Sir John Retcliffe Sewastopol - Zweiter Band Das Testament Peters des Großen Inhalt Zum Geleit Das Vermächtnis des Zaren Der Tod des Jan Katarchi Ein Opfer des Harems Oltenitza Eine Nacht im Moor Gefangen In den Mauern Sewastopols Der Seesieg von Sinope Um Politik und Liebe Die Entführung der Nausika Widdin Der Heiduck Tschetate Der Wudkoklak Eine Stätte des Grauens Das Ende vom Anfang Blut-Ostern in Odessa Zum Geleit Das Testament Peters des Großen! – Noch kurz vor dem Weltkrieg machte es viel von sich reden; man stritt seine Echtheit ab und beschäftigte sich doch anderseits ernsthaft mit seinem Inhalt, man veröffentlichte angebliche Auszüge, man forschte nach seinem Ursprung und erzielte nie ein Ergebnis. Schließlich rollte der Weltkrieg über diese müßigen Fragen dahin – sie waren müßig vor der deutlichen Schrift der Geschichte. Der Ursprung des Testaments Peters des Großen blieb dunkel. Vielleicht, daß Sir John Retcliffe, der Mitwisser so vieler verborgenster Geheimnisse der europäischen Kabinette jener gärenden Zeit, der Enthüller oder auch gar der verständnisvolle Erfinder dieses politischen Nachlasses war – wer will es wissen? Ist's auch nicht echt, so ist's doch gut erfunden. Getreu spiegelt es den Geist wider, der damals am russischen Hof herrschte. Und wir haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, daß die Echtheit von Staatsdokumenten und Bündnisverträgen ein Nichts bedeutet gegen den Geist, der die Geschicke treibt. Der Krimkrieg war ein Massenmorden ohne innere Notwendigkeiten. Nicht die Völker verlangten diesen riesigen Aderlaß am Schwarzen Meer, wie auch die Völker nicht den Weltkrieg verlangten; die zähe Habgier und Eifersucht des englischen Kabinetts, der maßlose Ehrgeiz des dritten Napoleon und letzten Endes die allzu kühnen Pläne des Zaren Nikolaus ganz im Sinne des apokryphen Testaments seines großen Ahnen – das waren die treibenden Kräfte. Den Großen müssen die Kleinen weichen. Und für diese zwischen den Rädern der selbstsüchtigen Politik der Mächtigen zermahlenen Völker ist Sir John Retcliffe ein stimmgewaltiger Anwalt. Er erschüttert unsere Seelen. Er zwingt uns zum Nachdenken. Dies Buch ist ein Erlebnis, wie es auch seine folgenden sind. Helden und Heldinnen ringen und vergehen zwischen den Ereignissen; so Gregor Caraiskakis, die Fürstin Iwanowna Oczakow, die für ihren verschollenen Bruder den ganzen Krieg bis zum Fall Sewastopols mitficht – der Leser kennt sie schon aus dem Band »Die Wölfin von Skadar«–, der tragisch-romantische griechische Freiheitskämpfer und Räuberführer Jan Katarchi, der sich heroisch unter dem Henkerbeil opfert, um einen Größeren, als er selber ist, dem Leben und Wirken zu erhalten. Von den geheimsten Ränken des Harems in Tschiragan, dem mächtigen Großsultan Abd ul Medschid, der zu schwach ist, seine Geliebte Mariam vor einem gräßlichen Martertod in den Mauern des eigenen Palastes zu bewahren, dem bunten Leben einer vom Sultan verstoßenen jungen Haremsfrau im Konstantinopeler Heerlager, dem abenteuerlichen Geschick der schönen ungarischen Gräfin Laszlo, um deren Liebe ein russischer Offizier und ein internationaler Abenteurer ohne Ehre und Gewissen kämpfen – von all dem erzählt Sir John Retcliffe ebenso spannend wie von den verbrecherischen Mitteln, mit denen man Kriege macht und Frieden verhindert. Man wird dies Buch erst nach der letzten Zeile aus der Hand legen. Von der packenden Schlachtenschilderung bei Oltenitza bis zum Blutostern in Odessa reißt die meisterhafte Feder Sir John Retcliffes wie in einem gewaltigen Ruck. Barthel-Winkler. Das Vermächtnis des Zaren Schneidend pfiff der kalte Oktoberwind durch die menschenleeren Straßen von Petersburg, fegte den Alexander-Newski-Prospekt hinunter und brach sich, manchmal in rüttelnden Stößen aufheulend, an den Mauern des Winterpalastes. Alles lag noch in tiefem Dunkel; die große Stadt schlief. Nur ab und zu hallte der einsame Schritt einer Wache zwischen den Mauern, oder ein Isworstschik trieb mit kurzem Zuruf seinen müden Gaul über das Pflaster, um einen verspäteten Fahrgast heimzubringen. Hinter einem Fenster des Palastes stand in schweren Gedanken die wuchtige Gestalt des Zaren. Seine Augen blickten hinaus in die Nacht, zu den flackernden Gasflammen, die sich in der Newa spiegelten, in die kahlen Baumkronen, die sich vor den heftigen Böen beugten, und hinauf zu den rasenden Wolken, zwischen denen nur dann und wann das Leuchten der Sterne einen Weg zur nächtlichen Erde fand. Aber Zar Nikolaus merkte nichts von alledem. Seine Gedanken trugen ihn wie Fausts Zaubermantel weit über sein Riesenreich hinunter in den Süden – an die Donau, an die Ufer des Schwarzen Meers, zu der halbmondgekrönten Hagia Sophia in Stambul. Die Kriegswürfel rollten – was würden sie für Rußland bringen? Tausende um Tausende würden sich opfern, heldenmütig, auf den Wink seines Fingers zum Tod bereit, und er allein trug die ewige Verantwortung für ihr Sterben. Er schrak heftig auf aus seinem Träumen und wandte sich zurück in das spärlich erhellte Gemach. Scharf und kurz rasselte der Wecker; der Zeiger der kleinen Uhr wies auf fünf. Die quälenden Gedanken hatten ihn schon zwei Stunden vor der gewohnten Zeit aus dem Schlaf gestört, und er hatte vergessen, den Wecker abzustellen. Schwer ließ er sich an seinem Arbeitstisch nieder und langte nach dem Stoß von Papieren und Akten, die seiner Durchsicht harrten. Aber müde zog er die Hand zurück; sein Auge wanderte wie gebannt hinüber an die Wand und blieb über einem Bücherschrank auf dem Brustbild Peters des Großen haften. Ein Zug eiserner Entschlossenheit legte sich auf das Gesicht des Zaren. »Gott mache Rußland groß!« sagte er laut vor sich hin. Er stand auf, trat an das einfache Rollbett und holte unter dem Lederkissen einen Stahlring mit sechs verschiedenen Schlüsseln hervor; dann schritt er auf das Bild zu, stieg auf einen der starken Sessel, drückte einen Schlüssel in eine von unten fast unsichtbare Öffnung, die sich in der Mitte eines Ordenssterns auf dem Bilde befand – und die Kupferplatte, auf die das Porträt gemalt war, sprang auf. Aus der Nische dahinter nahm er ein Kästchen von ziseliertem Eisen und mit goldenen Arabesken ausgelegt. Der Deckel trug den Doppeladler Rußlands mit der Krone darüber. Ein schneller Griff der kräftigen Hand – und der Behälter ließ sich leicht öffnen. Vorsichtig stieg der Zar von dem Sessel herunter und setzte sich wieder an den Arbeitstisch. Behutsam, fast zärtlich entnahm er dem Kästchen eine alte Pergamentrolle und streifte sie auf. Zar Nikolaus hielt das Testament seines Ahnen Peters des Großen zwischen den Händen ... Es war in der Tat jenes Dokument, das die Diplomatie und die Presse der ganzen Welt in leidenschaftliche Auseinandersetzungen gestürzt und das auch heute noch von vielen für eine Erfindung der Gegner Rußlands gehalten wird. Das Pergament trug die Jahreszahl 1725; Peter der Große hatte es nur wenige Wochen vor seinem Tode niedergeschrieben. Langsam glitten die Augen des Zaren über die verblaßten Schriftzeichen. Seine Lippen bewegten sich beim Lesen; im Flüsterton sprach er die Sätze vor sich hin, als wolle er sich den Inhalt ganz besonders fest und unverlöschlich einprägen. »Im Namen der hochheiligen und unteilbaren Dreieinigkeit, Wir Peter, Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen usw. allen Unseren Abkömmlingen und Nachfolgern auf dem Thron und in der Regierung der russischen Nation: Der gütige Gott, von dem Wir Unser Dasein und Unsere Krone haben, hat Uns beständig mit seinem Licht erleuchtet und mit seiner göttlichen Hilfe gehalten. Nach dem Plane der Vorsehung ist das russische Volk berufen zur allgemeinen Herrschaft über Europa für die Zukunft. Rußland fand Ich vor als einen Bach; Ich hinterlasse es als einen Fluß; unter Meinen Nachfolgern muß es ein großes Meer werden, bestimmt, das verarmte Europa zu befruchten. Dazu übergebe Ich ihnen das Vermächtnis der folgenden Unterweisungen, deren stete Beachtung und Befolgung Ich ihnen einschärfe, so wie einst Moses dem Volke Israel die Gesetztafeln gab. 1. Das russische Volk stets auf dem Kriegsfuß erhalten, ein Volk von Soldaten, abgehärtet durch Gehorsam, stets zur Verwendung bereit. Dem Heere gerade so viel Rast geben wie nötig ist, um die Finanzen sich erholen zu lassen und die Truppen zu ergänzen. Die geeignetsten Gelegenheiten zum Angriff wählen. Krieg dem Frieden, Frieden dem Kriege. Dienstbar machen, immer zu dem Zwecke, das Gebiet Rußlands zu vergrößern, sein Gedeihen zu fördern. 2. Durch alle möglichen Mittel aus den gebildeten Völkern Europas die geschicktesten Heerführer und Männer von Gelehrsamkeit und Bildung in den russischen Dienst ziehen, so daß Rußland die eigentümlichen Vorzüge aller Völker gewinnt, ohne seine eigenen zu verlieren. 3. Bei allen Gelegenheiten sich in die innern Angelegenheiten und Streitigkeiten des übrigen Europas mischen, vorzüglich des Deutschen Reiches. 4. Polen zerrütten durch Erregung fortwährender Unordnungen und Parteikämpfe. Die Regierungen kaufen. Durch den Reichstag Einfluß auf die Königswahlen gewinnen. Unsere Kandidaten wählen lassen, sie unter Protektion nehmen, kraft dieses Protektorats das Land besetzen, bis es Zeit ist, ganz darin zu bleiben. Wenn die benachbarten Mächte dieser Politik Schwierigkeiten machen sollten, sie für den Augenblick durch eine Teilung des polnischen Gebiets beruhigen, bis es Zeit ist, ihnen das Hingegebene wieder abzunehmen. 5. Von Schweden so viel Gebiet nehmen, wie zu bekommen, und es zum Angriff reizen, damit Gelegenheiten gewonnen werden, es zu unterwerfen; zu dem Zweck Schweden von Dänemark trennen und umgekehrt und ihre Eifersüchte sorgfältig nähren. 6. Die Gemahlinnen für die russischen Prinzen stets aus deutschen Häusern wählen, um dadurch unsern Einfluß in Deutschland zu mehren. 7. Handelsbündnis vorzugsweise mit England suchen, das uns am meisten für seine Flotte braucht und uns am nützlichsten für die Entwicklung der unsrigen werden kann. Im übrigen vor England zu hüten. 8. Uns unablässig im Norden an dem Baltischen, im Süden an dem Schwarzen Meer ausdehnen. 9. Konstantinopel und Ostindien soviel wie möglich näher kommen. Wer dort herrscht, wird der wahre Herr der Welt sein. Zu dem Zweck unablässig Krieg erregen, abwechselnd gegen die Türkei und gegen Persien: Werften am Schwarzen Meer anlegen. Dieses, wie das Baltische Meer, Schritt vor Schritt in Besitz nehmen. Den Verfall Persiens beschleunigen. An den Persischen Meerbusen vordringen. Wenn möglich den alten Handelszug durch Syrien herstellen und gradenwegs auf Indien losgehen. Wenn einmal da, können wir das Gold Englands entbehren. 10. Das Bündnis Österreichs mit Eifer suchen und pflegen. Offen den Gedanken Österreichs an eine künftige Herrschaft über Deutschland unterstützen, aber im geheimen die Eifersucht der deutschen Fürstenländer anfachen. Es dahin bringen, daß beide Teile Rußland um Hilfe angehen, und über Österreich ein Protektorat ausüben als Vorbereitung zu der künftigen Beherrschung. 11. Das Haus Österreich für die Vertreibung der Türken aus Europa gewinnen und seine Eifersucht auf den Besitz Konstantinopels dadurch unschädlich machen, daß man es entweder in Krieg mit andern europäischen Staaten verwickelt oder ihm ein Stück von der Eroberung abgibt, das ihm zu gelegener Zeit wieder abzunehmen ist. 12. . Planmäßig dahin arbeiten, alle slawischen Stämme und die an der Donau und im südlichen Polen zerstreuten schismatischen Griechen um uns zu sammeln, uns zu ihrem Mittelpunkt, ihrem Rückhalt zu machen und vorläufig einen überwiegenden Einfluß zu gewinnen durch eine Art von politischer und priesterlicher Oberherrlichkeit. In dem Maße, wie dies ausgeführt wird, haben wir Freunde inmitten unserer Feinde erworben. 13. Wenn Schweden geteilt, Persien unterworfen, Polen unterjocht, die Türkei erobert, unsere Armeen zusammengezogen und das Schwarze und das Baltische Meer von unseren Flotten bewacht sind, dann müssen wir einzeln und im tiefsten Geheimnis erst dem Wiener und dann dem Versailler Hof den Vorschlag machen, mit uns die Herrschaft der Welt zu teilen. Wenn der eine annimmt, was nicht fehlen kann, so ist er als Werkzeug zu brauchen, um den andern zu vernichten, dann der übrigbleibende zu vernichten in einem Kampfe, dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein kann, wenn Rußland schon den Osten und einen Teil Europas besitzt. 14. Wenn, was nicht wahrscheinlich ist, beide Mächte das Anerbieten Rußlands ablehnen, so wird es notwendig sein, sie in einen Streit zu verwickeln, in dem sie sich gegenseitig erschöpfen. Dann muß Rußland den entscheidenden Augenblick ergreifen, seine bereitgehaltenen Truppen über Deutschland ausgießen und gleichzeitig zwei Flotten von dem Schwarzen und dem Baltischen Meer mit asiatischen Horden gefüllt in das Mittelländische Meer und den Ozean schicken und Frankreich überschwemmen. Wenn Deutschland und Frankreich unterworfen sind, wird der Rest Europas uns leicht und ohne Schlag zufallen. So kann und muß Europa unterworfen werden.« Unter dem Dokument standen die Namenszüge aller, die nach Peter dem Großen auf dem Zarenthron gesessen hatten; als letzter in großen steilen Zeichen der des Zaren Nikolaus aus dem Jahre 1825, mit dem Datum der Stunde, ehe er die Krone erhielt. Der einsame Mann atmete tief auf. Er verschloß Dokument und Kästchen wieder an dem verborgenen Ort und trat an das Fenster. Wie Feuer glühte das Blut in seiner Stirn; er riß das Fenster auf und gab den heißen Kopf dem kalten Winde preis. »Beim Blute Ruriks«, sagte er halblaut vor sich hin und hob den Blick zum Himmel, an dem jetzt Millionen Sterne funkelten. »Beim Blute Ruriks – ich habe durch meine Unterschrift gelobt, einen Schritt vorwärts zu tun für Rußlands Ehre und Größe – ich werde mein Wort nicht brechen. – Wohl hab' ich gezögert, doch jetzt ist die Stunde gekommen!« Er schloß das Fenster, ging in das Ankleidezimmer, warf den Mantel um die Schultern und stülpte den Helm auf. Leise trat er ins Vorgemach hinaus, schritt an den beiden schlafenden Pagen vorbei, dankte dem diensthabenden Kammerherrn für den Morgengruß durch ein Kopfnicken und stieg langsam die breite Treppe zum Vorhof hinab. Der Tod des Jan Katarchi Um vier Uhr morgens, am 13. Oktober 1853, einem Donnerstag, donnerte eine kräftige Faust an das Tor des Konaks Ismael Paschas, des neuen Statthalters von Smyrna. Schlaftrunken und scheltend über den Lärm erhoben sich die Kawassen der Wache und öffneten die Pforte. Drei in Mäntel gehüllte Männer schritten in den Hofraum; der eine das Gesicht tief in die Falten verborgen, alle bis an die Zähne bewaffnet. »Weckt den Statthalter«, sagte einer der Fremden; »Janos Katarchi will ihn sprechen.« Die Kawassen und Tschokadars lachten. »Du – Jan? – Maschallah, seht diesen Sohn eines Schweins! – Meinst du, du könntest einem Moslem in den Bart lachen? Du bist ein Esel und deine Väter waren Esel. Wir spucken auf ihr Grab und sprechen: Delhi der – es sind Tolle!« »Jan«, höhnte ein anderer, »wird sich selber in die Höhle des Löwen wagen? Woher kommt Ihr, daß Ihr solchen Kot redet?« Der Verhüllte warf den Mantel ab und rief mit donnernder Stimme: »Ich bin Janos! – Geht!« Zugleich legten alle drei ihre Waffen auf das Pflaster des Hofes und standen ernst und unbeweglich da. In die Diener des Paschas kam Leben, als sie diesen gefürchteten Mann sahen; Schlaf und Zweifel wichen aus ihren Augen und sie beeilten sich, die seltsame Kunde ihrem Herrn zu bringen. In kurzer Zeit erschien der Kiaja Bey, der Stellvertreter des Paschas, bald darauf der Gouverneur, der Statthalter selber. Bis dahin hatte Jan auf keine Frage geantwortet. Erst als Ismael Pascha, ein Moslem von strenger, achtunggebietender Haltung erschien, faßte er die Hand eines seiner Begleiter und ging mit diesem auf den Pascha zu. »Du hast diesem Mann versprochen, den jungen Griechen, der auf Verlangen des Inglis Konsul in deine Haft gebracht wurde, freizugeben und unbelästigt ziehen zu lassen, wenn Janos, der Kameltreiber, der Räuberhauptmann von Smyrna, in deine Hand gegeben würde. Wohl! Ich bin Janos und stelle mich selber. An dir ist es, dein Wort zu halten.« Der Pascha strich sich den dunklen Bart; aufmerksam schaute er den so eifrig Verfolgten an. Dann sagte er ruhig: »Khosch dscheldin! Ihr seid willkommen! – Dschidelim! Laß uns gehen!« Damit wandte er sich nach der Tür des Selamlik und schritt voran, gefolgt von Janos und seinen beiden Gefährten. In der großen Halle des Konaks, die zugleich zu Gerichtssitzungen diente, nahm der Pascha auf dem Diwan Platz und lud die Fremden ein, ein Gleiches zu tun, indem er sie höflich als seine Gäste behandelte. Auf seinen Befehl erschien alsbald der Diwan Effendi, der Schreiber des Paschas, und setzte ein Schriftstück auf. Es lautete: »Nachdem Janos, genannt Katarchi, Räuber und Wegelagerer im Gebiet des Paschaliks von Smyrna, Seiner Hoheit dem Statthalter Ismael Pascha seinen Leib zur freien Verfügung angeboten, wenn der in Haft Seiner Hoheit wegen Teilnahme an räuberischem Überfall und Brandstiftung befindliche Griechenführer Gregor Caraiskakis jeder Strafe frei und ledig entlassen werde, hat Seine Hoheit der Pascha diesen Vorschlag angenommen und ist darüber dieser Vertrag geschrieben und unterzeichnet worden.« Jan Katarchi nickte, als diese Schrift verlesen wurde, dann nahm er die vom Schreiber ihm angebotene Feder und malte in rohen Zügen zwei sich kreuzende Messer darunter, als sein Zeichen, wobei er eine Abschrift verlangte, die der Statthalter gleichfalls unterschrieb. Von diesem Augenblick an war Jan nach türkischer Sitte für drei Tage Gast im Konak des Pascha. Man brachte ihm alsbald Tschibuk und Kaffee; der Statthalter unterhielt sich lange mit ihm über seine Taten und die Mittel und Wege, durch die er bisher allen Nachforschungen entgangen war. Jan Katarchi erzählte offenherzig und mit einem gewissen Stolz, hütete sich jedoch sorgfältig, Namen zu nennen und vermied geschickt, seine Anhänger in der Stadt bloßzustellen. Er bat den Pascha, den Gefangenen Caraiskakis bis zur Beendigung seines eigenen Prozesses in Ungewißheit über das Geschehene und in Haft zu lassen, und für den Fall, daß während des Tages ein Knabe sich zeigen und nach ihm verlangen sollte, auch auf diesen die Gastfreundschaft auszudehnen. Wie ein Lauffeuer durcheilte am Morgen die Kunde von der Tat des berühmten Räuberhelden die Stadt. Das Volk sammelte sich vor dem Tor des Konaks, und eine Menge der vornehmsten und reichsten Griechen Smyrnas besuchte ihn ungescheut, beklagte seinen Entschluß und hielt lange Unterredungen mit ihm. Jan bewegte sich unterm Schutz der türkischen Sitte unbehindert im Umkreis des Konaks; jeder seiner Wünsche wurde gleich einem Befehl erfüllt. Mehrmals ließ ihn der Pascha zu sich kommen, um ihn den neugierig zum Besuch eingetroffenen fremden Konsuln zu zeigen, und alle unterhielten sich voll Teilnahme mit ihm. Im Laufe des Tages hatte sich auch der Knabe Mauro eingefunden und bediente fortan seinen Herrn und Oheim. Es ist ein eigentümlicher Zug im orientalischen Leben, daß trotz wütendem Haß zwischen Türken und Griechen beide heilig auf ein unter gewissen Bedingungen gegebenes Wort bauen. Ismael Pascha mußte die freiwillige Auslieferung des Bandenführers sehr willkommen sein, da er sonst seiner nie habhaft geworden wäre. Denn obgleich er weit energischer als sein Vorgänger im Amte auftrat, so verhieß doch die politische Färbung, die jetzt die Banden anzunehmen begannen, eine weit drohendere Gefahr. In Smyrna, Sardes und Ephesus bereiteten sie offen den Aufstand vor, suchten die Unzufriedenen an sich zu ziehen und die griechische Bevölkerung zur Erhebung aufzureizen. Jan galt zugleich als der verwegenste und gefährlichste Führer, und es war den Türken sehr wohl bekannt, daß gerade zu ihm die griechische Bevölkerung als zu dem geeignetsten Leiter einer Empörung aufsah. Da, zu Anfang Oktober, an dem Tage, da der Sultan an den Zaren Nikolaus den Krieg erklärte, wurde auf einem Dampfer der in Dardanelli an einer Wunde krank liegende Caraiskakis Der Griechenführer Gregor Caraiskakis war in einem Zweikampf mit dem Verführer seiner Schwester Diona, dem Baronet Edward Maubridge, verwundet worden, nachdem er das Mädchen gegen dessen Willen aus Maubridges Landhaus in kühnem Überfall geraubt hatte. Jan Katarchi hatte vor Jahren als Freund und Diener der Familie Caraiskakis die entsetzliche Leidenszeit der Griechenmartern auf Chios und Tschesme miterlebt und den alten Eltern Gregors versprochen, ihre Kinder, wo es auch immer sei, zu schützen. – Vergleiche den Band »Die Wölfin von Skadar«. in Fesseln an den Statthalter von Smyrna abgeliefert. Den eben Genesenen hatte mitten in seinen Nachforschungen nach der entflohenen Schwester und Maubridge der dortige englische Konsul durch die türkischen Behörden verhaften lassen. Der Vizekonsul von Smyrna hatte – offenbar auf Veranlassung des Baronets – eine Klage gegen ihn auf Teilnahme an dem Überfall und dem Niederbrennen seines Landhauses erhoben. Der Banditenführer schien seine Spione selbst im Konak des Paschas zu haben; denn alsbald hatte er erfahren, daß der Sohn seines alten Herrn in dem türkischen Gefängnis lag und wahrscheinlich verurteilt und in die Verbannung nach Rhodus gebracht werden würde. Zwei Tage vor dem seltenen Ereignis, das jetzt alle Jungen von Smyrna in Bewegung setzte, war daher ein Fremder im Konak des Paschas erschienen und hatte diesem das Anerbieten der Selbstauslieferung des Räubers gemacht. Am zweiten Tage wurde Jan nochmals zum Statthalter gerufen. Er machte ihm den Vorschlag, in seinen Dienst zu treten und das Amt eines Kawaß Baschi, eines Polizeihauptmanns, zu übernehmen, ein Posten, der in der Türkei sehr häufig das Ende einer Räuberlaufbahn ist. Aber Jan verweigerte trotz aller Vorstellungen, was sonst seiner harrte, standhaft die Annahme des Vorschlags. So verging auch der dritte Tag unter den Vorbereitungen, die der Pascha zu dem Gericht über Katarchi treffen ließ. Am Nachmittag hielt Jan noch eine längere Unterredung mit mehreren angesehenen Griechen aus Smyrna; er schien seine letzten Verfügungen getroffen zu haben. Als die Sonne im Westen in dem prachtvollen Golf von Vurla verschwand, und ihre letzten Strahlen den Pagus färbten, legten die Kawassen des Paschas Jan und seinen zwei Gefährten, die sein Schicksal teilen wollten, schwere Fesseln an. Die drei Sonnen der Gastfreundschaft waren vorüber, die nächste sollte über dem Gericht aufgehen. Gleichzeitig öffnete sich das Gefängnis des Konaks; der noch von schwerem Krankenlager erschlaffte Gregor wurde herausgeholt, und der Kiaja Bey verkündete ihm seine Freilassung mit dem Bemerken, daß er Smyrna spätestens am anderen Tage zu verlassen habe. Das Wiedersehen des Griechen mit dem gefesselten Freunde seiner Kindheit war ergreifend. Er ahnte nichts von dem heldenmütigen Opfer Jan Katarchis und glaubte ihn auf einem seiner Streifzüge von den Leuten des Statthalters gefangen; mit keinem Laut verriet Jan sein Geheimnis. Gregor warf sich – unbekümmert um das blutige Handwerk des Mannes – in seine Arme und beklagte, das eigene vergessend, sein Schicksal. Auf den ausdrücklichen Wunsch Jans hatte Ismael Pascha gestattet, daß der Freigelassene bis zur herannahenden Katastrophe in seiner Gesellschaft bleiben durfte, und beide verbrachten die Nacht mit dem Knaben Mauro allein in der Zelle des Gefangenen. Dort erst hörte Jan mit stummem Grimm von der neuen Flucht des betörten Mädchens, dem Zweikampf Gregors mit Sir Maubridge und die Ursache seiner Verhaftung. Dagegen erfuhr Caraiskakis, daß schon am andern Morgen, noch ehe er selber Smyrna verlassen hatte, das Schicksal des Klephten Sehr freiheitlich gesinnter südgriechischer Stamm, der den Türken zur Zeit ihrer Balkanherrschaft viel zu schaffen machte. Man nannte die tapferen Männer auch Palikaren. entschieden sein würde. Jan täuschte sich keinen Augenblick; alle seine Worte hatten das ernste Gepräge des letzten Vermächtnisses an einen Freund vor dem schweren Gang in die Ewigkeit. Seine Rede, der der Mann und der Knabe aufmerksam während der schweren Nacht lauschten, atmete in jedem Laut den tiefen Haß des griechischen Volkes gegen seine Unterdrücker und Tyrannen. Sie mahnte Gregor an den Heldentod des Vaters, an die teuren Gelübde, die er der Befreiung seines Volkes und seines Glaubens beim Eintritt in den Bund von Elpis geschworen, und Mann und Knabe wiederholten in die Hand des Todgeweihten das Gelöbnis eines nur mit dem Leben endenden Hasses und Kampfes gegen den Halbmond. Erst gegen Morgen legte sich der Palikare zum Schlaf – es sollte der letzte sein, von dem er auf dieser Erde wieder erwachte. Der Kawaß Baschi, dessen Nachfolger zu werden er verschmäht, weckte ihn und führte ihn, begleitet von seinen beiden Genossen und Mauro, in die große Halle des Konaks. Dort waren der Statthalter mit seinen beiden Schreibern, der Kiaja Bey, der Kadi Askar, der Oberrichter Smyrnas, und eine Anzahl Mollahs und Muftis, Rechtsgelehrten, versammelt, desgleichen mehrere europäische Konsuln und zahlreiches Volk, meist Griechen. Ismael Pascha leitete selber die Gerichtsverhandlung; es wurden viele Zeugen vernommen, die sich in der Gewalt der Wegelagerer befunden oder Freunde und Verwandte mit schweren Summen ausgelöst hatten. Auch mehrere Mordtaten wurden Jan Katarchi nachgewiesen, und der englische Vizekonsul beharrte gleichfalls auf seiner Klage wegen Einbruches in das Landhaus und Mordes gemeinsam mit Caraiskakis. Jan Katarchi blieb kalt bei all den Anklagen und Beweisen. Er versuchte mit keinem Wort, seine Taten zu beschönigen, sondern beschränkte seine Verteidigung einzig auf die Erklärung, daß er nur gegen die Feinde seines Glaubens und seines Volkes also gehandelt habe. Desgleichen weigerte er sich auch jetzt, die Namen seiner Zuträger und Freunde in Smyrna zu nennen und suchte möglichst alle Schuld seiner beiden Gefährten auf sich zu nehmen. Unter diesen Umständen konnte der Ausgang des Verfahrens nicht zweifelhaft sein, und die Verhandlung wurde nach der Dauer von kaum zwei Stunden geschlossen. Der Rat der Mollahs fällte das Urteil, daß Janos – genannt Katarchi – als überwiesener Mörder und Wegelagerer die Strafe von fünf Yataganhieben zu erleiden habe. Seine beiden Gefährten wurden zu lebenslänglicher schwerer Galeerenstrafe verurteilt. Nachdem der Statthalter das Urteil bestätigt hatte, verkündigte es ein Ausrufer von der Schwelle des Gerichtssaales und in den Gassen der Stadt. In der Türkei folgte die Vollstreckung des Urteils dem Ausspruch gewöhnlich auf dem Fuße. Von den Kawassen umgeben, wurde der Verurteilte nach seiner Zelle zurückgebracht, um sich in der kurzen Frist, die ihm noch gegönnt war, zum Tode vorzubereiten. Eine rasche Vollstreckung des Urteils schien dem Pascha notwendig; bereits während der Verhandlungen hatte sich unter der griechischen Bevölkerung Smyrnas eine große Aufregung kundgetan, die einen gewaltsamen Versuch zur Befreiung ihres Helden und Palikaren befürchten ließ. Die Besetzung Smyrnas war zur Zeit wegen der allgemeinen Truppensendungen nach Rumelien und zum Heer unter Selim Pascha bei Tortum und Batum sehr schwach. Der Statthalter ließ daher das Tor des Konaks schließen und befahl, die Hinrichtung im Hofe vorzunehmen, anstatt wie sonst in den Straßen der Stadt zur öffentlichen Warnung. Es war Gebrauch, die Leichname der Gerichteten eine Zeitlang am Orte der Hinrichtung liegen zu lassen, bis sie den Freunden oder Verwandten übergeben wurden. Als Jan in die Zelle zurückkam, verkündete sein Auge dem harrenden Freunde, den man wegen der Anwesenheit seines eigenen Anklägers, des englischen Vizekonsuls, nicht zum Gericht zugelassen hatte, das Urteil. Der Palikare hatte längst jene Gleichgültigkeit gegen das Leben angenommen, die den Orientalen im allgemeinen eigen ist, und er unterwarf sich dem Tode mit einer Ruhe und Würde, die das Erhabene seiner Aufopferung noch erhöhte. Er selber beruhigte den tieferschütterten Freund und sprach ihm Mut zu; er nahm ihm das Versprechen ab, für den Knaben Mauro zu sorgen und ihn zu seinem Rächer zu erziehen. Der Knabe, der, ohne eine Miene zu verziehen, dem Gericht des Paschas beigewohnt hatte, hielt stumm die Hand seines Oheims. Nur die keuchende Brust und das wild flammende Auge, wenn es sich durch die offene Tür auf die Kawassen richtete, zeigte den Sturm leidenschaftlicher Gefühle in seinem Innern. So war die Mittagsstunde herangekommen; ein kurzer Trommelwirbel der aufgestellten Soldatenabteilung verkündete den Beginn der furchtbaren Handlung. Beim ersten Schlag der Trommel richtete sich Jan Katarchi, der mit Gregor zum Gebet niedergekniet war, auf und schlug das Zeichen des Kreuzes. Dann trat er auf den Mann zu, den er einst als Kind auf Chios aus den Händen der Türken gerettet und jetzt wieder von Schmach und Kerker mit dem eigenen Leben löste. »Gregor Caraiskakis,« sagte er, »der dreieinige Gott mit seinen Heiligen und den seligen Geistern derer, die für das Kreuz gestorben, schaut auf uns herab in dieser Stunde. Auch dein Vater ist unter ihnen und ich hebe meine Hand auf zu ihm und hoffe, daß er Fürbitte einlegen wird für meine Sünden – denn treu bis zum Tode habe ich meinen Schwur gehalten, sein Blut zu retten und zu schützen. – Ich bin alt, mein Weg geht abwärts, der deine hinauf – der morsche Eichbaum sinkt vor den Stürmen, der kräftige junge Stamm wird ihnen trotzen. Leb' wohl, Gregor Caraiskakis – vergiß nie den Haß gegen die Tyrannen, so wahr dir und mir der Gott unserer Väter barmherzig sein möge!« Die Gewehre der Wache rasselten auf dem Pflaster; die Kawassen traten in den Eingang der Zelle. Gregor warf sich an die Brust Jan Katarchis. Auch über dessen braune Wangen rollten große Tropfen – dann riß er sich kräftig los. »Sollen wir Weiber sein vor diesen Moslems in der Stunde des Todes nach einem Leben voll Kampf und Rache? Fluch und Haß ihnen bis zum letzten Hauch! – Und du, Knabe, der du die Geschichte meiner Jugend mit heißem Herzen angehört: wenn der Todesengel die Hand auf mich legt, gib mir den Ruf mit hinüber, dessen Erinnerung so oft mir die Brust gehoben: Gott und die Heiligen – Chios und Tschesme!« Der Knabe drückte ihm krampfhaft die Hand – keine Träne stand in dem dunkel glühenden Antlitz. Als Gregors Blick darauf fiel, schämte auch er sich des Schmerzes; starr und finster nahm er die andere Hand des Freundes, der in ihrer Mitte ruhig und stolz hinausschritt in den Hof. Am Fenster des Selamlik stand der Pascha inmitten seiner Offiziere und rauchte ruhig seinen Tschibuk. Wachen hatten das Tor und die Ausgänge besetzt. In der Mitte des Hofes bildeten die Kawassen einen weiten Kreis, in dessen Inneren die beiden zur lebenslänglichen Galeerenhaft verurteilten Gefährten des kühnen Palikaren standen; neben ihnen in kurzen braunen Mänteln die beiden Kawassen: die Henker. Dorthin wurde Jan geführt – noch ein Händedruck, und der Mann und der Knabe mußten am Eingang des Kreises zurückbleiben. Mit festen Schritten trat Jan Katarchi näher; die letzten Genossen seines wilden Lebens stürzten sich trotz der Fesseln auf ihn und bedeckten seine Hände und Kleider mit Küssen. Die Polizisten rissen sie fort, und auf einen Wink des Kawaß Baschis kniete Jan, das Zeichen des Kreuzes schlagend, auf dem Boden nieder, indes einer der Henker seine Hände schnell auf dem Rücken zusammenband. Ein letzter Blick – ein letzter Gruß – »Gott und die Heiligen!« Die helle Stimme des Knaben rief es schneidend in den stillen Kreis – die beiden Kawassen neben dem Knienden warfen die Mäntel ab – in ihren Händen blinkten die schweren Yatagans mit dem bleigrauen Glanz der echten Klingen. Ein Zeichen des Baschis – die Trommel wirbelte und der eine der Kawassen führte den ersten Streich. Das Urteil der fünf Yataganhiebe ist nur eine Formel – die Henker der Türkei sind ihres fünften Hiebes sicher. Viermal hob sich der Yatagan und fiel auf den Nacken Jans, kaum die Haut blutig ritzend – dann sprang der Kawaß zurück und der zweite im selben Augenblick herbei. »Rache für Chios! – Rache für Tschesme!« Der schrille Ruf Mauros übergellte den Trommelwirbel und das Zischen des Hiebes – – weit vom Nacken rollte das Haupt auf den Boden hin. Krampfhaft öffneten und schlossen sich die Schlagadern und spritzten das Blut weithin – dann fiel der Leib Jan Katarchis schwer vornüber auf die Erde. Durch den Kreis der Kawassen brach der Knabe und warf sich auf den blutenden Leichnam seines Schützers und Verwandten. Der kühne Trotz war gebrochen; die leidenschaftliche, griechische Natur machte sich geltend; Schrei auf Schrei durchgellte die Luft, vermischt mit wilden Klagen und Verwünschungen gegen die Türken. Neben ihm und der Leiche kniete Gregor Caraiskakis im Gebet. Ohne sich um die Tränen und Verwünschungen zu kümmern, nahmen die Henker das Haupt des Gerichteten und befestigten es an einer eisernen Spitze über dem Tore. Zugleich wurden die Pforten geöffnet, und das Volk strömte in den Hof zur Richtstätte. Der Pascha hatte sehr richtig gerechnet: die Vollziehung des Urteils hob jede Gefahr auf und brach die Aufregung der Menge. Wohl erging sie sich in Drohungen, indes auf solche achtet der Türke nicht – wo Haß und Schmerz Worte finden, werden sie selten zur Tat. Im Gebet an der Leiche des Getreuen störte Caraiskakis eine Hand, die sich auf seine Schulter legte; eine Stimme sagte leise zu ihm: »Im Namen und Auftrag Jans des Palikaren soll ich Euch mit mir führen von dieser Stätte, die Euch Gefahr droht. Ich habe gelobt, für Eure Sicherheit zu sorgen.« Gregor schaute auf; er sah einen alten Mann in dem schwarzen Gewande der Armenier. Fast willenlos gehorchte er der Aufforderung und erhob sich. Er sah, wie ein anderer Mann Mauro an die Hand nahm und folgte dem Unbekannten, nachdem ihm dieser versichert hatte, daß für die Beerdigung Jan Katarchis gesorgt sei. Sein Führer geleitete ihn durch die Gassen der Türkenstadt nach dem fränkischen Viertel und dort in eines der Häuser, deren Hof ans Ufer des Meeres stößt. Dort wurde ihm eine kurze Erholung gegönnt; da er jede Erfrischung von sich wies, fuhren die vier in einem Boot zu dem im Hafen ankernden Lloyddampfer, der binnen zwei Stunden seine Fahrt nach Konstantinopel fortsetzen sollte. Der Greis hatte für Paß und Fahrschein gesorgt. – Alles schien vorbereitet. Auf dem Verdeck führte der Alte Gregor an eine einsame Stelle, von der sie hinüberschauen konnten nach der ausgedehnten Stadt. »Ich bin Ihr Landsmann und Glaubensgenosse, Herr,« sagte er, »und habe dies Gewand nur angelegt, um weniger beachtet zu werden. Mein Auftrag ist erfüllt und ich habe Ihnen jetzt nur noch wenige Worte zu sagen und einiges zu übergeben. Wenn auf Ihrer ferneren Laufbahn Ihr Gedanke oder Ihr Blick nach Smyrna zurückkehrt, dann erinnern Sie sich, daß dort ein Grab ist, das für Sie geöffnet worden. Janos Katarchi, der Kameltreiber, der Räuberhauptmann, der Palikare, der Held seines Volks, ist für Sie gestorben – diese Schrift, mit seinem Lebensblut bespritzt und nach seinem Befehl von der Brust seiner Leiche genommen, wird Ihnen Kunde davon geben. Jan war von uns zu hohen Dingen bestimmt; er hat uns auf Sie verwiesen, als jünger und geeigneter für den großen Kampf, der sich vorbereitet. Wir wissen, daß Sie mit Ihren Brüdern der Elpis, der Hetärie, dem Rächerbunde angehören und nie im Kriege gegen unsere Unterdrücker nachlassen werden. Was Jan besaß – kein Tropfen griechischen Blutes, kein Para griechischen Geldes klebt daran – hat er bei uns niedergelegt und zu einem Vermächtnis für Sie bestimmt, auf daß Sie es im Kampfe für unsere heilige Sache und zur Verfolgung Ihres Feindes verwenden mögen. Die Griechen der Hetärie von Smyrna haben das fehlende hinzugetan; ich überliefere Ihnen hier hunderttausend Piaster in drei Wechseln auf Konstantinopel, Varna und Odessa. Möge der Himmel Sie schützen und segnen, Sie und diesen Knaben.« Gregor Caraiskakis war wie zu Boden geschmettert. Tausend Fragen drückten sein übervolles Herz; aber der Greis wehrte allen und bestieg die Barke, die ihn nach Smyrna zurücktrug. Ein Opfer des Harems Eine finstere, entschlossene Ruhe, ein noch strengerer Ernst, als er schon früher gezeigt, hatte sich über das ganze Wesen Gregor Caraiskakis' gelagert. Nur zuweilen funkelte sein dunkles Auge; ein unheimliches Leben sprühte darin. Gleich ihm stumm und verschlossen zeigte sich auch der Knabe; er beobachtete alles mißtrauisch, was er hörte und sah; fast nie wich er von der Seite seines neuen Schützers. Er schien alle Neigungen des Knabenalters abgestreift zu haben. Beide waren am Tage vorher mit dem Lloyddampfer von Smyrna gekommen und hatten in einer der hinteren Straßen von Pera Unterkunft gefunden. Gregor hatte gehofft, in den Kaffeehäusern am Campo Kunde zu finden von seinem alten Freunde und Gefährten Doktor Welland, der ihm bei der Befreiung Dionas, seiner Schwester, so aufopfernd geholfen. An einem Abend, der ihn spät heimführte, traf er wie durch Fügung auf ihn, als Welland mit dem verräterischen Paduani zusammen von dem berüchtigten Sta Lucia und seinen Mordgesellen überfallen wurde. Paduani ereilte sein Schicksal Der Tod Paduanis in Konstantinopel ist geschichtlich. Vergleiche den Band »Die Wölfin von Skadar«. , aber den bedrohten Welland vermochte Gregor noch zu retten. Mit Recht glaubte Caraiskakis in Konstantinopel zunächst am sichersten die Spur des Briten Maubridge und seiner Schwester Diona erforschen zu können, und wollte deshalb dort einige Zeit verweilen. Für Welland, der eine immer innigere Zuneigung zu Gregor empfand, war dies eine sehr willkommene Nachricht, und er versprach, ihn nach Kräften zu unterstützen. In der Tat gelang es ihm auch, und zwar durch Baron von Montmarquet-Oelsner, einem bekannten Abenteurer, der zufällig den Griechen bei ihm getroffen, schon in den nächsten Tagen zu erfahren, daß Sir Maubridge sich längere Zeit in Konstantinopel aufgehalten hatte; dann war er nach Warna gegangen, das türkische Lager zu besuchen. Eine Gewißheit, ob er diesen Weg allein oder in Begleitung einer Dame gemacht, vermochten auch die reichen Hilfsquellen des Barons nicht zu ermitteln; jede Spur von Diona schien verloren. Dagegen bemerkte Welland mit Erstaunen, daß sich bald ein vertrautes Verhältnis zwischen dem Baron und seinem Freunde entspann. Wiederholt traf er Oelsner in der Wohnung Gregors und beide in eifrigem Gespräch, das bei seinem Erscheinen abgebrochen wurde. Auch machten sie häufig gemeinsame Gänge, zu denen er nicht eingeladen wurde. Eines Morgens wurde ein Brief in Wellands Wohnung abgegeben, der, mit dem geheimnisvollen Zeichen des Freiheitsbundes Vergleiche im Band »Die Wölfin von Skadar« das Kapitel »Die Unterirdischen«. versehen, dem er zu gehorchen sich verpflichtet hatte, ihn aufforderte, zu einer späten Stunde des Nachmittags am Springbrunnen Mahmuds I. sich einzufinden. Dies Bauwerk hatte Welland seiner eigentümlichen Schönheit und Arabesken-Architektur wegen schon oft bewundert; ein viereckiges, hohes Gebäude mit plattem, von einem Geländer umgebenen Dach, die weißen Marmorwände von eingemeißelten Sprüchen aus dem Koran bedeckt. Der Bau erhebt sich mitten auf dem Markt von Tophana und spendet den umlagernden Menschen und Tieren erfrischende Labung. Welland hatte erst kurze Zeit gewartet, als er die hohe, soldatische Gestalt eines Mannes auf sich zukommen sah. Beide schienen schon Bekannte und begrüßten sich; Welland mit einiger Befangenheit. »Das ist schön, daß Sie pünktlich sind, Doktor,« sagte der andere, »nachdem ich Sie so lange ohne Nachricht gelassen. Indessen, die Zeit ist da, wo Ihre Tätigkeit voll in Anspruch genommen werden soll. Sie werden wissen, daß ein Kurier schon die Nachricht von dem Beginn des Angriffs an der Donau gebracht hat.« »Ich habe davon gehört, Herr General General Tommaso, ein Revolutionär und Freund des russenfeindlichen Fuad Effendi. Vergleiche den Band »Die Wölfin von Skadar«. .« »Ihr Gesuch um Anstellung beim Seraskiat ist unterstützt und ich hoffe, Sie werden eine Stelle unmittelbar im Gefolge des Muschirs erhalten. Vorerst aber sollen Sie uns hier einige Dienste leisten. – Haben Sie Ihr Besteck bei sich?« Welland bejahte. »So haben Sie die Güte, mich zu begleiten.« Der General führte ihn nach dem Ufer und mietete dort einen vierruderigen Kaïk, der sie schnell über den Bosporus nach der asiatischen Seite trug, an die gleiche Wasserseite in Kandili, an der in der Nacht des 21. die Khanum des bekannten Truppenführers Omer Paschas zu der geheimnisvollen Unterredung mit Fuad Effendi gelandet war Das Kapitel »Das Geheimnis des Goldenen Horns« in dem Band »Die Wölfin von Skadar« gibt einen ausgezeichneten Einblick in die Ränke am Hofe des Sultans, die über Krieg und Frieden entschieden. . Ein Diener führte beide in ein Zimmer des Erdgeschosses und brachte Kaffee und Pfeifen; bald darauf verließ der General das Gemach und Welland blieb allein. Nach kurzer Zeit brachte der Diener Welland in ein mit europäischem Prunk eingerichtetes Zimmer des oberen Stockwerks, wo er den General in Gesellschaft des Hausherrn wiederfand. Auf einen Wink entfernte sich der Diener. »Doktor,« begann der General, »ich habe Sie hierher gebracht, weil der Herr hier, einer unserer Freunde, mich ersucht hat, ihm einen zuverlässigen europäischen Arzt zu bringen, dem er bei einem traurigen Geschäft vertrauen kann. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß Ihr Eid Ihnen unbedingten Gehorsam auferlegt, und Sie wissen, daß ich einer von denen bin, die ihn zu fordern haben. Aber ich teile Ihnen zugleich mit, daß von Ihrem Benehmen und Ihrer Willfährigkeit Ihre Zukunft in diesem Lande abhängen wird, die leicht Ihre kühnsten Hoffnungen und Wünsche übersteigen dürfte. Die Sache, um die es sich handelt, ist jedoch ernster Natur und – es gehören starke Nerven dazu.« »Und was ist meine Aufgabe dabei?« »Das werden Sie später erfahren. Vor allen Dingen handelt es sich um Ihr Schweigen und Ihre Bereitwilligkeit.« »Das Schweigen«, entgegnete Welland ernst, »wäre die Aufgabe des Arztes, selbst wenn ich ohnehin nicht durch meinen Eid dem Bunde gegenüber verpflichtet wäre. Was meine Bereitwilligkeit betrifft, so werde ich meine Kunst nie verweigern, wo es mein Gewissen und meine Ehre gestatten.« »Wir verlangen weder die Prüfung Ihrer Ehre noch Ihres Gewissens,« sagte barsch der General, »sondern einfach Ihren Gehorsam, und haben Mittel in Händen, ihn zu erzwingen.« Welland richtete sich kampfbereit auf; der Hausherr aber kam zuvor und faßte beruhigend die Hand des Offiziers. »Überlassen Sie mir die Sache«, sagte er vermittelnd; »ich glaube, ich kann die Angelegenheit dem Arzt von einem Gesichtspunkt darlegen, der sein Gewissen beruhigen wird.« Welland verbeugte sich erwartend. »Sie dürfen«, fuhr Fuad Effendi fort, »die Dinge und Vorgänge, denen Sie beizuwohnen berufen sind, natürlich nicht vom europäischen Standpunkt beurteilen. Sie befinden sich hier in der Türkei, in der Leben und Blut eines Menschen wertlosere Dinge sind. Die Sache, um die es sich hier dreht, ist, einen überwiesenen Verbrecher, der nach türkischen Gesetzen unbedingt den Tod verdient, in einer höchst wichtigen, für das Wohl und Wehe des ganzen Staates wesentlichen Angelegenheit zum Geständnis seiner Helfershelfer und der Mittel seines Verrats zu zwingen. Bis hierher, werden Sie zugeben, sind wir, auch nach europäischen Begriffen, vollkommen in unserem Recht.« »Selbstverständlich.« »Bei Ihnen«, fuhr der Moslem fort, »verliert man viel unnütze Zeit mit geistigen Daumschrauben – bei uns wendet man die wirklichen an. Es besteht bei uns noch die Folter, die früher bei allen christlichen Völkern Europas im Gebrauch war und selbst jetzt noch von der aufgeklärtesten Nation, den Engländern, in ihren Besitzungen in Indien ständig angewendet wird, sogar in Dingen, bei denen jeder Türke die Anwendung verabscheuen würde Vergleiche den Band »Volk in Folter«. . Ich wiederhole es, bei Völkern, die sich auf einer Stufe der Kultur befinden, wie das meine, sind grausame und blutige Strafen und Mittel nicht zu vermeiden.« Welland schwieg – er konnte dem gewandten Unterhändler nach allem, was er schon in diesem Lande erfahren hatte, nicht ganz unrecht geben. »Der Dienst, den wir von Ihnen verlangen, besteht nun darin, einer solchen notwendig gewordenen Maßnahme im Nebenzimmer beizuwohnen und sie wissenschaftlich in der Art zu überwachen, daß Sie nach dem Puls der verurteilten Person den Augenblick angeben, in dem wirkliche Lebensgefahr eintritt. Ich bemerke Ihnen, daß, wenn der Verurteilte bekennt, sofort innegehalten und ihm alle weitere Strafe geschenkt werden soll.« Der Deutsche war bleich geworden. Dennoch fühlte er, daß er als Arzt und in der eigentümlichen Stellung, in der er sich dem ihm übergeordneten Mitglied des Bundes, dem General gegenüber befand, schwerlich sich der schaurigen Pflicht entziehen könne. Den grausamen Sitten des Landes mußte der Widerwille des menschlichen Gefühls sich beugen. »Der Verbrecher ist wirklich zum Tode verurteilt?« »Ich gebe Ihnen mein Wort; ich schwöre es Ihnen auf den Koran, die Person muß für das begangene Verbrechen sterben; das Geständnis ist ihre einzige Rettung. Ich wünsche sie zu retten – aber sie muß bekennen! Es muß sein, und wenn jedes Glied ihr stückweis vom Leibe geschnitten werden sollte!« Der Starrsinn des Orientalen durchbrach bei dieser Drohung die dünne europäische Tünche; die Augen flammten wie die eines Tigers. »Unsere eingeborenen Ärzte sind Esel und zu nichts zu brauchen; darum wenden wir uns an Sie. Außerdem sind Sie mit der türkischen Sprache unbekannt; dies ist, bei der Wichtigkeit des Staatsgeheimnisses, eine der Bedingungen. Selbst wenn die Person halsstarrig ist und von unseren Maßnahmen stark mitgenommen werden sollte, kann Ihre Kunst ihre Wiederherstellung sichern. Jetzt frage ich Sie, ob wir auf Ihre Begleitung rechnen dürfen? Bedenken Sie wohl, die Maßnahme geht in jedem Fall vor sich, auch ohne Sie! – Ihre Weigerung raubt einem Menschen lediglich die Aussicht auf Rettung.« Nach kurzem Kampfe sagte Welland: »Ich bin bereit!« »Ihr ewiges Schweigen ist sicher – was Sie auch erblicken, welche Geheimnisse Sie zufällig auch erfahren mögen?« »Sie haben mein Wort!« »Wohl, so ist unsere Verhandlung geschlossen. Es beginnt zu dunkeln; in einer halben Stunde können wir fahren.« Er klatschte in die Hände. »Kaffee und Tabak!« Die Diener traten ein und Welland schauderte, als er sah, mit welcher Ruhe seine beiden Gesellschafter trotz der bevorstehenden furchtbaren Szene den unvermeidlichen Kaffee und Tschibuk nahmen. Während die Sterne am Himmel aufblinkten, bestiegen alle drei am Wassertor der Villa den harrenden Kaïk. Am Goldenen Horn bogen die Ruderer nach der Serailspitze, umfuhren sie und landeten auf der Seeseite an einer Pforte, die aus der rings das Serail umgebenden Mauer zum Wasser führt. Eine Wache an der Tür öffnete auf ein Losungswort Fuad Effendis, des ehemaligen Ministers. Der General hielt seinen türkischen Freund zurück. »Ich glaube, Hoheit,« sagte er mit einem gewissen Schauder, der Welland nicht entging, »es wird nicht nötig sein, daß ich das Serail mit betrete. Mein Geschäft ist beendet, Doktor Welland wird seine Pflicht tun und – gerade heraus, ich bin Soldat, aber weder Arzt noch – Moslem. Das Ergebnis erfahre ich morgen aus Ihrem Munde.« Der türkische Staatsmann lächelte. »Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, General,« sagte er, »ich habe den Arzt, und das ist vorläufig genug. Mein Kaïk steht Ihnen zur Verfügung. – Auf Wiedersehen morgen.« Durch den mit hohen Zypressen und Platanen besetzten, sonst aber öden Garten führte der Minister den Arzt nach dem gegenüberliegenden Eingang. Links zur Seite blieben die großen Ställe des Sultans, die für tausend Pferde Raum hatten, rechts der Kiosk, das Lustschloß des Padischahs, nach dem Bosporus hin, auf Bogen gebaut mit vergoldeten Kuppeln; in einiger Entfernung nach der Stadt zu liegt ein zweiter, mit der Aussicht auf den Hafen. In dem ersten hielten sich früher während des Tages die Herrscher mit ihren Frauen und Stummen auf. Die Kais und das Serail waren mit Artillerie ohne Lafetten besetzt, die meisten Geschütze in der Höhe des Wassers. Bei den öffentlichen Festlichkeiten donnerte diese Artillerie, unter der sich die große Kanone befindet, durch die nach der Sage Babylon gezwungen ward, sich Sultan Murad zu ergeben. Ein anderer großer Mörser befindet sich in der Ecke des ersten Hofes – in ihm sollen die aufrührerischen Ulemas zu Tode gestampft worden sein. Das Serail Burnu wurde von Mahomed II. erbaut und bildet auf der Landspitze zwischen dem Horn und dem Marmarameer eine Art Dreieck, dessen längste Seite sich nach der Stadt hin erstreckt; dort befinden sich auch die Tore und Höfe des Zugangs. Die Eintretenden wurden erwartet; zwei Kapidschis, Torwächter, traten zu ihnen und gingen vor ihnen her bis zu einer zweiten, in die Gebäude sich öffnenden Tür, an der wieder zwei Schwarze die Wache hielten. Dort übernahm ein harrender Eunuch ihre Führung und geleitete sie durch einen kleinen Hof und verschiedene gewundene Gänge zu einem hellerleuchteten Divan-Hane, in dem an den Wänden mehrere schwarze Sklaven standen, der Sprache und der Mannheit beraubte Geschöpfe, willenlose Werkzeuge der Willkür ihrer Gebieter. Dort mußte Welland auf einen Wink seines Begleiters sich niederlassen; Fuad Effendi verschwand durch einen Vorhang in ein anstoßendes Gemach. Alles war Schweigen um ihn her – ein unheimliches Schweigen schon während des ganzen Ganges durch das weite Gebäude. Endlich eine leise, flehende Stimme, irgendwo in einiger Entfernung – er schauderte, denn er fühlte, seine Aufgabe begann. Er lauschte – doch nur einzelne Laute drangen zu ihm herüber; dazwischen klang es zuweilen wie eine scharfe, kräftige Frauenstimme, zuweilen auch glaubte er die seines Begleiters zu vernehmen. Dann war wieder alles still – die stummen, verkrüppelten Menschen um ihn her rührten sich nicht. Der Vorhang wurde gehoben; der Minister trat heraus; sein Gesicht war bleich, das Auge funkelte zornig, der Mund war wie in festem Entschluß zusammengekniffen. Wortlos winkte er Welland. Ein zweites großes Gemach – ohne Fenster, nur von einer Lampe schwach erhellt, aber leer. Im Hintergrunde öffneten sich, durch schwere Vorhänge geschlossen, zwei Türen. Zu der rechts führte ihn der Staatsmann und hob den Vorhang; das Gemach war dunkel, nur durch die Spaltenöffnungen der einen Seitenwand schienen einzelne helle Lichtstrahlen hereinzubrechen. Sein Auge gewöhnte sich an das Dunkel, und er sah, daß sie durch die Öffnungen eines Vorhanges kamen, der in dicken, schweren Falten einen Eingang zum Nebengemach schloß. Nach dieser Seite geleitete ihn der Moslem und bedeutete ihm, sich auf den Diwan niederzulassen. Dann hob er ein Tuch von einem Gegenstand, der unter den Falten des doppelten Vorhanges hervor auf den Diwan gestreckt war, und bat ihn, ihn zu fassen. Welland legte die Finger darauf – es war eine warme Menschenhand – die Weiche der Haut, die zarte Fülle zeigte ihm eine Frauenhand; sie zuckte in der seinen, offenbar jenseits des Vorhangs durch eine Einzwängung des Armes in dieser Lage festgehalten. »Lassen Sie mich fort, Herr – das ist ein Weib – um keinen Preis der Welt mag ich Teilnehmer der Handlung sein, die sich hier vorbereitet!« Der Minister drückte ihn auf den Sitz zurück. »Schweigen Sie und tun Sie Ihre Pflicht,« sagte er mit verhaltener dumpfer Stimme, »oder Sie sind selber das Opfer. Die Leute hinter jenem Vorhang sind nicht gewohnt, mit sich spielen zu lassen. Weib oder Mann, das Verbrechen ist das gleiche, ebenso die Strafe. – Und, Doktor, wollen Sie dem Verbrecher Ihre Hilfe versagen, nur weil er eine Frau ist? – Hier ist die Klingel, mit der Sie ein Zeichen geben, wenn die äußerste Gefahr eintritt – doch nur dann! – Sie wissen, was allein hier Rettung bringen kann.« Ehe Welland noch antworten konnte, war Fuad Effendi verschwunden; er hörte das Gemach von außen durch einen Riegel verschließen. Wieder trat tiefe Stille ein – dann erklang durch die Falten des Vorhangs ein tiefer, stöhnender Seufzer. Er hielt die Hand der Unglücklichen – sie war weich und sanft und mußte einem noch jungen Wesen angehören. Er drückte sie leise, zum Zeichen, daß eine teilnehmende Seele in ihrer Nähe sei. Der Seufzer schien einen Widerhall zu wecken; ihm war, als zittere er in dem dunklen Gemach wider, in dem er selber sich befand, dicht neben sich. Aber er hatte keine Zeit, darauf zu achten. Leichter Kohlenrauch drang durch die Spalten des Vorhanges, und gleich darauf zuckte die Hand heftig in der seinen. Die Marter hatte begonnen – Brandiger Geruch wie von verkohlendem Fleisch zog durch die Luft, rascher und krampfhafter wurde das Zucken der Hand. Im Nebengemach flüsterten mehrere Stimmen – dann eine lautere Frage, ein Stöhnen als Antwort – er entnahm daraus, daß der Frau ein Knebel den Mund verschloß. Sie mußte durch ein Zeichen verweigert haben, Antwort zu geben, denn der Brandgeruch dauerte fort und verstärkte sich. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn – zehnmal wohl griff die Hand nach der Klingel, um das Halt gebietende Zeichen erschallen zu lassen, aber die Vernunft sagte ihm, daß es der Dulderin nur einen kurzen, unnützen Verzug bringen werde. Er ließ die Ärmste erschüttert los und begrub das Gesicht in die Hände. Da störte ihn ein heiseres, tückisches Lachen; ein jammerndes Wimmern folgte – dem wiederum jenes seltsame Echo neben ihm zu antworten schien. Rasch faßte er nach der Hand – sie war krampfhaft geschlossen – er fühlte, daß die Leidende in heldenhaftem Trotz gegen die Marter kämpfte. Sein Finger suchte den Puls – er schlug rasch und unregelmäßig, aber noch kräftig. Ein Kreischen der Wut schien eine verneinende Gebärde der Leidenden zu erwidern – dann der herrische Befehl einer Weiberstimme. Er vernahm die seines Führers dazwischen, doch der Befehl wurde heftig wiederholt. Hand und Arm erbebten krampfhaft, als wollten sie sich gewaltsam befreien – minutenlang dauerte die schreckliche Bewegung – etwas Grauenhaftes mußte auf Armeslänge von ihm vor sich gehen – er packte die Klingel. Da streckten sich Arm und Hand – das wilde Ringen hörte auf; mehrere Menschen schienen um die Gemarterte beschäftigt; die Frauenstimme sprudelte Verwünschungen, wie er nach einzelnen ihm verständlichen Worten zu schließen vermochte. Darunter hörte er wiederholt den Namen Moskau. Eine zweite Frauenstimme mischte sich drein und zugleich die des Effendi; dann schwieg der Lärm und eine schwache, selbst in ihren gebrochenen Tönen noch süße Stimme sagte einige Worte. Wiederum fragte der Effendi dazwischen. Die Stimme antwortete noch einiges – dann stockte sie und verstummte endlich. Die Frage wurde dringend wiederholt, auch die Weiberstimmen mengten sich hinein. – Welland glaubte, dicht neben seinem lauschenden Ohr ein lateinisches Gebet, das Ave murmeln zu hören. Er spannte alle Nerven an, um zu hören, sich zu überzeugen – Totenstille. Zwei Worte, schneidend, befehlend, unterbrachen sie. Diesmal schien der Henker es verschmäht zu haben, der Leidenden den Knebel erst wieder einzuzwängen. Ein Ton wie von zermalmenden Knochen – zugleich ein herzzerreißender Schrei, ein zweiter – Welland ließ wie wahnsinnig die Klingel ertönen, aber die gelle Stimme eines Befehls fuhr dazwischen und Schrei auf Schrei erscholl fort in ersterbendem Jammer. Mit beiden Händen riß Welland die Vorhänge gewaltsam auseinander: das schreckliche Schauspiel bot sich seinen Blicken. Auf einem Ruhebett, dicht an seiner Seite, lang ausgestreckt, lag nackt, kaum über den Hüften mit einem Tuch bedeckt, eine junge, selbst in der Entstellung des Schmerzenskampfes noch schöne Frau. Aschblonde Haare umgaben wild das blasse Gesicht; schwarze, halb gebrochene Augen starrten zu ihm auf. Es war Mariam Mariam, die Mingrelierin, fiel dem Ränkespiel ihrer Geschlechtsgenossinnen zum Opfer, weil man sie verdächtigte, für die Erhaltung des Friedens gewirkt zu haben. Vergleiche den Band »Die Wölfin von Skadar«. , die Beneidete des Harems, die Gebieterin des Gebieters in drei Weltteilen. Die Anklage hatte ihr Ziel erreicht, der Großherr hatte die Geliebte aus seiner Nähe verbannt. Ein Blick genügte Welland, die furchtbare Marter zu ermessen, die das zarte Weib mit Heldenmut ertragen hatte. Von den halb verkohlten Fußsohlen stieg noch der widrige Geruch empor, die Mitte der Brust zeigte eine tiefe Brandwunde, in der noch die dunkle Asche der verglühten Kohlen lag. Die zwei schwarzen Henker an der Seite der Unglücklichen – Stumme mit teuflisch grinsenden Mienen, waren eben mit der höllischen Knebelvorrichtung beschäftigt, die zwischen Holzstücken die Gelenke der Glieder zermalmt. Auf dem Diwan gegenüber saßen, gleich Furien, der Dschehennah entstiegen, in ihren Yaschmaks zwei reichgekleidete türkische Frauen, in den Augen teuflischen Triumph; neben ihnen mit bleichem Gesicht Fuad Effendi, die Feder in der Hand, das Papier vor sich auf dem Schoß, um die Geständnisse der Gefolterten aufzuzeichnen. Mit einem Sprung war Welland über das Schmerzenslager hinweg, und schleuderte die schwarzen Henker zur Seite. »Mörder, blutdürstige Mörder, die ihr seid! – Seht ihr nicht, daß diese Frau stirbt?« »Nieder mit dem Giaur! Schlagt ihn zu Boden!« schrie die eine der Frauen den Verschnittenen zu, doch der Effendi warf sich zwischen sie und vor den Arzt. »Haltet ein, Sultana! – Dieser Ungläubige wird das Weib vom Tode retten, und du weißt, daß dies notwendig ist! Ihr Tod könnte uns doppeltes Verderben bereiten.« Sein Befehl wies die Henker aus dem Gemach; nach einigen Widerreden folgten ihnen auch die Frauen. Welland kniete bei der Bewußtlosen, um sie ins Leben zurückzurufen. Ein flüchtiges Salz regte die Lebensgeister der Gemarterten wieder an, und er versuchte, einen Verband auf ihre Wunden zu legen. Ihre Kraft ermattete jedoch mehr und mehr. Um ihr wenigstens Ruhe zu sichern, erklärte er dem Effendi, die Kranke müsse wenigstens einige Stunden ungestörte Ruhe haben; er selber werde bei ihr wachen. Nach einigem Zögern fügte sich Fuad Effendi mit der Erklärung, er wolle im Vorzimmer bleiben. Der Vorhang der Tür fiel hinter ihm – Welland befand sich mit dem Opfer grausamer Verfolgung allein. Er betrachtete mitleidig das schöne blasse Gesicht, auf das der Todesengel seine Schatten zu breiten begann. Die Wunden und Verletzungen, die das Mädchen empfangen, waren allerdings nicht durchaus tötlich, aber ihr ganzes Innere schien so verletzt, so zerrissen, daß es den äußeren Leiden schwerlich zu widerstehen vermochte. Was konnte dies junge Wesen getan haben, das eine so grausame Strafe nötig machte? Was konnte die schwache Frau mit den Geheimnissen wichtiger Reiche zu tun haben? Er saß in tiefem Nachdenken an ihrer Seite, ihren Puls unter seinem Finger. Da erklang wieder der geheimnisvolle Seufzer, den er schon früher gehört und für das Echo des Schmerzensrufs der Gemarterten gehalten hatte. Nun überzeugte er sich, daß er sich geirrt, daß der Laut von einem anderen Wesen kommen mußte. Die Sterbende schien ihn gleichfalls gehört zu haben; ihre Augen öffneten sich, irrten starr umher, dann fielen sie mit dem Ausdruck des Verständnisses und des Dankes auf den Arzt – kurz nachher schienen sie ihm zu winken und auf den zerrissenen Vorhang zur Seite nach dem Gemach zu deuten. Er sah, wie die Leidende sich anstrengte, zu sprechen, und legte den Kopf an ihre blassen Lippen. Er hörte schließlich einige französische Laute. »Rettung! Dort!« War denn noch ein unglückliches Wesen in seiner Nähe, das seiner Hilfe bedurfte? Er zog sein Taschenfeuerzeug hervor, zündete das Endchen Wachslicht an und stieg über das Lager hinweg in das Gemach, in dem er eben die furchtbare Szene miterlebt hatte. Unfern von seinem Sitz, an den Polstern des Diwans, regte sich ein dichter Knäuel; er hob den bedeckenden Teppich auf – ein schwarzes Weib lag dort am Boden, zusammengeschnürt gleich einem leblosen Bündel, den Knebel im Munde. Die großen Augen starrten ihn mit unbeschreiblichem Ausdruck an. Mit einigen raschen Schnitten löste er die Bande; die Mohrin sprang mit der Schnellkraft der Jugend auf und stürzte sich dann auf die Gepeinigte. Kaum vermochte Welland sie abzuwehren und zugleich das Jammergeschrei zu ersticken, das auf ihren Lippen schwebte und das unfehlbar die Würger wieder herbeigerufen hätte. Mit Zeichen machte er ihr die drohende Gefahr begreiflich. Sie verstand – sie hatte die Leiden der Gebieterin ja wenigstens mit dem Sinn des Gehörs mitempfunden – einem Ballen gleich zur Seite geworfen, um, wenn das Schicksal der Herrin entschieden war, wahrscheinlich als unnütze und gefährliche Last mit ihr in den Fluten des Bosporus begraben zu werden. Es war eine herzzerreißende Szene; die Schwarze warf sich mit all der Leidenschaft der heißen Zone bald am Schmerzenslager der Herrin, bald vor ihm nieder, die Hände zu ihm emporgestreckt, um Rettung flehend für die Sterbende. Und das alles ohne Laut – aller Schmerz, alle Ungst allein stumme Gebärde – Die Augen der Gequälten suchten wieder den Arzt und riefen ihn herbei. »Beim Kreuz des Erlösers, Fremdling, rette das Mädchen! Der Mund einer Sterbenden muß eine Botschaft senden, die mit meinem Leben erkauft ist.« Welland starrte sie an – wie sollte er helfen, befreien, hier in den Mauern des Serails, unter den Augen von hundert Wächtern? – Er blickte sie ratlos an. »Dort – dort – das Fenster nach dem Meer!« – Ihr Auge deutete nach dem Schlafgemach; zum drittenmal betrat er es und schaute prüfend umher. An der entgegengesetzten Wand befand sich der Kiosk, Fenster ringsum, mit dichten Rolläden geschlossen. Es gelang ihm, einen zu öffnen; durch das vergoldete Holzgitter schaute er hinaus; dicht unter ihm lag das Meer, der Pavillon reichte bis nahe an die Mauer, die das Serail und seine Gärten auch von der Seeseite einschließt. Er strengte alle seine Kräfte an und es gelang ihm, einen Teil des Gitters ohne merkliches Geräusch mit seinem Dolchmesser herauszubrechen; – als er den Kopf aus der Öffnung streckte, bemerkte er, daß eine Flucht wenigstens in die öden Gärten möglich war, denn wilde Weinreben schlangen sich um die Bogen und Pfeiler fast bis über die Fenster hinauf. Als er zurückkehrte an das Schmerzenslager Mariams, sah er die Mohrin neben der Herrin knien, das Ohr auf ihren Lippen, die leise, dringende Worte zu sprechen schienen. Aber die Schwarze schüttelte heftig den Kopf, gleich als verweigere sie, um was die Herrin sie anflehte. Da rötete sich deren blasses Gesicht, das ersterbende Auge schien in Drohung zu funkeln, zwischen den Brauen zeichnete sich eine Falte – heftige Worte, Welland unverständlich, zuckten über die Lippen. Die Sklavin beugte das Haupt; große Tränen rollten aus ihren Augen – sie faltete in stummem Gehorsam die Hände über der Brust. Welland drängte leise, daß der Weg zum Versuch der Flucht geöffnet sei. Die Schwarze stürzte nochmals am Lager ihrer Herrin nieder und bedeckte Leib und Antlitz mit Küssen. Dann streckte sie die Hände flehend gegen ihn, deutete auf die Kranke und verschwand in dem dunklen Gemach. Welland sah sie einer Schlange gleich durch die Öffnung des Fensters schlüpfen und verschwinden. Atemlos horchte er auf jedes Geräusch – nur der Schlag seines eigenen Herzens ängstigte ihn – die Flucht schien gelungen. Um den Verdacht so lange wie möglich aufzuhalten, schloß er den Teppich des Vorhangs wieder. Die Kranke zeigte eine tiefe, verklärende Freude in ihren Zügen. Ihr Mund flehte leise zu ihm auf: »Beten!« Der Mann sank an dem Lager des mißhandelten Mädchens – das er zum ersten Male im Leben sah – in die Knie, und leise strömten über seine Lippen die halb vergessenen Gebete der Kindheit. Wie lange hatte er nicht gebetet, wie lange hatte der Dämon des Zweifels und der stolzen Freigeisterei seinen Sinn in Fesseln geschlagen! O, wie wohl tat es ihm jetzt, in dieser grauenhaften Umgebung rückhaltlos seine Zweifel abzuwerfen und einfach kindlich glauben und beten zu können, so recht aus vollem Herzen für ein vergehendes Leben, am Sterbelager einer fremden verachteten Frau ... Er sah über ihr Antlitz die Schatten des Todes ziehen – er sah das ersterbende Auge sich umfloren mit den ewigen Geheimnissen des Jenseits. Mit einer letzten Anstrengung hob sie die unverletzte Hand gegen ihn, streifte einen Ring vom Finger und preßte ihn in die seinen – eine Gabe der Erinnerung. Er fühlte den Puls schwächer und schwächer werden, er faltete seine Hände über den ihren. Die Brust hob sich noch einmal, über die Lippen hauchte im Todesseufzer der Name des Großherrn: Abd ul Medschid – die Augen wurden glasig und kalt in der Erstarrung des Todes – sie hatte ausgelitten. Lange noch betete Welland an ihrem Lager; dann bedeckte er das Gesicht der Toten mit dem Teppich und schritt entschlossen, um das eigene Schicksal unbekümmert, nach der Tür. Auf sein Klopfen öffnete der wachehaltende Eunuch und vom Diwan kam ihm Fuad Effendi entgegen. »Was bringen Sie für Nachricht?« »Sehen Sie selber Ihr Werk! Die Frau da drinnen hat ein Höherer, den Sie Allah, den wir Gott nennen, jeder Qual entzogen. – Sie ist tot.« Der Minister trat erschrocken zurück. »Inschallah! – Es war Gottes Wille! – Kommen Sie!« Er wandte sich erschauernd von der Tür ab und winkte Welland, ihm zu folgen. Mit der Ruhe des guten Gewissens, aber in jedem Augenblick auf einen Hinterhalt gefaßt, folgte er stumm durch das Vorgemach, von wo auf den Wink des Effendis zwei Schwarze ihnen voranschritten und sie durch mehrere Gänge und über Terrassen und Höfe geleiteten. Endlich fand er sich in dem großen ersten Hof des Serail wieder, in den von der Stadtseite der Pavillon oder die Pforte führt, von der das Reich den Namen hat, Tag und Nacht von fünfzig Männern bewacht. Dort blieb Fuad stehen und reichte ihm einen Beutel. »Nehmen Sie,« sagte er, »und schweigen Sie wie das Grab. Die Wächter werden Sie bis zur Brücke geleiten – Allah behüte Sie!« Der Arzt wies das Geschenk zurück; um keinen Preis hätte er das Blutgeld anrühren mögen. Er eilte durch das Tor und in die noch belebten Straßen. Seine Gedanken waren bei der Toten und bei der Mohrin, ob ihr die Flucht gelungen. Es war nahe an Mitternacht, als er seine Wohnung erreichte. Nach einer Nacht voll wilder Träume erwachte Welland ziemlich spät. Die schrecklichen Erinnerungen, die seine Seele belasteten, schüttelte er mit Gewalt von sich und machte sich eben bereit, auszugehen und seinen Freund aufzusuchen, als Baron Oelsner bei ihm eintrat. Der Baron schien etwas erregt, suchte aber einen scherzenden Ton anzuschlagen. »Was lange währt, wird gut, Doktor«, sagte er heiter; »ich bringe gute Nachrichten; eben komme ich aus dem Seraskiat und habe diese Depesche für Sie mitgenommen.« – Er warf das Papier auf den Tisch. – »Raten Sie, wohin Ihre Bestimmung lautet?« Welland griff hastig danach. »Man ließ mich hoffen, nach dem Hauptquartier.« »Falsch geraten! Sie sind zum Oberarzt in Silistria bestimmt, und ich freue mich, daß – ich darf es sagen – meine Bemühungen für die Verwirklichung Ihrer Wünsche nicht ohne Einfluß gewesen sind.« Welland hatte währenddes die Depesche geöffnet und fand darin außer der Ernennung den Befehl, sich nach seinem Bestimmungsort zu begeben, und den Dienstausweis für die Reise. »Sind Sie aber auch bereit, noch heute, und zwar sofort, aufzubrechen?« Welland schaute ihn groß an. »Davon ist nichts im Befehl erwähnt. Er lautet nur auf Beschleunigung.« »Man ließ mich mündlich wissen im Seraskiat, daß man noch heute Ihre Abreise erwartet.« »Aber das ist nicht möglich! – Ich muß doch einige Vorbereitungen treffen; ich werde sogleich zum Seraskiat gehen, um Urlaub auf zwei Tage zu erhalten.« Der Baron war befangen und schien dann rasch einen Entschluß zu fassen. Er überzeugte sich durch einen Blick nach der Tür, daß sie unbelauscht waren und trat vertraulich auf den Deutschen zu. »Sollten Sie nicht vielleicht selber wünschen,« sagte er, »sobald wie möglich Konstantinopel den Rücken zu wenden, um Erinnerungen und Nachforschungen zu entgehen? – Zufällige Ereignisse, wenn sie auch der Schatten der Nacht birgt, können selbst den tapfersten und ehrenwertesten Mann zur Vorsicht mahnen.« Welland blickte ihn erstaunt an – wie konnte er etwas wissen von seinem Abenteuer? »Mein Rat ist,« fuhr der Baron fort, »Sie sind binnen zwei Stunden unterwegs! – Sie wissen, ich meine es gut mit Ihnen. Ich erfuhr schon heute morgen die Notwendigkeit Ihrer raschen Abreise – das Wie erlassen Sie mir – und habe alle Vorbereitungen für Sie getroffen. Die Pferde bis zum ersten Haltepunkt sind bestellt, und ich kann Ihnen die gewiß angenehme Nachricht mitteilen, daß Ihr Freund Caraiskakis bereit ist, Sie auf der Stelle zu begleiten.« Welland war betroffen von dem Unerwarteten. Er sann vergeblich nach Aufklärung und rang um einen Entschluß. »Wenn Sie Geld brauchen, meine Börse steht Ihnen mit jeder Summe zu Diensten«, sagte Baron Oelsner von Montmarquet. »Doch scheint mir ein solches Anerbieten fast unbescheiden bei einem Mann, der solche Kostbarkeiten besitzt und sie achtlos umherliegen läßt.« Er wies auf einen Ring. Es war das Andenken der unbekannten sterbenden Frau; er hatte ihn bei der Rückkehr auf den Tisch geworfen, ohne ihn näher zu beachten. Der Baron nahm ihn auf und ließ das Feuer des großen Steins in der Sonne blitzen. »Der Stein ist unter Brüdern mindestens seine zweitausend Imperials wert – jeder Jude im Basar würde sie auf der Stelle zahlen! Ich habe lange keinen schöneren Diamanten gesehen; selbst die altertümliche Fassung hat bedeutenden Wert. – Wollen Sie den Ring verkaufen?« »Um keinen Preis!« »Wohl! So rate ich Ihnen wenigstens, ihn sorgfältiger aufzubewahren und weniger zu zeigen. Der Padischah dürfte nicht viele solcher Ringe in seinem Schatz haben! – Doch um auf etwas anderes zu kommen; Sie haben noch keinen Diener und werden doch eines solchen bedürfen. Wollen Sie mir erlauben, dafür zu sorgen?« »Sie würden meine Dankbarkeit damit noch erhöhen. Ich bin außerstande, irgend etwas zu ordnen, und weiß kaum, wie ich meine Sachen in der kurzen Frist erledigen soll.« »Gut, ich übernehme die Besorgung und werde Ihnen einen passenden jungen Schwarzen zuführen, der etwas italienisch versteht und geläufig türkisch spricht. Aber es kann erst am Tor von Edreneh geschehen. Jetzt, Doktor, packen Sie Ihren Mantelsack und einigen Sie sich mit Ihrer Wirtin. In zwei Stunden wird Ihr Freund mit den Pferden und dem Führer bereit sein. Ich selber erwarte Sie, wie gesagt, am Tor. – Nochmals, lieber Freund, den Rat und die Warnung: es ist am besten für Sie, wenn niemand, mit dem Sie etwa in Verbindung standen, vorerst erfährt, wo er Sie zu suchen hat.« Er nahm seinen Hut und entfernte sich eilig. Welland, von all den Eindrücken betäubt, mußte seine ganze Willenskraft zusammennehmen, um sich mit der Ordnung des Gepäcks zu beschäftigen; ohne eine Lösung für die ihn bedrängenden Rätsel zu haben, sah er doch ein, daß der Rat des Barons bedeutungsvoll war und nicht unbeachtet bleiben durfte. Zwei Stunden später holte Caraiskakis ihn ab. Auf Anweisung des Barons hatte er die Pferde mit Mauro nach Stambul über die Brücke vorausgeschickt und nur einen Hamail, Lastträger, mitgebracht, der das Gepäck dahin tragen sollte, um durch die Abreise kein Aufsehen zu erregen. Auch wechselten in dieser Zeit in den Unterkünften und Gasthäusern Konstantinopels die Kommenden und Gehenden unaufhörlich; der einzelne blieb unbeachtet, wenn er sich nicht selber bemerkbar machte. Welland mit seiner geringen Habe war bereit; nach einer halben Stunde fanden sie auf dem Platz vor der Moschee Mauro mit den Pferden. Bald war der Weg durch die Stadt, am alten Serail, der Suleimania und der Moschee Mahmuds vorüber, zurückgelegt und Edreneh Kapussi erreicht. Dort am Begräbnisplatz kam ihnen der Baron mit einem jungen, schlanken Mohren, wohlberitten und bewaffnet und mit einem Rucksack, entgegen, in dem sich nach Angabe des Barons noch verschiedene Notwendigkeiten für seine Freunde befanden. Er empfahl dem Arzt, den schwarzen Diener freundlich und nachsichtig zu behandeln, da er von gutem Gemüt sei und ihm sicherlich mit Fleiß und Treue lohnen würde; ferner, wenn sich Gelegenheit durch einen sichern Boten fände, Nachricht von seiner Ankunft und seinem Ergehen zu geben, bis das Schicksal sie wieder zusammenführen werde. So schieden sie. Die kleine Gesellschaft, fünf Reiter mit einem Packpferd, brach auf; der Arzt hatte Muße genug, seinen neuen jungen Diener zu beobachten. Welland bemerkte, wie seine großen, dunklen Augen oft, wenn er sich unbeachtet glaubte, mit lebhaftem Ausdruck auf ihm hafteten. Er war ein junger Bursche mit Namen Nursah, von ausgebildeten, etwas weichen Formen und einem für einen Schwarzen auffallend edel und wohlgebildeten Gesicht, dessen Züge für ihn sogar etwas Bekanntes hatten. Er rief ihn an seine Seite und redete ihn italienisch an; der Knabe verstand ihn ziemlich gut, wenn er sich auch erst nur dürftig in der Sprache auszudrücken vermochte. Auffallend war, daß er so wenig das heitere sorglose Wesen seines Volkes zeigte und von Schwermut und Kummer bedrückt schien; dabei verriet er aber aufgeweckten und scharfen Verstand. Auch bei Gregor Caraiskakis blieb Welland ungewiß, ob dieser durch den Baron etwas von dem schauerlichen Abenteuer der vergangenen Nacht wisse. Sie waren schon über die Bai von Kütschük Tschekmedsche gesetzt; nicht weit von Kumburgas mußten sie, unfern von einigen Fischerhütten, am Meer halten, um die Fähre abzuwarten, die sie über die zweite Buchtung führen sollte. Sie hielt noch am andern Ufer und Welland schlug vor, nach den Wohnungen zu reiten und dort die Rückkunft abzuwarten und Wasser für sich und die Pferde zu besorgen. Bei den Hütten waren einige türkische Frauen und Kinder, und eine brachte den abgestiegenen Reisenden einen Krug mit Wasser. Dabei betrachtete sie aufmerksam den Deutschen, der sich durch seine fränkische Kleidung vor den übrigen auszeichnete. Die Türken glauben vielfach, jeder Europäer ohne Unterschied müsse ein Hekim Baschi, das heißt ein Arzt sein; und da sie zu den fränkischen Ärzten weit mehr Zutrauen haben als zu ihren eigenen, ergreifen sie jede Gelegenheit, von ihnen Hilfe für das eine oder das andere Übel zu erlangen. Ein solches Anliegen hatte auch die Frau; sie sprach eifrig auf Welland ein, der endlich seinen Freund zu Hilfe rief. Gregor übersetzte ihm das Anliegen der Frau; in ihrem Hause lag ein Kranker, der von Räubern überfallen, verwundet und ins Wasser geworfen worden war, wo ihn ihr Mann beim Fischen gefunden habe. Welland war sogleich bereit; er befahl Nursah, ein Kistchen aus dem Gepäck ihm nachzubringen und folgte den Frauen ins Haus. Dort fand er auf dürftigem Lager einen Schwarzen. Es war Jussuf, der Kurier der gemarterten Mariam Der Neger Jussuf trug eine Depesche an den Serdar, den Oberbefehlshaber der türkischen Truppen Omer Pascha mit dem Befehl, die Eröffnung der Feindseligleiten gegen die Russen noch hinauszuzögern, um neue Möglichleiten zur Erhaltung des Friedens auszunutzen. Die Kriegspartei am Hofe des Sultans verhinderte die Überbringung des Befehls, indem sie den Kurier unterwegs überfallen und ihm den Befehl rauben ließ. – Vergleiche den Band »Die Wölfin von Skadar«. . Vor acht Tagen hatten die Fischer ihn in der Bucht beim Aufstellen ihrer Hamen auf den Steinen am Ufer der tiefen Schlucht gefunden. Die Kugel des Mordbuben war dem Schwarzen in die linke Seite gedrungen, aber durch den dicken Schal des Gürtels abgeschwächt worden und hatte keine edleren Teile verletzt. Nur Schmerz und Betäubung warfen ihn zu Boden, und selbst der schreckliche Sturz von der Höhe des Felsens ins Wasser hatte neben mehreren geringeren Verletzungen nur einen Bruch des linken Arms zur Folge gehabt. Die Kühle der Wellen hatte die Lebenskraft wieder angeregt und die Blutung gestillt; so gelang es ihm, das Ufer zu erreichen und dort, halb im Wasser, liegenzubleiben, bis gegen Abend die Fischer ihn fanden. Das alles wußte Welland freilich nicht, aber es bedurfte dessen auch nicht, seine Teilnahme für Jussuf zu wecken. Hinter ihm erscholl ein Schrei; der Knabe Nursah ließ das Gerät des Herrn zu Boden fallen, stürzte auf den Verwundeten zu und umschlang ihn stürmisch. Zärtliche Worte, Liebkosungen und Rufe in fremder, allen Anwesenden unverständlicher Sprache wechselten im Fluge, und erst auf wiederholtes Fragen erfuhr Welland, daß die beiden Geschwister seien, sowie das Schicksal, das Jussuf betroffen hatte. Nursah hatte in Welland eine so lebhafte Zuneigung erregt, daß er sich mit doppeltem Eifer des Kranken annahm. Während er den gebrochenen Arm schiente und verband, die Kugel aus der Seite herauszog und einen Verband auf die eiternde Wunde legte, war Nursah unermüdlich im Helfen. Caraiskakis verhandelte derweil mit den Fährleuten. Welland machte dem Knaben den Vorschlag, zur Pflege seines Bruders zu bleiben und nachzukommen; aber Nursah weigerte sich nach kurzen Worten mit seinem Bruder entschieden. Der Fährmann drängte. Noch ehe sie die Fähre betraten, kam Nursah, der bei dem Bruder zurückgeblieben war, nachgesprengt und küßte mit leidenschaftlichem Dank die Hand seines Herrn. Drei Stunden später waren sie in Siliwri, dem ersten Haltepunkt auf der großen Straße nach Adrianopel und Schumla. Oltenitza Ein Ball beim preußischen Generalkonsul in den Donaufürstentümern hatte am 3. November 1853 eine Anzahl Offiziere des russischen Heeres und die Auserwählten der vornehmen Welt von Bukarest versammelt. Herr von Meusebach, ein Junggeselle mit Vermögen und Lebenslust, hatte sich vielfach den orientalischen Sitten anbequemt und bildete einen Mittelpunkt für den geselligen Verkehr der Fremden und Einheimischen in Bukarest. Nach der Besetzung der Donaufürstentümer hatte das russische Oberkommando seine Macht auch auf die Verwaltung ausgedehnt und am 23. Juli den Hospodaren befohlen, die Verbindung mit Konstantinopel abzubrechen und die Abgabe nicht mehr dorthin zu senden, sondern in der Staatskasse zu lassen. Schon unterm 25. Juli forderte demnach Reschid Pascha die Hospodare, die Fürsten Stirbey in Bukarest und Ghika in Jassy auf, die Fürstentümer zu verlassen und nach Konstantinopel zu kommen. Die Zwitterstellung, die die Regierung der Moldau und Walachei seit langer Zeit zwischen der Oberhoheit des Sultans und dem fremden, namentlich russischen und österreichischen, Einfluß eingenommen, veranlaßte die Fürsten, dem Befehl durch zögernde Haltung auszuweichen, auch, nachdem er am 30. August wiederholt wurde. Die machtlosen Fürsten vermochten sich zwischen den beiden Gewalten unmöglich länger zu halten, und sie erklärten, die Regierung niederlegen zu wollen. Fürst Stirbey verließ mit Bewilligung des russischen Oberbefehlshabers am 29. Oktober Bukarest und ging über Hermannstadt nach Wien. Die Regierung blieb einem außerordentlichen Verwaltungsrat übertragen; bald darauf wurde General von Budberg zum russischen Kommissar und außerordentlichen Bevollmächtigten in den Fürstentümern ernannt. Ebenso ging Fürst Ghika von Jassy nach Wien; Fürst Usurow trat dort an die Spitze des Verwaltungsrates. Viele Bojarenfamilien folgten den beiden Hospodaren und zogen sich nach Österreich zurück. Die neue Verwaltung brach allen Verkehr mit der Türkei ab und benachrichtigte davon die fremden Konsuln. Ein Erlaß versprach den Walachen, die ins russische Heer treten wollten, verschiedene Vorteile; die Einverleibung der moldau-walachischen Bezirke wurde vorbereitet. England und Frankreich hatten schon im Juli der Besetzung der Fürstentümer widersprochen und erklärt, daß sie sie auf die Dauer nicht dulden würden. Um 31. Oktober, an dem gleichen Tage, an dem Zar Nikolaus die Kundgebung an sein Volk mit der Ankündigung des Krieges richtete, erhielten die englischen und französischen Konsuln in den Donaufürstentümern den Befehl ihrer Regierungen, das Land zu verlassen. Dies war die Lage in den besetzten Ländern auf dem linken Donauufer. Offenbar hatte sich das russische Kabinett über den Erfolg sehr getäuscht, den sein gewaltsames Vorgehen zur Lösung der schwebenden Fragen haben würde. Die Türkei hatte in militärischer Beziehung die Zusage und den Schutz Englands und Frankreichs hinter sich, und das andere Europa war des russischen Einflusses müde. Der Glaube an die Macht dieses Einflusses hatte Rußland zu seinem Vorgehen ohne genügende militärische Vorbereitungen verführt; andererseits bestätigt dieser Mangel, daß es seine Zwecke ohne Eroberung zu erreichen hoffte. Im ganzen hatten nur ungefähr 77 000 Mann den Pruth überschritten; das war natürlich eine zu geringe Macht, um damit einen Krieg gegen die Türken zu führen. Eine Division des fünften Armeekorps rückte später von Odessa nach; und erst als die Ereignisse zeigten, daß die Türken den Kampf aufnehmen würden, erhielt das dritte russische Armeekorps, geführt von General von Osten-Sacken, Befehl, die Armee zu verstärken. Er rückte in Eilmärschen nach der Moldau, die sein Vortrab am 14. November betrat. Der größte Teil der russischen Armee – im ganzen etwa 80 000 Mann – stand in der Walachei und dehnte sich an der Donau aus. Fürst Gortschakow hatte sein Hauptquartier teils in Bukarest, teils in Budetschi, einem kleinen Flecken zwischen Bukarest, Giurgewo und Oltenitza, etwa fünf Meilen von Bukarest entfernt. Der linke Flügel in der Walachei stand unter dem Befehl des Generals Anrep, auf Kalarasch gestützt, den Türken bei Silistria gegenüber; General Lüders hatte die Moldaugrenze bei Galatz besetzt. General Dannenberg hielt die Mittellinie an der Donau und Giurgewo, Rustschuk gegenüber, und General von Fischbach den rechten Flügel an der Aluta bis Krajowa gegen Kalafat, nachdem man törichterweise den Türken gestattet hatte, sich dort festzusetzen. Fürst Gortschakow behielt die Ersatztruppe des Mitteltreffens bei sich. Die Russen waren durch Generalstabschef General von Kotzebue so geschickt verteilt, daß es von dem durch die Natur begünstigten bulgarischen Ufer doch nicht möglich war, ihre Aufstellung und Bewegungen zu erspähen, während doch vierundzwanzig Stunden genügten, um 30 000 Mann auf einen der Hauptpunkte zu werfen. Auf türkischer Seite befand sich das Hauptquartier in Schumla; in diesem Augenblick war Omer Pascha schon an der Donau im Mittelpunkt der Stellung eingetroffen. Den rechten Flügel stützte er auf Hirsowa und Silistria, von Izzet Pascha befehligt, den linken, über die Donau vorgeschoben, auf Widdin und Kalafat. Dort befehligte Sami Pascha. Der Serdar hatte auf dieser ausgedehnten Stellung ungefähr 120 000 Mann, teils Nizam , teils Redifs und Baschi-Bozuks . Eine Masse europäischer Flüchtlinge aller Länder befand sich nicht bloß in seiner nächsten Umgebung, sondern auch als Offiziere und selbst als Gemeine in dem ganzen Heer, zum großen Teil Abtrünnige, da durch die Bemühungen des Muschirs beim Übertritt der ungarischen Armee im Jahre 1849 Offiziere und Soldaten in Masse dem Religionswechsel des greisen Generals Bem gefolgt waren. Die Feindseligkeiten hatten von türkischer Seite bei Isaktscha, einer kleinen türkischen Festung in der Dobrudscha, begonnen. Fürst Gortschakow befahl, ein Teil der in den Mündungen ankernden russischen Donauflottille solle den Fluß hinauf bis Galatz kommen, um bei der Hand zu sein. Der Befehl lautete, bei Nacht an den Festungswerken von Isaktscha und den von den Türken dort angelegten Schanzen vorüberzufahren; der Kommandant, Kapitän Werpakhowsky, und alle Offiziere der Flottille erbaten jedoch die Erlaubnis, an der Festung bei Tage vorbeifahren zu dürfen. Das Geschwader, die Kriegsschiffe ›Pruth‹ und ›Ordinarez‹, mit je vier Kanonenbooten im Schlepptau, näherte sich um 8½ Uhr morgens am 23. Oktober Isaktscha; sofort eröffneten die Türken das Feuer aus 27 Geschützen; die lebhafte Kanonade von beiden Seiten währte fast anderthalb Stunden. Zwei Kanonenboote wurden durch das türkische Feuer so beschädigt, daß sie nur bis Reni gebracht werden konnten; die anderen Schiffe jedoch trafen am Abend in Galatz ein. Ein Teil der Stadt Isaktscha war durch die russischen Bomben in Flammen gesteckt; unter den dreizehn Toten des kleinen Geschwaders befand sich auch sein tapferer Kommandant Werpakhowsky. Sechsundvierzig Mann wurden verwundet. Am 25. Oktober hatten die Türken unter Sami Pascha, dem Statthalter von Widdin, den ersten Übergang über die Donau unternommen. Die Insel zwischen Widdin und Kalafat wurde von 2000 Mann besetzt und befestigt, ohne daß die Russen, deren schwache Vorposten in Kalafat standen, dies zu hindern suchten. Selbst als am Nachmittag des 27. von der Insel aus die Türken unter dem Befehl von Ismael Pascha das linke Ufer unterhalb Kalafat betraten, sahen die russischen Offiziere von dem auf der Höhe gelegenen Kaffeehause dem feindlichen Übergang ruhig zu, bis es zu spät war, die verlorenen Vorteile wiederzugewinnen. Die russische Besatzung räumte Kalafat; nach Mitternacht rückte die Spitze der Türken dort ein; ihre Stärke betrug damals höchstens 8000 Mann. Sofort begannen sie die von Natur äußerst feste Stellung durch Schanzwerke zu verstärken. Die ziemlich abgesonderte Stellung war von dem Muschir klugerweise eingenommen worden, um dem großen Plan der Russen auf die Verbindung mit Serbien und die Aufrufung des serbischen Volkes gegen die Türkei zuvorzukommen. Am 1. November wurden von den Türken abermals mehrere Versuche gegen das linke Donauufer unternommen. Von Rustschuk aus, etwas stromabwärts bei Tersentschik, waren 2000 Mann über die Donau gegangen und plänkelten gegen Giurgewo, Rustschuk gegenüber. Dort stand General Ssoimonow. Es erfolgte ein Gefecht längs des Dammes der Stadt ohne Ergebnisse. Am Morgen des 2. benutzten die Türken den starken Nebel und schickten einen Dampfer mit mehreren Kanonenbooten von Rustschuk gegen Giurgewo. Die Schiffe waren schon in den Kanal eingedrungen, der gegen die Quarantäne führt, als sie von den Russen bemerkt wurden. Nach mehrstündigem Geschützkampf zogen sich die türkischen Schiffe zurück. Am nächsten Tage wiederholte sich dies Spiel. Von Tuturkai aus wurde der dritte Versuch zur selben Zeit gemacht, und dort beabsichtigten, wie die späteren Ereignisse ergaben, die Türken den Hauptstoß. Tuturkai selber war stark befestigt worden; unter dem Schutz des buschigen und bergigen Ufers war es gelungen, 14 000 Mann auf der Strecke bis Tschischatscha zu sammeln. Am 1. November setzten die Türken auf die zwischen Tuturkai und Oltenitza, näher am letzteren Orte liegende Insel über und begannen sie zu befestigen. Von dort aus faßten sie am nächsten Tage Fuß auf dem linken Ufer bei Oltenitza. Am Morgen des 3. standen schon etwa 5000 Mann auf der Insel. Ihr Buschwerk verhinderte jedoch auch dort die Russen, Zahl und Vorbereitung der Gegner zu erkennen. Der Kommandeur der 2. Infanteriedivision des 4. Armeekorps, Generalleutnant Pawlow, befehligte in Oltenitza, hatte aber nur wenig Truppen. Dies war die gegenseitige Stellung am Abend des 3. November. Fürst Gortschakow mit seinem Adjutanten hatte selber den Ball des Generalkonsuls von Meusebach besucht, und eine große Anzahl der Offiziere des Dannenbergschen (4.) Korps war aus den umliegenden Nestern auf Urlaub anwesend, da die Gefahr an keinem Punkt dringend erschien und man die Vorpostenstellungen an der Donau für genügend hielt, jeden Versuch zu vereiteln und übergegangene Streifkorps zurückzuwerfen. Die Schönheit des Tages war die Gattin eines erst seit wenigen Wochen aus Paris zurückgekehrten Bojaren aus der reichen und angesehenen Familie der Bibesko. Obgleich es nicht ungewöhnlich war, daß die lebenslustigen Damen von Paris, wenn sie dort ihre Rolle ausgespielt haben, sich von ihren slawischen Anbetern in deren wilde Heimat entführen lassen, oder auch auf eigene Hand nach Bukarest, Galatz und Jassy kommen, um einen goldenen Fisch zu angeln und mit ihrer Hand zu beglücken – so war Madame Bibesko doch geeignet, Aufmerksamkeit zu erregen. Eine hohe, schlanke Gestalt, das Haar aschblond, die Haut zart und rosig, das Auge lebhaft unter seidenweichen Wimpern, war sie wohl geeignet, die Blicke der Gäste auf sich zu ziehen. Achtlos sah sie durch das brillantenbesetzte Stielglas über den Kreis ihrer Verehrer hinaus Am 5. Juli 1853, an dem Tage, da der russische Attaché der Pariser Gesandtschaft Fürst Iwan Oczakow mit wichtigen Depeschen nach Petersburg gesandt wurde, finden wir Frau Celeste Bibesko in der Wohnung ihrer Freundin Nini in der Straße St. Joseph. Fürst Iwan, der Geliebte Ninis, wird dort nach dem Anschlag auf Napoleon irrtümlich verhaftet, so daß für ihn seine ihm ungewöhnlich ähnliche Zwillingsschwester Iwanowna, die ihn vergeblich am Nordbahnhof erwartet, die Depeschen nach Petersburg bringt. – Vergleiche das Kapitel »Elf Uhr – der Zug geht ab!« in dem Band »Die Wölfin von Skadar.« . Plötzlich erbleichte sie. Sie wandte sich zu einem der Offiziere und begann ein gleichgültiges Gespräch, um ihre Aufregung zu unterdrücken, und ließ erst später ihre Blicke nochmals wie zufällig durch den Saal schweifen und auf einer Gruppe älterer Offiziere haften. »Können Sie mir sagen, Herr von Szamarin,« fragte sie einen Ulanenmajor vom Regiment Olwiopol, »wer der junge Offizier ist – soviel ich von Ihren Uniformen verstehe, von der Garde – der eben mit dem Oberbefehlshaber spricht? Mich dünkt, ich müßte dies kluge Gesicht schon gesehen haben.« »Ich kann Ihnen dienen, gnädige Frau. Mit Ihren scharfen Augen haben Sie einen Adonis der russischen Armee herausgefunden; es ist Fürst Iwan Oczakow, der einige Zeit der Gesandtschaft in Paris beigegeben war. Ich kenne den Fürsten und seine schöne Schwester, die leider krank von Paris zurückgekehrt ist, von Petersburg her. Er steht augenblicklich beim Stabe des Fürsten Menschikow und ist gestern als Kurier mit Depeschen von Odessa hier eingetroffen. – Befehlen Sie, daß ich Ihnen den Fürsten vorstelle?« »Sie werden mich verbinden, Herr Major.« Der Major näherte sich dem Fürsten. Die Blicke der Dame folgten ihm unruhig; nur zerstreut setzte sie die Unterhaltung mit ihrer Umgebung fort. »Sie haben eine Eroberung gemacht, Fürst,« sagte Herr von Szamarin, »ohne daß Sie es wissen. Madame Bibesko, die Königin des Balles, wünscht Sie kennenzulernen.« »Ich weiß nicht, wie ich zu der Ehre komme.« »Die schöne Celeste Bibesko ist eine Pariserin und wird Sie dort wahrscheinlich gesehen haben, wenigstens glaubt sie es!« Halb gezwungen folgte Fürst Iwan dem Kameraden. »Hier, Madame – Fürst Iwan Oczakow! – Er stammt aus dem Lande, wo Achill einst vor dem trojanischen Krieg verborgen wurde, und ich hoffe, er hat für die Pfeile aus Ihren schönen Augen nicht einmal die verwundbare Stelle, die sein berühmter Landsmann besaß.« »Man muß nach Rußland kommen,« sagte Frau von Bibesko lächelnd, »um die Pariser Komplimente noch übertroffen zu sehen. Ich höre, Sie waren noch in diesem Sommer in Paris, mein Prinz?« – Ihr Auge lag forschend auf ihm. »So ist es, Madame.« »Und wann verließen Sie es?« »Am Abend des 5. Juli.« »So bald schon? Ich glaubte, Sie noch später dort gesehen zu haben. Es scheint, daß der 5. Juli ein wichtiger Tag für viele Personen gewesen ist – auch mir war er bedeutungsvoll.« Iwan Oczakow wurde aufmerksam. »Meine Abreise kam plötzlich, deshalb habe ich den Tag genau behalten, Madame.« »Ich zweifle nicht daran, mein Prinz. Ungewöhnliche Ereignisse haften fest in der Erinnerung, wie es scheint, selbst fester als Gefühle.« Ihr Blick flog umher – die Herren hatten sich rücksichtsvoll einige Schritte zurückgezogen und plauderten – sie sah sich unbeachtet und benutzte den Augenblick. »Ich hätte kaum geglaubt, Sie glücklich und so bald nach jenem furchtbaren Abend wiederzusehen.« »Madame – –« »Jetzt wird es mir freilich klar, auf welche Weise es Ihnen gelang, sich zu befreien. – Die arme Nini!« Iwan Oczakow war sehr bleich; in seinem Innern kämpfte sichtlich eine große Aufregung. »Madame – ich verstehe kaum – –« »Ei, mein Gott, warum sich des kleinen Abenteuers schämen, mein Prinz? – Ich bin, wenn Sie es wünschen, die Verschwiegenheit selber, nehme aber natürlich auch die Ihre in Anspruch! Wenn Sie Lust haben, weiter mit mir zu plaudern, so sage ich Ihnen den zweiten Tanz zu. Im Augenblick bin ich vergeben, und ich sehe eben meinen Tänzer nahen. – Auf Wiedersehen, Fürst!« Am Arm des Tänzers rauschte sie in die Reihen; das Orchester begann eine wilde Mazurka. Der Fürst starrte ihnen nach – seine Augen hingen in tiefem Nachdenken an der unerwarteten Erscheinung. Dann legte er die Hand sinnend an die Stirn und suchte eines der Nebenzimmer auf, wo er ungestört seinen Gedanken nachgehen konnte. Erst die Takte, die zur Quadrille riefen, weckten ihn. Er schien einen Entschluß gefaßt zu haben und eilte in den Saal zu seiner Tänzerin. Während des Tanzes spann sich das Gespräch weiter. »Darf ich fragen, ob Sie Nini wieder gesehen haben?« »Nein.« »Ich dachte es mir«, sagte Celeste von Bibesko sichtlich erleichtert. »Sie haben demnach Paris gleich nach dem entsetzlichen Auftritt verlassen?« »So ist es.« »Es konnte Ihnen natürlich nicht schwer fallen, den Irrtum nachzuweisen. Doch war es edel und schön von Ihnen, sich für Ihren Gegner zu opfern.« Der Tanz unterbrach die Unterhaltung. »Und Nini?« fragte Fürst Iwan. »Mein Gott – die Kleine begleitete ihren Bruder und war am anderen Morgen spurlos verschwunden. Wir hatten uns bald getrennt, um jede Spur zu verwischen, und ich wagte es erst einige Zeit nachher, mich unter der Hand zu erkundigen. – Aber seltsam, auch die Polizei hatte keine Nachfrage angestellt, obgleich der Mensch verdächtig sein mußte.« Sie schien die Sache mit einiger Verlegenheit zu umgehen. »Sie sind mir die Erzählung Ihres weiteren Abenteuers schuldig, mein Prinz.« Der Tanz hatte geendet; Iwan Oczakow führte Celeste nach ihrem Platz. »Ich fühle ganz die Pflicht – nur scheint hier kaum der geeignete Ort. Würden Sie mir wohl erlauben, Ihnen morgen meine Aufwartung zu machen?« »Ich bin von zwölf Uhr an für Sie allein zu Hause. – Doch sehen Sie, Fürst, es muß sich etwas Ungewöhnliches ereignet haben! Ihre Herren Kameraden stecken die Köpfe zusammen, und ich sah eben Fürst Gortschakow mit mehreren Generalen sich entfernen. Bitte, erkundigen Sie sich – wir Frauen sind so neugierig!« Iwan Oczakow eilte davon. Der preußische Generalkonsul, Baron von Meusebach, trat eben aus einem Nebenraum in den Saal. »Fürst Gortschakow«, sagte er mit lauter Stimme, »bittet die werte Gesellschaft mit mir, sich durchaus nicht zu beunruhigen oder stören zu lassen. Es sind einige Depeschen eingegangen, die den Fürsten für kurze Zeit in Anspruch nehmen, aber keineswegs irgendeine Besorgnis rechtfertigen. Meine Herren, ich bitte Sie, im Tanz fortzufahren.« Das Orchester begann auf seinen Wink aufs neue, doch nur wenige Paare tanzten weiter. Man stand in Gruppen oder beobachtete die Adjutanten, die geschäftig ab und zu gingen und hier und da einen der Offiziere einen Befehl zu bringen schienen. Man bemerkte, wie alsbald die Angeredeten aus dem Saale verschwanden, und von der Pforte des Hauses her klang der Galopp der Davonsprengenden herauf. Fürst Iwan wandte sich an einen Artillerieoffizier. »Der Teufel ist los!« sagte der Kapitän. »Pawlow hat uns bei Oltenitza die Türken über den Hals kommen lassen und ist heute mittag von ihnen zurückgedrängt worden. Kommen Sie, Fürst, wir hören die sichersten Nachrichten von dem Boten selber.« Er führte ihn durch die Menge zum zweiten Saal, wo eine Anzahl Militärs um einen staub- und schmutzbedeckten Kosakenoffizier versammelt war, der, am Tisch sitzend, große Gläser starken Punsches hinunterstürzte. Die Unterhaltung wurde russisch geführt und die übrige Gesellschaft hatte sich daher zurückgezogen. »Nun, Herr Kamerad,« sagte Kapitän Besutow zu dem Kosaken, »kann man von Ihnen erfahren, welche Nachricht Sie gebracht haben? Oder ist die Sache Geheimnis?!« »Warum halten hinter dem Berg mit der Sach', die doch sein bekannt morgen früh!« radebrechte der Kosak. »Wir haben bekommen Schläg', starke Schläg'; die Herren Muselman waren gekommen zu viel und haben gedrängt uns zurück. Wir werden haben morgen starke Affär'.« Er hob das neugefüllte Glas und betrachtete den Inhalt schmunzelnd gegen das Licht. »Dieser Punsch sein ser kut. Auf kuten Erfolg, meine Herren Kamerad'!« Er leerte das große Glas auf einen Zug. Indes die Offiziere sich bemühten, die Einzelheiten aus ihm herauszuholen, trat einer der Adjutanten des Oberbefehlshabers zu der Gruppe. »Seine Durchlaucht hat den Ball verlassen und sich in sein Quartier begeben. Sie werden guttun, sich fertigzumachen und möglichst schnell einzufinden, um Befehle in Empfang zu nehmen. Wir brechen noch diese Nacht auf nach Budetschi. – Sie, Herr Leutnant,« wandte er sich an Iwan, »wünscht der Fürst gleich zu sprechen.« Ein allgemeiner Aufbruch der Gesellschaft erfolgte. Als Fürst Oczakow in den Ballsaal zurückeilte, um die schöne Bojarin noch zu sprechen, fand er, daß sie mit ihrem Gatten das Fest schon verlassen hatte. Die Offiziere eilten in ihre Quartiere oder sofort in das Haus des Oberbefehlshabers. Fürst Iwan traf dort die Vorgemächer voll von Ordonnanzen und Offizieren aller Waffengattungen. In dem Saal des Hauses fand er den Fürsten mit den Herren vom Generalstab um die Karten versammelt. Der Oberbefehlshaber diktierte eben die Generalorder an den Chef des 4. Korps, General von Dannenberg, für den kommenden Tag. Zugleich wurden Sonderbefehle an alle die einzelnen zwischen Saltscha und dem Mostische stehenden Truppen zum sofortigen Ausmarsch gegeben. Die Adjutanten und Ordonnanzen jagten damit nach allen Seiten davon. Der Regen goß in Strömen vom Himmel, die wenigen Straßen und Wege waren grundlos. In einer Pause wandte sich der Oberbefehlshaber an Fürst Iwan. »Ich habe Sie rufen lassen, Herr Leutnant, um Ihnen mitzuteilen, daß Sie mich nach Budetschi begleiten und dem Kampf beiwohnen werden. Sie haben damit Gelegenheit, sich die Sporen und« – fügte er lächelnd hinzu – »den noch mangelnden Bart zu verdienen. Ich hoffe, Sie mit guter Botschaft von Ort und Stelle an den Herrn Marineminister zurücksenden zu können. In zwei Stunden brechen wir auf. Sie werden Pferde aus meinem Stall nehmen.« Er winkte Entlassung und wandte sich zu einem anderen Offizier. Iwan trat ab, ziemlich betroffen und mißlaunig; er schien großen Wert auf die Unterredung mit Frau von Bibesko gelegt zu haben und sah sie jetzt vollständig vereitelt. Major Szamarin begegnete ihm. »Ich höre, Sie werden dem Scharmützel im Generalstab beiwohnen. Doch wollen wir uns sputen, daß wir mit den lieben Moslems fertig sind, ehe Sie kommen. Gute Nacht oder guten Morgen, Kamerad; ich muß zu meiner Eskadron. – Die Kerls werden sich freuen, daß endlich der Tanz losgeht.« Sie reichten sich die Hand und trennten sich. Zwei Stunden darauf wirbelten die Trommeln durch die Straßen und Infanterietruppen setzten sich bei Sturm und Regen in Bewegung. Beim ersten Dämmern des Tages folgte ihnen der Oberbefehlshaber mit seinem Stabe nach Budetschi. –   Oltenitza, wo der erste größere Kampf dieses Krieges ausgefochten werden sollte, ist ein kleiner Ort an dem Flüßchen Argisch, kurz vor dessen Einfluß in die Donau. Oltenitza gegenüber, in der Mitte des Stromes, liegt eine ziemlich große, stark bewaldete Insel. Links von dem etwas landeinwärts gelegenen Städtchen befindet sich, näher am Ufer, das große steinerne Quarantänegebäude; in dessen Umgebung waren noch mehrere alte, nach der Landseite offene Schanzen und Erdwerke vorhanden, die von den Russen in früheren Kriegen gegen die Türken aufgeworfen worden waren. Der Argisch bildet an seinem Ausfluß weite Sümpfe, die die Stellung beengen und auch schützen. Dort hatte wegen der geringeren Breite der Donau auch bei dem Feldzuge von 1828 die russische Armee mit 40 000 Mann ihren Übergang nach dem bulgarischen Ufer bewerkstelligt. Die Türken hatten am 2. November im Schutz des Nebels ein kleines Korps von der Insel aus auf das linke Ufer geworfen und sich dort in den russischen Schanzen festgesetzt. Mustapha Pascha und der spanische Abenteurer General Prim von Reuß, ein ehemaliger preußischer Leutnant, der durch die Weiberwirtschaft in Spanien sich zu seinem Range emporgeschwungen hatte und mit der Hoffnung nach der Türkei gekommen war, mindestens ein Oberkommando zu erhalten – leiteten die Unternehmung. Im Laufe des 3. November – es war ein Donnerstag – hatte sich die Zahl der übergesetzten Truppen bedeutend vermehrt und drängte die russische Vorpostenlinie auf Oltenitza und die in Kanonenschußweite hinter dem Orte gelegene befestigte Reservestellung zurück. Am Nachmittag entspann sich ein Gefecht, bei dem die Russen sehr im Nachteil waren und Oltenitza räumen mußten; die Türken befestigten ihre Stellung, fuhren auf der Donauinsel zwei Batterien auf und legten eine in das Quarantänehaus. Ununterbrochen kamen Verstärkungen vom rechten Donauufer an. Diese mißlichen Umstände waren es, die General Pawlow dem Höchstkommandierenden am Nachmittag des 3. November nach dem etwa acht Stunden von Oltenitza entfernten Hauptquartier gemeldet hatte. Am Freitag morgen – der Freitag ist der Sonntag der Moslems – standen schon 14 000 – 15 000 Türken verschanzt auf dem linken Donauufer in vorteilhafter Stellung. Die Front, in deren Mitte das steinerne mit sechs Geschützen besetzte Quarantänehaus stand, war durch Schanzkörbe und Pallisaden geschützt. Während des ganzen Morgens und Vormittags feuerte die Artillerie, doch in solcher Entfernung, daß sich auf beiden Seiten wenig Erfolg zeigte. Gegen Mittag endlich klärte sich das Wetter auf; zugleich rückten von Mitréni-Fundéni und Szanzowa her die Truppen des Generals Dannenberg in die ihnen bezeichneten Stellungen. Sie waren, alles in allem, 8000 Mann stark Regelrecht hätten die russischen Truppen 10 000 Mann betragen müssen; hierzu die zusammengezogenen Vorpostenlinien der Kosaken. Die russischen Regimenter waren jedoch damals so unvollständig, daß schon die Gesamtzahl 8000 sehr hochgegriffen ist. Offiziere, die mitgefochten haben, behaupten, daß nur 6000 Mann versammelt waren, und der Ausgang scheint diese Annahme zu bestätigen. , da die Regimenter »alten Schlages«, das heißt »sehr unvollkommen« waren. General von Dannenberg hatte sich mit dem Stabe unfern von Oltenitza aufgestellt. Die Kosaken plänkelten, obwohl die Stellung des Feindes jeden Flankenangriff hinderte. Das Selenginskische Infanterieregiment, Nummer 21, geführt von Oberst Sabatinski, und das Jakutskische Regiment, Nummer 22, geführt von Oberst Bjalui, standen in Kanonenschußweite in spitzem Winkel aufgestellt, die Mitte für die Artillerie freilassend, die Generalmajor Wedowitschenko befehligte. Die Ulanen unter Generalmajor Kosljaninow bildeten die Reserve. Da die Stellung der Türken nirgends umgangen werden konnte, beschloß der General den Frontalangriff. Schon bei der Aufstellung der Truppen hatte die türkische Artillerie ihr Feuer aus allen Geschützen und selbst aus einigen auf dem rechten Ufer aufgestellten Mörsern begonnen. Um ein Uhr gab der russische Befehlshaber das Zeichen zum Angriff und sandte die Batterien 3 und 5 bis auf etwa 1400 Schritt Entfernung an die feindlichen Schanzwerke vor, wo sie abprotzten und sofort das Feuer gegen die türkischen Verschanzungen eröffneten. Eine Stunde lang spielte die Artillerie, auf beiden Seiten trefflich bedient; der russischen gelang es, bis auf Kartätschenschußweite vorzugehen. Die Trommeln wirbelten nun zum Angriff und vier Bataillone des Selenginskischen mit zweien des Jakutskischen Regiments bildeten die Sturmkolonne unter Oberst Sabatinski. In diesem Augenblick traf der Oberbefehlshaber, Fürst Gortschakow, auf dem Schlachtfelde ein. Die Artillerie gab noch eine Salve; dann wandte sie sich zur rechten und linken und beschoß die Schanze und die Insel, während die Kolonne stürmte. Der erste Aufstoß war fürchterlich – der Tod hielt reiche Ernte. Die Geschütze im Quarantänehause schwiegen, bis die Russen auf hundert Schritt an die Pallisaden heran waren, dann prasselte ihr Kartätschenfeuer in die dichtgedrängte Masse. Die Kolonne wankte – der Zuruf der Offiziere hielt sie zusammen und trieb sie wieder vorwärts. Eine zweite volle Lage begrüßte sie, kaum dreißig Schritt von den Verschanzungen – eine der Kugeln riß den tapfern Veteran zu Boden, der sie führte. Die Bataillone wichen und stürzten in wilder Flucht zurück; zugleich warf sich die zur Seite des Quarantänehauses gedeckt aufgestellte Reiterei auf die Weichenden und trieb sie vor sich her. Die russische Artillerie vermochte nicht einmal, zum Schutz der Ihren zu feuern, so dicht ineinandergeballt waren Freund und Feind. »Nun, Fürst,« sagte Gortschakow, »verdienen Sie sich das Hauptmannspatent! – Hinunter zu Kosljaninow – er soll angreifen und den Leuten Luft schaffen!« Iwan grüßte und gab seinem Pferde die Sporen; in wenigen Augenblicken war er bei den Ulanen und überbrachte den Befehl. »Abgeschwenkt! – Erste, dritte und fünfte Eskadron rechts, die zweite und vierte links, die sechste in Reserve! – Galopp! Marsch!« Die Befehle dröhnten, die Trompeten schmetterten. Im Galopp sausten die Ulanen über das höllische Feld. Durch die Mitte langten schon Spitzen der Fliehenden an. Die türkische Reiterei, Husaren und syrische Baschi-Bozuks, erhielt nun von zwei Seiten den Stoß und vermochte nur schwer zu widerstehen. Ein wildes Einzelgefecht entspann sich, die Baschi-Bozuks mit ihren Lanzen gegen die Ulanen. Dort, neben Szamarin, im dichtesten Gewühl, stak Iwan Oczakow. Sein Gesicht war bleich, doch die Augenbrauen waren finster zusammengezogen, wie in einem festen Entschluß. Seine Rechte hielt den Degen, doch nur zur Verteidigung – die Klinge war noch rein von Blut. In solcher Nähe wirkte der Kampf mit den wilden Söhnen der syrischen Steppen scheußlich. Die braunen Gesichter mit den funkelnden Augen, die wilden, ungewohnten Gestalten in der seltsamen, oft zerlumpten Tracht, konnten selbst die Kaltblütigkeit eines alten Soldaten erschüttern. Dem Fürsten blitzte und wogte es vor den Augen – ein scharfer Schmerz am linken Arm – ein Lanzenstich, für seine Brust bestimmt, hatte ihn leicht verwundet. Gleich darauf hieb Szamarin den Türken vom Pferde. »Vorwärts, Kamerad, nicht geschont die ...« Der schwere Schlag eines Yatagans traf durch den Kalpak hindurch seine Stirn; zugleich durchbohrte eine Pistolenkugel seine Brust – der Tapfere breitete die Arme weit aus – in der erhobenen Faust noch den Säbel – so stürzte er unter die Hufe der Pferde, die den zuckenden Leichnam zertraten. Diesmal war es der noch blanke Stahl Iwans, der den Tod des Kameraden rächte und sich tief in die Seite des Schützen grub. Ein wilder Ruf – der Türke, offenbar ein höherer Offizier, fiel, und zugleich brach von der Seite her die Reserve der sechsten Eskadron in den Feind. Die feindlichen Reiter wandten sich zur Flucht; in Karriere ging's nach dem Ufer, bis ins Wasser der Donau hinein, ihnen auf den Hacken die Ulanen, bis das Flankenfeuer von den Batterien der Insel Einhalt gebot. Bleich, schwankend im Sattel, den blutigen Stahl noch in der Hand, kam Iwan in den Reihen der schwer gelichteten Eskadrons zurück. Ein alter bärtiger Unteroffizier führte am Zügel den prächtig geschirrten Araber, dessen Sattel der Stoß Iwans geräumt hatte. »Sie sind ein Glückskind, Fürst«, sagte der Junker an seiner Seite; »ich glaube, es war der Führer dieser Horden, den Sie da getroffen haben! – Vielleicht findet sich in diesen goldverbrämten Satteltaschen ein Ausweis; schade, daß wir nicht Zeit hatten, den Kerl selber zu durchsuchen.« Man fand neben dem Tabaksbeutel den Tagesbefehl; es erwies sich, daß der Gefallene Hassan Pascha, der Führer der Kavallerie des Korps, war. Der Oberbefehlshaber selber kam der zurückkehrenden Reiterei entgegen und hörte die dem Kommandierenden erstatteten Berichte an; die Kolonnen sammelten sich wieder. Dabei wurden auch die in dem Sattelzeug des gefallenen türkischen Führers gefundenen Papiere übergeben und schnell übersetzt. Sie schienen von Wichtigkeit, denn während die Artillerie von neuem ihre Arbeit begann, zog sich Gortschakow mit dem Kommandierenden und einigen der älteren Stabsoffiziere zu einem Kriegsrat zurück. Nach wenigen Minuten war er beendet; General Dannenberg erteilte aufs neue seine Befehle für den Angriff. Fürst Gortschakow winkte Iwan zu sich. »Ich gratuliere, Herr Kapitän«, sagte er freundlich; »Sie haben sich in Ihrem ersten Gefecht ausgezeichnet – wie ich sehe, sogar auf Kosten einer Wunde – und uns zugleich einen wichtigen Dienst geleistet. Ich breche in diesem Augenblick nach Giurgewo auf, wo, wie ich aus den gefundenen Papieren ersehe, unsere Stellungen zugleich bedroht sind. Sie bleiben bei General Dannenberg zurück, der Sie später mit Depeschen an General Anrep und General Lüders senden wird. Von Galatz aus begeben Sie sich nach Odessa zurück. Ich hoffe, Herr Kapitän, wir sehen uns bald wieder.« Er galoppierte davon und Iwan schloß sich, stolz und dennoch trübe und ernst dem Stab des Kommandierenden an. Der Tag neigte sich; es war schon vier Uhr. General Dannenberg hatte Befehl erhalten, noch einen Angriff zu machen und die Türken womöglich aus ihrer Stellung zu verdrängen, auf jeden Fall aber die eigene Stellung zu halten. Die Trommeln gaben das Zeichen zum Antreten. Wiederum gingen die Batterien vor und eröffneten den Beginn des Sturms; die Hälfte der Ulanen sollte mit den Kosaken nachrücken und die türkische Kavallerie im Schach halten. Generalmajor Ochterlone, ein Ire von Geburt, der Kommandeur der Brigade, übernahm selber das Kommando. Der Sturmmarsch wirbelte in kurzen Schlägen; die beiden Kolonnen setzten sich in Geschwindmarsch, die eine gegen das Quarantänehaus, die zweite gegen die große Verschanzung. Beide gelangten zu gleicher Zeit – ohne daß die feindliche Artillerie feuerte – an das Ziel; die erste an die Palisaden, die zweite an die mit Wasser gefüllten Gräben vor den Schanzen. In diesem Augenblick begann ein mörderisches Feuer aus den maskierten Batterien der Schanzen, aus den Kanonen des Quarantänehauses und von Tuturkai herüber. Zugleich eröffneten von der Schanze wie vom Gebäude Scharfschützen ein tödliches Feuer auf die Anstürmenden. An den Palisaden wogte der Kampf in wildester Heftigkeit; die Leichen türmten sich zu Haufen; der Tod hielt eine gräßliche Ernte unter den Russen. Die Männer sanken ohne Klage, finster, verbissen; noch im Sterben drohten sie dem Feind. Vergebens war der Ansturm; die Palisaden fielen zwar unter dem Andrängen der Tapferen, die sie mit den bloßen Händen aus dem Boden rissen und die stürzenden mit ihren Leichen deckten. Hinter der Wand von Holz starrte die Wand der Bajonette; aus den Fenstern des Hauses regneten die Büchsenkugeln der Scharfschützen; die Kartätschen der Inselbatterien schlugen mörderisch in die Reserve. Drüben an den Schanzen tobte der Kampf nicht minder heftig. Von den Nachfolgenden getrieben, warfen sich die Vorderreihen in die wassergefüllten Gräben, deren Flut ihnen bis an den Hals ging. Das Gewehr hoch in der Hand, drangen sie vor – wer glitt, wer stürzte, war rettungslos verloren – die Füße der eigenen Kameraden traten ihn in den schlammigen Grund. An dem Wall klommen sie empor – zehn, zwanzig, hundert stürzten hinab in das nasse Grab – aber hier krallte sich einer fest an der Böschung, dort ein zweiter, ein dritter – hundert standen auf dem Wall... »Hurra! – Die erste Schanze ist erstürmt!« Die fliehenden Türken warfen sich auf ihre Kavallerie; Verwirrung, Toben überall; die Reiter setzten in den Strom, um die Insel zu erreichen; selbst die Infanteristen stürzten sich in die Wellen nach den Booten und Schiffen. »Sieg!« Aber der Ruf war verfrüht. Von der zweiten flankierenden Schanze donnerten die Kartätschenladungen in die Reihen der Sieger und rissen breite Lücken. Von Tuturkai herüber schmetterten die Kugeln Tod und Verderben; ein mörderisches Feuer spie aus den Booten. Vor dem Quarantänegebäude wichen die Tapferen; das Kreuzfeuer der Batterien zerfetzte sie. Von den russischen Kugeln entzündet, flogen zwei Pulverkasten in dem Gebäude in die Luft und rissen breite Spalten in die durchlöcherten Mauern. Die türkische Artillerie mußte sich daraus zurückziehen. Aber am Ufer faßte sie wieder Posto und bestrich von dort aus den Platz um das Haus und die eroberte Schanze. Ein weiterer Angriff auf die von der Insel und Tuturkai her gedeckten übermächtigen Massen wäre Wahnwitz gewesen. General Dannenberg gab das Zeichen zum Rückzug. Die Krankenträger nahmen unter dem Schutze von Reiterfähnlein dicht vor der türkischen Stellung unbehindert ihre Verwundeten auf. Zwölfhundert Russen, Tote und Verwundete bedeckten das Feld, – fast sämtliche Majore, beide Obersten waren verwundet, achtzehn Offiziere unter den Leichen – infolge seiner gesicherten Stellung war der Verlust der Gegner bedeutend geringer. Der Kampf war unentschieden; das Dunkel des Abends senkte sich über die blutgetränkten Fluren. Die Türken lagerten am Donauufer und in der größten Schanze, die sie behauptet hatten; die Russen zogen sich auf Oltenitza zurück. Dort, in der Stube eines Häuschens, fertigte General Dannenberg zunächst die Depeschen aus, mit denen Boten nach allen Seiten spritzten. Kapitän Fürst Iwan Oczakow erhielt Befehl, zunächst nach Kalarasch zu General Anrep, sowie für General Lüders oder den Kommandierenden von Galatz, General Englhard, die Depeschen zu überbringen, die eiligst alle verfügbaren Truppen anforderten. Die Nacht lag mit ihrem feuchten Nebel über Flur und Strom, als der neue Kapitän mit seinem Burschen und zwei Ordonnanz-Kosaken durch die Straßen des Ortes schritt, um sich eine Strecke unterhalb Oltenitza im Schutz des Dunkels in einem Fischerboot zur Fahrt nach Kalarasch einzuschiffen. Von dem Schlachtfeld her trugen die Windstöße hin und wieder einzelne Töne herüber. Aus den Häusern, die zu Lazaretten eingerichtet waren, drangen die Klagen und Seufzer der Verwundeten und Sterbenden – ein Zug dunkler Gestalten auf dem Wege zur Kampfstätte eilte stumm an ihnen vorüber: – die Totengräber gingen an die Arbeit. Eine Nacht im Moor Von allen Seiten rückten am 6., 7. und 8. November die russischen Korps nach Oltenitza heran. Es galt, den Kriegsplan des türkischen Oberfeldherrn in seiner ersten Entwicklung zu vereiteln. Während der äußerste linke Flügel des Muschirs die Verbindung mit Serbien verhinderte und die Russen in der kleinen Walachei beschäftigte, hatte Omer Pascha seine Hauptmacht bei Tuturkai und Rustschuk vereinigt; er beabsichtigte, von beiden Punkten aus die russische Aufstellung zu durchbrechen und gegen Bukarest vorzudringen. Zugleich sollte ein dritter Übergang bei Silistria die linke Flanke der russischen Stellung absondern und ähnliche Versuche an anderen Punkten ihre Donaulinie in Alarm halten. Von diesem Plan war bis jetzt nur der Übergang und die Festsetzung bei Oltenitza gelungen, und auch dort durch den raschen Angriff des Dannenbergschen Korps ein weiteres Vorgehen verhindert worden; die Versuche auf Giurgewo am 1. bis 3. waren gescheitert. Dennoch gab der Muschir das Unternehmen nicht auf. Er war jetzt selber im Lager von Tuturkai eingetroffen, zugleich mit ihm von Konstantinopel der berühmte Insurgentengeneral Klapka; unter dessen Leitung wurden die Anstalten getroffen, die Stellung in Oltenitza aufs neue zu befestigen. Die ununterbrochen seit dem 4. über den Strom geführten Verstärkungen hatten es ermöglicht, die russischen Vorposten bis hinter Oltenitza und auf ihre etwa einen Kanonenschuß hinter diesem Ort befestigte Reservestellung zurückzuwerfen. Am 8. standen 25 000 Mann Türken in den neu befestigten Schanzen und um das Quarantänehaus in der nämlichen Aufstellung, die bei dem Kampf am 4. so zäh verteidigt worden war. General Klapka, der ausgezeichnetste Artillerist der ungarischen Armee, befehligte die Artillerie und hatte zur Verbindung der Ufer über die Mündung des Argisch Brücken schlagen lassen. Unterdes vereinigten sich die russischen Streitkräfte bei Budeschti; am Morgen des 9. waren in der nächsten Umgebung von Oltenitza 35 000 Mann versammelt unter dem Kommando des Oberbefehlshabers. Zwei glänzende Artilleriegenerale standen dort also einander gegenüber. Auch bei Giurgewo hatten die Russen ihre Stellung befestigt und unweit davon in der Richtung auf Bukarest ein verschanztes Lager von 7000–8000 Mann bei Foreschti gebildet, um die Türken bei einem Übergange zu verhindern, von dort aus der russischen Stellung in die Flanke zu fallen. Am 8. setzten die Türken von Rustschuk auf die zwischen den beiden Städten liegenden Donauinseln über und befestigten die größere, die Mokomen-Insel. Die Stellung war gefahrdrohend, und Generalleutnant Ssoimonow, der Kommandierende der 10. Infanteriedivision, dem die Verteidigung dieses Teiles anvertraut blieb, beschloß, die Gegner sofort von der Insel zu vertreiben. Er wartete das von Bukarest nach Giurgewo bestimmte, wegen der schlechten Beschaffenheit der Wege aber noch nicht angelangte Brückenbauzeug gar nicht ab. In der Nacht zum 9. ließ der General 24 Stück schweres Geschütz, die Räder mit schalldämpfendem Stroh umwickelt, an das Donauufer führen und am anderen Morgen, sobald der den Strom bedeckende Nebel gefallen, das Feuer gegen die Türken auf der Mokomen-Insel eröffnen. Nach zweieinhalb Stunden waren die Türken, die bei der Breite des Flusses vom eigenen Ufer nicht genügend unterstützt werden konnten, genötigt, die Stellung zu räumen. Dagegen hielten sie sich auf einer nahegelegenen besser gedeckten Insel. Zur selben Zeit befahl Fürst Gortschakow den Angriff auf die Verschanzungen der Türken in und bei Oltenitza. Am 9. und 10. bestand der Kampf größtenteils in Artilleriegefecht, doch wurde am zweiten Tage Oltenitza von den Russen mit dem Bajonett genommen und wieder verloren. Am Abend des 10. hatte der Muschir seine Stellung unverändert inne. Das Wetter war so schlecht, daß die Artillerie oft nicht schießen konnte. Dennoch wurde der Kampf mit geringen Unterbrechungen Tag und Nacht fortgesetzt. Fürst Gortschakow beschloß für den nächsten Tag einen allgemeinen Angriff. Mit dem Schwinden der Morgennebel eröffnete er die Kanonade aus mehr als achtzig Geschützen, denen die nicht viel geringere türkische Artillerie antwortete. Der Donner war deutlich in Bukarest zu hören. Um 11 Uhr vormittags begann der Sturm. Dreimal wurde Oltenitza von den Russen genommen; erst beim drittenmal vermochten sie es zu halten. Doch war der Sieg nutzlos, denn alsbald beschoß die türkische Artillerie von den Schanzen den verlorenen Punkt mit glühenden Kugeln, und die Flamme jagte die Sieger wieder aus den erstürmten Gassen. Am blutigsten tobte die Schlacht an den Schanzen. Trupp auf Trupp führten die Generale zum Sturm – das furchtbare Kreuzfeuer von vier Stellen aus warf sie immer aufs neue zurück. Ihre Toten deckten haufenweise den Boden. Die Türken hatten in Massen Schanzkörbe von Tuturkai herübergeschafft und die Stellung am Quarantänehaus und den Schanzen befestigt. Die Brücke über den Argisch ermöglichte es der türkischen Reiterei, mit Erfolg bei den Einzelgefechten einzugreifen. Erst nachmittags 4 Uhr befahl der Fürst den Rückzug. – Die erschöpften Truppen biwakierten um das brennende Oltenitza; sie sammelten neue Kraft für die Blutarbeit des nächsten Tages, die wahrscheinlich ebenso vergeblich sein würde. Der Generalstab hielt im Dorf Mitréni-Fundéni Kriegsrat. Am nächsten Morgen sollte General Anrep mit seinem Korps von Kalarasch eintreffen; der Kampf sollte dann mit den frischen Truppen wieder aufgenommen werden. Im Dorf selber herrschte das Leben eines Feldlagers nach der Schlacht; Truppen aller Waffengattungen kampierten auf den Straßen, in den Häusern und Ställen der Tscharans, der walachischen Bauern; große Feuer, vom Novembersturm oft in langen Zungen über die ärmlichen Erdhütten hingejagt, gaben den umherliegenden Gruppen Wärme und Licht. Lärm, Gelächter, Befehle und Flüche neben dem Stöhnen der Verwundeten überall, der Wodka und der Raki, scharfer Branntwein, machte fleißig die Runde; Zigeuner und zerlumptes Gesindel trieben sich zwischen den Soldaten umher, Lebensmittel feilbietend oder um Beute schachernd. Hin und wieder klang das Spiel der Zither und der Trommelflöte und versammelte die für Musik sehr empfänglichen Söhne des Nordens in dichten Haufen um die musizierenden Zigeuner. Vor dem Quartier des Oberbefehlshabers trafen sich Offiziere aller Grade, Wachen, Ordonnanzen, kommende und gehende Boten – ein buntes Gewühl, durch das sich jetzt ein junger Mann in reicher, aber schmutzbedeckter bojarischer Tracht drängte; er forschte eifrig nach Kapitän Meyendorf. Endlich gelang es ihm, durch einen blanken Dukaten eine Ordonnanz zu bewegen, den Kapitän, der als Adjutant im Stabe stand, aufzusuchen. Bald darauf erschien Meyendorf und schaute sich nach dem Suchenden um. »Ah, sieh' da, Herr Aleko Pelin«, sagte er freundlich. »Was führt Sie aus der glänzenden Gesellschaft von Bukarest hierher in unsere Reihen, wo Schmutz und Tod wohnen? Dieser Ort ist wahrlich kein Aufenthalt für einen, der nicht an Gefahr, Anstrengung und Entbehrung gewöhnt ist!« Der junge Mann lächelte hochmütig über den Spott; dann aber faßte er hastig den Arm des Offiziers und zog ihn beiseite. »Entschuldigen Sie, Herr Kapitän,« sagte er, »daß ich unsere flüchtige Bekanntschaft benutze, um in einer dringenden Angelegenheit mich an Ihre Hilfe zu wenden. Ich bin, wie viele andere, von Neugier und Teilnahme getrieben, hierher gekommen und fand zufällig einen Menschen, den ich kenne, in großer Gefahr, wegen irgendeines Mißverständnisses von Ihren erbitterten Soldaten getötet zu werden. Es ist« – er zögerte – »zwar nur ein Zigeuner; aber ich gestehe, ich nehme Anteil an ihm und wußte in meiner Not nicht, an wen ich mich wenden sollte.« Der Kapitän sah ihn ernst an. »Sie sollten sich vor solchen Bekanntschaften hüten, Herr Pelin. Sie wissen sehr wohl, daß der Groß-Kaminar, Ihr Vater, wenig mit Ihrem Treiben zufrieden ist und daß solcher Umgang nicht zu der Stellung paßt, die Sie sonst in Bukarest einnehmen. Doch sollen Sie sich nicht umsonst an mich gewandt haben. – Wo ist der Mann?« »Er wird in der nächsten Wache festgehalten.« »Ich hoffe, daß er unschuldig ist und ich etwas für ihn tun kann. – Kommen Sie.« Er ging mit dem jungen Bojaren die Gasse entlang bis an das Haus, wo die Korpswache sich einquartiert hatte. In dem Stübchen fand der Kapitän ein seltsames Paar. Einem jungen Menschen von etwa achtzehn Jahren, in der zerlumpten Tracht eines Zigeuners, waren die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt. Er horchte mit bleichem Gesicht, auf dem sich schon alle Spuren der Liederlichkeit zeigten und jetzt die Todesfurcht stand, verzagt auf die Trostsprüche eines Mädchens. Es war vielleicht zwei bis drei Jahre älter als der Verbrecher und saß auf der Erde neben ihm, ohne sich um die Spöttereien der Soldaten zu kümmern. Als sie sich beim Eintritt Alekos und Meyendorfs erhob, zeigte sich ihnen eine jener seltsamen Schönheiten, wie sie die in der Walachei noch sehr zahlreiche Die Zahl der Zigeuner in der Moldau und Walachei betrug um die Mitte des 19. Jahrhunderts über 80 000. Sie zogen teils frei umher, teils lebten sie auf den Gütern der Bojaren als Sklaven und wurden auf das Härteste behandelt. Im Jahre 1856 wurde von der Verwaltung in Bukarest ihre Befreiung beschlossen; sie sollten – wo man sie nicht gutwillig der Regierung abtrat – aus der Gewalt ihrer Herren freigekauft werden. Zigeunerrasse in all ihrem Schmutz und aller Versunkenheit oft hervorbringt: eine junonisch schöne Gestalt, die selbst das gürtellose walachische Hemd mit der breiten, rot- und gelbgestreiften Schürze nicht zu verbergen vermochte; die Züge des gebräunten Gesichts regelmäßig, fein, schwärmerisch; über den feurigen schwarzen Augen die gewölbten Augenbrauen, die sich an der Nasenwurzel vereinigten; das üppige schwarze Haar wurde von einem roten Tuch bundartig zusammengehalten. Das war das Wesen, das ihnen mit einer gewissen kühlen Haltung entgegen trat und sich an den Bojarensohn wandte. Meyendorf glaubte nicht mit Unrecht, in dem jungen Mädchen die Ursache der Freundschaft zu sehen, die der junge Mann für den Vagabunden zeigte, und erkundigte sich bei dem Unteroffizier der Wache, was er verbrochen habe. Was er hörte, war doch ernster, als er gedacht. Der Bursche war am Abend von einer Streife mit mehreren Gefährten dabei betroffen worden, wie sie einen russischen verwundeten Soldaten geplündert hatten und ihn zu ermorden versuchten. Der Soldat lebte noch und bezeichnete die Täter, von denen man nur den Zigeuner erwischte. Leugnen nutzte nichts; der Beweis lag vor, und die Befehle gegen das Gesindel waren äußerst streng. Der Oberst des Regiments hatte kurz entschieden, ihn am anderen Morgen vor dem Aufbruch zur Warnung für seine Genossen aufzuhängen. Als der junge Bojar sich daher wieder an Kapitän Meyendorf wandte, zuckte dieser die Achseln; er erklärte, daß er gegen das Urteil eines kommandierenden Offiziers nichts tun könne und der Bursche sein Schicksal verdient habe. Das Mädchen erriet aus der Miene Meyendorfs den abschlägigen Bescheid; sie warf sich ihm in den Weg. »Weile, blanker Krieger,« bat sie flehend, »und höre, was dir Sarscha zu sagen hat. Mungo ist ihr Bruder und Mungo darf nicht sterben, denn er ist Zinkas, meiner Mutter Sohn und ihre Liebe und das Messer in ihrem Herzen! – Wer sollte meinen Vater Tunso rächen, wenn es nicht sein Anblick bei ihr täte? Gib ihn frei, blanker Krieger, und die Kinder des Ägyptenlandes werden dich segnen und können dir dienen, mehr als du denken magst!« »Machen Sie der Szene ein Ende, Herr Pelin«, sagte Meyendorf, der die walachische Sprache des Mädchens nur sehr unvollkommen verstand, unwillig. »Sie tun gut, sich mit mir zu entfernen.« »Halten Sie ein, Herr Kapitän!« erwiderte der junge Mensch. Sarscha flüsterte ihm einige Worte zu; ihr Bruder kroch jammernd zu den Füßen des Offiziers. »Sie ahnen nicht, welchen Dienst Sie von sich weisen! – Das Leben dieses Burschen kann Ihrer Armee den Sieg verschaffen, die sich sonst nutzlos vor den Batterien der Türken opfern wird! – Seine Mutter allein vermag es, wenn sie will, Ihre Soldaten durch die Sümpfe des Argisch und den Feinden in den Rücken zu führen!« Kapitän Meyendorf horchte auf. »Was sagen Sie da? – Ist das Ihr Ernst?« »Ich schwöre es Ihnen! – Die Zigeunerin Zinka ist die einzige, die aus früherer Zeit die Schlupfwege der Sümpfe kennt. Sie wird das Leben ihres Sohnes gern mit diesem Preis erkaufen.« Alexander von Meyendorf wußte, welchen Wert das Anerbieten haben konnte. Es konnte das Schicksal des Kampfes sofort entscheiden – denn gelang es dem Feldherrn, Truppen zwischen das Donauufer und die türkische Stellung zu werfen, so war diese mit gänzlicher Abschneidung bedroht, und der Feind mußte sich eiligst zurückziehen, oder er war verloren. Er überlegte einige Augenblicke, dann sagte er: »Wo befindet sich die Frau, von der Sie sprechen?« »Sie wohnt in den Sümpfen selber, einsam und allein mit ihrer Familie; ihr Stamm hat sie verstoßen, jeder Walache geht ihr mit einem Fluch aus dem Wege.« »Gut, ich will Ihnen glauben und mich von Ihnen oder diesem Mädchen zu dem Weibe führen lassen, um sie selber zu befragen. Ist das, was Sie sagen, wahr, so bürge ich Ihnen dafür, daß der Verbrecher frei ausgehen soll. Beabsichtigt man jedoch, Verrat an mir zu üben, so werden meine Kameraden mich rächen. – Jedenfalls bleibt der Mensch als Geisel hier gefangen.« Er erteilte dem Unteroffizier der Wache seine Befehle, schrieb einige Worte mit Bleistift an einen Kameraden, die seine Abwesenheit rechtfertigten, und winkte dann, daß er bereit sei. Sogleich hüllte sich die junge Zigeunerin in ihr Regentuch und verließ das Haus; der Kapitän und Aleko folgten ihr. Das Mädchen wandte sich, nachdem sie das zum größten Teil aus walachischen Erdhütten bestehende Dorf verlassen hatte, sofort zu den Sümpfen, die etwa tausend Schritt weiter begannen. Stumm und ernst schritt sie vor ihnen her, ohne sich anscheinend viel um die Nachkommenden zu kümmern, auf einem Weg, der schlangengleich sich durch den Morast und das hohe Schilf und Röhricht wand. So mochten sie wohl eine halbe Stunde in diesem Wald von Rohr fortgeschritten sein, als sie bei einer plötzlichen Wendung ein Licht vor sich sahen. Es kam aus einer Pfahlhütte, wie sie in den Sümpfen der Walachei vielfach die menschlichen Wohnungen bildeten. Die junge Zigeunerin bedeutete ihnen, zu verweilen, stieg dann rasch auf einer Leiter empor, die statt der Treppe als Aufgang diente, und verschwand im Innern. Die Hütte stand auf acht Pfählen, war ziemlich groß und ihr Fußboden etwa drei Ellen hoch vom Sumpfboden entfernt. Sie war aus Balken und Flechtwerk von Rohr gebaut, das mit Lehm und Mörtel zu einer ziemlich festen Masse verbunden war. Die Fensteröffnungen waren durch Läden verschlossen bis auf eine, aus der der Lichtschein des Feuers in die neblige Nacht strahlte. »Sie erwähnten vorhin, Herr Pelin, daß die Mutter des jungen Mädchens von ihrem Stamme allgemein gehaßt werde. Weshalb?« Der Jüngling legte die Hand an den Mund. »Haben Sie nie von Zinka, der Zigeunerin und ihrem Geliebten, Tunso, gehört?« »Die Namen sind mir unbekannt. – Wer ist oder war Tunso?« »Jeder Knabe in Bukarest, ja, in der ganzen Walachei, würde Ihnen Auskunft geben können, wer Tunso war, obgleich fast zwanzig Jahre seit seinem Heldentod vergangen sind. Tunso war der gefürchtetste und berühmteste Einnehmer der Steuern der Walachei. »Was wollen Sie damit sagen?« »Tunso war eigentlich ein Räuber, der Schrecken der Türken, der Vornehmen und Reichen, aber der Held, der Abgott der Armen. Von den Reichen nahm er, den Armen gab er. Die Unterdrücker des Volkes zitterten vor ihm, die Lieder des Volkes singen seinen Ruhm!« »Ich begreife nicht, wie Sie, der Bojarensohn, über einen Spitzbuben und Mörder in Begeisterung geraten können.« »Tunso hat nie einen Meuchelmord begangen; es war nichts Niederes an ihm; er konnte, wenn er wollte, den nobelsten Edelmann spielen. Die kleinste Erzählung seiner Taten und Abenteuer wird Sie über seinen Charakter belehren. Ich will Ihnen nur ein Beispiel anführen, das Ihre eigene Nation betrifft: In der Zeit seiner größten Macht, als er am gefürchtetsten war, hatte er in Erfahrung gebracht, daß der damalige vorläufige Statthalter der Donaufürstentümer, General Kisselew, sich in der Umgegend von Piteschi aufhielt, um Bäder zu nehmen. Sofort beschloß Tunso, ihm seinen Besuch zu machen. Der General pflegte des Morgens in dem großen Park, der an sein Haus stieß, spazieren zu gehen. Tunso stellte seine Bande hinter die Umfassungsmauer des Parks, schwang sich hinein und stellte sich dem General mit artigem Gruß vor. – ›Herr General,‹ sagte er, ›ich bin Tunso. Es ist durchaus nicht meine Absicht, Ihr Geld, Ihre Kostbarkeiten, oder gar Ihr Leben zu nehmen. Sie haben also nichts zu fürchten.‹ – ›Was wollen Sie denn?‹ – ›Herr General,‹ entgegnete Tunso, ›meine Braven liegen dort hinter der Gartenmauer; ich brauche ihnen nur ein Zeichen zu geben und sie sind zur Stelle. Euer Exzellenz werden selber daraus den Schluß ziehen, daß Sie in meiner Gewalt sind.‹ – ›Noch einmal, was wollen Sie?‹ wiederholte der Statthalter. – ›Nichts, als Ihnen meine Aufwartung machen und Ihnen bemerken, daß ich auf Ihre Dankbarkeit rechne, wenn ich Ihnen in die Hände geriete, wie Sie jetzt in den meinen sind.‹ – Herr von Kisselew, der diese Anekdote selber im Hause meines Vaters erzählte, kehrte dem Räuber den Rücken, eilte ins Haus und gab Befehl, strenge Nachforschung zu halten und Tunso, ohne ihm ein Leid zu tun, lebendig zu ihm zu führen. Aber die Jagd blieb erfolglos und Tunso lachte den General aus.« »Und weiter?« fragte Kapitän von Meyendorf. »Tunso war oft als Edelmann verkleidet in den ersten Gesellschaften von Bukarest, ja, er hat sogar einen Ball des Fürsten Paul besucht und händigte dort einer schönen Griechin einen kostbaren Schmuck wieder ein, den seine Leute am Tage vorher ihr bei der Fahrt durch den Wald von Panthelemon geraubt hatten. Eine Karte, die er ihr zugleich zurückließ, benachrichtigte sie, daß es Tunso selber war, mit dem sie getanzt hatte. Auch dort entkam er glücklich der Wut des Fürsten. – Er war der Schrecken der Ehemänner und das Entzücken der Frauen. Begegnete ihm aber ein Armer, ein Unglücklicher, so half und gab er reichlich. Kam ihm die Kunde, daß infolge eines Sturmes, einer Überschwemmung, eines Feuers eine Kirche oder Moschee, ein Haus oder Dorf Schaden gelitten habe oder zerstört sei, so war er da und brachte Geschenke. Die Witwen und Waisen, die Unterdrückten und Verstoßenen hatten an ihm einen Freund und Beschützer. Dem einen half er mit Geld, dem anderen mit Rat oder mit seiner Rache. Darum hingen alle an ihm; überall fand er eine Zufluchtsstätte; soviel Arme und Unterdrückte, soviel Freunde und Späher hatte er.« »Und war der glorreiche Räuber«, fragte Meyendorf spöttisch, »auch ein Bojarensohn wie Sie, der seinen Ruhm so zu beneiden scheint?« Pelin errötete. »Er war armer Leute Kind; sein wahrer Name ist Juwanitza. Er hütete die Herde, bis die wunderbar schöne Stimme des Knaben den Popa, den Geistlichen, veranlaßte, ihn zum Metropolitan nach Bukarest zu führen. Gegen seinen Willen wurde er an das Chorpult der Ober-Bisserika gestellt und blieb dort bis zu seinem achtunddreißigsten Jahre die Freude der Stadt. Erst als die Liebe zu der Zigeunerin Zinka seine Seele erfaßte, warf er das Joch von sich und wurde, was er war.« »Das Mädchen, das uns führte, und dem Sie, Herr Pelin, etwas zu tief in die schönen Augen gesehen zu haben scheinen, und der Bursche, der zum Tode verurteilt ist, sind seine Kinder?« »Sarscha ist Tunsos Tochter und, wie die Leute sagen, die ihn gekannt, sein Ebenbild. Aber ihr Bruder – doch sehen Sie,« unterbrach er sich, »das Mädchen winkt uns. – Folgen Sie mir.« Sie klommen die Leiter empor; beide traten in den Vorraum der Hütte, die in zwei Teile geschieden war. Ein dürftiges Lager von Schilfgras, Angeln und Fischgerät, Schlingen für das Wild und dergleichen bewiesen, daß hier der Aufenthalt des jungen Burschen war. »Du kommst zur bösen Stunde zu uns, blanker Fremdling«, sagte das Mädchen; sie faßte des Kapitäns Hand und geleitete ihn in den zweiten Teil. »Der glänzende Aldebaran hat nicht geleuchtet auf die Geburt meines Bruders. Im Verrat ward er empfangen und sein Leben ist Schande. Aber das Mutterherz bleibt ein unergründlich Rätsel, dunkler als die Linien deiner Hand, und der Schatten meines Vaters würde ohne das Kind des Verrats in ihren Sinnen erbleichen. – Tretet ein und vollbringt Euer Geschäft, ehe die Stunde naht, da über die Mutter meines Stammes der Geist kommt, der den Schleier der Zukunft hebt.« Sie zog die Decke am Eingang zurück, und die drei traten in den inneren Teil der Hütte. Auf einem Herd von Stein brannte in der Mitte des Gemaches ein Torffeuer, dessen Rauch das Innere füllte, bis er durch die Fensteröffnung oder die Ritzen und Spalten des Daches seinen Ausgang fand. An den Wänden hingen einige geringe Geräte, darunter die Guzla und das Tamburin neben Kleidungsstücken. Am Feuer auf einem Schemel, die Hände wie im Schmerz verschränkt, saß eine Frau, deren einst schönes Gesicht offenbar das Leid mehr gealtert hatte, als die Zahl der Jahre. Ihre großen schwarzen Augen starrten abwesend in die Glut; schwere Tropfen fielen aus ihnen auf die verschlungenen Finger. In einem Winkel auf der dürftigen Ruhestätte der Familie lag eine zweite Gestalt; eine alte, von Fieber und Gicht zusammengezogene Greisin, in wunderlich bunte Lumpen gehüllt, das lange, weiße Haar wirr um das welke Antlitz, aus dem die erloschenen Augen gläsern und teilnahmslos auf die Fremden starrten. Sarscha trat zu der Frau am Herde. »Mutter Zinka, hier ist der blanke Soldat, der mit dir sprechen will.« Die Frau fuhr empor und betrachtete einige Augenblicke den Offizier; dann sank sie vor ihm auf die Knie und hob flehend die Hände. »Töten Sie ihn nicht, o töten Sie den Knaben nicht!« bat sie in Tönen tiefsten Herzeleids. »Der Arme ist der Jammer meiner Tage und die Qual meiner Nächte! Was sollte ich tun, wenn ich das Kind meines Jammers noch bleich und tot vor mir sehen müßte?« »Euer Sohn hat einen wehrlosen, verwundeten Soldaten meines Volkes beraubt und gemordet, Frau, der auch eine Mutter hat!« Meyendorf sagte es finster und streng; dann fuhr er milder fort: »Es gibt jedoch vielleicht Gnade für den Verbrecher, wenn wahr ist, was mir Eure Tochter gesagt hat. – Seid Ihr aus dieser Gegend gebürtig, Frau?« »Nein, Herr, aber ich kenne hier jeden Fußbreit in Wald und Feld, in Sumpf und Moor.« »Gibt es Wege durch diese Sümpfe, auf denen man auf das Ufer der Donau im Rücken der großen Schanzen gelangen kann?« »Es laufen der Pfade viele; sie alle führen in die Irre und keiner zum Ziel. Einen nur gibt es, aber nur wenige, die da leben, wissen von ihm. Er ist ein Geheimnis, das diese wenigen einem, der jetzt tot ist, mit heiligen Eiden auf die Christenbibel, auf den Koran und auf den großen Stern meines Volkes gelobt haben, nimmer zu verraten.« »Und gehört Ihr zu diesen wenigen?« »Ich kenne ihn!« »Wohl. – Ist der Weg derart, daß nicht bloß Menschen, sondern auch Pferde und Gefährt ihn gehen können?« »Ich habe ihn zwanzigmal gemacht, mit den Reitern dessen, der dahin ist, und der schwerbeladenen Kerutza , die die Waren brachte und holte vom Donaustrand. Mein einsamer Fuß betritt ihn oft, wenn ich klage um den Verlorenen.« »So hört: Könnt Ihr uns diesen Weg zeigen und eine Kolonne unserer Soldaten mit Geschütz noch in dieser Nacht an das Ufer der Donau in den Rücken der türkischen Stellung führen, so soll Euer Sohn nicht allein frei und jeder Strafe ledig sein, sondern Ihr selber sollt noch eine Belohnung von zehn Goldstücken erhalten.« »Gold? – Blankes Gold?« – Ihre Züge belebten sich in der Spannung der unglückseligen Habgier, die sie einst zum Verrat des Teuersten geführt hatte. »Ich habe lange kein Gold gesehen! – Zeige es mir, Fremdling, daß ich sehe, du täuschest die Zinka nicht.« Meyendorf sah, wie Sarscha sich mit zornigem Blick von ihrer Mutter abwandte. Ihn selber widerte diese Gier an, die sogar den tiefsten Schmerz übertäubte; doch galt es hier Höheres; er zog seine Börse und nahm eine Handvoll Goldstücke heraus. »Dies wird Euer Lohn sein, wenn Ihr uns den Weg verratet!« Das Weib schauerte zusammen. »Verraten! – Ihr sprecht das richtige Wort aus. – Einmal schon hab' ich seinen Leib verraten um blankes Gold, nun soll ich wieder verraten sein Vertrauen und den Eid, den ich ihm geleistet. – Verderben über mich, daß ich es tat!« Sie begrub das Gesicht in ihre Hände. »Denkt an Euren Sohn, Weib. – Dem Toten nützt das Geheimnis nicht, und Ihr rettet Euer eigen Kind vom Galgen!« »Du hast recht, Fremdling. Nur dem Atmenden gehört die Welt. – Bei Azraël, dem Engel der Nacht, ich will dir den Weg zeigen! – Aber zuvor muß ich sicher sein des Lebens meines Kindes.« »Der Obergeneral selber wird es Euch zusichern. – Ich führe Euch zu ihm.« Die Frau nickte. Dann holte sie eine große Decke, die noch mit einzelnen Resten goldener Tressen besetzt war und schlug sie um Kopf und Schultern. So trat sie zu der Greisin und rüttelte sie auf. »Ich verlaß dich, Mutter, für diese Nacht; mein eigen Blut ruft mich.« Die Alte richtete sich auf. »Es sind Männer hier aus fremdem Geschlecht. Hüte dich, Tochter; die Blanken bringen den Kindern des wandernden Vaters Unheil; du hast es erfahren.« »Der Blanke bringt uns Gold, Mutter; und Aleko Pelin, den Bojarensohn, der uns beschützt, kennst du.« »Aleko Pelin?« fragte die Alte und starrte auf den jungen Mann. »Laß ihn zu mir treten, ehe du gehst, und den blanken Mann, der Gold brachte in unsere Hütte, mit ihm. Der Geist unseres Stammes liegt auf mir und ich muß die Worte der Zukunft reden.« Ihr Auge belebte sich, ihre Lippen murmelten vor sich hin, während Meyendorf und Pelin auf einen Wink Zinkas näher herantraten. »Reich' mir deine linke Hand, Sohn des Reichen. Die Stunde ist gekommen, wo ich den Schleier heben darf von der Zukunft. Auch du, blanker Fremdling, gib mir deine Hand, die von deinem Herzen kommt, aber versilbere sie, auf daß meine alten Augen sich öffnen mögen und die Zunge lehren das Schicksal des Kommenden!« Meyendorf legte ein Goldstück auf die Fläche seiner Hand. Die Greisin faßte hastig darnach. »Gold?« flüsterte sie, »Gold, blanker Junge? – Möge das Leben dir so golden sein, wie du freigebig bist. Aber die Linien deiner Hand lehren mich, daß du das wahre Gold nicht aus dem dunklen Schoß zu holen verstehst, wo es dir gewachsen ist. Daß die, der dein Herz gehört, dich allzusehr liebt, das wird dein und ihr Unglück sein! – Nur das Ende aller Gefahr ist deine Gefahr. – Hüte dich vor dem Achten!« Sie ließ die Hand des über den seltsamen Spruch Betroffenen los und faßte die des jungen Bojaren. »Der Edelmann gehört nicht zur Tochter des Verachteten; der Herr soll nicht sein Blut mit der Sklavin mischen. – Wahre dich vor dem Salz Aleko Pelin wurde im Jahre 1856 vom Diwan zu Bukarest als überführt, seit drei Jahren das Räuberhandwerk getrieben zu haben, zu zweijähriger Kettenarbeit in den Salzgruben (Okna) verurteilt. , Bojarensohn; es gab nur einen Tunso, und der ist tot; aber der Verräter gibt es viele!« Der junge Mann errötete tief und warf ihr ein Silberstück in den Schoß. »Die Alte ist längst schon wahnwitzig«, sagte er; »lassen Sie uns aufbrechen.« Sie verließen die Hütte; der eintönige Gesang des Weibes scholl ihnen durch die Nacht nach. Die Zigeunerin Zinka schritt voran auf dem Wege, den sie gekommen waren. Kapitän Meyendorf folgte mit dem jungen Walachen. »Sie sind mir noch den Schluß der Erzählung schuldig«, sagte er. »Wenn ich auch vieles erraten konnte, möchte ich doch gern Näheres wissen. – Was war das Ende der Laufbahn des Räubers, den Sie so sehr bewundern?« »Der Tod durch Verrat! – Die Frau, die da vor uns durch das Moor schreitet, war es, die Tunso liebte mit aller Kraft seiner Seele. Auch sie liebte ihn, aber der Teufel blendete sie und fand ihre schwache Stelle in ihrer Gier nach Gold. Als Tunso aller Nachstellungen spottete und seine Verfolger mit blutigen Köpfen davonschickte, griff man zum Verrat. Der Aga der Itschoglans, der Polizeidiener, berückte die Seele Zinkas mit Bildern von Glanz und Reichtum; und auf das Versprechen von zehntausend Dukaten verriet die Zigeunerin den Geliebten ihres Herzens, den Vater ihres Kindes.« »Er wurde ergriffen und gerichtet?« »Nein, Kapitän, dem Henker entging die edle Beute. An der Brücke, die über den Argisch führt, auf der Straße von Bukarest nach Giurgewo, legten sich auf den Wink Zinkas die Itschoglans und Slugitori, die Landdragoner, walachische Gendarmerie, in den Hinterhalt. Zur bestimmten Stunde des Abends rasselte die Kerutza mit Tunso und elf seiner Tapferen heran. Da sprengten die Häscher hervor und umzingelten sie. Zehn wurden bei dem Kampf erschossen und ins Wasser des Argisch geworfen; die beiden anderen entkamen; es waren Tunso und sein Leutnant. Aber einer der Slugitori, ein gewandter Läufer, eilte ihnen nach und fand bald die Spur des Hauptmanns. Dieser glaubte, es sei sein Gefährte, und ließ den Verfolger herankommen, bis dieser nahe genug war, um ihm zwei Kugeln in den Leib zu schießen. Trotz der tödlichen Verwundung gelang es Tunso zu entkommen und ein Gebüsch zu erreichen. Vergebens suchten ihn die Slugitori mit Fackeln. Aber Tunso erkannte, seine Stunde war gekommen, und rief selber die Häscher herbei. Sie brachten ihn auf einer Tragbahre nach Bukarest, wo ihm schneller ärztlicher Beistand wurde. Doch am dritten Tage starb er.« »Und Zinka?« »Vor seinem Tod beschied er sie zu sich. Die Verräterin liebte ihn noch immer und sank wehklagend an seinem Lager nieder. Er vergab ihr und starb.« »Aber der Sohn Zinkas?« »Der Aga, um die zehntausend Dukaten zu sparen, ließ sie in seinen Harem bringen. Als er kurz darauf nach Konstantinopel zurückkehrte, verstieß er das Opfer seiner Willkür; der Gefangene ist ihr und sein Sohn. Seitdem sie den Schutz der Moslems nicht mehr genoß, war sie von allem, was Walache heißt, verachtet und verabscheut. Der ärmste Bauer schloß vor ihr die Tür, ihr eigener Stamm verstieß sie. So flüchtete sie mit ihren Kindern in diese Wildnis und lebt hier seit Jahren in Elend und Verachtung.« »Und Sarscha?« »Sie ist Tunsos echte Tochter, stolz, mutig und entschlossen. Doch das Gesetz ihres Volkes, das von den Kindern unbedingte Hingebung in den Willen ihrer Eltern fordert, ist ihr heilig dabei. Der Bauer öffnet ihr gern seine Hütte; jeder Walache ehrt in ihr die Tochter Tunsos. Aber nur der Tapfere, Kühne, Freie wird die Liebe dieser Zigeunerin gewinnen.« »Nehmen Sie sich in acht, Herr Pelin,« sagte Kapitän von Meyendorf warnend, »daß es Ihnen nicht geht wie Tunso! – Die Jugend ist leicht verführt und sieht für Freiheit und Tapferkeit an, was im Grunde nur Zügellosigkeit und Verbrechen ist.« Sie waren an die ersten Vorposten gekommen. Das Gespräch verstummte, da die Gesellschaft jetzt zusammen ging. Meyendorf führte Zinka zum Quartier des Oberbefehlshabers, das im Hause des Gutsherrn aufgeschlagen war, und ließ um sofortiges Gehör bitten. Dort vernahm er, daß auch vom General Anrep eine Meldung gekommen sei. Er sei am Morgen von Tikodeschi abmarschiert, um dem Befehl zur Verstärkung der Kolonnen vor Oltenitza Folge zu leisten. Sofort machten die Türken den Versuch, in seinem Rücken von Silistria aus über die Donau zu gehen. Der General erhielt jedoch zeitig genug Kunde, machte halt und warf mit seiner Nachhut, Kosaken und einigen Geschützen, die Türken über die Donau zurück. Die Besprechung mit dem Kapitän hatte nur kurze Zeit gedauert, als Zinka, die Zigeunerin, schon in das Zimmer des Oberkommandierenden gerufen wurde. Bald darauf eilten Ordonnanzen durch den Ort. Kaum eine Stunde nachher marschierte das Ochotskische Jägerregiment unter Oberst Bibikow mit zwei Sotnien Kosaken und der leichten sechsten Batterie in der Richtung nach den Sümpfen ab. An der Spitze des Zuges, neben dem Pferde des Adjutanten Kapitän von Meyendorf, schritt, in ihre Decke gehüllt, die Zigeunerin Zinka. Jedes unnötige Geräusch war bei harter Strafe verboten; die Posten in der Richtung nach dem Schlachtfelde von Oltenitza waren verdoppelt, um jeden Verkehr nach der türkischen Stellung zu verhindern. Am Morgen, da die feuchten Novembernebel sich verzogen, erblickte der türkische Oberbefehlshaber seine ganze Stellung im Rücken bedroht. Die Batterie, die die Russen in schnell aufgeworfenen Werken am Donauufer wie durch Zauber errichtet hatten, bestrich nicht allein die türkische Stellung an den alten Schanzen, sondern auch den Rücken des Quarantänehauses und die Brücke über den Argisch. Seine Verbindung mit der Insel und dem jenseitigen Ufer war auf das höchste gefährdet, wenn die Russen, worauf die ständig zuziehenden Verstärkungen an Mannschaften und Geschützen deuteten, von dieser Seite einen Angriff zugleich mit einem Frontalsturm unternahmen. Die Regengüsse hatten außerdem den Strom angeschwellt, so daß die Unterhaltung der Verbindung ohnehin mit jedem Tage schwieriger wurde. Unter diesen Umständen riet Klapka selber zum Rückzug; der Muschir mußte sich der Notwendigkeit fügen. Nach einigen leichten Scharmützeln begannen die Türken am Nachmittag ihren Rückzug, indem sie die eigenen Verschanzungen, das Quarantänehaus und die Brücke in die Luft sprengten und anzündeten. Fürst Gortschakow beschränkte sich auf die strategischen Maßnahmen und drängte die Gegner nur leicht, da seine Truppen in den Kämpfen der letzten drei Tage schwer gelitten hatten. Am Morgen des 13. November hatten die Türken vollständig das linke Donauufer bei Oltenitza geräumt und sich auf Tuturkai zurückgezogen. Der türkische Verlust war namentlich stark unter den Albanesen und Irregulären, doch verhältnismäßig bei weitem geringer als der der Russen. Man schätzte den russischen Verlust an den vier Schlachttagen auf ungefähr 5000 Tote und Verwundete. In den Reihen der Moslems befanden sich bei dem Treffen außer General Klapka die Engländer Lord Worsley, Kapitän Bathurst, Herbert Wilson und Leutnant Buckley, der sardinische Pionieroffizier Graf Camieri und General Prim. Fünf Tage darauf hatte die türkische Armee auch Tuturkai geräumt und sich teils auf Schumla zurück, teils stromaufwärts nach Widdin hingezogen. Auch bei Giurgewo hatte am 12. ein Kampf stattgefunden. Mit Hilfe des eingetroffenen Brückenbauzeugs unternahm General Ssoimonow am Morgen mit acht Feldgeschützen, einem Bataillon Tomsk-Infanterie, einer leichten Batterie und zwei Eskadronen Husaren einen heftigen Angriff gegen die auf der Insel Moskan stehenden Türken und vertrieb sie von der Insel. Unter dem Schutz ihres Feuers flohen die Moslems in die Boote und erreichten das sichernde Ufer. Die Russen stellten nach diesem Rückzug zur Verhinderung weiterer Versuche zwei Lager von je 5000 Mann bei Frateschi nächst Giurgewo und bei Sokaritschi nächst Kalarasch auf, fuhren eine Batterie beim Dorfe Tape, gegenüber der Moskan-Insel, auf und verstärkten die früheren Posten bei Oltenitza durch zwei Batterien, vier Eskadronen Ulanen und tausend Kosaken, indem sie zugleich auf den den Übergang beherrschenden Anhöhen bei den Dörfern Dobrény und Newgesti Geschützstellungen aufwarfen. Am 15. machten die Türken einen neuen Versuch, bei der Festung Nikopolis über die Donau zu gehen und sich Turnuls zu bemächtigen, um auf Rusweda loszugehen und gemeinschaftlich mit den vor Kalafat vorbrechenden Scharen Szlatina anzugreifen – wo General Fischbach mit 15 000 Mann stand. General Prim führte mit Tefik Pascha die aus 2000 Mann bestehende Vorhut des Korps, wurde aber vom Oberstleutnant Schaposchnikow vom Kosakenregiment angegriffen und über die Donau zurückgeschlagen. So war das Ufer der großen Walachei wieder vollständig im Besitz der Russen und der Plan des Muschirs, ihre Linie zu durchbrechen, vereitelt. Nur bei Kalafat noch standen die Türken diesseits der Donau und verschanzten die von Natur aus feste Stellung. Doch begnügten sich hier beide Teile mit kleinen Streifzügen und Vorpostenscharmützeln, deren fast jeder Tag mit abwechselndem Glück und Erfolg brachte. Gefangen Durch die Wogen des Pontus rauschte die ›Wladimir‹. Das Meer ging unruhig, in den dem Pontus eigentümlichen, von den Seeleuten gefürchteten kurzen Stoßwellen, denn am Tage vorher hatte der Novembersturm über die Fläche gefegt. Die ›Wladimir‹, eine Fregatte vom russischen Geschwader des Schwarzen Meeres, kam von der türkischen Küste und hatte vor Warna gekreuzt. Trotz der Kriegserklärung wagten sich russische Schiffe mehr als einmal bis in die Bucht von Warna und nahmen unter den feindlichen Batterien ihre Beobachtungen vor. Auf der ›Wladimir‹, die von Sewastopol kam, hatte der Generaladjutant, Vizeadmiral Kornilow, selber die türkische Küste zwischen der Sulina und Burgas untersucht. Jetzt wandte er sich, da keine feindlichen Schiffe sich blicken ließen, gegen die Anatolische Küste, an der das Geschwader des Vizeadmirals Nachimow kreuzte. Auf dem Hinterdeck standen und saßen um den Kapitänleutnant Butakow die meisten Offiziere des Schiffes, Fürst Barjatinski, der Zweitkommandierende, und die Leutnants Dobrowalski und Iljinski mit zwei Fähnrichen. Die dienstfreie Mannschaft lungerte an den Bollwerken in allen Stellungen herum oder war mit leichten Arbeiten beschäftigt. Die Wetterseite des großen Vorderdecks maß mit langen Schritten der wachthabende Leutnant Popandopulo; zuweilen erstieg er am Bugspriet einen der Hühnerkästen und schaute hinaus auf die weite Wasserwüste, die unter dem dunkelbezogenen Himmel bleifarben wogte. »Nun, Schelesnow,« fragte der Erste Leutnant einen jungen Offizier, der eben die Treppe des Pavillons heraufkam, »was meint Seine Exzellenz, sollen wir wenden?« Der Offizier erwiderte die Frage nicht, sondern wandte sich grüßend an den Kommandierenden. »Seine Exzellenz lassen bitten, nach dem Fahrzeug abzuhalten, dessen Rauch sich am Horizont zeigt; es wäre von höchster Wichtigkeit, Nachrichten aus dem Bosporus zu erhalten.« Der Kapitän erwiderte den Gruß und wandte sich an den Fürsten. »Wollen Sie die nötigen Befehle erteilen, Herr Leutnant?« Damit kehrten alle unbekümmert zu ihren Zigarren und ihrer Plauderei zurück. »Steuerbord umlegen! – Halten Sie auf das Fahrzeug ab!« Die Befehle gingen durch das Schiff und sein Lauf wandte sich nach Süden. »Wache oben! – Welche Richtung steuert der Dampfer in Sicht?« »West-Nord-West, Euer Wohlgeboren! – Er kommt auf uns zu.« »Es muß ein Türke sein«, sagte der Kapitän bedächtig; »das Geschwader des Admirals kann unmöglich in dieser Gegend sein. Hinauf in den Mastkorb!« Der Fähnrich, dem der Befehl erteilt, eilte mit dem Fernrohr um den Hals an der Leiter des großen Mastes empor. »Der Dampfer signalisiert!« lautete nach kurzer Zeit die Meldung. »Flagge auf! – Geben Sie das Privatsignal, Popandopulo!« Die weiß-blaue Flagge flatterte lustig im Winde, darunter das Fähnchen, das die Signalfarben zeigte. »Er zieht die Flagge auf – es ist einer der Unseren.« Die Offiziere und Mannschaften wandten sich gelangweilt ab. »Können Sie die Nummer des Zeichens noch nicht erkennen, Bitschesko? Sie haben sonst ja gute Augen.« »Sogleich, Kapitän. Tschort wosmi! Hol' mich der Teufel! – Das Schiff schwankt wie ein wandernder Kirchturm! – Halt, ich hab' ihn – Nummer 6.« »Dann ist's die ,Bessarabia‹; ich weiß die Namen auswendig«, sagte der Kapitän. »Melden Sie es Seiner Exzellenz, Herr Adjutant.« Schelesnow ging hinunter. – Die Schiffe näherten sich rasch; nach einer halben Stunde konnten die Zeichen deutlich spielen. Der Dampfer schlug jetzt die Richtung nach Südost ein und signalisierte: »Anschließen.« »Der Bursche führt offenbar etwas im Schilde«, sagte der Kapitän. »Er hält auf Kap Kerempe ab und das ist zum Glück bis auf zwei Strich im Winde unsere eigene Richtung. In einer Viertelstunde werden wir Näheres wissen.« Während die beiden Schiffe in der angegebenen Richtung ihren Lauf fortsetzten, kamen sie einander immer näher und waren bereits in Rufweite, als der Lugmann aus dem Mastkorbe meldete: »Zwei Dampfer in Sicht!« »Welchen Kurs?« »Der eine Ost zu Süd, der andere weiter nach Norden.« Der Admiral war jetzt auf das Verdeck gekommen. Der kleine weiße Wimpel am Flaggentau des Fockmastes zeigte seine Anwesenheit auf dem Schiff und der kleinere Dampfer setzte bereits sein Boot aus, um den kommandierenden Offizier an Bord der Fregatte zu schaffen. »Ah, Sie sind es, Kapitän Glasemann«, sagte der Admiral und lehnte sich über das Bollwerk. »Kommen Sie geschwind herauf und bringen Sie mir Neuigkeiten! – Diese Herren verlangen sehnlichst danach.« Einige Augenblicke später war der Kapitänleutnant der ›Bessarabia‹ auf Deck und begrüßte ehrerbietig seinen Vorgesetzten. »Was haben Sie, Kapitän? – Woher kommen Sie? – Wo befindet sich das Geschwader?« »Admiral Nachimow, Exzellenz, ist auf der Rückkehr nach Sewastopol. Ich hatte Befehl, zu kreuzen, und erfuhr durch Schiffer, daß ein ägyptischer Kriegsdampfer den Weg nach der Abchasischen Küste genommen hat; ich war im Begriff, ihm zu folgen, als ich Euer Exzellenz fand.« »Ist eines der Schiffe, die in Sicht sind, der Ägypter?« »Ich hoffe.« »Haben Sie irgendeine Vermutung, wer der zweite Bursche ist, der nach Norden steht?« »Ich wüßte nicht, wenn es nicht etwa das Passagierboot des Lloyd sein sollte, oder ein Franzose, obwohl ich zuverlässige Nachricht habe, daß die englisch-französische Flotte noch vollständig im Bosporus ankert und keines ihrer Schiffe Rumili-Kawak überschritten hat.« »Jop foce mat! So weit kommen die Österreicher nicht! – Aber du kannst recht haben, mein Sohn, es mag eines der Transportboote sein, doch ein türkisches. In jedem Falle wollen wir uns die Burschen näher besehen. Lassen Sie die Maschinen ihre Schuldigkeit tun, Kapitän Butakow, und zeigen, was die ›Wladimir‹ kann. Sie, Kapitän Glasemann, werden die Höhe gewinnen und dem Fremden den Rückzug abschneiden.« Ein Rückzug schien jedoch keineswegs in der Absicht der fremden Schiffe zu liegen; offenbar wollten sie die anatolische Küste gewinnen. Das Ufer war schon in Sehweite; man befand sich zwischen dem Hafen von Amastro und dem Kap Kerempe, da signalisierte die weiter auf der Höhe befindliche ›Bessarabia‹: »Flotte in Sicht.« Und gleich darauf die Frage: »Weiter Jagd machen?« was offenbar andeutete, daß man die unbekannten Schiffe in dieser Nähe des Geschwaders unmöglich für feindliche ansehen könne. Auch auf der ›Wladimir‹ machte sich diese Überzeugung geltend; schon wollte der Admiral den Befehl erteilen lassen, die Jagd aufzugeben und den Kurs nach dem Geschwader zu richten, als die beiden fremden Dampfer Signale wechselten und einschwenkten. Dieser veränderte Lauf war verdächtig und konnte nur durch das Auftauchen des Geschwaders veranlaßt sein. Namentlich war der Dampfer vor der ›Wladimir‹ sichtlich bemüht, eine Begegnung zu vermeiden, und änderte jetzt mehrfach seine Richtung. Um 9¼ Uhr wurde daher auf der Fregatte das Privatsignal gehißt und eine Kanone gelöst; es erfolgte jedoch keine Antwort. – Darauf ging die russische Flagge hoch. »Fertig zum Gefecht!« Die Neugier, die bisher Offiziere und Mannschaften auf Deck und an den Bollwerken gehalten hatte, löste sich in Tätigkeit; die Kanonen wurden von ihren Lederkappen befreit, die Pulverkästen geöffnet, die Sandsäcke um die Maschinen gehäuft und alle Vorbereitungen getroffen, welche auf einem Kriegsschiff dem Kampf vorangehen. Die Mannschaft stand bei ihren Geschützen; auf den Kugelkästen saßen die Pulverjungen, der Wundarzt war mit seinen Gehilfen im Unterraum, die Deckmeister machten mit dem Zimmermann die Runde, die Marinesoldaten standen auf den Gangwegen, und die Offiziere warteten mit gezogenem Degen auf ihren Posten der Befehle. Eine Viertelstunde später richtete der verfolgte Dampfer seinen Lauf gerade gegen die ›Wladimir‹ und zeigte die türkische Flagge, den weißen Halbmond mit dem Stern im roten Felde. Bald darauf änderte er nochmals seinen Lauf; die Schiffe waren einander jedoch schon so nahe, daß bei der starken Maschine der russischen Fregatte an ein Entkommen nicht zu denken war. Admiral Kornilow erkannte, daß das feindliche Schiff schwächer war als die ›Wladimir‹; er befahl, ihm eine Kugel vor dem Bugspriet vorbeizusenden, als Aufforderung, sich zu ergeben. Der Türke antwortete mit einer vollen Breitseite, die jedoch wegen der Entfernung unschädlich blieb. Damit war das Gefecht eröffnet. Der Befehl: »Fertig zum Feuern!« durchlief das russische Deck. Unterdes dampften die Schiffe parallel und kamen einander bald so nahe, daß die Geschosse des Türken über die ›Wladimir‹ weggingen und die Takelage beschädigten. Schon waren ein Mann gefallen und drei verwundet. Da der Admiral jedoch erkannte, daß der Türke keine Heckgeschütze führte, beschloß er, es von hinten zu bestreichen und so zur Übergabe zu zwingen. Die ›Wladimir‹ fiel also ab und in das Kielwasser des Türken, den sie mit ihren Buggeschützen der Länge nach bestrich. Dadurch wurde der Gegner gezwungen, fortwährend beizudrehen, um eine Salve geben zu können. Die ›Bessarabia‹ verfolgte unterdes den zweiten Dampfer, der durch Anwesenheit des Geschwaders unter dem Winde verhindert war, seine Richtung nach Osten zu nehmen und die hohe See zu halten strebte. – Der Kampf hatte auf diese Weise schon drei Stunden gedauert. Obgleich es der ›Wladimir‹ leicht gewesen wäre, ihn fortzusetzen, die Bemannung des Gegners niederzuschmettern und seinen Rumpf zu durchlöchern, ohne selber erheblichen Schaden zu nehmen, da die Breitseiten des Türken beim Beilegen über die Fregatte hinweggingen, so beschloß der Admiral doch, dem Spiel ein Ende zu machen und auf Kartätschenschußweite heranzugehen. Die Fregatte schoß mit voller Kraft der Maschine an der Seite des Feindes auf und gab ihm eine volle Lage. Der Erfolg war in dieser Nähe furchtbar – die Maschine des Feindes hörte sofort auf zu arbeiten. Trotzdem setzte er sich noch zur Wehr und gab eine neue Breitseite. Eine Granate zerschmetterte die Brust des Leutnants Schelesnow, dem der Admiral eben einen Befehl erteilte. Die ›Wladimir‹ umfuhr den Türken. Zwei weitere Lagen, die eine mit Kartätschen, durchlöcherten den Rumpf und säuberten die Verdecke. Jetzt senkte der Moslem seine Flagge; der erste Seesieg in diesem Krieg war erfochten. Das genommene Schiff war der ägyptische Dampfer ›Pervas Bachri‹ von 220 Pferdekräften und mit 10 Kanonen. Von seiner Mannschaft waren der Kapitän, zwei Offiziere und 19 Matrosen getötet und 18 verwundet; 134 Mann wurden gefangengenommen. Der Rumpf des Schiffes war so durchlöchert, daß es zu sinken drohte. Es bedurfte einer vierstündigen Arbeit, um es instand zu setzen, der ›Wladimir‹ nach Sewastopol zu folgen. Das Schiff, das während dieses Kampfes die ›Bessarabia‹ jagte, war die ›Djerib‹, ein türkischer Passagierdampfer, der von Warna kam und nach Sinope bestimmt war, Reisende, Kupfer und Pulver an Bord hatte und eine wertvolle Prise war. Das Schiffsvolk und die Reisenden hatten sich auf dem Verdeck zusammengedrängt und beobachteten das sich in der Ferne entspinnende Gefecht. Auf dem Deck, in der Nähe des Steuers saß der Kapitän, ein dicker, behäbiger Türke mit grauem Bart, den Tschibuk im Munde, den einer der Schiffsjungen sorgfältig in Brand hielt. Einige türkische Offiziere mit ihren Mannschaften, die nach Anatolien gingen, armenische und syrische Handelsleute, mehrere Juden und zwei Kurden mit ihren Sklaven, die einen Trupp Pferde nach Warna geliefert hatten, bildeten die überwiegende Zahl der Reisenden. An den Radkästen des Schiffs waren in langen Reihen die Knoblauch- und Zwiebelstränge aufgehängt, mit jenen Gurken und Früchten, die die Hauptnahrung der genügsamen Orientalen sind, aber die Luft keineswegs mit besonderem Wohlgeruch erfüllen. Nur einer der Reisenden verdiente besondere Aufmerksamkeit. Es war ein hoher, blonder Mann in orientalischer Kleidung von schönem, etwas hartem Gesicht, Sir Edward Maubridge. Er sprach mit zwei Männern, offenbar seinen Dienern, einem Griechen und einem Mann, dem die orientalische Tracht ebenso ungefügig saß wie seinem Herrn. Dieser ging unruhig auf dem Verdeck auf und ab, blickte häufig nach der Treppe der großen Kajüte, aus der von Zeit zu Zeit eine ältere Frau heraufstieg und ihm eine kurze Botschaft brachte. Der Baronet hatte sich mit Diona, einer Griechin zu ihrer Aufwartung und zwei Dienern in Warna eingeschifft. Er reiste nach der Anatolischen Küste und wollte dort die Niederkunft seiner Geliebten abwarten, für die er eine tiefere Liebe empfand, als er den Drohungen des Bruders gegenüber zugestanden. Um weniger Aufmerksamkeit zu erregen, hatten alle orientalische Kleidung angelegt. Maubridge war lebhaft besorgt, weil Diona im Schreck über die plötzlich hereinbrechende Gefahr erkrankt war. Unmutig fragte er wohl schon zum zehnten Male den Kapitän, ob Aussicht vorhanden sei, dem russischen Kreuzer zu entgehen. Der Moslem aber tat, als verstehe er weder das Italienisch, noch die wenigen türkischen Worte des Engländers und schüttelte nur mit seinem ewigen »Bismillah« bedächtig den Kopf. Ungeduldig rief der Baronet endlich seinen griechischen Diener. »Frage dieses Faultier von einem Menschen,« befahl er ärgerlich, »ob es nicht möglich ist, die Schnelligkeit unserer Fahrt zu erhöhen? – Mich dünkt, die Entfernung hätte sich schon bedeutend verringert!« Der Grieche wiederholte die Frage auf türkisch. Der Kapitän blies den blauen Rauch in die Luft. »Was kann ich tun? – Ein Schiff ist ein Schiff, und diese Russen haben den Teufel im Leibe. Bak alum – wir werden sehen!« Aber er sah nicht, sondern blieb ruhig sitzen. Der Engländer ballte die Faust. »Sie werden uns nach Sewastopol schleppen!« »Inschallah – wie Gott will! – Es ist unser Kismet, Effendi!« »Frage das türkische Vieh, ob er sich denn nicht zu verteidigen gedenkt? – Wir haben vier Kanonen an Bord und Hände in Menge!« »Der Beisädih ist toll«, meinte der Kapitän auf die etwas höflicher übersetzte Frage. »Ich habe den Vätern und den Müttern des Moskows das Nötige erwiesen; wir sind keine Kriegsleute, um zu sagen: Puf!« Er hörte mit Gleichmut, freilich ohne sie zu verstehen, die Ehrentitel an, die der Brite ihm gab. Maubridge war überzeugt, daß das schöne in England gebaute Schiff bei nur einiger Anstrengung und guter Leitung leicht den Russen entgehen könne. Die ›Bessarabia‹ war unterdes immer näher gekommen; ein scharfer Schuß am Bug der ›Djerid‹ vorbei mahnte den Türken, beizulegen. Indessen zeigte sich auch hier die türkische Zähigkeit und Sorglosigkeit, denn statt dem eisernen Winke Folge zu leisten, setzte das Schiff nach wie vor seinen Weg fort. Eine Hand berührte jetzt den Arm des Baronets; es war das griechische Weib, Dionas Dienerin. »Herr,« sagte sie, »der Schrecken hat über Euer Weib das Weh der schweren Stunde gebracht. Sie windet sich in den Schmerzen, die dem Weibe süß sind.« Maubridge fuhr auf. »Verstehe ich Euch recht? Sie sieht einer Niederkunft entgegen – einer zu frühen Geburt?« Die Frau bejahte. »Ich will zu ihr!« »Halt, Herr! – Ihr würdet das Harem verletzen, und die Moslems sind streng darin.« »Was kümmern mich die Narren!« rief der Brite aufgeregt. »Ich will zu Diona!« Mit zwei Sätzen, während ein zweiter Schuß des russischen Dampfers donnerte und das Geschoß durch die Takelage der ›Djerid‹ pfiff, sprang der Baronet die Treppe zum Pavillon hinab und wollte die Tür aufreißen; aber eine kräftige Faust stieß ihn zurück. »Was willst du?« »Öffne! – Ich muß hinein!« »Das ist das Haremlik meines Herrn – kein Mann darf ihn betreten!« Die drohende Gebärde, mit der der schwarze Sklave sich vor die Tür warf, zeigte den Ernst des Verbots. Zugleich suchte die Dienerin sich zwischen ihn und die Tür zu drängen. »Ihr wißt nicht, was Ihr tut, Herr – die Türken ermorden Euch!« Auf den türkischen Schiffen war eine der Kajüten ausschließlich für die Frauen bestimmt und wurde gleich dem Haremlik geachtet. Kein Mann durfte ihn betreten. Dazu kam, daß einer der anatolischen Kaufleute, ein strenger Moslem, zur Sicherung seiner mitgeführten Weiber den Sklaven an die Tür gestellt hatte. Der Streit rief Neugierige herbei. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch das Schiff: ein Mann verletzt den Schutz des Haremliks. Die Moslems drängten sich heran; der drohende Frevel gegen das Haremlik bewegte sie mehr als die Gefahr von außen. »Wer ist der Hund, daß wir ihm das Seine tun? – Seid Ihr ein Kind des Teufels, daß Ihr es wagt, uns in den Bart zu speien?« Wilde Drohungen umtobten den Briten; Waffen erhoben sich gegen ihn; vergeblich versuchte sein englischer Diener sich und ihm Platz zu machen. Auch der Kapitän kam herbei. »Tut ihm nichts zuleide, er ist ein Beisädih! – Was wissen diese Inglis von Gott und dem Propheten! – Sie sind Tolle! Sie haben Frauen und Pferde, aber sie lassen die einen nackt umherlaufen und machen die anderen alle zu Bequirs und schneiden ihnen die Schwänze ab, so wahr Allah groß ist.« »Ein Giaur in der Kleidung der Moslems? – Was will das ungläubige Schwein unter uns? – Er ist an allem Unglück schuld; er hat uns die Moskows über den Hals gebracht! – Tötet den Franken!« Der Baronet, der noch immer vergeblich um den Eingang rang, schwebte in der größten Gefahr, ein Opfer der unvorsichtig erregten Leidenschaft zu werden. Da donnerte und krachte es über und neben ihnen; eine schwere Kugel prasselte, die Splitter umherfegend, durch das Holzwerk und fuhr durch die Frauenkajüte. Die Splitter hatten mehrere verwundet; in Todesangst stürzten die Frauen aus der Kajüte. Alles floh in blindem Schrecken und verbarg sich in den unteren Räumen. Im Augenblick sah sich Maubridge allein mit seinem Diener. Er drang schnell in die Kajüte; in der Hinteren offenen Kabine lag Diona. Er stürzte an ihre Seite; er verschwendete tausend Zärtlichkeiten an sie; zugleich befahl er seinem Diener, nötigenfalls mit Gewalt die griechische Dienerin herbeizuschaffen. Dazwischen donnerte draußen Schuß auf Schuß und die Kugeln fuhren durch Takelwerk und Rumpf. Die Mannschaft hatte den Kopf verloren und vermochte nicht einmal die Flagge zu streichen, bis endlich einer der Maschinisten, ein Italiener, auf Deck sprang und das Flaggentau durchschnitt. Der rote Wimpel mit dem Halbmond flatterte ins Meer; ein Jubelruf erhob sich an Bord des Russen, der bereits fast längsseit lag. Wenige Augenblicke später sprangen die russischen Offiziere, den Degen in der Faust, über die Bollwerke; im Nu war das Verdeck der ›Djerid‹ mit Mannschaften überflutet. Widerstand war nirgends zu finden. Die Weiber jammerten und schrien, die Moslems krochen geduldig hervor und ergaben sich in das unvermeidliche Kismet, und der Kapitän legte die Papiere über Ladung und Reisende vor. Besorgt saß Maubridge am Eingang der Kabine, in der Diona, von der griechischen Dienerin unterstützt, mit den Schmerzen rang, die das werdende Leben begleiteten. Seine kalte, harte Natur schien sich gewandelt zu haben in zärtliche Sorge um die Frau, deren Wimmern wie glühender Stahl sein Herz durchbohrte. Was kümmerte ihn der Kampf ringsum? Er hatte nur noch Augen und Ohren für die Geliebte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, eine Stimme befahl ihm barsch, aufzustehen. Als er auffuhr und die Angreifer zurückstoßen wollte, fielen diese, zwei russische Matrosen, über ihn her und schnürten ihm die Arme zusammen. Ein Offizier trat mit dem türkischen Kapitän in die Kajüte. Maubridge verlangte ungestüm, freigelassen zu werden. Der Offizier sah ihn groß an. »Ich bin ein Brite! – Unser Gesandter in Konstantinopel wird Rechenschaft fordern für jede Beleidigung, die mir widerfährt!« Der Offizier lächelte spöttisch. »Ein Engländer in türkischer Kleidung? – Wahrscheinlich ein türkischer Spion für unsere Häfen! – Ihre Papiere, mein Herr!« »Ihre Leute haben mich gebunden. Lassen Sie meine Brieftasche aus der Tasche nehmen; meine Papiere befinden sich darin. – Ich hoffe, Sie werden die Banknoten dabei schonen!« Der Russe befahl kalt, ihn zu durchsuchen und öffnete am Tisch die Brieftasche. »Einen Paß für den Baron Maubridge und seinen Diener. – Das wäre richtig. – Sieh da, Briefe an Churschid Pascha und Selim Pascha – also ins feindliche Lager. Und hier ein solcher an Schamyl! – Das ist kein übler Fang!« »Herr, Sie haben kein Recht, sich an meinen Briefen zu vergreifen!« »Trau einer einem Engländer! – Oh, mit einem Spion machen wir nicht viel Umstände! – Bringt den Mann zu den anderen Gefangenen.« Ein Schmerzensruf erscholl aus der Kabine. Der Baronet überwand seinen Stolz. »Sie werden menschlich sein, mein Herr, und mich in diesem Augenblick nicht von der Frau da drinnen trennen, die in ihrer schweren Stunde liegt!« »Wer ist das Weib?« »Eine Griechin. – Sie gehört zu meiner Begleitung.« »Davon steht nichts in dem Paß. Pflegen die Herren Briten vielleicht auch schon ihren Harem mit sich zu führen?« »Sie ist« – er zögerte einen Augenblick – »ich bitte, die Dame als meine Gattin zu achten!« »Skotina – Dummkopf! Wer's glaubt! – Fort mit dem Burschen! Weiber werden hier besser am Platze sein als er. Sie können in diese Kajüte gesperrt werden.« Die Russen packten Maubridge und zerrten ihn fort. An der Tür klang ihm zum letzten Male der schneidende Wehruf Dionas ins Herz. In den Mauern Sewastopols Am dritten Morgen nachher bewegte sich ein einfacher Trauerzug aus dem Quarantänegebäude der russischen Pontus- Festung Sewastopol nach dem Kirchhof am Ende des Quarantänehafens. Ein russischer Geistlicher ging dem Sarge voran, der nach griechischer Sitte offen und niedrig getragen wurde. Nur wenige Personen hatten sich dem Zuge angeschlossen: einige Diener aus dem Hospital der Quarantäne, eine griechische Frau und ein Mann in orientalischer Kleidung zwischen zwei russischen Marinesoldaten. Der Mann war Edward Maubridge, der Baronet; im offenen Sarge, Rosmarin in den dunklen Locken und auf der Brust, lag Diona Grivas, die Schwester von Gregor Caraiskakis. In der Nacht nach der Geburt war sie gestorben – sie hatte das allzu frühe Leben des Kindes mit dem ihren erkauft. Maubridge war fern von dem Sterbebett, an dem nur der Pope der Fregatte ›Wladimir‹ und die in Warna geworbene Dienerin mit den gefangenen türkischen Weibern standen. Sein Name lag noch im Tod auf ihren Lippen. Sie ließ sich den kleinen Knaben bringen, segnete ihn und übergab ihn dem Geistlichen ihres Glaubens mit dem Geschmeide, das sie von ihrer Mutter geerbt. Erst am anderen Morgen erfuhr Maubridge den Tod der Griechin. Die Nachricht erschütterte den hochmütigen Mann im Innersten. Der Kapitän des Schiffes erlaubte ihm auf seine dringende Bitte, sich zu der Leiche zu begeben. Er verließ sie nicht mehr, bis das Schiff in der Nacht auf der Reede von Sewastopol Anker warf. Am nächsten Morgen lieferten die russischen Dampfer ihre Beute im Quarantänehafen ab; die Gefangenen wurden in ein zu ihrer Aufnahme bestimmtes Gebäude gebracht, die Leiche fand Aufnahme im Hospital, von wo aus das Begräbnis am folgenden Tage stattfand. Durch freigebige Anwendung seines Goldes erlangte Maubridge die Erlaubnis, die Tote zu ihrer letzten Ruhestätte zu begleiten. In finsterem Brüten vergingen ihm die nächsten Tage. Er ließ einen Bildhauer aus der Stadt kommen und gab ihm den Auftrag zu einem schlichten Marmorstein für das Grab Dionas. Um sein eigenes Schicksal schien er wenig bekümmert. Am fünften Tage nach der Ankunft der Gefangenen war die Quarantäne zu Ende; sie wurden in die Stadt gebracht. Dort wurde der Baronet trotz seinem Widerspruch von der griechischen Dienerin und dem Kinde getrennt; er erhielt seinen Aufenthalt im Fort Sankt Nikolas angewiesen, wo er in strenger Absonderung mit seinem englischen Diener bewacht wurde. Nur sein griechischer Diener durfte ab und zu gehen und sorgte für ihre Bedürfnisse. Durch ihn erfuhr Maubridge, daß die Wärterin mit dem Kinde in der Familie des Geistlichen von der ›Wladimir‹, die in Sewastopol wohnte, Aufnahme gefunden hatte. Ein buntes Leben herrschte in der prächtigen Seefestung. Der Brite schien diese Wohnung hauptsächlich zu dem Zweck erhalten zu haben, um sich von ihrer Macht und Unbesiegbarkeit zu überzeugen. Die mächtigen granitnen Wälle des Forts und der Bastionen starrten von schweren Geschützen, die ein Kreuzfeuer über die Bucht zu eröffnen vermochten, das jeden eindringenden Feind vernichten mußte. Auf den breiten Kais um die großartigen Werften bewegte sich eine dichte Menge unter den Seeleuten und Soldaten; riesige Marine- und Artillerievorräte waren überall angehäuft und wurden durch die ununterbrochen von Odessa und Nikolajew eintreffenden Frachtschiffe vermehrt. Dampfer liefen ein und aus. Im Hafen selber und draußen auf der Reede lag, zum Auslaufen bereit, die russische Südflotte um das stolze Admiralschiff, das den Namen des General-Admirals, des zweiten Zarensohnes, des Großfürsten Konstantin trug. Dies ganze bunte Schauspiel spielte sich unter den Augen des Gefangenen ab, doch betrachtete er es mit Gleichgültigkeit. Mit dem Tode Dionas war eine auffallende Veränderung in seinem Wesen und Charakter vorgegangen; er fühlte, daß er das Mädchen mit der ganzen Kraft seiner Seele geliebt und dennoch unehrenhaft an ihr gehandelt hatte. Er machte sich selber Vorwürfe; er wurde verbittert, heftig, abgeschlossen. Sein Gefühl, sein Denken und seine Entschlüsse kreisten jetzt um das Kind. Täglich mußte der griechische Diener zum Hause des Popen wandern und ihm Nachricht von dem Knaben bringen; eine bedeutende Summe schickte er für seine Pflege. So verstrichen mehr als zwei Wochen. Seine Beschwerden und Drohungen, ihn in Freiheit zu setzen, blieben von den russischen Behörden unbeachtet; er erhielt nicht einmal Antwort. Die Offiziere des Forts mieden ihn, wenn er die Erlaubnis hatte, auf den Wällen spazierenzugehen. Am Nachmittage des 26. Novembers saß er am Fenster seiner Zelle und schaute in finsterem Brüten dem Flug der Möwen zu, die über die Bucht strichen. Sie verkündeten mit ihrem ängstlichen Geschrei eine Erneuerung des Sturmes, der mit kurzen Unterbrechungen schon seit zwei Tagen getobt hatte. Seine Aufmerksamkeit wurde schließlich durch einen kleinen Dampfer geweckt. Er steuerte von der Höhe der See mit gehißten Flaggenzeichen in die Bucht und legte am Fort Nikolas bei, ohne, wie die gewöhnliche Vorschrift erheischte, vor den Eingangsforts vorher zu halten. Sogleich wurde ein Boot herabgelassen und mehrere Personen fuhren zum Ufer. Maubridge schien es, als sei ihm eine von ihnen nicht unbekannt, doch war die Entfernung zu einem genaueren Erkennen zu groß. Die Dämmerung trat unterdes ein und mit dem Abend erhob sich der Sturm aufs neue. Regen und Hagel peitschten gegen das Fenster der Zelle, hinter dem der Gefangene noch immer saß. Plötzlich donnerten drei Signalschüsse von dem vorderen Bollwerk des Forts. Maubridge bemerkte, daß Zeichen mit bunten Laternen aufgezogen wurden; sie wurden von den Schiffen in der Bucht und auf der Reede erwidert. Ein lebendiger Verkehr entstand trotz der unruhigen See zwischen der Flotte und dem Ufer. Boote, mit Mannschaften überfüllt, gingen und kamen; die ankernden Dampfer begannen zu heizen. Eine wichtige Nachricht mußte eingetroffen sein, das zeigten auch die Bewegungen im Fort selber und die Unruhe auf den Straßen. Gegen neun Uhr näherten sich Tritte seiner Tür. Ein Offizier, in Begleitung zweier Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonett trat ein; vier russische Matrosen blieben am Zugang stehen. »Ich habe Befehl, mein Herr,« sagte der Offizier, »Sie sofort zum Befehlshaber zu geleiten. Zugleich ersuche ich Sie, Ihren Leuten Anweisung zum Packen ihrer Sachen zu geben; diese Männer werden sie befördern.« »So bin ich aus meiner Haft entlassen und kann abreisen?« »Ich bin außerstande, Ihnen Antwort zu geben. Ich erfülle nur meinen Befehl und bitte Sie, sich fertigzumachen und mir zu folgen.« Maubridge war zu stolz, weiter zu fragen, und nach einigen Worten an seine Diener war er bereit. Der Russe riet ihm, seinen Regenmantel zu nehmen, das Wetter tobte immer heftiger; dann führte er ihn in Begleitung der Wachen durch die Gänge und Höfe des Forts zum Tor, gab dort die Parole und verließ mit ihm die Zitadelle. Auf den Straßen herrschte trotz der üblen Witterung reges Treiben; Licht blinkte an allen Fenstern; Matrosen und Marinesoldaten kamen und gingen in Trupps von und nach den Warenlagern; Offiziere eilten, in ihre grauen Schiffsmäntel gehüllt, dahin. Vor dem Eingang des Admiralitätsgebäudes, der Wohnung des Oberbefehlshabers Admiral Berg und zur Zeit des Fürsten Menschikow, brannten Pechfackeln. Offiziere, Beamte und schaulustiges Volk drängten sich. Maubridge wurde in ein Vorzimmer des ersten Stocks geführt. Nach wenigen Minuten winkte ihm der begleitende Offizier, in den anstoßenden Saal einzutreten. Er war von Offizieren und Marinebeamten gefüllt. An einer Tafel mit Seekarten waren höhere Flottenoffiziere in einer lebhaften Auseinandersetzung. Der Sturm fegte in einzelnen langen Stößen durch die Straßen und Schluchten und ließ die hohen Fenster des Saales erklirren. »Es wird kaum möglich sein, Nowossilsky, daß Sie die Anker lichten und die hohe See erreichen bei diesem Wetter«, sagte ein alter Offizier in Admiralsuniform an der Mitte des Tisches. »Warten Sie bis morgen.« »Wir würden höchstens das Tageslicht zum Gewinn haben, Exzellenz«, entgegnete ein Mann von kühnem Aussehen, der Kommandant der vierten Flottendivision, Konteradmiral Nowossilsky. »Sie kennen unsere Stürme und wissen, daß sie ihre Zeit haben müssen. Die englisch-französische Flotte könnte leicht Nachricht erhalten haben und uns aus dem sicheren Bosporus herauskommen. Nachimow hätte dann das Nachsehen.« »Nun, wie Sie wollen. – Kapitän Tschigiri, haben Sie den Befehl bereit?« Der Offizier vom Dienst reichte das Papier, Admiral Berg unterzeichnete es. »Die ›Paris‹ und ›Tri Sswjatitelja‹ liegen bereits auf der Reede«, fuhr der Konteradmiral fort. »Ich werde mich durch die ›Bessarabia‹ hinausbugsieren lassen. Wann erwarten Sie Kornilow zurück?« »Morgen. Sie werden die ›Bessarabia‹ ihm entgegenfahren lassen.« »Nun, ich hoffe, daß er nicht mehr zur rechten Zeit ankommt und uns anderen auch etwas übrig läßt. Er hat jetzt schon drei Dampfer den Türken genommen, während wir kaum die Nase aus dem Nest gesteckt haben. – Doch wie steht es mit dem Reisenden, Exzellenz, den Sie mir mitgeben wollten?« »Haben Sie den Engländer hier, Rogula?« Der zweite Hafenkommandant, an den die Frage gerichtet war, sah nach der Gruppe an der Tür. »Lassen Sie den Gefangenen vortreten.« Maubridge trat erregt an den Tisch und stützte die Hand darauf. »Wer von den Herren«, fragte er, ohne die Anrede abzuwarten, »ist Fürst Menschikow? – Ich wünsche ihn zu sprechen.« Der greise Offizier winkte. »Der Fürst ist abwesend. Ich bin Admiral Berg, der Oberbefehlshaber der Festung; Sie werden sich mit mir begnügen müssen.« »Dann erhebe ich Widerspruch bei Ihnen im Namen der britischen Regierung, wegen der unwürdigen Behandlung und rechtswidrigen Haft, die mir hier geworden ist. Ich werde mich bei unserem Gesandten in Petersburg beschweren.« Der Admiral schien seine Worte nicht zu beachten. »Sie heißen?« »Edward Maubridge, Baronet.« »Nach dem Bericht des Kapitän Juschkin sind Sie am 6. auf dem türkischen Dampfboot ›Djerid‹ gefangengenommen worden auf dem Wege nach Sinope. Man hat bei Ihnen Briefe an die türkischen Befehlshaber in Anatolien und selbst an Schamyl gefunden, die beweisen, daß Sie mit den Feinden Rußlands in Verbindung stehen.« »Ich bin Engländer und habe niemandem Rechenschaft zu geben, wohin ich gehe und mit wem ich in Verbindung stehe. England ist bei Ihrem Kriege eine unbeteiligte Macht.« Der Admiral lächelte. »Wie man's nehmen will! – Ich habe jedoch nicht Zeit, mich mit Ihnen in eine politische Abhandlung einzulassen. Ich will Sie, trotz jenen Verbindungen, als harmlosen Reisenden gelten lassen; wir werden Sie an den Ort schaffen, wohin Sie gehen wollten. Sie haben sich demnach nur über eine Haft zu beklagen, die durch die Umstände geboten war. Unser Geschwader geht in einer Stunde nach Sinope ab und wird Sie dort mit Ihren Dienern ans Land setzen. – Treten Sie ab.« »Einen Augenblick, mein Herr – ich will alles vergessen, aber ich kann diese Stadt nicht verlassen ohne mein Kind! – Lassen Sie mein Kind holen mit seiner Wärterin.« »Ihr Kind? – Meinetwegen. Doch sehe ich nichts von einem Kind in Ihrem Paß erwähnt. – Was ist's damit, Kapitän Juschkin?« Der Kapitän der ›Bessarabia‹ trat vor. »Ein griechisches Weib, Exzellenz, hat nach dem Gefecht einen Knaben geboren, den der Pope Alerowitsch in seine Pflege nahm, da die Frau starb.« »Welches Recht haben Sie an dem Kind?« »Es ist das meine – die Verstorbene war Lady Diona Maubridge.« »Lügner!« rief eine laute Stimme. Ein Mann trat aus dem Kreis der Umstehenden vor. »Lügner! – Beweise dein Anrecht an Diona Grivas! Du hast sie gemordet, dein Recht an sie und an dem Kinde hast du selber mit Füßen getreten!« Maubridge erbleichte, – ihm gegenüber stand der Bruder und Rächer des toten Mädchens, Gregor Caraiskakis. »Euer Exzellenz,« sagte Gregor und Schmerz und Zorn erstickten fast seine Stimme, als er sich zu dem Admiral wandte, »wenn der Dienst, den ich Ihnen geleistet, wenn Eifer und Treue für die Sache Rußlands eine Anerkennung verdienen, so gewähren Sie mir Gerechtigkeit gegen diesen Mann! – Zweimal entführte er meine Schwester durch heuchlerische Künste und entehrte sie, indem er sie durch ein spitzbübisches, lügnerisches Spiel glauben machte, sie sei seine angetraute Gattin. Als ich ihr Recht von ihm forderte, leugnete er es – Diona Grivas, die Schwester der Caraiskakis, wurde durch seinen Trug zu seiner Mätresse erniedrigt. In diesem Augenblick erfahre ich, der Bruder, aus seinem Munde den Tod Dionas, und ich segne ihren Tod, denn er deckt ihre und unsere Schande. Aber das Kind, das Kind aus dem Blut meiner Schwester, das soll der falsche Bursche niemals besitzen und sollte ich es ihm mit dem Leben entreißen!« Die drohenden Blicke der Offiziere ringsum richteten sich verächtlich auf den Briten. »Das Kind ist mein«, sagte Maubridge trotzig. »Ich nehme das Recht des Vaters und des Engländers in Anspruch!« »Herr Caraiskakis,« – der Admiral erhob sich ernst – »wir sind Ihnen verpflichtet durch Ihren Dienst. Sie scheuten keine Gefahr, um Admiral Nachimow und dann uns Nachricht zu bringen von dem verräterischen Unternehmen des türkischen Geschwaders. Wir möchten Ihnen gern Gerechtigkeit gewähren an diesem Mann, doch – das Recht des Vaters ist heilig, und als solcher kam er in unsere Gewalt.« »Einen Augenblick, Exzellenz«, unterbrach Vizeadmiral Rogula. »Wenn ich Kapitänleutnant Juschkin recht verstanden habe, erfolgte die Entbindung des Mädchens erst nach der Wegnahme des Schiffes!« »So ist es«, bestätigte der Kapitän. »Dann, mein Herr,« sagte der Admiral zu Maubridge, »ist das Kind unter russischer Flagge geboren und genießt russischen Schutz, bis Ihre Ansprüche bewiesen sind, was Ihnen allerdings durch den Tod der Mutter unmöglich sein dürfte.« Maubridge stampfte mit dem Fuße auf. »Ich will mein Kind!« Ein Sturmstoß erschütterte das Gebäude, daß es in seinen Grundfesten zu erbeben schien. »Hören Sie die Stimme des Allmächtigen, Herr,« erwiderte der greise Offizier, »der mit seinem Sturmwind über die Wogen fährt, denen bald Ihr Leben anvertraut sein wird!« Er wandte sich ab. »Fort mit ihm – und Sie, Nowossilsky, an Bord, an Bord! Damit Sie die hohe See erreichen, ehe der Sturm nach Süden dreht!« Er reichte dem Konteradmiral die Hand. Die Schiffsoffiziere verließen eilig den Saal und die Admiralität. Knirschend fügte sich Maubridge in die Befehle, da einige deutliche Winke ihn belehrten, daß er sonst mit Gewalt an Bord geschleppt werden würde. Als er am Kai stand und auf das Boot wartete, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er wandte sich um und schaute in die haßglühenden Augen des Griechen. »Ich hoffe,« sagte Caraiskakis, »wir werden uns wieder begegnen, wenn Sie nicht unterm Schutz der Gefangenschaft stehen. – Holen Sie Ihr Kind, Herr, wenn Sie Mut dazu haben!« »Ich werde es holen!« Er sprang ins Boot; die Wellen trennten die erbitterten Feinde. Während der Sturm das Meer peitschte, begleitete die ›Bessarabia‹ das Admiralsschiff ›Großfürst Konstantin‹ aus der Bucht, auf deren Höhe die beiden anderen Linienschiffe es erwarteten. Eine Stunde darauf waren die Anker gelichtet; das Geschwader stach unter Sturmsegeln glücklich in See. Der Seesieg von Sinope Die russische Schwarzmeerflotte hatte bisher ungehindert bis dicht an die rumelischen und anatolischen Küsten gekreuzt und mehrere türkische Dampfer, darunter noch während der von Omer Pascha dem russischen Oberbefehlshaber in den Fürstentümern gestellten Frist den ›Medari Tidjaret‹ genommen. Die türkisch-ägyptische Flotte ankerte währenddes im Bosporus in der Bucht von Beykos. Das französisch-englische Geschwader war am 8. und 9. vor Konstantinopel eingetroffen, wobei verschiedene kleine Szenen, Zeichen für ihre geheime Nebenbuhlerschaft, zwischen ihnen stattgefunden hatten. Ihre mächtigen Schiffe lagen jetzt vom Eingang des Goldenen Horns bis Bujukdere hinauf am europäischen Ufer des Bosporus; ihre Mannschaften füllten die Straßen von Konstantinopel, und namentlich fiel das rohe Treiben der englischen Seeleute auf. Sie fingen mit den türkischen Wachen Händel an, beleidigten Frauen und Mädchen, verhöhnten die Bevölkerung und betranken sich so viehisch, daß allabendlich die Gassen in Galata und Tophana voll Sinnloser lagen, die sich im Schmutz wälzten. Es blieb zuletzt dem Seraskier nichts anderes übrig, als jeden Morgen die betrunkenen Matrosen von den Straßen auflesen und sie in großen Booten an Bord des englischen Wachtschiffes abliefern zu lassen. Die Feindseligkeiten in Asien zwischen Russen und Türken hatten inzwischen größere Bedeutung gewonnen, so daß die Unterstützung der Flotten nötig wurde. Am 28. Oktober hatte Selim Pascha, der Oberbefehlshaber der türkischen Truppen in Anatolien, das Fort Nikolajowst, den ersten russischen Posten an der südlichsten Spitze der Küste von Kaukasien zwischen Batum und Redutkale, überfallen und nach siebenstündigem Kampfe eingenommen. Der Posten war nur durch seine großen Proviantvorräte von Bedeutung. Der Kommandant der Truppen in Grusien, Oberst Karganow, versuchte zwar, ihn wieder zu nehmen, wurde jedoch zurückgedrängt. Der Verlust auf beiden Seiten war erheblich. Die türkische Armee überschritt hierauf auch an anderen Punkten die russische Grenze und nahm einige kleine Posten weg, bis Fürst Bariatinsky dem Feinde in der vorteilhaften Stellung bei Gümri, Alexandropol, am 14. November eine bedeutende Niederlage beibrachte, bei der etwa 1000 Türken zu Gefangenen gemacht wurden. Bald darauf, am 26., erfocht Fürst Andronikow einen zweiten glänzenden Sieg über das türkische Korps, das Achalzik, Akiska, eingenommen hatte und die Festung belagerte. Die Türken verloren dort 5000 Mann, 12 Kanonen, 7 Fahnen, das ganze Gepäck und große Munitionsvorräte. Die tscherkessischen Stämme wurden in ihrem Kampfe gegen Rußland seit Jahren im stillen von England unterstützt. Bei Beginn der orientalischen Verwicklungen war daher eines der ersten Mittel der sogenannten »neutralen Intervention« die Aufreizung Schamyls zu einem Angriff auf die russischen Forts an der abchasischen Küste und die ganze Stellung am Kaukasus. Man hoffte dabei offenbar auf einen Aufstand aller mingrelischen Stämme, um damit eine Schutzwehr für Anatolien zu erlangen. Die Westmächte, die bis zum letzten Augenblick den Schein einer ausgleichenden Haltung zu wahren suchten, schoben natürlich bei diesem Ränkespiel das türkische Kabinett vor. Es wurde im Diwan ein Zug an die abchasische Küste beschlossen, um den Bergvölkern Geld, Waffen und Truppen zuzuführen. Mit dem Befehl dieses Geschwaders wurde, auf die Einwirkung Kapudan Paschas, dieses zweiten Führers der Kriegspartei, der einundsechzigjährige Osman Pascha betraut. Diese Wahl empfahl sich infolge seines über vierzigjährigen Seedienstes. Indes hat die Erfahrung gelehrt, daß auch jetzt, eben noch so wie früher, die türkische Marine, trotz den in England gebauten Schiffen, keineswegs den guten Ruf verdiente. Die Türken sind nie tüchtige Seeleute gewesen, und die türkische Flotte war bis zum Beginn des Krieges zum großen Teil mit griechischen Matrosen bemannt, die, bei der allgemeinen fanatischen Stimmung unter der griechischen Bevölkerung, vielfach ihren Dienst verließen, so daß nur eine ziemlich unerzogene Mannschaft zurückblieb. Noch trauriger war es mit der ägyptischen Flotte bestellt; sie bestand mit Ausnahme der Dampfer aus so jämmerlichen, alten und morschen Fahrzeugen, daß beim Auslaufen dieses Hilfsgeschwaders aus Alexandrien im Sommer das Admiralsschiff alsbald sank und die Flagge schleunigst auf einem anderen Schiff aufgehißt werden mußte. Das Geschwader, mit dem Osman Pascha in der ersten Hälfte des Novembers Befehl erhielt, unter Segel zu gehen, bestand aus 7 Fregatten, 2 Korvetten, 1  Sloop und 2 Lastschiffen. Über 5000 Landtruppen, unter Kommando Mustapha Paschas, zur Ausschiffung an der tscherkessischen Küste waren an Bord, sowie 20 Millionen Piaster in englischem Gold, außer bedeutenden Vorräten an Waffen und Munition. Mehrere englische Offiziere, Ingenieure und eine Anzahl politischer Flüchtlinge befanden sich auf den Schiffen. Dies war die wichtige Nachricht der russischen Agenten in Konstantinopel, die Caraiskakis von Warna aus dem Geschwader des Vizeadmirals Nachimow, des Kommandierenden der fünften Flottendivision, und von diesem mit der ›Bessarabia‹ nach Sewastopol überbracht hatte. Am 24. November sichtete Vizeadmiral Nachimow in der Suche nach dem türkischen Geschwader dieses im Hafen von Sinope. Dorthin hatte sich Osman Pascha, der am 16. vom Bosporus abgesegelt war, zurückgezogen, um Schutz vor den Stürmen zu suchen und um abzuwarten, daß die an der abchasischen Küste kreuzenden russischen Schiffe sich zurückzögen. Die Türken glaubten sich auf der Reede von Sinope vollkommen sicher vor jedem Angriff. Am folgenden Tage hinderte ein heftiger Weststurm den Admiral, sich Sinope zu nähern; er sandte sofort die ›Bessarabia‹ ab und sperrte mit den Linienschiffen ›Kaiserin Maria‹ von 120, ›Tschesme‹ und ›Rosstisslaw‹ von 84 Kanonen und den Fregatten ›Kagul‹ und ›Kulewtschi‹ die Reede. Die Stadt Sinope liegt auf einer weit ins Meer vorspringenden Landzunge. Von ihren berühmten Tempeln, Lyzeen und Toren ist nichts mehr zu sehen, aber große Fundgruben altertümlicher Reste sind die Mauern, die die ärmlich erbaute neue Stadt und die Zitadelle umgeben. Die Stadt zählte etwa 10 000 Einwohner. Das türkische Geschwader war bogenförmig längs dem Ufer aufgestellt, mit seitwärts ausgeworfenen Wurfankern, um bei jedem Winde eine Linie bilden zu können. Am Ufer waren, den Zwischenräumen der Schiffe gegenüber, doch ziemlich ungeschickt, fünf Batterien errichtet. In der Nacht zum 28. traf der Vizeadmiral Nachimow seine Anordnungen zum Angriff beim ersten günstigen Wind. Er sollte in zwei Abteilungen geschehen, deren rechte der Admiral führen wollte. Sein Flaggenschiff war die ›Kaiserin Maria‹; die Schiffe ›Großfürst Konstantin‹ und ›Tschesme‹ sollten ihm folgen. Die linke Angriffsabteilung unter Befehl des Konteradmirals Nowossilsky bestand aus den Schiffen ›Paris‹, ›Tri Sswjatitelja‹ und ›Rosstisslaw‹. Die Fregatten ›Kagul‹ und ›Kulewtschi‹ blieben unter Segel auf der Reede, um feindliche Schiffe an der Flucht zu hindern. Die Russen ersehnten einen ihnen günstigen Wind; die Türken schienen unter dem Schutz der Batterien an die Unmöglichkeit eines Angriffes zu glauben. Endlich, am Morgen des 30. Novembers, eines Mittwochs, schlug der Wind um; es trat ein leichter, günstiger Ostnordost ein. Um 10 Uhr morgens gab der Admiral das Zeichen. »Klar zum Gefecht!« Am Tage vorher war Sir Edward Maubridge mit seinen beiden Dienern durch ein Boot in der Nähe der Stadt ans Land gesetzt worden. Während sich die beiden Abteilungen unter Leesegeln dem Hafen näherten, herrschte starker Nebel und Regen; die feindlichen Schiffe waren kaum in der Entfernung einer halben Stunde sichtbar. Die ›Kaiserin Maria‹ ging auf ungefähr 250 Faden weit an zwei türkische Fregatten heran, deren eine von 74 Kanonen die Flagge des Bahrielivaki, des Vizeadmirals Osman Pascha zeigte und hinter deren Spiegel am Ufer sich eine Batterie von 12 Kanonen befand, und warf Anker und Wurfanker. Zugleich legte sich auf dem linken Flügel das Flaggenschiff des Konteradmirals Nowossilsky ›Paris‹ noch näher an den Feind; die anderen Schiffe nahmen ihre ihnen angewiesene Stellung ein, die ›Tschesme‹ auf dem äußersten rechten, die ›Tri Sswjatitelja‹ auf dem linken Flügel. Die russischen Schiffe hatten kaum Anker geworfen, so begannen die türkischen Batterien und Fregatten ihr Feuer. Admiral Nachimow stand mit seinen Offizieren auf der Schanze der ›Maria‹ und beobachtete durch das Fernrohr die beginnende Schlacht. Die Kugeln der Batterien, namentlich die des Forts Sinope, taten dem Masten- und Spierenwerk der ›Maria‹ und auch der ›Konstantin‹ großen Schaden. »Lassen Sie die Geschütze der oberen Batterie zunächst gegen das Kastell richten, Kapitän Budischtew,« befahl der Admiral, »wir müssen es zum Schweigen bringen, sonst behalten wir keine Stange an Bord. Mit den Fregatten wollen wir dann schon fertig werden.« Leutnant Rosstisslaw führte den Befehl auf dem ersten Deck. An seinen Geschützen warteten die später durch ihren Heldentod berühmt gewordenen Matrosen Boltnika, Schweschenko und Koschka mit ihren Kameraden, alle bis zum Gürtel entblößt. Der Kapitän ging selber durch die Batterien und überwachte das Richten der Geschütze, während die türkischen Kugeln durch das Takelwerk pfiffen und hin und wieder in die Wände des Schiffs prasselten. Dann gab er den Befehl zur Eröffnung des Feuers. Von diesem Augenblick an spie die ›Maria‹ ohne Unterbrechung ihre Breitseite gegen das Ufer. »Sehen Sie die ›Konstantin‹ an, Exzellenz,« bemerkte Buditschew, »wie sie mit der Batterie dort umspringt! Wahrhaftig, Kapitän Rakoskoi rasiert sie, ehe die Türken dreimal zum Laden kommen.« Fünf Minuten später war die Batterie völlig vernichtet und das Linienschiff konnte unbehindert seine Bombenkanonen des unteren Decks auf die gegenüberliegende Fregatte richten. »Das Feuer auf dem linken Flügel ist heftig«, sagte der Admiral. »Die ›Rosstisslaw‹ scheint von den kleinen Schiffen, die sich an sie gehängt, und den Batterien zu leiden. Geben Sie dem ›Kagul‹ das Zeichen, sich anzuschließen.« »Die Bomben der ›Paris‹ haben die Stadt in Brand geschossen – ich sehe eine Feuersäule aufsteigen«, meldete Leutnant Birjulew.« »In welchem Teil?« »Nach den Minaretts zu urteilen, ist es das türkische Viertel.« »Ha! – Was ist das? Tscherti tjebia by wsjali! – Da geht sie wahrhaftig in die Höh'!« Ein donnerndes Getöse überdröhnte das Brüllen der Kanonen – die Fregatte, die der ›Konstantin‹ gegenübergelegen, flog in die Luft; ihre Trümmer fielen weit ringsum und entzündeten die Türkenstadt an einer zweiten Stelle. Unentwegt arbeiteten die Geschütze auf den drei Decks der ›Maria‹; dichter Pulverdampf hüllte sie in fast undurchdringlichen Nebel; kaum die Mannschaften der Geschütze nebeneinander vermochten sich zu sehen. Nur der ermunternde Zuruf der Offiziere, das Ächzen der Verwundeten unterbrach die stummen Handgriffe an den Geschützen. Da prasselte es durch das obere Deck – eine Bombe schlug mitten zwischen die Batterie. »Nieder! Zu Boden!« Gewohnt an blinden, augenblicklichen Gehorsam, warfen sich alle, die den Ruf gehört, auf das Deck. Einer der Matrosen des nächsten Geschützes aber war, mit dem Rücken gegen den Offizier gekehrt, eben beim Richten und hörte den Befehl oder achtete der Gefahr nicht. Leutnant Rosstisslaw, im Begriff, sich selber niederzuwerfen, bemerkte den Mann. Er erfaßte ihn bei den Beinen und riß ihn schwer zu Boden, daß der Matrose hart mit dem Schädel gegen das Geschützrad schlug und sein Gesicht sich mit Blut bedeckte. Im nächsten Augenblick platzte die Bombe; ihre Tod und Verderben bringenden Splitter sprühten umher. Zehn verstümmelte Leichen bedeckten den Boden, als der Offizier wieder in die Höhe sprang; schweres Ächzen belehrte ihn, daß noch mehrere verwundet waren. »Der Teufel! Das kostet uns ein Dutzend der besten Leute! – Was, auch mein braver Schewtschenko? – Warum hörtest du nicht auf meinen Befehl, Sukin syn ?« »Holla, Euer Gnaden,« sagte der Matrose, den der Leutnant eben zu Boden gerissen, »die Bombe hat mir nichts getan; Euer Gnaden haben mich nur etwas unsanft angepackt. Aber jetzt weiß ich warum, und tschort wosmi, wenn ich's Euer Gnaden vergesse!« Ein Adjutant des Generals sprang die Leiter herunter. »Viel Verlust, Rosstisslaw?« »Zehn tot, sechs verwundet!« »Oh, das wird den Alten schmerzen! Ans Werk, Jungens! – Richtet die Geschütze jetzt gegen das Admiralsschiff! Wir müssen seine Flagge haben!« Die Geschütze donnerten, die Männer arbeiteten, von Blut, Pulver, Staub und Schweiß bedeckt, wie Dämonen in diesem Meer von Donner und Flammen. Eine neue Sprengung erfolgte – auch die türkische Fregatte, die der ›Paris‹ gegenüberlag, flog in die Luft. Die Wellen waren weit umher von Trümmern, Leichen und Schwimmenden bedeckt. »Die Wurf-Ankertaue sind durchschossen!« meldete der Offizier des Vorderkastells der ›Maria‹ dem Kapitän. »Das Schiff fällt ab.« »Auf der Barkasse den Wurfanker! – Herunter mit dem Kabeltau!« Unter dem heftigsten Feuern wurde das Schiff wieder festgelegt. Die ›Tri Sswjatitelja‹ war in gleiche Bedrängnis geraten. Eine Stunde hatte das Feuer in voller Heftigkeit gedauert, als es auf türkischer Seite zu ermatten begann. Die Boote der Schiffe, die noch See halten konnten, bedeckten, mit Flüchtenden gefüllt, den Raum nach dem Ufer. Hunderte warfen sich ins Wasser und versuchten schwimmend ihre Rettung. Um 2 Uhr hörte das Feuer der türkischen Fahrzeuge fast völlig auf; drei Fregatten, darunter die des türkischen Admirals, standen in Flammen; von den zwei von Geschossen durchschlagenen und gesunkenen Lastschiffen waren nur noch die Masten sichtbar. Eine der Korvetten war von den Fregatten ›Kagul‹ und ›Kulewtschi‹ in Grund gebohrt, die andere Korvette und die Sloop waren kampfunfähig. Diese drei Schiffe hatten der ›Rosstisslaw‹ arg zugesetzt. Um 2½ Uhr gab Admiral Nachimow das Zeichen, das Feuer einzustellen. Zugleich wurde Leutnant Birjulew mit der weißen Flagge zur Stadt gesandt, um den türkischen Behörden anzuzeigen, daß, wenn noch ein einziger Schuß von den Batterien oder vom Ufer aus fallen sollte, der Admiral die Stadt zerstören oder niederbrennen werde. Der Offizier verweilte fast eine Stunde unbehindert am Ufer; er fand keine obrigkeitliche Person. Ein panischer Schrecken hatte sich der Türken bemächtigt; die türkische Bevölkerung war in die nächsten Dörfer geflüchtet. Während die Schlacht im Hafen von Sinope wütete, hatte sich auf der See jenseits der Landzunge ein anderer Kampf abgespielt. Am 29., sobald der Generaladjutant, Vizeadmiral Kornilow, den die ›Bessarabia‹ aufgesucht hatte, mit den Dampfern ›Odessa‹, ›Krim‹ und ›Chersones‹ in Sewastopol eingetroffen und die Schiffe zum Auslaufen wieder bereit waren, ging er zum Geschwader Nachimows ab. Am 30., bald nach 12 Uhr, bemerkte man auf dem Dampfer, der sich schon der anatolischen Küste genähert, über die Landzunge von Sinope hinweg, daß die Schlacht begonnen hatte. Die Dampfer beschleunigten ihre Fahrt aufs äußerste, um die Reede zu erreichen. Als sie am Vorgebirge von Sinope vorüberfuhren, sichteten sie die türkische Dampffregatte ›Taîf‹, von 20 Kanonen, die, auf dem linken Flügel der türkischen Stellung, weniger gelitten und schon vor Beginn des Kampfes geheizt hatte. Jetzt war sie bemüht, durch die Flucht der allgemeinen Vernichtung zu entgehen. Der Vizeadmiral Kornilow befahl, seine Flagge zu setzen und dem Türken, der nach der hohen See abhielt, den Kurs abzuschneiden. Die ›Taîf‹, obgleich fast dreimal stärker als die ›Odessa‹, änderte, sobald sie das russische Manöver gewahr wurde, ihre Richtung und lief längs dem Ufer hin. Die ›Odessa‹ näherte sich bis auf Schußweite und eröffnete das Feuer aus dem langen Neunpfünder ihres Bugs. »Bei Gott,« sagte der Admiral, »die Schurken werden den Kampf nicht annehmen, sondern verlassen sich auf die stärkere Maschine. Wir müssen zum letzten Mittel greifen. Lassen Sie die Enterhaken bereithalten, Kapitän Stanißlaw, und die nötige Mannschaft an die Schanzverkleidungen treten. – Wir wollen versuchen, den Türken im Vorbeikommen anzulaufen, ihn zu entern und ihm dabei eine Salve zu geben.« In wenigen Augenblicken waren die Vorbereitungen erledigt. Die Schiffe näherten sich einander rasch, denn der Kapitän der ›‹Taîf‹ sah ein, daß er dem Russen nicht ausweichen könne, ohne auf die Klippen des Ufers zu geraten. Die Mannschaften beider Schiffe waren auf Deck; die Türken mit Rudern und Stangen, um das feindliche Schiff abzuhalten. Auf den Radkästen und an den Seiten der ›Odessa‹ warteten die Enterer, Kapitän Stanißlaw stand auf der Brücke über der Maschine, um die Befehle zu geben. »Was tun Sie hier?« sagte ein Offizier zu einem Manne in grauem Militärmantel, unter dem man die bürgerliche Kleidung sah. Der Mann war Gregor Caraiskakis. Das Glas am Auge, den Säbel in der Faust, hielt er sich am Bugspriet auf einer der gefährdetsten Stellen auf. »Sie gehören nicht zur Bemannung und setzen sich unnütz der Gefahr aus.« Gregor verwandte kein Auge von dem heranrauschenden Gegner. »Bitte, lassen Sie mich hier«, bat er dringend. »Ich habe vom Admiral die Erlaubnis erhalten, mitzufechten. Ich möchte Ihnen zeigen, daß mein Volk die Gefahren seiner Beschützer zu teilen wünscht.« Es war keine Zeit zu langem Streit; die Schiffe waren etwa nur noch dreißig Faden auseinander. Gregor Caraiskakis war, nachdem er in Sewastopol Verfügung über das Kind seiner Schwester getroffen hatte, auf seine ausdrückliche Bitte auf dem Schiff des Vizeadmirals aufgenommen worden, um seinem Gegner nach Sinope zu folgen. Während die ›Taîf‹ in gerader Linie ihren Lauf fortsetzte, schoß die ›Odessa‹ in einem spitzen Winkel gegen sie heran. Etwa eine halbe Seemeile dahinter folgten die beiden anderen Dampfer. Die Absicht des Admirals war, das Bugspriet in den Radkasten der türkischen Fregatte zu rennen, die Enterhaken zu werfen und die Türken so lange im Kampf festzuhalten, bis die beiden anderen Dampfer herankommen konnten. Auf dem türkischen Schiff war diese Absicht offenbar erkannt worden; auch dort füllten sich die Radkästen und alle höheren Stellen mit Männern. Die ›Odessa‹ schoß heran. Ihr Bug berührte beinahe die Flanke der ›Taîf‹. Im selben Augenblick wendete der Türke, so daß der Bug des Russen am Radkasten vorüberschoß und nur das hohe Hinterkastell der Fregatte traf. Die Enterhaken wurden zwar geworfen, fanden dort aber wenig Halt; ein kurzer Kampf entspann sich auf den Decks, während der Dampfer von dem Stoß langsam herumschwenkte und sich seitlängs der Fregatte legte. Einige russische Matrosen versuchten an der höheren Brüstung des türkischen Schiffs emporzuklettern, wurden aber zurückgeworfen oder ins Wasser gestürzt. Unter denen, die vergeblich sich bemühten, an Bord der ›Taîf‹ zu gelangen, befand sich auch Gregor Caraiskakis. Mit der Linken hatte er sich an eine der herabhängenden Bootsketten festgeklammert und wollte sich über das feindliche Bord schwingen. Ein donnerndes Krachen verkündete, daß die ›Odessa‹ die vier kleinen Kanonen ihrer Breitseite gelöst hatte. Die Kraft der Geschütze war zu gering, um selbst in dieser Nähe eine gefährliche Wirkung auf die Fregatte auszuüben; der Rückstoß der Salve bewirkte jedoch, daß die Schiffe voneinanderprallten und einige Ketten der geworfenen Enterhaken sprangen; die anderen wurden von dem türkischen Schiffsvolk losgeworfen. Zugleich schoß die Fregatte mit aller Kraft der Maschinen vorwärts und war im nächsten Augenblick schon mehrere Ellen an der ›Odessa‹ vorbei. Ein wilder Schreckensruf ertönte von den Lippen derer, die noch an dem türkischen Schiff hingen und vergeblich zurückzugelangen suchten. Einige ließen sofort los und vertrauten sich den Wellen an, andere wurden von den Türken hinuntergestoßen. Gregor Caraiskakis, der zu spät die Schanze des russischen Schiffs unter sich weichen fühlte, wurde, ehe er noch einen Entschluß fassen konnte, hart von einem Türken bedroht. So gut er es in dieser Lage vermochte, verteidigte er sich mit dem Säbel. Schon wollte er den schwanken Halt aufgeben und sich wie die anderen ins Meer stürzen. Da wurde er von hinten am Hals ergriffen und über Bord gezogen. Er raffte sich auf und starrte seinem Besieger ins Antlitz – es war Sir Edward Maubridge. Die ›Odessa‹ verlor mehrere Minuten mit dem Auffischen ihrer Leute und dem Wenden. Die ›Taîf‹ war nicht mehr zu holen. Sobald sie außer Schußweite gekommen war, befahl der Admiral, die Jagd einzustellen, und die drei Dampfer wandten sich nach Sinope, um dort ihren Teil am Kampfe zu nehmen. Aber sie kamen zu spät. Auf der Reede von Sinope war die Schlacht beendet. Die eintreffenden Dampfer ›Krim‹ und ›Chersones‹ erhielten sofort Befehl, die russischen Schiffe aus der Schußweite der noch kampffähigen Uferbatterien zu schleppen für den Fall, daß es dem Feinde einfallen sollte, in der Nacht sein Feuer zu erneuern. Die ›Odessa‹ aber sollte die türkische Fregatte ›Damiette‹, die am wenigsten unter dem Geschützfeuer gelitten hatte, in Besitz nehmen und auf See zu lotsen. Dies geschah ohne weiteren Widerstand. Man fand auf der Fregatte kaum noch 100 Mann der Besatzung und etwa 50 Verwundete. Der Kommandant und die Offiziere hatten das Schiff verlassen und sich mit sämtlichen Ruderbooten ans Ufer gerettet. Mehrere türkische Schiffe standen noch in vollen Flammen. Es gewährte im Dunkel des Abends ein erschütternd schönes Schauspiel, wie die glühend werdenden Geschütze ihre Geschosse weit hinaus über die Reede schickten. Das Feuer erreichte die Pulverkammern; sie flogen in die Luft, und die brennenden Trümmer, über die am Ufer liegende Türkenstadt geschleudert, steckten diese aufs neue in Brand. Gegen Mitternacht stand der ganze, von einer steinernen Mauer umgebene Bezirk in Flammen. Die Griechenstadt blieb vom Feuer verschont. Um 1. Dezember, bei Tagesanbruch, waren von den zwölf Fahrzeugen, aus denen das türkische Geschwader bestanden hatte, auf der Reede nur noch die Fregatte ›Damiette‹ im Schlepptau der ›Odessa‹, die Sloop und die zweite Korvette ganz zerschossen auf dem Strand am Südufer der Bucht zu erblicken. Nach genauer Besichtigung erwies sich, daß die ›Damiette‹ 17 Kugeln unter der Wasserlinie erhalten hatte; der ganze Rumpf unter dem Wasser, die Masten und das Takelwerk waren schwer beschädigt; ohne zeitraubende Arbeit wäre es unmöglich gewesen, sie bis Sewastopol zu bringen. Sie sollte auf Strand gesetzt und in Brand gesteckt werden. Mit gleichem Befehl bemächtigten sich die Boote der Fregatte ›Kagul‹, der Sloop und der Korvette. Die mit dem Auftrag betrauten Offiziere fanden auf der Sloop den Kommandanten des türkischen Geschwaders, den Bahrielivaki, den Vizeadmiral Osman Pascha, den Kapitän der Fregatte ›Raphael‹ den Kommandanten der Sloop und 80 Matrosen. Osman Pascha war bald nach der Eröffnung des Feuers am rechten Bein verwundet worden; eine Kugel hatte ihm den Knochen zerschmettert. Das Admiralsschiff war das zweite, das von den Bomben der Russen in Brand geschossen worden; die zügellose Mannschaft hatte sich in die Boote gestürzt, nachdem sie ihren Admiral ausgeplündert, ihn seiner Uhr und seiner Kleidung beraubt und ihn hilflos auf dem Deck liegengelassen. Ein Boot der Sloop, das der brennenden Fregatte zu Hilfe eilte, nahm ihn auf. Die türkischen Offiziere wurden auf der ›Odessa‹, die gefangenen Mannschaften auf die ›Tschesme‹ gebracht. Am Abend des 1. Dezembers fand sich auf der Reede von Sinope kein türkisches Fahrzeug mehr auf dem Wasser. Die Beschädigungen der russischen Schiffe beschränkten sich größtenteils auf Masten und Takelwerk; am meisten hatten die Schiffe ›Kaiserin Maria‹, ›Tri Sswjatitelja‹, ›Großfürst Konstantin‹ und ›Rosstisslaw‹ gelitten. Die Mannschaften gingen, trotz der Ermüdung, sofort an die Ausbesserung. Am 2. Dezember lichtete das Geschwader des Vizeadmirals Nachimow die Anker und verließ die Reede von Sinope. Schon am 4. langten die drei am schwersten beschädigten Schiffe auf der Reede von Sewastopol an. Die ›Taîf‹ brachte die Kunde von der Vernichtung des türkischen Geschwaders nach Konstantinopel. Die Verwirrung über die unerwartete Botschaft war sehr groß. Niemand hatte an die Möglichkeit eines solchen Schlages geglaubt. Von den zehn Fregatten und sechs Korvetten der türkischen Flotte waren sechs und zwei vernichtet, und die Moslems begannen zum erstenmal über den vielgepriesenen Schutz der christlichen Westmächte nachzudenken. Im Raume der ›Taîf‹ langte in Fesseln Gregor Caraiskakis, der einzige Gefangene, wieder in Stambul an. Um Politik und Liebe Während der Schlachtendonner schon an der Donau und an den Küsten Kleinasiens tobte, trieb die europäische Diplomatie noch immer ihr falsches Spiel, als gälte es, nicht nur die feindlichen Völker, sondern auch die eigenen zu täuschen. Jeder Einsichtsvolle in Europa fühlte und wußte, daß der Krieg zwischen den Westmächten und Rußland unvermeidlich war, weil er das Ziel aller Einmischung und aller Ränke, der Zweck aller Vorbereitungen war. Dennoch flogen täglich die Kuriere nach allen Richtungen, dennoch wurde Plan auf Plan, Vorschlag auf Vorschlag ausgeheckt für »Ausgleichung und Frieden«; die Höfe von Berlin und Wien schwelgten in »Vermittlungen«. Nur zwei Männer in Europa wußten, was sie wollten: der Kaiser Louis Napoleon in Paris und Lord Palmerston in London; denn auch dem Giganten des Nordens, dem Zaren Nikolaus, begannen die Ereignisse über das hochgetragene Haupt zu wachsen – sein Glück, sein Stolz und seine Diplomatie hatten ihn getäuscht. Allein das Vertrauen auf sich selber und Rußland, sowie sein Mut wankten nicht. Noch immer tagte die Wiener Konferenz. – Die englische Regierung hatte am 1. und 2. November das österreichische und preußische Kabinett aufgefordert, daß, unter Fallenlassen der anderen Vorschläge, die Großmächte sich über einen von Lord Stratford am 21. Oktober mit den anderen Gesandten in Konstantinopel aufgestellten Notenentwurf einigen möchten; man könne annehmen, dieser werde der Pforte passend erscheinen. In der Beratung der vier Gesandten in Wien am 3. wurde dieser Entwurf vorgelegt; der österreichische, preußische und französische Bevollmächtigte erklärten jedoch diese Vorschläge bei der veränderten Sachlage nicht mehr für geeignet; Rußland hielt nach der Kriegserklärung und Eröffnung der Feindseligkeiten zur Beendigung des Streits einen feierlichen Friedensvertrag für nötig. Dagegen lehnte die französische Regierung einen vom Grafen Buol am 25. Oktober gemachten Vorschlag ab, der eine Verständigung zwischen Rußland und der Pforte über Wien beabsichtigte. Graf Buol schlug nun unterm 6. November vor, daß die Konferenz eine Note entwerfen möge auf Grund der Olmützer Verhandlungen. Diese Note würde die Pforte auffordern, zu verhandeln und selber anzugeben, unter welchen Formen und Bedingungen. Zugleich müsse Waffenstillstand verlangt werden. Die englische und die französische Regierung erteilten auch bis zum 11. November ihre Genehmigung zur Abfassung einer solchen Note. Ehe es aber dazu kam, hatte das österreichische Kabinett die auf einen früheren Vorschlag – vom 6. Oktober – von Rußland gemachten, von den Westmächten aber nicht angenommenen Gegenvorschläge an seinen Gesandten nach Konstantinopel geschickt, mit der Weisung, sie bei der Pforte zu unterstützen. Unterdes tat der englische Gesandte das gleiche mit einem ihm unterm 24. Oktober übersandten Plan seines Kabinetts, dem auch Frankreich zugestimmt hatte. Redschid Pascha erklärte, daß er vor zwei Monaten noch annehmbar gewesen, jetzt aber nicht mehr. Es kreuzten sich also zu gleicher Zeit nicht weniger als vier Ausgleichungspläne: die russischen Vorschläge vom 17. Oktober, von Österreich in Konstantinopel abgesondert unterstützt; der Vorschlag des österreichischen Kabinetts vom 6. November; der ältere von Lord Stratford – unterm 28. September und 1. Oktober – vorgeschlagene, von den Westmächten unterm 24. Oktober genehmigte Plan; der neue Entwurf von Lord Stratford bei der mißglückten Verschiebung der Feindseligkeiten unterm 21. Oktober, von Konstantinopel aus gemacht. Sie alle ergingen sich hauptsächlich über die Art und Form der Ausgleichung und schadeten natürlich einer dem anderen. Die Flotten waren inzwischen in den Bosporus eingelaufen, die Schlachten bei Oltenitza und Gümri geschlagen und ungünstig für die Türken ausgefallen. Frankreich stimmte möglichst allem und keinem zu und wartete ruhig des günstigen Augenblicks. An die Stelle des französischen Gesandten in Konstantinopel, de Lacour, war General Graf Baraguay d'Hilliers seit dem 12. November getreten. London trat nunmehr mit einem fünften Plan, vom 16. November, auf, dem die anderen Großmächte zustimmten. Die Wiener Konferenz erklärte sich dafür, und die Gesandten in Konstantinopel fanden auf einmal, daß der Bestand der Türkei innerhalb der ihr von den Verträgen bezeichneten Grenzen eine der notwendigsten Bedingungen des europäischen Gleichgewichts sei. Redschid Pascha – noch unter dem frischen Eindruck der Niederlage von Sinope – hatte nichts Eiligeres zu tun, als unter der Hand seine Zustimmung zu geben. Aber gerade das Unglück von Sinope war der Wendepunkt, auf den man lauerte, um in den Augen Europas mit einigem Anstand den tätigen Beschützer der Türkei spielen zu können. Gleich am 3. Dezember, am Tage nach dem Eintreffen der Schreckenskunde – während die Griechen durch die Straßen von Pera und Galata zogen mit dem Rufe: »Es lebe unser Kaiser Nikolaus!« – sandten die Vertreter Englands und Frankreichs zwei Schiffe des vereinigten Geschwaders, die ›Retribution‹ und die ›Mogador‹ nach Sinope ab. Sie kehrten mit der Nachricht der völligen Vernichtung des Geschwaders und etwa 150 Verwundeten – dem Rest von fast 5000 Mann – zurück. Das türkische Ministerium hatte schon am 4. die Gesandten ersucht, die europäische Flotte ins Schwarze Meer einlaufen zu lassen. Während diese sich dazu bereiterklärten, sprachen sie dabei doch ihre Ansicht dahin aus, daß die Türkei das Unglück durch ihr Vorgehen selber verschuldet habe. Man wußte ja noch nicht, wie man in Paris und London die Sache aufnehmen werde. In Paris aber glaubte man die Zeit gekommen; eine klare Aufforderung an die englische Regierung am 13. Dezember verlangte: die Admirale sollten dem Kommandanten von Sewastopol erklären, daß jedes russische Kriegsfahrzeug durch die europäischen Flotten nach den russischen Häfen zurückzufahren gezwungen und jeder Angriff auf türkisches Gebiet oder Truppen mit Gewalt zurückgewiesen werden würde. Wir werden später sehen, welche wichtige Klausel sich das Kabinett der Tuilerien dabei wahrte. Da die Meinung von Paris und London in Konstantinopel noch nicht bekannt war, hatten die Gesandten dort nicht umhin gekonnt, auf Österreichs und Preußens Drängen die Verhandlungen über den letzten Vermittlungsvorschlag fortzusetzen. Der Große Rat der Pforte beschloß darauf ganz unerwarteterweise, auf Grundlage der von den Gesandten vorgeschlagenen Bedingungen die Friedensunterhandlungen zu eröffnen. Dies geschah am 18. und 19. Dezember. – Der Frieden, um den sich die Regierungen von England und Frankreich seit langer Zeit mit ungeheurem Wortschwall in der Presse angeblich bemühten, war damit so gut wie gesichert. Ungeheure Ströme von Blut hätten nicht mehr vergossen zu werden brauchen, wenn die Friedensphrasen an der Seine und an der Themse echt gewesen wären... Während der Zar erst die allgemeine Mobilmachung der Armee befahl, war die Türkei schon zur Aushebung des zweiten Aufgebots in Rumelien genötigt. Der Sultan hatte erklärt, im Frühjahr selber ins Feld zu ziehen, und es wurden Anstalten für ein großes Lager bei Adrianopel getroffen. Aus Ägypten und Syrien, aus Albanien und Bosnien strömten ununterbrochen Zuzüge unausgebildeter Truppen, die sogenannten Baschi-Bozuks, herbei. Sie bildeten in babylonischer Verwirrung Bestandteile der türkischen Armee, die kaum durch die eifrigsten Bemühungen der unteren Führer, fast sämtlich polnischen, ungarischen und anderen Ursprungs, zu einiger Verwendungsmöglichkeit gebracht werden konnten. Von Ordnung und Drill war natürlich fast gar nicht die Rede; man sah sich genötigt, die stehenden Truppen möglichst von diesen Freischaren zu sondern. Um die Mitte des Dezembers begann sich das Korps des Generals Dannenberg der kleinen Walachei zu nähern; Anzeichen bewiesen, daß ein Angriff auf Kalafat beabsichtigt war. Von Bukarest waren zwei Scharfschützen-Bataillone und das Brückenbauzeug nach Braila abgegangen, um die dortigen Donauinseln zu besetzen. Gegen Matschin war am 12. ein Angriff der Russen mit Kanonenbooten unter General Lüders verunglückt. Desgleichen waren zwischen dem 15., 16. und 17. auch bei Silistria wiederholt kleine Vorpostengefechte erfolgt, das russische Feuer hinderte die türkischen Lastschiffe an der Truppenbeförderung nach den Häfen. Die Kosakenvorposten setzten wiederholt über die Donau und streiften bis in die Nähe der Festung. Die Stellung der beiden Armeen an der Donau war demnach gegen Ende Dezember folgende: Das Hauptquartier des türkischen Generalissimus befand sich in Rustschuk, das fleißig verschanzt wurde. Die Festung selber, unter Befehl von Said Pascha, hatte 2400 Mann Besatzung. An ihrer Südseite, noch im Bereich der Kanonen, war ein befestigtes Lager mit 5000 Mann Nizam unter Mahmud Pascha und 2000 Mann Redifs, Landwehr. Unmittelbar bei diesem Lager kampierten 4000 Arnauten unter Selim Pascha, die Kavallerie auf der Straße von Rustschuk nach Hesargrad, wo die 29000 Mann starken Reserven des Zentrums standen. – Den äußersten linken Flügel bei Kalafat bildeten etwa 50000 Mann, von denen 20000 in Kalafat selber unter Achmet Pascha, 10000 auf der Donauinsel Smurda aufgestellt waren. Selim Pascha befehligte in Widdin. Die Verbindung der Insel mit Widdin war längere Zeit durch Treibeis unterbrochen. Die Verbindung zwischen Rustschuk und Widdin bildeten 18000 Mann in Lom, Rahova und Nikopolis. – Den rechten Flügel befehligte Halil Pascha, von Silistria bis Matschin, etwa 45000 Mann. Den Trajanswall von der Donau bis ins Schwarze Meer verteidigte Ismael Pascha. Die Stärke der Türken auf der weit ausgedehnten Donaulinie betrug etwa 123000 Mann, ohne die bei Schumla aufgestellten Reserven. Die russische Donauarmee war zur Zeit etwas schwächer, dagegen Herr der Lage und zum Angriff bereit. Dem rechten Flügel der Türken stand jetzt Generalleutnant Lüders in Braila mit 23000 Mann gegenüber und bedrohte den Übergang bei Matschin. Das Zentrum mit 45000 Mann stand unter dem Oberbefehlshaber Fürsten Gortschakow, der noch immer sein Hauptquartier in Bukarest hatte. Den linken Flügel, etwa 43000 Mann, befehligte jetzt, mit den Divisionen der Generale Fischbach und Dannenberg, von Krajowa aus Generalleutnant Anrep, der Kommandeur der russischen Vorhut beim Einrücken in die Donau-Fürstentümer. Somit betrug die russische Macht etwa 112 000 Mann. Das Einrücken des dritten Osten-Sackenschen Korps, um die Stellungen in der Moldau und der Walachei einzunehmen, hatte bereits begonnen. Dies war offenbar nur ein Vorspiel und konnte zu keiner wirklichen Entscheidung führen. Die russische Armee war, wenn ihr das Meer versperrt wurde, viel zu schwach, um über den Balkan gegen Konstantinopel vorzudringen. Die Erfahrungen von 1828 belehrten sie, daß ein solcher Sieg zu teuer erkauft werden mußte. Das türkische Heer dagegen vermochte auf einer so ausgedehnten Linie auch die bloße Verteidigung, nur begünstigt durch die Gegend, zu halten; an einen Angriff aber durfte es nicht denken. Der Große Rat der Pforte hatte sich nun für die Eröffnung der Friedensunterhandlungen ausgesprochen. Der Diwan hatte im Oktober die Kriegserklärung beraten; jetzt nach dem Unglück von Sinope und den Nachrichten aus Kleinasien war er von Redschid Pascha berufen, um über die Friedensunterhandlungen seine Meinung abzugeben. Als deren Grundlage wurde von der Note der Gesandten aufgestellt: 1. Möglichst schnelle Räumung der Donau-Fürstentümer. 2. Erneuerung der alten Verträge. 3. Neue Sicherungen für die erlassenen Fermane bezüglich der christlichen Bevölkerung an die Gesamtmächte. 4. Sicherung der Anordnungen über die heiligen Orte in Jerusalem. 5. Waffenstillstand und Ernennung eines türkischen Bevollmächtigten zur Unterhandlung mit Rußland unter Mitwirkung der Mächte in einer von diesen zu bestimmenden neutralen Stadt. 6. Wiederholung der Zusicherungen der Mächte bei dem Vertrage vom 13. Juli 1841 über den Bestand der Türkei. 7. Versprechen der Pforte, ihre innere Verwaltung den Zeitverhältnissen und den Rechten ihrer Untertanen angemessen zu ändern. Diese Punkte entsprachen zwar keineswegs den ursprünglichen Forderungen Rußlands, enthielten aber auch nichts, was der Aufnahme von neuen Verhandlungen entgegengestanden hätte. Das schärfere Auge erkannte darin aber nur die Absicht der Diplomatie, hinzuhalten. Es war ein Schauspiel, das man anstandshalber aufführte, um die schwache Regierung des Sultans über die wirklichen Absichten zu täuschen. Die Rollen in dem Drama waren bereits verteilt. Der türkische Fanatismus wurde vorläufig als Mittel gewählt, den friedenswilligen Sultan gefügig zu machen. Es war dringend notwendig geworden, zu einem solchen Kraftstück zu greifen. Der Sultan, von Anfang an ein Gegner des Krieges und nur durch die Einwirkungen des englischen und französischen Gesandten hin und wieder zu einem kriegerischen Entschluß gezwungen, neigte ganz offenbar im geheimen zur Verständigung mit Rußland. Unter seinen Vertrauten war der alte Chosrew Pascha, dieser in seinem Mannesalter einst so berühmte Ränkeschmied. Um ihn schloß sich jetzt auch fest die Friedenspartei. Redschid Pascha, dieser französierte Türke und das gefügige Werkzeug der Machthaber im entscheidenden Augenblick, zugänglich allen Eindrücken und von keinem bestimmten Entschluß und Plan geleitet, hatte auf das Drängen des österreichischen Vertreters Freiherrn von Bruck nicht vermeiden können, den Großen Rat zu versammeln, um über die Vorlage der Gesandten zu verhandeln. Es war dies am 17. Dezember geschehen; die Kriegspartei, den Seraskier und den ältesten Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze, rechnete mit Sicherheit auf einen Beschluß, ähnlich dem am 26. September, der sich für die Kriegserklärung entschied. Baron von Oelsner hatte jedoch seine Zeit nicht verloren. Die Sitzung am 18. war stürmisch; der Seraskier fand einen unerwarteten Widerstand in Chosrew und seinem Anhang. »Man wirft mir vor, daß ich ein Russenfreund sei«, rief der alte Veteran des Kabinetts und der Schlachten. »Wohl, ich bin für den Frieden! – Aber wenn mein Bart nach russischem Pulver riecht, so duftet der eure nach französischen Salben!« Der Diwan ging auseinander ohne Entschluß... An diesem Abend warteten die Sultana und Nausika, die Tochter des Jan Katarchi, vergebens auf das Erscheinen des Großherrn. Es war schon zehn Uhr abends, als vom Goldenen Horn her ein großes Kaik seinen Weg nach Tschiragan nahm und eine ziemliche Strecke weit über den Palast hinaus anlegte. Drei Männer in kurdischen Mänteln stiegen aus und schienen von einem Offizier des Sultans am Ufer erwartet zu sein. Er verbeugte sich tief vor ihnen und schritt vor ihnen her den Höhen zu, die sich hinter dem Palast erheben und auf denen die Schloßgärten liegen; die einzelnen Wachen ließen sie unbehindert. Der Weg führt hinter Tschiragan auf Arnaudkoi zu; steil in die Höhe geht man zwischen Felswänden, oft zwischen dreißig Fuß hohen Mauern, die die Gärten des Sultans vor jedem fremden Blick schützen. Erst auf der Höhe kann der Blick sich weit und frei entfalten und umfaßt den unteren Bosporus bis nach Skutari hin und zum Turm von Anatoli Hissar, dem asiatischen Schloß. Auf diesem Berggipfel steht ein in italienischem Stil gebautes, ziemlich geräumiges Haus. Die Stürme des Pontus und die linden Lüfte des Südens umspielen seine Mauern, die feurige Sonne des Orients brennt auf seine Balkone. Es liegt auf einer der prächtigsten Stellen von Gottes schöner Erde und war die Wohnung zweier Deutschen, des Obergartendirektors des Sultans und seines Gehilfen, beides geborene Bayern. Auch die Posten der Untergärtner waren meist von jungen Deutschen bekleidet. Das Haus steht in einem von einer hohen Mauer umgebenen, aber nach europäischer Art eingerichteten Garten, der unmittelbar an den des Großherrn stößt. Eine gleiche Mauer, durch die ein einziges, schmales Pförtchen führt, zu dem nur der Obergärtner und sein Stellvertreter den Schlüssel besitzen, trennt sie. Weißer Reif, da und dort auf den Felsenflächen eine dünne Schneedecke, lag über dem Ganzen und der schmale Wasserspiegel glänzte gleich einem Silberband. Nur einer von der Gesellschaft widmete diesem herrlichen Anblick einige Augenblicke, der deutsch-französische Baron Oelsner. Er wandte sich auf der Höhe um und ließ die Augen über dies Eden der Nacht schweifen. Dann folgte er den Gefährten. Das Haus mit seiner Umgebung war still und öde; am Zugang hatte ihnen der Obergärtner selber das Tor geöffnet, wieder geschlossen und war dort zurückgeblieben. Ein Eunuch führt sie quer über den Platz zu dem Pförtchen, das sich in die Gärten des Großherrn öffnete und klopfte in besonderer Weise. Sogleich wurde es geöffnet; sie traten ein und fanden sich dem Tschannador Aga gegenüber; mit einer schweigenden Verbeugung empfing er sie und schritt vor ihnen her. Die Pforte wurde von dem Eunuchen wieder geschlossen; er lehnte sich, den Säbel in der Hand, außen an die Tür, um jede Annäherung abzuwehren. Der Aga ging vor der schweigenden Gesellschaft durch die seltsamen, gewundenen Gänge des Gartens; sie stiegen mehrere Terrassen hinab. Der Baron, der zum erstenmal diesen unzugänglichen Ort betrat, benutzte die Gelegenheit zum Umschauen. Auf dem natürlichen Felsen der Bergwand waren vielfach künstliche Felsgruppen in seltsamen phantastischen Gebilden angebracht; große Marmorbecken fingen in der besseren Jahreszeit Wasserspiele auf. Wunderliche in Arabesken und Schnörkeln verlaufende Tiergruppen, bunt bemalt, standen überall. Wo der Wind den Reif und Schnee von den Gängen und Rabatten hinweggefegt, sah man sie mit bunten Steinen, Muscheln und Porzellan eingefaßt; zahlreiche Grotten, Kioske, Tempel, chinesische Dächer und Gartenhäuser in barocken Formen mit reicher Vergoldung und Malerei waren überall. Nach einem der runden Gartenhäuser wendete die Gesellschaft die Schritte. Zwei Tschannadors hielten die Wache am Eingang, durch den die Fremden das Innere betraten: ähnliche dunkle Gestalten bewegten sich um das Gebäude. Sie befanden sich in einem erleuchteten und von Kohlenpfannen erwärmten Vorgemach; sie legten die Mäntel ab und entledigten sich der Stiefel, um nach türkischer Sitte die Füße in weiche Pantoffeln zu stecken. Der eine Begleiter des Barons war Chosrew, ein Greis mit langem, grauem Bart, listigen Augen und kühn hervorspringender Nase, der andere Halil Pascha, ein stattlicher Mann von einigen dreißig Jahren mit geistreichen und lebendigen Zügen, beides Türken. Nach kurzem Zögern verschwand der Aga durch den Vorhang einer Tür, kehrte zurück und gab den Harrenden den Wink, sich zu nähern. Er selber blieb im Vorgemach zurück. Das Gemach, in das sie traten, füllte, mit Ausnahme des kleinen Vorzimmers, die ganze Rundung des Pavillons. Es war von einer Kristallkrone erleuchtet und von silbernen Kohlenbecken durchwärmt, aus denen zugleich ein leichter Duft durch das Gemach zog. Die Fenster waren sorgfältig mit dicken Teppichen verhängt, damit kein Lichtstrahl nach außen dringen konnte. Rings um die Wände liefen Diwane, gegenüber der Tür ruhte auf einem Diwan schlaff der Sultan, zu seinen Füßen kniete ein stummer Mohrenknabe, der das Nargileh des Großherrn in Brand erhielt und jeden Wunsch des Gebieters von seinen Augen ablas. Der Sultan und der Knabe waren allein im Gemach. Die Hände über die Brust gekreuzt, nahten sich die beiden Türken dem Herrscher, warfen sich in einiger Entfernung vor ihm nieder und verharrten in dieser Stellung mit zu Boden gerichteten Augen. Der Baron machte eine tiefe Verneigung und blieb in höflicher Haltung am Eingang stehen, bis der Großherr das erste Wort gesprochen. Dieser hatte sich halb aufgerichtet, das Mundstück des Rohres zur Seite gelegt und streckte beide Hände nach dem Jüngsten der Knienden. »Khosch dscheldin! – Seid willkommen, mein Bruder Halil! – Ich hoffe, Eure Laune und Eure Gesundheit sind gut und Ihr werdet es dem Großherrn, Eurem Schwager, nicht nachtragen, daß er Euch noch nicht öffentlich empfangen konnte, wie es einem gebührt, der mit einer Tochter aus dem Hause Omars das Lager teilt.« Halil Pascha, der jüngere Schwager des Sultans, durch die Ränke des Seraskiers aus Konstantinopel verbannt und von jeder Beteiligung an Staatsgeschäften entfernt, war erst vor zwei Tagen auf eine Botschaft Chosrews nach Stambul heimlich zurückgekehrt. Er war als Russenfreund bekannt, früher längere Zeit in Petersburg Gesandter gewesen und hatte dort viele Auszeichnungen genossen. Er gehörte mit Chosrew zu den entschiedensten Gegnern des Krieges. Die Kriegsfreunde hatten ihn daher auf alle Weise vom Sultan ferngehalten; dem schlauen alten Großwesir war es aber dennoch gelungen, ihm diesen heimlichen Empfang zu verschaffen. »Möge dein Schatten lang sein, o Zuflucht der Welt, und die Sonne deiner Gunst neu auf den Getreuesten deiner Diener fallen«, antwortete ehrerbietig der Pascha, indem er den Zipfel von des Sultans Rock an Stirn und Brust führte. »Meine Gesundheit ist gut und wird noch besser sein, wenn sie sich im Strahl deiner Nähe sonnen kann. Du bist der Herr, du befiehlst und unser Wille ist nichts!« »Ne apalum, was kann ich tun?« fragte der Sultan. »Ich bin von Verrätern umgeben, die mich in diesen Krieg stürzen. Ich habe so vieles anhören müssen, daß mein Kopf wirr ist. Wie befindet sich die Fatime Sultana, meine Schwester?« »Die Küsten Asiens erscheinen ihr schwarz, seit sie die Zenanah des Großherrn nicht mehr betreten darf.« »Desto öfter hab' ich den Teufel von Adilé dort«, murrte der Sultan. »Ich bin nicht Herr mehr in meinen eigenen Gemächern und diese Weiber lachen über mich. Sei willkommen, Wesir; du bist einer der Getreuen meiner Mutter und kennst mein Herz. Nehmt Platz an meiner Seite, ich gestatte es euch. – Wer ist der Franke?« »Schatten Allahs«, sagte der alte Wesir. Er nahm mit seinem Begleiter Kissen vom Diwan, legte sie in der Nähe des Sultans auf den Boden und hockte sich darauf nieder. »Erinnere dich, daß du mir erlaubt hast, ihn vor dein Antlitz zu bringen. Er ist ein treuer Mann und ein Vornehmer in den Ländern der Franken. Er sehnte sich, deinen Schatten zu küssen, und ich wollte, wir hätten vor acht Monden sein Anerbieten angenommen, das er vom Zaren der Russen brachte.« Der Sultan rieb sich verlegen die Stirn. »Was meinst du, Vater?« »Erinnere sich deine Majestät,« sagte Halil, »daß es die Flotte von jener Festung Sewastopol war und hunderttausend Mann guter Truppen, die uns der Zar zur Hilfe senden wollte, um die Dardanellen zu sperren.« »Ich bin wie ein Ball zwischen zwei Händen«, sagte der Sultan finster. »Ist der Padischah nichts, daß er das Erbe seiner Familie nicht mehr selber verteidigen kann? Diese Franken machen uns zu Weibern, und sie haben gezittert vor dem Hauch meiner Väter!« Die beiden Paschas schwiegen verlegen – sie wußten, wie recht der Sultan hatte. »Lasset den Franken nähertreten.« Auf einen Wink Chosrews näherte sich der Baron mit Verbeugungen. Der gewandte Abenteurer und Unterhändler war ein Mann von stattlichem Wuchs und äußerst gewandtem Benehmen. Obgleich der türkischen Sprache ziemlich mächtig, redete er doch den Großherrn französisch an. »Möge Eure Majestät geruhen, meine Huldigungen und meinen Dank anzunehmen für die Erlaubnis, das Antlitz des Großherrn zu sehen. Möge Eure Majestät auch nachträglich meinen Dank empfangen für die Gnade, daß Sie aus der Hand eines Franken durch die Vermittlung meines Freundes Ali Pascha ein demütiges Geschenk seiner Ergebenheit nicht verschmähten.« Der Sultan sah den ehrerbietig vor ihm Stehenden überrascht an. »Sie sind willkommen, Herr,« sagte er freundlich, »aber ich verstehe Sie nicht ganz.« »Eure Majestät wollen verzeihen, wenn ich sage, daß ich es war, der die Ehre hatte, eine Sklavin durch den Pascha von Brussa Eurer Majestät als Dienerin vor etwa Jahresfrist zu übersenden.« Das Auge des Sultans funkelte. »Wen meinen Sie, Herr? – Ihr Name?« »Mariam, eine Mingrelierin.« Der Schlag war geradezu geführt; die Hand des Sultans zuckte unwillkürlich nach dem Herzen, dann ließ er sie sinken und erwiderte traurig: »Ich danke Ihnen, mein Herr, für das Geschenk – die arme Mariam liegt noch immer schwer darnieder an einer ansteckenden Krankheit.« »Mariam ist tot«, sagte ernst der Baron. Der Großherr beugte sein Haupt. »Inschallah! Wie Gott will! – Sie ist also dennoch gestorben an den schwarzen Blattern. Es tut meinem Herzen leid, diese Kunde von Ihnen zu bekommen, woher Sie diese auch wissen mögen.« Er wandte das Gesicht nach Mekka und begann ein leises Gebet zu murmeln. »Verzeihen Euer Majestät, daß ich Ihre Andacht unterbreche – aber Mariam, die Mingrelierin, ist nicht an den Blattern gestorben, denn sie hat die Krankheit nie gehabt.« Der Sultan sah ihn groß und fragend an. »Mariam«, fuhr ruhig und langsam der Baron fort, »ist in der Nacht zum 10. November im Serail zu Stambul grausam durch schwere Foltern ermordet worden. Ihr letztes Wort war der Name Eurer Majestät.« Der Beherrscher der Moslems fuhr mit einem Sprunge gleich dem des verwundeten Löwen in die Höhe. Er vergaß alle Hofsitte so weit, daß er – der nur von den höchsten und vertrautesten Dienern des Harems angerührt werden durfte – mit beiden Händen den Arm des Fremden erfaßte. »Giaur! – Bei dem Propheten, du lügst!« Der Wesir und Halil waren ruhig sitzengeblieben. Beide waren auf die Szene vorbereitet. »Mögen die Beherrscher der Welt ihrem Sklaven das Wort gestatten«, sagte der Schwager des Großherrn. »Der Giaur ist ein vornehmer Mann in seinem Lande und sein Mund redet keinen Kot, sondern die Wahrheit.« Der betrogene Großherr sank auf die Kissen zurück und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. »Wer? Wer?« stammelte er kaum hörbar. »Die Bujek Sultana und meine Schwägerin, Adilé Sultana,« sagte Halil Pascha, »haben der Tat beigewohnt. Sie ließen Mariam martern, um für ihre Freunde, die Inglis und Franzosen, Geheimnisse des Großherrn zu erpressen. Unser guter Freund Fuad Effendi, den der Ministerrat vor acht Tagen als Bevollmächtigten zum Serdar, seinem Genossen, an die Donau geschickt hat, leitete die Marter. Ich habe gesprochen – auf mein Haupt komme es.« Abd ul Medschid schaute mit wild funkelnden Augen umher; sie fielen auf den greisen Chosrew. »Du bist der Todfeind Fuads und der Sultana,« sagte er hastig zu Halil, »ich kann dir nicht glauben! Rede du, Chosrew, der Lehrer und Schützer meiner Jugend!« »Halil und der Giaur reden die Wahrheit. – Das Weib deines Herzens ist gemordet worden; aber sie hat standhaft geschwiegen und sich der Zuneigung des Großherrn würdig gezeigt.« Der Sultan erhob sich; seine Augen flammten, das bleiche Gesicht rötete sich dunkel. »Beim Barte Mahmuds, meines großen Vaters, ich will nicht umsonst Hunkiar, der Bluttrinker heißen! Sie soll gerächt werden an meinem eigenen Blut! – Hinaus, Knabe, und rufe den Aga.« Der greise Wesir war aufgesprungen und hatte sich dem Wütenden in den Weg gestellt. »Halt ein, Padischah! Um des Propheten willen, bedenke, was du tust und höre den Rat deiner Freunde!« Der Großherr faßte die Hände der beiden. »Ich weiß es, ihr seid dem Sohne Mahmuds treu und ich darf auf euch zählen. Sie sollen sterben, sterben alle drei, die diese Tat an meinem Herzen vollbracht haben, das sie liebte. Einmal hab' ich es bezwungen, als die Hand meines Vaters grausam auf mir lag; jetzt bin ich der Herr! Wehe dem Schuldigen!« Er war tief erregt. Selbst der ränkevolle, nur seinen eigenen Wünschen folgende Abenteurer sah mit aufrichtigem Bedauern auf den jungen Sultan, der, der Herr von Millionen, der Herrscher in drei Weltteilen, mit all seiner Macht nicht vermocht hatte, ein schwaches Weib zu schützen, das er liebte. Der Aga war in das Gemach getreten und stand harrend am Eingang. Der Greis und Halil Pascha führten den Sultan zum Diwan zurück und nötigten ihn auf die Kissen. Auf den Wink Halils war Théifur Aga, der Oberste der schwarzen Eunuchen, nähergekommen. Die Verbündeten wußten, daß er ein bitterer Feind und Neider des Kislar Aga war und zu ihrer Partei gehörte. »Höre mich an, o Schatten Gottes«, sagte der greise Staatsmann. »Wir alle fühlen, daß deiner Macht und deiner Seele ein Wehe geschehen; aber was getan ist, ist getan und läßt sich nicht ändern. Unsere Feinde sind mächtig, und wir müssen mit ihnen kämpfen mit der Klugheit der Schlange, denn diese Franken haben die Oberhand.« »Aber der Padischah ist der Herr«, warf Halil giftig ein. »Soll er sich verhöhnen lassen von seinen Knechten?« »Hört mich wohl an,« sagte bedächtig Chosrew, »und laßt mein Wort nicht in den Wind fallen. Die Partei des Seraskiers im Ministerrat ist stark und wir müssen sie schwächen, ehe wir den Streich auf das Haupt aller unserer Feinde führen. Der Scheik ul Islam hat sich für den Krieg erklärt; die Hälfte der Diener des Palastes hängen Mehemed Ali an, und leicht würde er das Volk zu den Waffen rufen können. Aber das Volk ist jetzt auch erbittert auf Mahmud, den Kapudan Pascha, seinen Schützling, und sagt, daß die Vernichtung unserer Flotte seine Schuld sei. Ihn kann der Großherr ohne Gefahr entfernen.« »Er falle!« sagte der Sultan. »Wer soll an seine Stelle kommen?« »Möge die Sonne deiner Gnade Riza Pascha bescheinen.« »So sei es. – Fertigt den Ferman aus, daß ich ihn unterzeichne.« Chosrew zog ein Papier hervor, das die Entlassung des Großadmirals enthielt und in das nur noch der Name seines Nachfolgers eingezeichnet zu werden brauchte. Er nahm das Schreibzeug von seinem Gürtel, und der Sultan unterzeichnete hastig seinen Namenszug. »Es ist nicht möglich, die künftige Sultana Valide zu strafen oder eine Tochter aus Mahmuds Blut um einer mingrelischen Sklavin willen. Es würde einen Aufstand im Palast erregen. Der Kislar Aga ist ihr geheimer Freund, aber wenn Théifur Aga an seine Stelle kommt, wird er die Weiber im Zaume halten, kann die Sultana nach dem Burnu-Serai führen und deiner Schwester den Eintritt in den Harem weigern. Er wird das Paradies des Großherrn von unnützen Geschöpfen säubern.« Das breite Gesicht des Mohren glänzte in freudiger Erwartung; der Posten des Kislar Aga stand dem Range nach zunächst am Großwesir und war durch seine Stellung einer der einflußreichsten. Der Sultan bedachte sich einige Augenblicke; dann zog er rasch den Siegelring vom Finger und reichte ihn dem Eunuchen. »Du bist der Kislar Aga. – Mögest du treuer als dein Vorgänger meine Befehle erfüllen.« Der Schwarze warf sich zu Boden und berührte dreimal mit der Stirn die Erde. Freudestrahlend erhob er sich und blickte auf Chosrew. »Wenn es dem Padischah gefällt,« sagte dieser, »so möge die Veränderung im Palast bis morgen früh verborgen bleiben und erst zur Stunde der Diwansitzung laut werden, damit wir unsere Feinde auf allen Seiten überraschen. Die Artillerie, die die Brennibors gebildet haben, ist treu und möge die Wachen beziehen. Sie liebt weder den Seraskier noch Mehemed Ruschdi, den Kommandeur der Garden.« Der Sultan bejahte. »Es ist notwendig, daß wir im Ministerrat mindestens eine gleiche Stimmenzahl auf unserer Seite haben«, fuhr der Greis fort. »Wenn der Schatten Allahs die Verbannung aufheben und den Gatten seiner Schwester wieder in den Rat berufen will als Beistand, würde unsere Stärke wachsen.« Er reichte dem Sultan einen zweiten, gleichfalls bereitgehaltenen Ferman. Abd ul Medschid unterzeichnete; Halil küßte den Zipfel seines Rockes. Der Großherr blickte sie jetzt der Reihe nach finster an. »Maschallah,« sagte er mit erzwungener Festigkeit, »ich habe jetzt allen euren Willen getan, nun will ich den meinen und Rache für Mariam haben. Die Sklaven sollen sterben, die die Hände an ihren Leib gelegt haben. Das Weib, das man mir für sie gegeben, beleidige nicht länger meine Augen.« Die Werkzeuge sollten für die Schuld der Hohen büßen – eine Gerechtigkeit, die sich auch in Europa wiederfindet. Der alte Chosrew machte das Zeichen der Zustimmung. »Pek äji! – Es kann ohne Gefahr geschehen und sie mögen sterben. Wofür ist Théifur Aga da? Er möge seine Ohren öffnen und kein Esel sein! Ist es dem Großherrn jetzt genehm zu hören, was dieser Franke von unseren Freunden, den Russen, zu sagen hat?« Der Sultan, von der Aufregung erschöpft, war auf dem Diwan wieder in seine frühere lässige Haltung gesunken; die Röte des Schmerzes und des Zornes hatte der gewöhnlichen krankhaften Blässe Platz gemacht. Er bejahte stumm, winkte dem Knaben, ihm das Rohr des Nargilehs wieder zu reichen, und dem Baron, auf dem Diwan Platz zu nehmen. »Eure Majestät,« begann Oelsner, »sind in einer schlimmen Lage, da Sie sich von Ihrem natürlichen Freund und Verbündeten, dem Zaren abgewandt haben. Ihre Armee ist an der Donau und in Asien besiegt; in Serbien, Montenegro und Griechenland drängt das Volk zu den Waffen gegen das Reich Eurer Majestät. Persien rüstet zum Kriege. Die Flotte ist zur Hälfte vernichtet, die Finanzen des Staates sind so erschöpft, daß ohne eine schwer unterzubringende Anleihe die nötigsten Bedürfnisse nicht zu bestreiten sind und das Heer zum Teil seit vierzehn Monaten keinen Sold erhalten hat. Die griechische Bevölkerung in Anatolien, Rumelien und auf den Inseln ist zum offenen Aufruhr geneigt; selbst die türkische Einwohnerschaft ist schwierig. Man hat den Glaubensfanatismus angestachelt und erhöht auf diese Weise die gegenseitige Feindschaft.« »Inschallah,« sagte der Großherr, »was können wir tun? – Wir sind nicht schuld an dem Unheil.« »Eure Majestät möge dem Zaren, Ihrem wahren Freunde, vertrauen. Der Diwan und der Ministerrat mögen sich morgen bereiterklären, auf die Friedensverhandlungen einzugehen, die die vier Mächte vorgeschlagen haben; man wird den Engländern und Franzosen damit den Vorwand nehmen, sich weiter einzumischen. – Was haben sie bis jetzt getan, als ihre Flotten hierher gesandt, die Konstantinopel bedrohen, ohne nur eine Kanone zum Schutz der Türkei gelöst zu haben? Ich bitte Eure Majestät, zu bedenken, daß, wenn die Türkei sich Frankreich und England übergibt, ihre Selbständigkeit aufs höchste gefährdet ist; daß sie französische und englische Schutztruppen kaum je wieder loswerden wird, was auch der Erfolg des Krieges sei; daß die Kosten eines solchen das Land vollends ruinieren und wahrscheinlich einiger seiner besten Provinzen berauben werden; denn Österreich wird auch seinen Anteil verlangen, und England ist schon längst auf Kandia, Zypern und Unterägypten lüstern.« Er machte eine Pause. Der Sultan hatte ihm finster zugehört. Er kannte die Wahrheit dessen, was der Unterhändler ihm aufzählte, und gedachte traurig der Macht seiner Väter, vor denen Europa noch vor anderthalb Jahrhunderten gezittert hatte. Aber mit der den Orientalen in diplomatischen Verhandlungen eigentümlichen Schlauheit und Zähigkeit sagte er: »Die Inglis und Franzosen haben von mir noch nichts gefordert und erklären, mein gutes Recht unterstützen zu wollen. Mein Bruder, der Zar, aber hat gegen alle Verträge zwei meiner Provinzen genommen und mich gezwungen, den Krieg zu erklären. Es ist nicht das erstemal, daß ein russisches Heer mein Reich bedroht.« Der Baron wehrte gewandt diesen Streich ab. »Eure Majestät wollen sich erinnern,« sagte er, »daß der Zar sich durch die Minister der Pforte beleidigt glaubt und die Donau-Fürstentümer nur als Pfand für die Erfüllung alter Verträge in Besitz genommen hat. Er wird sich nicht weigern, sie bei einem neuen und festen Bündnis sogleich herauszugeben. Euer Majestät werden zugeben, daß Rußland das natürliche und erste Anrecht auf die Bundesgenossenschaft der Türkei hat, und daß es in letzter Zeit am Hofe von Stambul durch die englische und französische Partei sehr verdrängt und benachteiligt worden ist. Euer Majestät wollen sich ferner erinnern, daß der Kaiser Nikolaus sich nie als Eroberer gezeigt und im Frieden von Adrianopel sofort alle Eroberungen herausgegeben, ja die Kriegskosten erlassen hat,« – er warf bei diesen Worten einen Blick auf Chosrew, dessen großes Vermögen von jener Zeit datierte – »daß der Kaiser ferner in dem Krieg gegen Mehemed Ali und Ibrahim Pascha sich als uneigennütziger Verbündeter zeigte, gegen dasselbe Ägypten, dessen Söhne Eure Majestät jetzt gegen Rußland senden.« Es entstand eine längere Pause. Chosrew, dessen schwache und empfindliche Seite die Erinnerung an Ibrahim Pascha war, der ihn wiederholt besiegt hatte, brachte geschickt das Gespräch in eine andere Richtung. »Allah bilir – es ist ein Unglück, daß die Franken ihre Schiffe vor unsere Stadt gelegt haben. Sonst könnte alles gut werden. Was befiehlt der Padischah?« Der Großherr blickte ärgerlich auf den alten Ränkeschmied. »Ich erwarte Rat von meinen Wesiren.« »Wenn es dem Vater aller Herrscher gefällt,« meinte Halil, »so habe ich zahlreiche Freunde im Diwan. Einige Beutel werden das übrige tun, daß man morgen für die Friedensverhandlungen stimmt.« »Vielleicht hat unser fränkischer Freund einen weiteren Vorschlag«, meinte der greise Großwesir mit einem listigen Augenzwinkern nach dem Baron. »Ich glaube, Euer Majestät die nötigen Vorschläge machen zu können, sobald Sie ernstlich zu einem Schutz- und Trutzbündnis mit Rußland entschlossen sind. Der Zar stellt noch immer seine Flotte und eine Armee von hunderttausend Mann zum Schutz der Dardanellen zur Verfügung.« »Aber wie wäre das auszuführen?« »Durch die Anknüpfung von Friedensverhandlungen würden die Westmächte jedenfalls verhindert werden, Landtruppen nach dem Orient zu senden. Ein Scheinangriff russischer Schiffe auf die anatolische Küste könnte Gelegenheit geben, die verbündeten Flotten ins Schwarze Meer zu locken, wo sie sich bei der jetzigen Jahreszeit unmöglich zusammenhalten können. Rußland ist bereit, sofort nach dem Abschluß des geheimen Vertrags die Fürstentümer zu räumen, und wird seine Truppen an der Donaumündung und in Odessa zusammenziehen, von wo sie leicht nach Warna oder Burgas gebracht werden können. Wenn nach der Bereitschaftserklärung zu Friedensverhandlungen die Flotten nicht sofort aus dem Bosporus und den Dardanellen entfernt werden, wird Rußland die Forderung stellen, eine Anzahl von Kriegsschiffen gleichfalls hierher senden zu dürfen. Entweder sind dann die Flotten der Westmächte im Schwarzen Meere abgesperrt und in unserer Hand ein Unterpfand, oder die russische Flotte in Verbindung mit der türkischen und ägyptischen und den Kastells der Ufer wird vollkommen genügen, jene im Zaume zu halten oder zu vertreiben. Euer Majestät Armeekorps, die der Zar zur Verfügung stellt, werden hinreichen, die Küsten von Rumelien zu sichern.« Der kühne und gewaltige Plan – der so leicht beim Beginn des Kampfes auszuführen gewesen wäre und dem Schicksal Europas eine andere Gestalt gegeben hätte, wenn Zar Nikolaus mehr auf die rasche Tat als auf seinen politischen Einfluß vertraut hätte – erschreckte den Großherrn. Seine Augen schweiften fast verlegen und ängstlich zu Chosrew und seinem Schwager. Halil legte beistimmend die Hand auf das Herz, während der greise Diplomat den Blick seines Herrn und Schülers nicht zu bemerken schien und anscheinend kein Auge von dem Unterhändler verwandte. »Adschaid! – Wunderbar!« sagte endlich der Sultan. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, und bin wie ein Mann zwischen zwei Schwertern. Wenn ich dir auch Gehör geben wollte, o Franke – wie würden wir uns ausreden können vor der Macht der Ungläubigen, ehe die Hilfe des Zaren in der Nähe ist, um uns vor ihrem Zorn zu sichern?« Chosrew erhob ruhig das Haupt; der alte, in tausend Listen bewanderte Diplomat hatte das Mittel längst vorbedacht. »Wir werden einen Aufruhr in der Stadt erregen«, sagte er gelassen. »Der Pöbel von Stambul wird einen Aufstand machen, und wir werden sagen können, daß uns die Christen gezwungen haben zu dem Bündnis mit Rußland.« Der Sultan überlegte – die türkische Geschichte bietet so viele ähnliche Szenen und Ränke, daß ihm der Plan keineswegs so unausführbar vorkommen mochte. »Es ist unser Kismet«, sagte er endlich. »Wird alles bereit sein und werde ich sicher bleiben, oder muß ich mich auf eines meiner Schlösser in Anatolien begeben?« »Euer Majestät werden ganz sicher sein unterm Schutz der Artillerie. Auf mein Haupt komme es. Morgen mittag ist der Frieden gesichert, und am nächsten Tage wird der Padischah den Fuß auf den Nacken seiner Feinde setzen.« »Ich willige ein«, sagte der Großherr und gab ermüdet und abgespannt das Zeichen der Entlassung. Die drei Verbündeten verabschiedeten sich unter den gebotenen Gebräuchen und wurden vom neuen Kislar Aga wieder bis an die Pforte der Gartenmauer zurückbegleitet. Während Halil und der Baron den Garten schon verlassen, verweilte der greise Chosrew noch einige Augenblicke bei dem neuen Würdenträger. »Höre, Freund Théifur Aga,« sagte er freundlich, »du wirst die griechische Sklavin morgen aus dem Harem entfernen?« »Der Padischah hat befohlen. Sie mag das Wasser des Bosporus trinken.« »Ein Weib ist gewiß ein großes Übel,« meinte der Pascha, »aber warum töten, wenn sie noch jung ist? Der Padischah hat es nicht ausdrücklich bestimmt und ich will dir einen Ausweg sagen. Bana bak! Das Mädchen soll schön sein – gib sie mir für meinen Harem – sie wird verschwinden für immer.« Der Eunuch schielte ihn von der Seite an. Er wußte sehr gut, daß es um den Harem des geizigen Alten jämmerlich bestellt war und er das Mädchen nur aus Habsucht verlangte, um sie mit möglichstem Vorteil zu verkaufen; aber er wagte nicht, nach dem Dienst, den Chosrew ihm eben geleistet, die Bitte abzuschlagen. »Pek äji, sehr wohl«, sagte er. »Du redest Weisheit. Das Boot mit dem Weib wird morgen abend mit den Stummen des Harems gegenüber der Moschee von Auni Effendi deines Boten harren. Er möge dreimal den Namen Allahs nennen und man wird sie ihm übergeben. Behalte mich in deiner Gunst, o Pascha.« Die beiden schieden. Bald darauf nahm das Boot seinen Rückweg nach Stambul. Halil sprach mit dem Franken leise und eifrig über die Vorbereitungen für den nächsten Tag. Der alte Geizhals berechnete den Gewinn, den er aus dem Verkauf der herrlich schönen griechischen Tänzerin zu ziehen gedachte. Die Beratung, die am Montag, den 19., im Diwan, im Gebäude der Hohen Pforte, gehalten wurde, war überaus stürmisch. Der Schlag, der durch die Absetzung Mahmud Paschas, des Großadmirals und die Ernennung Halils, der schon früher zweimal Marine- und Kriegsminister gewesen war, zum Minister ohne Portefeuille mit Stimme im Rat, versetzt wurde, war ganz unerwartet. Die alttürkische Partei des Seraskiers und des Scheich ul Islam war damit ihres Übergewichtes beraubt und in ihrem Einfluß hart bedroht. Durch die Bemühungen der Freunde des Großwesirs, Chosrews und Halils, zeigte sich eine Mehrheit für die Friedensunterhandlungen. Nur mit Mühe vermochten Mehemed Ali und seine Freunde durchzusetzen, daß der Endbeschluß bis zum nächsten Tage verschoben blieb. Alle Minister sollten dem Rate beiwohnen. Über der großen Stadt lag eine schwüle Stille. Jeder fühlte das Nahen einer bedeutenden Krisis. Die Beratung des Diwans hatte an beiden Tagen volle fünf Stunden gedauert und erst am Nachmittag geendet. Eine Audienz, die der Seraskier bei dem Sultan, seinem Schwager, verlangte, wurde abgelehnt unter dem Vorwande eines Unwohlseins. Der Großherr hatte sich in die inneren Gemächer seines Selamliks zurückgezogen. Die Ernennung des neuen Kislar Aga und die Verweisung des früheren nach Brussa war erst am Nachmittag bekannt geworden und hatte den ganzen Harem in Bestürzung versetzt. Auf die eilige Botschaft Fatimas war die Sultana Adilé, die Schwester des Sultans, nach Tschiragan gekommen. Aber der Großherr weigerte sich, den Harem zu betreten. Sultana Adilé mußte, vor Zorn und Furcht bebend, den Palast wieder verlassen; sie hatte noch den Ärger, dem Kaik des Großwesirs Mustapha und Halils, ihres Schwagers, zu begegnen und beide in Tschiragan empfangen zu sehen.   Schwere Wolkenmassen lagerten am Abend über dem ganzen Himmelsrund. Und schwere Gedanken bedrückten den Mann, der seit dem Tage von Sinope die schmähliche Gefangenschaft ertragen hatte: schmählich durch das Bewußtsein, dem Todfeinde gerade in der Stunde der Rache erlegen zu sein. Gregor Caraiskakis, der einzige Gefangene, der bis jetzt auf dem Meere in die Hände der Türken gefallen war, hatte auf der eiligen Überfahrt der Dampffregatte ›Taîf‹ viel Schmach und Leiden von den Moslems erdulden müssen. Selbst die Bemühungen Sir Edward Maubridges vermochten nicht, ihn von der schimpflichen Last schwerer Ketten und roher Mißhandlungen zu schützen. Nur der Wunsch, ihren Gefangenen den Machthabern in Konstantinopel vorzuführen und ihm vielleicht wichtige Nachrichten zu erpressen, veranlaßte den Kapitän der ›Taîf‹, sein Leben zu schützen. Bei der Ankunft im Bosporus hatte der türkische Befehlshaber seine Niederlage an den Großadmiral überbracht und dabei auch des Gefangenen erwähnt; der Schrecken über die Unglückskunde war jedoch so groß, daß man eines einzelnen Gefangenen wenig achtete; um so weniger, als es nur ein Grieche war. Der Kapitän erhielt einfach die Anweisung, ihn vorläufig auf seiner Fregatte zu bewahren, die am Schloß von Asien ankerte. So lag denn Caraiskakis seit beinahe drei Wochen, vergessen und nur von dem Hasse der türkischen Schiffsmannschaft im Gedächtnis behalten, im unteren Deck der ›Taîf‹. Die Leiden seiner Gefangenschaft verdoppelten die Besuche Maubridges. Die Bemühungen des Baronets, ihn als einen persönlichen Gefangenen zu behandeln und in die Haft der englischen Gesandtschaft zu bringen, waren an der Hartnäckigkeit der Türken gescheitert. Er erschien aber fast einen um den anderen Tag mit Bitten und Bestürmungen, ihm Dionas Kind herauszugeben, für das er eine eigensinnige Liebe gefaßt hatte. Vergebens. – Der Sohn des Helden vom Piräus antwortete auf das Anerbieten der Befreiung und des britischen Schutzes nur mit verächtlichem Schweigen oder dem Ausdruck tödlichen Hasses. Im stillen aber war Gregor Caraiskakis nicht untätig gewesen. Unter den Seesoldaten war ihm ein junger Mann aufgefallen, der ihn öfter mit Teilnahme betrachtete. Eine Anrede bei günstiger Gelegenheit, als sie allein waren, überzeugte ihn, daß er ein von den Türken zum Schiffsdienst gepreßter Grieche war. Er bewog ihn leicht, einen mit Bleistift beschriebenen Zettel bei seinem nächsten Urlaub an Land zu bestellen. Der Brief war an den Baron Oelsner von Montmarquet gerichtet; er enthielt die Nachricht von seiner Gefangenschaft.   Am Nachmittag war Sir Edward wieder auf der ›Taîf‹ erschienen. Er drang in den Gefangenen, ihm eine schriftliche Vollmacht zur Aushändigung des Kindes auszustellen; denn er beabsichtigte jetzt nach England zurückzukehren. Er versprach, das Kind zu adoptieren, die Heirat mit Diona anzuerkennen und den Knaben zum Erben seines Namens und seines Vermögens zu machen. Caraiskakis schaute ihn finster an. »Wenn Sie mir die Schätze der vereinigten Königreiche böten,« sagte er hart, »und den Sohn meiner Schwester Diona – die Sie feig verleugnet haben – zum ersten Edelmann des mächtigen Englands machen könnten, würden Sie den Knaben doch nicht erhalten! Seine Spur will ich vor Ihren Augen verwischen. Nie soll er den Namen seines Vaters hören. Ein Grieche soll er werden mit jeder Faser seines Herzens, der nur Haß atmet gegen das falsche Britannien!« »Dann beklagen Sie sich nicht über Ihr Geschick. Der Kapudan hat darüber bestimmt. Mit dem nächsten Schiff gehen Sie auf die Galeeren nach Kreta. Ich aber schwöre, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis ich mein Kind gewonnen habe!« Caraiskakis lächelte verächtlich. So schieden sie. Am Abend gegen die zehnte Stunde schoß von Tophana her ein Boot an die Seite der Fregatte ›Taîf‹. Ein Mann in der Uniform eines türkischen Offiziers antwortete auf den Anruf der Wache: »Befehl des Großadmirals.« Er fragte nach dem Kapitän und händigte ihm eine versiegelte Depesche ein. Es war ein Befehl des neuen Kapudan Riza Pascha, den bei Sinope gefangenen Griechen dem Überbringer des Schreibens zu überliefern. Baron Oelsner hatte die erste Gelegenheit benutzt, den Verbündeten zu retten. Caraiskakis wurde sofort aus dem Gefängnis geholt und dem Boten übergeben. Seine Wächter und er selber glaubten, er werde in ein anderes Gefängnis an Land gebracht und verhört werden. Nur die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, stieg Gregor in das Boot; der Offizier setzte sich neben ihn, und die schwarze Wand der Fregatte war bald hinter ihnen im Dunkel verschwunden. Das Boot glitt im Schatten der asiatischen Ufer hin und die zwei Ruderer hatten scharf zu arbeiten, um es bei dem heftigen Winde und den hochgehenden Wellen im Strom zu halten. Wenige Minuten später schnitt der Offizier die Handfesseln durch und sagte: »Ich bin ein Bote des Barons Oelsner. Sie sind frei. Der Befehl zu Ihrer Überführung nach der Stadt war einer der ersten, den der neue Großadmiral unterzeichnete. Ich begrüße in Ihnen meinen Landsmann; denn meine Kleidung sollte nur den türkischen Kapitän täuschen. Baron Oelsner hat in dieser Nacht wichtige und viele Geschäfte, deshalb soll ich Sie in ein sicheres Versteck im Fanariotenviertel bringen.« Caraiskakis dankte seinem Landsmann Geurgios. Er erkundigte sich bei ihm eifrig nach den wichtigen Neuigkeiten des Tages. Gegenüber dem Sommerpalast von Beschiktasch wandten sie sich über den Bosporus nach dem Grabmal Haireddins und der Moschee von Auni Effendi, um auf der europäischen Seite die Fahrt nach dem Goldenen Horn fortzusetzen. Da schoß aus dem Schatten des Ufers von Tschiragan ein großer, schwarzer Kaik, von sechs weißgekleideten Ruderern getrieben. Geurgios gebot sofort den Ruderern zu halten, um den fremden Kaik vorbeifahren zu lassen. Er flüsterte dem Griechen zu: »Die Eunuchen des Harems – keinen Laut, Freund, was Sie auch sehen mögen.« Zu seiner Verwunderung jedoch kam der Kaik, statt weiter hinaus in den Bosporus zu fahren, gerade auf sie zu und hielt in kurzer Entfernung von ihnen. Ein bewaffneter Eunuche beugte sich vor. »Eure Losung?« Geurgios zauderte einen Augenblick. Dann, im Glauben, der Schwarze wolle wissen, ob er einen Gläubigen vor sich habe, antwortete er rasch mit den Worten des türkischen Gebets: »La illaha ila Allah!« Sogleich schoß das dunkle Fahrzeug heran. Schon glaubten die Griechen sich verloren; denn die berüchtigten Haremswächter machten wenig Umstände mit den zufälligen Zeugen ihres geheimnisvollen Treibens. Geurgios faßte nach den Terzerolen in seiner Brusttasche. Aber zu seiner Verwunderung begrüßte sie der Führer der Eunuchen mit einem kurzen: »Khosch dscheldin! – Nehmt!« – Zwei der bewaffneten Ruderer hoben vom Boden des Kaiks ein großes Bündel und warfen es achtlos in den Nachen der Griechen; dieser schwankte von dem Stoß und drohte umzuschlagen. Im nächsten Augenblick schoß das Haremsboot an ihnen vorüber, wendete und kehrte zum Palast Tschiragan zurück. Die beiden Griechen und die Ruderer, die mit den Geheimnissen Stambuls sehr vertraut schienen, atmeten frei auf. Die Ruder senkten sich mit doppelter Eile in die dunklen Wogen. Der leichte Kahn flog gleich einem Pfeil dahin und bog bald in die ruhigeren Gewässer des Goldenen Horns ein. Noch hatte sich keiner die seltsame Last zu untersuchen die Zeit genommen. Nur die zuckenden Bewegungen der Hülle und leises, unterdrücktes Ächzen und Stöhnen bewies ihnen, daß sie ein lebendes Wesen barg. Erst als sie die zweite Brücke gekreuzt hatten und am Ufer des Fanariotenviertels hinfuhren, deutete Geurgios auf den Sack. »Was machen wir damit? – Werfen wir die Last ins Meer? Hier sind wir sicher vor Spähern.« Gregor faßte abwehrend seinen Arm. »Um der Heiligen willen! – Laßt uns nicht unmenschlicher handeln als diese Moslems. Es scheint ein Weib in diesem Sack zu sein!« »Pah, irgendeine alte Hexe, die im Harem gekeift und sich unnütz gemacht hat! – Aber wie Ihr wollt.« Unweit der Kirche von St. Basil bei dem Haivan-Seraï Kapussi, dem Tor der Menagerie – von dem benachbarten Amphitheater so genannt, wo die Kämpfe der wilden Tiere stattzufinden pflegten – landete das Boot unter einem überhängenden Kaikschuppen. Geurgios geleitete den Befreiten durch den Ausgang, der in ein großes griechisches Haus führte. Die beiden Ruderer trugen ihm das geheimnisvolle Bündel nach. Man schien sie erwartet zu haben; denn auf der Veranda waren, trotz des stürmischen, kalten Wetters, mehrere Männer versammelt. In dem oberen, wohlerleuchteten Gemach, in das Geurgios Caraiskakis führte, brannten wärmende Kohlenpfannen. Ein Tisch war mit dem lieblichen Brussawein und dem feurigen schwarzen Rebensaft vom Olymp, den man selbst in Konstantinopel selten echt bekommt, und Speisen und Erfrischungen besetzt. In einen Winkel legten die Bootsleute ihre Last nieder. Geurgios befahl ihnen, gegen die Hausbewohner das strengste Schweigen zu beobachten. Als sie allein waren, schnitten die beiden Männer den Sack mit einem Dolch auf. Ein junges, reizendes Mädchen in reicher türkischer Tracht, mit einem kostbaren Schal bewegungslos zusammengeschnürt, lag vor ihnen. Der Mund war durch einen Knebel verschlossen. Die lang andauernde Todesangst hatte ihr das Bewußtsein geraubt. Geurgios löste die Knoten des Schals. Gregor nahm den Knebel aus dem Mund und rieb ihr Stirn und Schläfen mit Wein. Endlich schlug sie die Augen auf. Tiefe Seufzer hoben ihre Brust. Ihr Blick fuhr wirr und ängstlich über die fremden Männer. Dann schrie sie laut auf und warf sich auf die Knie. »Mordet mich nicht«, jammerte sie. »Ich habe meinem Glauben abgeschworen! Ich habe alles hingegeben, was meiner Jugend teuer war! Was hab' ich getan? – Bin ich nicht die gehorsame Tänzerin des Padischah? Hab' ich nicht treu der Sultana Fatima gedient, meiner Herrin? O, habt Erbarmen, laßt mich leben –« Die schöne Nausika, die Tochter des Räubers Jan Katarchi, war durch den Sultan als Sühne für die geopferte Mariam aus dem Harem verbannt und von dem Kislar Aga für seinen Gönner Chosrew bestimmt worden. Sie sah in ihrer reichen Tracht und trotz der Blässe und der Todesfurcht in ihren großen blauen Augen verlockend aus. Die feinen, weichen Hände mit den hennahgefärbten Nägeln über der wogenden Brust, lag sie vor den beiden Männern und flehte für ein Leben, das dem Genuß stürmisch entgegenklopfte. Erst als Gregor ihr wiederholt beteuerte, sie habe nichts mehr zu fürchten, sie sei errettet – aber Verborgenheit und Geheimnis müßten sie erst sichern, gewann sie Glauben. Sie umfaßte seine Knie und beschwor ihn, sie nicht zu verlassen; sie wolle jedem seiner Winke Folge leisten. Eine kurze Beratung zwischen Caraiskakis und Geurgios führte den Beschluß herbei, sie vor den Augen der Hausbewohner verborgen zu halten. Sie sollte in dem Zimmer bleiben, bis es gelungen war, ihr weniger auffällige Kleidung zu verschaffen. Geurgios erklärte Gregor, auf seinen besonderen Wunsch sei die Fremde gerettet worden; er möge nun auch die Pflicht übernehmen, für sie zu sorgen. Caraiskakis war gern dazu bereit; denn Nausika hatte schnell einen wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht. Er beschloß, dem Baron von Oelsner von seinem Schützling zu sprechen und versprach Nausika, als er seinem Wirt folgte, so bald wie möglich wiederzukommen. Sorgfältig schloß er sie ein. Geurgios, ein Mann von vierzig Jahren, führte Caraiskakis in den unteren Raum, in dem mehrere Griechen versammelt waren. Er machte Caraiskakis mit den Anwesenden bekannt, die er ihm alle als treue Anhänger des russischen Zaren und Mitglieder der Hetärie bezeichnete. Sie schwärmten eben so aufgeregt für den allgemeinen griechischen Traum, die Wiederherstellung des byzantinischen Reiches, wie die Griechen auf den Inseln und dem anatolischen Festlande. Zugleich aber fühlte Gregor, daß sie, nur untergeordnete Werkzeuge höherer Leitung, für die Erregung der Massen tätig waren; denn alle wußten zwar, daß in den nächsten Tagen etwas von Bedeutung geschehen solle, aber nicht, was und wo. Bei dem Feuer und der lebhaften Phantasie des griechischen Charakters wogte das Geschwätz darüber hin und her. Nur Geurgios wußte offenbar mehr; und nachdem ihm verschiedene Leute Mitteilungen und Berichte erstattet, nahm er einzelne beiseite, sprach mit ihnen eifrig und sandte sie mit Aufträgen fort. Bald blieben nur noch drei oder vier Männer zurück; Geurgios befahl ihnen, einen Kaik zur Fahrt bereitzuhalten; er wandte sich dann an Gregor. »Ich habe Sie mit diesen Männern näher bekannt gemacht – Baron Oelsner scheint es früher versäumt zu haben – damit Sie, wenn sich irgendeine Gefahr ereignet, Hilfe und Beistand haben. Die Leute hier haben die meisten Anhänger in der Fanariotenstadt. Soviel ich weiß, wird ein Umzug zur Unterstützung unserer Freunde im Diwan stattfinden. Baron Oelsner hat mich wissen lassen, daß ich ihn in Tophana treffen soll, und ich gehe jetzt zu ihm. Sie werden besser tun, hierzubleiben, bis ich Ihnen weitere Nachrichten bringe; das Haus ist zu Ihrer Verfügung. Die Frauen sind in ihren Schlafgemächern und wissen, sie dürfen sie nicht verlassen. Zwei meiner Leute bleiben hier und werden für Ihre Sicherheit sorgen. Am besten wird es sein, Sie ziehen sich in Ihr Zimmer zurück. Sie werden es freilich noch einige Stunden mit unserer unwillkommenen Gesellschaft teilen müssen; denn ich mag das Mädchen aus dem Harem der Schwatzhaftigkeit der Weiber nicht anvertrauen. Kleider für sie werde ich mitbringen, um sie dann fortzuschaffen. Gegen Morgen bin ich zurück.« Damit verließ ihn der Fanariot. Caraiskakis fand in seinem Schlafgemach die Gerettete wach und ganz verändert. Schreck und Furcht waren verschwunden; mit dem Gefühl der Sicherheit hatten sich auch Leichtsinn und Gefallsucht wieder eingestellt; denn das Leben des Harems hatte die Seele des einst so einfachen und armen Mädchens umstrickt. Sie hatte die Abwesenheit der Männer benutzt, ihren Putz und ihre Haare zu ordnen. Als Caraiskakis eintrat, saß sie auf den Kissen des Diwans und naschte von den Erfrischungen. Gregor setzte sich neben sie und begann ein Gespräch mit ihr. Ihr hingebendes, schmachtendes Lächeln, das kein Gefühl der Zurückhaltung und Scham kannte, ohne doch niedrig und gemein zu sein, überraschte ihn. Nausika war jetzt achtzehn Jahre, bei den Frauen des Morgenlandes die üppigste Blütezeit. Später werden sie häufig zu voll und ungeschickt. Ihre Augen und Lippen strahlten Sinnlichkeit und Genuß. Aus dem armen griechischen Mädchen hatten zwei Jahre türkischer Erziehung die vollkommenste Genießerin gemacht, die sich bemühte, jede Erinnerung an ihre Vergangenheit zu unterdrücken. Vergeblich fragte sie daher Caraiskakis: Nausika gab sich für eine Georgierin aus. Und da sie sich von Anfang an nur der türkischen Sprache bedient und nicht verraten hatte, daß sie das griechische Gespräch der Männer wohl verstanden, war es ihr leicht, ihren neuen Beschützer zu täuschen. Sie erzählte, sie sei als Christin geboren; aber schon vor vielen Jahren sei sie als Sklavin nach Stambul gekommen und habe den Islam annehmen müssen. Über die Ursache, die sie so plötzlich aus der Gunst des Großherrn und in die Gefahr, im Sack in den Bosporus gesenkt zu werden, gebracht hatte, wußte sie nichts. Für die Fragen, die Caraiskakis getan, richtete sie hundert andere an ihn. Sie hatte genug von dem Leben des Harems gesehen, um zu wissen, daß sie keine Aussicht habe, je wieder das Serail zu betreten. Die Todesfurcht, die sie ausgestanden, ließ auch einen solchen Wunsch gar nicht aufkommen. Aber all ihr Sehnen und Denken sann auf Mittel, sich ein freies Leben voll Genuß und Zügellosigkeit zu verschaffen. Als Caraiskakis ihr versprach, sie von Konstantinopel wegzuführen und für sie zu sorgen, schloß sie scharfsinnig, daß es ihm auch an den Mitteln dazu nicht fehlen könne. Sie setzte alle ihre weiblichen Künste ein, sein Herz zu erobern und seine Sinne zu bestricken. Ihre Hand schenkte ihm den feurigen Wein des Olymp in den Becher; ihr reizender Mund plauderte von seltsamen, süßen Geheimnissen des Harems, die das Blut aufpeitschen. Gregor, eben dem scheußlichen Aufenthalt eines türkischen Schiffsgefängnisses entronnen, fühlte noch die schweren Fesseln an seinen Gliedern; er hatte wochenlang nichts als die gröbste ekle Kost genossen, nur das finstere Antlitz fanatischer Moslems gesehen. Es schien ihm wie ein Traum, im wohldurchwärmten, teppichbelegten Zimmer zu sitzen und die Blicke in die glänzenden Augen des schönen Geschöpfes zu tauchen – so schön – so schön, wie er noch nie ein Weib gesehen; von ihrer weichen Hand berührt zu werden, den feurigen Wein aus ihrem Becher zu schlürfen. Der finstere, ruhige Mann, dessen Herz nur dem Unglück des Vaterlandes schlug, der soviel für sein Ideal gelitten – er vergaß Kampf und Sieg vor dem verzehrenden Hauch der Leidenschaft. Er erhob sich. Er wollte das Gemach verlassen, um bei den beiden Fanarioten sein Lager zu suchen; aber er bedachte, daß das ihre Aufmerksamkeit und ihren Verdacht erregen müsse. Nausika flog nach der Tür und schob den Riegel vor. Sie flehte ihn an, sie in dieser Nacht der Gefahr und Angst nicht zu verlassen. Gregor Caraiskakis, der starre, beherrschte Grieche, lauschte den Worten des schönen Weibes und blieb. Mit zuvorkommender Eile bereitete ihm Nausika auf dem Diwan das Lager. Dann häufte sie Kissen und Polster für sich auf der entgegengesetzten Seite. Ihr Hauch löschte die beiden Kerzen auf dem Tische. Bald hörte Gregor nur noch die schweren Atemzüge seiner Gefährtin. Trotz der körperlichen Erschlaffung vermochte er keine Ruhe zu finden. Ein tiefer, sehnsüchtiger Hauch drang über seine Lippen. Da faßte eine zarte Hand seine fieberglühenden Finger; ein weicher Arm umschlang ihn. Ein heißer Frauenmund flüsterte dicht an seinem Ohr: »Warum verschmäht mein Herr und Retter seine Sklavin? Soll das Herz allein ihm gehören? Möge mein Gebieter seine Dienerin nicht verachten!« Ihre Glieder umstrickten ihn. Ihre glühenden Lippen sogen sich auf den seinen fest. Sie drängte und schmiegte sich an ihn. Vaterland – Freiheit – alles war vergessen in dem entzückenden Rausch. Der Todfeind der Moslems ruhte im kosenden Arm der verbannten Haremsfrau des Großherrn; der Gerettete und Befreite küßte die Tochter des Mannes, der kaum zwei Monde vorher für ihn, für seine Freiheit und Zukunft das Haupt dem Yatagan des türkischen Henkers dargeboten hatte; Gregor Caraiskakis umarmte Nausika, die Tochter des Jan Katarchi. Die Entführung der Nausika In einem großen Raum des Seraskiats waren an dem gleichen Abend die Mitglieder der Kriegspartei im Ministerrat und seine Vertrautesten um Mehemed Ali zu einer ernsten Beratung versammelt: Ans Hikmet Bey, der Scheik ul Islam, Mahmud Pascha, der bereits abgesetzte Großadmiral, Mehemed Ruschdi, Haireddin Pascha und Safeli Pascha, der neue Finanzminister. Auf einem Ehrenplatz des Diwans, mitten zwischen den Moslems saß ein Mann in europäischer Kleidung von mittleren Jahren, dessen langes, schmales Gesicht, rötlich blondes Haar und wasserblaues, kaltes und beobachtendes Auge den Briten verriet. Es war Master Alison, der orientalische Sekretär der britischen Gesandtschaft in Konstantinopel, die rechte Hand vom Viscount de Redcliffe, und durch seine Gewandtheit und Kenntnis der orientalischen Verhältnisse zur Zeit eine der einflußreichsten Persönlichkeiten in Konstantinopel. Jeder; der mit den Geheimnissen der türkischen Diplomatie einigermaßen vertraut war, wußte, daß bis jetzt sämtliche Antworten und Noten der Pforte aus der Feder Master Alisons gekommen waren. Die Beratung war ziemlich stürmisch. Die Stimmung wurde noch erbitterter, als der britische Sekretär, durch seine Dragomane, die Dolmetscher – diese unübertrefflichen britischen Spione und Agenten bei der Pforte – aufs genaueste unterrichtet, ihnen mitteilte, daß der Großherr bereits durch Ferman auch Ruschdi Pascha sofort vom Kommando der Garden und Haireddin vom Amt des Polizeiministers enthoben habe und diesen als Inspektor der Armee nach Asien senden werde. Der Seraskier sah ein, daß der nächste Schlag gegen ihn selbst gerichtet sein und daß sein Todfeind Halil damit nicht säumen werde. Von ihm, oder vielmehr durch ihn von der Sultana Adilé, war daher auch der erste Gedanke des bewaffneten Widerstandes und einer gewaltsamen Kundgebung angeregt worden, bei deren Beratung sich Master Alison jedoch jeder Einmischung enthielt; er erklärte, seine diplomatische Stellung verbiete ihm die Billigung einer Auflehnung gegen den Willen des Großherrn, er verstand aber geschickt durch ein hingeworfenes Wort den Gang der Beschlüsse zu leiten. Der wilde Mehemed verlangte von dem geistlichen Vorstande des Reichs, der Großsultan Abd ul Medschid müsse, wenn er bei der Neigung zu ihren Gegnern verharren sollte, ab- und Abd ul Aziz, sein Bruder, an seine Stelle gesetzt werden. Darauf erwiderte der Brite, daß die verbündeten Mächte, denen der schwankende leitbare Charakter des regierenden Padischahs sehr paßte, die Ausführung eines solchen Planes nicht dulden und die Flotten sofort einschreiten würden. Ebenso sprach er sich gegen einen Militäraufstand aus, den Ruschdi Pascha vorschlug, da er sich der Garden sicher glaubte. An eine Palastrevolution war bei der Stellung der Parteien nicht mehr zu denken; es blieb nur noch das Volk. Dessen Rolle mußte um so bedeutender sein. Außerdem hat das Volk immer einen breiten Rücken, und man konnte der sogenannten »Gerechtigkeit« später freien Lauf lassen, ohne sich selber zu schwächen, im geeigneten Moment sogar gegen den erregten Sturm auftreten und das Verdienst gewinnen, den Thron gerettet zu haben. Man beschloß also, das Volk »aufzurufen« und die Meute in Bereitschaft zu halten. Das Volk wird von der Erregung der Stunde und dem Fanatismus leicht beeinflußt und irregeführt; der Scheik ul Islam erhielt daher den Auftrag, seine Getreuen antreten zu lassen. Während man noch über die Art und die Zeit des Aufruhrs stritt, erschien einer der vertrauten Tschokadars des Seraskiers. Er meldete, daß ein Grieche dringend Haireddin Pascha zu sprechen wünsche. Der Polizeiminister ließ den Mann in eines der nächstliegenden Gemächer bringen; ein mit verschiedenen Merkmalen versehenes Goldstück hatte ihm gezeigt, daß der Besucher einer seiner Spione in der Hauptstadt war. Der Polizeiminister hatte seine zuverlässigsten Spione unter der griechischen Bevölkerung und war von den Vorgängen und Bewegungen unter ihr stets aufs beste unterrichtet. Die Kunde, die er jetzt empfing, überraschte ihn jedoch; sie kam ganz unerwartet. Die Nachrichten waren freilich nur unvollständig; Baron Oelsner hatte als der Leiter der Kundgebung sehr vorsichtig gearbeitet. Der Pascha sandte den Griechen zurück und erteilte dem Kawaß Aga, der ihn zum Seraskiat begleitet hatte, einen Befehl, ehe er aufs neue zu der Beratung der Minister zurückkehrte. »Maschallah,« sagte er, seinen Bart streichend, »ich habe wichtige Nachrichten für das Ohr meiner Freunde. Die Teufel von Anhängern der Moskows sind nicht müßig und wollen uns zuvorkommen. Die Griechen im Fanariotenquartier und in Demetri werden auf morgen zusammenberufen und sollen sich auf dem Okmeidan versammeln. Haiwan der! Es sind Tiere, aber ihre Zahl ist groß. Wir wissen nicht, was sie vorhaben.« Die Nachricht war von Wichtigkeit und veranlaßte eine neue Besprechung. Es konnte nicht verborgen bleiben, daß die Bewegung der griechischen Bevölkerung gemacht und bestimmt war, die Maßregeln der Friedenspartei zu unterstützen. Eine offene Kundgebung zugunsten Rußlands in der Hauptstadt bei den schlimmen Nachrichten, die täglich aus den rumelischen Provinzen über die Stimmung der Bevölkerung eingingen, mußte die Geneigtheit des Großherrn zum Friedensschluß nur verstärken und seine Besorgnis erhöhen. Zum erstenmal mischte sich der englische Sekretär unmittelbar in die Beratung. »Ich sehe keine Gefahr,« sagte er, »wenn rasch gehandelt wird. Was auch der Diwan morgen beschließen möge, die Sitzung des Ministerrats wird allein die Entscheidung geben. Man möge sie nicht im Palast von Tschiragan oder in der Pforte halten, sondern im Seraskiat. Ich kenne Seine Hoheit den Seraskier zu gut, um nicht zu wissen, daß hier die Entscheidung nach seinen Wünschen ausfallen wird.« Der funkelnde Blick des Kriegsministers bestätigte seine Annahme. »Unserm Freunde Haireddin Pascha wird es ein leichtes sein, die Griechen einzuschüchtern und ihre Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung zu leiten. Er wird nicht ohne Freunde sein unter der griechischen Bevölkerung.« Haireddin machte das Zeichen der Zustimmung. »Wenn man die griechische Bewegung auf das Ufer jenseits des Goldenen Horns beschränkt, werden die Moslems die Herren in Stambul bleiben. Es liegen vier unserer Kriegsschiffe vor der Stadt; die Gesandten werden noch einige andere von Beykos kommen lassen. Das Geschwader wird stark genug sein, um nötigenfalls eine Auflehnung nach jeder Richtung hin in Schranken zu halten.« Die türkischen Minister schauten einander an; sie begriffen sehr wohl, was der Brite mit dem Ausdruck »nach jeder Richtung« meinte. »Die Zusammenrottung der Griechen«, fuhr dieser ruhig fort, »wird die beste Veranlassung geben zu einer Kundgebung der alttürkischen Partei. Es wird ihre Sache sein, zu bewirken, daß die russischen Neigungen nicht den Sieg davontragen; zu dem Ende wird es gut sein, wenn man sich der geheimen Agenten versichert, deren Umtriebe man bisher in so unverantwortlicher Weise geduldet hat.« »Allah sende ihnen Unglück!« meinte der Polizeiminister. »Ich habe Nachricht erhalten, wo meine Leute zwei von ihnen finden können. Wir werden nicht säumen, solange der Kopf auf unseren Schultern sitzt. – Auf meine Gefahr komme es!« Der Engländer entfernte sich hierauf aus der Versammlung. Eine Stunde später schieden auch die anderen Mitglieder; Haireddin Pascha kehrte in seine Behausung zurück, die unfern der Hohen Pforte lag. Dort erteilte er einige Befehle und verließ dann in einem weiten kurdischen Mantel und nur von einem neben seinem Pferde hergehenden Diener begleitet, aufs neue das Haus. Sein Weg führte zur Moschee der Sultana Valide, der nächsten an der Brücke von Galata. Hinter ihr, nach dem großen Bazar zu, findet sich ein freier mit Platanen besetzter Platz, an dessen Zugang der Minister vom Pferde stieg, das er der Obhut seines Dieners anvertraute. Als vorsichtiger Mann überzeugte er sich, daß der Griff zweier Pistolen unter dem Mantel zur Hand war; er zog die Kapuze über den Kopf, betrat den Platz und schritt auf die Terrasse der Moschee zu. Auf den oberen Stufen des Rundganges, im Schatten der hohen Mauern, fand er zwei seiner harrende Personen: den Kawaß Aga, den er mit einem Auftrag aus dem Seraskiat abgesandt, und einen fremden Mann. Es war der Kahwedschi aus dem Malthesergäßchen in Galata, in dessen Haus Fuad Effendi vor etwa zwei Monaten den vorrevolutionären General aufgesucht. Die Abwesenheit des fähigen und schlauen früheren Ministers des Auswärtigen, gerade in diesem Augenblicke der Gefahr, war von den Führern der Kriegspartei bei ihren Beratungen schwer empfunden worden. Der Pascha flüsterte seinem Untergebenen einen Befehl zu; dieser trat, die Hand am Säbel, zurück, so daß er das Gespräch nicht hören konnte. Haireddin ließ sich auf einer der Marmorquadern des Geländers nieder und winkte dem Mann, heranzutreten. »Du bist Demetrio, der Kahwedschi aus der Malthesergasse?« fragte er. »Wie Euer Exzellenz befehlen.« »Vor drei Tagen sind in deinem Hause zwei Galiandschi von den Schiffen der ungläubigen Inglesi ermordet worden?« »Bei der Seele meines Vaters!« schwor der Grieche. »Ihr seid falsch berichtet, o Effendi! Ich weiß von keiner solchen Tat.« »Willst du in meinen Bart spucken, ungläubiger Hund?« zürnte der Pascha. »Ich kenne dich und dein Haus; es ist das berüchtigste von ganz Stambul. Meiner Nachsicht hast du es zu danken, daß die Mordgrube geduldet wird. Aber tu' deine Augen auf, Mann, und höre, was ich dir zu sagen habe. Die Inglis sind ein Volk, das nicht mit sich spielen läßt. Bei der ersten neuen Klage werde ich dir den Kopf vor die Füße legen.« »Sen ektiar der – Ihr seid der Herr, was kann ich tun«, winselte der Grieche. »Es gibt viele schlimme Häuser diesseits des Goldenen Horns und es fehlt nicht an Räubern und Mördern in Konstantinopel. Wie soll ich verhindern, daß ein Franke beraubt und erschlagen wird?« »Was geht mich das an? In deinem Hause sind die Galiandschi ermordet worden. Ich habe den Beweis und schicke dich vor den Kadi, wenn du nicht tust, was ich dir befehle.« Der Grieche horchte auf. »Ich küsse den Staub Eurer Exzellenz – ich bin der Sklave Ihres Wortes.« »Wieviel Männer zählst du in diesem Augenblick zu deiner Bande?« »Euer Exzellenz sind im Irrtum...« »Pesevenk – Schurke! Antworte!« »Wenn Euer Exzellenz nicht anders wollen,« sagte entschlossen der Mann, »es sind sechsundzwanzig.« »Wieviel vermagst du bis morgen abend zusammenzubringen?« »Das ist nicht schwer, mindestens zweihundert.« »Das genügt. – Es wird morgen eine Versammlung von Griechen auf dem Okmeidan stattfinden.« »Ich habe davon gehört.« »Wohl! Laß deine Freunde sich nicht in die Sache mischen und ihre Hand fern davon halten.« »Das wird schwer halten«, meinte der Grieche. – »Es sind Teufel, die sich nicht zügeln lassen.« »Nun, bei meinem Bart, wenn sie Teufel sind, so will ich sie zu Azrael, dem Höllenfürsten, senden; ich bin nicht hierher gekommen, daß du mir in den Bart lachst, Hund von einem Kahwedschi! Du weißt, daß du mit einem sprichst, der die Macht hat, zu befehlen und euch alle aus Stambul zu jagen! Ich habe andere Arbeit für dich und deine Freunde.« »Das ist etwas anderes, Exzellenz; wir werden gehorchen.« »Du weißt in der Fanariotenstadt Bescheid?« »Ich bin dort geboren, Exzellenz.« »Bana bak! Du wirst dafür Sorge tragen, daß morgen abend um die zweite Stunde eine große Feuersbrunst in dem Quartier entsteht.« »Das ist ein Leichtes. Wieviel befehlen Euer Exzellenz, daß wir anzünden sollen?« Der Pascha lachte. »Ein Hund ist ein Hund, wenn man ihn auf die Fährte bringt. – Es wird genügen, zwei oder drei Häuser anzustecken; der Wind wird das übrige tun. – Kennst du das Haus des Fanarioten Geurgios?« »Jawohl, Effendi.« »Pek äji, sehr gut. – Wenn der Lärm am größten ist, wirst du mit einigen Gefährten in das Haus dringen. In dem oberen Gemach nach der Wasserseite sollen sich zwei Personen verborgen halten. Es wird gut sein für dich, wenn ich nicht mehr von ihnen höre.« »Es soll geschehen, wie befohlen, Effendi.« »Inschallah, ich habe nichts dawider, wenn Ihr auch einige Häuser dieser Schurken von Fanarioten plündert; aber es muß ein Ende haben. Du verstehst mich!« Der Kaffeewirt lachte. »Lassen Euer Exzellenz uns machen! Gibt es nichts für uns zu tun in den Quartieren jenseits des Horns?« »Bak alum – warte! Unter den Schweinen seid ihr Griechen die klügsten. Ich erlaube euch, in Demetri und Kassim Pascha zwei oder drei Häuser zu plündern. Aber bei meinem Bart, ich lasse deine Eingeweide den Hunden vorwerfen, wenn ihr mehr tut als das und einen Brand in den Frankenstädten macht! Die Giaurs dürfen nicht beleidigt werden. – Jetzt kennst du meinen Willen, Sohn eines Hundes und einer Teufelin. Haltet euch fern von allem, was morgen sonst in Stambul geschieht; du bürgst mir dafür mit deinem Kopf.« Der Kahwedschi verbeugte sich. »Es ist ein böses Stück Arbeit,« sagte er, »was Ihr mir auftragt. Wer bezahlt uns dafür?« »Hund, Sohn eines Hundes, was erfrechst du dich?« schnaubte der Pascha. »Ist es nicht genug, daß ich dein Leben schone, da ich in jedem Augenblick deinen Kopf zwischen deine Beine stellen lassen kann?« »Euer Exzellenz mögen ein mächtiger Mann sein,« sagte der Grieche demütig, »aber ich kenne Sie nicht. Meine Gefährten sind nur mit Gold zu leiten.« »Du wirst hundert Ghazis erhalten übermorgen, auf dieser Stelle und zu dieser Stunde, wenn du deinen Auftrag gut erfüllt hast. So wahr ich ein Muselmann bin. Geh!« Der Grieche, der Bandit und Räuber, vertraute unbedingt dem Wort des Moslems und entfernte sich. Um elf Uhr am nächsten Vormittag begann die Diwansitzung im Palast der Hohen Pforte. Bereits am Morgen war dem Seraskier die Absetzung Mehemed Ruschdis vom Kommando der Garden und der Befehl zugegangen, seinen Nachfolger einzuführen; Mehemed Ali verzögerte jedoch unter dem Vorwande überhäufter Geschäfte die Ausführung des Befehls. Für Haireddin Pascha war unglücklicherweise ein abwesender Nachfolger ernannt, und er mußte bis zu dessen Eintreffen sein Amt versehen. Die Friedenspartei hielt sich jedoch ihres Sieges gewiß, da sie keine Ahnungen von den Absichten der Gegner hatte und diesmal der Beständigkeit des Sultans vertraute. Schon bei Beginn des Diwans begannen die Griechen des Fanariotenviertels und der Vorstädte nach den Anweisungen auf dem Okmeidan, dem Pfeilplatz, auf der Frankenseite des Horns, sich zu sammeln. Der Platz oberhalb des Arsenals und der großen Schiffswerft von Terschana diente in früheren Zeiten zur Belustigung der Sultane im Bogenschießen; hunderte von Steinen zeigten die Stellen, bis zu denen die Geschosse der Herrscher geflogen waren. Jetzt war der Platz öde und einsam, aber ein Lieblingsversammlungsort der Griechen; sie konnten sich dort freier bewegen als unter der dichtgedrängten türkischen Bevölkerung von Stambul selber. Unter den Griechen war es jetzt kein Geheimnis mehr, daß nach dem Sieg im Rat ein großer Zug zum Palast des Sultans stattfinden sollte, um von ihm die Ausführung des Diwanbeschlusses und den Frieden mit Rußland zu verlangen. Die Masse der Bittsteller mußte dieser Kundgebung ein drohendes Gewicht geben. Im Diwan wurde die Beratung stürmisch. Da Redschid Pascha die bestimmtesten Weisungen erhalten hatte, konnte er nicht anders, als sich der Partei des Großwesirs und Chosrews anzuschließen und für den Frieden zu sprechen. Das Gold und die Versprechungen Halils hatten ihre Wirkung getan; die Mehrheit, die sich bei der Abstimmung nach langem und heftigem Streit für die Einleitung der Friedensverhandlungen auf Grund der Note der vier Großmächte erhob, war bedeutend. Nur die Ulemas und Karaskiers mit dem Scheik ul Islam an ihrer Spitze und die persönlichen Freunde und Vertrauten des Kriegsministers stimmten dagegen. Das Ergebnis durch rote und weiße Kugeln war kaum bekannt, als der Seraskier und mit ihm Arif Hikmet, der Scheik ul Islam und Großmufti des Reichs, sich erhoben und in zornigen Reden erklärten, daß sie sich dem Beschlüsse nicht fügen, sondern sofort an das Volk wenden würden; der Islam könne nur durch einen Sieg über seine Feinde gerettet werden. Sie verließen sofort mit ihren Anhängern den Diwan und begaben sich nach der Hagia Sophia. Dies war nachmittags um fünf Uhr. Eine große Menge hatte sich um den Palast der Hohen Pforte versammelt; wie ein Lauffeuer drang die Kunde durch die weite Stadt. Die ausgestellten Boten brachten die Nachricht nach dem Okmeidan; sie war das Zeichen zum Beginn der Kundgebung. Fahnen mit den Inschriften: »Frieden mit Rußland!« »Es lebe der Zar Nikolaus, unser Beschützer!« und bunte Laternen mit ähnlichen Aufschriften tauchten überall auf. Redner schwangen sich auf die Denksteine und redeten zu dem Volk. Die Menge, die sich aus den griechischen Vierteln eingefunden hatte, belief sich auf mehr als zwanzigtausend Menschen. Sie behauptete den Platz und seine Umgebung trotz dem stürmischen Wetter, das den ganzen Tag über tobte. Unter dem Grollen des Donners und dem Leuchten der Blitze – eine in Konstantinopel zu dieser Jahreszeit ungewöhnliche Erscheinung – begann der Zug sich zu ordnen; er sollte noch am gleichen Abend seinen Weg nach Tschiragan nehmen und eine Bittschrift an den Sultan übergeben. Jetzt erst verbreitete sich die Nachricht von der Gegenkundgebung der türkischen Bevölkerung auf der anderen Seite des Goldenen Horns und erregte Schrecken unter den Griechen. Der Scheik ul Islam mit dem Kriegsminister und seinen Anhängern hatten sich unterdes in die Hagia Sophia begeben. Mehrere mit ihren Führern darin befindliche Christen, meist Offiziere, wurden höflich ersucht, sie zu verlassen; die Moschee ward hierauf gesperrt. Zu gleicher Zeit versammelten sich die Softas, die Studenten der türkischen Theologie und Rechtswissenschaft, deren Zahl in Konstantinopel über dreitausend beträgt, in der Moschee des Sultans Achmet am Hippodrom. Einen dritten Herd der Bewegung – gefährlicher noch als die beiden genannten Orte – bildete die Mahmudje, die Moschee Sultan Mahmud II., des Eroberers von Konstantinopel. Sie steht in der Nähe des Fanariotenviertels auf der Stelle, wo einst einer der schönsten Tempel des christlichen Byzanz prangte: die Kirche der heiligen Apostel. In den Grüften ruhten von Konstantin an die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser in kostbaren Sarkophagen, bis die Lateiner unter Balduin und Dandolo sie der heiligen Stätte entrissen. Mahmud baute die Moschee, die nach seiner Ansicht die Sophia überragen sollte; weil sie das nicht tat, ließ der Tyrann dem Baumeister Christodolus beide Hände abhauen. Die Moschee mit ihren Säulengängen und Vorhöfen, in denen unter hohen Zypressen ein Springbrunnen plätschert, ist die Hochschule der Softas und hat in ihren Anbauten über 360 Zellen als Wohnungen. Von dort aus war die Masse zwar zur Achmetje, der Moschee des Sultans Achmet, gezogen; aber eine Anzahl vertrauter Schüler war zurückgeblieben, um die sich sammelnde Bevölkerung der inneren Stadtteile zu bearbeiten und mit der erregten Masse die griechischen Viertel zu bedrohen. Die drei Sammelpunkte des Aufruhrs standen durch Boten in Verbindung. Mit Genugtuung hörten die Leiter der Bewegung, wie Zahl und Aufregung der Masse in der Mahmudje und auf dem Okmeidan oder Hippodrom fortwährend schwollen. Dieser Platz des Kaisers Sever, einst die Schau der Rennen und Spiele, durch berühmte Kunstwerke geschmückt, ist jetzt eine elende Stätte von kaum noch 250 Schritten Länge und 150 Schritten Breite; im Altertum war er wohl viermal so groß. Die Achmetje und schmutzige Häuser und Hütten haben ihn beengt; wo sonst die Statue des Herkules Trihesperus grüßte oder die Wölfin des Romulus, das eherne Nilpferd, Szylla und Charybdis und das reizende Bild der griechischen Helena, wallendes Haar um den liebepredigenden schönen Leib – wo einst die Wagen in der siebenmaligen Runde vor dem Cäsar um den Platz donnerten und auf dem Turm die vier goldenen Rosse prangten, die ihren Weg auf die Markuskuppel von Venedig gefunden haben – da hielt jetzt nur ein dürftiger türkischer Kaffeewirt unter einsamer Sykomore oder Platane seinen Stand. Welche Taten und Geschicke hat dieser Platz gesehen, welche Ströme von Blut getrunken! Alle Aufstände des alten und neuen Byzanz gingen von ihm aus; dort wurde Gratianus Augustus durch Meuchler ermordet; an der Achmetje, mit ihren goldenen Kandelabern und smaragdenbesetzten Ampeln, im Totengarten der prächtigen Moschee, ruhen neben den Gebeinen ihres jungen Erbauers die Leichen seiner Söhne, Sultan Osmans II., der seine frühe Regierung mit dem Morde des Bruders begann und nach achtzehn Jahren selber von den Janitscharen erschlagen wurde; die Leichen Murats IV. und seiner von ihm gemordeten Brüder Bajazet und Suleiman. Auf dem Okmeidan entfaltete der Großwesir unter dem vorigen Sultan die Fahne des Propheten und führte die Meute zum Mordsturm auf die Kaserne der Janitscharen. Und dennoch waren es gerade ihre Manen, die man rachedrohend gegen den Sohn ihres Vernichters an diesem Tage heraufbeschwor. Die Pforten der Achmetje öffneten sich; von den Treppen und Terrassen hielten die Softas feurige Reden an das Volk. Überall unter der Menge tauchte zugleich der Turban der Janitscharen auf; das grüne Band, ihr gefürchtetes Wahrzeichen, flatterte, vom Sturm gepeitscht, über den Köpfen der Masse. »Krieg mit den Giaurs!« »Die Grüne Fahne!« »Fort mit Abd ul Medschid!« »Nieder mit dem Sultan!« » La illahah ila Allah, we Mohamed rassuhl Allah! « So scholl es aus hundert Kehlen; die Menge heulte es nach; der Name Abd ul Aziz als des neuen Padischahs klang schon, trotz der Beteuerungen der Minister gegen Master Alison, tausendfach in die drohende Gewitternacht. –   Vor Tophana lagen zwei Schiffe der vereinigten Flotten: die ›Queen‹ von 120 Kanonen und der Zweidecker ›London‹. Sie hatten ihre gähnenden Breitseiten gegen die Stadt gerichtet. In den Docks von Thersana lag, außer einer preußischen Korvette, die durch einen unglücklichen Zusammenstoß im Bosporus beschädigt worden war, die englische Fregatte ›Niger‹ zur Reparatur. Sie war bei der Einfahrt ins Marmarameer auf einen verborgenen Fels gestoßen und hatte ein starkes Leck erhalten. Eine Menge Offiziere und Matrosen des bei Beykos und Bujukdere ankernden Geschwaders befanden sich auf Urlaub in Konstantinopel. Am Vormittag hatte die Fregatte ›Niger‹ zwei Boote nach dem Ufer der Fanariotenstadt gesandt, um aus einem der griechischen Magazine Schiffsvorräte in Empfang zu nehmen. Der Deckmeister Adams verlud mit den Matrosen die Vorräte. Indes trieben sich die den Booten beigegebenen Midshipmen, Frank Maubridge und Gosset, in der Umgebung der Magazine herum oder streiften neugierig durch die Gassen; mit munteren, neugierigen Augen beschauten sie das ihnen neue Leben und Treiben. Von Zeit zu Zeit, wenn der alte Deckmeister eine Ladung zu Schiff brachte, mußte freilich einer von ihnen zum Magazin zurück, um die Aufsicht über Mannschaft und Vorräte zu halten; im ganzen aber ließ ihnen der alte Adams den Willen. Der Kaufherr, dem die Magazine gehörten, bewirtete sie reichlich. Wieder brachte Adams eine Ladung an Deck. Frank Maubridge, der Verwandte des Sir Edward Maubridge, des Gegners Gregor Caraiskakis, war ein hochaufgeschossenerBursche. Erst siebzehn Jahre alt, hatte er doch durch das Seeleben schon ein männliches Aussehen; der kleine, zu jeder Teufelei geneigte Gosset saß mit gekreuzten Beinen und einem seine doppelte Länge messenden Nargileh zwischen den Zähnen prahlerisch auf einem Teppich im Vorhause des Magazins und schlürfte den unvermeidlichen Kaffee. Frank Maubridge winkte seinem Kameraden lässig mit der Hand und zog in der Nähe des Wassers umher durch die engen Straßen und die kleinen bis ans Goldene Horn laufenden Höfe. Es war Mittagszeit. Der Stadtteil war öde und verlassen; denn alle, die nicht Geschäfte zurückhielten, zogen sich nach dem Okmeidan hin. Die Kaiks kreuzten mit Zuströmenden fortwährend über die Meeresfläche. Ein griechisches Haus, größer als die anderen und nahe dem Wasser, war Frank Maubridge schon am Morgen aufgefallen. Tür und Rolläden waren verschlossen; aber als er aufmerksam umherspähte, um etwas von den verbotenen Geheimnissen der Frauengemächer zu erlauschen, öffnete sich wirklich einer der Läden. Ein junges Weib in reicher Tracht und von wunderbarer und verführerischer Schönheit schaute heraus: Nausika, die Tochter Jan Katarchis. Als am Morgen Nausika noch in Traum und Schlummer auf den Kissen ruhte, hatte Gregor Caraiskakis sich erhoben – betäubt, unzufrieden mit sich, und dennoch von Glück und Liebe berauscht. Leise, ohne sie zu wecken, verließ er das Gemach und suchte seinen in der Nacht zurückgekehrten Wirt Geurgios auf, den er, von den Anstrengungen des Abends erschöpft, noch in tiefem Schlafe fand. Als er endlich erwachte, gab er Gregor eine Botschaft Baron Oelsners, der ihn eilig zu sprechen wünschte. Er brachte ihn selber zu ihm. Gregor hatte sein Äußeres unkenntlich gemacht und sich in den weiten schwarzen Talar eines Armeniers gesteckt. Baron Oelsner freute sich aufrichtig des Wiedersehens und machte ihm genaue Mitteilungen der Vorgänge und Aussichten. Er war durch Geurgios von den Ereignissen bei der Flucht des Griechen von der türkischen Fregatte unterrichtet. Seine Schlußfolgerung hatte ihm gesagt, daß die Fremde, die ihnen auf so merkwürdige Weise übergeben worden war, die durch den Zorn des Sultans aus dem Harem entfernte Nausika sein müsse; er konnte freilich das Rätsel nicht lösen, wie die Stummen des Kislar Aga dazu gekommen waren, die offenbar dem Tode Geweihte dem fremden Boote zuzuführen. Es schien ihm wichtig, das Mädchen selber zu sprechen und von ihr über die Anschläge der Sultana Fatima weitere Auskunft zu erhalten. So wurde beschlossen, sie solle vorläufig noch im Hause des Fanarioten verborgen bleiben; erst später würde über ihr weiteres Schicksal entschieden werden. Caraiskakis blieb noch bei dem Baron. Geurgios kehrte nach dem Fanar zurück und machte Nausika die Mitteilung, daß sie um ihrer aller Sicherheit willen an ihrem jetzigen Zufluchtsorte still und einsam verborgen bleiben müsse. Er versorgte sie mit allen Bedürfnissen reichlich und schloß sie dann aufs neue ein. Der leichtsinnigen, eitlen Nausika, die ihre Todesangst längst überwunden hatte, war die Gefangenschaft und Einsamkeit wenig willkommen. Je länger sie dauerte, um so drückender wurde sie ihr. Die Kenntnis des griechischen Lebens versprach ihr ohnehin wenig Genuß und Zerstreuung für die Zukunft, wenn sie eingesperrt blieb. Schon dachte sie daran, wie sie sich von diesen neuen Fesseln befreien könne. Daß ihr Retter ein Grieche und nicht ein Franke war, wie sie anfangs gehofft hatte, behagte ihr wenig; denn von dem freien und genußreichen Leben der Europäerinnen haben die morgenländischen Frauen einen ausschweifenden Begriff. Von Geurgios hatte sie erfahren, daß ihr neuer Beschützer, Gregor Caraiskakis, vor dem späten Abend nicht zurückkehren werde. Die Langeweile und das Bedürfnis nach Zerstreuung trieb sie daher an die Rolläden, die nach dem Goldenen Horn und nach einer einsamen, von Mauern gebildeten Gasse gingen. Schon am Vormittag hatte sie die umherstreifenden englischen Midshipmen bemerkt; als sie am Mittag aufs neue Frank gewahrte, konnte sie ihre Eitelkeit nicht unterdrücken und zeigte sich ihm. Frank Maubridge blieb, entzückt von soviel Reizen, stehen. »Schöne Lady«, sagte er mit allem Aufwand morgenländischen Schwunges. »Der Strahl der Sonne ist nichts gegen Eure glänzenden Augen! Eure Lippen sind aufgeblühte Rosen! Ich bringe Euch meine Huldigung über solche vollendete Schönheit.« Nausika lachte, obgleich sie von der unsinnigen Begrüßung nichts verstanden hatte. Sie machte ihm durch Zeichen klar, daß sie von seinem Englisch nichts begriffe, und fragte in der lingua franca, ob er diese Sprache oder griechisch verstehe. Der wackere Frank war im Griechischen freilich nicht bewandert; aber da er ein Jahr lang in Malta zugebracht, kannte er genug von der Sprachenmischung und vom Italienischen, um sich verständlich zu machen. So wiederholte er seine Schwärmerei, wenn auch nicht ganz so zierlich. »Wer bist du?« fragte Nausika. »Der Teufel soll die ›Niger‹ holen, das alte Rattennest,« sagte Frank wohlgefällig, »wenn ich nicht einer seiner Offiziere bin. Jedenfalls aber, Mylady, bin ich britischer Gentleman.« »Bist du reich?« Der Midshipman fand sich durch den Zweifel gekränkt. Um den britischen Ruf zu wahren, griff er in die Tasche. Da die Güte seines Bruders ihn noch am Tage vorher reichlich versehen hatte, konnte er eine stattliche Handvoll Sovereigns und Kronenstücke klimpern lassen. »Wenn du ein Franke bist und reich und ein Offizier,« sagte mit einem zärtlichen Blick Nausika, »so möchte ich wohl mit dir entfliehen. Du würdest mich beschützen, nicht wahr?« »Potz Haifisch!« murmelte Frank. »Das geht rasch hierzulande! Wer bist du denn eigentlich, schöne Lady?« »Ich heiße Nedela und bin aus dem Harem des Großherrn«, log die Leichtsinnige. »Aber ich bin hier eine Gefangene. Wer weiß, welches Leid mir noch geschieht. Wenn du mich retten willst, werde ich dein Glück machen. Du gefällst mir, und ich habe immer gehört, daß die Inglis alles in diesem Lande tun dürfen, was die Türken nicht wagen.« Aus dem Harem des Großherrn! – Der Gedanke verwirrte vollends das ohnehin von Abenteuern und Unfug strotzende Gehirn des Mids. Er beschloß auf alle Gefahr hin, den Ritter zu spielen. »Wenn du mich lieben kannst, reizende Sultana,« sagte er stürmisch, »so will ich gekielholt werden, wenn ich nicht Blut und Leben für deine Befreiung dransetze. Sage mir nur, wie es zu machen ist; denn der Teufel soll mich holen, wenn ich es weiß.« Nausika fand an der Bekanntschaft großen Gefallen. Ihrer Reize gewiß, hegte sie über ihre Zukunft wenig Besorgnis. Sie war mit Vorschlägen gleich bei der Hand. »Kannst du des Abends um die dritte Stunde wieder unter meinem Fenster sein, schöner Offizier?« Der Midshipman schnitt ein Gesicht; er wußte nur zu gut, daß das mit rechten Dingen nicht möglich war; aber die Benennung »schöner Offizier« war zu unwiderstehlich. Und da ein Mid selten um eine Lüge oder um eine Prahlerei verlegen ist, bejahte er dreist die Frage. Dann verständigte er sich mit Nausika über den Unterschied der Schiffsglocken und der griechischen Zeitrechnung. »Ich werde an diesem Fenster ein Tuch aushängen, wenn ich allein bin. Dann gib mir ein Zeichen; klatsche dreimal in die Hände. Ich werde die Rolläden öffnen. Kannst du mir dann heraushelfen?« »Zum Henker,« sagte Frank, »wofür gäbe es denn Strickleitern in der Welt?« »Gut. Geh jetzt, damit wir nicht Verdacht erregen. Lebe wohl, schöner Franke. Ich zähle auf dich!« »Heute abend!« schwor der würdige Midshipman, und legte die Hand beteuernd aufs Herz. »Ich bin zur Stelle und entführe Euch, entzückende Miß!« »Den Teufel werdet Ihr tun!« sagte eine grobe Stimme neben ihm. »Mids Schwüre sind keinen Penny wert. Ihr tätet besser, Master Frank, Ihr machtet Euch zu den Booten, um die Rechnung abzuschließen, statt hier dem ungläubigen Weibsvolk nachzuspüren.« Mit einem leichten Schrei flog die Nausika vom Fenster und schlug die Läden zu; Master Frank wandte sich ärgerlich zu dem alten Adams, der mit der Seelenruhe eines britischen Matrosen vor ihm stand und mit dem einen Auge ihn, mit dem anderen das Fenster anschaute, hinter dem die leichtsinnige Nausika verschwunden war. »Die Haifische sollen meinen Leichnam bekommen,« polterte der würdige Deckmeister, »wenn ich nicht geglaubt habe, Ihr würdet meiner Erziehung mehr Ehre machen als der Baronet, Euer Bruder. Aber ich sehe, es ist einer aus Eurem Geschlecht so toll wie der andere. Der Unterrock ist eine böse Flagge, Master Frank. Und vollends in diesem Lande, wie ich mir habe sagen lassen.« »Laß mich zufrieden mit deinen Predigten, altes Seeungetüm«, erwiderte ärgerlich der Midshipman. Er bemühte sich, den unwillkommenen Aufpasser von dem Platze fortzudrängen. »Was zum Henker bringt dich in mein Kielwasser?« »Es tut mir leid«, meinte Adams. Er führte seinen Zögling durch die Gassen und Gäßchen, auf die er ein scharfes Auge gerichtet hielt, zu dem Magazin zurück. »Leid, sag' ich, daß Ihr diesmal mein vorgesetzter Offizier seid. Ich hab' Euch zu melden, daß die Ladung vollständig ist, Master Gosset wartet nur auf Euch, um dem Kaufmann zu quittieren und abzustoßen. Der junge Halunke wollte Euch selber aufsuchen; aber dann hätten wir wahrscheinlich das Nachschauen nach zweien gehabt.« Frank antwortete nicht auf die höflichen Redensarten des Deckmeisters, um die er sich herzlich wenig kümmerte. Er brütete über andere Dinge. Am Magazin empfing ihn Gosset mit einigen deutlichen Verwünschungen über sein langes Ausbleiben und schalt, sie würden wahrscheinlich des warmen Mittagessens an Bord verlustig gehen. Die Midshipmen hatten zwar fast den ganzen Vormittag noch nichts anderes getan als gegessen, getrunken und umhergelungert; wann aber war je der Magen eines echten Mids gesättigt? Nachdem sie die Rechnungen des Kaufmanns unterschrieben hatten, begaben sie sich in die Boote. Zum Ärger des argwöhnischen alten Adams wußte Frank es einzurichten, daß er mit seinem Kameraden in dem zweiten saß. Der Verdacht des würdigen Deckmeisters steigerte sich noch höher, als er sah, wie die beiden jungen Herren eifrig die Köpfe zusammensteckten. Frank hielt mit seinem Busenfreunde eine große Beratung. Adams witterte Unheil, wie eine Möwe den Sturm; denn er kannte seine Leute. Aber er war außerstande, es zu verhindern. »Höre, Frank,« sagte der liebenswürdige Jüngste der Midskajüte, »die Geschichte ist Goldes wert. Auf mein Wort, ich helfe dir. Wir entführen dem Sultan seine Geliebte vor der türkischen Nase weg. Und wenn wir dabei auch arg in die Klemme kommen sollten! – Sie hat gewiß einen ganzen Schatz von Diamanten und sonstigen Edelsteinen bei sich. Das beste ist, wir machen uns mit ihr ganz und gar aus dem Staube und werden irgendwo Paschas.« Frank fiel zwar die gierige Frage seiner Schönen ein, ob er reich sei. Indes sein Stolz litt es nicht, die Sultana, von der er geprahlt, selber herabzusetzen. Überdies hatte er ja die Tasche voll Geld. »Aber wo bringen wir sie hin?« – Diese Frage machte den beiden Kopfzerbrechen. Aber bald wurden sie einig, irgendeinen beliebigen Vermittler, wie sie zu Hunderten in Konstantinopel umherlaufen, dafür sorgen zu lassen. Das nächste und wichtigste von allem war, wie sie von der ›Niger‹ fortkommen sollten. Frank übernahm, es ausfindig zu machen. Gosset versprach, einige Schiffspistolen und Munition beiseite zu schmuggeln. Beide wußten sehr gut, daß die scharfen Augen des Deckmeisters auf sie gerichtet waren. Vor allen Dingen mußten sie ihn täuschen, damit er ihnen nicht einen Strich durch die Rechnung machte. Sie ließen deshalb näher zum anderen Boot hin anlegen und begannen eine gleichgültige Unterhaltung, bis sie an den Docks des Arsenals landeten, an deren äußerem Eingang die Fregatte ›Niger‹ ausgebessert lag. Während der Erste Leutnant die Rechnungen des Kaufmanns abnahm und der Deckmeister die Ladung an Bord brachte, gelang es Frank, der auf der Lauer lag, an den Kapitän zu kommen. Als ein alter Seewolf hatte er es verschmäht, am Lande seine Wohnung zu nehmen. Frank brachte bescheiden sein Gesuch vor. Er bat um Urlaub für sich und Gosset für den Abend und die Nacht unter dem Vorwande, sein Bruder, der Baronet Edward Maubridge, habe sie in das Hotel d'Angleterre zu sich eingeladen. Da der Kapitän zufällig wußte, daß Frank einige Zeilen von seinem Bruder erhalten hatte und auch die Arbeiten der Midshipmen besorgt waren, gab er dem Ersten Leutnant Anweisung, sie zu beurlauben. Zu dem ganzen Streich hatte – das Mittagessen im Stich lassend – das würdige Paar wohlweislich die Zeit gewählt, wo Meister Adams unter Deck war. Der Deckmeister war daher nicht wenig erstaunt, als er die beiden Burschen bald darauf in ihre Regenmäntel gehüllt und offenbar mit allerlei Vorrat darunter bepackt, aus der Midshipmenkajüte kommen und gemütlich in eines der Kaiks steigen sah, die überall zum Gebrauch bereitstanden. Er rief ihnen zu und fragte, wohin sie wollten. Die jungen Halunken beeilten sich aber, den Bord zu verlassen. Als sie erst im Kaik saßen, streckten sie als Zeichen ihres Sieges die Zunge heraus, während der Kaikdschi seine Ruder einsetzte und davonfuhr. Der Deckmeister brummte verschiedene nicht sehr schmeichelhafte Verwünschungen hinter ihnen drein. Der Erste Leutnant kam zufällig in seine Nähe. Wie der Kapitän hielt er große Stücke auf den alten Seemann und fragte ihn nach dem Grunde seines Ärgers. Adams zeigte ihm die Davonfahrenden. »Gott verdamme meine Augen, Sir,« sagte er, »wenn die Mids nicht irgendeinen Streich vorhaben. Ich habe so was schon heute morgen am Ufer gemerkt. Als sie in die verdammte Nußschale kletterten, sah ich, wie dem Master Gosset aus dem Mantel eine Schiffspistole fiel. Er ist der größte kleine Taugenichts auf Ihrer Majestät Flotte.« Das wußte der Erste Leutnant sehr wohl. »Gebt ihnen ein Zeichen zur Rückkehr. Wo ist der Feuerwerker?« Master Hunter, der Feuerwerker, mußte aber erst gesucht werden. Es vergingen mehrere Minuten, ehe er vor dem Leutnant erscheinen konnte. »Haben Sie den Midshipmen Maubridge und Gosset Pistolen gegeben?« »Jawohl! Master Gosset bat mich um zwei. Er sagte, sie hätten die Erlaubnis vom Kapitän, auf dem Bosporus Möwen zu schießen.« Er verschwieg, daß ein Kronenstück Franks der Bitte den gehörigen Nachdruck gegeben hatte. »Sie sind selber eine Möwe, Hunter,« sagte aufgebracht der Erste Leutnant, »daß Sie sich von zwei jungen Laffen zum besten halten lassen. Gehen Sie zum Henker mit Ihrer Gutwilligkeit. Ich werde es dem Kapitän melden. Haben die Burschen beigelegt?« Daran dachten aber Frank und Gosset nicht. Vielmehr hatten sie, als sie den Ersten Leutnant im Gespräch mit dem Deckmeister sahen, die Gefahr wohl erkannt. Sie trieben den Kaikdschi eifrig an, sich so rasch als möglich davonzumachen. Mit gleichgültiger Ruhe kehrten sie der Fregatte den Rücken und blieben für alle Winke blind und taub. »Da gehen sie hin, die jungen Halunken«, sagte der Leutnant, als ihm Adams berichtete, daß alle Bemühungen vergeblich gewesen seien. Er wies auf den Kaik, der zwischen den anderen Schiffen verschwand. »Es ist zu spät, um sie einzuholen. Ich wette einen halben Monatssold, daß sie irgendein Unheil angezettelt haben, ehe sie wieder an Bord kommen. Es ist schließlich gut, daß sie wenigstens bewaffnet sind.« »Aber sie sind zu jung, Sir! Sie können ein Unglück haben unter diesem fremden Volk«, wandte der alte Matrose ein. »Pah! Unsinn! Midshipmen und Katzen kann man vom Kirchturm werfen; sie kommen immer auf die Füße zu stehen. Außerdem ist nichts an ihnen verloren.« Mit diesem geistreichen Trostspruch, der wirklich viel Wahres an sich hatte, wandte sich der Erste Leutnant wieder zu seinem Dienst und überließ es dem alten Adams, mit der Sorge um seinen jungen Zögling selber fertig zu werden. Die beiden Mids hatten sich unterdes in Galata landen lassen und ein Kaffeehaus aufgesucht. Sie bemerkten wohl, daß Unruhe unter der Bevölkerung herrschte. Das kümmerte sie aber herzlich wenig. Sie verfolgten ihre eigenen Zwecke. Master Frank hatte einiges von den Erlebnissen seines Bruders, des Baronets, in Smyrna munkeln hören und beschloß, Sir Edward zum Muster zu nehmen. Zuerst wollte er eine abgelegene Wohnung in irgendeinem fernen Viertel auftreiben, wohin man die Sultana am Abend bringen und in Muße den weiteren Fluchtplan besprechen und einleiten konnte. In der Tat gelang es auch den Burschen, einen Vermittler aufzutreiben, der für eine goldene Guinee versprach, eine solche Wohnung zu finden und sie an einer bestimmten Stelle des diesseitigen Ufers zu erwarten. Durch seine Vermittlung und ein tüchtiges Pfandgeld gelang es ihnen auch, von einem der griechischen Handelsschiffe ein kleines Boot zu leihen, das sie selber rudern konnten. Als diese wichtigen Vorbereitungen getroffen waren, machten es sich die abenteuerlustigen Midshipmen in einem oberen Gemach des leeren Kaffeehauses bequem. Sie luden ihre Pistolen und warteten schwatzend die ihnen bezeichnete Stunde ab. Inzwischen war Caraiskakis in der Wohnung des Baron Oelsner geblieben. Als Oelsner ausgegangen war, erschien ein türkischer Soldat, der den Baron sprechen wollte. Es war der gleiche, den Gregor als Boten vom Schiff benutzt hatte und dessen getreuer Bestellung er hauptsächlich seine Befreiung durch den Baron zu danken hatte. Der junge Grieche war sehr erfreut, den früheren Gefangenen hier wiederzufinden. Er hatte sich, einen Urlaub der Mannschaft benutzend, bei dem Baron nach ihm erkundigen wollen. Er erzählte Caraiskakis, daß am Vormittag wieder Sir Edward Maubridge an Bord der ›Taîf‹ gekommen und sehr erstaunt und erzürnt gewesen sei, ihn nicht mehr zu finden. Dabei kam es denn heraus, daß er auf einen Gegendienst für seine Bemühungen zur Befreiung Gregors hoffte. Er beabsichtigte, zu desertieren; denn der Dienst, zu dem er gewaltsam gepreßt war, wurde ihm täglich unerträglicher. Eine glühende Sehnsucht nach der Heimat schien das Herz des jungen Mannes zu verzehren. Bittere Tränen rollten über seine Wangen, als er sein trauriges Schicksal erzählte. Man hatte ihn mit Gewalt, und ohne daß er eine Ahnung hatte, plötzlich aus seinem stillen Leben und von seinem kleinen Eigentum in Anatolien gerissen, als er eben im Begriff war, ein geliebtes Mädchen zu heiraten. Mit Erstaunen über die seltsame Fügung entnahm Caraiskakis aus seiner Erzählung, daß der arme Soldat Vaso, der erwählte Eidam seines treuen Freundes und Schützers Janos war – der Bräutigam Nausikas, der von der Willkür des Musselim von Tschardak unter die Redifs gesteckt und später zum Schiffssoldaten gemacht worden war. Einige Fragen gaben ihm die volle Gewißheit. Vaso umfaßte weinend seine Knie, als er hörte, daß der Mann, dem er in seiner Gefangenschaft freundliches Wohlwollen bewiesen, ein Freund seines Schwiegervaters war. Die Teilnahme Gregors war durch diese Entdeckung verdoppelt. Er versprach Vaso, ihm auf jede Weise zu seiner Flucht behilflich zu sein. Da er es für das beste hielt, ihm nichts von dem Geschehenen zu verschweigen, enthüllte er ihm nach und nach auf seine stürmischen Fragen das ganze Unheil, das die Familie seit der Zeit ihrer gewaltsamen Trennung betroffen hatte. Die Augen des jungen Anatoliers funkelten vor Schmerz und Rachedurst, als er vernahm, daß seine Braut mit Gewalt entführt und ihr Geschick unbekannt war. Daß Janos ihre und seine Schmach blutig an dem Musselim gerächt und ebenso blutig geendet hatte. Ein gewisser Stolz kam ihm bei seinem Leide zu Hilfe in dem Gedanken, daß der berühmte Räuber, von dem er soviel gehört, ohne zu wissen, daß er ihm so nahe stand, der Mann war, der ihn zum Eidam gewählt. Caraiskakis überließ den Flüchtling seinem Schmerze. Als er sich mit der Leidenschaftlichkeit seines Volkes ausgeklagt, suchte er ihn zu beruhigen und versprach ihm, daß er bei ihm bleiben und ihn in einigen Tagen begleiten solle auf dem Wege nach Norden. Baron Oelsner kehrte zurück. Es wurden rasch einige andere Kleider für Vaso herbeigeschafft. Es war schon Nachricht eingegangen, daß die Griechen sich auf dem Okmeidan versammelten. Alle drei begaben sich dorthin. Gregor hatte keine Ahnung, daß die schöne Unbekannte, in deren Armen er geruht, die geraubte Braut seines neuen Schützlings, die Tochter Jan Katarchis war, von der jede Spur verloren schien. Abends um die achte Stunde war die Nacht zu dieser Jahreszeit schon eingetreten. Blitze zuckten am Horizont. Ferne Donner grollten über dem Marmarameer. Heftiger, sturmartiger Wind jagte die Wellen ins Goldene Horn und peitschte die Fahnen des langen Zuges, der vom Pfeilplatz aus sich durch Kassim Pascha und hinter den großen Begräbnisplätzen fort nach der Straße wenden sollte, die am Ufer von Tschiragan hinunterführt. Die Natur selber schien sich gegen das Vorhaben der Griechen verschworen zu haben; von verschiedenen Seiten wurde der Vorschlag gemacht, den Zug auf den anderen Morgen zu verschieben. Überall sah man angsterfüllte Gesichter, als die Kunde sich verbreitete, daß auch die Türken in der Sophia, in der Achmetje und Mahmudje sich versammelt hätten und die Fortsetzung des Krieges erzwingen wollten. Viele schon hatten sich rechts und links in die dunklen Seitengassen verloren. Nur mit Mühe gelang es den Führern, den Zug zusammenzuhalten und vorwärtszubringen. Sie begriffen sehr wohl, wenn erst einmal die Absicht aufgegeben würde, schwerlich Aussicht vorhanden war, so bald wieder die feige und uneinige Bevölkerung zusammenzubringen. Dennoch sollten alle Bemühungen fruchtlos sein. Als die Spitze des Zuges zu der Höhe von Kassim Pascha in der Nähe der Artilleriekaserne, von wo ein freier Blick durch die Berghänge sich nach dem gegenüberliegenden Stambul öffnet, emporgestiegen war, brach auf einmal ein wilder Schrei des Schreckens aus hundert Kehlen. Vom Feuerturm des Seraskiats erglänzte das rote, Feuersbrunst verkündende Licht. Deutlich konnte man von der Höhe des Berges erkennen, wie im Griechenviertel, in der Nähe der Karagumrukmoschee, deren schlanke Minaretts im Flammenschein sichtbar waren, eine Feuerlohe gen Himmel schlug. Noch ehe die Erschreckten einen Entschluß gefaßt, brach eine zweite Feuersbrunst am Tore von Edreneh aus. Das heraufziehende Gewitter tobte mit langen Blitzgezacken dazwischen. Verwirrung und Schrecken der Griechen waren unbeschreiblich. Der Glaube, daß ihre ewigen Feinde, die Moslems, die Gelegenheit ihrer Abwesenheit benutzten und mit Feuer und Handschar in ihre Wohnungen einbrechen würden, verdoppelte die Schrecknisse des ausbrechenden Unwetters. Im Nu war der ganze Zug aufgelöst. Fahnen und Laternen wurden fortgeworfen. Die ganze, noch immer mehrere Tausende betragende Menschenmasse stürzte sich in die engen Gassen, die hinunter zum Goldenen Horn oder in die diesseitigen Griechenviertel führten. Schreiend, zeternd – in unbeschreiblicher Verwirrung Kinder und Frauen zu Boden tretend – brauste ein alles vor sich niederwerfender Strom talab. Bald teilte sich die Menge nach den beiden Schiffsbrücken am Arsenal und den Stadtmauern. Hunderte von Kaiks kreuzten in kurzer Zeit, trotz dem Sturm und der hochgehenden Wellen, den Bosporus. Aber es war auch Eile vonnöten; die Gefahr war dringend. Denn ehe die Fanarioten das jenseitige Ufer erreichten, gingen noch an zwei anderen Stellen die Flammenzeichen in die Höhe. Auch die Verwirrung auf dem Goldenen Horn war schrecklich. Boote rannten aufeinander und wurden umgeschlagen. Menschen stürzten ins Wasser und plätscherten umher. Geschrei, Verwünschungen, Zorn und Schrecken überall. Die Führer der Friedenspartei hatten bei der plötzlichen Auflösung des Zuges den Kopf verloren. Von der Besorgnis um ihr Eigentum ergriffen, waren sie mit fortgerissen worden. Nur wenige, darunter Caraiskakis und Geurgios, fanden sich zusammen und eilten zu dem geheimen Leiter, Baron Oelsner, der sich von der offenen Teilnahme an dem Zuge ferngehalten hatte. Der kühne und umsichtige Geist des Barons hatte im Augenblick auch schon nach den Mitteln gesucht, die so unerwartete Niederlage wenigstens noch für seine Zwecke auszubeuten. Es galt jetzt, den Streit zwischen Griechen und Moslems zu fördern und die Fanarioten zu offenem Widerstand mit den Waffen in der Hand zu ermuntern. Die Nachricht von einem Kampf zwischen der christlichen und türkischen Bevölkerung der Hauptstadt mußte im ganzen Lande widerhallen und konnte zu allgemeinem Aufruhr führen. Ein Aufruhr, der von den russischen Agenten mit allen Mitteln angebahnt wurde. Dem Baron und seinen Begleitern gelang es, am Ufer von Galata die Barke eines Kauffahrers zu finden. Sie warfen sich mit in die Ruder. Das Boot flog durch die dunkeln, schäumenden Wellen nach der Fanariotenstadt. Drüben in Stambul tönte wüster Lärm. Der Platz um den Palast der Hohen Pforte glänzte im Fackelschein. Als sie durch die zweite Brücke fuhren, kamen sie in das Gewühl der noch immer zum anderen Ufer strömenden Menge. Der grelle Schein der auflodernden Feuersbrunst, das Zickzack der Blitze erhellte die Gesichter: Angst und Schrecken, Zorn und Rachedurst ringsumher. Mit Gewalt brachen sie sich Bahn durch die Kaiks. Das Boot, von Geurgios gelenkt, schoß in den Bootschuppen seines Hafens. Geschrei, Angstgekreisch der Frauen, das Johlen der wilden Banden von Mördern und Mordbrennern, die durch die Straßen tobten, durchheulte die Luft. Gregors Herz schlug hoch erregt, wenn er an die Gefahr seines Schützlings dachte. Die Freunde warfen sich, nachdem sie sich überzeugt, daß das Haus noch nicht gefährdet war, in die nächsten Gassen und suchten die vorübereilenden Fanarioten zu sammeln, um den Flammen Einhalt zu tun und den Moslems mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten. Caraiskakis übernahm es, das Haus zu schützen. Im Dunkel suchte er noch vergeblich den Eingang. Plötzlich erschreckte ihn das Hilfsgeschrei von Frauen und der Ruf von Männern, die gegen die äußere Pforte tobten. Das Haus war angegriffen. Wenige Augenblicke später sah er den neuen Feuerschein eines nahegelegenen Gebäudes ringsumher alles erhellen. Er hatte den Eingang zum Hause endlich gefunden, stieß die schwache Tür nieder und stürmte in das Innere. Vaso, der bei ihm zurückgeblieben, folgte ihm.   Die beiden Busenfreunde, Master Frank und Gosset, hatten verschiedene Tassen Kaffee und Gläser Likör vertilgt. Einige Pfeifen des duftenden Tabaks von Latakia machten den Zustand ihres Gehirns keineswegs klarer. Endlich schaute Frank auf seine Uhr und streckte den Kopf aus der Tür des Hauses, um als echter Seemann das Wetter zu prüfen, ehe sie ihre ehrenwerte Unternehmung begannen. »Wir werden eine verteufelt schlechte Fahrt haben«, meinte er. »Unsere Sultanin wird mit Spritzwasser eingeweicht werden. Der Wind stürmt. Überall stehen Gewitter. Man weiß in diesem verteufelten Lande nie, wie man dran ist. Vorwärts, Gosset! Auf, Faulpelz! Wir müssen an Bord unserer Jolle.« Mit einigen Püffen wurde der Jüngste endlich munter gemacht. Beide eilten ans Ufer, nahmen an der bestimmten Stelle die vorausbezahlte Barke des Handelsschiffes in Empfang, wobei der Eigentümer im stillen herzlich wünschte, daß sie mitsamt den Midshipmen zum Teufel gehen möge, damit er das gute Pfandgeld in der Tasche behalten könne. Die Mids, die Verstand genug besaßen, bei einem solchen Unternehmen keine Bootsführer ins Vertrauen zu ziehen, ergriffen die Ruder und arbeiteten sich bald in den freien Strom. Da sie beide an die See gewöhnt waren, machten sie sich aus Wind und Wellen herzlich wenig. Die Arbeit und das Spritzwasser ernüchterten sie bald völlig, so daß sie in bester Beschaffenheit endlich am Ufer der Fanariotenstadt ankamen. Dagegen fanden sie im Aufsuchen einer passenden Landungsstelle und des Hauses, in dem ihre Sultana eingeschlossen war, allerlei Schwierigkeiten. So verging geraume Zeit, ehe sie die Straße wieder erreichten. Endlich glaubten sie auf der richtigen Spur zu sein; denn an einem der Fensterläden peitschte wirklich der Wind ein angeknotetes Tuch. Rasch gab Frank das Zeichen. Nausika, die vor Ungeduld und übler Laune fast vergangen war, öffnete die Läden und zeigte sich an dem dunklen Fenster. In der Entfernung vernahm man den beginnenden Tumult. »Schöne Sultanin, Perle aller morgenländischen Frauen,« sagte der Mid in hochtrabendem Tone, »dein Ritter und Befreier ist mit seinem getreuen Schildknappen zur Stelle. Eine Strickleiter haben wir leider nicht auftreiben können; aber habe die Gewogenheit, einige Augenblicke von diesem Fenster zurückzutreten – ich werde sogleich ein Knotenseil hineinwerfen, das du oben festmachen kannst. Ich werde dich daran in meinen Armen hinuntertragen.« Gosset hörte mit offenem Munde der zierlichen Beredsamkeit seines Kameraden zu. Er erhielt die Anweisung, in der Straße auf Posten zu bleiben. Mit geschicktem Wurf schleuderte Frank das Ende des Taues, an dem ein Haken befestigt war, in das Fenster. Nausika klammerte es fest. Der tapfere Seezögling kletterte mit der Behendigkeit eines Affen an dem Strick hoch und schwang sich über die Brüstung ins Zimmer. »Der Teufel soll unsere besten Stangen holen und der Kapitän alle Tage sämtliche Mids mit echtem Portwein tränken,« schwor er, »wenn ich Euch in dieser Kajüte sehe; so dunkel ist es. Warum steckt Ihr keine Lampe oder kein Licht an, schöne Sultana, damit ich wenigstens Eure Schönheit bewundern kann?« – Eine weiche Hand faßte die seine und drückte sie. Der Mid glaubte seinem Anspruch auf Männlichkeit nicht anders genügen zu können, als mit einem herzhaften Kuß. Nausika hatte jedoch jetzt andere Gedanken, als leere Liebeständeleien. Sie wünschte vor allem, ihren bisherigen Aufenthalt zu verlassen. »Hast du nichts vernommen, schöner Franke? – Es scheint Tumult in der Stadt. Das Feuerzeichen des Seraskiats leuchtet. Ich fürchtete schon, du würdest nicht kommen.« »Pah«, sagte Frank. »Was kümmert mich der Brand von ganz Stambul? Ein Engländer hält sein Wort. Aber nun laßt uns keine Zeit versäumen, schöne Sultana. Nehmt Eure Sachen und vergeßt die Diamanten nicht, damit wir uns davonmachen können.« Nausika hatte schon bei Tage in ihrem Zimmer zusammengeräumt, was des Mitnehmens wert schien und band es jetzt rasch in ein Bündel zusammen. Frank befestigte das Tau im Inneren noch besser. Da hörte man plötzlich Lärmen in der Straße. Im nächsten Augenblick erschien der Kopf, dann die schmächtige Gestalt des Midshipmans Gosset über der Fensterbrüstung und seine werte Person sprang gleichfalls in das Zimmer. »Pest«, fluchte der hoffnungsvolle Jüngling und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »Da draußen scheint der Boden für uns zu heiß zu werden. Ich wollte, alle Sultaninnen des Großherrn lägen auf dem Grund des Bosporus und wir säßen bei Tee und Schiffszwieback in der Kajüte der ›Niger‹. Es ist ein Mordlärmen in der Stadt, Frank. Feuerschein ringsum. Eine Menge Leute sind auf den Beinen und rennen durch die Gassen. Ich konnte nichts Besseres tun, als dir zu folgen.« Frank bog sich vorsichtig zum Fenster hinaus und fand die Besorgnis seines Kameraden mehr als bestätigt. Das Licht der nahen Feuersbrunst erhellte die Umgebung so weit, daß an ein unbemerktes Entwischen aus dem Fenster vorläufig nicht zu denken war. Frauen und Männer liefen schreiend durch die Gasse. Überall wurden Lichter angezündet, Türen geöffnet. Frank war froh, daß er das im Winde schlagende Seil, ihre Brücke zur Flucht, noch geschwind und unbemerkt in das Fenster ziehen konnte. Auch im Hause wurde es laut. Man hörte ängstliches Umherrennen. Die Tür aus dem Innern des Hauses wurde zu öffnen versucht, aber durch den Riegel, den Nausika vorgeschoben, festgehalten. Der zweite Ausgang nach dem Flur und der Treppe war durch Geurgios von außen verschlossen worden. Nausika zitterte in Angst und Furcht und war ratlos. Auch den beiden Midshipmen war nicht sehr wohl zumute. Sie sahen sich in einer Mausefalle und wußten, daß sie sich noch sehr glücklich schätzen konnten, wenn sie mit einer tüchtigen Tracht Prügel davonkamen. Indes ein Mid verliert nie den Mut und die Hoffnung, sich aus der Klemme zu bringen, solange noch Atem in seinem Leibe ist. Nach kurzer Beratung kamen die beiden überein, daß sie am besten die weitere Entwicklung oder die Wiederherstellung der Ruhe da abwarten könnten, wo sie sich nun einmal befanden. Die Wahl machte ihnen freilich keine Schwierigkeit. Indes Nausika weinte und klagte, setzten die jungen Mids ihre Waffen für alle Fälle in Bereitschaft und spähten durch Fenster und Schlüsselloch. – Es war schon dunkel, als Sir Edward Maubridge, der Baronet, um Neues über die Bewegungen in Konstantinopel zu hören, sich nach Tershana rudern ließ. Er gelangte eben an Bord der ›Niger‹, als der Kapitän mit den Offizieren auf dem Hinterdeck der Fregatte stand, um die auf dem andern Ufer in der Fanariotenstadt ausgebrochene Feuersbrunst zu beobachten. Er wurde aufs freundlichste von allen begrüßt. »Die Gesellschaft der jungen Burschen«, meinte lächelnd der Kapitän, »scheint Ihnen nicht lange zugesagt zu haben. Ich hoffe jedoch, Sie haben sie sicher untergebracht, damit sie ihre Nase nicht auch in den Lärm stecken und zu Schaden kommen.« »Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Kapitän«, erwiderte der Baronet. »Wo ist Frank?« »Nun, zum Teufel, wo soll er sein, als bei Ihnen! Er und der junge Schlingel Gosset. Sie haben sie ja selber eingeladen.« Der Baronet sah ihn groß an. »Ich verstehe kein Wort. Ich komme eben, um Sie und Frank zu besuchen; denn im Gesandtschaftshotel steht alles auf dem Kopf. Kein Mensch hat Zeit zu einer vernünftigen Unterhaltung.« »So soll das Wetter doch gleich in meinen besten Mast schlagen, wenn die jungen Halunken mich nicht da gründlich belogen haben. Ihr Bruder, Sir, wies mir eine schriftliche Einladung von Ihnen vor und erbat sich darauf für diese Nacht Urlaub.« »Ich dachte nicht daran! Aber wo mögen diese vertrackten Jungens hin sein in diesem Gewühl? Sie werden verunglücken!« »Da sehen Sie!« schrie der Kapitän. Er wies auf den Menschenstrom, der sich von der Höhe der Vorstädte zum Goldenen Horn drängte; »unsere Mids haben den Tumult gewittert und sitzen sicherlich mitten drin.« Der Erste Leutnant erzählte jetzt, was er von Adams gehört. Der Deckmeister wurde eilig herbeigerufen und näher befragt. Sein Bericht erweckte ernstlich die Besorgnis des Kapitäns und des Baronets. »Wenn die Unbesonnenen sich in irgendeinen tollen Streich eingelassen haben, wo Frauen im Spiel sind, so sind sie verloren«, sagte Maubridge; »kannst du den Ort wiederfinden, wo du den jungen Narren heute getroffen hast?« »Hm,« meinte Adams, »ich müßte kein Seemannsauge für eine Landmarke haben, wenn ich's nicht könnte! Diese Dinger, die sie Häuser nennen, sind zwar hier einander verteufelt ähnlich. Aber ich witterte gleich Unheil und hab' mir die Fahrt gemerkt.« »Wollen Sie mir ein Boot geben, Kapitän, und einige zuverlässige Leute?« »Die sollen Sie haben, Edward. Eine ganze Bootsmannschaft und ihren Offizier dazu. Den zweiten Kutter ins Wasser, die Leute bewaffnet hinein. Der Teufel scheint dort drüben los; denn ein Feuer nach dem andern geht in die Höhe. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich die Burschen so leichtsinnig fortgelassen habe, da doch schon der Tumult in der Stadt war. Fort, Jungens, sputet euch!« Der Erste Leutnant trieb die Mannschaft an; ehe fünf Minuten vergingen, war der Kutter bereit. Die Matrosen sprangen hinein, mit Enterbeilen und Kurzsäbeln bewaffnet; der Zweite Leutnant saß schon im Boot. Maubridge, der eilig die Pistolen des Kapitäns geholt hatte, und der Deckmeister folgten. »Abgestoßen!« Sechs Ruder tauchten in die Wellen. Das Boot schoß in das Dunkel des Goldenen Horns. – – – Die Tür des Hauses von Geurgios krachte unter den Schlägen der Brecheisen in den Händen der Banditen Geronimos. Wilde Gestalten stürzten in das Innere. Ihr Mordio gellte durch das Haus hinter den flüchtenden und zeternden Weibern drein. »Nach oben, nach oben!« herrschte Hassan, der Führer, seine Genossen an. »Ihr wißt, was der Kneipenwirt uns aufgetragen hat. Dann ist's Zeit zum Plündern.« Der Arnaut mit vier Gefährten sprang die enge Treppe hinauf; Schemel, Stühle, Tische, alles, was sich werfen ließ, flog ihnen jedoch entgegen auf die Köpfe, und trieb sie wieder zurück. »Lahnet bi Scheitan!« fluchte der wüste Mörder; »hinauf Memmen!« Sein Pistolenschuß knallte die Treppe hinan, die halb gefüllt war mit einer Barrikade von Möbeln und Kissen jeder Art. »Gib's ihnen brav, Frank!« schrie der kleine Gosset. »Immer die Vordersten!« Die Kugel des kecken Midshipman traf einen der Banditen in die Schulter, so daß er blutend und fluchend zurücktaumelte. Während die Mids noch unentschlossen auf den Lärm am Eingang des Hauses gelauscht hatten und Nausika in Todesangst in einem Winkel des Gemaches auf den Knien lag, bald christliche, bald türkische Gebete jammernd, flogen rasche Tritte von außen zur Tür. Ein Schlüssel wurde ins Schloß gesteckt. Ehe noch die Midshipmen Widerstand zu leisten vermochten, wurde die Tür aufgerissen und Gregor Caraiskakis, gefolgt von Vaso, eilte herein. Erstaunt und starr blieb er stehen; Nausika warf sich hilfesuchend in seinen Arm. Der Schein der nahen Feuersbrunst erhellte jetzt genügend das Gemach und zeigte ihm die beiden jugendlichen Offiziere, die ihre Pistolen in der Hand hielten. »Was soll das heißen? – Wie kommen die Fremden hierher?« Aber der Sturm draußen an der Haustür verschlang die Antwort Nausikas und die verlegene Ausrede der Engländer. Es war keine Zeit zu Nachfragen und Erklärungen. »Wenn Sie Männer von Ehre und Herz sind,« rief der Grieche, »so helfen Sie mir dies Haus gegen das mörderische Gesindel verteidigen, das den Eingang stürmt. Ich sehe, Sie sind bewaffnet. Lassen Sie uns die Treppe zum oberen Stock halten!« Ein Säbel, den er in einem der Gemächer gefunden, war seine einzige Waffe. Frank reichte ihm sogleich eine der Pistolen. Die drängende Gefahr hatte die peinliche Lage des jungen Mannes aufgehoben. Die Aussicht auf den Kampf verscheuchte im Nu alle Torheiten und allen Leichtsinn. Sein Mut und seine Entschlossenheit zeigten das gute Blut. »Vorwärts, Sir! Ich helfe Ihnen. Gosset, lade die Pistolen! Schütze unsere schöne Sultana!« Eilig schleppte er die Möbel, die er tragen konnte, zur nahen Treppe; denn eben brach die Haustür unter den Händen der Banditen. Aber Nausika hatte schon einen anderen Freund und Beschützer gefunden. Aus weit aufgerissenen Augen hatte Vaso seine Braut angestarrt. Dann sprang er auf sie zu und riß sie gewaltsam in seine Arme. »Nausika! Bist du es wirklich, meine Braut, mein Weib? Du hier in Byzanz?« Mit Entsetzen und Erstaunen hatte Caraiskakis die Worte des Soldaten gehört. Ein Blick auf die Verwirrung Nausikas überzeugte ihn von der Wahrheit. Das Weib, das ihm Herz und Sinne so zauberschnell umstrickt, die Tochter Jan Katarchis, dessen Haupt für ihn gefallen? – Und so, mit dem Schimpf des Mädchens, hatte er das blutige Opfer vergolten? Seine Gedanken wirbelten. Da rief ihn der Schuß des Banditen und die Stimme des Midshipman zum Bewußtsein und zu seiner Pflicht zurück. Im nächsten Augenblick stand er an Franks Seite und schleuderte die schweren Geräte nach den Angreifern. »Hurra für Alt-England!« schrie der kleine Mid. »Drauf, Frank! Pfeffere sie tüchtig!« Und sein Ruf fand ein Echo; denn aus der Gasse herauf donnerte es aus zehn Kehlen über den Lärm der Feuersbrunst und das Geschrei der Griechen: »Hurra für Alt-England!« Die Matrosen der ›Niger‹ von Adams und dem Baronet geführt, stürzten heran und jubelten hoch auf, als sie die Stimme des Knaben hörten. »Hurra, Frank! Brav gehalten! Es kommt Entsatz: Adams und dein Bruder Edward! Hierher, Männer! Greift sie von vorn an und bringt die Halunken zwischen zwei Feuer!« Aber es tat auch not, daß Hilfe kam. Denn wie Teufel, der Hölle entsprungen, stürmten die Banditen die Treppe. »Das Seil! Das Seil!« rief der wackere Frank seinem jungen Kameraden zurück. »Denk' an das Seil, Gosset. Rette die Sultana!« Der kleine Mid hörte den Ruf seines Gefährten. Mit Vasos Hilfe schleppte er die halb ohnmächtige Nausika zum Fenster, schlang den Strick um sie und ließ sie hinabgleiten. Der Baronet fing sie auf. Kaum war das Tau am Boden, so hatte es auch der alte Deckmeister erfaßt und schwang sich mit der Gewandtheit eines Seemannes, der im Sturm die Tauwand erklimmt, hinauf in das Gemach. Andere folgten ihm. »Hurra, Master Frank!« Hassan voran, stürmten die Banditen des Kahwedschi wie rasend die Treppe, über Möbel und Gegenstände, mit denen Frank und Caraiskakis sie gefüllt. Einen zweiten der Stürmenden schoß Gregor nieder. Doch den beiden anderen Kugeln wichen die Männer aus. Zum Laden war keine Zeit mehr, über die Barrikaden hinweg wurden sie handgemein; aber auch die schwache Schutzwehr riß die starke Faust der Stürmenden bald zur Seite. Ihre Handschars und Dolche klirrten gegen die Säbel und den Kurzdegen der Verteidiger. Gregor sprang zur Tür zurück und rief seinen tapfern jungen Gefährten. Der Midshipman jedoch, von einem leichten Dolchstoß in die Seite getroffen, strauchelte und fiel. Im Augenblick war Hassan, der Arnaut, neben ihm und erhob den blinkenden Yatagan zum Todesstoß. Aber Caraiskakis hatte den Fall Frank Maubridges gesehen – im Nu sprang er vorwärts mitten unter die Angreifer. Sein Säbel fing, zersplitternd am Gefäß, den schweren Yataganhieb auf. Dann schmetterte er den Griff dem Banditen ins Gesicht, faßte mit der Linken den Bruder des Baronets und suchte ihn fortzuschleppen. »Brav gemacht, Mann! – Heran, Jungens!« schrie eine Stimme hinter ihm. Der kräftige Schwung des Enterbeils deckte Gregor gegen die erhobenen Waffen seiner Bedränger. »Drauf auf die Schufte!« Die kräftige Gestalt des alten Deckmeisters sprang in die Gruppe. Zwei Matrosen folgten. Die unverhoffte Hilfe wendete sofort den Kampf. Die drei Banditen jagten Hals über Kopf die Treppe hinab und aus dem Hause, an dessen Eingang ihre Kameraden sich mit den Fanarioten und einigen Matrosen schlugen. Adams half dem Midshipman empor. »Da habt Ihr die Bescherung, toller Bursche«, sagte er ärgerlich. »Kein Unterrock in der ganzen Welt ist wert, daß ein wackerer Seemann sich dafür ein Loch in den Leib rennen läßt. Wie geht's Euch, Master Frank? Redet! Ich hoffe, es ist nicht so schlimm, und der brave Mann hier ist nicht zu spät gekommen!« »Ich glaube nicht«, murrte der Midshipman. »Aber Zeit war es. Ich bin in die Hüfte gestochen und der Erste Leutnant wird es vorerst bleiben lassen müssen, mich in den Mastkorb zu schicken. Aber wo führt dich der Henker zu so glücklicher Zeit her, alter Seewolf?« »Dazu gibt es nachher Zeit. Jetzt laß uns machen, daß wir zu unseren Burschen kommen!« entgegnete Adams. Er hob den jungen Midshipman empor und trug ihn mit Gregors Hilfe die Treppe hinab. »Damned!« rief er plötzlich, als unten der Feuerschein hell auf das Gesicht des Griechen fiel. »Ich sollte meinen, wir kennen uns; seid Ihr nicht der Mann von Smyrna?« Caraiskakis schaute ihn finster an bei der Erinnerung. »Ich weiß nichts von Euch.« »Glaub' es wohl,« meinte der alte Matrose, »aber ich kenne Euch desto besser. Es freut mich um Master Franks willen, daß ich Euch damals mit dem Schießprügel nicht durch den Kopf geschossen habe, als Ihr Sir Edward Eure Schwester abjagtet und uns klopftet. Wir waren auf schlechtem Wege und fochten für keine gute Sache. Aber es ist brav von Euch, Freund, daß Ihr des Baronets Bruder so wacker beigestanden habt.« Caraiskakis ließ den Jüngling fallen. »Dies ist der Bruder des Lord Edward Maubridge?« fragte er wild. »Nun ja, Mann. Was tut's? Ein braver Mann hilft dem andern gegen das Gesindel. Hierher, Hodges! Dick! Helft mir unsern Mid zum Boot tragen.« Gregor faßte den Arm des Deckmeisters, während die Gerufenen herbeisprangen und den Midshipman aus dem Getümmel schleppten. »Wo ist das Weib, das wir im Hause verteidigten?« »Ei, zum Henker, wo wird die verteufelte Landnixe sein? In die Arme Sir Edwards fiel sie, gerade aus dem Fenster. Schaut, da läuft sie in der Mitte unserer Leute. Und die Haifische sollen mich fressen, wenn der Baronet nicht schon längsseits von ihr liegt.« Die Mordbrenner aus dem Malthesergäßchen hatten die Übermacht der von allen Seiten zur Verteidigung ihrer Habe herbeieilenden Fanarioten erkannt. Sie schlugen sich nach allen Seiten durch und zerstreuten sich; die Griechen waren bemüht, das Feuer zu löschen, und die Engländer – Frank und die von dem Baronet geführte Nausika in ihrer Mitte – drängten sich durch die Menge nach ihrem Boote. »Nausika!« schrie Caraiskakis. Er warf sich in die Menschenwoge, die sich wieder um die Matrosen geschlossen. »Zu mir, Freunde! Das Mädchen gehört zu uns!« Aber wer kümmerte sich in der eigenen Bedrängnis und Not um das Weib in türkischer Tracht! Gosset hatte mit einigen verwirrten Worten dem Baronet berichtet, daß es eine vornehme Sultana wäre, die hier gefangengehalten worden sei. Frank habe sie befreien wollen. Nausika, von der augenblicklichen Gefahr befreit, begriff schnell ihre Lage und die günstigste Gelegenheit für ihre Wünsche. »O, Effendi, rette mich aus dieser Not! Ich bin eine Gefangene und verloren ohne Euch«, schmeichelte sie in fränkischer Sprache zu Edward Maubridge, dessen Arm sie unterstützte. Sie waren schon nahe am Boot, in dem zwei der Matrosen zurückgeblieben waren, als Caraiskakis endlich die Engländer erreichte. Sir Edward sah mit Erstaunen und Erbitterung plötzlich seinen Todfeind vor sich. »Das Weib, Mylord!« herrschte Caraiskakis ihm zu. »Sie haben kein Recht auf sie; das Weib ist mein!« Der Baronet stieß ihn zurück. »Ist dies Weib das Ihre, so nehme ich es, wie Sie mein Kind geraubt! Nur für dies Lösegeld sollen Sie diese Frau haben! Ins Boot mit ihr!« Gosset zog die willige Nausika fort. Mit einem Sprung war Gregor bei dem Baronet und faßte ihn an der Kehle. »Mädchendieb!« »Nieder mit dem Schuft!« schrie der mit Adams herbeikommende Leutnant. Der Hieb seines Kurzdegens sauste schwer auf den Schädel des Griechen nieder. Gregor brach bewußtlos zu Boden wie ein gefällter Baum. »Fort mit Ihnen, Maubridge. Wir haben, was wir wollen!« Der Deckmeister hatte sich über den Niedergestreckten gebeugt. »Ist er tot?« fragte nicht ohne Teilnahme der Baronet. »Ich denke! – Schade um den Mann; es war nicht besser als ein Mord«, murmelte der alte Adams. »Und das alles um einen verdammten Weiberrock!« Der besonnene Leutnant zog sie fort zum Boot; denn ein Haufe Fanarioten mit Geurgios an der Spitze stürmte herbei. Das englische Boot stieß hinaus in das Goldene Horn. Jammernd rannte Vaso am Ufer umher. Die Matrosen hatten ihn zurückgetrieben, als er der Wiedergefundenen folgen wollte.   Am dritten Morgen nach dem Aufruhr erwachte Gregor Caraiskakis aus tiefem Schlafe auf einem ärmlichen Lager in einem griechischen Hause der Vorstadt Ejoub. Sein Kopf war mit Binden umwickelt. An seinem Lager saß in trübem Sinnen Vaso, der entflohene Schiffssoldat. Der Hieb des Leutnants hatte ihn absichtlich nur flach getroffen und durch seine Wucht betäubt zu Boden geworfen. Doch war ihm Ruhe nötig, und Geurgios, der Fanariot, hatte ihm Verborgenheit anbefohlen; denn in Konstantinopel hatten die Nacht und der nächste Tag eine neue Wendung der Dinge gebracht. Während im Fanar die Feuersbrunst – wie es hieß, vom Blitzstrahl entzündet – in die Wolken flammte und an hundert Gebäude verzehrte, hatte sich der Strom der fanatischen Moslems, an der Spitze die Softas und Ulemas, nach dem Platz der Hohen Pforte gewendet. Drohend und tobend, beim Schein der Fackeln dem Unwetter trotzend, forderten sie vor dem Palast die Auslieferung Reschid Paschas. Aber Redschid hatte sich bei dem ersten Anzeichen des Sturmes nach Tschiragan geflüchtet. Dorthin folgte ihm auch der Großwesir. Jeden Augenblick stieg die Erregung unter der türkischen Bevölkerung Stambuls. Am Morgen erließ der Großwesir den Befehl, alle Moscheen, die Hauptversammlungsorte des Aufstandes, an denen die Softas fortwährend das Volk aufhetzten, zu schließen. Aber die Masse versammelte sich jetzt auf den öffentlichen Plätzen und nahm eine noch drohendere Haltung an. Jetzt erhielten die Garden den Befehl, einzuschreiten und mit Gewalt den Aufruhr zu unterdrücken; er hatte sich schon so ausgedehnt, daß Lord Redcliffe zur Beruhigung eine Ankündigung an die britischen Untertanen erlassen mußte, in der er Aufnahme und Schutz auf den britischen Schiffen verhieß. Die Garden rückten von ihren Kasernen aus und besetzten das Serail, die Pforte und die Suleimanje, wo die Schätze des ganzen Reiches wie in einem großen Pfandhaus in Koffern aufbewahrt werden. Aber sie weigerten sich, das Volk anzugreifen ohne Befehl Ruschdi Paschas, ihres bisherigen Kommandanten. Ruschdi Pascha befand sich im Seraskiat. Dorthin hatte Mehemed einen Ministerrat berufen. An verschiedenen Stellen, wo das Volk versammelt war, begannen die Softas während des Tages ganz offen die Thronerhebung Abd ul Aziz' zu verkünden. Die griechische Bevölkerung wagte sich nicht mehr zu rühren. Sie zitterte seit den Vorgängen des letzten Abends für ihr Leben und ihre Habe. Die Regierung befand sich am Morgen des 22. Dezember nur noch im Seraskiat und in den Händen Mehemed Alis. Bei dem schwachen und ängstlichen Charakter des Sultans fühlte die Friedenspartei, daß jetzt nichts zu machen sei. Ein Nachgeben war nötig, wollte man nicht allen Einfluß verlieren. Chosrew Pascha riet selber dazu; als daher am Vormittag Adilé, die Schwester des Großherrn, nach Tschiragan kam, fanden ihre Worte beim Sultan ein williges Gehör. Am Mittag hatten Lord Redcliffe und General d'Hilliers einen längeren Empfang bei dem Sultan. Sie bewiesen ihm, daß nur ein unbedingtes Eingehen auf die Wünsche Frankreichs und Englands die Türkei und seinen Thron zu sichern vermöchte. Eine Stunde später erschien der Seraskier im Palast – seiner Sache so sicher, daß er ohne alle Begleitung kam. Als er sich nach einer längeren Unterredung entfernte, geschah es in der Haltung eines Siegers. Er vergaß, daß in dem Herzen eines Morgenländers das Gefühl einer Beleidigung nie stirbt. Unter der trügerischen Blumendecke der Freundschaft und Versöhnung lauert die Schlange des Hasses, bis sie ihren Giftzahn in das Opfer schlagen kann. Der Padischah war gedemütigt. Der Padischah wartete auf seine Zeit. Noch am gleichen Tage hatte Redschid Pascha, der sich an Bord der ›Queen‹ geflüchtet, seine Entlassung eingereicht. Aber der Sultan hatte sie auf den Rat des englischen Gesandten nicht angenommen. Dagegen durfte der Seraskier unbehindert eine scharfe Verfolgung aller Russenfreunde beginnen. Viele Führer der Griechenpartei wurden eingekerkert. Das waren die Nachrichten, die am Abend vorher Geurgios, der sich von seinem Hause entfernt hielt, Caraiskakis gebracht hatte. – Auf seine Fragen hörte Caraiskakis von Vaso, daß Geurgios heute noch nicht in Ejoub gewesen sei. Als er endlich kam, erkannte Gregor leicht, daß seine Neuigkeiten noch schlimmer als die früheren waren. »Es freut mich, Sie soweit wieder hergestellt zu sehen«, sagte der Fanariot. »Denn es wird gut sein, wenn wir noch diese Nacht Konstantinopel für einige Zeit verlassen. Der Baron Oelsner ist auf Betreiben der englischen Gesandtschaft von der türkischen Polizei als russischer Agent verhaftet worden. Mehemed Ali hat, um seinen Frieden mit dem Padischah zu machen, verräterisch an den eigenen Werkzeugen seiner Ränke gehandelt. Er hat vierhundert Softas aufgreifen lassen, um sie als Rebellen auf die Galeeren nach Kreta zu schicken. Der Todfeind unseres Glaubens unterhandelt mit den beiden Gesandten wegen der Einschiffung eines Hilfskorps.« »Aber der Baron? – Sollen wir ihn feig im Stich lassen?« »Signor Oelsnero«, lachte Geurgios, »hat Mittel zu seiner Sicherheit mehr in Händen als wir. Er wird sich schon zu befreien wissen. Wir werden ihm am Balkan bessere Dienste leisten als hier.« »Und – Nausika?« – »Bei Sankt Demeter – was kümmert sie uns? Wollen wir eines Weibes wegen den Kopf in die Schlinge stecken? Diese Teufel von Türken schneiden einem Christen den Kopf ab und stellen ihn zwischen seine Beine, ehe er ein Kreuz schlagen kann, wenn es ihre Weiber gilt. Der Boden von Konstantinopel ist für Sie doppelt gefährlich. Und ich traue meinen eigenen Leuten nicht mehr.« »Wie meinen Sie das?« »Lesen Sie. Ihr Bruder, der Kapitano Anastasius Caraiskakis, hat die Fahne des Kreuzes in Thessalien erhoben. Die Griechen strömen von allen Seiten ihm zu. Mögen die Heiligen ihnen besseres Gelingen geben als uns hier!« Der Fanariot warf ihm eine Nummer der Elpis und eine Ankündigung in griechischer Sprache zu. Tausende wurden als Flugblätter durch Griechenland und das südliche Rumelien, selbst bis nach Konstantinopel hin, verbreitet. »Ich habe beides durch einen Bundesbruder erhalten.« Gregor sprang auf; alle Schwäche, alle Gedanken an seine eigenen Kämpfe waren verschwunden, als er den Aufruf seines kühnen und tapfern Bruders in der Hand hielt. Er las: »An die geknechteten Griechen von Thessalien, Mazedonien, Thrazien und Epirus, Kleinasien, Kandia und allen Inseln des Archipelagus. Brüder und Landsleute! Zu den Waffen! Zu den Waffen! Seit vier Jahrhunderten seufzt Ihr unter türkischem Joch. Die glückliche Stunde ist gekommen. Erhebt Euch und verliert keine Zeit; der Halbmond verschwinde vor dem Kreuz! Eure Sache ist eine heilige, und der Allmächtige wird Euch beistehen. Denkt an den Ruhm Eurer edlen Ahnen und errötet über Eure Entwürdigung. Fürchtet nicht die Bluthunde des Sultans noch seine glaubensabtrünnigen Freunde; es sind wilde, aber feige Horden, die Ihr schnell besiegen und zerstreuen werdet. Erhebt Euch, kämpft und laßt Euer Schwert nicht einen Augenblick rasten, bis Ihr es dem letzten Moslem ins Herz gestoßen! Nieder mit den Barbaren, den Plünderern Eures ruhmvollen und klassischen Vaterlandes, den Mördern Eurer Brüder von Chios und Kydonia. Eure nordischen Glaubensbrüder vergießen ihr Blut an den Ufern der Donau für Eure Sache. Seid ihnen und ihrem edlen Kaiser dankbar, aber laßt sie nicht allein vollbringen, was zu leisten Eure Pflicht ist. Bald wird jener mächtige Strom die gänzliche Vernichtung der Türkenscharen sehen. Euer Kriegsgeschrei sei: ›Freiheit!‹ Und Ihr werdet gewiß die barbarischen Moslems überwinden. Traut den Franken nicht! Hofft nichts von ihnen für Eure Freiheit; sie sind Eure bittersten Feinde und die Freunde Eurer Unterdrücker. Erinnert Euch, daß die Engländer Parga an die Türken verkauften. Bedenkt, daß die Kanonen der Engländer die Häuser Eurer Landsleute im befreiten Griechenland bedrohten. Und noch schlechter als die Engländer sind die lateinischen Franzosen. Verachtet sie alle – zielt wohl auf den Feind! Gott ist mit Euch, und bald werdet Ihr frei sein. Athen, den 10. (22.) November. Anastasius Caraiskakis.« Blitzenden Auges sah Gregor den Fanarioten an. »O, daß ich bei ihm sein könnte! Daß wir Schulter an Schulter unser Blut für die Befreiung des Vaterlandes einsetzen dürften!« »Seine Kampfstätte ist am Pindos – die Ihre am Balkan. Dorthin ruft Sie das Vaterland.« Im Schatten der nächsten Nacht verließ zum zweiten Male mit Geurgios und Vaso Gregor Caraiskakis die Hauptstadt des türkischen Reiches auf dem Weg zur Donau. Widdin Es war in den ersten Tagen des Januars 1854. Die Wintersonne schien heiter auf das prächtige Schauspiel, das sich an beiden Ufern der Donau bei Widdin, der Stadt der fünfundzwanzig Minaretts, entwickelt hatte. Unterhalb der von alten Festungswerken umgebenen Stadt führte eine Schiffbrücke zu der hochgelegenen Smurda- Insel, die jetzt mit Batterien gespickt war. Darüber hinaus, über den dreihundert Schritt breiten, von einer dünnen Eisdecke bedeckten linken Arm des mächtigen Stromes, verlängerte sich die Brücke bis zum emporsteigenden Ufer von Kalafat. Gegenwärtig die stärkste Stellung der türkischen Armee, sperrte es den Russen den Weg nach Serbien. Die Russen hatten einen großen strategischen Fehler begangen, als sie den Übergang der Türken bei Widdin und ihre Festsetzung in Kalafat so leichthin duldeten. Er rächte sich schwer. Ihm hauptsächlich war es zuzuschreiben, daß die russischen Streitkräfte während des ganzen Winters und Frühjahrs ihr Augenmerk auf die Sicherung der Kleinen Walachei richten mußten. So gaben sie dem Gegner auf dem rechten Ufer Gelegenheit, sich zu stärken und die Hilfe der Westmächte abzuwarten. Die Bewachung der Türken bei Kalafat verhinderte fast acht Monate lang alle Bewegungen an der unteren Donau. Die Türken hatten den günstig gelegenen Ort mit einer Verschanzung von sechstausend Schritt Länge umgeben, die an beiden Enden in ein Fort auslief. Die Verschanzung bildete nach den russischen Stellungen zu einen vorspringenden Winkel und war nach je sechshundert Schritt durch eine mit schwerem Geschütz bestückte Bastion oder Lünette – eine halbkreisförmige Festungsschanze – befestigt. Eine innere Linie von vier Redouten – Feldschanzen – zur Aufnahme der Ersatztruppen bildete zugleich eine zweite Verteidigungsfront. Auf einer Anhöhe zur Rechten bestrich außerdem eine sehr gut gelegene Feldschanze die Flanken. Auf der Insel, deren Zugang durch einen Brückenkopf geschützt war, standen vier Batterien, jede von fünf Stück schwerem Geschütz, deren Feuer im Notfall über die Verschanzungen hinweg trug. Die türkischen Vorposten dehnten sich im Halbkreis um die Verschanzungen auf die Entfernung von zwei bis drei Wegstunden aus und begegneten dort denen der Russen in täglichen Scharmützeln. Am Vormittag war große Besichtigung der Truppen in Kalafat und in Widdin gewesen. Die verschiedenen Korps rückten wieder in ihre Quartiere. Der Muschir selber mit seinem Generalstab war seit drei Tagen in Widdin und wollte wieder abreisen. Die Masse des Gefolges und die zahlreiche militärische Begleitung, die die Straßen und den Konak des Statthalters von Widdin, bei dem der Serdar Wohnung genommen, füllten, erhöhten das bunte Treiben. Eine Unzahl Pferde, reich gesattelt, wurden im Konak und vor dem Tor umhergeführt, Arabas mit weißen Ochsengespannen standen zur Seite; die Vorhänge um das Oberteil zeigten, daß sie zur Aufnahme von Frauen bestimmt waren. In der Tat führte der Muschir während des ganzen Feldzugs an der Donau seine jüngste Gattin, eine Deutsche aus Siebenbürgen, und deren Schwester mit sich, indes die Bujuk Khanum, die erste Frau, die noch der verstorbene Sultan ihm gegeben und deren Einfluß er hauptsächlich seine Laufbahn und seinen Reichtum verdankte, im Serail und den Harems von Konstantinopel für ihn tätig war. Michael Lattas, der ursprüngliche christliche Name des Muschirs, war zu Anfang des Jahrhunderts in Illyrien geboren. Er trat jung in den österreichischen Militärdienst und verdankte seine Ausbildung einer militärischen Erziehungsanstalt. Als Feldwebel war er in Zengg in das Bureau des Majors Knecicz gekommen, der für ihn väterlich sorgte. Dort verwirrte er jedoch die Kassenverhältnisse seines Wohltäters, machte in Zara auf dessen Namen Schulden und entfloh mit dem erschwindelten Gelde nach Banjaluka und Sarajewo, wo er nach vielfachem Elend Hauslehrer beim Pascha wurde. Dort trat er zum Islam über. Auf Empfehlung des Paschas kam er später als Zeichner in eine türkische Militärschule und schrieb im Auftrag des früheren Sultans geometrische Wandtafeln für den jungen Prinzen Abd ul Medschid. Später wurde er dessen Schreiblehrer und stand, von Abd ul Medschid mit Wohltaten überhäuft, bald an der Spitze der Armee von Rumelien. Den ersten Ruf gewann sich Omer Bei 1842 in Syrien als Befehlshaber im Libanon und dabei trotz seiner Strenge eine solche Beliebtheit, daß die Drusen und Maroniten ihn sogar von der Pforte als Oberhaupt erbaten. Dort scheint zuerst sein rastloser Ehrgeiz geweckt worden zu sein. Wegen seiner Haltung im Libanon zum Pascha ernannt, wurde Omer nach Albanien und später nach Kurdistan geschickt, Aufstände zu unterdrücken. Er tat es eisern und blutig. Von dieser Zeit an galt er am Hof von Stambul als einer der zuverlässigsten und geschicktesten Diener. Als 1848 die Empörung in Bukarest ausbrach, Fürst Bibesko floh und Soliman Pascha die Bewegung nicht zu unterdrücken vermochte, wurde im September Fuad Effendi als Regierungsbeauftragter und Omer Pascha als Befehlshaber des Heeres entsandt, das mit den Russen gemeinschaftlich die Fürstentümer besetzte. Omer Pascha hatte damals die erste Gelegenheit, die russischen Truppen in der Nähe zu beobachten. Vom Ehrgeiz gespornt, bot er den Russen, als General Lüders in Siebenbürgen zur Unterdrückung der ungarischen Revolution einrückte, seine Hilfe an; nur die eifrigen Bemühungen Fuads vermochten ihm das Törichte dieses Schrittes endlich klarzumachen. Sofort verfiel er ins Gegenteil. Während er seine erste Gattin nach Konstantinopel sandte, um allen Folgen seiner unüberlegten Politik vorzubeugen, legte er ganz offen seine Abneigung gegen die Österreicher und selbst gegen die Russen an den Tag. Österreich überging ihn deshalb bei zahlreichen Ordensverteilungen. Dafür rächte er sich durch die ehrenvollste Aufnahme der ungarischen Freiheitskämpfer, als deren Beschützer und Freund er sich von jetzt ab benahm. Ungarn, Deutsche und Polen strömten in Bukarest zusammen und schworen in Omers Palast öffentlich ihren Glauben ab. Jeder der Neubekehrten erhielt drei Dukaten in dem Augenblick, da er den Fes aufsetzte. Aus den gewandtesten Offizieren bildete sich Omer eine eigenartige Umgebung. Sie erregte bald die Aufmerksamkeit Rußlands und Österreichs, und Wien nahm im Frühjahr 1853 aus der Flüchtlingsfrage die ersten Veranlassungen zu seinem Auftreten in Konstantinopel. Diesem Ärgernis in Bukarest machten endlich die Vorstellungen des französischen Generalkonsuls ein Ende. Eine beträchtliche Zahl Generale und höhere Offiziere aus den bekanntesten Adelsfamilien Ungarns und Polens hatten den Fes genommen. Omer selber gab ihre Zahl auf 72 an – dazu 6000 Soldaten. Die spätere Laufbahn Omers ist bekannt. Zum Muschir von Rumelien und im April 1850 zum Militär-Statthalter von Bosnien und der Herzegowina ernannt, unterdrückte er grausam die völkischen Bestrebungen der muselmanischen Bosniaken und Bulgaren, nachdem Tahir Pascha, der bisherige Statthalter von Bosnien, durch Gift beseitigt war. Iskender Bey – der Pole Ilinski – war dabei einer seiner tätigsten und erfolgreichsten Helfer. Nachdem der Aufstand von Omer unterdrückt worden, erfolgte im Anfang des Jahres 1852 die rücksichtslose Entwaffnung der bosnischen Christen. Nach Konstantinopel zurückberufen, wurde der Muschir zwar für einige Zeit infolge der gegen ihn erhobenen Anklagen seines Dienstes enthoben, doch schon das Frühjahr 1853 führte ihn wieder mit erhöhter Macht gegen die Montenegriner. Unzweifelhaft rechnete der Muschir schon 1849, seit seinem ersten Zusammentreffen mit den Russen an der Donau, auf einen großen Krieg mit Rußland. Von dieser Zeit ab stand er im Diwan auf der Seite der Kriegspartei und war, trotz seinen sonstigen sehr freiheitlichen Anschauungen und Gewohnheiten, auf das engste mit den Alttürken verbunden. Die bald nach Beginn des Krieges in Konstantinopel verbreitete Geschichte von einem Vergiftungsversuch gegen Omer und die wiederholten Drohungen der Alttürken bei den Aufständen der Ulemas und Softas, daß der Serdar mit der Armee gegen Konstantinopel rücken werde, wenn der Krieg nicht seinen Fortgang habe, gehörten offenbar mit zu seinen Ränken. Im Tschardak der Lokanda Alexos, des Slowaken, standen zwei Männer, beide in türkischer Uniform, der eine mit den Tressenabzeichen des Offiziers, der andere in dem einfachen blauen Rock mit dem Fes, ein Hekim Baschi, ein Arzt der Armee, Doktor Weiland. Der Befehl seiner Vorgesetzten hatte ihn von Schumla aus nach Widdin geführt, um in den schrecklichen Lazaretten von Widdin Hilfe zu leisten, in denen während des Winters an 10 000 Typhuskranke starben. Der Offizier war ein Jüs Baschi, ein Hauptmann vom 2. Bataillon des 4. rumelischen Ordu , ein Pole von Geburt, Makiewicz, der schon mit Bem übergetreten war und in der türkischen Armee Dienste genommen. Welland hatte ihn durch seine aufmerksame Behandlung vom Wechselfieber befreit, das jetzt Tausende entnervte. Der Pole, der seinen Dienst noch nicht wieder angetreten, beobachtete mit ihm das eigentümliche militärische Schauspiel. »Wissen Sie, Doktor,« sagte Makiewicz, »daß der Muschir gestern den Ober-Ekmekschi und zwei seiner Gehilfen hat erschießen lassen? Die Kanaillen verdienten eine zehnfach härtere Strafe als die ehrliche Kugel! Ihnen und den schurkischen Lieferanten ist es zuzuschreiben, daß ein Fünftel des Heeres in den Lazaretten liegt. Und aus ihnen führt nur für diejenigen ein Weg ins Leben zurück, die unter so freundliche und geschickte Hände geraten wie die Ihren.« »Ich habe davon gehört. So sehr ich die Sache als Mensch beklage, fühle ich doch die Notwendigkeit eiserner Strenge und hoffe von der kurzen Anwesenheit des Muschirs vielfache Verbesserungen. Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Armee bis auf die Baschi Bozuks herab sich tapfer schlagen wird; aber die Unglücklichen verkommen an der grenzenlosen Unordnung und Nichtswürdigkeit, die in allen Teilen ihrer Verpflegung herrscht. Ich habe das Brot gesehen, das für die Truppen nach Kalafat alltäglich gebracht wird, und muß gestehen, unser Vieh würde von solcher Nahrung erkranken! Das Mehl ist mit Rinde, Spänen, Erde und hundert anderm ekelhaft vermischt; halb ausgebacken, im Innern ein reiner Brei, kommt es aus den Bäckereien. Man wirft es in die mit schlammigem Wasser halb angefüllten Boote oder auf durchnäßte Karren und bringt es so ins Lager. Die wenigsten der Soldaten haben während des ganzen Dezembers ein warmes und trockenes Quartier gehabt; die Strümpfe faulen an ihren Füßen. Alles, was sie erhalten – und es ist wenig genug – ist von der schlechtesten Beschaffenheit. Das Lazarettwesen ist in einem scheußlichen Zustand. Von Arzneien ist fast keine Spur vorhanden. Und das ärztliche Personal – daß Gott erbarm! Ich habe selber einen Unterarzt und einen Apotheker – der eine war ein Schneider, der andere ein bankerotter Kaufmann. – Ja, es ist wahr, was ich Ihnen sage! – Sie haben's mir selber gestanden.« Der Pole lachte. »Sie werden noch ganz andere Dinge hier kennenlernen, Doktor! Der Unsinn mit den Ärzten kommt daher, daß in den Augen der Türken jeder Franke von Natur aus ein Hekim ist. Und trotz allem und allem, trotzdem daß diese Menschen seit mehreren Monaten keinen Sold empfangen haben, mit dessen Hilfe sie sich einige Erleichterung verschaffen könnten, ist ihre Aufopferung und ihre Geduld wahrhaft heldenhaft und erhaben. – Ich bewundere sie! – Sie ertragen alle Übelstände mit einer Ergebung, von der unsere europäischen Truppen keine Ahnung haben. Es ist ihr Kismet, für den Koran zu sterben – was kümmert es sie, ob es durch die Kugel oder Krankheit geschieht?« Der Arzt hatte die Erfahrung selber an hundert Sterbelagern gemacht. »Doch lassen Sie uns den Weg hinauf zur Festung gehen«, unterbrach Makiewicz ihre Betrachtungen. »Der Kriegsrat scheint beendigt und der Zug des Muschirs sich in Bewegung zu setzen. Sobald er über die Schanzen der Irregulären hinaus ist, wird es hier voll genug werden.« Die beiden verließen den Tschardak und gingen, begleitet von einigen anderen Offizieren, durch die Gassen, die bei schlechter Witterung Unratgruben glichen und von entsetzlichem Gestank erfüllt waren, nach der Festung. Sie war durch einen Graben von der Stadt abgesondert, in der das Serail des Statthalters liegt. Dort auf einer Erhöhung wartete die Gesellschaft auf den Zug. Eine Abteilung Husaren eröffnete ihn; diesen folgte der Muschir mit seiner Begleitung zu Pferde, der sich die Führer der Armee von Kalafat und Widdin angeschlossen. Omer Pascha stand jetzt im Anfang der Fünfziger. Er war von mittlerer Gestalt; sein Gesicht zeigte einen scharfen, unruhigen Ausdruck in den Augen. Sein Wesen war leicht und sicher, seine Lebendigkeit durchbrach häufig die Schranken der orientalischen Ruhe, die er sich anzueignen suchte. Er sprach geläufig türkisch, italienisch und französisch und selbst ziemlich gut deutsch. »Sie würden mich verbinden, Kamerad,« sagte einer der jungen Offiziere, ein Sardinier, der erst am Tage vorher von Konstantinopel eingetroffen war, »wenn Sie mich etwas mit den Persönlichkeiten bekannt machen wollten.« »Sehr gern, Kamerad. – Da an der Spitze reitet der Muschir, den Sie bereits bei der Parade kennenlernten. Ihm zur Seite, der Alte auf dem schönen Araber, Sami Pascha, der Statthalter dieses schmutzigen Nestes. Pferde und Oglans sind sein Luxus; er hat Geld genug dazu zusammengescharrt. Er ist ein Grieche von Morea und kam als Kind nach Stambul, wo ihn Mehemed Ali, der Vizekönig, zur glückseligen Würde seines Oglans erhob. Als der schlaue Fuchs, den sein Herr zu allerlei Ämtern verwandte, endlich merkte, daß es mit seinem Gebieter zu Ende ging, brachte er seinen Reichtum in Sicherheit und ging nach London, wo er lange den Stutzer gespielt hat. Auch in Paris hat er von sich unangenehm reden gemacht. Als er später nach Stambul zurückkehrte, gewann er sich durch seinen Verrat an Mehemed das Paschalik von Trapezunt und später von Larissa. Vor vier Jahren wurde er endlich hier in Widdin der Nachfolger Husseins, des Janitscharentöters. Seitdem ärgert er die Österreicher, hält auf seine alten Tage einen Harem, von dem man Wunderdinge erzählt, und ist der verschlagenste alte Hund, den ich je gekannt habe!« »Sie schildern in scharfen Zügen«, lachte der junge Mulassim . »Aber der General oder Pascha an der Rechten des Muschirs?« »Das ist Achmet Pascha. Er machte seine Studien auf der Ingenieurschule zu Wien und ist ein ganz einsichtsvoller Türke, versteht aber vom Feldlager nichts. Es wäre nicht auszuhalten, wenn Ismael Pascha ihn nicht manchmal in Bewegung setzte. Ich denke immer, der Muschir hat ihn deswegen an seine Seite gestellt. Sehen Sie den stolzen Mann da auf dem Rappen, dem einzigen in der ganzen Schar – sein Blick scheint Feuer zu sprühen, und das tscherkessische Blut in seinen Adern zeigt sich bei jeder Bewegung. Schaut er nicht aus wie ein König in diesem Kreis schmutziger Moslems?« Welland lachte. »Aber Sie sind ja selber einer geworden! Die halbe Begleitung des Muschirs besteht aus Männern, die den Koran der Bibel vorgezogen haben!« »Pah! Das ist auch der einzige erträgliche Teil der Gesellschaft. – Da, gleich hinter dem Muschir, sehen Sie den Ferik Mustapha Pascha, die Livas Osman Pascha und Mehemed Pascha und Nefwik Bey, Omers Neffe, ein kecker Bursche mit seinen Jägern.« »Und Graf Ilinski – ich wollte sagen Iskender Bey, der berühmte Anführer der Irregulären?« »Da kommt er eben hinterdreingejagt, als säße der Teufel hinter ihm im Sattel, oder als gelte es, eine Bank von zwanzigtausend Piastern zu sprengen! – Er reitet wie ein Kosak und ist am Ende auch einer, nach seinem tatarischen Gesichtsschnitt und seinen Augen zu urteilen. Aber für das Gesindel, das er befehligt, ist er unbezahlbar. Ich möchte wissen, wie wir mit dieser Sammlung von Spitzbuben, Meuchelmördern und Fanatikern fertig werden sollten, wenn wir Iskender Bey nicht hätten und seine beiden trefflichen Adjutanten Hidaët Aga und den Arnautenführer Jacoub Aga.« »Sind sie geborene Türken?« fragte der Sardinier. »Den Teufel auch! – Lassen Sie die beiden die Beleidigung nicht hören, sonst müssen Sie vor ihre Klinge. Es sind Landsleute von mir, wenn ich auch nur den polnischen Namen des einen kenne. Konstantin von Jacoubowski focht bei Grochowo und Ostrolenka und lebte dann mit Mikewicz in Paris. In Lemberg 1848 gefangen und begnadigt, ging er nach Italien und half Rom verteidigen. Von den Franzosen dort vertrieben, hatte er gerade noch Zeit, zu Bern zu stoßen, als der alte Held zur Walachei zog und vor Halim Pascha die Waffen streckte. Seitdem steht er im türkischen Dienst und machte mit Omer die Feldzüge in Bosnien und Montenegro mit. Sie sollen einmal sehen, wie er seinen Arnauten mit blanker Klinge ins Gesicht fuchtelt. Die Russen haben ihr Lebtag nicht soviel Schläge bekommen! Als kürzlich einmal bei einem Begegnen der Vorposten Jacoub'a den Kosaken zurief, sie sollten zu den Türken überlaufen, da hätten sie's besser und kriegten keine Schläge, lachten die Kerle ihn aus und riefen: du lügst, wir haben selber gesehen, wie du prügeln kannst!« Die Gesellschaft lachte über diese Anekdote. »Wer ist Hidaët Aga?« fragte Welland. »O, diesen eben kenne ich nicht und weiß nur, daß er aus einer vornehmen polnischen Familie stammt. Er hat soviel von seinem Vermögen aus dem Schiffbruch der Revolution gerettet, daß er sich im Rosengarten Adrianopel einen netten Landstrich kaufen konnte und dort in Ruhe lebte. Nur die Freundschaft für Iskender Bey hat ihn wieder unter unsere Fahnen gezogen. Er dient ohne Sold als Freiwilliger, um, wie er sagt, mit den Russen eine alte Rechnung zu begleichen.« »Und der Reiter in der roten Uniform mit dem geschlitzten blauen Dolman, der Bärenmütze und dem Halbmond daran?« »Hei, das ist der Kolassi Wersbitzki, der Kommandant der türkischen Kosaken, des tollen Korps, das unsere Rechtgläubigen so sehr verabscheuen. Er reitet neben Depuis, dem Franzosen, und dem Juden Osman'a, dem Adjutanten des Muschirs, einem reichen Bankierssohn aus Temesvar, der gestern die Depesche aus Schumla brachte und den Weg von hundert Stunden in zwei Tagen zurückgelegt hat. Freilich jagte er zwei Pferde zu Tode, und das dritte hat er in der Nacht verspielt. Wersbitzki hat ihm ein Beutepferd auf Wechsel verkauft, da sein Vater noch immer richtig bezahlt hat.« »Aber wer ist der Offizier dort in der fremden Uniform, der neben Lord Worsley und Kapitän Bathurst reitet und mit Herbert Wilson spricht?« »Ich kenne ihn nicht«, sagte der Pole. »Da kann ich Auskunft geben, denn es ist ein Landsmann, Oberst Graf Pisani. Ich focht unter ihm bei Novara und seiner Empfehlung verdanke ich die Einstellung in Ihrer Armee.« »Ist er mit dem Muschir gekommen?« »Nein, er hält sich seit einigen Tagen bei Samik Pascha auf, um wichtige Nachrichten abzuwarten, und wird, wie er mir bei meiner Ankunft sagte, noch einige Zeit hier bleiben.« »Es scheint, der Muschir läßt ihn eben zu sich rufen. – He, Hussein'a!« rief er einem jungen Genieoffizier zu, der in der Nähe vorüberritt. »Wie steht's mit dem Kriegsrat? Ist der Angriff gegen Krajowa endlich beschlossen?« »Salem, Jüs Baschi Makiewicza«, gab der junge Muselmann zur Antwort; »ich glaube, wir werden selber von den Moskows aus den Schanzen gejagt. Sie rücken vor und befestigen sich drei Stunden von unseren Vorposten.« Diese Nachricht erweckte allgemeine Aufmerksamkeit, die nur auf kurze Zeit abgelenkt wurde, als die Arabas, von schwarzen Sklaven begleitet, mit den Frauen des Serdars in einiger Entfernung dem Zuge folgten. » Voila Madame la Maréchale !« sagte lachend der Kapitän; so ließ sich die jüngste Gattin des Muschirs nennen, als sie nach europäischer Sitte unverschleiert in den Gesellschaften erschien. Omer, der bis auf die Bujuk Khanum, die Sultan Mahmud ihm gegeben, seine Frauen schon mehrmals gewechselt und weggejagt oder durch den Tod verloren hatte, besaß 1849 in Bukarest ein Töchterchen, Emine, von fünf oder sechs Jahren, das er sehr liebte. Da er dem Kinde Musikunterricht geben wollte, wurde ihm eine junge Sächsin aus Kronstadt empfohlen und bei ihm aufgenommen. Ohne schön zu sein, verstand sie doch bald, den Muschir zu fesseln, und aus der Lehrerin wurde seine Frau. Zuerst trat sie, wie erwähnt, ganz nach europäischer Sitte und mit großem Glanz auf; als sie jedoch während des Krimkrieges Omer wieder nach der Donau begleitete, hatte sie bereits völlig die türkischen Gebräuche angenommen und erschien nur tief verschleiert und von Eunuchen umgeben. Der Zug war vorüber. Die kleine Gesellschaft kehrte daher nach dem Tschardak des Gasthauses zurück, wo sich gewöhnlich die europäischen und selbst viele türkische Offiziere zu treffen pflegten, obgleich Alexo, der Wirt, in dem dringenden Verdacht als Spion des österreichischen Konsuls und der Russen stand. Eine bunte Versammlung hatte das Haus und den Vorplatz eingenommen, und alle Augenblicke strömten noch neue Ankömmlinge zu. Ehe Welland, der in der Lokanda sein Quartier genommen, noch sein Zimmer betreten, sprengten etwa zwanzig Reiter von der Begleitung des Muschirs herbei und sprangen vor der Veranda von den Pferden. Iskender Bey stürmte an ihrer Spitze ins Haus. »Der Teufel soll mich holen und der Prophet dazu,« schwor der wilde Reiterführer, »wenn mir nicht die Kehle trocken ist wie ein ausgedörrter Schwamm! – He, Alexo, Wein her, Karten und Würfel! Wir müssen nach der Anstrengung im Diwan und dem Begrüßungs- und Abschiedsgerede eine bessere Erfrischung haben als den Kaffee, den der schäbige Filz Sami uns vorgesetzt hat.« Die Renegaten im Heer scherten sich herzlich wenig um das Verbot des Korans gegen den Wein, und Tokaier, Bordeaux und Rum flossen in Strömen, wenn sie nur zu haben waren. In der Lokanda des Alexo fehlte es aber, trotz dem bedeutenden Zuspruch, nie an Rebensaft; durch die Vermittlung seines Gönners, des österreichischen Generalkonsuls, erhielt er regelmäßige Ladungen von Orsawa. Dafür wanderte jede Kunde, die der Wein von den Lippen seiner Gäste löste, bald auch ins Haus des Zwischenträgers. Mit der edlen Unbekümmertheit des Orients und des Lagerlebens war – da alle anderen Räume des Hauses gefüllt waren – das große Gemach, das Welland im oberen Stock bewohnte, von der wilden Gesellschaft in kurzer Frist in Beschlag genommen. Während der Wirt die Gäste mit Getränken bediente, klapperten auf dem Tische schon die Würfel und flogen nach rechts und links die Karten im Hasard. Iskender Bey war ein überaus eifriger und waghalsiger Spieler, seine beiden Freunde und Adjutanten gaben ihm wenig nach. Die fremden Offiziere sprachen hauptsächlich dem Wein zu; die geborenen Türken mehr dem Rum, den sie wie den Slibowitza aus Kannen und Biergläsern durch die Kehle gossen. »Nun, Doktor,« sagte Jacoub Aga, der die Bank hielt, »wollen Sie denn nicht einmal Ihr Glück versuchen? Zum Teufel mit der Kopfhängerei! Leben Sie dem Vergnügen! Sie werden von dem traurigen Arm- und Beinabschneiden genug haben, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergehen.« »Ich hörte davon, Kolassi«, versetzte Doktor Welland. »Hat man nähere Nachrichten?« »Die Russen kriechen endlich aus ihren Mauselöchern«, lachte der Bey. »Ihre Plänkler stehen bei Tschetate. Ich glaube, sie haben Lust, sich festzusetzen.« »Werden wir angreifen?« »Versteht sich! Morgen rücken wir aus. Aber der heutige Tag gehört noch uns! Nur Wersbitzki muß diese Nacht fort, um zu kundschaften; das hat der Narr davon, daß er den Koran verachtet.« »Vorsichtig!« mahnte Hidaët Aga. »Der slowakische Spitzbube macht sich fortwährend hier zu schaffen und lauscht auf jede Silbe.« »Torheit!« höhnte der Bey. »Alexo weiß die Sache besser als wir. – Drei Dukaten auf die Dame!« Ein Reiter sprengte unten vor das Haus und sprang die Treppe herauf. »Osman Aga? Welcher Dämon führt Sie zurück?« »Maschallah, Inschallah, Bismallah und alle Allahs daneben, denn ich bin ein gläubiger Moslem und kein Jude mehr«, lachte der Wildfang. »Der Muschir ist ein prächtiger Mann. Er hat mich wieder zurückgeschickt, um ihm nach dem Angriff weitere Kunde nachzubringen! Hussah! Wein her! Wer hält die Bank? Ich muß meine Ringe und meine Uhr von dieser Nacht zurückgewinnen.« »Ich gebe Revanche«, lachte der Bey und nahm die Karten. »Ah, sieh da, Graf Pisani! Willkommen, Herr Kamerad, bei unserer Unterhaltung! – Ich fürchtete schon, Sie liebten weder Wein noch Spiel und belagerten nur das Haremlik des würdigen Sami.« »Ich bekehre Sie von Ihrem Irrtum, Graf«, entgegnete Oberst Pisani, der eben eingetreten war. Er warf eine Börse mit Gold auf den Tisch. »Fünf Dublonen auf den Buben hier!« »Wahrhaftig, er hat gewonnen. Was, ein Paroli? Ich sehe, Sie verstehen die Sache.« Das Spiel nahm seinen Fortgang. In allen Ecken des Zimmers lärmten die Gruppen. Französisch, Türkisch, Italienisch, Polnisch, Ungarisch und alle slawischen Sprachen flossen bunt durcheinander. Welland hatte sich darein ergeben, für den Abend und die Nacht auf die Ruhe verzichten zu müssen. Er unterhielt sich auf der Galerie vor den Fenstern mit Kapitän Maxwell und Master Godkin, den beiden Berichterstattern der Daily News und des Morning Chronicle, ehe er seinen Abendbesuch im Lazarett machte. Alexo, der Wirt, hatte neuen Bordeaux auf den Tisch der Spieler gepflanzt. Dabei war ein bedeutsamer Blick des Grafen Pisani dem seinen begegnet. Der Wirt bejahte durch Kopfneigen und deutete nach der Tür. »Geben Sie mir jetzt die Bank«, erklärte Pisani und legte seine Uhr neben sich. »Ich werde sie dreißig Minuten halten, aber keinen Augenblick länger; denn ich habe noch einige Geschäfte. Heran, meine Herren – faites votre jeu !« Die Offiziere spielten eifrig weiter; Oberst Pisani war im Glück und hatte schon eine Menge von Gold und Kaïmes vor sich gehäuft. Osman'a sah mit leidenschaftlichen Blicken und vom Wein erhitzten Gesicht dem Spiele zu. Er hatte schon alles, bis auf das goldgestickte Sattelzeug seines Pferdes, selbst seinen mit den schweren Goldschnüren gezierten Rock der türkischen Husaren, deren Korps er angehörte, verloren. »Wollen Sie einen Wechsel auf hundert Dukaten von mir annehmen, Herr Graf?« fragte er endlich hastig. »Mein Vater ist Bankier in Temesvar und wird ihn einlösen. Meine Kameraden werden es mir bezeugen.« Graf Pisani verneigte sich höflich. »Ich zweifle keinen Augenblick daran, mein Herr. Aber ich mache nie dergleichen Geschäfte.« »Alexo! Schurke, hierher! Zum Henker, wo steckt der Spitzbube?« Alexo, der Wirt, schoß herbei. »Befehlen die Herren frisches Getränk?« »Unsinn! Du sollst mir einen Wechsel auszahlen! Ich weiß, du hast Geld, wenn du nur willst.« Der Slowake wand und krümmte sich wie ein Wurm. Er wußte sehr gut, daß der Adjutant ihm sicher war; aber er hatte ihm, wenn auch zu den höchsten wucherischen Zinsen, am Tage vorher schon ein Darlehn gegeben. »O, Aga,« sagte er, »ich bin ein armer Mann und habe schon zwei Wechsel von Euch in Händen. Wo soll ich all das Geld hernehmen?« »Schäbiger Lump!« fluchte Osman. »Wir alle wissen, du kannst halb Widdin auskaufen, soviel hast du schon an uns verdient. Ich gebe dir mein Wort, du sollst dein Geld wieder erhalten, noch ehe ich dieses Nest verlasse. Ich werde es mir morgen verschaffen.« »Könnt Ihr mir nicht lieber ein Unterpfand geben, Aga? Ich bin ein armer Mann und muß mich sicherstellen. Seine Hoheit der Wali gönnt mir ohnehin kaum das Leben.« »Pah! Ich habe nichts. Meine Ringe sind fort. Meine Uhr auch. Willst du mein Offizierspatent?« »Was tue ich mit Eurem Patent? Das laßt Ihr im Stich; jedermann weiß, daß Ihr der Offizier Seiner Exzellenz des Muschirs seid.« »Nun, Schuft von einem Wirt,« sagte der Leichtsinnige, in seiner Brieftasche kramend, »hier ist was Besseres; das kann ich höchstens auf einige Tage entbehren. Der Generalbefehl des Muschirs zum Durchlaß auf allen Posten und zur Lieferung von Pferden. Ohne dies Papier kann ich nicht von der Stelle; ist dir das sicher genug?« Während die übrigen unbekümmert um die gewohnte Verhandlung weiterspielten, hatte Graf Pisani mit halbem Ohr auf das Gespräch gelauscht. Sein rascher, bedeutsamer Blick traf gedankenschnell den Wirt Alexo und winkte ihm, einzuschlagen. »Bei den heiligen Märtyrern, an die Ihr nicht glaubt, Aga,« schwor der Wirt, »ich muß Euch anvertrautes Gold geben und tue es nur auf Euer ehrliches Gesicht. Laßt das Papier da, Aga. Ihr braucht Euch nicht zu eilen, ich verwahre es sicher. Und ich hoffe, Ihr werdet meine Zinsen nicht vergessen!« Der junge Tollkopf folgte dem schlauen Händler aus dem Gemach. Wenige Minuten später erschien er wieder am Spieltisch, die Taschen voll Gold. Seine Kameraden begrüßten ihn jubelnd. Die Dukaten rollten. Mit beiden Händen auf den Tisch gestemmt, folgten Iskender Bey und Osman Aga dem Spiel. Die Augen funkelten – wilde Ausrufe und Verwünschungen – sieghaftes Lachen auf ihren Lippen. Nur Graf Pisani spielte gelassen. Osman'a verlor – der kühne Führer der Baschi Bozuks gewann. »Fünfzig Dukaten!« Der junge Verschwender schob den ganzen Rest auf das Cœur-Aß. »Schwarz! – Auf den Buben, Kamerad!« rief der Bey. Die Karten fielen rechts und links – Rot hatte verloren, Schwarz gewonnen. Mit einem grimmigen Fluch hob der Adjutant die nächste Flasche an den Mund und trank sie bis zum Boden leer; Iskender Bey aber zog das Gold zu seinem Gewinn. »Wein, Alexo! Champagner! Weiter, Kamerad?« Aber Graf Pisani hatte sich erhoben und hielt ihm die Uhr vor. »Die Zeit ist um, Herr Graf. – Viel Vergnügen, meine Herren. Mich rufen Geschäfte; vielleicht finde ich Sie später noch hier; ich gebe dann weiter Genugtuung.« Er steckte das Gold vor ihm in die Tasche und griff nach dem Kaskett . Aber ein jammerndes Geschrei voll Schmerz und Angst fesselte seinen Fuß. Er blieb unwillkürlich noch stehen. Die Tür wurde aufgerissen; ein bulgarisches Weib und ein Mädchen erschienen auf der Schwelle, weinend und zaghaft, als sie die vielen Männer sahen. Doktor Welland führte sie und sprach ihnen Mut ein. Er zog sie gerade auf Iskender Bey zu. Nursah, der schwarze Sklave des Doktors, hatte das Mädchen an der Hand; das Gewand war zerrissen, das lange blonde Haar hing ihr wirr herab bis fast auf die Knie. »Teufel, Doktor, was bringen Sie uns da für Gäste? Haben Sie eine Otmitza gehalten und Braut und Schwiegermutter zugleich erobert? Herbei mit dem Popen!« Die ganze Gesellschaft brach in ein tobendes Gelächter aus. Welland aber faßte den Arm des Bey. »Helfen Sie den Ärmsten; sie suchen Schutz bei Ihnen«, bat er. »Sie sind geflüchtet aus ihrem Hause – Ihre Baschi Bozuks hausen dort mit Mord und Totschlag! Mein Nursah fand die Frauen jammernd vor der Tür der Locanda und führte sie zu mir.« »Was wird es sein? – Eine Lappalie! – Das Volk hier ist an Prügel gewöhnt! Warum gehen sie den wilden Teufeln nicht aus dem Weg? Ich kann mich nicht mit der Beschwerde jedes Bauern oder jeder Dirne befassen.« Die Baba war vor Iskender Bey niedergesunken und umfaßte seine Knie. »Was gibt es, Weib?« herrschte er ihr auf türkisch zu. »O Hoheit! Sie töten meinen Mann – sie haben meinen Neffen erschlagen und ermorden sich untereinander!« Die Stirn des türkischen Führers verfinsterte sich. »Wer bist du? – Wo ist dein Haus?« »An der Dromoi , Hoheit, die nach Belgradzik führt, dem Adlernest der Heiducken. Die Zelte deiner Krieger liegen keine tausend Gänge davon. Mein Mann hält eine Hane .« »Aufs Pferd, Jacoub«, befahl Iskender Bey. »Sieh zu, was es gibt. Meine Kopfabschneider sollen dem Volke wenigstens nicht ans Leben kommen. Sie werden morgen bessere Gelegenheit finden, ihre Tollheit zu kühlen. Jage die Hunde in ihre Zelte! Du, Weib, störe mich nicht länger.« Er wandte sich wieder zum Spiel. Jacoub Aga schnallte den Säbel um und verließ das Gemach. Er ließ sich von der Bulgarin noch weiter den Schauplatz des Ereignisses beschreiben. Mehrere der jüngeren Offiziere umgaben das hübsche blonde Mädchen, das sich zitternd und weinend an den deutschen Arzt drängte. Im Galopp flog ein Reiter vor das Haus und warf sich aus dem Sattel. Man hörte ihn laut nach Iskender Bey fragen. Es war dunkel geworden. Aber der Retraiteschuß der Festung, der die Tür schloß, war noch nicht gefallen. Iskender Bey beugte sich aus dem Fenster. »Was gibt es? Wer fragt nach mir?« »Der Jüs Baschi der Kosaken, Mahmud Aga, läßt melden: eine große Anzahl der Irregulären ist mit seinen Leuten handgemein geworden in einer bulgarischen Hane an der Straße nach Nissa. Der Kolassi ist in Kalafat, und der Aga allein zu schwach, dem Kampf zu steuern.« »Tysiac byci mac mordowalo!« fluchte der Bey in seiner Muttersprache. »Das ist was andres! – Zu Pferde, meine Herren. Wir müssen die Schufte auseinandertreiben, sonst hauen sie sich gegenseitig in Stücke!« Er sprang die Stiege hinab und rief unter dem Tschardak nach seinem Roß. Mehrere Offiziere folgten ihm – andere blieben ruhig sitzen. Solche Auftritte ereigneten sich zu häufig, als daß sie ihre Ruhe stören konnten. Seine On Baschis voran, jagte Iskender Bey davon. »Hierher, Exzellenz!« flüsterte der Wirt Alexo. Er berührte die Hand des sardinischen Obersten. »Folgen Sie mir.« Die beiden unteren Gemächer, die Küche und die Halle der Locanda lagen voll von Soldaten. Sie kümmerten sich nicht um die Durchdrängenden. Zechend und spielend, von den Leuten des Kahwedschi bedient, waren alle nur mit dem eigenen Vergnügen beschäftigt. Graf Pisani folgte dem Wirt durch den Flur und den kurzen Gang eines anstoßenden Hintergebäudes zu einem kleinen, leeren Zimmer. »Verzeihen Exzellenz,« bat Alexo, »daß ich Sie hierher führe. Aber nirgends im ganzen Hause ist ein Plätzchen, wo man sich ungestört besprechen kann.« Oberst Pisani warf das Geld, das er gewonnen hatte, auf den Tisch. »Hier ist etwas für den Brief der Gräfin Laszlo, den du mir gestern sandtest, und die hundert Dukaten, die du für den Ferman des tollen Agas ausgelegt hast. Der Überschuß ist dein. Gib mir das Papier.« »Aber wenn es der Aga einlösen will?« »Er denkt nicht daran; ich werde dafür sorgen, daß er genug zu tun hat. In drei Tagen kannst du es zurückerhalten. Wie steht es mit meinem Auftrag?« »Alle Ihre Befehle sind erfüllt. Aber wie ich die Verhältnisse kenne, wird mein Plan der einzig ausführbare sein. Ich habe sichere Kunde, daß eine Anzahl Dorobandschen die Gelegenheit zum Desertieren erlauert. Apollony ist bereit, auf das russische Gebiet zu gehen und die Leute zu führen; es wird ihnen dann leicht sein, die Gräfin in ihrem Schloß an der Deszneizia aufzuheben und über die Donau zu bringen. Apollony bürgt mit seinem Kopfe dafür. Auch die keckste Schar der türkischen Truppen würde nicht die Hälfte des Weges zurücklegen.« Der Graf schwieg nachsinnend. »Ist der Mann treu?« »Wie Stahl und Gold, Exzellenz. Ich verschwöre mein Leben für ihn. Er führt die meisten Überläufer.« »Du weißt, wenn die Entführung gelingt, erhältst du zweihundert Dukaten und der Walache ebensoviel. Betrügst du mich – denn ich weiß sehr wohl, daß du den Russen ebensogut dienst wie mir – so werde ich dafür sorgen, daß Sami Pascha dich eines schönen Morgens an deiner eigenen Haustür aufhängen läßt. Führe den Mann zu mir.« Alexo verschwand und kehrte bald nachher mit einem Walachen zurück; obwohl in türkischer Offiziersuniform, diente er doch nur als Freiwilliger in der Armee. Er hatte sich durch seine Bestrebungen, seine Landsleute aufzuwiegeln und auf die türkische Seite herüberzuziehen, ausgezeichnet. »Alexo hat Ihnen von dem Unternehmen gesprochen«, sagte kurz der Graf. »Die Umstände erleichtern die Sache. Gut und Schloß der Gräfin Laszlo an der Straße Radovan liegen zwar zwei Meilen innerhalb der russischen Linien; doch wird die Gegend morgen von Truppen entblößt sein. Kennen Sie Schloß Badowitza?« »Sehr gut, Aga!« »Desto besser; also hören Sie! Die russischen Truppen haben einen Vorstoß gegen einen Ihnen gewiß bekannten Punkt, Tschetate, etwa drei Meilen oberhalb Kalafat, unternommen. Sie werden sich dort festsetzen. Ich bin durch einen Brief gestern genau unterrichtet worden, daß auch die Abteilungen, die in der Nähe von Tschoroy und der Deszneizia stehen, dahin befohlen sind. Das Gut der Gräfin Laszlo ist also in diesem Augenblick ohne namhafte Verteidigung. Alexo, der Wirt, sagt mir, daß Sie der Dorobandschen, die in jener Gegend stehen, sicher sind. Wir werden morgen die Russen bei Tschetate angreifen. Sie müssen die Zeit benutzen, um die Gräfin ohne Aufsehen aufzuheben und nach der Donau zu bringen. Wie Sie über den Strom gelangen – oder zum Lager von Kalafat – ist Ihre Sache. Die Gräfin muß so schonend wie möglich behandelt werden. Jede Beleidigung untersage ich auf das strengste. Sie wird im Konak Sami Paschas hier in Widdin abgeliefert. Ist es geschehen, so wird Alexo Ihnen sofort die versprochenen zweihundert Dukaten auszahlen. Sagen Sie mir nun, ob Sie sich das Unternehmen auszuführen getrauen?« »Ein Kinderspiel, wenn die Entfernung nicht wäre. Ich muß den Strom hinabgehen und an einer anderen Stelle übersetzen. Das ist schwierig, denn überall liegt noch Eis. Der Weg durch unsere Stellung von Kalafat würde mir einen Tag ersparen; doch sind die Moslems sehr mißtrauisch und ihre Linien stark besetzt!« »Werden Sie durch die Vorposten der Russen nicht gefährdet sein?« Der Walache lächelte. »Ich besitze genügend russische Papiere. Für Gold ist da drüben alles zu haben. Ich kenne überdies die Gegend genau.« »So kann ich Ihnen Gelegenheit geben, zu jeder Zeit bei den türkischen Posten während der nächsten drei Tage ein- und auszugehen. Hier ist ein Befehl des Muschirs; der Zufall hat mich in seinen Besitz gebracht.« Apollony untersuchte das Papier. »Betrachten Sie die Sache als abgemacht, Herr Graf. Spätestens übermorgen abend ist die Gräfin im Haremlik Sami Paschas, oder ich habe meinen Kopf verspielt. Aber ich muß etwas Geld im voraus haben.« »Alexo wird Ihnen fünfzig Dukaten geben. – Noch eins! – Die Gräfin muß die Leute entweder für ein türkisches Streifkorps oder für Überläufer halten. Es kommt nur darauf an, daß ihr nichts widerfährt. Gewalt wird sogar besser sein. Etwas Schrecken und Angst wird ihr nicht schaden; mit ihrer Umgebung machen Sie keine Umstände. Betrachten Sie sie als Feinde. Unter keiner Bedingung darf aber die Gräfin ahnen, daß ihre Entführung von hier aus eingeleitet ist. Keine Silbe von meiner Mitwirkung, verstehen Sie wohl?« »Ihre Befehle sollen erfüllt werden. – Auf übermorgen also.« Oberst Pisani nickte. »Gutes Glück! – Alexo, gib ihm das Geld.« Der Heiduck Die Hane des Bulgaren Gawra befand sich ungefähr zehn Minuten vor dem südlichen Tor Widdins an der Straße nach Nissa und Ternowo, der heiligen Stadt. Das bulgarische Dorf, zu dem sie gehörte, lag weiter ab von der Straße. Jenseits, hinaus ins Feld nach der Donau zu, erstreckte sich das fliegende Lager der Baschi Bozuks, die hier die Reserve für die Garnison von Kalafat bildeten. Die Hane war nicht nach bulgarischer Art gebaut. Sie war einstöckig und mit einer großen, gemeinschaftlichen Hoda versehen, die – zugleich Küche, Wohn- und Gaststube – bis auf zwei kleine Kammern den ganzen unteren Raum einnahm. Nur die vielen weißen, von der Sonne gebleichten und auf Pfähle gesteckten Ochsen- und Pferdeschädel rings um den Hof verkündeten die bulgarische Wohnstätte. Ein großer, grüner Busch über der Haustür kennzeichnete das Haus als Hane, als Gasthaus. Mehrere nach bulgarischer Art eingerichtete Ställe umgaben das Hauptgebäude. Gawra, der Wirt und Pferdehändler, galt unter seinen Landsleuten für einen habsüchtigen, aber begüterten Mann. Er suchte seine Wohlhabenheit auf alle mögliche Weise zu verbergen. Daher zeigte die ganze Wirtschaft äußerlich ein verkommenes und liederliches Aussehen. Der Bulgare unterscheidet sich im ganzen sehr zu seinen Gunsten von allen anderen Rassen der Balkan-Halbinsel. Er ist fleißig, regsam, ehrlich und unverdrossen. Geschickt zu jedem Handel und Gewerk, zu Ackerbau, Viehzucht und Industrie, wäre dieses Volk unter einer verständigen und milden Herrschaft der größten Ausbildung fähig. Das Land besitzt einen natürlichen Reichtum wie kein anderes. An den Abhängen der Donau strecken Buche und Eiche, Platane und Walnuß die mächtigen Kronen aus den üppigen Buschpflanzen empor. Der wilde Wein rankt sich um ihre Stämme, die Täler bieten fette Weidetriften. Hoch thront darüber der Felsengrad des Hämus mit Schluchten und unzugänglichen Bergwänden, in deren Tiefen Schätze edlen Metalls verborgen sind. Rasche, goldhaltige Wasser springen von Fels zu Fels hinab, zur Donau drängend oder zu den Küsten des herrlichen Ägäischen Meeres. Bär, Luchs und Adler hausen auf diesen Bergen; der Schakal streift hinab zur Ebene. Der stattliche Rothirsch mit dem sechzehnendigen Geweih belebt mit zahlreichen Herden die Wälder. Der Eber wälzt sich im Sumpf, das wilde Pferd galoppiert durch die Ebene. Sieben Felsenpässe brechen durch die gigantischen Massen der Berge und führen zu einem südlichen Hange. Die Tätigkeit und Betriebsamkeit des Bulgaren hat ihn die Maritza entlang bis zu den Küsten des Ägäischen Meeres, bis an die Tore Konstantinopels getrieben. Überall ist er Ackerbauer, Viehzüchter, Fabrikant, Handwerker und Kaufmann; es liegt eine unermeßliche Quelle von Zivilisation und Wohlstand in diesem demütigen, sinnenden und empfänglichen Volke. Still beugt es seinen Nacken unter dem drückenden Joch des Türken. Dennoch ist auch dies demütige, gutmütige Volk schon häufig durch die furchtbare Last der türkischen Mißhandlungen emporgerüttelt und zum kräftigen, zähen Widerstand gezwungen worden. Nur die eigene Gutmütigkeit und die verräterische Schlauheit seiner Gegner haben ihm das Schwert wieder aus der Hand gewunden und das Joch wieder auf seinen kräftigen Nacken gelegt. In der Hane des Wirtes Gawra ging es lebendig her. Der schlaue Handja hatte die Nähe der türkischen Lager benutzt, um einen Ausschank von Getränken anzulegen. Er erhandelte und verkaufte dabei mit Glück und Gewinn manches Roß aus dem eigenen Stall und von der Beute, die von den Irregulären und den türkischen Husaren von den Streifzügen über Kalafat hinaus mit zurückgebracht wurde. So strömten denn auch viele nach dem Abzug des Muschirs nach dem Gasthaus des Bulgaren. Die Hane war der beliebteste Aufenthaltsort der Irregulären, seit kurzem aber auch ihrer christlichen Nebenbuhler, der türkischen Kosaken; dieses Korps bestand aus walachischen Freiwilligen und den Flüchtlingen jedes Landes Europas, die aus irgendeinem Grunde sich nicht zu der Annahme des Islams bequemen wollten. Denn dieser Glaubenswechsel gehört unbedingt zum Eintritt in den türkischen Nizam. Die türkischen Kosaken waren daher von den Moslems nicht nur als Giaurs verachtet, sondern offen von ihnen gehaßt. Sie wurden auf alle gefährlichen und verlorenen Posten gestellt, da ihre verwegene Tollkühnheit keine Hindernisse kannte. Mit Groll und Ärger sahen die Baschi Bozuks sich in der Hane des Bulgaren seit einigen Tagen von ihren Gegnern verdrängt. Der Ruf von der Schönheit der beiden Töchter des Wirtes und einige Pferdekäufe hatten die türkischen Kosaken dahin geführt. Mit Ingrimm bemerkten die Baschi Bozuks, wie der Handja sich weit mehr mit den Giaurs zu tun machte, deren Geld leichter rollte, als das der vorsichtigen Moslems. Die Baschi Bozuks waren heut' zahlreicher versammelt als gewöhnlich. Sie füllten nicht allein die größere Hälfte des unteren Hauses, sondern strömten auf dem breiten Tschardak fortwährend ab und zu. Die bunten, wüsten Gruppen kauerten auf dem Boden umher oder hockten an der getünchten Wand. Tobender und lärmender war die Gesellschaft im anderen Teil. Dort saßen und standen um zwei oder drei Tische etwa zwanzig der türkischen Kosaken in ihrer kleidsamen Uniform: dem blauen, mit scharlachroten Aufschlägen und ebensolchem Futter in den langen aufgeschlitzten Hängeärmeln versehenen Dolman; dem Pelztschako mit dem großen Halbmond von Messingblech daran, und den weiten blauen Beinkleidern mit breiten roten Streifen. Dazu die Patronentasche und der Säbel in der blinkenden Scheide. Auch ihnen fehlten die gewöhnlichen Feuerwaffen, da der strenge Befehl gegeben war, daß außerhalb des Dienstes Flinten und Pistolen nicht getragen werden durften. Man wollte möglichst Unheil bei dem heißen Blute der Parteien verhüten. Die Gruppen um den Tisch tranken und spielten. Während bei den Offizieren in der Locanda Alexos das Pharo die Taschen leerte, klapperten hier die Würfel unter Verwünschungen, wüsten Späßen und dem Gelächter der Freiwilligen. In der Mitte des Gemaches, vor dem großen Kamin, war die Hausfrau mit einer ihrer Töchter bei der Zubereitung von Kaffee beschäftigt. Gawra, der Wirt, und ein Neffe von ihm, fast noch ein Knabe, bedienten die Gäste. In der Nähe des Kamins saß die Hauptgruppe der Spieler um einen Fremden. So sehr er ihnen auch in dem verwegenen und kühnen Aussehen glich, gehörte er doch nicht zu der Schar. Es war Sta Luzia, der korsische Bandit. Nach seinem letzten Verbrechen in Stambul hatte er im Heerlager an der Donau Sicherheit gefunden und war auch hier das Werkzeug des Obersten Pisani. »Maschallah!« murrte Ali, der Arnaut, zu seinem Nachbarn, einem zerlumpten Syrer; er deutete mit dem Mundstück seines Tschibuks nach den Spielern. »Sieh diese Söhne der ungläubigen Hunde! Wie das blanke Gold durch ihre unreinen Hände rollt! – Ein weiser Mann hat mir gesagt, daß man durch dieses Spiel aus einem Beschlick im Handumdrehen zwanzig goldene Ghazis erwerben kann.« Die Augen des Syrers funkelten lüstern. »Weißt du, o Ali, wie man das Geld gewinnt?« »Man setzt ein Geldstück ein, wirft die bleiernen Kugeln und erhält so viel Geld, als sie schwarze Punkte zählen.« »Inschallah! – Was für Narren sind diese Christen! – Es ist nur ein Gott und Mohamed ist sein Prophet. Ich möchte ihnen wohl ihr Geld abnehmen.« »Bei meinem Bart,« schwur Ali, der Arnaut, »ich habe die gleiche Lust. Aber mein Beutel ist leer.« Abdallah, der Syrer, nestelte: an seinem Geldbeutel von Ziegenhaar. »Ich fand bei dem Moskow, den wir bei dem Überfall erschlugen, außer dem Gold auf seinen Schultern zehn Stück in seiner Tasche. Wenn ich wüßte, daß Allah mein Tun segnet, möchte ich einen großen Beschlick in diesem Spiel wagen.« »Hussah, Schurke von Wirt! – Istem teremtete! – Rum her! Branntwein!« » Bergantre ! Wo steckt der Bursche, daß er Caballeros warten läßt?« » Villao ! Branntwein her!« »Caballeros, euer Spiel! – Acht auf der Tafel.« »Pesta! – Ich werfe mehr! – Zehn!« »Psia twoja mae! – Hundsmutter die Deinige! Das Geld ist verloren.« Der Pole griff sich wild in die Haare und starrte mit funkelnden Augen auf sein verlorenes Geld, das der Spanier ruhig zu dem seinen zog. – »Allah sende ihm Unglück! Hast du es mit deinen eigenen Augen gesehen?« »Was lachst du mir in den Bart, o Beg? Auf mein Haupt komme es. Bin ich ein schlechter Mann oder bin ich eine turkomanische Kuh? Sind das Augen oder sind sie es nicht? Ich habe gesehen, wie er über der Tür seines Hofes die drei Kreuze gemacht hat, das Zeichen der Christen, die unsere Brüder auf das Krankenlager werfen.« Der Moslem, an den die Rede gerichtet war, schüttelte zur Bejahung sein Haupt. »Wir wollen den Derwisch Ibrahim herbeirufen, der dort steht. Er wird uns sagen, ob dieser aussätzige Bulgare dafür an seine eigene Tür genagelt werden soll!« »Kahweh, Kahweh! Tschibuk! Kahweh dschetir! – Bringt Pfeifen und Kaffee herbei!« »Höre, Freund Gawra – reiche mir die Guzla dort vom Nagel. Wo ist Marutza, deine Tochter? Sie soll mein Lied begleiten. Warum bedient die Moma deine Gäste nicht?« Gawra reichte eifrig dem Italiener die Zither. »Marutza fürchtet sich vor den vielen Männern, Aga. Sie wirtschaftet in den Ställen mit dem Vieh.« »Schaff' sie herbei, Pitoccone ! Meinst du, wir sind hierher gekommen, um deine Fratze anzuschauen?« »En avant, Monsieur Gawra – bringen Sie uns Mademoiselle Marutza!« »Die Moma! Die Moma!« heulte die Schar. Der Bulgare war schon verschwunden. Die Moslems schauten finster auf die Lärmer; um Hadschi Achmet und den Derwisch hatte sich eine Gruppe gebildet und horchte eifrig. »Dieses Schwein von einem Bulgaren tut, als ob wir nicht in der Welt wären. Ich will die Gräber seiner Väter besudeln!« Der Redner schüttelte verächtlich den Zipfel seiner Jacke. »Corpo di Bacco! – Ruhe da oben! – Ich will mein Lied singen!« Tomasini, der Venetianer, begann, auf der Guzla klimpernd, Orsinos Trinklied aus der Oper »Lucrezia«. Seine Stimme war schön. Bald sammelten sich Zuhörer um ihn und klatschten ihm Beifall. Selbst die wilden Kinder der Wüste horchten den übermütigen frischen Klängen. An dem Tisch des Korsen stand der Baschi Bozuk. Seine Augen hafteten gierig auf dem Gold, das vor Sta Luzia lag. »He, Kamerad, willst du auch einmal dein Glück versuchen? Heraus mit den Piastern und den blanken Dukaten und Dublonen, die du zusammengestohlen hast.« Er reichte ihm den Becher. Der Araber verstand seine Sprache nicht. Aber er legte langsam und zögernd einen Imperial auf den Tisch. Seine langen Finger krampften noch ängstlich danach, als der Korse das Goldstück nahm und prüfte. »Diavolo! – Russisches Gold? – Hast du viel davon, pidocchioso?« Er warf einen Napoleonsdor daneben und schob dem gierigen Moslem die Würfel zu. Einige Männer sammelten sich um die Gruppe. Draußen, am halb zusammengebrochenen Hofzaun hinter dem Hause, durch den vorspringenden Stall vor den Blicken verborgen, lehnte Marutza, die älteste Tochter des Hauswirts. Um das reine Gesicht mit den großen, blauen Augen fiel das Goldhaar lang herab und umgab die vollschlanke Gestalt wie mit einem Mantel. Der Mann vor ihr schaute Marutza zärtlich an. Er war kräftig und jung, von trotzigem, kühnem Aussehen. Der glänzende Schnurrbart hing lang über die Mundwinkel. Auf dem Haupte, das bis auf den langen, in zwei Flechten geteilten Haarbüschel auf dem Scheitel kahl geschoren war, trug er einen slawonischen Hut. Von dicker Wolle war seine ganze Kleidung, die kurze Kutte, der Gürtel, die Beinkleider, die Bänder, die seine Füße dicht umwanden. Ein weiter, filzartiger, weißer Mantel hüllte ihn ein und verbarg die Waffen in seinem Gürtel bis auf die Flinte, die im Bereich der Hand lehnte. »Ich sage dir, Marutza,« sprach finster der Heiduck, »ich dulde es nicht länger, daß dein Vater dich den Blicken der Männer preisgibt, statt dich, wie es einer Bulgarin geziemt, an der Spindel oder dem Webstuhl in der Kammer zu halten. Mit Maria, deiner Schwester, mag er tun, was ihm beliebt. Aber du bist meine Braut, wenn du auch den Schleier nicht trägst; und bei den vierzig Märtyrern, ich hole dich in der Otmitza, wenn dein Vater der Sache kein Ende macht.« »Du tätest besser, Miloje,« entgegnete die Stimme des Alten, der seine Tochter zu suchen kam, hinter ihnen, »du brächtest deinen und meinen Hals nicht in Gefahr. Wie kannst du hier umherstreichen, während die Kawassen des Paschas und alle Leute in Widdin wissen, daß ein Preis auf deinem Kopfe steht.« »Pah!« sagte der Heiduck verächtlich, indem er die Finger seiner Rechten vor sich spreizte. »Ich fürchte die Schurken nicht. Ich bin ein freier Heiduck. Und Sami Pascha weiß, was er von meinen Brüdern zu erwarten hat, wenn er mir ein Haar krümmt. Mein Vater war ihr Schrecken, und bei der heiligen Jungfrau, ich werde diese Türken nicht für die Tschorbadschias erkennen, solange Atem in meiner Brust ist.« »Aber was willst du hier, wo tausend Augen auf uns gerichtet sind?« »Mein Weib – Marutza, meine Braut! Du hast es meinem Vater gelobt! Ich bin von den Bergen heruntergekommen, weil ich gehört habe, daß du, des schnöden Geldes wegen, deine Töchter gleich Mägden die Krieger des Großherrn bedienen läßt.« »Du bist ein Tor, Michael Miloje! Wem anders fällt einst mein Hab und Gut zu als dir und dem Mann meiner Tochter Maria! Die Weiber müssen verdienen, solange sie im Hause sind. Du kannst Marutza doch nicht auf deine kalten Berge nehmen. Im Paschalik findest du kein Celo, wo du dich niederlassen darfst, ehe nicht der Bann von deinem Haupte genommen ist. Was können wir tun – wir sind die Knechte!« »Ha! Bei dem Blute meines Vaters, der im Turm von Kamenitza für die Freiheit der Seinen starb«, rief der Heiduck. »Sind wir nicht Memmen, daß wir diese Fesseln tragen? Sind unsere Freunde, die Moskowiten, nicht jenseits des Stromes bereit, uns zu Hilfe zu eilen, sobald nur der Kampfruf von unseren Bergen erschallt? – Schämt Euch, Gawra! Ihr habt in Eurer Jugend mit dem Popen, Eurem Ohm, bei Iarkoî gefochten und vor Nissa gestanden mit meinem Vater – schämt Euch, daß Ihr so ganz vergessen habt, was Euer Herz damals entflammte.« »Törichter!« sagte der vorsichtige Bulgare, sich scheu umblickend. »Weil ich Gawra heiße, muß ich die Rache der Osmanlis fürchten und ihren Verdacht einschläfern. Was weißt du, was meine Seele denkt! – Doch fort mit dir – Marutza muß in die Hoda und ihrer Mutter helfen. Dich schütze der Gott unserer Väter, bis du so viel erworben hast, daß du die Braut heimführen kannst. In das Haus, Marutza, oder man wird nach uns spähen.« Marutza riß sich los und flog über den Hof zur Tschardak. Der junge Heiduck aber faßte den Alten beim Arm. »Ist es nur das, Vater Gawra? Das gelbe Metall? Schau her, ich hab' genug, mehr als ich brauche, mein Haus zu bauen und ein stattliches Gut zu kaufen.« Er zog aus dem breiten, wollenen Gürtel einen ledernen Beutel und zeigte ihn dem Pferdehändler. Er wog schwer von Gold. »Bei dem Blut der heiligen Märtyrer!« fuhr der Alte zurück. »Wo hast du das Geld her, Michael?« »Ei, laßt's Euch nicht kümmern«, lachte der Heiduck. »Es ist ehrlich erworbenes Geld, das der schwarze Zar seinen tapfern Kindern, den Heiducken, gesandt hat. Aber ich kann nicht fort von hier, Vater Gawra. Und ich will auch nicht. Ich muß jemanden erwarten, der mich innerhalb dreier Tage in Eurer Hane treffen soll. Es ist ein offenes Haus. Ich habe so gut ein Recht, darin zu weilen, wie jeder dieser Soldaten des Padischahs.« Gawra bedachte sich einen Augenblick. Sein Geiz und der Anblick des vielen Goldes, das der Heiduck bei sich führte, siegten über seine Vorsicht. »Sei es denn«, sagte er. »Aber bei der Jungfrau, bringe mich nicht ins Unglück für meine Güte. Die Soldaten kennen dich nicht. Die Kawassen meiden meine Schwelle, weil sie Schläge von ihnen fürchten. Sei vorsichtig, Michael, mische dich nicht in fremde Händel. Du weißt, daß die Stiege neben dem Herd zu den Bodenkammern führt. Dorthin zieh dich zurück, ehe sie auf dich achten. Ich werde die Weiber zu dir senden. Gib mir die Flinte, daß ich sie verberge.« »Ich lasse die Waffe nicht von mir.« »Narr! – Hier würde sie wenig sicher sein. Diese Moslems sind Diebe, die überall umherspähen.« Er holte aus dem Stalle eine Schütte Stroh und wickelte das Gewehr hinein. Dann nahm er es unter den Arm und schritt dem Hause zu, dem jungen Heiducken winkend, ihm in einiger Entfernung zu folgen. In der Hoda nahm der Lärm zu, je mehr der feurige Branntwein, das Spiel und der Streit die Köpfe erhitzten. Auch die Baschi Bozuks standen jetzt in lebhafteren Gruppen beieinander. Ihre Augen ruhten finster auf Gawra, als er sich mit dem Stroh durch ihre Mitte wand und es in die Kammer hinter dem Herde warf. Um Sta Luzia und die beiden Bozuks hatte sich ein Kreis aus Moslems und Christen geschart, die aufmerksam oder höhnisch dem Spiel zuschauten. Der Korse hatte dem spielhungrigen Syrer bald das einfache Spiel begreiflich zu machen gewußt. Mehrere Kosaken setzten das Würfeln fort. Als Sta Luzia den Syrer die beiden ersten Würfe gewinnen ließ und ihm die Goldstücke zuschob, glaubte der Abdallah wirklich, sein Kismet wolle es, daß er das Geld des Giaurs zu dem seinen mache. Mit der Gier eines echten Spielers setzte er das gefährliche Spiel fort. Tomasini hatte die Guzla beiseite gelegt und Marutza, die bei ihm vorbeischlüpfte, am Gewand ergriffen. Rodriguez, der Spanier, hielt ihre Hand gefaßt. Fünf, sechs andere versperrten dem geängstigten Mädchen den Ausgang. »Schöne Marutza,« flüsterte der Italiener, »her zu mir! Trink' aus meinem Glase! – Pesta, du bist so allerliebst, daß Tomasini dich besitzen muß, und wenn es sein Leben gälte!« »Demonio,« schrie sein Gegner, »der Mann will die Schönheit allein haben! – An mein Herz, schöne Señora! Rodriguez ist bis über die Augen vernarrt in dich!« »Putao!« zischte ein dritter Nachbar und riß das Mädchen an sich. »Halb Part, Kamerad!« Wie ein Spielball flog sie durch die Hände der rohen Gesellen. Abdallah, der Syrer, hatte nach wechselndem Verlust und Gewinn sieben seiner blanken Goldstücke in den Händen des überlegenen Sta Luzia gelassen. Die Adern seiner Stirn schwollen. Krampfhaft zuckten seine Finger nach dem verlorenen Golde. »Nimm dich in acht, Kamerad!« sagte mit spöttischem Lachen der Korse. Seine Rechte spielte am Griff des Dolches, die Linke schüttelte lustig den Würfelbecher. »Du vergreifst dich an fremdem Eigentum. Seid ihr solche Straccionis, daß ihr nicht ein paar Goldstücke für euer Vergnügen wagen könnt? Freund Muselmann, setze deinen Rest. Hier ist das Gold, das ich dagegen halte!« Abdallah zauderte – seine Genossen waren stumm. Nur die blitzenden Augen zeigten ihre Anteilnahme. Dann schob langsam und zögernd Abdallah den Rest seiner erbeuteten Imperials auf den Tisch. Der Korse warf klingend und hochmütig drei dagegen. »En avant mes braves! – Bringen wir einen Toast auf die schöne Marutza!« »Allah bila versin! – Der Bulgare muß sterben für den Hohn, den er uns angetan!« Die Worte kreuzten sich mit dem gellenden Hilferuf des Mädchens; Vater und Mutter eilten herbei. »Cenrinegato!« donnerte es zwischen das wilde Gelächter. Eine kräftige Faust stieß den Venetianer zurück, daß er den Boden maß und riß das Mädchen aus den Armen der Trunkenen. Abdallah hatte seinen Wurf getan. Mit Hohngelächter wurde die niedere Zahl begrüßt. Sta Luzia schüttelte laut lachend den Becher und ließ die Würfel rollen. »Siebzehn! Nichts für ungut, Kamerad, die Imperials gehören mir!« Er zog die Goldstücke zu dem Geldhaufen vor sich. »Marzocco! Picaro! Filho de puta! Was will der Prostak?« tönten in siebzehn Sprachen die Flüche durcheinander. Tomasini sprang vom Boden auf und riß den Säbel aus der Scheide, daß die Klinge blank durch den Qualm funkelte. Sta Luzia schaute hinüber nach dem beginnenden Streit. Diesen Augenblick der Unachtsamkeit benutzte der Syrer, sein Gold wieder zu erhaschen. Seine Hände krallten danach; andere nahmen die Bewegung für einen Aufruf zum Raub. Sie fielen über den Geldhaufen des Korsen her. »Canaglia!« Einen Augenblick funkelte das Stilet des Banditen in der erhobenen Faust. Dann fuhr es nieder und nagelte die Hand des Syrers fest auf den Tisch. Ein wilder Schrei des Schmerzes und der Wut. Gleich einer Schlange wand sich Abdallah an dem gefesselten Arm. »Wallah! – Auf die Giaurs, ihr Gläubigen!« Säbel und Handschars blitzten. Mitten hinein in den Lärm knallte ein Schuß. Der Heiduck hatte den Mantel von sich geworfen. Seine Linke suchte das Mädchen fortzudrängen und zu schützen. Die Rechte riß ein langes Pistol aus dem Gürtel. »Zurück da – die Moma ist meine Braut!« In dem wüsten Lärmen verklang der Ruf unter Hohngelächter; seiner Tracht nach hielten ihn die Christen für einen Irregulären. »Er hat Pistolen! – Nieder mit dem Schuft, Kameraden!« Der Irrtum war aber zugleich die Rettung des Heiducken. Während Monsieur Louis, ein lustiger Pariser, und einige Vernünftigere sich zwischen ihn und den Italiener warfen und einen tollen Streit verhindern wollten, faßte der Portugiese mit frecher Hand die Schulter und das Gewand des Mädchens. Ein Ruck; das wollene Kleid riß in Stücke und enthüllte die weiße Brust. Der Trunkene tat jedoch nur einen Blick auf die Enthüllte. – Die weite Mündung eines Pistols hob sich dicht vor seinen Augen. Mit zerschmettertem Schädel stürzte er auf seine Gefährten zurück. Der Schuß gab das Zeichen zum allgemeinen Kampf. Die Baschi Bozuks warfen sich von allen Seiten auf die gehaßten Christen. Der lang verhaltene Groll brach in ungezügelter Heftigkeit aus. Säbel, Handschars, Dolche und Messer blitzten und färbten sich rot im Blute der Gegner. Mit den Schlägen des schweren Pistolenkolbens hatte sich der Heiduck, die Braut im Arme, Bahn gebrochen durch das Getümmel. Keine der Parteien wußte recht, woran sie mit ihm war. So kam er glücklich bis zu der Treppenleiter, die neben dem Herd zum Dachgeschoß des Hauses führte. Dort befanden sich außer den Vorraträumen zwei Kammern für die Töchter und die Mägde des Hauses. Der scharfe Blick des Heiducken hatte gesehen, wohin der Handja sein Gewehr verborgen. Marutza stieg die Leiter hinauf. Mit einem Griff riß er die Waffe an sich und hielt mit ihr Wache am Fuße der Stiege. »Sollen wir uns von den türkischen Lumpen erschlagen lassen? – Hierher, Kameraden!« Der kräftige ungarische On Baschi hatte sich auf einen Tisch geschwungen. Die Reiter sammelten sich um ihn. Es regnete Hiebe von seiner breiten Klinge auf Köpfe und Schultern der Gegner. Gawra, der Wirt, an Schlägereien des Gesindels gewöhnt, hatte anfangs die Sache wenig gefährlich genommen und war nur herbeigeeilt, um seine Tochter von den Trunkenen zu befreien. Als aber, noch ehe er Marutza erreicht, der Schuß fiel und überall Waffen blitzten, erkannte er die drohende Gefahr. Er drängte die Baba und ihre jüngere Tochter zur Tür. »Geschwind zur Stadt! Hole Hilfe! Die Teufel stecken uns sonst das Haus überm Kopf in Brand.« Die Weiber entflohen. Sie sahen noch, wie eine Anzahl der Baschi Bozuks sich auf den Wirt warf. Der Knabe Jowan wurde zu Boden geschlagen. »Hinaus mit den verräterischen Hunden! Schlagt sie tot, die Spitzbuben!« schrie der Führer der christlichen Freischar. Geordnet drangen sie auf die wilde Horde ein. Ihre gewichtigen Hiebe trieben die Türken durch Fenster und Tür; sie heulten vor Wut, aus zwanzig Wunden blutend. Doch nur kurze Zeit war der Sieg auf der Seite der Christen. Im Tschardak faßten die Moslems, von den Ihren draußen unterstützt, festen Fuß. Sie begannen aufs neue den Eingang zu stürmen. Wie ein Zündfeuer lief die Nachricht von dem Streit zu dem nahen Lager. Trotz der ausgestellten Wachen strömte neues Gesindel durch das Dunkel herbei. Vergebens mischten sich mehrere Unteroffiziere ein; der Christenhaß und der Groll, der zwischen den beiden Truppenteilen herrschte, loderte in so hellen Flammen, daß an Gehorsam nicht zu denken war. Die christlichen Kosaken unter dem Befehl des On Baschi Stephan begannen sich in dem Gemache zu verschanzen; denn bei ihrer geringen Zahl und der größeren Entfernung der Stadt sahen sie sehr wohl die Gefahr ein. Es galt, sich zu halten, bis Entsatz kam. Mehrere von ihnen waren verwundet. Außer der Leiche des Portugiesen lag ein junger Pole zum Tode getroffen am Boden. Der Handschar Husseins, des Albanesen, hatte seinen Schädel gespalten. Auch zwei der Bozuks waren in der Hoda gefallen. Sta Luzia, der Bandit, der zum großen Teil den Ausbruch des Kampfes veranlaßt hatte, legte mit Hand an, Tür und Fenster zu verrammeln. An den Heiducken dachte keiner mehr. Man hatte ihn für einen der Baschi Bozuks gehalten und glaubte, daß er mit den anderen entwichen sei. Michael Miloje aber hatte die Gelegenheit benutzt, während der Kampf am Tschardak tobte, sich mit Marutza in das Bodengeschoß zu flüchten. Seine starke Faust zog die Leiter nach. Die wilden Gesellen, der Gefahr trotzend, ließen es sich dann nach der Sicherung des Einganges angelegen sein, die Vorräte der Hane zu plündern und alles Getränk herbeizuschaffen. Ein wüstes Gelage begann, das sich jeden Augenblick in das letzte Todesstöhnen verwandeln konnte. Durch die Fenster hinaus schwangen sie die Branntweinkrüge und höhnten ihre Gegner. Eine kurze Pause des Kampfes war eingetreten. An zweihundert der Irregulären hatten sich jetzt in der Nähe gesammelt. In den braunen Gesichtern flammten alle Leidenschaften. Offiziere sprengten herbei. – Mahmud Aga, der Kapitän der Kosaken, drohte vergeblich, seine Schwadron ausrücken zu lassen. Wildes Hohn- und Rachegeschrei antwortete den Bitten und Befehlen. Kienfackeln flammten auf. Heller Mondschein gab volle Klarheit. Eine starke Schar der Baschi Bozuks hatte den Wirt nach der hinteren Seite des Hofes geschleppt. Dort zeigte man ihm sein Verbrechen: drei rote, mit Tierblut gemalte Christenkreuze auf dem Querbalken des Tores. Die Moslems sahen darin eine Verhöhnung des Halbmondes. Ibrahim, der Derwisch, hetzte die Erbitterten immer mehr auf. Unterdes bereiteten sich die andern vor den Stufen des Tschardaks zum neuen Angriff. Die Baschi Bozuks, die den Bulgarenwirt trotz seinem Flehen am Tor unter den Kreuzen mit ausgespannten Gliedern festgebunden hatten, begannen nun ein teuflisches Spiel mit ihm. Ben Bahoui, der Damaszener, hatte es angezettelt. Er rief seine Landsleute zusammen. Etwa zehn Schritt vor Gawra hintretend, wog er seinen Yatagan zwischen den Fingern und schleuderte ihn dann in geschicktem Wurf nach dem Opfer; die Spitze fuhr etwa in Fußweite von seinem Leibe in das Holz. »Kreuzigt ihn! Kreuzigt ihn!« Das laute Gelächter verschlang den Hilferuf des Gefährdeten. Ein baumstarker Schwarzer mit dem stumpfen Bullenbeißergesicht der Stämme der Nilquellen trat vor, den Wurf zu versuchen; die taumelnde Haltung bewies, daß er seine geringen Fähigkeiten im Slibowitza ersäuft hatte. Andere pendelten hin und her zwischen den beiden Haufen, den Hohn ihrer Gegner in der Hane mit dem blutigen Spiel beantwortend. »Maschallah! schlagt die Giaurs tot!« Jetzt begann der Sturm gegen die Türen und die Fenster. Der Mohr hob grinsend das schwere Messer zum Wurf. Aber plötzlich warf er auch den andern Arm wild in die Höhe. Er drehte sich um sich selber und stürzte zu Boden. Der Knall, der kräuselnde Rauch aus der Dachöffnung der Hane zeigte, woher der Flintenschuß gefallen. »Die Hunde haben Feuerwaffen! – Wallah! – Steckt ihnen das Haus in Brand!« Die schwache Tür der Hane brach unter den Schlägen der Stürmenden. Über die Trümmer her wurden die Freiwilligen und die Bozuks aufs neue handgemein. Wütend über den Tod ihres Gefährten, stürzten die Angreifer mit geschwungenem Handschar auf Gawra zu. Andere versuchten, das Dach in Brand zu stecken. Die Gefahr war aufs höchste gestiegen. Da hob es sich wie eine dunkle Masse jenseits des fast fünf Fuß hohen Zaunes, flog durch die Luft und mitten zwischen die Gruppe der Baschi Bozuks. Ein braunes, schäumendes Roß stand zitternd von der gewaltigen Anstrengung. Und auf dem Roß ein Mann, die breite Brust von dem silberbeschnürten schwarzen Dolman umspannt. Todesdrohung im feuersprühenden Blick; das häßliche, aber feste Gesicht vor Aufregung glühend: Graf Ilinski, Iskender Bey, der Oberst der Irregulären. »Verflucht! – In eure Zelte, ihr Hunde! – Fort!« Seine Rechte spannte den Hahn des Sattelpistols. Alle hörten deutlich das Knacken, so groß war die Stille um ihn her, als sie ihn erkannt. Nach allen Seiten hin verloren sich die Meuterer eilig im Dunkeln. »Wer hat hier geschossen? Ihr kennt das Verbot, Feuerwaffen bei euch zu führen! Antwortet!« » Sen ektiar der , o Bey!« sagte endlich, sich zu Boden werfend und seinen Steigbügel küssend, der Damaszener. »Der Schuß kam von den Christen her aus der Hane. Es ist unser Kismet, deinem Willen zu gehorchen; wir haben keine Flinten.« »Was tut ihr mit dem Mann da?« »Er hat Kot auf unsern Glauben gehäuft. Es ist ein bulgarischer Mistträger – wir wollen ihn strafen.« »O, Aga«, rief Gawra. »Sie warfen mit ihren Yatagans nach mir!« Der Bey schaute nach dem Tor. »Ungeschickte Hunde! Nennt ihr das einen Wurf? Eine Elle vom Ziel!« Er ritt zum Tor und zog den Handschar, der noch neben dem Leibe des zitternden Bulgaren steckte, aus dem Holz. »Halt' still, Lümmel!« Er ritt auf fünfzehn Schritt zurück und hob sich im Sattel. Einen Augenblick wog er die schwere Klinge auf der flachen Hand, mit dem Mittelfinger den Knopf des Griffs berührend; dann warf er das Beil, das zischend die Luft durchschnitt und kaum in Zollweite über dem Kopf des Wirtes tief ins Holz fuhr. Ein donnernder Beifallsruf erschütterte die Luft. Das war die Weise, wie Iskender Bey diese ungezähmten Seelen gebändigt hatte. Er sagte zu ihnen: »Ich schieße besser als du. Ich werfe den Djerid besser als du. Ich reite besser als du.« Und er schoß besser, er warf besser, er ritt besser und war allen voraus im Kampf. »Bindet den Mann los!« Es geschah. »Und nun fort mit euch, Schurken! Zu euren Zelten; denn in fünf Minuten lasse ich Alarm blasen, und Inschallah – ich spieße den, der nicht in seiner Reihe steht! – Zum Dank für den Lärm hier sollt ihr noch diese Nacht marschieren. Du«, wandte er sich zu dem Damaszener, »und zwei dieser Hundesöhne, ihr bleibt bei dem Mann hier, bis ich nach euch sende.« Er wandte das Pferd und ritt nach der Hane, ohne die Leute auch nur eines Blickes zu würdigen. Wie begossene Hunde schlichen sie eilig nach allen Seiten davon. Am Tschardak hatte sich unterdes ein eigentümlicher, fast komischer Auftritt abgespielt und dem blutigen Gemetzel ein Ende gemacht. Mit verhängtem Zügel jagten die Adjutanten des Beys, Jacoub Aga und Hidaët Aga, in den Hof. Ohne alle Rücksicht auf die Niedergetretenen zwang Jacoub Aga sein Pferd mitten in den dichtesten Haufen. Im nächsten Augenblick schon regnete es rechts und links, vorn und hinten Hiebe mit dem schweren Kantschu, den er in der Hand hatte. Das Pferd, von dem tollen Reiter gespornt, warf die Männer zu Boden. Erschrocken über den unerwarteten Gruß, stob die Schar, die nicht den Säbel der Christen, wohl aber die ungezählten Prügel des Kolassis fürchtete, beiseite. Sie geriet in die Hände Hidaët Agas, der sie mit der flachen Säbelklinge empfing. – »Jacoub'a! Jacoub'a! – Allah! beschütze unsere Köpfe!« heulte es überall. Ehe fünf Minuten vergingen, war der Platz unter dem schallenden, höhnenden Gelächter der soeben noch in blutiger Verteidigung begriffenen Belagerten von dem Gesindel gereinigt. Zugleich hörte man im Lager die langen gewundenen Hörner der Freiwilligen in schweren klagenden Tönen zum Sammeln blasen. Von Widdin her schmetterten Trompeten. Der Rest der Schwadron der türkischen Kosaken unter Führung eines Mulassim trabte heran. Iskender Bey kam ruhig aus dem Hofe, wo er in so tollkühner und glücklicher Weise im rechten Augenblick erschienen war, zum Tschardak geritten. Die Belagerten, fast die Hälfte verwundet, hatten sich herausgedrängt. Ein Baschi Bozuk lag erschlagen mit weit klaffender Wunde in der Veranda; die Verwundeten hatten ihre Kameraden jedoch mit fortgeschleppt. »Kolassi Jacoub?« Der Aga grüßte. »Wieviel Tote?« »Ich höre eben, daß einer der Freiwilligen drinnen erschossen, ein anderer schwer verwundet ist. Zwei Leichen der Unsern liegen in der Hane. Eine hier.« »Nur? – Ein vierter liegt im Hofe; die Sache ist also gut abgelaufen. Jüs Baschi Mahmud'a!« Der Hauptmann der Kosaken, der sich vergeblich bemüht hatte, die Kämpfenden auseinanderzubringen, trat vor. »Ich bin der Oberbefehlshaber hier, wenn auch Ihre Leute nicht zu den meinen gehören. Lassen Sie die Halunken dort, die den Handel angezettelt haben, vortreten.« Es geschah. Einige Augenblicke schwiegen alle. Dann entgegnete der On Baschi: »Keiner von uns hat nach dem Tagesbefehl Schießgewehr bei sich geführt. Der Erschossene da drinnen ist einer der Unseren.« »Wer also schoß?« »Ein Baschi Bozuk natürlich, Mir Alai.« »Narr! – Warum sollte der seinen eigenen Kameraden erschießen? – Ruft den Wirt der Hane aus dem Hofe herbei.« Die drei Wächter und Gawra wurden gebracht. Der Bey wandte sich zu dem Damaszener. »Woher kam der Schuß, der den Mohren niederstreckte?« »Aus dem Hause, Bey! Ich sah den Rauch aus dem Dache steigen.« »Durchsucht die Hane. – Kannst du uns Auskunft geben, Wirt?« »Exzellenz, habe Gnade mit deinem Knecht. Ich habe viele Gäste gehabt, die ich nicht kenne. Man riß mich sogleich zu Boden und schleppte mich in den Hof. Ich weiß nicht, woher der Schuß gekommen ist. Die Angst des Todes war über mir.« Die beiden Mulassims, die mit dem On Baschi das Haus durchsucht hatten, erschienen wieder. Sie führten Marutza mit sich. Der eine trug die Flinte des Heiducken. »Wer ist das Mädchen?« »Meine Tochter, Exzellenz; sie flüchtete auf den Boden, als der Streit im Hause begann.« »Habt Ihr niemanden weiter gefunden?« »Niemanden als dies Mädchen und die Flinte unter dem Stroh verborgen. In der Hoda liegt ein junger Bursche, der Aufwärter des Handja. Aber er ist verwundet.« »Jowan, mein Neffe!« »Still! Du mußt es wissen, Mädchen. – Rede die Wahrheit. Wer schoß die Flinte ab?« Gawra zitterte. »Ich, o Aga, tat es. Mein Vater war in Gefahr!« Der Bey schaute ihr scharf in die blauen, mutigen Augen. Das ritterliche Blut des Polen trug den Sieg davon. »Du tatest brav, Mädchen. Ich wünschte, daß meine Tochter an mir so tun möge. Doch kann ich deinen Vater nicht vor der Strafe schützen, weil er gegen den ausdrücklichen Befehl Waffen in seinem Hause verborgen hatte. Mulassim Hasan! Ihr werdet morgen den Wirt und seine Tochter zu Sami Pascha führen. Die Toten hier sind meine Sache, versteht mich wohl. Nur das Gewehr geht den Pascha und seine Kawassen an. – Gute Nacht, Mädchen!« Marutza neigte sich demütig und küßte den Riemen seines Steigbügels. »Jüs Baschi Mahmud'a – führt Eure Leute fort. Nach der Schlacht hören die Burschen da das weitere. Und nun, meine Herren, zu unserem Korps. Sorgt dafür, daß keiner der Lebendigen unter dem Vorwande einer Wunde in seiner Reihe fehle. Bei dem Gott Mohammeds und der Christen, ich will den Kerl lebendig schinden, der es wagt! – Vorwärts, Jacoub'a!« Und dem scharrenden Roß die Sporen in die Flanken pressend, flog der wilde Iskender Bey im Galopp davon – hinter ihm drein seine Adjutanten. In langen, verhallenden Tönen bliesen die Hörner zum Aufbruch nach Tschetate. Tschetate Der Oberbefehlshaber der russischen Armee hatte beschlossen, die Truppenbewegungen gegen den linken Flügel der Türken zu beginnen und diese aus der Kleinen Walachei zu verdrängen. Zu dem Zweck galt es, Kalafat einzukreisen; Generalleutnant Graf Anrep-Elmpt, der bei dem Einrücken in die Fürstentümer die Vorhut geführt hatte und jetzt in Krajowa befehligte, erhielt die entsprechenden Weisungen. Kalafat liegt in einer kurzen Biegung der Donau nach Nordosten. Dementsprechend bildeten die Russen auf der Grundlinie der Donau die zwei Seiten eines Dreiecks, indem zwei miteinander in Verbindung bleibende Abteilungen von Krajowa aus vorrückten. Das Korps des Generals Dannenberg bewegte sich von Karakal über den Schyl in den Bezirk Radowan und lehnte seinen äußersten linken Flügel an die Mündung des Flusses, über die Deszneizia hinaus; die fünfte leichte Division des Generalleutnants von Fischbach dagegen besetzte in einem Gewaltmarsch die Straße, die von Kalafat längs des Donauufers gegen Orsowa und das Eiserne Tor führt. – Radowan bildete somit den Winkel der Stellung. Diese Bewegungen waren in den letzten Tagen des Dezembers ausgeführt worden. Sie hatten natürlich die Aufmerksamkeit der Türken erregt, und es war vor der Rückkehr des Muschirs nach Nikopolis beschlossen worden, die drohende Festsetzung der Russen nördlich von Kalafat bei Tschetate um jeden Preis zu verhindern. Gegen diesen günstig zur Verteidigung und Befestigung gelegenen Ort war die erste Infanteriebrigade des Generalmajors Bellegarde vorgeschoben worden; Oberst Baumgarten nahm dort Stellung, nachdem bereits am 31. Dezember in der Nähe ein heftiges aber erfolgloses Gefecht stattgefunden hatte. Schweres Geschütz mit Pionieren und Schanzarbeitern hatte Krajowa am 2. Januar verlassen, um die Stellung bei Tschetate zu befestigen. Diese Nachrichten waren es, die Oberst Pisani durch den vertraulichen Briefwechsel der Gräfin Laszlo erhalten hatte. Sie war trotz der Kriegsgefahr, während viele walachische Bojaren schon nach Ungarn und Siebenbürgen flüchteten, Anfang Dezember von ihren nahegelegenen ungarischen Besitzungen auf einem ihrer Güter im Umkreis von Radowan und Krajowa in dem von russischen Truppen besetzten Gebiet erschienen. Um 4 Uhr morgens am 6. Januar verließen die Türken, 13 Infanteriebataillone, 6 Kompagnien Jäger, 1 Regiment türkischer Kosaken und 2 starke Abteilungen der berittenen Irregulären mit 28 Geschützen, im ganzen etwa 18 000 Mann stark, die Verschanzungen von Kalafat und rückten gegen Tschetate vor. Ismaël Pascha, der Tscherkesse, führte die Vorhut und das Haupttreffen, unter ihm der Ferik Mustapha Pascha und der Livas Osman Pascha. Achmet Pascha, der Kommandeur von Kalafat, befehligte die Ersatztruppen. Zwei der türkischen Bataillone mit zwei Kanonen wurden auf der Straße in den Dörfern Maglavit und Gunia zurückgelassen, um die Verbindung mit Kalafat aufrechtzuerhalten. Sieben Bataillone sollten den Ersatz bilden. – Das Dorf Tschetate liegt auf einem Hügel, der auf mehrere Meilen hin die umliegende Fläche überragt und auf beiden Seiten von Schluchten eingefaßt ist. Die östliche ist ziemlich tief, zerklüftet und steil und verliert sich in einen kleinen See; die andere, weniger furchtbar, windet sich gegen die Spitze des Hügels hinter dem Flecken; sie bildet eine Art Hohlweg, den man jedoch ohne Schwierigkeit durchschreiten kann. Die Straße von Kalafat schneidet mitten hindurch, nachdem sie zwischen den Schluchten aufgestiegen ist. Auf der Höhe über dem Flecken rechts von der Straße hatten die Russen eine starke Verschanzung für den Fall des Rückzuges aufgeworfen. Vor Tschetate liegt der Weiler Fonton Banali, den Oberst Baumgarten mit dem Regiment Tobolsk, einer Schwadron Husaren und einer Abteilung des Donschen Kosakenregiments mit 6 Geschützen der leichten Batterie von der 10. Artilleriebrigade unter Oberst Sagoskin besetzt hielt. Der Ersatz der Stellung unter Generalmajor Bellegarde stand, da man einen raschen Angriff keineswegs erwartete, fast zwei Meilen zurück in dem Dorfe Motsesseï. Der Oberkommandierende, Generalleutnant von Anrep, hatte sein Quartier in gleicher Entfernung zur Rechten in dem Dorfe Boleschti. Spät am Abend weckte eine Ordonnanz einen Offizier, der in einer ärmlichen Hütte des Dorfes auf seinem Mantel schlief. Kapitän von Meyendorf sprang rasch auf. Der Soldat führte ihn zu dem Befehlshaber, General von Anrep. Einige Offiziere waren bei ihm versammelt. Kosaken hielten beim Eingang einen walachischen Bauer am Strick, dem die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt waren. Der General war in großer Aufregung. Er sah wiederholt Briefe durch, die auf dem Tische lagen. »Gut, daß Sie kommen, Herr Adjutant. Es gibt für uns alle zu tun. Wir werden eher Gelegenheit haben, als wir hofften, mit den Türken anzubinden. Meine Kosaken haben in der Nähe der Deszneizia diesen Nachmittag bei einer Streife einen Spion aufgegriffen. Hetman Podurow schickt ihn mir soeben. Seine Papiere sind von Wichtigkeit. Sie zeigen, daß unsere Stellung bei Tschetate vielleicht morgen schon angegriffen wird.« »Desto besser, Exzellenz.« »Mag sein. Aber nicht besonders erfreulich ist es, zu erfahren, daß der Verrat in unserem eigenen Feldlager nicht müde wird. Wenn ich mich recht erinnere, kennen Sie die ungarische Gräfin Laszlo, die sich seit Monatsfrist – wie sie angab, um ihr Eigentum in den Kriegsdrangsalen zu schützen – auf Schloß Badowitza zwischen Radowan und Krajowa aufhält. Ich erinnere mich wenigstens, Sie in Unterhaltung mit ihr gesehen zu haben, als sie uns in der vorigen Woche in Krajowa besuchte.« Kapitän von Meyendorf verbeugte sich, um die Röte in seinem Gesicht zu verbergen. »Ich habe die Ehre, die Gräfin Laszlo von Wien aus zu kennen. Ich besuchte sie noch vor einigen Tagen mit mehreren Offizieren.« Er verschwieg, daß gerade die Nachricht von ihrer Anwesenheit auf den walachischen Gütern ihn veranlaßt hatte, den Fürsten um den Auftrag der Überbringung von Depeschen an General Anrep und zur Einleitung wichtiger Verbindungen mit dem serbischen und bulgarischen Ufer zu bitten. Dieser Auftrag hielt ihn jetzt seit vierzehn Tagen im Hauptquartier des westlichen Korps. »Werden Sie es glauben, Kapitän, daß gerade diese Gräfin Laszlo die Spionin bei uns gespielt hat, durch die der schlaue Fuad fortwährend mit unseren Bojaren verkehrt und uns so manche Verlegenheit bereitet?« Kapitän von Meyendorf erblaßte. Doch suchte er sich rasch zu fassen. »Unmöglich, Exzellenz«, stotterte er. »Die Beweise halte ich in der Hand, Herr Kapitän. Hier dieses Paket mit gedruckten Aufrufen an die Bojaren und das Volk trägt die Unterschriften Omers und Fuad Effendis; dieser Umschlag, den man bei dem Boten fand, enthält Briefe an verschiedene Bojaren, und ein Blatt an die Gräfin. Der Schreiber ist nicht genannt. – Man dankt ihr für die letzten Nachrichten, die sie nach Widdin über unsere Bewegungen gegen Kalafat und die neuen Zuzüge unserer Truppen gemacht hat. Der Brief schließt mit der Benachrichtigung, daß der Muschir zwar heute morgen Widdin verlassen, aber den Befehl geben werde, unsere Linien bei erster Gelegenheit zu durchbrechen. Er bittet die Gräfin um weitere Kunde. Offenbar hat der Verkehr meiner Offiziere in ihrem Hause, den ihre täglichen Einladungen so sehr förderten, ihr alle diese Nachrichten verschafft.« »Und darf ich fragen, was Euer Exzellenz beschlossen haben?« »Ich muß natürlich Bellegarde und Baumgarten benachrichtigen lassen, auf ihrer Hut zu sein. Sie, Herr Kapitän, beauftrage ich, da Ihnen die Gräfin bekannt ist, morgen bei Tagesanbruch sich mit einem Zug Husaren nach Schloß Badowitza auf den Weg zu machen, die Gräfin zu verhaften und ihre Papiere in Beschlag zu nehmen. Sie liefern die Spionin nach Krajowa ab. Sie soll nach meiner Rückkehr ihrer gebührenden Züchtigung nicht entgehen!« »Euer Exzellenz erlauben mir die Bemerkung: die Gräfin ist österreichische Untertanin.« »Hier ist sie Walachin, Herr Kapitän. Die Österreicher selber haben uns gelehrt, wie man mit diesen ungarischen Damen umspringt. K tschortu! Ich will sie peitschen lassen wie die Österreicher, und sie mit Kosaken über die Grenze bringen! Das Beispiel soll allen Weibern künftig die Einmischung in die Politik verleiden!« »Exzellenz, es ist eine Dame – ich war im Hause ihres Oheims täglicher Gast!« »Eine Spionin ist sie, Herr!« fuhr General Anrep auf. »Als solche verdient sie behandelt zu werden. Was blieb sie nicht in Wien, statt hierher zu kommen und die Verräterin zu spielen? – Aber ich sehe, wie die Sache steht! Sie liegen ebensogut in den Netzen der Verräterin wie diese Herren hier, die schon allerlei Ausflüchte versucht haben. Ich muß einen weniger höflichen Offizier schicken, wenn ich sicher sein will, daß die Spionin nicht einen Ausweg findet. Skolimow – rufen Sie mir den Kapitän der sechsten Sotnie her – ich weiß nicht, wie der Kerl heißt; aber tauglich dazu ist er.« »Chotumowski, Exzellenz!« »Rasch, damit die Sache zu Ende kommt. Sie, Rittmeister Kowalew, nehmen den Boten mit sich und lassen ihn an dem ersten besten Baum außerhalb des Dorfes aufknüpfen – mit einem dieser Plakate auf der Brust. Es mag den Kanaillen zur Warnung dienen. Herr Kapitän, da Sie die gesellschaftliche Höflichkeit dem Dienst vorziehen, muß ich Ihnen eine andere Beschäftigung geben. Sie werden sogleich zu Oberst Baumgarten aufbrechen. Teilen Sie ihm die Nachrichten mit, die Sie eben gehört haben, damit er auf seiner Hut ist. Ich werde ihm morgen Verstärkung senden und wahrscheinlich selber seine Stellung besichtigen.« Kapitän von Meyendorf verbeugte sich. Er trat näher zu dem General und fragte leise: »Haben Euer Exzellenz keine Botschaft von Alexo, dem Wirt in Widdin?« »Nein. Und deshalb eben hab' ich mich anders besonnen und sende Sie nach Tschetate, für den Fall, daß eine Botschaft eintreffen sollte, da Sie der Chiffern kundig sind. Ich weiß nicht, ob man dem Menschen weiter trauen kann, nachdem er uns über diesen Verrat im unklaren gelassen hat. Aber vielleicht fehlte ihm selber die Kenntnis davon. Der Bursche, den ich eben verurteilt habe, kennt den Wirt nicht. Er ist von dem Gut der Gräfin und hatte nur den Auftrag, am Donauufer vorige Nacht einen Boten von drüben zu erwarten. Wir werden in den nächsten Tagen von Ihrem Zigeuner Gebrauch machen müssen. Er ist der Zuverlässigste von allen, so jung er ist. Und nun leben Sie wohl, Kapitän, und grüßen Sie den Obersten.« Er wandte sich zu einem andern Offizier. Kapitän von Meyendorf verließ die Hütte. Draußen begegnete ihm schon der befohlene Kosakenoffizier, ein alter, graubärtiger Hauptmann mit rohem, finsterm Gesicht. Kapitän von Meyendorf schauderte, als er, in seinen Mantel gehüllt, an ihm vorüber ging. Dann setzte er eilig und in tiefem Nachdenken den Weg zu seiner Unterkunft fort. Als der Kapitän in die walachische Hütte, die er mit mehreren anderen Offizieren teilte, zurückkehrte, befahl er der Ordonnanz, sofort seine beiden Pferde zu satteln. Dann weckte er im Stall einen Mann, der dort schlief. »Steh' auf, Mungo. Du sollst mich begleiten.« Der junge Zigeuner, dem Kapitän von Meyendorf im Lager von Budeschti am Vorabend der Schlacht von Oltenitza das Leben gerettet hatte, sprang sofort auf und schüttelte das Heu, auf dem er gelegen, aus den Haaren. Er hatte sich seit jener Zeit den Russen angeschlossen und, das gefährliche Gewerbe des Leichendiebes und Plünderers aufgebend, das nicht minder verzweifelte eines Spions angenommen. Da seine Wanderungen ihn nicht allein durch die ganze Walachei, sondern auch häufig in das bulgarische Uferland bis zur serbischen Grenze hin geführt hatten, und da er das Türkische und Bulgarische geläufig sprach, war er von den russischen Heerführern vielfach zu diesen Diensten benutzt worden. Er unterhielt auch eine Verbindung mit den bulgarischen Heiducken und den Resten der alten Hetärie. Kapitän von Meyendorf empfand wenig Zuneigung für ihn; aber der Bursche hatte seit jener Zeit doch solche Anhänglichkeit an ihn gezeigt und ihm seine Dienstleistungen so demütig aufgedrängt, daß er ihn sich endlich gefallen ließ. Der Zigeuner teilte seitdem mit seinem gewöhnlichen Reitknecht die Sorge um seine Pferde. Da bei dem Vormarsch gegen Kalafat die Anknüpfung und Verbindung mit den russenfreundlich Gesinnten in Widdin und im Hauptquartier des Muschirs von größter Wichtigkeit war, wurde ausdrücklich der junge Zigeuner mit dem Kapitän nach Krajowa gesandt. Er hatte von dort aus zweimal das türkische Ufer und Widdin betreten, wo Alexo, der Wirt, als Agent beiden Parteien mit großer Schlauheit diente. Die Pferde standen bereit. Der Kapitän schwang sich auf. Er ließ seinen Reitknecht zurück und befahl Mungo, das zweite Pferd zu besteigen und ihm zu folgen. Als sie über die Vorposten hinaus auf dem Wege in der Richtung von Tschetate waren, ließ Kapitän von Meyendorf sein Roß langsam und achtlos schreiten. Er verlor sich in düsteres Nachsinnen. Endlich hielt er den Zügel an und rief Mungo. »Ich habe gesehen, daß du ein guter und verwegener Reiter bist. In welcher Zeit glaubst du, könnte ich mit meinem Halbblut die Deszneizia jenseits Radowan erreichen?« »Wenn du das Pferd anstrengst, Kapitän, in fünf Stunden.« »Es ist Mitternacht. Also gegen sechs Uhr. Die Kosaken werden kaum vor dieser Zeit aufbrechen und vor Mittag das Schloß nicht erreichen. Sie hat demnach, auch wenn ein Hindernis den Boten verspäten sollte, Zeit genug zur Abreise. Steig' ab, Mungo. Wechsle mit mir das Pferd.« Der Zigeuner gehorchte stillschweigend. »Du kannst mir jetzt das wenige, was ich für die Rettung deines Lebens in Budeschti tat, wett machen mit einem Dienst, wenn es dir wirklich ernst mit deinem Dank ist.« »Befiehl, Herr. Mungo wird es dir beweisen, und wenn es sein Leben kostet.« »Kennst du Dorf und Schloß Badowitza?« »Ich kenne es nicht. Aber ich habe davon gehört in Krajowa. Es wohnt eine vornehme Gräfin dort, die der Kapitän neulich besucht hat.« »Höre mich genau an; denn von deiner Botschaft und deren Eile hängt Wichtiges ab. Die Gräfin Laszlo ist die Herrin des Schlosses. Du reitest, so rasch du kannst, nach Badowitza und suchst unter irgendeinem Vorwande, ohne daß es ihrer Umgebung und dem Posten, der vielleicht noch im Dorfe liegt, auffällt, zu ihr zu gelangen.« »Ich werde es.« »Sobald du sie siehst, verlange eine geheime Unterredung. Sage ihr: der Warner aus dem Prater von Wien lasse sie bitten, sofort abzureisen und möglichst rasch die ungarische Grenze zu erreichen. Um Mittag würde es zu spät sein. Hast du die Worte gemerkt?« Der Zigeuner wiederholte sie. »Herr, aber die Gräfin wird fragen, wer ihr die Worte sendet.« Kapitän von Meyendorf hatte schon seine Brieftafel in der Hand und reichte ihm ein zusammengeschlagenes, vor dem Abreiten geschriebenes Papier. »Wenn die Gräfin einen Beweis fordert, wird dies genügen. Zugleich wird es dir bei den russischen Streifen, die dich anhalten könnten, als Ausweis dienen. Es enthält einfach die Worte: ›Mein Diener Mungo reitet in meinem Auftrage nach Krajowa.‹ – Und nun, Mungo, gib mir einen Beweis deiner Schlauheit und Treue! Schone das Pferd nicht.« Er reichte ihm das Papier. Aber er zögerte noch einmal. »Es ist möglich, daß es morgen ein heißes Treffen gibt und du mich bei der Rückkehr nicht mehr finden könntest. Nimm diese Börse und meinen Dank für deine Dienste. – Wenn du die Gräfin sprichst, sage ihr, sie möge meiner freundlich gedenken.« Er wandte kurz das Pferd und sprengte davon. Der Zigeuner spornte den Renner nach der entgegengesetzten Richtung. – Der Morgen war klar, der Himmel wolkenlos. Nicht ein Windhauch bewegte die Luft. Als die Sonne aufging, bildete das noch beschneite Tal der Donau und der große Strom, der langsam seine gelben Wasser dahinwälzte, ein Bild des Friedens und der Ruhe. Bald nach 7 Uhr nahte die türkische Vorhut dem Weiler am Fuße des Hügels, auf dem Tschetate stand. Ismael Pascha mit Iskender Bey und dem Ferik Mustapha befanden sich an der Spitze der Abteilung. Weder in dem Weiler, noch auf der Höhe von Tschetate zeigte sich im ersten Licht des Tages eine Spur der Russen. Die Abteilung machte halt; der Pascha prüfte einige Augenblicke das Gelände, dann wandte er sich zu seinen Begleitern. »Halte deine Bataillone bereit, Mustapha, und lasse Nefwik Bey mit seinen Jägern vorrücken und sich über das Feld verteilen. Ich werde ihm selber meine Befehle geben. Maschallah! Ich glaube, die Moskows sind davongelaufen, ehe wir gekommen sind.« »Du irrst, Pascha,« sagte der Graf, »mein Fernrohr zeigt mir, daß das Dorf besetzt ist und Artillerie dort steht. Wenn du mir gestatten willst, will ich meine Irregulären an dem Wasser entlang ihnen in den Rücken führen.« »Allah sende ihnen Verderben! – Es geschehe, wie du sagst, Freund Bey. Auf dein Haupt komme es. Wir müssen die Höhe dort gewinnen – wir sind nicht die Esel der Moskows. Wallah! Da ist der Neffe des Muschirs. Höre, Bey, du sollst die Ehre des ersten Angriffs haben. Rücke langsam vor und nimm jene Häuser.« Nefwik und Iskender Bey eilten nach verschiedenen Richtungen davon. Während Iskender Bey, gedeckt durch das Gelände auf der rechten Seite von Tschetate, mit seinen beiden Regimentern Irregulärer und sechs Kanonen den kleinen See im Galopp umfaßte, begann in der Front schon der Kampf. Die fünf Kompagnien Jäger unter Befehl Nefwik Beys breiteten sich rechts und links aus und begannen langsam den Hügel gegen den Weiler hinanzusteigen, zuweilen feuernd, jedoch ohne Antwort. Sie waren etwa noch vierhundert Schritt vom Weiler entfernt, als ein einzelner Kanonenschuß fiel und sich noch zwei andere Geschütze zeigten. Sie eröffneten ein scharfes Feuer. Das Heckenfeuer der Infanterie fiel ein; von der Spitze des Hügels sprachen die vor Tschetate aufgefahrenen drei Kanonen mit Paßkugeln und Granaten, während die am untern Abhang mit Kartätschen schossen. Nur die Kartätschen taten Schaden; die ungeschickt gezielten Schüsse der oberen Batterie gingen über die Anstürmenden weg und die Granaten platzten in der Luft, noch ehe sie den Feind erreichten. Den Jägern Nefwiks folgte Mustapha Pascha mit vier Bataillonen Nizam, von Hadschi Mustapha, dem kommandierenden Offizier der Artillerie, unterstützt. Die türkischen Geschütze – die vorzüglichste Waffe der ganzen Armee – schossen ungleich besser als die russischen; ihre Paßkugeln schlugen fest und sicher in die Gebäude des Weilers. Zweimal setzten die Jäger unter dem Ruf: »Allah! Allah!« an; zweimal wurden sie von den Kugeln der Russen geworfen. Wütend spornte Ismael Pascha sein schwarzes Pferd gegen den Nizam und trieb ihn gegen die Gebäude; die türkischen Kanonen der Vorhut folgten. Oberst Baumgarten verteidigte die bedrängte Stellung mit großer Kühnheit gegen den überlegenen Angriff. Die Husaren und ein Bataillon des Regiments Tobolsk waren nach Tschetate zurückgesandt, die Übermacht des Feindes daher erdrückend. Der Nizam griff den Weiler mit dem Bajonett an; an vielen Punkten focht schon Mann gegen Mann. Doch noch hielten die Russen tapfer stand. Den Hügel von Tschetate herab jagte ein Adjutant. »Major Topoltschann meldet, daß die Kavallerie des Feindes die Stellung am See umgangen hat und mit einer reitenden Batterie das Dorf im Rücken angreift. Das zweite Bataillon und die Husaren sind bereits im Feuer.« Die Kunde war entscheidend: die Wegnahme des Dorfes, ehe man sich nach der Schanze auf der linken – der rechten russischen – Flanke zurückziehen konnte, hätte die Besatzung des Weilers gänzlich abgeschnitten. Der Kommandierende erkannte die Notwendigkeit des Rückzuges. Major Kolomeïtsew erhielt den Befehl, mit dem ersten Bataillon und den Kosaken den Rückzug zu decken und langsam zu folgen. Der Weiler stand schon in hellen Flammen, als die drei Geschütze den Hügel hinaufjagten und dort auf der Höhe ihre Gefährten ablösten. An der Spitze des dritten Bataillons durcheilte der Oberst das Dorf und warf sich auf der Hinteren Abdachung den Baschi Bozuks Iskender Beys entgegen, von der Schwadron Husaren gedeckt. Die Soldaten des ersten und zweiten Bataillons begannen, sich in den Häusern zu verschanzen. Die Irregulären, die schon einige Vorteile errungen, verloren sie wieder und wichen, obgleich die Agas wütend auf die eigenen Leute losschlugen. Der günstige Augenblick war verloren. Die Russen hatten das Dorf mit ihrer ganzen Macht besetzt und eröffneten ein mörderisches Gewehrfeuer auf die von zwei Seiten vorrückenden Abteilungen. Achmet Pascha sandte zwei Bataillone des Ersatzes zur Unterstützung vor; mit einer doppelt überlegenen Macht wurde das Dorf angegriffen. Die türkische Kavallerie erhielt Befehl, sich in der Schlucht auf der Linken, durch die quer der Weg von Tschetate nach Norden führt, festzusetzen und so den Rückzug zur Schanze abzuschneiden. Das Gefecht auf den Hügelseiten war blutig; die türkischen Jäger litten sehr; die erste Kompagnie wurde buchstäblich vernichtet. Unter Allahgeschrei stürmte der Nizam das Dorf. Jeder Schritt mußte durch Blut erkauft werden. Die Russen machten jede Mauer, jede Hütte zu einer Festung. Zweiunddreißig Offiziere wurden verwundet, elf getötet. Man sah sie ihre Mütze in die Stirne drücken, um den Tod zu finden. Sie starben lieber, als daß sie wichen. Dennoch drangen die Türken siegreich vor – es war das erstemal, daß im Angriff der Nizam Lorbeeren errang. An der kleinen Kirche des Orts hielt Oberst Baumgarten mit seinen Offizieren, darunter der Regimentsadjutant Zagreba, dem das Blut aus einem Schuß am rechten Bein herabfloß. Auch Major Kolomeïtsew blutete aus zwei Wunden. Zur Seite des Obersten befand sich Kapitän Meyendorf, der seine Dienste als Adjutant angeboten. Der Oberst wandte sich zu ihm. »Bellegarde und Graf Anrep lassen lange auf sich warten, mein Herr; man muß dieses Schießen in Motsetseï gehört haben, und wir schlagen uns schon drei Stunden.« »Die Stellung ist unmöglich länger zu halten, Oberst.« »Ich sehe es – Major Topoltschann hat es mir gleichfalls melden lassen. Es ist Zeit, daß wir unsern Rückzug sichern. Reiten Sie zu Sagoskin und sagen Sie ihm, daß er sich bereit hält mit den Geschützen. Die Husaren werden die Spitze nehmen, die Kosaken die Geschütze decken. Das zweite Bataillon soll diesmal die Ehre haben, die Nachhut zu bilden. In zehn Minuten müssen wir auf dem Wege sein! Wenn Sie mich das Tuch schwenken sehen, soll Rittmeister Sszamarin mit seinen Husaren im Galopp die Schlucht erzwingen. Sie bleiben bei ihm.« Der Kapitän grüßte, während der Oberst dem Regimentsadjutanten weitere Befehle gab, und ritt zu der Batterie. Sie unterhielt an der anderen Seite der Kirche über die Häuser hinweg, in denen man sich Mann gegen Mann schlug, ein unregelmäßiges Feuer gegen die unterstützenden Abteilungen des Feindes. »Achtung! – Mit Kartätschen geladen! – Pferde vor!« Die Befehle waren in drei Minuten vollzogen. Die Trommeln schlugen zum Vorrücken. Das zweite und erste Bataillon machten einm Angriff mit dem Bajonett. Der Oberst schwenkte das Tuch. Die Trompeten bliesen zum Angriff. Der Rest der Schwadron Husaren vom Regiment Fürst von Warschau raste die Straße entlang und stürzte sich in die Schlucht zur Linken. Hinter ihnen drein rasselte die Batterie. Dort hatte sich, gedeckt gegen die russische Artillerie vom Dorf und von der Schanze, die türkische irreguläre Kavallerie aufgestellt mit sechs Geschützen. Sie sollte die Straße beherrschen. Der Angriff erfolgte jedoch so überraschend, und die Verwirrung war im Augenblick so groß, daß die türkischen Geschütze nicht zum Feuern kamen. Vier von ihnen fielen den Russen in die Hände. Indem sich die Husaren und Kosaken rechts und links von der Straße auf die Irregulären warfen, gelang es der russischen Batterie, die Schlucht zu durchjagen und auf der entgegengesetzten Seite Posto zu fassen. Von dort konnte sie den Aus- und Eingang bestreichen. Zugleich warf sich das dritte Bataillon Tobolsk über die Seiten der Schlucht. Das erste und zweite hielten unterdes den Anprall des Nizam, durch dessen Öffnung jetzt die türkischen Kosaken heransprengten, auf und deckten den Rückzug. Das Mordio, der Allahruf und das Hurra der Infanterie zwischen dem Donner der Geschütze und dem Knattern der Flinten waren sinnbetäubend, das Gemetzel schauderhaft. Das Blut floß, wie Augenzeugen berichteten, in kleinen Rinnsalen auf der gefrorenen Erde herunter. Mit scharfen Hieben trieb der Bey seine Arnauten ins Gefecht; er wollte den Zug der Russen über die Straße durchbrechen. Zweimal gelang es ihm – zweimal wurde er aufs neue zurückgedrängt. Als er zum drittenmal über die Straße brach, schloß sich die Abteilung hinter ihm und etwa dreißig Gefährten. Schon war das zweite Bataillon auf dem Rückzug, während das erste sich noch heldenmütig jenseits der Schlucht am Rande des brennenden Dorfes schlug und die russische Artillerie auf der halben Höhe der Schanze Stellung genommen und ihr Feuer eröffnet hatte. Iskender Bey, der tollkühne Arnautenführer, schien verloren. Ringsum starrende Bajonette, die langen Piken der Kosaken und die Säbel der Husaren. Ein Hieb lähmte seinen linken Arm. Doch der verwundete Löwe schien seine Kraft zu verdoppeln. Aber die stählerne Mauer der Bajonette, gegen die er sein Pferd spornte, widerstand. Um ihn fielen die Bozuks, die ihn begleitet; der On Baschi Hussein Abdallah, der Syrer, sank. Kaum zehn noch hielten stand. Da führte der Graf, gleich Roland im Tal von Ronceval das Horn, die silberne Pfeife, die er auf der Brust trug, an die Lippen – drei gellende, schneidende Töne schrillten durch die Luft weithin über das Kampfgetöse. Kapitän Meyendorf hatte sich mit den Husaren auf den Trupp geworfen, der den Bey schützte; sein Degen kreuzte sich mit dem Säbel des Führers. »Ergeben Sie sich, Graf, Sie sind gefangen!« »Einem Russen? – Niemals! – Tysiac byci mac mordowalo !« Sein Hieb sauste, doch glücklich wehrte der Adjutant ihn ab; nur die Spitze des Säbels ritzte seine Wange. Von der anderen Seite drängten Husaren an den kühnen Polen, kräftige Hände erfaßten ihn. »Nehmt ihn gefangen! – Schonung dem Tapferen!« Da brauste und tobte es heran. »Allah! – Hurra!« Rechts und links flogen die Russen zur Seite; Roß und Mann stürzten und wälzten sich am Boden. Lanzen brachen sich Bahn. Handschars und Säbel blitzten. »Hussa, Bey! Jacoub'a ist hier!« Die tolle Arnautenbande mit dem Aga an ihrer Spitze hieb rasend den Führer aus der Gefahr ... Die Schanze war glücklich erreicht. Ihre Geschütze und die Feldbatterie donnerten gegen den Feind und hinüber gegen Tschetate; sechshundert russische Krieger deckten den Kampfplatz, über achthundert waren verwundet. Ismael Pascha sammelte die Bataillone, um sie zum Sturm gegen die Schanze zu führen. Ein Adjutant Achmets jagte herbei und meldete das Anrücken der russischen Truppen von Motsetseï. Es war schon Mittag. Kaum noch eine halbe Meile entfernt, kamen die Russen gegen die rechte Flanke des Feindes an unter Generalmajor Bellegarde: Das Jägerregiment Odjessa, geführt von Generalmajor Schigmond, der Rest des Alexandrinskischen Husarenregiments Fürst von Warschau, geführt vom Oberst und Flügeladjutant Alopäus, eine Feldbatterie von sechs Geschützen und ein Schwarm von Kosaken, im ganzen zwischen 7000 und 8000 Mann. Die Infanterie bildete das Mitteltreffen; die Kavallerie und Artillerie waren auf den Seiten aufgestellt. Ihr Marsch richtete sich gegen die Kalafater Straße, um den türkischen Truppen den Rückzug abzuschneiden. Die Ersatztruppen Achmet Paschas, fünf Bataillone, befanden sich am Fuße des Hügels; er ließ sie Front machen gegen den anrückenden Feind. Die türkischen Truppen standen. Sie bewiesen damit ihren Wert, denn die Nachricht, daß der Feind die Rückzugslinie bedrohe, ist auch bei den besten wohl geeignet, Verwirrung anzurichten. An der Seite des Hügels, unter der Schlucht auf der Rechten, war eine Art alter Umzäunung, die einen viereckigen weiten Raum einschloß. Er war von den Einwohnern wahrscheinlich zur Schafhürde benutzt worden, jedoch schon vor langer Zeit, denn der Graben war halb angefüllt. Dennoch gewährte er noch immer eine günstige Stellung zur Verteidigung. Die türkische Infanterie unter dem Livas Osman Pascha entwickelte sich zur Rechten über diese Einzäunung; drei Bataillone in Linie, zwei in Reserve, die rechte Flanke durch eine Batterie von vier Zwölfpfündern, die linke durch sechs Feldstücke gedeckt. Die Kavallerie aus dem genommenen Tschetate wurde zurückgerufen und auf der Linken aufgestellt, das Regiment türkischer Kosaken vor den Irregulären. Der Anmarsch der russischen Truppen bot einen großartigen Anblick. Jede Linie schritt wie ein Mann; alle Zwischenräume wurden so genau innegehalten, als ob sie in Petersburg paradierten. Vier Offiziere sprengten vor, um das Gelände zu prüfen, und zogen sich wieder zurück. Gleich darauf änderten die russischen Ersatzbataillone ihren Marsch; sie rückten mit zwei Geschützen gegen die Schlucht vor, machten aber halt, da sie diese ungangbar fanden. Jetzt eröffnete die russische Artillerie ihr Feuer, die türkische antwortete. Die russischen Geschütze feuerten viel zu hoch. Ihre Kugeln taten anfangs wenig oder gar keinen Schaden, bis es ihnen gelang, die rechte Entfernung zu finden. Die türkische Artillerie dagegen, von Hadschi Mustapha befehligt, räumte furchtbar auf unter den anrückenden Abteilungen und riß weite Lücken in die lebenden Mauern. Aber mit jener unerschütterlichen Haltung, die der russischen Infanterie eigen ist, schlossen sich im Augenblick wieder die Reihen und bewegten sich mit derselben Ruhe vorwärts. Ein türkisches Feldgeschütz wurde zerstört, einen Augenblick ließ das Feuer nach. Dies benutzten die Gegner, sich zum Bajonettangriff auf die türkischen Linien vorzubereiten. Die Trommeln wirbelten den kurzen Sturmmarsch; die Russen stürmten. Aber der Kartätschenhagel der türkischen Geschütze fegte sie nieder. Zweimal setzten die Russen an; zweimal siegte die menschliche Natur über den Gehorsam des Kriegers – sie wurden zurückgedrängt unter dem Allahruf der jetzt vorgehenden türkischen Linien. Einige Augenblicke waren die russischen Geschütze ohne Deckung und fast in der Gewalt der Moslems. Da führte Generalmajor Schigmond, selber verwundet, die Jäger zum drittenmal gegen den Feind; die Husaren und Kosaken warfen sich in seine Flanken; den Führern der türkischen Kavallerie gelang es nicht, den Angriff aufzuhalten. Die Türken wurden nach der Straße zurückgedrängt. Zugleich erhielt Achmet Pascha die Nachricht, daß der Generalleutnant Graf Anrep mit den starken Reserven von Bolischti auf Modlavit anrücke und ihn so im Rücken bedrohe. Zwei Stürme Ismael Paschas auf die Schanze waren unterdessen von Oberst Baumgarten zurückgeschlagen worden. Achmet Pascha gab den Befehl zum Rückzug nach einem fast achtstündigen Kampf. So tapfer sich die Türken geschlagen, so erbärmlich zeigten sich jetzt die schlechten Anstalten ihres Heerwesens. Der größte Teil der Verwundeten, über 500 Mann, mußte hilflos auf dem Schlachtfeld zurückgelassen werden. Die Truppen unter Bellegarde zählten eine gleiche Anzahl von Toten und fast das Doppelte an Verwundeten. Die Türken hatten während des zwiefachen Kampfes gleichfalls über 1000 Mann verloren, so daß nach der Schlacht an 3000 Tote und Verwundete auf dem Platze lagen. Der Boden war so mit Leichen bedeckt, daß kaum zwei Tage hinreichten, sie zu beerdigen. Um 3 Uhr traten die Türken unbehindert ihren Rückzug an, denn die Munition begann beiden Gegnern auszugehen. Sie erreichten Kalafat, ohne von den Kolonnen des General Anrep angegriffen zu werden. Am nächsten Morgen hatte das letzte Bataillon sein Quartier bezogen. Sie ließen sechs Kanonen in den Händen der Russen zurück, und deren anrückende Übermacht blieb Herr des Schlachtfeldes; aber der Zweck war erreicht, und die Stellung bei Tschetate geworfen. –   Hinter der zerstörten Mauer einer Hütte von Tschetate lag in todesähnlichem Schlaf Kapitän von Meyendorf. Eine Hand rüttelte ihn. Vor dem Auffahrenden stand Mungo, der Zigeuner; bleich, erschöpft. »Dein Auftrag? – Sprich, hast du ihn glücklich ausgeführt?« Mungo schüttelte den Kopf. »Ich kam zu spät. Die Streifwachen hielten mich auf. Erst um acht Uhr morgens erreichte ich das Dorf. – Die Gräfin war fort – das Schloß stand in Flammen!« »Unmöglich! – Die Kosaken konnten vor Mittag nicht eintreffen!« »Nicht die Kosaken, Herr. Die verräterischen Dorobandschen und ein türkisches Streifkorps überfielen das Dorf, plünderten das Schloß und führten die Gräfin gewaltsam mit fort. So erzählten mir Bauern und Diener.« »Und du bist ihrer Spur nicht gefolgt?« »Ich tat es, Herr. Die Plünderer, über zweihundert Mann stark, schlugen sich durch die schwachen russischen Posten und erreichten die Donau bei Kalafat. Ich kehrte zurück, um dich zu benachrichtigen. Drei Stunden von hier stürzte dein Pferd tot zusammen von der Anstrengung – ich machte den Rest des Weges zu Fuß.« Kapitän von Meyendorf atmete hoch auf. »Gott sei Dank! Was kümmert mich das Pferd!« – Im nächsten Augenblick versank er in tiefes Nachsinnen. »Die Gefahr ist noch nicht vorüber«, murmelte er. »Sie darf nicht hierher zurückkehren – sie muß gewarnt werden. Und ich – ich muß wissen, ob sie in Sicherheit ist« – Er wandte sich zu dem Zigeuner: »Wann soll Michael Miloje, der Heiduck, mit dir in Widdin zusammentreffen?« »Heute oder morgen, Herr!« »Nimm meinen Mantel, armer Junge. Suche einige Stunden zu schlafen. Dann folge mir nach Boleschti, du wirst Beutepferde genug und billig finden. Aber versieh dich, ehe du dich zur Ruhe legst, mit zwei türkischen Anzügen von den Gefallenen. Wir werden sie brauchen. Auf Wiedersehen, Mungo.« Der Wudkoklak In den Tälern der Donau lebt eine grauenvolle Sage und pflanzt sich fort von Vater und Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht. Wenn der Vollmond seinen bleichen Schein über Fels und Wald gießt, erhebt sich der Wudkoklak aus seinem Grabe, in dem er mit offenen Augen und starrem Blick schläft. Klauen und Haare wachsen im Todesschlaf. Warmes Blut rinnt durch die erstorbenen Adern; denn in den unheimlichen Nächten des Vollmondes frischt er es auf: er streift gespenstisch durch das Land, öffnet seinen Opfern die Rückenader und saugt ihr rotes Blut. Steht ein Toter in dem Verdacht, auf diese Weise sein Grab zu verlassen, so wird er feierlich ausgegraben. Hat die Verwesung ihr Werk getan, so begnügt sich der Pope, ihn mit Weihwasser zu besprengen; ist er aber rot und blutig, so treibt man ihm den Teufel aus und stößt ihm bei seiner Wiederbeerdigung einen im Feuer gehärteten Eichenpfahl in die Brust, damit er sich nicht wieder erheben kann. Aber auch einen anderen Wudkoklak gibt es, vor dem nicht der Segen des Priesters, nicht der blutige Pfahl durch die Brust zu schützen vermag: lebendig wandelt er unter den Lebenden. Oft wird er von unwiderstehlichem Drange nach Schlachtgemetzel ergriffen. Er verläßt bei Tag und Nacht seine Wohnung, schweift umher und zerfleischt mit seinen Bissen Menschen und Tiere, die ihm begegnen. Er ist lüstern auf Blut junger Mädchen und Frauen. In ihr Herz schleicht er sich ein durch tausend listige Ränke. Und wenn er in der Brautnacht sie in die Arme preßt, schwindet ihr Bewußtsein. Das Blut weicht langsam aus ihren Adern. Das Antlitz wird bleich und immer bleicher. Die Quellen des Lebens vertrocknen; denn allnächtlich teilt der Wudkoklak ihr Lager und saugt der Schlummernden das Mark aus dem Gebein, das frische rote Blut aus der zitternden Brust. Das junge Leben welkt und welkt. Ehe der Mond zwanzigmal seinen Kreislauf vollendet, deckt die Erde den frischen Leib und das gebrochene Herz; der Wudkoklak darf nach neuen Opfern suchen. Zuweilen auch paart er sich mit der Wjeschtitza, dem weiblichen Gnomen, dem Gespenst mit Feuerflügeln. Es senkt sich nachts auf die Brust des schlafenden Kriegers nieder, preßt ihn in seine Arme und flößt ihm seine Wut ein. Dann raubt die Wjeschtitza, in Gestalt einer Hyäne, kleine Kinder und schleppt sie fort in den Wald, da die Liebe des Wudkoklak kein Leben zu zeugen vermag. Das sind die klagenden Stimmen, die in Fels und Wald nach den Eltern rufen. Das sind die wankenden bleichen Lichter, die den Wanderer in dem Moder der Sümpfe begraben ... Der Bulgare macht drei blutige Kreuze an seine Tür, um den Wudkoklak und der Wjeschtitza den Eingang zu sperren. Doch vergeblich; denn die Wjeschtitza senkt sich im Haß und in der blutigen Leidenschaft auf jede Menschenbrust, und über die Schwelle des Palastes und der Hütte, durch die ganze Welt schreitet der Wudkoklak und heftet den gierigen Mund an Unschuld und Tugmd; an alles, was schön, vertrauend und erhaben ist. In einem Gemache des Hauses von Sami Pascha zu Widdin lag auf weichen Polstern Gräfin Helene Laszlo am zweiten Morgen nach der Schlacht von Tschetate. Ihre geistige und körperliche Kraft war erschüttert von dem unerwarteten Schrecknis. Jene unerklärliche Laune des Frauenherzens, das sich selber vermeidet Rechenschaft zu geben, hatte sie den Aufreizungen des Grafen Pisani Gehör schenken lassen. Mit der schlauen, ganz den umstürzlerischen Zielen ergebenen Freundin, Frau von Czezani, war Graf Pisani ihr auf ihre Güter nach Ungarn gefolgt. Er hatte verstanden, den träumerischen Geist der jungen Frau zu Entschlüssen und Handlungen zu erregen, deren sie sich bei klarer Überlegung sicherlich enthalten haben würde. So aber wagte sich Gräfin Helene auf ihre Güter am Schyl und der Deszneizia, mitten in die Gefahren und die Wirrnis des eroberten Landes; auf einen Schauplatz, der jeden Augenblick die Stätte der Schlacht und des Todes werden konnte. Oberst Pisani begab sich nach seinem Besuch in das türkische Heerlager. Gräfin Helene, in immerwährender geheimer Verbindung mit Pisani, der ihre politische Erregung zu fesseln verstand, öffnete in Krajowa und auf ihrem Gute ihr Haus der Gesellschaft der russischen Offiziere. Ohne jedes Bedenken übernahm sie anfangs die unwürdige Rolle einer Spionin und führte sie wochenlang durch. Zugleich unterhielt sie mit den zurückgebliebenen Bojaren des Fürstentums eine enge Verbindung. Fuad Effendi warb unter ihnen durch seine Versprechungen eine starke Partei für die Pforte. Nur hatte der schlaue Graf Pisani ohne das Herz Helenens gerechnet, dessen Geheimnis allein sie zu solchem gefährlichen Ränkespiel bewogen. Nach langem und schwerem Kampf mit dem in Wien so tief verletzten weiblichen Stolz hatte Gräfin Laszlo an den russischen Kapitän einige kurze Zeilen gerichtet: »Gräfin Helene Laszlo hat die Ehre, Baron von Meyendorf ihre Anwesenheit auf Schloß Badowitza anzuzeigen und wird, wenn der Dienst ihn in diese Gegend führt, den Besuch eines Freundes mit Vergnügen empfangen.« So kalt diese Mitteilung in ihrer gesellschaftlichen Form auch war, genügte sie doch, den Kapitän nach Krajowa zu führen. Zweimal war er der schönen Frau begegnet; in Krajowa und bei einem Besuche auf ihrem Gute. Doch beide Male hatten die zahlreichen Gäste und der kalte Ernst des Kapitäns jede Verständigung, ja jede vertrauliche Annäherung verhindert. So fern standen sich die Herzen, die einander angehörten und die geschaffen waren, sich zu beglücken, als die Schlacht von Tschetate und die List des Grafen Pisani sie aufs neue trennte. Die Gräfin war zwar bei der gewaltsamen Entführung von Schloß Badowitza durch die Dorobandschen , die mit einer Plünderung und einem kurzen Kampfe gegen den schwachen russischen Posten verbunden war, von jeder Beleidigung verschont geblieben; aber es war ihr keiner der Schrecken, keine Gefahr ihrer Lage erspart worden. Trotz aller Bitten und Versprechungen wurde sie auf eine Kerutza geworfen, und von zweien der wilden Söhne des Landes bewacht, führte die wilde Jagd sie nach den Ufern der Donau. Vergeblich ersehnte jetzt die ungarische Vaterlandsfreundin Hilfe und Rettung durch die russischen Unterdrücker; denn die Zahl der bis zum Feinde flüchtenden Dorobandschen war so bedeutend, daß sie die schwachen russischen Feldwachen leicht in die Flucht schlug. So gelang es Apollony, dem Beauftragten Pisanis, während einige Meilen weiter die blutige Schlacht tobte, im Rücken der russischen Stellung seine Beute am Nachmittag glücklich bis ans Ufer der Donau und zu den türkischen Posten zu bringen. In einem Boote wurde die Gräfin über den Strom geführt und in die Festung gebracht. Sie war so erschöpft, daß sie willenlos alles mit sich geschehen lassen mußte. In einem abgelegenen Gemach ließ Sami Pascha seine Gefangene einstweilen einschließen. Er hatte wegen der Pläne des Obersten Pisani seine Gründe, sie nicht in das Haremlik aufzunehmen. Mit Schrecken gewahrte Gräfin Helene, daß alle Hoffnungen auf sofortige Befreiung sie täuschten. Sie blieb eine Gefangene, zwischen den öden Mauern eines türkischen Zimmers eingeschlossen, von schwarzen Sklaven bedient. Erst am Nachmittag erhielt sie eine weiße Dienerin: Marutza, die Tochter des Handjas. Der Pascha hatte sie, als am Tage vorher Vater und Tochter nach dem Befehl Iskender Beys von den Kawassen vor sein Gericht geführt wurden, zum Dienst im Haremlik bestimmt. Gawra war mit einer harten Geldbuße und dem Verbot der Hanewirtschaft belegt worden. Marutza verstand ein wenig italienisch. So konnte die Gräfin sich wenigstens verständlich machen und erfuhr, daß sie in den Händen des Paschas von Widdin sei. Marutza konnte frei aus- und eingehen. Gräfin Helene ließ durch sie um eine Unterredung mit dem Pascha bitten. Aber der Erfolg diente nur dazu, ihre Angst und ihre Verlegenheit zu erhöhen. Der alte Moslem fand sich in der Tat gegen Abend bei ihr ein, von einem seiner Eunuchen begleitet. Er nahm mit aller Bequemlichkeit eines türkischen Haremsherrn auf dem Diwan Platz. Mit Kenneraugen betrachtete er die Reize der schönen Ungarin. Zu ihrem Schrecken erfuhr Helene, daß sie nicht nur eine Gefangene, sondern von den Dorobandschen als Beute an Sami Pascha verhandelt worden sei. Der Pascha betrachtete sie als eine Erwerbung seines Harems. Vergebens berief sie sich auf ihren Stand, auf ihre Bemühungen für die Türkei, auf Graf Pisani. Der alte Moslem erwiderte ihr, daß er sie ehrlich gekauft und bezahlt habe. Ihren Stand kenne er nicht und er sei ihm auch gleichgültig. Von einem Anrecht auf türkischen Schutz wisse er nichts. Mit großer Schlauheit wich er ihren Fragen und dem Verlangen nach Graf Pisani aus. »Maschallah!« sagte der dicke Pascha, sich den Bart streichend. »Was geht dieser Giaur mich an? Ich kenne ihn nicht. Und wenn ich ihn kenne – bin ich nicht der Herr in meinem Haremlik? Was hat er hier zu schaffen? Ich weiß nicht, ob er in Widdin ist, oder in Kalafat, oder in der Schlacht gefallen. Wallah! – Was kümmert einen Gläubigen ein Kreuzträger?« Gräfin Helene vermochte keine entscheidende Antwort zu erzielen. Der Pascha verließ sie und bedeutete ihr noch einmal, daß sie sich als Mitglied seines Harems anzusehen habe. Die einzige Hilfe, die der Verzweifelten einfiel, war, einen europäischen Arzt zu verlangen. Doktor Welland hatte nach der Schlacht bis zum späten Nachmittag im Lazarett zugebracht. Hunderten von armen Verwundeten, die sich zum türkischen Lager zurückgeschleppt hatten, brachte er Hilfe und beaufsichtigte die traurigen Leistungen der ihm beigeordneten Unterärzte und Chirurgen. Zum Tode erschöpft langte er in der Locanda Alexos an. Nursah, der schwarze Diener, empfing ihn voll Sorge und schien ihm jeden seiner Wünsche an den Augen abzulauschen. Nur einem hatte sich seltsamerweise der Sklave immer bisher zu entziehen gewußt: seinen Herrn in die türkischen Bäder zu begleiten und ihn dort zu bedienen. Doktor Welland saß bei seinem Mahle, das mehrere der türkischen Offiziere teilten, als ihm von Alexo, dem Wirt, gemeldet wurde, ein höherer Offizier wünsche ihn zu sprechen. Es war Graf Pisani, der ihn in dem Zimmer erwartete, in dem er mit Apollony, dem Walachen, die für das Schicksal der Gräfin Laszlo so unheilvolle Unterredung gehabt hatte. Der Arzt kannte den Grafen seit den wenigen Tagen seines Aufenthaltes in Widdin nur von Ansehen. Seine ehrliche Seele warnte ihn vor dem glänzenden Tiger. Er erwartete stillschweigend die Anrede. »Verzeihen Sie, Signor Dottore, daß ich Sie nach den vielen Anstrengungen noch in Anspruch nehme. Im Selamlik des Paschas befindet sich eine Kranke, die Ihrer Hilfe bedarf. Sie ist durch Schreck und Furcht in große Aufregung versetzt. Darf ich um ärztlichen Beistand bitten? Sobald es Ihnen genehm ist, wird mein Diener Sie dahin geleiten.« Doktor Welland verbeugte sich. »Ich werde in einer halben Stunde bereit sein.« »Ich habe bei dem Besuch eine Bitte an Sie, Doktor. Man wird Sie nach mir fragen und Sie wahrscheinlich mit einer Botschaft an mich beauftragen. Ich bitte Sie nun, der Kranken gegenüber zu tun, als sei ich Ihnen gänzlich unbekannt. Es versteht sich, daß ich Ihre ärztliche Mühewaltung honorieren werde.« Die ruhigen, ernsten Augen Wellands blickten finster. »Ich biete gern meine Hilfe, Herr Graf,« sagte er gemessen, »wo sie verlangt wird. Zu Lügen bin ich unfähig.« Oberst Pisani lächelte verletzend. »Sie und Ihre Vergangenheit sind mir nicht unbekannt. Ich habe das Recht, Sie zu dem kleinen Dienst aufzufordern, den ich von Ihnen verlange. Sehen Sie!« Die Hand, die er in die Brustöffnung seiner Uniform gesteckt, zeigte dem Arzt einen kleinen Gegenstand. Doktor Welland fuhr unwillkürlich zurück. »Immer dies unselige Zeichen!« sagte er schmerzlich. »Wohin ich mich auch wende, überall verfolgt es mich. Doch ich bin es müde, meine Ehre und mein Gewissen unter einem Zwange zu beugen, den mir eine Torheit der Jugend auferlegt hat.« »Sie verweigern den Gehorsam?« »Ich weigere mich, eine Lüge zu sagen. Alles, was mir Ehre und Pflicht gestatten, bin ich bereit, zu tun.« Der Graf, der offenbar noch andere Aufträge beabsichtigt hatte, bedachte sich einige Augenblicke. »Ihre Weigerung, die Sie natürlich zu vertreten haben, kann in meinen Absichten nur wenig ändern. Es bleibt dabei, daß Sie sich zu der Kranken begeben. Sie ist eine in türkische Gefangenschaft geratene Ungarin von jenseits der Donau. Ich will Ihnen nicht weiter wehren, ihr zu sagen, daß Graf Pisani Ihnen bekannt und hier am Orte ist. Aber ich habe das Recht, Sie zu ersuchen, daß Sie jedes nähere Eingehen auf meine Verhältnisse und etwaige Aufträge ablehnen.« Der Arzt verbeugte sich schweigend. »Die Kranke mag ihre Wünsche mir auf andere Weise zugehen lassen; ich habe nichts dagegen, daß Sie ihr meine Wohnung nennen. In einer halben Stunde wird mein Diener Sie auf dem Tschardak der Locanda erwarten. Adieu, Signor Dottore.« Der Morgen sog die frischen Nebeldüfte von der wallenden, wogenden Fläche des Stromes. Zu Füßen der Gräfin Helene kniete Marutza, die walachische Dienerin. »Deine Befehle sind erfüllt, o Exzellenz«!« berichtete das Mädchen in schlechtem Italienisch. »Aber mein Herz ist schwer geworden. Hast du von dem Wudkoklak gehört, o Herrin?« flüsterte sie scheu. »Ich verstehe dich nicht, mein Kind. Wird Graf Pisani mir Hilfe leisten in dieser Not? Wird er kommen?« »Er wird nicht säumen, Herrin«, sagte ängstlich Marutza. »Wann hätte der Wudkoklak je gezögert, wenn es galt, sich auf seine Beute zu stürzen? Weißt du auch, wem ich dein Blatt gebracht?« »Dem Obersten Pisani, einem alten Freunde von mir. Er allein kann mich retten.« »Was kümmert mich sein Name in der Welt! Er ist ein Wudkoklak – ich sah es an dem Faltenmal auf seiner Stirn, an seiner Leichenfarbe und dem höhnischen Zug um seinen Mund!« »Ich verstehe dich nicht! Wer ist dein Wudkoklak?« Marutza blickte sie scheu an: »Das ist der Vampir, der als Mensch unter den Lebendigen wandelt und die junge Braut sucht, die er zum ewigen Verderben umstrickt. Er muß ihr Blut aus den blauen Adern trinken.« Die Gräfin schauderte. »Du bist ein törichtes Kind und hängst an dem Aberglauben deines Volkes.« Oberst Pisani saß neben Gräfin Helene. Seine Stirn war bewölkt. Ihr angstvoller Blick hing an seinem Antlitz. »Um Gottes willen, Sie können mich doch nicht in der Gewalt dieser Menschen lassen? Nehmen Sie die Hilfe der österreichischen Behörden in Anspruch!« Oberst Pisani zuckte die Achseln. »Bei der langsamen diplomatischen Erledigung würden Sie längst verloren sein. Die Sache ist schwieriger, als Sie denken, teure Freundin. Die Stellung der europäischen Offiziere unter diesen halbasiatischen Horden ist eine ganz andere, als wir sie gedacht haben. Unser Einfluß ist durch das Mißtrauen gegen alle Christen äußerst gering. Dazu ist Sami Pascha unbeschränkter Gebieter in Widdin und von der Armee ganz unabhängig. Der alte Schuft ist ein eingefleischter Türke. Er hat nach den Sitten der Moslems ein unbestrittenes Anrecht auf Ihre Person. Er hat Sie als Kriegsgefangene gekauft. Es ist ein Unglück, daß es den schurkischen Überläufern eingefallen ist, Sie wahrscheinlich in der Hoffnung eines reichen Lohnes oder Lösegeldes mitzuschleppen, und ein noch größeres, daß ich es nicht wußte, ehe der schändliche Handel geschlossen war.« »Aber so bieten Sie ihm das Zehnfache, das Zwanzigfache dieser Summe!« »Das ist längst geschehen. Aber der alte Lüstling weigert sich, die – ich muß es aussprechen, so hart das Wort klingt – die Christensklavin zu verkaufen. Es ist eine besondere Gunst und nur seiner Furcht vor mir zuzuschreiben, daß er mir den Zutritt zu Ihnen bewilligt hat. Selbst der Arzt, der, wie ich höre, zu Ihnen gerufen wurde, mußte geloben, tot und taub zu sein für alles, was er innerhalb der Wände des Haremliks erfährt.« Die Gräfin rang verzweifelnd die Hände. »In welche Schmach habe ich mich verstrickt! Ihr Rat, Oberst, führte mich nach Krajowa und zu dem schimpflichen Unglück. Sie müssen mich retten.« »Ich will es! Aber hören Sie mich, Helene. Hören Sie meine Beteuerung. Nicht die Selbstsucht eines Mannes, dessen Ergebenheit und Huldigung wohl Anspruch auf Ihre Gerechtigkeit hat – die bittere Notwendigkeit allein zwingt mich, Ihnen das einzige Mittel zur raschen Befreiung vorzulegen. – Ich muß irgendein Recht haben, sei es auch nur scheinbar, mit dem ich nötigenfalls die Offiziere und Führer des Heeres zu meinem Beistand gegen die Willkür Sami Paschas aufrufen kann. Mißverstehen Sie mich nicht, Helene – Ihre Rettung allein legt mir das Wort in den Mund.« Die Gräfin war noch bleicher geworden, als die Angst sie gemacht. All ihr Blut schien zum Herzen zurückgetreten ... Der giftige Hauch des Wudkoklaks erstarrte sie. »Was meinen Sie?« »Helene, Sie wissen, daß ich Sie liebe; auch ohne daß ich wie ein törichter Knabe zu Ihren Füßen gelegen habe. Ich bin ein Mann und Soldat und werbe auch so um das Weib meines Herzens. Daß der Besitz Ihrer Hand das Ziel meiner höchsten Wünsche ist, fühlten Sie längst, wenn ich auch vermieden habe, diese Wünsche Ihnen geradezu auszusprechen; denn ich weiß, daß Sie nichts für mich empfinden und nur den Freund, den Mann von gleicher politischer Gesinnung, den Verteidiger Ihres tapferen und unglücklichen Volkes in mir sehen. Den Mann, der gegen die Fesseln der Tyrannei und für den erhabenen Gedanken der Freiheit kämpft, für die Sie in diesem Augenblick unwürdig leiden. Ich bin zu stolz, um von Ihrer Verlegenheit Nutzen zu ziehen. Aber es ist notwendig, unbedingt notwendig zu Ihrer Befreiung, daß Sie eine kurze Zeit für meine erklärte Braut gelten. Dies allein gibt mir ein Anrecht auf Sie. Kein Offizier wird sich weigern, Sie, wenn es sein muß, mit Gewalt dem Pascha abzuzwingen.« Ihre zarten Hände bedeckten das Gesicht. Sie schluchzte, – nur das Weib war von der kühnen, stolzen Kämpferin geblieben. »Ich weiß,« fuhr der Graf fort, »wie schwer auch nur dieser Gedanke auf Ihnen lastet. Das Bild eines Glücklicheren – das Bild eines andern wohnt in dem Herzen, das für die Befreiung seines Volkes schlägt. Aber, Helene, ich gebe Ihnen das Ehrenwort eines Edelmannes und eines Offiziers: die Erklärung, die Sie zu meiner Braut macht, soll nie gegen Sie benutzt werden, es sei denn« – er hielt einige Augenblicke inne – »Sie wünschten und verlangten selber ihre Erfüllung.« Die Gräfin sah das spöttische Lächeln nicht, das sein männlich schönes Gesicht verzog. Seine schwarzen Augen bannten sie. Ein unerklärliches Gefühl drückender Angst lastete trotz seinem Versprechen schwer auf ihrem Herzen; dennoch empfand sie, daß sie den Vorschlag annehmen müsse; daß er der einzige Ausweg sei aus der schrecklichen Lage. »Ich tue Ihnen weh, mein Freund«, sagte sie abgewandt und reichte ihm die Hand. »Aber ich kann jetzt nicht über Ihre Bewerbung entscheiden. Ich muß Ihr Wort als Unterpfand meiner freien Entschließung annehmen.« »Sie willigen ein?« »Wenn ich frei bleibe – ja!« Der Graf küßte ihr die Hand. Dann entfernte er sich für eine kurze Zeit. Helene blieb, mit bangen Ahnungen kämpfend, zurück. Sie barg das Antlitz in den Kissen des Diwans. Pisani kam mit Schreibgerät und legte ein Blatt Papier vor die Gräfin. »Es ist nötig, Helene, daß Sie einige Worte zur Bestätigung meines Rechtes niederschreiben. Dann werde ich sofort die nötigen Schritte tun.« Ihre Hand zitterte, als sie die Feder ergriff. »Was muß ich schreiben?« »Erlauben Sie mir, zu diktieren. Sie sind zu aufgeregt.« Helene nickte. Langsam schrieben ihre Finger nieder, was Graf Pisani sagte. Ein Tränentropfen fiel auf das Papier. Die Worte lauteten: »Helene Gräfin von Laszlo überträgt dem Obersten Grafen Antonio Pisani, ihrem Verlobten, den Schutz und das Recht an ihrer Person und an ihrem Eigentum.« »Diese Bestimmung ist nötig,« erklärte Oberst Pisani nachlässig, »um der Habsucht Sami Paschas Schranken zu setzen.« Gräfin Helene hatte der Worte kaum geachtet. Sie unterzeichnete und reichte Pisani das Blatt. Als er es berührte, zuckte ein kalter und schneidender Strahl durch ihre Nerven. »Ich habe Ihr Wort?« fragte sie zitternd. »Wie weh tun Sie mir, Helene! Wozu dieser Rückhalt! Morgen spätestens werden Sie frei sein!« Er küßte zärtlich ihre Hand. Dann erhob er sich und verließ sie. Fest trat sein Fuß auf, trotzig hob sich der Kopf. Die dunklen Augen funkelten in der Gewißheit des Sieges. Er bemerkte kaum Marutza, die Dienerin, die aufgeregt und scheu an ihm vorüberschlüpfte und zu der Herrin eilte. Marutza war in seltsamer Aufregung. Ihre schönen blauen Augen glänzten freudig. Gräfin Helene hatte die abergläubische Warnerin am Mittag auf einige Stunden fortgeschickt, als sie Graf Pisani erwartete. Marutza kehrte jetzt von dem Hause ihres Vaters zurück, wohin sie geeilt war. Die junge Bulgarin warf sich am Ruhebett Helenens nieder. Obwohl kaum vierundzwanzig Stunden verflossen waren, seit sie sich in ihrer Nähe befand, schlug doch ihr ganzes Herz für die so freundliche und gütige Frau. »Weine nicht, Herrin«, schmeichelte sie. »Der Unheimliche ist fort! Ich bringe Hoffnung. Du sollst frei werden, noch ehe die Sonne wieder die Minaretts von Widdin bescheint.« Gräfin Helene preßte die Hand der jungen Trösterin. »Ich weiß es! Aber du weißt nicht, welches Opfer er von mir verlangt!« »Er! – Wen meinst du, Herrin?« »Graf Pisani, der mich eben verließ.« »Den Sohn der Hölle? – Unglückliche Herrin – er soll dich retten? Er ist der Wudkoklak! Alles, was er tut, wird dich in den Abgrund ziehen. O, sieh her! – Kennst du dieses Tuch?« Sie reichte der Gräfin ein feines Kantentuch; Helene prüfte es forschend und ängstlich. Es trug ihren Namenszug mit dem Wappen darüber in seiner Stickerei. »Um der Heiligen willen – woher hast du dies Tuch? Es gehört mir, aber ich hatte keines bei mir –!« »Erinnerst du dich an die große Stadt an der Donau, Herrin, von der die Schiffe mit dem Rauch hier vorbeifahren?« »Wien?« »So heißt sie. Es ist ein großer Garten darin. Doch habe ich den Namen in der Eile vergessen.« »Der Prater?« »Es mag sein. Ich soll dich fragen, ob du des Tages gedenkst, an dem in diesem Garten deine Pferde mit dem Wagen durchgingen?« »Marutza!« – Die Hand der Gräfin preßte krampfhaft den Arm der jungen Bulgarin. »Weiter – weiter!« »Der Mann, der damals von dir schied, nahm dies Tuch mit als Andenken. Er trug es in den Schlachten seines Volkes. Er ist kein Moslem.« »Er ist hier?« »Vor einer Stunde gab mir der Fremde das Tuch. Er ist ein Freund Michael Milojes, meines Bräutigams. Er sagt, er müsse dich sprechen um jeden Preis. Wenn dir hier Gefahr drohe, werde er nicht weichen, bis er dich gerettet.« Gräfin Helene rang die Hände. »Der Wahnsinnige! In welche Gefahr hat er sich gestürzt! Und ich – ich habe meine Ehre, mein Leben in die Hand eines anderen gegeben, in die Hand seines Feindes!« »Ich warnte dich vor dem Wudkoklak!« Helenens Blicke fielen auf das Schreibzeug, das Pisani zurückgelassen. Sie stürzte darauf zu. »Kannst du zu ihm gelangen?« »Ich soll ihn in der Locanda Alexos, des Wirtes, erwarten, wenn der Abend kommt; in einer Stunde ist die Zeit da.« Gräfin Helene schrieb eilig einige Zeilen. »Aber wird dein häufiges Gehen und Kommen nicht Verdacht erregen?« Marutza lachte schlau. »Ich habe dem Schwarzen draußen eine Flasche vom Feuertrank meines Vaters mitgebracht und ihm das Goldstück gegeben, das ich von dem Fremden erhielt. Das eine verschließt seinen Mund. Das andere trübt seine Augen. Marutza kann frei ein- und ausgehen. Nur du, Herrin, bist die Gefangene!« Gräfin Helene faltete das Blatt zusammen und gab es der Bulgarin. Marutza küßte ihre Hand und verschwand eilig. Helenens Gebete und Gedanken begleiteten sie. Am Vormittag des gleichen Tages hatten zwei Männer in der phantastischen und willkürlichen Tracht der Baschi Bozuks durch das nördliche Tor die Stadt betreten. Die Binden um Arm und Kopf zeigten, daß beide verwundet waren. Niemandem fiel bei dem Umhertreiben zahlloser Nachzügler und dem Leben und Drängen ihre Erscheinung auf. Ein schärferer Beobachter hätte vielleicht bemerkt, daß dem einen wenigstens die unnachahmliche Gelassenheit des Morgenländers fehlte. Sein hastiger Schritt zeigte den straffen militärischen Gang. Sein Auge schweifte scheu und aufmerksam umher. Er trug den linken Arm in einer alten Turbanbinde. Seine Wange wies die kaum geschlossene Wunde eines leichten Hiebes. Ohne viel Worte schritten beide durch die Stadt, bis sie zur Hane des Bulgaren Gawra kamen. Der grüne Zweig vor der Tür war jetzt entfernt. Der Wirt saß mißmutig auf der Schwelle seines Hofes unter den Pferde- und Ochsenschädeln und rauchte seinen Tschibuk. » Dobar stchast «, grüßte der Jüngere der beiden Bozuks den Wirt. Gawra schaute erstaunt auf; denn er war solche Höflichkeiten von einem Moslem nicht gewöhnt. » Da bog dai! « lautete seine Antwort. »Bist du ein Bulgar?« »Wir beide sind Fremde. Aber ich sehe den Zweig nicht auf deinem Tor, o Handja. Wir wollen einkehren bei dir und deinen Gaourt und deinen Raki kosten.« »Woher kommst du?« fragte mürrisch der Wirt. »Weißt du nicht, daß drinnen im Hause ein Mulassim sitzt, den ich bezahlen muß? Seine Hoheit der Pascha hat ihn zur Aufsicht in mein Haus gelegt, daß ich keine Herberge mehr halte. Geht eurer Wege, Freunde. Ich bin nichts mehr als Pferdehändler!« Die beiden rührten sich nicht. »Bist du Gawra, der Wirt, so wirst du mir sagen können, wo Michael, dein Neffe zu finden ist?« Gawra schaute erschrocken auf. »Was kümmert mich der Landstreicher. Ich bin ein treuer Untertan des Sultans, unseres Herrn.« Der Bozuk schlug rasch mit dem Daumen das Zeichen des griechischen Kreuzes. Sein listiger Blick verständigte den Bulgaren. »Rede keine Torheit, Handja, du hast es mit Freunden zu tun und brauchst dich nicht zu verstellen. Der Knees wollte mich bei dir erwarten. Ich habe mit ihm nötig zu sprechen.« Die Gefühle des Wirts für seinen künftigen Eidam schienen sich in den letzten achtundvierzig Stunden sehr geändert zu haben. Der Heiduck hatte ihm die Strafe, die der Pascha ihm auferlegt, reichlich ersetzt. Gawra wußte, daß er ihm sein Leben zu danken hatte. Durch die letzten Ereignisse gewarnt, hielt er es jetzt selber für nötig, daß der junge Mann bei erster günstiger Gelegenheit Marutza in die sicheren Berge führe. Der Heiduck befand sich trotz der drohenden Nähe der Feinde nicht weit von dem Sprechenden. Gawra selber hatte ihm die Rolle gegeben, die er spielte. »Siehst du den Knecht dort, der am Brunnen die Pferde der Soldaten tränkt? Rede mit ihm, vielleicht kann er dir Antwort geben.« Sein Daumen zeigte nach einem jungen kräftigen Manne in dem wollenen Kittel des armen Bulgaren. Er bemühte sich mit zwei anderen Knechten um eine Anzahl türkischer Pferde im Hofe. Die Baschi Bozuks schlenderten heran. Mehrere Türken lungerten im Hofe herum und schauten den Bulgaren träge zu. Die beiden traten zu dem Schimmel, den der junge Mann striegelte, an den Gawra sie gewiesen. »Wallah! – Ein kräftiges Pferd – ich möchte es unter den Beinen haben auf einem Ritt gegen die Moskows. Ich grüße dich, Knees Michael Miloje.« Die letzten Worte wurden geflüstert. »Bei den vierzig Märtyrern!« entgegnete der Bulgare. Er beugte sich nieder, die Füße des Pferdes zu reiben. »Du hast lange auf dich warten lassen. Ich wäre ins Hochgebirge zurückgekehrt, wenn mich nicht eine Otmitza hier gefesselt hielte. Sprich, Mungo, was bringst du für Hoffnungen für die Kinder der Berge vom schwarzen Zaren?« Mungo und Kapitän Meyendorf, der erst nach vielen Vorstellungen und Bitten vom Generalleutnant Anrep die Zustimmung zu dem gefährlichen Wagestück erhalten, Widdin auszuspähen, steckten in den Trachten der Baschi Bozuks. »Schau den Mann an, der mich begleitet, o Knees. Er ist einer der vornehmsten Agas der Russen. Er will mit dir und deinen Brüdern verhandeln. Er möchte auch wissen, ob eine Dame von jenseits des Stromes durch Überläufer gestern oder vorgestern ins Lager gebracht worden ist. Wann und wo kann er dich sprechen?« Miloje kraute sich am Kopf. »Ich weiß nichts von deiner Dame, als daß meine Moma – Fluch dem Pascha! – seit zwei Tagen eine fremde Christin bei Sami bedienen muß. Bei den Gebeinen der Heiligen! – Da kommt sie selber über die Ebene von der Stadt her. Nimm dies Pferd. Führe es mit deinem Gefährten nach dem hintersten Stall im Hof. Dort ist ein Verschlag. Ich werde in wenigen Augenblicken bei euch sein.« Bald saßen die beiden kühnen Späher, der Heiduck und und die Moma in einer der Hütten, die dem Handja, ehe sie den Türken in die Hände fiel, für seine Haustiere und Vorräte gedient. Sie besprachen sich eifrig. Mungo übersetzte, was Meyendorf nicht verstand. Dem Kapitän blieb kein Zweifel, daß die Gefangene im Selamlik Sami Paschas die Gräfin Laszlo war. Mit Schmerz hörte er von Marutza, die eben das Schreiben an Oberst Pisani besorgt, in wessen Händen die Geliebte sich befand. Die Anwesenheit Pisanis im türkischen Feldlager machte ihm klar, wie die Gräfin zu jenen Verrätereien bewogen worden war. Die Entführung und die Gefangenschaft Helenens waren ihm ein Rätsel. Dennoch fühlte er eine Gefahr, die über der geliebten Frau schwebte, in seinem Herzen. Er beschloß, den Versuch zu machen, sie zu sprechen, und wenn es ihr Wunsch war, sie zu befreien. Freilich beschränkte sich die Möglichkeit dafür auf die Hilfe seines Begleiters, des Heiducken Miloje und Alexos, des Wirts. Der junge Knees indes erklärte das Wagestück für ausführbar. Er schlug vor, zugleich seine verlobte Braut mit zu entführen und die beiden Frauen über die serbische Grenze zu bringen. Der Heiduck war in Widdin geboren. Er kannte genau jeden Teil der Festung, in der der Konak des Paschas lag. Marutza beschrieb, in welchem Teil der Gebäude sich das Gemach der Gräfin befand. Beim Anbruch des Abends sollte Marutza die Verbündeten noch einmal aufsuchen, um die weiteren Pläne zu hören. Miloje verabredete mit seinem Schwiegervater das Nötige und nahm ihm das Versprechen ab, mit vier Pferden am Tor von Tschernowo zu ihrem Dienst bereit zu sein. Dann legte er türkische Kleider an und wagte sich unter ihrem Schutz keck und frei in die Festung. Meyendorf und Mungo begaben sich indes zu der Locanda Alexos, deren Umgebung stets von Offizieren und Soldaten aller Art umlagert war. Es gelang der Schlauheit Mungos leicht, dem Wirt ein Zeichen zu geben und sich mit ihm zu verständigen. Durch die Hintere Pforte seines Gehöfts wurden die beiden Abenteurer eingelassen und in das Gemach geführt, in dem die Entführung der Gräfin beschlossen worden war. Der Slowake, treulos gegen alle Parteien und nur auf seinen Geldgewinn bedacht, hielt es für wichtig und nötig, seine russischen Verbindungen wenigstens nicht durch einen unnützen Verrat preiszugeben. Es gelang ihm leicht, jede Kenntnis von der Spionage der Gräfin zu leugnen. Da er die Belohnung des Obersten Pisani schon in der Tasche hatte, war er zu jedem neuen Ränkespiel gegen goldene Vergütung gern bereit. Er schaffte willig alles heran, was man von ihm verlangte. Kapitän Meyendorf blieb allein in dem Versteck zurück. Mungo strich in der Nähe umher, um den Heiducken aufzusuchen. Da hörte der Offizier es in der von Alexo ihm angegebenen Weise an die Tür pochen und öffnete. Zu seinem Erstaunen stand ein schwarzer Knabe vor ihm; er schlüpfte eilig in das Gemach und verschloß wieder die Tür. Die Brust des Knaben hob sich ängstlich und hastig. »Signor,« sagte er italienisch, »ich habe alles gehört; denn meine Schlafkammer ist über diesem Gemach und nur durch eine dünne Bretterdecke von ihm geschieden. Du bist ein Russe?« »Warum fragst du, Bursche?« Meyendorf faßte rasch entschlossen den Arm des Mohren, um sich seiner zu bemächtigen. »Laß mich; du siehst, ich bin dir nicht feind; sonst wäre ich nicht hier. Ich komme, dich zu warnen. Der Wirt dieses Hauses, dem du dich anvertraut, ist ein Verräter an der Sache deines Glaubens und deines Volkes; mißtraue ihm!« »Wer bist du, Knabe?« »Ich bin der Diener eines fränkischen Arztes, Signor, und Rußland ergeben. Lies hier den Beweis.« Er holte aus einem seidenen Beutelchen an einer Schnur unter den Kleidern ein Papier. »Kennst du Signor Oelsnero in Konstantinopel?« Der Kapitän las. »Ich weiß, er ist einer der Unsrigen. Ich darf dir trauen. Aber was soll ich tun?« »Der Wirt ist habsüchtig. Biete ihm Gold, mehr als deine Feinde, und er wird dir helfen. Ich wollte dich nur warnen, ihm nicht viel zu trauen. Lebe wohl, Signor; Nursah wird über dir wachen.« Der Knabe entschlüpfte. In tiefem Nachdenken erwartete der Kapitän die Gefährten. Nachdem die Dunkelheit eingetreten war, klopfte es wieder in der verabredeten Weise. Alexo führte ihm Mungo, Miloje und Marutza zu. Das Mädchen übergab ihm das von der Gräfin geschriebene Blatt. Beim spärlichen Schein einer Lampe las Kapitän Meyendorf die von ihrem geängstigten Frauenherzen gefundenen Worte: »Ich weiß, daß Sie hier sind. Die Gefahr, in die Sie sich um meinetwillen gestürzt haben, erhöht die Schmerzen, die mein Herz zerreißen. Bei den Worten der Liebe, die Sie mir im Prater von Wien gesprochen, beschwöre ich Sie: verlassen Sie sogleich Widdin und das türkische Gebiet. Sie wissen nicht, welchem Feinde Sie hier begegnen könnten. Sorgen Sie nicht für mich – ich werde morgen frei sein. Der Himmel wird mich schützen. Und ich sehe Sie in Krajowa wieder. Fliehen Sie – bei Ihrer und meiner Liebe, fliehen Sie! Helene.« Die letzten Worte des Blattes ließen ihn alles andere vergessen. Er preßte es stürmisch an seine Lippen. »Um keinen Preis darf sie zurückkehren! Ich muß sie selber sehen, sprechen! Ich weiche nicht eher von diesem Boden. – Höre, Alexo – auf ein Wort.« Er zog ihn in eine Ecke. »Ich weiß, du bist ein Schurke. Du tust, was du tust, um Gold, nicht um der Sache willen! Bist du mir aber treu und ergeben, so sollst du einen Lohn erhalten, wie ihn dir schwerlich ein Verrat einbringen würde. Hier ist ein gültiger Wechsel auf Sina in Pest, den du von dem österreichischen Konsul prüfen lassen magst. Er lautet auf fünfhundert Dukaten. Sie sollen dir ausgezahlt werden, wenn du mich in meinem Unternehmen unterstützest und wir ungefährdet aus Widdin kommen. Können wir uns auf dich verlassen?« Der Slowake prüfte sorgfältig den Wechsel. »Euer Exzellenz können sich auf Alexo verlassen; ich schwöre Ihnen bei der Seele meines Vaters, daß ich alles tun werde, was möglich ist.« »Gut, wir sind einig. Nun zu Euch. Ich will und muß die Gefangene im Konak sprechen. Es droht ihr eine neue Gefahr. Könnt Ihr es im Laufe des Abends möglich machen?« »Der Weg über den Festungswall bis zum Hause des Paschas wird in einer Stunde frei sein«, sagte der Heiduck. »Ich kenne einen alten Winkel, durch den man ungehindert schlüpfen kann.« »Aber die Wachen?« »Es steht eine einzige in der Nähe, die uns hindern könnte; ich nehme sie auf mich.« »Das würde für die Flucht genügen, wenn sie nötig wird. Aber wie gelange ich zu der Gräfin?« »Wenn wir die Gewänder einer türkischen Frau hätten,« sagte Marutza, »wüßte ich Rat.« »Ich kann sie besorgen«, meinte der Wirt. »Tue es. Ich muß jetzt zum Selamlik zurückkehren, ehe die Tore geschlossen werden. Ich werde die Kleider mit mir nehmen. Der Signor Offizier folgt mir in kurzer Entfernung. Es kann keinen Verdacht erregen, wenn ein Baschi Bozuk in die äußeren Höfe eintritt. Es sind viele Männer dort, bis die Tore geschlossen werden. Nur der Zutritt in das Selamlik ist gefährlicher, da dort Wachen stehen. Was geschieht, muß vor der vierten Stunde geschehen; denn nach dieser Zeit kann niemand das Selamlik verlassen, ohne von den Wachen angehalten zu werden. Ich werde vorangehen bis zu einem dunklen Winkel. Dort mag sich der Signor Offizier ruhig lagern. Wenn ich sehe, daß der Schwarze Ali, unser Wächter, trunken oder unaufmerksam ist, werde ich zurückkehren und ihn holen. In dem Yaschmak und dem Mantel einer türkischen Frau kann er mir ohne Besorgnis folgen. Die trüben Augen Alis werden ihn nicht erkennen.« Einstimmig beschloß man, Marutzas Vorschlag anzunehmen. Alexo ging, die Gewänder zu besorgen. Meyendorf machte sich fertig zu dem gefährlichen Wege. Mungo erhielt den Auftrag, Gawra mit den Pferden für alle Fälle bereit sein zu lassen. Miloje, der kühne Heiduck, übernahm es, den Kapitän auf dem Schlupfwege wieder aus der Festung zu schaffen und die Flucht der Frauen zu bewerkstelligen. Marutza trieb zur Eile. Der Wirt entließ die Verbündeten, auf dem gleichen Weg, auf dem er sie in seine Locanda eingeschmuggelt hatte. Marutza schritt eilig voraus durch die dunklen Gassen. In einiger Entfernung folgte ihr der Kapitän, in den zerlumpten kurdischen Mantel der Bozuks gehüllt. Viele Menschen begegneten ihnen, aber keiner beachtete sie. Sie kamen bis zu dem Damm, der auf das Tor der Festung zuführte, als zwei in Mäntel gehüllte Männer, die ihnen entgegen kamen, auf das Mädchen aufmerksam zu werden schienen. Der eine, ein Offizier, blieb stehen und sah Marutza nach. So kam es, daß er durch eine rasche Bewegung mit dem falschen Baschi Bozuk zusammenstieß. Meyendorf fiel für einige Augenblicke der Mantelzipfel vom Gesicht. Beide Männer starrten sich an. Kapitän Meyendorf erkannte den Grafen Pisani. Sein Gegner wurde jedoch durch das matte Sternenlicht getäuscht. Wenn ihm in dieser Nähe auch das Gesicht bekannt vorkam, wußte er doch nicht, woher. Kapitän Meyendorf hatte Geistesgegenwart genug, um sich nicht zu verraten. Den Mantel rasch wieder um sich ziehend, sprach er den gewöhnlichen türkischen Gruß und ging weiter. Oberst Pisani blieb einige Augenblicke stehen und schaute den beiden nach. »War es mir doch, als müßte ich den türkischen Lümmel kennen«, sagte er zu seinem Begleiter, dem Banditen Sta Luzia. »Sieh, ich glaube gar, er folgt dem Mädchen in den Konak. Demonio! – Sie macht ihm ein Zeichen!« Er lachte laut auf. »Die bulgarische Dirne hat sich einen verteufelt zerlumpten Galan ausgesucht!« Er wollte eben weitergehen, als er auf der Erde etwas Weißes blinken sah – gerade an der Stelle, an der er mit dem Fremden zusammengestoßen war. Aufmerksam hob er das Blatt auf und behielt es in der Hand, indem beide ihren Weg fortsetzten. Aber er hatte noch keine zehn Schritte getan, als ihn das Bild des Baschi Bozuks wieder beschäftigte. Ungeduldig darüber und um auf etwas anderes zu kommen, näherte er sich einem Hause, aus dessen engem Fenster ein Lichtstrahl fiel. Er besah das Papier, das er in der Hand hielt. Es war ein zusammengefalteter Brief ohne Aufschrift; der erste Blick auf seinen Inhalt jedoch zündete wie ein Blitzstrahl in seinem Geiste. »Corpo di bacco! Wo hatte ich meine Augen? Bin ich blind? – Er ist es, er muß es sein! Diese Worte beweisen es, wenn ich meinen Augen nicht trauen wollte! – Der Tor wagt sich in die Höhle des Tigers – ha, er soll es bereuen! – Sie stehen miteinander in Verbindung. In diesem Augenblick schon ist vielleicht alle meine Mühe umsonst, und der glücklich angelegte Plan ist vergebens!« Pisanis Augen funkelten in Wut und Ärger; dann machte die Leidenschaft jedoch der gewohnten kalten Überlegung Platz. Ein Blick teuflischen Hohnes zuckte nach der Festung zurück. »Bin ich ein Tor geworden, daß ich nicht gleich begriffen habe, welche Macht damit in meine Hand gegeben ist? – Jetzt, Gräfin Helene, bist du mein! Dein Stolz soll gebrochen zu meinen Füßen liegen! – Luzia!« Der Bandit, der mit Erstaunen auf das aufgeregte Benehmen seines Gebieters geblickt hatte, sprang herbei. »Was gibt es, Signor Conte?« »Geschwind zurück nach dem Tor des Konaks. Lege dich in irgendeinem Winkel in Hinterhalt. Du hast den Baschi Bozuk gesehen, der eben der bulgarischen Dirne folgte. Daß er nicht wieder aus dem Konak entwischt, ehe ich bei dir bin! Der Mann trägt den linken Arm in der Binde, als wäre er verwundet, und einen hellen Turban. Kommt er, wirf ihn zu Boden. Ruf' die Wache zu Hilfe!« Er eilte davon nach der Locanda Alexos, in der er die Offiziere wußte. Den Brief hielt er in seiner Hand – den Brief, den Gräfin Helene an den Kapitän geschrieben und den Meyendorf bei dem Zusammenstoß mit seinem Feinde aus dem Wams verloren hatte. Sta Luzia lief zum Eingang des Konaks und musterte mit scharfem Blick jeden, der von außen und von innen kam.   Gegen acht Uhr abends schlich aus einem alten Zisternenwinkel des inneren Festungshofes eine lange Gestalt in einem grünen Frauenmantel, den Yaschmak dicht über den Kopf gezogen, hinter der schönen Bulgarin her. Marutza hatte Wasser am Brunnen des Hofes geholt. Aus dem um das Haus laufenden Tscharak führte eine Treppe zu dem Teile, den die Gräfin als Gefangene bewohnte. In einem Vorgemach, aus dem ein Gang in das Innere des Hauses lief, kauerte der alte Mohr, dem die Bewachung Helenens anvertraut war. An einem Kohlenbecken wärmte er abwechselnd Hände und Füße. An seiner Seite stand die längst geleerte hölzerne Flasche, die ihm Marutza am Mittag mitgebracht. Er war eben dabei, sich seinen Kaffee zu bereiten. Es würde für einen kräftigen Mann ein Leichtes gewesen sein, den Alten zu überwältigen. Aber der geringste Hilferuf, jedes ungewöhnliche Geräusch hätte zwanzig seiner Gefährten herbeigeführt. »Maschallah, Mädchen«, sagte der alte Kawaß. »Du bist zwar eine Christin und die Tochter einer Hündin, aber unter den Schweinen sind die Bulgaren noch die besten. Es ist freundlich von dir, daß du mir diese Flasche da gebracht hast. Ich wollte, es wäre nur mehr darinnen gewesen; und ich hoffe, du wirst sie mir aufs neue füllen.« »Morgen, Ali, wenn ich zur Hane gehe. Ich verspreche es dir. Doch nun halte uns nicht auf – dies ist die Massaldschi aus der Stadt, die uns den Abend erheitern soll; du weißt, die Khanum bedarf der Freude, denn sie weint den ganzen Tag. Die Massaldschi wurde so lange im Harem unseres Gebieters aufgehalten und ich fand sie erst an unserer Tür.« Der Kawaß betrachtete flüchtig die grüne Gestalt mit schläfrigen Augen; dann wandte er sich wieder zu seinem Kaffee. »Geht hinein, ihr Weiber. Aber bedenkt, daß die Tore der Festung schon in einer Stunde geschlossen werden. Wallah! – Auf euer Haupt komme die Versäumnis.« Die beiden verschwanden im Eingang des ersten Gemachs. Gräfin Helene ruhte auf dem Diwan, den Kopf in die Hand gestützt. Marutza hatte ihr nach dem Wunsche Kapitän Meyendorfs noch nichts von dem Wagestück verraten, das er unternommen, um sie zu sehen. Als die Tür sich öffnete, glaubte Helene nur ihre Dienerin eintreten zu hören. Ohne den Kopf zu wenden, sagte sie: »Setze dich zu mir, Marutza. Erzähle mir jedes Wort, das er gesagt. Mein Herz ist schwer von Angst. Ich wollte die Welt darum geben, wenn ich den Unvorsichtigen erst glücklich aus Widdin wüßte.« »Nicht ohne Sie, Helene.« Erschrocken fuhr sie empor und sah die fremde Gestalt an ihrer Seite; Feredschi und Yaschmak fielen zu Boden; aber bestürzt fuhr die Gräfin trotz der bekannten Stimme zurück, als sie einen Baschi Bozuk in seiner wilden, seltsamen Tracht vor sich sah. Er hatte sich auf die Knie geworfen und ihre Hand ergriffen. Sie erkannte Meyendorf. Der Angstschrei erstickte in ihrer Kehle. »Um aller Heiligen willen, Sie hier? O, fliehen Sie! Sie bringen uns beide ins Verderben!« »Hätten Sie meiner Warnung in Wien Gehör gegeben! Ich mußte Sie sprechen, Gräfin Helene. Hören Sie: Die wahren Zwecke Ihres Verweilens auf Ihrem Gute sind bekannt. Einer Ihrer Voten aus dem türkischen Lager ist abgefangen worden. Der kommandierende General hatte in der Nacht den Befehl gegeben, Sie zu verhaften, an deren Morgen Sie von den Dorobandschen entführt wurden. Mein Bote, der Sie warnen sollte, traf leider zu spät ein.« Die Gräfin sah ihm voll ins Gesicht. »Und Kapitän Meyendorf hat das wirklich gewagt – für mich, die ihn so schwer verletzte? Für die Feindin seines kaiserlichen Ideals?« Er preßte ihre Hände in den seinen. »Was gilt die Republikanerin gegen das Weib meines Herzens? – Als ich nach der blutigen Schlacht von Ihrem Unglück vernahm, zog es mich wie mit tausend Banden Ihnen nach. Ich mußte wissen, welche Gefahr Sie hier bedrohte.« »Aber bedenken Sie auch, daß man Sie erkennen und gefangennehmen kann?« Kapitän Meyendorf schaute sie ruhig und fest an. »Werde ich hier ergriffen,« sagte er ernst, »– und bei Gott! Es war vor kaum einer halben Stunde nahe daran – so werde ich ohne weiteres als Spion erschossen. Und nicht allein mein Leben, auch meine Ehre ist vernichtet.« »Für mich! Für mich!« jammerte Helene. »Fliehen Sie, ich beschwöre Sie bei unserer Liebe!« Seine Augen glänzten entzückt, als er stürmisch ihre Hände an sein Herz drückte. »Dies Wort, Helene, bezahlt tausendfach alle Gefahren! Wie habe ich von diesem Augenblick geträumt unter dem Donner der Schlachten und auf dem ruhelosen Lager... und ich sollte ihn kürzen in jämmerlicher Furcht für meine Sicherheit? O, Helene, wiederholen Sie mir das Wort, daß unsere Liebe Sie besorgt macht, daß Ihr Herz, Ihr reiches, schönes Herz wirklich das meine ist! Darf ich's wagen, darf ich's glauben?« Sie strich ihm lächelnd die braunen Haare aus der Stirn. »Zweifelten Sie wirklich noch daran – nach unserer Fahrt im Prater zu Wien? O, wie weh Sie mir damals taten durch Ihr hartes, unverdientes Scheiden!« »Aber Graf Pisani – ich hörte, wie Sie ihm versprachen zu kommen...« »Zur Baronin Czezani. Was ist mir der Oberst anders als ein Mann, mit dem mich politische Meinung verband! Ich habe in diesen Tagen, den schwersten meines Lebens, einsehen gelernt, wie töricht ich gehandelt, wie recht Sie haben, in welch schmähliche Stellung mich dieser Mann verlockt hat. Morgen bin ich frei – zum letzten Male will ich mich seines Beistandes bedienen; ich eile nach Wien und verlasse das Haus meines Oheims nicht mehr, bis dieser unglückselige Krieg beendet ist!« Er drückte sie an das Herz. Tausend Schwüre der Liebe quollen über seine Lippen, die sich fanden im ersten Kuß. Da schnitt der scharfe Knall von Pistolen dazwischen. Wildes Geschrei, Waffenklingen, Tumult in den Höfen, Lärmen und Rufen vieler Menschen: »Haltet den Giaur! – Nieder mit dem Spion!« Ein Flintenschuß fiel dicht unter dem Fenster. Der gellende Aufschrei eines Getroffenen folgte. Dann schien eine wilde Hetze durch die Höfe zu beginnen. Aus dem ersten Gemach stürzte Marutza herein. »Heilige Mutter Gottes! Sie sind hinter Miloje her – alles ist verloren! Die Höfe sind voll Soldaten!« Die Unvorsichtige hatte aus dem Fenster mit dem Heiducken gesprochen, der verkleidet im Hofe umherschritt, und das verabredete Zeichen gegeben. Man hörte, wie der Strom der Verfolger hinter Miloje sich entfernte, den man wahrscheinlich für das edlere Wild hielt. Im Augenblick hatte Helene alle Tapferkeit ihrer Seele wiedergefunden. Schnell hüllte sie den Geliebten in Mantel und Schleier. »Rasch, rasch, Marutza! – Fort mit ihm im Schutz dieser Verwirrung, ehe es zu spät ist. In Wien sehen wir uns wieder!« Ein Druck der Hand. Die Frauen drängten ihn aus dem Gemach; Marutza folgte ihm. Ali, der Kawaß, hatte sich bei dem Lärmen erhoben und stand am Ausgang zur Treppe. »Maschallah! Was wollt ihr Weiber hier? Geht zurück, das ist keine Sache für euch!« Schritte eilten durch den Gang aus dem Innern der Gebäude zur Treppe. Es galt einen raschen Entschluß. In Gedankenschnelle packte der Kapitän den alten Mohren und schleuderte ihn zurück in den Winkel. Dann sprang er die kurze Treppe zum Tschardak hinunter und in den Hof. Marutza folgte behend. Schleier und Mantel blieben in der Hand des Mohren, der ernüchtert den ihm gespielten Betrug erkannte und hinter ihnen drein brüllte. Rufen und Schreien belehrte sie, daß im nächsten Augenblick die Verfolger auf ihren Fersen sein würden. Die Überlegung sagte ihnen, daß eine Flucht durch das bewachte Tor unmöglich sei. Marutza wußte in ihrer Angst kaum, was sie tat. Sie zog den Offizier, dessen Rechte einen gespannten Revolver hielt, mit sich fort. Der Hof war menschenleer, weil alles auf den Heiducken Jagd machte. So gelang es ihnen, unbemerkt in den Schatten der Wälle und zu dem halb verfallenen Brunnen zu kommen. Sie keuchten – sie konnten deutlich die neuen Verfolger sehen. Ali an der Spitze, drangen sie aus dem Tschardak. Mit Geschrei und Verwünschungen suchten sie nach den Flüchtigen. »Wir müssen in wenigen Augenblicken entdeckt sein«, flüsterte der Offizier. Seine Hand umspannte fester den Griff des Revolvers. »Still –- keinen Laut!« flüsterte eine dritte Stimme in bulgarischer Sprache dicht an ihren Ohren. Marutza erkannte sie und hielt den Arm des Kapitäns nieder, der sich eben gegen den unerwartet nahen Gegner wandte und auf ihn schießen wollte. »Ruhig, Herr. Es ist Miloje, unser Freund. Wo kommst du her, Michael?« Der kühne Heiduck lachte still vor sich hin. »Die Knechte des falschen Propheten meinten mich zu fangen. Pah! Als ob ich nicht jeden Stein hier besser kenne als sie! Bückt euch. Folgt mir. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« Er kroch ihnen voran durch die Öffnung eines Kanals, der den Abzug der Zisterne leitete. Einige Schritte weit mußten sie sich auf Händen und Füßen fortbewegen; dann wurde das Gewölbe höher. Sie vermochten aufrecht zu stehen und der Heiduck ließ sie durch ein gehobenes eisernes Gitter kriechen, das er hinter ihnen wieder senkte. »Jetzt mögen sie kommen – sie werden die Vögel ausgeflogen finden! Die Öffnung geht durch den Wall dicht am Haupttor. Vorsichtig, Herr, wir haben den Graben zu durchschreiten.« Sie kamen glücklich hinüber. Im Konak tobte der Aufruhr der Verfolgung. Der Heiduck führte sie an den Wachen vorbei und durch die Lücken der Mauern und Wälle aus der Festung. Alle atmeten leichter, als das Wagestück gelungen war. Meyendorf, der sich mit dem Heiducken nur wenig verständigen konnte, wandte sich an das Mädchen und bat sie, den Geliebten zu fragen, wohin er sie zu führen gedächte. »Bei der Panagia! Wohin sonst, als fort aus diesem Nest in die freien Berge«, erwiderte Miloje. »Gawra oder Mungo warten mit den Pferden. Die Verfolger werden uns bald auf den Fersen sein, wenn sie sich im Konak müde gesucht. Ich habe meine Flinte wieder, die mir Gawra für schweres Geld von diesen türkischen Hunden gelöst hat – und meine Moma! – Was brauch' ich mehr!« »Ich muß vorher Alexo, den Wirt, sprechen«, sagte entschlossen der Offizier. »Er wird Mittel und Wege finden, über das Schicksal der Gefangenen das Weitere zu erfahren und mit ihr in Verbindung zu bleiben. Schickt mir Mungo zur Hinterpforte der Locanda. Er wird mich in einer halben Stunde zu Euch geleiten. Dann bin ich bereit, Euch zu folgen.« Vergebens waren die Einreden des Mädchens. Der Kapitän bestand auf seinem Sinn. Da die Gassen durch den Lärm in der Festung sehr belebt waren und man sich nicht aufhalten durfte, trennte man sich eilig. Kapitän Meyendorf folgte der Richtung, die Marutza ihm gewiesen, auf die Dunkelheit und seine Verkleidung vertraumd. So bemerkte er nicht, wie aus dem Schatten der Gebäude ein Mann, der die Flüchtlinge schon bei ihrem Erscheinen beobachtet, ihm folgte: Sta Luzia, der Bandit. Glücklich gelangte der Kapitän an die hintere Pforte der Locanda. Tschardak und Zimmer waren mit Menschen besetzt. Er schlich ungesehen zu dem kleinen Gemach, das ihm vorher als Versteck gedient hatte. Kaum jedoch war er eingetreten, als ein lautes, höhnisches Gelächter, das Schließen der Tür und das Vorschieben eines Riegels ihn belehrte, daß er verraten sei. Als Graf Pisani die Anwesenheit des russischen Offiziers in der Festung entdeckt und ihren Zweck erraten hatte, eilte er, sich von dem gefährlichen Nebenbuhler zu befreien. Eine Mitteilung an Iskender Bey genügte, sofort die Verfolger in Bewegung zu setzen. Der russische Offizier mußte bei seinem Verlassen des Selamliks sofort ergriffen werden. Der Oberst wollte absichtlich vermeiden, sich zu zeigen. Sein scharfer Verstand hatte ihm gesagt, wie er diese Gelegenheit für seine selbstsüchtigen Zwecke ausbeuten könne. Die Wachen hielten den Heiducken für den Kapitän. Trotzdem aber sollte der Offizier der Gefangennahme nicht entgehen; denn Sta Luzia, der sich in der Nähe des Tores umhertrieb, entdeckte die Flüchtlinge. Verdrießlich und mit Vorwürfen von Sami Pascha überhäuft, den der Tumult aus der Ruhe seines Haremliks gestört, waren die Offiziere nach langem Suchen zur Locanda des Slowaken zurückgekehrt. Sie fanden hier einen Gefangenen vor; denn die türkischen Wachen, aus ihrer Schläfrigkeit erweckt, hatten Mungo, den Spion, ergriffen, als er um die Locanda schlich und seinen Herrn zu treffen suchte. Hidaet Aga war in einem scharfen Verhör mit ihm begriffen. Mungo schwieg jedoch trotzig. Iskender Bey befahl, ihn, an Händen und Füßen gebunden, in einen Winkel des Tschardaks zu werfen und ihn dort scharf zu bewachen. Am andern Morgen würde man Mittel finden, ihm die Zunge zu lösen. Die Gesellschaft kehrte zu ihrer gewöhnlichen Beschäftigung – Trinken und Spielen – zurück. Graf Pisani jedoch beschloß, seine Nachforschungen bei Alexo, dem Wirt, fortzusetzen, dem er in dieser Angelegenheit stark mißtraute. Er gab ihm einen Wink, mit ihm zu gehen. Der Slowake, vor der Entdeckung seiner Doppelzüngigkeit besorgt, folgte ihm nach dem abgesonderten Gemach, das schon mehrfach zu ihrem geheimen Verkehr benutzt worden. Die Nachricht, daß der russische Kapitän glücklich entkommen, hatte jedoch seine Furcht einigermaßen beseitigt. Er durfte hoffen, von allem Verdacht sich mit seinen dreisten Lügen reinzuwaschen. Zu ihrem Erstaunen fanden sie jedoch an der Kammertür Sta Luzia Wache halten. Er hatte es nicht gewagt, sie zu verlassen und den Helfershelfern seines Gefangenen Gelegenheit zu seiner Befreiung zu bieten. Der Bandit fluchte greulich, daß man ihn so lange hier allein gelassen hatte. Dann erzählte er lachend, auf welche Weise er den Vogel erwischt. Der Graf wandte sich mit finsterem Blick zu dem aus Angst vor Entdeckung zitternden Wirt. »Verräterischer Hund! Du hast um die Anwesenheit dieses Spions gewußt! Sonst wäre er nicht hierher geflüchtet. Du wolltest am Ende gar wagen, meine Pläne zu durchkreuzen. Aber nimm dich in acht, Alexo, ich kenne dich. Bei dem geringsten weiteren Beweis, daß du treulos bist, hängst du!« Der Wirt beteuerte mit hundert Eiden, daß er von nichts wisse. Der Gefangene da drinnen möge ein russischer Spion sein. Der Graf wisse, daß er mit solchen Leuten verkehren müsse, um Nachrichten aus dem russischen Lager zu erhalten. Aber er habe nicht das geringste gegen die Absichten seines hohen Gönners unternommen. Oberst Pisani, dies Geschwätz nach seinem Werte würdigend, befahl ihm, zu leuchten. Sta Luzia öffnete die Tür. Kapitän Meyendorf fand in dem kleinen Zimmer nur den einen Ausgang. Das starke Eisengitter des engen Fensters machte jeden Fluchtversuch unmöglich. Gefaßt setzte er sich auf den Diwan, der an der einen Wand als Lagerstätte hinlief. Er erwartete, die Arme über die Brust verschränkt, in finsteren Gedanken das Kommende. In dem Augenblick, da ihm das ersehnte Glück geschenkt wurde – die Liebe Helene Laszlos – gab das Schicksal ihn als Gefangenen in die Hände seiner Feinde mit der Aussicht auf einen schimpflichen Tod; denn er mußte erwarten, daß die Türken ihn als Spion behandeln würden. Oberst Pisani trat mit dem Wirt, der die Lampe trug, in das Gemach. Sta Luzia blieb an der Tür. Ein Blick überzeugte Pisani, daß der Gefangene der verhaßte Feind Kapitän von Meyendorf sei; dennoch gab er kein Zeichen, daß er ihn erkannt. »Dies ist der Spion, den du gefangen hast?« »Jawohl, Signor Conte.« »Er kann morgen früh mit seinem Kameraden in Gesellschaft sterben. Bist du Soldat, Bursche? Oder treibst du dein Handwerk bloß aus Liebhaberei?« Kapitän von Meyendorf, der bei der Erwähnung der Gefangennahme eines seiner Gefährten – er wußte nicht, ob Mungos oder Michaels – zusammengefahren, blickte ihn trotzig und verächtlich an. »Ich will zunächst wissen,« fuhr der Oberst fort, »wie du in dieses Haus kamst. In welcher Verbindung stehst du mit dem alten Schurken hier? Rede, Bursche, oder ich will dir die Zunge lösen lassen.« Der Graf hatte italienisch gesprochen. Ein flehender Blick des Slowaken traf den Kapitän, als dieser voll und ruhig seine Augen auf den boshaften Grafen Pisani richtete. »Die Wahl der italienischen Sprache, Herr Graf,« sagte er stolz, »zeigt mir, daß Sie mich kennen. Ein weiteres Verbergen wäre Ihrer und meiner unwürdig. Haben Sie die Güte, diese Leute zu entfernen. Ich möchte Ihnen einige Worte sagen.« Graf Pisani konnte trotz seiner großen Selbstbeherrschung eine kleine Verlegenheit nicht verbergen; der ruhige Stolz des Gegners hatte seine Bosheit geschlagen. »In diesem Augenblick glaube ich Sie erst zu erkennen. Ich bitte um Entschuldigung für meine Worte. Hinaus mit euch! Sorge dafür, Luzia, daß dieser alte Schurke nicht horcht.« Der Wirt und der Bandit entfernten sich aus dem Gemach. Die Gegner standen sich jetzt Aug' in Auge gegenüber. »Herr von Meyendorf, Kapitän in der russischen Armee? Wenn mich mein Gedächtnis und die flüchtige Bekanntschaft in Wien trotz dieser Kleidung nicht trügt.« Pisani wies spöttisch auf das Kostüm. Der Russe verbeugte sich schweigend. »Ich bedauere als Offizier aufrichtig, daß Sie sich zu dieser Rolle hergegeben haben. Um so mehr, als es außer meiner Macht ist, Sie den Ihnen bekannten Folgen zu entziehen. Ich stehe in türkischen Diensten. Der Muschir hat die strengsten Befehle bei der Entdeckung von Spionagen gegeben.« ZU7 Kapitän von Meyendorf zuckte bei dem beleidigenden Wort. »Ich habe noch mit keiner Silbe verlangt, Herr Oberst, daß Sie zu meinen Gunsten Ihrer Pflicht untreu werden sollen. Ich würde das Geschenk der Freiheit aus Ihrer Hand auch schwerlich annehmen. Ohne mein Tun Ihnen gegenüber rechtfertigen zu wollen, sage ich Ihnen nur: der Grund, der mich hierher gebracht, war die Entführung einer uns beiden bekannten Dame aus den russischen Linien – der Gräfin Laszlo.« »Meiner Braut«, sagte nachlässig der Graf. »Ich weiß davon; denn ich selber habe die Entführung veranlaßt.« »Sie – der Urheber des Bubenstücks? Sie wagen es, die Gräfin Laszlo Ihre Braut zu nennen?« Das Blut quoll Kapitän von Meyendorf zu Kopf und Herzen. Seine Augen blitzten. »Mäßigen Sie sich, mein Herr«, erwiderte kalt Oberst Pisani. »Bedenken Sie, daß Sie hier als Spion gefangen sind. Ich habe Ihnen keine Rechenschaft zu geben! Um meiner selbst willen, und da ich glaube, daß auch Sie zu den Bewerbern der Gräfin gehörten, werde ich meine Worte beweisen. Kennen Sie die Handschrift der Gräfin Laszlo?« Der Kapitän wurde rot; er zuckte unwillkürlich mit der Hand nach der Tasche, in der er den Brief der Geliebten noch verborgen wähnte. »Ich hoffe, Herr Graf!« Pisani hatte ruhig aus seiner Brieftasche das Versprechen Helenes genommen und hielt es dem Kapitän hin. »Lesen Sie!« Vor seinen Augen schwammen die verhängnisvollen Worte ineinander. Alles Blut schien nach seinem Herzen zu strömen. »Wieder getäuscht von ihr! – Fahre hin, Glauben und Glück!« Er murmelte es zwischen den Lippen und warf sich auf den Diwan zurück. »Sie sehen, Herr Kapitän,« sagte höhnisch der Graf, »daß ich ein Recht hatte, die Gräfin aus einer Umgebung holen zu lassen, die meinen Absichten nicht gefiel. Die etwas rauhe Art ist Schuld der Verhältnisse. Ich begreife übrigens wirklich nicht, Herr Baron, mit welchem Recht Sie sich heute abend in die Nähe meiner Braut gedrängt haben.« »Ich kam hierher,« entgegnete hastig der Kapitän, »um die Gräfin vor jedem Wiederbetreten des russischen Gebiets zu warnen; man hatte am Tage vor ihrer Entführung den Zweck ihres Aufenthalts entdeckt und ihren Boten aus Widdin aufgefangen. Der Befehl zu ihrer Verhaftung ist gegeben.« »Ich weiß es«, sagte, die Nachricht schnell benutzend, der Graf. »Und deshalb eben ließ ich sie am Morgen der drohenden Gefahr entführen. Ihre Absicht war edel, Herr Kapitän. Ich hoffe, daß sie die Folgen Ihrer Gefangenschaft mildern wird, wenn – Sie mir Ihr Ehrenwort geben können, daß dies der einzige Zweck Ihres gefährlichen Wagstückes war.« Der schlaue Pisani hatte sehr wohl berechnet, daß dies nicht wahrscheinlich war. Der russische Offizier hatte schwerlich für eigene Angelegenheiten die Erlaubnis seiner Vorgesetzten zu dem kecken Unternehmen erhalten. Kapitän von Meyendorf schwieg. »Dann bedauere ich aufrichtig, daß ich Sie weder retten noch dem Kriegsgericht entziehen kann. Verheimlichung ist nicht möglich, da Ihre Gefangennahme bereits mehreren Offizieren bekannt ist. Der Bursche, dem sie geglückt ist, wird nicht schweigen. Kann ich Ihnen sonst mit irgend etwas dienen, Herr Baron?« Der Offizier verneinte: »Ich bitte, verlassen Sie mich.« »Ich bin imstande, Sie wenigstens diese Nacht noch vor den Unannehmlichkeiten harter Behandlung zu bewahren. Ich werde veranlassen, daß Sie erst morgen nach dem gewöhnlichen Gefängnis gebracht werden. Alexo wird Sie mit Erfrischungen versorgen. Ich scheide mit dem Wunsche, Ihre Angelegenheit möge einen glücklichen Ausgang nehmen.« Der Gefangene erwiderte finster die Verbeugung des Obersten. Pisani verließ das Gemach. Seine scheinbare Fürsorge hatte einzig ihren Grund darin, daß er erst noch seine Pläne reiflich überlegen wollte, ehe er den Gefangenen aus seinen Händen gab. Das Schicksal Meyendorfs war ihm dann gewiß. Und er spielte wie der Tiger mit seiner Beute. Um sich gegen alle Zufälle zu sichern, da er den widerspenstigen, eigenwilligen Charakter Sta Luzias genugsam kannte, ließ er durch den Wirt noch Apollony herbeiholen. Ihnen beiden vertraute er die Bewachung der Tür während der Nacht an. Alexo erklärte er, daß er selber ihm mit seinem Kopf für den Gefangenen hafte. Beruhigt kehrte der Graf nach der Festung zurück. Im engen Zimmer des Gefangenen brannte mit mattem Schein die Lampe; Speise und Wein, die Alexo in Begleitung Sta Luzias gebracht, standen unberührt auf dem Tisch. Kapitän von Meyendorf saß noch immer auf dem Diwan, die Arme über der Brust gekreuzt, die Augen starr vor sich hin geheftet. Der Schlag, der ihn getroffen, wirkte vernichtend. Er raubte ihm die ruhige Überlegung, die ihm sonst leicht die vielfachen Widersprüche in dem Benehmen des Grafen gezeigt und ihn zu einer genaueren Prüfung der Umstände und zu wohlbegründeten Zweifeln geführt haben würde. Nur ein Gedanke erfüllte ihn: alles verloren – Liebe – Leben und Ehre. Denn ihm war der ehrlose Tod eines Spions gewiß. Zwei Stunden vergingen. Die Lampe war am Verlöschen. Da weckte ein Geräusch, das er in seiner Betäubung schon lange vernommen zu haben sich erinnerte, ihn aus dem starren Sinnen. Es klang wie das Schneiden oder Sägen eines Messers am Holz. Er horchte jetzt aufmerksam und machte eine Bewegung. Sogleich hörte das Geräusch auf. Statt dessen fragte eine flüsternde Stimme über ihm: »Bist du wach, Signor? – Antworte leise!« »Wer ist es? Was will man von mir?« »Nursah, der schwarze Knabe«, flüsterte wieder die Stimme. »Tritt hierher, Signor, rechts an die Wand. Ich habe dir viel zu sagen.« Der Kapitän folgte dem Wunsche. Im letzten aufflackernden Schein der Lampe sah er, daß der junge Mohr eine Ritze der Decke mit seinem Messer handbreit erweitert hatte und durch diese zu ihm sprach. Er trat dicht unter die Öffnung über seinem Kopf, so daß die Unterredung bequem in leisem Ton geführt werden konnte. Die Lampe war erloschen – tiefe Dunkelheit umgab ihn. »Was willst du, guter Knabe? Mein Schicksal ist besiegelt.« »Verzweifle nicht, Signor. Noch hoffe ich, dich auf irgendeine Weise zu retten. Kannst du mir angeben, was ich dazu tun kann? Hast du Freunde in der Nähe?« »Meine Freunde«, sagte der Kapitän schwermütig, »sind fern und können mir nicht helfen. Ich danke dir für deinen guten Willen. Aber das Leben hat für mich keinen Wert mehr. Ich wünsche den Stunden Flügel, damit sie mir das Ende bringen.« »Ich weiß, du liebst«, sagte die Stimme in weichem, mitfühlendem Klange. »Du liebst die Gefangene, die im Selamlik des Paschas gefangengehalten wird. Gib die Hoffnung nicht auf. Nur mit dem Leben darf sie verlöschen.« »Armer Knabe mit der schwarzen Haut und dem warmen Herzen, meine Hoffnung ist erloschen!« »Traue dem Manne nicht, der vorhin dich besucht hat. Er ist dein Feind; er ist auch der Feind der Gefangenen. Denn ich weiß, daß gerade sein Diener dich verfolgte und noch dich in diesem Augenblick in Gemeinschaft mit dem Manne bewacht, der die Gefangene herführte. Auch dies geschah in seinem Auftrag.« »Ich weiß es; Graf Pisani sagte es mir. Er gab mir den Beweis, daß er ein Recht dazu hatte.« »Er ist falsch! Ich hörte eure Unterredung. Aber ich hörte auch, wie der Raub vor vier Tagen in diesem Zimmer hier verabredet wurde. Der Conte hat kein Recht auf die Gefangene; er befahl seinem Diener ausdrücklich, nicht zu verraten, daß er die Hand im Spiel habe. Und ich weiß vom Dottore, meinem Gebieter, daß er auch später noch sorgfältig bemüht war, sich vor ihr zu verbergen und sie glauben zu machen, daß sie die Gefangene des Paschas sei.« »Bei allen Heiligen, Knabe, rede die Wahrheit. Ich sah selber – von ihrer Hand geschrieben – die Erklärung, die sie zu seiner Braut macht.« »Dann hat der Bösewicht sie ihr abgezwungen. Vielleicht unter dem Vorwand, dieses Papiers zu ihrer Befreiung zu bedürfen.« Der Kapitän erinnerte sich, daß das Blatt kein Datum getragen. Er erinnerte sich der ihm damals unverständlichen Worte und Besorgnisse der Gräfin. So vieles ging im Augenblick durch seine Seele, das ihm klar und deutlich bewies, wie Pisani ihn getäuscht und daß er es sein mußte, der seine Verhaftung veranlaßt hatte. »Knabe, ich glaube, du hast recht! Ich war ein Tor, daß ich mich täuschen ließ. Zur Hölle mit dem Schurken! Warum habe ich ihm nicht eine Kugel durch den Kopf geschossen, als er mir hier gegenüberstand! Dann wäre sie wenigstens gerettet gewesen! Und gefangen, widerstandslos in seiner Hand und einem schimpflichen Tode verfallen!« »Hoffe, Signor! Bete zu deinem Gott, der bald auch der meine sein wird; denn täglich lehrt mein gütiger Gebieter mich ihn kennen. Auf den Knien will ich ihn anflehen, daß er mir helfen soll, dich zu erretten. Ich bin machtlos, aber Allah oder Gott wird mir helfen, dich und deine Liebe zu retten.« »Knabe, dein Glauben beschämt mich!« »Hast du etwas bei dir, das dir morgen schaden kann? Dann vertraue es mir an.« Der Kapitän holte aus dem Leibbund eine Brieftafel. »Ich gebe sie dir, obwohl du mir unbekannt bist. Es sind wichtige Papiere darin, die viele Leben gefährden könnten, wenn sie in unrechte Hände fielen. Noch wollte ich sie nicht vernichten. Bewahre sie wohl auf.« Es gelang ihm, sie an eine Schnur zu binden, die Nursah durch die Öffnung ließ. »Bei dem Grabe meiner Eltern schwöre ich, sie treu zu bewahren.« »Hier ist meine Waffe und noch ein Brief – so schwer es mir wird, mich jetzt von ihm zu trennen. Aber es muß sein; denn wenn die Schurken Hand an mich legen, würde ich sie... Hölle und Teufel!« fuhr er fast laut auf; er suchte vergeblich nach dem Blatt der Gräfin. »Er ist fort – ich muß ihn verloren haben! Fahrlässiger Tor, der ich bin!« »Mäßige dich!« bat der Knabe. »Noch sind viele Männer im Hause, denn eben erst ist die siebente Stunde vorüber. Ich muß jetzt fort, meinen Herrn zu sprechen. Du wirst das Verlorene wohl bei Tageslicht wiederfinden. Lebe wohl, Signor. Vertraue auf den Gott deiner Liebe.« Der Kapitän hörte einen leisen Schritt über seinem Haupt; dann war alles still. Er trank jetzt den Wein und nahm, so gut es ging im Dunkeln, einige Speise; denn er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Dann warf er sich auf den Diwan. Er wollte den Morgen wachend erwarten, um keinen Ruf des schwarzen Schutzengels zu versäumen, an dem allein jetzt sein Hoffen hing. Denn das Leben war ihm wieder teuer. Seine Zweifel wurden Gewißheit. Über der Nacht des Unheils und des Verrats, über dem Blutmeer der Schlachten und Gefahren strahlte gleich einem Stern wieder der Glauben an ihre Liebe. Goldene Träume von künftigem Glück umgaukelten ihn. Unter ihren Schwingen umfing der heilende Schlaf die erschöpfte Natur. Das erste Tagesgrauen dämmerte durch die Gitter des Fensters, als die Stimme des Knaben ihn weckte. »Wache auf, Signor, es gilt dein Leben.« Der Kapitän war mit der dem echten Soldaten eigenen Beherrschung der Sinne im Augenblick munter. Dennoch galt sein erster Blick dem verlorenen Brief der Geliebten. Dann erst eilte er leise zu der Stelle, an der der Mohrenknabe ihn erwartete. »Der Schlaf überwältigte mich«, sagte er entschuldigend; »sprich rasch, bringst du Gutes oder Schlimmes?« Eine andere Stimme als die des Knaben antwortete ihm: die tiefe, ruhige Stimme eines Mannes, die er noch nie gehört hatte. »Verzeihen Sie, mein Herr! Aber es ist nötig, daß ich sogleich für Nursah das Wort nehme; denn die Zeit drängt. Wir dürfen die Augenblicke, die uns vielleicht zu Ihrem Beistand noch gegönnt sind, nicht versäumen.« »Ich kenne Sie nicht, mein Herr!« »Ich bin ein ehrlicher Mann und bereit, einem andern ehrlichen Mann gegen die Ränke und die Bosheit beizustehen. Nursah, mein Diener, hat mich von allem in Kenntnis gesetzt. Ich fürchte, daß Ihnen der Tod gewiß ist; denn die Befehle des Muschirs sind streng. Ich glaube, daß Graf Pisani, dessen Gefangener Sie sind, Sie sicherlich den Türken ausliefern und so sich von einem Nebenbuhler auf die leichteste Art befreien wird. Er muß seine besonderen Zwecke haben, daß er dies nicht sogleich getan hat. Aber ich hörte, wie er gestern Iskender Bey sagte, er spare ihm für heute morgen eine besondere Überraschung auf.« »Ich kenne mein Schicksal und werde ihm als Soldat begegnen. Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr, für Ihre Teilnahme, wenn sie mir auch nicht helfen kann.« Doktor Welland schwieg einige Augenblicke; dann fragte er leise: »Haben Sie Mut? Mißverstehen Sie mich nicht. Ich meine nicht den Mut in der Schlacht, der im Pulverdampf Gefahr und Tod kühn ins Auge schaut. Ich meine einen höheren Mut, der dem Schrecken des Todes in anderer furchtbarer Gestalt mit festem Herzen ins Angesicht blicken kann: dem Tode in seinem martervollsten Gewande.« »Ich verstehe Sie nicht!« »Es ist der einzige mögliche Weg der Rettung, den ich ersonnen habe. Sie müssen in die Hölle eines türkischen Typhuslazaretts; der Vorschlag ist schrecklich und gefährlich; ich weiß es. Aber es ist der einzige, den ich Ihnen machen kann. Was die menschliche Kunst tun kann, Sie gegen Ansteckung zu schützen, soll geschehen. Das meiste aber muß der Mut in Ihrer Brust tun; denn Sie müssen mindestens einen Tag und eine Nacht in dieser schrecklichen Umgebung zubringen. Verläßt Sie der Mut, so nützen alle Schutzmittel der Medizin nichts und die Krankheit erfaßt Sie.« »Aber wird man mir glauben, daß ich krank bin?« »Das werden Sie sogleich erfahren, wenn Sie Ihren Entschluß gefaßt haben.« »Und glauben Sie, wenn ich mich der Gefahr unterwerfe, mich retten zu können?« »Soweit es in menschlicher Voraussicht steht, ja.« Der Gedanke an Helene überwand den natürlichen Schauer. »Ich bin entschlossen; sagen Sie mir, was ich zu tun habe.« Eine Schnur senkte sich durch die Öffnung. Ein Fläschchen und ein Päckchen hingen daran. »In dieser Leinwand finden Sie Wolle und dunkelrote Schminke. Sie werden sich damit das Gesicht an einzelnen Stellen betupfen, namentlich Stirn und Schläfe; auch die Gelenke der Hände. Dann trinken Sie den Inhalt des Fläschchens. Fürchten Sie nicht die Folgen, wenn auch besondere Symptome eintreten werden.« »Doktor – ehe ich Ihren Willen erfülle, versprechen Sie mir eins, bei Ihrer Ehre als Mann.« »Bei meiner Ehre!« »Geschehe mit mir auch, was da wolle: Sie werden die Gräfin Laszlo von meiner Rettung oder meinem Tode in Kenntnis setzen.« »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, wie Ihnen in dieser schweren – es wird geschehen.« »Dank. Jetzt, Herr – liegt mein Schicksal in Ihren Händen.« »O, vertraue ihm, Signor«, flüsterte die Stimme des schwarzen Knaben. »Er ist der beste der Menschen!« Der Kapitän setzte das Fläschchen an die Lippen und trank es aus. Ein leichter Schauer rieselte durch seine Adern – einige Augenblicke wallte es wie Nebel vor seinen Augen und seine Sinne verwirrten sich. »Mir wird so eigentümlich!« »Es ist die Wirkung der Medizin«, sagte der Arzt, der sorgfältig die Gegenstände wieder in die Höhe zog. »Vertrauen, Herr, es ist das einzige, was Sie retten kann. Übergeben Sie sich den Wirkungen des Laudanums unbesorgt. Ich werde über Sie wachen.« Kapitän von Meyendorf war von plötzlicher, hinreißender Mattigkeit befangen. Er taumelte auf den Diwan. Seine Glieder streckten sich; seine Augenlider schlossen sich. »Leben Sie wohl!« Nur unklar noch hörte er den Scheidegruß. Seine Sinne versagten den Dienst. Noch früh am Morgen trat Oberst Pisani bei der im Selamlik gefangenen Gräfin Helene ein. Der Eunuch hatte sie nach dem Lärm eingeschlossen und ihr auf keine ihrer Fragen Antwort gegeben. In tausend Ängsten und unter heißen Tränen hatte sie die Nacht hingebracht. Marutza war nicht zurückgekehrt. Das Schießen und der wilde Lärm der Verfolgung hatten sie erschreckt. Sie mußte glauben, daß beide in die Hände der Türken gefallen und ermordet worden seien. Es war eine Erleichterung für ihr Herz, als sie Schritte vor ihrer Tür hörte und den Grafen Pisani eintreten sah. Bleich und abgespannt, mit fragenden Blicken trat sie ihm entgegen; der Graf faßte mit ernster, schmerzlicher Miene ihre Hand und führte sie schweigend zu dem Diwan zurück. »O, sprechen Sie, mein Freund! Reden Sie, was ist geschehen?« Oberst Pisani lächelte bitter. »Sie nennen mich Ihren Freund – und im Augenblick, wo Gräfin Helene mir die Ehre erzeigt, sich meinem Schutze anzuvertrauen, hält sie einen zweiten für notwendig – meinen Gegner, der bestimmt scheint, mir überall in den Weg zu treten.« »Der Unglückliche – Sie wissen alles?« »Ich weiß es, Gräfin. Ich habe den Verkleideten erkannt. Es ist der russische Kapitän, mein Feind von Wien her.« »Allmächtiger Gott – so ist er in den Händen der Türken?« »Der russische Spion ist gestern abend gefangen worden.« »Aber Sie wissen, daß er sich allein meinetwegen in diese Gefahr gestürzt hat – daß die Besorgnis ihn hierher getrieben, daß er mich warnen wollte vor der Gefahr, die mir in Krajowa droht durch die Entdeckung meines Tuns, zu dem ich mich durch Sie verleiten ließ.« »Ich weiß nichts«, sagte stolz der Oberst. »Ich weiß nach meiner Soldatenpflicht nur, daß ein Mann, der verkleidet in dem feindlichen Lager ergriffen worden ist, in der ganzen Welt als Spion behandelt werden wird. Die Gründe, die ihn zu dem kühnen Unternehmen bewogen haben, seien welche sie wollen. Wenn Sie es für gut finden, ein Opfer, das Sie Ihrer politischen Überzeugung gebracht haben, Ihrem treuesten Freund aufzuerlegen, so habe ich nichts dagegen zu sagen. Ich kam, um Ihnen anzuzeigen, daß Sie frei sind. Ich möchte Ihre Befehle in Empfang nehmen für Ihr Bleiben oder Gehen, und Ihnen dieses Blatt zurückgeben, mit dessen Hilfe allein es mir gelang, Ihre Befreiung aus dieser unwürdigen Lage so rasch zu bewirken.« Er legte das Schriftstück auf den Tisch und trat mit einer Verbeugung nach der Tür zurück. Gräfin Helene stürzte ihm nach und erfaßte leidenschaftlich seinen Arm. »Bleiben Sie! Ich muß alles wissen. Was ist aus Marutza, meiner Dienerin, geworden?« »Sie muß mit den Helfershelfern des Gefangenen entwichen sein, den offenbar noch andere Zwecke hierher geführt haben, als die Besorgnisse eines Liebhabers. Das Verschwinden des Mädchens beweist, welche guten Freunde und Verbindungen der Russe hier hatte. Sie selber, Gräfin, haben ihn ins Verderben geführt, als Sie ihn in diese Mauern beriefen.« Ein stolzer Blick antwortete der bitteren Anklage. Im nächsten Augenblick schon siegte die Angst des Weibes. »Ich beschwöre Sie; sagen Sie mir die Wahrheit! Was wird sein Schicksal sein?« »Der Gefangene«, sagte Oberst Pisani langsam und betrachtete lauernd sein Opfer, »wird heute noch vor ein Kriegsgericht gestellt und – eine Stunde darauf erschossen werden.« Sie rang verzweifelnd die Hände. »Ich habe seinen Tod veranlaßt! Allmächtiger Gott! Gib mir ein Mittel für seine Rettung! Graf, ich beschwöre Sie, bei allem, was Ihnen heilig, bei Ihrer Liebe zu mir, helfen Sie, retten Sie!« Sie sank auf die Knie und streckte die Hände flehend zu ihm hoch. Er hob sie auf und führte sie zu dem Diwan zurück. »Was verlangen Sie von mir – es ist unmöglich!« »Nein, es ist nicht unmöglich, wenn Sie wollen«, flehte die verzweifelnde Frau. »Ich weiß, welche mächtigen Verbindungen Sie überall besitzen. Ich habe oft genug die Beweise davon gesehen. O, retten Sie mir den Frieden meiner Seele, retten Sie ihn!« »Um ihm einst in die glücklichen Augen zu sehen«, sagte bitter der Graf. »Nein, Helene, dieses Opfer wäre zu schwer. Er selber hat sich in dieses Verderben gestürzt, ohne daß ich das geringste dazu getan! Ich lasse nur das Schicksal seinen Weg gehen, und es befreit mich von meinem gefährlichsten Gegner. Ihn selber zu retten, wäre eine Torheit.« »Das ist nicht edelmütig gedacht!« »Ich verachte einen unnützen Edelmut – wenn es sich um Ihren Besitz handelt. Toren können alle ihre Hoffnungen und Wünsche zum Opfer bringen. Ein Mann von Verstand wird es nie tun. Ich mache mich nicht besser, als ich bin vor Ihnen, Gräfin. Aber den Feind ohne Zweck zu retten, ist ein Frevel gegen sich selber.« »Ja – das ist die Lehre des hohlen Eigennutzes«, sagte finster die junge Frau. »Unser Frevel gegen alles, was würdig und heilig war, hat sie in die Gemüter gepflanzt!« Ihre Hand hatte unwillkürlich das Papier ergriffen, das der Graf vorhin neben sie gelegt. Ihre Finger entfalteten es, ihr starrer Blick haftete darauf. Plötzlich zuckte sie zusammen. »Bei Ihrer Ehre und Seligkeit, Graf – ist er verloren?« »Er ist es – nur außergewöhnliche Mittel vermöchten ihn zu retten.« »Und – glauben Sie – wenn ich Sie dazu bewege – ihn retten zu können?« »Ich hoffe es.« Sie war blaß, aber ruhig und gefaßt. Nur ihre Hand zitterte leicht, als sie ihm das Papier reichte. »Nehmen Sie. Ich bin bereit, den Wortlaut zu erfüllen – unter der Bedingung, daß Sie den Kapitän von Meyendorf retten.« Sie sah nicht den Blitz wilder Freude, der über das Antlitz des Grafen Pisani flog. Ihre Augen waren starr auf das Papier geheftet. Dennoch nahm er es nicht. Mit der Berechnung eines Schauspielers seine Rolle verfolgend, wich er zurück und sagte leise: »Gräfin Helene – Sie würden es später bereuen. Ich mag Sie nicht an die Erfüllung Ihres Wortes erinnern.« Ihre stolzen Augen blitzten ihn unwillig an. »Was ich sage, werde ich halten. In dem Augenblick, in dem Sie mir die Nachricht von seiner Rettung bringen, bin ich bereit, Ihre Gattin zu werden. – Ist Ihnen dies genug?« Er beugte sich auf ihre Hand und küßte sie zärtlich. »Ehe der Abend da ist, hoffe ich, den Priester zu Ihnen führen zu dürfen, der diesen Tag zum glücklichsten meines Lebens macht. – Ich werde das Nötige anordnen, damit Sie wieder weibliche Bedienung erhalten; ich halte es für das beste, daß Sie vorerst noch hier verweilen. Ihr Aufenthalt ist nur wenigen hier bekannt geworden. Sie werden auf diese Weise aller lästigen Neugier der österreichischen Behörden entgehen. Die Gräfin Pisani wird niemand mit einer Frage belästigen.« »Ich überlasse Ihnen alle Bestimmungen, nur – eilen Sie!« Ihre Stimme klang gebrochen. »Leben Sie wohl, Helene – meine Braut!« Er drückte ihre kalte Hand ans Herz und verließ das Gemach. Ihre Hand zuckte nach dem Herzen. Mit einem Schrei sank sie zu Boden ... Der Wudkoklak hatte den scharfen Zahn in sein Opfer geschlagen. Eine Stätte des Grauens In der Locanda Alexos waren zeitig viele Offiziere versammelt, um dem Verhör und dem Kriegsgericht über den Gefangenen beizuwohnen. Da er in Widdin ergriffen worden war, gehörte die Sache zur Entscheidung Sami Paschas. Auf Betreiben Pisanis jedoch, der die Verhandlung aus der Nähe der Gräfin zu entfernen wünschte, hatte der Pascha, statt selber die Untersuchung zu führen, nur einige Offiziere abgeordnet, die dem Kriegsgericht beiwohnen sollten. Iskender Bey sollte den Vorsitz übernehmen. Als Pisani die Locanda betrat, lag zwischen seinen dunklen Brauen eine tiefe, unheilverkündende Falte. Es fiel ihm nicht ein, den verhaßten Nebenbuhler entwischen zu lassen. Aber es galt, mit List und Schlauheit der Gräfin den Beweis zu bringen, daß er sein Wort gehalten habe. Der Gedanke, daß ihm dazu eine Verwechslung beider Gefangenen helfen konnte, lag sehr nahe. Bei der rauhen, wilden Geradheit des ehemaligen Grafen Ilinski, des Iskender Bey, fühlte er, daß er vorsichtig zu Werke gehen mußte, um nicht des doppelten Erfolges verlustig zu gehen. Das Kriegsgericht war schon vorüber – man macht in der Türkei nicht viel Umstände mit einem Menschenleben. Mungo, der bei seinem Leugnen geblieben war, kauerte zwischen seinen Wächtern im Tschardak. Er beugte sich zum zweitenmal unter dem traurigen Todesurteil – nur mit dem Unterschied, daß ihm diesmal die Kugel statt des Strickes zuerkannt worden war. Dafür sollte die Hinrichtung schon in einer Stunde vollstreckt werden. Seine sehnsüchtigen Blicke vermochten keinen helfenden Freund zu entdecken. Graf Pisani nahm Iskender Bey, der den linken Arm noch immer in der Binde trug, beiseite. »Ich habe Sie gestern schon auf einen besseren Fang vorbereitet, Bey, als Ihre Wachen an dem elenden Kerl dort getan haben. Der russische Offizier, auf dessen Fährte ich Sie gestern brachte, und der sich als Spion in die Festung eingeschlichen hat, ist durch einen glücklichen Zufall in meine Hände gekommen. Mein Diener bewacht ihn. Ehe ich jedoch Ihnen meinen Gefangenen überliefere, möchte ich Sie um einen anderen Dienst bitten.« »Sprechen Sie, Freund«, sagte der Bey. Seine Augen funkelten bei der Erwähnung des gefangenen Russen. »Der Bursche, den Sie eben verurteilt haben, behauptet, ein walachischer Zigeuner zu sein. Er sagte aus, er wäre nur auf das bulgarische Ufer gekommen, um hier Beschäftigung und Unterhalt zu suchen. Der Kerl mag nun immerhin ein russischer Spion sein, aber er ist jedenfalls von untergeordneter Bedeutung und schwerlich den Strick oder das Pulver wert, das an ihn verschwendet wird. Ich habe wichtige Gründe, daß er am Leben bleibt. Ich bitte Sie, begnadigen Sie ihn und lassen Sie ihn laufen.« »Zum Henker! Was haben Sie mit dem Lumpen? Sie wissen, daß nur der Oberbefehlshaber oder der kommandierende General das jetzt noch tun kann.« »Ich werde bei Sami Pascha das Nötige besorgen. Geben Sie nur den Befehl, die Hinrichtung zu verschieben.« »Das ist leicht. Mir liegt an dem Halunken nichts.« Er rief Jacoub Aga und erteilte ihm den Befehl. »Und nun zu Ihrem Russen!« »Dazu habe ich Ihnen gleichfalls einiges zu sagen. Die Offiziere sind noch versammelt. Das Kriegsgericht kann im Augenblick stattfinden. Ich wünsche jedoch, mein Zeugnis davon ausschließen zu dürfen. Das meines Dieners wird genügen. Ich bitte Sie, die ganze Sache möglichst der Öffentlichkeit zu entziehen, da Gründe vorliegen, die das zu frühe Bekanntwerden der Gefangennahme und des Schicksals des Russen sehr nachteilig machen.« Der Bey schielte ihn von der Seite an; er kannte sehr wohl die geheimen Verbindungen des Grafen, wenn er auch selber nicht zu den Eingeweihten gehörte. Denn seiner rauhen Soldatennatur war das ewige Ränkespiel zuwider. »Meinetwegen. Ich wüßte nichts, was Ihren Wünschen entgegenstände. Aber wo ist der Spion?« »In der Locanda. Ich lasse ihn in einer der hinteren Kammern bewachen.« »Vorwärts denn; ich will ihn sehen. Dann wollen wir ein kurzes Ende machen. Meine Agas, haltet euch bereit zu einer zweiten Auflage unserer Gerechtigkeit!« Er winkte Hidaët und ein paar Offizieren und folgte mit ihnen dem Grafen Pisani, der sie mit Alexo zu dem Anbau des Hauses führte. Sta Luzia und Apollony hielten noch immer vor der Tür des Gefangenen Wache. »Diavolo!« fluchte der Bandit. »Es ist Zeit, daß Sie uns endlich ablösen, Signor Conte. Die Zeit wird uns verflucht lang. Der Bursche spürt, was ihn erwartet. Er hat in den letzten Stunden gestöhnt, als fühle er schon den Strick um den Hals. Jetzt erst ist er ruhig geworden.« Den Offizieren hatte sich wie zufällig Doktor Welland angeschlossen. Als Graf Pisani den Bericht seines Dieners hörte, empfand er eine jähe Freude. Der Gedanke blitzte in ihm auf, Kapitän von Meyendorf könnte seinem Leben ein Ende gemacht haben, um der Verurteilung als Spion zu entgehen. »Öffne!« Sta Luzia schob die Riegel fort und stieß die Tür auf; der Bey, Pisani und einige Offiziere mit den beiden Wächtern traten ein. Ein unerwarteter, schrecklicher Anblick bot sich. Auf dem Diwan lang ausgestreckt lag der Gefangene. Die Hände waren krampfhaft geballt; die Augen starr, weit aus den Höhlen hervorgetreten, von blauen Rändern umgeben; sonst war das Gesicht totenbleich mit einzelnen roten Flecken auf Stirn und Wangen. Leichte krampfhafte Zuckungen erschütterten zuweilen die ganze Gestalt. »Przeklecie!« rief Iskender Bey; »hier kommen wir zu spät. Der Bursche hat die Pest oder den Typhus!« Er blieb schaudernd an der Tür stehen. Durch die erschrockene Gruppe drängte sich der Arzt und trat zu dem Kranken. »So hat der Tod seine Beute und erspart Ihnen eine Mühe«, sagte Graf Pisani hämisch. Er betrachtete sein Opfer aus der Ferne. »Lassen Sie den Leichnam verscharren, ehe er durch Ansteckung noch Unheil schafft.« »Nein«, sagte fest Iskender Bey und trat trotz des Schauders in seiner Brust einen Schritt näher. »Ich bin zwar jetzt ein Moslem; aber niemand soll sagen, daß Ilinski die Christenpflicht gegen einen wackeren Feind vernachlässigt. Ich erkenne ihn wieder trotz der Verkleidung und Entstellung an der Wunde auf der Wange, die meine Säbelklinge ihm schlug; es ist der tapfere Offizier, der im Gemetzel des Hohlweges von Tschetate mir standhielt und vielleicht mein Leben rettete. – Doktor, wie steht's mit dem Mann?« »Ich fürchte, er wird sterben. Das Faulfieber ist bei ihm ausgebrochen.« »Dennoch soll er nicht sterben wie ein Hund, ohne daß ein Versuch zu seiner Rettung gemacht wird. Es wäre freilich das beste für ihn, statt des Schimpfes als Spion zu enden, an seiner Krankheit zu sterben. Sorgen Sie nach Kräften für ihn.« »Dann muß ich ihn ins Lazarett bringen lassen. Hier kann er nicht bleiben ohne Gefahr, Ansteckung zu verbreiten.« »Tun Sie das, Doktor. Ich werde sogleich Befehl geben, Träger zu holen.« Der tapfere Bey blickte noch einmal mitleidig und schaudernd auf den Kranken. Dann verließ er das Gemach; alle folgten ihm eilig, bis auf den Arzt, der dem Himmel für das Gelingen seines Planes dankte.   Stunden waren vergangen – es war Abend. In seinen Mantel gehüllt, schritt Doktor Welland durch die schmutzigen Gassen der Stadt hinauf zur Festung. Ein Schreiben Oberst Pisanis hatte ihn dringend ersucht, sich um diese Stunde einzufinden. Die Ursache war ihm noch unbekannt. Nur kurze Zeit war er während des Tages in seiner Wohnung, der Locanda, gewesen, um Nursah einige Aufträge zu geben; die übrige hatte er im Lazarett zugebracht. Pisani war anfangs im Zweifel gewesen, ob er die plötzliche Erkrankung seines Nebenbuhlers für einen glücklichen Zufall halten sollte, der ihm eine schlimmere Tat ersparte; die Meinung des Arztes jedoch, daß Meyendorf in der höchsten Gefahr schwebe, und die Kenntnis von dem Zustand der türkischen Heilanstalten ließen keinen Zweifel darüber, daß der Tod ihn von seinem Gegner befreien werde. So richtete er sein Augenmerk allein auf die Täuschung der Gräfin. Gleich nach der Fortschaffung des Erkrankten hatte er sich zurück ins Selamlik begeben. Von Sami Pascha, mit dem er in sehr regem Verkehr stand, hatte er leicht die Begnadigung des vom Kriegsgericht als Spion Verurteilten erlangt. Der Befehl dazu wurde auf seinen Wunsch in türkischer und französischer Sprache niedergeschrieben. Da im allgemeinen darin nur von dem des Spionierens angeklagten Gefangenen gesprochen wurde, war es ihm leicht, die Order zu seinen Zwecken zu benutzen. Mit dem Papier in der Hand betrat er das Gemach der Gräfin. Helene war am Morgen von den zu ihrem Dienst befohlenen türkischen Frauen am Boden gefunden und nur mühsam wieder zum Bewußtsein gebracht worden. Stillschweigend legte Graf Pisani den Freilassungsbefehl vor ihr nieder. Als sie hastig den Inhalt überflog und ein leiser Schimmer von Rot wieder die blassen Wangen färbte, verriet nichts die Gefühle von stolzem Frohlocken und bitterm Groll, die in seiner Brust tobten. »Sie haben Ihr Wort gelöst – vollenden Sie Ihr Werk«, bat Gräfin Helene. »Geben Sie Kapitän Meyendorf die Freiheit wieder. Er möge fern sein, ehe ich – das meine halte. Ich bin bereit dazu – nur gönnen Sie mir Zeit bis zum Abend und – lassen Sie uns dann sogleich diesen Ort verlassen.« Er versprach, ihre Wünsche zu erfüllen und schlug ihr vor, sich nach der Trauung sofort nach Belgrad auf den Weg zu machen und sich dann auf ihre Güter am Maros zu begeben, um dort die Verhältnisse zu ordnen. Eines Urlaubs bedürfe er dann weiter nicht. Sie willigte in alles ein und fügte nur die Bitte hinzu, den deutschen Arzt Doktor Welland mitzubringen, dessen offenes, ehrliches Gesicht ihr Vertrauen eingeflößt zu haben schien. Der Oberst versprach, daß er einer der Zeugen sein solle. Dann entfernte er sich und überbrachte die Begnadigung Sami Paschas dem Bey. Kurz angebunden in seinen Beschlüssen ließ Iskender Bey dem Zigeuner eine genügende Tracht Schläge mit dem Steigbügelriemen aufzählen und ihn dann durch zwei Soldaten aus der Stadt führen. Er bedeutete ihm, wenn er sich je wieder darin blicken lasse, sei ihm Kugel oder Strick gewiß. Nursah folgte von fern dem kleinen Zuge. Der Wind vom Flusse her strich eisig durch die winkeligen Straßen und über die Wälle und Mauern her, als Welland den Konak des Paschas betrat. Der große Hof war durch Fackeln erhellt. Eine Anzahl von Soldaten und Dienern Sami Paschas war auf den Beinen. Der Arzt bemerkte nicht ohne eine heimliche Freude eine bespannte Araba, bequem mit einem Deckschirm eingerichtet, und in ihrer Nähe zehn türkische Kosaken unter einem On Baschi. Er hoffte nicht mit Unrecht, daß das Fuhrwerk die Ungarin aus Widdin führen solle. Noch ahnte er nicht, in wessen Begleitung. Es war dem Gold und den Bemühungen des Obersten Pisani gelungen, einen bosnischen Franziskaner-Geistlichen, der sich in Widdin aufhielt, aufzutreiben und diesen durch ein reichliches Geschenk zu vermögen, die Trauung zu vollziehen; denn er kannte den Wert des Augenblicks und der günstigen Gelegenheit zu gut, um sich durch irgendeine Schwierigkeit zu einem Aufschub bewegen zu lassen. Doktor Welland wurde auf seine Frage nach dem Grafen in das Gebäude zur Seite gewiesen, vor dessen Tschardak die Araba hielt. Als ihn Sta Luzia, der hier Wache zu halten schien, erblickte; eilte er ins Haus. Oberst Pisani kam ihm entgegen und führte ihn in ein Seitengemach. »Welche Nachricht bringen Sie von dem Kranken?« »Er ist in diesem Augenblick vielleicht schon verschieden.« »Sie haben mir gestern zwar eine Bitte ziemlich rauh abgeschlagen. Ich hoffe aber, daß Sie mir eine andere jetzt erfüllen werden. Wenn die Gräfin sich nach dem Gefangenen erkundigt, so verschweigen Sie ihr, in welcher Lage er sich befindet. Sagen Sie ihr, er sei gerettet.« »Ich werde Ihren Wunsch erfüllen.« »Haben Sie irgendein flüchtiges Salz zur Stärkung der Lebensgeister bei sich? Die Gräfin ist nicht wohl und bedarf Ihres Beistandes.« Der Arzt bejahte. »Bitte, folgen Sie mir. Doch erinnern Sie sich, daß Sie wenigstens im Schweigen mir Gehorsam schuldig sind.« Er führte ihn in ein größeres Gemach, in dem Iskender Bey mit seinen beiden Adjutanten und der Kolassi Wersbitzki, der Kommandant der türkischen Kosaken mit einem seiner Offiziere versammelt waren. Alle grüßten ihn freundlich. Der Bey erkundigte sich sogleich nach dem russischen Kapitän. Der Doktor wiederholte die Worte, die er dem Grafen gesagt. Es blieben ihnen nur wenige Augenblicke der Unterhaltung. Dann führte der Oberst, der sich durch eine zweite Tür entfernt hatte, an seiner Hand die Gräfin Helene in das Gemach. Hinter ihnen drein kam der Franziskaner; erst jetzt bemerkte der Doktor, daß in einer Ecke des Zimmers ein weißbehangener Tisch mit Lichtern und einem Kruzifix aufgestellt war. Die Ahnung der Wahrheit überkam Welland. Mit fester, klarer Stimme nannte Oberst Pisani den Namen Helenes und stellte ihr die anwesenden Männer vor, die sie höflich begrüßten und die peinliche Pause der Vorbereitungen mit einer leichten Unterhaltung zu füllen suchten. Helene Laszlo war bleich und ruhig. Nur der aufmerksamste Beobachter hätte bemerken können, daß in dem unruhigen Atmen, in dem Zucken der blassen Lippen der Schmerz kämpfte. Ein feiner, türkischer Schleier, vom Scheitel ausgehend und die zierliche Gestalt fast bis zu den Füßen in leichter Wolke umfließend, war das einzige, was sie schmückte. Plötzlich schien sie einen Entschluß zu fassen. Die Unterhaltung abbrechend, wandte sie sich an den Bey und sagte rasch: »Sie haben heute morgen eine traurige Pflicht gehabt, Herr, eine Verurteilung. Ich höre, der Gefangene ist jedoch begnadigt?« Ihre Stimme zitterte bei der Frage. »Begnadigt und frei. Ein höherer Wille ließ ihn seiner Strafe entgehen.« »Auf Ihr Ehrenwort – er ist frei?« »Gewiß. Aber was geht Sie der russische Spion an, Gräfin –« Oberst Pisani unterbrach ihn, besorgt, daß ein Wort zuviel gesagt werden könne. »Die Gräfin hörte davon und ersuchte mich aus Mitleid um meine Verwendung. – Doch es ist Zeit. Wollen Sie Ihren Zeugen wählen, Helene?« Die Anwesenden traten unwillkürlich einen Schritt zurück. Nur der Major der Kosaken mit seinem Adjutanten und der Arzt waren Christen. Gräfin Helene trat zu Doktor Weiland und bot ihm die Hand. Er stand etwas entfernt von der Gruppe der Offiziere und hatte die schöne Frau mit großer Aufregung betrachtet, ungewiß, was er beginnen sollte. »Wollen Sie mir Ihren Beistand leihen, mein Herr?« »Um Gottes willen, Gräfin! Haben Sie meinen Brief durch meinen schwarzen Diener nicht erhalten?« »Ich habe nichts erhalten, mein Herr! – Oder täuscht man mich?« Ihre Augen belebten sich. »Ist er nicht gerettet – ist er gemordet?« »Er ist gerettet, Gräfin; auf das Wort eines ehrlichen Mannes, aber...« »Das ist genug«, unterbrach sie ihn bitter. »Weder Sie noch ich ändern mein Schicksal, das ich freiwillig gewählt habe. Kommen Sie denn.« Sie reichte fest und entschlossen dem mißtrauisch herantretenden Obersten den Arm. Im Vorübergehen trafen seine dämonischen Augen finster und drohend den Arzt, der schon den Fuß erhoben, den Mund geöffnet hatte, um sie noch einmal zu warnen. Er fühlte, daß er hier kein Recht mehr habe, daß jedes Wort ihn und den Mann, der sich ihm anvertraut, verderben konnte. Ein bitterer, teilnehmender Schmerz wühlte in seinem Herzen. Die Stimme des Mönchs murmelte die Gebete. Der Wudkoklak hatte sein Opfer. – In einem scheunenartigen Gebäude, das früher als Stall gedient, war das Lazarett für die Truppen von Widdin und Kalafat aufgeschlagen. Es bestand aus einem nach der Donau zu offenen Viereck in der Nähe von Regotin. Erst dem Einschreiten Doktor Wellands war es gelungen, diese Räume einigermaßen zu sichten und in zwei Abteilungen zu sondern. Die eine war jetzt für die Verwundeten – die andere größere für die Kranken bestimmt. Es ist Tatsache, daß in den sechs Monaten der Besetzung von Kalafat zehntausend Mann an Typhus und anderen schrecklichen Krankheiten starben. Ein Binsendach deckte den wohl hundert Schritt langen Raum, von nackten Balken getragen, die sich auf die leeren Wände stützten. Hin und wieder hingen an ihnm noch die Krippen und Raufen der Pferde. Es war kalt, schauerlich kalt in der Januarnacht in diesem öden Raum. Rechts und links befanden sich lange Strohlager, mit Decken und Mänteln überdeckt – hin und wieder einzelne Kissen. Aber das Stroh war faul, modrig, stinkend; es wurde in Wochen kaum erneuert. Durch Decken und Wände pfiff der Wind, brachen Regen und Schnee herein. Die Feuchtigkeit rieselte in der Mitte zusammen und bildete modrige Tümpel. Draußen unter dem Sternendach des Winterhimmels lag eine frische, durchsichtig dunkle Luft über der Erde. Im Innern dieser Höhle des Jammers aber lagerte eine dumpfe, schwüle Atmosphäre, der giftgeschwängerte Dunst des Todes und der Ansteckung. Ein gelbgrauer Nebel, den die zahlreichen Lampen nur matt zu erhellen vermochten. Man hatte im Anfang den Versuch gemacht, die Einrichtung der europäischen Lazarette nachzuahmen. Über den Kranken waren schwarze Tafeln angebracht, die die Entwicklung der Krankheit und die angewendeten Heilmittel nennen sollten. Es war jedoch bei dem Versuch geblieben; denn die täglich wachsende Anzahl der Kranken und die Fahrlässigkeit und Gleichgültigkeit der türkischen Ärzte hatte der Anordnung gespottet. Auf diesem Stroh in langer Reihe nebeneinander lagen dicht zusammengedrängt nahezu fünfhundert Menschen in jedem Zustand der körperlichen Auflösung. Das Lazarett hatte durchschnittlich täglich vierzig bis fünfzig Tote. Schmerz in jedem Ton; vom leisen Wimmern bis zum gellenden Aufschrei des Unerträglichen; Leiden von der Teilnahmslosigkeit bis zur gotteslästerlichen Verzweiflung; Sterben von dem stillen Hinschwinden aller Kräfte bis zum wütenden Kampf der Muskeln und Nerven gegen den Allesverschlinger: alles war vereint in dieser feuchten, pestschwangeren Luft. Größtenteils in ihren Kleidern – Lumpen, die vom Leibe faulten, von Ungeziefer wimmelten – lagen die Kranken; glücklich, wer eine Decke gewann, in die er sich einhüllen konnte gegen den Frost. Vom Leibe des Sterbenden riß sie die Hand des Nebenmannes – dem tapferen Kameraden, der vielleicht noch vor wenigen Tagen in der blutigen Schlacht den toddrohenden Hieb aufgefangen, gönnte der Stärkere jetzt nicht die letzte Bequemlichkeit des Sterbens... Da lagen sie mit den hohlen Gesichtern, den dunklen Ringen um die starren Augen; die greuliche Krankheit färbte sie alle, ob braun, gelb, weiß oder schwarz, mit dem furchtbaren Aschgrau. Wo die Flügel des Gebäudes, die beiden langen Gänge voll Leiden und Verwesung zusammenstießen, standen nach jeder Seite hin fünfzig eiserne Feldbettstellen mit Matratze und Decke. Die türkische Verwaltung mußte doch etwas tun. Diese hundert Lagerstätten waren für das Lazarett einer Armee von vierzigtausend Mann bestimmt; einer Armee, die täglich fünfhundert Kranke hatte außer den Verwundeten. Was nutzten aber den Günstlingen der Arzte, den On Baschis und Mulassims, die darauf Anspruch hatten, diese Lagerstätten bei dem Schmutz und der Unreinlichkeit des türkischen Wesens? Zwischen die Leichentücher, auf die feuchte modernde Matratze, auf der eben der eine in ekler Krankheit gestorben war, mußte eilig der zweite gelegt werden. Der Tod hatte keine Zeit für Wäsche und Reinigung. Der Typhus ist eine schreckliche, die Säfte des Lebens zersetzende Krankheit. Aber auf die Seele wirkt er gleich dem Traum der Fata Morgana. Das Fieber führt die Phantasie in die unermessenen Räume. Erscheinungen, Wahrsagungen, erotische Bilder und somnambule Kräfte wechseln bunt in der Glut des Fiebers oder der Abspannung der Nerven. Über alles siegte jene Erschöpfung und Ergebung des Leidens und des Todes, die der echte Moslem besitzt; denn seine Lehre ist von Jugend auf: »Es war mein Kismet!« Und ruhig – wenn die Fieberglut gewichen – streckt er sich zum Sterben. Selbst in höchster Erregung, in rasendem Fieber schwebt ihm dieser Glaube vor. Welcher furchtbare Unterschied in diesem Hingeben und dem verzweifelten Ringen des Abtrünnigen an seiner Seite: des Kranken, der Glaube und Vaterland verlassen, der keinen Trost mehr hat, als die schreckliche Hoffnung auf das ewige Nichts... Unter diesen fünfhundert Kranken waren höchstens zwei wirklich wissenschaftlich gebildete Ärzte tätig, von denen noch dazu der eine als Oberarzt die Verwundeten zu beaufsichtigen hatte. Die Anstrengungen, die Doktor Welland gemacht, um einige Ordnung in dies Wirrwarr von Leiden und Schmutz zu bringen, waren riesenhaft. Aber sie erlahmten an der gänzlichen Unfähigkeit seiner europäischen Gehilfen und der Gleichgültigkeit und der Selbstsucht der türkischen. Unterärzte und Apotheker bestanden im glücklichsten Falle aus verlaufenen Barbiergesellen, größtenteils aber aus Leuten der verschiedensten Stände, die ohne alle und jede Kenntnis zu Ärzten und Wundärzten geworden waren, nur weil sie Franken waren. Der Türke glaubt, jeder Franke sei ein Hekim Baschi. Dennoch richtete selbst ihre Unwissenheit – und sie starben hin wie die Fliegen in diesem traurigen Beruf – weniger Unheil an, als die Nichtswürdigkeit und die Betrügerei der türkischen Lieferanten – zum Teil Griechen. Die Feldapotheken waren auf das jämmerlichste versorgt. Bis auf einige Brechmittel, Chinin und Kalomel war fast nichts zu haben. Zum Glück waren Chinin und Kalomel gerade die Arzneien, die am besten gegen Typhus, selbst in der unkundigen Hand, wirkten; aber das Chinin war pulverisierte Eichenrinde und das Kalomel mit Kreide und Kalk vermischt. Die Lieferung der Lebensmittel war erbärmlich. Der Muschir leistete im Aufbau der Armee, ihrer Bewaffnung und Einübung Musterhaftes. Aber an der Verpflegung und namentlich an dem Medizinalwesen, von dem er nichts verstand, und das überhaupt in der türkischen Armee wenig beachtet wurde, scheiterte seine Mühe. Von Zeit zu Zeit griff er zwar ein; einige Lieferanten wurden erschossen, andere erhielten fünfzig oder hundert Stockprügel; aber das alles änderte nichts an dem durch und durch verrotteten Wesen. Weil die Hinrichtungen vor der Front der Truppen vollzogen wurden, glaubte der Soldat an eine rächende Hand über seinen Peinigern. Er stellte in wahrhaft heldischer Geduld bei seiner Ertragung der Leiden das weitere dem Kismet und dem Muschir anheim.   Die dunklen Gestalten der Wärter, meist Mohren, huschten durch das Lazarett. Ihre Ohren waren taub gegen das Flehen des einzelnen um einen Trunk Wasser, um irgendeine Erleichterung seines hilflosen Zustandes. Von Strecke zu Strecke stand eine Bütte mit trübem Donauwasser. Die Moslems krochen still dahin und tranken; wer nicht mehr die Kraft hatte, verdurstete. Aber die dunklen Wärter waren nicht ohne Beschäftigung. Der Tag hatte aufgeräumt unter den Kranken. Die Leichen mußten entfernt werden, um den neuen Ankömmlingen Platz zu machen. Die Umstände mit den Toten waren gering. Ein eiserner Haken in den Bund oder das Gewand – wenn nicht ins Fleisch – geschlagen, ein Strick daran oder um die Füße gebunden – so wurden sie durch den langen Gang der Mitte bis zum Ende des Gebäudes geschleift. Ein großer Verschlag war zur Aufnahme der Leichen bestimmt, bis sie am andern Morgen die Totengräber auf ihren Karren holten. Auf offenem Felde wurden sie in die weiten Gruben geworfen, die zu diesem Zwecke von den bulgarischen Bauern gegraben werden mußten. Um sie her irrte des Nachts der Schakal, den der Schnee, die Kälte und die Witterung aus den Gebirgen herab in die Ebene führte. Sein klagendes Geheul war das einzige Totenlied der Begrabenen. – Zwei Männer – ein älterer Moslem und ein blutjunger, kaum achtzehnjähriger Franke – schritten im Gespräch durch die Abteilung der Feldbetten. Beide waren in lange, talarartige Wachstuchmäntel gehüllt und trugen einen Schwamm mit Essig getränkt in der Hand. Aber ein besseres, beliebteres Hilfsmittel, die Rum- oder Rakiflasche, lugte aus den Taschen ihres Mantels. Der schwankende Gang, das gerötete Antlitz des jüngeren und der starre Blick des anderen verkündeten, wie häufig sie davon Gebrauch gemacht hatten. Bei dem vorletzten Bett in der Reihe nach dem allgemeinen Lager hin blieben sie stehen. Es war durch die Vorsorge des Oberarztes in etwas besserem Zustande als seine Nachbarn. Neue reine Linnen waren über eine frische Strohunterlage gebreitet. Eine zottige siebenbürgener Decke schützte den Kranken gegen die Kälte. Dieser Kranke war der russische Kapitän von Meyendorf. Bald nach seiner Überführung in das Lazarett war der Offizier von Doktor Welland durch die Anwendung belebender Mittel aus dem krampfhaften Zustand erweckt worden. Als er zur Besinnung kam, betäubt und angegriffen, stand der deutsche Arzt an seinem Lager mit seinen Gehilfen, die sich eben jetzt wieder dem Bett nahten. Ein rasches Zeichen der Verständigung hatte dem Offizier Schweigen empfohlen. Er hörte mit an, wie Doktor Welland jenen seine Krankheit als eines der furchtbaren Faulfieber beschrieb, die namentlich in den russischen Lazaretten zu wüten pflegten. Meyendorf lag auf diesem Feldbett den ganzen Tag, soviel wie seine Tätigkeit es erlaubte, von dem Arzte unterstützt. Unter der Form von Medizin brachte Welland ihm häufig starken Wein zur Erfrischung. Alles Elend der Welt schien sich um ihn gesammelt zu haben. Wie der Aufenthalt unter den Wahnsinnigen selbst den gesündesten Geist irre macht, so weckten die wilden Fieberträume der Kranken und Sterbenden um ihn zuletzt seine eigene Phantasie zu wirren, ausschweifenden Bildern. Kaum mit Aufbietung aller Seelenkräfte vermochte er sich ihnen zu entreißen. Noch schrecklicher, gespensterhafter wurde diese Umgebung, als der Abend nahte. Doktor Welland hatte ihm angekündigt, daß er ihn verlassen müsse, um alles zu seiner Flucht vorzubereiten. Zu einer bestimmten Stunde sollte er ein neues, ihn nach und nach betäubendes Mittel erhalten, das ihn in den Zustand versetzen würde, der zur Ausführung seines Planes nötig war. Jetzt war die Stunde gekommen. Die Gehilfen des Doktors, die während seiner Abwesenheit Aufsicht und Wache hatten, nahten in ihrem an und für sich schon schauerlichen Aufzuge, gegen den die Ärzte im Vorgemach des Lazaretts ihre Oberkleidung vertauschten, seinem Lager. »Es sind heute nur achtundvierzig gestorben, Brüderchen«, sagte der junge Gehilfe mit schwerer Zunge. Er stützte sich auf den Moslem. »Schade, daß das halbe Hundert nicht voll ist. Aber ich rechne darauf, ehe der Doktor kommt. Schau den da an. Was nutzt ihm die Medizin, die wir ihm noch geben sollen? – Morgen früh tanzt er doch mit deinen Houris im Paradiese.« »Was für Kot sprichst du da!« erwiderte der Türke. »Die Gläubigen sind nicht da, um zu tanzen. Das überlassen sie den tollen Christen und den Almen . Die Gläubigen sitzen auf weichen Kissen, lassen sich von zehntausend der schönsten Houris bedienen und schlürfen den goldenen Wein von Zypern.« »Das muß höllenmäßig schön sein! Als ich noch Schneider und Bartkratzer in Livorno war, hätte ich mir's im Leben nicht träumen lassen.« »Unsere berühmtesten Wesire waren in ihrer Jugend Barbiere«, entgegnete andächtig der Türke. »Maschallah! Was willst du noch mehr? Ich habe gesprochen.« »Diavolo! Ich durste ganz verzweifelt in dieser abscheulichen Luft. Bana bak, Freund Ali! Gib mir deine Flasche her, die meine ist leer. Du hast sie mir ausgetrunken.« »Ali Gusum, du tatest es selber!« »Das ist eine Lüge! Du hast's getan!« »Du bist ein Esel, Freund. Besinne dich!« »Höre, Ali, ich bin dein Vorgesetzter. Gib die Flasche!« Ein wilder, verzweifelter Schrei furchtbaren Schmerzes gellte zwischen den eklen Zank. Ein junger Soldat, der zwei Betten von dem Kapitän entfernt lag, hatte ihn ausgestoßen. »Wasser – bei der Barmherzigkeit Gottes – Wasser!« Der ehemalige Barbierbursche stieß trunken seinen Gefährten an. »Ich kenne das. Erst haben sie Durst. Dann kommt das Delirium. Und dann holt sie der Teufel. Es ist was Trübseliges, solchen Durst zu haben. Nummer neunundvierzig!« Er dachte nicht daran, dem Flehenden die Labung zu reichen. »Gott will es.« Der Jammerruf des Soldaten wiederholte sich und vergurgelte in Stöhnen und Wimmern. »Es ist Zeit, daß wir dem Burschen da die Medizin geben. Sonst schilt uns Signor Welland und sieht uns auf die Finger wegen des verbotenen Rums.« »Ich spucke auf seinen Bart.« »Den Teufel tue ich! Er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich's gefallen lassen würde. Gib mir die schwarze Medizin da her, Ali. Ich möchte nur wissen, weshalb unser Kollege soviel Umstände mit dem Lumpenkerl hier macht.« »Du irrst dich, Effendi. Er soll die weiße haben.« »Willst du ihn mit Gewalt umbringen? – Die weiße ist Gift.« »Ne apulum! – Was kann ich tun? Die schwarze enthält das Gift.« »Wirst du schweigen, Babuasso ! Ich sage dir, die weiße ist's.« »Gott ist groß. Wenn es sein Kismet ist, daß es ihm nicht schaden soll, wird es ihm nicht schaden.« Der Barbier goß schwankend die dunkle Flüssigkeit in ein Gläschen, als einer der Mohren ihn anstieß, der eben mit seinem Gehilfen eine Leiche an ihm vorüberschleppte. »Marzocco! – Du hast mich die ganze Medizin verschütten lassen!« Er schlug ihn mit der Flasche ins Gesicht, daß der Schwarze heulend den Toten fallen ließ und die Leiche im Gange liegen blieb. »Delhi der! – Nimm die weiße Medizin, o Hekim Baschi.« »Es wird sich gleich bleiben«, sagte der Trunkene. »Sterben muß er doch.« Damit nötigte er dem Kapitän die Medizin ein. Zum Glück hatte Meyendorf den Auftrag des Arztes mit angehört und wußte, daß es die richtige war. Die Trunkenbolde zogen weiter; die Leiche blieb liegen, dicht neben dem Lager des Offiziers. Die verglasten Augen schienen ihn in dem Halbdunkel gespensterhaft anzustarren. Erst überkam ihn nach der Medizin ein eigentümliches Gefühl des Wohlbehagens. Eine gewisse Ruhe legte sich auf seine erregten Nerven. Nach und nach ging dies Gefühl in eine leichte, jedoch nicht unangenehme Kälte über. Ihm war wie einem im Schnee Erfrierenden, dessen Glieder langsam und unmerklich absterben. Dabei aber blieben einzelne Sinne tätig, ja schärften ihre Empfindung. Sein Ohr vernahm die flüsternden Laute der Leidenden in großer Entfernung. Der verzweifelnde Ruf nach Wasser gellte ihm wie Sturmesbrausen. Den türkischen Soldaten ihm zur Linken schien jetzt nicht mehr zu dürsten. »Es ist nur ein Gott und Mohamed ist sein Prophet!« Das Gebet Abdallahs, des Damaszeners, klang wie eine Gotteslästerung in das Toben und Reden des Fiebers, in das die sinkende Abendstunde viele versetzt hatte. »Gold, heiliger Prophet, rotes, blinkendes Gold! Ich sehe das Paradies offen mit seinen sieben Himmeln. Die Stufen hinauf sind von Gold, von reinem, klarem Gold...« »Fluche mir nicht, Mütterchen«, wimmerte der junge Mann zur Linken. »O, ich weiß wohl, Mutter, daß ich dir das Herz gebrochen, und die Tränen der Schwestern und die strengen Augen des Vaters klagten mich an, als du so weiß im schwarzen Sarge lagst. O fluche mir nicht, Mutter. Eine Mutter kann dem Erstgeborenen nicht fluchen, den sie unter dem Herzen trug.« Auf seinem Lager von moderndem Stroh hatte sich ein Mann emporgerichtet. Der lange Haarbusch des Albanesen fiel über sein todbleiches Gesicht, aus dem nur die schwarzen Augen mit unheimlicher Lüsternheit funkelten. »Heiliger Prophet, du erfüllst meine Sehnsucht. Ich sehe vor mir mit all ihrer Herrlichkeit Fatinitza, die Wölfin von Skadar, der ich nur einmal ins Gesicht geschaut. Meine Füße litten die Bastonade, bis sie zu Brei wurden. Heiliger Prophet, ich sehe Fatinitza, die Huri, und siebentausend Huris um sie her. Wie ihre brennenden Augen Wollust strahlen und das Gehirn in meinem Haupte versengen! Ihre Lippen sind wie die Rosen von Eden! Ihr Busen wie der Marmor von Skyos. Ihr Atem ist Duft. Ihre Hüften sind wie Kissen! Heiliger Prophet, laß mich ruhen in ihrem Arm!« »Ich sehe das Gold und die blitzenden Steine – wo ich hinsehe, ist Gold – der flüssige Strom kommt auf mich zu! O, daß ich tausend, tausend Hände hätte – –« Eine singende Stimme aus weiter Ferne – Meyendorf konnte den Kranken nicht sehen, aber er fühlte das Unheimliche dieser Stimme; sie klang wie ein Grabgesang. Der Unbekannte mit dem Traumgesicht sang sein Totenlied bald in italienischer, bald in slowenischer Sprache. Furchtbar klangen die Worte – gleich einem Bardengesang Ossians, wie ihn die Sänger und Seher mit dem zweiten Gesicht in den Felsenschluchten Schottlands oder in den Nebelbänken der Orkneys klagen. »Der Geier schwebt über dem Lamm! – Der Wudkoklak wetzt seine weißen Zähne, um sie in das Blut des lebendigen Weibes zu schlagen. Ich schaue dich, Frau – wie dein weißer Körper sich windet in den Krallenarmen des bösen Vampirs. Aber seine teuflischen Augen haben dich berauscht und deine Kraft vernichtet!« – Und wiederum begann aufs neue die Stimme: »Awra, das zarte Weib, liebte Junok, den Tapfern aus feindlichem Stamm. Aber Junok fiel in die Hände der Ihren, und der schwarze Haran Hassan wollte ihn töten. Da kam sie in der Nacht zu seinem Lager und sprach: Haran Hassan, du hast um mich vergeblich geworben und Geschenke mir gesandt. – Hier bin ich, nur von dem Linnen bekleidet, und will dein Lager teilen, wenn du den jungen Krieger ungefährdet zu den Seinen läßt...« Kapitän von Meyendorf rang mit den grausamen Bildern, die auf ihn einstürmten und seine Sinne verwirrten; aber immer kälter und fester legten sich die Bande der Erstarrung über seinen Körper. Das Leben schien nur noch wach in seinem Herzen und seinem Gehirn. »Agnes«, flüsterte ein junger Deutscher. »Dein Bild mit dem Kinde steht vor mir! Wie du so lieb und rein warst! Kannst auch du mir vergeben? – Ich werde zurückkehren zu dir und dem Kinde. Ein treuer Mann werde ich sein. – Ich sehe dich, mein Weib, mit den goldenen Locken, den Knaben – o wie glücklich! – Allmächtiger Gott im Himmel, der Krampf, der Krampf; Hilfe, Hilfe –« Und der Unglückliche wand sich in seinen Zuckungen. Die Bilder der verzeihenden Liebe hatten ihn getäuscht. Die geliebten Herzen schlugen Hunderte von Meilen von seinem Sterbelager – vielleicht verwünschten sie ihn im gleichen Augenblick, vielleicht vergaben sie. »Ai gusum! – Wie so süß deine Küsse sind gleich dem Honig von Chios. Wie sie mich umdrängen – tausend Beine, tausend Busen, tausend Lippen, alle auf einmal! – O tötende Lust des Paradieses!« »Gold – Gold! – Der glühende Strom umfließt mich und verzehrt meine Gebeine! Wie soll ich trinken das flüssige Metall?« – Und wiederum die geheimnisvolle Stimme in italienischem Wohllaut: »Ich sehe vor mir die süße Nacht, die Brautnacht, die der Geier hält mit der Taube. Nacht ringsum; o wie sie zittert und sich wehrt, die arme blutende Taube; aber der Wudkoklak ist über ihr. Er hat sie betrogen und Junok, ihr Geliebter, ist dennoch dem Blutbann verfallen. Er wird sterben, wenn der Wudkoklak ihr Blut bis zum letzten Tropfen gesaugt.« Der ehemalige Barbiergehilfe grinste. »Die Kerle machen einen Höllenlärm. Haltet eure Mäuler, Kanaillen! Oder es geht euch schlimm!« »Delhi der! – Es sind Tolle! Sie wissen nicht, was sie reden.« »Aia – ist das Brautbett schön und süß! Wie der Vampir die Moma umschlingt! Die gierigen Lippen! Bleich ist ihr Gesicht in der Stunde der Liebe; der Segen des Weibes ist ihr Fluch. Die Moma opfert das Herz und den Leib für den toten Freund! – Fahre wohl, schöne Awra; denn der Tod ist über dir, ehe zwanzigmal der Mond sich gerundet!« »Himmlische Huri, nimm mich auf in dein Paradies!« Das Schmerzensstöhnen des jungen Deutschen hatte sich in ein leises Röcheln verwandelt. Nach und nach verstummte es. Noch einmal vernahm das geschärfte Ohr des Kapitäns den Namen Agnes – dann war alles still auf jener Seite. Auch der Mulassim war zu dem Paradiese Mohameds eingegangen, wo die tausend gazellenäugigen Huris seiner harrten. Die krampfhaft erregten Züge gruben sich zu starren Furchen unter der erkältenden Hand des großen Würgers. Nur Abdallah, der Geizhals, konnte nicht sterben. All seine zähe Lebenskraft klammerte sich an das elende Metall und den Jammer, daß er es im Hane des Bulgaren verloren. Und fort und fort klang die Totenklage durch den langen Gang. Die beiden Gehilfen des Doktors untersuchten die Kranken – sie stöberten sie mit einem Stocke auf. »Leuchte hierher, Mustapha, du schwarzer Hund!« sagte der Barbier zu dem begleitenden Mohren. »Da – der ist für Euch – und hier der On Baschi auch, der soviel gejammert hat. Der Kerl gebärdete sich wie eine junge Dirne, die mit einem Alten die Brautnacht feiern soll.« »Schaue den Mann, den der Hekim Baschi uns empfohlen; ich glaube, auch seine Zeit ist gekommen.« » Per bacco – wahrhaftig; da hätten wir einen über die fünfzig! He, Freund, lebst du oder bist du tot?« Er stieß den Kapitän mit dem Stock an. Der Körper rührte sich nicht; die Augen blickten starr, wie die einer Leiche. Und dennoch wohnte Leben und Bewußtsein in dem toten Körper, dessen Glieder wie durch Starrkrampf gefesselt waren. »Schleppt das Aas weg. Fort mit ihm in die Totenkammer. Für was haben wir uns nun abgemüht mit dem Burschen?« »Allah wollte seinen Tod. Gib mir die Flasche, mein Freund!« Die Neger rissen den Körper vom Lager und zerrten ihn durch die Reihe der Kranken nach dem Verschlag am Ende des Ganges – der Vorratskammer der Leichen. Dort ließen sie ihn auf dem kalten Boden liegen. Dunkle Nacht ringsum. Die Augen, die Kapitän Meyendorf nicht zu schließen vermochte, schauten nur schwarze Finsternis; auf der Brust, die der Atem nicht mehr hob, lastete dennoch wie ein schwerer Alp der ekle Dunst der Verwesung. So lag er stundenlang. Über sein Antlitz und seine Hände huschte die feuchte Kälte der Ratte. Um die dünnen Wände des Verschlages heulte draußen der Schakal, vom Leichengeruch getrieben. Aus dem Lazarett stöhnte und wimmerte der Schmerz. Dann flimmerte ein matter Lampenschein durch das Gemach. Zwei Neger schlichen herein und begannen die Leichen zu durchsuchen. Der arme türkische Soldat spart sich seinen geringen Sold und seine Beute in jeder Weise zusammen und hungert und durstet, um seinen kleinen Schatz zu vermehren. Obgleich die Soldaten der Donau-Armee monatelang keinen Sold empfingen, gab es doch viele der Nizams und der Irregulären, die mehrere hundert Piaster an ihrem Körper in Silber- und Goldstücken mit sich trugen. Deshalb durchsuchten – wenn es auch streng verboten war – die Wärter des Lazaretts die Leichen und die eklen Lagerstätten. Der Schein der Leuchte fiel auf das Antlitz des Kapitäns. Gierige Hände plünderten seine Taschen. Er hatte seine Habe dem Knaben Nursah anvertraut; die Leichenräuber fanden daher nichts als einen kleinen Ring am Goldfinger seiner linken Hand. Der Widerstand, den er unwillkürlich zu leisten suchte, als sie den Reif mit Gewalt abzogen, sprengte endlich die Erstarrung des Körpers. Indes die Neger sich mit der gewonnenen Beute entfernten, fühlte er wieder Leben und die Fähigkeit der Bewegung. Es war wieder dunkel um ihn her, als er sich mühsam auf den Ellenbogen aufrichtete und seine geistigen Kräfte zu sammeln suchte. Er vermochte sich wenigstens aus der gräßlichen Nachbarschaft der toten Körper zu schleppen. Der tapfere Offizier fühlte die entsetzliche Umgebung um so mehr auf sich wirken, als er zu vollem, klarem Bewußtsein gelangte. Wenn er noch lange in dieser Lage blieb, mußten Wahnsinn und Tod sein Los sein. Mit Gewalt kämpfte er gegen die wüsten Bilder, die wieder seinen Geist zu verwirren drohten, und gegen die schaurige Kälte, die durch die Glieder herauf an sein Herz griff. Da öffnete sich die Tür des Lazaretts und wieder fiel der düstere Schein einer Lampe auf die Stätte des Todes. Der Offizier hatte noch so viel Kraft, sich auf den Boden zurück und in die Lage eines Toten zu werfen. Aber diesmal war es nicht mehr nötig – der Eintretende war Doktor Welland. Ein tiefer, schwerer Seufzer löste sich aus der Brust des Offiziers, als er den Retter erkannte. »Um Gottes willen, Kapitän, wie fühlen Sie sich? – Die betrunkenen Schurken, meine Gehilfen, haben Sie, meinem strengen Befehl entgegen, eher an diesen Ort des Entsetzens bringen lassen, als es nötig war. Ich wurde verhindert, früher wieder hier zu sein. Mut, Mut! Raffen Sie Ihre Kräfte zusammen.« Er hatte die Lampe auf den Boden gestellt und hielt ihm eine Flasche mit scharfen flüchtigen Salzen unter die Nase, die eine heftige Erschütterung der Nerven hervorriefen. Dann übergoß er ihn mit einer Flut von Kölnischem Wasser und wusch ihm Stirn und Schläfe damit. »Können Sie sich erheben, Kapitän?« »Ich hoffe es – eine Stunde länger in diesem scheußlichen Aufenthalt wäre mein Tod gewesen.« Er richtete sich mit Hilfe des Arztes auf; doch mußte er sich schwer auf Welland stützen. Seine Beine versagten ihm fast den Dienst; schwer wie Blei lag es in seinen Gliedern und auf seinem Gehirn. »Das ist die Wirkung des Laudanums. Die frische Luft wird Ihnen gut tun.« Er schleppte ihn nach einer gegenüberliegenden, ins Freie führenden Tür. Dort hob er den Holzriegel, der sie von innen verschloß, löschte die Lampe und öffnete dann die Pforte; die frische, scharfe Winterluft von der Donau her drang ihnen entgegen. Doktor Welland zog den Befreiten um die Ecke des Gebäudes. Dort kauerte Nursah, in eine wollene Decke gehüllt. »Verweilen Sie hier und lassen Sie unbehindert die Nachtluft durch Ihre Kleidung streichen. Riechen Sie von Minute zu Minute an dieser belebenden Essenz. Ich muß die Spuren Ihrer Flucht vertilgen und dieses Lazarettkostüm ablegen. Dann hole ich Sie hier ab.« Damit verschwand er in der Tür des Leichenhauses und verschloß sie wieder von innen. Kapitän von Meyendorf lehnte erschöpft an der Wand. Der Knabe Nursah erfaßte seine Hand und sprach ihm Mut zu. Die rauhe Nachtluft durchkältete den Kapitän und hob auch die Betäubung seines Geistes. Nach einer Viertelstunde kehrte der Arzt, in seinm Mantel gehüllt, um die äußere Seite des langen Gebäudes zurück. »Nun fort! Ein unglücklicher Zufall könnte hier unsere ganze Mühe vereiteln. Noch einen tüchtigen Schluck aus dieser Flasche, Kapitän! Dann hüllen Sie sich in die Decke Nursahs und stützen sich auf mich. Voran, Nursah, du weißt den Weg.« Damit faßte Welland den Kapitän unter den Arm und führte ihn mit sich fort. Der schwarze Knabe lief etwa zweihundert Schritt vor ihnen her, querfeldein von der Donau und der Straße nach Negotin zu. Sie waren an mehreren Posten vorbeigekommen, denen Welland die Parole zurief. Dem Offizier einer entgegenkommenden Streife sagte er ruhig, ein Baschi Bozuk habe ihn zu dem Arnauten-Aga gerufen, der im Lager der Irregulären erkrankt sei; und da die Tätigkeit des fränkischen Hekim Baschis in ganz Widdin bekannt war, ließ die Streife die kleine Gruppe unbehindert vorüber. Im Schatten eines Hohlweges wandte sie sich von der Stadt ab. Nach halbstündigem Gange, währenddessen der russische Offizier stumm alle Kräfte angestrengt hatte, um seinen Rettern folgen zu können, erreichten sie eine Gruppe von Bäumen. In ihrem Schatten bewegten sich dunkle Gestalten. Nursah pfiff leise. Das Zeichen wurde sofort erwidert. Zwei Männer harrten mit drei Pferden: Mungo, der Zigeuner und ein bulgarischer Knecht des Hanewirtes. Der Zigeuner gebärdete sich wie unsinnig, als er seinen Herrn wiedersah. Er umarmte seine Füße und küßte seine Hände. Kapitän von Meyendorf, der jetzt seine volle Besinnung wieder erlangt hatte, mußte sich mit Gewalt von ihm losmachen; denn der Arzt drängte zur Eile. »Hier«, sagte Welland, »ist Ihre Brieftasche und die Börse zurück, die Sie Nursah in der Locanda Alexos anvertrauten. Aus der Börse habe ich die Wiener Banknoten im Betrage von fünfhundert Gulden genommen; denn ich mußte dem Hanewirt den Wert der Pferde sicherstellen. Ich selber bin leider nicht so reich, um das aus eigenen Mitteln tun zu können. Im übrigen finden Sie alles unversehrt; der Knecht Gawras kennt alle Schlupfwege und wird Sie durch die türkischen Linien über den Timok auf serbisches Gebiet bringen. Dort sind Sie gerettet. In drei Stunden scharfen Rittes, also mit Tagesanbruch, können Sie dort sein. Ich rate Ihnen, im ersten serbischen Dorf, das Sie erreichen, ein türkisches Bad zu nehmen und Ihre Kleidung mit jeder beliebigen vollständig zu wechseln, die dort zu haben ist. Im übrigen stehen Sie – wie wir alle – in des Allmächtigen Hand. Er wird Ihre Rettung nicht haben gelingen lassen, damit Sie der Ansteckung jener Pesthöhle unterliegen, zu der nun meine Pflicht mich zurückführt. – Leben Sie wohl, Herr Kapitän!« Kapitän Meyendorf erfaßte seinen Arm und führte ihn einige Schritte abseits von der Gruppe, die sich zum Aufbruch fertigmachte. »Wie soll ich Ihnen danken für das, was Sie für einen Fremden getan? Sagen Sie mir Ihren Namen, damit ich mich an meinen Retter erinnern kann!« Der Arzt nannte ihn. »Und nun noch eines, Doktor Welland«, sagte Kapitän Meyendorf erregt; er drückte die Hand des Deutschen in der seinen. »Sie versprachen mir, die Gräfin Laszlo von meinem Schicksal in Kenntnis zu setzen.« »Die Gräfin weiß,« sagte ernst Doktor Welland, »daß Sie gerettet sind.« »Und – sie selber?« »Die Gräfin hat Widdin verlassen und wird früher die serbische Grenze in anderer Richtung kreuzen als Sie. Aber –« »Sprechen Sie, Doktor, ich beschwöre Sie!« Der Arzt reichte ihm ein versiegeltes Blatt. »Ich habe Ihnen alles weitere aufgeschrieben. Ich verlange jedoch Ihr Ehrenwort, daß Sie das Blatt vor zwölf Stunden nicht öffnen und sich bis dahin allen meinen Anordnungen fügen.« »Sie sind mein Retter! Ich gebe mein Wort. Doch warum ...« »So sitzen Sie jetzt auf und machen Sie sich auf den Weg. Leben Sie wohl, Herr Kapitän, und ehren Sie den Willen des Allmächtigen in Ihrer Rettung. Fügen Sie sich seinen Wegen.« Der Kapitän saß im Sattel. »Wenn nur Helene Laszlo gerettet ist – ich bin ein Mann und habe die Kraft zu tragen und zu kämpfen.« Nursahs Hand reichte ihm den Revolver. »Behalte ihn, Knabe. Es ist das einzige Andenken, das ich dir geben kann.« Er fühlte schwere, warme Tropfen auf seiner Hand. »Du weinst?« Nursah schluchzte. Der Kapitän schaute wild auf Herrn und Diener. »Was ist geschehen, Doktor – Sie verschweigen mir ein Unheil...« Doch der Arzt winkte Mungo, dem Zigeuner. »Leben Sie wohl – und nun vorwärts.« Hinweggerissen von seinen beiden Begleitern, jagte der Gerettete davon. Die Hufschläge verklangen bald in der Ferne. Doktor Welland erfaßte Nursahs Hand. »Komm, Nursah! Er ist gerettet. Wir wollen uns einer guten Tat freuen.« Der Knabe weinte. »Das Leben ist gerettet, Herr – aber er wird es verachten um den Preis, den es gekostet hat! O, daß ich nicht zu ihr zu dringen vermochte, als es noch Zeit war für sie und ihn!« Das Ende vom Anfang Am 4. Januar 1854 war die vereinigte englisch-französische Flotte, 34 Segel stark, ins Schwarze Meer eingelaufen. Der englische und der französische Gesandte brachten dies zur Kenntnis Redschid Paschas und stellten das Verlangen, daß ohne vorherige Verständigung mit den Gesandten und Admiralen die türkische Flotte nicht zum Angriff übergehe. Dieses Verlangen war nichts als Blendwerk für die öffentliche Meinung; denn die türkische Flotte war nach den Verlusten von Sinope in keiner Weise zu einem Angriff geeignet. Der Wendepunkt des Krieges lag vielmehr in den unterm 27. Dezember 1853 den Befehlshabern der Flotten gegebenen Anweisungen, deren Inhalt am 12. Januar 1854 in Petersburg der englische und der französische Gesandte dem Grafen Nesselrode mitteilten. Die englischen Befehle für den Gesandten besagten, daß die Flotten »auch« den Türken nicht gestatten würden, einen Angriff zur See zu machen; die französische Anweisung enthielt jedoch von dieser Sicherung für Rußland kein Wort. Die Admirale Dundas und Hamelin hatten beim Auslaufen die Fregatte ›Retribution‹ mit Depeschen an den Fürsten Menschikow nach Sewastopol vorausgeschickt, die dem Fürsten Statthalter erklärten, daß die Flotten sich nur zum Schutz des türkischen Gebiets im Schwarzen Meere befänden; dagegen dürfe die russische Flotte ihre Häfen nicht verlassen. Die wahre Absicht der Sendung war aber offenbar eine Erkundung von Sewastopol, in dessen Hafen die Fregatte trotz zwei blinden Schüssen der Batterien einzudringen suchte. Erst eine Kugel vor den Bug nötigte sie zum Beilegen. Sie fand die gesamte russische Flotte im Hafen versammelt. Die vereinigten englischen und französischen Geschwader hatten, trotz jeder Erklärung der Admirale, die Gelegenheit benutzt, eine Anzahl türkischer Dampfer mit Kriegsvorrat nach Batum zu begleiten. Während in Wien die Konferenz sich abmühte, Plan auf Plan zu häufen, ohne daß es irgendeinem Lande, mit Ausnahme des unbeteiligten Preußens, wirklich Ernst damit war, wurden dauernd Erklärungen der Höfe von Paris, London und Petersburg gewechselt. Die russischen Gesandten in Paris und London forderten eine Aufklärung für das Auftreten der Admirale. Sie betonten, daß Rußland ein Auftreten der westeuropäischen Flotten nicht als feindseligen Akt betrachten würde, daß Türken ebensowenig wie Russen angreifen dürften und daß, wenn den Türken der Verkehr zur See zwischen ihren Küsten gestattet wäre, dies auch für die Russen gelten müßte. England und Frankreich jedoch antworteten ablehnend und erklärten, sie müßten ihre Anweisungen an die Admirale so, wie sie seien, aufrechterhalten. Darauf zeigten Baron Brunnow und Herr von Kisselew den beiden Kabinetten an, daß sie sich infolge der verweigerten Gegenseitigkeit genötigt sähen, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und London und Paris mit den Gesandtschaftsmitgliedem zu verlassen. Dies geschah am 4. Februar. Der englische und französische Gesandte erhielten sofort den gleichen Befehl. Dir englische wurde von Graf Nesselrode unterm 13. Februar aufgefordert, seine Pässe zu nehmen; der französische Gesandte verlangte selber die seinen. Damit war der diplomatische Bruch entschieden. Die Bitterkeit, die im Ton des von Napoleon III. an den Zaren gerichteten Briefes herrschte, und die Antwort des Zaren zeigten die gereizte Stimmung, und daß von gegenseitigem Nachgeben nichts zu erwarten war. In Wien war am 29. Januar Graf Orlow, der Freund und greise Vertraute des Zaren, eingetroffen, um mit Baron von Budberg den Versuch zu machen, Österreich und Preußen zu einem unbedingten Neutralitätsbündnis mit Rußland zu bewegen. Österreich hielt mit Versprechungen hin, Preußen lehnte offen ein solches Bündnis als eine, wenn auch unausgesprochene Hilfe für Rußland ab. Die Sendung des gewandten Staatsmannes scheiterte also; der Graf verließ am 8. Februar Wien, und Osterreich beeilte sich, in Serbien und dem Banat ein Beobachtungskorps von 25 000 Mann aufzustellen, unter dem Vorwande der serbischen Erregung und der griechischen Treibereien in den Grenzbezirken. Unterm 9. Februar erließ der Zar eine Kundgebung an die Russen. Er erklärte, daß die von England und Frankreich ihren Flotten im Schwarzen Meer gegebenen Befehle eine unter gebildeten Staaten unerhörte Handlungsweise seien. Sie hätten ihn zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit jenen Staaten genötigt, die sich zu den Feinden des Christentums stellten gegen Rußland, das für die Kirche streite. Rußland werde gegen alle Angriffe feststehen – wie 1812. Die Westmächte antworteten unterm 27. Februar mit einem Ultimatum nach Petersburg, das die Räumung der Fürstentümer bis zum 30. April forderte; die Weigerung werde als Kriegserklärung betrachtet. Lord John Russel hielt zu gleicher Zeit eine Hetzrede im Unterhaus gegen die unredliche und eroberungssüchtige Politik Rußlands. England und Frankreich, denen an einer Ausbreitung und einem Erfolg des griechisch-christlichen Aufstandes sehr wenig gelegen war, bedrohte die griechische Regierung mit Blockade und Besetzung, die, später wirklich ausgeführt, eine unerhörte Schmach des christlichen Europas werden sollte. Der Zar dagegen erklärte, daß er dem griechischen Aufstand seinen Beistand und seine Teilnahme nicht versagen könne; sollten die Kämpfe einen ähnlichen Charakter wie die Freiheitskämpfe von 1826 annehmen, so werde er unter keiner Bedingung mitwirken, diese Bevölkerung wieder unter das türkische Joch zurückzubringen. Ende Februar hatten schon die Absendungen französischer und englischer Truppen nach dem Orient begonnen. Der Oberbefehl über das französische Heer und über die gesamte Armee der Verbündeten wurde dem ehemaligen Kriegsminister, dem Marschall Saint Arnaud, übertragen; das englische Korps befehligte Fitzroy Somerset, Lord Raglan. Ingenieure steckten bei Gallipoli ein Lager für die Hilfstruppen ab, und die Westmächte schlossen am 12. März mit der Pforte einen Bündnisvertrag über die Sendung von Unterstützungen ab, wogegen sich die türkische Regierung verpflichtete, keinen Waffenstillstand oder Frieden ohne Zustimmung der beiden Verbündeten anzunehmen. Am 11. war die englische Ostseeflotte von Spithead ausgelaufen. Die Kämpfe an der Donau hatten unterdes mit wechselndem Glück ihren Fortgang genommen; in Asien erfochten die Russen mehrere bedeutende Siege. General Schilder hatte am 26. Januar den General Fischbach in Krajowa ersetzt und die oberste Leitung des Vorstoßes gegen Kalafat übernommen, der sich aber bis Mitte März auf eine Einschließung und unbedeutende Gefechte beschränkte. Vom 13. bis 19. Februar vertrieben die Russen die Türken wieder aus Giurgewo, wo sie sich festgesetzt hatten. Der Versuch eines Überganges nach Rustschuk wurde dagegen zurückgeschlagen, und die Türken gewannen selbst die zwischen Sistowo und Rustschuk gelegene Donauinsel, gingen am 4. März bei Kalarasch auf das linke Ufer des Flusses und zerstörten zum Teil die gegen Silistria dort errichteten russischen Batterien. Ebenso versuchte Fürst Gortschakow vergeblich und mit großem Verlust noch einmal bei Oltenitza die zwischen den beiden Ufern liegende Insel den Feinden zu entreißen. Die Russen waren in diesem Augenblick auf allen Punkten der Donau im Nachteil.   Ein ziemlich großes Arbeitskabinett; schwere dunkle Vorhänge vor den Fenstern, durch die man auf die glänzende Beleuchtung schaute, die allabendlich den herrlichen Kai der Tuilerien mit Tageslicht erhellte; das prächtige Bild einer Frau mit aschblonden Haaren und dunklen spanischen Augen aus dem berühmten Pinsel Désandrés; einige Karten an den mit dunklem, von goldenen Bienen durchwirkten Seidenstoff beschlagenen Wänden; in einer Ecke die Uniform der »Hundert-Garden«; Bücher und Broschüren auf allen Tischen, Schränke mit einer ausgesuchten Handbücherei. Auf dem großen Tisch in der Mitte das von Stahl und Messing gearbeitete Modell eines Geschützes nach neuem, noch unbekanntem Plan. An dem Tisch in der Mitte dieses vornehmen Gemachs saß ein Mann von sechsundvierzig Jahren, mit hoher Stirn und scharfgeschnittenen, strengen und kräftigen Zügen. Der Schnitt des Bartes, der feste, stolze Ausdruck des Gesichts, aus dem die ursprünglich matten Augen unter buschigen, dunklen Brauen häufig scharf und durchdringend aufflammten, konnten ihn unmöglich verkennen lassen. Seine rechte Hand ruhte auf der Lehne des Sessels, seine Linke führte ab und zu eine Zigarre zum Munde. Dieser Mann war Napoleon III. Er hörte aufmerksam auf den abwechselnden Vortrag zweier Herren an der anderen Seite des Tisches, die ihm von Zeit zu Zeit ein Papier hinüberreichten, das er dann flüchtig durchsah. Der eine trug die glänzende Uniform eines Marschalls von Frankreich; sein breites Gesicht war aufgedunsen und ungesund, das Gesicht des anderen geistreich und anmaßend. »Colonel de Méricourt hat die Berichte über die Einschiffung der Truppen bis zum 22. März von Marseille gebracht. In Oran und Algier stehen die Zuavenregimenter bereit und warten auf die Schiffe des Admirals Dufresne. Ducos sagt mir, daß sie heute an der afrikanischen Küste sein werden. Das ganze Kontingent wird demnach bis zum 30. März auf der See sein und vor Mitte des nächsten Monats in Gallipoli ausgeschifft werden. Wann, Sire, werde ich abreisen?« »Es eilt nicht, Marschall; jedenfalls vor den Engländern. Einstweilen genügt Canrobert. Haben Sie Nachrichten von der Donau, Drouin?« »Sehr wichtige, Euer Majestät. Ich erlaubte mir nur, dem Herrn Marschall Oberbefehlshaber den Vortritt zu lassen.« »Geschwind, geschwind! – Depeschen über Wien? – Sie wissen, daß ich sie auf der Stelle erhalten will.« »Beide sind seltsamerweise wieder zusammengetroffen, also offenbar in Österreich verspätet worden. Ich habe unserm Gesandten geschrieben; aber er behauptet, daß es außer seiner Macht stehe.« »Der Inhalt?« »Ein russisches Korps ist unterhalb Hirsowa über die Donau gegangen und hat die türkischen Schanzen erobert. Am 23. März sollte die Belagerung gegen Hirsowa beginnen. Fürst Gortschakow hat auf die Verschanzungen von Matschin ein starkes Feuer eröffnet. Er sucht offenbar den Übergang bei Braila zu erzwingen; ebenso General Lüders bei Galatz und General Uschakow von Ismael aus nach Tultscha.« »Ah, da haben wir den vollständigen Kriegsplan, den Gortschakow in der langen Ruhe vorbereitet hat.« Er beugte sich über eine vor ihm liegende Karte. »Matschin, Isaktscha, Tultscha und Hirsowa – sie müßten nach unseren Berichten von ihrer Stärke in ein paar Tagen genommen werden; damit ist Babadagh und die obere Dobrudscha in russischen Händen. Es handelt sich offenbar um einen Vorstoß ihres linken Flügels gegen Warna als den Schlüssel zu Rumelien. Aber es wird seine Schwierigkeiten haben ohne die Unterstützung der Flotte.« »Es ist unmöglich, Sire, ohne den Besitz von Silistria.« »Richtig, Marschall – der Muschir kann sonst über ihre Flanke herfallen. Doch Fürst Gortschakow ist ein Taktiker. Wir werden sicherlich in den nächsten Tagen von einem weiteren Übergang oberhalb Silistria hören; man kann die Festung dann von drei Seiten einschließen.« Er verweilte einige Augenblicke über der Karte. »Jedenfalls ist der Zeitpunkt zum Einschreiten gekommen. Wir müssen auf dem Platz sein und die Macht haben, die Ereignisse nach unserem Willen zu lenken. Die Türken dürfen geschlagen, aber nicht besiegt werden. Die Balkanlinie muß unberührt bleiben, sonst haben die Österreicher Veranlassung und Gelegenheit, sich einzudrängen.« »Silistria wird sich nicht halten können, Sire.« »Das ist gleichgültig; wenn es nur so lange geschieht, bis unsere Truppen in Warna stehen. Wir müssen einige zuverlässige Offiziere in Silistria haben. Sie werden die nötigen Befehle geben, Marschall. Vaillant wird mir morgen vormittag nach dem Rat über die Etappen berichten. Alle Maßregeln müssen beschleunigt werden.« »Euer Majestät erlauben mir eine Bemerkung«, sagte der Minister des Auswärtigen. »Bei alledem muß doch wohl erst der offizielle Schritt der Erklärung vorangehen.« »Erinnern Sie sich, wie mein Oheim, der Kaiser, gegen Österreich verfahren ist! – Das ist hier aber nicht nötig. Wir können vor Europa alle Formen wahren. Wir haben Zeit. Der Beschluß wird morgen im Rat gefaßt. Fould wird meine Weisungen erhalten, um sie am Abend im Senat vorzulegen. Es ist mein Wunsch, daß wir den Engländern damit nicht zuvorkommen. Das Nötige ist hier und in London vorbereitet. Der Telegraph kann uns über die Stunde verständigen.« »Die griechische Regierung hat auf das Ultimatum eine ausweichende und ungenügende Erwiderung gegeben.« »Das wird uns Gelegenheit geben zu einer Etappe im Piräus. Das Weitere mögen die Briten von Korfu aus tun. – Auf Wiedersehen, meine Herren.« Der Kaiser ging einige Minuten, die Hände auf dem Rücken, auf und ab. Dann trat er zu einem Bilde Napoleons des Ersten, das an der Wand hing, und betrachtete es längere Zeit. Die großen, durchdringenden Augen des großen Herrschers und Kriegers, des Siegers in so vielen Schlachten und zwei Weltteilen, blickte ehern auf ihn nieder. »Seit 1815 zum ersten Male«, sagte Louis Napoleon langsam vor sich hin. »Die Zeit naht ihrer Erfüllung. Die Demütigung von Moskau und die Verzögerung meiner Anerkennung werden ihre Sühne finden. Ehe zwei Jahre vergehen, wird der Thron der Napoleoniden wieder der gefürchtetste Europas sein. Das genügt; denn die Geschichte hat uns das Unerreichbare gelehrt. – Vetter Nikolaus« – ein leiser Hohn spielte um seinen Mund – »nicht Rußland oder Frankreich – ihre Interessen liegen zusammen! – sondern ich und du!« Er trat rasch an die zweite Tür, hob den Vorhang und öffnete sie. Draußen stand in einiger Entfernung ein Kammerdiener. »André – führen Sie die beiden Herren zu mir.« Einige Augenblicke später traten zwei vornehm in Schwarz gekleidete Männer ein; der eine mit spitz vorspringender Stirn, etwas vorstehendem Mund und scharfen grauen Augen; der zweite mit einer gewissen Fülle und morgenländischem Gesichtsschnitt – Baron Riepèra. Mit drei tiefen und ehrerbietigen Verbeugungen erwarteten sie schweigend die Anrede. »Meine Herren,« sagte nach einer Pause der Kaiser, »das Finanzgeschäft, das Sie mir vorgeschlagen haben, ist zu meiner vollen Zufriedenheit ausgefallen. Ich danke Ihnen.« Verbeugungen. »Herr von Rothschild machte mit der Anleihe von 250 Millionen Umstände. Ihre Denkschrift gab der Regierung den sinnreichen Plan in die Hand, die Summe durch Volkssammlung – was man sonst nur im Fall einer Finanznot des Staates tut – aufzubringen und den Zeichnungen bis zu zehn Franken Rente einen bedeutenden Anteil zu sichern. Ich habe neben den Nachteilen auch die Vorteile dieses Vorschlages erkannt. Nicht mehr der Bankier, sondern das Volk in den untersten Schichten ist durch diese Zeichnung an dem steigenden und fallenden Wert der Rente an der Börse beteiligt. Die Anleihen der Staaten bei den Geldleuten machen die Fürsten entweder zu ihren Kommis oder im Falle einer gewaltsamen Maßregel zu Räubern, die Anleihe bei allen aber immer das Volk zum blinden Anhänger und Verteidiger der Regierung.« »Euer Majestät erlaubten wir uns eine hohe Ziffer zu versprechen.« »Sie haben sich nicht getäuscht. Binneau hat mir heut' morgen die letzten Berichte vorgelegt; die Gesamtsumme beträgt 469 Millionen, trotz der kurzen Frist. Rechnen wir auch hierauf die 20 Millionen, die Rothschild, die 30 Millionen, die Ihr ,›Crédit mobilier‹ gezeichnet, die 25 Millionen der Bank von Frankreich und die 5 Millionen Sinas, so bleiben immer noch 389 Millionen in kleinen Zeichnungen; also 139 Millionen mehr, als ich haben will.« »Euer Majestät werden sich erinnern, daß hierin gerade der weitere Vorteil liegt.« »Allerdings. Und das ist der Punkt, wo sich unsere Geschäfte und unsere Notwendigkeiten berühren. Sie sagen richtig, daß das Volk die einmal gezeichneten Summen nur sehr ungern wieder der Spekulation entziehen und dafür jede andere günstige Gelegenheit benützen würde.« »Wir sind dessen gewiß, Sire. Durch die Bewilligung der erbetenen Vorrechte für den ›Crédit mobilier‹ erhält unser Unternehmen erst seine volle Bedeutung. Die Anteile, die augenblicklich nur neun Franken über Pari stehen, werden einen bedeutenden Kurs erreichen und uns so leicht große Summen zufließen lassen, daß wir jeder späterm Aufforderung der Regierung werden genügen können.« Der Kaiser lächelte. »Die Verfügung über Ihre Kasse«, sagte er, »ist bei der Genehmigung des Kredits weniger meine Absicht gewesen. Ihre Denkschrift nennt vielmehr ganz richtig die Beteiligung des Volkes eine Sicherung der Regierungen in dieser umwälzungslustigen Zeit. Sagen Sie mir aufrichtig, Baron Riepèra: war der Gedanke Ihrem Kopfe entsprungen?« »Euer Majestät wissen, daß er das Eigentum und die Absicht der geheimen umstürzlerischen Gesellschaften ist. Sie wollten damit den Gewinn sichern und den allgemeinen Zusammenbruch, also den Sturz Europas, in ihre Hand bringen.« »Ich weiß – und Sie haben mir den Plan vorgelegt, um im Gegenteil die Ruhe Europas und die Festigkeit der Throne an mich und die Erhaltung des Friedens fesseln zu können. Aber ich möchte wissen, ob der Gedanke zuerst von Ihnen ausgegangen ist.« Baron Riepèra war schlau genug, die Gefährlichkeit der Frage einzusehen. »Die erste Anregung, Sire, gab ein italienischer Abbé. – Die finanzielle Ausarbeitung der Idee war mein Werk.« »Das dachte ich mir. Nur ein italienischer Pfaffe konnte eine so furchtbare Idee aushecken. Sie wird zur sozialen Sintflut werden, wenn sie sich mit der allgemeinen Spekulation verbindet. Genug davon, Herr Baron. Ich habe Ihnen den Wert gezeigt, den ich auf Ihre Enthüllungen lege, indem ich Ihrem Verwandten, Herrn Pereira, sofort die Bewilligung des Crédit mobilier erteilt habe. Ich zweifle nicht an dessen Zukunft; aber merken Sie sich – ich will, daß diese Umwälzung der europäischen Kreditverhältnisse meinem Haufe dienstbar bleibe; sonst wird diese Hand, die ihr die Lebenskraft gegeben, sie auch zu erdrücken vermögen. – Sie haben, wie ich höre, heute Ihre Zahlungseinstellung angekündigt?« »Ja, Sire. Ich beschränke mich von jetzt ab auf eine stille Teilnahme an der Leitung des Crédit mobilier .« »Wie hoch beläuft sich Ihr Fehlbetrag?« »Nur drei Millionen, Sire.« »Um wieviel verlieren die geheimen Gesellschaften dabei?« »Eine Million und achtmalhunderttausend Franken, Sire.« »Wie hoch rechnen Sie ihr Vermögen?« »Nach den durch meine Hände gegangenen Summen auf höchstens drei bis vier Millionen.« »Wenn man ihnen also den Einfluß an der Börse durch Ihren Zusammenbruch aus der Hand nimmt, wird jener Schlag sehr empfindlich für die Geheimgesellschaften sein?« »Ja, Sire; denn die Beiträge fließen mit jedem Jahre spärlicher. Ihre Hauptkraft war jetzt gerade die Börse.« »Aber sie werden andere Vermittlungen dafür finden?« »Mit Eurer Majestät Unterstützung«, sagte der Jüngere der beiden Finanzleute, »wird der Crédit mobilier alles überflügeln. Von der unmittelbaren Einwirkung in Paris entfernt, wird ihre Kraft gebrochen sein. Und bei den Nachweisungen, die mein Vetter mir gegeben, wird es mir leicht werden, der Kasse der geheimen Verbindungen Schlag auf Schlag beizubringen.« »Das wird Ihre Sache bleiben, Herr Pereira. Das erbetene Eisenbahnvorrecht soll bewilligt werden.« Der Kaiser wandte sich wieder zu dem Älteren. »Wollen Sie mir aufrichtig sagen, Herr Baron, was Sie zu dieser Sinnesänderung, zu dem Entschluß gebracht hat, der Regierung diese Vorschläge und Entdeckungen zu machen?« »Sire – eine große Nervenerschütterung. Ein Schrecken, den ich noch nicht überwinden kann. Lassen Euer Majestät mich über die Einzelheiten schweigen.« »Aber fürchten Sie nicht, daß diese Geheimgesellschaften Sie für den Austritt strafen, sich an Ihnen rächen werden.« »Der Boden, auf dem ich stand, Sire, war eine Mine, die jeden Augenblick in die Luft springen konnte. Jener Vorgang, auf den ich anspielte, zeigte mir, was ich zu erwarten hatte. Ich hielt Euer Majestät für den einzigen Mann in Europa, der siegreich den Kampf mit dieser verborgenen Macht führen könnte. Und ich wollte mich lieber unter Eurer Majestät Schutz begeben, als länger jene Lage ertragen. Meine Maßregeln sind getroffen; wenn ich Sie verlasse, Sire, werde ich für alle Welt ein unsichtbarer Mann sein, bis ich glaube, mit Sicherheit mich wieder zeigen zu können. Man wird mich nach Amerika entwichen glauben und dort vergeblich suchen.« »Für Ihre Sicherheit würde es gut gewesen sein, wenn Sie möglichst vollständige Angaben über diese sogenannten ›Unsichtbaren‹ und ihre geheimen Zusammenkünfte gemacht hätten. Die Mitteilungen, die Sie mir darüber haben zukommen lassen, sind jedoch sehr unvollständig; namentlich in bezug auf den Ort.« »Sire – es ist alles, was ich weiß; da ich nur einen sehr untergeordneten Grad hatte und allein für die Geldgeschäfte benutzt wurde, kann ich nicht mehr sagen. Die Mitglieder meines Grades wurden unter ganz besonderen Vorsichtsmaßregeln an den Versammlungsort des Rates geführt. Ich weiß nur, daß er sich in der Nähe der Seine befindet.« »Gut; zum Glück bin ich im Besitz anderer Kenntnisse. Leben Sie wohl, Herr Baron – ich glaube, die Zeit, in der Sie zurückkehren dürfen, wird nicht mehr fern sein.« Eine leichte Verneigung zeigte den beiden, daß der Empfang zu Ende war; sie zogen sich unter Verbeugungen zurück. Wieder verging eine Pause in Nachdenken; dann legte Napoleon den Finger auf die Feder einer Glocke. Ein durchdringender Silberton erklang. Der diensttuende Adjutant trat ein. »Ist Persigny da, lieber Graf?« »Zu Befehl, Euer Majestät. Der Herr Minister wartet seit einer halben Stunde. Er überbringt eine wichtige Nachricht, wie er mir sagt.« »Sie hättm mir das gewöhnliche Zeichen geben sollen; lassen Sie den Minister eintreten, Rognet.« Der Minister des Innern, der Günstling und Anhänger des neuen Gestirns der Napoleoniden, Graf Persigny, verneigte sich vor dem Herrscher von Frankreich. Das feine, etwas spitze Gesicht und die zierliche Erscheinung paßten zu seiner Haltung. Dennoch schien die Ruhe des Staatsmannes etwas aus dem gewöhnlichen Gleis. »Was hast du, Persigny?« Napoleon, der überhaupt für Jugenderinnerungen sehr empfänglich war, pflegte ihn in vertrauten Stunden oft herzlich zu behandeln. »Sire – der Telegraph meldet, der Herzog von Parma sei heute nachmittag beim Austritt aus seinem Palast ermordet worden!« »Ein Bourbon!« Der Ausdruck war fast unwillkürlich den Lippen des Napoleoniden entschlüpft. »Sire, es ist ein politischer Meuchelmord, offenbar ein Werk der Geheimgesellschaften. Der Mörder ist entkommen und unbekannt.« Napoleon blickte ihn fragend an. Der Minister verstand seine Gedanken. »Der Dolch, der sich an den legitimistischen Bourbonen gewagt, kann sich auch an den absoluten Napoleoniden wagen.« »Du hast recht, Persigny. Der Sache muß ein Ende gemacht werden. Das Schwert und das Zepter meines großen Oheims sollen herrschen über Europa, nicht der Dolch alberner Republikaner. Sorge dafür, daß morgen im Moniteur die Tat in den schwärzesten Farben gebrandmarkt wird. Ich bin entschlossen! Noch heute soll der erste Streich fallen.« »Meine Vorbereitungen sind getroffen.« »Wohl – so breche ich denn vollständig mit der Revolution und der Vergangenheit. Sie oder ich. Nur einer darf herrschen! – Ich habe dieses Netz geheimer Ränke, das man seit zwei Jahren um mich gesponnen, von Anfang an durchschaut. Wie Gregor VII. will ich die Krücken zu Boden werfen, denn ich kann allein stehen. Die Unsichtbaren glaubten ein williges Werkzeug an mir zu finden, dessen Gängelband in ihren Händen blieb. Aber sie haben sich getäuscht. Sie werden ihren Herrn erkennen. Mein Oheim hat nm die französische Revolution von 1793 zu Boden geworfen – ich werde der Revolution von ganz Europa den Maulkorb anlegen.« »Wir haben mancherlei Vorteile von diesem Gespenst der Staaten gezogen, Sire.« »Das haben wir. Gewiß. Aber die Stunde des Bruches mußte kommen. Der Thron Napoleons kann nicht von der Geneigtheit demokratischer Fanatiker oder Plänemacher abhängen. Ich habe sehr wohl begriffen, warum man mich in dieser östlichen Krisis so schlau unterstützt – oder vielmehr, warum man von allen Seiten den Krieg herangedrängt hat. Hätte er nicht meinen eigenen Zwecken und Wünschen entsprochen, alle ihre Künste und Listen sollten wenig genützt haben. Jetzt werfe ich die Maske ab! Ich will die Bewegung in meiner Hand halten.« »Euer Majestät wissen, daß ein großer Teil des Heeres, namentlich in Algerien, republikanische Gesinnungen hegt. Viele unserer besten und beliebtesten Führer bekundeten sie offen bei der Wahl. General Pelissier...« »Pelissier wird tun, was ich ihm befehle. Wenn ich der Armee Schlachtfelder, Ruhm und Rache biete, wird sie kaiserlich sein mit jedem Blutstropfen. Die französische Armee gehört dem Namen Napoleon. Du bist kein Soldat, Persigny. Du begreifst das nicht. Bédeau, Lamoricière und Cavaignac haben mir ihre Degen anbieten lassen für den Krieg. Aber ich brauche und will sie nicht. Ich verzeihe nie! Das Frankreich unter mir soll seine eigenen Marschälle ziehen. Ich habe in meiner Hand jetzt schon den Kredit Europas, diese mächtige Waffe des künftigen Friedens. Ich werde die Besieger des Hauses Napoleon demütigen. Der einzige Mann in Europa, dessen Stolz und Kraft ich achte, soll bedauern, daß er Ludwig Napoleon beleidigt und sich ihm in den Weg gestellt hat!« Es war das erstemal, daß dieser verschlossene Charakter sich so offen gegen einen Vertrauten aussprach. Graf Persigny fühlte die Gefahr. »Der Kaiser von Rußland, Sire,« sagte er, »dürfte es jetzt schon vielfach bereut haben, daß er Ihnen die Anerkennung anfangs verweigerte. Die geheimen Anerbietungen in der türkischen Frage sind Beweise dafür.« »Sie vergessen, Graf, wann sie gemacht wurden; und das ist eben der Umstand. Durch die Spione der Geheimen Gesellschaften mußte ich die erste Nachricht von den Unterredungen erfahren, die der Zar mit Lord Seymour gehalten und die das englische Ministerium jetzt in dem blauen Buch vor Europa veröffentlicht hat. Dieses Übergehen Frankreichs – oder vielmehr Napoleons – war eine neue Beleidigung. Ich weiß, der Zar haßt mich und nennt mich einen Abenteurer. Das kann ich selber tun – aber kein anderer! Erst als die britischen Füchse ihn abgewiesen, kam Nesselrode uns mit seinen Plänen. Sagen Sie, Graf; wie nimmt man in Deutschland die Enthüllungen auf, die der Moniteur und das Journal de l'Empire über die neue Auflage des Vertrages von Tilsit gemacht haben?« »Sire, die Zeit der Äußerungen ist noch zu kurz – die Artikel erschienen erst vor drei Tagen.« »Ich denke, man wird sich endlich jenseits des Rheines überzeugen, was man von der russischen Freundschaft zu erwarten hat. Dieses Preußen ist blind und störrisch wie sein Adel. Ich will keine Eroberungen. Aber solange diese sogenannte Heilige Allianz besteht, bleibt sie eine Bedrohung der napoleonischen Herrschaft. Der Tag, an dem ich hier in Paris in meinen Tuilerien ein neues Bündnis an ihre Stelle setze, wird der erste meiner wahren Herrschaft sein.« »Der Tag wird kommen, Sire.« »Ich weiß es, Graf – über die Schlachtfelder am Schwarzen Meer dämmert er auf. Lassen Sie Moustier in Berlin genau auf die öffentliche Stimmung merken und verkehren Sie über die Presse unmittelbar mit ihm. Haben Sie die Nachweisungen, die ich Ihnen gab, mit den Ermittlungen Pietris genau verglichen?« »Heute mittag ist mit den beiden Präfekten und Herrn Collet-Meygret ausführlich alles besprochen worden. Wir glauben des Platzes ziemlich sicher zu sein, unsere Agenten bewachen ihn. Der Schlag kann jeden Augenblick fallen« Napoleon sah nach der Uhr über dem Kamin. »In einer Stunde also; ich müßte mich sehr irren, wenn nach dem Zusammenbruch Rieperas und der Nachricht aus Parma nicht heute noch eine Sitzung stattfinden sollte. Sind die Befehle nach den Provinzen erteilt? – Lassen Sie besonders Lyon im Auge halten.« »Sämtliche uns bekannten Verbindungen, Sire, die Marianne, die Militante, der junge Berg und die Joseffiten, sind möglichst genau überwacht. Es fehlt uns nichts, als ihr Zusammenhang.« »Wir werden ihn heute finden. – Sobald die Verhaftungen erfolgt sind, lassen Sie mir durch Haußmann oder Pietri Bericht erstatten.« Der Minister verbeugte sich.   Die Vella hatte in der Großen Oper getanzt – die schöne russische Sylphide, die später den Mut besaß, dem französischen Kaiser gegenüber ihre Teilnahme an dem Siegesfest über ihr Vaterland zu verweigern. Das leichtherzige Volk der Künstler beunruhigte sich nicht über den drohenden Kriegssturm. Es blieb in Paris und Petersburg; denn es wußte, daß Paris und Petersburg, die Üppigkeit und das Raffinement, bald wieder einander bedürfen würden. Aus dem Wandelgang traten zwei Männer Arm in Arm und gingen plaudernd durch das Gedränge der Theaterkartenhändler, der Ausrufer und Zeitungsverkäufer nach dem Boulevard des Italiens zu. Der eine trug die Coloneluniform der Zuaven, der andere Zivil. »Kaufen Sie, Messieurs – les Gardes de la Porte , mit schönen Bildern, ein Sous das Stück!« Der junge Zivilist lachte. »Kaufen Sie, Vicomte, um mit unserer Geschichte auf dem Laufenden zu sein. Die nichtswürdigste und lächerlichste Schmähschrift auf den Kaiser Nikolaus! Ich wette, der Bursche hat auch die neue Karte von Europa, obwohl die Polizei sie angeblich beschlagnahmt hat.« »Ich sehe, Sazé,« lächelte Vicomte de Méricourt, der hochherzige Geliebte Iwanowna Oczakows, »Sie kennen schon vollkommen die Tagesgeschichte, obgleich Sie erst vor kurzem aus Poitou zurückgekehrt sind.« »Ei, mein Lieber,« plauderte Sazé, »wozu hat man die Zeitungen, die Briefe und seine Freunde? Sie können sich denken, daß ich ein eifriger Briefschreiber geworden bin und der Post viel eingebracht habe, um den abscheulich langen Herbst und Winter totzumachen, den ich im Schloß meiner alten Tante zubringen mußte. Verwandtschaftsrücksichten, mein Bester! Verwandte hat leider jeder Mensch! Zum Glück war es meine letzte. Ich kann nun tun, was mir beliebt – in die Diplomatie oder ins Heer eintreten, kurz, ein Mann des Staates werden. Die legitimistischen Grillen meiner verstorbenen Tante haben es mir bisher verschlossen. Ach, Colonel, wenn Madame la Marquise geahnt hätte, wozu der letzte Sprößling der Sazés unterdes alle seine viele Zeit verwandt hat – wie er in den durch das neue Kaisertum entweihten Tuilerien Hof gemacht, dem Advokatenadel und der Börsenaristokratie viele seiner schönsten Abende und Studien zu danken hat – auf Ehre, Vicomte, die alte Dame hätte mich zu all ihren langweiligen Predigten noch gänzlich enterbt.« Méricourt sah sehr ernst auf. »Die Verbannung von Paris hat Sie ein wenig verändert, Sazé. Ich glaubte, Pariser Luft sei Ihnen so notwendig zum Leben, wie dem Fisch das Wasser.« »Da haben Sie unrecht, Vicomte. Ich bin nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit in Paris gewesen. Ich habe alle Landkränzchen und Bälle der Provinz mitgemacht, wie ein geborener Krautjunker. Sie sehen ja aus meinen Plänen, daß ich Paris missen will. Im Vertrauen kann ich Ihnen freilich sagen: es geschieht, weil nach dem Erbe meiner Tante, das wegen der leidigen wohltätigen Bestimmungen viel geringer ist, als ich und meine Gläubiger erwarteten, mir nicht so viel übrigbleibt, um das Leben in der früheren Weise hier fortführen zu können.« »Werden Sie Soldat, Sazé. Sie dienten ja früher schon.« »Gewiß, mein Lieber; ein oder zwei Jahre; ich weiß nicht mehr – man muß seine Pflichten gegen das liebe Vaterland erfüllen. Auch hat ein Bekannter im Kriegsministerium mir schon das Patent als Leutnant und zur Dienstleistung beim Stabe des Prinzen, der die 3. Division befehlen soll, zugeschickt; ich habe aber Lust, es doch wieder zurückzugeben, und die diplomatische Laufbahn vorzuziehen.« »Im Augenblick, wo der Krieg vor der Tür ist?« sagte Vicomte de Méricourt vorwurfsvoll. »Ich glaube, Sie zweifeln nicht an meinem Mut. Nur ist das Leben im Felde so – so unvornehm. Ich verspreche mir mehr Spaß von den diplomatischen Ränken. Mit den türkischen Harems möchte ich schon Bekanntschaft machen – wenn wir nur nicht mit den schmutzigen Russen zu tun hätten! Man wird die Handschuhe alle Augenblicke wechseln müssen im Gefecht! Übrigens, Vicomte – haben Sie nichts wieder von unserem kleinen durchgegangenen Duellanten gehört, der den Kamm so gewaltig blähte und dann spurlos verschwunden war?« »Sie meinen den Fürsten Iwan?« entgegnete Méricourt. »Sie wissen, Marquis, daß kein Flecken auf seiner Ehre haftet. Herr von Kisselew, der russische Gesandte, unterrichtete uns am Morgen, daß er den Fürsten von dem Zweikampf abgehalten und zur Abreise als Kurier nach Petersburg gezwungen habe.« »Ja, ich weiß. Und ich begriff damals nicht, warum Sie das heimliche Anerbieten des russischen Obersten, für den jungen Fürsten einzutreten, ablehnten und sich mit Entschuldigungen des Gesandten begnügten. Sie schießen so wundervoll, Vicomte, und hatten die beste Gelegenheit, sich von dem widrigen Tatarengesicht Ihres Gegners zu befreien! Denn – verliebt in die schöne Fürstin Iwanowna waren Sie doch.« Vicomte de Méricourt schwieg. »Haben Sie nichts wieder von Fürstin Iwanowna und ihrem Bruder gehört?« beharrte de Sazé. »Fürst Iwan ist, wie ich aus den Zeitungen ersah, in den Stab des Fürsten Menschikow gesandt worden. Sein Name hat ehrenvolle Erwähnung in der blutigen Schlacht von Oltenitza gefunden. Die Fürstin ist – wie ich von einem Attaché der Gesandtschaft hörte – gefährlich in Berlin erkrankt und dann auf ihre Güter in der Krim zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit gebracht worden. Ein seltsames Ereignis erinnerte mich daran, als ich vor einigen Tagen bei meiner Rückkehr von Algier in Marseille der Einschiffung der ersten Division beiwohnte.« »Bitte, erzählen Sie, Vicomte! – Aber was, zum Teufel, verfolgt uns denn eigentlich dort für ein Bursche? Ich habe das verbotene Gesicht schon beim Verlassen des Theaters bemerkt, wie es mich aus der Menge mit den Augen eines Wolfes anstarrte.« Méricourt sah sich um. In der Entfernung von etwa dreißig Schritten schlich mit auffallender Beharrlichkeit ein Mann von finsterm, verdächtigem Aussehen hinter ihnen drein. Seine Kleidung war schäbig, das Gesicht eingefallen und hohl, soweit es die Entfernung und die Gasflammen erkennen ließen. Zur Hälfte war es von einem dichten Bart bedeckt. »Vielleicht irgendein Vagabund oder Bettler«, sagte der Vicomte. »Paris wimmelt ja davon. Aber die Zeit ist noch zu früh, kaum elf Uhr; und der Boulevard ist zu belebt für solche Nachtvögel.« »Also, Ihre Geschichte, Méricourt!« »Ich erwähnte, daß ich bei dem ersten Einschiffen der Truppen zugegen war; denn zu der Division des Generals Canrobert wird auch das 3. Zuavenregiment gehören, dem ich mich von der Garde zu aktivem Dienst habe zuteilen lassen. Ich werde ihm folgen, sobald ich hier meine Aufträge ausgeführt habe. Bei dem Gedränge der Einschiffung geriet ich plötzlich mit einer jungen, hübschen Marketenderin zusammen. Sie nahm meine Hilfe in Anspruch, weil, wie sie mir sagte, ihr Bruder auch jetzt bei den Zuaven stände. Das wäre nun kein besonderes Abenteuer; denn Sie wissen, Marquis, mit welcher Selbstverständlichkeit unsere braven Mädchen aus dem Felde mit Offizieren umzuspringen pflegen. Aber – was mich dabei reizte, war das Aussehen ihres Begleiters. Er war in irgendeine zusammengesuchte Uniform, wie sie der Trödler bietet, gesteckt und tat nichts anderes, als das Gepäck der Kleinen zu bewachen. Der Bursche war jung, hager und bleich; dabei aber so hübsch – ja schön, wie Fürst Iwan Oczakow. Mit ihm besaß er eine so auffallende Ähnlichkeit, daß dies eben meine Blicke gefesselt hielt. Wären die starren, toten Augen nicht gewesen, so hätte man die Ähnlichkeit für erschreckend halten können.« »Merkwürdig!« »Der arme Junge war blödsinnig oder wahnwitzig – ich weiß nicht was. Seine einzige Antwort, als ich ihm befahl, das Gepäck aufzunehmen, während ihn die Soldaten hin und her stießen, war immer die gleiche: »Elf Uhr – der Zug geht ab!« Dazu ein Lachen, das mir seinen Zustand verriet – auch wenn die kleine Marketenderin nicht hinzugesprungen wäre und mir gesagt hätte, ihr armer Vetter sei geistesschwach und sie sorge für ihn. Ich gab der Kleinen meine Karte und schrieb mir ihren Namen auf: Nini Bourdon. Ich empfahl ihr, mich später in Gallipoli aufzusuchen, wenn ich ihr gefällig sein könne.« Méricourt schwieg und Sazé nickte ein paarmal vor sich hin, als wiederholte er: Merkwürdig! – Die Freunde setzten plaudernd ihren Weg fort. Das Wetter war schön, und Sazé begleitete Méricourt eine Strecke auf dem Wege nach seiner Wohnung, die jenseits der Seine lag. Sie waren über den Platz de la Concorde und bis zum Cours de la Reine am Kai gekommen. Méricourt trat in einen der Läden, um sich eine notwendige Kleinigkeit zu kaufen. Sazé schlenderte langsam am Fluß hin. Die Gegend war jetzt verhältnismäßig einsam. Méricourt verweilte einige Augenblicke länger in dem Laden, und als er sich nach Sazé umsah, konnte er ihn im ersten Augenblick nicht bemerken, bis der Schall von Stimmen ihn aufmerksam machte. Im Licht der Gasflammen bemerkte er ihn. Dicht vor ihm, mit wilden Gesten zu ihm sprechend, stand der Fremde, der ihnen von der Oper her über die Boulevards gefolgt war. Méricourt beeilte seine Schritte; denn die Sprache des Fremden klang rauh und drohend; die Worte konnte er noch nicht verstehen. Er mochte etwa noch dreißig Schritte von der Gruppe entfernt sein. Außer ihm wurden noch andere Vorübergehende aufmerksam. Da sah er, daß der Unbekannte sich auf seinen Freund stürzte und ihn mit wilder Erbitterung an die Brust faßte und schüttelte. Zugleich hörte er die Worte: »Sie sind ein Mörder, Herr! Ihr Blut für das seine!« Im Nu war Méricourt an der Seite des Freundes; aber er kam zu spät, um eine unglückliche Tat zu hindern. Alfred de Sazé war von schlanker Gestalt, verbarg aber unter dem schmächtigen Äußeren eine ansehnliche Muskelkraft. Im ersten Augenblick wankte er unter dem Angriff des Rasenden; dann aber hatte er ihn rasch an den Hüften gefaßt und schleuderte ihn mit Gewalt von sich. Der Mensch taumelte zurück, schlug an das Gitter, das den Kai nach der Seine hin abschließt; und von dem kräftigen Wurf das Gleichgewicht verlierend, stürzte er rückwärts über die obere Stange des Gitters. Ehe die umherkrallende Hand einen Halt zu ergreifen vermochte, sank er in die Tiefe. Ein lauter Schrei ertönte von mehreren Lippen; denn verschiedene Leute, durch den lauten Wortwechsel herbeigelockt, hatten die Tat mit angesehen. Alles stürzte zum Gitter. »Um Gottes willen, de Sazé, was gab es? Was ist geschehen?« Der Marquis stand bleich und atemlos. Kragen und Krawatte waren zerrissen von dem Griff des Fremden. »Ich weiß nicht – ich verstehe es selber nicht – retten Sie den Menschen! Es ist ein Wahnsinniger!« Er sprang an den Rand der Seine, an die Stelle, an der sich schon drohend das Publikum mit dem Rufe: »Ein Mord! Haltet den Mörder!« drängte. »Er ist auf den Kahn gestürzt!« rief eine Stimme. So war es in der Tat. Dicht unter dem Kai lag eins der größeren Seineschiffe; der Stürzende war auf das Bugspriet geschlagen, jedoch so unglücklich, daß er mit dem Hinterkopf auf die Schaufel eines Ankers traf. Als die von dem Tumult herbeigerufenen Schiffer ihn aufhoben und über die schwanke Bohlenbrücke auf den Kai trugen, zuckten schon die Glieder im Todeskampf. Die Augen rollten wild. Ein Strom von Blut ergoß sich aus dem Munde; wenige Augenblicke darauf war der Unbekannte eine Leiche. Im hellen Licht der Gaslaternen lag der Tote auf dem Kai, umdrängt von der Menge; Méricourt untersuchte den Puls und bat einige Umstehende, ärztliche Hilfe zu holen. Sazé starrte regungslos und verwirrt auf das bleiche Totenantlitz. Méricourt erhob sich endlich. »Jede Hilfe ist vergebens; der Mann ist tot. Es ist ein Unglück, Sazé, aber Sie sind außer Schuld.« Ein Polizist drängte sich heran. »Man bezeichnet Sie mir als den, der diesen Mann im Streit in die Seine gestürzt hat. Ich verhafte Sie. Sie werden mir folgen.« Méricourt entfernte ruhig die Hand des Polizisten von dem Arm seines Freundes. – »Mäßigen Sie sich, mein Herr. Sie sehen, daß ich Stabsoffizier bin. Dieser Herr ist gleichfalls Offizier, wenn er auch nicht Uniform trägt. Er wurde von dem Manne angefallen und tätlich beleidigt, hatte also das volle Recht, ihn zu töten. Sie werden leicht die Zeugen finden. Einstweilen sind hier unsere Karten: Colonel Vicomte de Méricourt und Leutnant Marquis de Sazé. – Wollen Sie mir morgen weitere Nachricht geben über den Verunglückten, so werden Sie mich verpflichten; einstweilen haben wir hier nichts zu schaffen. – Kommen Sie, Sazé.« Er zog den Arm des Freundes durch den seinen und führte ihn aus dem Gedränge. Den nächsten Nachtwagen, dem sie begegneten, rief er an. Sie stiegen ein. »Der Mensch wollte Sie offenbar berauben. Und doch kann ich die Worte nicht damit zusammenreimen, die ich hörte!« Marquis de Sazé hatte seine Fassung immer noch nicht wiedergewonnen. Er war sehr angegriffen von dem unglücklichen Ausgang. – »Ich glaube nicht«, sagte er hastig. »Hören Sie den Hergang:, Sie hatten mich eben verlassen. Ich näherte mich dem Bürgersteig am Strom, als ich hinter mir rasche Schritte hörte. Ich glaubte zuerst, Sie wären es und drehte mich um, erblickte aber zu meinem Erstaunen den Mann, der uns von der Oper aus verfolgt hatte. Er stürzte sich auf mich mit den Worten: ›Endlich habe ich dich gefunden – wo ist mein Herr, mein Bruder?‹ – ›Was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie nicht!‹ antwortete ich. – Das war in der Tat wahr; und dennoch schwebt mir dies Gesicht dunkel vor, als hätte ich es bereits gesehen, ohne daß ich weiß, in welcher Verbindung. Seine Augen funkelten wie die eines Wahnsinnigen. ›Du warst es! Du warst bei ihm! Ich weiche nicht von deinen Fersen, bis du mir Rechenschaft gegeben hast über meinen Gebieter.‹ – Ich glaubte, der Mensch sei verrückt, und wollte weitergehen. Da sprang er wie ein wildes Tier mir an die Kehle – das andere wissen Sie und – ich bin der Mörder des Wehrlosen.« Das Unglück schien den leichtsinnigen Dandy bis ins Innerste seiner Seele erschüttert zu haben. »Ich kann das Gesicht nicht loswerden«, wiederholte er schaudernd. »Und dennoch weiß ich nicht, wo es mir schon begegnet ist.« »Sie werden sich vielleicht später besser erinnern. Die Untersuchung der Polizei wird uns dabei unterstützen. Aber, Sazé – die Entscheidung über Ihre Zukunft hat eine höhere Hand übernommen; denn es kann jetzt natürlich keine Rede von einer Rückgabe des Leutnantspatents sein; als Offizier kann man Sie nicht mit einer langwierigen bürgerlichen Untersuchung behelligen. Beruhigen Sie sich; Sie tragen an dem Geschehenen keine Schuld. Hier sind wir an Ihrer Wohnung. Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie hinauf, um unsere notwendigen Schritte für morgen noch zu besprechen.« Marquis de Sazé ließ sich willenlos geleiten; Méricourt blieb bis zum Morgen bei ihm.   In der Morgue, dem Leichenschauhaus, dieser letzten Stätte des Elends, der Verzweiflung und des Verbrechens von Paris, lag kalt und starr die Leiche Wassilis, des treuen Dieners des fürstlichen Geschwisterpaares Oczakow. Die Polizei hatte bei ihm nur einen Brief in russischer Sprache gefunden, der die rätselhaften Worte enthielt: »Den letzten Bericht erhalten; fahre fort zu suchen und zu forschen. Melde auch das Geringste eilig nach Sewastopol auf dem bekannten Wege über Berlin. Ein Wechsel liegt bei; spare kein Geld.« – Der Wechsel vom Bankhause Stieglitz in Petersburg auf das legitimistische Bankhaus Leroy Chabrol in Paris, auf zweitausend Franken lautend, lag bei. Das Bankhaus war zwei Tage vorher zusammengebrochen und hatte die Kredite der Hauptstadt erschüttert. Die Polizei ließ, nachdem sich alle weiteren Nachforschungen als vergeblich erwiesen, den Leichnam des »so zufällig entdeckten russischen Spions« begraben. Herr Moustier, der Gesandte Frankreichs in Preußen, erhielt den Wink, daß die Fäden einer feindlichen Spionage von Berlin aus geleitet würden. Man trage daher kein Bedenken, sich in ähnlicher Weise Genugtuung zu verschaffen.   In den geheimnisvollen Räumen des »Bundes der Unsichtbaren« saßen nach Jahr und Tag wieder um die rotbehangene, von Ampeln erleuchtete Tafel die geheimnisvollen Sechs in ihren roten Mänteln. Zwischen damals und heute schien nur ein Atemzug der Zeit zu liegen. Und dennoch waren unterdes die europäischen Geschicke aus ihren Angeln gehoben. Ströme von Blut waren geflossen. Die Kriegsfurie bedrohte ganz Europa. Der schwere rote Vorhang vor dem hinteren Teil des Gemaches war geschlossen. Die Mitglieder des Rates sprachen leise miteinander und ordneten verschiedene Papiere. Der scharfe Anschlag einer Glocke erklang. Gleich darauf schlüpfte aus den Falten des Vorhanges die kleine, verwachsene Gestalt eines der Mitglieder der »Höchsten Gewalt«. Die Sechs erhoben sich; der Verwachsene dankte mit einer kurzen Verneigung und trat zu dem siebenten leeren Stuhl. »Der Vorstand der Abteilung Sieben ist noch immer nicht zurückgekehrt«, sagte die schrille Stimme mit italienischer Färbung unter der Maske hervor; »ich werde seinen Platz einnehmen, Brüder, und den Vorsitz der Verhandlung führen. Setzen Sie sich und lassen Sie uns rasch die Tagesgeschäfte erledigen. Wer vertritt den Bericht für Petersburg und Warschau?« Das nächstsitzende Mitglied des Rates erhob sich. »Graf Lubomirski berichtet aus Wolhynien. Die Aussichten in Polen für einen Aufruhr sind in diesem Augenblick ungünstig. Österreich und Preußen sind vollkommen gerüstet und würden sie sofort bekämpfen. Selbst unter den polnischen Vaterlandsfreunden ziehen sich viele zurück. Die Garden sollen in Polen einrücken, um das Korps des Generals Osten-Sacken zu ersetzen. Der Graf legt den kühnen Plan vor, Rußland die Hilfe der Geheimgesellschaften gegen die Türkei und die Westmächte anzubieten – unter der Bedingung der späteren Herstellung einer großen slawisch-madjarischen Republik zwischen der Weichsel, der Moldau und der Donau. Die Ausführung würde hunderttausend tapfere und kriegsgewohnte Soldaten dem Zaren zuführen und den Russen sofort den Weg nach Konstantinopel öffnen.« »Der Plan wird umlaufen und Sie werden sämtlich Ihre Meinung beifügen. Ich bin der Ansicht, daß bei den Gefahren, die ich später erörtern werde, der Versuch gemacht werden muß. – Fahren Sie fort.« »Graf Lubomirski begibt sich nach Odessa und der Krim, wo hauptsächlich die polnischen Regimenter stehen. Er glaubt, unter diesen wirken zu können. In Petersburg ist der Boden besonders günstig. Man fühlt, daß man sich in einen Krieg verwickelt hat, dem das Land noch nicht gewachsen ist. Der Eigensinn und die Kränkung, die der Tyrann Nikolaus erlitten, hat ihn verblendet. Zugleich macht sich der Drang nach Zugeständnissen überall geltend. Der Krieg wird Rußland gänzlich niederwerfen, wenn wir auf der Seite seiner Gegner bleiben.« »Es handelt sich jetzt darum, meine Herren, wer unser gefährlichster Feind ist, der Zar oder Louis Napoleon. Ich werde dem Grafen Lubomirski selber antworten. – Berichten Sie aus Berlin und Wien.« Der Vorstand der Abteilung »Deutschland und Schweiz« erhob sich. »Man hat die spanische Tänzerin genau beobachtet. In Berlin ist ihr Auftrag, was unsere Hauptzwecke anbetrifft, gänzlich mißlungen. Selbst der jüngere Adel und der Offizierstand zeigten eine Hartnäckigkeit und ein starres Festhalten an den alten Gedanken und Gewohnheiten, das einer gänzlichen Abschließung gleicht. Das tritt neuerdings in festem Zusammenhalten gegen die Eingriffe der Zivilbehörden hervor. Wir werden einst einen harten Stand haben mit der preußischen Armee. Doch hilft auf der anderen Seite die immer mehr hervortretende Absonderung des Adels vom Bürger. Man hätschelt jetzt das Rheinland auf alle Weise, zum Verdruß der älteren Provinzen. – Die Jugend ist zu wenig tatsächlich, zu wenig empfänglich und abenteuerlustig. – Dagegen sind wichtige Verbindungen angeknüpft, die fortlaufend diplomatische Geheimnisse in unsere Hände legen werden.« »Und Wien?« »Cavelli sendet nur den Finanzbericht. Der Graf Pisani hat sich mit ihm in Verbindung gesetzt und den Plan mitgeteilt; Cavelli hat deshalb bis auf den Eingang weiterer Befehle die politische Werbung eingestellt. Oberst Pisani befindet sich mit seiner Gattin, der ehemaligen Gräfin Helene Laszlo, augenblicklich wieder in Wien.« »Italien werde ich übernehmen«, sagte der Vorsitzende. »Meine Nachrichten sind neuer als der Bericht Mazzinis von Parma. Ferdinand Karl von Bourbon, genannt Herzog von Parma, ist heute nachmittag unter dem Dolch der Unsern gefallen.« Alle erhoben sich. – »So mögen alle Feinde der wahren Freiheit sterben!« »Und der Tapfere?« fragte eine Stimme. »Er ist glücklich entkommen. – Ich weiß die Sache vorläufig nur durch die Regierungsdepesche. – Doch zu Wichtigerem. Sie sind hier zusammenberufen, um über die höchsten Lebensfragen des Bundes zu entscheiden. – Sehen Sie!« Er riß den Vorhang hinter sich auf. Der Raum war leer. »Ich habe die Verantwortlichkeit allein übernommm, wie Sie sich überzeugen. Denn meine beiden Kollegen in der Höchsten Gewalt sind augenblicklich von Paris abwesend. Der Bund hat in den letzten Tagen einen schweren Verlust erlitten. Sie wissen, daß wir schon im vorigen Jahre dem Baron Riepèra zu mißtrauen Veranlassung hatten. Es ist ihm gelungen, bei einem wichtigen Plan, der die ganze Zukunft der Verbindung aufbauen sollte, dem Crédit mobilier , einen seiner Verwandten unterzuschieben und, wie ich fürchte, die Sache uns gerade aus den Händen zu spielen. Heute morgen hat er, den Fall des legitimistischen Hauses Leroy Chabrol benutzend, seine Zahlungseinstellung erklärt. Seither ist er unsichtbar geworden. Die Kasse des Bundes verliert mindestens eine Million; die Verluste lassen sich noch nicht übersehen.« »Tod dem Verräter!« klangen die sechs Stimmen. »Ich stimme bei. Doch dieser Verräter ist schlau. Er war gewarnt durch unsere Nachsicht und wird seine Maßregeln genommen haben. Unsere Agenten verfolgen ihn schon. Doch, Brüder, das ist nicht das Wichtigste und nicht die größte Gefahr, die dem Bunde droht. Louis Napoleon, der sich Kaiser der Franzosen nennt und es allein durch unseren Willen geworden ist, droht uns aufsässig zu werden. Er ist ein Tyrann, schlimmer noch als die auf dem Thron Geborenen. Er ist der Todfeind der Revolution, die ihn auf den Thron gehoben hat, weil er fürchtet, daß sie ihn wieder stürzen kann. Er ist schlau und kühn und hat unsere Pläne und unsere Hilfe benutzt, um den Krieg im Osten zu einer neuen und festen Stütze seiner Herrschaft zu machen. Unter dem Vorwand, für Recht und Freiheit der Völker zu kriegen, schlägt er die Freiheit in Fesseln. Er hat die Maske, die er schlau uns gegenüber trug, abgeworfen. Er verfolgt unsere Brüder. Die strengsten Befehle sind an seine Schergen gegeben. Der Aufruf Manins in der ›Presse‹ dient ihm als Vorwand der Verfolgungen.« »Er sterbe!« hallte es durch das Gewölbe. »Er scheint dem Bund auf der Spur zu sein und beabsichtigt seine Vernichtung in Frankreich. Es gilt Kampf auf Tod und Leben. Ich habe den Rat versammelt, weil wir in Gefahr sind, jeden Augenblick durch einen unvorhergesehenen Schlag getroffen zu werden. Unseres Bleibens in Paris ist unter diesen Umständen nicht länger. – Unser nächster Versammlungsort wird London sein.« »Er sterbe!« hallte es wiederum. »Seine Zeit ist gekommen. Kampf auf Leben und Tod mit dem Tyrannen! Er oder wir! – Die Herrschaft des französischen Adlers über Europa – oder der Sieg der kommunistischen Revolution! – Sammelt die Stimmen, Brüder!« Zwei Urnen machten eilig die Runde. Als die zweite geleert wurde, zeigten sich vier schwarze und zwei weiße Kugeln. Der Verlarvte warf drei schwarze dazu. »Im Namen der höchsten Gewalt: Sieben gegen zwei – dreifache Mehrheit. – Er ist verurteilt!« »Wer soll das Urteil vollziehen?« »Abteilung Drei ist an der Reihe.« Er nahm ein kleines Merkbuch und blätterte darin. »Bereiten Sie den Gehorchenden zu der Tat vor, den Sie im vorigen Jahre nach England sandten. Sein Gesicht fiel mir schon damals auf. Er scheint geeignet. Ein Römer, glaube ich?« »Pianori!« »Ich glaube.« »Und die gegebene Zeit?« »Die gewöhnliche: ein Jahr, ein Monat und ein Tag, wie bei Ferdinand von Parma. Lassen Sie uns ...« Jener leise, schrille Klingelton ließ sich hören, dessen Leitung von unbekannten Orten her zu dem geheimsten Schlupfwinkel des Bundes der »Unsichtbaren« führte. Der Verwachsene stand hastig auf und eilte zu der Scheibe, unter der sich der schmale Streifen Papier hervordrängte. Sein Blick überflog rasch die Zeilen. An der ersten der vier der Nische gegenüberliegenden Türen erklang ein leichter Hammerschlag. »Manigoldo!« fluchte der Verwachsene. »Er soll uns büßen! – Der Draht meldet mit dem Wort der höchsten Not: ›Polizei beordert. Versammlungsort entdeckt. Eiligste Flucht.‹« Die Verschworenen sprangen auf. An der zweiten, dritten und vierten Tür klangen kurz nacheinander Schläge. Der Verhüllte kletterte auf einen Sessel. Seine schwächliche, verwachsene Gestalt schien zu wachsen. Seine Stimme schwoll. »Ruhe! – Gehorsam!« Alle wandten die Augen auf ihn. »Abteilung Zwei und Drei! Die Kästen mit den Briefschaften. Mitglied Vier zerreißt den Draht des Telegraphen. Mitglied für Ungarn – die Kassette!« Der Verschworene, der sich auf den ersten Hammerschlag entfernt hatte, stürzte herein: »Wir sind umgeben von Häschern; alle Ausgänge sind besetzt!« »Meine Herren – auf Wiedersehen: heut in vier Wochen in London!« sagte ruhig die scharfe Stimme des Verwachsenen. Der kräftige Griff seiner Faust riß die roten Behänge von der Hinterwand des Gewölbes. Eine schwarze, rohe Mauer kam zum Vorschein. Er zog mit beiden Händen an einem massiven Ring. Ein mächtiger Stein drehte sich um eine eiserne Angel und zeigte eine schmale, gähnende Öffnung, gerade breit genug, um einen Mann hindurchzulassen. »Fort! – Der Leiter der Ersten Abteilung kennt den Weg – nehmen Sie die Lampe mit, soweit es geht. Das Boot wartet wie am Abend jeder Versammlung; benutzen Sie die nächste passende Stelle des Ufers und senden Sie es an den Ausgang der Leitung zurück – in zehn Minuten bin ich am Gitter! Fort! – Fort!« Sie drängten durch die Öffnung. Nur eine Lampe blieb zurück und erhellte den öden, geheimnisvollen Raum. Der Kleine sprang an die Türen und öffnete sie; dann drehte er rasch den Knopf einer Röhre auf. Sofort plätscherte ein Wasserstrahl auf den Boden der Gewölbe. »Wasser und Feuer in unserem Dienst«, murmelte er. »Wir spotten ihrer Macht.« Seine Rechte faßte nach einem starken Rohr, das in Manneshöhe an der Wand hinlief. Er ergriff die Lampe und wandte sich nach dem geöffneten geheimen Ausgang. »Es ist Zeit. Ich kann den Schall vieler Tritte hören«, murmelte er. Sein Hauch verlöschte die Lampe. Seine Hand zog den Hahn auf. Sogleich verbreitete sich der scharfe, widrige Geruch ausströmenden Gases durch das jetzt dunkle Gewölbe. Im nächsten Augenblick hörte man den großen Stein in seine Fugen zurückklappen. – Der Präfekt leitete selber die Arbeiten. Gendarmen beleuchteten mit Fackeln den gepflasterten Hof, der von Lagerhäusern umgeben und mit Hölzern aller Art bedeckt war. Arbeiter waren beschäftigt, eine starke, eisenbeschlagene Kellertür aufzubrechen. »Nehmen Sie Fackeln, Herr Kommissar. Durchsuchen Sie die Erdgeschosse!« Die Tür war geöffnet. Mehrere Polizisten, Fackeln voran, drangen in das Gewölbe, in dem große Stückfässer Wein lagerten. Man hörte die Brecheisen gegen eine zweite Tür im Innern schlagen. Dann erzitterte plötzlich der Boden unter den Füßen der Obenstehenden; einzelne Stellen des Pflasters im Hofe spalteten sich. Die Fackeln erloschen. Ein unangenehmer Dunst drang aus der Erde. Eilig brannte man die Fackeln aufs neue an. Am halb zerstörten Eingang des Kellers hörte man in der Tiefe das Rauschen von Wasser.   Am anderen Tage enthielt der Moniteur die Nachricht, daß in den Lagerkellern der Rue ..., in der Nähe der Seine, das aus den beschädigten Leitungsrohren ausgeströmte Gas eine bedeutende Sprengung verursacht und dabei die Wasserleitung des Viertels zerstört habe. Zwei Personen seien verunglückt, mehrere verletzt. Ein anderer Aufsatz des Moniteurs benachrichtigte Paris, daß die Regierung neuen Umtrieben der geheimen Gesellschaften auf der Spur sei.   Der Minister des Kaiserlichen Hauses, Fould, überbrachte am Abend dem Senat und der Gesetzgebenden Versammlung die Botschaft über die Kriegserklärung gegen Rußland. Blut-Ostern in Odessa Eilig rollte am Karfreitag vor dem russischen Osterfest, am Nachmittag des 21. Aprils 1854, eine der gewöhnlichen russischen Kurier-Kibitken mit dem Dreigespann, der Troika, auf der glatten Straße von Kiew nach Odessa. Im Wagen saß ein Mann in bürgerlicher Kleidung zwischen Vierzig und Fünfzig. Die zahlreichen Staffetten und jagenden Ordonnanzen hatten ihn auf etwas Außergewöhnliches aufmerksam gemacht, und auf der vorletzten Haltestelle hörte er die Nachricht, daß das vereinigte französisch-englische Geschwader unter Vizeadmiral Hamelin und Admiral Dundas am Tag vorher auf der Höhe der berühmten Handelsstadt erschienen sei und man jeden Augenblick eine Beschießung erwartete. Zahlreiche Truppen, die in Eilmärschen, durch Depeschen herbeigerufen, auf Odessa zu rückten, hatten während des Vormittags die Straße gesperrt. Nur der Umstand, daß der Reisende, obgleich er nur wenig Russisch sprach, einen vom Kriegsminister selber unterzeichneten Kurierpaß und Befehl zur Pferdegestellung besaß, und daß er auf dem vorletzten Haltepunkt einem Ordonnanzoffizier des in Odessa kommandierenden Generaladjutanten Baron von Osten-Sacken höflich die Mitfahrt angeboten, hatte ihm die Möglichkeit zur Fortsetzung der Reise verschafft. Der Offizier, vom Tschugujewschen Lanzenreiterregiment »Graf Nikitinn«, verstand in russischer Art die Pferde zu erzwingen; er gab unterwegs seinem Begleiter, den er durch den kaiserlichen Befehl als genügend beglaubigt ansah, einen Bericht über die Ereignisse der letzten Tage. Am 8. April 1854 war die englische Fregatte ›Fourious‹ auf der Reede von Odessa erschienen und hatte unter Hissung einer Parlamentärflagge ihren Weg in den Hafen fortgesetzt, bis die Abfeuerung von zwei blinden Schüssen der Hafenbatterie ihr Halt gebot. Sie zeigte hierauf die englische Flagge und hielt sich außerhalb der Schußweite, ohne jedoch Anker zu werfen, und sandte ein Boot mit weißer Fahne nach der Mole ab. Dies wurde vom diensthabenden Offizier empfangen, dem der Parlamentär, Leutnant Alexander, erklärte, daß er den englischen Konsul sprechen wolle. Der Russe erwiderte, daß – da die Kriegserklärung schon am 22. März erfolgt sei – beide Konsuln vor drei Tagen Odessa verlassen hätten. Verschiedene andere Fragen nach der Anwesenheit englischer und französischer Untertanen und Schiffe, mit denen der Parlamentär offenbar Zeit zu gewinnen suchte, wurden schließlich mit der Erklärung abgeschnitten, daß man jede weitere Auskunft verweigern und das Boot sofort zu seinem Schiff zurückkehren müsse. Dies geschah; das Boot jedoch beschrieb, statt den kürzesten Weg nach der ›Fourious‹ einzuschlagen, einen halben Bogen entlang den Hafenbatterien. Zugleich hatte der Kapitän der ›Fourious‹, William Loring, obgleich die Maschine des Schiffs außer Tätigkeit war, die Nordwestbrise benutzt, um sich von dieser nach der Seite der Reede dem inneren oder Quarantänehafen zutreiben zu lassen, und befand sich schon innerhalb der Kanonenschußweite. Demnach lag, absichtlich oder unabsichtlich, das gleiche Manöver vor, das von der ›Retribution‹ im Januar auf der Reede von Sewastopol versucht worden war. Der Kommandant der Batterie der Mole, dessen Befehl lautete, kein feindliches Kriegsschiff in Kanonenschußweite herankommen zu lassen, ließ daher auf die ›Fourious‹ Feuer geben. Es fielen sieben Schüsse, ehe die Fregatte sich außer den Bereich der Kanonen begab und fortsegelte. Am 14. erschienen schon die zwei britischen Fregatten ›Retribution‹ und ›Tiger‹ und die französische ›Descartes‹ vor der Reede und gaben, noch vor der Forderung einer weitern Erklärung, mehrere scharfe Schüsse gegen die Hafenbatterien ab. Auf die nach diesen Schüssen gestellte Anfrage, warum man auf das Parlamentärschiff gefeuert habe, gab Baron von Osten-Sacken eine schriftliche, die Anschuldigung zurückweisende Erklärung des Vorganges. Zugleich forderte er die Bewohner von Odessa auf, angesichts der Gefahr ihre Habe landeinwärts in Sicherheit zu bringen. Die feindlichen Schiffe hatten sich unterdes außerhalb des Bereiches der Hafenbatterie aufgestellt und fingen alle nach Odessa gerichteten russischen Schiffe auf. Während der Nacht gaben sie mehrere Breitseiten auf die großen Warenlager ab, von denen eins in Flammen aufging. Am anderen Tage fuhren die Fregatten mit vierzehn Prisen in der Richtung Warna zurück. Am Freitag, dem 20., waren darauf die am 17., ohne die Antwort des Statthalters von Sewastopol abzuwarten, von Kavarna aus unter Segel gegangenen vereinigten Geschwader auf der Reede vor Odessa erschienen und warfen etwa drei Seemeilen östlich von der Stadt Anker. Erst dort, am 21., erhielt der Admiral Dundas, nach dem eigenen Bericht, das Antwortschreiben des Generalstatthalters von Osten- Sacken durch die nachkommende ›Retribution‹. Bis zu diesem Punkt reichte der Bericht des Offiziers vom Tschugujewschen Lanzenreiterregiment »Graf Nikitinn«, den der russische Statthalter an die in der Umgegend liegenden Truppen zur Herbeiholung von Verstärkungen abgesandt. Zahllose Fuhrwerke mit Einwohnern und deren Habseligkeiten begegneten ihnen. Von der Höhe, auf der die Stadt in einiger Entfernung vom Hafen liegt, überblickten sie das Meer und die feindliche Flotte. Sie zählte 28 Segel, darunter 6 Dreidecker und 9 Dampfer. Am Eingang der Stadt und in den Straßen war das Gedränge so stark, daß der Wagen oft längere Zeit halten mußte. Der Offizier benutzte eine solche Pause und befragte einen Bekannten nach weiteren Nachrichten. Es war ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren in der Fähnrichsuniform der Artillerie, der Arm in Arm mit einem Studenten daher kam. »He, Schtschegolew!« rief der Offizier. »Gott grüße dich und Herrn Poel an deiner Seite, die ihr wie Castor und Pollux stets beieinander zu finden seid! – Komm hierher und sage mir, was seit gestern geschehen ist, daß alle diese Leute so in Aufregung sind?« Der Fähnrich mit dem charakteristisch russischen Gesicht, der breiten gepreßten Stirn und starkem, Mut und Entschlossenheit verratenden Kinn, trat an die Kibitke. »Der Himmel erhalte dich, Gospodin und Euer Wohlgeboren. Wir werden morgen harte Arbeit bekommen! Die Admirale haben einen groben Brief an Seine Exzellenz geschrieben und wollen eine Entschädigung, wie sie es nennen, dafür haben, daß wir von der Mole auf ihre Fregatte geschossen. Sie verlangen nur, daß ihnen alle französischen, englischen und russischen Schiffe, die bei der ›Festung‹ oder den Batterien von Odessa liegen, bis Sonnenuntergang ausgeliefert werden, widrigenfalls sie sofort Gewalt brauchen würden. Ktschortu! Zum Henker! Als ob wir überhaupt eine Festung hätten! – Wir wollen's ihnen alsdann zeigen.« »Ist Artillerie eingetroffen?« »Nur wenig. Mehr kann vor morgen nachmittag nicht hier sein, wie ich mir habe sagen lassen. Die leichte reitende Artillerie Nummer 11 mit Oberst Galitzin ist angekommen; aber wir zählen außerdem nur 48 schwerere Geschütze.« »Das ist schlimm. – Hat Seine Exzellenz schon eine Antwort gegeben?« »Ich höre, nein«, sagte der Student. »Krusenstern hatte eine derbe bereit, aber Seine Exzellenz der Generalstatthalter hält es für schicklicher, gar nichts zu erwidern.« »Ich werde meinen Weg zu Fuß fortsetzen, denn das Gedränge hält mich zu lange auf und Oberst Baschkirzow wartet nicht gern«, sagte der Offizier und sprang aus der Kibitke. »Entschuldigen Sie mich, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank für die Gesellschaft! – Fähnrich Schtschegolew, du wirst mich verbinden, wenn du diesen Herrn nach dem Hotel Imperial führst, wo er absteigen will. Sie kommen zu einer üblen Zeit nach Odessa! – Adieu!« Er verschwand eilig in der Menge; der Fähnrich aber gab dem Postillion Anweisung, weiterzufahren; er selber schritt mit seinem Freunde voran und machte dem Wagen Bahn. So kamen sie bald zum Hotel, wo der Fremde die beiden Herren und den Postillion verabschiedete. Nur mit Mühe konnte er den Wirt überreden, ihm Zimmer anzuweisen. »Wohnt Graf Lubomirski hier im Imperial?« fragte er ihn. »Ja, Gospodin«, antwortete der Wirt und brachte ihn in dessen Wohnung im zweiten Stock. Der Fremde traf jedoch nur die Nichte des Grafen, die Gräfin Wanda Zerbona, der er sich als ein Freund ihres Oheims vorstellte. Von ihr hörte er, daß sie sich schon seit länger als einer Woche in Odessa aufhielten; sie hatten gehofft, noch eine Gelegenheit zur Überfahrt nach dem kaukasischen Ufer zu finden und so den Landweg zu sparen; aber die Kriegserklärung der Westmächte war dazwischengekommen. Bogislaw, der Jäger des Grafen, wurde eiligst nach seinem Herrn ausgeschickt. Graf Lubomirski war ein Fuhrwerk suchen gegangen, mit dem sie die bedrohte Stadt verlassen könnten. Mit Erstaunen fand der zurückkehrende alte Pole den unerwarteten Gast. Nach wenigen höflichen Worten nahm er ihn bei der Hand und führte ihn in ein Nebenzimmer. »Um des Himmels willen, General Tommaso, wie kommen Sie hierher in eine russische Stadt und in diesem Augenblick? Ich glaubte Sie nach den letzten Nachrichten in Konstantinopel oder mindestens an der Donau! – Woher kommen Sie?« »Von Petersburg«, sagte lächelnd der General. »Aus dem Kabinett des Kaisers Nikolaus!« »Sie scherzen!« »Dazu haben Leute unseres Schlages wenig Zeit. Aber in der Tat! Haben Sie denn keine Nachrichten aus Paris? – Ist es ein Zufall, daß ich Sie noch hier treffe?« »Seit drei Wochen fast bin ich außer Verbindung und erwarte hier Mitteilungen, die wahrscheinlich durch die nötigen Umwege verspätet sind. Mein Aufenthalt war für den April in Odessa angemeldet.« »Das wußte ich – und darum fragte ich auf gut Glück nach Ihnen. Demnach ist Ihnen der Schlag, den Louis Napoleon am 26. März gegen den Bund der Unsichtbaren Vergleiche auch den Band »Die Wölfin von Skadar«. zu führen versuchte, auch noch unbekannt?« »Vollständig.« Der General gab ihm eine kurze Mitteilung des Geschehenen. »Am anderen Tage schon ging ein Bote an mich ab,« fuhr er fort, »der mir Ihre Niederschrift mit dem Auftrag überbrachte, sofort an geeigneter Stelle Vorschläge zu machen. Ich war zum Glück an der Donau. Der Beschluß kam mir am 3. zu – ein russischer Paß ist leicht beschafft – und am 5. war ich schon unterwegs nach Petersburg, was ich für das beste hielt, nachdem ich mit dem Fürsten verhandelt hatte.« »Und der Erfolg?« »Ich hatte zwei Unterredungen mit Nesselrode und eine mit dem Kaiser selber. Alle unsere Pläne scheitern an dem Worte ›Republik‹. Es scheint ihm so verhaßt, daß er sogar den handgreiflichen Vorteil dagegen opfert.« »Haben Sie ihm denn nicht bewiesen, daß dies mit einem Schlag ihm die Türkei in die Hände geben, daß es all seine Gegner und zweideutigen Freunde vernichten und daß es Rußland allmächtig machen würde?« »Mehr als dies; ich bewies ihm klar, daß eine madjarisch- slawische Republik der zuverlässigste Freund und Bundesgenosse Rußlands sein und daß das Ländergebiet ihm doppelt und dreifach ersetzt werden würde, ja, daß wir von dem größten Teile Polens ganz absehen wollten. Seine Antwort war: Jede Republik wäre ein Fluch für Europa und der Kaiser von Österreich sei sein Freund und Bundesgenosse; er wolle nur sein Reich und keine Machtvergrößerung.« Der Graf lachte bitter. »Das ist die Einbildung, mit der sich dieser Mann von Granit selber täuscht. Ich habe so viel gesehen und gehört, hier und auf dem Wege hierher, daß ich weiß: er muß unterliegen, wenn er unsere Hilfe verschmäht. Österreich rechnet schon auf die Fürstentümer, und Preußen wird ihn unter keinen Umständen unterstützen.« »Persien,« sagte der General, »auf das Rußland sicher rechnete, hat alle Rüstungen wieder eingestellt. Ich weiß bestimmt, daß von England wegen Teilnahme an dem Kriege bereits mit Sardinien unterhandelt wird, um durch dessen Truppen ein gewisses Gleichgewicht gegen Frankreich herzustellen. Ich begreife übrigens den Zaren nicht; bei all seinem Haß gegen die Revolution stützt er sich doch hauptsächlich auf die der Griechen, und sein Kabinett sucht durch ganz Anatolien die Völkerschaften gegen den Halbmond aufzubringen.« »Die religiöse Anschauung dieses Mannes beherrscht seine politische. Er haßt den Islam und bildet sich in der Tat ein, einen Religionskrieg für die Befreiung der griechischen Kirche zu führen, während seine Umgebung, von Nesselrode an, sehr wohl weiß, daß der Krieg rein politisch ist. Ebenso täuscht er sich über die Einrichtungen und Verbesserungen, die er geschaffen. Er hielt sie für genügend zum Kriege. Doch wie sind Sie mit ihm auseinandergekommen und wie hierher nach Odessa?« »Ich habe ihm mein Ehrenwort als Soldat geben müssen, Rußland ohne weitere Verhandlungen und Schritte auf dem geradesten Wege – für mich also, da ich nicht durch Österreich und Preußen gehen konnte, über Odessa – und in der kürzesten Frist zu verlassen. Er ist Soldat und wir verhandelten wie zwei sich gegenüberstehende Feldherren miteinander. Er hat ausdrücklich jede Begleitung meiner Person verboten und sich auf mein Wort verlassen. Ich bin daher durch Ehrenpflicht gebunden.« »Haben Sie etwas von Bakunin erfahren?« »Er ist noch in Schlüsselburg, genießt aber größere Freiheit. Ich hörte, daß sein Onkel Murawiew sich für ihn zu erwärmen beginnt.« »Er hätte uns den Weg zur Republik bahnen können; es war ein Unglück, daß er sich in das nutzlose Spiel in Dresden mengte. – Was haben Sie nun nach dem Scheitern unseres Vorschlages beschlossen?« »Es bleibt uns nichts übrig, als vorläufig an den alten Plänen festzuhalten. Es stürzt Europa wenigstens für Jahre hinaus in Verwirrung und ermattet es. Wir haben noch immer den Vorteil, die günstige Gelegenheit ergreifen zu können; und da Rußland nicht mit uns sein will, müssen wir mit allen Kräften zu seiner Niederlage beitragen. Die höchste Gewalt richtet ihr Hauptaugenmerk jetzt auf Sardinien. Ich muß um jeden Preis sofort nach Konstantinopel, um dort allen Verdacht zu vermeiden.« »Das wird schwer sein,« meinte der Graf, »der Generalstatthalter hat alle Schiffe beschlagnahmt. Kein Boot darf den Hafen verlassen.« »Glauben Sie an eine Beschießung?« »Ich erwarte sie vielleicht schon morgen.« »Ich habe zufällig den Kapitän eines Marseiller Kauffahrers, der ›Antillen‹ aufgefunden. Er gehört dem zweiten Grade. Sein Schiff liegt im Quarantänehafen mit voller Getreideladung, aber unter Beschlagnahme und unter den russischen Kanonen.« »Wir müssen auf jede Möglichkeit vorbereitet sein. Lassen Sie uns ihn aufsuchen.«   Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Beschießung von Odessa eine von London her befohlene Vergeltung für die Schlappe von Sinope war. England konnte es nicht ertragen, daß Rußland einen Seesieg erfochten haben sollte; die englischen und französischen Zeitungen wetteiferten miteinander, den offenen und ehrlichen Angriff auf die feindliche, in feindlichen Handlungen beschäftigte türkische Flotte für eine Handlung von Barbarei auszugeben, »wie sie in der Kriegführung zivilisierter Nationen unerhört sei!« Durch diese Schaumschlägereien suchte man sich zu einem Rächer der beleidigten »Zivilisation« zu stempeln. Die englischen Schiffe betrachteten es offenbar als ihre Hauptaufgabe, die russischen Handelsniederlagen zu vernichten. Der erste Schlag sollte gegen Odessa geführt werden, die Handelskönigin des Schwarzen Meeres, die Kornkammer eines großen Teils von Europa. Die Veranlassung war leicht gefunden in der mutwillig herbeigeführten Beschießung des Parlamentärschiffes, das offenbar den Auftrag des Kundschaftens oder Herausforderns hatte. Daß die Beschießung bereits vor den Erörterungen mit den russischen Behörden beschlossen war, zeigen die einzelnen Daten und die schon am 14. und 15. April vorgenommenen Probebeschießungen. Der Briefwechsel der Vizeadmirale war daher nur eine Maske. Die Auslieferung der Schiffe durch die Russen wäre eine Feigheit gewesen, deren sich kein Soldat schuldig gemacht hätte.   Auf beiden Seiten wurde die Nacht mit den Vorbereitungen zum Angriff und zum Widerstand verbracht. Am Sonnabend, dem 22. April, morgens 6½ Uhr, gingen, nach den Befehlen der beiden Vizeadmirale, die zum Angriff bestimmten acht Dampfer, fünf englische und drei französische Fregatten, gegen den Hafen vor. Zunächst legten sich die beiden französischen Fregatten, ›Vauban‹ von 16 Kanonen, Kapitän d'Herbinghen, und ›Descartes‹ von 16 Kanonen, Kapitän Darricau, mit den beiden englischen Fregatten, ›Tiger‹ von 16 Kanonen, Kapitän Giffard, und, ›Sampson‹ von 16 Kanonen, Kapitän Jonas, etwa 5000-6000 Fuß weit vom Pratikahafen den Batterien gegenüber. In zweiter Linie standen die englischen Dampffregatten ›Terrible‹ von 21 Kanonen, Kapitän Claverty, ›Fourious‹ von 6 Kanonen, Kapitän Loring, und ›Retribution‹ von 26 Kanonen, Kapitän Drummond, sowie die französische ›Mogador‹ von 24 Kanonen, Kapitän de Wailly. Das englische Linienschiff ›Sans Pareil‹ und die Dampfkorvette ›Highflyer‹ hielten sich an der äußersten Grenze der Tragweite der Batterien, um nötigenfalls den Fregatten zur Unterstützung zu eilen. Außerdem stand eine Abteilung von Kanonenbooten unter Kommandeur Dixen in der Kampflinie. Die russische Mole und die Verteidigungslinie der beiden Häfen zählten 6 Batterien mit zusammen 48 Kanonen, die im Augenblick des Angriffs in Odessa stehenden Truppen an 25 000 Mann. Die Zahl der Geschütze, die gegeneinander feuerten, betrug daher ungefähr 150 gegen 50. In den obigen Angaben der Schiffsarmierung sind nur die schweren Geschütze einbegriffen, und das Kaliber übertraf durchgängig das der russischen Geschütze außerordentlich. Dadurch wurde es den Schiffen möglich, sich in großer Entfernung zu halten, so daß die Hafenbatterien Nummer 3 und Nummer 5 gar nicht am Kampf teilnehmen konnten, während sie dem feindlichen Feuer doch ausgesetzt blieben. Auf der rechten Seite der Reede lag die Batterie Nummer 1, und die Batterien liefen bis zur Vorstadt Perekop, wo sie mit Nummer 6 schlossen. Wenige Minuten vor 7 Uhr feuerte die ›Sampson‹ den ersten Schuß gegen die Batterien vor dem Pratikahafen ab. Damit begann der Kampf. Die feindlichen Schiffe fochten unter Dampf und bildeten einen beweglichen Kreis von etwa einer halben Meile Durchmesser, so daß im Vorüberfahren jedes Schiff seine Breitseite gab. Das erschwerte natürlich das Zielen der Russen außer der Entfernung, zuerst etwa 5000 Fuß, später etwas über 3000 Fuß, noch mehr. Dennoch antworteten die Kanonen auf der Mole kräftig und nicht ohne Glück. Nach Verlauf von etwa anderthalb Stunden mußte die ›Vauban‹ die Kampfreihe verlassen, von drei glühenden Kugeln getroffen, von denen die eine mehrere Speichen seines Schaufelrades zertrümmerte. Eine der letzten war zwischen die Radlücken eingedrungen und verglühte innen die Wand. Die Feuerpumpen der Fregatten spielten, um den Brand zu löschen, aber vergeblich – die ›Vauban‹ mußte sich in die Mitte des Geschwaders zurückflüchten und konnte erst um 12 Uhr wieder am Gefecht teilnehmen. Unterdes hatten die Admirale der zweiten Division den Befehl zur Teilnahme gegeben; die vier Fregatten rückten gegen 10 Uhr in den Gefechtskreis und begannen ihr alles niederwerfendes, furchtbares Feuer. Ein Hagel von Bomben und Granaten prasselte auf den Hafen und die anliegenden Stadtteile mit ihren Magazinen. Dennoch war der angerichtete Schaden anfangs verhältnismäßig nicht bedeutend. Die aufflammenden Feuersbrünste wurden bald wieder gedämpft, bis die sechs englischen Kanonierschaluppen den Versuch machten, am nordwestlichen Teil des Dammes, wo keine Batterie stand, mit Mannschaften zu landen, während sie zugleich eine Masse Vierundzwanzigpfünder auf die Schiffe des Hafens und die umliegenden Gebäude warfen. Bald standen dadurch sechs Magazine in Flammen, und die Fregatten näherten sich, um das Werk der Zerstörung zu vollenden und die im Freihafen eingeschlossenen Schiffe noch schneller zu vernichten. Unter diesen befand sich ein einziges kaiserliches Dampfpaketboot, die ›Andié‹, das von dem Kapitän sofort versenkt wurde. Das gleiche geschah mit mehreren anderen russischen Küstenschiffen. Acht von ihnen und ein österreichisches Schiff, die ›Sankta Catarina‹, verbrannten. Der schöne Woronzowsche Palast wurde durch Bomben in Brand geschossen, das Palais Royal mit der Statue Richelieus zerstört. In diesem gefährlichen Augenblick erschien auf der Höhe des sandigen Strandes, in der Nähe der Vorstadt Perekop, eine Feldbatterie von 7 Geschützen mit 6 Kompagnien Infanterie zur Deckung, um die Landung der Schaluppen zu hindern, und eröffnete gegen diese mit Erfolg Kartätschenfeuer. Die Schaluppen mußten sich mit Verlust zurückziehen und mehrere der Fregatten das Feuer aufnehmen. Ein Teil der Vorstadt Perekop geriet dabei in Flammen.   Unter der Menschenmenge, die den Kai am Morgen vor Beginn der Beschießung füllte, befanden sich auch General Tommaso und sein Freund. Der Hafen war bedeckt mit hin und her fahrenden Booten. »Sie wollen also dennoch den Versuch wagen?« »Wenn der Kapitän seine Schuldigkeit getan hat,« sagte der General, »und während der Beschießung nicht unglücklicherweise eine Kugel gleich das Schiff segelunfähig macht, hoffe ich, den günstigen Augenblick benutzen zu können. Leben Sie wohl, Freund! Die Verbindung durch das griechische Handelshaus haben wir genügend besprochen; Sie erhalten von Konstantinopel aus weitere Nachricht, wo ich das Eintreffen des französischen Prinzen abwarten werde. Behalten Sie die russischen Lieferanten im Auge; sie haben den Krieg in ihren Händen. Und jetzt – wo ist das Schiff? – Ich erkenne es in diesem Gewirr nicht.« »Die ›Antilles‹ ist das dritte vom Ausgang des Hafens. – Sehen Sie dort, ein anderer französischer Kauffahrer, ›Adèle‹ liegt hinter ihm. Hier ist das Boot und leben Sie wohl – die Zeit drängt.« In diesem Augenblick donnerte der erste Schuß der ›Sampson‹; der General sprang nach einem kurzen Händedruck in die Barke. In dieser Zeit der Verwirrung fragte niemand nach Paß oder Berechtigung; der Kai leerte sich rasch. Schuß auf Schuß krachte, während das Boot an die Seite des französischen Kauffahrers flog und der Fremde an Deck sprang. Dort war alles in Aufregung. Der russische Embargo -Beamte hatte das Schiff verlassen und der Kapitän sofort seine Leute versammelt und ihnen den Vorschlag gemacht, die Verwirrung eines bevorstehenden Angriffes zu dem Versuche zu benutzen, aus dem Hafen und somit aus der drohenden russischen Gefangenschaft zu entfliehen. Alle erklärten sich bereit, dem Kugelhagel zu trotzen. Als der General an Bord kam, war alles in voller Tätigkeit, das Schiff segelfertig zu machen. Ein Boot hatte den Kapitän des zweiten Schiffes von dem Vorhaben benachrichtigt; und in dem Augenblick, als durch den Angriff der Kanonenboote die Aufmerksamkeit der Verteidiger abgelenkt wurde, kappten beide Schiffe die Anker. Die ›Antilles‹ kam ohne erhebliche Beschädigung durch das furchtbare Kreuzfeuer und erreichte das Geschwader und das französische Admiralschiff ›Stadt Paris‹, wo Admiral Hamelin dem Kapitän den Rat gab, sofort nach Konstantinopel weiterzusegeln. Am 29. ankerte es mit seiner Getreideladung im Bosporus. Das andere Schiff, ›Adèle‹, erhielt zwar einige Kugeln und erlitt einige Havarie des Takelwerks, gewann jedoch gleichfalls bei dem ziemlich heftig während des ganzen Kampfes wehenden Winde die hochgehende freie See.   Die Batterie Nummer 6 am Ende der Mole war es, die den feindlichen Schiffen den meisten Schaden tat; daher richteten diese bei ihrem Kreisfahren ihr Feuer hauptsächlich auf sie. Schon zu Anfang war eines der vier Geschütze der Batterie zerstört und dabei der kommandierende Offizier schwer verwundet worden. Der Artilleriefähnrich Schtschegolew übernahm sofort das Kommando. Da jedoch der Feind außerhalb des Bereiches der dritten Kanone stand, so konnten nur die beiden Kanonen der linken Seite operieren; und mit diesen beiden Geschützen hielt Schtschegolew sechs Stunden hindurch stand gegen die Feinde, zuletzt gegen acht Dampfer und die Segelfregatte ›Arethusa‹. Der Pulvervorrat bei der schon halb zerstörten Batterie wurde jedoch durch eine Rakete in Brand gesteckt und flog in die Luft. Der Artillerist, der den neuen Pulverkarren herbeiführte, fiel. Der Kugelregen über den Weg war vernichtend und die Batterie längere Zeit ohne Munition. Da ergriff der herbeieilende junge Freund des tapfern Kommandanten, der Student Poel, die Zügel des Gespanns. Trotz dem eisernen Hagel brachte er glücklich den Pulverkarren in den Schutz der Batterie. Er warf seinen Rock ab und blieb bei dem Freunde, der nur noch von sechs Artilleristen unterstützt war; er half in der Bedienung der Kanonen und trug Geschosse herbei. Auch dies dritte Geschütz wurde zum Schweigen gebracht, mit ihm fielen zwei Mann. Unerschrocken setzten Schtschegolew und seine Tapferen das Feuer mit dem vierten fort. Erst nachmittags 2 Uhr, als die von der Batterie gedeckten Schiffe sämtlich in Flammen aufgegangen und die Batterie selber in Brand geraten waren, verließ der Fähnrich mit dem Studenten und den letzten drei Artilleristen sein letztes Geschütz. Nach 4 Uhr stellte die angreifende Division, der sich noch die französische Dampfkorvette ›Canton‹ angeschlossen hatte, ihr Feuer ein und kehrte zur Flotte zurück, vier ihrer Schiffe, die ›Descartes‹, ›Vauban‹, ›Mogador‹ und ›Terrible‹, im Schlepptau; die Havarie zweier von ihnen war das Werk der Batterie Schtschegolews. Die Verluste an Mannschaften auf der Flotte waren infolge der großen Entfernung verhältnismäßig unbedeutend. Sechzehn Schiffe und die Lager und Häuser des Freihafens waren größtenteils zerstört, keines der geforderten Schiffe dagegen genommen. Das war die »Genugtuung« der zivilisierten Westmächte. Deren amtlicher Bericht meldete: »Es konnte uns nicht in den Sinn kommen, der Stadt Odessa das geringste Leid zuzufügen, ebensowenig wie ihrem Handelshafen.« Am andern Tag, am Ostersonntag, erwartete man die Wiederholung der Beschießung. Während der Nacht hatten die Russen so gut wie möglich ihre Batterien wieder hergestellt, neue Verschanzungen aufgeworfen und starken Zuzug erhalten. Aber nur die Dampfkorvette ›Fury‹ näherte sich zum Auskundschaften des Hafens, an dem noch mehrere Gebäude brannten, und warf einige Granaten auf den Strand. Sie wurde mit starkem Feuer empfangen, ihr Kapitän verwundet. Ein Dampfboot, das auf der Höhe von Sewastopol zur Beobachtung der russischen Flotte mit acht anderen Kriegsschiffen kreuzte, brachte dem Admiral Dundas die Nachricht, daß an den russischen Schiffen vor Sewastopol eine ungewöhnliche Bewegung bemerkt wurde und deren Auslaufen möglich sei. Die vereinigte westeuropäische Flotte legte sich auf diese Nachricht hin weiter hinaus in See. Am 26. April, morgens 8 Uhr, verließ das Geschwader auch diese Stellung; drei der havarierten Fregatten und ein Linienschiff schlugen die Richtung nach Warna ein, der Rest der Flotte wandte sich nach Südosten. Um Mittag waren die letzten Schiffe außer Sicht.   Am Ostermontag begrub Odessa seine Toten. Zweihundert Mann wurden unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung vor den Toren in Massengräbern feierlich beigesetzt. Dreihundert Verwundete und Verkrüppelte lagen im Lazarett. Die Zerstörungen in der Stadt hatten viele Einwohner zu Bettlern gemacht. – Es war den Franzosen und Engländern nicht in den Sinn gekommen, Odessa das geringste Leid zuzufügen ...