes Gerede sein, das keine langen Beine hat, tröstete sie sich. Da außerdem der Invalide Olkers nach wie vor kam, so maß sie der Angelegenheit keine Bedeutung bei, allerdings fiel ihr auf, daß Olkers es vermied, von Barbe Wiel zu sprechen. Sie mußte ihm wohl gesagt haben, daß sie mit Atze Uhlig über den Span gekommen wäre. Doch hatten die Abende jetzt ein anderes Gesicht. Sie aßen nach wie vor zusammen, aber Uhlig ging bald in seine Stube. Er schützte Arbeiten vor und war selbst oft durch Köppjes Klopfen nicht zu bewegen herauszukommen. Eines Tages brachte er auch ein paar Bücher mit und las nun die ganze Zeit über, die er zu Hause war. Er hatte sich diese Bücher für billiges Geld bei dem Lumpenhändler Timm gekauft, der ein paar Häuser hin im Kolk wohnte und als sonderbarer Kauz galt. Es hieß, daß er früher bessere Tage gesehen hätte, dann aber wäre ihm eines Nachts ein Engel erschienen und hätte ihn ermahnt, auf die Freuden dieser Welt zu verzichten. Darüber war Timm lange Zeit schwermütig geworden, denn es ist nicht leicht, das gute Leben abzutun, das man mit in die Wiege bekommen hat. Schließlich schien Timm eingesehen zu haben, daß der Engel recht hatte, und so verschwand er aus der Vaterstadt, in welcher er sein gutes und reichliches Brot gehabt hatte. Er soll dann jahrelang unstet gewandert sein, bis er endlich im Kolk auftauchte und in einem alten Hause hinten auf dem Hofe eine Niederlage mietete, darin er nun zwischen Lumpen, Abfällen und Büchern hauste. Er war so bescheiden geworden, daß er tagsüber von ein paar Pfennigen leben konnte. Wenn er die durch seinen kläglichen Handel verdient hatte, genügte es ihm, und er saß die übrige Zeit des Tages über frommen Büchern. Er war ein hilfsbereiter Mensch, der von dem wenigen, was er hatte, noch abgab. Diese Hilfsbereitschaft war es auch, um die man ihm seine Sonderlichkeit verzieh und ohne große Überwindung sogar eine gewisse Hochachtung entgegenbrachte. Von diesem Händler Timm also hatte Uhlig einige Bücher mit nach Hause gebracht. Es waren weise Bücher, deren Sinn Uhlig in seiner Einfachheit nicht erfassen konnte, in denen er aber in der Empfänglichkeit seines Herzens den Hauch seltsamer Wunder spürte. Tina glaubte, daß diese zerlesenen Bücher der Grund seines verwandelten Wesens wären. Sie brachte einmal das Gespräch darauf, aber Uhlig antwortete: »Offen gesagt, ich verstehe nicht viel davon. Ich werde mal mit Timm darüber sprechen. Ich glaube, es lohnt sich.« Die Bücher konnten also nicht schuld daran sein, daß Uhlig jetzt nicht mehr in Hemdsärmeln beim Abendbrot saß, sondern seine Jacke anbehielt, und daß er auch nicht mehr in seinem alten Schlafrock bei ihr erschien, um seinen Kaffee zu trinken. Tina hatte früher nichts dabei gefunden, wenn sie in seiner Anwesenheit im Unterrock in der Wohnung herumwirtschaftete. Jetzt gab sie auf sich acht und vermied alles, woran ein Fremder hätte Anstoß nehmen können. Sie waren durch ein Unerklärliches aus ihrem unbekümmerten Wandel aufgescheucht. Sie begannen eine Scheu voreinander zu hegen, wurden verlegen im Gespräch und oft sogar verwirrt. Sie fingen an, ihre Gedanken voreinander zu verstecken. Sie waren vor jedem Wort auf der Hut, gingen sich aus dem Wege und konnten sich das alles nicht erklären. »Guten Abend, Frau Tina«, sagte Uhlig. »Da sind Sie ja«, antwortete Tina mit Betonung. Sie war rot bei diesen Worten geworden und hantierte hastiger am Herde. An diesem Abend sprachen sie nichts weiter miteinander. Vom nächsten Tage an vermieden sie jede Anrede. »Schon zurück?« fragte Tina. »Wenn noch etwas Kaffee da wäre«, sagte Uhlig. Gitti war zu sehr mit den Handarbeiten, die sie sich ausdachte, beschäftigt, um von diesem veränderten Beieinander viel zu merken. Köppje dagegen war oft unmutig, maulte herum und gab sich erst zufrieden, wenn Uhlig ihm erlaubte, in der Stube zu spielen. Er gewöhnte sich bald an diese abendlichen Besuche, kramte in Uhligs Schrank, spielte an seiner Waschkommode und empfand das alles bald als einen Vorteil. Wenn Olkers kam, saß man zwar nach wie vor beisammen und gab sich Mühe, in ein gutes Gespräch zu kommen, aber irgendwo hakte es dann doch, man wurde einsilbiger und war nicht mehr so zufrieden wie früher. Olkers kam von Mal zu Mal mißmutiger von solchen Abenden heim. Er ärgerte sich auch über Barbe Wiel, die bedrückt einherging und in Gedanken, aus denen sie keinen Ausweg zu finden schien. »Der ganze Kolk ist verhext«, brummelte der Invalide Olkers, »man sollte mit einem Donnerwetter dazwischenfahren. Es ist wohl noch nicht genug Elend da, daß man sich auch noch gegenseitig die Köpfe verrammeln muß.« Er stelzte in seinem Zimmer auf und ab und hielt lange Selbstgespräche. Seine einzigen Erholungen waren Unterhaltungen mit Albert, der, wie er sagte, vom Knecht zum Chauffeur avanciert war. Der neue Lieferwagen war bereits gekauft und Albert bekam Unterricht, ihn zu steuern und zu behandeln. Es war ein großer gelber Kastenwagen, auf dem die Firma »Peine \& Co., Lebensmittel, Fische und Südfrüchte« prangte. Herr Schowe hatte sich als Teilhaber mit eintragen lassen, nicht etwa weil er der Zuverlässigkeit seines Schwiegersohns mißtraute, sondern weil er behauptete, daß dieses »und Compagnon« einer Firma erst das richtige Ansehen gäbe. Das zweite Schaufenster war inzwischen eingesetzt worden, das Gerüst war verschwunden, und die Handwerker des Meisters Frommhold gaben den Wänden den letzten Anstrich. Um das Geschäft aus dem Grau des Mietshauses hervorzuheben, hatte man die Fassade einige Handbreit um die Schaufenster ebenfalls mit gelber Ölfarbe bestrichen, auf der sich in einer beinah taumelnden Schräge die Worte »Lebensmittel, Fische und Südfrüchte« wiederholten. So war das Ganze wie eine Rakete, die knallend hinein in den Kolk schoß. »Man denkt immer, man hat sich verlaufen«, sagte der Invalide Olkers. »Es ist eine großstädtische Sache«, belehrte ihn Albert, »du sollst mal sehen, wie die Stadt staunt, wenn wir eröffnen. Herr Peine läßt schon kleine Fähnchen für die Kinder anfertigen, auch soll es Luftballons geben.« Es schwebte ihm wohl eine Art Volksfest vor, doch vollzog sich die Eröffnung des Ladens in gewöhnlicherem Ausmaß. Die Nachbarn kamen aus Neugier, die Kinder erhielten auch kleine Geschenke, aber in der Stadt hatte man weiter keine Notiz davon genommen, obgleich Albert den ganzen Tag mit bekränztem Lieferwagen durch die Straßen fahren mußte. Die ersten Tage war Herr Peine in weißem Kittel von morgens bis abends im Laden. Von der nächsten Woche schien es ihm jedoch zu genügen, daß der Lehrling Labesehr hinter dem Ladentisch stand. Herr Peine selbst saß in dem jetzt geräumigen Kontor und baute sein Versandgeschäft auf. Schowe leistete ihm dabei Gesellschaft und wollte seine guten Ratschläge anbringen, aber er verstummte bald vor dem Wissen, das der Schwiegersohn an den Tag legte. Oft kam Wally herein, dann unterbrach Herr Peine seine Arbeit, um die Braut in die Arme zu schließen und ihr zu versichern, daß er daran wäre, ihr Glück zu bauen. In dieser Zeit war Frau Schowe viel unterwegs. Es gab hundert Dinge, an die sie denken mußte. Die Einladungen waren verschickt, es sollte eine große Hochzeit werden, wie es sich für die einzige Tochter eines Mannes gehörte, der auf dem Wege zum Rentier war. Man hatte für die Feier einen altrenommierten Gasthof gewählt, dessen Wirt sich nun seinerseits verpflichtet fühlte, Herrn Peine mit seinen Aufträgen zu beehren. »So erwirbt man sich Kundschaft«, sagte Herr Schowe vergnügt, und um diese Geschäftsverbindung zu pflegen, ließ er sich jetzt täglich zu einem Glas Bier in dem Gasthof sehen. Hier kehrte auch die Landbevölkerung nach ihren Einkäufen in der Stadt ein, und Schowe unterließ es nicht, überall, wo sich Gelegenheit bot, auf die Vorzüge seines neuen Versandgeschäftes hinzuweisen. Während eines solchen Gespräches stutzte er plötzlich. Er hatte im Hintergrunde des Gastzimmers einen Mann gesehen, in welchem er Stam Öffgen wiederzuerkennen glaubte. Dieser Mann hatte wie ein Logiergast von der Wand einen Schlüssel genommen und war durch die Hintertüre verschwunden, ehe sich Schowe vollends von der Richtigkeit seiner Wahrnehmung überzeugen konnte. Er wollte den Wirt fragen, aber der Wirt war in den Keller gegangen, und als er wieder zum Vorschein kam, hatte Schowe über seinem Gespräch den Vorfall vergessen. Erst am Abend dachte er wieder daran und sprach zu seiner Frau darüber. »Das ist eine heikle Geschichte«, sagte Frau Schowe. »Ich wollte schon mal mit dir darüber sprechen, aber man hat jetzt seinen Kopf mit wichtigeren Dingen voll. Die Frau und Uhlig sollen sich richtig angefreundet haben, erzählt man hier. Wer weiß, was da noch alles passieren kann.« Herr Schowe sah ganz betroffen aus. »Das sind so Redereien«, antwortete er. Frau Schowe zuckte die Achseln. »Du müßtest dich als Hauswirt mal drum kümmern«, meinte sie. »Was geht das mich an?« wehrte Schowe. Seine Frau erwiderte nichts. Sie war dabei, die Speisenfolge zu studieren, die der Wirt für die Hochzeit zusammengestellt hatte. Immerhin machte sich Herr Schowe Gedanken. Er haßte nichts mehr als Unzuträglichkeiten zwischen seinen Mietern. »Mein Haus ist ein anständiges Haus«, sagte er stets, wenn man ihm mit irgendeiner Beschwerde kam. Meistens handelte es sich in solchen Fällen nur darum, daß Köppje irgendeine Unart angestellt hatte. Hier aber lag der Fall viel schlimmer. Stam Öffgen war ein Mann, der sich nichts gefallen ließ, und wenn da irgend etwas nicht stimmen sollte, konnte man befürchten, daß es nicht in Güte beigelegt würde. Schowe ging an diesem Abend noch einmal in den Gasthof, um sich zu vergewissern. Er kam aufgeregt nach Hause. »Es ist Stam Öffgen«, sagte er ärgerlich. Das war acht Tage vor der Hochzeit. Die Hochzeit sollte an einem Sonnabend gefeiert werden, damit die Gäste tags darauf sich ausschlafen könnten. Am Montag zuvor hatte Herr Schowe Stam Öffgen gesehen. Am Dienstag wollte er ein ernstes Wort mit Uhlig reden. Es war ihm jetzt klar, daß irgend etwas vorgefallen sein mußte. Weshalb wohnte Stam Öffgen sonst in einem Gasthof? Früher war er doch immer gleich zu seiner Frau gegangen. Nun, es konnte ja auch einen anderen Grund haben. – Vielleicht legte Stam Öffgen selbst keinen Wert darauf, heimzukehren. Schiffsvolk ist unbeständig, sagt man. Aber was trieb er sich dann überhaupt in der Stadt herum? Da muß man schon Genaueres erfahren, sagte sich Schowe. Es war eine unangenehme Geschichte. Seit er Atze Uhlig den Laden genommen hatte, fühlte er sich immer von einer Schuld bedrückt, wenn er seinem Mieter begegnete. Er war froh, daß ihm Uhlig nichts nachtrug. Er rechnete ihm sogar den freundlichen Gruß hoch an. Nun sollte er ihm mit einem nichtswürdigen Verdacht kommen, an dem wohl gar nichts war, und den sich nur ein paar Menschen im Kolk ausgedacht hatten, weil es für sie nichts Besseres zu denken gab. Herr Schowe war schlechter Laune geworden. Er hatte sich auf die bevorstehende Hochzeit gefreut. Er wollte eine Rede halten, er wollte sich als Brautvater fühlen, tanzen wollte er, trinken, trinken und essen. Nun war ihm da plötzlich ein Haufen Schmutz in den Weg gekehrt worden, durch den er zuvor noch waten sollte. Er überlegte, ob er nicht besser täte, im Bogen daran vorbeizugehen. Sollten die Menschen mit ihren Angelegenheiten unter sich fertig werden. Endlich entschloß er sich, es Uhlig im Vorbeigehen zu sagen. Er traf ihn auf der Treppe, tippte an den Hut und sagte so nebenbei: »Stam Öffgen ist also wieder da.« Er sah deutlich, wie Uhlig erschrak. »Ja, ja«, sagte er mit Nachdruck, »Öffgen ist da.« Uhlig starrte ihn noch immer an. »Nein«, antwortete er schließlich. »Ich habe ihn selbst gesehen«, erwiderte Schowe heftig, »er wohnt im Gasthaus. – Daß es hier keinen Krach gibt«, setzte er leiser hinzu. Seine Stimme hatte einen besorgten Klang. Dann ging er schnell die Treppe hinab. Uhlig tat ihm leid. ›Er stand da wie ein begossener Pudel‹, dachte er, ›wenn es bloß gut abgeht. Ich habe das meine getan. Ich will weiter nichts von der Geschichte wissen.‹ Auf der Straße schüttelte er plötzlich den Kopf. ›So ein Kerl, dieser Uhlig‹, sagte er vor sich hin. ›Das hätt' ich ihm gar nicht zugetraut. Sieht aus wie die liebe Unschuld.‹ Herr Schowe lachte beinahe. An diesem Dienstagabend ging Stam Öffgen nach seiner Rückkehr zum ersten Male durch den Kolk. Es regnete und die Straße war leer. Stam Öffgen ging langsam, es begegnete ihm niemand. Er blieb vor dem Hause stehen und sah zu dem Fenster empor, hinter dem jetzt Uhlig wohnte. In der Stube war Licht. Es war ein freundlicher warmer Schein hinter der zugezogenen Gardine. ›Da sitzt also Tina‹, dachte Stam Öffgen, ›sie weiß noch gar nicht, daß ich da bin. Sie weiß auch noch gar nicht, was ich von ihr will. Ich will jetzt zu ihr raufgehen, einmal muß es gesagt sein.‹ Stam Öffgen ging mit raschem Schritt bis zur Haustüre, aber dann zögerte er, nahm die Mütze vom Kopf und fuhr mehrere Male mit der Hand durch das Haar. Dann setzte er die Mütze wieder auf, machte mit der Schulter eine eckige Bewegung und ging unentschlossen die Straße zurück. An der Ecke zum Damm blieb er stehen und überlegte noch einmal. Dann dachte er: morgen. Ich will bis morgen warten. Es ist ein ekliger Weg, aber morgen bestimmt. Er ging langsam, dann mit schnellerem Schritt davon. Atze Uhlig saß noch immer verstört in seiner Stube. Er konnte es sich nicht erklären, aus welchem Grunde er über die Nachricht so erschrocken gewesen war und weshalb er noch immer nicht diesen Schreck überwunden hatte. ›Was habe ich damit zu tun? Was geht es mich an, ob Stam Öffgen wieder zurückkommt oder nicht? Herr Schowe tat ja gerade, als müßte er mich verwarnen. Daß es hier keinen Krach gibt, hat er gesagt. Was heißt das? Da hat er wohl auch von dem Gerede gehört. Ich hätte wegziehen sollen, das wäre wohl gescheiter gewesen.‹ Vor Uhlig lag aufgeschlagen eines der Bücher, die er von dem Lumpenhändler Timm erstanden hatte. Auf der Eingangsseite war ein Drache abgebildet, der sich um eine Felshöhle ringelte, in welcher ein Eremit über einem heiligen Buch saß. Der Eremit hatte ein verklärtes Gesicht. Er schien nichts von dem Untier zu ahnen, das schon den Ausgang versperrt hielt und dessen Atem die Bäume des Waldes bereits entzündet hatte. Die Vögel verließen in großen Scharen die zerstörten Nester. Sie wälzten sich wie eine schreiende Wolke flüchtend durch den Rauch. Die Tiere des Waldes jagten in großen Sprüngen davon, und das erhitzte Wasser des Quells dampfte und brodelte. In dem Antlitz des Eremiten aber lag offenbar die Seligkeit des Himmels. Dieses Bild hatte Uhlig lange betrachtet. Nun war es verschlagen, und die Buchstaben der nächsten Seiten hingen unruhig unter Uhligs Blicken. Er schlug das Buch zu und saß nachdenklich davor. In seinen Gedanken stand immer wieder die Rückkehr des Stam Öffgen. Trotz aller Begütigung stand sie da und trotz allen guten Gewissens. Sie schien auf einmal der Drache zu sein, der sich bereits vor der Türe ringelte und dessen Geifer jede Minute hereinzuwehen drohte. Uhlig stand auf, er wollte Tina vorbereiten, er wollte ihr sagen: dein Mann ist da, aber wir brauchen uns Gott sei Dank in nichts Vorwürfe zu machen. Er soll im Gasthof wohnen. Weiß Gott, weshalb er dahin gezogen ist. Wenn ihm ein Gerede zu Ohren gekommen sein sollte, so werden wir ihn überzeugen, daß nichts Wahres daran ist. Ich denke mir, er wird zurückgekehrt sein, um sich mit dir zu versöhnen. Er hat sich wohl nicht gleich hergewagt, weil er fürchtet, daß du ihm Vorwürfe machst wegen des Mädchens in Hamburg. So wird es sein. Wenn er nun guten Willens ist, sollst du es ihm nachsehen. Das wollte Uhlig zu Tina sagen. Aber als er die Türe öffnete, zitterte er und hatte das Gefühl, daß ihm jedes Wort im Kopf zerschlagen war. Er hörte Tina ruhig in der Küche hantieren, wie es ihre Art war. Er hörte Köppje lachen. Es war ein stolzes Lachen, als wäre ihm eine Arbeit gut geglückt. ›Ich will's ihr morgen sagen‹, dachte Uhlig und ging ans Fenster. Er schob die Gardine zurück, er öffnete das Fenster und fühlte den Regen auf seiner Hand. Er beugte sich etwas hinaus, denn die Luft tat ihm wohl. Der Kolk war menschenleer, nur um die Ecke zum Damm verschwand langsam eine Gestalt. Uhlig beugte sich weiter vor, aber sie war schon fort. Die Türe wurde energisch aufgerissen. Köppje stand da und hielt einen Papierdrachen in der Hand. »Er ist eben fertig geworden«, verkündete er, »morgen lasse ich ihn steigen.« Er betrachtete ihn von allen Seiten. »Es muß noch ein Schweif daran«, sagte er, »du kannst mir Papier dazu geben, weißes und buntes.« Uhlig atmete auf. Er lachte. »Das ist also der Drache«, sagte er. Man hat sich eben noch gefürchtet, hat gezittert und allerlei Böses geahnt, und auf einmal ist ein Kind da und hält das Untier, von dessen giftigem Atem man sich bedroht fühlte, als Spielzeug vergnügt in der Hand. Dem Himmel sei Dank, daß es soviel Unschuld gibt. »Das also ist der Drache«, lachte Uhlig wieder. »Sieh nur, was ich ihm für ein Maul gemalt habe«, sagte Köppje. Er zeigte auf einen breiten roten Strich, der sich zwischen zwei zittrigen grünen Kreisen, die wohl die Augen vorstellen sollten, quer über den Rücken des Papierdrachens zog. »Er wird uns alle auffressen«, sagte Uhlig. »Mich nicht«, erklärte Köppje, »er gehört mir, und ich halt' ihn am Strick. Er tut, was ich will.« »Nun soll er einen Schweif haben«, sagte Uhlig. Er kramte lustig zwischen seinen Papieren und zog allerlei bunte Zettel hervor. Auch Köppje beteiligte sich an dem Suchen. Er stöberte in dem oberen Fach der Kommode. »Laß das liegen«, ermahnte ihn Uhlig, »da sind wichtige Briefschaften bei.« Köppje legte die Papiere wieder in das Fach, nur einen beschriebenen Zettel behielt er. Es war weißes glänzendes Papier, das sich ganz glatt anfaßte. Herr Schowe schrieb immer auf solchem Papier. Ein ganzer Berg davon lag auf seinem Schreibtisch, Köppje hatte es schon oft gesehen, wenn er mit seiner Mutter die Miete bezahlte. Er hätte früher gern schon einen Bogen davon gehabt, einen sauberen unbeschriebenen, nun hatte er wenigstens diesen hier. ›Ich will ihn so kniffen, daß man die dumme Schrift nicht sieht‹, dachte Köppje. Er verbarg ihn schnell in der Tasche, damit Uhlig ihm das Papier nicht wieder wegnähme. »Ich denke, das reicht«, sagte Uhlig. Er hatte einen Stoß Zettel vor sich auf dem Tisch. Es waren bunte Reklamezettel, die noch aus der Zeit stammten, in der er einen Laden besessen hatte. Eigentlich wollte er diese Zettel als Andenken aufheben. Sie sollten ihn in späteren Jahren daran erinnern, wie die großen Geschäftsherren der Stadt einmal Wert darauf gelegt hatten, ihm, Atze Uhlig, ihre Waren anzupreisen. Nun mochte Köppje sie haben, und der Drachen würde dieses letzte Zeichen vergangener Herrlichkeit mit durch die Luft schweben lassen. Sie würden steigen und fallen, so wie es auch das Los des Menschen ist, sie würden versuchen, bis an die Wolken zu schweben und müßten sich doch einer Hand beugen, die diese ganze Pracht an einer Schnur hält und sie wieder auf die Erde reißt, wann es ihr beliebt. Köppje und Uhlig saßen da, falteten die Zettel und verknüpften sie mit dem Bindfaden. Es wurde ein herrlicher Schweif, den nun der Drachen stolz hinter sich herzog. Ehe Köppje zu Bett ging, befestigte er noch heimlich das glatte glänzende Papier des Herrn Schowe daran, mit den steifen harten Schriftzügen darauf und mit den schnörkligen Unterschriften darunter, um die Uhlig seinen Laden verlieren mußte. So war der Dienstag zu Ende gegangen. Als Uhlig am Mittwoch nachmittag nach Hause kam, ließ ihm Köppje keine Ruhe. Er hatte nur einen Gedanken, den Drachen hoch in der Luft dahingleiten zu sehen, und schon am Morgen war er erfreut gewesen, daß ein Wind sich aufgemacht hatte und durch den Kolk blies. Auf der anderen Seite des Wasserlaufes lagen die Rübenfelder, die der Zuckerfabrik gehörten und deren grünes Blättergewoge sich weithin dehnte. Von der Brücke aus kam man in einen schmalen Feldweg, der oft zu abendlichen Spaziergängen einlud. Er mündete in die große Landstraße, die von dem Lärm der Lastwagen und von dem Staub der leichten Fahrzeuge erfüllt war. Diese Landstraße war gewissermaßen die Verbindung mit der Welt, und wenn man genug hatte von der Abgeschlossenheit im Kolk, konnte man hier den raschen Atem des rastlosen Lebens genießen. Köppje bemühte sich, Atze Uhlig davon zu überzeugen, daß am Rande dieser Landstraße der geeignete Platz wäre, den Drachen in die Lüfte zu schicken. Aber Uhlig wollte nichts davon wissen. Er war stundenlang in der Stadt herumgelaufen, um seine Gewürze an den Mann zu bringen und für seine Versicherungen zu werben. Die Beine waren ihm müde. So blieb man zu herbstlichem Spiel auf der Brücke. Uhlig gab seine Ratschläge und Köppje lief, den Drachen an langer Schnur, auf dem Feldrain. Er war ungehalten, daß der Aufstieg nicht schnell genug glücken wollte, aber als der Drachen dann etwa die Höhe der Häuser erreicht hatte und über den Telegraphendraht hinausgestiegen war, jubelte er und war stolz auf sein Machwerk. An diesem Nachmittag war Stam Öffgen wieder in den Kolk gegangen. ›Es hilft alles nichts, ich werde mit ihr sprechen. Die Tage vergehen und ich muß nach Hamburg zurück. Teufel, ist man ein Mann oder ist man keiner! Ich werde sagen, das ist nun so und ich kann von dem Mädchen nicht lassen. Nun will sie partout heiraten, das mußt du einsehen. Ich meine, wir werden da eine Einigung finden. Man braucht ja nicht gleich alles zu zerschlagen. Das will ich ihr sagen. Auch noch, daß sie sich keine Sorge zu machen braucht. Wir können da einen Kahn übernehmen, man kann also selbständig werden. Das darf man nicht so von der Hand weisen. Ich will ihr das auseinandersetzen. Alles ist zu seiner Zeit richtig. Wir haben es schön miteinander gehabt, das stimmt schon, und die Kinder sind auch da, daran will ich schon denken. Aber das Mädchen, die Lisa, eine Person sag ich dir, kräftig, so und so, die geht ins Geschirr, sag ich dir, die kann Bäume ausreißen, also, das mußt du einsehen –‹ Stam Öffgen geriet mit seinen Gedanken ins Stocken. Er blieb stehen und starrte vor sich hin. Da kamen Menschen den Kolk entlang. ›Das sind doch nicht etwa Bekannte? Die brauchen mich nicht zu sehen.‹ Er trat rasch in den Torbogen, dahinter der Lumpenhändler Timm seine Niederlage hatte. Stam Öffgen stand in dem Torbogen in die Ecke gedrückt und zündete die Tabakspfeife an, damit man ihm nicht ins Gesicht sehen könnte. ›Ist nicht nötig, das gibt gleich Geschwätz.‹ Die Menschen waren vorbei. Stam Öffgen wendete sich um. Er sah einen Mann auf der Brücke stehen und neben ihm einen Jungen, der die Schnur eines Drachens in der Hand hielt. Die beiden blickten steil in die Luft. ›Das ist doch Köppje!‹ denkt Stam Öffgen. ›Köppje‹, will er rufen, aber er besinnt sich. Also jetzt ist Uhlig dabei, wenn der Drachen steigt. Im vorigen Jahre hab ich es ihm beigebracht. Sieh einer an, wie hoch der Drachen schon ist! Uhlig scheint Zeit zu haben. Er hat sich wohl zur Ruhe gesetzt. Stam Öffgen sah, daß Köppje die Schnur aufzuwickeln begann. Der Drachen kam langsam herunter. ›Er wird im Draht hängen bleiben, vorsichtig, vorsichtig! Richtig, da hängt er schon. Das hab' ich gleich gesehen. Reiß doch nicht, Köppje. Natürlich, du Dummkopf, da bleibt nun der schöne Schweif oben, bloß das gerupfte Huhn kommt herunter.‹ Stam Öffgen kann sich nicht mehr halten. Er geht schnell auf die beiden zu, er gestikuliert, er ruft ärgerlich: »Nun ist der Schwanz zum Teufel. Du konntest wohl nicht aufpassen, Uhlig!« Er kann seinen Ärger nicht unterdrücken. Köppje starrt ihn an, Uhlig starrt ihn an. Der schweiflose Drachen baumelt trübselig herunter, er schleift auf der Erde. Stam Öffgen ist verwirrt. »Da staunt ihr«, sagt er nach einem Weilchen. »Ich bin's wirklich.« Köppje hat sich noch immer nicht gefaßt. »Du kannst mir wohl nicht die Hand geben«, sagt Stam Öffgen. Aber Köppje bekommt nur den Mund auf, weit auf vor Staunen. »Bin ich ein Gespenst?« fragt Öffgen. »Mach endlich dein Maul zu. Hat einer schon so was erlebt? Da wird man angeglotzt wie ein Zirkuspferd. Ist Mutter oben?« »Sie ist waschen«, antwortet Köppje verschüchtert. Sonst ist er seinem Vater entgegengesprungen. Die Mutter hatte immer gesagt: heute kommt Vater, und dann wartete Köppje schon auf der Straße. Aber heute war der Vater plötzlich aus dem Boden gewachsen. Keiner hatte von ihm gesprochen. Aber nun war er auf einmal da und zankte, weil der Drachen verunglückte. »Das ist eine Überraschung«, sagte jetzt Uhlig. »Das habe ich gemerkt«, erwiderte Stam Öffgen. »Also Mutter ist nicht da«, sagte er. Er ging voran. Sie stiegen die Treppe hoch, Uhlig schloß sich als letzter an. »Ich wohne jetzt hier«, erklärte er, »ich habe die Vorderstube gemietet. Das ist eine Erleichterung für deine Frau.« »Das hat mir schon Brose erzählt«, antwortete Öffgen, »hoffentlich vertragt ihr euch.« »O ja«, erwiderte Uhlig. Sie standen nun in der Küche. »Hast du was mitgebracht?« fragte Köppje. Er fing an, munterer zu werden und hatte sich an den Vater gehängt. »Richtig«, sagte Öffgen, »da habe ich doch was.« Er kramte in der Tasche. Er holte ein kleines Schiff aus Zelluloid hervor und ein Stückchen Kampfer. Köppje konnte seine Neugier nicht mehr unterdrücken. Nun wurde eine Schüssel mit Wasser gefüllt und Stam Öffgen befestigte das Stückchen Kampfer an dem Schiff. Er brachte es zu Wasser und das Schiff fuhr nun aus sich am Rande der Schüssel im Kreise entlang. »Das ist was ganz Neues«, sagte Öffgen zu Uhlig. Sie neigten sich über die Schüssel und betrachteten das Schiff, das plötzlich wie von unsichtbarem Sturm herumwirbelte und dann wieder langsam seine Fahrt fortsetzte. Köppje sah bewundernd auf dieses Spiel. Er hatte alles um sich vergessen, er hing weit über dem Tisch, atemlos, und die Hände aufgeregt über dem Wasser, bereit, jede Sekunde einzugreifen, falls das Schiff kentern würde. Da ist auf einmal ein Meer mitten auf dem Tisch. Das ist kein Napf mehr, das geht über alle Grenzen. Das ist das weite, riesige Meer, nicht mit einem Zelluloidschiffchen darauf, sondern mit stolzen Dampfern, die majestätisch vorüberfahren, das Meer mit den großen Segelschiffen, die mit dem Wind um die Wette laufen, das Meer, das kühne Walfischfänger trägt und eiserne Geschwader, es war das Meer, das seine Unerschöpflichkeiten nun bis in den Kolk gesandt hatte, in diese enge Straße an schmalem Wasserlauf, bis hierher gesandt hatte, nur weil ein Junge über einem kleinen bunten Spielzeug die große Seefahrt erlebte. Köppje legte plötzlich seine Arme um den Hals des Vaters. »Ich will Kapitän werden«, sagte er. Dann hingen seine Blicke wieder unverwandt an dem Schiffchen aus Zelluloid. Die beiden Männer sprachen kaum zwei Worte miteinander. Vielleicht war es das Spiel, das ihre Gedanken gefangen nahm, vielleicht hatten sie eine Scheu voreinander, ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können. Sie waren wohl froh, daß sie über Köppjes Staunen um jedes Wort kamen. Stam Öffgen richtete sich auf. Er sah nach der Uhr. Da war also eine Stunde vergangen, eine ganze Stunde war man schon zu Hause. Er sagte: »Nun wird wohl Mutter gleich da sein«, und es fiel ihm ein, daß er dann mit ihr reden müßte. Er hatte es ganz vergessen. Man muß einen schweren Gang tun, aber ein Schmetterling kommt einem in den Weg, und sein flatternder Flügelflug, vollgetrunken von Duft und Sonne, wirft einem jede Erwägung über den Haufen. Stam Öffgen gibt Uhlig die Hand. Er streicht Köppje hastig über das Haar. »Ich komme wieder«, sagt er rasch und geht schon hinaus. Er läuft die Treppe hinunter. Er ist fort. Nach Gitti hatte er gar nicht gefragt. Das Schiffchen fuhr noch immer in der Schüssel. Köppje verfolgte jede Wendung. Er hatte wohl nicht bemerkt, daß der Vater gegangen war. Tina wartete, daß Stam Öffgen zurückkäme. Sie saß an jenem Abend lange auf dem Stuhle neben dem Herd. Sie saß bis in die Nacht auf. Es war stürmisch geworden und das Fenster klirrte. Wenn jemand nach Hause kam, schlug unten die Türe lauter zu als sonst und das Hoftor rüttelte im Zugwind und knarrte. In solchen Stunden des Wartens kommt jedes Geräusch auf einen zu. Jeder Laut scheint nur ein Vorbote dessen, den man erwartet. Es sind Schritte auf der Straße, ferne Schritte, nahe Schritte, klingen auf, klingen ab, sind da und sind vorüber und die Stille wächst wieder auf, in die der Sturm jählings hineinfährt. Er wirft die Stille zusammen wie ein altes Gemäuer, überall wehklagt ihr Einsturz. Es ist ein heulendes Weinen im Sturm, es jammert gegen das Fenster, es fröstelt sich in die Menschen hinein, es macht sie zu müde zum Schlaf. Tina wartete einen Abend und eine Nacht lang. Sie ging am Morgen nicht zur Arbeit. Sie wartete auch den ganzen Tag. Draußen war nur der Sturm und redete in vielen Stimmen. Von Uhlig wußte sie, daß Stam Öffgen in dem Gasthof wohnte. Sie wollte ihn aufsuchen und fragen, warum er sie warten ließe. Sie bildete sich ein, daß alles gut werden könnte. Nicht von Herzen aus wünschte sie es, aber sie fürchtete plötzlich allein zu stehen und niemand im Hintergrund ihres Lebens zu haben. Wie die Pflanze den Stock, daran sie gebunden ist, nicht mit dem Herzschlag ihrer Wurzel fühlt, sondern ihn nur haltsuchend mit Ranken umklammert, so empfand Tina jetzt ihre Ehe. Sie fühlte sich ohnmächtiger als sie war, und sie schien vergessen zu haben, daß das Leben sie längst aus sicherem Hafen hinausgestoßen und gezwungen hatte, das Boot alleine im Sturm zu halten. Tina Öffgen weinte an diesem Tage viel. Sie war verzagt gewesen, als müßte für sie nun ein einsamer Weg durch Nacht und Wüste beginnen. Uhlig gab sich Mühe, ihr Trost zuzusprechen. »Kannst glauben, er ist noch nicht mit sich im klaren, sonst wäre er wohl nicht weggelaufen«, sagte er. Tina sah in Tränen auf. ›Sonst wäre er wohl nicht weggelaufen‹, hoffte sie. Am Nachmittag machte sie sich auf, um zu Stam Öffgen nach dem Gasthof zu gehen. Uhlig redete ihr zu. Er war gesprächig an diesem Tage, denn er hatte bemerkt, daß jedes Wort Tina gut tat. Als sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, trat Atze Uhlig an das Fenster, um ihr nachzusehen. Sie ging langsam und man sah ihr an, daß sie tief in Gedanken war. Ihre Schultern waren schmal und es rührte Uhlig, daß sie eine schwerere Bürde zu tragen hatten, als man ihnen zutrauen durfte. Es war das erste Mal, daß er über Tina nachdachte. Sie war den Kolk hinuntergegangen. Mit jedem Schritte war sie zuversichtlicher geworden. ›Er wird schon Köppjes wegen nicht fortgehen. Es soll mir recht sein, wenn er seinetwillen bleibt. Um mich braucht er es nicht zu tun, wir sind darüber hinaus. Er wird bleiben‹ – dachte sie, ›er geht von Köppje nicht weg. Er hat ihm gestern ein Spielzeug gebracht.‹ Sie stand dann vor dem Gasthof. Sie ging vorbei und kam zurück und ging wieder vorbei und stand und wartete. Sie war von neuem verzagt geworden und fürchtete sich auch vor Stam Öffgens lauter Sprache. Sie wollte durch das Fenster in die Gaststube sehen, aber sie wagte es nicht, denn es gingen viele Menschen vorüber. Als sie dann Herrn Schowe aus der Türe treten sah, lief sie schnell davon. Sie war so hastig, daß die Menschen sich nach ihr umwandten. Sie kam auf weitem Umweg nach Hause. »Ist er hier gewesen?« war ihre erste Frage. »Nein«, antwortete Uhlig, verwundert, daß sie ihn nicht gesprochen hatte. Tina saß wieder auf dem Stuhle an der Herdseite. Sie wartete den Abend lang. Atze Uhlig war fortgegangen. Er konnte Tinas Kummer nicht mehr mit ansehen, er hatte alle Trostworte verbraucht und empfand den Widersinn, immer dasselbe zu sagen. Auch Köppje war ungeduldig, weil der Vater noch nicht zurück war. Das bunte Kampferschiff wollte nicht mehr fahren, es lag trübselig auf der Seite und Köppje wußte sich nicht zu helfen. Gitti saß still dabei. Sie hatte hilflose Augen. Ein paarmal hatte sie versucht, sich ihrer Mutter zu nähern, aber Tina war vor ihrer Berührung aufgeschreckt und hatte Gittis Hand, wenn auch nicht unfreundlich, so doch mit gedankenloser Abweisung beiseite geschoben. Nun saß das Mädchen verzagt da und war nahe am Weinen. Uhlig kam an diesem Abend später nach Hause. Er hatte gehofft, daß Tina schon schlafen gegangen war, doch hörte er von außen schon ihren Schritt. Sie öffnete sogar die Türe, sie dachte wohl, daß es Stam Öffgen wäre. Uhlig war verwirrt, er reichte Tina die Hand. Das tat er sonst nie. Nun hielt er ihre Hand und drückte sie leise. Er wurde befangen, als er merkte, daß sie Tränen in den Augen hatte, und da ihm kein Wort einfiel, strich er ihr über das Haar. Er erschrak darüber und zog die Hand hastig zurück. »Er ist nicht gekommen«, sagte Tina. Uhlig hatte ihre Hand losgelassen. »Wenn er nun schon abgereist ist«, klagte Tina, »er braucht sich doch nicht vor mir zu fürchten.« »Nein«, sagte Uhlig. »wahrhaftig nicht.« Er sah, wie sie traurig dastand, und sagte leise: »Wir wollen schon zusammenhalten.« Er war betroffen über seine Worte, doch Tina hatte sie nicht gehört. Sie schüttelte nur in Verzweiflung den Kopf. Aus seiner Stube heraus sagte er noch: »Ich könnte ja mit ihm sprechen.« Er saß dann am Tisch vor seinen Büchern und überlegte. Später, ehe er zu Bett ging, sah er noch einmal in die Küche. Tina saß noch angekleidet neben dem Herd. »Wenn es dir recht ist, gehe ich morgen in den Gasthof. Ich denke, es wird sich alles einrenken lassen.« Tina antwortete mutlos: »Es könnte ja sein.« Uhlig machte sich noch am Schrank zu schaffen. Er kramte darin, als suche er irgend etwas. In Wirklichkeit aber hoffte er, daß ihm noch einige Worte einfielen, mit denen er Tina Trost zusprechen könnte. Aber es kam ihm kein Wort, das ihr nützen könnte. So wünschte er nur gute Nacht und ging in seine Stube, noch erschrocken über den Klang seiner Stimme. Sie war rauh gewesen und es war ihm, als schlüge die Ader wie ein großer Hammer gegen seine Kehle. Es dauerte auch noch lange, bis er ins Bett fand. Er stand noch ein paarmal an der Türe, die Klinke schon in der Hand, denn er hörte deutlich, daß Tina weinte. * Am Freitag ging es in dem Hause hoch her. Frühe schon kamen Boten und brachten Blumen. Es wurden auch Geschenke abgeladen. Große Geschenke, die beinahe den ganzen Wagen für sich beanspruchten. »Heute ist Polterabend«, sang Köppje auf der Treppe. Er lief überall herum und bettelte sich Scherben zusammen, mit denen er am Abend vor Schowes Türe poltern wollte. Es war Kuchen gebacken worden, unübersehbare Bleche voll, und am Nachmittag ging Wally mit vielen Päckchen im Arm durch die Nachbarschaft. Sie teilte von dem Kuchen aus und alle freuten sich, wie schmuck die Braut in ihrem neuen Kleide aussah. Herr Peine hatte darauf gedrungen, daß Wally den Leuten den Kuchen persönlich überbrachte, weil solche Freundlichkeit, wie er sagte, dem Geschäft zugute kommen würde. Auch die ärmeren Leute sollten fühlen, daß er mit ihnen verbunden wäre. Auch bei Tina klingelte Wally. Gitti öffnete zaghaft die Türe. Sie war durch die trostlose Stimmung, von der sie seit Tagen umgeben war, verschüchtert worden. Sie machte vor Wally nur einen tiefen Knicks und blieb, ohne ein Wort zu sagen, mit dem Hochzeitskuchen lange auf dem Flur stehen, bis Köppje kam, ihr den Kuchen entriß und damit auf die Straße lief. Er hatte nun alle Taschen voll Kuchen und saß wie ein Wächter vor dem zusammengetragenen Haufen zerbrochener Tassen und Teller. Am frühen Nachmittag schon kamen Gäste. Das Klavier klimperte bei Schowes bis zum späten Abend. Man hatte sich auch ein Grammophon besorgt, und auf der Straße hörte man deutlich das Schlurfen der tanzenden Paare. Tina war auch an diesem Freitag nicht aus ihrer Wohnung herausgegangen. Sie wartete auf Stam Öffgen und hatte zwischendurch Gitti zu trösten, die nun erst wegen des verlorenen Kuchens zu weinen begann. Tina wartete auch darauf, daß Atze Uhlig zurückkommen würde. Er hatte ihr noch einmal versprochen, mit Öffgen zu reden, war in den Gasthof gegangen und sah sich nach Stam um. Er entdeckte ihn schließlich in dem Saal, darin Gärtner und Tapezierer beschäftigt waren, die Dekorationen für Wallys Hochzeit anzubringen. Es waren große Blattpflanzen aufgestellt und eine blühende Girlande mit Myrtensträußen zog sich vom Kronleuchter aus über die ganze Tafel. Der Tapezierer stand auf hoher Leiter und befestigte kunstvolle Draperien aus Seidenstoff an den Wänden. Stam Öffgen hielt die Leiter, die allzu steil aufgestellt war. Atze Uhlig sagte zu ihm: »Wenn ich dich nachher mal sprechen könnte.« Stam Öffgen antwortete, ohne ihn anzusehen: »Kannst es hier vorbringen. Es werden ja keine Heimlichkeiten sein.« Uhlig wurde unsicher, weil er sofort die Abwehr aus dieser Antwort herausfühlte. Er hatte geglaubt, mit Öffgen wie Mann zu Mann sprechen zu können. Nun stieß er gleich auf Feindseliges. So war er um eine Erwiderung verlegen und ehe er noch ein Wort hervorbringen konnte, sagte Stam Öffgen schon: »Wenn Tina dich geschickt hat, konntest du dir den Weg sparen. Ich spreche alleine mit ihr. Das kannst du ihr ausrichten.« Er hatte schon mehrere Glas getrunken, denn der Tapezierer fühlte sich verpflichtet, ihn für seine Mithilfe mit billigem Schnaps zu traktieren. Atze Uhlig merkte, daß er Tina wenig würde nützen können. Er verließ den Gasthof, aber da er es nicht übers Herz brachte, so unverrichteter Dinge zu Tina zurückzukommen, machte er noch vielerlei Umwege. Er ging am Nachmittag noch einmal nach dem Gasthof in der Hoffnung, Stam Öffgen geneigter zu finden. Die Hochzeitsdekorationen im Saale waren nun fertiggestellt, und zwischen all der Pracht saß einsam an der langen Tafel Stam Öffgen, den Kopf gestützt und die Beine weit von sich. Man hätte annehmen können, daß er schliefe, wenn nicht sein rechter Arm zuweilen hart durch die Luft gefahren wäre, als wollte er da einen Weg bahnen. Uhlig betrachtete lange den Nachdenklichen. Er stand hinter einer Säule, die jetzt ein Transparent trug, auf dem man die Worte lesen konnte: Glück und Segen allerwegen! Uhlig zögerte, Stam Öffgen anzureden. Er dachte: Ich will ihn nicht in seinen Gedanken stören. Er wird sich die ganze Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Da wird er schon zu einem Entschluß kommen. Schließlich muß jeder Mensch den rechten Weg selber finden. Diese Überlegung war für Uhlig eine gute Ausrede, denn von Anfang an hatte er die Einsicht gehabt, daß er nicht der richtige Mann wäre, bei Stam Öffgen zum Guten zu reden. Er dachte: ›Wenn Tina jetzt hier wäre, könnte wohl alles noch zurecht kommen. Ich will ihr sagen, wie ich Stam Öffgen hier gefunden habe. Es wird am besten sein, wenn ich sie hole.‹ Als Uhlig nach Hause kam, war alles schon zu spät. Man geht eine Straße entlang in dem festen Entschluß, dieses oder jenes zu tun. Aber auf einmal kommt einem eine Kleinigkeit über den Weg, die den Vorsatz zu Fall bringt und in den Gedanken eine Verwirrung anstiftet. Es ist seltsam, welcher Dummheiten sich das Schicksal bedient, um seinen Gang gehen zu können. Am Ende der Straße gegen den Kolk war großes Geschrei. Uhlig sah Gitti weinend vor einem Baum stehen, während Köppje aus Leibeskräften trillerte. Ein paar Menschen standen herum und sahen neugierig zu. Als Uhlig näher kam, bemerkte er auf der Spitze eines Astes den gelben Vogel Tütchen. Er erkannte ihn sofort. »Tütchen, Tütchen«, rief Uhlig, aber der Vogel hörte nicht darauf. Er saß da und putzte sich, bewegte die Flügel, steckte den Kopf darunter oder drehte den Hals neugierig nach allen Seiten. Es war ein lustiges Spiel, das Tütchen da trieb. Endlich flog er auf den nächsten Baum, und die Menschen folgten ihm, die Köpfe in die Luft. Köppje hatte Uhligs Hand genommen und zog ihn mit. »Wir müssen ihn wiederkriegen«, sagte er, »Gitti hat die Türe aufgelassen. Wir wollten ihm vom Hochzeitskuchen geben. Sie bekommt nachher noch ihre Prügel.« Gitti war weinend zurückgeblieben. Sie glaubte nicht mehr daran, daß man Tütchen wieder bekäme. Aber Köppje und Uhlig folgten dem Vogel, der nun mit vergnüglichem Flügelschlag von Baum zu Baum flog, die Straße entlang, an dem Gasthof vorbei, in die Stadt hinein. Sie waren schon weit weg vom Kolk. Plötzlich blieb Uhlig stehen. »Da laufe ich dem Vogel nach«, sagte er erschrocken. Er begriff nicht, wie ihn dieser kleine Flüchtling von seinem Entschluß hatte abbringen können, aber er liebte Tütchen und fürchtete, daß der Vogel im Freien umkommen würde, weil er die Freiheit nicht mehr gewohnt wäre. »Der arme Vogel«, sagte Uhlig noch und kehrte schnell um. Er lief fast nach dem Kolk zurück. Köppje aber fand Gefallen an der Jagd und rannte noch immer hinter Tütchen her. Als Uhlig die Flurtüre öffnen wollte, hörte er Stam Öffgens Stimme polternd in der Küche. Er stieg leise die Treppe wieder hinab, vorbei an Schowes Türe, hinter der Musik und Lachen war, und weil er nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, ging er in die Niederlage des Lumpenhändlers Timm. Er saß dort zwischen altem, verwittertem Hausrat und seine Gedanken waren ein buntes Durcheinander, aber auf all diesen Wegen und Irrwegen hinter seiner Stirn zuckte immer wieder Tinas Name auf. Es war keine Gestalt dahinter, es war nur wie ein Ruf, der überall in ihm laut wurde. Darüber bekam er eine große Unruhe. ›Ich hätte mich nicht durch Tütchen vom Wege abbringen lassen sollen‹, sagte er, ›ich hätte vielleicht auch in die Küche gehen sollen. Wer weiß, was er ihr alles sagt.‹ Doch war es nicht nur diese Angst und Unruhe, es war auf einmal ein wunderliches Gefühl dahinter, das man sich nicht erklären konnte, ein verwirrtes Erschrockensein wie am Abend zuvor, als man zum ersten Male einer Frau über das Haar gestrichen hatte, und in seiner unerklärlichen Betroffenheit legte Atze Uhlig die Hände ineinander und betete wie ein Kind inständig und mit langsamem Tonfall: »Lieber Gott, laß alles gut werden.« Stam Öffgen hatte Barbe Wiel im Kolk getroffen. Es war nachmittags gewesen, und sie stand an dem Feldstück, neugierig, was wohl alles am Polterabend in Schowes Haus ein- und ausgehen könnte. Nun sah sie Stam Öffgen die Straße entlangkommen. Sie erkannte ihn an der Art, wie er den Kopf trug. An seinem Gang würde es ihr kaum möglich gewesen sein, denn seine Schritte waren zögernd, wie es sonst nicht seine Art war. Er kam auf sie zu. Es war ihm wohl angenehm, sich vorher noch im nebensächlichen Gespräche Ruhe zu verschaffen, um sicherer der Aussprache mit Tina entgegengehen zu können. »Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte er zu Barbe Wiel. »Ist's meine Schuld?« antwortete sie und zuckte die Schultern. Sie war ärgerlich auf ihn, weil durch sein Fernsein der Ärger zwischen ihr und Uhlig aufgekommen war. Wenn jeder abends in das Haus ginge, wohin er gehört, gäb's weniger Kummer auf der Welt. »Du hast recht«, sagte Stam Öffgen, »ich war lange fort. Es hat sich hier auch manches geändert. Da ist ja jetzt ein funkelnagelneuer Laden.« »Es hat sich noch mehr geändert«, erwiderte Barbe Wiel, »Olkers wohnt jetzt bei mir, und heut ist da Hochzeit. Sie haben Uhlig aus seinem Laden gesetzt.« »Ich denke, er wohnt ganz gut bei Tina«, meinte Stam Öffgen nebenhin. Er war verstimmt darüber, daß Barbe Wiel kürzer mit ihm sprach, als sie es sonst an sich hatte. Barbe Wiel erschrak etwas. »Es war ein guter Ausweg für Uhlig«, sagte sie, »und Tina kann das Mietsgeld schon gebrauchen.« »Es sorgt wohl keiner für sie«, fuhr Stam Öffgen auf, »da muß Herr Uhlig kommen.« Er fühlte sich schuldbewußt, daß er Tina mit den Kindern so lange ohne Geld hatte sitzen lassen. Barbe Wiel wollte ihn begütigen. Sie sagte: »Uhlig ist ein anständiger Mensch. Ich kenne ihn von klein auf. Wenn dir jemand was zugetragen hat, so ist das bloß ein Geschwätz.« Stam Öffgen sah Barbe Wiel an, öffnete den Mund, als wollte er was Lautes sagen, aber dann pfiff er bloß. Jetzt fürchtete Barbe Wiel, eine Dummheit begangen zu haben, und sie setzte hinzu: »Du weißt ja, wie schnell einen die Nachbarn im Maul haben. Von dir schwatzt man auch so allerhand. Aber jeder soll vor seiner Türe kehren. Man weiß doch, wie's überall aussieht.« Stam Öffgen lachte plötzlich. »So also steht's«, rief er. Er ließ Barbe Wiel stehen und ging auf die Haustüre zu. Barbe Wiel folgte ihm unruhig. Sie redete beschwichtigend hinter ihm her, aber ihre Worte schienen in den Wind gesagt. Stam Öffgen beachtete sie nicht. Als er die Treppe hinaufging, scholl ihm die Musik aus Schowes Wohnung entgegen. Er sang ein paar Takte mit und sprang schließlich die Treppe hinauf. Er nahm zwei Stufen auf einmal. »Dein Galan ist wohl nicht da«, schrie er Tina an, »da können wir ja miteinander reden.« Tina war so bestürzt, daß sie keine Antwort fand. Stam Öffgen polterte nun viele Worte vor sie hin, Vorwürfe, Anklagen und Drohungen. Er redete sich da hinein, weil es für ihn so am bequemsten war, von Tina loszukommen. Als er nichts mehr vorzubringen wußte, nahm er die Mütze ab und wischte sich damit die Stirn. »Warum antwortest du nicht?« sagte er barsch. Tina schwieg. Sie sah ihn groß an. Sie sah ihn an und fand kein Wort der Erwiderung. Stam Öffgen setzte die Mütze wieder auf und trat an das Fenster. »Sprich doch«, sagte er beherrschter. Er wandte ihr den Rücken zu und sah zum Fenster hinaus. »So sprich doch endlich!« Seine Stimme hatte jetzt fast etwas Bittendes, aber Tina schwieg. Er sah in diesem Augenblick Gitti auf der Straße kommen. Sie hatte die Hände vor den Augen. Anscheinend weinte sie. Er fürchtete sich, daß das Kind in die Stube treten könnte. Er wandte sich jäh um. »Es hilft alles nichts, das muß nun ein Ende haben. Ich geh' wieder nach Hamburg. Das ist am besten.« Er warf die Tür hinter sich zu und ging schnell die Treppe hinab. Er ging so schnell, daß er nicht die Musik hinter Schowes Türe hörte. Aber als er unten im Flur war, hörte er ein Schreien. Es war Tina. Sie heulte wie ein Hund. Stam Öffgen stolperte über die Schwelle in die Straße. Er stand plötzlich vor Gitti, die ihn anstarrte. »Lauf zu Mutter, sie ist krank«, sagte er schnell. Dann ging er rasch den Kolk entlang in die Stadt. Unterwegs traf er Köppje, der von der erfolglosen Jagd hinter Tütchen zurückkam. Stam Öffgen war darüber etwas yerwirrt, er machte vor dem Jungen ein verlegenes Gesicht. Köppje sagte: »Es ist gut, daß du da bist. Tütchen ist weggeflogen, und das Schiff ist schon kaputt. Du kannst es gleich machen.« Er sagte das so forsch, daß Stam Öffgen lachen mußte. »Ich will dir einen anderen Vogel kaufen und ein neues Schiff sollst du auch haben«, und er fügte nachdenklich hinzu: »Was kaputt ist, ist kaputt.« Köppje sprang neben seinem Vater her. »Was meinst du«, sagt Stam Öffgen, »wenn wir beide nach Hamburg reisten? Da sind große Schiffe. Tausendmal so groß wie das Sandschiff im Kolk.« Köppje bekam ein strahlendes Gesicht. »Wir wollen nach Hamburg!« schrie er. Stam Öffgen hatte ihm seinen Arm um die Schulter gelegt. »Du sollst mal ein richtiger Matrose werden«, versprach er. »Kapitän«, verbesserte ihn Köppje. »Natürlich Kapitän«, lachte Stam Öffgen. Im Gasthof setzte er sich hin und schrieb ein paar Zeilen an Tina. Er schrieb: »Ich habe Köppje mitgenommen, damit du keine Last mit ihm hast. Gitti kann dir schon zur Hand gehen, aber solch Junge ist ungeschickt fürs Haus.« Das schrieb er langsam und mit vielfachem Stocken. Er hatte Köppje bunte Bleistifte gekauft, ein rotes Blei und ein blaues. Damit saß Köppje am anderen Tisch und malte. Er malte hohe blaue Wogen und kleine rote Schiffe darauf, aber eines hatte ein großes Segel. »Das ist meins«, sagte er später zu Stam Öffgen. Den Brief hinterlegte Stam Öffgen beim Wirt. Er sollte ihn Tina am nächsten Tage aushändigen. Als Atze Uhlig Stunden später nach Hause kam, fand er Tina in großer Aufregung. Es war schon spät, und Köppje war noch nicht zurückgekommen. Darüber hatte Tina allen Schmerz, den ihr Stam Öffgen zugefügt hatte, zurückgestellt. Sie hatte den Jungen durch Gitti in der Nachbarschaft suchen lassen, aber es war erfolglos geblieben. Nun wollte sie selber sehen, ob sie Köppje fände. Atze Uhlig beruhigte sie. »Er wird schon kommen. Unten liegen ja die Scherben, womit er bei Schowes poltern wollte. So was vergißt ein Junge nicht.« Als sie dann später auf der Straße Klirren und Spektakeln hörten, hofften sie, daß Köppje darunter wäre. Tina stürzte auf die Straße. Es war ein ganzes Rudel Jungens, das mit lautem Geschrei Töpfe und Tassen gegen die neue Ladentüre warf, bis Frau Schowe ärgerlich das Fenster öffnete und herauszankte, und Herr Peine Albert beauftragte, ein paar Latten vor die Türe zu stellen, damit die Farbe nicht ruiniert würde. Die Jungens warteten noch ein Weilchen, ob sie nicht ihr wohlverdientes Stück Kuchen erhielten, aber Frau Schowe zankte noch immer auf den wilden Unfug, wie sie es nannte. So trollten die Jungens schließlich davon. Köppje war nicht unter ihnen gewesen. Tina schrak plötzlich zusammen. Ihr war eingefallen, daß vielleicht Stam Öffgen Köppje auf der Straße getroffen hätte. Dieser Gedanke schreckte sie so, daß sie ihre Befürchtung kaum herausbringen konnte. »Er hat Köppje mitgenommen«, schluchzte sie. »Ängstige dich nicht«, sagte Uhlig, »ich will in den Gasthof gehen. Er soll den Jungen schon herausgeben, wenn er ihn hat.« Aber Uhlig traf weder Stam Öffgen noch Köppje in dem Gasthof. »Sie sind schon abgefahren«, sagte der Wirt, »der Junge konnte kaum die Zeit abwarten. Hier ist übrigens ein Brief für die Frau. Den könnten Sie gleich mitnehmen.« Uhlig steckte den Brief in die Tasche. »In der Ehe stimmte es ja schon lange nicht mehr«, sagte der Wirt, »ich habe Öffgen zugeredet, ein Junge gehört zum Vater.« »Ja, ja«, sagte Uhlig tonlos, »so ist es wohl.« »Natürlich ist's so«, rief der Wirt, »die Frau wird froh sein, wenn sie einen Mund weniger satt machen muß.« Er hatte zwei Glas Bier eingeschenkt und schob Uhlig eins hin. »Trinken wir auf die Aufregung«, sagte er. Er stieß sein Glas gegen Uhligs und leerte es auf einen Zug. Dann wandte er sich anderen Gästen zu. Uhlig kam niedergeschlagen nach Haus. Er hatte sich unterwegs alles zurecht gelegt, was er Tina Gutes sagen wollte. Nun öffnete er die Türe, und im gleichen Augenblick war es ihm, als wären alle Worte weggeblasen. ›Was wollte ich doch Tina sagen?‹ dachte er. Er sah sich um und war froh, daß Tina nicht in der Küche war. Er brachte mit Mühe ein paar Sätze wieder in Gedanken zurechf und ging dann in die Stube. Auf Gittis Bett saß Tina. Der Kopf war ihr vornüber gefallen. Eine dumpfe Müdigkeit hatte sie übermannt. ›Sie schläft‹, dachte Uhlig, ›ich will sie nicht wecken. Es ist gut, daß sie schläft, es wird ihr wohltun.‹ Er legte den Brief auf die Kommode. Da wird sie ihn gleich sehen. Ich will wach bleiben, damit ich zur Hand bin, falls mit dem Brief was ist. Er ging leise, auf Zehen, in seine Stube, zog einen Stuhl neben die Türe und setzte sich. Ich will wachbleiben, wiederholte er mehrmals, als wollte er es sich einhämmern. Durch die Diele von unten drang die Musik. Man tanzte bei Schowes und war lustig. Man spielte einen Walzer nach dem anderen. Man sang dazu und klingelte mit den Gläsern. Es wurde auch eine Rede gehalten. Das alles hörte Uhlig. Er hörte auch Herrn Peines Stimme, die heute einen schneidigen Klang hatte. Von vielen Seiten war an seine Hochzeit gedacht worden, auch der Direktor der Zuckerfabrik hatte Blumen geschickt, und sein früherer Chef ließ ihm sogar durch den Buchhalter einen Tafelaufsatz überreichen. »Wir werden unsere Firma schon in die Höhe bringen«, sagte Herr Peine, »ich hoffe, daß wir schon im nächsten Jahre eine Filiale in der Stadt errichten können.« Der Lehrling Labesehr, der an diesem Tage für kleine Dienste zur Hand sein mußte, stieg von Zeit zu Zeit in den Keller hinab, holte ein paar neue Flaschen oder eine frische Kiste Zigarren. Er hatte eine aufgestülpte Nase und trug die Haartolle mit Wasser an die Stirn gekleckst. Er hatte so dichtes Haar, daß er den Scheitel fast bis zum Kragen ziehen konnte. Wenn er die Treppen herauf und herunter ging, pflegte er laut zu pfeifen. Auch dieses Pfeifen des Lehrlings Labesehr hörte Uhlig. Er hörte auch Schowes dröhnendes Lachen. Frau Schowe war dieses Lachen oft unangenehm. Wenn sie ihn dessen verwies und er guter Laune war, sagte er wohl: »Man soll gleich wissen, wer vor der Tür steht.« Auch dieses Lachen hörte Uhlig. Doch mit der Zeit wurde es ein Mischmasch von Tönen und Geräuschen, und endlich war es vor seinem müden Ohr wie das Auf und Ab eines Wassers. Es brodelte zu ihm, und mit jeder Sekunde machte es ihn schläfriger. Hin und wieder fielen ihm die Augen schon zu. Er glaubte, dann Schritte nebenan zu hören, richtete sich hoch und horchte. Er sah auch in die Küche, aber da war niemand. In Tinas Kammer brannte kein Licht. Sie schlief also noch. Uhlig saß wieder neben der Türe, vorgeneigt und mit schlaffem Willen. Unten kreischte schwerfällig die Tür. Auf einmal war ein Schrei auf der Straße. Kein entsetzter Schrei, kein ängstlicher Schrei. Es war ein beinahe singender Schrei. Lang und hinschaukelnd. Manchmal haben Straßenverkäufer solche Rufe, manchmal auch Viehtreiber. Das fiel Uhlig zuerst ein. Aber es war eine Frau, die schrie. Er hörte es deutlich. Manchmal rufen Frauen über das Feld hin so nach ihren Kindern. Uhlig lauschte. Es ist sonderbar, daß eine Frau nachts so auf der Straße schreit. Nun, sie wird zu Schowes Gesellschaft gehören und sich einen Spaß machen. Er horchte, ob der Schrei wiederkehre. Er mußte ein Weilchen warten, dann hörte er ihn zum zweiten Male, entfernter schon, und schließlich ein drittes Mal, wieder näher heran. Was ist das seltsam, eine Frau macht sich nachts den Spaß, im Kolk auf und ab zu gehen und zu schreien. Sie müssen tüchtig gefeiert haben. Plötzlich aber überfällt Uhlig eine Unruhe. Er sieht zum Fenster hinaus. Von Schowes hellen Fenstern ist die Straße erleuchtet. Er sieht eine Frau sich entfernen. Sie trägt ein großes Bündel im Arm. Es ragt ihr über die Schulter. Es kann auch ein Kind sein, so wenigstens trägt sie es. Vielleicht ist es auch ein Kind, warm in ein Tuch gehüllt. Uhlig beugt sich weit vor. Tina? denkt er, nur eine Sekunde, Tina? Nein, sie ist es nicht. Diese Frau da hat einen breiten, etwas schaukelnden Gang, Seeleute haben ihn so, wenn sie über das Deck ihres Schiffes gehen. Sie behalten das auch am Lande bei. Stam Öffgen geht so ähnlich, denkt Uhlig. Aber er ist unruhiger als vorher. Plötzlich läuft er in die Kammer. Er nimmt keine Rücksicht. Er zündet ein Streichholz an. Gitti schläft, schläft ganz fest und mit ruhigem Atem. Aber Tina ist nicht da. Nur der Brief liegt da, gelesen und zerknittert. Tina, schreit es plötzlich in Uhlig. Er ist schon auf der Treppe. Im Hausflur, zusammengerollt, an die Wand gelehnt, hatte ein Teppich gestanden. Eine Brücke nennt man es auch, die bis zum Wagenschlag über die Steine gelegt werden sollte, wenn die Hochzeitskutsche kam. Nun ist es auf einmal kein Teppich mehr. »Köppje«, sagt Tina zu ihm und streichelt darüber. Sie hat den Teppich wie ein Kind im Arm und läuft über den Kolk. »Köppje, Köppje«, hat sie ein paarmal geschrien. Es ist viel Licht in Schowes Fenstern. Es ist Musik und frohes Wort. Der Kolk ist heut nacht eine festliche Straße. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Das Geländer zum Wasser ist kalt. Es ist schon Herbst. Morgen ist Herrn Peines Hochzeitstag. Seine Eltern haben vor vielen Jahren am gleichen Tage geheiratet. Er ist ein getreuer Sohn, es ist auch eine gute Familie. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Wally trägt heute ein gelbes Kleid und morgen ein weißes. Sie hat heut einen roten Kranz aus kleinen runden Kugelrosen und morgen einen grünen mit weißen Myrtensternen darin. Es ist ein runder Kranz, ein grüner, runder Myrtenkranz. Tinas Kranz ist offen gewesen, der Herr Pastor wollte das so, weil Gitti schon unterwegs war. Gitti ist nun ein verständiges Mädchen. Sie kann nähen und kochen. Morgen sollte sie Blumen streuen. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Die Brücke am Kolk ist hölzern und hohl. Sie klingt wie ein Faß, wenn Olkers darüber geht. Er muß nun schon sechzig sein. Er hat sich das Bein im Dienst zerstoßen. Fünfzehn Jahre hat er bei Schowe gewohnt. Er hörte nachts das Pferd im Stall, und die Schwalben zirpten am Fensterbrett. Er hat immer pünktlich die Miete gezahlt. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Stam Öffgen ist fort, und Uhlig schläft. Stam Öffgen kommt wohl nicht wieder. In Hamburg soll er ein Mädchen haben. Der Kahn fährt lange. Hamburg ist weit. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Das Wasser ist blaß, wo das Licht hinfällt. Wie tief ist das Wasser im Kolk. Es ist so weich, wenn ein Boot drüber fährt, dann schmiegt es sich hin und biegt sich und schleift. Es ist so hart, wenn ein Stein reinfällt. Dann klirrt es und knurrt und beißt und frißt. Es hat das Wasser wohl zweierlei Herz, ein hartes Herz und ein gutes Herz. Das Wasser ist schwarz und das Wasser ist blank, das Wasser ist weiß, wo ein Licht hinfällt. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Die Brücke hat einen Halt aus Holz. Zwei Schienen sind zur Seite gespannt. Man beugt sich darüber, die Schiene knarrt. Es knarrt das Brückenholz unterm Herz. Vom Wasser kommt wohl ein kalter Strom, der fließt hinauf zum Brückenholz. Er fließt eiskalt über Hals und Gesicht. Das schwarze Wasser hat kein Blut. Es bebt kein Aderschlag darin. Das schwarze Wasser hat kein Herz, es ist nur Glas und bricht entzwei. Ich halte dich fest im Arm, mein Kind. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Wo hast du heut dein blondes Haar, wo hast du heut den frischen Mund? Wo sind die Händchen, wo dein Bein? Was lachst du nicht und sprichst du nicht? »Lach doch, lach doch«, schreit Tina. Ich setz dich nun aufs Brückenholz, biege, biege dein Beinchen. Ich will dich wiegen die ganze Nacht. Gib mir, gib mir dein Händchen. Wo hast du Händchen und Beinchen nur, wie soll ich dich halten und fassen? Du tanzt mir ja unter den Armen hindurch. Du springst mir ja noch von dem Brückenholz. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Wo bist du geblieben? Das Wasser zankt. Das Wasser sprang mir wohl gar auf die Hand. Warum ist das Wasser so böse? Wo bist du geblieben? Das Wasser ist still. Du sitzt ja nicht mehr auf dem Brückenholz. Das Holz ist schon kalt, und das Wasser ist fort. »Köppje, Köppje«, schreit Tina. Es ist noch immer Musik im Kolk. Es ist noch immer viel Licht im Kolk. Morgen ist Hochzeit für Wally. Sie warfen heute die Tassen tot. Sie warfen heute die Kannen tot, die Tassen und Kannen und Töpfe. Die Scherben sprangen die Tür hinauf, die Scherben fraßen die Farbe auf. Es lachten und starben die Töpfe. Es ist keine Bank am Brückenholz, wenn man müde ist, wohin setzt man sich dann? Es ist keine Bank am Brückenholz, nur zwei kalte Steine. Man setzt sich lange, der Weg ist weit. Der Weg ist weit vom Brückenholz bis auf die Steine hinunter. Man setzt sich nicht, man fällt so hin. Es ist ein langer, langer Fall. Wie weit ist's doch vom Brückenholz bis auf die kalten Steine. Das ist ja eine ganze Welt, das ist ein ganzes Leben lang, das ist schon eine Ewigkeit. Man ist ein Kind und spielt und singt. Der Vater hatte ein rundes Gesicht und eine blaue Mütze. Die Mutter trug immer ein graues Kleid, sie hatte auch ein Häkeltuch, und sonntags, wenn's zum Walde ging, eine große Tasche. Das Zuckerbrot, das Mandelbrot, das ist nun längst gegessen. Die dünnen Schuhe sind vertanzt, die hellen Tage sind verwacht, die Träume sind verschlafen. Nun ist nur noch ein langer Fall, ein tiefer Fall, ein müder Fall auf die kalten Steine. Es ist noch immer Musik im Kolk. Es ist noch immer viel Licht im Kolk, aber die Steine sind dunkel. Herr Schowe hat einen weichen Stuhl. Frau Schowe hat ein warmes Bett, aber kalt sind die Steine. Herr Peine trägt schon den Hochzeitsrock, und Wally trägt schon den Schleier. Sie tanzten ihren Kranz entzwei, den roten, roten Rosenkranz. Sie tanzten eine ganze Nacht, auch morgen wollen sie tanzen. Nun ist wohl gar ein kleiner Stern, ein heller Stern, ein guter Stern über der kalten Brücke. Der leuchtet wie ein Kinderblick, ein Kinderauge leuchtet so. So klein und hell, so klein und gut. »Köppje, Köppje«, stöhnt Tina. Nun schlägt eine Uhr. Aber wo schlägt die Uhr? Sie schlägt irgendwo in der Mitternacht. Nun ist es schon über zwölf und eins. »Sollte man's glauben«, lacht Anton Olkers, »sie haben mir einen aufgehuckt. So ein Luder, der Wirt. Anton, Anton, paß auf. Fünf Glas sind zu viel für dich. Was, noch ein sechstes? Daß wir mal ein gutes Gedenken haben, prost! Das geht ja heute wie der Wind, so die Straße lang. Sonst will das Bein sich immer ziehen lassen, aber heut ist's voraus. Nicht so flink, nicht so flink, du lahmer Gaul. Kommst früh genug in den Stall. Jetzt schlägt's nach rechts aus und jetzt nach links. Was ist dem lahmen Bein bloß in den Kopf gestiegen? Hat man so was schon erlebt! Sechs Gläser Bier, und der Lahme tanzt. Nun langsam, langsam, die Ecke rum. Wir sind gleich zu Haus. Da ist schon der Kolk. Der alte Kolk lebt immer noch. Auch wenn solch Gernegroß kommt und Peine heißt. Er nennt sich Chef. Haha, so 'n Chef. Der Chef ist nicht da, sagt der Schwengel zu mir. Der Chef ist heute nicht zu sprechen. Er hat wohl die Hose gestrichen voll Stolz? Sag deinem Chef, Herr Olkers ist da. Er hat mir meine Stube gestohlen. Er hat mir meine Küche gestohlen. Ich habe immer die Miete gezahlt. Ich habe hier fünfzehn Jahre gewohnt. Ich hörte nachts das Pferd im Stall. Jawohl. Ihr macht den ganzen Kolk kaputt. Herr Peine hin, Herr Peine her, hier kommt der alte Olkers. Das lahme Bein ist heut vergnügt, es hat sechs Gläser Bier gekriegt. Hoppla, rum um die Ecke! Hier ist ja heute so viel Licht! Was schlaft ihr nicht, ihr Rackerzeug? Die Hosen aus, und marsch ins Bett. Wer schreit da noch, wer macht Skandal? Das Maul gehalten! Jetzt ist Nacht! Du schreist manchmal, du Querulant? Ich komm gleich hin, jetzt komm ich hin. Du steckst dich hinters Brückenholz? Heraus mit dir! Ich krieg dich doch! Ich seh dich doch! Da sitzt du ja, da hockst du ja, da liegst du ja! Du denkst, ich habe keinen Blick? Steh auf und marsch. Stell dich nicht an. Du tust wohl so, als wärst du tot. Das könnt dir passen, einfach tot. Der Tod kost't mehr als 'nen Sechser! Steh auf, die Steine sind doch kalt, du machst dir bloß die Lunge schwach. So red doch mal. Wer bist du denn? Ich hab sechs Gläser Bier gehabt, darum fällt mir das Bücken schwer. Ich kenn dich doch, wer bist du gleich? Nimm deine Arme vom Gesicht. Nun steh doch auf und rede doch. Du liegst so still, du bist doch nicht –? Tina, Tina!« schreit Olkers. In dieser Nacht um Uhrer eins wachte der Lumpensammler Daniel Timm aus dem Schlaf auf. Er schob die Decken und Lumpen beiseite und stieg von der Bettstatt. Er zündete ein Licht an und zog seinen Mantel über. Weil er noch Schlaf in den Augen hatte, fuhr er mit der Hand in die Kanne und netzte seine Augen. Er stand dann ein wenig verwundert mitten in dem Raum und konnte sich nicht erklären, aus welchem Grunde er aufgestanden war. Als er darüber nachdachte, fiel ihm ein, daß er im Traume dreimal ein Klopfen an der Türe gehört hätte. Er wartete darauf, daß dieses Klopfen sich wiederholen sollte. Aber es blieb still. Wenn es im Traume klopft, so hat dieses Klopfen eine tiefere Bewandtnis als das tatsächliche. Wenn man im Traume ein Licht anzündet, brennt es heller als das wirkliche. Und wenn einem im Traume ein Wort zugerufen wird, ohne daß man den Mund sieht, der es ausspricht, so darf man wohl glauben, daß es eine hohe Botschaft bedeutet. »Ich habe das Klopfen deutlich vernommen«, sagt Daniel Timm. »Ich halte mich bereit, um gewärtig zu sein.« Wie er nun so lauschend dastand, hörte er plötzlich, daß ein Mann draußen zweimal einen Namen schrie. ›Das wird es sein‹, dachte Timm, und er ging ohne Furcht auf die Straße. Das Licht hielt er angezündet in der Hand. Er sah nun, daß ein Mann an der Brücke stand, der mit den Armen wie in Verzweiflung durch die Luft fuhr. »Er ruft nach einem Menschen«, sagte Daniel Timm und ging auf die Gestalt zu. Der Kolk war noch immer hell von Schowes Fest, und seine Schritte waren von der Musik begleitet, die gedämpft aus den Fenstern drang. Als er nahe genug heran war, sah er, daß der Invalide Olkers an der Brücke lehnte. Er sah auch, daß eine dunkle Gestalt auf den Steinen davor lag. »Es ist Tina«, flüsterte Olkers ängstlich. »Es ist Tina. Timm gab ihm das Licht in die Hand und versuchte die Liegende aufzurichten. Sie schien so leblos, daß sie keinen Halt mehr in sich hatte, und Timm überlegte, wie man sie fortschaffen könnte. »Ich bin stark«, sagte Anton Olkers plötzlich. Er hatte gesehen, wie sich Timm mit der Frau mühte. Jetzt war das Bier verflogen und die Worte waren verflogen, und es waren nur noch zwei Hände da, zwei sechzigjährige Hände, die sich Mühe gaben, zuzupacken wie junge. So brachten sie die Frau hoch und sie brachten sie in die Niederlage, darin Timm seine Lumpen aufbewahrt hatte. »Wir wollen sie nicht nach Hause schaffen«, hatte er gesagt, »das gibt bloß Aufstand. Sie sind bei Schowes noch mitten im Fest.« Nun hatten sie Tina auf Timms Bettstatt gelegt, mit Decken zugedeckt und alten Tüchern, mit verkratzten Wolldecken und zerfransten Lappen. Als sie so weich gebettet lag im alten Zeug, streckte sie sich, und ihr Kopf fiel schlaff hintenüber. Timm saß neben ihrem Lager und beobachtete ihr Gesicht. Olkers stand unschlüssig in der Ecke. Er überlegte, ob es gut wäre, Uhlig Bescheid zu sagen, aber er wußte nicht, ob er sich von diesen Augenblicken, die vielleicht letzte sein könnten, trennen dürfte. Daniel Timm bewegte die Lippen, doch verstand Olkers nicht, was er betete. Als nun Tinas Kopf leblos zurücksank, sagte Daniel laut: »Wenn der Mensch eingeht in die Ewigkeit, ist das Herz Gottes wieder in die Mitte gestellt.« Olkers glaubte, daß Tina nun tot wäre, und so trat er leise dicht heran, blickte auf die Liegende und sagte schließlich aus einem tiefen Nachdenken heraus: »Vom Himmel hoch, da komm ich her.« Es war das Lied, das er weihnachts als Kind gesungen hatte, und nach einem sechzigjährigen Leben fiel es ihm nun wie ein Engelswort ein. Timm beugte sich zu Tina. Er bewegte die Hände. Vielleicht wollte er ihr die Augen zudrücken. Aber im gleichen Augenblick öffnete sie weit den Blick, und es lag eine tiefe Verwunderung darin. Sie versuchte sich etwas aufzurichten und sich in dem Raume umzusehen. Daniel Timm hatte ein verlegenes Gesicht. Er sah den Invaliden Olkers von der Seite an, prüfte dessen Ausdruck, und als er sah, daß es wie eine Enttäuschung um den alten Mund lag, sagte er zu ihm leise: »Das Tor der Herrlichkeit hat sich wieder zugetan. Wohin aber sollen wir wandeln?« Olkers lachte auf einmal. »Da hat sie uns ein Schnippchen geschlagen. Sie lebt. Wahrhaftig, sie lebt.« Er war ganz außer sich vor Freude: »Das war ein Tag heute, sechs Glas Bier und nun das!« Er hatte den Arm unter Tinas Kopf geschoben. »Ja, ja, da wunderst du dich. Sieh dich nur um. Hier ist's wärmer als auf den Steinen.« Daniel Timm hatte alle frommen Gedanken beiseite getan, stand vor seiner Kochbank und bereitete warme Milch. Als er sie Tina zu trinken geben wollte, war sie schon fest eingeschlafen. »Wir wollen sie nicht wecken«, sagte er, und er teilte die Milch in zwei Tassen, gab Olkers eine und trank aus der anderen. Draußen im Kolk waren jetzt viele laute Stimmen. Es waren Schowes Gäste, die lustig nach Haus gingen, Sie sangen und tanzten wohl noch auf der Straße. Man hörte ihre Zurufe und ihr Gekreisch. »Was wissen sie von einer Nacht«, sagte Timm. »Sie sind alle besoffen«, sagte Olkers. Dann saßen sie wieder schweigend an Tinas Bett. In dieser Nacht lief Atze Uhlig ruhelos umher. Als er gesehen hatte, daß Tina nicht in der Kammer war, hatte er sich daran gemacht, sie zu suchen. Er war aufgeregt den Kolk entlanggelaufen. In seiner Unruhe hatte er die Kauernde an der Brücke nicht bemerkt. Er war weiter gelaufen, den Unterdamm entlang und den Oberdamm, hier und da hatte ihn die Gestalt einer einsam Gehenden irregeführt. Er war bis zu dem Gasthof gelaufen, hatte geforscht und gesucht, war schließlich angstvoll umgekehrt und saß nun ratlos in seiner Stube, von jeder Minute erflehend, daß sie Tina zurückbringen möchte. Erst am frühen Morgen klopfte es. Olkers stand vor der Türe. »Schon früh auf heute?« fragte er. »Wo ist Tina? Weißt du was?« fragte Uhlig hastig. »Ich hab überall gesucht. Die ganze Nacht.« »Darum komm ich ja«, antwortete Olkers umständlich. »Wir haben sie auf der Brücke gefunden, und nun ist sie bei Timm. Sie will nicht in ihre Wohnung.« Er wollte noch dies und das erzählen, doch Uhlig war schon voraus gelaufen, und ehe Olkers noch aus der Haustüre war, stand Uhlig schon an Tinas Lager. Als er sie blaß daliegen sah und mit müdem Gesicht, die Augen halb geschlossen, die mageren Hände lang auf der Decke, überfiel ihn ein Weinen. »Sie hat viel durchgemacht«, sagte er schließlich zu Timm. »Wir wollen sie in Ruhe lassen«, antwortete der, und die beiden Männer gingen leise hinaus und setzten sich vor die Tür der Niederlage. Nun kam Olkers dazu. »Da war ja der Skat fertig«, sagte er. Er konnte seine Lustigkeit nicht verbergen, daß mit Tina alles so gut abgelaufen war. Er schwatzte unaufhörlich und erzählte nacheinander alles, was er so im Laufe seines Lebens erlebt hatte. Es war nicht viel gewesen, doch das Wenige hatte er bis in alle Einzelheiten im Gedächtnis behalten. Timm ordnete gleichmütig die Abfälle, und Uhlig saß zurückgelehnt da. Er fühlte sich wie damals in der Kindheit, als er nach einer langen Krankheit zu genesen begann. Während sie so saßen, hörten sie einen flatternden Schrei vom Kolk her. »Die Möwen«, rief Uhlig. Er war aufgesprungen und lachte. »Die Möwen sind da«, schrie Olkers und humpelte davon. Er stand dann mit Uhlig am Wasser. Auf dem Brückenholz saßen die ersten Möwen. »Nun ist ein Jahr um«, sagte Uhlig. Er rechnete oft die Zeit nach der Ankunft der weißen Seevögel. »Es hat's in sich gehabt«, sagte Olkers, »also die Möwen sind da.« Er ging nachdenklich fort. Nachmittags stand der Kolk voller Menschen. Die Hochzeitskutsche hielt vor Schowes Haus, aber Herr Peine war sehr zornig eingestiegen, denn der Teppich war fort, der über die Steine gelegt werden sollte. »Gestohlen«, sagte er zu Wally im Brautwagen, »es ist eine rüde Gegend. Wir hätten uns wo anders niederlassen sollen.« Es hielt auch noch eine zweite Kutsche im Kolk. Herr Schowe nahm darin Platz mit seiner Frau, die ein lila Atlaskleid trug. »Da haben sie uns wieder mal den Teppich gestohlen«, sagte Frau Schowe, »jeden Tag ist was verschwunden. Du mußt es sofort bei der Versicherung anmelden.« »Ja, ja, ja«, sagte Schowe. Er war noch fidel vom Abend vorher. Er hatte getrunken und sein Tänzchen gemacht, und nun wollte er auch die Hochzeitsrede halten. Dafür hatte er schon ein paar Witze parat. Gitti hatte scheu in der Ecke gestanden. Nun war es nichts geworden mit dem Blumenstreuen. Uhlig hatte sie am Vormittag zur Mutter geholt, und sie war lange bei ihr gewesen, bis draußen die Kutsche vorbeirollte. »Nun wird die Braut geholt«, sagte Gitti. »Sieh's dir an«, hatte Tina leise geantwortet, »lauf nur.« Es war fast das einzige, was sie den ganzen Tag über gesprochen hatte. Nur das hatte sie noch gesagt, daß sie bei Timm bleiben wollte, wenn es ihm nicht ungelegen wäre. Sie fürchtete sich vor ihrer Stube. Das konnte Gitti nicht begreifen. Sie war traurig, weil die Mutter nun in dem Lumpenkeller schlief, wie die Kinder Timms Behausung nannten. Sie kam nicht gerne dorthin, und so war sie froh, daß sie nun die Stuben und Küche zu Hause allein in Ordnung halten mußte, nach den Schulstunden viel Arbeit hatte und höchstens gegen Abend einmal bei der Mutter saß. Anfangs hatte sie sich sehr geängstigt, doch Uhlig beruhigte sie, und weil er selber zufrieden einherging, denn es war ihm ein großer Stein vom Herzen gefallen, so wirkte sich das wohltuend auf Gitti aus. Sie hatte eingesehen, daß die Mutter noch lange Zeit der Ruhe bedürfe, und sie war stolz darauf, nun allein schalten und walten zu können. Wenn sie bei Tina saß, redete sie wie eine Nachbarin, die ihren Besuch machte. Sie war auf einmal erwachsen und erzählte von ihrem Haushalt. Sie ärgerte sich darüber, wenn Timm ihr kleine bunte Bilder schenken wollte oder Hauchblätter, die sich unter dem Atem bogen und aufrollten. Sie waren grün und rot, trugen einen frommen Spruch und waren oft in Kreuzesform geschnitten. ›Was er mir da schenkt‹, dachte Gitti, ›das soll er doch für die Kinder aufheben.‹ Eines Tages kam Timm mit dem Schweif, der einst Köppjes Drachen geziert hatte. Der Wind hatte ihn von den Telegraphendrähten heruntergeweht. Die grünen und roten Zettel waren verwittert, und das weiße Papier, das zu unterst befestigt war, hatte das Wetter verschmutzt und der Regen durchnäßt. Der Schweif hing nun an einem rostigen Nagel im Türrahmen. Als Uhlig ihn sah, sagte er: »Den hab' ich noch mit Köppje fabriziert! Wir wollen ihn beiseite tun, damit Tina ihn nicht sieht. Sonst erinnert's sie vielleicht an den Jungen. Stecken wir ihn einfach in den Herd«, sagte er. Er kauerte vor dem Feuerloch und löste die Zettel von der Schnur. ›Das ist eine alte Zeit‹, dachte er. ›Darüber ist viel Wasser zu Tal geflossen.‹ Er glättete die Zettel noch einmal, ehe er sie ins Feuer warf. Auf dem einen waren Heringe angepriesen und Gurken auf dem andern, Bienenhonig und Rübensaft, Seifenflocken und Nähgarne. »Das alles hat man nun mal gehabt«, sagte er wehmütig. Er warf langsam einen Zettel nach dem andern in das Feuer. Als er den letzten Zettel öffnete, zitterten ihm die Hände. Die Schrift war schon ganz verwaschen und kaum noch zu entziffern. Er ging damit bis in das Tageslicht an der Tür, doch dann las er nicht. Er stand nur da, den Zettel lange in der Hand. »Wenn er ein Lump ist, nützt der Zettel auch nichts«, sagte er nachdenklich. Er wandte sich rasch um und warf den Zettel ins Feuer. Nun war schon die Flamme da und fraß. Wie groß die Flamme wurde. Sie wollte wohl durch die Ringe hindurch. Sie war blau und rot, sie flackte und züngelte. Lang war sie und mit unruhigem Blick. ›Du kannst getrost unterschreiben, wir sind Freunde von Kind auf. Du kennst mich doch. – Natürlich kenne ich dich, Löders, wir haben in der Schule nebeneinander gesessen und haben in der Pause das Butterbrot geteilt. So was hält für's ganze Leben. – Natürlich, natürlich, Uhlig, du kannst dich auf mich verlassen. Sechs Monate genügen, dann habe ich das Geld zusammen. Auf Heller und Pfennig kriegt Schowe alles wieder. – Weiß ich, Löders, wir wollen keine großen Worte drum machen. – Du schreibst noch immer wie gestochen, Uhlig, du warst schon auf der Schule der Beste.‹ Die Flamme ist schmal und dünn geworden. Sie ist nur noch so schmal wie ein Halm, weht hin und her. ›Ich wäre wohl schon längst gekommen, Uhlig, aber Amerika ist weit, da ist viel Wasser zwischen uns. Vielleicht später mal, wenn's sich so schickt.‹ ›Ich bin nun meinen Laden deinetwegen los, Löders. Die Tür ist weg, und die Stube ist weg. Auch die Bank ist weg, wo du oft deinen Schnaps getrunken hast. Du bist ein Lump, Löders, das muß ich schon sagen. Es kommt mir schwer an, aber ich muß dir das nachreden.‹ ›Ha, ha, ha, Uhlig, der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit!‹ Nun ist die Flamme ausgelöscht. »Das steigt und fällt«, sagt Uhlig. Er steht auf, klopft die Hände gegeneinander, als wäre Staub daran, und setzt sich dann zu Tina. »Du wirst, nun bald aufstehen können«, sagt er. »Wohin?« fragt sie furchtsam. »Es ist alles in schönster Ordnung«, antwortet Uhlig, »Gitti hat alles sauber gehalten.« »Nicht wieder da hin«, sagt Tina. »Du sollst jetzt nicht darüber denken«, tröstet Uhlig, »du mußt dich schonen. Wir wollen doch bald spazieren gehen. Die Möwen sind da, und es stehen Drachen über dem Feld.« Vorläufig doch war an einen Spaziergang noch nicht zu denken. Tina wollte sich nicht recht erholen. Man merkte ihr keine Besserung an. Die Entbehrungen der letzten Jahre machten sich fühlbar, und der Arzt, der jetzt regelmäßig kam, fürchtete für ihre Lunge. Er drängte auch darauf, daß Tina in einer ordentlichen Kammer untergebracht würde, doch davon wollte sie nichts wissen. Sie fühlte sich wohl in der Umgebung und war zufrieden, wenn Timm aus seinen frommen Büchern ihr vorlas oder Nachdenkliches mit ihr beredete. Er sagte: »Wenn die Seele wohlgemut ist, gesundet der Körper von selbst. Alle Krankheiten kommen aus dem Gemüt«, behauptete er, »der Arzt weiß das nur nicht. Wenn Gottes große Zufriedenheit über dich kommt, wird auch dein Körper dir keinen Kummer mehr bereiten.« ›Ach Gott‹, dachte Tina, ›wie soll ich wohl zufrieden werden?‹ Und sie weinte, weil sie an Köppje denken mußte. Uhlig, der ahnte, welcher Schmerz sie wieder bedrückte, sagte: »Er ist ja nicht aus der Welt. Du wirst ihn schon wiedersehen.« Tina weinte und konnte oft ganz verzagt sein. Aber dann gab es wieder Tage, wo sie sich an jedes gute Wort klammerte, an jedem kleinen tröstlichen Zuspruch sich aufrichtete und oft sogar lächelte, wenn Gitti in ihrer Wichtigkeit von häuslichen Arbeiten erzählte oder Olkers seine kleinen Erlebnisse berichtete. »Das schwatzt und schwatzt«, konnte dann Barbe Wiel sagen, »es ist schon eine Wichtigkeit mit ihm.« Auf dem Heimwege zankten sie sich dann. »Ich habe Tina gerettet«, protzte Olkers. »Sie hat bewußtlos auf der Brücke gelegen. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte sie keiner weggeschafft. Du hast dich am ersten Tag nicht mal um sie gekümmert.« »Ach Gott ja«, klagte Barbe Wiel, »ich hätte wohl gleich rumkommen müssen, aber der Schreck hatte mir alle Glieder zerschlagen.« Sie wollte nicht zugeben, daß sie sich zuerst nicht vor Tina gewagt hatte, denn sie fürchtete anfangs, daß Stam Öffgen sie mit in die Klatscherei gezogen hätte, und daß Tina mit Recht zornig auf sie wäre. So hatte sie zu Hause gesessen und sich Vorwürfe gemacht. ›Maultasch‹, hatte sie sich gescholten, ›mußt du mit fünfzig noch so unklug sein, Stroh ins Feuer zu tun! Konntest du nicht besser auf deine Worte passen? Da hast du nun dem Öffgen etwas ins Ohr geflüstert, und er ist gleich hingelaufen und hat alles aus dem Geleise gebracht. Daß du auch nie lernst, das richtige Register zu ziehn. Du meinst es gut, und schon wird es widerhaarig und stellt dich der Beschämung aus. Erst hast du den Uhlig von deinem Stuhl getrieben, und nun, wo's anfing sich wieder gut einzufädeln, muß dich der Teufel reiten, deinen Mund in andrer Leute Streitigkeit zu mischen. Was geht's dich an, ob Stam Öffgen hier ist oder da, und was kümmert's dich, was man im Kolk über ihn redet. Nun ist die Suppe verschüttet, und du sitzt vor dem leeren Napf. Aber das alles möchte noch hingehen, wenn das Unglück nicht passiert wäre. Wie soll ich mich jetzt zu Tina wagen, wo sie krank bei Timm liegt. Ich will schon gern alles gut machen und ihr behilflich sein, aber wer weiß, ob sie meine Hilfe annehmen will, und ob meine Gegenwart sie nicht an vielerlei erinnert.‹ Mit solchen Gedanken hatte Barbe Wiel dagesessen, bis sie dann doch das Herz fand, zu Tina zu gehen. Da war nun alles besser gewesen, als sie anfangs glaubte. Tina war noch zu schwach, um mit ihr zu sprechen, aber an ihrem Blick hatte sie gemerkt, daß die arme heimgesuchte Frau nichts gegen sie hatte. Auch Uhlig war freundlich, und man fühlte, wie er sich nach dem bösen Schicksal nach lieben Menschen sehnte. »Es ist schön, daß du gekommen bist«, hatte er zu Barbe Wiel gesagt. »Du bist eine erfahrene Frau, und wir drei Mannsleute werden wohl doch mit der Pflege nicht fertig werden.« Nun kam Barbe Wiel täglich und sah nach dem Rechten. Sie kochte wie früher wieder die Suppe, zu der Uhlig die Zutaten mitbrachte. Auch um Tinas Wohnung kümmerte sie sich, und daß da alles in Ordnung bliebe. Eines Tages schlug sie vor, Tina zu sich ins Haus zu nehmen. Das war nun ein Plan, der langes Überlegen notwendig machte. Barbe Wiel hatte sich hinter den Arzt gesteckt, der ihr Anerbieten befürwortete. »Tina kann in der kleinen Kammer liegen, die nach dem Garten geht. Da hat sie es gemütlich und ihre kleinen Abwechslungen. Sie kann vom Bett aus sehen, was draußen vorgeht.« Barbe Wiel lobte ihr kleines Hauswesen und brachte alle Annehmlichkeiten vor, um Tina zu der Übersiedlung zu bewegen. Sie wollte wohl gutmachen, was ihre Geschwätzigkeit vielleicht angerichtet hatte. Olkers konnte seine Freude über den Plan nicht verbergen. Er hatte noch viele neue Vorschläge dazu. Die Wände der Kammer wollte er vorher noch neu streichen. Auch eine Bank sollte gezimmert werden, die bequemer wäre als die alte. Vielleicht könnte man auch die Stubendecke weißen oder wenigstens mit einem alten Brotkanten säubern. »Da bist du gerade der Richtige dazu«, sagte Barbe Wiel, »du wirst mir vom Stuhl fallen, und zwei lahme Pferde ziehen keinen Wagen mehr.« Uhlig war still zu Barbe Wiels Vorschlag. Er hatte sich daran gewöhnt, für alles zu sorgen, und diese Pflicht, die er sich da gegeben hatte, war ihm lieb geworden. Nun glaubte er, nebensächlich beiseite gestellt zu sein, wenn Barbe Wiel erst wieder das Zepter alleine führte. Wenn sie zu ihm sagte: »Was hältst du davon? So red doch mal«, dann antwortete er nur: »Das liegt allein bei Tina. Wir können doch nichts dazu sagen.« Es dauerte noch eine Zeitlang, bis sich Tina entschloß. Sie ging auch nicht aus innerer Überlegung darauf ein, sondern weil sie anfing, sich in Timms Keller ungemütlich zu fühlen. Es ging schon zu Spätherbst, und die Mäuse, die sich über Sommer draußen vergnügt hatten, kehrten nun wieder in das warme Lumpenland zurück. Sie knabberten hier und knisterten da, gingen auch furchtlos auf den Leisten spazieren und hantierten sich überhaupt so, als hätte Daniel Timm seinen Keller eigens für sie eingerichtet. Tina fürchtete sich vor diesen grauen flinken Vierbeinigen und lag Timm in den Ohren, Jagd auf sie zu machen. Darüber war Timm ganz erschrocken. Diese Mäuse waren an den langen Winterabenden seine Gefährten, mit denen er das kärgliche Abendbrot teilte, und an deren lustigem Pfeifen und Getänzel er sich freute. Er begriff nicht, daß man sich vor diesen sanften Tieren, wie er sie nannte, fürchten konnte. Als nun gar eines Tages Olkers mit einer großen Mausefalle kam und am Herd Speck als Köder rösten wollte, wurde Timm zornig. Man hatte nie erlebt, daß er in Aufregung geriet oder gar ein böses Wort gebrauchte. Aber in diesem Augenblick konnte man meinen, nicht mehr in der armen Höhle eines frommen Eremiten zu sein, sondern zwischen Tür und Angel bei einem geharnischten Lumpenhändler. Er riß Olkers das Mordinstrument, wie er es nannte, aus der Hand, warf es auf den Hof und trampelte darauf herum, bis die Drahtmaschen vollkommen verbogen waren. Olkers sah ihm fassungslos zu. Solche Wut über eine vernünftige Sache war ihm unbegreiflich. Er hatte den gebratenen Speck noch in der Hand, und weil er nicht wußte, wohin damit, steckte er ihn in den Mund. Tina mußte schließlich lachen, aber sie willigte nun doch in den Umzug zu Barbe Wiel. »Ich werde später alles gutmachen, wenn ich wieder arbeiten kann«, hatte sie zu Timm beim Abschied gesagt, aber er wehrte ab und wollte davon nichts wissen. Am Nachmittage hatten Uhlig und Olkers einen großen Lehnstuhl herübergeschafft. Darauf wurde Tina gesetzt und man trug sie vorsichtig in Barbe Wiels Haus. Tina genierte sich, weil sie fürchtete, unterwegs Menschen zu treffen, aber es war schon dunkel, und bis auf den Lehrling Labesehr, der untätig in der Ladentüre stand, sahen sie niemand. »Da hat sich Schowe verrechnet mit dem Laden«, sagte Olkers mit grimmiger Freude. »Außer ein paar Dienstmädchen kommt keiner, und die tun's bloß wegen des Scharmutzierens mit dem Seifenjüngling. So was ist ja auch kein Laden mehr. Das ist ein bunter Flatterkram, großmäulig und nichts weiter.« Dabei stapfte er hinter dem Lehnstuhl her, den Uhlig und Timm vorsichtig trugen. Barbe Wiel hatte alles gemütlich gemacht. Blaue Astern standen im Fensterbrett und auf dem Tisch dampfte schon die Kaffeekanne inmitten eines Kuchenberges. »Ich habe schnell noch gebacken«, sagte sie. Ehe Tina zu Bett gebracht wurde, setzte man sie in dem großen Lehnstuhl mit an den Tisch. Sie sollte trinken und essen. Die anderen saßen da und redeten ihr zu. Daniel Timm sagte: »So ist nun ein neues Leben begonnen.« Da begann Tina zu weinen und auch die anderen weinten. Uhlig saß still und Barbe Wiel hatte die Schürze vor den Augen. Olkers fuhr sich mit dem Rücken der Hand, in welcher er ein Stück Kuchen hielt, übers Gesicht und Timm hatte die Hände gefaltet und sah regungslos vor sich hin. * Durch jene unglückselige Nacht hatte sich im Kolk eine kleine Gemeinschaft gegründet, deren Mittelpunkt nun Barbe Wiels Haus war. Daniel Timm kam jeden Tag herüber, um seine ernsten Gespräche mit Tina für ein Stündchen fortzusetzen. Barbe Wiel hörte gern zu; oft, das Scheuertuch in der Hand, stand sie im Türrahmen und lauschte auf Timms Worte. Sie gab auch hin und wieder eine Bemerkung dazu, so, wie sie über Gott und Welt in ihrem einfältigen Herzen dachte. Sie freute sich darüber, wenn Timm auf ihre Gedanken einging, und es kam sogar vor, daß sie die Arbeit länger liegen ließ, als sie es verantworten zu können glaubte. Dann fuhr sie jedesmal mit einem kleinen Schrei auf und mit einem »Herr Gott, wie die Zeit rennt« lief sie hinaus an ihre Arbeit. Sie hatte mit einem gewissen Stolz Timm eines Tages das Haus gezeigt. Sieben Stuben waren darin. »Sieben ist eine gute Zahl«, sagte er. Es waren eigentlich kleine, niedrige Kammern, von Wand zu Wand hatte man nur drei Schritte. Vier dieser kleinen Stuben lagen um die winzige Küche gruppiert im Erdgeschoß, die drei andern hingen wie Nester im Dachgebälk. Hier hauste Anton Olkers. Er stöhnte oft, wenn sein lahmes Bein die schmale Treppe hinaufstelzen mußte, aber dagegen war nichts zu machen, man konnte doch nicht einfach seinen Kram mit Barbe Wiel zusammenwerfen. Das ging schon vor den Leuten nicht. Alles muß Sitte und Anstand haben. So kroch er Abend für Abend unter das Dach, und nur an windigen Tagen, wenn es ihn im gesunden Bein zwackte, durfte er ausnahmsweise auf dem kleinen geblümten Sofa schlafen. Aber da lag er sich krumm und war froh, am nächsten Abend wieder in seinem Schwalbennest zu liegen. In dem Haus gab es viele Blumen, fuchsrote Geranien und sogenannte englische, deren Blätter besonders geartet waren. Diese Blumen blühten bis in den Winter hinein. Es waren auch Wachsblumen da, Asklepia nannte sie Daniel Timm. Das waren dickblattige Rankpflanzen, wie man sie nur noch selten sah, denn man sagt, daß sie die Luft der Altfrauenstuben zum Gedeih nötig haben. Das Wunder unter den Blumen der Barbe Wiel aber war die Passionsblume, in deren blauer Glasblüte die Dornenkrone des Herrn dargestellt war, die böse Lanze des Römers, mit der man ihm die Seite öffnete, und der gute Speer, darauf man ihm den Essigschwamm reichte. Solche Blumen gab es im Hause; und andere mit bescheidenem Namen. Fleißiges Lieschen und Waldkraut, dessen Stengel mit weißen und blaßblauen Blütensternen übersät waren. Draußen aber, vorm Haus, schrien und flatterten die Möwen. Sie hatten sich angewöhnt, bis dicht an den Gartenzaun zu kommen, und nach dem Brot zu haschen, das ihnen Olkers oder Uhlig hinwarf. Olkers nahm diese Möwen für sich in Anspruch. Sie waren an den langweiligen dunklen Tagen seine Unterhaltung, und es ärgerte ihn, wenn sie sich vor Herrn Peines Laden auf das Geländer setzten. Kamen sie dann wieder zu ihm geflogen, so schimpfte er ihnen ärgerlich entgegen: »Was habt ihr da zu suchen? Ich habe fünfzehn Jahre da gewohnt und sie haben mich rausgesetzt. Das ist kein Platz für euch.« Er war erst wieder zufrieden, wenn die kühnste der Möwen herabschoß und ihm das Brot aus den Fingern riß. An einem dieser Wintertage hatte Atze Uhlig Herrn Schowe getroffen. Sie sahen sich wohl jeden Tag im Vorbeigehen, aber sie sprachen nicht miteinander. Uhlig war ärgerlich darüber, daß Schowes nicht ein einziges Mal sich nach Tinas Befinden erkundigt hatten. Nur als Uhlig die Miete gebracht hatte, fragte Schowe, wie es mit Frau Öffgens Befinden stünde und ob sie wohl dächte, die Wohnung weiter halten zu können. »Ich will sie nicht an die Luft setzen«, hatte Schowe gesagt, »aber ich muß sagen, daß mir die ganze Geschichte fatal ist. Ich habe solchen Krach und Aufstand nicht gern im Hause. Mein Haus ist immer ein ruhiges Haus gewesen.« Schowe hatte das kleinlaut herausgebracht und man merkte wohl, daß diese Worte nicht von ihm kamen, sondern daß er sie eingeflößt bekommen hatte. Vielleicht dachte Frau Schowe schon daran, auch Tinas Wohnung für ihre Tochter mit Beschlag zu belegen. Nun aber konnte man schon im Geschäft auf ein Vierteljahr zurücksehen, und es hatte sich in dieser Zeit herausgestellt, daß die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt waren. Uhligs Hauptkundschaft waren die Schiffer gewesen, die sonnabends große Einkäufe für ihre Reise machten, Brose, Aderholt, Wiedemann und Gülke oder wie sie noch hießen. Das waren Männer, die am alten hingen und die den Laden, darin sie kauften oder ihren Schnaps tranken, so sehen wollten, wie sie es seit langen Jahren gewohnt waren. Sie waren auch mit Uhlig befreundet und sein Reinfall mit Löders hatte sich bei ihnen herumgesprochen. Vor allem aber waren sie ärgerlich auf Schowe, der diese Gelegenheit benutzt hatte, um seinen Schwiegersohn ins Geschäft zu setzen. So hingen sie nach wie vor in guter Gesinnung an Uhlig, und sie baten ihn oft, ihnen dieses oder jenes aus der Stadt zu besorgen. Daraus war mit der Zeit eine Gewohnheit geworden, und sie fanden sonnabends die gewünschten Sachen bei Timm aufgestapelt. Uhlig hatte schließlich im Hausflur ein paar Bänke aufgestellt, auf denen die Schiffer oder ihre Frauen saßen und das Bier tranken, das man aus der Wirtschaft am Unterdamm schnell besorgen konnte. Daniel Timm war anfangs nicht ganz damit einverstanden gewesen, aber er hatte bald herausgefunden, daß die Schiffer nachdenkliche Menschen waren, bei denen ein Wort nicht leicht verloren ging. Wenn sie auch oft über Timm lachten, so hielten sie im Grunde ihres Herzens doch viel von ihm, kamen gern und ließen sich manche Wundergeschichte erzählen. Herrn Peines Laden aber wurde von den Schiffern nicht mehr betreten. Auch mit dem Versandgeschäft ging es nicht so gut, wie man es sich ausgemalt hatte. Albert war wohl mit dem Lieferwagen den ganzen Tag unterwegs, auch wenn keine Bestellungen aus der Stadt vorlagen. »Man muß sich immer wieder in Erinnerung bringen«, hatte Herr Peine gesagt, und so mußte Albert dafür sorgen, daß der kanariengelbe Wagen der Firma Peine \& Co. durch alle Straßen der Stadt flitzte. Herr Schowe hatte also genug Verdruß und er war oft im stillen wütend auf seine Frau, die ihn in all dies Neue hineingeworfen hatte. Weil man Geld im Geschäft brauchte, mußte er sich schweren Herzens entschließen, noch mehr von seinem Ackerland zu verkaufen, und er sah schon den Tag herankommen, wo ihm nichts mehr bleiben würde als das graue Mietshaus, das karge Feldstück und eine pompöse Firma, die nichts zu beißen hatte. Nun also hatte er Uhlig getroffen. Sie waren beide auf dem Nachhausewege und Schowe hatte sich beeilt, Uhlig einzuholen. Es war wohl die Sehnsucht, einmal wieder mit einem Menschen zu sprechen, den man aus alter Zeit her kannte. So gewissermaßen ein Gespräch behaglich und nachbarlich, wobei man am liebsten das Jackett ausziehen würde, um es sich bei Rede und Gegenrede mit einer Zigarre im Munde und in Hemdsärmeln von Herzen gemütlich zu machen. Uhlig schleppte ein großes Paket, dessen Last ihm die Schulter herunterzog. »Das ist wohl wieder für die Schiffer?« fragte Schowe. »Sie sind mir schon einer!« Er lachte plötzlich, weil es ihn freute, daß seinem Schwiegersohn, mit dem er am Vormittage wieder einmal eine Auseinandersetzung gehabt hatte, da ein paar Taler durch die Lappen gingen. »Es ist Kreude, ich habe den Saft frisch von der Fabrik geholt. Brose hat ihn bestellt«, antwortete Uhlig. »Dann wollen wir's mal so machen«, sagte Schowe zu Uhligs Überraschung, schob seinen Stock durch die Schnur und sie trugen nun die Eimer mit dem Rübensaft gemeinsam. »Das kann ich gar nicht annehmen«, meinte Uhlig. »Unsinn«, rief Schowe, »ich dächte, wir kennen uns lange genug. Das hilft sich gegenseitig. Wie du mir, so ich dir.« Er schwieg verlegen, weil es ihm wohl einfiel, wie er an Uhlig hatte handeln müssen. »Na ja«, fuhr er schließlich fort, »das ist nun mal so. Wie geht's denn der Tina? Barbe Wiel päppelt sie wohl tüchtig. Man hat sie lange nicht zu Gesicht bekommen.« Uhlig wurde nun auch gesprächiger und berichtete, was Schowe zu wissen wünschte. »Wie ist's denn nun eigentlich mit dem Stam Öffgen?« fragte Schowe. »Der hat sich wohl schlank gemacht wie so 'n Regenwurm. Nun, vielleicht zieht es sich wieder zusammen. Es gibt immer mal Krach in der Ehe. Am besten wär's, er würde die Frau nach Hamburg holen. So ist das nichts Halbes und nichts Ganzes.« Uhlig antwortete nicht. »Sie haben recht«, sagte Schowe, »was soll man dazu sagen? Aber ich finde, Sie rebbeln sich zu sehr auf bei der Geschichte. Nachher hat man nicht mal ein Dankeschön. Das wissen Sie am besten.« Uhlig wehrte ab. »Die Hauptlast hat ja Barbe Wiel, und sie tut es gern.« »Ja, das ist ne Frau«, sagte Schowe anerkennend, »immer fleißig und adrett. Man kann ihr nichts nachsagen. Das Haus ist ein richtiger Schmuckkasten, so klein, wie es ist.« Sie waren jetzt kurz vor Timms Torweg. Schowe zog seinen Stock aus der Schnur. »Das Stückchen geht's wohl nun allein«, sagte er. Er fürchtete wohl, daß seine Frau es sehen könnte. Aber sie standen noch ein Weilchen im Gespräch. Schowe hatte Uhlig auf die Schulter geklopft. »Wissen Sie«, sagte er schmunzelnd, »die Barbe Wiel ist keine schlechte Frau. Früher habe ich manchmal gedacht, der Uhlig wird sich da noch ranmachen. Die paar Jahre, die sie älter ist, machen ja den Kohl nicht fett. Was sind schon zehn Jahre?« Uhlig war so verdutzt, daß er kein Wort der Erwiderung fand. Er starrte bloß in Schowes schmunzelndes Gesicht. »Da hat mir neulich einer erzählt«, sagte Schowe, »daß sein Freund eine Frau ganz hinten in Ostpreußen geheiratet hat. Die ist vierzig Jahre älter. Und wissen Sie, was ihr erstes Geschenk für den Bräutigam war? Ein schwarzes Käppi, so wie's ihr seliger Mann getragen hat. Damit muß nun der junge Ehemann den ganzen Tag am Ofen sitzen, und sie sagt Vater zu ihm. Das nenn ich Courage, wenn die Frau vierzig Jahre älter ist. Aber im allgemeinen hat man's nicht schlecht bei 'ner älteren Frau. Überlegen Sie sich's mal.« Er tippte an den Hut und ging weiter. »Wiedersehen«, sagte er noch. Als er ein paar Schritte hin war, begann Uhlig zu lachen. Schowes Vorschlag amüsierte ihn den ganzen Tag. »Was hast du bloß?« fragte Barbe Wiel neugierig. Seine Lustigkeit teilte sich allen mit, und man war an diesem Tage in dem kleinen Haus von Herzen vergnügt, so daß Daniel Timm gar nicht dazu kam, die fromme Geschichte weiter zu erzählen, die er tags zuvor begonnen hatte. An diesem Abend mußte Uhlig noch spät in die Stadt gehen, um eine Versicherung abzuschließen. Ab und zu boten sich ihm noch solche Geschäfte, allerdings bloß selten, für gewöhnlich war es ein zweckloses Auf- und Ablaufen, und er hatte schließlich diese Tätigkeit fast ganz aufgegeben. Nur wenn ihm einmal von dieser oder jener Seite ein Wink gegeben wurde, holte er die Aktentasche mit den Polizzen und Formularen aus der Ecke und machte sich auf den Weg. Nun war er zu einem jungen Ehepaar bestellt worden. Er kam in eine kleine Wohnung. Es waren wohl nur zwei Zimmer und Küche, aber vom ersten Schritt an hatte er das Gefühl, in ein abgeschlossenes Reich zu kommen, in eine besondere Welt inmitten eines großen Mietshauses. Da stand nichts an den Wänden von billigen Abzahlungsmöbeln, wie er sie oft in solchen Wohnungen vorgefunden hatte, Möbel, die nach außen hin ein großes Trara machten und im Grunde nichts weiter waren als billiges Kistenholz und jämmerliche Schablone. Diese Möbel hier waren solide und handfeste Stücke und dachten nicht daran, eine erbärmliche Pracht vorzutäuschen. »Ich habe sie selbst gezimmert«, sagte der Mann, »abends nach der Arbeit.« »Sie sind Tischler?« fragte Uhlig. »Seit einem Jahr«, sagte der Mann, »mein Vater war Lokomotivführer und wollte, daß ich was Besseres würde. Er schickte mich in eine Kaufmannslehre. ›Da kannst du mal Prokurist werden‹, sagte er. Er ist mit diesem frommen Wunsch auch gestorben. Leider ist es, wie Sie sehen, nur ein Wunsch geblieben, oder besser Gott sei Dank. Ich brauche Ihnen das nicht zu erzählen. Wir haben es ja alle am eigenen Leibe erfahren. Ich habe dann meine Frau kennengelernt und hatte es satt, nebenbei zu stehen. Schließlich will man nicht bloß ein paar Bettelpfennige bekommen, sondern seinen eigenen Hausstand haben, Frau und Familie. Ich hab' also kurz entschlossen umgesattelt und von vorn angefangen. Und ich bin zufrieden darüber.« Uhlig sah sich in der Stube um. Der Mann hatte also den ganzen Verhältnissen zum Trotz sein Leben neu ausgebaut. Man merkte es auch schon seinem Tonfall an, daß er nicht gewohnt war, unterzukriechen. Dieser Mann hatte also einfach eines Tages ein paar Bretter genommen und seine Wirtschaft gezimmert. Nun saß er zwischen eigenem Hausrat. Er wird es schwer haben, so hoch wird sein Verdienst nicht sein, aber sicher arbeitet die Frau noch mit. Sie wird schneidern oder nähen oder hier und da in fremden Haushalten helfen. Es ist eine junge, frische Frau, die mit Strumpf und Stopfnadel unter dem Lampenschirm sitzt. Der Mann hat eine Bastelei vor sich, es soll ein Nähkasten werden. Uhlig hat seinen Besuch etwas länger ausgedehnt. Man hat erzählt und sein Leben ein wenig aufgedeckt. »Sie sollten sich wieder selbständig machen«, hatte der Mann gesagt. »Mit Versicherungen ist es doch nichts mehr. Ich würde an Ihrer Stelle hinterher sein, wieder einen kleinen Laden zu bekommen. Und wenn das nicht ist, einen Handwagen an einer lebhaften Ecke in der Stadt. Man muß sehen, daß man was in den Händen hat, was Greifbares. Es ist nichts, bloß immer hinterher zu laufen.« Er entwarf Uhlig einen Plan, wie er es anfangen müßte. Uhlig war ärgerlich, als er ging. Er hatte dagesessen wie ein Schuljunge und sich alles angehört. So unselbständig war man. Jeder glaubte, seine Weisheit bei ihm anbringen zu können. Schowe mit seinem dummen Einfall und nun wieder der Tischler. Man hatte doch selber jahrelang ein eigenes Geschäft gehabt, das einen ausreichenden Nutzen brachte. Darüber dachte Uhlig jetzt nach und auf einmal erschien es ihm, als hätte nicht er das Geschäft besessen, sondern das Geschäft ihn, und als wäre er nicht der Herr seines Ladens gewesen, sondern ein Diener. Was war denn eigentlich passiert? Nichts weiter, als daß Schowe ihm vor Monaten den Laden gekündigt hatte, aber es gab viele Läden, die leer standen und man hätte irgendwo anders gut wirtschaften können. Seine Lieferanten würden ihm schon Ware auf Kredit gegeben haben. Anstatt sich für Neues und Größeres zu entschließen, war er herumgelaufen, um hier oder da wehleidig die Summe zu borgen, für die er für Löders bei Schowe gutgesagt hatte. Nicht für das Gewesene hätte er seine Kraft einsetzen sollen, sondern für das Zukünftige. Seine Tätigkeit jetzt war nichts Halbes und nichts Ganzes. Er lebte von der Hand in den Mund und nirgends war etwas, wovon er mit Stolz hätte sagen können: das gehört mir. Der Tischler also hatte einfach neu angefangen. Er hatte eine Frau kennengelernt. Da wußte er natürlich, wofür er es tat. Warum weiß ich das denn nicht, dachte Uhlig. Wo steht's denn geschrieben, daß ich allein durch die Welt laufen soll? Da muß man sich auf einmal vor den Kopf schlagen. Man hat sich schön im Leben verblättert, das muß man schon sagen. Uhlig ging an diesem Abend durch viele Straßen. Es hatte zu schneien begonnen, große weiche Flocken fielen. Sie tanzten wie Schmetterlinge durch das Laternenlicht. Die kleine Kirche auf dem Platz war noch erleuchtet. Sie hatte einen kurzen, klumpigen Turm und mit dem tief herabgezogenen Dach sah sie aus wie eine rundliche Nachbarin mit grauem Kopftuch, die sich zu einem kleinen Schwatz hingesetzt hat. Nun schaukelten sich an den hellen, bunten Fenstern die dicken Flocken vorbei. In Uhlig war plötzlich eine vergnügte Freude. Das ist ein putziger Abend, denkt er. Man ist ärgerlich und denkt über viele Dinge nach. Man zankt sich aus, weil man sich auf das falsche Pferd gesetzt hat. Man überlegt, wie man's besser machen könnte, und man weiß nicht recht, wie es gehen soll, und auf einmal mitten drin wird es einem vom Herzen aus fidel. Da ist eine kleine, schnurrige Kirche, die Fenster mit den Heiligen darauf sind erleuchtet, es sind blaue, gelbe und grüne Fenster. Durch die dicken Steine hört man nur brummelnd die Stimme des Predigers. Und nun steht man gemütlich da und ist doch weit weg, sitzt wieder bei Mutter am Tisch mit Schere und Roggenkleister, hat einen Modellierbogen ausgeschnitten und klebt eine Kirche zusammen, eine schnurrige Kirche mit einem kurzen, klumpigen Turm, auf dessen Spitze ein gelber Hahn sitzt. Wenn man vorsichtig ein Licht hineinschiebt, vorsichtig, damit die ganze Pracht nicht abbrennt, sind die kleinen papierenen Fenster hell. Man kann Watteflocken darüber schneien lassen, Mehl oder Zucker. Die Stube ist warm und Mutter stopft die Hose, die man am Tage zerrissen hat. Wenn Mutter die Nadel einfädelt, muß sie sich weit ins Licht beugen. Sie hat eine Brille auf der Nase und auf der Stirne den alten lieben Leberfleck. Der sitzt da wie ein kleiner, bräunlicher Mond. Atze Uhlig war als Kind oft traurig gewesen, daß der Leberfleck bei ihm unter dem Hals saß und daß man ihn nicht sah. Er hätte ihn auch gerne auf der Stirne gehabt, aber groß wie eine Sonne. Nun war Mutter lange tot und die kleine papierene Kirche war längst zerrissen, aber an diesem Abend war das alles wieder aufgestanden, regte sich um ihn und es war, als wollte es mit ihm sprechen. Wenn er früher als Kind genug hatte von Spiel und Lauf, sagte er: »Nun will ich zu Mutter gehen.« Als er jetzt im Schnee vor der Kirche stand, mit vielerlei Nachdenken, sagte er auf einmal aus seinen Gedanken heraus: »Nun will ich einmal nach Tina sehn.« Er hatte ihren Namen im Munde behalten und sagte ihn noch ein paarmal vor sich hin. Du bist krank gewesen, Tina, aber nun wird das gut. Du hast viel Schlimmes durchgemacht, aber das soll nicht mehr sein. Er hatte die Mütze abgenommen und die Flocken tanzten ihm über den Kopf. Er schluchzte, schluckte, lachte und schneuzte sich. Er trabte barhäuptig weiter, in seinem Herzen blühte Gottes große heimliche Fröhlichkeit. »Ich will Tina Blumen mitnehmen«, sagte er. Vorm Konzerthaus stand immer eine alte Frau, die Blumen feilbot. Nelken, Tulpen, manchmal auch Rosen. ›Was wird sie jetzt im Schnee wohl für Blumen haben?‹ überlegte er. Sie hatte Veilchen, große, blaue Veilchen. »Die duften auch«, behauptete die Frau, aber er spürte nichts davon. Die Kälte saß ihm wohl in der Nase. Er zählte der Frau das Geld in die Hand. »Im Winter läßt sich der Frühling bezahlen«, sagte er. »Die Braut freut sich aber«, sagte die Frau noch. Der Schnee stöberte mehr und mehr. Uhlig hatte sich in die Tür des Konzerthauses gestellt. Jetzt da er Veilchen in dünnem Seidenpapier in der Hand hielt, wollte er warten, bis das Schneetreiben nachließ. Durch die Glastüre konnte er in den Vorraum sehen. Das Konzert war noch nicht zu Ende, die Garderobenfrauen saßen dösig vor den aufgehängten Mänteln. Der alte Pförtner lehnte an der Wand, das Ohr gegen die Saaltüre geneigt. Uhlig kannte ihn und nickte ihm zu. Der alte Pförtner winkte und Uhlig schlich vorsichtig zu ihm hin. Sie standen schweigend nebeneinander, durch die Saaltüre klang gedämpft die Musik. Es war eine wundervolle Musik. »Mozart«, flüsterte der Pförtner. ›Engel‹, dachte Uhlig. Ehe die Türen geöffnet wurden und die Menschen herausströmten, war Uhlig schon auf der Straße. Was war das für ein Abend gewesen? Ein gewöhnlicher Tag, aber welcher Abend! ›Ich war eines Geschäftes wegen in die Stadt gegangen und nun ist Musik überall. Der Himmel selber ist wohl mit Engelsflöten herabgekommen. So schön ist auf einmal das Leben.‹ Uhlig trägt vorsichtig seinen Veilchenstrauß. Er hält ihn unter der Jacke verborgen, damit die Kälte nicht heran kann. Bei Barbe Wiel geht er leise in Tinas Kammer. Er stellt den Strauß an ihr Bett. ›Wenn sie aufwacht, blühen die Veilchen‹, denkt er. Dann sitzt er die halbe Nacht mit Olkers und Daniel Timm. »Ich habe morgen etwas mit dir zu bereden«, sagt Uhlig zu Timm. »Schieß los«, ruft Olkers. »Heute nicht«, antwortet Uhlig, und in der Redeweise des Lumpenhändlers fügt er nachdenklich hinzu: »Dieser Tag war reich genug.« Daniel Timm blickte auf und sah ihn prüfend an. »Möge jeder Tag es sein«, sagte er dann. Der Hammer klingt und die Nägel springen ins Holz. Das ist eine lustige Melodie. Was ist denn im Kolk los, Leute? Da wird ja geklopft und gehämmert! Das geht schon seit dem frühen Morgen. Aber das ist kein Hämmern, das nach verdrießlicher Arbeit schmeckt, das ist so ein Hämmern mit Lust in jedem Schwung. Da müssen wir doch mal stehen bleiben und in den Torbogen sehen. In den Torbogen des Lumpenhändlers Daniel Timm. Ja, was sagt der Mensch, ist das hier eine Werkstatt geworden? Ihr kriegt's wohl bezahlt. Nun blickt doch mal auf! He, Uhlig! He, Olkers! He, Timm! Ihr schlagt ja die alten Bänke entzwei, dreht ihnen die Beine ab. Was soll denn das heißen? Die wolltest du doch für deine Vorträge haben, Daniel Timm? Darauf sollten die Menschen doch beten. Singen sollten sie und Halleluja sagen. Nun nimmst du ihnen die Bänke weg. Woran sollen sie denn nun niederknien? Ja, ja, da blickst du verlegen zur Seite. Antworte lieber, Daniel Timm. Du willst deinem lieben Gott die Bänke stehlen, so ist es doch. Was sagst du da? Die Arbeit ist das beste Gebet! Ob Hammer oder Orgel, Amboß oder Harmonium, jeder Ton ist Gott angenehm, wenn nur die Freude darin singt, ein gutes Herz und ein rüstiger Mensch. Habt ihr's gehört, was der Lumpenfahrer gesagt hat? Er hat sich ein neues Lied gemacht, das Gotteslied von der frohen Kraft, von der gütigen Kraft, die im Anfang steht, das Lied vom glückseligen Anfang, Da glauben nun auch die Bänke daran. Sie haben die Beine schon weggelegt und wollen nun Schränke werden. Da glauben nun auch die Stühle daran. Sie gaben die Beine zu Leisten her und gaben die Sitze zu Türen. Aus Bank und Stuhl, aus Stuhl und Bank ist nun schon ein Schrank geworden. Bei Timm spielt heute ein lustiges Terzett, Hobel, Hammer und Feile. Nun singt es schon eine Woche lang. Morgens singt es und abends. Im Torbogen neben dem Lumpenstall in der alten winkligen Stube. Wo willst du denn heut mit den Töpfen hin, he, Olkers? Du hast dir den ganzen Rock schon beschmiert. Du bist ja ein bunter Osterhahn, du riechst ja nach Farbe und Terpentin, du willst wohl gar noch ein Maler werden! Ein Maler sein wie der in der Stadt. Dein lahmes Bein schwappt die Farbe aus, man sieht ja, wo du gegangen bist. Das macht nichts, lachst du, das macht nichts! Auf einmal sind die Wände schon weiß, auf einmal ist die Decke schon hell. Auf einmal ist die Diele frisch braun, so frisch und so braun wie die Haselnuß. Und der Schrank ist lackiert und der Tisch ist lackiert und die Bank an der Wand und der Stuhl an der Tür. Und alles duftet nach Festtag. Barbe Wiel putzt das Fenster. Sie schrubbert und seift. Der Dreck hat hier einen grauen Bart. Der Dreck ist so alt wie der ganze Kolk. Man wußte ja gar nicht, daß es Glas war. Das war ja alles ein Schmant und Schmier. Da steht selbst Timm verwundert dabei. »Das ist tatsächlich Glas«, hat er gesagt. Nun ist auf einmal das Fenster blank. Auf einmal ist Barbe Wiel zweimal da. Sie nickt sich zu in dem hellen Glas. »Man kann sich drin spiegeln«, ruft sie erstaunt. Da kommt doch Tina die Straße lang. Langsam Schritt für Schritt. Sie ist in drei warme Tücher gehüllt. Da sieht nun ihr schmales Gesicht heraus. Wo sind denn die trüben Falten geblieben, die Furchen und Fältchen, die Furchen voll Gram, die Fältchen des Leides und die Falten des Kummers? Wo sind denn die müden Blicke geblieben und die bangen seufzenden Lippen? Das alles fraß wohl die Krankheit auf. Sie hat sich daran den Magen verdorben. Da hat sie sich schnell aus dem Staub gemacht. Die Veilchen blühten an deinem Bett, da war auf einmal ein junger Tag. Die Veilchen blühten an deinem Bett, da war auf einmal ein Lerchenschlag. Ein Lerchenschlag und ein junger Tag und die blauen, blauen Veilchen. Nun gehst du schon die Straße entlang, das ist auf einmal ein neuer Gang über die alten Steine. Das ist einmal ein sanfter Schritt und das Herz singt mit, und der Himmel singt mit über den alten Steinen. Du gehst nicht allein durch den neuen Tag, durch den neuen Tag und den Lerchenschlag, es geht wer an deiner Seite. Er hält dir leise die Hand gedrückt, und der Himmel hat sich mit Sonne geschmückt, und nun lacht ihr schon beide. Es war für Uhlig nicht so leicht gewesen, Daniel Timm von seinem Plan zu überzeugen. Vor allem hatte es seine Zeit gedauert, bis Timm sich entschloß, die Bänke, die er einmal aus einer alten Schulaula aufgekauft hatte, herzugeben. Immer hatte ihm vorgeschwebt, daß er aus der Stube am Torbogen einen Vortragsraum für fromme Leute herrichten könnte, hatte sich ausgemalt, wie sie auf seine Worte lauschen würden und wie sie alle ergriffen von himmlischem Überschwang ihre Herzen vor Gott auftun wollten. Das sollte in Angriff genommen werden, sobald Gottes Stimme sich nachts bei ihm meldete, aber diese Stimme hatte bis jetzt geschwiegen, und statt dessen war Uhlig mit seinem praktischen Wort gekommen. Nun war aus dem geplanten Vortragsraum ein Laden geworden, über dessen Türe zwei Namen standen: Atze Uhlig und Daniel Timm. Schowe hatte allen diesen Arbeiten eine gewisse Neugier entgegengebracht. Es war sogar vorgekommen, daß er ein paarmal selbst mit zugegriffen hatte. Frau Schowe war über das Interesse ihres Mannes im höchsten Grade ungehalten. »Jeder will leben«, sagte Schowe, »man kann's ihnen nicht verbieten, den kleinen Laden aufzumachen. Sie werden's schwer genug haben.« Frau Schowe geriet immer mehr in Aufregung: »Warte nur ab, das sind zwei ganz Gerissene, Herr Uhlig mit seinem Unschuldigtun und Herr Timm mit seiner Frömmigkeit. Ich wundere mich überhaupt, daß du so sorglos bist. Du weißt doch ganz genau, daß die Schiffer bei Peine nicht kaufen.« »Warum denn auch Schiffer?« antwortete Schowe. »Ihr habt doch ein Versandgeschäft. Lieferwaren etcetera, wie Peine sagt. Ihr seid doch eine Firma!« Immer mehr hatte er gemerkt, daß er falsch eingestiegen war, daß er wohl die Kalesche bezahlen durfte, daß man ihm aber nur einen Hintersitz eingeräumt hatte. Wenn man zu den Mahlzeiten vom Geschäft sprach – man hatte sich angewöhnt, diese Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen, wohl deshalb, weil Wally mit dem Kochen noch nicht so gut Bescheid wußte –, wenn man also bei Tisch auf das Geschäft zu sprechen kam, und es war meistens der einzige Gesprächsstoff, dann wurde es eigentlich nur ein Zwiegespräch zwischen Herrn Peine und Frau Schowe. Wally saß dabei und hörte mit gutem Appetit zu. Vielleicht tat sie auch nur so. Jedenfalls hatte es sich herausgestellt, daß sie die beiden Worte Debet und Kredit überhaupt nicht begreifen konnte. »Das ist der Grundstock eines jeden Geschäftes«, hatte Herr Peine sie belehrt. »Debet, Kredit, Saldo und Bilanz, diese Worte mußt du als erstes wissen. Sie müssen dir geläufig sein. Schlechte Bilanz, schlechte Balanz«, pflegte er zu scherzen. Wenn Schowe ein Wort hinzutun wollte, wurde ihm klar gemacht, daß es leichter wäre, ein Kartoffelfeld zu bestellen als ein Geschäft in Schuß zu halten, noch dazu ein Versandgeschäft, das mehr Umsicht erfordere als ein einfacher Ladenbetrieb. Da kommen und gehen die Kunden, nehmen das Gekaufte gleich mit, und man hat sich nicht darum zu sorgen, daß sie mit ihrem Einkauf rechtzeitig zu Hause sind. Aber bei einem Versandgeschäft muß alles am Schnürchen klappen. Man hat selbstverständlich ein Telephon. Die Anschlußnummer ist mit großen weißen Ziffern auf die Schaufensterscheibe gemalt. ›Hier Peine \& Co., selbstverständlich, Herr Justizrat, die Fische sind punkt zwölf da.‹ – ›Aber, Frau Sanitätsrat, unser Wagen ist bereits unterwegs.‹ – ›Ich danke Ihnen verbindlichst, Frau Medizinalrat, die Bestellung wird prompt ausgeführt.‹ – Wenn man Herrn Peines Telephongespräche mit anhörte, mußte man annehmen, daß die ganze Stadt nur aus Räten bestand. Man konnte den Eindruck haben, daß das Geschäft leidlich ging, aber allzu oft nur hatte der Chauffeur Albert nichts weiter in seinem Lieferwagen als ein Päckchen Fische, ein paar Pfund Butter und einige Büchsen Konserven. Seit Schowe nun eines Tages behauptet hatte, es wäre bedeutend billiger, wenn Albert statt des Lieferwagens einen Rucksack nehme, stand es fest, daß er dem Geschäft nicht im geringsten gewachsen war. So ließ man ihn kaum mehr zu Worte kommen, und Herr Schowe hatte eines Tages einen Strich darunter gezogen, die Türe zugeknallt und geschrien: »Macht, was ihr wollt!« Nun hatte er wieder dadurch Ärger zu Hause erregt, daß er anfing, sich mit Timm und Uhlig abzugeben. »Jedes Stück haben sie selbst zusammengenagelt«, sagte er zu seinem Schwiegersohn, »ich hätte es ihnen gar nicht zugetraut. Du mußt bloß mal sehen, wie hübsch sie das Regal gemacht haben. Nicht groß, bewahre, soviel Platz haben sie nicht im Laden, aber von jedem steht eine Kleinigkeit drauf. Sardinen, Marmelade, Eingemachtes. Auch der Schrank ist ganz passabel. Kleine Kästchen für Pfeffer und Gewürz und so, und große Kästen für Mehl und Zucker. Der Ladentisch ist ja ein bißchen zu klein. Gott, was sollen sie machen. Er muß zulangen. Und dann haben sie 'ne Holzbank 'reingestellt und da sitzt man dann und schwatzt ein bißchen, kann seine Flasche Bier trinken, nein, nein, alles was recht ist, das ist 'ne saubere Sache!« »Ja, erlaub mal, Schwiegerpapa«, sagte Herr Peine, »du bist wohl da zu Hause. Du beschreibst ja mit einer Eindringlichkeit diesen Zauberladen, na, ich muß sagen –« »Was, du gehst zur Konkurrenz?« trumpfte Frau Schowe. »Konkurrenz, pah«, machte Herr Peine. Herr Schowe dachte über den Disput nach. »Schließlich haben sie recht«, sagte er, »ich hab' ja auch mein gutes Geld in Peines Geschäft gesteckt. Man sollte dem Uhlig gar nicht noch zum Munde reden.« Schowe ging ein paar Tage mißgestimmt umher. Er betrat Uhligs Laden nicht, aber dann mußte er feststellen, daß ihm irgend etwas fehlte. ›Seine Mutter ist ja bei uns zu Haus ein- und ausgegangen. Man muß doch mal sehen, wie's ihrem Sohn geht.‹ Herr Schowe war wohl auch zufrieden, durch diese kleinen Freundlichkeiten jetzt das schlechte Gewissen, das er Uhlig gegenüber immer noch hatte, zu beschwichtigen. So saß er wieder in dem kleinen Laden, nicht lange, ein Stündchen nur, »Ich wollte bloß mal mit reinsehen«, hatte er gesagt. Nun waren Brose da und Frau Brose und Tina saß hinterm Ladentisch und mahlte Kaffee, denn draußen war es kalt, und Frau Brose wollte was Warmes in den Magen haben. Uhlig hatte eine Flasche Kümmel aufgekorkt und goß ein. »Trinken wir«, sagte Brose, und sie stießen an. »Die gehn jetzt auf meine Rechnung«, rief Schowe, »Prosit, Frau Brose!« Frau Brose zwinkerte ihm zu: »Als wir das letzte Mal zusammen getrunken haben, hatten Sie gerade Uhlig rausgeschmissen.« Uhlig stieß sie vorwurfsvoll an. »Nicht doch«, flüsterte er. Schowe hatte einen roten Kopf bekommen. »Soll's zum Guten sein«, sagte er schließlich. Nun war Tina mit dem Kaffee fertig, und die Tassen dampften. Da läßt nun ein fernes Land große Sträucher wachsen, damit wir eine angenehme Stunde haben. Da sorgen nun fremde Hände dafür, daß wir ein Getränk bekommen, das uns die Sorgen vertreibt. So gut sind die Menschen. Man sollte viel mehr daran denken. Man sitzt nun zu viert auf der Bank, Broses, Schowe und Tina. »Wenn's bloß keinen Schiffbruch gibt«, lacht Brose. »Für ihn ist auch noch Platz«, sagte Schowe und sie rücken noch enger zusammen. Tatsächlich, auch Uhlig findet noch ein Eckchen. »Nun fahren wir nach Amerika«, singt Brose. ›Amerika‹, denkt Uhlig und erschrickt. ›Amerika ist Löders. Wir haben nichts mehr miteinander abzumachen‹, denkt Uhlig und lacht. »Wir fahren nach Amerika«, wiederholt er. Es gibt tausend Dinge zu erzählen. Schließlich spricht Brose auch von Hamburg. ›Hamburg‹, denkt Tina. ›Hamburg. In Hamburg spielt nun ein kleiner Junge. Köppje heißt er. Ob er wohl manchmal nach mir fragt?‹ Sie weint auf einmal. »Was habe ich denn gesagt?« fragt Brose erschrocken. Dann sind sie eine lange Weile still, sitzen zusammen, rühren manchmal den Zucker in den Tassen um, dann klingt jedesmal der Löffel gegen den Tassenrand, sie schlürfen auch ab und zu einen Schluck, zwei Schluck, und sie sitzen lange und schweigen. Dann ist Olkers gekommen, und man schwatzt wieder, lacht und spricht durcheinander. Das Schweigen ist vorbei und die Löffel klingen nicht mehr am Tassenmund. Bloß Tina sitzt noch still da. »Du wirst ihn schon wiedersehen«, sagt Frau Brose. Tina hat ihr eine Tafel Schokolade zugesteckt. »Wenn du ihn sehen solltest«, sagt sie. Das ist eine Kälte draußen. Nun kommt der Winter mit Macht, das hat Olkers' lahmes Bein gesagt. Sturm kommt und Schnee. Olkers hat auch ein paar Holzscheite noch in den glühenden Kanonenofen geworfen. »Der frißt sein Quantum«, sagt Anton Olkers. »Ein Scheit in den Ofen, einen Schluck in den Magen.« »So kommen wir über den Winter«, lacht Brose. In der Niederlage auf dem Hof brennt Licht. Daniel Timm sitzt vor seinem frommen Buch. Er hat Uhlig das Geschäft überlassen. Wichtiger ist es, an der Türe zu stehen und zu warten, wann Gott vorüberwandelt. Nicht an die großen Türen wird er klopfen, er ist schon einmal gekommen und hatte Einkehr gehalten bei den Armen und Blöden, bei den Geringen und Verworfenen, bei den armseligen Fischern und bei denen, die mühselig von ihrer Hand leben mußten. Bis in die Nacht brennt das Licht bei Daniel Timm, brennt blaß und blakend zwischen Lumpen und zerbeultem Hausrat. Es ist das trübe Licht einer kleinen Lampe, aber eines Tages wird ein Licht angezündet sein, heller als alle Gestirne. An diesem Abend standen Uhlig und Schowe noch vor der Türe. Schowe sagte: »Sie ist doch eine patente Frau, die Tina, das muß man ihr lassen. Wie sie sich rausgemacht hat.« »Sie klagt nun auf Scheidung«, erwiderte Uhlig. »Das wird noch manche Schererei geben«, meinte Schowe bedenklich. Am nächsten Tage gab es vielerlei Ärger. Der Direktor der Zuckerfabrik hatte seine Einkäufe bei Uhlig machen lassen. Wally war gerade an dem kleinen Laden vorbeigekommen, als das Dienstmädchen mit vollgepackter Markttasche heraustrat. Wally hatte sich nichts Sonderliches dabei gedacht. Sie war auf dem Wege zu einer Freundin, dort würde sie noch ein paar andere junge Frauen treffen und man würde zusammen sitzen. Schlagsahne essen und schwatzen. Sie nannten sich Kränzchen und hatten eine Kasse angelegt, in die jedesmal Geld hineingetan wurde. Wenn die Summe ausreichte, wollte man dafür im Sommer einen Ausflug machen. Eine Omnibuspartie hatte Wally vorgeschlagen mit einer Girlande um den Kutschbock und bunten Laternen über den Sitzen. Da sie nichts Sonderliches erlebte, hatte jede Kleinigkeit für sie Bedeutung und nach solchen Nachmittagen konnte sie alles haarklein berichten: den Hinweg, die Plauderstunde und die Heimkehr. Dabei sagte sie ganz nebenbei: »Als ich bei Uhlig vorbeiging, kam gerade das Mädchen vom Direktor.« »Was haben sie denn gekauft?« fragte Frau Schowe Herrn Peine. Herr Peine glaubte Anlaß zu haben, seit einiger Zeit an der Redlichkeit des Lehrlings Labesehr zweifeln zu müssen. So benutzte er diesen Anlaß zur Kontrolle. »Fritz«, fragte er, »was haben Direktors gekauft?« – »Nichts«, bekam er zur Antwort. »Nichts?« wiederholte Herr Peine und fixierte den Lehrling. Wally mischte sich in das Gespräch. »Das Mädchen ist doch aus Uhligs Laden gekommen«, sagte sie, verwundert darüber, daß ihre Mitteilung soviel Aufstand gemacht hatte. »Uhlig?« rief Herr Peine. »Uhlig?« schrie Frau Schowe. Ihre Stimme überschlug sich. Sie sah ganz fassungslos aus. »Es ist doch unmöglich«, sagte sie dann, »daß Direktors jetzt bei Uhlig kaufen. Wir stehen doch in Geschäftsverbindung.« Herr Peine ging ärgerlich auf und ab. Wally sagte: »Warum sollen sie nicht auch mal bei Uhlig was kaufen lassen?« »Was ist denn nun schon wieder?« brummelte Herr Schowe hinter seiner Zeitung. Frau Schowe fiel über ihn her: »Ist es ein Wunder, daß andere zu Uhlig laufen, wenn Herr Schowe selbst in der Krambude sitzt? Du machst ja Reklame dafür!« rief sie. »Unser Kognak scheint dir nicht gut genug zu sein«, fiel Herr Peine dazwischen, »vielleicht sind dir unsere Zigarren auch zu feucht.« Dazu lachte er ironisch, denn er wußte, daß Herr Schowe vor höhnischem Auflachen sehr bald kapitulierte. »Der Herr Schwiegerpapa in trautem Verein mit der sogenannten Konkurrenz«, fuhr Herr Peine fort. »Na, na, na«, sagte Schowe. »Peine hat ganz recht«, rief Frau Schowe. Der Krach war unvermeidlich. Wally hatte schon ein weinerliches Gesicht. »Jeden Tag ist es so«, jammerte sie. Herr Schowe hatte zuerst ein Weilchen noch an sich gehalten, und seine Frau und Herr Peine waren mit vollen Segeln gegen ihn losgezogen. Man mußte endlich einmal reinen Tisch machen. Schließlich wurde es Herrn Schowe zu bunt. »Was«, schrie er aufgebracht, »ich soll nicht mehr mit Uhlig sprechen? Was kann der dafür, wenn Peine sein Geschäft nicht versteht?« Nun war dem Faß der Boden ausgeschlagen, und die Worte sprangen hin und her wie Hagelkörner. Wally saß schluchzend in der Sofaecke. Der Lehrling stand draußen im Flur, das Ohr gegen die Tür, und hatte sein Vergnügen. Die Zeitung war schon über den Tisch geflogen. Jetzt begann auch der Stuhl hin- und hergerüttelt zu werden. Der Tisch rutschte beiseite, und Herr Schowe stand groß und mächtig im Zimmer. »Mir paßt euer Kram schon lange nicht mehr. Immer bloß Geld und wieder Geld! Ein Stück Acker nach dem andern ist hingegangen. Jetzt ist Schluß, verstanden! Schluß!« Da war also nun der eiserne Besen, fuhr dazwischen und hatte Herrn Peine schon gegen die Wand gedrückt. Frau Schowe stand schützend vor ihm. »Das ist eine Katastrophe«, schrie sie. »Die feine Madame, die feine Madame«, brüllte Schowe ein paarmal. Er meinte wohl seine Frau. Plötzlich riß er den Deckel vom Klavier hoch, haute auf die Tasten und schrie: »Lauter Firlefanz!« Er riß das Bild einer Sängerin im Silberrahmen herunter, schleuderte es in die Stube und wollte darauf treten. »Barbar«, rief Frau Schowe. »Hängt euch auf«, schrie Schowe. Er knallte die Türe zu. Der Lehrling Labesehr sprang wie eine Katze vor ihm die Treppe herunter. »Einen Kognak«, sagte Schowe bei Uhlig. Er war noch so aufgeregt, daß er die Hälfte verschüttete. Nun war die Atmosphäre geladen. Das Gewitter war vorübergezogen, aber ein neues drohte jeden Augenblick aufzuziehen. Es wetterleuchtete, und ein unwirtliches Wetter rumorte tagelang im Hause des Herrn Schowe. Dann, eines Tages, sagte Herr Peine: »Mir ist ein Geschäft in der Altstadt angeboten, direkt am Markt. Gute Lage, alte Firma. Ich habe Lust, es zu kaufen.« »Wenn du das Geld hast –«, sagte Schowe gleichgültig. Herr Peine sah auf Frau Schowe. »Es wäre gut, wenn wir aus dem Kolk herauskämen«, sagte sie. »Schließlich kann man nicht sein ganzes Leben in dieser Gegend hier verbringen. Wir sind es schon Wally schuldig. Ihre Freundinnen genieren sich immer, wenn sie hierher müssen. In der Stadt sagt man: der verlorene Winkel. Soviel ich von Peine weiß, ist das Angebot sehr günstig. Es ist ein zweistöckiges Haus, direkt dem Rathaus gegenüber. Da können wir den Kolk gern Herrn Uhlig überlassen.« »Das steht euch ja frei«, sagte Schowe und griff nach dem Abendblatt. Es war nichts mehr mit ihm anzufangen. In den nächsten Tagen schickte man nun Wally vor. Es war ein langer Sonntagnachmittag. Draußen regnete ein nasser Schnee. Herr Peine saß im Kontor und arbeitete, und Frau Schowe hatte sich in ihre Stube zurückgezogen. So war Herr Schowe allein in dem großen Zimmer, das sie Salon nannten. Er hatte sich einen Fauteuil an das Fenster geschoben. In dem Plüsch war er tief eingesunken und sah nur über das Fensterbrett hinweg die schmutzigen Tropfen gegen die Scheibe. Nun war Wally hereingekommen. Sie kommt mit ungeschicktem Zärtlichtun in diese Trübseligkeit. Man merkt, daß jede Tatscherei gut gemeint ist. Wie kann man da mißmutig sein und sich abwenden? Man weiß, sie hat was auf dem Herzen. »Schieß los«, sagt man schließlich, »was gibt's denn? Ach so – natürlich, das Haus am Markt. Bleib mir damit vom Hals.« Aber nun sagt Wally bittend: »Papa.« Nichts anderes, bloß Papa. Das ist ein dummes rundes Wort, es ist ein Wort wie ein Lebkuchenherz. So ein rührseliges mit Stern und Schleife – Papa –? – »Was denn, Kind? Nun laßt mich doch endlich in Ruh.« – Aber nun ist wieder solch ein schmollendes Zwitschern. Eine Träne? »Na na, Kindchen, so schlimm ist es nicht. Nicht gleich weinen. Ihr denkt wohl, ich hab einen Dukatenmacher. Also das Haus am Markt. Was ihr euch so alles in den Kopf setzt. Graderüber vom Rathaus. Zweistöckig. Was sagst du? Gute Kapitalsanlage. Wer hat dir denn das eingeschwatzt, Wally? Du willst wohl solch kleiner Bankier werden? Gute Kapitalsanlage, sagt das Mädchen. Was es davon schon versteht! Natürlich, natürlich, Muttern seh ich schon. Zweistöckiges Haus am Markt. Erste Etage. Was du nicht alles weißt, Wally. Also drei Schaufenster, eigene Kaffeerösterei, zwei große Rösttrommeln. Kind, Kind, daß du das alles behalten hast. Also nun steh erst mal auf, das Knie ist mir schon lahm. Siehst schmuck aus, das muß man sagen. Endlich mal kein Rosa. Das ewige Rosa konnte mich schon verdreht machen. Das Blau steht dir doch gut. Dreh dich mal rum. Siehst wirklich passabel aus. Drall und rund, nanu, nanu, Kindchen, was wirst du denn so rot? Auf einmal verlegen? Wally, Mädchen, was hast du denn? – ach so – wirklich? Wirklich? Wally, Wally?! Nee nee, das ist aber 'ne Freude. Nu komm mal her. Erst mal 'nen Kuß. Frau Wally, haha, Frau Wally! Also das Haus am Markt soll's sein! Abgemacht, jetzt muß man an die Zukunft denken. Laß nur, laß nur, du drückst mich ja tot Daß es dir bloß nichts schadet.« Auf einmal ist draußen kein schmutziger Schnee, kein trüber Tag, kein regnender Wind, auf einmal ist draußen ein Sonntag. Der blickt zu dem trüben Fenster herein, er macht das trübe Fenster ganz hell. Nun ist er schon in der Stube. Er tanzt in alle Ecken hinein, über Tisch und Stuhl, dieser frohe Tag, nun klimpert er über die Tasten. Das Haus am Markt war gekauft worden. In Herrn Peines Laden war Ausverkauf. Das heißt, es waren große Schilder angebracht mit der Ankündigung, daß man das alte Geschäft am Markt übernommen hätte, also nicht solch trübseliger Ladenschluß wie damals bei Uhlig – im Gegenteil – ein Aufschwung, ein Schritt voran. Der Lehrling Labesehr schwatzte gewaltig zu den Frauen, die noch dieses oder jenes billig haschen wollten. Er war nicht mehr der Lehrling vom Kolk, er war jetzt schon der Kommis vom Markt. Aber noch durch ein anderes Ereignis war der Kolk in eine gewisse Aufregung versetzt worden. Noch im Winter war Klara, Barbe Wiels Schwester, eingetroffen. Sie war eine ältere eckige Frau mit staksigen Bewegungen, die im Gespräch die Arme weit wegschleuderte, den Kopf vorgestreckt und so dicht an den anderen, daß man fürchten mußte, nicht ohne Beule davonzukommen. Sie kam angebraust wie ein Sturmwind. Schnaufend und durch die Aufregung der Fahrt trotz der Kälte in Schweiß geraten, eilte sie durch den Kolk. Barbe Wiel hatte sie von der Bahn abgeholt, und Tina war mitgegangen. Sie trug jetzt den Strohkoffer und einen Stoffbeutel, darin man Eier oder auch Fische vermuten konnte. »So, Sie wohnen also jetzt bei meiner Schwester«, sagte Klara, »na, Bärbchen, dann hast du ja das Haus voll.« »Wieso denn?« fragte Barbe Wiel etwas verschüchtert. »Ich denke, es wohnt noch ein Veteran bei dir. Hast du so was nicht mal geschrieben?« forschte Klara streng. ›Ach du lieber Gott‹, denkt Barbe Wiel, ›weshalb ist sie denn so fuchtig? Was ist dabei, wenn ich ein paar Zimmer weggegeben habe. So viel Platz brauch ich doch nicht. Warum kommt Klara überhaupt auf einmal an. Sie hat sich doch jahrelang nicht sehen lassen. Auf einmal ist sie da und macht ein Gefrage wie die Polizei.‹ Barbe Wiel hat sich geärgert und antwortet gar nicht mehr. Dann denkt sie, nun ja, es ist deine Schwester, ihr habt euch immer ganz gut gestanden, nun kommt sie mal zwei Tage zu Besuch. Warum soll man sich die verärgern? Barbe Wiel wird wieder freundlich und zugänglich. Sie hat viel Erkundigungen nach dem kleinen Leben der Schwester. Klara ist auch gemütlicher geworden. Sie erzählt von ihrem Dorf. Aber zu Hause, als die beiden Schwestern allein sich gegenübersitzen, sagt Klara: »Du hast jetzt also hier das Haus voll Menschen. Die werden dir bei deiner Gutmütigkeit schön auf der Tasche liegen. Denn nach Geld sieht die Frau doch nicht aus. Und ein Kind hat sie auch. Solch Mädchen ißt doch was. An mich scheinst du gar nicht zu denken. Natürlich, deine Schwester hat sich ihr ganzes Leben geplackt. Sie könnte ja übermütig werden, wenn sie's mal besser bekäme.« Klara schluchzte plötzlich: »Du hast immer deine Rente gehabt, Bärbchen«, sagte sie, »und ich dachte, daß ich mal etwas von dir bekäme, wenn du stirbst, aber nun geht das alles hin!« Barbe Wiel schlug aufgeregt die Hände zusammen. »Aber Klärchen, Klärchen, was ist denn? Nun tröst dich doch. Ich werd doch an meine jüngere Schwester denken.« »Und ein Invalider ist auch noch im Haus. Den fütterst du wohl auch mit durch«, begann Klara von neuem wütend zu werden. Barbe Wiel erschrak. »Das ist nun ein Irrtum von dir, Klärchen«, sagte sie verlegen. »Du hast es selbst geschrieben«, behauptete Klara. »Das mußt du falsch gelesen haben«, sagte nun Barbe Wiel, denn wozu sollten sie sich die beiden Tage verderben, die Klara da war. »Das mußt du falsch gelesen haben«, sagte also Barbe Wiel, »hier wohnt wohl einer in der Nachbarschaft, das ist alles.« Sie brachte das Gespräch schnell auf Tina. Sie erzählte der Schwester die ganze unglückliche Geschichte. »Ich hab sie bloß vorübergehend aufgenommen, weil sie's hin und wieder noch mit dem Gemüt hat. Darum will sie wohl auch nicht in ihre Wohnung. Es ist ja zu verstehen. Sie hat an dem kleinen Köppje gehangen, aber nun wird sie wohl bald heiraten, den Kaufmann Uhlig nebenan. Dann wird das Haus hier wieder leer.« Klara schien sich zu beruhigen. Doch kam sie noch einmal auf den Invaliden zu sprechen. »Ich dachte schon, du hättest dir da einen Mann aufgebürdet, einen, der keinen Pfennig hat, vielleicht gar ein Faulpelz ist, einen, der deine Altersgroschen mit aufzehren will. Lehr du mich die Männer kennen! Wenn sie einen offenen Topf finden, stecken sie schon den Löffel darein. Ich weiß doch, wie gutmütig du bist.« Barbe Wiel saß vor diesen Worten verschüchtert wie ein kleines Mädchen. »Das Haus ist klein, und die Groschen sind abgezählt«, sagte sie. »In jedem Beutel ist Platz für noch einen Taler«, antwortete Klara unverblümt, »du kannst doch deine Rente nicht aufessen. Was brauchst du schon?« Barbe Wiel sagte nichts mehr. Sie machte sich in der Küche zu schaffen. Klara war müde von der Reise. Sie schlief im Lehnstuhl ein und begann zu schnarchen. Da ging Barbe Wiel leise hinaus. Sie ging auf Zehen und zog die Tür vorsichtig ins Schloß, nicht einmal die Fliege flog auf. Auf der Straße kam gerade Olkers angestelzt. Barbe Wiel machte ihm Zeichen. Er wurde daraus nicht klug. »Komm«, flüsterte ihm Barbe Wiel zu. Sie hatte den Finger auf dem Mund, es war wie eine Verschwörung. Anton Olkers humpelte verwundert mit. Er nahm immer einen langen und einen kurzen Schritt. Barbe Wiel zog ihn in Uhligs Laden. Sie sagte: »Du mußt heute mal außer Haus schlafen. Morgen auch. Bei Uhlig ist ja noch ein Bett frei. Du kannst ihn doch wohl mal beherbergen, Atze?« »Selbstredend«, antwortete Uhlig. »Wozu denn?« fragte Olkers. »Klara ist da«, antwortete Barbe Wiel, »sie hat mir den Kopf fuselig geredet.« »Was hat das mit meiner Schlafstatt zu tun?« meinte Olkers. ›Ich kann's ihm doch gar nicht erklären‹, denkt Barbe Wiel, ›ich kann ihm doch nicht erzählen, was Klara alles geschwätzt hat. Der Mensch muß ja denken, ich bin hinter ihm her.‹ »Sie will doch nicht etwa in meinem Bett schlafen«, sagt Olkers ärgerlich. »Du hast doch unten noch das Sofa. Und das Feldbett könnte man ja auch aufstellen. Die Stange ist zwar kaputt, aber das läßt sich mit einem Strick machen.« »Nein, nein«, sagte Barbe Wiel, »Klara schläft bei mir, das ist es nicht.« »Was dann?« fragt Olkers hartnäckig. »Ich erzähl euch alles, wenn Klara wieder weg ist«, antwortet Barbe Wiel endlich, »das ist ein langes Brimbamborium. Du mußt mir schon den Gefallen tun und bei Uhlig schlafen. Am besten ist's, du läßt dich heute und morgen gar nicht sehen.« »Will sie mir denn zu Leibe?« fragt Olkers verdutzt. »Es ist schon besser, sie weiß gar nicht, daß du bei mir wohnst.« »Ach so, sie denkt wohl –?« fragt Olkers stolz. »So läuft der Hase! Ist in Ordnung, Barbe Wiel, wird gemacht, brauchst keine Angst zu haben.« »Übermorgen reist sie ja schon ab«, sagt Barbe Wiel. Sie hat Olkers in die Seite gepufft, lacht noch und sagt: »So könnt's dir passen!« »Man ist noch nicht der Älteste«, sagt Olkers. Aber Barbe Wiel ist schon aus dem Laden. »Ne forsche Person«, sagt Olkers, »alles was recht ist. Aber bist du draus klug geworden, Uhlig? Es scheint doch wohl so, daß die Schwester annimmt, wir hätten 'ne Liebschaft. Es soll 'ne resolute Frau sein, die Klara. Da will ich mich denn lieber die paar Tage dünn machen. Wozu soll man sich in die Hölle begeben? So was könnte doch sein. Meinst du nicht, Uhlig?« Am Abend aber, als er zu Uhlig mit heraufkommen soll, zögert er vor der Haustüre. Uhlig wohnt noch immer bei Schowe in Tinas Wohnung. »Brauchst dich nicht zu genieren, Olkers, komm, das macht mir keine Umstände.« »Man hat mich mal aus diesem Haus hinausgeschmissen wie einen, der seine Miete nicht zahlt. Fünfzehn Jahre hab ich hier gewohnt, und dann ist Herr Schowe gekommen und hat gesagt: Ausziehen! Fünfzehn Jahr lang Tag für Tag bin ich durch diese Haustür gegangen. Man hat mich rausgeworfen. Nein, nein, das Haus betrete ich nicht wieder!« Uhlig will ihm gut zureden, doch Olkers bleibt halsstarrig. »Das geht nicht gegen dich, Uhlig«, sagt er. »Du hast doch inzwischen schon oft mit Schowe gesprochen. Neulich habt ihr zusammen angestoßen bei mir im Laden«, erwidert Uhlig. »Schowe, ja«, sagt Olkers, »bei dem saß die Frau dahinter. Ich hab's ihm vergeben, aber das Haus. Keine zwei Paar Ochsen kriegen mich rein. Man schläft nicht gut, wo man nicht gern gesehen ist. Wie gesagt, das soll nicht gegen dich sein, Uhlig.« »Wo willst du denn hin?« fragt Uhlig. Olkers lacht verschmitzt. »Ich zieh mir die Stiefel aus, da hört mich keiner.« Er stelzte davon. Klara hatte einen leisen Schlaf. Nach einem Stündchen war sie hochgefahren, hatte Barbe angestoßen und gesagt: »Es ist ein Dieb im Haus.« »Nein«, sagte Barbe Wiel und schlief wieder ein. Klara weckte sie wieder. »Hörst du's denn nicht?« fragte sie. Man vernahm deutlich tappende Schritte, die über dem Kopf waren. Einen leisen Schritt und einen lauten Schritt. »Es scheinen zwei zu sein«, flüsterte Klara. Sie wollte aufstehen und Licht machen. Sie war eine couragierte Frau und würde ihrer zwei ins Bockshorn jagen. Barbe Wiel hatte schon so schön geschlafen. Sie hatte sich in ihre Federbetten eingerollt. Da lag jede Zehe geschützt vor Zugluft. Die Hände schliefen immer auf dem Deckbett. Angefaßt wie Geschwister. Im Schlaf hatte Barbe Wiel noch rötere Backen als am Tage. Die blühten aus der weißen Nachthaube hervor. Der Atem ist lang und ruhig, manchmal fängt er sich in der Nase, dann gibt es ein kleines Geschnarch. Barbe Wiel hat vom Schlaf nichts zu fürchten. Sie hat gute und einfache Träume. Sie kauft Butter ein im Traumladen oder Fleisch, sie steht auch in der Traumküche und kocht. Und manchmal, wenn es der Schlaf besonders gut mit ihr meint, ist eine Traumkutsche da und fährt sie über Land. Wie kann man in so schöner Schlafestiefe an die List und die Arglist des Tages denken? Barbe Wiel rekelt sich ein wenig, dreht den Kopf verschlafen zur Schwester und, noch befangen vom schönen Traumbild, sagt sie gähnend: »Es ist bloß Olkers.« Dabei drehte sie sich wieder auf die andere Seite. Klara aber stieg aus dem Bett, machte Licht und schrie: »Belogen also wird man in diesem Haus! Pfui! Die leibliche Schwester belügen um einen fremden Kerl.« Jetzt war Barbe Wiel wach und setzte sich auf, aber Klara ließ sie nicht zu Wort kommen. »Schmeiß ihm nur alles in den Rachen. So ist's richtig! Lieber einem Hergelaufenen als der eigenen Schwester!« »Deshalb also«, sagte Barbe Wiel, »also deshalb!« »Heirate ihn doch«, zankte Klara, »so alt und so – pfui! Heiratet euch doch. Das ist ja ein sauberes Haus!« Es war ein giftiges Lachen in ihrer Kehle, das jedes Wort zerfraß. Barbe Wiel hatte vor Aufregung kein Wort gefunden. Sie schlug nur mit beiden Händen auf die Bettdecke. Tina horchte nebenan erschrocken. Sie wagte nicht, sich in den Zank zu mischen. Auch Olkers hörte den Lärm bis in seine Stube. Da ihm aber Barbe Wiel verboten hatte, sich sehen zu lassen, so legte er sich zu Bett und zog die Decke über den Kopf. ›Es ist nur gut, daß ich die Stiefel ausgezogen hatte‹, dachte er noch. Am nächsten Morgen schon zeitig fuhr Klara wieder ab. * Der Lehrling Labesehr hatte nun bloß noch Ladenhüter zu verkaufen, die kein Mensch haben wollte. So kam dann ein Hausierer vorgefahren und holte das Letzte weg. Die Jalousien waren nun heruntergelassen. Der Laden war geschlossen. Peines hatten ihre Wohnung am Markt ganz neu eingerichtet. Da gab es nun ein Sofa mit Umbau, ein Büfett mit Kristallschalen, auch eine Kredenz und einen Bücherschrank, in dessen Seitenteilen hinter grünen Gardinen Wally ihre Wäsche untergebracht hatte. »Es ist kaukasisch Nußbaum«, sagte Frau Schowe zu jedem. Sie spekulierte darauf, die Wohnung im ersten Stock für sich zu nehmen, aber da wohnte ein Arzt, der vorläufig noch Kontrakt hatte. Auch war Herr Schowe noch nicht zu einem Umzug zu bewegen. »Ich bin im Kolk zu Hause«, sagte er, »und damit gut.« Er ließ sich alle paar Tage am Markt sehen, brachte für Wally stets ein kleines Geschenk mit und liebte es dann, am Fenster zu sitzen und das Treiben auf dem Marktplatz zu betrachten. Frau Schowe hatte sich in dem Eckzimmer einlogiert. Herr Peine war damit einverstanden. Er fand es gut, daß Wally in ihrem Zustand, wie er sagte, nun ständig die Mutter um sich hätte. Auch Schowe hatte sich darein gefunden. »Ich muß sehen, wie ich als Strohwitwer fertig werde«, meinte er, »aber es ist schon richtig, zuerst kommt Wally.« Im stillen dachte er wohl, daß es seiner Frau nichts ausmachen würde, sich um die Wohnung im Kolk zu kümmern und Wally jeden Tag zu besuchen. ›Sie kann ja meinetwegen von morgens bis abends da sein‹, dachte er, ›aber ein bißchen könnte sie auch ein Auge auf meine Bequemlichkeit haben.‹ So ärgerte er sich manchmal, doch dann gab es wieder Tage, an denen ihm das Alleinsein gefiel, wo er froh war, seine Ruhe zu haben und nicht zu jeder Mahlzeit eine neue Idee vorgesetzt zu bekommen. Es war auch nichts gegen Frau Schowe zu sagen. Sie kümmerte sich schon um ihn. Alle zwei Tage erschien eine Portierfrau vom Markt, die ein paar Stunden lang mit Schrubber und Besen durch die Wohnung im Kolk rumorte. Eines Tages hatte zu aller Überraschung Albert gekündigt. Er sollte nun, wo es galt, das Geschäft am Markt würdig zu repräsentieren, eine Livree tragen. Das ging Albert gegen den Strich, und wenn er auch gern seiner Stellung zuliebe oft nachgab, so hätte ihn doch kein Mensch dazu bewegen können, in dem cremefarbenen Rock mit den roten Aufschlägen, wie Frau Schowe es ausgesucht hatte, herumzulaufen. Herr Peine war außer sich über diesen Widerstand. Frau Schowe sagte: »Was die Leute sich heutzutage einbilden. Sie vergessen ganz, wer sie sind. Soll er doch gehen. Wir werden schon einen finden, der gern mit dem halben Lohn zufrieden ist.« Als der Schneider die Livree brachte, geriet sie noch einmal in Aufregung. »Ich weiß nicht, was der Mensch dagegen hat. Es sieht adrett und geschmackvoll aus. Jedenfalls anständiger als sein schäbiger Anzug.« Albert ging zu Herrn Schowe und beklagte sich. »Früher auf dem Acker hat kein Mensch nachgefragt, was man anhat«, meinte er. »Du sprichst da eben vom Acker«, sagte Schowe, »ich habe schon daran gedacht, ihn wieder selber zu bewirtschaften. Wie wär's, wenn wir uns daran machten. Dann müssen wir der Zuckerfabrik sagen, daß sie die Pferde nicht mehr bekommen kann. Wir brauchen sie dann selbst.« Zu Alberts Kündigung äußerte er sich gar nicht, doch war er insgeheim ärgerlich auf seinen Schwiegersohn und vor allem auch auf seine Frau, denn er wußte, daß Peine alles, was das Geschäft betraf, mit ihr besprach. Sie besaßen beide einen großen Ehrgeiz, während Wally träger den Geschehnissen zusah. So zog Albert wieder in die Kammer am Kolk. Ein paar Tage darauf rumpelte der Ackerwagen aus dem Haus. Der Pflug war hinten angebunden und die Egge. Vorn auf dem Wagen, die Beine lang herunter, saßen Schowe und Albert. Schowe hatte eine alte grüne Joppe an, und Albert hielt die Leine. Sie fuhren mit lautem Zuruf an Uhlig vorbei, der vor dem Torbogen stand. Sie blieben den ganzen Tag auf dem Feld, sie kamen gegen Abend todmüde nach Haus. * So löste ein Ereignis im Kolk das andere ab, und man hatte genug zu tun, jedes einzelne zu erörtern. Olkers konnte mit seinen Berichten über Klaras Besuch nicht zu Ende kommen. »Sie ist wie eine Furie aufgetreten«, sagte er, »sie hat uns schöne Dinge angehängt. Es ist ein arges Stück, der eigenen Schwester solch bösen Leumund zu geben. Wir haben uns ehrbar gehalten! Manchmal, wenn das Reißen kam, hat sie mir Umschläge gemacht. Warm Wasser und Kleie. Das war aber auch alles. Jeder kann's bezeugen! Bin ich ein Komplimentenschneider, so nennt man das doch wohl, der hinter jedem Rock her ist? Aber natürlich ist man kein Grobian, und eine Frau könnte schon mit unsereinem gut auskommen, aber ich sage immer, eine Ehe, das ist wie vierzehn Handwerke und fünfzehn Unglücke.« Ein andermal nahm er Uhlig beiseite: »Was hältst du eigentlich davon? Du scheinst ja nun auch daran zu denken. Ich glaube, wenn man älter wird, ist ein warmes Tuch nicht zu verachten. Ich kann wohl sagen, ich hab mein Leben lang immer mutterseelenallein gehaust. Frieda ist schon in den Dreißigern gestorben. Sie hatte es mit der Lunge, aber es war eine gute Frau, und in den vier Jahren sind wir gut miteinander ausgekommen. Was recht ist, muß recht bleiben. Ich kann mich ja nicht beklagen. Ich sitze da ganz warm unterm Dach. Aber die Treppe rauf, das wird mir doch oft verdammt schwer. Es wäre schon besser, man wohnte parterre. Das sind hübsche Zimmer da unten. Wenn ich mir denke, daß man es sich da bequem machen könnte, aber ich weiß nicht, wie sich Barbe Wiel zu einem Antrag stellt? Besonders, wo ihre Schwester solch Gerede gemacht hat. Vielleicht kannst du ihr mal auf den Zahn fühlen.« Dazu war nun Uhlig wenig geschickt, doch brachte er vor Barbe Wiel mehrmals die Rede auf Olkers' lahmes Bein, und wie es ihm schwer fiele, die Treppe zu klettern. Auch wäre es wohl gut, wenn er jemand auf seine alten Tage hätte. Barbe Wiel sagte: »Er kann sich nicht beklagen. Er sitzt warm wie die Made im Speck. Wenn er mal einen Umschlag braucht gegen's Reißen, mach ich's ihm immer gern.« Sie verstand nicht, worauf Uhlig hinaus wollte. Vielleicht wollte sie es auch nicht verstehen. Wenn sie zusammen saßen, sagte Olkers neben ihr jetzt oft: »Wir beiden alten Leute.« »Er tut gerade, als wäre ich siebzig«, grollte Barbe Wiel. Zu Uhlig meinte sie: »Ich weiß nicht, was er hat. Er streicht mir immer um die Schürze rum. Sein Johannes muß doch schon vorüber sein.« Olkers war mürrisch, daß Uhlig ihm auch nicht helfen konnte. »Es wäre schon ganz gut«, meinte er, »wenn sie Vernunft annähme und wir heirateten. Sie wird auch mal froh sein, wenn sie einen hat, der ihr die Augen zudrückt.« Er ging zu Daniel Timm und trug ihm die Angelegenheit vor. Timm freute sich, daß jemand kam, der seinen Rat hören wollte. Seit Atze Uhlig im Torbogen den Laden eröffnet hatte, war er mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Wenn man zusammen saß, war so viel vom Geschäft zu sprechen, zu überlegen und zu beratschlagen, daß er gar nicht mehr dazu kam, in friedlichen Abendstunden seine frommen Geschichten auszulegen. Hatte man einmal ein Ohr auf ihn, so tauchte doch mitten darin plötzlich eine alltägliche Frage auf, etwa, daß die Zuckerhüte morgen von der Fabrik abgeholt werden müßten, weil der Schiffer Brose am Abend abzufahren gedächte. So trieb eine Flut von Kisten, Fässern, Säcken und Kannen gegen den stillen Strand seiner heiligen Insel. Oft hatte Daniel Timm schon Bedenken gehabt, ob es Gott gefiele, daß er sich wieder an so viel Weltlichkeit gehangen habe, und manchmal erschrak er voll Bestürzung, dem lieben Gott die Predigtbänke gestohlen zu haben. So war aus Daniel Timm, der sein Herz bisher mit Sicherheit gerüstet hatte, ein Zweifler geworden, nicht an den seligen Offenbarungen, aber an der Zuverlässigkeit seiner eigenen Seele. Da war er nun froh, den Invaliden vor sich zu haben und ihm in langer Rede Gottes Weltplan auseinanderzusetzen, ihm die Prophezeiungen alter Bücher klar zu machen, kurzum, alle Fragen zu lösen, die wohl das Herz eines Christenmenschen bewegen. Auf die Frage aber, die Anton Olkers an ihn gestellt hatte, ob es wohl anginge, zwei alte Pferde vor einen Wagen zu spannen, wußte auch er keinen rechten Entscheid. Er sagte »ja« und »nein«, und »wenn du meinst, Olkers, daß es das richtige ist, aber das muß schließlich jeder selbst wissen und vor allem mußt du auch in Erfahrung bringen, wie Barbe Wiel darüber denkt – also wie gesagt – ja und nein – und ich kann nichts dazu tun.« Olkers ließ nicht locker. »Ich hatte gedacht, daß du mal mit ihr sprichst. Bei dir muß sie ja in Grenzen bleiben. Man kann nie wissen, woran man bei Frauen ist. Aber wenn du denkst, daß es sich nicht für dich schickt, dann will ich dich nicht weiter bemühen.« Er ging niedergeschlagen fort. Daniel Timm dachte: ›Er ist zu mir wie zu einem Seelsorger gekommen, und ich habe ihn abgewiesen, das dürfte nicht recht sein.‹ Er ging also am Abend zu Barbe Wiel, gerade als Olkers bei ihr saß und seine Mehlsuppe schlürfte. »Es ist gut, daß ich euch zusammen treffe. So können wir gleich darüber sprechen.« Olkers machte ihm hinter Barbe Wiels Rücken abwehrende Zeichen. Als Daniel Timm darauf nicht acht gab, wollte sich Olkers aus der Türe drücken, aber Timm hielt ihn fest und sagte: »Setz dich da hin und laß uns reden.« Nun saß Anton ganz und gar Barbe Wiel gegenüber. Sie hatte diese Einleitung mit Kopfschütteln verfolgt. Nun sagte Daniel Timm: »Du hast mich gefragt, Anton Olkers, ob es wohl anginge, zwei alte Pferde vor einen Wagen zu spannen?« »Was hat er gefragt?« fuhr Barbe Wiel dazwischen. Olkers trat Timm auf den Fuß, aber Timm wiederholte seine Worte. »Was meint er damit?« erkundigte sich Barbe Wiel. Olkers kam jetzt vor Verlegenheit ins Husten. Er konnte Timm auch nicht mehr auf den Fuß treten, weil der seine Füße weit unter den Stuhl zurückgezogen hatte. So saß Olkers ganz hilflos da. Daniel Timm sagte: »Anton Olkers wollte wohl damit sagen, ob es gut täte, in seinem Alter noch in den Ehestand zu treten.« »Wenn er eine Dumme findet, warum nicht?« sagte Barbe Wiel barsch. »Es ist gut, Timm«, haspelte Olkers, »lassen wir's.« Aber nun war Barbe Wiel obenauf. »Also heiraten will er! Sieh einer an, er braucht wohl 'ne Wickelfrau.« »So wird es nicht gemeint sein«, versuchte Daniel Timm zu beschwichtigen. Barbe Wiel erwiderte: »Ich bin nicht seit gestern, daß ich nichts merke. Da müßte man ja leer im Kopf sein. Das geht nun schon so seine Zeit. Er druckst und druckst und richtet bloß Geschwätz an. Wohnt er oben in seiner Stube nicht gut und billig? Ich meine, er kann zufrieden sein.« Nun wurde Olkers falsch. ›Sie macht gerade, als läge man ihr auf der Tasche‹, denkt er, ›Olkers will nichts geschenkt haben. Die Stube oben hat ihren regulären Preis.‹ – Und laut sagt er: »Du tust, als bezahlte ich mit Bettstroh. Darüber kann sich keiner beklagen. Schowe hat auch immer seine Miete bekommen. Ich will keinen über den Löffel barbieren.« Daniel Timm sagte: »Darum handelt es sich nicht, Anton Olkers. Du bist zu mir gekommen und aus deinen Worten habe ich entnommen, daß ich Barbe Wiel fragen soll, ob sie auch ihrerseits geneigt wäre.« »Was sagt der Mensch dazu?« rief Barbe Wiel. »Aller Welt liegt er mit seiner Duselei im Ohr.« »Bringe ich nicht jede Woche pünktlich meinen Taler?« sagte Olkers noch immer. »Neulich habe ich ihr auch Zwiebeln vom Markt mitgebracht. Ich dachte, willst ihr mal 'ne Freude machen. Sie waren aus Ägypten.« »Weich sind sie gewesen und mulsch«, zankte Barbe Wiel. »Seid doch verständig«, bat Daniel Timm. Anton Olkers lachte auf. »Weich und mulsch«, plapperte er, »weich und mulsch! Hör einer an! Hart wie die Uhrkapsel. Dreißig Pfennig haben sie gekostet.« Barbe Wiel tat, als müßte sie sich ausschütten vor Lachen. »Du bist ein Daus im Aufschneiden«, rief sie. »Fünfundzwanzig bestimmt«, beharrte Olkers, »es waren ägyptische Zwiebeln.« Daniel Timm erhob sich seufzend. »Ich war um anderes gekommen als um deine Einkäufe, Anton Olkers.« Als er gegangen war, saßen Barbe Wiel und Olkers noch ein Weilchen sich gegenüber. »Er hat's gut gemeint,« sagte Anton Olkers. Er tat so, als wäre die ganze Geschichte durch Daniel Timm gekommen. »Ich wußte schon, daß es mal wieder was geben würde«, sagte Barbe Wiel. »Ich hab letzte Nacht von den grauen Hühnern geträumt. Das ist immer schon ein Zeichen.« Tags darauf wußte sie, daß dieser Traum eine größere Bedeutung hatte. Es wurde ihr die Mitteilung, daß ihre Schwester Klara plötzlich gestorben war. ›Hätte das einer voraussagen können? Vor ein paar Wochen ist sie noch hier gewesen, forsch und resolut. Man hat seinen Ärger mit ihr gehabt und man ist im Ärger geschieden. Nun auf einmal das. Wer hätte auch daran denken können.‹ Barbe Wiel war wie vor den Kopf geschlagen. Olkers sagte: »Deine Schwester war eine, die sich um alle Hühner kümmert.« Er wollte wohl damit Barbe Wiel trösten, aber sie fuhr ihn an und tat so, als hätte er kein Herz. Dann saßen sie wieder zusammen und überlegten, wie man es mit der Reise halten müßte. Barbe Wiel wollte zur Beerdigung. »Das bin ich ihr schuldig.« Sie fürchtete sich aber vor der Fahrt. Es war umständlich mit dem dreimal Umsteigen, Hauptbahn und Kleinbahn. Auch gab es überall nur ein paar Minuten Aufenthalt. Uhlig hatte sich genau nach den Zügen erkundigt. »Ach Gott, ach Gott«, jammerte sie. »Das ist so, wenn eine Frau alleinsteht«, sagte Olkers, »in den vier Wänden geht's. Da ist sie zu Haus, aber darüber weg verliert sie den Kopf. Die vier Pfähle sind nicht die Welt.« Er wunderte sich, daß Barbe Wiel auf diese Anzapfung zugänglicher war. Es lag wohl daran, daß ihr kleines Reich durcheinander geschüttet wurde. »Ich würde doch meine Rente verlieren, wenn ich heirate«, meinte sie. »Oder meinst du, die Schifffahrtgesellschaft sorgt für zwei?« »Man hat ja auch sein Regelmäßiges«, warf Olkers ein. »Das ist was Rechtes«, antwortete Barbe Wiel. Dann sprachen sie wieder von der Beerdigung. Zu aller Erstaunen bestand Anton Olkers plötzlich darauf, mitzufahren. »Ich kann sie doch nicht allein in die Welt schicken«, sagte er, »es wird auch noch mehr zu regeln sein. Nicht bloß das Begräbnis.« Jetzt erst fiel es Barbe Wiel ein, daß Klara ein kleines Haus besessen hatte, und daß es ihr wohl nun zufallen würde. »Das gäbe also eine Erbschaft«, meinte Anton Olkers. Sie mußten am nächsten Morgen schon fahren, um rechtzeitig einzutreffen. Man hatte sie nach zwei Tagen zurück erwartet, aber sie blieben eine ganze Woche fort. Sie kamen auch untergehakt zurück. Anton Olkers sagte zu Uhlig: »Wir wollen nun auf die Rente der Schiffahrt verzichten. Es ist ein besonderer Fall eingetreten. Klaras Haus hat ein Fabrikbesitzer gekauft. Er will sich da ein Sommerhaus bauen. Er hat es gut bezahlt. Alles was recht ist.« Olkers neigte sich zu Uhlig und flüsterte: »Du brauchst es ihr nicht zu sagen, daß ich's dir verraten habe, aber wir haben im Schubfach noch einen Strumpf gefunden. Da hatte sie noch etwas Ersparnisse drin. Hier soll sie getan haben, als müßte sie verhungern. Nun ist sie über alles weg gestorben. Es war ihr was im Magen gewachsen, aber sie hatte das nicht beachtet, sagen die Leute.« Man war einigermaßen verwundert im Kolk, daß Barbe Wiel sich nun doch zu der Heirat entschlossen hatte. Über den wirklichen Grund sprach sie nicht. Sie war eigentlich aus Peinlichkeit dazu gekommen. Als sie mit Anton Olkers in dem Dorfe eintraf, hatten die Nachbarn schon alles im Trauerhause hergerichtet. Sie beide waren gerade im letzten Augenblick gekommen. Barbe Wiel kannte noch einige Anwesende von früher her. Es war eine Frau darunter, die ein spitzes Maulwerk hatte. Sie fragte: »Das ist wohl der Veteran?« Da wußte Barbe Wiel, daß Klara auch in ihrem Heimatdorfe solch ein Geschwätz aufgebracht hatte. Sie genierte sich unter den Blicken der anderen. Sie wandte sich um und rief Olkers herbei. »Er ist mein Bräutigam«, sagte sie, »wir heiraten zu Pfingsten.« Olkers stand sprachlos dabei. Als er schließlich begriff, fuhr er mit der Hand über die Oberlippe, an der ein dünner, grauer Bart hing. »Das soll sein«, sagte er. Als die Tote dann in die Erde gesenkt war, saß man noch bei Kaffee und Kuchen zusammen. Die Nachbarin hatte alles bereitet und Barbe Wiel erstattete ihr die Auslagen. Anton Olkers forderte alle auf, zuzugreifen und sich nicht so bescheiden zu machen. Er sorgte auch für Branntwein und Zigarren und fühlte sich überhaupt als Herr im Haus. Erst am Abend gingen die Trauergäste. Einige von ihnen sangen. Ein Nachbar hatte auch auf das Brautpaar angestoßen. So war also die Sache perfekt. Als sie nun in den Kolk zurückkamen, brachte man ihnen Blumen, eine rote und eine blaue Hyazinthe, denn es war deren Zeit. Olkers hielt sich jetzt mit einer gewissen Würde. Er tat auch so, als hätte er noch alle Hände voll zu tun bis zur Hochzeit, für die man den dritten Pfingsttag ausersehen hatte. Er ließ sich von Uhlig eine Anzahl leerer Blechbüchsen geben, besorgte alle möglichen Farben und wollte nun daran gehen, das Haus zu renovieren. Doch da stieß er auf den entschiedenen Widerstand Barbe Wiels, besonders als sie einmal die Schürze voll Farbe hatte. »Es ist pure Schlemmkreide«, besänftigte sie Olkers, »es ist gut gemischt und gibt ein schönes Grün.« Er hatte auch Kalk besorgt. »Kalk muß alt sein«, behauptete er. »Auch muß ein Hauswirt ihn stets zur Hand haben.« Er hatte nun auch eine Maurerkelle und ein Richtbrett und pütjerte an den Wänden herum. »Es wird die höchste Zeit, daß sich ein Mann der Sache annimmt«, sagte er zu Uhlig, »von außen sieht das Haus noch ganz leidlich aus, aber wenn, man näher hinsieht, sind doch hier und da Reparaturen. Nun, ich versteh mich drauf und so kostet's Barbe Wiel kein Geld.« In diesen Monaten war Uhlig glücklich und zufrieden. Es stand bei ihm fest, daß er Tina heiraten würde, sobald ihre Angelegenheit mit Stam Öffgen erledigt wäre. Sie hatten auch schon über die Zukunft gesprochen. Dabei war es Uhlig, der dieses und jenes ausmalte, während Tina sich in seinen Schilderungen hinschaukeln ließ, alles gut fand und schön, sich auch Mühe gab, an alles das zu glauben, aber doch immer wieder nach solchen Gesprächen mit einem wehen Gesicht dasaß, wenn sie an Köppje dachte. »Vielleicht können wir es durchsetzen, daß er dir zugesprochen wird«, meinte Uhlig. Er war jetzt öfter bei einem Rechtsanwalt, doch konnte man nichts mit Sicherheit voraussagen. Es war zu bedenken, daß Stam Öffgen Gegengründe geltend machen würde, die das Gericht in Erwägung ziehen müßte. Uhlig versuchte, diese Auskunft so zu mildern, daß Tina vielleicht einen Trost fände. »Wir haben ein reines Gewissen«, sagte er, »es war eine Klatscherei und nichts weiter. Das Gericht wird uns schon glauben. Das können wir beschwören.« Tina merkte jedoch daraus, daß die Sache nicht so einfach wäre, und es dauerte dann wieder ein paar Tage, bis man sie lachen sah. Uhlig sprach über diese Angelegenheit oft mit Schowe. Er hatte das Bedürfnis, einen Menschen, dem man eine gewisse Lebenserfahrung nicht absprechen konnte, in diesen schwierigen Fall einzuweihen. Bei Daniel Timm fürchtete er nicht ohne Ermahnungen und große Redensarten wegzukommen. Es schien überhaupt so, als wäre Timm gegen die Scheidung. »Der Mensch hat in allen Prüfungen auszuharren und von sich aus nichts zu tun, diese Prüfungszeit abzukürzen.« Das war seine Ansicht. Schowe dachte anders darüber, und in einer vertraulichen Stunde äußerte er zu Uhlig: »Man hätte es auch so machen sollen. Einfach auf und davon gehen. Nun sitze ich in einem schönen Hexenkessel.« Bei seinem letzten Besuch in dem Haus am Markt hatte Frau Schowe ihm einen großen Tanz gemacht. Es war ihr zu Ohren gekommen, daß ihr Mann jetzt wieder aufs Feld fuhr. Auch Herr Peine war aufgeregt darüber gewesen. »Es schadet unserer Reputation. Wir sind dabei, aufzusteigen, und mein Herr Schwiegerpapa läßt es sich nicht nehmen, den Dung eigenhändig zu fahren.« Schowe war mißgelaunt zurückgekommen. »Ich werde ihr Haus nicht wieder betreten«, schwur er. Aber dann ließ ihm die Sehnsucht nach Wally keine Ruhe. So machte er sich nach ein paar Tagen wieder auf den Weg. Er hatte Glück gehabt und Wally allein gesprochen. »Sie will mich am Sonnabend besuchen«, sagte er erfreut zu Uhlig. »Ich habe mir übrigens jetzt jemand zur Hilfe angenommen. Es ist richtig, man ist die Plackerei doch nicht mehr so gewohnt. Er soll nun mit Albert aufs Feld fahren. Ich tu's aber nicht etwa Peines wegen«, setzte er noch hinzu. Am Sonnabend kam Wally. Sie aß viel Kuchen, Schlagsahne und schwatzte unaufhörlich. Schowe lachte zu jedem Wort. Er sagte: »Es ist schön, daß wir beide mal allein zusammen sind. Weißt du noch, wie ich dir Puppen aus Kienäpfeln gemacht habe?« »Ja«, sagte Wally, »sie hatten ein Taschentuch an als Kleid und du konntest sie zappeln lassen.« »Das habe ich schon als Junge gekonnt«, sagte Schowe, »als ich in der Quarta war, haben wir Puppentheater gespielt. Das war auf der höheren Schule.« Er hatte diese Tatsache in langen Jahren vergessen. Auf einmal fiel es ihm ein. Er hatte eine bunte Schülermütze getragen, und es wäre eigentlich einmal nachzuprüfen, ob Herr Peine überhaupt eine gleiche gehabt hat. Man sprach immer nur vom Heute und vom Morgen, aber man hatte nur selten vom Gestern gesprochen. Nun erzählte Herr Schowe Wally davon. »Sei mal still«, sagte er und überlegte, aber es fielen ihm nur drei Brocken Französisch ein und vom Englischen wußte er noch weniger. »Wie sich das verlernt«, meinte er betrübt. Sie gingen dann zusammen über den Kolk. Da kam also Wally, Frau Wally Peine aus dem großen Haus am Markt. Aber wie sie jetzt so neben ihrem Vater durch die Regenpfützen patschte, war sie wohl doch die dicke Wally Schowe, die rosa Kleider trug und Klavierstunde nehmen mußte und sich heimlicherweise Zuckerbonbons aus Uhligs Laden holte. Nein, es ist doch nicht Wally Schowe, es ist eine liebe runde Frau, die behutsam am Arm geht Welche glückselige Ungeschicktheit im Schritt, welches vorsichtige Sichhintragen. Welche mütterliche Achtsamkeit auf jede Bewegung. Aber das alles ist noch neu und ungewohnt, es ist auch viel Verwunderung darin und eine errötende Scheu. Da gehst du nun langsam den Kolk entlang, junge runde Frau. Auf einmal geht Gitti neben ihr. Die kleine Gitti Öffgen. Früher ist sie Wally aus dem Wege gegangen. Nun ist sie da und plaudert in einem fort. Sie trägt ein Marktnetz in der Hand und tut wichtig mit ihren Einkäufen. Seit Köppjes Verschwinden ist Gitti ein Mensch geworden, der ganz für sich steht. Sie hat gefühlt, daß ihre Mutter nur an den Verlorenen denkt. Allzuoft hat sie in diesen schweren Tagen zu Gitti gesagt: »Sei still«, oder »Laß mich in Ruh«, beinahe war es so gewesen, als ob Gitti für alles büßen sollte. Tina hatte sich selbst deswegen oft Vorwürfe gemacht, erschrocken über ihre eigene Härte. Vielleicht wäre es ein Trost gewesen, Gitti im Arm zu halten und sich neben dem Kinde auszuweinen. Aber Gitti war immer so vernünftig, daß man keine Ängstlichkeit um sie aufzubringen brauchte. Sie hatte es nicht nötig, betreut und belehrt zu werden. So war sie eigentlich nie ein Kind. Darum vermißte Tina Köppje um so mehr, Köppje, bei dessen Wildheit man sich bangen mußte, um dessen Einfälle man sich sorgte. Nun wo er fort war, sind viele liebe Mühen aus Tinas Leben weggenommen worden. Wenn Gitti unselbständiger gewesen wäre, würde Tina sie wohl liebevoller ans Herz gedrückt haben. Aber Gitti begann ihren eigenen Weg zu gehen und sich Mühe zu geben, ihrer Mutter so wenig wie möglich beschwerlich zu fallen. »Ich will sehen, daß ich nachmittags eine Stellung bekomme«, sagt Gitti, »ich hab Kinder gern und ich würde gern so einen Kleinen spazierenfahren.« »Da können wir später mal drüber reden«, sagt Schowe – »es ist ein vernünftiges Kind, wie solche kleine Alte«, sagt er zu Wally, als Gitti fort ist. Sie stehen nun bei Uhlig im Laden. »Du mußt ihm guten Tag sagen, Wally«, hatte Schowe gebeten, »wo du dich hier so selten sehen läßt.« »Ich werde wohl nun öfter mal kommen«, verspricht Wally, und Schowe ist ganz glücklich. »Sie will's dir nachmachen«, lacht er und zeigt auf Barbe Wiel, die dabei ist, Uhligs Laden zu säubern. Es ist Sonnabendabend und da muß alles blank sein. »Nun müssen wir auch was kaufen«, sagt Schowe, »der Schornstein muß rauchen. Aber was?« Uhlig weiß schon Bescheid. Er hat eine Tüte genommen und ein großes Bonbonglas geöffnet. »Die waren es doch wohl immer?« sagt er zu Wally. »Sieh einer an«, amüsiert sich Schowe. »Ja, die hat sich Fräulein Wally immer geholt, als ich noch den Laden bei Ihnen hatte«, antwortet Uhlig. Schowe sagt: »Nun steht der Laden leer. Neulich wollte schon ein Schuster rein, aber für den ist er ja zu groß. Es ist schade drum.« Er will wohl noch mehr sagen, aber er merkt, daß Barbe Wiel ärgerlich herumhantiert. Sie fährt ihm sogar mit dem Besen gegen den Schuh. »So geht's immer«, brummelt sie. Schowe hört dann auch noch etwas wie »zu hoch hinaus«. So schweigt er lieber. Als er dann aber Wally ein Stück gebracht hat und zurückkommt, sieht er Uhlig allein im Laden. Er macht sich ein Gewerbe und geht hinein. Sie reden allerhand. Ganz zum Schluß meint Schowe so nebenbei: »Sie sollten sich das mal überlegen mit dem Laden.« Er hatte auch noch eine andere Idee, die er am nächsten Tage bei Barbe Wiel während der Mahlzeit zum besten gab. Seit einiger Zeit kochte Barbe Wiel für ihn, weil es ihm zu unbequem geworden war, jeden Mittag in den Gasthof zu gehen. Man mußte sich dazu einen anderen Rock anziehen, und die Abwechslungen, die man im Gespräch mit den einkehrenden Landleuten fand, wogen nicht die Umständlichkeit des Weges auf. Einige Zeit war es ihm interessant gewesen, dort zu sitzen und dieses oder jenes zu hören, aber nach und nach hatte er sie alle kennengelernt, den Kaufmann Küper aus dem Nachbardorf, den Landwirt Magel im Ausbau, den Steinsetzmeister Ladekopf, den Maler Steinbeiß, den Blechschmied Seeger und wie sie alle hießen, die ihre Häuser hier am Rande der Stadt, an der Chaussee oder im Felde hatten. Schließlich waren es immer die gleichen Geschichten, die sie erzählten. Er hatte nun schon ein dutzendmal gehört, wie dem Blechschmied Seeger die Uhrfeder gegen die Nasenspitze geflogen war, als er einmal daran ging, dem Uhrmacher Legel ins Handwerk zu pfuschen. Er wußte nun auch, daß man dem Steinsetzmeister Ladekopf keine weißblühende Kalla ins Haus bringen durfte, weil Frau Ladekopf behauptete, diese Blume bedeute Unglück. Er hatte auch schon oft seine Anerkennung darüber ausgesprochen, daß der Maler Steinbeiß um Haaresbreite Schützenkönig geworden wäre. Diese Geschichten hätte nun auch Schowe in allen Einzelheiten wiederholen können. Es hatte sich dann ergeben, daß er bei Barbe Wiel sein Mittagessen einnehmen konnte. Jeden Tag punkt zwölf stellte er sich dort ein. Er kam als Nachbar und es machte ihm keine großen Umstände. Hier also, bei Barbe Wiel, sprach er zum erstenmal von seinem Vorhaben. Aus dem Feldstück, darauf er Runkelrüben hatte säen lassen, sollte ein Garten erstehen, sobald die Rüben auf die Äcker ausgepflanzt waren. »Ein Gemüsegarten und ein Blumengarten, da haben wir gleich Salat und Bohnen bei der Hand. Der Blumengarten soll für Wally sein. Sie kann dann, wenn's soweit ist, im Sommer mit dem Kinde hin. In der Stadt schluckt es bloß Staub und Dreck. Solch Kind muß im Grünen aufwachsen. Wir wollen uns schönen Blumensamen schicken lassen, und in den Gemüsegarten soll auch Pastinak rein. Der ist für alles mögliche gesund.« Barbe Wiel stimmte ihm zu. Sie kannte die Heilkraft dieser langen, weißen Möhren und wunderte sich, daß man diese Pflanze nicht öfter in den Gärten sah. Dieser Feldgarten war jetzt für alle die Hauptsache geworden. Das brachliegende Stück wurde umgegraben. Man mußte sich auch beeilen, denn es ging immerhin schon auf Ende April. Schowe grub, harkte und säte den ganzen Tag. Das war ein kleiner Ersatz für die Arbeit auf dem Acker, von der er sich jetzt zurückhielt. Auch Anton Olkers half ihm, wenn er auch manche Verwirrung anstiftete und mit gutem Willen vielerlei durcheinanderpflanzte, im Glauben, daß es zuträglich und dem Sommer zur Freude sein würde. Als ein paar graue Regentage dann vorbei waren, ging man an den Bau einer Laube. Wally fand alles wunderhübsch und entzückend und Schowe spendierte in seiner Freude eine Flasche Wein. Das Wetter war noch nicht so, um gemütlich im Freien zu sitzen, aber an diesem Tage ließ man es sich nicht nehmen, in der nackten Laube wie Hühner nebeneinander zu hocken, in Mantel und Rockkragen eingeplustert und ab und zu mit einem wärmenden Reiben der Knie. Doch war man deswegen nicht sauertöpfisch, sondern tat so, als wäre es mitten im Juli, als blühten Aurikel und Balsaminen und als wären da Salatköpfe, blank, hellgrün und saftig. Die jungen Rübenpflanzen waren nun soweit, daß man sie in den Acker bringen konnte. Der Regen hatte das Land vorbereitet, und so zog man eines Tages hinaus. Jede Pflanze mußte etwa zwei Spannen breit von der anderen gesetzt werden. Das war eine mühselige Arbeit, die krumme Rücken machte und lahme Hände. Schowe hatte einige Leute dazu angenommen, Männer und Frauen, die nun in langer Reihe gebückt auf dem Acker wirtschafteten. Es waren Menschen, die bisher in ihrem Leben nicht viel mit Erde zu tun gehabt hatten, denn in den Städten ist das Landvolk rar. Arbeitslose Dreher und Schlosser waren es, die mit ihren Frauen den Verdienst mitnehmen wollten. Sie hatten bisher in einer Maschinenfabrik gearbeitet, aber dieser Betrieb war stillgelegt worden, und da mußten sie untätig zu Hause sitzen. So waren sie nun aus dem Maschinenraum heraus auf einmal mitten auf ein Feld gestellt worden. Schowe zeigte jedem, wie er es machen mußte. Sie merkten bald, daß es bei gutem Willen ging. Sie gehen im Pflanzen Schritt für Schritt weiter, gebückt, denn es hat keinen Zweck, sich erst jedesmal aufzurichten. Manchmal rufen sie ihrem Nachbar ein Wort zu. Sie haben im Krieg in den Schützengräben nebeneinander gelegen. Damals mußten sie Wunden in die Erde reißen, um einen Unterschlupf gegen den Tod zu haben. Sie hatten den Mutterboden aufschneiden und aufwühlen müssen. Er war unter ihren Händen kahl und leer geworden. Nun knieten sie zu friedlichem Tun nebeneinander. Sie haben den Krieg erlebt und in den Jahren darauf viel Wildes und Wunderliches über sich ergehen lassen müssen. Nun sind sie Pflanzer geworden und erobern die Erde zurück. Sie haben in Körben vor sich die zarten und doch kräftigen Gewächse, und sie sind bemüht, daß ein jedes an seinen richtigen Fleck kommt. Es ist ein Ungewohntes, die Rücken schmerzen und die Arme, aber sie sind guten Mutes und haben die Hände oft tief in der Erde. Wenn sie ihre Hände herausziehen, hängt die Erde klumpig daran. Als das Auspflanzen der Runkelrüben beendet war, gab es ein gemeinschaftliches Mahl in der Waschküche auf Schowes Hof. »Eigentlich brauche ich ihnen bloß den ausgemachten Lohn zu geben«, sagt Schowe, »aber mein Vater hat es früher auch so gehalten.« Da sitzen nun die Männer und Frauen auf langer Holzbank. Barbe Wiel hatte inzwischen für alle das Essen bereitet, und Tina füllte ihnen die Teller. An diesem Nachmittage erzählte Olkers, daß sie sich bereits mit dem Standesamt in Verbindung gesetzt hätten. »Es sind vielerlei Papiere beizubringen, und es ist bloß gut, daß die selige Frieda alles in einem Kasten verwahrt hatte. Ich wußte schon gar nicht mehr, was in der Kassette drin war. Der Schlüssel ist vor Jahren mal abgebrochen, aber nun haben wir sie mit einer Schere aufgedrückt. Da lag alles geordnet drin, was Geburt anbetrifft, Impfung, Taufe und Konfirmation.« An diesem Tage sagte Uhlig auch zu Schowe, daß er sich entschlossen hätte, den früheren Laden wieder zu übernehmen. »Die Ladenstube im Torbogen wird doch mit der Zeit zu klein, und da die Räumlichkeit bei Ihnen sowieso leer steht, scheint es mir das beste. Man will ja vorwärtskommen. Es ist jetzt auch nicht bloß meinetwegen. Ich denke doch, daß die Sache mit Stam Öffgen nun bald zum guten Ende kommt. Schon Tinas wegen wäre es gut, wenn sie bald wüßte, wohin sie gehört.« Schowe lobte Uhligs Entschluß. Man sah ihm an, wie glücklich er war, daß nun eine dumme Geschichte ein für allemal ausgelöscht werden sollte. »Sie sollen den Laden pikfein bekommen«, versprach er. »Ich will morgen gleich mit Frommhold sprechen, damit er seine Gesellen schickt. Es soll alles noch einmal neu gestrichen werden.« ›Das ist nun beinah alles wieder wie damals. Der Maler Frommhold ist da, und man steht dabei und gibt seine Anweisungen‹, denkt Schowe. ›Und es ist doch nicht dasselbe. Damals stand man dabei, mißmutig und knauserig, weil das, was man angegeben hatte, nicht von einem selber gekommen war, sondern weil man für andere der Handlanger sein mußte. Da kommandierte Frau Schowe, und Herr Peine stolzierte wie ein Feldherr auf und ab, den Federhalter hinterm Ohr und das Metermaß wie einen Marschallstab.‹ ›Sie hatten mich an die Wand gedrückt‹, denkt Schowe und ärgert sich in Gedanken daran, ›ich mußte alles ausbaden. Olkers raussetzen und Uhlig raussetzen. Man kam sich ja vor wie ein Halsabschneider.‹ Aber jetzt ist man fidel, klopft Frommhold auf den Rücken und fragt: »Na, Meister, hält die Ölfarbe?« Man nimmt Uhlig bei der Schulter und zeigt ihm, wie fein die Ladentür lackiert ist. »Eichenmaserung«, sagt man, »mit dem flachen breiten Pinsel gestrichen. Das ist nicht einfach.« Manchmal sagt man jetzt auch schon du zu Uhlig. »Kannst es glauben. Peines Laden am Markt sieht auch nicht komfortabler aus. Na schön, er ist nochmal so groß, aber der Gehalt macht's. So ist es doch wohl.« »Ich denke, wir werden in ein paar Wochen soweit sein«, meint Uhlig, »da könnten wir vielleicht zu Pfingsten eröffnen.« Er sagt »wir«, denn es ist wohl so, daß sie alle mit dem Wohl und Wehe des Ladens zu tun haben werden, Barbe Wiel und Olkers, Tina und Schowe. Bloß Daniel Timm nicht. Er ist endgültig zu seinem Lumpenhandel zurückgekehrt. »Der Mensch soll nicht hoffärtig sein«, sagt er, »ich hätte mein Herz beinah wieder an andere Dinge gehängt.« Er ist froh, daß die Ladenstube im Torbogen wieder frei wird. Vielleicht verwirklicht sich sein Gedanke mit dem Vortragssaal doch noch einmal. Jede Nacht könnte es sein, daß Gottes Stimme zu ihm spräche. Nun ist die kleine Stube im Torbogen ganz leer. Regal, Schrank, Ladentisch und Bank, das alles hat Uhlig mit hinübergenommen. Daniel Timm geht jetzt oft in dem leeren Raum auf und ab. Drei Schritte sind es zwischen Wand und Wand, aber wenn man stundenlang auf und ab wandelt, ist es doch eine Wanderung. Oh, es ist eine Wanderung über alle Höhen und Tiefen des Lebens. Es sind viele Wege in unsere Gedanken gelegt. Wenn wir den rechten nicht erkennen, werden wir uns im Dickicht verlieren. Was tut es, wo die Füße wandeln. Ob sie zehn Meilen und mehr durch das schöne Land laufen, oder ob sie über knarrende Dielen hinschreiten, drei Schritte vor, drei Schritte zurück, denn wir alle warten eines neuen Himmels. Wenn Daniel Timm durch die leere Stube wandelt, ist jeder Fußbreit eine Stufe Tempel. Nicht im Allerheiligsten wird sich Gott offenbaren, an schmaler grauer Wand wird er stehen, unerkannt und von jedem bemitleidet. Er wird die Hand ausstrecken und sagen: Da bin ich. Sie aber werden vorübergehen, und ihre Augen werden ihn nicht anschauen mögen. Vielleicht heben sie gar ihre Gewänder auf und lassen ihre Füße eiliger zuschreiten. Daniel Timm wird unter ihnen gehen, aber er wird plötzlich aufschauen, stehenbleiben und sagen: Da bist du. Und in diesem Augenblicke wird Gottes grauer Mantel zu leuchten anfangen, und die Wand hinter ihm wird helle sein, und Daniel Timm wird niederknien und sagen: »Hosianna«. Aber die anderen, die Eiligen, werden das alles nicht bemerken. Sie werden Daniel Timm stoßen und treten und werden sagen: »Was liegst du da im Staube. Wir sehen nichts, was du anbeten könntest.« Und sie werden weitergehen, sich umwenden und lachen: Sehet, welch ein Narr. Wenn Daniel Timm durch die leere Stube wandelt, denkt er sich aus, wie es sein würde, wenn Gott plötzlich hereinträte. Vielleicht würden die Wände zu tönen anfangen, vielleicht würde ein unsichtbares Singen sein. Oh, eine solche Erwartung lohnt schon, Nächte zu durchwachen. Nächtelang brennt ein Licht in der leeren Stube im Torbogen. Daniel Timm wartet, daß Gottes Stimme um ihn ist, aber noch immer schweigt Gott, und es ist nichts da als eines armen Mannes tiefer Glaube. Manchmal hat Daniel Timm ganz kindliche Einfälle. Vielleicht müßte man ihn mit Lobgesang empfangen. Vielleicht würde er, wenn man nachts die Türe auftäte und in heiliger Musik zu ihm hinspräche, nicht vorüberziehen. So kommt es, daß Daniel Timm mit dem Gedanken umgeht, ein Harmonium zu kaufen. Das soll in der leeren Stube im Torbogen stehen. Es soll nichts darin sein als dies Harmonium. Daniel Timm zählt oft seine Barschaft. Aber da fehlt noch manches. Schließlich, eines Tages, hat er irgendwo eine alte Geige gekauft. Keine Geige, deren Alter voll Wohlklang ist, eine rohe, rauhe, eine krächzende Geige. Man muß schon viel verstehen, um auf ihr spielen zu können. Was Daniel Timm auf ihr hervorbringt, sind Raben, die durch die leere Stube schwirren. Ob wohl jemand verstünde, ihr eine bessere Stimme zu geben? Man müßte mit ihm sprechen. So ging Daniel Timm zu dem Geigenbauer Sebastian Schur. Sie kannten sich schon lange. Manches Buch hatten sie gegenseitig ausgetauscht. Sebastian war ein langer dürrer Mensch. Wenn er ging, schien es, als wollte sein Kopf woanders hin als seine Beine. Es war eigentlich verwunderlich, daß Sebastian trotzdem an das rechte Ziel kam. Ein paarmal hatte er Daniel Timm besucht, aber sie wohnten zu weit auseinander, und der Geigenbauer war ein Mensch, der nicht gern straßauf und straßab lief. Nun kam Timm zu ihm mit der Geige, die eine neue Stimme bekommen sollte. Von diesem Tage an waren sie öfter zusammen. Sebastian Schur beklagte sich, daß der Wirt mehr Miete gefordert hatte. So kam es wohl, daß er eines Nachmittags Daniel besuchte und sich die Stube im Torbogen ansah. »Es würde als Werkstatt genügen«, sagte er. Daniel Timm war über diese Äußerung erschrocken. Er hatte gar nicht daran gedacht, diese Stube an einen anderen zu vermieten. Nur einmal, so im Gespräch, hatte er erzählt, daß Uhlig ausgezogen wäre. Nun kam da ein Mensch und verfügte ganz von sich aus über den Raum. Er sagte: »Es würde genügen.« Wer hatte ihn dazu aufgefordert? Wer hatte ihn angeregt, zu Daniel Timm zu gehen und diese Stube abzuschätzen? »Hier kann ich die Geigen unterbringen«, sagt Sebastian Schur, »hier kämen die Mandolinen hin, die Zithern, Guitarren, und hier wäre noch ein Plätzchen für das Harmonium.« »Harmonium?« fragte Daniel Timm. »Du hast es nicht gesehen«, antwortete der Geigenbauer, »weil es in der Ecke hinter dem Geräteschrank steht. Es ist ein heiliges Instrument, und es soll mir nicht jeder darauf herumklimpern, der in meine Werkstatt kommt.« »Also ein Harmonium«, wiederholte Daniel Timm. Es lag viel Andacht darin, als er es so sagte. »Du kannst die Stube haben, ich vermiete sie dir gerne.« Sie besprachen, was noch zu bereden war. Dann ging Sebastian. »Es wird ein Harmonium hier stehen«, sagte Daniel Timm. Da lag schon ein frohes Entzücken darin, als er es so sagte. * Nun war es doch ein kalter, nasser Mai geworden. Die Möwen, die sonst früher ihre Reise zum Meer antraten, waren noch geblieben. Sie wußten wohl das Brot zu schätzen, das man ihnen hinwarf. Sie flogen noch über dem Wasser im Kolk, saßen noch auf der Brücke, glitten noch kreischend um die Kähne, die kamen und gingen. »Die Möwen sind noch da«, sagte Anton Olkers verwundert. »Sie wissen, daß es hier bald eine Hochzeit gibt«, lachte Schowe. »Dann sollen sie auch ihren Kuchen haben«, sagte Barbe Wiel. Um den zwanzigsten Mai herum war schon Pfingsten. Der Feldgarten hatte einen dünnen grünen Schmuck. »Die Sonne fehlt«, meinte Schowe, »abwechselnd Sonne und Regen, dann sollt ihr mal sehen, Nicht wieder zu erkennen.« Vorläufig also sah alles noch etwas spärlich aus. Aber es wurde Pfingsten. Ein Wagen mit Maien fuhr durch den Kolk, jeder stellte einen Birkenbusch vor die Türe. Barbe Wiel holte auch Kalmus. Sie wußte einen Tümpel hinter der Zuckerfabrik. Da gab es noch welchen. »Als Kinder haben wir darauf geblasen«, entsann sich Schowe. Er versuchte es sogar, aber es gelang ihm nicht recht. Es war also Pfingsten, und die Glocken läuteten bis zum Kolk herüber. Es begann damit, daß Anton Olkers vom Pfingstvogel erzählte. Er soll auch noch einen anderen Namen haben, aber den wußte Olkers nicht. In Bäumen und grünen Büschen singt der Pfingstvogel. Es ist ein lustiger Gesang, ein übermütiger Gesang, ein Gesang, der aus allen Baumwinkeln auf einen eindringt. Das Lied des Pfingstvogels ist wie ein fröhlicher Sonnenregen, der über alle Blätter perlt. Im Kolk gab es keine Bäume und grüne Büsche, so gab es auch keinen Pfingstvogel, aber als Olkers von ihm erzählte, kamen sie auf Tütchen zu sprechen. »Wo mag er nur sein?« fragte Olkers. Uhlig dachte: ›Tütchen, ja, wo mag er sein?‹ Vielleicht war dieser Vogel Tütchen, von dem man nicht wußte, zu welcher Art er gehörte, Tütchen, den Köppje eines Tages frohlockend nach Haus brachte, nur im Kolk aufgetaucht, damit Uhlig zu spät zu Tina käme. Er war mit Köppje hinter Tütchen hergelaufen, durch manche Straßen, an manchem Baum vorbei, und als es ihm dann einfiel, du wolltest doch zu Tina, war er erschrocken umgekehrt. Aber da war Stam Öffgen schon bei Tina. Bis in den Flur schallte seine laute Stimme. So war es doch wohl gewesen. Nun sprach Anton Olkers vom Pfingstvogel und von Tütchen. »Vielleicht ist er gar einer gewesen«, meinte Olkers, »denn ich kann auch nicht sagen, wie ein Pfingstvogel eigentlich aussieht. Man hört ihn bloß.« Tina war traurig geworden. Sie dachte an Köppje, wie er sich damals freute, als er mit Tütchen ankam. Olkers sagte noch: »Wißt ihr, wie wir den Vogel in der Küche hatten, auf dem Tisch im Bauer?« Er sagt das so, als erinnerte er sich plötzlich an eine vergangene schöne Zeit, und doch hatte diese Zeit Tränen und Kummer gehabt, und eigentlich war es so, daß die Zeit nun besser war. Aber vergangene Tränen sind bald fortgeflossen, doch vergangenes Lachen hat noch lange ein Echo. So kam es, daß Tina bald lachen mußte. Schowe mühte sich ab, auf dem unteren Ende des Kalmusblattes zu pfeifen, und Anton Olkers wollte vorführen, wie er einmal als Junge auf einer Weidenflöte geblasen hätte. Er hatte den Löffel an den Mund gesetzt und bewegte die Finger schwerfällig auf dem Stiel. Darüber lachten sie alle. Barbe Wiel hatte viel Kuchen gebacken. In allen Stuben saß der süße Duft. Es war nicht bloß das Pfingstfest, es sollte ja auch eine Hochzeit gefeiert werden, und nicht allein das, es gehörte sich doch auch, daß man die Eröffnung des neuen Ladens festlich beging. Auf einmal schickt einem der Himmel ein Dutzend Feste. Drei Tage vor Pfingsten hatte Uhlig den Laden in Schowes Haus aufgemacht. Das war ein fröhlicher Augenblick, als man wieder an der alten Stelle stand. Der ganze Tag war aus Erinnerungen aufgebaut. Es waren Erinnerungen, über die man ab und zu lächeln mußte. Wie komfortabel war jetzt alles gegen früher! Damals das kleine Kontor. Kontor? Ein Abschlag war es gewesen. Man hatte sein Pult hinter dünnen Brettern gehabt. Jetzt gab es eine ansehnliche Kontorstube mit einem Fenster nach dem Hof und einer festen Wand zum Laden hin. Und der Keller damals, lieber Gott, der kleine Keller. Man konnte sich kaum darin umdrehen, aber man muß doch sagen, daß alles gut darin untergebracht war. Nun war ein geräumiger Keller da. Sogar Licht hatte Herr Schowe hineinlegen lassen. Man brauchte bloß zu knipsen. »Das sieht hier anders aus«, hatte Brose gesagt, als er seinen Pfingsteinkauf machte. »Das wäre ja ein richtiges Stadtgeschäft.« »Wir sind wieder ein Stück vorwärts gekommen«, lachte Uhlig. In diesen drei Tagen vor dem Fest hatte man nicht Muße genug, sich über all dieses Neue zu freuen. Die Kunden kamen und gingen. Es schien, als wollte jeder zeigen, daß er Uhlig nicht vergessen hätte. Viele von ihnen waren schon in den kleinen Laden unter dem Torbogen gekommen, aber mancher hatte sich doch verleiten lassen, in Herrn Peines geräumigem Geschäft zu kaufen. Nun waren sie alle wieder da und taten so, als hätten sie bloß darauf gewartet, daß Uhlig wieder hinter dem großen Ladentisch stünde. Tina half beim Verkauf. Man fand es gar nicht sonderbar. Die Leute im Kolk, am Ober- und Unterdamm wußten, daß Stam Öffgen davon war, und man konnte es der Frau nicht verdenken, wenn sie sich wieder nach einem Dach umsah und nach einem vollen Teller für ihr Kind. Jetzt aber saß man bei Barbe Wiel, freute sich über das Erreichte, machte Pläne und hatte Hoffnungen. Am Pfingstsonnabend war der Laden länger auf gewesen als sonst. Immer kam noch jemand, der dies oder das beim Einkauf vergessen hatte. Als Uhlig die Ladentüre abschloß, war er todmüde. So begann man das Pfingstfest damit, daß man ein Stündchen länger als sonst im Bett blieb. Uhlig lag behaglich in seiner Stube. Nebenan hörte er Gitti leise herumhuschen. Sie war in der Küche und bereitete wohl den Kaffee. Sie sorgte für ihn und achtete darauf, daß alles wie am Schnürchen ging. Uhlig konnte sich nicht darüber beklagen, daß irgend etwas in der Wohnung vernachlässigt würde. Tina wohnte noch immer bei Barbe Wiel. Das hatte nun seine Schwierigkeit bekommen, denn bei aller Gutmütigkeit wünschte Anton Olkers, nun, wo Hochzeit gemacht werden sollte, zu Barbe Wiel herunterzuziehen. Er hatte ja nicht zuletzt seiner Bequemlichkeit wegen sich zur Heirat entschlossen. Da wollte er es also unten gemütlich haben. So mußte nun Tina unter das Dach ziehen. Sie hätte es wohl schon übers Herz bekommen, in ihre alte Wohnung zurückzugehen, aber sie scheute sich davor, jetzt, da sie sich Uhlig gewissermaßen versprochen hatte. Auch wollte sie es des Gerichtes wegen nicht tun, denn die Scheidung war noch immer nicht ausgesprochen, und sie hoffte, daß Köppje ihr doch noch zugesprochen würde. Darum wollte sie alles vermeiden, was zu einer Rederei Anlaß hätte geben können. So sah sich Uhlig der Obhut der kleinen Gitti überlassen. Manchmal, sonntags, brachte sie ihm den Becher mit Kaffee und ein Brot an das Bett. Sie setzte sich dann neben ihn und erzählte, wie sie den Tag einzuteilen beabsichtigte. Für diesen Pfingstsonntag hatte sie einen Wunsch. Sie wollte mit Uhlig spazieren gehen. »Das machen wir«, sagte Uhlig, »in einem Stündchen bin ich soweit, dann holen wir deine Mutter ab und gehen über das Feld bis zum Schützenhaus.« Gitti antwortete nicht darauf. Sie war eifersüchtig, weil ihre Mutter mitkommen sollte. Sie hatte sich darauf gefreut, allein neben Uhlig herzugehen, ihm Blumen zu bringen und sich kleine Spiele auszudenken, Haschen hinter dem Feldrain und Versteck hinter den Bäumen der Chaussee. Nun wußte sie, daß Uhlig mit der Mutter zusammen gehen würde, daß man kaum einen Blick für sie hätte, und daß es hieße, »lauf nur«, wenn sie mit einem kleinen spielerischen Einfall käme. Auf einmal war ihr dieser Spaziergang verdorben, auch daß man vor grüner Limonade im Schützenhaus sitzen werde. Als eine Stunde darauf Uhlig sich nach ihr umsah, war sie verschwunden. Sie war zu Daniel Timm herübergegangen, um sich aus den Lumpen brauchbare Flicken herauszusuchen. Tina und Uhlig gingen über die Felder. Gegen Mittag war die Sonne durchgekommen, und es lag viel Glanz über dem Land. Hier und da trug eine Lerche flatternd ihr Lied empor. Es gab auch einen Wiesenpieper, der vor einem herflog und sein bescheidenes Lied anbringen wollte. Auch ein paar Schwalben schossen über einen hin, streiften einem fast das Gesicht, schossen vorbei und zwitscherten. In dieser Stunde war überall Sonne und Singen. Den Feldrain entlang war die gelbe Sattheit des Löwenzahns gebreitet. Aberhundert gelbe Sonnenräder blühten da. Viele hatten auch schon ihre grauen Lichter. Überall am Wege sah man diese Federblumen, die auf einen guten Wind warteten, um ihre Lampe über das Land weg ausblasen zu lassen. Da waren auch die graugrünen Blätter des Frauenmantels, in deren jedes der frühe Morgen eine Tauperle tut. Tauschüssel sagen die Leute, und Tränenblatt. »Das ist ein Pfingstfest heute«, sagt Uhlig, und damit umschreibt er das alles. Sonne und Erde, Vogel und Blume, Duft und Gesang. »Wird dir der Weg nicht zu weit?« fragt er Tina besorgt. »Nein«, sagt sie und lacht. Sie sind schon über die Chaussee hinweg, durch den Staub der Wagen, die sich mit grünem Birkenlaub geschmückt haben, durch den Wirrwarr von Fahrrädern, durch das Lärmen der Menschen. Sie sind, über die Chaussee hinweg, in dem schmalen Feldweg, diesem versteckten fußbreiten Pfad, der sich in vielen Windungen hinzieht. Im Sommer, wenn das Korn mannshoch ist, haben die Liebespaare hier ihre Wandelzeit, aber jetzt reichen die Halme erst bis zum Knie, und es ist leicht, zu sehen, was die Münder tun. Uhlig hat seinen Arm um Tina gelegt. Er hält auch ihre Hand. Sie sprechen nicht viel miteinander. Uhlig scheut sich auch, von der Zukunft zu reden, weil er weiß, daß man dann wieder auf die unglückliche Sache mit Stam Öffgen zu reden kommt. Das liegt wie ein Stein im Weg, über den man nicht weg kann. So sagt er nur kleine Zärtlichkeiten, nicht viel, denn er weiß nur wenige. Uhlig ist zu lange am Schürzenband der Mutter gegangen. Als Junge war er selten von ihrer Seite gewichen. Wenn sie auf Schowes Acker arbeitete, hockte er gerne daneben, spielte wohl für sich, aber er blieb im Kreis ihrer Blicke und freute sich, wenn sie hin und wieder aufsehend seinen Namen rief, besorgt wie eine gute Henne. Half sie auf der Zuckerfabrik, so waren das für den Jungen langsame Stunden. Eigentlich wartete er nur darauf, daß es Abend würde und sie neben ihm säße. Als er dann konfirmiert war, wurde er bei einem Kolonialwarenhändler in die Lehre gegeben. Er hatte gebückt vor dem Pult zu sitzen oder im blauen Kittel hinter dem Ladentisch zu stehen. Abends nach Geschäftsschluß gab es noch vielerlei Arbeit. Er kam müde nach Haus und schlief oft über dem Abendbrot ein. Morgens mußte er früh wieder raus. Es war ein langer Tag. Die beiden anderen Lehrlinge waren forsche Burschen. Ihre Väter hatten selbst Geschäfte in der Umgegend. Eines Tages würden diese jungen Menschen reiche Erbschaften antreten. Sie hatten damals schon die Tasche voll Geld. Manchmal wollten sie Uhlig freihalten. Er sollte mitkommen auf den Tanzboden oder in ein Lokal, wo bunte Mädchen Bier ausschenkten. Uhlig fühlte selbst, wie dumm es war, immer nein zu sagen. Sie lachten über ihn, und er schlich sich davon wie ein verprügelter Hund. Er hatte Kämpfe und Kümmernisse, von denen er nicht sprach. Auch nicht zu seiner Mutter. Sie war eine gute Frau und glaubte, daß das Leben am Schnürchen geht, wenn man sich nur ordentlich führt. Es wäre für sie unfaßbar gewesen, wenn Atze Uhlig mit den beiden jungen Burschen ausgegangen wäre. So wenig lag das alles in ihrem Gedankengang, daß sie nie auf die Idee kam, es könnte diese oder jene kleine Verführung an Uhlig herantreten. Es war wohl Scham, daß er nicht zu seiner Mutter darüber sprach, wo er sonst doch mit allem vertrauensvoll zu ihr kam. Da gab es keinen Ärger, den sie nicht mit ihm teilte, keinen Verdruß, den sie nicht tröstend zu mildern suchte. Ja, sie teilte sogar die Müdigkeit mit ihm, und wenn ihm über seinem Teller die Augen zufielen, schloß auch sie ihre Augen, um ihn nicht zu stören. Als er ihr eines Tages erzählte, wie gut es jene beiden Lehrlinge hätten, die einmal das väterliche Geschäft übernehmen würden, sah ihn die Mutter fast schuldbewußt an. Sie erschrak darüber, daß sie ihrem Jungen kein Nest bereit hielt und daß früher oder später, aber doch bestimmt einmal der Tag kommen würde, da er aus dem Hause gehen müßte, um sich mit eigener Kraft eine Burg im Leben zu bauen. Frau Uhlig hatte seit Jahren kleine Ersparnisse zurückgelegt, oft waren es nur Pfennigstücke gewesen. Das sollte für ihre alten Tage ein Notgroschen sein, falls die Krankheit an die Türe klopfte, und wenn der Himmel sie davor verschonen würde, sollte das Geld für den Tag bereit liegen, an dem man sie der Erde zurückgeben mußte. Versteckt in ihrem Schrank hatte sie ein kleines Buch: Für Krankheit und Begräbnis. Darin trug sie jede Mark ein, die sie auf die Sparkasse brachte, öfter, wenn sie still für sich saß, war sie zufrieden in dem Gedanken, alles für ihr Ende geregelt zu haben. Nun stellte auf einmal in den glatten Ablauf des Lebens der Sohn seine ungelöste Zukunft. Wie lange noch, und er wird aus dem Hause gehen, sagte sich Frau Uhlig. Er muß sehen, daß er irgendwo eine Stellung bekommt, vielleicht gar in einer anderen Stadt. Da war dieser oder jener sogar in ein fremdes Land gegangen. Oft kommt ein Augenblick, wo sich Söhne nicht halten lassen. Menschen, die in der Jugend kaum bis drei zählen konnten, sind später über die Meere gefahren. So sah Frau Uhlig schon die Stunde, die sie von ihrem Sohne trennen wollte. Er hat recht, ich hab ihm kein Nest bereitet, dachte sie, aber was kann ich dafür? Sein Vater ist früh gestorben. Er war ein ordentlicher Mensch und hätte im Leben sicher noch manches vor sich gebracht. Es ist schwer für eine Frau, wenn sie alleinsteht und immer nur eine Scheibe im Brotkasten liegen hat. Frau Uhlig suchte die Gedanken ihres Sohnes zu erforschen. Vielleicht hatte er sich schon einen Plan gemacht, Zukünftiges überlegt und einen Entschluß parat. Sie fragte vorsichtig. Man saß beim Essen, und sie fragte so nebenbei. Doch Atze Uhlig sah die Mutter verwundert an. Er war damals zwei Jahre in der Lehre, und ein drittes lag noch vor ihm. Was danach für ihn kommen würde, hatte er noch nicht erwogen. Nun ja, es wäre wohl schön, wenn man wie die anderen einen Vater hätte, der sein gutes Geschäft besaß. Da konnte man ohne Umstände im Hause bleiben. Eines Tages ging der Sohn statt des Vaters in den Laden, so einfach war das alles. So kam es denn, daß Frau Uhlig mit Schowe sprach. Damals wurde der Neubau geplant, und es war tatsächlich kein schlechter Gedanke, einen Laden mit einbauen zu lassen. Frau Uhlig war auch später sehr glücklich darüber, denn sie brauchte nun nicht mehr außerhalb des Hauses dem Erwerb nachzugehen. Sie hatte in dem Laden zu tun und verkaufte gewissenhaft darin, bis der Sohn seine Lehrzeit beendet hatte und eines Tages an ihre Stelle trat. Anfangs war es der bescheidenste Laden gewesen, den man sich vorstellen konnte. Was war schon darin? Ein paar Diebe hätten es in Rucksäcken wegtragen können. Aber später konnte der Sohn seine Kenntnisse dazutun, brachte seinen Fleiß und seine Ausdauer mit, und es kam dann die Zeit, da man sich mit dem Laden nicht mehr zu verstecken brauchte. Allerdings gab es in Frau Uhligs Schrank nun kein Buch mehr, darin vorsorglich Ersparnisse für Alter und Tod eingetragen waren. Das alles war nun durchstrichen, denn der Laden, so klein er war, hatte ein gefräßiges Maul, darin man einen Taler nach dem andern verschluckt sah. Aber dem allen weinte Frau Uhlig keine Träne nach. Sie war froh, ihrem Sohne eine Heimstatt geordnet zu haben, und sie war noch froher, diesen Sohn nun bis an ihr Lebensende um sich zu sehen. Sie dachte wohl oft daran, daß die Zeit nicht ausbleiben würde, da es gut wäre, ihm eine Frau zu besorgen. Es würde ihr undenkbar gewesen sein, wenn der Sohn darin irgendeinen eigenmächtigen Wunsch gehabt hätte. So wie sie hinging und ihm dieses oder jenes kaufte, wie sie den Stoff prüfte, aus dem seine Anzüge geschneidert wurden, und das Leinen für seine Hemden, so gedachte sie auch die Wahl für sein Herz zu treffen. Doch war es dabei gut, noch zu warten. Damals war Uhlig in den Zwanzigern. Für einen, der nicht viel mehr als zwei Dutzend Lebensjahre hinter sieh hat, kann eine Frau oft ein wildes Pferd sein. Das galoppiert hierhin und dorthin und bringt vielerlei Verwirrung. Da muß eine Hand schon älter sein und der Kopf klarer, um es zu zügeln. Wenn das dritte Dutzend Jahre da ist, wäre es wohl soweit, dachte Frau Uhlig. Dann ist man auch über die Anfangsjahre mit dem Laden hinaus, hat erkannt, wie alles gelaufen ist, und weiß daraus, wie es weiter laufen wird. Ein achtbarer Mann mit einem soliden Geschäft findet überall Aufnahme. So stellte Frau Uhlig alle Heiratspläne für ihren Sohn vorläufig zurück. Er selbst fühlte sich wohl im Hause, ließ sich von der Mutter verwöhnen und würde erstaunt gewesen sein, wenn man ihm von einer Heirat gesprochen hätte. Er hatte vollauf mit seinem Geschäft zu tun, lebte das kleine Leben im Kolk und trug kein Verlangen, darüber hinauszugehen. Frau Uhlig starb, ehe der Sohn das dritte Dutzend Jahre hinter sich hatte. Sie war erschrocken, als sie den Tod fühlte, nicht um ihretwillen, sondern des Sohnes wegen, der nun auf einmal allein im Leben stehen sollte. Sie ließ Barbe Wiel zu sich rufen, und ihre letzten Worte waren an diese Freundin gerichtet. So hastig war sie bei diesen letzten Anordnungen, daß sie den Sohn nicht beachtete, der betroffen an der Tür stand. Alles, was sie noch mühsam vorbrachte, war zu seinem Besten gedacht, und vor lauter Fürsorge um den Sohn vergaß sie einen letzten Blick auf ihn. An ihre Stelle war Barbe Wiel getreten. Unmerklich glitt Uhlig von der einen Schürze an die andere. So war er nie dazu gekommen, einem Mädchen von Liebe zu sprechen. Jahre sind seit dem Tod der Mutter vergangen. Mit keinem Gedanken hat er sich außerhalb der Bahn bewegt, in der sie selber gedacht hatte. Aber auf einmal bekommt einen das Leben zu fassen, und ehe man es sich versieht, wird man ein paarmal herumgewirbelt. Ganz harmlos fängt es an. Damit, daß ein Mensch kommt, den man von früher her kennt und sich Geld borgt. Plötzlich sitzt man am andern Tisch zwischen andern vier Wänden. Doch auch dabei bleibt es noch nicht. Die Menschen kommen und werfen einen mit einer Frau zusammen, ob man will oder nicht, auf einmal steht man in einem fremden Leben. Verwirrt zuerst, vielleicht sogar widerwillig. Und auf einmal öffnen sich einem die Augen, und das Herz öffnet sich und es blüht ein ganzes Blumenmeer voll Süße. Auf einmal sagt man: Tina – und meint sein eigenes Leben. Man ist ungeschickt für derlei seliges Aufatmen, und man sagt nichts weiter als diesen Namen wieder und wieder. Man sagt den Namen in froher Zuversicht, denn man hat was zuwege gebracht und das Leben ist gesichert, wenigstens soweit man es überrechnen kann. Man sagt Tina und hofft, daß der Nachen, in den man nun zu zweit steigen will, eine ruhige Fahrt haben wird. Es ist Pfingsten und viele Lerchen singen schon in der Luft. Ein großer steigender Jubelsang ist unter dem Himmel. Da können die Ohren sich satt trinken. Auch für die Augen ist der Tisch gedeckt. Schon solch ein Strauch am Wege in seiner Vielfalt der Äste, dieser knorrigen, knorpligen oder zarten, hingreifenden Zweige, deren oberste zärtlich ein Sonnengewebe spinnen über dem moosigen Strunk. Und dann dieses Wunder: aus verwittertem Weidenstamm wächst eine junge Eberesche, schlank, eine schwingende Blättergerte. Es ist ein seliges Wandern zu Pfingsten. Tina hat weiche helle Hände. Die roten Flecke, die sie früher vom Waschen trugen, sind verschwunden. Die schweren Füße sind auch wieder leicht geworden. Das wird nun alles vorbei sein, dieses müde Stehen vor Waschtrögen, dieses Scheuern und Seifen in fremden Häusern. ›Das Leben ist doch gut‹, denkt Tina und schmiegt sich enger an Uhlig. Sie hat viel Liebe verloren in all der Zeit. Sie ist dabei, diese verlorene wieder einzusammeln. Sie hofft, daß Uhlig alle Hände voll davon trägt. Es ist eine große Zärtlichkeit in ihm. Wenn man das Innigste sagen will, was das Herz erlaubt, geht man oft zurück zu dem, was einem das Liebste war. So spricht Uhlig von seiner Mutter. Er sagt zu Tina: »Du bist auch so gut«, und sie freut sich darüber. Es ist lange her, daß jemand ihr ein gutes Wort gesagt hat. »Du hättest sie kennen sollen«, sagt Uhlig, und er spricht nun bloß noch von seiner Mutter. »Ja«, sagt Tina manchmal und geht an seinem Arm. Im Schützenhaus war lustige Musik, aber sie sind nicht hineingegangen. »Ich habe lange keine Musik gehört«, hatte Tina gesagt. »Es ist bloß Tanz«, antwortete Uhlig. Tina erwiderte nichts, und sie gingen weiter. Sie saßen dann in einem Kaffeegarten zwischen vielen Menschen. Ein Gewirr von Stimmen war um sie. Tina war befangen, sie war lange nicht unter soviel Menschen gewesen. Aber Uhlig bestellte schon mit froher Stimme. Tina lächelte, als der Kellner das Malzbier brachte. »Du trinkst es doch gern«, sagte Uhlig, »ich habe es nicht vergessen.« Oh, nun war eine kleine liebe Glücklichkeit da. Man saß wie in einer Laube darin. »Es ist ein schöner Tag«, sagte Uhlig. Am Himmel ging schon der Abend auf, als sie sich auf den Heimweg machten. Sie gingen langsam und wählten noch manchen Umweg. Es war so, als wären viele Jahre weggestrichen, und ein junger schöner Tag säße zwischen den Hecken, etwas verlegen und verschämt, mit einem lachenden Grübchen im Kinn und mit heimlichen Lockrufen auf den Lippen. Man geht über holprige Wege und weiß es nicht. Man geht in einem zärtlichen Licht, und jeder Schritt will sich wiegen. Was kann man über Liebe sagen. Da sind Menschen, zu denen sie strahlend kommt, ein Sonnenwagen aus den geöffneten Pforten des Himmels. Verschwenderisch gekleidet ist sie in Prunk und Pracht. In blitzenden Fahrzeugen jagt sie durchs Land, fühlt sich wohlig auf breiten Hotelterrassen, lehnt am Bord weißer Dampfer, fährt durch grüne Täler und über blaue Meere. Alles Gold der Welt scheint für sie gemünzt, alle Dinge der Erde sind ihr Untertan. Dann sind Menschen, denen sie bescheidener begegnet, bescheidener wohl, aber auch inniger. Sie läßt es sich genügen mit einem Garten voll Blumen, mit einem Boot auf blankem Kanal, mit einer glückhaften Wanderung. Manchmal aber ist es nur ein Feldweg. Ein schmaler, hier und da aufgerissener Weg, an dem zuweilen ein paar Knüppelweiden stehen, derber Bärenklau und hinflatternder Mohn. Ja, manchmal ist es nur ein Feldweg. Aber die Liebe findet ihn. Sie geht barfuß durchs Land, barhäuptig, und mit langsam suchendem Schritt. Man könnte denken, welche liebe müde Gestalt kommt dort? Ach ja, sie ist müde, denn es waren lange keine Schultern da, die sie tragen wollten. Aber nun auf einmal kommen ihr da zwei Menschen entgegen, zwei bescheidene Kinder Gottes, die nicht viel vom Leben gehabt haben. Sie kennen keine Stunde eines großen glücklichen Aufbruchs. Sie gehen durch den Tag, der ihnen vom Schicksal vorgeschrieben ist, selbstverständlich und ohne Gebärde. Sie haben eine kleine Zuversicht im Herzen, und was sie wünschen, geht nicht über ein allgemeines Maß hinaus. Sie wollen wohl nichts weiter, als daß das Leben ein bißchen gut zu ihnen ist. Sie sind für ein paar Stunden aus ihrer Arbeit herausgetreten, sie haben gesagt, die Sonne scheint, wir wollen ein Stück spazierengehen, es ist ein schöner Tag, es ist ja auch Pfingsten. Sie haben für billiges Geld in einem großen Kaffeegarten gesessen und sind nun auf dem Heimweg. Sie gehen den schmalen Feldweg entlang, halten sich umschlungen und sagen nur wenige Worte. Da, wo ein paar flammende Mohnbecher glühen, sind sie stehengeblieben. Sie stehen aneinandergelehnt und schauen sich um. Es war ihnen, als käme ein leiser Schritt den Weg entlang. Es ist nur ein ganz leiser Schritt gewesen, nicht vernehmbarer als ein Herzschlag. Aber sie haben ihn beide zu gleicher Zeit gehört. Nun wenden sie sich verwundert um, wer da wohl kommen könnte. Es sind grüne Felder um sie, man sieht etwas entfernt die Baumreihe der Landstraße, dann ist noch ein Hügel da, auf dem ein einzelner Baum steht und der nun bald die versinkende Sonne zu tragen haben wird. Es sind auch viele Bewegungen auf der Chaussee, Fußgänger und Fahrzeuge, doch alles schon Heimkehrende. Die beiden Menschen sehen das alles. Aber sie sehen nicht, von wannen jener leise Schritt kam, den sie suchen. Es ist doch hinter uns ein heimlicher Klang gewesen. Du hast ihn gehört, und ich habe ihn vernommen. Nein, wir haben uns nicht getäuscht. Sie neigen die Köpfe zueinander, und in diesem Augenblicke hören sie jenen heimlichen Klang in der Brust des andern. Da neigen sie sich noch enger, und neben ihnen, unsichtbar, lächelt die liebe, etwas müde Gestalt sie an. Als Tina und Uhlig zurück in den Kolk kommen, sehen sie eine Aufregung vor dem Hause des Daniel Timm. Den Nachmittag über hatte Gitti in der Niederlage gesessen, Flicken und bunte Lappen ausgewählt. Sie wußte noch nicht, wozu sie zu gebrauchen wären, aber sie hatte zu Hause schon einen Kasten voll und sie glaubte, daß sie eines Tages auch für diese Zeugreste Verwendung haben könnte. Daniel Timm saß auf seiner Bettstatt und las. Gitti verhielt sich still, um ihn nicht zu stören. Später war dann der Geigenbauer gekommen. Die beiden Männer lasen zusammen aus dem Buch, sprachen darüber und ereiferten sich. Gitti verstand nicht, um was es sich handelte, aber sie ahnte, daß es ein frommes Gespräch wäre, denn sie hörte öfter den Namen Gottes. Vielleicht wollte der Geigenbauer nicht glauben, was Daniel Timm sagte. Das mochte schon sein. Gitti kannte ihn noch zu wenig, eigentlich wußte sie nur, daß er verstand, auf der Geige zu spielen, aber selbst wenn man mit der Geige gut umzugehen weiß, so darf man doch nicht Daniel Timm widersprechen. Gitti hatte eine große Hochachtung vor ihm. Zwar berührten seine Worte sie niemals. Sie hat anderes zu denken. Sie ist elf Jahre alt und muß die Stuben reine halten, Essen kochen, lernen und nähen. Ein ganzer Haushalt hängt ihr an, denn Herr Uhlig soll sich über nichts zu beklagen haben. So kann sie nicht allzuoft auf Daniel Timms Erzählungen hören, auch kaum darüber nachdenken, weil sich immer die täglichen Gedanken dazwischendrängen. Aber sie ist davon überzeugt, daß Daniel Timm in allem recht haben wird. Warum widerspricht ihm also der Geigenbauer? Gitti hat die bunten Lappen und Flicken beiseite getan und gibt sich Mühe, zuzuhören. Dieser Geigenbauer Sebastian Schur glaubt also auch an den lieben Gott. Aber warum zankt er dann mit dem Lumpenhändler Daniel Timm? Das begreift Gitti nicht. Wenn es einen lieben Gott gibt, kann es doch nur einen geben, und es ist gleichgültig, welches Kleid er anhaben wird. Er kann auch nur einerlei Gedanken haben. Es müssen auch gute Gedanken sein, weil man die Hände vor ihm faltet und Vater zu ihm sagt. Das ist doch alles ganz einfach, denkt Gitti. Warum also streiten sie miteinander? Sie hörte nun, daß die beiden Männer vom armen Menschen sprachen. Der Geigenbauer sagte: »Der Arme verliert auch noch das Brot aus der Tasche.« Daniel Timm lächelte. »Darum wird er keinen Schaden leiden. Gott wird das Brot sammeln und ihm am Jüngsten Tage eine tausendfältige Ernte geben.« Daniel Timm sagte auch: »Einmal wird Gott diese Erde segnen. Dann soll sie den Armen und Elenden gehören. Von Menschen erniedrigt, aber von Gott erhöht, so steht es geschrieben. Der Name des Herrn ist ein festes Schloß. Es ist gut, im Schutz seiner Mauern zu leben.« Der Geigenbauer lachte ein wenig. »So wäre ja die Welt in Ordnung.« Daniel Timm ereiferte sich: »Leben heißt nicht Ruhen, leben heißt Brennen. Gott hat die Törichten verworfen, weil sie kein Licht auf ihren Lampen hatten. Wir sind die Fackeln Gottes, wir flackern und lohen, denn die Liebe Christi dringet uns also.« Daniel Timm hält die Hände über die Stirne gekreuzt, so, als müßte er den Brand zurückhalten, der hinter den Schläfen aufzuckt. Zu allen Zeiten haben Menschen so gestanden, Gläubige und Propheten, Apostel und Märtyrer. Gelehrte sind sie gewesen und Ungelehrte. Sie haben ihre reiche Welt im Stich gelassen, oder sie waren heraufgestiegen aus einer kleinselig schmutzigen. Nun standen sie vor Gott, die Hände gekreuzt über der Stirne. Sie können nicht sagen, ob das, was sie den Menschen gebracht haben, Segen war oder Unsegen. Wenn man das Leid ansieht, das um ihre Lehren über die Welt kam, so müßte man glauben, daß Gott sie nicht gesegnet hätte. Aber sie wußten, daß ihnen die himmlische Krone gereicht war, daß Leid nichts anderes ist als Läuterung und der Tod nichts anderes als eine neue Geburt. War es vermessen, wenn der Lumpenhändler Timm wagte, an ihre Gewänder zu rühren? Wenn er jetzt aus ärmlichem Torbogen sagte: »Sehet, da bin ich, ein Licht angezündet zur Ehre Gottes, nicht anders als ihr.« Wie kam es nun, daß der Lumpenhändler Timm unter den gekreuzten Händen plötzlich aufschluchzte? Er nahm die Hände langsam von der Stirne und hielt sie vor sich hin wie Schalen. Da brannten keine Narben darin und keine Blutstropfen stiegen auf aus Nägelwunden. Es waren zwei graue verarbeitete Hände, in den Rissen und Falten die Unsauberkeiten des Gewerbes. Sahen so Hände aus, die einst die heilige Schale trugen, den Gral und die geweihten Leuchter? Eine Sekunde lang schluchzte Daniel Timm über diesen Kleinmut. Dann ließ er die Hände sinken und sagte: »Der Herr nahm Petrus von seiner Arbeit weg und hieß ihn mitkommen.« Gitti sah die beiden Männer groß an. Da legte Daniel Timm ihr die Hand aufs Haar, gab ihr ein Buch und sagte: »Lies uns das vor, Gitti, denn durch die Münder der Unmündigen soll es offenbar werden.« Gittis Stimme zitterte etwas, als sie es las. Sie wollte jedes Wort schön und mit Betonung sagen, wie sie es in der Schule zu tun pflegte, aber dieses Mal wollte es ihr gar nicht so gut gelingen. Sie fühlte selbst, wie sie bei den Worten stammelte. Daniel Timm nickte ihr freundlich zu und sagte: »Nur den Engeln ist es gegeben, Gottes Worte ohne Zittern zu tragen.« Gitti aber las: »Und als der Tag der Pfingsten erfüllet war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschahe schnell ein Brausen vom Himmel als eines gewaltigen Windes, und erfüllete das ganze Haus, da sie saßen.« Und sie las von der Ausgießung des Heiligen Geistes, wie sich die Zungen der Jünger zerteilt und in Feuer gestanden hätten und wie sie alle in vielen Sprachen durcheinander redeten, bis sie sich selbst darüber entsetzten und fragten: Was will das werden? Die anderen aber, die nicht zu ihnen gehörten, hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weines. Als Gitti so weit gelesen hatte, nahm Daniel Timm ihr das Buch aus der Hand, schloß es und sprach weiter: »Das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen. Denn diese sind nicht trunken, wie ihr meinet, sondern das ist es, das durch den Propheten zuvor gesaget ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben.« Daniel Timm hielt das geschlossene Buch hoch, so als wollte er einen Stern in seine Stube stellen. Gitti blickte ihn unverwandt an. Seine Augen glühten und seine Lippen bebten, während er sprach. Es war auch so, daß sein Gesicht zuckte. Der Geigenbauer hielt den Kopf gestützt und sah zwischen den Knien auf den grauen Boden. Gitti begann sich zu fürchten. Warum sieht der Geigenbauer nicht einmal auf und in Daniel Timms Gesicht? Er würde sehen, wie es darin glühte und zuckte, und er würde wohl wissen, wie man das abstellen könnte. Doch er saß da in tiefem Nachdenken und bewegte sich kaum. »Über die Erde wird Gottes Feuer fahren«, rief Daniel Timm, »es wird verbrennen und segnen. Wie das Feuer das Stroh frißt, aber den Docht der bereiten Lampe lieblich erstrahlen läßt, so werden die Feuer Gottes uns anfassen.« Daniel Timm warf sich plötzlich auf die Knie und betete. Er betete hastig und mit einer fliegenden Inbrunst, als könnte er mit seinem Gebet bis zu Gottes Ankunft nicht fertig sein. Der Geigenbauer stand auf und ging hinaus. Er ging sehr leise, um den Betenden nicht zu stören. Gitti sah ihn in Gedanken über den Hof gehen. Nun war sie allein mit Daniel Timm, dessen Worte unaufhörlich hervordrängten, unaufhaltsam wie Blut. Gitti hatte nicht gewagt, sich von dem Sitz zu erheben, auf dem sie kauerte. Jetzt aber, als Timm den Kopf mehrmals bis tief zur Erde neigte, als wollte er einen Vorüberwandelnden grüßen, sprang sie erschrocken auf, drückte sich scheu an ihm vorbei und stürzte aus der Türe. Sie kam zu Barbe Wiel gelaufen. Man wurde nicht klug aus ihren Worten, aber man merkte, daß mit dem Lumpenhändler etwas geschehen sein müßte. Barbe Wiel lief vom Tisch weg zu ihm. Olkers folgte, so schnell es das lahme Bein zuließ. Auch Schowe ging mit. Gitti aber setzte sich, noch immer furchtsam, in den Lehnstuhl am Fenster. Ein paar Frauen, die im Kolk standen, sahen die Hast der Vorübereilenden. So gingen sie mit. Im Torbogen, unschlüssig, stand der Geigenbauer. Barbe Wiel fragte ihn, doch er konnte auch nichts weiter sagen, als daß der Lumpenhändler betete. Sie gingen dann alle langsamer und mit Beklemmung zu ihm hinein. Mittlerweile wollte es Abend werden und in dem Raume herrschte schon eine Dämmerung. Aber sie sahen doch deutlich den Lumpenhändler, und wie er da auf den Knien lag, die Hände gefaltet und die Stirne auf der grauen Diele. Sie standen betroffen um ihn herum und wagten nicht, ihn anzurühren. Sie bekamen auch kein Wort heraus, es war, als wären ihnen die Kehlen zugeschnürt. Sie standen also da und rührten sich nicht. Als Daniel Timm sein Gebet beendet hatte, erhob er sich und zündete ein Licht an, das von der Decke herabhing. Sie achteten auf jede seiner Hantierungen und betrachteten auch lange das Licht. Sie hatten es vorher nicht gesehen. Es hing in einem dünnen Drahtstern an drei Schnüren von der Decke herab. Es war ein dickes, gelbes Licht und noch ungebraucht. Nun aber brannte es, zuerst flackernd und ungeschickt, wie es neue Lichter zu tun pflegen, dann aber klar und mit ruhigem Glanz. Während dieser ganzen Zeit bewegten sich Daniel Timms Lippen, aber sie vernahmen kein Wort. Er beachtete sie auch nicht und tat so, als wären sie gar nicht da, vielleicht hatte er sie auch gar nicht gesehen. Also nicht für sie war das Licht von ihm angezündet worden. Aber nun, da es vor ihnen brannte, hatten sie für einen Augenblick doch eine Freude an dem Glanz. Dann aber gingen ihre Blicke wieder zu Daniel Timm, der nun unter dem Licht stand, die Arme ausgebreitet und wie in großer Verzückung. Seine Lippen bewegten sich nicht mehr. Er hatte den Mund etwas geöffnet, wie Menschen es tun, die angestrengt lauschen. Die andern sahen sich an und wußten nicht, was sie tun sollten. »Ich will ihn ansprechen«, sagte Olkers leise zu Barbe Wiel, »er muß zu sich kommen.« Aber sie gab ihm ärgerlich einen Stoß, und so schwieg Anton Olkers wieder. Sie hörten jetzt, daß Daniel Timm ganz deutlich sagte: »Gottes Geigen singen noch immer!« Das war ein schönes Wort und Barbe Wiel mußte sich schneuzen. Sie tat es leise, um nicht zu stören. Auf einmal aber erschraken sie, denn Daniel Timm sang jetzt mit lauter Stimme. Er sang so laut, wie sie es nie geglaubt hätten. Er hatte sonst eine stille, manchmal sogar etwas leidende Stimme. Aber jetzt war es eine gewaltige geworden. ›Wie eine Trompete, so laut‹, dachte Olkers. Was ist das für eine Stimme? Diese Stimme kommt aus tausend Lungen. Daniel Timm singt: »Komm, komm, o Himmelstaube! Komm, komm, o werter Geist! Komm, komm, dieweil mein Glaube dich schon willkommen heißt.« Es ist ein Gesang wie Posaunen, wann der König einziehen will. Von allen Mauern soll es dröhnen und von allen Türmen soll es rufen. Deine heilige Stadt steht bereit. Die Torflügel sind geöffnet. Wir haben Palmen über die Straßen gestreut. An den Wegen stehen wir und warten auf dich, wir Menschen aus der heiligen Stadt der Armut. Das wenige, das das Leben uns schenkte, wollen wir vor dir ausbreiten. Komm, komm, o Himmelstaube! Komm, komm, o werter Geist. Wir sind abtrünnig gewesen und andere Wege gewandelt, wir haben dir den Rücken gekehrt, oftmals und vielfach Tag für Tag. Aber du hast neben unserer Armut gestanden, mildtätig und voller Gnade. Davon aber wollten wir nichts wissen. Vielleicht auch konnten dich unsere Augen nicht sehen, weil all die Armut dazwischen stand, und vielleicht konnten dich unsere Herzen nicht hören, weil viel Stöhnen war und vielerlei Geschrei. Aber nun wissen wir, daß du da warst und daß du um uns bist alle Zeit. Und Daniel Timm singt: »Im ärgsten Ungewitter guckst du schon durchs Gegitter hart hinter meiner Wand.« Was geschieht nun? Daniel Timm wendet sich um. Er muß uns jetzt sehen. Aber nein, er sieht uns nicht, er ist an uns vorbeigegangen. Er ist durch uns hindurchgegangen. Wir sind beiseite getreten, als hätte er es befohlen. Nun geht er schon singend über den Hof. Nun steht er in dem Torbogen. Er steht auf der Straße. Vielleicht können wir jetzt mit ihm reden. Sein Gesang ist beendet. Doch da sind schon zwei, die ihn ansprechen wollen. Uhlig und Tina. Es ist eine Aufregung im Kolk. Da stehen Menschen und abseits von ihnen Daniel Timm. Was mag sein, wir wollen ihn fragen. Er sieht unseren Gruß nicht. Wir bekommen auch keine Antwort. Er steht da und blickt zum Himmel empor. Was ist das? Ein weißer Vogel schwebt da, eine Möwe. Es ist ein langes Gleiten. Die Möwen sind in diesem Jahre länger geblieben. Es war ein kalter und feuchter Mai. Sonst waren sie schon längst zu Pfingsten fort, aber dieses Mal sind sie noch in dem Kolk geblieben. Es ist schön, daß sie noch da sind. Sie wohnen hier und gehen nur über Sommer auf Reisen. Eine Möwe also, denken sie alle. Warum aber breitet Daniel Timm ihr die Arme entgegen? Es ist eine Möwe! »Komm, komm, o Himmelstaube«, singt Daniel Timm. Einige starren auf seinen Mund. Andere reden miteinander. Nun ist die weiße Möwe verschwunden. »Komm, komm, o Himmelstaube«, singt Daniel Timm noch immer. Es ist doch wohl eine Möwe gewesen, nicht wahr? Das war doch bloß eine Möwe! Aber sie war lautlos dahingeglitten, weiß und lautlos. Es war doch wohl eine Möwe? Sie ist sehr hoch vom Himmel gekommen. Sie kam aus dem Abend. Aber wo ist sie nun geblieben? Sonst sitzen sie auf dem Brückenholz oder auf den Pflöcken im Wasser. Es sitzt aber keine Möwe da. Es war doch wohl eine Möwe? Was geschieht nun? Daniel Timm geht davon. Er geht mit großen leichten Schritten. Wo willst du hin, Daniel Timm? Er hört nicht, er wendet sich nicht um. Er geht barhäuptig und mit offenem Hemd, so wie er nachmittags in der Stube saß. Die Leute aus dem Kolk gehen ihm nach. Zuerst alle, dann bleiben welche zurück und lachen. Was für ein Unsinn? Da geht Daniel Timm und wir laufen ihm nach. Warum soll Daniel Timm nicht über die Straße gehen? Das hat er schon tausendmal getan, und wir haben nichts dabei gefunden. Auf einmal laufen wir ihm hinterher. So närrisch sind die Menschen. Auch andere kehren um, lachen oder reden ernst miteinander. Schließlich ist nur noch Barbe Wiel an seiner Seite. Anton Olkers ist ärgerlich darüber. ›Was läuft sie da noch mit, es ist doch gar nichts, sagen die anderen.‹ Aber er humpelt weiter, bleibt mal stehen und setzt sich wieder in Bewegung, immer so, daß er die beiden noch im Auge hat. Barbe Wiel geht neben Daniel Timm. Sie hat ein neues graues Kleid an, das wird sie auch zum Standesamt tragen. Sie schnauft schon beim Gehen, denn Daniel Timm schreitet weit aus. Sie merkt, daß sie nicht lange mehr wird Schritt halten können. Bis jetzt hat sie nichts gesagt. Sie ist eigentlich bloß ängstlich nebenher gelaufen. Sie ist eine gute Frau und möchte gern allen helfen. ›Er hat einen Anfall bekommen‹, denkt sie. ›Es ist nicht gut, wenn man solche Zufälle kriegt. Dann sind die klaren Gedanken weg und man weiß nicht, was geschieht. Nun, er wird sich schon beruhigen und wieder zu sich kommen. Dann will ich ihn mit nach Hause nehmen, und er soll einen starken Kaffee haben. Das ist das beste. Und dann schlafen. Er muß sich einmal tüchtig ausschlafen. Die ganze Nacht soll er oft über Büchern sitzen. Das hält auch der gelehrteste Kopf nicht aus.‹ Barbe Wiel hat jetzt ein paarmal seinen Namen gerufen. Zuerst leise, damit die vorübergehenden Menschen nicht stutzig werden. Als er jedoch nicht hörte, rief sie ihn lauter. Doch auch das hörte er nicht. ›Ich kann doch nicht auf der Straße schreien‹, denkt Barbe Wiel, und sie will ihn resolut am Arm packen. Aber was ist das? Sie greift vorbei. Man konnte ihn nicht halten. Nun bleibt auch Barbe Wiel zurück. Sie denkt noch: ›Lieber Gott, hilf ihm‹, und sie denkt mit einem kleinen Lächeln: ›Es wird nicht so schlimm sein. Was ängstigst du dich überhaupt.‹ Sie ist stehengeblieben und sieht ihm nach, und plötzlich ruft sie ganz laut seinen Namen: »Timm!« ruft sie, und »Daniel!« Er hört es nicht. Barbe Wiel steht erschrocken über ihren Ruf da. Nun ist Anton Olkers neben ihr, schüttelt den Kopf und holt sie nach Haus. Diesen Abend saßen sie aufgescheucht um den Tisch. Barbe Wiel sagte oft, wenn sie an Daniel Timm dachte: »Ach, du lieber Gott.« Anton Olkers erzählte langatmig eine Geschichte von einer Frau, die es einmal am hellichten Tage gepackt hätte. Da wäre sie, wie sie ging und stand, vom Herd weg auf die Straße gelaufen, hätte gelacht und geschrien, geflucht und gebetet. Sie hätte auch gesungen und dabei getanzt. Anton Olkers behauptete, daß er das beschwören könnte. Er wäre damals zwar noch ein Junge gewesen, aber er hätte nahe dabei gestanden. »Sie hatte das Religiöse«, setzte er hinzu. Schowe äußerte sich zu all diesen Reden nicht. Er saß am Tisch, das Gesicht in dummer Verwunderung. »Davon verstehe ich nichts«, gab er zu. Aber es war doch unterhaltsam, einmal anderes erlebt zu haben und von anderen Dinge zu hören als von den alltäglichen. »Was es so alles gibt«, staunte er, »man kann froh sein, wenn bei einem alles glatt ist.« Tina und Uhlig saßen still nebeneinander. Es hatten Vögel am Tage gesungen, Falter waren geflogen und die Blumen standen weiß und gelb an den Rainen. Dann war das alles erschrocken davon. Sie hatten ängstlich neben dem verzückten Manne im Torbogen gestanden, jäh herausgeworfen aus einer bescheiden zärtlichen Stunde. Nun, in Barbe Wiels Stube, fanden sie langsam zurück. Es gingen seltsame Gespräche an ihrem Ohr vorbei, Barbe Wiels kleine, furchtsame Ausrufe, Anton Olkers' humpelnder Bericht und Schowes Kopfschütteln. Das alles glitt an ihnen vorbei, doch sie selbst saßen versteckt in Besinnlichkeit und im weichen Gedenken an ihre Nachmittagsstunden. Es hatten Vögel gesungen, Falter waren geflogen und die Blumen standen an den Rainen. Es war spät geworden, und Daniel Timm war noch nicht zurück. Sie hatten ein paarmal Gitti hinüber geschickt, daß sie nachsehen möchte. Sie ging ungern und ängstigte sich noch immer. Sie war wiedergekommen, ohne Timm zu Hause gefunden zu haben. Später hatte Olkers nach ihm ausgesehen und dann auch Schowe einmal. Nun kamen die Nacht und die Sterne, und er war nicht zurück. Am zweiten Pfingsttage hatte sich die Angst um ihn etwas gelegt. Man fühlte, daß nichts Sonderliches geschehen sein könnte. Uhlig hatte gesagt: »Ich weiß, daß er schon einmal davongelaufen ist und alles im Stich gelassen hat. Viel mehr als jetzt. Damals ist er reich gewesen und doch hat ihn das alles nicht halten können.« Barbe Wiel sagte: »Er wird seine Berufung gehabt haben. Davon hat er ja öfter gesprochen.« Schowe kam vom Gasthof zurück, aber dort hatte man nichts gehört. Der Wirt wußte nicht einmal, daß Daniel Timm weg war. Ja, er kannte ihn kaum. Wie sollte er auch einen Menschen kennen, der niemals hereinkommt und ein Glas Bier trinkt. »Dann wird nichts passiert sein«, meinte Anton Olkers. »Der Wirt weiß es immer zuerst, wenn was los war.« Damit beruhigten sie sich. Es waren an diesem Tage auch allerlei Vorbereitungen zu treffen, denn am nächsten Vormittage sollte man auf das Standesamt gehen. Am Nachmittag wollten sie dann bei dem Pastor mit vorsprechen. Wenn man auch glaubte, für Kranz und Altar zu alt zu sein, und wenn man auch einsah, daß man für sich alleine nicht eine ganze Kirche bemühen könnte, so wollte man doch eines geistlichen Wortes nicht entbehren. Nun gab es also vielerlei zu tun. Barbe Wiel stand auf dem Hofe und schwenkte die Kohlenplätte. Erst im Luftzug entzünden sich die Holzkohlen. Olkers hatte die schwarze Hose über die Leine gehängt und bürstete auf ihr herum, neben sich eine Schüssel mit Kaffeesatz, weil Barbe Wiel wußte, daß man dadurch den früheren schwarzen Glanz wieder herstellen könnte. So trafen die beiden die Vorbereitungen für ihre Hochzeit. Nein, man brauchte sich nicht zu verstecken. Es war sogar eine Kutsche da. Schowe hatte den Wagen bei einem Bekannten ausgeliehen. Nun waren seine Pferde davorgespannt und Albert saß auf dem Bock. Es war ein stattliches Gespann, und es hätte wohl keiner gedacht, daß Pferde und Kutscher sonst mit Ackerwagen und Jauchefaß zu tun hatten. Es war wirklich ein städtisches Gespann, darin sie nun zu viert saßen, das Brautpaar und die beiden Trauzeugen, Schowe und Uhlig. Ja, ja, da stehen nun die lieben Nachbarn und gucken hinterher. Guckt nur, es ist wirklich Anton Olkers. Ein lahmer Bräutigam zwar, aber doch noch gut bei Wege. Wie der Gehrock ihm sitzt. Da ist nichts zu eng und nichts zu weit. Er hat sogar einen kleinen Myrtenstrauß auf dem Aufschlag. »Das muß sein«, sagte er, »damit sie auf dem Amt wissen, wer der Bräutigam« ist.« Das war ein behagliches Rumpeln über die krummen Steine im Kolk. Schowe hatte kleine Witze bereit, die wußte er noch von Wallys Hochzeit. Darüber mußten sie lachen. Und Olkers schlug Uhlig aufs Knie und fragte: »Wer ist der zweite?« Als sie über den Marktplatz fuhren, zog Schowe das Wagenfenster herunter. Er lehnte sich etwas hinaus und sagte: »Da drüben wohnt sie. Wir sind nun schon siebenundzwanzig Jahre verheiratet.« Er sah die Fensterreihe im ersten Stock ab, und weil er glaubte, an dem Eckfenster ein Gesicht gesehen zu haben, griff er grüßend an den Hut. * Nun war also in dem kleinen Haus eine Feier. Sollte man's glauben? Zwei Jahrzehnte und länger hatte es still und bescheiden dagestanden, gutmütig und verschlafen. Es war das letzte Haus im Kolk und das kleinste. Eigentlich war es nur ein Dach, das wie ein brauner Pilz aus dem Boden wuchs. Heute aber ist es herausgegangen aus seiner Kleinheit, aufgewacht ist es und will sich spreizen. Es ist ein Hochzeitshaus mit Blumen am Fenster und Kuchenduft in allen Stuben. Es hat die Türe weit auf und Füße kommen und gehen. Kleine Füße, die Kinder hertragen mit einem Strauß in der Hand und einer großen Erwartung in den Augen auf Kuchen und bunte Süßigkeit. Und große Füße von Männern und Frauen, die ihre Glückwünsche anbringen wollen. Das sind alles Füße, die in derben Schuhen stecken, in verbeulten Schuhen mit Ristern und Stopfstellen. Da sind keine Tanzschuhe darunter und keine Spazierschuhe. Es sind Schuhe, die schon ein langes, mühevolles Leben hinter sich haben. Sie kommen schwer und gehen schwer und ruhen sich ungeschickt aus. Doch zwischen ihnen läuft ein leichtes Paar, ein weiches, glänzendes Paar hin und her, flink und geschäftig heute, denn sie müssen sorgen, daß alles in Ordnung ist. Das sind Tinas. Als Uhlig ihr die Schuhe mitbrachte, konnte sie zuerst vor Freude kein Wort sagen. Sie hatte lange solche Schuhe nicht an den Füßen gehabt. Das waren ja Schuhe zu Tanz und Fest. »Warum nicht?« hatte Uhlig gelacht. »Du wirst sie bald brauchen können.« Nun hatte sie Schuhe an, wie sie sie einst in der Mädchenzeit getragen hatte, sonntags, wenn es zur Musik ging. Auch später, in der ersten Zeit ihrer Ehe, als Stam Öffgen noch stolz auf sie war. Das letzte Paar, so weich und leicht wie diese, waren Spangenschuhe gewesen von Goldkäferfarbe. Sie konnte sich noch genau darauf besinnen. Damals wohnten sie noch in der Stadt, und Stam Öffgen hatte die Schuhe von einer Fahrt mitgebracht. Sie waren in Antwerpen gekauft und mußten vor dem Zoll versteckt werden. An jenem Tage, als sie die Goldkäferschuhe zum ersten Male trug, waren sie in einer Singspielhalle gewesen. Eine Sängerin war da, die beim Tanz mit den Füßen stampfte und sich herumwirbelte. Stam Öffgen hatte ihr zugetrunken. Er war kein gewöhnlicher Mann, der bescheiden in der Ecke saß. Während sie tanzte, war er aufgestanden, hatte sein Glas erhoben und »Bravo« geschrien. ›Er trat wie ein Herr auf‹, dachte jetzt Tina. Sie hatte zu Uhlig gesagt: »Dann willst du wohl auch mit mir tanzen gehen!« Sie hatte es scherzend hingesagt und gar nicht daran geglaubt. Da war Uhlig verlegen geworden und hatte ihr eingestanden, daß er noch nie getanzt hätte. »Ich bin niemals dazu gekommen«, sagte er, jetzt selbst verwundert. Nun saßen sie nebeneinander im Hochzeitshaus und der Geigenbauer fiedelte. Es war gut, daß man mit ihm bekannt geworden war, denn nun gab es etwas Musik. Er kannte vielerlei aus dem Kopf und hatte obendrein Noten mitgebracht, die er beim Spiel gegen eine Blumenvase lehnte. Er spielte auch Lieder, die man mitsingen konnte. Zwar wußte man meistens nur den Anfang, aber es machte ihnen schon Spaß, die Melodie zu erkennen. So waren sie zuerst sehr lustig. Als sie dann aber vor dem Abendbrottisch saßen, wurden sie ernst. Das kam, weil Barbe Wiel sagte: »Da drüben sollte Timms Platz sein. Ich habe schon am Sonnabend Radieschen besorgt. Er aß sie so gern.« Nun fragten sie hin und her, wo er wohl sein möchte. Dabei sprachen sie auch von dem letzten Nachmittag bei ihm. Wie er gesungen und gebetet hatte, wie das Licht von ihm angezündet wurde und wie eigentlich alles sonderbar und befremdlich gewesen war. Auf einmal bauten sie Stück für Stück in ihren Gesprächen diesen Tag wieder auf. »Dann ist eine Taube gekommen«, sagte Anton Olkers. Sie widersprachen ihm nicht. Sie sahen in Gedanken wieder diesen weißen Vogel aus dem Abend kommen, groß und gleitend, und wie er auf einmal verschwunden gewesen war. Er hatte nicht auf dem Brückenholz gesessen, auch nicht auf den Pflöcken im Wasser, wo sonst der Ruheplatz der Möwen war. »Davon verstehen wir nichts«, sagte Schowe. Barbe Wiel dachte daran, wie sie neben Daniel Timm hergelaufen war, wie sie seinen Arm packen wollte und wie er doch schon fortgewesen wäre. »Es hätte ihn keiner halten können«, sagte sie. Der Geigenbauer, der bis jetzt schweigend dagesessen hatte, versuchte nun auf seine Weise das alles zu erklären. Wer mit Musik umgeht, versteht viel von himmlischen Dingen. In der letzten Zeit war er mit Daniel Timm gut bekannt geworden und sie hatten sich eigentlich immer ohne Widerspruch verstanden. An jenem Nachmittage aber war das, was Daniel Timm sagte, über die Maße gegangen, in denen der Geigenbauer seinen Himmel geordnet hielt. Er hatte die beiden Tage darauf viel darüber nachgedacht und er begriff, daß der Geist, der Daniel Timm davongerufen hatte, größer sein mußte als jener, der nicht von ihm verlangte, daß er seine Arbeit im Stich ließe. Er beugte sich im stillen vor jenem größeren Geist, aber doch in dankbarer Bescheidung. Nun sagte er, so als verlangte dieser andere, daß er den Mund auf täte: »Viele sind berufen, aber wenige sind ausgewählt. Wahrlich, ich sage euch, auch Daniel wird unter ihnen sein.« Die anderen wunderten sich über diese Sprache und saßen in Befangenheit da. Sie sahen auch einige Male scheu auf die Stelle, wo eigentlich Daniel Timms Platz sein sollte. Der Stuhl war leer geblieben, bereit, irgend jemand in Empfang zu nehmen, der vielleicht noch mit vorspräche. Schowe hatte geglaubt, daß Wally noch kommen würde, aber er wartete vergebens. »Es wird ihr zu beschwerlich sein«, sagte er entschuldigend, aber für alle Fälle hatte er gesorgt, daß von der Apfeltorte ein Stück zurückgelegt würde, weil er wußte, daß er Wally damit eine Freude machen könnte. Auch von der Schlagsahne hatte er etwas beiseite getan. Doch der Stuhl war leer geblieben und Wally war nicht gekommen. »Ich will es ihr morgen hintragen«, bat er Barbe Wiel. Aber das alles lag ganz nebenbei, in der Hauptsache sprachen sie das, was sie von Daniel Timm wußten. Immer wieder führte ihr Gespräch auf ihn zurück. Es war für sie nun klar, daß ihm kein Unglück zugestoßen wäre, sondern daß er in die Welt hinausgegangen sei, berufen, ein großes Werk zu vollbringen. ›Er wird die Blinden heilen und die Gebrechlichen‹, dachte Anton Olkers, ›auch die Lahmen‹, und es tat ihm leid, daß Daniel Timm nun so weit fort war. Auf einmal kamen sie so auf wundersame Heilungen zu sprechen und von den Heilungen auf Krankheiten. Sie sprachen von den inneren Vorgängen des Körpers, auch von bösen Zähnen und von Gebrechen, die nur in den Gedanken lägen. Auch Uhlig hatte manches in seinem Laden gehört. Er konnte von dem Schlagfluß erzählen, der Broses Vater getroffen hatte, und von dem Hexenschuß, an dem die Frau des Schiffers Aderholt noch immer litt, obgleich sie bei einem Arzt gewesen war und bei einem heilkundigen Schäfer. »Das soll ja nun alles besser werden«, sagte Anton Olkers, und sie nickten ihm zu, ohne recht zu wissen, was er eigentlich meinte. Zwischen all diesen Gesprächen saß Tina. Sie wollte ein paarmal sagen: ›Wir wollen wieder Musik machen.‹ Sie hatte dünne, glänzende Schuhe an. Ihre Füße schwebten darin. Sie wollte aufstehen und sich in der Küche nützlich machen, bloß um aus all diesen Worten herauszukommen, aber sie blieb wie eingefangen am Tisch sitzen, steif und unbeholfen und gar nicht so, als wären ihre Füße zum Tanze gekleidet. Sie gab sich schließlich keine Mühe mehr, von dem, was da geredet wurde, ein Wort zu verstehen. Es war für sie nur noch wie das Brodeln eines Wetters draußen am Fenster, während sie selbst in einer Stube sitzt, mit anderen Dingen beschäftigt. Sie dachte daran, daß damals in der Singspielhalle nicht bloß eine Sängerin gewesen war, die zum Tanz mit den Füßen gestampft hatte, sondern auch ein Zauberer, der aus seinem weiten Rockärmel eine Taube flattern ließ, ohne daß man hätte sagen können, wo er sie vorher gehabt hätte. Diese Taube hatte ein rosa Bändchen um den Hals und saß später auf einem Kasten, darin kleine Briefe lagen, von denen sie geschickt mit dem Schnabel einen herauszog, wenn man dem Zauberer einen Groschen gab. Auch Tina hatte einen solchen Zettel bekommen. Sie wußte nicht mehr, was darauf gestanden hatte, aber sie entsann sich, daß die Zahl am Kopfende des Zettels ihre Glückszahl gewesen sein sollte. Vielleicht wäre alles im Leben besser geworden, wenn Tina sich diese Zahl gemerkt hätte. Vielleicht wäre es auch besser geworden, wenn sie auf die Farbe des Zettels acht gegeben hätte, denn es hatte geheißen, daß das ihre Glücksfarbe wäre. Nun dachte sie: ›Ich hätte keine grauen Kleider tragen sollen und keine dunklen Schürzen.‹ Die Farbe wird gelb gewesen sein oder mattrot, womöglich auch hellgrün. Wenn sie in solchen Kleidern vor Stam Öffgen gestanden hätte, würde er vielleicht freundlicher zu ihr geblieben sein. Sie hatte heute ein helles Kleid an, wie es Uhlig gewünscht hatte. Für ihn hatte sie sich so gekleidet, aber nun saß er neben ihr und sprach von kranken Schifferfrauen. Der Geigenbauer hatte ihr wohl angemerkt, wie trübe diese Gespräche ihr fielen. Er schob den Teller zurück, stand auf und holte die Geige. Er begann auch zu spielen, doch zunächst achteten sie nicht darauf, weil Uhlig seine Erzählung noch nicht beendet hatte. Er sprach über den Tisch hin zu Barbe Wiel, Olkers und Schowe. Der Geigenbauer hatte sich an die Wand gelehnt und spielte, spielte für sich und für Tina, die nun den Kopf zu ihm hinwandte. Er beugte sich zu ihr und sagte: »Der Tänzer fehlt. Es ist der Hamburger Kontra, den ich jetzt spiele.« Das ist eine Musik, die in die Füße geht. Da wird die Stube zu klein und der Tisch zu groß. Tina saß da und zuckte den Takt mit dem Fuß. Es ist ein Tanz, wie ihn die Bauern der Heide tanzen. Der Geigenbauer war einmal dagewesen und hatte ihnen die Melodien abgelauscht. Er kannte auch noch andere Tänze der Heide: den Heiraß und Voß vör de Egge, Lustig vör'n Disch und Dubbelte Weege. Die andern unterbrachen jetzt zuweilen ihr Gespräch, horchten ein Weilchen zu und redeten weiter. Tina hörte, daß Daniel Timms Name wieder zwischen ihnen war. Sie seufzte und lauschte wieder zur Geige hin. Der Geigenbauer ging jetzt fiedelnd in der Stube auf und ab. Mitten im Spiel blieb er einmal am Fenster stehen und neigte den Kopf etwas, so, als horchte er hinaus. Tina sah ihn erschrocken an. »Ich dachte, es wäre jemand am Fenster«, sagte er erklärend, »doch es ist nichts.« Aber nun klopfte es wirklich. Es klopfte gegen die Fensterscheibe, nicht aufdringlich, aber man merkte doch, daß es ein harter Knöchel war. Das Gespräch am Tisch riß auseinander. Sie saßen da und starrten sich an. Das Geigenspiel war jäh verstummt. »Wer kann das sein?« flüsterte Barbe Wiel. Die Uhr geht beinahe auf Mitternacht. Das Fest ist fast schon zu Ende. Man sitzt nur noch zusammen und plaudert ein wenig. Es war auch ein bißchen Musik da. Nun klopfte es draußen. Man erwartete keinen Gast mehr. Zwar dachte Schowe einen Augenblick: Wally? Aber dazu war es schon viel zu spät. Nun saßen sie da und starrten sich an. ›Daniel Timm‹, dachten sie, ›ja, er wird zurückgekommen sein. Aber warum bleibt er vor der Türe?‹ Sie fürchteten sich etwas und warteten, daß er hereinkäme. Sie hatten so viel von Daniel Timm geredet, daß er für sie schon eine fremde Gestalt angenommen hatte. Wenn er jetzt einträte, würden sie eine Scheu haben, ihm die Hand zu drücken. Tina hatte sich zurückgebeugt, das Gesicht zum Fenster. Der Schreck vor der Ungewißheit war bei ihr verflogen. Sie hatte nun deutlich gehört, daß es klopft. Es wird also ein Mensch draußen stehen, der herein will. So vergingen einige Sekunden, aber jede Sekunde wurde länger; und in diesen langen Sekunden kam eine heimliche Angst über Tina. Keine Angst, vor der man sich fürchtet und der man gern entfliehen will, sondern jene unbestimmte Angst, in die man sich mit leiser Wollust noch hineinwiegt. Sie lehnte sich weiter zurück und atmete tief. Es waren kaum zwei Minuten vergangen, als es zum zweiten Male klopfte, fester jetzt und entschiedener. »Das ist nicht Daniel Timm«, sagte der Geigenbauer. Darüber waren sie einen Augenblick verwirrt, denn Barbe Wiel hatte inzwischen eine Erklärung gefunden. »Es wird Daniel sein«, hatte sie gesagt, »aber weil er keinen guten Rock anhat, will er wohl nicht hereinkommen.« Nun sagte der Geigenbauer, daß es Timm nicht sein könnte. Uhlig hatte bis jetzt wie die andern unruhig dagesessen. Nun stand er auf einmal auf und sagte ohne jedes Zögern: »Ich werde einmal nachsehen.« Im Vorbeigehen strich er über Tinas Haar. »Es ist nichts«, sagte er leise. Sie hörten ihn über den Flur gehen. Er öffnete die Türe und fragte hinaus: »Wer ist da?« Dann vernahmen sie eine zweite Stimme, auch ein kurzes, derbes Lachen der Begrüßung dazu. Sie sahen sich sprachlos an und blickten auf Tina. Tina war rot geworden und schloß die Augen. Sie atmete heftig. »Was will er hier?« fragte Barbe Wiel Es war Schreck und Ärger zugleich. In der Türe standen jetzt Stam Öffgen und Uhlig. Stam Öffgen trug einen blauen Anzug und eine blaue Schirmmütze. Er war größer und breiter als Uhlig. Er stand hinter Tinas Rücken. Sie sah sich nicht um. Er war jetzt verlegen und lachte. »Ein neuer Gast«, sagte der Geigenbauer, der ihn nicht kannte. Er nahm die Geige und spielte ein paar Takte. Es sollte wohl ein lustiger Gruß sein. Dann setzte er die Geige wieder ab und betrachtete Stam Öffgen, als wollte er herausbekommen, warum das Erscheinen dieses Mannes alle hatte verstummen lassen. Stam Öffgen sah ihn mit seinem verlegenen Lachen an, nahm die Mütze ab und sagte zu dem Geigenbauer: »Ich bin so frei.« Er setzte sich dann auf den leeren Stuhl neben Tina. Sie rührte sich nicht, ihre Hände lagen unbeweglich im Schoß. Uhlig nahm den Stuhl, der für Daniel Timm oder einen anderen Gast bereit gestellt war, und setzte sich. Er saß an der Kopfseite des Tisches und hatte Tinas Gesicht vor sich und das ihres Mannes. Barbe Wiel war die erste, die sich gefaßt hatte. Sie sagte: »Man hätte dich hier nicht erwartet.« Man merkte ihr an, wie ärgerlich sie über diese Störung jetzt war. Anton Olkers fürchtete Unfrieden, und um einen Zank abzuwenden, der schon in der Luft zu liegen schien, nahm er die Flasche, die neben seinem Stuhl stand, und goß das Glas vor Stam Öffgen voll. Es war Uhligs Glas, doch Stam Öffgen nahm es und mit einem Blick in die Runde trank er wortlos. Er trank lange und schmatzte etwas. Dann stellte er das Glas umständlich hin und sagte, halb zu Tina gewendet: »Ich war schon oben, aber es hat keiner aufgemacht.« Als er keine Antwort bekam, setzte er hinzu: »Ich hab dann ein Weilchen vor dem Haus gewartet, dann sah ich, daß hier noch Licht war. Ich bin erst heute abend angekommen. Nun seh ich, daß hier was los ist.« Anton Olkers wollte ihm Bescheid sagen, doch Barbe Wiel stieß ihn an. Er sagte dann nur kurz und ein wenig ängstlich: »Es ist Hochzeit.« Dabei zeigte er auf sich und Barbe Wiel. Stam Öffgen blickte einen Augenblick verdutzt, dann lachte er und antwortete ohne jede Verlegenheit: »Darauf müssen wir anstoßen. Das Brautpaar soll leben! Das ist ein gescheiter Gedanke.« Anton Olkers stieß mit ihm an, und weil Barbe Wiel ihr Glas nicht hob, tippte Stam Öffgen mit seinem Glase dagegen. »Auf dein Wohl, Barbe Wiel«, sagte er noch. Nun fand sie es wohl doch unhöflich, das Glas stehen zu lassen. Sie brummte etwas vor sich hin und trank. »Na also«, rief Stam Öffgen. Er wollte sich wieder zu Tina wenden, aber sie sprang plötzlich auf. Stam Öffgen fürchtete, daß sie weinen würde. Doch weinte sie nicht. Sie stand mitten in der Stube und starrte vor sich hin. Uhlig ängstigte sich um sie, er rückte schon mit dem Stuhl, um aufzustehen. Doch da sagte Stam Öffgen zu Tina: »Das sind schöne Schuhe, die du da anhast.« Er hatte Tina prüfend von der Seite angesehen. Sein Blick war an ihr entlang geglitten und nun an diesen leichten Schuhen hängen geblieben. Tina hob den Kopf und sagte kurz: »Die sind von Uhlig.« Damit wollte sie wohl alles sagen. Darauf wandte sich Öffgen freundlich zu Uhlig und meinte: »Wir haben uns lange nicht gesehen. Das letzte Mal war's mit dem Drachen.« Da hat dieses Wort jäh ein herbstliches Spiel in die Stube geworfen. Da ist wieder die Brücke am Kolk, der Wind von den Rübenfeldern und der bunte Papierdrachen, der es mit den Wolken aufnehmen will. Da sind die tückischen Telegraphendrähte, die ihn einfangen wie einen verflogenen Vogel. Da ist auch wieder der farbige Drachenschweif. Zuerst wie man ihn band aus vielem bunten Papier, dann wie er vom Wind zerzaust in den Drähten hing und dann, wie ihn Daniel Timm mitbrachte, verwittert, verregnet. Uhlig sagt: »Ja, ja, der Drachen damals.« Und darüber hinaus sieht er wieder das Herdfeuer, das die letzten Überbleibsel dieses papierenen Vogels fraß, die grünen, blauen und roten Zettel und auch den weißen Schein mit Löders' Schrift. Da ist nun wieder das ganze Jahr. Die Treppe, die man heraufstieg und die man wieder hinabsteigen mußte, und die man nun von neuem sich anschickt zu erklimmen. Früher hätte man sich heimlich fortgestohlen, hätte wie an jenem letzten Abend im Laden den Kopf gestützt, in dem bretternen Abschlag gesessen, den man Kontor nannte, hätte dort gesessen und geweint. Nun hat man gelernt, sich nicht mehr aus dem Sattel heben zu lassen. Was auch kommen mag, man sitzt aufrecht und reitet hindurch. Uhlig lächelt und, als wollte er die Festigkeit seines Herzens erproben, als wollte er sich überhaupt vergewissern, wie nun die Wege laufen würden, sagte er: »Du hattest ein Kampferschiffchen mitgebracht.« Dazu lächelte er. Nun war Köppje in aller Gedanken. Das ließ sich nicht mehr verhindern. Auf dem Papierdrachen kam er daher geflogen, auf dem Kampferschiffchen fuhr er heran. Zuerst unwirklich klein, eigentlich nichts weiter als der Name. Ein Name ohne die Gestalt des Menschenwesens, das ihn trug. Aber dann brach dieser Name auseinander, und daraus erwuchs der blonde, wilde Junge, liebenswert bei aller Trotzköpfigkeit und in seinen tausend Einfällen. Stam Öffgen lachte. Er sprach es aus. Er sagte: »Der Junge!« und lachte. »Er ist gut eine Handbreit gewachsen«, berichtete er. Tina hatte auf einmal alles Leid vergessen, das ihr von Stam Öffgen gekommen war. Sie dachte nur noch an Köppje, und ihre große Sehnsucht ließ sie fragen. Sie war auf einmal froh, daß jemand da war, der ihr sagen konnte, wie es Köppje ging. Sie nahm gierig jedes Wort von Stam Öffgen, so ausgehungert war sie nach dem Kinde. Stam Öffgen erzählte alles, was er wußte. Viele kleine Schnurren, auch große Unarten, so wie Jungens in dem Alter sind. Köppje ist ein tüchtiger Bengel. Er nimmt's mit jedem auf, auch wenn sie zwei Köpfe größer sind. Er hat sich einen Griff ausgedacht, haha, einen Griff. Zeig mal her, Uhlig! Und Stam Öffgen nimmt Uhligs Hand und dreht sie rasch herum. Uhlig sagt nichts, er beißt sich auf die Lippen, aber er sagt nichts. Solch Bengel, was? Ja, ja, so macht er's mit den Großen. Er könnte schon ein Schiff zerlegen und wieder zusammensetzen, so gescheit ist er. Er kennt auch schon den Motor und jede Schraube. Nun, man achtet ja auch auf ihn und paßt auf, daß er sich gut hält. »Ich habe ihm letzthin einen neuen Anzug gekauft«, sagt Stam Öffgen, »damit kann er sich sehen lassen.« Tina freut sich darüber. Sie ist dankbar, daß Stam Öffgen daran gedacht hat. Der Geigenbauer hat die Geige wieder an das Kinn gelegt. Er sieht, daß man beginnt sich zu erwärmen. Vielleicht ist der Empfang und alles vorher nur ein Mißverständnis gewesen. Er weiß nun auch, daß Stam Öffgen Tinas Mann ist und Köppje ihr Junge. Der Geigenbauer fiedelt lustig drauf los. »Das ist der Söbensprung«, sagt er und singt. Er hat Bier getrunken und Wein und nun singt er: »Speel mir mal den Söbensprung – – –« So vergnügt ist er lange nicht gewesen. Das war ein fröhliches junges Ding damals, rote Backen hatte sie und gelbes Haar. Die Röcke flogen bis zum Tisch ran, wenn sie sich drehte. »Speel mir mal den Söbensprung«, sang der Geigenbauer und trat den Takt mit den Füßen, immer schneller, daß die Gläser schon klirrten. »Der versteht's!« schrie Stam Öffgen, »er will uns in den Sack stecken. Komm, Tina, du hast ja heut die Tanzschuh an!« Und er packte Tina und drehte sieh mit ihr. Er war groß und breit und seine Arme waren wie ein Wall. Tina wehrte sich nicht. Sie war überrascht und jedes Denken war ihr für ein paar Augenblicke weg. Dann sammelte sie sich und tanzte mit. Es war Wut, was sie tanzte. Der andere saß auf dem Stuhl und sah zu. Man sah seinem Gesicht nichts an. Vielleicht war er gar nicht mehr da. Warum sprang er nicht auf und riß sie zurück? Das hätte Stam Öffgen getan. Er hätte die Faust genommen oder ein Glas, ganz gleich, aber er war losgesprungen und hätte sie weggerissen. So war es zuerst Wut bei Tina. Dann wurde es Verwunderung. So sicher ist Uhlig seiner Sache, daß er nicht aufsteht vom Stuhl und mich fortholt? Was hat er auch zu fürchten? Und Tina denkt auf einmal ganz ruhig; was tut es auch, daß ich mit Öffgen tanze. Er ist gekommen und wird wieder gehen. Ich werde hier bleiben und alles wird gut sein. Warum soll ich nicht noch ein letztes Mal mit ihm tanzen? Wir haben zwei Kinder zusammen, so kann man es wohl tun. Auch der längste Tanz geht zu Ende. Was wird nun geschehen, fürchtet sich Tina. Aber es geschieht nichts. Stam Öffgen läßt sie los und sie setzen sich. Sie sitzen nebeneinander und atmen noch heftig vom Tanz. Der Geigenbauer spielt weiter. Anton Olkers sagt zu Barbe Wiel: »Wie wär's, Mutter?« Er nennt sie zum ersten Male Mutter und wird es nun bis an sein Lebensende tun. Barbe Wiel ziert sich. Sie schüttelt den Kopf und pufft Olkers. »Mal los!« ruft Schowe. Es ist ihm unbehaglich gewesen bis jetzt. Nun, da sie schon zusammen getanzt haben, kann's wohl nicht mehr so schlimm werden. Schiffsleute sind oft jähzornig, manchmal sitzt ihnen das Messer sogar locker. Nun ist Schowe beruhigt und ruft: »Mal los!« Da kann sich Barbe Wiel nicht mehr sträuben und sie tanzen beide zum Großvatertanz. Sie müssen sich langsam herumdrehen wegen des lahmen Beines. Sie kommen auch oft aus dem Takt, aber sie finden sich wieder und der Tanz läuft dahin, langsam wie der Sand in der Uhr. »Nun, wie ist's?« sagt Stam Öffgen zu Uhlig und zeigt auf Tina. Er weiß wohl nicht, daß Uhlig nicht zu tanzen versteht. Vielleicht aber kann er es sich denken und sagt es absichtlich. Tina ärgert sich. Sie ärgert sich, daß Uhlig stumm dasitzt und sie schämt sich, daß sie mit Stam Öffgen tanzen konnte nach all dem Groll. Daß sie ihm nicht einfach ins Gesicht geschlagen hat und daß sie sich nehmen ließ wie damals als junges Mädchen das erste Mal auf dem Tanzboden. Nun sagt sie hart und ohne jede Bewegung: »Wir hätten wohl Ernsteres zu besprechen.« Die Geige ist verstummt. Barbe Wiel und Olkers gehen noch ein wenig taumelig an ihre Plätze. Sie blicken Tina vorwurfsvoll an. ›Wir hätten wohl Ernsteres zu besprechen‹, hat sie gesagt. Wozu das jetzt? Sie hat doch eben mit ihm getanzt. Schowe denkt: ›Nun wird das doch noch kommen. Ich ahnte es schon. Was soll man bei solchen Familiensachen dabeisitzen?‹ Er steht auf und geht langsam hinaus. Ohne Gruß, so, als käme er wieder. Der Geigenbauer am Fenster ist traurig geworden. Da war die Erinnerung an einen Tanztag in der Heide. Da ist ein Mädchen gewesen, das er geliebt und nicht bekommen hat. Nun sitzt er mit seiner hölzernen Musik da. Es ist leichter, einer Geige eine süße Stimme zu geben als eine solche für das Herz zu finden, denkt er. Nun hat er auf diesem Instrument eine ganze Vergangenheit für sich heraufbeschworen, hat sie eingewiegt in Melodien, wollte sie besänftigen und zur Ruhe singen, und sie ist ihm über den Kopf gewachsen, und nun steht er am Fenster, umgeben, bestürmt und gestoßen von einer vergessenen Liebe. Er sieht, daß Schowe hinausgeht und er folgt ihm unschlüssig. Wenn er am Morgen aufwacht, wird er auf dem nackten Fußboden der alten Stube liegen in dem Torbogen, der Daniel Timm gehörte. Er wird verwundert den Schlüssel neben sich finden, mit dem er zuvor noch die Niederlage abschloß, in der Daniel Timm lebte. Er entsinnt sich undeutlich, daß er vorm Einschlafen noch gedacht hat, nun ist er fort und er wird nicht wieder kommen. Auch das Mädchen ist weg für alle Zeit. Es ist schon lange fort, und eigentlich war es sonderbar, daß man es nicht gesucht hat. Aber so ist das im Leben. Die Menschen kommen und gehen an einem vorbei. Es war ganz hübsch, zwischen den Lumpen zu sitzen und manchmal mit Daniel Timm zu plaudern. Seinetwegen hatte man seine sieben Sachen in diese Stube gebracht. Nun hat er einen in ein leeres Haus gelockt. Das hatte der Geigenbauer vor dem Schlaf noch gedacht. Am nächsten Morgen wird es ihm unklar wieder gewärtig sein, während er mit Silberdraht und einem feinen Hammer an einer verstaubten Gitarre herumbastelt. Er wird auf das Holz klopfen und es wird tönen, leise und etwas schmerzlich. Auch der Geigenbauer war also gegangen und sie saßen nur noch zu fünft um den Tisch. ›Wir haben Ernsteres zu sprechen‹, hatte Tina gesagt. »Stimmt«, antwortete Stam Öffgen. Er sagte das ganz frisch. »Darum bin ich auch hergekommen. Das muß alles einmal in Ordnung gebracht werden. Wir können jetzt darüber reden. Für mich können wir das schon.« Diese Antwort brachte Tina in Verwirrung. Sie hatte erwartet, daß er klein beigeben würde, aber er saß da so selbstverständlich wie früher am Essenstisch. Sie sagte schließlich ärgerlich: »Mir kann's auch recht sein.« Anton Olkers nickte zustimmend. »Es hat schon seine Richtigkeit. Ihr müßt mal darüber sprechen.« Barbe Wiel blickte Uhlig an, was er wohl für ein Gesicht machte, doch konnte sie nichts daraus lesen. Nun sah sie hilflos von einem zum andern. Sie fürchtete um den friedlichen Ausgang ihres kleinen Festtages und sagte: »Das müßt ihr untereinander ausmachen. Da kann kein dritter was zutun.« Olkers blieb beharrlich: »Man kann schon zusammen darüber sprechen. Wir kennen uns lange genug dazu, dächte ich.« Das Leben fließt gleichförmig hin. Ein Tag ist wie der andere. Da kann man schon einmal eine Neugierde haben. »Olkers hat recht«, antwortete Stam Öffgen, »wir sind gut bekannt, und was ein Kopf nicht begreift, begreift vielleicht der andere.« Er holte ein Schriftstück aus der Tasche und legte es auf den Tisch. »Das habe ich bekommen«, sagte er. Es war die Abschrift der Scheidungsklage, die das Gericht ihm zugestellt hatte. »Ich trage es schon mehrere Wochen mit mir herum«, sagte er, »nun wollte ich dich fragen, ob es dein Ernst ist. Manchmal habe ich gedacht, es wäre gut so, aber dann wieder konnte ich es nicht glauben. Ich dachte, es wird sich von alleine machen, und eines Tages wird sie schreiben: Ich hab es mir überlegt. Aber sie hat nicht geschrieben und nun muß ich es beantworten. Es wird Zeit.« Er sagte es zu Barbe Wiel und Olkers, als wollte er ihnen die Sache anheimstellen. Olkers suchte umständlich in seinem Gehrock. Er suchte die Brille und fand sie neben seinem Teller. Er setzte sie auf und wollte das Schriftstück nehmen, doch Stam Öffgen legte die Hand darauf. »Seine Kenntnis tut nichts zur Sache«, sagte er. »Sie wird ihre Gründe haben«, meinte Barbe Wiel, »Tina weiß schon, was sie tut.« Olkers stimmte zu. Er war jetzt auf Tinas Seite, weil er umsonst seine Brille aufgesetzt hatte. »Wenn es sich bloß um Mast und Segel handelte, würde ich kein Gerede drum machen«, antwortete Stam Öffgen, »aber es geht ums ganze Schiff«, und er sagte zu Tina: »Der Junge hat schon öfter nach dir gefragt.« Tina hätte ihn gern gebeten, diese Worte zu wiederholen, aber sie tat, als berührten sie nicht sonderlich ihr Herz. Sie fragte herbe zurück: »Und das Mädchen?« »Gitti?« fragte er ablenkend. Er wußte genau, wen sie meinte. »Du weißt schon«, sagte Tina heftig. Er schwieg ein Weilchen, sah vor sich hin und meinte dann: »Das ist aus.« Er gab die Geschichte ohne weiteres zu. Es hätte auch keinen Zweck gehabt, sie zu leugnen. Alle am Tisch wußten davon. »Ich könnte ja auch fragen«, fuhr er fort. »Aber laß nur, ich frag nicht. Es ist schon alles in Ordnung.« Barbe Wiel bekam einen roten Kopf. Sie erschrak über das, was sie damals mit ihrem Geschwätz angerichtet hatte. Nun wollte sie es gut machen und sagte: »Da gäbe es auch nichts zu fragen.« »Du hast es mir selber gesteckt damals«, rief Stam Öffgen, »aber das ist nun erledigt. Punkt drunter und Schluß. Ich will nichts davon hören.« Barbe Wiel saß ganz verdattert auf ihrem Stuhl. Auf einmal ist sie die Angeklagte, auf einmal kommt alles auf ihren Kopf. Tina hatte sie angesehen. Barbe Wiel machte sich ganz klein vor diesem Blick. »Er schwätzt ja«, brummelte sie, »ich hab ihm gesagt, er soll's nicht glauben, was man im Kolk über euch redet.« Sie sagte das letzte zu Uhlig. Stam Öffgen nahm wieder das Wort: »So oder so, gehechelt ist gehechelt.« Es war ihm lieb, einen Sündenbock gefunden zu haben. Barbe Wiel war das Weinen nahe, sie bezwang sich. Sie lachte sogar etwas, ein verwundert schluchzendes Lachen. Das war nun ihr Hochzeitstag. Da kam ihr Olkers zu Hilfe. »Na, na«, sagte er, »deine Zunge hat wohl Pfeffer gekriegt. Ich denke doch, wo du an unserm Tisch sitzt, brauchst du uns nicht das Fenster einzuwerfen.« Barbe Wiel richtete sich wieder auf. Sie schob ihre Hand zu Olkers hin. Stam Öffgen lachte: »Hier wird wohl jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Schon gut, Barbe Wiel, ich will dir keinen Vorwurf machen.« Und er lachte Olkers an und sagte: »Hab keine Angst, daß es Splitter gibt. Ich will's ja gutmachen.« Und er wandte sich an Tina, zeigte auf das Schriftstück und fragte: »Soll's sein?« Dann stand er auf und sagte zu allen: »Ich hab nun gesagt, warum ich gekommen bin. Ich frage hier vor euch, ob dieses ihr letztes Wort ist.« Er hielt das Schriftstück in der Hand und schlug darauf. Da stand nun Stam Öffgen und wollte den Strich wegkratzen, den Tina schon unter eine Reihe von Jahren gezogen hatte. Sie wußte nicht, was sie ihm antworten sollte. Ihre Gedanken gingen durcheinander. Sie hatte lange darauf gewartet, daß Stam Öffgen von sich hören lassen würde. Aber er hatte geschwiegen. Sie hatte lange gehofft, daß er kommen würde. Aber er war nicht gekommen. Da hatte sie die eine Tür ihres Lebens zugeschlossen und eine andere geöffnet. Sie steht schon auf der Schwelle, um in das Neue hineinzuschreiten, und plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, sieht sie Stam Öffgen vor sich. Er steht breit und stämmig da und sie müßte an ihm vorbeigehen, und schon im Vorbeigehen berühren sich ihre Schultern und ihre Blicke treffen sich. Da öffnen sich nun vor ihr die Gezeiten des großen Lebensjahres, ihr Frühling leuchtet hinter blassem Schleier auf. Der Duft vergangener Tage strömt empor, ein altes Lied klingt wieder auf. Wir haben zusammen getanzt und gelacht. Wir haben zusammen ein Dach gehabt, ein Dach, ein Bett, einen Tisch. Eines Tages war eine Wiege da, eines Tages waren zwei Äuglein da und zwei strampelnde Beine. Du warst nicht immer gut zu mir. Du kamst und gingst und lachtest. Du saßest zuviel auf fremder Bank, du hörtest zuviel auf fremden Gesang, du kamst und du gingst und du lachtest. Nun saß Stam Öffgen wieder neben Tina und über alle Stürme und Brandungen hinweg wollte er ihr die Hand geben. Aber noch hielt sie ihre Hand zurück, sie sah auf Uhlig, sie wagte keine Entscheidung. Sie sah auf Uhlig, aber er schwieg. Er saß da in einer großen Verwunderung. Als er damals an einem Schneeabend Tina heimlich Veilchen an das Bett gestellt hatte, war für ihn über die Zukunft entschieden worden. Der Schritt war getan, und was nun folgte, wäre ein selbstverständliches Gehen Hand in Hand mit der Frau, die man lieb hat. So hatte er gedacht. Nun sieht er in dem klaren Bach einen Strudel aufwirbeln, der das Boot in Gefahr bringt. Wie kann das nur sein? Es schien doch alles einfach und abgemacht. Warum sagt sie es nicht? Sie wartet darauf, daß ich rede, und ich werde wohl auch sprechen müssen. Aber was soll ich nun sagen? Es ist Köppjes wegen, daß sie schweigt. Sie bangt sich nach dem Jungen, und ich weiß auch nicht, wie man diese Bangnis heilen könnte. Ich komme zu ihr mit einem Herzen voll Gutsein, aber Stam Öffgen hält ihren Jungen an der Hand. Uhlig hat den Kopf gesenkt. Er spricht noch immer nicht. Er sitzt Barbe Wiel gegenüber, und wenn er durch die Augenlider blinzelt, sieht er in ein altes, gutmütiges Frauengesicht. Das ist doch Barbe Wiel? Barbe Wiel ist heute Braut und sie sitzt vor ihrem halbgeleerten Glas und vor einem Teller mit zerbröckeltem Kuchen. Barbe Wiel hat zu ihrer Hochzeit ein graues Kleid angezogen. Es hat lange im Schrank gehangen, nun bekam es neuen Besatz mit feinen schwarzen Glasperlen, eine Rüsche im Kragen und eine Granatbrosche. So saß Barbe Wiel auf dem Ehrenplatz. Wenn Uhlig blinzelnd aufsieht, blickt er in ein altes, gutmütiges Frauengesicht. Aus seinen Gedanken hebt er den Blick. Da ist nun die große Verwunderung. Ein altes, gutmütiges Frauengesicht schaut ihn an. Ist das Barbe Wiel? Dieses Gesicht ist nicht ganz so rund. Die Nase ist kleiner und der Mund schmaler. Es sind auch Furchen auf der Stirn, und zwischen diesen Furchen blüht wie eine liebe Blume der Leberfleck. Es war lustig in der Hochzeitsstube gewesen. Die Nachbarn hatten ihre gute Laune hereingetragen und alles war in schönem Fluß. So war der Nachmittag gewesen und der frühe Abend. Dann war eine kühle Stunde hereingeweht und man hatte gefröstelt. Und jetzt auf einmal ist die Stube warm. ›Mutter‹, denkt Uhlig vor sich hin, streift über die Augen und sieht wieder zu Barbe Wiel hinüber. Da sitzt Barbe Wiel. Sie ist schon müde geworden und gähnt verstohlen. Uhlig lächelt ein wenig. ›Es ist Barbe Wiel‹, denkt er vor sich hin. Doch in diesem Augenblick ist ganz dicht eine Stimme. Man könnte nicht sagen, wo sie wäre. Sie ist nicht dort und nicht hier, aber er hört sie ganz dicht. Er sieht an Barbe Wiel vorbei. Im Fensterbrett stehen Hochzeitsblumen. Er sieht auf die großen Pfingstrosen. Im Garten der alten Frau Schowe blühten welche. In dem Garten zwischen den Häusern. Frau Schowe war eine gute Frau. Wenn die Pfingstrosen blühten, schnitt sie ein paar ab und schenkte sie Uhligs Mutter. So kamen die Pfingstrosen in ihre Stube. ›Ich hab sie dir mitgebracht, Junge‹, sagte die alte Frau Uhlig. Er freute sich immer über die dicken, roten, runden Blumen. Nun ist die Hochzeitsstube warm, die Pfingstrosen sind da und eine Stimme. ›Da sitzt du nun, Junge, und weißt nicht, was werden soll‹, sagt die Stimme. ›Wenn man jünger ist, weiß man es leichter. Ich hätte früher daran denken sollen, damals als es noch Zeit war. Nun mußte ich von dir weggehen, ohne das Letzte für dich geordnet zu haben. Du darfst mir deswegen nicht zürnen. Ich habe es gut gemeint und dachte, daß alles zu seiner Zeit getan werden müßte. Die Menschen denken immer zu kurz, und nun sehe ich, daß ich durch mein Zögern schuld an deiner Verwirrung bin. Wenn ich dir rechtzeitig eine Frau gesucht hätte, eine Frau, wie dein Herz sie braucht und wie sie an deine Seite paßt, dann wäre für dich jetzt kein Kreuzweg da, an dem du dich entscheiden mußt. Atze Uhlig nickt. Er hörte die Stimme und nickte; und die Stimme fährt fort: Du sitzt neben der Frau, die dir in Liebe gehören soll. Du glaubst, daß du dich richtig entschieden hast. Du mußt nicht auffahren, Junge, ich glaub es dir schon. Oder ich möchte es gerne glauben, denn du warst immer ein einsichtiger Mensch, aber ich will dir doch einiges dazu sagen. Ich bin deine Mutter und darf dir doch raten. Auch wenn ich nicht mehr bei dir bin, so wird man mich doch dereinst für dein Leben verantwortlich machen. Darum bitte ich dich, sei still und hör zu. Du denkst, du kommst zu Tina mit einem Herzen voll Gutsein, aber Stam Öffgen hält den Jungen an der Hand. Das hast du gedacht und das ist richtig. Es mag wohl sein, daß du und Tina gut miteinander auskommt. Ihr mögt auch freundliche Jahre haben. Das schon. Aber zu Anfang und zu Ende dieser Jahre wird sie fragen: was macht Köppje? Sie wird heute denken: ›Nun ist er in der Schule und ich möchte wohl wissen, ob er auf alle Fragen Bescheid sagen kann.‹ Und in zehn Jahren wird sie denken: ›Nun ist Köppje konfirmiert und wird in die Welt gehen.‹ Von dieser Stunde an wird sie traurig sein, weil sie nichts von seinem Weg weiß. Ihr werdet fünf Jahre oder auch zehn zufrieden miteinander leben, aber das Jahr darauf wird sie weinen. Vielleicht sind es auch nur drei Jahre, vielleicht nur zwei, vielleicht kaum eins. Das mußt du bedenken. ›Sie hat auch mit ihm getanzt, Mutter‹, denkt Uhlig. ›Sie hat ihre Hand nicht losgemacht und ihren Arm nicht frei. Du hast heut deine Tanzschuh an, hat Stam Öffgen gesagt. Das hat mich mehr verwirrt als der Gedanke an Köppje. Wenn du mir da raten könntest, Mutter.‹ Aber nun ist die Stimme fort. Er denkt noch erschrocken: ›Mutter, du mußt es mir sagen.‹ Er sieht auf und blickt sich um. Er hört, wie Papier knitternd zerrissen wird. Einmal, zweimal, viele Male. Das müssen nun schon kleine Schnitzel sein. Stam Öffgen wirft sie auf den Tisch, es ist wie ein kurzes, weißes Gestöber. Stam Öffgen ist selbst erschrocken darüber. Er sagt zögernd: »So wird's das beste sein, Tina. Ich denke, wir bleiben zusammen und lassen den Unsinn.« Er nimmt Tinas Hand und drückt sie. »Da wird sich Köppje freuen. Sollst mal sehen, wie schmuck er aussieht.« Tina wehrt sich nicht mehr. Sie blickt Uhlig nicht mehr an, sie sieht über den Tisch hin auf Barbe Wiel. Aber die ist eingeschlafen und nur beim Reißen des Papiers hat sie für einen Augenblick die Augen geöffnet, verständnislos aus sanftem Schlummer heraus. Und Tina sieht auf Anton Olkers. Der nickt ihr zu und macht vergnügte Zeichen über den Tisch, die sie nicht versteht. Und dann sieht sie ängstlich auf Uhlig. Es ist kein klarer Blick, den sie ihm gibt. Es ist nur ein scheues Tasten. Sie sieht, wie er aufsteht, er wächst langsam in die Höhe, er schwankt etwas, aber dann steht er doch gerade da, kerzengerade, nicht ganz so breit und groß wie Stam Öffgen, aber doch in dieser Sekunde über ihren Blick hinaussteigend. Das Glas vor ihm war noch halb gefüllt, er trank es aus und hob es gegen Tina und Stam Öffgen. So stand er ein Weilchen da. Er sagte ein Wort. Man verstand es nicht. Es war ein Schluchzen geworden, aber er hielt sich gerade. So war der Hochzeitstag bei Barbe Wiel. Es war zu Pfingsten, die blauen Veilchen waren vorbei. Blumen standen rot in Blüte, wie Mutters Hände sie einst pflückten. Die blauen Veilchen sind vorbei, die kleine Liebe und die große Liebe, und was da bleibt, ist ein gerader, nackter Weg. Uhlig wird ihn gehen, langsam und mit Bedacht. Er wird auf seine Schritte achten wie ein Pferd, das seinen Wagen zu ziehen hat. Das also war der Hochzeitstag bei Barbe Wiel. Der nächste Tag ist schon wie jeder andere. Die letzten Möwen sind noch im Kolk, nicht viel, wohl nur drei, die bei der Abreise säumten. Man weiß nicht, weshalb. Sie sind geblieben und sitzen auf den Holzpflöcken mit einer satten Trägheit. Uhlig steht vor der Ladentür und sagt erstaunt: »Die Möwen sind noch da.« Er hat Brotkrumen in der Hand und wirft sie ihnen hin, aber sie bemerken es nicht. Sie sitzen da wie aus Holz geschnitten. Dann kommt ein Boot vorbei, ein Hund bellt auf dem Deck. Es ist Broses Kahn. Brose steht da und winkt zu Uhlig hin. »Ich komme nachher noch zu dir, Uhlig«, so ruft er. Und der Kahn zieht vorüber. Brose hält ihn jetzt mit einer langen Stange in der Mitte des Wassers. Uhlig ist an das Geländer getreten und sieht ihm nach. Weithin über den Wasserlauf, fast noch bei der Zuckerfabrik, ist die Rauchfahne des Schleppdampfers. Die Kähne, die beladen auf die Reise gehen und schwer im Wasser hängen, haben sich der Kraft seiner Maschine anvertraut. Er ist schwarz und rußig, und die Männer auf ihm haben schmierige Hände und ölige Gesichter. Nun war auch der Kahn da, den er zog. Es war das Fahrzeug des Schiffers Aderholt. Uhlig steht ganz nahe am Geländer. Er steht da ohne jede Bewegung. Er sieht den Schiffer Aderholt am Steuerrad und er sieht einen anderen Mann breitbeinig auf den Planken. Der Mann winkt. Er ruft auch etwas und winkt. Er winkt noch lange. Neben der Treppe ist ein kleines Fenster. Für einen Augenblick ist hinter diesem Fenster das Gesicht einer jungen Frau. Es ist ein schmales Gesicht, hingestützt an das kalte Glas. Einen Augenblick nur – eine Ewigkeit. Uhligs Blick zittert und er streicht über die Augen. Als sein Blick wieder klar ist, sieht er nur noch Stam Öffgen. Später war nichts als die verwehende Rauchfahne des Schleppdampfers. Das war ihre Abreise. Nur Gitti war geblieben. Sie freute sich darauf, bald Wallys Kind fahren zu können. In einem weißen, niedrigen Kinderwagen sollte es liegen, wie Kinder aus guten Häusern. Sie würde den feinsten Wagen durch die Straßen schieben und manchmal wollte sie mit dem Kinde in Schowes Laube sitzen. Sie würde es wickeln und vielleicht sogar einmal baden dürfen. Aber das allein war es nicht. Sie hatte wohl auch gedacht: Wer wird sich um Herrn Uhlig kümmern und wer wird ihm im Laden helfen an Sonnabenden, wenn viel zu tun ist, und vor den hohen Festtagen. Sie wußte schon mit allen Kästen und Kruken Bescheid, sogar die Gewichte kannte sie und das Metermaß. Nun würde sie bei Barbe Wiel wohnen und bei Anton Olkers, bei den alten guten Leuten im Kolk. Das war es wohl überhaupt, der Kolk, diese kleine, gedrückte Straße am Wasser, von deren Haustüren noch schmale Stufen hinunter führten. Gitti war zu jung, um zu ermessen, was Heimat bedeutet, aber unbewußt lag es ihr im Blut. Sie hatten kein eigenes Stück Land, nicht einmal einen kleinen Garten, nicht einmal ein Huhn, geschweige denn ein Pferd. Sie hatten nichts als die Ärmlichkeit einer kleinen Wohnung, die Armut einer Straße, das schwerfällige Wasser mit den lautlosen Kähnen und winters den Möwen. In all den Jahren hatte Gitti nichts anderes gesehen. Vielleicht würde ihr die große fremde Stadt gefallen haben, der große Fluß, das große Meer. Doch das lag für sie noch fremd in der Welt und sie trug kein Verlangen danach. Sie wollte im Kolk bleiben, weil es ihre Welt war. Sie konnte sich nicht vorstellen, was aus dieser schmalen Straße werden würde, wenn ihr Schritt sie nicht mehr berührte und wenn ihr Auge sie nicht mehr lieb hatte. Gitti war ein verständiges Kind. Sie hatte ihre eigenen Gedanken. Es war schwer zu sagen, warum sie sich nicht entschließen konnte, mit Vater und Mutter zu gehen. Es ist möglich, daß es nicht die Sorge um andere war und nicht das Heimweh. Es konnte auch die Erinnerung sein an Angst und Bedrückung, die sie während der Zeit erleiden mußte, als die Eltern nichts voneinander wissen wollten, und die Furcht vor wiederkehrenden Tränen. »Ich werde euch bald einmal besuchen«, hatte sie noch zu ihrer Mutter gesagt. Nun stand sie neben Uhlig mit verweinten Augen. Sie kam, als der Kahn fast verschwunden war, und ihre Blicke suchten das Wasser ab. Über ihrem Mundwinkel trocknete eine kleine schmutzige Träne. Stam Öffgen hätte es wohl nicht so eilig mit der Abfahrt gehabt. Ihm gefiel es, einmal wieder da zu sein, wie früher im Laden zu stehen und von sich zu reden. Aber Tina hatte auf die Abreise gedrängt. Vielleicht war es nur Sehnsucht nach Köppje. Wer konnte das wissen? So war für Uhlig nur ein kurzer Abschied geblieben. »Wenn es dir einmal schlecht gehen sollte«, hatte er gesagt, und er sah, daß Tränen ihr in die Augen traten. Sie hatten sich auch die Hand gegeben, länger sogar als sonst. Stam Öffgen hielt ihnen den Rücken zugewandt und wartete, bis seine Zigarette zu Ende gebrannt war. Nun trug der Kahn sie beide davon. Gitti und Uhlig standen stillschweigend nebeneinander. Die letzten drei Möwen waren aufgeflogen und zogen noch immer träge dem entschwindenden Kahne nach. Die beiden würden wohl bis zum Abend da gestanden haben, dicht an dem kalten Geländer, aber Schowe kam und rief sie. Sie gingen zusammen in den Laden. Da stand jedes Ding geordnet an seinem Fleck. Nirgends lag ein Tüpfelchen Staub. Da war noch der Schrank, allerdings zu klein jetzt und von einem größeren in die Ecke gedrückt, doch es war der Schrank, den man selbst einmal gezimmert hatte. Im Torbogen war es gewesen, das Holz hatte gesungen und die Nägel hatten gesungen und alles war in großer Freude bereitet worden. Auch die Bank stand noch da, an der Daniel Timm einmal hatte beten wollen. »Du kannst stolz auf dein Geschäft sein«, sagte Schowe, »es ist ein gutes Geschäft.« Dann lachte er: »Eigentlich hättest du Wally heiraten sollen, jetzt, wo wir sogar du sagen.« Schowe lacht über seinen Einfall. Man muß auch lachen, wenn einem plötzlich so etwas in den Sinn kommt. Der Zufall ist ein lustiger Wind und treibt oft absonderliche Gedanken heran. Mitten im Gespräch fällt einem mancherlei ein, Gutes und Törichtes. Schowe lacht. ›Eigentlich hättest du Wally heiraten können.‹ ›Wally?‹ denkt Uhlig, ›Wally? Sie wohnte nur eine Treppe höher. Wie einfach wäre das gewesen.‹ Und er denkt weiter: ›Sie kaufte immer Zuckerbonbons, ich habe stets reichlich gewogen.‹ Aber da ist Schowe schon nachdenklich geworden und sagt: »Dann wohnte Wally jetzt nicht am Markt. Sie wäre sozusagen zu Hause geblieben.« ›Zu Hause‹, wiederholt Uhlig in Gedanken, und während er eine leere Tüte auf die Waage stellt und dann langsam und vorsichtig weißes Mehl hineingleiten läßt, sagt er aus einer versonnenen Nachdenklichkeit: »Meine Mutter sagte immer: Nirgends schlagen die Uhren so wie zu Haus.« Er sagt es, während die Schale unter dem vollen Mehl gemächlich sich lagert.