Johannes Dose Im Kampf um die Nordmark Erzählung 1913 Den noch lebenden, letzten Kämpfern für Schleswig-Holsteins Recht und Freiheit, den Helden von 1848 bis 1852, sowie auch den tapfren Streitern von anno 64 in deutscher Dankbarkeit gewidmet vom Verfasser Erster Abschnitt. Die tiefunglückliche Ehe zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark. Das frühere Herzogtum Schleswig ist mir das heimatliche, herrliche Land, ist mein ureignes, urliebes, urtrautes Ländchen, darin mir jede Bucht und Schlucht, jeder Hain und Hügel, Höhe und Heide wie mein Erbeigentum ans Herz gewachsen ist, obwohl ich davon nur fünf Geviertmeter, die ich mir zur Grabstätte erwarb, als unbestrittener und eingetragener Grundherr besitze. Diese Nordmark, die unsre Väter bei Düppel mit Blut erwarben, ist ein recht kleines Land, das mit seinem kraftvollen, konservativen, kernigen Volke nach drei Seiten hin Grenzwacht hält und tapfer sich wehrt, hüben dem lieblichen, aber launenhaften Ostmeer, drüben der wilden Nord- und Mordsee und an der Königsau dem verhaßten Freiwerber, der seit Jahrhunderten frech und fruchtlos um Slesvigias Huld und Hand buhlt, stolz, starr und steifnackig Trutz bietet, unten an der Eider jedoch an das Holstenland, sein ihm auf ewig verbundenes Ehgemahl, hingebend und herzlich sich anschmiegt. Recht klein, schmal und kurz, zwischen zwei Meere eingezwängt, ist mein lieb Heimatland – aber nicht nach der körperlichen Breite und Länge werden die Menschen und Völker gemessen und gewertet. Mein Schleswig hat seinen Namen und Wert in der Weltgeschichte, denn es hat ein Weltreich ins Wanken gebracht und den Grund eines Weltreiches gelegt. Vor seinen Söhnen, den rauhen, reckenhaften Cimbern, die mit Weib und Karre, Kind und Köter durch Gallien sich wälzten, flohen die Legionen, und zitterte das ewige, unbesiegte Rom in jener kopflosen Panik, die fortan der cimbrische Schrecken hieß. Drei Jahrhunderte später haben meine wackren, wohledlen Urväter, die Angeln, die in diesem engen Gau hausten und mehr Ellbogenfreiheit begehrten, ihre Küste verlassen und ihre Koggen gelichtet, um auf Britanniens gesegnetem Eilande ein neues Angelland zu gründen, und also wurde das kleine Schleswig die Ureltermutter des großen Weltreichs, das heute noch nach ihm England sich nennt. Wahrlich, der Nordgau Germaniens hat eine große Vergangenheit. Das aber ist Schleswigs schönster Ruhm und höchste Ehre, daß unser vom Dänenzwingherrn hart bedrängtes, hilfeflehendes Land Anlaß, Anfang und Ursache der neuen deutschen Geschichte wurde, daß unser Dannevirke und Düppel die ersten Etappen auf dem Heldenwege waren, der über Königgrätz und Sedan führte und im Spiegelsaale von Versailles wunderbar endete. Alles Große hat einen unscheinbaren und kleinen Anfang. Was ist weniger und flüchtiger als ein Wort? Aber ein Wort, zur rechten Stunde gesprochen, richtet ungeahnte, ungeheure Dinge aus. Die tapfren Thesen Doktor Luthers liefen wie ein Feuer durch Europa und entflammten die Völker, Roms Ketten zu brechen. Das berückende Feldgeschrei der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprach den Himmel auf Erden, fegte die Köpfe hinweg und hat die Hölle in Frankreich entfacht. Ein markiges Schlagwort ist ein Funke, der in Zunder fliegt, ein dröhnendes Schlachtlied ist ein Zauberer, der Millionen erhebt und elektrisiert. Wir haben es in jenen schwülen Sommertagen Anno 70, als das Gewitter am Rhein losbrach, erlebt, wie der tosende Ruf »Zum Rhein, zum deutschen Rhein« von den Alpen bis zum Belte durch Städte und Weiler sturmgleich brauste und vierzig Millionen Deutsche begeisterte, verzückte und berückte. Die Wacht am Rhein war das Schutz- und Trutz-, Schlacht- und Siegeslied, das wie ein Heer über den Rhein sich wälzte, die Höhen von Spichern erstürmte, die Feinde schlug; die Wacht am Rhein hat Frankreich besiegt, Paris genommen, das Reich geeint und den Kaiser gekürt. Das ist des Gesanges gewaltige, göttliche Macht. Ein Menschenwort, das der Dichter reimt und der Sänger vertont, wird eine Großmacht, welche die Völker hinreißt und hypnotisiert und die Weltgeschichte wandelt. Die Wacht am Rhein war eine Gottesweihe, ein Geist, eine Taufe, ein ganzes Heer, das mit uns focht. Dennoch weiß ich ein Lied, das in meiner Jugend mich und meine Altersgenossen noch mehr begeisterte und berückte. Wohl zogen wir, wenn Schlag auf Schlag, Wunder über Wunder die Siegesnachrichten eintrafen, laut singend im Triumph und auch den Dänen der Grenzstadt zum Trotz durch alle Gassen, und wir schmetterten aus voller Brust, daß die Fenster des dänischen Dannevirke-Redakteurs klirrten, »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«, bisweilen auch auf ausdrücklichen Lehrerbefehl und sehr viel gedämpfter »Ich bin ein Preuße«; jedoch am häufigsten und höchsten und aus dem vollsten Herzen hallte unser Heimatlied aus allen Knabenkehlen. Wenn unser Schleswig-Holsteinlied angestimmt wurde, war jeder hingerissen, und die machtvollen Klänge schmetterten durch die engen Straßen. Unser »Schleswig-Holstein meerumschlungen« war uns das Lied aller Lieder, das hehre Hohelied des Vaterlandes. Wo auch immer diese Melodie ertönte – sofort war jeder Knabe und Jüngling, aber auch jeder Mann und Greis entzündet und entzückt. Dann wogte das ruhige Cimbernblut in heftiger Wallung, in starken Schlägen pochte das Herz für das engere, einzige, meerumspülte Land. Dieses Schleswig-Holstein meerumschlungen hatte schon am Tage seiner Geburt eine wunderbar hinreißende, ja hypnotische Wirkung, und seine Melodie hat über jeden wahren Schleswig-Holsteiner bis auf den heutigen Tag eine magische Gewalt. Die Allerältesten im Lande, die das Ehrenkreuz von Idstedt tragen und gern von den Zeiten ihrer Jugend sinnen und eine lange Rede spinnen, erzählen mit jung leuchtenden Augen von dem großen Sängerfeste in der Stadt Schleswig Anno 1844. Auf der weitblickenden Höhe über der Stadt, wo das Auge die Schlei, Schloß Gottorp, Dannevirke, Hethaby und alle großen Stätten unsrer Geschichte überschaut, hatten alle Sängervereine sich versammelt, und zu ihren Häupten flatterte die blau-weiß-rote Fahne, von Jauchzen begrüßt. Eine atemlos lauschende Andacht entstand, als ein Gesangverein das Schleswig-Holstein meerumschlungen, das Chemnitz, sonst ein Poet ohne Rang und Klang, in gottbegnadeter Stunde gedichtet und der sanfte Kantor Bellmann gar mächtig-trutzhaft vertont hatte, zum ersten Male vortrug. Die paar Augenzeugen, die noch leben, erzählen von dem ungeheuren Eindruck des Liedes, das auf die vieltausendköpfige Menge wie eine Offenbarung wirkte. Eine förmliche Ekstase entstand, verständige Holsteiner und Schleswiger, die sich nie gekannt, umarmten sich, allen war das Herz zum Ueberströmen, viele sangen und schrien den Kehrreim wohl zwanzigmal. Immer wieder verlangte die Volksmenge eine Wiederholung des Liedes, das an dem Tage von allen Lippen und bis nach Mitternacht durch die nächtlichen Gassen tönte. Der Gesang, den tausend Sänger im Herzen von hinnen trugen, trat einen beispiellosen Siegeszug durch ganz Deutschland an und wurde das populärste patriotische Volkslied seiner Zeit in ganz Germanien. Das wunderbare Lied wurde ein Werber für unsre Sache, ein Prophet der Freiheit, ein Rufer im Streit, ein Führer im Kampf. Das Wort hat wahrlich große Dinge getan. Es war ein heller Glücks- und Gnadentag, an dem es aus der Taufe gehoben wurde, und es blieb im Gedächtnis der Augenzeugen ein unvergeßlicher, seliger Tag. Vierhundert Jahre liegen zwischen dem seligen und dem unseligsten Tag in schleswig-holsteinischer Historie. Es gab einen dunklen und schwarzen Tag, den die blinden Toren freilich mit Glockengeläut feierten, in den Annalen des Landes. Jener Mittwoch nach Invocavit Anno 1460, als die Ritter und Stände Schleswig-Holsteins dem König Christian I. von Dänemark huldigten und ihn zum Herrn und Herzog Schleswig-Holsteins kürten, das war der verhängnisvollste und unseligste Tag in der ganzen Geschichte Nordalbingiens. Der letzte Herzog, der achte und vieledle Adolf, von dem es noch nach hundert Jahren im Volke hieß, es sei nicht mehr wie »to Hertog Adolfs Tiden«, war kinderlos gestorben, und der Graf von Schauenburg-Pinneberg, ein kleiner Duodezfürst, der nicht so viel Land und Leute, Macht und Silbermark wie mancher Ritter von Rantzau besaß, verlangte als rechtmäßiger Erbe die Huldigung und Herzogskrone; doch die hochmütigen Ritter und Prälaten verachteten in ihrem dummen Stolz das unmächtige Gräflein von Pinneberg, ließen sich durch die süße und falsche Schmeichelrede Christians, durch den Glanz und das Gold der Majestät, durch dänische Einflüsterungen und Bestechungen betören und wählten den Oldenburger, den Adolf VIII. zum König von Dänemark gemacht hatte, zu ihrem Herzog und Herrn. Der Tag von Ripen, wo der Bischof von Schleswig vom Balkon des Rathauses Christians Wahl freudig verkündete, hat sich bitter gerächt und ist der traurigste Tag unsrer Geschichte geworden. Was zu Ripen törichter Stolz, feiler Verrat, völlige Verblendung verbrach, das hat das meerumschlungene Land vier Jahrhunderte lang bitter bereuen und büßen müssen. Weil die Wähler das gute Recht des Pinnebergers beugten, ist Schleswig-Holsteins Recht gebeugt und gebrochen worden. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Wohl hatten sie auf dem Pergament des Landes Selbständigkeit wohl verwahrt und alle Rechte durch Schrift und Siegel, Eid und Handfeste sich verbriefen lassen. Der glatte, schlaue Christian duckte und demütigte sich vor den hohen Holstenherren, versprach und gelobte alles, um alles zu erhalten. Der König stellte als Herzog von Schleswig und Graf von Holstein zwei Wahlurkunden aus, darin er die Privilegien des Landes bestätigte und beschwor. Schleswig und Holstein sollen auf ewig zusammen, ungeteilt und ungetrennt bleiben – »dat se bliven ewig tosamende ungedelt!« Die Prälaten, Ritter, Städte und Einwohner haben ihm nicht als einem Könige von Dänemark gehuldigt, sondern nur als dem Herrn, den sie zum Herzog und Grafen gekürt. Solches heißt in der Sprechweise unsrer Zeit: Dänemark und Schleswig-Holstein sind getrennte, selbständige Staaten, die nur durch Personalunion verbunden sind, so daß der Fürst König des einen und Herzog des andren Landes ist. Das ist das fundamentale, mit vielen Königseiden beschworene Staatsgrundgesetz Schleswig-Holsteins, das trotz Siegel und Schwur immer mehr zerbröckelt wurde. Die anderen Gerechtsame lauten: der König darf von den Einwohnern keinen Heeresdienst außer Landes fordern, keine Schätzung und Steuer, welche die Stände nicht bewilligt haben, begehren, wird auch nie mit großer Hofhaltung und Aufwand seine deutschen Lande beschweren. Item, zu Beamten sollen nur einheimische Landeskinder berufen und bestallt werden. Die verblendeten Herzogswähler von Ripen hatten fürsorglich des Königs Willkür beschnitten; auf dem Pergament war alles Wohl verwahrt und verklausuliert für ewige Zeiten. Aber es kam bald die Zeit, wo Dänemark dieses papierne deutsche Recht unter die Füße trat. Es kam, was kommen mußte, was ein Blinder hätte voraussehen und ein Tor hätte weissagen können – sehr bald hat der König den Herzog vergessen, verschluckt und verschlungen. Der Herzog von Schleswig-Holstein übte Verrat an sich selbst und seinen deutschen Landen. Schon nach einem Jahre wurde der geschmeidige Christian I., der so demütig sich beschneiden ließ und das Blaue vom Himmel heruntergelobt und gelogen hatte, zum wortbrüchigen Manne an seiner Wahlurkunde. Der ewig borgende Fürst, »die bodenlose Tasche« von den Schweden genannt, ließ 1461 eine außerordentliche Schätzung in den Herzogtümern ausschreiben trotz des Pergaments. Zwei Jahre später pfiff er noch kräftiger auf die tapfer beschworenen Privilegien, und die Schleswig-Holsteiner, die zu keinem Kriege außer Landes verpflichtet waren, mußten Heeresfolge leisten, blutige Köpfe und böse Schläge bei den schwedischen Bauern sich holen. Es ist nicht mehr und in vier Jahrhunderten nie wieder geworden wie zu Herzog Adolfs Zeiten. Diese laute Volksklage erhob sich und verstummte nicht mehr. Die Übergriffe Dänemarks, die Anklagen Schleswig-Holsteins, das als reiches Land unverschämt besteuert wird und die ewig leeren Kassen des Königreichs füllen muß, hören nicht auf, das Kerbholz, auf dem die Sünden Dänemarks stehen, wird übervoll, die Kluft zwischen der Monarchie und den Herzogtümern wird immer tiefer und die Abneigung zum Haß. Das ist im 19. Jahrhundert das Ende der zu Ripen geschlossenen, tiefunglücklichen, unseligen Ehe: Schleswig-Holstein war nicht das gleichberechtigte Ehgemahl, sondern die dienende Magd, ja die Kuh, die gemolken, das Schaf, das geschoren wurde. Darum wurde der Ruf »Los von Dänemark« immer lauter, immer größer die deutsche Bitternis, immer schreiender das Verlangen des bedrückten Teils, daß die Zwangsehe gelöst und geschieden werden müsse. Das kleine Dänemark konnte seine kurze Großmachtrolle in der Geschichte nicht vergessen, hatte immer eine zu hohe Meinung von seiner eignen Bedeutung und spreizte sich nicht wenig mit seiner wahrhaft schönen Flotte. Die herrliche Flotte, auf die es so eitel war, wurde Dänemarks Verderben und erregte in dem größeren Nachbar lüsterne Gefühle. Das ewig argwöhnische England sah mit Neid die vielen stattlichen Orlogsschiffe am Sunde und hatte böse Beklemmungen und Ahnungen, daß ein andrer und noch gewiegterer Räuber, der das Diebsmetier im großen, die kühne Kaperei noch genialer ausübte – nämlich Bonaparte – ihm zuvorkommen und die schmucken Danebrog-Schwäne wegstiebitzen könne. Darum brachte Albion mit falsch-frommer Miene eine innige Freundschaft, eine intime Alliance in Vorschlag und forderte dreist und gottesfürchtig, daß sein Herzbruder Dänemark ihm die schöne Flotte, damit sie nicht abhanden komme, in sichere Verwahrung gebe. Der Däne fürchtete, seine Orlogsschiffe nicht wiederzusehen, und lehnte das freche Ansinnen des englischen Fuchses entrüstet ab. Da hat das skrupellose Albion die Flotte eigenmächtig in Verwahrung genommen, gestohlen und geraubt, wie der Kopenhagener, der dazumal das grausige Fluchen gelernt haben soll, schrie und tobte. Der englische Admiral hat mitten im hellsten Frieden ohne Kriegserklärung die Reede überfallen, Kopenhagen bombardiert und die stolzen Schwäne weggeführt. In begreiflichem Jähzorn über den unerhörten Raub, aber in unbegreiflicher, unpolitischer Kurzsichtigkeit warf sich der Dänenkönig in Napoleons ausgestreckte Arme, die verhängnisvolle Alliance mit Frankreich wurde geschlossen. Durch dieses dumme Bündnis, das der König-Herzog Friedrich VI. mit eigensinniger, unsinniger Treue bis zum eignen Untergange hielt, ging Norwegen, gingen Tausende von Schiffen, die England kaperte, gingen Millionen über Millionen, gingen Handel, Wandel und Wohlstand zum Teufel, und das Land stand vor dem Ruin. Ein Heer von 105 000 Mann, so daß die bewaffnete Macht fünf Prozent der Bevölkerung betrug – ein ungeheuerlicher Prozentsatz, da im Deutschen Reiche die Heeresstärke kaum ein Prozent beträgt –, wurde jahrelang auf Kriegsfuß gehalten und verschlang jährlich 126 Millionen, d. i. – mirabile dictu – der fünffache Betrag aller Staatseinnahmen. Um den furchtbaren Geldnöten zu begegnen, verfielen die Minister in Kopenhagen auf den kindlich leichtfertigen Ausweg, immer mehr Papiergeld, ohne entsprechende Silberbestände, auszugeben, denn Papier ist geduldig und wohlfeil. Diese gaunerische, papierne Goldmacherei mußte zum Finanzkrach führen und endete mit dem berüchtigten Staatsbankerott Dänemarks. Die Hauptlast aber wurde dem Stiefkinde, den Herzogtümern, schändlich aufgebürdet. Man höre und staune! Um der völligen Entwertung des Papiergeldes vorzubeugen, wurde eine Reichsbank errichtet, die keinen Pfennig Geld besaß, aber, um ein finanzielles Fundament zu haben, so einfach wie unerhört eine hypothekarische Forderung von sechs Prozent des Wertes an allem unbeweglichen Eigentum in der Gesamtmonarchie durch königlichen Machtspruch erhielt. Ein beispielloser Eingriff in das Privateigentum, eine brutale Beraubung des Einzelnen von Staats wegen und im Namen des Königs war diese sogenannte Bankhaft, die jeden Hof- und Hausbesitzer mit einem Federstriche um den sechzehnten Teil seiner Habe erleichterte. Wer in Schleswig-Holstein eine Hufe, ein Haus, eine Hütte, einen Acker besaß, wurde nicht zu niedrig geschätzt und vernahm mit Entsetzen, daß sechs Prozent seines Eigentums fortan der Reichsbank gehörten, und daß er die festgesetzte Summe in bar zu zahlen oder mit 6 ¼ Prozent – mit Wucherzins – zu verzinsen habe, widrigenfalls die rohen Exekutoren der Obrigkeit ihn von Haus und Hof jagten. Derartiges ist seit den Tagen der Barbarei einem Kulturvolke nicht geboten worden. Die Beraubung, die den schönen Namen Bankhaft erhielt, wurde in den Herzogtümern sehr rigoros, aber in Dänemark äußerst sanft und gelinde und schließlich nur zu einem geringen Teile durchgeführt. Dem Enkel und Nachfahr, der solches liest, läuft noch die Galle ins Blut. Schleswig-Holsteins Klagen wurden nicht gehört. Als jedoch die dänischen Grundbesitzer laut jammerten und stöhnten, daß sie durch die Abgabe ruiniert würden, hat die Regierung ein menschliches Rühren verspürt und schlankweg fünf Sechstel der gesamten, auf dem Grundbesitz in Dänemark ruhenden Banklast auf die gemeinschaftliche, wohlgemerkt, auf die mit den Herzogtümern gemeinschaftliche Staatskasse, welche Schleswig-Holstein fast zur Hälfte füllen mußte, durch einen zweiten königlichen Federstrich übernommen. Das heißt: Die Herzogtümer mußten nicht nur ihre eigene Banklast voll und ganz tragen, sondern auch, um die dänischen Grundbesitzer zu entlasten, viele Millionen in den gemeinsamen Staatssäckel schütten, so daß sie bei dieser berüchtigt-ruchlosen Vermögens-Konfiskation fast vier Fünftel des Gesamtbetrages bezahlt und eingebüßt haben. Jetzt sahen sogar die Geduldigen und Stillen im Lande, daß Nordalbingien für Dänemark die dienende Magd, der Lastesel, dem die Steuern aufgebürdet wurden, geworden sei; mit Zorn und Schrecken erkannten die Patrioten, daß die fruchtbare Heimat ausgepreßt und ausgepowert werde und unter dem stiefmütterlichen, ungerechten Zepter des Herzogs verarme und verkomme. Wo es an den Geldbeutel geht, soll die deutsche und selbst die sächsische Gemütlichkeit aufhören. Der Holste hängt am sauer Erworbenen und spart mit Fleiß; wer seinen Beutel schröpft, greift ihm ans Herz. Noch viel größer aber ist die cimbrische Geduld und Treue. Obgleich seine Langmut auf harte Proben gestellt wurde, zettelte der Holste keine Verschwörung an, jeder Gedanke an Empörung lag ihm so himmelfern, wie die Treue dem Trug und der Tücke. Nur der Grimm erwachte, der Widerwille gärte, der heiße Dänenhaß fing an zu glühen, und die deutsche Sehnsucht nach Erlösung wühlte in der Volksseele. Da tauchte ein Hoffnungsstern am politischen Horizonte hell auf. Gott selbst, der die Könige werden und welken läßt, hatte anscheinend beschlossen, die unnatürliche Verbindung auf gesetzlichem Wege in naher Zukunft zu lösen. Das oldenburgische Königshaus nämlich, das von jeher zu viele wilde Ranken getrieben und in Ausschweifungen seine Kraft vergeudet hatte, war jetzt am Verdorren und stand nur noch auf sechs Augen. Friedrich VI., der bis 1840 als König jenseits, als Herzog diesseits der Königsau regierte, hatte keine Söhne und nur zwei Töchter hinterlassen, sein Vetter und Nachfolger, Christian VIII., besaß nur einen einzigen, sittlich verkümmerten, durch skandalöse Dinge herostratisch berühmten Sohn, der zweimal ebenbürtig vermählt, aber auch zweimal seiner Brutalität wegen geschieden war und keine legitimen Kinder hatte oder nach menschlicher Voraussicht hinterlassen würde. Dieser kronprinzliche Tunichtgut war des Dänenlandes Zukunftssorge, aber Schleswig-Holsteins Zukunftshoffnung, insofern dieser Frederik keine Nachkommen hinterlassen und mit ihm das Königshaus im Mannesstamm erlöschen werde. Ein wahres Glück, daß die Erbfolge in solchem Falle in den Herzogtümern eine andere als im Königreiche war! In Dänemark bestimmte die Lex regia Friedrichs III. die Thronfolge, so daß der Weiberstamm erbberechtigt sein solle, sobald der letzte männliche Sproß Friedrichs III. gestorben sei. Aber nach dem Thronfolgerechte Schleswig-Holsteins, das kein Weiberregiment duldete, durfte nur ein Mann die Krone tragen. Sobald der ominöse Erbprinz, das enfant terrible des Oldenburger Hauses, die verliebten Augen schloß, mußte die Weiberlinie, eine der Töchter Friedrichs VI., im Königreich zur Herrschaft gelangen. Doch mit nichten und nimmermehr in den Herzogtümern, wo der Mannesstamm der sogenannten jüngeren königlichen Linie, der Herzog von Augustenburg, durch Erbgesetz, von Gottes Gnade und nach des Volkes Willen die Herzogskrone erben mußte. Die Stunde, wo jener terrible Prinz zu seinen Vätern sich versammelte, machte dem Unfug von Ripen, der Personal-Union, ein Ende und löste die Zwangsehe auf geschichtlichem, gesetzlichem Wege. Die Trennung von Dänemark, das Recht der Herzogtümer auf einen eigenen Herzog, das Erbrecht des charaktervollen, echt deutschen Augustenburgers, das war sonnenklares, von allen Rechtsgelehrten festgestelltes Recht vor Gott und Menschen. Nichts ist jemals klarer und gewisser auf Erden gewesen. Das geduldige Cimbrien hatte eine feste Hoffnung und harrte der baldigen Scheidestunde entgegen. Aber die Dänen sahen mit Angst dem Tage entgegen, wo Schleswig-Holstein nicht mehr zu schröpfen war; dem Königshause war es ein grauenhafter Gedanke, die kleinere, aber bessere Hälfte seines Gebietes zu verlieren und einen Liliputstaat zu behalten. Anstatt dem Willen der Vorsehung, dem klaren Erbfolgegesetz, dem heiligen Rechte die Ehre zu geben und in die unabänderliche Scheidung sich zu schicken, haben die letzten Oldenburger Könige mit allen, auch unerlaubten Mitteln, zuletzt durch Machtsprüche und Rechtsbrüche versucht, den drohenden Verlust zu verhüten und wenigstens Schleswig zu retten, d. i. zu rauben. Ihre Rabulisten und Rechtsverdreher verdrehten und verdunkelten die Wahrheit, schrieben und schrien: während Holstein ein deutscher Bundesstaat sei, habe Schleswig nie zum Bunde gehört und sei darum mit Dänemark unauflöslich verbunden. Der Cimber dagegen setzte den Fuß hart auf den Grund und hob die Wahlfeste von Ripen hoch in der Hand: Schleswig und Holstein sollen up ewig ungedelt zusammen bleiben und einen Herrn haben! Das war die Streitfrage, die alle Gemüter aufwühlte, und das der Kampf, der zunächst in Wort und Schrift, mit Zunge und Feder immer hitziger und erboster zwischen Dänen und Deutschen ausgefochten wurde. In einer wunderbar belebten, tiefgährenden, Neues gebärenden Zeit, in dem so viel besprochenen, so wenig bekannten Grenzland Nordschleswig, wo ein breites, unschönes, sang- und klang- und literaturloses Plattdänisch dem volltönenden, reinen und reichen Hochdeutsch einen bäurisch zähen, trotzköpfigen Widerstand leistet, beginnt die wahre Mär, die auf diesen Blättern so erzählt wird, wie sie von Augenzeugen berichtet und von meiner Sippe erlebt und erlitten wurde. Zweiter Abschnitt. Wie der arme Ziegelstreicher ein reicher Gutsbesitzer wurde. Ein alter Kanzelkapuziner des nordalbingischen Landes hat mehr drastisch-plattdeutsch als hochpoetisch sein Schleswig-Holstein mit einem Pfannkuchen verglichen, dessen dicke und deftige Mitte etwas mehlig im Munde sich ballt und am wenigsten begehrt wird, während die knusprig zarten Ränder unbestritten und überall die liebsten und leckersten Stücke sind. Auch mein geliebtes Nordschleswig ist einem nordschleswigschen Dorfpfannkuchen sehr ähnlich geworden, sintemal seine allzuweite und breite Mitte recht trocken-mehlig-sandig geraten ist, aber – alle Achtung vor dem Reste – seine Ränder hüben und drüben an Ost- und Westsee sind ein tadelloser, ganz vortrefflicher und gierig begehrter Länderbissen, den die germanischen Stiefbrüder auf beiden Seiten verschlucken wollten, und man begreift es, daß sie sich so heftig um den fetten Schmarren gerissen haben. Insonderheit das östliche Küstenland glänzt von Fett und Fruchtbarkeit, wie das gepriesene Land Gosen, grünt und blüht mit seinen Rosen-, Flieder-, Jelängerjelieber-Hecken und dem schmetternden Singvögelheer wie ein wahrer, wonniger Garten, und fremde Augen, die an einem Mittsommertage an den Föhrden von Alsen, Apenrade und Hadersleben vorüberfuhren, haben voll Erstaunen und Entzücken dieses Land einen einzigen, endlosen Park, ja ein kleines Paradies genannt. Saubere, schmucke Dörfer, die voll Wohlhabenheit und Wohlbehagen sich sonnen, reiche Dörfer mit der massiven, weiß getünchten Kirche im Lindenhaine, mit den strohgedeckten, aber stattlichen Bauerngehöften und dem alten, idyllischen Pastorat lugen traulich hinter den hohen Knicks der goldenen Weizenfelder, der roten Kleekoppeln hervor. Ueberall wird die anmutige Landschaft belebt von dem rotbraunen oder rotweißen Vieh, das in langer Reihe am Tüder bis zu den Knien im Grase steht und eifrig rauft, von einer braunen Stute, die nach ihrem naseweisen, neugierig am Hecktor spähenden Füllen wiehert. Ein solches rechtes, reiches nordschleswigsches Kirchdorf war vor sechzig Jahren und ist noch heute das Dorf Hyllerup, das den allerbesten Boden, mehrere große Bauernhöfe, eine geräumige Kirche mit Turm, ein altmodisches, unendlich gemütliches Pfarrhaus und eine sehr einträgliche Pfarrstelle hat. Man kennt Hyllerup von weither an der landbekannten Kuriosität seiner Kirche, die auf ihrer höchsten Spitze nicht einen Turmhahn, sondern eine Turmhenne trägt. Die stillstrebsamen Hylleruper hatten schon vor zwei Jahrhunderten ihren eigenen Kopf und ihre eigene Klugheit und darum nicht den unnützen Kräher, sondern die fleißige Eierlegerin als Sinnbild gewählt und auf den Turm gesetzt. Ein Sprichwort dazulande sagt: »Du stehst mitten im Wege, wie die Hylleruper Kirche.« Ja, das Gotteshaus mit seinem Friedhofgarten liegt mitten im Dorf und mitten im Wege, denn alle Wege führen um den Kirchhof herum, und von dem Rondel laufen vier Straßen in die vier Himmelsrichtungen. An dem südlichen Wege nach Faustrup stehen Bauernhöfe von verschiedener Größe, aber der ganz gleichen Bauart; jedes Gehöft bildet mit seinen drei Scheunen und dem Wohnhaus als hinterste Seite ein längliches Viereck, eine geschlossene Bauernburg, die nach der Straße zu eine Toreinfahrt hat. Im Hofe dampft der duftende Dunghaufen, auf dem die Hühner scharren und ihr halbes Futter finden. Viel Dung viel Korn, viel Korn viel Geld, viel Geld viel Ehr', pflegt Jep Hansen, der größte, reichste und angesehenste Bauer, zu sagen. Sein Gehöft erregt sofort durch seine imposante Größe die Aufmerksamkeit. Das Wohnhaus zwar ist alt und einstöckig, ein langes, niedriges Fachwerkgebäude, die Ställe und Scheunen jedoch haben eine solche Ausdehnung und Größe, daß der Bauernhof anderswo und ohne Scheu ein Rittergut sich nennen könnte. Wer durch die langen Ställe schreitet, muß unwillkürlich und erstaunt die gehörnten Häupter und die schweren Gäule zählen. In zwei Reihen stehen 118 Stück Vieh, und 17 Pferde rupfen das duftende Kleeheu aus den Raufen. Dieser Landbesitz, der Hylleruphof genannt wird, hat den Viehbestand und die Landfläche eines Rittergutes, aber der Besitzer, der 800 Morgen der besten Aecker und Weiden sein eigen nennt, will nur ein Bauer sein und mit Stolz ein Bauer heißen. Bauernhöfe von gleicher Größe und Güte sind in Nordschleswig keine Rarität. Der kurze Wintertag – es ist der drittletzte Tag des Jahres 1846 – ist gar nicht recht hell geworden und geht schon in Zwielicht der langen Nacht entgegen. Aus dem Stalle, wo eine wertvolle Kuh soeben mit viel Not und Nachhilfe ihr Kälbchen zur Welt gebracht hat, stapft in plumpen Holzschuhen ein knochiger, mehr von der vielen Arbeit als vom Alter vornüber gebeugter Mann, der Wohl seine 60 Jahre trägt und manchen Sack Korn auf dem runden Rücken geschleppt hat. Seinem Aeußeren und allem Anscheine nach ein alter, treuer Hofknecht, der das Vertrauensamt des ersten Kuhfütterers versieht. Er schiebt die Mütze aus dem verrunzelten, wettergegerbten, von einem grauen Bartkranze umrahmten und seit dem Weihnachtsabend unrasierten Gesicht und kraut das dünne, über die Ohren gekämmte Haar. Die Kalbkuh, die nach der Geburt zu fiebern scheint, ist seine Sorge. Er kneift das eine Auge halb zu und blinzelt mit dem anderen, was seinem Gesichte einen verschmitzten Ausdruck gibt, denn er rechnet und redet mit sich selber. Hum, hum, der Tierarzt läßt sich jeden Gang mit einem Taler und sechs geschriebene Worte mit drei Kurantmark bezahlen, das ist ärgerliches und oft weggeworfenes Geld, und das Tierdoktorbuch, darin Bodil nachlesen kann, was gegen Milchfieber der Kühe zu machen ist, ist der billigste Tierarzt. Der Alte, der einen Rock von selbstgewebtem Want und eine wildlederne Hose trägt, streift auf dem Hausflure die mit einem Strohwisch ausgepolsterten Holzschuhe von den Füßen und geht nach Domestikenart auf bloßen Strümpfen in das Wohnzimmer mit der blendend weißgescheuerten Diele, wo ein junges, hoch und kräftig gebautes Mädchen, das wohl durch sein frisches Gesicht, aber nicht durch seine unbäuerisch feinen Züge in die Umgebung hineinpaßt und durch seine prächtige, wahrhaft junonische Figur auf Schönheit Anspruch erheben könnte, ihn mit den energischen Worten empfängt: »Vater! Du mußt dich schnell anziehen, es ist höchste Zeit ... und dich rasieren!« Sie streicht mit der Hand über die Bartstoppeln hin, und das Streichen wird zum Streicheln und Schmeicheln. Der alte Kuhfütterer in Holzschuhen, den man für einen Knecht hielt, ist der Herr von Hylleruphof, der mit manchem Rittergut nicht tauschen würde! Jep Hansen, ein Mann von kerniger, zuweilen knorriger und kurioser Eigenart, war eins von den Originalen, die Anno 46 schon selten, aber noch nicht ausgestorben waren. Obwohl er eine mehr als dürftige Schulbildung besaß, nur mit Mühe seinen Namen malen konnte und beim Lesen alle langen Worte halblaut buchstabierte, war er, soweit sein geistiger Horizont reichte, ein weltkundiger und kluger Bauer, der durch angeborenen Mutterwitz, offne Augen, gesundes Urteil die fehlende Schul- und Buchweisheit ersetzte und alle Bauern in Hyllerup überragte. Sogar die beiden, die von einigen und zumeist von sich selbst für die Intelligenzen des Dorfes gehalten wurden, den Danebrogsmand Hans Peder Sjöberg und den Bauernsohn Rolf Krake Hansen, der auf Seeland ein halbes Jahr Verwalter gewesen war und seitdem nur hochdänisch sprach, hat Jep häufig durch dummlistige »schweinspolitsche« Fragen aufs Glatteis oder ad absurdum geführt. Der Pastor Fangel in Hyllerup hatte seine Freude an dem Alten und pflegte zu sagen, Jep Hansen sei der einzige Bauer, der eine wirkliche Unterhaltung zu führen verstände. Der Großbauer, der sein einziges Kind, die stattliche und städtisch gekleidete Bodil, halb liebevoll, halb listig anblinzelt, holt sein Rasierzeug aus dem Wandschranke, der zwischen den zwei Alkovenbetten in die Wand gebaut ist und die allerverschiedensten Dinge – Tabak, Pfeifen, Karten, Almanach, Gesang- und Tierdoktorbuch, einen Briefsteller, die Bibel, das sechste Buch Mosis und andere Raritäten – birgt, strammt mit der einen Hand die Lederhose und streicht das Messer ab. Nachdem er die Waschseife – von einer anderen und neumodischen Rasierseife will sein sparsamer und konservativer Sinn nichts wissen – endlich zum Schäumen gebracht und sein Gesicht eingeseift hat, stellt er sich in den Fensterwinkel, wo keiner ihn anstoßen oder stören kann, und ohne einen Spiegel zu benutzen, nur auf sein Tastgefühl sich verlassend, kratzt und schabt er die Stoppeln am Kinn und an den Ohren fort, je und dann mit einer schmerzhaften Grimasse, aber mit großem Stoizismus die Marter ertragend. Der Alte tupft mit dem Finger und schmunzelt befriedigt – so weit ist die Sache wohl geraten, ohne Blessur und Blutverlust. Jedoch die eingefallenen, von Runzeln durchfurchten Backen kann seine Hand nicht mehr allein ohne Hilfsmittel und Handreichung bewältigen. Er winkt der Tochter und reicht ihr den bereit liegenden Löffel, den sie ihm flink in den Mund steckt und unter die Wange schiebt. Jep barbiert sich selber über den Löffel, den Bodil hält, und bald sind die aufgeblähten Wangen glatt und sauber. Die Tochter schaut erwartungsvoll aus dem Fenster und ungeduldig den Vater an. »Es dunkelt schon .... Pastors wollten in der Dämmerung kommen und werden pünktlich sein. Um des Himmels willen, zieh' den Sonntagsrock an und die scheußlichen Hosen aus!« »Was hast du an meinen Lederhosen auszusetzen? Wer trägt so durable und teure Beinkleider in ganz Hyllerup? Acht Speziestaler haben sie mir gekostet, aber die Unverwüstlichen halten bei meinen Lebzeiten und noch länger vor.« Er klatscht mit der Hand auf die wildlederne Hose, die er nach seiner Idee hat anfertigen lassen, und daran er mit ganzem Herzen hängt. Die Tochter freilich hegt entgegengesetzte Gefühle und hat beinahe einen Haß auf die Unaussprechlichen geworfen und sagt mit Nachdruck: »Die alten, fettig glänzenden, schmierigen Hosen ziehst du mir aus! Mach schnell, Vater!« Jep brummt vor sich hin: »Ich hatte es besser, als deine selige Mutter noch lebte ... da war ich Herr auf Hylleruphof, und alles gehorchte mir ... jetzt muß ich auf meine alten Tage das Gehorchen lernen und Order parieren.« Die Tochter, die den Alten, der sich gern und gar zu arg in seinem Aeußeren gehen läßt, abzuschleifen und aufzuputzen bemüht ist, streichelt sein dünnes Haar, doch die Liebkosung ist gleichzeitig ein Zurechtlegen und Glätten des unordentlichen Scheitels. »Ich habe nichts zu befehlen, ich bitte nur, lieber Vater ... ziehe dich proper an, wie es sich schickt, wenn man Gäste geladen hat!« Jep schlendert auf Strümpfen ins Schlafzimmer – auch die schönen Alkoven hat Bodil als ungesund außer Gebrauch gesetzt –, redet halblaut und rächt sich für seinen Gehorsam durch eine kleine Bosheit: »Hier ist ja eine Aufregung, als wenn Seine Majestät Christian VIII. nach Hyllerup käme. Ja ja, weil der Student Fangel, der jetzt zum Kandidaten avanziert ist, unser Haus beehrt, mußt du dich selbst und deinen alten Vater zum Affen aufputzen.« »Wa-a-s sa-agst du?« »Ich spreche mit mir selber und sage nichts.« Bodil ist allein in der Stube und bleibt, erst feuerrot, dann blaß und die Lippen verbissen, auf derselben Stelle unbeweglich stehen. Sie steht da, wie geblendet von einem plötzlichen Lichtblitz. Die maliziöse Bemerkung des Vaters war der Blitz, der das dämmrig Unbewußte ihrer Seele grell belichtet und erhellt hat. Fühlt sie darum eine vibrierende Unruhe in ihrem ganzen Wesen, weil der Kandidat heute mit seinen Eltern kommt? Wie gleichmütig blieb sie sonst, wenn Pastors einen Abendbesuch machten! Die jähe Selbsterkenntnis ist zuerst ein Scheuen und Bangen – zuletzt aber hat das junge Mädchen ein unsagbares Glücksgefühl, als wenn es laut singen müsse. Jep Hansens Tochter ist nicht sentimental und singt nie in Gegenwart des Gesindes, das sie noch besser als der Vater in Respekt zu halten weiß. Die Leute nennen sie stolz, rühmen aber ihre Gerechtigkeit in allen und ihre freundliche Fürsorge in Krankheitsfällen, loben auch mit einem Munde die vortreffliche Kost auf Hylleruphof. Faule und unzuverlässige Domestiken verschwinden bald wieder vom Hofe, still und unauffällig, ohne Gezank und Geschelte. Noch nie hat eine Magd gewagt, der Jungfer eine freche Antwort zu geben. Viele Dienstboten aber sind auf Hylleruphof alt und grau geworden, die Köchin hat Klein-Bodil in der Wiege geschaukelt, der Stallknecht, der Kuhfütterer und vier Tagelöhner dienen seit mehr als zwanzig Jahren demselben Herrn. Die junge Hausherrin schaut in der Küche nach dem Wildbret und Geflügel, das auf dem offenen, riesigen Herde auf Holzscheiten brät. Eine Magd nimmt den Ginsterbesen, um den erhaltenen Befehl auszuführen, und kehrt den Neuschnee von dem Fußsteige, der von der Haustür bis zur Dorfstraße geschaufelt ist. – Als das Jahr 1846, das nur noch drei Tage bis zu seinem letzten Sylvesterstündlein hatte, zur Rüste ging, war viel Schnee, der zwischen den Knicks oft in haushohen Wehen, ja Wällen lag, gefallen. Das lehmgraue, tauschmutzige Land hatte noch eben rechtzeitig zum Feste sein schönes, weißes Winterkleid angezogen, um das liebste und schönste Fest des Jahres zu feiern. In Nordschleswig nämlich wurde das Weihnachtsfest gar ausgiebig und gründlich, nicht nur an zwei Festtagen, sondern zwölf, ja vierzehn Tage lang nachtaus nachtein gefeiert. Rührte die Sitte, die oft zur Unsitte wurde, noch von den heidnischen Urvätern, von jenen nordischen Recken und Roßfleischessern her, die den Juleber schlachteten und die heiligen Zwölfnächte zu Odins und Asathors Ehre in endlosen und wilden Metgelagen durchtobten? In Hyllerup war Anno 1846 kein Hof und kaum eine Hütte, die nicht ihren Juleber, d. i. ihr Weihnachtsschwein, geschlachtet hatte. Und am heiligen Christabend hub ein schier unglaubliches und dauerhaftes Schmausen an. Die ganze Zeit vom Heiligabend bis zu den heiligen drei Königen war eine ununterbrochene Fest-, Eß- und Trinkzeit, wo nur die notwendigste Arbeit, um das liebe Vieh zu besorgen, verrichtet wurde, wo nicht nur der Bauer, sondern auch das Gesinde bis zum letzten Hofjungen herunter tagaus tagein in Weißbrot, Jul- und Apfelkuchen, in Reisgrütze, Rippespeer und Schweinebraten schwelgte. Die Bauern machten in dieser Zeit die sogenannten Julbesuche, so daß die Gasterei gewissenhaft im ganzen Dorfe die Runde machte und jeder Hof eine gewaltige Esserei gab, wenn die Reihe an ihn kam. Abend für Abend, sobald es dunkelte, leerten sich die Häuser, und alle Bauern versammelten sich mit Weib und Kind bei dem Hofbesitzer oder Hufner, der heute Julbesuch hatte, ganz Hyllerup lebte herrlich und in Freuden zwei Wochen lang, bis der letzte seinen Schmaus gegeben hatte. Allerdings blieben die Kastenunterschiede streng gewahrt, die großen und die kleinen Hofbesitzer, die Kätner und die landlosen Leute ohne Kuh waren die vier Kasten, die bei den Julbesuchen strikt und peinlich ihre eigenen Kreise bildeten. Leider artete die allzulange Feier oft aus, und einige Pastoren Nordschleswigs hatten kräftig-heftige Moralpredigten gegen die Kartenspielerei und Kaffepünscherei der heidnischen Julfeier und Julbesuche, aber mit wenig Erfolg, gehalten. Pastor Fangel, der seit mehr als zwanzig Jahren in Hyllerup amtierte, war kein Gesetzeseiferer und Kanzeldonnerer, noch weniger aber ein sogenannter volkstümlicher, witzboldiger Pastor, der mit dem eisernen Bestande seiner Anekdoten die Gemeinde zum Lachen bringt, bis er selbst verlacht wird, sondern ein maßvoller und geachteter Mann. Er machte keine Julbesuche, wurde aber von den zwei oder drei größten Hofbesitzern zu einem sogenannten Bratenbesuch eingeladen und hatte heute Jep Hansens Invitation angenommen. Die Gäste schritten auf dem schmalen Steige paarweise über den Hof. Pastor Fangel, ein gemessener, aufrechter Sechziger im Biberpelz – noch ein Erbstück vom Vater, dem Senator, her – führte seine Gattin, eine rechte, behäbige, gutherzige, gemütvolle, eine äußerst propre und etwas redselige Pfarrfrau, die stets von allen kleinen und kleinsten Dorfereignissen unterrichtet war, ohne je in Klatscherei zu verfallen; denn sie sagte nicht alles, was sie wußte, weiter, wußte aber schlechthin alles, was in Hyllerup geschah. Klaus, der ältere, und Heimreich, der jüngere Sohn, unterhielten sich eifrig; der mit dem sanften, anheimelnden Namen war ein forscher, fast burschikoser Herr mit einem kecken Schnurr- und Spitzbart und lebhaften, braunen Augen. Er redete von dem, was des ganzen Landes Gespräch und Sorge seit Monaten war, und gestikulierte heftig. »Warum hat denn der Offene Brief vom 8. Juli dieses Jahres einen solchen Gemütsaufruhr in ganz Schleswig-Holstein hervorgerufen? Warum ist in Volksversammlungen und Adressen an den König-Herzog einmütiger, eindrucksmächtiger Widerspruch erhoben worden? Warum haben die schleswigschen und die holsteinischen Stände sofort mannhaften Protest gegen diese königliche Kundgebung und sogar beim Deutschen Bunde Beschwerde erhoben? Weshalb haben die Glücksburger und der Statthalter, der Schwager des Königs, der Prinz von Noer, auf der Stelle ihre Aemter niedergelegt? Weshalb schreit das ganze Land entrüstet auf: Nicht wahr, Herr König-Herzog! Nein und tausendmal nein! Die dänische Sukzession gilt nicht in Schleswig, geschweige denn in Teilen Holsteins! Die Herzogtümer haben die männliche Erbfolge, und der Herzog von Augustenburg ist der Erbe ihrer Herzogskrone, sobald der letzte Oldenburger ...« »Ja, das wissen wir lang auswendig, das hören und lesen wir hundertmal in der Woche, daß es zum Halse heraushängt und zum Ueberdruß wird,« unterbrach der ältere Bruder mit einem trockenen, irritierenden Lächeln. »O das muß noch viel lauter und ungestümer gesagt, geschrieben, geschrien, gedonnert und gewettert werden: Das alte, gute, klare Recht soll gelten und nicht der neue Machtspruch des Königs. Den bestehenden Rechtsboden, wonach Schleswig und Holstein die männliche Sukzession haben, hat der listige Christian skrupellos verlassen, um durch den Gewaltakt des Offenen Briefes omni et urbi scheinheilig zu erklären, er habe es für seine landesväterliche Pflicht gehalten, durch eine Kommission alle die Erbverhältnisse betreffenden Dokumente zu prüfen, und durch diese Untersuchung die Ueberzeugung gewonnen, daß in Schleswig die Erbfolge des dänischen Königsgesetzes gesetzmäßig sei, während solches mit Rücksicht auf einige Teile Holsteins nicht bestimmt behauptet werden könne, doch werde sein Bestreben sein, den Gesamtstaat in seiner Integrität zu erhalten. O, der Offene Brief ist ein perfider Angriff auf unseres Volkes Freiheit und eine Revolution, ein Umsturz des bestehenden Rechts von oben, vom Throne her, aber der Offene ist freilich auch eine Offenherzigkeit des Königs, der seine geheimen Absichten und Ränke offenbart. Christian möchte seiner Schwester, der intriganten Landgräfin, und ihrem höchst unbeliebten Sohne Friedrich die Thronfolge hüben und drüben zuschanzen ...« »Hat der König dir dies anvertraut?« »Der König hat den Stein unabsehbaren Unglücks ins Rollen gebracht! Recht und Gerechtigkeit gehen dem Schleswig-Holsteiner über alles, wehe dem, der sein Rechtsbewußtsein verletzt! Das ist die Stelle, wo er sterblich und sehr empfindlich ist. Kennt der schlaue Christian die Cimbern nicht? Wir Holsten sind harte Köpfe und gewohnt, unser Recht mit dem Schwerte zu »verbidden«, d. i. zu verbeißen und zu verteidigen.« Während Heimreich sich erregte, blieb sein Bruder sehr ruhig und stellte mit einem Anflug von Spott die beinahe beleidigende Frage: »Hast du den Offenen Brief gelesen?« Jedes Kind, jeder Bauernknecht und Ignorant in den Herzogtümern kannte die Kundgebung, die wie eine Bombe einschlug, wie ein Brandalarm die Menschen aufregte. Kein Wunder, daß der Kandidat große und böse Augen machte. »Ich meine, ob du ihn richtig gelesen und richtig verstanden ... der König spricht in dem Briefe nur seine Ansicht und Ueberzeugung aus. Darf der Mann nicht eine Meinung und Ueberzeugung haben und äußern, so gut wie die lauten Schreier in Dänemark und Schleswig? Ansichten sind überall zollfrei. Von einem Gewaltakt, einer gewaltsamen Oktroyierung der dänischen Thronfolge kann absolut keine Rede sein, wenn der König seine Meinung ausspricht, auch nicht, wenn er den Wunsch hegt, alle seine Untertanen von der Richtigkeit seiner Ansicht zu überzeugen. Was dir recht ist, ist doch wohl dem König billig.« Der Kieler Student, der nach kürzlich bestandenem Tentamen Kandidat sich nennen durfte, stutzte einen Augenblick, um heftig loszuschlagen. »Christian VIII. hat bei seinem verschlagenen und vorsichtigen Charakter diesen Fuchsweg gewählt, um für alle Eventualitäten sich eine Hintertür, einen Rückzug offen zu halten und schlimmstenfalls sagen zu können, er habe ja nur seine Meinung gesagt. Wie feinfalsch ausgeklügelt! Als unser Entrüstungssturm losbrach, hat er in der Tat ihn mit nichtigen Beschwichtigungen zu dämpfen versucht, aber kein Tüttelchen zurückgenommen. Und in der Ansicht eines Königs und Landesherrn liegt auch die Absicht, in der harmlos tuenden Ansicht liegt die versteckte, böse Absicht, unsere Rechte mit einem Federstrich zu annullieren, unsere staatliche Selbständigkeit zu rauben, und als letzte Absicht, die deutschen Herzogtümer zu einer dänischen Provinz zu machen. Dagegen kämpfen wir mit Wort und Feder, und wenn es sein muß, mit Flinte und Schwert.« »Um Gotteswillen! Spiele nicht mit dem greulichen, gotteslästerlichen Gedanken eines Bruderkrieges!« rief Klaus, aus seiner phlegmatischen Ruhe gerissen, »ich betrachte die Sache mit der sogenannten Objektivität .... allzu viel Geschrei, Unsinn und Unrecht und gräßlich viel Uebertreibung ist auf beiden Seiten. Himmel! Solange der König und der Kronprinz am Leben sind, also voraussichtlich in den nächsten vierzig Jahren kommt die Erbfolge gar nicht in Frage. Ein Zank um des Kaisers Bart! Die Leute nach vierzig Jahren werden so aufgeklärt und praktisch sein, daß sie sich den Teufel um kognatische und agnatische Erbfolge quälen, sondern den König wählen, der die wenigsten Kosten macht und die wenigsten Steuern fordert. Das ist mein Standpunkt: Ich halte mich neutral! Und mein Wahlspruch: Nimm es mit Ruhe, Pedersen!« Der jüngere Bruder erwiderte sehr scharf: »Nein, für oder wider, warm oder kalt, fix oder nichts! Nur die Schwächlinge unter den Nationen und Menschen bleiben neutral! Wo es des Vaterlandes Wohl und Wehe gilt, wird nur ein Schläfriger ruhig und ein Klägling parteilos bleiben.« »Wa-as sagst du? Heimreich ... vergiß dich nicht!« sprach Klaus nachsichtig, »ein anderer wäre, und das mit Recht, böse geworden ... aber ich vergesse mich nicht, ich Charakterschwächling kann, Gott sei Dank, mich selbst und meinen Mund beherrschen.« Pastor Fangel kehrte sich um. »Warum zanken sich meine Söhne auf dem Wege, wie Josephs Brüder? Solche Diskussionen hören hier an der Schwelle auf, und alle politischen Fragen müssen heute abend unerörtert bleiben.« »Gewiß, gewiß, ja unbedingt,« antwortete Klaus, trat seitwärts in den Schnee und öffnete höflich den Eltern die Tür. Dieser Sohn hatte eine mittelgroße, kräftige Figur, ein angenehmes, etwas alltägliches Gesicht mit der gesunden Agrarierfarbe, hatte einen ganz kleinen Stich ins Bäurische und eine starke Aehnlichkeit mit einem barschbiederen, befehlsgewohnten Gutsinspektor. Er war in der Tat gelernter Landmann, verleugnete seinen unstudierten Stand nicht, sondern nannte sich mit einer gewissen Ostentation, besonders in Gegenwart des Bruders, einen Bauer oder gar einen dummen Bauer. Klaus hatte nämlich auf der alten Gelehrtenschule in Hadersleben einige Jahre verstudiert und es trotz seines enormen Fleißes nicht weit gebracht war dann zu seinem Aerger von der Schule fortgenommen und auf dem Gute des Herrn von Qualen als Landwirt ausgebildet und angelernt worden. Vor Jahresfrist hatte er durch genaue Rentabilitätsberechnung den Vater dazu bewogen, die bedeutenden Pfarrländereien – 360 Morgen – nicht wieder zu verpachten, sondern in Selbstbewirtschaftung zu nehmen. Klaus war nicht Pächter, sondern selbständiger Verwalter des Pfarrhofes, so daß drei Fünftel des die bisherige Pachtsumme übersteigenden Reinertrages als Tantieme in seine Tasche flossen und der Pastor die Anschaffungskosten des Inventars und jedes Risiko übernahm. Er hatte mit dem Gelde des Vaters 7 Pferde und 32 Kühe gekauft, erzielte gute Erträge, war von der Morgenfrühe an auf dem Posten und wollte allen zeigen, wozu ein ungelehrter und entgleister Pastorsohn zu gebrauchen sei. Nebenher wollte er – vielleicht war das die Hauptabsicht – still-beharrlich und sparsam das Geld für ein eigenes Gütlein sammeln, denn er machte die Wahrscheinlichkeitsberechnung, daß sein lieber Vater noch 10 bis 15 Jahre leben könne. Im Rechnen war Klaus nie schwach gewesen. Die trotz seines Ehrgeizes erfolglose Gymnasialzeit saß noch immer wie ein kleiner Stachel in seiner tiefuntersten Seele, die dazumal nicht frei von Neid gewesen war, als sein jüngerer Bruder ihn auf der Schule ein-, ja überholte. Heimreich war einer von den Starkbegabten, hatte alle Klassen rite und rechtzeitig erledigt, hatte den oft und laut geäußerten Wunsch der Mutter, die lang und still gehegte Hoffnung des Vaters erfüllt, die Theologie als Studium gewählt, das sogenannte Tentamen bestanden und das Recht, Kandidat sich zu nennen, rechtmäßig und recht leicht sich erworben. Den pastoralen Kandidaten-Menschen hatte er allerdings noch nicht angezogen, denn in seinem Aeußern – dem braunen, modischen Rock, der bunten Kravatte, dem kecken Schnurr- und Spitzbart, dem hochfrisierten Haar – ähnelte er weit mehr einem vornehmen Studio, als einem wohlehrwürdigen Kandidaten im schwarzen, schlecht sitzenden Tuchrock. So eindringlich und weithin hörbar die Brüder miteinander gesprochen, so gedämpft und leise, ja fast diskret hatte das Gespräch des letzten Paares geklungen. Die einzige Schwester, Hilde Fangel, die keine Schönheit war und noch weniger sein wollte, aber durch ihr herzgewinnendes Wesen, ihr sonnig-sanftes, unendlich sympathisches Lächeln sehr oft schön wurde, sprach freilich fast nur mit den blauen, seelenvollen Augen, bald mit einem fragenden, erstaunten, ungläubigen, bald mit einem scheuen, erschreckten, abweisenden und dann zuletzt doch mit einem ängstlich großen, glücklichen Blick. Worte, wie sie heute neben ihr geraunt wurden, hatte ihr unerfahrenes Ohr noch nie zuvor vernommen. Kunz Reuter, der ein lustig leichtherziger Student war, aber auf seinen Karten stolz Kandidat der Medizin sich titulierte, den Heimreich für einen seiner besten Freunde hielt und in den Weihnachtsferien mit nach Hyllerup genommen hatte, redete im leidenschaftlichen, aber vorsichtigen Flüsterton, so daß die Voranschreitenden nichts verstehen konnten, auf das junge, beklommene Mädchen ein. »Ich kenne meine Bibel wie ein Theologe! Sonne, steh' still zu Gideon und Mond im Tale Ajalon! So möchte ich mit dem guten Josua den Gestirnen und der Zeit kommandieren. Diesen herrlichen Weihnachtsferien, die von dannen fliegen, werde ich ein »Stillgestanden« zurufen.« »Warum denn?« fragte die Kleine einfältig-listig. »Wenn ich was zu sagen hätte, so würde ich dem dunklen Mittwinter befehlen: Mache dich flink und flugs von dannen, du trister Gesell, damit der prächtige Lenz und der schöne Sommer mit den langen Tagen und den hellen Nächten einstellen kann!« »O, ich hab' bisher noch nie ein Weihnachtsfest gefeiert...« »Was? Ich hab' Ihr Alter auf mindestens 23 Winter und Weihnachtsfeste geschätzt,« rief Hilde mit possierlichem Ernst und Erschrecken. Reuters Emphase nahm schnell noch ein paar Stufen. »Ich hab' mein erstes, wahres Weihnachtsfest hier bei Ihnen gefeiert.« »Bei uns? Ach, was haben wir auf dem Dorfe dem Stadtherrn zu bieten?« »Bei Ihnen – Ihnen groß geschrieben! Hier ist die tiefe, stille Freude, der wahre Friede, das höchste Gut, das ich aus Büchern und Scharteken scharren wollte, in der faden Wissenschaft, im öden Weltvergnügen, in tausend törichten Träumen vergebens suchte, hier ist das Glück, das Glück zu Hause.« Ihr Blick erschrak. Kunz stampfte den Schnee, den weißen, schuldlosen. »Ach, bald muß ich nach Kiel zurück. Stillgestanden, du fröhliche, selige, himmlische Zeit, stillgestanden! sage und schreie, befehle und bete ich armer Josua. Wenn ich mit der leidig langweiligen Post nach Flensburg fahre, werde ich in regulären Trübsinn – mania melancholica – verfallen...« »Dann ist zum Glücke Schleswig mit seiner Irrenanstalt nicht fern.« Heimreich war der böse Horcher und Hörer. »Du willst aus dem Erhabenen ins Lächerliche mich stürzen.« Kunz blieb unverfroren, besonders als die Pastortochter mit einem langen, lieben Blick ihn tröstete. »Ist die Heimfahrt so trist? Nehmen Sie keine angenehmen Erinnerungen mit?« Hilde wurde feuerrot, denn sie hatte etwas gesagt, was sie gar nicht sagen wollte oder sagen durfte. »Ich nehme Sie mit!« Kunz, der Kühne, sprach das lapidarische Wort und schwieg, um es voll und ganz wirken zu lassen. Sie duckte sich und guckte scheu nach oben, wie eine Taube, die in der Höhe einen großen, herrlichen, aber habichtähnlichen Vogel erblickt. Der Schwerenöter wußte genau, daß er ein schmucker, fideler Bursch und ein flotter Kerl sei, er wußte seit heute oder gestern ebenso gewiß, daß er sich verliebt habe und ohne die kleine Pastortochter mit dem engelhaften Lächeln nicht leben und nicht sterben könne. Die Gäste wurden im backsteingepflasterten Flur von Bodil Hansen empfangen, aus den Hüllen herausgeschält und in den Pesel – das vierfenstrige, saalartige und darum noch niedriger scheinende Zimmer des Hauses – geführt. Sehr dörflich, ja dürftig war das Mobiliar. Um einen ungestrichenen, weiß gescheuerten, linnenweiß gedeckten Eichentisch standen Holzstühle mit strohgeflochtenem Sitz – derbe, dauerhafte Heimarbeit –; ein hölzernes Kanapee – auf deutsch eine Langbank mit steifer Lehne –, dessen Härte durch Kissen gemildert war, bildete den Ehrensitz, der dem Pastor und seiner Frau zugewiesen wurde. Eine umfangreiche, plumpe Schatulle, ein paar Truhen zwischen den Fenstern, ein einziges und einsames Bild des hochseligen Königs im roten Rock, Friedrichs VI., das an der ungeheuren, getünchten Wandfläche zu hängen schien, um die Aermlichkeit der Einrichtung zur Geltung zu bringen! Jep Hansen, mehr ein Kauz als ein Geizkragen, duldete nicht, daß neumodische Sachen angeschafft würden, und Bodils Bitten und Beschwerden hatten in dem Punkte nicht vermocht, seinen konservativen und schrullenhaften Eigensinn zu besiegen. Der alte Bauer wollte mit einer gewissen Ostentation die große Einfachheit und Armut der alten Zeit fest, hoch und in Ehren halten, vielleicht sollte auch die auffallende Dürftigkeit der Wohnung seinem allbekannten Reichtum ein wenig als Kontrast und Folie dienen. Jep freilich protzte nie mit seinem Gelde, sondern vielmehr mit seiner Scheinarmut und haßte neumodischen Prunk und Luxus. Nur im Essen war er der Altvätersitte untreu geworden, sofern er nicht an Speck und Grütze Genüge, sondern an den neuen, leckeren Gerichten der Tochter Wohlgeschmack und Wohlgefallen fand. Der Hausherr kam aus dem Schlafgemach, streifte seine Tochter mit einem verschmitzten, still triumphierenden Blick und begrüßte die Gäste. O du meine Güte! Er hatte den guten Tuchrock angezogen, aber die Wildledernen anbehalten! Oben der festlich schwarze Rock und unten die grauen, gräßlichen, fettglänzenden Hosen! Das gab dem Alten eine gewisse Aehnlichkeit mit einem komisch ausstaffierten Zirkusklown. Bodil ärgerte sich schwer, schwieg aber wohlweislich, damit die Unaussprechlichen möglichst wenig beachtet würden. Aber der Vater! Der schlug sich laut auf den Schenkel, um es recht auffallend und die Leute aufmerksam zu machen. »Es wird Sie nicht genieren, Frau Pastorin, daß ich meine Lederbüxen anbehalte? Die sind nämlich mein Stolz, kein zweiter im ganzen Amte Norderhusen hat so schöne, so unzerschleißbare, ewige Hosen ... die überdauern mich!« – Noch ein Klatschen auf den Schenkel und ein Knalleffekt! – »Die Büxen wird mein Enkel erben und noch zwanzig Jahre lang auftragen.« Die Tochter wurde ganz rot und flau, besonders als Reuter sofort die Anspielung aufgriff. »Der Enkel setzt einen Schwiegersohn voraus ... wer ist der – Kandidat für den Eidam-Posten auf Hylleruphof?« Er blickte die beiden jungen Fangels frech an. Weil er draußen auf dem Flure einen festen, den Schnee abstampfenden Tritt hörte, fing er zu trällern an: »Der Eidam kommt, der Eidam kommt, der Eidam ist schon da.« Just in dem Augenblick trat noch ein Gast, der Bauernsohn Eskild Thorö, über die Schwelle und wurde infolge des Geträllers mit einem schallenden Gelächter empfangen. Eskild, ein vierschrötiger, robuster, reckenhafter Mann mit einem gutmütigen Gesicht, war ein kreuzbraver, etwas eckiger und schüchterner, aber durchaus nicht einfältiger, sondern aufgeweckter Mensch. Natürlich wurde er höchst verlegen, weil er glauben mußte, daß man über ihn oder irgend etwas an seiner Person so unbändig lache. Der bis zu den Ohren feuerrote Riese stutzte, blieb an der Tür stehen, betrachtete unsicher die Gesellschaft und eingehend seine Person und seinen Anzug. Als er nichts finden konnte, stürzte er mit einer mutigen Verzweiflung vorwärts, stürzte er sich auf die Anwesenden, um allen der Reihe nach die große Hand zu reichen. Als er Hildes Händchen umschloß, zitterte seine Tatze ein klein wenig, und aus seinen hellblauen Augen irrte ein gleichwie bittender Blick – lache du mich nicht aus – über ihr freundlich lächelndes Gesicht. Schnell sagte sie: »Wir lachen nicht über Sie, sondern über einen dummen Witz dieses gescheiten Herrn.« Da Eskild jetzt an Reuter herantrat, zögerte er eine halbe Sekunde, wie im Zweifel, ob er diesem Herrn die Hand drücken wolle oder solle. War das jener unergründliche Instinkt, der auf den ersten Blick Sympathie oder Antipathie erzeugt? Flüchtig umfaßten seine harten Finger die feine Hand des fremden Studenten, der in jeder Beziehung sein Gegenstück war. Auf dem Tische brannten zwei blitzblank strahlende, jedoch ein recht trübes Licht spendende Rüböllampen. Doch sechs dicke Kerzenlichter wurden verteilt, und Jep bemerkte: »Das sind die neuen, die man nicht zu schneuzen braucht ... mehr Licht, schreit alles! Aber das viele Licht blendet und macht die Leute blind und dummkollerig ... bei der alten Tranfunsel blieben die Augen gesund ... und bei den neuen Nichtschneuzern fallen die Ösel herunter und brennen Löcher ins Tischtuch. Meine Tochter hat sie eingeführt.« Die Pastorin bemühte sich umsonst, an der ungeschickten Lehne des Ehrensitzes einen Rückhalt zu finden, bis Bodil herbeieilte und den hohlen Raum zwischen Kanapee und Rücken mit Kissen ausstopfte. Neben dem Pastor saß der Hausherr in seinem tief eingedrückten Strohstuhl, der sich seinem Sitzfleische sichtbar angepaßt hatte und sein ausschließliches Eigentum war, so daß er in keinem andern Stuhle bequem sitzen zu können behauptete und glaubte. An dem Tischende, wo sie der Küchentür am nächsten war und die aufwartenden Mägde durch Winke leiten konnte, hatte Bodil ihren Platz und forderte die Gebrüder Fangel mit einer Handbewegung auf, sich rechts und links niederzulassen nach eigner Wahl und ohne Rangstreit. Heimreich sprach brüderlich: »Willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.« Der ältere Bruder setzte sich links und sagte bescheiden: »Ich bin ja nur ein Bauer und du ein gelehrter Kandidat. Ehre, dem Ehre gebührt!« Er lachte zwar herzlich, betonte aber sein Bauerntum zu oft. Hilde Fangel hatte auch zwei Tischherren, von denen der eine, Kunz Reuter, aus dem hundertsten ins tausendste schwatzte, während Eskild kaum zehn Worte sprach. Fade Redensarten, Phrasen und Komplimente fehlten ihm, aber was er sagte, hatte Sinn und Kern, und seine trocknen Bemerkungen trafen oft den Nagel auf den Kopf. Obgleich das Tischgerät sehr einfach war und die Servietten – zum Schmerz der Tochter – fehlten, gab es ein vortreffliches, herrschaftliches Essen, Rehrücken mit Rahmtunke und zartes Entengeflügel, auch eine Überfülle von eingemachten, köstlichen Früchten. Kam der Pastor einmal zu einem Bratenbesuch, so tischten die Bauern auf, und Jep Hansen wollte wissen und zeigen, daß er der größte Bauer in Hyllerup sei. Vor dem Gedeck des Pastors stand sogar eine Flasche Rotwein. Jep schenkte den älteren Gästen und sich selbst ein Glas ein, benahm sich nicht bäurisch und unterhielt sich in launiger Weise, wobei seine »schweinspolitschen« Augen vergnüglich blinzelten. Freilich das Entenbein, an dem noch viel schönes Fleisch saß, packte er zuguterletzt mit drei Fingern und zehn kerngesunden Zähnen energisch an; aber er entschuldigte sich höflich: »Gestatten Sie, Herr Pastor, daß ich meine Naturgabel gebrauche! Bodil bedroht mich allerdings mit bösen Augen, aber Bauer bleibt Bauer und ein alter Köter lernt keine Kunststücke.« Die Tochter hatte die Brauen hochgezogen und durch Blicke und Blinken den Vorgang nicht verhindert. Als der Vater jetzt seine Finger an den Lederhosen abwischte, seufzte sie leise und schaute sich schnell um, ob es bemerkt werde. Kunz grinste und tickte seine Nachbarin mit dem Fuß an, um sie aufmerksam zu machen. Mehrfach während des Mahles versuchte er diese Unter-Tisch-Unterhaltung, jedoch nur mit dem Erfolge, daß Hilde beide Füßchen tief unter ihrem Stuhl versteckte und stark die Stirn runzelte. Eskild merkte instinktiv eine Ungehörigkeit und richtete die ehrlichen, eindringlichen Augen so eigentümlich auf den lustigen Mediziner, daß dieser die Lippen schloß und die Lider senkte. Der Hausherr fragte: »Sie halten ja den »Altonaer Merkur«, Herr Pastor, was bringen die Zeitungen Neues zum neuen Jahr?« Fangel aß bedächtig den Rest der kandierten Birne, ehe er antwortete: »Immer der alte Streit, der seit dem unglücklichen »Offenen Briefe« die Parteien in Atem und Aufregung hält ...« »Warum unglücklich?« rief eine recht scharfe Frauenstimme über den Tisch; und die Jungfer Hansen fügte mit Nachdruck hinzu: »Die klare Kundgebung des Königs ist von der dänisch redenden, d. i. von der weit überwiegenden Mehrheit der Monarchie dankbar begrüßt worden.« Schnell sagte der Pastor: »Wir wollen das garstige Lied der Politik nicht weiter singen.« »Nein, denn jeder singt es nach seiner eignen Melodie, und das gibt Dissonanzen, wie meine Tochter sagt, das gibt eine greuliche Katzenmusik als Tafelmusik, wie ich mich ausdrücke. Nach meiner Ansicht soll alles beim Alten, der König in Kopenhagen unser Herzog und jeder bei seinem Leisten bleiben, nur die Steuern müssen ermäßigt werden. Was sind das jetzt für andre Zeiten als vor dreißig Jahren! Weizen und Roggen haben einen netten Preis, die fetten Ochsen gelten fünfzig Speziestaler in Hamburg, wir müssen zufrieden sein und Gott danken, dem König die Abgaben und dem Pastor das Festopfer zahlen.« Das war Jep Hansens Politik. »Mögen wir unsren König-Herzog Christian VIII. noch viele Jahre behalten!« sagte der Pfarrer aus ehrlichem Herzen, setzte aber ebenso aufrichtig hinzu: »Mir bangt vor dem Tage, wo er die Augen schließt, und vor dem Regiment seines Nachfolgers, des letzten Oldenburgers, der kein Vertrauen einflößt und nach seiner bisherigen Lebensführung seinem edlen Geschlecht und seinem hohen Stande wenig Ehre macht.« »Ja, das weiß Gott!« rief der Bauer unverblümt, »wenn der Kronprinz nicht mit einer Krone auf dem Kopfe, sondern als Bauernsohn geboren, jedenfalls wenn er mein Sohn wäre, hätte ich ihn längst als Taugenichts nach Amerika geschickt. Sein Vater hat es in jungen Jahren an der Rute und der rechten Zucht fehlen lassen, der Prinz Friedrich erregte schon mit achtzehn Jahren durch seine lüderlichen Streiche Ärgernis. Die Seitensprünge seiner Jugend könnte man verzeihen, denn vor einem Prinzen kriechen alle Schubjacks, aber wenn ein Mann mit vierzig Jahren noch nicht seinen Verstand hat, sondern zweimal von einer armen Frau, von zwei verprügelten Prinzessinnen, geschieden wird, so gebe ich keinen Pfefferling und keine Pfeife Tobak für ...« Die Tochter unterbrach ihn: »Vater, rede nicht so unvorsichtig! Übrigens ... der lustige Prinz Heinz von England wurde als König mit einem Schlage ein andrer und ganzer Mann und einer der größten Regenten. Auch unser Friedrich wird sich plötzlich wandeln, wenn er erst die Krone trägt.« »Ich wünsche es, aber ich glaube es nicht,« nickte der Pastor ernst. Und Heimreich sagte ironisch: »Er wird am Ende noch der dänische Friedrich der Große werden.« Bodil war beharrlich. »Wer weiß! Vielleicht wird Dänemarks Geschichte diesen Friedrich und seine Zeit hoch preisen und groß nennen.« »Wenn ich auch etwas wünschen darf,« sagte der Hausherr, »so will ich nur bitten und hoffen, daß wir unsern König Christian lange behalten und möglichst lange vor Friedrich VII. verschont bleiben. Christian ist ein stattlicher König ... sein Vorgänger, Friedrich VI., war ja ein volkstümlicher Herr, aber mit seiner hohen Schulter, dem hageren Körper und dem langen Alltagsgesicht alles andre als ein König ... er hat mir sogar die Hand gedrückt, als er in Hyllerup war und wir ihn zu Pferde einholten. Er schob sich in seinem roten Rock durch die Menge, blieb hier und da stehen und fragte neugierig die Leute aus, wobei er die Schulter hoch- und die Dorschlippe vorschob. In alle Kleinigkeiten steckte er die Nase, das Armenhaus, die Schule, sogar die Aborte revidierte S. Majestät und kostete mit einem Holzlöffel die Grütze der Alumnen. Ja, die war an dem Tage gut ... vier Pfund Butter hatte der Ökonom in den Kessel getan! Nun wollte der König unsre Spritze – die Spritzen waren sein Steckenpferd – in Funktion sehen; er kommandierte: »Das Pastorat brennt, die Feuerwehr heraus!« Wir spannten uns vor, zogen die Spritze in den Pfarrhof, legten den Schlauch bis an den Brandteich, legten, um unsren Untertanen-Eifer zu zeigen, mit aller Gewalt an der Pumpe los, so daß ein allzu starker Druck entstand. Der Spritzenmeister zielte nach dem Pfarrhaus und der dicken Mamsell im Fenster. Der König schnoberte mit der Nase am Schlauche herum, der nicht ganz dicht hielt. Los! Ach, vorne aus der Spritze kamen nur ein paar Tropfen. Aus Leibeskräften pumpten wir für König und Vaterland. Da – aus den Löchern und Ritzen des Schlauchs brach das Wasser in drei, vier hohen Fontänen, und mitten drin in den Springbrunnen der König, der gehörig begossen, gebadet und gelöscht wurde, den Kopf zwischen die Schultern nahm und lange Beine machte. Ich sehe ihn noch, wie er sich schüttelte, das Wasser aus dem Dreispitz schlenkerte und mit einem langen Fluch die Feuerwehr verfluchte. Das war die berühmte Spritzenprobe in Hyllerup.« »Jetzt zünden wir die Pfeifen an!« Der Hausherr, der sich bisher hartnäckig geweigert hatte, Zigarren anzuschaffen und anzubieten, holte den Knaster und die Kreidepfeifen aus dem Wandschranke, während die Mägde den Tisch abräumten. Er brachte die langen, achtzölligen Phosphorstreichhölzer, die er lachend an den Lederhosen rieb und jedem reichte. »Siehst du, Bodil, meine Büxen sind zu allem gut.« Mit Vergnügen strich er über seine Aversseite hin, um die Meerschaumpfeife, die der Pastor stets mitbrachte, in Brand zu setzen. Reuter zeigte eine seiner vielen Fertigkeiten und blies die regulärsten Rauchringe in die Luft; sein Freund wollte es nachmachen, hielt den Rauch im Munde und verschluckte ihn. Die Kunst endete mit einem Hustenkrampf des einen und einem Gelächter der andern. Bodil betrachtete fest den wohlehrwürdigen Kandidaten, der auf der Stelle das Ringeblasen unterließ. Eskild Thorö, der nicht rauchte, schaute aus dem Fenster in die Winternacht hinaus, in Gedanken vertieft, hörte unter den vielen stets nur eine Stimme und ein Lachen heraus und kehrte sich schwerfällig, denn es war nicht leicht, sein Anliegen anzubringen und einzufädeln. »Jungfer Fangel, es fällt viel Schnee.« »Ja.« Ein freundliches Ja, obgleich es ihr eine sehr bekannte Tatsache war. »Das ist gut für den Weizen, der unter der warmen Decke gegen den Frost sich schützt.« »Ja.« Ein lebhaftes Ja, obgleich es ihr, der Dorfbewohnerin, nicht neu war. Nun kam das fein Eingefädelte. »Der Schnee ist auch gut für die Schlittenbahn ... wir haben einen neuen Schlitten, den ich am Sonntag einweihe ... die vierjährigen Braunen spanne ich vor, und dann fliegen wir noch flinker als die neue Dampfbahn zwischen Hamburg und Kiel über den Schnee. Was meinen Sie dazu?« »Das wird wohl schön sein ...« »Ja, wenn ich Sie zu einer Rundfahrt über Terp und Faustrup abholen darf.« Die Pastortochter erstaunte ob seiner Kühnheit. »Mich?« »Ja, Sie und auch Ihren Bruder.« »Mit großem Vergnügen ... jedoch unsren Gast, Herrn Reuter, müßten Sie auch mitnehmen.« Der Bauernsohn blickte eigentümlich in die Luft und sagte stockend: »Für drei, hm ... wird nicht ... wird zur Not Platz im Schlitten sein ... wenn ich als Kutscher hinten stehe.« »Abgemacht und schönen Dank!« Sie nickte und huschte zurück an Reuters Seite. Eskild schaute wieder in die Nacht hinaus und hörte von allen nur eine Stimme und ein Lachen. Die Punschterrine dampfte auf dem Tische, und das Gebäck der heißen, gefüllten »Pförtchen« duftete. Frau Fangel nannte das Getränk einen vortrefflichen »Bischof«, ließ sich die Ingredienzen der Mischung aufschreiben, um ihr Wissen zu bereichern, und die junge Gastgeberin fühlte sich sehr geehrt. Jep schlürfte allzu hörbar aus seinem Glase und kniff das eine Auge zu. »Bloß keine Politik! Wer hier an diesem Tische politisiert, muß zwei Mark brüchen in meine Tasche! Jeder Schusterjunge und Kuhknecht, jede Köchin und Waschfrau, jeder Hans und Peter, jede Stine und Trine schwatzt heutzutage von Königsgesetz und Erbfolge, von Agnaten und Kognaten und versteht nicht mehr davon, als mein bester Ochse. Vor dreißig, vierzig Jahren war das anders, ... die Bauern bis Flensburg herunter sprachen ihr Kartoffeldänisch, das war unsre Muttersprache, die Beamten, die Pastoren, Richter, Ärzte jedoch redeten in ihrem Hause und unter sich deutsch, aber mit uns plattdänisch. Wenn mal ein waschechter Kopenhagener hier Anstellung fand, hörte das »Hvad behager?« – Was beliebt? – nicht auf, denn wir verstanden nicht sein Kopenhagener- und er noch weniger unser Kartoffeldänisch. Damals schrie kein Mensch hierzulande: Wir sind Deutsche! Und noch weniger: Wir sind Südjüten! Gott bewahre! Wir wollten Schleswiger, aber beileibe keine Jüten sein. Eine Landesgrenze, von den »Sackguckern« bewacht, war bei Kolding und Ripen. Die Jütländer kamen in großer Menge herüber und dienten als Knechte und Mägde hier, waren gutmütig und langsam, dickköpfig und dumm, aber fleißig und brav, wofern sie dreimal täglich ihre Schüssel Grütze bekamen. Kein Mensch wollte damals ein Jüte sei« ...« »Es hat blitzwenig zu bedeuten, was ein einzelner sein mag oder nicht mag,« sagte Jeps Tochter sehr spitz. »Fest steht, daß die ganze Landbevölkerung und die größere Hälfte der Stadtbewohner dieses Landes seit Jahrhunderten die südjütische, dänische Mundart gesprochen hat und heute spricht ... zu welcher Gattung ein Volk gehört, bestimmt ausschließlich seine Sprache ... wenn, dieweil und sintemal wir südjütisch sprechen, sind wir Südjüten ... wer französisch spricht, ist ohne Zweifel Franzose ...« »... Oder Schweizer!« »... Wer englisch redet, ist Engländer ...« »Oder Amerikaner, und das sind zwei sehr verschiedene Nationen! Liebes Fräulein Bodil, hier hat Ihre eigne Deduktion ein böses Loch.« Der Kandidat fiel ihr in die Rede, und die andern lachten. Ein doppeltes Ärgernis bereitete es ihr, daß er, ausgerechnet er, der junge Fangel, die beißende Widerlegung bei der Hand hatte und den Tort ihr antat. Ihre Stimme hatte einen schneidenden, ja schreienden Ton; was sie nicht beweisen konnte, behauptete und beteuerte sie nach Frauenart mit apodiktischer Energie: »Wir sprechen südjütisch, und wir sind Südjüten!« Jep schlug sich auf die Lederhose. »Nee, ich für meine Person will kein Jütepott sein, ich bin und bleibe Nordschleswiger. Aber, meine liebe Bodil, wie ist es mit dir? Du sprichst ja hochdänisch und bemühst dich alle Tage, mein Dänisch ins Hohe und Feine zu verbessern ... danach wärest du ja Hochdänin und nicht Südjütin, denn was einer spricht, das ist er ja nach deiner Religion.« Er konnte sich die kleine Bosheit nicht verkneifen, plierte aber recht ängstlich nach seiner Tochter hin. Bodil, von dem lieben Kandidaten widerlegt, von dem eignen Vater lächerlich gemacht, kochte innerlich, schwieg jedoch mit vornehmer Miene und mit großen, gekränkten Augen. Heimreich schaute mit dem bittenden Blick »Sei mir nicht böse« in die gekränkten Augen hinein. »Bravo, Jep Hansen!« sagte der Pastor, »aus Ihnen redet der gesunde, nordschleswigsche Menschenverstand.« Der Bauer nickte. »Wir haben genug Unvernünftige ... alle hadern und liegen sich in den Haaren. Vor dreißig, vierzig Jahren redete hier kein Mensch von der Politik, man hatte andre Sorgen ... es war in vieler Beziehung eine schwere Zeit.« »Ich habe es mit durchgemacht, mein Lieber, die unselige Zeit des Papiergeldes, der Bankhaft und des Staatsbankerotts ... von den Schrecknissen haben die Jungen keine Vorstellung.« Der Pastor stopfte sich eine frische Pfeife und erzählte aus alten Tagen. »Mein Vater wäre ein sehr reicher Mann und Erbe von drei, vier Tonnen Goldes, wie man dazumal sagte, gewesen, wenn mein Großvater nicht durch das Unglück, richtiger durch die tollen Regierungsmaßregeln mit einem Schlage ein großes Vermögen, das er sich durch seine Schnupftabaksfabrik, durch ein Fabrikationsgeheimnis und eine viel gekaufte Marke, den Van-Holland-Snustobak, erworben hatte, verloren hätte. Die Staatsschulden waren infolge des langen Krieges und der wahnsinnigen dänischen Staatspolitik im Anfang des Jahrhunderts ungeheuer angewachsen. Um die Riesenausgaben zu bestreiten, verfallen die erfinderischen Ministerköpfe auf den genial einfachen Gedanken, Geld, Papiergeld zu machen. Frischweg und ohne Furcht vor dem Ende werden Berge von Banknoten fabriziert und in Zahlung gegeben. Friedrich VI. bleibt dem Bonaparte treu, führt Krieg mit Schweden und verliert dadurch Norwegen, ja das kleine Dänemark erklärt drei Tage nach der Völkerschlacht, aller Vernunft bar, aber sehr treu und sehr mutig, den Großmächten Preußen und Rußland den Krieg! Ist das nicht ein Stück aus dem Tollhause?« »Sie wußten noch nichts von der Leipziger Niederlage,« entschuldigte Bodil. »Dann kommt natürlich der Krach, daß unser armes Land in allen Grundfesten wankt. Die närrische Alchymie, die Geldmacherei und Notenfabrikation, nimmt ein Ende mit Schrecken. Eine entsetzliche Papiergeldentwertung bricht herein, die Zettel fallen von Tag zu Tag im Kurse; wer einen Tausendtalerschein besitzt und Bargeld haben will, erhält keine hundert, dann keine zehn, zuletzt keine fünf Taler in gutem Silber für sein Papier. Alles wankt, die Panik ergreift alle Gemüter, wer Silber besitzt, verbirgt und vergräbt es; Reiche verarmen in einer Woche, die Besten werden Bankerotteure, jeder Kredit hört auf ... o, wer die Zeit erlebt hat!« Jep milderte die Tragik durch eine komische Erinnerung. »Mein Oheim hatte für eine verkaufte Kuh dreitausend Taler in Scheinen bekommen, legte einen Tausender zum andern, hielt sich für sehr schlau, glaubte voll und fest, daß die Noten noch einmal ihren vollen Wert bekämen, und starb als Millionär in der Einbildung. Bodil hat als Kind mit der Million, die ich erbte, gespielt und die Noten zerrissen.« Der Pastor hatte ein paar Züge aus der Pfeife genommen. »Treu und Glauben hörten auf, furchtbare Tragödien passierten alle Tage, jeder, leider auch die Regierung, verlor den Kopf, ja den Verstand. Sie erließ die berüchtigte Verordnung der sogenannten Bankhaft, die den 16. Teil des ganzen Grundbesitzes mit einem Federstrich für Staatszwecke konfiszierte. Ja, sie vermehrte noch das allgemeine Entsetzen, den Umsturz alles Bestehenden durch die tyrannische, ungeheuerliche Bestimmung, daß der Staat seine Schulden, seine Beamten mit dem völlig entwerteten Gelde bezahlen könne, und daß jeder Schuldner berechtigt sei, seinem Gläubiger, der vor Ablauf von vier Jahren Bezahlung verlange, Papier- statt Silbergeld zu geben. Damit war dem gemeinsten Betruge Tür und Tor geöffnet, die Gaunerei war sanktioniert und gesetzlich geschützt. Die dänische Regierung muß wohl, wie viele der plötzlich Verarmten, den Verstand verloren haben, sonst ist das verbrecherische Gesetz nicht zu verzeihen. Mein Großvater, ein schwerreicher Mann, hatte seine Kapitalien, Hunderttausende, auf Hypotheken gegeben. Im Anfang der Geldkrisis mußte er viel kündigen, um sein Geschäft über Wasser zu halten und seine Vorräte zu bezahlen. Fast alle seine Schuldner benutzten die betrügerische Bestimmung und bezahlten ihre Schuld in Papier, für eine bar hingegebene Hypothek von fünftausend Kuranttalern erhielt er fünf lumpige Tausendnoten, die fünfundzwanzig Silbertaler galten. Schlechte Subjekte kamen sogar mit hämischer Schadenfreude ins Haus, zählten höhnisch die Schundscheine hin und verlangten Quittung für richtige, ehrliche Zahlung. Mein Großvater verlor durch die staatliche Gaunerei vier Fünftel seines Vermögens und ging mit Gram und Verbitterung in die Grube. Nur zwei von vierundsechzig Schuldnern, zwei kleine Kätner, waren ehrliche Leute und zahlten ihre Schuld in Silber zurück. Der Greis sagte in seinem letzten Lebensjahre oft zu mir: »Von vierundsechzig Menschen sind also die zweiundsechzig Lumpen und Schufte! Ich habe meinen Glauben an die Menschenkanaille und noch mehr an die Staatskanaille, aber nicht meinen Glauben an eine höhere Gerechtigkeit eingebüßt. Dänemark hat unser Land in sein Unglück, seinen Betrug und Bankerott hineingerissen, darum soll unser Land von der elenden Geldwirtschaft und Gaunerei Dänemarks los werden, und ich sehe den Tag, wo Schleswig-Holstein frei und ledig geworden ist.« – Ob mein seliger Großvater auf dem Sterbebette das zweite Gesicht gehabt und prophezeit hat? Gott weiß es und wird alles gut enden.« »Ja, Herr Pastor, Gott wird unsren König und die Gesamtmonarchie erhalten,« rief Bodil kampflustig über den Tisch; denn die erlittene Niederlage wurmte noch in ihr. »Wir haben hierzulande keinen König, sondern einen Herzog, der zufällig auch dänischer König ist,« sagte der Pastor im ruhigsten, gar nicht reizenden Ton. Dennoch klang ihre Erwiderung gereizt. »Ja, wenn es nach dem Willen der Kieler Schreihälse ginge, würden wir schon heute den Augustenburger zum Herzog machen, ohne erst den Tod der beiden letzten Oldenburger abzuwarten ... aber Gott wird die von ihm eingesetzte Obrigkeit zu erhalten wissen, nicht wahr, Herr Pastor?« Um das Gespräch aus dem peinlichen und wieder in das gemütliche Geleis zu bringen, nahm Jep das Wort und seiner schlagfertigen Tochter vom Munde weg. »Ich wollte nun etwas aus meinen Erlebnissen zum besten geben. Meine Geschichte dauert nicht lang und lautet: Wie Jep Ziegelstreicher Bauer auf Hylleruphof wurde.« Da war die ganze Gesellschaft Auge und Ohr, und das Interesse bei allen hoch gespannt. »Mit neunzehn Jahren wanderte ich nach Ekensund, wo die großen Ziegeleien sind, und bat um Arbeit. Der Herr beäugte mich von oben bis unten und sagte kurz seine Meinung: »Du hast keine Knochen, keine Brust und keine Schultern, mein Sohn, das Streichen ist harte Knochenarbeit, die du keine acht Tage aushältst ... ich will dich aber als Pferdetreiber mieten, mit 16 Talern Lohn.« – Ich drehte die Mütze in den Händen und sagte höflich: Versuchen Sie es einige Tage mit mir! Wenn ich meine Anzahl Steine nicht schaffe, sollen Sie mir keinen Schilling zahlen. – Der dicke Herr fluchte und lachte: »Du krächzst ja gut, weil du ein Dummer bist und die Dreck- und Mordsarbeit nicht kennst ... paß auf, nach drei Tagen sind dir die Knochen so steif und der Rücken so krumm, daß du ohne Hilfe nicht aus dem Bett herauskriechen kannst und wir den Gravensteiner Doktor holen müssen, natürlich auf deine Kosten.« – Abgemacht, ich fange also morgen früh um sechs Uhr an, sagte ich keck. – Und der Fettwanst prustete vor Lachen: »Ja Prosit, um fünf fangen wir an, und bis Sonnenuntergang geht es im Galopp weiter, wir haben ja Akkordarbeit, so wollen es die andern, die alten, ausgepichten Detmolder, die Hände von Horn und Knochen von Eisen haben.« – Da wurde mir etwas schwül, doch ich fing morgens bei Sonnenaufgang das Ziegelstreichen an. Es war noch ärger, als ich geglaubt, eine Akkordschufterei und Menschenschinderei, die man, wenn sie einem Pferde zugemutet würde, als Tierquälerei bestraft hätte. Ich formte die schauerlich schwere Lehmmasse, so daß ich keinen trocknen Fetzen am Leibe hatte und mir in der Mittagshitze oft zum Umfallen wurde. Morgens kroch ich auf allen Vieren aus dem Bette, und krumm wie ein Krüppel fing ich die Mordsarbeit an ... aber ich biß die Zähne zusammen und hielt die Strapazen aus. So hatte ich die ersten acht schlimmen Tage ohne Schlag und Sonnenstich überstanden. Mancher Neuling bricht nämlich zusammen und behält einen Knacks, eine Bruchstelle. Als ich an dem ersten Samstag meine sechs Kuranttaler Akkordlohn nachzählte, war ich sehr froh und Gott so dankbar, daß ich sofort die drei Taler in den Leinenbeutel auf dem Boden meiner Truhe legte und mir gelobte, bei jeder Lohnzahlung ebenso zu verfahren.« Die Zuhörer lächelten über Jep Hansens Gelübde. »Ich habe nicht, wie meine Kameraden, einen großen Krug Branntwein gekauft und mich den langen, lieben Sonntag betrunken, sondern mich geruht und den billigsten Kanaster geraucht. Der Dicke hatte bei der Lohnzahlung mich gefragt: »Willst wohl aufhören und als Pferdeknecht eintreten?« Nein, wenn Sie mich als Streicher behalten wollen, möchte ich mich auf zwanzig Jahre verdingen, antwortete ich ihm. In der dritten Woche wurde die Schinderei erträglicher und schließlich zur Gewohnheit, denn der Mensch ist ein Arbeits- und Gewohnheitstier und noch viel weniger als ein Gaul und Lastesel umzubringen. Ich strich an sechs Wochentagen meine Anzahl von Ziegelsteinen, das Essen war einförmig, Erbsen und Speck, höchstens eine Kuhfleisch-Suppe, aber meine Knochen wurden hart wie Eisen, meine Muskeln wie Stahl. Alle Samstagabend legte ich meine drei Kuranttaler in den Beutel, und mein Sonntagsvergnügen war es, die großen Silbertaler zu zählen und an der Lederhose blank zu putzen. So gingen die Jahre dahin ... Millionen von Steinen hatte ich geformt und geschleppt ... die Taler im Beutel mehrten sich, so daß der Linnensack mir barst und ich von einem Roßkamm seine gebrauchte Geldkatze für zwei Mark kaufte, um meinen Schatz zu verwahren. Mein Körper war etwas ausgedörrt und gekrümmt von der Knochenarbeit, meine Haut wie Horn, mein Haar lichtete sich, aber meine Geldkatze wurde praller, straffer, voller von Jahr zu Jahr.« Alle Anwesenden betrachteten den originellen Alten mit unverhohlenem Erstaunen, aber auch mit stiller Hochachtung. Diese Ausdauer eines Arbeitssklaven, der jahraus jahrein in der Tretmühle der Ziegelbrennerei knetete und keuchte, war eine ungeheure Willensenergie, eine stoische Standhaftigkeit im Kleinen, ein wahrer Heroismus der härtesten und häßlichsten Handarbeit. Das dunkle Gerücht, das im Dorfe ging – der reiche Besitzer von Hylleruphof sei in jungen Jahren ein gewöhnlicher Ziegelstreicher gewesen – hatte also nicht gefabelt. Jep war in seiner Art ein zäher Held gewesen, wenn auch nur gemeine Sparfreude und Geldgier seine Triebkräfte und Ideale waren. Der Bauer bemerkte mit einem Schmunzeln, daß seine Worte Eindruck machten, und erzählte noch lebhafter. »Je schwerer die Arbeit, desto weniger kommt man zum Nachdenken ... meine besten Jahre liefen mir davon, ohne daß ich es gewahr wurde. Wenn ich einmal auf dem Herbstmarkt in Broacker zwölf Schillinge verzehrte, machte ich mir am Montag schwere Vorwürfe wegen solcher Vergeudung. Ich war ein Geizkragen geworden und hatte längst die Not der Reichen kennen gelernt ... die Sorge, daß meine Ersparnisse gestohlen werden könnten, quälte mich oft ... eines Sonntags grübelte ich, ob ich nicht am besten meinen Schatz vergrübe ... da fiel mein Auge auf die Jahreszahl, die auf meiner Kleiderkiste stand und mein Geburtsjahr war ... ich nahm die Kreide und fing auf der Innenseite des Deckels zu rechnen an. War das möglich? Ich addierte noch einmal ... Himmel! Ich war neununddreißig Jahre alt geworden, ohne es zu merken, ohne meine Geburtstage zu beachten. Noch einmal nahm ich die Kreide und rechnete. Hm, zwanzig Jahre hatte ich in Ekensund Ziegel gestrichen! 1040 Wochen hatte ich die Akkordschufterei vollbracht und 1040mal am Samstag meinen Lohn erhalten und meine drei Taler in die Katze gelegt. Also mußten 3120 Kuranttaler dort unten liegen. Ich wußte aber seit der letzten Sonntagszählung und Talerrevue, daß einige mehr im Beutel und dreitausendvierhundert Taler mein Eigentum seien. Sehr zufrieden mit den Rechenresultaten klopfte ich mir den Schenkel, denn ich stellte fest, daß die zwanzig Jahre, die ich mich dem Dicken im Scherz verdungen hatte, verstrichen waren. Nun war es genug der Schinderei. Sofort meldete ich mich aus dem Dienste, und auf des Herrn verdrießliche Frage, ob ich jetzt faulenzen und Fliegen fangen wolle, antwortete ich vergnügt: Nein, nun will ich versuchen, den Herrn zu spielen, dick und fett zu werden und andre für mich schuften zu lassen. Nachdem ich mir die schwere Katze – ach, auch der Reichtum kann drücken – umgebunden, wanderte ich fürbaß.« Kunz Reuter fiel ihm in die Rede: »Wir wollen Ihnen gern einen Teil der drückenden Last abnehmen ... ist es nicht kurios, daß keiner, keiner von der Bürde befreit sein will?« Jep kniff das eine Auge zu. »Ich muß mein Kreuz bis zum Tode tragen, dann kann Bodil es weiter schleppen und mit den Leuten sich abquälen. Dazumal, als ich durchs Sundewitt wanderte, war böse Zeit und nichts als Bankerott im Lande. Viele Bauern, die noch vor zwei Jahren als wohlhabend galten, mußten mit einem Haselstocke von Haus und Hof und, wenn sie alt waren, ins Armenhaus gehen. Überall hörte man nur von Konkursen, von Elend und Not. Große Höfe konnten die ungeheuren Steuern und die verhaßte Bankhaft nicht aufbringen und wurden gerichtlich versteigert. Ich marschierte über Apenrade nach Norderhusen zu und hörte in den Wirtshäusern, wie schandbillig, oft für die rückständigen Abgaben, die Höfe unter dem Hammer verschleudert würden, weil niemand Bargeld habe und der Staat, der große Papiergeldfabrikant, jetzt natürlich nicht sein eignes Papier, sondern nur gemünztes Silber in Zahlung nehme. Da horchte und kalkulierte ich: Das wäre dein Fall, denn du hast blankes Silber in der Katze, des einen Tod ist des andern Brot und das allgemeine Unglück vielleicht dein Glück. Man konnte in Nordschleswig meilenweit gehen, ehe man einen Mann, wie mich, fand ... der Ziegelstreicher hatte 3400 Taler in der Tasche, in jenen schrecklichen Tagen ein Vermögen ...« Reuter wollte seine Weisheit leuchten lassen. »Wenn Sie Ihr Geld, statt es in der Kiste liegen zu lassen, auf Zins und Zinseszins gegeben hätten, so würden Sie sechs- bis siebentausend Taler besessen haben.« »Nein, mein guter und gescheiter Herr, hätte ich meine Ersparnisse in die Bank getan, so hätte ich wohl eine Zeit lang Zinsen, aber zuletzt kein Kapital, sondern Papierfetzen bekommen und keine hundert Taler im Beutel gehabt. Der dumme Geiz, der die blanken Taler putzen wollte, war mein Glück!« Heimreich neckte den Freund. » O si tacuisses, philosophus mansisses! Hast doch eben vernommen, wie die dänische Regierung den Betrug beschirmte und die Bezahlung der Schulden in wertlosen Zetteln gestattete.« Bodil erhob ihre Stimme als Anwalt der dänischen Staatsgewalt. »In der besten Absicht, um in den vier kritischen Jahren die verhängnisvolle Kündigung der Kapitalien zu verhindern, wurde die verkehrte Bestimmung getroffen.« »Na, die Gaunerei der Regierung war dein und mein Glück, mein Kind ... ich hörte in Norderhusen im Kruge, wie die Bauern aufgeregt davon sprachen, daß jetzt auch der große, schöne Hylleruphof Mathäi am letzten sei und am Dienstag zur Zwangsversteigerung käme. Ich schnallte meine Katze um und ging zum Termin ins Gericht, wo verlesen wurde, daß außer den Gerichtskosten und ein paar kleinen Hypotheken die Zinsen der Bankhaft und die Steuern für zwei Jahre zum Betrage von 1180 Speziestalern vom Ersteher zu entrichten seien. Der Besitzer des Hofes, der jetzt seine 60 000 Taler wert ist ...« »Seine 100 000 gut und gern!« rief Klaus Fangel. »... Konnte nicht zwölfhundert Spezies borgen oder beschaffen und mußte Bankerott machen.« »Schrecklich!« seufzte Bodil. »Aber gut für uns, mein Kind! Er tat mir ja leid, aber innerlich mußte ich doch über den Priesterhandel und das unverschämt dumme Gesicht des Richters lachen, der mich streng aufforderte, das hohe Gericht nicht zum Narren zu haben und die nötige Sicherheit sofort zu deponieren. Ich stellte ruhig die Geldkatze auf den Tisch, der Richter machte ein paar Glotzaugen, wie ein ins Bierfaß gefallener Laubfrosch. Gelassen bot ich bis dreizehnhundert Spezies und sah mich um, doch keiner tat den Mund auf, auch der Richter schwieg und machte eine Pause, um ein Nachgebot abzuwarten. Der Hammer fiel zum letzten und ziemlich leise auf den Tisch, der arme Ziegelstreicher mit der Geldkatze war den hohen Herren ein Ärgernis und eine Umkehrung der Weltordnung. Da war ich einen ganzen Tag sehr glücklich als Herr und Hofbesitzer. Am nächsten Tage kamen schon die bangen Bedenken, ob ich es durchhalten könne. Auf einem Gute, wo der Exekutor täglich Gast gewesen, fehlt sehr viel, die Gäule waren Kracken, die Kühe – 34 fand ich vor – alt und ausgemolken, die Geschirre verlottert. Ja, ich habe härter als in der Ziegelei, tags für zwei Knechte gearbeitet und nachts gerechnet, um die Bilanz zu halten. Das waren elende Zeiten, davon die Bauern von heute, mein lieber Eskild, keine blasse Ahnung haben. Viele Pflüge, daran kein Stück Eisen, waren von Holz, in Feuer gehärtet, und kratzten, wie die Hühner, in der Erde. Einen Federwagen besaß ich in den ersten fünf Jahren meiner Hofherrlichkeit nicht. Um die teuren Taue zu sparen, drehten wir uns Pferdeleinen aus Stroh, diese Strohzügel rissen leicht, obgleich der Hafer nicht die Mähren stach. Ehe wir den großen Berg bei Norderhusen herunterfuhren, stiegen wir ab, um die Pferde am Maule zu halten. Wenn es hoch kam, luden wir zwölf Sack Weizen, jetzt zwanzig bis vierundzwanzig per Fuder.« Klaus Fangel hatte mit Ohren, Augen und allen Sinnen zugehört; der erstaunliche Hofkauf des Ziegelstreichers erregte sein agrarisches Gemüt. Es war sein heimlicher und höchster Herzenswunsch, einmal einen Hof zu besitzen. Wenngleich sein phlegmatischer Optimismus gern an Träumereien sich erquickte, wußte doch sein praktischer Sinn, daß solche Träume recht windige Luftschlösser seien. »Was Sie für ein Glückspilz sind! Mir wird schwindlig! Ach, ein junger Landwirt ohne großes Kapital muß sein Leben lang »verwaltern« oder »inspektern« ... es müßte schon ein Krach, ein Krieg oder ein Massenkonkurs kommen ...« »Wünschen Sie um Gotteswillen nicht die Zeiten zurück! Wir Bauern waren keine Glückspilze, sondern arme Teufel.« »Na, die Not wird mich verschonen, denn ich werde nie einen Hof kaufen oder erben.« » Tertium datur! Erheiraten Sie einen Hof, das ist der billigste Gutskauf,« bemerkte Reuter allzu absichtlich. Der junge Landmann zupfte am Tischtuch, über sein gesundes Gesicht ging ein Glühen, dann aber verfinsterte es sich. Bodil nämlich hatte eine scharfe und eine weiche Stimme und sprach mit der scharfen: »Zu einem Kauf gehören zwei.« Ihr Blick flog Heimreich entgegen, scheute dann und entfloh nach der andern Seite, wo Eskild saß. Den redete sie an. Alle Bauernsöhne und -Töchter dutzten sich. Rolf Krake Hansen, der ein halbes Jahr in Kopenhagen gewesen war, um eine dänische Halb- oder Viertelbildung und Schliff sich anzueignen, der jetzt städtische Kleidung und steife Vatermörder trug, auch nur hochdänisch, freilich mit manchem Rückfall ins Kartoffeldänisch, lispelte, galt den meisten als ein eitler Fax, weil er seine einfachen Altersgenossen siezte. »Eskild, kommst du morgen Abend zur Versammlung im Dorfkruge?« fragte Bodil freundlich. »Der bekannte Laurids Skow wird reden über: Die uralte Eidergrenze.« »Ich wollte eigentlich zu Hause bleiben. Die Versammlungen bringen viel Aufregung und Unfriede ins Dorf. Hans Peder Sjöberg läßt seine alte Donnerrede, die ich auswendig kann, von dem Walle Thyras, den wir wehren, von der Muttersprache Dans, die wir ehren sollen, vom Stapel. Dann springt Rolf Krake hinauf, rückt an den Vatermördern, rollt die Augen und brüllt los. Er zieht gegen die Beamten, Pastoren und Lehrer, die deutsch sprechen und uns verdeutschen wollen, vom Leder, schwatzt baren Unsinn und ist nicht nach meinem Geschmack. Nach dem Reden werden Kaffepünsche rundenweise getrunken, und das ist mir ganz zuwider. Rolf Krake, der seinem Vater, dem alten Kaffepunsch-Hansen, gut nacheifert, ist ein ganzer Kerl ... ich hörte ihn schreien: Die deutschen Pastoren müßten alle abgesetzt und verjagt werden. Pfui, das sind gemeine Reden ... wir haben gute Pastoren.« »Du kannst ja fortgehen, wenn Laurids Skow gesprochen hat ... der hat Rednergabe und ist gemäßigt ... den mußt du hören.« Eskild nickte, aber so daß es weder ja noch nein war. Der Kandidat rückte während dieses Gespräches hin und her, fand aber nicht die rechten Worte und schwieg gedrückt. Der Pastor nahm in seiner würdevollen und stillen Weise das Wort. »Kaffepunsch-Hansen, wie alle ihn nennen, ist ein armer Alkoholiker und harmloser Mensch, klagte mir seine liebe Not, sein feiner Sohn vertue heidenmäßig viel Geld und wolle auf dem kleinen Hofe nur den Herrn spielen. Der Mosjö hetzt die brave Bevölkerung auf gegen ihre Beamten und hat auf die Pastoren einen Haß. Wir sollen nach seinen Worten aus dem Lande gepeitscht werden. Wir, die Landeskinder, sollen den Fremdlingen Platz machen! Nach unsren verbrieften Privilegien sollen nur Söhne des Landes Amt und Anstellung in den Herzogtümern haben ... aber immer mehr Kandidaten und Stellenjäger kommen über die Grenze. Die Zahlen zeugen von Recht und Unrecht. Kaum der dritte Pastor in Nordschleswig ist in Schleswig-Holstein geboren und in Kiel ausgebildet, die zwei von dreien drangen von Dänemark herein und verdrängten unsre Kandidaten. Wir, die wir hier unsre Heimat, unsre Wiege, unsre Eltern, unser Herz haben, wir müssen das Land verlassen.« Er wurde warm, denn das traf ihn, der einen Sohn hatte, persönlich und war pro domo gesprochen. Bodil blieb stumm, da sie einerseits wider den von ihr hochgeachteten Pastor nichts sagen wollte, andererseits seine Statistik nicht widerlegen konnte. Dritter Abschnitt. Ein entgleister Garde-Leutnant und ein einwandfreies Gespenst. Im Pesel Jep Hansens dampften die Pfeifen. Rueter blinzelte und warf Hilde Fangel einen verliebten Blick zu, der an ihren schnell gesenkten Lidern abprallte. In der allgemeinen, lebhaften Unterhaltung war eine jener plötzlichen, oft peinlichen Gesprächsstillen eingetreten. Da hörten alle draußen vor dem Hause ein Geräusch, als wenn jemand vor der Tür den Schnee von den Stiefeln stampfe. »Was mag das für ein später Besuch sein? Nach elf Uhr?« sagte der Hausherr. Die Tochter eilte in den Flur hinaus, wo sie einen langen, wildfremden Menschen in Lodenjoppe, Seehundsfellmütze und langen, groben Stiefeln und trotz der Frostkälte ohne Überrock oder Ulster vorfand. Der Fremdling nahm schon unaufgefordert und recht unverfroren den Rucksack von den Schultern, stellte die Flinte, die er trug, in die Ecke und befahl dem Hühnerhunde, sich hinzulegen. »Was ist Ihr Anliegen zu so später Stunde?« fragte Bodil verwundert den nächtlichen Wandersmann, den sie für einen heruntergekommenen Förster und besseren Fechtbruder hielt. »Ich höre da drinnen Jep Hansens Stimme ... dem, Ihrem Vater, wie ich vermute, will ich einen guten Abend sagen ... richtiger wohl eine gute Mitternacht.« »Wir haben Gäste ... und wer sind Sie?« »Das soll der Alte eben raten, und die Gäste genieren mich nicht. Erlauben Sie!« Der Fremde sah einem höheren Paganten, der bessere Tage gesehen hat, verzweifelt ähnlich, jedoch sein korrekter Kopenhagener Dialekt, seine kurze Verbeugung, seine höchst adrette Haltung und etwas Sichres-Selbstbewußtes in seinem ganzen Auftreten verrieten sofort, daß er den gebildeten Ständen angehört habe. Im Pesel reckten sich alle Köpfe, alle Augen waren auf den Eindringling, dessen Rock und Hose aus grobem Stoff etwas schäbig, auch recht naß und wenig salonfähig war, gerichtet. Der stellte die Hacken zusammen und grüßte nach Art der Offiziere, die ihr eignes Kompliment haben, und mit viel Anstand zuerst die Damen. Eine merkwürdige Persönlichkeit, allen unbekannt, war da ins Haus geschneit. Haar und Bart ziemlich ungepflegt und stark ergraut, das Gesicht, wetterhart, von einer Narbe durchhackt und tief gefurcht, war das eines hohen Fünfzigers, jedoch schlank, rank, rasch und lebhaft, wie eines Jünglings, war jede Bewegung und Geste, und zweifellos imponierte der Fremdling durch seine männliche Sicherheit und Ruhe und durch einen vornehmen Zug, der durch die ärmliche Kleidung noch mehr hervortrat. Der ungebetene und ungewöhnliche Gast, der Greis, Mann und Jüngling in seiner Person vereinigte, fixierte den Bauer mit seinen stark behaarten Brauen und gab sein Rätsel auf. »Ich kenne Sie, Jep Hansen! Kennen Sie mich? Wer bin ich?« Jep hob sich halb aus dem Stuhle und hielt den Kopf, wie ein lugender Spatz. »Hm, das behaarte Igelgesicht – entschuldigen Sie! – bring' ich nicht gleich unter, aber das kleine, linke Auge, das so verschmitzt über die Nase wegschult, ist mir ... ist mir bekannt ... töv ... einen Momang!« »Darf ich auf die Spur helfen?« schmunzelte der Gast, der ein größeres und ein kleineres Auge hatte, das rechte und größere oft ganz stille stehen und das linke um so greller leuchten und hin und her laufen ließ. »Ich bin ein alter Hyllerupper ... Spatz, kennen Sie den Swinegel nicht?« Jep schlug klatschend auf die Lederhose. »Sie sind der Leutnant Bösen, der Sohn unsres alten Pastors. Wo kommen Sie um Mitternacht her, nachdem Sie zwanzig Jahre spurlos verschwunden waren?« »Ich wollte die Heimat mal wiedersehen und bin von Apenrade durch den Schnee geknetet ... das nahm Zeit ... haben Sie diese eine Nacht Unterstand für einen alten Weltbummler, einen freien, frummen Landsknecht?« »Diese eine Nacht? Nein, mein Lieber...« »Na, dann Adieu und Gott segne Sie!« »Nein, einen Monat mindestens, am liebsten ein Vierteljahr sollen Sie bei mir bleiben. Bodil, laß Essen warm machen für den Leutnant!« »Sagen Sie das lieber nicht! Ich könnte Sie beim Wort nehmen und ein Jahr mich im warmen Nest festnisten ... die Vagabunden und Landsknechte sind anhänglich wie die Schwaben und Mäuse und nicht wieder los zu werden. Als Wanderratte sah ich drei Weltteile mir an, aber arm wie eine Kirchenmaus bin ich geblieben. Ja, mein lieber Jep, Geld habe ich nicht mit heimgebracht, aber schöne Kleider hab' ich – mal gehabt ... nur, damit kein Irrtum entsteht und Sie wissen, wie Sie daran sind.« »Sie bleiben im Hofe!« Der Bauer äußerte eine unverhohlene Freude über das Wiedersehen und sprach gerührt von dem alten, guten Pastor Bosen. Der Leutnant stellte, was Jep versäumte, sich selber den Gästen vor. »Bösen, Leutnant Sr. Majestät, Premierleutnant a. D. und ohne Pension.« »Ihr Vater ist in der Gemeinde noch nicht vergessen,« sagte der Pastor freundlich. »Mein seliger Vater war ein nobler und guter Herr ... nur allzu gut, hätte mich strammer in der Kandare halten sollen, dann wäre ich jetzt ein wohlbeleibter Oberst, der sich sein Bäuchlein am Sattelknopf wund scheuert, oder ein Herr Generalmajor ... mein Vater war zu gut und gab mir einen Spezies Taschengeld auf einmal ... ein dummer Bengel von fünfzehn Jahren, der Leutnant werden will, agiert den Offizier und wirft mit den Markstücken um sich, als wären sie Lehmmarbel. War ein Fehler, natürlich mein Fehler, war meine Jugendsünde und wurde mein Charakterfehler, meine Achillesferse, meines Alters Todsünde wurde es, daß ich das runde, rollende Geld nie festhalten konnte. Die Kunst der Erziehung ist einzig und allein, den Wert des Mammons dem Kinde anschaulich zu dozieren und den Jungens richtig beizubringen sowohl theoretisch, daß der Mensch nicht ist, was er ißt, sondern ist, was er hat, daß Geld Macht, Güte und Größe bedeutet, als auch praktisch den Burschen beizubringen, das rollende Geld in der gekrallten Hand fest, sehr fest zu halten. Das Prinzip fehlte etwas in meiner Erziehung, das wurde mein Charakterfehler, das schwarze Kreuz in meiner Konduite, das häßliche Pech meines Lebens und die Hauptursache, daß ich nicht ein dicker Generalmajor geworden bin.« Die skurrile Selbstkritik machte dem Bauer viel Vergnügen. »Und noch dazu bei der königlichen Leibgarde ... als Sie vor vierundzwanzig Jahren hier auf Urlaub waren, trugen Sie die hohe Bärenmütze... Donnerwetter, wie guckten die Leute, wenn Sie die Kirche betraten!« »Ich hatte allerdings die hohe Ehre, mit dem Prinzen, der sich jetzt König Christian VIII. nennt, in einem Bataillon zu dienen und Kamerad eines Kronprinzen zu sein.« »Eine nette und nützliche Kameradschaft!« meinte Jep. »Sie sehen an meiner Person und meinem Leibe, was Sie mir genützt hat. Omnia mea mecum porto! Mein Rucksack, mein Gewehr und mein Hund sind mein ganzer Reichtum, richtiger, meine ganze Armut.« »Es hieß hier, Sie wären nach Amerika gegangen ... na, aus Amerika, wo der Goldstaub, wie hier der Dreck auf der Gasse, liegt, kommen doch die Leute mit einem Goldklumpen im Rucksack zurück,« neckte der Alte. »Der Goldklumpen ist Ihr Geschenk! O mea maxima culpa , daß ich das Geld nicht festhalten konnte, obgleich ich in der neuen und der allerneusten Welt gewesen bin.« »Potztausend! In Australien? Das liegt ja auf der entgegengesetzten Seite des Planeten ... da gehen wohl die Menschen auf dem Kopfe?« »Ja, vieles ist da auf den Kopf gestellt. In einer Bar, einer Schenke, wo die Menschen nicht, wie hier, sitzen, sondern auf den Füßen herumstehen, zuweilen auch nicht stehen, sondern taumeln, bestellte ein Kerl in Hemdsärmeln Brandy und Wein für alle Anwesenden, für jeden Gassenbummler, der beste Wein floß in Fülle frei und umsonst für jedermann. Von dem Hemdsärmligen sagten sie, er sprenge sich selbst in die Luft. Aber in meinem Hotel – auch das war umgekehrt, denn die Wanzen schliefen im warmen Bett und ich lag auf dem kühlen Fußboden – im Hotel mußte ich das Waschwasser die Gallone mit einem Schilling teuer bezahlen. Das Wasser kostbar und der Wein umsonst! In Adelaide saß der ehrenwerte Bürgermeister im Gefängnis, weil er Stadtgelder gestohlen hatte. Damit solches nicht wieder vorfalle, wählte man den reichsten und angesehensten Bürger, der das schönste Haus und ein sehr ehrwürdiges, von weißen Haaren umrahmtes Gesicht hatte. Dieser Vertrauen erweckende Herr war in London, in Whitechapel, ein berühmter Einbrecher gewesen, zur Deportation verurteilt und in Tasmanien zwanzig Jahre lang Sträfling gewesen, hatte nach seiner Entlassung in Adelaide ein großes Vermögen erworben und wurde zum Bürgermeister gewählt. Ja, in Australien ist vieles kurios und auf den Kopf gestellt.« »Sie nahmen damals etwas plötzlich Ihren Abschied ... warum denn?« fragte Jep, wenig taktvoll wie alle Bauern. »Darf ich erst ein paar Bissen genießen?« Bosen sah nach dem aufgetragenen Essen und hatte Heißhunger, aß aber mit Anstand und ohne Gier und warf ab und an seine trockenen Bemerkungen über den Tisch. »Meinen Abschied nahm ich eigentlich nicht, er wurde mir feierlich, mit voller Uniform und ohne Pension verliehen. Das ist die alte, langweilige Leutnantsgeschichte.« »Nein, das interessiert uns gerade sehr ... ich sehe Sie noch, Sie waren ein schmucker Offizier, ein ganzer Kerl, der mit dem Schimmel über die höchsten Knicks hinwegsetzte und eine Taube im Fluge schoß.« »Ja, die Schießerei wurde mein Schade ... wir knallten ein bischen draußen in Charlottenlund, um einen kleinen Wortwechsel zu arrangieren, und ich traf den Grafen Wedel, der mir die Seite zukehrte, in das hintere Vorgebirge, akkurat wo ich den Treffer vorhergesagt hatte. Am nächsten Tage erklärte mir mein Oberst, Seine Majestät – es war der hochselige Friedrich VI. – sei auf mich aufmerksam geworden. Eine solche königliche Aufmerksamkeit kann nützlich, aber auch nachteilig sein. Ein paar Monate später hatte ich das Unglück, auch die Aufmerksamkeit des Kronprinzen zu erregen, der mich rufen ließ und mit wehmutsvollem Wohlwollen sagte: »Herr Kamerad, ich höre, Sie haben viertausend Speziestaler Spielschulden, Spielschulden!« Nein, Ew. Königliche Hoheit, beteuerte ich, die Hand aufs Herz legend, es sind fünftausendzweihundert Spezies. – »Was! Fünftausendzweihundert! Höll' und Teufel! Wissen Sie irgendeine Möglichkeit, die Ehrenschuld zu bezahlen? Ich weiß keine.« – Ich wüßte wohl eine Möglichkeit ... wenn Ew. Königliche Hoheit ein gutes Wort einlegen und Seine Majestät allergnädigst geruhen würden, meinen Vater zum Bischof von Aarhus – das Amt ist just vakant – zu ernennen, so würde ich die Möglichkeit haben, die fünftausendzweihundert zu bezahlen, denn das Bistum bringt seine zwölftausend Spezies im Jahre. Auf diesen Ausweg wollte der gute Kronprinz sich leider nicht einlassen, sondern er blähte die Backen auf und befahl seinem Adjutanten, mir fünfhundert Taler aus seiner Schatulle zu zahlen, damit ich schleunigst eine Auslandsreise antrete.« »In Amerika und Australien haben Sie Ihr Glück versucht, aber scheinbar nicht gemacht?« fragte Bodil und krauste die Nase. »Nein, die Fortuna der Glückshänse, die mit der Nase auf eine Geldbörse fallen, fehlte mir ... trotzdem habe ich zweimal den Goldvogel in der Hand gehabt und eine Nacht lang alle Wonnen und Qualen eines Krösus durchgekostet. Im Westen Amerikas war ich ein Trapper, wir fingen Biber, die zu Hunderten ihre Kolonien im River hatten, wir schossen Büffel auf der Prairie, nahmen Fell und Zunge und ließen den Kadaver liegen ... mein Kamerad und ich ... er war ein gewesener ungarischer Graf und Wiener Leutnant, der ein Elfenbeinporträt als Amulett trug und unter Tränen erzählte, das sei eine Erzherzogin, die in der Hofburg mit ihm getanzt, sich in ihn verliebt habe und Hals über Kopf mit ihm geflohen sei ... das Paar kam nur bis Böhmen, wo es ergriffen wurde. Die Erzherzogin wurde mit Eskorte in ein Kloster geleitet, der Graf machte in Ketten die Hochzeitsreise nach dem Spielberg, wo er bei Wasser und Brot Flitterwochen hielt und vier Jahre saß, bis er einen Posten bestach und ausbrach. Das schilderte er so wahrheitsgetreu, daß man mit ihm weinen mußte, obwohl ich die historische Wahrheit nicht beschwören will. Never mind ! Ein Trapper fuhrt ein hartes Leben. Monatelang schliefen wir, den Sattel als Kopfkissen, auf der Erde, wochenlang hatten wir keine Brodkrume, und Wildbret war die einzige Nahrung, sie wurde zum Ekel, bis Zeiten kamen, wo wir kein Präriehuhn vor die Flinte bekamen und tagelang hungern mußten. Einmal in den Ausläufern des Felsengebirges waren wir am Verschmachten, am fünften Hungertage beratschlagten wir, ob wir das eine von den zwei Pferden schlachten sollten ... doch welches? Ohne Reittier war ein Mensch in der Wildnis verloren, keiner wollte seine letzte Rettungsmöglichkeit opfern. Ich liege im Halbschlaf am Feuer, das grüne Holz schwelt und stinkt, aber liebliche Bratengerüche umspielen meine Nase, das sind schon die Visionen des Hungertodes. Da höre ich einen Ast knacken, ein junger Bär steht zwanzig Schritte vor mir und äugt das Feuer an. Leise lege ich mich in Anschlag ... Petz hat noch nie die Bekanntschaft der zweibeinigen Bestien gemacht und guckt neugierig ... meine entkräftete Hand drückt ab, ich springe auf ... der Bär brüllt und bricht durch die Büsche. Meine Hand hat gefehlt, das Wild, das aller Hungersnot ein Ende macht, entflieht ... ich schreie vor Wut und stürze dem Bären nach mit Raubtiergier. Schweiß rötet die Fährte, ich folge dem Angeschossenen durchs Dickicht, daß mir Kleider und Haut in Fetzen hängen, mit meiner letzten Kraft keuche ich vorwärts, das Bowiemesser in der Faust. Unter dem Felshange ist eine freie Lichtung, vom Mond beschienen ... was ist das? Zerschlagene Wagenräder, verkohlte Lagerreste, zertrümmerte Flaschen und Kisten, aber auch gebleichte Gebeine, ganze Knochengerippe von Menschen liegen zu Dutzenden verstreut. Mein Haar sträubt sich, ich stutze beim Anblick des gräßlichen Totenlagers und stürze über die knackenden Knochen hinweg der Beute nach. Die Gerippe erzählen eine blutige Geschichte von dem grausamen Untergang einer ganzen Handelskarawane, die einst durch die Einöde der great american desert zog, ahnungslos auf der Lichtung lagerte und von einer brüllenden Indianerhorde überfallen und massakriert wurde. Der wilde Westen ist reich an solchen Tragödien, ganze Wagenzüge der weißen Eindringlinge verschwanden auf der ungeheuren Prärie, und die tückischen Rothäute zierten ihre Wigwams mit blonden Skalpen. Der Bär war verschwunden, doch ich kroch der Blutspur nach, die in den Fels, in eine versteckte Höhle führte. Ein wütiges Knurren, ein Schlag der Tatze, aber in demselben Augenblick saß das Bowiemesser dem Tier in der Kehle. Ich pfiff, mein Kamerad kam mit einem brennenden Scheite und kroch in die Höhle. In dem stockfinsteren Loch war das leibhaftige Glück, das gleißende, glänzende Gold – zwei Ledersäcke, brechend voll von Goldstücken, und eine kleine Eisenkiste, mit Banknoten, einigen Ringen und Uhren angefüllt. Die Karawane, die mit dem reichen Ertrag ihres Handels auf dem Heimwege war, hatte wohl während der Rast ihre Schätze in der Höhle untergebracht, und die Rothäute hatten das Gold nicht gefunden. Wir, die Finder, wühlten trotz des Hungers in den Schätzen und schätzten unseren Reichtum auf 120 000 Dollar, wir waren durch einen Zufall schwerreiche Leute geworden. Die gebratenen Bärentatzen stillten den Hunger. Dann fühlten wir recht die volle, tolle Freude, 60 000 Dollar mein Anteil, mir schwindelte fast. In der Nacht schlief und träumte ich als Krösus. Und am Morgen war mein Kamerad verschwunden! Er hatte bei Nacht und Nebel sein Pferd gesattelt und mein Pferd, dem er die Säcke und Schatzkiste auflud, auch mitgenommen!« »Der Schuft, der Schurke!« schrien die Zuhörer. »Nein, ich muß ihm dennoch dankbar sein ...« »Dem Elenden?« rief Hilde Fangel. »Ja, der edle ungarische Graf hatte soviel Rücksicht und Nächstenliebe bewiesen und nicht nur meine Flinte, sondern auch die schlechtesten Stücke des Bären großmütig mir gelassen. Ein ganz raffinierter und herzloser Schuft hätte gegen jedes Wiedersehen und jede Reklamation meinerseits sich gesichert, indem er mich verhungern ließ und mundtot machte. Mein Leben, das mir mehr wert ist als 60 000 Dollar, verdanke ich dem Grafen und seiner Großmut.« Die originelle Art und der trockene, amerikanische Humor erregten herzliches Lachen, nur Bodil machte die krause Nase. Bosen wandte sich mit einem kleinen Kompliment an den Pastor und die Pastorin. »Damit Sie nicht den Sohn Ihres Vorgängers für einen Abenteurer, Spieler und Glücksritter, d. h. Unglücksritter halten, will ich in meiner Selbstbiographie nicht verschweigen, daß ich zur Ehre der Olympier und des klassischen Altertums einige Muselmänner umgebracht und in einem Freikorps der Hellenen gefochten habe. Nach einem Scharmützel, wo mein Säbel beim Parieren zerbrach, nahm ich einen Araberscheik mit der Säbelscheide, die ich ihm schnell zwischen die krummen Beine steckte, gefangen. Dem Gestürzten setzte ich die Scheide auf die Brust, in seiner Angst sah er nicht die Unschuld meiner Mordwaffe, sondern er schlug einen Halbmond und bot mir seinen mit Edelsteinen besetzten Türkensäbel an. Den Säbel habe ich leider in Hamburg liegen lassen ...« »Mit den Edelsteinen?« rief die Pastorin erschreckt. »Nein, die Steine hatte ich einem Hebräer in Verwahrung gegeben. Im übrigen haben wir uns bei den Griechen wenig Dank und viel Ungeziefer geholt.« »Die edlen Hellenen haben Läu-, haben Insekten?« Die Pastorin entsetzte sich. »Ja, die Nachfahren eines Perikles, Sokrates und Demosthenes sind ein lumpiges Gelichter.« Leutnant Bosen erzählte mit skurrilem Humor aus seinem bunten, bewegten Leben. Während sein Gesicht und das große Auge toternst blieb, lief das kleine hin und her, als wenn es sich über die Andacht der Gesellschaft lustig mache. Der Kauz war kein großmäuliger Bramarbas, sondern mit einer gewissen Scheu vermied er es, seine vielen tüchtigen Eigenschaften und Leistungen zu erwähnen, weil er den Kontrast zu seinem ärmlichen Aeußeren bitter fühlte und spöttischen Zweifeln zu begegnen befürchtete. Mit seinem gutmütigen, über Welt-Widrigkeit erhabenen, stoischen Pessimismus übte er an Institutionen und Alltagsmenschen – nur nicht an göttlichen Dingen – eine derbe, drastische Kritik, die ihn selbst nicht verschonte und zur witzigen Selbstverspottung wurde. Pastor Fangel stopfte sich die fünfte Pfeife und lud den Sohn seines Vorgängers freundlich ein, das Pastorat zu besuchen. Er nahm warmen Anteil an dem Pastorsohn und Gardeoffizier, der nach langen Irrfahrten in drei Weltteilen als alternder Mann, zwar in ungebrochener Kraft, aber ärmlich, enttäuscht und tief gefurcht heimgekehrt war. Seine innigen Worte gingen dem alten Leutnant ans Herz. »Sie sollen allein durch Haus und Garten gehen, mit den Stätten Ihrer Kindheit und Jugend Wiedersehen feiern und im Wohnzimmer Ihrer Mutter, in der Studierstube Ihres Vaters eine stille, ungestörte Gedächtnisandacht halten.« Bosen fuhr sich über die Augen. »Mein herzensguter, seliger Vater, meine liebe, liebe Mutter!« In den schlichten Worten lag alle Dankbarkeit und Liebe, aber auch die Reue eines Sohnes, dem ein stattliches Pfund gegeben worden. Der Geistliche sprach als Mensch. »Wie in uns allen der Zug nach oben, so ist im Menschen der unauslöschliche Zug und Zwang nach Hause, die Heimatsehnsucht. Nach einer Odyssee von zwanzig Jahren haben Sie die Küste der Heimat gesucht und gefunden, nach dem kleinen Dorfe Hyllerup, wo Ihre Wiege stand, zog und lockte die Sehnsucht und die Gewalt der Heimatliebe, die dort Rast und Ruhe und ein stilles Altenteilstübchen suchte, um Feierabend zu machen und in Frieden zu altern. Nicht wahr?« »Um des Himmels willen, Herr Pastor! Nur keine Ruhe und kein Altenteil – wer zum Geier sollte oder wollte es mir geben? – nur kein Rasten und Rosten!« Der geistliche Herr, der stirnrunzelnd in Rauchwolken sich hüllte, war an den Unrechten gekommen. Bosen unterdrückte einen Fluch und fuhr fort: »Ich las in den Pariser Zeitungen, es sei in den Herzogtümern nach dem Offenen Brief ein ungeheures Geschrei entstanden und eine Volkserregung, die zu einer Revolution führen werde. In Holstein und Südschleswig, das ich durchwanderte, sind die Leute wild geworden, wollen durchaus von Dänemark los und in den deutschen Bund hinein. Der Holsteiner hat ja die Losung: »Reg di man nich up!« Und er regt sich nicht leicht auf ... wenn er aber auf die Hühneraugen getreten und hitzig wird, haut er fest zu. Es gärt in den Herzogtümern, sie halten die Faust unter dem Rocke geballt. So viel ich beurteilen kann, werden wir einen Heidenkrach und einen lustigen Krieg bekommen. Da muß ich dabei sein, das ist ja mein Metier. Ich fühle noch in mir die Kraft und Kurasch, eine Kompagnie und, wenn man mir es anvertrauen würde, ein Regiment gegen den Feind zu führen – Bajonett auf! Marsch, marsch! Nichts Schöneres auf der Welt, als eine Schanze im Sturm zu nehmen.« Das verrunzelte, bronzefarbige Gesicht, das etwas ungepflegt, ja ungewaschen aussah, leuchtete von dem Jugendfeuer, das in dem alten Leutnant nicht erloschen war. »Sie werden bei einem Regiment in Kopenhagen eintreten?« bemerkte der Kandidat Fangel, dessen Schnurrbart ironisch zuckte, denn er dachte: wofern sie Dich nehmen. Bosen brauste auf, sein kleines Auge blitzte böse, ja boshaft. »Der Teufel hole die Kopenhagener und ihren König dazu, die ich nicht um ein Leutnantspatent anbetteln will.« Sein großes Auge betrachtete lauernd die Gesellschaft, während er nach diesem Gefühlsausbruch mit größter Gemütsruhe weiter redete: »Ich vermute, daß die Schleswig-Holsteiner ein bißchen mit den Dänen sich boxen und darum gelernte Offiziere gebrauchen werden ... dann möchte ich den Kopenhagenern und meinem früheren Kameraden, dem König, der mir auf meinen freundlichen Brief, worin ich ihm zu seiner Anstellung als König gratuliert und für mich um eine kleine Anstellung, die wenig Arbeit und möglichst viel Lohn brächte, höflich bat, gar nicht geantwortet hat ... dann möchte ich den Kerlen zeigen, wozu der alte Krippenbeißer und Leutnant a. D. und ohne Pension noch gut und zu gebrauchen ist.« »Sie reden wie ein rechter Landsknecht, der kein Vaterland und keine Ueberzeugung hat. Gegen Ihren König, Ihr Vaterland wollen Sie das Schwert ziehen?« rief Bodil entrüstet. »Nein, für mein Vaterland, das Herzogtum Schleswig, will ich kämpfen, denn ich bin ein geborener, legitimer Schleswiger.« »Der frühere dänische Gardeleutnant ein Schleswig-Holsteiner, haha! Nein, ein Südjüte sind Sie!« Das junge Mädchen wurde heftig. Bosen durfte die Tochter des Hauses, wo er Unterkunft fand, nicht reizen noch kränken und schwieg. Aber Jep Hansen sagte als Hausherr: »Politische Disputationen werden nicht geduldet! Die Jungen mögen mit Tanz oder Pfänderspiel sich amüsieren, wir Alten ziehen uns in die Ecke aufs Altenteil zurück, um ein Spielchen zu machen.« Da wurde Bosen sehr animiert, und seine Augen glänzten beim Anblick der Karten. »Das ist mir, der alten, unverbesserlichen Spielratte, aus der Seele gesprochen.« »Mir um so weniger, denn ich spiele keine Karten,« sagte der Pastor. »Na, dann will ich der dritte Partner sein, wenn mein geistlicher Herr es gestattet ... drei machen ein Kollegium und ein Kartenspiel,« lachte die heitere Pastorin, die ihr Gläschen Bischof mit viel Vergnügen und einiger Wirkung getrunken hatte. »Nichts geht über eine Partie l'Hombre.« Der Leutnant wischte sich um den Mund. »Das ist uns zu hoch studiert, wir kennen nur das Dreikart der Bauern.« Jep malte mit der Kreide einen Kreis auf den Tisch und schmunzelte. »Die »Bete« steigen, so hoch sie wollen.« »Nein, das ist Hasard, sündhaftes Hasardspiel,« protestierte der Pastor. »Laß nur, Väterchen, ich werde sehr vorsichtig sein.« Frau Gertrud drückte unter dem Tische seine Hand. Und sie spielte klug und vorsichtig und »paßte« stets, wenn sie nicht eine recht sichere Gewinnkarte hatte. Der Einsatz war allerdings nur drei Kurantschillinge, erhöhte sich aber sehr bald und in der bedenklichsten Weise, sintemal jeder Mitspieler, der keinen Stich bekam, statt dessen einen »Bet« erhielt, dafür er drei, sechs, dann neun, zwölf, zuletzt vierundzwanzig Schillinge büßen und dem Gewinner zahlen mußte. Langsam und sicher vermehrte sich das Geldhäuflein der Pastorin, die hochrote Wangen hatte und sehr eifrig über die Brille wegschaute, um die Gesichter der Mitspieler zu studieren und danach ihr Kalkül zu machen. Jep klatschte auf seine geliebte Lederhose, so oft er einem andern einen Bet ankreiden konnte, spitzte aber still den Mund, wenn er zahlen mußte. Bosen spielte mit Leidenschaft und Waghalsigkeit und paßte nur, wenn kein Trumpf in seinen Karten war. Ein paarmal im Anfang verblüffte er durch seine Kühnheit und gewann, dann kannten die anderen seinen Bluff und ließen sich nicht ins Bockshorn jagen. Nach einer Stunde hatte Bosen schon sieben Taler verloren. Um den Verlust einzubringen, spielte er noch gewagter, so daß Jep mit boshaftem Grinsen ihm die vier höchsten Bete hinmalte, die er sämtlich bezahlen mußte. Er leerte seinen Beutel, kramte in vier, fünf Hosen- und Westentaschen herum, brachte die Summe in Silber und Kupfer zusammen und lehnte sich zurück, um nach seiner Gewohnheit mit dem kleinen Auge über seine Nase hinwegzuschielen und kaltblütig zu sagen: »Jetzt passe ich ganz, denn Sie haben mich blank gerupft.« Ebenso kurz und kaltblütig schob der Bauer, der sonst jeden Schilling dreimal umkehrte, ehe er ihn ausgab, dem Leutnant fünf Taler hin. »Spielen Sie mit Verstand und Vorsicht weiter!« Der Pastor protestierte energisch. Durch die Höhe der Bete sei es nicht mehr harmloses Unterhaltungs-, sondern häßliches Hasardspiel. Jep wurde verdrießlich und verleugnete in dem Augenblick den Bauer nicht. »Ja, nun, wo die Frau Pastorin die Schafe geschoren und ihr Schäfchen ins Trockne gebracht hat, sollen die Bete beschränkt werden.« Da kehrte Bosen den Offizier heraus. »Der Verlierer – und das bin ich – hat zu bestimmen, es gibt von jetzt an nur drei steigende Bete, drei, sechs und neun Schilling, und damit basta.« Die Alten spielten weiter um kleinere Einsätze. Die Jungen amüsierten sich nach ihrem Geschmack. Beim Pfänderspiel lächelte der lange Eskild wie ein fröhliches Kind, als er Hilde aus dem Brunnen ziehen durfte. Meistens blickte er gradeaus und in eignen Gedanken, doch er sah und hörte alles, was zur Rechten und Linken geschah und gesagt wurde. Hilde Fangel und Kunz Reuter schwatzten viel miteinander, und als sie im Spiel in den Hausflur treten sollten und sehr flink hinaushüpften, guckte der Bauernsohn seltsam die Tür an und fuhr auch mit dem Tuche über die Stirn, als wenn ihm heiß geworden sei. Später richtete Bodil die Bitte an Eskild Thorö, seine Geige zu nehmen und ein paar Weisen zu spielen. Er lehnte kurz ab, und sie sagte schnippisch: »Du wirst wohl eigen und eigensinnig, wie die großen Künstler, die man lange beehren muß?« Da hörte man eine sanfte Stimme: »Eskild Thorö ist nicht eigensinnig und wird uns die Freude machen, wenn wir ihn bitten.« Der Bauernsohn holte sofort sein Instrument, weil Hilde ihn bat; ihr mußte er jeden Wink erfüllen. Der vierschrötige Gesell nahm die Geige behutsam aus dem blanken Mahagonikasten, liebkoste sie mit den großen Tatzen und legte sie zärtlich an seinen Hals. Geradezu erstaunlich war die behende und zarte Bogenführung, die man dem baumlangen Manne nicht zugetraut hätte. Alle lauschten stumm, ja andächtig den Tönen. Wunderbar, wie seine großen, groben Tatzen den Bogen über die Seiten gleiten, schweben, hauchen ließen! Nur melancholische, weiche, leise weinende Nordlandsweisen spielte er mit Gefühl und Schmelz. Hilde trocknete einen Tropfen fort. Das war hohe, hehre Kunst und der einfache Bauer ein wahrer Meister auf der Geige, die das seelenvollste von allen Instrumenten ist. Wer hätte diesen Fäusten so viel Geschicklichkeit und Grazie, wer diesem täppischen Riesen so viel Innigkeit, Seelen- und Zartgefühl zugetraut? Eskild spielte mit der klassischen Ruhe und der scheinbar spielenden Mühelosigkeit des Künstlers. Hilde wiegte sich in den Hüften, tänzelte ein Paar Tritte und schaute den Spielmann fragend an. Sofort fing er einen beliebten Walzer an. Während seine Hand fiedelte, blickte sein Auge merkwürdig ins Leere und über die Menschen hinweg; aber kein leises Lächeln, kein verstohlener Blick, kein Geflüster entging ihm. Auch wenn er den gewöhnlichsten Rundtanz geigte, war er ein Virtuos, so daß man in Hyllerup sagte: nach Eskilds Geige könne man in Holzschuhen Menuett tanzen. Hilde tanzte fast nur mit Reuter, wiegte sich in seinem Arm und walzte an Eskilds Nase vorbei. Immer mit dem fremden Studenten, immer sehr fest von seinem Arm umschlungen! Immer lispelten die beiden, und lagen ihre Augen ineinander! Immer mit Gekicher tanzte das Glück an seiner Nase vorbei. Keiner merkte das Eilen der Stunden. Kunz sang übermütig das Tanzlied mit: Herr Schmidt, Herr Schmidt, was bringt die Jule mit. Da trat eine possierliche Gestalt, ein alter Knecht, in einen ausrangierten Militärmantel gehüllt, in den Pesel mit Holzschuh-Gepolter und händeringendem Entsetzen. »Wo ist der Bauer? O, es kann jeden Augenblick mit ihr zu Ende gehen ... wie sie sich quält ... ich kann es nicht ansehen.« Jäh brach die Geige ab, der Tanztumult wurde Totenstille. Wer lag im Sterben und in den letzten Zügen? Erschrockene Gesichter umringten den Alten. Reuter war sehr hilfsbereit und warf sich in Doktor-Positur. »Ich bin angehender Arzt ... soll ich mitgehen und sehen, was zu machen ist?« Der Knecht brummte: »Die Kuh, die gekalbt hat, liegt auf der Seite und prustet schrecklich.« Ein schallendes Gelächter erhob sich. Jep Hansen meinte mißmutig: »Es ist nicht zum Lachen ... eine Fünfzig-Taler-Kuh wird wohl draufgehen ... na, was nicht leben will, muß sterben.« »Nein, der Tierarzt muß schleunigst geholt werden,« sagte Bodil energisch und setzte schmerzlich hinzu: »Die Rotbunte ist meine Kuh, die ich selbst als Kälbchen großgezogen habe.« »Na, dann muß der Tierdoktor her, wenngleich er mit seinen Nachttouren unverschämt teuer ist.« Jep kraute sich und schrie den schwerhörigen Knecht an: »Mach' flink, Peter, und bring' den Tierdoktor gleich mit, sonst legt er sich auf die andre Seite und schnarcht weiter!« »Ehe Peter sich besinnt und in Bewegung kommt, vergeht eine Stunde, ich laufe zum Tierarzt, der wahrscheinlich den Knecht mit Ausflüchten abfertigt, um im Bett zu bleiben,« sagte Bodil. »Es ist zwei Uhr nachts und viel Schnee auf dem Wege und eine Stunde fast,« meinte der Vater. Resolut hatte sie Mantel und Kapuze umgeworfen, bei der Gesellschaft sich entschuldigt und die Haustür geöffnet. Sie sah sich wie suchend um und riß ein Tuch vom Ständer. Warum schwieg er? Der Kandidat erholte sich von seiner Überraschung und lief ihr, in der Eile ohne Überrock, nach. »Bodil, darf ich Sie begleiten?« Er redete sie mit ihrem Vornamen an, was er gleich nach der Konfirmation, wo er sich als junger Herr zu betrachten und zu benehmen anfing, unterlassen hatte. Sie antwortete nach kurzem Zögern sehr aufrichtig. »Ja, ich habe es sogar erwartet und vorsorglich das Tuch mitgenommen für Sie.« Bodil legte ihm behutsam das Tuch um die Schultern – ein unbeschreibliches Wohl- und Wärmegefühl durchrieselte ihn. Eine wunderstille Winternacht! Voll und hell schien der Mond, ferne Welten sahen wie kleine Blinkfeuer im Ozean der Unendlichkeit auf die schneeleuchtende Erde herab. Die dunklen Häuser am Wege schliefen. Nur in einem Hofe war Licht und lautes Wesen, dort hatten sie Julbesuch, und die Gäste waren ins Zechen geraten. Die beiden gingen schweigsam eine Strecke, plötzlich ein angstvoll herausgestoßenes Wort! »O ... Heim ... Heimreich ... was ... ist das?« Das junge Mädchen blieb stehen und umklammerte seinen Arm. Ihm lief es eiskalt über den Rücken, und das Haar unter seinem Hute bewegte sich nach oben. Das letzte Haus des Dorfes nach Faustrup zu war die Schmiede, die weit vom Wege zurücklag, einen geräumigen, mit Ackergeräten, Reparatur-Wagen und rostigem Gerümpel angefüllten Vorplatz, auch ein Halbdach zum Beschlagen der Pferde hatte. Dreißig Schritte von der Straße auf einem Pfluge dicht vor der Schmiede saß eine weiße, völlig reglose und völlig rätselhafte Gestalt, die das weiße Nachtgewand einer Frau und auf dem Kopfe eine von jenen uralten, spitzenbesetzten Hauben, wie sie vor zwanzig Jahren von der ältesten Greisin getragen wurden, trug. Das gesenkte Gesicht, fast von den Spitzen verdeckt, schimmerte leichenblaß. War es ein menschliches Wesen, das hier bei starker Frostkälte im leichten Linnen lange nach Mitternacht auf dem Pfluge hockte? Unheimlich, ja gespenstisch wirkte die unerklärliche Erscheinung – oder Sinnestäuschung. Nein, bei dem hellen Mondlicht war ein Irrtum, ein Augentrug ausgeschlossen! Bodil schauerte am ganzen Leibe und schmiegte sich, Schutz suchend, an ihren Begleiter; ihre Stimme flüsterte bebend-stockend: »Was kann das sein? Mir graut ... wollen wir umkehren?« Heimreich legte den Arm beschützend um Bodils Körper – die Notlage erlaubte, und die Ritterlichkeit befahl es. Obgleich ihm höchst unbehaglich zu Mute war und er nur ungern an der gespenstischen Erscheinung vorüberging, besaß er doch die Geistesgegenwart und Geisteserkenntnis, daß er jetzt oder nie vor der starken Freia, die augenblicklich zum schwachen Geschlecht gehörte, Mannhaftigkeit und Mut beweisen müsse. Seine Sprache klang etwas krampfhaft martialisch. »Ich beschütze Sie, Bodil. Der Gang ist eilig ... wir müssen schnell vorbeigehen.« Auf seiner Stirn brach der Schweiß aus, während sein Rücken wie Eis war. Indem er mit dem linken Arm das Mädchen umschlungen hielt, machte er möglichst lange Schritte, sein Auge schielte scheu nach dem Pfluge. Die Gestalt rührte sich nicht im geringsten. Sobald er glücklich die Schmiede passiert und das Gespenst zwei Schritte hinter sich hatte, fuhr ein Geist der Tollkühnheit und der verwegene Wunsch, sich als starkgeistigen Mann zu zeigen, in den Kandidaten hinein, denn er kehrte den Kopf halbrechts und rief dem Gespenste »Guten Abend« zu. Bodil umklammerte seinen Arm. »Laß das, Heimreich! Es ist Gott versuchen.« Das Gespenst reagierte in keiner Weise auf den freundlichen Gruß. Bodil schritt mächtig aus, dicht an ihren Beschützer geschmiegt. Von vier raschen Tritten knirschte der Schnee. Da war ihm so, als wenn noch ein Schritt hinter ihnen her sei. Sein tapfres Herz sank ihm, sein Haar stieg ihm zu Berge, er war nicht imstande sich umzusehen und zu überzeugen. »Es kommt uns nach,« hauchte er. Jetzt war Bodil die Beherzte, die rasch den Kopf kehrte und aufatmete. »Es sitzt noch auf derselben Stelle ... was kann es sein?« Heimreich, der das warme, wonnige Leben im Arme hielt, lachte auf. Ein keckes, stürmisches, ein mächtiges, mutiges, fast übermütiges Glücksgefühl löste das infame Gruseln recht plötzlich ab. Er preßte das junge Mädchen an seine Brust. »Bodil, wir spielten oft als Kinder ... die Holzlaube oben in den zwei Linden war unsre Burg ... einmal küßte der Burgherr die Burgfrau, weiß du noch?« Sanft, aber entschieden löste sie sich aus seinem Arm. »Herr Kandidat, wir sind keine Kinder, und das Du ist eine Dreistigkeit ...« Schärfer wurde ihr Ton, als sie wollte. »Und das Herr Kandidat ist mir ein Schmerz, nachdem ich das Heimreich aus Ihrem Munde gehört. Also ich nicht, wohl aber ein Eskild Thorö hat ein Anrecht auf das vertrauliche Du.« Sie lächelte. »Eskild ist mein alter Dorf- und Duzkamerad ... es ist das alltägliche, nichtssagende Du ... Heimreich! Hören Sie das gern?« Er griff nach ihrer Hand, die sie ihm ließ. »Bodil, Sie haben es seit Jahren geahnt, seit den Weihnachtstagen es gewußt, daß ich Sie liebe.« Voll und zärtlich hing ihr vom Mondlicht verklärtes Gesicht an seinem Antlitz. »Seit langer Zeit habe ich Sie sehr gern, sehr lieb. Heimreich, hören Sie das noch lieber?« »Du, du, du bist mein, und ich bin dein!« Der Glückliche wollte die Geliebte an sich reißen. Aber sie wehrte mit weicher Hand und leisem Seufzer ab. »Ach, noch nicht! Das heilige Du, das zwei Menschen, die sich ganz fremd waren, so völlig vereint, daß sie eines Sinnes, einer Seele, eines Herzens, eines Zieles, eines Glaubens, einer Hoffnung werden, das Du darf uns noch nicht verbinden.« »Warum nicht?« »Weil eine häßliche Schranke ist!« rief sie sehr schmerzlich. »Sind wir eines Glaubens, einer Hoffnung, wenn ich bitte und hoffe, daß Schleswig und Holstein in alle Ewigkeit bei Dänemark verbleiben, und Ihr dem Augustenburger ein eignes Herzogtum errichten und erräubern wollt?« »Das alte, edle Herzogtum Schleswig-Holstein besteht seit Jahrhunderten ...« »Ja, und seit Jahrhunderten gehört es unsrem König.« »Bodil, der unselige Streit wird friedlich geschlichtet werden, entweder wird der Augustenburger den dänischen Thron besteigen, und alles wäre gut ...« »Ach, so wohl wird es nicht werden, denn der Herzog auf Alsen ist in Dänemark verhaßt und so deutsch, daß er gar nicht Dänenkönig werden will.« Da lag schon der Hof des Tierarztes, das Wohnhaus zwischen zwei Scheunen. »Bodil, ich habe Sie so lieb! Ist nicht die Liebe, die sogar stärker als der Tod, erhaben über dem Gezänk der Grenzvölker? Jeder mag seines Glaubens leben, muß aber die Überzeugung des andern achten und unangefochten lassen.« »Eben das ist dem wahren Glauben, der Gewissen und Gewißheit ist, pur unmöglich, denn jeder wahre Glaube muß den Andersgläubigen bekehren, jede große Überzeugung muß den andern von der Wahrheit überführen. Sie sind Hyllerupper und ein rechter Sohn unsrer dänisch sprechenden Heimat, Sie sind nie ein deutscher Holsteiner gewesen. O, Heimreich, wenn ich Sie von dem in Kiel eingeimpften Wahn überzeugen, wenn ich Sie für die Heimat zurückgewinnen könnte, wenn unsre Liebe in allem eins und einig und eines Sinnes wäre, wie innig und unendlich würde meine Liebe sein.« Ihre Stimme wurde sanfter, weicher, einschmeichelnder; das Mädchen war dicht an ihn herangetreten und sah berückend zu ihm empor, und ihre schimmernden Augen baten: Erfülle mir die kleine Bitte und nimm mich hin! Der Kandidat war kein Schwächling in dieser Versuchung, sondern sagte sehr traurig, aber auch sehr tapfer: »Mein Glaube ist auch eine Gewißheit und Gewissenssache, meine deutsche Überzeugung ist ein Fels, von dem mich keine Gewalt herunterstoßen, keine noch so liebe Hand herunterlocken kann. Bodil, Sie vermögen viel, sehr viel, fast alles über mich ... nur das Eine nicht! Selbst meine Liebe kann mich nicht zum Ketzer machen, selbst das größte Glück der Erde kann mich nicht zum Apostaten bekehren.« »Ist das unabänderlich? O!« Schneidend und wie ein leiser Schrei klang die Frage. Das fahle Mondlicht fiel auf ihr erblaßtes Gesicht und auf den schmerzlich zuckenden Mund. »Nein, nichts ist unwandelbar ... Heimreich, wir müssen warten, und ich will hoffen.« Hart klopfte seine Hand an die Fensterscheibe, immer ungeduldiger, bis ein verschlafenes Gesicht erschien. Der Tierarzt brummte, daß er jetzt keine Sprechstunde habe, öffnete aber die Haustür, erkannte die Tochter des großen Hofbesitzers, wurde sofort sehr höflich, nötigte die Gäste an den Kachelofen und ließ anspannen. Zu dreien fuhren sie zurück, die jungen Leute erzählten von der mysteriösen Gestalt, die im Nacht- oder Totenhemd auf dem Pfluge gesessen. »Es soll ja in Hyllerup spuken seit einiger Zeit, der Totengräber behauptet es, Hans Barfod und die alte Trine schwören darauf, das Gespenst gesehen zu haben.« Der Tierarzt grinste, und seine fette Stimme grunzte. »Öh – öh, die Dummen werden nicht alle ... wenn die Gestalt noch da sitzt, wollen wir sie begrüßen und zum Sprechen bringen.« »Nein, lassen Sie das!« sagte Bodil fröstelnd. »Haben Sie Angst, kleine Jungfer? Öh – öh, als aufgeklärter Mann gehe ich mit der Peitsche auf die weiße Madame los.« Als sich der Wagen der Schmiede näherte, machte der Tierdoktor einen langen Hals und grelle Glotzaugen. »Prrr!« Durch einen Ruck hielt er die Pferde an. »Da sitzt es ganz deutlich im Mondschein!« Dem Aufgeklärten war das kühne Herz entfallen; doch um sich nicht zu blamieren, sagte er rücksichtsvoll: »Damit Sie, Jungfer Hansen, keinen Schreck kriegen und an den Nerven keinen Schaden leiden, wollen wir lieber umkehren und den langen Umweg über Snorum machen.« »Nein,« rief Bodil, »fahren Sie nur vorbei!« Der Tierarzt glotzte nach der Schmiede, prustete mit den dicken Lippen und schlug mit der Peitsche auf die Pferde ein, damit sie im Galopp die Stelle passierten. Da ... sieh da! Alle sahen in dem Augenblick, wie die rätselhafte Gestalt über den Schnee schwebte und zwischen Halbdach und Haus verschwand. Die Pferde jagten an der Schmiede vorbei, schnoben aufgeregt und scheuten seitwärts, als wenn sie Übernatürliches witterten. Als der Rosselenker auf Jep Hansens Hof fuhr, war das in die Hosentasche gesunkene Herz wieder höher gestiegen, und er gackelte großmäulig: »Sehen Sie! Vor aufgeklärten Leuten rücken die Gespenster rechtzeitig aus.« Die Gäste hatten sich schon entfernt. Leutnant Bosen packte im Gastzimmer seine paar Habseligkeiten aus dem abgenutzten Rucksack. Der Kandidat gab allen die Hand. Bodil sagte bittend, als wenn sie fürchte, daß er fortbleiben könne: »Kommen Sie oft ... die Ferien sind kurz!« – Jep Hansen und Tochter waren mit dem Tierarzt im Stall gewesen und wollten sich zur Ruhe begeben. »Wir haben alle Lichter brennen lassen, welche Verschwendung!« lamentierte Jep, und mit gewaltigem Geblase pustete er alle Lichter aus bis auf das allerdünnste Kerzen- und Küchenlicht. Er hatte seine Tochter beobachtet und sofort ihre innere Erregung bemerkt. »Du bist heiß trotz der Kälte ... auch der Kandidat, der wie ein zerstreuter Professor ohne Überrock mitlief, hat sich nett warm gehalten ... ja, das junge Blut!« Die Anspielung war ihr sehr unangenehm. »Soll ich mich nicht aufregen, wenn meine liebste Kuh todkrank ist?« »Hat die kranke Kuh auch den Kandidaten warm gemacht? ... Bodil, sag' es deinem Vater aufrichtig! Dir ist etwas Wunderbares begegnet, was wir Menschen meist nur einmal erleben. Ich muß mich darin schicken, dich einmal zu verlieren.« Endlich hatte sie einen Ausweg gefunden. »Ja, etwas Wunderbares ist uns begegnet, wir haben einen Spuk gesehen.« Jep horchte sehr aufmerksam und glaubte, wie alle Bauern, an Spuk und Gespenster, an Vorahnungen und Vorbedeutungen. Er fiel in einen feierlichen Flüsterton. »Was die weiße Gestalt wohl bedeutet? Böses oder Gutes? Aufruhr und Krieg? Als deine selige Mutter in ihrer letzten, schweren Krankheit lag, saß ich am Bett und hielt ihre Hand, während der Abend dämmerte. Sie fühlte sich leichter und schloß die Augen zu einem linden Schlummer. Kummervoll starre ich durchs Fenster in die Dämmerung hinaus ... da sehe ich sechs Männer in schwarzen, langschößigen Röcken, die einen Sarg tragen ... ich kann kein Glied vor Grauen rühren und stiere in den Hof ... deutlich sehe ich im Zwielicht die Leichenträger, die langsam den Sarg nicht durch das Hoftor, sondern über den Viehhof und hinten durch das Hecktor nach dem Wege tragen. Das war ein Vorspuk, sofort wußte ich, daß meine teure Bodil Marie sterben würde. Im Dunkel wankte ich auf die Tenne, wo ich auf einem Kornsack saß und die Tränen rinnen ließ. Die Kranke sollte nichts von dem grausigen Gesicht erfahren. Am nächsten Tage kam der Tod ... vier Tage später wurde meine Frau zu Grabe getragen, von sechs Männern im langschößigen Rock ... und nun das Rätselhafte, Unheimliche! Die Brücke über dem Graben vor dem Hoftor war unter einem schweren Kastenwagen, auf dem achtzehn Leute vom Leichengefolge ankamen, kurz vor der Beerdigung zusammengebrochen ... der Sarg mußte nach dem Viehhof getragen, dort auf den Wagen gesetzt und hinten durch das Hecktor gefahren werden ... genau wie ich es in der Dämmerstunde sah. Glaubst du nun an Vorbedeutungen?« »Ja, viele Geheimnisse umgeben uns.« Der Alte schneuzte das Licht und sann vor sich hin. Die Tochter sagte: »Meine Mutter starb ja sehr jung, als ich noch ganz klein war, an der Ruhr.« »Ja, an der weißen Ruhr, die in dem Sommer fürchterlich im Dorfe grassierte, vierzehn starben in einer Woche, da fiel eine grauenhafte Furcht auf die Menschen ... im Altenteil von Christensen ließen sie die alten Eltern ohne Hilfe hinsterben aus Angst vor der Ansteckung. Unser Tagelöhner Erik lag mit Frau und fünf Kindern an der Seuche darnieder, für kein Geld ließ sich eine Magd dazu bewegen, den Ärmsten etwas Essen zu bringen, eine Handreichung zu tun. Die Angst vor dem Tode macht den Menschen zum Tier. Deine brave Mutter befahl den dummen Dirns, alles ihr nachzutragen und draußen hinzustellen, und sie selbst ging hinein, atzte die Kinder, machte die Betten, reinigte das verschmutzte, verseuchte Haus. Fünf Tage hat sie allein die Familie gepflegt, und alle sieben sind genesen ... aber am sechsten Tage mußte meine Bodil Marie sich hinlegen ... und ... ist nicht mehr aufgestanden.« Jep Hansen legte die Hand über die Augen, seine Stimme schlug über, die vielen Runzeln zuckten, die Erinnerung an das größte Herzeleid seines Lebens übermannte den Alten. Die Tochter küßte den Vater und wollte von der früh verstorbenen Mutter noch mehr wissen. »Ich habe ein unklares Bild ... Wie sah sie aus?« »Du bist das ganze Ebenbild der Mutter, so wie sie vor fünfundzwanzig Jahren leibte und lebte ... nur ganz so lieb und freundlich ist dein Lächeln nicht. Als Magd diente sie hier auf meinem Hofe ...« »Als Magd! So ist es doch wahr, was die alten Leute im Dorf zuweilen recht unverschämt andeuteten.« Bodil schien von der Tatsache wenig erbaut zu sein. Mit um so mehr Stolz rief der Alte: »Aber was für eine Magd! Schlank und schmuck, immer gütig, frohlächelnd, fleißig von früh bis spät! Setze auf dem Dorfteiche einen ranken Schwan mitten unter plumpe Gänse ... so war deine selige Mutter, wenn man alle Bauerntöchter neben die Magd gestellt hätte. Ich hatte in harter Arbeit den Wert des Geldes schätzen gelernt, ich liebte die lieben Speziestaler vielleicht zu sehr, aber ich wählte nicht eine Bauerntochter mit vier- oder fünftausend Talern, sondern die Magd, die nur ihr Bett und ihre Kleiderkiste besaß. Und das war der beste Kauf und klügste Handel, den ich in meinem Leben gemacht. Ehre ihrem Andenken! Du hast noch nicht ganz das Lächeln und die Sanftmut und die Hingebung deiner Mutter ... du hast wohl zu früh das Befehlen und Herrschen gelernt.« Der blinzelnde Bauer konnte den kleinen Hieb nicht lassen. Wenn sie ein Gränchen Herbheit, ein Gränchen Eigenwille, ein Gränchen Stolz eingebüßt hätte, wäre es kein Verlust für seine Tochter gewesen. Plötzlich blickte der Vater ihr fest ins Auge. »Mein Vöglein wird bald flügge und mein Nest verlassen ... das ahnte mir heute. Höre mich und vergiß es nicht! Du sollst den Mann nehmen, den du von ganzem Herzen leiden, mit dem du ein ganzes Leben leben magst. Ich will dir in dem Stücke nicht dreinreden, und wenn's ein Knecht oder gar – ein Kandidat wäre.« Jep kaute pfiffig. »Ich würde mir auch nicht dreinreden lassen,« antwortete sie gelassen. Vierter Abschnitt. Der Kandidat hat eine volle Kirche und einen vollen Klingbeutel. Heimreich erwachte in dem weichen Federbett seiner Giebelstube, als es noch im Hause tiefstill und stockfinster war, wollte sich in die Daunen hineinschmiegen und weiter schlafen, aber eine unbewußte Unruhe, eine instinktive Beklemmung weckte, ja schreckte ihn aus der Traumdämmerung. O, er sollte heute zum ersten Male in seinem Heimatsdorfe predigen! Horch! Der Futterknecht, der die Leute weckte und den Pferden den ersten Häckselhafer gab, klapperte in seinen Holzschuhen über den Hof. Heimreich rieb eins der unpraktisch langen Streichhölzer, zerbrach es, zerbröckelte am zweiten und dritten das Phosphorköpfchen, erreichte endlich seine Absicht und sah nach der Uhr. Halb sechs! In Kanzelfieber hüpfte der nur mit dem Hemd Bekleidete aus dem Bett, denn er hatte an Bodil und noch heißer daran gedacht, daß sie heute in der Kirche sitzen werde. Noch geschwinder sprang er aber in die Federn zurück, weil es im Giebel beißend kalt war. Der junge Fangel hatte schon einmal in Kiel – als Übung im praktischen Seminar – eine wunderschöne Predigt geschrieben und auch – allerdings am Mittwoch – im Kloster vor drei alten, halbtauben Spittelweiblein gehalten; er hatte zwar einmal eine ziemlich lange Kunstpause gemacht, im übrigen jedoch, wie die Zuhörerinnen versicherten, großartig gepredigt, und die Kritik des alten, guten Professors bezeugte ihm mit roter Tinte, daß er eine nicht geringe rhetorische Begabung besitze, wenn auch eine gewisse Schüchternheit zu überwinden sei. Heute war der Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr, der ominöse Sonntag, der in aller Christenheit durch gähnende Kirchenleere berühmt ist; wenn er noch dazu, wie heute, auf den Tag vor Silvester fällt, verirrt sich kaum ein Christenmensch in die Kirche. Erregte dieser Umstand den ehrgeizigen Prädikanten? Ganz und gar nicht! Sein Vater nämlich hatte als Praktikus gesprochen und geschmunzelt: »Ich will dich predigen lassen, so werden wir an dem Sonntage, wo ich wahrscheinlich mit dem Küster umkehren müßte, ein gestopft volles Gotteshaus haben.« Das erregte den Kandidaten. Daß alle, die ihn von Kindesbeinen an kannten, die Jungen und Alten von Hyllerup, die ihn in allen möglichen anderen, oft unpastoralen Situationen gesehen hatten, ihn auf der Kanzel anglotzten, war ihm genierlich und greulich; und wenn gar die einzige Bodil, mit der er noch vorgestern Abend die intimsten Angelegenheiten besprochen, unten saß und die schönen Augen auf ihn richtete, konnte vielleicht sein Gedächtnis sich verwirren und das Gräßlichste ihm widerfahren. Um das Kanzelfieber in die Flucht zu schlagen, langte er mit rascher Hand unter das Kopfkissen, wo mehrere eng beschriebene Blätter lagen und die ganze Nacht gelegen hatten. Es war die Predigt, die er gestern verbotenus auswendig gelernt und, von der Mutter ermahnt, unter das Kissen geschoben hatte, damit sein Gehirn in innigem Konnex mit dem Geschriebenen bleibe. Mit murmelnder Monotonie, einmal ins Blatt schielend, sagte er die Predigt her. Dann betonte er die unterstrichenen Sätze, die Kraftstellen, seine Stimme wurde lauter, die hohen Worte rissen ihn mit fort – er deklamierte mit dröhnendem Pathos die großen Schlager seiner Kanzelrede. »Gott ist Lie-be ... und die Lie-be ist Gott.« Seine Haare bewegten sich vor Ergriffenheit. »Die Lie-be ist der Ursprung und Ur-grund, der Anfang und das En-de aller Dinge.« Diesen lapidaren Satz seiner Theosophie brüllte der Kandidat, und seine Hand schlug klatschend in die Federn hinein. Der junge Kanzel-Demosthenes memorierte mit fest eingekniffenen Lippen. Die Unruhe trieb ihn aus dem Bette. Er eilte nach unten ins Wohnzimmer, wo er sich gegen den geheizten Ofen stellte. Die Pastorin, die auch von einer inneren Beklemmung in ihrem sonst so festen Morgenschlafe gestört war, trippelte im Morgenrock herein und faßte die Hände ihres Sohnes. »Heute höre ich dich zum ersten Male predigen, das ist ein großer Augenblick für deine Mutter ... du wirst eine glänzende Predigt halten.« »Sagen wir eine mittelgute, und so Gott will!« antwortete er mit christlicher Demut. »Ich sehe dich schon als Pastor ... du wirst im neuen Jahre das Amtsexamen machen und ordiniert und Adjunkt in Hyllerup werden.« »Du läßt mich schnell avancieren, du vergißst, daß die dänischen Amtsjäger in Nordschleswig uns vorgezogen werden.« »Die verd... Dänen!« Die Pastorin, die sonst niemals fluchte, sprach über die Dänenkandidaten das furchtbare Anathema aus: »Mögen sie alle in Grönland angestellt werden und an Seehundsspeck ihren Hunger stillen!« – Als Optimistin vom reinsten Wasser verstand sie meisterhaft, alles Unangenehme schleunig abzustoßen, verschloß sie nicht ihre intimen Hoffnungen in der Mutterbrust. »Ich hoffe, daß du Adjunkt bei deinem Vater, daß du sein Nachfolger werden und die schöne Stelle bekommen wirst.« »Um des Himmels willen! Du wünschest frischfromm unsrem Vater einen baldigen Tod, damit ich im Amte sukzedieren kann?« Frau Gertrud entsetzte sich vor sich selber und beteuerte: »Nein, nein, ich bete und bitte alle Tage, daß mein lieber Mann noch zwanzig Jahre bei mir und Pastor in Hyllerup bleibt.« »Na, das sind ja nette Aussichten, die meine leibliche Mutter mir wünscht! O, zwanzig Jahre soll ich Pfarrknecht sein, um als fünfundvierzigjähriger, ergrauter Adjunkt das schöne Hyllerup zu bekommen?« An das böse Dilemma hatte die Gute nicht gedacht. Fürsorglich beschmierte sie ihm mit fingerdicker Butter die Brotschnitte, die nicht recht herunter wollte. Sie horchte. »Ist deine Stimme nicht ein wenig belegt?« Nach eiligem Hin- und Hergetrippel brachte sie einen großen Eierkognak, den er schlürfen mußte. Die Besorgte gab ihm gute Ratschläge, nicht sein Taschentuch, ja nicht das Manuskript für alle Fälle zu vergessen, und fragte plötzlich: »Soll ich dir mal die Predigt überhören?« Das war ihm doch zu schülerhaft. »Mein Herzensjunge, weißt du auch alles Wort für Wort? Ein alter, ausgelernter Pastor kann, wenn ihm der Faden abreißt, rasch einige Bibelsprüche einflicken und allerlei Geschwätz machen, bis er sich besinnt, aber ein Kandidat bleibt dann leicht stecken.« »Mutter! Male nicht den Teufel an die Wand!« Er fuhr sich in die Haare. »Wenn ich stecken bliebe, bestiege ich keine Kanzel mehr.« »Beruhige dich! Nur keine Bange! Ich will den Vater instruieren, daß er sich ganz vorne unter der Kanzel hinsetzt, damit er dir im allerschlimmsten Falle einen passenden Bibelspruch soufflieren kann, wenn der Faden reißen sollte.« Die gute Mutter trippelte ins Schlafgemach. Kunz kam, den Landesvater trällernd, und begrüßte seinen Freund boshaft witzig: »Erinnerst du dich noch der letzten Kneipe, wo sie dir vier Bierjungen aufhalsten und ich dich heimlotste ...?« Heimreich hielt sich das Haupt mit beiden Händen und rief entsetzt: »Hilde, Hilde, befreie mich von diesem Menschen, denn er wird mir ein Ärgernis!« »Gib mir das Manuskript, damit ich dir das Stichwort zurufen kann, wenn ...« Der Kandidat lief in ein andres Zimmer. Hilde und Reuter waren allein. »Darf ich die Ehre haben, mit Ihnen Kaffe zu trinken?« Errötend schenkte sie ihm ein, schenkte sie ein wenig über und in die Untertasse. Wenn niemand anders zugegen war, mußte sie sich gegen eine Bangigkeit, einen Bann wehren und seinem Blick ausweichen. »Was bedeutet das ...?« »Daß ich sehr ungeschickt bin ...« »Ihre Hand zitterte ... auch in mir zittert etwas, sobald Sie erscheinen.« Scheu lief sie nach der Küche, um frisches Gebäck zu holen. Sie brachte den Hund des Hauses, den sie lieb hatte, mit herein, als wenn sie noch ein treues Wesen in der Nähe haben wolle. »Soll Karo Ihr Beschützer sein?« fragte Kunz. Hilde überhörte die Frage. »Die Magd hat heute Nacht drei Mäuse gefangen ... Sie wollten ja Mäuse haben, wozu?« »Zu meinen wissenschaftlichen Experimenten. Ich habe ja meine kleine Elektrisiermaschine mitgebracht und will die Tiere unter den Strom setzen.« Der Studiosus, der sich einen gelehrten Anstrich gab, imponierte der kleinen Pastortochter, die kindlich erstaunte Augen machte. »Tut das Elektrisieren den Tieren nicht weh?« fragte sie naiv. »Na, wenn sie dabei auch springen und tanzen, Lustgefühle werden sie kaum haben, aber alle diese niederen Lebewesen, wie Frösche, Mäuse, Meerschweinchen, die bei der Vivisektion verwandt werden, haben keine Nerven und Gefühle, wie die höher organisierten Affen und Menschen, dafür aber das stolze Bewußtsein, als Opfer der Wissenschaft langsam zu sterben.« »Pfui, eine abscheuliche Beschäftigung, eine Barbarei!« »Das ist die hohe Wissenschaft. Da sollten Sie in der Anatomie unter zwanzig Leichen sitzen und sezieren ... wir hatten neulich einen Raubmörder, dem der Scharfrichter den Kopf tadellos glatt und sauber abgetrennt hatte, in Arbeit, ich sollte das Gehirn schön herausschälen und feststellen, ob Anormales zu finden ...« Hilde erblaßte und fühlte ein Erschrecken vor diesem hübschen, redegewandten Menschen, der ihr sonst nur allzu gut gefiel. Reuter bat aufs höflichste um Verzeihung. Wer ganz in seinem medizinischen Beruf aufgehe, vergesse leicht, daß man vor Laien nicht von Leichen reden soll. Dieweil saß der Pudel auf den Hinterbeinen, tiefernst, soldatenstramm, als wenn das Paradesitzen am Frühstückstische seine tägliche Aufgabe sei. Nachdem, er eine ganze Weile nach der Zuckerschale gelugt hatte, ohne Erfolg, winkte er mit den Vorderpfoten: Bitte, bitte, nur ein Stückchen! Reuter warf sich burschikos in die Brust. »Sollte ich als Mediziner entgleisen, kann ich als Tierdresseur für mich, ja für Weib und Kind mein Brot verdienen ... in einer halben Stunde habe ich dem Köter ...« »Er ist kein Köter!« »... Habe ich dem Herrn Karo ein neues, großartiges und zeitgemäßes Kunststück, das in jedem Zirkus Schleswig-Holsteins Applaus finden würde, beigebracht. Schauen Sie! Ich werfe dem Pudel ein Stück Zucker hin ... Sie meinen, er wird es verschlingen? Achtung! Da!« Karo spitzte die Ohren und war zum Sprung auf die leckre Beute bereit. Doch Reuter rief dumpf: »Das ist dänischer Zucker von St. Croiz ... dänisch ... dänisch!« Sofort und schleunigst zog der Pudel die lüsterne Schnauze, die schon nach dem Leckerbissen schnappte, zurück, klemmte die Rute ein, verkroch sich unter dem Tische und schielte nach der Süßigkeit, als wenn sie ihm ein Gift und Grauen wäre. Das Verhalten des Tieres kam so unerwartet, war so drastisch-drollig, sein Abscheu vor dem dänischen Zucker so echt und natürlich, daß Hilde ein schallendes Gelächter erhob. Reuter triumphierte, nahm sogleich ein zweites Stück aus der Schale, warf es auf die Diele hin und rief: »Das ist gut deutscher Zucker.« Augenblicklich und wie aufatmend stürzte sich der Hund auf diese Beute, die er mit Genuß zermalmte. Nur der deutsche Zucker mundete dem braven Pudel-Patrioten, der den dänischen mit wahrem Horror liegen ließ. Die vielseitigen Talente, auch diese Dressurgeschicklichkeit des flotten Mediziners fanden gebührende Bewunderung bei der kleinen Pastortochter, die erstaunt fragte: »Wie in aller Welt haben Sie unsrem Karo das possierliche Stück beigebracht?« »Ureinfach, wie jede große Erfindung, ist mein kleiner, wirkungsvoller Witz. Wenn der Köter beim Ruf »dänischer Zucker« zuschnappen wollte, haute ich ihm um die Ohren rechts und links ... sobald er aber den deutschen Zucker nehmen durfte und nehmen sollte, kraute ich ihm das Fell. Kolossal schnell hatte der kluge Kerl den Witz kapiert, schon bei der fünften Generalprobe reagierte er prompt.« Als Hilde den angewandten, für ihren Karo wenig angenehmen Kniff hörte, wurde ihr Lächeln zum Ernst, und eine Falte des Vorwurfs stand zwischen ihren Brauen. »Sie haben dem gutmütigen Kerl das Kunststück eingebläut, brutal eingeprügelt, pfui! Karo, mein armer Karo, mein Liebling!« Der Hund legte den Kopf auf ihren Schoß und schielte scheu nach Reuter hin. Der Studiosus zuckte die Achseln. »Ohne Prügel wird kein Mensch erzogen – ich erfuhr's an meinem Leibe – ohne Peitsche keine Dressur!« »Ach was, ich will Ihr Bravourstück nie mehr sehen. Wie verängstigt sich das Tier vor Ihnen verkriecht! Sie haben es gewiß grausam verprügelt.« Reuter entgegnete etwas pikiert: »Mein Fräulein, alle Tierliebe ist schön, besonders bei dem schönen Geschlecht, wofern sie nicht sentimental wird. Die unvernünftige Kreatur hat keine Psyche ...« »Karo hat eine Seele.« »Gut, die Kreatur hat, Karo ausgenommen, keine Seele und ist nur dazu da, dem Menschen, dem Herrscher der Erde, zur Nahrung, als Zug- und Lasttier oder zum Amüsement zu dienen. Die drei Mäuse in der Küche müßte ich wohl, wenn es nach Ihrem Herzen ginge, in der Speisekammer in Freiheit setzen? Wir hatten in Kiel vier Mäuse, denen wir eine winzige, dann immer größere Dosis Arsenik gaben, um festzustellen, wie viel Gift eine Maus vertilgen kann pro Tag, ohne zu ihren Vätern sich zu versammeln ... es war unglaublich, die beste Giftschluckerin brachte es auf sechs Zentigramm ... schließlich sind die lieben Tierchen an Arsenik-Überfütterung gestorben ... war das sündhaft?« »Nein, aber eine dumme und unnütze Quälerei!« »Die Feststellung, wie Lebewesen gegen Gifte immun gemacht werden, ist von ungeheurer Bedeutung für die Menschheit ... o sancta simplicitas !« »Nennen Sie mich ruhig Fräulein Simplicitas, Fräulein Einfalt ... Sie sind ein harter und ... häßlicher Mensch.« Reuter konnte kraft einer gewissen Chamäleonsanlage sein Antlitz, ja seine Ansichten im Nu verändern, wenn es ihm opportun erschien. »Häßlich ... ja, ich weiß sehr wohl, daß mich die männliche Schönheit nicht plagt.« – Eine Pause, als wenn er einen Widerspruch, der nicht erfolgte, vielleicht erwarte. »Aber hart? Nein, hart bin ich nicht. Was sind zehntausend armselige Mäuse, wenn ein Menschenleben erhalten werden kann? Die bedauernswerten Tiere dienen dem höheren Zweck. Muß nicht sogar der einzelne Mensch für die Allgemeinheit sich opfern? Ohne unbescheiden zu sein, darf ich sagen: als in der Klinik ein völlig neues, vielleicht sehr gefährliches Medikament zum ersten Male ausprobiert werden sollte und kein Kranker sich bewegen ließ, bot ich mich an ... ich schluckte das Zeug herunter, hatte gräßliches Bauchgrimmen bis zum Morgen und glaubte, ich stürbe, aber ich bin wieder kreuzfidel geworden.« Dieses war keine Aufschneiderei, sondern eine in Kiel viel besprochene Tatsache. Der Studiosus Reuter konnte, besonders wenn viele Augen auf ihn gerichtet waren, wohl ein Held sein. Angenehm, bescheiden, ja bestechend war jetzt sein Wesen. »Wenn gegen die furchtbare Cholera ein Mittel gefunden würde und ausprobiert werden sollte, ich würde mich dem Professor als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen, ja auf Ehre! Habe ich da nicht ein Recht, mit einer Maus Experimente zu machen?« Atemlos bat sie: »Nein, das dürfen Sie nicht ... nicht, nie das grauenhafte Gift einnehmen ... ich könnte keine Minute ruhig sein ... versprechen Sie mir, die gräßlichen Versuche zu unterlassen!« »Was schert es Sie, wenn ich häßlicher, hartherziger Mensch und Tiermörder an meinen dummen Experimenten zugrunde gehe, was quält es Sie?« »Die Furcht wird mich quälen ... Sie sind doch Heimreichs Freund ... geben Sie mir Ihr Wort, es zu lassen!« Nun streckte sie die Hand nach seiner Hand aus. Er nahm sie mit zartem Griff, seine innere Bewegung war echt. »Ich habe Gemüt und Herz, zu viel Herz ... für Sie ... wenn ich es öffnen, offenbaren ... wenn ich reden dürfte.« Sie riß ihre Hand zurück. »Nein, nein, Sie dürfen nicht ... kein Wort mehr ...« Erst wollte eine ungeheure Freude sie überwältigen, aber plötzlich war die Furcht auf ihre Seele gefallen. Das war der schmucke, einschmeichelnde Mediziner, von dem sie schon am zweiten Tage seines Hierseins sann und träumte, aber auch der Mann, der sie zuweilen erschreckte. Hilde eilte, die Kirchenglocken läuteten. – Der alte Pastor hatte den Altardienst verrichtet. Der Kandidat trat aus der Sakristei, sah ein gespickt volles Gotteshaus und ging würdevoll langsam, mit Frack und weißer Halsbinde angetan, auf die Kanzel. Die Kandidaten Schleswig-Holsteins mußten im »Schniepel« predigen, um sie vor Überhebung zu behüten und der Gemeinde kundzutun, daß ihr junges Haupt die Priesterweihe vom Generalsuperintendenten für eine Gebühr von fünfzig Kuranttalern noch nicht erhalten habe. Also mußte Heimreich im Kellnergewande das Evangelium verkünden. Er blickte nach unten auf einen Haufen von Köpfen, von verschwommenen Gesichtern, die Höhe war nur gering und erregte trotzdem ein Schwindelgefühl. Darum schnell nach oben geschaut, nach der Empore! Hier saßen bekannte, fragende, zum Teil frech blickende Gesichter; plötzlich fiel sein Auge auf Bodil, die mit einem festen, freudigen, feierlichen Blick seinen Blick erwiderte. Das verwirrte ihn sehr. Während die letzten Orgeltöne verklangen, raffte er alle seine Energie zusammen, um ruhig und sicher zu werden. Sein Blick irrte in die Ecke der Empore, wo die Kinder zu sitzen pflegten, um dort bei der harmlosen Jugend einen Ruhepunkt zu finden. Abscheulich! Just dort lugte Kunz Reuters Satyrgesicht über die Brüstung, dort im Winkel saß der arge Freund, um Grimassen schneiden und Glossen machen zu können. Es war für den Prediger höchste Zeit anzufangen. Die Gemeinde guckte hinauf: Kümmt da nichts? In der große Stille fing eine Stimme gepreßt an: »Fürchtet euch nicht ...« Der Kandidat hing wie gebannt an der Emporen-Ecke, wo Kunz zu sagen schien: Weißt du noch, wie du die vier Bierjungen ...? Heimreich holte allen Atem aus der zugeschnürten Brust und hob noch einmal angstvoll an: »Fürchtet euch nicht ...« Als wenn ein Schlangenblick ihn zwänge, mußte er den Schlingel auf der Empore anglotzen. Jeder Gedanke, jeder Satz, jede Silbe der auswendig gelernten Predigt war ihm entfallen. Doch er machte noch einen verzweifelten Anlauf und stotterte mit schwacher, ersterbender Stimme: »Fürch – fürchtet eu – euch nicht ...« Da geschah das Grauenhafte. »Das wäre auch einer, vor dem man sich fürchten sollte!« Also sagte eine halblaute, spöttische Stimme unten in der Kirche, es war der Sohn von Kaffepunsch-Hansen, und einige kicherten über den trocknen und teuflischen Witz. Der arme Kandidat war gebrochen, die ganze Empore glotzte und grinste, das Gotteshaus, die Gemeinde taumelte und tanzte vor und mit ihm. Nun war es aus mit ihm und seiner Predigt und seiner Pastorenlaufbahn, ehe sie angefangen. Er wußte keinen Buchstaben der Rede mehr, er wartete auf die erlösende Ohnmacht. Die unglückliche Mutter, die so langsam durch die Menge geschritten war und so freundlich-siegesgewiß die Grüße erwidert hatte, schwitzte vor Angst und stieß ihren Gatten an: »Sutor, hilf ihm!« Und der Vater unter der Kanzel und der Vater im Himmel haben geholfen. Der Pastor reckte sich und raunte nach oben: »Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude ...« Da fiel der grauenhafte Bann von Heimreichs Gemüt und Seele, Gehirn und Gedächtnis. Er rief, er rappelte, er raste die ersten zehn Sätze der Predigt herunter, um schleunig fertig und von der Angst erlöst zu werden. Sobald er jedoch merkte, daß die Sache gut und geläufig ging und der ganze Sermon deutlich und wie gedruckt vor seinem Geiste stand, mäßigte er sein Tempo, betonte er die Kraftworte und Kernstellen, ja er machte sogar die mit Rotstift im Manuskript angedeuteten Kunstpausen. Im zweiten Teile wurde er zum Redner, im dritten zum Rhetor, der die Stimme moduliert, in alle Höhen und Tiefen des Tonfalls hinauf- und hinuntergeht. Wie ein deutscher Demosthenes donnerte und blitzte, brauste und säuselte der Kanzelredner. »Dunnerwetter, datt har ick nich dacht!« sagte Krischan Petersen gleich nach dem Amen. Als die Kirche aus war, im Gewühl der Leute hörte man nur eine Stimme: »Den müssen wir als Kapellan haben«, – bis Rolf Krake Hansen im affektierten Kopenhagener Dänisch energisch sagte: »Nein, wir müssen einen volkstümlichen, südjütischen Pastor haben, den wir uns nicht aus Kiel, sondern aus Kopenhagen verschreiben.« Klaus Fangel trat draußen mit höflichem Gruß an Bodil heran und merkte sofort, daß sie von der Predigt einen tiefen Eindruck empfangen habe und ihrer inneren Bewegung noch nicht Herr geworden sei. Seinen Verdruß verbarg er unter einem verbindlichen Lächeln. »Wie frisch Sie aussehen!« »Der Frost macht alle Backen rot.« In ihrem Ton war eine Ablehnung. In seinem Ärger fing er ein andres Gespräch an. »Na, es ist schließlich noch gut abgelaufen ... Gott sei Dank! Er wäre stecken geblieben, wenn ...« Bodil sah das spöttische Zucken seiner Lippen und sagte mit ihrer schärfsten Stimme: »Ich will Ihrem Bruder für die schöne Predigt danken.« Sie ließ ihn stehen und ging dem Kandidaten, der aus der Sakristeitür trat, entgegen. Klaus bohrte den Stock in den Schnee. Seine Züge hatten einen harten, beinahe heimtückischen Ausdruck, und mit einem schrägen Blick beobachtete er die beiden, während er den Hauptweg hinunterging. Weil Heimreich ihr Urteil hören wollte, sagte sie innig: »Die Predigt hat mich ergriffen ... eine Kanzelrede kritisiert man nicht, und Komplimente mache ich nicht. Ich will einen Mangel und eine Mahnung aussprechen: Sie müssen bestrebt sein, ein besseres, feineres, weicheres Dänisch zu sprechen, Sie haben bisweilen eine allzu platte Aussprache. Sie müßten ein halbes Jahr in Kopenhagen studieren.« »Ich merke Absicht, aber ich bin zu glücklich, um verstimmt zu werden.« »Sie wollen nicht nach Kopenhagen, wenn ich Sie bitte?« »Die Schleswiger, die jetzt dort studieren, sind die schlau-lauen und halben oder häßlich berechnenden Leute, die das Wohlgefallen des Königs erregen und ein gutes Amt erreichen wollen, sind die Gesinnungslosen, die Gott aus seinem Munde speien wird und vor denen jeder Ehrenmann ausspucken muß ... darum darf ich nicht gehen, denn einen solchen Mann müßte Bodil Hansen verachten.« Sie wußte nichts zu antworten, gab ihm stumm die Hand und ging, eine Träne im Auge. Es fehlte nicht gar viel daran, daß die Träne ihn besiegt und umgeworfen hätte und er ihr nachgelaufen wäre, um ein übereiltes Versprechen zu geben. Der junge Prädikant, den die Mutter gerührt und stolz umarmte, war recht schweigsam und demütig. Klaus fragte den Nachdenklichen: »Wurmt dich noch der schlechte Witz des jungen Hansen?« »Meine Verwirrung hat der Esel von Kunz mit seinen idiotischen Grimassen verschuldet.« Der Kandidat fuhr auf den Sünder, der just eintrat, entrüstet los und schalt ihn einen falschen und schlechten Freund. Reuter aber legte die Hände auf seine Schultern und schrie in exaltierter Begeisterung: »Mensch, Mensch! Großartig hast du gepredigt ... du könntest mich zum Christen machen. Gleichwie der Dichter, wird auch der Redner geboren ... du bist ein unbewußter Poet und ein geborener Redner ... du hast eine gewaltige Suade, will sagen, eine grandiose Rednergabe. Ich sage dir die objektive Wahrheit.« Diese Worte beschwichtigten den Unmut. »Darf ich meine subjektive Meinung sagen?« schmunzelte der verständige Pastor, der mit inniger Vaterfreude gesehen hatte, daß sein Jüngster vorzügliche Stimmmittel, natürlichen Anstand und viel Rednergabe besitze; doch davon wurde kein Sterbenswörtchen gesagt, sondern er machte Heimreich auf einige Tautologien und Hyperbel-Anhäufungen, auf ein paar Phrasen und Überschwänglichkeiten aufmerksam. Es klopfte derb. Der Küster Lauritz Lauritzen brachte den Klingbeutelertrag, der vom Pastor gebucht und in die Armenbüchse getan wurde. Beide zählten die Kupferlinge. 396 Stücke! »Du meine Güte! 396 Kirchgänger!« Das übertraf noch des Pastors Schätzung. »So viele haben wir beide nicht auf einmal in der Hylleruper Kirche gesehen,« rief der Küster, der mit seiner Statistik dem Pastor just kein Kompliment machte. Die Büchse war – wie alljährlich – zu Weihnachten geleert und in Beträgen von drei bis sechs Kurantmark unter die Bedürftigen verteilt worden. »Hat das bißchen Geld heuer eine ungetrübte Freude gebracht?« fragte der Pastor. Der Küster, ein sehr langer und hagerer, knochiger Mann mit großen, schwieligen Arbeitshänden, den man nimmermehr für einen Schulmann und Kantor, sondern für einen Kätner und Kleinbauern gehalten hätte, war ein Pädagoge der alten Schule, der nichts von Basedow und Pestalozzi wußte, aber ein kreuzbraver, kerntreuer, knorriger Herr, der durch eine ungemeine, oft erstaunende oder erschreckende Wahrhaftigkeit, durch eine verblüffende Geradheit, ja Grobheit im ganzen Amte Norderhusen und darüber hinaus bekannt und von den geschmeidigen Kollegen gefürchtet war. Lauritzen sagte stets und überall die Wahrheit, auch immer und in allen Fällen seine unverblümte, meistens kerngesunde, mitunter kuriose Ansicht und Meinung. Diese Eigenschaft des Küsters war vielen Leuten ärgerlich, dem Propsten, der den Küster einen unverschämten Patron nannte, sehr anstößig und auch dem Pastor oft recht unbequem gewesen. Lauritzen zuckte bei der Frage die Achseln. »Die alte, leidige Erfahrung! Keine zwei Armengeld-Empfänger sind ganz zufrieden, geschweige denn gegen Gott, Pastor und Kirchenrat dankbar gesinnt. Peter mit seinen drei Mark meint, er sei doch viel, viel ärmer als Hans, der fünf Mark empfangen. Maren hat zwar sechs Mark gekriegt, kann sich aber nicht freuen, sondern muß sich erbosen und erbittern, weil die alte Karen, die es doch in verschwiegenen Kaffepünschen vertrinkt, genau so viel erhalten hat. Jeder mißgönnt dem andern die paar Schillinge, jeder glaubt zu weit mehr würdig, ja berechtigt zu sein. Ihnen, Herr Pastor, und den Kirchenältesten werden in diesen Tagen die Ohren gegellt haben, denn es ist Ihnen Blindheit, Ungerechtigkeit, Günstlingswirtschaft nachgesagt worden.« Fangel schüttelte das Haupt. »Wir haben nach bestem Gewissen die zweihundertdreißig Mark verteilt. Jeder Aelteste brachte eine Liste mit, die relativ besser Gestellten wurden gestrichen, nur die Bedürftigen blieben zurück. Ach, der gemeine, elende Neid ist die Untugend und das Unglück des gemeinen Mannes.« »Und der größten Männer! Die größten Dichter, Staatsmänner, Generäle fressen einander vor Mißgunst. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so haben einige von den Aeltesten ihre Lieblinge, die ihnen nach dem Munde schwatzen, aber keineswegs für die Büchse berechtigt sind. Ich kenne die Leute des Kirchspiels ... wenn man mich nach meiner Ansicht gefragt hätte, wäre die Liste anders ausgefallen.« Der Pastor hörte mit nachsichtigem Lächeln die Kritik des Küsters und sagte: »Im nächsten Jahre sollen Sie mit den Kirchenältesten die Büchse verteilen. Ja? Gut! Dann sollen mal Ihnen die Ohren klingen.« Lauritzen schmunzelte pfiffig. »Jetzt haben Sie mich überlistet ... ja püt, Herr Pastor! Ich lasse von der Kanzel bekannt machen, daß alle, die sich für bettelarm genug für die Armenbüchse halten, an einem bestimmten Tage in der Schule antreten sollen ... ich stülpe die Büchse einfach um und verteile den Inhalt an alle in genau gleichen Portionen ... ich wette erstens, daß sehr viele aus Stolz und Furcht vor der Öffentlichkeit zu Hause bleiben, ich wette zweitens, daß kein Empfänger knurren wird.« Es leuchtete dem Pastor sofort ein, daß die einfache Idee, die mit der Eitelkeit und Eigenart des armen Volkes rechnete, Erfolg haben werde. »Ja, man muß stets auf die Kleinlichkeit und Dummheit ...« »Und auf das Gerechtigkeitsgefühl und Gleichheitsstreben der Masse Rücksicht nehmen,« nickte der Küster, der ein Menschenkenner, aber auch ein Menschenfreund war. Obgleich seine Geschäfte erledigt waren, blieb er stehen, weil er das Bedürfnis fühlte, in lauter, belehrender Weise – darin ganz Schulmann und -meister – die Bedeutung des Tages hervorzuheben. »Wir stehen bei diesem Jahreswechsel vielleicht an einer Wende des Vaterlandes und unseres Lebens. Man räumt mit unserer Sorte auf in Nordschleswig. In unserem Amte sind in den letzten Monaten acht neue Lehrer installiert worden, und sie alle sind in Jellinge oder auf Seeland ausgebildet und können kein deutsches Wort. Dieses blutige Unrecht habe ich kürzlich dem Pastor Hertel in Böstrup so klar gemacht, daß er – der aus Fünen ist –ganz »fünsch« wurde. Na, der hinterlistige Kerl wird es dem Amtmann von Elsfleth, der jetzt für seinen Gesinnungswechsel Geheimer Konferenzrat geworden ist, hinterbracht haben ... ein schwarzer Strich mehr in meiner Konduite macht mir keine schlaflose Nacht.« »Sie sind ein Ehrenmann.« »Ich bin nur kein Lump, wie einige Kollegen, die nach der neuen Geographie und Karte, auf der Nordschleswig verschwunden und ein neues Südjütland wie aus dem Meer gestiegen ist, willig unterrichten – das tue ich nicht und nie! Aber kann man sie verdammen? Sehen Sie meinen zweiten Lehrer Lindenhahn, der mit zweihundert Taler Gehalt in Armut und Schulden sitzt! Wie hat der großmäulige Agitator Laurids Skow ihm zynisch zugesetzt! Treten Sie dem Verein für Volksbildung bei, dem Verein der Hetzer und Heißsporne, und Sie werden eine fette Küsterstelle haben! Wie lange wird Lindenhahn stark bleiben, wo die Hungerleiderei ihn schwächt?« »Wir lassen uns nicht ducken, geschweige denn verdänen!« rief der Pastor. »Das soll unser Neujahrsgelübde sein.« Der Küster drückte Fangels Hand und sagte treuherzig: »Ich bin just kein Pastorverehrer, aber die nordschleswigschen Prediger, die jetzt tapfer bleiben und ihre deutsche Gesinnung nicht verstecken, haben meine volle Hochachtung.« Er schwenkte den altmodischen Zylinder bis zu den Knien, Fangel hoffte, daß der Redselige ihn aufsetzen werde. Doch der Küster blieb stehen. »Ich weiß, was Sie denken.« »Was ich denke?« »Ja, Sie denken: Wenn der Kerl doch ginge! Erst sollen Sie aber das Vergnügen haben, Ihren allzu aufgeklärten und superklugen Kantor auszulachen, ... wissen Sie, daß es im Dorfe spukt ... und ich glaube daran, weil ich das weiße Gespenst gesehen habe.« Heimreich war lebhaft aufgesprungen. »Wir haben auch die rätselhafte Gestalt bei der Schmiede gesehen.« »Sie und Ihr Vater?« »Nein, Bo-bodil Hansen und ich.« Der Küster klappte die Augenlider hoch und sagte aufrichtig, was er in dem Moment dachte: »Soso ... ist es schon so weit?« Der Kandidat wurde rot und stotterte etwas von dem Tierarzt und der Kuh. Der Pastor fixierte verwundert seinen verlegenen Sohn mit einem Seitenblick, während er zum Kantor sprach: »Der Spuk ist ein schlechter Neujahrsspaß.« »Nein, nein! Als ich vom Julbesuch bei Thorös heimging – ich hatte nichts getrunken – sah ich die Gestalt, einem Frauenzimmer im Totenhemd am ähnlichsten, mit einer Großmutterhaube aus dem Anfang des Jahrhunderts ... und wo? Auf dem Dach der Schule hockte sie im klingenden Frost. Ja, mir lief es eiskalt über den Buckel ... ich bin kein Kujon ... aber auf meinen knickrigen Beinen schlüpfte ich schnell in mein Haus ... vom Fenster aus sah ich noch die Erscheinung, bis sie plötzlich weg war. Ein Spaßmacher riskiert nicht den Hals auf dem schneeglatten Dache.« »Mein lieber Küster, es wird eine natürliche Aufklärung finden.« »Mein lieber Herr Pastor, ich wünsche Ihnen eine baldige Begegnung mit dem Gespenst, damit Sie die Dummen aufklären können. Sollte es wider Erwarten etwas Uebernatürliches sein, werden Sie es gleich mit dem großen Teufelexorzismus in Grund und Boden bannen.« Am Nachmittag hielt Eskild Thorö mit seinem neuen Schlitten pünktlich vor dem Pastorat und knallte mit der Peitsche. Da Hilde als erste heraustrat und ihm zulächelte, ging ein rötliches Leuchten über sein rundes Gesicht, jedoch die sonnige Morgenröte verschwand, sobald er Reuters, der Muff und Fußsack trug, ansichtig wurde. Sie bestimmte die Plätze: »Du, Heimreich, sitzt neben mir ... Sie werden den Vordersitz ausfüllen, Herr Reuter.« Von Eskild war keine Rede, er mochte, er mußte hinten stehen. Melodisch läuteten die schön gestimmten Schellen. Die jungen Pferde, die lange im Stall gestanden, sprangen übermütig, warfen die Beine stolz von sich und die schnaubenden Köpfe hoch, als wenn der stürmende Lauf über den weichen Schnee selbst ihnen eine jauchzende Lust und der federleichte Schlitten ihr Spielzeug sei. Anfangs machten die Tiere in instinktivem Freiheitsgelüst wilde Sprünge, fühlten aber sofort am Zügel die eiserne Hand, der sie gehorchten, wenn auch, wie verbissener Grimm, ihr Geifer flog. Allen war die gleitende Fahrt im sonnigen Frost mit flinken Rennern und seinem Geläut ein frohes, hohes Fest – nur dem Rosselenker schien sie wenig Freude zu bereiten. Das war nicht ein mürrisches, sondern ein nachdenkliches, über ein schmerzliches Rätsel sinnendes Gesicht. Mit scheinbarem Phlegma schaute er über die Insassen hinweg und nach den Pferden, aber nichts entging ihm, nicht ein Blick und nicht ein Wort der beiden, die ganz unbekümmert um den Kutscher plauderten, kicherten und lachten. Eskild hatte ein Gefühl, als wenn ein unsagbares Unglück ihm zugestoßen sei. Einmal sah er mit Angst und Schrecken, wie die ausgebreitete Decke leise sich bewegte, und schloß daraus, daß zwei Hände sich fanden und faßten. Von nun ab blickte er mit einem geistesabwesenden, starren Ausdruck in die Luft und über die Pferdeköpfe weg. Während der ganzen Fahrt hat er nur zweimal ein paar Worte gesprochen. »Herr Fangel, wieviel ist die Uhr? Zweiundzwanzig Minuten nach drei? Dann haben wir die Meile in achtzehn Minuten gemacht.« Als man jetzt die braven, brillanten Tiere lobte, glitt ein schmales Lächeln über sein Gesicht, und er erzählte, daß er die Braunen aus der prämiierten Stute gezüchtet, selbst groß gemacht, angelernt und keinem anderen anvertraut habe. Es ging über Terp in einem weiten Halbkreise nach Hyllerup zurück, um noch im Heimatsdorfe eine Renommierrunde zu machen und den neuen Schlitten zu zeigen. Die ersten Häuser lagen in ihren Schneewällen. Da sah Eskild das allzu dreiste Augenspiel des fremden, frechen Studenten. Um es nicht zu sehen, guckte er über die weißen Felder und nach den schwarzen Krähen. Wurden die Zügel einen Moment schlaffer gehalten, während die ausgelassenen Tiere noch ungestümer ausgriffen und dem Stalle zustrebten? Es ging in Galoppsprüngen am Kruge, an der Schule vorbei. Ein hart gefrorenes, knirschendes Wäschestück flog von der Hecke, der rechte Gaul schreckte mit einem jähen Ruck zur Seite – der leichte Schlitten schwankte gegen einen Schneewall und schlug um. Alle lagen im Schnee. Eskild ließ die Zügel nicht fahren und wurde längelang von den fortstürmenden Tieren über den Weg geschleift. Er zerrte mit eisernem Griff am Stangengebiß, kam durch einen gewandten Sprung, den man seinem plumpen Körper kaum zugetraut hätte, auf die Füße, riß mit Riesenkraft die Durchgänger auf die Hinterbeine herunter und warf mit einer leichten Handbewegung den Schlitten auf die Kufen. Der Rosselenker rief den sich aufraffenden Fahrgästen ein gleichmütiges »Bitte, einsteigen« zu. Dabei kehrte er ein wenig den Kopf – und alles Blut wich aus seinem Antlitz. Hilde lachte nicht über das Intermezzo, sondern lag mit geschlossenen Augen. Man sah des Bruders Angst, aber auch an dem jungen Mediziner eine gewisse Genugtuung, daß ihm eine prächtige Gelegenheit gegeben wurde, seine Geistesgegenwart und sich als Arzt und Kavalier zu zeigen. Er nahm die Ohnmächtige auf seine Arme und trug sie in das nächste Haus, das des Lehrers Lindenhahn. Hilde war unbeschädigt, erwachte bald, lag auf dem Kanapee und lächelte ihm zu, als wenn sie noch in fernen Traumgefilden weile. Reuters Stimme, seine Besorgnis und Bitte, liegen zu bleiben, seine Freude und sein zartes Geflüster zu hören, war ihr ein so wohliges Gefühl, daß sie wieder die Augen schloß. Plötzlich jedoch schreckte sie empor, löste sanft seine Hände, die zu gewissenhaft ihre beiden Pulse überwachten, und sprang auf die Füße. Eskild klopfte ans Fenster, zu seinem tief bekümmerten Gesicht paßte kaum seine barsche Frage: man möge ihm gefälligst sagen, wie das Fräulein sich befinde. Sie selbst hüpfte ans Fenster. »Wohlauf, wohlauf.« Ein kurzes Nicken, und er schien sich nur um seine Pferde zu kümmern. In der Wohnstube des Lehrers, wo drei Kinder die Eindringlinge anglotzten, war eine mehr greuliche als geniale Unordnung. Trotz der paar guten Mobilien, Vertikow, Spinett und Bücherschrank, lugte die Armut und, was schlimmer war, die Unsauberkeit überall hervor. Der Fußboden schien seit Weihnachten nicht gefegt zu sein. Auf dem mit Speise- und Sirupsflecken und Tintenklecksen besäetem Wachstuch des Tisches standen henkellose, halbleere Kaffetassen, lagen Brot- und Wurstreste, Schulschreibhefte, invalide Puppen, ein zerbrochener Pfeifenkopf und in Goldschnitt Heines Gedichte, alles in unappetitlicher Eintracht. Auf dem Spinett lag der Staub so dick, daß Reuter lachend seinen Namen und den großartigen Schnörkel mit dem Finger daraufschrieb – er hatte nämlich die üble-eitle Angewohnheit, wohl fünfzigmal am Tage seinen Namenszug überall hinzumalen. Ein trostlos untrautes, unsauberes Heim hatte der Lehrer Lindenhahn. Doch einen Schatz barg es trotz aller Armut, einen Bücherschrank mit den besten Werken der deutschen Literatur und Wissenschaft. Das war Lindenhahns Trost und Zuflucht und die Freistatt des Geistes, dahin er floh vor der täglichen Misere, vor der Sisyphuslast der Schulden, vor der unlösbaren Rechenaufgabe, eine fünfköpfige Familie mit zweihundert Talern Gehalt zu ernähren. Die Kinder, die verschüchtert hockten und den Finger in den Mund steckten, hatten schwarze Hände und lange Nasen, welche die Pastortochter nicht zu sehen vermochte und mit ihrem gestickten Taschentuch beseitigte. So entlockte sie dem ältesten, vierjährigen Mädchen, das im Torfkasten saß und aus den Soden Häuser gebaut hatte, den ersten Laut. Der Vater sei »aus-aus« und die Mutter »kank-kank«. Ihr Schwesterchen war im Gehen, der ersten Akrobatenkunst des Menschen, noch so unsicher, daß es einen »Fallhut«, eine mit Heu ausgepolsterte, unförmliche Sturmhaube, trug, die wie ein Sackleinen-Globus auf dem kleinen Körper drollig saß. Dieses Lindenküchlein hatte in einem heruntergefallenen Buche – der Broschüre »Up ewig ungedelt« – »gelesen«, hatte es – ein böses Omen – in zwei Teile zerrissen und mit Fingermalen beschrieben. Das jüngste Kind war mit Stricken an die Stuhllehne gebunden, trug mit merkwürdiger Geduld seine Fesseln und guckte mit seinen auffallend großen und blauen Augen ins Leere. Das Büblein in Banden gaffte tatenlos die Gäste an, hatte aber vor kurzem aktiv sich betätigt, wie gewisse Gerüche bekundeten. Hilde möchte die Kinder säubern, die Stube aufräumen, Hilde mußte es kraft des Mitleids und der mütterlichen Instinkte, die in jedem Weibe schlummern. Auf ihren Wunsch fuhren die Herren im Schlitten fort, und sie blieb. Im Schlafgemach saß die junge Frau Lindenhahn halb aufrecht mit geschlossenen Augen, als wenn sie im Sitzen eingeschlafen sei. »Sind Sie krank? Haben Sie Schmerzen?« Die Lippen bewegten sich und murmelten Unverständliches. Die geisterhafte Erscheinung wurde dem jungen Mädchen unheimlich, so daß es rief: »Wachen Sie auf! Was sagen Sie?« Die Schläferin redete, ohne die Augen zu öffnen, zwar nicht in Sätzen, sondern in dunkelsinnigen Worten. »Wie das blinkt ... das ist Bluttau ... o, es sind Leichen, nichts als Leichen ... bei Flensburg, bei Schleswig ist ein roter See ... sie weinen ... du weinst ... drei Jahre wirst du weinen, und dreißig Jahre wirst du lachen.« Der Zuhörerin wurde kalt und heiß, und sie schrie laut: »Frau Lindenhahn!« Da schlug die Angerufene die Lider auf. »Fräulein ... Sie hier?« Hilde erklärte aufatmend die Ursache ihres Hierseins und die gute Absicht ihres Verweilens. Die Kranke klagte, daß sie an Mattigkeit und Melancholie oft leide und sich hinlegen müsse, wodurch zu ihrer Scham der Haushalt vernachlässigt werde. Die Pastortochter zog den Rock aus, krempelte die Aermel hoch, band sich die Schürze um und ging resolut ans Werk, um den Augiasstall zu reinigen. Alles wurde gefegt, gewischt, zum Teil gewaschen. Nach der Magdarbeit kam die Mutterfreude, denn es war ihr ein Vergnügen, die Kinder einmal gründlich abzuseifen, so daß der rotfrische Grund der Pausbacken und die weiße Grundfarbe der Patschhände einmal ans Tageslicht kam. Das Büblein ließ sie merkwürdig geduldig und ohne Geschrei beim Waschen gewähren. Hart griff es ihre Nerven und Nase an, als die ominösen Kissen zu beseitigen waren. Doch mit einem heroischen Griff der zwei Finger warf sie die Kissen in die Waschküche. Da fing der Bursche ganz unmotiviert zu brüllen an, als wenn sein Herzlein daran hänge. Lindenhahn kam nach Hause und blieb überrascht auf der Schwelle stehen. Als er das Heinzelweiblein erblickte, dankte er gerührt und bedrückt, denn er schämte sich seiner Behausung, bald aber lächelte das schmale Gesicht, voll Vaterfreude hob er seinen Liebling hoch in die Luft. »Haben Sie jemals so schöne, sinnige Kinderaugen gesehen ... ist es nicht, als wenn er schon tiefsinnige Gedanken habe und unbewußt philosophiere? Der Prachtkerl soll kein Hungerleider und Schulmeister werden, sondern ein Professor der Philosophie, haha!« Hilde sagte nicht, was sie dachte, denn ihr war der Kopf des Knäbleins zu groß. Der brave Mann entschuldigte immer wieder seine kranke Frau, die an Schlaflosigkeit und Schwermut leide. Beim Abschied räusperte er sich, und seine Rede stockte oft: »Seit dem letzten Wochenbett hat meine Ottilie die ... die üble Angewohnheit, im Schlafe laut zu sprechen ... lauter unsinniges Zeug ... sie selber weiß es nicht und soll es nicht wissen. Ich bitte Sie ... für den Fall, daß ...« Die Pastortochter drückte dem Lehrer die Hand und hat in Zukunft mit anderen Frauen der Gemeinde wenigstens für eine allwöchentliche Reinigung des Lehrerhauses und der Lindenküchlein Sorge getragen. Fünfter Abschnitt. Kunz der Kühne geht in die Gruft, um allen Geistern Prosit Neujahr zu wünschen. Die ersten Sterne blitzten auf, und die letzte Nacht des Jahres zog geräuschlos, wie ein undurchdringliches Geheimnis, über das weißleuchtende Land, als Hilde Fangel von einem Besuch im Armenhause heimeilte. In ihrer Hast sah sie nicht die zwei Knechte, die in der Hecke mit der uralten Steinschloßflinte hantierten, um das neue Jahr einzuschießen, und, einer plötzlichen Eingebung gehorchend, einen groben Bauernspaß sich machten. Ein Feuerblitz, ein Donnerkrach! Der blinde Schuß ging an Hildes Nase vorbei und hätte ihr Gesicht bös verbrannt, wenn sie nicht zum Glück mit dem Muff Ohr und Wange gewärmt hätte. Sie wäre bei dem abscheulich rohen Scherz und scheußlichen Schreck vielleicht ohnmächtig hingeschlagen, wenn sie nicht, über die Maßen aufgebracht, mit zornigen Worten losgeschlagen hätte. »Ihr infamen Burschen, wer seid ihr? Damit ich eure Namen dem Hardesvogt, meinem Onkel, nennen kann!« Mit Courage steckte sie den Kopf in die Hecke hinein, jedoch die feigen Kerle flohen über das Feld. Als Hilde sehr erregt zu Hause ankam und ihr Erlebnis erzählte, machte der Vater eine sehr nachdenkliche Miene und sagte: »Ein trauriges Symptom der neuen Zeit ... die Verhetzung des niederen Volkes trägt ihre Früchte. Vor wenig Jahren wäre eine solche Roheit einer Pastortochter gegenüber in Nordschleswig eine Unmöglichkeit gewesen ... jeder Pastor, auch wenn er nicht die Würde des Amts zu wahren verstand, war dem Volke eine Respektsperson, an einem rechten Diener Gottes hing die Gemeinde mit Verehrung, und vor jedem Geistlichen zog der dümmste Knecht tief die Mütze ab. Eine allmähliche und schmerzliche Aenderung tritt ein. Alle grüßen noch ... aber mancher greift widerstrebend nach seiner Kopfbedeckung ... die Achtung vor uns wird durch dumme Anekdoten und Lügengeschichten, die alle vom Geiz, von der Habsucht und den sogenannten Pastorsünden handeln, systematisch untergraben ... die dänischen Agitatoren wollen unser Ansehen zerstören, um die deutschgesinnten Pastoren verhaßt und die Gemeinden abspenstig zu machen. Eine Frechheit, wie sie heute passiert ist, hätte man vor fünf Jahren meiner Tochter nicht zu bieten gewagt.« Schuß auf Schuß fiel draußen, in der Nähe und Ferne. Jeder, der einen Schießprügel auftreiben konnte, mußte bis ein oder zwei Uhr knallen; die Burschen, die vor einem Hause Neujahr einschossen, wurden hereingeholt, mit Kaffepünschen und Apfelkuchen traktiert. Ueberall hinter Scheunen und Hecken blitzte und ballerte es. Frauen und Kinder, die kein Schießrohr hatten, machten in anderer Weise Spektakel, schlichen sich in die Hausflure und warfen mit Scherben und Töpfen Neujahr ein. Sie versteckten sich dann, kicherten aber recht laut, um leicht eingefangen und gut bewirtet zu werden. Einige freilich machten böse Neujahrsscherze und spielten einem verhaßten Nachbar einen boshaften Schabernack, und diese Gratulanten machten sich rasch aus dem Staube, um nicht mit Prügeln, statt mit Pünschen, traktiert zu werden. Im Pastorat erschienen die Gäste, Jep und Bodil Hansen und Leutnant Bosen, die zu einem Glase Bischof geladen waren. Nur einer, Eskild Thorö, fehlte noch und ist nicht gekommen. Der saß die ganze, lange Neujahrsnacht auf dem Stuhl in seiner Kammer, im Dunkel und ohne Licht, weil er sich seines Seelenschmerzes vor sich selber schämte, er hatte aber zu seinem Vater gesagt, daß er im Finsteren wachen müsse, damit nicht glühende Luntenstücke auf die Strohdächer des Hofes flögen. Seine Gesellin war seine Geige, auf der er weich-wehmütige Weisen spielte, so ergreifend, daß draußen auf der Tenne die Mägde auf Säcken hockten und andächtig horchten. Zuletzt phantasierte Eskild wehklagend, und seine Riesenfaust wischte über das runde, robuste Gesicht. Die Geige war sein Tröster in der Neujahrsnacht, da er seine Hoffnung begrub. Man sprach im Pastorat hin und her und fand es unbegreiflich, daß Thorö nicht einmal sich entschuldigt habe. Und bald hatte man ihn vergessen. Gegen die Haustür donnerten die zerschlagenen Töpfe. Mitunter wurde die Tür vorsichtig geöffnet, es krachte und klirrte auf dem Flure, wo die Scherben sich häuften. Man kannte die unausrottbare Unsitte und ließ die Leute gewähren. Plötzlich aber sprangen alle von den Stühlen empor und sahen sich an. Donnernd flog ein Neujahrsgeschoß gegen die Saaltür, die Heimreich hastig öffnete, um zu sehen. Ein großer Mauerstein war mit aller Gewalt geschleudert worden, hatte die Klinke glatt abgeschlagen und die Füllung ramponiert. »Das ist der schlechte Streich eines Feindes ... doch ich will keinen verdächtigen,« nickte Fangel, aber seine Frau empörte sich über die beschädigte Tür. »Pfui! Vor zwei Jahren hätte keiner das dem Pastorate zu bieten gewagt. Das sind die Teufelsfrüchte der Verhetzung, der Wirtshausreden eines Rolf Krake Hansen.« »Gibt es nicht überall, auch in Holstein, schabernacksche Menschen?« fragte Bodil. Noch mehr Ärgernis bereitete der nächste anonyme Neujahrsglückwunsch. Ein schweres Wurfgeschoß hatte die Saaltür getroffen, man hörte fliehende Schritte, ahnte nichts Gutes und öffnete. Eine erstickende Wolke von Schmutz, Ruß und Asche erfüllte den Flur und wirbelte durch die Tür in scheußlichen Schwaden. Ein Bösewicht hatte einen sogenannten Jütepott, bis zum Rande voll von Asche und eklem Unrat, hinterlistig geworfen. Diese südjütische Neujahrsgratulation war die erste Gemeinheit, die dem Pastor in seiner Gemeinde widerfuhr, und ging ihm offenbar sehr nahe, doch er verbot alles Diskutieren und Mutmaßen, wer wohl der Übeltäter sei. Draußen knatterten die Schüsse. »Klingt das Geschieße nicht akkurat wie ein plänkelndes Vorpostengefecht, das bei Hyllerup stattfindet?« sagte Reuter. »In dem Freiheitskriege der Herzogtümer, der kommen muß, wird eine Schlacht bei Hyllerup geschlagen werden.« Bodil warf ihm einen bösen Blick zu; und die Pastorin polterte: »Führen Sie nicht so gottlose Reden!« Der Leutnant sah mit dem kleinen Auge über seine Nase hinweg und sagte, ohne eine Miene zu verziehen: »Können Sie uns auch prophezeien, ob die Schlacht bei Hyllerup von den Dänen oder Holsteinern gewonnen wird? Damit man sich der richtigen Partei und gerechten Sache anschließt, denn der Sieger behält immer Recht.« Reuter fand Geschmack an dem skurrilen Witz des Abenteurers und freundete sich ihm an. »Sie haben eine gute Flinte und einen schönen Vorstehhund mitgebracht ... Sie sind Jäger wie ich?« »Ja, die Schießerei – im Kriege auf Menschen, im Frieden auf Hasen und Füchse – ist das einzige Metier, das der alte, inkapable Leutnant a. D. gelernt hat.« »Herr Bosen, Sie sind wohlbestallter Hofjägermeister auf Hylleruphof,« sagte Jep launig. »Ja, mit einem Gehalt von fünfhundert Spezies ...« »Nein, für die Kost und die abgetragenen Kleider.« Da kam der einstige Ziegelstreicher zum Vorschein. Als feiner Kavalier überhörte Bosen die taktlose Rede und erzählte eine Jagdgeschichte mit toternstem Gesicht, laut welcher er mit einem Schuß eine Gans und vier Füchse erlegt habe. Man lachte über sein Jägerlatein, und er erklärte trocken, die Gans sei eine zahme gewesen, die die Fähe ihren vor dem Loche spielenden Jungen zugetragen habe. Hinter einer Eiche lauernd, habe er mit einem Schrotschutz die rohrende Gans, die Füchsin und die drei Kleinen erschossen. Reuter richtete an den Herrn von Hylleruphof die Bitte, dem Leutnant und ihm den Abschuß von ein paar Rehböcken zu gestatten. Jep erlaubte es unter einer Bedingung. »Der Hofjägermeister wird für unsren Tisch einen Rehbraten besorgen, und Sie dürfen für das Pastorat einen Bock schießen – wofern Sie treffen. Eskild ist wohl meinetwegen fortgeblieben ... heute Morgen nämlich bot ich ihm sechshundert Spezies für seine Braunen – ein ungeheurer, gar nicht ernst gemeinter Preis –, und er lief mir weg, um nicht in Versuchung zu kommen. Ich machte mir nur einen Spaß ... aber das sind ein paar Renner ... die lassen auf eine Meile oder zwei die neue Eisenbahn hinter sich.« »Oh, Sie würden sich wundern,« lachte Heimreich, »wir fuhren eine Strecke mit der Bahn, um diesen großartigen Fortschritt der Menschheit kennen zu lernen. Die Wagen rasten auf den Gleisen dahin, sechs Meilen in der Stunde, sage und schreibe sechs Meilen. Wir wurden ganz feierlich gestimmt und hatten das erhebende Gefühl, daß wir, die Zeugen einer neuen Zeit, am Anfang einer ungeheuren Zukunft stünden.« »Ob es so arg wird? Ich hörte in meinem Leben viel Geschrei, und nachher blieb wenig Wolle zum Spinnen.« Jep traute der Sache noch nicht. »Daß die Wagen auf Schienen schnell laufen, wenn sie erst in Gang sind, das kapiere ich, aber wie ein bißchen Dampf die schweren Dinger in Fahrt bringt, begreift mein Bauernverstand nicht. Es sollte doch nicht Dampf und Dunst und etwas für die Dummen sein?« Heimreich suchte dem Bauer die Dampfkraft begreiflich zu machen, nahm einen Teetopf und demonstrierte in der einfachsten Weise. »Wenn das Wasser stark kocht, wird der Deckel vom Dampfe gehoben und zuletzt heruntergeworfen. Wofern Sie aber den Ausguß dicht verstopfen und den Deckel festbinden, was würde dann geschehen? Der Dampf würde den Topf in tausend Stücke sprengen.« »Ja, das habe ich mal selbst gesehen, als die unvernünftigen Mägde den Deckel des Waschkessels mit großen Steinen beschwert hatten ... das gab eine fürchterliche Explosion.« Dem Bauer ging ein Licht auf. »Siehe da! Das ist die unbändige Kraft des Dampfes, die der Menschengeist gebändigt hat,« rief der Dozent. »Denken Sie sich einen sehr großen und ungeheuer starken Kessel voll Wasser, der, ständig überhitzt bis zum Springen, seinen Dampf durch eine kleine Öffnung stößt! Genau in die Öffnung paßt ein Kolben hinein, der durch den Riesendruck des Dampfes fortwährend herausgetrieben, sogleich aber wieder von der andren Seite, wo ebenfalls ein gleicher Dampfdruck ihn zurücktreibt, hineingestoßen wird. Der Kolben ist der Riese, der die Räder der Lokomotive vorwärts jagt.« Der Bauer hatte die Idee erfaßt und schlug sich klatschend auf die Lederhose. »Donnerwetter! Da muß man fast fluchen ... so großartig einfach ist die Erfindung ... vor dem Engländer nehme ich den Hut ab. Ich lache nicht mehr über die Eisenbahn ... aber wie dumm sind die Gelehrten, daß sie darauf nicht früher gekommen sind.« Die erste Eisenbahn in Schleswig-Holstein erregte damals Aussehen und war das allgemeine Gespräch. Die Landbevölkerung hatte die naivsten Vorstellungen, und Reuter erzählte: In Neumünster habe eine Bäuerin ihren achtzehnjährigen Sohn, der den ersten ankommenden Zug mit offenem Maule angaffte, angstvoll fortgerissen mit den Worten: »Kumm weg da! Datt Biest geiht dörch, geiht dörch!« Sie hielt den rauchspeienden Dampfwagen für ein durchgehendes Ungeheuer. Die alte Schwarzwälder Uhr schlug zwölf Schläge, alle Gläser stießen zusammen, der Pastor sprach ernst: »Der allmächtige Gott gebe uns Anno 1847 Versöhnung und Frieden in allen Landen des Königs, unsres gnädigen Herzogs!« Die Bowle hatte alle heiter gestimmt. Wenn die Schleswig-Holsteiner am allerfrohesten sind, singen sie oft die traurigsten Weisen, oder besprechen sie die allerernstesten Dinge. Jep Hansen fing an: »Es soll ja jetzt in Hyllerup spuken, Herr Pastor, unsre Kinder haben ja das Gespenst gesehen. Weil die weiße Gestalt just bei der Schmiede gesehen wurde, ist mir die schreckliche Mordsgeschichte, die schon alt war, als ich hierher kam, viel durch den Kopf gegangen.« »Was, ein Mord ist hier passiert?« riefen die Jungen gespannt. »Ja, schon vor hundert Jahren wohnte dort der Dorfschmied, der hatte zum zweiten Male geheiratet und seinen drei Kindern eine Stiefmutter gegeben, obgleich seine alten Eltern, die in dem einen Hausende wohnten und freies Essen hatten, nicht sehr davon erbaut waren. Man hörte die alte und die junge Frau nie zanken, doch die Mutter soll oft geklagt haben: Annmari ist eine giftige Person und kann mit ihrem Blick einen Menschen umbringen. Eines Tages wurde die Alte mit einem Loch im Schädel tot auf der Tenne gefunden, sie war beim Heuherunterwerfen durch die Luke gestürzt. Nach acht Tagen fand man den Vater des Schmiedes an seinem Bettpfosten erhängt; es hieß, er habe aus Gram über den Verlust seiner Frau sich das Leben genommen, und er wurde als Selbstmörder an der Kirchhofsmauer begraben. Im Laufe des Jahres starben die drei Stiefkinder an der Bräune, die damals grassierte, alle in einer Woche. Kein Gerücht ging, gegen Annmari regte sich nicht der geringste Verdacht. Sie war eine sehr stille, fleißige Frau, die allerdings keinem Menschen ins Gesicht sehen konnte, aber auch keinem zu nahe trat. Sie lebte scheinbar glücklich mit dem Schmied und hatte mit ihm eine einzige Tochter, die ihr Augapfel war. Als das Kind zehn Jahre alt war, ging es aus, um Brombeeren zu pflücken, trat unversehens auf eine Schlange und wurde von der Kreuzotter zweimal gebissen. Das arme Mädchen lag an der Hecke und starb ohne Hilfe. Nachdem die Leiche der Mutter gebracht war, soll diese drei Tage lang sich eingeschlossen haben. Am vierten Tage ging Annmari, die nicht mehr zu kennen war, zum Pastor und sagte: »Ich muß meine Sünden beichten, die alte Frau habe ich mit dem Hammer erschlagen und dann vom Heuboden geworfen ... meinen Schwiegervater erdrosselte ich im Schlafe und hängte ihn dann am Bettpfosten auf ... die Kinder habe ich während der Krankheit mit Arsenik vergiftet ... nun soll man mir den Kopf abschlagen, Gott hat mich gestraft und mein Kind vergiftet ... ich bin eine Schlange, ein Scheusal, Herr Pastor.« – Ein leibhaftiger Satan hatte in Hyllerup gehaust, ohne daß jemand eine Ahnung hatte. Das unmenschliche Weib, die furchtbare Missetäterin, soll sehr bußfertig zur Richtstätte gegangen sein, wurde vom Henker geköpft und nachher aufs Rad geflochten. Nach dem Tode aber fand die greuliche Giftmörderin keine Ruhe im Grabe, der Geist der Annmari ging bei der Schmiede um, jagte des Nachts den Leuten einen tödlichen Schreck ein und brachte Hyllerup weit und breit in Verruf, bis vor siebzig Jahren der große Geisterbanner, der berühmte Pastor Arnkiel, der das sechste Buch Mose besaß, nach hier versetzt wurde. Der nahm Kruzifix und Bibel, ging von Mitternacht bis zwei Uhr um die Schmiede herum und bannte die friedlose Giftmörderin ins Grab. Um halb drei kam er schweißbedeckt nach Hause gewankt und sagte: »Das ging mir hart an den Hals und fast ans Leben ... der leidige Satan selbst half der Vettel, doch im Namen Gottes mahnte ich die widerborstige Hexe in die höllische Tiefe ... er selbst fuhr mit Gestank und Annmaris Geist mit gräßlichem Geschrei von hinnen.« – Der Pastor mußte zwei Tage lang das Bett hüten und sagte oft, das sei sein schwerster Exorzismus gewesen. Das hat die älteste Frau, die vor achtundzwanzig Jahren noch in Hyllerup lebte, selbst erlebt und mir berichtet ... ich bezeuge es. Herr Pastor! Wenn der Geist der Annmari jetzt wieder sein Unwesen treibt und der Spuk zu arg wird, müssen Sie wohl Bibel und Kruzifix nehmen und das Gespenst in die Tiefe mahnen. Das wäre am Ende Ihre Christen- und Pastorpflicht.« Dem Bauer saß ein Schalk im Auge, den die Pastorin nicht sah, denn sie trat sehr energisch für den gefährdeten Gatten in die Schranken. »Nein, das wird mein lieber Mann ganz gewiß nicht tun, und wenn zehn Geister und Giftmörderinnen bei der Schmiede spuken ... Fangel ist nicht als Geisterbeschwörer, sondern als Seelsorger in Hyllerup angestellt worden.« Reuter meldete sich. »Frau Pastor, ich will den Exorzismus übernehmen. Ein Eulenspiegel und Possenmacher hält die Hyllerupper zum Narren, oder auch eine Nachtwandlerin macht ihre Spaziergänge.« »Bei zwölf Grad Frost im leichten Linnen? Nein, mein kühner Freund!« Heimreich lächelte ironisch. »Ah, auch du, mein Horatio, glaubst an Gespenster? Alles, was Spuk, Vorbedeutung und übernatürlich heißt, ist pure Einbildung, krasser Aberglaube und blöde Ammenmär.« »Wir alle verlachen die einfältigen Spukgeschichten,« sagte Heimreich, »und doch schlummert in uns allen ein Gruseln vor gewissen Ortern in einsamer Nacht, eine gut verhehlte Furcht, je mit dem übernatürlichen, das wir ableugnen, persönlich in Berührung zu kommen. Hand aufs Herz, Horatio? Würdest du jetzt um Mitternacht allein die Kirche betreten und ohne Unbehagen in die Gruft hinuntergehen, ohne daß dein Herz rascher schlüge oder ein Haar deines Hauptes sich höbe?« »Ja, jede Wette! Ohne Licht und ein lustiges Lied pfeifend, will ich auf der Stelle die Gruft besuchen und allen Geistern drunten ein Prosit Neujahr zurufen.« »Was reden Sie!« hauchte Hilde Fangel, und ihr Bruder lächelte infam ungläubig. »Du sollst es sehen und dann glauben! Ich nehme dieses Knäuel und lege es in den Sarg der Gruft, den wir neulich öffneten ... in fünf Minuten bin ich zurück.« Reuter, das Brodiergarn der Pastortochter in der Hand, stand wie ein Held da und sah sich triumphierend um: Seht ihr mich, den Ritter Ohnefurcht? Bosen schmunzelte. »Soll ich zu Ihrem Schutze mitgehen?« Hilde war kreideweiß geworden. »Das ... das ist ein Gottversuchen ... lassen Sie das grauenhafte, fürwitzige Vorhaben!« – Als sich der Held trotzdem der Tür zuwandte, sprang sie auf, als wenn sie seine Hand umklammern wolle, kreischte sie: »Das ist mein Knäuel ... geben Sie her, sofort her!« Reuter lief mit langen Schritten in die Nacht hinaus, denn jetzt stand seine Ehre auf dem Spiele. Die Pastortochter saß wie entgeistert, blickte dem Tollkopf nach und bemerkte nicht das Blicken und Blinken der ärgerlichen Mutter, die schließlich der Tochter, die sich ja vor den Gästen kompromittierte, zurief: »Du dummes Ding, Unkraut vergeht nicht, und vor solcher Frechheit fürchten sich selbst die Geister.« Draußen fielen noch vereinzelte Neujahrsschüsse, von weither klang ein Johlen, aus einem Hofe, als die Tür aufging, heiserer Kaffepunschgesang: »Ganz Dänemark soll bestehen, solange die Buchen grünen im Land, die Wellen rauschen am Ostseestrand.« Viele Menschen waren noch wach in der Geisterstunde. Das stärkte dem Wandrer, der auf dem Kirchhof nach vorn und hinten lugte und nach kurzem Zögern kühn in der Finsternis des Gotteshauses verschwand, Herz und Seele. Im Pastorat stockte das Gespräch immer mehr. Heimreich sah nach der Schlaguhr. »Er müßte eigentlich schon zurück sein.« – Hilde hatte die Hände zusammengepreßt, die Lippen verbissen, um die Schauer, die über ihren Rücken gingen, zu bezwingen. »Achtzehn Minuten ist er schon fort ... das ist ja merkwürdig.« Heimreich horchte am Fenster. »Ich höre keinen Schritt ... wo bleibt der Mensch?« Die arme Pastortochter betete leise in einer inneren, ungeheuren Angst. Der Pastor wurde unruhig. »Er ist schon eine halbe Stunde fort! Entweder ist ihm etwas zugestoßen ... oder der Schlingel will uns einen Schreck einjagen, um sich über unsre Aufregung lustig zu machen.« Bosen strich seinen Bart und sprach tiefernst: »Die Gespenster haben ihm wahrscheinlich das Genick umgedreht.« Hilde stöhnte, erhob sich und erklärte bestimmt: »Vater, er ist unser Gast, wir haben die Pflicht, ihn zu suchen ... ich hole den Stalleuchter.« Das junge Mädchen ging mit dem Leuchter mutig voran, der Leutnant und ihr Bruder folgten ihr auf dem Fuße. Auf dem Friedhofe zwischen den Gräbern taumelte ein Mensch, wohl ein Betrunkener der Neujahrsnacht. Der Gang des Schwankenden wurde sichrer, als er auf das Licht zuging. Es war Reuter, der sich an ein Grabkreuz klammerte, um nicht umzufallen, der nur stottern konnte. Das Knäuel habe er in den Sarg geworfen und schnell sich zum Gehen gewandt – da habe eine unsichtbare Faust ihn von hinten gepackt und festgehalten, von einem penetranten Gestank sei er betäubt worden und hingestürzt. Nachdem er das Bewußtsein wiedererlangt, habe er sich mit einem gewaltigen Ruck aus der gräßlichen Geisterhand befreit, und es sei ihm schließlich gelungen, die Kirchentür zu erreichen, obgleich unsichtbare Hände ihn von allen Seiten gestoßen hätten und seine Lage schauerlich gewesen sei. Das holte man allmählich aus dem leichenblassen Mediziner, den sein Freund stützte, heraus. Hilde lächelte zu ihm empor und preßte seine Hand, so ganz vergessend, daß sie ihre kindische Furcht und ihre kindische Freude den anderen und besonders ihm selbst verbergen müsse. Heimreich sagte mit einer gewissen Genugtuung, obgleich er seine Bestürzung nicht verleugnen konnte: »Glaubst du nun, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, mit denen man sein Gespött nicht treiben soll?« Kunz gewann in der Nähe des Pfarrhofes die Courage wieder. »Ja, ich bin geheilt und will es offen vor aller aufgeklärten Welt bekennen, ich glaube an Geister, weil ich mit ihnen gekämpft und gerungen und das Leben behalten habe. Die meisten hätten sich dort unten in der stockdunklen Gruft vor Schreck den Tod geholt, nur wenige hätten in meiner furchtbaren Lage die Geistesgegenwart bewahrt.« »Ja, ein wahres Glück war Ihre Geistesgegenwart, obgleich Sie doch mit dem Gespenster-Narkotikum betäubt waren,« sagte der Leutnant toternst. Sobald Reuter in den hellen Saal hineintrat, hatte er die Edelblässe und die stolzbescheidenen Allüren des Helden, der vieles, nur nicht die Ehre, verlor, hatte er ein starkes Gedächtnis für alle Einzelheiten und eine große Zungenfertigkeit, um das grausige Abenteuer so lebhaft auszumalen, daß die Pastorin nach ihrer Haube griff, weil ihre Haare unruhig wurden. »Schrecklich, schrecklich! Trinken Sie ein Glas zur Stärkung!« Frau Fangel füllte dem sympathischen Menschen ein Punschglas. Hilde konnte nicht mehr mäkeln und schelten, sondern mußte den verwegenen Menschen bestaunen und bewundern, verehren und lieben. Mit Heldenpose trat Reuter an den Tisch, nahm das Glas und verneigte sich. Bosen betrachtete ihn merkwürdig genau von hinten, beugte mißtrauisch die Nase, hob Reuters Rockschoß empor und ans helle Licht und schnitt eine unbeschreibliche Grimasse. »Meine Herren und Damen! Hier sind die Spuren, die Krallen der Geisterhand noch deutlich zu sehen.« Alle sprangen auf. Was? Wie? Reuter verschluckte und bemühte sich, seine eigne Hinterfassade zu besichtigen. »Im Rockschoß ein langer Riß von einem rostigen Nagel, der im Sarge stak und daran Herr Reuter beim Weggehen hängen blieb ... das war der grause Griff der Geisterhand!« Bosen machte das tragisch lange Gesicht, nur sein kleines Schalksauge leuchtete von Gaudium und Ergötzen. Die banale Aufklärung des Geisterüberfalls, der plötzliche Sprung vom grandiosen Gruseln in die platteste Lächerlichkeit, der hilflos stiere Blick des Helden, der den Riß in seinem Rocke wie ein Gespenst anglotzte, das alles war von so ungeheurer Komik, daß erst ein allgemeines Nachluftschnappen und dann ein platzendes, berstendes, keuchendes; krachendes Gelächter eintrat. Hilde allein hielt ihre Fröhlichkeit in angemessenen Grenzen und sprach die ersten Dankesworte. »Gott sei Dank, daß es in der Kirche nicht spukt!« Reuter verzog den Mund, als wenn er ein bitteres Teufelspulver eingenommen habe, verschluckte eine Verwünschung des verfl– Nagels und umfaßte sein Haupt mit beiden Händen. Er hatte in dem Moment allen Heroismus, alles Selbstgefühl, alles – nur nicht den Mund verloren, denn er rief: »Nun haben Sie einen Nagel, daran Sie Ihren Hohn und Ihre Witze hängen können, meine Herren.« Der alte Pastor nickte und gab die Moral: »Das war eine gute Pille, die vom heidnischen Aberglauben kuriert und vom eitlen Übermute heilt.« Kunz hatte zwar ein recht dickes Fell, aber Jep Hansens trockene Sticheleien gingen ihm durch die Haut. Alle, alle machten sich über ihn lustig, nur eine, die Pastortochter, lächelte leise ihm zu, verteidigte und entschuldigte ihn mit lauten Worten: »Ja, hier in der hellen Stube können wir leicht lachen und spotten, aber unten in der stockfinstren Gruft hätte uns dieselbe Angst kopflos gemacht. Ich hätte mir sicher den Tod geholt ... und die meisten Vertreter des starken Geschlechts hätten einen Chock, einen so schweren Gesundheitsschaden davongetragen, daß man zwei Ärzte holen müßte. Kaum einer würde nach einer halben Stunde so fidel und munter hier sitzen und lustig mitlachen.« Der Studiosus hob sofort das Haupt und strich den hängenden Schnurrbart keck in die Höhe, und mit einem langen Blick dankte er dem kleinen, vortrefflichen Anwalt. Der Karnevalslärm der Silvesternacht verstummte, auch im Pastorat erloschen die letzten Kerzen und Rüböllampen. Reuter dachte an Hildes große Angst um ihn und machte daraus einen logischen Schluß, und der fröhliche Schluß wurde zum festen Entschluß, durch offenes Geständnis seiner Liebe sowohl das herzige Geschöpf als auch sich selbst glücklich zu machen. Trotz des Fiaskos schlief er, wie einer, der morgen ein gutes Werk tun will. Beim letzten Licht, das im Pfarrhaus brannte, entkleidete sich Frau Fangel, und die Tochter half ihr. Plötzlich sagte die Mutter: »Ich habe ein ernstes Wort mit dir zu reden ... durch dein auffallendes Benehmen haben alle Gäste etwas gemerkt, aber ein junges Mädchen darf sich nichts merken lassen ... das merke dir!« Die Tochter fing an zu weinen und fand kein Ende der Tränen. Darum wurde die Mutter weich. »Ich habe durchaus nichts dagegen, wenn Reuter sich wirklich mit dir verlobt, im Gegenteil, er ist ein sympathischer, hübscher und angenehmer Mensch.« Hilde küßte zärtlich die weise redende Frau Mutter. Sechster Abschnitt. Die Tierdressur des trinkfesten Stoikers und der Renommier-Totenkopf des verliebten Mediziners. Am Neujahrstage war die Hylleruper Kirche sehr gut besucht, wenn auch nicht wie an dem Sonntage zwischen Weihnachten und Neujahr. Viele Kirchgänger hatten leider ein übernächtiges Gesicht, kämpften gegen das Gähnen an, und andere schliefen inwendig. Alle aber wurden hellwach, als der Pastor die Worte sagte: »Der allmächtige Gott halte seine treue Schirmhand über unsre Länder, damit der unselige Streit, der zwischen dem Königreich und den Herzogtümern hüben mit heftigen Reden und Schriften, drüben mit scharfen Worten und giftigen Federn geführt wird, friedlich-gütlich-gottgefällig geschlichtet werde. Der Herr schirme und segne den König Christian VIII., unsren Herzog und Herrn, unser Gott erhalte ihm die Liebe seiner Völker und schenke ihm ein weises Herz, in Güte und Gerechtigkeit zu richten und zu regieren, damit Recht bleibe, was Recht ist!« Rolf Krake Hansen legte die Hand hinter sein großes Ohr, um kein Wort zu verlieren. Dann holte dieser andächtige Zuhörer sein Taschenbuch hervor und kritzelte während des Gesanges das, was er von der Predigt behalten wollte, auf ein unsauberes Blatt, auf dem schon ein paar Merktage der Kalbkühe standen. – Hilde hatte abgelegt und eilte die Treppe des Pastorats hinauf, um zu kontrollieren, ob die Magd Karen das Giebelzimmer gereinigt habe. Die Tür des Gastzimmers stand offen, Reuter hantierte an seiner Elektrisiermaschine, vielleicht absichtlich. Er wollte die Gelegenheit ergreifen, um zwei Menschen glücklich zu machen. »Gucken Sie mal her, liebes Fräulein!« »Was machen Sie da?« »Ich experimentiere ... bitte ... zieren Sie sich doch nicht!« Hilde stand in scheuem Zweifel und ging dann einen Schritt über die Schwelle. Mit dem elektrisch geladenen Draht betupfte der Student den langen Schwanz der Mäuse, die im Käfig die drolligsten Sprünge und Kapriolen machten. Er lachte wie ein großer, ungezogener Junge aus vollem Halse, wenn die Tiere ihre unfreiwilligen Tänze und Saltos machten, er tippte bald den einen bald den anderen Schwanz mit einem lustigen »Hopp-Hopp, Hallodri!« Gewaltig amüsierte das Spiel den jungen Gelehrten. Hilde öffnete die Augen immer weiter und zog die Brauen immer fester zusammen, denn ein Mäuslein lag schon auf der Seite und hatte sich in elektrischen Galoppaden zu Tode getanzt. »Was soll das sein?« »Ein Experiment.« »Ich würde es einen Dummerjungensstreich nennen, wenn es nicht eine gemeine, grausame, gänzlich unnütze Tierquälerei wäre.« Recht kleinlaut legte er den Draht beiseite. »Das Experiment ist zu Ende.« »Ja, ich werde ein gründliches Ende machen.« Resolut riß sie den Käfig vom Tische, öffnete die Tür und schüttelte die Mäuse heraus. »Hilde! Wie schön Sie sind in Ihrem heiligen Zorn!« Er wollte ihre Hand ergreifen. »Ich heiße Fräulein Fangel, Herr Doktor der Mäusekunst und -quälerei.« Jene plötzliche Bangigkeit und Scheu befiel sie, und sie huschte die Treppe hinunter, wie ein Mäuslein, das einem Experiment entronnen ist. Kunz raufte sich das Haar. Bei Amor und Aphrodite! Die Kleine spielt mit mir. O, ihr sanftes, engelhaftes Lächeln macht mich verliebter, toller von Tag zu Tag. Ich bilde mir ein, ein ziemlich famoser und schmucker Kerl – ein wohlgefälliger Blick in den Spiegel, der die Behauptung bestätigen sollte – zu sein, und in diesem Krähwinkel und Capua haranguiert mich eine süße Unschuld vom Lande. Ja, mit dem langen Laban, dem Bauernlümmel Thorö, liebäugelt sie auch ein wenig, vielleicht ein viel zu viel ... o wenn sie den als Ehe-Garanten und mich als Hypothese hätte, das gäbe Mord und Totschlag. Ich bin komplett verliebt, verrückt, vernarrt in das Lächeln des Kindes. Fräulein Fangel betrat das Wohnzimmer und fand einen an sie adressierten Brief von Eskild Thorö, der sein Fernbleiben am Silvesterabend entschuldigte. Wenn auch der Schlitten-Umfall gut und ohne Unfall abgelaufen sei, schäme er sich doch seiner groben Kutscherungeschicklichkeit, so daß er sich vorläufig im Pastorat nicht sehen lassen dürfe. Es war ein kurioser, kindlicher Brief, den die Pastortochter aber durchaus nicht lächerlich fand. Als der Student in dem Augenblick zum Essen kam und lange Augen nach der Briefadresse machte, sagte sie leichthin: »Von Eskild.« Reuter machte ein ironisches Hm – hm. »Hm, er kann also schreiben und lesen?« »Ja, und spielen! Spielen kann er, daß wir alle neben ihm Stümper sind.« Während des Essens war Hilde oft so abwesend, daß sie das Lachen vergaß, wenn ein Wort Lachen erwecken wollte. Der Mediziner nämlich war ungemein lebhaft und so geistreich, daß sein Witz bisweilen recht gezwungen klang. Nur einmal glitt sein kalter Blick über sie hinweg, nämlich als er seinen Freund aufforderte, am Nachmittag den Leutnant Bosen in seinem neuen Junggesellenheim zu besuchen. Hilde machte eine so betrübte Miene, daß ihre Mutter durch ein Blinzeln mahnte: ein junges Mädchen darf sich nichts merken lassen! Nachmittags um drei Uhr saß die Pastortochter am Fenster und barg sich hinter der Gardine, um die beiden, die das Haus verließen, mit tränenden Augen zu begleiten und ihren ersten herben Liebesschmerz zu durchkosten. Anstatt bei ihr zu bleiben, ihre Stimme zu hören, an ihrem Lächeln sich zu laben, ihre Liebe zu erringen, ging er in die Behausung des schnapstrinkenden Sonderlings, zog er die Lügengeschichten des alten Leutnants ihrer Unterhaltung vor. Zum Sterben schwer ist das erste Herzeleid der ersten Liebe. Heimreich und sein Freund standen vor dem ältesten Hause des Dorfes, das ein niedriges, moosbewachsenes Strohdach und keinen Schornstein hatte und zu Hylleruphof gehörte. In der sogenannten Räucherkate – der Herdrauch mußte durch Tür und Fenster sich einen Ausgang suchen – hauste Leutnant Bosen, vom Reinlichkeitsteufel der fegenden Mägde ungestört, ganz nach seinem Geschmack. Heimreich zögerte draußen. »Wollen wir nicht Jep Hansen ...?« »Und Bodil einen Neujahrsbesuch machen?« Kunz erriet des Freundes Gedanken und lachte. »Was ist mir Hekuba? Folge du dem Drang deines Herzens und hole nach einer Stunde mich ab!« Sie trennten sich, Kunz betrat die große Diele der Räucherkate. Ein penetranter Geruch, der an eine Menagerie erinnerte, schlug ihm entgegen. Bosen kam aus einer Kammer und hatte eine von Jeps Meerschaumpfeifen im Munde. »Treten Sie näher, in meine beste Stube!« »Wonach riecht es hier so kräftig, Herr Leutnant?« »Ich parfümiere mich nicht mehr, ich rieche nichts.« Sein großes Auge hatte einen unschuldigen Blick. Der Gast sah sich argwöhnisch im Halbdunkel der Diele um. Vier junge Katzen lagen in einem Winkel und schnurrten. »Die können schon etliche Gerüche verursachen.« »Das geniert mich nicht, aber die Mäuse, die tags auf meinem Tische spielten und nachts das Licht an meinem Bette fraßen, wurden unmanierlich.« Auf der Hühnerstange hockten zwei Eulen und verdrehten die grellen Augen, und im trauten Verein daneben plusterten sich zwei Hühner. »Die sind von Bodil mir geschenkt ... ich stehle noch nicht und bin auch kein Seeräuber und Riffpirat gewesen, wie die Hyllerupper glauben ... die neuen Freunde da sollen sich aneinander gewöhnen,« schmunzelte Bosen. In einem Holzverschlage knabberten Meerschweinchen und Kaninchen. Im Herdwinkel, an einer Kette lag ein junger, im Eisen gefangener Fuchs. Püh, nun war der Raubtiergeruch zu begreifen. »Haha, Sie haben ja eine ganze Menagerie hier, dressieren Sie die Eulen und Hühner?« »Wenn ich das eine Huhn am Halse kraue und sage: »Singe, mein Putchen«, so fängt es mit lautem Kra–kro–kri–kre ganz nett schon die Tonleiter an. Ich gewöhne die Tiere von ganz verschiedenem Charakter, Fuchs und Kaninchen, Huhn und Habicht, an einander. Die sogenannte unvernünftige Kreatur hat weit mehr Charakter und Verstand, als wir glauben ... o, die gesittete Menschheit ist ein unverbesserliches, unbelehrsames Gelichter ... wer die Menschen verbessern und die Dummen belehren will, ist ein Idiot, aber die Tiere vergessen nie, was sie gelernt haben, und beweisen ihrem Lehrmeister die größte Dankbarkeit und Treue, während die größten Menschheitslehrer zum Dank vergiftet, geköpft und verbrannt wurden. Ich will die Tiere aus der Barbarei auf die höhere Kulturstufe bringen und für die sogenannte Zivilisation gewinnen, ich werde dem Star das Sprechen, der Eule das Philosophieren, dem Huhn das Singen, dem Hunde das Denken beibringen, haha.« Der Philosoph mit seinem gutmütigen Pessimismus spaßte und spottete gern und nötigte den Gast in seine beste, mehr als primitiv möblierte Stube. Was er seinen Divan nannte, war eine Holzpritsche, mit Strohsäcken und Pferdedecken belegt. »Hier fühle ich mich wohl und wie im Feldlager.« Eine an die Wand genagelte Kiste, mit Kälberblut gestrichen, diente als Vorratsschrank, ein alter Tisch, ein paar auf dem Hofe ausrangierte Stühle, ein Paar Töpfe und Geschirre und recht viele Flaschen – »Die verraten mich und meine Vorliebe,« plierte der Leutnant – fehlten nicht. Unweit des Fensters stand ein eisernes Öfchen, dessen Abzugsrohr einfach durch eine ausgestoßene Scheibe und auf die Straße ging. »Das habe ich im Orient gesehen, bewährt sich gut und macht den Buben und den Bauern ein greuliches Gaudium.« Auf einer Strohschütte am Ofen lag des Leutnants Liebling, die hübsche Hühnerhündin mit den sieben blinden Welpen, die sie heute geworfen hatte. »Daß meine Skandia in Wochen sollte, das bewog mich zumeist, hier in Kantonnement zu gehen und ein festes Winterquartier zu suchen.« Sehr unterhaltsam war das Geplauder mit dem Kauz, der mit offnen Augen weit in der Welt herum gewesen war und mit Humor zu erzählen wußte. »Leiden Sie auch an der chronischen Halskrankheit... an der häßlichen Halstrockenheit? Darf ich Ihnen anbieten, was ich habe, einen guten, kräftigen Kaffepunsch?« »Herr Leutnant, ein gebildeter Mensch trinkt doch keinen ordinären Branntwein.« »Vielleicht kommt auch für Sie der Augenblick, wo Sie bei zwölf Grad Frost zwei Stunden lang auf einem Fleck Posten stehen oder gar im Schnee Posten liegen müssen und alles in Ihnen von der Zehen- bis zur Nasenspitze ein Eisklumpen geworden ist, wo ein großes Glas des gemeinen Soldatenfusels Ihr vornehmes Blut erwärmt und Ihr edles Leben erhält. Seit ein Paar Jahrhunderten ist ohne den teuren Branntwein kein Krieg geführt, kein Sieg erfochten worden. Die Irländer bei Waterloo konnten kaum auf den Beinen stehen, aber um so besser die Bajonette gebrauchen. Ja, der Branntwein erhebt das Herz, erhöht den Mut und – wirft zuletzt den ganzen Kerl in die Gosse hinein.« »Gut, ich will das gelobte Getränk mal kosten.« »Nein, heute wird Kaffepunsch mit Rum getrunken, ich habe eine Flasche alten Jamaika.« Sie stießen an auf das neue Jahr. »Möge es uns eine fröhliche Revolution und den Krieg zwischen Dänemark und Holstein bringen!« »Und den Sieg der Deutschen und die Freiheit Schleswig-Holsteins!« rief Reuter, von Patriotismus und Rum gerötet. »Ja, wenn die Deutschen mir eine Kompagnie geben, sonst soll sie der Teufel holen ... wenn ich bei dem König, meinem einstigen Kameraden, zu Kreuz kriechen müßte!« »Auf das deutsche Bataillon, das Sie bei Hadersleben oder Kolding zum Siege führen!« »Prosit, Prosit!« Die Stimmung stieg, der Rum war stark. »Sind hier viele Füchse?« fragte Reuter. »O ... anderthalb Dutzend auf der Gemarkung, die werde ich schießen oder fangen ... aber glauben Sie, daß mir ein Schußgeld bewilligt wird? Nein, ich bin Bauernförster für die Kost und die abgelegten Kleider; obgleich das Raubzeug den Hyllerupern alle Woche für sechs Taler Geflügel wegfrißt, wollen die Geizhälse keine Prämie zahlen. Na, ich werde ihnen den Beutel öffnen, ich fange zu dem Fuchs draußen noch zwei Fähen, lege eine hübsche Zuchtanstalt für rassereine Reinekes an und lasse die Jungen laufen. Wenn die Felder bevölkert sind, wird der Gemeinderat beschließen, einen Taler pro Schnauze zu zahlen.« Der Pfiffikus machte das toternste Gesicht. »Das ist wohl die höhere Gesittung, die sie den Tieren beibringen wollen?« »Mein Hans da draußen geht nur zwei Tage in die Schule und kommt schon, wenn ich ihn rufe ... wollen Sie mal sehen?« Nur zu gern! Reuter ging mit auf die Diele, um die ersten Erfolge der Tierkultur und Fuchsdressur zu bewundern. »Hans! Komm her!« Der Fuchs lag im Winkel und rührte sich nicht. »Er hat eben einen großen Neujahrsfraß gehabt, darum ist er so faul. Hans, ich muß dich in deiner Verdauungsruhe stören, komm sofort her!« Reineke bewegte nichts, nur die kleinen, tückischen Augen. »Hoch und her zu deinem Herrn!« Ein kleiner Fußtritt bewirkte, daß Hans knurrend sich erhob, den krummen Rücken reckte und nicht gehorchte. Bosen wollte das Erziehungsmittel der Güte anwenden und den Kopf des Tieres krauen. Da erwachte die Bestie, die mit den fletschenden Zähnen zuschnappte und am Daumen sich festbiß. Es mußte ein furchtbarer Schmerz sein, jedoch der Leutnant verzog keine Miene, nur die Lippen wurden schmal und sein Blick stahlhart und herrisch, und mit der Ruhe eines Schulmeisters, der einen bösen Buben verprügelt, hieb er auf den Fuchs ein. »Willst du Satan loslassen ... loslassen!« Das geschlagene Tier bohrte die Zähne noch tiefer ins Fleisch, das Blut floß auf die Diele. Reuter zitterte vor Aufregung und stammelte: »Soll ich ... soll ich das Biest mit der Flinte erschießen?« »Nein, der Hund soll nachgeben, der Mensch muß Sieger bleiben.« Bewundernswert war die Kaltblütigkeit des Leutnants, der trotz der Pein den festgebissenen Fuchs forttrug und auf den Tisch legte. »Töv, du Racker! Nun krieg' ich dich klein!« Mit der Lederkarbatsche in der Linken hieb er auf den Fuchs so lange los, bis dieser die Zähne löste und wie halbtot liegen blieb. »O, o, welche schreckliche Wunde!« »Ist nicht der Rede wert! Sie haben keine richtigen Wunden von Sprengbomben und geplatzten Granaten gesehen ... das ist die beste Desinfektion und Arznei.« Bosen tränkte einen Lappen mit Branntwein, legte ihn auf die blutige Hand, wickelte ein Tuch darum, und der Verband war fertig. Der heroische Gleichmut, mit dem er den gräßlichen Schmerz ertrug, seine ungeheure Härte gegen sich selbst war eines Stoikers würdig und imponierte dem Zuschauer ganz gewaltig. »Wieder ein Beweis, daß der verlästerte Schnaps viele Tugenden hat ... wir wollen nach der Motion eine kleine Alkohol-Erfrischung nehmen, Herr Doktor.« Der Mediziner lehnte den Titel nicht ab, sondern ließ sich die Promotion, die der alte Ironiker vollzogen hatte, gern fallen, ließ sich auch einen Kaffepunsch nach dem andern aufnötigen, besonders als Bosen mit dem großen Auge grundehrlich sein rotes Gesicht betrachtete und freundlich-nachsichtig sagte: »Sie vertragen vielleicht nicht viel, Herr Doktor? Wenn es Ihnen in den Kopf steigt oder in die Beine, müssen Sie es mir rechtzeitig sagen.« »Ich absolviere meine zehn Bierjungen in zwei Stunden, Prosit, Herr Hauptmann!« Bosen lehnte die Beförderung ab und blinzelte mit dem kleinen, listigen Auge. »Auf das Wohl der Pastortochter!« »Nein, Herr Leutnant! Die kann meinetwegen den genialen Dorfmusikanten mit den Gorillatatzen oder einen andern Orangutang heiraten,« rief der Doktor gallig. Doch aus dem galligen geriet er in den alkoholisch-sentimentalen Zustand, wo er den Schmerz verschmähter Liebe vertrank. Nach einer Weile schlug Bosen ein Spielchen vor, denn das war die eine und der Alkohol die andere Schwäche des starken Stoikers. Obgleich ehrlich gespielt wurde, verlor Reuter durch waghalsiges Spiel den größten Teil seiner Barschaft. Der Leutnant tröstete: »Ihr Verlust verbessert meine bescheidenen Finanzen und bringt Ihnen viel Glück in der Liebe.« »Nein, ich hasse die Weiber.« »Ich hasse die Mäuse,« sagte die Katze, »da fraß sie eine vor Liebe auf,« antwortete der Sonderling, der ein Menschenkenner war. – – – Heimreich ging über den Hof und begehrte vom Himmel ein Zeichen, ein Orakel, ob heute ein dies fas oder nefas , ein guter Tag für eines Menschen Lebensfrage sei. In Ermangelung einer Pythia bestimmte er die gleiche Zahl als Glückszahl – und scheuchte die Krähen auf. Sechs waren es! ... ein gutes Omen! Jep Hansen, der just in der Lederhose und den alten Holzschuhen aus der Tür trat, streckte jovial die Hand aus, doch seine Miene drückte eine gewisse, neue Ehrerbietung aus – das war die alte, schöne Hochachtung des Nordschleswigers vor dem Pastor, vor jedem, der auf der Kanzel gestanden hat. »Was wollen Sie lieber? In die warme Stube oder den warmen Stall? Mit meiner Tochter plaudern oder mit mir meine Ochsen beschauen?« »Als der Pastor Dahl den alten Peter, der ihm ein Gewerbe besorgt hatte, fragte: Was will Er nun lieber, vier Schillinge oder einen Punsch? Da antwortete Peter: Beides ist gut, Herr Pastor! Beides ist gut, Jep Hansen. Erst taxieren wir die Ochsen und dann ...« »Die Tochter!« Jep grifflachte über seinen eigenen, echtbäurischen Witz, der dem Kandidaten das Blut in die Wangen jagte. Der Besitzer von Hylleruphof hatte einige gute Zuchtstuten und Füllen, die der Gast bewunderte, jedoch auch viele grobe Ackergäule, an denen Heimreich mit höflichem Schweigen vorübergehen wollte. Aber der Bauer zeigte mit Befriedigung auf die Mähren: »Der Lehmboden kostet Pferdefleisch, man muß die Tiere ausnutzen bis zuletzt ... in Hyllerup sind genug dicke Pferde und dumme Bauern, die ihre Gaule mästen und ihre Kühe hungern.« Er huldigte im Viehstall entgegengesetzten Grundsätzen. Fünfzig schwere, fette Ochsen standen im Heu und wühlten mit dem Maule im Mengkornschrot. Der Kandidat lobte die blanken Tiere. »Die sind jetzt gemästet und werden nach Hamburg getrieben?« »Nur vier, fünf sind fett, die andern müssen noch Hylleruphofer Ochsen werden ... sehen Sie hier! Das ist die Mastprobe.« Der Bauer goß aus dem Eimer ein paar Handvoll Wasser auf den Rücken der besten Tiere. Wenn der Rücken so breit und feist war, daß auf beiden Seiten des Rückgrats kleine Wassertümpel stehen blieben, waren die Tiere mastreif und das die Wasserprobe, die Jeps Ochsen vor dem letzten Gang nach Hamburg bestehen mußten. »Wenn alle soweit sind, werden sie in langsamen Nachtmärschen auf dem alten Ochsenwege nach Hamburg getrieben und dreimal täglich sorgsam gefüttert. Trotz meiner alten Beine bin ich selbst der erste Treiber, mache ich alle Frühjahr den Marsch.« »Aber die volle Geldkatze können Sie nicht allein nach Hause tragen.« »Ach,« seufzte Jep, »die wird leider gleich wieder geleert, die Hamburger lassen keinen vollen Beutel zum Tore hinaus. Die Vorräte fürs ganze Jahr, Kaffe, Zucker, Sirup, Rum, Tabak, Seile, Lederzeug, Gewürze und Gott weiß was, werden kistenweise gekauft und auf dem vierspännigen Wagen, der mit Futter für Tiere und Treiber uns folgte, verladen ... und das schöne Geld haben die Hamburger behalten.« Heimreich sah mit Hochachtung auf den klugen Bauer, der als Ochsentreiber sechsunddreißig Meilen trampelte, wie ein Gutsbesitzer en gros und billiger einkaufte und Zwischenhändler und Fracht sparte. Endlich! murmelte Bodil, die oft aus dem Fenster geblickt und zuletzt ärgerlich gedacht hatte, daß der Kandidat mehr Interesse für die Ochsen als für die Tochter von Hylleruphof habe. Mit klopfendem Herzen, aber mit ruhigfreundlicher Selbstbeherrschung empfing sie den Mann, der, wo sie ging und stand, in ihren Gedanken war. Der Gast wurde nach Landessitte mit Kaffe und Kuchen bewirtet, der Hausherr zündete sich seine Pfeife an und plauderte. Wenn er zu schwatzen aufhörte, stockte das Gespräch. Der Alte ging in der Stube auf und ab, guckte in die Luft und zum Fenster hinaus, schielte nach dem Tische und spekulierte. Plötzlich fuhr er an die Tür und mit Gepolter in die Holzschuhe hinein. Schon die Klinke in der Hand, verkniff er das Auge. »Ich muß den Schmied an etwas erinnern und hoffe, daß man sich gut vertragen und nicht von wegen der Politik in Streit geraten wird.« »Nein, Vater, bleib' hier!« Jep war schon draußen. Der alte Ziegelstreicher, der in inniger Spätliebe die arme Magd geheiratet hatte, wollte, daß seine Tochter ihrem Herzen gehorche und glücklich werde. Bodil, von der plumpen Kriegslist des Vaters verletzt, wurde verwirrt und rot. Heimreich beugte sich ihr zu und sagte innig: »Wie können Sie dem alten, guten Manne zürnen! Er weiß, daß ich Sie lieb habe, ich weiß, daß ohne Sie mein Leben leer ist, Sie wissen, daß ich Ihnen gehöre ... es muß alles klar und wahr sein, und ich muß wissen: Haben Sie mich ein wenig lieb?« Nie hatte er ihre Züge so sanft und weich, nie eine solche Hingebung in ihrem feucht schimmernden Auge gesehen. »Ja, ja! Ich habe Sie lange lieb, sehr lieb.« Hörte er nicht, daß das süße Bekenntnis einen schmerzlichen Unterton hatte? »Dann ist ja alles, alles gut, meine Bodil ... meine Eltern werden dich wie ihre Tochter ans Herz schließen.« Unter seinen Küssen lag sie willenlos an seiner Schulter und weinte. Bald aber richtete ihre Gestalt mit Energie sich auf, ihre Lippen wurden herbe. »Noch haben wir kein Recht zum hohen, heiligen Du, das zwei, die einander fremd waren, fester als Blutsbande verbindet. Noch ist es nicht gut, solange die Scheidewand steht. Ich liebe die dänische Sprache, das dänische Lied, ich glaube, daß Schleswig seit Jahrhunderten zu Dänemark gehört ... Sie aber, Sie wollen ein Deutscher sein, obgleich Sie es nicht, sondern ein Nordschleswiger sind. Wie kann eine Ehe bestehen, wenn die beiden in so vielen Dingen zwiespältig sind?« »Ich bin und bleibe ein Deutscher,« sagte Heimreich, »das ist unabänderlich, und der unselige Streit wird gelöst werden, wie Gott will, wir können nur die Lösung abwarten. Aber ...« Seine feste Stimme wurde flehend. »Bodil, warum können wir nicht den folgenden Ehepakt schließen? Keiner darf die Anschauung des andern zu widerlegen versuchen, geschweige denn kränken. Von dem Völkerstreit darf niemals geredet werden. Oder ist Ihre Liebe nicht so stark, daß sie darauf verzichten kann, mich zum Proselyten zu machen?« »Meine Liebe kann noch viel mehr, aber ich fordere auch von Ihrer Liebe, daß Sie sich in dem Streite völlig passiv verhalten, ich fordere, daß Sie sich von den holsteinischen Hetzern fernhalten, daß Sie – wenn ein Aufruhr in Holstein ausbrechen sollte – niemals und nirgends Waffen gegen unseren König und das dänische Volk führen werden. Geben Sie mir Ihr Wort darauf, und alles ist gut. Kann Ihre Liebe zu mir nicht das Geringe tun und neutral bleiben?« Sein Gesicht bewölkte sich, und seine Hand fuhr instinktiv zurück. Darum wurde ihre Stimme einschmeichelnd, ihr ganzes Wesen atmete Liebe und süßes Verlangen nach ihm. »Jeder darf seinen Glauben und seine Gesinnung behalten, ich halte mich fern von jeder politischen Versammlung, fern vom südjütischen Verein und dem Skamlingsbankfest, ein großes Opfer bringe ich meiner großen Liebe ... und du, du bleibst dem König treu, du beteiligst dich nicht an dem holsteinischen Geschrei und niemals, niemals an einem deutschen Aufruhr und einem Kampfe gegen Dänemark. Das kann deine Liebe geloben und halten ... komm, mein Liebster, und küsse mich!« Mit dem beseligenden Du hätte sie ihn beinahe bestrickt und seine Seele in unwürdige Fesseln und Ketten gelegt. Seine besten Gefühle waren in einer bitteren Zwietracht und einem grimmigen Zweikampfe. Niedergeschlagen, wie ein Besiegter, setzte er sich und hatte doch den harten Sieg über sein Herz behalten. »Das will und kann und darf ich nicht versprechen ... fordere nicht Unmögliches, Unmännliches, Unehrenhaftes von mir! Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Mann und Weib. Die Frau hat im öffentlichen Leben keine Pflichten, aber der Mann muß seine Ueberzeugung verfechten ... wo es die höchsten Güter und das heilige Vaterland gilt, bleiben nur die Lumpen neutral. Es kann der Tag kommen, wo jeder Schleswig-Holsteiner sein Vaterland gegen Vergewaltigung verteidigen muß, ich darf nicht versprechen, an dem Tage ein Elender zu sein, der entweder das seiner Braut gegebene Wort bricht oder seine Pflicht gegen sein Volk mit Füßen tritt. Sie dürfen meine Seele durch ein solches Gelübde nicht binden.« Bodils Mund hatte einen trotzigen Zug und ihre Stimme den scharfen Klang. »Nein, wir wollen uns nicht binden! Das gleiche Opfer, das ich bringe, muß von Ihnen gefordert werden. Was dem einen recht, ist dem andern billig.« »Nein, es ist Schein und Frauensophistik! Für eine Frau ist es ein negatives Opfer, der Politik fern zu bleiben, denn sie ist so wie so politisch passiv, hält keine Brandreden auf Skamlingsbank und kämpft in keinem Amazonen-Regiment.« »O, wir weben und wirken und werben im stillen. O, das Geringe, das ich will, muß meiner großen Liebe gelingen.« »Mich dem Deutschtum abtrünnig zu machen? Nein, das wird ihr nie und niemals gelingen! Es ist eine unbillige Verpflichtung, die mir für alle Zukunft die Hände binden, die Seele umschnüren will und unfehlbar in unerträgliche Gewissenskonflikte mich stürzt. Wahre Liebe kann das nicht von mir fordern.« »Ich muß das kleine Opfer verlangen, um an Ihre Liebe zu glauben, o ich muß Sie immer lieben, aber ich kann nur einem Manne gehören, der jeden Kampf mit Dänemark verabscheut.« »Es wird ja nicht zum Kriege kommen ...« »Um so leichter können Sie meine Bitte erfüllen.« Ein Weib ist nicht zu widerlegen, und Bodil hatte von ihrem Vater die zähe Beharrlichkeit geerbt. Heimreichs Charakterfestigkeit war ihr ein betrübender Mangel an Liebe, und ihr starres Festhalten an ihrem Verlangen schien ihm ein schroffer Eigensinn und Dänentrotz zu sein. Ein Wall entstand, an dem Aerger, Irrtum und Wahn mit fleißigen Händen bauten. Die beiden saßen stumm und verstimmt, und jeder mied den Blick des anderen. – Als der Kandidat den Fuchsbau des Leutnants betrat, um Kunz abzuholen, war er in wehevoller, aber auch wütender Gemütsverfassung, die durch den Anblick des hochgeröteten Freundes bedeutend verschärft wurde. Aus der Gasse bürstete er los: »Warum hast du mit dem Leutnant gezecht und dich wie ein Igel vollgetrunken?« Kunz befand sich in dem sentimentalen Alkoholstadium. »O, ich bin ein tief, tief unglücklicher Mensch.« »Nein, du bist nur ein vollgetrunkener Mensch ... wie soll ich dich unbemerkt ins Bett bringen und dein Unwohlsein entschuldigen?« »Ich müßte kein Mediziner sein, wenn ich den Käfer nicht kurieren könnte. Setz den Schwengel, bitte, in Bewegung!« Reuter hielt den Kopf unter die Pumpe, der eiskalte Wasserstrahl verscheuchte die ärgsten Geister des Alkohols. Er befolgte Heimreichs Rat und suchte bald der Kopfschmerzen wegen seine Giebelstube auf. Hilde war mehr unglücklich als zornig und bei Tisch sehr stumm gewesen. In ihren nur vorwurfsvollen Augen las er, weil sein böses Gewissen ihn täuschte, tief verächtliche Blicke. Oben in der Giebelstube hielt Reuter bittere Monologe. Die engelhafte Unschuld vom Lande, die er liebte, hatte ihn verschmäht und verachtet! Das war eine unerhörte Beleidigung seiner Ehre und Eitelkeit. Ein Reuter nahm Satisfaktion für jede Injurie. O, er mußte für den ihm zugefügten Schmerz und Schimpf Vergeltung üben und den ihm angetanen Tort mit irgendeinem grotesken Spott erwidern, damit die Pastortochter erkenne, sein Liebeswerben sei nur ein Studentenspiel und -späßchen gewesen. Die Geister des Alkohols rumorten noch in seinem Gehirn und standen Gevatter, als der mehr bubenhafte als geistreiche Streich ausgeheckt wurde. Als rechter Mediziner ging Reuter nicht auf Reisen, ohne daß ein weißschimmernder, vom Anatomie-Diener wohlpräparierter Renommier-Schädel ihn begleitete, ging er grundsätzlich nicht zu Bett, wenn der Totenkopf nicht auf dem nahen Tische stand, denn er behauptete mit heiligem Ernst, daß er miserabel schlafe, wenn sein zähnefletschender Homo sapiens nicht des Nachts ihm zunicke und zugrinse. Weil er doch mit einer schlaflosen Nacht rechnete, trug Kunz seinen Schlummer-Talisman fort; den Knochenschädel im Arme, schlich er sich in Hildes Schlafgemach, das jenseits des Flures lag, und sehr befriedigt nickte er dem Totenkopfe zu, der auf Hildes Nachttisch durchs Dunkel leuchtete. Der Jünger Aeskulaps horchte in seinem Bette, kleine Gewissensbisse, ob ein junges Mädchen von einem scheußlichen Schreck nicht ein Nervenfieber bekommen könne, belästigten ihn. Er wollte just aufspringen und seinen Talisman holen. Da ging die Pastortochter in ihr Schlafgemach. Was war das Weiße auf ihrem Nachttisch? Eine Ueberraschung, ein Geschenk von dem bösen, lieben, unüberlegten Manne, der ihr so wehe getan? U–uh! Ein markerschütternder Schrei gellte durch das ganze Haus. Kunz sprang bleich aus dem Bette, durfte aber nicht seinem reuigen Drange gehorchen und in das Allerheiligste der Pastortochter hineindringen, um den Totenschädel, das Werkzeug seiner Bosheit und seines Bubenstreiches, in tausend Stücke zu zerschmeißen und zu ihren Füßen Vergebung zu erflehen, im bloßen Hemde und Büßergewande. Er horchte an der Tür voll Angst. Drüben war es mäuschenstill geworden. Gottlob, sie alarmierte nicht das Haus, was ihn fürchterlich blamiert hätte! Zitternd vor Furcht und Kälte verkroch sich der Held bis zu den Ohren, die gespannt sich spitzten, im Bettpfühl. Die arme Hilde hockte blaß und von Weh bedrückt im Stuhle und lugte scheu nach dem häßlich-gräßlichen Schädel. Die grinsende Fratze war ihr ein Greuel, obgleich sie keine Spur von Angst vor dem elenden Knochenhäuflein hatte. Mit dem Totenkopf in einem Zimmer zu schlafen, war ihr unmöglich, aber auch vor dem Anfassen des Ekels hatte sie einen Abscheu. Sollte sie ihren Bruder wecken? Nein, auf keinen Fall dürfe die Schandtat den Eltern kund und der böse Mensch da drüben in seiner Schlechtigkeit bloßgestellt werden, der Vater würde die Roheit nicht verzeihen und vielleicht dem Gaste die sofortige Abreise empfehlen. Nach diesem Edelmut kam der Unmut zu seinem Rechte. Hilde nahm das Handtuch, packte den Schädel hinein, lief zur Tür und schleuderte ihn so kräftig auf den Flur hinaus, daß der Totenkopf wie eine Kegelkugel kollerte und gegen Reuters Tür klapperte und klopfte. Heimreich fuhr aus dem Schlafe und im Bette hoch. »Was ist da los, Kunz? Ist das Hyllerupper Gespenst bei dir eingekehrt?« Kunz kicherte ins Bettuch, der Schlingel freute sich unbändig, daß Hilde keinen Schlag bekommen habe, und summte sein Lieblingslied: »Es ist noch immer, immer, immer gut gegangen.« Um die Ursache des greulichen Gepolters zu erforschen, öffnete Heimreich beherzt-behutsam die Tür. Sein Haar sträubte sich. Spielen hier die Geister Ball mit Totenköpfen? Ohne seine Neugierde zu befriedigen, flog der Kandidat in sein Bett. Nach einer Weile kroch Reuter auf den Flur und holte seinen Homo sapiens heim. Ach, der Grinser ließ den zerschmetterten Kiefer hängen, als wenn er sagen wolle: Mensch, Mensch, du bist ein Esel gewesen! Die scheußliche Selbsterkenntnis, eine ungeheure Dummheit gemacht zu haben, setzte sich wie ein Nachtmar auf das Haupt des Mediziners, aus dem die Geister des Alkohols sich verduftet hatten. Die Pastortochter durchweinte die ganze Nacht und vergoß bittere Tränen am Grabe ihrer Liebe. Der Mann, den sie mit der ersten, einzigen, unendlichen Liebe ihres reinen Herzens liebte, hatte ihr den bösen Tort angetan und mit seinem grausamen Hohn ihr Herz zertreten; o, er war ein gefühl- und herzloser Mensch, der mit Mäusen, Menschen und jungen Mädchen sein tierquälerisches Spiel trieb. Hilde zweifelte und verzweifelte an dem hübschen, leichtsinnigen Studenten und verzichtete in der Nacht auf alles Lebensglück. – Der Gast des Pfarrhauses trat sehr verlegen an den Frühstückstisch und rechnete damit, daß der fröhliche Ferienbesuch mit einem etwas plötzlichen Abschied enden könne. Nein, der freundliche Pastor und die brave Pastorin hatten keine Ahnung von dem bösen Attentat. O, sie hatte großmütig gehandelt und nichts verraten. Mit einem reuigen Blick versuchte er Abbitte zu tun, doch Hilde strafte ihn mit Nichtbeachtung. Nur einmal im Laufe des Vormittags fand er Gelegenheit, ihr zuzuflüstern: »Verzeihen Sie den törichten Scherz!« »Scherz? Eine Scheußlichkeit, eine Roheit, ein Verbrechen war es! Ich hätte den Verstand verlieren können, wenn ich nicht so wütend geworden wäre.« »Ich bin tiefunglücklich.« »Nein, Sie sind tiefschlecht, grundschlecht.« »O, ich möchte mir eine Kugel durch den Kopf schießen.« In einer Aufregung, die nicht geheuchelt war, stürzte er fort. Hilde sah ihm nach und zitterte, denn er lief jetzt hin und holte Jep Hansens Flinte. Heute war ja die Jagd mit dem Leutnant, wo jeder der beiden einen Rehbraten heimbringen wollte. Den ganzen, langen Tag hantierte er mit dem lebensgefährlichen Gewehr – wie leicht könnte der Leichtfuß durch einen sogenannten Fehlschuß sich ein Leid antun, um mit Anstand und ohne Selbstmord zu sterben. Der entsetzliche Gedanke raubte ihr die Ruhe den ganzen Tag, bei jedem Schritt vor dem Hause – es war stets irgendein Bauer, der seine Holzschuhe auf der Matte stehen ließ – lief sie ans Fenster. Heute nämlich wurde das Pastorat von früh bis spät von Bauern überlaufen, und Frau Gertrud klagte gar nicht über die ewigen, unleidlichen Störungen ihres studierenden Gatten, sondern nickte vergnüglich, so oft die Glocke ging, begrüßte jeden mit herzlichem Händedruck, nötigte ihn sogar in ihre große, geölte Stube, wo – Potztausend! – der Tisch mit belegten Butterbröten und Kuchen und Tassen beladen war. Jeder konnte essen und trinken, so viel er mochte, erhielt aber zum Schluß nur den einen obligatorischen Kaffepunsch, der seit Jahrhunderten im Hyllerupper Pastorat alte Sitte und Satzung war. Der Pastor legte heute nicht mit ärgerlicher Miene die Feder fort, wenn an seine Tür geklopft wurde, sondern hieß jeden herzlich willkommen. Heute war nämlich der große Tag des Pastorats, der große Einnahmetag, der Januartermin, an dem die Kornzehnten geliefert oder nach Belieben in bar bezahlt wurden. Hundertzwanzig Tonnen Roggen, zweihundertzwanzig Tonnen Hafer, hundertneunzig Tonnen Gerste – das gab einen Batzen Geld, und Hyllerup hatte einen schönen Dezem. Auf dem Kornboden stand Klaus Fangel bei der Wage, ließ schmunzelnd die vollen, festen Körner durch die Finger gleiten, notierte das Gewicht und drückte, wenn richtig gewogen war, einmal, wenn reichliches Gewicht war, zweimal dem Bauer die Hand. Der Pastor nahm im Studierzimmer das Bargeld in Empfang, buchte es und fragte freundlich nach Frau und Kind. »Ihr Christian steht jetzt in Friederiz bei den Soldaten?« »Ja, er wird vom Sergeanten ärger als ein Hund geschlagen und geschunden ... die verdammten Dänen!« »Mein guter Hans Petersen, sind Sie nicht Mitglied des südjütischen Vereins?« »Jaa, Herr Pastor, weil ich hoffte, daß mein Sohn vom Militärdienst durch Fürsprache frei zu machen wäre, wurde ich Mitglied ... der Handel ging schief, das Geld ist weggeworfen, aber ich zahle keinen Schilling mehr ... die verfluchten Dänen!« Der enttäuschte Patriot stopfte sich die Pfeife und ging in die gute Stube, wo die Pfarrfrau die Bauern bewirtete und unterhielt. Die Tochter lief ruhelos zwischen Küche und Flurfenster hin und her und einmal sogar zum Krämer, um für zwei Schillinge Zwirn zu kaufen, obgleich vier Rollen im Nähtisch lagen. Auf dem Friedhofe konnte man einen großen Teil der Hyllerupper Gemarkung übersehen. Nichts zu sehen – aber da drüben knallte ein Schuß. Und war das nicht ein Schrei, der von weither drang? Ein großer Schreck durchzitterte ihre zierliche Gestalt. Ein kleiner Zweig drückt beim Uebersteigen des Knicks den Hahn ab, und der gräßliche Selbstmord ist ein grauenhaftes Malheur gewesen. Wenn sie nur weinen und schluchzen dürfte! Die Uhr aus dem Flure ging, aber die Zeit stand still. Als bereits die Dämmerung sich wie ein unhörbarer, unheimlicher Geselle ins Haus schlich und in allen Winkeln kauerte, stand die Aermste am Fenster und preßte die Hand aufs Herz. Da bog der lange, liebe Mensch auf seinen zwei Beinen in den Hof, allerdings ohne den Bock geschossen zu haben, machte hastige Schritte, hielt die linke Hand gegen die Backe, als wenn er Zahnweh habe, und schlenkerte mit der rechten. O Schreck und Grauen! Von der mit dem Taschentuch verbundenen Hand tropfte das rote Blut in den weißen Schnee. Er war blessiert und angeschossen! Aller Vorwurf und Zorn, aber auch alle weibliche Scheu und Selbstbeherrschung war weggeweht; alles in ihr war Angst um ihn, Erbarmen und Liebe. Sie holte die Verbandsachen und griff nach seiner blutenden Hand. »Haben Sie viele Schmerzen? Haben Sie selbst ... wie ist es gekommen?« Kunz hielt sich die Backe, benahm sich aber wie ein Held. »Es ist nicht schlimm, seien Sie nur ruhig, liebes Fräulein! Bosen brachte mir Jep Hansens Donnerbüchse und grinste verdächtig. Das alte Steinschloßgewehr hatte einen Rückstoß wie ein Sechspfünder, daher wurde meine Backe verschrammt und verschwollen.« »Aber die Hand! Das Blut! Legen Sie sich auf das Kanapee! Sie haben sich erschießen wollen.« »Bewahre! Kein Unkraut reißt sich selber aus. Zuletzt stopfte ich zu viel Pulver in den alten Lauf, die Donnerbüchse barst, und ein Stück riß mir die Hand auf.« Hilde wusch die Wunde und schnitt Verbandsstreifen. Alle Vorsicht und Verstellung, welche die Anstandslehren vorschreiben, alle Hüllen fielen von ihrem Antlitz und ihrer Seele. Er hätte starblind sein müssen, wenn er nicht auf den Grund ihres Herzens gesehen hätte; er wäre kein Kunz gewesen, wenn er nicht ungestüm nach dem Glück gegriffen und die sanfte Hand, die ihn verband, gehalten hätte. Daß er leidenschaftlich von seiner sinnlosen Eifersucht, seinem wilden Streiche, seiner edlen, unsinnigen Liebe redete, vernahm sie kaum. Sie hörte wie im Traum ein Geflüster und hatte ein Gefühl, als wenn sie in eine andere Welt versetzt, von eitel Wonne umgeben sei und alle, alle Wünsche erfüllt wären. Sie schloß vor Schwindel, in einem Abgrunde von Glück versinkend, die Augen und ruhte am Herzen ihres Helden, der mit seinem ritterlichen Anstand und sicheren Selbstbewußtsein, mit seinem heiteren Uebermut und kecken Ertrotzen als das Urbild eines rechten Mannes ihr erschien. Die Mutter, bei der Kunz in hoher Gunst stand, wurde ins Vertrauen gezogen und weinte Glückstränen mit der Tochter um die Wette. Im Familienrat der beiden wurde beschlossen, daß der Vater, der Reuter gern, aber keine rechte »Fiduz« zu ihm hatte, vorläufig nichts von seinem neuen Schwiegersohn wissen solle. Kunz küßte fleißig die Lippen der Tochter und die Hand der Mutter, überzeugte die eine von seiner hohen Liebe, die andere von seinen heiligen Vorsätzen, bei Tag und Nacht zu arbeiten und zu ochsen, allen Allotriis zu entsagen und bis zum Herbst das Examen und seinen Doktor zu machen. – – – Schon am 6. Januar sollte die Rückreise nach Kiel angetreten werden. Hilde hatte vier große Glückstage, wo sie des Lebens höchste Wonne genoß. Eigentlich waren es nur drei Glückstage, denn die Sonne des zweitletzten ist arg verdunkelt worden. Am Nachmittage saß sie bei dem Geliebten, Hand in Hand, Auge in Auge, während der Vater studierte und die Mutter scharf aufpaßte, daß keine Magd und kein Mensch sie störe. Wenn sie nur sein hübsches Antlitz sehen, seine liebe Stimme hören durfte, war sie trotz der baldigen Trennung immer froh und innig heiter. »Bist du gern bei mir?« »Wer mag gern im Dunkeln sitzen? Ohne dich ist alles düster, du bist mein Licht, und dein Lächeln ist die Sonne meines Lebens.« Vom Fenster her hatte man sich keiner Gefahr versehen. Draußen im Schnee stand eine Gestalt, ein großes, lustiges Auge schielte, ein Finger klopfte an die Scheibe, man hörte Bosens Baß. »He, Herr Doktor! Die zwei starken Böcke stehen hinter der Mergelkuhle, ich habe von Eskild ein gutes Gewehr für Sie geliehen, kommen Sie schnell!« »Arm- und Beinbruch! O, entschuldige mich ein Stündchen! Ich komme!« Kunz stürmte aus dem Hause. Da war kein Halten, wenn eine Leidenschaft mit ihm durch die Lappen ging. Vor Hildes Augen wurde es dunkel, ein stechender Schmerz zuckte durch ihr liebendes Herz. Ein Rehbock galt ihm am zweitletzten Tage mehr als ihr Lächeln. Als Kunz sehr stolz, wie nach einer Tat, einen Bock heimbrachte und mit den burschikosen Worten: »Ich habe für einen angemessenen Abschiedsschmaus gesorgt,« hinwarf, lächelte sie ihm wehmütig zu. Am letzten Tage ging Heimreich ins Dorf, um Adieu zu sagen. Der alte Thorö stand im Beiderwant-Rock am Ofen und rauchte sorgenvoll. »Mein Eskild ist komisch geworden, sogar die Braunen überläßt er dem Knecht, und gestern sagte er plötzlich: »Vater, verkaufe den Hof! Ich habe keine Freude an der Bauernarbeit und möchte Musikant sein.« Ich antwortete grob: Du bist wohl kopfkrank, du willst auf den Jahrmärkten fiedeln, und ich soll auf meine alten Tage mit dem Teller gehen ... lieber vertestamentiere ich meinen Hof dem Narrenhause als einem Narren.« Der Kandidat ging melancholisch die Gasse hinauf, um auf Hylleruphof Abschied zu nehmen. Jep erquickte sich am Anblick seiner Ochsen und störte nicht die schwermütige Stunde. »Soll ich ohne Hoffnung fortgehen und fortan fernbleiben ... oder darf ich eine Hoffnung mitnehmen?« »Ja, Heimreich, meine Liebe hört nimmer auf. Ich will glauben, hoffen und beten, daß Ihre Liebe stark genug werden wird, um ein kleines Opfer mir und meiner Liebe zu bringen.« Seine Festigkeit war ihr ein unverständlicher Starrsinn, der sich beugen und Selbstaufopferung beweisen müsse. Genau so unbegreiflich und verdrießlich war ihm Bodils Beharrlichkeit, die er nur als Fraueneigensinn und Dänentrotz erklären und um so weniger entschuldigen konnte. Doch ihr Mund hatte nicht nur eine ärgerliche Bedingung, sondern auch ein süßes Bekenntnis ausgesprochen. Darum rief er mit leuchtenden Augen: »Ihre Liebe höret nimmer auf?« »Nein, wenn auch alle meine Bitten unerhört blieben, würde ich doch keinen andern lieb gewinnen.« Wie zur Bekräftigung reichte sie ihm die Hand, die er festhielt. »Bodil! Ist mir ein so großes Gut geworden, wird mir auch alles andere zufallen. Ich werde Sie lieben, solange ich bin, ich will beten, daß der Zwist der Völker friedlich geschlichtet wird, ich will hoffen, daß keine kleinliche Zwietracht uns scheiden wird.« »Nein, Heimreich, nichts, nichts kann uns scheiden ... als nur der unnütze Trotz.« Sein Trotz oder ihr Trotz? Langsam lösten sich ihre Hände. Jep Hansens charakterstarke Tochter, die schon als Kind selten oder nie geweint hatte, hatte Tränen im Auge. In seiner Seele war beides, hohe Freude und stille Trauer. Das ist der Fluch des Grenzlandes, daß seine Fehden nimmer aufhören. – Noch war tiefdunkle Winternacht, als die Pferde vor die Halbchaise gespannt wurden und Klaus auf den Bock stieg. Im Hause lief man mit Licht. Der Pastor wollte seinen Vorgesetzten in Norderhusen die übliche Neujahrsaufwartung machen und die jungen Herren nach der Stadt bringen. Er war im Biberpelze, dem Erbstück vom Senator her, und kroch in den Fußsack hinein. Klaus war Kutscher, um mit dem Kaufmann wegen des Zehntenkorns zu verhandeln. Hilde knöpfte das Wagenleder zu und stieß auf eine Hand, von der sie mit einem letzten, heimlichen Druck Abschied nahm. Eine Stunde später lag sie auf dem Kanapee und schluchzte: »Ich habe eine furchtbare Ahnung und Angst, daß Kunz sterben wird.« Die verständige Mutter beruhigte: »Ahnungen sind meist Einbildungen.« Nein, nein! Hatte nicht die Lehrerfrau im Traumzustande vom Blut an der Hand klar und deutlich geredet, und war das nicht wörtlich in Erfüllung gegangen? Aber auch Leichen, viele Leichen hatte die Träumerin gesehen. Die Weinende dachte an die Weissagung und klagte: »Mutter, ist die höchste Liebe auch das tiefste Leid?« Siebenter Abschnitt. Der Held und Lebensretter, der in die Zeitung kommt. Die dicken Pastorpferde zuckelten im Hundetrab, der Wagen schüttelte auf dem Königswege nach der Amtsstadt Norderhusen. Bei dem Bruder des Pastors wurde eingekehrt und abgespannt, denn der Hardesvogt hatte Stall und Pferde und eine standesgemäße Wohnung, machte ein großes Haus, war als Beamter beliebt und als Gesellschafter berühmt. Sogar der König liebte seine angenehme Art und Unterhaltung, und der Hardesvogt hatte alle Jahre, wenn Christian VIII. seine übliche Sommer- und Badereise nach Föhr antrat, die hohe Ehre, dem Landesherrn von der Grenze bis Flensburg das Geleit zu geben, und die noch höhere Auszeichnung, oft nicht nur an, sondern in den allerhöchsten Wagen und auf den Vordersitz unmittelbar vor dem gnädigen Angesicht der Majestät befohlen zu werden. Die beiden Söhne, Christian und Frederik, die in Ehrfurcht und Untertanentreue nach den beiden letzten Landesfürsten genannt worden waren, verlebten die Weihnachtszeit im Elternhause. Der ältere war keine Strebernatur und doch trotz seiner sechsundzwanzig Jahre bereits höherer Beamter mit dem Titel Etatsrat in der deutschen Kanzlei in Kopenhagen, der jüngere, Frederik, stand als Leutnant in Rendsburg. Der Hardesvogt erzählte gern im allerintimsten Kreise von den Reisen in der königlichen Kutsche. »König Christian erkundigt sich huldvoll nach dem Befinden meiner Familie. Tief gerührt danke ich für die große Gnade, die Seine Majestät meinem ältesten Sohne, der Auskultator auf Gottorp geworden sei, erwiesen habe. Der König hat natürlich keine blasse Ahnung von den Auskultatoren in Schleswig, noch von der Existenz meines nach ihm getauften Christian, tut aber total orientiert und bietet mir seine Tabatiere ... dann ist das Wetter gut. Ich gebe meinem ungeheuren Erstaunen über die enorme Personalkenntnis und das landesväterliche Interesse Seiner Majestät für jeden kleinsten Beamten einen stammelnden Ausdruck, ich rede von dem Fleiße und der Loyalität meines Christian, von der ganz unsinnigen Begeisterung des Bengels für das einzige, unvergleichliche Kopenhagen, ich verrate meine väterliche Furcht, seine Leidenschaft für die Schönheit der Königlichen Haupt- und Residenzstadt könne ihn noch zu dem dummen Streiche verleiten, seine gute Karriere aufzugeben und eine subalterne Stellung in Kopenhagen anzunehmen. Schade um den hochbegabten Burschen! Christian VIII. will einen Witz machen, ich merk's an der Miene, an der Nase, die niesen zu wollen scheint, und ich halte ein passendes Gelächter parat. »Wir deportieren ihn zur Strafe nach seinem lieben Kopenhagen und in die deutsche Kanzlei, mein lieber Fangel, die Leidenschaft muß belohnt werden ... sind leider unter meinen schleswigschen Landeskindern recht viele, die eine solche Passion für des Königs Kopenhagen nicht besitzen.« – Na, der Sohn des lieben Fangel war nach zwei Monaten Etatsrat und wird, so Gott will, bei der nächsten Föhrreise des Königs zum Bureauchef mit dem Rang der Räte dritter Klasse befördert werden. Das war im Jahre 46, Anno 45, als die huldvolle Familienfrage gestellt wurde, antwortete ich untertänigst: Ew. Majestät werden sich meines jüngsten Sohnes erinnern ... »Ja, ja, der junge Fangel, der ...« Er wußte natürlich nichts, und ich half nach ... der nach dem hochseligen König Frederik getauft ist. »Richtig, und was ist mit dem?« – Ew. Majestät werden wissen, daß König Frederik bei seiner Anwesenheit in Norderhusen, bei der Besichtigung des Armenhauses und des Schulhofes, Gefallen an dem adretten Jungen fand, ihn fragte, was er werden wolle, und bei der prompten Antwort »Offizier, Ew. Majestät« gnädig lachte und zu sagen geruhte: »Ja, Gott straf mich, das soll der Knirps werden, wenn er ein Kerl von sechs Fuß Länge geworden ist!« Die Länge hat er, und die Leidenschaft fürs Militär ist ihm nicht auszutreiben. Diese rührende Geschichte, die ich – ganz nett, nicht wahr? – aus dem Aermel geschüttelt hatte, gefiel meinem guten König, er sagte mit Würde und Wohlwollen: »Was mein hochseliger Vorgänger versprach, das halte ich.« Ehe das Jahr um war, trug mein Frederik die Epauletten! Ja, lange lebe und viele Föhrreisen mache unser allergnädigster König!« »... Und Herzog!« sagten Pastor Fangel und Sohn wie aus einem Munde. Die Söhne des Hardesvogts waren zwei stattliche Menschen, doch hatte der jüngere ein unsympathisches, dünkelhaftes Air und Auftreten und den hochfahrenden Leutnantston. Sie unterhielten sich mit ihrem Vetter, und Frederik spöttelte. »Jetzt mußt du so peu à peu der Welt und ihrer sündhaft süßen Lust und allen schönen, galanten Passionen Valet sagen ... o die Theologen sind zu bemitleiden.« Der Hardesvogt hörte es und rief hinüber: »Nein, zu beneiden! Du verdienst ewige lumpige Hunderte, das reine Schreibergehalt, und für deine noblen Passionen muß ich meine Haare lassen ... der Heimreich dagegen wird in ein paar Jahren eine Pfründe von zwei-, dreitausend Talern haben und dich auslachen, vorausgesetzt, daß er neutral zu bleiben und klug zu lavieren versteht.« Pastor Fangel zog die Stirn in Furchen. »Wir hängen den Mantel nicht nach dem Winde. Heimreich! Bist du noch ein Deutscher?« »Ja, meine deutsche Abstammung und Gesinnung habe und halte ich, aber ich behalte sie hübsch für mich hier drinnen in der diskreten Brust. Wenn unsere importierten Dänen mit Despekt von dem Augustenburger und seinem berühmten Rückenkratzer, den der Leibdiener abends und morgens eine Stunde lang applizieren muß, erzählen, mit stiller Wut von dem Aufruhrgeiste reden, dann beiße ich die Lippen zusammen, um nicht zu lachen, wenn sie von dem neu entdeckten Erdteil Südjütland, von der heiligen Einheit des Gesamtstaates schwatzen, dann schweige ich ...« » Qui tacet, consentit !« fiel der Pastor in die Rede. »Der Schweiger und der Schwache muß schließlich den Judasgang antreten, vom Verschweigen zum Verleugnen und zum Verraten ist immer nur ein kleiner Schritt ... wie viele gingen im Grenzlande den Weg ... und du, mein Bruder?« Der Hardesvogt war einer von den Menschen, die nicht leicht beleidigt werden, war aber in seiner glatten, selbstzufriedenen Ruhe gestört worden und gestikulierte lebhaft. »Mit den Deutschen spreche ich deutsch und mit den Dänen dänisch, und wenn die Importierten mich in die Enge und zu einem Bekenntnis treiben wollen, sage ich freundlich: Wir wollen ein Glas Wein trinken und unseren gnädigen König leben lassen. Man muß nur verstehen, Hitzköpfen und heiklen Fragen auszuweichen.« Der Hardesvogt ging zur Offensive über. »Wer für seine Familie nicht sorgt, ist ohne Zweifel ein schlechter Kerl. Stelle dir die Not vor, in die ein Prediger, der mit sechzig Jahren auf die Straße gesetzt wird, gerät! Denke an deine schöne, schöne Stelle, die nach dem Inventar ihre dreitausend, in Wirklichkeit ihre viertausend Taler bringt ... oder wieviel ist es?« »Ich weiß es nicht genau, es schwankt ja, wie die Kornpreise.« »Na, viertausend werden es gewiß sein ... dafür tue ich es nicht, mit allen Sporteln komme ich auf achttausend Taler.« Der Hardesvogt war wieder in selbstzufriedener, lebensfroher Stimmung. »Wenn du das schöne Amt durch unvorsichtige Reden wegwirfst, bist du ein sündhafter Tor, der gegen seine Familie gewissenlos handelt. Es sind genug da, die auf das einträgliche Hyllerup ein gierig-lüsternes Auge geworfen haben. Neulich habe ich mit dem importierten Pastor Hertel in Böstrup wegen einer Schulsache Rücksprache zu nehmen und lasse, weil ich des Weges fahre, den Wagen halten. Ich werde ins Studierzimmer geführt, wo der Pastor in ein dickes Buch, die Bibel, wie ich annehme, vertieft ist. Als er mich begrüßt hat, wird er durch ein Geschrei im Hofe ans Fenster gelockt und rennt im Schlafrock davon – sein Bengel ist in die Jauchegrube gepurzelt – na, ich werfe einen Blick durchs Fenster, wo sie den brüllenden Burschen an den Haaren aus der Pomadekruke herausziehen, und einen neugierigen Blick in die Bibel ... da will ich auf den Rücken fallen, das dickleibige Buch ist die Beschreibung und Statistik der Pastorate in Schleswig, auf Alsen und Aerö, und das aufgeschlagene Blatt handelt von den Zehnten, den Dienstländereien, Gebührnissen und Akzidentien der Pfarrstelle in Hyllerup, ja in Hyllerup! Das ist das Breviarium des Pastors Hertel, das war sein angestrengtes, theologisches Studium. Glaube mir, mein Bruder! Viele deiner dänischen Amtsbrüder treiben das Bibelstudium, hinterbringen dem Amtmann jedes unkluge Wort aus deinem Munde und brennen auf den Augenblick, wo Hyllerup vakant wird.« Die Geschichte machte ihren Eindruck. Pastor Fangel wußte ja längst, daß nur die schlechten, die skrupellosen Kandidaten Dänemarks, die Stellenjäger, nach Schleswig gingen. Aber stolz hob er das gesunkene Haupt, und schlicht sprach er die Worte, die ihn ehrten, aber auch banden. »Und wenn sie mich von Haus und Hof, von Amt und Existenz jagen, ich werde niemals durch Stillschweigen meine deutsche Gesinnung verleugnen.« Der Hardesvogt schüttelte den Kopf. Heimreich blickte mit Bewunderung nach seinem Vater hin und wandte sich an seine Vettern. »Wie bald kann der Tag kommen, wo der Federkrieg zum Waffenkampfe wird und für uns alle schwere Konflikte kommen!« Ach, sein Herz litt und stritt schon. »Wenn Schleswig-Holstein schließlich sein gutes Recht erkämpfen muß, wirst du vor einer schweren Entscheidung stehen, Friedrich ... wirst du deine Uniform ausziehen?« »Ich heiße Frederik von Fangel,« näselte der Leutnant. »Von?« sagte der Kandidat ironisch. »Ja, wir haben den Offiziersadel.« »Ich meine, das deutsche »von« dürfte ein Däne nicht dulden, warum denn nicht radikal Frederik de Fangel?« Ohne den Hohn zu beachten, warf sich der Leutnant noch mehr in die Brust. »Für den Offizier gibt's keine Frage und keine Entscheidung! Was mein König befiehlt, das tue ich unbesehen, und damit basta! Das ist Offizierskodex.« »Nein, Kadavergehorsam! Du würdest auf deine Landsleute schießen lassen?« »Selbstverständlich, wenn mein König es kommandiert, knalle ich die ganze Schleswig-Holsteinerei mit Kartätschen nieder.« »O, ein furchtbares, frivoles Wort!« »Pah, du hast von Offizierspflicht und -ehre keine Ahnung. Wofern mein König mich ins Feld führt, würde ich meinen leiblichen Bruder, wenn er unter den Rebellen föchte, mit kaltem Blut niederschießen.« Alle erstarrten bei der Blasphemie des brüsken Burschen. Aber Christian schnellte hitzköpfig empor. »Das könnte vielleicht geschehen, mein teurer Bruder! Sollte es zum Kriege zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein kommen, verlasse ich sofort Kopenhagen, lege ich nicht nur mein Amt nieder, sondern stehe ich auch in dem Heer, dahin ich als Deutscher gehöre ... vielleicht könnte deine Kugel fehlgehen, mein lieber Frederik, und meine Kugel sich verirren und dich treffen, was Gott verhüten möge!« Der Hardesvogt schrie und lamentierte: »Die Jungens sind verrückt, total verrückt... Christian, du willst dein Amt als Bureauchef, das dir gewiß ist, aufgeben? Du redest wie ein Wahnsinniger.« »Ich rede wie die andern echtdeutschen Beamten der Kanzlei.« Das waren die Vorboten des Kampfes, der in die Familien, Geschlechter und Sippen bittere Fehde trug, das die schweren Konflikte der Grenzmark, wo zwischen Vater und Sohn, Bruder und Bruder, Schwager und Schwieger Zwist und Zwietracht entbrannte. Der Hausherr brachte eine Flasche Wein – sein erprobtes Mittel, um politische Hitzköpfe zu dämpfen –, und allmählich beruhigten sich die Gemüter. Als er seine Gäste hinausgeleitete, gab er seinem Neffen einige vertrauliche Winke mit auf den Weg. »Du wirst jetzt dein Amtsexamen auf Gottorp machen und bald eine der schönen nordschleswigschen Stellen bekommen ... ich habe einen gewissen Einfluß auf den Amtmann, nicht weil er mich liebt, sondern weil er fürchtet, ich könnte Seiner Majestät einen Floh ins Ohr setzen... Heimreich, ich bringe dich in eine schöne Stelle hinein, aber die conditio sine qua non ist, du mußt dich streng neutral halten.« Heimreich hatte einen scharfen Widerspruch auf der Zunge. »Freilich, wenn du der Genügsamkeit dich befleißigen und partout eine von den lieben, kleinen, bescheidenen Pfarrstellen im idyllischen Jütland haben willst, brauche ich mich nicht zu bemühen.« Das gräßliche, schwarze Jütland mit seiner öden Heide und seinen stumpfen Holzschuh-Jüten, mit seiner chronischen Krätze und dem ominösen Scheuerpfahl mitten in der Bauernstube war das Grauen und gefürchtete Exil der schleswigschen Kandidaten. Und Heimreich schwieg. Der Abschied von seiner Mutter, die ihn ermahnt hatte: »Halte dir den Propsten warm und sei bemüht, den Amtmann, der ein mächtiger Mann ist, für dich einzunehmen!« ging ihm durch den Kopf. – Die Geistlichen, die ja am Festtage zu predigen hatten, machten in der Woche dem Amtmann ihre Neujahrsaufwartung; denn er war nicht nur der höchste Verwaltungs- und Gerichtsherr des Kreises, sondern auch ihr weltlicher Präpositus – wie der Propst ihr geistlicher –, der in allen Kirchensachen die entscheidende Stimme hatte. Ja, ein Amtmann von Anno dazumal war ein gewaltiger Herr, der in seinem Gebiete eine nur durch das Ministerium in Kopenhagen beschränkte Monarchie besaß und wie ein kleiner König auftrat, und führte er gar, wie der König von Norderhusen, den Rang und Titel eines Geheimen Konferenzrates, so war er ein ganz großes Tier oder ein sogenannter Elefant, wie man sich ausdrückte, dieweil er meistens den höchsten Orden, den Elefanten von Dänemark – nicht von Siam – besaß und um seinen fetten Hals hängte. Herr von Elsfleth entstammte einer alten oldenburgischen Adelsfamilie, hatte aber vor seiner Krönung sich zum Dänentum bekehrt und durch eine kleine, kuriose Widertaufe seine aufrichtige Sinnesänderung bekundet. Auf dem Marmorschilde vor seiner Residenz im Amtshause stand zu lesen: Geheimer Konferenzrat Henri d'Elsfleth. Auch der Oldenburger Heinrich war umgetauft worden. Sieben, acht Pastoren wurden en masse empfangen und gratulierten ehrerbietig. Der Konferenzrat war eine sechs Fuß hohe, imposante Erscheinung mit englischen Koteletten und aristokratischen Allüren. Der Kandidat, der von seinem Vater vorgestellt wurde, bemühte sich, eine tadellose Verbeugung und einen angenehmen Eindruck zu machen. Könige wissen alles und fragen doch viel, und der von Norderhusen richtete an den Vorgestellten eine verfängliche Frage: »Sie haben schon unter großem Zulauf gepredigt ... wenn Sie Ihre Rede niederschreiben, denken Sie dann deutsch oder dänisch?« Heimreich ging nicht aufs Glatteis und antwortete: »Ich denke in beiden Sprachen, denn ich spreche beide.« Der Amtmann fragte mit lauerndem Blick: »Haben Sie ein Jahr in Kopenhagen studiert?« »Nein, die Universität in Kiel ist ja unsere Landesuniversität, und die nordschleswigsche Kirchensprache ist mir geläufig.« Der Kandidat tat naiv. Herr von Elsfleth lächelte ironisch. »Sie rechnen bestimmt damit, ein Amt in Nordschleswig zu bekommen? Das Studium in Kopenhagen war Ihnen ein Umweg, den Sie sich ersparten ... aber der Umweg über Kopenhagen ist vielleicht der allerkürzeste Richtweg zum ersehnten Kandidatenziel.« Der weißhaarige Pastor Petersen aus Beck, der keine Maßregelung mehr fürchtete und wegen seines Freimuts gefürchtet war, nahm mit Verlaub das Wort, obgleich der Gewaltige sofort die Stirn runzelte und die Miene des Jupiter tonans machte. »In einem Staate, wo man auf Umwegen zum Ziele gelangen muß, wird manches faul sein, Herr Geheimrat. Dieses Verfahren, daß dänische Pastoren in unsere Pfarrämter sich hineindrängen und unsere Landessöhne mit einem elenden Amte in Jütland abgespeist werden, das ist eine schreiende Ungerechtigkeit und faul im Staate Dänemark. Dänemark möchte Schleswig unauflöslich an sich knüpfen, müßte also die Schleswiger durch Rücksicht und Liebe locken, aber Dänemark, verbittert seit Jahren, macht Schleswig zur dienenden Magd, zur milchgebenden Kuh, zur Versorgungsanstalt ... das ist die unvernünftige Politik in Kopenhagen ... die hohen Beamten, Herr Geheimrat, haben die Pflicht, unserem gnädigen König darüber die Augen zu öffnen.« Der Amtmann winkte kalt und wurde sehr königlich. »Was versteht der Dorfmusikant vom Kontrapunkt und der Landpfarrer von der Staatsräson! Die Staatsklugheit will nivellieren, die Gegensätze ausgleichen, die Völker vermischen, die Grenze verwischen und sendet darum Dänen nach Schleswig und Schleswiger nach Jütland. Die Staatsweisheit unsres mit Klugheit begnadeten Königs will die Staatseinheit herbeiführen.« »Ja, die Staatsweisheit will Schleswig inkorporieren, den Kern- und Kontrapunkt der Sache haben wir längst begriffen ... aber ob die Herzogtümer und der Herrgott im Himmel es dulden werden? Ob die allerhöchste Politik da oben nicht andre Pläne hat?« Der Amtmann schnitt die Rede ab. Er wollte reden! Wie ein mächtiger König bei der Staatscour dem lauschenden Europa eine hochbedeutsame Neujahrsrede hält, also wollte der Fürst von Norderhusen seinen Beamten das Neujahrsprogramm für 1847 einschärfen. »Es ist mein Wunsch und Wille, daß die mir unterstellten Prediger die dänische Kirchen- und Schulsprache gewissenhaft fördern, nicht nur im amtlichen Verkehr und unter einander sich derselben bedienen, sondern auch in ihrem Hause dieselbe einführen und pflegen. Es ist eine bedauerliche Erscheinung, wenn in einer Gemeinde, wo jedermann dänisch spricht, nur der Pastor mit seiner Familie deutsch plappert und ein übles Exempel gibt. Das provoziert die Bevölkerung und kränkt die Staatsregierung. Ein Diener der Kirche muß die dänische Sprache so hochachten, daß er ihr den Ehrenplatz in seinem Hause gibt. Wenn meine Pastoren diese Weisung befolgen, werden sie und ihre Söhne an mir einen warmen Fürsprecher haben.« Diese ungeheuerliche Zumutung wollte am Recht der Persönlichkeit, am Heiligtum der Familie sich vergreifen und weckte eine Entrüstung, die zuerst vor Zorn keine Worte fand. Während die deutschen Geistlichen Blicke tauschten, verneigte sich der Pastor Wendelbo, ein importierter Nordjüte, der ein langes, glattes Gesicht, einen eigentümlich geräuschlosen Gang hatte, sehr devot vor der Majestät von Norderhusen. »Herr allergeheimster Konferenzrat! Ick bin genödigt, mit meine liebe Frau und Familie dänis su sprecken, da ick mit meine deutse Sprack von meine liebe Amtsbrüder ausgelackt werde. Ick hoffe, daß meine liebe Amtsbrüder in Sukunft die liebe dänise Sprack sprecken und mit mir in kristeliger Liebe verkehren.« Pastor Fangel hatte jetzt Worte für seinen Unmut gefunden, hier war ein Fall, wo er nicht schweigen durfte. »Es war seit Jahrhunderten in Nordschleswig Brauch und Herkommen, daß die Pastoren deutsche Bildung besaßen und darum selbstverständlich in ihrem Hause und Verkehr deutsch sprachen ... das heilige Recht lassen wir uns nicht nehmen. Wir sind der Obrigkeit Untertan, jedoch die deutsche Rede in unsrem Hause darf keiner uns verbieten.« Der Amtmann hatte einen bissigen Mund, hatte die vornehme Reserve und königliche Würde verloren, seine Stimme klang keifend. »Schweigen Sie! Mein Pastor Fangel, ich habe mit Ihnen ein Hühnchen zu rupfen. Aus Ihrer Gemeinde ist Beschwer und Klage gekommen ... Sie haben eine anstößige Neujahrspredigt gehalten, vom Rechte Schleswigs und Holsteins, von den giftigen Federn, mit denen Dänemark fechte, gefabelt und gefaselt ... ja, Sie sollen für den ci-devant -Herzog, den Augustenburger, gebetet haben ... das kann Ihnen Ihr Amt kosten.« Rolf Krake Hansen oder einer seiner Kumpane war schon hier gewesen und hatte die entstellte Predigt dem Amtmann hinterbracht. Die Pastoren tauschten um des Amtsbruders willen einen erschreckten Blick. Fangel selbst antwortete mit Gelassenheit: »Leiten Sie die Disziplinaruntersuchung ein, damit meine Schuld oder Unschuld an den Tag komme! Der Hinterbringer hat meine Worte aus Dummheit mißverstanden oder aus Bosheit verdreht. Ich habe, wie es sich gebührt, für den König, unsren Herzog, gebetet ... ist König Christian VIII. nicht unser Herzog und Herr?« Der Konferenzrat wurde frappiert, die Pastoren aber wurden sehr froh um Fangels willen und wiesen ein- und freimütig die Zumutung des Amtmanns zurück. Alle, bis auf Wendelbo, erklärten nachdrücklich, daß sie stets in ihrem Hause deutsch gesprochen hätten und fernerhin sprechen würden. Der Amtmann hatte einen roten Kopf und eine grollende Stimme: »Ich habe einen Wunsch, eine Bitte ausgesprochen, es mag der Tag kommen, wo ich befehlen werde.« Die Gratulationscour war zu Ende, der König von Norderhusen hatte seine Pastoren ungnädig entlassen. Der Kandidat verhehlte sich nicht, daß sein erstes Debüt im Amthause ihm schwerlich die Sympathien des mächtigen Mannes verschafft habe. Am Nachmittag fuhren die Studenten mit der Diligence nach Flensburg, wo sie übernachteten, und am nächsten Tage nach dem alten, lieben Kiel. Kunz hatte, wenn er nicht von seiner Liebe jodelte, Vorsätze gefaßt und Gelübde abgelegt. »Schwager in spe , höre meine Schwüre! Ich will fortan gut, keusch und wahr, hilfreich, edel und treu und des edelsten Weibes würdig sein. Ich will Tag und Nacht, Nacht und Tag büffeln, eseln und ochsen, bis ich den Doktorhut aufs müde Gehirn mir stülpe und das Summa cum laude als Morgengabe meiner Braut vor die Füße lege.« Also lauteten Reuters Gelübde. Bereits aber am Abend ihrer Ankunft saß Reuter bei Wichmann in der Dänischen Straße mitten unter fünfzig, mit langen Pfeifen bewaffneten, mit hohen Bierkrügen kämpfenden Kommilitonen, kam zwei Halbe nach und trank einen Ganzen auf das Wohl der Brüder, schwenkte seine Mütze und ließ das Lied erschallen: »Stoßt an, Kilia lebe, hurra hoch!« Kunz Reuter sprang auf den Stuhl und hielt eine flammende Rede. Er habe in Nordschleswig mit eigenen Augen die Willkür und Tyrannei der Dänen gesehen. »Der ganze Nordgau soll verdänt und mit Jütland vereinigt werden, ein Stück von dem Leibe der Heimat, ein Stück von unsrem ureignen Fleisch und Blut soll abgeschnitten werden. An dieser langsamen Amputation der Nordmark muß jedes deutsche Herz verbluten, es muß uns allen in die Seele schneiden, das große Deutschland darf es nicht dulden, daß ein dünkelhafter Duodezstaat ein so wertvolles Glied von seinem Leibe abtrennt. So wahr die dreisten Dänengeographen unsren Nordgau auf ihrem Schulatlas als Südjütland bezeichnet und einverleibt haben, so gewiß muß der Kampf um Schleswig kommen. So wahr der Recke Teut erwachen und grimmig sich umgürten wird, so gewiß werden wir, die Elite der Holstenjugend, in blitzende Wehr uns kleiden und in der vordersten Vorhut stehen. Ja, wir Burschen alle wollen für unsre Nordmark, für Schleswig-Holsteins heiliges Recht fechten und streiten. Das schwören wir in dieser hehren Stunde. Ein Hundsfott, wer nicht die Hand gen Himmel reckt!« Reuter war groß in Schwurgelübden und gewaltig im Pathos der Rede. Hundert Augen flammten, fünfzig Hände flogen empor, und aus allen Kehlen brauste das Schutz- und Trutzlied: »Schleswig-Holstein meerumschlungen.« Und die Gassenbuben draußen auf der Dänischen Straße brüllten begeistert es mit: »Schleswig-Holstein stammverwandt, wanke nicht, min Faderland.« Ja, die zwei Nachtwächter mit dem langen Säbel an der Seite schritten trotz der Polizeistunde nicht ein, sondern summten leise mit. Welche überschäumende Begeisterung erfüllte diese akademische Jugend! Viele Reden wurden geschwungen. Ein mächtig und schmächtig langer Student mit großen Feueraugen und einem kleinen Kropfe, mit der Stimme Stentors und der Eloquenz des Demosthenes begabt, schrie: »Silentium, ich hab das Wort.« Das war Rudolf Grote, der Sohn eines gewöhnlichen Arbeiters in Büdelsdorf, der seine Freitische aufgegeben hatte, um nicht in unwürdiger Knechtschaft zu leben, und als Korrektor bei der Zeitung sein Brot verdiente, ein exzentrischer Mensch und großer Redner. Dieser Demosthenes ließ den Präses des Bürgervereins, den bekannten Olshausen, der ein Demokrat vom reinsten, aber lautersten Wasser war, hochleben. Dann sprach er mit zündenden Worten von den Rechten des Volks, von der Rede- und Preßfreiheit, die errungen werden müsse. Alle Zuhörer wurden von ihrem menschenunwürdigen Zustande, von ihrer entehrenden Knechtschaft überzeugt, alle fühlten die Schande der Unmündigkeit und des Maulhaltens, daß sie wie die Hunde seien und einen Maulkorb trügen, solange nicht die Preß- und Redefreiheit erstritten sei. Der Demosthenes handelte aber auch und setzte eine Adresse an den König-Herzog auf, darin alle Bürger der Universität um Preßfreiheit baten. Das war endlich mal eine Initiative, eine Tat. Alle, alle schrieben mit stolzem Federschwunge ihren Namen. Jetzt, wo alle Welt Proteste und Adressen machte, durften die Studenten nicht fehlen. Die berühmte Adresse der Kieler Studenten zirkulierte, fand tausend Unterschriften in gebildeten Kreisen, ging mit dem Postdampfer nach Kopenhagen, wurde mit verbissenem Lachen von einem Konferenzrat gelesen und ad acta gelegt, ohne des Königs Antlitz gesehen zu haben. Nach Mitternacht erklang das Schleswig-Holstein-Lied zum fünften Male. Ein blasser Student mit hektischer Röte, mit wallendem Haar und wilden Gesten überschrie den Lärm. Er hieß recht und schlecht Hans Christiansen, wurde aber wegen seiner Brandreden Catilina genannt. »Des Mittelalters Modergerüche haben lange unsre Gaue verpestet, ich wittere Frühlingsluft, die Völkerfreiheit wird die Pest vertreiben. Bald schauen wir den neuen Tag, wo das freie, souveräne Volk sein eigner Herr und König geworden ist ...« Uwe Fries lallte in die Rede hinein: »Nu swög' man nich mehr, sondern segg' kort und bündig, worup wi supen schüllt!« Catilina schüttelte die Mähne und ballte die Fäuste. »Ich höre die Ketten brechen, die Throne krachen, die viel zu vielen Thrönlein des Bundes, in Frankfurt wird ein einiger Thron und Tempel errichtet, darin kein Kaiser noch König, sondern die Göttin der Freiheit das Zepter halten und über ein souveränes Volk herrschen wird. Es lebe die freie Republik Germaniens!« Einige Hitzköpfe riefen Hurra. Aber Uwe lallte: »Tom Düvel mit dim dütsche Republik!« Und Fangel schnellte empor. »O, daß der Schläfer im Kyffhäufer erwache! Es lebe das neue, geeinte Reich, das unsre Herzen ersehnen! Es lebe der kommende Kaiser, den unser Heilruf grüßen wird!« Da brach ein donnerndes Hoch aus allen Kehlen, wie ein Schrei aus tiefstem Herzen. Das war die heiße, ungestüme Sehnsucht nach Kaiser und Reich. Nur Catilina trank einen stillen Verachtungsschluck und knurrte: »O Knechtseligkeit dein Name ist Deutscher!« Ohne Aufforderung des Präses sangen alle das Lied: »Was ist des Deutschen Vaterland?« Und andächtig, inbrünstig wie ein Choral klang der Kehrreim: »Nein, nein, nein, nein, mein Vaterland muß größer sein.« Heimreich verließ das Lokal, als die Fidelitas anfing, Kunz ging fort, als sie aufhörte und die sogenannte Bestialitas begann. – Reuter wollte sich in die Arbeit stürzen, konnte jedoch am nächsten Tage nicht anfangen, weil er sich marode und nur zum Flanieren fähig fühlte. Der folgende Tag war leider ein Freitag, ein böser Tag, an dem man prinzipiell nichts, geschweige denn ein neues Leben anfangen darf. Am Samstag konstatierte er mit Seufzen, daß die betreffenden Bücher erst aus der Bibliothek geholt werden müßten. Am Sonntag war natürlich strenger Sabbat; am Ruhetage zu arbeiten, wäre einem Reuter eine Todsünde gewesen. Am Montag schien die Sonne zu schön, ein solcher Wintertag mußte zu einem Erholungsausflug benutzt werden. Am Dienstag endlich ist geochst worden, bis ihm dumm im Kopfe wurde; dann schrieb er mit gutem Gewissen eine Epistel an seine Hilde, darin er seines Herzens große Liebe, seines Geistes Riesenarbeit, seines Körpers schwere Erschlaffung schilderte. Am nächsten Morgen mußte er sich eine Ausspannung gönnen, und am Abend war der Komment bei Wichmann, der natürlich den Donnerstag zum dies nefas , zum arbeitsunfähigen Tag, machte. Ach, viele Störungen und Hemmnisse verschworen sich wider den fleißigen Kunz. Alle Wochen kam ein Brief aus Hyllerup, der die ganze Hingabe und Größe der ersten Liebe offenbarte. Jeden Sonntag besuchte Kunz seinen Freund und Zukunftsschwager, mit dem Briefe, aus dem er ausgewählte Stücke dem aufmerksamen Bruder vorlas. Heimreich machte große, ungläubige Augen, als jener befriedigt die Stelle betonte: »Ich bitte dich, mein Schatz, nicht bis zur Erschöpfung zu arbeiten, sondern jede Überanstrengung zu vermeiden.« »Du und Überanstrengung, das paßt wie die Faust aufs Auge.« Der Mediziner sagte still gekränkt, ohne mit der Wimper zu zucken: »Wenn ich an einem Tage neun Stunden auf einem Sitz schufte, nennst du das Faulenzerei?« – Ja, an einem! Der ehrliche Theologe glaubte ihm, glaubte an ein Mirakel der Liebe, um so mehr, da er selbst in Studien und Repetitionen sich vergrub. Jede unmittelbare Examensvorbereitung ist ein Aufstapeln und Anordnen des Stoffes im Gedächtnisspeicher, so daß man bei jeder nicht allzu speziellen Frage, wenn auch nicht einen Sack voll Gelehrsamkeit, so doch einige Körner Weisheit aus dem Speicher hervorholen und an den Mann bringen kann. Am Werkeltage kargte Heimreich mit jeder Minute, nur am Sonntag ging er aus, am liebsten in die freie Natur. Heute stürmte Kunz, die Schlittschuhe in der Hand, in die Stube hinein und sofort wieder heraus. Der andere, der noch gar nicht wußte, daß Eisbahn sei, holte seine Eisen hervor und lief ihm nach. In dieser Woche hatte die breite, blanke Föhrde dem guten Kunz auch nicht eine seßhafte Stunde gelassen; seit Montag lief er bis in die Nacht hinein auf dem Eise, machte er, wo Zuschauer standen, seine graziösen Kapriolen und Kunstläufe, schrieb er seinen zärtlich geliebten Namen, sein K und R, mit den Füßen ins Eis. An dem Sonntag waren viele Menschen auf der Föhrde, die Reichen im Biber auf modernen Eisen, die Armen auf dem Pekschlitten, und die Ärmsten steckten die Hände in die Taschen und glitschten auf ihren Holzpantoffeln, um auch etwas vom Eisvergnügen zu haben. Kunz ritzte ein H nach dem andern auf die spiegelblanke Tafel, Heimreich hatte seine Freude an dem Schwager, der ihren Namen in alle, selbst des Eises Rinde schrieb. Auf der Südseite der Föhrde war weniger Volk und freiere Bahn, aber man mußte vor den Waken, welche die Ellerbecker Fischer ins Eis gehauen und zur Warnung mit einem Strohwisch bezeichnet hatten, sich hüten. Hier liefen die beiden in langen Stößen, Hand in Hand, voll hoher Lust, denn jede ungemeine, flugähnliche Schnelligkeit entrückt den Menschen dem Schwergewichte der Erde, so daß er nicht mehr als Wurm kriecht, sondern als höheres Wesen sich wähnt. Plötzlich erscholl ein aufgeregtes Geschrei, zur Rechten ballte sich im Nu ein schwärzliches Menschengewimmel. In einer Sekunde waren die beiden zur Stelle, hörten kreischende Stimmen – ein Knabe sei eingebrochen –, drängten sich vor und sahen einen kraushaarigen Kopf im Wasser, eine Pelzmütze, die auf einer Eisscholle schaukelte, und ein junges Mädchen, das längelang auf dem Eise lag und mit ausgestreckten Händen nach dem Kopfe griff. Vierzig, fünfzig Männer standen rat- und tatlos rund um die Wake, immer mehr rannten herbei, reckten die Hälse, um das Schauspiel zu sehen, und rührten keinen Finger, Weiber weinten oder heulten oder schrien um Hilfe. Ein wohlbeleibter Herr im Marderpelz, dem der Zylinder entfallen war, riß sich im Haar, rang die Hände und rief immer wieder: »Mein Kind, mein Kind! Ich bin der Schiffs-Meier! Leute! Tausend Mark dem, der mein Kind rettet! Zweitausend Mark! Ich bin der Schiffs-Meier!« – Der Vater hielt etwas – eine Börse war's – in der Hand – »Hier, hier, zweitausend Mark!« – und tat in seiner kläglichen Verzweiflung nichts, um sein Kind aus dem Wasser zu fischen. Auf das Quadrat der Wake wagte sich keiner. Da gellte ein Schreckensschrei, das Eis brach, die Menge stob zurück, einige stürzten. Das tapfere Mädchen war immer weiter gerutscht, um den Bruder zu retten, und dabei eingebrochen. »Hier, hier ... dreitausend Mark!« keuchte und kreischte der Vater. Reuter hatte seinen Rock vom Leibe, seine Stiefel mit den Schlittschuhen von den Füßen gerissen. Heimreich faßte seinen Arm: »Das ist der Tod ... Du kommst unter das Eis! He! Männer her! Wir legen uns hin und bilden eine Kette, ich will der Vorderste sein, faßt mich an!« Er warf sich hin und glitt vorwärts und hörte in dieser Situation eine gefühlvolle Damenstimme: »Ja, ja, die Kieler Föhrde will alle Jahre ihr Eisopfer haben.« Heimreich kroch zu spät, denn sein Freund sprang. Kunz, einer von jenen leichtlebigen Menschen, die ein großer Augenblick zur Menschengröße erhebt, stand hochgereckt, in Hemdsärmeln und Strümpfen und doch wie ein Held, der zu fragen scheint: Könnt ihr das? Und er sprang ins eisige Wasser, packte sogleich das Mädchen und hob die Gestalt aus dem Eise, daß die Hände sie griffen. O, er war wahrlich ein Mann voll Geistesgegenwart in der Gefahr, voll Todesverachtung im dräuenden Tod und ein ganzer Held, der sein eigenes, egoistisches Leben für ein anderes Menschenleben wagt und hinwirft. Denn er tat das Grauenhafte, das jedes Herz erstarren ließ, und tauchte unter die Eisschollen der Wake, die ihn unter das fußdicke, feste Eis schleudern oder in die dunkle Tiefe drücken konnten. Die Zuschauer krampften die Hände, stierten mit den Augen, jeder Atemzug stockte, in der plötzlichen Totenstille hörte man nur eine schluchzende, sich überschreiende Stimme: »Ich bin Schiffs-Meier! Mein Kind! O mein Gott! Dreitausend Mark! Viertausend!« Heimreich lag auf dem Bauche und glotzte in das grabähnliche Loch, das die sorglosen Fischer ohne Strohwisch gelassen hatten, und zwei Männer hielten seine Füße. »Gott sei gepriesen! Kunz! Hier!« Reuter tauchte aus dem Tartarus empor und hielt den Knaben. Der atmete noch, wurde gerollt und spie viel Wasser. Heimreich zerrte seinen Freund auf das feste Eis und umarmte den Durchnäßten. »Ich hatte solche Angst um Hilde ... und um dich.« In solchem Moment geht das Herz in unbedachten Worten über die Lippen. »Haha, um Hilde zumeist!« lachte Reuter, auch jetzt in der lächerlich klatschnassen Figur ein ganzer Held und in Heldenpose. Des Vaters wahnsinnige Verzweiflung war zu einer wahnsinnigen Freude geworden. Der wohlbeleibte Herr watschelte hin und her, streichelte den Knaben – »Mein Karlchen, mein süßer Bengel, du kommst mir nie wieder aufs Eis« – und tätschelte das Mädchen. »Trudchen, du wirst dich erkälten ... lauf, lauf, um warm zu werden!« Herr Meier stürzte auf den Retter, der seinen Rock anzog, los und umarmte ihn. »Die viertausend Kurant-Mark bekommen Sie ... ja, was ich sage, ist wie geschrieben, wie ein Wechsel. Wie heißen Sie, mein teuerster Herr? Ich bin der bekannte Reeder Meier, Schiffs-Meier.« »Mein Name ist Reuter, Kandidat der Medizin. Ich wage nicht mein Leben für Geld, ich will keinen Lohn.« Dieser junge Herr zeigte einen edlen Stolz und war noch größer in den Augen der Zuschauer, von denen fünf, sechs ein etwas schüchternes Hoch ausbrachten und zweimal Hurra riefen. Schiffs-Meier weinte vor Rührung und stopfte voll Dankbarkeit seine Börse, seine prachtvolle Repetier-Uhr in die Rocktasche des Retters, der das gar nicht zu bemerken schien und doch merken mußte, und bat bescheiden: »Sie müssen mich besuchen, am Kleinen Kiel, na, ich bin ja bekannt wie ein bunter Hund ... ich komme morgen zu Ihnen ... Sie edler Herr, ich werde mein Leben lang Ihr Schuldner sein, ein dankbarer Schuldner.« Kunz wurde von seinem Freunde nach Hause und ins Bett gebracht. Dieser machte auf den Inhalt der Rocktasche aufmerksam und zugleich die Bemerkung: »Du mußt den alten, rührenden Onkel besuchen ... Du hast die Ovationen des Hauses und eine öffentliche Anerkennung ehrlich verdient.« Kunz stutzte anscheinend und sagte stolz: »Das weiß ich noch nicht ... diese Art und Weise ist wenig taktvoll ... die Börse gebe ich natürlich dem guten Meier zurück. Hast du irgendwelche Kenntnisse von den Antezedentien und Aktiven der Familie? Reiche Leute? Oder gar von unsre Leut? Und Emporkömmlinge?« »Nein, kein Kind Israels ... emporgekommen ist er, aber geachtet und achtbar und sehr reich, was natürlich das Ansehen und die Achtung sehr erhöht. Er war ein einfacher Schiffsbauer in Eckernförde, machte einen sogenannten »dunen« Handel, kaufte beim sechsten Glase Grog einem Besitzer, der sein Herzeleid vertrank, eine große, gestrandete Brigg mit der Ladung ab, eine Brigg, die nach menschlicher Voraussicht brechen mußte und nur als Strandgut zu bewerten war, für 1200 Kurantmark. Der Wind sprang plötzlich nach Osten um, Meier kriegte die Schute flott, was alle Kapitäne für ein Wunder erklärten, stopfte das Leck, barg die Ladung, die aus wertvollem Teak-, Sandel- und Zedernholz bestand, verkaufte Brigg und Inhalt für 86 000 Mark und war durch den dunen Handel ein gemachter Mann. Er baute dann Barken und Vollschiffe und wurde ein reicher Mann. Jetzt soll er elf Schiffe besitzen, die er nach Ostindien fahren läßt, und wird ein Millionär genannt. Weise die ausgestreckte Hand des Glückspilzes nicht zurück!« Kunz horchte aufmerksam, und seine Hochachtung vor dem wohlbeleibten Herrn stieg von Wort zu Wort. Und die Börse ist nicht zu ihrem früheren Besitzer zurückgekehrt. – Der Reeder Meier, der im Volksmunde nur Schiffs-Meier hieß und klug genug war, den Beinamen zu akzeptieren und selbst anzuwenden, besaß und bewohnte ein schönes Haus. Er hatte am Vormittag den Lebensretter seines einzigen Sohnes besucht und ihn gebeten, das Haus am Kleinen Kiel als seine Heimat zu betrachten und als Mitglied seiner Familie sich zu fühlen. Reuter kam, sah und siegte, auch über das Herz der einsichtsvollen Mutter, fand andere Gäste vor und merkte freudig, daß ihm zu Ehren ein Festdiner gegeben werde, bei welchem Festessen er mitten zwischen den Geretteten saß und so ausgiebig fetiert und bewundert wurde, daß selbst auf seine Wangen ein bescheidenes Erröten sich stahl. Trudchen war ein scharmantes, aus der Backfischmauser schlüpfendes, munteres Geschöpf, das die kecke Nase der Mutter, den heiteren Sinn des Vaters und den Liebreiz der frischen Mädchenjugend besaß, und das begreiflicherweise große Sympathie für Reuter hegte und in kindlicher Unschuld nicht verhehlte. Der Kandidat der Medizin, der in der Zeitung öffentlich belobt wurde, nach allgemeinem Urteil ein Held und zur Zeit in Kiel ein berühmter Mann war, kam in dieser großen Epoche seines Lebens nicht zum kleinlichen Arbeiten und vergaß auch ganz und zum ersten Male, den Wochenbrief nach Hyllerup abzufertigen, nur die Kommilitonen und den Abend bei Wichmann versäumte der Gewissenhafte nicht. Auf der blanken Föhrde war er alle Tage von zwei Uhr an und noch beim Schein der Fackeln, denn das Eis in diesen nördlichen Breitengraden Cimbriens, das in manchem Winter überhaupt nicht erscheint, steht meist nicht lange und muß benutzt werden. Am Mittwoch nach dem Rettungs- und Ruhmessonntag, als er seine Eisen angeschnallt, lief Fräulein Meier irgendwoher und lächelnd auf ihn zu, und er scherzte: »Kind, Sie bleiben bei mir, damit Sie nicht wieder ins Wasser geraten!« Nur zu gern blieb sie in seiner Nähe und ließ sich behüten von dem stattlichen Herrn und Helden. Er zeigte seine graziösen Künste, schrieb sein K und R und zuletzt, um jede Fertigkeit, die er besaß, zu offenbaren, ein schwungvolles H ins Eis hinein. Das kleine Fräulein errötete bis zum blonden Haar, bekam ein starkes Herzklopfen und lachte glücklich, aber mit eigentümlich ernsthaften Augen. »O wie scharmant und galant! Woher wissen Sie meinen Namen, und daß ich Hiltrud heiße?« Er hatte sie nur Trudchen nennen hören und keine blasse Ahnung von ihrem altgermanischen Namen, faßte sich aber schnell und freute sich des lieben Zufalls, der ihm so freundlich gesinnt war. »Kann nicht ein Taschentuch es verraten? Kann nicht der Instinkt des Herzens es mir gesagt haben?« Der Schwerenöter klärte nicht den Irrtum auf, sondern nahm ihre warmen Hände und lief mit der klug und kindlich schwatzenden Hiltrud bis zum dunklen Abend. Ganz zufällig – o der freundlich liebe Zufall! – traf er sie am nächsten Tage wieder auf dem Eise. Auch war Reuter ein hochwillkommener und häufiger Gast am Kleinen Kiel. – Heimreich lebte seinen Studien und in einer anderen Welt, so daß er kaum seines Freundes Fernbleiben am Sonntag beachtete. Nach acht Tagen stellte Kunz sich ein, wohlgemut wie immer, und holte Hildes letzten Brief aus der Tasche. Er lautete: »Meine Unruhe, weil dein regelmäßiger, heißersehnter Brief ausblieb, war groß, aber, Gott sei Dank, töricht. Du hast zwei Menschen das Leben gerettet und durch das kalte Bad eine kleine Erkältung dir geholt! Ich bin sehr stolz auf deinen Besitz, sehr glücklich, einem so hochgemuten Manne zu gehören, aber ich darf nicht verschweigen, daß eine Angst um meinen Herrn und Helden mich oft beschleicht und böse Träume mir bereitet. Oft ist es eine schreckliche Ahnung, daß ich dich verliere. Mein Kunz! Hast du bei dem kühnen Sprung in die Tiefe gar nicht an mich gedacht, gar nicht bedacht, daß es dein und mein Tod sein könnte? Allzu sehr ist dein Leben mein Leben geworden, so daß auch dein Tod mein Sterben sein müßte. Verzeihe mir, mein Herzensmann! Schelte nicht meine kleinliche, quälende Unruhe! Ich träume oft, du versinkst vor meinen Augen, und ich falle in einen Abgrund ohne Grund und Ende. Bilde ich es mir nur ein, du seiest kränker, als du schreiben magst? Eben jetzt wieder schrecke ich von einem stechenden Weh empor und weiß nicht, von wannen es kommt. Ist es die Trennung, die verzehrende Sehnsucht? Ich bitte dich, laß alle törichten Wagnisse, die dein kecker und leichter Sinn liebt, um meinetwillen! Dein Tod ist mein Tod, und ohne dich ist das Leben ein unerträgliches Leid.« Kunz war tief gerührt. »Da ist eine Träne auf den Bogen gefallen,« sagte Heimreich nachdenklich. »Meine Schwester, die ein treues Herz, eine liebe Seele, ein tiefes Gemüt hat, darf nicht weinen. Du mußt in manchen Dingen anders, du mußt nicht nur ein Held, sondern – ein Mann werden. Hast du gearbeitet?« »Mein Herr Seelsorger und Pastor! Ist schon vor dem Examen der Geist der Philister über dich gekommen? In dieser Woche wurde ich natürlich häßlich abgehalten, weil gewisse Folgen des Bades sich einstellten.« Er log nicht, die Besuche am Kleinen Kiel waren ja die Folgen des kalten und kühnen Bades. Nach der Träne kam des Briefes zweiter Teil, der mit seiner Heiterkeit in so starkem Kontrast zum ersten stand, als wenn zwei Personen ihn geschrieben hätten. »Leutnant Bosen besucht oft unser Pfarrhaus und ist ein amüsanter Erzähler. Bei seiner letzten Anwesenheit bemerkten wir, daß er reine Wäsche sehr nötig brauche, darum erhielt ich ein Paket mit Wäsche von der Mutter und legte es dem Leutnant ins Haus, heimlich natürlich, denn das Ehrgefühl des alten Herrn weist alle Geschenke zurück, die nicht mit Takt gemacht werden. In der Räucherkate ist die Atmosphäre noch penetranter und die Menagerie bedeutend vermehrt worden. In allen Ecken hockt und kreucht allerlei Getier, wie in der Arche Noah, und unter der feindseligen, sich fressenden Kreatur herrschte ein Gottesfriede, der mir viel Spaß machte. Aus einem langen Troge fraßen gleichzeitig drei Füchse, vier Kaninchen, zwei Katzen, fünf Hunde, ein Lämmchen, zwei Krähen, ein Habicht und mehrere Hühner in guter Eintracht. Bosen saß auf einem Stuhle, beobachtete mit dem großen Auge die Mahlzeit und zeigte stolz auf sein Dressurkunststück: »Sehen Sie! Es lassen sich die Tiere auf eine höhere Kulturstufe bringen, so daß der niederträchtige, menschgewordene Affe, der seinem Bruder keinen Bissen gönnt, sich an den Bestien ein Beispiel nehmen könnte.« – Die Vorführung machte mir viel Freude, nur der Geruch vertrieb mich aus der Arche Noah. »Bei einem Besuch im Pastorat bedauerte der Kauz von Leutnant, daß Jep Hansen wohl mit seiner Jagd und Fischerei zufrieden sei, aber für seine Lieblinge gar kein Interesse habe und durchaus nicht begreifen könne, daß all das liebe Viehzeug sein tägliches und verschiedenes Futter, und daß ein erwachsener Mensch nicht nur Haus und Kost, sondern auch Hemd und Rock und ein paar Schillinge in der Tasche haben müsse. Ein kleines Gehalt wolle Jep ihm nicht bewilligen, weshalb er wohl den Wanderstab weiter setzen müsse. Da hat unser guter Vater auf eigenen Antrieb hin zehn Papier-Spezies in ein Kuvert getan, das ich unbemerkt in den recht schäbigen Ueberrock, der auf dem Flure hing, hineingeschmuggelt habe. Der Leutnant hat den Fund wie ein Beichtgeheimnis verschwiegen, jedoch seinen sinnigen Dank dadurch abgestattet, daß er ein niedliches Kätzchen mir zum Geschenk machte, wobei er mit dem kleinen Auge blinkerte: heute haben meine Schüler ein Festessen gehabt. Allerdings beim nächsten Besuch in der Räucherkate machte ein neuer Nebengeruch sich bemerkbar, ein Parfüm, das Erinnerungen an Rum und Schnaps und die Vermutung wachrief, daß die zehn Spezies nicht nur zur Sättigung der Menagerie, sondern auch zur Löschung des Durstes gedient haben. Bosen observierte meine Nase und sagte voll Unschuld: ich habe eben etwas in Spiritus gesetzt. Keine Unwahrheit, wenn er selbst das Spirituspräparat war. Dann kam Bodil, um Bosen zu rufen, blieb aber vor dem Fenster draußen stehen, fragte nach einem gewissen Kandidaten Fangel und hat nach einigem Zaudern einen herzlichen Gruß mir aufgetragen. Dieser Gruß folgt als Anlage und ist an meinen Bruder abzuliefern.« Heimreich hatte jetzt mit seinen eigenen Angelegenheiten soviel zu schaffen, daß er für die Briefe seiner Schwester und die Gefühle seines Freundes kein Interesse mehr hatte. Es vergingen zwei ganze Wochen, ehe sein zukünftiger Schwager sich wieder einfand. Kunz war von den Glanzstiefeln bis zum Seidenhute neu und stutzerhaft gekleidet, duftete nach Kölnisch-Wasser und hatte die Allüren eines Grandseigneurs. Schiff-Meiers Prämie von viertausend Mark war nach einigen aristokratischen Protesten in seine Tasche geglitten. Heimreich guckte und inquirierte: »Hast du eine Erbschaft gemacht oder Schiff-Meiers ...?« Reuter machte nur die wegwerfende Gebärde des Ehrenmannes, kramte in allen Taschen und erklärte mit ärgerlicher Nonchalance, daß er Hildes Brief verlegt habe. Heimreich, den ein plötzlicher Argwohn durchzuckte, fixierte mit einem finsteren Blick den flotten Kavalier. Aber Kunz beruhigte ihn durch die gleichmütige Bemerkung: »Ich werde den Brief nächstesmal mitbringen.« Der Kandidat arbeitete den ganzen Tag und hat die wenigen Minuten, wo er träumen durfte, mit seinen eigenen Herzensangelegenheiten sich beschäftigt. Achter Abschnitt. Das Gottesurteil im Walde und der Gnade des Dänenkönigs. Der Küster Lauritz Lauritzen in Hyllerup mußte sich und seinen Tag, wie er sagte, in drei Teile zerlegen, denn er war Organist, Lehrer und Landmann zugleich und doch eine ganz einheitliche Persönlichkeit. Sonntags und in der Woche bei Leichen und Trauungen diente er der Kirche als Organist, in der Schule war er Schulmeister, aber von vier Uhr morgens bis Schulanfang und nachmittags nach Schulschluß Landmann. Auch als Oekonom war er originell, und den Küsteracker bewirtschaftete er nach seiner eigenen Agrariermethode. Seine Tätigkeit bekundete sich auch in seiner dreifachen Bekleidung. Als Organist trug er den langschößigen, schwarzen Bratenrock, als Lehrer die Lodenjoppe, und als Landmann hüllte er seinen hageren Leib in einen langen, blauen Kittel. Früh um vier fütterte Lauritzen sein Vieh und seine Schweine. Dann holte er im Sommer Grünfutter vom Felde, er war der Erste, der im Dorfe Stallfütterung einführte. In eine große Grube warf er allen Dung, den er mit Wasser zu einem Brei verrührte. Und diesen Dungbrei trug er täglich stundenlang auf den Acker hinaus; von dieser Arbeit jahraus jahrein waren seine Schultern hoch und sein Rücken krumm geworden. Die Bauern hatten über diese Dungmethode weidlich gegrinst und gewitzelt, Lauritzen ließ sie lachen und trug mit Ausdauer seinen Dungbrei aufs Feld. Längst machten die Klugen ein dummes Gesicht, und der Küster lächelte. Nirgends standen Korn und Klee so üppig, wie auf dem Küsteracker. Sein Vorgänger hatte kaum drei Kühe halten können, jetzt standen im Stalle sieben Stück blankes Vieh. Lauritzen füllte just die schweren Eimer, als sein Kollege Lindenhahn mit einem wahren Unglücksgesicht über den Hof kam, wie in einem inneren Kampfe stehen blieb und umkehren wollte. Der Küster rief ihn heran und redete derb: »Wer Schulden macht, sägt den Ast ab, auf dem er sitzt, sägt lustig weiter, bis – Perdauz! – der Krach kommt ... dann liegt der Mensch, wie ein umgeworfener Mistkäfer, auf dem Rücken und brüllt um Hülfe.« Lindenhahn seufzte: »Meine Lage ist so verzweifelt, daß ich mir das Leben nehmen möchte.« »Tun Sie das in Gottes Namen, mein Lieber! Wer erbärmlich aus der Welt sich stehlen will, sobald eine Widrigkeit zu überwinden ist, der ist nicht wert, in dieser Welt zu bleiben. Was ist denn los?« »Krämer, Schuster, Bäcker und Fleischer drohen mit Pfändung ... zwei Kaufleute in der Stadt wollen dem Propsten und Amtmann Anzeige erstatten, damit Gehaltabzüge gemacht werden. Von zweihundert Talern Gehalt können fünf Menschen nicht satt werden ... wenn noch Abzüge gemacht werden, müssen wir buchstäblich verhungern ... wollen Sie es uns verübeln, wenn wir ein schnelles Ende dem langsamen Hungertode vorziehen?« Lauritzen wurde weich, kaute mit den Lippen und polterte: »Wenn Sie den Schulacker ordentlich bewirtschafteten, hätten Sie Brot und Butter, Speck und Eier und so viele Lebensmittel, daß Sie beim besten Willen nicht verhungern könnten.« Lindenhahn fühlte, daß der Vorwurf nicht unbegründet sei, und klagte: »Ich bin ja leider kein Landmann, sondern nur Lehrer ... ich habe kein Futter für meine hungernden Kühe.« Lauritzen hatte von jeder Sache die einzig und absolut richtige Ansicht und sagte stets offen seine Meinung. »Ja, solange was da ist, bis Weihnachten wird das Futter armweise vorgeworfen, so daß die Kühe das liebe Heu wie Streu verasen ... Sie verstehen nicht, mit Ihren Vorräten und Ihrer Einnahme hauszuhalten.« Der unglückliche Lehrer wollte mit trostloser Miene sich entfernen. In demselben scheltenden Tone rief der Küster ihm nach: »Ich verborge nichts, keinen Heller! Aber ich werde dreißig Kuranttaler Ihnen bringen und die eine Kuh bis Maitag in Futter nehmen, auch dem reichen Jep klar machen, daß er die andere durchwintern soll. Das will ich!« Die Worte wurden wie eine Bedrohung gebrummt. Dem armen Lehrer klangen sie wie ein Weihnachtsevangelium. Mit einer Träne im Auge wollte er dem Retter in der Not die Hand drücken. Aber der Kauz sagte: »Sie mögen ja den lieben Dunggeruch nicht ... darum bleiben Sie mir vom Leibe, meine Finger sind nicht sehr fein und sauber.« Als ehrlicher Mann hatte Lindenhahn ein Bedenken. »Darf ich die dreißig Taler annehmen? Ich weiß ja nicht, wann ich das Darlehen zurückzahlen kann.« »Das weiß ich noch viel weniger ... ein Darlehen ist es nicht ... nee, so dumm bin ich nicht mehr, einen Menschen mir spinnefeind zu machen dadurch, daß ich ihm Geld borge. Es ist eine Beihülfe. Wenn Sie aber mal eine bessere Stelle bekommen und mir dreißig Taler auf den Tisch legen, werde ich das Geld gleich und gern nehmen und die angenehme Erfahrung machen, daß es in der Welt wenigstens einen anständigen und noblen Menschen gibt.« »Ach, um eine Küsterstelle habe ich mich vierzigmal beworben ... ich werde übergangen, weil ich ein Deutscher bin. Man möchte manchmal vor Ingrimm aus seiner deutschen Haut fahren und dänische Gesinnung heucheln ... die Not bringt einen noch so weit, daß man sein Gewissen über Bord wirft.« »Gehen Sie, Mosjö! Ich gebe Ihnen nichts ... mit Lumpen habe ich nichts zu schaffen.« Lindenhahn flehte: »Halten Sie es doch meiner Verzweiflung zugute, wenn ich verrücktes Zeug rede! Wollte ich ein Heuchler sein, wäre ich längst Küster in Agerskow. Das Elend verfolgt mich, meine arme Frau ist immer krank, es ist eine rätselhafte, unheimliche Krankheit ... und mein süßer Knabe ... o.« Die Stimme schlug ihm über, er schluchzte in Seelenqual. »Mein Liebling mit den großen, blauen Wunderaugen, mein Sohn, der meine Freude und Hoffnung war, müßte lang gehen können und läßt schlaff die Beinchen hängen und lächelt kaum ... das arme Kind ist mir eine bittere Sorge geworden.« Lauritzen tröstete herzlich, der Kleine werde die englische Krankheit haben. »Krank ist er nicht, denn immer möchte er essen und trinken ... es ist unheimlich, was er in sich stopfen kann, und meine Frau überfüttert unverständig den kleinen Schrei- und Schlinghals, der noch nicht stubenrein ist ... ist das nicht schrecklich?« Der Küster holte aus dem Hause, aus der Kiste unter dem Alkovenbett, die dreißig Taler, die er seinem Kollegen in die Hand drückte. Als dieser danken wollte, schob er ihn barsch zur Hoftür hinaus, warf den Kittel ab und wusch sich am Ziehbrunnen. Nachdem er den Organistenrock angezogen und die Pfeife angezündet, schlenderte er nach Hylleruphof. Er ging stets den geradesten Weg. »Jep Hansen! Ich möchte Ihnen ein Rechenexempel aufgeben ... wenn ich sieben Stück Vieh habe und die eine Kuh des Lehrers bis Maitag füttere und ein Großbauer, ein guter Christ nebenbei, siebzig Kühe im Stalle hat, wieviele Lehrerkühe muß der Großbauer und gute Christ von Rechts wegen nehmen?« Die also eingekleidete Bitte fand eine schroffe Ablehnung. »Ich füttere dem Lindenhahn kein Kalb, geschweige denn eine Kuh. Die Lehrerfrau liegt den halben Tag im Bett und liest die halbe Nacht Romane. Im Hause Schlamperei und überall Schulden! Solchen Leuten ist nicht zu helfen und soll man nicht helfen.« Bodil blickte erst bittend und dann böse nach dem Vater hin, jedoch alles war umsonst, auch die Grobheit des Küsters, der seine Pfeife ausklopfte und seinen Tabaksbeutel hervorholte. »Erlauben Sie, daß ich mir eine Pfeife stopfe aus meinem eigenen Beutel? Ich habe meinen eigenen Tabak mitgebracht, um Sie nicht in Unkosten zu stürzen. Ob ich wohl noch Sie als Leiche aussingen werde, Jep Hansen? Sollte mich nicht wundern, wenn Sie nach dem Tode mit der Geldkatze unter dem Arm wiedergehen und um Mitternacht oben auf dem Kirchhof spazieren.« Auch diese groteske Predigt hat das Bauernherz nicht erweicht. Jep half oft den armen Leuten, und wenn der einstige Ziegelstreicher durchaus nicht frei von Geldliebe, ja Geiz war, so war doch der Grund seiner jetzigen Hartherzigkeit der Widerwille, den jede lüderliche Wirtschaft ihm einflößte. Unordnung, Unsparsamkeit und Verschwendung waren ihm Todsünden und ein Greuel, der seinen sittlichen Zorn erregte. Bodil warf umsonst böse Blicke, hatte am Munde den eigensinnigen Zug und flüsterte dem Küster zu, daß sie den Pastor bitten werde, die Kuh zu nehmen. Schon am Nachmittage war sie im Studierzimmer des Pastorats. Fangel erklärte sich persönlich bereit, aber auch für inkompetent, sintemal er seinem Sohne die Landwirtschaft mit allen Rechten und Pflichten übertragen und über Stall und Acker nicht allein zu bestimmen habe. Der freundliche Herr ging sofort den richtigen Instanzenweg und zu dem Sohne, der drüben auf der Tenne das gedroschene Korn mit dem Scheffel maß. Klaus warf den leeren Scheffel hart hin und schlug es rundweg ab. Man habe knapp Futter fürs eigene Vieh, und ob man etwa zwei Fuder Heu zukaufen solle, um die Lehrerkuh durchzuwintern? »Können wir nicht unseren Kühen eine kleine Gabe abknappen, mein Sohn?« Klaus sagte noch energischer Nein. »Nein, meine Kühe sollen nicht die Milch verlieren, weil der Lehrer seine Fourage im Herbst vergeudet ... oder heimlich verkauft und daher im Januar schnorren muß.« Der Pastor kam nach dem Mißerfolge mit einem langen Gesicht zurück und räusperte sich. »Hm, hm, ich werde dem Lindenhahn zehn Taler geben, um Futter zu kaufen. Mein Sohn hat selbst kaum Futter genug und will die Kuh nicht nehmen.« »Er muß! Ich will mit ihm reden,« sagte Bodil scharf und ging resolut nach der Tenne. Der junge Fangel war ein fleißiger Landwirt und raffig wie ein richtiger Bauer. Warum sorgte und schaffte, kalkulierte und rechnete er von früh bis spät? Um auf dem Pfarrhofe ein kleines Vermögen zu erwerben, um einmal später – der Vater lebte ja nicht ewig – selbständig zu werden und ein Bauerngut zu kaufen. Als Bodil zu ihm auf die Tenne kam, zog er mit einem Schwunge die Mütze und behielt sie in der Hand. »Sie wollen die Kuh des armen Lindenhahn nicht die paar Monate durchfüttern?« Jep Hansens Tochter hatte die steife, kampfbereite Kopfhaltung. Doch es kam zu keinem Wortgefecht. Klaus entwaffnete sie durch seine Liebenswürdigkeit. »Sicherlich und sofort, da Sie es wünschen!« Da reichte sie ihm die Hand mit einem holdseligen Lächeln. Das dünkte ihm eine günstige Gelegenheit, seine Hochachtung auszudrücken, seine Gefühle anzudeuten und einen Fühler auszustrecken. »Ich ehre und schätze Sie so sehr, daß Ihr Wunsch mir Befehl ist ... ehren und schätzen ist noch zu wenig gesagt ...« Das Weitere blieb ihm im Halse stecken, so verwundert und vornehm guckte sie Heimreichs galanten Bruder an. Aber kein Weib wird einem Manne seine Wertschätzung verübeln. Sehr freundlich erkundigte sie sich nach dem Erdrusch des Weizens, ob sie schon frischmelkende Kühe, und ob die Hühner zu legen begonnen hätten. Zuletzt kehrte sie noch einmal den Kopf, um beiläufig eine beinahe vergessene Frage zu stellen. »Haben Sie kürzlich etwas von dem Kandidaten gehört?« Klaus antwortete negativ: »Nein, in der letzten Zeit leider nicht.« Er blickte durch die Ritze der Tennentür dem Mädchen nach. Wie hoch und kräftig und doch wie graziös und stattlich sie war! Das gab eine ausgezeichnete Gattin und Gehülfin für einen Landmann. Wer Bodil heirate, werde einmal unfehlbar Herr und Hofbesitzer auf Hylleruphof. Das war oft ein Traum seiner Phantasie und leider auch ein Luftschloß, das viele Bauernsöhne der Gegend bauten. Klaus träumte fortan noch öfter und intensiver. Bodil ging vom Pastorat nach der Wohnung des zweiten Lehrers. Unterwegs zählte sie den Inhalt ihrer gehäkelten, straff gefüllten Börse und steckte fünfzehn Taler in die linke Tasche. Der Ertrag des Hühnerhofes und des Federviehes, das sie mit dem Abfallkorn umsonst fütterte, gehörte ihr als Nadelgeld und gab einen schönen Batzen. Sie sagte, daß der Pastor eine Kuh nehmen werde, und Lindenhahn dankte bewegt. »Gott möge es Ihnen hundertmal vergelten und das Beste und Liebste Ihnen gewähren! Ich komme nicht auf einen grünen Zweig, weil ich ein Deutscher bin.« »Sie sind doch ein geborener Nordschleswiger, aber ein sogenannter Heimdeutscher ... und das sind häufig die hitzigsten Heißsporne. Können Sie in Ihrem Urteil und Verhalten nicht milder und maßvoller sein? Können Sie sich nicht fernhalten von der leidigen Schleswig-Holsteinerei, die dem König die Hälfte seines Reiches entreißen will? Wollen Sie nicht gerechter über die Dänen urteilen?« Der arme Lehrer in seiner Dankbarkeit versprach es um so leichter, als keine bindende Pflicht ihm auferlegt wurde. Das wurde belohnt, die Jungfer Hansen legte taktvoll fünfzehn Taler auf den Tisch. »Das soll ich Ihnen von einem Dänen bringen ...« Das Büblein mit den blauen Augen fing bei dem Anblick der Taler höchst unmotiviert zu heulen an, obgleich es himmelhoch hätte jauchzen müssen. Der Lehrer beruhigte das merkwürdige Kind und war tief gerührt. »Sie haben mich vor dem Bankerott bewahrt! O, das hätte ich von Ihnen nicht erwartet ...« »Sie haben eben ein Vorurteil gegen das Dänentum ... wir Dänen sind weit bessere Menschen, als die Leute im großen Vaterlande glauben. Man schilt uns, weil man uns nicht kennt. Hören Sie je etwas anderes als die deutsche Darstellung und Entstellung? Haben Sie jemals unseren Führern und Rednern ein Ohr geschenkt? Heute abend ist Versammlung im Kruge, der bekannte Laurids Skow wird sprechen. Wollen Sie mal gerecht sein und den Gegner anhören? Wollen Sie mir versprechen hinzugehen? Ein Glaube, der Gegengründe nicht zu hören verträgt, steht auf schwachen Füßen.« Lindenhahn versprach es in seinem überströmenden Dankgefühl, ohne die Tragweite zu bedenken. Während Bodil mit dem stolzen Bewußtsein, eine Seele vom Irrtum bekehrt zu haben, fortging, betrachtete er bedenklich, zuletzt erschrocken, die fünfzehn Taler, als wären sie ein Kaufgeld. Doch er rannte schnell mit den Talern fort, um im Dorfe Schulden zu bezahlen und nicht wankelmütig zu werden. Während seiner Abwesenheit erschien die Pastortochter, die am Freitag jeder Woche allerlei Eßbares brachte und ein paar Stunden lang im Lehrerhause aufräumte und reinigte. Aufgeschürzt und aufgestülpt arbeitete Hilde besser als eine bezahlte Magd, wusch und säuberte sie die Kinder, fegte und feudelte sie die Stube. Auch die grobe Arbeit kann voll Anmut sein, flink flogen ihre Hände, nur das liebreizende Lächeln war seltener, ihr ganzes Wesen ernster, sozusagen erwachsener geworden. Es fiel keinem, nur den Mutteraugen auf, die Pastorin fragte: »Kind, was fehlt dir? Er schreibt ja alle Woche einen langen Brief.« – Obwohl der letzte Brief voll von Koseworten war, fühlte Hilde doch, daß ein Schmelz ihm fehle. Während das feine Fräulein die Küche schrubbte, saß die Lehrerfrau vorne im Lehnstuhl so apathisch, daß die Kleine in den Torfkasten kroch. Hilde ordnete ihr Haar und wollte sich entfernen. »Adieu, Frau Lindenhahn.« Keine Antwort! Das junge Mädchen bemerkte jetzt, daß die Frau mit geschlossenen Augen im Stuhle lehnte, und rief angstvoll: »Frau Lindenhahn, Frau Lindenhahn!« Die Ruhende holte tief Atem und murmelte Sinnloses. Die Zuhörerin blieb mit der Klinke in der Hand an der Tür fluchtbereit stehen, die Schläferin sprach deutliche Worte. »O, Rauch und Feuer ... Hadersleben raucht, und Kolding brennt ... das ist die Apotheke am Markt ... die Flammen züngeln.« Hilde fragte bebend: »Wird Krieg in unserem Lande sein?« »Ja, ein Krieg und wieder ein Krieg und noch ein Krieg. Hier auf der Diele liegen vierundzwanzig, Rücken an Rücken.« Hilde rüttelte die Schläferin, die nicht reagierte und gedämpfter redete: »Fräulein, o ... der Brief! Verbrennen Sie den langen, bösen Brief! Wie lange weinen Sie? Fünf Jahre ... und Sie werden getröstet werden.« Blaß und zitternd ging die Pastortochter von dannen. Besaß die kranke Frau das zweite Gesicht? Ein Brief sollte ihr Herzeleid bereiten ... ein Brief von Reuter? Hilde lief in die Einsamkeit ihrer Giebelstube, wo sie die Tränen rinnen ließ. Ein bitteres Leid war ihr bestimmt. Ein Brief, daß Kunz durch seine Tollkühnheit umgekommen oder im Duell gefallen sei? Plötzlich schlug das Wetter um, und das Weinen versiegte. Ihre Vernunft bäumte sich gegen das unsinnige Geschwätz auf, die Reden einer überspönigen Person sollten ihr nicht den Verstand verrücken. Hilde hatte die äußere Ruhe, die sich nichts merken läßt; aber ihre Seele ging mit Beklommenheit dem Samstag, der regelmäßig den Kieler Brief brachte, entgegen. Am Sonnabend kam gar kein Brief, auch nicht am Sonntag. Am Montag quälte Hilde ihr Gemüt mit all den Unglücksfällen, die Kunz betroffen hätten. Am Dienstag schrieb die Mutter ohne Wissen der Tochter, deren elender Zustand ihr Sorge machte, an Reuter, daß er sofort antworten solle. Von Mittwoch bis Freitag war jeder Tag eine Folter. Hans Kuchenfrau, der für seine gichtgelähmte Stine, die zwanzig Jahre lang bei jedem Wetter gegangen war, jetzt die Körbe schleppte, auch kleine Gewerbe und Briefe aus Norderhusen besorgte und darum als Fortsetzung der Firma »Stine Kuchenfrau« »Hans Kuchenfrau« hieß, schneuzte sich mit den Fingern und nahm den Brief, der oben auf den Heisewecken lag. Die Pastorin riß ihm das Schriftstück aus der Hand, lief, so schnell sie watscheln konnte, nach der Stube und rief triumphierend: »Hier ist der Tröster, nun trockne deine Tränen, mein Kind!« Hilde lächelte leise beim Anblick der geliebten Handschrift, öffnete die Hülle mit der Schere, ihre Hand zitterte, ihr Herz klopfte und stand jählings still. Ein Schrei gellte, der kurze, wehe, wunde Aufschrei eines tief, ja tödlich getroffenen Herzens schnitt durch die Luft, und die kleine Pastortochter sank wie tot hin. Doch der Atem stockte nicht. Es war jene tiefe Ohnmacht, die den Geist in sanfte Bewußtlosigkeit bettet und dadurch den ersten tückischen, leicht tödlichen Stoß auffängt. Frau Gertrud holte in dieser Not ihren Gatten und mußte das gut gewahrte Geheimnis verraten. Pastor Fangel las den Brief und ließ die Pfeife ausgehen. Ja, Reuter blieb auch in dieser fatalen Situation der Gentleman, der also schrieb: Unbedingte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gegen sich und andere sei das höchste sittliche Gebot, und die Selbsterkenntnis ein kategorischer Imperativ, dem er gehorchen müsse, so hart es seinem Herzen falle. Aus Mitleid dürfe er nicht länger schweigen, sondern müsse er mit schmerzlicher Verzweiflung bekennen, daß er zu der bitteren Einsicht gekommen sei, seine Verliebtheit sei Selbsttäuschung und seine Verlobung Uebereilung gewesen. Es sei ja sein Fehler, sein Fluch, daß der Augenblick ihn hinreiße und sein starkes Gefühl mit ihm durchgehe. Auf den Knien bitte er Fräulein Fangel, ihm sein übereiltes Wort zurückzugeben und ihm nicht zu zürnen, sondern mit jener engelhaften Güte, die ihn geblendet habe, ihm zu verzeihen. Mit der heiligen Versicherung, daß er einen Engel verliere, aber vor Ehre und Gewissen nicht anders handeln könne, daß sie als eine der edelsten Frauen, die er je kennen gelernt, einen Ehrenplatz in seiner Erinnerung behalten werde, schloß der Abschieds- und Scheidebrief. Der Pastor schüttelte sein Haupt. »Ich habe dem Menschen nie vertraut und nie verstanden, daß Heimreich diese Freundschaft schloß. Zwei Geister wohnen unvermittelt in Reuters Brust, ein lebhafter, begabter, hochgemuter, leicht zu großen Taten hingerissener Geist, aber auch ein eitler, hohler, selbstgefälliger und leichtfertiger Mensch, der im Affekt der Größe, doch auch der Gemeinheit fähig ist. Mein Kind, er ist deiner nicht wert.« »Er ist ein schlechter Mensch, ein Schurke.« Die Mutter verdammte den Treulosen. Doch Hilde richtete sich auf und verteidigte ihn. »Keiner darf ihn schelten! Er hat sich weil er meine Liebe sah, geirrt, er hat das angenehme, eitle Gefühl, geliebt zu werden, für eigene Liebe gehalten.« Frau Gertrud polterte. »Ich glaube, das törichte Ding hat den erbärmlichen Menschen noch immer lieb.« »Nicht den erbärmlichen, sondern den edlen Menschen, der in ihm ist, liebte ich ... und werde ich lieben,« sagte die Tochter. Der Vater nickte und streichelte ihr Haar. »Dich kann kein anderer trösten als Gott der Herr, der ein guter Arzt, aber auch die Zeit ist eine treffliche Aerztin ... ich habe noch keinen Menschenschmerz gesehen, den die Jahre nicht heilten.« In den nächsten Wochen sahen die Eltern mit Sorge, wie blaß Hildes Wangen wurden, wie das sanfte Lächeln verschwunden war und statt der Grübchen ein schmerzlicher Zug um den Mund sich legte, doch sie wunderten sich, daß sie nie eine Träne weinte, sondern still ihre Arbeit tat und mit Ergebung ihren Schmerz trug. Nur die Samaritertätigkeit im Lehrerhause unterblieb vorläufig, denn die Pastortochter hatte vor der Hellseherin ein inneres Grauen. Pastor Fangel hatte seinem Sohne in Kiel die traurige Affäre mitgeteilt und mit väterlichem Ernst ihm befohlen, jede Zuredestellung zu unterlassen, jeder Begegnung mit Reuter und jedem Rencontre auszuweichen. Heimreich hatte seit zwei Wochen seinen Freund nicht gesehen und erwartete bestimmt seinen Besuch am dritten Sonntag, ließ eine Flasche Wein holen und lächelte: ein guter Tropfen soll die Freundschaft warm halten. Reuter kam nicht, wohl aber eine Ahnung, daß etwas nicht geheuer sei. Als es dunkelte, zog Heimreich den Ueberrock an, um durch die Gassen zu flanieren, instinktiv gingen seine Füße nach dem Kleinen Kiel, und vor dem hell erleuchteten Hause des Schiffsreeders blieb er stehen. Da drinnen bewegten sich viele Gäste, und war eine glänzende Fete, bei der Kunz nicht fehlen werde. Die Gestalt lehnte draußen am Gitter, horchte und spähte nach dem Fenster. Hinter der Gardine hob sich ein schlanker Schatten, diese charakteristische Schattenfigur war kein anderer als Reuter. Neben ihn trat – die Palmen bildeten einen Vorhang und verbargen den Gästen das Paar –, an ihn schmiegte sich eine kleine, zierliche Figur mit langen Zöpfen. Im Versteck berührten ihre Lippen sich, es war ein urkomisches Schattenbild und Intermezzo. Aber Heimreich wurde toternst und tieffinster. O, das mußte der Backfisch sein, der im Eise schwamm, als Schiffsmeier seine Börse hielt und viertausend Kurantmark für das Leben seines Kindes bot. O, die Schatten reden und verraten. Ein scheußlicher Argwohn, ein wütender Grimm wühlte in des Kandidaten Seele. Am Montag erhielt er den Brief seines Vaters, der trotz seines gestrigen Gesichts wie ein Donnerschlag ihn traf. Meine arme, kleine Schwester! Ich habe mit einem Erbärmling Freundschaft geschlossen und den Elenden in unser Haus geführt, ich bin der Urheber deines Jammers. O, über meine sündhafte Torheit! Sah ich nicht oft die Flatterhaftigkeit seiner Seele, und daß er bei allem männlichen Trugschein ein charakterloser Schwächling war, der nicht von eigener Willenskraft und sittlichen Gesetzen geleitet, sondern von augenblicklichen Sinnen und Trieben beherrscht wurde? Würde nicht jeder andere Bruder den Lump vor seine Klinge fordern? Aber der besorgte Vater bindet mir die Hände. Also heißt es, ein gehorsamer Sohn sein und den Zorn in sich schlucken. – Der gutmütige, menschenfreundliche Heimreich war an dem Tage ein rachsüchtiger Mensch, und dennoch faßte er den guten Entschluß, die Infamie ungesühnt, den studentischen Ehrenkodex und den ehrlosen Kerl zum Teufel fahren zu lassen und jedem Rencontre auszuweichen. Kiel aber war eine kleine Stadt von 15 000 Einwohnern. Auch ist eine tiefe Gemütsstille die Vorbedingung des geistigen Fleißes. Der Theologe hatte kein rechtes Sitzfleisch, keine innere Sammlung und Ruhe, warf das Repetitorium als ein ödes Wiederkäuen hin und ging an die Luft, um ziemlich planlos zu promenieren. Einmal sah er Reuter, der im vollen Wichs der Burschenschaft wohl von der Mensur kam, durch die Holstenstraße flanieren – der Anblick erregte eine Wut in ihm – doch der Herr huschte um die Fleethörn-Ecke. Es war ein Freitag, der dem Tagwähler als Unglückstag gilt und in der Tat mit Aerger anfing, mit kleinen Tücken des Objekts. Den Henkel der Kaffetasse behielt er beim ersten Schluck in der Hand, und die Tasse lag auf dem Teppich in Scherben. Die verschlagene Magd hatte ihm die durch ihre Fahrlässigkeit gesprungene Tasse hingestellt, damit ein anderer Schuld und Schaden habe. Kein gutes Omen sind Scherben am Morgen, hatte seine Mutter ihm eingeschärft. Im Hemd fehlten zwei Knöpfe! Hol's der Geier! Er mußte es ausziehen und die Nadel nehmen, er stach und stocherte und traf die kleinen Löcher nicht. Ja, beim zweiten Einfädeln fiel ihm die Nadel aus der nervösen Hand. Es war seine letzte, die er auf dem Teppich wie eine Stecknadel suchen mußte. Ein fader, trockener Geschmack im Munde belästigte ihn. Da stand noch unberührt die Flasche, die als Lockmittel für den sauberen Herrn Schwager bestimmt gewesen war. Er trank ein Glas gegen die Trockenheit und noch ein stilles Verachtungsglas auf das Unwohl des Esels. Als Heimreich endlich zum Bibelkommentar griff, da lief eine feiste Spinne über das Blatt und eine fette Laus ihm über die Leber. Mit einem dänischen Fluch – die Dänensprache ist darin reich wie keine andere – klappte er das Buch zu und quetschte er die Spinne tot, die Morgenspinne. Der Tag taugte nicht zum Arbeiten und wurde zum Ausgehen benutzt. Können so lächerlich kleine Dinge ein Menschenschicksal bestimmen? Fangel traf den Studenten Catilina, der nie Geld und immer Durst hatte und, wo er Moos vermutete, ein Kleber war. Bloß weil er nicht das einzige Wort »Nein« zu sagen vermag, geht mancher einen heillosen Weg. Aus purer Nachgiebigkeit ließ Fangel sich nach dem Lokal von Wichmann verschleppen. Ein paar bemooste Häupter nahmen den unentbehrlichen Frühtrunk, der dem Neuling gefährlich ist. »Der Rum geht ins Blut!« rief Catilina, entzückt von der raschen Wirkung. Fangel erwiderte jedes Prosit und blinzelte schlau. »Einem Theologen trinkt jeder gern zu, aber hinter dem Ohre sitzt ein Schelm, der dem Gottesmann ein Räuschlein anhängen möchte. Mich kriegt man nicht unter den Tisch ... und warum nicht? Weil dieses Glas mein letztes ist. Prosit!« Er trank aus und wollte sich entfernen. Warum nicht eine Minute früher? Bestimmt eine Minute ein Menschenschicksal? Plötzlich stand Kunz hinter ihm in der Gaststube, faßte sich schnell und grüßte mit einer liebenswürdigen Handbewegung den ganzen Tisch. Der Anblick des erbärmlichen Menschen entzündete alle Leidenschaften in der alkoholerhitzten Seele des Theologen. Doch er wäre gegangen, wenn nicht Catilina und alle anderen Kommilitonen aufgesprungen wären und die Hände ausgestreckt hätten: »Wir gratulieren zu Ihrer Verlobung mit der Tochter des reichen Schiffsmei- Schiffsreeders. Eine grandiose Partie! Weg mit dem plebejischen Punsch! He, Vater Wichmann! Der Schwiegersohn eines Millionärs wird Champagnerwein befehlen.« So erfuhr Heimreich die gestern publizierte Verlobung. Der Elende hatte noch gemeiner gehandelt, hatte seine Schwester verlassen, um mit einem schwerreichen Mädchen sich zu verloben. Es kochte und siedete in dem stummen, starren Mann, die Glut wurde zur Wut, die Blässe des weißen Zornes überzog das rote Gesicht mit ihrer graufahlen Farbe. Dennoch trat er einen Schritt zurück, um zu gehen. Reuter drückte der Reihe nach die Hände und dankte für die Glückwünsche. Da geschah das Unerwartete, Unerhörte, das Widernatürliche – Reuter streckte dem finsteren Kandidaten die Hand entgegen und sagte frechfreundlich: »Sei mir nicht böse! Ich konnte nicht anders! Laß die häßliche Geschichte vergessen sein, gib die Versöhnungshand her, Holger Deutscher!« Heimreich, der mit seinem studentischen Spitznamen Holger Deutscher hieß, war von der maßlosen Unverfrorenheit und Heuchelei so konsterniert, daß er Reuter ausreden ließ und nach Luft rang; aber ein Vulkan von Grimm raste in ihm und kam zur jähen Eruption. Mit der geballten Faust schlug er die falsche Hand herunter, stieß er Reuter vor die Brust, so daß dieser taumelte. »Du wortbrüchiger, nichtswürdiger Lump, bleibe mir drei Schritt vom Leibe, oder ich züchtige dich wie einen Buben, dem man durch Prügel Mores beibringt!« Die Kameraden nahmen für den Angegriffenen Partei, schrien und schalten: »Bist du betrunken oder verrückt?« Der Wirt Wichmann breitete die Arme beschirmend um seine teuren Gläser und lamentierte: »Kinners, Kinners, makt mi nich unglücklich!« Kunz Reuter stand in Geistesgegenwart und Größe. »Ich prügele mich nicht, wie die Bauernrüpel in Hyllerup, aber ich werde mir für die unglaubliche Injurie volle Satisfaktion verschaffen.« Heimreich spürte jetzt nach der Eruption keine Aufregung mehr, sondern eine seelische und körperliche Erleichterung, als wenn er ein Gift, das tagelang an seiner Seele gefressen, ausgespien habe. Mit viel Haltung verließ er die Gaststube, ging nach Hause und hielt ein langes Mittagschläfchen, das keine Reue oder Furcht störte. Er schlummerte noch, als es energisch klopfte, und Reuters Kartellträger traten ein. Es waren zwei mit Reuter bekannte Mitglieder des Korps Holsatia, die offenbar von ihrer eigenen Bedeutung und der Größe ihrer Mission – bei einem wirklichen Duell Zwischenträger zu sein – ganz durchdrungen waren, würdevoll, wie eines Königs Legaten, auftraten und mit aller Förmlichkeit und Feierlichkeit eine Forderung auf schwere Säbel ohne Binden und Bandagen, bis der eine Kontrahent nicht mehr stehen könne, überbrachten. Heimreich erklärte ruhig, auf das ungeschriebene Gesetz sich berufend, daß er sich zum Examen vorbereite, nicht mit einer frischen Blessur in die Prüfung gehen könne und daher eine Säbelmensur ablehnen müsse, doch sei er zu jedem anderen Zweikampfe bereit, obgleich er Reuter nicht für einen Ehrenmann halte. Der Wortführer der Holsaten wurde noch feierlicher in Haltung und Miene und fügte mit schnarrender Stimme: In dem Falle wähle ihr Klient Pistolen als Waffe und die schweren Konditionen, fünfzehn Schritte Distanz und fortgesetzten Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit des einen Kontrahenten. Der Theologe schaute sinnend aus dem Fenster. Das ging auf Tod und Leben. Doch gab es keinen Ausweg aus der Sackgasse, wenn er seine studentische Ehre behalten wollte. Mit gut gespielter Kaltblütigkeit nahm er die Bedingungen an, war auch mit Ort und Stunde einverstanden. Zeremoniell verbeugte man sich hüben und drüben. Die feierliche Staatsaktion fand aber einen lächerlichen Abschluß, insofern der eine würdevoll steife Legat mit der Tasche seines Rockschoßes in der Türklinke hängen blieb. Und Heimreich lächelte boshaft. Es war sein letztes Lachen in dieser Woche, die ein steter Zweikampf seiner widerstreitenden Gefühle war. Eine Stimme trotzte und tröstete: das soll ein Gottesurteil sein zwischen ihm und mir; der allmächtige Gott wird mir beistehen, weil ich nicht meine Sache verfechte, sondern für gottloses Unrecht heilige Vergeltung suche. Eine andere Stimme aber schalt und strafte: Du Tor, meinst du, daß die Vorsehung in das frivole Spiel um ein Menschenleben die Finger steckt oder dich in deinem Frevel beschirmen wird? Du Narr, wer hat dich zum Rächer berufen? Du gewisserloser Sohn willst deinem Vater ungehorsam sein, deiner Mutter Herzeleid bereiten und wider Gottes Gebot sündigen. Es waren böse Tage und bange Nächte, obwohl keine Furcht vor der Kugel ihn beklemmte. Der Theologe lernte in der Not das Beten, das Flehen und Feilschen mit Gott. Aber zu dem heroischen Entschluß, dem gottwidrigen Zweikampf zu entsagen und den Schein der Feigheit auf sich zu nehmen, hat er sich nicht durchgerungen. Die Universitätsbehörde hatte in letzter Zeit kraft eines Winks von oben – weil die Herren in Kopenhagen für die studentischen, germanischen Gepflogenheiten absolut kein Verständnis und vor den barbarischen Gesichtsverzierungen einen Horror hatten – schärfere Erlasse gegen alle Raufhändel, Paukereien und Mensuren ans schwarze Brett geschlagen, und mit manchem Pfui Teufel behauptete man, daß üble Subjekte Denunziantendienste täten. Daher wurde das mit Relegation bedrohte Pistolenduell aufs vorsichtigste inszeniert. In den Hörsälen und Wandelgängen erzählte man sich im tiefsten Vertrauen, daß am 4. März frühmorgens im hinteren Saale bei Wichmann die viel besprochene Affäre zum Austrag komme. In aller Herrgottsfrühe des vierten stürmten die spürnasigen Pedelle das Lokal von Wichmann, erschreckten das Dienstmädchen, das einen Schreikrampf bekam, und drangen mit dem Rufe »Im Namen des Königs und Herzogs« in die gähnende Leere des Saales hinein. Der Wirt hörte den Lärm und brüllte durchs Fenster auf die Gasse: »Einbrechers, Mörders! Poli–sei, Poli–sei–ei–ei!« Als die Pedelle erschienen und mit Amtsmiene ein scharfes Verhör anfingen, stand Wichmann in der Unterhose vor ihnen und rang die Hände: »Kinners, Kinners, makt mi nich unglücklich!« Zwei Polizisten kamen im Laufschritt an und verhafteten Wichmann im Namen des Königs, bis die Sache sich aufklärte. Alle tranken ein großes Glas Grog, das der Wirt ausgab, um die Hüter des Gesetzes zu erwärmen und sich warm zu halten. Pünktlich zu derselben Stunde wurde weit draußen im Düsternbrooker Walde der Zweikampf ausgefochten. Ein alter Mediziner, durch sein Bäuchlein und seine sechzehn Semester berühmt, saß auf einem Baumstumpf, fingerte in dem Verbandskasten herum und fühlte sich offenbar am wohlsten von allen, sintemal er endlich Arzt – wenn auch nur Paukarzt – geworden war. Die anderen jungen Herren benahmen sich sehr steif und zeremoniell, Reuter redete viel, rauchte keck und zeigte viel Courage. Fangel machte einen blassen, fröstelnden Eindruck und sprach mit seinen Sekundanten, Mitgliedern der Burschenschaft Albertina, denen er einen Brief gab, der nur im Falle, daß – abgesandt werden solle. »Wie Ihre Hand zittert! Nehmen Sie sich zusammen!« flüsterte der eine Albertine. Die Waffen waren geladen und von den Sekundanten geprüft worden. Der Unparteiische, der die Distanz maß, machte sehr lange Schritte, um die Entfernung zu vergrößern. Reuter tat noch einen letzten Zug und blies Rauchringe in die Luft, um seine gigantische Gemütsruhe zu zeigen, ergriff die Pistole und hielt die brennende Zigarre in der Linken, um gleich nach Erledigung der Affäre weiter zu rauchen. Zwei Schüsse krachten. Nichts fiel, nichts floß. Dann ein Laufen und Lachen! Der Paukarzt rief: »Potztausend, die Kugel pfiff an meinem Kopfe vorbei,« und lief mit seinem Kasten hinter eine Eiche. Die Pistolen wurden geladen. Eine Krähe, vom Geschieße aufgeschreckt, flog über die Lichtung und ließ vor Angst etwas fallen. Das tropfte vom Himmel auf Heimreichs Rock; sein Sekundant sah das Omen und sagte: »Das bedeutet Glück.« Zwei Schüsse fielen kurz hintereinander. Reuter stand groß und heldenhaft und nahm die Zigarre in den Mund. Fangel jedoch stürzte hintenüber und griff nach der Brust. Schien eine schlagende Widerlegung der eben ausgesprochenen Verheißung! Aber keine Blessur, kein Blut war zu entdecken. Der Gefallene sprang ebenso plötzlich auf die Füße und sagte energisch, er könne stehen. Nach dem dritten Kugelwechsel stand Heimreich auf seiner Stelle und stierte nach dem Gegner hinüber. Der machte eine kuriose Bewegung, als wenn er einen Kriegs- oder Freudentanz anfange, drehte sich auf einem Beine um sich selber, taumelte und stürzte. Die Kugel saß im Oberschenkel, wie der Paukarzt konstatierte. Als dieser mit der Zange in der Wunde herumwühlte, um die Kugel zu fassen, brüllte Reuter, nicht wie ein Stoiker, sondern mehr wie ein armes Schlachttier, das man vor Weihnachten schreien hört. Der Theologe, der sehr niedrig gezielt hatte, spürte einen Schmerz in der Brust und knöpfte die Weste auf. Ein Holsate fragte recht spöttisch: »Warum machten Sie den Purzelbaum, der nicht programmäßig war?« »Darum!« lautete die Antwort. Die Kugel, die den ihr gewiesenen Weg nach dem Herzen richtig eingeschlagen hatte, war von einer unsichtbaren Hand pariert worden, war an der Metallschnalle des Hosenträgers abgeprallt und hatte die Schnalle ganz platt gedrückt und die Spitzen ins Fleisch hineingetrieben. Nachdem Fangel vernommen, daß Reuters Verwundung nicht lebensgefährlich sei, hat er sich schnell entfernt, ohne dem Gegner die Hand zu reichen. – Piepgras, der Pedell, horchte überall hin und her. Im Auftrag des Senats und Syndikus besuchte er den Studiosus Reuter, der im Hause Schiff-Meiers von sanfter Hand gepflegt wurde. Der Patient erklärte, daß er bei einem Spaziergange in Düsternbrook von irgend einer verirrten Kugel getroffen worden sei. »Nicht wahr, mein lieber Piepgras? Wer Pech hat, der stolpert im Grase, fällt auf den Rücken und bricht die Nase.« Der Pedell nahm eine Prise und sagte: »Ich werde auf den fahrlässigen Schützen fahnden und ihn finden.« Er fand ihn. Es wurde allgemein geglaubt, daß der Demokrat Catilina der Verräter und Geheimagent der Universitätspolizei sei. Fangel wurde am dritten Tage nach dem Duell von dem freudig grinsenden Oberpedellen zu einem Besuch bei dem Universitätsrichter abgeholt und von dem Richter vernommen. Weil er sofort alles eingestand und nicht aus unedlen Beweggründen den Streit provoziert hatte, war man zur Milde geneigt. Er ist von seinen gnädigen Richtern nicht relegiert, sondern zu einem Jahre Festung verurteilt worden. Die Strafe wurde aber dadurch verschärft, daß die Regierung in Kopenhagen ihm die dänische Festung Nyborg auf Fühnen anwies und seine Bitte, in Rendsburg seine Strafe zu verbüßen, schroff abschlug. War das auch eine praktische Anwendung der berüchtigten Austauschtheorie? Oder eine kleine Bosheit? Heimreich ging auf dem Seewege, um der Heimat und einem schmerzlichen Wiedersehen auszuweichen, ins Exil. Schwermütig saß er auf dem Ankerspill der »Najade«, und kein Hoffnungsstrahl erhellte seine düsteren Gedanken. Ein ganzes Jahr seines Lebens ging nicht nur nutzlos verloren, sondern war auch höchst nachteilig für alle Zeit; denn, wenn es auch eine sogenannte custodia honesta – eine Ehrenhaft – war, so drückte sie doch dem Theologen, der sich nicht duellieren darf, ein Brandmal auf. Sein Examen war vertagt, vielleicht in Frage gestellt, seine Zukunft gefährdet, sein Ziel – ein trauliches Pfarrhaus und eine traute Pfarrfrau – in weite Ferne gerückt. Ein Jahr war ihm eine unabsehbare, unendliche Zeit. Sein Vater hatte sehr wehmütig, seine Schwester, für deren Ehre er gekämpft, so bittere Wahrheiten ihm geschrieben: Wehe, wenn du Reuter getötet hättest, ich würde vor meinem Bruder ein Grauen gehabt haben; seine Mutter hatte so laut geklagt: Nun haben die Dänen einen Vorwand, deine Ordination und Anstellung hinzuhalten. Heimreich war noch nie so mißmutig und hoffnungsarm gewesen. Der Kapitän der »Najade«, ein schlichter Schiffer, blieb vor dem grübelnden Passagier stehen, drehte den Tabak im Munde und blinkerte gutmütig: »Je schwerer der Sturm, desto schneller hat er ausgetobt. Das weiß der dümmste Seemann. Das Unglück ist nur, daß wir uns vor dem Unglück so gräsig gruseln. Der Mensch im Malheur fährt, wie der Schiffer im Nebel herum, und sieht Gespenster. Das allergrößte Unglück, das wie eine riesige Viermastbrigg an Backbord aufkommt und uns in den Grund bohren will, ist, wenn die Sonne durchbricht, nur ein alter Ewer, der uns den Achtern zukehrt. Lernt man so was nicht in Kiel, wo die Gelehrsamkeit mit Löffeln gegessen wird? Vor vier Jahren verlor ich bei Skagen mein Schiff und mein bißchen Eigentum und Armut, denn ich war Partner. Da hätte manch einer laut geheult im Dünensand, ich habe aber an meinem heilen Kadaver heruntergefühlt und gelacht: Hurra, ich hab' das Leben, ein bannig langes und schönes Leben gerettet! Seitdem freue ich mich jeden Morgen wie ein Kind, daß ich in meiner warmen Koje und nicht in hundert Faden Wasser liege, bei jeder Pfeife, bei jedem Glas Grog, das ich in den vier Jahren getrunken habe, schlage ich mir auf den Schenkel und spreche den Seemannsspruch: Gott si Dank, Krischan Kühl, datt du levst, datt din Eten und Drinken, din Grog und Priem und Piep di smeckt!« Die einfache, drastische Schifferweisheit war ein guter Tröster, von dem eine sich ermannende Kraft ausging. Heimreich raffte sich auf und dachte: Gott sei Dank, daß die Hosenschnalle zum Schilde wurde, daß ich nicht auf dem Kieler Kirchhof liege! Was ist ein Jahr, wenn noch ein ganzes Menschenleben zur Verfügung steht? Freilich, die nächste Zukunft war scheußlich und die Festung Nyborg in Kiel übel verschrien als ein ödes Exil und elendes Kapua der Geister. Aber wie angenehm enttäuschte ihn die freundliche Lage der Stadt am Großen Belt, wie sehr ähnelte die hübsche Umgebung mit ihren Hügeln, Knicks und kleinen Buchenwäldern seiner nordschleswigschen Ostküste, so daß er gar nicht im fremden Land sich fühlte. Sein Ohr freilich merkte sofort, daß das singende Idiom des Fynbo, des Fühnbewohners, eine ganz andere, wenn auch verständliche Sprache sei. Über dem einen Stadttor war ein Stockwerk, darin ihm zwei Zimmer, die er so komfortabel, als seine Mittel es ihm erlaubten, ausmöblieren mochte, als Gefängnis zugewiesen wurden. Ein äußerst humanes Gefängnis, eine sehr wohnliche, fast trauliche Sträflingszelle, in der sich mit Lust studieren ließ. Von den nicht vergitterten Fenstern schweifte der Blick über den kleinen, netten Hafen und den glänzenden, meilenbreiten Belt, der eine rege Schiffsstraße ist. Ein Stündchen alle Tage beobachtete er das Spiel der Wellen, die verschiedenen Segler und vorbeiziehenden Dampfer. Da der Häftling weder Hede noch Hanf zupfen sollte, trieb er seine Studien. Der Kommandant der Festung, bei dem er sich meldete, empfing ihn höflich, versprach möglichst wenig Freiheitsbeschränkung und lud ihn sogar ein, seine Familie zu besuchen. Das übertraf seine Erwartungen. Der Hardesvogt der Stadt, der ein Studiengenosse seines Onkels und dem er empfohlen war, invitierte ihn ein für allemal zum Mittagessen am Sonntag. Der Familienverkehr erheiterte das Gemüt des Gefangenen, der alle Tage auf den Wällen und bald außerhalb der Festung spazieren durfte. Freilich, ein Soldat folgte ihm in einiger Entfernung wie sein Schatten, weil es Vorschrift war; doch der gutmütige Jüte Jens wurde, statt Wächter, immer mehr zum Bedienten, der Mantel und Schirm trug. Die Bewohner der Stadt gafften erst neugierig und grüßten dann den freundlichen Fremdling und seinen Arrestanten, besonders nachdem dieser beim Kommandanten und auch beim Oberst zum Abendessen gewesen war und die höchste Ehre in Nyborg genossen hatte. Freilich, die letztere Ehre und Einladung hatte Ursachen, der urbane Oberst besaß einen Knaben, der dem Kandidaten als ein ungemein begabtes Kind, das ein geborenes Sprachgenie sei und das brennende Verlangen, die deutsche Sprache zu erlernen, hege, vorgestellt wurde. Fangel verstand den zarten Wink – daß die eben verzehrte Abendwurst ein Wurf nach dem Schinken gewesen – und unterrichtete den mediokren Burschen, um sein Exil zu einem Erholungsort zu machen. Die sogenannte Festungshaft war und ist fast immer keine Strafe, sondern eine von der gestrengen Frau Justitia aufgeführte Farce. Der junge Herr verkehrte in den besten Familien und war in der kleinen Stadt ein großer Herr, dem Jens, sein Leibdiener, die Gummischuhe aus- und anzog. Dennoch blieb er ein Fremdling und sein Herz in der Heimat, die in den Briefen von zu Hause mit ihrer Traulichkeit und ihren täglichen Interessen zu ihm kam. Triumphierend meldete Frau Gertrud, daß die Untersuchung wegen der entstellten Neujahrspredigt in ihrer Nichtigkeit erkannt und in tiefster Stille niedergeschlagen sei; aber bald berichtete sie, daß der Amtmann auf eine Gelegenheit warte, um einen neuen Angriffspunkt zu finden. Das war betrübend, aber Hildes Briefe erquickten ihn. Sie schien den schweren Schmerz überwunden und den erbärmlichen Menschen, den sie nie erwähnte, aus dem Sinn gerissen zu haben. Von Eskild Thorö erzählte sie ausführlich, daß dieser nach langer Zeit einen Besuch gemacht und schüchtern-ungelenk um Entschuldigung für sein langes Fernbleiben und jetziges Erscheinen gebeten habe; er sei ein grundguter Mensch, der rührend blöde gestammelt habe: »Ich weiß, was Ihnen so weh tut, aber Sie werden es verwinden, weil Sie gut sind. Man muß geduldig sein und auf das Glück zu warten wissen.« Wie er ihr Geheimnis erraten, sei ihr ein Rätsel. Der Bruder las es und lächelte: Mit dem Instinkt der Liebe, die blind sein soll und so tief blickt. O, wenn sie den Lump vergäße und mit dem braven Eskild sich verlobte! Der Gedanke lag ihm nahe – und lag ihr meilenfern. Hilde siechte nicht, wie eine sentimentale Törin und Tränenliese, am gebrochenen Herzen dahin. Kunz war ihr ein Gestorbener, von dem man nicht spricht, weil er kein schönes Ende nahm. Aber man redet, wenn es sein muß, nur Gutes von dem Toten. – – – Eines Tages erhielt Heimreich eine schmerzliche Nachricht durch die wenig zarten Worte der Mutter: »Mein Sohn, hänge nur nicht dein Herz an eine Dänin in Nyborg und schlage dir die Bodil Hansen aus dem Sinn, denn sie ist eine fanatische Südjütin und besucht fleißig die Agitationsversammlungen im Kruge, wo Laurids Skow die Eidergrenze fordert und Rolf Krake auf die deutschen Pfaffen schimpft.« Das war ihm eine bittere Kunde, denn er hatte im stillen gehofft, daß die Trennung ihren Trotz erweichen und die Sehnsucht eine Brücke bauen werde. Nun machte Bodil den Zaun noch höher, den Graben noch tiefer, so daß ihre Herzen vielleicht nimmer zusammen kämen. Im Kruge zu Hyllerup war eine Versammlung gewesen. Sechs Rüböllampen und zehn Talglichter brannten im Saale, Bauern, Knechte, Tagelöhner, die einen guten Rock angezogen, aber die Holzschuhe an den Füßen, die Pfeife im Munde hatten, auch einige Frauen im Kopftuch füllten die Bänke, alle rauchten, spuckten und guckten nach dem Rednerpult, einer mit rotweißen Kattunstreifen patriotisch bekleideten Zuckerkiste, auf der zwei Lichter und eine sogenannte Kontortasse mit Kaffepunsch zur Stärkung des Rhetors standen. Skow, ein viertelgebildeter, aber ganz eingebildeter und sehr redegewandter Bauer, der die Schlagworte der Eiderdänen zu brüllen verstand, nahm seine Kopfbedeckung vom Haupte und fing an: »Ich nehme meinen Hut ab vor allen dänischen Männern und Frauen, die heute gekommen sind, und ich hebe hochachtungsvoll meine Rockschöße auf vor allen Deutschen, die hier erschienen sind.« – Bravo, bravo! schrie Kaffepunsch-Hansens Sohn entzückt. Das war ein Witz, den die Bauern verstanden. Bodil rümpfte die Nase. Der Redner schilderte die Bedrückungen, welche die Dänen seit Jahrhunderten, von dem glatzköpfigen Grafen Gert bis in die jüngste Zeit, von den Deutschen erlitten hätten, in den gelehrten Schulen sei deutsch gelehrt, in den Gerichtssälen deutsch gerichtet, sogar am Königshofe in Kopenhagen sei noch unter dem verbrecherischen Struensee deutsch geplärrt worden, das fremde, freche Kauderwelsch des Südens habe als Herrensprache sich breit gemacht, und die sang- und klangvolle Dänenzunge, die tönende Sprache der Edda und Nordlandshelden, sei zur Magd und Sklavin des deutschen Geplärrs erniedrigt und in den Hütten der Knechte, unter dem Strohdach des Bauern geduldet worden. Aber jetzt sei die Sprache Thors und der Asengötter zu hohen Ehren gekommen, keine auf Erden habe so lieblichen Wohllaut, so mächtigen Klang, so starke Gewalt, die Barden mit Balders Geist zu salben, die Krieger mit dem Hammer Thors zu wappnen. Die dänische Muttersprache sei von allen Zungen Babels die Königin, die jetzt in Hütte und Königshof, in Schule und Kirche, in den Sälen des Gerichts und der Stände herrsche, und das deutsche Gekrächz sei verstummt und ein knechtisches Gestammel geworden, das scheu hinter den verschlossenen Türen der Pastorate und der paar heimdeutschen Häuser sich verkrieche. Die Dänenzunge werde herrschen vom Sund bis zur Eider, vom Oster- bis zum Westersalz, gepriesen seien Odin und Thor und alle Asengötter! Der große Laurids nahm den großen Kaffepunsch, um seine Kehle und Seele zu stärken. Seine patriotische Hand verschüttete ein wenig, als wenn er von dem Branntweingebräu eine feierliche Libation den Dänengöttern bringe. Bodils Augen leuchteten, denn sie liebte die Sprache und die Dichter der Dänen. Fortan gingen die Schlagwörter im Bauerngehirn des Agitators etwas durcheinander, aber es blitzte und donnerte wild: »Es lebe der sechste Frederik, denn er war der Erste, der dem Friedrich einen königlichen Fußtritt versetzte und Frederik sich nannte! Es lebe die Muttersprache, die bis zur Eider herrschen soll! Von Ewigkeit her ist die Eider als Grenze von Gott gesetzt. Tausend Jahre haben wir den Grenzwall, das Dannevirke, verteidigt, tausend Jahre wollen wir ihn wehren gegen das deutsche Gewimmel und Geschrei. Ich habe die Geschichte geprüft und will mit meinem Eide bezeugen: die Eider war und ist die Grenze und Völkerscheide zwischen den Freien und Knechten, zwischen den Dänen in schimmernder Wehr und dem zerrissenen Bettlerrock des deutschen Bundes, zwischen der dänischen Königssprache und dem germanischen Sklavengelispel. Die Eider ist die Grenze ...« »Nein, die Königsau!« rief ein Hitzkopf von irgendwoher. Ein Tumult entstand. »Schmeißt ihn heraus! Schlagt ihm den Puckel voll!« Der Danebrogsmand Hans Peder Sjöberg, der seine Dekoration trug, ging mit seinem Knotenstock von Bank zu Bank, um die Exekution zu vollstrecken. Doch der Übeltäter, der seinem Herzen Luft gemacht, meldete sich nicht. Als dem großen Laurids Stoff und Odem ausgingen, nahm Rolf Krake das Wort. »Es ist bewiesen worden, daß diese unsre Heimat Südjütland ein dänisches Land ist, aber hier und da in Kirche und Schule sitzen noch die heimlichen Heimdeutschen. Verdammt sei alle Deutscherei in Südjütland und alles deutsche Gelispel! Heraus mit allen Heimdeutschen, her–r–raus! Allen schleswig-holsteinischen Schreiern muß es mit blutigen Striemen auf den Rücken geschrieben werden, daß sie Dänen sind und bleiben sollen. Wir müssen reinen Tisch machen. Fort mit den Deutschen, die als Beamte von unsren Steuern sich mästen! Zum Teufel mit allen Hardesvögten, Schulmeistern und Pfaffen! Wir wollen ihnen ein Paar Holzschuhe und einen Haselstock vor die Haustür stellen, damit sie die Zeichen der Zeit verstehen und sich schnell auf die Socken machen.« »Mit Verlaub, dann brauchen wir doch keine Zehnten mehr zu bezahlen?« fragte eine Stimme aus der Versammlung. Rolf Krake überhörte den Zwischenruf und machte eine hauende Geste. »Wenn sie den Wink nicht verstehen, prügeln wir sie zum Lande heraus, haste mich gesehen, aus Südjütland her–r–raus.« Als der radikale Redner am Kaffepunsch sich stärkte, stand Bodil rasch auf und rauschte aus dem Saale; man sah es ihren schmalen Lippen an, daß die Rede nicht nach ihrem Geschmack war. Der arme Lindenhahn, der einmal protestiert und sich hinter seinen Vordermann geduckt hatte, stürzte ihr nach und machte sich aus dem Staube, nachdem er sein übereiltes Wort gehalten hatte. Im Dorfe bleibt nichts verschwiegen. Der Küster erfuhr schon morgens um fünf Uhr von dem ersten Tagelöhner, der aufs Feld ging, Lindenhahns Missetat. Seine Knie wurden ihm so knickerig, daß er nur zwei Eimer Dungbrei auf den Acker trug. Als er in seine Klasse ging, erwiderte er nicht den Gruß des Kollegen. Die Pfeife, die er stets, auf dem Pultsitz thronend, rauchte – um die schlechte Luft zu verbessern, wie er sagte – ging ihm oft aus, aber der Retstock klatschte häufiger als sonst auf dem Rücken der Faulen. Die großen Schüler stießen sich an: »He hett datt nich god hüt ... wahrschinlich hett sin Fru em ferhauen, und nu ferhaut he uns.« Die acht tüchtigsten Knaben waren seine Gehilfen, die je eine Abteilung unterrichteten. Ein Helfer überhörte den Katechismus, ein zweiter prüfte die Rechenaufgaben, ein dritter lehrte Schönschreiben, ein vierter ließ eine Abteilung lesen, der letzte trichterte den Analphabeten die Buchstaben ein, alle unter den Augen des Küsters, der vom Thron aus durch Wort und Wink regierte. In einer Ecke war ein großer, flacher Sandkasten, ringsumher kauerten die kleinen Schüler, die mit dem Zeigefinger im Sande malten und ihre ersten Schreibübungen machten. Während der letzten anderthalb Stunden schrieb oder rechnete die große Masse der Schüler, und die acht Helfer wurden vom Küster in der höheren Volksschulweisheit der letzten Hauptstücke, des Briefschreibens, der Erdkunde und Kaufmannsrechnung unterrichtet. So war die pädagogische Methode des Küsters, dessen Schüler meistens praktische und tüchtige Leute wurden. Beim Beginn der Mittagspause, beim Geklapper der zweihundert Holzschuhe blieb Lindenhahn an der Außentür stehen und nahm mit Ostentation vor dem Kollegen den Hut ab. Lauritzen schaute geradeaus, als wenn um ihn her Luft und Leere wäre. »Warum erwidern Sie nicht meinen Gruß?« »Das will ich sagen ... weil ich Leute, die sich zu Lumpen entwickeln, nicht kenne.« Lindenhahn prallte zurück und parierte den plumpen Hieb durch den Nadelstich der Ironie. »Leute, deren Überzeugung auf so schwachen Füßen steht, daß sie durch die Gründe der Gegenpartei umgeworfen werden, müssen freilich der Versammlung fern bleiben.« »Sie zupfen sich in schöner Selbsterkenntnis an Ihrer eignen Nase. Wer die wüste Hetzrede eines Skow ohne Protest anhört, ist ein Halber, auf beiden Seiten Hinkender. Jeder Verrat fängt mit der sogenannten Objektivität, mit dem Anhören an ... jeder Verräter lügt sich selbst die Haut voll.« Der zweite Lehrer bebte. »Ein Gläubiger kann es sich erlauben, so grausam grobe, unverschämte Zinsen zu nehmen.« »Was? Sie schulden mir keinen Schilling!« »Sie haben mir doch dreißig Taler vorgestreckt ...« »Höchstens könnte ich sie verschenkt haben, doch davon weiß ich nichts mehr.« Lauritzen machte sich von dannen, weil er eben gelogen hatte, und rief hinter sich, um sein Gewissen zu erleichtern: »Davon will ich nichts wissen.« Lindenhahn ging den ganzen Tag unglücklich umher und begab sich am Abend zum Küster, um zu beichten, wie er durch ein unbedachtes Versprechen in die Versammlung geraten sei. Lauritzen strich sich den Bartkranz und sträubte die Brauen. »Ja, die Weiber haben schon manchen Mann zum Weibe gemacht. Wie oft machte ich in Nordschleswig die traurige Erfahrung, daß die geriebenen dänischen Frauenzimmer einen gut deutschen Mann heirateten und ihn in Kürze zum halben oder ganzen Dänenaffen machten. Das ist der alte deutsche Jammer, daß keine Nation, kein Engländer und Franzose, seine Nationalität so oft und erbärmlich verliert, wie der Deutsche. Ich bin sogar überzeugt, wenn der Sohn unsres wackren Pastors, der Klaus, die Bodil kriegen könnte, daß er sich breit schlagen lassen, zuerst zur sogenannten Objektivität – haha –, zur goldenen Mitte und zuletzt zum vulgären Dänentum sich bekehren würde.« – Im Dorfe schwatzte und klatschte man viel. Die Hökerfrau erzählte allen Kunden, daß Klaus Fangel nach der reichen Bauerntochter seine fünf Finger sich lecke, seine zwei Beine sich ablaufe. Tatsache war, daß Klaus alle Woche auf Hylleruphof für ein Stündchen einkehrte, mit Jep Hansen laut bewundernd, und im stillen beneidend, durch die Ställe ging und möglichst dem Alten nach dem Munde redete. Nachher trank er Kaffe in der Stube und plauderte mit Bodil; eine immer neue Freude war es ihm, wie das Prachtmädchen für alle landwirtschaftlichen Dinge Interesse und Verständnis hatte. Das gäbe eine Musterfrau für einen Landwirt, auch ohne Mitgift. Aber sie brachte einen Hof – und was für einen! – mit in die Ehe. Dieser Gedanke war so schwindelerregend, daß dem guten Klaus ganz beklommen wurde; denn ein sehr reiches Mädchen ist auch sehr wählerisch und wird sehr viele Freier haben. Doch er tat, was in seinen Kräften und seiner Klugheit stand, um alles zu vermeiden, was ihr mißfiel, und alles zu sagen, was sie gern hörte. Sie horchte, wenn er seinen politischen Glaubensstandpunkt erklärte: »Ich bin ein friedfertiger Mann und halte mich fern von allem Streit. Ich rede dänisch mit den Dänen und deutsch mit den Deutschen, aber ich bin ein ausgesprochener Feind aller Unbotmäßigkeit und Revolution und unsrem König in Aufrichtigkeit untertan.« – Unsrem König! Das hätte sein Vater, sein Bruder hören sollen. Bodil wälzte die schmerzliche Frage: Warum konnte Heimreich nicht so moderat, so unpolitisch und passiv, wie sein einfacher Bruder, sich verhalten? O dann wäre ich ihm weit, weit entgegengekommen und alles einmal gut geworden. Sie nickte vor sich hin und blickte den Besucher freundlich an. Klaus las aus dem Blick mehr heraus, und seine schüchterne Hoffnung wuchs kräftig und schoß mächtig ins Kraut. Seine praktischen Träume bauten als Luftschloß ein neues Wohnhaus auf Hylleruphof und beschäftigten sich mit der zu nassen Wiese, die dräniert werden müsse. Nur ein Einziges war seinem Optimismus ein Ärgernis. Jedes einzige, ewige Mal, wenn er kam oder ging, erkundigte sich Bodil nach seinem Bruder, zwar mit einer nichtssagenden Miene, aber behende-beharrlich holte sie aus Klaus alles, was er von Heimreichs Befinden, Verkehr, Briefwechsel wußte, allmählich heraus. Jep Hansens Tochter ging immer seltener ins Pastorat, weil ihr Taktgefühl ihr sagte, daß ihre Beteiligung an den Versammlungen dem Pastor schmerzlich und der Pastorin anstößig sei. Als starker Charakter ging sie auf der betretenen Bahn noch weiter. Zu Mittsommer schloß Bodil sich der Völkerwanderung an, die nach dem Skamlingsbanke sich ergoß. Mit Unlust ließ ihr Vater anspannen, setzte sich auf den Bock, um den Kutscher zu sparen, und fuhr im Zuckeltrab die zwei Meilen; am Fuße des Berges stieg Jep herunter und trottete nebenher, auf den Sandweg und die Dummheit scheltend und die Pferde schonend. Tausende von Menschen erkletterten die Höhe, um hier des Dänenfeuers voll zu werden und den großen Zauberer, der in neuen Zungen redete, zu hören. Skamlingsbank ist der höchste »Berg« des Grenzlandes, von wo der Blick meilenweit über des Kleinen Beltes Silberband und den blauen Koldinger Busen, über die grüne Insel Fühnen, über zwanzig, dreißig weiße Kirchen und ein prächtiges Stück Erde schweift, wo Heimatliebe und Heimatstolz das Herz erfüllen. Der große Grundtvig war erschienen, um auf dem höchsten Berge Nordschleswigs den Dänengöttern einen Altar zu bauen und das heilige Dänenfeuer zu entzünden. Dieser Prediger, Dichter, Redner und Reformator war eine nach unsrem Geschmack exzentrische, aber eigenartige und ungemeine Persönlichkeit, mit viel Verschrobenheit verbrämt, die ihrer Zeit den Stempel ihres Geistes aufdrückte, eine nachhaltige Wirkung übte und bis auf diesen Tag eine große Gemeinde, die auf Grundtvigs Evangelium schwur und nach ihm genannt wurde, behalten hat. Das maßlose, lächerliche Selbstbewußtsein des kleinen Volkes, das in Größenwahn ausartete und schließlich in Selbstverblendung und Verderben führte, hat er geweckt. Ihm war das winzige Dänenvolk das neue Israel, das auserwählte Volk Gottes, das zu Hohem berufen und zum Sauerteig der faden Welt bestimmt sei. Unermüdlich und mit poetischem Überschwang predigte er von den Tagen der Größe und des Glanzes, als Dänemark eine Großmacht Europas, eine Königin der Ost- und Nordsee war, von den edlen Recken des Nordens und den hohen Asengöttern. Grundtvig verkündete auch in der Sprache der Edda ein spezifisch dänisches Christentum, das oft eine unreine, ja ungereimte Verquickung von Bibelwahrheit und heidnischer Götterlehre ist. Sein radikaler Patriotismus wollte auch die Schrift im Dänengeiste übersetzen und auslegen und schreckte selbst vor grotesken Geschmacklosigkeiten nicht zurück. Nach Luthers Bibel verkaufte Esau sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht; nach dem Urtexte aber sagt Isaaks leichtsinniger Sohn: »Gib mir von dem roten, dem roten Gericht da, und du kannst meinetwegen den Schmarren meiner Erstgeburt dir nehmen.« Grundtvig übersetzte unverfroren: Gib mir deine Rotegrütze – ein dänisches Nationalgericht – für meine Erstgeburt! Und die Gemeinde lachte nicht bei solchen Bibel-Burlesken, sondern lauschte sehr andächtig. Seine Person und Rede ging oft ins Extreme, liebte die Pose, die höchsten Affekte und haschte nach Effekten, doch sein Feuergeist und seine Dichtersprache entzündete einen flammenden Patriotismus und schleuderte Feuer und Glut in die kühl bedächtigen Bauerngemüter. Grundtvig war der Mann, der in Nordschleswig die Flamme des Fanatismus entfachte, war der Zauberer, der die Massen bannte, die Männer begeisterte und die Frauen berückte, doch dieser Herzensbezwinger war auch ein toller Prophet, der über das nüchterne Nordland einen Geist der Großmannssucht ausgoß, sich und sein Volk mit dem Taumelbecher der Selbstüberhebung trunken machte und betrog. Damals auf der Skamlingsbanker Höhe stand der Mann auf der Höhe seiner Geistesherrschaft und Macht. Von imponierender Gestalt und Gebärde, mit Seherblick, Poetengeist und Rednerzunge begabt, stand er als Hohepriester vor dem dort neu erbauten Altare des dänischen Chauvinismus. Der große Zauberer verschmähte aber durchaus nicht die kleinen Mittel des geriebenen Zaubermeisters, ja des Charletans, liebte die mystischen Allüren und Andeutungen, warf mit dröhnenden, dunklen Pythia-Worten, die er selbst nicht verstand, um sich und machte sogar allerlei symbolischen Hokuspokus, der, wie alles Blendwerk, auf den beschränkten Bauernverstand einen riesigen Eindruck machte. Unter prophetischen Gesten und Zeremonien, mit dem Finger in der Luft und auf der Erde und dem Altare Runen ritzend, zündete er auf dem Altare ein neues, reales Holzfeuer an, welches das heilige Feuer der Vaterlandsliebe hieß, das, heute hier entfacht, an dieser Stätte nie erlöschen und in allen Dänenherzen lohen solle von Ewigkeit zu Ewigkeit. Grundtvig weihte den Berg, der Dänemarks Tabor und Tabernakel sei und die heilige Flamme bewahre, mit Runen und raunender Rede. Er segnete die vieltausendköpfige Masse nicht mit dem Kreuzes-, sondern mit dem Hammerzeichen, mit dem Hammer Thors, dem Wappen und der Waffe des Donnerers. Er segnete die Männer vom blondlockigen Knaben bis zum weißhaarigen Greise zu wahren Danemännern, zu Wikinger- und Walhall-Helden, die furchtlos und reckengroß am Tage des Kampfes mit Schwert und Keule sich wappnen, um den giftgeschwollenen, deutschen Drachen mit der Keule zu erschlagen und dem greulichen Fenriswolf des Südens, der die schaurige Höllenweise »Schleswig-Holstein meerumschlungen« heule, das Schwert in die Kehle zu stoßen und das geifernde Maul ihm auf ewig zu stopfen. Er segnete die Frauen mit dem Hammerzeichen und weihte sie alle von der blauäugigen Jungfrau bis zur welken Ahnmutter zu Priesterinnen des Volkes und Hüterinnen des heiligen Feuers der Vaterlandsliebe. Die Frauen, die am stillen Herde walten und weben, hätten die herrlichste und heiligste Pflicht, dem Danavolke starke Helden zu gebären, im Herzen ihres Gatten, ihres Bruders und Bräutigams die heilige Glut zu schüren. Grundtvig nahm ihnen einen Eid ab mit den Worten: »Jedes echte Danaweib, das mit seinen begeisterten Freiaaugen in dieser Stunde zu mir emporblickt, erhebe die Hand und schwöre mir bei Asathor: Ich will das Feuer, das ich von Skamlingsbanke heimtrage, nie erlöschen lassen in meinem Herzen und Hause! Ich will der elenden Midgardsschlange der Verräterei mit Fuß und Ferse den Kopf zerstampfen! Ich will den Neiding und Feigling, den flauen und lauen und weibischen Mann verschmähen und verachten, ausreißen aus meinem Gedächtnis und ausspeien aus meinem Munde. Ich will keinen anderen als einen wahren Danemann ehren und lieben, inniglich und minniglich in mein Herz und meine Arme schließen, so wahr ich ein Danaweib bin! Ich habe es geschworen bei Odin, Asathor und allen Göttern, die in Hlidskjalf thronen.« Bodil Hansen war, wie die meisten Frauen und Jungfrauen, bewegt, bezaubert und ganz im Bann des Propheten und Hohepriesters. Sie reckte dreimal die Hand empor zum patriotischen Schwurgelübde. Aber bei dem vierten und letzten »Ich will« erschrak ihr Blick, bissen ihre Lippen sich aufeinander, und ihre bebende Hand sank kraftlos in den Schoß zurück, ohne den letzten, furchtbaren Eid auf ihre Seele zu laden. Nach all den heiligen Schauern ging es eiskalt über ihren Rücken. Jedoch bei dem brausenden Schlußgesang verflog das Grauen. In tiefer Bewegung fuhr Bodil vom Berge herunter, der Vater schaute, ob der Hemmschuh hielt, und brummte vor sich hin. »War das nicht eine wunderbare Rede?« fragte die Tochter noch immer benommen und berückt. »Nein, das war die Reise nicht wert und für meine Ohren ein fürchterliches Gequatsch,« lautete die prompte Antwort. »Ich mußte manchmal denken: Ist der Kerl mit seinem Feuer und Firlefanz ganz richtig im Kopfe? Der Grundtvig könnte sich auf dem Michaelismarkt in Hadersleben als Harlekin sehen lassen.« Bodil war noch in verklärter Stimmung und wurde so empört über die rohe Kritik, daß sie vor Zorn die Sprache verlor und auf dem Rückwege kein Wort mehr sprach. – – – Klaus Fangel hatte seinem lieben Bruder in Nyborg stets brüderliche Grüße gesandt, aber selbst nicht geschrieben, dieweil das Briefschreiben nicht seine Stärke war und er nie etwas Rechtes zu schreiben wußte. Jetzt im Juli hatte Klaus Stoff, wußte Klaus Neues, Wissenswertes, das den Festungsgefangenen wohl interessieren werde; trotz der hilden Heuernte setzte er sich hin und schrieb einen langen, liebevollen Brief, worin er ausführlich die Skamlingsbankfahrt schilderte, so wie sie ihm von der Wallfahrerin selbst begeistert beschrieben worden war. Klaus vergaß nichts, auch nicht einen Gruß zu bestellen. Bodil lasse ihn schön grüßen und hübsch bitten, die freie-unfreie Zeit und die gute Gelegenheit fleißig zu benutzen, um in Nyborg ein korrektes und feines Dänisch zu lernen. Er hatte ihre Worte verdreht oder falsch verstanden, denn Bodil seufzte und sagte: »Wenn Heimreich ein halbes Jahr nach Kopenhagen gegangen wäre, so wäre das unselige Duell nicht gekommen, und er säße nicht in Nyborg, um unfreiwillige dänische Studien zu treiben.« Heimreich las den Brief und legte den Kopf in die Hände, um nicht seine Tränen zu sehen und sich ihrer zu schämen, denn ein Mann soll und darf nicht weinen. Nun war der Riß unheilbar, die Kluft unüberbrückbar und seine Hoffnung gestorben. Darum war der Schmerz so bitter, weil er aus den ihm hinterbrachten Worten einen leisen Hohn heraushörte. Die Liebe kann schelten und zürnen und sogar hassen, aber die wahre Liebe kann nimmer höhnen oder spotten. Der Festungsgefangene machte in der Woche keine Besuche und blieb in seinem komfortablen Gefängnis. Schließlich konnte er sich der Visiten der guten Nyborger, die ihm zwanzig Hausmittel gegen Unpäßlichkeit brachten, nicht erwehren, auch hatten die acht Tage den ersten, ärgsten Schmerz geheilt. Es ist ein gesundes, wackeres Herz gar nicht umzubringen, so wenig wie die Hoffnung, die Himmelsblume, die noch am Grabe blüht und das perennierende, zäheste Gewächs der Erde ist. Ob von Hitze verdorrt, von Tränen ertränkt, ob von Fäusten zerrissen, von Füßen zerstampft, wird die Blume beim ersten Sonnenstrahl ein frisches Herzblatt treiben. Heimreich hoffte wieder schüchtern und träumte von einem Wiedersehen, das kommen, von einem Wunder, das geschehen werde, und von einer großen Liebe, die das schiere Wunder zur schönen Wirklichkeit mache. Schnell verging der Sommer in der Festungshaft, die Hälfte der gnädigen Strafe war verbüßt. Der Kandidat hatte seine Studien getrieben und ohne Studium seine hochdänische Sprache verfeinert, so daß er lachte und dachte: Bodil werde an seinem Dänisch ihre helle Freude haben. Als der Herbst, der griesgrämige Gassenkehrer, die jetzt so welke Blätter- und Blütenpracht des Lenzes mit dem Besen des Boreas wegkehrte, fühlte sich der fröstelnde Gefangene als ein Fremdling auf Fünen, und voll Heimweh beneidete er die Zugvögel, die auf freien Schwingen dieses Land verließen. Er zählte die Tage, die er noch in der Verbannung zu verbüßen habe – hundertzweiundsiebzig Tage und Nächte! Wie sollte er den endlosen Winter überwinden? Wohl trösteten ihn die guten Nyborger, daß sie vier Réunions mit Ball, auch einen l'Hombre-Klub hätten und die feinen Familien der Stadt einen »Mittag«, d. i. ein Diner zu geben pflegten. Als die Oststürme heulten und das Meer vor dem Fenster in Aufruhr brachten, als die gischtgekrönten Wellen in langen Kolonnen heranstürmten, als wenn sie die Festung Nyborg berennen und bezwingen wollten, betrachtete er stundenlang das grandiose Schauspiel. Doch es wurde auch alltäglich, das bunte Bilderbuch des Großen Belts fesselte nicht mehr. Eines Tages gab er im Hause des Obersten, dessen Sohn durch Faulheit den Germanisierungsbestrebungen viel Widerstand leistete, gratis und frustra eine Sprachstunde. Am Schluß sagte der wohlwollende Offizier urplötzlich: »In der nächsten Woche wird Seine Majestät nach Nyborg kommen, allergnädigst eine Parade ab- und ein Frühstück an- und einnehmen. Wenn Christian VIII. gut geschlafen und gut gegessen hat und gut gelaunt ist, ist Christian VIII. ein gnädiger Herr ...« »Ja, seine Gnade wird in einem Ordensregen über Nyborg niedergehen ... aber ich nehme an, daß er mich nicht dekorieren noch zum Danebrog-Ritter schlagen wird,« sagte der Kandidat mit Galgenhumor. »Wahrscheinlich nicht, aber vielleicht begnadigen ...« Da schnellte der Kandidat wie ein Hampelmann in die Höhe und glotzte wie ein Laubfrosch, der aus seinem Glaskäfig entsprungen ist. »Wir stellen Sie hin, wo das Auge der Majestät auf Sie fallen muß ... Christian VIII. ist sehr neugierig und wird fragen, wer der Herr ist. Ich rühme Ihr musterhaftes Betragen, Ihre reumütige Gesinnung, Ihre tiefe Königstreue und den Kummer Ihrer höchst loyalen Eltern. Ich wette, der König wird herantreten und ein paar Fragen an Sie richten.« »Und ich bitte untertänigst um meine Begnadigung.« »Nein, beileibe nur das nicht! Da kennen Sie Christian VIII. schlecht! Nein, Sie verbeugen sich tief, danken Seiner Majestät devot für die große Gnade, da Sie eine größere und härtere Strafe verdient hätten. Das Weitere wird sich finden, wird gut ... oder schief gehen.« Heimreich lebte in Unruhe und Erwartung. Wenn nur das Wasser blinkstill wurde, damit der König über den Großen Belt sich wage! An dem großen Morgen schien die Sonne, und glitzerte das Wasser – das war das sprichwörtliche Glück Christian VIII., den man in Kopenhagen den »Gutwetter-König« nannte. Der Gefangene war von sieben Uhr an in voller Gala, fuhr nervös mit der Bürste immer wieder über Hut und Rock, befahl seinem Leibburschen Jens, ein Fernrohr zu beschaffen, und stand am Fenster, sich die Augen aus dem Kopfe stierend. Keine Begleit- und Orlogschiffe zu sehen! Der König kam nicht. Da donnerten die Salutschüsse der Batterien. In einer schlichten Schaluppe landete der Landesherr am Bollwerk. Heimreich stürzte von dannen, um auf dem Exerzierplatze seine ihm angewiesene Aufstellung zu nehmen und des Königs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Pfui Tücke! Kein Taschentuch war in all seinen Taschen. Um nicht mit langer Nase vor der Majestät zu stehen und mit noch längerer Nase abzuziehen, borgte er sich von seinem Burschen und Wächter das rotgeblümte Nastuch des tapferen Jens, ging er in ein nahes Schilderhaus, wo man ihn beim Erscheinen der Majestät trompeten hörte. Christian war ein sehr stattlicher Herr von königlicher Erscheinung, besaß Geist und Verstand und wußte durch sein Wesen die Menschen für sich einzunehmen, aber selbst in seinem freundlichsten Blick war etwas, das kein Vertrauen erweckte, und sogar seine Intimsten sahen nie in sein Herz hinein, noch was seine innerste Ueberzeugung war. Der achte Christian hatte keine sogenannten Königsaugen, aber ein paar kluge Lichter, die alles sahen, schielte ein wenig nach dem fein gekleideten Herrn und dem unbekannten Gesicht, das seine Neugierde erregte und erregen sollte. Er kannte ja so ziemlich alle anständig gekleideten Leute in seinem ziemlich kleinen Königreich und mußte wissen, wer das sei. Seine Majestät wurde orientiert, schritt die Front ab, richtete ein paar Worte an den Festungsgefangenen und scherzte sogar: »Sie haben sich ja bei Wasser und Brot vorzüglich konserviert. Woher haben Sie trotz des Arrestes die blühende Gesichtsfarbe?« »Majestät von Gottes Gnaden!« Der witzige Kandidat ließ hinter Majestät das Komma fort. Der Fürst lachte über die gute Antwort, lachte herzhaft und klopfte dem Häftling jovial die Schulter. »Ich habe schon bemerkt, daß der Oberst mich breit schlagen und meine Barmherzigkeit erregen will ... aber Sie sind just kein Anblick zum Erbarmen.« Heimreich hatte wenig Hoffnung und hielt es nicht für nötig, ans Bollwerk zu gehen und bei der Abfahrt des Königs Hurra zu rufen. Der Oberst kam vom Hafen, stieg in Paradeuniform die Treppe des Torhauses hinauf und brüllte: »Hurra! Sie sind begnadigt! Bringen Sie Wein her!« Die rauhe, rostige Kommandierkehle klang wie die Stimme eines Engels. Fangel verließ das trauliche Torgefängnis und das gastfreie Nyborg. Beim Abschied haben viele Bürger ihm die Hand geschüttelt, und ein Mann weinte. Sein Wächter und Bursche, der brave Jens und Jüte, vergoß eine große, dicke Träne. Freilich, nun hörten die schönen Trinkgelder auf, und das Exerzieren und Schildwachstehen beim Battaillon fing wieder von vorne an. Der Scheidende fuhr mit dem Schiff nach Kiel und wollte seine Heimat nicht wiedersehen, ehe er die Scharte ausgewetzt, das Examen bestanden und seinen Ruf rehabilitiert habe. Er ging nach Kiel und sofort nach Schleswig, wo er bei dem Onkel und der Tante Brodersen – einem wohlsituierten Herrn, ehrbaren Senator der Stadt und Schwager seiner Mutter – wohnte, um sein Gesuch um Zulassung zur Prüfung persönlich zu befürworten. Die Sache konnte nämlich für einen frisch entlassenen Festungsgefangenen einen Haken haben. Der Vorsitzende der geistlichen Behörde auf Schloß Gottorp erklärte ihm kühl, daß ein blutig verlaufenes Pistolenduell für einen Kandidaten der Theologie eine sehr zweifelhafte Rekommandation sei, und daß er auf einem Bogen Stempelpapier einen Antrag zu machen und die Entscheidung abzuwarten habe. Zu seinem Glück war sein Onkel, der Senator, Nachbar des hochwürdigen und wackeren Generalsuperintendenten. Ein so kleiner und menschlicher Umstand kann eines Menschen Schicksal bestimmen und die Sünden eines armen Kandidaten zudecken. Heimreich rechnete schon niedergeschlagen damit, daß die Heimat ihm verschlossen sei – was dem Schleswig-Holsteiner, der nördlich der Königsau als Fremdling und südlich der Elbe auch nicht wohl sich fühlt, das schwerste Mißgeschick ist –, und daß er irgendwo in Deutschland sein Glück versuchen müsse. Doch der Senator sprach mit dem Generalsuperintendenten und dieser mit dem Konsistorium. Heimreich wurde zum examen rigorosum , das im Dezember auf Gottorp abgehalten wurde, zugelassen und ging nach Kiel, um schnell die Bibliothek für die eine schriftliche Arbeit zu benutzen. Selten verließ er sein Zimmer, sah Reuter nicht und hörte nur von anderen, daß sein einstiger Freund gesund und noch immer mit Fräulein Meier verlobt sei und noch immer unmittelbar vor dem Doktorexamen stünde. Das fleißige Studium in Nyborg trug jetzt volle Früchte. Schwer mit Weisheit beladen ging er in die Prüfung, die er trotz des schwarzen Kreuzes in seiner Konduite mit der rühmlichen Auszeichnung bestand. Jubelnd schrieb er es nach Hause. Das war ein Freudentag im Hyllerupper Pastorat, und Frau Fangel in ihrem redseligen Glück erzählte allen Leuten, daß ihr Sohn die rühmliche Auszeichnung habe, die sehr rar sei und die – im Vertrauen gesagt – nicht einmal ihr lieber Mann, der doch gewiß ein gelehrter Herr sei, im Amtsexamen erlangt habe. Es ist ein banales, verbrauchtes und bleibt darum doch ein wahres Wort, daß ein Glück selten allein kommt. Heimreich erhielt einen Brief von Bodil Hansen – sein Herz ging in Stößen und Stürmen. Sie sandte ihren herzlichen Glückwunsch, erzählte vom Vater und von Bosen und sagte zum Schluß, daß sie auch die Bibel und besonders Römer 4, V. 18 studiere. Er ritz die Schrift vom Borde, blätterte hastig und las die Stelle: Er hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war. Das gab seiner Liebe neue Lebenskraft und seiner Hoffnung neue Geduld. Das Konsistorium empfahl dem Kandidaten eine praktische Prädikanten-Tätigkeit. Ein alter, apoplektischer Pastor in Gaarden bei Kiel begehre sofort, damit die Weihnachtspredigten gehalten würden, einen Kandidaten zur Aushülfe. Heimreich liebte zwar nicht die geistliche Zwitterstellung, wo ein Kandidat im Kellnerfrack auf der Kanzel predigt und am Grabe pastoriert, fügte sich aber der höheren konsistorialen Fügung und Verfügung. Er fand in Gaarden einen armen, halb gelähmten Greis, dem die Zunge nicht gehorchte, und der mit stotterndem Eifer und kindlich-seniler Einfalt ihm erzählte, daß er ein paar kleine Ohnmachtanfälle gehabt habe, aber sehr bald sich erholen und dann selbst der Mann sein werde. Das Prädikantenamt fand bald ein Ende. Neunter Abschnitt. Das hunderttausendstimmige Schleswig-Holstein meerumschlungen. Das Jahr 1848, das tolle Jahr, das wie die wilde Jugend gärte und sich austobte und doch nach zweiundzwanzig Jahren zum ganzen, ja zum großen Manne werden und alle Erwartungen übertreffen sollte, zeigte gleich nach seiner Geburt seine unbändige, rauhbeinige Natur, bewarf die Erde mit Schneemassen und Schneewehen und schlug das Wasser in knirschende Frostfesseln. Das ungezogene Jahr fing mit einer ungewöhnlichen Kälte und einem argen Winter gut an. Immer neue Streiche wußten die Zeitungen zu melden, und am 8. Januar lief die Alarmnachricht in der Stadt am Kleinen Kiel von Mund zu Mund: der König-Herzog in Kopenhagen habe vor zwei Tagen einen Schlaganfall erlitten! Trotz der amtlichen Beschwichtigung, daß ein sofort angewandter Aderlaß jede Gefahr beseitigt habe, rechnete man mit der Möglichkeit eines Thronwechsels, weil man die apoplektische Natur des Fürsten, der ein gewaltiger Esser und Gourmand war, sattsam kannte. Man hatte in Kiel just nicht schwere Sorge um das kostbare Leben Christian VIII., des Verfassers des Offnen Briefes, wohl aber große Befürchtungen für die Zukunft und wenig Vertrauen zum Nachfolger. Der Tod des Landesherrn brachte die Lebensfrage der Herzogtümer noch näher der Entscheidung. Wenn Christian starb, stand das Oldenburger Haus in Dänemark nur noch auf zwei Augen, auf den allzu bachusfrohen Augen des königlichen enfant terrible . Alle fragten: was wird geschehen, wenn der wohlgestaltete, aber an Charakter und Willenskraft verkrüppelte Kronprinz regieren und herrschen wird? Wird der Haltlose, der die Hoffnung der unverschämten Eiderdänen ist, dem Drängen der Schreier und Demagogen nachgeben? Sein Vater war wenigstens ein vorsichtiger, lavierender und einlenkender Mann. Aber wird dieser Frederik, der mit seinem Dänentum protzt und nach Popularität hascht, nicht in einem tollen oder trunkenen Augenblick dem Dänen-Raubgelüst willfahren und seinen Eid brechen, aber auch alle Bande und Eide lösen? Heimreich lief täglich über das Eis der Föhrde und nach der Zeitungsexpedition, um die neuesten Bulletins zu erfahren. Sie lauteten wenig günstig. Die durch den Aderlaß entstandene Wunde habe sich rosenartig entzündet, was die Leibärzte wegen der schlechten Säfte des Kranken beunruhige. Der Kandidat erinnerte sich einer merkwürdigen Aeußerung, die der König getan und der Nyborger Oberst ihm mitgeteilt hatte. Bei dieser seiner Anwesenheit habe Christian VIII. bei der Abfahrt gesagt, er werde wohl nicht mehr nach Nyborg kommen, denn ihm sei in seiner Jugend geweissagt worden, daß er im Jahre 1848 auf dem Paradebette liegen werde, so wie sein Ahnherr, Christian IV., 1648 gestorben sei. Bald hieß es, eine beängstigende Geschwulst habe sich gebildet. Dann lauteten die Nachrichten wieder optimistisch: nachdem die Geschwulst aufgeschnitten sei, habe Seine Majestät lebhaft über die Geschäfte gesprochen und ein wunderbares Gedächtnis gezeigt, so daß eine Gefahr nicht mehr bestehe. In den nächsten Tagen hemmten Schnee und Eis allen Verkehr, keine Post traf ein. Die Herzogtümer waren in höchster Spannung. Heimreich ging zweimal am Tage nach Kiel, um Neues zu erfahren. Am 22. Januar sah er, daß die Flaggen im Hafen auf Halbmast wehten, war er nach zehn Minuten in der Stadt und im Besitz einer frisch gedruckten Extrazeitung. Plötzlich, nach kurzer Besserung, war im Königsschloß die Katastrophe und trotz der sieben Leibärzte, die das Lager umstanden, eine Blutvergiftung eingetreten. Als das Ende zu erwarten war, herrschte am Hofe die größte Rat- und Mutlosigkeit. Der Kronprinz lief kopflos durch die Zimmer und rief: Was soll ich tun, wenn der König stirbt? Der Prinz Ferdinand, sein Onkel, hob die Hände und dankte Gott, daß er nicht die Krone tragen solle. Dieweil entschlief der Sterbende, und die sieben Aerzte haben nach allen Regeln der Kunst den Tod konstatiert und bescheinigt. Erst am folgenden Morgen verkündete der älteste Staatsminister feierlich den Thronwechsel, indem er auf den Balkon des Christiansborger Schlosses trat, sein Haupt entblößte und der Volksmenge zurief: »König Christian VIII. ist tot, es lebe König Friedrich VII.!« Heimreich las mit tiefem Ernst die Todesnachricht und bewahrte dem Fürsten, dem die Herzogtümer keine Träne nachweinten, ein dankbares Gedächtnis. Was wird nun werden? Das war die allgemeine und einzige Frage. Jeder hatte das Gefühl, daß man großen Kämpfen, vielleicht einem Umsturz der Staatsordnung entgegengehe. Die besonnenen Lehrer der Universität sagten offen ihre Meinung: nun werden die Ultra- und Eiderdänen den Schwächling, der als Thronerbe mit ihnen liebäugelte, einfach zwingen, einen Gewaltakt zu machen und Schleswig einzuverleiben. Und genau so geschah es! Ja, noch brutaler behandelten sie den König, dem sie mit Hilfe des Pöbels die Pistole auf die Brust setzten. Zwei Abgeordnete der schleswig-holsteinischen Ritterschaft reisten nach Kopenhagen, um nach alter Sitte dem neuen Landesherrn eine Ergebenheitsadresse zu überreichen. Sie wurden wider Erwarten freundlich empfangen, und der König bestätigte die Privilegien der Herzogtümer, wie alle seine Ahnen seit vier Jahrhunderten es getan hatten. Einige Optimisten wollten wieder hoffen. Aber die meisten kannten die Dänentücke. Nach drei Wochen war das Königswort gebrochen, waren die Eide aller Oldenburger zerrissen. Trotz der Kälte herrschte hüben und drüben eine gewitterschwüle Stimmung. Wahre und falsche Propheten predigten in ganz Europa den Völkerfrühling und die Völkerfreiheit, durch die gesittete Welt ging ein Beben, wie vor einer vulkanischen Eruption, überall war ein Gären, Summen und Zittern, und die edelsten Söhne Germaniens sahen in Traumgesichten das Erwachen des Kyffhäuser-Schläfers. Das tolle Jahr 48 fing an zu toben. In dem hitzköpfigen Gallien zuckten die ersten Blitze des Gewitters, das den Bürgerkönig hinwegfegte. Der Donner in Paris hallte durch ganz Europa, erschreckte die Throne und betörte die Massen. Es blitzte und explodierte allüberall, die Hauptstädte mit ihrem Pöbel waren wie ein Pulverfaß, dahinein ein Funke aus Frankreich flog. Schwere Wetter und harmloses Wetterleuchten, arge Revolten und ridiküle Revolutiönchen kamen in Berlin und Wien und aller Welt zum Ausbruch. Das wilde Barrikadenbauen und blöde Gebrüll steckte an, das Aufruhrmachen wurde ein Wahnsinn, eine Manie und Massen-Hypnose, ja ein St. Veitstanz des Pöbels. Sogar die Träger und die Tagelöhner der alten Hansestadt Lübeck brüllten vor dem Rathaus und ballten die Fäuste. Der bedächtige Bürgermeister trat auf den Balkon und fragte väterlich: »Lüt, watt wüllt ji denn?« »Wi wüllt en Republik!« »Awer ji hebbt jo all en Republik ... Lübeck is ja en Republik.« »Jaa, denn wüllt wi noch en Republik.« Die Forderung wurde vom Rat bewilligt. Auch die Kopenhagener mußten ihren St. Veitstanz haben und ihren Pöbelaufruhr, den die verschlagenen Fanatiker in Szene setzten und für ihre Zwecke ausnutzten. Das Kasino war das Hauptquartier der radikalen Revolutionspartei, die darum auch Kasino-Partei genannt wurde. Diese Heißsporne, wie der berüchtigte Orla Lehmann und der später zum Bischof gesalbte Monrad, erhitzten durch ihre Reden die schon verdrehten Köpfe, schürten durch ihre Presse den Größenwahn des kleinen Volkes, so daß die Aufregung zum Straßenauflauf wurde. Die Studenten bewaffneten sich und proklamierten die sogenannte Selbsthilfe der Verzweiflung. Die tausendköpfige Menge wälzte sich nach dem Residenzschlosse und schrie drohend zu den Fenstern empor. Der König in seiner hilflosen Angst und Alkoholapathie ergriff keine energische Maßregel, erteilte nicht den einzig vernünftigen Befehl, mit den Feuerspritzen die Menge zu vertreiben und den Brand zu löschen. Die frechen Führer der Eiderdänen und des Pöbelheers drangen ins Schloß, schüchterten den Schwächling ein und zwangen ihn, sich dem Pöbelwillen zu fügen. Als ein Monrad mit der Alternative, Inkorporation oder Abdikation, ja mit der Republik zu drohen wagte, gehorchte der zitternde Friedrich, der jetzt nicht mehr Regent, sondern nur ein Werkzeug der Aufruhrpartei war und auf Befehl ein neues Ministerium, das aus Eiderdänen bestand, bildete. Die Anführer der infamen Revolution, ein Monrad und Lehmann, wurden die Staatsminister des unfreien Königs, der auch in Schleswig-Holstein regierte. Damit war die Losung der Eiderdänen, die Einverleibung Schleswigs, die Zerreißung der ewig unteilbaren Herzogtümer, zum Regierungsprogramm geworden. Gegen diesen Rechtsbruch, diese Revolution von oben her, mußte Schleswig-Holstein die Waffen der Notwehr ergreifen. Die Deutschen, die in der deutschen Kanzlei in Kopenhagen ein Amt bekleideten, legten es sofort nieder, flohen in ihre Heimat und bestätigten in Kiel die unerhörten Gewaltakte der Kopenhagens und die völlige Unfreiheit des König-Herzogs. Keiner in Kiel verkannte den Ernst der Lage, die allgemeine Entrüstung forderte den Krieg gegen das aufrührerische Dänemark, das die bestehende Staatsordnung umstürzen wollte und den Landesherrn in seiner Gewalt als Werkzeug seiner Pläne hatte. Das Wichmannsche Lokal in der Dänischen Straße war voll von Studenten jeder Couleur, alle Unterschiede und Gegensätze der Verbindungen und Blasen, der Corps und Burschenschaften hatten aufgehört, alle akademischen Bürger waren jetzt nur Söhne Schleswig-Holsteins, waren eines Sinnes, eines Herzens, eines Hasses. Durch den Saal brauste das Lied: Ein Frühling ist im Lande, Wie die Welt noch keinen sah, Es springen alle Bande, Und die Freiheit – sie ist da. Man meinte nicht jene Freiheitsidee, die in unklaren Köpfen spukte, sondern die Befreiung vom Dänenjoche, von der Kopenhagener Pöbelherrschaft. Alle Redner forderten Widerstand mit Waffengewalt, einen Appell an das deutsche Vaterland, einen Kampf bis aufs Messer und ein selbständiges Herzogtum unter dem Augustenburger. Das ging zu weit. Der Kandidat Fangel aus Gaarden erhielt das Wort und sprang auf einen Stuhl. Als er vor jedem Extrem warnte und den Kommilitonen begreiflich machen wollte, daß der Augustenburger kein An- und Erbrecht habe, solange noch ein Oldenburger lebe, und daß Friedrich VII. der rechtmäßige, wenn auch in seiner Herrschertätigkeit behinderte Herzog sei, den man nicht absetzen könne – o, da wurde der maßvolle und mißverstandene Redner mit dem Schimpfwort »du nordschleswigscher Däne, du Südjüte« beworfen. Fangel behielt eine wackere Ruhe und sprach mit Wärme. »Unsere herrliche Losung »Recht muß doch Recht bleiben« gilt nicht nur für uns, sondern auch für den Gegner. Das Recht des Landesherrn darf nicht angetastet werden, denn wir dürfen nicht Unrecht mit Unrecht vergelten und den Kopenhagener Aufruhr durch eine Kieler Revolution erwidern. Nein, wir wollen nicht umstürzen, sondern die Staatsordnung erhalten, unser Recht und das Recht des Königs schirmen und die Aufrührer der Hauptstadt, die Revolution, mit allen Waffen bekämpfen. Bis das gelungen ist, müssen angesehene Männer des Landes für den unfreien König, der in Pöbelhänden ist, vorläufig die Regierung führen und die Herzogtümer verwalten. Wer aber das höchste Gut, das Vaterland, gegen Dänengier wehren will, der muß Wehr und Waffen tragen, aber auch zu führen und zu fechten wissen. Machen wir statt schöner Reden einen einfachen, ehrlichen Anfang! Kommilitonen! Wir wollen ein Beispiel geben, sofort die Flinte ergreifen und mit Fleiß im Gebrauch der Waffen uns üben. Des Vaterlandes Not, die heilige Notwehr ruft alle Söhne des Landes, aber uns zu allererst, unter die Waffen. Die Kieler Studenten bilden heute das erste freiwillige Bataillon der schleswig-holsteinischen Armee. Wer dem Freikorps beitritt, hebe die Rechte empor!« Alle, alle Hände flogen hoch, alle wollten freiwillige Krieger für ihr Vaterland sein. Der Kandidat Fangel, den man zuerst herunterwerfen wollte, wurde gefeiert, denn er hatte das rechte Wort gefunden. »Vivat Fangel! Bravo!« Eine Stimme überschrie alle und spendete den lautesten Beifall. Es war der lustige Kunz Reuter, der in patriotischer Ekstase seinem einstigen Freunde die Hand entgegenstreckte. Heimreich wurde weich und wollte zugreifen, riß aber im letzten Moment seine Rechte hastig-heftig zurück. Sein finsterer Blick fiel auf den goldenen Ring an Reuters Finger. Kunz trat zurück, biß sich auf die Lippen und rief schnell und schneidig durch den Saal: »Ich werde zehn unbemittelte Kommilitonen auf meine Kosten bewaffnen.« Jetzt war Reuter der Held des Abends, auf den ein Hoch ausgebracht wurde, obgleich alle ahnten, daß der Schwerenöter mit dem Geldbeutel seines Schwiegervaters das patriotische Opfer bringe. Alle, alle Studenten Kiels haben sich bewaffnet, alle Holsaten, Sachsen und Albertinen, alle Verbindungs- und Nichtverbindungsstudenten, und sogar die Wurzelfinken, die sich nicht schlugen, schlossen sich sofort dem Freikorps an. Ein ganz neuer Geist wehte an der Universität. Alle die ruhmlosen und nichtigen Dinge, die man getrieben, das wüste Kneipen, Spielen und Kontrahieren, hörte mit einem Schlage auf. Es wurde comment suspendu erklärt und keine Mensur mehr ausgefochten. Jedes Duell war streng verboten und jede Kugel für den Dänen gegossen. Die Mitglieder erzfeindlicher Verbindungen, die stets Streit provoziert hatten, saßen brüderlich an einem Tisch und sangen Freiheitslieder. Die Studenten, die sonst um zehn Uhr aus den Federn krochen, standen schon um fünf Uhr auf Bellevue beim Scheibenschießen. Man versäumte zwar Kollegs, aber um zu exerzieren und von früheren dänischen Unteroffizieren – man hatte ja keine anderen im Lande – sich drillen zu lassen. Eine herrliche, eine wunderbare, ja große Zeit, eine Zeit der Selbstentäußerung, der Eintracht und höchsten Ideale! Hier war weder Korps mehr noch Burschenschaft, weder Theologe noch Jurist, weder arm noch reich, nicht bürgerlich noch adlig, sondern alle waren Schleswig-Holsteiner, Brüder, Kämpfer, Dänenfeinde. Alle hatten sich bewaffnet, ohne über ein Arsenal zu verfügen. Weil aber die Armierung auf eigene Kosten geschah, war die Bewaffnung sehr bunt und mannigfaltig und oft recht mangelhaft. Neben der modernen Spitzkugelflinte sah man viele Steinschloßgewehre aus dem Freiheitskriege, einer schleppte ein Kuhbein, das schon bei Lowositz geknallt hatte. Viele trugen Rappiere, Säbel, Degen, andere Piken, einer beschämt eine Forke, der Student Catilina schwang die Keule des Herkules, und ein bärtiger Theologe schulterte das Schlächterbeil seines Hauswirts. In diesen schönen Tagen lief das letzte Postschiff, das die Kopenhagener fahren ließen, in den Kieler Hafen hinein. Viele Flüchtlinge waren an Bord. Heimreich schaute der Ausschiffung zu und fixierte einen Herrn, dessen Gesicht ihm auffiel. Das war Christian Fangel, sein leiblicher Vetter, der Etatsrat bei der deutschen Kanzlei. Sie begrüßten sich herzlich. »He, Vetter! Du bist in Kiel, dem Herde der Erhebung? Erkläre mir das Rätsel!« »Das ist doch nicht rätselhaft, sondern selbstverständlich. Ich bin ein Deutscher so gut wie du. Als der Aufruhr in Kopenhagen ausbrach, warf ich ihnen mein Amt vor die Füße, packte meine Sachen und schiffte mich ein.« »Bravo, Vetter!« »Ist keine Bravour, sondern verdammte Pflicht ... ich gehöre zu meinem Volke und mußte Dänemark verlassen. Fast alle Schleswig-Holsteiner, die in Kopenhagen Anstellung hatten, haben ebenso gehandelt.« Heimreich drückte herzhaft die Hand seines Vetters, der von anderem Holze als sein Vater und Bruder war. »Hurra! Ein Volk, dessen Söhne eine so selbstverständliche Charakterstärke besitzen, wird und muß seine Sache zum Siege führen. Ich beneide dich, denn du bringst deinem Vaterlande ein großes Opfer ... mit deinem Avancement zum Bureauchef ist es jetzt vorbei ... aber tröste dich! Für Leute deines Schlages wird man auch in den Herzogtümern ein geeignetes Amt haben.« Christian lächelte eigentümlich. »Ein Amt in der Heimat habe ich schon ...« »Ah, du hast schon eine Anstellung?« »Ja, wir alle, die wir noch keine vierzig Jahre zählen, haben jetzt ein Kriegeramt und zunächst die Pflicht, unser Land mit der Waffe zu verteidigen ... ich will als gemeiner Soldat in unserem Heere dienen.« Heimreich bewunderte diese bescheidene Größe und fühlte beschämt, daß er nur eine Zwitterstellung als Prädikant aufgebe und kein rechtes Opfer bringe. Zögernd warf er die Frage auf: »Wie wird dein Bruder in Rendsburg sich entscheiden?« »Ist der Leutnant Fangel ein Lump, der seine Heimat und Geburt verleugnet, so ist er nicht mehr mein Bruder, sondern mein Feind.« Das war ein furchtbares Wort und dieser Vetter ein harter, aber heroischer Mensch. – – – Die führenden Männer Schleswig-Holsteins standen vor einem sehr schweren Entschluß, aber mit jener festen Mannhaftigkeit, die jene ganze, große Zeit charakterisiert, haben sie ohne Schwanken rasch, kühn und klug gehandelt. Die Häupter der Ständeversammlung tagten in Kiel und entschlossen sich zu jener unvergeßlichen Tat der schleswig-holsteinischen Erhebung, welche die Not gebot und die Revolution in Kopenhagen rechtfertigte. In der denkwürdigen Nacht vom 23. auf den 24. März 1848 saßen die Studenten im Saale von Wichmann, in höchster Spannung von Stunde zu Stunde harrend, ohne einen Tropfen zu trinken, um bei dem geschichtlichen Akte, den man erwartete, würdige Zeugen und Schutzwachen zu sein. Alle trugen schwarz-rot-goldene Abzeichen, brachen kurz nach Mitternacht auf und nahmen auf dem Markte Aufstellung. Hier standen schon die Lauenburger Jäger, die mit den Studenten fraternisieren, ihre dänischen Kokarden in den Schmutz warfen und schwarz-rot-goldene ansteckten. Um ein Uhr trat Beseler ans offene Fenster, man sah bei der Dunkelheit seine Gestalt kaum, aber man hörte seine sonore Stimme, die feierlich dem Volke verkündete: Weil der König-Herzog in den Händen der Kopenhagener Eiderdänen und Aufrührer und daher in seinen Handlungen unfrei und Schleswig-Holstein ohne Regierung sei, habe man eine provisorische Regierung gebildet, welche vorläufig die Verwaltung führen und mit Gottes Hilfe verhüten wolle, daß ein deutsches Land ein Raub der Dänen werde. Das war eine maßvolle Politik, die den bösen Schein der Insurrektion vermied. Ehre den Männern, die so fest und furchtlos handelten, aus lauter Vaterlandsliebe um ihres Deutschtums willen Amt und Existenz, Habe und Haupt aufs Spiel setzten und eine schwere Verantwortung auf ihre Schultern luden! Jene Märznacht war die Stunde, wo Schleswig-Holstein aufstand wider seine Bedränger, die des Landes Hälfte rauben und das deutsche Schleswig zur dänischen Provinz erniedrigen wollten. Das ganze Land jubelte der neuen Regierung zu, leistete ihr den Treueid und war zu jedem Opfer an Gut und Blut bereit. Keine Sorge oder Angst regte sich, sondern ein Gefühl der Erlösung ging durch die Herzogtümer, eine frohe Hoffnung, daß endlich die unerträgliche Knechtschaft zu Ende sei, aber auch ein lang aufgespeicherter Dänenhaß, eine echt germanische Kampflust, den weit stärkeren Feind niederzuringen, lohte allüberall. Heimreich war, wie ganz Kiel, in einer patriotischen Ekstase, legte sofort sein Prädikantenamt nieder und widmete sich dem Waffenhandwerk. Wenn er morgens vor fünf die Augen aufschlug und der Bäckerjunge, der das frische Brot brachte und aus vollem Halse »Schleswig-Holstein meerumschlungen« sang, ihn weckte, lachte ihm das Herz im Leibe, denn es war jetzt eine Lust zu leben, für das Vaterland zu wirken, von Heldentaten zu träumen und an der ungeheuren Begeisterung seines erwachenden, sonst so ruhigen Volkes täglich das Herz zu erheben. Das Dienstmädchen, das ihm den Kaffe brachte, trällerte tapfer: »Schleswig-Holstein stammverwandt, wanke nicht, mein Vaterland.« Der Schusterjunge, der die versohlten, für den Feldzug zollstark versohlten Stiefel brachte, brüllte draußen auf der Treppe: »Ob auch wild die Brandung tose.« Und der Kandidat gab ihm Vierschilling Trinkgeld für seine gutdeutsche Gesinnung. Als Heimreich das Haus verließ, kam die alte Trine Peters zum Waschen ins Pastorat; das Weiblein hatte sehr wenig Zähne und sang nicht mehr, grüßte aber den bewaffneten Prädikanten und sagte seufzend: »Ach Gott, ick beneide Se! Wenn ick doch wenigstens as Marketenderin mitkunn in de Krieg gegen de verdammte Dan!« – O, bei hoch und niedrig, bei den Holstenrittern mit achtzehn verbrieften Ahnen und dem ärmsten Tagelöhner war die gleiche Liebe zu Schleswig-Holstein und der gleiche, riesengroße, riesengrimmige Dänenhaß. Die Knaben und Mädchen, die zur Schule gingen, sangen die Straße entlang im lauten Chor: »Gott ist stark auch in den Schwachen, wenn sie gläubig ihm vertrau'n, zage nimmer, und dein Nachen wird trotz Sturm den Hafen schau'n«. Dieser kindliche Choral, dieser fromme Glaube des Nationalliedes rührte dem Zuhörer die Seele; er war des Sieges, des himmlischen Beistandes gewiß und hätte jeden, der eine Niederlage für möglich gehalten hätte, mit der Faust des Glaubens niedergeschlagen. Jedoch solche Schlagfertigkeit war überflüssig, sintemal kein Schleswig-Holsteiner den Sieg seiner gerechten Sache irgendwie bezweifelte. Das feine Fräulein Lüdemann, das am offenen Fenster das Klavier zu martern pflegte, erfreute heute das Herz der Passanten, denn es spielte mit brausenden Akkorden und sang im höchsten Ton: »Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht.« Die Studenten marschierten in Schritt und Tritt zum Schießen nach Bellevue, und alle sangen aus voller Kehle: »Wahre treu, was schwer errungen, bis ein schön'rer Morgen tagt.« Man hörte von früh bis spät in allen Gassen und Häusern ewig und ohne Ende nur das Lied, das groß und klein, Magd und Fräulein, Männlein und Weiblein in Baß und Bariton, in Alt und Sopran trällerte und sang, pfiff und flötete, schrie und brüllte. Das Schutz- und Trutzlied des Landes wurde trotzdem nicht abgeleiert noch abgedroschen und das Ohr nicht abgestumpft noch überdrüssig, nein, wo immer es ertönte, hat es in jedem Herzen starken Widerhall geweckt, hat es stets wie ein Zauberwort gewirkt, wie ein Blitz gezündet und eine ewig neue Begeisterung entfacht. Das alte Sprichwort Holsatia non cantat ist in jenen Tagen widerlegt und zur offenbaren Unwahrheit geworden. Ganz Schleswig-Holstein hat hunderttausendstimmig gesungen, daß es den Dänen in die Ohren gellte und sie wie die Hunde, die keine Musik vertragen, ein wütiges Geheul erhoben. Der kleine, kläffige Köter unter den Reichen Europas hat an den Höfen in London und St. Petersburg ein erbärmliches Gebell gemacht: das sei ein scheusäliges Revolutionslied, ganz Schleswig-Holstein in hellem Aufruhr, das Gottesgnadentum der Fürsten gefährdet und das heilige Gleichgewicht Europas ins Schwanken geraten. Also hat der Dänenköter de- und wehmütig, listig-lügenhaft dem brummigen Bulldogg und der russischen Riesendogge vorgeheult und vorgewinselt. Von Anfang an fand der Kläffer an beiden Höfen zu viel und zu freundlich Gehör. Man gab ihm zunächst den wohlfeilen Rat, die Zähne zu zeigen, dem nur halb so großen Nachbar das Ohr zu zausen und mit einigen kräftigen Schlägen das Revolutionsgelüst der Herzogtümer zu kurieren. Dänemark machte eine sehr kriegerische Miene, auch ein sehr großes Maulheldengeschrei und raffte aus den letzten Jahrgängen ein Heer von Rotröcken zusammen, um die Herzogtümer zu züchtigen und unter das kaudinische Joch zu zwingen. Doch der cimbrische Rüde hatte von Kind an scharfe Zähne gehabt, hatte in seinem Leben viel um sich gebissen und oft dem Dänen das Fell zerrissen. Er wollte mit Standhaftigkeit und Stärke seiner Haut sich wehren. Das Unglück aber und die Niedertracht war, daß der eigene Herzog des Landes des Landes ärgster Feind gewesen war und als Dänenkönig seit Jahrzehnten mit böser Absicht Cimbriens Wehr- und Widerstandskraft geschwächt hatte. Sein Herzog hatte keine höhere Militärschule in den Herzogtümern geduldet, fast alle Offiziere der schleswig-holsteinischen Armee waren geborene oder im dänischen Kadettenhaus aus- und eingebildete Dänen mit einem eingepfropften Dänentum. In unseren Bataillonen war der gemeine Mann und meistens auch der Unteroffizier ein echter, zäher Schleswig-Holsteiner, der seine Heimat liebte. Aber von den Offizieren war anzunehmen, daß sie ihre Soldaten gegen das Volk führen und deutsches Blut vergießen würden. Die provisorische Regierung in Kiel erkannte sofort, daß der Besitz von Rendsburg über Sein oder Nichtsein entscheide und die Erhebung ohne diese Festung ein im Keime erstickter Putsch sein werde. Rendsburg war nicht nur die starke Landesfestung, das große Waffenarsenal und der Lebensnerv der Armee, sondern barg auch in seinen Mauern die wohlgefüllten Kassen des Landes, den Nerv jeder Kriegsführung, der Geld, Geld, Geld heißt. In den Händen der Dänen die Zwingburg, mußte die Festung die Schutz- und Trutzburg der Freiheit werden. Man hat Rendsburg durch den berühmten Putsch des Prinzen von Noer, der ein Mitglied der Kieler Regierung und der Feldherr des Landes wurde, am hellen Vormittage ohne einen Flinten-, geschweige denn einen Kanonenschuß genommen. Die erste abenteuerlich kecke, aber schlau berechnete und alle Welt erstaunende Tat der Regierung war ein genialer Streich und Handstreich, eine groteske Ueberrumpelung; aber auch ein ungeheurer Erfolg war diese unblutige Einnahme einer starken Festung, die in Deutschland ein jauchzendes Gelächter, in Europa ein spöttisches Grinsen, in Dänemark bleiches Entsetzen erregte. Das Kieler Studentenkorps erhielt Befehl, sich und seine Waffen für den Morgen des 24. März bereit zu halten und um acht Uhr am Bahnhof Aufstellung zu nehmen. Man ahnte sofort, daß eine Hauptaktion geschehen und Rendsburg erobert werden solle, aber der eigentliche Plan blieb ein Geheimnis der wenigen Führer und Eingeweihten. Der Exprädikant, den sein Pastor mit einem Segen und einem Extrahonorar von fünf Kuranttalern entlassen hatte, schlief unruhig in der Nacht vor seiner ersten Bataille, wie er wähnte, stand schon um fünf Uhr auf, schulterte sein Gewehr, um zu Schlacht und Sieg nicht zu spät zu kommen. Auf dem Bahnhofe besteigen etwa dreihundert Jäger und achtzig bewaffnete Bürger den haltenden Zug. Heimreich vergeht vor Ungeduld. Wo bleiben die Kommilitonen? Haben sie, wie er wettert, auf den vorweggenommenen Lorbeeren zu lang geschlafen? Nein, sie sind durch einen Irrtum auf eine spätere Stunde bestellt und durch Munitionsverteilung aufgehalten worden. Der Prinz von Noer, ein recht barscher, befehlsgewohnter, ungeduldiger Herr, kann und will nicht länger warten und gibt das Zeichen zur Abfahrt. Die Lokomotive pfeift. Heimreich springt auf das Trittbrett und in den gleitenden Zug, damit er beim ersten Kampf nicht fehle. Obgleich Heldengefühle die Brust ihm schwellen, drängt doch ein kleines Bedenken seinem rechnenden Verstande sich auf. Können kaum vierhundert Krieger eine von Wällen und Gräben geschützte, mit Achtundvierzigpfündern bestückte Festung erstürmen? Weg mit den feigen Fragen! Ein Trompetengeschmetter besiegte Jerichos Mauern. Heimreich kommt aus dem Staunen nicht heraus und muß an Wunder glauben – denn in der flachen Gegend taucht das umwallte Rendsburg aus dem Morgendunst und der Zug stoppt nicht, nein, der ganze Eisenbahnzug mit den Stürmern fährt, von keiner Schildwache, keinem Werda aufgehalten, durch die dräuenden Wälle und gar friedlich bis in den Festungsgraben hinein. Der Kommandant, ein General von Lützow, und die dänischen Offiziere haben noch keine Ahnung von den Ereignissen in Kiel. Ein junger, vom Prinzen instruierter Herr springt aus dem Zuge und rennt zum Küster der Garnisonkirche, damit dieser die Brandglocken läuten lasse und das Militär bei dem Feuerlärm sofort, wie es Festungsbefehl ist, unbewaffnet seine Baracken verlasse, die Brandeimer ergreife und auf dem Markt Aufstellung nehme. Diese groteske, geniale Kriegslist gelingt aufs Prächtigste. Heimreich atmet auf, endlich wird's kriegerisch, das Kommando, die Zündhütchen aufzusetzen und die Tschakos nicht am Fenster zu zeigen, geht leise von Mund zu Mund. Die winzige Eroberungsarmee verläßt den Zug und marschiert, von dem prinzlichen Eisenfresser und dem Herrn Beseler, der einen Regenschirm als Waffe trägt, geführt, geradeswegs nach der Hauptwache, die sofort umzingelt wird und keinen Widerstand versucht. Das waghalsige Unternehmen scheint sehr unblutig und höchst gemütlich zu verlaufen, wie eine lächerliche Komödie, eine bitterböse Posse, die man mit den Dänen spielt. Das einzig Gräßliche ist das wilde, wimmernde Geläut der Feuerglocken. Die Mannschaften traben, mit dem Brandeimer vorschriftsmäßig bewaffnet, aus allen Gassen herbei, die ganze Garnison sammelt sich auf dem Markte, sieht und riecht kein Feuer und fragt, wo es brennt. Die Offiziere eilen herbei, sind völlig konsterniert und kopflos, machen keine Miene, die paar hundert Feinde zusammenzuhauen, sondern gehorchen in kläglicher Bestürzung, als der Prinz herrisch ihnen zuruft: »Jetzt kommandiere ich in Rendsburg! Stecken Sie sofort den Degen in die Scheide!« Die Aermsten rühren keinen Finger, geschweige denn das Schwert, um die Festung zu halten. Der General von Lützow unterwirft sich ebenso unrühmlich der winzig-wagemutigen Schar und willigt ein, daß die Offiziere und Mannschaften der drei Bataillone frei wählen dürfen, ob sie sich für Dänemark oder Schleswig-Holstein entscheiden Wollen. Nun kommt der feierliche Ernst des kriegerischen Schwanks, der große Augenblick der herrlichen Tragikomödie. Seitwärts steht der Haufe der Offiziere, steckt die Köpfe zusammen und flüstert erregt, ohne einen heroischen Entschluß zu fassen. Vor den Vierecken der Bataillone, mitten auf dem freien Platze steht der Prinz, die Arme gekreuzt, eine imposante Gestalt, in dieser größten Stunde seines Lebens wahrhaft heldengleich. Heimreich denkt in dem Moment: Warum hauen die Offiziere ihn nicht in Stücke? Warum reißen die Kerle nicht ihr Schwert heraus? Kein Degen blinkt, kein Schuß fällt. Der mutige Prinz redet kurz und kraftvoll die Soldaten an: »In Kopenhagen hat ein Volkshaufe das Schloß umzingelt und den König gezwungen, ein neues, aus den ärgsten Feinden der Herzogtümer bestehendes Ministerium zu bilden. Darum haben wir eine vorläufige Regierung gebildet, welche für den Landesherrn regieren wird, bis die Unteilbarkeit des Landes garantiert ist. Ich frage euch als Schleswig-Holsteiner, ob ihr für die Rechte des Vaterlandes mit uns eintreten, oder ob ihr nach Norden ziehen wollt. Die Wahl ist frei, der Weg ist offen. Wer nach Norden will, der trete vor!« Kein einziger Soldat rührt sich, auch nicht einer von drei Bataillonen verläßt das Glied. Keiner will die Heimat verlassen und verraten. Es ist eine tiefe, lautlose, aber hochberedte Stille, die von jahrelanger Kränkung, aufgespeichertem Holstenhaß und starrer Holstentreue den Dänen eine gellende Predigt hält. General von Lützow erblaßt, und sein Schnurrbart bebt, als der Prinz von Noer stolz salutiert: »Herr General, die Mannschaft hat gewählt! Nun sollen die Herren Offiziere sich entscheiden.« Die dänischen Offiziere blicken stockfinster und zerbeißen sich die Lippen. Die wenigen Schleswig-Holsteiner – oft nur einer in der Kompagnie – stehen vor einer furchtbaren Gewissensfrage, ob sie dem fremden König oder dem teuren Vaterlande den Treueid halten sollen. Aber sie gehorchen der höheren, heiligen Pflicht. Bis auf ein paar treten sie in Reih und Glied, um bei ihrer braven Mannschaft, bei ihrem Volke zu bleiben. Die dreitausend Treuen ziehen ab. Eine Bewegung geht durch die Glieder, einer fängt an, hundert fallen ein und pflanzen es fort, und aus den Kehlen braust das Lied, das bisher mit strengem Arrest bei Wasser und Brot bestraft wurde. Als die Offiziere das Schleswig-Holstein meerumschlungen hören müssen, wollen sie vor ohnmächtiger Wut bersten, und ein paar Hitzköpfe fluchen, werden jedoch mäuschenstill, als ein paar Gewehrläufe sich senken. Heimreich läuft über den freien Platz und greift nach der Hand seines Vetters, des Leutnant Friedrich – Frederik Fangel. Der läßt seine Hand hängen und höhnt: »Ei, der Herr Kandidat aus Hyllerup trägt ein Kuhbein und ist Barrikadenhauptmann geworden, er wird noch Insurgentengeneral werden und schließlich noch höher, nämlich an den höchsten Galgen, kommen.« Heimreich bittet: »Friedrich, bedenke, daß du ein Deutscher bist!« »Ich bin Offizier Sr. Majestät.« »Friedrich, dein Bruder hat Kopenhagen verlassen, um der Überzeugung willen sein Amt als Opfer gebracht und dir, ja uns allen ein edles Beispiel gegeben, er will in unsrem Heer dienen ...« »Der Lump! Will er ein Verräter sein, ist er nicht mehr mein Bruder, sondern mein Feind, den ich niederstoße, wo ich ihn treffe.« »Du rasest! Es ist eine frevelhafte Rede, die sich erfüllen könnte. Ich beschwöre dich! Du bist ein Schleswiger wie ich, von unsrem Fleisch und Blut, von deutscher Art ... folge nicht der Dänenlockung!« »Geh zum Teufel, du Insurgent! Ich bin Offizier Sr. Majestät und ein Ehrenmann, ich bin kein eidbrüchiger Aufrührer, wie dieses Lumpengelichter, das uns die infame Falle gestellt hat. Warte nur! Wir schießen euch zusammen... und alle Räuberhauptleute werden dreimal gepeitscht und dann par ... partiert und ge ... gevierteilt ...« Der rabiate Leutnant schäumt vor Wut und schnappt nach Worten. Heimreich sagt vertraulich: »Halte sofort dein infames Maul, wenn du mit heiler Haut Rendsburg verlassen willst.« Der Leutnant Fangel drückt sich geschwind. Die dänischen Offiziere erhalten freien Abzug, verlassen sofort die Stadt, die Tränen lacht. Der arme Lützow ist nach Dänemark gegangen, vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade kassiert worden. Der Dänengrimm forderte ein Opfer. Das war die unblutige, berühmte Einnahme von Rendsburg, der erste, große Waffenerfolg ohne Schuß und Schwertstreich, der mehr wert war als eine gewonnene Schlacht, denn er gab erst die Möglichkeit des Freiheitskrieges, ein großes Arsenal, ein kleines Heer und dem ganzen Lande eine starke Zuversicht. Der Rendsburger Putsch ist und bleibt ein Ehrentag und Ruhmesblatt in dem Leben des Prinzen von Noer, der von seiner resoluten, barschen, oft brüsken Rücksichtslosigkeit hier einen so goldenen Gebrauch machte, und dieser dreistgrobe Streich des edlen Prinzen hat alle ungescheiten Streiche und Riesengrobheiten des vielgeschmähten Mannes gesühnt und aus dem Gedächtnis getilgt. In dem Lande der maßvollen Leute, die ihre Leidenschaften zu zügeln und ihre Gefühle zu beherrschen wissen, war ein toller Jubel, selbst die griesgrämigen Hypochonder hörten von der Erstürmung und lachten sich gesund, die Zweifler, Kritiker und Nörgler, die auf unserem fetten Boden reichlich wachsen, wurden Optimisten, die den Himmel voller Geigen und das Land voll von deutschen Hülfstruppen sahen. Allgemein war die Gewißheit: das große Vaterland wird Schleswig-Holstein nicht im Stich lassen, unser großer, starker Bruder Teut wird uns helfen, den Dänen zur Räson zu bringen. Der Anfang war eitel Freude. Die guten Botschaften und Zukunftsbürgschaften folgten sich auf dem Fuße, Schlag auf Schlag; jeder Tag wurde zum Festtag. In vier Tagen bis zum 28. März gingen alle Truppen im Lande, die Garnisonen in Schleswig, Glückstadt, Altona, Itzehoe, Plön, Ratzeburg mit Waffen und voller Musik ins schleswig-holsteinische Lager, die Offiziere marschierten ohne Mannschaft nach Norden. Ein schlimmer Umstand allerdings, ja ein schweres Übel war der große Offiziersmangel, denn im ganzen Heer waren nur fünfundsechzig Offiziere im Dienst und ihrem Lande treu geblieben. Doch bald schwand auch die Sorge, der Himmel Cimbriens duldete keine Wolken. Die Preußen und die anderen Bundesstaaten waren bereit, Offiziere zu senden. Die Kieler ließen die tapferen Preußen und ihren edlen König hundertmal am Tage hoch und nach Mitternacht noch höher leben. Der Herzog von Augustenburg hatte bei Friedrich Wilhelm IV. eine Audienz gehabt, war sehr freundlich empfangen, mit festen Zusagen und einem festen Händedruck entlasten worden. Der Preußenkönig hatte bestimmt versprochen, auch mit Waffengewalt Beistand zu leisten. Alle Zeitungen jubilierten: Hurra! Wir haben ein preußisches Königswort, das nicht wanken wird, ob auch die Welt unterginge. Die tapferen Borussen kommen als unsre Kampfbrüder. Die Gymnasiasten in Kiel wetteten und weissagten: nun wird der Däne nicht Schleswig einverleiben, sondern das große Deutschland wird das kleine Dänemark inkorporieren und verschlucken. Friedrich Wilhelm hielt sein Wort und ließ ein Armeekorps mobil machen. Das Kieler Studentenkorps rückte singend und siegesgewiß ins Feld, zugleich mit ihm das Turner-Freikorps. Wegen seiner aktiven Beteiligung an der Einnahme von Rendsburg, bei der er freilich keine Gelegenheit zur Tapferkeit gehabt, wurde Heimreich Fangel von seinen Kommilitonen, die als Freischar selbst ihre Führer kürten, zum Leutnant gewählt. Man zog in bequemen Märschen, überall sehr gut bewirtet und als Freiheitsheld ausgiebig gefeiert, nach dem Norden. Der große, oft kindlich naive Mut übersah alle Mängel und ging ohne Furcht, aber auch ohne militärische Sachkenntnis und Selbstkritik, den kommenden Ereignissen entgegen. Viele konnten ein Gewehr kaum laden, geschweige denn zielen oder gar treffen, aber die Jugend tröstete sich, daß die Bravour die fehlende Ausbildung ersetze. Als Leutnant Fangel fleißige Schießübungen forderte und die warnende Stimme erhob, man müsse nach Napoleons Wort den Feind stets überschätzen, die Dänen hätten auch gute Flinten und jahrelang gelernt, die Feinde totzuschießen, da gaben Spaßvögel ihm sehr leise den Spitznamen »Napoleon der Zweite«, und ein Bramarbas rief laut: »Feiglinge können wir nicht gebrauchen.« Fangel antwortete scharf: »Ein Heer ohne Subordination wird stets und überall Prügel bekommen.« Die sehr mannigfaltige und sehr mangelhafte Bewaffnung sollte in Rendsburg kriegsgemäß werden. Heimreich erhielt im Keller der Juden-Synagoge ein sehr feuchtes, unfröhliches Quartier, wo er die ersten Soldatenfreuden und das Schlafen auf Stroh kennen lernte. Sehr diensteifrig trommelte er seine Leute aus den allerdings fehlenden Federn heraus, führte er seine Rotte frühzeitig zum Verteilungsappell, und die maulenden Leute haben es ihm gedankt. Nur die ersten nämlich erhielten, soweit der Vorrat reichte, einen schönen, grünen Jägermantel mit rotem Kragen, der wenigstens ein soldatisches Exterieur gab und mit viel Stolz und Würde getragen wurde. Die zuletzt kamen, mußten sich mit einer Pferdedecke begnügen, schnitten ein Loch hinein und steckten den Kopf hindurch, sahen recht banditenhaft und schreckerregend aus und wurden von den Glücklichen im Mantel die Jakobiner oder Barrikadenbrüder genannt. Allen wurde eine Muskete überreicht, auch Brotbeutel und Patronentasche, doch behielt mancher seinen Schleppsäbel oder sein Rappier an der Seite, um einen möglichst martialischen Eindruck zu machen. Es war ein sehr braves und sehr buntes Freiheitsheer. Das reguläre Militär trug noch die roten Dänenröcke und hatte sogar das dänische Kommando behalten, da man in der Eile kein neues einführen konnte; nur die neuen blau-weiß-roten und schwarz-rot-goldnen Fahnen waren schleunigst genäht und den Truppen gegeben worden. Nach dem Appell hatte Heimreich eine unerfreuliche Begegnung, Kunz Reuter kam mit eiligem Schritt und wichtiger Miene, den Äskulap-Stab, das Stethoskop in der Hand, einen Degen an der Seite, aus dem Lazarett und grüßte ernst, fast ehrerbietig. Heimreich nickte kühl und wollte keine Aussöhnung mit dem Manne, der mit dem Herzen seiner Schwester so häßlich-grausam gespielt hatte. Obgleich Kunz noch immer unmittelbar vor dem Doktorexamen stand, war es ihm bei dem Mangel an allem nicht schwer gefallen, Arzt, Militärarzt bei dem Studentenkorps zu werden. Er erzählte jedem, der es hören wollte, daß er natürlich mit der Waffe habe dienen wollen, daß aber seine Verlobte Herzkrämpfe bekommen und sich den sicheren Tod geholt habe, wenn er nicht den Wunsch seines Schwiegervaters erfüllt und den ihm von der provisorischen Regierung ehrenvoll angetragenen Posten als Militärarzt angenommen hätte. Viele Kameraden nannten ihn einen Prahlhans, aber Fangel verteidigte ihn energisch: »Nein, Reuter besitzt mehr Courage als wir alle, so daß ich unbedingt behaupten kann, er ginge am liebsten in das wildeste Schlachtgetümmel.« Das Studentenkorps marschierte aus Rendsburg. Der Höchstkommandierende der Armee, der Prinz von Noer, stand im Fenster – und haranguierte die Leute: »Auf jeden alten Soldaten wird das Korps einen so erschrecklichen Eindruck machen, daß hoffentlich die Dänen beim bloßen Anblick ausrücken. Sollten sie aber wider Erwarten stehen bleiben, so kehrt flugs das Kuhbein um, sintemal das Schießen schwer und das Treffen noch schwerer ist, und schlagt sie mit dem Kolben auf das Kapitol!« Der Herr, der als Militär alles Freischärlertum gering schätzte, hatte eine scharfe Zunge und als natürliche Folge viele Feinde. Um den üblen Eindruck dieser Worte zu verwischen, ermahnte er mit Ernst: »Ich habe Sie und die Turner und das fünfte Jägerkorps unter Major von Michelsens Befehl gestellt. Auf das Exerzieren gebe ich nicht viel, um so mehr auf das sichre, schnelle Schießen. üben Sie sich mit Ausdauer im raschen Laden und Abfeuern, im richtigen Zielen und Treffen! Wenn nur jede fünfte Kugel einen Dänen trifft, sind wir die Sieger. Tun Sie Ihre Pflicht! In der Stunde der Schlacht werde ich bei Ihnen sein.« Die Studenten fuhren auf Wagen nach der Stadt Schleswig, die alle Fahnen herausgehängt hatte und die Helden in spe bewirtete. Heimreich besuchte seinen Onkel Brodersen, der ihm einen umfangreichen Brief des Vaters überreichte. Es war für lange Zeit der letzte Brief, da die Dänen Nordschleswig besetzten und jede Verbindung aufhörte. Aus dem Dorfe Hyllerup war viel Neues und wenig Erfreuliches zu berichten. Zehnter Abschnitt. Der Landsturm auf Holzschuhen und der Landsknecht zu Pferde. In der Hylleruper Kirche war auf Befehl des Bischofs ein Trauergottesdienst für den hochseligen König gehalten worden, Pastor Fangel hatte alle lobenswerten Eigenschaften Christians des Achten hervorgehoben, so daß die Bauern in der Kirche keinen Haken fanden. Er hatte für den neuen Landesherrn vorschriftsmäßig und aus eigenem Herzen vorsichtig gebetet: »Der allmächtige Gott gebe Friedrich VII. ein festes und weises Herz und aufrichtige Diener, die durch Gerechtigkeit und Milde alle Gegensätze versöhnen und jedem Teile seiner Monarchie sein volles, gutes Recht gewährleisten.« Das konnte vielleicht ein Strick werden, wurde von Unbekannt nach Norderhusen berichtet und vom Amtmann benutzt, um einen Verweis zu erteilen. Wenn der Pastor Fangel in seinem Gebet die Unterstellung mache, daß der König noch nicht ein festes und weises Herz habe, sondern erst bekommen müsse, so sei das eine grobe Ungehörigkeit, ja implicite ein crimen laesae majestatis , denn Seine Majestät habe seit vierzig Jahren ein weises und festes Herz besessen und bei jeder Gelegenheit bewiesen. Weiter! Da in der Predigt gesagt werde, daß jedem Landesteile sein gutes Recht gewährt werden solle, so folge daraus mit logischer Notwendigkeit, daß irgendeinem Landesteile bisher sein volles Recht vorenthalten worden sei. Der Pastor Fangel habe die Frage, welcher Landesteil und welches Recht gemeint sei, sofort zu beantworten. »Wir werden unser gutes Amt und Brot verlieren,« lamentierte Frau Gertrud erschrocken und gab den etwas jesuitischen Rat: »Mein Sutor, gib die prompte Antwort: Ich habe dabei an das Königreich gedacht, das schon lange eine freiere Verfassung und größere Volksrechte begehrt.« Pastor Fangel schrieb, was seine gescheite Frau ihm sagte, setzte aber um der Wahrheit willen hinzu: »Ich habe an Dänemark, aber auch an Schleswig-Holstein gedacht, das Preß- und Redefreiheit, beschließende Stimme der Landstände und Bestätigung der Landesrechte von Sr. Majestät erbittet.« Herr d'EIsfleth las die Antwort des Pastors, der so brav für beide Landesteile betete, konnte daraus keinen Strick drehen und fluchte gotteslästerlich. Sein Auge betrachtete lauernd jeden Buchstaben, jedes Tüttelchen, bohrte sich an einer Stelle fest und begann zu leuchten. Schleswig-Holstein war mit zwei Bindestrichen geschrieben! Dieses äußere Symbol des Up ewig ungedelt war verboten und wirkte auf ein Dänengemüt, wie das rote Tuch des Torrero auf den Stier. Die offizielle Schreibweise war und sollte in allen Eingaben sein: Schleswig und Holstein. Ah, aus dem lästerlichen Bindestrich lasse sich einmal ein Haken biegen, haha, eine Angel für den Fangel, um den Pastor aus seinem Amt zu heben. Der Amtmann legte liebevoll das Schriftstück zu den wichtigen Personalakten. Christian VIII. schlief in der Roeskilder Domgruft. Auch ein toter König ist bald vergessen, kann keinen absetzen und keinen befördern, kann keine Ämter und keine Orden vergeben und gilt nichts mehr. Nur die, welche schmerzlich erfahren, daß ein neuer Pharao, der von ihren Verdiensten ums Vaterland nichts weiß noch wissen will, den Thron bestiegen hat, weinen dem Hochseligen noch lange heiße und heftige Tränen nach. In Hyllerup sprach kein Mensch mehr von dem Toten, nur der Totengräber und Glöckner dachte alle Tage, aber mit viel Ärger an König Christian, der ihm noch im Tode viele unnütze Arbeit machte, denn er mußte alle Mittage eine Stunde lang die großen Glocken läuten, was viel Mühe und wenig Lohn brachte. In allen Kirchen des Landes wurde monatelang geläutet, aber die Glocken konnten das Gedächtnis des Entschlafenen nicht wachhalten. Alle Untertanen dachten nur an den neuen König, der jedem Nutzen und der Allgemeinheit bessere Zeit bescheren sollte. Die Dänen hofften, daß Friedrich VII., der mit den liberalen Ideen, die sein Vater haßte, liebäugelte, eine freie Verfassung geben und Schleswig inkorporieren werde. Man wußte ja, daß der neue Herrscher ein Schwächling sei. Die Ultras in der Hauptstadt machten eine kleine, unblutige Revolution. Die Agitatoren in Nordschleswig wurden jetzt ganz zügellos, ja brutal, weil kein Hemmschuh und keine starke Hand mehr war, und hetzten gegen alles, was deutsch war und deutsch sprach. Leute, wie Rolf Krake Hansen und Hans Peder Sjöberg, vergifteten den von Natur gutmütigen und gegen seine Pastoren ehrerbietigen Nordschleswiger. Fangel merkte mit Betrübnis, wie der böse Geist in seiner Gemeinde wucherte. Er hatte allerdings nur ein mitleidiges Lächeln, wenn die Fanatiker auf der Straße ostentativ ihn nicht grüßten. Die Tagelöhner und Knechte, denen man mit dem Schlagwort von der Freiheit und Gleichheit die blöden Köpfe verdrehte, grüßten zwar, aber mürrisch und gezwungen, und sogar manche Bauern rückten nur an der Mütze herum, ohne sie herunterzuholen. Kleine Zeichen der Zeit! Jep Hansen war der Alte geblieben, wenn auch der Verkehr zwischen Hof und Pastorat einschlief. Fangels hörten zu ihrem Schmerze, daß Bodil den nationalen Versammlungen beiwohnte und, mit dem Grundtvig-Geiste gesalbt, für die südjütische Sache arbeitete. Patriotische Damen sammelten Gelder, um dem König eine stattliche Orlogfregatte zu schenken, und Bodil ging im Dorfe in alle dänischen Häuser mit der Sammelbüchse, die am Schluß trotz alles Patriotismus viele Kupferschillinge enthielt. Dennoch ist aus Hyllerup durch ihre Hand ein großer Beitrag für die Fregatte in Kopenhagen eingegangen – weil sie unter zwei Augen ihre ganze Eier- und Geflügelkasse hineingeschüttet hatte. Jep nahm die Mütze ab, als er dem Pastor unter dem Kirchhof begegnete, und sagte mit verkniffenen Augen: »Hier sind fünf Taler für die Armen, Herr Pastor, ich muß nämlich Gott danken, ich habe viel Glück gehabt ... eben rechtzeitig habe ich meine sechzig Ochsen nach Hamburg gebracht und gut verkauft. Überall, wo wir auf der Rückreise durchpassierten, waren die Leute wild geworden, nichts hörte man von früh bis spät als Schleswig-Holstein meerumschlungen, na, meine Ohren kriegen davon keinen Ohrenzwang ... aber ich danke Gott, daß ich meine Ochsen in Hamburg und meine Geldkatze in Hyllerup habe. Ich war meines Lebens nicht sicher, oft schrien sie hinter mir: Du verdammter Dän! Ich fürchtete die ganze Zeit, sie würden mich totschlagen und mein Geld rauben. Das gibt Mord und Aufruhr, so wahr ich Jep heiße!« »Der Herr behüte unser Land!« sagte der Pastor. Was war geschehen? Was die Zeitung am Abend berichtete, wirkte wie ein Donnerschlag. Gatte, Frau und Tochter saßen um den Tisch herum, preßten die Hände zusammen und sahen mit erschrockenen Augen sich an. Eine Revolte in Kopenhagen und die Eiderdänen Minister! Frau Gertrud weinte. »Ich hatte in der Nacht scheußliche Träume, ging immerfort durch Wasser ... o, sie werden uns verjagen.« »Nein, nein, wenn der deutsche Bund energisch auftritt, wird Dänemark Vernunft annehmen ... das große Deutschland kann es nicht dulden, daß Schleswig dänisch wird.« Die Frau fand ihren Optimismus wieder. »Ja, der Bund wird Schleswig beschirmen und den Augustenburger zum Herzog machen.« »Sag' das nicht laut, denn es ist Hochverrat, solange Friedrich VII. lebt!« Es folgten im Pastorat bange Tage voll Sorge und Unruhe. Am dritten Tage blieb auch noch, um die Spannung unerträglich zu machen, der Altonaer Merkur aus. Warum? Der Pastor stellte die Pfeife fort und ging bei jedem Geräusch ans Fenster. Horch, Pferdegalopp! Eskild war der rasche, kotbespritzte Reiter. Im Regenmantel und in langen Stiefeln mit angeschnallten Sporen trat er sehr ernst ins Zimmer und verriet eine Aufregung, die man nie an ihm gesehen. »Wollte Ihnen das Schreckliche mitteilen, damit Sie vorbereitet sind. Es kommt zum Kriege! In Kiel haben sie Revolution gemacht und sich bewaffnet und den Krieg angefangen. Gräßliche Dinge wurden in Norderhusen erzählt ... Herr Pastor! Die Sklaven im Rendsburger Zuchthaus sollen alle losgelassen sein; um in Nordschleswig alle dänisch Gesinnten zu erschlagen, unsre Häuser und Höfe zu plündern. Gott helf uns, Gott helf uns! Die Leute meinten, man müßte Sturm läuten, einen Landsturm bewaffnen, um die Räuber zu empfangen. Herr Pastor, verstecken Sie schnell Geld, Silbersachen und die Kirchenbücher!« Der Pastor mußte, trotzdem sein Herz bedrückt war, hell lachen, mußte den ehrlichen Eskild, der es so herzlich gut meinte, auslachen: »Die kannibalische Geschichte von den Rendsburger Sklaven ist ein purer Unsinn und eine rein verrückte Angst. Wenn die andren bösen Nachrichten nicht besser verbürgt sind, können wir ruhig bleiben.« Eine sanfte Frauenstimme sagte freundlich: »Eskild, wir danken Ihnen sehr ... ich bringe Ihnen eine Tasse heißen Kaffe und einen Bissen.« Der sehr verlegene und ein wenig verletzte Bauer – kein Mensch läßt sich gern auslachen – wurde ungemein glücklich, weil sie ihn mit seinem Vornamen anredete, was sie seit dem unseligen Weihnachten nicht mehr getan, und reichte treuherzig der kleinen Hilde seine große Hand. Um kein dummer Bauer zu sein, der sich von den Stadtleuten Räubergeschichten und Riesenbären aufbinden ließ, sagte er mit Nachdruck. »Das von der Revolution in Kiel ist leider wahr, denn das steht in der Zeitung.« Er holte mit einer gewissen Genugtuung die Zeitung hervor und gab sie zögernd, weil es die dänische Dannevirke war, dem Pastor. Fangel durchflog die Zeilen und murmelte halbe Sätze: »Aufruhr der Kieler Studenten und Bürger ... Reventlov, Beseler und drei andre Hochverräter die Rädelsführer ... die Insurgenten bewaffnen sich ... die Truppen des Königs werden in ein paar Wochen die Revolte unterdrücken.« Die Erhebung des Landes war eine Tatsache. Fangel erblaßte und stand, wie jeder Beamte, vor einer schweren Gewissensfrage: War das Selbsthilfe und Notwehr? Oder ruchloser Aufruhr gegen die Obrigkeit? Noch lebte ja der rechtmäßige Herr und Herzog. Und hatte die bedrückte Heimat, weil ihr Herzog Unrecht tun wollte, das Recht, ihn zu suspendieren? Fangel stand erschüttert vor der Frage und konnte kein Nein, aber auch kein entschiedenes Ja finden. Rasch-naiv löste die gute Pastorin die Gewissensfrage: »Wenn die Erhebung ein gutes Ende nimmt, wenn Deutschland uns hilft, die Dänen aus dem Lande zu bringen, wenn wir erst unsren deutschen Herzog und ein freies Schleswig-Holstein haben, o dann werden wir alle Tage Weihnachten haben und zwanzig Jahre jünger sein, mein Sutor.« Ihr Herz hatte keine Skrupel, wofern die Sache nur gut ging. Eskild wandte sich an Hilde: »Hier muß jeder nach seinem Gewissen handeln. Ich muß der bestehenden Obrigkeit gehorchen und dem König treu bleiben ... seien Sie mir nicht böse!« »Wie könnte ich Ihnen böse sein, weil Sie treu sind?« »Aber wenn ich mit den Waffen kämpfen müßte gegen Schleswig-Holstein ...?« In jäher Angst faßte Hilde seinen Arm. »Sie müssen Soldat sein, wenn es zum Kriege kommt? O mein Gott!« War es ihr ein so empörender Gedanke, Eskild auf feindlicher Seite zu sehen? Oder war die Möglichkeit, daß dieser Mann in Kampf und Schlacht ziehen müsse, ihrer Seele ein Entsetzen? Der Riese wurde feuerrot und klärte den Irrtum auf. »N-nein, ich werde nicht Soldat, ich habe ja Glück gehabt und bei der Session mich freigespielt.« »Wie ist das zu verstehen?« »Das Soldatwerden ist hierzulande eine reine Lotterie, und eine ungeheure Ungerechtigkeit ist die Bestimmung, daß nur die auf dem platten Lande Geborenen mit Ausnahme der Prediger- und Lehrersöhne und der hochgeborenen Herren, militärpflichtig sind. Weil der Rekrutenbedarf nicht so groß ist, wie die Zahl der tauglich Befundenen, wird unter den Ausgehobenen eine Lotterie veranstaltet, und wer Glück hat, wie ich, zieht ein Freilos und ist von jeder Militärpflicht befreit.« »Ja, ich habe davon gehört ... welch eine Willkür! Da ist vieles faul im Staate Dänemark, wie schon Shakespeare erkannte.« Der Pastor hörte mit einem Lächeln den treffenden Ausspruch seines Töchterleins und sagte tiefernst: »Dänemarks Schuldkonto ist groß und lang ... nun ist der angehäufte Unmut zur Explosion gekommen, die Heimat steht in Brand. Ist es ein heiliges Feuer?« Eskild reichte die Hand zum Abschiede. »Wir müssen Geduld haben und das Ende abwarten. Ist die Sache von Gott, so wird sie bestehen.« Fangel war allein mit den Seinen und streichelte die Hand seiner Frau, deren Optimismus einen starken Stoß bekam, denn Hilde sagte: »Schrecklich ist mir die Ungewißheit, wo unser Heimreich ist, und was er jetzt tun wird oder schon getan hat.« Klaus war eingetreten, hörte die letzten Worte und sagte entschieden: »Wenn Heimreich seinen Verstand hat, wird er sich nicht die Finger verbrennen, sondern vom Brande hübsch fern bleiben.« Der Pastor betrachtete diesen Sohn mit einem durchdringenden Blick. »So, das ist dein Standpunkt! So weit ich deinen Bruder kenne, wird er anders denken und handeln, wird er bereits der Erhebung sich angeschlossen haben.« Klaus blickte einen Augenblick bestürzt den Vater an und brummte dann trotzig: »Ja, das ist meine Meinung. Wenn danach verfahren wird, werden wir alle im Pastorat am besten fahren.« Frau Gertrud zitterte und klagte: »Mein Gott, mein Gott! Du glaubst, daß Heimreich mitgeht in den grausigen Krieg ... mir wird ganz krank, wenn ich daran denke, daß eine Kugel ihn tötet oder zum Krüppel schießt. Nein, nein! Er als Predigersohn kann ja gar nicht eingezogen werden und wird nicht Soldat. Aber – ich kenne den Unband – o, er wird freiwillig mitgehen ... mein Sutor, schreibe ihm sofort und verbiete, verbiete es ihm eindringlich, energisch, mit unserer ganzen Elternautorität und Elternangst, nicht mitzugehen noch mitzukämpfen!« »Mein Sohn ist mündig und würde mir doch nicht gehorchen, denn als Mann muß er nach seinem Gewissen handeln. Da dürfen wir ihm nicht dreinreden. Meine liebe Gertrud, jetzt werden wohl viele Mütter unsrer Heimat heiße Tränen und blutige Opfer dem Vaterlande bringen müssen.« Er streichelte die Wange der Schluchzenden. Wo war nun ihre Zuversicht und ihr Zukunftstraum von dem freien, deutschen Herzogtum? Sie weinte in Angst um ihren Heimreich. Erst als sie pünktlich zur gewohnten Stunde einschlief, versiegten ihre Tränen. Pastor Fangel aber schloß kein Auge in der Nacht, stand leise wieder auf, wachte und wanderte in seinem Zimmer bis zum Morgen. Er betete um Gewißheit. Als die Morgenröte anbrach, hatte er sich zur Gewissensantwort durchgerungen: Man muß dem Vaterlande mehr gehorchen als der fremden Obrigkeit, die des Landes beschworene Rechte bricht. Die Erhebung ist ein heiliger Freiheitskampf, eine heilige Notwehr. Von Stund an schwankte er nicht mehr, und die Angst vor dem Eidbruch, die an jeden gewissenhaften Beamten herantrat, war überwunden. Während der Nacht war viel Lärm auf der Gasse draußen und die Aufregung im Dorfe sehr groß. Die Schauermär, daß die Rendsburger Zuchthäusler auf Nordschleswig losgelassen seien, wurde von den einfältigen Dorfbewohnern geglaubt. Viele Weiber und Memmen schlotterten vor Angst und vergruben ihr Bargeld. Andere, wie Hans Peder Sjöberg und Konsorten, saßen im Kruge, verspeisten alle deutschen Hunde und tranken sich in starken Pünschen einen starken Mut. Rolf Krake fluchte: »Pinedöd! Wir müssen Hyllerup gegen die Rendsburger Räuber verteidigen.« Die Tapferen beschlossen sofort, einen Landsturm zu bilden, und wählten Hans Peder, der Soldat gewesen war, zum Kapitän und Rolf Krake zum Leutnant. Des Morgens früh um 7 Uhr trat der Kirchenälteste Christian Andresen, sonst ein verständiger Mann, kreideweiß in das Studierzimmer des Pastors, war ganz aus dem Häuschen und rang die Hände. »Herr Pastur, Herr Pastur, vergraben Sie die Kirchenkasse und die Silbergeräte! Wir sind verloren. Zweitausend Räuber, Brandstifter und Mörder sollen mit Büchsen und Piken bei Norderhusen sein.« Der Pastor lachte. »Mein guter Andresen, ich gebe Ihnen mein Wort, daß kein einziger Sträfling losgelassen ist.« Der Bauer schluckte ein paarmal die erste Angst herunter und erzählte stotternd-schlotternd die zweite gräßliche Gefahr, die Haus und Dorf bedrohe. »Wenn das auch nicht wahr ist, so steht doch in der Zeitung, und das ist wahr ... in Kiel wird alles Gesindel bewaffnet, in Hamburg werden alle Lumpen von der Straße, alle Löwen vom Hamburger Berg, alle Einbrecher angeworben, und diese sogenannten Freischärler, die Frauen und Kinder nicht verschonen, werden über Nordschleswig herfallen ... es geht uns ans Leben, es ist fürchterlich ...« »Nein, es ist nur lächerlich und eine närrische Angst.« »Jetzt wird ja ein Landsturm errichtet ... wir müssen wohl alle mitexerzieren, um Hyllerup zu schützen ... sobald die Freischärler kommen, wird Sturm geläutet, und alle nehmen hinter den Knicks, wo sie doch etwas gedeckt sind, Aufstellung ... o was muß man in seinen alten Tagen erleben!« Der alte Mann hatte Tränen im Auge und beweinte die kommenden Schrecknisse. Der Pastor tröstete. »Die Deutschen sind keine Barbaren, sondern gesittete Menschen und werden Ihnen kein Haar krümmen, kein Huhn stehlen.« »Ja, Sie können deutsch sprechen und werden wohl geschont, aber wir armen Menschen, die wir nur dänisch können, müssen alle über die Klinge springen. Das Kriegsunglück ist vorhergesehen worden. Die alte Karen hat eines Abends den ganzen Faustruper Berg voll von vierrädrigen Karren mit eisernen Kanonen gesehen ... hier wird gemordet und geplündert. Mein Vater hat noch die wilden Kosaken in Christiansfeld gesehen, aber die Freischärler sind noch viel schlimmer als die Russen und Türken und wie die Menschenfresser in Afrika. Auch hat das weiße Gespenst sich wieder gezeigt und die Leute erschreckt. Das ist eine böse Vorbedeutung.« Die Bauern und Tagelöhner waren von einem tollen Fanatismus und noch mehr von einer tollen Panik befallen, die unsinnigsten Gerüchte fanden begieriges Gehör und blödsinnigen Glauben. Eines Tages, nach der Einnahme von Rendsburg, jagte ein Reiter durchs Dorf und schrie vor jeder Tür: »Rendsburg ist durch Verrat gefallen. Gott helf uns! Die Sklaven kommen! Wer sein Leben behalten will, der laufe und fliehe!« Einige Furchtsame und Feiglinge packten hastig ein Bündel und sind bis Kolding, ja bis nach Friedericia gelaufen. Sogar Per, der Kutscher und erste Knecht des Pastors, sonst eine brave Seele, betrat, ganz weiß im Gesicht, die Studierstube und bat mit bebender Stimme um zehn Taler Lohn, da er gleich eine Reise machen und seinen Bruder in Vorbasse in Jütland besuchen müsse. Der Pastor sah sofort, daß der plötzliche Besuch des Bruders nur ein Vorwand sei, um die Flucht zu ergreifen, und fragte: »Sind Sie unzufrieden mit Ihrem Dienst? Wollen Sie Ihren Lohn und Ihre Entlassung?« Per hatte Tränen im Auge. »Ich bin hier acht Jahre im Dienst und verdiene dreißig Spezies, einen wirklich guten Lohn ... aber, Herr Pastur, Sie können nicht von einem armen Menschen verlangen, daß ich mich von den Deutschen totschlagen lasse ... und wer nicht abgetan wird, den stecken sie, so sagen alle, in die deutsche Montur und stellen sie in die erste Schlachtlinie, um als Kanonenfutter und Kugelfang zu dienen.« Der Pastor bewog den armen, unwissenden Kerl zum Bleiben, indem er mit dem baumlangen Menschen wie mit einem Kinde redete: »Bei Ihrem Bruder in Vorbasse würden Sie noch weniger als hier in Sicherheit sein, sintemal Jütland für die Deutschen Feindesland ist, Hyllerup aber zum Herzogtum gehört und darum milde behandelt wird. Gerade hier im Pastorat, wo ich mit den Soldaten deutsch sprechen kann, sind Sie am besten geborgen, und ich verbürge mich für Ihr Leben, Ihre Haut und Habe, solange Sie bei mir sind.« Per war trotz allem kein Dummkopf, sondern ein Schlauberger und Sicherheitskommissar und kraute sich. »Wollen Sie mir das schriftlich geben, Herr Pastur?« Mit verbissenem Lachen schrieb der Brotherr die Bürgschaft, die dem Knechte Leben, Haut und Habe garantierte, und die Per beruhigte. Der Pastor sah ihm nach und schlug die Hände zusammen. » O sancta simplicitas! O heilige Einfalt! Dieses Volk ist wie eine armselige, irre geleitete Hammelherde ... mein Gott, erbarme dich des armen, unwissenden Volks!« – Der Hylleruper Landsturm, den die paar Deutschen der Gemeinde die Holzpantoffelgarde nannten, exerzierte alle Tage eine Stunde vor Feierabend auf dem Toft von Christian Andresen. Pastor Fangel ging des Weges spazieren und hörte die forschen Kommandorufe des Landsturm-Leutnants Rolf Krake, der sein Haupt um einen halben Kopf höher und steiler trug. Vergebens sich mühend, dem kleinen verwachsenen Dorfschneider eine militärische Positur beizubringen, fluchte Rolf wie ein rechter Korporal: »Kreuzjammer und Kruzitürken! Der Kerl schießt einen Buckel, wie des Pastors grise Katze! Die Schultern zurück, die Brust nach vorn, Er Jammerlappen!« Hans Peder Sjöberg, der als Soldat an seinem Leibe erfahren hatte, wie ein Rekrut gepufft und geknufft werden muß, wollte seinem Leutnant beistehen und den krummen Schneider mit Gewalt zurechtbiegen. Da schrie das Schneiderlein jämmerlich: »Au, au, mein lieber Hans Peder! Ich hab' ja einen kleinen Höcker und einen schiefen Rücken, mein lieber Hans Peder.« Sjöberg schnauzte ihn an: »Gottstod! Hier hilft kein lieber Hans Peder in diesem militärischen Stand! Hier hilft kein Maulspitzen! Hier heißt es: Herr Kapitän Sjöberg! Schultern zurück! Bauch herein!« Der Zuschauer lächelte und lugte durch die Hecke. Kräftige Kommandos erklangen. »Richtung! Rechtsum!« Einige schwenkten nach links, und ein Gefluche erhob sich. »Ganze Kompagnie vorwärts marsch!« Wacker klapp– klapp–klappten die Holzpantoffeln und Holzschuhe, denn der Hylleruper entweihte seine Stiefeln nie am Werkeltage. »Ha–al–lt!« Einige Schockschwerenot-Halunken klappten nach. »Ganze Kompagnie rückwärts marsch!« Dieses Kommando wurde verhängnisvoll. »Halt, meine Pantoffeln!« schrien zwei, schrien viele. Die Helden liefen nämlich bei dem Rückwärtsmarschieren aus den Pantoffeln heraus, patschten auf Strümpfen im feuchten Grase zurück, um ihre Fußbekleidung wieder zu erlangen, wobei ein höchst unsoldatisches Gewirre, Gezänk und Gelächter entstand. Die auf dem Schlachtfelde stehengebliebenen Pantoffeln, die hin und her storchenden Helden, die von nassen Füßen schrien und auf das saudumme Kommando schimpften, – dieser Landsturm war ein so urpossenhaftes Bild, daß der Zuschauer hinter der Hecke aus vollem Halse lachte und sein bescheidenes Bäuchlein sich hielt. Die alte Kathrin, die wegen ihrer bösen Zunge gefürchtet war, stand ungesehen hinter dem Ziehbrunnen ihrer Kate und zischte erbost mit dem Mummelmunde: »Da kann man sehen, daß unser eigener Pastor unsere brave Dorfwehr verlacht und das deutsche Räuberpack herbeiwünscht.« Der geistliche Herr ging schnell weiter. Aber noch schneller lief ein Raunen durchs Dorf, und die Erzählung der alten Kathrin, daß der Pastor sich über den Landsturm lustig gemacht habe, machte viel böses Blut in der Gemeinde. Die im Pfarrhause hörten nicht das zischelnde Gerede und merkten nur, daß einige Bauern noch mürrischer grüßten und die Mütze kaum rückten. Nur der Leutnant Bosen wurde immer liebenswürdiger und küßte halb im Scherze sogar die Hand der Pastorin, als wenn er wieder der galante Leutnant auf dem Hofparkett in Kopenhagen sei. Eines Morgens noch vor dem Frühstück – obwohl er sonst die formellen Besuchszeiten innehielt – kam Bosen ins Pastorat und schwenkte die schäbige Seehundfellmütze. Seine Haltung war noch soldatischer geworden, sein Aeußeres gepflegter, sein Gesicht gewaschener, auch sein Anzug war proprer, was er einem heimlichen Wohltäter verdankte. Weil Jep Hansens Spar- und Eigensinn dabei blieb, daß sein »Hofjägermeister« nicht mehr als Kost und Wohnung verdiene, hatte Bosen manchmal seine liebe Not geklagt: Selbst der bedürfnisloseste Mensch müsse seine Blöße bedecken und ein paar Schillinge im Sacke haben. Pastor Fangel hatte diese Seufzer gehört und mehr als einmal diskret und anonym dem entgleisten Sohn seines Vorgängers zehn Kuranttaler gesandt. Heute so früh am Tage machte Bosen einen kecken, jugendlichen Eindruck. »Der Kieler Krach hat Folgen ... hurra, es gibt Krieg, Herr Pastor. Jetzt ist der Soldat nicht mehr ein unnützer Kommißbrotesser, sondern wird vom friedlichen Bürger in seinem wahren Werte erkannt. Die Einnahme von Rendsburg ist ein Streich nach meinem Herzen, die Schleswig-Holsteiner sind Teufelskerle, und der Prinz von Noer hat meine ganze, volle Hochachtung.« Sein großes Auge stand ernst und fürs Vaterland begeistert, während das kleine verschmitzt und schadenfröhlich blinkerte. Der Putsch des Prinzen hatte seinem Abenteuergemüt unbändiges Ergötzen bereitet und seine Landsknechtseele zu einem Entschluß getrieben. »Herr Pastor, ich weiß, Sie sind ein deutscher Mann, und Ihnen kann ich es offen sagen. Die Teufelskerle sollen meine Kameraden, und der geniale Prinz von Noer soll mein Feldherr sein ... ich bin bereit, dem Augustenburger mit allen zehn Fingern Treue zu schwören. Hurra! Wir werden es mit dem Schwerte den hochnäsigen Kopenhagenern auf den Rücken schreiben, daß wir Deutsche sind und bleiben wollen, und daß sie ihren alkoholischen König für sich behalten und in Spiritus setzen sollen. Bei den Revolutionären in Kiel ...« »Was sagen Sie! Es ist keine Revolution!« fiel Fangel ihm unwirsch in die Rede. »Pardon, Herr Pastor! Bei den Insur-, na, bei den tapferen Schleswig-Holsteinern soll ein großer Mangel an Leutnants sein. Gediente Offiziere werden gesucht. Wenn ich nur ein wackeres Pferd zwischen den Schenkeln hätte, würde ich flugs zum Prinzen von Noer reiten und ihm meine Dienste und meinen Degen anbieten. Aber der Gaul und das Geld fehlen ... der elende Mammon! A kingdom for a horse! Herr Pastor! Sie haben den fünfjährigen Fuchs, ein Prachttier mit hohem Gang und stolzem Hals, das wäre ein Offizierspferd, das sich sehen lassen könnte. Ich würde gern alle meine Tiere, die Füchse, den ganzen Hundezwinger, der wertvoll ist, das trommelnde Kaninchen, den sprechenden Star, das singende Huhn, verpfänden. Verkaufen Sie mir den Fuchs für 400 Taler, die ich auf Ehrenwort von meinem Sold bezahlen werde, und nehmen Sie meine ganze Menagerie so lange als Pfand und in Pflege, denn die Künstlernaturen, das trommelnde Kaninchen, der sprechende Star, das singende Huhn, sind mindestens 120 Taler wert, wenn ein Liebhaber sich findet.« Fangel blies nachdenklich den Rauch der Morgenpfeife in die Luft. »Mein Sohn Klaus hat den Fuchs sehr gern und will ihn nicht verkaufen.« »Herr Pastor, Sie sind Herr im Pfarrhofe, und Sie sind ein deutscher Mann, der nicht nur deutsch redet, sondern deutsch handelt. Ich fordere kein Opfer, denn ich werde später den Fuchs mit seinem vollem Wert bezahlen, aber Ihr Vaterland verlangt ein Opfer von Ihnen! Den braven Truppen fehlt's an Offizieren, ein führerloses Heer muß unterliegen. Sie können dem Vaterlande einen Offizier zuführen, zwar einen Krippenbeißer, aber einen gelernten, im Krieg gewesenen Leutnant, der eine Attacke zu machen weiß und sein Leben blitzwenig estimiert. Ich bin kein Feldherr, aber beim Sturm nicht der Schlechteste noch Letzte. Verkaufen Sie mir den Fuchs, der auf Ehrenwort bezahlt wird!« »Nun darf ich als Deutscher nicht mehr Nein sagen, nehmen Sie in Gottes Namen den Fuchs!« Der Pastor gab sein bestes Pferd hin, obgleich Klaus beinahe grob gegen seinen Vater wurde, nahm aber wohlweislich die Menagerie nicht in Pfand und Pflege. Leutnant Bosen brachte am nächsten Tage Fräulein Hilde den sprechenden Star und der Pastorin das singende Huhn als sinniges Andenken, drückte heftig-herzlich des Pastors Hand und bestieg den prächtigen Fuchs, um ins schleswig-holsteinische Kriegslager zu reiten. Er ist auch mit viel Eile zum Prinzen von Noer geritten und hat von Hadersleben aus dem Hylleruper Pastor über die kurze und kuriose Audienz einen wahren und knappen Bericht erstattet. Der recht hochfahrende Prinz, der auf gute Manieren, gute Konduite und gute Kleidung sehr viel gab, machte ein spaßiges und spinöses Gesicht, als Bosen in langen Schmierstiefeln, noch immer die schäbige Fellmütze auf den ergrauenden Haaren, im Zimmer stand und militärisch salutierte. »Was wünscht Er? Aber kurz und bündig.« »Ich möchte, kurz gesagt, als Premierleutnant und noch lieber als Hauptmann in Ihrer Armee dienen, Ew. Durchlaucht.« Bosen war bündig und auch höflich, wie er meinte. Der durchlauchtige Herr wurde unheimlich freundlich, sagte sogar Sie und lächelte seltsam. »Sagen Sie mal, mein Lieber ... äh ... sind Sie vielleicht aus Schleswig, von St. Jürgen?« In St. Jürgen war das Irrenhaus des Landes. Der Leutnant verzog trotz der infamen Unterstellung keine Miene, nur sein großes Auge lohte feindselig, und seine Gestalt reckte sich. »Nein, ich bin Premierleutnant bei der dänischen Leibgarde gewesen, vor fünfzehn Jahren Schulden halber verabschiedet worden und zuletzt Jäger auf Hylleruphof gewesen.« Der Augustenburger wurde barsch und brüsk. »Meint Er, daß wir jeden hergelaufenen Waldhüter zum Leutnant und jeden kassierten Leutnant zum Hauptmann machen?« Jetzt wurde Bosen, dessen kleines Auge boshaft-listig blitzte, vertraulich, nahm umständlich eine Prise, hielt die Tabatiere, als wenn er sie dem Prinzen anbieten wolle, und sagte sehr freundlich. »Mein lieber Prinz, ich meinte ja in meiner Unschuld ... weil der Prinz von Noer, ein früherer dänischer und jetzt infam kassierter Generalleutnant, zum Chef der Armee gemacht ist, wird man in Rendsburg mit Vorliebe die infam Kassierten gebrauchen können und auch einen allerdings nur recht und schlecht kassierten Premierleutnant zum Hauptmann machen. Eine Prise gefällig, mein lieber Prinz?« Da hat der hochgeborene Herr die Brauen wie Bürsten gesträubt und das Kommando gebrüllt: »Her–r–aus!« Bosen rief in der Tür sehr herzlich: »Auf Wiedersehen in der Schlacht bei Apenrade oder Flensburg!« Dieser Augustenburger, des Herzogs Bruder, der, morganatisch vermählt, Prinz von Noer sich nannte, hat den traurigen Ruhm, daß er viele in gleicher Weise brüskierte, manchen tapferen Mann, der für Schleswig-Holstein kämpfen wollte, unklug und kränkend abwies und schließlich in der provisorischen Regierung sich selbst unmöglich machte. Bosen revidierte plötzlich seine Anschauung und Ueberzeugung, haßte den Noerer, verachtete die schleswig-holsteinische Insurrektion und ist spornstreichs auf dem Fuchs des Hylleruper Pastors ins dänische Lager geritten, wo er mit offenen Armen aufgenommen, sofort zum Kapitän ernannt und mit einer Kompagnie betraut wurde. Fangel las den wahrhaften Bericht und mußte trotz seines Mißgeschicks über die Tragikomödie, daß er schließlich nicht den Deutschen, sondern den Dänen einen Offizier und Offiziersgaul geliefert habe, herzlich lachen. Da erschien der zweite Lehrer mit dem bleichen Gesicht, das alles Lachen verlernt hatte, und bat, ihm eine Zeugnisabschrift zu fidimieren. Ein bitteres Lächeln umzuckte seine Lippen, als er sagte: »Ich habe heute eine Art von Jubiläum ... das ist nämlich mein fünfzigstes Bewerbungsgesuch um eine bessere Stelle ... ich weiß vorher, es nützt nichts und ist umsonst geschrieben, gestempelt und frankiert ... aber wir gehen zugrunde bei der kleinen Einnahme.« »Jeder beklagt Ihr Los ... und Ihre arme Frau kränkelt ständig.« Lindenhahn stand an der Tür und rang mit sich, ob er das Schwere sagen solle. »Es ist kein Kränkeln, sondern eine unheimliche Krankheit ... der Arzt nennt ihren seltsamen, alle Monate eintretenden Zustand Somnambulismus ... mir graut, wenn sie im Schlaf zu reden anfängt, Unsinniges, aber auch Tiefsinniges und Zukünftiges. Die Erhebung hat sie vorhergesagt. Ach, außer meiner Schule das stete Behüten der Kinder und der Kranken, der endlose Kampf mit Schulden, die Angst, daß meine Ottilie schließlich in einer Anstalt endet ... das reibt mich auf ... denn Somnambulismus ist ja eine psychische Störung ...« »Der Arzt gibt ihm einen Namen ... was wissen die Doktores von der Psyche, der Seele! Jetzt sprießt im Lande und im Herzen eine herrliche Hoffnung ... wir werden frei, dann schlägt auch Ihre Stunde.« »Gott gebe es!« sagte Lindenhahn mit einem Seufzer. »Glauben Sie nicht an den Sieg? Sind Sie kein Deutscher mehr?« »Ja, ja, aber zu viel Kummer und Elend verlernt das Hoffen. Meine Frau redete neulich in ihrem Zustande darüber ... als ich fürwitzig fragte: Ottilie, wird im nächsten Jahre unsere und unseres Landes Not zu Ende sein? gab sie die furchtbare Antwort: O, wir gehen durch schwarzes, tiefes Wasser, durch den Teich Trübsal, den See Verraten, durch die Gewässer Verlassen, Unrecht, Schmach und Niedertracht, durch dreizehn häßliche Seen müssen wir gehen, aber dann wird alles sehr gut. Herr Pastor, wenn die dreizehn Seen dreizehn Leidensjahre für uns und unsere Heimat bedeuten, werden meine Augen das gute Ende nicht mehr sehen.« »Hören Sie nicht auf kranke Reden! Es gibt nur einen Propheten, und das ist der Glaube, welcher spricht: Dennoch werden wir deutsch und, so Gott will, jetzt!« »Ach, Herr Pastor, wo das Meer ein kleines Loch findet, wühlt es immer weiter, bis der Deich bricht ... so auch das Verhängnis, das, wenn es erst in einem Hause ein Loch gefunden hat, durch alle Türen und Fenster steigt und immer neues Unglück auf einen Unglücklichen wirft. Ich muß es ausschreien! Mein kleiner, süßer Knabe, mein Liebling mit den blauen Denkeraugen, entwickelt sich nicht normal ... geht schon ins dritte Jahr, geht – das klingt wie Hohn –, kann nicht gehen, kann keinen Schritt tun, schlaff bleiben die Beine, und seine großen, schönen Augen blicken so unbegreiflich starr und inhaltlos mich an ... nur essen, immer essen will sein Mäulchen, das kaum ein Lächeln und keinen Sprachlaut hat. Wenn mein Bübchen ein ... Blödkopf würde, o der Gedanke geht mir wie ein Gespenst nach, daß ich ergrause.« Der Seelsorger drückte des Lehrers Hand. »Ich beklage Sie und möchte nach meinen Kräften helfen.« Er hatte einen Kassenschein in der anderen Hand und fuhr geschwind wie ein Taschendieb, damit seine Tat nicht gesehen werde, in Lindenhahns Rocktasche hinein. Das Geld verstopfte den ungeduldigsten Gläubigern das rücksichtslose Maul. Für einen Teil der Summe kaufte der Lehrer die neue Tischdecke, um die seine Frau lange gequält hatte. Seine Ottilie kaufte allzugern und lernte nimmer, daß nur durch peinliche, kleinliche Oekonomie ihr Haushalt bestehen könne, und nichts war ihm schwerer, als ihren Wünschen und Bitten Widerstand zu leisten. Die Tischdecke kostete fünf Kuranttaler. War das eine schwache oder eine starke Liebe? Nach acht Tagen schüttete eins der Kinder das Tintenfaß über die neue Tischdecke. Ein mehrstimmiges Geschrei erhob sich, nur der Lehrer lachte wild und las an demselben Tage in der Zeitung, daß der Lehrer Högsbro die Küsterstelle erhalten habe. Wieder ein importierter Jüte! Lindenhahn lachte noch häßlicher und fühlte einen tiefen Ekel, einen trostlosen Pessimismus: eine so bodenlose Gemeinheit herrscht in der Welt und besonders in Nordschleswig, daß ihr nur mit den gemeinsten Waffen beizukommen ist. In dieser Dämmerstunde trat ein Unsichtbarer zu ihm in die Stube und sagte fein-falsch-freundlich: Wenn du insgeheim zu dem einflußreichen Laurids Skow gehst und ihm erzählst, seine gewaltige Rede habe dich überzeugt und bekehrt, so wird der eitle Bauer geschmeichelt und dir gewogen sein ... wenn du ihm dann mit bebender, anbetender Stimme erklärst, daß er der allmächtige Mann in Nordschleswig sei, der allein dir zu helfen vermöge, wird seine dumme Eitelkeit dir Beistand gewähren und deinen Pferdefuß gar nicht gewahren. Appelliere nicht an das Christentum und Mitleid, an den Opfer- und Edelmut der Menschen, sondern fasse sie an ihrer Menschlichkeit, Schwäche und Gemeinheit, einmal an ihrem Eigensinn, zweimal an ihrem Eigennutz, dreimal an ihrer Selbstklugheit und dreimal dreimal an ihrer Eitelkeit und Dummheit, so wird es dir wohl gehen, und du wirst lange, fett und reichlich leben auf Erden. Der unsichtbare Gentleman hinterließ diese Maximen und auch einen gewissen Mißduft. Der verhärmte Lehrer lachte heiser: Recht hat der Schurke! Doch er ging noch nicht zu dem mächtigen Agitator, sondern wollte klüger als der Teufel sein und erst den Ausgang der Erhebung abwarten. Wird Schleswig befreit, so wird eine große Jütenauswanderung anheben, und drei Kirchen werden um einen Küster sich reißen. Er wich in diesen Tagen seinem Kollegen aus, denn der Küster hatte eine Art und Weise, einem Menschen durch Rock und Hemd und direkt ins Herz zu sehen, hatte einen Blick, der Lindenhahn unbehaglich war. Lauritz Lauritzen trug nach alter Gewohnheit seinen Dungbrei aufs Feld, jedoch in seiner pünktlichen Tätigkeit war insofern seit dreißig Jahren eine Aenderung eingetreten, als er sein Korn nicht selbst mit dem Flegel drosch, sondern in Akkord dreschen ließ. Nicht, weil er das Alter und Abnehmen seiner Kraft spürte, sondern um eine freie Stunde zu gewinnen, eine Stunde, wo er in dieser großen Zeit die Zeitung von Anfang bis Ende las. Er hatte auf die Schleswig-Holsteinische Zeitung abonniert. Die Zeitungen hatten Anno achtundvierzig ein fettes Jahr und einen erstaunlichen Abonnentenzuwachs. Alle Tage revolutionierte und explodierte es irgendwo. Alles, was buchstabieren konnte, verschlang die neuesten Nachrichten; alle Menschen, sogar die Spittelweiber, politisierten und nahmen Partei. Selbst Pastor Fangel stand bisweilen am Fenster, wenn die Zeitung nicht pünktlich kam. Als er einmal heftig paffend nach dem »Altonaer Merkur« ausschaute, kamen drei Männer im Gänsemarsch über den Hof. Was? Habe ich eine Sitzung des Kirchenrats für heute anberaumt, und es ist mir entfallen? Nein, die Merktafel war leer. Die drei Männer waren nämlich drei Kirchenjuraten der Gemeinde, Terkel Terkelsen, Bertel Bertelsen und Christian Andresen, den wir bereits kennen. Sie stellten im Studierzimmer in einem Halbkreise sich auf, zeigten eine gewisse Aufregung und räusperten sich. Der Pastor fürchtete irgendeinen neuen politischen Unsinn oder Unfug und fing an: »Stopfen Sie sich zuerst die Pfeife, dann wollen wir Platz nehmen.« Die zwei füllten ihre Meerschaumpfeifen, Andresen holte seine Wirtshauspfeife mit dem Riesenkopfe, der ein Viertelpfund fassen sollte, aus der Rocktasche und stopfte fest und voll. Man rauchte und schwieg und sah den Pastor an, ob der nichts sagen werde. Endlich nahm Terkel Terkelsen das Wort. »Sie wissen doch, Herr Pastur, daß es wieder im Dorfe greulich spukt ... ich habe letzte Nacht mit eignen Augen das Gespenst, die weiße Frau mit der Großmutterhaube, gesehen und getraue mich nachts nicht mehr aus dem Hause ... Bertel kann mir bezeugen, daß ich kein Kujon bin, aber mir bricht der Schweiß aus, wenn ich daran denke ... ich mußte stehen bleiben, weil mir die Beine wie festgeleimt waren ... oben im Schalloch des Turmes stand der Spuk, legte die Arme über die Querstange und schrie ...« »Was schrie er denn?« wollte der Pastor, der ernst zu bleiben sich bemühte, gern wissen. »Das habe ich nicht verstanden ... als ich die Beine los kriegte, lief ich natürlich. Es ist in Hyllerup nicht mehr zum Aushalten, viele sind in den letzten Mondnächten halbtot geängstigt worden. Broder und seine Frau kamen von einer Geburtstagsfeier ... oben auf dem Schulhause, auf dem schmalen First, schwebte das Gespenst hin und her ... Broder hat ja ein dreistes Maul, hatte ein paar Kaffepünsche und Kourasch im Leibe und rief, obgleich seine Frau ihn zupfte, hinauf: In Gottes oder des Düwels Namen! Büst du en Christenminsch oder en Höllengeist?« »Na, die weiße Frau blieb wohl stumm?« »Nee, Herr Pastur, das ist ja das Gräsige, das Gespenst sagte deutlich und auf dänisch: »Bei Flensburg krachen die Kanonen ... da kommen fünf, sechs, zehn Wagen durch das Dorf ... sie wimmern um Wasser, rot die Röcke und rot das Stroh ... Blut tropft auf die Straße ... im Pastorat ist ein vergrämtes Gesicht.« Was sagen Sie nun?« Dem Pastor wurde unbehaglich bei der Erwähnung seines Hauses, und er überlegte. Terkelsen strich sein Haar, das sich zu heben begann, herunter und räusperte sich. »Hm, hm, das sind schreckliche Vorzeichen und Vorbedeutungen. Gott gnade uns und unseren Strohdächern, wenn hier eine Schlacht geschlagen wird. Wir werden alle umkommen, wofern wir nicht rechtzeitig retirieren. Aber was wird aus dem Vieh? Broder ist mit seiner Frau schon ausgerückt zu seinem Bruder in Kolding. O, eine Angst ist in der ganzen Gemeinde, vernünftige Leute verlieren den Verstand, wenn die Spukerei nicht aufhört. Herr Pastur, Sie sind als unser Seelsorger von Gott eingesetzt, helfen Sie uns, gehen Sie mit der Bibel dem Gespenst zu Leibe, bannen Sie den Geist in die Erde und Hölle hinein!« »Um das Gespenst zu packen, sollte man doch lieber als mich, den alten, schwachen Mann, drei handfeste Männer nehmen, denn es wird vielleicht ein Geist oder Geisteskind sein, das feste Prügel haben muß.« Die Kirchenältesten machten ein sehr unzufriedenes Gesicht. Bertel Bertelsens dumm glotzende Miene wurde plötzlich diplomatisch, und er sagte im Namen der Deputation: »Wir hatten vor achtzig Jahren eine sehr tüchtigen Seelsorger in Hyllerup, einen ganzen Mann Gottes, der jeden bösen Geist zur Ruhe brachte und in die Erde mahnte. Das müssen Sie doch auch können, Herr Pastur, wenn Sie in Kiel alles gründlich studiert und Ihr Geschäft richtig gelernt haben. Nehmen Sie Bibel und Kruzifix mit und beschwören Sie das Gespenst, damit die Gemeinde zur Ruhe kommt!« Terkel Terkelsen unterstützte die Bitte mit bebender Stimme: »Jaa, be–ten und ban–nen Sie den gräß–lichen Spuk in den Erdboden ...« »... In die tiefste Hölle hinein, damit er nicht wiederkommen kann.« Christian Andresen wollte auch seine Schuldigkeit als Kirchenältester tun. Fangel dachte nach und antwortete mit Ernst und Würde, obgleich ein Schalk hinter seinen Ohren saß. »Ja, ich will das Gespenst beschwören, sobald bewiesen ist, daß es kein menschliches, sondern ein übernatürliches Wesen ist. Das muß erst einwandfrei festgestellt werden, denn als Pastor darf ich mich nicht lächerlich machen. Darum schlage ich vor: Sie sind drei kräftige, handfeste Männer ... nehmen Sie einen Knotenstock und auch eine Leiter mit! Sobald das Gespenst irgendwo erscheint, steigen Sie ihm aufs Dach, greifen Sie mit Ihren sechs Fäusten fest zu! Nur wenn es sich wehrt, dürfen Sie mit dem Knüppel losschlagen ... wenn es Au–weh schreit und um Gnade bittet, werden Sie Ihr Gaudium erleben ... wofern aber der Spuk nicht sich greifen laßt, sondern wie ein Nebel verschwindet, werde ich ihn mit der Bibel beschwören, mein Wort, meine Hand darauf!« Andresens kugelrundes Gesicht wurde lang und länger, Bertel ließ die Nase und die Unterlippe immer tiefer hängen, Terkel holte aus dem gepreßten Herzen die Worte: »Nee, Herr Pastur, wi faaten datt Gespenst gewiß nich an ... datt geiht up Dod und Leben ... nee, wi hebbt Fru und Kinner.« »Dann müssen Sie drei verwegene Kerle dingen, die für zehn Kuranttaler den Spuk näher untersuchen.« Die Kirchenältesten, von der Zumutung des Pastors tief erschreckt, empfahlen sich schnell und kleinlaut. In der Tür blieb Bertel stehen, um noch eine Frage sich zu erlauben: »Und wer soll die Kerle bezahlen?« Da gab der Pastor seinen letzten und besten Rat: »Wenn kein Geld da ist, muß Rolf Krake Hansen des Nachts ausrücken ... ja, das wäre eine Heldentat für den Hylleruper Landsturm.« Der Pastor lachte herzhaft hinter der zugemachten Tür und ist von dem Kirchenrat nicht mehr gebeten worden, den unheimlichen, dänisch sprechenden Geist zu beschwören. Elfter Abschnitt. Eine fröhliche Flucht, eine schöne Degradation und eine scheußliche Lynchjustiz. Die Kieler Freischar war in der begeisterten Stadt Schleswig allzu reichlich verpflegt worden und zog von den vollen Fleischtöpfen des Lollfußes fort und dem verhaßten Feinde singend entgegen. Der Magen war voll, der Mut groß, der Uebermut am größten, aber – aber der Gehorsam und die Disziplin mangelhaft, und die militärische Ausbildung fehlte gänzlich. Das war Heimreichs Verdruß, ja Gram, dieser gewählte Leutnant verlangte Subordination und ermahnte, nicht mit dem Munde, sondern mit der Faust Taten zu tun. Da kam von hinten die freche Rede und klang an sein Ohr: Es sei viel leichter, einen Leutnant als einen Kettenhund zu bekommen, sintemal jeder kommandieren und keiner kuschen wolle. Als einige Studenten in den Dörfern, die die Retter des Vaterlandes allzu freigebig bewirteten, zu viel Bier tranken und zu lange zurückblieben, trumpfte der Leutnant mächtig auf, so daß ein Frechdachs fragte: Ob der Kommilitone ein Korporal aus »Preißen« sei? Fangel befahl dem Frechling, zur Strafe einen Brotsack von zehn Pfund zu schleppen. Der ungewohnte Marsch von fünf Meilen ging in die Füße und Knochen, so daß die Kecksten schachmatt Flensburg erreichten und auf das Pflaster sich hinwarfen. Das Studentenkorps hielt nach kurzer Erholung seinen Einzug, viele kehrten den durch das Loch der Pferdedecke gesteckten Kopf nach allen Fenstern hin und her, und alle fanden im Lokale des Bürgervereins ein gutes Essen und ein mäßiges Lager. Am Morgen war ein dänisches Kriegsschiff im Hafen. Die Studenten liefen tapfer ans Bollwerk. Obgleich der Hauptmann sagte: »Kinder, es ist kindisch, einen Elefanten mit der Schrotflinte anzugreifen,« haben doch die Tapfersten aus sicherer Deckung das Schiff mit ihren Musketen beschossen. Die Dänen gingen ein paar hundert Schritte weiter vom Lande, stellten sich auf die Reling und boten mit Hohn einen gewissen Körperteil als Zielscheibe dar. Die kleine schleswig-holsteinische Armee war sechstausend Mann stark, war in wenig Tagen zusammengewürfelt und wurde – man mußte eben alles, auch sehr alte, inaktive Offiziere nehmen – von dem siebzigjährigen General von Krohn befehligt. Major Michelsen führte außer dem Jägerkorps die Studenten und Turner, wohl die Truppe, die den höchsten Kampfmut, aber die geringste, d. h. gar keine Ausbildung besaß. Dieser Heeresteil bildete die Vorhut, Michelsen rückte bis Apenrade vor, war aber so vorsichtig, nicht die von den Bürgern angebotenen Quartiere anzunehmen. Ein dänisches Heer von achttausend Mann zog von Jütland her, sechstausend Feinde kamen von Alsen aufs Festland, um sich mit den Jüten zu vereinen. Schleunigst marschierte Michelsen zurück, um nicht umzingelt zu werden, und ist glücklich der Mausefalle entronnen, aber nur um in eine ärgere hineinzugeraten. Sechzehn Patronen und zwölf Zündhütchen – ein unbegreifliches Verhältnis, wie vieles in diesem Cimbernheer – wurden verteilt. Bald alarmierte ein Schuß das ganze Korps. Hurra, nun ging es an den Feind. Ach, welche Enttäuschung! Ein rabiater Ueberheld hatte auf die eigene Dragoner-Patrouille, die freilich noch die gleiche Uniform, wie der Feind, und zum Unterschiede nur eine Armbinde trug, geknallt. Heimreichs erster Rückzug endete in einer zerfallenen, zugigen Scheune bei Sögaard, wo man frostklappernd auf dem Boden kampierte. Der gelehrte Dr. Eggers, der als Gemeiner diente, wollte allen mit den Tröstungen der Philosophie die Nacht verkürzen und versüßen und wählte das Thema: Patientia omnia vincit . Nur die nötige Geduld, und zu Martini werden wir alle eine gebratene Gans verzehren – wofern wir nicht von den Würmern verzehrt werden. Am Morgen ging es nach Flensburg zurück. Alle brannten auf die Schlacht, die hier geschlagen werden mußte, alle waren voll Zuversicht und Kampfmut. Nie ist ein Feind grimmiger gehaßt worden, nie eine Schlacht gegen einen mehr als zweimal überlegenen Gegner mit einem so tapferen, ja tollen Optimismus erwartet worden, nie hat ein vergewaltigtes Volk fester auf sein gutes Recht und seinen Gott vertraut, aber niemals auch in der Geschichte ist unter solchen Umständen, bei so unzulänglichen Mitteln ein Sieg, ein Wundersieg erfochten worden. Der Prinz von Noer, der damals noch als Eisenfresser galt und den Geist des Heeres gehoben hätte, war trotz seiner großen Worte: »Am Tage der Schlacht werde ich bei der Armee sein,« fern in Rendsburg geblieben, wobei allerdings zu seiner Entschuldigung zu sagen ist, daß er dringend abriet, mit einem so winzigen Heere eine so waghalsige, ja wahnsinnige Bataille zu wagen. Durch Späher wußte man genau, daß eine altgediente dänische Armee von vierzehntausend Mann – gegen sechstausend Deutsche – nördlich von Flensburg unter General von Hedemann sich vereinigt hatte. Dennoch war man wider alle Vernunft voll Siegeshoffnung in dem Anno 48 weit verbreiteten Wahn, daß Milizen-Heldenmut und Freischärler-Furor die überlegene militärische Zahl und Zucht ersetzen und schlagen werde. Heimreich hatte am Schlachtmorgen nicht jenen todesverachtenden Mut, wie auf der Fahrt nach Rendsburg, sondern ein drückendes Gefühl, eine häßliche Ahnung, als wenn ein großes Übel oder Unglück ihm bevorstünde. Er wollte dieses infame Gefühl vor jedem, aber auch vor sich selber verheimlichen, denn er fragte sich voll Scham: Ist das die erbärmliche Feigheit oder das verruchte Kanonenfieber? Nein, es war der nüchterne Verstand, der zu viel Unvernunft ringsum erblickte. Michelsens Abteilung sollte nach der ordre de bataille den rechten Flügel bilden und besetzte das liebliche, von Waldschluchten zerklüftete Gelände bei der Kupfermühle, das an die Föhrde sich lehnt. Der pflichteifrige Feldchirurg Reuter hatte in Flensburg einen Mann und einen Planwagen, der mit chirurgischen Geräten, Verbandsachen und Bergen von Charpie hoch beladen war, gedungen und aus seiner eigenen, d. h. aus Schiff-Meiers Tasche bezahlt. Der Äskulap-Wagen blieb in den Krusauer Bergen stecken. Aber zwanzig Mann spannten sich vor, brachten ihn aus dem Dreck und ulkten mit dem vor der Schlacht üblichen, krampfhaften Galgenhumor: »Doktor, wenn die Charpie-Ladung ihre Bestimmung erfüllen soll, müssen wir alle dreimal alle Arme, Beine und Glieder verlieren.« – Ein paar rechtschaffene Jünglingsgesichter machten eine verzerrte Grimasse, die ein Grinsen bedeuten sollte – denn im Westen wurde schon tüchtig kanoniert und mit Musketen geknallt. General Krohn hatte hinter der Krusau, deren breite Sumpfniederung für Kavallerie und Kanonen völlig unwegsam ist, eine sehr gute, aber für sein schwaches Heer allzu ausgedehnte, eine Meile lange Stellung gewählt und besonders die Übergänge stark besetzt. Doch die Position war ganz offen im flachen Westen, wo sie umgangen werden konnte, auch hatte er sein Häuflein zu sehr zersplittert und ein volles Drittel der Armee, das gar nicht ins Feuer kam, nach Glücksburg gesandt, um gegen eine Landung der Schiffe und einen Angriff im Rücken gedeckt zu sein. Letzteres war wohl strategisch richtig, aber eine verhängnisvolle Schwächung und eine – wie sich allerdings erst hinterher zeigte – unnötige Vorsicht. Die Studenten, und der ganze rechte Flügel, marschierten an dem Vormittage recht plan- und zwecklos hin und her, um, wie es höheren Ortes hieß, überall auf dem Posten zu sein und nicht von dem Feind, der in den Waldungen leicht sich heranschleichen konnte, überrumpelt zu werden. Nach dem Gehör, nach dem Gedonner und Geknatter war das Gefecht im Westen im vollen Gange, man blickte gespannt, ungeduldig nach den Rotröcken aus, aber kein Feind ließ sich blicken. Der Däne hielt seinen linken Flügel zunächst in mäuschenstiller Ruh, um eine Mausefalle zu machen. Die Sonne rückte höher. Die Studenten standen voll Aufregung und Ungeduld herum, mutmaßten, räsonierten, horchten, lugten und langweilten sich schließlich, als das Kommando »Zündhütchen auf« immer nicht kam. Das Geschützfeuer wirkt wie eine Fanfare, so daß jeder beherzte Soldat im ersten Elan wild in die blinkenden Bajonette sich stürzen wird. Aber dieser erste Eifer und Elan blieb unbenutzt und erlahmte durch das stundenlange, untätige Herumstehen. Überall hörte man dummes, törichtes Geschwätz. »Du, wenn eine Bombe einen trifft, ist man dann tot auf der Stelle?« – »Ja, dann wird man von dir wahrscheinlich nur einen Hosenknopf finden und als Andenken deiner Mutter schicken, die ihn an der Uhr trägt und um ihren Hannes heult, so oft sie den Hosenknopf, deine sterblichen Überreste, anblickt.« »Ob ein Schuß in den Arm oder das Bein sehr weh tut?« – Kunz Reuter mischte sich in das geistreiche Gespräch hinein. »Die wohlverdiente Kugel, die Fangel mir applizierte, war anfangs kaum zu fühlen und nachher sehr erträglich, nur das Liegen war tödlich – tödlich ennuyant.« Hm, wohlverdient ... spürt er wahre Reue? summte Heimreich, der es hörte und im Vorbeigehen Kunz kurz grüßte. »Nein, lieber eine Kugel vor den Kopf oder ins Herz hinein, bloß nicht lange sich quälen oder zum Krüppel geschossen werden. Heine! Wenn ich nicht leben und nicht sterben kann, dann gibst du mir den Gnadenschuß, nicht wahr?« So redeten sie, nach dem Geschützdonner die Ohren spitzend. Auch viel strategische, besser wissende Weisheit und Kritik wurde ausgekramt, jeder dritte Student redete wie ein geborener Feldherr. Da brachte ein heransprengender Dragoner die sehr böse Nachricht, das Dorf Bau, der Schlüssel der Stellung, sei nach einem hitzigen Gefecht von den Dänen genommen worden. »Die verd– Hundsfötter!« – »Mit Flüchen werden wir die Dänen, die uns darin weit über sind, nicht schlagen,« brummte Fangel. Major Michelsen ritt mit sehr ernster, ja sorgenvoller Miene am Freikorps entlang. Leutnant Fangel salutierte und gestattete sich eine Frage. »Ich habe vom General Befehl, mich hier zu halten bis zum äußersten, oder bis ich abgerufen werde,« war die Antwort. Der Major zog die Kandare an und horchte sehr gespannt gen Westen. Das Schießen zog sich zweifellos weiter nach dem Süden! Eine große Aufregung bemächtigte sich der Studenten, einige schrien schon: »Wir werden umzingelt.« Michelsen sprengte von der Höhe, die des Waldes wegen keinen Weitblick bot, herunter und hielt mit einem Ruck an. »Wo ... wo war das Schützenfeuer, Lorenzen?« – Lorenzen, der in der Gegend zu Hause war, erwiderte bestimmt: »Das war bei Harrislee herum.« »Allmächtiger, dann steht der Feind beinahe schon in unsrem Rücken, und ich habe keine Rückzugsorder.« Der Führer biß sich auf die Lippen und stand vor einem furchtbaren und raschen Entschluß. Durfte er sich nach Flensburg zurückziehen, oder mußte er bleiben? In dem Moment pflanzte sich eine instinktive Beklemmung durch die Reihen fort, einer raunte dem anderen zu: »Wir werden abgeschnitten.« Man tappte wie im Dunklen; durfte man auf sein Gehör allein sich verlassen? Erst nachher erfuhr man den Verlauf des Verhängnisses. Nach dem Verlust von Bau hatte der Oberstleutnant Graf Baudissin, der tapfere Roland des Heeres, das Dorf Niehuus gegen eine schwere Übermacht mit nur zwei Kompagnien wacker gehalten, obgleich die zwei anderen Kompagnien unter dem wegen seiner Infamie bei Bau sofort kassierten Major Kindt das Weite gesucht hatten; schließlich erdrückt, mußte er mit seinem dezimierten Häuflein weichen, aber an dem dunklen Tage blieb blank sein Ehrenschild, hell strahlt sein Ruhm und auch der Name des Hauptmanns Schmidt, der Harrislee mit Heroismus verteidigte und, auf den Tod verwundet, verlor. Mittags um halbzwei Uhr hatten die Dänen das Zentrum und den linken Flügel geworfen und drangen schon in Flensburg hinein. Michelsen war vergessen worden! Im deutschen Hauptquartier herrschte eine totale Kopflosigkeit, General Krohn kam überhaupt nicht aus seinem Quartier heraus und muß die schwere Schuld tragen, da er behauptet, aber nicht bewiesen hat, daß er den schwer exponierten Michelsen rechtzeitig zurückbeordert habe. Einer schob, wie immer, die Ursache und das Unglück auf den anderen ab. Die ungeheuerliche Tatsache, daß Michelsen keinen Rückzugsbefehl erhielt, ist bis heute nicht aufgeklärt worden. Endlich gab der Major, der schuldlos in eine scheußliche Falle geriet, das Kommando, das er eigentlich nicht geben durfte und ihn eventuell vor ein Kriegsgericht bringen konnte. »Langsam in Reih und Glied nach Flensburg zurück!« Heimreich sagt zu seinen Leuten mit einem Knirschen in der Stimme: »Auf dem Rückzug zeigt sich erst, was ein rechter Kerl und rechte Courage ist.« Trotz des allgemeinen Ingrimms ein Gelächter! Wird er ausgelacht? Nein, Kunz Reuter erregt ungewollte Heiterkeit, ficht mit den Armen, brüllt hinter dem Äskulap-Wagen her: »He! Haltet den Saukerl! Stoppt ihn, stoppt ihn!« Der Charpie-Wagen rasselt und rast und retiriert auf der Straße nach Flensburg, der Kutscher in seiner Angst haut auf den Gaul los. Noch ein stärkeres Gerassel! Die paar Geschütze, die Michelsen hatte, folgen dem feigen Exempel und jagen in wilder Flucht davon. Unweit der Stadt geht die Chaussee an der Föhrde entlang. O weh, hier werden die Studenten, die bis jetzt gute Ordnung hielten, von den ankernden Orlogschiffen mit einem Eisenhagel überschüttet, weichen dem fürchterlichen Feuer westwärts aus und stoßen dort auf den von Bau kommenden Gegner. Es wäre richtig und die einzige Rettung gewesen, nicht zu kämpfen, sondern schleunigst zu fliehen und Flensburgs Tore zu erreichen. Aber Kampfwut entflammt die Studenten, die des Tages Ehre retten und mit dem verhaßten Feind fechten wollen. Die Tapfersten stürmen voran, die anderen folgen. Reuter hat eine Muskete ergriffen, er, der Feldarzt, führt und kommandiert: »Vorwärts! Auf die Schufte! Keinen Pardon!« Hoch und heldenhaft, wie ein Recke der Vorzeit, rennt er allen ein paar Schritte voraus, gegen den Knick, hinter dem die dänischen Schützen zielen. Dicht hinter ihm stürmt Heimreich mit seinem Haufen. Hier – da – dort fällt einer hin. Die Läufe blitzen, die Kolben krachen. Schreien, Stöhnen, tierische Töne! Aus einem Schädel quillt die graue Gehirnmasse. Körper wälzen sich, einer steht im Graben auf dem Kopf, Blutpfützen sind in den Furchen. Kunz steht hoch oben auf dem Knick, wie ein sieghafter Riese, und schreit Hurra, die feindlichen Schützen laufen, nur einer kehrt und duckt sich. Da schlägt der junge Held, die Muskete hoch in die Luft werfend, die Arme hintenüber. Heimreich beugt sich und hebt das Haupt des einstigen Freundes. Die sieghaft blitzenden Augen werden trübe und traurig, die Lippen zucken vor Schmerz, ein roter Springquell strömt aus der Halswunde, flutet und färbt Heimreichs Ärmel blutrot. Der Samariter will den Gefallenen heben und flüstert: »Kunz, ich trage dich nach hinten.« Das Antlitz wird gräulich, wird grünlich fahl, die Augen starren und stieren, und die verbissenen Lippen bewegen sich. »Heim ... ich ... sterbe ... vergib mir ... grüße Hil ... de, Hil ... de, daß sie vergebe ... daß ich sie liebte ... sehr ... mehr ... am meisten ... Hil ... de ...« Heimreich hört die Buße und Beichte und bewahrt das Testament des Sterbenden, der mit dem Namen seiner verlassenen Schwester auf den Lippen verscheidet. Es ist ein greinendes Kindergesicht, ein kurzes Todesringen, aus der Halsschlagader stürzt der Lebensstrom. Kunz Reuter ist dennoch ein ganzer Held gewesen und heldenhaft-herrlich für sein Vaterland gestorben. Heimreich betrachtet tiefbewegt den Toten und sieht jetzt an dem Freunde keinen Fehler und Mangel und keine Menschlichkeit mehr, denn der Tod hat alle Schuld gesühnt und alle Schatten verscheucht. Plötzlich hört er das pfeifende S–s–s–s–s einer Kugel, die durch den Zipfel seines Mantels schlägt. Er sieht mit Schrecken, daß er allein vor dem Feinde steht und seine Kameraden geflohen sind, daß ein Gewimmel von Rotröcken den Knick von drüben erklettert. Ein menschenfreundlicher Sergeant ruft in gebrochenem Deutsch ihm zu: »Übergebe dir, du deutser Insurgenterhuund!« Der Freischärler hat sich weder er- noch übergeben, sondern mit dem Säbel wild um sich geschlagen und ein Rennen gemacht, wie noch nie in seinem Leben. Von dreißig Kugeln, die ihm nachzischen, hat nur eine getroffen und ihm den rechten Stiefelabsatz glatt vom Fuße gerissen. Es liegen aber genug auf der kurzen Strecke. Der liebenswürdige Schmidt ist tödlich getroffen und wimmert: »Gib mir den Gnadenstoß ins Herz!« Und da – das ist sein früherer Leibfuchs Dresen, ein braver Kerl. Hier ... Wendt, der gescheite Disputator ... und Jülich ... und Lorenzen, der treue Kamerad. Heimreich kann ihnen keine Hand reichen, keine Hilfe leisten. Als er den Haufen erreicht, ist alle Ordnung aufgelöst. Auf dem ganzen Wege prasseln die eisernen Schlossen, welche die Schiffe werfen. Jeder schaut nach dem rettenden Tore und rennt. Tod und Tücke! Das Tor ist verschlossen! Die schuftigen Bewohner des Nordteils von Flensburg halten es mit dem Feinde und haben sogar alle Haustüren, an die man rüttelt, verrammelt. Der Weg nach Flensburg, nach dem Süden ist versperrt, jede Flucht abgeschnitten. Ein Schauder, ein Schrei durchzittert den Haufen: Wir sind umzingelt und verloren! Hier im Schlußakt der Tragödie von Bau, im gewissen Untergange zeigen die Studenten deutschen Heldenmut, echten Kriegergeist, ja -größe. Alle werfen sich in die Häuser der Vorstadt und besonders in die nahe Eisengießerei, um sich bis zum äußersten zu wehren und für ihr Land das Leben zu lassen. Eine halbe dänische Schwadron sprengt heran und haut die Letzten, die in der Gasse umherirren, zusammen. Aber die Flüchtlinge stellen sich gegen die Wand und schießen, aus allen Fenstern blitzt es. Den Dragonern ist es übel bekommen, ledige Rosse jagen zurück. Hoffnungslos ist der Kampf, das Kieler Freikorps von zehnfacher Übermacht umstellt. Die Schiffe schleudern ganze Breitseiten durch das Dach und die Fenster der Gießerei, das trommelt und prasselt auf das Gußeisen, darunter viele sich verkriechen. Viele wälzen sich in ihrem Blut. Ein nutzloses Sterben, ein Getötetwerden ohne Gegenwehr! Ein humaner Dänenoffizier fordert die jungen Leute zur Übergabe auf und verspricht Pardon. Aber keiner will als erster das ihm schmählich scheinende, einzig vernünftige Zeichen der Ergebung geben. »Lasset uns leben, um diesen Tag zu rächen!« spricht Fangel und tritt aufrecht ans Fenster, bindet sein Taschentuch an den Gewehrlauf und schwenkt das weiße Fähnlein. Viele andere folgen seinem Beispiel. Was noch lebt, wird gefangen und entwaffnet. Die rohen Dänen treiben die Studenten, die als gebildete Leute und Kieler Aufrührer ein besonderer Gegenstand ihres rachsüchtigen Zorns, ihres rüden Hohns sind, unter gemeinen Schimpfworten, Knüffen und Kolbenstößen zum Hafen hinunter. Dort steht die Herde der Gefangenen, von scharf geladenen Gewehren bewacht, die akademische Jugend des Landes in schmählicher Erniedrigung, in seelischer Qual. Ihr Freiheitstraum ist schimpfliche Knechtschaft, ihr hoher Mut ist zur stillen Verzweiflung oder zur stumpfen Apathie geworden. Fangel knirscht mit den Zähnen, als ein Jüte ihm den Jägerrock vom Leibe reißt mit den Worten: »Du Bube sollst nicht länger den Rock des Königs mit deinem meineidigen Körper beschmutzen und verlausen.« Die braven deutschen Bürger, die den kampfmüden Freischärlern eine Erquickung bringen wollen, werden mit Schimpfen und Schlägen verjagt. Jetzt präsentieren die ringsum aufgestellten Soldaten das Gewehr vor dem inspizierenden Offizier, der aus dem Sattel steigt und die Insurgenten höhnisch betrachtet und auf deutsch häßlich hänselt: »Meine jungen hochstudierten und zum Teil hochgebornen Herren! Zu unsrem Schmerze können wir Sie nicht im ersten Hotel der Stadt unterbringen, wie Sie erwarten, sondern Sie müssen auf dem Transportschiff mit einem wenig standesgemäßen Unterkommen vorlieb nehmen. Die Unannehmlichkeit wird aber nur von kurzer Dauer sein, da sie alle voraussichtlich in Kopenhagen als Aufrührer ehrenvoll erschossen und im Jenseits ein gutes Quartier bekommen werden.« Hm, hm! Das ist ja der alte Leutnant Bosen, der jetzt Herr Kapitän heißt und den schönen Fuchs meines Vaters reitet! denkt Heimreich sehr überrascht und betrachtet den Fuchs. Nein, er irrt sich nicht. Das große, ihm so gut bekannte Auge des Kapitäns blickt bei dem blutigen Sarkasmus toternst, das kleine Luchs- und Fuchsauge pliert und schielt nach dem alten Bekannten, den es hier unvermutet wiedersieht und offenbar nicht wiedererkennen will. Aber der Hühnerhund, der seinem Herrn folgt, schnobert hin und her, erkennt sofort den guten Hylleruper, der ihm oft das Fell gekraut hat, stößt ein Geheul aus und springt an Heimreich hoch. Bosen schneidet einen Augenblick eine kurios verdutzte Grimasse und versetzt dem Tiere einen mächtigen Fußtritt. »Kusch dich, Skandia! Pinedöd! Ist das nicht ein Hund? Der Racker möchte alle Teufelsinsurgenten mit Haut und Haaren fressen ... ja die eidbrüchigen Kerle müßten alle geköpft werden, wenn ich König wäre ... kusch dich, du Satan! Wir dürfen ihnen leider nichts tun, wir haben leider Befehl, die ganze Menagerie lebendig in Kopenhagen abzuliefern ... der König will sein Pläsier haben und vom Christiansborger Schloß aus zusehen, wie die ganze Bagage füsiliert wird.« Die Jüten lachten breitmäulig, der Hauptmann Bosen ist ein Offizier nach ihrem Herzen. »Was sehe ich! Schwerenot! Die Räuberkerle haben in Rendsburg die Jägermäntel Sr. Majestät gestohlen ... her mit dem königlichen Eigentum!« kommandiert Bosen. Sehr grob, mit einem rohen Griff packt er einen, faßt er zufällig Heimreich Fangel am Kragen und zerrt ihn aus Reih und Glied. »Du verfluchter Holsteiner, nimm die sechs Mäntel da auf deinen Puckel, du sollst Packesel sein und die Mäntel in mein Quartier tragen. Komm! Immer zwei Schritte vor mir! Verstanden! Marsch!« Heimreich ist wütend auf den Überläufer, der wie ein rechter, unflätiger Renegat sich benimmt und den brutalen Dänen herauskehrt. Warum soll just er und nicht ein anderer die Mäntel schleppen? Das ist ihm noch ein Rätsel. Und was beabsichtigt dieser Bosen, der ganz aus der Art geschlagen und ein abscheulicher Poltron geworden ist? Es geht die Straße hinauf. Der Hauptmann macht lange Schritte, bis sie außer Schußweite sind, dann schielt er nach dem Mantelträger, blinzelt und brummt: »Ist Er müde, kann Er sich verschnaufen ... aber tüchtig Luft in die Lungen pumpen! Verstanden?« Nein, Heimreich kann den kuriosen Befehl nicht begreifen und das verschmitzte Geblinzle des Kapitäns nicht verstehen. Bosen lugt die Gasse hinauf und hinunter und spricht mit sich selber: »Kein Soldat weit und breit zu sehen! Wie leicht könnte der Kerl mir desertieren, da ich kein Knallinstrument bei mir habe.« Der Gefangene merkt jetzt Absicht, spitzt beide Ohren und blickt seinen Begleiter an, ohne die Beine zu gebrauchen. Da hat der Dänenhauptmann wild ihn angeschaut und angeschnauzt: »Schwerenot! Haben die Studenten aus Kiel, die stockdumm wie ein Königlicher Kammerherr sind, bei Bau noch nicht gelernt, von ihren Beinen Gebrauch zu machen?« Ganz leise flucht und flüstert er: »Pinedöd! Werfen Sie mir doch die Mäntel in die Visage, nehmen Sie Ihre Beine unter den Arm und rennen Sie zur Hölle!« Heimreich haut mit wahrer Wollust dem Hauptmann die schweren Mäntel ins Gesicht, rast die Straße hinunter und rennt gen Süden. Das war die schnellste und schönste Retirade seines Lebens. Um einen Vorsprung zu geben und seinen Schelmenstreich zu verbergen, fällt Bosen hin, zappelt gewaltig unter den Mänteln, arbeitet sich hoch, reißt den Säbel heraus, rennt eine Strecke, stolpert über die Scheide und brüllt wie ein rasender Roland: »Stoppt ihn, stoppt ihn! Die Insurgenten-Schwefelbande! Schießt! Feuer! Fünfhundert Banktaler demjenigen, der diesen Hölleninsurgenten niederknallt! Der Hund hieb mich nieder! Fünfhundert Banktaler!« Viele Schüsse blitzen viel zu spät, gehen ins Blaue und blessieren einen Flensburger, noch dazu dänisch gesinnten Bürger, der sich auf seinem Schmerzenslager zum Deutschtum bekehrte. Der Hauptmann will aus der Haut fahren und flucht so aufrichtig und greulich, daß auch nicht der kleinste Verdacht auf ihn fällt. – Der Flüchtling erreichte bei Översee das geschlagene, aber völlig geordnete Heer und erzählte mit Lachen die groteske Farce des Kapitäns Bosen und seine gelungene Flucht. Doch ihm wurde weh und zum Weinen, als er sein Bataillon suchte und nicht fand. Das Studentenkorps existierte nicht mehr, es war gefallen oder gefangen, durch die schwere Schuld der Oberleitung gefangen. Die unglücklichen Studenten wurden im dunklen Schiffsraum wie Vieh eingepfercht, nach Kopenhagen geführt, vom Pöbel bedroht, von den feinen Kopenhagenerinnen bespuckt und auf dem Gefangenen-Schiff, der berüchtigten, von Ungeziefer wimmelnden »Dronning Marie« sehr übel behandelt, wenigstens wochenlang, bis bei Schleswig viele Dänen in deutsche Gefangenschaft gerieten und man mit kräftigen Repressalien drohte, wodurch die Dänen zur Humanität gezwungen wurden. Das kleine cimbrische Heer hatte fast tausend, d. i. jeden sechsten Mann bei Bau verloren. Viele Frauen trugen schwarzes Gewand, das ganze Land trauerte tief, aber die führenden Geister erkannten, daß man zu blind auf sein Recht vertrauend in einen ungleichen Kampf gezogen sei. Die Cimbern sind ein zähes und dauerhaftes Germanengeschlecht, keine Enttäuschung wird ihre Tatkraft lähmen. Die provisorische Regierung arbeitete rastlos, um das Heer zu vergrößern. Nicht nur die Einberufenen, sondern die Freiwilligen strömten in Scharen zu den blau-weiß-roten Fahnen. In den Tagen tönte das Schleswig-Holstein meerumschlungen wie eine rührige Werbetrommel in allen Gauen Germaniens, das deutsche Volk forderte stürmisch vom Bunde schleunige Hilfe für den Bruderstamm im Norden. Eine neue, starke Zuversicht ging sonnenhell vom Süden auf, die niedergeschlagenen Gesichter erhellten sich, als sie die Botschaft hörten: der Preußenkönig hat ein Armeekorps mobil gemacht, und der deutsche Bund hat aus verschiedenen Kontingenten ein Korps gebildet, das Holstein besetzen soll. Heimreich war bei seinem Onkel in Schleswig eingekehrt und von der guten Tante gehätschelt und genudelt worden. Er hielt nicht bloß einige Tage angenehme Einkehr, sondern auch nachdenkliche Rückschau und ernstliche Selbsteinkehr. Ein arges Heimweh nach Hyllerup und nach – Bodil, die wahrscheinlich sein Freischärlertum schwer verdammen und schwerlich verzeihen werde, quälte ihn, oft war er in Versuchung, jetzt, wo sein Truppenteil nicht mehr bestand, spornstreichs nach Hause zu laufen und ruhig bei den Eltern den Lauf der Dinge abzuwarten. Mit leuchtenden Augen würde Bodil den Heimgekehrten empfangen und festhalten und nie wieder fortlassen zu den von ihr verabscheuten Insurgenten. Seine Liebe war die Versucherin, die ihm in Schleswig, wo er am Scheidewege stand, hart zusetzte mit scheinbaren Vernunftgründen. Wenn du aufrichtig sein willst, hast du keinen Respekt vor dem gepriesenen Freischärlertum, sondern eine höchst geringe Meinung von dem ganzen Milizwesen, von dem freien, undisziplinierten, unbotmäßigen Volksheer. Du hast deine Truppe verloren und bei Bau deine Pflicht gegen das Vaterland getan, du kannst mit gutem Gewissen nach Hause gehen. Heimreich sprang auf und faßte einen herzhaften Entschluß. Nein, ich gehe nie wieder zu den Freischärlern mit ihrem Ungehorsam und Unfug, aber ich gehe nach Rendsburg, um als Freiwilliger bei dem regulären Heere und als rechter Soldat zu dienen. So marschierte Fangel, der Leutnant des Kieler Studentenkorps, nach Rendsburg, um als gemeiner Soldat bei einem Jägerkorps einzutreten. Das war eine hochherzige Degradation. Reich an solchen Degradierten, die im Leben hohe Stellungen bekleidet hatten und als gewöhnliche Soldaten die Muskete schulterten, war die schleswig-holsteinische Armee, die in ein paar Wochen die Scharte von Bau auswetzte. – – – Die Dänen feierten den Sieg einer zweieinhalbfachen Übermacht mit gallischer Überschwänglichkeit, die Kopenhagener besangen in dem blödsinnigen Liede vom »Tappren Landsoldat« ihre Holzschuh-Krieger, Friedrich VII. begrüßte die Helden von Bau, fuhr nach Augustenburg und zertrümmerte höchst eigenhändig mit einem Beil den Schreibtisch des Herzogs, um die Briefe mitzunehmen, die nichts Gravierendes enthielten und dennoch von einer feilen Kreatur benutzt wurden, um den völlig unwahren Vorwurf der Felonie gegen den Augustenburger zu erheben. Die Dänen in Nordschleswig jubilierten und schimpften auf die Insurgenten. So lächerlich ihre Panik, so närrisch ihre Angst vor den losgelassenen Sklaven, vor den schrecklichen Freischaren gewesen, so frech und übermütig wurden sie bei der Siegesnachricht. Die dummen Bauern glaubten sich aus Räuberhand gerettet, tranken in vielen Kaffepünschen Begeisterung und Mut und waren gewaltige Maulhelden. Ein Deutscher durfte in den Tagen kaum sich blicken lassen. Pastor Fangel war am 10. April in Norderhusen gewesen und brachte böse Nachrichten mit nach Hause. Er trat in die Stube, machte alle Türen fest zu und sagte mit leiser Vorsicht und leiser Verzagnis: »Unsre Landsleute sind geschlagen, und ein- bis zweitausend sollen in Gefangenschaft geraten sein.« »Schrecklich, mein Sutor, schrecklich!« Der alte Propst in Norderhusen, der seine deutsche Gesinnung nie auf der Zunge getragen und allzu sehr, als Mann der Mitte, laviert hatte, sei amtsmüde und wolle sich emeritieren lassen. Nach einem on dit , solle der Amtmann gesagt haben: »Herr Propst, die Pension ist gut ... wir können in Nordschleswig nur scharfe Besen gebrauchen.« Die Pastorin rang die Hände. »Das ist entsetzlich für uns! Nun wird ein Stockdäne Propst, ein brutaler Besen, und wir werden zuerst aus unsrem lieben Heim herausgekehrt. O, mein Sutor!« Dann fing sie an zu schreien: »Wo ist unser Heimreich, mein Herzenssohn?« »Warum sollte Gott so hart uns schlagen und unsren Heimreich uns nehmen ... kaum zwei- bis dreihundert sind gefallen. Gertrud, weine nicht vor den Leuten! Die Mägde freuen sich über unsren deutschen Schmerz.« Die Pastorin konnte gut mimen, wenn es halt sein mußte, und machte in der Küche eine muntere Miene. – In der Morgenfrühe patschte die alte Kathrin auf ihren Holzpantinen nach dem Pastorat, und alle wichen seltsamerweise ihr, der Patriotin, wie einem Gespenste, weit aus; denn ein altes Weib war am Morgen eine schlimme Begegnung. Die Hylleruper waren ja vor Anzeichen und übernatürlichen Dingen stets auf der Hut, obgleich das weiße Gespenst jetzt sich ganz ruhig verhielt. Kathrin wollte einen Taufschein für ihre Tochter haben, die in Kolding in Dienst sei und sich mit einem einberufenen Schlächtergesellen schnellstens verheiraten wolle, klagte unter Tränen über die Verdienstlosigkeit, triumphierte, als der Pastor ihr die Gebühr von sechs Kurantschillingen erließ, und dankte mit den hämischen Worten: »Nun müssen Sie uns, Herr Pastur, am Sonntag eine schöne Dankpredigt für den Sieg bei Bau halten, wir freuen uns schon alle darauf. Zehntausend Deutsche liegen ja bei Bau erschlagen und dürfen als Aufrührer nicht begraben, sondern sollen von den Tieren gefressen werden, so sagt man.« Fangel machte ein tieftragisches, entsetztes Gesicht und sagte mit einem Grauen in der Stimme: »Ja, ja, ich habe schon davon gehört ... es ist gräßlich, gräßlich für ganz Nordschleswig ... von dem greulichen Gestank wird die Pest ausgebrütet, die Pest, der schwarze Tod wird uns alle, alle umbringen.« Die alte Kathrin lief erschrocken von dannen, und ihre zwei Zähne klapperten vor Angst im Munde. – Der Pastor hatte aus dem Friedhof eine kleine Leiche, die nicht in die Kirche kam, eingesegnet und begegnete auf dem Heimwege Bodil Hansen. Sie sprach freundlich, ohne alle Schadenfreude, sagte aber schließlich doch mit einer gewissen Genugtuung: »Ja, bei Bau hat Gott zu unseren Gunsten entschieden und doch wohl deutlich gesagt, wo das Recht ist.« Diese religiöse Auffassung mußte der Geistliche widerlegen. »Recht wird auf Erden stets und überall der Erfolg behalten. Wenn jede Bataille ein Gottesurteil wäre, dann müßte ja Gott in seinem Urteil ebenso oft schwanken, wie die Wage des Kriegsglücks.« Der Pastor ging weiter. Die Knechte an der Kirchhofsecke, die ein Hylleruper Hasardspiel hitzig trieben, eine Münze warfen und um einen Schilling wetteten, steckten nicht schnell wie sonst das Geldstück weg – denn es war ein Herkommen, die Karten und kleinen Passionen in Gegenwart des Pastors zu verstecken –, sondern glotzten nach dem Priestergewande, griffen nicht nach der Mütze und sahen ihn an, als wenn sie wer weiß was für Kerle seien. Die Gemeinde verwilderte. Heute arbeitete keiner, der Tag wurde wie ein Festtag gefeiert, besonders im Wirtshause, wo Rolf Krake stundenlang auf der Harmonika den »Tappre Landsoldat« leierte, damit das Volk die neue, unglaublich einfältige Nationalhymne Dänemarks erlerne. Im Halbdüster der Abenddämmerung betrat Eskild Thorö eilig und echauffiert das Pfarrhaus und gab allen umständlich die Riesenhand. Er wäre kein rechter Hylleruper gewesen, wenn er mit seinem eigentlichen Anliegen angefangen hätte, nein, er sprach erst von dem Nachtfrost und der Frühjahrssaat und dann erst von der Schlacht. »Die armen Menschen, die bei Bau verblutet sind, tun mir am meisten leid ... die Anstifter bleiben hübsch hinter dem Ofen und müßten, wenn ich was zu sagen hätte, allen vorangehen im Gemetzel. Ja, die Urheber eines Krieges müßten nach meiner Meinung durch Zweikampf die Sache unter sich ausfechten ... der Beseler und Reventlow auf der einen, Orla Lehmann und Monrad auf der anderen Seite, und jeder mit einem Knüppel bewaffnet, damit sie sich nicht totschlagen könnten ... ob nun zwei gegen zwei oder zwanzigtausend gegen zwanzigtausend stehen, macht nichts aus, da es nur darauf ankommt, den Sieger zu finden.« – Eskild besaß nicht nur ein starkes Gerechtigkeitsgefühl, sondern auch einen gesunden Mutterwitz. »Das Gefecht bei Bau hat keine große Bedeutung,« sagte der Pastor, »die endgültige Entscheidung wird erst die Zukunft bringen.« Eskild streifte Hilde mit einem Blick, als wenn seine Worte an sie gerichtet seien, wandte sich aber an den Pastor. »Ich habe immer, schon in der Schule, die Partei des Schwächeren ergriffen, und jetzt nach Bau möchte ich es fast mit den Deutschen halten ... aber ich darf es nicht ... ich muß der alten Obrigkeit gehorchen, wenngleich viele der dänischen Beamten nichts taugen und sich schmieren lassen.« »Tun Sie, was Sie nach Ihrem Gewissen müssen!« nickte die Pastortochter. »Ich kann kein richtiges Deutsch sprechen und darum auch wohl kein richtiger Deutscher sein, nicht wahr?« sagte er treuherzig. »Ich spreche nur das gewöhnliche Dänisch, daher bin ich nach meinen Begriffen nur ein guter Nordschleswiger und nichts weiter.« »Das ist ein enges Vaterland,« lachte die Pastorin. »Ja,« war die bescheidene Antwort, »der Bauer hat einen engen Gesichtskreis.« Endlich rückte Eskild ein paarmal auf dem Stuhle hin und her und mit seinem eigentlichen Anliegen heraus, »Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Frau Pastorin? Ich wollte nämlich gern diese Nacht im Pastorat bleiben ... wenn Sie nur einen Stuhl auf dem Flur oder in der Küche mir überlassen.« »Nein, Sie sollen ein warmes Bett in unserem Gastzimmer haben,« sagte Hilde rasch und fragte: »Sie haben wohl eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Vater gehabt?« »Durchaus nicht! Ich möchte eben nicht schlafen, sondern in den Kleidern bleiben.« Ein zu komisches und rätselhaftes Verlangen! Ob bei ihm wohl das Oberstübchen ganz in Ordnung sei? Die Pastorin guckte ihn an und fragte: »Fürchten Sie sich in Ihrem eignen Hause? Oder ist das weiße Gespenst in Ihrem Hof gesehen worden? Wenn Sie sich gruseln, bleiben Sie nur hier, denn im Pfarrhause spukt es nicht.« »Nein, nein, das nicht! Aber es könnten vielleicht schlechte Menschen in der Nacht hier eindringen ... haben Sie eine Flinte, Herr Pastor?« »Ei–ne Flin–te? Ich gehöre zum Lehr- und nicht zum Wehrstand. Bei uns ist nie eingebrochen worden ... und Diebe pflegen sich nicht anzumelden.« Der Pastor begriff den Menschen nicht und war baff verwundert. »Was haben Sie?« »Mein Knotenstock tut's auch und tötet keinen, wenn ich ein bißchen böse werde.« Da ging dem Pastor ein scheußliches Licht auf, mit Abscheu ahnte er, daß die üblen Elemente der Gemeinde eine nächtliche Demonstration, einen demolierenden Exzeß, eine rohe Lynchjustiz an dem deutschen Pfarrhause beschlossen hätten. »Thorö, ich danke Ihnen! Sie sind ein braver Mann. Was wissen Sie von dem tückischen Anschlag?« »Ich hörte allerlei Andeutungen, nahm mir meinen Knecht Andreas mit Freundlichkeit vor, stellte ihn gegen die Stallwand, da er zu dumm und stumm sich stellte, besah mir den Ochsenziemer und spuckte zufällig in die Hand ... da hat er mir alles gebeichtet. Viel Unsinn ... aber einiges wird leider wahr sein. Es ist zu schändlich, Herr Pastor, ich mag es gar nicht sagen.« »Nur heraus mit der Sprache! Die kleinen Leute sind ja wie die dummen Schafe, die dem Leithammel folgen ... Hans Peder und Rolf Krake haben die armen, unwissenden Menschen vom Verstand geredet.« »Ja, die beiden Maulhelden brocken die Suppe ein und machen den Pöbel mit Branntwein und Lügengeschichten betrunken. Alle deutschen Sklaven, Studenten und Freischärler seien bei Bau erschlagen worden und keine Gefahr sei mehr, alle Heimdeutschen in Nordschleswig sollen verjagt und ihre Besitztümer unter die treudänischen Leute verteilt werden ... ja, das Allerverrückteste wird geglaubt ... unser Pastor, unser guter Pastor, sei ein schlechter Kerl, der den Landsturm verlacht habe, sei ein deutscher Spion, der alles auskundschafte und dem schleswig-holsteinischen Pack zutrage ... ich mag es gar nicht sagen, meine liebe, gute Frau Pastorin.« Eskild war ganz rot und räusperte sich. »Hm, heute nacht ...« »Wollen Sie mir in meinem Hause einen häßlichen Schabernack spielen?« »Noch ärger ist es, sie wollen alle Fenster einschlagen, ins Haus dringen, den deutschen Pastor abstempeln, d. i. ihm ein rotweißes Kreuz auf den Rücken malen, ein Paar Holzschuhe ihm geben und ihn zwingen, in den Holzschuhen, die er verhöhnt hat, nach Norderhusen zu marschieren und nie wieder in Hyllerup sich blicken zu lassen. Die Pastorin soll ... soll mit Kuhmist eingeschmiert, im Pastorteiche gebadet werden, und dann will man ihr einen Besenstiel geben, darauf sie nach dem Blocksberg reiten soll. Nur Fräulein Hilde sei immer gut gegen kleine Leute gewesen, und darum solle ihr nichts Böses geschehen ... ja, es sollte nur einer sie mit einem Finger berühren ... wehe dem Kerl und seinen Knochen!« Eskild wedelte drohend mit der Faust, fügte aber zur Beruhigung hinzu. »Das ist ja Übertreibung und besoffenes Geschwätz, aber Hyllerup ist wie ein Tollhaus in diesen Tagen ... darum bleibe ich hier in der Stube aufsitzen.« Die Pastorin war leichenblaß bei dem Gedanken an die Einseifung, die ihr bevorstand. »Warum hassen mich die kleinen Leute? Wieviel Essen und abgelegte Kleider habe ich ihnen geschickt! Die Bagage will mich baden! Sutor, wir müssen Schutz haben, wir müssen den Gendarm, die Polizei aus Norderhusen holen lassen.« »Zehn Stunden vergehen, ehe ein Amtspolizist hier ist. Wahrscheinlich werden wir alle aufbleiben ... ist Klaus schon da? Klaus!« Der Sohn kam herunter und hörte mit hilflosen Glotzaugen von dem Pöbelanschlage, ging hin und her, horchte am Fenster und fragte Eskild: »Was ... was will man mir tun?« »Mein Andreas sagte, der Pastorsohn sei ein Knechteschinder, der nie genug Arbeit für wenig Geld kriegen könne ... dem wolle man das Sitzleder versohlen, bis die echte, rotweiße Kulör zu sehen sei.« Klaus rang nach Atem, wechselte seinen Platz und schrak bei jedem Geräusch zusammen. Der alte Pastor war sehr gefaßt, strammte den Körper und kommandierte: »Die Fensterläden vor! Die Türen verschlossen! Wir sind drei Männer und nehmen den Stock in die Hand ... wo ist Per? Der muß Ersatzreserve sein. Klaus! Hole für den Notfall drei, vier Forken aus dem Stall!« Per hatte sich auf dem Heuboden verkrochen. »Wir müssen polizeilichen Schutz holen,« stammelte der Sohn. »Ja, der Onkel Hardesvogt muß benachrichtigt werden,« rief die Mutter. »Ich reite sofort in Karriere nach der Stadt, die Landpolizei zu holen,« sagte Klaus hastig. »Du würdest mit der Hülfe nicht vor morgen früh hier sein, wenn der nächtliche Exzeß zu Ende ist,« bemerkte der Vater. »Ich tue es um Mutters willen.« Der eifrige Klaus sattelte das beste Pferd und galoppierte querfeldein. Der Pastor sah ihm mit einem Kopfschütteln nach, hatte jugendlich blitzende Augen und den Mut seiner frohen Burschenzeit, nahm einen Stock und machte einige pfeifende Paraden. »Keiner kommt mir über die Schwelle ... wir verteidigen das Haus gegen jeden Eindringling.« Eskild stellte die Forken in einen Winkel. Eine Stunde verrann in friedlicher Stille. Pastor Fangel mußte trotz der Gefahr über das kuriose Waffenarsenal und das befestigte Pastorat lächeln und im stillen sich fragen, ob das sonst so gutmütige Volk wirklich vom Teufel besessen sei, oder ob man vielleicht dem guten Thorö einen Riesenbären aufgebunden habe. Er stellte den Stock beiseite und steckte die Pfeife an. Hilde prickelte mit ziemlicher Gemütsruhe an einer peniblen Handarbeit. Das erregte den Verdruß der Mutter, die ein Zittern in allen Gliedern spürte und ängstlich nach draußen horchte. »Du scheinst dir keine Sorgen zu machen, du bist ja sehr populär bei dem Dänenpöbel, dich werden sie auf den Händen tragen, während deine alte Mutter mit Kuhdung eingeseift wird.« »Still da! Was ist das?« Etwas schlich draußen am Fenster entlang, ein unterdrücktes Lachen kicherte. Plötzlich ein Krachen und Klirren, daß alle im Zimmer aufsprangen. Ueberall brachen zerschlagene Scheiben, die Holzläden krachten, durch ein ungedecktes Flurfenster flog ein kindskopfgroßer Stein an dem Kopf der schreienden Magd vorbei. Die Bande hatte heimtückisch das Pastorat umstellt und machte wie auf Kommando einen infernalischen Spektakel, ein wildes Lärmen, Johlen und Brüllen. Man hörte den Ruf: »Das deutsche Pastorenpack aus Hyllerup heraus!« Eine Wagenrunge diente als Rammbock und donnerte gegen die Fensterläden der erhellten Stube. Der Pastor und Thorö ergriffen ihren Stock und gingen nach dem Hausflur, händeringend stand die Pfarrfrau zwischen Tür und Angel und weinte. Mit einer Deichsel rannten die Belagerer, die den »Tappre Landsoldat« krächzten, gegen die Haustür und stießen eine Füllung ein. Fangel wollte das Fenster aufreißen. »Ich will die betrunkene Bande auf die Folgen des Hausfriedensbruches aufmerksam machen.« »Nein, nein, dich schlagen sie tot,« wimmerte Frau Gertrud und hielt ihren Gatten von hinten am Rockschoße fest. Eskild öffnete das kleine Fenster und schrie mit Löwenstimme den Pöbelhaufen an. »Sieh da, Andresen und Töge und Christian Hansen und Mikael und Peder Flint! Wir kennen euch trotz der Dunkelheit und werden morgen sehen, wie der Hardesvogt und die Polizei euch abholt ... das bringt euch ins Zuchthaus, denn wir haben noch Gesetz und Obrigkeit ... geht sofort nach Hause und schlaft den Schnaps aus!« Eine Stimme von draußen antwortete: »Was geht dich die deutsche Pastorenbagage an! Geh du nur ruhig nach Hause, Eskild, du bist ja von südjütischem Kaliber und von unserer Kulör, Eskild, dir tun wir nichts.« »Nein, aber ich werde euch was tun, wenn ihr euch nicht fortpackt. Das ist eine dumme, dune Sache, die euch ins Gefängnis bringt, marsch vom Pastorhofe herunter!« Von hinten, wo die Anstifter standen, erhob sich ein Geheul. Hier und da brüllten einige: »Der deutsche Pastur soll heute noch auf Holzschuhen aus Hyllerup herausspazieren ... Hurra, der Pastur heraus!« Ein anderer schrie: »Die Ollsche soll geseift und gebadet und von der deutschen Krätze kuriert werden. Heraus mit der Hexe!« Frau Fangel brach zusammen, von ihrer Tochter umfangen, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Eskild erhob seine gewaltige Stimme. »Du ungewaschenes Lügenmaul! Wir haben einen sehr ehrenwerten Pastor und eine sehr gute Pastorin. Wenn ihr nicht sofort den Pastorhof verläßt, werde ich ein bißchen böse und den hier gebrauchen.« Er zeigte den Stock. Ein Johlen und Schimpfen gab Antwort. »Aeh – äh, du spielst wohl jetzt die deutsche Geige?« – »Thorö ist ein deutscher Ueberläufer geworden.« – »Eskild will ja der Schwiegersohn des deutschen Pastors werden und ist darum blau-weiß-rot geworden.« – »Du Insurgentenschwanz und Schubjack, komm heraus!« Vier Knechte rannten mit der Deichsel gegen die Haustür, daß es krachte, und stießen die zweite Füllung ein. Der Sturm auf das Pfarrhaus sollte beginnen. Eskild war bei dem Hohnwort vom Eidam des Pastors blutrot geworden, wechselte die Farbe und wurde kreideweiß. Aber äußerlich ganz ruhig, stellte sich der Brave für die gefährdete Pastorfamilie in den Riß. Er schloß und warf die Tür auf, hielt den Knotenstock hoch und faßte scheinbar ohne Grimm: »Jetzt werde ich böse! Andreas, denke an deine sechs Kinder! Jens, bring dich nicht ins Zuchthaus! Und du, Flint, kannst kaum noch stehen. Weg vom Hofe, sage ich, und noch einmal und zum letzten: Weg da!« Nur Andreas wich zurück; die anderen ballten die Fäuste und brüllten: »Komm heraus, du deutscher Aff und Laff!« »Ich komme schon ... da und da! Zurück!« Ohne den Stock zu gebrauchen, schlug er mit der Riesenpranke drei, vier Krakehler nieder. Weiter fuhr seine furchtbare Faust, daß sie wie alle Neune über- und durcheinander purzelten und laut heulend die blutige Nase sich hielten. Auf der Haustürschwelle stand der Pastor, steil und stolz, den Stock unter dem Arm, um im Notfalle Eskild beizustehen. In der Notwehr, wenn es sein mußte, stand der alte Herr noch seinen Mann. Da flog ein faustgroßer Stein an dem greisen Haupte des Geistlichen vorbei, er duckte sich geschwind, blieb aber auf dem gefährlichen Fleck stehen, und seine Augen blitzten die Pöbelkerle an. Hei, der Riese von Hyllerup, der jetzt ein bißchen böse geworden, war ein Berserker und warf nach links und rechts mit schallenden, knallenden Ohrfeigen die Schreier nieder. Stets ist der Pöbel feige, wenn er kraftvollem Widerstand begegnet und kein stößiger Bock den Hammeln vorangeht. Die tolle, trunkene Bande wälzte sich mit Gepolter der Straße zu und wäre vor dem einem Goliath retiriert, wenn nicht die Hintersten, die noch keine Hiebe geschmeckt, Wagenrungen, Knüppel, Steine ergriffen und mit Geheul einen Angriff auf den einen gemacht hätten. Der Bock in diesem Falle, Rolf Krake, stand hinter der Hecke, höhnte und hetzte: »Ihr seid mir Kerle! Dreißig laufen vor dem langen Eskild ... kis, kis! Haut ihn, haut den langen Lukas!« Die Knechte schwangen dicke Holzstangen, stürmten mit Vorsicht und wollten dem Recken in den Rücken fallen. »So wollt ihr Schufte es haben ... jetzt werde ich sehr böse,« brüllte der Brave, der jetzt den Stock und beide Pranken gebrauchte. Es klang wie die Keulenschläge auf den Heckenpfahl. Mehrere purzelten und wimmerten: »Au, au ... lieber, guter Eskild, laß mich laufen!« Der Goliath schlug und schleuderte und schnaufte laut. Aber der Hydra des Pöbelaufruhrs wuchsen neue Mäuler und Fäuste. Zu viele Kerle und Knüppel waren hinterrücks und hinter Eskild, zu viele Hunde sind des Bären Tod. Pastor Fangel sah mit Schrecken, daß Eskild der rohen, rasenden Masse erliegen müsse, und sagte sich: Ich muß dem Wackeren beistehen, denn jetzt ist Not am Mann. Der alte Herr trat rasch in den Hof und auf die Walstatt, parierte korrekt und kommentmäßig zwei Hiebe, die Eskilds Schädel treffen sollten, und donnerte: »Halt! Ihr Ruchlosen! Wollt ihr als Mörder in der Rendsburger Sklaverei enden?« Da geschah etwas sehr Unerwartetes und Wunderbares. Ein hohes, helles, aber scharfes Halt ertönte. Eine unbegreifliche, nach dem gräßlichen Tumult fast unheimliche Stille trat ein. Alle Stöcke, Knüppel, Heckenpfähle und Fäuste senkten sich, als wenn sie salutieren wollten. Ein Friedensengel, kein weißer zwar, sondern ein schwarz gekleideter Engel stand mitten im wildesten Aufruhr, mitten in der betrunkenen, brüllenden Rotte. Und der sagte mit vornehm zorniger Frauenstimme: »Halt! Pfui, pfui über euch! Jeder gute Däne wird euer schändliches Gebühren verdammen. Unsere Sache ist gut und wird siegen, aber eine gute Sache darf nicht durch solche Schändlichkeiten beschmutzt und verrufen werden. Der Pastor mag ein Deutscher sein, ist aber ein hochachtbarer Mann ...« Ein Raunen, ein Zischen wurde gehört. »Still da! Der Pastor ist ein Ehrenmann! Geht ruhig nach Hause! Die wahren Dänen verdammen allen Aufruhr ... auch eure Zusammenrottung, euren Landfriedensbruch, eure schändliche Ausschreitung. Wenn ihr wahre Dänen seid, geht ihr still und beschämt nach Hause!« Der dänisch gesinnte, schwarzgekleidete Engel war Bodil Hansen. Begleitet von vier alten, treuen Tagelöhnern von Hylleruphof, war sie herbeigeeilt, sehr kouragiert trat sie mitten unter die besessene Horde. Klug hatte sie die Hylleruper an ihrem dänischen Patriotismus gefaßt und doch den Fanatismus als schimpflich und frevelhaft hingestellt. Zu tief saß in allen kleinen Leuten der Respekt vor Bodil Hansen und vor dem Reichtum ihres Vaters. Kleinlaut verließen die Kätner zuerst den Kampfplatz, die Knechte klapperten auf ihren Holzschuhen von dannen und warfen die Waffen in die Knicks. Der Hof des Pastorats war in zehn Minuten menschenleer geworden. Dieser Pöbelsturm auf das Pfarrhaus und die ruchlose, aber rechtzeitig verhinderte Lynchjustiz an dem deutschen Pastor ist keine Fabel und Erfindung, sondern ein bekannter, berüchtigter Vorgang, von Augenzeugen gesehen und geschildert. Das war die von Natur gutartige, aber künstlich fanatisierte, in ihren Ausschreitungen unglaublich rohe Bauernbevölkerung von Nordschleswig, die jetzt von manchen Deutschen, die kaum ihre Nase ins Grenzland steckten, als der harmlos brave, vom Alldeutschtum hartbedrückte Dulder beklagt und gehätschelt wird. Diese Deutschen sollten nur die deutschen Annalen Nordschleswigs von 1848 bis 1864 gründlich lesen! Der dänische Fanatismus der Führer hetzt noch ebenso, nur feinheimlich und listig, und führt durch seine Trau-schau-wem-Treuherzigkeit gewisse gutgläubige Germanen hinter das Licht. – Bodil reichte Eskild Thorö die Hand, dankte ihm warm und ging Hand in Hand mit dem Wackeren ins Pastorat hinein. Hilde Faugel sah diese Intimität mit einem unfreundlichen Blick und hatte ein unangenehmes Gefühl, das sie energisch niederkämpfte. Jep Hansens Tochter schlug den Pastorleuten vor, die Nacht auf Hylleruphof zu verbringen. Doch Frau Gertrud, der noch die grause Angst in allen Gliedern bebte, stöhnte: »Nein, ich gehe nicht in die Dunkelheit hinaus ... sie könnten mich packen und mit ... mit Kuhdung ... einseifen.« »So wollen wir hier bleiben, Eskild, nicht zum Schutze, sondern zur Beruhigung. Unsere vier Tagelöhner sollen im Hofe und Garten patroullieren. Liebe Frau Pastor, nun können Sie und nun sollen Sie ruhig schlafen.« Bodil brachte die Pastorin zu Bett. Hilde nämlich bemerkte, daß auf Schädel und Stirn des tapferen Schirmherrn ihres Hauses dicke Beulen sich gebildet hatten, lief nach Wasser und Linnen und kühlte die unblutigen Blessuren. »Das sind Ihre Orden und Ehrenzeichen,« sagte sie mit ihrem süßen Lächeln. »Sie werden noch anderswo am Körper Wunden haben?« »Nein, ich fühle mich so wohl und so glücklich.« Ja, Eskild war stillselig, und sein Herz wurde unter den kühlenden Händen der Samariterin immer heißer. Zu Vieren blieben sie aufsitzen, bis die jetzt so ruhige Nacht zum Morgen wurde. – Am nächsten Vormittage, als die Frühlingslerchen unter dem Himmel jubilierten, der Säemann gravitätisch über die Aecker schritt und die Knechte auf der Egge ihr Frühstücksbrot verzehrten, kehrte Klaus zurück, und auf dem Gaule hinter ihm saß eine lange, dürre, uniformierte Gestalt. Das war die Polizeigewalt, die er gleich mitgebracht hatte. Der Landpolizist stieg herunter, streckte sich und stolzierte mit dem Säbel an der Linken auf und ab durch die Dorfgassen, um die Ruhe, die schon da war, wiederherzustellen. Alles ging im alten Geleise. Die Bauern schämten sich der skandalösen Vorgänge, die Kätner hatten nur davon gehört, und keiner wollte dabei gewesen sein. Einige, die alle Tage den Krug besuchten und den Wirt bereicherten, luden den Polizisten zu einer Tasse ein und bewiesen ihm, das seien gar nicht die Hylleruper, sondern die Radau- und Saufbrüder aus Faustrup gewesen. Wie zwischen der Schlange und dem Weibessamen eine unversöhnliche Abneigung ist, so bestand von Olims Zeiten her eine Erz- und Erbfeindschaft zwischen den Nachbardörfern; die Faustruper schoben den Hyllerupern alle Schuld in die Schuhe, und die Hylleruper behaupteten, daß jede Schlechtigkeit, jeder Unfug und Diebstahl in Faustrup heimatberechtigt sei. Im Wirtshause bewies man dem Hüter des Gesetzes mit vielen Kaffepünschen, wie gastfrei und brav und unschuldig an dem schändlichen Ueberfall auf das Pastorat die richtigen Hylleruper seien. Das Dorf blieb ganz ruhig. Alle machten ein harmloses oder dummes Gesicht, und die meisten grüßten wieder ihren Pastor, als wenn gar nichts geschehen wäre. Das hatte auch andere Gründe. Die neueste Nachricht nämlich, daß zwei deutsche Armeekorps in Holstein eingerückt seien, flößte eine heilsame Furcht ein und lähmte alle Lust zu Ausschreitungen gegen deutsche Mitbürger. Zwölfter Abschnitt. Als General Wrangel das Bajonett mit Moderation gebrauchte. Heimreich Fangel, obgleich ein Mitbegründer des Kieler Studentenkorps, hatte die grellen Mängel auch der kampffreudigsten Miliz zu deutlich-drastisch gesehen. Er meldete sich in Rendsburg, um als gemeiner Soldat zu dienen, und wurde auf seinen Wunsch einem Jägerkorps zugeteilt. Weniger glatt vollzog sich die Einkleidung, denn es fehlte an Jägerröcken. An anderen Monturen war freilich kein Mangel, jedoch es waren genau dieselben roten Röcke, die auch von den Feinden getragen wurden. Die Uniformen wurden schleunigst mit grüner Farbe gefärbt und an die Rekruten verteilt. Man merkte bald, daß sie die dänische Falschheit in sich hätten. Nach dem ersten Regenwetter betrachteten die Krieger mit versteinertem Lachen ihr Aeußeres und ihre sogenannte kleidsame Tracht. Die grüngefärbten Röcke schillerten in allen unmöglichen und scheußlichen Farben! Je öfter der Himmel die militärische Ausbildung durch reichliche Regengüsse segnete, desto schauerlicher sahen die zebragestreiften »Schniepel« aus, die der militärischen Heldengestalt einen wunderbar klownartigen Anstrich gaben. Pfui Spinne! Das schmucke Aeußere hebt weit mehr das Selbstvertrauen und den Mut des Soldaten, als man glauben möchte. Und doch schlugen sich die Jäger sehr tapfer in den grauenhaft farbigen Röcken. Mit beispielloser Anstrengung und Ausdauer rüstete sich das kleine Land zum Kampfe. Die Einberufenen, die Freiwilligen strömten nach Rendsburg. In elf Tagen war die geschlagene Armee auf neuntausendsechshundert Mann gebracht worden und rückte gut bewaffnet aus dem Tore der Festung. Ein Bundeskorps besetzte Holstein. Friedrich Wilhelm IV. hielt sein Versprechen und sandte ein Armeekorps, um dem bedrängten Bruderstamm beizustehen. Der alte Wrangel, der recht kauzhaft war und noch origineller sein wollte, wurde Oberbefehlshaber der ganzen deutschen Truppenmacht. Man hörte im Lager allerlei Aeußerungen über seine Nachahmung Blüchers, sein krauses Soldatendeutsch, seine große Vorliebe für korrekte Paradeschritte und Gewehrgriffe, seinen genialen Blick dafür, daß jeder Knopf und jeder Riemen richtig saß, aber man hatte die Ueberzeugung, daß Wrangel ein strammer Haudegen und, wenn auch kein strategischer Kopf, so doch ein recht tüchtiger Heerführer sei. Heimreich biwakierte am Ostersabbat mit seiner Kompagnie bei dem Dorfe Groß-Rheide und hat von der Osterschlacht nur das Finale gesehen und selbst mitgemacht. Am feierlichen Auferstehungsmorgen, als im Dorfe Kropp die Osterglocken läuteten, hallten vom Nordosten her die ersten Donnerschläge der Kanonen, die das Ringen der berühmten Osterschlacht einleiteten und -läuteten. In der Stunde jagte ein dänischer Trompeter wie toll durch Schleswigs endlose Gasse, riß die Tür der altberühmten Domkirche auf, wo die Dänenbataillone sorglos dem Ostergottesdienst beiwohnten, und blies gellenden Alarm mitten in die Predigt hinein. Die Deutschen brechen gegen das Dannevirke vor! Bestürzt und kopflos rannten die Soldaten und Offiziere aus dem Gotteshause und zu den Sammelplätzen, um beklommen in den Kampf zu eilen. Den Dänen war nicht geheuer, denn sie wußten, daß sie heute nicht nur mit dem viel schwächeren Schleswig-Holsteiner, sondern mit dem deutschen Recken die Kräfte zu messen hätten. In rührend frommer Einfalt hatte ihr Führer einen Angriff während des heiligen Festes für höchst unchristlich und unmöglich gehalten und seine Soldaten ruhig zur Kirche geschickt. Die bösen Preußen waren so unchristlich, das Osterfest nicht zu respektieren, sondern just am heiligen Morgen ihre höllische Attacke zu machen. Die Jäger, bei denen Heimreich diente, standen den ganzen Vormittag verdrossen, obgleich die herrlichste Ostersonne schien und die Schlei wie ein Brennspiegel glitzerte, hörten die Kanonade und sollten auf Wrangels Befehl mit ihrer ganzen Armee die Reserve bilden. Die Rolle als Zuschauer und Zaungäste und bestenfalls als Lückenbüßer gefiel ihnen sehr schlecht und hat der Verehrung des greisen Generalissimus den ersten Abbruch getan. Man murrte, das sei Absicht, um den Preußen alle Glorie des Tages zu verschaffen. Wrangel war eben Preuße und wollte, daß seine Preußen sich auszeichneten. Einerlei! Sie haben ihre Sache gut gemacht. Mit jener alt- und echtpreußischen Bravour, in geschlossenen Gliedern, wie im Paradeschritt stürmten sie die feste Stellung der Dänen, die hinter den Wällen des Dannevirke standen, jagten sie im ersten Anlauf den Feind, der die preußische Osterparade mit blankem Bajonett schaudernd sah, in helle Flucht. Nachdem Verstärkungen aus Schleswig angekommen, setzte er sich noch einmal auf den Höhen am Busdorfer See fest, doch auch hier verjagten ihn die Preußen. Von dem Ostertage an hatten die Dänen ein Grauen vor den blitzenden Pickelhauben. Heimreichs Truppe durfte endlich ausschreiten und erreichte Busdorf, wo eben der Kampf getobt hatte und die Wagen, voll von Verwundeten, noch hielten. Mehrere Jäger traten neugierig heran, gaben den Durstigen ihre Feldflasche und fragten naiv, ob es sehr weh täte und wo die Kugel sitze. Als ein armer Kerl seinen Mantel aufhob und ihnen den vom Granatsplitter aufgerissenen Leib zeigte, wurden sie blaß wie eine getünchte Wand. »O–oh! Datt is jaa to gräsig!« – »Krischan, hest em sehn?« – »Dann lever forts en Kugel för de Kopp!« Christian wollte sich auch an dem gräßlichen Anblick gruseln, als der Hauptmann mit einem forschen Fluch die Leute von dem Wagen wegtrieb und an den Jäger Fangel, den er wie einen Offiziersaspiranten behandelte, die Worte richtete: »Der Anblick der Blessierten nimmt den Kerlen die Kourasch. Hoffentlich kommen wir noch ins Feuer. Ich freß die Hannemänner, wenn sie nicht Halt machen ... und wenn sie stehen bleiben, fressen wir sie zweimal.« Die Hannemänner – der allgemeine Spottname für die Dänen – hatten eine wilde Retirade gemacht und sprangen noch immer über die Knicks und Wälle zwischen Busdorf und dem Pulverholz. Ueberall lagen ihre Gewehre, Mäntel, Tornister und Mützen, ja ihre Stiefel, die sie fortgeworfen hatten, um im Laufen ihr Höchstes zu leisten. Vorwärts marsch! Da blitzten die Augen der Schleswig-Holsteiner, die mit langen Schritten durch den Friedrichsberg – Schleswigs Vorstadt – marschierten und nun hoffen durften, den verhaßten Feind noch zu fassen, denn bei Gottorp und am Pulverholz wurden noch Schüsse gewechselt. Aber was tat Wrangel jetzt, nachdem seine Preußen ihre Bravour bewiesen und das berühmte Dannevirke genommen hatten, um den geschlagenen Feind zu vernichten? Er ließ zum Appell blasen und befahl eine Stunde Ruhe, da er jetzt ungestört zu Mittag essen wolle. Diese Mittagsruhe ist ihm sehr übel genommen und sehr zweideutig ausgelegt worden. Nach der Mahlzeit ließ er dem Prinzen von Noer durch einen Adjutanten sagen: Nun könne er mit seinen Schleswig-Holsteinern drankommen und bei dem Pulverholz draufgehen. Der Prinz ließ seine Jäger schleunigst vorrücken gegen die Feinde, die vom Gottorper Damm an und auf den Höhen des Tiergartens eine waldgedeckte Stellung hatten. Plötzlich nahm der Alte, der lange durch sein Fernrohr, aber absolut nichts Neues gesehen hatte, den Befehl zurück: »Ich denke, wir hören für heute auf.« Der Prinz remonstrierte höflich-heftig: »Exzellenz, man darf dem geschlagenen Feinde nicht Zeit lassen, sich zu ordnen, das ist die erste Hauptregel aller Strategie.« Wrangel mit seinem recht unstrategischen, aber sehr autokratischen Kopfe erwiderte eigensinnig: »Ich sage, wir hören auf! Verstehen Sie mir!« Die ärgerliche und, wie man behauptete, oft absichtliche Verwechslung von mir und mich imponierte nicht dem Prinzen, der stumm salutierte und seinem Roß die Sporen gab, um eine Insubordination zu begehen. Zum Glück waren seine Jäger schon in unzähmbarer Kampflust, ohne den Widerruf des ersten Befehls abzuwarten, in Plänklerketten und in gestrecktem Lauf gegen die feindliche Stellung losgestürmt. Der von Noer ließ seine Artillerie auffahren und abprotzen, ging mit seiner ganzen Infanterie vor und entschuldigte sich vor seinem Vorgesetzten damit, daß er seine Jäger habe retten müssen. Heimreich kam ins Feuer und merkte in seinem Furor kaum, wie die Kugeln ringsum flogen und seine Kameraden fällten, er war unter den Ersten der langen Plänklerkette, lud, zielte und schoß mit größter Schnelligkeit. Auf einer Wiese am Tiergarten ging sein Hauptmann mit geschwungenem Säbel voran und durchstach einen verwundeten Dänen, der neben einer Weide lag und, wie der heimtückische Hund wähnte, ungesehen sein Gewehr abdrückte. Der Hauptmann stocherte mit dem blutigen Säbel, stieß ihn in den weichen Grund und stürzte auf das Gesicht hin. Ihm war nicht mehr zu helfen. Das war der Hauptmann Waldmann, ein biderber Baier und freiwilliger Kämpfer für Schleswig-Holsteins Recht, und der Offizier, der bei Busdorf gebetet hatte: Gott gebe, daß wir auch ins Feuer kommen! Nun war sein Wunsch erfüllt und seine Heldenlaufbahn abgeschlossen. Heimreich drang mit den anderen in den Wald hinein, wo viele Dänen hinter den Bäumen sich versteckten, hinterrücks schossen und schnell geduckt weiter liefen. Beim Absuchen einer Schlucht rief eine Stimme hinter einer Buche im breitesten, besten Plattdeutsch: »Jung, willst du mi, en goden Dütschen, dodscheten?« Der lange, gutmütige Christian aus Hamdorf streckte, angeheimelt von der Muttersprache, seine Hand und seine Flasche aus und lachte: »Ja, datt verbiestert sich hier dörchenanner ... nimm en Sluck, Kamerad!« Eine ganze Salve krachte, eine Hohnlache gellte, viele Rotröcke huschten davon. Der lange Christian, durch die niederträchtige Hinterlist hervorgelockt, stürzte, von vielen Kugeln durchbohrt, und sein ehrliches Gesicht war vom Pulverdampf verbrannt. »Auf die Meuchlerbande!« schrie Fangel empört. Mit Wut säuberten sie die Schlucht, ohne Pardon wurde jeder Dänenschädel zerschmettert. Einer mit Leutnantsabzeichen, der in Brombeerranken sich verfing, purzelte hin, und sofort holten drei Kolben zum Schlage aus; aber sie senkten sich, ohne niederzuschmettern. Der Gestürzte nämlich bat im korrekten Hochdeutsch: »Halt, Kamerad, schone mein junges Leben! Ich bin gezwungen mitgegangen und ein guter Schleswiger.« Die Verwunderung, einen guten Deutschen unter den Dänen zu finden, rettete seinen Schädel. »Watt, büst du en Dütscher?« »Ja, ja, Kamerad! Nimm meine Waffe!« Der Leutnant konnte nicht schnell genug seinen Säbel abliefern, um so eine gewisse Garantie für sein Leben zu bekommen. Heimreich traute seinen Augen kaum und salutierte spöttisch: »Herr Leutnant Frederik von Fangel!« Es war sein Vetter, den er zuletzt bei dem Rendsburger Putsch gesehen hatte, und der halb ängstlich, halb erfreut seinen Arm umklammerte. »Mein lieber Vetter, steh' mir bei! Das Völkerrecht, daß Gefangene unverletzlich sind, wird doch bei euch respektiert. Ich stelle mich unter deinen Schutz. Verschaffe mir ein gutes Quartier und die Erlaubnis, auf parole d'honneur frei umherzugehen!« »Wir werden dich heil abliefern ... das Weitere bestimmt das Kommando. Hör' mal! Du sprichst wohl ein vortreffliches Plattdeutsch? Hast du einen unserer Leute hinterlistig hervorgelockt?« Der Leutnant, dem das böse Gewissen aus dem blassen Gesicht glotzte, war zweifellos der Tückebold gewesen, aber er bestritt es natürlich mit vielen Ehr- und Eidbeteuerungen. Die Schlacht war gewonnen. Der Däne retirierte nach Flensburg und warf seine Waffen zum Teufel. Die Jäger führten achtzehn Gefangene und einen dänischen Leutnant nach dem Schloßplatze, Frederik Fangel schmeichelte sich an seinen Vetter heran und flüsterte vertraulich: »Ich fange schon lange an, meine Ansichten zu revidieren und mein Urteil zu ändern, ich bin beinahe entschlossen, die Dänen zu verlassen und bei euch ein Patent zu nehmen. Unter uns! Meine Gefangennahme war mir recht erwünscht.« »Ich bezweifle aber sehr, daß dieser Zuwachs uns erwünscht sein wird,« erwiderte der deutsche Vetter sehr kühl. Frederik Fangel ist – um die unerquickliche Historie dieses Herrn vorwegzunehmen – nach Kiel gebracht worden, wo er durch sein Ehrenwort die Erlaubnis erhielt, frei in der Stadt sich zu bewegen. Da er wie ein Deutscher sich gerierte, machte es ihm keine Schwierigkeit und keine Skrupel, in Zivil die Flucht zu ergreifen.– Wrangel fand sich mit Anstand in die Insubordination des Prinzen, die den Sieg vollendete und die Scharte bei Bau auswetzte. Er hat allerdings in der unbegreiflichsten Weise den großen Ostersieg nicht ausgenutzt, sondern geradezu, wie die Schleswig-Holsteiner bald sahen und mit Erbitterung sagten, sich bemüht, die Dänen vor den schrecklichsten Folgen der schweren Niederlage, vor der gänzlichen Vernichtung, die in seiner Hand lag, zu bewahren. Als Wrangel am Tage nach der Schlacht in Flensburg einzog, erhielt er von den Bürgern genaue Nachricht von der totalen Auflösung der feindlichen Armee, wie sie an demselben Morgen, halb bekleidet, ohne Waffen, an die fortjagenden Geschütze sich festklammernd, auf die abgehenden Schiffe springend, in wildester Panik nach Alsen zu geflohen sei. Er hätte mit seiner Kavallerie die aufgelöste Horde energisch verfolgen müssen, so wäre unbedingt der größte Teil der Dänen-Armee in seine Hände gefallen; denn der Kommandant von Sonderburg hatte in seiner Kopflosigkeit, als er die Nachricht von der verlorenen Schlacht erhielt, die Schiffbrücke zwischen Alsen und dem Festlande abbrechen lassen. Die fliehenden Dänen brauchten drei volle Tage, um in Böten überzusetzen, saßen volle drei Tage in der schönsten Falle, ohne daß der alte Preußenheld sie belästigt hätte. Nichts von alledem, was die Kinderlehre der Strategie vorschrieb, was die verdammte Soldatenschuldigkeit forderte, wurde angeordnet, nein im Gegenteil, Wrangel befahl am 26. April einen Rast- und Ruhetag für die ganze Armee – damit die Dänen der Mausefalle entschlüpfen könnten. Um wenigstens etwas – aber etwas sehr Ridiküles – zu tun, jagte der preußische Divisionär Radziwill südlich von der Flensburger Föhrde – statt im Norden derselben die Fliehenden zu fangen – nach Holms, um auf die dänischen Schiffe zu kanonieren. Genialer Blödsinn! Mit Sechspfündern auf Orlogschiffe zu feuern, ist genau so gescheit, wie mit Flitzbögen einen Walfisch zu beschießen. Im schleswig-holsteinischen Lager murrte man, und ein häßliches Gerede ging von Mund zu Mund: man habe mit Absicht den Feind entwischen lassen. Der Alte, der im Herbst 46 bei der Inspektion des holsteinischen Bundeskontingents, das er befehligte, von Christian VIII. mit de Großkreuz des Danebrogordens dekoriert und gewaltig geehrt worden sei, wolle seinen lieben Dänen und Dekorateuren nicht allzu wehe tun. Nein, kleinliche Motive haben den alten Haudegen niemals entehrt. Er, der ganz gewiß im schleswigschen Feldzeuge keine neuen Lorbeerkränze um sein weißes Haupt legte, soll durch geheime Instruktion aus Berlin zu seiner unbegreiflich laxen Kriegsfühlung bestimmt worden sein, so daß er einem höheren Befehl, das Bajonett mit Moderation zu gebrauchen, gehorchte. Nur im Lager wurde kritisiert. Das Land und Volk feierte mit grenzenlosem Jubel den Ostersieg, der ganz Schleswig von den Dänen säuberte, liebte und lobte in hohen Tönen die Preußenbrüder, die Helden und Helfer, und die Landesversammlung votierte dem General von Wrangel den heißen Dank des Vaterlandes, was den für Ehrungen sehr empfänglichen Graukopf gar sehr gerührt haben soll. – Heimreich war durch Bewachung eines Gefangenen-Trupps bei der Nachhut geblieben und lag eine Nacht im Pastorate zu T. in Quartier, in Angeln, ein paar Meilen von Schleswig. Obgleich er als Pastorsohn und Kandidat sich einführte, wurde er von dem Kirchenherrn in T. unkollegialisch empfangen, und die Jungfer setzte ihm ein mäßiges Dienstboten-Essen in der Küche vor. Er ließ es unberührt und ging nach dem Kruge, um zu speisen, allwo Wirt und Gäste ihm erzählten, ihr Pastor T., obgleich deutsch geboren, spiele sich zum Aerger und Ekel der Gemeinde als königstreuen Dänen auf, habe am Ostermorgen auf der Kanzel gestanden und, als der Kanonendonner der Schlacht herüberhallte, gewaltig prophezeit und gewettert: »Hört ihr den Donner des Gerichts? Ja, das sind die Gerichte Gottes, da werden die Verräter und Aufrührer mit blutigen Schlägen gezüchtigt!« Alle deutschen Bauern hätten schweres Aergernis daran genommen und beschlossen, dem undeutschen Pastor einen Possen zu spielen. Heimreich ging in sein Quartier und sagte, als man ihm auf dem Boden ein strohgefülltes Mägdebett unverfroren anwies, sehr gleichmütig, daß er es vorziehe, in dem schönen Gastzimmer, wo der Bischof bei Visitationen sein Lager aufschlage, Quartier zu nehmen. Der Pastor betrachtete den Kriegsmann und brummte eine Grobheit. Worauf der Kandidat ruhig erwiderte: »Ich will um Ihretwillen hier unten bleiben und bei der Hand sein, wenn heute nacht die Fehme kommen und Sie wegen der Osterpredigt zur Rechenschaft ziehen sollte.« Der Pastor T. erblaßte und leuchtete selbst dem Gaste, der im weichen Bischofsbette prächtig schlief, bis ein Spektakel ihn weckte. Der Hof wimmelte von schwarz vermummten Gestalten, die den sogenannten Rummeltöpfen dumpf grollende, greuliche Töne entlockten, auf alten Kaffekannen gräßlich bliesen, mit Schmiedehämmern auf Waschkesseln trommelten und eine schauerliche Katzenmusika dem Kirchherrn machten. Der Pastor stürzte im Nachthemde, darüber er den weiten Priestersummar geworfen hatte, bebend und blaß ins Gastzimmer und flehte, am Bischofsbett hinsinkend: »Helfen Sie mir! Die Fehme will mich umbringen! Sie haben ja Waffen.« Auf dem Hofe entstand eine jähe Stille; dann rief eine Grabesstimme gegen das Fenster: »Hörst du, du Schalksprophet, die Donner des Gerichts? Ein furchtbares Fehmgericht wird über den Verräter des Vaterlandes, den Dänenfreund, ergehen. Die Fehme von T. hat Urteil gefällt und Recht gesprochen: Pastor T. von T., du sollst zur Sühne und Buße »Schleswig-Holstein meerumschlungen« aus vollem Halse singen, widrigenfalls du bis zum Halse dreimal in deinen Teich getaucht und als Deutscher von neuem getauft und geboren wirst. Her–r–r–aus! Oder gesungen!« Der stattliche Kirchherr, der sich unter dem Bette verkrochen hatte, kam schlotternd hervor und stotterte: »Um m–meines W–Weibes und m–meiner K–kinder willen muß ich m–mein armes Leben erhalten ... ich gehorche der rohen Gewalt.« Er stellte sich ans Fenster und fing an zu messen, zu meckern. »Schleswig-Holstein ...« Aber das »meerumschlungen« blieb ihm im Halse stecken. »Still, still, er singt! Haha, er singt! Lauter, lauter!« brüllte es von draußen. Und der Pastor sang mit tremulierender Stimme das Insurgentenlied: »Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht.« Der Soldat im Bischofsbett steckte sich den Zipfel des Lakens in den Mund. Draußen schrien einige: »Den letzten Vers noch mal, den letzten Vers noch mal!« Aber der Soldat sprang ans offene Fenster und sagte lachend: »Genug des grausen Spiels! Geht heim, ihr Schöffen und Beisassen der heiligen Fehme, ihr habt scharf gerichtet! Gute Nacht!« »Gode Nacht, gode Nacht!« grüßten die finsteren Gestalten der furchtbaren Fehme in gutem und gutmütigem Plattdeutsch. Am Morgen drückte der Kirchherr von T. dem Soldaten die Hand, ein Herrenfrühstück mit Eiern, Schinken und Spickgans stand auf dem Tische, und neben dem Teller des Gastes lagen zwölf Bischofszigarren als Dankopfer. Wie harmlos war dieser bäurisch derbe Unfug, der dem deutschen, pseudodänischen Pastor mitten im kerndeutschen Angeln einen grotesken Schabernack spielte, verglichen mit dem pöbelhaften Ueberfall der fanatischen Hylleruper! – Bis zur dänischen Grenze war nur ein Weg von zehn deutschen Meilen – d. i. ein zweitägiger Soldatenmarsch – und nicht der kleinste Wall und Widerstand. Und dennoch war Nordelbingien des Preußenlobes voll, als Wrangel, der mit Moderation focht und marschierte, nach neun vollen Tagen, am 2. Mai, die jütische Grenze überschritt. Der Jäger Fangel kam in die Gegenden, wo jeder Weg und Steg, jedes Dorf und jede Kirche, ja jeder zweite Mensch wenigstens von Angesicht ihm bekannt war. Hoch schlug ihm das Herz, daß auch er ein Helfer sei, der die teure Heimat aus der Hand des Peinigers befreie. Während eines kurzen Halts in Norderhusen ging er in das Haus des Hardesvogts. Der Onkel war äußerst reserviert, und die böse Nachricht, daß sein Frederik in Gefangenschaft geraten sei, schien den Vater mehr zu erfreuen als zu alterieren. »Dann ist er ja, Gott sei Dank, weit vom Schuß ... um den ist mir nicht bange ... aber mein Christian hat wahnsinnig gehandelt. Der alte, verständige Mensch läuft einem Abenteuer nach ... o, er wäre bei seinem enormen Fleiße unfehlbar Amtmann mit neun-, zehntausend Talern geworden, und das wirft er für eine Chimäre weg!« Der Neffe blickte aus dem Fenster und machte ein böses Gesicht. »Was sehe ich zu meinem Schmerz? Du hast keine schleswig-holsteinische oder deutsche Fahne herausgehängt, um den Einzug der Truppen zu feiern? Das könnte üble Folgen haben ... kaufe dir schleunigst blau-weiß-rotes Tuch!« »Nein! Nein!« Wie energisch der Hardesvogt sein konnte! »Ich habe in meinem Gewissen das Für und Wider erwogen ... nein, den Rückzug schneide ich mir nicht ab ... die Insurg–, die blau-weiß-rote Fahne hänge ich nicht hinaus; denn die Deutschen, wofern sie Herren bleiben im Land, sind anständig und werden mich nicht aus Amt und Brot jagen, aber die Dänen würden mir, wenn ich die Farbe bekenne, unbedingt den Hals umdrehen. Den letzten Ausgang weiß keiner.« Der Mann kannte genau den Charakterunterschied der beiden Nationen und rechnete mit der Dummheit des deutschen Michel. »Der Ausgang ist doch sonnenklar. Wir besetzen Jütland, d. i. das halbe Dänemark, und erzwingen den Frieden und die Freiheit.« Der Hardesvogt lächelte mit den Zähnen. »Ja, mein lieber Neffe, wenn die anderen Großmächte nicht wären ... es heißt, daß Rußland und England intervenieren.« »Diplomatische Phrasen! Arm in Arm mit Preußen fordern wir Europa in die Schranken.« Diese optimistische Anschauung teilten die meisten im Lande im wonnigen Mai 1848. Heimreich lag über Sonntag in Stepping, einem Dorfe dicht an der Grenze, einquartiert und erhielt zwölf Stunden Urlaub vom Hauptmann, um seine Eltern zu besuchen. Bis Hyllerup waren es gut und gern zweieinhalb Stunden, aber der Marsch wurde in zweien gemacht. Eine kleine Strecke allerdings nahm ein bekannter Bauer aus Faustrup den Insurgenten auf seinen Wagen. Der Faustruper wußte als guter Nachbar viel von den allzu dummen Hyllerupern zu erzählen. »Um ein Haar hätten Sie Hyllerup in Schutt und Asche gefunden, und wäre es von den Aufrührern in Grund und Boden gebrannt worden ... wenn nicht Ihr Vater und andere vernünftige Leute gewesen wären.« Fangel fragte erschrocken, und der Faustruper erzählte mit Behagen. »Das müssen ja gottlose Heiden und Unchristen sein, die Preußen, die am heiligen Ostertage eine Schlacht schlagen. Schon am Ostermontag kamen die ersten Flüchtlinge nach Hyllerup, keuchten ihre Schreckensmär und verbreiteten Grauen im Dorfe. Die hatten verteufelt schnell ihre Beine gebraucht und zwölf Meilen in achtzehn Stunden gemacht, verlangten Essen und Trinken und tischten schreckliche Geschichten auf. Ein Däne habe mit zehn Pickelhauben sich schlagen müssen, aber zuletzt seien die Räuber und Sklaven aus Rendsburg dazu gekommen, mit fünfzehn Feinden könne selbst ein Jüte nicht fertig werden. Bei Schleswig schwämmen zehntausend in ihrem Blut, die Retirade sei ein Rennen mit der Zunge lang aus dem Halse gewesen. »Am Dienstag schleppten sich noch mehr Versprengte ins Dorf, ohne Gewehr und Tornister, oft in Holzschuhen ober barfuß, die Kommißstiefel in der Hand statt an den Füßen.« Bei dem Dänen nämlich bildet sich durch das stete Tragen der unförmlichen Holzschuhe ein hoher, harter Knorpel aus dem Spann des Fußes, so daß die Stiefel an der Stelle schmerzhaft drücken und er lieber, als die Marter zu erdulden, barfuß läuft. »Auch Verwundete schwankten ins Dorf und brachen hier, wo die Grenze nahe war, am Knick zusammen, konnten oder wollten nicht weiter gehen. Für sie und die Herren Offiziere wurden sechzig Wagen requiriert und sollten in einer Stunde bei der Kirche stehen. Da haben die patriotischen Bauern ein Gestöhn und Geschrei gemacht, doch es half kein Seufzen und Maulspitzen. »Ihr südjütischen Klotzköpfe und Kartoffeldänen,« hieß es, »seid jetzt wohl meerumslungene Sleswig-Holsteiner geworden ... sechzig Wagen und eine Kalesche für den Herrn Oberst, oder der Teufel soll euch holen!« Die Rede machte die Hylleruper geschmeidig, haha, sechzig Gefährte jeder Gattung hielten am Kirchhof, wurden beladen, und viele hängten sich an die Speichen. Auch der Pastor mußte eine Kriegsfuhre stellen, und Priester-Per mußte seine fetten Braunen seufzend anspannen, nahm Abschied, wie für die Ewigkeit, und hockte kummervoll auf dem Sitzbrett. »Die Hylleruper liefen wie ein Hühnervolk, das einen Habicht am Himmel sieht, schreiend zwischen ihrem Hause und dem Kruge hin und her. Die schrecklichen Freischärler mußten gleich erscheinen. Ein Wächter saß im Kirchturm, um Auslug zu halten und Sturm zu läuten. Rolf Krale Hansen lag im Bett, wollte krank sein und das klügere Teil wählen. Aber der Danebrogmand Hans Peder beredete das dumme Volk: »Wir müssen mit dem Landsturm unser Dorf verteidigen und hinter den Knicks Aufstellung nehmen.« Die eine Hälfte der Landstürmer – die andere Hälfte war spurlos verschwunden – versammelte sich mit Steinschloßflinten, Sensen, Mistgabeln im Kruge, trank sich Kourage und fing zuletzt zu singen an voll Mut und Branntwein: Nun geiht datt drup mit alle Mann, Mit Büchsen und mit Forken, Wo hier nicht fechten will und kann, Das sünd wohl dütsche Schorken. »Der Pastor, Ihr Vater, lief, daß ihm die weiße Halsbinde wie ein Friedensfähnlein über die Schulter flog, durchs Dorf, hörte das Gesinge und rannte in Jep Hansens Stube hinein. Bodil saß da und zupfte Charpie. »Auf mich und mein Wort hören die Tollen nicht, mich als Deutschen verhöhnen sie ... gehen Sie, Jungfer Hansen, ins Wirtshaus! Behüten Sie unser friedliches Dorf vor dem Wahnsinn, dem Untergange! In Kriegszeiten läßt der Soldat nicht mit sich spaßen, schießen die Bauern, so werden alle, welche Waffen tragen, füsiliert, und Hyllerup geht in Flammen auf.« »Bodil war ein beherztes, entschlossenes Frauenzimmer, ließ die weiße Schürze fallen und eilte, ohne eine Antwort zu geben, wie sie ging und stand, nach dem Kruge. Ihre Versicherungen, daß kein ruhiger Bürger Schaden leiden werde, ihre Vorstellungen, nach Hause zu gehen und die Mordwaffen zu verstecken, fanden schließlich Gehör, und die allermeisten drückten sich nur allzugern, denn die gefährliche Geschichte war ihnen längst auf den Magen gefallen. Nur Hans Peder protestierte: »Haha, wollt ihr euch von einem Weibsbild kommandieren lassen?« Da stampfte Bodil auf die sandbestreute Diele: »Hans Peder, ich zeige dich als Aufwiegler bei dem Hardesvogt an, damit du eingesteckt und unschädlich wirst.« Er sah, daß er keinen Landsturm mehr habe, setzte sich und schimpfte und trank Pünsche, bis seine Gemahlin erschien und ihn am Arme von seinem Kaffepunsch fortriß.« Die Pickelhauben kamen nach Hyllerup. Wrangel hatte bestimmt, daß die Preußen im fetten Osten des Landes gen Norden zögen, während die Schleswig-Holsteiner auf dem sandigen Mittelrücken marschieren und kraft dieses preußischen Egoismus bei den Torfbauern mit Buchweizengrütze sich mästen mußten. Dieser Armeebefehl war als absichtliche Zurücksetzung nicht geeignet, das Murren im Lager zu dämpfen und die Wrangel-Verehrung zu mehren. Stattliche Gardesoldaten lagen in Hyllerup im Quartier und wurden von den freudig überraschten Bauern, die auf Schwedentränke und andere Scheußlichkeiten, wenigstens auf Prügel und Plünderung gefaßt waren, aufs beste bewirtet. Die Preußen waren stramme Kerle, die in strenger Disziplin standen und kein Huhn stahlen. Heimreich ging durch die Küche ins Pfarrhaus. Die Mutter schrie auf und lag schluchzend in den Armen des Sohnes. Der alte Pastor guckte aus der Studierstube, hatte den Pfeifenkopf in der einen, den Pfeifenauskratzer in der anderen Hand, die Brille oben auf der Stirn und legte die vollen Hände auf Heimreichs Schultern. »Du hast recht getan ... wenn ich deine junge Kraft hätte, so hätte ich ebenso gehandelt.« »Ach Gott, wie gut, mein Sutor, daß du Graukopf und alter, inkapabler Stakkel hübsch bei mir bleiben mußt. O, Heimreich, du bist in der grauenhaften Schlacht gewesen?« sagte die Mutter. »Ja, ich bin stolz auf meine Feuertaufe.« »O, ich bitte dich, schone dein Leben, gehe nicht mit den Ersten, um dich hervorzutun, sondern halte dich nach hinten, und suche stets einen Knick als Schutz!« Klaus, der Agrarier, stand hinter dem Bruder. »Na, da bist du ... Donnerwetter, in der »schöinen« Uniform.« Klaus beäugte ironisch den zebragestreiften Kriegsrock. »Alle Achtung, du wirst noch Hauptmann werden. Ich habe keine Anlage zum Heldentum und bin zu Hause geblieben. Ich mußte hier bleiben um der Eltern willen ... wenn die ganze Wirtschaft nicht zugrunde gehen sollte, mußte ich auf dem Pfarrhofe ausharren und meine schlichte Pflicht tun.« Der Pastor brummte etwas und befahl, das Allerbeste aufzutischen. Eine Sekunde lang verzerrte sich das Gesicht des ältesten Sohnes, und der Neid in ihm raunte: Ja, wenn der beste Sohn heimkehrt, wird das fetteste Kalb geschlachtet, ich habe alle Tage wie ein Knecht geschuftet. Klaus mußte einem Aerger Luft machen und schimpfte auf den Leutnant Bosen, der den schönen Fuchs bis heute nicht bezahlt habe, und auf die Dänen, die auf der Zwangsfuhre den Pastorknecht und die beiden Braunen mitgenommen hätten. »Die anderen sind alle schon zurück ... wo bleibt nur unser Fuhrwerk mit unsren besten Pferden?« Das war auch für den Vater eine rechte Sorge. Warum war der zuverlässige Knecht nicht zurückgekehrt? Heimreich hatte bei aller Heimatfreude, die sein Herz durchströmte, etwas sehr Schweres auf dem Herzen, trug sich mit einer bösen Trauer- und Todesnachricht, die seine Schwester tief erschüttern, vielleicht in Krankheit stürzen werde. Hilde saß bei Tisch an seiner Seite und sah immer öfter und ernster ihn an, denn sie konnte von jeher jede Heimlichkeit in seinem Antlitz lesen. Plötzlich zupfte sie ihn am Aermel und flüsterte tonlos: »Sag es mir! Kunz Reuter ...?« »Ach Gott, Kunz ...« Es blieb die Träne im Auge und das Wort in der Kehle ihm stecken. »Kunz Reuter ist tot ...« »Hilde, du weißt es schon? Es war ein schöner Heldentod ohne Leichtsinn und Pose.« »Ich ahnte es, und es wurde mir vorhergesagt von der Somnambulen.« Die kleine Pastortochter war totenblaß, hatte aber jene steinerne Ruhe der starken Ergebung, die schon das Schwerste überwunden hat. Alle Gabeln ruhten, nur Klaus aß mit Appetit weiter. Heimreich erzählte von dem ruhmlosen Tage und kündete den Ruhm des Toten, der beim Untergange des Freikorps die Waffe ergriff, wie ein Winkelried voranstürmte, für sein Vaterland fiel und in den Armen des einstigen Freundes verblutete. »Es waren wohl zwei Menschen in ihm, zwei Seelen in seiner Brust, aber der Kunz, der bei Bau focht und fiel, war ein herrlicher Mensch, ein Mann aus edlem Guß, ein deutscher Held, ein treuer Sohn unserer Heimat.« Die Schwester hörte unbeweglich zu und hielt die Hände gefaltet, als wenn sie bete. Der Bruder bestellte den letzten Gruß des Sterbenden, der mit Hildes Namen auf den bläulichen Lippen verschied. Da ging ein Zittern durch ihren zarten Körper, und all die in einem Jahre zurückgepreßten Tränen strömten über ihre Wangen. Hilde ging in ihr Zimmer, um mit ihrer Erinnerung allein zu sein. Klaus kaute weiter und meinte kreuzverständig: Es sei viel besser, daß der Mensch gestorben sei, denn nun werde die Schwester den Luftikus vergessen und hoffentlich noch eine Partie machen, denn unverheiratete Predigertöchter seien übel dran und für ihre Angehörigen eine Zukunftssorge. Am Nachmittage gegen drei Uhr klapperte ein Fuhrwerk mit kreischenden Rädern auf dem Hofe. Wer konnte das sein? Alle gingen ans Fenster. »Himmel! Das sind ja meine Braunen!« brüllte Klaus, »aber man kennt sie nicht wieder. Vater, das ist zu schändlich ... wir müssen in Kopenhagen klagen und Ersatz verlangen, weil das Militär unser bestes Gespann verhunzt hat. Dreihundert Taler sind zum Teufel.« Er lief hinaus, befühlte die Rippen der dürren Gäule, die in trübseliger Gestalt, aber mit freudigem Gewieher den Heimatstall begrüßten, und er schimpfte auf den Knecht: »Wie hast du meine Pferde verhunzt, du Lump! Ich ziehe es dir vom Lohne ab.« Per wimmerte. »Härr, ick heff ken Schuld, ick heff ken Schuld! Ick bün selbst up'n Hund gekommen, wie'n Hund verprügelt worden.« Der Pastorknecht, der auch dünn und mager geworden war, stapfte ins Haus und erzählte unter Schniefen seine grauenhaften Erlebnisse. »Herr Pastur, ich bin Haut und Knochen geworden, wie meine Pferde. Uh, uh, was habe ich durchgemacht auf dieser Fuhre und Fahrt! Die verdammten Dänen sind Menschenschinder, noch schlimmer als die Kosaken, die meinem Vater die Knute zeigten ... uh, an meinem Kreuz sitzen noch die Striemen. Die dänischen Unteroffiziere behandelten uns ärger als das liebe Vieh. Ging bei dem Mordsgalopp – es konnte ihnen in ihrer Angst nie schnell genug gehen – etwas am Wagen oder Geschirr kaput, setzte es mörderliche Hiebe. Wurden die Gäule mager und matt – und sie mußten es werden bei der Schinderei –, so setzte es wieder Prügel, obgleich man weder Heu noch Hafer bekam. Ich habe für meine paar Spezies Futter von den Unteroffizieren, die es den Bauern stahlen, kaufen müssen. Krieg ich das wieder, Herr Pastur?« – Fangel nickte. – »Ich danke schön, Sie sind ein guter, gerechter Herr. Trockenes Kommißbrot gab es zu essen, aber kaum halb genug. Ließ ich mir in einem Wirtshaus für mein Geld eine Grütze geben, brüllte der Sergeant sofort: Das Bauernvolk will immer fressen, vorwärts! Und es gab Hiebe. Schliefen wir eine Stunde neben den armen, abgehetzten Pferden, gossen sie uns die Tränkeimer über den Kopf und schimpften: Der faule Bauernlümmel will immer schnarchen. Als die Schufte mich endlich in Friederiz rot, blau und grün am ganzen Körper laufen ließen, unter der Bedingung, daß ich zwei Flaschen Branntwein ausgäbe, dankte ich meinem Gott. Aber o Not, o Unglück! Bei Kolding griffen andere Flüchtlinge mich auf und zwangen mich mit vorgehaltenem Gewehr – ich fühle noch den kalten Lauf an der Schläfe – umzukehren. Noch einmal ging es in Jütland hinein. Wieder wurde ich armer Mensch gescholten, gepufft, geprügelt. Ich glaubte, ich würde nicht Hyllerup lebendig wiedersehen.« »Wie bist du denn schließlich dem Pack entronnen, mein armer Per? Nun hast du es mal gefühlt, was die Dänen sind ... zwei Tage sollst du ruhen,« sagte die gutmütige Pastorin. Der Knecht machte das schweinspolitische Gesicht. »Ich bin ja nicht in Fockbeck, wo sie den Aal ertränkten, geboren, Frau Pasturin ... um nicht von der retirierenden Bande – mögen sie alle Sklaven in Rendsburg werden! – wieder aufgegriffen zu werden, machte ich einen weiten Umweg, obgleich die armen Tiere mir weh taten, über Skanderup und Vorbasse und die böse Gegend, wo der Scheuerpfahl mitten in der Stube steht und jedem Gaste zur Benutzung angeboten wird. Das war für einen an Reinlichkeit gewohnten Menschen ein Kreuz und Jammer ... ja, der Herr hat mich heimgesucht ... aber vorsichtig schlief ich stets im Heu. Nun bin ich hier – Gott sei Dank! – blau und grün, krank und verhungert und werd' mein Lebtag daran denken. O, Herr Pastur, ich bin von der dänischen Gesinnung, die Hans Peder Sjöberg mir einpredigte, gründlich kuriert. Ich speie, ich spucke auf die Dänen! Ich fühle jetzt, ich habe hier drinnen eine deutsche Ueberzeugung.« »Na, Per, geh jetzt hin und iß und schlaf dich aus!« lächelte der Pastor. Und sein jüngster Sohn lachte: »Jetzt heißt es aber aufgepaßt, daß Per nicht von den Preußen zu Kriegsfuhren gepreßt wird ... sonst spuckt er uns auf Dänen und Deutsche zumal, und wir hätten einen Menschen ohne irgendwelche Ueberzeugung.« Heimreich guckte ein paarmal in den Wandspiegel. Die Figur war kriegerisch, schlank und schneidig, nur die Chamäleonsfarbe des Rockes wollte seinem Soldatenstolze nicht gefallen. Klaus schlürfte seinen Kaffe und schielte über die Tasse hinweg, beobachtete das Spiegelbild und sagte mit seiner phlegmatischen Stimme: »Willst du nicht Jep Hansen besuchen? In deiner schönen Uniform kannst du dich sehen lassen.« In den Augen saß eine Arglist, in dem Wunsche war eine Absicht. »Ich bin sehr stolz auf meinen Soldatenrock ... ich würde stolz auf meinen Bruder sein, wenn er auch dieses Ehrenkleid trüge. Weil du dich über die Mißfarbe meines Rockes mokierst, will ich mich just im Dorfe sehen lassen und Jep Hansen begrüßen. In einem Stündchen bin ich zurück.« Der Vater blickte erst den einen und dann den andern Sohn an. Woher und warum war diese Animosität zwischen den Brüdern, die er heute zum ersten Male bemerkte. Bereits in einer halben Stunde war Heimreich wieder da. Die Leute auf der Gasse gafften dem Soldaten nach, Kathrin zischte: »Kiek, kiek! Der Sohn des Pastors ist bei den Insurgenten und hat das teure Dänenblut vergossen, nun haben wir klare Beweise, daß unser Pastor ein deutscher Landesverräter ist.« Bodil saß am Fenster und legte dem Vater, dem der Sonntag lang wurde, eine Patience. Sie erbleichte bis in die Schläfen, erhob sich rasch und ging ins Nebenzimmer, wo sie beide Hände gegen die Brust preßte, als wenn ihr Herz zerspringen wolle. Sie mußte erst sich fassen und den stechenden Schmerz überwinden. Jep begrüßte mit Handschlag den unerwarteten Gast, plierte pfiffig und machte sich ein bißchen lustig in seiner Weise. »Unser Kandidat ist ein Kriegsmann geworden und hat den Pastor an den Nagel gehängt. Wollen Sie nun beim Kalbsfell bleiben, bis Sie Oberst sind? Ein bißchen lebensgefährlich ist ja das Metier ... bringt es auch recht was ein? Ich wollte nicht für zehn Kurantschilling meine Haut zu Markt tragen. Ich frage ja wie ein Bauer.« »Ja, die Verpflegung ist reichlich und die Löhnung gut, und Schleswig-Holstein ein Land, das sich nicht lumpen läßt.« »Na, bei den Frauensleuten werden Sie mit dem zweierlei Tuch und dem wunderschönen Rock jetzt Ihr Glück machen.« War ein böser Sarkasmus. Heimreich runzelte die Stirn und kehrte mit einem Ruck den Kopf. Bodil trat über die Schwelle, groß, stattlich und schön wie je; aber ihre Haltung hatte etwas Steifes, ja Starres, ihr Kopf saß wie im Nacken fest, das Gesicht war weiß, die Lippen schmal, die Augen angstvoll aufgerissen, wie eines Menschen, der vor dem Hinabstürzen in einen Abgrund stiert. Sie reichte dem Besucher die Hand nicht, sondern blieb drei Schritte vor ihm stehen, und in Gegenwart des Vaters brach die wehe, zornige, rücksichtslose, hoffnungslose Verzweiflung aus ihrem Munde. »Heimreich, das hast du mir getan! In diesem ruchlosen Rock der Feinde meines Landes kommst du zu mir, um mein Weh um des Vaterlandes Niederlage zu verhöhnen, um meine Liebe zu brechen, mein Herz mit Füßen zu treten. Du trägst die Waffe der Aufrührer, und Dänenblut klebt an deinen Fingern. O, ich liebe dich, aber jetzt graut mir vor dir! Nun hast du alle Brücken abgebrochen ... den ich am meisten geliebt, der hat mir am wehesten und grausamsten getan. Wie konnte Liebe so Liebloses tun?« »Bodil, ich mußte um des Gewissens willen mein Vaterland lieben, für meine Heimat, die ein erstes, ewiges Geburtsrecht an mir hat, mein Leben und, was mehr ist, meine Liebe einsetzen.« »Nein, du mußtest nicht bei den Aufrührern Soldat sein, du konntest passiv, außerhalb des Streites, ein friedlicher Bürger, wie Hunderttausende im Lande, bleiben.« »Ich hatte das wehrhafte Alter ... Bodil gedenke meiner nicht im Zorn, wenn ich falle ... ich behalte dich immer lieb.« »Heimreich, ich müßte dich um meines Gewissens willen hassen, und ich muß dich lieben ... aber ... o ... ich kann dich nicht ohne Grauen und Abscheu in dem Rock sehen ... geh, geh!« Sie schlug die Hände vors Antlitz und stürzte ins Schlafgemach, wo sie sich aufs Bett hinwarf und in Krampf und Qual wimmerte. Nun war alles aus, ihr Leben, ihre Liebe, ihre Hoffnung vernichtet. Traurig, trostlos, ernst und ergeben, ohne wider sein Schicksal zu rasen, ging er über den Friedhof heim. Er hatte sich als Opfer dem Vaterlande gebracht, das stärkte seine Seele in dieser Not. Jetzt war das letzte Band zerrissen, der Bruch vollendet, kein Weg und Steg zu ihrem Herzen. Still und ein wenig starr setzte er sich zu Hause an den Tisch und nahm die Hand der Mutter. Die Mutterliebe, die bis zum Tode hält, war ihm geblieben. Die Mutter, die keine besonderen Sympathien für die Südjütin hegte, hatte Bodils Lob gesungen, wie tapfer sie den Eltern in der bösen Nacht beigestanden. Er hatte im stillen Sinn gehofft, daß sie ihre radikalen Anschauungen gemäßigt habe, daß sie allmählich ein- und vom fanatischen Dänentum ablenken und abrücken und eine jener parteilosen, unpolitischen Frauen, die an der Grenze zahlreich sind, werden würde. Jetzt war das aus und abgetan, der eine Traum seines Herzens tot und begraben. Aber das andere hohe Ideal, ein Kämpfer für seines Volkes Recht und Freiheit zu sein, sollte nun seine Seele ganz erfüllen. Für die Heimat wollte er leben und, wenn es sein mußte, sterben, und das Sterben schien ihm viel leichter und beinahe begehrenswerter zu sein. – Heimreich betrat das Zimmer seiner Schwester, die hastig ein Päckchen Briefe – die Reliquien von Kunz, deren Durchsicht ihr wie eine Totenmesse gewesen war – in der Kommode verschloß, und mit einem melancholischen Lächeln meinte er: »Nun können wir beide dasselbe Seufzerlied singen und Trübsal blasen.« »Nein, dir wird noch die rote Rose einst voll erblühen, mein Bruder, hoffe wider Hoffnung! Aber mir wird nur die weiße sprossen, wie Frau Lindenhahn mir weissagte.« »Ich will dich nicht mit Hoffnung trösten und täuschen, meine Hilde ... denn der Tod ist der unwiderrufliche Schluß.« »Ach, ich bin nicht traurig. Alle Menschenschwächen und -schlacken, was fehler- und flatterhaft, unfertig und unschön an ihm war, ist durch seinen Tod gesühnt. Der mannhafte, hochgemute Kunz, der den Heldentod starb, der fleckenlose, vollkommene Held webt und lebt in meinem Gedächtnis, den kann und darf ich jetzt achten und ehren und inniglich lieben, der Lebende gehörte mir nicht, dem Toten darf ich Liebe und Treue halten.« – Der Urlaub war zu Ende. Heimreich nahm einen langen Abschied, der seiner Mutter bitterschwer wurde. Sie beschwor ihn, sich in der Schlacht nicht zu exponieren, sondern an seine arme Mutter und immer an die Knicks zu denken, die ja Gottlob im ganzen Lande seien. – Am Abend ging Klaus nach Hylleruphof, um zu sehen, was passiert und ob Bodil sehr traurig sei. Er sah zwar blitzwenig, denn die Jungfer Hansen ließen keinen in sich hineinschauen, aber es freute ihn mächtig, daß sie höflich und freundlich wie immer war. Der alte Jep klagte über seinen »Reißmatismus« und über die anmarschierenden Kriegssteuern. Während dessen brachte ein Gespann des Pastorats den Soldaten eine Meile auf den Weg nach Stepping. Bei seiner Ankunft im Quartier wurde dem Jäger eine Überraschung, der Hauptmann teilte ihm seine Ernennung zum Unteroffizier mit. Seine Bescheidenheit hielt das weniger für eine Auszeichnung als für einen Notbehelf, sintemal der Mangel an Unteroffizieren groß war. Mit Hurra wurde die dänische Grenze überschritten. Der Marsch ging langsam, wie die österreichische Landwehr, und immer weiter ins schwarze Jütland hinein. Die Festung Friedericia überließ der Däne dem Feind ohne Schwertstreich. Wrangel hatte die Hälfte des Königreichs in seiner Gewalt und auf dem Festlande keinen Gegner. Aber – o Schmach – die Orlogschiffe des Duodezreiches blockierten die deutsche Ostküste, kaperten die Schiffe und legten den Handel der Städte lahm. Ohnmächtig war das große Germanien gegen die Raubzüge der elenden Wasserratte. Um sich für den Schaden schadlos zu halten, wurde eine Kontribution von zwei Millionen Speziestaler über Jütland verhängt, was den Dänen einen heilsamen Schrecken einjagte. Diese Bahn, den Dänenbeutel zu schröpfen, mußte mit goldener Rücksichtslosigkeit weiter beschritten werden, das war der Weg, um den kleinen Gernegroß klein zu kriegen. Aber dreimal wehe! Preußens Weisheit und Wrangels Strategie gingen andere und unbegreifliche Wege. Wie ein Blitz schlug der Befehl des Oberkommandos ins Lager ein, der wie ein Tollhausstück verblüffende Befehl zum Rückzuge! Noch ehe die Kontribution eingetrieben war, verließ Wrangel mit seinen dreißigtausend Mann, denen die Dänen keine zwanzigtausend entgegenstellen konnten, Jütland in fluchtähnlicher Eile, ja, er ließ sogar Nordschleswig im Stich und in Feindeshänden. Nicht verlegen um Ausreden, behauptete der General, der Rücken seiner Armee sei von Alsen her bedroht und seine Stellung ohne Verstärkungen unhaltbar gewesen. Die Schleswig-Holsteiner waren aufs höchste entsetzt, und durch ihre Reihen ging auf dieser Retirade nach dem Siege die galgenhumoristische Hohnrede: »Die Dänen könnten nichts Effektvolleres tun, als eine Division Lacher uns nachsenden, die, statt anzugreifen, nur die Zunge auszustrecken und uns auszulachen hätten.« Man wußte damals noch nicht, daß Rußland und England ihre Einschüchterungsversuche in Berlin anfingen. – – Wrangel hätte ohne Zweifel durch geschickte Operationen die ihm kühn nachziehende, jütische Armee in Nordschleswig abschneiden können, aber er tat alles, um das nicht zu tun. Ja, als der Prinz von Noer ungestüm in Jütland hineinmarschieren wollte, wurden ihm die Hände gebunden durch den preußisch schroffen Befehl der alten Exzellenz: »Unter Androhung kriegsgerichtlicher Behandlung sei darauf zu halten, daß keine Kugel über die Grenze gefeuert werde.« Die Pessimisten sahen die erbärmliche Misere dieser Kriegsführung und kritisierten Preußens Diplomatie. Heimreich hielt den Kopf hoch und hat diese Kritiker oft durch die trockene Bemerkung kritisiert: »Wie es unter tausend Reitenden kaum einen wahren Reiter gibt, so wird man unter tausend Offizieren noch nicht einen Feldherrn finden, und dennoch glaubt jeder, der Sporen trägt, ein großer Kavallerist zu sein, und jeder einfältige Soldat fühlt sich berufen, strategische Maßregeln zu be- und verurteilen.« Hyllerup hatte keine Einquartierung, alles ging im friedlichen, alten Geleise. Hilde Fangel trieb einen heimlichen Gottesdienst mit den paar Andenken und Briefen, die sie von Reuter hatte. Jenes sanfte Lächeln, das immer ihre Schönheit gewesen war, kehrte wieder, eine freundliche Güte lag auf ihrem Antlitz. Sie liebte es, auf den Friedhof zu wandern und mit einigen Blumen das verfallene Grab eines Vergessenen zu schmücken. Für jeden Hilfeheischenden im Dorfe war sie zu sprechen. Als Hilde hörte, daß es wieder bei dem Lehrer drunter und drüber gehe, wollte sie zuerst eine Magd senden, denn die kranke Frau, die Reuters Tod vorhergesehen und das zweite Gesicht hatte, war ihr unheimlich. Dennoch überwand ihr Mitleid das Grauen. Tapfer betrat sie die Lehrerwohnung, die in dem unsagbaren Zustande sich befand. Frau Lindenhahn saß am Fenster und machte aus billigen Glasperlen Halsketten für die Kleinen, die sie aber an ihrem Halse zur Probe trug. Dabei hatte das Büblein mit den großen Blauaugen sich arg angefeuchtet, und die Mutter mit dem Perlenschmuck ließ ihn ruhig im Tümpel sitzen. Das war die erste Augiasarbeit, dann wurde das ganze Haus in Angriff genommen. Nach zwei Stunden voll Fleiß und Schweiß setzte die Pastortochter eine Suppe aufs Feuer, wobei die Mäuse, die hier ungestörtes Gastrecht hatten, zutraulich ihr um die Füße herum liefen. Einhundertfünfzig Holzschuhe klapperten plötzlich, die Schule war aus. Lindenhahn erschien, herzte seinen Buben und atmete mit Behagen den Duft der Suppe. Dem jungen Mädchen hatte sich ein Gedanke aufgedrängt: Ob nicht der weiße Nachtspuk, der vor vier Wochen zuletzt gesehen sein sollte, zu der unheimlichen Krankheit der Lehrerfrau in irgendwelcher Beziehung stünde? Sie mußte eine Frage stellen: »Sagen Sie mal, Herr Lindenhahn, hat Ihre Frau, wenn die Anfälle kommen, vielleicht eine Neigung zum Nachtwandeln?« Er horchte auf, schüttelte heftig den Kopf und antwortete bestimmt: »Nein, nein, meine Frau steht ganz gewiß nicht des Nachts auf ... das ist ausgeschlossen ... ich liege ja an ihrer Seite und merke jede Bewegung, die sie macht. Nein, nein!« Hilde ließ den phantastischen Argwohn fahren. Auf dem Heimwege begegnete sie dem jungen Thorö, der zu Pferde sah und in großer Hast war. »Um Gottes willen, was ist Ihnen passiert?« Ohne anzuhalten, kehrte er sich im Sattel und rief: »Ich muß den Doktor holen ... mein Vater ist plötzlich hingestürzt und ohne Besinnung, wir fürchten, der Schlag ...« Die weiteren Worte verschlang der Wind. In Thorös Hof war die Krankheit eingekehrt und stand der Tod vor der Tür. Der Arzt aus Norderhusen kam und hatte kein Kraut gegen Altersschwäche und Apoplexie. Das gab eine große Leiche in Hyllerup. Der Pastor hielt eine treffliche Leichenrede in der Kirche. Danach ging das ganze Gefolge im gravitätischen Gänsemarsch um den Altar herum, legte ein kleineres, in Papier gewickeltes Geldstück auf das Pult des Küsters und ein größeres auf den Altar des Pastors. Also ist es Sitte und Gebühr in Nordschleswig, nach dem Sprichwort dazulande: Es regnet auf den Pastor und tröpfelt auf den Küster. Als guter Haushalter hat Pastor Fangel das Opfer gezählt und gebucht und mit Gleichmut konstatiert, daß im Papier der Dänenpatrioten viele Kupferlinge sich befanden und das Opfer bei einer großen Leiche früher größer gewesen sei. Der Küster hatte eine ähnliche Erfahrung gemacht. Als offener, aufrechter Mann ging Lauritzen bei der ersten Begegnung auf Rolf Krake zu, drückte das Papierchen mit dem Opfer ihm in die Hand und sagte freundlich: »Du hast es nötiger als ich, zwei Sechslinge geben einen kleinen Schwarzen, wenn man nach Kaffepunsch-Kurant rechnet.« Eskild trauerte sehr um seinen Vater und rührte seine Geige nicht an. Um ihn über den ersten Schmerz hinwegzubringen, luden die dankbaren Pastorleute ihn zu fleißigen Feierabendbesuchen ein. Das waren tröstliche Stunden. Als er erfuhr, daß jener unleidliche Student aus Kiel bei Bau gefallen sei, freute er sich, nicht weil er irgend einem Menschen den Tod gegönnt hätte, sondern um Hildes willen, die jetzt die bittere Erfahrung verschmerzen und den Bruder Leichtsinn vergessen werde. Er kalkulierte kreuzverständig, daß die Toten tot und abgetan sind und ein Begrabener kein Nebenbuhler mehr ist, daß alles, auch die unglücklichste Liebe, ein Ende habe und der Augenblick für einen Antrag wahrscheinlich günstig und gut gewählt sei, bevor ein anderer Rival, ein neuer Freund des Bruders Heimreich, ein verführerischer Kriegsmann, auf der Bildfläche erscheine. Obgleich der Bauernsohn merkte und meinte, daß Hilde ihn gern in ihrer Nähe habe und ein unbedingtes Vertrauen ihm schenke, fand er doch nicht den Mut, die Frage zu stellen. Oft war ein Anlauf gemacht worden, jedoch ihre arglose, naive Ermunterung: »Reden Sie frischweg, nur nicht schüchtern!« hatte ihn völlig eingeschüchtert und das Geständnis in seine Brust zurückgetrieben. Da sah er ein, daß der schriftliche Weg für Leute seines Schlages der beste Weg sei. Eskild konnte seine Gedanken sehr gut zu Papier bringen und schrieb aufs schönste nieder, was er sagen wollte und nicht sagen konnte. Seine große Faust schrieb nämlich wie ein Kalligraph. In tausend Ängsten harrte er der Antwort. Er hatte korrekt bei dem Vater um die Hand der Tochter angehalten und zum Schluß ausdrücklich erklärt: Wenn der Bauernstand der Pastortochter nicht zusage, werde er den Hof verkaufen und einen anderen Beruf ergreifen. Der Pastor las nachdenklich den Brief durch und räusperte sich. Eskild ist lang erprobt und treu befunden, da würde Hilde auf Händen getragen werden. Er rief seine Tochter, legte den Brief auf den Tisch und sagte ernst: »Ein sehr vertrauenswürdiger und achtbarer Mann hat auf das artigste um dich angehalten.« Ihre Wangen erbleichten. »Es ist Eskild! Was soll ich antworten?« »Spricht dein Gefühl weder ja noch nein, so überlege es dir ... ich werde sehr, sehr gern meine Einwilligung geben.« Ein Zittern lief über ihren zarten Körper, aber ihre Stimme war sehr fest. »Da bedarf es keiner Überlegung ... ich muß den wackeren Freund, den besten und treuesten Mann, aufs schmerzlichste betrüben ... o das schmerzt und schneidet mir ins Herz.« Sie weinte die Tränen des Mitleidens, dem des anderen Schmerz zur eigenen Qual wird. »Warum kannst du nicht ...?« »Weil ich einem Manne, wie Thorö, ein ganzes, volles, ungeteiltes Herz entgegenbringen muß und ihm nicht bieten kann, weil in mir ein Heiligtum ist, darin ich das Gedächtnis des Gefallenen feiere.« Der Vater äußerte mit keinem Wort seine Betrübnis, sondern sagte mild: »Ich werde ihm mit aller Schonung die Nichtannahme seines Antrags mitteilen.« »Nein, ich möchte es ihm schreiben ... wenn es sich schickt.« Dieser energische Wunsch wunderte den Vater ein wenig, aber er nickte. »Wie du willst, mein Kind.« Hilde setzte sich hin und schrieb. Solange noch Reuters Bild in ihre Gedanken sich dränge, dürfe sie keinem, am allerwenigsten einem Thorö, der die höchste Liebe verdiene, die Hand reichen. Sie glaube zwar, daß er ein rechtes Stück ihres Herzens besitze, solange er aber nicht allein darin herrsche, dürfe sie ihm nicht, noch nicht gehören. Der arme Eskild empfing den Brief und war wie auf den Kopf geschlagen, da er diesen Abschlag nicht erwartet hatte. Er schloß sich drei Tage lang in seiner Kammer ein und berührte das Essen kaum. Die Mägde schüttelten den Kopf und sagten, daß ihr Herr wunderlich geworden sei und nach seinem Vater, dem Querkopf, zu arten scheine. Zuletzt hörten sie ihn am dritten Abend auf seiner Geige eine so ergreifende Weise spielen, daß die Köchin mit der Schürze sich die Augen wischte und zu dem Vorknecht sagte: »Da mutt man wenen, ob man will oder nich.« Der verständige Eskild war das Opfer eines gewaltigen Irrtums – daß die Toten keine Konkurrenz machen und keine Rivalen sind – geworden. Nicht der lebende, sondern gerade der tote Reuter war sein allerschlimmster Nebenbuhler. Der bei Bau Gefallene stand nicht mehr als wortbrüchiger Klägling, sondern in verklärter Heldengestalt vor Hildes Augen; kraft einer Selbsttäuschung hatte sie den idealisierten, herrlichen Mann geliebt, dem sie Gedächtnisgottesdienste feierte, den sie mit Glorienschein umwob. Eskild war kopfhängerisch, verzweifelt und einer apathischen Melancholie verfallen. Gerade die Phlegmatiker, wenn sie von einem Schmerze bis in die Tiefe aufgewühlt werden, fühlen das wildeste Weh und fallen am tiefsten in Trübsinn. Der Verständige bedachte nicht, daß über jedes, jedes Grab Gras wächst, jeder Tote vergessen und jeder Schmerz verwunden wird. Nur an eine Stelle im Briefe, der sein Todesurteil gewesen, an die Stelle: »Ich darf Ihnen nicht, noch nicht gehören,« klammerte er sich, wie ein Ertrinkender. War das »Noch nicht« ein kleiner, ferner Hoffnungsschimmer? Die Köchin, die sich ein Wort erlauben durfte, sagte zu dem Herrn: »Se ward'n uns noch ganz katholsch in'n Kopp ... schämen Se sich, sitten up so'n schöinen Hoff.« Da raffte Thorö sich auf. Man sah ihn mehrfach nach Norderhusen reiten. Plötzlich hieß es, und das ganze Dorf regte sich darüber auf, daß Eskild seinen Hof für dreißigtausend Taler verkauft habe. Eine Woche nach dem Verkauf, als er seine Siebensachen gepackt hatte, ging er entschlossen ins Pastorat und klopfte schüchtern an. Hilde war allein in der Stube. Feucht wurde ihr Blick, als sie ihm in die ehrlichen Augen schaute und er stotterte: »D–darf ich Ihnen A–dieu sagen?« »Wohin gehen Sie denn?« »Ich ... ich gehe nach Friederiz ... um mich als Rekrut zu stellen.« Das junge Mädchen wurde sehr aufgeregt. »Mein Gott! Sie haben mir doch gesagt, daß Sie sich freigelost haben ... Sie sind ja gar nicht gestellungspflichtig ... die entsetzliche Einberufungsorder muß ein Irrtum sein.« »Nein, ich bin nicht einberufen worden, ich will als freiwilliger Rekrut eintreten.« Es kam recht kleinlaut aus ihm heraus. Hilde war einen Augenblick starr und stumm, dann griff sie nach seinem Arm. »Eskild, was wollen Sie tun! Warum wollen sie als Freiwilliger bei den Dänen dienen? Warum?« »Weil ich gern die Partei des Schwächeren ergreife, weil ich immer die Pflicht fühle, den Geschlagenen und Geprügelten beizustehen, weil das große Preußen über das kleine Dänemark hergefallen ist und die Dänen jetzt in Not sind, darum drängt es mich, ihnen zu helfen.« »O, das ist nicht der wahre und eigentliche Grund ... warum wollen Sie mutwillig in Schlacht und Gefahr?« Nun schimmerte es in seinen Augen, die Worte schossen ihm aus dem Munde. »Wenn ich ganz ehrlich sein soll, das Leben ist mir unerträglich ... mit Schande will ich mich nicht davon machen, aber es wäre schön, mit Ehren gestorben, tot und still zu sein und Ruhe zu haben.« Entsetzt hielt sie seinen Arm mit beiden Händen. »Eskild, Eskild! Sie wollen freiwillig den Tod suchen in der Schlacht! Sie wollen mich totunglücklich machen, Sie wollen Ihr Blut und den fein ausgeklügelten Selbstmord auf meine Seele laden! Sie wollen mich zur Mörderin machen! Das können Sie mir tun?« Er preßte seine Fäuste in die Augenhöhlen, um nicht laut zu heulen. »Ich habe nicht die Folgen bedacht, nein, ich wäre ein Schurke, wenn ich Sie betrübte, und verspreche Ihnen, daß ich nicht Soldat werde.« Er mußte ihr mit Handschlag geloben, daß er weder in direkter, noch indirekter Weise sein Leben wegwerfen werde. Sie lächelte ihm wie ein Engel zu. »Eskild, ich weiß einen Weg zur Arbeit und zum Glück, ich weiß einen Grund, auf dem Sie sich eine neue und schöne Zukunft aufbauen. Sie sind ein geborener Meister im Geigenspiel, das nicht mehr eine Liebhaberei, sondern Ihre Lebensaufgabe sein soll. Nur die Technik und methodische Ausbildung fehlt Ihnen. Gehen Sie nach Kopenhagen oder Stockholm, um einem großen Künstler auf die Finger zu sehen und fleißig zu lernen. Die Geige ist die Königin unter allen Instrumenten. Sie werden ein großer Geiger und ein echter Künstler werden.« Getröstet hob er das Haupt, denn er ahnte die in ihm schlummernde Kraft und Zukunft. Noch eine süße Weissagung gab sie ihm mit auf den Weg. »Ich glaube, daß ich viel, sehr viel Sehnsucht nach Ihnen haben werde, aber ich hoffe auf ein Wiedersehen.« Eskild ging als ein wehevoller, jedoch willensstarker Mann und schaute nach dem Hause zurück. Sie winkte mit dem Taschentuch, darin sie ihre Tränen weinte. Nur in den hellen Stunden, wenn der Weg eben und das Wetter freundlich war, sah er in weiter Ferne einen kleinen Stern blinken. Lehrjahre sind immer Leidjahre; man lachte der großen Tatze des Bauern, der ein Künstler werden wollte. Der auf dem Dorfe als Meister gepriesen wurde, fing als letzter Lehrling an und hat mit der ganzen Bauern-Beharrlichleit um die Meisterschaft gerungen. Dreizehnter Abschnitt. Der Winkelried von Kolding. Der Unteroffizier Fangel lag bei Ries unweit Apenrade in einer Scheune einquartiert. Hier war schon die Gegend, wo die Bewohner, die noch vor zwanzig Jahren böse wurden, wenn man sie Jüten nannte, mürrisch die Blau-Weiß-Roten begrüßten und störrisch Südjüten sein wollten. Einem Bauer, der den Zugang zu seinem Ziehbrunnen verwehrte und die Eimer versteckte, hat ein Rittmeister in aller Ruhe Gesittung beigebracht, denn er zwang nur durch Gesten den frechen Hufner, eigenhändig Wasser für einhundertzwanzig Kavalleriepferde emporzuwinden. Die Einquartierung machte keine Kosten, da die Truppen sich selber verpflegten. Die Rationen waren immer groß und gut, man berücksichtigte die Eigenart des Schleswig-Holsteiners, der im Essen anspruchsvoll ist. Auch die Löhnung war reichlich, der gemeine Mann erhielt täglich 5 Kurantschillinge, das ist nach heutigem Geldwerte gewiß eine Reichsmark. Heimreichs Sold reichte zu einem Extramahle gelegentlich aus, besonders am Erbsentage. Die kurze Pfeife im Munde schlenderte er zum Marketenderwagen. Frau Lehmann stand hinter der Tonbank – einem Brett auf zwei Tonnen gelegt –, stemmte die Hände in die Hüften und nickte einem Jäger freundlich-energisch zu: »Nee, Peter, du hest din Potschjon, morgen kriegst du wedder Köhm bi mi.« Peter höhnte: »Du hest datt woll nich god hüt?« »Wenigstens nich up di,« war die schlagfertige Antwort. »Sett noch twe Lütten hin! Ich betaal!« protzte er. »Du kannst min Köhm gor nich betalen ... din rode Kopp is min Spiritusthermometer.« Peter brummte von dannen. Sie war eine kreuzbrave Frau und eine ungewöhnliche Marketenderin. Ihr von Luft und Sonne bronziertes Gesicht zeigte deutliche Spuren einstiger Schönheit, wenn auch die Vergoldung der Jugend längst abgegriffen war von Zeit und Leid. Wie feurig konnte ihr Auge noch flammen, wenn ein unflätiges Wort laut wurde, wie fein war ihr Lächeln bei einem guten Witz, wie schlagfertig ihre Zunge und auch ihre Hand, wenn ein Neuling zärtlich werden wollte, über ihrer Vergangenheit schien ein Schleier zu liegen, den keiner gelüftet hatte. Der Unteroffizier Fangel bestellte ein Essen, ein Leckergericht. Ja, sie habe ein junges Rebhuhn, und sie erkundigte sich, ob er heute Geburtstag feiere. Der Soldat machte ein verhageltes Gesicht und seufzte: »Ach, es ist heute der Geburtstag der Liebsten, die ich verloren habe.« – Wie kam er dazu, vor dieser Person seinen intimsten Kummer auszukramen? Die Frau sprach nicht wie eine Marketenderin: »Ja, man muß in dem kurzen Leben viel Kummer verbeißen, verschmerzen, aber nur nicht vertrinken und versaufen. Das ist das Unglück vieler Männer, das elende Versaufen. Ich hasse die Getränke und muß sie verkaufen.« Eine merkwürdige Marketenderin! Während sie das Hühnchen rupfte und er auf dem Schemel saß, fragte sie plötzlich: »Können Sie mir einen Rat erteilen? Ich bin nicht Witwe, wie die Jäger glauben, mein Mann mußte nach Amerika gehen und bittet so flehentlich, ihm Geld zu schicken ... ich möchte ihn nicht in Not wissen und gern eine Summe senden, aber ich fürchte, wenn er alles auf einmal bekommt, daß er das nächste Schiff besteigt und zurückkehrt. Dann finge das Elend von vorne an, das darf nicht sein um meiner Kinder willen, die in Rendsburg gut erzogen werden, der Knabe besucht das Gymnasium.« Heimreich schaute groß auf und riet ihr, durch ein Hamburger und New-Yorker Bankhaus den Betrag in Monatsraten auszahlen zu lassen. »Soll ich den Brief für Sie schreiben?« Die Marketenderin lachte eigentümlich vor sich hin. »Was meinen Sie von mich, wie Wrangel sagt! Ick kann lesen und schreiben.« Sie lüftete den Schleier und erzählte: »Mein Vater war Pastor in Hansdorf bis 45.« – Er öffnete den Mund. – »Ja, ich fabuliere nicht, die Marketenderin des Jägerkorps ist eine Pastortochter und erhielt eine treffliche Erziehung. Auf einer Badereise nach Wyk lernte ich einen jungen Offizier kennen und liebte ihn. Wir heirateten gegen den Willen der Eltern ... drei Monate lebten wir sozusagen auf Kredit, bis er Schulden halber kassiert wurde. Hunderterlei hat er versucht, aber ein Leutnant ist wie ein Pfau, der plötzlich schwimmen und Fische fangen soll. Immer mehr ging es bergab, zuletzt hat er durch das Mitleid früherer Kameraden einen Posten als Kantinenwirt bekommen. Das war unser Unheil. Er war zu schwach und haltlos geworden, um täglich mit dem Alkohol umzugehen. Ach, ein edler Mensch ist in ihm trotz allem, der brennt darauf, heimzukehren und für sein Vaterland zu kämpfen.« Ein paar Soldaten traten an die Tonbank und forderten »einen Wachtmeister mit Sporen«, das ist ein großes Weinglas voll Schnaps und Rum. Der eine war ein alter Bekannter, Hans Christiansen, mit dem Spitznamen Catilina, der große Demagoge unter den Kieler Studenten. »Was? Du trinkst Branntwein?« »Bin ich besser als meine Brüder? Der Schnaps ist ein wahrhaft demokratisches Getränk.« Catilina, der also seine demokratische Gesinnung bewies, schimpfte weidlich auf die Preußen und auf die Kriegsführung. »Wrangel wollte die Dänen nicht abschneiden, wollte ihnen nicht wehe tun und wird am Ende des Feldzuges den Elefantenorden vom – dänischen König bekommen.« Das war ein häßliches Gerede im Lager. »Ja, energielos, unbegreiflich ist die Kriegsführung,« antwortete Fangel, »aber Wrangel ist ein Ehrenmann.« Catilina salutierte ironisch. »Zu Befehl, Herr Unteroffizier! Sie sind ja alle, alle Ehrenmänner, die drei Dutzend Fürsten des uneinigen Deutschlands ... nur die Republik ist das Remedium.« »Nein, Kaiser und Reich, Reich und Kaiser!« – – – Die Diplomaten wechselten Berge von Noten. Frankreich und England begönnerten Dänemark; Schweden und Rußland traten offen dafür ein. Der autokratische Moskowiter, der Kaiser Nikolaus, vor dem Europa damals einen lächerlichen, erst durch den Krimkrieg zerstörten Respekt hatte, liebte es, als Hort der Legitimität und Erzfeind jeder Revolution, wozu er auch in seiner russischen Unwissenheit die schleswig-holsteinische Erhebung rechnete, und als Protektor des Dänenkönigleins sich aufzuspielen. Die Schleswig-Holsteiner wurden bei diesen Verhandlungen über die Lebensfrage ihres Landes nicht zugezogen, ja nicht einmal befragt. Der englische Minister Palmerston machte den salomonischen Vorschlag, den Zankapfel Schleswig zu durchschneiden und jedem die Hälfte zu geben. Doch dagegen erhoben beide, Cimbern und Dänen, den lebhaftesten Einspruch, darin waren die Todfeinde eines Sinnes, weil jeder das ganze, schöne Schleswig haben wollte. Um das diplomatische Ränkespiel fortzusetzen, wurde am 26. August 1848 zu Malmö ein Waffenstillstand geschlossen, der dem Feldzug des Jahres ein Ende machte. Nach den Bestimmungen von Malmö durften die Dänen zweitausend Mann auf Alsen lassen, ebenso viele geborene Schleswiger sollten das übrige Herzogtum Schleswig besetzen, während die anderen deutschen Truppen nach Holstein geführt wurden. Die vorläufige Verwaltung des Landes übernahm die »gemeinsame Regierung«, das ist eine Kommission von fünf Männern, von denen der Preußenkönig zwei, der Däne zwei und beide zusammen den fünften, den Präsidenten, ernannten. Heimreich kam als Landeskind mit einer Abteilung nach Eckernförde ins Quartier, wo er bei den patriotischen Bürgern die wärmste Aufnahme fand. Aber er und sein Volk blickten in eine ungewisse Zukunft. Ihm graute vor einer Teilung, durch welche die engere, einzig liebe Heimat verloren ging und er ein landflüchtiger Heimatloser wurde. Trotz der Gastfreundschaft des lieblichen Eckernförde, das durch seine anmutige Lage dem Auge viel bietet, bisweilen sogar durch den Rauch seiner Räuchereien die Augen bis zu Tränen rührt, wurde das Winterlager ihm lang und das Heimweh groß. Ein Trost war ihm und dem ganzen Lande das Verhalten der gemeinsamen Regierung, die alle von der provisorischen Regierung erlassenen Gesetze wieder in Kraft setzte und die Beamten bestätigte. Ganz Dänemark natürlich entrüstete sich, setzte einen Protest-Rummel in Szene, und die Zeitungen spuckten Gift und Galle. Heimreich war seines Vaters wegen, der danach im Amte blieb, beruhigt. Aber just in den Tagen zogen in Hyllerup und über das Pastorat bedrohliche Wolken auf. Wahrscheinlich durch die vielen Heereszüge und Lazarette verschleppt, breitete eine gastrische und kontagiöse Krankheit, wie die Arzte dazumal sagten, unheimlich sich aus, forderte manches Opfer im Dorfe und wurde zur angsterregenden Epidemie. Besonders in den kleinen, wenig sauberen Häusern lagen viele Kranke und Sterbende. Da ging der Pastor furchtlos von Haus zu Haus, reichte den Scheidenden das Abendmahl und tröstete die Siechen. In den Tagen fingen die Knechte und Tagelöhner wieder an ehrerbietig die Mütze vor ihrem Pastor abzunehmen. Frau Gertrud und ihre Tochter kochten für die Kranken, die keine rechte Pflege hatten. Es wurde aber der Pfleglinge so viel, daß sie den großen, gereinigten Waschkessel nahmen und darin ein Massenessen kochten. Die Speise wurde in große Töpfe gefüllt. Doch die Mägde im Pastorat weigerten sich aus Furcht vor Ansteckung, das Essen in die Häuser zu tragen. Das war der erste Streik in Hyllerup. Auf das gütige Zureden des Pastors brummte die Altmagd borkig, und die anderen nickten trotzig: »Nee, Herr Pastur, daa gah'n wi nich hin, uns de Dod to holen.« Da nahm der Pastor einen Topf in jede Hand, kehrte sich um und sagte kurz: »Ich gehe voran ... wer nicht die anderen Töpfe nimmt und mir folgt, der bleibt nicht bis Abend in meinem Dienst.« Die Mägde gehorchten und schämten sich. Als aber die Hylleruper ihren Pastor mit einem großen Henkeltopf in jeder Hand durchs Dorf schreiten sahen, lachten sie gar nicht über den kuriosen Anblick, sondern sie haben die Kopfbedeckung, so tief sie konnten, vom Haupte gezogen und leise gesagt: »Wir haben einen ganzen, guten Pastor.« Die Fanatiker natürlich erbosten sich, nannten die Mildtätigkeit des »Pfaffen« ein schlaues Manöver und rannten voll Wut nach Norderhusen. Sie waren schon oft mit allem, was sie ausspioniert und dazu gelogen hatten, im Amthause gewesen und hatten williges Gehör gefunden. Eine Woche, nachdem die Seuche erloschen und das letzte Opfer des gastrischen Fiebers begraben war, an einem blanken, blinkstillen Herbsttage lagerte sich eine schwere Wolke über dem traulichen Pfarrhause. Hei, wie fuhr die Pastorin aus der Küchenschürze heraus und unter bie gesteifte Tüll- und Staatshaube. Wie sprang der Pastor aus dem Schlafrock in den Summar und breiten Halskragen hinein und kam doch nicht früh genug, um den Geheimen Konferenzrat im Wagen ehrfurchtsvoll zu begrüßen. Statt seiner half der neue Propst, der importierte Pastor Hertel, dem Amtmann beim Aussteigen. Der Konferenzrat in der goldgestickten Uniform, den Dreispitz auf dem Haupte, den hohen Elefanten auf der Brust! Sowohl der Bischof als auch der König des Amts, die höchste geistliche und weltliche Obrigkeit in voller Gala und Gravität! Allmächtiger, was bedeutete das? Per Priesterknecht, an dem ein Höfling verloren war, warf devot eine Pferdedecke als Läufer zwischen Wagen- und Türtritt hin. Der Gewaltige und Erhabene, der Amtmann, tat seinen Mund auf und sagte feierlich-fürstlich: »Wir wollen eine extraordinäre Visitation abhalten.« Eine nicht vorher angesagte Kirchenvisitation, wobei doch das tagelang vorbereitete Visitationsmahl der Haupt- und Kardinalpunkt ist, war ein unerhörter Vorfall in allen geistlichen Annalen. Dem Pastor schwante Schlimmes. Die plötzliche Visitation sei eine Überrumpelung, um dem Geistlichen keine Zeit zur Verteidigung zu geben, sei eine Untersuchung mit dem fertigen Urteil in der Tasche. Die Pastorin verneigte sich und bot den hohen Herren ein schnell bereitetes Weinfrühstück an, während die Kirchenältesten herbeigerufen würden. Es wurde mit jener unbestechlichen Beamten-Miene abgelehnt, was bei dem schwelgerischen Charakter der dänischen Beamten ein böses Omen war. Die Kirchenältesten erschienen nach und nach, einige in der Eile mit der Mütze auf dem Haupte, und die Pfeife lugte aus der Rocktasche, andere hatten schnell die Angströhre aufgestülpt, aber die Holzschuhe an den Füßen behalten, Jep hatte den Tuchrock angezogen und die Lederhosen an den Beinen. Die Sitzung begann. Die Kirchenältesten saßen, wie die Laien-Schöffen eines Gerichts, die nur Ja zu sagen haben, in einem Halbkreise steif und stumm auf ihren Stühlen, schwiegen wie die Karthäuser und blickten, wie die Mönche auf den Papst, mit tiefer Ehrfurcht zu den zwei hohen Herren empor. Dieser gewaltige Respekt vor der Obrigkeit sitzt dem Nordschleswiger im Blut. Der Amtmann stand auf, strich seine Bartkoteletten und zeigte mit der Rechten auf den alten, würdevollen Pastor. »Mein mir unterstellter Pastor Fangel! Es sind zahlreiche Anzeigen aus Ihrer Gemeinde wider Sie eingegangen, denen wir nicht länger unser Ohr verschließen konnten ... ja, schwerwiegende Anklagen, wonach Ihr Verhalten sich mit der Konduite eines geistlichen Staatsdieners nicht verträgt, sind wider Sie erhoben worden. Diese Visitation ist anberaumt worden, um zu befinden, ob Sie fürderhin in Ihrem Amte verbleiben können.« Die letzten Worte zeigten den ganzen Ernst der Situation, aber der Pastor erschrak nicht, sondern sagte mit Würde: »Darf ich fragen, warum diese außergewöhnliche Visitation nicht vorher, wie es seit Jahrhunderten üblich gewesen, angesagt wurde?« Der Amtmann blickte hochmütig. »Bei Disziplinarsachen ist eine Ankündigung unüblich und untunlich. Es soll eine Trübung des Tatbestandes, eine Beeinflussung der Zeugen verhütet werden.« Fangel antwortete mit fester und starker Stimme: »Ich bin kein Mann, der Zeugen besticht oder beschwatzt! Wenn keiner falsch zeugt, darf man alle eintausendsiebenhundert Seelen der Gemeinde als Zeugen rufen.« Jep Hansen nickte. Der Konferenzrat runzelte die Stirn und redete barsch: »Zur Sache! Ich erhebe als erster Staatsbeamter des Amtes die erste Anklage ... Sie haben drei- oder viermal, also nicht versehentlich, sondern mit Absicht, in Ihren Eingaben Schleswig-Holstein mit zwei, wohlgemerkt mit zwei Bindestrichen geschrieben. Nach einer ministeriellen Verordnung muß es Schleswig und Holstein heißen, dürfen die Beamten des Königs nur von einem Schleswig und Holstein reden. Ein Schleswig-Holstein gab es nicht und wird es nie geben. Die Herzogtümer sind durch kein Band und dürfen durch keinen Bindestrich verbunden werden. Lachen Sie nicht! Der Bindestrich kann Ihnen Ihr Amt kosten. Die Bindestriche sind ein absichtliches Symbol des unsinnigen »Up ewig ungedelt«, sind ein Sympathisieren mit dem Aufruhr. Die Wahrheit, Pastor Fangel! Haben Sie damit sagen wollen, daß die lächerliche Prätension von der ewigen Unteilbarkeit der Herzogtümer im Rechte ist, und sind Sie im Herzen ein Anhänger der Insurrektion?« Der Pastor antwortete: »Ich habe ohne jeden bösen Gedanken Schleswig-Holstein so geschrieben, wie ich es in der Jugend gelernt und seit sechzig Jahren geschrieben habe. Die Bindestrich-Verordnung des Königs war mir bis jetzt nicht bekannt.« »Wir werden sehen, wie Sie innerlich zum Aufruhr stehen.« Der Amtmann hielt das Glas vors Auge und blickte in ein Aktenstück. »Zum andern haben Sie durch offene Schleswig-Holsteinerei schweres Ärgernis in Ihrer Gemeinde erregt, Sie sollen den Patriotismus der treuen Bauern, die Übungen der Dorfwehr verlacht und verhöhnt haben.« »Ja, ich habe den bewaffneten Widerstand der Bauern und heilloses Unglück, ich habe die furchtbaren Folgen der unsinnigen Verblendung, ein schreckliches, militärisches Strafgericht und ein Niederbrennen des Dorfes, verhüten helfen. Ist das mein Verbrechen oder mein Verdienst?« Der Richter streifte mit einem fragenden Blick die Beisitzer, und ein Paar von den stummen Beisitzern murmelten: »Ja, das ist waahr.« Der Geheime Konferenzrat sprach bissig: »Triumphieren Sie nicht zu früh! Sie haben sich des Hoch- und Landesverrats schuldig gemacht, Sie haben Ihren Sohn im Insurgentenheer dienen und gegen Seine Majestät Waffen tragen lassen. Sie haben sogar den meineidigen Sohn in Ihrem Hause beherbergt, ihm Beihilfe und Vorschub geleistet ... das bricht Ihnen den Hals.« Über das ruhige Gesicht des Pastors ging ein Schatten, denn das konnte zum Strick gedreht werden. Nach kurzer Überlegung widerlegte er diese hochnotpeinliche Anklage. »Ja, mein jüngster Sohn dient in einem schleswig-holsteinischen – Pardon, Herr Geheimrat! – in einem schleswig und holsteinischen Jägerkorps, ohne mich zu fragen und meine Genehmigung einzuholen. Ich kann beweisen und beschwören, daß er ohne mein Wissen und meine Einwilligung in Rendsburg eingetreten ist. Mein Sohn untersteht nicht meiner väterlichen Gewalt und ist seit Jahren mündig, so daß ich sein Tun und Lassen nicht bestimmen kann.« Da nahm der Propst Hertel, der ein dänisches Deutsch sprach, das Wort und krächzte dazwischen: »Aber Sie gutheisen das Sritt von Ihrem Sohn ... lille Fangel, lassen Sie uns aufricktig sein vor Gott!« »Ja, Gott allein prüft und richtet das Herz und Gewissen ... Sie sind nur Richter über mein äußeres Wohlverhalten.« Bestimmt und energisch wies der Angeklagte die Gerichtsherren in ihre Schranken. Der Amtmann, der seinen letzten und höchsten Trumpf hielt, sträubte die Brauen, verkniff höhnisch den Mund und las mit schneidender, eisiger Stimme aus den Anklageakten: »Pastor Sutor Valentin Fangel, Sie haben Hoch- und Landesverrat begangen und dem verruchten Aufruhr tätlichen Beistand, Vorschub und Förderung geleistet!« »Nanu!« Dieses erstaunte, unpassende Nanu, das dem Pastor entschlüpfte, klang so komisch, daß Jep Hansen grifflachte. »Ich bitte um Anstand! Die Sache ist bitter-, ja bösernst ... Hochverrat wird nicht nur mit dem Verlust des Amts und aller Ehrenrechte, sondern auch mit langer Gefängnishaft bei Wasser und Brot bestraft.« Trotz der grausigen Aussichten wollte dem armen Pastor gar nicht grauslich werden; er sah neugierig gespannt den Amtmann an. »Was soll ich verbrochen haben?« Jedes Wort wurde wie ein Staatsverbrechen betont. »Sie – haben – nachgewiesenermaßen – einem gewissen Leutnant Bosen – einem früheren – kassierten dänischen Offizier – der sich hier herumtrieb – Ihr bestes Pferd, einen Fuchs mit Bleß, gegeben – mit Absicht und Willen, damit der pp. Bosen dem Heerführer der Insurgenten, dem sogenannten Prinzen von Noer, seine Dienste als Offizier anbiete. Besagter Bosen ist tatsächlich gen Süden zur Aufrührer-Armee geritten, allwo er sich noch befinden und Hochverrat begehen wird. Sie haben ihm wissentlich Beihülfe geleistet und so eo ipso Landesverrat begangen. Bekennen Sie in Bußfertigkeit Ihre Schuld, so werde ich Ihr Gnadengesuch an Seine Majestät um Erlassung der Freiheitsstrafe befürworten. Sie haben nichts zu erwidern?« »Nur einiges, Herr Geheimer Rat!« Der Pastor stand in Büßerstellung und senkte tief den Kopf, so daß man seine unziemlich vergnügte Miene nicht sehen konnte. »Ja, ich bekenne, daß ich dem Leutnant Bösen meinen schönen Fuchs für 300 Taler verkauft und die gestundete Kaufsumme bis dato nicht erhalten habe.« »Ah!« Ein triumphierender Zug der Schadenfreude glitt über das königliche Gesicht des Amtmanns, der Propst amüsierte sich köstlich, und seine kleinen Schweinsaugen glänzten so gottselig, wie am Ostertage, wenn das Festopfer auf dem Altare zu einem Berge sich baute. »Ja, ich bekenne und gestehe, daß der Leutnant Bosen auf meinem Pferde ins – dänische, wohlgemerkt, ins dänische Lager nach Friederiz geritten ist, mit vieler Bravour gegen die Schleswig-Holsteiner – Pardon, Herr Geheimer Rat! – gegen die Schleswiger und Holsteiner gefochten hat und für seine Verdienste zum dänischen Hauptmann avanciert ist. Ich bekenne in Zerknirschung, daß ich dadurch der dänischen Armee Vorschub geleistet und die Sache der Monarchie sehr gefördert habe. Diese Schuld will ich nicht nur beichten, sondern auch durch den Hauptmann Bosen beim 7. Bataillon beweisen.« Das Gesicht des Amtmanns wurde ellenlang und hatte den gaffenden Ausdruck der grenzenlosen Verblüffung. Er glotzte den Propsten, und der Propst glotzte ihn an. Zuletzt hefteten beide ihre hülflosen Blicke auf den Kirchenrat. Aber die meisten Juraten saßen, die Hände auf die Knie gestemmt, wie ägyptische Statuen, und duckten den Kopf, damit ihr leises Grinsen nicht gesehen werde. Der König von Norderhusen riß die Schultern zurück, daß die Orden klirrten, brüstete sich und herrschte die Aeltesten an: »Ich will die Kirchenjuraten hören ... ob das Unglaubliche wahr ist! Ich will die volle Wahrheit über den Ortspastor wissen! Was Sie von dem Pastor gehört haben – und wenn es das Schlimmste wäre – sollen Sie ohne Furcht und Ansehen der Person vorbringen ... meine Herren, gehen Sie aus sich heraus! Jede Beschwerde wird mit Wohlwollen geprüft werden.« Da war der Pferdefuß unverhüllt zum Vorschein gekommen. Jep Hansen erhob sich, kraute sich hinter dem Ohr und kniff das eine Auge zu. »Wenn wir hier nicht nur Ja und Amen zu sagen haben, sondern frei und offen sprechen dürfen, ohne Unannehmlichkeiten davon zu haben ...« »Sagen Sie nur alles, alles, was Sie wissen, ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihre Aussage keine nachteiligen Folgen für Sie haben wird,« ermunterte der Amtmann leutselig. »Dann will ich nichts verschweigen, Herr Amtmann! Der Leutnant Bosen, der bei mir Jäger war, hat den Fuchs des Pastors gekauft und nicht bezahlt und ist bei Bau und Schleswig einer der tapfersten dänischen Offiziere gewesen. Darf ich noch etwas anderes über den Pastor sagen?« Herr d'Elsfleth ermutigte: »Sagen Sie alles, alles!« »Unser Pastor hat neulich bei der schweren Epidemie nicht nur die Kranken besucht, sondern auch bespeist und ist ein so braver und guter Pastor, daß wir keinen besseren kriegen können. Das wäre alles, was wir alle über unseren Pastor sagen können.« Jep setzte sich und schnaubte seine Nase, um sein spitzbübisches Lächeln nicht sehen zu lassen. Der Amtmann schluckte und schluckte etwas, das wie eine abscheuliche Pille schmeckte, herunter und schaute erbost die Aeltesten an, die stets dem kecksten Wortführer folgten. Die Juraten stemmten die Hände aufs Knie, saßen wie ägyptische Sphinxe und schwiegen. Der Amtmann warf die Akten auf den Tisch, daß es knallte. »Die Sache scheint erledigt, ich schließe die Sitzung.« Jetzt öffnete Propst Hertel den sauren Mund und lächelte süßlich. »Darf ick, Herr Konferensraad, die Visitation mit einer tristelicken Bitte besliesen? Lille Pastor Fangel, ick möchte noch ein paar amtsbrüderlicke Worte mit Sie sprecken.« Der Propst, der stets das dänische Kosewort »Lille« – mein kleiner, mein lieber – anwandte, wollte seine Geschicklichkeit im Fallenstellen und dem geschlagenen Amtmann zeigen, was auf diplomatischem Wege zu erreichen sei. Er legte freundlich die Hand auf Fangels Arm. »Lille Amtsbruder, Sie haben ein sjönes, sehr sjönes Amt, das dreitausend Taler bringt, und ick will Sie su gerne helfen, in dem sjönen Amt su bleiben. Ick bin su Sie gesjickt von die Könicklicke Regierung, daß ick Fersuch machen soll, mit Güte in diese Propstei die kirklicken Verhältnisse su ordnen und hersustellen. Ick bedaure, daß so viele von meine Pastoren es im Herzen nich mit unser dänisjes Faderland, sondern es heimlick mit die srecklicken Insurgenter halten. Seien Sie kristelick-aufricktick, lille Fangel, wie stehen Sie inwendig su die Aufruhr? Lieben Sie unseren Könick und das dänisje Faderland? Heraus mit die Sprack!« Der Pastor mußte der Niedertracht des Fuchses ausweichen. »Ich habe für den König, unsern gnädigsten Herzog, stets mit Ehrerbietung gebetet, ich bin stets der Obrigkeit, die Gewalt über uns hat, gehorsam gewesen.« Propst Hertel lauerte. »Wäre das die dänisje Obrigkeit oder die Kieler Regierung? Wer nich für mich ist, der ist mir suwider!« Er betonte das lächerliche Suwider und rief: »Ick frage Ihnen auf Ihrem Gewissen ... wollen Sie sich ferflichten, immer dem Könick und der dänisjen Obrigkeit treu su bleiben?« Fangel ging um die Falle herum. »Sie wissen, Herr Propst, so gut wie ich, die Regierung hat in diesem Jahre etliche Male gewechselt. Bald standen wir unter der dänischen, bald unter der provisorischen, jetzt stehen wir unter der gemeinsamen Regierung. Wir alle sind der gemeinsamen Regierung unterstellt, darum können Sie mich unmöglich zum Ungehorsam, zum Aufruhr gegen die bestehende Regierung auffordern, indem Sie mich der dänischen Obrigkeit verpflichten wollen.« Auch der verschlagene Propst war fertig und die außergewöhnliche Visitation zu Ende. »Sie sind entlassen,« winkte der Amtmann mit der Hand und würdigte die Kirchenältesten keines Blickes mehr. Ueber den traulichen Pfarrhof war ein drohendes Unwetter hinweggegangen, ohne einzuschlagen. Fangel beruhigte seine Gattin, daß alles Unglück durch einen Witz der Vorsehung, die den Leutnant Bosen über den Prinzen von Noer ins dänische Kriegslager sandte, abgewendet sei. Frau Fangel segelte wieder im Fahrwasser des zuversichtlichen Optimismus. Der Gatte blickte schärfer und hatte oft düstere Ahnungen. Er ahnte, daß noch ein Schwert über seinem Hause hänge. Die Dänen würden ihm nie verzeihen, daß sein Sohn im schleswig-holsteinischen Heere kämpfe, und ihn, sobald es in ihrer Macht stünde, in die Verbannung treiben. Doch davon sagte er nichts, aus Liebe zu den Seinen trug er die Sorgen allein. An dem Tage der plötzlichen Visitation hatte auch der Lehrer Lindenhahn einen sehr unerwünschten Besuch bekommen. Ein gräßlicher Gast war der kleine, vertrocknete Kerl mit der Uniformmütze auf dem Haupte und dem Stocke in der Hand. Wo immer er eintrat, wurde er mit Entsetzen, mit Geschrei und Weinen, zuweilen auch mit einem Wutanfall begrüßt. Aber mit geschäftsmäßiger Ruhe und Routine waltete er seines traurigen Amtes. Der Exekutor klebte seine Siegel auf Kanapee und Tisch, auf beide Betten und fragte sanft: »Haben Sie ein Schwein?« Auch auf den Schweinekoben setzte er sein Wappen und ging in den Krug, seine Seele zu stärken. Der Vertrocknete war nämlich sehr feucht – man begriff freilich nicht, wo er die viele Flüssigkeit ließ – und pflegte zu sagen, daß ein Mann in dem schmerzlichen Beruf ohne die Tröstungen des Alkohols in ein paar Wochen umkommen müsse. Lehrer Lindenhahn grub die Hände ins Haar und stierte wie ein Irrsinniger die Siegel an, und seine Augen traten hervor. O, wenn meine Frau kommt und die Siegel erblickt, hat sie den Schreikrampf, holt sie der Irrsinn oder der Tod. Der Wucherer in Norderhusen ... ich würge ihn .s. o das ist die Schrift des Beelzebub ... weg da, weg da!« – Der Lehrer hatte in seiner Wut die Siegel abgerissen, damit nicht seine Ottilie vor Entsetzen den Verstand verliere. Sofort kam ihm zum grausigen Bewußtsein, daß er ein Verbrechen begangen. Es war bewundernswert, wie er sich der Heimkehrenden gegenüber zu beherrschen und seine Verzweiflung zu verbergen verstand. Ach, er hatte diese Heuchelei des Erbarmens und die Notlügen der Liebe zu gründlich gelernt. Am Nachmittage wollte er botanisieren und ging querfeldein. Seine Kraft war endlich gebrochen. Bodil ging just an der Dornenhecke der Ochsenkoppel entlang und schnitt lange Dornen, die als Wurstpflöcke dienen sollten, von den Zweigen. Es befremdete sie, daß ein Mensch immer wieder um die klaftertiefe Mergelkuhle mitten in der Koppel herumging. Das war ja Lindenhahns Figur. Jetzt hatte er siebenmal das Wasserloch umkreist, schnell entschlossen lief sie über das Feld. Er schaute sie an, als wenn er schon den Verstand verloren habe, und leugnete nicht seine Selbstmordabsicht. Bodil führte ihn mit fester Hand von dem Orte hinweg, machte keine Worte und Ermahnungen, sondern holte ihre Sparbüchse, zählte die nötige Summe genau ab und sagte energisch: »Wir geben einander die Hand darauf, daß dieses Erlebnis unter uns bleibt und nie wiederholt wird.« – Lindenhahn konnte vor Erschütterung keinen Ton sprechen. Am nächsten Tage ging er nach Hylleruphof, Bodil lehnte jeden Dank ab und sagte: »Nur eine bessere Einnahme kann dauernde Abhülfe bringen ... können Sie nicht eine Küsterstelle bekommen?« »Ich bin von Herodes zu Pilatus gelaufen, ich habe mich erniedrigt, gewinselt, gebettelt und vor dem Amtmann, der die Menschen gern kriechen sieht, auf den Knien gelegen ... umsonst.« »Hm, hm, wenn Sie sich überwinden könnten, Laurids Skow um seine Fürsprache zu bitten. Er ist ein sehr einflußreicher Mann und, obgleich nur ein Bauer, ein gescheiter Bauer ... ich weiß bestimmt, daß er das Ohr des Königs hat und das Recht, Berichte über die Zustände in Nordschleswig unmittelbar an Seine Majestät zu senden. Wenn Sie zu ihm gingen, würde er wahrscheinlich Ihre Bitte erhören ... aber er ist Ihrem deutschen Sinn unsympathisch ... wenn ich einen anderen Helfer wüßte, würde ich nicht Skow nennen, aber ich weiß keinen.« Edel waren ihre Beweggründe. Nicht um einen Proselyten zu machen, sondern um einem Unglücklichen zu helfen, hatte sie den verhängnisvollen Vorschlag gemacht. Es ist zu verstehen, daß der Lehrer Bodil verehrte, aus dem Einzelfall einen allgemeinen Schluß zog und zu seiner Seele sagte: die Dänen seien weit besser als ihr Ruf, und es gäbe unter ihnen viele hochherzige Menschen. Selbst jener berüchtigte Laurids Skow mochte ein fanatischer, eitler, aber auch ein hülfreicher Mann sein. Lindenhahn benutzte den Sonntag, um die Reise nach S., wo Skow einen recht verschuldeten Bauernhof besaß, zu machen. Die bellenden Hunde empfingen den Fremdling und versperrten dem Zaghaften den Zutritt. Ein Knecht befreite ihn von der Rotte der Doggen und gab den Bescheid, daß Herr Proprietär Skow vor drei Minuten fortgefahren sei und eine achttägige Rede-Reise angetreten habe. Es war eine seiner Agitationsreisen nach dem Westen, die der Vertrauensmann des Königs machte, um die Torf- und Heidebauern in ihrem beschränkten Südjütentum zu bestärken. Lindenhahn sah in dem Zufall – einem Zuspät von Minuten – die Vorsehung, die es verhindert habe. Es sollte nicht sein! Obgleich er hundmüde zurückmarschierte und seine Beine wie Bleiklumpen waren, war ihm leichter ums Herz, als seit langer Zeit, und er dankte der Gottesfügung, die Skow auf Reisen geschickt habe. Aber an jedem Monatschluß kamen alte Gläubiger und neue Schulden. So oft die im Lehrerhause sich einstellten und lästig fielen, fing eine Stimme an zu raunen: Geh' doch zu Laurids Skow! Und bitte ihn um Fürsprache! Viele schlagen noch viel schlimmere Wege ein. Ach, die vielen, die noch viel schlechter sind, das ist die uralte Entschuldigung des Meisters Urian. – – – – Die weichen Frühlingswinde des Jahres 1849 wehten aus dem Süden, wohin Cimbrien sehnsüchtige Blicke richtete, denn trotz ungünstiger Auspizien der politischen Konstellation wankte die Zuversicht, daß Germanien sein Schmerzenskind Schleswig-Holstein niemals verlassen werde, in keinem deutschen Herzen. Der Malmöer Waffenstillstand ging zu Ende, ohne daß die Diplomaten die Quadratur des Zirkels und die Teilung Schleswigs gefunden hätten. Wieder brauste das herrliche Kampf- und Trutzlied »Schleswig-Holstein meerumschlungen« durch alle Städte und Dörfer. Jeder Rekrut stimmte es an, jeder Schusterjunge pfiff, jede Magd trällerte es, jeder Orgelspieler auf der Gasse leierte, jede Schülerin klimperte, jede Volksversammlung sang stehend die grollende, donnernde Weise, die den Dänen grausig, wie des Fenriswolfes Geheul, in die Ohren gellte. Ganz Cimbrien wollte, wenn auch ohne Hülfe, kämpfen und sein Recht »verbeißen« mit dem Schwert. Und es konnte jetzt fechten, denn es hatte jetzt ein wohlausgebildetes Heer. Das waren Anno 49 nicht mehr schnell zusammengewürfelte, schlecht disziplinierte Freischaren, sondern eine reguläre Armee mit einer Infanterie, die auf jedem Schlachtfelde bestehen konnte, mit einer Artillerie, von der ein hoher Offizier Frankreichs erstaunt sagte, der Schleswig-Holsteiner sei durch seinen kaltblütigen Mut ein geborener Kanonier und die Artillerie die beste der Welt. Besonders auch die Jägerkorps mit den gezogenen Gewehren waren eine Elitetruppe. Diese Armee ist die Schöpfung und das unsterbliche Verdienst des Generals von Bonin. Als der Prinz von Noer trotz des Mangels genug brave Offiziere wegbrüskiert, durch sein herrisches Gebühren die provisorische Regierung gekränkt, genug Feinde sich gemacht hatte und »eine Unmöglichkeit« – ein beliebtes Schlagwort jener Zeit – geworden war, übernahm Bonin das Oberkommando und schuf in acht Monaten ein begeistertes, tüchtiges Heer. Der Unteroffizier Fangel wurde neu eingekleidet für den neuen Feldzug. Er und alle schauten jetzt mit Stolz auf ihr Spiegelbild und freuten sich über ihr kriegerisches Aussehen. Die greulichen, grüngefärbten »Schniepel« waren verschwunden. Die blauen Infanterie-Bataillone, die mit den roten Aufschlägen und weißen Achselklappen des Landes Farben trugen, waren eine schmucke Truppe. Schön waren auch die Dragoner mit den hellblauen Röcken und den blanken Stahlhelmen; aber am schönsten in Heimreichs Augen waren doch die von den Dänen gefürchteten »Hestehale«, die grünen Jäger mit dem Pferdeschweif am Tschako und der weittragenden Büchse. Die gute Ausrüstung hebt den Geist einer Armee. Der verwünschte, verlängerte Waffenstillstand war endlich zu Ende. An der blauen Ostsee begann der Krieg, der zweite Feldzug. Schwer fühlten damals die Besten der Nation die große Schmach, daß Germanien mit seiner langen Küste gegen die Schiffe des kleinen Dänemark ein hilfloser Riese war. Die paar Dänenfregatten kaperten die deutschen Handelsschiffe, so daß die Handelsstädte ein Mordsgeschrei erhoben, was der Krämer immer tut, wenn es ihm an die Seele, den Geldbeutel, geht. Erschreckende Gerüchte liefen, daß die feindliche Flotte irgendwo in Schleswig landen und einen bösen Ueberfall machen werde. Daher wurden in Eile ein paar Küstenbatterien, auch am Meerbusen von Eckernförde, aufgeworfen. Heimreich marschierte gen Norden und hatte bei dem Onkel Brodersen sein erstes Quartier. Sein Soldatenmagen war jetzt allen Anstrengungen, selbst der Fürsorge seiner Tante, gewachsen. Frühmorgens schaute er aus dem Fenster, der weiße Nebel zerflatterte, dieser 5. April versprach ein rechter Frühlingstag zu werden und ist ein Lenz- und Ehrentag der Heimat geworden. Als die Soldaten schon marschfertig standen, glaubte Heimreich ein paar ferne Gewitterschläge zu hören, auch der Major horchte nach Südosten, wo der Himmel völlig heiter war. »Tom Düvel! Datt sünd Kanaunen,« sagte phlegmathisch Hans Klühn aus dem Kornkoog, der mit seinen langen Löffeln das Niesen einer Mücke hören konnte. Der Major sprang vom Pferde, legte den Kopf auf die Erde, stand auf und rief vor der Front: »Da ist eine Affäre im Gang ... Schwerenot, wenn die Dänen mit einem Landungskorps uns in den Rücken fallen ... ich muß Gewißheit haben ... wer kann schnellstens dem Geschützdonner nachgehen, bestimmte Nachricht einholen und bis morgen früh in Flensburg bei mir sich melden?« Einige Leute traten vor, Unteroffizier Fangel salutierte: »Ich würde gern auf meine Kosten mir ein Pferd beschaffen, gen Osten reiten und rechtzeitig in Flensburg eintreffen.« »Sie sind mein Mann.« So ist Heimreich ein Jäger zu Pferde und Augenzeuge des herrlichen Kampfes, der eine seiner liebsten Erinnerungen wurde, am 5. April 1849 geworden. Er schnitt sich eine Gerte, um den Gaul zu ermuntern, galoppierte drei Meilen, stellte das Pferd ein und erstieg die Höhe hinter Borby, wo zahlreiche Schlachtenbummler das Schauspiel des Kanonenkampfes in nächster Nähe genossen, so daß man die Bewegungen der dänischen Mannschaften auf den Orlogschiffen deutlich sehen konnte. Am Abend vorher war ein aus sechs Segeln und zwei Dampfschiffen bestehendes Geschwader unter dem Kommandeur Paludan-Müller in den Meerbusen hineingelaufen. Die Schleswig-Holsteiner wachten in der Nacht und wehrten sich am Morgen wacker gegen die zwei feuerspeienden Leviathane, die vor der inneren Hafenbucht mit ihren Breitseiten lagen. Zwei deutsche Batterien gaben mit Bombengruß laute Antwort, auf der Landzunge am Fuß des Luisenberges die Nordbatterie und am Westende des Busens die Südbatterie, die nur vier Achtzehnpfünder hatte. In jener befehligte der Leutnant Jungmann, in dieser sogar nur ein Unteroffizier, aber der heldenhafte Unteroffizier Theodor Preußer, der den edelsten Tod fand und die Unsterblichkeit erlangte. Die zwei Hauptschiffe des Geschwaders waren das titanenhafte Linienschiff Christian VIII. mit 84 Kanonen und die Fregatte Gefion mit 48 Geschützen des schwersten Kalibers. Sie waren der Stolz der Dänen und von den Kopenhagener Damen mit einer Unmasse von Delikatessen versehen worden, um mit gestärktem Magen die bösen Insurgenten zu verschlingen. Als Heimreich dieses Schlachtbild so nahe und greifbar, wie es selten einem Zuschauer ermöglicht wird, vor Augen hatte, gaben die Schiffe ganze Breitseiten, 66 Kanonenschüsse in einem Augenblick ab, was ein entsetzliches Gekrache und eine Erschütterung der Erde und der Lüfte erzeugte. Fast komisch war es anzuhören, wenn gleich nach dieser Detonation hüben vier und drüben sechs Brummtöne erschollen, fast wie das Gekläff eines Hals gebenden Hundes – das war die bissige Antwort der Batterien. Heimreich lachte laut. Er sah auf dem Ballastberge genau, wie Preußers Kanoniere, ehe die Breitseite aufblitzte, sich platt hinwarfen, schnell, nachdem die Kugeln über sie hinweggesaust waren, aufsprangen, zielten und besser trafen. Die Dänen schossen zu hoch und über die Südschanze hinweg. Die Schiffe waren trotz des heftigen Ostwindes – die Torheit rächte sich – vor Anker gegangen. Was war das? Die Zuschauer starrten aufgeregt hinüber – und schrien ein gellendes Hurra. Das schwere Linienschiff dreht und schwenkt und nähert sich dem gefährlichen Lande – Hurra – jetzt steht, jetzt sitzt es fest, wie ein auf den Strand geworfener Walfisch. Ein deutscher Bundesgenoß ist der landwärts treibende Wind. Der Koloß sitzt hilflos auf dem Grunde und kann seine Breitseiten kaum gebrauchen. Nach dem frohen Hurra eine ängstliche Stille! Warum ist auch die Nordbatterie verstummt? Die Munition ist verschossen, die Geschütze sind zum Teil heruntergeworfen. Da geschieht eins der Gotteswunder, die an jenem glorreichen Tage von den Augenzeugen gesehen wurden. Ein Boot mit der Parlamentärflagge stößt vom Christian VIII. ab und fordert freien Abzug für die Schiffe, widrigenfalls die Stadt beschossen werden wird. Die Notlage der Dänen ist dadurch offenkundig geworden. Die Offiziere verlangen eine glatte Ablehnung der Forderung, eine energische Fortsetzung des Kampfes. Aber der Bürgermeister, ein Schwächling, zittert vor der Drohung und will die Stadt und seine Person vor der Beschießung bewahren. Da setzen die tapferen Bürger ihrem Oberhaupte sozusagen die Pistole auf die Brust: Er solle entweder alle Verhandlungen abbrechen oder auf der Stelle abdanken. Während der Waffenruhe werden die Geschütze aufgerichtet und mit frischer Munition versehen. Keck und lustig flattert auf dem Walle die deutsche Fahne. Wieder krachen die Breitseiten, daß die Fenster klirren, und die deutschen Salven blitzen und bellen. Heimreich hört, wie einige Bürger von dem Herzog von Sachsen-Koburg sprechen und die Tatsache, daß Seine Hoheit, der die Küstenbrigade befehligt, frühmorgens beim Beginn des Kampfes aus irgendwelchen unbekannten Gründen die Stadt verlassen habe, berichten und mit Glossen begleiten. Jetzt schämt er sich, ein unnützer Schlachtenbummler zu sein. Der Zuschauer eilt vom Berge herunter und mit Lebensgefahr nach der Südbatterie. Er bittet Preußer um Arbeit. Die Kanoniere fragen ihn mit jener Freundlichkeit, die saure Gefühle erweckt: »Sie sind wohl Jäger? Putzen Sie als Scharfschütze mit der Kanone hier den Kommandanten vom Dänenschiff hinweg!« Aber Preußer weiß jeden Mann zu gebrauchen. »Wir müssen die Kerle mit Brandkugeln beschießen ... machen Sie die Kugeln glühend rot, aber machen Sie auch rechtzeitig Ihre Verbeugung vor der Breitseite!« Fangel bläst wie ein Blasebalg, wendet und wärmt die Bälle, die Kanoniere greifen mit den Zangen die heißen Klöße und zielen genau. Die glühenden Kugeln haben dem Goliath böses Bauchgrimmen und schließlich den Garaus gemacht. Gegen fünf Uhr werden die Schleswig-Holsteiner unruhig, denn sie sehen, wie am Linienschiff Signal auf Signal hochgeht. Was bedeutet das? Ein Dampfschiff, der Geyser, kommt, von draußen und mit voller Dampfkraft auf Christian VIII. zu, Böte fahren zwischen den Schiffen hin und her und holen ein schweres Tau vom Linienschiff, das sich schleppen und in Sicherheit bringen lassen will, nach dem Dampfer hinüber. Soll der Lohn des Sieges im letzten Moment entschlüpfen? Die Batterien überschütten die Schiffe mit Kugeln. Die Takelage Christian VIII. hängt in Fetzen herunter – aber – der festsitzende Walfisch dreht sich, bewegt sich an dem straff gespannten Seil. Da sieht Heimreich ein Wunder. Das Schlepptau platzt, daß seine Enden hoch schlagen. Eine Kugel der Nordbatterie hat es zerrissen. Es können hundert der besten Artilleristen je hundert Schuß abgeben, und unter zehntausend Schüssen trifft nicht ein einziger mit Absicht ein so winziges Ziel. Durch den Ruck des springenden Seils wird das Linienschiff auf den Strand zurückgeworfen. Der Geyser erhält einen Schuß in den Räderkasten, der ihn kampfunfähig macht, gibt jeden Versuch zur Rettung des Genossen auf und schwankt wie eine lahme Ente zum Hafen hinaus. In dem Augenblick tritt eine tiefe Stille ein, der Kampf ist entschieden, Gott redet und die Menschen schweigen. Dann braust ein hundertfaches, höhnendes Hurra von der Höhe der Zuschauer. Der fliehende Geyser will sich für diesen Spott rächen und schleudert eine Kugel nach dem Ballastberge, der schwarz von Menschen ist. Zu lachhaft, wie die Schlachtenbummler auseinander stieben und der Berg im Nu menschenleer ist, obgleich die Kugel keinen traf. Heimreich spuckt in die Hände und schmiedet sein Teufelseisen fleißig weiter. Gegen 7 Uhr wird das Feuer der Dänen schwächer und schwächer und hört zuletzt ganz auf. Just als die Sonne dieses schönen Tages majestätisch untergeht, steigt auf beiden Schiffen eine weiße Fahne empor. Totenstille mit einem Male! Dänemarks Stolz und Hochmut, seine zwei besten Schlachtschiffe, die das unmächtige Deutschland verhöhnten, sind von Feldgeschützen und des Himmels Zorn geschlagen und ergeben sich auf Gnade und Ungnade den verhaßten Insurgenten. Heimreich steht am Strande und sieht das ergreifende Schauspiel. Fünf, sechs Boote stoßen vom Linienschiff ab, die Matrosen springen ins Wasser und waten die letzten zwanzig Schritt ans Ufer, wo sie ihre Waffen niederlegen. Sie haben es sehr eilig mit der Übergabe und machen für Gefangene ein allzu vergnügliches Gesicht. Die Heiterkeit hat allerdings ihre Gründe, denn sie wissen, daß ihr Schiff brennt und das Feuer nicht fern von der Pulverkammer ist. Ein Matrose, der einer schrecklichen Luftreise entronnen ist, tanzt und sagt in seinem Deutsch: »Habben Sie ein Bissen Papier? Ick will mein Mudder sreiben, daß ick habb behalten mein Leib.« Heimreich gibt's dem biederen Hannemann, der sich freut, daß ihm Leib und Magen erhalten seien, und sieht voll Rührung und Mitleid, wie der greise Kommandeur Paludan-Müller, den sechs Seeleute aus dem Boote ans Land tragen, auf dem Strande steht und bittere Tränen vergießt, dann aber in echter Menschlichkeit die Umstehenden anredet: »Bleiben Sie hier nicht stehen! Das Schiff brennt schon lange und kann jeder Zeit in die Luft fliegen.« Dieser humane Däne weinte über sein Geschick, denn ihm schwante wohl, daß sein Volk, ein Opfer suchend, ihn vor ein Kriegsgericht stellen würde, obgleich seine Schuld sehr gering, sein Unglück um so größer war. Ein anderes und heiteres Bild! Urplötzlich hielt der Herzog Ernst von Sachsen-Koburg, der während des Tages spurlos verschwunden war, hoch zu Roß am Strande, schwenkte wie ein Sieger seinen Heldendegen und nahm mit hoheitsvollem Anstand den Säbel des armen Paludan-Müller in Empfang. Heimreich beherzigte jene Warnung, suchte sich hinter dem Pflegehause ein stilles Plätzchen, um ein bescheidenes Siegesmahl zu halten, wobei er allerdings gestört wurde. Ein entsetzlicher Knall betäubte ihn. Die Dunkelheit wurde grelle Taghelle, eine riesige Feuersäule stieg empor, als wäre ein feuerspeiender Berg entstanden. Die ungeheure Glutmasse zog am Himmel hin und schleuderte Funken, brennende Scheite und Feuerkugeln nach allen Seiten, gleichwie Blitze krepierten die zahllosen Bomben der Munitionskammern oben in den Lüften. Das war ein grausiger, grandioser Weltuntergangsmoment, ein todgeschwängerter Äther, wie einst am jüngsten Tage, wenn alle Elemente sich auflösen. Der Schwefelpfuhl der Feuerwolke trieb zum Glück über das Meer und verletzte keinen. Leider Gottes aber flogen zweihundert Menschen, die noch nicht ausgeschifft waren, in die Luft und wurden in Atome zerrissen. Auch Theodor Preußer, der edle Held, der die Boote antrieb und beim Ausschiffen der Feinde eigenhändig half, wurde vom Tode ereilt und ließ sein Leben für seine Feinde. Ewige Ehre dem Edlen! Die sterblichen Reste und Fetzen seines Körpers wurden gesammelt und auf dem Kirchhofe beigesetzt. Zu seinem Sarkophage Wallfahrten die Eckernförder Bürger an jedem 5. April, dem Ehrentage ihrer Stadt, noch heute hin, und das Gedächtnis des größten Unteroffiziers der schleswig-holsteinischen Armee bleibet für und für. Der Jäger Fangel dachte an die Wunder Gottes in der Geschichte und an das alte Wort: Deuss afflavit et dissipati sunt. Gott blies mit dem Odem des Ostwindes, und die Feinde wurden wie Spreu verweht. Diese Schlacht war eine jener köstlichen Sarkasmen der Weltgeschichte. Germanien, das kein Kanonenbötlein besaß, hatte die dänische Seemacht ins Herz getroffen und jeden Landungsversuch für alle Zukunft vereitelt. Heimreich eilte nach Borby und bestieg sein Rößlein. Er schrie jedem Wegfahrer, den guten Schleswigern im Lollfuß und der Tante im Fenster die Freudenbotschaft zu und trabte die sieben Meilen nach Flensburg, allwo der Siegesbote von Eckernförde recht steif und krumm angekommen ist. Dem Jäger zu Pferde war der Ritt also in die Knochen gefahren, daß er mit den Maroden, Fußkranken und Faulen nach Apenrade fahren mußte. Eilmärsche wurden allerdings nicht gemacht. Wohl drängte der tüchtige Bonin, der darauf brannte, mit seiner Armee die Feuerprobe zu bestehen, vorwärts und über die Grenze, aber die alten, infamen Hemmnisse stellten sich immer seinem ehrlichen Soldatenmut in den Weg, und er hatte einen Herrn über sich. General von Prittwitz befehligte nicht nur das Bundeskorps, sondern war Höchstkommandierender, zeigte sich als ein Kunktator erster Güte und als ein Meister in Schneckenmärschen. Wer kann es den Schleswig-Holsteinern verübeln, daß sie häßliche Reden führten und Prittwitz böse Absichten zuschrieben, obgleich er nur miserable Instruktionen befolgte? Die Begeisterung für Preußen wurde sehr abgekühlt, der Glaube, daß dieser große Bruder und Bundesstaat Schleswig-Holstein retten werde, schwand hin in jenen Tagen, und die Entfremdung fraß weiter. Der Holste verzagte dennoch nicht und wollte mit seinem eigenen Schwert und Heer sein Recht erzwingen, und er hat in den Lenztagen 1849 aus eigener Kraft den schönsten Sieg erfochten. Während Prittwitz durch ein paar Gefechte bei Ulderup und Düppel die dänische Armee unter de Meza nach Alsen zurückdrängte, stand Bonin an der Grenze, die er nach der Weisung seines Vorgesetzten nicht überschreiten sollte. Heimreichs Jägerkorps gehörte zur Avantgarde und lag zehn Tage in Grönninghoved am Fuße des Skamlingsbanke. Dieser »Berg«, auf dem Grundtvig das Feuer des Fanatismus entzündet hatte, weckte trübe Erinnerungen; diesem bizarren Pseudopropheten, der Bodil betört und ihren Eigenwillen befestigt hatte, hatte er viel Unheil zu verdanken. Aber hier war die engere Heimat und auf Schritt und Tritt alles genau so wie in Hyllerup. Das Heimatliche weckte eine große Sehnsucht nach dem Vaterhause und dem Dorfe und nach ihr, die er verloren. Als sein Hauptmann ihm einen Urlaub anbot, war er nicht mehr zu halten. Seine Beine gingen mit ihm durch, denn bei dem scharfen Vorpostendienst durfte seine Abwesenheit acht Stunden nicht überschreiten. Nur eine Frage begleitete und quälte ihn auf dem Wege: Durfte er ihr in dieser Uniform noch einmal vor die Augen treten? Er war in Hyllerup und saß bei seinen Eltern, und Hilde hielt seine Hand. Klaus holte ihm eine Bischofszigarre und raunte leise: »Mutter soll es nicht hören ... möchtest du sie wiedersehen für ein paar Minuten? So will ich hingehen ... ich glaube, es ist besser ... und Bodil vorbereiten.« Heimreich fühlte dankbar, das sei mal brüderlich gesprochen von seinem Bruder, seine Stimme zitterte: »Ja, frage sie, ob ich kommen darf ... ich weiß nicht, ob es das letzte Wiedersehen ist ... das sage ihr!« Wie dürstete sein Herz nach einem guten Wort aus ihrem Munde! Klaus war nicht lange fort und kam sehr niedergeschlagen zurück, ja eine Träne perlte in seinen wasserblauen, ehrlichen Augen. »Ich habe geredet ... aber sie will dich nicht ... dich nie wiedersehen in der Insurgentenuniform. Wie tust du mir von Herzen leid, mein Bruder.« Heimreich war bitter enttäuscht, wußte aber vor den Eltern seine Traurigkeit zu verbergen. Nur Hilde schaute ihm ins Herz und drückte immer wieder seine Hand. Sein Bruder Klaus holte von der Bischofszigarre, die allerdings dem Vater gehörte, sechs Stück, schob sie ihm in die Tasche, benahm sich wahrhaft brüderlich, ließ sogar die Pferde anspannen und den Jäger nach Christiansfeld – das sind zwei Meilen – fahren. – Am nächsten Sonntagnachmittag saß Klaus Fangel in Jep Hansens Pesel, zündete seine Pfeife an und wartete auf eine Frage, welche kommen werde. Doch die Jungfer Hansen fing heute von hinten an und fragte hastig: »Der Kandidat Fangel soll hier in Hyllerup gewesen sein, sagen mir die Leute ... ist das richtig?« »Ja, er war ein paar Stunden hier und erzählte viel von Eckernförde, von den Brandkugeln, die er glühend machte, und die »Christian VIII.« in Brand schossen, von dem lustigen Bürgerball und besonders von den jungen Mädchen, die sich ganz blau-weiß-rot gekleidet hatten.« Bodil starrte aus dem Fenster, als wenn sie ein Gespenst gesehen habe. Sie wußte nur vom Hörensagen, daß Heimreich in Hyllerup gewesen war. Also war Klaus gar nicht bei ihr und die Antwort, die er seinem Bruder überbrachte, eine Erfindung und Lüge gewesen. – – – – Endlich kam der heißersehnte Befehl, vorzurücken, die Avantgarde besetzte das Dorf Dalby, das sehr idyllisch hart an der Grenze liegt. Fangel führte am Abend des 19. April eine Patrouille so nahe an den Feind, daß man eine dänische Feldwache beim Kartenspiele sitzen sah. »Nicht schießen!« flüsterte der Unteroffizier, »was hat uns der einzelne Jüte getan.« Der Jäger Meier, der ein ausgezeichneter Schütze, aber auch ein spaßiger Kerl war, ließ die Büchse sinken, nahm statt dessen die geladene Pistole, wie er sich ausdrückte, die Feldflasche, zur Hand, einen kräftigen Schluck, und bot sie dem Unteroffizier an. Der hatte aber genug am Geruch und gab sie zurück. »Sie trinken mir zu viel Schnaps und werden mir noch verlüdern.« »Die Leute fragen immer nur, wie viel einer trinkt, aber nicht, wie stark sein Durst ist.« »Das ist ein alter Witz ... der Trinker hat tausend Gründe.« Meier wurde nachdenklich. »Ja, die Marketenderin sagt auch: Du büst up'n goden Weg – en Süper to warde! Warum ich saufe, Herr Unteroffizier? Ich bin des Lebens satt.« »Sie, der lustigste Kerl in der ganzen Kompagnie?« »Ja, der gemeinste Fusel ist ein Zauberer, der das elende Dasein verschönert und an dem grauesten Tage die Sonne ein bißchen scheinen läßt.« »Nein, er ist ein Schwindler ... wie können Sie sich von dem größten Gauner, dem Alkohol, betrügen lassen?« »Ach, die Galle ist mir übergelaufen.« Meier machte ein melancholisches Gesicht. »Soll ich es Ihnen kurz erzählen? Ich hatte mich mit einem jungen Mädchen in Michaelisdonn verlobt, und es war mir fürchterlich, als ich 48 zum Soldaten gezogen wurde. Nach dem Waffenstillstande wurde ich beurlaubt, und was ist das Erste, das ich in der Heimat höre? Mein Mädchen hat sich mit einem Bauernsohn verheiratet, ihre Mutter hatte ihr vorgelogen, daß ich gefallen sei. Nun gehe ich auf zehn Feinde los, ich hab' eine Courage ... bloß rasch weg und auf der Stelle tot!« Ein jeder hat mit der Krankheit, die er selber hat oder gehabt hat, das innigste Mitleid. Heimreich schloß mit dem lustigen Meier eine gewisse Kameradschaft. Auch ihm war es jetzt nicht schwer, den Heldentod zu leiden. Wenn ich gefallen bin, wird Bodil um mich trauern, und ich stehe unvergeßlich und verklärt in ihrem Gedächtnis. In seiner sentimentalen Stimmung war er drum und dran, sich selbst als kalte, starre Heldenleiche zu beweinen. Am Morgen des 20. April fielen Schüsse, bald rasselten die Sturmtrommeln. Die gesegneten Schüsse! Die Dänen hatten der bisherigen Vorsicht vergessen und über die Grenze geschossen. Das benutzte Bonin, der den Kampfungestüm seiner Truppen, wie er sich nachher entschuldigte, nicht mehr habe zügeln können, um anzugreifen und die Grenze zu überschreiten. Mit welcher Lust, als ginge es nicht in die blutige Schlacht, traten die Jäger und das neunte Bataillon früh um fünf an, um ihren berühmten Sturm auf Kolding zu machen. Sie tiraillierten – wie man damals sagte – hinter den Häusern und durch die Gärten auf die Stadt zu, während ihre Musik hinter ihnen auf der Höhe zum Todesmarsche und ohne Aufhör Schleswig-Holstein meerumschlungen spielte. Das zaubermächtige Lied steigerte die Tapferkeit zur Tollkühnheit. Da kam der Sturm zum Stillstand. Der einzige Zugang, die Brücke über die Koldingau, war durch ein hohes Pallisadentor versperrt. Eine Stunde schoß man hin und herüber, ohne viel Schaden zu tun. Der Hauptmann wetterte: »Eine Schmach, daß wir keine Artillerie, die in fünf Minuten das Blocktor zusammenschösse, hier haben ... sind hier keine vier Kerle, die Courage haben und hinüberklettern?« »Nee, ick kann mi schändlich holen.« – »Fif Schilling de Dag is to wenig för de Dod,« brummten einige. Plötzlich sah man, wie zwei Schützen von der Kolonne sich lösten und in rasendem Lauf über den offenen Platz nach dem Blocktor rannten. »Dunner und Doria! De künnt sich man begraben laten ... datt is ja de vergnögte Meier und Unteroffizier Fangel.« Die beiden Helden und Todeskandidaten hatten sich offenbar verabredet, alles geschah mit Blitzschnelle. Meier stemmte sich gegen die Pallisaden und bildete eine Leiter, Fangel war sofort oben und sprang auf der anderen Seite hinunter, riß den Riegel zurück und das Tor auf. Jetzt kam aber der kritische Augenblick für Heimreich, der um ein Haar seine Kühnheit mit dem Leben bezahlt hätte. Während seine Kompagnie unter lautem Hurra heranstürmte, um durch das offene Tor einzudringen, erholten sich die Dänen von ihrer Bestürzung. Kaum fünf Schritt von dem wie vom Himmel heruntergefallenen Insurgenten stand ein Posten – der rundbackige, glotzende Jüte riß das Gewehr an die Backe und zielte gut auf Heimreichs Brust. Das Zielen war nicht schwer, da der Lauf beinahe den dritten Brustknopf berührte. Eine rasche Geistesgegenwart und ein seltsamer Glücksfall rettete den Tollkühnen. Der deutsche Unteroffizier rief im besten Dänisch, was schon einen verwirrenden Eindruck machte: »Jens, Jens, weg mit der Flinte! Du willst auf deinen alten Freund aus Nyborg schießen?« Nun wird zwar jeder dänische Soldat Jens genannt, aber dieser Kriegsheld war wirklich – wie jeder dritte Jüte – Jens getauft worden und war der Soldat aus Nyborg, der während der Festungshaft des Kandidaten Wächter und Leibbursch gewesen war. Der Brave wurde bei dem Wiedererkennen so verdutzt und gerührt, daß er sein Gewehr sinken ließ, die gegenwärtige, gefährliche Situation vergaß und mit dem ganzen Gesicht grinste. »Herr Fangel! Wie kommen Sie su die Insurgenter?« Zunächst und sehr überraschend kamen die Insurgenten zu ihm, hatten sie den Posten umringt und gefangen genommen. Der wackere Jens machte jetzt ein anderes, ein vorwurfsvolles, weinerliches Gesicht. »Das war slecht von Sie, Herr Kandidat! Uh, die armen Gefangenen werden von die Insurgenter srecklick behandelt, kriegen man Wasser und Brod und Prügel alle Woche ... uh, helfen Sie mir armes Minsch!« Fangel nahm zehn Taler aus seiner Börse und beruhigte den Hannemann, daß er für ihn sorgen und ein schönes Essen ihm verschaffen werde. Jens lächelte wieder dumm-verschmitzt. »Wenn ick man keine Prügel und genug su essen kriege, bin ick sufrieden ... su leicht kann man dodgesjossen werden ... nun kann ick meine Militärseit bei die Insurgenter in die Gefangensjaft abdienen.« Die Dänen liefen so schnell, daß die Deutschen kaum zu folgen vermochten, durch die Stadt und im Norden aus Kolding heraus. General Bonin wurde von seinen Kriegern mit lautem Zuruf begrüßt, auf seinem Gesicht leuchtete die helle Freude über diesen ersten Erfolg seiner Armee. Leutselig reichte er vielen Offizieren die Hand, aber der Unteroffizier erhielt den wärmsten Händedruck. An dem Abend wurde der Winkelried von Kolding, der Pallisadenhüpfer, wie die Kameraden den Kandidaten nannten, zum Fähnrich und der Soldat Meier zum Unteroffizier befördert. Die Koldinger waren arge Fanatiker. Darum hielt Major von Hake auf dem Markte hoch zu Roß und den zahlreichen Zivilisten eine bündige Ansprache. Mit freundlichster Miene rief er: »Dem friedliebenden Bürger sind wir wahre Engel.« Sofort rissen die Koldinger die Mütze vom Kopfe und machten eine gleißnerische Verbeugung. Nach einer Pause schrie von Hake mit seinem bärbeißigsten Gesicht: »Aber dem böswilligen Bürger sind wir wahre Teufel.« Da setzten die Bürger die Mütze wieder auf und schnitten eine bösartige Grimasse. Heimreich hatte bei einem Apotheker Quartier und wurde merkwürdig gastfrei mit Braten und Wein bewirtet. Da der Hausherr mit süßlicher Höflichkeit erklärte, kein Wort deutsch zu sprechen, redete der Soldat ein geläufiges Dänisch. Sobald die Tochter des Hauses, eine blonde, kalte und scharfe Schönheit, ihn sprechen hörte, starrte sie ihn voll Grauen an, als wenn ein leibhaftiger Beelzebub dort stünde. »Wie kann ein Mann, der ein solches Dänisch spricht, bei den deutschen Räub-, bei den Aufrührern dienen?« Der Krieger erklärte es ihr sehr deutlich. Doch wenn ihr Blick fortan ihm begegnete, war Angst in ihrem einen und Abscheu in dem anderen Auge. Weil die Bevölkerung feindselig war, wurde angeordnet, daß jeder in seinem Quartier nach Waffen genaue Haussuchung halte. Heimreich mußte die unangenehme Pflicht erfüllen, die Zimmer revidieren und stand vor einer verschlossenen Tür, worauf der Apotheker herbeistürzte und devot beteuerte, in dem Raum sei eine schwerkranke Dame, die sich zu Tode ängstigen werde. Heimreich ging rücksichtsvoll weiter, stöberte aber um so rücksichtsloser auf dem Boden herum, wo er in einem vorzüglichen Versteck einen prächtigen Sattel mit silbernen Steigbügeln fand. Ah, das war verdächtig. Seine jetzt mißtrauischen Augen prüften noch schärfer, untersuchten das schmucke Pferd, das im Stalle stand. Es hatte, von der Decke verhüllt, das Brandzeichen der dänischen Offizierspferde und wurde als Kriegsbeute mit Beschlag belegt. Er war überzeugt, daß statt der kranken Dame ein blessierter Offizier in dem Zimmer versteckt sei. Darum trat er ins Wohngemach, wo die Tochter allein zugegen war und mit eiskalter Miene sich erhob. Fangel wollte die Dänin verdutzen und die Wahrheit ergründen. »Leider muß ich das Offizierspferd wegführen und die Tür öffnen lassen ...« Mit einem gellenden Schrei sank die schöne Apothekertochter auf das Sofa hin und anscheinend in eine echte Ohnmacht. Ritterlich streckte er die Hände aus, um einen Fall auf den Fußboden zu verhüten. Da schnellte die Ohnmächtige wie eine Furie empor, giftig zischten ihre Lippen: »Das verdammte deutsche Räuberpack!« Megärenhaft krallten sich ihre Finger, und er hätte unfehlbar eine Kratzpfote oder eine Ohrfeige erhalten, wenn er nicht eilends den Rückzug angetreten hätte. Jetzt befahl er dem Apotheker barsch: »Die Tür wird sofort geöffnet oder erbrochen.« Im Nu knirschte der Schlüssel im Loch. Der lange Pillendreher wand sich wie ein Aal und konnte plötzlich fließend deutsch sprechen, um zu bitten und zu flehen. Eine Kranke war nicht im Zimmer, aber auch kein Offizier, sondern das Silber und die besten Sachen, auch die ganze Aussteuer der Tochter und die Equipierung eines dänischen Rittmeisters, der mit der schönen Furie verlobt war, hatte man dort untergebracht. Die deutschen Räuber waren besser als ihr Ruf und nahmen nur die Waffen mit. – Am Morgen wurde in allen Gassen Generalmarsch geschlagen. Der Apotheker, der offenbar wußte, daß die Dänen in großer Überzahl angreifen würden, stand in seiner Haustür, verbeugte sich süßlich und sagte, zum Bersten voll von Haß und Hohn: »Beehren Sie mich mit Ihrem Besuch, wenn Sie je wieder nach Kolding kommen!« Schon am Abend waren die Deutschen wieder im Besitz der Stadt, aber der Apotheker saß auf den Trümmern seines Hauses. Die Dänen warfen immer neue Truppen heran, besetzten von hinten, mit Hilfe der Einwohner, die Häuser und schossen aus den Fenstern. Heimreich hielt mit seinem Haufen im heftigsten Feuer, bis die Gefahr, umgangen zu werden, den Rückzug befahl. Nach einem furchtbaren Straßenkampfe, der etwas Tierisches hatte, wurde Kolding geräumt und auf den südlichen Höhen neue Kraft gesammelt. Der Tag hatte wie eine Niederlage begonnen und sollte trotzdem der schönste Siegestag im ganzen Dreijahrskriege werden, der große Sieg, den Schleswig-Holstein ganz allein ohne Bund und Bruderhilfe erfocht. Die Artillerie hatte während des Straßenkampfes, wo Freunde und Feinde durcheinander wogten, keinen Schuß tun können. Jetzt brachen die Kanonen das erbitterte Schweigen, und alle Feuerschlünde barsten los mit Gebrüll. Bald stand Kolding in Flammen – kein unverdientes Los für die Bewohner, die mit Jagd- und Schrotflinten auf die Deutschen geschossen hatten. Fangels Korps verstärkte das Zentrum der Armee, ging bei Seest über die Koldingau und nahm mit dem Bajonett das Dorf Harthe, wo die Kirche als Festung diente. Die Dänen liefen auf der ganzen Linie. Das war die alte Eigentümlichkeit: der Hannemann steht seinen Mann, steht hinter seinen Knicks sehr fest und standhaft; wenn er aber erst ins Laufen kommt, gibt's kein Halten mehr, und die Kerle rennen, die Stiefel in der Hand oder die Holzschuhe an den Füßen, fünf, ja acht Meilen mit der Zunge aus dem Halse. Es war ein ganzer, glänzender Sieg. Eintausend Schleswig-Holsteiner hatten siebzehntausend Dänen unter den Augen ihres Königs geschlagen, denn der dicke Friedrich war von Friedericia herübergekommen, um der Vernichtung der Insurgenten persönlich beizuwohnen. Bonin hatte seine Befähigung bewiesen, seine Armee ihre Feuerprobe bestanden, ganz Schleswig war befreit. Das ganze Land lebte der Zuversicht, daß Schleswig-Holstein jetzt ein dauerndes Glied des Bundes sein werde, in allen Herzen wohnte die hohe Hoffnung, nun werde alles mit Freiheit und Friede enden. Holsatia cantat . Dazumal hat Holstein, das eine rauhe und keine Sangeskehle haben soll, gewaltig gesungen: »Von unsren Lippen soll allein Der Tod dies Wort vertreiben: Wir wollen keine Dänen sein, Wir wollen Deutsche bleiben.« Während der Kampf um Kolding am heißesten tobte, hatte Bonin eine Depesche von seinem Vorgesetzten, General von Prittwitz, erhalten, die er aber im Schlachteifer, und wahrscheinlicher aus Klugheit, uneröffnet ließ – bis der Sieg entschieden war. Als der Feind in voller Retirade sich befand, las Bonin die Depesche, die ihm den sofortigen Rückzug auf Hadersleben befahl! Man hätte sein Schmunzeln sehen mögen. Immer entscheidet nur der äußere Erfolg. Das ist das Ekelhafte aller Kriegsgeschichte – eine kühne Tat ist je nach dem Ausgange hohes Heldentum oder gemeiner, sträflicher Leichtsinn. Wehe dem eigenmächtigen General, der eine Schlacht verliert! Er würde Ehre und Reputation, ja den Kopf vielleicht einbüßen. Aber dem eigenmächtigen Feldherrn, der Sieger wurde, wird man mit süßsaurer Miene seine Lorbeeren lassen. Den Sieger von Kolding konnte man nicht kassieren oder vor ein Kriegsgericht stellen. Das Volk feierte ihn und schalt Prittwitz einen Verräter. Er war es nicht, sondern nur ein Werkzeug jener Preußenpolitik, die in Olmütz erbärmlich endete. Preußen war kein Helfer, sondern ein Hemmschuh Schleswig-Holsteins geworden. Dennoch wollte Cimbrien allein mit seinem Schwert und seines Gottes Beistand sein Recht erzwingen, sein Deutschtum wehren gegen seinen Erbfeind. Vierzehnter Abschnitt. Die Mordnacht von Friedericia. Bonins Armee belagerte im Mittsommer 1849 Friedericia am Kleinen Belt. Diese Festung liegt auf einer Halbinsel und bildet ein rechtwinkliges Dreieck, dessen Katheten im Osten und Süden vom Meere bespült und beschützt wurden, während die dem Lande zugekehrte Hypothenuse die allein zugängliche Angriffsseite war. Der Belt ist so schmal und die Insel Fühnen so nahe, daß die Batterien von dort aus die Küstenwege bestreichen und die Belagerer den ständigen Verkehr zwischen der Festung und Fühnen nicht verhindern konnten. Eine Aushungerung war also ausgeschlossen, während der Nacht passierten die Zufuhren ungestört den Belt, ja die Besatzung von Friedericia wurde nach einem mehrtägigen, harten Dienst wie eine Wachmannschaft abgelöst, und die Transportschiffe mit frischen und müden Truppen gingen vor den Augen der Schleswig-Holsteiner hin und her. Ein schlimmer Um- und Übelstand, der zur äußersten Vorsicht mahnen mußte! Aber Bonin war ein Feind aller Bedenklichkeiten, ein vergötterter, erfolggekrönter Heerführer, für den keine Mauer zu hoch und kein Unmöglich vorhanden war. Der größte Erfolg birgt immer eine große Gefahr. Sogar die Größe eines Bonaparte wurde zum Größenwahn. Bonin blieb zwar ein bescheidener, leutseliger Mann, aber die Natur hatte seinen angenehmen Charakter mit allzu viel Optimismus ausgestattet. Seine Tugenden, der Glaube an sich und sein Heer und die Beharrlichkeit, wurden seine Fehler, wurden zur Vertrauensseligkeit, zum Eigensinn und Erzwingenwollen, wurden sein Verhängnis und sein Fall. Nach dem Willen des Reichsgenerals Prittwitz, der zwischen Veile und Aarhuus untätig lungerte, sollte Bonin Friedericia beileibe nicht belagern, sondern nur beobachten. Der dänische General Bülow hatte seine Armee nach der Insel in Sicherheit gebracht und eine Besatzung in der Festung zurückgelassen. Die Bewohner waren zum großen Teil geflohen, die Soldaten lagen in Kasematten, die Granaten konnten nicht viel Schaden anrichten. Doch Bonin wollte beschießen und womöglich stürmen, obgleich die Belagerungslinie zwei Meilen lang und zweimal zu lang für sein kleines Heer war, obgleich der Mangel an Belagerungsgeschütz die einzig schwache Seite seiner Armee war. Wochenlang wühlten seine Krieger in der Erde, um draußen vor den Mauern eine Gegenfestung zu errichten. Fünf starke Schanzen, Redoute I bis V genannt, wurden erbaut, und vor denselben zogen sich die Laufgräben im Zickzack immer näher an die Festung heran. Der Fähnrich Fangel stand mit seinem Korps, das die Reserve bildete und die Vorposten im Süden stellte, bei dem Dorfe Erritsö und im Gehölz Vogelsang. Zuweilen wurden auch Jägertrupps zum Schanzen am Wall vor dem Blockhaus und in die sogenannte Gefahrzone, wo die Kugeln von der Festung her flogen und die Bomben krepierten, geführt, meistens aber erfreute man sich eines recht angenehmen Daseins, das allerdings auf die Dauer langweilig wurde. Die Jäger hatten sich Laubhütten gebaut, die Schutz und Schatten gaben. In dem Wirtshaus von Vogelsang, wohin sonst die Friedericianer mit Weib, Kind und Eßkober ihre Ausflüge machten, waren alle möglichen Alkoholika zu haben. Am ersten Tage freilich war kein Fäßlein und keine Flasche zu sehen; der Wirt schüttelte seinen Bulldogkopf und brummte sein Kannitverstan, holte aber, als einige sehr deutliche Gesten machten, zwar nicht seine Schnaps-, wohl aber seine deutschen Sprachvorräte hervor: »Nix Snaps! Nix Aquavit! Nix Öl ... aber in Pumpen särr fiel Wasser.« »Du alter Grönländer, sauf du selbst dein Öl und dein Wasser!« fluchte Meier. Ein Schleswiger, der einige Brocken Jütisch verstand, dolmetschte: »Öl nennen die Dänen das Bier, und die Butter heißt bei ihnen Schmier.« Fangel trat heran und sprach fließend dänisch, so daß der Bulldog ganz verklärt grinste, als der Fähnrich ihm beteuerte, man wolle die Getränke mit Kurant bar und ehrlich bezahlen. Plötzlich waren Flaschen und Vorräte in solcher Menge vorhanden, daß niemals Mangel eintrat. Unteroffizier Meier konnte nicht begreifen, wo der Kerl seine Spirituosen so großartig versteckt habe, er grübelte über das Welt- und Wirtshausrätsel und guckte allerwegen, um die verborgene Alkoholquelle zu entdecken, und der beharrliche Quellsucher hat ohne Wünschelrute sein Ziel erreicht. Ihm nicht zum Heil, und dem Fähnrich zum Verdruß! Hart am Belt hatten die Dänen ein Blockhaus, das ein gefährliches Ausfalltor bildete, den rechten deutschen Flügel ständig bedrohte und daher genommen werden mußte. Um die Einnahme zu erleichtern, wurde in fünfhundert Schritt Entfernung eine Schanze nächtlicherweile so rasch und diskret aufgeworfen, daß die Feinde die Maulwurfsarbeit erst merkten, als die ersten Bombenschüsse aus der Schanze es ihnen unliebsam mitteilten. Noch vor Tagesgrauen erstürmten Mannschaften das Blockhaus und steckten es in Brand. Hier war eine vortreffliche Position, die zum Teil den Belt bestreichen konnte, gewonnen worden. Daher entstand an der Stelle des Blockhauses in aller Eile eine deutsche Erdschanze. Weil aus der Festung aus nächster Nähe geschossen wurde, war die Arbeit daran äußerst gefährlich, und darum wurden die schanzenden Mannschaften oft abgelöst. Das Schaufeln und Schanzen an dieser Stelle wurde aber geradezu berüchtigt, als ein Scharfschütze von der Festung aus sein Unwesen trieb und mit teuflischer Sicherheit jedem Soldaten und Schanzer, der sich nur die kleinste Blöße gab, das Lebenslicht ausblies. Es brauchte nur eine Helmspitze, eine Hand, ja ein Finger sich zu zeigen, flugs flog eine Kugel aus dem Büchsenlauf des lauernden Schützen und verfehlte niemals das kleinste Ziel. Der Teufelskerl müsse ein Freischütz und mit dem Satan im Bunde sein, und dabei war dem hinterlistigen Schuft, der stets da drüben in Deckung lag, nicht beizukommen. Die Fama erzählte abenteuerliche Dinge, und die Furcht vor dem unheimlichen Scharfschützen, der mancher Mutter Sohn, wie ein Stück Wild auf dem Anstand, mit Hohnlachen – so nahe lag er, daß man nach jedem Treffer sein höhnisches Hoho hörte – getötet hatte, war groß und gräßlich. Mancher brave Soldat wurde blaß im Gesicht, wenn er in die verrufene Blockhausschanze kommandiert wurde. Bisher waren die Tage ein friedliches Laubhüttenfest für Heimreich gewesen. Hätte nicht das Donnern der Geschütze geklungen, der Feuerschein eines Brandes in der Festung den Himmel gerötet, so hätte die in Mittsommerschöne prangende Landschaft wenig an blutigen Kriegsgreuel erinnert. Im Vogelsang war in aller Frühe ein liebliches Frühkonzert, Amseln, Drosseln, Finken und viele Musici schmetterten ihr Minnelied. Die Gegend mit den Hügeln und Hecken war ganz cimbrisch, so daß man in Heimatsträume versinken und Erritsö für Hyllerup halten konnte. Sogar mitten zwischen den Schanzen lagen noch friedlich-unberührt kleine Roggen- und Haferäcker, auch hier und da Gevierte mit fremdartigen Gewächsen, mit Tabakstauden, denn die Ackerbürger der Stadt bauten Tabak, allerdings ein furchtbares Kraut, das nur vom Jüten geraucht und von anderen Europäern zur Viehwäsche gebraucht wird. Auf den Wiesen blühten in Unzahl die Butterblumen und Blauveilchen. Mutwillig wird kein Schleswig-Holsteiner, der vor der Göttin Ceres und ihren Gaben eine angeborene Ehrfurcht hat, eine Graswiese, geschweige denn ein Ährenfeld zerstampfen. Der Himmel leuchtete in Bläue, die Sonne strahlte sechzehn Stunden lang, ohne zu stechen, das Land war ein Friedensidyll, und die wunderbar hellen Nächte weckten die Sehnsucht. Heimreich lag oft im Grase, und sein Herz war daheim, wanderte durch das Pfarrhaus und weilte im Pesel auf Hylleruphof, wo sie am Fenster saß. Ach, sie hatte ihn in der Insurgenten-Uniform mit Abscheu betrachtet, und sie schaute nicht mehr nach ihm aus. Mitten in den Friedenstraum polterte der rauhe Befehl, anzutreten und abzulösen. Fangels Leute marschierten, ohne wie sonst zu singen, schweigsam und ernst, denn es ging nach der berüchtigten Blockhausschanze, aber ihr Gleichschritt klang härter und trotziger, als wenn sie sagen wollten: Jetzt wollen wir uns just als ganze Kerle zeigen. Unteroffizier Meier machte seine Witze, die heute nicht belacht wurden, und klopfte auf seine Feldstasche: »Ich habe die Pistole scharf geladen ...« Eine Granate platzte so nahe, daß Schmutz und Schlamm ihn überspritzten. »Die Schurken haben mir den Rock bespuckt ... Prosit, Hannemann!« Er hob die Flasche und nahm einen herzhaften Schluck. Heimreich war ihm sehr zugetan und ermahnte freundlich: »Meier, Sie haben genug getrunken ... die Flasche wird noch ihr Unglück werden.« Die frischen Mannschaften stießen den Spaten kräftig in den Grund, duckten aber vorsichtig den Oberkörper, um in Deckung zu bleiben. Meier zog den Rock aus, schaffte für zwei und fabulierte: »Der Schützenbruder da drüben hat sich dem Meister Urian verschrieben, so daß er fest und gefeit ist und jede Kugel, selbst von einem Vierzigpfünder, an ihm abprallt, wie eine Erbse. Ob der Teufelskerl sich heute Morgen schon merken ließ? Achtung! Ich will den Urian mal verulken.« Meier hängte seinen Tschako oben auf den Büchsenlauf und hob diesen Jäger-Popanz kaum anderthalb Zoll über die Wallbrüstung. In demselben Nu pfiff ein S–s–s–s über ihn hinweg, so daß er sich bückte und seinen heruntergefallenen Tschako angaffte. Durch den Tschako-Deckel war eine Kugel glatt hindurchgegangen. Der Schalk von Unteroffizier fühlte nach seinem Kopfe. »Gott sei Dank, daß mein Schädel nicht darunter, sondern auf Urlaub war! Donnerwetter! Der Schütze schießt noch besser als der Vater Tell ... auf die Alteration muß ich mal durch das Fernrohr kiecken.« Keiner grinste über Meiers Eulenspiegeleien, allen war unheimlich zu Mute, als wenn ein Gespenst, ein böser Geist oder der leibhaftige Tod in der Nähe sei. Weil jeder darauf bedacht war, sich nicht im geringsten zu exponieren, rückte die Arbeit, welche diese Schicht leisten sollte, langsam vor. Der Hauptmann fluchte: »Ihr dummen Kerle! Je fauler ihr seid, desto länger müssen wir hier in der Patsche sitzen.« Einige brummten in den Bart: »De Arbeit löppt nich weg.« Da blinzelte der Hauptmann dem Fähnrich zu. »Feste, feste! Wir wollen doch mal sehen, ob wir die Kerle heute nicht klein kriegen.« Die Schanzer sahen sich an und murmelten: »Watt ment he woll? Uns klein kriegen? Da lur man up! Wi sünd ken Pröißen.« Jetzt wurde gesputet und geschaufelt, daß die Erdschollen flogen. Einige Sicherheitskommissare schielten, ob die Brüstung sie decke, andere schwitzten, ohne nach links oder rechts zu blicken. Meier wühlte und wütete in der Erde, wie Herkules im Augiasstall, machte seine Kalauer und vergaß im Eifer der Gefahr. Nur eine Sekunde lang war seine Hüfte aus der Deckung heraus. Im Nu ein Paff, ein heftiger Puff, so daß er hinschlug, aber sofort wieder auf die Füße sprang und seinen Körper betrachtete und betastete. Die Kugel des Scharfschützen hatte nur zu meisterhaft gezielt und hätte ihm die Eingeweide zerrissen, wenn sie nicht die Feldflasche zertrümmert hätte und dadurch abgesprungen wäre. Meier hob halb glotzend, halb grinsend die traurigen Reste seiner Kümmel-Pistole und sagte feierlich: »Man hat mir immer prophezeit, daß die Flasche mein Unglück und mein Tod werden würde ... das ist eine Riesenlüge, die Kümmelflasche ist mein Glück und mein Lebensretter gewesen. Ich will sie allzeit hoch und in Ehren halten.« Alle waren sehr froh, als die Ablösung kam, und sprachen auf dem Wege von dem furchtbaren Scharfschützen, der so gräßlich prompt den passenden Augenblick abwartete und benutzte. »Der hat sich mit Blut dem Teufel verschrieben und ein Zaubergewehr bekommen,« meinte Peter Heide, der das Pulver nicht erfunden hatte. »Er wird ein gelernter Jäger sein.« »Nein, er wird der größte und geriebenste Wildschütze in ganz Dänemark gewesen sein.« Das war Meiers Meinung. – Heimreich lag mit dem Rücken gegen eine Buche, rauchte seine Feldpfeife und las Zeitungen, während die Soldaten Kartoffeln schälten, kochten und sangen. Man hätte wähnen können, in einem lustigen Manöverbiwak zu sein, wo die Kanonen bellen, ohne zu beißen. Sein Vater in Hyllerup hatte ihm ein ausgezeichnetes Feldglas gesandt und geschenkt, schickte auch mit Gelegenheit oder per Feldpost die neuesten Zeitungen. Der »Merkur« berichtete von jedem Brand und Blitzschlag in der Heimat, wußte aber auch über Truppenbewegungen oben in Jütland, was Aufsehen erregte, genaue Angaben zu machen. Prittwitz nämlich tat, was er in diesem Kriege sehr liebte, beobachtete den dänischen General Rye, der mit seiner Brigade in Nordjütland stand, und wurde von ihm noch gewissenhafter observiert. Prittwitz hätte ja mit seiner Übermacht seit Wochen Rye aufheben oder vernichten können, krümmte ihm aber kein Haar; sondern ließ ihn, um sein Werk zu krönen, schließlich auf Schiffen entschlüpfen, damit er den anderen Dänen helfe, die schleswig-holsteinische Armee zu schlagen. O armes deutsches Vaterland! O deutscher Reichsgeneral! – – Heimreich sollte noch einmal die Bekanntschaft des berüchtigten Scharfschützen machen; sein Kompagnie erhielt Befehl, in der Nacht zum 23. Mai mit Infanterie zusammen die Blockhausschanze zu vollenden und gegen feindliche Angriffe zu behaupten. Eine Batterie fuhr auf, um zum Schutz der Schanzer ihre Bomben spielen zu lassen. Der Freischütz drüben hatte im Dunkel kein Büchsenlicht, darum arbeiteten die Leute ohne Furcht und mit Biberfleiß, um bis Tagesgrauen fertig zu werden. Keiner fiel in der Nacht, der gefürchtete Schütze schien zu schlafen. Bei Tagesanbruch erschienen unerwartet mehrere Offiziere, geführt vom Hauptmann Delius, dem genialen Generalstabschef, der die rechte Hand und zuweilen das Haupt Bonins war, um die Schanze zu inspizieren. Die große Anzahl von Offizieren, die sich auf dem offenen Gelände hinter den Erdwällen hin und her bewegten, erregte des Feindes Aufmerksamkeit, lebhafter pfiffen die Kugeln. Man ahnte nicht, daß der unfehlbare Schütze drüben auf der Lauer lag. Der Fähnrich salutierte just und erstattete Meldung über die fast vollendete Arbeit seiner Kolonne und stand kaum fünf Schritt von Hauptmann Delius – da zuckte er bei einem S–s–s–s–s zusammen und schrie warnend: »Der Scharfschütze!« Zu spät! Der edle Delius, von der Spitzkugel in der Schläfe getroffen, stürzte vor Fangels Füßen nieder. Als die Jäger den hochverehrten Hauptmann fallen sahen, schossen sie wie toll auf die Dänen, und es gelang, den tödlich Verwundeten hinwegzutragen. Der Held starb für Schleswig-Holstein. Da ging eine Wehklage durch das ganze Belagerungsheer, daß Delius, der gute Geist Bonins, das strategische Genie des Heeres, gefallen sei, und gemeine Soldaten weinten um ihn. Es war wie eine bange Ahnung, daß Bonin seinen unersetzlichen Berater und das Heer seinen guten Genius verloren habe. Das hatte man dem aus sicherem Hinterhalt schießenden Schützen zu verdanken, der Schurke hatte den Schuß getan. Eine ungeheure Erbitterung rief durch die Reihen: »Rache für Delius! Haben wir keinen Schützen in unsrem Heer, der mit dem Schuft sich messen und unsren Hauptmann rächen kann?« Man suchte und fand den besten Scharfschützen in der schleswig-holsteinischen Armee. Heimreich war zum dritten Male auf Posten in der Blockhausschanze, als der Rächer eintraf. Ein unverhofftes Wiedersehen! »Du, mein lieber Vetter Christian, bist der Auserwählte unsres Heeres? Ja, du bist der Mann, ihn niederzuknallen.« Der Freiwillige Christian Fangel, der die Fertigkeit eines Kunstschützen besaß, erwiderte bescheiden: »Andre schießen wahrscheinlich besser als ich, aber mein Major faßte mich am Knopfe und zog mich vor die Front. Ich will mein Bestes tun, um den Kerl dort drüben zum Hades zu senden.« Jetzt erinnerte Heimreich sich dessen, daß seine Vettern schon als Knaben eine Vogelflinte besessen und eine Staunen erregende Fertigkeit im Treffen bekundet hatten. Er hatte damals mit offenem Munde gesehen, wie Friedrich, der jüngere, mit seiner Hagelflinte einen Spatz im Fluge herunterholte, und Christian war noch ruhiger und treffsicherer gewesen. Christian Fangel lud sein Spitzkugelgewehr, das sein Privateigentum war, legte sich platt hin und lugte vorsichtig nach der Bastion hinüber. Sofort ein Blitz, ein Knall, und eine Kugel zischte keinen Zoll über ihn hinweg. »Töw, du Racker, dich kauf' ich mir!« Christian besaß eine unbeschreibliche Kaltblütigkeit, zielte kurz und schoß seine Kugel in den Büchsenlauf des Gegners hinein. Drüben schien eine Unruhe zu entstehen. Der Dänenschütze hatte Lunte gerochen und gemerkt, daß er jetzt einen ebenbürtigen Gegner habe und höllisch aufpassen müsse. Es war ein nervenerregendes Schauspiel. Stunde um Stunde lagen die beiden Matadore einander gegenüber, das Auge am Visier, den Finger am Hahn, den Moment abwartend, wo einer von ihnen nur die allerkleinste Blöße sich geben werde. Die beiden mußten Stahlnerven besitzen. Keiner hob ein Haar über die Brüstung hinaus. »Wenn der Luchs nur die Schnauzenspitze blicken ließe!« brummte Christian. Heimreich flüsterte ihm etwas ins Ohr, versuchte Meiers Kriegslist, nahm ein Käppi, steckte es auf ein Bajonett und hob den Popanz sehr schnell eine Handbreit über den Wallkamm. In der selben Sekunde durchschlug eine Kugel das Käppi. Heimreich warf im selben Moment Bajonett und Käppi hintenüber, als wenn der arme Kerl vor den Kopf geschossen sei, und der Schalk von Meier ahmte den gellenden Todesschrei eines Sterbenden so grausig-getreulich nach, daß der Schütze drüben sich täuschen ließ und triumphierend wähnte, seinen Meistergegner gefällt zu haben. Heimreich riß sein Glas ans Auge, um die Bastion zu beobachten, blickte scharf hinüber, erblaßte und bewegte abwehrend die Hand. Zu spät! Der dänische Schütze war, vom Todesschrei genasführt, aufgesprungen, zeigte sich auf dem Walle in triumphierender Größe und brüllte voll Schadenfreude ein höhnisches Hurra – Hurra. Aber das Hurra blieb ihm in der Kehle stecken, und aus dem Halse stürzte ein dicker Blutstrahl der geborstenen Schlagader, er ließ die unfehlbare Büchse fallen, griff in die Luft und war verschwunden. Christian Fangel schmunzelte ruhig: »Unser teurer Delius ist gerächt.« Die Soldaten und Offiziere umringten, umjubelten den Helden des Tages, der bescheiden abwehrte: »Ich habe ja nur einen Dänenfeind niedergeknallt ... ist das, was wir alle Tage tun, der Rede wert?« Christian Fangel hatte seinen leiblichen Bruder, den Sohn seines Vaters und seiner Mutter erschossen und getötet! Heimreich ging schnell abseits, um das Beben seiner Glieder und seine seelische Erschütterung zu überwinden und zu verbergen. Mit seinem Glase hatte er den Hurraschreier deutlich gesehen und erkannt – der dänische Scharfschütze war der Leutnant Frederik Fangel. Christian Fangel hat es nie erfahren. Als später die tragische Geschichte von den zwei Schützen-Matadoren, die Brüder gewesen seien, ruchbar wurde, war er auch von einer Kugel getroffen und auf dem Felde der Ehre geblieben. O über den unseligen Kampf des Grenzlandes, der die heiligsten Blutbande zerreißt, Braut und Bräutigam, Eltern und Kind entzweit und den Bruder durch Bruderhand erschlägt. – – – Während der Mittsommer sein Füllhorn über die liebliche Küste des schwarzen Jütland ausschüttete, baute die deutsche Armee ihre Gegenfestung. Die letzte Nordschanze, Redoute V, war nach vieler Mühe fertig geworden, Bonin sagte stolz, der Ring der Kontrefestung sei geschlossen. Doch kundige Offiziere schüttelten den Kopf, schmeichelten und schwiegen nicht. Die Armee sei viel zu klein für die zwei Meilen lange Zernierungslinie, zwischen Redoute IV und V sei ein leerer Raum, eine gefährliche Lücke und die böse Achillesferse der ganzen Stellung, allwo der Däne bei einem Ausfall durchbrechen werde. Bonin in seinem Optimismus wollte die Schwarzseher nicht hören und parierte alle Einwände mit der stolzen Frage: »Wo ist eine Armee, wie die meinige? Wo ist ein besserer Artillerist als der Schleswig-Holsteiner?« Obgleich die Soldaten voll Eifer waren, hatte das lange Lagerleben hier und da eine demoralisierende Wirkung. Der Cimber hat, wie alle Völker des rauhen Nordens, eine gewisse Neigung zu starken Getränken. Der gute dänische Branntwein floß in wohlfeilen Strömen, einige Soldaten vertranken ihre Lohnung. Sogar die Disziplin litt. Der Schleswig-Holsteiner kriecht nicht vor seinen Offizieren und fügt sich ungern einem kleinlichen Drill und allen Vorschriften, die er für dumm oder unnütz hält. Wegen dieses Selbstbewußtseins und Eigenwillens wird er bis auf diesen Tag von vielen Altpreußen nicht zum besten Soldatenmaterial gezählt. In der Trunkenheit waren Insubordinationen gegenüber preußischen Offizieren vorgekommen. Sogar der witzige Meier hatte sich eine böse Suppe eingebrockt und einen Preußen beleidigt. Das Kriegsgericht hatte ihn hart bestraft und ihm die Litzen abgeschnitten. In der Mittagshitze des Julitages stand der degradierte Unteroffizier – zur Strafe – an einen Baum gebunden und ließ den Kopf hängen. Auf Heimreichs Frage, warum er, der Tapfere, dem Branntwein erlegen sei, gab er mit einem dünnen Lächeln Auskunft: »Ich habe zu meinem Unglück die Alkoholquelle des Wirts mit der Wünschelrute entdeckt ... der Schlaukopf benutzte das hohle Hünengrab als Vorratskammer ... doch ich machte eine Mine, wühlte mich wie ein Maulwurf durch und bohrte das Faß an ... da lebten wir herrlich und in Freuden, und der Krug ging – zum Branntwein, bis er brach.« An dem Abend schrieb Heimreich in düsterer Stimmung nach Hause; eine bleierne Ahnung bedrückte sein Gemüt. Er schrieb wörtlich: »Wundere dich nicht, wenn demnächst böse Nachrichten von uns eintreffen, zwischen Schanze IV und V ist ein breiter, unbeschützter Raum, die Dänen müßten blind sein, wenn sie die Schwäche nicht sähen. Ach, hier ist die Stelle, wo wir sterblich sind. Auf eine Überrumpelung, einen Ausfall deutet vieles, besonders eine Unruhe der Dänen, eine lebhaftere Kommunikation zwischen Fühnen und Friedericia hin. Dem Allmächtigen sei unser Heer befohlen! Und es ist bestätigt: der edle Prittwitz hat Rye's Brigade nach Fühnen entwischen lassen, hat unsren Feinden geholfen.« In den ersten Julitagen beobachteten die Jäger im Vogelsang, daß auffallend viele Schiffe zwischen Strib auf Fühnen und Friedericia hin und her gingen. Die Besatzung wurde ja in gewissen Zwischenräumen abgeholt und durch frische Truppen ersetzt, aber das konnte unmöglich die regelmäßige Ablösung sein. Die allzu regen Truppentransporte wurden immer dringlicher dem General gemeldet. Bonin jedoch belächelte die Aufregung und blieb dabei, daß nichts Außergewöhnliches im Werke sei. Die Herren vom Stabe ließen die Schiffe zählen und baten den Feldherrn, Redoute V aufzugeben und eine konzentrierte Stellung einzunehmen. Er wies die Zumutung, nur einen Zollbreit seiner Position aufzugeben, entschieden zurück. Ja, wie zum Trotze beging er den sträflichen Fehler, seine Reiterei auf einen langen Fouragierritt zu senden, von dem sie todmüde zum Verzweiflungskampfe zurückkam. Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit oder – mit Eigensinn, dem Verhängnis aller großen Feldherren von Alexander bis Bonaparte. Der vortreffliche Bonin verlor durch einen unbegreiflichen Starrsinn bei Friedericia seinen besten Ruhm. Nur der Befehl, daß die Truppen alarmbereit in den Schanzen liegen sollten, ist ihm abgerungen worden. – – – Der 5. Juli war ein Sonnentag, der Belt warf wie ein Brennspiegel die Strahlen zurück und glitzerte in so grellem Gefunkel, daß das Auge geblendet nach den grünen Ufern, zwischen denen diese Meerenge wie ein Fluß dahinströmt, schaute. Fähnrich Fangel lugte mit seinem Glas nach den Schiffen, die nach Strib zurückfuhren und leer waren. Die Leere ängstigte ihn, wie der horror vacui , und bewies ihm, daß sie in der Nacht vollbeladen gekommen seien. Aber er, der Offiziersaspirant, mußte seine Sorge und Weisheit für sich behalten und gehorsamst den Mund halten. Die Geschütze der deutschen Blockhaus-Batterie schossen nach den Schiffen, und die Matrosen am Heck streckten die Zunge lang aus und machten die Geste des guten Götz von Berlichingen. Der Kandidat, der durchs Glas jede Grimasse sah, wetterte wie ein Korporal. Als er so am Strande stand, kam ein Kerl auf Holzschuhen von Erritsö her. Warum hatten die Vorposten ihn passieren lassen? Das verdächtige Individuum mußte in ein Kreuzverhör genommen werden. »He da, Hans oder Jens oder Peder! Du alter Quappjüte, willst du vielleicht in Friederiz einen Besuch machen oder für vier Schillinge Krätzsalbe in der Apotheke kaufen?« »Herr Kandidat, kennen Sie mir nicht mehr?« Ei! Das war Jens Dragoner, ein alter Hylleruper, allerdings von zweifelhafter Berühmtheit. Jens war vor vielen Jahren Unteroffizier gewesen und wunderlich im Kopfe geworden, so daß er gern in die herrlichen, herrischen Unteroffizierszeiten sich zurückträumte, seine arme Frau antreten und exerzieren ließ und sie als Rekrut nach allen Regeln drillte und anschnauzte. Noch bedenklicher als seine Soldatenleidenschaft war seine Vorliebe für die Enten- und Hühnerjagd, die er mit Schlinge und Schleuder an dem Geflügel, das den Bauern gehörte, ausübte. Die letztere Passion hatte ihn ein paarmal nach Rendsburg in die Sklaverei gebracht, wo er, an die Karre geschmiedet, als Unfreiwilliger am Festungsbau gearbeitet hatte. Seine Schlauheit war nicht gering und, weil er den Dummen spielte, um so wirkungsvoller. »Wollen Sie als Spion gehängt werden? Das ist hier wohlfeil zu haben.« »Nein, ich will nach Skanderup, wo eine weise Frau wohnt, die meine Kopfkrankheit besprechen soll.« »Nach Skanderup über Friederiz? Das heißt über Grönland nach Kopenhagen reisen.« »Ja, einen kleinen Umweg habe ich gemacht, weil unser guter Pastor mir ein Paket für Sie mitgab ... kein Hylleruper wollte für Geld hierher gehen, und ein ganz zuverlässiger Mann mußte es sein. Der gute Pastor gab mir drei Taler und meinte: Marschiere die Nacht durch, so wird's ein nobles Trinkgeld geben.« Heimreich reichte einen Taler hin und riß das Paket, das einen Brief und Zeitungen enthielt, an sich. Der Vater hatte in dem außerordentlich gut unterrichteten Altonaer »Merkur« Hochwichtiges gelesen, rot angestrichen und durch Eilboten gesandt. Sehr schnell war die Zeitung nach Hyllerup und von dort nach hier befördert worden, und sehr beunruhigend war ihre Nachricht: es werde von Alsen aufs bestimmteste gemeldet, daß General de Meza mit seiner Brigade sich einschiffe, um zweifellos nach Fühnen und Friedericia zu gehen. O, o! Also hatten Bülow, Rye und de Meza, hatten die drei dänischen Heere in ungeheurer Übermacht sich am Belt vereinigt, um gemeinsam zum hinterlistigen Überfalle auszuholen. Das stand öffentlich in den Zeitungen, nur im Lager Bonins und der Hauptbeteiligten hatte man davon keine Ahnung und, was viel schlimmer war, daran keinen Glauben. Heimreich lief mit heißem Kopf zu seinem Hauptmann und zeigte ihm das Blatt. Der zuckte die Achseln und meinte, ohne den Major nichts machen zu können. So ging es durch alle pflichtschuldigen Instanzen in echtdeutscher Pedanterie, und es wurde Abend, als der Fähnrich endlich mit dem Altonaer »Merkur« vor dem Kommandeur des Jägerkorps stand. Dieser Stabsoffizier polterte und potzblitzte, war aber einsichtig genug, die hohe Bedeutung der Zeitungsnotiz und die dringliche Eile zu erkennen. »Nehmen Sie mein bestes Pferd und reiten Sie, was Zeug und Riemen halten, mit diesem Wisch zum General!« Der Fähnrich galoppierte als Stafette in die Sommernacht hinein. Ein dummes Verhängnis stieg mit ihm zu Pferde, der Gaul verlor ein Eisen und hinkte bald, ein arger Zufall jagte den Reiter hin und her. Bonin war nicht im Hauptquartier, sondern auf Inspektion geritten. Heimreich suchte ihn in Schanze IV, in Schanze V, wo er erfuhr, daß er eben nach der dritten gegangen sei. Stunde um Stunde ging verloren. Die Uhr war elf. Der Bote des »Merkurs« seufzte und schlug das Tier. Welch ein Pech! Bonin hatte vor drei Minuten die Redoute verlassen, um sein Quartier aufzusuchen. Es war ein Kreisritt, ein teuflisches Narrenspiel des hämischen Zufalls. Der Gesuchte war noch nicht im Quartier und kam erst gegen ein Uhr. Formlos-hastig salutierte der Fähnrich und wurde mit der verächtlichen Frage empfangen: »Was bringen Sie mir für Depeschen? Was? Ein Zeitungsblatt?« Bonin überflog es und zog die Brauen sehr hoch, las es noch einmal und ließ die Offiziere wecken. Die Befehle zum Alarmieren und Konzentrieren der Truppen wurden sofort erlassen. Aber zu spät, zu spät! Heimreich ließ sein Pferd, das fertig war, stehen und machte sich zu Fuß auf den Weg zu seinem Truppenteil. Das war die Nacht zum 6. Juli, die Trübsalsnacht Schleswig-Holsteins, die Mordnacht von Friedericia, bis jetzt eine tiefstille, sommerwarme Nacht voll Frieden, wo die zarten Nebel auf den Wiesen wie Elfen tanzten. Die Uhr war noch nicht zwei. Plötzlich knatterten Flintenschüsse drüben bei den Laufgräben ... vielleicht ein Vorpostengefecht? Nein, die ersten Schüsse der Schlacht, die ein Schlachten wurde. Fangels Jägerkorps stand in Reserve und kam nicht ins Feuer. Auch eine merkwürdige Fügung! Der Fähnrich wäre dem Blutbade fern geblieben, wenn er nicht den Ritt gemacht, wenn er nicht aus freien Stücken den Degen gezogen und einem heranstürmenden Bataillon sich angeschlossen hätte. Die Dänen machten in drei Kolonnen ihren Ausfall ohne das geringste Geräusch in einer Stärke von zwanzigtausend Mann gegen zehntausendfünfhundert Schleswig-Holsteiner, von denen nur die siebentausend ins Feuer kamen. Die Trommeln rasten und riefen zu den Waffen, die Trompeten kreischten, die Geschütze krachten, die Deutschen standen auf dem Plan. Aber noch schneller hatte die gewaltige Übermacht die Schanzen umzingelt, grimmiger als je fochten die Dänen und durchbrachen die offene Lücke zwischen Redoute IV und V, da war die Schwäche und das Verhängnis, die Niederlage und der Untergang unseres Heeres. Die einzelnen Bataillone wurden nach einander, wo eine Schanze gefährdet war, ins Feuer geworfen, wurden von einer ganzen Brigade erdrückt. Was nützte alle Tapferkeit? Was half das stundenlange Waten im Blut, das gräßliche Morden des Nacht- und des Nahekampfes? Oft schlugen die Holsten ein feindliches Bataillon mit dem Bajonett in die Flucht, aber zwei frische traten an die Stelle, und die drei gegen den einen errangen einen ruhmlosen Sieg. Heimreich geht im Laufschritt am rechten Flügel des Bataillons. Frische Zündhütchen aufgesetzt! Vorwärts! Da kommt das fünfte Bataillon aufgelöst, in fluchtähnlicher Eile, hinterdrein die feindliche Tirailleurkette. Der Anblick der geschlagenen, der pulvergeschwärzten, blutenden, entsetzten Kameraden wirkt erschütternd, die Truppe stutzt, die Glieder schwanken. In dem kritischen Moment sprengt Oberst Zastrow an den rechten Flügel und kommandiert kaltblütig: »Kinder, hier hilft nur das Bajonett! Die Tamboure schlagen Sturm! Die Offiziere an die Front! Hurra!« Das zündet, der Tambourmajor schwingt seinen Stab hoch in der Luft, ein Soldat stimmt an: Der Hauptmann, er lebe, er geht uns kühn voran. Und alle stürmen singend, schreiend, brüllend in das Gemetzel hinein. Fangel hat ein Gewehr aufgelesen und schreitet mit langen Schritten, das Gesicht, wie bei Hagelwetter, vornüber geduckt. Jeder späht nach einer Brust, die er durchbohre, nach einer Stahlspitze, die er pariere. Ein klirrendes Zusammenkrachen! Ein Gewoge von Helmen, Tschakos, Mützen, von blinkenden Eisen, geschwungenen Kolben! Ein Gewirr von Stechenden, Schlagenden, Stürzenden, Schreienden, Fluchenden! Ein Knäuel von keuchenden, knirschenden Menschenbestien. Können sie Freund und Feind unterscheiden? Keiner weiß, wie lange das Rasen währt. Hurra! Der Däne retiriert. Er wird durch das deutsche Hüttenlager, das er genommen hatte, verfolgt. Über ein Feuerloch des Lagers stolpert ein behäbiger, zum Laufen wenig befähigter Dänen-Major, stürzt und fällt mit einem fürchterlichen Fluch längelang hin. Der Fähnrich setzt seinen Degen auf die Brust des wehrlosen Offiziers. Einen Major zu fangen, ist zwar ein Zufall, aber auch eine Ehre. Der Däne bürstet mit der Hand den Schmutz ab und brummt im besten Deutsch: »Diesmal haben Sie mich beim Kragen gekriegt, Herr Fangel.« Es ist Bosen, den er bei Bau zuletzt gesehen. Der Deutsche spricht gutes Dänisch, wohl damit seine Kameraden es nicht verstehen. »Tak for sidst! Brug deres Ben!« Das heißt: Meinen Dank für das letzte Wiedersehen! Brauchen Sie jetzt Ihre Beine! Seine Degenspitze senkt sich, als wenn er salutiere – der Major Bosen, der nicht durch sein Laufen so schnell avanziert war, galoppierte wie ein Ackergaul von dannen. Vielleicht hatte Heimreich eigenmächtig und unrichtig gehandelt, aber ihm war es eine Rechnung, die er bezahlen, eine Schuld, die er begleichen mußte. Das Bataillon hatte gesiegt, aber sogleich wandte sich das Glück, als eine dänische Brigade anrückte und mit großer Ruhe zielte. Die Schleswig-Holsteiner wichen und rannten durch eine Schlucht. Heimreich sah die guten Bekannten rechts und links hinsinken, sah, wie sie die Hände reckten und riefen: »Hilf mir weiter!« und er konnte keinen Finger ihnen reichen, denn er mußte laden und zielen, obgleich er in das vom starken Gebrauch völlig verschleimte Gewehr kaum die Patrone hinunterzustoßen vermochte. Die, welche die Höhe des Abhangs erreichten, waren gerettet. Hier erschlafften mit einem Male seine überspannten Nerven und Muskeln, er fiel vor Erschöpfung und Ekel neben seiner Flinte hin und stöhnte. Das geschlagene Heer, das in der Mordnacht jeden dritten Streiter verlor, sammelte sich schnell und machte einen durch Ordnung und Ruhe bewundernswerten Rückzug nach Veile. Bei dem Dorfe Pjedsted hielt General Bonin und betrachtete bleich und traurig seine vorüberziehenden, dezimierten Bataillone, und die Tränen liefen ihm bei dieser erschütternden Revue über die Wangen. Aber die geschlagenen Soldaten begrüßten ihren geliebten Führer mit einem lauten Hurra und bekannten sich zu ihm, trotzdem sie wußten, daß sein unverzeihlicher Optimismus diese Katastrophe verschuldet habe. Das war ein schöner Charakterzug und die rührende Kindesliebe der Armee, die an ihrem Vater Bonin trotz allem mit Treue hing. Jetzt nach der Niederlage kamen die von Bonin erbetenen und von Prittwitz endlich bewilligten Verstärkungen, sie kamen, um – wie der Sarkasmus spottete – den Schleswig-Holsteinern ihre Kondolenzvisite zu machen. Wer nun noch an die Bruderhilfe des schwachen Deutschen Bundes und des stark gepriesenen Preußen glaubte, wurde hohnvoll ausgelacht. Ein fremder Offizier, der englische General O'Donnell, der ein paar Tage nach der Mordnacht die schleswig-holsteinischen Bataillone mit klingendem Spiel vorüberziehen sah, erklärte erstaunt, daß er nach einer solchen Niederlage noch nicht ein solches Heer gesehen habe, ein Heer, das entschlossen war, die Schmach zu rächen. Da schlug wie ein Blitz die böse Botschaft ein, die Kunde von dem elenden Berliner Waffenstillstand, der Schleswig-Holstein die Waffe entwand und die Hände band. Da ging noch ein wilder und viel wehevollerer Schrei durch das Heer und die Herzogtümer, ein Schrei der Empörung über diese neue Niederlage und Niedertracht. Fünfzehnter Abschnitt. Die Tragödie des Lehrerhauses und der Tod des weißen Gespenstes. Das war der sonnenmildeste und schönste Herbsttag des Jahres 49, die Luft wunderbar durchsichtig und klar, die weißen Haare des Altweibersommers glänzten in allen Hecken. Die Knechte saßen auf den Pferderücken, baumelten mit den Beinen und sangen den »Tappre Landsoldat«. Die Dänen in Hyllerup waren jetzt obenauf, sehr zufrieden und sehr patriotisch. In der Studierstube ihres Gatten saß die Pastorin und hielt sich die Ohren zu, denn das ewige blödsinnige Lied vom »Tappren« schnitt wie das Gekreisch eines stumpfen, kratzenden Griffels. Sie war dem Weinen nahe. »Mein Sutor, wir sind jetzt dänisch ... o ... dänisch!« In dem Ton lag die tiefste Empörung und das höchste Entsetzen. »Wir sind es der Form nach nicht.« »Aber faktisch, denn der König redet nicht als Herzog, sondern als König mit uns ... wir sind so gut wie inkorporiert ... o über das Unrecht!« »Gegen den frechen Versuch, uns als dänische Provinz zu behandeln, hat Deutschland protestiert,« sagte der Gatte. »Papierne Proteste! Wir sind durch den Waffenstillstand der Vergewaltigung ausgeliefert worden, und zwar in Berlin, durch Preußen, o! Ein Deutscher muß an Deutschland verzweifeln. Das Preußen des großen Friedrich hat uns verlassen und verraten.« Das war die Klage und Anklage, die von Millionen von Deutschen erhoben wurde. Der Pastor sprach gedämpft, vertraulich und tieftraurig: »Die Hofkamarilla schwatzt dem König von Preußen vor, unsre Erhebung sei um kein Haar besser als jede gottlose Revolution und daher eine Gefahr für das Gottesgnadentum. Dazu kommt, daß der Knuten-Kaiser Rußlands seinen lieben Schwager Friedrich Wilhelm für einen Phantasten und Schwächling hält und demgemäß behandelt und einschüchtert ... sein königlicher Vetter und Schwager dürfe keine Königsfeinde beschützen, sondern müsse Schleswig-Holstein seinem Schicksal überlassen und die heilige Legitimität der Könige und des Oldenburger Hauses beschirmen. Immer und überall ist unser Unglück der unselige oder böswillige Irrtum, daß unser Kampf ums Recht als Revolution gestempelt wird, obgleich wir Schleswig-Holsteiner königstreu und konservativ bis in die Knochen sind und nichts als unser Deutschtum behalten wollen. Begreifst du die Lüge und Infernalität, der wir erliegen? Die Großmächte protegieren das kleine Dänemark und wollen die Lüge von unsrem Aufruhr glauben ... Preußen schaudert davor, ein Revolutionshelfer zu sein, zieht seine Hand von uns ab, und die kleinen deutschen Staaten freuen sich hämisch, daß sie die Schmach, Schleswig-Holstein verraten zu haben, den Preußen aufhalsen können. Europa ertrinkt in Niedertracht.« »Gibt es denn keinen Gott im Himmel? O, wir sind dänisch geworden!« »Nein, noch sind wir es nicht. Bei Gott ist kein Unmöglich! Mein Glaube, daß unsre Heimat heute oder morgen, in zehn oder zwanzig Jahren ein deutsches Herzogtum sein wird, wankt nimmer und hält mein Haupt über alle Wasser, wie hoch sie gehen.« »Du bist stark, mein Sutor, und ich ein schwaches Weib, das nur weinen kann. Wir werden aus dem schönen Heim und Amt, darin wir unser Leben zu beschließen hofften, verjagt werden. Die gemeinsame Regierung ist ja ganz eiderdänisch.« Fangel konnte ein schmales Lächeln nicht lassen und belehrte seine Frau: »Durch diesen elenden Waffenstillstand wurde Schleswig von Holstein getrennt – ach, diese Trennung tat uns so weh –, ganz Schleswig wird von der gemeinsamen Regierung, von dem Herrn von Tillisch, den der Dänenkönig ernannte, und dem Herrn von Eulenburg, dem preußischen Kommissar, während der Waffenruhe verwaltet.« »Der Engländer Hodges wird doch als der Dritte in dem Herzensbunde genannt,« sagte die Pastorin spöttisch. »Der Hodges ist vorsichtigerweise für den Fall, daß Tillisch und Eulenburg sich in die Haare geraten, zum Schiedsrichter ernannt worden, braucht aber leider nicht in Tätigkeit zu treten, weil der Preuße sich von dem dänischen Kollegen und Kammerherrn stets ins Schlepptau nehmen läßt.« »Nun sagst du es ja selbst, daß wir im Dänenrachen sitzen.« »Nicht ganz, meine Liebe! Eulenburg verhinderte die von Tillisch geplante Massenabsetzung der deutschen Beamten ... allerdings die scheußlichen Schikanen und die rechtlose Vertreibung einiger unsrer besten Männer hat er nicht verhindert.« »Wie viele hat man ins Elend gejagt, den Pastor in Beck, in Fedstedt, in Ullerup und den einen Hardesvogt in Norderhusen ... dein Bruder, der die Farbe zu wechseln versteht, würde sich halten, selbst wenn wir alle Semester die Regierung wechselten und der Reihe nach englisch, türkisch, russisch und kroatisch würden ... der würde, wenn wir Katholiken würden, vor der Muttergottes, und wenn wir Mohammedaner wären, vor dem Halbmond sich bekreuzigen.« »Verdammen wir ihn nicht! Klammern wir uns nicht auch mit Händen und Füßen an der Heimat fest? Hängen wir nicht mit allen Herzensfäden an unsrem Hyllerup und unsrem Nordschleswig?« »Ja, ja ... aber ich fühle und ahne, ich weiß es, daß wir bald in die bittere Verbannung gehen müssen ... doch wir gehen Hand in Hand, mein Sutor.« Die weißhaarige Frau legte ihr Haupt an die Brust des betagten Herzliebsten. Der Pastor sprach, wie zu sich selber: »Wir werden wohl verjagt ...« »Bist du nach Norderhusen zitiert?« fragte sie angstvoll. »Ich muß es dir sagen, Gertrud ... aber weine nicht! Ich habe deine Tränen nie sehen können, ohne die Kontenance zu verlieren ... gerade jetzt müssen wir den Kopf oben behalten und hoch tragen. Das traurige Triumvirat Tillisch-Eulenburg-Hodges regiert in Schleswig im Namen des Königs Frederik und, was ein Rechtsbruch ist, sie versenden alle ihre Verfügungen in dänischer Sprache und im Namen des Königs und nicht des Herzogs. Dir ist ja bekannt, daß wir Prediger alle Reskripte der Regierung von der Kanzel herab verlesen und verkünden müssen von Amts wegen und von Alters her. Kein deutscher, gewissenhafter Geistlicher kann diese Erlasse im Namen des Königs proklamieren, ich kann es nicht, denn ich würde mich dadurch als Untertan des Königs, als Dänen bekennen. Schelte mich nicht kleinlich!« »Kleinlich? Nein, du bist groß und gewissenhaft. Du darfst das nimmermehr tun, und ob es das Amt uns koste. Pfui! Das wäre ja eine hinterlistig erschlichene Anerkennung der Inkorporation. Du bist im Namen des Herzogs zum Pastor in Hyllerup ernannt worden, du darfst nur herzogliche Erlasse verlesen.« Die Pastorin weinte nicht, sondern schlug mit der Hand auf den Tisch und blitzte mit den Augen. Sie war womöglich noch tapferer und trotziger als ihr Gatte. Die deutschen Geistlichen Nordschleswigs von 1849 waren ein starkes Geschlecht, das gleichwie in Reiterstiefeln fest und stolz stand und nicht um Haaresbreite von seinem Deutschtum, seiner Ueberzeugung und Treue sich verrücken ließ. Alle, alle weigerten sich, die Reskripte im Namen des Königs zu verlesen. Das war nicht Buchstaben-Starrsinn, sondern ein festes Principiis obsta , eine wahre Charaktergröße. Kein königliches Schleswig, keine hinterlistige Einverleibung durften sie dulden, geschweige denn von der Kanzel verkünden. Ehre den Männern, die im Luthergeiste ihr mutiges »Ich kann nicht anders« sprachen und der Dänenacht verfielen! Die Pastorin betrachtete zärtlich jedes Stück in der Stube, blickte liebevoll in den schönen Garten hinaus und nach den Blumenrabatten, und die Tränen liefen ihr über die Wangen. »Das alles müssen wir verlassen.« Er trocknete mit dem Taschentuch ihr Gesicht und tröstete: »Wir verlieren viel, aber wir behalten das Beste, unsere Kinder ... unser Heimreich blieb in der Mordnacht unversehrt und hat bei Lunden ein gutes Quartier. Wahrscheinlich kommt es gar nicht mehr zum Kampfe, und wir behalten unseren Kandidaten.« »Aber ach, kein Amt für ihn, kein Amt für dich.« Der zweite Lehrer wurde von der Magd gemeldet. Lindenhahn machte einen verlegenen Eindruck, eine ungelenke Verbeugung und stotterte ein wenig. »Mein kleiner Knabe hat eine unheimliche Krankheit und wird das Gehen nie lernen, seine Beinchen sind viel zu schwach, auch sein Geist entwickelt sich nicht. Darf ich um einen Tag Urlaub bitten, Herr Pastor?« »Sie wollen wohl den Physikus in Norderhusen konsultieren?« Der Lehrer wurde rot. »Ja ... ich muß ... einen Arzt fragen, ob das englische Krankheit oder etwas ganz Schreckliches ist.« Er erhielt den Urlaub und lief schnell nach dem Küsterhause. Ein Gespenst, das ihn in dunkler Nacht und am hellen Tage ängstigte, verfolgte ihn. Wenn mein Knabe mit den großen Blauaugen idiotisch geboren wäre ... nein, nein, weiche von mir, Wahnsinn! Lauritzen war seit der Niederlage von Friedericia, die ihm ans Herz griff, viel grauer geworden, und der originelle Schul- und Ackersmann alterte auffallend in diesen Herbsttagen. Vor Jahr und Tag hatte er oft und gern von seinen Jahren und seinem baldigen Abschied gesprochen, und sein Kollege hatte ihn ausgelacht: »Sie sind ja ein rüstiger Mann und viel kräftiger als ich.« Jetzt hingegen, wo des Küsters Kräfte sichtbarlich abnahmen, wollte er es durchaus nicht wahrhaben, im Gegenteil, er glaubte und machte sich jünger und leistungsfähiger, als er war – eine Eigentümlichkeit, die man bei alten Leuten, die wirklich alt werden, oft beobachten wird. Sauer fiel es ihm, die mächtigen Eimer mit flüssigem Dung zu schleppen, und kraft eines unschuldigen Selbstbetruges füllte er sie nur zur Hälfte, was er aber beileibe nicht wissen, geschweige denn hören wollte. Nicht einmal seine Frau durfte ein Wort von Pensionierung und Ruhestand fallen lassen, sofort brummte er los: »Wir werden im Grabe früh genug und lange genug uns ausruhen.« Als Lindenhahn einmal vor ein paar Wochen dem schwer erkälteten Küster aus Freundlichkeit anbot, den Sonntagsdienst in der Kirche zu übernehmen, sagte der bis zur Unhöflichkeit offenherzige Lauritzen mit einem argwöhnischen Blick, grob und ungerecht: »Nur ein bißchen Geduld! Die Dänen werden mir bald einen Fußtritt versetzen, dann können Sie drankommen.« Heute lag die Sache umgekehrt, Lindenhahn bat, daß der Küster ihn in der Klasse für ein Paar Stunden vertrete, und fand williges Gehör. »Wird besorgt, mein Kollege! Kann ich leicht ... mit meinen Knabenhelfern könnte ich gleichzeitig vier Klassen haben ... wollen wir wetten?« Der bescheidene Mann wurde zum Großsprecher, nur um sich und anderen eine Vollkraft, die er nicht mehr besaß, vorzutäuschen. Der Lehrer ging und seufzte tief, als er die Türklinke seiner Wohnung herunterdrückte. Stand ihm etwas Schweres bevor? Er streichelte die blasse Frau und lächelte ihr zu, als wenn nichts sein Herz bedrücke. Alle seine Sorgen, auch das Grauen und Gespenst, das ihn verfolgte, wurden der Kranken verschwiegen und verheimlicht. »Meine Ottilie, erschrick nicht! Unser Liebling ist ja, wie sein Riesenappetit beweist, kerngesund bis auf die schwachen Beine ... wegen des Gehens möchte ich ihn mitnehmen nach Norderhusen und Rat suchen ...« Die Frau fuhr hoch im Stuhle. »Er darf nicht gequält werden, die Aerzte fassen ihn so hart an, die englische Krankheit wird sich schon geben ... aber manchmal ist es so, als wenn er mich gar nicht kennt.« Lindenhahn lächelte krampfhaft. »Unsinn, meine Liebe! Sieh mal her! Der Junge hat ja einen Schädel, ein gewaltiges Gehirn und wird ein großer Denker, ein zweiter Hegel werden. Mein Sohn soll aus der Schulmeister-Misere heraus, ich schlüge ihn tot, wenn er Lehrer werden wollte!« Der Lehrer sah aus dem Fenster, um das zuckende Gesicht zur Ruhe zu bringen, und kehrte sich wieder um. »Ich muß auch um meinetwillen in die Amtsstadt, ich will vor Amtmann und Propst noch einmal auf dem Bauche rutschen.« Er wurde rot, weil er log, und redete überstürzt weiter. »Ich halte Schleswig-Holstein für verloren und unseren Kampf für hoffnungslos, im allerbesten Falle wird Schleswig geteilt, und unser Nordschleswig wird unbedingt dänisch werden. Wenn doch einmal gekrochen und das Lied der Dänen gesungen werden muß, warum soll man nicht ein paar Wochen früher und mit dem Schein der Freiwilligkeit zu Kreuze kriechen und Dänenspeichel lecken? Wir müssen nachher ja doch, um nicht zu verhungern, den Tappre Landsoldat singen.« Die Frau schrie erschreckt: »Gottlieb, du willst ein Ueberläufer, ein Däne werden?« Er schüttelte beruhigend den Kopf, als wenn es ein bitterer Galgenscherz sei. »Ottilie, du kennst ja mein deutsches Herz.« In der nächsten Morgenfrühe wurde das Büblein eingepackt und eine Brot- und Wurstration für drei Mann – der Kleine aß ja für zwei Erwachsene – im Wagen verstaut. Lindenhahn küßte zärtlich seine Frau und bat vorsorglich: »Weil ich die Nacht fortbleibe, bin ich deinetwegen in Angst und die Nacht fürchte ich am meisten, denn wir haben Vollmond.« Seine Stimme flüsterte von dem ängstlich gehüteten Geheimnis des Hauses. »Beuge allem vor ... schließe alle Türen von innen fest zu und lege die Schlüssel in kaltes Wasser, stelle auch die Schalen mit eiskaltem Wasser um das Bett her, damit du im Falle, daß – mit den Füßen hineintrittst und erwachst ... versprich es mir!« – Lehrer und Sohn saßen vorne auf dem Ferkelwagen des Bauern, der sie umsonst mitnahm. Lindenhahn ging in Norderhusen nicht zu dem Physikus und nicht zu den Aerzten der Stadt, die so teuer und von dem armen Vater schon konsultiert waren. In der Badstubenstraße wohnte die alte Malle Mogens, die weit berühmte, weiseste Frau im ganzen Amte, die alle Krankheiten, daran die Kunst der Aerzte scheiterte, mit Sympathie und Besprechung, aber auch mit ungewöhnlichen Arzneien, wie Bärenniere, Hundefett, Froschlaich kurierte. Malle Mogens hinkte an zwei Stöcken, weil sie an den Beinen ewig offene Wunden hatte, konnte nicht sich selber, aber um so besser andere heilen, machte über dem Kinde allerlei Hokuspokus, verordnete ein unfehlbares Mittel und streckte ihre schmutzige Hand nach den Moneten – pro Person einen halben Taler, Kinder die Hälfte – geschwind und gierig aus. Lindenhahn schrieb sich im Wirtshaus die kuriose Verordnung auf, um ja nichts zu versäumen. Das Kind solle bei Vollmond um Mitternacht durch eine gespaltene Eiche dreimal gezogen werden, ohne daß ein Wort gesprochen werde. Der bedauernswerte Lehrer, der immer mehr auf den Hund und jetzt sogar – wie Saul – auf die Hexe gekommen war, hatte sich entschlossen, nicht dem Propsten, sondern einem anderen mächtigen Manne seine Aufwartung zu machen. Bei der Krämerfrau brachte er das Kind unter. Der Weg nach dem Dorfe des berühmten Laurids Skow war weit. Des Wanderers Schritt wurde schwer und zögernd, als der Bauernhof hinter den Knicks sich zeigte, sein Gewissen schlug, eine Stimme sagte: Kehr um, kehr um! Eine andere raunte: Nach ein Paar Monaten mußt du ja doch heucheln oder hungern, darum heule mit den Wölfen, denke an Frau und Kinder! Um der Liebe willen mußt du ein Notlügner und Notlump sein. Laurids war zuvorkommend, ließ gastfrei, wie alle Nordschleswiger, Brot, Bier und Branntwein bringen und sagte mit einem verschmitzten Lächeln: »Ja, ja, die Ratten verlassen das Schiff. Ist auch hohe Zeit, mein lieber Herr Schulmeister, und kurz vor Toresschluß. Wir nehmen die Verführten und Reuigen gern auf, wenn sie der verdammten Schleswig-Holsteinerei abschwören und Südjüten werden. Ich verlange immer von den sogenannten Ueberläufern einen schriftlichen Revers, um sie in ihrem Vorsatz und gegen Versuchungen zu festigen. Wollen Sie den unterschreiben?« »Ja, gewiß.« Dem armen Lehrer war zumute, als wenn er dem Satan seine Seele verschreibe. Skow nickte befriedigt. »Die Unterschrift wird nicht Ihr Schade sein, Sie bekommen, ehe das Jahr zu Ende ist, eine Küsterstelle ... was Laurids Skow sagt, ist wie das Wort des Königs.« – Nun ging die Eitelkeit mit dem Bauern durch, er prahlte und protzte. »In Hyllerup ist doch der alte, halbverrückte Küster, der mit den Dungeimern läuft und vor Deutschtum riecht ... der meerumschlungene Krippenbeißer muß weg, den kann ich in acht Tagen abwimmeln ... hm, das glauben Sie wohl nicht? Ich, der simple Bauer, gehe in Kopenhagen ins Schloß hinein und spreche mit unserem guten König Frederik, wie mit meinesgleichen ... ich habe auch mehr als einen steifen Grog mit ihm getrunken, und dann geht es sehr gemütlich her ... »Prost, Laurids!« – »Prost, Majestät!« Ja, das ist ein König des Volkes. Sogar bei unserem großartigen Amtmann« – der schien in seinen Augen noch mehr und noch majestätischer zu sein – »bei dem Geheimen Konferenzrat werde ich sofort vorgelassen, und meine Wünsche werden beachtet. Also, der verschrobene Küster wird ausrangiert, Sie bekommen die Stelle. Aber die Voraussetzung ist: Bekehrte Hunde müssen bissige Hunde sein, und dieses Glaubensbekenntnis müssen Sie unterschreiben!« Das Schriftstück war ein politischer Exorzismus, darin Lindenhahn allem Aufruhr, aller schleswig-holsteinischen Teufelei und Teutscherei entsagte und als guter Südjüte zu leben und zu lehren versprach. Seine zitternde Hand malte einen Namen hin, der mit seiner sonstigen Unterschrift wenig Aehnlichkeit hatte. Skow schenkte Bier und Branntwein ein, ließ den neuen Südjüten leben und lachte witzig: »Ha, jetzt kommen sehr viele Heimdeutsche zu mir und bitten: Hilf, Laurids! Die Lehrer in Nordschleswig ... in Südjütland« – das Wort war selbst ihm noch nicht geläufig – »werden mich noch zu ihrem Schutzpatron und zum heiligen Laurids machen.« – Lindenhahn fuhr nach Hause, und ihm war schreckhaft ums Herz, als wenn er seine Seele dem Bösen verschrieben habe. Am nächsten Nachmittag irrte er bleich und verstört im Walde hin und her, zu den Bäumen emporschauend und den Kopf schüttelnd. Wollte er einen Baum und des Judas Ende erwählen? Nein, er war ruhiger geworden und suchte eine gespaltene Eiche, die er auch nach langem Suchen fand. Um Mitternacht im Mondenscheine schob der aufgeklärte Lehrer dreimal seinen Knaben durch den Spalt, und das Büblein brüllte bei der Prozedur aus vollem Halse. Ach, der belesene, wissensdurstige Mann war tief gefallen und in den Sumpf des Abfalls und des Aberglaubens tief hineingeraten. Das Mittel der Malle Mogens hat nicht geholfen und nichts geheilt, weder die zu kleinen Beine noch den zu großen Kopf. Wahrscheinlich ist durch das Brüllen die Wirkung und Weihe der Zauberei verloren gegangen. – Während des Berliner Waffenstillstandes, als die Firma Tillisch-Eulenburg im Herzogtum Schleswig Herr war, lag eine tieftrübe Stimmung über dem ganzen Lande, ein tiefes Mißtrauen gegen die deutsche Bruderhülfe, eine bange Ahnung von dem häßlichen Ende des herrlichen Freiheitskampfes und ein noch grimmerer Haß gegen die Dänen, die jetzt Schleswig als sichere Beute betrachteten und als dänische Provinz zu behandeln begannen. Jeder Deutsche sah mit Zagen und mit Zorn in die Zukunft. Preußen war vom Knutenkaiser eingeschüchtert worden und hatte seine Hand von Schleswig-Holstein abgezogen. Deutschland verkroch sich vor dem Dänenkläffer. Es war eine Schande geworden, ein Deutscher zu heißen. Wer dieser schmählichen Zeiten gedenkt, dem muß die Wange schamrot werden. Im Lande Schleswig sah man nur vergrämte Gesichter. Die Not des Vaterlandes fraß am Herzen, und die Unsicherheit der eigenen Existenz verdüsterte das Antlitz. Kein Beamter, kein Pastor in Nordschleswig wußte, ob er nicht schon übermorgen auf die Straße geworfen sei. Herr von Tillisch hatte eine infernalische Lust, in Nordschleswig einen großen Kehraus, einen allgemeinen Beamten- und Pastorenschub ins Werk zu setzen. Irgendwelche zarte Rücksichten auf die Familienväter bekümmerten ihn nicht, nur die Furcht, daß Deutschland vielleicht sich nicht ungestraft ins Gesicht schlagen lasse, hielt ihn zurück und verzögerte die Brutalität. Um ihr Mütchen zu kühlen, haben die Dänen einige besonders verhaßte Bekenner ihres Deutschtums aus dem Amte, in Elend und Armut getrieben. Jedes amtliche Siegel, das die Post brachte, jagte in jenen bösen Zeiten einen argen Schreck ein. Auch dem Pastor Fangel fuhr es in alle Glieder, als ein Schreiben ihn vor den Amtmann zitierte. Tief niedergeschlagen saß die Familie um den Tisch und beratschlagte. »Nach allen Anzeichen steht eine schwere Heimsuchung vor unserer Tür, ich fürchte, daß wir bald Hyllerup verlassen müssen.« »Was soll dann aus mir werden?« rief Klaus, als wenn das die allerschlimmste Sache und Sorge sei. »Das Dienstland nimmt natürlich der Nachfolger,« nickte der Vater, »die Pferde und Kühe und das Inventar wird verkauft ... ein Glück noch, daß der Erlös uns eine Zeit lang über Wasser hält und vor dem Aergsten bewahrt.« Klaus machte einen impertinenten Vorwurf. »Daß ihr auf dieser großen Stelle nichts, rein gar nichts erspart habt in dreißig Jahren, das kann ich nicht und das kann kein Mensch begreifen.« Die Mutter wurde böse. »Du willst sagen, daß wir Verschwender gewesen sind?« Der Vater blieb sanftmütig. »Der Erlös aus dem Inventar ist ja unser Erspartes, unser Notpfennig.« Der Sohn verriet seine geheimsten Gedanken. »Das habe ich durch Fleiß und Sparsamkeit auf solche Höhe gebracht, das sollte doch mir einmal eine Existenz gründen, denn ich habe keinen Heller bekommen und Heimreich hat Tausende verstudiert. Ich sehe alles kommen ... der Erlös wird aufgezehrt ... und ich kann nach Amerika gehen, um als Knecht zu arbeiten. Warum schickt ihr euch nicht in die Zeit? Wenn Vater nur ein wenig dem Propsten nach dem Munde redet, wird man ihn in Hyllerup lassen.« Klaus ging hinaus und warf die Tür ins Schloß. Der Pastor sprang hoch und rief ihm nach: »Dein Vater ist kein Mantelträger, kein Kriecher und Verleugner.« – – In der Nacht hatte es gefroren, unter den Rädern knirschten die Eistümpel. Pastor Fangel saß, in den Pelz gehüllt, in seiner Halbchaise und hing schweren Gedanken nach. Wenn wir in Armut sitzen und alles, auch dieses Erbstück, der Biberpelz, verkauft werden muß ... ach, mein Gott, schließe vorher meine Augen! Aber was soll aus meiner Frau und meiner Hilde werden? Heimreich wird als Insurgent niemals von den Dänen eine Anstellung erhalten und kann sie nicht versorgen. Mein Gott, du bist unser Vater und Versorger. Der Amtmann ließ den auf zwölf Uhr Zitierten eine volle Stunde im Vorzimmer warten, um den alten Herrn zu demütigen. Endlich durfte Fangel vor dem ungnädigen König von Norderhusen sich verneigen, der Konferenzrat nickte kaum und fragte höhnisch: »Sie haben wohl eine Pfründe im großen Vaterlande in Aussicht ... nein? Ich mußte es annehmen, da Sie partout ihres Amtes entledigt werden wollen. Wir werden Sie ohne Pension entlassen.« »Darf ich wissen warum?« »Das wissen Sie schon ... unser König kann keine aufsässigen Diener der Kirche gebrauchen. Sie haben aus Trotz im deutschen Aufruhrgeist es unterlassen, die Reskripte des Königs zu publizieren.« »Nein, fast alle Geistlichen des Landes, und ich mit allen anderen, haben sich geweigert, etwas Unrechtes und Ungesetzliches zu tun. Wir sind auf den Herzog vereidigt worden, und wir dürfen nur herzogliche Erlasse, aber nicht Reskripte des dänischen Königs von der Kanzel verlesen.« »Eine lächerliche Haarspalterei!« »Nein, es wäre Hochverrat, solange Schleswig noch ein Herzogtum ist.« »Das Scheinherzogtum wird bald aufhören, und Ihre Widerspenstigkeit wird Ihnen Ihr Amt kosten.« Der Pastor zeigte Mut und Standhaftigkeit. »Ich und meine Amtsbrüder stehen in Gottes Hand.« »Auch ein klein wenig in und unter unserer Hand, haha.« Fangel beachtete den Hohn nicht und versetzte dem Amtmann einen feinen Hieb. »Alle Pastoren haben sich geweigert, gegen Recht und Eid zu handeln ... ich nehme daher an, daß alle entsetzt werden ... die Massenabsetzung der gesamten Geistlichkeit hat etwas Grauenhaftes, aber die Gemeinsamkeit des Geschicks, das uns trifft, hat auch etwas Tröstliches, Herr Amtmann.« Der Konferenzrat knirschte förmlich mit den Zähnen, denn er war an die schwache Stelle seines Standpunktes erinnert worden und hatte längst sich selber gesagt, daß die einmütige Auflehnung der gesamten Geistlichkeit die Repressalien erschwere, daß man wohl ohne Aufsehen ein paar Pastoren fortjagen könne, eine Massenabsetzung aber ein ungeheures Geschrei erregen werde und ein reines Ding der Unmöglichkeit sei. Was er selbst mit Aerger erwogen, hatte dieser Dorfpastor ihm mit Ruhe ins Gesicht gesagt. Darum fuhr die Wut in den König von Norderhusen, der die Tür hinter Fangel aufriß und keifend schrie: »Gehen Sie, gehen Sie zum Propsten, der auch mit Ihnen ein Hühnchen zu rupfen hat! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß Sie die längste Zeit Pastor in Hyllerup gewesen sind.« Propst Hertel fing süßlich an. »Lille Fangel, ick habe Sie mitsuteilen, daß Sie mir betrübt haben. Das srecklicke Kirchengebet der Insurgenter-Regierung ist annulliert und streng ferboden worden, ick habe an meine Pastores das neue, sjöne Kirchengebet für unsren gnädicksten Könick versjickt, aber Sie haben nicht für unsren guden Könick gebetet ...« »Darf ich mich rechtfertigen? Viele Amtsbrüder haben, als das Kirchengebet der provisorischen Regierung verboten wurde, jedes Gebet unterlassen, ich habe jedoch auf der Kanzel den Schutz des Allmächtigen erfleht für unseren Herzog ...« »O–h, au–h!« Der Propst heulte wie ein Hund, der die Glocken hört. »O–h, das ist noch srecklicker ... Sie haben gebetet für den Hersog, den fersworenen Augustenburger ... das ist Aufruhr, Gotteslästerung, Teufelsanbetung auf die Predigtstuhl ... lille Fangel, wer nich für mich ist, der ist mir suwider.« »Hören Sie mich doch! Ich habe ja für unseren Herzog, den König Friedrich, gebetet.« »Unsere Ohren können das gräßlicke Wort Hersog nich fertragen. Wer Hersog sagt und Sleswigholstein mit swei Bindestriche sreibt, is ein Insurgenter. Lille Fangel, Sie werden Ihr sjönes Amt fersmerzen müssen, Sie kriegen Ihren Reisepaß. Ick rate Sie gut ... gehen Sie freiwillick nach die grose Faderland, dort wird man Sie zum Bisjof Fangel machen.« »Ich werde Nordschleswig nicht verlassen. Gab mir die Heimat so viele gute Jahre, muß ich auch die bösen mit ihr tragen.« Hertel konnte sein Teuflein nicht länger bändigen und lachte hämisch: »Sie haben ja einen grosen Sohn, der bei die Insurgenter Oberst werden und seine Fader und Mudder fersorgen wird.« Fangel kehrte dem Präpositus den Rücken zu. Traurig war die Heimfahrt. An der baldigen Entlassung und Amtsentsetzung ohne Untersuchung, Gericht und Urteil war kaum zu zweifeln. Die treue Gattin auf das Unglück vorzubereiten, war ihm eine sehr schmerzliche Pflicht. Aber am Abend, als er alles sagte, hat sie zu seiner frohen Verwunderung weder geweint noch geklagt, sondern sie hat ihn getröstet. »Wir werden in unserem Alter nicht umkommen, mein Sutor, wir werden die paar letzten Jahre des Lebens Nahrung und Kleidung haben oder von Gott abberufen werden.« Die Pastorin, die sonst so laut ihr Leid äußerte, ging mit jenem stillen Schmerze, der am tiefsten sitzt, umher. Ueberall, wo sie ging und stand, kamen schmerzliche Erinnerungen und Abschiedsgedanken. Das blanke Kupfergerät in der Küche hatte sie zu ihrem ersten Geburtstage in Hyllerup erbeten und von dem lächelnden Gatten, daß die Stelle solchen Luxus erlaube, sofort erhalten. Wohin würde es in der Auktion wandern? Alles Federvieh im Hofe war unter ihren Händen aufgewachsen. Wer würde es kaufen und schlachten? Die arme Frau wischte sich die Augen. Im Garten waren die Gravensteiner unter ihrer Aufsicht gepflanzt, unter ihrer Obhut gepflückt worden Herbst um Herbst. Wer würde nach ihr die herrlichen Aepfel lesen und in der duftenden Kammer hegen? Eine dänische Pastorin, eine fanatische Kopenhagenerin! Das war ein wehevoller Gedanke für die kerndeutsche Pfarrfrau! Die Spargelbeete waren genau so alt wie Hilde und trugen noch wie seit Jahren. Wer würde zum Lenz die zarten Schößlinge stechen? Ueberall nichts wie Schmerz und Abschiednehmen. Alle Tage hing das gezückte Schwert der willkürlichen Entlassung über dem trauten Pfarrhofe. Entsetzlich, unerträglich ist dieses ewige Warten auf ein Unglück, das kommen muß. So oft eine Post gebracht wurde, schlug jedes Herz in erwartungsvoller Furcht, und die Finger, die einen Brief anfaßten, zitterten heftig. Jedes Schreiben von unbekannter Hand wurde von angstvollen Augen umringt; und mit Zagen öffnete der Pastor es: Das wird es sein! Das wird die üblichen ominösen Worte enthalten ... der Pastor Sutor Fangel ist seines Amtes entledigt. Ohne Disziplinaruntersuchung, ohne Angabe von Gründen! So brutal war mit einigen Deutschen, die den Dänen besonders lästig und »suwider« waren, verfahren worden. Die Pastorin fing an zu kränkeln. Der strenge Winter griff ihre Gesundheit noch mehr an und warf sie aufs Krankenlager. Sie wollte keinen Arzt, der zuviel koste, haben, sondern mit Kamillentee sich selbst kurieren. Aber die Wangen fieberten, in ihren Gesprächen redete sie beständig nur von ihrem Sohne Heimreich. Darum ließ Fangel den Physikus in Norderhusen um einen Besuch bitten, Lehrer Lindenhahn, der in der Stadt war, um den Arzt zu konsultieren, hatte es bestellt. Lindenhahn besuchte zuerst den Propsten, hörte nur Erfreuliches und murmelte auf der Straße: »Das wird glücken, Laurids Skow hat sein Wort gehalten ... Gott sei ...« Mitten im Gebet brach er ab, als wenn er Gott für das Glück nicht danken dürfe, sprach aber mit sich selber, wie er es in der Erregung zu tun pflegte. »Lauritzen sträubt sich wider die ewige Weltordnung, daß die Alten den Jungen Platz machen müssen ... im Daseinskampfe behält der Hungrigste und der Stärkste das Feld. Das Mitleid muß das Maul halten. Ich leide Not und habe das heilige Anrecht des Hungers ... der Küster hat sich ein kleines Vermögen ergeizt und kann völlig sorgenfrei leben.« Lindenhahn versuchte sein Gewissen in Schlaf zu schwatzen. Es war die Sprechstunde des Physikus. Der Lehrer trug sein armes Büblein ins Zimmer, schilderte das rätselhafte Stagnieren des Körpers und Geistes und bat mit Tränen, ihm nichts zu verschweigen. Der ergraute Arzt untersuchte den Knaben, seufzte und sagte: »Das arme Kind hat keinen Geist und wird keinen Geist haben.« Lindenhahn stürzte totenblaß aus dem Sprechzimmer. Sein Todesurteil war gefällt, sein Zukunftstraum, sein schöneres Neuleben im Sohne zerschmettert, vernichtet. So groß aber war seine schonende Liebe, daß er es seiner Frau verschwieg, daß er mit übernatürlicher Kraft seine Verzweiflung ihr verheimlichte, obgleich seine Ottilie es ihm sehr schwer machte und durch ewige Fragen seine gequälte Seele peinigte. Der Lehrer horchte in den Tagen aufgeregt auf jedes Rädergerassel und rannte ans Fenster, wenn ein fremder Wagen ins Dorf fuhr. Er wußte wohl warum. Der große Laurids Skow war auch ein Prophet, der eine Schulvisitation geweissagt hatte. Und der Visitator erschien. Propst Hertel stieg aus der Halbchaise und fing mit der Küsterklasse an. Sein erstes Wort war ein Tadel: Daß der Lehrer es sich möglichst bequem und die besten Schüler zu Hülfslehrern mache, sei ganz unpädagogisch und ganz unstatthaft, sofern die hellsten Schüler nicht gefördert und nur benutzt würden, um den Kleinen die Buchstaben beizubringen und dem Lehrer die Arbeit abzunehmen. Der Propst stellte dann eine theologische und eine törichte Frage. »Wie lautet die Weissagung des Propheten Micha vom Messias?« – »Wie dick war das Seil der Delila?« Lauritzen trat näher und neigte den Kopf: »Herr Propst, das ist zu hochstudiert für uns ... können Sie uns die Frage beantworten?« Hertel brüstete sich. »Ich bin hier Examinator und nicht Examinand.« Jetzt wurde alles in der Klasse, vom Lesen bis zum Singen, aufs gründlichste kritisiert. Der Küster, der längst Lunte gerochen hatte, lachte ingrimmig in sich hinein und klopfte – wahrhaftig, er klopfte den Propsten auf die Schulter und sagte im treuherzigsten Tone: »Mein lieber Propst, wir wollen keine langen Fisimatenten machen. Da Sie jedenfalls einen guten Dänen für meine Küsterstelle und meinen Abschied in der Tasche haben, wollen wir einander Adjüs und Dank für alles Gute und Schlechte sagen.« Der Visitator war innerlich entrüstet, lächelte aber arglistig: »Ei, Sie seien ja ein ganses Original, ein präcktick aufricktiger Mensj. Lille Lauritzen, sagen Sie ehrlick und frei von der Leber« – jetzt klopfte der Propst den Küster auf die Schulter – »seien Sie nicht im Herzen ein bissen sleswigholsteinerisj? Heraus mit die Wahrheit!« Der Küster blickte groß und sehr von oben herab auf den Propsten herunter. »Ein klein bißchen schleswigholsteinisch soll ich sein? Nein, lille Hertel!« »Seien Sie aufricktig!« »Ja, ganz schleswig-holsteinisch, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüt, mit allen Gedanken und Gefühlen bin ich Schleswig-Holsteiner durch und durch, vom Scheitel bis zur Sohle! Mit allen meinen Gebeten erflehe ich den Sieg der gerechten Sache, mit allen meinen Wünschen wünsche ich die dänischen Pastoren und Pröpste dahin, wo der Pfeffer wächst.« Dem alten, ehrlichen Küster war das Schweigen und Schwänzeln, das Verstecken und Verschließen seiner Ueberzeugung längst eine Feigheit, ein Greuel und eine Gewissensnot gewesen. Jetzt wurde er zum Bekenner, der seinen heiligen Zorn vom Herzen herunterschrie und dem Propsten ins falsche Antlitz schleuderte. »Sie Insurgenter, In-sur-gen-ter!« Während Hertel dieses Schimpf- und Schreckenswort wohl zehnmal wiederholte, wandte Lauritzen sich kaltblütig an die Klasse, der er eine ergreifende Abschiedsrede hielt. Der Propst, der einen förmlichen Wut- und Dummkoller hatte, keifte und kreischte: »Sie Insurgenter! Ick ferbiete Sie, su unterrickten und die Kinder su fergiften ... Sie seien entlassen ... verstanden Sie mir? Auf dem Platse und ohne Pension seien Sie entledigt! Aus dem Sjulhause herr-raus!« Der Propst stampfte mit dem Fuße. Lauritzen stampfte und trumpfte noch fester mit seiner festen Stiefelsohle. »Ich habe schon meine Entlassung genommen, und Sie haben mir, dem Privatmanne, nichts mehr zu sagen. Verstehen Sie mich?« – Hertel hüpfte aus Furcht vor einem tätlichen Angriff hinter das Pult. – »Nein, ich fasse keinen Propsten und kein Pech an, um mich nicht zu besudeln. Lille Hertel, noch ein letztes Wort! Halten Sie die Holzschuhe stets bereit, denn die Deutschen werden plötzlich kommen und Ihnen den Abschied, die Entledigung, geben.« Der Küster ging ruhig in seine Wohnung, zog den Kittel an und trug die letzten Dungeimer aufs Feld, auf dem fortan ein anderer ernten sollte. Als der heftig echauffierte Visitator die zweite Klasse betrat, dienerte Lindenhahn vorn und hinten. Um sich erst zu erholen, befahl der Propst: »Lassen Sie mal hören, wie und was die Kinder singen können!« Der Lehrer verstand den Wink, strich über die Geige und spielte den »Tappre Landsoldat«, den die Klasse aus vollem Halse sang. Der Propst war sehr erbaut von dem Liede und kargte nicht mit dem Lobe. Am Schluß der Inspektion erhielt Lindenhahn drei pröpstliche Finger und die tröstliche Verheißung, daß er das Küsteramt erhalten und von heute an interimistisch verwalten solle. Der arme Lehrer dankte devot, machte aber einen scheuen und vergrämten Eindruck. Seltsamerweise verheimlichte er seinem Weibe das nahe bevorstehende Glück und die baldige Erlösung von der Hungerleiderei, denn er fürchtete sich, seiner kranken, aber kerndeutschen Frau zu bekennen, welchen furchtbaren Preis der Verleugnung er für die Küsterstelle gezahlt habe. Seine Ottilie erzählte ihm: »Im Pastorate muß es schlimm stehen, der Physikus kommt alle Tage ... gehe doch mal ins Pfarrhaus, um unsere Teilnahme zu zeigen!« Er sagte Ja-ja und ging nicht hin, denn er wagte nicht dem Pastor unter die Augen zu treten. – Der Physikus nannte die Krankheit ein schweres Nervenfieber und schrieb immer neue Rezepte. Die kranke Pastorin lag mit hochrotem Kopf in dem hochgeschichteten Federbett und litt von der unerträglichen Körper- und Zimmerhitze, aber auf ärztlichen Befehl durfte kein Fenster geöffnet, kein Luftzug hineingelassen werden. Hilde und der Vater waren bei der Mutter und wachten abwechselnd. Die Kranke hatte Fieberphantasien und nur am Morgen ein klares Bewußtsein. Dann sprach sie vom Scheiden. »Mein Sutor, ich lasse dich allein ... aber Hilde wird ganz in meiner Weise für dich sorgen – ich hab' es ihr auf die Seele gebunden, und sie hat es mir gelobt – am Sonntagshemd werden alle Knöpfe festgenäht sein, daß du dich nicht zu ärgern brauchst ... am Samstag wird sie am Fenster sitzen, um die Bauern abzufangen, damit sie dich nicht beim Memorieren stören ... bei Leichenreden am Grabe weiß sie genau, wie sie dich einpacken muß, damit du dich nicht erkältest ... heißes Wasser zum Rasieren und zum Reinigen der Pfeife wird pünktlich auf dem Tisch stehen ... wenn sie unsaubere Schnupftücher aus deinen Taschen nimmt, wird sie stets ein reines an die Stelle legen ... weißt du doch, das war der erste Verdruß in unserer Ehe und dem erster Verweis, als ich das Tuch fortgenommen hatte und du dich in der Sakristei mit den Fingern ...« Die Schwerkranke kicherte leise. »Ja, Hilde hat sich alles aufschreiben müssen. Mir ist gar nicht bange vor dem kalten Bett da oben unter der Esche. Gott holt mich wohl rechtzeitig von Hyllerup ab, damit ich nicht das Unglück des Vaterlandes, die Frechheit der Dänen sehen soll. Gott ruft mich ab, um mir den Abschied vom Pastorate, das Weh der Verbannung zu ersparen. Nur eins drückt mir das Herz ab, daß du hier bleibst, und wo du bleiben wirst.« »Sorge dich nicht, meine Gertrud! Mein Gott wird mich die paar Jahre, die ich noch habe, nicht verlassen ... und du wirst genesen.« »Nein, nein, ich sterbe, ohne unseren Heimreich noch einmal gesehen zu haben ... o, o, ich kann nicht scheiden, nicht sterben, ehe ich sein Antlitz gesehen, sein Haar gestreichelt, sein Haupt gesegnet habe.« Die Kranke fing an zu schluchzen. Immer wieder äußerte sie den einzigen und letzten Wunsch, ihren jüngsten Sohn noch einmal zu umarmen. Der Pastor zog die Stirn in tiefe Falten. »Wenn ich ihm nach Lunden schreibe, würde er wahrscheinlich in Zivilkleidung nach Hause sich schleichen und alle Rücksichten auf sich selbst außer acht lassen ... aber als Vater darf ich nicht die Anregung dazu geben, kann ich nicht die Verantwortung für ein so tollkühnes Unterfangen auf mich laden. Die Gefahr ist zu groß ... wenn die Dänen ihn abfassen, wären sie imstande, ihn als Spion füsilieren zu lassen.« »Nein, nein, er darf nicht kommen, ich will ja sterben, ohne ihn geküßt zu haben ... o, o, ich kann nicht sterben ... gib mir sein Bild, sein liebes Bild!« Die alten Augen betrachteten das mäßige Porträt, das ihn als Studenten darstellte, und begossen es mit Tränen. Sie weinte sich die Augen aus nach ihrem Heimreich, und selbst in ihren Phantasien wimmerte sie fortwährend seinen Namen. Es schnitt den Angehörigen ins Herz, die Qual, das Sehnen und Schreien des Mutterherzens zu sehen und zu hören. Der Pastor ging hinaus und mußte sich Gewalt antun, um grausam fest und hart zu bleiben. Doch er schrieb nicht an Heimreich, denn er war ein sehr gewissenhafter Mann. Klaus, um seinen Bruder sehr besorgt, verlangte sehr energisch, daß demselben nichts mitgeteilt werde; denn, wenn Heimreich den Zustand und den Wunsch der Mutter erfahre, werde er unbedingt nach Hause laufen und in sein Unglück hineinrennen. Oder wollte er seinen Bruder von Hyllerup fernhalten? Bodil hatte sich erboten, für die arme, abgehetzte Hilde eine Nacht um die andere die Krankenwache zu übernehmen. Frau Gertrud phantasierte, weinte und wehklagte die ganze Nacht von ihrem Heimreich. Die Tochter konnte es nicht länger anhören, nicht länger die Not der Mutter ertragen; ihr gutes Herz wurde matt und schwach, ihr Gewissen sagte entschuldigend, daß man den letzten Wunsch einer Sterbenden erfüllen müsse. Hilde schrieb an ihren Bruder, an den Leutnant Fangel in Lunden. Der Fähnrich war nämlich bald nach der Mordnacht zum Leutnant befördert worden. Er öffnete ahnungslos den Brief, der die hoffnungslose Erkrankung der Mutter nicht länger verschwieg. Erschüttert warf er sich auf das Kanapee hin und schluchzte verzweifelt. O, ich lebe in den Tag hinein, während meine Mutter ihren letzten Kampf kämpft. O, ich werde keine frohe Stunde mehr haben, wenn ich zu spät komme und ihre treuen Augen geschlossen finde. Nicht weinen, nicht weinen, sondern denken, handeln, eilen und noch in dieser Stunde fahren! Er riß die Uniform herunter und erwog dann erst, daß er Urlaub haben müsse. Wenn man mir die Permission verweigert – ich müßte desertieren und für drei, vier Tage fahnenflüchtig werden. Sein Major bewilligte sofort einen Urlaub – nach der Stadt Schleswig und mahnte zur äußersten Vorsicht. »Die Fahrt nach Hyllerup machen Sie auf eigne Faust, da ich von dem Abenteuer nichts wissen darf.« Eine Viertelstunde später reiste Heimreich in Zivilkleidung und mit Extrapost nach Schleswig. Die Tante lamentierte: »Sie werden dich als Spion arretieren und totschießen.« Der Senator Brodersen war ein kluger Mann. »Du mußt dich so verkleiden, daß dein leiblicher Vater dich nicht erkennt. Ich habe einen großkarrierten, verrückten Ulster, den ein spleeniger Engländer, der seine ganze Barschaft im Ratskeller verwettete, mir für fünf Taler, um nach Hamburg zu kommen, als Pfand gelassen und nicht eingelöst hat. Den Ulster ziehst du an, ein Paar blonde Backenbärte, ein Paar richtige Koteletten kaufe ich vom Barbier, und du kannst genug englische Phrasen, um den Englishman zu markieren, den englischen Reporter, der an die Times berichten soll, daß in Nordschleswig ausschließlich dänisch gesprochen wird und dänische Sympathien vorherrschen. Verstehst du mir, wie Wrangel sagt? Verbeiße deinen Patriotismus und spiele deine Rolle gut! Hier sind dreißig Taler für alle Fälle! Wenn sie dich einstecken sollten, vergiß nicht, daß jeder Däne seinen Preis hat und sich schmieren läßt!« Heimreich fuhr mit der Post nach Flensburg. Erst von Flensburg an war die Reise gefährlich. Der verkleidete Insurgent saß, in traurige Gedanken vertieft, unnahbar und schweigsam, wie ein steifstummer Sohn Albions, und wenn ein Passagier neugierig wurde, antwortete er in einem Kauderwelsch, das kein Mensch verstand. Zum Glück wurde Norderhusen am dunklen Spätabend erreicht. Der ihm nur zu gut bekannte Postmeister dienerte tief vor dem großkarrierten Ulster, dem er ein Nachtquartier anbot. »Nothing slapen hier! No, in best Hotel, wo bed-bugs, heißt sich Wanzen, nicht biten,« näselte der Engländer hochmütig, und noch tiefer dienerte der Meister der Post. Heimreich wollte in der Nacht nach Hyllerup marschieren. Er lief förmlich Meile um Meile, die Angst, daß sein liebes Mütterchen sterben könne, beflügelte seine Schritte, der Schweiß strömte an ihm herunter, er merkte es erst, als sein einer Backenbart, von der Nässe gelöst, herunterfiel. Er steckte die Whiskers in die Tasche und rannte vorwärts. Sein Atem keuchte, sein Herz klopfte, seine Seele betete immerzu: Erhalte mir die Mutter, mein Gott, und wenn sie sterben muß, verlängere ihr Leben um ein paar Stunden, damit ich sie noch sehe und gesegnet werde! – – Im Dorfe Hyllerup war große Aufregung. Der fürchterliche Spuk war aufgeklärt, das weiße Gespenst, das in Mondnächten viele geängstigt hatte, war in grauenhafter Weise entlarvt worden. Viele Leute standen den ganzen, geschlagenen Tag auf dem Friedhofe unter dem Kirchturm herum, obgleich an dem Ort der Katastrophe nichts zu sehen war. An fünfzig Kinder, die keine Schule hatten, lungerten vor dem Lehrerhaus, schielten scheu nach den Fenstern und flüsterten leise. In dem Hause hatte sich eine furchtbare Tragödie ereignet, der arme Lindenhahn war in dem Augenblick, wo die guten Tage anbrechen sollten, von seinem Schicksal und seiner Schuld zerschmettert worden. In der Wohnung schräg gegenüber saß der Küster gebückt in seinem Lehnstuhle und murmelte zum hundertsten Male: Ich habe durch meine Wahrhaftigkeit die Lawine ins Rollen gebracht und das Unglück angerichtet. Gestern um diese Stunde fing das Verhängnis an. Von dem Amtmann in Norderhusen kam ein Schreiben, das dem Küster kundtat, er sei wegen unverschämten Betragens von seinem Amte enthoben, habe innerhalb einer Woche seine Dienstwohnung zu räumen und sofort alle seine Funktionen als Küster und Lehrer dem zweiten Lehrer, der zum Nachfolger ausersehen sei, zu übergeben. Lauritzen lachte nur über die Entlassung, die er erwartet und vielleicht gewollt hatte. »Mutter, wir haben uns soviel erspart, daß wir leben können ... die Dänen können mir sonst was. Nun bin ich kein Küster noch Knecht mehr, sondern ein freier, deutscher Mann, der seine Meinung frei-fröhlich sagen kann.« Die Freiheit war ihm eine Freude, aber die bestürzende Nachricht, daß Lindenhahn sein Nachfolger sei, machte ihn fuchswild. »Mein Kollege ist ein Ueberläufer und Lump ... ich muß es ihm ins Gesicht sagen, was er für ein Subjekt ist, sonst ersticke ich noch an meinem Grimm und meiner Galle.« Im ersten unsinnigen Zorn lief der Küster über die Straße und ins Lehrerhaus. Furios fuhr er auf Lindenhahn, der eben sein elendes Sirupsbrot aß und sich verschluckte, los. »Servus, Servus, Herr und Frau Küster Lindenhahn! Ich gratuliere zu der Küsterei, die Sie erhalten und erheuchelt haben! Wie schön haben Sie den »Tappre Landsoldat« gesungen, haben Sie vor Laurids Skow gekrochen und gewedelt und dem Propsten meine deutschen Schlechtigkeiten hinterbracht.« Lindenhahn rang die Hände. »So wahr mir Gott helfe, habe ich von Ihnen nie etwas anderes als Gutes gesagt. Ich bin kein Schurke.« Frau Ottilie legte den Kopf zurück, als wenn sie ohnmächtig würde. »Schonen Sie meine kranke Frau!« Lauritzen schonte nicht im Zorn, sondern schrie: »Ich wollte Ihnen nur sagen ... Sie sind ein grauenhafter Lump! Adieu!« Lindenhahn zuckte, wie unter einem Peitschenhiebe, zusammen und vertrat dem Küster die Tür. »Nehmen Sie den Schimpf zurück ... nehmen Sie das Geld, das Sie mir geliehen haben! Ihre Beschimpfung ist der blutige Wucherzins, den ich zahle.« Der Lehrer wäre in seiner Wut gewalttätig geworden, wenn nicht die kreischende Stimme seiner Frau an sein Ohr gedrungen wäre. »Mein Gottlieb, mein Gottlieb, was hast du getan!« Der Küster verließ das unselige Haus mit einem steinharten Gesicht. Lindenhahn warf sich in wilder Verzweiflung zu den Füßen seines Weibes, denn er wußte, daß der allerschwerste Kampf noch seiner Seele bevorstände. »Gottlieb, du bist ohne mein Wissen bei dem berüchtigten Skow gewesen?« Er schwieg. »Du hast dich unterkriegen lassen von der Not ... du hast dein Deutschtum verleugnet, um die Küsterstelle zu bekommen?« Er blieb stumm. »Um deinen alten, braven Kollegen aus Amt und Brot zu verdrängen? O, das ist gemein.« Da schrie der gemarterte Mann, den sein eigenes Weib verdammte, laut auf. »Jene Sünde habe ich begangen, aber diese Gemeinheit nimmermehr. Gott ist mein Zeuge ... ohne mein Zutun ist der Küster entsetzt worden. Aber das andere ist meine erbärmliche Schuld.« Die Frau wehklagte: »Wie konntest du vor den Dänen heucheln und einen Skow anbetteln? Pfui, pfui! Ich bin eine deutsche Frau und fühle tief die Schmach und Schmählichkeit ... ich habe mit dir gestritten und Hunger gelitten, ich hätte noch weiter die Not ertragen, ohne zu erliegen, aber unter der Schmach breche ich zusammen, die Schande des Verrates, des Abfalles werde ich nicht überleben ... o wäre ich tot! Gottlieb, was hast du getan!« Der Vorwurf seines Weibes war zu viel für seine gepeinigte Seele. Alles, alles, was er aus Liebe getan und gesündigt, aus Liebe verschwiegen und verheimlicht hatte, schrie er sich vom Herzen herunter. »Ottilie, um deinet-, um der Kinder willen bin ich ein Lügner und Lump geworden. Weil die Schulden nicht mehr quälen und der Hunger nicht mehr wühlen sollte, um womöglich meinen kleinen Liebling durch ärztliche Kunst vor dem geistigen Tode zu retten, nahm ich die Schande und den bösen Schein des Verrats auf meine arme Seele. Das Schweigen aus Liebe war meine Lüge. Die ganze, grause Wahrheit sollst du wissen. Ottilie, sei stark und stirb mir nicht unter meinen schuldbeladenen Händen! Mein Büblein mit den großen, blauen Denkeraugen ist ein unglücklicher Idiot, ein Körper ohne Seele, ein Gehirn ohne Geist. Der Physikus hat es mir gesagt, daß mein Sohn, meine Zukunft, ein armseliger, verblödeter Trottel bleiben und in vertierter Menschengestalt bis zu seinem Tode hinvegetieren wird. Hörst du nicht das Hohnlachen der Hölle?« Der unglückliche Mann wimmerte wie ein Kind. Ein irres Licht glühte in den Augen der kranken Frau, die das Fassungslose nach und nach begriff. Ein gellender Schrei durchschnitt die Luft, der Schrei einer Mutter, der ihr Kind ermordet wird. »Mein Büblein ist blöde und wird blödsinnig bleiben!« »Ob ich schweige oder rede, wie ich handle, bin ich ein Verbrecher,« stöhnte der Gatte. »Gottlieb, der Verrat ist dein Verbrechen und das geistig tote Kind das Gericht.« Unheimlich, unerbittlich kalt und hart klangen ihre Worte, die ihn wie ein Keulenschlag trafen. Ein Schrei brach aus seinem Munde. Dann war es Stunde um Stunde still, stumm und starr in der Stube, als wenn ein Mordgeselle sich hineingeschlichen und die ganze Familie erschlagen hätte; sogar die Kleinen hockten im Winkel und wagten vor Entsetzen keinen Finger zu rühren. Lindenhahn stierte den Tintenfleck auf der Diele an. Seine Gedanken machten den Kreislauf der Verzweiflung, bis die Erschöpfung, die Todmüdigkeit eintrat. Er warf sich um zehn Uhr, nur halb ausgezogen, aufs Bett und schlief – eine natürliche Reaktion nach der ungeheuren Aufregung – wie ein Toter. Er hatte ganz vergessen, daß der gefährliche Vollmond nach Mitternacht scheinen werde, ganz versäumt, die Fenster zu verhängen und die gefüllten Wasserschalen ums Bett herum zu stellen. Lindenhahn schlief und schlief. Die Schläferin an seiner Seite erhob sich im weißen Nachtkleide und ging mit geschlossenen Augen durchs Gemach, durch die Stube vorne. Nur ein Schubfach knarrte und weckte ihn nicht. Eine Spitzenhaube, von der Großmutter geerbt, setzte die arme Ottilie sich aufs Haupt, kunstgerecht knüpften ihre Finger die Schleife. Unheimlich huschte die Schläferin hin und her, beugte sich über das kleinste Bett, hob behutsam das schlaftrunkene Büblein, das weiter schlief, auf ihre Arme und ging, ohne zu tasten, durch Küche und Hof in die mondhelle Nacht hinaus. Mit geschlossenen Augen, aber jeden Stein, jede Pfütze umschreitend, ganz sicher, von einem rätselhaften Instinkt geleitet, wanderte die Mondsüchtige durchs Dorf, über den Friedhof, durch die Turmtür, die der Glöckner aus Bequemlichkeit offen ließ, und die Stiege hinauf. »Sieh, sieh! Nun schlag' ich lang hin ... das ist das weiße Gespenst,« flüsterte Rolf Krake, der mit drei Kumpanen im Wirtshaus Karten gespielt hatte. »Hast du Courage, Rolf, so wollen wir dem Gespenst nachgehen ... wir sind drei stramme Kerle.« Jeder wollte vor den anderen als starken Mann sich zeigen. Alle viere standen unter dem Turm und schielten nach der offenen Turmtür. »Da verschwand es! Rolf, geh' du voran! Wir folgen.« Aber keiner der Kumpane wollte den Vortritt haben. »Kiek!« wisperte Hans Peder. Das Gespenst stand oben im Schalloche und beugte sich weit vor über die Schwindel erregende Tiefe. Die Helden, denen das Haar schon zu Berge stand, wollten schon Reißaus nehmen, als Rolf Krake das Gesicht des Geistes im hellen Mondlicht deutlich sah und im unwillkürlichen Erstaunen laut rief: »Das ist ja Frau Lindenhahn! Frau Lindenhahn!« Welch ein unbedachter, grausamer Weckruf, welch ein entsetzliches Erwachen für die arme Nachtwandlerin! Ein Schrei! Ein dumpfer, klatschender Aufschlag! Zu den Füßen der jungen, übermütigen Leute lag ein lebloser, auf dem Grabstein zerschmetterter Körper. Als die bestürzten Bauern die weiße Gestalt aufhoben, lag der Knabe, von den Mutterarmen umfangen, unter der Frau, erdrückt, erschlagen. Sie legten die Leichen auf eine Leiter und trugen sie ins Schulhaus. Unbedacht und rücksichtslos, wie Bauern sind, rüttelte man den Lehrer wach und zeigte man ihm die Leichen, die man in die Stube gestellt hatte. Es war kein Wunder, daß der Unglückliche nach diesem Anblick in Wahnsinn verfiel. Zwei Männer mußten ihn halten, weil er sich den Kopf an der Wand zerschmettern wollte. Er wurde erst etwas ruhiger auf der Fahrt nach Norderhusen, als die Wächter ihn in seinem traurigen Irrwahn, daß er ins Gefängnis gebracht und als Mörder seiner Frau und seines Kindes hingerichtet werden solle, beließen, ja um des bequemeren Transportes willen bestärkten. Der kranke Mann ist im Krankenhause wieder ruhig und klar geworden, der Verstand, den die Schreckensnacht verrückt hatte, kehrte in seine alten Geleise zurück. Aber der unglückliche Lehrer war mit dreiundreißig Jahren ein gebrochener Mann. Die Bauern fühlten am ersten Tage ein starkes Grauen, aber am zweiten eine angenehme Befreiung von einem Albdruck und einer Angst, sofern der Spuk eine natürliche Aufklärung gefunden habe und das weiße Gespenst nur eine mondsüchtige Frau gewesen sei. Sechzehnter Abschnitt. Die Maskerade im Sterbezimmer. In der Nacht nach dem Absturz der Nachtwandlerin erreichte Heimreich seine Heimat. Die Gassen vermeidend, hinter den Hecken, wie ein Dieb, vorsichtig spähend und horchend, ging er nach dem Pastorat. Den Backenbart hatte er mit Mühe wieder festgeklebt. Er brach durch den Knick, daß die Zweige knackten, denn hier im Pfarrgarten war sicherlich keine Gefahr und keine Menschenseele um Mitternacht. Ach, im Schlafzimmer brannte Licht – Gott sei Dank, ein Nachtlicht – die Mutter lebte noch! Der tröstliche Gedanke beflügelte seinen Schritt, jede Vorsicht war hier überflüssig, obgleich der Mond alles beleuchtete. Da stutzte und starrte er. Dicht vor ihm, auf der halbversteckten Bank saß ein Pärchen und koste. Das war ja Karen, die Jungmagd des Pfarrhauses, die mit irgendeinem Knecht eine Liebschaft und im Pfarrgarten ein Stelldichein hatte. Das freche Frauenzimmer! Die beiden, die den Eindringling groß und deutlich sahen, aber natürlich nicht erkannten, schienen noch mehr Unbehagen, als der Einbrecher, zu verspüren und verkrochen sich aneinander. Was nun? Durch die Hecke zurückweichen und draußen warten, bis das Techtelmechtel zu Ende war? Nein, jede Minute war kostbar. Heimreich, als tapferer Kriegsmann, wählte nicht die Retirade, sondern die Attacke. Den Stock hochgeschwungen, mit dem Kriegsruf: »He, hier im Garten, im geweihten, heiligen Pastoratsgarten, wird geliebelt!« stürzte er ziemlich langsam, um Zeit zur Flucht zu lassen, aber mit wildwütigen Gebärden auf das Pärchen los, das Reißaus nahm. Der Knecht, als Held, mit Riesensprüngen weit voran und Karen mit Gekreisch: »Nimm mi mit! De Kierl sleit mi dod!« und mit hochgerafften Röcken hinterdrein! Heimreich kalkulierte, daß die Magd heimlich aus dem Hause entwischt sei und wahrscheinlich ein Schlupfloch offen gelassen habe. Richtig! Ein Fenster der Waschküche stand nur angelehnt und ließ sich als Eingang benutzen. Er kletterte hindurch, schlich sich durch die dunklen Zimmer und horchte an der Tür des Schlafgemachs, hinter der ein Licht brannte und ein Zeitungsblatt raschelte. Durch das Schlüsselloch waren die Umrisse einer weiblichen Gestalt zu erkennen. Das mußte ja seine wachende Schwester sein. Mit leisem Finger anklopfend, flüsterte er: »Hil-de, Hil-de.« Das Blatt sank, die Leserin horchte. Er klopfte lauter. Die Gestalt erhob, der Lichtschein verstärkte sich. Heimreich trat weit ins Zimmer zurück und winkte mit der Hand, um jeden Aufschrei zu verhüten. Bodil – ja Bodil steht mit dem Lichte in der Tür und sieht einen wildfremden, grotesken, unheimlichen Menschen, natürlich einen professionellen Ein- und Verbrecher. Sie stößt im ersten Schreck einen Schrei aus: »O ... Herr Pastor! Herr Pastor!« Aber sie flieht nicht und fällt noch weniger in Ohnmacht, sondern das beherzte Mädchen setzt geschwind die Lampe hin, ergreift und schwingt die eiserne Feuerzange, die neben ihr am Ofen hängt, und knirscht gedämpft – o welche Rücksicht, um nur die Kranke nicht zu ängstigen! – aber zornig und kampfbereit: »Sofort heraus! Oder ich rufe die Männer ... ich hole die Flinte ... heraus!« Ein herrliches und heldenhaftes Weib, das wie eine Walküre das Schwert der Feuerzange schwingt! »Bodil, ich bin es ... Heimreich Fangel!« Es amüsiert, es erschüttert ihn, er muß ob der ungeheuren Komik lachen, ja lachen und möchte am liebsten vor der Herrlichen einen Kniefall tun. Sie erkennt unter Tausenden die Stimme und betrachtet mit tief gerunzelter Stirn den englischen Halunken. »Wer sind – Sie?« Heimreich reißt jetzt mit einem Ruck den Backenbart, den er ganz vergessen hat, vom Gesicht herunter. Das ist das liebe, lächelnde, glückstrahlende Kandidatengesicht. »Heim-reich!« Das junge, mutige Mädchen wird scheu und blutrot und steht mit großen, gefüllten Augen vor ihm, als wenn es ein Wunder sehe und ein Mirakel erlebe. »Verraten Sie mich nicht! Als schleswig-holsteinischer Offizier bin ich hier vogelfrei ... wenn die Polizei mich findet und faßt, werde ich als Spion behandelt. Ich mußte meine totkranke Mutter noch einmal umarmen.« Die Tränen treten auch ihm in die Augen. »Ich glaube noch nicht, daß es zu Ende geht ... Ihre Mutter besitzt eine ungemeine Lebenskraft und ist eine von denen, die es auf achtzig Jahre bringen.« »Gott sei gelobt! Das Erste, was ich in der Heimat höre, ist ein Evangelium, und die Erste, die mir begegnet, ist mei-, ist Bodil ... das muß Glück bedeuten und Glück mir bringen. Reichen Sie mir nicht die Hand?« »Ja, ja! Sie tragen ja nicht die schreckliche Uniform.« Ihr Händedruck ist fest und freundlich. Er wird um des Wortes willen traurig und lacht doch: »Der Einbrecher ist Ihnen noch erträglicher als der Offizier? Verraten Sie mich nicht durch eine Unvorsichtigkeit!« Stolz guckt sie ihn an. »Bin ich etwa ein unüberlegtes, schwatzhaftes Ding?« Die Pastorin erwachte und bewegte sich. Spürte der Instinkt des Mutterherzens seine Nähe? »Ist mein Sohn endlich gekommen? Mein Heimreich, wo bist du?« Die recht kräftige Frage klang nicht wie das schwache Geflüster einer Sterbenden. Dennoch winkte Bodil und wollte die Kranke auf die allzu große Freude vorbereiten. Bald kniete Heimreich am Bette, und die Mutter streichelte ihren liebsten Sohn. »Nun will ich gerne sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe.« »Nein, nun wirst du genesen ... ich küsse dich gesund.« »Ja, du bist strahlende Gesundheit und strotzende Kraft. Gib mir meine Hornbrille, damit ich dich gründlich sehen kann! Ei, wie stark und stattlich du geworden bist! Ich habe einen Helden, einen deutschen Helden geboren, der für unser Vaterland und unsere Freiheit gefochten hat.« Schleunig aber setzte die patriotische Frau hinzu: »Es kommt nicht wieder zum Kriege ... du gehst mir in keine Schlacht mehr, in keine!« »Lassen wir alles, was bei anderen Anstoß erregt!« bat er rücksichtsvoll. Bodil war Augenzeugin der Liebkosungen und Zärtlichkeiten, welche Mutter und Sohn nicht müde wurden einander zu erweisen; und unwillkürlich stieg ein kleines Neidgefühl in ihr empor, als wenn sie der alten Frau so viel Liebe und Glück mißgönnen müsse. Der Pastor und Hilde wurden geweckt und von des Sohnes Ankunft verständigt. Fangel beugte sich über seine Frau. »Beim Klopfen an meiner Tür mitten in der Nacht bekam ich einen gehörigen Schreck, und ich befürchtete, es stünde schlecht um meine Gertrud ... nun sehe ich zu meinem freudigen Erstaunen, daß du viel klarer und heller aus den Augen blickst.« »Ja, mein Sutor, ich fühle mich so frei und leicht, als wenn ich aufstehen könnte ... jetzt glaube ich selbst, daß die Totenfrau, der Glöckner und Küster und auch der Pastor, die sich schon auf eine große Leiche gespitzt haben, eine große Enttäuschung erleben werden.« – Als Klaus morgens um halbfünf Uhr polternd und brummend die Mägde und Knechte geweckt hatte und im Wohnzimmer seinen Bruder vorfand, prallte er wie vor einem Geiste zurück. Das paßte ihm ganz und gar nicht in seine Berechnung, solange Bodil im Pfarrhause Nachtwachen hielt und stundenlang weilte. »Ich scheine dir keine freudige Ueberraschung zu sein,« lachte Heimreich gezwungen. »Das kann für dich eine ganz verfluchte Geschichte werden, wenn sie dich fangen ... auf dem Glacis in Friederiz ist mehr als ein Spion erschossen worden.« »Ich bin kein Spion.« Klaus zuckte die Achseln. »Die Mägde sehen dich doch, heute weiß das ganze Dorf, daß du hier bist, und morgen ist es in Norderhusen bekannt.« Hilde hatte einen Gedanken. »Wir verstecken Heimreich in der Giebelstube ... nur nachts kommt er herunter, am Tage füttere ich ihn, wie die Raben den Elias am Bache Krith.« Das war gar nicht nach dem Geschmack des Leutnants, der sich schnell die Bartkoteletten an die Backen klebte. »Jetzt kennt mich kein Mensch in ganz Hyllerup, nicht einmal meine leibliche Mutter. Man erzählt offen in der Küche, daß ein Neffe Brodersen, der lange in London gelebt hat, seinen Pastor-Onkel hier für ein paar Tage besuche ... jede Geheimtuerei erregt Argwohn ... die Unverfrorenheit ist mein bester Schutz.« Klaus warnte brüderlich. »Du hast ja die Mutter gesehen und deinen Zweck voll und ganz erreicht. Bleibe hier nicht länger, als durchaus notwendig! Das Kriegsgericht macht schnellen Prozeß.« Der Leutnant lehnte kurz ab, selbst der verständige Vater hielt es für unleidlich, gleich wieder Abschied zu nehmen. Im Familienrat wurde beschlossen, daß der Sohn als anglisierter Neffe Brodersen ein paar Tage dableibe, dreist das Fremdenzimmer beziehe und in der Oeffentlichkeit den Backenbart trage. Es waren einzige, innige Tage voll Sonnenschein und Liebe. Es kam zwar nicht zu einer Aussprache zwischen Bodil und Heimreich, aber er sah in ihren Augen den zärtlichen Schimmer der alten, seligen Zeit, in ihrem ganzen Wesen war ein neuer, sanfter, leise vergebender Zug, der mit seinen deutschen Schwächen und Insurgentensünden milde Nachsicht üben wollte. Wenn der Bruder unten in der Stube weilte, saß Hilde stets an der Tür wie ein Posten, um jede Ueberraschung zu verhüten. Trotzdem passierte das kleinere Malheur, daß ein Huhn in die Drangtonne stürzte, und das größere, daß die Magd Karen mit dieser Unglücksbotschaft auf Strumpfsocken – die Holzschuhe ließ sie draußen stehen – durch alle Zimmer rannte und in der Aufregung, ohne anzuklopfen, ins Krankengemach hineinstürzte und atemlos anfing: »Das schwarze Huhn ist ge-fal-fal-len ...« Wie aus den Wolken gefallen stand die rotbackige Magd, riß Augen, Mund und Nase sperrweit auf und gaffte entsetzt den Engländer mit dem Backenbarte an. Das war ja der Räuberkerl, der in der Mondnacht sie und ihren Niels mit dem Stock bedroht und von der Bank vertrieben hatte. Doch sie schwieg davon hübsch still, um nicht ihre nächtlichen Ausgänge zu verraten, und lief nach der Küche. Dort, von der Zungenlähmung sich erholend, lief ihr Mundwerk wie ein Mühlrad, im allertiefsten Vertrauen teilte sie der Großmagd, später auch der Botenfrau und am Spätabend ihrem Schatz, der als Knecht bei Rolf Krake diente, ihr Erlebnis mit. Währenddessen wurde in der Krankenstube Kriegsrat gehalten. Heimreich erzählte halb mit Lachen, halb mit Verdruß die Vertreibung des Liebespaares aus dem Paradies des Pfarrgartens. Hilde hielt es für das Klügste, Karen eine plausible Erklärung zu geben, ehe diese ein Geschwätz mache. Sie nahm die Jungmagd abseits und sagte ihr, der Neffe aus London sei spät nachts angekommen und in seiner Unkenntnis des Ortes durch die Hecke gedrungen, um an das erleuchtete Hinterfenster zu klopfen. Karen sagte Ja-a-ja-a, dachte sich aber ihr Teil und redete mit ihrem Niels darüber. Besonders der Umstand, daß sie wegen des Stelldicheins keine Schelte bekommen hatte, erregte ihren Verdacht, daß die Sache einen Haken habe und hier ein Rätsel zu ergründen sei. Rolf Krakes Knecht bestärkte am Abend ihr Mißtrauen und riet ihr, gut aufzupassen und den langen Laban mit dem Backenbart nicht aus den Augen zu lassen, denn der sei entweder ein Falschmünzer oder ein deutscher Spion. »Du mußt mal urplötzlich,« sagte der schlaue Niels, »aus Versehen und in aller Dummheit in die Giebelstube hineindringen und rasch Umschau halten, ob der Mosjö nicht Papiergeld macht oder Karten für die deutschen Aufrührer zeichnet. Wenn es gelänge, eine Geldmacher abzufassen, ließe sich ein schönes Stück Geld verdienen für deine Aussteuer.« Der Gedanke an die Aussteuer schärfte Karens Sinne und Schläue. Am nächsten Tage kurz vor Mittag horchte sie nach oben – der Kerl war noch im Giebelzimmer –, nahm sie geschwind Besen, Wischtuch und Schippe und rannte auf Strümpfen die Treppe hinauf. Heimreich strich just den Schnurrbart in die Länge, bürstete ein Stäubchen vom Rocke – um Bodils willen wurde so sorgfältige Toilette gemacht – und befeuchtete den falschen Backenbart mit Wasser, als die Tür aufging, Karen mit dem Besen in der Faust auf der Schwelle stand und ihn wie ein Gespenst anstierte. Der Engländer hatte den großen, gefährlichen Bart nicht im Gesicht, sondern in – der Hand und war ein alter, guter Bekannter. »Gott im hogen Himmel, datt is jaa unse Kandidaat!« Mehr konnte die verwirrte Magd nicht sagen, und weil sie mehr als genug gesehen hatte, verschwand sie im Nu. Heimreich begrüßte heute sehr verdrießlich die Seinen. »Die dumme Dirn hat mich ohne Bart gesehen ... was nun?« Da ist der längste Familienrat gehalten worden. Klaus empfahl schleunigste Abreise, und zwar mit der Eilpost. Auch der Vater unterschätzte nicht die Gefahr und sah keinen andern Ausweg. Doch die Kranke weinte und wehklagte: »Noch ein paar Tage muß ich meinen Jungen behalten ... die plötzliche Trennung würde mein Tod sein.« Der Vater, von der Angst um das Leben der Gattin und das Leben des Sohnes hin und her gerissen, sagte: »Ich glaube nicht, daß es innerhalb 24 Stunden in Norderhusen ruchbar wird, aber länger als bis morgen abend darf er auf keinen Fall hier bleiben. Mein Sohn, tua res agitur ... dein Schicksal ist's, und dein ist die Entscheidung.« »Gut! Morgen abend um 9 Uhr trete ich den Marsch an. Wenn die Magd zuverlässig ist, muß ihr striktes Schweigen über meine Anwesenheit auferlegt werden.« Erst morgen abend kam Bodil wieder, um Hilde abzulösen, darum war es ihm unmöglich, sich heute von der Heimat zu trennen. Klaus wußte das auch, schaute einen Augenblick ins Leere und bot dann mit Eifer seine Dienste an. »Ich werde es Karen beibringen, daß sie den Mund halten soll, das muß man nicht direkt, sondern diplomatisch machen.« Der Agrarier war im Verkehr mit Dienstboten gewitzigt und für die Mission wohl geeignet. Heimreich dankte seinem Bruder sehr herzlich. Nachmittags vier Uhr ging die Magd in den Stall, um ihre zwölf Kühe zu melken. Während die Milch in den Eimer strullte, kehrte die Rotbunte den Kopf und betrachtete zärtlich die Melkerin, als wenn's ihr Kälbchen wäre. Die Magd schielte unter dem Kopftuche nach dem Gange, wo der junge Herr stehen blieb. Der war wohl bange, daß nicht rein gemolken würde. O nein, der grüßte gegen seine sonstige, kurz angebundene Art und sagte leutselig: »Schafft's in den Eimer?« »Jaa, fif Kannen gibt se.« »Na, min Dirn, hest du all en Brüdgam?« Sie kicherte und wurde klatschrot. »Niels will mi heiraden, awer ick weet noch nich, ob ick will, denn he hett nix und ick heff nix, und null mal null makt null.« »Dirn, du kannst fix reknen, und Geld magst du liden.« So ging's ein Weilchen weiter, Klaus fing natürlich, wie die Bauern, mit dem Schwanze an, wenn er von der Schnauze sprechen wollte, und sagte dann unvermittelt und unvermutet: »Du hast meinen Bruder gesehen? Was hast du dir dabei gedacht?« »Dabi kann man sich en ganz Del denken. He hett woll en guden Grund, den Engländer to speien und sich den gräsigen Bart in't Gesicht to kleben.« »Watt du för en Klogschnacker büst!« Klaus lehnte sich an die Kuh und dämpfte die Stimme. »Laß das Strippen und höre mit beiden Ohren zu! Der Kandidat dient ja bei den Schleswig-Holsteinern und darf nicht hier sein ... wenn er geklaut wird, muß er bös brummen. Du weißt natürlich, wenn du ihn beim Amtmann anzeigst, kannst du ein schön Stück Geld – ich meine zweihundert Taler sind's – verdienen.« Klaus schielte nach dem Kopftuch und beobachtete die Wirkung seiner Worte, die Gier im heißen Gesicht der Magd. Zweihundert Taler! Ihr schwindelte. »Wehe uns, wenn Rolf Krake wüßte, was du weißt, meine Dirn, der liefe ja im Galopp noch Norderhusen, um das Geld zu verdienen. Aber du wirst hübsch den Mund halten und Rolf Krake nichts sagen ... du wirst auch nicht selbst bei dem Amtmann Anzeige erstatten und meinen Bruder ins Unglück bringen. Versprich mir das, min Dirn!« »Nee, ick do datt nich, darup swör ick mit Finger und Fäuten.« »Schöin, du büst en ganz Kloke.« Der junge Fangel hatte seine diplomatische Mission ausgerichtet; kein Vater und keine Mutter, kein Mensch und kein Gott konnten ihm vorwerfen, daß er seine Bruderpflicht nicht erfüllt habe. In der Magd war die Habgier geweckt. Karen molk die letzten Kühe nicht rein und war völlig konsterniert. Die zweihundert Taler, welche die Anzeige einbringen sollte, die zweihundert, die für eine arme Melkerin ein Vermögen bedeuteten, berauschten ihr Gehirn, betäubten ihr Gewissen. Sie konnte ja gut rechnen und kalkulierte also: Rolf Krake soll das viele Geld nicht verdienen ... ich habe eine gute Herrschaft und wäre eine schlechte Person, wenn ich die Anzeige erstatten würde ... aber mein Niels kann zum Amtmann gehen und das Geld verdienen, denn der hat weder mit Händen noch Füßen geschworen. O Menschenseele, du bist ein geborener Sophist und Jesuiter. Punkt 10 Uhr ging Pastor Fangel durchs ganze Haus, verschloß und verriegelte alle Außentüren. Seine kranke Frau hatte heute viel weniger Fieber und phantasierte gar nicht mehr, wurde vom Husten wenig geplagt und wollte immerzu die Stimme ihres Sohnes hören, der von der Mordnacht bei Friederizia und von der Tapferkeit seiner Armee erzählte. »Solange wir ein solches Heer besitzen, ist Schleswig-Holstein nicht verloren.« Das wollte die deutsche Frau immer wieder hören und wurde nicht müde, an der Verstärkung der Bataillone, an der Statistik und Strategie des Jägerleutnants sich zu erbauen. – – Die Kirchenuhr schlug zehn. Hilde trat ihre Nachtwache an. Die Lampe erlosch, das spärliche Nachtlicht brannte auf dieser Seite des Bettschirms, und bei dem trüben Scheine las die Krankenpflegerin mit großen Augen und glühenden Wangen eine kurze Notiz im Altonaer Merkur. »Ein neuer Stern am Geigenhimmel! E. Olsen, ein neuer Geigenvirtuos, der in Dänemark bei seinem ersten Debüt Aufsehen erregte, hat in Stockholm in Gegenwart des Königs und des Hofes mit solchem Erfolg gespielt, daß die Franzosen des Nordens ihm die Pferde ausspannten und der Nachfolger Bernadottes ihm den Wasa-Orden verlieh.« Sie hatte von dem erfolgreichen Geiger zu ihrem Geburtstag einen Glückwunsch erhalten und wußte, daß E. Olsen der Künstlername des braven Eskild Thorö sei. In dem Augenblick schlüpfte Karen auf dem üblichen Wege durchs Kammerfenster zu ihrem Niels, der auf der Gartenbank seine Pfeife schmauchte. Das eifrige Geflüster endete mit einem schmatzenden Kuß. »Nee, min Söte,« sagte Niels pfiffig, »du hest mi gor nix segt, ick weet sülber, watt ick to dohn heff.« Der Knecht war in seinen Augen ein sehr gescheiter Kerl. So, wie er ging und stand, in Holzschuhen lief er nach Norderhusen. Die gähnenden Schreiber im Amthause warfen den verrückten Lümmel, der durchaus »ihn selber« – den Amtmann nämlich – sprechen wollte, zweimal hinaus. Niels kam, beharrlich wie ein Jude, zum dritten Male, wollte sich nicht von einem Schreiber das Geschäft vor der Nase wegschnappen lassen und daher nicht verraten, was er »ihm selber« zu sagen habe. Als schließlich eine Schreiberfaust ihn packte, fing er an zu schreien, es sei ein Spion in Hyllerup. Da horchten die Schreiberohren, und die Schreiberhände ließen von ihm ab. Niels durfte dem Herrn Amtssekretär, den er für »ihn selber«, für den König von Norderhusen hielt, sein Herz ausschütten. – – Die Drescher in Hyllerup gingen schwerfällig heim, die Nacht mit ihrem Dunkel verhüllte das Dorf, in dem sparsamsten Hause, das am längsten Schummerstunde hielt, flammte ein Talglicht auf. Im Pfarrhaus brannten schon lange die Rüböllampen. Heimreich hatte alle Vorbereitungen für die Reise getroffen, die halbe Ente und die halbe Flasche Wein, auch ein Dutzend Visitationszigarren, die der Vater ihm brachte, in die Taschen des Ulsters gesteckt, auch die Bartkoteletten festgeklebt und wartete nur auf Bodils Ankunft. Er mußte auf jeden Fall warten, um ihr Lebewohl zu sagen. »Das ist ihr Schritt!« Er kannte ihn unter tausenden und lächelte ihr entgegen. Sie kam hastig, im langen, weiten Mantel, die Kapuze über den Kopf gezogen, drückte ihm die Hand und stieß die Worte heraus: »Ich ... ich habe eine innere Angst ... eine Unruhe, als wenn ein Unglück drohe ... der Amtspolizist lief mir über den Weg, da fuhr ein Schreck in mich hinein ... verlassen Sie schleunigst das Haus und das Dorf auf dem Fußsteige!« Er sagte leise: »Ja, ich gehe ... mit oder ohne Hoffnung, Bodil?« Sie antwortete, unter Tränen lächelnd: »Ohne Sie ist es Kampf und Qual, wie mein Herz erfuhr ... darum gehen wir mit Hoffnung voneinander.« Heimreich küßte ihre Hand und kniete am Bett der Mutter, die ihn nicht lassen konnte und ein paar Minuten lang an sich preßte. Zwei verhängnisvolle Minuten! Klaus hatte beim Schein der Stallaterne den Hafer zugemessen und trat in den dunklen Hof hinaus, meinte zwei verdächtige Gestalten an der Gartentür zu sehen und stürzte darauf los. »He, was ist gefällig?« Allmächtiger! Seine Knie knickten. Der eine war der Amtspolizist, der andere ein Gendarm aus Norderhusen, und noch ein drittes Subjekt mit Polizeimütze und Plempe stand drüben unter der Haustür auf Posten. Klaus zitterte, und eine Stimme in ihm schrie: Du bist der Schuldige, der Schurke, der Bruderverräter und Brudermörder! Er mußte Heimreich retten und den Schergen entreißen. Die drei Hüter des Gesetzes hatten blank gezogen und sagten barsch: »Wir sollen den Kandidaten Fangel, den Insurgentenhund, der hier spioniert, verhaften.« Klaus wollte diplomatisch sein und griff in seiner Bestürzung zu einer plumpen Lüge und List. »Ich halte es nicht mit den Insurgenten ... so wahr ich ein Südjüte bin, ist mein Bruder nicht hier, son – sondern auf Hyl– hylleruphof ... laufen Sie dahin, meine Herren ... ehe er verschwindet ... er will dort Adieu sagen.« Die Gendarme durchschauten den verstörten, stotternden Burschen und lachten: »Sagen Sie Ihrem Bruder auf Hylleruphof, er solle es sich bequem machen, während wir im Pastorat eine kleine Visite machen.« Klaus schwankte nach der Tenne, wo er auf einen Sack sich hinwarf und in Judasverzweiflung den Strick der Winde, die das Getreide auf den Boden hißte, anstarrte. Der eine Gendarm ging in den Garten und stand unter den Fenstern dieser Hausseite mit gezücktem Schwert. Der Amtspolizist bewachte die Hofseite, und der zweite Gendarm trat ins Haus, um die Verhaftung zu vollziehen. Pastor Fangel erbleichte, faltete die Hände und blickte nach oben. Hilde schrie mit Schreckensmiene: »Heimreich, fliehe, fliehe!« Der Gendarm, im vollen Bewußtsein seiner hohen politischen Mission, wollte zeigen, daß er seiner großen Aufgabe und seinem königlichen Amte gewachsen sei, nahm das Schwert in seine Linke und legte feierlich die Rechte auf die Schulter des backenbärtigen Herrn. »Im Namen des Königs, Sr. Majestät Friedrichs VII., von Gottes Gnaden König von Dänemark, Südjütland und Holstein, Herr der Wenden und Gothen, verhafte ich Sie, Heimreich Karl Valentin Fangel.« »Gut, ich gehe mit.« Der Verhaftete zeigte eine stoische Ruhe. Bodil Hansen trat vor, mit blitzenden Augen, in imponierender Haltung, als wenn sie hier zu befehlen habe. »Sie kennen mich, Herr Gendarm, ich bin die Tochter von Hylleruphof, auch der Amtmann kennt mich als Patriotin, die manches für die dänische Sache getan hat und ganz gewiß nicht einen elenden Insurgenten protegieren wird. Dieser junge Herr ist heimlich und in Zivilkleidung nach Hyllerup gekommen, um seine todkranke Mutter noch einmal zu sehen ... das ist ein menschlich edler Beweggrund, und darum ist er des Mitleids wert.« Der Gendarm lamentierte: »Nee, ich darf ihn nicht laufen lassen, und wenn Sie mir tausend Taler gäben.« »Sie mißverstehen mich gänzlich ...ich wäre die Letzte, die einen Insurgenten entwischen ließe ... um den Transport Ihnen zu erleichtern und ein Entweichen unmöglich zu machen, stelle ich Ihnen einen Wagen von Hylleruphof zur Verfügung ... aber wir müssen ein rein menschliches Mitleid mit dem Manne haben, Sie müssen ihm vergönnen, ungestört von seiner sterbenden Mutter Abschied zu nehmen. Auch Sie müssen eine kleine Stärkung und Erfrischung zu sich nehmen, hier in der Stube neben dem Krankenzimmer – Hilde, bring' einen guten Imbiß und die Kümmelflasche! –, während der Wagen geholt wird, lassen wir ihn mit seiner sterbenden Mutter allein fünf bis zehn Minuten... Sie müssen keine Menschengefühle in der Brust haben, wenn Sie das nicht erlauben. Ein Gendarm kann sich ja draußen vors Fenster hinstellen, um jede Flucht unmöglich zu machen.« »Hihi, der steht schon da, wir wollen nicht die Dummen sein ... aber das geht nicht...« »Überzeugen Sie sich, daß das Schlafgemach nur diesen einen Ausgang hat! Diese Tür hier bewachen Sie, vor den Fenstern draußen steht ein Posten ... ich will mich verhaften lassen, wenn etwas passieren kann.« Bodil sagte es mit der allerfreundlichsten Stimme, aber in ihren Augen war ein verstohlenes Gefunkel. Hilde kam mit dem Imbiß und der vollen, verführerischen Flasche, danach der Gendarm lüstern schielte. Die Flasche besiegte seine letzten Bedenken. Er setzte sich an den Tisch, so daß er die Tür stets vor Augen hatte, und hieb mit Eifer in die Butterbrote hinein. Bodil ging ins Schlafgemach, lächelte dem Gendarm zu: »Ich weiche nicht von der Seite des Arrestanten und werde gut aufpassen, daß er nicht eine Tarnkappe anzieht und durch die Luft reitet«; und sie machte die Tür hinter sich zu. Die im Krankenzimmer stehen, blicken sich an. Jungfer Hansen spricht leise, aber im raschen, resoluten, befehlenden Ton: »Hier geht's um ein Menschenleben ... wo Not am Mann, ist jede Rücksicht und Ritterlichkeit, jedes Zögern und jede Ziererei eine Torheit, ja eine Todsünde. Sie ziehen meinen Mantel und meine Kapuze an und halten schluchzend das Taschentuch vor den Mund, um den Schnurrbart zu verdecken! Reißen Sie den Backenbart herunter, den ich mir ins Gesicht klebe! Geben Sie mir Ihren Ulster, Ihren Hut! Aber hier hinter dem Bettschirm muß die Verwandlung geschehen, damit der Nachtwächter vor dem Fenster nichts erspäht. Keine Widerrede, kein unnützes Wort dulde ich, mein Wille ist unwiderruflich, keine Sekunde darf verloren gehen, bei meinem Zorn. Ziehen Sie meinen Mantel an!« Er hätte vor ihr knien mögen und hebt die Hände. »Man wird Sie verhaften, Bodil, und an Ihnen Rache nehmen. Sie handeln groß, ja heldenhaft, und ich soll klein und kläglich mich saldieren und Sie meinem Schicksal überlassen.« Bodils Gesicht hat einen harten, aber heroischen Zug, ihre Stimme ist scharf, nur ihre Augen lügen nicht und leuchten in jener Liebe, die für den anderen ihr Leben läßt. »Ich will es! Heimreich, ich will Sie lieb haben, doch nur, wenn ich in diesem Stück meinen Willen, meinen Trotzkopf, meinen Eigensinn durchsetze.« Er gehorcht. Die lächerliche Metamorphose wird vollzogen, aber keiner verzieht eine Miene, obgleich das Bild urkomisch und Bodil in Hut und Ulster und mit den Bartkoteletten im Gesicht zum Tränenlachen, ja zum Totlachen ist. Alle bleiben tiefernst, und die zwei fangen an zu schluchzen, um ihre Rolle möglichst naturgetreu zu spielen. Bodil geht, den Hut im Nacken, den Backenbart streichend, im Zimmer hin und her, damit der Polizist da draußen, der bisweilen seine Nase argwöhnisch an die Scheibe drückt, sich von der Anwesenheit des Insurgenten überzeugen könne. Nur einmal unterbricht sie die Wanderung, um Heimreich bis zur Tür zu begleiten. Ihr klopfendes Herz steht still. Hilde geht schluchzend über die Schwelle, kehrt sich halb um und sagt erschüttert: »Gott sei mit dir, mein armer, armer Bruder! Komm, Bodil, komm!« Der Gendarm am Tische hat die halbe Flasche geleert, kaut eifrig und schielt über das Glas. Alles in Ordnung! Die beiden heulenden Frauenzimmer nehmen Abschied von dem deutschen Spion, der in und halb hinter der Tür bleibt und an dem riesigen Backenbart kenntlich ist. Heimreich, im langen Frauenmantel, die Kapuze über die Stirn gezogen, hält das Taschentuch vor den Mund und weint. »Lebe wohl, Bodil!« Er hat schnell, anstatt des Engländers, die Worte gesprochen, reißt sich mit einem Seufzer los und schwankt, gebeugt, das Gesicht ins Taschentuch gepreßt, Arm in Arm mit Hilde aus der Stube. Der Gendarm führt in dem Moment das Schnapsglas zum Munde, schielt den Weibern nach, die ihres Weges gehen können, wenn nur die Hauptperson da drinnen bleibt. Er schenkt das Glas noch einmal voll, rülpst ein paarmal und kann doch nicht das schöne Stück Schinkenbrot stehen lassen. Das soll und muß noch herunter. Hilde und ihr Begleiter öffnen die Haustür, sprechen ein stilles Stoßgebet und gehen Arm in Arm an dem hier postierten Gendarm vorbei. Die eine Dame schluchzt ins Taschentuch hinein, die andere kreischt: »O mein armer, unglücklicher Bruder, er ist un-unschuldig.« Der Gendarm läßt ohne Argwohn die zwei Frauensleute passieren. Auf dem Hofe hält Heimreich die Schwester, die jetzt rasche Schritte machen will, am Arme zurück und flüstert: »Nein, langsam und laut gestöhnt, um keinen Verdacht zu erregen!« Auf der Gasse, wo der Fußsteig querfeldein abzweigt, wird ein rascher Kuß gegeben, und in voller Karriere rast die eine Dame von dannen. So hat noch nie ein Weib mit den Beinen ausgegriffen und den Mantel hochgerafft, um über Gräben, Holzstege und alle Hindernisse hinwegzusetzen. Der Atem keucht, die Milz sticht, das Tempo wird gemäßigter. Eine solche Retirade hat dieser cimbrische Held in allen seinen drei Feldzügen weder vorher noch nachher gemacht. Nach einer Meile muß er sich verschnaufen und an ein Hecktor sich lehnen. Hier mitten auf dem Felde, mitten in der Nacht, in Weibermantel und Weiberkapuze, hat er nur eine Sehnsucht, einen Schrei – nach einem Hute, einer Mütze. Ein Königreich für eine männliche Kopfbedeckung! Man wird ihn scharf verfolgen und auf den vermeintlichen Spion fahnden lassen. Schnell weiter gen Süden! Aber in diesem auffallenden Gewand? Durch den Knick blinzelt ein Lichtschimmer, ein Stern ist dem Flüchtling aufgegangen; denn dort im Kirchdorfe A. wohnt der Pastor G., ein deutscher Mann, den er kennt. Heimreich schleicht sich um das Haus herum und klopft an das Fenster der hell erleuchteten Studierstube. Pastor G. fürchtet sich vor dem langen Frauenzimmer, das in so ungewöhnlicher Weise Audienz begehrt, und öffnet vorsichtig einen Fensterspalt. Heimreich schiebt geschwind die Hand zwischen Fenster und Rahmen, um Zeit für seine Erklärung und Bitte zu gewinnen. Der Pastor ist ein sehr ängstlicher Herr und klagt mit zager Stimme: »Sie bringen mich in eine furchtbare Lage ... ich werde wegen Begünstigung eines kriminell Verfolgten bestraft werden und mein Amt und Brot verlieren.« »Nein, nur einen Hut verlieren Sie, und das nicht mal, da ich ihn bezahlen will.« Diese kühle Antwort und ein kalter Zugwind kommt von draußen. Der Pastor, der in dem allergeringsten Zugwind den Odem einer Krankheit und einen Hauch des Todes spürt, eilt an den Ständer, reißt die erste beste Kopfbedeckung herunter, reicht sie hinaus und schlägt das Fenster zu. Aber zwei Minuten später kommt ihm eine sehr schmerzliche Erkenntnis: In der Aufregung hat er seinen funkelnagelneuen Zylinderhut, der fünf Taler gekostet hat und nur einmal getragen worden ist, verschenkt, hat er buchstäblich fünf Taler aus dem Fenster geworfen! Fangel wendet sich gen Westen, wirft bei Tagesanbruch Bodils Mantel fort und wandert viele Meilen bis nach Tondern, den feinen, feierlichen Hut auf dem Haupte, so daß die witzigen Wegfahrer ihn für einen Probenreuter halten und ironisch fragen, wo er seinen Gaul versetzt habe. Von Tondern aus wird die Post benutzt und vermindert sich die Gefahr mit jedem Meilensteine. Später hat er erfahren, daß zwölf berittene Gendarme alle Landstraßen und Königswege zwischen Hadersleben und Flensburg durchstreift und einen gewissen Kandidaten Fangel wie eine Stecknadel gesucht hatten. Der kluge Umweg über Tondern war seine Rettung gewesen. – Hilde wankte nach dem Abschied vom Bruder ins Pfarrhaus zurück, ihr graute bei dem gräßlichen Gedanken, daß die hochherzige Bodil an des Flüchtlings statt ergriffen und – erschossen werden würde. Bodil selbst hatte noch immer den heroischen Ausdruck und die trotzig stolze Haltung, während sie mit Absicht möglichst lange, um den Vorsprung zu verlängern, im Krankenzimmer mit harten, männlichen Schritten auf und ab ging, damit der Polizist im Garten stets den Delinquenten sehen könne. Dieser Herr wurde allgemach ungeduldig und stampfte mit den kalten Füßen. Der Gendarm im Zimmer dagegen hatte viel Zeit und Langmut und war in jene humane Stimmung, wo man alle Menschen Brüder nennt und von Herzen lieb hat, hineingeraten. Der Montblanc von Butterbroten war verschwunden und die Flasche mehr als halb geleert. Sein Antlitz glänzte und leuchtete, er schielte nach der Flasche und schenkte sich ein letztes und noch ein allerletztes Glas ein. Als er einen Wagen im Hofe holpern hörte, öffnete er die Tür des Krankenzimmers. »Mein lieber Herr Fangel, Sie müssen mir lassen, daß ich Ihnen einen langen Abschied erlaubt habe ... nun müssen Sie nett mitgehen, ohne Fisimatenten oder Fluchtversuche zumachen.« Bodil zog in dem Moment den Ulster aus und riß den Backenbart herunter. »Verzeihen Sie die Komödie und Maskerade! Ich mußte dem jungen Fangel forthelfen ... warum ist meine Sache ... ich fahre mit Ihnen nach Norderhusen, um die ganze Verantwortung zu tragen.« Der Gendarm taumelte zurück, verfing sich mit den Sporen im Teppich und fiel buchstäblich auf den Rücken. Feuerrot, mit Prusten und Schnauben kam er auf die Beine. »So'n infames Weibsbild! Die falsche Kröte hat mit einem Königlich dänischen Gendarm zu Pferde Komödie gespielt. Ich verhafte Sie, Sie niederträchtiges Frauenzimmer! Mein Arrestant sind Sie! Ich – ich binde Sie am Wagen fest.« Bodil hatte einen hochfahrenden Blick und eine scharfe Stimme. »Ich bin Jep Hansens Tochter und als gute Dänin in Norderhusen bekannt. Wenn Sie mich beschimpfen, wird es Ihnen zwiefach übel ergehen. Wofern ich verschweigen soll, daß Sie sich durch eine Flasche Branntwein verleiten ließen ...« Der arme Kerl bekam einen Wutanfall, verfluchte die Buddel, die ihn zum Dummen gemacht habe, und schmetterte die Flasche in Scherben, glotzte aber dann die über den Fußboden fließende Flüssigkeit wehleidig an, als wenn das verschüttete, seine Bestimmung verfehlende Feuerwasser ihm in der Seele leid täte. Das Zertrümmern besänftigte den Wütigen, der jetzt kleinlaut wurde und in Jammertönen immer wieder erzählte, daß er eine Frau und fünf Kinder habe. »Kommen Sie! Ich bringe Sie nach der Stadt,« sagte das energische Fräulein. »Sie – Sie – brin-gen mich?« Das war für das Fassungsvermögen des Königlichen eine Umkehrung aller polizeilich geschützten Weltordnung. Also ist Bodil Hansen, von zwei Gendarmen begleitet, nach Norderhusen gefahren. Hier gab sie im Verhör die Erklärung ab, daß sie aus rein menschlichen Beweggründen die Flucht begünstigt habe, dieweil der junge Fangel in keiner Weise ein Spion, sondern nur nach Hause gekommen sei, um seine todkranke Mutter noch einmal zu sehen. Sie wolle für ihre Tat büßen und bitte um gnädige Strafe. So selbstbewußt und ruhig, wie ihre äußere Haltung, war ihr Inneres bei weitem nicht, denn ihr graute vor dem abscheulichen Gefängnis mit dem ekelhaften Ungeziefer. Wenn sie nicht die Tochter des reichen Jep Hansen und eine bei patriotischen Sammlungen bewährte Dänin gewesen wäre, so wäre es ihr recht übel ergangen. Sie wurde glimpflich mit einer Geldbrüche von fünfundzwanzig Talern bestraft. Die Dänen waren sehr rücksichtsvoll, um nicht ein weibliches, wertvolles Mitglied ihrer Partei zu vergrämen und zu verlieren. Und dennoch wurde die tragikomische Maskerade im Sterbezimmer der guten Pastorin – die allerdings gar nicht starb – Anlaß und Ursache, daß Bodil ihre politischen Anschauungen modifizierte und allmählich dem fanatischen Südjütentum verloren ging. So diplomatisch die gebildeten, die Beamten-Dänen zum bösen Spiel eine süßsaure Miene gemacht hatten, so rücksichtslos und roh hat das gemeine Volk der Bauern und Knechte sich betragen. Bodil erfuhr an ihrem Leibe die ganze Brutalität des Fanatismus und die bittere Wahrheit des Wortes: Verfolgung, Haß und Leiden, Davon ich nichts verschuld't, Hab' ich doch müssen leiden Und tragen mit Geduld. Die Leute auf der Dorfgasse grüßten nicht, sondern machten ein höhnisches Gesicht und redeten hinter ihr so laut, daß sie es hören mußte: »Ach Gott, wie hochnäsig! Die sollte lieber, als auf der Straße strunzen, ihre Schande verstecken. Das ist die schamlose Person, die sich ausgezogen, die blau-weiß-rote Uniform angezogen und dem »verschworenen« Pastorsohn ihre Kleider und Röcke gegeben hat ... pfui, pfui über die schamlose Person!« Jep Hansens charakterstarke Tochter hätte vor Weh laut schreien, vor Wut die Lästermäuler schlagen mögen. Es kam noch ärger. Rolf Krake begegnete ihr am Sonntag auf dem Kirchwege und grüßte, ja er grüßte zu ihrer Verwunderung sehr höflich, aber sofort rief er hämisch: »Bodil, singe mal Schleswig-Holstein meerumschlungen! Du sollst dich ja fleißig üben, das Insurgentenlied zu singen ... soll ich Vorsänger sein?« Und Rolf Krake trällerte die Travestie: »Sleswig-Holstein annektiert, Und der Herzog ganz kassiert, Sleswig-Holstein stammverwandt, Du wirst nie mein Vaterland.« Bodil mußte von Stund an das ihr so teure Gotteshaus meiden, denn das Kichern und Flüstern, das Sichanblicken und Sichanpuffen und die halblauten, spinösen Bemerkungen der Kirchgänger waren ihr unerträglich. O, zum Lohn für ihre dänische Gesinnung erfuhr sie eitel Haß, Hohn und Verfolgung – jede Stichelei versetzte ihrem Herzen einen häßlichen Stich, aber auch einen heftigen Stoß, der ihre Anschauung ins Wanken brachte. Die Hylleruperinnen, die schon lange die reiche und stolze Hofbesitzertochter mit scheeler Mißgunst angesehen hatten, waren rein des Teufels und die fanatischen Weiber zu Furien geworden. Die zahnlose Malehn, die Katzen-Anna, die Klatsch-Trine und viele von gleichem Kaliber liefen und schrien und schimpften ihr nach auf offener Landstraße. Jep Hansens mutige Tochter rannte weinend nach Hause, um nicht in die Hände der Megären zu fallen. Selbst in ihrem eigenen Hofe war sie vor Gemeinheiten nicht sicher. In der Nacht hatten böse Buben eine blau-weiß-rote Fahne auf die weiße Außenwand des Hauses hingemalt und darunter mit unbeholfenen Buchstaben geschrieben: »Die blau-weiß-rote Bodil, die deutsche Insurgentenbraut.« O, das war böse und bitter genug, um am Dänentum irre zu werden; aber nein, nein, eine Deutsche war sie nicht, durch dänische Pöbeleien ließ sie sich nicht ins deutsche Lager treiben. Alle Menschen behandelten Bodil wie eine Abtrünnige, eine Überläuferin, alle mißdeuteten ihren mutigen Maskentausch im Pastorate, alle Zungen fielen mit boshaften Ent- und Unterstellungen über sie her. Das war der Dank, den ihr Dänentum erntete. Die Jungfer von Hylleruphof sprach fortan nicht mehr von politischen Dingen und sagte nur mit aller Schärfe, daß sie den Fanatismus in jeder Form verachte und verabscheue. Obgleich sie mit dem ganzen Stolz ihrer Seele die Verkennung und Verleumdung ertragen wollte, hatte doch ihr Dänentum, ihr Dänenglaube einen tiefen Riß, ja einen tödlichen Stoß bekommen, und die wüsten Fanatiker hatten eine Decke von ihren Augen gezerrt, so daß sie jetzt mit geschärftem Blick die vielen Untugenden und Fehler, Torheiten und Rücksichtslosigkeiten der Dänen, kurz die maßlose Ungerechtigkeit dieses Volkes, die Schleswig-Holstein empört und zum Bruche gezwungen hatte, sah und erkannte. Auch in diesem starken Mädchenherzen war eine ungeheure Empörung, als wenn sie hassen müßte, was sie geliebt hatte, aber eine Abtrünnige, eine Deutsche werden? Nein, eine Deutsche ist Bodil nicht und kann Bodil nicht werden. – Ein anderer Bewohner von Hyllerup war auch auf dem besten Wege, seine Ueberzeugung wie ein Hemd zu wechseln, Rolf Krakes Knecht verfluchte alle Dänen und verschwor sich in seinem Zorn, daß er noch ein »verschworner« Insurgent, ein Aufrührer und Umstürzler werden würde. Auf jeden Fall müßten der Amtmann und der Amtssekretär vom Volke geköpft und gevierteilt werden. Dieser Mann, der schlaue Niels, war auch durch den rabenschwarzen Riesenundank der Dänen, wie er glaubte, zur Empörung und dem Aufruhr in die Arme getrieben worden. Nachdem er im Amtshause seine Anzeige erstattet hatte, fragte er den Sekretär, wo ihm die zweihundert Taler ausgezahlt werden würden; worauf dieser Herr ein gar kurioses Gesicht machte und sich eingehend nach seinem Gesundheits- und Geisteszustande erkundigte. Als Niels in schwere Besorgnis um sein vermeintlich verdientes Geld geriet und zu brüllen anfing, daß er seine zweihundert Taler Prämie für Entdeckung eines Spions sofort haben wolle und sich nicht von einem Sekretär begaunern lasse, schrie der Beamte grob: »Sie dummer Lümmel, keinen roten Schilling kriegen Sie ... wir besitzen keine Fonds für Esel und Idioten ... gehen Sie ins Narrenhaus!« Der erboste Knecht langte über den Tisch, packte den Kerl von Federfuchser, der furchtbar quiekte, am Kragen, wurde aber von den herbeieilenden Schreibern sehr unsanft umarmt, mörderlich gepufft und geprügelt und mit einem Wurfe – eins, zwei, drei – auf die Straße befördert. Der unglückliche Denunziant hinkte in kläglichster Gemütsverfassung heimwärts. Den langen Hin- und Hermarsch, mitten in der Nacht zum Teil, hatte er gemacht, Brot und Kaffe aus seiner Tasche bezahlt, und keinen Heller, geschweige denn die zweihundert erhofften Taler, hatte man ihm vergütet. Das höhnische Grinsen, die grausamen Hiebe der Schreiber waren sein Lohn gewesen, seine müde Haut hatten sie ihm grün und blau geschlagen. Der heimwärts humpelnde Niels hatte wohl Ursache, über Niedertracht zu klagen, und wurde auf dem Wege ein grimmiger Dänenhasser und ein eingefleischter Insurgent. Nach seiner elenden Heimkehr trank er im Krug zu Hyllerup etliche Kaffepünsche, seiner Seele zur Tröstung, und beim vierten Punsche fing er laut an zu gröhlen. Das Gröhlen war ja die Regel, aber das Ungewöhnliche war, daß er aus purer Wut, um seiner Erbosung und Empörung, seinem inneren Aufruhr Luft zu machen, »Schleswig-Holstein meerumschlungen« sang. Da fielen Wirt und Gäste einmütig über ihn her und verprügelten ihn jämmerlich. In solcher Stimmung, krumm und lahm geschlagen, kam er zum Stelldichein. Seine Karen hatte auf der Gartenbank schon lange gewartet und lief ihm mit ausgebreiteten Armen und hastigen Fragen entgegen: »Min söte Niels, hest du de twe hunnert Daler?« »Ick will di söten, du Racker! Ken Sößling ... Hohn und Schimp, Släg und Haue heff ick kregen, datt ick knapp krupen kann. Du, du hest mi för'n Burn holen, du hest mi tom Narren makt ... daa, daa hest du din twe hunnert Daler, du Nickel!« Einen Hieb hatte sie weg, und hundert mörderliche Prügel hätte Karen bekommen, wenn sie nicht in schleuniger Flucht Rettung gesucht und gefunden hätte. Tiefsinnig und die Tränen trocknend, hockte sie in ihrer Kammer. Die schmähliche Denunziation hatte ihr nicht die ersehnte Aussteuer und Heirat gebracht, sondern eitel Unheil angerichtet, hatte Niels Liebe in Haß verwandelt und ihre gute Hoffnung, eine Frau Niels zu werden, ganz zerstört. In ihrem Aerger kündigte sie ihre Stellung zum 1. April, um nach Amerika zu gehen. »Ist dir der Platz im Pastorat nicht gut genug?« sagte Klaus Fangel verdrießlich, denn die Magd war eine tüchtige Melkerin. »Das wohl, aber ich bin nicht gut genug für den guten Platz und die gute Herrschaft.« Die Magd Karen war aufrichtig genug, in ihrem Inneren zu fühlen, daß sie nach ihrem schändlichen Verrat bei dieser Brodherrschaft nicht bleiben könne. – Klaus hatte in jener verhängnisvollen Nacht auf dem Hafersack gesessen und böse Beklemmungen gehabt, war aber seelisch sehr erleichtert worden, sobald er die glückliche Flucht seines Bruders erfuhr. Zwar bereitete Bodils entschlossene und drastische Beihülfe ihm ein tiefgehendes Unbehagen, trotzdem dankte er seinem Gott, daß Heimreich nicht auf dem Festungsglacis erschossen worden sei. Er ging ins helle Zimmer und glaubte, daß seine Eltern ihn mit einem eigentümlichen Blick musterten. Es war ja pure Einbildung, wurde aber fast zur fixen Idee, denn oft, ja immer hatte er jetzt das scheußliche Gefühl, als wenn große, vorwurfsvolle Augen auf ihm ruhten. Ein paarmal fuhr er völlig unmotiviert seine Schwester an: »Was guckst du?« Und Hilde wußte gar nicht, was sie getan habe. Klaus nahm immer mehr die üble Gewohnheit an, seine Angehörigen nicht anzusehen, wenn sie mit ihm sprachen, und die Mutter schüttelte den Kopf und schalt: »Mein Sohn, du wirst ein sogenannter Lurenbrock.« Die totkranke Pastorin, die nach dem Edikt des Physikus unbedingt hätte sterben müssen, starb nicht, sondern erholte sich von dem perniziösen Nervenfieber, was bei ihrem Alter in den Augen der Leute ein reines Wunder war, jedoch mit dem Unterschiede, daß der Pastor von einem Mirakel des Herrgotts, der Doktor aber von einem Wunder der ärztlichen Kunst sprach. Die Frau selbst glaubte, daß sie sich an ihrem Sohne Heimreich gesund gesehen und gesund geküßt habe. Zum ersten Male saß sie in angenehmer Rekonvaleszenz am Fenster im Lehnstuhl, ließ sich von den Strahlen der wärmer werdenden Sonne bescheinen und blickte in den Garten, wo der neue Lenz des Jahres 1850 leise sich regte und die ersten Krokus aus der Erde sprangen. Mitten im süßen Genesungsgefühl kam das alte, kalte Grauen, das über dem Pfarrhause lange lag. »Mein Sutor, das alles müssen wir wohl verlassen, ehe die Spargel schießen und die Syringen blühen.« Der Pastor erwiderte: »Wie lange habe ich alle Morgen den bösen Brief mit meiner Entledigung erwartet! Wie lange hängt das Unwetter über unserem Haupte, aber der Blitz fährt noch nicht hernieder! Vielleicht hat man mich und meine Entlassung ganz vergessen.« »Nein, der Däne vergißt nimmermehr seine Bosheit, speichert und spart sich seine Rache nur auf, bis seine Stunde kommt.« Obgleich Fangel eine doppelte Unbotmäßigkeit begangen, die Erlasse im Namen des Königs nicht verlesen und das Gebet für den König nicht gesprochen hatte, ist seine plötzliche Entlassung nicht gekommen, die Hylleruper behielten ihren guten Pastor. Wie war das zu erklären? Von den regierenden Duumvirn in Flensburg hatte der eine, der Stockdäne Tillisch, wild aufbegehrt, daß alle ungehorsamen Geistlichen des Grenzlandes entsetzt würden, und zwar auf der Stelle. Das wäre zweifellos auch geschehen, wenn es sich um ein paar heroische Charaktere gehandelt hätte. Aber alle, alle haben sich wie Helden benommen, fast alle Pastoren des Landes – neunzig von hundert – haben einmütig, tapfer und trutzhaft sich geweigert, für den König eines fremden Landes auf ihrer Kanzel zu beten. Diese Einigkeit und Energie machte Eindruck. Was einer sagt, verhallt, was aber Hunderte sagen und tun, hat Wucht und findet Widerhall und Wirkung. Alle Geistlichen Nordschleswigs konnte man nicht mit einem Male auf den Schub bringen, die Massenabsetzung war ein Unding, eine Unmöglichkeit, und darum hat der zweite Duumvir, der Preuße Eulenburg, diese radikale Maßregelung mit einem letzten Rest von deutscher Tatkraft verhindert. Die deutschen Pastoren blieben vorläufig in ihrem Amt und beteten für den Herzog des Landes; aber das Schwert des Damokles blieb über ihrem Pfarrhause hängen. Auf dem Schlachtfelde sollte noch einmal über ihr Bleiben oder Nichtbleiben, über Schleswig-Holsteins Freiheit oder Knechtschaft entschieden werden. Siebzehnter Abschnitt. Die blutige Farce und das traurige Finale des Kampfes. Der unselige Berliner Waffenstillstand war endlich abgelaufen. Die Großmächte hatten monatelang, ohne das Land selbst zu fragen, über Schleswig-Holsteins Schicksal verhandelt, Noten gewechselt, Ränke gesponnen, Tinte verschrieben und doch keine Entscheidung gefunden. Die schwarze Diplomatentinte war umsonst geflossen, darum sollte das rote Soldatenblut strömen und das endgültige Gottesurteil über Cimbriens Zukunft fällen. Man überließ es dem Anscheine nach den beiden Todfeinden, allein den Strauß auszufechten, das Königreich und die halb so großen Herzogtümer mochten unter sich den ungleichen, erbitterten Kampf zum Austrag bringen; das Schwert sollte das letzte Wort sprechen und den Schiedsspruch fällen. Preußen kreuzte die Arme auf der Brust und rief sehr unbrüderlich seine Offiziere zurück, um dem Bruder im Norden keinen Vorschub zu leisten. Auch Bonin ging verärgert und schied schweren Herzens von seinem Heer; der Soldat hatte den leutseligen General lieb gewonnen und fragte in banger Ahnung: Wer wird uns führen in die Schlacht? Das kleine, schmale, meerumspülte Land stand auf sich und seine Kraft allein und ging ohne Zagen, kaltblütig dem letzten, verzweifelten Ringen entgegen. Noch einmal, im dritten Kriege, brauste das alte Kampf- und Trutzlied vom Belt bis zur Elbe, nicht mehr so hell, herrlich und hochgemut, sondern dumpfer, drohender, verbissener tönte und toste es: »Schleswig-Holstein stammverwandt, harre aus, mein Vaterland.« Eine große Begeisterung lohte im Lande, ein wahrer furor teutonicus beseelte das Heer – dieser Heldenzorn, diese Heldenschar wäre unbesiegbar gewesen – alle Augenzeugen sahen und sagen es –, wäre Sieger geworden, wenn sie einen Führer und Feldherrn gehabt hätte. Wenn nur der eine ganze Mann in großer Stunde nicht gefehlt hätte, so wäre die Geschichte anders verlaufen und eine dreizehnjährige Schmach der deutschen Nordmark und dem ganzen Deutschtum erspart geblieben. Die Regenten des Landes wählten in einer unseligen Stunde den gut empfohlenen General von Willisen, einen tüchtigen Theoretiker vom reinsten, aber grauesten Wasser. Er fing sofort an, seine Steckenpferde zu reiten, zu theoriesieren und organisieren, verwarf die Anordnungen seines Vorgängers, bildete Riesenbataillone, änderte das Exerzier-Reglement, die Marschordnung, die Aufstellung, und das alles in atemloser Hast und so kurzer Zeit, daß die durcheinandergeworfenen Mannschaften gar nicht in die Neuerungen sich hineinzuleben vermochten. Darum wurde seine Neuordnung in Wirklichkeit eine verhängnisvolle Desorganisation, und das kurz vor dem Kriege, wo der Feind vor der Tür stand. Der Holste hängt am Alten und liebt die Neuerungen nicht, das Heer hatte kein Vertrauen zu dem fremden Reformator, der bei den Besichtigungen kaum um den Zustand der Waffen, geschweige denn des Fußzeugs sich kümmerte. Seine Soldaten haben ihn, der seine unheilvolle Tätigkeit durch schwächliche Unschlüssigkeit krönte, bis auf diesen Tag verwünscht. Die letzten alten Veteranen jenes Krieges, die jetzt allmählich zum letzten Appell sich sammeln und mit leuchtenden Augen vom General Bonin erzählen, werden düster blicken, so oft sie Willisens Namen mit Wegwerfung nennen. Was seine Schuld und Schwäche vergrößert, ist die Tatsache, daß diesem Feldherrn das größte und beste Heer, das Schleswig-Holstein in allen drei Feldzügen besessen hat, anvertraut wurde, ein Heer von 27 000 Mann, das richtig geführt ohne Zweifel die 40 000 Dänen geschlagen hätte, denn es hatte bei Idstedt schon auf beiden Flügeln den Feind geworfen, als der kopflos ängstliche Willisen zum Rückzug blasen ließ. Leutnant Fangel marschierte am 14. Juli 1850 mit seinem Jägerkorps und der ganzen Armee von Rendsburg nach Schleswig. Die Hitze war unerträglich. Obgleich es nur ein Weg von dreieinhalb Meilen ist, wurden viele schwach und krank von der schwülen, hierzulande unbekannten Tropenglut. Junge, starke Männer, besonders von der frischen, im Marschieren ungeübten Mannschaft, stürzten, wie die Fliegen im Herbst. Jedes Bataillon hatte erschreckend viele Marode und auch Gefallene, die der Sonnenstich getroffen hatte. Es war ein furchtbarer Anblick, wenn ein kräftiger Soldat plötzlich taumelte, nach kurzem Schwanken die Arme hoch warf und mit einem Aufschrei, vom Sonnenpfeil wie von einer Kugel getroffen, hinfiel, es war erschütternd zu sehen, wie sie an der Landstraße hingestreckt lagen in einer Menge, als ob eine Schlacht die Truppe dezimiert hätte. Heimreich war mutig, siegeszuversichtlich ausgezogen. Aber diese Todesernte der Sonnenschlacht entsetzte ihn, wie ein böses, bängliches Omen, wie ein Menetekel am blauen, brennenden Himmel. Eine traurige Ahnung fuhr ihm durch Mark und Bein und hat seine Seele nicht mehr losgelassen. Zwar wies und stieß er das Angstgefühl als dummen Aberglauben von sich, und dennoch hörte er den schweren Schritt des Schicksals, im Stöhnen der von der Sonne Erstochenen hörte er eine Vorbedeutung und Vorwarnung, eine Wehklage, daß Gott sein Urteil gesprochen und sein Volk verlassen habe. Die guten Bürger und besonders die Bürgerinnen der Stadt Schleswig standen mit allen möglichen Gefäßen in Parade auf der ganzen, langen Straße – und die hat eine Länge! – und erquickten mit kühlen, köstlichen Getränken die verschmachteten Krieger. Von jedem Hause wehte die blau-weiß-rote Fahne, zumeist in ungeheurer Länge und Breite, und die zahllose Menschenmenge sang von einem Ende der Stadt bis zum andern den Choral des Landes: »Harre aus, mein Vaterland.« Der Onkel Brodersen holte seine beste Flasche Wein aus dem Keller und stieß mit seinem Neffen an. »Ich wollte eigentlich auch mitgehen, aber Mutter betrachtete mich spinös und meinte: Wenn du mit deinen alten Knickebeinen kommst und ein Kuhbein forderst, so lachen sie dich ja aus, mein Alter. Ihr Jungen müßt es nun machen, aber ganze Arbeit, und so gründlich den Hannemann verhauen, daß er sich kratzt und nicht wieder kommt!« Der junge Mann gab dem alten Optimisten eine recht pessimistische Antwort: »Und wenn wir den Feind nach Jütland, ja nach seinen Inseln werfen, so werden die Großmächte, denen Dänemark von Legitimität und Aufruhrunterdrückung die Ohren vollheult und vollügt, uns in den siegreichen Arm fallen, oder gar unser großer Bruder Preußen wird uns das Schwert entwinden.« Der Onkel schrie förmlich: »Das wäre ja eine unmenschliche, unmögliche Niedertracht!« Und die Tante schlug die Hände und beinahe auch die Füße über dem Kopfe zusammen. »Nein, solche Gemeinheit gibt es ja gar nicht.« Nach einem Jahre war die Gemeinheit Wirklichkeit geworden. »Wir werden unsere Pflicht tun,« sagte der Neffe mit fester Stimme, »und ich werde fallen ... aber wer stirbt, wird nicht das Ragnarok, das finis Holsatiae , das Ende des Vaterlandes sehen.« »Sohn meines Schwagers, deine Schwarzseherei ist doch nicht Bangbüxerei?« Der Leutnant hörte es nicht und war in eigenen Gedanken stehen geblieben. »Ich will noch ein Paar Abschiedsbriefe schreiben, die besorgst du mir, wenn ... wenn ...« Er schrieb an seine Eltern und an Bodil. Wieviel hatte er ihr zu sagen! Ein Todgeweihter darf ja alles von der Seele herunterschreiben. – Bis Idstedt, eine Meile von Schleswig, ging der Marsch. Das Heer wollte kämpfen, Willisen hätte sich unbedingt auf den Gegner stürzen müssen, ehe dieser seine zwei Armeen, die von Alsen und die von Jütland, vereinigt hatte. Aber unschlüssig hin und her schwankend, ob er die Offensive oder Defensive ergreifen solle, blieb der Unselige hier volle acht Tage nutzlos stehen. Er wählte zwar, tüchtig in der Theorie, eine vortreffliche Stellung – das muß sein Feind ihm lassen –, aber in der Praxis und der Tat versagend, nutzte er die Woche nicht aus, um seine gute Stellung zu verschanzen und völlig uneinnehmbar zu machen. Nein, er ließ eifrig Marschübungen machen, obgleich er gar nicht marschieren, sondern stehen bleiben wollte. Der 25. Juli, der dunkle Tag Schleswig-Holsteins, brach trübe an, ein feiner, die Aussicht verhindernder Regen fiel. Ein Unstern allerdings, aber hundertmal mehr unverzeihliches Ungeschick waltete an dem blutigen Tage und führte das böse Ende herbei. Noch in der Morgenfrühe der Entscheidung pendelte Willisen kläglich hin und her, gab den Befehl zur Offensive, bereute ihn und beschloß, sich zunächst defensiv zu verhalten, um bei gelegener Zeit zum Angriff überzugehen. Feuerfanale sollten den drei Heeresteilen, den beiden Flügeln und dem Zentrum, das Flammenzeichen zur Attacke geben. Als es endlich soweit war, wollten sie beim Regen nicht brennen, Boten jagten hin und her, die Brigadekommandeure erhielten unaufhörlich einander widersprechende Befehle, und die Verwirrung, die Planlosigkeit, die Katastrophe war da. Und trotz dieser miserablen Führung, trotzdem jede feste, einheitliche Oberleitung fehlte, fochten die Schleswig-Holsteiner so wacker und mutig, daß die zwei Heeresteile, die Flügel, die Dänen schlugen und Sieger waren. Nur das Zentrum holte sich keinen Ruhm und lief aus dem Dorfe Idstedt. Weil Willisen gerade dort von der Höhe des Hünengrabes aus die Schlacht, nicht etwa leitete, nein nur beobachtete und zwei Bataillone mit junger, im Kriege ungeübter Mannschaft weichen sah, weil er alles mögliche, auch eine dänische Umgehung im Westen befürchtete, wurde er kopflos, von Gott und jedem guten Geist verlassen. Der unbegreifliche, entsetzliche Tor, der schon mit einer vollen Hand den Sieg hielt, ließ zur Retraite blasen. Das kann ihm nie verziehen werden. Fangel und seine Jäger hatten von der Frühe an auf dem linken Flügel um das Böckholz gekämpft. Dreimal hatten die Dänen mit frischer Mannschaft das Gehölz erstürmt, aber dreimal wurden sie herausgeschlagen. Da stürzte der General, der edle Graf Baudissin, verwundet vom Pferde, voll Leichen lag das Feld, und hinter der Front fuhren langsam in langer Reihe die Wagen, voll von Stöhnenden und Sterbenden, nach Süden gen Schleswig. Plötzlich schmetterten in der linken Flanke feindliche Signale, die Dänen dringen zum vierten Male so unvermutet, schleunig und geschlossen vor, daß jene scheußliche Panik, die unheimlich-unerklärlich selbst das beste Bataillon packen und wie eine unsinnige Hammelherde plötzlich hinreißen kann, die nächsten deutschen Rotten ergreift und fortreißt. Fangel springt auf den Knick hinauf, reißt den Tambour zu sich empor, läßt ihn aus Leibeskräften »Sammeln« schlagen, schwenkt seinen Degen hoch in der Luft und brüllt mit Löwenstimme: »Ha-a-lt! Dort ist der Feind! Hurra!« Die Herde stutzt, die Fliehenden stehen, die Besten kehren um und fällen die Bajonette, die anderen folgen und schreien Hurra. Alle feindlichen Schüsse konzentrieren sich in dem Augenblick auf die beiden, den Leutnant und den Tambour, die oben auf dem Knick wie eine Zielscheibe stehen. Selbst ein mäßiger Schütze kann aus solcher Nähe kaum vorbeitreffen. Heimreich hat ein Gefühl, als wenn er ein paar Stockschläge bekäme, purzelt vom Knick herunter und liegt auf dem Grunde. Er glaubt, daß er gestolpert sei, und will auf die Füße springen, bricht aber mit einem Wehlaut unter gräßlichen Schmerzen zusammen und sieht, daß seine Hose eine breite, rote Biese bekommen hat – von seinem Blut. Vier seiner treuen Jäger tragen ihn auf ihren Gewehren hinweg, der Transport ist eine schauerliche Qual, ein Gefühl, als wenn sein Körper mitten durchgebrochen und seine Eingeweide durchgerissen werden. Er verliert das Bewußtsein. Die Ohnmacht ist das Narkotikum der Menschennatur, das den unerträglichen Schmerz betäubt. Heimreich erwacht einen Augenblick und hört, wie die Seinen »Viktoria« rufen. Das Siegesgeschrei ist sein Wiegenlied, er schließt die Augen und schläft in Bewußtlosigkeit, so daß er die Stimme, das Todesurteil des Arztes nicht mehr hört: »Sehr schwere Blessur! Totale Fraktur des Oberschenkelknochens, dicht am Gelenkhals! Der Leutnant wird nicht lange leben.« Der todwunde Mann weiß nicht, wie er nach Schleswig gekommen ist, und sieht verwundert sich um, als er in einem hohen Zimmer des Schlosses Gottorp am Spätnachmittag die Augen aufschlägt. – Der Generalstabsarzt der Armee, der bekannte Professor Strohmeyer, kam zu dem schwerverwundeten Offizier und untersuchte ihn, so gründlich in den Schußkanal hineinfahrend, daß der Patient aufschrie und noch einmal in Ohnmacht fiel. Als Fangel zum Bewußtsein kam, flüsterten zwei Aerzte am Bettende und verstummten sofort, was ihm verdächtig erschien, so daß er, allerdings umsonst, die volle Wahrheit zu wissen verlangte. Erst nach Monaten erfuhr er den Inhalt des Gespräches. Der Arzt schlug die Amputation des Beines als einzige Rettung vor, Strohmeyer aber erklärte bestimmt, eine Exartikulation in der Hüfte habe noch keiner überlebt: »Daher wollen wir ihn ruhig sterben lassen, da er doch schwerlich leben kann.« Ein Krankenwärter saß am Bette, um durch Eisblasen die Geschwulst zu kühlen, ein starkes Morphiumpulver lag auf dem Tische, um den Todeskampf zu erleichtern. Heimreich hörte, daß eine Infanterie-Abteilung auf dem Schloßhofe Halt machte und eilig hin und her lief, daß schwere Batterien auf dem Damme rasselten. Auf den Korridoren fingen die Leute zu rennen an, der Wärter verschwand unter dem Vorwande, frisches Eis holen zu müssen, um zu erfahren, was los sei, und kehrte mit ganz verstörtem Gesicht zurück. »Her-r-r, die Unsern sind im vollen Rückzug ... in einer Stunde werden die Dänen hier sein, das Schloß wird schon ausgeräumt ... darf ich mitlaufen?« Der Leutnant konnte es nicht glauben und schrie den armen Kerl an: »Hundsfott, du lügst! Wir hatten ja gesiegt.« Ein Unteroffizier trat mit zwei Mann ein und meldete: »Unsere Armee geht nach Rendsburg, ich habe den Auftrag, Sie, wenn Sie es wünschen, auf den Wagen hinunterzuschaffen ... wir tragen Sie auf der Matratze hinunter.« Da wurde es schwarz vor Heimreichs Augen, alles stockschwarz, das letzte Licht erlosch, das Vaterland war verloren. Nun mochten die Todesschatten ihn umfangen. »Sollen wir Sie heben?« fragte der Unteroffizier. Strohmeyer stürzte ins Zimmer. »Der Herr Leutnant ist nicht transportfähig ... ich bleibe hier bei den Schwerblessierten ... und Er da fährt fort, Eisblasen aufzulegen, sonst soll Ihn der Henker holen.« Da gab's kein Widersprechen. Heimreich faltete die Hände, dachte an Vater und Mutter, an die Geliebte, an Hilde, an seinen Gott und Herrn und erwartete ergeben den Tod, das Ende all des Jammers. Gewehrfeuer knatterte im Parke, die letzten Schüsse der Idstedter Schlacht. Ein Bataillon zog unter dem Fenster vorbei, schwermütig klangen die trotzigen Töne: »Schleswig-Holstein meerumschlungen.« Der todwunde Mann weinte in die Kissen. Mit einem Male war alles unheimlich still, das ganze Schloß wie ausgestorben, alles war geflohen. Dann polterte es auf den Korridoren. Ein gedrungener Herr in beschnürter Uniform, ein Dänen-Kapitän, spreizte sich vor dem Bett, und ein zweiter Herr, ein dicker Dänenarzt, fragte: »Was fehlt Sie?« Fangel erklärte kurz in korrektem Dänisch, wie schwer seine Wunde sei. »Ah, ein Insurgenter aus Südjütland!« Die beiden tauschten einen höhnischen Blick. Doktor Strohmeyer, der brave Generalarzt, der bei seinen schwerverletzten Kranken geblieben war, trat durch die Tür und sagte befehlend: »Ihre Vorposten haben den Eiskeller besetzt, wir müssen sofort Eis für unsre Blessierten haben.« »Sie habben gaar nix mehr su sagen hier ... ick, ick bin Herr Oberarzt auf Gottorp.« »Wer sind Sie? Ich bin Professor Strohmeyer, ein Mediziner von europäischem Ruf ... haben Sie schon mal von dem gehört ... und wer sind Sie?« fuhr Strohmeyer den Dicken an, der lächerlich verblüfft wurde und schnell verschwand, um nicht mehr sich erblicken zu lassen. Der Wärter flößte dem Kranken eine Tasse Bouillon ein. Heimreich fühlte sich ein wenig erquickt und sah, wie durch einen Nebel, einen anderen dänischen Offizier. Die Stimme, die »Guten Abend« sagte, klang ihm bekannt und fing grob-freundlich an: »Na, Sie Insurgenten-Hauptmann, kennen Sie nicht den alten Fuchsjäger aus Hyllerup?« »Fuchs – Fuchsschwänzer?« »Auch das! Haha!« »Ah, Herr Kapitän Bosen?« »Nee, Oberstleutnant Bosen.« »Ah! Oberstleutnant! Daß Sie zu den Dänen gingen, hat sich gelohnt.« »Ja, ich hatte mal Glück im Spiel, im Kriegsspiel.« Der alte Abenteurer, der durch Bravour und Fortuna im Feldzuge zur Geltung gekommen war und durch seinen kaustischen Witz und seine große Trinkfestigkeit König Friedrichs Gefallen und Gnade gefunden hatte, lächelte mit dem kleinen Auge und schaute sehr mitleidig-menschlich-gerührt auf den armen Schwerblessierten herab. »Ich möchte nett und gut gegen Sie sein, mein lieber Fangel, denn Ihr Vater hat mir aufs Pferd geholfen.« »Wir sind ja quitt ... die Flensburger Rechnung wurde ja bei Friederiz beglichen.« »Nee, mein Konto ist noch schwer belastet. Ich schulde Ihrem Vater ein paar hundert Taler und noch viel, viel mehr, was ich nie abtragen kann. Hier sind hundert als Abzahlung, den Rest ein andres Mal. Gestern abend karteten wir ein bißchen hinter Helligbeck, ich hatte Fortuna ... und Sie können jetzt den Hunderter gebrauchen.« Bosen, der offenbar in der dänischen Armee großes Ansehen genoß, gab Befehl, daß auf den Kandidaten aus Hyllerup, wie er Heimreich nannte, jede Rücksicht genommen werde, und das dänische Militär auf Gottorp hat den Insurgenten-Leutnant wie einen Offizier seiner eigenen Armee behandelt. Am nächsten Morgen schien die Sonne so hell und lustig, als wenn's den Himmel und die Sonne gar nichts angehe, daß Hunderte ihr Leben verhaucht, daß ein ganzes Volk seine Hoffnung, seine Freiheit, seinen Frieden verloren hatte. Strohmeyer wunderte sich, daß der Patient noch lebte, untersuchte den Schenkel und runzelte die Stirn. »Wenn wir nur die Kugel hätten!« Da zog der Wärter das Bettuch zurecht, etwas Hartes fiel klappernd auf den Estrich. Das war die Kugel, ein kleinwinziges Ding, das so viel Unheil und Schmerz angerichtet hatte. Bosen kam und erkundigte sich nach dem Befinden seines jungen Freundes und erzählte von der gestrigen Schlacht in seiner offenen, drastisch wahren Weise: »Ihre Führung war miserabel, aber unsere war bei meiner Seel' ebenso schlecht, nur unsre »Jense« gingen wie noch nie ins Feuer, und Ihre Kerle haben sich wie die Löwen geschlagen ... hätten Sie einen Bonin gehabt statt des Willisen, dann wäre es uns gestern übel ergangen. Unser General hatte, so wahr ich lebe, schon die Verwundeten nach Flensburg geschafft und alle Anordnungen zum Rückzuge getroffen, als er plötzlich sah, daß Ihr Willisen verrückt geworden war und seine herrliche Stellung selbst aufgab ... der Esel, der Esel! Da gingen wir natürlich mit Hurra wie die Helden vorwärts und nahmen das Schlachtfeld, das sie verlassen hatten.« Die Schlacht bei Idstedt ist in der Tat ein Treppenwitz der Welt- und Kriegsgeschichte, eine blutige, mit allzuviel Menschenblut bezahlte Travestie und Posse der Feldherrnkunst, ein bizarrer, grotesker Sarkasmus des Schicksals. Auf ihrem linken Flügel hatten die Schleswig-Holsteiner unter Baudissin gesiegt, auf dem rechten hatte der Held von der Horst das Dorf Oberstolk erstürmt, die Dänen völlig zersprengt, ihren General Schleppegrell getötet, der Sieg auf beiden Flügeln war so groß und gewiß, daß der dänische Obergeneral von Krogh entsetzt seine gen Westen gesandte Umgehungsbrigade schleunigst zurückrief und zum Rückzuge sich anschickte. Zwei kleine Umstände wenden das Blatt, schlagen, richtiger gesagt, Willisen mit Blindheit. Der kühne Sturm von der Horsts wird von dem unfähigen Aberkron nicht unterstützt, und, was noch verhängnisvoller wirkt, Willisen, der auf dem Hünengrabe die Bataille, nur die Mitte, beobachtet, sieht, wie sein dreizehntes Bataillon – das unglückliche dreizehnte! – Idstedt stürmen soll, aber vor der Uebermacht flieht, das vierzehnte Bataillon mit sich reißt und erst am Gehölz zum Stehen gebracht wird. Der Anblick, der eine kleine Mißerfolg, den er sieht, entmutigt den Schwächling, der in seiner Aengstlichkeit jetzt überall Gespenster wittert und im Westen umgangen zu werden befürchtet, trotzdem seinem Gegner Krogh noch tiefer das Herz in die Hosen gesunken und die Umgehungsbrigade im vollen Rückzug ist. Ein paar gewaltige Feldherren und Helden, wie sie Mars in seinem Zorn erschuf, standen sich hier gegenüber. Es ist zum grimmigen Lachen, wenn es nicht zum Weinen, zum Wüten wäre: Beide Generale stehen auf dem Sprunge, die Retirade zu befehlen, aber Willisen, der an Torheit noch größere Mann, der gesiegt hat, gibt den Befehl eine Viertelstunde früher, als sein Gegner, und verliert den Sieg, den seine Krieger halten. Dieser Tor hat noch die brillante Stellung am Idstedter Gehölz, hat noch alle seine Bataillone, alle seine Geschütze, hat auf beiden Flügeln den Erfolg in Händen und läßt aus Bestürzung, Unwissenheit und Angst zum Rückzug blasen. Die Dänen sehen zu ihrem gaffenden Erstaunen den Rückmarsch der Feinde und besetzen die von jenen aufgegebene Stellung – das ist der Sturm auf Idstedt, der, wie die ganze Schlacht, die lächerlichste Feldherrnfarce der Kriegsgeschichte ist. Willisen ist von der Geschichte verurteilt, von seinem Heer, das einen besseren Führer verdiente, von seinen Veteranen bis heute verwünscht worden. Hätte ein andrer, ein Horst oder Bonin, auf dem Hünengrabe gestanden, so wäre wahrscheinlich unser Vaterland nicht durch dreizehn tiefe Trübsalsjahre gegangen. – Heimreich litt furchtbare Schmerzen in dem gebrochenen Schenkel bei der geringsten Bewegung und biß die Lippen zusammen, um Mann zu bleiben; aber der keine Träne zeigte, weinte in einsamen Stunden um sein verlorenes Vaterland, dem jetzt der Däne den Fuß auf den Nacken setzte. Heftige Wundfieber, wilde Phantasien wühlten seine Seele auf. Er erkannte nicht die zarte Pflegerin, die an seinem Lager weilte und das Eis wechselte. Seine Schwester war, von Bosen benachrichtigt, aus Hyllerup herbeigeeilt, der Oberstleutnant hatte sogar ihr das Nebenzimmer im Schloßlazarett herrichten lassen und mit Kourtoisie jeden Beistand ihr geleistet. Hilde wachte und wartete auf das fieberfreie Erwachen des Bruders. Da huschte noch eine weibliche Gestalt auf leisen Zehen durch das hohe Schloßgemach und saß, über den bleichen Kranken gebeugt, am Bette. Bodil hatte dem Drange des Herzens gehorchen müssen und ohne Wissen der Hylleruper die Reise nach Schleswig gemacht, um den Geliebten zu sehen. Sie kannte noch besser als die Schwester die Lebensgefahr und die Stunde der Krisis und betete inbrünstig und blieb in Hangen und Bangen Tag um Tag, obgleich der Vater ihr nur vier Tage bewilligt hatte in dieser hildesten Zeit. Die Phantasien des Kranken wurden friedlicher, Heimreich träumte, die Leute stünden auf dem langen Lollfuß und lachten ihm zu: Ei, wie gut können Sie schon auf Krücken laufen! Plötzlich eines schönen Augustmorgens hatte er klare Augen, der Arzt sagte befriedigt: »Vielleicht wird unser Leutnant ein zu kurzes Bein behalten, aber die Krisis und Lebensgefahr ist vorüber.« Da sah Heimreich einen guten Geist durchs Zimmer schweben und traute seinen klaren Augen kaum, und der Engel beugte sich über ihn und küßte mit Inbrunst, ja mit Andacht seine weißen Lippen, denn es war ein Gottesdanken, und er flüsterte, wie in einem seligen Traume: »Bodil ... meine Bodil.« Noch einen halben Tag hielt sie seine Hand, sah er ihr Antlitz, hörte er ihre Stimme. Dann war ihres Bleibens nicht mehr, der Vater bedurfte längst ihrer in der Erntezeit, die Pflicht befahl ihr die Heimkehr nach Hyllerup. Der Leutnant Fangel, der jetzt wieder in den Kandidaten sich verwandelte, genas langsam von der schweren Wunde, war aber nicht mehr felddienstfähig und konnte keinen aktiven Anteil an dem tieftraurigen Finale des Krieges und dem Todeskampfe seines Vaterlandes nehmen. – – – Kein Mensch in Hyllerup ahnte, wo Bodil gewesen sei, nur Jep Hansen wußte es und fragte nach der Rückkehr seine Tochter mit pfiffigem Gepliere: »Nun darf ich wohl aufs Altenteil gehen?« Nein – nein war die energische Antwort. Sie ging ihrer gewohnten Tätigkeit nach und klopfte eines Abends leise auf den Busch mit der Frage: Was Hylleruphof bei den jetzigen guten Preisen wohl wert sei? Jep kraute sich heftig am Kopfe und schien es nicht zu hören, denn sein Hof war ihm ans Herz gewachsen. Auch ein anderer, Klaus Fangel, hatte eine tiefe, stille Liebe für den schönen Hof und betrachtete oft, wenn er über Feld schlenderte, mit wahrer Andacht die prächtigen Weizenfelder von Hylleruphof. Heute zog er sich noch besser an als sonst, bürstete sein Haar und ging mit einem feierlichen Gesicht und einem festen Entschluß fort, um Jep Hansen zu besuchen. Obwohl er von Bodils Abwesenheit wußte, kam ihm gar nicht der Gedanke, daß sie in Schleswig gewesen sei; denn in Hildes heutigem Brief hatte nichts von dem Geheimnis gestanden. Bisher hatten die Nachrichten ungünstig gelautet, heute jedoch mit einem Male hatte das Lied ganz anders, ganz hoffnungsvoll und zuversichtlich geklungen, und das war ihm eine bedenkliche Melodie gewesen. Nach seiner Ueberzeugung konnte Bodil von der Besserung noch nichts ahnen, sondern sie mußte den Kandidaten für einen Todeskandidaten halten nach allem, was er ihr berichtet hatte. Darum mußte Klaus heute handeln, ehe sie das neueste Bulletin erfuhr, und das Jawort sich holen. Jep bot dem Gaste den Tabakskasten, um sich die Pfeife zu stopfen. »Nein, ich danke, ich mag weder rauchen noch essen,« sagte Klaus tiefbetrübt und wischte sich die trockenen Augen. »Warum denn nicht?« »Mein armer, armer Bruder liegt im Sterben ... o wäre der unglückliche Mensch doch nicht mit den Aufrührern gegangen!« Bodil hatte große, unergründliche, aber durchdringende Augen. »Haben Sie schlimme Nachrichten bekommen?« »Ja ja, es geht zu Ende ... es wird in diesem Augenblick schon mit ihm zu Ende sein.« Klaus wischte. Jep schielte putzig-verstohlen nach seiner Tochter hin und summte: »Ist ja schlimm, sehr schlimm ... ich muß wohl kondolieren ...« »O, ich bin untröstlich.«. Klaus schluchzte die Worte heraus. »Mein guter, lieber, einziger Bruder! Sie ... Sie haben ihn auch geschätzt und geliebt, Fräulein Hansen ... ja, ich weiß es ... wir alle haben ihn geliebt ... könnten ... könnten wir beiden nicht einander trösten? Sie ... Sie wissen, daß ich Sie lange gern gehabt, aber aus Bescheidenheit geschwiegen habe ... Jep Hansen, wollen Sie mir nicht die Hand Ihrer Tochter geben? Bodil, können Sie es nicht mit mir versuchen, jetzt, wo mein armer Bruder tot, so gut wie tot ist?« Klaus weinte und wollte Bodils Herz erschüttern. Sie war einen Augenblick sprachlos, faßte sich aber bald und richtete sich hoch auf. Ihre Stimme hatte den stahlscharfen, stahlhärtesten Klang. »Eine Hoffnung auf meine Hand, d. h. auf meinen Hof, kann ich Ihnen nie und nimmer geben ... aber eine andere und schöne Hoffnung bringe ich Ihrem tiefbetrübten Bruderherzen ... Ihr Bruder Heimreich wird gewiß und fürwahr und von allen Aerzten verbürgt gesund und munter werden und auf zwei Beinen laufen.« »Wa-as ... wa-as sagen Sie?« »Ich weiß es aus bester Quelle, ich bin nämlich in Schleswig im Lazarett acht Tage gewesen und komme eben zurück ... ich soll Sie viel – vielmals von Ihrem lieben Bruder grüßen.« Der unglückliche Freiwerber ging wie ein begossener Pudel von dannen und hat nie wieder auf Hylleruphof sich blicken lassen. – – – Nach dem »Siege« auf der Idstedter Heide erhoben die Kopenhagener ein indianisches Siegesgeheul, obgleich der ganze Erfolg ein blutiger Witz der Weltgeschichte gewesen war; ins Grenzenlose und Groteske schwoll den Dänen der so wie so nicht kleine Hahnenkamm. Jetzt endlich konnten sie an den verhaßten, von Deutschland verlassenen Insurgenten ihr Mütchen kühlen, an den besten und treuesten Söhnen Schleswig-Holsteins erbärmliche Rache nehmen und durch Konskriptionen und Verbannungen hunderte von hochachtbaren Familien in Unglück, Armut und Landflüchtigkeit stürzen. Nun lähmte keine Furcht vor bösen Folgen die Eiderdänen, die gleich nach Idstedt ihr schändliches Verfolgungs- und Vertreibungswerk anfingen. Nordschleswig war das Feld, das sie zunächst verdänen und von allen guten Deutschen säubern wollten. Gerade die edelsten, charaktervollsten Männer der Grenzmark, die nie vor den Kopenhagener Kreaturen geschwänzelt und geheuchelt hatten, wurden die ersten Opfer der Dänenrache. Pastor Fangel hatte die Ehre, einer dieser ersten Ehrenmänner und Märtyrer ihres Deutschtums zu sein. Im Pfarrhause herrschte nach der Niederlage jener hoffnungslose Schmerz, der in jedem Hause Schleswig-Holsteins trauerte und in Schwarz sich kleidete. Alle fühlten, daß das Verhängnis, die Vertreibung kommen werde. An einem trüben Novembertage kam der schwarze Amtsbrief, der mit ein paar Zeilen kurz und grob besagte: Der Pastor Sutor Fangel ist hiermit seines Amtes entledigt worden. Entledigt, von Haus und Hof gejagt, ohne Untersuchung, Spruch und Urteil, ohne Gericht, Recht und Gerechtigkeit, kraft des Faustrechts und der Gewalt! Jep Hansen und seine Tochter und – zu ihrem Ruhme sei's gesagt – viele der besten Bauern waren über diesen Gewaltakt empört. Bodil ließ sogar eine Petition zirkulieren und unterschreiben und überreichte, mannhaft wie sie war, eigenhändig dem Amtmann das Schriftstück, darin die Unterzeichner baten, ihren guten Pastor, der dreißig Jahre lang der Gemeinde ein treuer Seelsorger gewesen sei, im Amte zu belassen. Umsonst! Der Geheime Konferenzrat hielt ihr eine entgegengesetzte, insgeheim entstandene Petition, darin Rolf Krake und Genossen einen dänischen Pastor für die dänische Gemeinde erbaten, unter die Augen und lachte spöttisch. Von dem Tage an hatte Bodil von dem Volke noch mehr zu leiden, die Südjüten riefen auf der Gasse Schimpfworte ihr nach, und die Weiber bewarfen die »deutsche Insurgentenbraut« mit unglaublichen Gemeinheiten. Das hat natürlich die Entfremdung vergrößert, die Kluft, die zwischen dem Fräulein Hansen und den Dänen entstanden war, wurde breiter und tiefer von Tag zu Tag. Am 1. Dezember 1850 ließ der Pastor all sein landwirtschaftliches Inventar auf öffentlicher Auktion versteigern. Klaus saß finster, aber aufmerksam in einer Ecke und notierte jedes Höchstgebot, um den Auktionator zu kontrollieren. Die Pfarrfrau hatte von jedem Stück in Haus und Stall, in Hof und Garten mit Tränen Abschied genommen und saß weinend im Studierzimmer, wo ihr Gatte tröstend ihre Hände streichelte. Jeden Ruf hörte sie, jeder Schlag des Hammers traf ihr Herz. »Die rotbunte, trächtige Kuh neunundvierzig Taler zum zweiten ... keiner mehr?« Ihr Körper zuckte. »O, das war unsre beste Milchkuh.« »Sechs Hühner und ein Hahn zwei Taler und sechzehn Schilling zum zweiten, zum dritten.« Die Pastorin schluchzte laut. »O, o, nun wird das Bosen-Huhn, das die Tonleiter singen kann, verkauft.« Die Versteigerung brachte bittere Tränen, aber einen guten Erlös. Jep Hansen hatte wacker geboten, die Tiere und Geräte hochgebracht, blieb freilich mit diesem und jenem Stück recht teuer hängen und kraute sich hinter dem Ohr: »Au, datt wär, weet Gott, ken Presterhannel.« Dennoch schmunzelte er pfiffig-vergnüglich dabei, dachte an seine Tochter, die ihn geschickt hatte, und in seinem tiefstillsten Sinn: »Datt blifft ja in de Familie.« – Klaus zählte noch einmal die eintausendachthundert Taler, die der Auktionator gebracht hatte, legte sie zögernd vor den Vater hin, konnte den Blick von dem Papier- und Silberhäuflein nicht losreißen und seufzte: »Was soll nun aus mir werden? Ich habe umsonst gearbeitet.« »Umsonst? Du hast doch vom Ertrage deiner Arbeit einen Batzen dir erspart, was lobesam ist.« Auf das schwieg der Sohn, als wenn er das diskrete Thema nicht weiter verfolgen wolle. Der Vater zählte Geld ab, rechnete und sann und sagte: »Ich will ganz gerecht sein und unser Vermögen in vier gleiche Teile teilen mit warmer Hand, deiner Mutter einen, mir einen, deiner Schwester einen und dir einen, Heimreich ...« »... Hat doch schon sein Erbteil,« fiel Klaus flinkfurchtsam in die Rede und Rechnung hinein. »Richtig! Hat schon sein Erbteil verstudiert, und hier ist dein bescheidener Anteil, mein Sohn ... zähle das Geld genau und bestätige mir – Geschäft ist Geschäft – mit Namensunterschrift den Empfang!« Nach dieser gütlichen, gelassenen Erbteilung ging Klaus in seine Kammer, um die Bilanz seines bisherigen Lebens zu ziehen und über seine Zukunft einen Beschluß zu fassen. Trotz allem schlug sein Gewissen, und seine innerste Seele schämte sich vor sich selber, ihm war so, als wenn er seinem Bruder nie wieder unter die Augen treten könne. Seit dem Erlebnis mit Bodil war diese Gegend ihm verleidet und Nordschleswig nicht seine Heimat; wo es gut und viel Geld zu verdienen war, da sollte sein Vaterland sein. Die Bilanz erheiterte ein wenig sein Gemüt. Eintausendachthundert Taler hatte er sich von dem Ertrage der Landwirtschaft erspart, dazu die vierhundertfünfzig Taler vom Vater. Aber zweitausendzweihundertfünfzig Taler langten nicht, um einen Bauernhof, der seinen Ansprüchen genügte, zu erwerben. Drüben in Amerika war ja Land, gutes und billiges Land in Hülle und Fülle, und man las Briefe von Leuten, die hier Knechte gewesen und dort in einigen Jahren Farmer geworden waren und nicht genug von ihren vielen Kühen, Pferden und Schweinen zu rühmen wußten. Klaus wollte nach dem Eldorado des landhungrigen Europäers auswandern und ein amerikanischer Grundherr und Gutsbesitzer werden. Der Pastor nahm einen freundlich ruhigen Abschied von seinem ältesten Sohn, Hilde und die Mutter vergossen viele Tränen. Das war die erste Trennung, und der schwere Abschied von dem Pfarrhause stand vor der Tür. Wohin nun? Der Pastor war zu alt und zu heimatständig, um jenseits der Elbe ein Amt zu suchen. Auch wollte er in Schleswig-Holstein bleiben, um mit seinem Volke den passiven Kampf der Geduld und Standhaftigkeit zu kämpfen. Während seine Frau weinend die leeren Wände anstarrte, sprach er im Glauben die zuversichtlichen, prophetischen Worte: »Dennoch muß Recht Recht bleiben! Es ist nur ein kurzer Triumph des Feindes und eine kleine Tränensaat ... siehe, es kommt der Tag, wo diese Schmach getilgt wird und die deutsche Sprache wieder hell und hoch durch dieses Pfarrhaus tönt.« Jep Hansen stellte aus freien Stücken zehn Gespanne für den Umzug und machte einen letzten, schmerzlichen Witz: »Nun bin ich derjenige, der Sie aus Hyllerup herausbringt, Herr Pastor, obgleich ich alles getan habe, um Sie zu behalten.« Die Reise ging nach der lieben Stadt Schleswig, wo der Schwager Brodersen eine bescheidene Wohnung für die Verbannten im Lollfuß gemietet hatte. In dieser reindeutschen Stadt, die mit redlichem Opfermut an dem Freiheitskampfe sich beteiligt hatte und dafür rechtschaffen drangsaliert und verdänt werden sollte, war am meisten Aussicht, für das Wohl des Volkes zu wirken und den deutschen Kampf mit den Waffen des stillen Widerstandes weiter zu führen. Auch weilte dort sein Sohn Heimreich, der als blessierter und kriegsgefangener Insurgent in Schloß Gottorp auf zwei Krücken durch die langen Korridore humpelte. In Schleswig wohnten und wohnen noch heute so freundliche, herzliche, herzliebe Menschen mit dem tiefen deutschen Gemüt, der gastfreien Hand, dem reinen Sinn, dem goldenen Herzen, daß man nirgendwo anders sofort so still, traulich und heimatlich und unter eitel Freunden sich fühlt. Schleswig birgt und bewahrt in Pietät die großen Stätten unserer Historie und ist seit einem Jahrtausend der Mittelpunkt der schleswig-holsteinischen Geschichte und das Mekka aller, die sie und die Heimat lieb haben und zur Geburtsstätte des Schleswig-Holstein meerumschlungen wallfahren. Die liebe, lange, traute Stadt an der Schlei schmiegt sich in hoher Anmut zwischen Wald und Wasser hin und ist nicht nur an Ehren, sondern auch an lieben Menschen und an großen Erinnerungen so überreich, daß keine, keine andere in Nordelbingien ihr gleich ist oder ihren Ruhm ihr rauben wird. Wahrlich Gründe genug, um zu sprechen: Hier ist gut sein, hier lasset uns Hütten bauen! Das Wiedersehen mit dem in Genesung strahlenden Heimreich, der ihnen eilig entgegenhumpelte, aber kein Hinker blieb, war ein schöner Trost nach der schweren Trennung von Hyllerup und in der bitteren Trübsal des Vaterlandes. Achtzehnter Abschnitt. Eine scheußliche Grabschändung und ein schöner Schluß. In wilden, gellenden Sturmakkorden unter den Erdwällen von Friedrichstadt, wo sie während des Stürmens und Sterbens drüben den »Landsoldaten«, hüben »Schleswig-Holstein meerumschlungen« immer toller zum Todestanze spielten, war das herrliche Lied von der deutschen Wacht im Norden grausig verklungen. Der dreijährige Freiheitskampf endete mit dem blutroten Finale von Friedrichstadt, das ein völlig unnützes Blutvergießen und die letzte Heldentat des unseligen Willisen war. Dieser Sturm mit dem Schein der Stärke war nichts als eine Schwäche des ewig Unschlüssigen, den die Statthalterschaft zu einer Tat drängte, und der gegen seine innere Überzeugung die Blüte des Landes opferte und mit dem Befehl zum Blutbade seine verhängnisvolle Laufbahn beschloß. Sein Name wird, wie der des Herostrat, in Cimbrien nicht vergessen werden. Die Holsten hatten, von ihrem fremden Feldherrn ins Verderben geführt, von ihren deutschen Brüdern verlassen, umsonst gerungen. Schleswig-Holsteins Schicksal ist aber gar nicht auf dem Schlachtfelde, sondern in den Kammern, wo die Intrige herrscht, in den Kabinetten besiegelt worden. Österreich hatte längst für das halt kleine, nette Dänemark Partei ergriffen, die kleinen Bundesstaaten, denen bald die deutsche Begeisterung verpufft und die alte Ursünde des Schlendrians in alle Glieder gefahren war, freuten sich zaunköniglich, daß sie die Schuld und Schmach des schleswig-holsteinischen Schandflecks ihrem großen, groben, viel beneideten Bruder Preußen anhängen konnten. Preußen befahl Schleswig-Holstein, die Waffen niederzulegen und sich auf Gnade und Ungnade den Dänen zu ergeben, widrigenfalls der große Bruder Waffengewalt gebrauchen werde. Da ging ein Schrei der tiefsten Empörung von der Elbe bis zum Belt. Nie ist die Verbitterung eines Volkes tiefer, die Verachtung größer, der Haß grimmiger gewesen. Es darf nicht vertuscht werden: in jenen traurigen Tagen ist der Preußenhaß im ganzen Cimbernlande noch größer gewesen, als der uralte, unauslöschliche Dänengrimm. Man schrie und weinte und wollte das Schändliche nicht glauben, daß der Deutsche den Deutschen verriet. Genug der Schmach! Es muß hier jedoch auch gesagt werden, daß die bösen Zeiten, wo Preußen zum Büttel Dänemarks sich erniedrigte, vergessen und gesühnt sind, seitdem die Schande durch das Blut von Düppel gelöscht wurde, und daß durch Preußens Heldentum die Verachtung in Verehrung und der Haß in Liebe verwandelt worden ist. Das Holstenheer wurde entwaffnet. Als das letzte Bataillon der herrlichen Armee durch das Tor von Rendsburg marschierte und seine Musikbande die schwermütige Weise »Noch ist Polen nicht verloren« spielte, hingen Trauerfahnen von den Häusern, heiße Tränen flossen, und die Herzen krampften sich vor Weh und Qual. Die große Elendszeit Nordelbingiens unter der Dänenfuchtel, die schmähliche Knechtschaft eines ganzen germanischen Volksstammes, die ungeheure deutsche Schande begann Anno 1851. Nachdem Schleswig-Holstein mit gebundenen Händen dem Erbfeinde überliefert war, wurde allerdings vom Dänenkönig eine sogenannte Amnestie erlassen. Der großmütig verzeihende Friedrich VII. ließ nicht den Insurgenten die Köpfe abschlagen, wie sein getreues Gassenvolk der Hauptstadt verlangte, ließ ihnen Leib und Leben. Aber alle Studierende der Universität Kiel, alle, die irgendwie an der Erhebung sich beteiligt hatten, wurden geächtet und für alle Zukunft von jedwedem Amt und jedweder Anstellung im Herzogtum und Königreiche ausgeschlossen. Die ganze gebildete Jugend des Landes, die fast ausnahmslos fürs Vaterland gekämpft hatte, wurde jeder Existenz und Zukunft beraubt, brotlos auf die Straße geworfen, von jedem Kirchen- und Schuldienst, von Richteramt und Anwaltschaft, ja von dem kläglichsten Schreiber- und Schulmeisterposten ferngehalten und verfemt. Eine schlaue Politik, die zwei Fliegen mit einem Schlage schlug! So strafte man einerseits die »Aufrührer«, und so versorgte man andererseits die vielen Hungerjüten in dem fetten Marsch- und Meerlande. Mit besonderer Schärfe wurde dem Kandidaten Fangel eröffnet, daß er niemals in allen Landen Sr. Majestät auf irgend ein geistliches Amt rechnen dürfe. Heimreich stand, hinkend und auf einen Stock gestützt, wie tausend Kameraden vor dem Nichts, vor der Aussicht, zu graben oder Steine zu klopfen, was den Landessöhnen noch nicht verboten war. Aber er war nicht der Mann, der verzagte. Er hätte ja, wie viele andere, in Deutschland bei einem der vielen Konsistorien und Konsistörchen, daran kein Mangel war, sein Glück versuchen und vielleicht auch machen können. Darum schon tat er es nicht, weil sein Herz allzu fest an der Heimat hing. Er wäre ein schlechter Sohn gewesen, wenn er seine arme Mutter Sleswigia in ihrer großen Not verlassen hätte. Ich harre aus! blieb seine Losung dreizehn Jahre lang. Eine schöne Folge der Bedrückung war der innige Zusammenschluß aller guten Deutschen, die in der Not wie leibliche Brüder wurden. Ein Band verknüpfte alle, und verborgen vor den Argusaugen der Polizei gingen die Fäden hin und her, durch alle Städte bildete sich ohne Vereinsmeierei ein Bund der Treuen und Unentwegten. Deutsche Familien in Flensburg wurden tief verbittert, als ihre Kinder in der Schule gezwungen wurden, den närrischen »Tappre Landsoldat« zu singen, gründeten eine Privatschule, um ihrem Nachwuchs das hohe Gut der deutschen Geisteskultur zu geben, und sahen nach einem geeigneten Manne sich um. Es mußte ein ganzer Kerl sein, der den Kampf mit der Polizei, mit Brüchen und Gefängnis nicht fürchtete. Der Kandidat Fangel, der Offizier gewesen, schien die rechte Qualität zu haben und wurde zum Leiter und Lehrer der Privatschule bestellt. Das war ein Werk nach seinem Herzen, die Jugend vor der Verdänung und Verdummung zu bewahren. Er ging mit Begeisterung an die Arbeit, war kein übler Pädagoge und der Anfang so vielversprechend, daß er an sich selber dachte und sich fragte: Ob ich darauf heiraten könnte? Und ob Bodil wohl den deutschen Privat- und Protestlehrer ehelichen wird? – – Nicht nur die jungen Leute, die jahrelang studiert hatten, wurden in Acht und Bann getan, in Bettelei und Verbannung getrieben, sondern auch die alten, im Dienst ergrauten Richter, Anwälte, Prediger, Lehrer wurden bis aufs Blut schikaniert, bis sie zornig gingen oder mit Gewalt aus Amt und Brot gejagt und an den Bettelstab gebracht wurden. Die entsetzliche Massenvertreibung, vor der noch ein Eulenburg zurückschauderte, begann jetzt in der grausamsten Weise. Auf allen Straßen zogen die deutschen Schleswiger ins Exil, und viele mußten am Hungertuche nagen, obgleich viele Exulanten in Hamburg unterstützt, in Deutschland angestellt wurden. In den meisten Kirchen Nordschleswigs befindet sich eine Tafel mit einem Namensverzeichnis aller Pastoren loci , die seit der Reformation Doktor Luthers allhier gestanden haben. Diese Tafeln reden und zeugen von dem Jammer des Jahres 1851. Fast überall steht bei der Jahreszahl der Name des alten Pastors und dahinter das kurze Wort: Entledigt! Das heißt: ohne Untersuchung, Urteil oder Schuld, ohne Recht und Richter entsetzt, verjagt! In dem Ländchen Schleswig, das reichlich dreihundert Pastoren haben mag, sind an hundert Geistliche vertrieben worden, und in Nordschleswig wurden alle, alle deutschen Pastoren verbannt, weil sie ihr Deutschtum nicht verraten wollten. Das waren Pfarrherren, die groß und lutherstark in ihren Schuhen standen und helle Bewunderung verdienen. Das waren nicht die Leisetreter und Friedensapostel, die heute durch das Land gehen, die lieben, guten Dänen verhätscheln und von Vermittelung und Versöhnung triefen, und die von den dänischen Agitatoren, denen sie Mohrendienste tun, hinterrücks verlacht werden. Ja, es ist uns gut, der tapferen Pastoren von Anno 51 und der bösen Tage zu gedenken, damit der christlich klingende Irrtum von der Versöhnung der Gegensätze, die nur auf Kosten des Deutschtums geschieht, nicht zum Verderben und die friedliche Versöhnung nicht zur friedlichen Verdänung der Nordmark werde. Soll der deutsche Michel denn ewig der dumme Michel sein? Damit wir nie wieder in Dänengewalt geraten, sondern aus der Enkelferne fühlen, wie sanft ein Volk in Dänenhänden gebettet ist, mag das schwache Gedächtnis aufgefrischt und die Erinnerung an die dreizehn Schreckensjahre geweckt werden. In Nordschleswig wurde alles deutsche Wesen, alle deutsche Sprache ausgerottet, ja das deutsche Lied, das sich im Heiligtum des Hauses verkroch, wurde auch dort wie ein Verbrechen bestraft. Wehe jedem, der von dem verpönten Schleswig-Holstein meerumschlungen nur einen Ton trällerte! Er wurde vor den Polizei-Kadi geschleppt und, wenn er dem Gefängnis entging, mit fünfzehn bis fünfundzwanzig Talern gebrücht. Die blau-weiß-rote Farbe, die wie das bekannte Tuch der Stierkämpfer wirkte und in jedem Dänen eine Bullenwut auslöste, war in jeder Form verboten, so daß Damen, die bunte Farben trugen, vom Schutzmann angetastet und zur Wache geschleppt wurden, so daß eine Frau, die rote, blaue, weiße Hyazinthen hatte, als Aufrührerin schwer bestraft wurde. Die maßlose Verfolgungswut und Bosheit verfiel dem Fluche der Lächerlichkeit. Eine Flut von Regierungsreskripten und Polizeiedikten ergoß sich über das geknechtete Land. Im reindeutschen Angeln, wo keine Seele dänisch verstand, wurde die dänische Kirchen- und Schulsprache eingeführt. Alle Kinder, im wildfremden Kauderwelsch der Quappjüten unterrichtet, wuchsen in Unwissenheit heran. Die Kirchen, worin in einer unverständlichen Sprache gepredigt wurde, standen öde und leer, und die Geistlichkeit, die einst so hohe Ehrerbietung genossen hatte, fiel in ebenso tiefe Mißachtung. Viele Schüler strömten in die Schule des Kandidaten Fangel, bis kein Raum im gemieteten Hause mehr war. Heimreich kämpfte tapfer auf diesem Posten, obgleich seine Wirksamkeit durch Polizeischikane verleidet wurde. In Flensburg war eine Bande von verrufenen Subjekten zu Polizisten gemacht und mit Knüppeln bewaffnet worden. In einer Woche hat sie die folgenden drei Heldentaten verübt. Der Polizeihauptmann drang wie ein Räuberhauptmann in ein Privathaus hinein, fand nichts Hochverräterisches, zuletzt aber einen schleswig-holsteinischen Waffenrock und eine dito Mütze, die dem bei Friedericia gefallenen Sohne des Hauses gehört hatten und als Reliquien verehrt wurden, konfiszierte beides, schimpfte unflätig auf das Aufruhrpack und ließ die Familie zwanzig Taler Strafe zahlen. Es kam noch schamloser. Drei Mitglieder der Polizeibande brachen in ein hochachtbares Haus hinein, durchsuchten es wie eine Verbrecherspelunke und fanden bei dem dreijährigen Bübchen ein blau-weiß-rotes Spielfähnchen, das sie mitsamt der armen Mutter des Insurgenten-Kindes aufs Rathaus schleppten. Die Frau wurde für das Kapitalverbrechen des Knäbleins mit fünf Tagen Gefängnis bei Wasser und Brot bestraft. Das sind keine Fabeln, sondern historische Tatsachen, und die dritte ist die schönste, die scheußlichste von den dreien. Die Polizeibanditen besuchten an einem Tage alle Häuser, die den Verlust eines Sohnes oder Bruders im schleswig-holsteinischen Freiheitskriege beweinten. Überall – man höre und erstarre! –, wo sie ein Bild des Gefallenen an der Wand oder auf dem Schreibtisch sahen, rissen sie es fort, rissen sie es hohnlachend in hundert Fetzen vor den Augen der Angehörigen, denen man das letzte Andenken des teuren Toten raubte. Ist in der ganzen, gesitteten Welt jemals eine solche Gemeinheit begangen, eine solche Roheit vernommen worden? Als Heimreich diesen Greuel zornbebend hörte, schwante ihm, daß er wohl die längste Zeit in Flensburg unterrichtet habe. Sein Vater meldete ähnliche Dänenstücke und -tücke aus der Stadt Schleswig, die man mit Skorpionen für ihr Deutschtum züchtigte. Hier hauste eine fast noch ärgere Polizei-Knüppelgarde, die Schradersche Bande, die Angst und Schrecken in der Stadt verbreitete. Durch sie erging das berüchtigte Gebot, daß jeder Bürger, jeder Mensch in Schleswig jeden dänischen Soldaten höflich zu grüßen habe. Es war zum Lachen und zum Rasen. Als der einstige, ehrenwerte Senator Brodersen einen dreckigen Jense-Jüten nicht grüßte, wurde er gebrücht und mußte Gott danken, dem Wasser und Brot entronnen zu sein. Weil der Grußerlaß von vielen Schleswigern etwas widerwillig und spöttisch befolgt wurde, ließ der Stadtkommandant den schnaubenden Befehl anschlagen: Jedermann habe bei fünf Tagen Wasser und Brot jeden Soldaten zu grüßen und vor jedem dänischen Offizier die Kopfbedeckung abzunehmen und bis zum Knie zu senken. Mit Argusaugen wachten die Offiziere und Polizisten darüber, daß die Ehrenbezeugung bis zum Knie erwiesen wurde. Da fehlte nur noch der Geßler-Hut vor dem Schlosse Gottorp. Die Friedensapostel, die mit freundlichem Händedruck die lieben, braven Dänen locken, daß sie glauben sollen, wir Deutsche seien herzensgute und herzensdumme Menschen und Michels, die Friedensleute und ihre Freunde sollten sich diesen dänischen Größenwahn und diese deutsche Demütigung ins Stammbuch schreiben. So hat der Däne dreizehn Jahre in der Nordmark gewütet, und genau so würde er wieder in Schleswig hausen, wenn die friedliche Versöhnung ihr törichtes Ziel – die Verdänung des Landes – erreicht hat und der Däne Herr geworden ist; denn in Nordschleswig war immer Streit und wird immer Kampf und kein Friede sein, bis dieser Gau und jedes Dorf deutsch – oder dänisch geworden ist. In jedem Kampfe gibt es nur ein Entweder – Oder, und der Stärkere wird siegen. Kandidat Fangels Schule war bis auf den letzten Platz besetzt. Alles ging im besten Geleise, die vorgeschriebenen dänischen Stunden wurden erteilt. Regenburg, der berüchtigte Leiter des Kirchen- und Schulressort in Schleswig, der Eiderstedter von Geburt und elende Renegat, der gegen die deutsche Sprache, seine Muttersprache, wütete, begegnete Fangel auf der Straße und erwiderte den Gruß mit einer Verbeugung und einem süßlichen Lächeln. Da wußte Heimreich, daß es mit seiner Schule aus sei, er hatte es in dem boshaften Lächeln gelesen. Am Morgen erschien prompt-plötzlich die Polizei und schloß die sogenannte Privat- und Protestschule, ohne Angabe von irgendwelchen Gründen. Ja, der Kandidat wurde wegen Beförderung der deutschen Umtriebe der Stadt verwiesen. Er war ein Märtyrer von vielen. Das Schließen der Schule, das Vernichten seiner Existenz traf ihn persönlich sehr hart, weil seine Verhältnisse finanziell günstig gewesen waren und er in diesen Tagen beschlossen hatte, an Bodil zu schreiben und seinen Antrag zu machen. Da warf ihn die brutale Polizeiwillkür aus allen Träumen, Zukunftsplänen und Ehehoffnungen heraus. Ein Heimreich Fangel war viel zu stolz, mannhaft und vornehm, um nichts weiter als der Gatte seiner Frau, der Schwiegersohn des reichen Jep Hansen zu sein und mit dem Gelde des Schwiegervaters ein Heim sich zu bauen. Jetzt zog er wieder mit dem Wanderstabe durch die geknechtete Heimat hin und her, Brot und Amt zu suchen, und wo er Unterkunft und Arbeit fand, wollten die Dänen, an deren Genehmigung er gebunden war, den Lästigen nicht dulden. Endlich hat Gott seinen Wanderstab zur Ruhe gebracht, es gelang ihm, in Eckernförde eine Privatschule zu gründen, und die Behörde drückte ein Auge zu, nicht aus Edelmut, sondern aus Berechnung, um nicht einen Agitator durch die Lande laufen zu lassen, sondern diesen Patrioten als Privatlehrer unter dem Daumen zu haben. Die Schule florierte bald und hatte solchen Zuspruch, daß auch der Vater seinen Wohnsitz nach Eckernförde verlegte, als Lehrer eintrat und eine angenehme Tätigkeit fand. Alle Tage sah man den alten Pastor im schneeweißen Haar nach der Nord- oder Südschanze spazieren, wo er lange träumte und helle Zukunftsbilder erblickte. Eines Tages sagte er plötzlich, auf den Meerbusen zeigend: »Hier werden die deutschen Orlogschiffe ankern.« Man verstand ihn nicht, aber der Greis sah in die weiteste Ferne, wohin kein junges Auge ihm zu folgen vermochte. Der ehrwürdige Pastor wurde von allen Bürgern gegrüßt, war bei allen beliebt und tröstete die guten Eckernfördener mit seinem Sprüchlein: »Der Däne will Schleswig und Dänemark zusammenleimen, aber mit Scheidewasser. Kein Unding, wie das Leimen mit Scheidewasser, währt lang in dieser vernünftigen Welt ... wartet nur ein wenig! Wir werden deutsch werden und deutsch bleiben!« Die Wochen gingen, der Lenz prangte im Lande, der Kuckuck rief im Walde, die Kinder der Privatschule pflückten Primeln, hörten den lieben Gauch und riefen ihn an: »Kuckuck am Baume, wie lange soll der Däne im Lande hausen?« Das war die einzige Frage, die jeder stellte und jeder Prophet beantworten sollte, und der Vogel kuckte dreizehn Mal. Dreizehn böse Jahre! Sie waren nicht eitel Finsternis, sie hatten auch schöne, sonnige Tage. Heimreich hatte in diesen bösen Jahren seinen allersonnigsten Tag, und das kam also und nicht von ungefähr. Hilde hatte hin und her geschrieben und gute Antwort bekommen, aber die Kleine und Kluge versteckte den Brief, wie eine Weihnachtsüberraschung, und bat harmlos-listig den Bruder, sie auf einer Reise nach Flensburg zu begleiten, da sie Reuters Grab einmal besuchen und mit Blumen schmücken wolle. »Hast du ihn noch so lieb?« »Ich will zum Abschied einen Kranz auf eine Totengruft legen und zu neuem Leben auferstehen.« Sie machten die Maienfahrt nach Flensburg und seinem Friedhofe. Heimreich und Hilde schlenderten über den Markt in Flensburg und lasen die Anschläge des Stadttheaters, welche besagten, daß nach der neuen, zugkräftigen Farce eine besondere Sensation geboten werden würde, sofern der berühmte Geiger und Solist, Herr Ole Olsen, seine große, vor Fürsten und Königen erprobte Kunst zeigen werde. Hilde hatte ferne, versonnene Augen und fragte leise: »Wollen wir hingehen und Ole Olsen hören?« Die Geschwister kauften Karten und gingen ins Theater, mußten mit einigem Aerger das neue, nationale, aus Kopenhagen importierte, satirische Zugstück über sich ergehen lassen und warteten voll Ungeduld auf die Hauptsache, auf den weltberühmten Geiger. Das kleine dänische Volk, von jeher zu gespreizter Selbstüberhebung geneigt, wurde nach dem günstigen Ausgang des Krieges von einem grenzenlosen, grotesk lächerlichen Hochmut befallen, überall hörte man aus Dänenmund die närrische Prahlerei und Protzerei: »Wir haben nicht nur das kleine Schleswig-Holstein, sondern das große Preußen und ganz Deutschland besiegt, wir haben fünf deutschen Königen, die uns Südjütland wegschnappen wollten, auf die Finger gehauen, wir haben allen deutschen Herzogen und Fürsten die Haut versohlt, daß sie nie wieder nach Holstein marschieren werden. Hurra! Ein Däne hat zehn Deutschen den Fußtritt gegeben.« Ganz in dieser größenwahnsinnigen Tonart spielte sich auch die politische Posse von dem »tappren Herrn Sörensen« auf der Flensburger Bühne ab. Die Komödie begann mit einem Kongreß der europäischen Großmächte, die den Streit zwischen Dänemark und Deutschland beilegen wollten. Preußen war durch einen betrunkenen und idiotischen Gardegrenadier, der einen verschlossenen Kasten ängstlich bewachte, repräsentiert. Plötzlich öffnete sich der Kasten, und ein Bursche, wüst und ungewaschen, mit einem Freischärler-Hut auf dem Haupte, steckte den Kopf hervor und schrie: »Vivat Sleswig-Holstein meerumslungen!« Dann aber kam Herr Sörensen mit gewaltigen Schritten anmarschiert und fing mit seinem riesigen Regenschirm an den kleinen Schreier und den Freischärlerhut zu vermöbeln. Dieser verkroch sich und guckte immer wieder mit seinem Vivat Sleswig-Holstein aus dem Kasten heraus. Der preußische Grenadier trank aus der mutmachenden Flasche, griff an seine mächtige Plempe, über die seine langen Beine lächerlich stolperten, und zog blank, um seinen kleinen, knirpsigen Schleswig-Holsteiner gegen Sörensens Prügel zu beschirmen. Siehe, da trat als wie ein Goliath der Moskowiter, der große Nikolaus, auf die Schaubühne, genau so, wie er im Struwelpeter abgebildet ist, und schwang dräuend die Russenknute über dem Haupte des preußischen Grenadiers, der sich furchtsam bekreuzigte und duckte, und dem das Herz völlig in die Hosen sank, als nunmehr Frankreich, England, Österreich, alle an ihren blauen, roten, weißen Uniformen kenntlich, hereinstürmten und sich ins Mittel legten. Sofort lieferte der zitternde Grenadier mit vielen Bücklingen nach allen Seiten seinen Schützling an Herrn Sörensen ab, und dieser Repräsentant Dänemarks verprügelte jetzt ungehindert und ungeniert mit seinem Parapluie den kleinen Schleswig-Holsteiner, dem er die Büxen stramm zog, so daß sie – platzten. Natürlich zum ungeheuren Gaudium und Gelächter des Publikums, das nach der plumpen Prügelszene so lange applaudierte, bis der Vorhang sich hob und Sörensen noch einmal den kleinen Freischärler versohlte. Heimreich war sehr wenig erbaut und erwartete nach dieser geistesarmseligen Leistung nicht viel von der zweiten, der Hauptattraktion des Abends. Doch wie groß und schön wurde seine Enttäuschung, wie sprachlos seine Überraschung. Der große Ole Olsen, ohne dessen Zutun die dumme Farce, um den Abend zu füllen und ein gewisses Radau-Publikum zu befriedigen, eingeschaltet worden war, spielte wunderbar, als ein vollendeter Meister, der sein Instrument nicht nur beherrscht, sondern auch beseelt. Er strich und hauchte über die Saiten, daß sie alle Höhen und Tiefen der Töne erstiegen und wie ein Chor von Elfenstimmen flüsterten und jauchzten, lachten und schluchzten, zuletzt aber in einem langen Seufzer des uralten Weltliedes, der ewigen Menschensehnsucht ausklangen, ausklagten, erschauerten, erstarben. Das Spiel war so ergreifend, daß der Kämpfer von Kolding und Idstedt aus den Augen eine Träne wischte und viele Frauen ihre hellen Zähren vergossen. Auch Hilde Fangel war ganz hin und leichenblaß geworden. Der Bruder faßte besorgt ihren Arm. »Was hast du? Du bist doch nicht krank?« »Ach, ich habe noch nie eine solche Sprache und Klage der Saiten vernommen ... aber ich habe auch Augen, und du ... du hast keine Augen ... wer ist dieser Ole Olsen?« »O! Es ist ja unser alter, guter Eskild Thorö, der zum berühmten Geiger geworden ist.« Der Künstler auf der Bühne hatte denselben scharfen Blick, wie einst in Hyllerup, schaute unverwandt während einer kurzen Pause nach den zwei Zuhörern hin und nickte ihnen zu, stillfreundlich und ohne besonderes Erstaunen, als wenn sie sich vorgestern Adieu gesagt hätten. Aber während der letzten Nummer gingen seine hellblauen, ehrlichen Augen unablässig über die Geige hinweg und zu ihnen hin. Der Kunstgenuß war aus, der Beifall tobte. »Wir wollen ihn begrüßen,« sagte Heimreich: und die Schwester neigte gehorsam das Köpfchen. Eskild hatte offenbar denselben Gedanken gehabt, brach mit Riesenschritten durch das Gedränge, durch das ehrfürchtige Geflüster »Das ist er, das ist er«, quetschte mit der Tatze des Kandidaten Finger und nahm Hildes kleine, feine Hand in seine beiden großen Fäuste so sanft und behutsam, als wenn er die Zerbrechlichkeit des Händchens befürchte. Mit weltmännischer Gewandtheit führte er die beiden Hylleruper in eine stille Ecke fern vom Lärm des Abends. Keine Spur von Künstler-Arroganz und -Eitelkeit war an dem Manne, dem der schnelle Erfolg nicht den Kopf verrückt hatte. Das war noch der alte, schlichte, herzensgute Eskild, und doch war er ein anderer Mann, ein gewandter Herr, der im Verkehr der großen Welt ein repräsentabler, würdevoller Gentleman geworden war. Bald redete Hilde so herzlich und naiv mit dem Künstler, als wenn nicht der berühmte Ole Olsen, sondern der brave, ehrliche Eskild neben ihr säße. Ernsthaft hörte er ihre lächelnde Lobrede, daß er trotz der großen äußeren Veränderung innerlich der Alte geblieben sei, und fest schaute er ihr ins Antlitz bei seiner langsamen Antwort: »Ja, Fräulein Hilde, ich bin ganz der alte Eskild, genau und unverändert, mit denselben Gedanken und Gefühlen, mit derselben Sehnsucht und Hoffnung und demselben Herzen.« – War das nicht ein schlichtes Bekenntnis seiner unveränderlichen Liebe? – »Aber Sie ...?« Die Frage stockte ihm im Munde. »Wollen ... wollen Sie das Grab des ... des wilden Reuter besuchen?« Jetzt war es ihre Pflicht, ein aufrichtiges Bekenntnis abzulegen, und sie schlug das volle Auge zu ihm empor, als sie gestand: »Ich will einen ersten und letzten Kranz auf Reuters Grab legen, um Abschied zu nehmen von dem Toten, um den ich nicht mehr leide und klage. Nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft lebe ich und will ich leben.« Ganz ungeniert, als wenn kein Dritter, kein Bruder Heimreich, anwesend sei, stellte Eskild die große Frage: »Was bin ich Ihnen jetzt? Die ganze, volle und, wenn es sein muß, die bittere Wahrheit!« »Sie waren mir in Hyllerup der beste Freund, Sie sind mir mehr geworden in der Stunde, wo Sie schieden und ich Sie nicht mehr sah ... Sie sind mir in den Jahren der Sehnsucht, des Wartens alles ... alles geworden. Das ist die Wahrheit.« »Gut, dann sind Sie fortan meine Hilde.« Ohne Umschweife, bestimmt und bündig, wie ein Bauer, hatte der berühmte Ole Olsen den Ehepakt geschlossen. Eskild lächelte verschmitzt. »Ich habe dich schon diese Jahre ständig – wenigstens im Herzen – mitgenommen auf meinen Kunstreisen durch alle Reiche und alle Hauptstädte Europas ... willst du auch fernerhin mit mir die weite Welt durchwandern?« Hilde war zu allem, selbst zu dem Zigeunerleben, das ein Virtuos führen muß, bereit und befand sich nur in einiger Ungewißheit darüber, ob sie eine Frau Olsen oder eine Frau Thorö werden würde. Der Kandidat Fangel saß als Zuschauer daneben und sah fast so aus, als wenn er am liebsten, wie beim Wunderspiel der Geige, ein wenig weinen möchte. – – – Am nächsten Vormittag wanderten sie zu dreien durch Flensburgs Gassen und die Höhe hinauf. Hilde, die halb unter der Mantille einen Kranz von blauen, weißen, roten Blumen trug, sah sich oft nach links und rechts um, als wenn sie etwas Unvermutetes erwarte. Oder war sie auf der Hut vor dem Argusauge irgend eines Polizisten wegen des blau-weiß-roten Kranzes, den sie auf das Grab des Freischärlers legen wollte? Herrlich und fein-friedlich lag der Kirchhof auf der Höhe. Hier waren die Toten des Kampfes bei Bau und auch die bei Idstedt gebliebenen Dänen in Massen- und Einzelgräbern bestattet worden. Wenngleich der Kandidat die rotweiße Farbe nicht schätzte, rührte ihn doch der Anblick: die Pietät der Dänen hatte jedes, auch das kleinste Grab des gemeinen Soldaten, mit Kränzen und rotweißen Schleifen überschüttet. »Hier hat die Liebe verschwendet,« nickte er, »das muß man den Dänen lassen, daß sie die Helden ihrer Geschichte in hohen Ehren halten. Wir Deutsche mit unsrer Vergeßlichkeit und Verkleinerungssucht könnten daran ein Beispiel nehmen.« Eine schlanke, stattliche Dame kam über den Friedhof und rasch auf die Gruppe zu. Heimreich blickte starr nach der Gestalt und ihrem leichten Gange – hatte Bodil eine Doppelgängerin in Flensburg? – dann stürzte er mit hastigen Schritten auf die Dame zu, deren Lächeln keinen Zweifel mehr ließ. »Bodil, Bodil, kommen Sie durch die Luft geflogen? Oder vom Himmel gefallen?« »Nein, ganz ohne Wunder und Mirakel, auf dem gewöhnlichen Postwege kam ich hierher, um die Kriegergräber zu besuchen.« »Gott hat uns zusammengeführt in dieser gepriesenen Stunde,« rief der Theologe. »Ja, Gott und gute Menschen,« sagte Fräulein Hansen, der kleinen Hilde einen schalkhaften Blick zuwerfend. Hilde hielt es aus irgendwelchen Gründen für gut und geraten, die Paare vorläufig zu trennen, zog Eskild mit sich fort und zeigte ihm allerlei Grabinschriften. Heimreich schob Bodils Hand unter seinen Arm. »Du hast mir ein großes Opfer gebracht.« »Was man tun muß, ist kein Opfer ... ich kapituliere ohn alle Kondition ... warum bist du nicht gleich nach der Genesung gekommen? Ich habe Monat um Monat voll Sehnsucht gewartet.« »Ach, ich war ja arm und unstät und hatte nichts dir zu bieten.« »So muß ich wohl diejenige sein, die dich bittet und meine Hand dir bietet; denn ich bin wohlgestellt und darum nicht blöde, wie du, noch weniger bange um Zukunft und Brod. Willst du das Jawort mir geben und Herr und Gemahl mir sein?« Sie knixte possierlich. Und er küßte ihr Mund und Wangen. »Jetzt habe ich ein bescheidenes Heim in Eckernförde und halte feierlich um deine Hand an.« Unter der Traueresche, die mit ihren Zweigen nach allen Seiten einen Vorhang fallen ließ, stand ein Pärchen im zärtlichen Geflüster, so daß die Drosseln und Finken neugierig durch die Büsche lugten und die naseweisen Stare schwatzten und lachten. Endlich rief Hilde: »Wo sind die schleswig-holsteinischen Gräber? Ich finde mich auf dem Kirchhof nicht zurecht.« »Ich habe oft Reuters Grab besucht und werde Mentor sein. Man folge mir!« sprach Heimreich. Nach ein paar Minuten blieb er vor einem freien Platze stehen. »Schiffs-Meier hat doch unsrem Reuter ein schönes Denkmal errichtet und ein Distichon dichten lassen ... das war doch weithin sichtbar und leicht zu finden ... hier muß die Stätte sein, wo die Freischärler, die Helden von Bau bestattet wurden ... allmächtiger Gott ... was ist das hier? Irre ich mich? Alles eine Wüstenei!« Welch ein Anblick bot sich dem Auge dar! Ein ungeheurer Greuel der Verwüstung war die ganze, weite Grabstätte, als wenn ein Heer von Vandalen gewütet hätte. Die Kreuze kurz und klein zerbrochen, die Obelisken und Denkmäler in viele Stücke zerschlagen, die Grabhügel geschleift und zerstampft, die Blumen und Kränze zerrissen, und das Ganze mit Füßen zertreten, von ruchloser Bosheit geschändet! Heimreich ahnte und argwöhnte noch nicht die ganze Größe und Gemeinheit dieses Greuels und wehklagte: »Pfui, Pfui, böse Buben und Schurken haben hier gehaust, fanatisches dänisches Pöbelgesindel hat bei Nacht und Nebel die Scheußlichkeit verübt und die schleswig-holsteinischen Gräber geschleift und geschändet. Pfui über die leibhaftigen Teufel!« Der Totengräber kam vorbei, sah sich nach allen Seiten um, ob kein Horcher und Denunziant in der Nähe sei, und zuckte die Achseln: »Auf höheren Befehl und am hellen Tage ist die Schändung geschehen.« Heimreich mußte zweimal hinhören, ehe er das Schauerliche zu fassen und zu glauben vermochte, und schrie entsetzt, empört: »Die Tyrannen des Landes, die dänische Polizei und Obrigkeit hat die Gräber geschändet! Ist solche Gemeinheit und Niedertracht einer Behörde denn möglich in dieser zivilisierten Welt? O, schleudert Gott nicht seine Blitze auf die ruchlosen Grabschänder, die eine Scheußlichkeit begehen und die Ruhestätte der Toten zerstampfen? Dänemark, Dänemark, dieser Greuel wird dein Gericht, wird dich verdammen vor Gott und Menschen.« Bodil war sehr bleich geworden, weinte vor Leid und Zorn und sagte bitter: »Ich schäme mich dessen, daß ich mich eine Dänin genannt habe. Ich sage mich mit Leib und Seele los von einem Volke, das so grauenhaft roh und niedrig handelt, die Gräber seiner Feinde schleift und schändet. Wehe dir, du verblendetes, vom Fanatismus verrohtes Dänemark, du wirst um dieser Schandtat willen Schleswig verlieren.« Der Kandidat umfing seine Verlobte mit den Armen. »Ich bin entsetzt ob dieses Greuels, aber ich preise auch Gottes Wege und Weisheit ... nun bist du frei und los vom Banne.« In einem letzten Anfluge von Trotz protestierte Bodil. »Nein, ich bin keine Deutsche und keine Dänin.« »Was bist du denn, mein Schatz, und wie darf ich dein Nationale nennen?« fragte er schalkhaft. »Ich bin Nordschleswigerin,« erwiderte sie ernsthaft. Und Heimreich lachte. »Klein, aber fein ist deine Heimat, und dieses dein Völkchen ist auch mein Völkchen.« Er wußte ja, daß kein starker Mensch, am wenigsten eine Bodil, auf halbem Wege stehen bleiben wird. Hilde Fangel weinte eine milde Träne und legte ihren Kranz auf die wüste Trümmerstätte, die Reuters Gebeine in ihrem Schoße barg. Am nächsten Morgen war der Kranz bereits von der Polizeibande fortgenommen und zerrissen worden. Noch auf der Gruft der Feinde wütete der ekle Dänenhaß. Die hier erzählten unglaublichen Roheiten, die furchtbare, fortgesetzte Grabschändung auf dem Flensburger Friedhofe ist nicht etwa Erfindung und Effekt eines Romanschreibers, sondern eine nackte, historische Tatsache, die noch heute gen Himmel schreit, und die alle Dänen-Anwälte in Germanien sich hinter die Ohren schreiben sollten. Heimreich reiste mit Bodil nach Hyllerup, um alle Form und Feierlichkeit zu erfüllen, und hielt um Jep Hansens Tochter an. »Ich habe nur Ja und Amen zu sagen,« meinte der alte Jep, der im Bauernton und -taktgefühl also fortfuhr: »Sie haben die Pastorhoffnung und den Kandidaten-Schniepel an den Nagel gehängt ... nun wollen Sie es mit der Landwirtschaft versuchen und Bauer auf Hylleruphof sein? Sie sind ein Schlauberger, und die hellen Köpfe habe ich gern ... also, ich gehe ins Altenteil.« Heimreich stand in sehr aufrechter, stolzer Haltung und machte dem Alten den Standpunkt klar. »Nein, ich habe nicht um Hylleruphof angehalten ... verstehen wir uns recht! Ich heirate nicht den Hof, sondern Bodil Hansen, die ich nach Eckernförde heimführen und zur Frau Schulmeisterin machen will.« Jep kraute sich verdrießlich, denn es war sein höchster Wunsch, daß sein Eidam den Hof übernehme. »Na, dann muß ich verkaufen.« Den schönen Besitz, den er mit Ziegelstreichen sauer erworben und mit Liebe in langen Jahren ausgebaut hatte, an einen Fremden zu veräußern, war dem Alten ein Seelenschmerz, doch legte der hohe Preis, der für den Hof gezahlt wurde, ein Pflaster auf die Wunde. Jep zog mit seinem vielen, in dänischen Konsols angelegten Gelde – diese Dänen liebte er sehr und haßte sein Eidam nicht – nach Eckernförde. Ein Paar Lenze und Winter gingen dahin. Die Freudentage kamen, wo der Greis seinen Enkel auf den Knien reiten ließ, Katzen und Hunde mit der Kreide malte und Pferde und Kühe von Holz ihm kaufte. Wenn Bodil eintrat, schlug er sich auf die geliebten Lederhosen und lächelte schmierig: »Die soll Klein-Jep nach meinem Tode erben, daraus kannst du für ihn und noch einen zweiten Burschen ein Paar famose Büxen machen.« Die Tochter bekreuzigte sich, denn zwischen ihr und den Hirschledernen war Feindschaft geblieben, und die Hosen waren ihr ein Greuel, besonders jetzt, wo die feinen Stadtleute hinter Jep mit seinen Lederbüxen ihre Glossen machten. Der Vater lächelte und prophezeite: »Die Stunde kommt noch, meine Tochter, wo du heilfroh sein wirst, daß du die Lederhosen für den Bengel hast.« Und die Stunde kam, wo Klein-Jep zum Verdruß der Mutter auf allen Staketen und Treppen ritt und rutschte, in allen Knicks und auf allen Bäumen kroch und kletterte und demgemäß auf allen Hosen häßliche Hinterfenster hatte. Da nahm Jep seinen Enkel heimlich mit zum Schneider, ließ ihm ein Paar Hosen machen und stellte stolz-pfiffig den Burschen, der protzig die Hände in die Taschen der neuen, schönen, wildledernen, unverwüstlichen Höschen vergrub, der Mutter vor, die ihre Hände über dem Haupte zusammenschlug, vergebens an das Ehrgefühl ihres Sohnes – der durchaus und mit dem Eigensinn seiner Mutter von den Ledernen nicht lassen wollte – appellierte, allmählich aber die Nützlichkeit des großväterlichen Geschenks erkennen und anerkennen mußte. – Was ist von den Verwandten und Bekannten des Fangelschen Hauses zu berichten? Lehrer Lindenhahn hatte schon im Jahre einundfünfzig die Heimat, die ihm vergällt war, verlassen und war mit seinen Kindern nach Brasilien ausgewandert, allwo er in einer jungen deutschen Gemeinde Lehrer und im Nebenamt Pastor wurde, lange Jahre im Segen wirkte und das Deutschtum des Auslandes förderte und stärkte. Hilde Thorös resp. Olsens Briefe kamen bald aus Moskau oder Bukarest, bald aus München oder Amsterdam, und sogar aus den Städten der Neuen Welt. Sie begleitete ihren Gatten, den berühmten Geiger, der ein Phänomen seiner Zeit war, auf seinem Siegeszuge durch die Welt. Auf einer Kunstreise in Amerika machte Hilde einen Abstecher nach dem wilden Westen, nach Iowa, wo ihr Bruder Klaus bei Davenport als Farmer hauste und von früh bis spät hastete. Er hatte eine etwas schlampige Irländerin als treue Gattin und sechs stupsnasige, nicht sehr saubere Kinder, und alle sechs waren zu seinem Kummer Mädchen, die ja – wie er erklärte – keinen Knecht ersparen und in Amerika nicht viel wert sind. Klaus schuftete für zwei Knechte und sah in seiner ärmlichen Kleidung wie ein geringer Tagelöhner aus, aber er hatte sehr viel Land, viel Vieh, viele Pferde und »plenty« Schweine, um in seinem Jargon zu reden. Obgleich er 800 Aecker besaß, wurde er noch immer von dem Landhunger geplagt, und er sparte alle Tage, um die 240 Aecker des Nachbars zuzukaufen. – Der einstige Leutnant Bosen hatte sich während des Feldzuges durch tollkühne Bravour und kaustischen Witz so ausgezeichnet, daß er bei Friedrichstadt als Oberst focht und von dänischen Poeten als der Tapferste der Tapferen besungen wurde. Nach dem Kriege ist er sogar Generalmajor in Kopenhagen geworden und jahrelang persona gratissima am Hofe Friedrichs VII. gewesen. Darum soll er bei dem trinkfesten König in sehr hoher Gunst gestanden haben, weil er ein vergnüglicher und der einzige Zechkumpan war, den Seine Majestät nicht unter den Tisch zu trinken vermochte. – In Schleswig-Holstein war böse Zeit, denn der Däne züchtigte mit Skorpionen. Die Knechtschaft und Schmach währte dreizehn lange Jahre. Aber selbst die ärgste Trübsal hat ein Ende. Der Kanonendonner von Düppel war das Ostergeläut Cimbriens und das Totengeläut der Tyrannei. Im Jahre 1864 und 65 fand wieder ein großer, sogenannter Pastorenschub in der Nordmark statt, doch es ging nicht, wie Anno einundfünfzig, von Norden nach Süden, sondern umgekehrt von Süden gen Norden. Die vielen Jüt- und Seeländer, die als Pastoren in Schleswig fette Pfründen gefunden hatten, wanderten mit Sack und Pack, mit Weib und Kind nach ihrem teuren Dänemark, das sie mit saurer und sorgenvoller Miene begrüßten. Da kam die gute, goldene Zeit für die schleswig-holsteinischen Kandidaten, denen einst versprochen worden war, daß sie als Insurgenten bei ihren Lebzeiten in den Landen Seiner Majestät keine Anstellung finden würden. Ja, dänisch sprechende Kandidaten erhielten damals große Pfarrstellen in Nordschleswig. Heimreich Fangel wurde Pastor in Hyllerup, im schönen Hyllerup und – nach einem kurzen dänischen Interregnum – Nachfolger seines seligen Vaters. Der alte Pastor Fangel hatte sich zu seinen Vätern versammelt und sah die neue Zeit nicht mehr. Aber Frau Gertrud machte in ihrem zweiundachtzigsten Lebensjahre den Umzug nach Hyllerup mit, wohnte bei ihren Kindern und wurde uralt. Vor Freuden weinend, ging sie durch Haus, Hof und Garten, grüßte und nickte, denn alles sah noch mit dem unveränderten, traulichen Gesicht sie an. Nur die Tiere waren neu und unbekannt, der Hofhund, der auf den Namen Holger hörte, wurde schleunigst in Teut umgetauft, und das Huhn, das die Tonleiter sang, war längst eines unnatürlichen Todes gestorben und im Topfe geendet. Die Großmutter des Pastorats, wie sie im ganzen Dorfe hieß, ging noch mit neunzig Jahren an jedem Sonntag zur Kirche, um ihren Sohn zu hören, sah ein neues deutsches Geschlecht aufwachsen und sprach alle Abende nach dem Abendgebet: »Gott wolle uns behüten, Daß wir nicht werden Jüten, Daß wir nicht werden Dänen, Davor bewahr' uns gnädig, Herre Gott!«