Johannes Dose Ein alter Afrikaner Erster Abschnitt. Durch das grüne Tal windet sich das murmelnde Flüßchen, aus allen Gärten und Baumhainen lugen die schmucken Landhäuser und locken die weißgedeckten Tische der freundlichen Wirte. Es ist ein liebliches, trauliches Arkadien, das in seiner sonnenglänzenden Lenzschöne eitel Friede atmet und stillfröhlich macht. Und mitten in diesem fröhlich-friedlichen Tal die roten, düstren Häuser, die von der massigen, glasbestreuten Mauer umgeben sind! Ja – wie Widersinn und Widernatur – mitten im Grün der Wiesen, Weiden und Wäldchen, mitten im Blütenschnee der Lusthäuser und Gärten liegt die finstre, verschlossene Stätte des Schreckens und Grauens – die große Strafanstalt F., die einige Tausende der Verlorenen unsres Volks hinter ihren Gittem beherbergt, bewahrt und bewacht. Man betrachtet mit scheuem Blick die häßliche Mauer und die eisernen Tore, man hört keinen Ton noch Laut, es ist eine grabesstille Welt, aus der kein Schrei noch Fluch dringt. Drinnen schlurfen und schleichen die lebendig Begrabenen, die bürgerlich Toten, Jetzt klingt ein Ton, der einzige in dieser Grabesruhe, der Schlüssel knirscht, die kleine Tür des Eisentores öffnet sich – ein junger, schlank gebauter, sehr gut, ja elegant gekleideter Herr verläßt die Anstalt. Nach seiner äußeren Erscheinung ein hoher Anstaltsbeamter! Aber der säbelbewaffnete Türhüter, der vor jedem Beamten, je nach Stand und Stellung, stramm, strammer und – vor dem Direktor – am strammsten salutiert, legt nicht die Hand an die Mütze, sondern sagt in der schläfrigen Weise, die ihm bei seiner einförmigen Tätigkeit zur Natur wurde: »Glückliche Reis'! Kamen Se man nich wedder to Besök bi uns!« Die ironisch angehauchte, gut gemeinte Mahnung gab er jedem Entlassenen mit auf den Weg. Der Herr würdigt ihn keines Blicks und eilt mit raschen Schritten aus dem Bereich der Anstalt. Obwohl das seine, hübsche Gesicht in der lehmigen Farbe und dem verbissenen Ausdruck noch einen Stempel der Haft trägt, sieht man sofort, daß dieser entlassene Sträfling den gebildeten und besseren, ja besten Ständen angehört hat. Eine vortreffliche Erziehung und eine gute Kinderstube sollen dem Menschen sozusagen einen character indelebilis , rein äußerlich etwas Unverlierbares verleihen. Die straffe, adrette Körperhaltung verrät den einstigen Sportsmann, vielleicht sogar den Offizier a. D. Erb von Erbenheim war der Sohn des angesehenen Landgerichtsrats, war einmal Leutnant in einem Artillerieregiment gewesen, beides, Sohn und Leutnant, war er gewesen. Die 20 Monate, die endlosen 600 Tage und die noch endloseren 600 Nächte hatten seinen graden Körper nicht gebeugt und seinen starken Geist nicht gebrochen. Wohl war sein dunkelblondes Haar im Zuchthausschnitt bis auf die Wurzeln geschoren und sein Gesicht von der fahlen Gefängnisfarbe überhaucht, aber, während die tausend Leidensgenossen mit hochgezogenen Schultern wie gekrümmte Sklaven und hüstelnde Schemen durch die Gänge schlichen, war sein Gang fest, seine Haltung aufrecht geblieben in dem ungeheuren Jammer. Obgleich er dulden mußte, daß der letzte, lumpigste Gefängniswärter ihn mit dem barschen Du anschnauzte und en canaille behandelte, war er im Gefängnisdrillich der aufrechte Mann, ja der gebildete Herr geblieben. Mit Verachtung gedachte er der Sklaventreiber. In der furchtbaren Stadt der Verlornen war nur ein einziger Mensch, dem Erb ein dankbares Gedächtnis bewahrte, nämlich der weißhaarige Anstaltspfarrer mit der großen Milde, der gütig, hilfbereit mit ihm gesprochen hatte und selbst den hartgesottenen Zuchthäusler als armes, elendes Menschenkind behandelte. Die grelle Maiensonne blendete den Wanderer, der die lichtentwöhnten Augen beschattete. Dort wand sich der idyllische Fluß, hier durchschritt er einen hellgrünen Park mit Tulpenbeeten und Gänseblümchen im Grase, mit Hängeweiden und herrlichen Buchen, und er wanderte wie auf einer ganz andren Erde. Zwanzig Schritte hatten ihn in eine neue Welt hineinversetzt, hatten ihn aus dem fürchterlichen Inferno in den wonnigen Garten Eden, aus der toten Steingruft des ewigen Schweigens mitten in die Maienwelt voll Blumenduft, Vogelsang und Blütenschnee entrückt. Alle seine Sinne tranken die Luft des Lenzes, den Duft der Freiheit. Er mußte immerzu starren und staunen und fast sich erschrecken und, schüchtern wie ein Fremdling auf Erden, sich fragen: Bin ich noch ich, oder bin ich ein anderer geworden? Ich bin nicht mehr eine Nummer, ein eingesperrtes wildes Tier, sondern wieder Mensch unter Menschen und von neuem geboren. Jeder Atemzug berauschte den Entlassenen, der die Wunder mit Auge, Ohr und allen Sinnen gierig trank und ganz benommen und taumelig wurde. Erb fühlte das Bedürfnis, sich zu setzen und nach dem ersten, erschütternden Eindruck sich zu sammeln. Kaum hatte er an einem der vielen leeren Tische einer Gartenwirtschaft Platz genommen, als ein Ganymed im abgegriffenen Frack im Vorbeihuschen »Ein Glas Helles?« murmelte und – da der gedankenvolle Gast nicht gleich antwortete – wie eine Selbstverständlichkeit ein schaumreiches Glas des Germanengetränks hinstellte. Ohne zu trinken, stierte Erb das Glas an, als wenn er gegen den Inhalt Mißtrauen hege. Plötzlich schob er das Gefäß weit von sich, böse kräuselten sich seine Lippen: Du, du bist mein Feind! Wenn ich nicht den Alkohol, den Rotwein und die zwei Gläser Cliquot kurz vorher getrunken hätte, wäre ich nicht an den Spieltisch getreten, nicht ein Narr ... wäre ich vielleicht nicht ein Sträfling geworden. Auf dem Nebentisch lag ein fettiges Kartenspiel, das er jetzt erst bemerkte und mit einem feindseligen Blick betrachtete, um plötzlich laut zu rufen: »Kell–ner! Bringen Sie mir eine Flasche Wasser, und nehmen Sie die – die Karten weg – weg!« Während er unwillkürlich den Karten nachschaute, hielt seine Seele ein Selbstgespräch: Das war mein ärgster, mein Erb- und Erzfeind! Erbenheim trank den Sauerbrunnen. Die 600 toten Tage zogen an ihm vorüber. O, die Scheußlichkeit und Schande hatte keine Spur von Reue, hatte nichts als verbissenen Grimm erzeugt und mit einem fressenden Haß gegen alles, was Mensch hieß und Kanaille war, sein Hirn erfüllt, sein Herz vergiftet. Ein wahnwitziger Wunsch irrte oft durch seine Gedanken: Wenn ich nur für einen Augenblick die Allmacht in Händen hätte, würde ich mit Hohnlachen die Welt und das ganze Gelichter, das darauf schmarotzt, in tausend Atome zerschmettern. War das Irrsinn? Hatte sein Verstand unter der langen Zellenhaft gelitten? Nein, sein Denken war logisch und klar und sein Gehirn bei dem jähen Sturz aus allen Himmeln in diese Hölle intakt geblieben. Die grausige Chimäre der Weltvernichtung, womit ohnmächtiger Ingrimm spielt, wurde von dem sanften, freundlichen Bilde des alten, ehrwürdigen Gefängnispastors verdrängt. Heute noch, eine Stunde vor der Entlassung, hatte der Geistliche ihn rufen lassen und beide Hände ihm gereicht mit den Worten: »Sie gehen jetzt wieder in die Welt und Freiheit hinaus, wo Sie hart um Ihre Rehabilitation, vielleicht um Ihre Existenz ringen müssen ... wenn Sie des Beistandes bedürfen, kommen Sie, bitte, sofort zu mir! Wir haben nämlich einen Fürsorgeverein für Entlassene aus den gebildeten Ständen, im letzten Jahre haben wir acht Herren, darunter allein vier Rechtsanwälte, im Auslande, besonders in Argentinien, untergebracht. Ich nehme an, daß Ihr Vater Ihnen helfen wird. Wenn er es aber nicht tun kann oder will, kommen Sie zu mir! Wir bezahlen die Überfahrt und verschaffen einem jeden, so weit es möglich ist, eine bescheidene Stellung in Amerika oder Afrika. Das unselige Vorurteil gegen einen Unglücklichen, der das Gesetz übertrat, ist ja unausrottbar wie die Sünde ...« Erbenheim fuhr vom Stuhle empor und den milden Pastor hart an: »Herrrr! Ich übertrat kein Gesetz, ich bin unschuldig verurteilt! Die Richter haben einen Justizmord an mir begangen, alles Gute in mir ist ermordet, vergiftet worden. Ich schwöre bei dem allsehenden Gott – wenn es einen Gott gäbe –, daß ich kein Dieb bin.« Der Geistliche im weißen Haar sah ihm fest ins Auge und sagte voll Sanftmut: »Von tausend, die hier in meinem Zimmer stehen, schwören fünfhundert, daß sie Opfer der Justiz sind. Mein Freund, was darf ich Ihnen antworten? Ich habe in vielen, vielen, auch in Ihren Augen gelesen, ich möchte an Sie glauben, ja ich will Ihnen glauben, aber ... aber ich kann nicht ein rechtskräftiges Urteil umstoßen.« Da wischte sich der junge Mann über die Augen. »Ein Mensch möchte gern an meine Unschuld glauben! Ich habe allen Glauben an Gott und Menschen verloren ...« »Was! Sie wollen mit dem Ewigen rechten!« rief der Geistliche ohne Nachsicht. »Sind Sie frei von Schuld?« Bei diesem Gespräch verweilten die Gedanken des einsamen Gastes, der an dem Wirtshaustische grübelnd saß. Bin ich frei von Schuld? Nein, das Kartenspiel war mein Verderber und der Wein, der Alkohol, sein Gehilfe, der ihm schändliche Schlepperdienste leistete. Ohne den Sekt hätte ich meine Besonnenheit bewahrt, meinen Vorsatz gehalten, hätte ich den ersten Einsatz nicht gemacht. Die verfluchten Karten, die mir meine Offizierskarriere absägten! Der verruchte Alkohol, der den klügsten Kerl betrügt und den stärksten Kerl besiegt! Wiederum streifte ein finstrer Blick das unberührte Bierglas. »Kell–ner! Nehmen Sie das schale Zeug fort! Ich will zahlen. Noch eine gute Zigarre!« Er, der Exsträfling, hatte Geld in der Tasche, ehrlich verdientes Geld, den Arbeitsverdienst des Gefängnisses, wo die paar lumpigen Pfennige in 20 langen Monaten zu blanken Talern werden. O, mit einem unbeschreiblichen Behagen gab er sich dem schmerzlich entbehrten Tabakgenusse hin. Die erste Zigarre verschaffte ihm seit zwei Jahren die erste wahre Daseinsfreude! Er ging zu Fuß durch die Vororte und in die große Stadt hinein. Es war ihm schauerlich, seinem Vater und seiner Mutter unter die Augen zu treten. Um den gefürchteten Augenblick hinauszuschieben, fuhr er nicht mit der Straßenbahn. In der Wielandstraße wohnten seine Eltern. Sein Fuß stockte, sein Blut stieg, sein Auge irrte scheu nach den Fenstern hinüber. Dort stand das vornehme, zweistöckige Mietshaus, dessen Oberstock der Landgerichtsrat bewohnte. Diesseits der Straße war der Wielandpark, ein kleiner, hochfeiner Schmuckpark, dem weder der plätschernde Springbrunnen, noch der unter tiefhängenden Weiden träumende Weiher, weder der vielfarbige Blumenteppich, noch der kurz rasierte Rasen fehlte. Die Kunst des Stadtgärtners hatte ihr Bestes und der Zauberer Lenz hatte das Meiste getan, um den Park zu einem Prunkstück, einem Paradies en miniature zu machen, allwo hochwohlerzogene Kinder, von der Bonne behütet, mit hochsauberen Kiesstücken spielten. Erb von Erbenheim drückte sich auf eine Bank, um den häßlichen Moment hinauszuschieben. Ach, solch ein vornehmes, aber heiteres Paradies war seine Kindheit gewesen. Weder Krankheit noch Zeugnisnot noch Nichtversetzungskummer hatten je das Glück seiner Jugend getrübt. Als einziges Kind des Landrichters hatte er die Domschule von seinem neunten Jahre an besucht und von seinem neunten Jahre an gesagt, daß er Offizier werden wolle. Der Vater hatte die frühe Berufswahl seinem Sohn zu verleiden versucht, jedoch umsonst. Der kerngesunde, in allen Leibesübungen tüchtige Knabe fühlte sich schon in der Quinta zum Soldaten berufen, und die Mutter bestärkte ihren Liebling in seinen Vorsätzen. Erb hatte die Klassen erledigt, das Reifezeugnis erlangt und die Offizierswahl getroffen. Worauf der Vater kurz nickte und lang rechnete. »Wir besitzen nur ein sehr kleines Vermögen, du mußt mit einer kleinen Zulage hauszuhalten verstehen. Ich will nicht versuchen, gegen den lauten Willen meines Sohnes, gegen den leisen Wunsch meines Weibes mich aufzulehnen, die Epauletten haben von jeher junge Männer- und Frauenherzen – und auch die alten, nicht wahr, meine Martha? – verlockt ...« »Das Äußere hat meinen Entschluß nicht beeinflußt ... ich werde mit Leib und Seele Offizier sein.« »Auch darin wirst du leider ein rechter Offizier sein, daß du, wie sie alle, Schulden machen wirst.« »Nein, nie ...« »Sei still und höre mich an und vergiß nie – hörst du? – niemals, was ich dir einschärfe! Einmal, wohlgemerkt, das erste und einzige Mal werde ich deine Schulden, wofern sie 3000 Mark nicht übersteigen, bezahlen und unser kleines Kapital angreifen, aber nie, nie wieder ... und wenn du den Rock ausziehen müßtest, ich werde im Wiederholungsfalle völlig unerbittlich bleiben. Das sprich dir alle Tage vor ... nur das versprich mir!« »Vater, ich verspreche dir, daß ich keine Schulden mache.« Erb von Erbenheim war mit zwanzig Jahren Leutnant in einem Artillerieregiment. Im Kasino ein sehr beliebter Kamerad, in Gesellschaften und auf Bällen ein schöner, schneidiger Leutnant und im Dienst ein sehr eifriger Offizier, dem man die Adjutantur oder gar den Generalstab prophezeite. Nach einem Jahre beichtete er der Mutter, daß Bank gehalten worden und von ihm ein Wechsel über 2400 Mark ausgestellt worden sei. Der Landrichter runzelte nur die Stirn, sagte kein Wort des Vorwurfs, verkaufte zwei Konsols und zahlte mit scheinbarer Ruhe seinem Sohne das Geld aus. Nur beim Abschiede sagte er mit sehr harter Stimme: »Du weißt, es ist das erste und letzte Mal. Wenn du wieder querschreibst, so schreibst du dem Offizier das Todesurteil. Dixi.« Der junge Leutnant kehrte in seine Garnison zurück, lebte sehr zurückgezogen seinem Dienst und seinen Studien und hatte gute Aussicht, auf die Kriegsakademie zu kommen. In elf Monaten hatte er so solide gelebt, daß er sich von seiner Zulage 300 Mark ersparte. Da kam der lustigste Tag im Leben des deutschen Soldaten, der Geburtstag des Kaisers, und nach dem frohen Tage kam die traurige Unglücksnacht. Zu Ehren des höchsten Kriegsherrn war scharf getoastet und getrunken worden, jeder wahre Patriot mußte sein Räuschlein haben. Morgens um drei Uhr saßen elf Herren im diskreten Hinterzimmer, und Graf H. hielt Bank. Erb hatte viel Sekt getrunken, und der prächtige, prickelnde Göttertrank steigerte alle Kräfte und stärkte den Mut, schwächte aber seltsamer- und argerweise das Gedächtnis, so daß das eindringliche Wort des Vaters wie weggeblasen war. Freundlich aufgefordert, eine Kleinigkeit zu setzen, zog er die ersparten 300 Mark aus der Tasche, denn das war sein persönliches Eigentum. Bis vier Uhr hatte er die doppelte Summe gewonnen. Dann kehrte Fortuna ihm beharrlich und höhnisch den Rücken zu. Als er um zehn Uhr im Bett erwachte, packte ihn das entsetzliche Gefühl des Versinkens, der Vernichtung. Er hatte Ehrenschulden gemacht und dem Grafen H. Wechsel gegeben. Seine Mutter weinte und flehte und wollte auf ihr kleines Versorgungskapital verzichten. Jedoch der Vater runzelte sehr tief die Stirn und sagte nur nein, nichts als das kalte, harte, unerbittliche Nein. Erb mußte seinen Abschied nehmen. Sein Oberst schüttelte bekümmert das Haupt: Himmelschade um den Menschen! Ein Jahr der Allersolideste, bricht er sich in einer betrunkenen Nacht den Hals. Das ist von meinen Kameraden der vierzehnte, der um die Ecke geht. Der Schuft, der die Karten erfand, müßte viviseziert werden. Wenn's der Graf H. gewesen wäre! Der Kerl ist mir nicht koscher, ich glaube, er korrigiert das Glück. Nach einem Jahre wurde Graf H. ohne Uniform entlassen, und in Spa, wo er mit präparierten Karten spielte, starb er im Gefängnis an Gift. Der zweiundzwanzigjährige Offizier a. D. hörte aus dem Munde des Landrichters keinen Vorwurf, sondern nur die kühle Frage: »Was willst du jetzt beginnen?« »Ich will mir eine Tretmühle suchen, wo ich mir baldmöglichst mein Brot verdienen kann.« Der Vater hatte gute Beziehungen in der Handelsstadt, sein Sohn wurde von dem alten Handelshause Vermehren u. Comp. zunächst als Volontär angenommen und an ein Stehpult gestellt. Der eine Chef sagte zu dem andem: »Wenn er nicht zu gebrauchen ist, lassen wir den Herrn Leutnant Kopien und Durchschläge machen, und wir sparen einen Schreiber.« – Stunde um Stunde saß Erb im Park angesichts des Elternhauses und graute sich vor dem Wiedersehen. Sein Leben in den letzten vier Jahren zog vorüber. Das alte Patrizier- und Großkaufmannsgeschlecht Vermehren war im Mannesstamm ausgestorben und stand nur noch auf den zwei spitzen Augen des dreiundsechzigjährigen Fräuleins Vermehren, das keine Leibeserben, wohl aber etliche Millionen hinterließ und längst dafür Sorge getragen hatte, daß die Firma weiter bestand und der berühmte Name nicht mit ihr erlosch. Das Haus, das bedeutenden Ex- und Import hatte, seine eigene Rederei und große Salpeterlager in Chile besaß, war eine offene Handelsgesellschaft, und die früheren, langjährigen Prokuristen, die zwei Herren, die spaßigerweise Bengel und Engel hießen, waren die Geschäftsinhaber, die zum größten Teil mit dem Gelde der reichen Dame arbeiteten und hohe Nettoerträge erzielten. Die zwei Herren lebten in Eintracht und Harmonie, obgleich sie äußerlich und innerlich die schroffsten Gegensätze waren. Herr Bengel, ein behäbiger, freundlicher, guter Mann mit einer sanften Pastorstimme, hätte den engelhaften Namen mit mehr Recht verdient, als sein Sozius, der glatt rasierte, dürre, energische Herr Engel, der ein scharfer Besen und der gefürchtete Chef des Hauses war. Nie hatte man ihn lachen hören, und sein schmales Lächeln war meist eine spöttische Grimasse. Wenn er mit seinen stechenden Augen über die Brille hinwegschielte und wie ein brüllender Löwe, der einen Sünder sucht, um ihn zu verschlingen, durch die Kontore schritt, dann wurden alle Leute stillemsig, und die kratzenden Federn flogen über das Papier. Wehe einem jeden, der seine Pflicht nicht tat oder Schreibmaterialien, eine Feder oder einen Fetzen Papier, verschwendete! Die von ihm verfaßte Haus- und Geschäftsordnung unterschied Versehen und Vergehen. Wer ein Versehen beging, wurde mit einer Geldbuße zugunsten der Versorgungskasse bestraft; wer aber eines Vergehens sich schuldig machte, flog aus dem Hause, denn Herr Engel war ein höchst gestrenger Herr. Freilich wurde der Sünder, der den Herrn Bengel vor der Börse abfaßte und um Gnade anflehte, meistens nach drei Tagen wieder aufgenommen. Der Leutnant a. D. war nicht lange Kopist gewesen, hatte sich überraschend schnell hineingearbeitet und war mit immer regerem Interesse, zuletzt mit Leib und Seele Kaufmann geworden. Die vielseitigen, fein verschlungenen Geschäfte eines großen Ex- und Importhauses, das in Amerika und Afrika seine Vertreter, überall seine Fäden und Fühler hat, sind in ihrer Art eine Wissenschaft und Kunst, die nicht bloß einen scharfen Verstand, eine blitzschnelle Initiative, die große Klugheit und die große Kühnheit eines ganzen Mannes, sondern auch die höhere Inspiration und den prophetischen Weitblick des königlichen Kaufmanns erfordern. Die stechenden Augen des Herrn Engel hatten wochenlang den neuen Volontär, den entgleisten Offizier, der zweifellos ein Schuldenmacher und Luftikus sei, mit tiefem Mißtrauen beobachtet, hatten aber beim besten Willen keinen Anlaß zum Tadel finden können, so daß der argwöhnische Ausdruck zum erstaunten Glotzen und das Erstaunen allmählich zu einem Gränchen Wohlwollen wurde. Der junge Erbenheim hatte eine Eroberung gemacht, die keinem Sterblichen gelungen war. Weil er nicht, wie die meisten Angestellten, eine bloße, menschliche, auf zwei Beinen montierte Schreib-, Kopier- und Rechenmaschine, sondern mit Seele und Geist, als wenn der Gewinn in seine Tasche flösse, bei der Sache war, hatte er das Zutrauen des herrschgewaltigen Chefs in solchem Maße gewonnen, daß dieser ihm die wichtigsten Arbeiten und sekretesten Korrespondenzen übertrug. Das Ansehen des Offiziers a. D., aber auch der Neid der vielen Bureauseelen war rasch, ja rapide gewachsen. Gewiß, dieser von Erbenheim war kein Ohrenbläser, sondern ein anständiger Kerl, aber man konnte es ihm nicht verzeihen, daß er als jüngster Kollege solche Stellung einnahm, daß er sogar die Sympathie des Fräuleins Vermehren durch einen infamen Glückszufall sich erworben hatte. Diese Dame nämlich war durch ihre stille Teilhaberschaft die allerhöchste Respektsperson des Geschäftshauses. Wenn sie würdevoll, von ihrer Gesellschafterin und ihrem Köter begleitet, durch die Kontorstuben spazierte und mit scharfen Blicken alles kontrollierte, mußte sogar der großmächtige Herr Engel in Ehrfurcht ersterben und den gehorsamen Diener machen, um die Geldtante sich warm zu halten. Der Glückspilz von Erbenheim hatte sogar den Weg zum Herzen dieser allmächtigen Dame gefunden. Durch einen verrückten Zufall, durch eine ritterliche Aufmerksamkeit war das Fräulein seine Gönnerin geworden. Als die Dame eines Vormittags über den Erwerb eines Salpeterlagers verhandelt hatte und mit ihrer Gesellschafterin und ihrem Hunde das Geschäftshaus verließ, war die böse Dogge des Großschlächters, der eigene Equipage hielt, über das hochmütig knurrende King-Charles-Hündchen hergefallen. O, in dem Riesenmaule hing das zeternde, zornig geschüttelte Tierchen; die Herrin kreischte laut und schrie: »Schutz-mann, Schutz-mann!« Ein Schutzmann, der grundsätzlich nie da ist, wo nach ihm geschrien wird, kam nicht, aber Herr Erbenheim sprang in Sätzen die Treppe hinunter, versetzte der Dogge einen wuchtigen Fausthieb, riß und rettete das Schoßhündchen aus dem Raubtierfange. Das Fräulein wimmerte und weinte: »Mein Ami, mein Ami stirbt mir!« Das Tierchen hatte nämlich eine ungefährliche Rißwunde, aber das schneeweiße Fell war rot von Blut und das Fräulein durch diesen Anblick einer Ohnmacht nahe. Erbenheim lief in die Apotheke drüben nach Sublimat, wusch die Wunde des Hundes, der seinen Samariter anknurrte, legte einen Verband an und trug den blessierten Ami in den Wagen, wo er ihm auf der Pelzdecke ein weiches Wundbett bereitete. Durch diesen raschen Ritterdienst hatte er das Herz der alten Dame, so viel davon noch gegen die hageren Rippen schlug, im Sturm genommen. Gerührt gab sie ihm die Hand, die er küßte, und im Ton gnädiger Erlaubnis flüsterte ihr herber Mund: »Sie müssen mich besuchen an der Fernsicht ... zwischen 12 und 2 Uhr!« Als das ruchbar wurde, standen alle Federn und alle Zungen vor Bestürzung still, bis sie zu tuscheln begannen. Solches war ja, solange die Welt und das Haus Vermehren am Fleet stand, noch nie vorgekommen, daß ein Angestellter, ein Korrespondent und nicht einmal Prokurist, von dem Fräulein empfangen wurde. Die alte Dame hatte nicht im Affekt der Dankbarkeit übereilt gehandelt, sondern reiflich erwogen, daß der junge Erbenheim von Adel sei, als Sohn des Landgerichtsrats zwar nicht den besten – den Markmillionären – oder gar den allerbesten – den Talermillionären –, wohl aber den besseren Familien der Großstadt zuzuzählen und daher in ihrer vornehmen Villa empfangsfähig sei. Der Glückspilz besaß genug Klugheit und Geschäftsgeist, um die Konjunktur auszunutzen, um das warme Eisen zu schmieden und in der Gunst der Dame, der Hauptaktionärin, sich festzusetzen. Freudig seine karge Mittagspause opfernd, war er zum ersten Male im Frack erschienen, dann immer öfter im Smoking und Gehrock gekommen und zuletzt ein- bis zweimal alle Woche ein gern gesehener Gast des Hauses, das von außen eine hochfeine Villa, inwendig aber mit lauter alten, echt verbürgten, strengklassischen Gemälden, mit allen möglichen und unmöglichen Kunstsachen und Antiquitäten bis zum Dache vollgestopft war und in seinen meisten Räumen weit mehr einem Museum und einer Rumpelkammer als einer menschlichen Wohnung ähnelte. Treu und immer treuer machte Erbenheim seine Besuche in der Villa, mit ritterlicher Selbstüberwindung drückte er die feuchtkalten Finger des Fräuleins an seine Lippen. Liebte er die alltägliche Unterhaltung der Dame? Oder spann er tollkühne Träume, worin er sich des Fräuleins Liebe in solchem Maße errang, daß sie ihn in ihrem Testament mit 300 000 Mark bedachte oder ihm die Möglichkeit gab, ein Mitinhaber der offenen Handelsgesellschaft Vermehren \& Comp. zu werden? Solche grotesken Träume sollen in den Bureaus der großen Handelshäuser von den Lehrlingen und jungen Leuten, wenn die geistesabwesenden Augen über das Papier hinweg ins ferne Utopieland schweifen, viel und fleißig geträumt werden. Aber der Offizier a.D., der eine bitterböse Enttäuschung hinter sich hatte, träumte nicht, spielte nie mit törichten Illusionen. Nicht um der alten Antiquitäten-Tante willen – wie böse Zungen das sammelwütige Fräulein nannten – wanderte er nach der Fernsicht, nein, in dem Hause mit der recht antiken Besitzerin und den Kunstschätzen war ein lebendiges Kunst- und Meisterwerk, das ihn lockte und nicht losließ, das er immer höher und heißer bewerten, bewundern, bestaunen mußte. Mitten unter den etwas muffigen und verblaßten Kostbarkeiten des Mittelalters webte und schwebte, lächelte, lebte und leibte das volle, frische Leben. Hinter dem alten, grämlichen, dürren Fräulein stand die leibhaftige Jugend und Schönheit. Das war die junge, schmucke, schüchterne Ella Ritterhus, die mit ihrem scheuen, süßen Blick ihm ins Herz gedrungen, ja geflogen war. Im Fluge war's gekommen. Das graziöse Mädchen mit dem vollkommenen Ebenmaß des Gesichts und der Gestalt hatte sofort einen ungeheuren, unwiderstehlichen, ihm selbst unfaßbaren Eindruck auf ihn, den früher von Frauen verwöhnten Offizier und darum kritischen Mann, gemacht. Diese Ella Ritterhus spielte die vielseitige und vielgeplagte Rolle einer Gesellschafterin, war aber die einzige nähere Verwandte, ja die leibliche, durch Kirchenbücher und Standesamtregister als echt beglaubigte Nichte des Fräuleins Vermehren. Die alte Dame nämlich, stets auf der Hut vor Erbschleichern und Erbschleicherinnen, hatte zuerst alle kirchlichen und staatlichen Geburts- und Eheurkunden eingefordert und genau geprüft, ehe sie ihre neu entdeckte Nichte anerkannt und als Stütze ihres Alters ins Haus genommen hatte. Fräulein Vermehren besaß keinen Bruder, wohl aber eine Schwester, Mathilde mit Namen, die schon als Kind das kecke, eigenwillige enfant terrible gewesen und schließlich-selbstverständlich das räudige und verlorene Schaf der hochehrbaren Familie geworden war; denn diese Mathilde ging mit achtzehn Jahren gegen den Willen der Eltern nach Helgoland, um einen Schauspieler Ritterhus, der am Stadttheater kleine, obskure Rollen spielte und zwei bis drei Sätze sprach, zu heiraten, ja zu heiraten! Bei dem Gedanken lief noch immer über Fräulein Vermehrens Rücken eine Gänsehaut und ein Gruseln. Der Komödiant wurde von der stolzen Patrizierfamilie nie als Schwiegersohn anerkannt, Mathilde war, nachdem sie 5000 Kuranttaler als Abfindungssumme erhalten und allen weiteren Ansprüchen für sich und ihre Rechtsnachfolger durch notariellen Akt entsagt hatte, mit ihrem sauberen Gatten in die weite Welt gegangen und verschollen. »Den elenden Mammon, der euer Götze und Unglück ist, will ich euch gern lassen!« Das war ihr letztes, spöttisch lachendes Wort gewesen. Doch sie hat in dem bösen Leben das Lachen gründlich verlernt. Ihr windiger Herr Gemahl verschwand, nachdem die 5000 Taler verjuchheit waren, und ist nie mehr von Weib und Kind gesehen worden. Doch Mathilde war in der Not eine starke Frau, die sich und ihr Mägdlein ehrlich und mit Ausdauer ernährte; ja sie hat es durch Sparsamkeit und Energie erreicht, daß ihre Ella das Lehrerinnenseminar bezog; denn es war ihr höchster Herzenswunsch, daß ihr Kind, durch der Mutter Unglück gewitzigt, nicht in eine unselige Ehe hineinlaufe, sondern sicher und selbständig durchs Leben schreite. Dann starb sie, just als der Kampf zu Ende war und die guten Tage kommen sollten. Auf die Minute ausgerechnet, just an dem Tage, wo die Tochter erregt eintrat und der Schwerkranken ihr gut bestandenes Examen meldete, schloß sie die müden Augen zum langen Schlaf. Ella hatte ein paar Jahre als Lehrerin auf eignen Füßen gestanden, als plötzlich das reiche Fräulein ihre Existenz entdeckte, nach sorgfältiger Prüfung aller Urkunden die Gewißheit erlangte, daß besagte Ritterhus ein echtes und eheliches Kind ihrer seligen Schwester sei, und ihre einzige Verwandte zu sich ins Haus nahm. Besonders im Anfang des Zusammenlebens, wenn die Launen und Schrullen der alten Jungfer unerträglich wurden, riß dem sanftmütigen, fügsamen Mädchen die große Geduld, und es forderte mit Ruhe seine Entlassung. Dann schrie die Tante entsetzt: »Bedenke, daß du meine Haupterbin bist! Willst du dein Glück verscherzen?« Diese Beschwörung hatte keine Wirkung, Ella fing an ihre Koffer zu packen. Sofort lief das alte Fräulein ihr lamentierend nach, und die hellen Tränen liefen über die dürren Wangen. »Willst du deine arme, alte Tante, die einzige Schwester deiner seligen Mutter, verlassen, allein lassen?« Das hatte bessere Wirkung und rührte Ella. Die alte Person, die trotz ihres Reichtums keinen Freund, kein Menschenherz besaß, tat ihr leid, und sie blieb. Allmählich hatten die Frauen sich aneinander gewöhnt, die schärfsten Ecken wurden abgeschliffen. Wohl konnte die Millionärin, vor der die Domestiken und alle andren Bedientenseelen dienerten und sich duckten, es nicht lassen, ihre Nichte zu tyrannisieren, jedoch es waren nur kleine Bosheiten und Nadelstiche, und wenn Ella die eisige Miene machte, legte sie schnell ein Pflaster auf die Wunde, um ihre Ungezogenheiten durch Geschenke wettzumachen. Fräulein Vermehren konnte ihre Ella nicht mehr entbehren, während die sanfte und doch selbstsichere Nichte wußte, daß sie sehr wohl ohne die Tante existieren könne. So war das Verhältnis, als der junge Kaufmann die Antiquitätenvilla betrat. Der Grübler auf der Bank des Wielandparks war nicht wiederzuerkennen. So groß war die Veränderung seiner Züge, daß es ein ganz anderes Gesicht zu sein schien. Die gefurchte Stirn hatte sich geglättet, die verbissenen Lippen des höhnischen Misanthropen waren voll geworden, so daß der schön geschwungene Amorbogen hervortrat, ja ein stilles, sonniges Lächeln spielte auf dem Antlitz, dem die Strafanstalt nicht mehr ihr furchtbares Stigma aufdrückte. Erb schmeckte und kostete noch einmal den ersten Kuß, den er von Ellas Lippen in scheuer Hingabe, heimlich hinter dem mächtigen Schrank mit den Elfenbeinintarsien erhalten hatte. O, darum war sein Mund so voll und verlangend, wie in jenen glücklichen Tagen der ersten, erwiderten Liebe. Sofort beim ersten Er- und Anblicken packte es ihn wie eine höhere Gewalt: Das ist die mir vom Glück Bestimmte! Das ist die Eine, die ich im Traume, im Geiste gesehen, oder die ich schon in einer Präexistenz, in einem früheren Dasein, gekannt, geliebt haben muß. Doch der junge Besucher merkte sehr bald, daß er der jungen Dame beileibe nicht unter den Argusaugen der alten die Kur machen dürfe. Wenn er Fräulein Ritterhus eine kleine Aufmerksamkeit erwies, machte die Herrin das spitzige Gesicht, dann die spitze Nase und zuletzt die gespitzten Augen, was ein Zeichen ihres steigenden Mißfallens war und allen, sogar dem autokratischen Herrn Engel, Furcht einflößte. Fräulein Vermehren duldete durchaus nicht, daß Herr von Erbenheim ihrer Nichte, wohl aber, daß er ihr selbst kleine Kourtoisien erwies. Ja, sie griff gierig nach dem Strauß, den der ritterliche Herr ihr brachte, und kraft des Gewohnheitsrechts betrachtete sie bald dieses Bukett, das ihm eine ärgerliche Geldausgabe war, als Pflicht. Mit der langen Nase nach den Blumen stochernd, lächelte sie kokett mit den großen, künstlichen Zähnen, lispelte sie den Dank: »Man merkt's, daß Sie Offizier gewesen und Kavalier geblieben sind.« Ein etwas deplacierter Dank, sofern jede Erinnerung an sein Offiziertum ihm recht peinlich war. Vor dem Auge des Träumers drängten sich die sonnigen, seligen Bilder. War ein kalter, trüber Nebelsonntag und doch ein Sonnentag seines Lebens, als er aus dem Strauße die allerschönste Rose zurückbehielt, unter dem Rockschoße versteckte und, sobald die Herrin sich über das Hundelager beugte, Ella mit einem beichtenden, bittenden, viel- ja allessagenden Blick überreichte. Das Mädchen, glutrot im Gesicht, hatte die Blume mit zittriger Hand genommen, hinter sich gehalten und geschwind im Nebenzimmer in Sicherheit gebracht. Er hätte die Kühnheit, die eine Erklärung war, nicht gewagt, wenn er nicht in ihrem leisen Erglühen, sobald er eintrat, eine scheue Zuneigung gelesen hätte. Ach, der Pfeil und Funke Amors war auch in ihr reines Herz hineingefahren. Wo waren nun die harten Urteile und die ernsten Mahnungen der seligen Mutter, die das männliche, starke Geschlecht ein schwächliches, klägliches, charakterloses Gezücht genannt und ihr Kind eindringlich vor dem Mann gewarnt hatte? Vergessen, verweht waren die Worte der teuren Toten. Die Blumenzwiesprache der beiden, die verstohlene Rede der Blicke, die hinter dem Rücken der Tante hin- und herflogen, wurde ein paar Wochen fortgesetzt. Dann war am Stiel der Rose ein winziges Brieflein befestigt. Ella versteckte, Blume und Brief zerknitternd, beides an ihrem Busen. Erb hatte seine Liebe bekannt und kühn um ein Stelldichein und eine mündliche Antwort gebeten. Fräulein Vermehren hielt alle Tage von drei bis vier Uhr ein Mittagsschläfchen, und das war die einzige Tagesstunde, wo die Nichte ohne Aufsicht war. Ella hatte die ganze Nacht gewacht, geweint, gebetet, gekämpft und gerungen und dennoch keine Minute lang geschwankt, sondern von Anfang an gefühlt, daß sie gehen müsse. Das Mägdlein gehorchte der Gewalt und Großmacht, der alles Menschentum unterworfen ist. Schlau bereitete sie den heimlichen Gang vor. Wenn der Köter kläffte, erwachte die Tante vorzeitig und schrie: »Ella, Ella, achte auf das arme Tierchen!« Darum nahm Ella den Hund auf den Arm, hielt ihm die Schnauze zu, bis sie außer Hörweite war, und so wurde Ami der zum Glück stumme Augenzeuge des Stelldicheins. Erb saß auf der Bank am prächtigen Parkufer des zum See gestauten Flusses und sprang ihr elastisch-eilig entgegen. Das junge Mädchen konnte vor Bewegung kein Wort sprechen und hat ihm dennoch mit dem Munde viel mündliche und gründliche Antwort gegeben. Wie oft hatten sie seitdem, selbst an eiskalten Wintertagen, mit glühenden Wangen und heißen Herzen auf der Bank gesessen, wie weltallein und selbstversunken waren sie gewesen. Aber – aber! Die dumme, diabolische Tücke des Zufalls spielte den Liebenden einen üblen Streich. Die ekelhafte Ursache des Mißgeschicks war eine unverschämte Fliege, die so beharrlich-boshaft die spitze Nase des schlafenden Fräuleins kitzelte, daß die Dame zwölfmal mit der Hand ausschlug und zum dreizehnten Male wütend auf die Füße sprang, um mit der Fliegenklatsche die kleine Bestie zu morden und zu Brei zu quetschen. Wehe, wehe, wo war Ami der Einzige? Sein Lager leer! Fräulein Vermehrens Stimme schrillte durch das Haus. Die gerufene Magd grinste, daß »Fräulein« mit dem Hunde ausgegangen sei. Die alte Dame hatte eine atemraubende Ahnung, daß etwas Unerhörtes, Unmoralisches im Gange sei. Um so ahnungsloser saßen die beiden Liebenden Hand in Hand, Schulter an Schulter. Da glaubten sie plötzlich einen Geist, ein Gespenst am hellen Tage zu sehen – Fräulein Vermehren stand, wie ein diabolus , richtiger eine diabola, ex machina vor ihnen und starrte sie an. Noch nie war ihr Gesicht, ihre Nase so nadelspitz gewesen. Erbost sagte die Tante: »Sie dürfen mein Haus nie mehr betreten, um hinter meinem Rücken meine unschuldige Nichte zu verführen.« Ella hatte ihre Fassung gewonnen und protestierte energisch: »Ich bin weder verleitet noch ver-verführt worden, sondern ich liebe Erbenheim, wir haben uns verlobt und werden nicht voneinander lassen.« »Du Närrin! Ich werde dich enterben ... Zwei bis drei Millionen willst du verscherzen ... die wären dir nach meinem Testamente zugefallen ... du wirst nichts, gar nichts bekommen, wenn du ...« »Ich habe nie Ihr Geld begehrt,« sagte Ella kalt, »und werde noch heute Ihr Haus verlassen.« »Und der Mosjö die Firma Vermehren!« Nach dieser Drohung zog die alte Dame schleunig andere Saiten auf; denn sie wollte Ella um keinen Preis entbehren. »Wir wollen zu Hause ruhig die Sache besprechen.« Fräulein Vermehren machte ein Kompromiß und stellte in hinterlistiger Hoffnung die eine Bedingung: Ein Jahr lang dürfe Ella den Herrn von Erbenheim nicht sehen noch sprechen, auch nicht ein einziges Mal ihm schreiben. Das solle der Prüfstein sein, ob ihre Liebe lauter und standhaft sei. Wenn die Nichte diese Bedingung erfülle, werde die Tante mit sich reden lassen, d. h. sie legte ein hartes Joch auf und verpflichtete sich eigentlich zu nichts. Ella, die an Erbenheims Zukunft dachte, ging etwas vorschnell darauf ein. Die alte Dame glaubte bestimmt, daß in ein paar Monaten dieses Feuer erloschen und ihre Nichte von der Narretei geheilt sei. Ausbedungen war, daß Erbenheim seine Stellung behielt. Ella fühlte bald, wie die Fessel schmerzte und ihr Herz zerschnürte, wollte jedoch um keinen Preis ihr Wort brechen. – Der entlassene Sträfling rückte auf der Parkbank. Sein Gesicht verfinsterte sich und zeigte die verbissenen Züge des mit Gott und Menschen zerfallenen Mannes. Die Bilder wurden düster, widrig, häßlich, scheußlich – eine entsetzliche Erinnerung schüttelte ihn. Als Ella ihm schrieb, daß die harte Bedingung gewissenhaft erfüllt werden müsse, und daß das leidige Probejahr auch nur 12 Monate und 365 Tage habe, konnte er eine tiefe Verstimmung, als wenn seine Geliebte die Trennung zu leicht ertrage, nicht unterdrücken. Eine melancholische Sehnsucht, ein Hunger und Durst, der nicht durch einen Blick, einen Gruß gestillt wurde, zehrte an dem jungen Manne, der seine Gedanken abzulenken und besonders durch allerlei Sport zu zerstreuen suchte. Das Reiten und Rudern ermüdete und beförderte den Schlaf, der nicht wie früher war. Der Sport ist gewiß von allen Zerstreuungen die lobesamste. Und doch kann hinter der harmlosesten Lust eine Schlange sich verstecken. In dem vomehmen Ruderklub, der den Herrn von Erbenheim um seines Adels willen aufgenommen hatte, war das Stiftungsfest gefeiert und viel Sekt getrunken worden. Und nachher wurde gejeut, wurde von den blasierten, reichen Kaufmannssöhnen immer höher gesetzt. »Herr von Erbenheim, halten Sie mit! Sie kennen doch die Karten.« Zweimal, dreimal schüttelte er den Kopf. »Zum Henker, Sie sind doch kein Philister, sondern ein Kavalier.« Zum vierten Male aufgefordert, nahm er die Karten in die bebende Hand – um bis morgens sechs Uhr zu spielen. Welch ein grausiger Morgen! Nach anfänglichem Gewinnen wollte er aufhören, aber er durfte es nicht, denn sie schrien, daß nur ein Nassauer sich drücke und ein Ehrenmann seinem Gegner Revanche gebe. Um sechs Uhr hatte er nicht nur seine Barschaft verloren, sondern auch – o Schrecknis, o Scheußlichkeit! – einen Schuldschein über 1400 Mark ausgestellt. Der Verzweifelte verfluchte sich und seine Schwäche und die Stunde seiner Geburt und fragte sich: Bin ich mit einem Manko, einem Gehirnfehler, einem temporären Wahnwitz geboren worden, so daß ich Monate, Jahre lang ein vernunftbegabter Mensch bin und plötzlich in einer Nacht vom Wahnsinn befallen werde? Beherrschen mich triebhafte, tierische Instinkte, denen kein Wille gewachsen ist? Bin ich wie das Raubtier, das, wenn es einmal Blut leckt, einem unersättlichen Durst gehorchen muß? Als er an dem grauen, grausigen Morgen am Fleet vorübereilte, irrten seine Augen in die Tiefe, und der Gedanke an Selbstmord gab ihm eine steinerne Ruhe. Pfui, nicht in dem Schmutzgrabe, sondern eine schnelle, auf der Jagd fehlgegangene Kugel war die anständige, aristokratische Flucht aus dem Leben. Von vornherein erkannte er die pure, platte Unmöglichkeit, die 1400 Mark zu beschaffen. Zwar hatte er vier Wochen Frist, was nur eine Folter und Galgenfrist war. Es war aus, er mußte ein Ende machen. Sein Leben und Glück, sein Höchstes und Heiliges, seine Ehre und seine Ella hatte er in einer verruchten, verfluchten Stunde verscherzt, verloren. Aber sein Selbsterhaltungstrieb verschob den Abschluß auf morgen und übermorgen. Als Erb am Dienstag früh das Haus der Eltern verließ, begegnete ihm der Postbote, der ihm einen Brief überreichte. Einen Brief von ihr! Ella hatte die tyrannische Bedingung nicht gehalten und ihr Wort gebrochen. Wenn sie das tat, mußte Außerordentliches sich ereignet haben. Er riß den Brief auf und las. »Ich habe unter der Sehnsucht nach dir unsagbar, unerträglich gelitten und doch den grausamen Pakt gehalten, aber jetzt kann ich die Not und Pein nicht mehr ertragen. Gott verzeihe mir! Ich muß wortbrüchig, schwach und erbärmlich sein; denn eine ungeheure Angst um dich verfolgt mich und wird mich töten, wenn ich ungetröstet bleibe. Seit dem letzten Sonntag verfolgt mich eine beständige Furcht, eine grauenhafte Ahnung, daß eine schwere Gefahr über deinem Haupte schwebt, verfolgt mich bei Tag und Nacht. Was bedroht dich, mein Geliebter? Welche finstren Mächte wollen mir mein Glück rauben? O, ich muß dich sehen, nur fünf, nur zwei Minuten lang dich sehen. Am Mittwoch um 3¼ Uhr auf der Bank.« Erb hielt sich den Kopf. Woher kam ihr und just seit dem verhängnisvollen Sonntag die Ahnung und Angst um ihn? Das war eins von den Mysterien, die jeder Mensch mal erlebt und kein Mensch ergründet. Pünktlich zur festgesetzten Stunde ging er zum verbotenen – zum letzten Stelldichein. Tief niedergeschlagen, ohne seine Verzweiflung verbergen zu können, nahte er sich der Bank, auf der sie seiner harrte. Ohne das Kindermädchen, das in der Nähe seine Karre schob, zu beachten, warf Ella sich an seine Brust und schluchzte. »Was ist dir, Geliebter? Ich lese auf deinem Antlitz ein schweres Unglück ... ich mußte dich sprechen, weil du meiner bedarfst.« »Ja, Ella, ich bedarf deiner Vergebung und Gottes Erbarmens, denn ich bin durch meinen Leichtsinn ein verlorener Mensch.« Nichts, nichts verschwieg er, wenn auch seine Stimme oft versagte. Ella war, obgleich sich ein Abgrund vor ihr auftat, gut, edel und groß. Sie hat nicht geklagt, geschweige denn gezürnt, sondern getröstet und aufgerichtet, ja geholfen und gerettet. Sie hat jene Liebe, die alles glaubt und leidet, duldet und trägt, in dieser Stunde, in seiner kleinsten und kläglichsten, in ihrer größten und höchsten Stunde bewiesen. In kurzem Sinnen krauste sie die Stirn, um schnell und schlicht zu sagen: »Du! Ich habe in meinem Sparkassenbuch von den kleinen Geschenken der Tante eine Summe ... 1320 Mark ... das sende ich dir ... wenn es genügt ... sieh mir ins Auge!« Er schämte sich in die Erde hinein und konnte ihr nicht ins Antlitz sehen. »Der Schuldschein lautet doch über 1400 Mark, nicht wahr?« drängte sie angstvoll. »Ja-a.« Gequält kam es, seine Stimme überschlug sich vor innerem Weh. Durfte er es von der Geliebten nehmen? War er nicht dann für alle Zeit ein Verächtlicher in ihren und seinen eigenen Augen? Ihre Großmut erdrückte ihn, zerknirschte, zerbrach seine Seele. Just in dem Augenblick, wo er von seiner männlichen Höhe so tief herabsank und in seiner ganzen Menschlichkeit und Erbärmlichkeit offenbar wurde, war sie so groß und hehr, ja eine Heilige. »Erb, ist es nicht mehr?« flüsterte Ella, die das scheue Schweigen des Gedemütigten als ein Verschweigen deutete. Er schüttelte kaum den Kopf und konnte noch nicht ihren Blick ertragen. Da fiel ihr ihre Wortbrüchigkeit wie eine Schuld und Schande auf die Seele. Auch sie war Mensch und Weib geblieben. Errötend, erregt sagte und klagte sie: Einmal sei keinmal, diese Zusammenkunft dürfe nicht gewesen sein, er müsse ihr auf Ehre versprechen, ja schwören, daß kein Mensch jemals von ihrem Wortbruch erfahren werde, und daß er selbst ihren schmählichen Streich vergessen und aus seinem Gedächtnis löschen wolle. »Nein, diese Stunde ist nicht gewesen, soll in Ewigkeit nicht ruchbar werden, das schwöre ich dir auf Ehre und Eid.« Sie küßte ihn lange und zum – letztenmal. Das Kindermädchen guckte um die Ecke und kicherte. »Erb, es ist nicht mehr?« flüsterte es an seinem Munde, während er unwillkürlich einen scheuen Blick nach dem frechen Weibsbild hinüberwarf. Eine Kirchenuhr schlug in dem Moment. Ella schnellte zurück. »Ich sende das Sparkassenbuch. Lebewohl, mein Einziger!« Sie flog von dannen, denn es war höchste Zeit, wenn ihr Verschwinden zu Hause nicht bemerkt werden sollte. Tief aufatmend, tief beschämt und doch hoch beglückt, daß er einen Engel, eine Heilige, eine Heldin besaß, war er ins Bureau gefahren und am Abend nach Hause gegangen. Nach den zwei schlaflosen Nächten hatte er, von einer großen Müdigkeit und Beruhigung erfüllt, in den nächsten Nächten sehr fest geschlafen. Am Donnerstag wurde er in die Privatwohnung des Herrn Engel, der an einer Erkältung litt, gerufen, um eine sekrete Korrespondenz zu erledigen. Das Vertrauen ehrte ihn und erregte den Neid seiner Kollegen. Am Spätnachmittag hatte er mit dem durch die Post gesandten Sparkassenbuch die 1320 Mark abgehoben und den unglückseligen Schuldschein bezahlt. »Donnerwetter, Sie sind ein ganzer Gentleman,« sagte der Empfänger, erfreut die Scheine streichelnd. Da war am Freitag morgen das Unfaßbare, Unmenschliche geschehen. Während er noch im Bett sich dehnte, drangen ein Kriminalbeamter und ein Schutzmann ins Zimmer und erklärten ihn für verhaftet. Auf seine wilden Fragen, warum und weshalb, antworteten sie mit einem kalten Achselzucken und einem infamen Lächeln. »Das werden Sie, mein Herr, wohl selbst am besten wissen ... jaja, die bösen Ehrenschulden.« Hatte der Unglückliche die Höhe seiner Schulden verschwiegen? Die Zeitungen meldeten eine Sensation: Der Sohn eines tief beklagenswerten, hohen Justizbeamten habe einen sehr kostbaren Brillantring gestohlen und durch einen Dienstmann für 2000 Mark versetzt, um seine Schulden zu bezahlen. Das wurde dem Angeklagten vom Untersuchungsrichter bewiesen. Obgleich Erbenheim nicht bekannte, sondern aufgeregt seine Unschuld beteuerte, ist er durch klaren Indizienbeweis und einwandfreie Zeugenaussagen und Zeugeneide überführt und von der Strafkammer rechtskräftig verurteilt worden. Heute hatte er seine Strafe in F. verbüßt und die Anstalt verlassen.   Zweiter Abschnitt Der Grübler, der angesichts des Elternhauses Stunde um Stunde saß und sein Leben vorüberziehen ließ, erhob sich mit einem Ruck, ging mit müden, schweren Schritten über die Straße und drückte die Klingel der Etage. Das Dienstmädchen prallte wie vor einem Gespenst zurück. »Der ... der junge Herr.« Er lachte schrill und bitter. »Haha, Sie haben einen Schreck gekriegt ... ich tue Ihnen nichts ... ich bin ja kein berühmter Mörder, sondern nur ein armselig mausender Dieb. Sind meine Eltern im Wohnzimmer? Gut! Bleiben Sie hier!« Der Landgerichtsrat, ein alter, vornehmer Herr, stolz auf seinen Adel, noch stolzer auf seinen Richterstand, hatte kalte, graue, inquisitorische Augen, weiße und wenig Haare, einen schneeweißen, kräftigen Schnurrbart, den er beim jähen Eintritt seines Sohnes mit der Lippe faßte und mit den Zähnen biß. Seine Augenbrauen zog er in die Höhe, und die hochgezogenen blieben lange auf den Eingetretenen gerichtet, was seinem scharfen Gesicht einen strengen, ja steinernen Ausdruck verlieh. »Erb, mein armer ...« Der Rat blieb stumm, aber seine Gattin hob unwillkürlich die Arme und machte zwei Schritte, um dem Instinkt des Mutterherzens zu gehorchen und den Heimgekehrten zu umarmen, jedoch ein eisiger Blick ihres Mannes bannte und lähmte die Arme und Füße, die mitten in der hastigen Bewegung stockten. Herr von Erbenheim senior räusperte sich und redete geschäftsmäßig, kurz und bestimmt: »Du hast dir jedenfalls selbst schon gesagt, daß deines Bleibens hier im Lande nicht ist, daß du, in Deutschland unmöglich geworden, über See gehen mußt, um in Afrika oder Amerika unterzutauchen und hoffentlich ein neues Leben anzufangen. Die Fahrkarte für die zweite Kajüte und 500 Mark in bar werde ich dir für die Überfahrt und den Anfang in der Fremde geben. Aber irgendwelche weitere Unterstützung – das ist unwiderruflich – hast du nicht zu erwarten ... du weißt, ich ... ich halte Wort. Wann und wohin willst du fahren? Antworte mir!« Erb riß sich aus der Erstarrung, streckte erschüttert die Hände aus und schrie: »Vater, ich bin unschuldig verurteilt, ich schwöre es bei meiner Ehre ...« »Hast du eine Ehre? Genug!« »Ich schwöre mit heiligen Eiden, daß ich unschuldig und ein Opfer der irrenden Justiz bin.« Der weiße Schnurrbart zuckte spöttisch in dem unbewegten, alten Gesicht. »Du sagst es ... von hundert Verurteilten singen fünfzig oder sechzig dasselbe Lied ... in meiner langen Richterpraxis habe ich nicht einen einzigen Justizmord erlebt. Du vergißt, daß du durch Zeugeneide und klare Beweise überführt bist. Wenn ich dein Richter gewesen wäre, ich hätte genau so wie meine Kollegen urteilen müssen ... so fest bin ich von deiner Schuld überzeugt, nachdem ich die Akten Buchstabe für Buchstabe geprüft. Es ist lächerlich zu leugnen, Erb Erbenheim. Von unsrem Adel wirst du in Amerika nicht Gebrauch machen.« »Vater!« Es war ein Aufschrei, eine letzte Frage der Verzweiflung. »Vater, du glaubst an meine Schuld, daß ich ein Dieb ...?« »Lassen wir das!« Ein abweisendes Achselzucken. »Du wirst einsehen, daß du nicht bei uns wohnen kannst ... mein Ansehen ist schwer geschädigt, meine Stellung als Richter sogar schwer erschüttert worden durch diese Schmach unsres Hauses. Darum habe ich in Liesemanns Hotel ein Zimmer für dich bestellt ... entschließe dich bald, wohin die Fahrt gehen soll!« Der Landgerichtsrat nahm ein Aktenstück, das auf dem Tische lag, blätterte darin und biß sich auf den weißen Schnurrbart. Der Sohn rang qualvoll die Hände und rief: »Ich kann von dir kein Geld annehmen, denn ich bin nicht mehr dein Sohn, du hast die Bande des Bluts zerrissen.« »Phrasen!« Über die Akten hinweg kam ein harter Blick und das böse Wort. Erbs bleiche Züge verzerrten sich, aber er warf trotzig den Kopf zurück und trat dicht an die Tür. Dort starrte er mit weit aufgerissenen Augen der leise weinenden Frau Rat ins Antlitz. »Mutter! Und du? Mutter, Mutter, glaubst du, daß ich ein Dieb bin?« Die verhärmte Frau schnellte empor, als wenn sie ihr armes Kind von der Tür holen und halten wolle. Das Mutterherz antwortete hastig, hell und klar: »Ich ... ich glaube an dich und deine Unschuld.« Da stürmte der Sohn drei Schritte vorwärts, umschlang ihr Haupt, küßte ihre Stirn unter plötzlich hervorströmenden Tränen, aber im nächsten Augenblick stürzte er mit langen Schritten aus dem Zimmer, aus dem Hause, das nicht mehr sein Vaterhaus war. Der Herr Rat hatte sich geräuspert und mit dem Stuhle gerückt. Sobald Erb fort war, warf er die Akten heftig hin, und sein Auge ruhte unwillig auf der schluchzenden Gattin. »Was soll die unsinnige Szene und Sentimentalität, die ihn in seinem hartnäckigen Leugnen bestärkt! Beweine nicht seine Unschuld, sondern die ungeheure Schande seines Hauses und den bürgerlichen Tod unseres Kindes! Du bestärkst ihn in seinem verstockten Leugnen und emphatischen Abschwören, wodurch er seine Richter, die dem völlig Unbußfertigen, der sich noch auf den Offizier und Ehrenmann herausspielen wollte, alle Milderungsgründe versagten, wahrlich nicht für sich eingenommen hat.« Heftig erwiderte die Frau: »Erb hat nie lügen können ... wenn er als kleiner Junge eine kleine Flunkerei versuchte, verriet er sich sofort durch seinen gesenkten Blick. Ich, ich kenne mein Kind. Sein Auge sieht offen, frei und flehend mich an ... er kann kein Dieb, er muß unschuldig sein, wenn ich auch keine ...« Der Gatte schnitt, ja biß ihr die Rede ab. »Nein, nein, sogar die blasse Möglichkeit muß ich bestreiten. Ich, der alte, gewiegte Jurist, der dreißig Jahre lang Recht sprach, habe Nächte lang die Akten studiert, um einen Anfechtungsgrund, einen Formfehler, einen Strohhalm der Rettung zu entdecken, aber ich fand nichts, nichts, das für seine Unschuld sprach, obgleich ich mein Gehirn zermarterte. Eine so strenglogische, festgeschlossene, unwiderlegbare Indizienbeweisführung habe ich in meiner Praxis selten gesehen. Bedenke doch den Hergang! Herr Engel, der an einer starken Erkältung leidet und das Haus hütet, läßt den unglücklichen Menschen, damit ein wichtiger, sekreter Brief erledigt werde, in sein Privatzimmer rufen, hat den kostbaren Brillantring seiner Frau, der ihr zu eng geworden ist und zum Juwelier gebracht werden soll, auf dem Tische liegen lassen, während er ins Schlafzimmer für zwei Minuten geht, um gegen den lästigen Husten ein paar Emser Pastillen einzunehmen. Erb hat geschrieben und weilt während der Abwesenheit allein in dem ominösen Herrenzimmer. Er will mit dem zahmen Affen des Herrn Engel, der im Zimmer tollte, gespielt und von dem Ringe, der doch groß und glänzend auf dem Luthertische lag, gar nichts gesehen haben. Der Chef kehrt zurück, der Brief wird konzipiert, unser Sohn entfernt sich ... Herr Engel sieht mit Entsetzen, daß der Ring, der seine 10 000 Mark gekostet hat, verschwunden ist ... es steht fest und ist vom Gericht als erwiesen konstatiert worden, daß keine Menschenseele, außer dem Korrespondenten, in dem Raume gewesen ist. Der Verdacht muß auf den jungen Erbenheim fallen, aber Herr Engel will es nicht glauben, daß mein Sohn ein Dieb. Seine Frau jedoch, über den Verlust empört, verständigt die Polizei, die sehr diskret vorgeht und insgeheim nachforscht, weil es sich um die Familie des Landgerichtsrats handelt. Die Polizei findet aber mühelos den Missetäter, der unglaublich plump oder frech verfährt und ein grüner Neuling im kriminellen Fach sein muß; denn schon hatte ein alter, bisher unbescholtener Dienstmann, der Dienstmann Nr. 21, in einer Pfandleihe den Brillantring des Herrn Engel für 2000 Mark versetzt, im Auftrag eines feinen Herrn, wie er sofort nach seiner Arrestation ohne jede Unsicherheit aussagt. Der Mann, der unbestraft ist und des besten Leumundes sich erfreut, verwickelt sich in keine Widersprüche, sondern legt eine offene Beichte ab. Ein sehr vornehm aussehender Herr, der ...« »Dessen Haar und Augen er gar nicht beschreiben kann,« unterbrach ihn die Gattin, die scharf wie ein Staatsanwalt aufpaßte. »Das ist bei einem ungebildeten Menschen begreiflich! Ein Herr, der ganz wie ein schlanker, schneidiger Offizier in Zivil ausgesehen habe, sei an der Rathausecke an ihn herangetreten und habe ihn beauftragt, den Ring zu versetzen. Solche Kommissionen von Leuten, die eine Pfandleihe nicht betreten wollen, seien nicht selten. Er habe den Ring versetzt und 20 Mark erhalten für seinen Gang. Die Polizei mußte schweren Herzens dazu schreiten, unsren Sohn aus unsrem Hause weg zu verhaften ... aus unsrem Hause! Ein von Erbenheim! O, Martha, das wird mein Tod. O, könntest du das Urteil widerlegen, seine Unschuld beweisen, ich würde dafür gern von meinen paar Lebensjahren die Hälfte hingeben. Aber es war nicht anzuzweifeln, der eherne Ring der Beweisführung wurde zur Eisenkette, die mein Kind verstrickte und wie ein wildes Tier hinter Eisenstäben fesselte. Eine Konfrontation fand statt, Erb saß dem Untersuchungsrichter gegenüber, als der Dienstmann eintrat. Und sobald der den Angeklagten erblickt, streckt der alte Mann die Hände aus und ruft: ›Das ist er, der ist's!‹ – Das war vernichtend ... Martha, kannst du das widerlegen?« Die Mutter wischte ihre Tränen weg und rief durchdringend: »Erb sprang wild und wütend auf und schrie: ›Du Lügner, du dreimal verlogener Hund, ich habe dich nie gekannt und nie gesehen!‹ und wollte dem Dienstmann an den Hals springen, so daß der Schutzmann ihn zurückreißen mußte. Dieser unmittelbare Wutausbruch spricht für unseren Sohn ... das haben die elenden Akten und die elenden Richter gar nicht beachtet.« »Ach,« seufzte der Rat, »er hatte ja die Gegenüberstellung erwartet und sich darauf vorbereitet, die Rolle des Entrüsteten zu spielen.« »Auch der Dienstmann konnte sich mit wenig Nachdenken sagen, daß man ihn einem Verdächtigen gegenüberstellen werde, konnte selbst der Dieb oder Hehler sein,« schrie die Mutter mit gellender Stimme. Der alte Herr wedelte mit den Händen und wurde unwirsch. »Unsinn, Unsinn! Es war eine erwiesene Tatsache, daß der Dienstmann nicht im Zimmer, nie im Engelschen Hause, daß kein andrer Mensch als Erb zur fraglichen Zeit in dem fraglichen Raume gewesen. Das war schwer gravierend, aber die Feststellungen ergaben vernichtende Schuldbeweise. Der Unselige war wieder ein Opfer seiner scheußlichen Leidenschaft, die ihm den Offiziersrock vom Leibe riß, geworden, hatte gespielt und 1400 Mark verloren. Ausgerechnet an dem Tage, wo der Brillantring versetzt wurde, hat der wahnsinnige Mensch seine Schulden – Gott weiß wie viel, wohl 2000 Mark oder mehr – bar, ja bar bezahlt. Auf des Untersuchungsrichters Frage, wie er in den Besitz so großer Summen gekommen, wurde er totenblaß, tödlich verlegen, verweigerte er die Aussage. Das brach ihm den Hals! Und du sprichst von Unschuld, von elenden Richtern!« Die Mutter schwieg eine Weile wie geschlagen, um laut aufzuschreien: »Mein Erb kann kein Dieb, kann nicht schuldig sein.« Der Rat steckte die Nase in die Akten hinein und murmelte: » Cum muliere non est disputandum. « Frau Martha verließ das Zimmer und suchte das stille Schlafgemach, die Stätte ihrer Kämpfe, Tränen und Gebete, auf; die Hartgeprüfte war eine Beterin geworden, obgleich ihr Gatte die Nase rümpfte und über ihre Bigotterie sarkastische Bemerkungen machte. Als sie zurückkehrte, stellte er die spöttische Frage: »Meinst du, daß dein Gott Geschehenes ungeschehen machen kann? Das kann kein Gott.« »Er kann alles, sogar ein Wunder tun,« antwortete sie beharrlich und unbelehrsam. Und ein sonderbares Ereignis schien ihr Recht zu geben. In diesen Tagen geschah etwas, das ans Seltsame und Wunderbare streifte. Heiß, hochrot im Gesicht, in der zitternden Hand einen Brief hochhaltend, stürzte sie ins Zimmer des Gatten mit dem Freudenschrei: »Denke dir! Ich habe plötzlich von meinem Bruder, der seit 30 Jahren verschollen und totgesagt ist, einen Brief bekommen. Jobst lebt, lebt in Ostafrika.« Dieser Jobst Renner hatte als junger Mann nach einer sehr sensationellen Geschichte und einem sehr häßlichen Gerede sein Vaterland verlassen und nichts mehr von sich hören lassen. Der Herr Rat verlor das künstliche, kühle Gleichgewicht des Juristen, und das würdevolle Gesicht mit dem gaffenden Munde war fast lächerlich geworden. Der Mann, der jede unnütze Wiederholung und Tautologie wie eine Todsünde tadelte, sagte und fragte zehnmal dasselbe: »Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig, außerordentlich eigentümlich, auffallend im höchsten Maße ... natürlich ein Zufallsspiel, aber ein sehr seltsames Zusammentreffen! Wo ist mein mir unbekannter Herr Schwager aus der Verschollenheit aufgetaucht? In Ostafrika? Er will am Ende Geld und Unterstützung von uns haben, da er sich seiner lieben Schwester erinnert?« »Nein, nein, im Gegenteil!« Die leise Furcht des Herrn von Erbenheim wurde zur lauten Aufregung. »Es geht ihm also gut in Afrika? Gott sei Dank! Er ist ein gemachter Mann ... mein lieber Schwager Jobst hat über See Reichtümer sich erworben?« »Das wohl nicht, nach seinem Briefe hat er zweimal ein Vermögen erworben und wieder eingebüßt.« »Hm, der Monsieur Renner ist ein Windhund und Taugenichts geblieben ... sag' rasch, was will er denn von uns?« »Mein Bruder ist nie ein Taugenichts gewesen, auch nicht geworden, nein! Höre selbst, was er schreibt! Um ihn gerecht zu beurteilen, mußt du aber nicht vergessen, daß Jobst immer ganz anders als die meisten, ein Mensch von eigner Art und origineller Ausdrucksweise, zuweilen sogar ein Kauz, aber immer ein guter, braver Kerl, gewesen ist. Er schreibt: ›Ich bin durch viel Schaden und viel Schlechtigkeit der zweibeinigen Ebenbilder Gottes zwar nicht reicher, wohl aber bedeutend klüger, egoistischer und zugeknöpfter geworden. Einen Blaugrund mit Brillanten oder einen Goldklumpen fand ich nicht, aber auf meinen letzten Fahrten und Fährlichkeiten habe ich mir durch Geduld und Geiz einige tausend Rupien erobert, wie man hierzulande sagt, und an meinem Leibe wohl verwahrt, so daß kein weißer oder schwarzer Spitzbube meinen Geldschrank erbrechen wird. Wie ist es dir ergangen, meine liebste Schwester? Und was macht meine sonstige Sippschaft? Ich bin jetzt seit 29 bis 30 Jahren verschwunden, und keiner hat von meiner afrikanischen Odyssee, meinen Irrfahrten, Abenteuern, von meinen Witzen und Dummheiten irgend etwas vernommen; ich dagegen hörte durch frisch angekommene Offiziere und Kaufleute einiges, was die Meinen betraf. So erfuhr ich den Tod der teuren Mutter – Gott hab' sie selig! – das Ableben der guten Tanten. In Uganda, als wir just dinierten und eine Hippopotamusleber verspeisten, erzählte mir ein Hanseatenkrämerküken mit der inneren Ergriffenheit des echten Republikaners, daß du geadelt worden und eine Frau Amtsrichter von Erbenheim geworden seiest. Ich ziehe den Hut ab und gratuliere etwas verspätet nach 26 oder 27 Jahren. Ach, juvenes fuimus , wir sind jung gewesen, und nun sind wir alt, grau und grämlich geworden, und ein neues Geschlecht der Renner und derer von Erbenheim rennt mit der Zunge aus dem Halse dem Glücke nach. Hoffentlich sind alle Mitglieder unserer Sippe sehr nützliche Mitglieder der menschlichen, Gesellschaft, sehr ehrbare, wohlsituierte Menschen geworden. Sollte aber wider Erwarten irgendein Unband und Ausbund, wie ich es war, in der hochehrenwerten Familie, ein Entgleister oder Gescheiterter in der Verwandtschaft zu finden sein, so bitte ich, mir dieses enfant terrible mit wendender Post zu senden, damit ich ihn nach meiner Pädagogik erziehen und zu einem tüchtigen Afrikaner machen kann. Die Sorte nämlich, die zu Hause über die Stränge schlägt, ist kurioserweise hier meistens am besten zu gebrauchen. Es sind die Heißblütigen, die das Zeug und Blut zum Vollblutsmenschen haben. Solltet ihr ein enfant terrible mir senden, so werde ich selbiges, sofern es meinem Gustus entspricht, geziemend empfangen und mit den unerläßlichen, afrikanischen Utensilien und guten Ratschlägen ausrüsten. Der junge Mitteleuropäer soll keine unsinnigen Ideen, Meinungen von sich und Utopien, sondern nur eine kräftige Gesundheit, einen Sack voll Geduld und einige Pfund Chinin für den Anfang mitbringen. Für alles andere wird der alte Jobst Renner und der gute Herrgott Sorge tragen. Meine liebe Martha, du bist von jeher meine beste Schwester gewesen, darum schreibe ich dir zuerst, indem ich mein Inkognito zu lüften und mein Schweigen zu brechen beschlossen habe. Ich habe nämlich ausgerechnet, daß die scheußliche Geschichte von damals verjährt ist und ich meine Auferstehung von den Toten vollziehen kann, ohne Gefahr zu laufen, unter Polizeieskorte von Daressalam nach Deutschland gebracht zu werden ...‹« Frau von Erbenheim hatte den Brief, auch die lustigen, drolligen Stellen, mit feierlicher Summe verlesen. Ihr Mann hatte mit großer Befriedigung zugehört, nickte heftig und fuhr ihr in die Vorlesung hinein. »Donnerwetter! Das kommt ja wie gerufen. Wir senden ihm unsren entehrten Sohn, der hier unmöglich und für uns verloren ist ... ein merkwürdiges Zusammentreffen, ein netter Witz des Zufalls ist dieser Brief.« Die Frau richtete die großen, ernsten Augen auf ihren Gatten. »Ein Zufall? Nein, ein Wink des Himmels, ein Weg der Vorsehung, ein Werk Gottes. Es ist wunderbar ...« Der Landgerichtsrat überlegte, während sie ergriffen die Hände faltete, und seine Lippen zuckten ironisch. »Dein Wunder läßt sich natürlich erklären, dein Bruder sagt ja, daß er über uns ziemlich orientiert gewesen sei, wird in Ostafrika von dem Brillantdiebstahl eines Herrn von Erbenheim – entsetzlich! – gehört haben, hat unsre Absicht, die Notwendigkeit, das enfant terrible zu deportieren, geahnt und seinen Wunsch, uns zu helfen, in eine sehr taktvolle Form gekleidet. Dieses Mirakel ist auch nichts weiter als eine ungewöhnliche Verkettung von Ursache und Wirkung. Ich bin meinem Schwager sehr dankbar.« Vorwurfsvoll blickte die Mutter. »Deportieren? Deportieren willst du dein Kind?« Der Herr Rat zuckte die Achseln. »Deportieren heißt verschicken. Willst du etwa deinen Erb hier behalten, oder willst du ihn nach Afrika zu deinem Bruder schicken? Gut, so mache deinem Sohn begreiflich, was er zu tun hat!« »Meinem?« Er guckte in die Akten und gab keine Antwort. – – – Erb wohnte in dem kleinen, abgelegenen Hotel Liesemann, das er nur nach Eintritt der Dunkelheit verließ, um Luft zu schöpfen in den nach sieben Uhr leeren Hafen- und Kaistraßen. Eine Scheu vor Menschen, eine Furcht, einem Bekannten zu begegnen, saß jederzeit in ihm, wie auf der Lauer. Mehr als einmal näherte er sich der feinen Villengegend am Flußufer, aber die Lichtfülle der Bogenlampen, die wie Taghelle war, verscheuchte ihn. An einem Samstagabend drückte er den Hut in die Stirn und ging mit langen Schritten durch stille Nebenstraßen im Halbkreise herum. Von dem Hause an der Fernsicht wollte er mit einem Blick Abschied nehmen. Was zieht und zwingt den Menschen immer wieder zurück zu den Stätten seiner höchsten Seligkeit und seines tiefsten Grauens? Da stand die Antiquitätenvilla mit den erhellten Fenstern der Wohnstube und der Kellerküche. Erb erschauerte – wie plötzlich war all das Glück zum Gefängnisgrausen geworden! Ella Ritterhus konnte ihn, den Verurteilten, Verfemten, nur verachten, ihre Liebe war bestenfalls wehklagendes Erbarmen geworden. Pfui Teufel, nur kein Mitleid! Dennoch zehrte und zitterte in ihm ein Hunger nach ihrem Anblick, eine Sehnsucht nach einer Aussprache. Dort drinnen unter der elektrischen Krone – nur drei von vierundzwanzig Glühbirnen ließ die sparsame Tante brennen – saß Ella um diese Stunde und las der alten Dame, deren Tag wie ein Uhrwerk ablief, die »Nachrichten« vor. Ein toller Gedanke durchschoß sein Gehirn. Wenn er sich den Eingang erzwang, das Mädchen beiseite schob, wenn er Ella flehen, fragen würde: Haben deine Schwüre gelogen? Sprich! Glaubst du, daß ich ein Dieb bin? Nein, sie hatte ihn verworfen, wie die andern alle, alle. Sonst hätte sie ihm, als er in der Untersuchungshaft saß, schreiben, ja schreien müssen: Er ist unschuldig! Nicht geredet, sondern geschwiegen hatte sie. Dort drinnen saß sie in Seelenruhe, und er schlich um das Haus, wie ein Dieb, und stöhnte, ins Taschentuch beißend, vor Qual. Er wollte sie nicht sehen noch fragen. Die Kluge, die geschmeidig den Launen der Tante sich fügte, war nicht seine Ella. O, er liebte sie noch, freilich nicht das Fräulein, das dort hinter der Gardine saß, sondern das süße, scheue Kind, das seine Rose nahm und zur Bank am Flußufer kam. – – – Am Sonntag morgen besuchte die Mutter ihren Sohn im Hotel, warf sich an seinen Hals und weinte lange. »Weinst du vor Leid und Kummer um mich?« sagte er leise. »Nein, ich weine vor Freude ... Erb, wohin gedenkst du zu gehen?« »Wohin? Nach Amerika, der großen Abhubtonne für alle unsaubren Elemente Europas? Nein, das gemütlose Land, wo der allmächtige Dollar als Tyrann regiert, hat mir nie gefallen ... ich möchte in Ostafrika mein Heil versuchen.« »Du Gesegneter, wer hat dir das eingegeben? Schau her!« Sie zeigte ihm den Brief, der ihr ein Wunder, eine Weisung des Himmels war, und frohlockte in allem Schmerz. »Wenn du in das wildfremde Land gehst, wirst du nicht allein und einsam stehen, sondern du wirst in Afrika einen erfahrenen, väterlichen Freund finden, der dir alle Wege ebnen wird.« Erb war hocherfreut und in heftiger Gemütsbewegung. »Das ist sehr seltsam, mehr als seltsam ... sollte es dennoch einen Gott geben?« »Ja, ja, in der ungeheuren Trübsal fand ich Gott ...« »Und ich verlor ihn, denn im Gefängnis gibt es keinen Gott. Wie kann es mitten in all der Schurkerei und Scheußlichkeit einen Gott geben, wie kann mitten in der entsetzlichen Grausamkeit, mitten in dem ewigen Morde der schreienden Kreatur ein Gott stumm und stocktaub sitzen, ohne zu richten und zu rasen?« »Sprich nicht so wild, denn es tut mir weh!« Erb brach schnell davon ab, wußte wenig von dem verschollenen Onkel und fragte sehr viel, was der Mutter nicht sehr angenehm zu sein schien. »Warum mein Bruder Deutschland verließ und 29 Jahre lang in Verborgenheit blieb, ohne ein Lebenszeichen zu geben? Es war eine furchtbare Begebenheit, die damals durch alle Zeitungen ging, aber den wirklichen Sachverhalt hat man nicht erfahren, weil von den beiden, die den Schleier lüften konnten, der eine starb, ohne die Lippen zu öffnen, und der andere, mein Bruder, geflohen war.« »Was? Der Onkel hat einen Menschen getötet ... jedenfalls im Duell doch ... oder ...?« »Eben das ist das gräßliche Geheimnis geblieben. Jobst war ein guter, prächtiger Kerl, ein lieber Bruder und braver Mensch, lebhaft, lustig, rasch und ritterlich, aber auch zu heißblütig, zu hitz- und trotzköpfig und zum Jähzorn geneigt. Er hatte von seinem zehnten Jahre an einen Freund, einen intimen, unzertrennlichen Freund, ohne den er nichts, keine Bootfahrt, keinen Ball, keinen Ausflug machte. Sie schienen alles, auch den Geldbeutel, gemeinsam zu haben. Niemals zankten oder schmollten sie, so viel ich weiß, auch nicht an dem letzten Tage vor der Tragödie, die die ganze Stadt in Aufregung versetzte. Erb, gib mir einen Schluck Wasser!« Von der Erinnerung erschüttert, trank sie, um hastig die Sätze herauszustoßen. »Eines Morgens findet man den Freund im Kastanienwäldchen ... schon verblutet, mit einer Kugel in der Brust, der Lunge. Der kann keine Auskunft geben und ist gestorben, ohne das Rätsel zu lösen. An demselben Morgen kommt mein Bruder Jobst nicht zum Frühstück, man sucht ihn im Zimmer ... er ist gar nicht im Bett gewesen und spurlos verschwunden, mit einem kleinen Koffer, einigen Kleidungsstücken und seinen Ersparnissen. Seine Spur kann man bis Bremen verfolgen, von der Stunde an bleibt mein Bruder verschollen. Wer die Kugel abschoß, ob es ein Duell ... oder ein Mord war ... oder ein Selbstmord mit Wissen des Freundes, das alles ist ein Geheimnis geblieben ... die Leute haben natürlich durch allerlei romanhafte Fabeln den mysteriösen Todesfall zu erklären versucht. Mehr weiß ich nicht, und mehr weiß kein Mensch, außer dem einen, der in Ostafrika lebt. Genug, genug des Grauens! Es greift mir ans Herz.« Man hörte, wie die Frau Atem holte. Der Sohn konnte ein grimmiges Lachen nicht lassen und sprach in bitterböser Ironie: »Dieser gute Afrikaonkel, der zur rechten Zeit von den Toten aufsteht und als deus ex machina sich meldet, der alte Sünder, der seinen besten Freund niederknallte und das Zuchthaus mit dem Ärmel streifte, und der junge Sträfling, der Brillanten stahl, diese beiden edlen Seelen gehören als kriminelle Naturen und Vollblutsmenschen oder Vollblutsverbrecher unbedingt zusammen und werden ein Herz und eine Seele sein. Leider wogt viel Wasser zwischen Hamburg und Daressalam ... der rührende Onkel vergaß, einen Tausendmarkschein zu senden ... verflucht, ich muß schon den Fürsorgeverein, den der gute Pastor mir empfahl, anbetteln ...« »Das ist nicht nötig, mein Erb, ich bringe dir 1400 Mark ... hier ist das Geld.« Man sah die freudige Erregung des jungen Mannes, der nach den Scheinen griff, aber schnell die Hand zurückzog und mit einer abweisenden, eisigen Miene, die ihn plötzlich seinem Vater ähnlich machte, sagte: »Das kann ich nicht annehmen, denn das ist von meinem ... von dem Landgerichtsrat, der sich von mir losgesagt hat und nicht mehr mein Vater ...« »Es ist zum Teil von meinem Wirtschaftsgelde erspart ... du kannst, du mußt es nehmen.« Die Mutter, die ohne Wissen des Gatten 400 Mark dazugelegt hatte, bat leise, bat lange und schob zuletzt das Geld in Erbs Tasche hinein. Er ließ sie mit Selbstüberwindung gewähren und sagte mit Groll: »Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Almosen und die Demütigung einzustecken ... sage mei... ihm: Wenn die Malaria nicht meine Rechnung umstößt, werde ich es zurückerstatten.« Das war seinem Stolze wenigstens eine Beruhigung. Die Mutter fing wehevoll an zu weinen. »Du gehst in ein Tropenland, das ein mörderisches Klima, böse, wilde Tiere und giftige Schlangen hat.« »Dafür hat man seine Flinte ... das bösartigste Tier ist eine winzige Mücke und eine ruchlose Fliege ... doch dafür hat man ja Chinin.« »Ich will Tag und Nacht beten, daß Gott dich behüte.« Erb antwortete mit einem harten Blick. »Ach, ach, du glaubst nicht mehr an Gott.« »Im Gefängnis war Gott nicht ... wie könnte er auch in der Hölle, am Ort der Verdammten sein? Lassen wir, was dir Schmerz bereitet!« »Eins nur versprich mir, mein Sohn! Wenn du einmal in der allergrößten Not und Gefahr bist, so schreie zu Gott ... wenn du ihn dann rufst, wirst du ihn finden und sehen.« Er drückte ihre Hand und nahm innigen Abschied von seiner Mutter. Es war ein herzzerreißender Anblick; auch dem Manne liefen die Tränen über die Wangen. Wie von den drei Engeln der Erde, welche Glaube, Liebe, Hoffnung heißen, die Liebe die größte unter ihnen ist, so ist hinwiederum von aller Menschenliebe die Mutterliebe, die stärker als der Tod und, was mehr, stärker als das Gefängnis und die Schande ist, die größte und reinste, die erste und letzte Liebe des vom Weibe Geborenen.   Dritter Abschnitt. Am 2. Juni fuhr das Schiff der Ostafrikalinie die Elbe hinunter. In seinem Sommerkleid, in seiner vollen Schönheit prangte das herrliche, holsteinische Ufer, dessen Höhenzüge mit Villen, Gärten und Parks besäet sind. Hier hatte Fräulein Vermehren eine Sommerresidenz. Erb blickte unverwandt durch das Glas nach einem Garten mit Terrassen. Das Haus war aus seinem Winterschlafe erwacht, durch die offnen Fenster flutete die Sonne. Dort unter dem japanischen Schirm saßen zwei Damen. Die weißgekleidete, zarte Gestalt, die eine Zeitung hielt, mußte Ella sein. Aus dem Stuhle zwischen den Damen lag eine Handarbeit – nein – ein Hündchen, der verhätschelte Ami, – ein Irrtum war ausgeschlossen. Erb schaute mit aller Anspannung seiner Sehkraft, mit Herzklopfen durch das Glas. O, das schien kein blühendes, von roten und weißen Rosen überhauchtes Antlitz, sondern ein schmales, blasses, von Krankheit oder Kummer verfärbtes Gesicht zu sein. Zu schnell glitt das Schiff vorbei, um ein klares Bild und Gewißheit zu gewinnen. Hatte Ella schwere Leiden durchgemacht, war sie krank gewesen? Hatte sie darum geschwiegen, weil das Schrecknis sie niederschmetterte? Jetzt erst, wo es zu spät war, schoß ihm diese Möglichkeit so heftig durch das Gehirn, daß er sich den Kopf hielt und seinen Geist zermarterte. Nein, sie hätte schreiben, reden, schreien können, denn keine Ohnmacht oder Krankheit, kein Schreck und Chok währt Monate, wie seine Haft. Die Ufer wurden reizloser. Die Eßglocke, die man auf deutschen Schiffen meist »Dinnerbell« benamst, dröhnte. Bei Tisch hatte der Wortkarge einen gesprächigen Nachbar, der viel schwatzte und ein wenig schmatzte und nach dem letzten Gang fragte: »Finden Sie nicht, daß das Essen für die zwete Kajüde gud ist?« Erbenheim, um den guten Deutschen, der an Bord mit englischen Brocken um sich wirft, zu markieren, brummte: » I do not know .« Er wußte in Wahrheit nicht, ob es Kalb- oder Karnickelfleisch gewesen. Er konnte in seiner Haltung und seinem ganzen Habitus den einstigen Offizier nicht verleugnen. Die meisten Passagiere achteten seine Reserve, sprachen viel von ihm, aber nicht mit ihm. Nur der Redselige stand neben ihm und erzählte, daß er aus »Dräsden« sei und in »Kaddun« reise, um die Zivilisation zu fördern und den Neger zu bekleiden, daß er nicht, wie die schmutzige Konkurrenz, die »rene Appredur« verkaufe. Als diese Beichte unerwidert blieb, blinzelte der helle Sachse: »Ei, mein gudester Herr, Sie gähen zur Schutzdruppe.« »Nein, zu Verwandten.« »Zum Vergniegen, um enige Lewen und Raubdiere zu schießen?« »Nee, um Unterricht in der Beantwortung müßiger und dummer Fragen zu nehmen.« Den Lästigen war er los für diese Seefahrt, die für die meisten eine andauernde, von kurzen Seekrankheitstragikomödien unterbrochene Esserei zu sein schien. Erbenheim hielt sich fern von der Herde der Durchschnittsmenschen und wechselte nur mit einem hageren Fräulein, das in den besten Jahren zwischen 30 und 50 stand und vor den üblichen dummen Witzen der anderen sich zurückgezogen hatte, einige Worte. Er tat es halb aus Opposition halb aus Mitleid mit dem Fräulein Griebel, das weder Vater noch Mutter, weder Hund noch Katze, wohl aber einen kleinen, hübschen Myrtenbaum hatte, daran ihr Herz hing, den sie mit ihrem Waschwasser begoß, auf Deck in die Sonne stellte und sorgfältig bewachte und betreute. Als sie bald und dann gründlich auftaute, beichtete sie ihm mit einem verschämten Augenaufschlag: »Ich habe einen guten Freund, der seit zehn Jahren in Ostafrika weilt und jetzt eine kleine Plantage besitzt ... plötzlich nach zehn Jahren hat er mir geschrieben ...« »Und Ihnen das Geld geschickt, damit Sie hinüberkommen und seine Frau werden? Wie rührend!« Sie errötete. »Ne-ein, doch nicht, das Geld hab' ich mir erspart. Er schrieb, ob ich noch an die Kirmeß in Frotzheim und die Karussellfahrt – da küßte er mich – dächte, ob ich nicht mal nach Afrika käme, ihn zu besuchen ... wenn er das plötzlich nach zehn Jahren schreibt, so muß ich doch ernstliche Absichten annehmen, nicht wahr? Den Myrtenbaum will ich mitnehmen für ... für ...« Erbenheim bewahrte mit Mühe eine ernste Miene. Das naive Fräulein errötete noch einmal und raunte diskret: »Wenn ich mein Bäumchen gesund und heil nach Afrika bringe, soll es mir ein gutes, gewisses Zeichen sein, daß er mich ... wenn es aber ausginge, möchte ich am liebsten gleich umkehren oder ... ins Wasser springen.« Er betrachtete jetzt erst die Pflanze und konnte mit gutem Gewissen sagen: »Der Baum gedeiht ja prächtig und wird unter der Tropensonne alle Tage einen Zoll wachsen, passen Sie mal auf, wenn wir im Roten Meer sind!« Das Fräulein paßte mit Argusaugen auf seinen Schatz, aber, ach, es hatte auch mit anderen von seiner Hoffnung, seinem Omen gesprochen. Böse Menschen spotteten über die alternde Jungfer und spielten ihr einen teuflischen Schabernack. Im Roten Meer fing der Baum nicht an zu schießen, sondern zu kränkeln und zu verdorren, und in Mombassa war er ein welker Strunk geworden. Die Boshaften hatten heimlich die Pflanze mit Salzwasser begossen. Da fuchtelte der schweigsame Passagier mit der Faust, guckte alle Verdächtigen, die ein möglichst dummes Gesicht machten, wütend an und wetterte: »Wenn ich den Schuft fasse, fliegt er in elegantem Schwung über Bord, sobald sich eine Haifischflosse blicken läßt!« Die meisten Reisenden waren das übliche, recht unpersönliche Passagiergut. Nur einer, der gewiß nicht Beachtung finden wollte, fiel just durch sein verschlossenes Wesen auf, so daß man sogar aus Neugier in der Liste nachsah und seine Personalien mit drei Worten »Hans Schramm, Kaufmann« feststellte. Erst hinter Gibraltar kam er aus seiner Kabine ans Tageslicht. Er hatte ein ganz glattes, blasses Bureaugesicht und einen unangenehmen, schrägen Blick, stand in Port Said – diesem Spucknapf der Welt – mit einem kleinen Koffer an der Reling und starrte in das buntfarbige, übel verrufene und übel riechende Gewimmel hinein. Viel Gesindel brodelt mit lautem Geschrei in allen Zungen in diesem heißen, stinkenden Spucknapf. Herr Schramm, die Augen mit Brille und Kneifer doppelt bewaffnet, beobachtete jeden, der an oder von Bord ging. Erbenheim lüftete den Hut. »Sie erwarten wohl jemand?« »Ja, ich erwarte S. Hoheit, den Khedive, der mich begrüßen will,« lautete die höhnische Antwort. Sobald das Schiff sich bewegte, nahm der Herr ohne Ärger seinen Koffer und ging in seine Kabine, wo er eine Flasche Wein bestellte und einsam, wahrscheinlich auf Port Saids oder des Khediven Wohl, leerte. Hinter dem Kap Guardafui blies der Monsun so kräftig, daß der blaßgrünliche Jammer alle befiel. Nur der Offizier a. D. stand stark und stolz auf Deck und schaute nach Westen, wo die gewaltige Masse des dunklen Erdteils liegen mußte. Der Sturm legte sich, die lang rollende Dünung wurde zum blendenden Tropenmeer. Der Schweigsame sah Afrika zuerst und schrie durch die Gänge: Land, Land! Waren das Berge, die am Horizonte bläulich schimmerten? Ja, die Berge von Usambara, die den Afrikafahrer zuerst begrüßen. Die Küste tauchte auf und enttäuschte aufs angenehmste Erbs sehr niedrig gespannte Erwartung; denn die frischgrüne Küste hatte einen schmucken Saum von schlanken Kokos- und Dumpalmen, von dunklen Mango- und Papayabäumen. Die Schraube wirbelte, das Schiff eilte am bewaldeten Ufer entlang durch eine schmale Einfahrt. Plötzlich lag der Hafenort, lag Tanga gerade und ganz überraschend vor dem Bug des Schiffes. Unter den Küstenstädten ist Tanga eine afrikanische Schönheit, die auch das Auge, das Ansprüche macht, erfreut und fesselt. Auf der Landzunge wacht der Leuchtturm, daneben liegt die weiße Erholungsstätte für Europäer, die nach dem hartnäckigen Kampf mit Moskitos und Malaria Heilung suchen. Zwischen Korallenriffen gleitet das Schiff in das herrliche, von arabischen Dhaus belebte Hafenbecken, und als majestätischer Hintergrund stehen die blauen Berge. Passagiere, Güter wurden ausgeschifft. Herr Schramm, mit doppeltem Glase das Auge bewaffnet, stand wiederum mit seinem Köfferchen, das nicht viel enthalten konnte, an der Reling und guckte und ging nicht mit den andren. Als aber das Schiff aus dem Hafen dampfte, war der merkwürdige Monsieur verschwunden. Entweder mußte er über Bord oder in die Händler-Dhau zuallerletzt hineingesprungen sein. Daressalam! riefen viele Stimmen. Ein Fischerdorf war es gewesen und nach einem schnellen Wachstum die Hauptstadt der Kolonie geworden. Uniformierte Beamte – sie begleiten und behüten den deutschen Bürger von der Wiege bis zum Grabe –, Hafenarzt und Hafenpolizei kletterten an Bord. Die einen fragten teilnahmsvoll nach dem Befinden, die anderen nach den Papieren, rannten durch alle Kajüten und riefen nach einem gewissen Herrn Rabe. Aber kein Rabe und keine Krähe meldete sich. Die zwei Herren der afrikanischen Hermandad traten von hinten an Erbenheim heran, so daß sie nötigenfalls mit einem Griff zupacken konnten, beäugten ihn frech und fragten nach dem Paß. Er hatte ja eine Legitimation, sogar ein Zeugnis seiner tadellosen Führung im – Gefängnis zu F. in der Tasche, doch den Paß wollte er um keinen Preis vorzeigen. Hochmütig schnarrte er: »Von Erbenheim, werde von meinem Onkel, einem alten Afrikaner, empfangen.« Die Herren wurden höflich, sobald sie das Wörtlein von, das eine kuriose Wirkung auf gewisse Menschen hat, vernahmen. Der eine blätterte: »Das telegraphisch mitgeteilte Signalement paßt nicht, wir sind auf falscher Fährte.« »Wen suchen Sie?« »Einen ganz großen Gauner!« Erb lächelte spöttisch. »Hat er eine lehmgraue, schmutzige Gesichtsfarbe, hm ... und spaßig große Löffel, hm ... und vom rechten Ohrläppchen fehlt ein Happen, hm ...?« »Donnerwetter! Das ist der Kerl! Sind Sie Krimina–? Nein? Wo ... wo ist er? 3000 Mark Belohnung sind ausgesetzt! Der Rabe ist ein Defraudant, ein Buchhalter, der der Westfälischen Bank 160 000 Mark geklaut hat.« »Der Herr ohne Ohrläppchen und mit 160 000 Em ist in Tanga von Bord gegangen.« » Goddam, Goddam! « Die deutsche Polizei erleichterte ihr deutsches Gemüt in englischen Flüchen. Der Passagier, der sich über das lange Gesicht der Polizisten amüsierte, machte auf dem Lande ein ebenso langes. Er hatte nämlich einen Empfang erwartet. Ein wohlgekleideter, würdevoller Gentleman suchte unter seinem Schirm Schatten und mit den Augen unter den Ankömmlingen irgend etwas. Das mußte er sein! Erb zog verbindlich den Hut. »Habe ich die Ehre, mit Herrn Jobst Renner zu sprechen?« Der Wohlgekleidete rückte beleidigt mit den Schultern. »Mann ... Mister ... wofür halten Sie mich? Ich bin Herr Lehmann von der Firma Lehmann und Müller. Der olle Jobst ist an der ganzen Küste wie ein bunter Hund bekannt ... ja, das ist ein Kostgänger des Herrgotts, den werden Sie totsicher in einer Bier- oder Niggerkneipe finden.« Der Anfang in Afrika war nicht ermutigend. Erb schritt durch die Hitze, die ihn betäubte, dumm, schwer und schläfrig machte. Die scheußlichsten Hundstage in Hamburg waren ja im Vergleich zu diesem Back- und Brutofen eine angenehme Temperatur. Wo er eine Schenke witterte, schielte er durch die offnen Türen und Fenster. In den zwei besten Bierstuben saßen Europäer, tranken, rauchten oder spielten in Hemdsärmeln Billard. Der Gesuchte war offenbar – und Gott sei Dank – gar nicht im Wirtshause. Daher erkundigte er sich nach Jobst Renners Wohnung bei einem Passanten, der sofort grifflachte. »Da hinten unter den drei Palmen werden Sie Jobst zweifellos in der Niggerspelunke finden ... er macht seine Bier-Safari in diesen Tagen.« Das hieß Bierreise und bedeutete nichts Gutes. Der Neuling stutzte, entschloß sich aber, die Suche nach dem braven Bruder seiner Mutter fortzusetzen, um ein klares Bild von diesem lieben Onkel zu gewinnen. Die Schenke war eine recht schmutzige Holzhütte mit einer Tonbank und einem Flaschenbord, mit lungernden Negern und ungeheuren Fliegenschwärmen. Die Suaheli, die ein rötliches Fez auf dem Wollhaar, ein langes, einst weiß gewesenes Hemd und nichts weiter auf dem Leibe trugen, machten mit einem höflichen Jambo bana , dem weißen Herrn Platz, nahmen sogar die Kopfbedeckung ab, wohl nur, um pfiffig-frech im Kauderwelsch der Küste zu fragen: »Wollen Ihr ausgeben ein Drink? Sehr viel heiß, Mister, sehr viel Durst.« Ein langer, ungemein magerer, aber muskulöser Mann, den die Tropensonne ganz braun gebrannt und völlig ausgedörrt hatte, lehnte an der Tonbank, leerte ein Glas Whisky, spülte mit Wasser nach und wischte sich den ergrauten Vollbart. Über der rechten Schulter hing die Büchse, im breiten Gürtel staken Bowiemesser und Revolver, die Waffen gehörten zu den besten ihrer Art, jedoch die lederne Hose war verschlissen, die Schnürschuhe schienen nie geputzt zu sein, die Jacke war von englischem Leder, nur der breitkrempige Hut war ein neuer und teurer Strohhut. Das gefurchte Gesicht war durch eine tiefe Narbe unter dem rechten Auge entstellt, auch am Hinterkopf war eine handgroße, haarfreie Stelle, so daß der Mann auf Schönheit keinen Anspruch machen konnte. Trotzdem hatte der rauhbeinige Hinterwäldler nichts Abstoßendes, sondern etwas Biderbes, Offnes, Echtdeutsches in seiner Erscheinung. Der Eingetretene sagte: »Ist Herr Renner hier?« Der Bärtige brummte, ohne sich umzuschauen: »Wer fragt so dumm? Wer in Daressalam kennt mich nicht?« »Einer, der soeben angekommen ist und Erb von Erbenheim heißt.« »Himmelkreuzdonnerwetter! Du bist schon da, mein Junge?« Renner schnellte herum, in seinen Bewegungen rasch und lebhaft wie ein Jüngling, und lachte – ein lustiges, herzliches, sympathisches Lachen. Aber das Gesicht verzerrte sich beim Lachen zu einer fürchterlichen, ja furchteinflößenden Grimasse. Weil nämlich eine schwere, schlecht verheilte Verletzung ein förmliches Narbenloch zurückgelassen und die Muskeln gelähmt hatte, blieb die rechte Gesichtshälfte völlig unbeweglich, während die linke schief und schrecklich sich verzerrte. Der Oheim gewahrte die schlecht verhehlte Enttäuschung, die unfreudige Überraschung des Neulings und neuen Neffen. »Also das ist mein lieber Schwestersohn, ein feiner, tadelloser Kerl, im tadellosen, pikfeinen Tropenanzug schon ein ganzer Afrikaner. Du entsprichst vollkommen meinen Erwartungen und Hoffnungen.« Erb merkte Ironie, und Renner lachte noch schiefer und schrecklicher. »Du denkst jedenfalls: Na, das ist ja ein reizender und rührender Onkel! Du hättest dir ihn anders, als reichen, barschen, Befehle brüllenden Pflanzer mit der Nilpferdpeitsche in der Hand, vorgestellt. Du hättest ihn in besserer Gesellschaft und nicht unter diesem dreckigen Niggergelichter gesucht, nicht wahr?« »Ja und noch einmal ja! Doch ich werde dich nehmen, wie du bist, und ich werde aus der Verwandtschaft möglichst viel Nutzen ziehen.« »Du bist ein aufrichtiger Kerl und ein Mitteleuropäer, aus dem vielleicht ein Afrikaner werden kann. Du kommst nicht aus purem Edelmut, um den schwarzen Erdteil der Zivilisation zu erschließen, sondern mit einem gesunden Egoismus.« Renner schüttelte jetzt die Hand des Neffen und wurde zutraulicher. »Hast es schlecht getroffen ... ich habe nämlich meine Durstperiode jetzt ... will es dir erklären, warum ich in den Biertempeln sitze. Das Kamel kann und muß oft wochenlang durch dürre Wüste wandern, ohne einen Tropfen zu bekommen, wenn es aber eine Oase erreicht, säuft es seine fünfzig Eimer, um sich für die Abstinenz schadlos zu halten und seinen Riesendurst zu löschen. So ein altes, unverbesserliches Kamel bin und bleibe ich auch. Wenn ich wochenlang schmachten mußte, hat sich naturgemäß ein gigantischer Durst angesammelt ... diesen aufgespeicherten Riesendurst lösche ich, sobald ich Daressalam oder eine andere Oase erreiche, indem ich von Kneipe zu Kneipe wallfahre.« Erb war nicht sehr erbaut von dieser Beichte, konnte aber an dem neuen Oheim keine Betrunkenheit feststellen. »Du brauchst mir nicht Moral zu predigen, mein lieber Neffe, ich weiß selber, daß ich ein Kamel und Esel bin. Es ist eine Saudummheit, die schönen Rupien diesem Spitzbuben zu geben.« Jobst blinzelte pfiffig. »Hier liegt die Sache etwas anders, hier saufe ich nicht aus Dummheit, sondern aus kluger Berechnung. Dieser schwarze Ehrenmann, der Wirt, schuldet mir nämlich 33 Rupien, die er in Ewigkeit nicht bezahlen wird, und die ich versaufen muß, um zu meinem Gelde zu kommen. Was nimmst du, mein Junge? O, wie du mich an meine Schwester erinnerst! Whisky oder Bier?« »Ich trinke nichts, in den Tropen soll man keinen Alkohol trinken, wenn man gesund bleiben will.« »Was quasselt das Grünhorn, ehe es noch in den Tropen warm geworden ist?« »O, ich bin gründlich warm geworden.« Jobst kraute sich. »Mit dem Alkohol kennt man sich nicht aus. Der alte Händler Hopfer, der seit 55 Jahren Hunderte von Hektolitern vertilgt hat, ist jetzt 75 Jahre und kerngesund ... mein Freund Abel dagegen, der Pflanzer, hatte zwei Söhne, die in den Tropen keinen Tropfen Alkohol tranken und dennoch starben, als sie 10 und 12 Jahre alt waren. Ich für meine Person will lieber fünf Schnäpse von deinem Fusel, Bakuna,« – so hieß der Wirt – »als ein Gramm Chinin schlucken.« Erb wunderte sich, daß die Schwarzen in der Schenke den alten, schnurrigen Patron sehr höflich behandelten, ihn Bana Bunduki – d. h. Herr Flinte – titulierten und sehr devot, sobald er auf Kisuaheli mit ihnen sprach, den Fez herunterrissen. Auf seine Frage, was der Titel bedeute, lachte der Onkel. »Bei allen Negern heiße ich Herr Flinte.« Der Wirt Bakuna, der deutsch radebrach, erklärte: »Mister Renner hat Zauberflinte, hat 100 Simbas und 100 Elefanten geschossen, Mister Bunduki schießt Licht aus, schießt Ohr weg ... wo er vorher sagt, trifft seine Kugel Fliege an Wand, Laus an Hemd.« »Deine Flinte fehlt nie? Du bist wohl ein Freischütz?« »Unsinn, ich habe eine ausgezeichnete, doppelläufige Büchse ... wenn sie unter 500 Schüssen einmal ihre Pflicht nicht tut, wird es totsicher dann sein, wenn ein Löwe auf zehn Schritt mich annimmt.« »Ist die Narbe der Denkzettel einer Löwenplanke?« »Nee, das ist eine kleine Erinnerung an die entsetzliche Expedition des Hauptmanns von Zelewski, die ich als Pfadfinder, als Scout, wie der Deutsche sagt, mitmachte.« »O, von dem Überfall las ich mit Schauder, der ganze Zug, 10 Weiße und 250 Askaris, wurde massakriert.« »Nee,« sagte Jobst trocken, »denn ich war vorne und lebe noch ... ein langer Mhehe rannte mir den Speer durch die Backe, alle lagen tot um mich her und ich hinter einem Felsen ... nachher lief ich und steckte die Zunge durch das Loch der Backe, um besser jappen zu können, denn der Schlund war voll von Blut.« »Erzähle!« Der Offizier a. D. war Feuer und Flamme. »Was kann man den Herren, die es aus Büchern weit besser wissen, noch erzählen! Berichtet man etwas, das nicht im Buche steht, so heißt es: Au, der alte Jobst lügt wie ein Königlich preußischer Oberförster und gibt Afrikanerlatein zum Besten. Ein andres Mal!« Bana Bunduki verhandelte mit den Negern, die um so aufgeregter gestikulierten, je gleichmütiger er seinen Bart harkte. Zuletzt legte er ein Papier hin, darauf sie nach langem Geplapper ein Zeichen malten. Ein Vertrag schien geschlossen, den Jobst dadurch besiegelte, daß er eine Runde »Niggertod« ausgab. Die Neger nennen in Selbstpersiflage den Rum, der ihnen Verderben bringt, Niggertod. Die Schwarzen hatten bisher den alten Jobst mit großem Respekt behandelt. Da betrat ein riesiger Neger, ein Träger aus Unjamwesi, der offenbar Jobst kannte, die Schenke, betrachtete das gerötete Gesicht des Deutschen, blinzelte den andren zu und sagte: »Na, alter Bunduki, bist du auf deiner Suff-Safari? Du gibst ein Glas Rum für mich aus.« Jobst war in dem Moment ein anderer Mann geworden, und seine Miene eisig. »Ja, hier ist dein Glas, trinke dein Niggerbier!« Ruhig stellte er das schmutzige Wasserglas, in dem der Schaumabstreicher stand, dem Mann aus Unjamwesi vor die Nase hin. Der Schwarze hatte bös funkelnde Augen, nahm das Glas und machte Miene, das Schmutzwasser dem Europäer ins Gesicht zu schleudern. Doch er kam nicht so weit. Ein blitzschneller Griff der sehnigen Faust, ein japanischer Griff, der den Negerarm nach hinten drehte, machte den Halunken wehrlos und auch höflich. »Bana Bunduki, sei mir nicht böse, laß mich los! Ich habe kein Geld und will bloß riechen, bloß eine Nase voll vom Rumgeruch.« Der Neger ist, wo er es bieten kann, unglaublich frech, wo er aber seinen Herrn findet, so beispiellos bescheiden in seinen Ansprüchen, daß er mit dem Einatmen des abscheulischen Alkoholdunstes sich begnügt. Um wenigstens den widerlichen Wirtshausgeruch zu bekommen, lungern die schwarzen Kerle, die keinen Heller an der Schnur haben, stundenlang in der Schenke herum. Jobst Renner brummte gutmütig: »Ich kann keinen Menschen schmachten sehen ... Wirt, gib der schwarzen Seele auf den Schreck einen Niggertod! Gib den Burschen allen einen Rum zum Abschied!« Er warf das Geld auf die Tonbank. Nachdem er sein Glas geleert, nickte er seinem Neffen zu: »Wir wollen Schluß machen, damit ich nicht in deinem ersten Heimbericht als vollkommen verkafferter Alkoholiker geschildert werde. Mein Junge, dein Anfang in Afrika ist eine Enttäuschung ... du hattest mich als großen Herrn mit dem Kiboko in der Hand, mit einem kriechenden Sklaven vorn und hinten dir gedacht, und du findest mich in der Negerspelunke als verkafferten, versoffenen Afrikaner, haha, jaja ... daher merke dir: Es kommt in Afrika meist ganz anders, als man gedacht hat.« Er kehrte sich halb um und rief: »Guten Abend! Daß ihr Kerle übermorgen rechtzeitig am Platze seid ... ihr kennt den alten Jobst.« »Ja, wir kennen Euch, Bana Bunduki, wir kommen.« Die Neger rissen den Fez vom Kopfe und dienerten. Erb fiel von einem Erstaunen ins andere. Der Onkel lächelte. »Merke dir einen zweiten afrikanischen Lehrsatz! Die Schwarzen sind als Kinder schon erwachsen und als Erwachsene noch Kinder, demgemäß behandle ich sie gut und freundlich, ja mit Nachsicht lasse ich ihre Torheiten und Dummheiten durchgehen ... bis zu einem gewisse Punkte ... bei der geringsten Frechheit muß man zupacken und einige Hiebe nicht scheuen. Der Neger als Kind kann ohne Prügel nicht erzogen werden.« Sie gingen über den von der Sonne verdorrten, staubigen Vorplatz der Schenke, über den zwei arabische Bastarde in lebhaftem Geschnatter kamen. Plötzlich hüpften diese beiden wie die Heuschrecken über die Büsche hinweg und heulten: »Schlange, Schlange!« Dort war das giftige, schnell sich windende Reptil. Eine Puffotter zischte und zielte nach Erb und hatte zum Stoße sich aufgerichtet. Noch ehe der Neuling zur Besinnung kam, hatte der rasend rasche Vorfall sich abgespielt. Jobst tanzte einen possierlichen Schuhplattler, hüpfte auf dem linken Bein und hob den rechten, schwer besohlten Fuß, der die Schlange traf und mit großartiger Präzision ihr den Kopf in den Sand trat. In der Hand blitzte ein Messer. Ein Schnitt! Und der kopflose Körper der Schlange wand sich in Todeszuckungen, während der Kopf sein Gift in die Stiefelsohle spie und zermalmt wurde. Das etwas gemischte Gefühl, das der Deutsche für den neuen Onkel hegte, schlug in Hochachtung um. Jobst lachte laut: »Haha, meine Aktien steigen! Nimm dir daraus eine Lehre: In Afrika muß man immer beide Augen offen halten, denn hier kann man verdammt schnell und auf vielerlei Weise ins Jenseits befördert werden.« Jobst brachte seinen Neffen nach einem guten Hotel. »Ich schlafe in meinem Zelt, einmal um den Schuppen, in dem schon viele Lasten der Karawane, die ich begleiten soll, lagern, zu bewachen, hauptsächlich, weil ich in der drückenden Zimmerluft sofort Asthma bekomme. Seit vielen Jahren habe ich nicht mehr zwischen Stein- und Holzwänden geschlafen. Morgen früh bin ich rechtzeitig hier.« Erb schlief sehr gut, denn die Tropenschwüle wich einer angenehmen Kühle, die eine vom Meer wehende Brise brachte. Mit Behagen hörte er das Summen der Moskitos, ihr Gesurre klang wie ein erbostes Gemurre, weil sie ihm in seinem Netz nichts anhaben konnten. Als er aufwachte, stand Jobst am Bett und lachte. »Das nenne ich allerdings rechtzeitig.« »Wenn mir ein Grünhorn per Postschiff geschickt wird, muß ich den afrikanischen Schulmeister spielen ... weil der Tag heiß und von zehn bis vier Uhr oft unerträglich wird, muß er früh angefangen werden.« Erb wunderte sich im stillen, daß der Alte so frisch und fidel und trotz des Alkoholkonsums keine Spur von Katzenjammer zu entdecken war. Der hagere Mann, der nur aus Haut und Knochen bestand, mußte eine Bärennatur besitzen. Sie frühstückten im Hotel. Erb wurde angenehm überrascht, denn der Oheim trank Sauerbrunnen und erklärte mit ergötzlicher Selbstpersiflage: »Ich altes Kamel habe drei Tage lang meinen Durst gelöscht, gestern war Schluß, heute wird kein Alkohol getrunken, und morgen marschieren wir ins Innere.« »Wir?« Der Onkel schmunzelte, gabelte schnell und aß gewaltig. Nachdem er seinen Hunger gefüllt, erklärte er: »Safari ist die Reise mit Trägern, die einzige, die hierzulande möglich ist, solange der deutsche Reichstag nicht mehr Eisenbahnen bewilligt. Möge Gott das Reich erhalten und der Teufel den Reichstag holen! Morgen bricht die Karawane auf, um über Tabora nach dem Tanganjika zu gehen, ein netter, kleiner Marsch von 170 Meilen. Fünfzig Askaris, die der Oberleutnant F. befehligt, sollen die Stationen im Westen verstärken und 300 Träger, die Munition und alle möglichen Vorräte schleppen, auf dem Marsche beschützen. Ich bin als Pfadfinder und Führer mit Handgeld gedungen und mit Handschlag vereidigt worden, weil ich elfmal am See gewesen.« »Und ich?« »Du kannst entweder hier bleiben und Maulaffen feilhalten oder als mein Gehilfe mitgehen und Afrika kennen lernen.« »Nimm mich als Lehrling mit! Ich will willig und fleißig sein und werde einen guten Meister haben.« »Pstt! Sag das nicht laut! Ich habe nämlich die ehrliche Absicht, für meinen Gehilfen vom Gouvernement Handgeld, Lohn und Verpflegungsgelder herauszuschlagen ... du kannst es gewiß brauchen für deine Ausrüstung.« »Ich bin von dem besten Tropengeschäft in Hamburg mit allem versehen worden.« »Soso, laß mal sehen!« Jobst prüfte mit einem lauernden Blick und mit dreist wühlenden Zöllnerfingern den Inhalt der Koffer und hustete trocken: Die feinen Tropensachen seien sehr gut – für die jungen Afrikaner, die in Daressalam hin und her bummeln und zu Hause den Hamburgern von ihren Löwenjagden haarsträubendes Löwenlatein erzählen. Er warf vieles als Firlefanz bei Seite und lobte manches. »In diesem geschniegelten Anzug kann ich dich nicht als meinen Gehilfen vorstellen ... die Kerle im Bureau würden mich auslachen. Wir müssen erst aus dem Grünhorn einen älteren Afrikaner machen. Komm mit!« Selbander gingen sie in ein Geschäft, das kein Inder – eine Menschenrasse, die Jobst haßte –, sondern ein Deutscher führte. Zwei derbe Kord- und Khakianzüge, auch starke Stiefel, Schuhe, Wickelgamaschen wurden ausgesucht. Der Neffe mußte alles, auch einen Ledergürtel mit Bowiemesser, Patronentasche und Browning, an- und umlegen und einen Tropenkorkhut auf seine Haare stülpen. Dann kam die Frage: »Was hast du an Schießprügeln mitgebracht? Hochmodernes, hochnäsiges Zeug?« »Eine Jagdflinte und ein Magazingewehr, einen vorzüglichen Mehrlader, bei dem Ziel- und Treffpunkt zusammenfallen.« »Den kannst du behalten, nur ist der Mehrlader zu kompliziert, muß alle Tage geölt und gepflegt werden, wenn sein Mechanismus nicht im kritischen Moment versagen soll.« Der alte Pfadfinder ließ sich Waffen vorlegen, prüfte mit Sorgfalt und wählte eine Winchesterflinte und eine schwerkalibrige Elefantenbüchse, hörte den Preis, als wenn er taub wäre, und feilschte lange. Erb zog seine Börse, um das Gekaufte zu bezahlen. Der Onkel ließ ihn gewähren, sah mit stillem Lächeln das unbewegte, aristokratische Gesicht und legte die Hand auf das Geld, als der Händler es in seine Kasse raffen wollte. »Du dummer und dummstolzer Bursche! Ich habe versprochen, Vaterstelle an dir zu vertreten.« Der Alte hatte eine umständliche Zahlungsmethode, zog den Rock, den Gürtel aus, öffnete das Hemd und gelangte endlich an die Ledertasche, die an einem Lederbande auf der bloßen, behaarten Brust hing. Erb sah mit Erstaunen, daß dieser Geldbehälter bedeutende Summen, wohl zwanzig bis dreißigtausend Rupien, enthielt. Jobst lachte trocken. »Du wirst mich doch nicht draußen in der Wildnis abmucksen ... ich lasse sonst keinen einen Blick in meine Bank tun ... zu viele Spitzbuben, Diebe und Hochstapler laufen in Afrika herum.« Erb, dem das Feuer in die Wangen fuhr, sah aus dem Fenster, um sich zu fassen. War das auf ihn gemünzt? Auf ihn und seinen Diebstahl? Die Deutschen verließen den Laden und passierten eine Schenke. Obgleich es noch nicht acht Uhr war, brach der Schweiß aus allen Poren. Jobst schielte nach der Bierquelle, und sein durstiger Begleiter meinte: »Möchtest du gern, so kehren wir ein.« »Ja, ja, ich möchte für mein Leben gern zwei bis drei Liter von dem kühlen, königlichen Getränk schlürfen, aber ich darf ja nicht, ich habe mir selbst befohlen: Keinen Tropfen mehr! Und ich kann und darf nicht meinen Befehl widerrufen.« Erb freute sich sehr, daß sein Oheim trotz allem ein fester und freier Mann sei. Da beguckte ihn der Alte von oben bis unten und kraute sich. »Verdammig, du bist wie aus dem Ei gepellt, blitzblank aus dem Laden gekommen ... hm, da merken die Schreiber eine Vorspiegelung falscher Tatsachen ... verzeihe, aber ich muß dich mit afrikanischer Erde taufen und ein paarmal im Staube dich wälzen.« Erb, ganz überrumpelt, fügte sich dem tollen Einfall, wurde im Sande gerollt und mit Wohlgefallen betrachtet. »Nun kannst du zur Not als Afrikaner passieren ... ich will ins Bureau gehen und alles vorbereiten.« Bald kam Jobst heraus aus dem Bureau und forderte seinen bestaubten Neffen auf, hineinzuspazieren und nichts als All right zu sagen. Erb erhielt eine Feder, um seinen Namen zweimal zu schreiben, und 300 Rupien in Rollen und war zu seiner maßlosen Überraschung wohlbestallter Führer in einem Lande, das ihm genau so bekannt wie der Nord- oder Südpol war. »Wie hast du das angefangen?« stotterte er den Alten an, der grifflachte und keine Staatsgeheimnisse verraten wollte. »Ich fürchte ... unser Betrug wird wohl kurze Beine haben. Ich geh' hinein und sage offen, wie es ist.« Jobst lachte aus vollem Halse. »Ich habe natürlich dir und nicht dem deutschen Gouvernement einen Bären aufgebunden ... o, die Herren am grünen Tisch sind so gewitzigt, daß sie das Gras wachsen hören ... die wissen Bescheid. Dein Äußeres hatte mir zu viel Glanz und Firnis, und es machte mir zu viel Spaß, deine europäische Appretur mit unsrem Sande abzureiben, darum wälzte ich dich, wie der Hund den Igel.« Erb biß sich auf die Lippen; solche Späße, wenn man Gegenstand derselben ist, bereiten kein Vergnügen. »Lache nur! Es ist ein Lehrgeld, das ich gern zahle.« Der Onkel schlug einen Richtweg durch eine Plantage von Kokospalmen ein, die in dem Küstenklima nur in einem vierzig bis fünfzig Kilometer breiten Gürtel gedeihen. Er hielt sich mitten in der schnurgeraden Schneise zwischen den Reihen, die zehn Meter voneinander standen, der junge Afrikaner aber suchte unter der Fächerkrone und nahe dem Stamme ein wenig Schatten vor den sengenden Strahlen. Wiederum ein Lachen und Auslachen! »Geh lieber weg da! Die Bäume schießen und schleudern Bomben ... Die Kokosnüsse reifen ja zu ganz verschiedenen Zeiten ... wenn so eine Nuß herunterfällt und richtig trifft, schlägt sie sogar in einen zehnzölligen Negerschädel ein gehöriges Loch.« Erb sprang geschwind mitten in die Schneise. »Daher wohl das Wort: Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen. Es ist nicht gerade angenehm, auf Schritt und Tritt den Dummen zu spielen.« »O, du wirst als frisch importierter Europäer noch ganz andere Sottisen in Afrika begehen,« tröstete Jobst. Im Hotel wieder angekommen, suchte er aus dem Gepäck des Neffen das für die Reise Notwendige und Nützliche heraus, das er geschickt verpackte und verschnürte, und so genau traf er das Gewicht, daß jede Last ca. 60 Pfund wog. Mehr kann kein Neger Hunderte von Meilen auf Kopf oder Schulter tragen; das ist schon in der Sonnenglut eine wahrhaft große Arbeitsleistung der als faul verschrienen schwarzen Rasse. Der junge Afrikaner sah dem alten auf die Finger, merkte sich jeden Griff und jeden Knoten; und als er allein war, übte er sich, die Lasten aufzulösen und wieder kunstgerecht zu verschnüren, bis es ihm flink und fehllos gelang. Früh um fünf Uhr versammelte sich die Karawane auf einem freien Platz vor der Stadt, die beiden Führer, die fünfzig Askaris, zum Teil altgediente Sudanesen, zum Teil frisch angeworbene Wanjamwesi- und andere Negerrekruten, von einem Oberleutnant und zwei weißen Unteroffizieren befehligt, erschienen zuerst. Renner hatte 300 Träger in den Niggerkneipen angeworben, aber 7–800 Menschen von tiefschwarzer, schwarzbrauner und schmutzig angebräunter Farbe – die letztere verriet den Bastard – sammelten sich. Waren 500 mehr, als angeworben waren, und trotzdem fing Jobst an zu fluchen, denn das wimmelte und schnatterte durcheinander und stiebitzte gern. Die vielzuvielen waren die Frauen, Freunde und Verwandten der Träger, die, mit Pombetöpfen und Rumflaschen bewaffnet, den Scheidenden das Geleit gaben und unter fürchterlichem Geschnatter, jedoch ohne Tränen, Abschied nahmen. Die Träger wurden aufgerufen und eingetragen, was ein schwieriges Geschäft, sintemal der Neger seinen Namen ohne Standesamt nach Gutdünken wählt und – wenn er etwas auf dem Kerbholz hat – wechselt, so daß er als Abdullah stirbt, um als Hammarabi lustig weiter zu leben. Zwei Flinten fehlten. Goddam, Goddam ! Jobst drückte seinem Gehilfen die Nilpferdpeitsche in die Hand: »Halte den Raum, wo die Lasten liegen, von dem Gelichter frei!« Das war kein angenehmer Auftrag, denn die Negermännlein, -weiblein und -fräuleins waren dreist wie Wespen, diebisch wie Elstern und gehorchten nur, wenn es kräftig auf ihren nackten Rücken klatschte. Bis neun Uhr kamen die Nachzügler angekeucht, den Wassertopf, mit Pombe angefüllt, in der Hand. Nur fünf Träger fanden sich nicht ein, was den Oberleutnant mit solcher Befriedigung erfüllte, daß er dem Pfadfinder sagte: »Sonst fehlten immer fünf bis zehn Prozent .... Sie haben die Bande am Bande ... wie bringen Sie das fertig?« »Ich behandle sie wie große, gescheite Kinder. Die Neger wissen, daß ich sie in Krankheit und Not nicht liegen lasse ... die Schwarzen besitzen keine Spur von Dankbarkeit, wohl aber die Klugheit, da zu bleiben, wo ihnen ihr Recht wird.« Die Safari setzte sich in Bewegung, Männer, Weiber und Kinder liefen nebenher, lachten, weinten und lärmten. Vierter Abschnitt. Der erste Tagesmarsch der Safari war kurz, nach zwei Stunden wurde das Lager aufgeschlagen. So wird es stets gehalten, einmal um Vergessenes schnell herbeizuschaffen und Nachzügler zu erwarten, besonders aber, um die Leute nicht gleich durch Strapazen kopfscheu zu machen, sondern gelinde von der Küste wegzubringen. Am Morgen wimmelte es im Lager von Leuten, die nicht dahin gehörten. Die Askaris haben meist eine oder zwei Frauen oder Freundinnen, mit denen sie in zahmer oder wilder Ehe leben. Die Träger wurden von ihrer ganzen Sippschaft begleitet. Das Geschnatter wurde zum Schmerzgeheul, als der Befehl erging, das Lager zu verlassen. Die Pfadfinder nahmen zehn Askaris und trieben die heulende Horde vor sich her und nach der Küste zurück. Jobst fragte seinen Neffen: »Hast du schon einen Boy, wie der gute Deutsche hier sagt, einen Leibdiener und Burschen zu deiner persönlichen Aufwartung und zu deinem täglichen Ärger?« »Nein.« »Dann müssen wir einen haben.« Der Afrikaner griff in die Horde hinein und holte einen siebzehnjährigen Bengel heraus, der ein freundlich-pfiffig-freches Gesicht, die dicken Lippen, die platte Nase, die fletschenden Zähne seiner Rasse und als besonderes Kennzeichen auf dem ganzen Hinterkopf eine Tonsur, einen haarlosen, häßlichen Hinterschädel hatte. »He, hast du einen Vater?« »Ich weiß nicht, Bana, ob ich einen habe.« »Hast du eine Mutter?« »Da geht sie.« »Gut, willst du Boy bei diesem Herrn sein? Viel Essen kriegst du, fünf Rupien im Monat und sechs, wenn du nicht stiehlst.« Bei diesen Aussichten strahlte das schwarze Gesicht. »Wie heißt du denn?« »Simba.« Es war zum Lachen, daß der Knirps Simba, d. i. Löwe, hieß. »Haha, bist du so ein Löwenkerl, oder hast du einen Löwen getötet?« »Nein, ein Löwe hat mich nachts aus dem Hause geholt, im Rachen eine Strecke fortgetragen und mir die Kopfhaut abgerissen, darum heiße ich Simba.« Das Weib, das er als seine Mutter bezeichnet hatte, näherte sich aufgeregt, wie eine Löwin, der man ihre Welpen nehmen will. Sie hielt den Bengel, der sich energisch der Mutterzärtlichkeit zu entwinden versuchte, mit beiden Armen und beteuerte unter Tränen, daß sie sich ihren Sohn nicht vom Herzen reißen lasse, auf keinen Fall, um keinen Preis – wenn sie nicht fünf Rupien erhalte. Als das Geld gezahlt war, erklärte sie seelenruhig: »Bana, wenn du zehn Rupien gibst, kannst du den Bengel für immer behalten.« Der Bursche fürchtete, daß seine glänzende Stellung ihm entgehen könne, wischte ihr unter den Armen weg, lief dem Lager zu und machte eine lange Nase, was sein gerührter Abschied von der Mutter war. Die schwarzen Afrikaner sind Gemütsmenschen. Das Weib bellte erbost: »Der Balg ist nicht mein Sohn, ich habe den Bastard auf der Straße gefunden.« Simba schien, wie viele Neger, weder einen Vater noch eine Mutter zu haben und war ein unerzogener Schmutzfink, der eine dunkle und dreckige Haut und einen sehr hellen Verstand hatte. Was er in den ersten vierzehn Tagen vertilgte, war schier unheimlich; der arme Kerl war offenbar großgehungert und großgeprügelt worden und ein schwarzes Ziehkind gewesen. Die Safari brach auf, um am zweiten Marschtage dreieinhalb deutsche Meilen zu machen. Die sonnverbrannte Steppe bot auf allen Seiten das gleiche, gluterfüllte Bild des öden, grellen Einerlei. Die Negerpfade liefen hier in der Küstennähe kreuz und quer. Die Führer waren an der Spitze, scheinbar gedankenlos und unachtsam stapfte Jobst vorwärts, sodaß der junge Mann bedenklich fragte: »Ich fände nicht nach Daressalam zurück ... hast du auf den Weg und die Himmelsrichtung geachtet? Nach meiner Meinung gehen wir zu weit nach links, zuweit nach Süden ...« »Unsinn! Noch mehr links wollen wir halten.« »Sieh doch mal den Sonnenstand dir an! Wir gehen falsch ... ganz falsch ...« »Willst du mich belehren? Ich habe zwanzigmal den Weg nach Tabora gemacht, im Halbdunkel und Halbdusel fände ich die Wasserstellen bis dahin. Das Grünhorn hat vergessen, daß hier die Sonne im Norden steht, sintemal wir südlich vom Äquator sind.« »O, ich Dummkopf!« »Laß die Neger nicht hören, daß sie einen so landeskundigen Pfadfinder haben, sie könnten das Vertrauen zu unserer Führung verlieren.« Erb blickte von einer höheren Erdwelle zurück. Die Negerpfade gestatten nur die Kolonne zu einem, den Gänsemarsch. Der endlose Menschenzug dehnte sich über zwei Kilometer und sah aus wie ein spindeldürres, tausendfüßiges Riesenreptil, das durch die Steppe in Schlangenwindungen kroch. »Wie der Tausendfuß unserer Safari sich schlängelt! Ist das nicht schön?« »Nein, das ist infam! Nimm unsren Esel und treibe die Nachzügler vorwärts, damit die letzten sich nicht drücken mit ihrer Last!« Erb bestieg den Maskatesel und fühlte den Auftrag aus. Mit den Fingern hielt er sich die Nase fest zu, denn ein grauenhafter Geruch umwob die Trägerkolonne und schlug ihm wie stinkendes Aas ins Gesicht. War das die berüchtigte Ausdünstung des schwitzenden Negers? Rochen die Kerle so pestilenzialisch? Nein, sie trugen am Schurz große Stücke getrockneten Haifisch, der für die Schwarzen ein Leckerbissen und für die Weißen die wahre Pest ist. Der getrocknete, an der Küste billig verkaufte Haifisch riecht wie zehn faule Fische und ist dem Neger ein Wohlgeruch Arabiens und eine Speise der Götter. Die Wasserstelle ist stets der Rastort. Erb gab seinem Burschen, dem eine Generalreinigung not tat, ein Stück Seife. Nach einer Stunde war die Seife völlig verbraucht, Simba jedoch mit derselben Schmutzkruste bedeckt wie zuvor. Ins Gebet genommen, zeigte der Bengel mit der unschuldigsten Miene auf seinen Paus – er hatte die Seife innerlich angewandt und als Zukost zum trockenen Maisbrei verzehrt. Der Herr hat ihn gebadet und gebürstet und das Gebot »Du sollst dich dreimal täglich mit Seife waschen« ihm eingeschärft. Am dritten Tage hatte Erb ein halbes, gebratenes Perlhuhn im Blechkasten für seine Abendmahlzeit aufgehoben. Als er um sechs Uhr seinen Hunger stillen wollte, war der Kasten leer. »He, wo ist das Huhn?« Simba sah mit Unschuldmiene seinen Herrn an und sagte: »Huhn ist fort – fortgeflogen.« »Ja, in deinen Magen ist es hineinspaziert.« Der Diener bückte seinen Rücken, um seine Prügel hinzunehmen. Doch der Herr schärfte ihm das siebente Gebot ein mit dem Beschluß: »Wenn du das Gebot übertrittst, schreibe ich es dir mit dem Kiboko siebenmal auf deine Haut.« Zwei Tage hielt der Bursche das Gesetz Moses, aber am dritten fuhr er auf dem Wege von der Kochstelle zum Zelt mit den schmierigen Fingern in die Wildragoutschüssel seines Gebieters hinein und fischte die besten Stücke heraus, die er wie ein Pelikan verschlang. »Du Schwein!« brüllte es. Simba setzte schnell die Schüssel auf den Tisch, bog den Körper, bis der unedelste Teil alle edlen überragte, und bat: »Bana, schlage mich siebenmal!« Er betrachtete die Prügel als den Preis, den er für den unerlaubten Schmaus zahlen müsse. Trotz aller Belehrung konnte der Boy das Naschen nicht lassen, beichtete aber selbst nach einem Mundraub seine Sünde durch die gebückte Stellung. Alle Tage hörte man im Lager das Geheul irgendeines Delinquenten, der seine verdienten Hiebe bekam. Eine Unmenge von halbwüchsigen Burschen bildete nämlich das lästige, unvermeidliche Gefolge der Safari. Jeder Askari hatte seinen Boy, der ihn bediente, dafür, was von der Ration des schwarzhäutigen Herrn übrig blieb, und zwar nicht immer einen Lohn, wohl aber die Hoffnung auf ein paar Rupien und außerdem eine auskömmliche Anzahl von Ohrfeigen und Püffen erhielt. Sogar viele Träger hatten einen Buben gedungen, der ihren Wasserkessel und ihre Armseligkeiten trug, vom Abfall und Abhub sich ernähren mußte und natürlich auf jede Weise seinen Schakalhunger zu stillen bestrebt war. Alle Morgen vor fünf Uhr weckte der Bläser, denn bald kam die unbarmherzige Sonne. Um die paar kühleren Stunden zu benutzen, wurde nach einem Schnellimbiß aufgebrochen. Erb litt sehr unter der Hitze, klagte aber nie. Doch der Weg ärgerte ihn, wie jede Unvernunft den gesunden Menschenverstand in Harnisch bringt. Ein von vielen nackten Füßen ausgetretener Pfad, auf dem nur einer nach dem andern gehen konnte, der unglaubliche Windungen machte, jeden gestürzten Baum, jeden Termitenhügel, jeden Dornbusch, jedes Loch im weiten Bogen umging – das war die große Karawanenstraße nach Mpapua, die von Tausenden von Negern, Europäern, Arabern, Indern begangen wurde. Erb sagte ärgerlich: »Warum schaffen die Dummköpfe nicht die Hindernisse aus dem Weg? In Afrika scheint man nicht zu wissen, daß die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die gerade Linie ist.« Jobst lachte. »Der bequeme Neger bückt sich nicht und räumt nichts für sich selbst, geschweige denn für seinen Nachfolger und Nächsten aus dem Wege. Diese Straße ist für Afrika vorzüglich, auch die Wärme ist moderat ... wir haben nur 3O Grad Celsius im Schatten ... es kommt bald besser.« »Eine nette Glut!« »O jetzt, von August bis Dezember, haben wir die trockene, angenehm kühle Zeit im Lande, aber vom Dezember bis März, wo zwischen den Regen eine Treibhaustemperatur herrscht und das Thermometer auf 40 Grad steigt und ich manchmal den Rock ausziehen muß!« Erb guckte den Alten an, der tatsächlich bisher den Rock anbehalten und scheinbar nicht geschwitzt hatte. »Ja, du bist ausgedörrt und hast keine Flüssigkeit im Leibe.« Jobst grinste. »Nahm ich nicht in Daressalam Flüssigkeiten in Masse zu mir? Aber auf Safari trinke ich mäßig. Je mehr man trinkt, desto mehr man schwitzt.« – Der Weg führte durch eine Niederung, die mit dem zwei Meter hohen Elefantengras bestanden war. Durch die Grasmassen führte ein enger Pfadspalt, der, weil die welken Gräser gebrochen und oben zusammengefallen waren, einen förmlichen, fürchterlichen Tunnel bildete. Stunde um Stunde ging es in dem grauenhaften Grastunnel, in dem die Hitze, die Ausdünstung erstickend war. Der junge Afrikaner troff und trank von dem abscheulich lauen, mitgeführten Wasser in gierigen Zügen. Erb erlag fast der Hitze des Tunnels, ihm wurde schwarz vor den Augen, sein Atem keuchte. Der Oheim schielte nach ihm und sagte befehlend: »Setz dich auf den Esel und reite voraus, um festzustellen, ob die Hölle nicht bald aufhört!« Der Neuling blieb vor dem Hitzschlag bewahrt und wußte, daß der Befehl eine väterliche Fürsorge war. – – – Eine Buschlandschaft breitete sich von Kimmung zu Kimmung. In der Hoffnung, daß hier der Wildreichtum Ostafrikas sein werde, ließ Erb seinen Burschen, der zwei Flinten und Munition trug, neben sich gehen, und sobald sich etwas im Busch regte, riß er die Flinte hoch. Der alte Pfadfinder lachte ihn aus. »Du meinst wohl, daß die Löwen hier herumhüpfen, wie die Hasen in der Magdeburger Böhrde ... mancher hat zehn Jahre in Afrika gelebt, ohne einen Löwen zu Gesicht zu bekommen.« »Ich hatte nur die Absicht, uns einen Antilopenbraten zu verschaffen.« »Du wirst bis Mpapua kein Horn und keine Klaue, geschweige denn Raubwild, zu sehen bekommen. Ich wette einiges!« Simba mischte sich vorlaut ins Gespräch und fragte: »Will Bana Bunduki zehn Rupien mit mir wetten? Will Bana Bunduki wetten, daß hier keine Leoparden sind?« Der kleine Frechling hielt kühn die schmutzige Hand hin, um die Wette abzuschließen. Jobst sagte trocken: »Ja, ich wette, daß ich dir, du Halunke, zehn herunterhaue, wenn du mir nicht bis heute abend eine Leopardenfährte zeigst.« Der Bursche hatte eine halb verwischte Fährte im Sande gesehen. Sobald das nächste Lager aufgeschlagen war, schrie Simba bald: »Leopard, Leopard!« Er hielt nur ein paar gelbe Haare, die er von einem Busch gerupft, und behauptete: »Hier hat er sich die Zecken abgekratzt.« Jobst nickte: »Pfui, der Bengel beschämt mich durch seinen Scharfblick. Die Falle her!« Die Falle wurde mit Köder versehen und gut verankert. Im Halbdunkel des Frühmorgens kniff der Boy kräftig Erbs große Zehe, denn das ist die Weckmethode des Negers, der in dieser unsanft-wirksamen Weise seine schlaftrunkenen Genossen munter macht. Oheim und Neffe liefen hin, um die Falle zu untersuchen. Ein mächtiger Leopard kauerte auf dem Tellereisen, knurrte und fauchte. Die Bestie, die seltsamerweise nicht mit dem Fuß, sondern mit der Rute festsaß, biß in Raserei immer wütender in das Eisen und den eigenen Schweif hinein. »Simba, hol' einen Knüppel, wir wollen den Hund totschlagen, damit das schöne Fell heil bleibt!« Da – war es möglich? – der Leopard war frei, hatte seine Rute durchgebissen und duckte sich zum Sprunge. Erb war dieser Überraschung nicht gewachsen. Der Alte war es zum Glück – im Nu hatte er die Jacke vom Leibe, das Bowiemesser aus dem Gürtel gerissen, die Jacke um den linken, zur Abwehr erhobenen Arm gewickelt und das Messer in der stoßbereiten Rechten. Der Leopard, der nur in höchster Not oder Wut den Menschen annimmt, brüllte und sprang. Ein Biß – ein ruhiger, wuchtiger Stoß und Stich! Die Bestie lag tot, die Zähne waren durch die Jacke, aber nicht tief in den Arm gedrungen. Jobst wollte seine Wunde nicht beachten. Aber sein Neffe holte den sogenannten Doktor der Safari, einen Sanitätsunteroffizier, der als Arzt fungierte, mit Chinin und Rizinus große Heilerfolge erzielte und als Chirurg mehr leistete als mancher zunftgerechte Mediziner. Der Doktor desinfizierte die – oft bösartige – Bißwunde und legte einen Verband an. Jobst schob die abgehäutete Decke seinem Schützling hin: »Du kannst sie als Bettvorlage benutzen und als deinen ersten Leoparden vorzeigen.« Erb dankte freundlich und dachte nach. Nach einer leisen Unterredung mit seinem Boy ging er mit diesem spätabends in die mondhelle Steppe hinaus, bis sie ein von Schilf und einigen Sykomoren umstandenes Wasserloch erreichten. Der Neger las die Spuren der vielen Tiere, die hier zur Tränke kamen. Eine Leopardenfährte suchte er umsonst. Zuletzt sprang er mit einem Satz und Schrei auf die Füße: »Simba, Simba!« Beim Bart des Propheten, hier war ein Löwe gewesen! Der Deutsche versteckte sich im Schilf und harrte geduldig auf den ersten Löwen in freier Wildbahn. Der Mond schien hell, die heiseren Hyänen heulten. Ein herrlicher Anblick, die Zebras, die mit Lauschern und Nüstern sicherten, die Hartebeests, die Umschau hielten, zu beobachten. Die Tiere, die mit häufigem Hochschrecken des Kopfes den heftigen Durst löschten, witterten wohl den gefährlichen Menschen. Plötzlich erkletterte der schwarze Diener wie ein Affe eine Sykomore. Ein Körper flog durch die Luft. Auf dem Hartebeest lag ein Löwe und biß die Gurgel durch. Der Deutsche riß die Büchse hoch und zielte ruhig, wie auf der Rehbockjagd im Buchenwald. Ein Schuß ins Raubtierauge auf zehn Schritt! Der Löwe verreckte. Als Jobst am Morgen aufgeregt erzählte, es hätten Löwen in der Nacht gebrüllt, da holte Erb das Fell hervor. »Ich möchte dir mit dieser Löwenhaut ein Gegengeschenk machen.« »Donnerwetter, Donnerwetter! Mein Jung, das ist ein Löwe!« Der Alte war gerührt, wollte es aber nicht sein und schränkte sein Lob durch den ironischen Nachsatz ein: »Du hast ihn wohl schwerkrank oder als Kadaver gefunden? Übrigens sind die Löwen meist feige, der Elefant ist ein anständiger Gegner, und der Büffel der allerschlimmste Bruder.« Ein Trägerzug, dem man begegnete, erzählte, daß im Westen der Hunger im Lande und hunderttausend gestorben seien. Der Oberleutnant F., ein kurz angebundener Herr mit jener gelblichen Gesichtsfarbe, die langen Tropendienst und eine angegriffene Leber verrät, aber auch ein Mann, der bis ins Kleinste ums Wohl und Wehe seiner Leute sich kümmerte, beriet sich sofort mit dem erfahrenen Führer, ob Vorräte mitzunehmen seien. Renner zuckte die Achseln. »Immer herrscht in Ostafrika irgendwo eine Hungersnot, was bei der Natur des Negers, der nicht mehr anbaut, als er notwendig gebraucht, natürlich ist. In der Regel ist der Hunger nur in einem begrenzten Gebiet, das man durch zwei bis drei Eilmärsche überwindet. Unsre Träger sind vollbeladen ... sollen wir etwa den Askaris zwanzig bis dreißig Pfund aufbürden?« »Um Gottes willen! Die Askaris fühlen sich als schwarze Grandseigneure, sobald sie die Khakiuniform tragen ... der dümmste Rekrut, der noch vor sechs Monaten Kannibale war und in den ungewohnten Riesenschuhen stolpert, spreizt sich und spuckt auf die Paviane, wie er seine bisherigen Kameraden nennt.« Der Leutnant kannte seine Leute. Die Sonne stach, selbst die Neger baten um baldige Rast. Der junge Deutsche schaute nach dem Thermometer und rief entsetzt: »42 Grad im Schatten!« Erb war dem Umsinken nahe, als sie wider Erwarten einen schattigen Hain erreichten. Der Onkel brach von einem Mangobaum reife Früchte und reichte sie dem Verschmachteten, der das hellgelbe Fruchtfleisch trotz eines leichten Terpentingeschmacks, der ihm anhaftet, mit Behagen verzehrte. Die Mangofrucht ist das beste Obst Ostafrikas, obgleich alle hochgepriesenen Tropenfrüchte neben unsren edlen Äpfeln und Birnen die reinen Kürbisse sind. Jobst behauptete, hier sei einmal ein Negerdorf gewesen und verlassen worden. »Der Mango, die Bananen und die Rizinusstauden beweisen es, der Neger wird sofort, wo er sich niederläßt, Rizinus pflanzen, nicht zum Einnehmen allerdings, sondern um seinen Leib zu salben. Überall findet man verlassene Negerdörfer, stumme Zeugen afrikanischer Tragödien. Zulustämme, besonders die Wangoni, drangen aus dem Süden, vernichteten ganze Dörfer, ja große Völkerstämme ... die Araber schleppten blühende Niederlassungen in die Sklaverei und töteten, was alt und schwach war. Afrikas Geschichte ist ein ewiger, entsetzlicher Mord. Daß dieser Erdteil noch ein solches Menschengewimmel hat, zeugt von seiner unverwüstlichen Zeugungskraft.« Mpapua, die erste Etappe des Riesenweges, war erreicht, die Träger erhielten hier drei Rupien Posho, d. i. Verpflegungsgeld, ausgezahlt, wofür sie ihre Beköstigung selbst zu bestreiten hatten. Leider ließen sich manche in ihrem Leichtsinn von den sog. Pombeweibern, die Hirsebier bereiteten und Abnehmer suchten, dazu verleiten, diese Negeranimierkneipen zu besuchen und ihre paar Rupien für Bier auszugeben, so daß diese schwarzen Sumpfhühner mit einem großen Katzenjammer, aber mit einem geringen Reis- und Maisvorrat Mpapua verließen. Zu ihrem Verhängnis, wie sich bald zeigte! Zwar war es dem umsichtigen Oberleutnant gelungen, zwölf Träger neu anzuwerben und mit Vorräten zu beladen. Doch was sind zwölf Menschenlasten, was sind 800 Pfund Getreide, wo fünfhundert Neger satt werden wollen? Wohl kann ein Negermagen nach den Umständen sich einrichten, sich aus- und einrenken, zehn Pfund Fleisch verschlingen oder mit einer Handvoll Reis sich begnügen, aber ein Minimum von Speise muß auch der schwärzeste Hungerkünstler haben. Das Land zwischen Mpapua und Kilimatinde wird Ugogo genannt. In Kisuaheli bezeichnet die Vorsilbe U das Land, M den einzelnen Mann und Wa die Bewohner des Landes. Der Mgogo haust mit seinen Artgenossen, den Wagogo, in Ugogo. Dieser Bezirk gehört nicht zu den besten, denn das allbefruchtende, in Afrika allmächtige Wasser wird in der Trockenzeit knapp, aber auch nicht zu den sterilen Steppen, die neun Monate lang eine Wüste sind. Die Wagogo verbreiteten nicht nur den üblichen Negergeruch, sondern einen spezifisch üblen Duft, sintemal ihre wolligen Haarlocken von ranzigem Fett und Rizinusöl troffen. Dennoch fand Erb hier einen ungewöhnlichen Reinlichkeitssinn, der sonst beim Neger wenig entwickelt ist, und sah mit Freuden, daß die Wagogo sich wuschen. Bei näherem Zusehen freilich bemerkte er, daß die schwarzen Waschbolde nicht mit Wasser, sondern mit – ihrem Urin sich reinigten, denn Wasser war knapp und mußte – natürlich von den Weibern – in der Trockenzeit stundenweit in Kalebassen und auf Köpfen herbeigeholt werden. Unter diesen Umständen war es oft schwierig, für die vielköpfige Safari eine auskömmliche Wasserstelle zu finden. Jobst als der verantwortliche Führer fragte die Eingeborenen mit unsagbarer Geduld nach dem Wasserstande des betreffenden Lochs und nach der Weglänge aus. Eine brauchbare Auskunft aus dem einfältigen oder verlogenen Neger herauszuholen, ist eine Kunst, die der Alte verstand. Der Oberleutnant fragte bündig, wie viele Marschstunden es bis zu der nächsten Wasserstelle seien, und erhielt die höchst bescheidene Antwort von dem Mgogo: » Hatujui saa, sisi waschenzi. « D. h. Herr, wir sind Wilde und kennen die Stundenzahl, die Zeitrechnung, nicht. Jobst fing es anders an und gab dem Wilden ein Stück Plattentabak. »Freund, wo steht die Sonne bei unserer Ankunft an dem Wasser?« Worauf ihm der Sonnenstand ziemlich richtig gezeigt wurde, so daß er die Entfernung selbst berechnen konnte. Dang man für eine Armlänge Kattun einen Wegweiser, so gab der Schlaue, um etwas Erfreuliches zu sagen, meistens eine kürzere Marschzeit an. Doch der alte Afrikaner kannte diese Eigentümlichkeit und legte die Antwort richtig aus. Sagte jener: » Karibu sana. « – ganz nahe –, so war es noch eine Stunde; hieß es hoffnungsvoll » Karibu simbali « – nicht mehr weit –, so waren es gut und gern zwei geschlagene Stunden; und wurde im tröstlichen Tone erwidert » Lakini simbala sana, bana kuba « – nicht arg weit, hoher Herr –, so wußte er, daß drei bis vier stramme Marschstunden zu machen seien. Ein ganz geriebener Mgogo freilich gab eine viel zu lange Marschzeit an und sagte plötzlich mit pfiffigem Grinsen: »Wir sind am Wasser.« Die angenehm Enttäuschten, die am Ziele waren, wollten in ihrer Freude dem Schlauberger Tabak geben. Jobst jedoch fuhr dazwischen: »Das fehlte noch, den Kerl für seine Lügen zu belohnen!« Schon zwei Tagereisen hinter Mpapua hatten die meisten Träger ihre Vorräte aufgezehrt, man mußte ihnen Vorschuß in Kattun und Glasperlen geben, um Lebensmittel zu kaufen. O, in den Dörfern war nichts zu haben, die Wagogo erklärten, daß sie den Hunger im Lande hätten. Was nun? Der Pfadfinder riet, in ein paar Gewaltmärschen den Hungerbezirk schleunigst zu durchqueren. Man trieb die Träger vorwärts, um sie vor dem Untergang zu bewahren. Jedoch die Mißernte erstreckte sich über ein weites Gebiet; auf 100 Meilen sei kein Kolben, keine Ähre, keine Wurzel zu kaufen, sagten die Neger. Das war natürlich sehr übertrieben, denn die Ernteberichte aus Unjamwesi lauteten günstig. Jeder Marsch in Afrika kann zur Tragödie werden, das erfuhr Erb auf seiner ersten Safari, als er es am wenigsten erwartet hatte. Die darbenden Neger murrten nicht, und als die immer mehr ausgemergelten Gestalten sich und ihre Last von 70 Pfund mit stoischer Geduld weiter schleppten, wurde sein Herz bewegt, ja erschüttert. Er, der zu Hause den satten, dicken, dünkelhaften und selbstgerechten Menschen alles Unglück, Börsenkrach und Bankerott an den Hals gewünscht hatte, fühlte hier ein inniges, ungeheures Erbarmen mit den armseligen Geschöpfen, die im Heißhunger wie die Tiere des Feldes geworden waren. Sein von Schmach und Bitterkeit verhärtetes Herz war so weich, voll Mitleid und Weh geworden. Er sparte sich das Essen vom Munde ab, um zu helfen, obgleich seine Gabe bei der Menge wie ein Tropfen auf einen glühenden Stein fiel. Zahlreiche Träger rupften das dürre Gras, kauten es und schlangen das nährlose Zeug herunter, um den Magen zu füllen. Andere wurden gesetzlos und handelten nach dem tierischen Gebot des Daseinskampfes und stahlen oder raubten in den Hungerdörfern die letzten Ähren. Einige kehrten nicht wieder und waren von den Bewohnern erschlagen worden. Mehrere Neger schlossen, wie die Wölfe im Winter, eine Hungergenossenschaft und raubten in einem Dorf die letzte Ziege, die sie zerrissen, roh und noch rauchend verschlangen. Der Dorfschulze erschien im Lager mit seinen Ältesten, zeigte auf sich und seine Genossen und forderte Bestrafung der Übeltäter. Das waren lebendige, hohläugige Skelette! Der Leutnant befahl, die Schuldigen zu binden und zu bringen. Die Sünder, deren Maul noch blutig vom wölfischen Mahle war, wurden ohne Federlesen zum Strick verurteilt, denn in so kritischer Lage muß die afrikanische Disziplin doppelt streng gehandhabt werden. Die schwarzen Henker, die leider ihrem scheußlichen Handwerk mit Eifer, ja mit Vergnügen nachgingen und eine Hinrichtung für einen Hauptspaß hielten, wählten einen Leberwurstbaum als Galgen, die Delinquenten gingen mit jenem scheinbaren Stoizismus des Negers, der nur Stumpfsinn ist, dem Tode entgegen, schon war die Schlinge am Halse befestigt. Da trat Erbenheim als Anwalt der Armesünder vor und hielt dem Leutnant eine leidenschaftliche Rede. »Die unwissenden Neger gehorchten nur dem Instinkt der Selbsterhaltung. Straft man ein Tier, weil es tötete, um sein Leben zu erhalten? Diese Elenden, die ein Zicklein raubten, dürfen nicht gehängt werden.« »Ich denke, daß ich der Herr der Safari bin,« murrte der Leutnant. »Ja, eben darum haben Sie das schöne Recht der Begnadigung.« Und der Leutnant begnadigte die Leute, die ein Freudengeschrei erhoben. Erb sah auf dem traurigen Hungermarsche, daß der Neger, der als gänzlich gefühllos gilt, der Aufopferung, des Edelmuts und einer hochherzigen Tat sehr wohl fähig ist. Entkräftete Suaheli wühlten aus dem Sande saft- und kraftlose Wurzeln, die sie verschlangen, und schleppten sich weiter mit ihrer Last. Zehnmal fielen sie hin, zehnmal rafften sie sich auf und erreichten das Nachtlager. War das nicht Dienertreue? Blutjunge Wassukuma waren am Ende ihrer Kraft und schlossen apathisch die Augen, um den Tod zu erwarten. Da kamen ihre Kameraden, die unter ihren 60 Pfunden keuchten und krochen, weiß Gott, zurück und trugen die Last der Erschöpften eine Strecke; zweimal, mit ihrer und ihres Bruders Bürde, machten diese Braven den langen Weg, und spät abends waren alle Lasten und alle Maroden zur Stelle. War das nicht die wahre Bruderliebe, die der Christ so laut im Munde führt? Die Wanyamparas – die schwarzen Baase und Führer der Träger –, die sonst nur kommandieren, die Faulen schlagen und selbst keinen Finger rühren, halfen tüchtig und trugen die Last der Schwachen. Die nichtsnutzigsten Boys, die sonst ein schlimmer Ballast sind, wurden jetzt brauchbare Leute und faßten überall willig mit an, obgleich sie leere Eingeweide und keine Kraft in den Knochen hatten. Trotzdem stieg mit jedem Tage die schreckliche Not, alles Wild schien aus Afrika verschwunden. Nur ein mageres Frankolinhuhn schoß der Pfadfinder, der es briet und mit seinem Neffen teilte. So wenig es war, wurden doch die Keulen für das Frühstück aufgehoben. Simba hatte heute ein gutes Werk getan und die Last des kranken Metusah, der in Hunger und Fieber von Flußpferden und Fleischbergen phantasierte, getragen, hatte dafür einen Gotteslohn erwartet und nur einen Maiskolben gefunden, d. h. dem Esel gestohlen. Schwermütig knabbernd, mit den glänzenden Zähnen die harten Körner zermalmend, betete er als guter Islamit: Allah il Allah! Soll meine Tat unbelohnt bleiben? Als er seinem Bana das Nachtlager bereitete, fing seine Schakalsnase an zu wittern. Simba öffnete den Blechkasten, lachte mit dem ganzen Gesicht, ließ es sich schmecken und lobte Allah und den großen Propheten. In der Nacht schlief er fest und vorzüglich wie das gute Gewissen; aber am Morgen rumorte etwas in seiner Brust. Rasch und reuig entblößte er den alleruntersten Teil seines Rückens und bat: »Hoher Herr, schlage mich siebenmal, lieber Herr, schlage mich mit sanfter Hand!« Erb hatte sofort eine fürchterliche Ahnung und faßte den Kiboko. »Du hast die Keulen gemaust? Du Halunke, warum hast du wieder gestohlen?« Der Bursche querte die Arme und sprach mit ergebener Miene: »Amri ya mungu.« D. h. Es war ein Befehl Gottes, was sollte ich machen! Der Nigger ist ein gräßlicher Fatalist. Was kommen muß, das kommt. Alles, was er tut, ist ein Befehl Gottes, eine Vorsehung, dagegen absolut nichts zu machen ist. Der Deutsche mußte über die fromme oder freche Naivität seines Burschen lächeln und schlug ihn nicht. »Es ist Gottes Befehl, dir diesmal die Strafe zu schenken, weil du schweren Hunger und doch Metusahs Last getragen hast. Sobald dir aber Allah wieder das Stehlen befiehlt, wird mein Gott mir gebieten, alle zehn Gebote dir zweimal auf den Rücken zu schreiben mit dieser dicken Nilpferdfeder.« An diesem Tage machte die entkräftete Safari nur sieben Kilometer. Der Chef rief den Pfadfinder und redete in schwerer Sorge um die ihm anvertraute Menschenschar: »Hinter uns ist das Verderben, und vor uns ...? Alle Träger gehen zugrunde, wenn wir nicht in zwei bis drei Tagen Nahrung bekommen.« Jobst schlug vor, hier ein paar Rasttage zu machen, ihm zehn der kräftigsten Leute und die drei Esel und Maultiere mitzugeben, um einen forcierten Vorstoß und Versuch zu machen, Proviant zu beschaffen und ins Hungerlager zu bringen. Der kleine Zug, dem Erb sich anschloß, machte einen Eilmarsch; wer marode wurde, wurde auf einen Esel gesetzt, einerlei ob seine Haut weiß oder schwarz war. In dem sengenden Sonnenmeer wurde der glühende Sand lebendig, die Luft, die siedeheiße, brauste und wurde finster von dem furchtbaren Samum und Sandsturm dieser Gegend, der Mund und Nase mit Staub füllt und das Atmen fast unmöglich macht. Der junge Afrikaner, geröstet, zerschmolzen und erstickt, verwünschte den dunklen Erdteil, den Gott verflucht, mit allen Schrecknissen und Plagen, mit Fieber, Fliegen, Gifttieren und Giftpflanzen, mit Schlangen und jedweder Scheußlichkeit reich ausgestattet habe. Endlich ein Bananenhain, ein freudiger Anblick und sicheres Anzeichen, daß die Wildnis von Menschenhänden bezwungen wurde! Und ein großes Negerdorf! Aber unheimliche Stille empfing die Fremdlinge, kein Köter kläffte, kein Huhn gackerte, kein Weib lugte neugierig aus dem niedrigen Türloch der runden Hütten, die an der Gasse wie große Bienenkörbe standen. Erb kroch durch ein Loch, sein Kopf und Körper prallten zurück, ein pestilenzialischer Gestank schlug ihm entgegen. Negerleichen, von Hyänen schon angefressen, verwesten in der Hütte. Von draußen pochte man an die Wohnungen, die alle eine stinkende Gruft waren, alle – bis auf eine, die mit schwachem Schrei Antwort gab. Hier lagen fünf Menschen, fünf lebende Skelette, die nur das eine Wort wimmerten: Njaa, njaa! Hunger, Hunger! Die Elenden, die sich kannibalisch ernährt hatten, vermochten kaum den Maisbrei, den man ihnen reichte, zu schlingen. Die alte Geschichte – Dürre, Heuschrecken, Hungersnot. Im vorigen Jahre seien alle Getreidekober und -körbe voll gewesen, heuer habe man aber auf dem ganzen Dorfacker nur acht Lasten geerntet. »Ja, und im vorigen Erntejahre habt ihr von eurer Hirse Bier massenweise gebraut, habt ihr alle Abende Pombe gezecht, getrommelt und getanzt, habt ihr saudummen Lüderjane alles vergeudet, verpraßt und nichts zurückgelegt für die Notzeit,« schimpfte Jobst, während er sein eignes Frühstück eifrig in die großen Mäuler der schwarzen Mumienköpfe hineinstopfte. »Der leichtsinnige Neger legt nichts zurück, sondern lebt wie ein Verschwender in den fetten Jahren. Darum vergeht kein Jahr, ohne daß irgendwo in Ostafrika in diesem oder jenem Bezirk Hungersnöte eintreten und Tausende hinraffen. Der Neger geht auch nicht in andere Gegenden, um zu arbeiten oder zu betteln, sondern legt sich apathisch hin und stirbt. Es ist eben ein Befehl Gottes und ein Verhängnis, dagegen nichts zu machen ist.« »Ist in der Nachbarschaft keine Speise zu haben?« fragte der Pfadfinder. »O ja, Herr, im nächsten Dorfe,« lautete die erstaunliche Antwort, »ist viel zu essen.« »Ist viel zu essen, zum Donnerwetter, und ihr verreckt vor Hunger!« »Ja, da ist chakulla mingi « Chakulla mingi – d.h. viel zu essen – ist das Evangelium des Negers. Bei dieser frohen Botschaft spitzten die Träger die Ohren. »Wie weit ist es denn bis zu dem Dorfe?« »Wenn ein Mann von Mittag bis Abend geht, wird er dort sein.« Also nur sechs Stunden! »Die Wanjamwesi daselbst haben viel Korn, Batate, Maniok, aber sie wollen es nur sehr teuer verkaufen, und wir haben schon alles, unsre Flinten, unsre Ringe, ja unsren Schurz hingegeben,« klagten die Unglücklichen. Auch das ist einer von den netten Charakterzügen des Negers, daß er als geriebener und gänzlich skrupelloser Geschäftsmann die Hungersnot seines lieben Nächsten ausnutzt, um für sein Korn die schändlichsten Wucherpreise zu fordern, und daß er seinen schwarzen Mitmenschen, der den Preis nicht zahlen kann, mit Seelenruhe verhungern läßt. Bei der schwarzen Rasse stehen die unglaublichsten Gegensätze, schönes Mitleid und rohe, viehische Brutalität, unvermittelt und grotesk nebeneinander. Jobst machte die Grimasse, die das spöttische Lächeln in dem von der Narbe verzerrten Gesicht hervorrief, und streichelte seinen Kiboko. »Wir werden uns mit den schlauen Kornhändlern verständigen. Das ist ein guter Dolmetscher.« Jetzt wurde im Schnellschritt marschiert. Sogar die faulen Esel machten flinke Beine, als wenn sie von der vollen Krippe eine Ahnung hätten. Die Träger, die alles zum Reim und Singsang machen, sangen in den höchsten und tiefsten Tönen: Chakulla mingi, viel zu essen, sehr viel, ungeheuer viel zu essen, essen, essen. In dem Dorfe waren die geflochtenen, korbartigen Speicher bis oben voll von Hirse, Mais und Bohnen, die Gassen voll von Ziegen und Hühnern. Der Jumbo und Wortführer des Dorfs, ein angetrunkener Dickwanst mit einem Spitzbubengesicht, erklärte schmerzlich, daß man sehr wenig Speise verkaufen könne. Jobst zog der Dorfobrigkeit einen, der durchs Fett ging, über den Rücken. »Du willst uns, den Gesandten Sr. Majestät, die Haut voll lügen? Haben wir nicht Augen im Kopfe?« Der Negerschulze wurde höflich, ja hündisch. »Hoher Herr, wie viel Getreide brauchst du?« »Dreißig Lasten! Wie viel Armlängen Kattun kriegst du für eine Last?« Der schwarze Herr, der, schon kulturbeleckt, weder Kattun noch Messing, sondern Silber haben wollte, forderte zwanzig Rupien für die Last, den sieben- bis zehnfachen Preis. Jobst spielte mit der zischenden Peitsche, so daß der Gauner vor Schreck nieste und eilig erklärte, er habe natürlich eine Doppellast gemeint. »Ah so, alter Freund, ihr rechnet hier nach Maultierlasten, abgemacht! Ladet dem Muli auf, was es tragen kann!« Jobsts Leute füllten unter schadenfrohem Gelächter die Säcke und packten sie dem starken Maultier auf, das seine zehn Lasten, natürlich nur eine kleine Strecke, trug. Dreimal wurde das Maultier beladen und als Kornwage benutzt. Jobst zahlte den üblichen, aber keinen Wucherpreis, zahlte dreißig Rupien bar hin. Der schwarze Halsabschneider heuchelte Demut. Aber der boshaft giftige Blick, den er einem Neger – wohl dem Medizinmann und Zauberer des Dorfes – zuwarf, entging nicht dem gewitzigten Afrikaner. Der höfliche Jumbo wollte den Weinkauf geben und seine Gäste mit Pombe bewirten. Eine Kalebasse mit dem dicken, trüben Hirsebier wurde gebracht. Der Schulze trank zuerst eine Schale auf das Wohl der Fremdlinge, denn also ist es streng gewahrte Sitte und ungeschriebenes Gesetz in jenen gesegneten Gefilden, wo sehr oft ein guter Freund beim Schmollistrinken um die Ecke gebracht wird. Der Dicke verneigte sich mit Anstand und trank umständlich die volle Schale, um zu zeigen, daß der Stoff nicht mit dem bösen Euphorbiensaft verschnitten sei. Er füllte die nächste und reichte sie dem Höchsten seiner Gäste, der scharf aufpaßte und etwas sehr Verdächtiges bemerkte. Die Hand des Schwarzen hatte sich blitzschnell über der Schöpfkelle geöffnet und geschlossen, und doch war nichts in das Trinkgefäß gefallen. Jobst sah dem Neger fest ins Auge und sagte freundlich: »Freund, wenn du es gut mit mir meinst, mußt du auch diese Schale auf mein Wohl leeren... so ist es bei uns Sitte, trinke!« Der Schurke stotterte: »Hoher Herr, ich habe ja schon auf dein Wohl getrunken und dir gezeigt, daß die Pombe gesund ist.« »Hund!« schrie der Deutsche zornig und zog die Peitsche, »trinke die gesunde Pombe in deinen Hals hinein, oder ich schlage dich tot.« Der ertappte Giftmischer, dessen Gesichtsfarbe gräulich wurde, schwitzte vor Angst und schielte scheu nach dem gefürchteten Bana Bunduki, hörte noch einmal die donnernde Drohung »Trinke – oder« und schleuderte den Inhalt der Schale, das Beweisstück des Giftmordversuchs, auf die Erde. In demselben Augenblick ließ der Kerl sein einziges Kleidungsstück fallen und rannte von dannen, als wenn der Teufel ihn ritte. Die Todesfurcht gab dem Pombewanst eine große Geschwindigkeit. Doch Jobst war behende mit dem Kiboko hinter ihm her; die wuchtigen Schläge der Nilpferdpeitsche klatschten auf den nackten Körper des Unmenschen, der vor Schmerz brüllte und wie eine schweißende Hyäne in die Büsche floh. Der Pfadfinder kehrte nach der wohlverdienten Züchtigung mit der brennenden Pfeife im Munde zurück, als wenn die Sache ihn nicht aufrege. Erb war ganz blaß geworden und bebte noch. »Mit welchem Raffinement hat der Schuft ausgerechnet die zweite Schale, die dir kredenzt wurde, und nicht den ganzen Topf vergiftet?« »Ei, als Giftmischer sind die Niggerbanditen sehr groß und so gewandt, daß die berühmten Borgias von ihnen lernen könnten.« Man untersuchte das Bier im Topfe, das gut und unvergiftet war, der junge Afrikaner stand vor einem Rätsel, aber der alte nahm die Schöpfkelle und zeigte, daß ihr Stiel hohl von oben bis unten war. Der schwarze Satan hatte das Gift in der Hand gehalten und mit einer gelernten, oft geübten Handbewegung durch den hohlen Stiel in die Kelle fallen lassen. Der Alte sagte ernst: »Mein Sohn, sei immer auf der Hut, bei Tag und Nacht immer auf dem Qui vive , wie auf Vorposten! In Afrika kann man auf vielerlei Art und Weise, durch Feuer und Wasser, durch die wildesten Bestien und die winzigsten Mücken und Fliegen, durch Gift und hundertfache Gefahr ums Leben kommen, und der Tod ist wohlfeil in den Tropen. Gastfrei kommen die Kerle mit ihren Kürbisflaschen, aber trinke nie, ohne dich überzeugt zu haben, daß das Zeug gesund ist. Wie viele Menschen sind durch Pombe ins Jenseits befördert worden! Die bequeme, gefahrlose Weise, einen unbequemen Feind oder Freund um die Ecke zu bringen, entspricht dem tückischen Charakter des Negers, der als Feigling mit Vorliebe zum Gifte greift.« Die Träger liefen, um ihren Brüdern Rettung zu bringen. Das Lager geriet in die freudigste Aufregung. Die Leute aßen, ja fraßen stundenlang, bis ihnen der Bauch wie ein Fäßlein hing, was aber ihrer Bären-, ja Boakonstriktornatur gut bekam. Nur satt sein und mit vollem Bauche träumen oder toll tanzen, ist das einzige Ideal der Millionen aus Ebenholz geschnitzten Ebenbilder Gottes. Bald nach dem Hunger drohte das noch ärgere Übel des Durstes; denn die Trockenzeit stand im Zenit, alle Vegetation war in Staub zerfallen und der Wassermangel so groß, daß die Bewohner – natürlich die Weiber – ihr Trinkwasser manchmal stundenweit holen mußten und die Löcher, die das kostbare Naß enthielten, verheimlichten. Die Safari war auf die regelmäßig benutzten Wasserstellen dieser Route angewiesen. Daher befahl der Höchstkommandierende, daß jedes Waschen des Gesichts, der Hände strikt verboten sei. Keine Wolke zog am blauen Himmel, kein Gewitter ballte sich, die Sonne ging unabänderlich als rote Riesenkugel im Osten auf, im Westen unter und brannte zwölf Stunden als Mark und Bein versengender, das Blut ausdörrender Feuerball auf die Köpfe, durch Khaki und Korkhelm, und die große Segenspenderin der Erde wurde zum Fluch, zur Folter. Der Schweiß strömte, die Lippen lechzten und rissen, der ewige Staub füllte Mund und Nase. Und kein Tropfen, um die Augen zu reinigen! Lastet ein Fluch auf diesem unendlichen Afrika? Ist Europa der kleine, verzogene Liebling und Afrika der Stiefsohn der Götter, ist jenes der stolze Sohn der freien und dieses der ungeratene Unband der Hagar, die in die Wüste verstoßen wurde? Das waren Erbs Gedanken. Durch den grauenhaften Schmutz werde ich zum Neger erniedrigt. Nein, lieber will ich Durst leiden und dafür mit einem halben, mir abgequälten Becher mein Antlitz benetzen. O, sein gebrauchtes Waschwasser schlürfte ein Schwein von Wassakuma. Wie tief würde er selbst noch sinken, wie weit kann ein Weißer vertieren, wenn er Monate lang ungewaschen bleibt? Die körperliche Unsauberkeit, die Schmutzkruste, war dem Herrn von Erbenheim ein körperlicher Schmerz, eine Seelenqual. Durch die rinnenden Schweißströme bildete sich ein Staubbrei, der zur zähen Kruste wurde. Die böse Strecke, die man durchwanderte, war die berüchtigte, wasserarme Mgundi mkali, jenes lichte Wald- und Buschgebiet, das überall den langweiligen Buschbestand mit eingestreuten großen, dürren Steppenstücken zeigt. Wasser ist selten und dann meist brackig, salzig und schlecht. Heulte der Wind, so wirbelten Sandhosen, oder Schmutzböen bewarfen mit neuem Unrat die Gesichter der Weißen, die längst des Landes Farbe angenommen hatten. Eines Abends, als die Pfadfinder im Liegestuhl lagen, erhob sich ein wüstes Zischen und Brausen, beide lagen auf der Erde und sahen die Sterne am Himmel, eine Windhose hatte das fest verankerte Zelt wie ein Radieschen aus der Erde gerissen. Simba griff einen Zeltpflock, um den Flieger zu halten, flog zehn Meter mit durch die Luft und blieb wie tot liegen. »Der arme Kerl war nicht übel.« Als sein Herr von den Tugenden des plötzlich Verblichenen zu reden begann, erhob sich der tote Boy, kratzte sein Haar, setzte sich ans Feuer und stopfte seine Pfeife. War der Wind, der Schreihals, eingeschlafen, so brütete die Backofenschwüle, und kein Laut ertönte als das Zirpen der Grillen, das Summen der Fliegen und Käfer, und die langen, gefürchteten, schwarzbraunen Heere der Beißameisen, denen der Neger mit dem Geschrei » Siafu, siafu « aus dem Wege springt, marschierten über den Pfad zu Kampf und Mord. Gegen Abend umschwärmten fürchterliche Moskitowolken, von der Negerausdünstung angelockt, die Karawane. Jeder wehrte sich gegen die Bisse der blutgierigen Myriaden. Es war ein grotesker Anblick, wenn die halbnackten Neger, die bös zu leiden hatten, wie irrsinnig hüpften und sprangen und mit einem Zweige in der Hand wie tobsüchtig um sich schlugen. Der alte Afrikaner schielte nach dem jungen hin und schmunzelte. »Ja, das sind die Reize Afrikas ... warum bist du nach diesem gelobten Lande gekommen?« »Warum? Weil du mich gerufen hast,« antwortete Erb patzig. »Darum? Und warum rief ich dich?« Der Alte, dem auch eine Laus über die Leber lief, machte ein gewisses Gesicht, wie einer, der mehr weiß, als er sagt und sagen will. Erb schoß herum. »Warum riefst du mich? Sag es!« Wußte der Alte etwas von dem Kainszeichen, das er trug? Jobst spielte den Harmlosen. »Warum? Das weißt du doch ... um einen Vollblutsmenschen und alten Afrikaner aus dir zu machen.« – – – Jeder rechnete, wie viele Tage bis Tabora seien. Das erste gute Wasser gab neue Kraft, die erste gründliche Waschung war eine Wonne, eine Neugeburt, so daß sie wieder als Menschen sich fühlten. Perlhühner huschten, Tauben girrten, ein Warzenschwein lief über den Weg und wurde von Jobsts Kugel getroffen. Der Jäger begehrte nur den Kopf als seinen Anteil, grub am Abend ein fußtiefes Loch, darin er ein Feuer machte. Dann nahm er die Kohlen heraus, legte den Schweinskopf in die glühende Asche, deckte ihn mit Erde fest zu und ging schlafen. Am Morgen klopfte er die Asche ab und servierte den Wildschweinbraten, den leckersten, den man in allen fünf Erdteilen zu essen bekommt. Viel Wild, freche Hyänenhunde, die eine Treibjagd auf ein Hartebeest machten, Gnus, Gazellen, Buschantilopen, sogar die schönen Kudus wechselten vorbei und gaben die Gewißheit, daß die gottverlassene Mgundi überwunden sei. Auch Giraffen glotzten in der Ferne und verschwanden in dem ihnen eigentümlichen, lächerlichen Galopp. Das fruchtbare Unyamjembe, dessen Hauptstadt Tabora ist, war erreicht. In einem großen Dorfe, das, von weiten Feldern umkränzt, in Bananen- und Rizinusstauden, unter Borassuspalmen, Melonenbäumen, Sykomoren und den dunkelgrünen Laubdächern des Mangobaums höchst anmutig lag und für ein Negerdorf eine saubere Gasse und einen recht guten Geruch hatte, entwickelte sich bald ein lebhafter Jahrmarkt. Die Bewohner brachten Getreide, Yams, Milch und Früchte, und die Träger kauften für ihr Posho. In diesem nach solcher Wüstenwanderung paradiesischen Dorfe, das Simbalimpi hieß, wurde eine zweitägige Rast gehalten, die Leute waren freundlich und nahmen bescheidene Preise, am liebsten Schmucktand und grellbunte Tücher. Die Frauen waren ziemlich bekleidet, trugen ein Stück Kattun, das die linke Brustseite und den Körper bis zu den Knien bedeckte, und das wollige Haar in zahllosen, kleinen Flechten, so daß ihre Toilette eine zeitraubende Tätigkeit war. Sie mußten – wie überall – die meiste Feld- und Hackarbeit tun und die Ernte heimtragen, die Männer tranken Hirsebier und tanzten die halbe Nacht beim Getöse der Trommel. Jobst horchte, als er den Namen Simbalimpi hörte, denn alle Ortschaften, die mit Simba zusammengesetzt sind, sagen in der Regel, daß in der Gegend Löwen zahlreich hausen oder gehaust haben. »Sind hier Löwen?« Bei der Frage erstarb das Lachen der guten Leute, auf all den dunkelbraunen Gesichtern stand scheuer Schreck und graue, grausige Angst mit einem Male. Einige flüsterten: »Viele Löwen sind hier, und böse Geister fuhren in die Bestien hinein ... zwei Menschenfresser liegen in unsrem Busch und lauern am Wasser ... o die gelben Teufel haben im letzten Jahre 27 der Unsren gefressen, haben allein in den letzten Wochen fünf Frauen, drei Kinder und zwei Männer auf dem Felde und am Wasser geschlagen.« Der schlichte, zahlenmäßige Bericht war entsetzlich anzuhören, dieses idyllische Dorf war der Schauplatz einer jener schauerlichen Tragödien, daran Afrika so überreich ist. Doch die braven Leute, deren Brüder und Weiber von den Bestien zerrissen wurden, sangen und tanzten trotzdem die halbe Nacht und vertrieben das Grauen, das ihnen offenbar in allen Gliedern saß, durch Lustigkeit und Gelage. So ist der Neger mit seiner kindlich-kindischen Leichtlebigkeit und seiner gierigen Genußfreude, der er sich mit Leidenschaft hingibt, auch wenn das Schwert über ihm hängt und der Sensenmann hinter ihm steht. Die haarsträubende Statistik war keine Übertreibung, die beiden Löwen hatten das liebliche Dorf in eine Notlage, ja dem Untergange nahe gebracht. Wehe, wenn der Wüstenkönig erst einmal die Erfahrung gemacht hat, daß der zweibeinige, hochschreitende König der Erde seinen Zähnen und Krallen nicht gewachsen ist, wenn er einmal am zarten Menschenfleisch Geschmack gefunden hat! Dann wird er es jedem Wildbret vorziehen, und der Löwe, der vorher beim Anblick des Menschen sich verkroch, wird zum gefürchteten, gräßlichen Menschenfresser, der auf Menschenjagd ausgeht, Schwarze und Weiße ohne Unterschied anfällt und zerfleischt. Große Dörfer sind durch solche Ungeheuer des Katzengeschlechts dezimiert, ganze Gegenden sind infolge des Schreckens, den sie verbreiteten, verlassen und zur Wüste geworden. Der Oberleutnant fragte: »Warum habt ihr die Menschenfresser nicht längst erschossen? Habt ihr keine Flinten und keine Schützen?« »Ach, böse Zaubergeister wohnen in den Simbas, jede Kugel geht vorbei ... auch haben wir nur drei Vorderlader ... wenn wir schießen, müssen wir schnell die Backe wegnehmen, sonst schlägt die Büchse uns die Backenzähne heraus.« Da mußten freilich ohne jeden Zauber die Kugeln der alten Donnerbüchse vorbeigehen. Der feiste Dorfschulze mit dem Pombebäuchlein und die ergrauten Ältesten klagten beweglich ihren Jammer. »Hoher Herr, ich wog 230 Pfund, aber die ewige Furcht, gefressen zu werden, hat mein Fleisch und mein Fett gefressen.« »Na, Freund, du hast noch Speck genug auf den Rippen, hüte dich, die Löwen wissen einen so guten Braten zu schätzen.« »O, Herr, ich bin auf der Hut, gehe nicht mehr als dreißig Schritte von meiner Hütte weg und sende immer eine meiner Frauen voraus, um Umschau zu halten, ehe ich mein Haus verlasse.« Dieser Gemütsmensch machte gar kein Hehl daraus, das eine seiner sechs Frauen infolge dieser prophylaktischen Methode gefressen worden sei, und war offenbar überzeugt, daß er leichter eine seiner Frauen als das Dorf einen so trefflichen Schulzen entbehren könne. Die Ältesten jammerten unter Tränen: »Die Löwen werden uns alle reißen ... wir müssen auswandern und unsre Felder und Haine verlassen. Herr, hilf uns, deinen Knechten, und schieße die Simbas! So wollen wir euch allen Speise für zwei Wochen, ja die Hälfte unsrer Ernte geben. Errette uns von der Plage!« Der Herr der Safari hatte viel Mitleid mit den Leuten, mußte aber die Achseln zucken und sagen, er dürfe mit langwierigen Löwenjagden keine Zeit verlieren. Die Ärmsten wandten sich an Jobst Renner und bestürmten ihn mit flehenden Bitten und klugen Komplimenten. »Bana Bunduki, du bist ein berühmter, ja der beste Jäger von der Küste bis zu den Seen, deine Büchse hat einen Zauber und fehlt nie ihr Ziel. Nur zwei Kugeln kostet es dich, errette uns von der Plage, so werden unsre Frauen von dir singen am Feuer, und du wirst als Simba Bunduki Ruhm haben im ganzen Lande und der größte Löwentöter heißen.« Diese Unsterblichkeit lockte Jobst nicht, aber die Not des Dorfes erregte das Erbarmen des immer hilfbereiten Mannes; auch regte sich in ihm der Haß, mit dem jeder echte Afrikaner solchen Mordsbestien nachstellt, und das kühne Abenteuer reizte seinen Abenteurersinn. Dennoch mußte er als unselbstständiger Führer ablehnen. Ein junges Mädchen mit kohlschwarzen Karfunkelaugen und leidenschaftlichen Gesten drängte sich in den Kreis der Männer. So wenig sie dahin, so wenig gehörte sie nach ihrem Äußeren ins Negerdorf hinein. Sie hatte eine hellbraune Farbe, strähniges Haar, in viele Flechten sauber geflochten und von seidigem Glanz, und nicht die breite, wulstig häßliche Larve der Niggerweiber, sondern ein regelmäßiges, ganz arabisches und auffallend schönes Gesicht, ja sie sprach und gestikulierte mit der Beweglichkeit und dem Feuer einer ägyptischen Haremsfrau. Die Dirne konnte neben den Schönheiten Kairos sehr wohl sich sehen lassen und hatte offenbar, wenn auch die Mutter eine Negerin gewesen, vom Vater her sehr viel arabisches Blut in den Adern und sehr viel orientalische Anmut auf allen Zügen. Noch ein halbes Kind von vierzehn bis fünfzehn Jahren, hatte ihre knospende Schönheit einen zarten, keuschen Schmelz, so daß nicht nur der junge Deutsche und der alte Jobst, sondern auch der mürrische Leutnant das junge Weib mit großen Augen und wie ein Wunder Simbalimpis anschauten. Mit welchem Anstand kreuzte sie die Arme auf der Brust, um ihre Ungehörigkeit wettzumachen. »Die weißen Herren wollen die Menschenfresser, die meine Mutter und meinen kleinen Bruder zerrissen haben, töten, o ich will ihnen danken und ihre Dienerin sein.« »Wir haben keine Zeit zu Löwenjagden.« Der Leutnant fertigte sie durch den Dolmetscher kurz ab. »Was? Keine Zeit?« Ihre sanfte Stimme wurde scharf und voll von beißendem Hohn. »Darf Fatima« – so hieß sie also – »die Wahrheit sagen? Ihr seid bange vor den Löwen, wie diese Memmen, die ihre Brüder nicht rächen! Die Menschenfresser haben nicht nur 27 unsrer Leute, sondern auch zwei weiße Herren geschlagen und sind sehr lüstern nach weißem Fleisch, wie ihr schon gehört habt, darum frißt die feige Angst euer Herz. Lauf, lauf doch, junger Herr,« – dieser Spott war speziell an Erbs Adresse gerichtet – »damit die bösen Katzen dich nicht beißen, totbeißen! O, macht euch schleunig aus dem Staube, damit die Simbas euch nicht kriegen mit ihren Krallen, lauft, lauft, ihr Helden!« Fatima spottete gut und in kluger Absicht, weil sie den Stolz der Weißen, die alles, nur nicht feige sein wollen, kannte. »Spricht sie die Wahrheit? Sind zwei Europäer eine Beute der Bestien geworden?« Die deutschen Herren waren sehr gespannt und hörten mit starrer Aufmerksamkeit, zuletzt mit gesträubtem Haar, was der alte Neger von dem gräßlichen Vorfall berichtete. »Wir sandten Boten aus, um Hilfe zu erbitten und weiße Jäger zu rufen. In Uhehe jagten drei Herren, ein langer Engländer und ein dicker Deutscher mit dem alten, berühmten Löwentöter Ben Hamid, der ein dünner Araber ist und dessen Rohr, wie Bana Bundukis Büchse, immer trifft. Diese, besonders der Engländer, hatten lange gewünscht, mit einem gefährlichen maneater anzubinden, und eilten sofort herbei. Wir tanzten vor Freude die ganze Nacht, denn die drei Jäger lachten über unsere Angst und fluchten verächtlich: ›In zwei Tagen könnt ihr das Fleisch des Löwen für eine Ziege kaufen, das Fell behalten wir, eure Löwen sind für uns Hyänenhunde.‹ Sie schlugen unweit der Wassertränke ihr Zelt auf, um am Abend, wenn der Mond schien, auf Anstand zu gehen. Sehr heiß war der Tag. Die Jäger wurden müde und schliefen im Zelt. Der Engländer lag dicht neben dem Eingang im Liegestuhl, Ben Hamid hatte sich rechts auf der Erde ausgestreckt, und der Deutsche schnarchte in seinem Stuhl im Hintergrunde. Der letztere erwacht von einem Schrei ... es ist nicht ein gräßlicher Traum, sondern schauerliche Wirklichkeit, was seine schlaftrunkenen Augen sehen. Der Schreck schlägt sein Gehirn und bindet seine Glieder, daß er zunächst nichts denken, nichts tun, nichts rühren kann. Ein Löwe steht mit den Vorderpranken auf dem Engländer, hat ihm das Genick zermalmt, reißt mit den Krallen das Fleisch in Fetzen herunter, schlürft das Blut und schlingt mit Gier. Ben Hamid ist erwacht, springt mutig auf die Füße, trotzdem seine Flinte am Eingange hinter dem Löwen hängt, und tritt in seiner Hast auf die Schwanzquaste des Tiers, das wütend knurrt, aber nicht von seiner Beute abläßt, auch nicht gegen den neuen, wehrlosen Gegner sich wendet. Der Menschenfresser trägt den längst toten Engländer im Fange, zwängt den sechs Fuß langen Körper durch das Zeltloch, schleppt und schleift ihn 200 Schritt bis zum Gebüsch, wo er sich hinkauert und an dem schauerlichen Mahle seinen Heißhunger stillt.« »Die Frechheit der Bestie ist ja maßlos,« rief Jobst ganz außer sich vor Zorn und Grauen, und in unerträglicher Spannung schrie er den Neger an: »Weiter! Ben Hamids Kugel ging vorbei ... wie ist das möglich?« »Ben Hamid lief mit seiner Büchse dem Löwen nach und schoß auf zehn Schritt ... der Anblick der blutigen Masse war selbst dem alten Jäger zu gräßlich, so daß seine Hand wohl bebte ... seine Kugel traf nicht das Herz, sondern nur die linke Pranke des Löwen, der mit einem Wutgeheul sofort ihn annahm, einen Sprung machte und Ben Hamid, dessen zweiter Schuß versagte, niederschlug und riß. Als der Deutsche endlich auf die Beine und mit seiner Elefantenbüchse kam, verschwand der Menschenfresser im Dickicht. Der Araber, dem ein Arm fehlte, starb nach einer Stunde. Von dem Engländer fanden wir nur die Knochen ... diese und den Löwenjäger legten wir in ein tiefes Grab, das wir mit Steinen beschwerten. Der Deutsche schnitt in den Stamm des Affenbrotbaums, unter dem beide ruhen, ein Kreuz und einige Fetischzeichen.« Die Zeichen waren natürlich die Namen der Getöteten. Die Tragödie war selbst für abgehärtete Afrikaner über die Maßen grausig. Jobst war ganz still und blaß geworden, wischte sich die Augen, obgleich kein Staubkorn flog, und brummte ingrimmig in den Bart: »Ben Hamid, der Löwentöter, war mein Freund und ein arabischer Gentleman, ja Edelmann – die Sorte ist rar –, nicht durch Geburt, sondern durch hohen Mut und seltene Treue.« Erb, der erstaunlich schnell die Kisuahelisprache erlernte und ohne Dolmetscher sich verständigte, hatte geschwiegen, bis die erste, ungeheure Aufregung sich legte, und sagte jetzt mit fester Stimme: »Der furchtbare maneater , der zwei Weiße riß und so viele Menschen tötete, muß sterben, ehe er neue Greuel anrichtet. Wenn Sie, Herr Oberleutnant, mir ein paar Tage Urlaub geben, – ich verspreche, rechtzeitig in Tabora die Safari wieder einzuholen – so will ich hier bleiben und den resp. die Löwen schießen. Die Bestien müssen unschädlich gemacht werden. Es ist unsre verdammte Christenpflicht, die armen Leute von der Geißel zu erlösen.« Fatima betrachtete den jungen Deutschen mit einem großen, glühenden Blick. »Du, du willst uns von dem bösen Teufel, der in den Simbas wohnt, befreien?« Der Onkel Jobst machte eine mißbilligende Grimasse und eine recht beleidigende Bemerkung. »Inschaallah! So Gott will, wird das nicht geschehen! Wir lassen diesen jungen Hahn und Helden, der so kühnlich kräht, nicht auf die Menschenfresser los. Ich vertrete Vaterstelle an meinem Neffen und trage die Verantwortung. Was würde deine Mutter schreien und schelten, wenn ich ihr schreiben müßte, daß ihr armer seliger-unseliger Sohn ein greuliches Grab in einem Löwenmagen gefunden habe? Eine Löwenjagd ist kein Kinderspiel, und mit einem so bösartigen maneater allein einen Zweikampf zu wagen, ist eine kolossale Dummdreistigkeit, die nur ein ganzes Grünhorn auszudenken vermag ...« Erb fuhr ihm gekränkt in die Rede. »Ich bin nur dem Herrn Oberleutnant und keinem Vormund unterstellt.« »Laß mich ausreden! Ich lasse diesen Jüngling nicht in der ungesunden Löwengegend, wenn ich nicht ebenfalls Urlaub erhalte.« »Ah, aus dem Loche schaut der Fuchs heraus? Wenn Sie uns in Tabora einholen, soll es mir recht sein. Ich bin gern dazu behilflich, die Dorfbewohner von der Löwenplage zu befreien. Aber seien Sie auf der Hut!« Der Oberleutnant war im Grunde ein sehr wohlwollender Mann, wenn auch die Leber durch langen Tropendienst gelitten und auf seine Laune Einfluß hatte. Jobst sagte schlicht, aber mit eherner Ruhe: »Mein Freund Ben Hamid soll gerächt werden! Inschaallah!« So Gott will bedeutet dieses Wort, das der Moslem stets im Munde führt. Fatima warf sich mit leidenschaftlichen Dankesworten zu den Füßen des Leutnants hin, der barsch befahl, aufzustehen und den Mund zu halten. Das junge, heißblütige Weib jauchzte wild in froher Hoffnung, daß ihr lechzender Haß bald im Blut der Bestien gelöscht werde. »Die Mörder werden gemordet, die Menschenfresser von Schakalen und Aasgeiern gefressen, haha! Wenn ich ein Mann wäre, würde ich die Löwen lebendig fangen, ihnen die Augen, die Zunge, die meiner Mutter Blut leckte, ausreißen und langsam, sehr langsam sie rösten vom Schwanzende bis zum Fang mit den furchtbaren Zähnen, die meinen Bruder zerrissen. Haha! Mein kleines, süßes Brüderlein wird gerächt, meiner Mutter Tod gesühnt.« Die zügellose, rachedürstende, gegen Feinde grausame Art des wilden Naturkindes brach so unverhüllt hervor, daß Erb vor dem seltsamen Weibe erschrak. Dieses braune Mädchen mitten unter dem breitnasigen Negervolk war ein unbegreifliches Spiel der Natur, – aber ein Rätsel, das sofort gelöst wurde. Der dicke Schulze nämlich schrie sie grob an: »Was hast du unter Männern zu suchen? Setz dich zu deinem Gelichter! Und was lügst du den hohen Herren die Haut voll? Sie hat keine Mutter und keinen Bruder gehabt. Der Löwe, dem Ben Hamid die Vorderpranke zerschoß, humpelt seitdem auf drei Beinen, trotzdem hat der Hinker die Bantukai vor acht Tagen aus dem Maisfelde geholt. Diese Bantukai, um die sie heult, war nicht Fatimas Mutter, und das Söhnlein des Weibes war nie ihr Bruder, obgleich sie sich um ihn die Haare ausreißt.« Das Mädchen erwiderte darauf mit rührender Wehmut: »Die Gute war meine Pflegemutter, die mir viel Essen und wenig Schläge gab ... und das Bürschlein, den kleinen, feisten, rundbackigen Burschen, den der Löwe fraß, liebte ich, o, o.« Fatima schluchzte bei der Erinnerung und preßte die Zipfel ihres Gewands zwischen die elfenbeinweißen Zähne. »Ist die Dirne nicht von eurem Stamme und nicht aus diesem Lande?« fragte Erbenheim interessiert. Der Schulze erzählte: »Vor fünfzehn Jahren zogen arabische Elfenbeinjäger aus Mombassa nach den großen Seen, rasteten im Dorfe und bezahlten alle Einkäufe mit guten Tauschwaren. Die drei Feuerrohre, die wir haben, erhielten wir für fünfzig Ziegen und etwas Pulver für vierzig Hühner, und wir freuten uns des Handels, obgleich wir übers Ohr gehauen waren. Der Herr der Araber, ein weißbärtiger Mann mit Feueraugen, hatte seinen Harem und seine vier Frauen, deren Antlitz stets bekleidet war, mit auf die Safari genommen, hatte ein großes Gefolge von Sklaven und Dienern und mehr als fünfzig Gewehre und schien ein reicher Scheik zu sein. Freundlich waren die Araber, wir schieden in bester Freundschaft. Nach einem Jahre kam der Scheik aus dem Kongo zurück, und sein Gefolge war zweimal so lang geworden, denn die Karawane hatte 400 frische Sklaven, die in Holzgabeln gefesselt gingen, erbeutet und 300 schwere Elefantenzähne erobert. Die elenden Sklaven raunten, daß ihrer 890 gewesen und die Hälfte ihrer Brüder auf dem Wege gestürzt und liegen geblieben sei, den Hyänen zum Fraß, sie selbst waren mit Striemen bedeckt, mager wie ein Hund, der keinen Herrn hat, und so matt, daß sie einen 50 Pfund schweren Zahn nicht zu tragen vermochten. Die Araber fütterten die Ausgehungerten mit Maisbrei – das mästet –, um ihre Lasttiere wieder auf die Beine zu bringen, bezahlten alles und waren freundlich, so daß wir ihnen gänzlich vertrauten. Wohl fragten sie einmal uns, ob wir nicht hundert Träger bis zur Küste für zehn Feuerrohre stellen wollten; doch, als wir stolz erwiderten: ›Wir sind freie Ackerbauern, die mit der Hand und Hacke, aber nicht mit dem Rücken zu arbeiten gelernt haben,‹ da lachte der Scheik, es sei nur ein Scherz gewesen. Am letzten Abend klang die Trommel, und wir tranken viele Kalebassen, so daß wir sehr lustig wurden. Die Araber wollten die Gastfreiheit erwidern und holten Feuerpombe in Flaschen hervor ... wir tranken den Niggertod, den wir noch nicht kannten, wie Hirsebier, obgleich das braune Wasser wie Pfeffer im Halse brannte. Erst verloren wir die Beine, dann die Zunge, zuletzt den Verstand, und die Trunkenen schliefen wie die Toten. Als wir schließlich erwachten, schrien unsre Weiber – die Araber waren fort, und 120 unsrer kräftigsten Männer fehlten. Sie waren in Holzgabeln gesteckt und mit Elfenbein beladen worden, um an der Küste als Sklaven verkauft zu werden.« »Welch eine Niedertracht! Ich glaubte bisher, daß dem Araber der Gastfreund heilig sei, nun sehe ich, daß der arabische Sklavenjäger ein vollendetes Scheusal ohne irgendeine Tugend ist!« rief der junge Afrikaner empört. Und der Alte nickte. »Ich verdamme ungern irgendeinen Kostgänger des Herrgotts, möge er nun aus dem Geschlechte Sems, Hams oder Japhets stammen, aber die Sklavenjäger verfluche ich in die Hölle hinein, dahin sie als leibhaftige Teufel gehören. Sie sind die Pest Afrikas, die weite Gebiete entvölkert hat ... sie sind wahre Menschenbestien, die man wie die Raubtiere und Giftschlangen schießen, erschlagen, vergiften und aufhängen soll.« Er war heiß geworden vor Ingrimm und hörte mit Genugtuung, was der Schulze von dem Rachezuge Simbalimpis erzählte. »Wir, sogar die Greise und Weiber, ergriffen unsre Feuerrohre und Waffen, die Pfeile und Speere tunkten wir in frisches, aus roten Ameisen gekochtes Gift, denn die frische Säure tötet wie der Blitz. Die Spur der Araber führte uns, bis wir den Rauch ihres Feuers sahen. Wir krochen auf dem Bauche, unsre Pfeile flogen ins Fleisch der braunen Teufel ... ehe er Allah rufen konnte, war mancher mäuschenstill und mausetot von der gesegneten Ameisensäure. Wir sind keine Helden im Krieg, aber die große Wut machte uns zu Löwen. Einige durchschnitten die Seile der Unsren, die, obgleich blutrünstig und schwach von der Mißhandlung, wie Tiger bissen und würgten. Die Hunde töteten 63 unsrer Leute ... doch, hahaha, unser Speergift blieb Sieger, die kleinste Wunde warf den kräftigsten Mann wie einen Käfer um, daß er ein paarmal auf dem Rücken sich wälzte und seine Seele im Schaumspeichel von sich spie. Alles, was nicht lag, lief ... der weißbärtige Scheik rannte wie ein Kudu ... die Haremsweiber, die jungen Bälge spießten wir mit Wollust ... mein Schwestermann, der in der Gabel gewesen, riß einen Säugling aus dem Arm der toten Mutter, faßte ihn an der Ferse, um den Giftwurm zu zerschmettern. Bantukai, die sich ihrer Unfruchtbarkeit schämte und grämte, fiel ihm in den Arm und schrie: »Der Säugling ist mein!« Wir mußten ihr, die als Zauberin geachtet war, den Willen lassen, sie behielt den Balg. Es war ein Mädchen, wurde Fatima genannt und wuchs heran, von einer Ziege gesäugt, von der Alten gehätschelt. Nach zehn Jahren geschah ein Wunder, die unfruchtbare Bantukai schenkte ihrem zweiten Manne einen Sohn ... alle raunten, solches gehe nicht mit rechten Dingen zu ... aber die Hexe lachte, ihre Barmherzigkeit an der Araberbrut sei von dem Arabergott Allah belohnt worden. Genug! Fatima hatte einen Narren an dem dickbäuchigen Bengel gefressen, leckte ihn, wie die Kuh ihr Kalb ... als der Löwe Bantukai fraß, weinte sie drei Tage lang, wie eine Wahnsinnige aber hat sie ihr Gesicht zerkratzt, da der Menschenfresser den Knaben holte, der zwanzig Schritte von der Hütte mit Steinen spielte, und wir sagten zu ihr: ›Was schimpfierst du dir deine Larve um den Bengel, der gar nicht dein Bruder ist?‹« Verschmitzt plierte der Dorfhäuptling nach dem jungen weißen Herrn hin: »Wenn Ihr wollt, könnt Ihr die Dirne, die Euch zu gefallen scheint, mitnehmen, umsonst und ohne Unkosten. Sie ist nicht von unsrem Volke, man sieht es sofort, denn sie hat keine Lippen und kaum eine Nase und das schmale, verhungerte Arabergesicht.« Vor den Gesetzen der Negerästhetik konnte Fatima nicht bestehen, aber die zarte, frisch erblühte Dirne mit der zierlichen, biegsam-schmiegsamen Gestalt, den feinen Zügen und den lang bewimperten, bald feurig glühenden, bald gazellensanft schmachtenden Augen hätte in jedem Harem ihr Glück gemacht. Die Dirne befürchtete wohl, daß ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte und ihre stark betonte Häßlichkeit nicht zu ihren Gunsten gesprochen habe, denn sie fragte Erbenheim unruhig: »Wollt Ihr in Wahrheit die Löwen töten? Und könnt Ihr schießen?« »Ich bin nur ein mäßiger Schütze, aber dieser Mann ist der berühmte Bana Bunduki, dessen Büchse niemals fehlt.« »Manchmal doch und gerade dann, wo es am allerwenigsten angebracht ist,« meinte Jobst. Erb sagte bestimmt: »Verlaß dich darauf, Fatima, daß die Menschenfresser erschossen werden.« Das braune Mädchen hob mit beiden Händen das Gewand und tanzte mit viel Grazie, tanzte rascher, rasender einen wirbelnden Triumph- und Siegestanz, als wenn ihre Todfeinde schon gefällt seien. Das ganze Dorf durchtollte die halbe Nacht und feierte im voraus den Tod der Menschenfresser, die draußen im Busch sehr laut und lebendig brüllten. Die Neger sind ja die größten Optimisten in allen Weltteilen und naive Sanguiniker, die alles, was sie hoffen, zu haben wähnen und im voraus genießen. Wenn die Vorfreude die schönste Freude ist, so sind die Schwarzen von allen braunen, gelben, weißen und roten Menschen die allerglücklichsten. Jobst stieß seinen Neffen an. »Hörst du ihn, den König der Wüste, der vor Hunger heult?« Der Löwe stand keine hundert Meter vom Dorfe. Sein rollendes, grollendes Gebrüll hat in der Nacht und solcher Nähe etwas Gewaltiges, Ungeheuerliches, Erschreckendes, das auf die Nerven fällt. Die Schwarzen krochen am Feuer zusammen, griffen instinktiv nach einem Brande und schielten scheu in die Finsternis hinein. Jobst reinigte und schmierte seine Flinte und Freundin und auch die Elefantenbüchse; er nickte, als sein Gefährte sein Beispiel befolgte. »Ja, mit einem maneater anzubinden, ist immer ein Wagnis und eine Lebensgefahr ... wenn mir was passieren sollte, weißt du, daß ich meine Bank auf der nackten Brust habe. Nur nicht sich hervortun wollen, Bravour ist bei einem Katzenbiest schlecht angebracht. Noch eine Hauptregel! Wenn stets einer den anderen deckt, wenn immer der eine lädt, während der andere schießt, werden die Tage und Taten der Bestien bald gezählt sein.« Fünfter Abschnitt. Die Safari des Oberleutnants F. zog weiter, um in Tabora zu rasten. Die Löwenjäger gingen, von Simba und den fünf mutigsten Kriegern des Dorfes begleitet, hinaus, um das Terrain und die Wasserstelle in Augenschein zu nehmen. Der Boy entdeckte zuerst die Spur – »Mister, er spaziert auf drei Beinen, es ist der Hinker« – und kroch keck voran durch das verfilzte Dickicht. Er rief die andren herbei und zeigte auf die noch frischen Fell- und Knochenreste eines Zebra, das der Löwe zerrissen hatte. »Pfui Spinne,« knurrte Jobst, »nun hat die Katze sich vollgefressen, hält ihre Verdauungssiesta und wird uns in zwanzig Stunden keine Audienz geben.« Seine straff gespannte Haltung wurde nachlässig und die Büchse über die Schulter gehängt. Da! Ein kreischendes Geschrei, ein Rascheln, Klettern und Krachen, ein Feuerblitz, ein Knall, ein markerschütterndes Gebrüll! Und das alles schneller, als die Zunge es spricht! »Simb–,« heulte der Suaheli, der Simba hieß, der Schreckensruf blieb ihm im Halse stecken, mit Affengeschwindigkeit saß er in einem Leberwurstbaum. Die sämtlichen Neger waren wie weggeblasen. Erb sah im gelben Grase ein gelbliches Etwas und zwei glühende Lichter. Die Flinte an die Backe und Funken reißend, schoß er mitten zwischen die Lichter, mitten ins Gehirn des Löwen, der mit dem Tod im Haupte fünf Meter durch die Luft flog, aber um zwei kleine Schritte zu kurz sprang und zu Erbs Füßen auf dem Kopfe zu stehen schien. In derselben Zehntelsekunde stand der todwunde Menschenfresser aufrecht auf den Hinterläufen, um den Feind mit Fang und Pranken zu fassen. Des Raubtiers Odem hauchte dem Jäger heiß ins Gesicht, der Geifer bespritzte ihn. Aber seine Hand, sein Herz war fest, sein Büchsenlauf berührte beinahe das Blatt, der Blitz zuckte, die Riesenkatze brach im Feuer zusammen und verreckte. Ihre Pranke hatte nur einen Fetzen aus seinem Rockärmel gerissen. Jobst, der jetzt erst die Flinte im Anschlag hatte, rief: »Bravo! Das war ein Tellschuß! Nenne mich einen Esel, ich hatte in meinem Dusel nicht daran gedacht, daß zwei Menschenfresser hier ihren Unfug treiben.« Jetzt hüpfte der Suaheli vom Baume herunter und untersuchte sehr weidmännisch und stolz den erlegten Wüstenkönig. »Ist ein sehr, sehr viel großer Löwenbock, aber alt, denn die Zähne sind schlecht.« – Jedes männliche Tier, auch des Katzengeschlechts, bezeichnete Simba als Bock und jedes weibliche als Kuh, so daß er toternst sogar von Leopardenkühen und -böcken redete. Dieser maneater , den die Neger noch im Tode scheu und aus der Entfernung betrachteten, war ein mächtiger, aber betagter Bursche mit einem mäßigen und mangelhaften Gebiß, aber die Muskeln und Krallen waren furchtbar, und eine lange Lebenserfahrung hatte den alten »Löwenbock« mit Menschenverachtung erfüllt und zu einer so bösartigen Bestie gemacht. Jobst klopfte seinem Neffen auf die Schulter. »Du kannst ziemlich schießen und mit der Zeit ein Afrikaner werden. Diese alten Eigenbrötler unter den Löwen sind nämlich die allerschlimmsten Brüder und werden nicht durch Mut, sondern durch Not und Mangel zu Menschenfressern. Im hohen Alter werden ihnen die Glieder steif und rheumatisch, so eine Riesenkatze ist nicht mehr geschmeidig genug, um das flüchtige Wild zu fangen. Der greulichste Hunger quält sie, aus purer Verzweiflung fällt sie über den ersten Menschen her, merkt sofort, die Sache macht gar keine Schwierigkeiten, die bequeme Negerjagd wird ihr Metier und das zarte Menschenfleisch ihr liebster Braten. Die Löwen werden, ähnlich wie die Kongoneger, durch unerträglichen Fleisch- und Heißhunger zu Kannibalen.« Erb lachte. »Man soll die armen Bestien am Ende noch bedauern.« »Ja, und möglichst schnell und schmerzlos wegschießen, denn uralte und kranke Löwen finden sonst ein sehr unrühmliches Ende und werden von frechen Hyänen gefressen. Ich sah einmal, wie sechs scheußliche Hyänen über einen siechen Löwen, der kaum kriechen konnte, herfielen ... da klang das Geschmatz der Aasfresser wie ein heiser-höhnisches Lachen ... sonst ist das sogenannte Hyänengelächter meist eine afrikanische Fabel.« Man streifte die Gegend ab, um den zweiten Simba zu suchen. Alle Mühe schien umsonst, die Sonne stach niederträchtig. Man stellte nur fest, daß der Hinker, der ab und zu die Vorderpranke leicht aufsetzte, an der Tränke gewesen sei, um mit einem tüchtigen Trunke nachzuspülen. Dort war die Spur verloren und keine Rückspur zu entdecken. Nach einer langen Rast ging die Suche weiter, die Schatten wurden länger, die Moskitos surrten lauter. Jobst brummte in den Bart: »Morgen ist auch ein Tag. Pfeife deinem Burschen, der sich verlaufen hat und vielleicht schon gefressen ist!« Erb flötete. Da gab Simba, der noch einmal der Schlaue war, durch einen Pfiff das verabredete Zeichen. »Er hat ihn, er hat ihn!« Vorwärts! Das Schilf und Elefantengras schlug schmerzhaft ins Gesicht und schnitt sogar Wunden. Simba zeigte voll Triumph frische, feuchte Löwenstapfen, die vom Wasser landeinwärts gingen. Der geriebene Kerl war mehr als eine englische Meile im sumpfigen Bache spaziert ... um seine Fährte zu verwischen, oder um seine Pranke zu kühlen? Jetzt war die Pirsch leicht, wurde aber verteufelt schwer, da die Spur in einem niederträchtigen Dorndickicht endete, in dem der Bursche seine Siesta hielt – insofern ein günstiger Umstand, als die Bestie im Verdauungszustande träger und kampfunlustiger ist. Die Neger standen auf dem Sprunge, um beim allergeringsten Geraschel Reißaus zu nehmen, und waren nicht vorwärts zu bringen. »Drei Ziegen, wenn ihr ihn heraustreibt!« »Nicht für 300 gehen wir hinein,« sagten und zitterten sie. Simba war tapfrer, kroch auf seinem Bauche einige Klafter, horchte und hielt inne. Die Neger hatten einen Dorfköter bei sich, den er hineinhetzte. Der Hund bellte wütend, heulte jämmerlich und kam mit aufgerissenem Leibe heraus. »Das arme Tier lief fort und lag am Abend tot vor seines Herrn Hütte. Also der Mosjö Menschenfresser war im Lager. »Es gilt, ihn hochzubringen ... sag du mal, was wir jetzt machen!« Der Alte blinzelte listig, und Erb antwortete schnell und schneidig: »Ich krieche hinein und schieße ihn nieder.« »Gott sei Dank! Das war mal wieder eine echt europäische Idioterei ... ich fing schon an auf dein Afrikanertum eifersüchtig zu werden von wegen der Löwentrophäe, aber nun bin ich durch deine erbauliche Rede getröstet. Auf dem Bauche und im Dornbusch, wo Kleider, Lauf und Hahn alle Naslang festhängen, hat keiner einen sichren Schuß.« Jobst ließ ein Feuer anmachen und gab den feigen Treibern hellbrennende Brände in die Hand. Mit der Waffe wehrt man den ärgsten Menschenfresser ab, vor Feuer haben die Raubtiere eine instinktive und große Furcht. Hüben und drüben an einem Mimosenbaum standen die zwei Schützen, den Doppellauf schußbereit, die Elefantenbüchse als Reserve an den Stamm gelehnt. Die Treiber kesselten das Dickicht von drei Seiten ein und drangen äußerst behutsam, und ganz graublaß im schwarzen Gesicht, schreiend und schimpfend – »Simba, du feiger Hund, du Stinkhyäne, heraus!« –, um ihr Grauen durch Geschrei zu betäuben, Schritt um Schritt vor. Doch der erfahrene Löwe erkannte die Gefahr und blieb liegen. Die Sonne war am Untergehen, plötzlich brach die Nacht herein, die der schlaue Bursche zum Entwischen benutzen wollte. Jobst und Erb verloren vor Ungeduld die absolute Ruhe, fluchten und feuerten an: »Ihr Feiglinge, kitzelt ihm den Schwanz mit den Feuerbränden!« Das taten die Leute wohlweislich nicht, doch sie schleuderten glühende Brände hoch durch die Luft. Zufällig versengte ein Brand dem Tier die Rute. Das war ihm zu viel. Mit einem Wutgebrüll, daß sogar der junge Deutsche nervös zuckte, sprang der Löwe über einen Treiber, dem der Rücken gekratzt wurde, und der halbtot vor Angst liegen blieb, mit einem Satz hinweg. Der Menschenfresser hinkte in der Kampfhitze nicht. In drei mächtigen, fluggleichen Fluchten war er aus dem Gebüsch und griff den eigentlichen Feind, die Flinte, an. Jobst zielte kaltblütig nach dem Blatt – die Blattschüsse hatten ihn berühmt gemacht –, leider aber fielen die gelben, grellen Strahlen der untergehenden Sonne ihm blendend ins Gesicht. Sollte der boshafte Zufall der Laufbahn des alten Pfadfinders, der zwanzigmal dem Tode entronnen war, ein Ende bereiten? Es hatte ganz und grausig den Anschein, es war ein bluterstarrender Augen- und Anblick. Die Kugel ging einen Zoll am Herzen vorbei. Der Löwe sprang vier Meter, riß den stämmigen Jobst, ehe dieser den zweiten Lauf abdrücken konnte, wie ein Zweijahrskind um, stand auf dem Besiegten und schlug die Krallen ins Fleisch. O welche Geistesgegenwart! In dieser Lage schrie der Liegende die Anweisung: »Ruhig zielen auf Blatt oder Gehirn!« Erb war kreideweiß, seine Hand flog. Er verfluchte seine Schwäche und rief: »Mein Gott!« Da waren Hand und Auge fest, der Blitz fuhr und traf genau das Gehirn. Die Bestie schwankte. Aber die unheimlich zählebige Katze war nicht tot, ließ von Jobst ab und nahm den neuen Gegner an. Alle Neger waren sofort im Anfang, gleich wie wenn man Daunen in der Hand hält und darüber hinpustet, verschwunden. Der Blut geifernde Löwe lief – das Springen war ihm vergangen –, die zweite Kugel schlug ihm durch die Brust – trotz der drei Todeswunden kroch er weiter, um sterbend den Feind zu zerfleischen. Dicht vor dem Jäger, der die Elefantenbüchse raffte und hochriß, richtete er sich zum furchtbaren Prankenhieb auf die Hinterläufe. O, der Schlaue schlug den Lauf mit der Tatze herunter – die Kugel flog am Lauscher vorbei – und zerbrach das Stahlrohr, wie einen Schilfstengel. Der junge Deutsche glaubte sein Stündlein gekommen. Aber zu seinem Heile zermalmte der sinnlose Löwe den Gewehrlauf, und die linke, kranke Pranke war zu schwach, um den abwehrenden Arm sehr tief zu treffen. Erb wurde in der Not ein tüchtiger Linkshänder, riß mit der Linken das Bowiemesser aus dem Gürtel und stach es bis zum Heft in das funkelnde Auge der Bestie. Das war der viermal tödlich getroffenen doch zu viel, sie verreckte auf der Stelle, die lange Zunge lag auf dem Stiefel, und das Löwenblut überspritzte die Hose des Löwentöters. Er eilte zum Oheim hin, der die Hand in den Grund stemmte, sich befühlte, ob die Knochen noch heil seien, und ärgerlich sich kraute, als wenn er sich schäme, dann aber erschrocken den Blutbespritzten anglotzte. Erb sagte: »Wir hauen Zweige ab und tragen dich ins Dorf.« »Das kannst du wohl nötiger brauchen als ich. Menschenkind, wie siehst du aus ... leg dich schnell hin, damit ich dich verbinde ... du verblutest ja. Mir fehlt nichts ... ein paar Risse an meinem Rücken und meinem Kilimandjaro ... das und der Purzelbaum schmerzt mich am meisten. Bist ein braver Kerl und hast den alten Bana Bunduki sozusagen gerettet. Himmel! Daß mir das passieren mußte! Ein Löwe spielt Fangball mit mir, und – was noch schrecklicher ist – von einem Grünhorn muß ich mich herausreißen lassen. O meine Reputation und aller Respekt des Neffen geht jetzt zum Teufel! Leg dich hin ... o der Bengel hört schon auf zu gehorchen.« »Das ist ja nicht mein, sondern des Löwen Blut.« Er erzählte, der Alte klopfte ihm auf den Rücken und streichelte gerührt seinen Arm. Jobst hatte vier tüchtige Fleischwunden, die er nicht achtete, seufzte aber: »Mein Ruf ist hin, denn nun heißt es in ganz Afrika – du weißt nicht, wie hier »Stories« und Geschichten gehen –, nun heißt es: Ein Löwe hat dem großen Bunduki den Kilimandjaro versohlt.« Der erlegte Simba war ein mächtiges, ja majestätisches Tier mit einem abgenutzten Gebiß, aber einer unheimlichen Lebenskraft. Ein Leu, der auf den Königstitel Anspruch erheben durfte! Simbalimpi war von seiner Geißel befreit. Die Kadaver wurden unter Triumphgeschrei und Trommelschlag nach dem Dorfe geschleift. Männer, Weiber und Kinder strömten herbei, und die Beherzten betasteten mit Vorsicht den Schwanzwedel. Fatima geriet in eine förmliche Ekstase. In ihren schwarzen Augen funkelte ein grausamer Haß, mit einem gellenden Gelächter weidete sie sich an dem Anblick der toten Löwen, sie sang und schalt: »Meine Mutter ist gerächt, meines Bruders Tod vergolten! Ihr Hunde, ihr feigen Kindsmörder und Frauenfresser! Räudige Hyänen, Stinkschakale seid ihr, ein Futter der Aasvögel. Nun beißt doch mit den Zähnen, ihr bösen Teufel!« Das leidenschaftliche Mädchen zupfte höhnisch an den Barthaaren und riß die lange Zunge noch weiter heraus. Ohne Scheu stampfte sie auf den Leibern herum, Fatima triumphierte und tanzte auf den Kadavern. Das war dem gesitteten Deutschen zuwider, er winkte ihr. »Genug! Wehe dem, der dein Feind ist!« »Ja, aber dreimal wohl dem, der mein Freund ist und mein Vertrauen hat! Ich würde für ihn dürsten und hungern, durch Wasser schwimmen und durch Feuer schreiten. Sag an, wer hat die Menschenfresser besiegt?« Die letzten Worte waren an Jobst gerichtet; dieser zeigte stolz auf seinen Neffen. »Er ist der Held.« Das Mädchen warf sich in wilder Dankbarkeit zu Erbs Füßen hin, umklammerte seine Knie und küßte stürmisch seine Hände, seine Kleidung, ja seine Schuhe. »Hoher Herr, ich bin arm und habe nichts dir zum Lohne zu geben als mich selbst. Fatima gibt sich dir... Fatima ist deine Dienerin, deine Magd, die dein Gewand wäscht, dein Essen kocht, deine Last trägt, sie ist deine Sklavin, die von deinen Wimpern deine Wünsche liest, ja deine Hündin, die dir folgt und vor deiner Zelttür wacht. Du bist fortan mein Bana und Gebieter, mache mit mir, was du willst!« Der Deutsche dachte: Ein Glück, daß die wilden, wechselnden Affekte einer heißblütigen Orientalin rasch kommen und noch rascher gehen. Darum lächelte er gutmütig: »Morgen werden wir nüchterner danken und denken, mein Kind.« Sie wiederholte nur sehr bescheiden, aber sehr bestimmt: »Du bist mein hoher Herr, ich bin und bleibe deine geringe Magd.« Der Onkel schielte um die Ecke und fing mit seinen Sarkasmen an. »Du hast viel Glück, mein Sohn, in der Löwenjagd und der Liebe. Für einen neugeborenen Afrikaner ein netter Anfang! Jetzt hast du eine schmucke Magd, eine schnelle Dienerin, vielleicht sogar die Grundlage zu einem kleinen, niedlichen Harem... was willst du mehr?« Jobst selbst hatte keine Beschwerden und nur die Belästigung, daß er auf seinem Naturpolster nicht liegen konnte. Der Neffe dagegen wurde nachts von einem mäßigen Wundfieber befallen und kroch am Morgen blaß und matt aus dem Moskitonetz heraus. Sein erster Blick fiel auf Fatima, die vor der Zelttür hockte und dort die ganze Nacht gekauert hatte. Für einen Samariter hatte der Onkel eine etwas rauhe Tatze. Fatima hingegen schlüpfte ins Zelt, hatte eine weiche Hand und geräuschlose Art, kauerte am Kopfende, verjagte mit einem Palmenwedel jede Fliege und erriet jeden Wunsch. Obgleich geschwätzig, wie alle Töchter Afrikas, gab sie nur auf Fragen Antwort, bloß einmal erklärte sie ihm: »Du hast nun gesehen, daß du ohne deine Dienerin nicht sein kannst.« Das Dorf brachte als Dankgeschenke Pombe, Eier, Ziegen, Hirse in großer Menge. Und da behauptet man, daß der Neger den Begriff, ja das Wort Dankbarkeit gar nicht kennt! Am dritten Tage marschierten die Jäger. Simba trug stolz, als wenn er der Löwentöter sei, die Löwenfelle und alle Büchsen und Patronentaschen bis auf die Flinte, die vom echten Afrikaner unzertrennlich und sein Alterego ist. Fatima hatte ein Bündel mit ihren paar Armseligkeiten – Kamm und Negerzahnbürste, ein weiches Stück Holz zum Reiben und Polieren des blendenden Gebisses, fehlten nicht – gepackt und war reisefertig. Erb redete freundlich-wehmütig und ernst-verständig auf sie ein. »Es geht mir ans Herz, daß ich dich betrüben muß, aber du kannst nicht mit uns gehen, wir marschieren hundert Tagereisen weiter als zum Tanganjika, du würdest ermüden, erkranken, sterben.« »Ich marschiere zweihundert Tagereisen, ohne müde zu werden.« »Wir sind lauter Männer und dürfen kein Weib in unsrem Zelte dulden.« »O, Fatima schläft unter Baum und Strauch, auf Gras und ohne Zelt.« »Nein, nein, ich darf dich nicht bei mir haben nach unsren Christensitten.« Die Beharrliche wußte einen Rat und Ausweg. »Ich werde eine Christin und lasse mich mit Wasser begießen.« »Kurz und gut und unwiderruflich, ich kann und darf und will dich nicht mitnehmen, du sollst nicht auf der wilden Safari verkommen und verderben.« Wie erschrocken und flehend sie ihn ansah! »Ich kann und darf nicht hier bleiben, denn ich bin deine Sklavin und du mein Herr, dem ich folgen und gehorchen muß.« Erb machte sein Gemüt hart und sein Gesicht finster. »Gut, ich bin dein Herr, und du gehorchst mir unbedingt?« »Ja, ja, Bana Simba!« Ihr Ohr glaubte eine Erhörung zu vernehmen, und es kam anders, hart und herrisch aus seinem Munde. »Als dein Herr befehle ich dir, hier zu bleiben, und du hast zu gehorchen ... lebe wohl und habe Dank!« Ihm war nicht wohl, und ein schreiendes Weh ergriff ihr kindliches Herz. Fatima kauerte mit ihrem Reisebündel unter einer Bananenstaude und weinte und schluchzte. Er kehrte sich ab und konnte nicht dahin sehen, um nicht weich und wankelmütig zu werden und seinen Befehl zu widerrufen. Fatima weinte sich die Augen aus, während das ganze Dorf zu Ehren der Weißen tanzte und trommelte. Die alten Weiber mit den Hängebäuchen watschelten in grotesken Tritten, die Greise, die kaum humpeln konnten, hopsten und machten lächerliche Beinverrenkungen, die schwarzen Bälge, die noch taumelten, tanzten possierlich und purzelten, sogar der Säugling hüpfte im Arm der Mutter und sang sein Ba–ba–ba. Das tanzende Dorf gab den Löwentötern eine Meile weit das Geleit, sang neue Lieder, die der schwarze Dorfpoet in Pombebegeisterung gedichtet hatte, Lieder von dem alten Bana Bunduki und dem jungen Bana Simba und nahm tiefgerührten Abschied. Erbenheim hat bei den Negern den Ehrennamen »Herr Löwe« behalten. Hinter dem lärmenden Haufen schlich sich die weinende, tieftraurige Fatima. Die Deutschen machten einen forcierten Marsch, um noch zwei Rasttage in Tabora zu gewinnen. Der Boy, auf dessen Haut Tropfen glänzten, seufzte: »Heiß, sehr groß heiß.« Das war sein Superlativ. Sein Herr äußerte eine Schadenfreude. »Das ist dir und deiner Trägheit gut. Ich muß einen Eimer meines edlen Schweißes von mir geben, während der Bengel keine Tasse voll vergießt.« »Nimm dir lieber an dem Bengel, der wenig trinkt und darum wenig transpiriert, ein Beispiel,« bemerkte der Oheim trocken. »Genug für heute! Wir haben dreißig Kilometer gemacht.« »Wie du ohne Karte und Sextant die zurückgelegte Strecke feststellst, ist mir rätselhaft.« Ein Schmunzeln. »Sehr einfach mit Uhr und Kompaß! Bei Beginn des Marsches peile ich mit Hilfe meines mit Gradeinteilung versehenen Kompasses die Richtung des Weges an, indem ich die Nadel auf N einspielen lasse, dann lese ich auf der Gradeinteilung ab, um wie viele Grade die Wegrichtung von der NS -Linie abweicht. Die Anzahl der Grade und die genaue Zeit schreibe ich mir auf, und das wiederhole ich alle zehn Minuten, was freilich recht mühsam-langweilig ist. Die Kardinaltugend Afrikas heißt eben Geduld, Geduld und nochmal Geduld. Meine Messung ist natürlich eine recht rohe, weil man aber bald zu viel, bald zu wenig mißt, gleichen sich die Fehler von selber aus, und diese Art der Aufnahme genügt für achtzig Kilometer. Dann muß allerdings eine Korrektur durch astronomische Beobachtung eintreten.« Der Neuling hatte begriffen und sein Wissen bereichert. »Ein Mann hierzulande muß von allem etwas, muß Jäger; Soldat, Bauer, Architekt, Arzt, Ingenieur, Richter, Landmesser und Astronom sein.« »In Afrika ist der Daseinskampf und die natürliche Zuchtwahl intensiver als anderswo ... was nicht taugt, geht zugrunde. Wenn Anophelesmücken d. h. Mückinnen – es sind immer die verdammten Weibsen –, Giftpfeile, Chinin, Löwen und Krokodile dich nicht vorzeitig umbringen, wirst du mich bald belehren. Du bist mir nur zu kühn ... allzu kluge Kinder werden selten alt. Bravour, mein Sohn, taugt nichts den Bestien und Negern gegenüber.« Die Feuer lohten, der ewige Reis mit Hühner- oder Ziegenfleisch war verzehrt. Urplötzlich nach dem grandiosen Abschied der Sonne, die in königlichem Purpur ihre ganze Schöne, Glut und Größe noch einmal zeigte, war es dunkel geworden. Glühkäfer flogen, in der Stille klang das tausendstimmige Gezirpe der Zikaden. In der Weite brüllte ein Löwe, die Träger zuckten und schürten das Feuer, Hyänen heulten im nahen Busch vor Hunger ihr Tu–tu, seltsame Schreie unsichtbarer Nachtvögel ertönten. Am Firmament strahlten die Sterne, die ganz anders über Afrikas Gefilden glitzern und funkeln. Wunderbar ist die laue Tropennacht, wenn auch die hellen deutschen Mittsommernächte viel zarter, trauter und traumhafter sind. »Sprich nicht von deutschen Sommernächten!« murmelte der Alte, »ich floh vor den Nächten, vor einer hellen Nacht.« In düstere Grübeleien versank er. Erb hatte auch unfrohe Gedanken, hatte seit Wochen sich Gewalt angetan und nicht an die Heimat gedacht, die ihm die Brandmarke aufgedrückt hatte, er wollte die Heimat hassen und mußte sie lieben und Heimweh leiden. Eine Sehnsucht nach der Mutter und Ella Ritterhus beschlich ihn. Nein, fort mit aller Sentimentalität! Die Heimat ist die Schande, Schurkerei und Treulosigkeit, alle Brücken sollen abgebrochen, alle Bänder zerrissen sein, meine Zukunft und mein Grab ist Afrika. Den Oheim hatte er noch nie in solcher Stimmung und Geistesabwesenheit gesehen, ohne rechte Überlegung berührte er den Arm des Tiefsinnigen. »Warum magst du nicht die hellen Nächte?« Jobst fuhr empor, fuhr jenen an und antwortete, den Spieß umkehrend, mit der Frage: »Warum ...? Warum bist du nach Afrika gegangen?« Das war die bisher so rücksichtsvoll unterlassene Frage. Erb wischte die Stirn und schwieg. Die stumme Minute war ihm wie eine Stunde. Der andere gab sich selbst die Antwort und seinem Neffen höchst unerwartete Aufschlüsse. »Ich will es dir sagen, ich weiß es längst ... die ungeheuer sensationelle Geschichte, daß der Sohn eines adligen Landgerichtsrats, um Spielschulden zu decken, einen gefundenen oder ihm nicht gehörenden Ring versetzte ... das stand sogar in der ostafrikanischen Zeitung ... und eben darum schrieb ich deiner Mutter und ließ dich kommen. Für unsresgleichen ist in dem hochehrbaren Deutschland kein Raum, aber hier ist Ellenbogenfreiheit, uns ein weiteres und weitherzigeres Neudeutschland zu schaffen ... die Geschichte ist begraben, Gras drüber!« Wie viel Zartgefühl und Edelmut besaß dieser Mann! Dennoch rang der Neffe nach Worten: »Und du ... du glaubst, daß ich ein Brillantdieb gewesen und nach Verdienst und Würdigkeit bestraft bin?« Jener umspannte mit herzlichem Druck Erbs Hand. »Ich sage: Wenn du schuldlos bist, so sollst du stolz dem hundsgemeinen, tückischen, schuftigen Schicksal Trotz bieten und im erhabenen Gefühl deiner Unschuld die menschlichen Kläffer verachten ... wenn du aber in einer verrückten Stunde zu sehr Mensch gewesen bist, gleichwie ich und viele andre anständige Subjekte, die von irgendeinem der tausend deutschen Paragraphen am Kragen gepackt werden sollten, aber sich nicht fassen ließen, so bist du erst recht mein Mann, mein Kamerad und Kampfgenoß, denn ich habe auch eine bitterböse, ja blutige Kerbe auf dem Kerbholz. Hand her, mein Freund! Es sind sehr wenige unter dem zweibeinigen Gelichter, die ich Freund nannte und nenne ... Ben Hamid und Musa waren zwei Treue ... und du bist mein letzter und liebster Freund. Wir sind ehrlicher als die heimlichen, hochangesehenen Spitzbuben und die braven, beschränkten Spießer daheim, die über solche Subjekte, wie wir, eine zolldicke Gänsehaut kriegen und mit ihrem Gottseidank gen Himmel schielen. Der Herrgott möchte den Kerlen am liebsten auf den Kopf spucken und ärgert sich gründlich, daß er eine solche Kanaille geschaffen hat.« Erb erzählte in raschen, erregten Sätzen, wie er durch einen bildschönen, lückenlosen Indizienbeweis – so hatte ein Jurist gesagt – erdrosselt worden sei, und schloß mit einem schrillen Lachen: »Also ist es mir von der Strafkammer auf den Leib gebrannt worden, daß ich ein Dieb bin. Glaubst du den unfehlbaren Richtern, oder glaubst du an meine Unschuld? Glaubst du mir?« »Ich traue jedem Menschen Gutes zu, solange bis er mir das Gegenteil beweist ... wenn er mich einmal belogen hat, bin ich aber eklig mißtrauisch. Ich habe noch keine Falschheit und Lüge an dir gefunden, darum traue ich dir und deinem Wort. Es gibt hier Leute, die für eine Flasche Whisky drei Meineide schwören, in Deutschland sind sie nicht ganz so wohlfeil.« Der Neffe preßte die hornharte Hand. »Ich danke dir!« Eine sehr nahe liegende Frage entschlüpfte ihm: »Du hast auch vor dreißig Jahren die Heimat verlassen – müssen?« »Ja, ich mußte mich aus dem Staube machen, um nicht eingesteckt zu werden ... o, ich hatte von der Knabenzeit her einen Busenfreund ... und sein Blut ...« Er wurde von der Erinnerung, wie von einem Fieberanfall, geschüttelt. »Ein andres Mal ... später ...« Um den Verstörten abzulenken, bat Erb: »Gib mir einen kurzen astronomischen Unterricht, damit ich in dem Stand der Himmelslichter Stunde und Himmelsrichtung richtig lesen kann! Das Kreuz des Südens kenne ich; das berühmte Kreuz, davon man übertriebene Vorstellungen in Europa hat, hat mich enttäuscht ... das Sternbild imponiert mir nicht.« »Es würde dir gewaltig imponieren, wenn es dir, wie mir, den Weg gewiesen hätte. Ich irrte zwei Tage und zwei Nächte bei bewölktem Himmel, unter Gewittergüssen, von Löwen umbrüllt, von wütenden Wahehe umlauert, nach dem entsetzlichen Untergang der Zelewskiexpedition durch die Wildnis ... als da das Kreuz des Südens durchbrach und dem Verwundeten, Verhungerten Weg wies, habe ich das Sternbild angebetet. Verachte nicht das Kreuz! Tausend Verirrten war es der Retter. Beachte stets, daß die Sonne im Norden, das Kreuz im Süden steht, und außerdem die folgenden Sterne, dann kannst du stets dich zurecht- und weiße Menschen finden!« Simba bereitete das Lager und spannte die Moskitonetze. Alles schlief, am Feuer lagen drei ... vier Menschenbündel. Der Morgen – es war kurz nach fünf Uhr – brachte zwei Überraschungen. Als Erb herauskroch, erhob sich eine vor der Zelttür kauernde Gestalt, schlug das über den Kopf geschlagene Gewand zurück – und Fatima schaute furchtsam flehend, aber auch kindlich-treuherzig ihn an. »Ich bin ja deine Sklavin und du mein Gebieter. Ein Gelübde machte ich, unsre Götzenbilder und alle Geister, auch Allah und den Kreuzesgott, um keinen zu vergessen, rief ich als Zeugen ... wenn du die Löwen töten würdest, dir zu dienen, für dich zu leben und zu sterben ... und ein Gelübde muß man halten. Auch schwor ich: Wenn ich mein Wort nicht halte, sollen die Simbas mich verschlingen! Ach, sollen die Löwen Fatima fressen?« Des Naturkindes leidenschaftliche Bitte und Beharrlichkeit hätten ein härteres Herz gerührt. Barsch befehlen konnte er nicht, aber er bat: »Sei vernünftig und kehre nach deinem Dorfe zurück! Ich darf dich nicht behalten, wir marschieren tausend Meilen in fremde Länder, wo Kannibalen hausen und die Fliegen wie giftige Schlangen sind ... du würdest sterben.« »Hoher Herr, ich bin deine geringe Magd.« »Gehe zurück zu deiner Sippe!« »Nein ... wenn du mich mit Schlägen und Steinwürfen, wie ein armes, allzu anhängliches Hündlein, zurückjagst, würde ich doch aus der Ferne dir folgen und morgens vor deinem Zelte liegen, bis du mich erhörst und dein Hündlein um dich duldest.« Jobst wurde weichherzig und polterte: »Du bist ja ein wahrer Unmensch, das arme Ding nach Simbalimpi zurückzujagen, damit die Raubtiere sie fressen ... nun müssen wir sie bis Tabora mitnehmen.« Fatima hatte gewonnen und blieb bei den Pfadfindern. Ein gewaltiges Hallo erhob sich. Die Kochkiste war verschwunden und gestohlen. »Hast du sie geklaut und ausgeräumt, du Hungerleiderin?« fuhren die Träger das Mädchen an, um nicht selbst in Verdacht zu kommen. Simba deutete lachend auf die Spur des Diebes – eine Hyäne hatte die Kiste verschleppt. Man fand sie im Busche, aber alle Geräte, Messer, Gabeln, Zinnteller, Kasserollen waren verstreut, und die Ziegenkeule fehlte. Der Tag brachte wieder einen Gewaltmarsch und eine grauenhafte Hitze. Erb zog oft die Uhr, deren Zeiger nicht rückte, und das Thermometer, dessen Säule beständig und bis 42 Grad stieg, hervor. Der schmächtige Boy schielte nach dem Wärmemesser – »Ist das dein Fetisch?« – noch öfter aber nach Fatima, die leichtfüßig tänzelte und ihr Bündel in der Hand hielt, hinüber. Sie war überglücklich und erregte seltsamerweise doch sein Mitleid. Der recht faule Bursche schielte und sagte galant: »Kleine, laß mich dein Bündel tragen, es ist dir zu schwer!« Lachend hängte sie es ihm über den einen Gewehrlauf, lustig-neckisch nannte sie ihn ihren braven Esel. Gutmütig grinsend, ließ er sich von dem schönen Kinde alles gefallen, in seiner Negerbrust regten sich die ersten erotischen Gefühle. – Die Nachzügler der deutschen Safari schritten auf dem viel begangenen Pfade rüstig aus, die vielen eingezäunten Felder waren die Anzeichen der Stadtnähe. Plötzlich klatschte Fatima in die Hände, und alle riefen: Tabora, Tabora! Unten in einer Bodensenkung lag die ausgedehnte Stadt, die große Handels- und Karawanenzentrale im Herzen Ostafrikas. Alle waren entzückt, weil des ungeheuren Weges erste Etappe erreicht war, weil die Stadt mit ihren lang entbehrten Genüssen, mit Bad und Bartscher, mit Seife und Schüssel, mit Bett und Bier dem verschmutzten Kulturmenschen winkte. Die schreienden Träger träumten von Pombe und Pombeweibern. Wie alle Städte Afrikas und des Orients ist Tabora in der Ferne ein Paradies und hält in der Nähe nicht, was es verspricht; in seinen Gassen muß man oft bedenklich blicken und auch die Nase sich zuhalten. Dennoch ist Tabora die Gepriesene, Ersehnte, die Hunderte von Weißen, abertausende todmüde Neger mit Jubel begrüßten. Die massige Boma dräut mit Zinnen und Scharten sehr imposant, kann und soll Eindruck machen, die Stadt selbst besteht aus vielen Haufen von Gehöften, Strohhütten, Fachwerkbauten, daran sich Gärten und Felder anschließen. Die buntfarbige Bevölkerung fluktuiert beständig, alle Völker und Stämme Ostafrikas sind hier vertreten; schwarzes Gesindel und gelbe Galgengesichter fehlen nicht. Der spitzbübische Inder findet ein Feld für seine unheilvolle Handelstätigkeit, der stolze Araber, der unter gravitätischen Allüren seine Leidenschaften und Laster verbirgt, spricht von der alten, guten, goldenen Zeit des Sklavenhandels und der schönen Menschenjagden und verwünscht die deutsche Gesittung und die deutschen Gesetze, die solchen Scheußlichkeiten ein Ende machten. Als Jobst und Erb anlangten, war der Oberleutnant F., der gemessene, wortkarge Mann, war die ganze Stadt in Aufregung. In letzter Zeit waren nämlich Karawanen im Westen überfallen worden. Von drei Trägerkolonnen waren nur dreiunddreißig Mann dem Gemetzel entronnen und an zweihundert Träger mit ihrer wertvollen Last getötet oder in der Gewalt der Waharäuber. Dieser Tag brachte noch eine Hiobsbotschaft. Zwei arabische Händler waren in einem Engpaß Uhas mit Hinterladern beschossen und mit fast allen ihren Leuten niedergemacht worden. Der Oberleutnant äußerte sich: »Den Arabern, die den Waffenschmuggel treiben und Hinterlader verkaufen, gönne ich es von Herzen, daß sie die Kugeln, die sie gossen, im eignen Leibe haben. Aber haben die Waha rebelliert, oder hat sich nur eine freche Raubbande zusammengetan? Was meinen Sie, Mister Renner?« »Es wird eine Räuberbande sein, die von einem Häuptling der Waha gegen Gewinnbeteiligung und Prozente insgeheim bewaffnet und protegiert wird. Die Banditen kommen uns wie gerufen, jetzt wo wir nur einen kleinen Umweg zu machen brauchen. Eine prächtige Gelegenheit, um mit Ihren Askaris eine gefechtsmäßige Übung und die Feuerprobe zu machen! Das ist meine Meinung.« »Und just die Laus, die mir über die Leber läuft ... ja, das ist die Autorität und Macht eines Oberleutnants, bei dem man, wie die Instruktion so schön besagt, Initiative und selbständiges Handeln voraussetzt, aber beileibe nicht duldet; der vielmehr erst bei der vorgeordneten, höheren Instanz vorfragen muß, ob er mal – austreten darf. Ich müßte eigentlich die Order des Hauptmanns, ob wir den Räubern unsre Aufwartung machen sollen, ganz gehorsamst und ganz geduldigst abwarten – aber ich will es zum Teufel nicht tun, sondern auf eigne Faust handeln.« – Nach dem Gerede in Tabora sollten zuerst fünfhundert und schließlich zweitausend Träger am Malagarassi erschlagen sein. Mehrere Träger der deutschen Safari verdufteten, andere kamen leichenblaß und meldeten sich krank. Renner erhielt den Auftrag, neue Leute, die womöglich ein Gewehr zu handhaben wüßten, anzuwerben. Er ging mit Erb nach dem Bazar und Markt. In einer Bretterbude war die Schenk- und Schmutzwirtschaft eines Mestizen. Der alte Pfadfinder schielte nach der Giftbude. »Hm, hm, ich habe Durst und nehme ein Glas ... aber du trinkst ja keinen Alkohol in den Tropen.« Der Neffe schrie ein scharfes Nein. Der alte Schalk bestellte – zwei Sodawasser. »Mit,« sagte der mundfaule Mestize, der die Germanen kannte und die Kognakflasche nahm. »Nein, ohne!« brüllte Jobst, »hältst du mich für einen Säufer? Du Mischling und Giftmischer!« Der junge Herr schlürfte befriedigt, balancierte auf einem wackligen Stuhl und betrachtete das Marktgetriebe. Jählings emporhüpfend, stampfte und trampelte er einen wilden Schuhplattler, um ein Tier aus seinen Büxen herauszuschütteln. Es gelang ihm nicht. Der Tyroler wurde zum förmlichen Indianertanz und Indianergeheul: »O, o, o! Eine Schlange beißt mich, eine Schlange ist mir ins Hosenbein gekrochen und hat sich festgebissen!« Hundert Neger scharten sich mit Gaudium und Gegrinse um den unglücklichen Tänzer, der leichenblaß die Giftschlange an seinem Beine fühlte und sich für verloren hielt. Die boshaften Zuschauer – zweihundert waren es geworden – wieherten und hielten sich den Bauch. Der Schuhplattler sank kraftlos auf den wackligen Stuhl und stammelte: »Gib mir Alkohol, viel Alkohol! Ich muß eine ganze Flasche trinken, um die Giftwirkung aufzuheben.« »Was? Du trinkst ja keinen Alkohol in den Tropen, und Schlangen beißen sich nicht fest, mein Sohn,« sagte Jobst sehr ruhig und zog dem Ärmsten vor allen Leuten die Büxen mit einem Ruck herunter. »Oha, oha, ohahaha!« Das hundertstimmige Oha hörte nicht wieder auf. Ein Hundertfuß war ihm von unten ins Hosenbein gekrochen und hatte seine Zähne und Zangen ins Fleisch geschlagen. Das tut schauderhaft weh, ist aber unlebensgefährlich. Der benaute Bana Simba saß mit unbekleideten Beinen vor zweihundert lachenden Zuschauern und ließ sich von dem infamen Hundertfuß erlösen. Aber noch einmal fing er zu schuhplatteln, wild und wütend zu trampeln an, um den Satan mit dem Stiefel zu Mus zu zerquetschen. Der junge Afrikaner hörte noch lange das brüllende Oha–oha, mußte noch oft vom Onkel ekelhafte Witze und seinen eigenen Notschrei: »Ich muß Alkohol, einen ganzen Liter Alkohol trinken,« in boshaft naturgetreuer Nachahmung hören. – Jobst wandte seine Überredungskünste an, um Träger zu dingen, erhielt aber meistens die achselzuckende Antwort: »Was nützen uns deine Rupien, wenn wir in Uha totgeschlagen sind?« Er lachte. »Alles wird deiner Frau nach deinem Tode ausgezahlt.« »So mag sie mit dir gehen und für sich selber sterben,« sagte der zärtliche Gatte. Die wildesten Gerüchte wurden geglaubt, die Angst steckte an und erzeugte eine Art von Panik. Aber Jobst mußte Leute haben und griff, zwar ungern, zu dem alten Mittel, einem Glase Niggertod. »Im Alkohol sitzen die angstfressenden Bazillen und die furchttötenden Bakterien,« behauptete er, »ohne Alkohol ist kaum ein Sieg erfochten worden.« Das angstfressende Mittel bewährte sich auf dem Markt von Tabora. Die Wanjamwesi wurden nach einem Glase sehr viel mutiger und sagten als Fatalisten: »Es ist ein Befehl Gottes, daß wir mit dir gehen, sterben wir, so sterben wir.« Tausende von Trägern haben von den Zeiten des harten Stanley bis auf den heutigen Tag ihr Leben gelassen. Einen langen Vortrag über die gräßlichen Gefahren einer solchen Reise hielt Erb der anhänglichen Fatima, ausführlich die vielen Schrecknisse und Todesarten schildernd. Lächelnd antwortete das junge, braune Kind: »Es ist Allahs Befehl, daß ich mit dir gehe, mit dir lebe und mit dir sterbe.« Sechster Abschnitt. Fatima packte die persönlichen Effekten und war eine sorgsame Dienerin, so daß der bequeme Simba gute Tage hätte haben können. Doch er wurde dadurch nicht zur Eifersucht, sondern zur Nachahmung angespornt und verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Erbenheim wurde wie ein Negersultan bedient. Die Dienerin servierte die Speisen viel appetitlicher als der Boy mit den naschhaften Fingern. Als er nach alter, übler Gewohnheit in die Schüssel fuhr und einen Bissen fischte, schlug sie ihn so rücksichtslos mit dem heißen Bratspieße über die Hand, daß er buchstäblich als Dieb gebrannt und gebrandmarkt wurde. Aber alles ließ sich der Bursche von ihr gefallen, einen Nasenstüber nahm er lächelnd, wie eine kleine Liebkosung, hin. Im Zwielicht des Morgens blies der lange Sudanese, der noch von Wißmann gedungen war, das Signal zum Aufbruch. Die Truppe von fünfzig Gewehren bestand zur Hälfte aus abgedienten Askaris, d. h. Kriegern, zur Hälfte aus Rekruten, die aus allen möglichen Negerstämmen angeworben waren. Die Zahl der Träger war recht knapp, denn mehrere hatten allem Anschein nach einen Gegenbefehl Gottes erhalten und vor dem Abmarsche sich versteckt. Die im Gänsemarsch ziehende Karawane ähnelte einem achthundertfüßigen, dünnen Riesenwurm von Halbmeilenlänge. Der Marsch wurde, wie in Feindesland, gesichert. Die Pfadfinder mit einem Unteroffizier und acht Askaris bildeten die Spitze, die aufzuklären und alles irgendwie Verdächtige zu erforschen hatte. In zweihundert Meter Abstand folgte der Oberleutnant mit zwanzig Mann, dann kam die Trägerkolonne, alle zehn Meter von einem Askari eskortiert, und die Nachhut hatte ein Feldwebel mit zwölf Mann. Grundsätzlich wurde nie in einem Dorfe, wo ein Hinterhalt leicht zu legen ist, sondern stets auf offnem Platze mit freiem Schußfeld gelagert. Nachdem die Gewehre zusammengestellt, die Lasten hingelegt waren, zog die Wache auf Posten. Jobst hatte eine einfache, selbsttätige Revision der Posten eingeführt. Die Posten hatten ihre Nummer und mußten, mit eins beginnend, alle halbe Stunde ihre Nummern laut und der Reihe nach abrufen, so daß sofort gemerkt wurde, wenn ein Mann nicht munter war. Etwa zweihundert Kilometer waren zurückgelegt. Man war im Zuflußgebiet des Malagarassi, der kaum hundert Kilometer von seinem Ursprung mündet und in seinem kuriosen Laufe einen ovalen Kreis beschreibt. Weite, ausgetrocknete Sümpfe mit einem Wald von Papyrus und Ried mußten umgangen werden. Erb taumelte in Erschlaffung weiter und hatte nur den einen Wunsch, zu trinken, einen klaren See auszutrinken. Wasser! Das erlösende Evangelium Afrikas klang heiser von vorn und pflanzte sich bis hinten fort. Fatima hüpfte in den Tümpel und hielt den vollen Lederbecher an die rissigen Lippen des Deutschen, der dankbar dem braunen Kinde das schwarze Haar streichelte. Glücklich und glühend war ihr Antlitz zu ihm emporgerichtet. Sofort zog er die Hand zurück. »Noch einen Trunk!« Die Dirne sprang in den Weiher und füllte noch zweimal den Becher. Jobst fragte freundlich: »Ob du wohl morgen auf dem Rücken liegen und über das mörderische Klima Afrikas schimpfen wirst? Die Gegend ist vergiftet ...« »Von den Wahns?« Der Neffe goß den Rest fort. »Nein, von den Moskitos ... hörst du sie nicht surren? Und was ist das für ein Tierchen, das dort fliegt?« »Eine Fliege, etwas größer als unsre Stubenfliege.« »Ja, diese kleine Fliege hat mehr Verderben über Afrika gebracht als alle Negerkriege eines Jahrhunderts, hat mehr Rinder getötet als die mordende Rinderpest ... es ist die Tsetsefliege, mit ihrem gelehrten Namen Glossina morsitans genannt, die durch ihren Stich die tödliche Surra-Krankheit einimpft, so daß in den Gebieten der Tsetse jeder Huf und jede Klaue zugrunde geht. Und dieses winzige Scheusal hat eine Schwester, die noch niederträchtiger ist und Menschen mordet, die Glossina palpalis welche die schauerliche Schlafkrankheit vermittelt und verbreitet. Unsre Esel und Muli müssen fortwährend mit Zweigwedeln geschlagen werden, um die Fliegenbestien fernzuhalten.« Der Leutnant gab sehr energische Befehle, um die Tiere nicht zu verlieren. Am Wasser standen unzählige, eingetrocknete Wildspuren. Jobst kannte und deutete alle, den Huf des Zebras, Gnus, Hartebeests, des Sumpfbocks, auch Giraffen hatten hier den Durst gelöscht. »Was bedeuten diese gleichmäßigen, runden Löcher? Hat ein Neger sie zum Fallenstellen gemacht? Oder warum hat er einen Baumstamm eine Elle tief in den Sumpf gerammt und wieder herausgezogen?« »Das sind die Fußstapfen der Dickhäuter.« »Elefanten!« Erb war wie elektrisiert und seine Erschöpfung wie weggeblasen. Auf einer sogenannten Insel, einer hohen Stelle der Sumpfniederung wurde gelagert, die Askaris schlugen halb im Schlaf mit Zweigen die Tiere. Die Jäger zogen von dannen und sahen einen ungeheuren Wildreichtum, daß jedem Weidmann das Herz im Leibe hüpfte. An hundert Zebras und Gnus ästen in voller Eintracht – ein schöner Zebrahengst sicherte, wieherte und warnte. Antilopen sprangen, wie die Hasen im deutschen Rübenfeld. Ein Dutzend Giraffen blieben ruhig stehen und gafften die lächerlichen, zweibeinigen Geschöpfe an. Abgebrochene Zweige, umgerissene Bäume zeigten, daß Dickhäuter, die arge Verwüster sind, hier gewesen. Aber wann? Der Büchsenträger fand Elefantenlosung, und Jobst untersuchte den mächtigen Misthaufen. »Keine Stunde alt!« Ein Knacken und Bersten drang ans Ohr. Die Füße vermieden jedes Geräusch, die Nerven waren gespannt, die Augen bohrten sich durch die Büsche und brannten. Simba kletterte geschmeidig und hing wie eine schwarze Raupe an einem dünnen Baumstamm. »Bana, da sind sie ... acht ... zehn ... zwölf ... vier sind Junge ... fünf Kühe ... ein starker Elefantenbock hat riesige Zähne.« Das merkwürdige Kollern und Bluffen, das aus dem Leibe der Kolosse kommt, wurde jetzt deutlich gehört. »Psttt! Hier gegen den Wind! So lautlos wie ein Floh, so ruhig wie meine Schwiegermutter auf dem Schragen!« Die Jäger krochen vorwärts, die Büchse im Anschlag. Erb sah ein wedelndes Ohr, schlüpfte um den Eukalyptusbusch, sah die ganze Herde auf der Lichtung und hörte auf zu atmen. Die ersten Elefanten in freier Wildbahn sind ein unvergeßliches, großartiges Erlebnis, ein bleibendes Bild. Auf die Kühe wird kein Weidmann schießen – und der Bulle, der leckermäulig rupfte, kehrte ihm das Hinterteil zu. Erb kroch auf Händen und Knien, um die Seite des Tieres zu gewinnen. Ungeduldig riß er seinen Fuß aus einer Grasschlinge, das Geräusch genügte, um das Elefantenohr mißtrauisch zu spitzen. Die kleinen Augen des Sauriers suchten argwöhnisch. Ein andrer Bulle trompetete gellend: Gefahr, Gefahr! Alle Elefanten trampelten über die dröhnende Erde. Eine wilde Windsbraut von grauen Fleischmassen, von antediluvianischen Ungeheuern raste und brach die Büsche nieder. Schüsse knallten. Erb traf zweimal, aber nur die zolldicke Haut des Bullen, den die Kugel kaum kitzelte. Elefantengroß war Erbs Ärger. Der Oheim höhnte gründlich. »Bravo, du hast den Elefanten in den Spiegel geschossen. Merke dir, mein Sohn, den schönen Vers: Den Elefant von Borneo, den schießet man von vorneo, den Elefant von Indien, den schießet man von hindien ... aber unsren Elephas africanus muß man entweder ins Blatt oder ins Gehirn treffen ... wer das nicht kann, soll auf Schakale knallen. Himmel! Nun ist die schöne Herde für acht Tage vergrämt.« Erb dankte ironisch und pirschte auf Antilopen. »In der Not frißt der Fuchs Frösche,« spottete der Alte. Es dämmerte bereits, als Simba ein Kudu sah und so geschickt aufjagte, daß es seinem Herrn in die Büchse lief. Das Geweih maß 1,20 Meter und war eine herrliche Trophäe. »Schlägst du mich jetzt?« schmunzelte der pfiffige Bursche. »Das heißt, du meinst eine Platte Tabak verdient zu haben.« »Ja!« Der Boy rauchte für sein Leben gern. Trotzdem gab er, ein ungeheures Opfer bringend, eine Pfeife voll ab an – Fatima. Die hatte natürlich vom vierten Jahre an, wie alle Negerkinder, geraucht, paffte aber heimlich, weil sie wußte, daß der Herr es nicht sehr gern sah. Höher, fröhlicher flammten die Lagerfeuer, lebhafter war das Geschnatter, denn in Hülle und Fülle war Wildfleisch vorhanden. Die Träger schnitten es in lange Streifen, die sie oberflächlich brieten und halbroh verschlangen. Das übrige Fleisch hängten sie als blutrote Girlanden an alle Zweige, damit es dörre und Bulltong werde. Die Hyänen, vom Blutgeruch angelockt, heulten und tututeten ums Lager, ja die frechsten sprangen nach den Girlanden, so daß die Posten schossen. Schläfrig wedelten die Askaris mit den Zweigen, um die satanischen Fliegen von den Eseln fernzuhalten. Erb erkundigte sich nach Art und Wesen der bösartigen Glossina palpalis , und der alte Afrikaner erzählte: »Nicht die großen, sondern die winzigsten Bestien sind die giftig-grimmigsten Feinde der Menschheit, und die glossina übertrifft alle an Bösartigkeit; denn sie überträgt die entsetzliche, ganze Negerdörfer hinmordende Schlafkrankheit. Die Landschaft von Uganda, die am Viktoria Nyansa liegt, die Peters als Paradies vorfand, ist fast ausgestorben durch die Krankheit, gewiß eine Million Neger hat diese Fliege in fünf Jahren getötet. Ein an Schlafkrankheit sterbendes Dorf ist das Schrecklichste, das ich in meinem Leben gesehen ... nein, noch grausiger war jene Nacht vor dreißig Jahren und der blutige ...« Die Stimme erstarb, der ergraute Mann stierte ins Feuer. Um das Schweigen zu brechen, sagte der Neffe: »Du bist seit dreißig Jahren in Afrika?« Der Oheim schaute von unten mißtrauisch empor. »Rede nur weiter, du unschuldiger Fuchs! Du geborner Geheimdetektiv willst ja von hinten herum erfahren, warum ich Europa verließ und mich absentierte.« »Nein, auf Ehre nicht! Europa ist für mich abgetan.« Jobst zündete mit einer Kohle seine Pfeife an. »Der Tabaksrauch vertreibt die Mücken und die Mucken und beruhigt das Gemüt. Ja, ich bin sogar in Deutsch-Südwestafrika gewesen, dazumal als noch keine deutsche Kolonie am Swakop Millionen einbrachte ... nein, verschlang.« »In der deutschen Sahara warst du?« »Rümpfe nur nicht, wie alle Nichtkenner, die Nase! Südwest ist weit, weit besser als sein Ruf, hat schöne Weiden und mächtige Berge. O, das Land, in dem einzelne Kaffern drei ... viertausend und mehr Stück Vieh besitzen, kann ein Neudeutschland werden. Ich weilte dort unten in jener Zeit, wo noch die Hereros und Hottentotten mit Kugel und Kirri sich gegenseitig umbrachten. Die schmierigsten, schurkischsten Subjekte herrschten als König-Kapitäne in Damara- und Namaland. Beide, Hereros und Witbois, sind ein verlogenes, heimtückisches und oft bestialisches Räubergesindel, das sich gegenseitig ausrotten müßte und sich auch peu à peu umgebracht hätte, wenn die braven Deutschen nicht mit ihrer Schutzherrschaft gekommen wären. An der ganzen schwarzen Bande drunten ist kein gutes Haar, kaum ein menschlicher Zug. Ich hasse die hinterlistigen Kerle ... denn viele von den Halunken sind getauft und werden von ihrem Missionar, der ein saudummer Mensch sein muß, Christen genannt ... Samuel, Manasse, Salatiel, Josua, Isaak, kurz das ganze Alte Testament sitzt im Damaralande beisammen, und die schwarzen Christen morden wie die Kinder Israel im gelobten Land ... auch vergiften sie gelegentlich einen unbequemen Bruder in Christo, der mit Gesang und Predigt begraben wird. Kurz, das abscheulichste von allem schwarzen Ungeziefer haust in unsrer Kolonie.« »Du hast böse Erfahrungen mit den Hereros gemacht.« »Ja.« Rauchend erzählte der Alte eins der Abenteuer seines Lebens. »Obgleich die Witbois oft einen Viehzehnten nahmen, hatten die Hereros gewaltige Herden – ein Beweis für die Brauchbarkeit des Durst- und Dornenlandes, das Sommer und Winter die Wiederkäuer ernährt. In ihrem Geiz oder in ihrer Gier nach Flinten, Pulver, Rum schlachteten sie sich selten ein Stück, höchstens eine alte, kranke oder krepierte Kuh, nein, sie nährten sich von Omeire – einer Sauermilch – und von Ointjes – einem zwiebelartigen, wildwachsenden Gewächs, das auch Unkjis genannt wird – und schmachteten lieber, um die Ochsen zu verkaufen. Der Besitz von Hinterladern war allerdings für sie eine Lebensfrage, wenn sie nicht von den Hottentotten totgeschlagen werden wollten, genau so wie sie selbst als Eindringlinge und Eroberer die Urbewohner des Damaralandes, die Buschleute, Klippkaffern und Bergdamaras, grausam-greulich abgemuckst hatten. Ihre Kapitäne – wie Kambazembi und Kamaherero – besaßen oft – ich lüge nicht – vier, ja fünf, sechstausend Rinder. Ich kannte sie alle, die alttestamentlichen Herren, trank ihre Omeire, die nicht übel schmeckt – wofern man nicht Augenzeuge der Zubereitung gewesen –, stand mit ihnen auf du und du, kaufte ihre Ochsen, wobei wir sehr redlich bemüht waren, einander übers Ohr zu hauen, und trieb die Tiere nach dem Kapland, was sich ziemlich lohnte, wenn nicht allzu viele »Beester«, wie der Bur sagt, unterwegs »gekehrt«, d. h. gestohlen wurden. Dann brach die gute, goldene, ja die diamantene Zeit der Händler und Südafrikas an. Kimberley mit seinen Gruben wuchs wie ein Riesenpilz aus der Wüste des Freistaats empor. Die Schatzgräber, Spieler, Spitzbuben, Spelunkenwirte, die Arbeitskaffern und die paar ehrlichen Leute wollten essen und schrien nach Fleisch. Vieh, grobfaseriges Vieh wurde in Kimberley hoch und wie in London, in Islington, bezahlt. Ich und andere Schlauköpfe kauften Hererovieh, das wir auf einem fürchterlich langen Mordswege entweder über den Orange und dann nach Osten oder nordwärts und dann südöstlich gen Kimberley trieben. Weil ich die Kalahari kannte und fürchtete, zog ich den letzteren und längeren Weg vor. O, es waren große, gesegnete Zeiten für den Händler. Dazumal habe ich oft für einen guten Hinterlader dreißig Ochsen in Okahandja erhalten, später wurden die Dreckkapitäne zu klug und wollten nur zwanzig, dann zehn, zuletzt bloß fünf oder gar zwei Brüller für einen Knaller geben. Ja, das Geschäft lohnte gut, obgleich auf dem grauenhaften Marsche manchmal fünfzig, ja siebzig Prozent der Tiere entweder stürzten oder von den diebischen Negerstämmen geraubt wurden. Die ungeheuren Verluste und Abzüge unterwegs schrieben wir seelenruhig auf das Verlustkonto als Spesen und Unkosten ... wenn wir nur dreißig von hundert nach Kimberley brachten, machten wir einen schönen Profit. Die Leute dort warfen mit dem Gold und zahlten für einen abgetriebenen Ochsen fünfzehn bis zwanzig Pfund. Einmal hatte ich für zweiundzwanzig Hinterlader sechshundert Ochsen von meinem Freunde, dem Schuft Josua« – Jobst knirschte mit den Zähnen – »erhalten, die Regenzeit war gut, die Weide vorzüglich, und so gelang es mir zu meinem eigenen Erstaunen, fünfhundert Stück nach Kimberley zu bringen ... die neunzig waren als »Geschenke« von den Häuptlingen unterwegs erpreßt worden. Ich hatte ein Bombengeschäft gemacht und siebentausend Pfund für meine zweiundzwanzig Hinterlader eingestrichen. 144 000 Mark Einnahme und 2200 Mark Ausgabe für die Flinten. Das war allerdings mein größter » robber « und beinahe ein unanständiger Gewinn, obgleich die Mühe unsäglich und das Leben täglich in Gefahr war. Meine Bank auf der Brust konnte damals kaum die Banknoten fassen, ich war in zwei Jahren ein reicher Mann geworden, wollte mit meiner Beute in Pension gehen, aber noch ein letztes und allerletztes Mal Ochsen kaufen und den Mordsmarsch machen. Da war schon die Gier des Geldtigers erwacht. »In Kimberley wurden damals viele Diamanten von den Arbeitern gestohlen und von den Hehlern gekauft – ein Karat oft für eine Flasche Brandy –, das saubere Geschäft lohnte sehr, konnte aber schief gehen und fünf Jahre Zuchthaus bringen, denn das Diamantenstehlen und -hehlen wurde drakonisch und ärger als Totschlag bestraft. Eines Tages nach Verkauf meiner Ochsen trat ich ein, um einen Whisky zu trinken und meinen Wüsten- und Kamelsdurst zu löschen. Ein bekleideter Kaffer lungerte in der Schenke herum, sah mir mein gutes deutsches Herz, das keinen Durstigen sehen kann, wohl an, schwatzte mit höflichem Sir und Beg your Pardon und stänkerte mit seinen Negerdüften mich an, sprach aber ein fließendes Englisch, was meinen ersten Verdacht, der Kerl sei ein gerissener Gauner, erregte, und klagte mir, daß er auf einem Bummel gewesen sei, keinen Sixpence mehr und eine Kehle, so ausgebrannt und trocken wie die Kalahari, habe. Na, ich füllte den Kerl, der mir dann auf die Straße folgte und geheimnisvoll flüsterte, er habe in den Mienen gearbeitet und wolle ein Glas ausgeben, wenn ich ihm für einen großen »Kiesel« ein Pfund geben wolle. Der Kaffer holte einen mindestens sechskarätigen Brillanten, der wie grelles Feuer funkelte, hervor und wollte mir ihn geschwind in die Hand drücken. Da hatte ich eine glückliche Ahnung, der Gauner sei kein armer Diamantdieb, sondern ein hundsföttischer Geheimagent und Spitzel der Kompagnie, der ehrliche, einfältige Leute zum Hehlen verführt, seinen Brillanten ihnen zusteckt und sofort für fünf Jahre in den Kerker bringt. Ich nicht faul, versetze dem Kaffer meinen Bauchhieb, daß er nach Luft schnappt und die Augen verdreht, ich brülle den Konstabler von der Ecke herbei: He, verhaften Sie diesen Spitzbuben, der mir einen Diamanten verkaufen will! Ich »kicke« – d. h. einen Fußtritt versetzen – den Kerl in die Waden, wo der Nigger bekanntlich seine Achillesferse hat, ich verhaue ihm unbarmherzig das Fell, je lauter er wimmert » Dear Sir, I am an agent of the company. « Ich schreie natürlich »Nix verstehn, du Lump« und haue immer fester zu, denn der Konstabler kommt angerannt, kennt den Kaffer und erklärt atemlos: »Das ist ja Jimmy, ein Angestellter.« Der halbtote Spitzel liegt stöhnend auf der Erde und hält seine polizeiliche Legitimation in der Hand. Ich spiele den Naiven und mache mein dümmstes Gesicht: › Excuse my mistake! ‹ Ich wollte einen Diamantdieb der hohen Obrigkeit überliefern und wußte nicht, daß die Polizeioffizianten hier mit gestohlenen Diamanten Straßenhandel treiben.« Erb lachte aus vollem Halse. »Möchten alle Lockspitzel in solche Fäuste fallen!« Der Oheim stopfte seine Pfeife und fuhr fort: »Das schöne Ochsengeschäft verschlechterte sich im Umsehen, um Kimberley herum siedelten Burenfarmer sich an, die Hereros wurden immer heller und aufgeklärter, wollten schließlich nur zwei, ja einen ihrer geliebten Brüller für einen Hinterlader geben, sagten laut, daß wir sie übertölpelt hätten, und tauschten tückische Blicke. Wer fünftausend Prozent verdiente, wird doch kein Höker werden, sondern bei lumpigen zwanzig Prozent weit ausspucken. Ich wollte mit meinem Reichtum ein ehrbarer Familienvater und dickbäuchiger Rentier werden ... ja, das Wichtigste ist ganz von mir vergessen worden ...« Jobst schwieg plötzlich und sinnierte düster, seine Brauen zogen sich zusammen, und seine Narbe im Gesicht glühte – lauter Anzeichen, daß etwas in ihm wallte. »Soll auch die Quintessenz dieser spannenden Geschichte in deiner Brust verschlossen bleiben?« fragte der Neffe ungeduldig. »Ich muß nachholen, daß ich ein Bastardmädchen aus Rehoboth, fast so weiß wie eine blauäugige Holländerin – ihr Vater war ein Bur – und noch viel schwarzhaariger und schöner als deine Fatima ...« »Bitte, meine ist sie nicht.« »... Aber kann sie werden ... ich sehe es schon kommen, die Duplizität der Fälle und die Dummheit im zweiten Gliede. Na, ich liebte zweimal ... nein, das erste war Wahn und liegt dreißig Jahre im Grabe ... ich liebte die Rehobotherin ... Antje – so hieß sie, die eine sehr helle Hererobastardin als Mutter hatte – war wie eine Weiße, nur die Nägel verrieten das Halbblut, war mir so sehr lieb, daß ich eine sogenannte Mesalliance machte und den Missionar in Okahandja uns trauen ließ. Mein Weibchen machte zweimal mit mir den Marsch nach Kimberley, buk und kochte an den Wasserstellen, hegte und herzte mich ... das waren Flitterwochen, und die mühselige Fahrt eine wahre Vergnügungsreise. Als die Geschäfte schlecht wurden, weilten wir in Omburo bei meinem Freund Josua« – einen Fluch zerknirschten die Zähne – »mit dem ich manches Glas Rum getrunken, der mir große Ergebenheit heuchelte und als mein Makler beim Einkauf hohe Spesen verdient hatte. Mein Treckwagen war gestopft voll von Winchesterbüchsen, Patronen, Tabak, Rum und anderen Artikeln; die Hererohalunken lugten unter den Plan und grinsten: ›Baas, was hast du viele schöne Sachen, und was für eine schöne Frau ... und deine Vorkiste ist voll von Geld ... du kannst bei so viel Gut und fetter Kost hundert Jahre alt werden – wenn du nicht vorher stirbst.‹ Ich Stocktauber hörte den Hohn nicht ... ich vertraute dem Kapitän, der mir zu viele, allerdings gut belohnte Dienste geleistet hatte. Wohl merkte ich mit Verdruß, daß die Hererohunde spöttisch für einen Hinterlader eine halbe Kuh mir boten und im Inneren uns Händler gründlich haßten. Ich sah aber nicht die lauernden, heimtückischen Blicke, ich kannte noch nicht den beispiellos boshaften, niederträchtigen, teuflischen Charakter der Hereros, die für einen Schluck Branntwein ihren besten Freund verraten und ihre alten Eltern seelenruhig durch Gift ins Jenseits befördern, um von der Last befreit zu werden. Ich Starblinder achtete nicht auf die lüsternen Blicke, mit denen der lüderliche Kapitän meine Antje verschlang, ich hatte keine Ahnung von dem satanischen Anschlag. In Omburo wurde das Begräbnis eines Unterkapitäns mit einigen geschlachteten Kühen und viel Branntwein gefeiert. Ich mußte natürlich als Gast mittrinken ... es stieg mir zu Kopf, auch haben die Schufte ein betäubendes Gift hineingegossen. Meine Antje faßte mich am Arm und bat: ›Komm mit, du hast genug.‹ Fügsam wollte ich ihr folgen und reichte, meinem Freunde Josua die Hand. Da fielen sie von hinten, ehe ich mein Gewehr loshaken konnte, über mich und mein Weib her, ich wurde gebunden und mit den Kirris bedroht. Im Nu war mein Wagen ausgeplündert, mein Geld wurde mir vom Leibe gerissen, die Hunde wühlten in Hundertpfundnoten. Wenn ich zu protestieren und Josua an unsre Freundschaft, an die Strafe und Rache zu erinnern versuchte, so berührte die Keule meinen Schädel.« Jobst sprach jetzt in den abgerissenen, atemlosen Sätzen der inneren Erregung. »O Bestialisches, Scheusäliges, das ich nicht sagen mag vor Scham und Wut, habe ich mit meinen Augen sehen müssen. Sie banden meiner armen Antje die Hände, daß sie wehrlos war, und schleppten sie in den Pontok des schweinischen Kapitäns ... da graute mir, daß die Bestien Viehisches planten ... o, ich wurde auch in den Pontok geschleift ... zerrte mir die Stricke ins Fleisch bis an die Knochen ... ich mußte sehen, o, und Augenzeuge sein, daß der tierische Josua mein Weib, meine süße Antje, umschlang und küßte und, wenn sie schrie und beißen wollte und nach ihm spukte, vor Lachen brüllte. O, ich, ich ... ich mußte sehen, daß mein Weib ... gewaltsam ... das Weib des Tieres wurde ... o Scheusäligkeit! Nicht genug der Teufelei! Die gräßlichste, grausigste Schmach meines Lebens mußte ich noch von dem Satan erdulden, ehe er mich laufen ließ. Ich kann ... ich kann es nicht aussprechen, denn die Schande ist nicht gerächt, die Bestialität noch nicht mit seinem Blute gesühnt. Erlasse mir den Schmerz!« Das mußte schrecklich, schauerlich sein! »Sprich nicht mehr davon!« bat der Zuhörer wie starr. »War denn der Weiße rechtlos im Hererolande?« Jobst trank aus dem Wassersack und trocknete den Schweiß von der Stirn. »Rechtlos waren wir, die ungeheure Schandtat ist nie gerochen worden ... aber sie wird es werden ... die Rache kommt. Ich kenne die Hereros, die jetzt deutsch sind und Aufruhr machen werden, weil sie nicht wie Kanaille, wie Sklaven behandelt werden ... den milden Herrn verachten, nur den Schambock ehren sie. Der Aufruhr und meine Stunde muß kommen bei der närrischen Milde und Michelei der deutschen Verwaltung. Mir ist, als könne ich nicht sterben, bevor die Bestialität geahndet, alle Hererohunde ausgerottet und der Kapitän Josua, das Tier,« – ein Fluch, ein Knirschen – »gehängt, gemartert ist, also wie ich in dem Pontok lebendig gefoltert und mir das Herz aus dem Leibe gerissen wurde. Ich klagte bei dem deutschen Konsul, er zuckte die Achseln. Wer nach Damaraland gehe, tue es auf eigne Rechnung und Gefahr. Ich schilderte der englischen Behörde in Kapstadt den Greuel und erhielt die Antwort, das besagte Hererogebiet sei nomansland – Niemandesland – und stehe nicht unter dem Schutze der großbritannischen Majestät. Ein Mann, der nackt und bloß ist, wird nicht sein Recht, ein Cecil Rhodes wird noch viel mehr bekommen. Südwest ist deutsch geworden ... Kapitän Josua wird nicht in seinem Bett, sondern am Baume sterben.« »Nur eins! Was ist aus der unglücklichen Rehobotherin geworden?« Der abgehärtete Afrikaner bedeckte sein gefurchtes und gebeiztes Gesicht mit den Händen. »Antje fühlte sich unrein, für alle Zeiten besudelt, konnte nach der Schande und Schändung nicht leben ... in ihrer wilden Raserei warf sie sich auf das Tier, da ihre Hände frei waren, und würgte seinen Hals mit den Nägeln ... aber sein Sohn lief herbei und erschlug sie mit dem Kirri ... ich habe ihr Grab, ihren Leichnam, den ich unter steter Lebensgefahr suchte, allerdings nicht gefunden, doch mehrere Feldhereros machten die bestimmte Aussage, daß Antje mit einer tiefen, tödlichen Wunde im Schädel in den Busch geschleift und »tot für gut« gewesen sei. Da war kein Zweifel ... keine Hoffnung ... die Hyänen hatten ... o, mein Erb ... der Herr bewahre dich vor meinen Schrecknissen!« Erb drückte und herzte die Hand des Oheims und suchte erschüttert sein Lager auf. Sobald er sich auf dem mit Riemen überspannten Holzrahmen, den er sein Feldbett nannte, ausgestreckt, hörte er einen federleichten Schritt. Die Dienerin kehrte zurück und hockte am Kopfende sich nieder. Donnerwetter! Was bedeutete die Dreistigkeit? Er richtete sich auf und fühlte eine fächelnde Luftbewegung. Fatima fuhr mit einem Palmenwedel über die Lagerstatt hin und her, um angenehme Kühlung zu bringen und unangenehme Insekten zu verjagen. »Kind, was soll das heißen? Hältst du mich etwa für einen Esel, den die Tse-tse beißt?« »Nein, du bist ein großer Löwentöter, darum will ich wachen und wedeln, um die Moskitos und Giftfliegen, von denen Bana Bunduki sprach, fernzuhalten. Schlafe, mein Gebieter!« »Am Ende singst du mir noch ein Wiegenlied?« lachte er laut auf. »O ja, ich kann ein sanftes, leises singen, das mein totes Brüderchen in Schlummer lullte.« Fatima blieb ernst und sachlich und verschwand erst, als er in das Moskitonetz hineinkroch. – Die Safari war in Uha. Glut und Schwüle, Schweiß und Durst waren die Tage. Die Landschaft wurde wilder, zerklüfteter, keinem Menschen begegnete man, und doch fand Jobst Spuren von nackten Füßen, wo Erb und andre gar nichts gewahrten. Ein paar umgebogene oder abgebrochene Gräser genügten seinem Spürsinn. »Noch ist Saft an den Bruchstellen, die Spuren sind frisch,« sagte der Pfadfinder, »wir werden also stets beobachtet, und wir sehen niemand. Es ist immer verdächtig, wenn der Neger, der neugierig wie ein Mandril ist, Versteckens spielt. Die Safari rückt dichter zusammen, Seitenpatrouillen müssen das Gelände rechts und links aufklären.« Der Oberleutnant war nicht kleinlich, aber etwas eifersüchtig auf seine Autorität und brauste auf: »Wer hat zu befehlen?« Jobst lächelte freundlich. »Sie haben den Oberbefehl und ich die Pflicht, unerläßliche Maßregeln vorzuschlagen. Hauptmann von Zelewski war Chef der Expedition, die ich führte, und der tapfre Mann unterließ es trotz meiner Warnung, den Höhenzug, an dem wir entlang marschierten, aufzuklären ... die Schwarzen brachen aus dem Hinterhalt der Berge in zwanzigfacher Übermacht hervor und massakrierten zehn Offiziere und Unteroffiziere und Hunderte von Askaris ... ich war durch einen Speerstich schwerwund, stellte mich tot, kroch unter einen Felsblock und entkam durch ein Wunder.« Der Oberleutnant legte stumm, aber vielsagend die Hand an die Mütze. Was Jobst wollte, wurde Befehl. Eine Spitze und eine Vorspitze und zwei Seitenpatrouillen sicherten nach vorn, Erb hatte die Nachhut zu führen und die Nachzügler anzutreiben. Die Landschaft war von tiefen, jetzt trocknen Schluchten zerklüftet, die durch Galeriewälder und Lianengewirr unzugängliche Schlupfwinkel boten. Ein Eldorado für Räuber! An den Bäumen hingen die komischen Nestsäcke der Webervögel, der Sperlinge Afrikas, Perlhühner, Frankoline, Feldhühner huschten und gingen hoch, graue und bunte Papageien kreischten und klatschten, Spring- und Buschböcke flitzten vorbei. Leoparden-, ja Löwenfährten lockten zur Jagd und erschreckten die Träger, die vor dem meist feigen Wüstenkönig einen heillosen Respekt haben. Simba entdeckte sogar eine Elefantenspur. Da standen sie, und Erbs Atem stockte! Auf einer Lichtung äste eine ganze Herde, zahm-friedlich schoben die Riesentiere mit der Rüsselhand Gras und Blattbüschel ins Maul. »Sieh, die Zähne des Bocks! Schieße, Bana!« flüsterte der Boy erregt. Ach, es durfte laut Armeebefehl nicht geschossen werden. Der Bock, der starke Bulle, bot ein nahes, breites Ziel. Simba zupfte seinen Herrn fast zornig: »Schieße! Wir sind hinten ... wer hört's? Und die Zähne vergraben wir bis zur Rückkehr.« »Ei, du kleiner, geborener Gauner! Du Strick von Geburt und für den Strick Geborener! Wann werde ich dir die zehn Gebote beibringen?« »Welches Gebot sagt: ›Du sollst nicht Elefanten schießen?‹« fragte der Schlaukopf. »Der Befehl des Bana ist stets ein Befehl Allahs, ein Gebot Gottes.« Die Kolosse, die Überbleibsel einer gigantischen Vorzeit, bildeten ein hübsches Still- und Familienleben. Einige schaukelten hin und her und träumten von angenehmen Dingen, Elefantenjünglinge spielten »Stoßen« und kitzelten sich mit den kurzen Zähnen die Rippen, und die Kälber sogen, mit dem Schwänzlein wedelnd, die Milch der Mutter, die sinnig-zärtlich ihren Liebling betrachtete. Erb störte nicht das Elefantenidyll. Vorn im Zuge entstand eine Stockung, man war an dem Ort, wo die letzte Karawane überfallen und zum Teil ermordet war. Ein Träger derselben, den man von Tabora mitgenommen, bestätigte es. Von den Geiern weißgenagte Gerippe lagen zu Dutzenden herum, aufgeschnittene Stricke, Wachstuchfetzen, zerschlagene Flaschen, leere Patronenhülsen berichteten von einer greuelreichen Tragödie des menschenmordenden Erdteils. Simba wühlte in der Asche und fand sogar ein geschwärztes, aber gutes Messer, das er an seine Seite hängte; hatte er doch bisher ein Stück altes, auf einer Seite geschliffenes Bandeisen an einem Bindfadengürtel als Wehr und Waffe getragen. Nach einer Stunde äußerte der Pfadfinder: »Hier herum hauste früher der Häuptling eines Wahastammes, ein geriebener und unverschämter Patron, der sich Hamia nannte und jede Karawane schröpfte ... der wird ohne Zweifel an dieser Missetat beteiligt sein und müßte durch einen Besuch überrascht werden. Ist natürlich nur meine Privatmeinung, Sie haben zu befehlen, Herr Oberleutnant.« Jobst, der seinen langen Knochenkörper militärisch strammte, um den Sarkasmus zu unterstreichen, hatte kaum ausgeredet, als zwei fremde Neger mit beringter Nase und fettriefenden Ohrlocken, wie aus dem Boden gewachsen, vor der Spitze standen, den Speer in der einen und einen grünen Zweig – das Friedenszeichen – in der anderen Hand. »Wir sind Boten des großen Sultans Hamia, dem alles Land, soweit ein Krieger in vierzehn Tagen nach Ost und West marschieren kann, gehört. Er ersucht euch, ihn morgen in seiner Boma zu besuchen und gute Geschenke, die einem so mächtigen Sultan geziemen, mitzubringen.« »Der kleine Dreckhäuptling müßte eine gebührende Antwort haben,« brummte Jobst. Der Leutnant entgegnete den Boten mit Würde: »Wir sind Krieger des großen deutschen Sultans, der mehr Soldaten besitzt, als dein Herr und alle seine Leute Haare und Läuse auf dem Haupte haben. Sage Hanna: ›Er soll morgen zu uns kommen und gebührende Geschenke bringen.‹« Die Boten ließen ihre Augen hin und her laufen, zählten rasch die Träger, die Askaris und Flinten und verschwanden. Ob sie Späher waren? Das Lager dieser Nacht wurde durch einen Verhau befestigt und durch Doppelposten bewacht. Um Mitternacht schossen plötzlich die Wachen, alle wurden alarmiert und eilten herbei. Schwarze Gestalten hätten sich herangeschlichen, um das Lager zu überfallen, behaupteten die Posten, hätten Feuer bekommen und die Flucht ergriffen. Mit Bränden leuchtete man die Umgebung ab. Ohaoha! Das feindliche Heer war – eine Pavianherde gewesen. Ein Weibchen lag auf der Strecke, und ein armes Junges saß und zupfte die tote Mutter, wehklagte und weinte – tatsächlich, das verwaiste Tierchen weinte Tränen. Der mitleidige Erb wollte das hilflose Pavianlein einfangen, was weder ihm noch seinem flinken Boy, wohl aber der Fatima durch eine List – sie konnte den Lockruf der Äffin nachahmen – gelang. Der kleine Pavian wurde ihrer Hut anvertraut, und mit der kostbaren, kondensierten Milch ist Basse – so wurde der Findling getauft – aus dem Säuglingsalter herausgebracht worden. Am Morgen erschien der »Sultan« Hamia, ein fetter, fettiger Dickwanst – vom vielen Pombesaufen – mit einem verschlagenen Spitzbubengesicht, bekleidet mit einer weiten Weiberunterhose, einer schmutzigen Khakijacke, teuren Juchtenstiefeln – die aber, weil zu eng, einfach aufgeschnitten waren – und einem deckellosen Zylinderhut. Die Minister und Geheimräte dieser grotesken, aber offenbar von ihrem Gottesgnadentum überzeugten Majestät begnügten sich mit einem Schurz oder einem Lumpen als Feigenblatt. Jedoch die schwarzen Grandseigneure trugen moderne Hinterlader und ließen ihre Diebsaugen lüstern über die vielen Lasten und Gewehre hin- und herlaufen, und manch einer schien in Gedanken sich sein Beutestück auszusuchen. Der Sultan brachte aber als Friedenszeichen Geschenke, zwei magere Ziegen, zwei Zwerghähne und drei respektable Kalebassen voll von Pombe mit. Die Unterhaltung war nicht geistreich und dauerte doch zwei Stunden. Der schmierige Fürst nahm die Krone, den deckellosen Zylinder, ab und thronte auf der Unterhose. »Was schenkst du mir?« Der Oberleutnant ließ Tabak und bunte Perlen bringen. Diese wurden kaum beachtet und der Tabak verächtlich berochen. Dreist zeigte Hamia auf das Repetiergewehr und auf den Revolver im Gürtel des Offiziers. »Das wirst du dem König von Uha, der königliche Geschenke erwartet, geben.« »Nein, die Feuerwaffen gebrauchen wir selbst, um die Räuber zu bestrafen.« Das schwärze Gaunergesicht hatte einen einfältigen Ausdruck. »Räuber? In meinem Reiche und in Uha gibt es doch keine Räuber.« Der Leutnant erwähnte die Skelette in der Schlucht. Mit der unschuldigsten Miene log der Kerl: »Ach, die Gerippe lagen schon da zu den Zeiten meines Vaters, das werden alle meine Großleute bestätigen und beschwören. Wirst du mich morgen in meiner Boma besuchen?« Jobst blinzelte dem Offizier zu, der auswich. »Wir wollen nach Urundi und haben wenig Zeit.« Die Antwort befriedigte den Häuptling, der freundlich fragte, wie viele Frauen, Sklaven und Krieger der deutsche Sultan habe. Was? Eine Frau und gar keine Sklaven? O welch ein armseliger König! Der Leutnant suchte die Größe der deutschen Heer- und Wehrmacht dem Neger begreiflich zu machen. »Nimm dein Land, so hast du ein Dorf des deutschen Reiches ... nimm deine Krieger, so viele Male du Finger hast, nimm diesen großen Haufen wieder zehnmal, und diese Menge noch einmal zehnmal, so hast du noch nicht das Heer des deutschen Sultans.« Hanna gluckste ein paarmal. »Erzähle mehr! O du kannst aber fein und lustig lügen, daß es eine Freude ist, dein Zuhörer zu sein.« Er hatte kein Wort davon geglaubt, hegte aber hohe Bewunderung vor einem solchen Lügenkünstler. Der Leutnant verabschiedete sich von dem schwarzen Herrn, der noch rasch einen unmenschlich häßlichen Bengel, einen wahren Gorilla, als seinen Sohn und Thronfolger vorstellte. Dieser Kronprinz von Uha hatte während der Verhandlung Fatima mit Wohlgefallen begafft, ja mit frechen Blicken verschlungen. Beim Abmarsch ging er dicht an ihr vorbei, um plötzlich in unanständiger Weise nach ihrem Körper zu greifen. Die Dirne riß sich los und lief ins Zelt. Simba aber rächte ihre Ehre, raste herbei und versetzte dem Kronprinzen eine schallende Ohrfeige und einen knallenden Fußtritt. Dieser drastische Abschluß der Entrevue trug dem resoluten Boy viel Lob ein. Der Oberleutnant hielt Kriegsrat mit den Weißen, auf Jobsts Vorschlag wurde eine Kriegslist ins Werk gesetzt. Die Safari bog ab und zog mit der Sonne in zwei rüstigen Märschen; der alte Pfadfinder war bei der Nachhut, trug ein paar Negersandalen, die er sich verkehrt – die Spitze nach hinten – an die Füße band, und spielte Versteckens hinter Bäumen und Büschen. Er beobachtete und belauerte die Waha, die als Späher der Karawane folgten, und verkündete eines Morgens: »Die Luft ist rein.« Sofort beschrieb die Karawane einen spitzen Winkel, um in nordöstlicher Richtung in einem trocknen Flußlauf zurückzugehen. Der Weg war fürchterlich, bald tiefer Sand, bald spitzes Steingeröll. Am Abend lagerte der Zug in einem Rivier, wo gutes Wasser gegraben wurde; hier sollten die Lasten und Träger liegen bleiben unter dem Schutze eines weißen und eines schwarzen Unteroffiziers, eines Schauisch, und einiger Askaris. Der Leutnant, die Führer, die übrigen Askaris und der Neger, der dem Überfall beigewohnt hatte, auch ein paar Träger mit dem Nötigsten, brachen auf, als das Kreuz des Südens aufging. Fatima hatte inständig gebeten, sie mitzunehmen, was ihr Herr schroff ablehnte. Sie blieb weinend zurück. Der Trupp von vierzig Gewehren machte einen höllischen Nachtmarsch über Stock und Stein, und das im Dunkeln. Sie stolperten und stürzten, zerschunden und zerrissen sich die Hände und Kleider. Jobst mußte nach Sternen und Kompaß führen und rieb ein Streichholz an. In dem kurzen Lichtblitz sah ein Askari eine menschliche Gestalt und legte den Finger an den Abzug. »Halt, oder ich schieße!« »Es ist Fatima,« rief eine Frauenstimme. Donnerwetter! Die Dirne hatte den Mordsmarsch gemacht, und noch dazu mit einem Sack auf der Schulter. Fatima hatte für das Donnerwetter des Herrn einen Blitzableiter bereit und sagte demütig: »Bana, du hattest deinen Wassersack vergessen, ich füllte ihn und lief dir nach ... ihr werdet sehr durstig sein.« Das war natürlich ein Vorwand, aber die Verschmachteten tranken gierig und waren so dankbar, daß Schelte lächerlich geklungen hätten. Dennoch brummte Jobst: »Pack' dich nach Hause mit deinem leeren Sack!« »O, ich würde mich zu Tode fürchten, und die wilden Tiere werden mich fressen.« »Warum hast du dich nicht gegrault auf dem Herwege?« »Ich hörte euch stets und konnte rufen.« Fatima blieb keine Antwort schuldig und bei der Expedition. Vier Stunden ging es noch durch stockdunklen Wald und schreckliche Wildnis. Die Askaris konnten nicht weiter und murrten: »Wir sterben.« Da krähte ein Hahn. Dieser Hahnenschrei wirkte Wunder und weckte neue Kraft. Das mußte Hamias Dorf und Boma sein. Die Negerpfade liefen in großer Zahl kreuz und quer. Nun mußte nur noch die unerwartete Visite gelingen. Der Häuptling hatte sein Dorf mit einer für Afrika starken Fortifikation befestigt. Ein undurchdringlicher Dornkraal, zwei Faden tief und einen Faden hoch, umgab die Niederlassung und hatte nur zwei schmale Zugänge, die ein Mann zur Zeit passieren konnte. Hinter der Dornenmauer war ein Graben ausgehoben, und die ihm entnommene Erde bildete einen Wall, der mit spitzen Baumstämmen gespickt war. »Dieser schwarze Vauban soll sich wundern,« sagte der alte Afrikaner und kroch auf allen Vieren, um zu kundschaften. Seinem Neffen, der sich ihm anschloß, zeigte er, wie ein Späher bloß auf Händen und Knien sich langsam-lautlos vorwärts schieben, vorher jede Stelle, die er berühren will, von trocknen Zweigen säubern und auch daraufhin untersuchen muß, ob spitze, vergiftete Pflöcke im Erdboden stecken. Die Neger spicken oft, mit Ausnahme von ein paar Pfaden, die sie allein kennen und benutzen, die ganze Umgebung ihres Dorfes. Die beiden Pfadfinder krochen durch den Dornkraal. Richtig, ein Mha kauerte als Posten und wie ein Pavian oben auf dem Walle, sein Kopf lag schlaftrunken auf den Knien. Jobst schob sich den Wall hinauf, sprang hoch und versetzte dem Neger, der den Mund zu einem Alarmschrei öffnete, einen Faustschlag in die Schläfe. Bekanntlich hat der Schwarze einen so eisenharten Dickschädel, daß er nach einem kurzen Anlauf und Bockssprung eine zolldicke Bretterwand mit dem Kopf zersplittert. Der Mha aber sank lautlos nieder. Erb konnte kaum von allen Vieren auf seine zwei Füße kommen; der geschmeidige Oheim lächelte und unterrichtete ihn am betäubten Objekt: »Just hier ist der Punkt – einen Zentimeter rechts oder links zerbrichst du dir den Knöchel –, wo ein Hieb, ein Hammerhieb der Faust den Neger still macht, ohne seinen kapitalen Gehirnkasten zu beschädigen.« Der erste Tagschimmer gab ein wenig Dämmerlicht, als der Askarizug in der Kolonne zu einem den Eingang der Negerburg passierte, unter Hahnengekrähe und Hundegekläff vorwärts rannte und rings um das größte Hüttenviereck – den Palast und Harem des schwarzen Fürsten – in Parade mit schußfertigem Gewehr sich stellte. Eine Ehrensalve knatterte in die Luft und weckte die Neger, die gegen Morgen fest und faul im Bau liegen. Hamia erschien, mit der Unterhose bekleidet, sein Sohn war splitternackt, die Minister des Reichs krochen hier und da hervor, viele Waha versuchten zu fliehen und fanden die zwei Ausgänge besetzt. Hamia war im lächerlichen Kontrast zu seinem vorgestrigen, großtuerischen Gottesgnadentum kleinlaut und kriecherisch. »Was wünschen die hohen Herren des großen deutschen Sultans von dem kleinen Sultan Hamia? Ich wollte just heute für die schönen Perlen und den starken Tabak zwei Ochsen und zehn Hühner euch nachsenden, damit ihr keinen Hunger leidet.« Der knauserige Spitzbube, der jetzt so freigebig – log! »Wir wollen nur deinen Besuch erwidern.« Der schlaue Neger dankte höflich und machte den Vorschlag: »Hier im Dorfe sind arg viele Zecken und Sandflöhe ... wollen unsre Gäste nicht draußen auf dem kühlen Platze Feuer machen? ... Fleisch und Bier in Fülle bringen wir hinaus.« »Nein, keine Umstände, alter Freund! Wir wollen dein schönes Dorf besehen.« Plötzlich-heftig klammerte sich Fatima an Erbs Arm. »O, beschütze mich vor dem häßlich-gräßlichen Gorilla! Seine Augen fressen mich.« Jung-Hamia, der nackte Kronprinz, glotzte das braune, schöne Weib verliebt an, kokettierte durch Grinsen und Winken auf Negerart und verriet durch allerlei Gebärden seine erotischen Wünsche. Erb drohte ihm mit der Hand, ohne Erfolg. Aber Simba, der Waffenträger, hob die eine Büchse, zielte sehr gut – die Kugel ging genau, wie sie sollte, und zischend über den kronprinzlichen Wollschädel hinweg – und lamentierte unter hundert Entschuldigungen, daß sein Ärmel sich am Abzug festgehakt habe, und lobte Allah, daß kein Unglück geschehen sei. Der Gorilla war wie weggeblasen. Die Weißen besichtigten den elenden Negerpalast, steckten die Nasen und Augen in alle Winkel. Jener Träger, der Augenzeuge des Überfalls gewesen, zeigte triumphierend auf ein Martinigewehr, dessen Kolben kostbare Elfenbeinintarsien hatte. »Das ist die Flinte des Inders Rahajaputra, des Herrn der Safari.« Jobst nahm die Flinte und versteckte sie unter Fellen. Hamia kam nachgelaufen und wehklagte: »Hier ist mein Frauenhaus ... es zu betreten, ist bei Todesstrafe meinen Untertanen verboten ... tu mir die Schande nicht an!« Jobst schob Seine Majestät bei Seite. »Alter Heuchler, wir fassen deine Frauenzimmer nicht mal mit der Feuerzange an.« Der Sultan kroch in sich zusammen, so daß er nur halb so groß erschien. Eine junge Negerfrau – wohl die Favoritin – trug einen Männerrock aus Seide mit Goldstickerei. »Den hatte Rahajaputra an Feiertagen an.« Ein altes Weib blieb störrisch sitzen, bis Jobst sie hochriß. Ihr Sitz bestand aus drei Blechkisten, mit Munition angefüllt und mit einem R gezeichnet. »Kennst du die Kisten?« Der Träger, der als Kronzeuge sich fühlte, grinste schadenfroh: »Alle Lasten des Inders trugen oben dieses Warenzeichen und unten einen Zauberfetisch, der so aussah.« Der Neger malte aus dem Gedächtnis eine Figur in den Fußbodenstaub und frohlockte: »Kehrt sie um!« Auf der Unterseite war die indische Haus- und Handelsmarke. Jobst vergriff sich an der schwarzen Majestät. »Alter Spitzbube, du hast die indische Safari überfallen ... bekenne!« Mit jener grandiosen Frechheit, die ein Grieche bewundern, aber nie erreichen wird, redete Hamia sich heraus: »Der Mann lügt, alle Wanjamwesi lügen schauderhaft. Ich habe das Pulver vor drei Monaten von dem indischen Händler Rululangchi ehrlich gekauft ... sonst soll der Schlag mich rühren ... ob Rululangchi es deinem Rahajaputra gestohlen hat, weiß ich nicht ... alle Inder stehlen.« »Nur die Waha sind ehrliche Leute,« grunzte der alte Afrikaner, »was dieser goldgestickte Mantel? Den hast du wohl auch von dem großen Unbekannten Rululangchi gekauft?« »Nein, ich rede die reine Wahrheit, obgleich sie schmerzlich ist. Vor sechs Wochen kamen Waha, die weit im Norden wohnen, hier durch, hatten viele Gewehre, die von hinten gefüllt werden, und verkauften mir den Rock für Hirse ... auch eine feine Flinte erwarb ich ... sie hängt am Pflocke ... was? Wo ist sie?« Der schlaue Neger kam der Anklage zuvor, ehe man ihm das schlimmste Corpus delicti unter die Nase hielt. »Ich muß leider glauben, daß jene Waha die Safari überfallen haben ... ich bin betrübt, sehr betrübt, daß unter meinen Landsleuten so schlechte Menschen sind ... o, Waha sind Diebe und Räuber gewesen, o!« Hamia weinte vor moralischem Schmerz über die Schlechtigkeit der Menschen, weinte große, dicke Tränen. »Komm mit an das Grab meines Vaters, auf dem Grabe will ich schwören, daß ich alles ehrlich erwarb ... nimm es, den Rock und die Flinte, ja die Flin–te« – Hamia heulte wie ein geprügelter Hund, denn das Zurückgeben ging ihm ans innerste Herz – »und gib es dem Eigentümer zurück ... ich will von gestohlenem Gut keinen Fetzen behalten.« Der geriebene Schurke machte offenbar Eindruck auf den Leutnant, was Jobst ärgerte; denn er brummte auf deutsch: »Er müßte hängen.« Der Chef erklärte kurz: »Ich fälle kein Todesurteil ohne strikte Beweise.« Man nahm die Sachen des Inders und, ohne es zu wollen, viel Ungeziefer mit. Fatima flüchtete um Erb herum, wie vor einer Brillenschlange. »Dort steht das Ungeheuer ... mir ist so angst ... Simba, töte ihn!« Der Gorilla lauerte hinter einer Hütte, und sein Blick war lüstern, ja lustmörderisch, tückisch und tierisch. Sein fettglänzender Körper schillerte wie eine Schlange und verschwand. Fatima weinte. »O, der Teufel will mir Böses tun und will mich stehlen ... Bana, stehe mir bei!« Ihr Bana strich beruhigend über ihr Haar hin. »Ich beschütze dich.« »Darf ich des Nachts in einem Winkel deines Zeltes kauern? Draußen am Feuer sterbe ich vor Furcht.« Der Herr sah ihre große Angst und gab das voreilige Versprechen. Jobst grifflachte spitzbübisch und spöttisch. Der Trupp marschierte auf dem kürzesten Wege zu seinem Lager zurück. Die Safari machte zwei Tagesreisen. Der Pfadfinder stöberte rechts und links vom Pfade, schob den Hut nach hinten – was bei ihm ein Zeichen der Unzufriedenheit war – und fluchte in den Bart. »Was hast du?« – »Das hier habe ich.« Er zeigte auf ein paar geknickte Halme und eine Stelle im Sande hin. »Ich sehe nichts, rein gar nichts.« »Das ist ein Blutstropfen ... ein Bandit hat an dem Kameldorn sich geritzt, das Blut ist frisch und keine halbe Stunde alt ... und daneben ein Fußeindruck ... als er sich ritzte und mit einem Au unwillkürlich zur Seite sprang.« »Was du dir herausliest! Das ist doch kein Fuß gewesen.« »Nein, die Waha tragen oft Sandalen von Binsengeflecht.« «Ja, zum Donnerwetter, du hast Augen ... und was bedeutet das?« »Daß Hamias Leute uns verfolgen und Böses im Schilde führen.« In der Nacht wurden die Posten verdoppelt. Der junge Deutsche hörte sie ihre Nummer rufen und konnte vor Hitze im Haupt nicht schlafen. Durch seinen Regenmantel und eine Reservezeltbahn war ein Vorhang gemacht und im Zelte ein Vorraum abgetrennt, in dem Fatima schlief. Heftiger Durst und die Gewißheit: Ich habe Fieber, quälte ihn. Konnte das braune Mädchen auch im Schlummer seine Wünsche erraten? Im Stockdunklen kniete eine Gestalt an seinem Lager und hielt den Wasserbecher an seine Lippen. Bisher von allen Teufeleien der Tropen verschont, war er auf jenem forcierten Nachtmarsch von den Moskitos, von den verruchten Weibchen der Anophelesmücke, welche die Malaria ohne Maklergebühr vermitteln, gestochen worden. Im ersten Morgenlichte tutete der Bläser der Truppe: Auf–auf–aufstehen. Der Leutnant gab zwanzig Minuten später dem schwarzen Hornisten einen Wink, und das Askarisignal »Edrup hakim«, d. h. »Blase den Arzt«, erscholl. Der Sanitätsunteroffizier schlüpfte in den weißen Mantel und stand in ärztlicher Positur und Würde neben der kleinen Apotheke im Kasten. Oberleutnant F., der sich nur zum Fluchen der englischen Sprache bediente, sagte dreimal mit langem Gesicht: Goddam! Denn arg viele Träger und Askaris, wirklich Kranke und wahre Simulanten, kamen heute zum Arzneiappell und verlangten Daua. Die meisten hatten Risse, Wunden, Bein- und Fußschäden – solch nackter Negerkörper ist oft von Dornen geradezu gespickt – und wollten Luttuluttu – Kupfervitriol –, das Universalmittel der Neger bei allen Hautkrankheiten, haben. Einige klagten über »Schingo« – Halsschmerzen –, über »Homa« – Fieber –, die meisten jammerten »Tumbo, tumbo« – Leibweh –, was bei der Unmäßigkeit des Schwarzen begreiflich ist. Jeder Patient stellte sich selbst die Diagnose und erwartete seine Daua, d.h. das für sein Leiden spezielle, unfehlbare Mittel. Der Safaridoktor gab freigebig Daua in gewaltigen Dosen. Ausschließlich Chinin und Rizinus waren seine Medikamente, womit er die schönsten Heilerfolge erzielte. Blaß und taumelig erschien Herr von Erbenheim als letzter und ließ seine Temperatur messen. Das Fieber war hoch, so daß der »Sanitätsrat« radikal vorging und drei Gramm Chinin gab. Der Unteroffizier dosierte nämlich nach den erprobten medizinischen Grundsätzen – die bekanntlich alle zwei Jahre wechseln – jener alten, guten Zeit, wo die Tropenärzte ungeheure Chinindosen in ihre armen Opfer hineinfüllten und so wenigstens – wenn auch ungewollt – der grausamen Natur bei der Zuchtwahl Assistenz leisteten und eine Auslese der Tropenstarken – das Schwache ging bei drei Gramm bald zugrunde – radikal besorgten. Kaum zehn Minuten, nachdem Herr von Erbenheim seine Daua verschluckt hatte, wurde ihm so schwarz vor den Augen, daß er lang hinschlug. Fatima bettete sein Haupt in ihrem Schoße und schrie wild: »Mein guter, großer, weißer Bana Simba stirbt!« Der schwarze Simba, der Boy, heulte mit ihr um die Wette. Sogar Jobst bat um einen Rasttag, was der Leutnant mit den Worten ablehnte: »Wenn ich Malaria habe, lasse ich mich tragen.« Sie legten also Erbenheim auf das Feldbett von Ledergurten, das vier Männer trugen. Fatima hielt in der Rechten den Schirm gegen die Sonnenstrahlen, in der Linken den Palmwedel für die Fliegen. Die Dirne pflegte und wachte 48 Stunden ohne Schlaf. Die Chininvergiftung hatte ausgerast. Der Patient ritt auf dem Maskatesel. Das Land, mit Felsen und Steinen besäet, mit Busch- und Waldstücken bestanden, war ganz unübersichtlich, aber sehr wildreich. Schüsse krachten. Jobst hatte einen Elefantenbullen erlegt. Die Träger schnitten sich in Eile aus dem Tierkadaver dünne, ellenlange Fleischstreifen heraus, die sie sich als bluttriefende Ketten um Hals und Schultern hängten, um im Lager das Fleisch zu dörren. Scheußlich sahen die Kerle in ihrem blutigen Schmuck, der ekelhafte Fliegenmyriaden anlockte, aus. Darum blieb der Eselreiter mit seinen Begleitern recht weit hinter der Trägerkolonne und dem Schmeißfliegenheere zurück. Der kleine Umstand förderte ein großes Unglück. Erb dröselte in der Glut, sein Kopf fiel auf die Brust und fuhr jählings in die Höhe. »Was ... was ist los da vorne?« Von der Spitze her klang ein Geschrei... ein Schuß fiel. »Fatima! Du hast flinke Füße ... schau mal nach, was man geschossen hat!« Ohne irgendeine bange Ahnung wurde der Befehl erteilt. Erb horchte und harrte gespannt. Was war das? Wehte nicht ein kurzer Aufschrei durch die siedeheiße Luft, die zu kochen schien? Wieder ein Knall – dann eine große Stille, ein Stocken des Zuges von der Spitze an. In Ungeduld und Unruhe schickte Erb den Boy als zweiten Boten. Ein Unglück war geschehen. Urplötzlich sprang ein frecher Löwe – wohl ein alter maneater – aus dem Busch, mitten in den Menschenzug, schlug einen Schwarzen nieder und schleifte den gräßlich Schreienden fort. Die nächsten Träger warfen ihre Last zum Teufel und flohen bestürzt, aber der dort eskortierende Askari war ein beherzter Kerl, rannte dem Löwen nach und schoß wacker, obgleich er noch ein Rekrut und – als Träger aus dem Kongo nach Daressalam verschlagen – vor einem halben Jahre angeworben war. Er wurde von seinen Kameraden Kitumbua, d. h. Eierkuchen, genannt, weil er Rührei aus Krokodilseiern mit wahrer Leidenschaft aß, und der Spitzname war, wie es oft in der Schutztruppe geschieht, sein amtlicher, in der Askariliste eingetragener Name geworden. Bei dem Löwenüberfall bewies er Kühnheit und Geistesgegenwart. Sein Schuß traf die Bestie, die auf dem Träger lag, in den Kopf. Inzwischen wartete Erbenheim in brennender Ungeduld. Simba kam völlig atemlos und mit hellem Entsetzen in Gesicht und Gebärden angerannt. »Bana, Bana ... kann Fatima nicht finden ... o, o, ist verschwunden und ... uh – uh ... vom Löwen gefressen ... uh ... uh.« »Um Gottes willen!« Der Deutsche, der noch sehr matt war, hieb mit der Peitsche auf den Esel ein, galoppierte die Reihe hinauf, »Fatima« rufend, heiser und hundertmal in die Wildnis hinausschreiend, »Fatima« qualvoll suchend und klagend. Er merkte nicht, daß ihm der Schweiß bis in die Stiefel floß. Auf sein Rufen kam keine Antwort. Jobst lief wildblickend den Weg zurück und suchte. »Verlaufen ... verirrt... hat sie sich nicht, nein, nein ... und wäre sie von einem Löwen angefallen, würden wir bald die Spuren sehen!« »Nein, nur das nicht,« keuchte der Eselreiter, der im Sattel kaum Schritt hielt mit dem Schnellmarsch des Alten. »Zu grauenhaft ... das junge, liebe Ding!« »Was ist dir das liebe, süße Ding?« spottete Jobst. »Laßt uns suchen ... suchen! Fatima! Fatima!« keuchte Erb. »Schrei nicht in die Luft! Die Luft sagt nichts ... der Erdboden beantwortet uns, wo sie geblieben ist.« Kaum 200 Meter von der Stelle, wo Erb gehalten und das Mädchen fortgeschickt hatte, war das Gras zertreten, rechts vom Pfade. Jobst bückte sich und schnoberte und schniefte betrübt, als er seine Schlüsse zog. »Sie ist von vier – ja, von vier Negern überfallen, mit einem Tuche geknebelt, mit Lianen – hier liegt noch ein Stück – gefesselt und weggetragen worden. Da haben sie Zweige abgebrochen, die sie über ihre Lanzen legten, um eine Tragbahre herzustellen ...« »Sie ist verwundet ...?« »Nee, die schwarzen Brüder sind galant und in die schmucke Person verliebt gewesen und haben das arme Kind ritterlich getragen ... um verdammt schnelle Beine zu machen, weil sie meine Büchse im Gedächtnis behalten haben.« »Den Schuften nach! Hamias Leute haben sie geraubt.« »Das mein' ich auch,« murmelte der Alte und machte ein mächtiges Marschtempo. »Hamias Sohn hat uns heimlich verfolgt, hat aus Rache, und um Repressalien zu üben, Fatima entführt.« »Scheußlich ... schauerlich, satanisch!« stöhnte Erb. »Der Gorilla, vor dem sie ein instinktives Grauen empfand, wird dem unschuldigen Kinde Gewalt ... in seiner tierischen Gier ... entsetzlich ...« »Wahrscheinlich auch das ... zunächst aber wollte er eine Geisel in der Hand haben ... denn die Schufte kalkulieren, daß das einzige Weibsbild bei unsrer Expedition unser Wertobjekt sein wird. Verflucht! Durch die Drohung, Fatima umzubringen, binden sie uns nach Belieben die Hände ... eine ganz infernalische Zwickmühle!« knurrte der Alte grimmig. »Ich beschwöre dich, wir müssen das kleine, wackre Ding aus der Hand des Gorilla befreien.« »Ja, wenn es von Menschen zu machen ist ... ich stand aber im Leben ziemlich oft vor dem Berge Unmöglich, den kein Sterblicher besteigen kann. Dann legt man die Hände demütig zusammen.« Der von hundert Abenteuern gehärtete Mann faltete die knochigen Tatzen. Die Verfolgung war vergeblich. Die Spur endete im Sumpf und Ried eines Sees, wo zahllose Fußeindrücke waren und eine ganze Wahatruppe die Räuber erwartet hatte. »Ihnen nach!« eiferte der junge Afrikaner. Aber der alte entgegnete: »Es wäre Tollheit, wenn wir zwei uns von zweihundert Waha totschlagen ließen. Zurück zur Safari!« Die Tropennacht überfiel plötzlich, schwarz und schwer die Wildnis und die Wanderer. Doch die Safari zeigte ihnen durch drei kurz nacheinander gelöste Schüsse die Richtung an. Kein Stern schien. Dunkle Wolken zogen als Vorboten der Regenzeit. Sie fahren oft wochenlang über den Himmel hin, ohne sich zu entleeren; denn die arme, ausgedörrte, verdurstete Erde, die nach einem Tropfen schmachtet und keine Gestalt noch Schöne hat, übt gar keine Anziehungskraft auf die Wolken, die in stolzer Höhe höhnend vorüberziehen. Siebenter Abschnitt. Erb schreckte beim Morgengeblase aus tiefem Schlafe empor, sein erster Blick suchte die geraubte Fatima, die in ihrer instinktiven Angst hier im Zelte Zuflucht gesucht. Was ist dir die Dirne und Dienerin? Jetzt war keine Zeit, sich selbst Rede zu stehen; er sprang auf die Füße. Simba der Unersättliche aß heute keinen Bissen und heulte: »Fa–ti–ma ... Fa–ti–ma ist f–fort–t ...« »Was ist sie dir?« fragte sein Bana merkwürdig verdrossen. »Sehr viel schön, sehr viel gut, sehr viel lieb ist sie mir.« Der Bursche war sich über seine Gefühle im Klaren. Oberleutnant F. hatte ein gelbes, galliges Gesicht und schielte nach dem Safaridoktor hinüber, den ein Haufe von Kranken und Simulanten umringte. Herr von Erbenheim sprach in Hast. »Welche Anordnungen haben Sie getroffen, um das arabische Mädchen den frechen Räubern wieder abzujagen?« Der Chef sprach in die Luft. »Ich habe beschlossen, nichts zu tun ... ich muß schnellstens nach Udjidji.« »Unmöglich, unmenschlich!« »Ich habe die uns zugelaufene Dirne nicht gedungen und kann nicht um eines Weibes willen, das gar nicht zur Safari gehört, Wochen verlieren.« »Es ist verdammte Menschenpflicht, Fatima zu befreien, es wäre unhuman, herzlos, niedrig, sie den schwarzen Bestien zu überlassen. Wollen sie wirklich so grausam handeln, so entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst ... ich wenigstens will meine Pflicht tun. Geben Sie mir nur zehn, nur fünf Flinten mit!« Der Herr der Safari winkte ab. Jobst grüßte viel höflicher, als sonst seine Gepflogenheit war, was der Oberleutnant, der nur zu oft mit einem bewußten oder unbewußten Unbehagen konstatierte, daß der ihm unterstellte Pfadfinder ihm an afrikanischer Erfahrung überlegen sei, gern sah und gnädig aufnahm. Der Alte schaute Erb grimmig an und schnauzte beinahe: »Du Grünhorn, es geht nicht! Wir müssen schleunigst nach dem Tanganjika, denn die Regenzeit ist nahe. Was geht uns die dumme Dirne an! Meinetwegen mag sie Kronprinzessin, ja Kaiserin von Uha werden!« Der Neffe war auf den alten Esel wütend und wollte losbrausen, bemerkte aber zum Glück, daß jener das eine Auge zukniff und das andere vielsagend aufklappte. Jobst tat sehr aufgeregt. »Eine saudumme Geschichte, wie wir es auch machen! So oder so sind wir die Geschädigten. Von einem nackten Negerhäuptling genasführt! Teufel, Teufel! Dulden wir die Gemeinheit, so spricht sich das in drei Wochen in ganz Innerafrika rund, und alle schwarzen Kaffern zwischen Kongo und Küste grinsen und höhnen, die Deutschen seien eine bange, feige Bagage, denn sie hätten den Raub ihrer schönen Frau nicht gerächt. Zu dumm! Das kann kein Neger, der Weiberraub als das schlimmste Verbrechen blutig ahndet, begreifen. Wenngleich das verdammte Weibsbild uns nichts weiter war als ein nachgelaufener Welp, so sagt das Niggergerede doch: Die schönste Frau unsres Häuptlings sei von den Waha ungestraft geraubt worden. Die dreckigen Schwarzen lachen wieder mal die langen, gutmütigen Deutschen aus ... die Suppe hat das Frauenzimmer uns eingebrockt.« Jobst spuckte wütend aus. »Rächen wir den Raub nicht, so ist der Respekt vor den Deutschen futsch, so ist die Autorität der deutschen Kolonialregierung in Uha für Jahre vernichtet. Aber wir müssen auch diese deutsche Demütigung mit Fassung und Würde ertragen. Eine Strafexpedition nähme uns zwei, drei Wochen ... es geht absolut nicht, Herr Oberleutnant.« Der Chef schwankte und summte. »Es ginge vielleicht doch ... ich muß es mir überlegen.« Ein Unglück ereignete sich und erleichterte dem Oberleutnant den Entschluß. Zwei Askariboys, die vom Lager sich entfernt, Ochsenfrösche und Schlangen gefangen und gebraten hatten, waren aus dem Hinterhalt von unsichtbaren Feinden schwer verwundet worden. Der eine hatte einen Giftpfeil im Halse und war sofort tot. Der andere schleppte sich ins Lager und schleifte den Speer, dessen Spitze mit dem Widerhaken tief im Rücken saß, hinter sich her – ein entsetzlicher Anblick. Die Europäer eilten herbei, um das Eisen aus dem Körper zu schneiden. Aber der Schauisch – Askariunteroffizier – Amdullah und die Neger sahen mit Seelenruhe zu und sagten: »Wozu? Er stirbt ja doch ... laßt ihn liegen, so wird es bald aus sein.« Ein zweckloses Mitleid ist dem Schwarzen absurd. Der Safaridoktor schnitt den Speer heraus und verband den Knaben, der sechs Stunden lang durch Kampferinjektionen am Leben erhalten und langsam zu Tode gequält wurde. Das ist das deutsche Mitleid und die europäische Humanität, die künstlich das Leben und den Todeskampf verlängert. Man begreift, daß die Neger diese schöne Humanität nicht begreifen können. Der hinterlistige Mord war ein neues Verbrechen der Waha, die für jenen Besuch der Weißen sich rächen wollten. – Die Strafexpedition bestand aus 25 Askaris, 40 Trägern, zwei weißen Unteroffizieren und den beiden Pfadfindern. Der Oberleutnant führte sie selbst und ließ das Lager, das unter einem Sergeanten hier blieb, stark verschanzen. Die Truppe marschierte rückwärts und mußte sehr auf der Hut sein. Plötzlich flog aus einem Busch eine Kugel, ein Pfeil, und, wie schnell man auch alles absuchte, der Schütze war verschwunden. Als ein Lohn von dreißig Rupien auf jeden Eingefangenen oder Angeschossenen ausgesetzt wurde, wurde die Munitionsvergeudung bedenklich; und der alte Afrikaner gab den Rat, die Prämie zu widerrufen. Nach einer Stunde sind ihm die dreißig Rupien ausgezahlt worden. Auf einem Felsen saß ein kleiner schwarzer Punkt. »Was ist das, Simon?« – »Is Pavian.« – »Ich schieße nie auf Affen ... sie schreien zu menschlich.« Jobst schielte, zielte plötzlich und schoß den Punkt herunter. Es war ein Mha, in den Fuß geschossen und natürlich von seinen Kameraden im Stich gelassen. Der mit keinem Gewand, sondern mit einer Schmutzkruste bekleidete Kerl erwartete den Todesstoß und machte ein ganz dummes Gesicht, als er verbunden wurde; ja, als man ihn fütterte, haute er zwar wie ein Aasgeier in sich, aber mit Entsetzen auf allen Zügen, fragte er durch den Dolmetscher, ob er gemästet und nachher verspeist werden solle. Die Großmut und Humanität, die er für eine kannibalische Mastkur hielt, hatte allerdings egoistische Ursachen. Der Wilde sollte zum Plaudern gebracht werden und schwatzte bald sehr leb- und lügenhaft. Hamia habe viele hundert Krieger mit Rohren ausgerüstet und außerdem für 1000 Ziegen und 1000 Traglasten Kattun, Rum und Tabak 10 000 Krieger eines Wahastamms, nämlich der Zipayawaha – zu deutsch, der Nashornwaha, die einen Nasenpflock tragen, – gedungen, um alle Weißen in der Welt auszurotten. Jobst holte mit dem Kiboko aus. »Du lügst!« Bei dem zweiten Schlage wurden es 5000 Zipayakrieger und 500 Ziegen, bei dem fünften Hiebe waren es 500 resp. 80 geworden. Der alte Afrikaner hielt dem schwarzen Münchhausen ein schönes Militärgewehr, das nur den kleinen Fehler hatte, daß es nicht schießen konnte, weil das Schloß defekt war, unter die Nase: »Das Schießrohr soll dir gehören, wenn du die Wahrheit sagst!« Auch zeigte er dem Wilden eine Taschenlampe – das sei sein Fetisch, in dem ein böser Geist sitze, der Feuer sprühe, sobald gelogen werde. Der Gefangene schielte scheu nach dem Fetisch und erzählte mit den üblichen Ausschmückungen. 200 Kisten voll von Patronen habe Hamia! Die Taschenlampe blitzte, der Fetisch sprühte, der Mha schlotterte und stotterte, es seien wohl 70 Kisten. Erb unterbrach das Verhör. »Hamias Sohn hat uns ein junges Mädchen geraubt ... lebt es noch?« »Du meinst das Mädchen Fatima ... sie wurde, weil sie beißen wollte, in eine Bastmatte gewickelt ...« »Lebt sie noch? Sprich, du Hund!« »Sie wird noch leben, wenn sie sich nicht getötet hat.« »Getötet ... warum will sie sich töten?« »Ja, das ist eine wilde Katze. Nach einem Nachtmarsche nahmen wir ihr die Fesseln ab, damit sie essen könne. Freundlich ließen wir sie am Feuer sitzen, und gute Bissen erhielt das hübsche Ding. Plötzlich packte sie einen Feuerbrand, schlug nach rechts und links und den zunächst Sitzenden die Flamme ins Gesicht ... wie eine Leopardin war sie über das Feuer hinweggesetzt und wäre entkommen, wenn wir nicht einen Kreis von Wachen aufgestellt hätten. Als sie sich eingekreist sah, riß sie ein langes Messer aus dem Gewand. Der Racker setzte sich die Spitze auf die Brust und schrie uns zu: Wenn ihr mich berührt, stoße ich mir das Eisen ins Herz. Sie hätte es ja nimmer getan ..., denn wer will sterben, solange er zu essen hat. Aber der Sohn des Sultans machte sich zum Narren und flehte sie an, das Messer fortzunehmen, und versprach alles, was sie verlangte. Seitdem wurde sie nicht gebunden, sondern von acht Männern, die ihr auf zwei Speerlängen fern bleiben sollen, auf Schritt und Tritt bewacht. Wenn sie an einen Baum sich lehnte und schlief, versuchten wir mehrfach, von hinten heranzuschleichen und ihr das Messer zu entreißen ... aber o weh, sie schlief wie ein Zebra mit offnen Augen, stach um sich und ritzte dem Sohne des Sultans den Arm. Wir wollten das Weib auf unsre Speere nehmen, was der Tor bei Todesstrafe verbot.« Der Oberleutnant kaute an einem Sarkasmus. »Ihre kleine Freundin, Herr von Erbenheim, ist ein kouragiertes Frauenzimmer, halb Hexe halb Heroine, und hat dem Gorilla-Prinzen ganz den Kopf verdreht. Die Sorte schlägt sich durch.« Erb antwortete sehr ernst. »Sie ist Ihnen und mir und jedem Christen ein armes Menschenkind in Todesnot ... wann wird sie den Leiden oder der Schande erliegen? Wir müssen sehr eilen.« »Gewiß, gewiß!« Erb wandte sich noch einmal an den Waha, der sich Karibi nannte. »Ist sie nicht krank geworden? Leidet sie keinen Mangel?« »O, o, sie wird mit Fleisch und Brei und Pombe, mit gerösteten Heuschrecken und Honig geradezu gemästet, wie die beste und dickste Frau des Sultans.« »Hm, ich wußte nicht, daß sie ein Messer hatte,« murmelte der Deutsche auf Kisuaheli. Sein Bursche antwortete etwas unbedacht: »Ich fand das Messer und schenkte es ihr.« »Ei, ei, vor acht Tagen verschwand mein Dolchmesser, das hat der Bengel geklaut ... komm her, mein Sohn!« Der Oberleutnant packte das Ohr des Burschen, und Simba schrie: »Bei Allah, es lag vor dem Zelte ... es war ja Fatimas Rettung und ein Befehl Gottes, daß ich vorbeikam ... kannst du mich für Gottes Befehl und Weisheit schlagen?« Dieser Schlingel hatte mit dem »gefundenen« Messer den Galanten gespielt. Der Gefangene fragte frech-naiv: »Kann ich nun gehen und mein Gewehr mitnehmen?« »Auf einem Bein kannst du nicht laufen, und wir können deine Gesellschaft nicht entbehren. Du sollst gute Tage und viel Tabak haben, wenn du uns nützlich bist, hingegen eine Kugel in den Kopf, wenn du zu fliehen versuchst.« Karibi grinste. »Nix in Kopf, fix in Pans.« Während der Nacht und der Kühle d. h. bei 20 Grad Reaumur, die als angenehme Temperatur gelten, wurde marschiert. Erb rauchte wieder. Mit einem Male klatschte er in die Hände und machte: »Schi... schi! Der junge Pavian da ist ja mächtig frech und läßt sich nicht verscheuchen. Du dummes Äffchen kennst wohl noch nicht die zweibeinigen Raubtiere!« Himmel! Der kleine Pavian sprang jetzt sogar mit einem Satz auf den Esel, der ledig ging, streckte die dünnen Arme aus und schrie. Er schrie vor Freude, umklammerte Erb, der unwillkürlich in Defensivstellung trat, dann sich vorbeugte und laut lachte: »Basse, bist du es? Mein Basse!« Der Affe kuschelte seinen Kopf an die Brust seines Herrn und – schluchzte. In Wahrheit, es waren die leisen Schluchztöne eines kleinen Menschenkindes, das seine Mutter gefunden hat. Der Pavian Basse, den Fatima mit kondensierter Milch aus dem Säuglingsalter herausgebracht hatte, und der sehr possierlich, zutunlich, anhänglich und frech geworden war, war im Lager zurückgelassen, dem Sergeanten warm empfohlen und fest angebunden worden. Er hatte noch ein Stück Strick am Halse, und die Leute lachten, Basse habe vor Schmerz sich aufhängen wollen. Nein, vor Sehnsucht hatte er die Fessel zerbissen, die Spur der Safari verfolgt und seinen lieben Herrn gefunden. Basse mußte wohl oder übel den Feldzug gegen die Waharäuber mitmachen. Jobst bemerkte trocken: »Ja, die Weiber und die Affen laufen dem Herrlein nach. Wenn die Dirne aus Simbalimpi nicht solche Klette wäre, hätten wir uns diesen Höllenmarsch erspart.« »Ist nicht meine Schuld ... nein, alles ist ein Befehl Allahs ... seinem infamen Schicksal entgeht keiner« Der Alte schmunzelte ironisch. »Ich kalkuliere ... wenn wir Fatima unbeschädigt aus dem Gorillanest holen, wird es sicherlich Allahs Befehl und dein infames Fatum sein, daß du das hübsche, halbe Blut heimführst.« »Nein, Fatima kann nie mein Weib oder meine Geliebte werden.« Erb blickte über das mondhelle Land, wanderte schneller als der Wind und der Mondstrahl gen Mitternacht und weilte an dem kleinen Fluß der großen Handelsstadt, wo vornehme, stille, steife Villen an seinen, fast leeren Straßen stehen und mitten im lachenden Blumenflor sich schrecklich langweilen. Sein Geist war in der Ferne. Die zahllosen Insekten zirpten, summten, girrten, geigten in Gras und Busch. Moskitos sangen ihr boshaftes Sirr – surr, große Fledermäuse schwirrten unheimlich am Gesicht vorbei und mordeten hundert Lebewesen im Fluge. Drüben kläfften und keiften Hyänen. Im Rivier rollte die Stimme des Löwen, der nicht so dumm ist, seine Gegenwart zu melden und die Tierwelt zu warnen, der vielmehr durch sein erschreckliches Gebrüll seine Jagdtiere erschrecken, nervös und kopflos machen will, so daß die Antilopen in den Rachen seiner mitjagenden Ehehälfte, der still schleichenden Löwin, hineinlaufen. Jobst tupfte den Arm seines Neffen. »Erwache! Warum nicht? Was schert uns die Couleur? Unter einer schneeweißen Haut saß oft ein satanschwarzes Herz. Ich halbalter Hansnarr habe im verständigen Alter eine sogenannte Farbige gefreit und befand mich wohl dabei ...« »Warum rührst du die alte Geschichte und meine Seele mir auf? Ich besaß die weiblichste von allen Frauen, das weichste Herz, die wesensreinste ...« »Laß es hinfahren, das Trugbild deiner Einbildung!« »Nein, das ist und bleibt mein Rätsel: Ella Ritterhus, an die ich glaubte, schwieg, wo sie reden mußte. Sie zeugte nicht für meine Unschuld! Ein Wahnsinn, eine Widernatur, ein satanischer Zufall muß gewaltet haben.« Der Oheim wußte, was er wissen wollte, und lächelte befriedigt. Der Geist einer blassen, blonden Frau vertrat der schwarzhaarigen Fatima den Weg zu diesem Herzen, und das war am besten für beide Teile. Die schöne Araberin gab eine prächtige Haremsfrau, aber kaum eine passende Gattin für einen deutschen Ehemann, wenn man sie überhaupt und unbeschädigt zurückbekam. – Das kleine Heer brach vor der Sonne auf. Die Sudanesen foppten einander. Besonders jener Askari, der kraft seiner Vorliebe für Krokodilrührei »Eierkuchen« hieß, mußte oft herhalten. Er hatte nämlich infolge seines Muts bei der Verfolgung des Menschenfresserlöwen die rote Ärmelschnur erhalten, d. h. er war Gefreiter geworden, was natürlich viel Neid erregte. Einige titulierten ihn grob »du Menschenfresser«, was ihn in großen Zorn versetzte. Andre machten erschrockene Grimassen, schielten nach ihm und klapperten naturgetreu mit den Zähnen: » Wa na kula wantu « D.h. »Uh – uh, er ißt Menschen.« Der brave und tüchtige Kerl war ja aus dem Kongo und hatte in der Tat die spitz gefeilten Vorderzähne, die das Kennzeichen der Kongokannibalen sind. Wenn Kitumbua den Hohn »Er ißt Menschen« hörte, so fletschte er wie ein angeschweißter Leopard die Kannibalenzähne, als wenn er alle verschlingen wolle, und die Spötter hüpften wie die Heuschrecken ins hohe Gras. Nach einer halben Stunde hatte der Exkannibale, der ein gutmütiger Kerl war, den Ärger vergessen und grinste seine Feinde freundlich an. Erb hatte diesen Kitumbua gern, sprach oft mit ihm über seine Heimat und durfte sich die diskret vertrauliche Frage erlauben: »Du hast früher schon mal Menschen verspeist? Sage es nur frei, ohne dich zu schämen! Ich hätte es zweifellos auch getan, wenn ich in deinem Dorfe geboren wäre.« »Ja, das hab' ich,« bekannte der grinsende Neger, und sein ganzes schwarzes Gesicht schmunzelte behaglich bei der Erinnerung an den köstlichen Schmaus. Man sah, wie ihm das Wasser zum Munde lief. »Und wie schmeckt es?« fragte Erb. Kitumbua antwortete treuherzig: » Kama kondoo. « Wie das zarteste Schaffleisch habe es geschmeckt. Allerdings, als Erb drei Monate später dieses kulinarische Thema berührte, war Kitumbua in der Kultur oder auch, infolge der Neckereien, in der Verstellungskunst so weit vorgeschritten, daß er eine verständnislos unschuldige Miene machte und bei der direkten Frage, ob er mal Menschenfleisch gekostet habe, entschieden, ja entrüstet jede Beteiligung an kannibalischen Diners ablehnte. – Sobald die Sonne wie mit glühenden Speeren stach, hörte alles Scherzen und Lachen auf. Es ist ein Irrtum, daß der Neger gegen die Äquatorhitze immun sei, er erliegt den schlimmsten Strapazen noch eher als der akklimatisierte Weiße. Bei der Mittagsrast schimpfte der Bana: »Mir fehlt Fatima an allen Ecken und Enden.« »Mir auch,« schluckte Simba schmerzlich. »Du erzfauler Schlingel kühlst mir nicht mein Wasser, wie sie es tat.« »Ist die Rast nicht zum Ruhen?« fragte der Boy mit frecher Demut. »Grabe flugs ein Loch in die Erde und stelle den Wassersack hinein!« »O Herr, hast du nicht die kriechende Schlange in der Glasröhre gesehen?« Simba kannte die Bedeutung des Thermometers und der Quecksilberschlange, appellierte aber umsonst an die Hitzegrade. Seine gute Laune bewahrte sich nur der Pavianknabe, der jede Frucht anbiß, und wenn sie gallenbitter war, ein komisch empörtes Gesicht schnitt und die Frucht einem Träger an den Wollkopf warf. Der Affenhumor erregte keine Heiterkeit mehr, die Schinderei war zu schrecklich. Da erkletterte Simba eine Kuppe und stieß einen Freudenruf aus. Alle drängten nach und schrien: »Wasser, viel Wasser!« Unten in dem Tale floß ein Fluß. Die Oberleitung beschloß einen Nachtmarsch, und zwar im Wasser. Die Kolonne bewegte sich, nach mehrstündiger Rast, flußaufwärts, der Pfadfinder an der Spitze und alle wie die Diebe der Nacht. Basse lief in seiner Wasserscheu am Ufer entlang und schrie kläglich, wußte sich aber zu helfen, machte einen Hops und saß oben auf der Schulter eines Trägers, dessen Wollhaare seine Finger als Zügel hielten und tüchtig zerrten. Der Träger versuchte vergeblich, den Affen abzuschütteln, und schimpfte wild. Jeder gab sein Letztes her. Der Nachtmarsch war eine unmenschliche Zumutung des eisernen Pfadfinders, der mit seinen Storchbeinen gleichmäßig vorausstapfte, als wenn er von Schweiß, Schwüle oder Schwäche gar nichts merke. Seine Brauen standen grimmig hoch, wenn jemand klagte; und als die Träger stöhnten: »Herr, wir sterben!« betrachtete er sie prüfend und trat zum Chef. »Wir müssen drei bis vier Rumflaschen springen lassen.« Jeder erhielt sein Glas. Erb war am Umsinken, am Ende und bat heiser: »Onkel, gib mir einen Schluck!« »Ih wo, du trinkst ja keinen Alkohol in den Tropen.« Der Alte reichte ihm nach dieser Rache ein großes Glas. »Melkst du nun, wozu der scheußliche, von dir verabscheute Fusel in Afrika und anderswo gut ist?« Der Alkohol ist eben ein Sporn, der die letzte Kraft aus dem Körper peitscht. Der am Fuß verwundete Karibi saß auf einem Esel im Herrensattel, wurde von der vielen Kost fett, führte auf Schleichwegen an die Boma heran und verriet ohne die geringsten Gewissensbedenken alles, was er wußte, und noch ein wenig mehr. »Die Boma hat im Norden und Süden einen Eingang, sehr richtig, aber auch ... was gebt ihr mir, wenn ich es sage?« – Man reichte ihm eine Platte Tabak – »... Aber auch im Westen einen geheimen Ausgang.« Der Mha blies aus seiner Tonpfeife den Rauch den Weißen ins Gesicht und zeichnete geschickt eine Skizze der Negerfeste in den Sand. »Hier ist durch den Wall und unter der Dornenhecke ein Gang ausgehöhlt, dessen Mündung durch einen Termitenhügel und einen Eukalyptusstrauch verdeckt wird.« »Das wußten wir längst.« Jobst spuckte verächtlich aus und holte eine alte Karte vom–Kilimandjaro hervor, breitete sie aus und zeigte mit dem Finger irgendwo hin: »Richtig, das stimmt ... hier ist der Gang.« Das war dem Wilden zu viel, er glotzte mit offnem Maule. »Ein Fuchs hat mehr als eine Röhre,« sagte der Pfadfinder, »wo ist die andre Notröhre des Fuchses Hamia?« Karibi antwortete dem Schlauen mit Negerschläue: »Die andren Ausgänge werden doch auf deinem Papier stehen ... ich habe nur den einen auf meiner Sandkarte.« »Soll ich meinen Fetisch fragen, ob du lügst?« »Ja, frage ihn und dein Papier, so wirst du sehen, daß ich die Wahrheit sage.« Der Wilde war ein aufgeklärter Mann geworden und fürchtete die Taschenlampe nicht mehr. Nur eine Überrumpelung der Negerfestung war möglich, denn die Waha hatten Fatima als Geisel in der Gewalt. Der Waha, der kaum hinken konnte, wurde auf einen Esel gesetzt und festgebunden. Der Schauisch schnürte den Strick und schmunzelte: »Bloß damit du nicht herunterfällst und dein Bein beschädigst.« Merkwürdig! Der Gebundene lächelte noch schmieriger: »Knote fester, fester, damit ich ja nicht falle ... oder fliehe!« Karibi führte im Morgendunkel und bat mit schielendem Blick: »Nimm das kleine Gewehr weg!« Jobst ging nämlich hinter ihm und hielt den Revolver nicht weit vom schwarzen Ohr. Drei Abteilungen wurden gebildet. Der Oberleutnant stellte bei dem Nordtore sich auf. Jobst sollte mit seinen Leuten das Südtor erstürmen und ein Geschrei für hundert Mann machen. Erb lauerte mit acht Mann hinter dem Termitenhügel und bewachte die Notröhre. Hamia junior würde ohne Zweifel in der Not versuchen, mit Fatima durch diesen Notgang zu entwischen. Drüben knattern Salven, das Geheul weckt die verschlafenen Waha. Jobst brüllt wie zehn Wilde, seine Askaris kreischen wie heulende Derwische ihr Allah il Allah, das ihr fromm-fürchterliches Kriegsgeschrei ist. Erb reckt den Kopf hinter dem Termitenhügel vor und stiert das Loch an. Drinnen im Dorfe Schreien und Schießen. Jobst rast und rennt alles nieder. Die Waha wollen durch das Nordtor sich retten. Der Oberleutnant hält untätig und still hinter der Hecke. Ein dichtes Gewimmel von Weibern, Kindern, Kriegern, allen voran als Anführer der Flucht der Dickwanst Hamia, wälzt sich durch das Tor. Flintenläufe umzingeln die Menschenhorde, sie fallen auf die Knie, Hamia rutscht auf dem Bauche und fleht um Gnade. Alle sind Gefangene geworden, die humane List ist prächtig und ohne Blutvergießen gelungen. Der gefürchtete Bana Bunduki hatte keinen Widerstand gefunden, die Masse stürmte nach der stillen Seite, wo kein Feind und ein Fluchtweg zu sein schien, und rannte in die Hände der zweiten Abteilung. Erb brennt vor Ungeduld. Endlich taucht ein Wollkopf aus der Tiefe, wird mit einem Schlag auf die Schläfe betäubt und an den Haaren herausgezogen. Ein zweiter Kopf schaut heraus und schnobert wie ein Igel, wird am Schopfe gepackt und schreit wie ein abgestochenes Schwein. Aus dem Loche kommt nichts mehr. Erb handelt gegen seine Instruktion, kriecht durch die Röhre, rennt an versprengten Waha vorbei und nach dem Haremshause, das er in allen Winkeln durchstöbert. Nur alte, unmenschlich häßliche Weiber kauern hier und da. Er schüttelt eine Schönheit und schreit: »Fa–ti–-ma? Fatima?« Die dicke Dame versteht und gibt durch Gebärden eine niederschmetternde Antwort. Das braune Mädchen ist durch eine Hintertür des Harems getrieben worden. Er hält dem Weibe den Revolver an die Schläfen und deutet auf die Spuren im Sande. Die Entsetzte begreift bald, daß er die Flüchtlinge verfolgen will und sie ihm den Weg zeigen soll. Die Negerin führt ihn und fängt bald an zu schwatzen. »Bana, fange sie, fange sie!« Er versteht die Worte, und allmählich geht ihm ein Licht auf, warum sie so dienstbeflissen ist. Fatima hat den schwarzen Schönheiten zu viel Konkurrenz gemacht, hat zu viel Eifersucht erregt, und darum wünscht der Harem, daß der Henker die braune Dirne hole. Der Hornist der Truppe bläst zum Sammeln. Erb achtet weder auf das Kommando noch auf seine Füße und fällt der Länge nach hin. Seine Führerin ist verschwunden. Er flucht – aber zu früh. Die Negerin liegt in einem Erdloche, darüber er stolperte, und winkt ihm. Es ist ein sehr enger, unterirdischer Gang, der unter Wall und Dornenhecke hinwegführt. Die Negerfestung hat noch ein zweites Geheimtor, das der Hund von Karibi verschwiegen hat. Die Schlauheit des Alten, der dem Wilden die Kilimandjarokarte zeigte, war eine Sottise gewesen – die allzufeine Diplomatie wird oft zur Dummheit. Der Deutsche kriecht durch den Gang, schüttelt sich den Sand ab. und schaut in zitternder Spannung nach allen Seiten. Halt! Er zielt und schießt – aber in die Luft. Jener Karibi, der kaum hinken konnte, hat irgendwie seine Fesseln gelöst, springt wie eine Antilope dem Busche und den Bergen zu. Der Maskatesel, auf dem er saß, glotzt ihm nach und fängt an zu grasen. Der Posten, der den Waha bewachte, hat ein Messer in der Brust und liegt auf dem Rücken. Erb sieht nichts, nichts als Spuren im Sande, die plumpen Stapfen der großen Negerpedale und in der Mitte ein zierliches Füßchen – nur ein Weib in ganz Uha hat solche Füße. Im Busch teilen sich die Fährten und laufen in vier Richtungen. Der gräßliche Gorilla ist mit seiner Menschenbeute entkommen. – Der junge Afrikaner war sehr mißmutig und sagte ärgerlich-spöttisch zu dem alten: »Wir haben uns von einem Nigger nasführen lassen.« »Wir?« lächelte Jobst, »du meinst mich, ja ich bin der Dumme gewesen in meiner Superklugheit.« Wollte er seinen Neffen reizen und sich rächen? Er wandte sich nämlich an den Oberleutnant: »Eine Verfolgung in den Bergen ist sehr langwierig und fast unmöglich ... wir müssen die dumme Dirne ihrem Schicksal überlassen.« Erb war zum Glück sprachlos vor Grimm. Der Herr Oberleutnant aber ließ sich seine Befehle nicht imputieren und schnarrte: »Nein, jetzt steht die Ehre auf dem Spiel ... wir werden die schwarzen Banditen verfolgen, bis wir schwarz werden.« Das war just die Antwort, die Jobst haben wollte. Über Hamia und seine Räte wurde Kriegsgericht gehalten. Hamia kroch hündisch und heulte: »Mein Sohn Wahadamib ist der Sünder ... du willst mich töten, damit der Übeltäter Herr und König werde? Er hat den Überfall gemacht. Ich war nur zu schwach zu schweigen und seine paar Geschenke zu nehmen, weil er mein Fleisch und Blut war. Wahadamib ist ein Dieb und Räuber und nicht mein Sohn mehr, er hat ohne mein Wissen Fatima gestohlen und mich unglücklich gemacht. Tötet den Schuldigen und laßt mich leben!« Der Oberleutnant war viel zu human, um leichtfertig – wie es bei manchem Erforscher Afrikas der Fall war – ein Todesurteil zu fällen, wollte lieber zwei Schuldige laufen lassen als einen Unschuldigen hinrichten und begann ein Kreuzverhör der Waha. Es ist eine Kunst, aber auch eine Qual, über Neger zu richten und den Tatbestand festzustellen. Aus dem Wust von Widersprüchen und Lügen wurde als Wahrheitskern herausgefunden, daß Hamia zwar von dem Überfall der Karawane gewußt, einen Beuteteil bekommen, aber nicht direkt sich beteiligt und sogar den Raub der Fatima um der bösen Folgen willen verflucht habe. Das rettete ihm den Hals. Der gerissene Häuptling wurde daraufhin so dankbar, daß er von selbst seine Dienste anbot. »Ich kenne alle Höhlen der Berge und werde euch führen, damit ihr Wahadamib, den Spitzbuben und Räuber, fangen und hängen könnt.« Man darf sich nicht allzu sehr wundern, daß der schwarze Gemütsmensch ein so liebevoller Vater war. Die Negerfürsten fürchten stets den Kronprätendenten. Die Verfolgung begann. Hamiaa und zehn Waha gingen mit und wurden mit einem Ledertau zusammengekoppelt. Die Flüchtlinge hatten sich in vier Teile geteilt, es galt zunächst, die richtige Fährte festzustellen. Jobst wählte instinktiv eine Spur, nahm Erb und Simba mit und suchte. Ach, im felsigen Gebirge hörte jede Fährte auf, und Erb wetterte: »Hätten wir jetzt einen Hund mit guter Nase, aber der beste, eingeführte Hund verliert in diesem gottverlassenen Lande die Nase.« Der Oheim lächelte. »Ist eine alte, eiserne Fabel ... die importierten Hunde erkranken am Klima und noch öfter am Stich der Tse-tse und verlieren infolge der Krankheit die Schärfe aller Sinne, natürlich auch den Geruch, und gehen ein.« Simon rutschte wie ein Diamantensucher auf den Knien. Plötzlich rief der Alte spöttisch: »Ihr habt wohl auch die Nase und das Gesicht verloren? Seht mal, was ich habe!« Er zupfte am Gestrüpp und spitzte drei Finger, als wenn er etwas halte. Das war aber so unsichtbar, daß Erb ihn anfuhr: »Willst du uns zum Narren haben?« Simba schaute hin und schrie vor Freude: »Ein Haar, ein glänzend schwarzes Haar vom Haupte Fatimas!« Donnerwetter! Da war noch ein zweites und drittes Haar, das der Bursche um seinen Finger wand und feierlich küßte. Erb machte runde Augen und stotterte: »Man hat die Ärmste an den Haaren geschleift ...?« »O nein, die kluge Dirne hat heimlich die Haare um die Zweige gewickelt - sie sind ja ein paarmal herumgeschlungen, - um uns den Weg zu zeigen ... weiß sie doch, daß wir in der Nähe sind.« Die ganze Truppe verfolgte die eine Spur. Der Affe Basse, den man festgebunden hatte, sprang, als sein Herr kam, mit einem Schrei und Satz vom Esel herunter. Erb ließ das Tier frei laufen, obgleich der Pavian gern Schelmenstreiche verübte und den Trägern üble Possen spielte. Am Abend machte der Pavianjüngling einen schlimmen und für ihn selbst schmerzlichen Streich. Ein findiger Träger hatte sich eine Kalebasse Honigbier im Dorfe verschafft, d. h. gestohlen und wollte sich gütlich tun. Basse kam heran und naschte von dem süßen Getränk. Der Eigentümer wollte den Affen verscheuchen, der aber so grimmig die Zähne fletschte, daß der Neger sich fürchtete und nach einem Zaunstecken lief. In der Zwischenzeit schleppte Basse die Kürbisflasche fort, versteckte sie im Busch und ergab sich dem heimlichen Suff. Als man ihn fand, war die Flasche halbleer, und der Affe hatte einen mächtigen, ja majestätischen Affen. Der beschwipste Pavian machte die tollsten Kapriolen, so daß die Träger sich totlachen wollten. Schließlich fiel der kleine Trunkenbold in einen tiefen Schlaf, und sein Herr wickelte ihn in seine Decke. Der Anblick am Morgen war noch lächerlicher, und Jobst weinte fast Tränen. Basse hockte auf seiner Decke, hielt sich den Kopf und stöhnte so kläglich und katzenjämmerlich, wie ein schwer verkateter Korpsstudent, der die Nacht durchkneipte. Es fehlte nicht an faulen Witzen. Simba wollte den Patienten in die Sprechstunde des Sanitätsrats bringen und um Daua bitten. Jobst schmunzelte: »Er ist kein Temperenzler, wie sein Herr, und trinkt Alkohol in den Tropen.« »Er wird keinen Tropfen mehr trinken,« sagte Erb prophetisch-pathetisch, »der Affe ist klüger als der Mensch, der immer wieder trinkt und an akuter Alkoholvergiftung erkrankt.« Und der Affe war klüger. Als die Askaris am Abend, um ihren Spaß zu haben, ihm eine Schale Honigbier hinsetzten, ergriff Basse den Topf, roch voll Abscheu daran und goß das Bier dem Geber ins Gesicht. Der Maisch im zerklüfteten Gebirge war eine unsagbare Mühsal. Einmal ging es eine steile Wand hinauf, wo man auf einem Fuß zwischen Himmel und Erde schwebte. Alle, die nicht schwindelfrei, mußten mit Stricken festgebunden und hochgezogen werden. Einen ganzen Tag nahm das Hochhissen der Esel. Oben wehte die Luft frischer, wonniger, aber es war eine Steinwüste, ein Felsgewirr, in dem ein tosender Bach in Sätzen sprang. Und hier ging jede Spur verloren. Die Fährtensucher pirschten stundenlang umsonst, Jobst untersuchte jeden Kiesel am Bach, ob er von einem Fuße verschoben sei, und verzagte: »Diese Einöde hat noch kein Mensch betreten.« Da war Erb der Glückliche und das Grünhorn der gescheite Pfadfinder. Zwischen zwei Steinen am Bachrande war ein wenig feuchte Erde, kaum handgroß, und in der Erde standen fünf Zehen eines kleinen Frauenfußes abgedrückt. Der Alte schlug sich auf den Schenkel. »Die Kleine ist sehr klug ... das ist Fatimas Petschaft und mit Absicht hierhingesetzt ... sie fand im Hochtal die einzige Stelle, wo sie ihren Fuß abdrücken und uns einen wertvollen Wink geben konnte.« Er prüfte die Lokalität. »Die Räuber gingen bergan, also muß am Wasserfall droben, wie unwahrscheinlich es aussieht, ein Durchgang sein.« Der Fluß stürzte zwischen steilen Felsen herab, und auf der Höhe war ein Einschnitt, den der Wasserfall ausfüllte. Jobst packte Hamia mit grobem Griff. »Freund, wozu füttern wir dich tagelang? Wo dein wohlgeratener Sohn hindurchkam, mußt du auch Weg wissen.« Hamia kletterte auf Steinen, die wie Inseln im gischtenden Wasser lagen, immer höher, alle folgten auf dem lebensgefährlichen Wege. Als er keuchend den Wasserfall erreichte, setzte er sich auf die drei Hand breite Gesteinsstufe. Über ihm ragte die spiegelglatte Wand, daran er die eine Körperseite preßte, die andere wurde vom Gischt bespült. Das Getöse verschlang jeden Ton. Haarsträubender konnte der Eingang zum Hades nicht sein. Plötzlich stand Hamia aufrecht auf der schmalen Gesteinsstufe - und war verschwunden. Hatte der Wassersturz ihn verschlungen? Alle stierten in den brodelnden Schwall - ein zerschellter Leichnam kam nicht zu Tal. Jobst kroch dem Verschwundenen nach, stand auf dem drei Hand breiten Raum, winkte und ward nicht mehr gesehen. Droben mußte ein Stollen oder Engpaß sein. Erb erbarmte sich des zitternden Affen und ließ ihn aufsitzen, kletterte empor und erreichte mit seiner letzten Kraft den engen Stand am Fall. So frostig-furchtbar hatte noch kein Grauen ihn gepackt, der Affe schnürte ihm die Luft ab, er durfte nicht schwindlig werden. O, dort im - nein, unter dem tosenden Wasserfall stand ein Mensch, stand sein Onkel und reichte ihm zum Glück die Hand. Die Wasser stürzten über den vorspringenden Felsen, der ein Schutzdach bildete, herab. Unter dem Fall war ein schmaler, schlüpfriger Pfad, der kleinste Fehltritt war der Tod. Er preßte den Rücken an die Wand und passierte den Höllensteg. Plötzlich stand er im Sonnenlicht und Leben und dankte Gott. Drunten lag ein grünes Tal, ein lachendes Gefilde, ein bequemer Abstieg führte aus dem Hades ins Paradies. »Den Weg mache ich um keinen Preis noch einmal,« gelobte er sich. Die Esel und die nicht schwindelfreien Leute mußten zurückbleiben und einen tagelangen Umweg machen. Jobst zählte die Köpfe - Hamia fehlte. Der arme Sultan lag erschöpft im Schatten eines Wacholders und hielt sich den schlaffen, schlotternden Hängebauch und bat: »Bann, willst du mich auf diese Weise langsam töten, so hänge mich lieber am Halse auf!« Der Alte lachte und setzte den Flintenlauf auf Hamias Stirn. »Mit Vergnügen leiste ich dir den letzten Dienst ... so geht's schneller.« Der Häuptling schnappte nach Luft und griff nach dem Rohr. »Das kühlt den Kopf und schärft das Gedächtnis. Du sollst uns sofort den Versteck deines teuren Kindes zeigen.« Hamia sagte hastig. »Hinter jenem Bergvorsprung ist eine Höhle ... dort wird er sein.« »Wie viele Röhren hat sie ... wie viele Hälse hast du für den Strick?« »Zwei Gänge hat sie, sowahr ich einen Hals habe.« Nach dreistündigem Marsche war die Bergnase erreicht. Hohes Gras, Eukalyptus, Aloe und Tamarinden deckten die Heranschleichenden. Hamia fing zu husten an, aber eine Faust umklammerte seine Gurgel und kurierte seinen Katarrh. Immer die Hand an dem dicken Halse, ließ Jobst sich die Eingänge zeigen. Der Gorilla, der die Araberin geraubt hatte, fühlte sich so sicher in seinem Bau, daß er nicht einmal Wachen ausgestellt hatte. Um Mitternacht lagen zehn Flintenläufe vor jedem Eingang. Erb schoß eine Salve in die Finsternis hinein. Nach den Schreckschüssen eilten die Räuber durch die andre Röhre und fanden auch den Ausgang besetzt. Wahadamib war kein Feigling und faßte sich in Geduld. Ein Erstürmen des engen Ganges war nicht zu befürchten, ein Verdursten unmöglich, da in der Höhle eine kleine Wasserader rieselte, und der Hunger war noch fern. Ein Neger denkt nicht weiter als acht Tage, auch fand Wahadamibs Seele Trost in dem Gedanken, daß ein Häuptling am längsten Speise hat und als letzter dem Hunger erliegt. Die Deutschen wußten ja, daß Fatima mitverhungern würde, und wollten verhandeln. Hamia erhielt einen grünen Zweig – die Parlamentärflagge Afrikas – und ging, am Fuße mit einem langen Seil getüdert, dicht an die Höhle heran. Freier Abzug den Banditen, wenn Fatima und alle Flinten ausgeliefert würden! Der Gorilla schalt seinen Vater einen stinkenden Schakal und schwarzen Verräter. Jobst nahm den Zweig und feilschte zwei Stunden lang. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig und schließlich alle Flinten sollten die Räuber behalten. Je bescheidener die Deutschen wurden, desto unverschämter wurde der Neger, der in das braune Mädchen vernarrt war. Die Liebe und Leidenschaft kann auch einem Wilden den Wollkopf verrücken. – Drei Tage bewachten die Belagerer die Ausgänge. Der trotzige Wahadamib forderte und erzwang den freien Abzug! An dem Morgen stand Erb auf Posten und sah plötzlich im Dunkel des Ganges Fatimas süßes Antlitz auftauchen. »Komm, mein Kind, sie haben Vernunft angenommen ...« »Nein, Herr, sie wollen mich töten, und ich will gerne sterben, da ich dein Angesicht sehe ... schieße du mir eine Kugel ins Herz, damit ich nicht von diesen Hyänen erstochen werde!« Jetzt gewahrte er mit Entsetzen die scheußliche, teuflische Affenfratze, die über des Mädchens Schulter schielte, und das Messer, das in ihrem Nacken blitzte, das Wahadamib, ihren Körper als Schild benutzend, stoßbereit hielt. Der verschlagene Schuft brüllte: »Siehst du dieses blanke Eisen und die zwei Speerspitzen, die beim ersten Schuß durch ihren Rücken gehen und vorne auf ihrer Brust dir guten Tag sagen werden? Schau es dir gut an und höre mit beiden Ohren zu: Wir müssen von deinen Kugeln sterben, aber Fatima stirbt zuerst. Töte uns jetzt, du Weißgesicht, und tue, was du willst!« Erb war kreideweiß vor Grimm und Grausen und ließ die erhobene Büchse fallen. Der Leutnant und Jobst liefen herbei, rissen die Flinte an die Backe und ließen sie langsam sinken. Es war ein empörender Anblick, eine schier unerträgliche Frechheit, die sie in ohnmächtiger Wut mit ansehen mußten, – die Angst um das junge Weib lähmte ihre Hände. Hinter Fatima das höhnische Gorillagesicht und das Messer keinen Zoll von ihrer Halsschlagader, ringsumher zwölf schwarze Banditen, die einen sogenannten Igel bildeten, aber die Speere nach innen auf das Mädchen, das stolzaufrecht ging und unverwandt Erbenheim ansah, gerichtet hatten. Zu hinterst schlotterte Karibi, der Überläufer, während die andren mit festen Schritten an den Flinten vorbeigingen und herausfordernde Blicke warfen. Kein Schuß fiel, kein Fluch wurde gehört, in der Totenstille klang nur das Knirschen der Zähne. Der Speerigel verschwand hinter den Büschen. Am Eukalyptusstrauch kehrte Karibi sich um und winkte. Was will er? Der elende Bursche streckte die Zunge aus, so lang er sie aus dem Halse herausbringen konnte. »Das ist uns Weißen von einem Nigger geboten worden,« schrie Jobst, »ich muß einen Schwarzen umbringen.« Er sah, daß Hamia schadenfroh grinste, und schlug dem Sultan eine Maulschelle, die hochderselbe noch nach fünf Tagen fühlte. Diese Ohrfeige hatte aber die unerwünschte Wirkung, daß Hamia taub auf beiden Ohren, stumm und verstockt wurde. Auf alle Aufmunterungen in Gestalt von Plattentabak antwortete er nur, daß er keine andre Höhle kenne und die Berge im Nordosten, die voll von bösen Geistern seien, nie betreten habe. Der Boy Simba hockte am Stamm einer Borassuspalme, wischte sich Schmutzstreifen ins weinende Gesicht und rieb – ein Zeichen tiefen Nachdenkens – seinen halb skalpierten Schädel. Der mitleidige Herr sagte: »Weine nicht, unsre kleine Fatima wird befreit werden.« »Bana, ich weine über unsre Dummheit,« sagte der Boy ernsthaft. »Ja, sie sind uns zu schlau gewesen und haben uns einen teuflischen Streich gespielt...« »O, wenn sie ganz klug gewesen wären, so hätten sie das Mädchen mit dem Igel umringt und gerufen: Gebt uns zwölf Fässer Pulver und zehn Gewehre, oder wir töten das Weib. Wir hätten ihnen gegeben, was sie gefordert...« »Ja, zum Donnerwetter! Solange die Schufte das Mädchen als Geisel haben, können sie mit neuen und netten Frechheiten kommen... sie werden nächstens mit ihrer Beute vorbeispazieren und verlangen, daß wir unsre Waffen ausliefern.« Erb focht aufgeregt mit den Händen und fluchte. »Hoher Herr, höre ein Wort!« sagte der Boy mit Ruhe, »wir müssen klüger sein als diese nackten Wilden.« Simba fühlte sich als Kulturmensch und verachtete in seinem langen Hemd sehr tief die nackten Neger. »Wir müssen die Räuber überlisten.« Er setzte seine Idee auseinander, aber nur zum Teil. Der Deutsche knipste mit den Fingern. »Deine schwarze Kriegslist ist besser als unser weißer Kriegsrat... du willst zu Wahadamib und in die Höhle des Gorilla gehen? Jung, Jung, du wagst dein Leben.« »Was bin ich? Und was ist mein Leben? Kummer und Furcht fressen Fatimas Herz.« Der Herr war bewegt. »Ich würde dich sehr vermissen, mein Bursche. Aber versuche es in Gottes, in Allahs Namen! Was willst du dem Gorilla vorlügen, daß er dich nicht totschlägt?« Der Boy legte förmlich die Ohren zurück, wie ein tückisches Pferd tut, und machte ein spitzbübisches Gesicht. »Der dicke Hamia soll – oder er wird mit dem Kiboko eingerieben – mir eine Beglaubigung mitgeben, als wenn ich sein Geheimbote sei... verstehst du? Und du, Herr, schenkst mir das stärkste Gift, das euer Dauamann besitzt, das werde ich Fatima zustecken, damit sie es den Räubern in das Essen oder die Pombe schüttet. Haha! Sehr gut, nicht wahr?« »Nein, ein sehr schlechtes und völlig verwerfliches Mittel! Mit der feigen Giftwaffe kämpfen wir Deutschen nicht und nie.« Der Neger konnte absolut nicht begreifen, warum sein Herr den schönen Gift- und Meuchelmord entrüstet ablehnte. Weinerlich schluckte er. »Dann darf ich den Waha auch nicht vorlügen, daß ich von Hamia geschickt bin?« »Na, die Kriegslist und -lüge könnten wir vielleicht erlauben,« sagte der Herr und summte. Jobst hatte das letzte gehört und mischte sich ins Gespräch. »Nur nicht den Gentleman herausbeißen den schwarzen Banditen gegenüber, nur kein allzu zart besaitetes Gewissen im Kampf mit Wilden, die jedes Mittel, auch das hinterlistigste und grausamste, uns gegenüber anwenden! Simba mag zu Wahadamib gehen!« »Um die Räuber hinterrücks zu vergiften? Nein, das macht Erb von Erbenheim nicht mit.« »Ich auch nicht!« lachte der Alte. »Was ich meine ... unser Doktor hat in seinem Giftkasten nette, kleine Pulver, die durchaus nicht töten, sondern nur einen angenehmen Schlaf erzeugen. Herr von Erbenheim soll gar nichts dabei tun, als nur seine kleine Dame mit offnen Armen in Empfang nehmen.« Der Boy schoß einen scheuen, schreckhaften Blick und senkte den Kopf, während sein Herr polterte: »Sie ist nur meine Dienerin und wird auch nie mehr sein.« Man kannte genau die Zahl der Wahadamibleute. Der Sanitätsunteroffizier öffnete seinen Kasten, zeigte seine pharmazeutischen Kenntnisse, berechnete genau die Dosis eines Negermagens und wog die Opiate gewissenhaft ab. Mit der Ermahnung, nicht zu naschen, überreichte er Simba das Glas, das nur mehrere Gramm eines weißen, unschuldigen Pulvers enthielt. Der Bursche wollte durchaus nicht an die Wirksamkeit einer so winzigen Quantität glauben und lachte beleidigt: »Du hältst mich wohl für einen dummen Wilden ... dein bißchen Mehl will ich auf einmal schlucken, ohne zu niesen. Gib mir fünf Pfund von dem Zeug!« Man konnte ihm sein Mißtrauen nicht ausreden, er glaubte erst an die Kraft der kleinen Giftmenge – dann aber ganz verdutzt und gründlich –, als der Sanitätsrat einem Stachelschwein, das ein Askari gefangen hatte, ein paar Körnchen in einem Brotbissen zu fressen gab. Das Tier fiel nach fünfzehn Minuten um. Simba küßte jetzt andächtig das Giftglas, als wenn's ein Fetisch wäre, und rief: »Ich gehe! Allah il Allah! Wer kann wie eine Eule schreien?« Von den Askaris meldete Kitumbua sich und ahmte den Schrei des Nachtvogels sehr täuschend nach. »Morgen abend, wenn es dunkel wird, muß Kitumbua in einen Baum klettern und viermal kurz hintereinander uhuen.« Es galt jetzt, dem Hamia eine Beglaubigung zu entlocken. Jobst versuchte es in Güte und gab ihm ein paar Schluck Whisky. Der Häuptling schmatzte und schielte und war nun erst recht auf der Hut. »Willst du mich betrunken machen und meinen Verstand binden?« »Du sagst, daß du Sultan seiest, aber du lügst, denn du hast keinen Fetisch, kein Zeichen deiner königlichen Würde.« »Ja, ich lüge, ich habe keins,« grinste der Listige. Aber Hamias Leute verrieten ihren fetten Fürsten um eine Pfeife Tabak und plapperten: »Die sechs Löwenzähne, die er am Halse trägt, sind sein königlicher Fetisch.« »Leihe mir ihn für einen Tag!« sagte Jobst. Hamia weigerte sich energisch. »Mein Fetisch, meine Kraft darf nicht von meinem Körper kommen... ich habe selbst den Löwen erstochen und ihm die Zähne ausgebrochen.« Seine Leute kicherten, es sei ein vor Altersschwäche krepierter Leu gewesen, den die Schakale schon angefressen hätten. Die schwarze Majestät hatte in ihrer unwürdigen Lage alle Autorität verloren. So sehr der Neger sich treten und tyrannisieren läßt von seinem Despoten, so rasch ist der Respekt verschwunden, sobald sein Gebieter einen Stärkeren gefunden hat und machtlos ist. Jobst machte eine Gewaltanleihe und riß die Löwenzähne vom Halse herunter. Der Versteck der Räuber war auszukundschaften. Die beiden Pfadfinder pirschten acht Stunden lang hin und her. Jobst hatte eine Nase, um die ihn mancher Gordonsetter beneiden konnte. »Riecht es nicht nach dem ranzigen Rizinusöl, womit die schwarzen Schweine sich einreiben?« Erb witterte nichts. Der andre lief hin und her und winkte plötzlich. »Was ist das?« – »Ein Läppchen!« – »Sehr richtig! Wie kommt es in diese Wildnis? Kennst du vielleicht den Stoff?« »O, es ist vom rotgeblümten Kattun Fatimas und von den Dornen abgerissen...« »Nein, abgetrennt und mit Absicht an den Busch gehängt worden. Die kluge Dirne! Das ist ein Wegweiser, der uns die Richtung zeigt.« Noch zweimal, wo die Waha einen Haken geschlagen, hing ein solcher Wegweiser im Ginsterbusch. »Pstt! War das nicht eine Stimme?« Jobst riß seinen Neffen zur Erde und raunte: »Platt nieder! Den Atem anhalten!« Karibi und noch ein Mha kamen schwatzend heran, blieben auf vier Schritt stehen, schlugen mit den Speeren auf den Fels und gingen lachend fürbaß. Sie hatten eine Schlange erschlagen, die sie sich zum Abendbrot braten wollten. Der alte Pfadfinder kroch den Negern nach, befriedigte seine Neugier und kehrte bald zurück. Unter einem Felsenvorsprung lagerte die Bande, ganz laut und lustig, ohne irgendwelche Verfolgung zu befürchten. Man brachte Simba auf den rechten Weg. Jobst, der sonst keinen Schwarzen anfaßte, klopfte ihm auf die Schulter: »Wenn du deine Sache gut machst, kriegst du zehn Rupien von mir... und wenn sie dich totschlagen, will ich zehn Koransuren für deine Seele lesen lassen.« »Inschallah! Sterbe ich, so sterbe ich für Fatima.« Der schwarze Jüngling wischte sich die Kartoffelnase, und der, welcher nichts von Gott und Bibel und blitzwenig von Allah und Koran wußte, handelte wie ein Christ, der sein Leben wagt für seine Brüder. Mit einem grünen Zweig ging er kühn ins Lager der Räuber. Der Gorilla fletschte die Zähne. »Du Suahelihund bist ein Späher, wir werden dich schlachten.« Simba sah Fatima am Felsen kauern, und aller Atem ging ihm aus bei dem heißersehnten Anblick, doch er blickte düster über sie hinweg, so daß die Schlaue sofort die Situation verstand und fremd-verächtlich ihn anstarrte. Obgleich das Messer vor seinen Augen fuchtelte, antwortete er höflich: »Ich bin den weißen Hunden – Allah fresse sie! – entlaufen und im Auftrag deines Vaters zu dir gekommen.« »Du lügst, du Saubraten! Wir werfen dich ins Feuer.« Ohne die schreckliche Drohung zu beachten, sprang Simba plötzlich mit geballter Faust ein paar Schritte vor, als wenn er sich auf Fatima werfen wolle, und schrie: »Das ist die Dirne, die mir ein seidenes, schönes Halstuch gestohlen, ich hasse das Weib und muß ihr schnell zwei Maulschellen geben. Du Diebin, wo hast du mein Tuch?« »Du scheußlicher Pavian, ich kratze dir die Augen aus, du Lump und Lügner!« Das Mädchen war eine ebenso meisterhafte Schauspielerin, wie der Negerjüngling. Der mißtrauische Wahadamib grinste befriedigt und bedrohte grob, aber schon etwas gutmütiger den Burschen. »Rühre sie nicht an, sonst zerdrücke ich dich zwischen meinen Nägeln, du Suahelifloh. Die Suaheli haben ja die zollangen Läufe mit den roten Augen und den spitzen Zähnen. Ist mein Vater noch nicht gestorben?« »Nein, er ist gesund und fett.« Das schien dem liebevollen Sohne keine Freudenbotschaft zu sein, denn er brummte: »Wollen die Weißgesichter ihn nicht bald aufknüpfen? Was läßt der alte Wanst mir sagen?« »Kennst du diese Löwenzähne?« Der Gorilla sah die Kette, riß sie ihm aus der Hand, hängte sie um seinen Hals und spreizte sich: »Ich habe den Fetisch meines Vaters, das Königszeichen, jetzt bin ich der Sultan und Herr von Uha... kniet alle vor mir und küßt meine Füße!« Simba beugte behende die Knie. »Hamia hat die meisten Träger der Weißen beschwatzt, auch viele Askaris und hofft sie alle für seinen Plan zu gewinnen. Du sollst in einer der nächsten Nächte das Lager angreifen, dann will er mit den Verschworenen den Weißen in den Rücken fallen... die Beute, Gewehre und Pulver, wird zwischen dir und ihm geteilt.« Wahadamib horchte voll Gier. Fatima aber schrie, wie in sinnloser Wut: »Du Verräter, du Scheusal, du Stinkschakal, ich kratze dir die Augen aus.« Sie ergriff einen Feuerbrand und schleuderte ihn so, daß er an Simbas Schädel vorbeiflog. Der Gorilla hielt sich den Bauch vor Lachen, amüsierte sich über die süße Furie und fragte argwöhnisch: »Will mein Vater, daß ich das Lager angreife, damit Bana Bunduki mich wie eine Nilgans wegknallt?« »O nein, du sollst hinter den Bäumen stehen und nur nach dem Lagerfeuer schießen, die Weißgesichter werden aufspringen, und dann wird Hamia mit den Askaris von hinten alles, was nicht schwarz ist, niederschießen... er wird alles erledigen und die Beute ehrlich mit dir teilen.« »Du Schurke, ich werde dich in Stücke schneiden,« drohte Fatima mit ihrem Messer, »du räudige Hyäne, du Speischlange!« Simba spielte seine Rolle ebenso vortrefflich, machte giftige Augen und eine Faust. »Du Diebin! O, ich habe eine Wut auf die Meerkatze und würde sie fressen, wenn sie nicht dein Weib wäre, Herr König.« »Sie wird es werden.« Wahadamib schnitt eine verliebte Grimasse und langte mit den Affenarmen nach dem Mädchen, das ihm ihr blitzendes Messer zeigte und ihr rotes Zünglein sehr unehrerbietig nach dem bösen Gorilla und dem braven Simba ausstreckte. Wahadamib inquirierte vorsichtig. Simba sagte sehr sicher: »Sende morgen zwei Schleicher in die Nähe des Lagers ... wenn dein Vater die Mehrzahl der Askaris überredet hat, wird eine Eule viermal krächzen, sobald die Abendsterne aufgehen. Das ist das eine Zeichen, und das andre: Noch einmal beim Abendstern wird die Eule schreien, und in derselben Mitternacht sollst du große Beute machen.« Der Häuptling kniff jovial die Backe des Boten. Fatima aber redete mit rollenden Augen, als wenn sie rase. »Ich laufe zu Bana Bunduki und Bana Simba und warne sie vor den Mördern.« »Laufe, laufe!« höhnten die Waha, die das Mädchen mit sechs Speerspitzen umringten. Alle schmausten und schwatzten. Simba wurde gut bewirtet und erhielt ein langes Stück Schlangenbraten, das ihm, der schon zu viel Kultur genossen hatte, übel mundete. Große Kalebassen voll von gegornem Honigbier – das Land ist reich an wilden Bienen – wurden herbeigeholt, und die Waha fingen weidlich und wie die alten Deutschen, die auch den Honigstoff, den Met, aus Kübeln tranken, an zu zechen. In einem unbewachten Augenblick strich Simba an der Dirne vorbei und wischte ihr eins aus, versetzte ihr eine Scheinohrfeige mit der Rechten und einen Puff mit der Linken. In der Sekunde hatte er ihr das Gläschen in die Hand gedrückt, das sie verständnisvoll im Kleide verschwinden ließ. Mitten im zornigen Geschimpfe »Du Hexe, du Höllenbruten« flüsterte er ihr zu: »Gieße es ins Honigbier!« Die Neger wurden immer trunkener und unachtsamer. Ihre Augen sahen nicht mehr wie die Geier, sondern glotzten blöde, wie die Käuzchen am Tage. Fatimas Hände waren blitzflink, gleich den Fingern einer Zigeunerin. Sie füllte und kredenzte die Kürbisschale mit Bier. Wahadamib verschlang ihre Gestalt mit seinen Faunaugen, spitzte das große Gorillamaul und umschlang ihre Hüfte. Sie stach nicht mit dem Messer nach ihm, wie sonst, sondern lag einen Augenblick an seiner Schulter, denn sie hielt in der Rechten das geöffnete Glas, das sie flugs in die Kalebasse goß, die neben ihm stand. Eilig schöpfte die Mundschenkin, die dem Gorilla zulächelte. Der Kürbiskrug war noch halbvoll, als sechs robuste Kerle hinsanken und schnarchten. »Komm, mein Liebchen,« lallte Wahadamib und spitzte die Lippen. Sie gab ihm einen Nasenstüber, daß er hintenüber fiel, wo er mit offnem Munde zu sägen anhub. Rings am Feuer erscholl ein gräßliches Geschnarche – und dann ein hohes, helles, koboldhaftes Gekicher. Die befreite Fatima lachte und lachte, trällerte und tanzte zwischen den Bierleichen herum und lief von dannen. Simba wollte ihre Hand haschen. Erst schlug sie ihm über die Finger; als er aber ein trauriges Gesicht machte und sagte, ob das sein Lohn sei, ließ sie ihm vier Finger. Das war seine reiche Belohnung. – Erb schulterte die Büchse in dieser Nacht und schlug eine bestimmte Richtung ein. Er betrachtete das Gewimmel der Sterne, und das Heimweh, das den Deutschen durch alle Breitengrade begleitet, wehte von weit, weither durch seine Seele. Mit einem Male vernahm er ein Lachen. So hell und heiter und drollig lachte nur die Araberin. Das leidenschaftliche Mädchen küßte seinen Rock und Ärmel. »Du hoher, lieber Herr, du hast mich befreit aus der Gewalt des Gorilla, du hast deine Magd vor dem Tode bewahrt, denn ich hätte mich getötet, wenn... wenn das Scheusal... mein hoher Herr!« »Du hast nicht mir, sondern diesem braven Burschen zu danken.« »Simba ist nur dein Knecht, das Werkzeug, das deinen Befehl ausführt... du hast mit deiner Safari meine Spur verfolgt, du hast mich gerettet... du bist mein Herr und mein Höchstes.« »Du mußt Simba danken,« sagte Erb eindringlich. »Der hat ja meine Hand gehalten und seinen Lohn schon bekommen.« Der Bursche wurde nicht mehr beachtet und machte eine verdrossene Miene. Das ganze Lager begrüßte Fatima mit freudigem Hallo. Sie, das einzige, nicht schwarze Weib der Safari, hatte viele stille Verehrer. Sogar der Leutnant nickte ihr zu und beschenkte sie, da ihr Gewand zerrissen war, mit vier Ellen Stoff, den sie sofort mit viel Geschmack um ihren schlanken Körper drapierte. »Ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant, für die Befreiung meiner Dienerin, für die beschwerliche Expedition,« sagte Erbenheim höflich. »Schon gut,« erwiderte der Chef, »wer muß jetzt die Verantwortung für diese Extratour und die Folgen tragen? Ich muß berichten, wie ich jeden Tag im Dienste des Reichs nützlich angewandt habe, und ich wette: Meine vorgesetzte Behörde in Daressalam wird mir deutlich erklären... daß eine zwingende Notwendigkeit vorlag, einem uns nachgelaufenen Frauenzimmer wochenlang nachzulaufen, kann diesseitig absolut nicht anerkannt werden, und derhalben wird dem Oberleutnant F. ein Verweis erteilt und in seine Konduitenliste eingetragen.« »Das tut mir wahrhaft leid.« »Mir um so weniger, ich bin lange in den Tropen gewesen und zum Abschied reif. Wer in Afrika verbraucht ist, erhält die ihm zuständige Pension und – wenn Gott und seine Vorgesetzten ihm gnädig sind – den zuständigen Orden.« »Das Vaterland ist nicht sehr dankbar gegen seine afrikanischen Helden, die dieses Neudeutschland für unsre Heimat und unsre Enkel erobern. Unsre denkmalssüchtige Zeit setzte diesen Pionieren weder Stein noch Mal.« – – Um den furchtbaren Engpaß unter dem Wasserfall, den die Askaris nicht für alles Geld des Gouverneurs passieren wollten, zu vermeiden und die Esel zu finden, wurde ein großer Umweg gemacht. Nur dadurch gelang es den Verfolgern, die Truppe einzuholen. Achter Abschnitt Wahadamib erwachte, als die Sonne hoch stand und ihm ins Gesicht stach, bohrte die Knöchel in die verklebten Augen und kratzte den tobenden Kopf. Wasser! brüllte er, Fatima! schrie er und stierte um sich. Als er die Flucht merkte, raste der Unhold, stampfte auf den Schläfern herum und schlug den Mann, der die Wache hatte, mit einem Knüppel nieder. Der Gorilla stürmte den Deutschen nach, seine Wut und seine Gier nach dem Besitz des schönen Weibes machte ihn zum Todverächter, zum wilden Löwen, der den weit überlegenen Weißen angreift. Das Lager erheiterte sich nach dem Mahle an den Possen des Affen. Der Leutnant sogar lachte: »Basse, du hast als Kriegsteilnehmer eine Ordenskette am Halse bekommen ...? Warum zerrst du an deiner Dekoration?« Die Kette, die allerdings recht lang und am Baume befestigt war, mißfiel dem Affen. Da knatterte und krachte es – solchen Krach machen nur die alten Vorderlader und Donnerbüchsen. Wahadamib hatte jedoch auch gute Hinterlader und schoß nicht schlecht. Eine Kugel ging glatt durch Erbenheims Tropenhelm. Windschnell warf sich der Deutsche auf den Bauch, riß sein Repetiergewehr, das er eben gereinigt hatte, an die Wange und gab Schnellfeuer. Jobst lief in Sprüngen, seine Büchse zu holen. Einige Askaris lagen in Deckung, Simon hatte eine Büchse und schoß sehr ruhig. Fatima nahm den Affen, kroch nach dem Zelte, wo sie ihn hinter eine Kiste steckte, und schaffte Patronen hinaus. Die Räuber kamen heulend hinter Bäumen und Büschen hervor, Wahadamib stürmte das Lager – ein Wagnis und Wahnwitz des wütigen Gorilla, der einen Askari durchbohrte, aber aus mehreren Wunden blutete. Da ereilte ihn sein Geschick. Simbas Kugel ging durch die Stirn des Affenmenschen, der zur Erde taumelnd seinen Speer schleuderte und dem Boy ein Ohr vom Kopfe riß. Mit dem Fall des Häuptlings hörte die Stoßkraft der Wilden auf, die zur Flucht sich wandten. Das Gefecht war zu Ende, der Sanitätsrat wurde die Hauptperson. Fatima stieß den Gorilla mit dem Fuße und fing um und auf dem Leichnam zu tanzen an. Ihre Augen sprühten von Triumph. Erb riß sie fort und befahl barsch: »Nimm deine Decke und lege dich zum Schlafen hin!« Das unartige Kind, das zu Bett geschickt wurde, wickelte die Decke um den Kopf und Oberkörper und weinte hinein.   Die wieder vereinigte Safari hatte das Flußgebiet des Malagarassi erreicht. Schwere Wolken hingen am Himmel, doch man hatte zu oft schon das Trugspiel der Regenvorboten gesehen, ohne daß ein Tropfen die verdurstete Erde erquickte. Die Regenzeit schien heuer auszubleiben, was für Tausende von Negern den Hungertod bedeutet. Am Abend wetterleuchtete es. Auch das war wohl ein blutiger Hohn der grausamen und oft boshaften Natur. Aber um Mittemacht brach das prasselnde, krachende, flammende Wetter los, ein Ungeheuer von Unwetter, als wenn Afrika in der Sündflut ertrinken, in Feuer und Schwefel vergehen solle. Erb gruselte sich vor dem gigantischen Berserkern der Naturgewalten, und der Affe verkroch sich an seiner Brust. Überall am Himmel züngelten Feuerschlangen, der Donner schmetterte, als wenn die Riesenschilde von tausend Titanen aufeinander schlügen. Es war ein Getöse, als ob die Berge von Uha und Urundi brächen, die Schleusen des Himmels barsten; ungeheure Wasserfluten ja -fälle stürzten herab, als solle die Erde werden zum Meer. Wie Kriegsgeheul der Götter und Widergötter brüllte der Sturm. Die Zelte schwammen, alle standen bis zum Knie im Wasser, die Askaris schrien ihr Allah il Allah, Erb nannte Gottes Namen. Beinahe plötzlich wurde das Getobe still – der Herr der himmlischen Heere hatte den Titanengewalten Halt und Ruhe geboten. Die Durchnäßten priesen den gesegneten Regen, den großen Zauberer der Tropen. Die arme, rissige Erde wurde in einer Woche ein Paradies. Man sah mit Augen Gras und Laub, Blatt und Blume aus grauer Wüste keimen und sprossen. Der junge Afrikaner staunte und staunte. »Das ist der Tropenlenz und unsre vielgeschmähte Kolonie, die verhöhnte Heimat der Moskitos, Malaria und Tsetsefliege!« Die alte Todsünde der Deutschen, das ewige Verkleinern und Nörgeln, hat Ostafrika verleumdet und verlästert. Wir haben hier ein gutes, für jeden Regen tiefdankbares Land. Nur ein Tor wird dieses endlose Gebiet eine Wüste schelten, weil es in der regenlosen Zeit seine Ruhe haben will. Die Ruhe ist sein Naturrecht und Naturgesetz. Liegt nicht der Ackerboden Deutschlands ein volles Halbjahr brach, steril und steinhart? Die Trockenzeit ist der Tropenwinter.« »Allerdings,« sagte der Oheim, »nur mit dem kleinen Unterschiede, daß der Tropenwinter mit seinem endlosen Grau in Grau oder Grell in Grell, mit seinem ewigen Staub und Durst langweilig und auf die Länge gräßlich, der deutsche Winter aber mit seinem Rauhreif und sonnigem Frost, mit Schneeflocken und Schneeballen, Schlitten und Schellengeläut wunderlieblich und schön ist. Wenn ich in diesen dreißig Jahren Sehnsucht spürte, so hatte ich Heimweh nach dem deutschen Winter und dem deutschen Weihnachten.« Am heiligen Christabend zündeten sie einige Lichter in Flaschenhälsen an, allen war still, weich und feierlich ums Herz, die Gedanken weilten in der Ferne, wo der Schnee glitzerte und die Tannenbäume strahlten. Auch am Weihnachtsmorgen ertönten die täglichen Signale. Blase zum Aufstehen! Blase den Arzt! Des ersehnten Regens wurde zu viel, alle Tage goß es stundenlang, aber beinahe pünktlich auf die Minute waren die Wolken weggeblasen. Die wasserwarme Treibhausluft und der aufgeweichte Grund machten das Marschieren noch mühseliger. Trotzdem trug der schwitzende Simon außer seiner Bürde Fatimas Bündel, das immer schwerer wurde. Um das Fehlen des Ohrs zu verhüllen, legte er den Kopfverband, der auch den skalpierten Hinterschädel so nett verdeckte, nicht ab nach der Heilung. Er war kein schwarzer Adonis. Doch das drückte ihn nicht, weil er – wie die meisten Menschen – das Gegenteil glaubte und von seinem Äußeren eine gute Meinung hatte. Stillvergnügt pfiff er des Weges hin, in Fatimas Nähe; vertraulich erzählte er ihr: »Ich habe sechzehn Rupien, acht Armlängen Stoff, ein feines Messer und noch ein kleineres, auch zwei Gewänder und einen Fez.« Ebenfalls seine andren Besitztümer, die blanken Knöpfe, Bindfäden und alten Konservenbüchsen, zählte er gewissenhaft auf, denn er fühlte sich als vermögender Mann und war es auch unter Negerburschen. Ihre grellen Augen horchten. »O, sechzehn Rupien... aber was nützt mir dein Reichtum!« »Doch! Was mein ist, ist dein ... wenn du meine Frau bist.« Die Dirne zeigte ihm die rote Zungenspitze. »Ich will nicht deine Frau werden, du schwarzer Pavian.« Simba schluckte... schluckte das Wort, das dem Neger ein böses Schimpfwort ist, herunter. »Warum nicht, Fatima? Unser Bana sagt, daß ich es noch zu etwas bringen werde ...« »Wenn du das Lügen und Stehlen lassen kannst, sagte der Herr.« Sie machte dem Burschen eine lange, niedliche Nase. Traurig fragte er: »Warum willst du nicht meine Frau sein?« »Weil du nur ein halber Mann bist.« »Ein halber?« »Du hast nur einen halben Haarschopf, nur ein Ohr und keine Menschen-, sondern eine Affennase, und darum bist du ein halber Mann, nicht wahr?« »Im Kampf mit dem Löwen habe ich die Kopfhaut, im Kampf mit den Räubern das Ohr verloren ... bin ich darum ein halber und schlechter Kerl?« sagte er geschickt. »Nein, nur ein häßlicher,« antwortete sie grob. Ihn stieß der Bock, der ehrliche Bursche war dem Flennen nahe. »Was soll ich dabei machen? Ich gäbe meine sechzehn Rupien und sogar mein Bowiemesser dafür hin, wenn ich zwei Ohren, alle Haare und eine Menschennase hätte.« Ein Schalksteuflein irrlichterte in ihren schwarzen Augen, während sie ernsthaft-eilig sprach: »Spare dir noch viel mehr Rupien zusammen und gehe zu den klugen Deutschen, die für Geld alles tun! Du gehst zu einem weißen Fetischmann, der dir gefärbte Wolle auf den Hinterschädel klebt. Es gibt auch deutsche Medizin- und Fetischmänner, die ein neues Auge einsetzen, die ein fehlendes Ohr flugs auf der Drehscheibe anfertigen und am Kopfe festschrauben, bis es festwächst. Ja, die können sogar deine Klumpnase abschneiden, schön abschaben und zuspitzen und wieder festnähen. Bei Allah, ich lüge nicht, die Deutschen haben es mir erzählt. Es kostet aber sehr viele Rupien, mehr als ich zählen kann.« Simba sinnierte stundenlang vor sich hin. Mit einem neuen Ohr und einer neuen, hübsch spitzen Nase wäre er ein ganzer und vollkommener Mann. Der großartige Gedanke, ein hübscher Herr und närrisch aufgeputzter Negerstutzer zu werden, verrückte und verdrehte ein wenig sein gescheites Gehirn. Weil aber sein gesunder Menschenverstand einige kleine Zweifel hegte, ging er zu seinem Herrn, der Auskunft geben konnte. »Bana, wie viel mag es wohl kosten, wenn man sich vom weißen Fetischmann in Daressalam ein neues Ohr machen und die Nase spitzen läßt?« Erb lachte aus vollem Halse. »Die kleine Hexe, der ich einige chirurgische Kunststücke erzählte, hat dir einen Riesenbären, einen Mammutbären aufgebunden ... deinen Giebel mußt du wohl verschleißen... und gründlich putzen und reiben, dann wird er immer kleiner werden.« Weil Simba ein tiefunglückliches Gesicht schnitt, tröstete sein Herr. »Allerdings kannst du dir mal eine Perücke machen lassen, vielleicht sogar ein künstliches Ohr aus Wachs... aber, um ein Weib zu gewinnen, bedarf es nicht der Schönheit, sondern der Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit und besonders der Unverfrorenheit und Beharrlichkeit.« Der Boy dachte viel an das Rezept – an der Frechheit würde es ihm nicht fehlen – und deutete der Dirne mit keinem Worte an, daß sie ihn düpiert habe, sondern bemerkte beiläufig und mit einfältiger Miene: »Du! Ich spare jetzt jeden Heller, um an der Küste ein schönes Ohr und ein schwarzes Haar mir anzuschaffen.« Sie steckte sich die Faust ins Mäulchen, lief hin und holte Wasser im angefeuchteten Tonkruge. Auf dem Wege von der Wasserstelle sah Fatima einen Skorpion, den sie behende-behutsam mit einem Sperrholz faßte und fing, nur um Simba zu erschrecken und immer wieder das böse Tier in die Nähe seiner nackten Beine zu bringen. Possierlich heulte und hüpfte der Bengel über Lasten und Feuer hinweg, wenn sie heimlich die Bestie dicht neben dem Ruhenden hinsetzte. Der Herr kam darüber zu und bat sie, den Skorpion ihm zu schenken, was sie mit unendlicher Freude tat. Dann hatte wenigstens der Boy Ruhe vor dem Schabernack des Kobolds. Der gefährliche Racker hockte wohlverwahrt in einem Kasten und machte glubsche Augen. – Es war an einem Nebenfluß des Malagarassi und ein wunderschöner Morgen, eine selten reiche Fauna und Flora lebte und webte hier. Drüben im Wasser brüllten die Flußpferde in Lenzlust und Liebe, der Bulle mit dem tiefen Baß umwarb die Kuh seines Herzens. Sumpf- und Riedböcke äugten neugierig nach dem kuriosen Tausendfuß der Karawane. Sogar ein idiotisches Nashorn mit einem drollig plumpen Kalbe glotzte nach dem Zuge, nahm unvermutet den vielfüßigen Feind an, stürmte auf die Träger los und hätte Abdullah geforkelt, wenn dieser nicht – statt Fersengeld zu geben wie die anderen – stehen geblieben und im letzten Moment, als das vorderste Horn schon sein Wassergefäß berührte, zur Seite gesprungen wäre. Die Schützen rannten herbei zur hochwillkommenen Nashornjagd, denn das Tier ist selten seit der Rinderpest, die alles, was Huf hatte, befiel. Doch der Dickhäuter rannte geradeaus, als wenn er den Dummkoller habe, rannte auf seinen kurzen Balken schnell wie ein Zebra. Tiefsinnige Marabus guckten grüblerisch ins Wasser, Nilgänse schnatterten auf den Tümpeln, zahllose Flamingos wiegten leise, wie zartrote Wasserblumen auf langem Stengel, auf einem Ständer im Winde. Ein Seeadler mit einem Fisch im Fang ging schwerfällig hoch, das Auffliegen ist nicht seine Stärke, was ein Askari sich zu nutze machte, indem er einen Stein nach dem Adler warf, so daß dieser seine Beute fallen ließ, die der Askari als Bratfisch verzehrte. Frisches Grün wälzte aus der Erde, sprang aus jedem Busch. In dem afrikanischen Lenz schwollen auch neue Gefühle in der Menschenbrust, Simba spürte in allen Knochen das namenlose Sehnen, der arme Negerbengel war bald himmelhoch jauchzend und pfiff seine Niggerweisen, bald tiefbetrübt und ließ den Kopf hängen, genau so wie der moderne, mitteleuropäische Jüngling. Er pfiff seine Negerweise in den Morgen hinein: »Wo ist wohl ein Mädchen so nett, Wie eine Kalebasse so dick und so rund? Meine Rani ist schön und fett Und wiegt hundertfünfzig Pfund.« Das war durchaus kein humoristisches, sondern ein ernsthaftes Liebeslied, denn eine möglichst dicke, fleischige und fette Schöne ist des Negers Schönheitsideal. Er sah Fatima, die ihn neckisch mit einem »Guten Morgen, Mister Einohr« begrüßte, treuherzig an und entgegnete trocken: »Der dümmste Esel hat die größten Ohren... Nase und Ohren machen noch keinen Mann, sondern die Rupien im Sack, die Klugheit im Kopfe, die Kraft im Arm. Ich habe Wahadamib erlegt... und in Udjidji sollst du meine Frau werden.« Die Dirne zeigte ihm nicht nur die Spitze, sondern die ganze Länge ihrer Zunge. »Haha, ich will nicht, du Vetter unsres Basse.« »Ja, du mußt... du mußt nach dem Gesetz der Deutschen.« Da wurde sie ein wenig bedenklich und stampfte mit dem Fuße. »Aber ich will nicht, will nicht, ich will nicht, du Pavian!« »Du mußt eben, meine Teure. Gesetz ist Gesetz.« Unverfroren erklärte er ihr die Rechtslage. »Die Deutschen sind – das ist dir doch bekannt – sehr gerecht, ungeheuer gerecht – Allah segne sie! – und haben darum ein gerechtes Gesetz. Ich habe dich aus Räuberhand befreit, und darum gehörst du mir, denn das deutsche Gesetz sagt in der 47. Sure: Wenn ein Mann ein gestohlenes Weib errettet, so soll die Geraubte ihm zu eigen gehören oder mit tausend Rupien sich loskaufen. Schaffe und zahle die tausend Rupien, so kannst du meinetwegen den »Eierkuchen« oder einen anderen Menschenfresser heiraten.« Simba verzog keine Miene, so daß das Mädchen, in den Negeranschauungen von Weiberkauf aufgewachsen, das Gräßliche glaubte und das deutsche Gesetz verfluchte. Als er spitzbübisch lachte: »Ich wette, du kannst die tausend Rupien nicht schaffen und wirst in Udjidji mich mit Kußhand nehmen,« da wurde Fatima eine Furie: »Ich will nicht, ich will dich nicht heiraten, du einohriger und – wenn ich dir das eine Auge ausgekratzt habe – einäugiger Schimpanse. Ich reiß dir das Ohr ab.« Der Boy mußte retirieren, um sein letztes Ohr zu retten, warf ihr aber nicht, wie billig, ihr Bündel vor die Füße, sondern barg es sorgsam vor dem Regenguß. Fatimas Wüten wurde bald zum herzbrechenden Weinen; sie wußte in ihrer Frühreife schon, daß sie den Hohen, Gütigen, Gebräunten mit dem weißen Stirnstreifen liebte, und bei diesem wollte sie in Ewigkeit als Magd bleiben, ohne vermessene Hoffnungen zu hegen. Das dumme, deutsche Gesetz machte ihr Seelennot. Simba war ihr ja ein lieber Kerl und Spielkamerad – wie Basse –, aber ein Neger nur, über den sie sich kraft ihrer helleren Hautfarbe haushoch erhaben fühlte. Ihn heiraten müssen, war ihr nicht nur ein ästhetischer Ekel, sondern auch eine Mesalliance und Schande. Die Hautfarbe nämlich ist das sichtbare Stigma, das die Kasten Afrikas bildet und scheidet. Das Mädchen wurde aufgeregter und lief schließlich in das Zelt, wo sie sich zu ihres Herrn Füßen hinwarf und schluchzte: »Schenke mir tausend Rupien, bitte, bitte!« »Nanu! Nur tausend ... wenn ich nur so viel Mammon selber hätte... wozu denn?« Erb mußte lachen. Um so verzweifelter schrie sie: »Um sie Simba zu geben, um mich loszukaufen.« »Will der Bengel Geld erpressen von dir?« Erb runzelte die Stirn und schielte nach dem Kiboko. Das Kind heulte: »Uh, uh, gib sie ihm, bitte, bitte... nach dem schrecklichen, deutschen Gesetz muß ich ihn ja heiraten, sagt er...« Der Herr fiel vor Lachen in den Liegestuhl und langte nach der Lederpeitsche. »Diesmal hat der Schlingel dich geprellt ... ich werde ihm die tausend in dieser Münze zahlen.« Er konnte seinem Antlitz noch nicht den autoritativen Anstrich geben, und die törichte Frage entschlüpfte seinem Munde. »Warum soll Simba nicht mal später dein Mann werden?« »Weil ich doch immer deine Dienerin und bei dir bleiben muß.« Unschuldvoll, aber eindringlich und allzu heiß hingen ihre schwarzen Augen an seinem Antlitz. Fatima war froh und leicht, trällerte und tänzelte durchs Lager, sprach freundlich mit den Askaris, was immer Simbas Ärger und Eifersucht erregte, und rief ihm zu: »Du! Ich zahle die tausend Rupien.« Dem Burschen wurde schwül und seine Stimme stotternd: »Hast du dem Bana etwas gesagt?« Die braune Dame warf den Kopf in den Nacken. »Ich zahle alles.« Ja, heimzahlen wollte sie ihm den Bären und die Angst, die sie ausgestanden. Als Erbenheim das Zelt verließ, um mit den andren zu plaudern, schlüpfte sie hinein, um den kleinen Kasten zu öffnen und den Skorpion, der Rache zu brüten schien, mit der Sperrholzzange herauszunehmen. O, da nahte ein eiliger Schritt. Sie warf das Tier zurück und den Kasten zu und hantierte diensteifrig mit den Lagerdecken, während der Herr in einer Last kramte und ein Buch in Goldschnitt hervorholte. O weh! Als er den Prunkeinband aufschlug, stand er in einer Wolke von winzigen Papierfetzen. Von außen war das Buch unversehrt, inwendig hatten die bösen Termiten alles zerfressen. Und die anderen Werke, sein unersetzlicher Schatz in der Wildnis? Mißmutig sah er, daß manche schon Moder waren. Nur die Bibel, in der er oft einen Abschnitt las, um den verlornen Gott zu finden, war völlig unbeschädigt. In übler Laune blieb er, um alle Sachen zu revidieren. Fatima sagte altklug, daß man Papier und derlei Dinge im Blechkasten aufheben müsse. Ja, von dem Kinde und von dem Negerboy mußte er lernen, wenn er nicht alle Tage ärgerliches, afrikanisches Lehrgeld zahlen wollte. Ein gellender Schrei erschreckte ihn, ein leichter Schlag streifte seine Wade. Der rachebrütende Skorpion war aus dem Kasten, den Fatima in der Hast schlecht verschlossen hatte, herausgekrochen, saß neben Erbs Hausschuh und krümmte den Stachel, um ihn in den Strumpf hineinzujagen. In dem Augenblick griff das mutige Mädchen mit bloßer Hand zu und packte den Skorpion, der seinen Stachel tief in die Hand hineinbohrte, ohne Schmerzenslaut trug sie das Tier zum Kasten und schleuderte es hinein. Fatima hatte sich für ihren Herrn geopfert. Erb war von ihrem Opfermut und Heroismus ganz gerührt. Ohne ein Mäulchen zu machen, ohne eine Miene zu verziehen, ertrug sie den furchtbaren Schmerz, als der Sanitätsrat die Wunde ausbrannte. »Eine kleine Stoikerin und Heldin ist sie,« sagte er zum Onkel. Der aber knurrte, um zu dämpfen: »Quatsch! Die Rasse hat robuste Nerven und fühlt den Schmerz nur halb so arg, wie du und deine Mitteleuropäer; ich selbst bin ziemlich abgebrüht gegen Unlustgefühle, aber nicht immun, wie die meisten Neger.« Erb sah nach dem Kasten, wo der Skorpion mit glubschen Augen grübelte. »Wir wollen das gefährliche Tier nicht behalten, Simba soll es schnell töten.« Fatima ging mit dem Burschen und wollte ihre Wunde an dem Skorpion rächen. Grell funkelten ihre Augen, als sie sagte: »Der Satan soll sich selber töten, soll sich selbst erstechen und Selbstmord begehen.« Der Negerbengel war mit Freuden bereit, das spaßige, scheußliche Experiment zu machen. Er legte einen dichten, ziemlich weiten Kreis von glühenden Kohlen und setzte den Skorpion in den Kreis hinein. Das Tier lief, um zu entfliehen, geradeaus, stutzte vor der Glut und kehrte sich nach der entgegengesetzten Seite, starrte die Kohlen an und rannte wild hin und her bis dicht vor die Feuermauer. Als es keinen Ausweg fand, setzte es sich mitten in den Kreis und glotzte einen Augenblick, als wenn es überlege. Dann bewegte der Skorpion den Stachel und wühlte die Spitze, wie ein Schuster bedächtig die Ahle in zähes Leder bohrt, in sein Genick hinein und verendete. In dem Moment drängte Erb sich durch die Menge der Träger, die mit Lachen das Schauspiel beobachteten, und wurde Augenzeuge des Selbstmords, den ein Tier aus Verzweiflung beging. Interessant war ihm die Tatsache, die er bisher für eine Fabel gehalten. Der Skorpion tötet also doch sich selbst, wenn er dem Feuertode nicht entrinnen kann. Aber sehr aufgebracht über das grausame Spiel, versetzte er dem Boy eine schallende Ohrfeige, und das Mädchen erhielt eine kräftige Strafpredigt. Der Vorfall verdroß ihn, – und daß die ungebändigte Art der Dirne – was ging ihre Wildheit ihn an? – ihm so viel Verdruß bereitete, das verdroß ihn schließlich am meisten. Dann sagte er sich: Man muß mit einem Naturkinde Geduld haben, ich muß sie allmählich bilden und belehren. In den nächsten Tagen erklärte er ihr das Evangelium der Menschen- und Tierliebe und das königliche Gebot, daß wir unsern Feind lieben sollen. Erst horchte Fatima mißtrauisch, wie ein altkluges Kind, dem man ein Märchen als Wirklichkeit aufbindet. Als sie merkte, daß sein Wort ihm selber heilige Wahrheit sei, wurde sie fassungslos, aber sie sah ihn an und sagte: »Wenn du es mir befiehlst, kann ich alles, alles tun, auch meinen Feind lieben.« Da wurde ihm unheimlich. »Du sollst es tun, nicht weil es mein, sondern weil es Gottes Befehl ist.« – – – Der Fluß mußte überschritten werden, was an sich nicht gefährlich, aber beim Blick ins Wasser ein böses Stück Arbeit war. Wohl fünfzig Krokodile schwammen herum, klappten und schnappten mit den Kinnbacken, als wenn sie einen saftigen Menschenbraten witterten. »Donnerwetter! Es wimmelt hier von den Echsen, die Gott in seinem Grimm erschuf,« fluchte Jobst und fing an zu schießen, Schuß auf Schuß. »So viele von den Biestern habe ich noch nicht auf einem Fleck gesehen.« »Ist das nicht Munitionsverschwendung?« »Nein, ich schieße aus Grundsatz, kraft eines Gelübdes jedes Krokodil, das ich treffen kann, nieder, und wenn ich es nur krank schösse, was ich bei jedem andren Tier als Aasjägerei betrachten würde. Jung, schieße mit deiner Mitrailleuse!« »Welch eine Kanonade! Das Wasser ist schon rot von Blut,« rief Erb und riß Funken aus seinem Mehrlader. »So!« brummte Jobst, »nun ist der Übergang frei... damit die Bestien uns nicht belästigen, müssen einige Askaris stromauf, andre stromab aufpassen und fortwährend ins Wasser schießen, um die Krokodile in Respekt zu halten.« Der erste Mann band sich ein Seil um den Leib und watete ans jenseitige Ufer. An dem straff gespannten Seil ging die ganze Safari hinüber. An fünfzig tote Echsen trieben im Wasser. Ein paar davon schleppten die Träger ans Land, um sie als Wildbret zu braten. Fatima trug den Affen hinüber, der in seiner Angst sich an ihrem Haar festkrallte, was fürchterlich weh tat. Drüben zauste sie ihn tüchtig, denn Strafe und Rache muß sein. Der Herr sah sie vorwurfsvoll an und sagte nichts. Da wurde das hellgelbe Röslein eine feuerrote Rose, und Basse, der einen Verteidiger gefunden, wurde frech und fauchte sie an. Waren das die Früchte der Erbenheimschen Pädagogik? Die Esel und Maultiere waren auch wasserscheu, streikten und bockten, bissen und schlugen um sich. Die Leute waren ratlos und hatten ihre Knochen lieb. Der alte Praktikus aber schlang einfach ein Seil um das Hinterteil des Streiters, acht Mann zogen an beiden Enden und schleuderten einen Esel nach dem andern ins Wasser. Die Langohre waren vorzügliche Schwimmer. Erb fragte den Oheim, warum er an den Krokodilen so viel Pulver verwende. Jobst furchte die Stirn und fing tiefernst an. »Ich hatte einen weißen und wirklichen Freund. Im Kriege Wißmanns gegen die Araberbande wurde Eckertsberg mein Kamerad ... war ein entlassener Offizier, ein richtig Entgleister – Gott sei Dank –, aber ein Edelmensch. Wir zwei saßen im Einbaum, einem schwanken, halb verfaulten Baumstamm, und schossen auf Flußpferde und Krokodile. Er schweißt eine Riesenechse an, die nicht untertaucht, sondern angreift und mit dem Schwanze nach dem morschen Kahne schlägt... zweimal, dreimal. Wir spicken das Ungeheuer mit Kugeln, können aber nicht das Auge als Ziel bekommen. Der Kahn kracht, das ganze Hinterteil bricht ab... auch das vordere Holzstück sinkt unter uns weg. Eckertsberg springt... um meinetwillen, weil die Kahnhälfte kaum einen Körper tragt ... ins Wasser, wirft mir im Sprunge seine Flinte zu und schwimmt dem Ufer zu. Das erleichterte Wrack hebt sich aus dem Wasser und trägt mich, was sein blitzschneller Geist bedacht und gewollt hatte. Fritz! schreie ich... das Krokodil schießt ihm nach... das Grausen geht mir durch Mark und Bein, aber ich drücke ab ... o, die gräßlichen Kiefern schnappen ... Fritz, Fritz! Meine zweite Kugel trifft die Bestie, die sich überschlägt und auf dem Rücken treibt. Mein Freund kriecht das Ufer hinauf... auf zwei Händen und einem Fuß... die Echse hat ihm das Bein glatt abgerissen. In meinen Armen verblutete er. Damals legte ich ein Gelübde ab, seit dem Tage verfolge, vernichte ich die Krokodile mit einem tödlichen Haß... wenn ich es könnte, würde ich alle Flüsse Afrikas mit Strychnin vergiften, um sie auszurotten, denn sie sind nur Schädlinge und Scheusale im Haushalte der Natur. Seit jenem Tage habe ich laut Schießbuch 472 erlegt.« Bald goß der Regen, bald stach die Sonne. Der Marsch ging am Malagarassi entlang und war sehr mühselig, denn Ravinen, tiefe Rinnen und Riesengräben zogen durchs Gelände und zum Flusse hinab. Ein Träger fand etwas, das Simba aufhob und in beiden Händen trug – nämlich einen Haufen Elefantenlosung, den er frisch und dampfend seinem Herrn servierte. Da begann ein Lachen und Laufen im Lager. Die Träger rannten meilenweit und entdeckten von einem Baumwipfel aus eine große Elefantenherde. Erb hatte Herzklopfen und das Jagdfieber, das keinen verschont, der seinen ersten Elefanten schießen soll. Der Alte schmauchte phlegmatisch seine Pfeife. Nach einer Weile löschte Erb seinen Durst, hielt mitten im Trinken inne und traute seinen Augen kaum. »Wo ... wo ... kommst du her?« Fatima kam hinter dem Kameldornbusche hervor und lächelte verlegen, denn sie log: »Ich bin dir nachgelaufen... den Imbiß, die Antilopenkeule und die Pfirsichbüchse, habt ihr vergessen.« »Ein Vorwand! Wir haben Büchsenwurst und Brot... was sollst du auf der Jagd?« »Ich... ich werde die Elefanten nicht erschrecken.,.« »Aber sie dich! Das ist kein Spiel für Frauen...« Nun kam die Wahrheit heraus; treuherzig schaute sie ihn an. »Mein Fetisch sagte mir, daß ich heute bei dir bleiben muß.« – Ein Aberglaube oder eine Ahnung hatte die Dirne bewogen, ihm nachzulaufen. Die Jäger mußten einen weiten Bogen machen, um gegen den Wind sich heranzupirschen. Durch Dick und Dünn, durch hohes Elefantengras hielt Fatima tapfer Schritt. Erb stieg auf einen wilden Feigenbaum und unterdrückte kaum ein Jauchzen. Auf dreihundert Meter sah und zählte er die Tiere, die dicke Zweige brachen und frisches Grün schmausten. Vierzehn Elefanten! Drei Bullen... sieben Kühe, vier Kälber! Nein fünfzehn! Weit abseits äste ein riesenstarker Großvaterbulle mit einem mächtigen Zahn, mit einem nur... die andere Wehr hatte er wohl im Kampfe mit einem Nebenbuhler verloren. Das war ein sogenannter Einzelgänger und Eigenbrödler, der immer grämlich und bösartig ist. Erb glitt herunter. »Den Einzahn nehme ich.« »Unsinn! Wir werden doch nicht einen – der noch dazu stockig ist – nehmen, wo wir zwei haben können... wir schießen das gute Elfenbein und lassen den Alten ungeschoren.« Der Jüngere mußte sich fügen. Beide Jäger krochen an die Herde heran, so daß der Urbulle schon seine Lauscher hob. Erb merkte jetzt, daß Fatima ihm gefolgt war, und gab ihr deutliche Winke, zurückzubleiben, was sie gar nicht beachtete. Die ruhig äsenden Tiere hoben die Rüssel und sogen die Luft ein. In der Befürchtung, die Elefanten möchten trompeten und zum Teufel gehen, setzte Jobst sich in Anschlag, der andere folgte seinem Beispiel. Zwei Schüsse blitzten, so daß es wie ein Knall klang. Der eine Bulle stürzte auf die Knie, erhob sich und rannte taumelnd in den Wald, von wo ein Krachen ertönte, als wenn drei Bäume im Sturme bersten. Der andere war nur waidwund, blies mit gellenden Trompetenstößen zur Attacke und griff wild den winzigen Feind an. Während die Herde nach allen Seiten stob, kam er angerast, alles knickte und krachte unter ihm. Beide Jäger schossen – der Elefant, obgleich durch Blattschuß getroffen, tobte weiter und streckte den Rüssel wagerecht, wie eine gigantische, greifende Hand. Erb sah dicht vor sich die kleinen, tückischen Augen, es kroch ihm ein Schauer über den Rücken. Die Schützen ließen die zweite Kugel fliegen – da fiel der Koloß auf die Knie, auf die Seite mit einem Getöse, als stürze ein Haus zusammen. Fünf Schritte vor dem jungen Deutschen, der erschüttert den gefällten Gegner bestaunte, verendete der Titane unter allen Tieren. In dem Augenblick kreischte Simba: »Ba–ana ... großer Elefantenbock!« Der Boy riß aus, vergaß in seiner großen Angst, seinem Herrn den Mehrlader zuzuwerfen, und kletterte nach ein paar Klimmzügen in einen Gummibaum hinauf. Die graue Masse des Einzahns brauste wie ein vom Sturm entführtes Haus heran... der erboste Eigenbrötler nahm grundsätzlich jeden Gegner an und brannte darauf, das Menschengelichter zu Mus zu machen. Die Situation war für Erb fatal, ja furchtbar, weil die Reservewaffe ihm fehlte und er die Elefantenbüchse erst laden mußte; auch war Jobst der fliehenden Herde nachgerannt, um zum Schuß zu kommen. Mit fliegender Hast waren die Patronen hineingestoßen, war die Büchse an der Backe. Die Erde donnerte hohl. Der Weiße, ein winziger Zwerg neben diesem Ungeheuer, sah auf zwanzig Schritt einen Riesensaurier der Urzeit, sah tückische Augen und das Blasen des Mauls. Nach den Lichtern schoß er zweimal – bang – bang. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte Erb, daß er verloren sei, dachte er einen Gedanken: Gott! Sein Herz hämmerte. Der Saurier stutzte wohl... aber die Masse wälzte sich wie ein Berg heran. Im Instinkt der Selbsterhaltung suchte der Menschenzwerg die Flucht zu ergreifen, was eine Torheit und der Tod war. Erb rannte um sein Leben und schlug lang hin – das lange Gras hatte als Schlinge seinen Fuß verstrickt, was sein Glück war. Wenn nämlich der Elefant einen Menschen im Laufe ergreift, durch die Luft schwingt und zur Erde schmettert, so ist der Mensch bald eine blutige Breimasse. Der Deutsche schloß die Augen – vor dem gräßlichen Ende. Der Dickhäuter war offenbar schwerkrank, blutete aus dem Maule, blies und betastete mit dem Rüssel den Körper, den er mit letzter Kraft vier Fuß hob und hinwarf, so daß die Knochen knackten, aber nicht zerbrachen. Das Tier gurgelte und spie Blut, ehe es stampfte. Erb lag unter dem Rüssel und kroch mitten durch die Vorderbeine des Kolosses und lag mitten zwischen den vier Rammbalken der Füße! Ein Tritt war der Tod. Ein Schuß krachte, noch einer. Fatima hatte die von Simba heruntergeworfene Flinte geholt, lief direkt auf den Elefanten los und drückte, des Schießens wenig kundig, dicht vor dem schwerkranken Tiere ab, zweimal. Die Kugeln gingen in Hals und Kiefer und schadeten dem Dickhäuter nicht viel. Der Einzelgänger warf sich nach links und griff den neuen, ganz winzigen Feind an. Fatima rannte wie der Wind, – der Elefant trampelte taumelnd hinter ihr – plötzlich verlor sie den Boden unter den Füßen und kollerte in die Tiefe. Erb betastete seine heilen Glieder und hörte ein Gekrach, als wenn ein Haus einstürze, und dann eine Todesstille, bis Jobst angesprungen kam. »Mir fehlt nichts, suche das arme Mädchen!« Eine fünfzig Fuß tiefe Schlucht tat sich hinter Büschen plötzlich auf – unten auf dem Grunde lag der Elefant auf dem Rücken und rührte sich nicht. Fatima war kopfüber gepurzelt, stand neben dem Tier und hielt den gebrochenen Arm. Jetzt kam Simba und flennte ausgiebig. »Bana, mein lieber Bana.« Er wußte, warum. »Was heulst du? Hilf mir hoch! Die Knochen sind ganz geblieben, aber, ich glaube, eine Straßenwalze ist mir über den Körper gegangen.« Die Träger machten einen Tragstuhl aus Zweigen und trugen ihn in die Schlucht hinunter, begafften die Fleischmasse und sagten scheu: »Ein böser Geist war in ihm, er ist ein Menschentöter gewesen.« Jobst bewunderte die Größe des Tieres. »In dreißig Jahren sah ich nur einmal früher einen solchen Riesen, sein Alter schätze ich auf neunzig bis hundert Jahre... er war ein streitbarer Recke, wie die Narben seiner Decke beweisen. Im Schädel sitzt eine eingekapselte, alte Kugel... kein Wunder, daß er den Zweibeinigen spinnefeind und ein Menschentöter war. Sein Zahn ist noch gut... schade, daß er den einen im Kampfe verlor.« Die Jäger eilten dem Lager zu. Fatima ging neben Simba, machte die Zunge spitz und die Worte noch spitziger: »Du bist ein ausgezeichneter, unvergleichlicher« – er schielte gespannt – »Feigling ... du läßt deinen Herrn im Stich ... Fisi! Fisi sollst du fortan und nicht mehr Simon heißen.« Fisi ist die verachtete Hyäne. Der Bursche wurde rot, soweit seine Farbe das zuließ, aber auch ärgerlich. »Ein Narr, wer nicht sein Leben lieber hat als das aller andren Leute.« Fatima wurde giftig. »Ein Lump, der seinen Herrn in der Not verläßt! Du Skorpion!« Freudenvoll und -toll tanzten die Neger, für die das höchste Negerfest, ein Schlacht- und Freßfest, angebrochen war. Die Elefanten wurden zerwirkt, die Fleischmasse war so ungeheuer, daß jeder nach Belieben heraussäbeln durfte. Damit es besser flugse, krochen einige Neger in die aufgeschnittenen Elefanten hinein, standen in den Eingeweiden und hantierten mit dem Messer. Schauerlich sahen die blutbedeckten Kerle aus. Die Schwarzen hingen sich lange Fleischgirlanden um Hals, Schultern und Arme und gingen nach dem Lager, und zahllose Schmeißfliegenschwärme folgten den Metzgern, um auch ein Blut- und Schlachtfest zu feiern. Erbenheim lag auf dem Bettrahmen und ließ es sich nicht nehmen, den gebrochenen Arm der Dirne zu schienen. Sehr still hielt sie, als wenn ihr etwas Angenehmes widerfahre, obgleich das Schienen ein abscheulicher Schmerz war. »Ohne deine Tapferkeit wäre ich wohl ein toter Mann.« Glückselig lächelte sie. »Wenig tat ich! Wäre mein Herr tot, so müßte Fatima sterben.« »Ich werde für dich sorgen, so weit es in meiner Macht steht.« »O, ich darf immer bei dir bleiben.« Sie küßte seine Hand, wühlte ihr Haupt in die Decke und dicht an seine Brust. Das war eine Versuchung für den Herrn von Erbenheim, der ein junges und warmes Blut war. Doch sein Gesicht bekam einen energischen Ausdruck, seine Stirn runzelte sich, seine Hände schoben Fatima zurück. »Gehe, mein Kind! Ich muß ruhen, wenn ich morgen reisen soll. Rufe mir Simba!« Sie hüpfte nicht wie sonst, sondern jedem ihrer Schritte war das Gehen und Gehorchen schwer geworden. Neunter Abschnitt Die Safari zog am Malagarassi, der jetzt ein reißender Strom war, entlang. Der Chef mochte kein Lachen hören und war unlustig, denn er hatte sehr viele Kranke. »Mancher muß schon anderthalb Last tragen, ich überlege, ob man nicht den kräftigen Askaris eine halbe Last aufbürden könnte.« »Das gäbe Meuterei,« sagte Jobst schnell, »sogar ein Kitumbua, der als Träger zur Küste kam, würde es als eine Beleidigung betrachten... die Askaris halten sich für Herren. »Ja, ja... wenn wir nur in Udjidji wären!« Ein Mann der Spitze rief: »Strauße, viele Strauße!« Der junge Pfadfinder blickte gespannt hinüber, an der Kimmung bewegte es sich in langer Reihe. »Die Tiere spazieren im Gänsemarsch, wie deutlich man jeden Riesenvogel und seine zwei Beine unterscheidet!« Der alte Pfadfinder grinste. »Wie dumm! Es ist keine Straußen-, sondern eine Menschenherde, ein Safariwurm. Kauf dir zwei Glasaugen, wie der Neger sagt!« Jene Kolonne bog ab, um den Deutschen zu begegnen, es war ein arabischer Händler. Wenn zwei Karawanen in Innerafrika sich treffen, werden sie nach vorsichtiger Begrüßung einander Aufschluß geben über die Strecke und gegenseitig fehlende Vorräte durch Tausch ergänzen. Der Oberleutnant fragte, was ihm am Herzen lag. »In Udjidji ist doch ein richtiger Arzt?« »Arzt? Was soll ein Arzt dort?« sagte der gravitätische Araber voll Ernst, »wer nach Udjidji kommt und krank wird, stirbt ja doch.« Das war ein Sprichwort dazulande. »Unsinn!« brummte Jobst, »ich war dreimal am See, und mir tat kein Finger weh ... an der Küste dagegen kriege ich immer eine kleine Krankheit mit Durstgefühl und Kopfschmerz.« »Ist wohl die Krankheit, die ein gesalzener Hering kuriert,« lachte Erb. »Sehr richtig, an dir ging ein Prophet, aber kein Pfadfinder verloren.« Von einem Hügel erblickten sie ein lachendes Tal, das von einem Nebenfluß, dem Rutschugi, durchströmt wurde. »Eine Stadt, eine Stadt!« Fatima konnte, da der Arm in der Binde war, nicht in die Hände klatschen und bat Simba: »Leihe mir deine Backe!« Ohne seine Erlaubnis abzuwarten, klatschte sie seine Wange, um Freudenmusik zu machen. Er grinste ganz glücklich bei den Ohrfeigen, die ihm in der Seele gut taten. Die Stadt bestand aus sehr vielen Negerhütten, war aber eine Täuschung und menschenleer! Die Grasschuppen und menschlichen Bienenkörbe waren sehr verfallen. Erb gab eine grausige Erklärung der toten Stadt. »Die ruchlosen Sklavenjäger haben den ganzen Ort ausgerottet.« »Ich bin tief erschüttert,«sagte Jobst und machte eine putzig traurige Grimasse. »Nein, die Stadt wird nach der Regenzeit wieder bezogen werden. Am Flusse sind berühmte Salzquellen, die jetzt überflutet sind... nach der Regenzeit strömen Tausende von Negern zusammen, bauen provisorische Hütten und kochen die Sole, um das kostbare Salz zu gewinnen. Seit Jahrhunderten werden die Quellen ausgebeutet. Zehntausend Schwarze kochen das Salz, das bis tief in das Kongoland hinein verfrachtet wird. Eine großartige Negerindustrie und Negerindustriestadt! Solange hier keine Aufsicht war, gab es Streit und Totschlag alle Tage... darum ist ein Militärposten errichtet worden.« Der Oberleutnant sollte den Posten mit Munition und allem Erforderlichen versehen. Erb zeigte mit dem Instinkt des Kaufmanns ein ungemein lebhaftes Interesse für die Salzquellen, und der Onkel gab ihm viele Aufschlüsse. »Die hochprozentige Sole gibt ein schneeweißes, vortreffliches Speisesalz. Während der Saison, wo mehr als zehntausend hier wohnen und der »faule« Neger unglaublich rege und betriebsam ist, entwickelt sich ein lebhafter Handel, aus Uha werden Lebensmittel und Holz hergeschafft, aus Ruanda, ja aus dem fernen Kongo kommen schwarze Händler mit ihren Trägern und Waren, mit Elfenbein, Kautschuk, Palmöl, um Salz einzutauschen.« Der Neffe gab zum Besten, was er aus Büchern wußte. »Ja, ungeheure Gebiete Zentralafrikas produzieren selbst kein Salzkorn und sind auf die Einfuhr angewiesen.« »Ich danke für die Bereicherung meines Wissens! Ohne Salz verkümmert der menschliche Organismus... ganze, große Negervölker in den salzlosen Ländern leiden am Salzhunger und degenerieren. Gerade bei den Kongokannibalen ist die Salznot entsetzlich und dieser Artikel so rar, daß die Neger dort ein Salzbeutelchen am Schurz tragen und es hüten, wie wir unsren Geldbeutel. Wollen sie den Reichtum eines schwarzen Herrn hervorheben, so sagen sie: Er ißt Salz! – etwa wie wir von einem Millionär sagen: Er raucht die besten Importen. Wenn ich mal einen armen Kannibalen fragte, warum er Menschenfleisch esse und ob es denn so schön schmecke, dann antworteten die Aufrichtigen sehr bezeichnend: Um den üblen, den faden Geschmack im Munde los zu werden. Ja, um den Fleisch- und Salzhunger, um die natürliche Gier des Körpers nach würziger, salziger Kost zu stillen, aus bittrer Not und Naturnotwendigkeit wurden die armen Menschenfresser zur Naturwidrigkeit, zum Kannibalismus getrieben. Alles begreifen, heißt alles, auch die Menschenfresserei, entschuldigen.« Der junge Mann faßte seinen Onkel am Rockknopf und sah wie ein Entdecker aus, der soeben das Ei des Kolumbus ausgebrütet hat. »Du! Könnten wir den armen Kerlen, den Kannibalen, nicht behilflich, von dem Laster loszukommen, und gleichzeitig unsrem Geldbeutel nützlich sein? Ich meine ... wenn wir als Pfadfinder abgemustert sind, schmoren wir hier am Rutschugi Salz in Masse, das wir in den Kongo hineinschaffen, um es für Elfenbein und andre Artikel zu verkaufen.« Jobst pfiff durch die Zähne. »Eine ausgezeichnete Idee, du Menschheitsbeglücker und Menschenfressermissionar! Im Namen der Humanität machen wir großartige Geschäfte, bringen wir den Kannibalen das Salz, nehmen wir für ein Pfund fünf bis zehn Pfund Elfenbein ... Hurra, mit hundert Salzlasten ziehen wir über den Tanganjika und mit fünfhundert Zähnen kehren wir zurück. Wir schreiben gleich an den deutschen Gouverneur, der unsre Mission, ich möchte sagen, unsre Missionstätigkeit unter den Menschenfressern subventionieren muß. Jeder echt deutsche Mann, der in die Kolonien geht, schreit nach Staatssubvention. Freilich liegt ja die Möglichkeit vor, daß wir mit unsrem eigenen Salz eingerieben und in unserm eigenen Fett geschmort werden... aber der königliche Kaufmann aus Hamburg fürchtet keine Gefahren.« »Du spottest mit viel Witz.« Erb zog den Mund ins Schiefe und Säuerliche. »Es ist ja mein altes, unseliges Laster, daß ich dumme Witze und bösartige Bemerkungen mir nicht verkneifen kann ... auch fuchst es mich, daß ich nicht, sondern ein Grünhorn den grandiosen Gedanken gebar. Die Idee nehme ich sehr ernst und werden wir sehr energisch ausführen. Wir beide gründen eine Gesellschaft mit beschränktem Horizont oder noch besser eine Kompagnie mit einem stockenglischen Namen, was den dummen Deutschen am meisten imponiert, wir gründen die Maneater-salt-company , und jeder Sozius zahlt zwanzigtausend Rupien als Stammkapital ein.« »Au, ich habe keine tausend und kann mich nicht beteiligen.« »Doch! Deine Idee wird als Sacheinlage mit 19 500 Rupien bewertet. Wir machen es wie die korrekten und ehrlichen Aktiengesellschaften.« Der Safaridoktor lief sehr wichtig im weißen Medizinermantel und maß die Temperatur der Kranken. Genau nach den Fiebergraden 39, 40, 41 wurden 2, 4, 5 Gramm Chinin verabfolgt und vom Negermagen verdaut. »Simba, Simba!« rief's aus dem Zelt. Kein Boy kam und schlug die Hacken militärisch zusammen. Darum suchte der Herr und fand seinen Diener abseits vom Lager vor einem Feuer hocken und in seine Beschäftigung – ein geröstetes Straußenei auszulöffeln – ganz vertieft. Er hatte drei Rieseneier im Sandloch aufgespürt und das eine aus eigner Kraft verspeist. Simba liebte diese Privatmahlzeiten, um nicht von den schwarzen Sozi, die alles – was nicht ihr Eigentum war – brüderlich teilen wollten, belästigt zu werden. Wohl war er bereit, seinem Herrn das eine Ei zu verkaufen, wollte aber keinesfalls von dem dritten und letzten sich trennen. »Mensch, willst du dir noch eins zu Gemüte führen? Du Vielfraß wirst ja platzen.« »Nein, mein Pans ist voll,« sprach der Bursche salbungsvoll, »kennst du nicht den Koran und die 83. Sure: Wer satt ist, soll dem Hungrigen geben?« Der koranfeste Bengel trollte sich mit seinem Ei. Von dem gekauften wurde Straußenrührei bereitet, das für acht Mann als Abendbrot ausreichte; woraus zu ermessen, was Simba geleistet hatte. Der hielt das Ei Fatima unter die Augen und schnalzte: »Ich schenk' es dir – wenn du mir einen Kuß schenkst.« »Das wäre kein Geschenk, sondern ein unverschämter Preis, du Lümmel.« Gleichmütig kehrte er sich um. »Ich brat' es mir in der Asche, brat' du dir einen Marabu!« Das Leckermäulchen fing zu dingen an. »Gib es mir, so darfst du meine Hand küssen.« »Nee, mindestens deine Backe, du süßer Balg!« Mit kleinen, lüsternen Augen beäugte er ihren Mund, mit großen, gierigen Blicken verschlang sie das Ei. Ihre Seele kämpfte hart und besiegte den Magen. »Nein, mein Gesicht sollst du nicht belecken, du Affe.« »Wenigstens dein Ohr will ich küssen.« »Nein, nein!« Simba wandte sich und wünschte gesegneten Appetit. Da rief sie ihn zurück. »Gib her, und du darfst meinen Nacken küssen.« Der verliebte Bursche war genügsam und glückselig. Fatima nahm das Ei mit beiden Händen und beugte den Kopf. Just in der Sekunde, wo er im Vorgenusse schwelgend und leise schmatzend die Schnauze spitzte, warf sie den Kopf so kräftig plötzlich in die Höhe, daß er einen mächtigen Nasenstüber erhielt, wutschte sie mit Gekicher hinweg. »Du Gaunerin, du Betrügerin!« schimpfte Simba und streichelte seine Gurke. »Nein, du hast mich belogen und zum Narren gehabt, das war nur eine kleine Abzahlung, die große Abrechnung kommt bald, hihi, fifi! Ich habe noch ein Hühnchen, ja einen Strauß mit dir zu rupfen, du süßer Affe und Laffe.« Das »süßer« war der Sirup, den sie ihm um den Mund schmierte, und das genügte, um sein Herz zu rühren. »Fatima, behalte das Ei, laß alles gestrichen und gut sein!« »Nein, weil du mich mit deiner Lüge vom deutschen Gesetz gefoppt hast, will ich dich zum Dummerchen machen. Du Dicknase, hast du mich gern? Weißt du, wie du mir gefallen kannst?« »Ja, ja, ja, sag es mir!« »Wenn du einer Dirne gefallen willst, so schenkst du ihr einen Ochsenfrosch, ein faules Ei oder einen gestohlenen Hühnerflügel, du Dummkopf. Will ein kluger Mann eine schöne Frau gewinnen, so kauft er ihr eine glitzernde, goldne Halskette und legt sie ihr um den Nacken, und sie wispert dankbar: Du darfst mein Ohrläppchen küssen.« »Ach, ich bin arm.« »Wofern er arm ist, wird er ihr ein Seidentuch – so wie die Taschentücher unsres Bana – schenken ... ach, wenn ich so schöne Sachen sehe, muß ich weinen, daß ich gar nichts Schönes habe.« Fatima lachte spitzbübisch, balancierte das Ei in der gesunden Hand und warf kokette Blicke, die dem verliebten Burschen den Kopf verdrehten. Simba ging verträumt und faßte den Entschluß, alle seine Rupien für ein Kopftuch zu sparen. Leider war er aber ein waschechter Suahelibub, der alles, was ihm in die Augen sticht, erstehen oder eintauschen muß und sein Geld verplempert. Sein Herr rief: »Hole die Büchsen!« »Ja, Bana, im Fluß prusten die Flußpferde.« Der Boy konnte die Gedanken lesen und die Absichten erraten. Die Tiere lärmten lustig, als wenn in ihrem Hippopotamusparadiese noch nie ein Schuß gefallen wäre. In dem Fluß wimmelte es von den Kolossen. Als die Jäger aufbrachen, führte die Dienerin den Affen Basse spazieren. Er ging sehr drollig an ihrer Hand auf zwei Beinen, wie ein Gentleman, und fiel nur aus der Rolle, wenn er sich fürchterlich kratzte. Der Pavian schrie nach seinem Herrn, riß sich los und krallte sich an Erb fest, so daß dieser ihn mitnahm und die Kette um den Arm schlang. Im feuchten Ufer standen runde, wie von Rammpfählen geschlagene Löcher, die Fußstapfen der Tiere. Die Jäger schlichen hinter einen Affenbrotbaum und betrachteten das groteske, lächerlich-lustige Bild. Zwölf Flußpferde tummelten sich mit ihren Kälbern, andere schauten zu und hielten nur die Schnauzen oder Augen über Wasser. Die drolligen Kälberdickwanste spielten ungeschlacht, bespritzten sich mit Wasser, stießen sich mit den Schnauzen an, plärrten und prusteten. Ein feister Hippopotamusvater duckte ein Junges unter Wasser, züchtigte offenbar sein ungezogenes Kind und verschlang die Wasserpflanzen. Es war ein reizendes Flußpferdfamilienidyll, so daß Erb gerührt wurde: »Ich schieße auf keinen Fall eine Kuh.« »Natürlich nicht, aber die Bullen sind schwer zu erkennen.« Auf einer Sandbank lag es noch dichter und drolliger, lagen fünfzehn Flußpferde in langer Reihe hintereinander, schläferten und sonnten sich, und jedes hatte, wie auf Kommando und mit preußischer Akkuratesse, dieselbe Stellung eingenommen, hatte den Kopf auf den Rücken des Vordermanns gelegt. Die Flußpferdparade wurde betrachtet und belächelt. Schließlich sagte Jobst: »Der kolossale Kerl dort, der drittletzte, ist ein Bulle.« Erb schlang die Kette des Pavians um den Arm und lief seitwärts, um den Blattschuß zu bekommen. Im Sande lag ein angeschwemmter, schwärzlicher Baumstamm, darauf der Eilige just seinen Fuß setzen wollte, als der Affe mit gesträubtem Haar zurücksprang und mit der Kette seinen Herrn beinahe umriß. Ein »Halt«, ein Schuß der berühmten Flinte ballerte an Erb vorbei. Himmel! Der schwärzliche Baumstamm wurde lebendig, schlug mit dem Schwanze den hochspritzenden Sand – und war ein schlafendes Krokodil, das nach ein paar Schlägen den ewigen Schlaf schlief. Basse hatte vor jedem Krokodil, auch einem toten, eine Heidenangst und kroch hinter seinen Herrn. Der Onkel spöttelte: »Kinder, Betrunkene und Grünhörner haben ihren besonderen Schutzengel, ja Schutzbengel ... Elefanten spielen Ball mit dir, du spazierst auf Krokodilen herum, und die Affen sind deine Schutzengel.« Die Flußpferde auf der Sandbank waren mit unglaublicher Geschwindigkeit ins Wasser gepoltert. Nach einer ganzen Weile kräuselten sich flußabwärts die Wellen, die Nasenlöcher lugten heraus. Die Jäger gingen gegen den Wind und warteten, der alte Afrikaner erklärte dem jungen, daß die Tiere auf dem Grunde der Flüsse weite Strecken laufen und lange ohne Luft leben. Ein dicker Kopf sicherte, eine graue Frischmasse kroch auf eine Sandbank, um sich zu sonnen. »Das ist der Bulle,« raunte Jobst. »Wie kannst du das wissen oder wittern?« »Er hat eine Narbe hinter dem rechten Ohr.« Der Alte sah sofort ein besonderes Merkmal, oft ein sehr kleines, und unterschied durch solche Kennzeichen mehrere Stücke Großwild von ganz gleicher Gestalt und Farbe. Gleichwie Inseln tauchten die Kolosse aus der Flut. Erb riß Funken. Das getroffene Flußpferd raste ohne Besinnen auf den Feind los, die plumpe Masse rannte auf den kurzen Beinstämmen unheimlich schnell und sperrte den Rachen auf. Der harmlose Grasfresser war ein Raubtier geworden und wollte den Menschenknirps zermalmen. Der Schütze stand wie eine Säule, nicht wie eine Salzsäule, sondern wie eine Stahlsäule, und ließ die zweite Kugel fliegen. Das Gehirn, das winzig klein ist, war getroffen, das Ungeheuer warf sich wie vor den Füßen des Jägers hin. Der schmächtige Mensch, der über Tod und Leben aller Kreatur Herr ist, stand als Sieger über dem dreißigmal stärkeren Giganten. Oder als Tiermörder und Tyrann der Schöpfung? Der Deutsche konnte sich eines widrigen Gefühls nicht erwehren. »Er war ein plumper, gutmütiger Riese, der keinem Lebewesen das Wasser trübt... unheimlich ist das Ausrotten.« »Und herrlich, daß wir für eine Woche Fleisch haben.« Jobst schnitt die Leber heraus, die er selbst am Feuer briet. Als sein Neffe ihr keinen Geschmack abgewinnen konnte, seufzte er: »Ein trauriges Zeichen! Ein waschechter Afrikaner nämlich ist wie närrisch hinter der Leber her oder tut wenigstens so.« – Das Ziel der Safari war nahe. Die Träger klagten nicht mehr, wenn die Regengüsse prasselten und sie des Nachts frostklappernd im Wasser lagen. Rascher humpelten die Fuß- und Fieberkranken. Ach, vor ihnen im Westen ragten hohe, steile Berge aus der Ebene empor und standen wie eine Sperrmauer vor dem heißersehnten See. Lang und leidvoll wurden ihre Gesichter. Aber sie erkletterten die Mauer und warfen auf dem Gipfel enttäuscht sich hin, denn es ging wieder in die Tiefe und über neue Bergketten und Felsmauern. Der Alte flüsterte Fatima ins Ohr: »Du flinke Eidechse, laufe auf die Höhe und melde, was du siehst!« Die Dirne sah zuerst den See, warf die Arme hoch und sang: »Tanganjika, Tanganjika!« Alle stürmten bergan, und wie mit einer Stimme riefen sie in Entzücken und außer sich: »Tanganjika, Tanganjika!« Halbwilde Träger klatschten in die Hände und umarmten sich, die Askaris jauchzten, vom Ende der Mühsal, vom hehren Anblick ergriffen: »Das große Wasser, das große Wasser!« Und das hundertstimmige Tanganjika klang wie ein Hymnus, ein Dankpsalm, ein Tedeum. Es war dieselbe Inbrunst und Ergriffenheit, mit der die zehntausend Griechen Xenophons ihr Thalatta, Thalatta schrien, als sie das herrliche, heimatliche Meer erblickten. Was muß das für ein großer Augenblick gewesen sein, als der erste Europäer den Tanganjika entdeckte, denn ein wahrhaft grandioses, erhabenes Landschaftsbild bietet dieser schönste aller afrikanischen Seen in seinem tiefen Bergbett dem staunenden Auge. Ein leichter Dunst umwob die Berge am Westufer, wie ein Binnenmeer dehnte sich die glitzernde, grenzenlose Wasserfläche gen Norden und Süden. »Welch herrliches Land, welch Kleinod haben wir in unsrer geschmähten Kolonie!« rief Erbenheim und hob vor der Größe der Natur seine Hände. »Das sind die Alpen und der afrikanische Bodensee Neudeutschlands, den unsre Enkel zur Erholung besuchen und ihre Dichter besingen werden. Als noch haushohe Ungeheuer, Saurier und Echsen von Mammutgröße durch baumstarke Sumpfgläser stampften und die Mutter Erde kreiste und eine neue Kreatur gebar, als die Vulkane rauchten und der Kilimandjaro aus der Feueresse tauchte, senkte sich ganz Mittelafrika, die ausgebrannten Feuertiefen füllend, und der sogenannte einige hundert Meilen lange, zentralafrikanische Graben, ein Gigantenwerk göttlicher Urgewalten, entstand, aber der Tanganjika ist eine seiner tiefsten Tiefen, ein gewaltiges Wasserbecken zwischen hohen Bergmauern.« Der alte Pfadfinder zeigte mit dem Daumen und schielte mit dem verkniffenen Auge. »Donnerwetter! Der weiß alles, was während und vor der Erschaffung der Welt passierte... wie heißt doch noch der olle, afrikanische Herodot, der den Kilimandjaro auftauchen und den Tanganjika versinken sah und alles hübsch gruselig auf einer Papyrusrolle beschrieb?« »Der zuverlässige Geschichtsschreiber und Herodot jener Äonen ist die Erdrinde, auf ihren Blättern und Schichten sind alle Kämpfe und Katastrophen der kreisenden Erde unvergänglich eingezeichnet worden.« Erb sprach mit Ernst und Ergriffenheit. Die Europäer betrachteten stumm und feierlich die Majestät der Berge und die Schönheit des Süßwassermeeres. Die Schwarzen sogar schrien nicht mehr, sondern flüsterten nur in Ehrfurcht vor dem großen Wasser. Keiner fühlte den Schmerz der Knie beim Abstieg, selbst der Faule eilte, und der Lahme hüpfte. Ein tiefes, dumpfes Brausen klang immer deutlicher und drohender ans Ohr, je mehr man der Ebene am Fuß der Berge sich näherte, ein Brausen und Brechen, wie an der Küste des Ozeans, wenn man sie noch nicht sieht und schon hört. Es war der See, der wie das Meer spricht und wie die See wild in weißer Wut toben kann; der Tanganjika hat seine brausenden Wellen, seine gischtenden Brecher, sein dumpfes Brandungsgetöse. Die Safari war nach vielen Monaten am Ziel und warf vor der Station Udjidji am See die Lasten ab. Die Häuser der Station waren kaum durch ihren Bau, wohl aber durch ihre Sauberkeit von Negerhütten zu unterscheiden, waren Holzschuppen und -hütten mit einem Dach von Gras und Ried. Die größte und schönste Hütte – der sogenannte Regierungspalast – hatte vier Fenster, deren Rahmen mit Pergamentpapier verklebt waren, und diente dem Stationsleiter, dem liebenswürdigen Leutnant von Bilsing, als Dienstwohnung, Dienstbureau, Munitions- und Vorratsraum. Dieser Palast und vier ähnliche Schuppen bildeten die Boma und waren durch eine Palissadenwand von unbehauenen Baumstämmen, deren Astlöcher und Ritzen Schießscharten genannt wurden, befestigt. Die Weißen begrüßten sich wie alte Freunde, obgleich sie sich noch nie gesehen hatten. Das ist ein menschlich schöner Zug in dem oft so unmenschlichen Afrika: Wenn zwei Deutsche im Innern sich begegnen, so herrscht sofort eine warme, wahrhafte Herzlichkeit zwischen ihnen, daß sie einander helfen in Kampf und Krankheit, in Not und Tod. Die Einsiedler der Station, die alle Jahre einmal Gäste sahen, feierten ein Fest. Doppelte Rationen wurden verteilt, die Träger schmausten und schwatzten und erzählten ihre gewaltigen Heldentaten. – – In den Sümpfen am See flatterte und schnatterte ein Gewimmel von Vögeln. Erb nahm seine Flinte, um einen frischen Braten zu holen, und nach der bequemen Jagd ein Bad im See, wobei er auf Krokodile verteufelt acht gab. Nach dem Bade saß er in Adamskostüm auf einem Stein, um ein Abendsonnenbad zu nehmen, bis eine grobe Stimme aus der Ferne ihn anschrie. »Du bietest ja den Anophelesmücken eine breite Angriffsfläche, du jagst »forchtlos« und unverfroren in den Malariasümpfen, du willst wohl mit Gewalt in Udjidji ohne Arzt und Pastor sterben?« Drüben bei der Station fiel ein Schuß, ein Auflauf und Geschrei deutete auf ein Unglück. Der Askari Benhammi wälzte sich in seinem Blut, und Erbs Boy lag mit dem Gesicht auf der Erde und weinte. Simba hatte nämlich das Wildbret neben den Kochsteinen hingeschmissen, als er Fatima am Strande Steine werfen sah, hatte schnell die Flinte an einen Baum gestellt, um mit ihr flache Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Trotz seiner achtzehn Jahre war er ein Kind und ein Spielknabe, wie alle Neger. Das gräßliche Unglück geschah. Benhammi hatte einen Topf Wasser geholt, rannte eilig an dem Baume vorbei und riß die angelehnte Flinte um – der Schuß ging los, ging durch die Halsschlagader des Askari, der trotz schneller Hilfe verblutete. Jobst stellte mit einem Griff den weinenden Boy auf die Beine und fluchte: »Der infamigte, faule Bengel soll bei Todesstrafe die Flinten sichern. Zwanzig mit der Nilpferdpeitsche soll er auf der Stelle haben. Profoß!« Simba wischte sein schwarzes Gesicht und sagte gefaßt: »Zwanzig? Nein, Bana, gib mir vierzig Schläge, ich hab's verdient.« Der Negerbursche hatte ein Gewissen, fühlte sich als Mörder und wollte seine Schuld sühnen. Der Oberleutnant winkte dem Askari, der schon die Lederpeitsche grinsend hielt, und begnadigte den zerknirschten Sünder. Aber der Tote hatte eine Frau oder ein Frauenzimmer, das sich jetzt seine Witwe nannte, neben der Leiche lag und zwar keine Wehklage, sondern eine wütende Anklage erhob und mit keifender Stimme lamentierte: »Dieser Boy hat mir meinen lieben Mann getötet, soll mir meinen Ernährer mit Geld ersetzen und eine große Mannbuße zahlen, oder ich kratz' ihm die Augen aus... mein Benhammi war gut und schlug mich nur einmal in der Woche.« »Wie wert und teuer war dir dein Seliger? Wie hoch hast du ihn geschätzt?« fragte Jobst mit ernster Miene. »Ich schätze ihn auf fünfhundert Rupien,« rief die Witwe und nahm den Mund voll, um möglichst viel zu bekommen. Da die Askaris auf einer Mannbuße bestanden, wurde Simba zu einer Geldsühne von zweihundert Rupien verurteilt, die er ratenweise zu zahlen habe. Ach, sein ganzer Lohn ging in die gierig schmierigen Hände der trauernden Witwe, die schon am nächsten Tage einen Askari als Ersatzmann nahm; ein paar Jahre lang war er ein Sklave, der für das Weibsbild arbeiten mußte. Jetzt war ihm jede Möglichkeit, durch ein schönes Geschenk Fatimas Herz zu gewinnen, genommen. Der schwarze Jüngling wurde so verzweifelt, daß er an Selbstmord dachte und schluchzend von Fatima Abschied nahm. »I–ich w–will im See baden ... und schwimmen d–da o–oben l–links ...« »Wo die Krokodile sind ... bist du verrückt?« »D–denke zu–zuweilen an mich, wenn ein Kr–krokodil mich gefressen hat.« Sie wurde nicht sprachlos, sondern äußerst resolut, packte ihn an seinem einzigen Ohrläppchen und zerrte ihn zum Zelte des Herrn. »Du bist verrückt, man muß dich binden, bis dein Gehirn gesund wird.« Nein, sie wollte auf keinen Fall Simba, der ihrer Eitelkeit schmeichelte und ein nützlicher Diener war, durch Selbstmord verlieren. »Du bist doch zu brav, um gefressen zu werden.« Ihre Worte und das Kneifen ihrer Finger waren ihm so wohltuend, daß er den Selbstmord sofort aufgab. Am nächsten Tage spielte er mit ihr und schleuderte Steine nach einer im Wasser lauernden Krokodilnase. Die Träger und Askaris erholten sich bei der Rast und Mast; es gab hier leckre Fische, welche die Einheimischen bei Fackellicht fingen. Bald aber wurden einige von der bösen Malaria befallen. Der wackre Sanitätsrat fütterte alle mit Chinin und nahm auch selber tüchtige Portionen, um sich zu immunisieren. Ach, eines Morgens lag der Brave im Schüttelfrost, und – was das Schlimmste war – er war immun, nicht gegen die Malaria, sondern gegen die Chininwirkung, das Zeug, an das sein Körper allzu gewöhnt war, schlug gar nicht an. Als sein Urin schwarz und sein Geist irre wurde, schüttelten die Offiziere den Kopf und fragten ihn in einem klaren Augenblick wehmütig, ob er einen besonderen Wunsch habe. Der schlichte Mann sah sie fest an mit den hohlen Augen. »Ich weiß, ich habe Schwarzwasserfieber... wenn ich tot bin, soll man mein Herz nehmen, sorgfältig präparieren und nach Deutschland senden, damit es im Grabe meiner Mutter beigesetzt werde.« Der letzte Gedanke, die letzte Sehnsucht des Sterbenden war seine Heimat und seiner Mutter Grab. Dort war sein Herz geblieben und wollte es Ruhe finden. Auch dieser Sanitätsunteroffizier war einer von jenen Pionieren, die ein Neudeutschland uns erstritten, einer jener afrikanischen Helden, die in Fieberglut vergingen, in Sonnenbrand verdursteten, an Wunden verbluteten, einer von jenen unberühmten Helden, die, vom Vaterlande völlig unbeachtet, weder Stern noch Kreuz bekamen und mit hundertmal mehr Recht einen hohen Orden verdient hätten, als jene hohen Herren, die für Nichtigkeiten oder für fünfzig Dienstjahre, die Gott ihnen schenkte, erdiente, erdienerte oder erdinierte Auszeichnungen empfingen. Nach dem Begräbnis des Braven sagte Simba weise: »Nun wo wir keinen Doktor und Dauamann haben, wird keiner mehr krank werden.« »Ei, du Esel, ich hör' dich heulen, wenn das Zahnweh in deiner Backe bohrt und brennt. Ich hexe es dir zur Strafe für alle deine Frechheiten an.« Fatima blies über seine Backe hin und lachte boshaft, denn der Bursche wurde grau im Gesicht, weil er schon beim Durchbruch des Weisheitszahns schlimme Qualen gehabt und daher vor dem Zahnweh ein Grauen hatte. Der Abergläubische legte sich aufs Bitten und Flehen. »Kleine, liebe, süße Fatima, hexe mir nichts in die Zähne, bitte, bitte! Wenn du durchaus mich bestrafen mußt, so blase mir mit deinem Fetisch eine andere Krankheit an, Bauchgrimmen oder Kopfweh, aber, bitte, möglichst wenig!« Wo der Aberglaube anfing, war der Mutterwitz des Burschen zu Ende. Die schöne Hexe spitzte spöttisch die Lippen, als wenn sie blasen wolle. Schleunig schrie Simba: »Ich schenke dir ein seidenes Kopftuch und einen Schmuck, wenn du...« »Du armer Hungerschakal, du hast ja keinen Heller an der Geldschnur, und dein ganzer Lohn wird von dem dicken Weibe des Benhammi in Ziegenfleisch verschmaust, in Pombe vertrunken.« Simba schnitt eine höchst schmerzliche und dann eine höchst verschmitzte Grimasse und flüsterte vertraulich: »Schwöre mir bei deinem Fetisch oder Götzen, daß du es keinem sagst! Mein guter Herr schenkt mir außer dem beschlagnahmten Lohn zehn Rupien im Monat, um mich in seinem Dienste zu halten und meine Treue zu belohnen.« Die Geschichte klang glaubwürdig und war der Güte des Herrn von Erbenheim zuzutrauen. Kitumbua, nur mit der Askarijacke bekleidet und sonst splitternackt, hockte auf einem Stein und wartete geduldig, bis die Sonne seine Wäsche trocknete, machte aber plötzlich aufgeregte Gesten und zeigte auf den See hinaus. Ein lebhafter Frachtverkehr ging auf Einbäumen, Rindenböten und arabischen Dhaus hin und her. Der tapfere »Eierkuchen« in seiner drastischen Uniformierung gestikulierte. Vier Böte kamen über den See und auf Udjidji zu. Das war nichts Neues, aber der Askari mit seinen Seeadleraugen sah schon die Insassen der Böte und schrie: »Banas in Uniform... Effendis sitzen im Boote, belgische Effendis.« Er stammte ja aus dem Kongo und kannte die Montur der belgischen Offiziere. Im Kongostaate regierten diese Herren, und von ihren grausamen Methoden, um die Neger zu Kautschuklieferungen zu zwingen, gingen böse Gerüchte. Simba rannte mit der Neuigkeit zu dem Oberleutnant F. Dieser und sein Kamerad von Bilsing warfen sich in ihre beste Uniform, um das deutsche Reich geziemend zu vertreten. Kitumbua, dessen Hose noch nicht trocken war, schnellte wie ein Hampelmann hoch, stand – unten ein nackter Nigger, oben ein uniformierter Askarisoldat – sehr stramm vor seinem Leutnant und salutierte. Ein urlächerliches militärisches Bild! Man jagte diesen Repräsentanten des Deutschen Reiches schleunigst von dannen. Die Offiziere begrüßten und präsentierten sich, die deutschen ein wenig steif, förmlich-freundlich, die belgischen mit gallischer Grazie und Geziertheit. Die Kongoherren, die einige weiße und viele schwarze Begleiter hatten, nahmen die Gastfreundschaft mit überschwänglichem Dank an und erzählten kurz, daß sie einen Heimatsurlaub angetreten und den Weg durch Deutschostafrika gewählt hätten. Es fiel auf, daß acht ihrer Leute verbunden waren und ein Offizier am Stock humpelte und um Verbandszeug bat. »Haben die Herren Kameraden Orlog mit den Eingeborenen gehabt?« » Eh bien «, sagte der Kapitän und sah seine Offiziere an, »kleine Emeuten und Scharmützel finden ja immer statt, die Kongoneger sind vielfach Kannibalen ... man muß ja ab und an ein paar der Kerle abschießen, um die Tiere in Respekt zu halten.« »Auch die Menschenfresser sind Menschen,« sagte der humane Bilsing. Der Kapitän lächelte eisig. »Der tiefstehende Neger mit seinem rein tierischen Triebleben ist kein Mensch ... der Weg vom Kongokannibalen zum Gorilla ist weit, weit kürzer und die Verwandtschaft beider weit größer, als der Weg vom nackten Neger zum modernen Kulturmenschen ... der Schwarze steht dem Tiere näher als dem Europäer.« »Nein, nein!« rief Bilsing, »der am allertiefsten stehende Nigger hat Verstand und Sprache, ist Mensch und hat Menschenrechte.« Der Kapitän verneigte sich verbindlich und verließ das Thema. Wo immer deutsche Offiziere einen Anlaß dazu finden, werden sie ihren Drill und Parademarsch zeigen. Die Askaris mußten exerzieren und paradieren, taten, wie gelehrige Pudel, ihr Bestes und machten mit viel Lust und Präzision ihre Soldatenkünste. Donnerwetter, das kloppte und klappte! Wie eine Maschine, wie Drahtpuppen, die ein Druck bewegt, schnurrten die Kerle. Die Belgier flossen auswendig von Lob und inwendig von Neid über und fragten naiv, wie man aus den dickköpfigen, dummen Negertieren solche Soldaten gemacht. »Durch strenge Disziplin, viel Geduld und ein wenig Wohlwollen,« lautete das Rezept. Ein Kongoleutnant äußerte kindlich: »Ihre Leute desertieren und meutern wohl oft?« »Meutern?« »Ja, bei der strengen Zucht werden doch fünfzig Prozent fortlaufen...« »Einige laufen wohl fort, aber Meutern ist ja eine Unmöglichkeit.« Die belgischen Herren blickten sich an und mieden das schmerzliche Thema. Als nämlich ihre schwarzen Soldaten mit den deutschen Sudanesen verkehrten, sickerte die Wahrheit und die wirkliche Ursache des Heimurlaubs bald durch. Die Kongoaskaris jener östlichen Station hatten – angeblich wegen Mißhandlung – ein paar weiße Sergeanten niedergeschossen und Aufruhr gemacht. Die Meuterer waren in der Mehrzahl, hatten die Station belagert, und die armen Offiziere wußten keinen anderen Ausweg, als mit den Aufrührern zu verhandeln und einen schmählichen Vertrag zu schließen, so daß sie mit den treu gebliebenen Leuten freien Abzug erhielten, aber die meisten Vorräte und fast alle Munition den Meuterern ließen. Die deutschen Herren grifflachten nicht, als die Belgier ihren merkwürdigen Munitionsmangel damit erklärten, daß in der schweren Regenzeit das Wasser in den Schuppen gedrungen und ihr Pulver verregnet und verdorben sei. Jobst ließ das große Auge stille stehen und sagte voll Teilnahme: »Es ist eine verhagelte Situation, wenn einem das Pulver verregnet.«– – – Oberleutnant F. hatte nach seiner Instruktion die Station Udjidji zu verstärken, die Grenze der Kolonie bis zum Nyassa zu bereisen und durch eine neue Station zu sichern. Er mußte hier die beiden Pfadfinder ablohnen und dankte Jobst Renner herzlich. Der Kapitän der Belgier saß auf einem Liegestuhl und schnarrte: »He, kommen Sie mal her, Monsieur Renner! Wollen Sie mit uns zur Küste reisen?« Jobst steckte absichtlich beide Hände in die Taschen der Joppe und schlenderte heran. »Wir beide wären eventuell dazu bereit, wenn die Bedingungen...« »Wir brauchen nur einen Führer, nur Sie.« »Dann gehen Sie mit Gott... wir sind nämlich unzertrennlich, wie die siamesischen Zwillinge.« Jobst kehrte sich kurz um. » Un moment, monsieur ! Ich bitte nicht zu vergessen . .. Sie und der junge Monsieur müssen sowieso nach der Küste zurück... die Konjunktur benutzt man doch ... auf der Rückreise zahlt man den Trägern nur halben Lohn.« In dem Vergleich lag eine Beleidigung. Der Alte hatte einen lauernden Blick. »Wieviel bieten Sie?« » En bien ! Sagen wir zehn Rupien... dix par mois pour vous, pour vous .« Alles Anstößige sagt man am besten auf französisch. »Und fünf Rupien für meinen Neffen?« »O nein, dem möchte ich nichts geben.« »Bieten Sie mir zweitausend Rupien im Monat und dem Herrn von Erbenheim eintausend,« sagte Jobst freundlich lächelnd. »Bieten Sie es mal! Ich bitte Sie.« Das gallische Geblüt wallte auf. » Maudit ! Bin ich ein Narr? Oder sind Sie's?« »Die letzte Frage kann ich bestimmt verneinen ... bieten Sie ruhig zweitausend ... Sie würden uns dafür nicht als Führer bekommen.« Jobst stopfte seine Pfeife und ging. Der Oberleutnant F. lachte und lobte leise. »So liebe ich den Deutschen! So sollte der Deutsche im Auslande sein ... auf seiner Stirn müßte es stehen, aus seinem Munde müßte es schallen: Civis germanus sum ! Aber ach, er plappert miserables Englisch und kopiert den Englishman, nur nicht des Briten Nationalstolz und Selbstbewußtsein.« Er war dem Herrn Renner so wohlgeneigt, daß er ihm aus den Beständen des Verkaufsmagazins zwölf Gewehre vom Modell 71 und genügende Munition verkaufte, auch Messer, Messingdrähte, Stoffe, Glasperlen und andre Tauschwaren. Die Belgier packten ihre Lasten und zeichneten die Route, die der Oberleutnant F. ihnen angab, in ihre Karte hinein. Simba ging ihnen beim Packen fleißig und aus freien Stücken zur Hand; großmütig gaben sie ihm zehn Heller Trinkgeld, die er fassungslos betrachtete. »Herr, soll ich das alles haben?« Der Spötter steckte die Heller in die Tasche und rief, als es dunkel wurde, Fatima aus dem Zelte. »Komm und schau die schönen Feuer auf dem See!« Wunderhübsch war die Illumination, überall auf der Wasserfläche glitten rot flackernde Feuer wie große Leuchtkäfer, wie riesige Irrwische hin, schienen auf dem schwarzen Wasser zu schwimmen und beleuchteten die nackten Gestalten der Fischer im Nachen. »Die dummen Fische gewahren den hellen Schein und flitzen neugierig heran, um möglichst nahe das lustige Flammenspiel anzugaffen,« sagte Simba belehrend, »die Männer im Boot sehen beim Fackelschein sofort die fürwitzigen Fische und heben, hast du mich gesehen, die Gaffer mit dem Netze ins Boot.« Fatima beobachtete entzückt die herrlichen Lichtreflexe auf der schwarzen Fläche des leise atmenden Sees, über dem der funkelnde Tropenhimmel stand. »Ei, eine lustige Sache! Ich möchte alle Nacht fischen und silberne Flossen greifen.« »Du bist schon eine Fischerin,« raunte der schwarze Jüngling, »und ich ein dummer Wels, der dir ins Garn ging.« »Geh, du Wels, ich habe dich nicht gefangen...« »Doch, denn du hast Feuer in den Augen und Flammen ... ich schaute danach und gaffte und vergaffte mich.« »Schweige! Ich will singen und träumen.« Und sie trällerte im Singsang der Neger immer wieder die Worte: »Einen seltenen, feinen, fremden Fisch mit blauen Augen und weißen Flossen möchte ich greifen und garnen.« Ein gräßlicher Argwohn, eine erschreckende Eifersucht dämmerte zum ersten Male in der Seele des Negers, der ihren Arm kniff. »Du! Singst du von einem weißen Mann mit blauen Augen?« Sie schrie auf vor Schmerz und schlug nach ihm. »Laß mich, du Pavian! Ich will allein sitzen und sinnen, denn ich habe eine große Sehnsucht... aber nicht nach dir.« »Fatima,« stieß er hervor und steckte die Hand in seine Tasche. »Ich habe ein seidenes Tuch für dich, aber du darfst nicht sagen, daß ich es dir gab, denn ich darf doch kein Geld haben um der Vettel willen.« Es war ein großes, grellbuntes Seidentuch, wie es in Bazaren von Arabern gekauft wird; gierig griff sie danach, und nach genauer Schätzung seines Werts schlang sie es wie einen Turban um ihr Haar. »Steht es mir? Bin ich schön?« »Ja, wie eine Krone sitzt es ... du bist eine Königin ... ach, warum bin ich nicht ein Prinz...« »... Sondern ein Pavian geworden?« kicherte sie, bereute aber ihre Bosheit und dankte herzlich, nachdem sie vorsichtig gefragt: »Du hast es doch gekauft? Und ich darf es behalten?« »Ja, ja! Zum Danke darf ich dein Ohr küssen, nach unsrer Abmachung.« Fatima wieselte hinweg, wippte und wiegte sich und war wie ein Mädchen, ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Er eilte ihr nach, wie die Motte dem Licht, und begehrte seinen bescheidenen Ohrkuß. Sie machte aber Ausreden und Ausflüchte. Da hielt er etwas in der geschlossenen Hand. »Ich habe noch Schöneres... schau her! Eine goldene Kette... die geb ich dir für einen Kuß auf den Mund.« Das gleißende Gold war allzu verlockend, sie feilschte aber; denn es war ihr ein reines Geschäft. »Nicht und nie auf den Mund! Gib die Kette und küsse mich aufs Ohr!« Er war durch Schaden klug geworden. »Nein, erst den Kuß und dann die Kette!« »Gut, mach schnell!« Sie streckte die Hand aus und hielt ihm ihr kleines Ohr hin. Als Simba die wulstigen Lippen breit machte, um mit viel Genuß zu schmatzen, riß sie ihm die Kette aus der Hand und rannte davon. »Wie hat's geschmeckt?« »Nach mehr, viel mehr... es war nur ein Mundgeschmack.« Die flüchtige Berührung hatte den Heißhunger und Heißdurst seiner Seele und Sinne nur vermehrt. »Uh, uh, ein kalter Frosch beschnoberte mein Ohr.« – Simba, der Meisterschnarcher, konnte in der Nacht nicht schlafen. Quälte ihn die Liebe oder eine Angst? Gegen Morgen lauschte er dem Lärm im Lager der Kongogäste, die um fünf aufbrechen wollten, und schlief befriedigt ein – bis Fatima seine große Zehe gräßlich mit den Nägeln kniff, weil er gar nicht zu wecken war. Sofort nach dem Frühstück bat er seinen Bana um die Erlaubnis, mit der Köderangel zu fischen. Mit einer Eile, die gegen seinen sonstigen Schlenderschritt abstach, verließ er die Station, um Köder zu suchen. Die Dirne wusch sich die Hände – jetzt wohl sechsmal am Tage, weil ihr Herr das Waschen mit Wohlgefallen vermerkte – und servierte das Frühstück. Die frische Milch, die hier zu haben war, der feine Bratfisch, der eine Kupfermünze kostete, mundeten ausgezeichnet. Erb war in bester Laune, sah, daß die Dirne sich in ihrem Aufputz bemerkbar machen wolle, und lachte in sich hinein, ohne einen Blick auf sie zu werfen. Die blanke Kette war natürlich wohlfeiler Messingtand, aber das seidene Kopftuch hatte einen Batzen gekostet. Pfui Spinne! Ein häßlicher Verdacht stieß in ihm auf. »Du! Hat einer der weißen Herren dir das Tuch geschenkt?« Ihr offnes Auge, ihr helles Lachen zeigte, daß sie die Andeutung gar nicht verstand. »Ein weißer Herr war es ganz gewiß nicht.« »Du hast dein bißchen Geld dem Inder gegeben, um dich fein zu machen?« Sie hörte nur ein Wort von allen. »Bin ich fein?« »O ja, es steht dir. Für wen machst du dich heute so hübsch?« Schnell und hell antwortete sie: »Heute und allzeit für meinen Herrn!« Ein angenehmes, mit einem Gränchen Eitelkeit gemischtes Gefühl beschlich ihn; aber just darum befahl er ihr kurz, seinen Kakao zu bringen. Die belgische Safari war noch nicht fort, sondern suchte und kramte in den Lasten, ja alle Leute traten zum Appell an, und die Offiziere fuhren den Kongoträgern und -kriegern in die Ledertasche und den Rucksack hinein, betasteten Schurz und Wollhaar – wie in den Diamantminen – fuchtelten mit der Peitsche und fluchten grauenhaft. Der heißblütige Kapitän schrie außer sich: »Der Dieb muß unter den Deutschen sein.« Leutnant von Bilsing faßte an seinen Degen und trat hastig vor. »Was sagten Sie, mein Herr?« »Ich meine, unter den Schwarzen der Deutschen muß der Dieb gesucht werden.« Erb trat bei dem Lärm vor die Hütte. Fatima brachte heißes Wasser zum Rasieren. Der Kapitän fuhr wie ein wütender Bulle vorbei, stutzte glotzend und brüllte, das Mädchen packend und schüttelnd: »Da ist die Diebin ... die meine gestohlene Uhrkette dreist am Arme und das seidene Tuch, das mein Leutnant vermißt, auf dem Kopfe trägt. Eine grenzenlose Frechheit! Das Weibsbild muß ausgepeitscht werden... ich ließe sie totprügeln.« Die Dirne hatte das heiße Wasser verschüttet, ihren Fuß etwas verbrannt und stöhnte, mit starren Augen ihren ebenso starren Herrn anstierend. Der Kapitän riß ihr das Tuch und die Kette vom Körper und zeigte beides schadenfroh triumphierend dem Oberleutnant: »Ich will beweisen, daß beides unser Eigentum und diese deutsche Dienerin eine Diebin ist.« Der Oberleutnant geriet ob der deutschen Blamage in Zorn, puffte Fatima und schrie nach dem Profossen. »Auf der Stelle sollen ihr 25 Hiebe verabfolgt werden in Gegenwart der geschädigten Herren. Wir üben schnelle Justiz...« »Aber keine überstürzte ohne Verhör und Untersuchung,« sagte Herr von Erbenheim eisig. Fatima, stier und stumm, als habe sie vor Entsetzen die Sprache verloren, schaute ihren Herrn mit irren Augen an. Er zog sie in die Hütte und sprach hinter sich. »Ich werde sie zum Geständnis bringen... hat sie gestohlen, soll sie ihre Hiebe haben.« » Ah, excusez – moi, monsieur ! Die Diebin... die Dame steht Ihnen näher, als ich wußte,« rief der Kapitän mit einem schmutzigen und boshaften Lächeln. Erb verriegelte die Tür, um ungestört die Wahrheit zu erfahren. Das Mädchen brach zusammen und lag wie ein Häuflein Unglück zu seinen Füßen. »Hast du in unstillbarem Gelüst die Kette genommen?« Ihr Schweigen als Schuld deutend, schrie er: »O, du hast es getan! Das tut mir so weh, so weh ... Fatima... Fatima...« Da hatte sie die Sprache wieder und den klugen Verstand. »Nein, nein, Simba hat beides gestohlen und mir geschenkt. Würde ich so dumm sein und das Gestohlene ganz offen tragen, wenn ich von dem Diebstahl etwas geahnt hätte?« Jetzt war sie wieder das gescheite Kind, das mit einem schlagenden Argument sich entlastete. Erb wurde im plötzlichen Umschwung von Furcht zur Freude so glücklich, daß er sie aufhob, in seinen Stuhl setzte, sanft streichelte, mit gütigen Worten beruhigte und nach den Einzelheiten befragte. Dann stürzte er hinaus und stand frohlockend vor dem Oberleutnant. »Wir hätten um ein Haar einen Justizmord begangen, Simba ist der Schuft. Würde sie das Gestohlene offen tragen, wenn sie eine Diebin oder Hehlerin wäre?« »Al–ler–dings,« sagte der Oberleutnant F. gedehnt. Simba hatte die Abreise der Belgier abwarten wollen und kehrte mit drei barschartigen Fischen unverfroren zurück. Es war verboten worden, ihn zu bedeuten, damit er sich nicht aus dem Staube mache. Als er aber mit Gepfeife ankam, wurde Fatima von ihrer wilden Natur und Wut übermannt. Wie eine Wildkatze sprang sie auf ihn, würgte seinen Hals, riß sein Haar und kratzte seine Wange. »Du Schakal, du Scheusal, du Spitzbube hast mich zum Diebe gemacht!« Er schützte nur sein Gesicht mit den Händen, schluchzte verzweifelt und wehrte sich nicht, weil sein Schuldbewußtsein ihn vernichtete. Die kleine Furie hätte den Burschen ins Ohr gebissen, wenn ihr Gebieter sie nicht hinweggerissen, geschüttelt und gescholten hätte. »Fatima, pfui, pfui! Ich bin dir sehr böse! Geh', du Kratzbürste, ich will dich nicht sehen.« Das Mädchen war sofort wie versteinert, ging hinter das Haus und raufte sein schwarzes Haar. Erb nahm seinen Boy unter vier Augen in Verhör. »O, was hast du getan, dir und mir angerichtet! Bekenne! Hast du Kette und Tuch gestohlen?« »Ja, ich fand es ...« »Nein, du stahlst es! Gab ich dir nicht alles Nötige? Warum bist du zum Räuber geworden?« »Herr... es war ein Befehl Allahs...« »Du willst noch lästern, du Bube?« Simba weinte dicke Tränen. »Es war ein Befehl Allahs, daß ich Fatima lieben mußte ... weil ich sie liebte, mußte ich ihr gefallen ... und um ihr zu gefallen, ein Geschenk ihr machen. Da ich aber sehr arm war und ihr etwas schenken sollte, mußte ich die Kette stehlen.« Der Herr konnte es nicht übers Herz bringen, diese Negerlogik mit dem Kiboko auszutreiben, sondern sagte milde: »Das sind nicht Befehle Allahs, sondern Einflüsterungen des Gottseibeiuns... wenn du je wieder solche Befehle des Teufels befolgst, muß ich dich zum Teufel jagen. Simba, du tust mir leid, aber deine verdiente Strafe mußt du leiden ... die Stockhiebe werden dir nicht geschenkt werden.« »Bana, lieber Bana, sage ihnen, daß sie mich totschlagen, denn Fatima haßt mich und mein Herr verabscheut mich. Ich will sterben! Ja, es war ein Betrug des Teufels ... ich bin zu dumm, daß mich die Sonne bescheine.« Erb wollte der Prügelprozedur nicht beiwohnen, lauschte mit Aufregung auf die Geräusche draußen vor dem Hause und wartete mit Abscheu auf das gellende Geschrei des Delinquenten. Aber kein Schrei ertönte, denn Simba biß die Zähne zusammen und nahm seine Hiebe ohne einen Schmerzenslaut. Der Herr kühlte und verband den Rücken seines Dieners und schimpfte weidlich auf das in Afrika beliebte, barbarische Prügeln und Auspeitschen. Es hörte sich zu urkomisch an, als der geprügelte Simba dieser Humanität widersprach: »Nein, Bana, das verstehst du nicht, die Rückensalbe juckt noch und geht durch die Haut und ist das allein Wahre für den schwarzen Mann, jede andre Strafe läuft von dem Neger ab, wie das Wasser von der Gans.« Jobst brüllte vor Lachen. Als der Abend über den Tanganjika sich senkte und die Steine aufflammten, träumte Erb im Liegestuhl. War jemand im Zimmer? Fatima berührte mit der Stirn die Erde, wie eine Büßerin, und fragte: »Will mein Herr mich nicht mehr sehen vor seinem Auge? So will ich mich im See begraben.« Erb nahm ihre Hand, zog sie auf die Füße empor und hielt ihr eine Moralpredigt. »Ein Weib darf nie die Knie vor einem Manne beugen.« Die Orientalin verstand die Rede nicht. »Eine rechte Frau wird Stolz und Sanftmut zeigen, wird nie eine wütige Wildkatze, ein kratzender Pavian werden, denn der Zorn verzerrt das Gesicht und macht die schönste Frau sehr, sehr häßlich.« Diese Ethik hat Fatima sofort begriffen und so sehr beherzigt, daß sie, um schön zu sein, ein Madonnagesicht zu machen versuchte und vor Sanftmut die Augen verdrehte. Aber das engelhafte Gesicht wirkte grotesk, wenn sie aus der Rolle fiel und die funkelnden Lichter den armen Simba mit Haut und Haar verschlangen. Wochenlang würdigte sie ihn keines Worts, bis der Herr die Seelennot seines Dieners sah und zu ihr sagte: »Du willst doch eine Christin werden ... ein Christ muß nicht nur seinem Feinde vergeben, sondern sogar seine Feinde lieben.« »Nein, Bana, lieben kann ich den Schlingel nicht, aber vergeben will ich ihm, weil du es sagst.« Fatima ging hin und gab dem Burschen den ersten Beweis ihrer neuen Huld, indem sie ihm ihr Bündel auflud. Der verliebte Neger grinste glücklich. »Hast du nicht mehr? O, ich wollte, daß deine Füße ganz wund gelaufen wären ...« »Du gottloser Bengel! Der grauenhafte Wunsch ist dein Dank.« Ihre Finger krallten sich schon – es fehlte nicht viel. Schleunig aber schrie er: »Ich meine ja nur, dann würde ich dich tragen den ganzen Weg, und die Last würde meine Lust sein.« »Ich will dir schon Lust und Last machen,« drohte die schwarzäugige Madonna. – Der alte Afrikaner brach mit seiner neu gebildeten Handelssafari auf, nachdem er noch mehr Waren und gegen das Versprechen, über Ruanda zu berichten, weitere zehn Gewehre Modell 71 gekauft hatte. Nützlichkeiten und Narreteidinge, welche der Neger liebt, füllten die Lasten. Jobst knüpfte Rock und Hemd auf, holte seine Bank hervor, zählte Geld hin und sagte zu seinem Neffen: »Na, willst du nicht einschießen, was du hast? Man her damit! Den Rest zahle ich. Kumpani ist zwar Lumperi, aber du bist mein Freund, ja sozusagen mein Fleisch und Blut... darum gründen wir hiermit eine zentralafrikanische Handelskompagnie Renner und Erbenheim, wir zwei sind die beiden Sozii, die ihr Geld hineinstecken. Auf Halbpart, ohne Flausen und Fisimatenten, der etwaige Reingewinn wird ehrlich zwischen uns geteilt zu gleichen Teilen.« »Nein, das wäre eine Unehrlichkeit, eine Übervorteilung ...« »Du fühlst dich also übervorteilt?« »Nein, diese Übervorteilung meines Onkels darf ich nicht dulden. Ich gebe meine paar Kröten hin, und du wagst tausende, und dann Teilung, ein solches Geschäft verstößt gegen die guten Sitten.« »Du hättest deine guten Sitten und deine moralische Entrüstung in Deutschland lassen sollen... du wirst es in der Welt nicht weit bringen mit so schlechten Grundsätzen. Weißt du, ob wir einen Heller gewinnen oder alles, sogar das Leben, verlieren? Es ist ein ungeheuer risikantes Geschäft, du Grünhorn, nicht das bißchen Geld, sondern Kraft, Courage, Schießenkönnen ist die Haupteinlage ... es geht auf Halbpart.« Erb trat in die Sozietät ein. Genug Träger meldeten sich. Jobst wählte die Besten aus und von den Besten wiederum die Elite, die schießkundigsten Kerle, denen er ein Gewehr anvertraute, und die er seine Leibgarde nannte. Der Morgen der Abreise lag grau über dem See, dem reglosen, bleifarbigen, denn der Regen war im Lande. Über den Bergmauern türmten sich die Wolkenmassen schwarz und schwärzer. Plötzlich wurde die falsche Ruhe zum fürchterlichsten Unwetter. Die Donner krachten in unablässiger Kanonade, die Blitze schossen von allerwärts her, die Geschosse des Himmels schlugen wie platzende Titanengranaten ins Wasser. Die Brandung brüllte, das Süßwassermeer tobte in hohen Wellen. In dem ungeheuren Bergkessel des Tanganjika schienen hundert Gewitter miteinander zu ringen und ihr Feuer zu speien. Der Mensch verkroch sich vor den Gewalten, wie ein Wurm in der Hütte. »Gott sei Dank, daß wir nicht draußen auf dem See sind!« flüsterte einer dem andern zu. Ein alter Neger aus Udjidji erzählte monoton: »Auf einem Einbaum im See wurde mein Vater neben mir vom Blitz erschlagen. Wir wohnten drüben am Westufer ... meine Schwester wurde von arabischen Sklavenjägern geraubt und auf die Dhau gebracht, wo 188 im Sperrholz und aufeinander lagen. Als die Dhau mitten auf dem See war, brach ein solches Gewitter los, die Wellen bedeckten das Schiff. O, da sah ich beim Schein der Blitze, wie ein Sklave nach dem andern über Bord geworfen wurde, um die Dhau zu entlasten ... auch meine Schwester flog, ich erkannte sie am langen, flatternden Haar. Beim nächsten Blitzlicht sah ich, daß die Dhau von Allah in die Tiefe geworfen und mit allen Sklavenjägern ersoffen sei... und ich lachte, lachte, lachte.« Der weißhaarige Nigger kicherte mit dem zahnlosen Munde – hihihihi –, das war die Freude und das Gelächter seines Lebens gewesen. Mit jacher Plötzlichkeit wurde das Wetter zur Stille, die Sonne schien auf den glitzernden See, alle Lüfte schwiegen, nur die Brandung donnerte unten am Gestade, wie das Lärmen endlos rasender Schnellzüge. Am Nachmittage erstarb auch die rollende Dünung. Gedungene Schiffer hielten ihre Böte bereit. Die Leute und Lasten wurden auf zwanzig dieser primitiven Fahrzeuge verteilt. Reich an grandiosen Bildern war die Seefahrt. Die Nußschale schwimmt zwischen hohen Bergen auf dem gewaltigen, afrikanischen Alpensee, der größer ist als die Seen der Schweizer Berge und eigenartiger an Schönheit. Besonders auf der Westseite des Tanganjika treten die Bergriesen, die 2000, ja 2500 Meter hoch gen Himmel ragen, immer dichter ans Ufer, zu dem sie oft steil abstürzen, so daß das Auge die Steilwände und Steinkolosse, dagegen Hammetsch- und Eigerwand wie Kinder sind, staunend anstarrt. Auf der Ostseite, dem deutschen Ufer, weichen die Berge etwas zurück, so daß zwischen See und Gebirge ein gut angebauter und bevölkerter Landstrich, fruchtbar wie die Marsch und üppig wie die Riviera, sich dehnt und durch die Fülle seiner Fluren und Kulturen entzückt. Ganze Ölpalmenwälder, grüne Bananenhaine, zahllose Felder voll Hirse, Mais, Jams, Bohnen, Tabak füllen die reich bewässerte Niederung und ziehen sich hoch an den Bergen empor. Ein fettes, afrikanisches Gosen, nicht flach-einförmig, sondern von hochalpiner Berg- und Seeschönheit umkränzt! Dieser Tanganjika ist die Perle unserer Kolonie und ein Paradies. Und welchen Frieden haben die deutschen Askariwaffen diesem Eden, das vorher eine wahre Menschenhölle war, gebracht! Udjidji war nämlich das Eldorado der kaltgrausamen, niederträchtigen Araber und der Hauptstapelplatz des scheußlichen Handels mit schwarzem Elfenbein. Für Abertausende von Sklaven, die aus dem Kongo geraubt oder gekauft über den See kamen, war hier der Menschenmarkt. Jetzt, seitdem die deutsche Flagge weht, handeln die Araber in Udjidji nicht mehr mit Menschen, sondern mit gerösteten Heuschrecken und anderen Dingen. Erbenheim hatte den scheußlichen Sklavenhandel verflucht. Simba sagte pfiffig: »Bana, für manchen armen Nigger ist es gut, wenn er Sklave eines guten Herrn ist und keinen Hunger mehr, sondern alle Tage einen vollen Pans hat.« Jobst gluckste. »Der kennt sich und seine schwarzen Brüder.« Leise, wie im Schlafe, atmete der stille See, der die gute, fast zum Gesetz gewordene Gewohnheit hat, daß er sich beinahe pünktlich um fünf Uhr nachmittags zur Ruhe begibt, bald ganz einschläft und blinkstille wird. Mit ungemeiner Schnelligkeit fuhren die Einbäume, von den Seewarundi mit Pondos, langen Bambusstäben, getrieben, dahin. Auf Kommando, im Takt gehen die Pondos hoch, um in der nächsten Sekunde gleichzeitig auf den Grund zu stoßen, und das Boot schießt vorwärts. Das schafft, und das Vorwärtsschnellen entzückt. Es dunkelte, aber die Schiffer stachen unverdrossen mit ihren Stangen. Die hübsche Illumination des Sees begann. Fatima klatschte in die Hände und sang von dem weißen Bana mit den blauen Augen, von dem gütigen, tapfren Bana, dem großen Löwentöter, den alle Frauen und Männer lieb haben müssen. Simba horchte, in seinem lauernden Auge war Argwohn und Ärger. Sie klapste ihn: »Was machst du für hungrige, häßliche Schakalsaugen!« Hunderte von Lichtern huschten auf dem See, hundert Fischerböte hielten eine brennende Fackel aus Strauchwerk über das Heck, um die Fische anzulocken. Man landete bei einem Negerdorfe, um zu übernachten. Die Leute brachten Körbe voll von Bananen, Papayas, köstlichen Mangofrüchten, auch edle Ananas, Honig in Töpfen und sogar Bananenschnaps boten sie äußerst billig an. Erb liebte die Bananengerichte und bewunderte immer wieder die Segen spendende Staude, die hier besonders stattlich war und 80 Pfund schwere Fruchtbündel trug. Ist sie nicht der Baum Afrikas und der Versorger des schwarzen Völkergewimmels, den Gottes Vorsehung weise schuf und dem sorglosen Nigger, der leichtfertig von der Hand in den Mund lebt, schenkte? Einen Steckling wühlt der Schwarze ins Erdreich; und bald wachsen ihm die Früchte mühelos ins Maul. Acht Monate im Jahre deckt die Staude den Trägen den Tisch, und das ist die große Weisheit der Natur, die des Negers Nichtsnutzigkeit in Rechnung zog, daß die Früchte zu verschiedenen Zeiten reifen, in Riesenmenge wachsen, daß sie – was noch wertvoller ist – reif und unreif, roh und in vielfacher Gestalt, zu Mehl gestampft, gebacken, geröstet, genossen werden und immer ihren Wohlgeschmack, auch für den verwöhnten Europäergaumen, behalten. Wo das Wasser und die Banane fehlt, ist Afrika eine tote Wüste; wo jenes fließt und diese wachsen, haben die Negervölker ihr tägliches Brot. Die Banane und die Palme sind die Könige unter allen Gewächsen und die größten Geschenke Gottes, die Millionen Menschen ernähren und die unmündigen Nationen vor dem Untergange bewahren. Bei Tagesgrauen erscholl der Weckruf. In Ermangelung eines Hornisten wurde gepfiffen, statt geblasen. Blase d. i. pfeife den Arzt. Es ist aber schwer, dem Doktor zu flöten, wo der Arzt fehlt. Doch der alte, vielseitige Afrikaner übernahm die Pflichten des wackren, seligen Sanitätsrats und war Arzt und Apotheker in einer Person. Ach, die unmäßigen Träger hatten sich an der Obstfülle krank gefressen; zu viele stöhnten: »Tumbo ... tumbo!« Leibweh, Leibweh! Der alte Eisenbart grunzte: »Laß die Flasche kreisen!« »Um des Himmels willen! Nur keinen Alkohol!« beschwor der Neffe. Und der Satiriker und Satyr grinste: »Nicht die Rum-, sondern die Rizinusflasche lassen wir kreisen.« Ein langer Laban hielt sich die Backe und heulte; und Jobst lächelte vergnügt, denn die Zähne waren seine Spezialität. Flink fand er den hohlen Zahn des Patienten, tränkte Watte mit reiner Karbolsäure und trieb schnell die Teufelsbombe in das Loch hinein. Danach ein Löwengebrüll, und der Laban hüpfte wie besessen, jedoch nach einer Minute war der gräßliche Schmerz weggeblasen, und der Lange dankte bewegt. Auch Simba kam mit einer dicken Backe, krümmte sich und krächzte durch die knurrenden Zähne eine schreckliche Klage und Anklage. »Fatima ist eine Hexe und hat mir vor einigen Abenden das Zahnweh angeblasen, sie hat mich verhext ...« »Unsinn!« schalt der Herr. »Ja–a, sie hat es mir an–an–ge–bla–asen,« wimmerte der Bursche. Jobst befühlte das kräftige Gebiß und fand keinen hohlen Zahn. »Der verhexte Zahn muß heraus, mein Sohn.« Er war auch ein Meister mit der Zange und holte die Kneifzange aus dem Gerätekasten. Der arme Boy wollte vor Grausen ausrücken, aber vier Arme hielten ihn fest. Der Alte klopfte und klopfte. »Tut der weh oder der?« »Ja–a, jaa,« brüllte der Bursche bei allen Zähnen der Reihe nach. Welcher war der Übeltäter? Da zeigte Fatima mit der Fingerspitze und wisperte: »Der da ist der Sünder, ist der nichtsnutzige Torheitszahn, den habe ich verhext, der muß heraus.« »Richtig!« sprach Jobst und setzte die Zange und all seine Muskelkraft daran. Ein Ruck, als wenn der Kopf weggerissen würde. Der Bursche spie Blut, brüllte »Kopf ab, Kopf ab« und hüpfte auf einem Bein. Jobst hielt triumphierend das « corpus delicti , glotzte den Zahn, den – kerngesunden Zahn an und fluchte: »Das ist ja wirklich verhext.« Die kleine Hexe hob den Finger und tröstete Simba mit teuflischem Trost: »Siehst du, das ist Allahs Strafe für deine Sünden und Fatimas Rache für deine Schlechtigkeiten.« Vier Arme hielten den Ärmsten. Jobst klopfte den Kiefer ab. Der Hexenfinger tupfte auf einen dicken Backenzahn und kicherte: »Das ist der Diebszahn, der muß heraus, heraus!« »Bei allen Zahnheiligen, der klingt hohl, der muß es sein.« »Au–au, nei–ein,« stöhnte der Boy. Aber die Zange faßte, und Fatima beteuerte: »Das ist der Diebs-, Diebszahn.« »Mo–ord,« keuchte Simba, als ihm der Zahn aus- und der Kopf abgerissen wurde. Der Alte zeigte den wurzelkranken Zahn und triumphierte: »Ich verstehe mein Metier.« Die Dirne tätschelte den Heulenden, der sein Haupt festhielt, mit drei Fingern: »Freue dich, du Schlingel! Der Diebszahn ist heraus. Trage den Diebszahn stets als Fetisch am Halse, damit du nie wieder Lügen und lange Finger machst! Nun sind wir quitt und wollen wieder Freunde sein... du darfst mir einen Korb Mangofrüchte kaufen und schenken.« Der weinende Boy lachte, ging hin und erbettelte von seinem Herrn ein paar Heller Schmerzensgeld und kaufte Mangofrüchte für die Dirne. Da zupfte Erb Fatimas Ohr. »Nun glaube ich auch, daß du eine Hexe bist, denn den armen Kerl hast du verdreht und verhext.« Ihn traf ein greller Blick der schwarzen Augen. »Herr, wenn ich zaubern könnte und einen Fetisch hätte, würde ich dich verhexen.« Die kindlich offne und doch wild weibliche oder gar unweibliche Rede erschreckte den Deutschen. Er beschloß, seiner Leutseligkeit Gewalt anzutun und durch abgemessenes Gebahren das gefährliche Feuer zu löschen. Am Nachmittage wurde abgefahren. Am Ufer, wo der Bach einen Sumpf gebildet und der Sumpf Insektenmyriaden ausgebrütet hatte, lagen die Böte. Ein Heer von großen Fliegen fiel über die Menschen her. Da sah man den tapfren Jobst die Flucht ergreifen und wie närrisch sich gebärden; trotz der Hitze zog er den Rock über den Kopf, schlug mit Taschentuch und Händen wild um sich, ja der unerschütterliche Herr schrie in Angst: »Jedermann rette sich in die Böte und schütze Gesicht und Körper vor der Satansfliege! Es ist die Glossina palpalis , die teuflische Schlafkrankheitsfliege.« Alles rannte und retirierte vor einer Fliege. Auch im Paradiese am Tanganjika war die Schlange, hauste das höllische Insekt, das Hunderttausende ermordet und mehr Verderben und Tod als alle Nattern und Giftottern über Afrika gebracht hat. Das Süßwassermeer des Tanganjika ist sechshundert Kilometer lang. Viele Tage dauerte die wechselvolle, wundervolle Seefahrt. Am Westufer standen die Berge so steil und dicht am Wasser, daß die Hand sie berührte. Ein Schimpanse – der erste, den Erb in Freiheit sah – schaukelte sich über dem Wasser auf einem Baumzweige, floh nicht und fühlte sich in seiner Menschenunkenntnis völlig sicher. Niemand tat ihm etwas zuleide, nur Basse, der Pavian, fauchte seinen Vetter in der Freiheit wütend an. Das war lauter unlauterer Neid, weil er selbst ständig an der Kette lag und ein Strick und Strolch geworden war. Der Schimpanse ließ sich von einem Affen nicht anspucken, eröffnete die Feindseligkeiten und bombardierte seinen Vetter mit abgerissenen Zweigen. Darüber geriet Basse in eine solche Raserei, daß er, ohne an seine Fessel zu denken, von Bord und nach dem Baume sprang. Selbstverständlich plumpste er nach einem heftigen Ruck ins Wasser. Das Tier sank vor Schreck wie ein Stein. Alle schrien aufgeregt, nur der Steuermann sagte trocken »Mann über Bord« und winkte den Warundi, die geschickt mit ihren langen Pondos den Körper hoben und ins Boot legten. Um nach der Todesangst das Affengemüt zu erheitern, nahm Erb ihm die Kette ab. Altklug saß Basse auf der vordersten Bank, trocknete seinen Pelz in der Sonne, griff und exmittierte einige kleine Einwohner, die keine Miete gezahlt hatten. Das philosophische Affengesicht plierte nach den Schiffern, die schweißtriefend ihr Lendentuch und bißchen Kleidung ab- und als Bündel unter die Vorderbank gelegt hatten, und die jetzt nur einen kleinen Lappen als Vorhang trugen. Das hat vielleicht in ihm ein sittliches Ärgernis erregt – denn ohne andre erkennbare Motive fuhr plötzlich ein Teufel in den Pavian hinein. Hinter dem Rücken der Leute warf er ein Bündel nach dem andern ins Wasser. Die Schiffer, die auch auf dem Tanganjika grobe Kerle sind, machten kurzen Prozeß und warfen den wasserscheuen Pavian über Bord mit den Hohnworten: »Hole heraus, was du hineingeworfen, du Lausaffe!« In dem Moment schrie Simba: »Ein Krokodil!« Eine dieser scheußlichen Amphibien, die sonst nicht reichlich im See sind, schwamm und schielte nach dem Pavianbissen. Fatima sagte leise: »Bana, der arme Basse ist dir lieb.« Ehe Erb oder irgendeiner sie halten und hindern konnte, war sie tollkühn über Bord gehüpft. Ihr Herr war so versteinert, daß er kein Glied rühren konnte. Um so flinker und gefaßter riß Jobst seine Büchse an die Wange. Zum Glück war das Mädchen eine vorzügliche Schwimmerin, hielt den Affen mit dem linken Arm und stieß auf das Boot zu. Doch das Krokodil, von dem nur die Schnauzenspitze und ein winziges Schädeldreieck zu sehen war, schoß mit unglaublicher Behendigkeit auf seine Beute los. Ein Schuß! Ein Echo der Bergwand! Blutig rötete sich das Wasser – der Krokodiltöter holte gleichmütig sein Schießbuch hervor und notierte die Nummer des neuen Krokodiltotenopfers, das er den Manen seines Freundes gebracht. Erb wickelte eigenhändig das Mädchen in sein Plaid hinein. Simba beobachtete diese Fürsorge mit lauerndem Blick und bemerkte dreist: »Das müßte der Boy und nicht der Bana besorgen.« Der Herr hörte seinen Diener nicht, sondern streichelte die Dirne und fragte freundlich: »Fühlst du dich ganz wohl?« »Ja, Herr, sehr wohl, unendlich wohl.« Da fing er einen düstren Schielblick seines Dieners auf, und er sah ein schwarzes, verzerrtes Gesicht. Der Deutsche stieg über die Bank und kehrte beiden den Rücken zu. Was fühlte ich, als sie im Wasser lag? Was ist mir Fatima? O, sind das meine Vorsätze, sie als Magd zu behandeln und alle leutselig freundlichen Reden zu vermeiden? Der gütige Herr der hübschen Fatima faßte noch einmal und noch energischer die barschen Entschlüsse: Bin ich nicht Mann genug, um die wortknappe, herrische Weise durchzuführen? Erb ging aber zu weit, als er gegen seine ureigne Natur angehen wollte, und war oft rauh und rücksichtslos gegen die kleine, verwöhnte Fatima, die ihn bang und bittend ansah. In dieser Zeit war sein Boy fleißig und jedes Winks gewärtig. – Die Safari war ausgeschifft. Jeder Seemrundi, dem sein Lendenschurz durch Basses Schlechtigkeit weggeschwommen oder – durch des Schmutzes Schwerkraft – ersoffen war, setzte ihn gewissenhaft mit zwanzig Rupien auf Rechnung. Sie ließen aber mit sich reden und nahmen zwei Rupien Schadenersatz. Ein Schlauberger neckte den Pavian, bis dieser ihm sein Lendentuch zerriß, machte ein Mordsgeschrei und forderte fünf Rupien. Jobst sah ihn an, spielte mit der Nilpferdpeitsche und sagte: »Freund, du hast keinen Grund zum Klagen, aber nach fünf Minuten wirst du begründete Ursache zum Klagen und Brüllen haben.« Der Neger wartete die Begründung nicht ab. Zehnter Abschnitt. Die Kolonne kletterte bei einer schwülen Treibhaushitze von 42 Grad Celsius die steilen Berge am See hinauf. Bei der glühenden Ofenhitze des Gesteins, von dem die Sonnenstrahlen zurückprallten, bei dem ewigen Auftauchen neuer Bergkegel und -sättel, knickten dem jungen Afrikaner die Knie. Jobst, der älteste, aber zäheste von allen, ging mit krummen Knien und langen, langsamen Schritten unentwegt bergan. Der Alte stand oben und schrie: »Tanganjika!« Dort war der Kamm des Gebirges. Die Kriecher erhoben sich und wurden Stürmer, die mit der letzten Kraft die Höhe nahmen. Tanganjika! Dort unten lag der herrliche See in seinem Bergbette, durch die Ferne zusammengeschrumpft, aber in endloser Silberpracht. Hüben und drüben die mächtigen Alpenketten, gen Osten dehnt sich das fruchtbare Urundi, im Norden ruht der Blick meilenweit auf dem Hochlande Ruanda. Ein schönres Landschaftsbild, als von diesem afrikanischen Bergkegel, hat kaum ein Menschenauge gesehen. Wenn auf dem Berge der Versucher stünde und spräche: Diese Wunderwelt will ich dir geben! so würde selbst der Starke schwanken und geblendet werden. Und dieses Land ist deutsche Kolonie! Im Lande Urundi lagen die Dörfer dicht beieinander, rund um die Bananen- und Palmenhaine jedes Dorfs war eine große Fläche – Jobst schätzte manchen Dorfacker auf dreihundert Hektar oder zwölfhundert Morgen – wohl bestellt und erntereif. Das hatte die primitive Negerhacke, die den Boden aufkratzt, vollbracht. Was wird dieses Feld tragen, wenn der Pflug seine tiefen Furchen zieht? Die Warundi boten ihre Produkte, Bananen, Mais, Hirse und besonders Nsoga, Bananenschnaps, billig an. Als Erb den Schnaps energisch zurückwies, schüttelten die Neger betroffen den Kopf und fragten: »Seid ihr Deutsche oder Inglesi (Engländer)? Daß ihr unsren Nsoga verachtet?« Ein Deutscher, der keinen Schnaps mochte, war ihnen eine Ungereimtheit und ein Unikum. Ach, diese Wilden kannten unsren Ruhm und wußten schon, daß man den Germanen mit dem Schoppen und der Flasche winken muß. Die mit Rindenstoffen sehr nett bekleideten Neger wollten Kattun und Webstoffe nicht in Tausch nehmen, da sie nach ihrer Meinung und Mode vortrefflich und hinlänglich bekleidet waren. Aber Perlen, Messing und nützliche Geräte, Hacken, Beile, Messer, begehrten sie um so mehr. Für ein ordinäres Messer boten sie zwei Ziegen. Das Geschäft genügte dem alten Afrikaner nicht, der verlauten ließ, daß er vielleicht ein paar Elefantenknochen d. i. Zähne gebrauchen könne. Die schlauen Warundi wußten längst, wonach das Sinnen und Trachten der Weißen und Braunen in Afrika steht, und erzählten, ein Araber habe vor der Regenzeit ihr letztes Elfenbein für zwei Flinten pro Zahn gekauft. Der angebliche Preis war so kolossal, daß Jobst trocken lachte: »Freund, du willst mal einen Weißen übers Ohr hauen?« »Ja, denn ich bin hundertmal von Weißen über beide Ohren gehauen worden.« Die Karawane zog von Dorf zu Dorf, von Pombetopf zu Pombetopf. Bei der Begrüßung nämlich wurde sofort das dicktrübe, aber durstlöschende Negerbier kredenzt. Auf nach Ruanda, wo nach den Aussagen der Warundi der Sultan Jehu ein Haus voll von Elefantenzähnen habe. Jobst traute der Verheißung nicht, da die Neger Virtuosen im Fabulieren und Flunkern sind, versprach aber seinem Neffen: »Du wirst da vielleicht wenig Elfenbein, aber viel Schönes und Seltsames zu sehen bekommen ... stimme deine Harfe, um als erster deutscher Sänger das deutsche Ruanda zu besingen!« Das Hoch- und Bergland, das Wunderland der Riesen und der Überraschungen übertraf Erbs hochgespannte Erwartung. Mitten in Afrika mit seinen unzähligen Herren und Häuptlingen, die nur Dorftyrannen, Beherrscher und Blutsauger einer kleinen Menschenherde sind, ein wirklich wohlgeordnetes Negerreich, ein weites Königreich mit einem mächtigen Sultan, dem ein bis zwei Millionen gehorchen, der seine schwarzen Staatsminister und Beamten hat und ohne Grausamkeit regiert. Das Land mit seinen herrlichen Tälern und hohen Bergen wechselt in anmutiger und erhabener Schönheit. Ebenso ansprechend sind die Bewohner, die als Tal- und Bergleute dicht beieinander wohnen und doch in zwei grundverschiedene Völkerschaften streng geschieden sind und niemals sich vermischen. In Ruanda wohnen die fleißigen Wahutu, das im fruchtbaren Tale hausende, mit der Hacke hart schaffende, dienstbare Volk, und die stolzen Watussi, die Herrenmenschen, die wohl vor Jahrhunderten als Eroberer und Krieger aus dem Norden kamen, das schöne Land mit Speer und Bogen gewannen und auf den Bergen als Herdenbesitzer und Herren hausen, friedlich und von einem Fürsten beherrscht, aber auch wie die Kasten Indiens durch Schranken getrennt, nebeneinander. Es sind zwei grundverschiedene Menschenrassen. Die Eroberer sind hamitischen Ursprungs und mächtig lange Kerle, die bis zwei Meter und darüber messen; sie würden jede Blutvermengung mit den Wahutu, die gewöhnliche Bantuneger sind, wie Blutschande bestrafen. Wahrlich, an diesem edlen Rassestolz könnten die Deutschen in Südwestafrika, wo ein ekelhaftes Bastardgeschlecht emporwächst, sich ein Beispiel nehmen. Die Watussi sind Krieger und Hirten, die mit viel Würde ihre Speere und ihren reckenhaften Körper tragen, ihre großen Rinderherden mit den riesig langen Hörnern hegen und hüten. Die hörigen Wahutu, die alle möglichen Feldfrüchte, Bohnen, Batate, Maniok, Mais, anbauen und die tüchtigsten Ackerbauer Afrikas sind, müssen an ihre Herren einen großen Teil der Ernte abgeben, erhalten aber großmütig je und dann ein Rind und haben alle Woche ein Stück Fleisch im Topfe. Sie sind richtige, recht brave Neger, die heiter und ohne Ehrgeiz in ihrer wenig harten Abhängigkeit leben. Das Aristokratenvolk zeichnet sich durch seine semitischen Gesichtszüge, seine gewaltige Körperlänge und durch sehr abstehende Ohren aus, die nach seiner Meinung schön und das besondere Merkmal des rassereinen Mtussi sind. – – In der Flußniederung dehnten sich weite Papyrussümpfe, die entsetzlich schwül und der Schrecken der Safari sind. Erb war mit Stichen bedeckt und zu müde, um sich gegen die Moskitoheere zu wehren. Fatima nahm ein Fläschchen und betupfte mit Salmiak die brennenden Stellen und wartete vergebens auf ein freundliches Wort. Flink hielt sie ihm den Wasserbecher an die trocknen Lippen; er trank und nickte kaum. Trauer flackerte in ihrem Blick, und eine Klage fuhr aus ihrem Munde: »Früher hast du mir gedankt für jede Handreichung ... bin ich nachlässig geworden?« »Soll ein Herr seiner Dienerin immer danken, weil sie pflichteifrig ist?« »Nein, nein, ich bin deine Sklavin.« Er handelte ja nach dem barschen Programm und brach das Gespräch ab. Simba schielte vergnügt und sagte: »Fatima, hänge deinen Wassersack über meine Flintenläufe, ich trag's, ich bin von klein auf ein Packesel gewesen.« »Du bist ein braver Kerl.« Sie tätschelte flüchtig seine Backe. Er war verliebt und glücklich bis in die Haar-, Fuß- und Fingerspitzen und als schwarzer Sanguiniker überzeugt, daß er durch Beharrlichkeit ihre Sprödigkeit besiegen werde. – In der parkähnlichen Wildnis erscholl plötzlich der Schreckensruf: »Büffel, Büffel!« Erb warf verteufelt schnell den Kolben an die Backe, riß Funken und – fehlte. Die Nerven des Erschöpften zitterten. Es war ein starker Büffelbulle, der mit gesenkten Hörnern auf ihn losstürmte. Erb schoß den zweiten Lauf ab und das Tier nur weidwund; die Lage wurde sehr kritisch. Fatima bückte sich, nahm zwei Hände voll Sand, sprang mit der Kinderwaffe vor und warf dem Tier den Sand in die glühenden, rollenden Augen. Es stutzte und wühlte mit dem Lauf – ein Schuß knallte, der Körper krachte auf den Grund. Jobst beschaute befriedigt seine Jagdbeute, denn seit der großen Rinderpest, die auch das Wildrind fast ausrottete, ist der Büffel eine Rarität geworden. Einen kleinen Spott konnte er nicht unterdrücken: »Die Kleine ist ein netter Schutzengel.« Erb wurde ärgerlich und darum ungerecht. »Du kleines, dummes Ding, was machst du für Tollheiten! Hast wohl den Büffel für eine alte Muhkuh gehalten, die man mit Steinwürfen in Trab bringt?« Fatima sah ihn mit einem tränenvollen Blicke an. Wo sie Anerkennung verdient, hatte er sie gescholten und ihr Herz geschlagen. »Bana,Bana!« Erb blickte hin – da stand ein urplumpes, urkomisches Monstrum, eine Riesenkreatur, welche die Natur in übermütiger Künstlerlaune als groteske Karikatur geschaffen zu haben schien, denn sie hatte ihr die Hörner nicht auf den Kopf, sondern auf die Nase gesetzt. Ein Nashorn stand auf 69 Meter und glotzte die Menschen an. Dann stürzte sich die graue Masse auf ihren kurzen Beinen mit ungeahnter Geschwindigkeit auf den friedlich grasenden Esel und forkelte ihn. Die Weißen schossen dem Wilde nach und trafen den Spiegel des Kolosses. Viel Schweiß lag auf der Fährte. »Wir müssen den angeschweißten Dickhäuter töten und in seinem Wundbett finden.« Die Blutspritzer zeigten den Weg. Aber die Schwarzen wußten wohl, daß ein krankes Nashorn ein bösartiger Geselle ist, und rannten beim geringsten Geräusch aus dem Dickicht zurück. So ging es nicht. Jobst forderte Freiwillige auf, versprach den Pflichttreuen eine Rupie und den Ausreißern eine Tracht Prügel. Da sagten die Neger mit fatalistischer Ergebung: » Heisuru, kama tu na kufa, tu na kufa « D. h. Sterben wir, so sterben wir! Große Lust zum Sterben hatten sie nicht, aber, wenn es sein mußte, so wollten sie es für eine Rupie tun. Die Treiber zeigten bald auf einen kleinen Vogel, der unruhig schwirrte und zirpte. Das war der Madenhacker, der den Büffel und auch das Nashorn begleitet, durch sein Zirpen warnt und dafür die Maden vom Körper picken darf. Der Koloß lag richtig in einer Sule, sprang sofort auf und nahm die Feinde an. Jetzt sah man, daß die Natur nicht aus Übermut, sondern in Weisheit ihm die Hörner auf die Nase setzte, denn das Tier hob, bog und brach die Zweige und Stangen so gewandt, daß es im Dickicht eine große Geschwindigkeit entwickelte. Bei den Menschen war das Gegenteil der Fall. Obgleich Schuß auf Schuß fiel, stürmte das Nashorn weiter, ein Träger wurde aufgeschlitzt, Simba hoch in die Luft geschleudert. Erst bei dem sechsten Schuß fiel das Ungeheuer. Der Boy hatte zwar nichts gebrochen, aber eine Gehirnerschütterung erlitten. Auf die Frage, was er als Labung wünsche, erwiderte er prompt: »Eine Platte Tabak!« Der Unverwüstliche qualmte wie ein Schornstein und kurierte seine Gehirnerschütterung. – – – Man zog die grasreichen, baumlosen Berge hinauf, wo die Watussi ihre langgehörnten Rinder in Unzahl weideten. Die langen Kerle von Ruanda machten trotz der dunklen Farbe einen günstigen und im Vergleich mit dem Bantuneger fast zivilisierten Eindruck, alles kindische, affige Getue und die schmutzigen Gewohnheiten des Kaffern fehlten gänzlich; die hohen, schlanken Männer waren männlich ernst und selbstbewußt, aber auch gastfrei. Die Frauen wurden vor fremden Blicken im Hause verwahrt – ein Zug, der die Einwanderung aus dem unter dem Einfluß des Islam stehenden Norden bestätigt. Die Hütten mit ihrem Rohrdach und den Wänden aus hübsch geflochtenen Matten waren sauber und nett. Erb fand an den Riesen und ihren Springerkünsten – sie setzten über zwei Meter hohe Hindernisse mit Leichtigkeit hinweg – viel Gefallen. Von einer Untugend freilich waren diese schwarzen Bürger der deutschen Kolonie nicht freizusprechen, sie tranken gern ein Bananenschnäpslein und manchmal einen über den Durst. Das war ihre liebste Stunde, wenn sie rund um die vollen Töpfe hockten, ein Rohr hineinsteckten und mit Ausdauer und Liebe saugten und lutschten. Sobald das Getränk seine Wirkung tat und die Watussi leutselig wurden, sagte Jobst: »Ich will wetten, ihr habt nicht so viel Elfenbein, wie ich Zähne im Munde habe.« Oho, was er wetten wolle? Dieses Messer! Um die Wette zu gewinnen, brachten sie endlich ihren Schatz zum Vorschein, einen mäßigen Zahn von vierzig Pfund. Nach einem achtstündigen Palawer, wobei acht Krüge Bier durch die Rohrhalme und Kehlen gingen, wurde man handelseinig. Die Watussi hatten ein Räuschlein, und der lange Wahikuma, der in diesem Alkoholstadium erotisch veranlagt war, wollte mit der hübschen Fatima zärtlich tun. Da erhielt er von hinten, von Simbas Hand, einen solchen Stoß, daß der Ruandagoliath über seine fadenlangen Beine stolperte, den Biertopf umwarf und im verschütteten Inhalt liegen blieb. Die schwarzen Zecher sprangen, wie von einer Wespe gestochen, empor, schrien wild und machten einen förmlichen St. Veitstanz. Die Weißen ergriffen für alle Fälle ihre geladenen Waffen. Doch der Dorfschulze hob segnend die Hände und sagte entschuldigend: »Wahikuma säuft ja wie ein Europäer und weiß dann nicht, was er tut. Schleift ihn in seine Hütte! Aber das schöne, herrliche, verschüttete Bier! O Herr, das Bier!« Das umgekommene, edle Getränk war die alleinige Ursache des Veitstanzes und der Verzweiflung. Jobst gab daher eine Kalebasse Bier aus, alles endete mit Wohlgefallen und einer allgemeinen, schwarzen Fidelität. Die Watussi wollten durchaus ihre weißen Brüder umarmen. Der alte Afrikaner hatte die Brüderlichkeit und Redseligkeit der sonst reservierten Herren benutzt, um zu erfahren, wo in Ruanda kleine Vorräte des vielbegehrten Artikels noch vorhanden seien. Die Karawane marschierte. Jobst machte den mürrischen Mund; als sein Neffe bemerkte, der Zahn sei recht billig gewesen, platzte er los: »Du Grünhorn, viel, viel zu teuer!« »Ja, wie viele Prozente willst du verdienen? Waren im Werte von 50 Mark haben wir gegeben, das Pfund Elfenbein kostet in Bagamoyo 14 bis 15 Mark, also wird der Zahn an der Küste 500 bis 600 Mark bringen.« »Kaum! Und bis zur Küste ist verdammt weit, der Trägerlohn frißt den Profit auf. Zehn Mark hätten wir nur geben dürfen ... vor Jahren zahlte ich drei Armlängen Kattun für einen Siebzigpfünder ... das war noch das alte, gute, reelle, afrikanische Geschäft.« »Hm, hm, hundert Prozent willst du nach Abzug aller Unkosten verdienen.« »Nein, das will ich durchaus nicht, sondern dreihundert bis fünfhundert Prozent.« – Das schöne Ruanda begeisterte immer wieder den jungen Deutschafrikaner. »Wenn die Kritiker und Krakehler des deutschen Vaterlandes dieses schauen könnten, sie würden Kolonialschwärmer werden. Hier haben wir ein vortreffliches Land für deutsche Ansiedler, hoch, gesund, fieberfrei und fruchtbar.« »Leider hat es den einen Fehler, daß es für Afrika recht stark bevölkert – oder willst du die Watussi ausrotten? – und den andren, daß es baumarm und abgeholzt ist.« Die Safari näherte sich einem besonders großen Dorf, das auf der Weide seine siebentausend Stück Großvieh hatte. Auf einem ebenen Plateau vor dem Dorfe standen an dreihundert Männer von der baumlängsten Sorte in Reih und Glied, so daß der alte Preußenkönig an dieser Riesengarde sein Ergötzen gehabt hätte. »Potzblitz! Die Watussi haben wohl die allgemeine Militärpflicht mit Exerzieren und Parademarsch.« Der Offizier a. D. war ganz Auge und Interesse. Die Männer, die einen langen Speer trugen, nahmen einen Anlauf, benutzten den Speer als Springstock und setzten über einen drei Meter hohen Verhau hinweg. Nur drei Mann von der Garde konnten die Hürde nicht nehmen und kehrten kleinlaut um. Der Dorfhäuptling, der seine Mannschaft in Leibessport übte, lümmelte wie ein preußischer Korporal die Kerle aus, die nicht hinüber kamen, was der Dolmetscher übersetzte. »Ihr Schweine habt bis Mitternacht an den Pombetöpfen gelutscht, darum kommt ihr mit euren vollen, faulen Bierbäuchen nicht über die kleine Hecke weg. Ich lasse euch in der Mittagsglut zehnmal um das Dorf herumlaufen, bis ihr eine Kalebasse Bier ausgeschwitzt habt.« Der Häuptling, der nur von Mittelgröße und unter seinen Riesen klein erschien, war offenbar kein Freund des Alkohols, wenigstens nicht, wenn andre ihn tranken. Er hatte nicht das Normalmaß der Watussi, zwei Meter, aber zu seinem Glück die echten, abstehenden Ohren und stolzierte auf seinen obeinigen Gehwerkzeugen mit viel Gravität den Fremdlingen entgegen. Recht hochfahrend redete er sie an: »Seid ihr Händler? Wollt ihr Rum verkaufen?« Jobst blinzelte und sagte auf deutsch: »Er will wohl, daß wir ihm mit Kognak die Kehle schmieren.« Diesmal war Erb klüger und antwortete schnell: »Nein, wir führen keinen Niggertod.« »Das ist gut für euch ... sonst dürftet ihr mein Gebiet nicht betreten.« Der energische Herr, der Ndaho hieß und die Mäßigkeit bei seinem trinkfrohen Völkchen in der eifrigsten, aber afrikanischen Weise zu fördern suchte, lud die Weißen zu einem Besuch ein und war bei näherer Bekanntschaft ein afrikanisches Original und ein schwarzer Abstinenzler aus Grundsatz. Er haßte Rum und Schnaps als den ärgsten Negerfeind, der sein Volk nicht verheeren solle. Betrübt erzählte Ndaho: »Wir haben braue, tapfre Männer, die achtzig Rinder hatten und alle in Pombe und Bananenschnaps versoffen haben ... ich lasse die Trunkenbolde laufen und schwitzen bis zur Besinnungslosigkeit, ja ich ließ sie drei Tage dursten, um den Teufel auszutreiben, aber der Teufel kommt wieder.« Obgleich er ein autokratischer Herrscher war und afrikanisch gründlich strafte, war er bei aller Autorität nicht mächtig genug, um die Pombeprohibition in seinem dem Suff ergebenen Dorfe durchzuführen. »Die meisten freilich tun am Tage ihre Pflicht und sitzen nur abends am Topfe. Einige, wie dieser Lilulu« – er zeigte auf einen recht jungen, wohlgebauten Mann – »sind wochenlang nüchtern und fleißig und trinken nichts ... plötzlich fällt er über die Pombe her und saugt sich voll, wie der Leopard, der an der Gurgel der Antilope liegt... Lilulu säuft tagelang, singt oder zankt, wird grün und blau geschlagen, verkauft seinen Schurz für Bananenschnaps und hört erst auf, wenn er todkrank ist oder ich ihn kuriere.« In Ruanda waren Alkoholiker und Temperenzler und sogar die sogenannten Quartalsäufer in einigen Exemplaren vertreten. Ndaho war auch ein guter Finanzmann, denn er besaß wohl das meiste Elfenbein im Lande, das den Reichsbankbarbestand dieses Fürsten bildete und zur Verstärkung der Wehrkraft dienen sollte. Daher wollte er durchaus Hinterlader als Gegenwert haben. Der schwarze Staatsmann hatte klar erkannt, worauf die Überlegenheit der Europäer beruhe, und deshalb war all sein Sinnen und Trachten, moderne Schießwaffen zu bekommen. Als Erb ihm erklärte, daß der deutsche Kaiser den Verkauf von Flinten nicht gestatte, wäre es fast zum Krach gekommen; der selbstbewußte Watussi schrie wütend: Wer und wo dieser Kaiser sei? Er, er sei Herr und König im Dorfe und der Sultan Jehu sei Kaiser im Lande. Man hütete sich wohl, ihm die deutsche Schutzherrschaft zu erklären, von der er keine blasse Ahnung hatte, sintemal die deutsche Regierung Ruanda nur auf der Karte besaß und kaum irgendeine Regierungsgewalt ausübte. Jobst beruhigte den auf seine Macht eifersüchtigen Herrn, indem er ihm einen Handspiegel schenkte. Da zeigte sich, daß der schwarze Staatsmann ein Neger und Kind geblieben war, denn er probierte den Spiegel und schnitt die tollsten Grimassen, er griff nach allem, was ihm in die Augen stach, und gab für Eisengeräte, Halsschmuck, Spiegel vier gute Zähne hin, wenn auch mit einem Seufzer und schweren Herzens. Nach einer Stunde kam Ndaho echauffiert zurück, gefolgt von einem Sklaven, der einen Zahn schleppte, um noch zwei Halsschnüre und zwei Spiegel zu kaufen. Der arme Ehemann und Polygamist klagte kleinlaut, daß es unter seinen Frauen eine böse Schlägerei gegeben und seine Favoritin Haare gelassen habe. Der schwarze Dorfdespot war in seinem Harem ein Pantoffelheld. – Es war Abend. Auf dem freien Platze vor dem Dorfe flackerten die Feuer, die Weißen saßen auf ihren Feldstühlen, die Watussi hockten neben den Kalebassen, saugten und schwatzten fröhlich. Ndaho konnte den Abendtrunk nicht verbieten, kontrollierte aber die Zahl der Töpfe, rauchte wie ein Schornstein, da er kein Antinikotiniker war, und befahl zur rechten Zeit Feierabend. Jener Lilulu torkelte hin und her, nahm, ohne zu fragen, Erbs angelehnte Büchse und fingerte in der unsinnigsten Weise an Mechanismus, Schloß und Abzug herum. Der rätselhafte Mehrlader müsse irgendwo einen Fetisch haben, den der Neger in seiner betrunkenen Neugier finden wollte. Erb merkte die Gefahr und entriß dem Trunkenen die Büchse mit einem so plötzlichen Ruck, daß der Neger das von Pombe gestörte Gleichgewicht verlor, krachend hinschlug und sein Gesicht verletzte. Zum Unglück blieb der Bezechte liegen, sein Blut floß rot und reichlich. Ein Freund desselben wähnte, daß Lilulu schwer verletzt sei, zielte mit dem erhobenen Speer und hätte den ahnungslosen Weißen von hinten durchbohrt, wenn nicht eine behende Hand den Speer aus der Richtung gerissen hätte, so daß die Spitze vorbei ging und einem Watussi in die Rippen fuhr. »Bana, hat dein Boy das nicht gut gemacht?« Simba wollte sich und seine Tat bemerkbar machen. Ndaho schlug den Speerstecher mit der Faust und gab dem betrunkenen Lilulu einen Fußtritt, übte schnelle Justiz und befahl: »Bindet beide, sowohl den verrückt Jähzornigen, der den weißen Gast spießen wollte, als auch den Betrunkenen, der durch seine verrückte Sauferei Irrtum und Unglück verschuldet hat. Beide sollen zwei Tage und zwei Nächte lang keine Pombe, kein Wasser, kein Getränk, keinen Tropfen haben, sondern Durst leiden.« Das war eine rechte und recht grausame Negerstrafe, aber auch eine radikale Trinkerkur, um durch Durst die Leute vom großen Durst zu heilen. Erb konnte nicht einschlafen. Ihn störte ein unaufhörliches Gejammer, das durch die Nachtstille drang. Von den beiden Durstdelinquenten, die in der Nähe gebunden lagen, schimpfte und fluchte der eine: »Halt's Maul, daß man schlafen kann!« Und der andere, der Trinker, der Durstqualen litt, wimmerte: »Wasser, Wasser!« Erb hatte Mitleid mit dem armen Kerl und rief Simba. »Kannst du dich unbemerkt hinschleichen und mit einem Krug Wasser die große Not lindern?« Simba schnarchte zu fest. Eine Frauenstimme flüsterte. »Ich kann es weit leiser und listiger machen.« Fatima, die sofort am Zeltvorhang horchte, wenn der Bana sich bewegte, führte geschickt den Auftrag aus und hielt einen ganzen Eimer Wasser an Lilulus Lippen mit den Worten: »Sauf, Kamel, sauf!« Am Morgen brachte sie dem Herrn die Kakaotasse, die übliche. Er vernachlässigte sein Äußeres nicht in der Wildnis – wie die meisten leider tun –, sondern rasierte sich mit dem wenig scharfen Messer, er schabte und schnitt Gesichter. Das Mädchen blieb stehen. »Erheitern dich meine Grimassen?« Sie antwortete etwas ganz anderes. »Ich mußte diese Nacht viel denken und möchte dich etwas fragen, das du mir aus den Büchern der Christen und den Suren der Bibel beantworten sollst.« Nach seiner Ermunterung, frischweg zu fragen, schaute sie ihn mit tiefsinnigen Augen an. »Wie soll ich es verstehen? Lilulu hätte dich fast erschossen, der andre wollte dich töten, die beiden Watussi sind deine Feinde, und du befiehlst, ihre Pein zu lindern...« »Wir Christen sollen unsre Feinde lieben und denen, die uns Böses tun wollten, Gutes erweisen.« »Die Feinde, eure Feinde sollt ihr lieben?« Fatima rang vor Erregung, ja Entsetzen die Hände. »O, wer kann das fassen! Wie schrecklich ist der Aberglaube der Christen! Eure Feinde sollt ihr lieben, und eure Freunde, eure besten Freunde sollt ihr hassen! O, Bana, Bana, nun verstehe ich dein Gebahren, darum hassest du mich, deine beste, anhänglichste Freundin, darum schaust du mich immer hart und zornig an und redest kein gutes Wort mehr mit mir, weil du die schauerliche Christensure befolgen, weil du deine Feinde lieben und deine treuesten Freunde hassen mußt. O, wende dich von dem Wahnsinn!« »Nein, nein! Kind, setze dich, bis ich fertig bin!« Er rasierte das Kinn, die schwierigste Partie, schnitt sich, weil die Hand zitterte, pflasterte die Wunde und streichelte zögernd, zuletzt väterlich-kräftig das glänzende Haar. Welche Gedanken hatten in dem klugen Kindskopfe, welche Seelenkämpfe in ihrer Brust getobt! Das waren die Früchte seiner herrischen, grundfalschen Pädagogik, daß sie am Christentum, an ihm, an allem irre wurde. Wohlwollend und weich erklärte er ihr: »Wir müssen unsre Feinde, aber noch weit mehr unsre Freunde lieben. Ich hasse dich nicht, o nein, ich habe dich lieb, wie ein Vater sein Kind, nicht mehr und nicht minder. Willst du mich auch in der Weise lieb haben...?« »Ja, wie das Kind die Mutter, wie die Simbalimper ihren Götzen, wie die Araber Allahs Propheten, wie die Christen den Kreuzes...« »Still! Das ist dreimal zu viel, und darum fürchtete ich... Fatima, sei verständig und versprich mir, daß du mich schätzen willst, wie das Kind den Vater, nicht mehr noch minder!« Sie sagte mit Hast Ja–ja, aber die heißen Augen versprachen weit mehr, als die Lippen gelobten. Das barsche Programm wurde verworfen und die entgegengesetzte Pädagogik befolgt; denn der Mensch kann am leichtesten in Extremen sich bewegen. Der Herr war freundlich, gütig, sprach oft mit der Dienerin, die er über alles belehrte und sogar in Mußestunden, wie es einem braven Vater geziemt, im Lesen und Schreiben unterrichtete. Da wurde das Letzte ärger als das Erste. Wenn er ihren Finger über das Papier führte, zuckte es von der Fingerspitze bis in ihre Schläfen. Ein anderer merkte alles und noch etwas mehr und beobachtete Herr und Dienerin mit schwarzen Argusaugen. Wie darf eine Magd, die stehen und die Arme queren muß, neben dem Bana im Zelte sitzen? Warum lesen und beten sie im Koran der Christen? Simba legte sein Ohr an die Zeltwand und lauschte. Während des Horchens, das er keinen Tag versäumte, wurden seine Augen immer größer, glühender, giftiger. Heimlich und in dem hinteren Zeltplan schnitt er ein kreisrundes, winziges Loch, wie es die Motten wohl fressen. An dem Guckloch lag ein funkelndes Auge, wenn die zwei im Zelte waren. Simba sah weit weniger, als er erwartet hatte. Aber die Eifersucht hat hundert Augen. Wie dreist und dicht hockte die Dirne neben dem hohen Herrn, wie himmelte ihr Blick und hing an seinem Munde! Die verliebte Geis! Das unschöne Gesicht des Suaheliburschen wurde verzerrt. Am Abend sprang er mit einem Male hinter der Bananenstaude hervor und umfaßte, umkrallte Fatimas Hand. Sie, die vom Brunnen Trinkwasser holte und einen Topf auf dem Kopfe trug, schrie laut auf. So weh sein Griff tat, so wütend schalt sie: »Du einohriger, schwarzer Pavian, laß mich, oder ich schreie den Herrn herbei.« »Ich töte dich, wenn du nicht stille bist und aufrichtige Antwort gibst. Was ist dir der Bana?« »Ein guter, lieber Herr... laß mich gehen!« »Du liebst das blondhaarige Blaßgesicht... du Närrin! Der Bana wird eine feine, weiße, bleiche Frau heiraten, du, du würdest in seinem Harem nur das dritte oder vierte Weib sein, das die Schläge und Fußtritte bekommt.« »O, ich wäre glücklich, wenn ich seine fünfte oder sechste Frau, wenn ich nur seine Magd bleiben dürfte mein Leben lang.« Simba wurde bei diesem Bekenntnis stumm und starr, ließ die Hände fallen, so daß sie entschlüpfen konnte, stand wie ein Stein und starrte ihr nach. Eine Stunde später lag er abseits unter einer Staude, wühlte in der Erde, knirschte und biß mit den Zähnen sich die Hände blutig, um nicht wie ein wildes Tier zu brüllen. Seine Seele, seine Sinne, jeder Gedanke und Blutstropfen in ihm war rasende, rachsüchtige, tückische, blinde und doch berechnende Negerwut geworden. Der Tobsüchtige wurde mit einem Male ruhig, stand auf und schlich durch den Busch, wo er zwei Stöcke schnitt und spaltete und mit Lianen verknüpfte. Sollte das wunderliche Holzgerät eine Waffe oder ein Werkgerät werden? – Das Kreuz des Südens strahlte. Erb saß mit seinem väterlichen Freund länger als sonst am Feuer, denn sie sprachen von der Heimat, und wie viel schöner die Dämmerung und der Lenz, das Weihnachtsfest, die frohen Sommerfahrten und der deutsche Sommertag sei als die ganze Herrlichkeit der Tropen. »Mir ist das nur ein Märchen meiner Jugend... ich werde in Afrika in meinen Stiefeln sterben,« nickte Jobst. »Du aber, mein Junge, wirst Deutschland wiedersehen, denn du bist ein deutscher Gemütsmensch, ein rechter Heimwehmichel geblieben.« Ein heftiges Nein! »Nein, ein Bestrafter ist in Deutschland ein Aussätziger, der nie wieder rein wird.« »Ich meine, du bist unschuldig... hast du nicht abzurechnen mit irgend jemand da drüben? Mir sagt oft eine Ahnung, daß ich noch mal nach Südwest hinüberkomme... ich habe ja dort eine unbeglichene Rechnung, ein Kerbholz in Ordnung zu bringen mit dem Satanskapitän... es ist unmöglich, daß die Bestialität ungesühnt bleibt.« »Noch viel unmöglicher ist meine Rache und Rehabilitation ... der dümmste deutsche Richterspruch ist ein Gottesurteil und unabänderlich wie die Ewigkeit.« Der Pavian, der alle Tage ein paar Stunden gelöst wurde, um die heißgeliebte Freiheit zu genießen, folgte seinem Herrn wie ein Hund. Augenblicklich saß er zwischen den beiden mit einem höchst ernsthaften Gesicht, als wenn das Gespräch einen tiefen Eindruck auf ihn mache. Plötzlich schmiegte er sich an seinen Herrn. »Der kluge Kerl will dich beruhigen und deine Aufregung beschwichtigen,« sagte Jobst. Erb nahm den Pavian bei der Hand und ging nach seinem Zelt, um zu schlafen. Eilig, ohne Licht anzumachen, betrat er den dunklen Raum und tastete nach der Kette, um den Affen festzumachen. Eine Hand zerrte plötzlich an seinem Arm und zog ihn zurück. »Was ist dir, Basse? Du bist ein Feigling.« Erb horchte und hörte ein leises S–s–s–s, das er für das Zirpen eines Insekts hielt. Er faßte die Kette, um den Affen zu binden. Da fauchte der Pavian, packte ihn mit beiden Händen, riß ihn zurück, riß ihn mit aller Pavianskraft aus dem Zelte heraus. Der Herr, der tüchtig schimpfte, sah, daß die Nackenhaare des Tieres gesträubt waren. Sollte eine Hyäne ins Zelt gekrochen sein, um zu rauben? Erb zündete ein Wachsstreichholz an, leuchtete in die Finsternis hinein, streckte den Kopf ... den Körper weit vor und schnellte zurück. Sein Gesicht war bleich geworden. Eine Speischlange, ein sehr giftiges Reptil, saß mitten im Zelte und zischte ihn an; in unmittelbarer Nähe des unheimlichen Tieres hatte er mit der Kette hantiert. Sein Schrei nach Feuerbränden, nach einer Flinte gellte durch die Nacht. Jobst brachte schnell beides und tötete mit einem Bana-Bunduki-Schuß die Natter, die sterbend ihr Gift verspie. Der Pavian, der vor Giftschlangen einen gewaltigen Respekt hat und mit scharfem Instinkt ihre Nähe wittert, graute sich noch vor dem Kadaver und flüchtete mit Geschrei. Plötzlich stand Simba da, schlotternd wie Espenlaub, griff den Affen und zauste ihn derb. Sein Herr versetzte ihm eine Ohrfeige: »Du Lump, warum kneifst du den braven Kerl, der mich rettete? Komm her, mein Herzensjunge!« Basse wurde von Stunde an angesehen und hochgeehrt und hatte eine Reihe von guten Tagen, die er leider nicht zu vertragen verstand. – Die Handelskarawane hatte einen großen Teil von Ruanda bereist und etwas Elfenbein bekommen. Das Gerede der Watussi, da oder dort seien viele und große Zähne, war Phantasie oder Flunkerei gewesen, denn der Neger gibt aus Schlauheit – um ein Geschenk zu erhalten – stets die Antwort, die der Weiße am liebsten hört. Jobst rümpfte die Nase: »Dieses Ruanda ist in meiner Achtung gesunken... ich sende einen Boten an den Sultan, ob unser Besuch Seiner schwarzen Majestät angenehm sei.« Die echt afrikanische Antwort lautete: »Komm nur und bringe geziemende Geschenke mit, ein Martinigewehr fehlt mir.« Über grasreiche, baumlose Höhen stieg der Weg hinauf zu der in Wahrheit hohen Residenz, die 1700 Meter über dem Meere liegt. Hunderte von sauber geflochtenen Hütten bedeckten das Hochplateau und bildeten die Hauptstadt. Die Längsten der langen Watussi hausten hier. Vor dem Orte war ein langes Viereck von Riesenkriegern mit Goliathspeeren aufgestellt, offenbar die Leibgarde des Sultans, die Reih' und Richtung hielt, urplötzlich mit gestreckten Lanzen sich in Galopp setzte und in wilder Attacke auf die harmlos heranspazierenden Elfenbeinhändler losstürzte. Ein verteufelt unsympathischer Moment! Jobst und Erb nahmen ihre Flinten und erwarteten festen Blicks und scharf geladen die Gigantenhorde. Mit gellendem Geschrei, mit einem Male, mit der exakten Präzision eines preußischen Grenadierregiments machte das Ganze Halt und hob die Lanzen zum Salut, kaum fünf Schritt vor den Weißen, die sich nicht bange machen ließen. Die Gardisten wollten durch das bedrohliche Manöver imponieren, aber durch die Scheinattacke auch sehen, ob die Europäer Courage im Leibe hätten. Die Deutschen hatten den Manöverscherz der Watussi richtig verstanden, wurden freundlich begrüßt und in den Ort geleitet. Doch wurde ihnen sofort eröffnet, daß sie bei dem Sultan, der nicht alle Tage und nicht jedem Sterblichen sein erhabenes Antlitz zeige, erst übermorgen Audienz bekommen würden. Ein Platz vor dem Orte wurde ihnen als Lager zugewiesen. In einem weiten Kreise um das Lager herum standen schwarze Posten. Als man fragte, was die Aufpasserei bedeute, erklärten die Watussi höflich-diplomatisch, es sei keine Überwachung, sondern die bei ihnen übliche Ehrenwache, die verhüten solle, daß die Gäste von neugierigen, kindischen oder diebischen Wahutu belästigt würden. Jobst sagte leise: »Die Kerle argwöhnen, daß wir in geheimer Mission das Land bereisen. So sind wir wenigstens gegen Spitzbuben gesichert.« Und just in dieser von der schwarzen Wach- und Schließgesellschaft bewachten Morgenfrühe hat ein ungemein frecher Diebstahl das ganze Lager in Aufregung versetzt. Erbenheims goldne Uhr und Kette war aus dem Ledertäschchen am Bette verschwunden. Der Dieb war ins Zelt gekrochen, während der Herr schlief, hatte die Uhr geklaut und mußte ein orts- und zeltkundiger Mensch sein. Die Fußspuren vor dem Zelte wurden gemessen. Simbas großer Fuß paßte in die Stapfen hinein. Die Träger freuten sich, daß der Schuldige gefaßt sei, und schrien: »Simba hat schon früher gemaust und ist der Schurke... Bana, sollen wir ihn halb oder ganz tot schlagen?« Erb beobachtete den Beschuldigten, der nicht unter Tränen seine Unschuld beteuerte. Nein, der Bengel hatte ein finstres, bösartiges Gesicht, funkelte mit den Augen und schwieg verstockt. »Sieht er nicht aus, wie das leibhaftig böse Gewissen?« sagte Jobst, »wir wollen ihm zehn Stück auf den Rücken zählen, um die Zunge zu lösen.« Simba schleuderte gelbe, giftige Blicke und – schwieg. Der vergnüglich grinsende Profoß ließ die Lederpeitsche zur Probe durch die Luft zischen, vier Träger packten als freiwillige Helfer den Delinquenten. Erb biß sich auf die Lippen und dachte plötzlich an seinen eignen Indizienbeweis, auch flüsterte Fatima: »Herr, warte noch, bis es gewiß ist!« Der erste Schlag klatschte auf den nackten Rücken. Da sprang der Bana dazwischen und donnerte ein Halt. »Wir müssen erst den Verbleib der Uhr, den Versteck oder Käufer feststellen und die Exekution verschieben.« Erb legte dem Boy, der wahnsinnig die Augen rollte, die Hand auf die Schulter und bat ihn, zu sagen, ob er die Uhr genommen habe oder nicht. Simba schleuderte glühende, giftige Blicke, biß die Lippen und die Worte heraus: »Ich habe keine Uhr gestohlen.« Alle wurden einer Leibesvisitation unterworfen, die Schurze, die Wollhaare der Träger wurden durchwühlt – ohne Erfolg. Der Pavian ahmte das nach, griff einem Neger von hinten ins Haar und riß ihm einen Busch Wolle aus. Der Herr schalt den Unnütz. Basse schmiegte sich reuig an seinen Bana, was ihn aber nicht hinderte, einem Träger den Tabaksbeutel heimlich aus dem Schurz zu ziehen. Als der Diebstahl bemerkt und der Affe mit Hallo verfolgt wurde, kletterte er auf einen Baum, öffnete den Beutel und schüttete den Inhalt über dem Kopfe des Bestohlenen boshaft aus. Da gab es Schläge. Jobst schaute seitwärts. »Du bist als Pädagoge nicht groß, auch den Niggerbengel hast du verzogen.« Erb nickte traurig. »Simba ist in der letzten Zeit ein andrer geworden, finster, verschlossen, mürrisch. Manchmal blickt er mich verstohlen mit einem Blicke an, daß ich mich fürchten könnte. Was ist mit ihm vorgegangen?« »Sehr einfach! Der Bengel ist auf Abwege geraten und hat ein böses Gewissen. Morgen soll er seine Hiebe haben, bis er bekennt.« »Ist das nicht die mittelalterliche Foltermethode, die man in neuer Auflage in Afrika anwendet, um ein Geständnis zu erzwingen?« »So ungefähr! Meinetwegen aber gib ihm statt der Prügel fünf Rupien, du deutscher Michel!« Am Nachmittage kam Fatima angelaufen und angeschrien: »Herr, hier ist die Uhr!« »Wo... wo hast du sie...?« »Unter der Schirmakazie drüben.« »Meinst du, daß Simba sie dort versteckt...?« »Das meine ich nicht, denn sie lag ganz offen auf der Erde, als wenn sie verloren wäre... du hast sie wohl verloren?« »Nein, nein!« Die Geschichte wurde immer mysteriöser. »Sollte er sie weggeworfen haben, um nicht im Besitz der Uhr erwischt zu werden?« »Das glaube ich auch nicht.« Die Dirne überlegte und lächelte pfiffig. »Laßt uns die Uhr in die Ledertasche legen und abwarten, ob sie wieder gestohlen wird. Ich lege mich auf die Lauer und passe gut auf, und wenn es vierundzwanzig Stunden dauert.« Keine zwei Stunden lag die Späherin im Hinterhalt. Ein hüpfender Schritt verschwand im Zelte. Der Affe hielt in den Fingern die Kette und die baumelnde Uhr und wollte mit dem blanken Spielzeug verduften, als Fatima den Uhrendieb verhaftete. Da erhielt der Pavian Kettenhaft für sein Verbrechen. Erb war froh und doch betrübt, setzte sich in einen Stuhl und sann. Sein Gesicht wechselte plötzlich die Farbe, sein Blick wurde groß und ging in weite Ferne, nach Hause. Waren Affen wie die Elstern, hatten sie die üble Gewohnheit, blanke Sachen als Spielzeug zu nehmen? Hatte er nicht, als der Ring gestohlen wurde, im Wohnzimmer des Herrn Engel, während dieser fortging, um Hustenpastillen zu nehmen, mit dem zahmen Affen des Prinzipals gespielt? Er ... und auch der Affe war im Zimmer gewesen. Ihm schwindelte. Nein, nein, das war Unsinn. Ein verschleppter Ring wäre im Laufe der Wochen gefunden worden. Einer der Domestiken war der Dieb und der Dienstmann der Hehler gewesen. Erb rief Simba; denn an dem Burschen hatte er etwas gut zu machen. Wo steckte der Boy? Er sollte doch nicht aus Furcht vor den Schlägen der afrikanischen Folter desertiert sein? Simba ging unten im Sumpfe, hielt das merkwürdige Gerät in der Hand und stierte mit den wilden Augen hin und her auf den sonnigen Grund, als wenn er etwas suche. Als er gegen Abend zurückkehrte, rief ihn sein Herr und redete herzlich: »Deine Unschuld ist an den Tag gekommen ... hier sind fünf Rupien, kaufe dir etwas!« Der Bursche glupste vor sich hin und guckte flüchtig den Herrn mit den giftigen Augen an. Als die Hand mit den fünf Rupien sich ausstreckte, kehrte er sich kurz um und ging trotzig, ohne das Schmerzensgeld zu nehmen, hinaus. Fatima hatte ein mitleidiges Herz, sah Simba unter einer Rizinusstaude vor einem Topfe Brei sitzen; er machte mit den Fingern nach Negerart Klößchen, die er aber meist nicht in den Mund schob, sondern einem Watussihunde hinwarf. »Du bist kein Dieb, sei wieder brav und guter Dinge, mein Simbalein!« Der Bursche stierte in den Topf und schwieg. »Du hörst wohl schlecht auf deinem Einohr?« Er knirschte: »Ich kann nie wieder guter Dinge sein.« »Warum nicht?« »Du, du weißt es.« Er funkelte sie mit den Lichtern an, daß sie aus Furcht einen Schritt zurücktrat. »Ich frage dich zum letzten Male... willst du mich etwas lieb haben?« »Hab' doch eine schöne Negerin mit hübschen Locken und breiten Lippen, die ein treffliches Küßzeug sind, lieb ... oder eine fadenlange Watussischönheit.« Der Schalk ging mit ihr durch, und das verbitterte Simba in seiner verzweifelten Stimmung. Er sprang hoch und sie fluchtbereit zurück. »Warum willst du mich nicht lieben?« Mit wildem Blick verschlang er ihre geschmeidige Gestalt. »Ich kann nun einmal dich und dein Einohr, deinen Kahlkopf und deinen Froschmund nicht lieben.« Von Skorpionen gestochen, geiferte er: »Du dumme Geis liebst den weißen Bana.« Leise seufzte sie. »Ja, kannst du es lassen, mich zu lieben, kann ich es lassen, ihn zu lieben? Was zürnst du mir um meines Leidens willen, das du selber hast?« »Ich hasse dich, du Hexe, ich töte ihn, den weißen Teufel!« zischte Simba und stürzte in das dunkle Dickicht hinein, von den Furien der Eifersucht gehetzt. Der Schwarze hat, wenn seine Wildheit erwacht, satanische Züge. – Die Herren saßen lange am Feuer und schmiedeten Zukunftspläne, wie sie ihr bißchen Elfenbein nach Tabora bringen wollten, um das Elfenbeingeschäft, das kein Geschäft war, aufzugeben und die zentralafrikanische Salzhandelskompagnie zu begründen. Fatima warf sich plötzlich zu Erbs Füßen hin und weinte: »Lieber Bana, sei vor dem Boy auf deiner Hut, denn er ist böse und ein Teufel geworden.« »Sei ruhig, mein Kind, ich habe den geladenen Browning im Gürtel.« »Aber nachts, wenn du schläfst?« »Schläft die Pistole neben mir.« Erb begab sich zur Ruhe und betrat mit aller Vorsicht sein Zelt, rieb ein Streichholz, zündete das Licht an und leuchtete nach allen Seiten. Gar nichts Verdächtiges sah er, auch nicht das grelle, grausige Raubtierauge, das durch das winzige Loch der Zeltwand lugte. Ein Liedchen summend, zog er die Stiefel, die Kleider aus. In seiner raschen Art warf er mit der einen Hand die Bettdecke zurück, um mit der andern das Licht zum Löschen zu nehmen. Da taumelte er entsetzt zurück, stolperte – stürzte – war durch seinen Fall in der Gewalt des grausigen Feindes. Ein Rascheln, Zischeln, Züngeln! Die Schlange, die im Bette zusammengerollt lag, schnellte wütend empor, glitt vom Bett herunter, fauchte mit der vor Wut vibrierenden Zunge, eine Sekunde lang im Zweifel, wo sie die Giftzahne am tiefsten und tödlichsten hineinschlagen solle. Ein Gebrüll gellte. Eine dunkle Gestalt flog durch den Eingang, fiel über Erb hin, den weißen Herrn mit dem schwarzen Körper deckend, und schlug die Puffotter nieder. Mit einem unsichtbar schnellen Griff war die Natter von dem Sperrholz gepackt, und ihr jappender Kopf saß fest in der Holzzange, daran der giftige Geifer herunterfloß. Der Bursche köpfte die Schlange mit dem Messer und warf den eklen Kadaver hinaus. Sobald Erb das Grauen abgeschüttelt hatte, sagte er mit tiefer Rührung: »Du braver Kerl, ich habe viel an dir gut zu machen. Ohne dich wäre ich tot. Simba! Ich will für deine Zukunft sorgen... ich möchte dich froh machen... warum blickst du so finster, so feindselig? Mein wackrer Schlangentöter!« Er wollte Simba auf die Schulter klopfen; doch dieser prallte wie vor einem Skorpion zurück und stierte auf den Grund. Mein armer Boy, was ist dir? Was soll ich ... ?« »Du sollst mich totschlagen, du sollst mich auf der Stelle am höchsten Baum aufhängen lassen.« Simba sprach hart und trotzig. Der Herr sah die rollenden Augen im schwarzen Gesicht und dachte entsetzt: Er ist wahnsinnig geworden! »Du hast mich vor dem schrecklichen Tode bewahrt, und ich sollte dich töten, mein armer, kranker Boy?« »Ich ... ich habe die Giftschlange ... in dein Bett gelegt ... schlage mich tot!« Der Neger stand nach dem gräßlichen Bekenntnis ganz starr, auch der Herr war wie gelähmt, bis er aufschrie: »Es ist zu ungeheuerlich ... und rein unmöglich ... du sprichst im Irrsinn.« »Hast du nicht gesehen, daß ich das Sperrholz, darin ich die Otter fing und in dein Bett trug, noch in der Hand hatte? Schau dir das Loch dort an, das kleine, runde im Zeltkanvaß, dahinter mein Auge lag, um zu beobachten, wie die Natter dich biß... willst du jetzt glauben meinen Beweisen und Befehl geben, mich zu töten? Denn ich muß sterben, Bana.« Erb erbleichte, erschauerte und stöhnte: »Warum hast du mich, der es so gut mit dir meinte, so heimtückisch und teuflisch morden wollen? Weil ich dich irrtümlich des Diebstahls bezichtigte ...? Das hat dich zum Satan gemacht?« »Nein, nein, Fatima machte mich toll und besessen, und du nahmst mir die Dirne, die ich liebte. Rufe den Profoß und laß mich binden!« Der weiße Herr warf sich in den Stuhl, denn seine Knie knickten und alles fing an zu kreisen. Lange begrub er das Haupt in den Händen, während der Neger reglos glupste. Er fühlte nicht nur einen Schauder vor der mordbereiten Eifersucht des Wilden, die er ohne Wissen und Willen erweckt, sondern auch einen quälenden Selbstvorwurf, den er nur als ein zu viel an Freundlichkeit, ein zu wenig an Vorsicht bezeichnen konnte. Zuletzt aber fühlte er nichts als ein unendliches, wehmütiges Erbarmen. »Simba, durch Einbildung, irren Wahn und blinde Leidenschaft wärest du um ein Haar zum Mörder an deinem Herrn geworden. Ich habe dir die Dirne nicht genommen ... Fatima war mir nicht, was deine Eifersucht wähnte, und wird es nimmer sein. Mein Wort ist Wahrheit.« Der ganze Körper des Boys zuckte, und er ächzte: »Ich weiß, du bist der Lüge so feind, wie das Wasser dem Feuer ... Fatima soll nicht in deinem Harem wohnen?« »Du armer Tor, ich habe keinen Harem und werde keinen haben.« Simba warf sich zu den Füßen seines Bana, wühlte in der Erde und biß sich die Hände blutig, raste und schrie: »Schlage mich tot, ich bitte dich, schlage mich tot! Ich muß für meine Schurkerei sterben.« »Nein, du hast mich im Wahnsinn töten wollen und in der Besinnung mein Leben gerettet.« Der Bursche schluchzte, heulte: »O, es war ein Befehl des Teufels, daß ich die Otter fangen und ins Bett legen mußte ... als ich aber durch das Loch die zischende Schlange und dein weißes Antlitz sah, mußte ich an deine Güte und Großmut denken, und ich hörte den Befehl Allahs: Dein Bana darf nicht sterben. Da flog ich hinein und fing die Natter.« Auch in der Brust dieses armen, in Unwissenheit und Schmutz aufgewachsenen Negers waren zwei Seelen, die miteinander rangen. »Mein Simba,« sagte der Herr weich, »ich sehe deinen schrecklichen Seelenkampf und deine dich zerfressende Reue ... was in dieser Nachtstunde geschah, soll keiner wissen außer dir und mir ... ich vergebe dir nicht nur deinen Wahnsinn, ich vertraue dir wieder ... du kannst deine Decke holen und dich hier im Zelte hinstrecken, während ich im Bett auf einem frischen Bezug ruhig schlafe.« »Bana, du bist ein Gott und ich ein Teufel! Auf meiner scheußlichen Tat steht der schimpfliche Tod ... ich muß am Stricke sterben.« Der Boy zerwühlte und zerkratzte sein schwarzes Gesicht und wiederholte stöhnend, daß er sterben müsse. In ihm war ein Starrsinn, die Schuld zu sühnen, aber unbewußt wohl auch das leidenschaftliche Verlangen, vom Leben, das ihm Last und Leid war, frei zu kommen. Der Herr redete mit Güte und Klugheit, und einer kleinen List gelang es. »Für deinen dummen Streich kann ich eine Buße verlangen, nicht wahr?« »Ja, fordre, fordre meinen Kopf!« »Beileibe nicht, denn ein toter Boy ist keinen Heller wert. Ich fordre als Buße, daß du mir treu und ehrlich zwei Jahre lang dienst... für Kost und Lohn.« Simba gab zögernd das Versprechen, aber er gab und hielt es. Wo fände man wohl einen Weißen, der nach solcher Untat seinen Diener nicht gepeitscht und zum Teufel gejagt hätte? Wer sucht die rätselhafte, an Widersprüchen reiche Negerseele zu ergründen? Jobst erfuhr nichts von dieser Nacht, sagte aber sehr bald: »Was ist mit deinem Leibburschen vor sich gegangen? Der Bengel ist ja ein ganz anderer Mensch geworden, ernst, still, in sich gekehrt, fleißig und aufmerksam ... hast du ihn mal gehörig verwichst, daß solch ein Wunder geschehen ist?« Simba grinste und schwatzte nicht mehr zur Zeit und Unzeit und ging verschlossen und stumm seiner Arbeit nach. In seinen freien Stunden hockte er abseits auf den untergeschlagenen Beinen, kopfhängerisch und versonnen, als wenn er ein unlösbares Rätsel zu lösen versuche, und sogar die geliebte Stummelpfeife ging ihm aus. Wie ein Hund, der in der Wut seinen Herrn gebissen hat, schämte er sich, wie eine scheue Hyäne schlich er einher und konnte seinem Herrn nicht in die Augen sehen. Welche Konflikte und Kämpfe wühlten und wurmten in dieser elenden Niggerbrust! Wenn Fatima vorüberging und nach dem scheuen, seltsamen Burschen ein wenig schielte, kehrte er den Kopf hinweg, um ihre Süße und Schönheit nicht zu sehen, um vom Gift nicht berauscht und vom Wahnsinn nicht befallen zu werden. Als sie ihn einmal freundlich lächelnd ansprach, guckte er sie so glühend-gräßlich und furchtbar-finster an, daß ihr angst und bange wurde. Die Afrikaner behaupten fast einstimmig, daß der Neger absolut kein Gewissen hat, daß ihm für Schuldbewußtsein und Dankbarkeit sogar die Worte und Begriffe fehlen. Das ist leider die Regel, die aber Ausnahmen hat. So haben Livingstones Diener mit beispielloser, germanischer Treue und mit unsäglicher Mühe den Leib ihres toten Herrn bis zur Küste getragen. Erbenheim sah, wie sein schwarzer Boy mit sich selber litt und stritt, und wollte ihn aufmuntern. »Weißt du nicht, daß die Weiber sind wie das Wetter der Regenzeit, das alle Tage sich ändert? Weißt du nicht, daß manch eine am Abend heißhungrig aß, was sie am Morgen leckermäulig verschmähte?« »Die schöne Fatima ist nicht das Schlimmste, sondern die Schlange ... die Schlange sitzt in meiner Brust und bohrt und beißt ... Bana, es ist Allahs Befehl, daß ich sterben ... für dich sterben muß.« Elfter Abschnitt Die Audienz am Sultanshofe von Ruanda sollte um acht Uhr stattfinden; die afrikanischen Fürsten lieben die frühen Empfänge der Hitze wegen. Jobst befahl seinem Neffen mit der ernstesten Miene, den grellbuntesten Langschal, der in den Vorräten sei, sich als Schärpe umzubinden, seinen Korkhut mit knallrotem Tuch zu umwinden und drei Straußfedern als wehende Krone darauf zu setzen. Erb, im Glauben, daß der Alte ihn wieder mal veralbern und auslachen wolle, erwiderte patzig: »Ich werde mich nicht zum Affen machen, wenn du dich aber dazu berufen fühlst, so will ich dir gern zwei Schärpen umbinden, auch das Löwenfell dir über den Rücken hängen und mit den Büffelhörnern dein Haupt schmücken.« »Ja, ich werde mich wie einen Pfingstochsen aufputzen und dich auch ... das ist mein heiliger Ernst. Weißt du noch nicht, daß alle kindischen Leute einen Menschen nach seiner Pelle und seinem Aufputz beurteilen und bewerten? Auf die dreckigen Negerkönige macht ein schlichter Europäer keinen Eindruck ... nur einen scheußlich geschmückten Herrn halten sie für einen Mann von Rang und Reichtum.« Die beiden warfen sich in afrikanische Hofgala und lachten einander aus. Jobst hüllte sich in einen goldverbrämten Araberkaftan, wickelte ein Tuch zum Turban und einen Schal zum Gürtel. Erb zierte sein Haupt mit den Straußenfedern und hängte auf dringendes Zureden das Löwenfell über die Schulter, um als Bana Simba – als Löwentöter – vorgestellt zu werden. Nach einem Blick in den Handspiegel bekam er einen Lachkrampf. Der Oheim, der wie ein Kümmeltürke aussah, drohte: »Daß du mir ein würdevoll feierliches Gesicht machst, als wenn du in Potsdam empfangen werden solltest!« Fatima durfte leihweise von den Stoffen und Perlen nehmen, was ihr beliebte, nähte, schmückte und spiegelte sich von fünf Uhr an und war pomphaft wie eine orientalische Fürstin gekleidet. Sie sollte auch mit zur Audienz, um das Gefolge zu verschönern und den Harem, der einem Grandseigneur Afrikas nicht fehlen darf, würdig zu repräsentieren. Der Zug setzte sich in Bewegung, ein langer Trägeraufseher, der allerdings neben den längsten Watussi nur ein Kind und Knabe war, ging mit schwarzen, nackten Storchbeinen, aber mit einer Husarenjacke bekleidet und mit einem Flitterstabe voran, um den Herold vorzustellen. Bana Bunduki und Bana Simba, und was eine Flinte tragen und als Kriegsheld gelten konnte, folgte mit gravitätischem Schritt. Die größten Hütten waren zu einem Komplex zusammengebaut und mit einem verandaartigen Vorbau versehen. Das war der Sultanspalast. Auf dem freien Platze davor stand die lange Leib- und Riesengarde und machte ein mordsmäßiges Trommelgetöse und Rohrpfeifengequietsche, die Gäste zu ehren. Das gemeine Volk war abgesperrt, ganz wie bei uns. Hinter der Garde stand die Kindheit und Jugend Ruandas, hinter den Türmatten lugten die neugierigen Augen der Frauen, die sich nicht sehen lassen durften. Auf der Veranda des Palastes standen in der Landestracht, dem Rindenschurz, aber mit Flußpferdzähnen und ähnlichen Zieraten geschmückt, etwa sechzehn Watussiherren in höchst würdevoller Haltung. Das waren die hohen Würdenträger des Zweimillionenreichs, die Staatsminister, Staatssekretäre, Oberhofmarschälle und Geheimräte des Sultans. Einer, dem das Unterbringen seiner ungeheuren Beine viel Unbequemlichkeit bereitete, saß auf einem Wiener Stühlchen, wie ein Riese auf einem Zwergpony, der mit seinen Pedalen in böser Verlegenheit ist, und balancierte so unsicher auf dem schmalen Sitz, daß man in steter Angst vor einer Katastrophe war. Der auf dem Wienerstühlchenthrone saß, mußte Seine Majestät der Sultan Jehu sein. Der Dolmetscher trat in die Mitte. Jobst in seinem Kaftan verneigte sich leicht, ließ seine Geschenke, gute Stoffe, ausbreiten, um diese für sich reden zu lassen. Sie führten leider keine rechte Sprache, denn der Sultan sah sie flüchtig, fast verächtlich an und sagte: »Wir schätzen die Landestracht höher als allen fremden Firlefanz und bleiben bei unsrem durablen Rindenzeug. Flinten freilich, die von hinten gefüllt werden, und Flintenfutter nehmen wir gern.« Das war sehr vernünftig gesprochen, aber nicht sehr vorteilhaft für die Weißen, die schwerhörig taten. Das folgende Gespräch drehte sich um das Wetter, ganz wie bei uns, und war genau so geistreich. Dann um das Woher und Wohin, wobei die Würdenträger die vorstehenden Ohren nach vorn klappten. Da erhob sich der Sultan, was beängstigend aussah, zwei Minister mußten ihm unter die Arme greifen und ihn auf die Füße stellen. Nun stand er, 2,20 Meter lang, jedoch ein alter Mann mit eingefallener Brust und Wange, gekrümmtem Rücken, spindeldürren Beinen, mehr eine Bohnenstange als ein Goliath. Die Watussi schienen nach der Elle ihren König zu küren, ohne Rücksicht auf die Breite und Fülle. Der König ließ drei schöne Rinder vorführen und sich nicht lumpen. Das war ein königliches Geschenk. »Wir müssen wohl die alte Winchester, deren Schloß schlecht funktioniert, springen lassen,« meinte Erb beschämt. »Noch nicht!« brummte es neben ihm. Jobst fragte, ob hier viele Löwen, Giraffen und Büffel seien, und dachte an die Elefanten. Nein, blitzwenig Großwild, die Löwenjäger möchten nur fern von Ruanda bleiben und die Elefantenjäger erst recht, denn die paar Löwen töteten die Watussi selbst und die paar Elefanten seien längst tot. Der Sultan bewirtete seine enttäuschten Gäste, ließ Maisstrohzigarren und ein sorbetähnliches, schlampiges Getränk servieren. Die Deutschen mußten wie die Türken auf ihre eigenen Beine sich setzen, da der eine Wienerstuhl als Thron reserviert war. Auf deutsch äußerte der alte, erfahrene Afrikaner: »Laßt uns eine Flasche Rum aufbrechen, um den langen Laban gesprächiger zu machen.« Die diplomatische Rumflasche hatte eine solche Wirkung, daß der Alte sich selbst einen Esel nannte. Beim Anblick des Niggertods nämlich runzelte Jehu die dünnen Brauen, riß Augen und Mund auf und redete: »Wir trinken das Feuerwasser nicht und haben bei unsrer höchsten Ungnade allen Watussi verboten, das Zeug zu saufen.« Jobst schüttete schnell die Flasche aus, um den König, der ein rabiater Temperenzler war, zu versöhnen, denn er wußte, daß jede Zerstörung von Alkohol den Alkoholfeind froh und freundlich stimmt. Schließlich bot der Sultan eine Partie Lewakautschuk an, die Jobst nicht kaufen, sondern nur als Geschenk annehmen wollte, wenn er sich mit der obigen alten Flinte revanchieren dürfe. Also endete die Audienz mit eitel Wohlgefallen und einem gegenseitigen, großmütigen Austausch von Geschenken. Ein Würdenträger, der mit zwei Flinten, einem Speer und zwei Messern bis an die Zähne bewaffnet und wohl der Kriegsminister oder Generalstabschef von Ruanda war, ein muskulöser Goliath, hatte fortwährend die glänzend aufgeputzte Fatima mit den Augen gefressen; und sie beantwortete die Huldigung des schwarzen Herrn mit einem koketten, keuschen Aufschlag der Gazellenaugen. Der Kriegsminister gab den Gästen das Geleit, schielte nach dem Mädchen und sagte ganz plötzlich und unverfroren: »Freund, was forderst du für das Weib?« Fatima flüchtete sich entsetzt hinter Erbs Rücken. Jobst aber lächelte in den Bart. »Was willst du geben? Wie viele Zähne?« »Drei gute Stoßzähne.« Der Alte überlegte scheinbar und plierte verschmitzt. Da faßte Simba seinen Herrn am Arm und flüsterte eifrig: »Verkaufe sie, Bana, verkaufe sie! Dann haben wir Ruhe.« »Sie ist ja nicht meine Sklavin, sondern eine Freie, die ich nicht verhandeln darf, selbst um deiner Seelenruhe willen darf ich es nicht.« Jobst verlangte dreißig Zähne, worauf der Kriegsminister kalt ihm den Rücken kehrte.– – Die Elfenbeinhändler kamen bis an Ugandas Grenzen und in ein Dorf, wo die sonst so regen Waganda mit glanzlosen, dösigen Augen vor den Hütten lagen und seufzten: »Ja, wir sind krank, viele der Unsren schlafen Tag und Nacht, und viele sind gestorben.« Der Würgengel Afrikas, die furchtbare Schlafkrankheit, war in dem unglücklichen Dorfe. Die Deutschen lugten in die Hütten des Jammers. Da siechten und schliefen sie zu Hunderten, von der scheußlichen Glossinafliege gestochen, von dem entsetzlichen Gifte infiziert, dem gewissen Tode entgegen. Ein langsames, grausiges, großes Sterben! Und die Hyänen umheulten das Dorf, schlichen sich nachts in die Häuser und fraßen die Todkranken, die sich nicht wehren konnten. Die beiden Deutschen machten eine Treibjagd auf Hyänen und schossen 122 der ekelhaften Aasfresser. Der junge Afrikaner, der seine neue Heimat lieb hatte, klagte: Wälzt sich der Fluch, den Ham empfing, durch die Jahrtausende? Hunderttausende arme Neger, von unsrer Küste bis zur Kongomündung, schlafen sich zu Tode, von einer Fliege gefällt. O, eine Tragik waltet über diesem Erdteil, der von verheerenden Plagen und Nöten, von ungeheuren Krankheiten und Katastrophen wie kein andrer heimgesucht wird! Am nächsten Tage stand er am Gestade des Viktoria Nyansa; sein Auge schweifte entzückt über das glänzende, größte Binnenmeer der Erde. Auch die Schönheiten Afrikas haben, wie seine Übel, gigantische Maße. Welch ein Süßwassermeer, das 1200 Meter über dem Meere liegt! Dieses ungeheure Becken ist das von Gott gebaute Wasserreservoir des Nils und seiner segensreichen Überschwemmung. Dem Viktoriasee verdankt Ägypten die reichen Ernten der Jahrtausende, diesem Kunstwerk der Natur verdankt die Menschheit die erste Kulturstätte der Erde, die Tempel der Pharaonen und den Königsbau der Pyramiden. Und dieser Nyansa ist zur Hälfte deutsch ... dieses endlose, reiche Gebiet ist deutsches Land und deutsches Wasser, daran der wanderfrohe Germane noch seine helle Freude und einen Schatz der Zukunft haben wird. – Ruanda wurde auch nach dem Westen bis zum Kiwusee durchquert. Einige Meilen von der Residenz traf man zufällig den Kriegsminister, dem der joviale Jobst einen schönen Gruß an den Sultan Jehu auftrug. »Was redest du?« lachte der lange Mtussi und wollte sich vor Gaudium ausschütten, »welchen Sultan? Ihr habt ja den Sultan Jehu, der sich nicht von jedem Weißen begaffen läßt, gar nicht gesehen ... der Mann, den ihr für den König hieltet, ist der vertraute Ratgeber des Herrschers und nicht mehr als ich.« »Himmelkreuzschwerenot! Was habt ihr Kerle uns, zwei königlichen Deutschen, vorgeschwindelt.« »Wir haben nichts gesagt, ihr, ihr habt ihn zum Sultan gemacht und Herr Kaiser tituliert, wir ließen euch gewähren und lachten uns ins Fäustchen.« »Und warum ließet ihr uns in dem Glauben?« »Um eure Absicht und euren Auftrag zu erkennen, denn ihr waret nicht wie Deutsche, sondern wie die Araber und Küstenaffen aufgeputzt.« Jobst bat freundlich den Kriegsminister, des Teufels Großmutter zu grüßen, und wandte sich an seinen Schüler. »Au, da sind wir die Dummen gewesen und diese Nigger die Diplomaten, die erforschen wollten, ob wir mit einer geheimen Mission betraut oder einfältige Elfenbeinjäger seien. Na, an unsrer Einfalt werden sie nicht mehr zweifeln.« – In einem langen Aufstieg erreichte die Karawane – einen See, den einzig- und großartigen Kiwusee, der nicht weniger als 2500 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Ein wunderbares Bild bietet dieser See, der durch den Kranz seiner Berge und Vulkane gewaltig, aber durch den Reichtum seiner Inseln, Buchten und Föhrden überaus anmutig wirkt. Eine Fülle von Fischen, vom feinen Forellchen bis zum siebzigpfündigen, faul-gefräßigen Wels, wimmelt in seinen Fluten, daß man die flinken Flossenruderer fast mit den Händen greifen kann. Eine so bunte, in unzähligen Arten vertretene Vogelwelt, wie sie Erb nie geahnt hatte, fliegt und flattert, zwitschert und schnattert, kreischt und klappert an seinen Gestaden. Der junge Afrikaner konnte sich nicht satt schauen an den Wundern, an dem Weben und Schweben, Schalten und Walten dieser überreichen und -regen Tierwelt. Der alte kannte und nannte sie alle mit ihrem Taufnamen, die Edel-, Fisch- und Kuhreiher, die Ibisse, Nilgänse, Pelikane, Störche und den sehr seltenen Sekretär mit dem prachtvollen Gefieder. Im See standen die dicken Welse, schlugen, nach kleinen Fischen jagend, klatschend das Wasser und gaben im Eifer einen schmatzenden Laut von sich, als laufe ihnen schon das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der Beute, des leckren Forellengerichts. Aber auch die großen, brutalen Raubfische fanden ihren Mann und wurden gefressen. Ein Seeschreiadler stieß nieder und flog hoch mit einem meterlangen Wels in den Fängen. Frösche quakten, Tauben gurrten, der braune Kuckuck kullerte. Und Erb rief den Propheten an: »Kuckuck, wie lange soll ich in Afrika leben?« O, das kuckte und kullerte wohl dreißigmal. Der Frager wurde dessen nicht unfroh und hätte hier am Kiwu gern fünfzig Jahre Hütten bauen, pflanzen und pirschen mögen. Der Adler schrillte, zu Tausenden schrien die Nilgänse, und leise knarrten die streichenden Reiher; völlig regungslos starrte der Schattenvogel ins seichte Wasser mit orientalischer Geduld und Gier. Hunderte von Flamingos schliefen auf einem Ständer, wie zartrosarote Riesenblumen auf langem Stengel anzusehen, und machten bei jedem Windhauch eine leicht schwankende Drehung. Aus dem Wasser klang das wohlige Schnauben und Prusten der Flußpferde, das baßtiefe, wiehernde Brüllen eines verliebten Hippopotamusbullen oder -bocks, wie Simba sagte. Jobst schoß sechs Krokodile und notierte sie in seinem Schießbuche, als Totenopfer dem Gedächtnis seines Freundes dargebracht. Die Neger brachen sie auf, um das Fleisch – dem Europäer wird übel – zu verschmausen. Im Magen des einen Tiers fanden sie außer Knochen und Knöpfen eine schwärzliche Kette, die Fatima abrieb und aufgeregt bestaunte. Es glänzte wie Gold. Ehrlich brachte sie den Fund ihrem Herrn, der ihn prüfte und sagte: »Es ist ein echter, goldener Halsschmuck, den du behalten darfst, da die Eigentümerin unbekannt ist und wahrscheinlich im Bauche der Bestie ein gräßliches Grab fand.« Obgleich Fatimas Phantasie die Tragödie der Kette sich möglichst gruselig ausmalte, trug sie den seltsam erlangten Schmuck mit viel Stolz und einiger Eitelkeit. Darum warf Simba mit düstrem Blick und dumpfer Stimme die Rede hin und an ihr vorbei: »Uh–hu, die Krokodilskette bringt Unglück und Tod.« »Ein Glück, daß du kein Prophet, sondern nur ein Pavian geworden bist,« erwiderte die Zornige. – Erb ließ keine Ruhe, bis sie eine Fahrt über den herrlichen See, nur zum Schauen und Genießen, machten; ja am Nordufer erstieg er in heilloser Kletterei den 3500 Meter hohen, tätigen Vulkan Kirunga tsha gongo, auf dessen Gipfel der Enthusiast stundenlang blieb und begeistert um und unter sich blickte. »Wir Deutschen sind bei der Teilung der Erde zuletzt und zu kurz gekommen und haben dennoch nicht nur den Sand und Schund, den England nicht mochte, sondern auch einige Stückchen der Erde, die wahre Perlen sind, erhalten. Daß wir solche Alpen und Seen, Almen und Acker in Afrika besitzen, daß wir solche Kolonialländer haben, hätte ich nimmer geglaubt, und weiß zu Hause kaum ein Mensch. Wanderfroh sind wir vor allen Völkern und lange genug in überseeischen Ländern Kulturdünger für inferiore Nationen gewesen, aber unsre Kolonien auszubauen, unsre Schätze zu werten und zu verwerten, das verstehen, heiliger Michel, deine gescheiten Söhne scheinbar noch nicht.« »Sie werden erst klug, wenn sie das Schwabenalter erreichen,« sagte der Alte mit seinem schiefen Lachen. »Es kommt trotz Reichstagsmehrheit, -unsinn und Michelei der Tag, wo auf diesen Seen die Schiffe ihre Rauchschweife ziehen und zwischen Tabora und Tanganjika das Dampfroß schnaubt.« – Die Karawane trat den Rückweg an mit einer Ausbeute von dreißig Lasten Elfenbein und Kautschuk. Nach einer Kletterei durch das Gebirge des Ostufers ging es auf geradem Wege in dem scheußlich schwülen Tale des Russissi, der Kiwu und Tanganjika verbindet, weiter. Etwas Ärgeres an feuchter, furchtbarer Hitze, die das berüchtigte rote Meer in den Schatten stellt, hatte der alte Afrikaner nicht erlebt, und der junge schleppte seinen aufgelösten Körper kaum. Sein Kopf war bleischwer. Am Nordende des Tanganjika, wo nach der Tortur gerastet wurde, stand Erb des Morgens auf, taumelte beim Waschen und fiel ohnmächtig hin. Das Fieber, das ihn bisher fast verschont, schüttelte ihn gräßlich, als wenn es die versäumte Bosheit nachholen wolle. Jobst hielt trübselig seinen Kopf in den Händen, brütete und – betete, freilich eine Art von Dessauergebet. »Lieber Herrgott, ich molestiere dich nicht oft, aber da ich für den jungen Menschen, und daß er heil davonkommt, sozusagen verantwortlich bin und nicht für meine eigne Person dir die Ohren vollheule, muß ich dich mal recht schön bitten, uns beizustehen. Tust du es, so ... so will ich dem Missionar, der die Neger zu Taugenichtsen, nein, nein, zu Christen macht, fünfzig Rupien für die Mission geben.« Fatima hockte am Bettrande und wich nicht von ihrem kranken Bana, den sie mit rührender Liebe und Aufmerksamkeit pflegte. Simba raunte: »Wirf die Krokodilkette weg, die bringt Unglück!« Die Dirne erblaßte und zerrte zitternd die Kette vom Halse, um sie in den See zu werfen, konnte es aber nicht übers Herz bringen, sondern ging hin und vergrub die Kette an einem versteckten Platz, den sie sich merkte, um den unheimlichen, aber allzu schönen Schmuck wiederzuholen, wenn ihr Herr genas. Also schloß ihre Schläue ein Kompromiß mit dem dummen Aberglauben, von dem sie nicht frei war. Erbs Fieber stieg bis zu jener Höhengrenze, wo ein haarfeiner Strich der Quecksilbersäule über Leben und Tod entscheidet; ungeheure Mengen Chinin wurden in den Kranken hineingeschüttet, der Magen rebellierte und gab es wieder, der Harn wurde dunkelbraun. Da ging Jobst hinaus, um das Sterben nicht zu sehen, schlug mit dem Kopfe hin und her, wie ein Greis, und murmelte abergläubisch: »Die im ersten Jahre die reinen, robusten Tropenhengste waren und erst im zweiten die Seuche um so schrecklicher kriegten, die gingen meistens darauf... Hensen... und der lustige Piet und der Ire O'Bryan ... ein Dutzend könnte ich nennen.« Fatima berührte leise seine Schulter. »Bana Bunduki...?« Obgleich er nicht antwortete, las sie in seinem verhärmten, verzweifelten Gesicht: Es geht zu Ende. Da lief sie fort, grub die Kette aus und schleuderte sie weit in den See hinein. Es war ein rechtes und großes Opfer, das sie den guten Göttern und bösen Geistern brachte, damit ihr teurer Herr genese. Und in der Mitternacht ging die Siedehitze des Bluts plötzlich herunter, die Gedanken kochten nicht mehr über in irren Reden. Der Patient schlummerte und schlief sich gesund. Am dritten Tage saß Erb aufrecht und aß ein Hühnchen mit Reis. Das einförmige, jedem Afrikaner verleidete Essen schmeckte ihm wie ein Gericht der Könige und eine Speise der Götter. Am achten Tage ging der Genesende am Stock zum Strande hinunter, um dem blanken See und den hohen Bergen Lebewohl zu sagen. Die Fischer stiegen aus dem Boote unter heiterem Geschwätz und zeigten ihren Fang, die silbernen Schuppenträger und eine goldene Schlange, die sie mit dem Netze gefangen. »Fatima! Fatima, ist das nicht deine Kette? Wie kommt sie in den See? Hast du sie beim Baden verloren?« »Nein, hineingeworfen!« Die Dirne beichtete beschämt ihr Opfer und setzte stolz hinzu, daß es zweifellos, bald und wunderbar geholfen habe. Der gute, gerührte Bana kaufte den Fischern die Kette ab und hängte sie um den braunen Hals des hübschen Kindes. Als sie aber an dem Boy vorüberträllerte und -tänzelte, hörte sie hinter sich ein Geraune: »Uuhu–uh, ein grauenhaftes Glück, davor mir angst und bange wäre.« Von Usumbura am Nordende des Sees ging es durch das Land Urundi nach dem Malagarassi. Erb wurde meistens getragen und lächelte seiner Dienerin freundlich zu, weil es sie fröhlich machte, jedoch nie in Simons Gegenwart. Der Bursche ging stumm, traurig und verschlossen seines Weges und seinem Werke nach, war pünktlich in seinen Pflichten, aber ein Grübler und Eigenbrötler, der bei allen Freundlichkeiten seines Herrn nur scheue Antworten gab. Und dieser Mensch war noch vor Wochen ein immer lustiger, schwatzender, singender, grinsender Negerbengel gewesen. »Simba ist mir oft unheimlich, entlasse ihn!« bat Fatima, aber der Bana lehnte es sehr bestimmt ab. Am Malagarassi wurde Kriegsrat gehalten. »Der nächste Weg nach Tabora geht durch einen Teil von Uha,« begann der Oheim, »wir hätten damals den Hund von Hamia nicht laufen lassen, sondern aufknüpfen sollen. Jede Gutmütigkeit rächt sich in Afrika.« »Wir haben 32 Flinten.« »Nein, nur zwei, wenn es ernstlich gilt... diese Kerle sind keine Askaris... gerade im kritischen Augenblick müssen wir gewärtig sein, daß sie wie die Hasen davon und wie die Hammel in ihr Verderben rennen. Ob wir zwei vierhundert Waha besiegen können, muß meine Bescheidenheit bezweifeln...« »Du fürchtest die Rache der Waharäuber?« »Ich mich fürchten... fürchten!« polterte der Alte, »ich fürchte nichts, nur den guten Gott und die bösen Vorbedeutungen. Ich bin in deinen Augen ein oller Bangbüx? Jetzt justement und aufs Jurament wollen wir an Hamias Nase vorbeispazieren. Inschaallah!« Einem afrikanischen Flußlauf zu folgen, ist eine Sache, die gleich nach dem Selbstmord kommt, ist ein Klettern-Kriechen durch Unterholz, Lianen, Rohr, Schluchten, Sümpfe und andre Schrecknisse, ein wahres Gehen durch Feuer und Wasser, bald ein Braten in Sonnenglut, bald ein Waten durch Wasser und Moraste. Da ist das Reich der Moskitos und der andren blutdürstigen Bestien. Widerliche Zecken setzten sich auf Hals und Hände, saugten sich voll und hingen wie dicke, bläuliche Bohnen festgebissen auf der Haut. Riß man sie ab, so entstand eine Wunde, die tagelang schmerzte und juckte. Mehrere Träger, die dickvoll von diesen Bohnen und Blutbeulen saßen, bekamen die Zeckenkrankheit. Die Zecken und Papyrussümpfe zwangen die Safari, den Fluß zu verlassen und Uha zu betreten. Obgleich sie keinen einzigen Mha zu Gesicht bekamen, vergaß der alte Pfadfinder keine Vorsichtsmaßregel, beobachtete jeden Busch, Grasbüschel und Sandfleck, fand aber keine Menschenfährte. Die Nacht war seltsam kühl. Jobst vertrug alles, nur die Kälte schlecht, wickelte sich in die Decke und sagte: »Wollte, wir wären vierundzwanzig Stunden weiter! Morgen abend sind wir aus dem Räuberlande heraus.« Hatte der Alte eine seiner Ahnungen? Mitten in der Nacht stierte Erb schlaftrunken um sich, sein Begleiter rüttelte ihn. »Hörtest du nichts? Steh auf! Ich hörte einen Reiher, die so spät nicht schreien, knarren und dann ein Schleichen.« Sie suchten mit den Büchsen alles ab und sahen nichts Auffallendes. Es war der letzte Marschtag in Uha. Die Träger schritten rüstig aus und lobten das kühle Wetter – bei vierundzwanzig Grad Celsius. Simba trug seine Bürde und Fatimas Bündel, das er stets, ohne ein Wort zu sagen, auflud und ablegte, und ging tiefsinnig, als wenn er sein Gehirn an einem schweren Problem zermartre. Einmal ruhte sein schwarzes Auge auf dem Mädchen, als wenn er sprechen wolle, aber hastig blickte es hinweg. Am Mittage stand die Safari vor einer Schlucht mit hohen, steilen Rändern, die vom Flusse und bis weit ins Land überall unwegsam abstürzend sich erstreckte. Jobst wetterte: »Wir verlieren vier Stunden durch dieses Dreckloch, das wir umgehen müssen.« Simba zeigte stumm mit der Hand, sein Herr schwenkte den Hut. »Hurra! Hier ist eine Art von Pfad gewesen und ein Abstieg möglich, wenn wir uns anseilen.« »Jedoch drüben vielleicht nicht, und wir sitzen in der Falle.« »Wo ein Eingang, ist gemeiniglich auch ein Ausgang, wo ein Ab- auch ein Aufstieg.« Ohne Unfall erreichte die Safari den Grund der Schlucht und den Fuß des gegenüberliegenden Steilrandes, der wie eine glatte Wand aussah. Aber an einer Stelle war mal ein halsbrecherischer Pfad gewesen. Der Boy kletterte voran und hieb mit dem Beil Stufen in den harten Lehm. Die beiden Führer folgten, um mit dem Seil den anderen zu helfen. Da erscholl urplötzlich ein heulendes, höhnendes Gebrüll und Gelächter. Auf der westlichen Höhe der Schlucht wimmelte es jetzt von schwarzen Gestalten. Die Waha wuchsen da hinten wie aus der Erde... gewiß dreihundert Krieger schwangen wild ihre Speere und feuerten blinde Schreckschüsse ab. Ein dicker Neger brüllte durch das Sprachrohr der Hände: »Bana Bunduki, wir haben dich und den weißen Schakal, der ein Löwe sein möchte. Hahahaha! Ihr sitzt in der Grube wie spuckende Leoparden. Hahahaha! Weil ich, allerdings ohne meine Genehmigung, euer Gastfreund gewesen bin, töten wir euch nicht, nein bei meinem Vater und meinem Fetisch ... wir setzen euch weich und gut in einen Termitenhaufen, nachdem wir euch mit Honig eingeseift haben. Du erbleichst? Vor einer Ameise wird der große Bunduki doch nicht bange sein.« »Das ist die Satansstimme des Häuptlings und Hundes.« Erb legte auf den Schreier an, aber die Entfernung war zu bedeutend. Die Träger drängten wie eine Hammelherde auf einen Haufen. Jobst kletterte die Lehmwand hinauf, um schleunigst diesen östlichen Steilrand zu erreichen, droben war seine Safari geborgen, wie er wähnte. Er nahm mit Händen und Füßen das letzte Stück des Aufstiegs – da scholl ihm von droben dasselbe heisere Wahagebell entgegen. Zwölf Speere stießen gleichzeitig nach ihm und berührten beinahe seinen Kopf. Er konnte von den Speerträgern nichts und niemand sehen – das war das Schändliche-Schreckliche – denn sie lagen hinter großen Steinen, und seine Flinte konnte keinen aufs Korn nehmen. Ein unsichtbarer Feind ist die ärgste Teufelei. Der alte Eisenfresser wechselte die Farbe und verlor die Hoffnung, aber nicht die Standhaftigkeit und Seelenstärke. Er kehrte sich um und betrachtete weich- und wehmütig seinen Neffen, der auf einer gehauenen Stufe unter ihm stand. »Mein armer Junge, wir sitzen im Wurstkessel, der Steig ist so steil und eng, daß nur ein Mann zur Zeit hinaufkriechen kann, ein Schuß auf die Schufte droben ist unmöglich... sie werden uns drei nacheinander mit den Speeren hinabstoßen. Unser Schicksal ist besiegelt, eine Rettung weiß ich nicht. Ich hab' dein junges Leben auf dem Gewissen, ich schlechter Kerl... ich bin ja ein alter Klippenbeißer, der nur ein paar Jahre verliert und vielleicht einem lästigen Greisenalter entgeht, aber du hast noch ein volles Leben... o ... du, du darfst nicht sterben. Ich habe mit dem Herrgott nicht viele Scherereien gehabt, mein grobes Maul konnte das Spotten und Fluchen bisweilen nicht lassen, ein paarmal im Jahre war ich ein dummes Kamel, das seinen Safaridurst löschte... Gott wird gewiß ein Auge zukneifen und sagen: Alter Freund, ich habe über deine kleinen Dummheiten und Schlechtigkeiten einen dicken Strich gemacht, denn du hast an dreißig Löwen und fünfhundert Krokodile weggeputzt... aber... o mein Sohn ... aber ich habe eine alte, böse Rechnung mit Gott zu begleichen... ich vergoß das Blut meines besten Freundes ... darum sitze ich in dieser Falle... die böse Rechnung und das Blut soll ich heute mit meinem Blut bezahlen.« »Es ist unsre letzte Fahrt, mein Vater,« sagte der junge Afrikaner hart und hochgemut, »laßt uns kämpfen und sterben!« »Nein, nein, mein Plan ist: Ich klettere, soweit ich komme, fasse so viele Speere, als ich kann, mit beiden Armen und halte sie fest... du und Simon müßt die Büchsen schußfertig halten, mit größter Geschwindigkeit über mich hinwegsteigen und niederschießen, was ihr im Schnellfeuer treffen könnt. Die Kerle hier oben haben offenbar keine Feuerwaffen ... das ist die einzige Möglichkeit, einige zu retten. Still, mein Sohn! Ich bin ein alter Löwe und will nicht von den Schakalen seniler Greisenjahre langsam gefressen werden.« Der finstre Boy war der dritte in der Reihe und sagte verbissen: »Ich will mit den Waha droben verhandeln und sie überlisten... Mister, laßt mich über Euch hinwegsteigen!« Während Jobst sich noch wunderte, was der Bengel wohl ausgeheckt habe, war Simba schon über seinen Rücken geklettert, kroch katzenflink den Speeren entgegen und schrie: »Banas, haltet die Büchsen schußbereit und steigt schnell über mich hinweg! Achtung! Jetzt! Allah il Allah!« Mein Gott! Was tat er? Der junge Suaheli sprang in die Speere hinein, griff nach rechts und links nach den Schäften und stieß die Spitzen noch tiefer in die Brust. Sieben ... acht Spieße spickten seinen Körper, sein Gesicht war von dem gräßlichen Schmerz verzerrt, aber seine Fäuste und Arme hielten heroisch fest, sehr fest, was in seinem Fleische saß. In einer Zehntelsekunde waren die zwei Weißen über den todwunden Neger hinweggestiegen und gaben mit Büchse und Magazingewehr ein rasendes, auf diese nahe Distanz verheerendes Schnellfeuer. Das kleine Kaliber zersplitterte die Knochen und Schädel, vier Speerträger lagen auf dem Rücken, die andren ließen ihre Waffen, die der schwarze Winkelried noch im Sterben krampfhaft festhielt, fahren und flohen. Jobst schäumte vor Wut und holte mit seiner Kugel noch zwei Flüchtlinge ein. Die Träger unten ermannten sich und drängten die steile Wand hinauf. Fatima hatte ein Gewehr ergriffen, drohte jeden Säumigen zu erschießen und trieb die Herde vor sich her die Höhe hinauf. Die mutige Dirne bildete die Nachhut, kehrte, oben angelangt, sich um und machte eine lange Nase, um die Verfolger zu verhöhnen. Hamia nämlich und seine Leute rannten und heulten wie die Wölfe durch die Schlucht. Um seine Räch- und Raubgier zu befriedigen, hatte der Häuptling lange mit verschlagener Heimlichkeit die Safari verfolgt, hier einen Hinterhalt gelegt und den einzigen Aufstieg mit Speerkriegem gesperrt. Er hatte sich die Hände gerieben, als die Weißen in die Mausefalle hinunterstiegen und alle Gewehre bei seinem Trupp behalten, um mit Muße und Wollust ein weißes Schlachtfest zu halten. Als er zähnefletschend sah, daß der Opfertod des Suaheli einen Strich durch seine Rechnung machte, fing er an zu rennen und zu rasen, seine Leute anzuschreien und zu schlagen. Der Tobende trieb seine feigen Kerle zum Sturme an, stand vorne und vergaß, wie ein Giftreptil, das im Grimm den stärkeren Gegner angreift, die Gefahr. Jetzt war der Spieß umgekehrt und richtete seine Spitze gegen die Waha. Die Deutschen lagen auf der Höhe in Deckung und schossen in die Schlucht hinunter, Jobst lachte schief: »Den Dickwanst putze ich weg!« Der eben noch so laute Schreier Hamia lag still auf der Nase. Einige Waha fielen sofort über ihren Sultan her, rissen ihm den Schmuck und sogar den Schurz vom Leibe, in treuer Ausübung ihres Räuberhandwerks, und ließen die nackte Sultansleiche liegen. Zwölf schwarze Körper leisteten ihrem König Gesellschaft und sahen von oben aus, wie eine Strecke von großen Warzenschweinen. Fatima kniete neben dem armen Simba, der in den letzten Zügen lag und die brechenden Augen gleichwie suchend bewegte; mit dem letzten Becher labte und löschte sie seinen letzten Durst. »Du Braver, warum bist du für uns in die Speere gesprungen?« »Es war Allahs Befehl, daß ich stürbe für meinen Herrn,« flüsterte er mit schwacher Stimme, »was sollte ich leben und leiden, da ich ein einohriger Pavian bin und bleibe.« Erb beugte sich über seinen Diener und streichelte sein Wollhaar. »Mein Sohn, hast du noch einen Wunsch?« »Bana, lieber Bana, vergib mir... die Schlange... ist die ... Schlange ... tot, wenn ... ich für ... dich ... sterbe?« »Ja, du kannst mit stillem Gewissen vor Allahs Antlitz treten, ich will dir das Zeugnis mitgeben auf deine letzte Safari, daß du ein sehr tapfrer, treuer Diener, der für seinen Herrn in den Tod ging, gewesen bist.« Simon verzog das greinende Gesicht und tastete hin und her. »Was ... mir... gehört, soll Fatima haben ... ... sie ist... eine Wilde... halte sie gut, aber... fest. Allah il Allah.« Mit dem Ausruf, der des Mohammedaners Gebet, Kriegsruf, Tages- und Todeslosung ist, verschied der junge Suaheli, der mit achtzehn Jahren für seinen weißen Herrn seine Seele aushauchte. Die braune Dirne drückte einen Kuß, den sie ihm im Leben verweigert, auf den Mund des Toten und weinte zwei Tage häufig und heftig zu seinem Gedächtnis. Am dritten prüfte und sortierte sie den ihr vermachten Nachlaß, und freundlich lächelnd bot und pries sie den Trägern die Habseligkeiten an, die Jacke mit den vier Flicken von verschiedener Farbe, die Hose, aus deren Hinterfenstern das Hemd – wenn eins vorhanden war – Ausschau halten konnte, Fez und Pfeife, Bindfaden, Konservenbüchsen, als Wasserkannen geschätzt, und Krimskrams. Alles verschacherte sie, z. T. auf Kredit bis zum Löhnungstage, gerieben wie ein Küstenhindu, der die schwarzen Schafe schert. Die besseren, vom Bana geschenkten Sachen behielt die Geschäftskundige für das kaufkräftigere Negervolk in Tabora. Der Marsch nach diesem Zentrum der Kolonie brachte weder Unfälle noch Abenteuer. Erb dachte viel an das Bekenntnis des Alten, dem eine Blutschuld der Jugend das Gewissen beschwerte, er machte aber keine Andeutungen, geschweige denn eine Frage, denn er kannte die Art des Oheims. Am Feuer, als die Keule der Buschantilope gemundet hatte und die Pfeifen glühten, summte und brummte Jobst: »Warum sprichst du gar nicht mehr von Deutschland?« »Zu Hause kritisiert und schimpft man auf die deutschen Kleinlichkeiten, und daß ein Schutzmann an jeder Ecke steht und die Erwachsenen wie Kinder gängelt... und hier draußen schreit alles, der Pflanzer und der Kaufmann, sobald ihnen ein Huhn fehlt oder aufs Hühnerauge getreten wird, aus vollem Halse nach der Regierung und Polizei.« »Ich merke die Absicht, du verschlagener Schelm fängst gleich von der Polizei an, weil du mich, den kriminellen Kerl und alten Verbrecher, bange machen willst.« »Mein Gott, was redest du!« »Warum bist du nicht aufrichtig? Warum betrachtest du mich nicht schief-scheu und mit schlecht verhehltem Grauen, sowie ein anständiger Mensch einen schrecklichen Totschläger und Mörder ansehen muß?« »Einerseits bin ich kein ehrbarer, sondern ein vorbestrafter Mensch, ein überführter Dieb und Spitzbube...« »Ah, darum sagst du Herr Kollege zu mir?« »Nein, ich bin unschuldig, und auch du bist schuldlos im tiefsten Grunde... das weiß ich, ohne Näheres zu wissen.« Das gefurchte, gegerbte Gesicht des Alten zuckte, er legte es in die Hände und sprach in dumpfem Gemurmel, wie mit sich selber. »Kis Kollund – sein Vater war ein dänischer Emigrant, der in eine bedeutende Speditionsfirma hineingeheiratet hatte – war schon als Knabe mein einziger, intimer Freund. Hatte der eine Marbel oder Geld, so gab er dem andern unbedingt die Hälfte ab, was freilich nicht verhinderte, daß wir uns drei- oder viermal erzürnten und so garstig verprügelten, daß beide zu Hause erst gründlich gepflastert und dann gründlich verhauen wurden. Aufs strengste verbot sein Vater ihm und mein Vater mir jeden Verkehr mit dem bösartigen und offenbar schlecht erzogenen Bengel. Als wir nicht miteinander verkehren sollten, versöhnten wir uns sofort. Jene unerklärliche Sympathie, die Freundschaften schließt und Familien gründet, zog uns zueinander hin, obgleich wir allzu verwandte Naturen und greuliche Hitzköpfe waren. In jeder Erholungsstunde waren wir zusammen... wir flanierten und renommierten mit sechzehn Jahren, wir schossen, ritten, ruderten mit achtzehn, wir hatten später ein paar Liebschaften... mit zwei Schwestern, ein paar hübschen Gänsen, deren Geschnatter bald auf die Nerven fiel. Wir kamen aus den Flegeljahren in die blasierte Periode hinein, wo wir die dekadente jeunssse dorée markierten. Schließlich kamen wir zu Verstand – und wurden total verrückt. Um zum traurigen Kern und Unstern meines Lebens zu kommen: Mein Freund Kis hatte ein junges Mädchen aus guter, aber verarmter Familie kennen gelernt, ein schönes, feuriges, wohl etwas gefallsüchtiges und falsches Geschöpf – damals sah ich nur Tugenden an ihr –, ich machte durch ihn ihre Bekanntschaft. Sie verteilte in der gerechtesten, vielleicht berechnendsten Weise ihre Worte, Blicke, Gunstbeweise zwischen ihm und mir. Schon nach der ersten gemeinsamen Ruderpartie fragte Kis mich: \>Wie findest du Lenchen?‹ Schön wie Aphrodite, stattlich wie Juno, klug wie Pallas Athene! Da sah er mich grell und drohend an: ›Komm mir nicht in mein Gehege, sonst passiert ein Unglück!‹ - Hast du die Jagd gepachtet oder gekauft? lachte ich. Dann kam der böse, diabolische, wahnsinnige Abend, wo Satan die Finger im Spiele hatte.« Jobst atmete tief, stieß kurze Sätze heraus und stockte oft. »Selbander fuhren wir im Boot nach Övelgönne hinaus ... das schlaue Lenchen stand kraft einer Wahrscheinlichkeitsberechnung auf der Brücke und spielte die Überraschte und Errötende, als wir Ohoi riefen und anlegten, stieg aber nach dem üblichen Geziere mit Grazie hinein. Wir kreuzten gegen den Westwind, sie wollte durchaus steuern und nahm die Ruderpinne. Keck und übermütig steuerte Lenchen den Kahn, so daß er an den andren Böten handbreit vorbeikreuzte und die Insassen zum Schreien oder Schimpfen brachte. Dann lachte die Hexe aus vollem Halse über den Schreck der Leute. Immer wilder fuhr sie dicht am Buge eines großen Ostasienfahrers vorbei, der tief und zornig tutete. An Steuerbord kam in dem Moment ein Schlepper, den wir nicht hatten sehen können, hervor, das Mädchen verlor die Fassung, hielt aber das Steuer und den Kurs krampfhaft fest, statt beizudrehen und über Stag zu gehen. Der Schlepper faßt das Großsegel, das Boot, schneidet es auf, wir liegen im Wasser. Ich bin ein ausgezeichneter Schwimmer gewesen, ziehe, Wasser tretend, Rock und Stiefel aus und schwimme mit Lenchen im Arm, bis ein Boot klar gemacht ist, uns auffischt und ans Land bringt. Während der kurzen Fahrt halte ich das klatschnasse, erschöpfte Mädchen mit beiden Armen auf der Bank. Kis goß seine Stiefel aus, guckte schräg nach uns und glupste vor sich hin. Sie kuschelt ihr Köpfchen an meine Brust. Da höre ich einen sonderbar unartikulierten Ton, der Seufzen, Fauchen, Fluchen zugleich ist. Ich setze das Mädchen in eine Droschke und sehe mich um, ob er mitkommt. Kis sagt hart: ›Komm' nach der Kastanienallee, wenn du dich umgezogen hast!‹ und schmettert den Wagenschlag zu. »Aus Teufelei und Trotz ging ich, obwohl eine Stimme mich warnte: Laß ihn sich erst abkühlen! Wir waren beide heißblütige Hitzköpfe... er kam... ich sah sofort, daß er die starren, bösen Augen und die weißen Lippen hatte, und wollte seine Hand ergreifen. Kis riß sie zurück und fing herrisch befehlend an, so daß ich auf einen Trotzkopf zwei setzte. ›Willst du mir sofort dein Ehrenwort geben, dich um Lenchen nicht mehr zu kümmern?‹ – Fällt mir gar nicht ein, das Mädchen mag sich für den einen oder den andern oder einen dritten entscheiden. ›Dann nähme sie dich, ich sah es heute abend ... ich, ich liebe das Weib und will es haben... verstehst du mich? Du kennst mich! Entweder verzichten, oder du mußt dich mit mir schießen.‹ – Bist du verrückt? Geh heim und schlafe die Verrücktheit aus! Laßt uns meinetwegen boxen oder ringen um ihren Besitz... Ich wurde sprachlos, denn Kis legte zwei Pistolen auf die Bank. Ich habe später bei ruhiger Überlegung gedacht, er sei von einem temporären Wahnsinn befallen worden. Denn er hielt mich mit der einen und die geladene Pistole mit der anderen Hand. ›Du entfliehst mir nicht... Jobst, wir dürfen nach unsrer Freundschaft keine Feinde und Rivalen sein, darum soll das Duell ein Gottesurteil fällen... nimm diese Pistole ... zwanzig Schritte gehst du rückwärts... wenn du wegläufst, schieße ich dich über den Haufen.‹ »Ich hielt die Pistole, die er mir in die Hand drückte, und dachte: Es kann sein Ernst nicht sein, es ist ein verrückter Versuch, mich einzuschüchtern und von Lenchen abzuschrecken, er wird nicht auf mich anlegen, sondern in die Luft knallen. Der Mond schien sehr hell. Kaum war ich die Distanz zurückgegangen, kaum stand ich in herzklopfender Erwartung, wie das Tollhausstück wohl enden werde, als er losdrückte und seine Kugel den Hut mir herunterschlug. ›Schieße, bis einer von uns hin ist!‹ brüllte er. Seine zweite Kugel riß mir das Ohrläppchen weg, er wollte mich morden. Da packte mich die Wut und auch ein Selbsterhaltungstrieb. Ich zielte... und traf viel zu gut... das Herz ... mein bester Freund lag in seinem Blut... gefällt von meiner Hand ... er schaute mit glasigen Augen gräßlich mich an... die Augen verfolgten mich dreißig Jahre ... das Blut... das schreckt mich noch manchmal in der Nacht empor. Ja, Erb, dein alter Onkel ist ein Mörder, ein Verbrecher, der in derselben Nacht nach Bremen floh, um nicht im Gefängnis jahrelang zu schmachten. Schaudert dir nicht vor mir? Wagst du noch nachts an meiner Seite zu schlafen?« »Mein lieber Oheim, nein, mein lieber Vater will ich sagen! Die Gerichte würden deine Tat milde beurteilt und als Notwehr kaum bestraft haben, o die Gerichte können unendlich gnädig, aber auch unsagbar grausam sein.« »Droben ist ein strenger Richter... und hier drinnen ein noch schlimmerer... Kis war zwölf Jahre lang mein bester Freund.« Das borkige, von der Narbe zerrissene Gesicht zuckte. »Dein Gewissen kann und soll ganz stille sein, mein Vater! Jener Kis Kollund handelte im Tobsuchtsanfall, im Eifersuchtskoller und war krank...« »Eben darum hätte ich weglaufen und Hilfe holen müssen, um meinen armen, kranken Freund zu behüten.« »Damit er dich von hinten niederschösse? Nimmermehr! Es ist ein Naturgesetz, daß das Gesunde leben soll, selbst wenn es auf Kosten des Kranken geschehen muß.« »Sei aufrichtig, mein Junge! Fühlst du nicht ein wenig Grauen vor mir?« »Ich fühle nichts als Vertrauen, Liebe und Verehrung.«   In Tabora war die Konjunktur günstig. Darum verkaufte Jobst das Elfenbein für zehn Mark das Pfund an die Filiale eines Handelshauses. Er berechnete genau den Gewinn der Safari, teilte ihn in zwei Hälften und schob die eine über den Tisch. Als sein Neffe sich sträubte oder zierte, schimpfte er saugrob: »So ein Grünhorn sollte Gott danken, einen ehrlichen Sozius gefunden zu haben. O, wie wäre dieser junge Hammel geschoren worden, wenn er in andre Hände geraten wäre!« Der junge Afrikaner war mit dem Ertrage ungemein zufrieden, der alte hingegen war es nicht und machte eine Nase, als wenn er niesen wolle. »Wenn die schwarze Schafschur nicht fünfzigfältig trägt, wird ein richtiger Afrikaner das Gouvernement, die deutschen Dreckkolonien und das ganze Afrika dem Teufel testamentieren.« Die Sozii gründeten die zentralafrikanische Salzkompagnie, wie sie mit Selbstpersiflage ihr Unternehmen nannten. Der eine taufte die neue Firma mit ziemlich viel Whisky und Sodawasser – welches Getränk Erb als »Europäertod« bezeichnete –, und der andere traf Vorbereitungen für die neue Safari. Erb trank nur mal ein Gläschen, wenn er in diplomatischer Weise den Oheim heimwärts lenken, listen und lotsen wollte. Dann lächelte er in sich hinein: Mein liebes Ego, das hast du schlau angefangen, der alte Pfiffikus hat keine Absicht gemerkt. Am vierten Morgen sagte Jobst sehr plötzlich und sehr pünktlich: »Heute wird mit der Wirtshaussafari Schluß gemacht! Mein Junge, ich will nicht unterlassen, dir gehorsamst zu danken.« »Wofür denn?« »Für die taktvolle, diskrete Art, wie du den alten, besoffenen Onkel und Esel mit Anstand aus der Saufbude herausgelockt hast.« Da machte der Herr von Erbenheim kein sehr gescheites Gesicht und sagte nicht zu seinem Ego: Du bist ein schlauer Kerl. Von den bisherigen Trägern ließen sich mehr als dreißig wieder anmustern und spazierten mit ihrem bißchen Handgeld so großspurig durch den Basar, als wenn sie Tabora kaufen wollten. Die Sozii trafen auf der Straße ein bekanntes Gesicht, das sie an den spitz gefeilten Zähnen erkannten. Es war der Askari »Eierkuchen« in einer sehr zerlumpten Uniform. »He, Kitumbua, bist du als Askari mit voller Pension entlassen worden?« »Nein, mit vollen fünfundzwanzig Stockhieben.« »Wegen Desertion?« »Nein, bei Allah, ich hatte nur ein Töpfchen Pombe getrunken, aber der schwarze Schauisch – Unteroffizier –, der auch nicht mehr als ein Neger ist, schalt mich ein Schwein. Hat nicht der deutsche Effendi – Leutnant – in Instruktion mir gesagt: Ein Askari darf keinen Schimpf auf königlicher Uniform sitzen lassen?! Darum schlug ich dem Schauisch das Maul blutig und die Nase flach ... und deshalb erhielt ich viele Schläge und einen Fußtritt. Bana, könnt ihr mich nicht gebrauchen?« »Ja, für Kost, Kleider und Tabak, den Lohn kriegst du erst in Daressalam.« Jobst blinzelte seinem Begleiter zu. »Die Kerle, die gern zu viel auf die Lampe gießen, sind meist die brauchbarsten Leute, solange sie nur Wasser zu saufen bekommen.« Der Exaskari und Exkannibale wurde gedungen. – Weil der Affe an der Kette melancholisch und gegen Fremde bissig und bösartig wurde, machte er seinem Herrn viel Sorge und noch mehr Mitleid. Der brave Basse durfte nicht geistig und körperlich verkommen und wurde gelöst. Fatima sollte ihn nicht aus den Augen lassen. Das Mädchen aber hatte nur für die Buden im Basar Augen, runde, große, grelle Augen und gab ihre paar Rupien mit vollen Händen aus. Der Affe spazierte die Straße hinunter, fletschte nach allen Hunden, die ihn anbellten, das Gebiß und sah sich den Basar an. Vor einer Bude, die Früchte feilhielt, schnubberte seine Nase, seine Affenfinger langten in die Körbe hinein, um eine Mangoprobe zu nehmen. Der Händler, dem dieser Kunde nicht gefiel, wollte ihn mit Kis–kis verscheuchen. Basse jedoch nahm das Wort sehr übel, setzte sich mitten in die Fluchtkörbe hinein und bombardierte den Kerl mit seinen teuren Früchten, knallte ihm die Papayas, Mangos und besonders die Kokosnüsse an den Kopf. Basse aß auch fleißig und warf die angebissenen Früchte nach links und rechts, zum Gaudium der Negerbuben, die Bravo riefen und die leckren Wurfgeschosse griffen. Der Inder, dessen Ware so rasenden Absatz fand, schrie Mord und Zeter, holte eine Stange und attackierte den Affen, der ihm zwei Kokosnüsse an den Schädel warf. Der Inder hüpfte auf einem Bein, hielt sich den Kopf und heulte. Hundert Zuschauer hielten sich den Bauch und brüllten Beifall, wenn der Pavian die Schreier mit Bananen bewarf. Die Neger balgten sich und lagen einen Meter hoch auf der Erde. Jetzt wurde der Händler tobsüchtig, bekämpfte Feuer mit Feuer und bombardierte den Pavian mit seinen eigenen Kürbissen, die wie Bomben platzten. Das wurde ungemütlich, der gesättigte Räuber hüpfte von hinnen, verfolgt von einer Negerhorde und dem tobsüchtigen Inder, der einen großen Stein aufhob und einen Affenmord begehen wollte. Basse retirierte, biß einen schwarzen Polizisten, der ihm ein Bein stellen wollte, in die Wade, einen zweiten, der nach ihm griff, in die Hand und suchte hinter einer dicken Bastardin, die, den Säugling an der Brust, unter ihren Töpfen saß, Schutz und Schirm vor der Menschenmasse. Halb Tabora war zusammengelaufen. Der Mordstein flog und traf nicht den sich duckenden Übeltäter, sondern die Topfhändlerin, die ihren Säugling hinlegte, tobsüchtig wurde und eine Schüssel dem Inder um die Ohren schmetterte. Er und das Weib rangen, stürzten, wälzten sich auf den Töpfen, d. i. auf tausend Scherben herum. Basse nicht faul schleuderte irdenes Gerät in die Menge hinein, es war der reine Affenpolterabend. Die Neger wieherten, pufften, boxten sich vor Lust. Da erschien die schwarze, blessierte Hermandad, die ihre Reserven eingezogen hatte und mit Stangen und Stricken bewaffnet war. Der Affe erblickte die Heeresmacht und hatte eine Ahnung, daß der Strick für seinen Hals passen könne. Mit Geistesgegenwart nahm er den hingelegten Säugling wie ein Bündel unter den Arm, nahm ihn als Geisel für alle Fälle mit, fletschte sich eine Gasse durch die Gaffer und kletterte in eine hohe Borassuspalme hinauf, wo er im Gipfel bequem sich setzte, das Kindlein auf seine Knie legte und mit Gemütsruhe sich zu lausen begann. Erb ging dem Geschrei nach, sah seinen Onkel, der ein gerolltes Seil trug, aus einer Schenke kommen und machte ein spinöses Gesicht. »Grüß Gott! Du hast dir einen zum Abgewöhnen gekauft?« »Kümmere du dich nicht um meinen, sondern um deinen Affen!« Jobst trabte, machte das Seil zum Lasso und warf die Schlinge über und um den Pavian. Erb turnte mit zitternden Knien in die Palme hinauf und holte das Kindlein, das vom Affen gestreichelt und ge–laust wurde, ganz heil herunter. Die Topfhändlerin, der Inder verlangten Schadenersatz und erhielten die Hälfte von dem, was sie forderten. Die gebissenen Polizisten bekamen einen Backschisch. Wohl hundert schwarze Taboraner, welche sahen, daß Geld floß, fingen an zu hinken, den Kopf oder Arm zu halten und zu heulen, daß sie gestoßen, gekratzt, von Kokosnüssen schwer getroffen seien. »Mein Sohn, so teuer ist mir noch keiner von meinen Affen – und ich hatte manchen – geworden.« Der spottende Jobst verzog das grinsende Gesicht zu einer schauerlichen Grimasse und glotzte die Taboraner so gräßlich an, daß die ganze Bande von dannen brüllte: »Wir haben den Teufel Bambibri gesehen.«– – – Die neue Safari brach gegen Ende der Regenzeit auf und erreichte in zehn Tagen den vielgenannten Malagarassi. Nach weiteren fünf Tagen waren die Deutschen mit ihrer Dienerin, ihren hundert Trägern, davon die Hälfte mit dem Gewehr M. 71 bewaffnet war, mit zahlreichen Boys und Weibern am Rutschugifluß. Hier sind die altberühmten, unerschöpflichen Solequellen von Uvinsa, die während der Regenzeit vom Fluß überschwemmt werden und brach liegen, und die schon seit Jahrhunderten, ehe noch ein Europäer diesen Strom sah, ausgebeutet werden. Die Sole liefert ein reines, weißes, hochwertiges Salz, das im salzarmen Innerafrika und bis weit in den Kongo hinein einen vielbegehrten Handelsartikel bildet und überall als Bargeld gilt. Schon in der Vorzeit, als dieser Erdteil das dunkelste Afrika und doch ein weißer Fleck auf der Karte war, strömten hier Tausende von Salzkochern, Holzschlägern, Händlern, Weibern, Dieben, Hochstaplern zusammen, um das schöne Salz zu gewinnen und nach allen Richtungen zu tragen. Alle Jahre, wenn der afrikanische Sommer prangte, wuchsen die Hütten wie Pilze aus dem Boden, und eine provisorische Stadt war über Nacht im afrikanischen Wildwest entstanden. Als die deutsche Safari anlangte, wimmelten schon fünftausend schwarze Gesellen, die in allen Sprachen Ostafrikas plapperten und in einem Kisuahelikauderwelsch sich verständigten, mit hochmütig braunen und spitzbübisch gelben Larven vermischt, am Flußufer, zankten, schimpften und schlugen sich um die besten Plätze. Erb sah erstaunt das geschäftige Ameisengetriebe und mußte sich sagen: Der als faul verschriene Nigger ist durchaus nicht indolent, sondern flink und fleißig, ja rege-raffig, wenn er nur sieht, daß seine Arbeit zählt und der Lohn in seine eigene Tasche fließt. Jobst schlug an einem schönen Platze einen Zeltpflock ein. »Hier sitzen seit Jahren die Leute des Sultans Mahanari,« grinste ein Mgogo, der in einer alten Konservenbüchse eine Schlange zu Suppe kochte. »Das sind handfeste Kerle, die jedem Keile anbieten.« »Was geht mich der Mahabenichts an... hier bin ich Sultan.« Die Deutschen kauften Holz von betriebsamen Wanjamwesi, die es den Fluß hinunterflößten, und bauten zwei große Schuppen, die ständig von vier geladenen Gewehren bewacht wurden. Die mächtigen Feuer brannten, die Kessel brodelten, die Saline war in Betrieb. Die weite Umgebung von Uvinsa war natürlich seit Menschengedenken abgeholzt, keine Staude war stehen geblieben, kein Blatt spendete eine Handbreit Schatten. Holzsafaris trugen täglich das Brennholz herbei, das recht teuer wurde. Aus dem Vieh- und kornreichen Uha kamen Karawanen mit Lebensmitteln, um die interimistische Stadt von zehn- bis zwölftausend Einwohnern zu versorgen. Für eine Ziege gab es zwanzig Pfund Salz. Es war ein emsiges Getriebe, das auch ansprechend gewesen, wenn nicht der ewige Streit um die Schöpfstellen und dann und wann ein Totschlag gewesen wäre. Zwar war ein kleiner Militärposten hier stationiert, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und eine Salzabgabe zu erheben. Dennoch mußte jeder selbst sein Eigentum und Leben schützen. Der alte Pfadfinder bewahrte eine fischblütige Gemütsruhe. Die Lümmel des Herrn Mahanari standen mit zorndicken Köpfen und armdicken Knüppeln im Halbkreise um Jobst herum und knirschten von ihrem ersessenen Recht. »Ich sitze hier seit acht Tagen,« antwortete er freundlich und spielte mit seiner Büchse. »Was bist du für ein Schwätzer?« fragten sie. »Man schilt mich Bana Bunduki.« Da schielten die Kerle nach der Fetischflinte und gingen schnell fort, um andre mit ihren Keulen und Keilen zu vertreiben. Die Vorräte der weiß glänzenden Kristalle häuften sich, viele Neger kochten in eigner Regie und verkauften gern an die Deutschen, die in Afrika noch als die relativ ehrlichsten Europäer gelten. Dortzulande heißt es: Die Deutschen lassen dem Neger das Hemd, die Engländer und Inder lassen ihm nur die Haut. Fatima kochte für die Herren, am liebsten scharf gepfefferte Gerichte, und wusch sich zehnmal am Tage die braunen Hände, nicht um der Sauberkeit willen, sondern um dem Herrn, der es gern sah, zehnmal am Tage eine Freude zu machen. Das Leben in Uvinsa war sehr einförmig. Aber mächtige Salzvorräte füllten die Schuppen, so daß Erb äußerte: »Erlaube mir eine Frage! Wo willst du hier zirka tausend Träger dingen, um diese achthundert Zentner Salz nach dem Westen zu schaffen? Oder beabsichtigst du den Bau der Eisenbahn nach Tabora und dem Tanganjika abzuwarten?« »Ich rechne nicht damit, Methusalems Alter zu erreichen. Wir sind doch die zentralafrikanische Salzhandelskompagnie und machen es wie die großen Firmen... der eine Sozius bleibt beim Lager, der andre sucht im Kongo feste oder faule Kunden zu bekommen. Der eine verkauft hier zu guten Preisen an die schwarzen Salzhausierer, der andre bringt eine Safari Salz über den See. Wer den geruhsamen Posten am Rutschugi übernimmt, entscheidet das Los.« »Das ist schon entschieden. Kein vernünftiger Mensch sendet einen Neuling, ein Grünhorn ins Kongogebiet hinein. Ich bleibe hier als Ladenhüter.« Jobst ließ seinen Neffen und sechs bewaffnete Leute in Uvinsa zurück und machte mit den übrigen Trägern die Reise nach dem und über den See, machte bald die für einen Kaufmann höchst erfreuliche Entdeckung, daß die Neger am See für fünf Pfund Salz eine Ziege, nach drei Tagereisen zwei, nach fünf Tagemärschen vier und nach acht Tagen zwölf Ziegen, die als Geldwährung galten, gaben, d. h. sie zahlten für Salz einen mit der Entfernung lawinenartig wachsenden Wert in Kautschuk oder Elfenbein. Das war beinahe ein Geschäft, wie einst der Ochsenhandel in Südwest. Erb war monatelang auf die Unterhaltung der lebhaften und bildungsfähigen Araberin angewiesen, sah sofort die Gefahr und Versuchung des Alleinseins und sagte: Nimmermehr werde ich mir einen kleinen, netten Harem anlegen, wie der alte Schalk spottet. Das soll die Feuerprobe meiner Willenskraft sein. Er baute der Dienerin eine kleine Hütte. Sie fing es nach Frauenart fein an, ihr Wissensdurst wollte Deutsch lernen, wollte in den Büchern und dem Koran der Christen lesen. Bald lobte der Pädagoge ihre erstaunlichen Leistungen nicht mehr, weil es ihre Eitelkeit förderte. Wehmütig blickte sie ihn an: »Warum sagt mein Bana nie mehr: Gut, sehr gut, mein Kind? Bin ich faul oder dumm geworden?« Da streichelte er ihr kohlschwarzes, knisterndes Haar. Plötzlich sagte die Dirne naiv, aber mit heißen Backen und Blicken: »Warum küßt du mich nicht einmal?« Weiß Gott, der Afrikaner wurde rot. »Weil du ... nicht meine Frau bist.« »So mache mich zu deiner Frau, zu deiner vierten oder fünften...« »Die Christen haben nur ein Weib.« »Ach, wie schön! So mache mich zu deiner einen und einzigen Frau!« »Du bist ein törichtes Kind, und ich bin dein Vater.« »So küsse mich doch als Vater!« Er sprang hastig auf. »Laßt uns Basse nach Bananen springen lassen!« Der Pavian war ein Kunstspringer geworden, der es mit den Watussi im Hochsprunge aufnahm und nach der Weltmeisterschaft zu trachten schien. Hunderte von gebildeten Europäern, denen das ewig Weibliche in Afrika fehlte, haben sich an eine wollköpfige, dicknasige Negerin gehängt trotz der Ausdünstung und der trennenden Geisteskluft. Das ist schmutzig, scheußlich. Aber hier war ein frisch erblühtes, schönes, hellbraunes Weib, das wie ein naiv begehrliches Kind nach der Liebe des großen, gütigen Deutschen verlangte. Einmal als die letzten Sonnenstrahlen in das offene Zelt fielen und die ersten Moskitos surrten, sprach Erb von der Zukunft, wie sie mit dem Elfenbein nach Daressalam ziehen würden, wie Fatima an allen Ecken und Enden gucken werde. Das Mädchen, das nur vom Hörensagen die Küste kannte, machte statt einer frohen eine finstre Miene. »Dort sind die blassen, blutlosen Frauen, darum hast du Sehnsucht nach der Küste ... und Fatima kann gehen, nach Simbalimpi gehen.« »Nein, ich werde für dich und deine Zukunft sorgen.« »Du für mich? Hahahaha! Fatima kann sich auf einem Stein ernähren ... ich muß ja dich behüten, daß die Schlangen und Skorpione dich nicht beißen... ich muß meinen Bana mit Wasser und Essen betreuen, hegen und hüten nach meinem Gelübde... versprich mir, daß ich immer bei dir bleibe, auch wenn du eine blasse Frau in deinen Harem nimmst! Schwöre es mir!« »Ich habe keine weiße Frau und werde keine haben.« Ihre glänzenden Augen glühten, ihr Körper wogte. »Warum nimmst du nicht mich?« Da nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände, das Schmeichelkätzchen schmiegte sich an seine Brust, und er hätte sie wohl geküßt, wenn sie selbander und nicht selbdritt gewesen wären. Der Affe spazierte unruhig auf seinen geballten Fäusten hin und her, grunzte und gab seinen Unwillen kund. Er warnte die Vertieften vergebens. Plötzlich ging der Pavian energisch vor, fauchte Fatima, die er doch nächst seinem Herrn am meisten liebte, zornig an, und, als das nicht half noch gehört wurde, zerrte er das Mädchen so gewaltsam von Erbenheim weg, daß er ihr Gewand mit den Nägeln zerriß. Die Eifersucht des Affen bewahrte den Herrn in der Versuchung. Erb eilte ernüchtert aus dem Zelte. Fatima wurde wütend und prügelte den Pavian, der jetzt demütig sich duckte. Der Herr aber nahm ihn mit, gab ihm fünf Bananen als Schmerzensgeld und ließ ihn frei laufen. Da wurde Basse arg übermütig und machte seine alten Dummheiten. Eine Herde von Fettschwanzschafen suchte zwischen den Steinen nach einem Halm. Kaum bemerkten die einfältigen Blöker den schwarzen Teufel, als sie Reißaus nahmen. Basse hinterdrein ... die Hammel rasten wie toll... der Hirte heulte. Der schwarze Racker schwang sich auf ein Schaf, krallte sich fest und ritt in Karriere mit der Heide zum Teufel. Erb von Erbenheim lief mit der Zunge aus dem Halse dem Halunken von Hammelreiter nach. Die wilde Jagd riß vier Frauen, fünf Kinder, drei Salzkessel um. Einige Schafe stürzten, andre rannten in einen Sumpf. Basse blieb im Sattel, bis sein Reittier hinfiel und der brüllende Besitzer mit einem Knüppel kam, um den Affen zu morden. Der flüchtete vor den Affenmördern auf einen Schuppen hinauf, ließ seinen Herrn die Suppe ausessen und hörte sich die Schadenersatzverhandlungen aufmerksam von oben an. Die Hirten, die wie Derwische tobten, wollten den Weißen schröpfen und scheren. Um des Friedens willen kaufte der Deutsche ihnen alle irgendwie beschädigten Tiere ab. Sie brachten ihm natürlich die kleinsten und kümmerlichsten Hammel, denen gar nichts fehlte, nur daß sie viel zu teuer waren. Die Folgen jeder guten Tat werden in Afrika nicht ausbleiben. Alle Tage belagerten Neger und Negerfrauen Erbs Zelt und lamentierten: »Dein böser Affe hat meinen Honig genascht... hat meine Bananen gestohlen ... dein Pavian hat mich gebissen... hat mein Kind gekratzt und krank gemacht... schau dir mal das Würmchen an!« Der Deutsche öffnete den Zeltvorhang und zeigte auf den Missetäter, der stramm und stets an der Kette lag. Und was antworteten die Neger unverfroren: »So ist es der böse Geist des Teufelsaffen gewesen... zahle zwei Rupien!« Mit dem Kiboko wollte er zahlen. – – – Ein Jahr verging. Jobst Renner war zweimal mit einer Salzsafari im Kongo gewesen und erzählte fabelhafte Dinge von den Elfenbeinvorräten, die er hier und da gesehen habe. Wie in der gesitteten Welt alles nach dem Golde rennt und jagt, so sind es in Afrika die Elefantenzähne, danach der Menschen Sinnen, Sehnen und Trachten steht, darum Weiße, Araber und Inder sich reißen, Wüsten und Wildnisse durchdringen, allen Krankheiten und Toden trotzen. Um der elenden Zähne willen sind blutige Kriege geführt, Abertausende von Negern grausam getötet und zahllose Abenteurer im Sande Afrikas verscharrt worden. Das unheimliche Elfenbein, das die Raubtierinstinkte im Menschen erweckt! Selbst zwei solche Männer, wie die beiden Sozii, wurden stumm bei dem Bericht des Alten und fühlten jene unselige Gier nach dem Elfenbein, das sie bis in die Kongokannibalenländer lockte. Während der Regenzeit, die jede Salzausbeute für Monate verhinderte, brachte Jobst die eingehandelten Elfenbein- und Kautschuklasten nach Tabora, verkaufte sie, erwarb neue Artikel und kehrte mit zweihundert Trägern zurück. Aber auch mit einer großen Geldsumme. Das war eine stattliche Handelskarawane von mehr als zweihundert Trägern, wovon die fünfzig alten, bewährten Wanjamwesi und Suaheli mit Hinterladern bewaffnet und drei Tage lang im Schießen ausgebildet waren, das war – mit Weibern, Boys und Ballast – ein siebenhundertfüßiger Riesenwurm, der sich über die Berge am See nach Udjidji hinunterschlängelte. In langen Warundiböten und plumpen arabischen Dhaus wurden alle Lasten und Träger über den See gesetzt. Als Erb am Westufer ans Land stiegt war sein Erstes, Unwillkürliches ein Gebet. Das Wort seiner Mutter: Wenn du mal in ungeheurer Not bist, so rufe Gott an, und du wirst erfahren, daß er ist – das Wort stieg aus dem Gedächtnis empor und stand vor ihm. Er war durchaus in keiner Fährlichkeit, sondern von froher Hoffnung belebt, und dennoch betete er in einem instinktiven Drange. War das eine Ahnung, daß er in Not kommen und den Beistand eines allmächtigen Herrn gebrauchen werde? Sie waren in der Kongokolonie, in dem unermeßlichen Gebiet des ungeheuren afrikanischen Stroms. Zwölfter Abschnitt Eine für Afrika große Fracht beförderten die zweihundert Träger auf ihren Schultern, außer Proviant, Munition, Gepäck zirka zehntausend Pfund Salz. Ohne eine gewisse Salzzufuhr muß der menschliche Organismus verkommen. Dieses Gut, das wir in Fülle besitzen und wenig achten, dieses absolut unerläßliche Ingredienz zur Erhaltung des Körpers fehlt gänzlich in weiten Gebieten Afrikas. In den salzlosen Ländern, wo jede Speise fade schmeckt, herrscht ein wahrer Salzhunger, der nach langer Entbehrung zur Salzgier wird und schließlich die Neger zu Menschenfressern macht. Durch Fleisch- und Salznot getrieben, haben die unseligen Völker, die wir den Tieren gleichstellen, einmal am Fleisch ihrer erschlagenen Feinde sich vergriffen, haben – ähnlich wie die Maneater- Löwen – an der pikanten, würzigen Speise Geschmack gefunden und sind durch die Gewohnheit Kannibalen geworden. Darum war Salz ein Schatz in diesen Ländern. Darauf baute der alte Afrikaner seinen kühnen und kaufmännischen Plan; denn das ist die Kunst des Kaufmanns, den fremden Völkern die Ware zu bringen, nach der am meisten Nachfrage besteht, und dafür die Produkte zu erhalten, die den höchsten Gewinn bringen und die kleinsten Transportkosten bereiten. Nach Überwindung der hohen Berge des Westufers ging der Marsch über gewelltes Land, tagelang, um in Gegenden, von Weißen noch nicht oder wenig betreten, zu gelangen. Eines Tages schrien die Träger laut auf – weil sie einen Löwen oder Elefanten sahen? O nein, weil sie eine Rinderherde im langen Grase erblickten. Hier war also plötzlich das Reich der scheußlichen Tsetsefliege, die als Tyrann über Tausende von Quadratmeilen ihren Giftstachel schwingt und weder Huf noch Klaue duldet, zu Ende. Nach Kompaß und Besteck führte der Pfadfinder, suchte jedes Hindernis und jeden Sumpf zu umgehen und sagte ruhig, wenn das nicht ging: Wir müssen hindurch. Dieses kategorische, auf Biegen und Brechen gestellte Hindurch war die Losung aller großen Afrikaner, von Stanley, Nachtigal, Wißmann bis zum letzten deutschen Leutnant, der mit dem Buschmesser Bahn sich brach und den dunklen, dräuenden Erdteil besiegte. Hindurch durch den furchtbaren Sumpf mit seinen schwülen Schrecknissen, wo der Dunst der schwitzenden Träger und der Stickstoff der keuchenden Lungen wie giftiger Brodem wallt und die Körper im römischen Bade triefen, wo die scheußlichen Heere der tückischen Mücken, der teuflischen Fliegen über lebendige, wackelnde, glotzende, röchelnde Leichen herfallen. Hier ist das Infernum der Erde, eine Hölle für Menschen. Aber ein wahres Paradies vieler Tropentiere. Alles wächst, wo Wasser und Sonne schaffen, ins Ungeheure. Wahre Baumungeheuer mit hundert hängenden Luftwurzeln scharen sich zum Urwald, völlig verfilzte Buschdickichte bieten aller mordenden Kreatur Versteck und Hinterhalt. Hier ist das Paradies – freilich ein Eden, wo nicht das Gesetz des ewigen Friedens, sondern des ewigen Totschlags herrscht – der Tierungeheuer, der Rüsselsaurier, deren Vorväter die Glazialzeit gesehen haben, der grotesken Kolosse mit der Nasenwaffe, der grunzenden Warzen- und Stachelschweine, der schleichenden Leoparden und Löwen, der schmarotzenden Hyänen, der schnatternden Papageien, der spielenden Affen, der beißenden, bösen Ameisen. Ein krummes, kümmerliches Flüßchen taumelte am Walde und Rohrdickicht dahin. Die Träger, statt sich auf den Bauch zu werfen und zu sausen, riefen: »Mensch, Mensch!« Ein weißer Mensch angelte im Fluß und zog einen hechtartigen Fisch heraus, allerdings ein Mensch, der mehr gelb als weiß und in seinen Lumpen ärger als der schlimmste Strolch Europas aussah. Der Pennbruder setzte sich in Positur und sagte mit viel Anstand: » Voila, monsieur! Qu'est-ce que voulez-vous? Êtes-vus Anglais? « Der Gentleman, dem die Ellbogen aus den Ärmeln, die Zehen aus den Stiefeln, das Haar aus den Hutlöchern und der Branntwein aus den glasigen Augen guckte, machte eine maliziöse Miene, als er vernahm, daß die Fremdlinge Deutsche seien. » Eh bien, Prussiens! « Jobst lachte ganz laut und sagte auf deutsch: »Die Preußenfarben trägt der Dreckkerl, denn schwarzweiß hängt ihm ein Fähnchen hinten aus der Hose.« Der französische Belgier funkelte mit den Absinthaugen. » Qu'est-ce que? Parlez français, monsieur! « »Alle Achtung!« sprach Jobst, »wenn der Schnorrer sich bis hierher durchgefochten hat.« Und sein Neffe übersetzte frei: »Der Herr bezeugt Ihnen seine Hochachtung und bittet, uns zu sagen, ob Europäer in der Nähe wohnen.« Ja, drüben sei seine Militärstation und er ein Korporal Sr. Majestät. Der Monsieur zog seine Hosenfetzen, die er mit einer Liane um die Hüften gebunden hatte, hoch und führte über einen gefällten Akazienstamm, der als Brücke diente. Am andren Ufer lagen sieben grasgedeckte, aus unbehauenen Stämmen gezimmerte, fensterlose Schuppen, die nicht besser als Negerhütten und noch verwahrloster aussahen. Und das war die belgische Militärstation, die durch eine lange Stange, daran ein Fetzen baumelte, ihre königliche Würde bekundete. Etwa fünfzehn schwarze Kongosoldaten, die nur einen Schurz und einen mit Fettkruste verzierten Fez als Uniform trugen, lagen im Schatten und würfelten mit viel Geschrei und Gier. Man erwartete nach jedem Wurf, daß sie sich an die Kehle springen würden um der Kupferlinge willen; und ein Kerl hatte ein dick geschwollenes Auge, dem man den frischen Fausthieb noch ansah. Andre räkelten sich und rauchten ein böse stinkendes Unkraut. Ein Leutnant und drei Unteroffiziere befehligten diese Horde. Ein Gentleman in einer saloppen Joppe, der auf alten Hausschuhen schlurfte und ein gedunsenes Gesicht mit Säcken unter den tränenden Augen hatte, erschien – das wollte ein Offizier und Leutnant sein? Seinem schlaffen Körper gab er einen Ruck, um eine gewisse, lächerlich wirkende Grandezza zu markieren. Mit einer belegten, im Affekt krächzenden Stimme sprach er stets im Befehlshaberton, und die unvermeidliche Nilpferdpeitsche war sein treuer Begleiter. Dem Boy, der Stühle bringen sollte und träge schlenderte, versetzte er einen schrecklichen Hieb, um seine Autorität zu zeigen. Der Bursche brachte zwei wacklige Feldstühle – das war alles, was den Gästen angeboten wurde. Die Deutschen baten höflich um Auskunft über das Hinterland und über die Stämme, die diese westlichen Gebiete bis zum ungeheuren Urwald bewohnen. Der Monsieur, der sich mit tiefstem Nasallaut Baneuvang nannte, aber Banhöven sich, schrieb und mithin ein flämischer Renegat war, plierte listig mit den Geneveraugen. »Ich kenne die Kannibalen da hinten nicht.« »Sie kennen Ihren Distrikt und das Land nicht, das Ihre Station beherrschen und – pardon ! – zivilisieren soll?« Jobst konnte plötzlich französisch radebrechen. Dem Leutnant stieg das Blut und wohl auch der Branntwein, der ihm aus dem Halse stank, in die Schläfen. »Gehen Sie, gehen Sie zu den Menschenfressern! Sie werden gebraten werden... für Ihre Reise gibt's kein Retourbillett. Mein Herr, grüßen Sie die Engel im Himmel oder die Teufel in der Hölle!« »Wir Deutsche fürchten Gott, aber keine zehntausend Teufel,« sagte Erbenheim. Der Alte sprach lustig ein fürchterliches Französisch: »Allons enfants de la patrie! Monsieur belgique, nous marcherons – beim diable – jusqu'au fin de la colonie... verstandez-vous ?« Jetzt zischte der flämische Franzose, seinen eigenen Befehl widerrufend: »Gehen Sie nicht nach dem Westen! Kehren Sie sofort um, meine Herren! Ich rate es in Güte ... wir, wir dulden es nicht ...« »Er spricht im Pluralis majestatikus,« sagte Jobst auf deutsch, »der Kerl hat vom Genever den Größenwahn gekriegt und hält sich für den König des Kongo!« Und er setzte auf französisch hinzu, devot den Hut in der Hand. » Sire! Qu'est-ce que quatschez-vous?« Herr Vanhöven sah nur die höflichen Allüren und schien den grotesken Hohn nicht zu merken. »Wir – ich bin hier der Höchste – wir dulden nicht, daß ein Weißer das gänzlich unbekannte und unsichre Gebiet betritt und mutwillig in den Tod, ja in den Tod hineinrennt.« »In Afrika kann jeder auf seine Fasson sterben ... wenn wir uns braten lassen wollen, brauchen wir nicht Ihre Erlaubnis.« »Nachher kommen die Scherereien und Schreibereien, wo die zwei von den Waduka gefressenen Deutschen geblieben sind ...« Er stockte. »Ah, Waduka nennt sich der Stamm ... wie stark ist er?« »Ich weiß nicht und hörte nur den Namen von den Askaris ...« Jobst sah mit dem harten, herrischen Antlitz in die Trinkeraugen hinein. »Soviel ich lesen kann, haben die Kongoakte allen Nationen die Handelsfreiheit im Kongo gewährt.« Der Monsieur lächelte hinterlistig. » Certainement! En, bien , lassen Sie sich braten, kochen oder rösten nach Ihrem Geschmack.« Er hatte seine geheime Instruktion. Der Kongostaat hielt und hält, wo und wie er kann, die lästigen Kaufleute und Konkurrenten fern, um selbst die Neger gründlich, ja grausam auszubeuten. Ungastlich waren die Belgier, die keinen Trunk, keinen Bissen den weitgereisten Europäern anboten. Sonst ist es eine schöne Sitte, ja ein ungeschriebenes Anstandsgesetz in ganz Innerafrika: Wenn zwei Weiße tausend Kilometer fern von jeder Zivilisation sich begegnen, so begrüßen sie sich wie Freunde, so helfen sie einander mit allem, was sie haben, aufs freigebigste aus. In dem Schuppen lungerten frech kichernde Negerweiber, vier häßliche Bälge mit der schmutzig gelben Hautfarbe, die das Mestizenhalbblut verrät, wohl die Kinder der Belgier, krochen vor der Hütte und vertraulich zwischen den Beinen des Leutnants herum, der sie väterlich behandelte. Die Herren hatten sich zur Erholung einen Harem angelegt. Jobst fragte: »Könnten Sie uns vielleicht mit einer Kalebasse Gänsewein bewirten?« »Wasser ist genug im Fluß ... bedienen Sie sich!« »Nee, mit dem trüben Zeug wollen wir uns unsren edlen Stoff nicht verderben... unsren Hennesy.« O, da wurden die Ohren gespitzt. » Sire, permettez moi! « »Was sollen die Sottisen!« » Mon général ! Ich hatte nämlich die Absicht, eine Flasche Kognak mit Ihnen auf das Wohl der Kongokolonie und das Gedeihen dieser gedeihlichen Station zu leeren.« Jetzt ließ der Leutnant sich das Avancement gefallen und aus einem Brunnen klares Wasser von einer schlampigen, schwarzen Haremsdame bringen. Sehr flink – das Geschäft verstanden sie – entkorkten die Belgier die Flasche und füllten die fliegenfleckigen Weingläser. Die Gäste, die hier ihre Gastgeber bewirteten, tranken nur ein Gläschen, die Kongohelden spendeten ob dieser Mäßigkeit den Deutschen den ersten herzlichen, innig dankbaren Blick und hatten in fünf Minuten die ganze Flasche geschluckt. » Merci, messieurs, très beaucoup merci! « Jobst dankte umständlich und fragte ernsthaft-naiv, zu welchem Preise sie ihr Brunnenwasser pro Liter verkaufen würden. Der Leutnant gab einem würfelnden Askari den Auftrag, einen Eimer Wasser zu holen und gratis herzugeben. Der schwarze Krieger stand nicht auf, sondern brummte: »Wir müssen erst die Runde zu Ende spielen.« Der Leutnant wiederholte seinen Befehl und der Kongoheld seine Gehorsamsverweigerung: »Warten Sie doch, mein Leutnant, bis ich meine drei Würfe gemacht habe!« »Das gibt eine Katastrophe, eine Exekution,« flüsterte der deutsche Offizier a. D., »der Halunke wird auf der Stelle gepeitscht oder gehenkt.« Aber nichts geschah, kein Scheltwort wetterte. Die Würfel rasselten, der belgische Offizier in Hausschlappen schlug mit der Peitsche – schlug nach den Fliegen und wartete geduldig. Als die Safari aufbrach, schnoberten die Unteroffiziere an den Lasten herum, und der, dem das Hemd aus der Hose hing, sagte: »Wenn Sie eine Bouteille von Ihrem feinen Kognak ausgeben, werden wir Ihnen eine feine Auskunft geben und ein Land zeigen, wo kein Salz und viel Elfenbein ist.« » Il ne faut pas, messieurs, « französelte und flunkerte der alte Schalk, »wir haben eine Karte, auf der die Elfenbeingegenden schwarz schraffiert sind, und einen neuen Kompaß...« Die französischen Belgier glaubten und gafften: Diese verd– Deutschen mit ihren Karten und Kenntnissen! »... Einen neuen Kompaß, der sich den Teufel um den Nordpol kümmert, von Kautschuk aber auf zehn Meilen angezogen wird und sofort in die Richtung springt und spielt, wo es sich findet.« Die Belgier wollten gern den Kautschukkompaß, aber noch lieber die Kognakflasche sehen. Jobst jedoch sprach: »Erst die Auskunft und dann den Alkohol!« Die Kerle gestikulierten und schwadronierten: »Geht über den Fluß und dann nordnordwestlich, bis Ihr den Urwald seht ... dort ist so viel Elfenbein!« »Daß es im Walde herumläuft ... im Maule der Elefanten.« »Der Rat der Halunken ist wertlos,« meinte Erb. »Nein, sehr wertvoll, denn ich weiß, daß ich den entgegengesetzten Weg einschlagen muß.« Der alte Pfadfinder kehrte sich um, dienerte dreimal vor dem Leutnant, der drüben am Ufer sehen wollte, wohin sie gingen, und rief zum Abschied: » Adieu messieurs ! Auf unfrei Karte ist das Land im Südsüdwesten dickschwarz schraffiert.« Vanhöven hatte einen heimtückischen Blick. Von der verlotterten Station gingen am nächsten Tage Sendboten aus, um den Negerhäuptlingen einen Floh ins Ohr zu setzen und Furcht vor den Deutschen einzustoßen. – – – Die Safari war im Lande eines jungen, robusten Häuptlings, der die Muskeln eines amerikanischen Preisboxers hatte und bei der ersten Audienz sein berühmtes Kraftkunststück zeigte – mit einem Fausthieb und mit spielender Leichtigkeit brach er dem ersten Besten seiner Untertanen das Genick. Das war der Sport des Fürsten. Der Kraftmeierkönig war natürlich ein gewaltiger Despot. Es fiel auf, daß viele Leute keine oder, wie bei uns die Pinscher, gestutzte Ohren hätten. War das die Mode und das streng Modernste in diesem Lande? O nein, jeder Ungehorsam, jedes Vergehen wurde in der Weise bestraft, daß ein mehr oder weniger großes Stück vom Löffel abgeschnitten wurde. Diebstahl und schwere Delikte sühnte der Tod, der Genickbruch. Der Kraftkönig, der über dreitausend Seelen absolut regierte, war sehr liebenswürdig, kaufte einige Lasten Salz und wollte die Fremden als Gäste behalten, bis er noch zwei Lasten Elfenbein herbeigeschafft habe. Eines schönen Morgens war plötzlich ein Wetterumschlag bei Hofe eingetreten; der Sultan verwies sie mit groben Worten des Landes. Der erfahrene Afrikaner marschierte mit Spitze und Nachhut und sagte: »Unser Freund Vanhöven läßt unsre Schritte überwachen und hat dem Dummkopf sagen lassen, daß wir Zauberer oder Sklavenjäger sind. Wir wollen die Spürhunde der Station prellen.« Er befahl, am Ende des Zuges Dornbüsche zu schleifen, um alle Fußstapfen zu verwischen. Die Dornenschrift auf der Erde besagte nichts, denn die Negerweiber, die Feuerung holen, schleppen in dieser Weise die Zweige hinter sich her. – – – Vor und in den Hütten der Eingeborenen meckerten die Ziegen, gackerten die Hühner, aber weit und breit brüllte kein Rind. Hier war wieder das unselige Reich der Tsetse und Surrakrankheit. Trotzdem war das Land keine Wüste, nein, die breiten, wohl behackten Getreidefelder voll von fleißigen Frauen, die mit der Rechten Unkraut reuteten, mit der Linken ein kleines, auf der Hüfte reitendes Kind festhielten, waren der beste Beweis, daß hier ein energischer Häuptling regierte, der seine Untertanen zur Arbeit anhielt und selbst alle Tage in dulci jubilo lebte. Ndofu – d. i. Elefant – war der Name oder Königstitel – das läßt sich schwer unterscheiden – des schwarzen Wadukatyrannen. Nur im Flüsterton und mit scheuem Seitenblick gaben die Frauen Auskunft über ihren Gebieter. Jeder Despot ist von tiefem Mißtrauen und ewiger Furcht erfüllt und umspinnt sein Land mit einem Netz von Spähern und Zuträgern. Die Weiber sagten schließlich, Ndofu sei ein sehr großer, aber etwas strenger König. Inwiefern? Jeder Untertan, der sein Mißfallen errege, werde... Gepeitscht? Oder gehängt? Die Frauen wollten nicht mit der Sprache heraus. Werde als Sklave verkauft? Nein, nein, werde ... werde... den Löwen vorgeworfen. Also ein afrikanischer Nero oder Caligula! Das Dorf stank nicht so arg, wie andre Negerdörfer, die Hütten standen unter Mangobäumen und Bananenhainen. Sieben prächtige Palmen beschatteten den Palast, den größten Schuppen, der durch eine Pallisadenmauer und nach europäischem Vorbilde streng gegen die Plebs abgesperrt war. Die Holzwand hatte einen gräßlichen Schmuck – oben auf den spitzen Pallisaden staken grinsende, gebleichte Totenköpfe. Jobst betrachtete sie und behauptete: »Der und der und jener sind keine Negerdickschädel... diese Knochenhelme haben Araber oder Europäer einst auf ihrem Halse getragen. Glaube aber nicht, daß alle Schädel Siegestrophäen sind! Mancher findige Negerfürst, dem es an toten Feinden fehlte, ließ den Kirchhof seines Volks durchwühlen und steckte die besterhaltenen Schädel seiner Vorfahren auf die Pfähle.« Ndofu nahm die Händler gut auf. Selbst wenn der hagere, jedes Wort lang abwägende Mann mit dem eckigen Kopf und dem breiten, lippenlosen Munde freundlich sein wollte, war sein Lächeln eisig, erfrierend. Er hielt immer die Lider gesenkt und sah beim Sprechen keinem ins Gesicht, nur selten und dann jählings hob sich das eine Lid ein wenig, und ein schielender Blick schoß über den Gast hinweg. Das war das Unheimlichste an dem unheimlichen Kerl. Der Sultan sagte bescheiden, daß er einen einzigen, aber guten Zahn habe, den er für eine Last Salz verkaufen wolle. Man gab ihm natürlich nicht die Hälfte. Dann hatte er am andern Tage noch einen und so weiter einen letzten und allerletzten Zahn, um endlos zu feilschen und einige Lot Salz herauszuschlagen. Ein Träger der Deutschen verschwand auf rätselhaft spurlose Weise. Doch Desertionen kamen ja vor. Wenn die Schulter von der Last wund gescheuert ist, drückt sich der Neger, der nicht weiter als bis übermorgen denkt. Ein zweiter Träger fehlte beim Appell und wurde nie gefunden. Man glaubte, daß der Kerl sich in eine Wadukaschönheit verliebt und sich versteckt habe. »Eierkuchen« fühlte sich gar nicht wohl und zitterte: »O Bana, Bana, wäre ich nicht betrunken gewesen, sondern bei den Askaris geblieben! Wir werden alle gefressen werden, die Träger sind heimlich abgestochen worden. Sie lachen und schwatzen viel von schönen Schweinsschinken und Karbonaden, obgleich sie keine Borstentiere haben ... sie meinen uns... ich kann nicht schlafen und nicht essen vor Angst.« Der Häuptling wollte für seinen allerallerletzten Zahn fünfunddreißig Pfund Salz haben und bekam achtundzwanzig. Da berechnete Erb von Erbenheim die ungeheuren Prozente des Geschäfts, das ein Pfund Elfenbein für ein halbes Pfund Kochsalz eintrug und träumte von großen Summen und Schätzen und spürte jenen Hunger nach dem Golde, dem Götzen, den die blöde Masse anbetet, und dem auch die Besten ihre stille Reverenz machen. Darum legte er den Gemahlinnen des Sultans – Ndofu hatte zehn Stück – Perlen und bunte Tücher vor und als Köder hin, damit sie seine Helferinnen und ihres Gatten Quälgeister würden. Ndofu, den die Seufzer seiner Schönen völlig kalt ließen, seufzte den Weißen sein Leid vor: »Ach, ich bin arm. Meinem Nachbar, dem Hund von Sanhabe, habe ich alle, alle Zähne als Tribut zahlen müssen ... ihr könnt aber einen Berg von Elfenbein haben, wenn ihr meinen Rat befolgt. Ihr habt viele Flinten und sehr viel Mut. Zieht mit mir in die Schlacht, besiegt und tötet den Sanhabe, den die Schakale fressen sollen, so sollt ihr die eine Hälfte seines Elfenbeins haben, und ich die andre. Der Räuber Sanhabe hat schwere Zähne, die kein Mann trägt, hat so viele Zähne, wie zehn Männer Finger an Händen und Füßen haben.« Zweihundert Stück! In Daressalam ein Reichtum! Jeder Araber und mancher Abenteurer aus Europa hätte das Geschäft gemacht und den Pakt geschlossen. Die Deutschen aber lehnten das Ansinnen, als Söldner des schwarzen Tyrannen ein Negerdorf zu massakrieren, kühl ab. Der Despot bot mehr und wollte sich mit einem Viertel der Beute begnügen. »Sanhabe hat durch arabische Flinten und Händler mich besiegt, ich will ihn mit Hilfe der Weißen zu einem toten Sultan machen.« Am Spätabend schlotterte »Eierkuchen« ins Zelt und stotterte leichengrau: »Ich bin halbtot... ich kroch unter die Rizinusstauden, wo sie am Feuer schwatzten. Bana, was hörte ich! Der Teufel grinste: Wenn sie uns den Sanhabe getötet haben, werden wir den Weißgesichtern alles, Salz und Elfenbein, abnehmen. Sie wieherten, und der dicke Ratgeber machte grauenhafte Witze ... ich kann es nicht sagen .. . »Willst du wohl sprechen!« »Bana Bunduki sei ein verdammt magerer und trockner Weißfisch, den müsse man ein paar Tage an den Baum hängen, bis er weich geworden, und dann in Sauer kochen ... o, ich fühle schon das Messer an meiner Halsschlagader. Laßt uns laufen!« Die beiden Deutschen lagen im dunklen Zelt und berieten sich. Die Verwegenen beschlossen, Sanhabe zu besuchen, noch in dieser Nacht aufzubrechen und ohne Abschied Ndofus Land zu verlassen. Ein dreistündiger Marsch brachte sie über die Grenze des Dorfkönigreichs. Fatima trat neben ihren Herrn und flüsterte: »Schenke mir das lange, spitze, auf beiden Seiten scharfe Messer, damit ich eine Waffe habe, wenn ... o, versprich mir, daß du mir eine Kugel ins Herz schießen wirst, wenn die Menschenfresser ... ich werde dich ansehen und ganz stille halten.« »O, ich hätte dich nicht mitnehmen dürfen in diese Gegend und Gefahr.« »Nein, dein Gewissen ist weiß, denn ich wäre dir doch nachgelaufen, ich aber habe ein schwarzes Gewissen, denn beim Aufbruch vom See bat ich den Allah der Christen, daß er dich in eine große Gefahr bringen möchte, damit ich dir meine große Liebe beweisen könnte. O, ich bin schlecht...« »Nicht dein törichtes Gebet, sondern meine Gier nach Elfenbein hat mich hierher gebracht.« Er streichelte ihr Haar und gab ihr das Dolchmesser als Waffe. – Sanft wogende Mais- und Hirsefelder erfreuten das Auge, wie ein Zeichen des Friedens und der Gesittung. Es ist erstaunlich, daß solche Flächen von fünfhundert Hektar mit der armseligen Hacke urbar gemacht und bestellt werden, und ein Zeugnis vom Fleiße der Neger, richtiger, der Negerinnen. Nur Frauen schwitzten auf dem Felde. Das Dorf war sehr stark bevölkert. In der Mitte lag die Boma, die Negerburg mit ihren Menschenschädeln. Aber das Haus des Sultans entzückte die Händler durch seine originelle Einzäunung – zwölf der schönsten Elefantenzähne waren als Pfähle in die Erde gerammt und dienten als Zaun. So wenig achtete man das kostbare Gut? O, nein, Sanhabe kannte wohl den Wert des Elfenbeins, wollte aber protzen und prahlen. Der Negerhäuptling Sanhabe war ein Riese, eine fleischige, massige Zyklopenfigur mit einem wulstlippigen, widerlichen Gesicht und nur einem Auge. Über die leere Höhlung des andren hing ein schwarzer Lappen. Seine etwas heisere Stimme sprach wenig, aber bei jedem Wort zitterten seine Untertanen, denen er meistens nur durch Kopf- oder Fingerbewegungen Befehle erteilte. Ein abstoßend häßlicher, unsympathischer Herr war dieser schwarze Despot, den seine Leute »Mein Herr und Löwe« titulierten. Alles gehörte ihm als Eigentum, alle Untertanen waren seine Sklaven, die er nach Willkür trat und tötete. Als Krone balancierte auf seinem Haupte ein ausrangierter, viel zu kleiner Kaufmannshelm, ein steifer Filzhut, ein Trabant hielt mit einem sogenannten Familienparapluie die Sonnenstrahlen, ein andrer die Fliegen vom geheiligten Leibe des Dickwanstes fern. Ein Seidenschal diente als Schurz, ein Löwenfell fiel von der Schulter über den Stiernacken und Hippopotamusrücken hinab. Jobst breitete seine Gaben aus. Der Sultan untersuchte wie ein Sachverständiger die Flinte, die seinen Beifall fand; denn er gab ein Zeichen... ein großer Zahn wurde vor den Weißen hingelegt. Das war ein anständiges Gegengeschenk und Sanhabe wenigstens kein Knicker. In noch einem Punkte unterschied er sich vorteilhaft von seinen schwarzen Thron- und Kronkollegen. Ohne die endlosen Weitschweifigkeiten des Negerpalawers äußerte er kurz seine Absicht, zehn Lasten Salz zu kaufen, und befahl den Weißen, sofort den niedrigsten Preis zu nennen. Der Pfadfinder war nicht blöde geboren und sagte ruhig: »Zehn Zähne.« Wahrhaftig, zehn Zähne wurden ohne Feilschen durch ein Kopfnicken bewilligt, so daß dem Verkäufer die Sache fast nicht geheuer schien. Noch ruhiger sprach Sanhabe: »Ja, zehn Zähne, aber du mußt dir sie holen.« »Au! Aus dem Maule der Elefanten, die im Kongo frei herumlaufen, soll ich die Zähne herausziehen... eine etwas schwierige Zahnoperation, aber ein guter Witz, mein lieber Sultan!« »Nein, an den Zähnen sitzen keine Elefanten. Siehst du den Verhau dahinten? Darin stehen die Zähne, und du darfst dir zehn davon nach deiner Wahl nehmen, aber du sollst es selbst und allein, ohne Büchse und Waffen machen ... das ist die einzige Bedingung. Bist du einverstanden, so mußt du nach unsrer Sitte in meine und ich muß in deine Hand spucken, damit der Handel heilig sei.« Sanhabe hatte im Munde den Speichel bereit. Aber Jobst witterte eine Fuchslist. »Ich bin ein alter Esel, der keine Katze im Sack kauft. Ich will mir das Zahnlager mal besehen, ehe ich den Handel bespucke und beschließe.« Er stand bald vor dem drei Meter hohen Kral, der aus tief eingerammten, durch Querbalken und Streber verbundenen Baumstämmen bestand, einen Kreis von hundert Metern Durchmesser bildete und weithin einen infernalischen Gestank ausströmte. Fingerbreite Ritzen gestatteten einen Einblick. Jobsts Augen wurden immer runder und greller. Mitten im Kral stand auf Pfählen ein Rohrdach, und in dem offnen Raum waren mindestens zweihundert der schönsten und schwersten Zähne neben- und übereinander wie weiße Holzscheite zu einem Elfenbeinhügel, der in Bagamoyo unter Brüdern zweihunderttausend Mark wert war, geschichtet. Dem Alten wurde ganz schwindlig und feierlich zu Mute; eine solche Masse Elfenbein hatte er noch nicht beisammen gesehen. Donnerwetter, das würde ich mir holen, selbst wenn ein zehnköpfiger Lindwurm oder der Teufel mit seiner Großmutter den Schatz behütete. Unten an seiner Stiefelspitze schnoberte es. O, ein männlicher, mächtiger Löwe jappte und schnappte nach dem bloßen Menschengeruch. Nicht Lindwürmer, sondern Löwen waren die Schatzwächter. Jobst wich unwillkürlich vor dem heißen Atem des Raubtiers zurück. Noch ein Löwe und zwei Löwinnen, die meistens grimmiger und angriffslustiger als ihre Gatten sind, schlichen auf Katzensohlen mit glühenden Lichtern und zitternden Lefzen an der Holzwand entlang. Die mageren, ausgehungerten Bestien mit den dünnen, bebenden Flanken und den hohlen Köpfen erhielten ein Minimum an Kaldaunen und Fleischabfällen – die der Neger gern selbst verschlingt – und kaum genug, um das Leben zu fristen. Ein wütender Heißhunger peinigte die Tiere, die hoch gegen die Pallisadenwand sprangen und bösartige Menschenfresser waren. Sanhabes Elfenbein war besser als in der Stahlkammer einer Bank gegen Diebe geschützt in diesem mit Raffinement ausgeklügelten, grausig stinkenden Schatzhaus. Der Häuptling stand hinter dem Weißen und schielte spöttisch: »Hast du die zehn Zähne – drüben links stehen die schwersten – noch nicht geholt?« »Mit meiner Büchse will ich in fünf Minuten drinnen sein.« Ein wilddrohender Blick schoß aus dem Zyklopenauge. »Du würdest des Todes sein, denn die Löwenwächter sind heilig und unverletzlich.« »Aber verdammt hungrig und fast nur Haut und Knochen. Die armen Bestien erregen mein Mitleid.« Mit Seelenruhe erklärte Sanhabe: »Ich regiere streng, aber gerecht und habe wohlerzogene Untertanen... seit ein paar Wochen haben wir keinen Ungehorsamen und keinen Dieb gehabt, darum müssen die Wachlöwen ein bißchen fasten... die Verbrecher meines Landes nämlich werden ihnen vorgeworfen, wenn...« Er verschluckte den Rest und tat sich offenbar viel zugute auf diese von ihm eingeführte, praktische Staatsinstitution und Strafjustiz. Jobst öffnete die Torklappe, durch die das Futter geworfen wurde, und konnte von dem herrlichen Elfenbeinhügel das Auge nicht losreißen. »Sind da zweihundert Stück?« »Haha, gefallen dir meine Zähne, davon ich zwölfmal so viele habe als Finger an Händen und Füßen.« Sanhabe spreizte die Hände, die seine Rechenmaschine waren, wurde jovial und tätschelte mit seiner schmutzigen Riesentatze den Arm des Pfadfinders. Er stutzte. »Ei, du hast aber Knochen und Muskeln.« »Ja, mit mir und meiner Büchse ist nicht zu spaßen.« »Ich scherze auch nicht, es ist blutiger Ernst, was ich sage. Mein Freund, zehn Stück, keins unter siebzig Pfund, sollst du dir selbst herausholen für dein Salz, nachdem wir die heiligen Löwen durch vorgeschobene Stangen von dieser Hälfte des Zwingers abgesperrt haben. Siehe, so wird's gemacht.« In der Pallisadenwand und in dem gegenüberliegenden Pfosten der Hütte waren runde, tiefe Löcher. Von draußen schob man lange Stangen hindurch, balancierte sie, bis man das Loch im Pfosten traf, und so entstand hüben und drüben im Kral ein mannshohes Gitter, das den Zwinger in zwei Hälften teilte. Vorher lockte man die Löwen durch einen Fraß aus dem Raume heraus, den man betreten wollte. Sanhabes Miene war harmlos, seine Stimme klang herzlich. »Was soll ich mit den alten Elefantenknochen, die hier alt und stockig werden! Ich weiß wahrhaftig nicht, warum die Weißen um den Dreck sich reißen. Du hast viele schöne Sachen, auch Flinten und Patronen, mitgebracht. Wir werden noch einen Haupthandel machen... und der meiste Dreck da wird dein Eigentum werden. Fort mit Schaden!« Bei dem pfiffigsten Kaufmann geht bisweilen die allzu heiße Gier mit seiner kühlen Klugheit und kalten Menschenkenntnis durch. »Ich gebe fünfzehn Salzlasten für zwanzig Zähne.« »Gewiß, wir werden leicht handelseinig. Du holst dir dann auf einmal alle Zähne, die du haben sollst. Warum sollen wir die Simbas zwei-, dreimal absperren, was sehr mühsam ist? Der Mensch muß verstehen, mit möglichst wenig Arbeit auszukommen.« Ein rechter, echter Negergrundsatz! Der alte Afrikaner jedoch argwöhnte eine Hinterlist und sagte: »Ja, mein Freund, erst die Zähne und dann das Salz und die andren Sachen!« »Was heißt das?« Der Sultan zog die Braue hoch. »Das heißt Ware um Ware, Zug um Zug und ist die erste Sure in meinem Geschäftskoran.« Sanhabe ließ sich keinen Verdruß merken und bewirtete die Fremdlinge aufs beste. Dafür wollte er alle Tauschartikel der Europäer besehen, befühlen und beschnüffeln. Ein alter, ausrangierter Husarendolman stach ihm besonders in die Augen und sollte sein Königsmantel werden; auch Rum für sich und Schmuck für seine Frauen begehrte er. Jedoch die Hinterlader waren sein Höchstes, darauf war seine Seele versessen, stundenlang betrachtete er den Mechanismus eines Martinigewehrs, wie ein Verliebter. Der schwarze Barbar besaß viel natürlichen Verstand und sagte: »Was wäret ihr Fremdlinge ohne die Flinte? Wenn ihr nicht das Schießrohr hättet, wären wir die Stärkeren und die Herren und ihr die Knechte. Dieses knallende, rauchende Stück Eisen ist allein eure Macht, Kraft und Kunst, ist der Blitz, den ihr schleudert, und der euch zu Göttern macht.« »Ja wohl, dieses Eisenrohr ist der ganze Witz, ist der Herr und Lenker der Welt und Weltgeschichte geworden.« Der Pfadfinder, den der Elfenbeinberg wie eine Vision verfolgte, suchte die entbehrlichen und natürlich nicht die besten Hinterlader zusammen. Der Sultan prüfte genau Lauf, Schloß, Visier und jeden Bestandteil, lud und schoß. Jobst sah mit Unbehagen, daß der Kerl ein Schütze war und ein Huhn von der Gasse wegputzte. Ein nackter Knabe lief aus einer Hütte und grapste das noch zappelnde Hühnchen. Als der Bursche sich bückte, zielte Sanhabe und schoß präzis ins Zentrum der hinteren Backe, die als schwarze Zielscheibe diente. Der Schütze lachte unbändig über seinen Treffer und das gräßliche Gebrüll des Bengels, der seine blutige Backe hielt, aber nur einen Streifschuß hatte. Das sind so die kleinen Königsscherze einer afrikanischen Majestät von Gottes Gnaden oder Gottes Zorn. Jobst forderte hundert der besten Zähne für seine zehn Hinterlader. Als er sah, daß Sanhabe keinen Wutanfall bekam, hielt er mit wahrer Charakterstärke daran fest, daß er alles in allem hundertunddreißig Zähne haben müsse für Flinten, Salz und andere Sachen. Der Häuptling bewilligte schließlich den geforderten Preis mit den wegwerfenden Worten: »Nimm die alten Elefantenknochen!« Erb triumphierte auf deutsch: »Glatt bewilligt!« Hm, hm! Das allzu glatte Gelingen war dem erfahrenen Afrikaner das einzig Bedenkliche bei dem Geschäft. Der junge nahm sein Notizbuch und rechnete. Der Profit stellte die berühmten Apothekerprozente in den Schatten. Waren die Zähne bis zur Küste transportiert, so hatte man totsicher hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend Mark in der Tasche. Freilich, der Weg war einige tausend Kilometer lang, und die Trägerkosten verschlangen zwanzigtausend Rupien.– – – Am Morgen hieß es, ein Staatsverbrecher sei erwischt und solle exekutiert werden. Der Armesünder war ein Krüppel, der ein ungeheures, dreimal zu dickes Elefantenbein schleppte und an der fürchterlichen Elephantiasis litt. Die Deutschen wurden geladen, dem Schauspiel beizuwohnen, und merkten bald, daß der Sultan, um die Größe seiner Macht und die Güte seiner Staatsinstitutionen zu zeigen, einen Verbrecher künstlich sich verschafft habe. Die schwarze Majestät beschuldigte, scheinbar ohne Eifersucht und in guter Laune, diesen Untertan des schwersten Verbrechens, des crimen laesae majestatis , nämlich daß der mißgestaltete Neger zu einer der königlichen Ehefrauen unerlaubte Beziehungen unterhalten habe. Die Dame mußte allerdings einen perversen Geschmack besitzen, wenn sie sich in diesen Klumpfuß vernarrte, sie bezeugte aber mit frechem Lächeln, daß die Todsünde begangen sei. Der Unglückliche kroch und winselte: »Mein Herr und Löwe! Ich bin häßlich, sehr häßlich und ein Abscheu allen Frauen... wie sollte dein hübsches Weib mich erwählen!« Die Verteidigung war sehr einleuchtend, und der Ärmste ein harmloser Mensch, aber auch ein unnützer Esser. Sanhabe stieß den Heulenden mit dem Fuße fort: »Du Scheusal, beweise deine Unschuld! Beweise sie durch das Gottesurteil des Bechers!« Erb war tief empört über diese grausame Willkür, aber außerstande einzuschreiten. Der Zauberer des Wadukastammes, eine Kreatur Sanhabes und mit dem Sultan im Einvernehmen, kam mit einem vollen Holzbecher, der ein strychninartiges Gift enthielt. Fiel der Delinquent in zwei Minuten in Krämpfen hin, die mit kurzer Bewußtlosigkeit endeten, so war seine Unschuld bewiesen. Fing er aber an zu würgen und das Getränk zu erbrechen, so fehlte ihm nach einer Viertelstunde nichts mehr, aber er war schuldig gesprochen. Dieses afrikanische Gottesurteil war kein finstrer Wahn, sondern teuflische List und Tücke, denn der Fetischmann konnte die Wirkung, die eintreten sollte, vorher bestimmen, dadurch, daß er den Gifttrank mehr oder weniger stark braute, was der satanische Witz bei der Geschichte war. War die Dosis stark genug, so trat vorübergehende Krampfstarre ein, war sie zu schwach, so wirkte das ekelhafte Zeug nur als Brechmittel. Der unselige Neger schlotterte, schluckte und verschüttete in seiner Todesangst noch einiges, was die Wirkung abschwächte und ihm zum Nachteil gereichte. Sanhabe saß in seinem Husarendolman und weidete sich an der Menschenqual. »Er ist eine Bestie,« flüsterte Erb und ging fort, um nicht in seiner Empörung eine Torheit zu begehen. »Soll der Ehebrecher den Löwen vorgeworfen werden?« fragte Jobst. Der Sultan zögerte und log: »Morgen erst ... morgen werdet ihr sehen, wie die Simbas seine Knochen lecken.« Der Zauberer half ihm: »Der Körper des Gerichteten muß erst geweiht werden für die heiligen Löwen.« »Hm, hm, wird er lebendig in den Kral geworfen?« sagte der Alte lauernd. »O nein, er wird sofort gerichtet.« Sanhabe war sein eigner Henker und schlug mit einem Schwerthieb den Kopf des Delinquenten ab. Der arme Kerl bekam wenigstens einen schnellen, leichten Tod. Der enthauptete Körper – Jobst entsetzte sich – wurde sofort aufgebrochen – wie ein Stück Wild. Der junge Deutsche hatte der Hinrichtung nicht beigewohnt. Sein Oheim trat ins Zelt, und der stahlharte Mann, der einen Stoß vertrug, war blaß und hatte greuliche Vermutungen. »Mir wird schlecht, gib mir ... keinen Alkohol ... nee, nur einen Fingerhut voll Kognak! Wir sitzen mitten unter Kannibalen, ich fürchte, der Teufelssultan hat sich einen Untertan abgestochen, um ihn zu braten ... die Löwen werden nur die Knochen kriegen.« Ein eisiger Schauder lief über Erbs Rücken, obwohl er weder ein Feigling noch Weichling war. Fatima hatte Unrat gemerkt, knixte vor ihrem Bana und umklammerte seine Hand. »Mein hoher, lieber, teurer Herr, ich hatte böse Träume, schreckliche Träume. Laßt uns in der nächsten Nacht fliehen, wie bei dem Häuptling Ndofu, laßt uns rennen und die Feuer brennen lassen! Diese Wilden sind nicht Menschen, sondern Tiere. Das Scheusal Sanhabe sieht mich mit seinen gräßlichen Augen an, flötet – ei, du hast feines, zartes Fleisch – und will mich fressen, ja fressen ..« »Mein Kind, sein Wohlgefallen wird nicht die Eß- und Freß-, sondern eine andre Lust sein. Wir haben dich aus den Händen des Wahagorilla gerettet und werden dich beschützen.« »Es ist ja nicht mein bißchen Leben, darum mir bangt ... du, mein lieber, hoher Herr, du bist unter diesen Teufeln und Tieren, um dich leide ich Angst ... ich habe ja das Messer ... das Scheusal wird in der Sekunde, wo es mich berührt, wie ein Schwein gestochen, haha!« Das wilde Naturkind war erwacht, fuchtelte mit dem Messer und zerrte Erbenheims Arm. »Fort aus dieser Hölle! Du, du darfst nicht sterben, mein guter, stolzer, starker Bana Simba ... fliehe in der Nacht!« »Ein rechter Mann flieht ungern, Fatima ... wir werden morgen oder übermorgen marschieren, wenn wir die Abrechnung erledigt und die Zähne erhalten haben.« »Was sind uns die elenden Knochen! Dein Leben ist mehr wert als tausend Zähne und kostbarer als alles Elfenbein Afrikas.« »Ich will morgen auf Abrechnung bestehen und nach vierundzwanzig Stunden aufbrechen.« »O, ich soll vierundzwanzigmal vor Sorge um meinen Bana sterben?« »Wir können unmöglich hundertunddreißig Zähne, ein Vermögen, fahren lassen.« Fatima legte die Hände quer über den wogenden Busen. »Ich bin deine gehorsame Dienerin. Sterben wir, so sterben wir ... und ich darf mit dir sterben.« »Wir haben zweiundfünfzig gute Gewehre, und die zwei davon zählen für zwanzig.« Der Deutsche wollte ihr kleines, treues, aber auch sein klopfendes Herz beruhigen. Weit draußen vor dem Dorfe lag, wie stets, das Lager der Weißen, die bis tief in die Nacht hinein das Getrommle und Getanze und Gejuchze der Neger hörten. Die Waduka feierten ein Fest, von dem sie nichts gesagt. Das war sehr verdächtig. Der Pfadfinder horchte, rauchte ruhig weiter und bemerkte beiläufig: »Ich will mal zum Spaß die Kerls beschleichen und bei ihrem Amüsement belauschen.« »Ich gehe mit,« sprach Erb energisch. »Klar sehen schützt am besten vor einer Katastrophe.« Der junge Deutsche hatte das lautlose, ausdauernde Heranschleichen auf Händen und Knien, das eine höllische Anstrengung ist, gelernt. Kein Zweig knackte, kein Stein knirschte, kein Halm raschelte. Beide krochen unter den Bananen. Kein Köter schlug an. Das wahnsinnige Trommelgerassel und Getobe der Neger, die ganz ihrer Orgie sich hingaben, war infernalisch. »Wir können ruhig hinter die Rizinusstauden treten,« flüsterte der Alte. Der freie Platz vor der Boma war von einem mächtigen Feuer grell beleuchtet. Erb erblaßte vor Abscheu. Welch ein Höllenbreughel! Nackte Teufel tanzten trunken im roten Flammenschein. Aus großen Pombekalebassen schöpften obszöne Megären, andere Weiber tanzten und torkelten. Puh! Ein brenzliger Gestank von halbverbranntem Menschenfleisch, vermischt mit den Negerausdünstungen, stieg in die Nase. Die Schwarzen hielten ein schauerliches Kannibalenmahl; einige rissen das halb geröstete, rote Fleisch mit den Tigerzähnen von den Knochen; andre rülpsten sich übersatt und spülten mit Bier nach. Sanhabe saugte das Mark aus einem Hüftknochen und hatte den Löwenanteil bekommen, wie die vielen Knochen neben seinem Sitz bewiesen. Die schwarze Majestät war heiter und humorvoll, wollte Monarchenwitze machen, warf die Knochen seinen Ministern an die Köpfe und amüsierte sich königlich. Der Kriegsminister wischte sich die blutende Nase und lächelte devot als vollendeter Höfling: »Vorzüglich getroffen, mein Herr und Löwe!« Der dicke Justizminister hatte im Nu eine Beule am Kopfe und brüllte: »Au, au, mein Herr König!« Und der Minister für Kultus, geistliche Angelegenheiten und Zauberei, der den Giftbecher mischte und die Gottesurteile machte, wurde vom Knochen so unglücklich getroffen, daß ihm das eine Auge auslief. Und Sanhabe wieherte, wälzte sich vor Lachen. »Haha, nun hat der Kerl nur ein Auge wie ich. Was?« lallte er, von einer genialen, betrunkenen Idee gepackt, »bin ich nicht Herr und König? Wenn ich allen das eine Auge ausschlage, wenn ich befehle, daß alle in meinem Reiche fortan nur ein Auge, wie ich, haben dürfen? Haha! Ich ordne es an und haue allen das linke Auge aus.« War eine großartige Despotenidee. Da wurde die tobende, tolle Bande mit einem Male mäuschenstill, die Angst vor der königlichen Augenoperation kroch über ihre Sklavenseele, einige drückten sich ins Dunkel, andre baten: »Trinke heute, Herr und Löwe, und haue morgen die Augen aus!« Horch! Was hörten sie in der plötzlichen Totenstille? Was war das? Erb hatte gesehen, wie ein Weib das Fett behaglich leckte. Uhuhu! Seine Eingeweide kehrten sich um, der Ekel stieg ihm bis in den Hals ... er mußte sich erbrechen. Das verriet ihn und den andren Zuschauer. Die Bande hörte es und heulte: »Dort sind die Weißen.« Jobst hatte eine ungeheure Geistesgegenwart in diesem kritischen Augenblick und flüsterte: »Nicht die Büchse! Im Notfälle setze ich sie dem Häuptling auf die Brust. Tue, wie ich!« Er markierte und mimte den Angetrunkenen, machte ein dummes, gaffendes Gesicht und sogar ganz hündische Augen, schwankte mitten auf den Platz vor Sanhabe hin und lallte: »Mein l–lieber L–löwe, wir r–rochen dein B–bier ... h–hast du nicht einen Schl–schluck für einen al–ten und einen j–jungen F–freund?« Sanhabe schielte und sah, daß die Weißen ihre gefürchteten Flinten, er aber samt seinen Leuten keine Waffen habe. Auch befand er sich in Bierlaune, spielte den Leutseligen und bat die Weißen Platz zu nehmen. Diese schlugen, wie die Neger, die Beine unter und tranken Pombe, nachdem sie den Aufwärter hatten kosten lassen. Der Sultan leckte sich die Rübenfinger ab, verzichtete auf jedes Versteckspiel und schmunzelte treuherzig: »Der Ehebrecher hatte nette Lendenstücke und einen fleischigen Rücken. Infolge der Surra krepierten alle unsre Rinder, unsre Eingeweide schreien nach einem Stückchen Fleisch. Darum brieten wir uns – das begreift ihr – ein Stückchen ... o es schmeckt zart und süß, ich sage dir, süß und sanft, wie junger Zickleinbraten, ja wie Spanferkel zerschmilzt es im Munde. Ihr sollt es mal kosten ... ich habe mir einen Schinken für mein Frühstück aufgehoben ... es wird euch munden ... wer einmal davon gegessen hat, dem ist es das leckerste und liebste Gericht.« Uhu – puh! Erb schüttelte sich vor Schauder, tat, als wenn das viele Bier einen Ausweg nach oben suche, und entfloh dem Greuel, aber mit torkelndem Gang, um nicht aus der Rolle zu fallen. In der Nacht schloß er kein Auge, am Morgen war er außerstande, einen Bissen herunterzuzwingen. Der alte Afrikaner hatte stärkere Nerven und einen abgehärteten Magen, blieb eine Weile sitzen und flunkerte im Zelte mit kannibalischem Humor, daß sie ihn genötigt hätten, bis er aus Höflichkeit ein Stückchen Kluftschale heruntergewürgt habe. Hatte die Dirne draußen gehorcht und diese Aufschneiderei gehört? Ganz weiß im Gesicht kam sie herein und legte sich zu den Füßen des Herrn, der sie streichelte. »Mein Kind, ich schütze dich, und im alleräußersten Falle sind meine zwei letzten Kugeln für dich und mich.« »O, ich hatte einen Traum, ich lag weiß und still und meine Brust war rot, und du küßtest mich ... nun weiß ich, daß ich sterbe ... mein lieber Bana, darf ich sprechen? Ja? Ich bin dein, ich bin du und in dir, und Fatima ist nicht mehr. Darum wird Fatima für dich sterben, aber du darfst nicht getötet werden. Küsse mich, mein Bana, küsse mich ein einziges Mal, ich bitte dich.« Und Erb küßte ihre Stirn. Der Alte kam darüber zu, kaute und knurrte: »Übel gewählt ist die Zeit und der Ort, um einen Harem zu gründen. Ich will dem Schuft die Pistole auf die Brust setzen.« Er meinte den Sultan, von dem er heute mit aller Energie die Auslieferung des Elfenbeins forderte. Die Stunde war ungünstig, denn Sanhabe hatte einen Mordsjammer und suchte durch faule Ausflüchte Aufschub zu erlangen. Jobst zündete gemächlich seine Pfeife an. »Dein Handel war also ein Scherz ... gut, wenn die Sonne dort steht, marschieren wir weiter mit unsrem Salz.« »Es ist mein blutiger Ernst. Kaufe mir den ganzen Plunder ab, den Rest der Knochen für zwanzig Flinten!« »Nee, wir haben keine Flinten...« »Warum lügst du, da wir zweiundfünfzig Rohre gezählt haben.« Der Häuptling verredete und verriet sich, seine Späher hatten also genau die Zahl festgestellt. Das machte den alten Afrikaner noch mißtrauischer und vorsichtiger; er sagte deutlich und mit indirekter Drohung: »Wir brauchen unsre Waren, um Speise zu kaufen, und unsre Gewehre, um unsre Feinde zu töten. Ich habe mit dieser Büchse dreiundvierzig Löwen, siebenunddreißig Elefanten, unzählige Krokodile und zweihundert Feinde erschossen.« Das war das erste Mal in seinem Leben, daß Jobst Renner mit seinen Schießresultaten renommierte. Sanhabe schielte mit einem langen Blick nach seinem Vertrauten hin, dem er befahl, die Löwen abzusperren. »Um drei Uhr ist alles fertig... wir müssen ein paar Holzstangen, welche die hungrigen Bestien – man muß sie kurz halten, denn eine satte Katze maust nicht – halb aufgefressen haben, durch neue ersetzen. Die Löwen sollen doch nicht mit deinen Knochen spielen.« Der Sultan klopfte Jobst auf den untersten Teil seines Rückens und witzelte: »Ei, ein paar schöne Schinken, die ihnen schmecken würden!« Der Pfadfinder antwortete, aber auf deutsch: »Die würden dir selber munden, du Scheusal! Prost Mahlzeit, wir passen auf.« »Was redest du da?« fragte der neugierige Neger. »Es ist ein Zauberspruch in der Sprache der Geister, der mich gegen Kugeln, Eisen und Zähne gefroren macht.« Der abergläubische Sanhabe erschrak, überlegte einen Augenblick und fragte verschmitzt: »Darf ich's mal versuchen und auf dich schießen, da du kugelfest bist? Möchte es mal sehen, und dir schadet es ja nicht.« O weh, was nun? Jobst wurde gar nicht verlegen, sondern rief: »Gewiß und gern! Hole deine Flinte und schieße auf mich! Flink! Aber wenn du nicht triffst, muß ich schießen, kraft des Zaubers... ich kann es beim besten Willen nicht lassen... meine Bunduki geht los... das ist der einzige Übelstand bei meinem Fetisch.« Der Sultan holte seine Büchse nicht und schielte nachdenklich. – Der Pfadfinder aß an dem Mittag seine gehörige Ration Reis und Huhn und hielt den üblichen Mittagsschlaf, während sein Neffe vor Aufregung keinen Appetit hatte. Der Alte fühlte im Halbschlummer, daß ihm seine große Zehe schändlich gekniffen werde, und fuhr mit einem Fluch in die Höhe. Der Exaskari, der überall seine langen Ohren weit auf und ein möglichst blödes Gesicht machen sollte, hatte geweckt. »Was ist los? Du klapperst ja mit den Zähnen, mein lieber Eierkuchen?« »O, o, Massa, wir werden alle gebraten und geröstet werden, wenn wir nicht laufen. Vor einer Stunde sah ich einen bestaubten, müden Neger ins Dorf kommen... darum guckte ich mir den Kerl näher an, das rechte Ohr fehlte ihm ... nun kannte ich den Burschen... es war ein Waduka, der den König Ndofu umwedelte. Wie kommt der Halunke hierher? Und was will er?« »Sehr gut gefragt, mein Sohn!« »Ich schlüpfe unter den Bananen durch, krieche an der Wand des Sultanhauses entlang und zwänge mich in den Reisighaufen, den die Weiber – o, um uns zu braten – gesammelt haben. Sanhabe und der Einohrige hockten unter dem kühlen Vorbau. Der Schuft ist ein Bote des Ndofu und log im Namen und Auftrag seines Herrn. Bana Bunduki habe seinem König ein Bündnis angeboten, um gemeinsam Sanhabe zu bekriegen, seine vielen Zähne zu rauben und unter sich zu teilen. Ndofu, sagte der Heuchler, ist zum Schein darauf eingegangen, sendet dir aber in Treue diese Warnung und will mit dir kämpfen, mein Herr und Löwe. Da grinste Sanhabe: Das heißt, Ndofu hat es mit der Angst gekriegt, daß ich stärker bin und ihn totschlagen würde, das ist seine Treue, die ich brav gebrauchen kann. – Nein, nein, lispelte der Waduka, mein Herr ist ausgezogen und in der Nähe, um für dich zu kämpfen, damit die weißen Räuber nicht dein Elfenbein nehmen. – Hat noch keine Not, lachte Sanhabe, die Weißgesichter werden keinen Elefantenknochen bekommen, sondern unsre Kinder werden mit ihren Knochen spielen. Der Einohr raunte süßlich: Für seine Treue wirst du meinem König den Tribut erlassen? Da kam ein Kind, um Reisig zu holen, so daß ich schnell herauskroch und mich stellte, als wenn ich beim Hosenkehren wäre.« Der graublasse Eierkuchen fragte nach dem Bericht bescheiden: »Habe ich das gut gemacht, Bana?« »Ja, recht gut, mein lieber Kitumbua.« »Habe ich nicht mein Leben gewagt, um zu horchen, und einen Schluck Rum verdient, nur einen Geschmack Rum, um die schreckliche Angst wegzuspülen und mir ein bißchen Mut zu machen? Hab' ich nicht eine Flasche Rum verdient?« »Ja, verdient hast du sie.« Des Exaskaris schwarzes Gesicht lachte und leuchtete trotz der Angst. »Verdient hast du zwölf Flaschen.« Eierkuchen schnalzte und sprang zwei Fuß hoch. »Aber kriegen wirst du keinen Tropfen Rum, weil wir alle einen klaren Kopf brauchen... hingegen Tabak sollst du haben, so viel du verpaffen kannst.« Kitumbuas tieftrauriges Gesicht erhellte sich ein wenig, der Tabak war ein kleiner Tröster gegen die Furcht vor dem Gefressenwerden. Er qualmte wie ein rauchiger Ofen, um wenigstens seine letzten Stunden mit dem Genuß gründlich auszukosten. Das ist der waschechte Neger. Sanhabes Minister kam selbst und meldete: »Der Zwinger ist durch ein starkes Gitter abgeteilt, die heiligen Wachlöwen sind in der hinteren Hälfte.« Jobst gähnte naturgetreu, schlenderte gemächlich, instruierte leise seinen Neffen und seine Leute und untersuchte seine unfehlbare Büchse. Sanhabe stand vor dem Löwenkral. »Du wirst nicht die leichtesten Zähne nehmen... verrenke dir nicht den Rücken!« Er lächelte wie ein boshafter Teufel, was er trotz seiner Schlauheit sich nicht verkneifen konnte. Der Pfadfinder lächelte auch, überlegen ironisch, und stellte Erb mit zwanzig bewaffneten Trägern draußen vor dem Kral hin, um Zug um Zug für jeden Zahn die Ware dem Käufer zu übergeben. Er schob den Riegel zurück und trat kaltblütig in den nie gereinigten, schauerlich stinkenden Raum. Vier beherzte Leute folgten ihm, griffen zu und klagten: »Bana, der Geruch ist Gift.« Das muß schon ein infernalischer Gestank sein, der einem Neger auf Nase und Nerven fällt. Jobst nahm mit Kennerblick den besten Zahn – jetzt beim nahen Anblick der Elfenbeinpyramide strahlte sein Gesicht, und sein Herz klopfte –, der von Hand zu Hand ging. Die Löwen schnoberten hinter dem Gitter, jaulten, tobten und rissen mit ihren Zähnen und Krallen Splitter aus dem Holz. Sie kratzten sich die Tatzen blutig, bissen einander tiefe Wunden und waren in ihrem quälenden Heißhunger wie wahnsinnig geworden, da sie eine Fütterung erwartet hatten und Menschenfleisch rochen. Die armen Träger schwitzten vor Angst und schlotterten so heftig, daß sie einen Zahn zweimal fallen ließen. Plötzlich wurden die Tiere stiller, krochen wie falsche Katzen auf dem Bauche und lugten mit grausam glühenden Lichtern durch jede Ritze des Gitters, auf der andren, von hier aus unsichtbaren Seite des Elfenbeinhauses. Nun ging die Arbeit rasch vorwärts, die Zähne flogen von Hand zu Hand. Sanhabe schaute immer grimmiger zu, wie seine geliebte Schatzkammer ausgeräumt wurde, schielte wütend nach seinen Höflingen hin und brüllte: »Kuma, kuma!« Das war der Lockruf der Löwen, wenn sie die schlechtesten Abfälle der Kannibalenmahlzeiten bekamen. Die heimtückisch spähenden Bestien fingen bei dem Ruf, der ihre knurrenden Eingeweide in Aufruhr brachte, an zu rasen und am Gitter zu reißen. O, eine Schurkenhand hatte hinterlistig gearbeitet und zwei der Holzstangen in den Löchern so lose hingelegt, daß sie beim Anprall der Löwen herunterfielen. Sanhabe hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ohaohaoha!« Ein entsetzlich hageres Raubtier zwängte sich durch den Spalt, sprang, den Rachen weit aufgerissen, und schlug den nächsten Träger, der keinen Laut von sich gab, nieder. Um so gräßlicher schrien seine Kameraden. Und Sanhabe wieherte: »Ohaohaoha!« Der Afrikaner hatte die Büchse an der Backe, stand wie aus Erz gegossen und schoß. Auf dem vor Schreck ohnmächtigen Träger lag ein Löwe – ein toter, ins Gehirn getroffener Löwe. »Kuma, kuma!« tobte der schwarze Zyklop und Satan, um seine gelben Höllenhunde auf Menschen zu hetzen. Die zweite Bestie setzte durch den Spalt, die dritte war mit dem Oberkörper hindurch, wurde aber zum Glück von dem letzten Löwen, der ihr aus Futterneid den Vortritt streitig machte, in die Hinterläufe gebissen, knurrte und wehrte sich. Jobst zielte mit großer, sichrer Ruhe und tötete mit einem Tellschuß die Riesenkatze. Ach, nun war keine Kugel mehr im Lauf; der alte Held mit der berühmten Büchse schien verloren; denn der junge Deutsche durfte seinen Posten nicht verlassen, da der schwarze, triumphierende Teufel Miene machte, über das Häuflein draußen herzufallen. Der große Afrikaner rettete sich durch eine blitzschnelle, beispiellose Geistesgegenwart. Er schleuderte die Büchse dem durchkriechenden Löwen an den Kopf, packte einen langen, spitzen Zahn und stieß diesen Speer mit aller Kraft in den geifernden, fauchenden Rachen hinein. Das Raubtier fiel in den Zwinger zurück und röchelte schwerkrank. Der letzte Löwe verkroch sich feige. Jobst schob schnell die Holzstangen in die Löcher und verschloß das Gitter. Der Häuptling heulte wie eine Hyäne, schrie Befehle und wollte Erbs Häuflein morden und massakrieren. Ein äußerst kritischer Augenblick, da die Träger in ihrer Kopflosigkeit Reißaus nehmen wollten. Kitumbua jedoch fluchte und fuhr sie an: »Wir werden alle gefressen, wenn wir nicht tapfer sind. Hier heißt es: Brav sein oder braten! Ihr Dummköpfe, Allah il Allah!« Die Ansprache und der Kriegsruf des Askari rettete die Situation. Die Kerle wollten doch lieber brav sein als braten und blieben stehen. Eierkuchen legte auf die schwarze Majestät an, zielte auf das Zentrum der Fleischmasse und bleckte mit den spitz gefeilten Zähnen: »Die Waffen nieder, oder ich schieße Sanhabe in den Bauch, daß sein Wanst platzt!« War auch eine sehr wirksame Rede. Der schwarze Berserker bat demütig und duckte sich. »Nehmt die Flintenläufe fort, damit kein Unglück passiert! Versteht ihr keinen Spaß? Ich wollte mal sehen, ob ich euch bange machen könnte ... aber die weißen Männer sind Löwen und sollen Sanhabes Herzensfreunde sein.« »Aus purer Freundschaft hast du den Spalt offen gelassen...?« »Hast du keine schlechten Diener?« fragte der Heuchler und fuhr einen Minister an. »Du lässiger Hund hast die Stangen nicht festgemacht und meine Freunde schwer gefährdet.« Um seine sittliche Entrüstung und seine schnelle Strafjustiz zu zeigen, schlug er den Minister mit dem Kolben auf den Kopf, daß der Schädel krachte und knackste. Der Pfadfinder zog kaltblütig den Rock aus und nickte seinen Leuten zu, als wenn nichts geschehen wäre: »Wir arbeiten ruhig weiter.« – Hundertdreißig der schönsten Zähne, die schon eine Seltenheit wurden und an die goldenen Zeiten der ersten Elfenbeinjäger erinnerten, lagen in langer Reihe vor dem Zwinger. Jobst betrachtete mit stiller Wonne die wertvolle Strecke. Sein Genosse aber hatte keine rechte Freude an dem Reichtum, sondern philosophierte: Wie viel rotes Blut klebt an jedem weißglänzenden Stück! Mit wie vielen Tränen, Todesschreien, Sünden und Scheußlichkeiten ist dieser Schatz erkauft worden! Wie viele Menschen hat der abscheuliche Despot hingemordet, um nur einen Zahn zu rauben, wie viele seiner Männer und Frauen hat der Tyrann, der seine Untertanen wie Fliegen totquetscht, unter die Holzgabel gesteckt und als Sklaven verschachert für ein einziges der hundertdreißig Stücke? Ruht nicht ein Fluch darauf? Mir graut, wenn ich die Rechnung mache. Aus der Boma Sanhabes ertönte Wehklage und Gewimmer. Sanhabe schaute mit verzerrtem Gesicht seinem Schatze nach, tanzte vor Wut und berserkerte in seinem Hause. Er schlug seine vielen Gemahlinnen und Kinder grün, blau und blutig, krumm und lahm, und man hörte sein Getobe: »Schreien sollt ihr euch den Hals zu schanden, weinen sollt ihr euch die Augen aus dem Kopfe um meine schönen, schweren, herrlichen Zähne.« Despotismus und Wahnsinn wachsen auf einem Holz. Die Deutschen fingen an einen Schuppen für Elfenbein zu bauen – um den Häuptling zu täuschen – und brachen nachts gegen zwei Uhr auf, um einen Eil- und Gewaltmarsch zu machen. Jobst ging mit langen Storchschlitten an der Spitze, während sein Neffe die Nachhut führte. Jeder hatte fünfundzwanzig Gewehre, meistens M. 71, die aber von Trägern gehandhabt wurden. Die Leute waren, da manche einen Zahn von 90 Pfund – eine unteilbare, viel zu große Last – tragen mußten, leider zu schwer beladen. Wenn der junge Afrikaner die keuchenden Neger ansah, redete eine leise Stimme in ihm: Ist es nicht der ewige Fluch der Goldgier, daß sie sich am toten Mammon zu Tode schleppt? Haben wir nicht durch unsre Gewinnsucht mehr als zweihundert Menschen in Gefahr, vielleicht ins Verderben gebracht? Er ließ den Pavian Basse frei laufen, um durch die Possen des kleinen Hofnarren sich und alle zu erheitern. Fatima zeigte einen ungewöhnlichen Ernst, blickte immer wieder und eindringlich innig mit den großen, schwarzen Augen ihren Herrn an, so daß er fragte: »Was guckst du? Ist etwas Auffallendes an mir?« »Ja, du bist ein auffallend großer und guter und stattlicher Bana, du kannst und sollst noch viel Gutes, Tapfres und Großes tun und fünfzig Jahre leben.« »Wer nach Afrika geht, muß sein Testament machen ... hier geht der Tod auf allen Wegen.« »Nein, du sollst nicht sterben! Darf ich an deiner Seite bleiben?« »Gewiß, ich werde dich beschützen, solange ich einen Arm rühren kann.« Das braune Mädchen lächelte eigentümlich vor sich hin – so war es nicht gemeint, sie wollte ihn mit jedem Blutstropfen verteidigen. Sanhabe war der Safari, die sein Elfenbein, wie er schäumte, geraubt hatte, auf den Fersen, wagte aber nicht mit seinen achtzehn Hinterladern und fünfhundert Speeren einen Angriff. Er hatte immer die Regententugend oder Teufelei, andre für sich ins Feuer zu schicken, meisterhaft verstanden und Eilboten an Ndofu, der schon nahe war, gesandt.– Die Sonne hatte offenbar Eile, zur Rüst und Ruhe zu kommen, und machte eilige Schritte. Die Safari schloß dicht zusammen und passierte die Furt eines Flusses und eine bedenkliche Schlucht. Die Parole war: Schleunig hindurch! Aber die Träger waren todmüde vom Marsche. Hier war, wie so oft in Afrika, die Falle, die der strategische Kopf des Negers benutzen wollte. Die Spitze erhielt plötzlich kräftiges Feuer von einem unsichtbaren Feind, die Kugeln umpfiffen den horchenden, spähenden Pfadfinder, der sofort die Lasten als Deckungswall aufstapeln ließ und einen Mann zu seinem Neffen mit der Weisung sandte: »In dem Kessel können wir die Nacht nicht bleiben, ich werde von meinen Leuten die beherzten nehmen und den Rand erstürmen, ich vermute, daß Sanhabe eine Umgehung gemacht und sein Heer geteilt hat und auch dich bald mit einer Ehrensalve begrüßen wird. Du darfst keine Attacken machen, sondern nur jeden Besuch mit der Büchse dir verbitten.« Erb hielt eine Ansprache an seine Träger: »Nur Standhalten, ruhiges Zielen, kaltes Blut kann uns retten, nicht die meiste Menge, sondern der meiste Mut wird Sieger bleiben, jede Feigheit und Flucht ist der unfehlbare Tod ... Askaris seid ihr...« In den Schluß der Rede knatterte eine Salve. Der blutdürstige Besucher war da. Erb kannte nur zu gut den kurzen Knall und seufzte: Mit unsren eignen Hinterladern werden wir beschossen... die wir aus Geldgier verkauft haben! Eine Angst, nicht vor Menschenfeinden und Menschenbestien, sondern vor einem rächenden Schicksal und einer höheren Gewalt zuckte in seiner Brust. Mein Gott! sprach der Mann, der im Gefängnis Gott verlor. Gott ist einer, ob sie ihm auch hundert Menschennamen und Menschengestalten geben. Der Führer rief, um seinen armseligen Trägern und Tagelöhnern Feuer in die Seele zu gießen: Allah il Allah! Die müden Kerle brüllten den Kriegsruf der Sudanesen: Allah il Allah! Die armen Teufel heulten wild und wollten rechte Askaris, Krieger und Helden sein; aber sie hatten leider kein Heldenherz, sondern eine Knechtseele und einen Heideninstinkt. In Deckung hielten sie sich brav. Wo es im Busch keuchte oder im Grase eine schwarze Schlange raschelte, schossen sie flink, und mancher Wund- und Weheschrei sagte ihnen, daß sie trafen. Fatima raffte und bauschte ihr Gewand zum Sacke, kroch zwischen den Pulverlasten und der Feuerlinie hin und her und trug frische Munition zu. Erb streichelte ihre Wange: »Das ist zu gefährlich und keine Frauenarbeit... du wolltest doch bei mir bleiben. .. kusch dich nieder!« »Nein, jetzt bin ich den Leuten unentbehrlich, denn, solange sie sehen, daß das Weib ein Mann ist, schämen sie sich, Weiber zu sein.« Wenn das Flintengeknatter hinten auf der Höhe einmal verstummte, hörte man ein Klatschen und Kreischen. Sanhabe schäumte vor Wut und ließ die Lederpeitsche auf die nackten Rücken seiner Krieger niedersausen. »Ihr Hunde wollt nur bellen und nicht beißen, beißt sie, freßt sie! Das Fleisch der Weißen ist zart und süß, ihre Körper geben ein feines Siegesmahl. Freßt sie! Auf sie!« Der robuste, rabiate Häuptling war der hinterste von allen, prügelte und peitschte seine Kannibalen in den Kampf. Doch Erbs Mehrlader riß immerzu Funken und schleuderte tödliche Blitze. Die armen Kannibalen holten sich vorne blutige Köpfe und hinten blutige Rücken. Jobst hatte inzwischen einen harten Stand, der erste Sturm mißlang. Eine Stimme auf der Höhe rief herunter: »Bana Bunduki, liefere all dein Elfenbein geschwind mir aus, so lasse ich dich – bei dem Grabe meines Vaters schwöre ich's – frei und unverletzt marschieren.« Der Pfadfinder kannte die heiser bellende Stimme, ein Schreck durchzuckte das eiserne Herz. Es ist Ndofu mit seinen Waduka, der uns den Weg verlegt. Wir haben zwei Heere wider uns. Ein verteufelter Fall und eine verteufelte Falle! Vielleicht kalkuliert der Schuft: Erst das Elfenbein und dann den Menschenbraten. Wahrscheinlicher aber meint er es grundehrlich und möchte seine Bundestreue gegen Sanhabe in der Weise betätigen, daß er mein Elfenbein nimmt, mich laufen läßt, um seinem Sozius Arbeit zu machen, und sich selbst mit der Beute aus dem Staube macht. Aber einem Neger ist nie zu trauen, und mein schönes Elfenbein würde ich nicht einmal dem Teufel und seiner Großmutter lassen. Sehr böse schrie er hinauf: »Du Saubraten, ich werde dir die Zähne nicht geben, aber zeigen.« Ndofu kicherte erbost: »Wir werden dich zur Nacht rösten, obgleich du ein verdammt alter Hahn und zäher Bissen bist.« Der Afrikaner suchte die besten Leute aus, hielt keine flammende Ansprache, sondern gab jedem ein Glas Feuerwasser und sprach die Worte, die den Neger ergreifen und begeistern: »Wer mit mir die Höhe erreicht, bekommt zwanzig Rupien.« Zweimal stürmte Jobst mit zwölf Flinten und mußte zurückweichen. Drei Mann verstopften sich die Wunden mit Gras und verkrochen sich. Er sah die Träger an und sagte: »Dreißig Rupien!« und steigerte den Preis für ein Menschenleben: »Vierzig ... fünfzig Rupien... fünfzig!« Da meldeten sich sechs Mann, die gierige Augen und angstgraue Gesichter hatten, und der eine sagte mit Galgenhumor: »Für fünfzig Rupien kann ich mir eine Frau und einen kleinen Pombehandel kaufen.« Jobst wählte einen andren Sturmweg, erreichte nur zwei Drittel der Höhe und verlor vier Mann. Den, der den Pombehandel kaufen wollte, ließen sie als Leiche liegen, aber sein Gewehr nahmen sie liebevoll mit. Die Sonne sank, die Nacht in diesem Kessel war der Untergang. Der vierte Sturm sollte und mußte gelingen. Siebzig ... achtzig Rupien wurden geboten. Sieben Neger, die an allen Gliedern zitterten, traten vor. Der Führer horchte nach hinten, wo sehr heftig geschossen wurde, und schaute Kitumbua fest an: »Du bist mein bester Kerl. Siehst du den Felsblock dort oben? Den müssen wir erreichen oder sterben. Du bleibst einen Schritt hinter mir und benutzest mich als Deckung, bis wir den Felsblock haben... dahinter verkriechst du dich, so daß keine Kugel dich kitzeln kann. Du hast nichts zu befürchten und nichts zu tun, als im Fluge die Büchsen zu laden und mir zu reichen.« Kitumbua kraute sich: »Für den kleinen, kitzlichen Spaziergang bekomme ich zweihundert Rupien, mein Bana?« »Nein, es ist Allahs Befehl, daß ich hundert gebe,« sagte Jobst sanft und laut, leise aber dem Exaskari ins Ohr: »Hundertfünfzig dir!« Die Waduka schossen Kugeln und Pfeile. Drei Träger taumelten und schweißten. Auch Jobst blutete aus zwei Wunden, erreichte aber den Felsblock, der Ndofus Stellung bestrich und ihm und seinem Büchsenspanner Deckung gab. Seine berühmte Büchse bewährte sich von neuem; jeder Schuß auf den schwarzen Bienenschwarm war ein Treffer und meist ein Toter. Ndofu heulte: »Auf die Schakale hinter dem Steine!« Der Wütige gab sich eine Blöße, ward in den Bauch geschossen und fiel mit Gebrüll hintenüber. Ein Grauen vor der Fetischflinte ergriff die abergläubischen Neger, die sofort flohen, ohne sich um ihren gefallenen König zu kümmern. Der Pfadfinder atmete die kühle Abendluft, die köstliche Lebensluft, die ihm heute fast ausgegangen war, tief ein, stopfte frisches Gras in seine Arm- und Schulterwunde, wickelte Tuchstreifen darum, und der Verband war fertig. Mann für Mann, mit einem Zahn beladen, kletterten sie die Höhe hinauf. Da kommt ein Bote mit Gebärden des Entsetzens von hinten. »Wir sterben... Sanhabe ist über uns!« Jobst springt, rutscht, kollert den Abhang hinunter, rafft Leute, Gewehre zusammen und rennt mit offnem Munde. Nichts ist ihm sein Elfenbein, sein Freund und Sohn ist ihm alles. Erb hält mit dem Schnellfeuer des Repetiergewehrs die Feinde kaum in Schach. Der Neger greift in der Regel nur aus dem Hinterhalte an; wenn aber seine Weiber oder Herden oder sein Elfenbein auf dem Spiele steht, wirft er sich auch von vorne den gefürchteten Weißen und ihren Feuerrohren entgegen. Sanhabes Zyklopenauge rollt weiß und wahnsinnig. Er hat in der einen Hand den Hinterlader, in der andren den Speer. Damit stößt er jeden seiner Sklaven, der stehen bleibt, nieder. Am Abhang kleben, kriechen sie ... dreihundert schwarze Teufel erheben sich und heulen... Kugeln klatschen, reißen Löcher, Lücken ... aber die schwarze Mauer kommt näher ... näher. Fatima liegt neben Erb und lädt seine Büchsen. Die schwarze, schreckliche Phalanx ist nur zehn Schritte entfernt, schreit, schleudert... nur fünf... nur drei Schritte noch. Die Todesangst, die tolle Panik wirft die armen Träger auseinander, sie rennen. Erb steht mit Fatima ganz allein, steht aufrecht und verschießt die letzte Kugel des Magazins. Sie reißt ihn zurück, raunt: »Wir müssen fliehen, Bana!« Er macht lange Sprünge, hüpft ein paarmal, fällt auf die eine Hand – ein Speer drang ihm in den Fuß. »O Allah, Allah!« wehklagt die Dirne und will ihren Herrn heben. Er kann nicht gehen, geschweige denn laufen und sagt fest: »Laß mich liegen, rette dich!« Die Treue verläßt ihren Bana nimmermehr, richtet ihn auf die Füße und fleht: »Leg' den Arm um meine Schulter und beiße die Zähne zusammen!« Nur ein paar Schritte! Ein Dritter gesellt sich zu ihnen, der verängstigte Pavian kommt aus dem Busch auf allen Vieren gesprungen und schmiegt sich an seinen Herrn. Die Horde stürzt herbei. Sanhabe sieht die Dirne, die ihm bekannt ist, und lacht: »Ei, an diesem hübschen Fasan will ich mich gütlich tun, bindet dem Goldfasan die Flügel!« Ein Neger faßt mit beiden Fäusten seinen Speer, um den verwundeten Weißen zu durchbohren. Erb hebt instinktiv die Hand... der Todesstoß kommt nicht. Der Affe wird in der Verzweiflung zur zähnefletschenden, gefährlichen Bestie, hat ein Raubtiergebiß, scharfe Krallen und eine gewaltige Kraft. Er springt dem Speerstoßer ins Gesicht, ins blutüberströmte, das tiefe, leere Augenhöhlen hat. Der Pavian springt immer nach der Gurgel, nach den Augen. »Der Teufel, der Teufel!« schreien die Kannibalen vor Schreck. Einige aber schießen ihre Giftpfeile auf den Pavian, der sofort zusammenbricht. Basse blickt mit den brechenden, jetzt wahrhaft menschlichen Augen nach seinem Bana hin. Fatima ist gepackt und gefesselt, weil sie nur an ihren Herrn und nicht an sich und ihr Bowiemesser denkt. Sanhabe weidet sich an dem Anblick des fußwunden Mannes, grausam wie die Katze, die mit der kriechenden Maus spielt. Er will höchsteigenhändig der Henker und Metzger sein, der das Opfer abschlachtet zum schauerlichen Mahl. Da durchblitzt ein diplomatischer, staatsmännischer Gedanke sein Gehirn. Der Gefangene soll ihm als Werkzeug und Geisel dienen, um alle Zähne zurückzubekommen, um alle Flinten von den dummen Weißen zu erpressen. Haha, der magere Herr soll gut gefüttert werden mit Maisbrei, der gut mästet. Das hübsche, helle Weib soll auch mehr Speck auf den Rippen haben, soll zunächst zu Scherz, Spiel und Schäkerei ihm dienen. Sanhabe kneift leutselig ihre Wange. Sie beißt und spuckt nach dem Scheusal. Der Sultan läßt die Gefangenen und die Zähne – fast die Hälfte haben die Träger von sich geworfen – auf die Höhe schaffen; wie häßliche Fledermäuse huschen die schwarzen Gestalten hin und her. Der alte Afrikaner kommt zu spät, zu spät und rauft sich den Bart. Der stahlnervige Mann möchte weinen, schreien vor Schmerz und Grimm. Mein Erb, mein Sohn, ich bin durch meine verfluchte Gier nach dem verteufelten Elfenbein an deinem Tode schuld, o mein Gott. Jobst entblößt das Haupt und betet: »Allmächtiger, ich komme dir nicht mit Wehklagen und Winseleien, solange ich mich selbst heraushauen und den Schaden mit einer Kugel kurieren kann. Jetzt aber ist es ganz aus mit meiner Kunst. Großer Gott, hilf mir, gib mir einen pfiffigen Gedanken! Errette das junge, brave Blut, für das ich ins Feuer, ja an den Bratspieß ginge... er ist es wohl wert, daß du ein kleines Wunder tust oder ein kräftiges Wort mit den Kannibalen sprichst. Hilf dieses eine Mal, du alter, guter, treuer Gott!« Ein Erstürmen der steilen Höhe ist unmöglich, der Rand ist stark besetzt. Jobst brütet und horcht, immer hellwach und sprungbereit, die ganze Nacht, als müsse etwas geschehen und Gottes Hand eingreifen. Die Neger haben schnell aus Buschholz Hütten gebaut und mit Elefantengras gedeckt. In einem dieser Schuppen liegen die Gefangenen, mit Lianen gefesselt. Man bietet ihnen sogar Hirsebrei und Pombe an. Fatima antwortet grob: »Löse mir die Fesseln, ich will mich von deinen schmutzigen Fingern nicht füttern lassen.« »Das ist mir bei Todesstrafe verboten ... bitte Sanhabe darum, der dich bald besuchen wird, du hellbraune Taube! Er ist ein schrecklich-grausam-großer König, dem nur die Weiber etwas abschmeicheln können.« Der Despot hat also eine Schwäche für das schwache Geschlecht. Fatima hält Augen und Ohren offen, lauscht, späht, spinnt hundert Pläne. Sie weint und klagt nicht trotz der mehr als gräßlichen Lage, sondern flüstert ihrem Herrn Mut zu: »Bana Bunduki wird wie ein Luchs kommen.« »Nein, es ist aus,« sagt Erb krank und müde. »Nein, nein!« Die kleine Wilde aus Simbalimpi erwacht. »Eher beiße ich mir die Ader durch, um zu verbluten.« Fatima schlägt ihre weißen Zähne in die Lianen hinein, die fester als Hanfseile sind, zerrt und reißt, bis ein Fetzen sich löst. Mit Ausdauer nagt die Maus, nur afrikanische Zähne sind solcher Arbeit gewachsen. Erb hat starke Schmerzen, aber eine stille Ergebung. An seine Mutter und ihr Wort – Wenn du mal in einer ungeheuren Not bist, dann schreie zu Gott, und du wirst ihn sehen – muß er unaufhörlich denken; sein Auge starrt ins Dunkel, seine Seele betet. »Du Ewiger, im endlosen All der Erste und Letzte, ich habe dich hinter Kerkermauern verloren, aber in der Wildnis deine Nähe geahnt, in hundert Gefahren deinen Hauch gespült. Befreie mich aus den Händen der Menschentiere, so weiß ich, daß du bist und warst und sein wirst, so will ich dich fürchten und ehren, dir danken und dienen.« Die Sekunden werden zu Minuten. Er betet immer dasselbe. Das ist nicht energieloser Fatalismus, sondern jener starke Glaube, der Helfer und Heerscharen sieht, die kein Menschenauge erblickt. Ein Elias sah sie und sagte: Siehe, Wagen und Rosse Israels. Die Maus beißt und nagt. Draußen rasselt die wilde Tanztrommel, die Neger zechen und lärmen, blutbeschmierte Gesellen braten am Feuer große Stücke der gefallenen Träger. Plötzlich brüllt eine Stimme – alles wird still – von unten zur Höhe empor: »Sanhabe, du Scheusal! Frage die Weißen und Schwarzen, wie Bana Bunduki Rache nimmt! Gib den jungen Bana Simba heraus und behalte alle Zähne!« Der Sultan ruft mit treuherziger Stimme über den Rand: »Die Pombe hat mein bissiges Herz erheitert... du alter Habicht, warum sollen wir einander die Federn aushacken? Ich liefere dir deinen Sohn aus, den wir wie einen Sultan behandelt und mit einem großen Stück Wanjamwesischinken« – er macht Kannibalenwitze, die getöteten Träger waren aus Unjamwesi – »bewirtet haben, und du gibst mir alle meine Zähne zurück und dreißig von deinen Gewehren, nur dreißig... bin ich nicht ein guter, versöhnlicher Kerl?« »Nein, ein großer Dummkopf, du möchtest meine Rohre haben, um gleich nach der Auslieferung mich mit meinen eignen Gewehren zu massakrieren. Morgen werden die Geier an deinem Wanste schmausen.« Sanhabe geht zum Feuer, ißt und trinkt. Er rülpst und reckt sich und revidiert um Mitternacht die Wachen. Sein Gang ist etwas schwer, sein Zyklopenauge gläsern geworden und schielt lüstern nach einer Hütte hin. Er will mit dem hübschen Fasan scherzen und schäkern, nimmt aber als vorsichtiger Mann seinen Hinterlader in die eine und einen Feuerbrand als Fackel in die andre Hand. Die Maus nagt nicht mehr, die Lianenfessel hängt noch an ein paar Fasern an den Handgelenken, die Fatima unter dem Gewand verbirgt. Ihr schwarzes Auge funkelt unheimlich, aber auf ihrem Gesicht liegt ein künstliches, kokettes Lächeln. Ihre Lippen schmachten den scheußlichen Zyklopen an. »Mein Herr und Löwe, kommst du zu dem bangen Vöglein? Du bist ein stattlicher Mann und ich ein kleiner Siedelsperling... willst du das Spätzlein verschlingen?« »Oho, ich möchte dich vor Lust und Liebe fressen.« Der Halbtrunkene drückt mit dem breiten Maule ein paar Schmatze auf des Mädchens Wange. Sie schüttelt sich nicht vor Ekel, sondern schmeichelt den Unhold an. »Magst du mich leiden, Herr König? Du bist ein schöner Mann... nimm mich in deinen Harem!« Der verliebte Gorilla stößt die Fackel in die Buschwand und stellt sein Gewehr daneben, schlägt die Beine unter, umschlingt die Dirne und schnobert an ihrem Gesicht herum. »Ei, du hast weiches, zartes Fleisch.« Erb wendet sich mit Abscheu ab, um das ekelhafte Schauspiel nicht zu sehen, und wird in der Stunde irre an Fatima. Die Schändliche umgirrt den tierischen Neger, um ihr Leben mit ihrer Schande zu erkaufen; die Schlaue wird ihren Weg machen und noch Königin der Kannibalen werden. »Willst du mich in deinen Harem nehmen, so will ich dir zeigen, wie ich küssen kann,« lispelt sie, »komm, ich will dein stolzes Königsauge küssen.« Fatima beugt sich über das Affengesicht, bedeckt mit ihren Lippen das Zyklopenauge, das unter dem Judithkusse nichts sieht noch argwöhnt. Ihre Hände zerreißen unter dem Gewand die letzten Fasern und fassen das lange, spitze Messer. Es fährt aus dem Busen, wie eine blanke Schlange. Fatima küßt das Zyklopenauge wie eine Mänade, aber ihre Lichter lohen, wie die Flammenaugen der rachedürstenden Erinnye. Sanhabe darf kein Todesgebrüll, keinen Ton ausstoßen. Die zarte Mädchenhand zielt ohne Zucken nach dem Herzen und stößt das lange, spitze Messer bis zum Heft hinein. Das Wollhaupt fällt zurück, und aus dem Halse steigt ein röchelndes Rallen. Der scheußliche, schwarze Holofernes ist nur ein Kadaver, von dem ihr Arm mit Ekel zurückstiebt. Ist sie eine heimtückische Mörderin oder eine hohe Heldin? Die afrikanische Judith reißt das Messer, dem ein dicker Blutstrahl folgt, heraus und durchschneidet die Fesseln ihres Herrn. »Bana, nimm das Gewehr, stütze dich darauf und auf meine Schulter, beiße die Zähne zusammen! Allah, hilf!« Sie fliehen an schnarchenden Schläfern vorbei. Jeder Tritt ist eine Marter, als führen hundert Dolche vom Knöchel bis zum Knie. Werden sie durch die Wachen kommen? Erb preßt den Arm um Fatimas Nacken und berührt das goldene Fetischhalsband, das im Krokodilmagen gefunden und aus dem Tanganjika gefischt wurde; ein kalter Schauder durchfährt ihn. Ein Neger lehnt über dem Abhange am Kameldorn – sein Kopf baumelt auf die Brust – und schläft im Stehen. Leise, leise vorbei! Der spitze Stein bohrt und brennt im Fuß wie Feuer. O – o! Ein Schmerzensseufzer weckt die Wache, der Kerl hebt das hängende Haupt. In die Brust fährt ihm das blutige Messer der Fatima, doch der Körper fällt mit Krachen hin. Ein Neger springt und schwingt den Speer und brüllt Alarm. »Bana, schieße ihn nieder!« sagt die braune Judith kalt. Erb schießt, sie erhebt die helle, gellende Stimme: »Bana Bunduki, Hilfe, herbei, hier wir!« »Hier Bunduki! Ich komme!« Jobst, der die ganze Nacht gespäht, gehorcht, auf irgend etwas gewartet hat, klettert, keucht die steile Höhe hinan. Es ist für Erbenheim eine unmenschliche Qual, den Hang hinunterzukriechen. Die Neger heulen den Flüchtlingen nach. Der Abhang wimmelt von schreienden, schwarzen Pavianen. Jobst schießt und schreit: »Hierher, mein Sohn!« Da ist die Rettung, der Hinkende beeilt sich zu sehr, stolpert, knickt ins Knie. Die treue Dienerin hält und hebt ihn. O, schwarze Gorillahände greifen durch die Luft, aber die flinke Dirne enthüpft ihnen wie eine Antilope. Ach, die schwarzen Hände sind hinter ihr, die leicht sich retten könnte, aber hinter ihrem kranken Herrn bleibt. Das Gold am Halse gleißt durch die dunkle Tropennacht. Das rätselhafte Krokodilhalsband wird Fatimas Verhängnis und Fatum. Ihre behende Gestalt entschlüpft noch einmal, aber eine Hand packt das Halsband und reißt die tapfre Judith hintenüber. Sie sticht mit dem Bowiemesser um sich, jedoch zehn... zwölf Speere der Kannibalen umringen sie. Erb wendet sich rückwärts nach dem Getümmel, sieht mit stierem Entsetzen seine Retterin in der Gewalt der Kannibalen und besinnt sich nicht. Er muß und will sie herausreißen, drückt den zweiten Lauf ab – ein Negerkörper kollert zu Tal – und schwingt den Kolben als Keule. Ach, der fußwunde Mann kommt nicht als Stürmer, sondern als Kriecher mühselig-stöhnend bergan. Ihr teurer, geliebter Herr rennt in die Hände der Teufel, in den Tod um ihretwillen. »Mein lieber, lieber Bana, fliehe, fliehe... ich muß für dich sterben ... lebe wohl, mein geliebter Herr... ich ster–be.« Die junge Heldin holt mit dem Messer aus und sticht es sich in die treue Brust und das tapfre Herz. Erb wird von Schreck geschlagen, schreit, wehklagt: »Fatima, was hast du getan!« Schnaufend, schniefend steht Jobst neben ihm mit seiner nie fehlenden Büchse, zwei Sekunden zu spät gekommen, und beide schießen über Fatimas Leiche hinweg, rächen ihren Tod und fegen die Wilden, die wie Steine kopfüber poltern, vom Hang herunter. Schwarze, krank geschossene Schlangen keuchen allerwegen nach oben. In der Ferne erhebt sich das schrille Klagegeheul der Neger um den toten Sultan Sanhabe; um den grausamen Despoten, der sie wie Hunde schlug und wie Würmer zertrat, raufen sich die Sklavenseelen das Wollhaar aus. Ihren sterbenden Brüdern reichen sie keine Hand, aber um den teuflischen Tyrannen, der ihnen ein Dämon war, winselt das Hundegelichter. O dunkelstes Afrika! Erb taumelt auf dem armen, arg mißhandelten Fuß, der grauhaarige Alte trägt ihn wie ein krankes Kind. Der vorsorgliche Kitumbua hat auf der entgegengesetzten Höhe einen Verhau gemacht, die Menschenfresser wagen keinen Angriff und heulen ihre Totenklagen durch die Nacht. Erb wehklagt mit weher Stimme immerzu: »Fatima... Fatima... ist tot.« Der Oheim brummt nach einer Weile: »Mensch, du flennst wie ein Frauenzimmer. Warum mußte das dumme Ding sich töten, wo ich gleich da war? Mein Sohn, man soll um ein farbiges Weib nicht weinen!« Erb richtet sich auf und redet: »Die Kleine war groß, ja größer als wir alle. Selbstmord sagst du? Nein, nein, ein edler, schöner, heiliger Opfertod war ihre Tat... um zu verhindern, daß ich umkehrte und in Gefangenschaft geriet, starb sie für mich, für mich. Das ist die größte Liebe, die ihr Leben läßt für den andren.« »Ich meine, als sie von hinten niedergerissen wurde, stach sie sich das Messer in die Brust, um nicht von den Bestien gefangen und geröstet zu werden.« »Das war vielleicht der eine, instinktive, aber der bewußte und höchste Grund ihres Todes war, meinen Tod zu verhüten um den Preis ihres Lebens. Ach, du kamst um einen Schritt zu spät.« »Ich habe den Leichnam der Kleinen bergen und auf grünen Zweigen aufbahren lassen. Ihr hübsches Gesicht ist so friedlich und scheint sogar zu lächeln. Manchmal muß ich an einer Bahre denken: Die Toten lächeln und lachen uns aus, weil wir eine solche Heidenangst vor dem unbekannten Lande haben.« – – – Jobst stellte die Verluste fest, harkte verdrießlich seinen Bart und fragte vorsorglich seinen Neffen: »Kannst du Unangenehmes zu hören vertragen?« »Das sind nur Kleinigkeiten neben dem großen, unersetzlichen, unvergeßlichen Verlust.« »Zwölf Träger sind gefallen ... schlimm, sieben Gewehre fehlen... schlimmer, etwa fünfzig Zähne sind geraubt und vom Gewinnkonto zu streichen... am schlimmsten! Das ist ein sehr schwerer Verlust. Ich glaube, wir könnten ohne viel Risiko die Kannibalen, die den Häuptling und den Kopf verloren haben, angreifen und unser Elfenbein uns holen...« »Nein, um das elende Elfenbein ist schon zu viel Blut geflossen. O, wenn die reichen Damen, die in ihren Toilettezimmern und Boudoirs, an ihren Intarsienschränken am reichen Elfenbeinschmuck sich ergötzen, ahnten und wüßten, wie viel Menschenblut an jedem weißen, winzigen Stückchen klebt, mit viel Grausamkeit und Greuel, Menschenmord und Menschenqual so ein Zahn erkauft ist, o sie würden ergrausen und in ihren Prunkboudoirs lange Leichen- und Gespensterzüge sehen.« »Na, dann helpt datt nix,« nickte der Alte ironisch. »Darf ich mir eine Pfeife anstecken von meinem eignen Tabak? Oder klebt auch an dem Nikotinkraut zu viel Niggerschweiß und Sünde? Wir haben allerdings die achtzig besten Zähne, die vorne waren, behalten, aber von unsrem Elfenbeinkapital sind, nach Küstenkurs berechnet, 45 000 Mark zum Teufel gegangen... ich hab' so viel, daß ich nicht verhungere, aber von deinem Vermögen, mein lieber Universalerbe, geht es ab.« Der junge, blasse Mann drückte die knochige Hand. »Was ist mir das Geld? Afrika gab mir ein andres Gut... ich habe einen wahren, zwar etwas wunderlichen, guten, edlen Vater gefunden... und ich habe Gott gesehen und gefunden in dieser Schreckensnacht.« – Am Morgen war ein tiefes Grab geschaufelt, und große Steine lagen zum Beschweren bereit, damit die Schakale die Gruft nicht schändeten. Auf der Bahre von grünen Zweigen lag die Schläferin. Wie schön, wie unschulds- und hoheitsvoll das orientalische, edel geschnittene Antlitz im Tode war, auf den Lippen schien ein kleines, feines Lächeln erstarrt, als wie ein leises Triumphieren, daß ihr noch der letzte Streich ihrer großen Liebe gelungen sei. Erb küßte die Stirn des braunen Kindes und streute wilde, bunte Blumen und Palmenzweige auf den Körper. Der Exkannibale »Eierkuchen« weinte wie ein Kind, viele Träger erhoben eine laute Totenklage, als die Bahre in die Erde gesenkt wurde. Die Weißen waren still und erschüttert. Erb hielt der Tochter eines unbekannten, arabischen Sklavenhändlers keine Grab- und Ruhmrede, aber sein Herz liebte die Tote und gedachte der rührenden Anhänglichkeit und kindlich keuschen Leidenschaft, der kleinen, süßen Torheiten und der großen, schönen Taten dieses Naturkindes, er schrieb das Gedächtnis der Treuen unauslöschlich in seine Seele hinein. Auf Erbs Wink luden die Träger ihre Gewehre und schossen drei donnernde Ehrensalven über das Grab der afrikanischen Judith. Wie die Helden der Schlacht mit Ehrenschüssen begraben werden, so wurde die kleine Fatima aus dem Negerdorfe Simbalimpi, die ihrem Herrn gleich einem Hündchen nachgelaufen war, wie eine Heldin und mit Heldenehren bestattet. Die Safari verließ in raschen Märschen – die Träger lösten sich ab, da sie mehr Träger als Lasten hatten – das unheimliche Gebiet der Negerstämme, die spitz gefeilte Zähne haben und Menschen essen. Erb wurde in einem Liegestuhl auf Stangen getragen und kämpfte fortwährend – aber mit dem Wedel gegen Fliegen und Moskitos. Nur abends, im Netz verkrochen, lachte er schadenfröhlich über das erboste Gesurre und Geschimpf der Stechmücken, dem er die innere und ohnmächtige Mückenwut anhörte. In den Tagen erzwungener Ruhe dachte er sehr viel an seine Mutter und an Ella, und eine heiße Sehnsucht nach einem Briefe, einer Botschaft der Heimat erfüllte ihn. Doch es war ihm merkwürdig, daß er keine Unruhe, sondern fast eine stille Gewißheit hatte, es würden keine schlechten Nachrichten sein. In einer Hitze, die Hochofenglut war, erreichten sie den Fluß, an dem die Kongostation lag, die so gastlich sich von ihren Gästen mit Kognak bewirten ließ und von dem Leutnant in Hausschuhen regiert und repräsentiert wurde. Man wollte am Fluß entlang, ohne die Furt zu passieren und die verkafferten Belgier zu besuchen. Kitumbua mit seinen scharfen Augen guckte durch die Büsche und stutzte zuerst. »Bana, wir haben uns verirrt, dort drüben müßte die Stange mit dem Lappen stehen... wir sind an einen andren, ähnlichen Fluß geraten.« Der Pfadfinder schrie, als wenn »Eierkuchen« stocktaub wäre: »Ich wette fünfundzwanzig Hiebe, da... da muß die Schmutzstation liegen, wenn sie nicht von Flöhen, Wanzen und Läusen ganz aufgefressen ist.« Die Safari ging weiter und gaffte über den Fluß. Da war kein Haus, keine Fahnenstange, kein Mensch. »Und da muß sie sein,« schrie Jobst. »Eierkuchen« grinste: »Weg ist sie und von Läusen gefressen ... Bana, wer soll jetzt die Fünfundzwanzig haben?« Alle eilten zurück und durch die Furt. Die Militärstation war vom Feuer verzehrt, vielleicht von Kannibalen überfallen worden. Keine Leiche, nur halbverkohlte Balken auf der Brandstätte! »Wieder eine jener schauerlichen Tragödien, an denen Afrika so reich!« rief Erb, »kein Mensch, keine Maus ist am Leben geblieben, alles verspeist!« »Dort ist so was wie ein Mensch,« sagte Kitumbua. Ein menschenähnliches, entsetzlich mageres Geschöpf kroch aus einem hohlen Affenbrotbaum heraus und bettelte um Speise. Es war ein Bursche von fünfzehn Jahren, ein schmutzig gelber Mestize, eine Jammergestalt, die Jobst mit Vorsicht fütterte. Der Bursche, der eine schwarze Mutter hatte und einer morganatischen Ehe des belgischen Leutnants entstammte, erholte sich bald und erzählte in Pidgin-Französisch den grauenhaften Untergang der Station. Die eignen Kongoaskaris waren die Kannibalen gewesen, die vor zwei Wochen gemeutert, den Leutnant und alle weißen Unteroffiziere gemordet hatten. Die Meuterer hätten zwei Frauen und acht Bastardkinder in den Fluß zu den Krokodilen, die Leichen der Weißen ins Feuer geworfen, hätten vorher alle Munition und Vorräte herausgeholt und das Weite gesucht. »Wie bist du dem Tode entronnen?« »Ich schwamm im Wasser, die Krokodile, die Fleisch genug hatten, waren faul und verfolgten mich nicht, ich habe im Schilf zwei Tage und Nächte gesessen.« »Warum haben die Banditen Aufruhr gemacht?« »Mein Leutnant sah eines Abends, daß die junge Frau Katjuscha mit einem Askari hinter den Bananen stand und geküßt wurde, konnte aber den Mann nicht erkennen und nicht ergreifen. Am Morgen mußten alle Mann zum Appell antreten, und er drohte: Wer die Katjuscha geküßt habe, solle sich melden, oder er werde alle der Reihe nach totpeitschen und hängen. Keiner meldete sich. Da wurde mein Leutnant wild, schrie einen Mann, den er im Verdacht hatte, an: Du Halunke bist es gewesen, heraus, du sollst hängen! Obgleich der Askari weinend seine Unschuld beteuerte, wurde er sofort am Baume aufgeknüpft. Der Herr schäumte und schrie: Wenn morgen beim Appell der Hund, der Küsser, sich nicht selbst stellt, kommt der zweite in die Hanfschlinge, übermorgen der dritte und so weiter. Dann krieg' ich den Schuldigen gewiß, ich will es euch abgewöhnen, die Katjuscha abzulecken! Die Askaris murrten miteinander. Am zweiten Morgen standen alle still und starr in Reih und Glied. Der rasende Herr brüllte wie ein Löwe, riß den Askari Bibiri heraus, legte den Strick um den Hals und ließ ihn hochziehen. In der dritten Frühe meuterten die Askaris, fielen über meinen Leutnant, der den Strick bereit hielt, her, hängten ihn an den Füßen auf, daß die Fliegen und Ameisen langsam ihn fräßen, und warfen die Unteroffiziere ins Feuer.« »Hier hat der Tropenkoller in seinem schauerlichsten Wahnsinn gewütet,« sagte Jobst. »Und der Alkohol,« antwortete der andre. Der Mestize bat, ihn mitzunehmen. Erb hatte Mitleid mit dem Burschen, der einen unangenehm scheuen Blick hatte, und nahm ihn trotz einer gewissen Antipathie in seinen Dienst. »Du kannst mein Boy sein, aber ich habe einen sehr braven gehabt und fordre viel Fleiß und völlige Treue. Wie heißt du?« »Maurice! Wie viel Lohn soll ich haben?« fragte der Franzose und Frechdachs mit flinker Zunge und ausgeprägtem Geschäftsgeist. »Drei Rupien und dreißig Hiebe im Monat! An dem wirst du deine helle Freude erleben,« lachte der alte Menschenkenner. Die Karawane marschierte nach dem Tanganjika, fuhr über den herrlichen See und schlug den bekannten Weg nach Tabora ein. Ohne Abenteuer wurde das Handelsemporium erreicht. Das schreibt sich mit wenig Worten und ist doch eine endlose Kette von Mühseligkeiten, von Mücken-, Hitz- und Durstpein, ein monatelanger, ungeheurer Verbrauch von Ausdauer und Energie. Von seinen Guttaten hat der Mensch oft Verdruß. Maurice log wie ein Inder, stahl wie ein Neger und wurde rund und fett in seinen Sünden. »Nimm den Kiboko!« bat der alte Praktikus. Erb wollte aber von der Prügelpädagogik nichts wissen und behandelte den Bengel, der den Europäer nur in seiner Entartung kennen gelernt hatte, mit Nachsicht. Der fünfzehnjährige Bursche betrank sich in Tabora, und es zeigte sich; daß er nachts aus der Hosentasche seines Herrn Geld gestohlen hatte. Da nahm Jobst die Erziehung in die Hand. »Mein Sohn, du hast dich wie ein ganzer Mann besoffen, nun sollst du wie ein Mann bestraft werden.« Die Hiebe hatten eine ausgezeichnete Wirkung. Maurice war eine Woche artig und manierlich, wusch sich die Pfoten und fuhr nicht in die Schüsseln und Schurze anderer Leute hinein. Die Sozii konnten ihr Elfenbein hier nicht preiswert verkaufen. Die beiden Inder, die entsprechendes Betriebskapital besaßen, bildeten schnell einen Ring und boten einen Schandpreis, um die Beute zu teilen. Jobst fuhr den ölglatten Hindu saugrob an: »Du Buddhaanbeter wagst mir drei Rupien zu bieten für's Pfund? Wenn ich Sultan von Ostafrika werde, will ich das ganze indische Gelichter in die Sklavengabel stecken und an die Kongokannibalen billig verkaufen.« Jeder alte Afrikaner verwünscht die Inder, die meistens gaunerische Händler, Halsabschneider und Blutsauger sind. Der Marsch nach der Küste war lang, aber für Erb, der sich nach Briefen sehnte, ein froher Weg. Doch eines Tages wurde er sehr traurig. Seinem Oheim war eine Pfeife, die Lieblingspfeife, gestohlen worden, der Verdacht fiel natürlich auf Maurice, der mit sittlicher Entrüstung sich nackt auszog und seine Lumpen zum Visitieren hinwarf. »Sucht doch in meinem Munde, meiner Nase!« sagte er. »Ich sah im Morgenzwielicht einen Verdächtigen am Zelte ... das Gesicht sah ich nicht, aber die Gestalt war so lang und breit wie Kitumbua.« »Für den lege ich meine Hand ins Feuer,« sagte Erbenheim. »Ich schwöre auf keinen Neger.« Jobst ließ die Träger antreten und beklopfte ihre Schurze und Taschen. Kitumbua half ihm eifrig beim Tasten. Der alte Pfiffikus stolperte plötzlich, stieß seinen Helfer an, pfiff durch die Zähne und holte die Pfeife aus Kitumbuas Tasche. Der Alte regte sich nicht auf, sondern bat ruhig: »Bücke dich, mein Sohn, und nimm deine Fünfundzwanzig!« »Dieb, Dieb, Dieb!« triumphierte Maurice, denn er haßte den Aufseher, der ihm scharf auf die Finger sah. »Bana, gib ihm nicht fünfundzwanzig, sondern fünfzig... ein Aufseher bekommt ja die doppelte Ration.« Kitumbua glotzte. »Was ... wie... kommt die Pfeife in meine Tasche?« »Deine Linke wird doch wissen, was deine Rechte geklaut hat... bitte, bücke dich!« Der Askari knirschte mit den gefeilten Zähnen und rollte mit den Augen. »Wer... wer hat die Pfeife in meine Tasche...?« »Jedenfalls ein gewisser »Eierkuchen«.« »Ich bin kein Dieb ... kein Dieb!« Der Neger sprang wie ein wundes Tier, riß sein Gewehr aus der Pyramide, setzte den Lauf auf die Brust und drückte mit der großen Zehe ab. In der letzten Sekunde schlug Erbenheim den Lauf zur Seite. Jobst betrachtete den aufgeregten Askari und sagte ruhig: »Du bist unschuldig, mein Sohn, hier hast du zwei Rupien für die Angst.« Mit demselben Gleichmut fuhr er fort: »Der Maudit-Maurice muß hängen!« Der belgische Bastard führte nämlich das Wort » maudit « immer und zum Ekel im Munde. Er nahm Maurice am Arm und in die Beichte, aber erst nach stundenlangem Verhör, und nachdem ihm Straffreiheit versprochen war, wurde der Bengel mürbe und bekannte, daß er aus Jux die Pfeife im Rock des Aufsehers versteckt habe. »Jage das kleine Scheusal zum Teufel!« knurrte der Alte. »Nein, er hat unser Wort, ihm darf nichts geschehen,« antwortete der Neffe. Gegen Abend hörten die Weißen ein erbärmliches Geschrei, und Jobst schmunzelte: »Ich höre nichts, mache deine humanen Ohren fest zu!« – Kitumbua spuckte in die großen Fäuste und schlug Maurice für seine Missetat windelweich. Aber der von Kind an verprügelte Taugenichts war gegen Schläge fast immun geworden, lief nach der Züchtigung hinter das Zelt und streckte die Zunge lang aus.– – – Weit und endlos sind die Wege in Afrika. Aber auch diese lange Reise, die Jahre gewährt hatte, war endlich am Ausgangsziel. Als die Deutschen die Kokospalmen, die wie Riesenwedel auf langen Stangen stehen, erblickten, warfen die Suaheli ihre Elefantenzähne hin und fingen an zu weinen beim Anblick ihrer Heimat, ihrer Palmen und ihrer Küste. Die andren Träger lärmten und schrien: »Daressalam, Daressalam!« Dort unten lag die weiße Wunderstadt, von der sie in ihren rauchigen Hütten so märchenhafte Dinge gehört, und deren Herrlichkeiten sie jetzt sehen sollten. Das Gerücht von der Ankunft einer großen Elfenbeinsafari hatte unbegreiflich schnell in der Stadt des Küstenklatsches unter Interessenten und Neugierigen sich verbreitet. Käufer und Müßiggänger, Makler und Agenten eilten nach dem Platze, wo die Karawane Halt gemacht hatte. Alle bewunderten und beneideten die großen Zähne; erstklassiges Elfenbein war damals schon in Afrika recht knapp und rar geworden. Dreizehnter Abschnitt Jobst Renner begrüßte alte Bekannte, brach einer Kognakflasche den Hals und schenkte sich und allen, die ihn Freund nannten, ein. Seinen Neffen, der feindselig nach dem Alkohol schielte, blinzelte er an: »Jetzt sind wir in der Oase ...« »Und das Kamel, wie du sagst, fängt das Saufen an.« »Sehr richtig, mein Sohn! Zum ersten darum, zum andern, um den Kerlen Kurasch zu machen, daß sie mit Mut und Ausdauer bieten, denn durchs Glas – ich meine das Kognakglas – sehen die Zähne noch größer aus.« Von dem Erlös des Elfenbeins blieb ein Reingewinn von 76 000 Mark. Jobst schob die eine Hälfte seinem Sozius hin: »Nimm's, ohne wie ein Backfisch zu erröten!« Da griff Erb fest und fröhlich zu, und seine Brieftasche faßte kaum die Fülle. »Schaff dir eine Bank an nach dem Vorbilde meines Brustbeutels, sonst wird dein Geld bald Liebhaber finden.« Der junge Mann hörte es nur mit halbem Ohr und lief ins Konsulat, um Briefe zu holen. Kitumbua hatte seinen Lohn erhalten, drehte das Fez in der Hand und wollte Adieu sagen. Du hast ja schon einmal Lebewohl gesagt, lachte Bana Bunduki. »Ja, du bist ein guter Herr, und der junge Bana ist noch besser.« – »Darum machst du dir den Abschiedsschmerz zweimal?« Der robuste Kongoneger wischte sich die Augen. »Bana, ich wäre gern geblieben... für etwas weniger Lohn.« »Zwar bist du für einen Boy um eine Elle zu lang, aber du magst als Leibbursche und Bambuse bei uns bleiben, denn der Bandit Maurice soll fliegen.« Erb fand drei Briefe vor, betrachtete die Handschrift und zog die Stirn in Falten. Alle waren von seiner Mutter... hatte er auch eine andre Handschrift erwartet? Er las die Briefe nach dem Datum, den ältesten zuerst, der voll von heißer Mutterliebe war, aber die Heimat kaum und Ella Ritterhus mit keinem Wort erwähnte. Der zweite berichtete von den nächsten Bekannten, ein paar Neuigkeiten, eine Verlobung, einen Bankerott, eine Eheirrung. Und diese Nichtigkeiten interessierten den Leser ungemein, denn darin kam die Heimat mit ihren kleinen Sachen und Sorgen zu ihm nach Afrika. Vom letzten Brief erwartete er nur die Fortsetzung, und der brachte die große, aufregende Nachricht. Erb wurde rot und blaß, die Schrift flimmerte vor seinen Augen. »Das alte, reiche Fräulein Vermehren ist an den Folgen der Influenza gestorben. Über die Testamentseröffnung, die eine Sensation war, berichteten alle Zeitungen. Ella Ritterhus hat ein großes Kapital – man sagt eine Million – geerbt, eine Million verbleibt der Firma, so daß die Herren Engel und Bengel gleich nach dem Begräbnis einen Neubau des Geschäftshauses begonnen haben... das Antiquitätenfräulein kann ja gegen die Neuerungen nicht mehr protestieren und höchstens sich mal im Grabe umdrehen. Von der oder den übrigen Millionen sollen zum Nutzen der Menschheit und Tierheit zwei Anstalten gegründet werden, nämlich ein Vermehrenmuseum, um die Sammlungen des Fräuleins, die zum Teil wertloses Gerümpel sind, zu erhalten und zu vermehren, und ein großes, ich möchte sagen, groteskes Asyl für Hunde und Haustiere, die krank, verhungert oder herrenlos sind. Du wirst ja das Fräulein Ritterhus längst vergessen und verschmerzt haben. Erinnerst du dich noch, wie wir zusammen, in der Quinta, Latein und die Phrase Inter omnes constat lernten? Inter omnes constat , alle Welt weiß, daß das junge Fräulein eine runde Million hat. In den Kaffekränzchen erzählt man, daß die junge Dame bis jetzt, in zwölf Wochen, dreiundvierzig Heiratsanträge erhalten und wohl abgelehnt habe. Mag sie den Ingenieur oder Offizier oder Bankier heiraten, meinen Segen hat sie, und deinen dazu! Du wirst schon eine gute Frau finden... nur keine allzu schwarze Afrikanerin...« Der Deutsche lief, den Tropenhut in der Hand, durch Daressalam, am Strande entlang, sein Herz, seine Pulse pochten, er fühlte gar nicht den strömenden Schweiß, sondern sprach mit sich selber: Ich werde nie ein Weib nehmen... Fatima war die einzig Treue... die andre mag, wie alle Goldgänse, einen Offizier nehmen, ich will jeden Gedanken an Ella hinauswerfen, hinaus! Erb focht mit den Fäusten, gleichwie der Hausknecht im Schwarzen Walfisch, der den Fremdling vor die Tür wirft. Ein luftschnappender Ladenjüngling rief: »Mann, bedecken Sie sich den Kilimandjaro, sonst kriegen Sie den Sonnenstich!« Der Deutsche trank einen Schoppen gegen die Hitze, aber seine Gedanken beschäftigten sich immerzu mit der Nichte des seligen Fräuleins Vermehren – die, hinausgeworfene Ella war durch eine Hintertür wieder hereingekommen. In der Nacht fiel er erst nach zwei Uhr in einen festen Schlaf. Am Morgen schrie er dreimal: »Maurice!« Kein Boy brachte frisches Waschwasser. Er nahm die Weste, die merkwürdig leicht und gestern so erfreulich schwer war, fuhr mit der Hand hinein ... »Himmlischer Vater! Die Br–-brieftasche!« Sein Kopf wurde heiß, sein Atem stand still. Er warf sich auf den Fußboden hin, wühlte im Bett, im Rocke. »Heiliger...!« Seine 38 000 Mark waren verschwunden, gestohlen! Sein Gesicht wurde kreideweiß, die Stube kreiste. Erb stürzte durch die Gänge und rief: »Maurice!« Der saubere Vogel war fortgeflogen, war der Dieb. Kitumbua, der verkatert aussah und bei den Pombeweibern gewesen war, stotterte: »Der Halunke saß heute nacht in der Niggerschenke, gab für alle Boys Rum aus und warf mit den Rupien, wie ein besoffener Europäer... der Schuft hat die Brieftasche gestohlen ... ich werde ihn suchen.« Der lange Askari schoß von dannen. Jobst hörte die Schreckenskunde, ohne ein Wort zu sagen, zog seinen Rock an und schickte alle seine schwarzen Bekannten als Spürhunde aus. Erb lief als guter Deutscher zur Polizei, die mit germanischer Gründlichkeit ein ellenlanges Protokoll aufsetzte, und verlebte mit Hin- und Herrennen einen der scheußlichsten Tage seines Lebens. Die von seinem Vater geerbte Vorliebe für den Alkohol wurde das Verhängnis des fünfzehnjährigen Verbrechers. Gegen Abend kehrte Jobst mit rotem Kopfe heim und schalt: »Was läßt du den Kopf hängen! Ein Grünhorn muß Lehrgeld zahlen, leider ein bißchen viel Lehrgeld. Wir haben in dieser Bank noch 38 000 Mark und müssen noch eine Salzsafari machen ... schweige, wenn alte Leute reden ...« Ein lächerlicher Aufzug verursachte einen Auflauf vor dem Hotel. Kitumbua, noch fest auf den Füßen und noch fester in den Fäusten, zerrte Maurice am Ohr die Stufen hinauf. »Ich habe den Lump ... sagt nicht, wo die Brieftasche ist, nein, er will es mir, wenn wir allein im Zimmer sind, im tiefsten Vertrauen erzählen.« »Hilfe, Hilfe!« heulte der Bengel, »ich habe nichts gestohlen.« »Ich will dir helfen.« Der Askari nahm den Boy wie ein Bündel, trug ihn in Jobsts Zimmer, schloß die Tür und begann: »Wo hast du das versoffene Geld her?« Der hartnäckige Sünder leugnete und log. Im Nu hatte Kitumbua aus seinem Gurt eine Schlinge gemacht, die er um den Hals des Burschen warf und anzog. »Ich schnüre dir die Luft und die Lügen ab.« Wenn der Sünder zu ersticken meinte, piepste er: »Ich will bekennen.« Sobald die Schlinge gelockert wurde, schrie er: »Ich habe nichts gestohlen.« Eierkuchen fletschte die Zähne, wütete und würgte. Jetzt wurde der Lügner mürbe und lispelte: »Unter der Flaggenstange im Garten.« Da lag die volle Brieftasche, niederträchtig faul und oberflächlich im Sand verscharrt. Der glückliche Besitzer gebärdete sich, als wenn er den Tropenkoller habe. Jobst traktierte in seiner Freude alle Gäste auf der Terrasse und schlürfte das herrliche Bier. Die Gläser klirrten, hell klang das Lachen der weißgekleideten Herren. Ein Zeitungsjunge auf der Straße brüllte, bald in Kisuaheli bald in kuriosem Deutsch: »Auf–huhr ... Oor–logg!« Aufruhr – Orlog! Hatten die Masai oder Wagogo ein paar Ansiedler niedergemacht? Der Prokurist der Plantagengesellschaft für Sisalhanf las vor: »Winhuk, den 15. Januar 1904. Die Hereros, die seit Wochen unruhig waren, sind im vollen Aufruhr. Die ersten unheimlichen Anzeichen wurden von der Station Waterberg gemeldet, wo die Schwarzen die Kaufläden belagerten, um auf Kredit in der unsinnigsten Weise Decken, Schuhe, Sättel, Kleider, auch Dinge, nach denen sie noch nie ein Verlangen gezeigt, zu kaufen. Man hat diese Vorboten des Unwetters zu wenig beachtet. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, daß die schwere Heimsuchung der Kolonie, die blutige, grausame Insurrektion dieser niederträchtigen und kriegerischen Bantuneger begonnen hat. Ein grauenhaftes Gemetzel fand statt, alle Soldaten, Ansiedler, Händler des Platzes sind ermordet worden, nur der Missionar wurde von der Bande verschont und setzte es sogar durch, daß die weißen Frauen und Kinder freien Abzug erhielten. Viele einsame Farmer und Händler auf der Pad wurden erschlagen. Bei Okahandja rotten große Hererohaufen sich zusammen. Reiter eilen nach allen Seiten, um die verstreut wohnenden Deutschen zu warnen und in die festen Plätze zu geleiten.« Nach dem Verlesen war tiefe Stille auf der Terrasse. Man hörte nur den Servierboy, der mit den schwarzen Augen triumphierend-schadenfroh blickte, mit der Serviette rascheln. Die ängstlichen Gemüter dachten nur an sich und ihr Geschäft. Konnte das in Südwest aufflammende Feuer nicht nach Ostafrika hinüberspringen kraft der äthiopischen, utopischen Idee: Afrika den Afrikanern, der schwarze Erdteil den Schwarzen? Würden nicht die schwarzen Banditen dieser Kolonie frech werden? Jobst schob das Glas zurück und sagte sonderbar feierlich: »Ich trinke keinen Tropfen mehr in Daressalam ... ich muß nämlich morgen oder übermorgen schon die Reise nach Kapstadt und Swakopmund machen.« »Du ... du willst gegen die Hereros kämpfen?« »Ich muß, mein Sohn ... ich muß ein Wort, einen Racheschwur einlösen ... es ist eine seit vielen Jahren fällige Rechnung, eine heilige Blutrache. Wo der Kapitän Josua, der verruchte, vogelfrei geworden, wo man die tückischen, grausamen, tierischen Hereros frei erschießen und erschlagen darf, da muß ich dabei sein und das Gesindel, das menschliche Raubzeug vertilgen helfen.« »Ich gehe mit nach Südwest ... ersehnt nicht jeder rechte Mann den Tag, wo er für sein Vaterland kämpfen darf?« Erb stimmte laut an: Deutschland, Deutschland über alles. Da wurden auch die ängstlichen Kaufmannsgemüter hingerissen, und alle waren die kriegsfrohen Germanen von Anno 70. Die Zurüstungen wurden in einem Tage getroffen. Erb erneuerte bei seinen Einkäufen unerwartet eine alte Bekanntschaft. Als er in den ersten besten Zigarrenladen trat, kannte er sofort das Gesicht der Frau. »Ah, Fräulein ... Sie sind mit mir auf dem Schiffe gewesen ... Sie haben trotz des verdorrenden Myrtenbaums Ihren Jugendfreund ..« Er biß sich auf die Lippen, denn die hagere Dame blinzelte nervös, bedrohte mit den Brauen den Schwätzer, sintemal ein graubärtiges Gesicht am Fenster der Innentür erschien. Es war das Fräulein Griebel mit dem Myrtenbaum, der mit Salzwasser vergiftet wurde. »Ich habe einen guten Mann und mein Glück in Afrika gemacht.« Der Graubärtige verschwand, die Frau geleitete den Kunden zur Tür und flüsterte hastig: »Denken Sie ... der Jugendfreund von der Karusselfahrt ... ist es nicht schrecklich? ... Der schändliche Kerl, der mich kommen ließ, wohnte in einem Haus, einem Hundehaus, und war verheiratet, hatte eine schwarze Frau und acht halbschwarze und ganz nackte Kinder. Gibt es nicht schlechte Menschen auf der Welt! Aber auch gut... mein lieber Mann ist Witwer und so verliebt, hah... Sie werden auch in Afrika Ihr Glück machen und eine gute Frau bekommen, nur um Gottes willen keine Schwarze.« Der junge Herr lief und rief: »Nein, nein, nein!« Er wollte das Glück weder in schwarzer noch weißer Couleur. Extrablätter wurden ausgerufen. Erb sah, daß nicht eine kleine Neger(e?)meute, sondern eine Katastrophe über die Kolonie hereingebrochen sei und Südwest jede Faust und Flinte gebrauchen könne. Da nehmen sie mich unbesehen, wenn ich die Knarre auf die Schulter und den Affen auf den Buckel nehme. Das Extrablatt meldete: Stündlich laufen neue Schreckensnachrichten von überfallenen Farmen, von Raub, Brand und Blutvergießen ein. Bis jetzt sind mehr als siebzig Weiße, auch viele Frauen, ermordet worden. Das gesamte Hererovolk hat sich unter Samuel Maharero, dem falschen Freund der Deutschen, erhoben, zwei bis dreitausend sollen mit guten Hinterladern im Felde stehen. Hauptmann Francke, der auf dem Marsche gegen die Bondelzwarts im Süden war, ist in erstaunlichen Eilmärschen mit seiner Kompagnie zurückgekehrt, die Heimat sendet Verstärkungen, Matrosen vom »Habicht« sind gelandet.– – Der Dampfer fuhr allzu langsam. Swakopmund war und wird jedem eine Enttäuschung sein. Klein und niedrig liegt es am Fuß der grauenhaften Sandwüste, der weiten, wasserlosen, von Gott verfluchten Namib. Aber auch diese Sahara in ihrer Schrecken erregenden Größe hat ihren Ruhm – diesem breiten, ohne Wagen und Wasserzufuhr undurchdringlichen Dünenwall verdanken wir den Besitz der Kolonie, und daß Südwest noch freie Beute und nicht längst von den Engländern genommen war. Kraft der Namib kamen wir hier nicht zu spät. Kaum angekommen, zeigte Jobst den jungen, frisch angelangten Soldaten, was ein alter Afrikaner ist und leisten kann. Eine Herde Maultiere, die ausgeschifft und in einem Dornkral war, sollte eingefangen und eingefahren werden. Die widerspenstigen, rabiaten Tiere steckten die Köpfe zusammen, schlugen bei jeder Annäherung, wie auf Kommando, aus und wehrten sich gegen jede Freiheitsberaubung. Der Sergeant Rotbart fluchte, die Soldaten waren nach ihrem Fahneneide nur verpflichtet, sich von den Hereros, aber nicht von Mauleseln totschlagen zu lassen, und wollten ihre Knochen nicht riskieren. Jobst nahm ein Seil, machte eine Schlinge und warf sie dem wildesten Schläger über den Kopf. Mit Hurra hißten und holten alle Mann das Tier heraus, das um sich schlug und biß. Der Pfadfinder aber machte einen jugendlichen Sprung, faßte die langen Löffel des Rackers und hielt sie wie ein Schraubstock. Da war der Schläger gebändigt und still und duldete Gebiß und Geschirr; denn die langen Ohren des Pferd- und Eselmestizen sind sozusagen seine Achillesferse. Herr Rotbart reichte dem Eselbündiger treuherzig die Hand nnd schrie gleichzeitig: »Ihr afrikanischen Säuglinge! Kriegt die Biester bei den Ohren!« Renner und Erbenheim fuhren mit dem Zuge ins Land hinein, das jetzt in der Regenzeit in seiner besten Gestalt sich zeigte. Nirgends war freilich der smaragdene, buntgeblümte Grasteppich der Heimat, das Gras wächst nur in Büscheln, die Bäume bilden keine Wälder, höchstens Galeriewälder am Flußlauf, die Büsche sind mit Domen bewehrt. Südwest ist eine etwas stachlige und steinige Schönheit. Grau, starr und kahl ragen die Berge empor, ihre Kegel und Spitzkuppen und grotesken Felsformen sind wunderschön, wenn die Morgen- und Abendsonne sie mit Purpurgold überflutet. Die Bahnfahrt bis Windhuk währte zwei Tage, obgleich die kleine Lokomotive wacker bergan keuchte, denn von der Küste bis zur Hauptstadt dieses Hochlandes ist eine stete, gewaltige Steigung von 1500 Metern zu überwinden. Windhuk liegt mit seinen heißen Quellen in lieblicher Gegend. Negerweiber holten das heiße Wasser, um ihren Brei zu kochen. Ein Boy saß am siedenden Sprudel und kühlte das Getränk für seine durstige Herrschaft. Die beiden Herren wateten durch den Sand ins Bureau, um als Kriegsfreiwillige eingestellt zu werden. Der Hauptmann beguckte die ausgedörrte, wunderliche Gestalt mit dem ergrauenden Bart, der entstellenden Narbe und dem verschlissenen Lederrock, guckte ziemlich impertinent, als wenn er dächte: Ist der olle Kerl ganz richtig im Kopfe? und sagte brüsk: »Sie sind zu alt für den Feldzug.« Jobst kehrte sich kurz um und ging. Erbenheim erklärte mit Hast und Höflichkeit dem Hauptmann: »Mein Onkel ist ein bekannter Ostafrikaner, ein berühmter Führer und Pfadfinder. Er hat Jahre lang unter den Hereros geweilt, kennt ihr Land, ihre Sitten, beherrscht ihre Sprache ...« »Zum Donnerwetter! Warum hat der Herr das nicht gleich gesagt? Einen Mann, der die Sprache der Kaffern spricht und die Wasserstellen kennt, wiegen wir ja mit Gold auf.« Erbenheim sagte seinen Namen, daß er Offizier gewesen und Schulden halber verabschiedet sei, verschwieg aber sein Brandmal. Für unehrliche Leute ist ja in der deutschen Armee kein Raum. O dieses Verschweigen hat ihn nachher bedrückt und sein Gewissen geängstigt. Auf der Straße gellten Hilferufe, Menschen rannten ... ein im Kriege blessierter Leutnant, der in der Rekonvaleszenz spazieren ging, lag leblos in seinem Blut. Ein italienischer Bahnarbeiter, plötzlich vom Irrsinn des Trnnks oder Tropenkollers befallen, hatte ihn ohne jeden Anlaß erschossen, lief die Querstraße hinauf und knallte auf jeden harmlosen Passanten. Zum Glück gingen die Kugeln fehl, aber der Amokläufer schob neue Patronen in den Lauf. Da hob Jobst die Flinte, zielte kaltblütig, traf das Bein und warf den Irrsinnigen hin, um neue Morde zu verhüten. Der Hauptmann streckte dem wackren Manne die Hand entgegen. »Sie sind der Mann, den wir suchen.« – Über dem Hoteltisch fächelte die Punkah und bewegte die heiße, stille Luft. Die Gäste stritten sich natürlich über den Wert der Kolonien, die einen nannten Ostafrika ein Fiebernest, die andren Südwest eine Sand- und Dornenwüste, und die Superklugen meinten: Wo Afrika gesund ist, taugt der Boden nichts, und wo Afrika fruchtbar ist, herrscht die Malaria, die Glossina und ähnliches Gelichter. Ein Depeschenbote erkundigte sich nach dem Kriegsfreiwilligen von Erbenheim. Erb zitterte: Ist meine Mutter oder mein Vater gestorben? Das Telegramm war allzu kurz gefaßt und lautete: »Dienstmann 21 durch Unglück verletzt erzählte im Fieber. Brillantring gefunden. Hoffe Rehabilitation. Brief.« Erb ging in grenzenloser Erregung vom Tische fort. Soll mein Schicksal, meine Schande sich wenden? Aber den Fund verstand er nicht, der Ring war ja sofort in der Pfandleihe versetzt worden. Er schüttelte seinen Oheim. »Verstehst du die Depesche?« »Der Dienstmann wird selber der Dieb sein.« »Er war notorisch nie im Hause des Herrn Engel.« Sie standen vor einem Rätsel. »Es ist eine unerträgliche Ungewißheit,« sagte der Neffe. »Nein, eine schöne Hoffnung, daß die Sonne es an den Tag bringt,« antwortete der Oheim. Aber die aufregenden Ereignisse des Hereroaufstandes stürmten auf sie ein, ließen keine Zeit zum Sorgen und Sinnen und spannten alle Muskeln und Nerven aufs äußerste an. Die Hauptstadt Windhuk war voll von Flüchtlingen, die vom Blutbade grauenhafte Dinge erzählten. In Waterberg sei alles abgeschlachtet, in den andren Distrikten mehr als die Hälfte der Weißen ermordet. Besonders an den verhaßten Händlern hätten die Hereros ihre Wut gestillt. Einen hätten die Bestien am Baume festgebunden, mit Honig bestrichen und von den Termiten auffressen lassen. Jobst rief: »Das hat kein andrer als der Kapitän Josua getan. Ja, er war's. Der Satan soll sterben von meiner Hand.« Ein alter Ansiedler, der zwei Söhne beklagte, nickte. »Nur nach deutschem Blute lechzen sie ... ein Bur De Wet, unser Nachbar, lief mit seiner Ochsenkarre einer vom Morde blutbespritzten Bande in die Hände, aber sie krümmten ihm kein Haar, sondern erklärten, daß sie nicht mit Buren und Engländern, sondern nur mit den Deutschen Orlog hätten. Bloß seine Büchse »liehen« sie von ihm, bis der Krieg zu Ende sei, mit der Versicherung: Wenn wir alle Deutschen ausgerottet haben, geben wir dir dein Rohr wieder.« Die Leute zählten mehr als 120 hingemordete Männer und Frauen auf, und die Todesstatistik stieg alle Tage. Jobst brauste auf. »Man scheint die Hererobande zu fürchten ... man soll ein Kesseltreiben machen, die Kapitäne fangen und hängen, die Nigger in einen Dornkral sperren und sie den Herrn fühlen lassen ... daran hat es bei dem sanften Regiment gefehlt.« Ein am Kopfe verbundener Ansiedler antwortete: »Das Einfangen und Einsperren ist bis jetzt nicht gelungen ... die Hereros haben dreitausend Hinterlader, zeigen eine unglaubliche Widerstandskraft und wilde Entschlossenheit zu siegen. Das sogenannte Aufklärungs- und Erkundigungsgefecht bei Ovikokerero ist alles andere als ein deutscher Sieg gewesen ...« »Zum Deubel und Donnerwetter!« fluchte der Alte, »die Unsren haben eine Schlappe erlitten!?« »... Haben keine Ursache Viktoria zu schießen ... der deutsche Führer hat nach schweren Verlusten sich zurückgezogen, um nicht von der Übermacht vernichtet zu werden.« Jobst hüpfte hoch. »Auf, an die Front! Sind das Wunden, um in Windhuk zu lungern, meine Herren? Auf, um den Hererosieg zu rächen!« Ein blessierter Leutnant lächelte. »Darf man ein Gefecht, wo hundert Deutsche gegen tausend Schwarze standen, eine Schlappe nennen? Die Hereros schießen ausgezeichnet ... fällt einer, so ergreift sein Kirriträger das entfallene Gewehr und knallt über Korn und Kimme unsre Offiziere weg. Die Bande ist keine Bande, sondern ein Heer, das einem Führer gehorcht und mit Taktik und Strategie kämpft. Die kompakte, einmütige, wütige Masse des Volks steht geschlossen wider uns und weiß, daß sie um Sein oder Nichtsein kämpft.« Jobst hatte andächtig zugehört. »Gott sei Dank!« »Wa–as sagen Sie?« »Gott sei Dank, daß wir die ganze Bande beisammen haben, daß die Kaffern sich nach ihrer Kriegsweise nicht in alle Richtungen der Windrose verkrümeln, nicht in Dünen, Bergen und Wüsten sich verstecken und verkriechen! Das ist bei jedem Negerkriege die schlimmste Gefahr. Versuchen Sie es mal, siebentausend Flöhe einzusaugen! Wir haben, Gott sei Dank, das schwarze Ungeziefer auf einem Haufen... nun werden wir für König und Vaterland, mit Gott und Leutwein die Horde verhauen und in den großen Dornpferch treiben. Gott sei Dank, der kleinliche Krämergeist der Kolonie, der nur von Ochsen schwatzt, um Rindvieh schachert, ist zum herrlichen Kriegergeist geworden.« Acht Rekonvaleszenten verlangten, zu ihrer Truppe zurückzukehren. Die beiden Pfadfinder aus Ostafrika und sechs Schutztruppler, die Gefangene nach Windhuk gebracht hatten, bildeten die Bedeckung. Keine Pad im Lande war ja sicher vor versprengten, raubenden Hererotrupps. Die Abreise wurde um einen Tag verzögert, weil das Bureau mit preußischer Gründlichkeit Sold, Ration, Gebührnisse der Pfadfinder bis auf das halbe Gramm Lorbeerblätter und das ganze Gramm Pfeffer pro Tag genau und gewissenhaft feststellen mußte. Erb wollte noch einige Einkäufe machen, Landeskundige rieten ihm, in den Store des Herrn V. zu gehen. »Was ist ein Store? Ein afrikanisches Warenhaus en miniature ?« Der Alte gab eine andre Definition: »Ein Store ist ein afrikanischer Laden, in dem man schlechthin alles kaufen kann, nur gerade das nicht, was man im Moment am bitternötigsten gebraucht.« Vor der Teke des Stores lungerten sechs Weiße in salopper Kleidung, darunter ein verkafferter Kauz, dem die Hereros beim Überfall sogar sein Pferd gelassen hatten, und der seiner Duz- und Schnapsbrüderschaft mit Samuel Mahareto sein Leben verdankte. Die Herren kannegießerten wie Spießbürger, kritisierten wie Generalstäbler, kämpften die Hereros mit der einzig richtigen Methode und dem Maule nieder, kauten Tabak, tranken Kognak und ließen ihn ankreiden, bis das Beutevieh des Feldzuges verteilt und die große Staatsentschädigung den armen, überfallenen Farmern ausgezahlt werde.– – – Der nach Okahandja marschierende Zug treckte auf der Pad. Der plumpe Planwagen, von achtzehn langgehörnten Rindern gezogen, mahlte und quietschte, oft bis zu den Achsen, im Sande. Die Treiber klatschten mit den Peitschen und brüllten: »Treck, Osse! Treck, Jesse, treck, Diek, hü, treck, Neef!« Jeder Ochse hört auf seinen Namen. Das primitive, rohe Treckgeschirr leistet in dem unwegsamen Lande die besten Dienste, weil es kraft seiner Einfachheit leicht repariert werden kann. Eine glatte Holzstange liegt auf dem Nacken eines jeden Ochsenpaares, rechts und links vom Halse sind zwei schmale Bretter, die Jochscheite, die unter dem Halse durch einen Fellstrick zusammengehalten werden, angebracht. Die Joche der acht bis zehn Ochsenpaare werden an die lange Treckkette gehängt, nur das letzte Gespann geht an der Deichsel – und das einfache Geschirr und Gefährt, das Südafrika für die Zivilisation eroberte, ist fertig. Der federlose Wagen schüttelt und stößt entsetzlich. Jeder schimpft auf die Karre. Aber diese plumpe Ochsenkarre hat den fußtiefen Dünensand der furchtbaren Namib durchwatet, die Dornbuschsteppen durchquert, die Flüsse durchschwommen, die Berge erklommen. Ohne die Karre wäre kein Krieg, kein Sieg über die Hereros möglich gewesen, ohne sie wäre Südwest kein deutsches Land geworden. Sie treckten von Wasserloch zu Wasserloch, alle Tage zwanzig bis dreißig Kilometer, je nach der Güte, d. i. Schlechtigkeit des Weges, der nur eine Räderspur war. Immer dieselbe monotone Melodie: Das Kreischen und Quietschen der Räder, das Knirschen des Sandes, das Klappern des Treckgutes, das Schreien, Fluchen, Knallen, Klatschen der Treiber, der Bastarde aus Rehoboth, das Schwirren der Fliegen, das Schlagen der Schwänze. Manchmal auch der Schwanzstummel, denn einigen Ochsen fehlte der Schweifwedel, was drollig aussah und als tierärztliches Vakzinationsattest besagte, daß Inhaber mit Erfolg gegen die Rinderpest geimpft sei. Die Menschen hatten immer Durst, tranken laut Armeebefehl nur gekochtes Wasser und schluckten mit sanitärem Stoizismus das fade Zeug. O, wie viele deutsche Seufzer nach den Flaschen und Fässern der Heimat sind in diesem Kriege gen Himmel gestiegen! Nachts schliefen sie, in den Woilach gewickelt, und zweimal am Tage aßen sie den ewigen Reis, und ihre Seele d. i. ihr Magen schrie nach der deutschen Kartoffel, dem Armeleutessen der Heimat. Das Land wurde aber immer schöner. Der Regen, der große Zauberer, weilte, und der sprossende Lenz schaltete und segnete in Südwest. Das durchzogene Gebiet zwischen Windhuk und Okahandja ist zwar die Perle dieser übel beleumdeten Kolonie, die weit besser als ihr Ruf ist. Wunderherrlich ist der Frühmorgen. Die Sonne färbt die Felsen drüben mit purpurgoldigen Tinten. Perlhühner, Fasanen, Tauben gackern, girren und gurren, Savannenhühner, Pfefferfresser zwitschern, piepsen und pfeifen, der Koran krächzt sein Kora–kora–kora, das ihm den Namen gab, jeder Vogel, der Ton in der Kehle hat, erhebt einen Lobgesang des Lebens und Lenzes. Was alles hier fleucht! Und noch mehr kreucht auf dem Erdboden, flinke, smaragdgrüne Eidechsen huschen, spaßige Laufkäfer und kuriose Spinnen treiben ihr Wesen, die Ameisen eilen mit regem Morgenfleiß an die Arbeit. »O die Kreucher fliegen! Die Termiten haben Flügel!« rief Erb, baß erstaunt, ein neues Naturwunder entdeckend. »Ja, heute schwirren sie in Liebeslust,« sagte der alte Afrikaner, »Gott Amor leiht den kleinen Strebern Flügel an ihrem Hochzeitstage, nur an dem einzigen Tage im Jahre fliegen die Termiten ... morgen findest du ihre abgefallenen Flügel, und die Tiere kriechen und zerfressen alles, deine Buchweisheit im Koffer und deinen Woilach unter dem Leibe. Besinge sie, mein Sohn!« »Besingen will ich dieses verleumdete Südwest, das Stiefkind unter unsren Kolonien, denn es hat reiche, grüne Weiden und ist hier wie ein Naturpark anzuschauen ... Abertausende von breitrückigen Rindern finden in ihm Nahrung ..« »Bisher ist das Hererorind recht langbeinig und schmalrückig geblieben und mehr zum Laufen, Ziehen und Reiten als zum Milchgeben und Mästen geeignet,« entgegnete der Oheim trocken. Sogar der Dornbusch des Landes, mit bösen, fingerlangen Stacheln bewehrt, war jetzt im Frühling ein schöner Blütenbaum, ein prächtiger Anblick und Wohlgeruch geworden; denn Dornen füllen das Land, auf jedem Busch sprangen tausend Knospen und erfüllten das arme Südwest mit Blumenduft. Das Tal war reich an hohen, stattlichen Laubbäumen, die mit Deutschlands Eichen und Buchen sich messen können. »Das ist der beste, schönste, nützlichste Baum in Südwest,« sagte Jobst, »die langen, biegsamen Enden der frischen Triebe schwanken wie grüne Reiherfedern im Winde ... es ist die majestätische Ana-Akazie, die nach dem ungeschriebenen Gesetz dieses Landes nicht gefällt werden darf. Dennoch haben wir in der Not den Baum gehauen, denn seine rotbraunen Schoten, die Anapillen, geben ein vorzügliches Viehfutter. Wenn der Regen ausblieb und alles Gras in Staub zerfiel, dann haben wir wohl einen Baum gefällt und die verhungerten Ochsen hineingetrieben. Wer aber mutwillig einen Anabaum beschädigt, hat eine Kugel zu gewärtigen.« Erb schaute entzückt über das herrliche Swakoptal und bis zu den Onganjirabergen. An einem starken Ast hing ein kunstvoll gebautes Nest mit vielen Eingängen, dort ging es munter her, aus und ein kletterten lustige, winzige Vögel mit viel Geschwätz und Gelärme. Der Siedelsperling hatte hier sein Hotel erbaut. Ach, in dem schönen Lande herrschte der grausige Aufruhr entmenschter Neger. Die Reiter sahen jetzt erschüttert die Spuren des großen Mordes, stießen auf die Trümmer wüster Farmen, in denen noch ein Brand- und Blutgeruch lag. Diese ausgebrannten Mauern müssen ein für Südwest stattliches Heim und der Besitzer muß ein wohlhabender Mann gewesen sein. Jetzt glotzen die Fenster aus leeren Höhlen, alles stumm, tot und zerschlagen. Man sieht, wie dieser Farmer urplötzlich in Angst aus seinem hübschen Hause floh oder gar im Hofe erschlagen wurde. Alle Bezüge der Betten, Sofas, Stühle sind abgeschnitten, die Schränke zertrümmert, aus dem Geschirrbüfett sind alle Gläser und Obertassen geraubt, aber die Untertassen und die feinen Kognakgläser, mit denen die Kaffern nichts anzufangen wußten, sind stehen geblieben. Und mitten in dem entsetzlichen Tohuwabohu von Möbeln, Tischen, Spiegeln, Nippes, Mappen und Porzellan, das durcheinander geschmettert und so zerkleinert ist, als wäre eine Straßenwalze darüber gefahren, mitten drin steht ein Klavier völlig unversehrt, so daß Erb es aufschlägt und ein Lied – es wird unwillkürlich ein Choral – darauf spielt. Die Hereros haben wohl das Instrument für einen Fetisch gehalten und auch eine Kiste mit zwölf Flaschen Worcestersauce unbeschädigt gelassen. Die Deutschen nahmen sie mit, um ihren Reis zu würzen. Alle Tage stießen sie auf Farmruinen. Das war das Haus der Brüder Steinfurth gewesen, von denen nie eine Spur gefunden worden ist. Zerfetzte Briefe und Papiere flatterten im Busch und hingen an den Dornen. Erb las auf einem Fetzen: »Mein lieber Sohn ...« Die Ermordeten hatten eine Mutter! Er wühlte in dem modrigen Mist, bückte sich hastig und hielt in der Hand drei vom Regen durchweichte, noch brauchbare Hundertmarkscheine! Die Hereros hatten ihren Wert nicht gekannt und die Banknoten zum Mist geworfen. Der Finder glättete, trocknete die Scheine, um sie ans Gouvernement zu senden. Wie wird die arme, alte Mutter sich gefreut haben, als ihr ein so unerwartetes Erbe von ihren ermordeten Söhnen zuging! Erb malte sich die Freude aus und wollte in seinem Funde ein gutes Omen erblicken. »Das soll mir eine Verheißung sein, daß ein Brief meiner Mutter auf der Post in Okahandja liegt,« äußerte er. »Sage das nicht, mein Sohn! Die Zufuhren von Swakopmund brauchen sehr lange Zeit. Schau, das Häuschen dort scheint bewohnt ... ich möchte mal wissen, wie Milch schmeckt.« »Das ist doch keine Menschenbehausung, das Gebäude würde von der Baubehörde in Deutschland nicht einmal als Schweinestall genehmigt werden.« Die Hütte, fensterlos, von Feldsteinen geschichtet, mit Lehmbewurf und einem Stück Zeitplan gedeckt, diente einer ganzen Familie von Mann, Frau und sechs Kindern als Wohnung. Die fast nackten Bälge und Bastarde einer Hereromutter glotzten die Fremdlinge an. In dem Schweinestalle hauste – Gott sei's geklagt – ein ganz verkafferter Deutscher, der scheu blickte und seiner Erniedrigung sich zu schämen schien. Gutmütig gab er von seiner Ziegenmilch, nahm mit Dank den gereichten Tabak und steckte seine Pfeife an. Das Zweijahrsbaby kroch heran und quälte um irgend etwas – es war zum Totlachen, als der Papa ihm die Pfeife reichte und es mit tiefstem Wohlbehagen paffte und gleichzeitig wie ein gelernter Vollmatrose ausspuckte. Außer Hörweite wetterte der alte Afrikaner. »War das nicht eine Abscheulichkeit? Das wird der Untergang der deutschen Kolonie sein. Ja, die wilde und noch mehr die zahme und legitime Ehe mit Herero- und Hottentotten- Weibern müßte als Naturwidrigkeit mit zehn Jahren Zuchthaus bestraft werden. Sonst wird die ganze Kolonie zum Teufel gehen. Die schwarze Weiberwirtschaft ist die Pest Südwestafrikas. Ein erbärmliches Bastardgeschlecht, das alle Fehler, Faulheit und Bosheit von seinen schwarzen und weißen Eltern erbte, füllt das Land und bildet die trostlose Zukunft des Landes. Jeder Deutsche, der ein Negerweib mit oder ohne Priestersegen nimmt, verkaffert unfehlbar und wird ohne Gnade in des Weibes Sphäre, Sitte, Sippe und Schmutz hinuntergezogen. Ja, der Greuel ist Blutschande ... he, du lachst mich wohl aus, weil ich mein eignes Todesurteil naiv und unverfroren ausspreche? Ja, ich heiratete die Rehobotherin, die allerdings hell wie ein Burenmädchen war, aber trotzdem einen dunklen Streifen unter dem Fingernagel hatte ... der Schatten unter dem Nagel ist schon das Stigma und die Grenze. Ja, ich habe eine Naturwidrigkeit begangen und bin dafür grausam gestraft worden.« »O, das ist ein tiefernstes, tragisches Problem. Den Mann treibt das Naturgesetz zur Weiblichkeit, die ihm Heim und Häuslichkeit gibt. Aber woher in Afrika nehmen und nicht sündigen? Warum sendet man nicht alle Halbjahr eine Schiffsladung von jenen Frauen, die Heiratsanzeigen erlassen und nach dem Mann rufen, auf Staatskosten nach Swakopmund? In endlosen Reden und Schriften wird die Frage erörtert, die Regierung behält sie stets im Auge und brütet Paragraphen aus, aber niemand handelt und verschifft die heiratslustigen Frauen. Würden die armen Kerle nicht lieber ein weißes, propres Weiblein nehmen, als so eine übel riechende, schwarze Schmutzfinkin?« – Die stumpfen Ochsen hoben die Köpfe und zogen plötzlich ohne Peitsche an, weil sie das Wasser witterten. Dort lag Okahandja. Seine Berge bilden den Abschluß des wasserreichen Parktals, des Prunkstücks der Kolonie, wo Gras- und Waldstreifen anmutig wechseln und steile Spitzkuppen als Wächter am Rande stehen. Im Westen und Norden von sanften Hängen, im Osten von großartigen Felsbergen eingeschlossen, hat der Ort eine schöne Lage, auch nette, weiße Häuschen und eine imposante Feste. Hübsche Gärten, wundervolle Bäume schmücken das Tal, frischgrüne Weiden umkränzen den Fluß. Erb lief voran. »He, was rennst du wie der Siegesbote von Marathon?« Erb lief ohne Antwort zur Feldpost in Okahandja, fragte nach Briefen und bat so lange und beharrlich zu suchen, bis die Beamten ihn baten, nach Swakopmund zu reisen und seine Post sich zu holen. Er war lange stumm und sagte endlich: »Meine Mutter hat in ihrer heißen Liebe ein blödes, unverbürgtes Gerede mir gemeldet.« »Du Tor!« polterte der Alte, »weißt du nicht, daß Briefe im Orlog lange Umwege machen und sogar verloren gehen?« Die beiden freiwilligen Kämpfer brachen auf, um sich im Hauptquartier zu melden. Der Gouverneur Leutwein, ein ebenso bedeutender wie leutseliger Mann, war damals der Höchstkommandierende, der das Vertrauen und die Liebe der Truppe und Kolonie in hohem Maße besaß. Zu der Zeit standen noch die sogenannten alten Afrikaner im Hauptquartier hoch im Kurse. Der Generalstäbler, dem Renner sich vorstellte, hat den etwas alten und kauzhaften Kriegsfreiwilligen weder angestarrt noch angeschnarrt, sondern hatte Freude an Originalen und fragte freundlich: »Was können Sie?« »Eine Spur finden und richtig lesen, eine feindliche Werft beschleichen, einen gefangenen Kaffer in seiner Sprache befragen, auch ein paar Dutzend Hereroschufte über den Haufen schießen ...« »Mensch, Sie kennen die Hererosprache, die Wasserstellen und die älteren Kapitäne! Sind Sie aber auch den Strapazen gewachsen?« »Ich kann zwei Tage dursten und vier Tage hungern ... wollen wir eine Wette machen, wer von uns beiden es am längsten aushält?« »Nee, lieber nicht! Ist Ihr Begleiter auch ein solcher Durst- und Hungerkünstler? Was kann und ist der Herr?« »So ungefähr, was Sie dem Major von Leutwein sind, ist er mir, meine linke Hand, zuweilen mein Kopf und ein ganzer Kerl. Er ist ein alter – nein, das wäre zuviel gesagt – ein halbalter, aber ganzer Afrikaner, der in Ostafrika Bana Simba heißt ...« Erbenheim nannte schnell seinen Namen, der Offizier reichte ihm verbindlich die Hand. »Wir werden Sie beide an den rechten Platz stellen.« Jobst nickte dem Stabsoffizier zu und sagte zu seinem Neffen: »Das heißt, wir bekommen einen gefährlichen Posten. Bebt dein Herz ein bißchen?« »Ich möchte, offen gestanden, jetzt nicht von einer Hererokugel oder -keule fallen, solange ich nicht die Gewißheit habe, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Verstehe mich und meine Not! Sie würden mir mit Schimpf den Soldatenrock ausziehen und mich zum Teufel jagen, wenn sie wüßten, daß ich ein Bestrafter bin. Ich hab's ja verschwiegen, das ist die Lüge und drückt mich wie eine Schuld. Die Furcht vor der Entdeckung ängstigt mich ... nur der Beweis meiner Unschuld kann mich aus dieser Not retten.« Jobst streichelte des Neffen Haar. »Du weißt, daß du ein Ehrenmann wie dieser Offizier bist ... ich werde mit drei Amts-, vier Fahnen- und fünf Offenbarungseiden deine Unschuld beschwören.« Von der Stunde an hat auch der Oheim mit Sehnsucht und Sorge an den Brief gedacht, der den verbitterten Lebensweg des ihm liebsten Menschen erhellen und in neue Bahnen lenken sollte. Um abzulenken, gab er seinem Schüler eine kurze Unterweisung in den gangbarsten Redensarten der Hererosprache und allerlei andere gute Lehren. »Um Gottes willen hüte dich vor der Hererokeule! Ich kenne den Kirri, der nur ein Dornenknüppel, aber richtig geführt, eine furchtbare Waffe ist. Drum merke dir! Wenn ein Kerl mit dem Kirri gegen dich anspringt, so darfst du beileibe nicht zurückweichen oder fliehen; der instinktive Selbsterhaltungstrieb wäre in diesem Falle verhängnisvoll, weil der Wilde damit rechnet und dahin seinen Schlag richtet. Du mußt vielmehr angreifen, weil das seine Rechnung durchkreuzt, du mußt den Oberkörper vornüber ducken, mit Blitzgeschwindigkeit vorwartsschnellen und deinen Kopf mit aller Wucht ihm in die Bauchhöhle rennen ... so wird der baumlängste Bandit wie ein von seinem Manne verprügeltes Waschweib zusammenklappen und -knicken. Der Kapitän Josua hat mir, als er betrunken war, aus Großmäuligkeit die Parade gezeigt. Die Vorsehung wird mir den Bösewicht ans Messer liefern. Er ist ein Raubtier, ein Tiger ... du weißt nicht, was der Satan mir getan hat ...« »Ja, die Rehobotherin ge–genommen ...« »O, noch infernalischer ist es, noch teuflischer dieses Hererotier in Menschengestalt, noch höllischer der Schimpf ... meine Schande ist so grausig, daß ich mich selbst verachten muß, bis sie mit seinem Blute getilgt ist.« Der alte Afrikaner war nach diesen Worten zwölf Stunden lang wie ein Stummer, der junge wühlte nicht durch fürwitzige Fragen in der Wunde. Renner und Erbenheim kamen zu der Vorhut, die alle Bewegungen der Hererohorde zu beobachten hatte. Zwei Offiziere befehligten den Reitertrupp, der Patrouillen zu reiten und schwersten Dienst hatte. Die große Knappheit des Wassers, das im Dornenlande die alles bestimmende Lebensfrage ist, vermehrte die Mühseligkeit. Die Weide ringsherum war von Hereroherden abgegrast. In die tief gegrabenen Löcher sickerte die Flüssigkeit sehr spärlich, wurde von Posten bewacht und unter strenger Kontrolle verteilt, damit jeder Mann und jedes Roß sein Existenzminimum bekäme. Jedes Waschen war längst verboten. Auf allen Gesichtern und Händen saß eine dicke Schmutzkruste. Die armen Soldaten sahen den schwarzen Hereros sprechend ähnlich und in ihren von Dornen zerfetzten Kordröcken wie Straßenräuber aus. Mancher schmachtete lieber und sparte sich einige Tropfen vom Munde ab, um sich die Augen auszuwaschen. O, der ekelhafte, überall klebende, juckende Schmutz wird zur Seelenpein und Körperqual. Diese zerlumpten Krieger waren wackre Helden, die nicht nur mit einem blutdürstigen Feinde, sondern auch mit Durst und Dreck und den bösen Uribs – den besonders großen und mit scharfen Zähnen bewehrten Kaffernläusen – schwer zu kämpfen hatten. Jeder Sang, jedes Scherzwort war längst verstummt; der Witz war scharf und säuerlich geworden. Einer saß splitternackt hinter einem Busch und las aus seinem Königsrock das Ungeziefer. Ein Kamerad rief ihm zu: »Junge, datt knackt jo bannig. Wer de mehrsten Lüs dodmakt, kriegt datt iserne Krüz mit Eichenlaub und Swerter.« »Daa lur man op!« war die Antwort des Lausjägers, der als Einjähriger aus Abenteurerdrang nach Südwest gegangen war. »In Deutschland lachen sie uns aus, daß wir die Dummen sind und für das Liebvaterland Durst und Dreck, Typhus und Tod leiden. Hast du nicht die Zeitungen von zu Hause gelesen? Die schwatzen und schreiben nur vom japanischen Kriege, von Kuropatkins Zauderei und der Tapferkeit der kleinen Japanesen. Jeder Togi und Nogi und Japaneraffe wird als ein Held in den Himmel gelobt, für die hat man ausschließlich Interesse, Anerkennung und Lob ... daß wir hier verdursten und verbluten, läßt unsre Landsleute verdammt kalt, die Spießer sitzen beim Skat und sagen: Warum sind die Kerle so saudumm gewesen, freiwillig nach Südwest zu gehen und Leben und Gesundheit für die Dreckkolonie zu wagen? Wenn die Zeitungen uns mal erwähnen, so rühmen sie nicht unsre Taten, unsre Tapfren und Toten, nein, so schimpfen sie: Es ist ein Skandal, daß unsre sauer verdienten Steuern für die Sandwüste weggeworfen werden ... wenn die Kerle ein bißchen Schneid hätten, so wäre der blödsinnige Aufstand längst unterdrückt, aber das sind Helden, die nicht mal die halbnackten Wilden unterkriegen können, sondern nach Verstärkungen schreien, um noch mehr Millionen zu verpulvern.« Das war der große, bittre Schmerz der kämpfenden Truppe, daß all ihr heroisches Streiten und Leiden in der Heimat oft gar keine und nie die voll verdiente Anerkennung fand. Im Anfang war der deutsche Zeitungsmichel in dem blöden Irrtum befangen, daß man die Negerbande mit einer Handvoll Soldaten, wie einst Wißmann und Peters, zu Paaren treiben werde, während die Hereros in Wirklichkeit ein wild entschlossenes, kriegsgeübtes, mit dreitausend Hinterladern bewaffnetes Volk waren. Als die bessere Einsicht von der Ebenbürtigkeit des Gegners in Deutschland dämmerte, blieb trotzdem die häßliche Verkennung der Truppe und ihres Heldentums, weil der Krieg sich in die Länge zog, dem Zeitungsphilister langweilig wurde und kein Sedan oder andre Sensationen brachte. Das ist kein Ehrenmal in deutscher Geschichte. Unsre afrikanischen Helden haben den Lorbeer, den ihre Taten voll und ganz verdienten, bis auf diesen Tag nicht empfangen. Was man ihnen zögernd hinwarf, wirkte wie ein armseliges Almosen. Die Vorhut hatte aufreibenden Dienst. Ein Drittel der Mannschaft zog stets auf Posten und schwebte in steter Lebensgefahr. Mehr als einer kam nicht zum Lagerfeuer und nie zu seiner Mutter zurück. Ein volles Drittel mußte die Gäule bewachen, die aus Not die Neigung hatten, sich weit zu verstreuen, um das elende Futter zu finden. Die Spannfessel hatte sich nicht bewährt, weil die Tiere sich die Beine aufrissen. Jobst sah sich die Sache fünf Minuten lang an und sagte: »Jungens, versucht es mal so zu machen!« Er band einfach den kurz genommenen Halfterstrick am rechten Pferdebein fest, wobei er kalkulierte, daß ein Pferd nur mit hocherhobenem Kopfe galoppieren kann. Die so gefesselten Rosse konnte keinen Sprünge machen, wohl aber ungehindert grasen. Die Kniefessel wurde allgemein und war eine gute Erfindung und Einführung des alten Afrikaners. Die Offiziere nahmen die Herren Renner und Erbenheim als gebildete Männer an ihren Tisch. Erb speiste in dem Offizierskasino, das aus vier Pfählen, mit Sackleinen bekleidet, mit Gras und Steinen gedeckt, bestand. Einige Kistenbretter, auf vier Pfähle genagelt, waren die Tafel und leere Proviantkasten die Sessel, Reis mit Büchsenfleisch und Büchsenfleisch mit Reis bildeten in holder Abwechslung die Kasinogerichte. In Erbenheim pochte eine schwere Angst, sein Herz stand still und fing dann an zu hämmern, als plötzlich bei Tisch gefragt wurde, bei welchem Regiment er gestanden und warum er seinen Abschied genommen habe. Jobst antwortete an seiner Statt: »Weil er eine zu schlechte, zu schräge und quere Handschrift hatte.« Die taktvollen Offiziere stellten keine Fragen mehr. O, wenn sie durch einen infamen Zufall erführen, daß er im Gefängnis gewesen, so würden sie vor ihm ausspucken und ihn wie einen Aussätzigen verstoßen. Die Furcht vor Entlarvung war unleidlich. Aber die Postkarre und der Brief mußten in den nächsten Tagen kommen. Der eine Leutnant erzählte von dem schweren Gefecht bei Ovikokerero, von der Wut und Strategie der Hereros, die sich in Trichterform aufgestellt und immer wieder ein Umklammern des Häufleins versucht hätten. »Siebzehn Unteroffiziere und Reiter und sieben Offiziere lagen tot oder blutig im Dornbusch! Welch ein Verhältnis ... sieben Offiziere! Darunter François und Eggers, die ältesten unter den alten Afrikanern! Sehen Sie hier die Blutflecke auf meinem Rock? Vom Gehirn meines besten Freundes! Und kein Wasser, um das schauerliche Andenken wegzuwaschen!« Er schwieg erschüttert, sein älterer Kamerad fuhr fort. »In allen Gefechten sind erschreckend viele Offiziere, bis zu vierzig Prozent, gefallen ... gewiß, sie waren sehr tapfer, aber der Hauptgrund ist: Die Hereros finden sofort unsre Offiziere heraus, und ihre besten Schützen schießen sie weg. Darum ist der strikte Befehl erlassen: Die Offiziere tragen kein Abzeichen, sondern Flinte und Seitengewehr, um dem gemeinen Mann ganz gleich zu sein.« »Das wird nicht viel helfen,« meinte Jobst, »ich will drüben stehen und auf fünfhundert Meter herausfinden, wer hier kommandiert. Das sieht man an kleinen Bewegungen des Hauptes und der Hände.« »Ja, du hast Hereroaugen,« lachte Erb. »Ich werde ruppig, wenn man mich mit den Bestien vergleicht.« Die Mannschaften hatten ihren Reis gegessen, nahmen ihr Eßgeschirr, füllten Sand hinein, holten einen Grasbüschel, schrubbten den Kessel, wischten mit dem schmutzigen Taschentuch nach – und das Aufwaschen war ohne Wasser und mit guter Laune erledigt. Im »Kasino« glühten die Pfeifen. »Jetzt fühlt der Mensch ein gewisses Behagen, auch wenn er seit acht Tagen ein perfektes Schwein ist,« lächelte der junge Leutnant, der zu Hause ein Stutzer mit Frisur, Parfüm und Bartbinde war. Die Frage wurde aufgeworfen, was jeder am heißesten sich wünsche. »Ein Königreich für ein Seifenbad!« »Ich nähme eine Flasche Münchner Bier,« sagte Jobst trocken. Der ältere Leutnant hüpfte hoch. »Hier von Bier zu reden, ist beinahe eine Todsünde, eine Gemeinheit ... das letzte bißchen Wasser, das man in sich hat, läuft im Munde zusammen. Ich wünsche, daß es frisch auf den Feind ginge. Ich will Ihnen den Kriegsplan des Hauptquartiers mitteilen. Die Hauptabteilung unter Leutwein rückt gegen den Feind vor, der hier in den Bergen steht, die Ostabteilung Glasenapp marschiert gleichzeitig von hinten, von Osten her, während die Abteilung Estorf vom Etjogebirge her sich auf die Hunde stürzt. Hurra! Durch das konzentrische Zusammenwirken der drei deutschen Heere, die ihre Kleinheit durch Kurasch ersetzen, kreisen wir die Mordsbande ein. Samuel und all die Schufte mit den alttestamentlichen Namen sitzen im Wurstkessel. Großes Kriegsgericht, schnelle Justiz. An allen Bäumen baumeln die Kapitäne und sühnen den Mord von 160 Deutschen. Friede in Südwest. Siegeseinzug in Windhuk. Lorbeerkränze von weiß gekleideten Jungfrauen. Roter Adlerorden mit Schwertern. Heimkehr. Heldenverhimmelung in Berlin. Ansprache und allerhöchster Händedruck. Das ist der Kriegsplan des Hauptquartiers. Warum lächeln Sie, mein lieber Herr?« Der Pfadfinder sagte toternst und trocken: »Die Einkesselung wird gelingen ...« »Freut mich ungeheuer, aus dem Munde eines alten Afrikaners, die sonst nur kritisieren und quäsen ...« »... Wird gelingen, wenn die Deutschen ein Mordsglück und die Schwarzen einen Mordsrausch haben und in ihren Pontoks schlafen. Für den eisernen Kreis müßten wir ein Armeekorps haben. Fast alle deutschen Feldherren treiben sogenannte Sedanstrategie, auch hier, wo diese Taktik wie die Faust aufs Auge paßt, bemühen sich, Moltke zu kopieren und durch eine grandiose Umzingelung, wie damals an der Maas, Europa zu verblüffen und sich einen hohen Orden zu verdienen. Aber Sedansiege sind nur möglich, wenn man überlegene Streitkräfte besitzt, sintemal von zwei konzentrischen Kreisen der äußere immer größer ist als der innere.« »Was für eine Taktik würden Sie denn befolgen, mein altafrikanischer Herr Stratege?« fragte der Leutnant ironisch. »Die Burentaktik! Mit der berittenen Truppe und mit möglichst wenig und beweglichem Train würde ich die Bande angreifen, wo ich sie fände, mit Furor verfolgen und gen Osten in die Omaheke, die Sandwüste, werfen, allwo die Hereros bald dem Durst und Hunger erliegen oder sich ergeben würden. Zu dieser afrikanischen Strategie werden auch unsre deutschen Moltkes sich bequemen ... wollen wir wetten? Man wird diese Methode befolgen, befolgen müssen, aber natürlich erst, nachdem das erste, zweite und vielleicht sogar dritte Sedan zu Wasser geworden ist.« Der Leutnant, der auf Kriegsakademie gewesen und ein Generalstäbler in spe war, wollte sich von dem Rauhbein nicht belehren lassen und wettete sechs Flaschen Sekt.   Die Hauptabteilung vereinigte sich mit der Vorhut und rückte gegen den Feind. Aber ach, der endlose, schwerfällige Treckochsentroß hängte sich wie ein Bleigewicht an alle Bewegungen des kampfgierigen Heeres. Dichter Dornbusch umfing die marschierende Truppe, gleichwie Nebel das Schiff, so daß kein Ausblick möglich war. Viele Flüche ertönten, viel deutsches Blut floß infolge der Risse, denn Kleider, Stiefel, Gesicht und Hände blieben an den Dornen hängen. Im Nebel beschleicht ein unsicher-unbehaglich-beklemmendes Gefühl die Brust. Ähnlich ist es im Dornbusch, überall argwöhnt das Auge schleichende Schlangen und schwarze Gespenster. Eine Kugel pfeift aus feigem Hinterhalt, ein junger Reiter sinkt aus dem Sattel und schreit: Mutter! Leutweins Heer lagerte bei Otjosasu. Hier erreichte die Postkarre mit den entsetzlich abgetriebenen Ochsen die Truppe. Offiziere, Gemeine liefen Sturm auf die Karre. Erbenheim sprang auf die Deichsel und rief seinen Namen. »Ich gehöre zum Hauptquartier...« Der Beamte antwortete: »Und wenn Sie Generalfeldmarschall wären, müssen Sie warten.« Das zweimalige »Nichts da« vernichtete ihn. Der Onkel sah ihn an und blinzelte eigentümlich mit den Augen. »Das Schicksal hält mich zum Narren. Meine Mutter hielt ein blödes Geschwätz für bare Münze ... Die Vorsehung hat sich mit mir einen Aprilscherz gemacht. Um den Witz zu krönen, werden wahrscheinlich mit dieser Post Zeitungen oder Briefe ankommen, darin die Offiziere vor einem Monsieur Erbenheim, einem Abenteurer, Hochstapler, Brillantdieb, gewarnt werden.« »Du, du willst im Kannibalenlande Gott gefunden haben? Und du traust dem Herrgott eine Gemeinheit zu, die kaum ein Mensch begehen könnte?« »Nein, meine Bitterkeit darf nicht zur Blasphemie werden,« sagte Erb müde. »O, ich möchte morgen fallen. Aber streiten wir für hohe Ideale, und sterben wir den heiligen Tod? Oder kämpfen wir, damit die Farmer sich ausbreiten, die Händler sich bereichern können?« »Nein, wir kämpfen für das größere, neudeutsche Vaterland.« Das machte die Krieger in Südwest stark, die Mühsal zu ertragen, das hob und heiligte sie zum Heldentum ihrer Väter, die für größere Ziele stritten, aber ihre übermenschliche Ausdauer nicht erreichten. In der Frühe des 13. April marschierte das Heer von Otjosasu ab. Die Witbois – der alte Kapitän Hendrik, der sogar eine Staatspension bezog, hatte eine Hilfsschwadron seiner Reiter, kenntlich an den weiß bezogenen Hüten, gesandt – klärten auf und meldeten, daß der Feind auf Oviumbo zurückgegangen sei. Die gelben Reiter auf ihren Kleppern, die in Südwest besser als Trakehner zu gebrauchen sind, sollten sich an Oviumbo heranschleichen; weil man ihnen nicht ganz traute, ging eine Patrouille, bei der die Pfadfinder waren, zur Kontrolle mit. Die frischen Anzeigen großer Herden sagten, daß die Hereros hier gezogen seien. Aber der Busch bei der Wasserstelle Oviumbo war leer, das ganze Rivier, dessen gelbe Sandfläche in der Sonne wie Wasser glitzerte und blendete, war wie ausgestorben. Der Offizier der Patrouille brummte: »Wir können nur melden, daß die Kaffern sich wieder mal verkrümelt haben.« »Töv enen Ogenblick!« raunte Jobst im gemütlichen, plattdeutsch despektierlichen Ton, so daß der Leutnant scharf zur Seite sah und verdutzt ihm nachgaffte. Der Alte warf sich plötzlich, nach Art der Cowboys, in den Bügeln erdwärts und griff zu. Seine Hand hielt wie einen Skalp die hohe Lederhaube eines Hereroweibes, packte fester zu und faßte die verfilzten Haare eines kreischenden, heulenden, halbnackten Weibes. Ist das Weib die Krone der Schöpfung, so war diese Hexe der Höhepunkt abschreckender Häßlichkeit. Der Alte verstand, mit solchen Damen umzugehen, und steckte ihr einen Biskuit ins Maul, so daß sie zu schreien aufhörte und zu schmausen anfing. Die Hereroine, wie Erb sie taufte, war nur Haut und Knochen, mit ein paar Lumpen und viel Schmutz bedeckt. Man setzte die wie ranziges Fett und Fuchsodeur riechende Dame auf einen Gaul und jagte zum Hauptquartier zurück. Herr Renner verhörte die verstockte Gefangene, die auf die Frage, wo die Hereros seien, nach Osten, Norden und Süden zeigte, aber bestimmt beteuerte, daß Oviumbo von den Kriegswerften ihres Volkes verlassen sei. Jobst wollte ihr den Schambock zeigen und traute ihr nicht. Doch die Stabsoffiziere duldeten aus Ritterlichkeit nicht, daß eine Frau geschlagen werde, und sagten: »Das elende Geschöpf sagt offenbar die Wahrheit, Oviumbo ist verlassen.« Der alte Pfadfinder verzog das Gesicht zum schiefen Lächeln. »Just der Umstand, daß von den Hereros kein Kuhschwanz, keine Nasenspitze zu sehen ist, erregt meinen Verdacht ... sonst beobachten sie durch Späher jede Bewegung des nachrückenden Feindes.« Die Offiziere konnten sich von dem alten Lederstrumpf nicht belehren lassen. Oviumbo war laut Erkundigung verlassen und damit basta! Die Herren vom Stabe hatten ihr Gaudium an dem ulkigen Alten. Der Hauptmann L. zwinkerte. »Nach Herrn Renners Meinung ist unser Kriegsplan unafrikanisch und utopisch. Die Kaffern können doch nicht ahnen, daß wir sie von vorn und hinten angreifen.« »O, das wissen sie längst durch Kundschafter, sogar die Stärke jeder Abteilung kennen sie genau. Meine Herren, man muß den Feind nie für dümmer halten, als man selber ist.« Jobst hatte die Kardinalweisheit aller Strategie gelassen ausgesprochen. Die Offiziere lächelten, und er begründete seinen witzig boshaften Lehrsatz: »Man darf nie annehmen, daß der Feind eine Dummheit machen wird, sondern man muß stets damit rechnen, daß der Gegner gerade das tun wird, was einem am allerunangenehmsten ist. In unsrem Falle! Die Hereros werden nicht so einfältig sein, uns anzugreifen, wo wir am stärksten sind, sondern genau da, wo unser Kreis am schwächsten ist und große, leere Lücken hat.« Die Offiziere lachten nicht mehr über den ulkigen Alten. Mancher hat den Abend dieses bösen dreizehnten Apriltages nicht erlebt. Um zehn Uhr erreichte die Spitze Oviumbo und tränkte ihre Pferde. Sie sah nichts Verdächtiges und nur, daß schwarze Reiter, die aber weiße Hutbezüge hatten, weiter flußabwärts ebenfalls tränkten. »Das sind Witbois, unsre lieben Bundesgenossen.« Ein Gezisch und Geknatter schreckte die ahnungslosen Deutschen, die ihren Durst löschten, auf. Die Hereros hatten sich listig wie Witbois kostümiert und gaben ganze Salven. Oberleutnant Reiß nahm eine Handvoll Reiter, stürmte wütend und ohne Besinnen am Flußufer vor, ritt in die Teufelei und Tücke, in ein gräßliches Kreuzfeuer hinein und erlitt mit mehreren den Heldentod. Die Ränder und Höhen waren stark besetzt. Es kam ganz anders, als der Kriegsrat geplant hatte. Die Deutschen, die einkesseln wollten, wurden umklammert und um ein Haar erdrückt. Leutwein warf mit Geistesgegenwart zwei Kompagnien und zwei Batterien in die Feuerlinie, nur dadurch wurde ein Unglück verhütet. Auf dem Südufer des Swakop wurden die Deutschen mit derselben Wildheit bedrängt. Leutwein erkannte die schwere Gefahr und zog alle seine Truppen auf diesem Ufer zusammen, so daß das breite Rivier freies Schußfeld gab und wenigstens der Rücken frei gehalten wurde. Jobst sträubte die Brauen. »Schwerenot! Ich kenne die Hereros nicht wieder. Vor dreißig Jahren waren sie feige Hyänen, und jetzt stürmen sie wie die Löwen vor und nehmen uns an. Heute muß jeder seine Pflicht tun... vorwärts, mein Sohn!« Er und sein Neffe lagen im Feuer, aber hinter einem Termitenhügel. Die Neger schossen nur zu gut; wer die geringste Blöße sich gab, war verloren. Die höllische Musik der Schlacht hielt Stunde um Stunde an, marterte die Ohren und zerriß die Nerven. Unaufhörlich knatterten die Flinten, ratterten die Maschinengewehre, krachten die Kanonen, aber die Hereros lagen an den Boden gepreßt und ließen das Schnellfeuer über sich hinwegbrausen und -blitzen. Fiel einer, so nahm der Kirriträger sein Gewehr und schoß weiter. Einige schwarze Teufel kletterten in die Bäume und gaben von oben verhängnisvolle Steilschüsse ab. Mancher Sohn einer deutschen Mutter, der sich nicht tief genug in die Erde gewühlt hatte, sank mit einem Aufschrei hin. Jobst wurde zornig und fing an, die Riesenraupen herunterzuputzen. »Jung, halte auf den Wollkopf!« Erb füllte sein Magazin und feuerte. Eine Raupe nach der anderen kollerte kopfüber, und die meisten hatten Gehirnschüsse. Aber immer wieder, wütig wie angeschweißte Raubtiere, stürmten die Neger, die an dem Tage wie die Rasenden waren, heran. Wenn sie in den Streuhagel des Maschinengewehrs gerieten, gingen viele kopfüber. Die anderen jedoch sprangen weiter, kamen bis auf zwanzig Schritte heran ... tierisch tückisch glühten ihre Augen, im weit aufgerissenen Maule schimmerte das weiße Tigergebiß. Obgleich manchem deutschen Reiter das Haar sich regte, blieb seine Hand fest. Aus jedem Rohr zuckten zehn schnelle Blitze. Mit einem Todesmut, den sonst der Schwarze nicht besitzt, erneuerten die Hereros diese wilden, wahnsinnigen Angriffe, die unter dem Schnellfeuer zusammenbrachen. Doch auch die Deutschen gewannen in dem furchtbaren, achtstündigen Gefecht keinen Fußbreit der Dornbuschsteppe. Das acht Stunden lange Pfeifen, Zischen, Krachen, Heulen spannte alle Sinne, Muskeln und Nerven zum Zerspringen an. Die Munition nahm bei dem Massenverbrauch bedenklich ab. Leutwein sah sorgenvoll die Sonne sinken, sah, daß sein Heer auf drei Seiten umklammert sei. War das die Einkreisung, die er gewollt? Noch war der Rücken und der – Rückzug frei. Der alte Jobst war in rabiater Stimmung. »Welch eine Affenschande! Wir lassen uns von Niggern besiegen! Ich gehe vor ...« Erb folgte ihm und sprang durch die Gefahrzone. Ein Dornbaum war von den Schrapnells entwurzelt und umgeworfen. In dem Loche hinter dem Wurzelknollen fanden beide Deckung und ein besseres Schußfeld. Jobst schoß und lachte: »Hurra! Das war ein Kapitän, sonst hätten die Kerle den Kadaver nicht geborgen. Nach dem Geschrei der Weiber ist es ein Mann von Rang und Rindern gewesen.« Erb legte den Ellbogen in die Wurzelhöhlung hinein; wobei er auf etwas Weiches, Lebendes stieß. Eine Schlange oder Hyäne? Das fehlte noch in dieser Lage. Sein Auge sah etwas Hellbraunes, Winselndes, Wedelndes. Ein Hererohund, ein krummbeiniger Teckelbastard aus einer bösen Mesalliance, kroch ein wenig hervor und leckte ihm bittend die Hand. Er gab dem Tiere Brot aus seinem Beutel. Nachdem es gierig gefressen und dankbar geleckt hatte, kuschelte es sich wieder in sein schlau gewähltes, kugelsichres Versteck hinein. Am Spätabend sah Erb plötzlich, daß der Hund hinter ihm her trollte und sich nicht vertreiben ließ. Der Hereroköter blieb ihm treu, wurde Oviumbo genannt und machte den ganzen Feldzug mit. Als die Abendschatten lang wurden, machten die Kaffern mit furioser Verzweiflung ihren letzten, wildesten Ansturm auf die erschöpften Krieger. Der junge Afrikaner schob die Ladung in das Magazin und zielte ... was war das? Der alte schlug ihm den Lauf zur Erde und schrie: »Nicht schießen! Sie verfolgen einen deutschen Offizier, der vor ihnen herjagt ... hierher, Herr Leut–!« Ein Wutlaut krächzte aus der Kehle des Alten, ein furchtbarer Fluch knirschte. O, der deutsche Offizier war eine Tücke, war ein langer Herero mit einem scheußlichen Affengesicht in einer schmucken, geraubten Uniform. Durch diese infame List war die Bande auf zehn Schritt an die Feuerlinie herangekommen. Jobst glotzte und stierte dem schwarzen Pseudoleutnant in die höhnisch grinsende, verzerrte Larve, als sähe er ein Gespenst. »Das ist das Tier, das Ungeheuer ... Kapitän Josua! Dich habe ich gesucht, du Hu–Hund, du Scheu–scheusal!« Der Pfadfinder, der vor Rachgier zitterte, kehrte die Flinte um, schwang den Kolben wie eine Keule und sprang trotz der Kugeln, die ihn trafen, auf den Kapitän los. Der Negerschädel krachte vom schmetternden Kolben, Josua fiel wie ein vom Beilhieb getroffener Stier, in den Dornbusch. Jobst, der rasende Berserker, hob die Keule, um seinem Todfeind das viehische Gesicht, das seine unnennbare Schande gesehen hatte, zu zermalmen. Aber die Hereros rächten ihren Kapitän. Der alte Eisenfresser, von noch einer Kugel getroffen, knickte zusammen und lag wie tot. Zwei nackte Kerle hoben den Kirri, um das Gehirn des Gefallenen zu zerschmettern. Aber Erb schoß den einen ins Ohr und stieß dem anderen den rauchenden Lauf in die Augen. Als er den Körper des Oheims aufhob und in Deckung zurücktrug, flog ihm eine Kugel zwischen Arm und Seite hindurch und blieb in dem Banknotenbuch, das Jobst auf der Brust trug, stecken. »Mari und Joseph!« rief in der Schützenlinie ein Pfälzer, »gucke mal! Gelle, der lange, tote Herero steht wieder uff.« Ja, so ein Niggerschädel ist mit Gußstahl gepanzert. Josua krabbelte aus den Dornen heraus, kratzte seinen Wollkopf und taumelte den Fliehenden nach. Während Erb in tiefer Betrübnis eine Träne aus den Augen sich wischte, richtete der Alte plötzlich von den Toten sich auf und fragte vorwurfsvoll: »Was ... was flennst du? Pfui ... mir fehlt nichts ...« »Mein Gott, du lebst ... schnell zum Verbandplatz!« »Ich flick' mich selber zusammen.« »Herrgott! Du hast vier Kugeln im Leibe ...« »Was ist da zu herrgotten! Hilf mir auf die Trittlinge! Au ... au.« Das Gehen ging nicht. Die vierte Kugel saß allerdings nicht im Leibe, sondern in der Banknotenbank und machte dem Alten am meisten Sorge. Erst nach der Feststellung, daß die Scheine alle ein rundes Loch, aber die Nummer und ihren Wert behalten hatten, beruhigte sich der blessierte Afrikaner. Der Arzt untersuchte ihn und sagte: »Das sind Fleischwunden, aber der dritte Racker hat hier ein Loch gemacht und muß zwischen den Rippen sitzen.« »Da soll er nur ruhig sitzen bleiben zum Andenken an Oviumbo,« schmunzelte der unverwüstliche Mann, der eine eiserne Konstitution hatte. Kurz vor Einbruch der Nacht machte Leutwein seinerseits einen Sturmangriff, nicht um den Sieg, sondern um den Rückzug zu gewinnen. Die von drei Seiten umklammerten Truppen gingen im Karree, nach allen Seiten feuernd, tapfer vor und eroberten tausend Schritte Terrain. So war Luft und Raum gewonnen, um die Retraite zu machen. Jobst Renner hockte auf der Vorkiste eines Ochsenwagens und rauchte trotz der Blessur und des ärztlichen Verbotes. Als der Rückzug begann, schleuderte er den Nasenwärmer wütend hin. »Das muß ich erleben, eine Niederlage von verd– Niggern muß ich erleben! O, das ist ein bittrer Tabak! Mir soll keine Pfeife schmecken, bis dieser Tag von Oviumbo gerächt ist!« Schönfärber haben das Gefecht von Oviumbo einen Sieg genannt, was es gewiß nicht war, denn es ist lächerlich, einen Rückzug eine Viktoria und den, der das Feld räumt, den Sieger von Oviumbo zu nennen. Leutwein wäre allerdings nach den späteren Feststellungen der Sieger geworden, wenn er kühn bis zum Morgen ausgeharrt und die Hereros, die ungeheure Verluste erlitten hatten, durch einen Sturm in die Flucht geschlagen hätte. Der Höchstkommandierende wußte aber nicht, wie es um den Gegner stand, und entschuldigte sich damit, daß ein Sturm zu viel Blut gekostet hätte, und daß die Munitionskolonnen nicht gekommen seien. Jobst lag im Lazarettwagen, fuchtelte und fluchte. »Die Rede vom Pulvermangel steht auf schwachen Füßen, denn auf der Retirade stießen wir nach dreitausend Metern auf die Munitionskolonne ... und am Abend, ehe der Rückzugsbefehl erging, baten die alten Afrikaner den Gouverneur zu bleiben und boten sogar ihm an, in der Nacht die zweite Staffel mit der Munition heranzuholen. Aber das Blut erschreckte ihn? Bei den Toten von Rezonville und Mars la Tour! Blutverluste, welche das Vaterland und die Ehre fordern, darf kein Feldherr scheuen.« Ähnliche Vorwürfe wurden gegen einen vortrefflichen, bisher bewährten Mann erhoben; in der bösen Nacht vom 13. zum 14. April fielen böse Worte, daß es dem Gouverneur an Schneidigkeit und Wagemut gefehlt habe. Ein erfolgloser Heerführer wird immer abgeurteilt und abgetan. Die Laufbahn des hochverdienten Mannes war zu Ende. Er mußte die kriegerischen Operationen einstellen und Verstärkungen erbitten, um den weit unterschätzten Gegner zu bezwingen. Das Unterschätzen des Feindes ist die Todsünde des Feldherrn und war auch hier der Fehler gewesen. Die Zeitungen in Deutschland schrieben, und die Philister schimpften: Noch mehr Verstärkungen und kostspielige Truppensendungen? Noch mehr Millionen sollen in der Sandwüste verpulvert werden? Es ist eine Affenschande, daß die Kerle in Südwest die Wilden, die Kaffern nicht im Handumdrehen zur Raison bringen. Dieses törichte, von keiner Sachkenntnis getrübte Geschreibsel wurde im Kriegslager mit tiefer Verbitterung gelesen. Unsre Krieger in Südwest, die mit großer Tapferkeit gekämpft und weit größere Ausdauer als Anno 70 in Durstnot und Mühsal, in den Schrecknissen eines barbarischen Krieges, einer erbarmungslos wilden Natur bewiesen hatten, ernteten, weil sie das Unmögliche nicht vermochten, häßliche Verkennung und schwarzen Undank. Abfällige Bemerkungen, ein blödes und, wenn sie als Helden starben oder schauerlich verdursteten, bedauerliches Achselzucken – das war ihr Lohn und Lorbeer. Will der deutsche Michel denn ewig der dumme und undankbare Michel bleiben? Das Gefecht bei Oviumbo war wahrlich kein Sieg gewesen und wurde dennoch in seinen Wirkungen ein Erfolg der deutschen Waffen. Die Hereros hatten sehr schwere Verluste an Kapitänen und Großleuten – die gemeinen Neger und Feldhereros sind Nullen und zählen nicht mit – erlitten und einen höllischen Respekt vor Maschinengewehren und großen Rohren, vor Mut und Mannszucht der Deutschen bekommen. Das kühne Angreifen war ihnen gründlich verleidet worden. Wie die Geschlagenen verließen sie das Schlachtfeld und das ganze Gebiet, um nordwärts zu eilen und am Waterberg ihre Werften zu bauen. Dort lebten sie, ohne an die greuliche Mordschuld zu denken, in den Tag hinein; sie schlachteten das geraubte Vieh, feierten Eß- und Tanzfeste und wiegten sich in dem Wahn, daß die Deutschen sie dort oben ungeschoren lassen würden. Die Waffenruhe der nächsten Monate bestärkte sie in ihrem gewaltigen Irrtum. – – – Jobst saß im Lazarett von Okahandja und hatte die kalte Pfeife im Munde, um sein Gelübde zu halten und einen imaginären Tabaksgenuß zu haben. Hier hatte er sein Tag- und Nachtlager, da er im dumpfen Saal Asthma und Arterienverkalkung, wie er behauptete, bekam. Er war sonst stillzufrieden, weil er die an ihm fressende Schmach gesühnt und den viehischen Kapitän erschlagen habe. »Meine Rechnung ist beglichen, nun will ich noch meinen Landsleuten helfen, die Hereros einzukesseln ... haha! Ich möchte wetten, der neue Moltke, den wir jetzt kriegen, wird in Swakopmund mit den Plänen für ein neues Herero-Sedan in der Tasche ans Land steigen. Mit Kleinigkeiten fangen unsre Strategen gar nicht an ... ein Bombenerfolg und Knalleffekt, eine geniale Gefangennahme des ganzen Volks muß es sein. Haha! Wenn der Herero kein Pulver, keine Omeire, keine Unkjis, rein gar nichts mehr zu fressen hat, genau dann auf die Minute wird er zu Kreuz kriechen und wird der Aufstand zu Ende sein. Dann ist meine Arbeit getan, und ich kann die große Reise antreten.« »Nach Ostafrika?« »Nee, mein Sohn, die ganz große Reise nach dem unbekannten Planeten ... um Gottes willen bloß kein Paradies mit dem sogenannten ewigen Frieden, wo Lamm und Löwe gegenseitig, wie die Affen, sich lausen, bloß das nicht! Großwild, auch etwas Schießerei und Stänkerei müßte auf dem Planeten sein.« Erb hatte bisher aus Rücksicht auf den verwundeten Onkel verschwiegen, daß der schädelstarke Josua etwas taumelig wieder aufgestanden sei. An diesem schönen Morgen mußte er die volle Wahrheit sagen. Der alte Pfadfinder schnitt eine greuliche Grimasse, die Narbe vertiefte und verzerrte sich, er schlug auf den Tisch. »Warum hast du das so lange verheimlicht, du Fuchsschwänzer? Ich liege hier kommod und faul und räkele mich in dem Wahn, daß ich mich ruhen darf. O, ich bin beschimpft, entehrt, bespukt von einem Nigger! Auf! Ich muß den Hund von Josua in meine Finger haben! Diesmal werfe ich ihn ins Feuer, damit der scheintote Schuft nicht wieder lebendig werde.« »Laß ihn laufen! Er wird schon, wie die andern, ins Verderben rennen.« »Was faselst du? Weißt du, was er mir getan hat? Daß er mein Weib gewaltsam nahm, war todeswürdig, tierisch, aber nur ein Verbrechen ... o er hat mich geschändet ... und das war scheußlich, satanisch. Ich ... ich kann es nicht sagen ... nur flüstern ... neige dein Ohr an meinen Mund! O ... ich war ja gebunden worden und wehrlos... der Teufel ließ meine Nasenwand durchstechen, zog einen Holzplock hindurch ... band einen Ochsenriemen um die Enden des Pflocks und ... und löste meine Stricke.« Der Alte schluckte und schrie auf. »Ich war ein Wilder, ein Neger, ein Tier geworden! Zum Treckochsen, zum Reittier machte der Herero mich. Unter dem Gelächter der Bande trieb er mich am Nasenzügel, mit dem klatschenden Schambock um die Pontoks herum ... zuletzt setzte er sich auf meine Schultern und ritt mich durch die Werft ... vor allen Pontoks wieherten die Weiber: Schlag den weißen Reitochsen! Schlag ihn in Galopp! Und er schlug. Das hat das Tier von Josua mir angetan, zum Tiere mich gemacht! Meine Schande ist so ungeheuer, daß ich sie nur in seinem Blut abwaschen kann.« Erb sprang erregt auf. »Die zum Himmel schreiende Schmach, die einem Weißen, einem Deutschen zugefügt wurde, ist nicht geahndet worden? Unerhört!« »Nein, wir hatten kein Recht, keinen Richter, keinen rechten Herrn in Südwest ... dann wehte die deutsche Flagge an der Küste, ich erhob Klage, aber der deutsche Konsul wollte mit den Hereros nicht anbinden.« »Mein Vater, die Bestialität muß gerächt werden. Dazu helfe ich dir!« Der alte Pfadfinder hatte keine Ruhe mehr und ärgerte sich über die Truppe, die untätig stand, um die Verstärkungen und den neuen Feldherrn – es sollte eine Exzellenz sein – zu erwarten. »Herrgott von Gravelotte! Sind das die Deutschen von Anno 70, die bei Spichern und St. Privat wild draufgingen und viel unnötiges Blut vergossen? Gäbe man mir doch unsre berittenen Kompagnien, statt sie vom Typhus töten zu lassen, ich würde mit wenig Troß auf die Schufte losfahren, sie aus dem grasreichen Dornbusch herausräuchern und in die Omaheke jagen. Die Sandwüste wird sie klein kriegen und den Aufstand beenden. Herrgott! Daß man rein gar nichts zu sagen hat! Mein lieber Junge, du hast auch deine schwere Sorge, und selbst mir geht jetzt die Geduld aus ... der Brief muß wohl verloren gegangen sein. Mein Sohn, laß dir Urlaub geben und reite mit einem Rücktransport nach Windhuk, um nach dem Briefe zu forschen und eventuell telegraphisch in Deutschland anzufragen. Du leidest zu sehr.« Zwei Stunden später bestieg Erb ein gesalzenes Pferd, das die Pferdesterbe gehabt und gegen die Seuche immun war. Sein Onkel hatte es für schweres Geld gekauft. Er hat den Klepper lieb gewonnen und hochachten gelernt; denn der Schein trügt oft. Der Hottentottenfuchs besaß viele Schönheitsfehler, eine unmilitärische Beinstellung, eine schmale Brust, aber auch Hufe von Stahl und eine beispiellose Ausdauer und Bedürfnislosigkeit, so daß er achtundvierzig Stunden ohne Wasser trabte, ohne ein Haferkorn von dem graubraunen Gras d. i. Heu auf der Wurzel sich ernährte. Die endlose Einförmigkeit des Dornbusches hörte auf, die freundliche Landschaft mit Weiden und Wäldchen und dem Kranz der Spitzkuppen erquickte das Auge. Der Reiter sah sich um und sagte: Ich habe dieses Land trotz seiner Öde und Armut, trotz seiner Wassernot und Wildheit lieb gewonnen, ich kam, wie viele, mit einem Vorurteil, und es ist mir ein neues, teures Vaterland geworden. Diese verlästerte Kolonie muß einen geheimen Zauber, eine tiefe Anziehungskraft haben, daß sie so viele starke Männer festhielt. Ja, das weite Südwest gibt Ellbogenfreiheit dem, der aus Europas stickiger Enge kommt, gibt große Zukunftsmöglichkeiten dem Manne, gewährt dem Landhunger ungeheure Flächen und der Phantasie, dem deutschen Wander- und Abenteurertrieb fröhlichen Spielraum. Erbenheim ritt mit einer leeren Kolonne. Nach der dritten Meile bekam er einen unerwarteten Begleiter. Der Hund Oviumbo war ihm nachgeschlichen und meldete sich zur Stelle, als ein Zurücktreiben nicht mehr möglich war. Bald zeigte der häßliche Beller, daß er auch hohe Tugenden besaß. Die Kolonne lagerte an einer Wasserstelle und schnarchte, die Gegend galt als sicher. Da fuhr der Köter mit Gekläff in den Galeriewald hinein, immer weiter, immer bösartiger bellend. Hat er einen Koran oder Duiker aufgetrieben? Oviumbo kehrte zurück, die Zunge lang aus dem Halse, sprang auf und voran, wedelte und winselte: Komm mit! Erb warf sich auf den Fuchs und galoppierte. Himmel! Die Ochsenwache war von einem Kirri erschlagen, die Ochsen fort. Der Hund, der in einer Hererowerft großgehungert und großgeprügelt war, hatte einen guten weißen Herrn und haßte die Hereros mit dem ganzen Haß des Renegaten. Er verfolgte und führte und biß in eine nackte Wade hinein. Der Herr riß Funken. Da rückten die Hereroräuber aus und ließen die Treckochsen stehen. Oviumbo verfolgte sie und brachte im Triumph die erbeutete Sandale eines Feldherero, wofür er gelobt und gestreichelt wurde. – Auf der Post in Windhuk war kein Brief. Erb seufzte verzagt: Eine Täuschung und Teufelei ist es gewesen. Mein Schicksal hat mich gefoppt und zum Opfer eines boshaften Witzes gemacht. Traurig depeschierte er nach Deutschland. Das Antworttelegramm flog schnell wie der Gedanke über den Erdkreis, tickte in Windhuk und raubte dem Empfänger die Sprache, denn der heißeste Schmerz und das höchste Glück haben keine Worte. Sechs Stunden lang las er an den paar Worten des Telegramms: »Mein glücklicher Brief vor drei Monaten abgesandt. Deine Unschuld erwiesen. Gott groß. Alles wird gut.« Am Tage nach der Abreise des Neffen langte die Postkarre in Okahandja an. Und der an Erbenheim, aber ungenügend adressierte Brief war da und auf beiden Seiten mit Stempeln und Aufschriften bedeckt. Er hatte eine wahre Odyssee im Lande gemacht, im Postamte Windhuk sich ausgeruht, um wieder von einer Heeresabteilung zur anderen zu wandern, mit Vermerken versehen zu werden und zu allerletzt den Adressaten im Hauptquartier zu suchen. Jobst stand auf dem Turm der Feste und schwang den Brief wie eine Freudenfahne, als Erb in Okahandja einritt. Schwere Freudentränen rollten über die Backen des jungen, tiefbraunen Afrikaners. Solche Zähren stehen auch dem Manne wohl an. »Meine Mutter schreibt: Der Dienstmann 21, der bei der Vernehmung sofort dich als den Versetzer des Brillantrings bezeichnete und durch seinen Zeugeneid den Schuldbeweis vollendete, ist als Lügner und meineidiger Schurke entlarvt worden. Nicht die klugen Kriminalisten, Juristen und Staatsanwälte haben den braven, herrlich beleumdeten Mann durchschaut noch seine Niedertracht geahnt, sondern Gott selbst hat seine Hand an ihn gelegt und den Biedermann gerichtet. Im Hause des Viertels, wo er im dritten Stocke wohnt, feiern sie unten im Erdgeschoß Geburtstag bis tief in die Nacht hinein. Hafenarbeiter, Kellnerinnen und fragwürdiges Volk hat sich bezecht und will sich noch über Spiritus einen Schlummergrog brauen. Die Betrunkenen tanzen und toben ... eine Kellnerin reißt den Apparat und den Spiritus um, im Augenblick stehen Teppich, Gardinen und Schloßkorb in Flammen. Die kopflosen Gäste laufen schreiend auf die Gasse und lassen alle Türen hinter sich offen. Das Zimmer ist eine Lohe, die Flammen fliegen, durch den Zugwind gejagt, die Treppe hinauf. Das ganze Treppenhaus steht in Glut und Rauch. Da erwacht der Dienstmann oben vom Geschrei und reißt seine Korridortür auf, um zu sehen, was der Tumult bedeute. Todesgäste, dicke Rauchschwaden und hüpfende Flammen dringen in seine Wohnung hinein und werfen den alten Mann hin. Als die Feuerwehr die Magirusleiter ersteigt, findet sie die ohnmächtige Frau und den schwer verbrannten Mann, die ins Krankenhaus gebracht werden. Mutet das nicht wie ein Gottesgericht an, wenn man erwägt, daß in der Stadt Jahre vergehen, ehe durch Feuersbrunst ein Menschenleben gefährdet wird? Die arme Frau erholt sich, der elende Mann liegt wie eine schwärzliche Leiche da, die Haut hängt in Fetzen ... die unselige Leiche erwacht zum Leben ... die Ärzte haben nicht die geringste Hoffnung und dürfen doch nicht die Qual verkürzen, sondern müssen alles tun, um das Sterben zu verlängern.« »Eine total verrückte, zur Grausamkeit gewordene Humanität.« Jobst mußte seine Meinung sagen. Der andere hörte es kaum und las heiß und hochrot. »Der Elende lebt und leidet noch fünf Tage und Nächte. Sein Schreien, sein Flehen, ihn zu töten, soll schauerlich gewesen sein. Am dritten Tage, als sie ihn zur Linderung ins Wasserbad legen, wimmert er: ›Ich kann nicht leben ... und ich kann nicht sterben, denn ich habe ein schweres Verbrechen auf dem Gewissen ... ich habe einen Menschen, einen vornehmen Herrn unschuldig ins Gefängnis gebracht‹. Der Oberarzt, der Staatsanwalt werden geholt, der Dienstmann liegt im Wasser, ist ruhiger geworden und macht mit klarem Bewußtsein und deutlicher Stimme seine erschütternden Aussagen, die zu Protokoll genommen und von ihm mit drei Kreuzen unterzeichnet werden. Ihm sei überhaupt kein Brillantring zum Versetzen gegeben worden, sondern den Ring habe er auf der Straße hart an der Gosse unter der Engelschen Wohnung gefunden und aufgehoben. Den Wert des blitzenden Steins ahnend, habe er dem Pfandleiher gesagt, daß er im Auftrag eines sehr feinen Herrn den Brillanten versetzen und eine hohe Summe darauf haben solle. Das habe glaubhaft geklungen, da bessere Herrschaften Pfandleihen ungern betreten. Um den ergaunerten Reichtum zu behalten, habe er sich herauslügen und einen andren bezichtigen müssen. Als er zur Vernehmung gerufen, beim Untersuchungsrichter einem fein gekleideten Herrn gegenüber gestellt worden sei, habe er sich sofort gesagt: Der ist verdächtig, den mußt du als Täter bezeichnen, um dich selbst herauszuwinden. Alles sei nach Wunsch gegangen, die Gerichtsherren hätten ihm sogar bei seinem Lügengespinst geholfen. Nur der Eid habe ihm häßliche Angst und böse Träume bereitet. Nachher aber habe er sich gesagt: Der Sohn des Landgerichtsrats sei jetzt wieder auf freiem Fuß und immer noch besser daran als ein geplagter Dienstmann, der für fünf Groschen jedermanns Hund und Schubjak sei. Dann sei die gräßliche Strafe Gottes, der Brand, gekommen ... Gift, Gift solle man ihm geben, um zu sterben ...« »O welche infernalische Tiefen sind im Menschenherzen! Dieser Schuft konnte jahrelang ruhig schlafen und essen, obgleich er das Lebensglück, die Ehre eines Mitmenschen ermordet hatte!« rief Erb und las weiter: »Mein lieber Sohn, ein Rätsel ist noch ungelöst, nämlich die Frage, wie der Ring auf die Straße und in die Gosse kam. Manche meinen, der Dienstmann lüge noch immer, habe sich ins Haus geschlichen und den Ring gestohlen. Doch dem widerspricht die Aussage aller Domestiken, daß die Korridortür stets verschlossen gewesen und ein Einschleichen unmöglich sei. Auch wenn die Frage dunkel bleibt, berührt sie deinen Fall nicht, denn bewiesen ist, daß der Ring nicht in deinen Händen gewesen ist. Dein lieber Vater, der dich herzlich grüßen läßt, betreibt das Wiederaufnahmeverfahren mit aller Energie. Für ihn und alle seine Kollegen, die ihm mit warmer Herzlichkeit gratulieren, besteht nicht der leiseste Zweifel, daß das neue Verfahren dich glänzend freisprechen und völlig rehabilitieren wird. Mein einziger Sohn, deine Vergangenheit ist fleckenlos, deine Zukunft hell und klar, dein Ruf rein, dein Ehrenschild blank geworden. Ich kann nur vor Freude weinen und immerzu sagen: Mein Gott, du hast Großes an mir und meinem Mutterherzen getan.« Der Brief erhielt noch mehr, was sekret zu sein schien und darum nicht vorgelesen wurde. Jobst rief: »Junge, Junge, nun hast du deinen richtigen Vater wiedergekriegt, und ich kann als provisorischer Vater abtreten und wieder den alten, ehrlichen Onkel spielen.« »Nein, du bist mein rechter Vater gewesen, und du sollst mein rechter Vater bleiben.« Jobst rief noch einmal: »Junge, Junge, da hat der Herrgott mal ein gehöriges Licht aufgesteckt, in die dreckigen Ecken hineingeleuchtet und die Gewebe der Giftspinnen herausgekehrt.« Erbs Brauen warfen einen Schatten über die hellstrahlenden Augen. »Ganz glücklich bin ich dennoch nicht ... das dunkle Rätsel, daß Ella Ritterhus an meine Schuld glaubte, daß sie wußte, woher ich das Geld hatte, und mich doch am Schandpfahl stehen ließ ... o, die Finsternis bleibt.« »Steht etwas von der Person im Briefe drin ...?« »Ja, meine Mutter schreibt: Die Erbin des Fräuleins Vermehren hat bis jetzt von den lächerlich vielen und lächerlich verschiedenen Anträgen keinen angenommen. Die Ella ist ein sehr sympathisches und liebes Mädchen ... ich sehe dein verdutztes Gesicht, ich kenne sie ja gar nicht, denkst du. Mein Sohn, ich habe sie kennen gelernt. Neulich, als das Sinfoniekonzert zu Ende ist, kommt zu meinem Erstaunen eine junge, anmutige Dame recht verlegen auf mich zu und sagt ganz leise: Verzeihen Sie, Sie sind Frau von Erbenheim, und ich heiße Ella Ritterhus. Zwei Tränen schwammen in ihren Augen, sie drückte meine Hand und suchte nach Worten. ›Ich habe mit Ihnen gelitten und ... und ich bin mit Ihnen glücklich ...‹ So ungefähr lauteten ihre Worte, aber sehr glücklich sah die Erbin eigentlich nicht aus.« Jobst sprach im Affekt plattdeutsch und rief zum dritten Male: »Junge, Junge, datt löppt sich all torecht. Soweit ich mich auf Frauenzimmer und Liebesgeschichten verstehe, datt düstre Rätsel löppt sich torecht.« Vierzehnter Abschnitt Der Krieg in Südwest ruhte ein paar Monate. Die Reiter und Offiziere langweilten sich, mäkelten viel und munkelten einiges. Es hieß, der Gouverneur Leutwein habe noch vor seinem Abgange die Hereros am Waterberg packen und ins Sandfeld werfen wollen. Er erhielt aber den gemessenen Befehl, nichts zu unternehmen. Jobst Renner räusperte sich: »Die neuen Männer wollen sich natürlich nicht den Lorbeer vor der Nase wegnehmen lassen. Der neue Herr denkt nicht an Leutweins Abgang, sondern an seinen eigenen, möglichst guten Eingang.« Die alten Afrikaner ließen den leutseligen Leutwein schweren Herzens ziehen, aber mit noch schwererem Herzen sahen sie dem neuen General, der ein Neuling in Afrika war, entgegen. Generalleutnant von Trotha erschien in Südwest und erließ eine schneidige Proklamation, vielleicht ein Programm. Darin hieß es: Weil die Hereros sich an der heiligen Majestät des deutschen Namens vergriffen hätten, sollten sie von der südwestafrikanischen Erde vertilgt werden. Von der Vernichtung der Aufständischen wurde mit kräftigen Worten gesprochen. Das war eine Phrase und nicht einmal eine schöne. Die alten Ansiedler und freiwillig dienenden Altafrikaner schüttelten die Köpfe. Ist das eine Aufforderung zum Massaker des Hererovolkes? Diese Kaffern sind ja arge Bluthunde, aber durch Geburt und Sitte Barbaren, die daher barbarisch den Krieg führen. Wenn sie ausgerottet werden, ist die Kolonie wertlos, ohne Neger und Negerarbeit ist Südwest eine Wüste. Oder sollen wir aus Galizien und Polen Arbeitskräfte holen? So fragten die Farmer, und die Geschichtskundigen lächelten spöttisch: Haben nicht die Cherusker, unsre heldenhaften, vielbesungenen Väter höchst barbarisch gekämpft und nach der Varusschlacht den römischen Sachwaltern die Zunge ausgeschnitten? Und als die Matabeleneger in Rhodesia ein gräßliches Gemetzel machten und dreihundert Ansiedler, Frauen und Kinder mordeten, haben da die Engländer sie ausgerottet, weil jene Kaffern sich an der Majestät des britischen Namens schändlich vergriffen hatten? O nein, die Engländer waren klüger, brachten sie zur Raison und brauchen sie als Farmhände bis auf den heutigen Tag. Das neue Hauptquartier setzte die Abteilungen des Heeres in Bewegung; das geschickte Handeln erweckte eine allgemeine Begeisterung, die Truppe war vom besten Geiste beseelt. Der alte Pfadfinder pirschte wie ein Gordonsetter hinter einem Duiker her. Bang, bang! Plötzlich fielen dicht vor ihm zwei Schüsse. Einige Frischlinge, wie man die frisch angekommenen Reiter nannte, hatten ihm den Duiker vor der Nase weggeknallt. Einem Weidmann werden bei solcher Überraschung ein Schock Läuse über die Leber, ein Schock Flüche über die Lippen laufen. Jobst hingegen lachte und lobte: »Hier in Afrika ist jeder sich selbst der Nächste.« Als die glücklichen Schützen ihr Wildbret am Spieße brieten, war die Freude klein und das Resultat kläglich; das Fleisch war entweder schwarz verbrannt oder blutig roh und zäh wie Leder. Ein blutjunger Kerl hielt statt des leckren Wildbrets ein scheußliches Stück Kohle in der Hand, machte nach dem ersten Biß ein weinerliches Mäulchen und warf das Zeug weg. Jobst trat heran: »Jungens, ich zeige euch, wie ihr kunstgerecht Hottentottenbeef braten müßt. Die Astgabel muß rein geschält und das Fleisch mit Salz und Pfeffer eingerieben sein.« Er machte es ihnen vor, wie man das Bratenstück bald mit der einen bald mit der anderen Seite über die Kohlenglut hält, bis Saft und Blasen perlen, wie man mit einem kurzen Schnitt sich überzeugt, daß die stärkste Stelle gar ist, wie man dieses Stück abschneidet und also weiter brät und weiter schmaust. Der Blutjunge aß mit vollen Backen und lachte breitmäulig: »Dieses Hottentottenbeef ist ein delikates Essen für den größten Gourmand.« Jobst saß am Feuer, wo die Afrikaner gute Kameradschaft hielten resp. eine Clique bildeten, und zeigte mit dem Daumen. »Die Frischlinge lassen sich wenigstens belehren ... aber die neuen Herren ... wenn man auf etwas aufmerksam macht, sehen sie einen an und schnarren: Ihr habt euch für bankerott und unfähig, den Aufstand zu unterdrücken, erklärt; nun sind wir da, um in der Sandkiste Schluß zu machen und euch zu zeigen, wie's gemacht wird. – Ja, sie werden ohne Zweifel unsre Arbeit vollenden, denn Trotha ist ein guter Feldherr und sie haben eine bedeutende Truppenmacht, die wir nicht hatten.« Im Kriegslager bestand ein offenkundiger Gegensatz zwischen den alten und neuen Afrikanern. – Sie marschierten dreihundert Kilometer auf der ausgefahrenen Pad zum Waterberg, wo die Hereros genau unterrichtet waren, durch Späher die Truppenausschiffungen in Swakopmund sofort erfuhren und trotzdem mit der uns unverständlichen Negerindolenz, mit Stumpfsinn den Feind von allen Seiten herankommen ließen. Die Pfadfinder, die bei der aufklärenden Spitze waren, sahen tagelang nichts als verdorrende Dornbüsche, denn es herbstete in dem Lande, das keinen Herbst und nur zwei Jahreszeiten hat. Unter einem Dornbusch lagen sie des Nachts. Erb las auf der überwindigen Seite alle Steine, Morgensterne, Dornen weg, legte den Woilach zusammengefaltet hin, zog Rock und Stiefel aus, machte aus Sattel und Taschentuch ein Kopfkissen, wickelte sich in den Woilach, deckte sich mit Rock und Mantel zu, verstopfte jedes Ritzchen, lag mäuschenstill, um nichts zu verschieben, und schlief stundenlang, bis er halb erstarrt und frostklappernd erwachte. Es fror des Nachts in diesem verrückten Lande, während man am Tage in der Tropensonne briet. Südwest ist ein Hochland, das 1000 bis 1500 Meter über dem Meere liegt, und das ist die Erklärung dieser jähen, tollen Temperatursprünge. Die Sonne kam rot, groß und glühend und wurde von den Verklammten wie ein Gott begrüßt, denn sie hoben die blauen Nasen und Hände anbetend empor. Sechs Stunden später jedoch schimpften die Sonnenanbeter auf die schreckliche Sonne und Backofenglut. Um Mittag schrie die Spitze Hurra beim erfreuenden Anblick des Waterbergplateaus, das mitten in der Steppe wie eine steile, gradlinige Riesenmauer steht und als Bergmassiv von rotem Sandstein hundert Kilometer weit von Südwest gen Nordost sich dehnt. Renner war hier vor Jahren viel gewesen, hatte den kürzlich gestorbenen Kapitän Kambasembi gekannt und erklärte den die Karte studierenden Offizieren die Gegend. »Der Waterberg ist für Heere und Heiden unpassierbar, der obere Rand, der Kranz, stürzt senkrecht ab, während darunter eine wüste Schutthalde zur Ebene abfällt. Um das Plateau herum entspringen mehrere Quellen, die stärkste fließt bei der Station Waterberg. Dort hocken die Hereros und haben gute Rückendeckung ...« »Aber keine Fluchtmöglichkeit nach hinten, und von vorne kommen wir von allen Seiten ... Hurra! Wenn sie nur nicht Verdacht schöpfen und verduften, so haben wir sie im Kessel.« Jobst lachte etwas schief und sagte nichts. Das neue, zweite Herero-Sedan spukte in allen strategischen Köpfen. – Es war im August. Trotha, der hier 1600 Flinten, 30 Geschütze und 14 Maschinengewehre hatte, ließ sein Heer in sechs Abteilungen gegen den Waterberg vorrücken. Hinter dem Berg, im Norden, lag Volkmann, um versprengte Haufen abzufangen; in einem Halbkreise um das Plateau herum standen von Südwest bis Nordost die fünf Abteilungen Fiedler, Deimling, Müller, Heyde und Estorf. Der eiserne Ring war also geschlossen und besaß nur den einen bösen Fehler, daß er große Lücken und leere Stellen hatte, sintemal man nicht mit 1600 Mann eine Kreislinie von 100 Kilometern besetzen kann. Später, als das erhoffte Sedan ausblieb, hat man energisch die Sedanabsichten abgestritten. Doch die Kreisaufstellung zeigt, daß man einkreisen wollte. Und bei Okahandja wurde sehr rechtzeitig und sehr vorsorglich ein gewaltiger Dornkral für das ganze, gefangene Hererovolk gebaut – warum und wozu? – Doch weil man stark und stille hoffte, Samuel und sein ganzes Gelichter zu fassen und zu fangen. Jobst wurde als Ortskundiger von den Offizieren befragt und gab präzise Auskunft. »Ja, das Gelände ist überall dichtester Dornbusch ... Wasser ist reichlich, nur die Weide wird verbraucht sein.« Als man ihn mit höflichem Dank entließ, faßte er sich ein Herz, um drastisch, rauh und redlich seine strategischen Ansichten zu entwickeln. »Meine Herren, was soll die Abteilung Fiedler da drüben im Nordwesten? Die Kaffern werden nimmermehr gen Westen, in die Namib fliehen oder nach Norden zu den Ovambos, die sie unbarmherziger als wir totschlagen würden. Wenn die Hunde im letzten Moment auskneifen, so werden sie unbedingt nach Osten oder Südosten durchstoßen, denn dort haben sie die weitesten Fluchtmöglichkeiten bis in die Kalahari und in englisches Gebiet hinein, denn sie wissen genau, daß John Bull den Feinden Deutschlands nichts Böses tun wird. Die Abteilung Fiedler steht da ganz unnütz und wird keinen Schuß tun. Aber hier zur Rechten, zwischen uns und Estorf, ist die schwache Stelle, wo die schwarzen Kerle sich durchbeißen werden. Nach meiner Ansicht müßte man die Abteilung Heyde, hier zur Rechten, die am schwächsten ist, zur stärksten machen. Schicken Sie Fiedler dahin!« Die Herren Offiziere tauschten stumme Blicke und dankten kühl. Die alten Afrikaner waren doch arge Krakeeler und Kritikaster. Sie wollten sich schön hüten, ihren General auf Fehler der Aufstellung aufmerksam zu machen, ein Untergebener darf niemals klüger sein als sein Vorgesetzter. Doch es waren im Hauptquartier auch viele einsichtige, unentwegte Männer, die nicht nur ihre Augen, sondern auch ihren Mund aufmachten, wenn es not tat. Fiedler wurde aus der unnützen Abseitsstellung fortgenommen und verstärkte – Deimling, der jetzt verhältnismäßig viel zu stark für seine Aufgabe war – aber nicht die Abteilung Heyde, welche die Achillesferse der deutschen Stellung war und blieb. Das rächte sich. Jene Offiziere winkten dem alten, kuriosen Lederstrumpf, wie sie ihn nannten. Jobst war taub, guckte nach den Heuschrecken und streichelte den Hund. Da kamen die Herren zu ihm und sagten mit Freundlichkeit und Ironie: »Weil Sie ein strategischer Kopf und ganzer Kerl sind, haben wir für Sie eine Aufgabe, die Kurage und Kaltblütigkeit erfordert.« Jobst antwortete nur: »Bitte die Instruktion!« Mit seinem Neffen, dem Hunde Oviumbo, einem Witboi und einem treu gebliebenen Herero brach er auf. In der Nacht kletterten sie im Steingeröll des Berges. Die verwegene Patrouille wollte den Berg im Rücken der Feinde ersteigen und das Lager der Hereros aus der Vogelschau auskundschaften. Erb erblickte auf einer Klippe eine schwarze Gestalt und flüsterte: »Ein Hereroposten!« Der Witboi schielte hinüber und sagte schläfrig: »Is Pavian.« »Woran siehst du es? Es könnte ein Kaffer sein.« »Herero liegt immer, schwarzer Minsch steht nicht auf Klippe ... wenn Minsch steht, is Affe oder Weißer.« Der Hottentott beabsichtigte nicht, Europas Söhne zu beleidigen. Die Deutschen setzten die fürchterliche Kletterei fort. Jobst klebte auf einem Fuße an der Wand, schwebte in der Luft und erreichte zuerst die Höhe, wo er die andren anseilte. Sie kamen auf einem Wege, den ein Kletteraffe nicht zu gehen wagt, auf das Plateau hinauf. Erb hatte den Hund in den Rucksack gesteckt, holte ihn heraus und legte ihn an die Leine. Nach einer kurzen Wanderung wurde der Köter unruhig, schnoberte und zerrte vorwärts. Da! Durch das Gestrüpp gloste der Schein eines Feuers. Die Vorposten des Feindes? Die Deutschen, die das Anschleichen verstanden, krochen heran, der Hund war am Arme festgebunden und unterließ sogar auf Befehl das Belfern. Am Feuer lagen zwei halbnackte, ausgehungerte Gestalten neben dem Kirri und schliefen. Eine nette Feldwache! Zwei Fäuste hoben sich, zwei Schläge in die Schläfe betäubten beide. Die Gefangenen gaben nachher wertvolle Aufschlüsse, um ihren Heißhunger zu stillen. Das sorglose Negervolk habe den Berg nicht besetzt, unter den Kapitänen sei viel Zank und Zwist, viele seien kampfmüde. Aber Samuel habe getobt: Mich und alle Großleute werden sie hängen ... ihr, nicht ich, habt den Orlog gewollt, nun sollt ihr auch fechten bis zur letzten Patrone ... jeden feigen Schakal schlage ich mit dem Schambock tot. Unter den armen Feldhereros und Frauen sei der Hunger sehr groß, jede Unkjiwurzel sei weit und breit ausgegraben. Was sollen wir mit den Gefangenen machen? fragte man sich. Der treu gebliebene Herero bat treuherzig: »Schieße sie tot, Herr, nur einem toten Herero darf man trauen.« Man konnte die Bitte des schwarzen Gemütsmenschen nicht erfüllen und ließ den Witboi bei den Gefangenen zurück. Weiter gingen die Kühnen, Oviumbo bildete die sichernde Spitze. Als das erste Taglicht über die Erde und eine Bärenkälte bis an die Knochen ging, lagen drei Leiber auf dem Rande des Plateaus, und sechs Augen lugten in die Tiefe. Das Krähen der Hähne, das Kläffen der Hunde, das Brüllen der Kühe drang von unten deutlich ans Ohr. So nahe waren sie dem Gewimmel drunten in den Dornbüschen. Die Sonne erleuchtete meilenweit das Tal zu den Füßen und die Kirche der Station, wo der grause Mord anhub, und die Kriegswerfte und Maulwurfpontoks des dem Untergange geweihten Volkes. Alles, das große Volk im Halbkreise, die Wasserstelle von Hamakari, die Rinderherden, die zur Tränke zogen, sahen die Späher aus der Vogelschau. Der Abstieg war leichter, die Erkundigung von ungeheurem Wert. Ein wackrer Leutnant, Auer von Herrenkirchen, erklomm auf dem Wege mit seinen Signalsoldaten und -apparaten den Berg und errichtete zu Häupten des Feindes eine Heliographenstation. Auf einem Stativ wurden die Instrumente aufgestellt, mit denen am Tage vermittelst Sonnenlicht, das in einem Spiegel aufgefangen und durch eine Linse zurückgeworfen wird, in der Nacht durch Azetylenscheinwerfer Lichtsignale nach dem Morsealphabet geblitzt werden. Der mutige Leutnant droben meldete dem Hauptquartier alles, was auf der Höhe beobachtet wurde, Tag und Nacht blitzte der Heliograph. Was haben die unwissenden Hereros sich gegruselt, als in finstren Nächten die grellen, gespenstischen Blitze über ihre Häupter, Hütten und Herden hinschossen. Das waren die bösen Geister, die in der Steinwildnis spuken. Eine Untergangsahnung, ein Grauen vor dem Ende und der Ausrottung ergriff das tausendköpfige Volk mit seiner tiefen Unkultur. Die abergläubischen Neger, die aus Geisterfurcht nachts nicht ausgehen, verkrochen sich in ihren stinkenden Pontoks und zogen die verlausten Lumpen über das Gesicht. Der intelligente, von deutscher Kultur beleckte, aber noch mehr von deutschem Alkohol begossene Oberkapitän Samuel, der Lüderjan, der im Unglück über sich hinauswuchs und wirklich Herrscher wurde, gruselte sich auch und hat nichts getan, um die unheimliche Heliographenstation zu zerstören. An dem Tage kehrte die Patrouille des Freiherrn von Bodenhausen nicht zurück. O, das war die scheußlichste Tat der schwarzen Bestien. Jobst nahm den Hund und ging auf die Suche. Ihm, der kein Grausen kannte, sträubten sich die Haare. Da lagen sechs nackte, entsetzlich-schandbar verstümmelte Leichen, fünfzig Schritte weiter angebrannte Pferdekadaver und eine blutige Masse, die einst ein Mensch, einer deutschen Mutter Sohn gewesen. Der Alte hob die Hand, wie zum Schwure: »Die Hererotiere sollen wie Tiere sterben.« Der Hund, der Blut lecken wollte, bekam einen gehörigen Fußtritt. Zum Dank dafür stöberte er ein ausgehungertes Hereroweib auf, das mit zwei Kindern Unkjis suchte und aus Mutterliebe sich zu weit hinausgewagt hatte. Das Weib, das Auskunft geben sollte, war verstockt, richtiger gesagt heldenmütig, und wollte nichts verraten. Es war rührend zu sehen, wie die deutschen Reiter die kleinen, schwarzen, dreckigen Dreijahrskmder mit Speise vollstopften. Als die Mutter ihre Kleinen gesättigt sah, war kein Wort aus ihr herauszubringen, obgleich sie unbeschreiblich mager und heißhungrig war und mancher Leckerbissen ihr verlockend vor Nase und Mund gehalten wurde. Diese armselige Hereroine war in Wahrheit eine Heroin. – – Morgen war die Schlacht, die große, heiße Entscheidungsschlacht, alle wußten es und waren befriedigt, ja begeistert, daß endlich losgeschlagen würde. Die Germanen bleiben – Gott sei Dank! – trotz der blöden Friedenssucht unsrer Tage ein kampffrohes Geschlecht. Der Hererokrieg hat es bewiesen. Am Tage vor der Schlacht langte die Post mit abgetriebenen Ochsen im Schleichtempo an. Das gab stets einen Auflauf, den Jobst zuerst gewahrte. Er holte einen Brief und hielt ihn wie eine Siegesbotschaft in der Hand. Erb zitterte, zerriß das Kuvert und stammelte die Sätze: »Das Wiederaufnahmeverfahren ist im vollen Gange ... deine volle Rehabilitation ist ganz zweifellos. Der Unhold von Dienstmann ist gestorben ... das letzte unerklärliche Rätsel, wie der Ring auf die Gasse und in die Gosse geraten, hat sich jetzt auch gelöst. Im Engelschen Hause hat man noch immer den zahmen Affen, der bei dir damals während der Abwesenheit des Chefs im Zimmer war. Man hat das spielerische, unnütze Tier dabei ertappt, wie es eine Damenuhr stiebitzte und unter dem Teppich versteckte. Der Affe hat ohne Zweifel mit dem blinkenden Ringe gespielt und ihn dabei vor deinem Eintritt durchs offene Fenster geworfen. Darüber sind sich die Juristen jetzt einig. Ach, jetzt hat im Grunde keiner an deine Schuld geglaubt ... so sind die armseligen Menschen ... du wirst doch gleich nach Beendigung des gräßlichen Negerkrieges nach Hause und in meine Arme fliegen ...? In meine allein ...? Ich begegnete Ella Ritterhus vor unsrer Haustür und konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, daß sie auf mein Kommen gehofft, gewartet habe. Sie fragte nach dir und flüsterte beschämt, ob es wohl korrekt und dir lieb sei, wenn sie dich grüßen lasse ...« »Weiter! Junge, he! Was unterschlägst du?« polterte der Onkel. Der Neffe nämlich steckte den Brief in die Tasche, sah in die Luft und sagte eine lange Zeit nichts, auf keine Frage und keinen Witz reagierend. Ohne Worte war sein Glück, jedoch nicht ohne eine Bitterkeit und ein leises Aufbäumen. Er, der der Prügelknabe des Schicksals gewesen und ein Liebling Fortunas geworden war, dachte trotzig: Ich werde mich dem Fräulein, das an meine Schuld glaubte, nicht anbieten ... sie soll mir kommen. Der Alte schaute seinen Neffen beinahe zärtlich an. »Mein Junge, du wirst morgen verdammt ungern in den Kugelhagel hineingehen.« »Ja, jetzt würde ich mit schwerem Herzen sterben ... ich glaube aber an Gott, der keinen niederträchtigen Zufall duldet.« – – – Die Abteilungen des deutschen Heeres waren am 10. August in aller Stille an den Feind herangerückt. Der Befehl lautete: Das Gefecht wird in der Frühe von der Artillerie eröffnet, die Abteilungen gehen gegen den Hererohalbkreis vor und werfen den Feind gegen den Waterberg. Die Losung war Viktoria. Sollte das nicht die Einkesselung am Waterberg werden? Hüben in dem allzu großen Halbkreise standen 1600 deutsche Krieger, drüben in dem weit kleineren Hufeisen lagen 6000 wutentbrannte Orlogleute mit 3000 Hinterladern. Ungleich war der Kampf, denn die ewig sich zankenden Hereros waren einig und gehorchten einem Willen, das vom Untergange bedrohte Volk kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung um Freiheit und Dasein, die Kapitäne kämpften um ihre Herden, ihren Hals und Kopf. Die rohen Kaffern fochten mit einer Tapferkeit, die dem Neger fremd ist, und waren durch ihre Späher von allem, auch von der Achillesferse des Gegners unterrichtet. Das erste Sonnenlicht des 11. August benutzte der Leutnant Auer von Herrenkirchen, um vom schroffen Fels über die Feinde hinweg seine Botschaft zu blitzen: Der schwarze Ameisenhaufen ist in wimmelnder Bewegung, die Weiber, Kinder, Kühe werden nach links aus der Gefahrzone gebracht. Der Kampf beginnt. Die beiden Pfadfinder sind bei der Spitze der Hauptabteilung Müller und reiten neben den Witbois, deren Schlitzaugen luchsartig den Dornbusch durchspähen. Erb denkt: Wie ist dieses kleine, affenartige, den Japanesen ähnliche Hottentottenvolk nach der Südwestecke Afrikas verschlagen worden? Waren sie hier, ehe die Bantuneger kamen? Die ungeschriebene Urgeschichte würde von ungeheuren Völkerwanderungen berichten. Jobst prüft die vielen Hererospuren, die keine acht Stunden alt sind. Kitumbua, der lange Boy, der neben Oviumbo hinter dem Pferde seines Herrn trottet, klettert in einen Baum, zerreißt sich jämmerlich ohne zu seufzen und entdeckt nördlich ein größeres Feuer – eine Werft! Still und behutsam weiter! Die Werft ist eben in Eile geräumt. Hausrat, Töpfe, Frauenhauben, ein Kindersandalchen liegen herum, aus jedem Pontok strömt der widerliche Hererogeruch. Hinter einem Türloche liegt ein zerlesenes Altes Testament in der Hererosprache. Erb nimmt es als Erinnerung mit. Der Alte versucht darin zu lesen. Das Kapitel, wo Kain den Abel erschlägt, die Stellen, wo vom Rachegott Jehovah, vom Mord der Feinde Israels gesungen wird, sind mit Eselsohr eingekniffen, von Fingern besudelt und fleißig gelesen. O, an den falsch verstandenen Mordsprüchen der Bibel haben die getauften Bluthunde sich erbaut! Von Osten hallt starker Geschützdonner. Major von der Heyde scheint tüchtig loszupfeffern. Im Hamakaririvier reiten die Witbois mit der Spitze weiter. Drüben ... dort stehen scheinbar ohne Wache große Herden, die Tiere brüllen und glotzen die Reiter an. Das Herz schlägt, die Spannung wächst, schwarze Gestalten krauchen schlangengleich im Busch; Töne von Menschenstimmen wehen von dort hinüber. Jedes Gewehr fliegt aus dem Schuh. Da pfeift eine Salve über das Rivier. Zurück in den deckenden Busch! Die Spitze hat den Feind. Die Kompagnien kommen, alle gehen in Sprüngen vor. Kitumbua soll die Gäule halten, gibt die Zügel einem andren Pferdehalter und springt wie eine Heuschrecke. Erb sieht neben seinem Stiefel die gefeilten, grinsenden Zähne des Exkannibalen, an den Oviumbo schutzsuchend sich schmiegt. »Was willst du hier? Bist ja unbewaffnet.« »Viele werden bald mausetot sein, und Kitumbua wird Gewehr haben,« sagt der Neger, der nicht lange zu warten braucht. Ekelhaft dicht an den Köpfen zischen die Kugeln. Alles drückt sich in die Erde hinein. »Weiter ... Schnellfeuer!« schreit der Hauptmann. Mit Bajonett und Hurra rennt alles gegen den todspeienden Buschrand. Hier ... dort ... da ... knickt, sinkt, schreit, stöhnt eine Gestalt. Die Schwarzen fliehen – und setzen sich in den nächsten Löchern fest. Jobst zielt mit der nicht fehlenden Büchse und brummt vor sich hin: »Bravo, ihr Schweinehunde, heute kämpft ihr brav.« Die Maschinengewehre gehen vor, um den Schützen zu helfen, und rattern, die Erde spritzt und sprüht, die Zweige krachen unter dem Eisenregen. Das schafft Luft und ist den Schwarzen zu viel. Man hört drüben ein Schimpfen, Schreien, Jammern – die Wirkung der bösen Kugelspritze! Aber auch unsren gelben Bundesgenossen, den Witbois, wird's zu gefährlich, die Schufte machen kehrt. Die Deutschen gehen jedoch mit Marsch-marsch vorwärts. Erb duckt fortwährend den Kopf, den Kugeln immerzu umpfeifen, seine Züge zucken nervös. Nur jetzt nicht von der Hand der Wilden sterben, ehe sein Schild blank ist. Der Alte dagegen hat ein völlig unbewegtes, spitzes, gespanntes Geiergesicht; seine harten Häheraugen suchen einen Einzigen, suchen Kapitän Josua und sehen ihn nicht. Dabei entgeht ihm nichts. Einem Soldaten, der Munition vergeudet, schreit er zu: »Mensch, was schießen Sie blindlings auf den Busch Teufel komm heraus!« Einen andren, der ganz kopflos statt hinter der Erderhöhung oben darauf liegt, zieht er einfach an den Beinen zurück. Drüben umsäumen Viehkrale die Wasserlöcher. Das Wasser müssen wir haben! Das elende Wasserloch ist das heiß umstrittene Kleinod in allen Schlachten des Durst- und Dornenlandes. Hilfe naht mit Donnergruß. Die Kanonen werfen ihre Granaten über die Schützen hinweg, die großen Rohre rasieren die Dornen, erfüllen die Hereros mit Angst und die Deutschen mit Mut. »Sprung – Marsch-marsch!« Der Hauptmann kommandiert's und geht kühn voran. Aber von drüben kommt der Tod in gewaltigem Geknatter. Gewehre fallen aus kraftlosen Händen. Einer schreit: »Ich bin hin ...« Da ... dort stürzen sie, als wenn ihnen ein heimtückisches Bein gestellt sei. Ein Braver will seinem Kameraden hochhelfen: »Korl, komm mit!« Der arme Karl mit dem weit offenen Munde wird nie mehr Antwort geben. Wie scharfer Peitschenknall zischen die Geschosse. Ach, hier ist nicht zum Aushalten. Der Hauptmann flüstert den Befehl, der leise von Mund zu Mund geht: »Seitengewehr pflanzt auf! Sturm ... Sprung!« Die Maschinengewehre rattern, rasen, ihr Geschoßschwarm fegt heulend über die Hereros hin; wild schlagen die Herzen. Der Hauptmann steht hoch und wie ein Held im Feuer. Die Reiter rennen vorwärts. Alle bluten – vom Hackidorn. Sie werfen nur dreißig Schritte vor den Hereros sich hin und feuern. Der Hauptmann schießt eine schwarze Riesenraupe aus dem Baume herunter. Eine Sekunde später durchzuckt ein Blitz den männlich mächtigen Körper, das Haupt ist von Blut überströmt, die Kugel ging durch das Auge. Der unsterbliche Held heißt Hauptmann Ganßer. Drüben wimmelt es noch ärger, die Neger erhalten Verstärkungen; einige sind ganz nackt, andre tragen deutsche Korduniformen. Leutnant Leplow ruft mit heller Stimme: »Die Kompagnie hört auf mein Kommando.« Von drüben aus dem Busch klingt ein Kreischen, Klatschen der Peitschen, das Kriegsgeheul der Weiber, die ihre Krieger anfeuern. Die Kapitäne treiben mit dem Schambock ihre Sklaven in den Kampf, die vorwärts gestachelt von Deckung zu Deckung rennen. Leutnant Leplow ist totwund und kommandiert, obgleich vor Schmerz gekrümmt, kalt und laut: »Halt, halt! Nicht weichen!« Doch die Deutschen können sich gegen die rabiate Übermacht nicht halten und kriechen zurück. Ein Sergeant, ein Gefreiter und Jobst wollen den Leutnant nicht liegen lassen und heben den Körper. Ein Schrei ... noch einer! Der treue Sergeant, der Gefreite sind tot. Jobst hat auch einen Armschuß und schleppt trotzdem den Leutnant rückwärts. Da naht der unvergeßliche Januschewski – wahrlich dieser Unteroffizier hätte den Orden pour le mérite verdient – und ruft: »Halt, liegen bleiben!« Die Lebenden bleiben, gleichwie die vielen Toten, liegen. Das Maschinengewehr hält die Feinde, die seinen schrecklichen Streuhagel kennen, in Respekt. Januschewski läßt seine mörderische Kugelspritze meisterhaft spielen, so hat noch keine Mitrailleuse gerast. Aber, o weh, von dem alles erhitzenden Schießen kocht und verdampft das Wasser im Kühlmantel, die Munition wird knapp. Die Köpfe blicken sich hilfesuchend um, die Schwarzen werden frecher. Plötzlich stocken die Schüsse ... ist das der Schluß und das grausige Ende? Entsetzt schauen die Reiter sich an. Januschewski ruft: »Leute, setzt mit dem Karabiner ein, was ihr könnt! Der Lauf muß abkühlen ... Wasser fehlt, Wasser her!« Eibenheim, andre wackre Reiter reichen ihm ihre Flasche, ihre letzte Labung und sagen schlicht: »Hier ist mein Tee.« Der Tee fließt in den Kühlmantel, wie ein Tropfen auf glühenden Stein. Wieder knattern einige Salven. Dann ein Klick – Knack! Das Gewehr versagt. Die deutschen Herzen stehen still. Das Ende ist da. Horch! Die Hererohunde haben es gemerkt und erheben beim Versagen des Rohrs ein Hohngelächter. Mit Schnelligkeit springen die wutverzerrten Paviane mit dem fletschenden, weißen Gebiß auf 60, 50, 40 Meter heran. Sie fassen den Kirri, bald haben sie das heiß begehrte Maschinengewehr. Ein baumlanger Kaffer, allen voran, höhnt in gebrochenem Deutsch: »Dütschmann, wir soll schnell helf.« »Ja, ich will dir helfen, du Hund,« sagt Jobst und schießt den Kerl über den Haufen. »Wir sterben alle,« seufzt ein blutjunger Soldat. Es ist ein Augenblick furchtbarster Spannung. Erb trifft und tötet zwei ... drei Hereros, und seine Lippen bewegen sich, beten: »Mein Gott, laß mich nicht sterben so kurz vor dem Ziel!« Da, wie ein Tedeum klingt's, da rasselt das Maschinengewehr mit frischer, voller, verheerender Kraft, reißt Lücken und mäht die Stürmer nieder, die zähneknirschend weichen. Das war die Rettung. Doch auch die Deutschen machen eine Rückwärtsschwenkung. »Was war denn los, Januschewski?« »Eine Laufquellung!« In einer halben Minute haben er und seine zwei Leute einen Reservelauf eingesetzt. Auch ein Meisterstück des tapfren Mannes! Die Kanonen poltern in Karriere heran, über kleine Büsche hinweg, die Reiter greifen in die Speichen. Abgeprotzt! Jubel begrüßt die ersten Schrapnellschüsse, die in der Werft von Hamakari zünden und die Pontoks in Fetzen reißen. Die Kompagnie stürmt die Werft. Jobst sucht unter den Fliehenden eine ungeschlachte Gestalt, in der eine Menschenbestie wohnt, würde ihn unter Hunderten sehen und findet ihn nicht. Josua spielt nach jenem Keulenschlage noch den Kranken und ist hinten bei seinen Ochsen geblieben. Erb durchsticht einen sterbenden Herero, der auf ihn anlegt. Noch ehe er sein Bajonett herausgerissen, steht ein Schwarzer, steht ein Neger mit hochgeschwungenem Kirri vor ihm. Instinktiv prallt er zurück – das Verkehrteste, das er tun kann. Sein Hund jedoch fährt blitzschnell dem Neger in die Waden. Bei dem Biß taumelt der Herero zur Seite, in der Viertelsekunde hat der Deutsche sich besonnen, seinen Kopf und Körper zum Sprunge geduckt und mit einem Stoß in die Bauchhöhle den Gegner gefällt. Oviumbo, der Renegat, will seinen Landsmann zerfleischen; aber sein Herr nimmt den Herero gefangen. Um Mittag wird es mit einem Male rätselhaft still auf der ganzen Kampffront. Warum, erfährt man am Abend. Hinten, hoch in der Luft, taumelt der Fesselballon, der das Hauptquartier bezeichnet. Auch die Herero wissen es, wissen alles. Trotha leitet durch Lichtspruch den Kampf seiner fünf kleinen Heere und sitzt auf einer Deichsel, ein sorgenvoller Mann, dem es nicht nach Wunsch und Berechnung geht. Was ist das? Kugeln pfeifen um ihn her und schlagen in seine Stabskarre. Von hinten, von der Flanke! Die Hereros, die er umzingeln, vernichten wollte, greifen mit gellendem Geschrei das Hauptquartier, den Verbandplatz und Wagenpark an. Das war die Ursache der Stille. Die Batterien machen kehrt, alle verfügbaren Mannschaften gehen im Laufschritt zurück, um Hauptquartier und Heerführer zu retten. Der tapfre General hält ein Gewehr, liegt auf der Erde, wie ein gemeiner Soldat, der freche Angriff wird abgeschlagen. Es ist drei Uhr. Trotha erhält durch den Heliographen gewisse, aber nicht gerade gute Nachrichten von den Abteilungen. Seine schönen, etwas zu optimistischen Hoffnungen werden zu schanden. Deimling hat zwar Waterberg genommen, muß aber seinen Truppen Ruhe geben und kann nicht bis Hamakari vordringen, um den Ring zu schließen. Noch weniger ist von der Heyde, der sich kaum der Hereros erwehren und an ein Einkreisen nicht denken kann, dazu im stande. Der General sinnt sorgenvoll und gibt Befehl, durch einen Sturmangriff der Abteilung Müller die Wasserstellen bei Hamakari zu nehmen. Er soll und muß sie haben, um den entsetzlichen Durst seines Heeres zu löschen. Die deutschen Krieger setzen ihre letzte, aber volle Kraft ein und geben Schnellfeuer. Es kracht und donnert, es heult und hagelt; der Tod hält noch einmal Ernte in dem Finale der Schlacht. Die kostbaren, kläglichen Wasserlöcher sind genommen. Das Schießen dauert fort bis in die Dunkelheit hinein. Siehe, ein Feuerfanal leuchtet am Nachthimmel. Der Fesselballon hat sich entzündet und brennt wie eine Riesenfackel. Die totmüden Streiter liegen um die Wasserlöcher herum, das Gewehr im Arm, das Haupt auf dem Sattel, Posten bewachen die Löcher, denn das karge Naß wird genau und knapp zugemessen. Die Glieder lösen sich, die Gedanken versinken im tiefen Schlaf, unruhig wälzen sich die Träumenden: Wird morgen die Blutarbeit von neuem beginnen? Jobst, der Mann ohne Nerven, konnte vor Bitterkeit kein Auge schließen, horchte in die Nacht hinaus und hörte das Stampfen der hungrigen Pferde, die zwei Pfund Hafer erhalten hatten, und dumpfes Rindergebrüll, das in der Ferne sich verlor. Nur die Schakale, die Fraß genug fanden, waren ganz still und keiften nicht in dieser Nacht. Er fluchte in den Bart: Verd–, da drüben rücken sie aus, wie ich sagte. Dreimal verd–! Ich Lump, ich habe meinen Racheschwur nicht gehalten und die Bestie nicht erwürgt. Die Missionare, die solche Tiere taufen, sind Toren. Der Feigling hat die andern ins Feuer geschickt. Bei dem rächenden Gott, der am Morde des Meuchlers Lust hat, ich muß ihn in meinen Händen halten, hängen, nein, ins Feuer werfen, ins Feuer, das er den Säuglingen schürte. O mein Weib, mein armes, o meine Schmach und Schändung ist ungesühnt. Josua, Josua, ich finde und fasse dich, und wenn ich dir durch die Kalahari bis an den indischen Ozean folgen müßte. Der Pfadfinder stand schon um drei Uhr auf, nahm beide Pferde, um einen Halm zu suchen, und weckte »Eierkuchen«, damit Kaffee gekocht werde. Es fror so, daß auf den Tränkeimern eine Eisschicht war. Das ist eine schlimme Eigenschaft des gelobten Landes, daß man am sonnenglühenden Tage unter dem Äquator und in der eisigen Nacht unter dem Polarkreis zu wohnen wähnt und an seinem Leibe spürt. Jobst nahm Oviumbo mit und schälte die Rinde von den Bäumen, die er den Gäulen zu kauen gab, denn auch nicht ein Halm war stehen geblieben. Drüben im feindlichen Lager herrschte eine Totenstille. »Such, Oviumbo!« Der Köter lief in die Werften hinein, kam belfernd zurück und bellte – das gescheite Tier meldete: Nichts da! Die Hereros waren unbemerkt verschwunden. Die frostklappernden Helden des 11. August sprangen auf die Füße, trampelten, tanzten und machten die vertracktesten Bewegungen. Kitumbua brachte seinen Herren glühend heißen Kaffee und wies die vielen Bittenden kurz ab, bis seine Banas getrunken hatten. Großmütig verschenkte er den Rest im Kessel, so daß Erbenheim sagte: »Der gutmütige Kerl hat sich selbst vergessen.« Der edle Diener grinste, denn er hatte selbstredend zuerst seine Ration vorweggenommen. Kitumbua war bei aller Treue kein Ochse, der sich selbst das Maul verband. In Purpurpracht ging die Sonne auf, vergoldete das rötliche Gestein des Berges, der in wunderbaren Farben glühte und glimmerte – ein herrlicher, erhebender Anblick! Die Sonne wärmte und belebte das erfrorene Heer. Das Unerwartete bestätigte sich, das höchst Unerwünschte: Die Hereros hatten ihre Stellungen geräumt, um der Umzingelung zu entgehen. Das barbarische Negervolk hatte einen dicken Strich durch alle strategischen Sedanpläne gemacht, hatte selbst mit taktischem Scharfblick die feindliche Absicht und den einzigen Ausweg rechtzeitig und richtig erkannt. Der Heliograph brachte dem General böse Nachrichten. Die Abteilung Heyde war kaum dem Untergange entronnen und hatte den ganzen Tag um ihr Leben gerungen. Dort war ja der schwache Punkt des deutschen Hufeisens – und diese Abteilung hatte nur 180 Flinten und ein paar Geschütze! Auf diesen schwächsten Punkt der Aufstellung stürzte sich das ganze, große, bei Hamakari und am Waterberg geschlagene Hererovolk mit der ganzen Wucht und Wut der Flucht und Rettung suchenden Verzweiflung. Was die alten Afrikaner prophezeit hatten, war geschehen. O, Schlimmes, Schreckliches hatten die Helden dort durchgemacht. Die vierzigfache Übermacht brach von allen Seiten über sie herein. Es kamen entsetzliche Augenblicke, wo keiner glaubte, daß jemand am Leben bleiben würde. Der tapfre Führer sagte am Abend bewegt: »Wer von uns nicht beten konnte, der hat es heute gelernt.« Gott half aber den halbtoten Deutschen, daß es ihnen gelang, ein gesichertes Lager zu beziehen. Dort hörten sie, wie das ganze Volk mit Weibern, Kindern, Herden und Hunden in einer ungeheuren Staubwolke die ganze Nacht vorüber und gen Südosten nach dem Omuramba zog. General Trotha saß mißmutig auf seinem Feldstuhl und gab den erschöpften Truppen einen Ruhetag, denn er mußte ihn geben. Die Schlacht am Waterberg war kein Sedan, keine Einkesselung des Volks, für das der große Kral schon fertig war, geworden. Ein Sedan war das gewißlich nicht, aber doch ein ganzer, voller Sieg, ein vernichtender Schlag für die Aufrührer und Ansiedlermörder und ein Ruhmestag, an dem die Tapferkeit des deutschen Soldaten und des deutschen Offiziers im alten, hellen Glanze blank und bewundernswert strahlte. Freilich, man hätte das früher billiger und darum besser haben können. Leutwein hatte bereits im Juni mit seiner geringeren Truppenmacht die Hereros geschlagen und ins Sandfeld gejagt, wenn man ihm nicht die Hände gebunden hätte. So redeten die alten Afrikaner, und wohl nicht mit Unrecht. Die neuen Herren bestritten hinterher jedwede Sedanabsicht. Mit 1800 Mann könne man nicht eine Linie von hundert Kilometern besetzen, und es sei unsinnig, von einem Durchbruch der Hereros zu reden. Ja, wenn dem so wäre, dann wäre die Zersplitterung des Heers in fünf Abteilungen ein Unding, vielleicht ein Unsinn gewesen, und man hätte mit der ganzen, überlegenen Truppenstärke den Angriff gemacht. – An dem 13. August kam ein Treckwagen mit der Post, und wieder war ein Brief da für Erb von Eibenheim. Der Empfänger las lange und blieb stumm. Der Oheim stieß ihn in die Rippen. »Um Gottes willen, rede doch, mein Sohn! Der Schreck schlägt mir in die Beine...« »Ich bin im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen worden ... der Va–, der Landgerichtsrat hat, da meine Unschuld bewiesen sei, eine entsprechende Entschädigung beantragt ... alle Zeitungen zu Hause besprechen meine Ehrenrettung ...« »Hurra, nun kannst du dich an jedem Offizierstisch breit machen ... warum singst du nicht, mein Sohn?« »Ich fühle mich so klein und zu gering all der Güte und all des Glücks. Nun bin ich von der steten Angst, als Spitzbube entlarvt zu werden, erlöst... unschuldig verurteilt, unschuldig bin ich... aber schuldlos an meinem tiefen Falle bin ich nicht... ich führte den Alkohol zum Munde, ich nahm die entsetzlichen Karten in die Hand. Dafür mußte ich so hart und grausam büßen...« »Hat deine liebe Mama dir eine Buß- und Moralpredigt gehalten, ja nicht mit den Offizieren zu saufen und zu jeuen?« »Nein, wer sich so arg verbrannt hat, scheut das Feuer, und wer am Ertrinken war, fürchtet das Wasser ... da ... da ist noch etwas Rätselhaftes ... meine Mutter schreibt ... daß Ella mit noch zwei andren jungen Damen in den nächsten Tagen auf einem Woermanndampfer nach Swakopmund reisen wolle ... um ... um die Verwundeten und Kranken zu pflegen ... das ... das verstehe ich nicht...« »Aha, oho, das kapiere ich komplett und sofort.« Jobst legte den Finger an die Nase. »Ich bin ein Frauenkenner ... ih, nun mußt du diplomatisch sein, mein Junge, und hinken und über Rheumatismus klagen oder die Brust drücken und ein bißchen Blut spucken, damit der Stabsarzt dich beklopft und ins Lazarett nach Windhuk schickt. Du mußt doch die Damen im Namen der Armee empfangen.« »Nein, du bist weder ein Frauen- noch Männerkenner ... ich sollte ein Simulant und Drückeberger sein? Lächerlich! Ich gehe mit dir und dem Heere durch Busch und Sand, durch Durst und Dornen, bis die Hunde die Waffen strecken und der Kapitän Josua gehenkt ist.« Der Alte lachte breit und glücklich. »Du sprichst wie ein alter, echter Afrikaner. Bald werde ich dir, wie jenem Scipio, den du in der Schule auswendig lerntest, den Ehrennamen Erb Afrikanus geben.« Fünfzehnter Abschnitt. Der Telegraph tickte und meldete in Deutschland: »Sieg am Waterberg, Tausende von Rindern erbeutet.« Ja, Tausende brüllten im Busch, es waren aber leider morsche, zurückgelassene, verhungernde, sterbende Tiere, die bald krepierten und die ganze Gegend verpesteten. General Trotha verfolgte das Hererovolk, das schon in voller Auflösung war und auf seinem Wege Tote, Ochsenkadaver und andere Trümmer liegen ließ. Der Widerstand des halsstarrigen Stammes war gebrochen, sein Kampf war fortan ein Verstecken in der Sandwüste, ein gehetztes Entrinnen von Wasserpfütze zu Wasserpfütze, ein erbarmenswerter und oft heroischer Untergang in Durst- und Hungerqual. Der Fluchtweg war zunächst nicht zu verfehlen. Ihre Schwerverwundeten ließen sie einfach liegen und verrecken. Ekelhafte Fliegenschwärme, vollgesogen von Leichengift, zeigten, wo eine verwesende Leiche lag. Tierkadaver, von Verwesungsgasen aufgetrieben, Kalebassen, Hausgerät und allerlei Armseligkeiten waren die Wegweiser der Flucht. Es war für die Deutschen schauerlich, alle Tage in dem Gestank und den Greueln zu marschieren. Kamen sie verschmachtet an eine Wasserstelle, so lagen zehn, zwölf krepierte Kühe in der tiefen Pütz und vergifteten das Wasser, das sie trinken wollten und bisweilen voll Gier tranken. Einige arme Kerle waren von dem Giftwasser kaum fernzuhalten. Daher wurde der Befehl, nur gekochtes Wasser zu genießen, streng eingeschärft, und der wohlmeinende Hauptmann setzte hinzu: »Bei Todesstrafe! Das Wasser nämlich bringt den Typhus und den Tod. Habt ihr nicht die Typhuskranken der Abteilung von der Heyde gesehen, die lebenden Leichen, die man in ihre Woilachs gewickelt und zum Schutz gegen Wind und Kälte in Sandlöcher gelegt hatte, weil es an Zelten fehlte? Uh, uh, da lagen die Lebenden wie im Grabe.« Diese Abschreckung half, bis der Durst allzu gräßlich wurde. Dann hat mancher Soldat sich den Tod getrunken. Die Hereros wurden auch durch Zwietracht versprengt. Jeder gab dem andren die Schuld und wollte für sich und sein Vieh das nötige Wasser haben. Die Aufrührer verstreuten, versteckten sich in der Omaheke, der ungeheuren, unheimlichen Sandwüste, wo überall der Tod und nirgends Wasser sein sollte. Jobst hingegen lächelte: »Ich weiß mehr als zwanzig Wasserstellen in der Wüste, die ich zehnmal durchtrieben habe, und die Hereros kennen noch mehr.« Täglich wurden Gefangene eingebracht, meist Frauen und Kinder, die Haut und Knochen waren. Mancher Soldat fütterte mitleidig so einen nackten, schmutzigen, drollig gefräßigen Hererobalg; ein Dreijahrskind aß für zwei starke Männer und füllte seinen Pans bis zum Platzen. Eines Vormittags meldete die Seitenpatrouille: »Hier links im Busch ist eine ausgetrocknete Pütz, und neben ihr liegt ein altes, schwaches, merkwürdiges Weib mit einem langen, mageren Hereromädchen ... und was das Kurioseste ist, die Alte kann etwas deutsch sprechen.« »Wird eine Hottentottin sein, die mal bei einem Missionar gedient hat, wir wollen mal nachsehen,« sagte der Pfadfinder. Erb folgte seinem Oheim, der bald neben der Pütz hielt und sich im Sattel herunterbeugte. Das Mädchen, dem die spitzen Knochen aus der Haut standen, war mit Lumpen bekleidet und kaute an trocknen Grashalmen. Die Frau hatte ein gelbliches, verrunzeltes Mumiengesicht, aber die Gesichtsform der weißen Rasse und mußte ein Bastardweib sein. Sie streckte die Hände empor: »Gut deutser Mann... bissen Tee ... Essen, Essen ... Ohm, help mi, Ohm!« Ihr Deutsch war sehr verständlich, wenn sie auch zuletzt in das ihr geläufige Burenholländisch hineingeriet. Der junge Afrikaner war ganz erstaunt. Aber in den Mienen des alten stand beim Klang der Stimme Entsetzen, Freude, Angst und Unglaube. Mit einem Satz war er unten, betrachtete das unglückliche Weib, Zug um Zug, und schrie gellend auf holländisch. Erb verstand die Worte »Antje, Antje«, sprang aus dem Sattel und hielt mit richtiger Überlegung seine Feldflasche an die Lippen der verschmachteten Frau, die gierig schlürfte und tief aufatmete. Jobst schaute ganz wirr und irr um sich, als wenn der Wahnsinn sein Haupt umkreise. »Allmächtiger! Ist es menschenmöglich? Können Tote auferstehen?« O, in ihm war ein Grausen, gleich als wenn ein Mensch mit eignen Augen sieht, daß ein Scheintoter den Sargdeckel hebt, und doch ein Gottesahnen, ein heiliger Schauer. »Es ist ein Ton von ihrer Stimme ... meine Antje sprach Afrikanertal und ein wenig Deutsch.« Jobst horchte auf den Atem und Herzstoß und rief: »Antje, bist du es?« Die Frau schlug die Augen auf und schloß sie wieder. »Erb, träume oder wache ich? Sehe ich Visionen, oder bin ich verrückt? Drei Zeugen sagten und schworen mir, daß Antje tot im Dornbusch gelegen habe.« »Mein Vater, es waren Hereros, und alle Hereros lügen und schwören zum Scherz Meineide.« Erb nahm die Feldflasche, tränkte und fütterte das Mädchen. »Frage doch diese aus, die noch reden kann!« Jobst fing auf Herero freundlich an. Wie ihr Vater heiße? Ohamajami! »Was? Ohamajami? Das war einer der besten Hereros, die ich kannte ... der gehörte zu den Leuten des Kapitäns Kambasembi zu meiner Zeit.« »Ja, wir sind Diener Salatiels, des Sohnes des Kambasembi.« »Und diese Frau?« »Ist meine Mutter.« Der Pfadfinder fuhr sich enttäuscht durchs Haar. »Das stimmt nicht ... ich habe Gespenster gesehen. Deine Mutter ist eine Hottentottin ...?« »Nein, aus Rehoboth ...« »Himmlischer Vater! Eine Rehobotherin!« schrie Jobst, hob den Kopf der Hingesunkenen, faßte sanft ihr Kinn, bohrte sein Auge in ihr Antlitz und bat: »Antje, bist du es?« Sie öffnete die Lippen und sagte leise, leise: »Jo–obst.« Sie kannte ihn, sie war's. Der alte Pfadfinder, dem die ersten Tränen seit dreißig Jahren aus den Augen kullerten und in der tiefen Narbe stehen blieben, nahm sein unglückliches, totgeglaubtes, halbtotes Weib in die Arme und trug es die ganze Strecke bis zur Troßkarre, wo er die Kranke bequem bettete. Er stöberte in dem Blechkasten des Kochs, und das Beste war gerade gut genug, so daß der Unteroffizier brummte: »Dunnerkiel! Was für Umstände werden mit der ollen Distel gemacht ... ist wohl eine schwarze Prinzessin?« »Das nicht, aber meine Frau, mein lieber Freund.« Der Unteroffizier guckte ganz irrsinnig. Jobst erquickte die Kranke mit Trank und Speise, so viel sie annahm, und das war ein Fehler. Anfangs fühlte sie sich gekräftigt, so daß sie auf alle seine bangen Fragen Antwort gab; dann fiel sie in einen ohnmachtähnlichen Schlummer. Der Oheim wandte kein Auge von der leise atmenden Gestalt und erzählte im Flüsterton, was er von ihr erfahren hatte. »Antje war damals von dem Mordbuben nicht getötet worden, wie Josua glaubte, sondern schwerverletzt und stundenlang betäubt und bewußtlos ... sie schleppte sich von dannen, wurde von barmherzigen Hererofrauen erquickt und im Pontok versteckt. Nach ihrer Genesung ging sie zu Kambasembi, dem alten, braven Kapitän, der sie in seinen Stamm aufnahm.« »Warum hat sie dich, ihren Gatten, nicht gesucht ... sondern einen Herero ...?« »Die Frage stellte ich auch ... ach, wie schmerzlich weh blickte sie mich an! Nach ihren Worten – und sie ist wahr und aufrichtig – konnte die Entehrte, Geschändete nach dem Greuel mir nicht unter die Augen treten ... sie, unwert, mein Weib zu sein, war und wollte tot sein, nahm, um vor den Nachstellungen Josuas ganz sicher zu sein, einen andren Namen an ... ich darf ihr keine Vorwürfe machen. Die Zeit lindert jeden Schmerz, und das Vergessen wächst wie Gras über das Gräßlichste im Leben ... auch verkafferte sie wohl ein wenig im Hereropontok ... Ohamajami, der ein guter Kerl war, wurde ihr Mann und Versorger. Der mußte natürlich den Aufruhr mitmachen, sonst hätten die Nigger ihn totgeschlagen, und fiel bei Oviumbo. Unmenschliches hat sie seitdem an Jammer und Not, an Hunger und Durst ertragen ... sechs Unkjis bildeten in den letzten zwölf Tagen ihre Nahrung, die andren Wurzeln gab die treue Mutter ihrem wimmernden Kinde. Ich werde, so Gott will, beide am Leben erhalten.« Jobst sah nach der Kranken und erschrak, denn ihr war übel geworden – sie konnte die Nahrung nicht bei sich behalten. Ein schlimmes Symptom! Schleunig ordnete er den Transport an, um die nächste kleine Militärstation, wo ein Arzt war, zu erreichen. In zwei Tagen wollte er wieder bei der Kompagnie sein. Die Truppe ritt weiter, immer weiter in die unheimliche Omaheke hinein. Nur gelber, in der Sonne grell blendender Sand, endlose Sandwellen und Sandhügel, selbst der genügsame Hackidorn hörte hier auf und fand keine Existenzbedingungen mehr; spärlich standen die Büschel eines harten, holzigen Grases, das von den elenden, abgetriebenen Pferden genagt wurde und ihnen die Zunge zerstach. Die Peitschen klatschten, die Fliegen quälten, die Treckochsen keuchten, die Menschen hoben die Augen kaum, um die schreckliche Ode nicht zu sehen, sondern hingen in den Sätteln und stierten den Grund an in trostloser Melancholie. Die Kompagnie schlich sich wie ein Leichenzug durch die Wüste. Die Stimmen, auch die schneidige des Hauptmanns, hatten einen heiseren, toten Klang. Kein kühles Getränk erquickte den ausgedörrten Körper, die verschrumpfte Kehle. In Säcken, Blechkisten und -koffern wurde das Wasser mitgeführt, laues, fades, fürchterliches Wasser. Die Verfolgung im Sandfeld war das größte Schrecknis dieses an Graus und Greueln überreichen Krieges. Nach fünfzig Stunden tauchte hinten an der Kimmung ein Reiter auf, was ein Ereignis, vielleicht eine Ordonnanz mit einem neuen Befehl war. Der ganze Zug hielt, lockerte die Sattelgurte und ließ die Rosse Halme suchen, d. i. zwischen Sand und Steinen schnobern. Es war Jobst Renner auf schweißbedecktem Pferd, der sich zur Stelle meldete und stramm den sehnigen Körper reckte. Sein Neffe sah sofort eine große Veränderung, und daß er ein andrer und viel älterer Mann geworden war. Der Hauptmann lächelte burschikos. »Sind wohl durch die Luft geflogen, mein Lieber? Haben ja mit einer unmöglichen Schnelligkeit den Ritt zur Station und zurück gemacht ... Sie haben in der Zwischenzeit am Ende noch Hochzeit gefeiert ...« Der Scherzende schwieg betroffen, als er das schmerzlich zuckende, von der Narbe gleichsam in zwei Teile zerrissene Antlitz sah. Das originelle, unschöne Gesicht hatte etwas Eingefallenes, sogar der Körper mit den Stahlmuskeln und der unverwüstlichen Kraft schien müde geworden. Der alte Pfadfinder sprach nur die notwendigsten Worte, nickte seinem Neffen zu und ritt als Führer an der Spitze, wie zuvor. Die Rehobotherin war in der ersten Morgenfrühe – der Stunde, wo die meisten Menschenleben erlöschen – auf der Pad im Wagen verschieden. Ihre Kraft war durch lange, furchtbare Entbehrungen gebrochen gewesen. Jobst hatte sie im Busch bestattet, das Grab gegen die Schakale, die Leichenschänder, mit Steinen beschwert und durch ein rohes Holzkreuz bezeichnet. Das Mädchen, das Haomi hieß, hatte er mit einem größeren Geldbetrag dem Sergeanten anvertraut, damit es auf der Station bis zu seiner Rückkehr verpflegt werde. Zwei Tage war der Alte ganz stumm, sein Neffe wagte nicht, ihn anzureden. Er kurierte immer selbst seine Wunden ohne Arzt und andre Hilfe. Jetzt blutete sein Herz, krank von Leid, Fragen und Rätseln. Auch seinen tiefen Seelenschmerz heilte er allein mit sich und seinem Gott. Am dritten Tage winkte er, und Erb ritt an seine Seite. »Mein Sohn, ich habe mal meine unordentlich geführten Bücher in Ordnung gebracht, das Fazit, die Bilanz gezogen und den Abschluß gemacht... aber noch habe ich ein Lebenswerk, eine alte, böse Abrechnung zu machen, denn meine und ihre Schmach muß gesühnt werden. Ein Bana Bunduki, den das Untier zum Reittier machte, darf nicht vor sich selber erröten. Der Kapitän Josua soll wie ein Hund zu meinen Füßen um Gnade winseln, umsonst. Ich weiß, dann ist mein Werk getan ... schweige ... ich weiß aber auch zu meinem Troste, daß einer mein Werk fortsetzen wird, und das bist du. Lege deine Rechte in meine Rechte und gelobe mir, daß du ein braver Afrikaner und diesem neuen deutschen Afrika treu sein und bleiben wirst! Zum zweiten und letzten versprich mir: Für die arme Haomi, Antjes Tochter, zu sorgen, wenn ich sterbe...« »Ja, ja, wie meine Tochter will ich sie halten und aufs beste erziehen...« »Unsinn! Beileibe nicht wie eine Weiße, denn so würde sie unfehlbar verderben, sondern wie ein Bastardmädchen soll sie erzogen und gehalten werden. Genug des sentimentalen Geschwätzes! Antje hat mir in ihren letzten Stunden wertvolle Aufschlüsse gegeben über Josuas Verbleib... da leuchteten ihre erlöschenden Augen noch einmal auf, als sie vernahm, daß ich die Qual ihres Lebens an dem Schandbuben rächen würde. Der Schuft hat von meinem Kolbenhieb doch einen gehörigen Denkzettel bekommen, soll seitdem mitunter an Krämpfen leiden, die er aber auch simulieren mag; denn er ist bei aller Grausamkeit ein abscheulicher Feigling. Am Waterberg hat er sich hinten herumgedrückt, hingegen auf der Flucht soll er der Erste und Eifrigste gewesen sein, auch verhältnismäßig die meisten Rinder gerettet haben. Ich weiß jetzt, wohin er sich gewendet hat. Mitten in dieser schrecklichen Sahara ist ein Paradies mit Wasser und Weide, mit Grün und Gras, Bäumen und Blumen. Davon wissen die Deutschen nichts, auf keiner Karte steht das Kaukauveld. Schon vor dreißig Jahren erzählten die Schwarzen von einer wunderbaren Oase in der Omaheke allerlei Märchenhaftes ... und das ist keine Niggerfabel. Nach dem Beld reiten wir, um die Füchse herauszuräuchern, um uns und unsre Gäule herauszufüttern. Unsre Reiter sehen zu mies und wie die Mumien aus.« »Ja, wir sind alle Schemen geworden, und – was das Scheußlichste – wir sitzen alle voll von Uribs. In Decke, Hemd, Hose, ja in Halsbinde und Hut kriechen die Uribs, die echten, dicken, fetten Kaffernläuse ... uh–hu, schauerlich.« »Ja, die Kaffernuribs mit den roten Augen und den scharfen Zähnen und Zangen,« kaute der Alte trocken, »die kleinen Tiere sind eine Kleinigkeit, wenn man die Kaffernkrätze kennt.« Der propre Herr von Erbenheim fühlte sich wie ein Aussätziger und tiefunglücklich. Eine gottverfluchte Gegend! Kein Vogel zwitscherte, kein Flügel flatterte, kein Wild floh. Nichts lebte und webte in der Luft und auf der Erde – nur das Ungeziefer wuchs und vermehrte sich, die Uribs gediehen prächtig, die Sandflöhe wimmelten, die Skorpione und Giftschlangen lauerten massenweis. Die Wüste war ein wahres Paradies all der abscheulichen Biester, die der Herrgott im Zorne schuf. Hohläugig stierten die Reiter den glitzernden Sand an, ihre Zunge quoll wie ein Klumpen im Munde, der Hals war zusammengeschnürt, die Lippen rissig und grau, jeder Ton war erstorben zum toten Schweigen, nur eine Stimme krächzte die unumgänglichsten Kommandos. Die Flanken der Gäule, die Fuß nach Fuß schleppten, waren blutig, selbst die kitzlige Andromeda schlug beim Sporenstich nicht mehr aus. Der furchtbare Durst tötete langsam die Truppe, die Wasserbehälter waren längst leer. Der Älteste der Kompagnie war der Frischeste von allen, hielt scharf Umschau und bemerkte einige Siedelsperlinge und Korans, die nach einer Talsenkung hinzogen. »Ah, ein Zeichen, daß sie dort Wasser wittern! Die Schlucht wollen wir mal besichtigen.« Der erfahrene Afrikaner richtete sich nach dem Flug der Vögel und besonders nach der Vegetation, nach gewissen Büschen und Pflanzen, die auf Grundwasser schließen lassen. Er sprang vom Pferde und prüfte genau jedes Gewächs und die Formation des Bodens – siebzig verschmachtete Menschen beobachteten angstvoll jede seiner Gebärden, und die gesprungenen Lippen beteten leise in großer Not. »Ah, dieser Bitterbusch und diese Pflanze dort bohrt ihre Wurzeln ellentief ins Erdreich, um die unterirdisch sickernde Flüssigkeit zu saugen!« Er schlug sich auf den Schenkel – höchste Spannung war in allen Herzen –, dann ging er bis dort, wo das Talbett eine Krümmung machte, dort staute sich das unterirdische Wasser. Die Spaten schaufelten – der Sand wurde feucht – Hurra! Die Grabenden gingen zwei Ellen tief – das Wasser sickerte in die Grube, in die neue Pütz. Jobst hatte eine neue Wasserstelle, die nicht einmal den Schwarzen bekannt war, ohne Wünschelrute entdeckt. Freilich langsam, in dünnen Fädchen floß das Wasser zu, das ein klein wenig bitter und trübe, aber ganz gesund war und wie Nektar mundete. In zwei Minuten füllte man allerdings nur zwei Sackeimer. Jeder bekam der Reihe nach seinen Becher. Die armen Pferde, die dreißig Stunden gedurstet hatten und das Wasser rochen, gerieten vor Ungeduld in Aufruhr, schlugen und bissen sich, so daß sie kaum zu bändigen waren. Die erschöpften Menschen und Tiere rasteten einen Tag, klärten das Wasser mit etwas Alaun, kochten es und zogen mit neuen Vorräten in allen erdenklichen Behältern – sogar im Gerätekasten – über die schrecklichen, endlosen Sandwellen weiter. Nach vier Tagemärschen hielt der totenstille, gespenstische Zug wie auf scharfes Kommando, ohne daß ein Wort gesprochen wäre, sintemal der Hauptmann mit der gellenden Wachtmeisterstimme schon lange keinen artikulierten Ton in der Kehle und wie ein Taubstummer durch müde Gesten regiert hatte. Die stumpfen Augen, die in einer Staubkruste saßen, wurden hell, die grauen Lippen grunzten einen Laut der Überraschung und Freude. Bäume standen am Horizont der schauerlichen Wüste, wahre, wirklich grüne Bäume. Es war ein Wunder, dem der Einjährige nicht traute: »Es ist eine Luftspiegelung, hol's der Teufel.« »Nein, es ist das Kaukauveld, das sagenhafte Paradies der Omaheke.« Die klapperdürren Pferde mit den spitzen Hüftknochen setzten sich in einen schwanken Trab, da sie Gras und Wasser ahnten. Die wunderbare Oase, die weite, wasserreiche, die hundert Kilometer lang und fünfzig breit ist und damals völlig unerforscht war, übertraf alle Erwartungen. Eine herrliche Parklandschaft, reich an riesigen Affenbrot- und andren Bäumen, mit vielen Vleys und Kalkpfannen gesegnet, nahm die Staunenden auf. Sogar auf einen herrlichen Palmenwald, ein Mirakel in Südwest, auf Borassuspalmen, Ana-Eichen und hochstämmige Ficusarten stießen sie. Frisches Gras wuchs in Fülle. Die armen Gäule rauften, schnauften, schmausten gierig, und das deutsche Reitergemüt hörte mit Wonne, wie seine Lotte, sein Hans oder Peter sich vollschlang und den leeren Magen füllte, bis unter den spitzen Knochen der Grasbauch wie ein voller Sack hing. Und nun erst das erste wirklich kühle Wasser der tiefen Vley, das man mit Futterleinen hochziehen mußte. Jobst war schon am dritten Tage ungeduldig. »Ihr Kerle wollt hier wohl bleiben, Heuschrecken braten und ein Buschmannsfräulein heiraten?« »Jaja, hier bleiben wir bis Weihnachten,« riefen alle, »die Kaffern laufen sich, wie die Aale im Sande, von selbst in der Omaheke zu Tode.« Die Pfadfinder durchstreiften zu Fuß, um den Pferden Ruhe zu gönnen, das Veld. An einer Vley lag eine ganze Buschmannswerft. Die Buschleute sind ein verkommenes, elendes, auf tiefster Kulturstufe und dem Tiere nahe stehendes Geschlecht, aber sie waren einst die Ureinwohner des Landes, die von den Hottentotten und dem eindringenden Eroberervolk der Hereros wie Wild gehetzt und in die Dünen und Einöden verscheucht wurden. Hier im Veld hatten sie ein gutes Plätzchen und Essen in Fülle – ihr einziges Bedürfnis – gefunden. Sie waren gerade beim Abkochen. Als ersten Buschmannsgang gab es Grassamenbrei. Ihre Frauen, die Familienernährer, suchen die Grassaathäufchen, welche die Ameisen unter der Erde sammeln, die zu finden eine Kunst ist und des Gatten Liebe mehrt und erhält, heben sie aus, schütten sie in Felle, klopfen sie mit Keulen, damit der Sand herausfliegt, und kochen das armselige Futter mit Wasser in einer alten Konservenbüchse. Als Zwischengericht gab es geröstete Heuschrecken, die nach Jobsts Meinung gut und kräftig schmeckten. Als Fleischspeise wurde eine gekochte Schlange gereicht, und die Wilden luden die Weißen freundlich ein, an dem Schlangenfraß teilzunehmen. Zum Dessert wurden saftige Beeren aufgetischt, die der Alte mit vollen Backen schmauste, der Herr von Erbenheim jedoch nach einem Blick auf die Finger, die sie gepflückt hatten, ganz verschmähte. Meistens müssen die Buschleute, die zum Glück keine Kostverächter sind und schlechthin alles essen und auch in ihrem Straußenmagen verdauen, mit der Grassamengrütze und den Unkjis sich sättigen. Zum Dank für die Gastfreiheit reichte man ihnen einige Platten Tabak, die ein gewaltiges Gejauchze bis zu den Kleinsten herunter auslösten. Rauchen ist ihnen das höchste Erdenglück, und Rum ist ihnen die ewige Seligkeit – eine andre Religion haben sie scheinbar nicht, Der Buschvater holte aus einem schmierigen Beutel eine Pfeife hervor, stopfte sie und sog, verzückt die Augen verdrehend, den beißenden Qualm ein. Dann reichte er seiner Gattin den Nasenwärmer, der in der Familie von Mund zu Mund ging. Auch das Dreijahrskind paffte, ja das Nestkücken, das noch die Brust bekam, lutschte mit seligem Lächeln und blies den Rauch durch die kleine Plattnase. Das ist keine Münchhausiade. Jedes Familienmitglied durfte einen Zug tun, der Vater aber zwei, was ein Sittengesetz der Buschleute zu sein schien. Ein Kerl in einem verschmutzten, zerlumpten Offiziersinterimsrock, im übrigen splitternackt, präsentierte sich plötzlich als Kapitän der Buschleute und streckte bettelnd die Hand aus. Ja, wenn er wahre Auskunft gebe, werde er Tabak bekommen. Das dreckig-drollige Dreijahrskind kroch zu Erbs Füßen herum, mit drei vorsichtigen Fingerspitzen tätschelte er das dichte und dichtbevölkerte Wollhaar. Jobst beschrieb den Kapitän Josua, der durch seine ungeschlachte Gestalt und das mitgeführte Vieh kenntlich sei. Ja wohl, der habe noch an fünfzig Rinder und sogar ein Pferd gehabt und sich als Herrn des Velds aufgespielt, der sitze noch im Südosten an der letzten Wasserstelle des Velds, um beim Herannahen der Deutschen schleunigst auszurücken. Der Buschmann bleckte entrüstet mit den Zähnen. »Wer ... wer ist Herr des Landes?« »Der deutsche Kaiser,« sagte Jobst. »Wer ist das? Den Kapitän kenne ich nicht,« rief der verdutzte Buschmann, der keine blasse Ahnung von seinem Herrn und Kaiser, geschweige denn von der deutschen Schutzherrschaft hatte und wild die Augen rollte. »Ich bin der Kapitän und König des ganzen Landes, ich ganz allein. Der dicke Herero drüben ist ein Räuber, schlagt den Schakal tot, schießt alle seine Leute, Frauen und Kinder tot!« »Also die Genehmigung und den Segen dieses Kaukaukönigs haben wir. Höre, mein Freund! Hast du nicht ein paar gerissene Leute, die auf der Jagd, natürlich zufällig, von dem Josua aufgegriffen und ausgefragt werden, und die ihm sagen, daß alle Deutschen nach dem Süden geritten sind, so daß er sich ganz sicher fühlt?« »Ich bin der gerissenste von allen und werde gehen. Aber was gibst du mir?« »Eine Flasche Rum und sechs Platten.« »Nein, zwei Rum und ... und zehn Platten.« Weiter, als seine Finger reichten, konnte der Kerl nicht rechnen, sonst hätte er unbedingt vierundzwanzig gesagt. Als die Weißen die Werft verlassen hatten, betastete Erbenheim seine Rocktasche – die drei Platten Tabak waren fort. Das Dreijahrskind hatte sie offenbar stiebitzt und flinkleise, wie ein gelernter Taschendieb, herauseskamotiert. Die Buschleute sind große, ja geborene Diebe. – Die Truppe ritt gen Südosten quer durch das Veld. Der Führer Renner trieb unruhig vorwärts und war mit seinem Gehilfen und der Vorhut eine ganze Meile voraus und dem Rande der Oase nicht fern. Vorne in der Tiefe quirlte Rauch auf – dort war das Lager des lange und grimmig Gesuchten. Jobsts Blut schlug bis in die Schläfen, das ganze grelle Jugendfeuer des plötzlich gealterten Recken blitzte unter den buschig drohenden Brauen, in Kampf- und Sühnegier schrie er: »Wir machen sofort und allein die Attacke, damit sie nicht entwischen. Wir umreiten nach rechts die Werft, fallen über sie her, schneiden sie von der Omaheke ab und jagen sie der Kompagnie in die Flinten.« Die Reiter huschten hinter Büschen und Bäumen, sahen mit Befriedigung den Schein der Feuer – haha, die Schufte kochen ihre Henkersmahlzeit – und galoppierten mit Hurragebrüll, um eine Panik zu erzeugen, auf die schlecht gebauten Pontoks los. Kein Schuß fiel! Kein Hereroschopf oder Kuhschwanz! Die Werft war leer und, nach dem penetranten Hererogestank zu schließen, eben verlassen, die brennenden Feuer nur die übliche List. Jobst knirschte und war drum und dran, vor Wut zu weinen. Die Kompagnie traf ein und machte ein langes Gesicht. Der Kapitän der Buschleute krabbelte plötzlich hinter einem Busch hervor und gestikulierte: »Weg, weg! Dort... sieh dort! Du kannst ihn leicht einholen.« Seine Hand deutete auf eine Staubwolke an der Kimmung des Himmels, die hinter der letzten Sandwelle verschwand, Dort entfloh der Kapitän Josua seinem Bluträcher, seinem gefürchteten Todfeind. Jobst packte den kleinen Buschmann, stellte ihn mit einem Griff auf den Kopf – da fielen aus dem Offiziersrock und Beutel zwölf Platten Tabak und viele Patronen heraus – und er verprügelte dem König des Kaukauvelds das unbekleidete Hinterteil. »Du Halunke hast uns verraten und ihn gewarnt, und das ist dein Judaslohn gewesen.« Die Buschleute verraten jeden und dienen jedem, der sie bezahlt, als Spion. Doch selbst in ihrer Brust hat noch ein schwarzes Stammesgefühl und Standesbewußtsein sich verkrochen, so daß sie lieber die Weißen ihren schwarzen, schmutzigen Vettern verraten, als umgekehrt, am allerliebsten treiben sie ein doppeltes Verräterspiel, um doppelten Lohn zu erlangen. Der Kapitän hatte die maßlose Frechheit, heulend seine zwei Flaschen Rum zu verlangen. »Kis, Oviumbo!« sagte Jobst nur. Der Köter fuhr mit wahrer Wonne dem Buschmann in die dünnen Waden, und der König des Velds floh in komischen Hopsern und Hochsprüngen vor dem Teckelbastard. Man sah ordentlich den Helden- und Hundestolz des braven Oviumbo, der seine große Stunde hatte. Wieder und weiter in das tote Sandmeer mit seinem Dursttod hinein! Jetzt fing die gräßlichste Mühseligkeit und Menschenqual an. Unsre wackeren Krieger sind im Kampf Helden, aber im höllischen Sandfelde wahre Heroen gewesen. Jobst spornte alle an: »Wir sind den Schuften hart auf den Fersen, der Mist ist frisch und keine vier Stunden alt.« Die Losung der Rinder war der zuverlässige Wegweiser. Zwei, drei Tage reichten die mitgefühlten Wasservorräte aus, am vierten gab's die letzte Ration, einen halben Kochgeschirrdeckel voll für jeden. Dann war kein Tropfen im Wassersack, kein Tropfen im Sande auf hundert Kilometer. Das Grausig-Gräßlich-Grausame, die unmenschliche Menschenpein und Tiermarter, die der Überlebende nie vergessen, und die noch nach vielen Jahren sein Nachtalb sein und seine Träume ängstigen wird, begann. Von oben stach die erbarmungslose Sonne. Ein gespenstisch stummer, lebendiger – man merkt's nur am Schlagen der Schweife – Leichenzug schlich durch den glühenden Sand, und hinter ihm ritt der Sensenmann mit der Hippe, jagten die fahlen Engel, die Hunger, Durst, Ruhr und Pest heißen. Das flüchtige Scheusal blieb voraus und behielt immer vier Stunden Vorsprung. Der Kuhmist war ein unbestechlicher Zeitmesser. Hier und da lag ein Ochsenkadaver, in dem die Gase und Würmer wühlten. Aber o Schreck! – plötzlich hörten die Wegweiser auf, nirgends ein bißchen Losung. Die Verfolger hielten still und starrten stumpf. Jobst raufte seinen Bart: »Allmächtiger, wir haben die Fährte verloren, alles umsonst!« Er ist nicht mehr der Mann mit der ehernen Ausdauer, der durch keine Widerwärtigkeit zu brechenden Energie, er ist gealtert und jetzt verzweifelt. Doch Kitumbua, der spaßig lange Boy, guckte allerwegen, grub mit den Händen, fing an zu grinsen und die spitz gefeilten Zähne zu zeigen. »Massa, Mister, ich hab's. Die Schlauköpfe haben allen Mist, den die Ochsen fallen ließen – und es wird nicht viel sein, da nichts hineinkommt – aufgelesen und in Säcken mitgeschleppt, um die Spur zu verwischen und uns an der Nase zu führen. Schau her! Hier haben drei Finger den Sand berührt und ein klein bißchen Losung liegen lassen... und dort auch.« »Mein lieber Eierkuchen, für diese Mistatome schenke ich dir dreißig Rupien und das erste Straußenei, das ich finde, zum Alleinverzehren.« Der alte Afrikaner sprengte mit frischem Feuer voran. Jeder Galopp der Schindmähren wurde bald zum Schritt, so daß sein Neffe ihn einholte und sagte: »Denke an die Gäule, die seit achtundzwanzig Stunden keinen Tropfen tranken!« Erbs entzündete, blutunterlaufene Augen blickten den Oheim gequält, todtraurig und todmüde an. Der Hunger wird zum grausigen Kannibalen, der sich am Menschenfleische vergreift, aber der Durst wird zum grausamen Vampyr, der des Bruders Blut saugt und schlürft. Jobst erschrak. »Junge, dein Aussehen gefällt mir nicht, du bist krank.« »Sind wir's nicht alle? Ein todkrankes, sterbendes Heer! Hätte mich bei Hamakari der Kirri getötet, die verstümmelnde Keule wäre barmherzig gewesen.« Der alte, rauhbeinige Herr sprach weich und innig. »Bedenke! Das große Glück wartet deiner und kommt sogar nach Afrika dir entgegengeflogen... du solltest hier verschmachten, während der perlende Champagner des Lebens dir aufgetischt wird? Nein, nein, das duldet der Herrgott nicht.« Jener schnitt die Rede ab. »Was geht mich Ella Ritterhus an!« »Das Fräulein schert mich noch weniger, aber deiner Mutter bin ich verantwortlich für dein Leben. Bis in die Knochen bist du krank, und dieser Mordmarsch grenzt an Selbstmord ... höre, du gehst mit den Maroden nach dem Veld zurück ... hörst du in drei Monaten nichts von uns, so sendest du einen hübschen Nachruf an die Windhuker Zeitung!« »Pfui Teufel und Felonie! Ich bin kein Feigling, der sich aus der Feuerlinie schleicht.« Erb spornte sein Lottchen, um zu zeigen, was noch an Kraft in ihm sei.– – – Sechsunddreißig Stunden ohne Wasser! Die armen Pferde schleppen, ziehen mühsam die Füße aus dem Sande, schlagen nicht mehr nach den Fliegen, und ihr Schnauben, Keuchen klingt wie das stete, stille Seufzen der Kreatur. Die Reiter hocken, hängen im Sattel, verschrumpft die Muskeln, stumpf glotzen die Augen, die mitunter auffahren und in die Ferne stieren, wo die Fata Morgana eines rieselnden, kühlen Baches auftaucht, boshaft neckt und täuscht. »In der diabolischen Omaheke werden alle unsere Knochen bleichen,« krächzt der Hauptmann, »pfui Satan, warum verdursten wir fürs Vaterland? Zu Hause mokieren sich die Philister über uns, weil wir die Kaffern nicht kuschen können, und das Liebvaterland schimpft auf die südwestafrikanischen Helden, die jeder Berliner Großschnauz für schlappe Kerle hält.« Jobst faltet die Hände und tut eine fromme Fürbitte: »Ich wollte, daß der ganze Reichstag, statt bei Pschorr und Pilsener, hier in der Omaheke und die Presse, die uns lästert, in der Kalahari säße und vor Durst ihre eigene Tinte söffe!« »Amen!« sagt der Hauptmann feierlich und aus vollem Herzen. Er und der alte Lederstrumpf sind Freunde geworden. Totenstill schleicht der Gespensterzug durch das Sandmeer. Die Kehle ist wie mit einem Strick verschnürt, die Glotzaugen quellen aus den Schmutzkrusten hervor, die Lippen sind bläulich, wie bei Sterbenden. Ach, die spukhaften Reiter sterben den langsam schauerlichen Dursttod. Vierzig volle Stunden sind Menschen und Tiere ohne einen Tropfen Wasser! Ist das eine Halluzination? Horch, eine Stimme! Der Älteste von allen hat noch am meisten Kraft in Körper und Kehle. Was er krächzt, ist eine Erlösung, ein Freispruch auf dem Schafott. »Dort in der Tiefe muß Wasser sein... die paar Flügel der Wüste fliegen dorthin.« Es muß in der Vley Wasser sein, es muß einen Gott geben! So denken zweiundsiebzig arme, untergehende Menschen in Durstnot und -tod. Alle stürzen herunter, stieren in das Kalkloch. O, in der Vley ist Wasser gewesen, ist nur Schlamm und Verwesung. Hier liegen krepierte Ochsen; drunten stehen die Fährten von Vögeln und Wild. Eine ungeheuere, laut aufschreiende Verzweiflung packt alle. Wozu weiter laufen? Laßt uns hier den Tod erwarten! Oder noch besser, eine Kugel durch den Kopf schießen! Der Hauptmann befiehlt hart: Aufsitzen! Jobst untersucht einen Ochsen, bemerkt am Horn Einschnitte, Kerben. Das ist die Marke Josuas, die er kennt. »Wir sind auf der Fährte des Bluthundes ... vor zwei Stunden hat Josua versucht, den Schlamm der Pütz zu saufen. Ihm nach!« Zwei arme Teufel gehen, wie in eignen Angelegenheiten, abseits und kehren nicht zurück – aber zwei Schüsse knallen. Entsetzlich! Keiner geht ihnen nach. Vorwärts! Die Sterbenden hetzen die Sterbenden. Dann eine kurze Rast, und keine Handbreit Schatten. Die Sonne röstet die Leichengesichter, die Schläfer röcheln. Der glühende Lauf des Karabiners gleitet über den Schläfer und verbrennt Erbs Brust. Sein Rock riecht sengerig, der Onkel weckt ihn. »Den Sattelgurt fest anziehen!« Selbst die Andromeda ist lammfromm geworden und legt die Ohren nicht mehr zurück. Die lebenden Leichen schleichen weiter dem Dursttode entgegen. In der Kehle sitzen Dornen, die bei jeder Schluckbewegung reißen. Achtundvierzig Stunden ohne Wasser! In Sonnenfeuer und Glutsand! Alle haben jetzt das Beten gelernt, ein Seufzen ohne Worte. Erb fleht: »Errette mich, mein Gott, aus dieser grauenhaften Not meines Lebens!« Dort liegen vier tote Ochsen mit Josuas Marke. Die Hereros haben die Halsader durchschnitten und das Blut getrunken. Jobst fürchtet – wir holen sie nicht ein, denn wir haben kein Blut –, sagt aber nichts davon und scherzt mit Galgenhumor: »Nun fange ich auch an durstig zu werden und würde drei Mark für eine Flasche Bier zahlen.« Ach, mancher Offizier hätte in der Omaheke tausend Mark für einen Becher trübes Wasser gegeben. Die Geier rauschen, die Schakale wittern Aas und heulen. Taumelnde Rosse bleiben zitternd stehen und stürzen, Reiter bleiben zurück, werfen sich hin und wollen sterben, nur sterben. Jobst hält die Spitze – und hebt plötzlich die Büchse. Ist das eine Vision oder ein Wahnwitz der Sinne? Ein Schwarzer steht schlotternd vor dem Flintenlauf und trägt eine Kalebasse voll von blinkendem Wasser. Es ist kein Phantom, sondern Fleisch und Blut, nein Haut und Knochen. Es ist ein Feldherero, der seinen Kindlein die Rettung bringen will. Aber das klare, köstlicher als alle Edelsteine der Erde glitzernde Wasser könnte bei dem tückischen Charakter der Kaffern eine Teufelei und vergiftet sein. »He, trinke mir vor, aber einen tüchtigen Schluck!« Der arme Neger gehorcht sofort, sein Knochengesicht grinst wie ein Totenschädel. »Deutscher Baas, Nabembi kann saufen bis morgen früh ... soll ich ... für zwanzig Mark?« Der Pfadfinder nimmt seinen Becher und labt Erbs Lippen und schaut befriedigt zu, wie der Taumelnde trinkt, zwei ... drei Becher. »Halt, nun ist's genug, mein Sohn!« Der Hauptmann, die nächsten Reiter schöpfen aus der Kalebasse, die im Nu ausgeleckt ist. Jobst hält sie den anderen hin und ist leer ausgegangen. Als der Hauptmann seine Selbstlosigkeit bewundert, knurrt er: »Ist pure, preußische Subordination, ich befolge den Armeebefehl, der ungekochtes Wasser zu trinken verbietet.« Der Hauptmann, der anfangs den preußischen Offizier herausbiß, nimmt den Hieb lachend hin und schüttelt die Hand des Alten; sie haben jene Freundschaft, welche die Not schweißt, geschlossen. Eine gute Wasserstelle ist in der Nähe. Ein paar matte Schüsse fallen. Die Hererokrieger, die noch gehen oder kriechen können, fliehen vor dem Bluträcher, die trotzigen Neger rennen tiefer in die Wildnis hinein und ergeben sich nicht, verkriechen sich in Klüften und Schluchten, bis sie dem Durst erliegen. Das ist ein heroischer Zug in dem sonst so häßlichen Charakter des barbarischen Volkes. Mehr als hundert Neger, meistens Frauen und Kinder, die nichts zu fürchten haben, liegen an der Wasserstelle herum. Unsagbare Jammergestalten, mumienhafte Weiber, halbtote Kinder wimmern um Reis und haben seit acht Tagen nichts, seit vielen Wochen nur Unkjis gegessen. Ein Säugling liegt lutschend an der eingeschrumpften Brust der Mutter, die keine Flüssigkeit im Körper hat und seit Stunden tot ist. Knaben, denen die schmutzige Haut in Falten hängt, blicken aus hohlen Hungeraugen die Reiter apathisch an. Der furchtbare Anblick zerreißt das menschlich fühlende Herz. Die Deutschen, die selbst wenig genug haben, öffnen ihre Brotbeutel und geben alles hin. Nur eine Pfeife noch rauchen und dann sterben – denkt eine Hereroin, die sich etwas Sitzfleisch und eine bodenlose Frechheit bewahrt hat, denn sie hat flugs einem Soldaten Tabak gestohlen. Ihr Sitzfleisch muß es sühnen. Die Reiter trinken und trinken, einige leider trotz der Warnungen so eilig und eimerweise, daß sie sich plötzlich umkehren und alles erbrechen. Der entwöhnte Magen rebelliert. Die kräftigsten Soldaten haben sich gelabt und kehren mit Wasser im Tränkeimer zurück, um die maroden Kameraden, die in Sand und Sonne liegen, herbeizuschaffen. Oviumbo kratzt am Stiefel seines Herrn. »Ach, mein Tierchen, du hast das Verdursten tapfer mit uns ertragen und bist vergessen worden.« Erb füllt ihm ein Gefäß und schlürft selber noch einen Becher, den achten! O weh, er hat trotz des Verbots – jetzt erst fällt es ihm auf die Seele – ungekochtes Wasser getrunken, nur dieses eine, erste- und letztemal. Zu wild schrie der Körper nach schneller Linderung der Pein. Dieses eine Mal nur, das wird mit Gottes Hilfe gut gehen; die Hereros haben eben selbst davon getrunken und die Pütz nicht verpestet. Warum tröstet er sein Gewissen so lange? Weil eine Unruhe, eine Ahnung in ihm ist. Der Hauptmann, der allerdings reichlich-redlich sein Teil, ohne das Abkochen abzuwarten, getrunken hat, wettert mit der alten, schneidigen Wachtmeisterstimme: »Heiliges Donnerwetter! Die Kerle saufen trotz meines Verbotes das Wasser ... weg mit dem Bazillensuff und die Kaffeekessel aufs Feuer!« Einem Soldaten schlägt er den Becher aus der Hand, und die Kerle lachen einander an: »Gott sei Dank, nun hat der Olle sich erholt, nun ist er wieder der alte Hauptmann Dunnerwetter!« Oviumbo säuft und säuft, leckt sich die Schnauze und seinem Herrn die Hand. Bald stolziert er zwischen seinen früheren Landsleuten, den gefangenen Hereros, herum, auf die hochnäsigen Kaffern, die ihn einst wie einen Hereroköter geschlagen haben, blickt er hochmütig herab, und in dem schrägen Blick des Bastards liegt die ganze Verachtung des krummbeinigen Vollblutteckels. An der Wasserstelle ist ein lebensgefährliches Gedränge. Obgleich die Freßbeutel an den Leinen fortwährend auf- und abgehen und frisch gefüllt werden, sind sie in einer Sekunde geleert. Die Reiter tauchen zehnmal ihre Becher hinein. Die armen Gäule, die warten sollen, beißen sich und geraten außer Rand und Band. Während Erb schlürft und denkt – heilig ist das Wasser der Wüste –, fühlt er etwas fast wie eine Frauenwange Weiches an seiner Backe – es ist Lottchens weiche, verstaubte Schnauze, die leise schnauft, den Odem des heiligen Wassers einatmet und innig bittet: Gib mir ein Tröpfchen! Er reicht ihr zwölf Freßbeutel voll Wasser, aber langsam im Lauf einer Stunde, und Lottchen verschüttet keinen Tropfen, denn selbst die Pferde haben in Afrika mit dem kostbaren Gut sparsam umzugehen gelernt. Unter den Gefangenen sind nur zehn kranke, greise, morsche Männer. Die andren wählten lieber den schrecklichen Sandtod als das reichliche Futter der schmählichen Knechtschaft. Jobst sieht am Horizont eine dünne Staubwolke und sagt finster: »Kapitän Josua, du bist mir wieder entronnen, aber du wirbelst wenig Staub auf, denn du hast kein Vieh mehr und wenig Leute. Josua, du wirst mir deine Blutschuld bezahlen.« Er fährt die Weiber barsch an, um die Wahrheit zu erfahren. »Wie viele Orlogsleute und Flinten hat Josua?« Die Frauen schielen einander an und schweigen verstockt. Jedoch das diebische Frauenzimmer, das sein Sitzfleisch schonen muß und aus dem Bauche liegt, lacht widerlich: »Ich will es dir sagen für eine Platte Tabak.« Er wirft sie dem Scheusal, das eine von Josuas Gemahlinnen ist, hin. »Der Kapitän liegt dahinten und pfeift auf dem letzten Loch.« Der Afrikaner prallt zurück, glaubt dann an eine Lüge, um Tabak zu erschwindeln, und schlendert nach dem verkrüppelten Hackidorn hinüber, der einen kümmerlichen, kopfgroßen Schatten spendet. Erb steht schon neben dem Gestrüpp und betrachtet einen riesigen Neger, der das ihm gereichte Wasser erbrochen hat, schwer röchelt und dicht neben der Bley den Dursttod stirbt. Ist diese Knochenmasse, mit schwärzlicher Lederhaut überspannt, noch ein Mensch? Der einstige Wanst hängt in großen Falten. Jobst steht wie versteinert und hat in dem noch atmenden Leichnam seinen Todfeind erkannt. Erb sagt dumpf und feierlich: »Hier ist der Kapitän Josua! Nimm deine Blutrache und sühne deine Schmach ... wenn du kannst.« Jobst beugt sich herab, ruft den Röchelnden ins Bewußtsein zurück, ruft hart: »Josua, du hast mich geschändet und mein Weib entehrt, du hast mein Glück, meine Ehre, mein Leben ermordet.« Die das Weiße verdrehenden Augen des Negers haben den erbarmungslosen Bana Bunduki erkannt und rollen in grausiger Angst vor dem schmetternden Kolben, dem qualvollen Todesstreich. Der Alte aber wirft die Büchse mit dem erhobenen Kolben hin und kniet neben dem Herero. »Ein andrer hat gerichtet und gerächt ... dieser elende Mann ist nicht mein Feind.« Er nimmt sanft-behutsam den Kopf des Sterbenden in seinen Arm und hält einen Becher mit Wasser an die bläulichen Lippen. Er labt mit einem letzten Trunk seinen Todfeind. Josua öffnet noch einmal die Augen – keine Angst, nur jähes Erstaunen ist darin, als wenn ihm ein Rätsel, ein Wunder, ein Gott in seinen letzten Zügen begegnet sei. Der Kapitän verscheidet in den Armen des Pfadfinders, der ihm die Augen zudrückt. Das war Jobst Renners Blutrache. Die deutschen Krieger, die eine Durststrecke von hundert Kilometern überwanden, haben den schrecklichsten Feind Südwestafrikas besiegt und die größte Heldentat des ganzen Krieges bestanden. Viele einzelne Trupps verfolgten die verschiedenen Horden bis in die letzten Schlupfwinkel, bis Orlogsende an der englischen Grenze. Haben diese deutschen Helden und Heroen der Omaheke die verdiente Anerkennung gefunden? Nein, nein! Die Verkennung und Verkleinerung seiner besten Söhne war von jeher ein unsympathischer Charakterzug des deutschen Michel. Nachdem die erschöpfte Kompagnie zwei Tage sich erholt hatte, wurde der Rückmarsch angetreten, mußte dieselbe Durststrecke noch einmal überwunden werden. Doch man hatte, durch die Not gewitzigt, gelernt, in den ersten Tagen besser mit dem Wasser zu geizen. Und trotzdem haben viele Reiter Okahandja nicht erreicht, hat mehr als ein Drittel der Mannschaft die Heimat nie wiedergesehen. Post equitem atra sedet cura . Hinter dem Reiter ritt der Dursttod. Hinter dem Reiter hockte die Pest. Hatten die Hereros das Land, die Luft vergiftet? Wie eine Lawine schwoll das Verderben, ein Mann, dann drei ... fünf meldeten sich krank, die Lazarettkarre war voll von hohläugigen Fiebergestalten. Wer nicht ganz zusammenbrach, kroch nicht in den stinkenden, erstickenden Brodem hinein. Sieche hielten sich im Sattel fest, von ihren Kameraden hüben und drüben gestützt. Erb spürte ein schmerzhaftes Brennen und Schneiden im Leibe, entsetzte sich und schwieg, um seinen Onkel nicht zu ängstigen. Um unbemerkt abseits zu treten, brauchte er alle möglichen Kniffe. Am nächsten Tage war es ärger, in allen Eingeweiden bohrten und schnitten die Messer. Als er hinter den Busch tretend sah, daß schieres Blut abging, schrie seine Seele laut auf: »Ich habe in Unvernunft ungekochtes Wasser, ich habe Gift getrunken. Das ist der Typhus, der Tod!« Am dritten Tage war die Pein im Leibe unerträglich und die schwere Erkrankung nicht mehr zu verheimlichen, denn er fiel vom Pferde herunter und in die Arme seines väterlichen Freundes. Der Hauptmann hatte erst geflucht und fing nun an zu beten. Nicht für sich, sondern für seine Kompagnie! Um seinen eigenen Kadaver, wie er sagte, war der Mann nicht besorgt. Jobst lugte oft unter das Plandach, zog den wüsten, verwahrlosten Kopf zurück und hatte eine schwere Träne in der Wimper. Der rauhe, harte Afrikaner weinte. Der Hauptmann nahm unterwegs halb mit Gewalt einer ihm begegnenden Transportkolonne einen Ochsenwagen ab. Der neue Wagen kreischte, holperte, stieß und schleuderte ebenso entsetzlich, acht Stunden am Tage – eine Höllenmarter. Erb starrte mit den fieberheißen Augen das Plandach an. Seine letzten klaren Gedanken waren weit, weit weg und voll Weh. Die Kugeln der Hereros haben mich nicht getroffen, Hunger und Durst und die Wüste verschonten mich, damit die ekle Seuche mich langsam erwürge. So nahe dem Ziel soll ich sterben, noch ehe ich meine Ehrenrettung geschmeckt, ehe Ella, die nach Afrika eilt, mir das dunkle Rätsel gelöst hat. Pfui Teufel, ein tückischer Trunk, ein scheußlicher Zufall ist mein Tod. Nein, nein, Gott ist der Herr und Helfer. Mein Gott, laß mich nicht verrecken in Seuche und Schmutz, laß mein Auge nicht erlöschen beim Aufgang der Sonne ... Die wilden Fieberphantasien wälzten fortan seinen Körper, zerwühlten seinen Geist. Er wußte nicht mehr, wo er war, auch nicht, als das Schleudern und Schreien plötzlich- endlich aufhörte und er im Lazarett zu Okahandja im weißen, stillen Bette lag. Eine tiefe Bewußtlosigkeit umfing ihn. Viele, viele brave Reiter und Streiter kamen nicht so weit, sondern wurden im Sande verscharrt. Der Würgengel Typhus und Blutruhr wütete im Heer und hat weit mehr Soldaten getötet als alle Flinten der Hereros und alle Todespfeile der mörderischen Wildnis. Ein roh zusammengeschlagenes Kreuz bezeichnet ihre Ruhestätte. Das ist ihr Ehrenkreuz und Ruhmesorden. Hunderte von solchen Holzkreuzen stehen im ganzen Damara- und Dornenlande verstreut und zeugen von den deutschen Helden, die uns ein Neudeutschland mit ihrem Blut erworben haben.– – – Die Menschen und Pferde wurden nach der Durst- und Hungerkur der Omaheke auf der guten Weide Okahandjas voll und rund. Jobst Renner hingegen nahm um kein Lot zu, sein Gang war langsamer und leiser, und die Züge des von der Narbe seltsam entstellten Gesichts waren schlaffer und hagerer geworden. Das war die Sorge um seinen Neffen, der mehr einer blutlosen Leiche als einem Lebenden ähnelte und doch mit einer ungeheuren Lebensenergie gegen das Sterben sich wehrte. Auch die Nachwehen der übermenschlichen Strapazen und die Vorboten der abnehmenden Tage zehrten an dem eisernen Körper des alten Afrikaners. Mehr als einmal glaubte der Stabsarzt, daß Erb den Morgen nicht erleben werde. Nach einer solchen Nacht sah der Alte grau, müde und um ein Jahr älter aus. Dem Exkannibalen Kitumbua, der hier mit seinen schwarzen Händen nicht pflegen durfte, kullerten die dicken Tränen über die schwarzen Fettbacken – denn er pflegte sich –, aber nach der optimistischen Art des Negersanguinikers tröstete der biedere Eierkuchen sehr bald sich selbst und seinen Herrn also: »Der weiße Bana hatte am großen See das schwarze Wasser, davon alle sterben, und starb doch nicht. Es ist daher Allahs Befehl, daß er leben soll, denn er ist ein sehr guter Mann und Allahs bester Freund.« Jobst schüttelte traurig den Kopf bei dieser gottesfürchtigen Kalkulation. Aber Eierkuchen durfte bald mit Genugtuung feststellen, daß seine Rechnung richtig gewesen und Erbenheim Allahs spezieller Busenfreund sei. Der Stabsarzt erklärte am Morgen: »Wir werden vielleicht den Patienten durchbringen.« Und einige Tage später: »Hoffentlich, hoffentlich.« Der Oheim durfte für zehn Minuten den Schwerkranken besuchen; er, der den Teufel nicht fürchtete, erschrak sehr. Herrgott, das waren die Knochenhände eines Toten. Doch die Augen waren klar und die Hände, Gott sei Dank, warm. Gewissenhaft legte er seine Uhr vor sich hin, um die Zeit inne zu halten, erfaßte die Hände und fing mit einem Fluch an. »Pfui Teufel, ich kann das Flennen nicht lassen... ich werde ein Greis, ein altes Weib in meinen alten Tagen.« Eine dicke Träne lief sich in der Narbe fest. Oviumbo sprang am Bett hoch, heulte vor Freude, leckte die weiße Hand und bekam Nieskrämpfe. Der Hund, der endlich seinen Herrn gefunden, ließ sich nicht mehr, weder mit Güte noch Gewalt, aus dem Zimmer fortbringen. Dem Lazarettgehilfen, der ihn mit dem Besen vertreiben wollte, fuhr er in die Waden, was seine alte, bewährte Strategie und Taktik war und auch Erfolg hatte. Keiner band mit Oviumbo an. Der Hund wurde schließlich durch Zudrücken eines oder beider Augen im Lazarett unamtlich geduldet. Sobald aber die ärztliche Visite sich näherte, verkroch Oviumbo sich mäuschenstill unter dem Bette, um unliebsame Erörterungen oder gar Ausweisungsbefehle zu vermeiden. Wollte er mal austreten, so vermied er den großen Gang, um den Ärzten nicht in die Augen zu fallen, ging durchs offene Fenster und kam auf demselben Wege pünktlich zurück. Der Kranke, der von dem Weltlauf der letzten Wochen nichts wußte, fragte mit einer ganz leisen, merkwürdig fremdartig und fernher klingenden Stimme, als wenn er weit, weit weg und unterwegs nach einem andren Planeten gewesen wäre. Jobst erzählte und sah nach der Uhr. »Hendrik Witboi, mein alter Freund und Gönner und von all diesen afrikanischen Dreckfürsten noch der anständigste Gauner, hat plötzlich Aufruhr gemacht und gleich mit der Ermordung seines Freundes Burgsdorff angefangen. Dieser Staatspensionär des Reichs, den die Deutschen zu sehr verhätschelt haben, ist ein kleines, gelbes, greulich häßliches Kerlchen, aber ein ganzer Kerl und unter allen Farbigen, die ich gekannt habe, der bedeutendste Geist und stärkste Charakter, ja ein geborener Feldherr, Diplomat und Herrscher, der auf einem Großmachtthrone Europas wahrscheinlich ein zweiter Napoleon geworden wäre; denn auch die korsische Räubernatur des Bonaparte sitzt ihm im Blute. Dieser absolute Autokrat der faulen, widerspenstigen Hottentotten, der ihnen die erbeuteten Rumfässer vor der Nase zerschlug, hat immer nach den klaren Berechnungen seines gescheiten und oft genialen Kopfes gehandelt... nur dieses eine Mal scheinbar nicht. Religiöse Wahnideen eines falschen schwarzen Propheten haben ihm den verschlagenen Kopf verdreht, das schwarze Freiheitsevangelium »Afrika den Afrikanern«, eine Furcht vor dem Untergange und seine Großmannssucht, ein Befreier und Held der Neger zu sein, haben ihn zur blutigen Tat hingerissen. Wäre es eitel Berechnung gewesen, so hätte der alte Fuchs gemeinsam mit den Hereros losgeschlagen, und kein Weißer der Kolonie wäre dem Blutbade entronnen. Auch das Strafgericht an den Hereros hat ihn entsetzt, der ewig Mißtrauische sagt sich: Der Nächste bist du, dem die Deutschen Land und Herrschaft nehmen. Unzeitig-unsinnig hat er den Orlog angefangen... Gott verläßt die Deutschen nicht trotz ihrer vielen Dummheiten. Das im Süden wird aber ein böser Brand werden ... Hendrik ist ein großer Gegner und ein Meister im zermürbenden Guerillakriege.« Erb wurde unruhig. »Ich muß in zwei... drei Tagen aufstehen...« »Nein, du mußt noch drei Monate vor Anker liegen ...« »Ja, ich bin ein Wrack und bleibe ein Invalide...« »Nee, du wirst frisch kalfatert und aufgetakelt und völlig felddienstfähig werden. Aber ich, ich roste hier, meine Beine werden schlapp und meine Muskeln weich vom ewigen Essen und Schlafen... aber im Orlog bin ich wieder der Alte. Mein Junge... sie rufen mich nach dem Süden, und ich lüge ihnen vor, daß ich noch etwas morsch bin, während ich hier ganz morsch und mies werde ... ich warte ja nur darauf, daß die Arzte mir ein schriftliches Attest, daß du gesund wirst, geben... das wollen sie noch nicht, und das sollen sie mir geben... ehe gehe ich nicht fort, ich würde ja keine Stunde ruhig schlafen, wenn ich das nicht schwarz auf weiß habe.« Erb bat ihn, dem Ruf der Truppe zu folgen. »Ich gebe dir mein Wort, daß ich gesund werde.« »Dein Wort ist sehr gut, aber mit Attest und Bürgschaft der Ärzte noch besser ... ich will es schriftlich und weiß wohl, daß die Ärzte – auch das einjährige Doktorembryo – über den Eigensinn des ollen Lederstrumpf lachen ... o weh, ich habe nur noch eine Minute und will mich von den Hautflickern nicht hinausschmeißen lassen ... Hab dir noch etwas zu sagen...« »Ein Brief?« »Nee, sie kommt ja nicht brieflich, sondern persönlich und hat ihre Ankunft in Swakopmund gemeldet. Was ich sagen wollte... steht nicht irgendwo: Selig der Mann, der die Anfechtung und Prüfung bestanden hat? Du hast ausgelernt, mein Sohn, und die Prüfung bestanden. Du bist jetzt ein ganzer, echter, wackerer, wahrer, kurz, ein alter Afrikaner, einer von denen, die dieses neudeutsche Land gebraucht. Nun kann ich ruhig abgehen, ich hinterlasse keinen leeren Raum, du wirst meinen Platz ausfüllen... das ist meine Freude und meine Fortsetzung auf Erden. Ich verpflichte dich, für einen Enkel, einen echtdeutschen Afrikaner, Sorge zu tragen; denn auch dir wird Gott einmal den Abschied geben.« Die Zeit war verstrichen, Jobst preßte die weiße Hand und verschwand. Erb fühlte sich so hochgeehrt, als wenn er das eiserne Kreuz und einen afrikanischen Adelsbrief bekommen habe. Neue Lebenskraft flutete durch seinen matten Körper. Der Rekonvaleszent verlangte nach Nahrung und träumte behaglich, und eine ganz feine Röte hauchte über die weißen Wangen. Die Ärzte hatten lachend beschlossen, um den alten, hartnäckigen Kauz und Quälgeist los zu werden, ein Attest auszustellen, ein möglichst witziges, worin dem jungen Afrikaner die leibliche und dem alten die geistige Gesundheit verbrieft und verbürgt wurde. Infolge eines sehr vorsichtig knisternden Geräusches schlug der Patient die Augen auf, und es gelang ihm, den Kopf zu heben. Der Hund knurrte. Eine fein gekleidete und gut frisierte, schlanke und schmucke Dame, nicht aus afrikanischen Gefilden – denn die Ansiedlerfrauen tragen schlichte, lose, luftige Kleider –, sondern von irgendeinem Planeten hergeweht, stand in der Tür und stockte. Das war eine so ungewöhnliche, unlazarettgemäße, ja ungebührliche Erscheinung, daß Oviumbo kläffend auf sie losfuhr und durch Zähnefletschen ihr den Eintritt verwehrte. Erbs Augen erweiterten, seine Pupillen vergrößerten sich unheimlich. Das Wunder, obwohl er es in Träumen erwartet, ja erlebt hatte, machte ihn fassungslos. Endlich stammelte er ein Wort, ein recht triviales, denn die Menschen sind in den größten Augenblicken meist nicht groß und geistreich, sondern stumm, stotternd und auf den Mund geschlagen. »El–la, du kommst zu mir? Du kennst mich nicht wieder ...« O, sie kannte ihn und wollte kommen, konnte es aber nicht des schrecklichen Köters wegen. »Kusch dich, kusch dich!« Oviumbo war aber außer Rand und Band und knurrte bissig, als wenn er instinktiv in der auffallenden, verdächtigen Gestalt einen Feind und Nebenbuhler wittere. Der Herr mußte sehr grob werden, ehe der Hund sich verkroch und unter dem Bett höchst mißtrauisch auf die Unterredung horchte. O, das war dieselbe sanfte, süße Mädchenerscheinung, mit der er hinter dem Rücken der Antiquitätentante vielsagend-flüchtige Augenzwiesprache gehalten, aber zwischen den Augen und um die Lippen saß ein neuer Zug, ein Mal und Stempel stiller Schmerzen und erstarkter Energie. »Erb, du bist unschuldig, glänzend gerechtfertigt... das hätte ich als erste dir verkünden wollen, aber der Telegraph war schneller als ich.« Die ganze, grauenhafte Bitterkeit stieg ihm bis in den Hals hinauf und stürzte als Hohn über die weißen Lippen. »In aller Unschuld wolltest du mir meine Unschuld mitteilen, obwohl du, wie alle andren, an meine Schuld felsenfest geglaubt und mich für einen gemeinen Dieb gehalten hast.« Ella errötete und erbebte, nur ihr Blick war fest auf ihn gerichtet und ihre Stimme frei und furchtlos. »Ich habe es nicht geglaubt, sondern ich habe vor der Tante, die von dem kriminellen Menschen kein Wort mehr hören wollte, gestanden und gestampft, ja geschrien: Ich will tausend Eide schwören, ich will nicht selig werden, wenn er ein ... ein ... ist. Und ich habe gewartet auf eine Zeile von dir ... wie die gepeinigten Seelen im Fegefeuer auf einen Tropfen Wasser, so habe ich geschrien nach einem Wort von dir, nach dem Wort: Es muß zu meiner Rettung bezeugt werden, daß ich dein Sparkassenbuch bekommen habe! O, dann hätte ich es der Tante und aller Welt ins Gesicht gerufen, in allen Zeitungen hätte ich's geschrieben: Ich habe ihm mein bißchen, meine zwölfhundert Mark zur Verfügung gestellt! O, du schwiegst, schwiegst, schwiegst! Dein grauenhaftes Schweigen ... warum? Aber alle zischelten, alle Zeitungen schrieben: Es ist einwandsfrei bewiesen, daß der Sohn des Landgerichtsrats ein Spieler war und Spielschulden hatte, daß er den Brillantring versetzt hat. Und die Tante heulte mir die Ohren voll: Es ist sonnenklar, daß ich mein altes, hochangesehenes Haus einem Verbrecher öffnete! Da fing ich an zu zweifeln, zu verzweifeln, zu denken: Was sind meine armseligen zwölfhundert Mark, um einen Kavalierwechsel, der sich auf Tausende beläuft, zu decken? O, er schweigt, weil er die wahre Höhe seiner Ehrenschulden mir verheimlicht hat. Meine paar hundert Mark konnten ihn nicht retten, aber ein Ertrinkender greift nach allem ... ach, als ich ihm mein Sparbuch in die Tasche schob, jubelte er nicht wie ein Geretteter, sondern sein Auge blickte voll trostloser Bedrückung und wie das böse Gewissen mich an. Nach dieser Erkenntnis brauste es vor meinen Ohren, ich fiel in eine Ohnmacht und wochenlange, schwere Nervenkrankheit ... der Wahnsinn stürmte wild und wohl um ein Haar über mein Haupt hinweg ... die Ärzte befahlen, daß jede Zeitung vor mir versteckt werde. Nach zehn Wochen erwachte mein Geist ... da war es geschehen, das Todesurteil gefällt ... die Menschen, die so schnell vergessen, sprachen nicht mehr von dem furchtbaren Fall ... ja, die Tante log mir aus sogenannter Liebe vor, du habest alles gestanden! Erb, du bist im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen ... aber ich wurde verurteilt, als ich die Wahrheit erfuhr ... jetzt sollst du mich freisprechen, denn mein Gewissen und Herz verdammen mich.« Mit Erstaunen und Erschrecken hatte er ihr zugehört, denn sein Rätsel löste, sein Dunkel lichtete sich. »Ella, ich kann dich von deiner sehr kleinen und geringen, mich aber nicht von einer großen Schuld freisprechen. In der Untersuchungshaft wartete und wartete ich mit wahnsinniger Ungeduld, daß du kommen und für mich zeugen und sagen würdest, ich, ich habe ihm das Geld gegeben ... ich harrte und harrte, daß du wenigstens eine Zeile schreiben und mich von meinem Worte, meinem Ehrenworte, von dem Darlehen zu schweigen, dich nicht zu kompromittieren und im Hause der Tante unmöglich zu machen, entbinden würdest ...« »Mein Gott, mein Gott!« schrie das junge Mädchen fassungslos, »welche verhängnisvolle Verkettung von Irrtümern! Du solltest ja nur diskret sein, ohne Not meinen Namen nicht nennen, so war's nur gemeint ... hier aber war eine ungeheure Not und Zwangslage, hier, wo es eine Menschenexistenz und -ehre galt, solltest du natürlich reden, die volle Wahrheit sagen und auf mich nicht die geringste Rücksicht nehmen. Höchstens hätte die entrüstete Tante mich an die Luft gesetzt, Schlimmeres hätte mir nicht passieren können. O, dein überspannter Ehrbegriff hat dich elend und ehrlos und mich tiefunglücklich gemacht.« »Wenn du dadurch die Tante, die Erbschaft verloren hättest, das hätte ich nicht verantworten können. Ein Mann hält sein Wort ... sie, so sagte ich, sie allein kann und muß mich davon absolvieren ... ob sie mir den Kopf abschlagen, ich schweige ... sie muß zeugen und meine Unschuld in die Welt schreien ... das redete ich mir in den langen Gefängnisnächten eigensinnig-irrsinnig vor ... mein Ehrgefühl war damals, wo man mir meine Ehre abschneiden wollte, krankhaft gesteigert, unsinnig vergrößert ... verstehst du mich, warum ich trotzig die Lippen schloß und dich als Wahrheitszeugen nicht rief?« »O Irrtum über Irrtum, o Wahn über Wahn!« wehklagte sie mit zuckenden Lippen, »ich bin mitschuldig an deiner Schande, vergib mir, vergib mir!« »Ein finstrer, verbissener, ungeheurer Trotz nahm Besitz von mir, ich wollte unschuldig leiden und hassen und fluchen, alles und alle hassen, verfluchen, vernichten. Dieser Starrsinn hat mich selbst verurteilt und vernichtet.« Erb schloß die Lider, um nicht laut zu weinen. Ellas Augen füllten sich mit Tränen. »Gott ist dir ein harter Herr und Vater gewesen ... du hast schuldlos das Schrecklichste, das ein Mensch erdulden kann, gelitten.« »Schuldlos nicht,« flüsterte der Kranke, »ich wußte, daß der Wein meine Willenskraft schwächte, und nahm das Glas, ich kannte genau meinen Erzfeind, der mein Fluch geworden, und faßte doch die Karten an. Darum mußte das Schicksal mich so grausam hart anfassen ... ein solcher Krebsschaden muß ausgebrannt und ausgeschnitten werden ... jetzt weiß ich, daß ich von der Spielseuche, die so viel Jugend zugrunde richtet, geheilt bin.« Sie betrachtete den bleichen Krieger mit einem unendlich zärtlichen Blick – das war derselbe kindlich-keusche, verheißungsvolle Blick, der ihm damals, als er hinter dem Rücken der Tante ihr die erste Rose schenkte, jubelnde Siegesgewißheit gegeben hatte. Plötzlich wurde sie tiefrot und von tödlicher Verlegenheit befallen. Die junge Dame erhob sich und reichte ihm die Hand zum Abschied. Er hielt die Hand fest und ließ sie nicht wieder fahren, er zog mit einer Kraft,die man dem geschwächten Körper nicht zugetraut hätte, die allerdings wenig widerstrebende Gestalt näher und näher an seine Wange, sein Herz, seine Lippen. »Erb, du kannst mich wirklich und wieder lieb haben?« »Ich kann es nicht nur, ich muß es ...« »Ja, es ist ein Muß, ein übermächtiges ... wie eine Eingebung, wie ein Zwang und Gehorsam kam es plötzlich über mich ... ich mußte, ohne zu beachten, wie die Menschen zu Hause es auslegen und lachen würden, ohne zu fragen, was du denken würdest, ich mußte nach Südwest reisen und mit dir reden.« Erb umarmte die einstige und einzige Geliebte, und der Offizier a. D. lachte übermütig: »Was ich denke? Hm, ich denke, du sollst nicht umsonst die weite Reise, sondern eine allerdings recht mäßige Partie in Südwest machen.« Ella Ritterhus konnte auch in dem Schelmentone singen. »Ich bin aus Europa ausgerückt, weil ich eine Heidenangst vor den Freiern hatte, die mein Geld so schrecklich lieb haben ... ich habe klug kalkuliert und berechnet, daß der Mann, der mich liebte, als ich noch ein armes Hascherl war, nicht nur meinen Mammon, sondern auch meine Person heiraten werde und für mich die vernünftigste und beste Partie sei.« Jobst stand in der Tür, schnitt die grinsende Grimasse und sagte: »Glück auf, Glück auf zur reinen Vernunftehe!« Mit dem großen Auge fixierte er Fräulein Ritterhus von oben bis unten, vom Hut bis zu den Schuhen, und das Resultat seiner Prüfung war: »Ein schmuckes Frauchen und sehr fein aufgetakelt! Daraus mußt du nun selbst eine richtige Afrikanerin machen, die auf der Pad zu trecken, im Sattel zu sitzen und einen Springbock zu schießen versteht.« Nach einer Weile kaute der Alte tiefsinnig und sagte trocken: »Nun willst du also demnächst deinen eigenen Harem gründen, nein, nein, eine christliche Ehe schließen ... hm, du nimmst dir also einen andren Sozius, ich bin überflüssig geworden, du brauchst mich nicht mehr ...« In dem wunderlichen Gesicht saß ein unwirscher Zug. War sogar in diesem selbstlosen Herzen ein kleines Maß von Menschlichkeit, ein Fünkchen Eifersucht, weil er abnehmen und mit dem zweiten Platze in Erbs Herzen sich begnügen mußte? »Ein Sohn braucht seinen Vater immer, immer ...« »Vorläufig aber nicht ... ich gehe heute nach dem südlichen Kriegsschauplatze ab ... der Generalstabsmajor läßt mir keine Ruhe, weil ich landeskundig bin ... auch ist es meine Pflicht gegen mein Vaterland, zu gehen, denn Großnamaland ist noch sandiger, wasserloser und schrecklicher als Damaraland und auf weite Strecken eine wahre Namib. Mein Attest, daß du gesund wirst und ich geistig normal bin, habe ich ja in der Tasche. Was wollte ich noch sagen? Ja, hm, meine Bank, die ich auf der Brust trage, will ich lieber in Windhuk deponieren, denn die Hottentotten sind die größten Diebe und Spitzbuben. Du weißt also Bescheid, wenn Monsieur Hein mich findet. Er ist ein harter Gläubiger, der mehr als einmal nach meinen Rockschößen griff, um mich vor Gottes Richterstuhl zu schleppen ... schließlich kriegt er mich doch, kriegt er uns alle ohne Ausnahme beim Schopfe.« In dem engen Raume eines Krankenzimmers stehen die größten Gegensätze nebeneinander. Hier sitzt das alternde Leben mit seinen Todesahnungen, dort glüht das heißwangige Lebensglück auf der Gipfelhöhe des Lebens, und alle Himmel hängen voll von Geigen, an allen Horizonten gaukeln Träume und Hoffnungen. Jobst fährt vom Stuhle empor und zur Tür mit den Worten: »Ich Esel will nicht wie eine alte Ohreule krächzen.« Er bleibt aber stehen. »Den Hund mußt du mir leihen, so leid es mir tut, der Köter riecht einen Witboi auf hundert Meter.« Der Kranke nickt und nimmt von dem krummbeinigen Teckelbastard bewegten Abschied. Noch tiefer bewegt, ja erschüttert wird seine Seele, als sein alter Meister, Freund und Vater ernst und feierlich sagt: »Du bist zu meiner Freude ein ganzer, alter, echter Afrikaner geworden, darum gehe ich getrost, auch die unbekannte Pad nach dem unerforschten und unerforschlichen Veld. Du wirst Haus und Heim dir bauen, ein neues, kräftiges Afrikanergeschlecht wird aufwachsen im Lande und es mit seinen Dornen und Dünen, Bergen und Kuppen als Heimat lieben. Nimm mir den Trost und Traum nicht, versprich mir, dieses Land, das wir mit viel Blut erkauft haben, nicht zu verlassen, sondern Südwest, das Aschenbrödel unter unsren Schutzgebieten, zu lieben und diese Kolonie, die Tausenden Brot und Wohlstand geben wird, als alter Afrikaner zu bauen, zu fördern und festzugründen und als dein Vaterland hoch und wert zu halten und gegen jeden Feind zu wehren.« Erb gelobte es mit einem festen Händedruck. Sein Herz hing an der freien, unendlichen Weite dieses Hochlandes mit seinen Felsbergen und Sanddünen, seinen furchtbaren Wüsten und fruchtbaren Weiden, so daß er dieses wilde Afrika liebte und nicht mehr lassen konnte. Jobst legte seine Hand auf das volle, seit Wochen unschorene Haar des Neffen. »Dir, mein Sohn, wird es wohl gehen in Südwest, dein Leben wird viel Arbeit und Mühe und einige Enttäuschung, aber auch viel Erfolg und fröhliche Frucht sein. Deine Herden werden sein wie der Sand der Namib, dein Geschlecht wird wachsen und blühen und starke Sprossen treiben. Dein Feld und Haus wird Jahrhunderte stehen und deine Saat dem spätesten Urenkel noch reiche Ernte tragen. Der ewige Gott wird dein Hüter und deines Landes Schutz- und Schirmherr sein.« Der Vatersegen klingt groß und gewaltig, wie eine Weissagung und Verheißung, aber auch wehmutsvoll und ergreifend, wie der Segen eines Scheidenden und Sterbenden. Jobst nickt noch einmal in der Tür, der Hund Oviumbo zerrt an der Leine, blickt seinen Herrn vorwurfsvoll und verzweifelt an und hebt die Schnauze, um jämmerlich zu heulen. Erb hält sich die Ohren zu, immer ferner klingt des Tieres winselnde Wehklage. – – In der ersten Morgenfrühe erwacht der Schläfer und reibt sich die Augen – was wurde durchs offne Fenster geworfen und fiel auf den Estrich? Himmel! Der Hund, der auf dem ersten Lagerplatze die Leine zerbiß und ein Stück Lederriemen am Halsbande schleift, ist durchs Fenster gesprungen. Oviumbo leckt die Hand, die ihn streichelt, heult vor Erregung, niest wie verrückt, erstickt beinahe in seinem Freudengeschrei. Unter dem Bette liegend, knurrt er ganz leise, als seine Rivalin, die ihm unheimliche Europäerin, erscheint. Der kluge Köter hat sich aber bald mit ihr und seinem Schicksal versöhnt. – – – Hendrik Witboi, der kleine, häßliche Hottentott, war der fähigste Kopf und stärkste Charakter, den die farbige Rasse in unsren Tagen hervorgebracht hat, war zweifellos ein geborner Herrscher, ein großer Feldherr im afrikanischen Orlog und ein sehr gefährlicher Gegner. Mehrere deutsche Abteilungen jagten den listigen Fuchs, der alle Schlupfwinkel des wilden, wasserlosen Namalandes kannte und alle Schliche anwandte. Oberst Deimling marschierte im November hinter den weichenden Witbois her, wie er wähnte. In Wirklichkeit war Hendrik der Schlaue nach dem Gefecht bei Rietmond nicht gen Kalkfontein gezogen, sondern hatte einen Haken geschlagen und durch die Dünen einen für Deutsche unmöglichen Weg nach Groß Nabas gewählt. Hier stieß er auf die unglückliche Abteilung Meister, die ahnungslos dem ganzen Hottentottenheer in die Arme lief und den grausigsten Kampf des ganzen Krieges bestehen mußte und heroisch bestanden hat. Der landeskundige Führer Renner befand sich bei dieser Abteilung, hielt zu Pferde und meldete dem Kommandierenden: »Ich habe keinen Hottentottenhuf im Sande gefunden, und doch sitzt es in meinen alten Knochen wie Gewitterluft, und mein Instinkt, mein Daimonion sagt mir, daß die gelben Affen in der Nähe sind. Wir müssen mit Vor- und Nachspitze und Seitenpatrouillen aufklären.« Ein deutscher Offizier gibt nichts auf Aberglauben und Instinkte. Es wurde aber eine Vorhut am Auobflusse vorgeschoben, obgleich Hendrik meilenfern in den Sanddünen sitzen mußte. O, der Fuchs saß am Auob, an der besten Wasserstelle, mit elfhundert Hinterladern und wartete auf die schwache, nur zweihundert Mann starke Abteilung, die in seine Falle und ihren Untergang laufen sollte. Sie tat, was der Witboi wollte, aber auch, was er nicht gedacht, sie wehrte sich tagelang mit Löwenmut gegen die gelben Wölfe. Hendriks plötzlicher Schachzug gen Norden war ein strategisches Meisterstück, das allein an deutscher Tapferkeit und Ausdauer scheiterte. Am Neujahrstage gegen Abend sahen die erstaunten Deutschen Reiter mit weißen Hüten, die zu großen Schwärmen und bald mit Unbehagen auf sechshundert Mann geschätzt wurden. Das Feuer begann und blitzte bis in die Dunkelheit hinein. Die Truppe biwakierte in der Schützenlinie neben dem Gewehr die ganze Nacht und lag oft keine zehn Meter von dem hinter Steinen lauernden Feinde. Ein tropisches Gewitter wütete eine Stunde lang, goß seine Wolkenbrüche auf die frierenden Krieger und war doch ein Gottesglück, denn es erquickte mit seinem Wasser Mann und Pferd und gab Kräfte für den grauenhaften Kampf. Um die elenden Wasserlöcher wurden auch hier Blutströme vergossen. Der 2. Januar war fürchterlich. Hätten die Hottentotten den stürmenden Elan und den todverachtenden Mut besessen, so wäre kein Deutscher am Leben geblieben; aber die gelben Kerle sind vortreffliche Schützen in Hinterhalt und Deckung, aber vorsichtig-feige im Handgemenge. Die glühende Sonne verbrannte das Gehirn, verdorrte das Blut in den Adern, die blätterlosen Büsche voll Dornen und ohne Schatten, die spitzen Steine so heiß, daß die Hände, die sich stützten, Brandblasen bekamen. Und die Wassersäcke – Gott sei uns gnädig – waren leer. Die schweren Verluste mehrten sich, bei der Artillerie lagen schon vier Offiziere im Sande. Aber die Krieger schossen, ohne die Lage zu wechseln, Stunde um Stunde, bis die Schreckensbotschaft von Mund zu Mund ging: Munition knapp, Patronen sparen! Sie bissen die Zähne zusammen und schossen nur auf Ziel, wenn ein Wollkopf, eine Affenlarve zollbreit über einen Stein schielte. Horch, was war das? Hinten klang das schnelle Bang-bang der englischen Gewehre, die freundliche Händler den Hottentotten verkauften. »Wir werden im Rücken beschossen und sind umklammert, umzingelt, Herrjesus!« stöhnte ein Fähnrich. »Was ist da zu herrjesusen!« knurrte Jobst, »wir wollen unser Leben teuer verkaufen.« Dann kam die zweite entsetzliche Nacht. Einige versuchten, trocknen Biskuit zu kauen, aber im Munde war kein Speichel mehr, der Hals konnte nicht schlucken. Der 3. Januar bricht an, und kein Wasser! Das Wimmern der Fieberwunden ist herzzerschneidend. In der Mittagsglut kommt der Dursttod. Dennoch halten die Gemarterten und Sterbenden mit der Büchse die ringsum heulenden Wölfe in Schranken. Die grausame Sonne verbrennt das Gehirn. Ein Offizier wird plötzlich tobsüchtig. Arme, verschmachtete Kameraden stoßen ein tierisches Brüllen aus, des Wahnsinns Vorbote. Die Gepeinigten springen auf mit blutunterlaufenen Augen und laufen irrsinnig mitten in die Linie der Witbois hinein, die sie hohnlachend abschlachten. Schauerlich, schauerlich! Der Kampfplatz ist zur leibhaftigen Hölle geworden. Einige trinken in der Verzweiflung ihren eignen Urin. Menschen werden Tiere. Ein Unglücklicher schlürft die Blutlache seines toten Nebenmannes. Ein tödlich verwundeter Major leidet furchtbar und bietet zehntausend Mark für einen Schluck Wasser. Umsonst! Nicht für alle Schätze der Welt könnte er einen Tropfen kaufen. Das Schreien der Verwundeten, die vor der Linie liegen oder mitten im Wagenpark verdursten, ist unerträglich. Die siebente Kompagnie hat keine Offiziere mehr, die Hälfte der Leute liegt tot im Sande oder blessiert im Höllenbreughel des Lazaretts. O, diese Soldaten ertragen übermenschliche Leiden mit einem übermenschlichen Heroismus. Die Batterie hat pro Geschütz nur fünf Granaten und zwei Kartätschen noch und muß zurückgezogen werden. Die Hottentotten mit den schrägen Luchsaugen sehen es sofort, und die Feigen stürmen mit deutschem Hurra, um die großen Rohre zu nehmen. Unteroffizier Köhler zieht ab – von seiner Kartätsche werden vierundzwanzig Schwarze zerrissen. Der Leutnant Semper, schon verwundet, steht ganz allein bei seinem Geschütz und zieht ab. Die Wilden zerstieben wie Hagel, aber der deutsche Held wird in den Oberschenkel geschossen, sein Blut spritzt eine Elle hoch aus der Todeswunde. Und der Sterbende, der einen Kanonier hinter dem Lafettenschwanz erblickt, kommandiert: »Mit Kartätschen geladen! Feuer!« Der Mann aber wagt nicht abzuziehen, weil das Geschütz beim Rücklaufen seinen Leutnant zermalmen muß. Kaltblütig noch im Todeskampfe schreit Semper: »Zum Donnerwetter, ziehen Sie sofort ab! Ich bin doch gleich tot.« Zum Glück springen fünf Mann heran, tragen den sterbenden, schneidigen Helden zurück und greifen in die Räder. Sofort wälzen sich die drei neben dem Geschütz, das nicht zurückgebracht werden kann. »Wasser, Wasser!« Das erlösende Wort hallt durch die feurige Hölle, pflanzt sich durch die Reihen der heiseren, irrblickenden Reiter. Für viele eine teuflische Fata Morgana! Der Stab hat eine hohe Belohnung ausgesetzt, Neger haben sich durch den Ring der Feinde geschlichen und etwas von dem kostbaren Element herangebracht. Leider so bitterwenig, daß nur die Sterbenden, Verwundeten und dem Wahnsinn Nahen einen halben Becher des schlammigen Zeugs erhalten und die andren leer ausgehen. Jobst schaut nach dem toten Leutnant Semper hin und sagt: »Neben dem da sind wir alle Stümper.« Er tritt mit raschem Entschluß vor den Major hin. »Geben Sie mir den Wagen mit den besten Ochsen und den Schwarzen, die mit mir gehen, eine hohe Belohnung, so will ich es in Gottes Namen versuchen!« Ja, heute lernten sie beten, und Hunderte, die seit Jahren Gott nicht kannten, schrien zum Herrn in der heißen Dursthölle von Groß-Nabas. Der graubärtige Pfadfinder geht aufrecht, ohne Schwanken und Schwäche, sein abgehärteter Körper scheint gegen den Durst gefeit. Es gelingt ihm, mit dem Wagen an den wachsamen Wilden vorbeizuschleichen und Wasser in die Behälter zu füllen. Der Rückweg mit dem schwer beladenen, knarrenden Gefährt ist sehr schwierig. Er späht, horcht, kriecht voraus, die Büchse im Anschlag und brummt leise: »Daß der Racker von Hund mir ausrückte! Der hätte auf hundert Schritt einen Witboi gewittert und mich gewarnt.« Der Pfadfinder hat die Augen des Hähers, aber nicht die Nase des Hundes. Er atmet auf, sichert und schätzt: Nur noch dreihundert Meter bis zu unsrer Schützenlinie. Sein Kommando flüstert: »Jetzt vorwärts mit allem, was Peitschen, Riemen und Ochsen hergeben!« Die Räder kreischen, die Peitschen klatschen. Da springen zwei gelbe Affen hoch, ducken sich durch den Busch und heulen in ihren Schnalzlauten. Eine Hottentottenhorde stürmt herbei, um den Wagen zu nehmen. Der alte Afrikaner schreit seinen letzten Befehl: »Vorwärts! Achtet nicht auf mich!« Die Treiber tun ihre Pflicht, peitschen die armen Ochsen und bringen den Wagen ins Lager, wo er mit einem ganz schwachen Hurra empfangen wird. Jobst steht ganz allein gegen zehn, zwanzig, vierzig Wilde, immer mehr wimmeln von allen Seiten herbei. Kein Nerv seines Körpers zittert, obgleich seine Seele sieht und weiß: Das ist mein Tod. Er füllt mit Blitzschnelle die alte, treue Büchse, schießt die Frechsten weg, denn er muß den Wagen decken, die Horde aufhalten. Der alte Held ist wie ein ganzes Heer. Sein Blut fließt hier und dort. Er hört das leise Hurra der erlösten Kameraden und lächelt: Ich hab's erreicht, ertrotzt. Eine Kugel zerschmettert seinen Arm. Der Recke sinkt mit zehn Wunden zur Erde. Die gelben Bestien zerschmettern mit Kolben und Felssteinen den Körper, das Antlitz. Ein schrecklicher, nein, ein schöner Tod! Denn er stirbt für die Brüder und gibt sein alterndes Leben hin, um zweihundert junge Kameraden vom Dursttod und Wahnsinn zu erretten. Die dunkle Nacht ist gekommen. Der achtundvierzigstündige Kampf erstirbt in allgemeiner Erschöpfung. Die deutschen Streiter sind alle nach achtundvierzigstündigem Durst mit einem Trunk Wasser erquickt; die Wunden und Wimmernden, die zwischen Karren und krepierten Ochsen sich verkrochen haben, wurden zuerst und reichlich gelabt. Die Todmüden wälzen sich in schreckhaften Träumen. Die Sonne des 4. Januar geht auf. Die Offiziere beraten sich – ein Leutnant muß von Freunden getragen werden – und beschließen das einzig Mögliche, das als Unmöglichkeit erscheint. »Wir müssen die Wasserstelle haben oder langsam sterben; wir müssen stürmen, um rasch zu sterben oder zu siegen.« Kraft der furchtbaren Alternative und richtigen Heldenlogik erheben sich alle wie ein Mann. Nun gnad uns Gott! Die kraftlosen, halbtoten Krieger stürmen mit Wut den Ring der Hottentotten, die auch am Ende sind, werfen, verfolgen sie und verfeuern ihre letzten Patronen. Die Sieger von Groß-Nabas fallen am erstürmten Wasser hin und schlürfen – manch einer hat einen halben Tränkeimer geleert. Nach einem Kampfe und einer Durstqual von vierundfünfzig Stunden wird ein Ruhetag gegeben. Von der kleinen Streitmacht ist jeder dritte Mann tot oder verwundet auf dem Sandfelde geblieben. Diese Männer sind die größten Helden des ganzen Herero- und Hottentottenkrieges gewesen, aber sie haben wenig Ruhm und ihre Toten nur ein schlichtes Grab gefunden. Doch in der Kolonie wird man in späteren und mehr dankbaren Zeiten von ihren Taten singen und sagen und ihre Gräber zum deutschen Ehrenfriedhof weihen. Daselbst, bei Gochas, ruht auch Jobst Renner, der unkenntlich und nur durch die Gesichtsnarbe zu identifizieren war.– – – Längst waren die Ehrensalven über den Heldengräbern verklungen, das Feuer des großen Aufruhrs verglomm und flackerte nur noch hier und da in frechen Räubereien verwegener Bandenführer auf, um in den Wüsten und Klüften der Kalahari zu erlöschen. Der große Schmerz um die Tapferen und Toten vernarbte. Erb von Erbenheim stand mit seiner Gattin voll Wehmut und Dankbarkeit an der Gruft, auf der er einen mächtigen, knorrigen, unbehauenen, nur für die Inschrift geglätteten Findling als Denkmal errichten ließ. Darauf standen nur die Ruhmesworte: Er war ein alter Afrikaner . Mit jener unauslöschlichen Schrift, die alle Winde und Wetter nicht verwischen, stand das Gedächtnis seines Freundes und Vaters tief und treu in seinem Herzen geschrieben. Erbenheim hatte eine Hochzeitsreise nach Deutschland gemacht, kehrte aber voll Sehnsucht, ja voll Heimweh nach seinem geliebten Dornenlande, das seine Heimat sein und bleiben soll, zurück. Er kaufte für sein erworbenes und vom Onkel ererbtes Geld vierzigtausend Hektar Land am Swakopfluß, was nach deutschen Begriffen eine immense, nach afrikanischem Maßstab eine ganz nette Handfläche ist, auf der Tausende von Rindern Weide finden. Da kein grüner Rasenteppich den Boden bedeckt, sondern das Gras nur in Büscheln steht und oft zwischen Steinen sich versteckt, muß ein Stück Großvieh in Südwest vier bis zehn Hektar, d. i. eine ganze Kleinbauernwirtschaft, haben, um schlecht und recht sich zu ernähren. In diesem Kleinfürstentum von Dornen, Anabäumen, Steinen, Grasbüscheln und Futterbüschen hat der Besitzer Ellbogenfreiheit nach allen Seiten, unendlichen Aus- und Weitblick für kommende Zeiten und Geschlechter und ein reiches Arbeitsfeld für alle Kräfte. Staudämme hat er errichtet und nicht nur mit dem Brunnenbohrer, sondern sogar mit der Wünschelrute wacker gearbeitet, um die Schätze des Landes, das Wasser, aus der Tiefe zu heben. Seine Herden wachsen und vermehren sich ständig und werden einst sein, wie der Sand der Namib. Haomi, Antjes Tochter, ist Magd und Stütze im Hause. Das Mädchen ist recht brauchbar geworden und kann nur das Naschen absolut nicht lassen, obwohl sie fromm geworden ist und alle Sonntage drei Meilen weit läuft, um die Kirche des Missionars zu besuchen, der sie seine beste und bekehrteste Christin nennt. Unter den Schwarzen natürlich! Denn die Weißen sind leider in den Augen des Missionars ziemlich faule Kunden. Kitumbua, der Exkannibale, ist in Erbs Dienst geblieben und Negeraufseher auf dem Weidegut – um ein Fremdwort und nicht das übliche »Farm« zu gebrauchen –, lebt in glücklicher Ehe und hat drei kleine Bambusen. Da er hoch hinaus wollte, hielt er um ein weißes, etwas kurioses Mädchen in Windhuk an, bekam aber einen Korb und ging nach Rehoboth, wo eine schwarzweiße Dame Herz und Hand dem braven Manne schenkte, Der Hund Oviumbo fühlte sich viel zu vornehm, um den beschwerlichen Beruf des Hirtenhundes zu ergreifen, und ist Wächter und Hüter des Hauses geworden. Er hat die Tugenden des Gehorsams und der Treue sich bewahrt, aber auch die Natur des Renegatentums zu hoher Blüte entwickelt. Er haßt die Hereros und riecht sie auf hundert Meter. Sein Pläsier und Privatvergnügen ist, die schwarzen Kerle, die zum Hause kommen und erschrocken stehen bleiben, hochnäsig anzuknurren und in gebührenden Respekt zu setzen. Seine Haupttätigkeit aber und zugleich sein Hauptspaß ist, die Neger, die im Garten stiebitzen oder Feldfrüchte stehlen, auf frischer Tat zu ertappen und in die empfindlichen Waden zu beißen. Als das Diamantenfieber bei Lüderitzbucht ausbrach und bald in der ganzen Kolonie grassierte, wurde Erbenheim auch von der Krankheit angesteckt und zog mit Ochsenwagen, Schürfgerat, Wassersäcken und närrischer Hoffnung in die Namib hinein. Er kehrte aber bald und recht kleinlaut zurück und sagte laut und offen allen, die es hören wollten: »Nicht die Blendsteine im Wüstensande, sondern das blinkende Wasser und die grünende Weide sind Südwestafrikas Reichtum, Schatz und Zukunft.«