Der schwarze Stern Roman von Sven Elvestad [Den sorte stjerne. 1908]   Einzig berechtigte Übersetzung aus dem Norwegischen von Julia Koppel   HELIKON-VERLAG G.M.B.H. BERLIN [1921] *   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de   * Die Verhaftung Was Asbjörn Krag in der großen Stadt am meisten interessierte, hatte er zum größten Teile gesehen. Schon gleich nach seiner Ankunft war er mit den Mitgliedern des norwegischen Generalkonsulats zusammengetroffen, die ihn durch Kunstsammlungen und Gemäldegalerien führen wollten. Darum war ihm aber nicht zu tun. Mit größtem Interesse studierte er dagegen alles, was mit dem Polizei- oder Gefängniswesen zu tun hatte. Er suchte Verbindungen innerhalb des Detektivkorps anzuknüpfen, wo er sich auch mehrere gute Freunde erwarb. Gar manche Nacht verbrachte er im Büro der Kriminalpolizei, war bei Verhaftungen zugegen, nahm an den Streifzügen durch die berüchtigten Verbrecherkneipen der Stadt teil, patrouillierte mit den Polizisten durch die dunkelsten und unheimlichsten Viertel und durchstreifte die Gefängnisse. Besonders das Gefängnis nahm sein ganzes Interesse in Anspruch. Der Ort besaß das größte Gefängnis der Welt. Sein volkstümlicher Name war ›Der Schwarze Stern‹. Das ursprüngliche Gebäude war etwa hundert Jahre alt. Es bestand aus einem achteckigen Turm, den die weisen Stadtväter vor hundert Jahren auf einem Felsen in der Nähe der damals noch nicht sehr großen Stadt hatten aufführen lassen. Drohend lag es dort oben, der Bevölkerung zur Warnung. Je nachdem die Stadt mit riesenhafter Schnelligkeit wuchs, wurde es notwendig, den Turm auszubauen und zu erweitern, so daß er schließlich eine recht ansehnliche Höhe erreichte. Diese Anbauten gingen von dem ursprünglichen Bau strahlenförmig aus; dadurch entstand ein sternförmiger Gebäudekomplex, der von einer hohen, unübersteigbaren Ringmauer umgeben war. Selbst im hellsten Tageslicht hatte dies Bauwerk ein unheimliches und drohendes Aussehen; daher war es ganz von selbst gekommen, daß es den bezeichnenden Namen ›Der Schwarze Stern‹ bekommen hatte. Man erzählte Asbjörn Krag, daß das Gefängnis zurzeit von achttausend Gefangenen belegt sei. Innerhalb der Gefängnismauer befand sich die Richtstätte, wo vor Zeiten die Menschen mit dem Beil des Scharfrichters hingerichtet wurden, später durch den Strang und schließlich mittels Elektrizität. All dieses bekam Asbjörn Krag zu sehen. Und noch vieles mehr. Mit glühendem Interesse studierte er die höhere Polizeiverwaltung, durchsuchte die Archive und gewann einen Ueberblick über die Verbrecherstatistik. Als er seine Studien endlich beendet hatte, rühmte er sich, nicht ein einziges Gemälde gesehen noch irgendein Museum aufgesucht zu haben. Die letzten Tage seines Aufenthaltes wollte er jedoch dazu benutzen, das Volksleben kennen zu lernen, Typen und Gesichter im Riesenverkehr der Straßen und in der raucherfüllten Luft der Cafes zu studieren; dies war ihm schon immer eine Lieblingsbeschäftigung müßiger Stunden gewesen. Sehr oft sah man ihn in Begleitung seines Freundes, des Kapitäns. Eines Abends verbrachten sie ihre Zeit in einem kleinen Cafe am Hafen, einem Lokal, in welchem man recht verschiedenartige Individuen antraf: Kleinbürger, Heuerbase und Seeleute. Krag hatte gerade sein Glas an die Lippen gesetzt, als er den Kapitän am Aermel zupfte. »Siehst du den jungen Mann, der eben zur Tür hereinkam und jetzt dort am Büfett steht?« »Jenen, der seinen Hut tief in die Stirn gezogen hat und der im übrigen recht verkommen aussieht?« »Jawohl. – Ich wette, er ist Norweger.« »Ich glaube.« Asbjörn Krag erhob sich und begab sich ans Büfett, wo der Mann gerade im Begriff war, mit zitternder Hand ein Glas Brandy an die Lippen zu führen. Krag schlug ihn auf die Schulter. »Hallo!« Der andre fuhr zusammen, so stark und plötzlich, daß Krag sein Erstaunen nicht verbergen konnte. »Nun, alter Freund,« sagte der Detektiv, »kennst du mich nicht?« Es dauerte eine ganze Weile, bevor der andre seine Sprache wiederfand; dann ergriff er mit großer Wärme Asbjörn Krags Hand und sagte: »Tod und Teufel! Du bist es! Mir wurde himmelangst.« Krag blickte ihn scharf an. »Komm mit an unsern Tisch«, sagte er. »Ich sitze dort mit dem Kapitän meines Schiffes.« Anfangs war der junge Mann nicht recht damit einverstanden; Asbjörn Krag nötigte jedoch so lange, bis er schließlich nachgab. Dann machte er ihn mit dem Kapitän bekannt. Sein Name war Harald Vik. Vik setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Tisch. Es fiel Krag auf, daß er seinen Hut noch tiefer in die Stirn drückte, so daß er den Eindruck hatte, als wollte sein Gast seine Gesichtszüge verbergen. Krag erzählte ihm von seiner Heimat und von seinen Eltern, die ihm bekannt waren und denen er noch kurz vor seiner Abreise begegnet war. Nicht ohne Bewegung schien der andere seiner Erzählung zuzuhören. »Was machst du jetzt?« »Nichts!« »Hast du deine Studien denn gänzlich aufgegeben.« »Ja, endgültig.« »Du gingst doch damals als hoffnungsvoller Ingenieur hinüber, um dich hier weiterzubilden.« Mißmutig schüttelte Vik den Kopf. »Ich merkte, daß es für mich doch nicht das Rechte war«, entgegnete er. »Ja, du warst schon immer recht wankelmütig und schwärmerisch. Wo wohnst du?« Anstatt hierauf zu antworten, fragte er: »Du bist doch Detektiv in Christiania; was machst du denn eigentlich hier?« »Ich bin auf einer Vergnügungsreise.« »Ausschließlich Vergnügungsreise? Keine Geschäftsreise, meine ich.« »Nein.« Wiederum blickte Asbjörn Krag ihn scharf an, dann sagte er: »Als ich dich vor einem Augenblick dort am Büfett begrüßte, benahmst du dich so merkwürdig.« »Es war ja eine unerwartete Begegnung.« »Ja, aber du sagtest doch selbst, daß dir himmelangst wurde. Was meintest du damit?« Der andre begann auffallend unruhig zu werden. »Außerdem fuhrest du sichtlich zusammen,« fuhr Krag fort; »das pflegt man nicht zu tun, wenn man eine Hand auf der Schulter verspürt; es sei denn –« »Nun?« »Wenn zum Beispiel gleichzeitig gesagt wird: Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!« Asbjörn Krag erschrak fast, als er sah, wie blaß der junge Mann plötzlich wurde. Den Mund verzog er zu einer schmerzverzerrten Grimasse, und eine unheimliche, aschgraue Blasse verfärbte sein Antlitz. Sofort wußte der angesehene Detektiv, daß Ernsthaftes im Anzuge war. Dem Kapitän gab er einen leisen Wink, den dieser gleich verstand; er leerte sein Glas und verabschiedete sich. Harald Vik wollte auch aufbrechen; Krag hielt ihn jedoch zurück. »Ich habe ein ernstes Wort mit dir zu reden«, sagte er. »Was in aller Welt hast du gemacht, seitdem du vor fünf Jahren herüberkamst? Hast du irgendeine Tollheit gemacht? Du hast doch kein Verbrechen begangen?« Der andre schüttelte den Kopf. »Wäre ich nur wieder zu Hause«, flüsterte er. »Aha, so steht's mit dir.« »Ich habe kein Verbrechen begangen,« sagte Vik schnell. »Dennoch werde ich verfolgt.« »Von der Polizei?« »Vertrau' dich mir an. Vielleicht kann ich dir helfen.« Aengstlich ergriff er Krags Hand. »Nein, um Gottes willen, nein! Vorläufig kannst du in der Sache nichts tun. Um eines bitte ich dich aber: im entscheidenden Augenblick – du wirst schon selbst gewahr werden, wann er da ist – dann tu alles, was in deiner Macht steht, um mich zu retten. Ich kenne deine Tüchtigkeit, du bist genial – –« Er erhob sich. Krag wollte ihn veranlassen, wieder Platz zu nehmen; der Unglückliche schob ihn jedoch zur Seite. »Wenn du es wirklich gut mit mir meinst,« sagte er mit flehendem Blick, »dann folge mir jetzt nicht. Es würde mich augenblicklich ins Verderben bringen.« Die Antwort wartete er gar nicht ab, nickte Krag fast geistesabwesend zu und verließ das Lokal. Asbjörn Krag war allein zurückgeblieben. Das, was er eben erlebt hatte, machte ihn nicht wenig verwirrt. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß etwas Ernsthaftes nahe bevorstehe, ehe er sich ziemlich niedergeschlagen an Bord des Dampfers begab. Er besprach die Angelegenheit mit dem Kapitän, und sie kamen überein, sich am nächsten Tag in die Stadt zu begeben, um möglicherweise den jungen Vik aufzustöbern. In dieser Nacht schlief Asbjörn Krag schlecht, weshalb er auch am andern Morgen schon gegen halb sechs Uhr aufstand. An den endlos langen Kais war die Arbeit schon im vollen Gange. Durch den ohrenbetäubenden Lärm hindurch hörte man den gellenden Ruf der Zeitungsverkäufer. Er erstand eine Handvoll Zeitungen, um die Zeit bis zum Frühstück mit Lesen hinzubringen. Gleichgültig ließ er den Blick über die Spalten gleiten. Plötzlich fesselte eine kleine Notiz seine Aufmerksamkeit. Dort stand, daß der bekannte europäische Politiker und Staatsmann X... auf seiner Reise um die Welt in dieser Stadt angekommen sei. Asbjörn Krag kannte diese Größe; er hatte den berühmten Mann einst im Sommer in Norwegen kennen gelernt und Gelegenheit gehabt, ihm einen Dienst zu erweisen, nur eine kleine Gefälligkeit – einen entwendeten Brief hatte Krag wieder herbeigeschafft. Nachdenklich wendete er das Blatt. Da fiel sein Blick sofort auf die Sensation des Tages, deren riesenhafte Ueberschrift ihm in die Augen sprang:   Gefährliche Verschwörung entdeckt. Mehrere Verhaftungen   Fieberhaft durchflog Asbjörn Krag den Artikel: Die Polizei hatte schon lange Verdacht geschöpft, daß eine revolutionäre Organisation im Entstehen begriffen sei ... anarchistischen Charakters ... Proselyten im Kreise der Gebildeten ... meist unerfahrene, schwärmerische junge Menschen ... auch Frauen ... unter Leitung des bekannten Anarchisten Crawbury, bekannt aus dem Mac-Kinley-Prozeß ... gefährliche Verschwörung beschlossen ... Bomben, viele Waffen ... unsere tüchtige Polizei hat's aufgedeckt, usw. Besonders ausgezeichnet hat sich der Kriminalwachtmeister Hawkins ... Bisher fünf Verhaftungen ... Mit erhöhtem Interesse las Krag: Unter den Verhafteten befindet sich der Führer ... guter Fang ... Drei bis vier Namen las er eilig; dann stand folgendes da: »Ferner ist ein junger Mann, Harold Wigh, verhaftet; vermutlich skandinavischer Herkunft. Vor fünf Jahren soll er in Amerika eingewandert sein. Derselbe hat an der Verschwörung zwar nicht aktiv teilgenommen, ist jedoch stark kompromittiert. Sämtliche Verhafteten sind im ›Schwarzen Stern‹ eingeliefert.« Langsam faltete Asbjörn Krag die Zeitung zusammen. Er sagte sich sofort, daß Harold Wigh eine Amerikanisierung des Namens Harald Vik, seines norwegischen Freundes, sei. »Armer Freund«, murmelte er vor sich hin. »In dieser Weise bist du also auf Abwege geraten.« In diesem Moment erschien der Kapitän an Deck. Krag erklärte ihm die Sachlage. Auch der Kapitän war von der Mitteilung ganz ergriffen. »Habe ich es mir nicht sofort gedacht,« sagte er, »daß die Polizei hinter ihm her ist? Das wird für den jungen Norweger noch eine ernste Geschichte werden.« »Aeußerst ernst. So kurz nach der Ermordung MacKinleys sind die Amerikaner nicht aufgelegt, in derlei Angelegenheiten mit sich spaßen zu lassen. Kurz gesagt: Für ihn ist's aus; er ist fertig.« Der Kapitän seufzte und starrte zur Stadt hinüber. Dort erhob sich ›Der Schwarze Stern‹ aus dem unendlichen Steinmeer der Häuser, gleich einer düsteren, drohenden Nebelwolke. »Ich bin fest davon überzeugt,« sagte Asbjörn Krag ruhig, »daß nur jugendliche Ueberspanntheit ihn dorthin gebracht hat, wo er sich jetzt befindet.« Der Kapitän zuckte mit den Achseln. »Mag sein. Die Amerikaner verstehen dergleichen aber nicht; verloren ist er auf jeden Fall.« »Wenn ihm niemand zu Hilfe kommt.« Ueberrascht blickte der Kapitän den Detektiv an. »Er ist Norweger«, fuhr Krag fort. »Das wird ihm nicht viel nützen.« »Außerdem habe ich altes Unrecht an ihm gutzumachen.« »Sag' mal, Krag,« rief der Kapitän aus, »glaubst du wirklich an die Möglichkeit, ihn zu retten?« »Kein Ding ist unmöglich«, erwiderte der Detektiv. »Ich übernehme es, selbst aus dem stärksten Gefängnis jemand zu befreien, wenn ich nur genügend Zeit zur Verfügung habe. Wann fährt der Dampfer ab?« »Heute nachmittag um sechs.« »Das ist zu früh. Du mußt noch zwölf Stunden warten. Eine Flucht aus dem ›Schwarzen Stern‹ läßt sich nicht an einem halben Tage bewerkstelligen.« »Willst du es tatsächlich versuchen, diese Ungesetzlichkeit zu begehen?« »Ja.« »Es könnte aber ernste Folgen haben.« »Ich bin doch kein Schafskopf. Ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Also: willst du zwölf Stunden warten?« »Wenn ich nun nein sage?« »Dann gehe ich sofort an Land. Ich bin jetzt entschlossen, den Versuch zu machen.« Der Kapitän blickte Asbjörn Krag an. Er kannte seinen Freund. »Gut,« sagte er, »ich warte noch zwölf Stunden.« »Danke«, war die Antwort. Der Detektiv faßte den Kapitän unter und schlenderte mit ihm übers Deck. »Nun wollen wir frühstücken,« fuhr er fort, »wir haben ein anständiges Tagewerk vor uns.« Dem Kapitän kam es vor, als sei Krag ein ganz anderer Mensch geworden. Er war viel froher; sein Gesicht strahlte vor Energie und Mut. Nun war Asbjörn Krag wieder in Tätigkeit. Der hohe Gast Beim Frühstück schnitt der Kapitän das Thema wieder an. »Wäre es nicht das beste, wenn du dich an den Konsul wendetest?« fragte er. »Das hat absolut keinen Zweck«, antwortete Asbjörn Krag. »Schon die erste Bitte des Konsuls, den verhafteten Norweger aus der Haft zu entlassen, würde einen Sturm des Unwillens über eine solche Einmischung hervorrufen.« »Wie denkst du es dir denn, ihn aus dem ›Schwarzen Stern‹ zu befreien?« »Wie ich dir schon gesagt habe: Ich werde ihm zur Flucht verhelfen.« »Das wird dir nie gelingen.« »Es soll mir gelingen. Bist du ängstlich?« »Nein,« entgegnete der norwegische Kapitän, »nicht, wenn du der Anführer bist. Hast du schon einen Plan?« »Ja; aber allein kann ich ihn nicht ausführen.« »Du kannst auf mich zählen.« »Dank dir, alter Freund; ich hab's wohl gewußt. Mir fehlt aber noch ein Mann.« Der Kapitän dachte nach. »Acht meiner Leute sind Norweger.« »Ich kenne sie alle,« entgegnete Krag, »und ich weiß bestimmt, daß jeder einzelne unter ihnen das Abenteuer gern mitmachte; ganz besonders, wenn es sich um einen Landsmann handelt. Ich muß aber einen haben, der die Sprache beherrscht.« »Dann schlage ich John, den zweiten Steuermann, vor«, sagte der Kapitän, indem er schellte. »Er ist ein prächtiger Mensch. Mehrere Jahre war er an Bord einiger Millionärsjachten.« Nach wenigen Minuten stand der zweite Steuermann in der Kajüte. »Setzen Sie sich,« sagte der Kapitän, »und langen Sie zu. Wir haben etwas mit Ihnen zu bereden.« John war sofort einverstanden, als er vernahm, um was es sich handelte. Er war ganz glücklich darüber, am Abenteuer teilnehmen zu dürfen; gleichzeitig war er aber auch verblüfft über die unerhörte Dreistigkeit des Planes. Eine ganz verteufelte Sache! Es war bezeichnend, daß weder der Kapitän noch der Steuermann auf den Gedanken kam, zu fragen, welche Rolle sie denn in diesem Abenteuer zu spielen hatten. Sie verließen sich auf Krag und überließen ihm unwillkürlich alles. Nach beendetem Frühstück begab sich Asbjörn Krag in den ihm angewiesenen Raum, wo er einige Minuten lang herumrumorte. Als er wieder aus der Kajüte heraustrat, trug er einen schwarzen Kasten in der Hand. Diesen Kasten legte er auf den Tisch. Während er ihn aufschloß, sagte er: »Bei meiner Abreise aus Christiania hatte ich es im Gefühl, daß ich in irgendeine Sache mit hineingezogen würde. Aus Klugheitsgründen nahm ich diesen Kasten mit. Niemals darf er fehlen, wenn Asbjörn Krag helfend eingreifen soll.« Mit hörbarem Ruck gab das Schloß nach; der Kasten war geöffnet. Neugierig betrachteten Kapitän und Steuermann das Ding. »Man möchte glauben,« sagte der Steuermann, »ja, man möchte glauben, Sie wären Einbrecher und nicht Detektiv.« Asbjörn Krag lachte laut auf. Der Kasten war ziemlich groß, größer als ein gewöhnlicher Handkoffer, und besaß zwei Fächer. Aus dem einen Fache glänzten ihnen verschiedene Werkzeuge entgegen. Da waren Bohrer in allen Dimensionen, von der Größe einer Stopfnadel bis zur Länge etwa eines halben Meters. Da waren die verschiedensten Arten Schlüssel, Dietriche und Geräte zum Sprengen von Schlössern, Messer, Brecheisen usw.; sogar ein Diamant zum Glasschneiden fehlte nicht, ebensowenig eine Kruke Teer, um die Scheiben einzuschmieren, damit sie keinen Lärm machten, wenn Asbjörn Krag im Sinn hatte, ein Fenster zu zerschneiden. Krag nahm zwei schmale, flache Werkzeuge aus Stahl aus dem Kasten; einen Bohrer und eine langgezähnte Säge. »Diese Dinge«, sagte er, indem er die Gegenstände in der Hand wog, »sind aus dem härtesten Stahl hergestellt, der sich in den Essener Stahlwerken auftreiben ließ.« »Was willst du damit?« fragte der Kapitän interessiert. »Was ihr hier seht,« entgegnete der Detektiv, »soll noch vor Dunkelwerden im Besitz des verhafteten Norwegers Harald Vik sein.« »Wie willst du das anfangen?« »Das ist eine Kleinigkeit.« Der Kapitän lächelte. »Warum lachst du?« fragte Krag. »Ich lache bei dem Gedanken, daß gerade der tüchtigste Polizeibeamte Norwegens dies in Szene setzt.« Nun wurde Krag jedoch ernst. »Bitte, merke dir,« sagte er, »daß ich erstens kein Angestellter der Polizei Christianias bin. Ich betätige mich privatim. Nicht als Polizeibeamter bin ich Detektiv, sondern aus Interesse an dem Fach an sich und der Spannung, die damit verbunden ist. Mehrfach schon habe ich den Interessen der Polizei entgegengearbeitet, bloß um Leuten aus der Klemme zu helfen. Außerdem bin ich überzeugt, daß der verhaftete Norweger nur durch die Ueberspanntheit seines Naturells in die unheilvolle Affäre hineingezogen worden ist, ohne eigentlich darüber nachzudenken, auf welch verhängnisvollen Wegen er sich befand. Und dann«, schloß Krag, indem er den Deckel des Kastens zuklappte, »suche ich Spannung und Erregung, wo ich sie finde. Vier Monate sind es nun her, seit ich tätig war. Ich habe mich in letzter Zeit furchtbar gelangweilt.« Der Detektiv sah nach der Uhr. »Die Uhr ist schon zehn,« sagte er. »Soll es uns gelingen, den Unglücklichen noch vor zwölf Uhr heute nacht aus dem Gefängnis zu befreien, so müssen wir gleich ans Werk gehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Gib uns deine Befehle«, sagte der Kapitän. »Nun denn,« entgegnete Krag, »Sie, Steuermann, bleiben vorläufig an Bord; der Kapitän geht mit mir.« Krag betrachtete den Kapitän. »Deine Kleidung ist unmöglich«, sagte er. »Joppenanzug wäre angebracht. Zieh dich bitte um. Der Kapitän nickte. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, gab er zur Antwort. Das Umkleiden war schnell besorgt. Als der Kapitän jedoch seine Kajüte verließ, machte ihn Asbjörn Krags verändertes Aussehen stutzig. Der jetzt vor ihm stand, war nicht mehr der norwegische Detektiv, sondern ein angejahrter Gentleman, dem Anschein nach ein Diplomat. Bart und Koteletten waren ergraut; im Knopfloch trug er ein Ordensbändchen. »Donnerwetter!« rief der Kapitän. »Heut spielen wir wohl den noblen Herrn?« Krag zog eine Morgenzeitung aus der Tasche und las den Artikel, der am Morgen seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte, laut vor. Es war die Neuigkeit von der Ankunft des bekannten Politikers X. in der Stadt, auf seiner Reise um die Welt. »Ich bin also jetzt der berühmte Diplomat«, sagte der Detektiv. Der Kapitän blickte ihn ganz verdutzt an. »Und welche Rolle habe ich dann zu spielen?« fragte er. »Du bist mein Sekretär.« »Großartig! Nun geht mir ein Licht auf. Der berühmte Diplomat und sein Sekretär werden das Gefängnis aufsuchen.« »Eben.« »Wenn aber nun der wahre hohe Herr von der Sache erfährt, was dann?« »Dann werde ich ihn sehr bald dadurch zum Schweigen bringen, daß ich ihm sage, wer ich bin. Ich habe ihm einst, als er durch Norwegen reiste, einen Dienst erwiesen. Es handelte sich um einen abhanden gekommenen Brief von größter Wichtigkeit. Sieh dir diese Brillantnadel an, Kapitän.« »Ein prachtvolles Exemplar.« »Ich habe sie von ihm. Jedes Jahr erkundigt er sich durch die offizielle Vertretung seines Landes nach meinem Befinden. Sollte sich irgend etwas Unangenehmes ereignen, so kann ich auf ihn rechnen.« Der Kapitän war jetzt ganz im Bilde. »Natürlich müssen wir in einem der ersten Hotels Wohnung nehmen«, meinte er. »Selbstverständlich! Er wohnt im Savoy-Hotel, folglich werden wir auch dort wohnen. Während du dich umzogst, habe ich telephonisch Zimmer bestellt. Im Hotel halten sie uns für zwei vornehme Franzosen, die per Automobil von irgendeiner benachbarten Stadt kommen.« »Aber das Automobil?« »Das können wir uns überall mieten.« Eine halbe Stunde später hielt vor dem Hotel ein prächtiges, grünes Auto. Feierlichst entstiegen Asbjörn Krag und der Kapitän dem Wagen; kaum daß sie die herbeieilenden Angestellten und Portiers anblickten. Sofort wurden die Herren in ihre Zimmer geführt – zwei große Räume im zweiten Stock –, die täglich hundert Dollar kosteten. »Wir beabsichtigen, heute abend dem Melba-Konzert beizuwohnen,« sagte Krag zum Portier, dem er eine Fünfhundert-Dollar-Note gab, »sorgen Sie dafür, daß wir Eintrittskarten bekommen.« Ohne ihn einer Antwort auf seine Frage nach dem Preise der Karten zu würdigen, fertigte Krag den Portier ab. Die Herren begaben sich in die Gartenanlagen des Hotels, um die Musik zu genießen. Krag erkundigte sich nach dem europäischen Diplomaten. Ob er aufgestanden sei? »Schon seit langem«, lautete die Auskunft. »Exzellenz sind augenblicklich beim Gesandten.« »Und sein Sekretär?« »Ist auch beim Gesandten.« »Das Glück ist mit uns«, flüsterte Krag dem Kapitän zu, nachdem der Kellner gegangen war. Der Kapitän genoß die herrliche Musik, die von einem verborgenen Orchester über den Garten flutete, mit ganzer Hingabe. Als er sich nach Beendigung des Stückes mit einer Frage an Krag wenden wollte, war dieser verschwunden. Der Kapitän blieb ruhig sitzen. Er hatte es aufgegeben, sich über Krag zu wundern. Nach etwa einer Viertelstunde kehrte der Detektiv zurück. »Das wäre nun besorgt«, sagte er. »Was ist besorgt?« »Der Direktor des Gefängnisses ist von unserer Ankunft unterrichtet.« »Durch einen gewöhnlichen Brief?« »Ja, aber auf dem Briefbogen Seiner Exzellenz mit der Grafenkrone auf dem Umschlag.« »Wie in aller Welt bist du dazu gekommen?« »Du hörtest ja, daß Seine Exzellenz fortgegangen sei.« »Ja, aber –« »Das versteht sich doch wohl von selbst, daß ich seinen Gemächern dann einen Besuch abstattete.« »Du wagst ein gefährliches Spiel.« »Ja,« entgegnete Krag, »aber auch nur dann fallen einem die großen Gewinne zu.« Er sah nach der Uhr. »Elf Uhr,« sagte er leise, »um zwölf Uhr müssen wir im Gefängnis sein. Wir haben noch etwas Zeit bis dahin. Komm, wir wollen die Musik genießen.« Herrlich war die Fahrt, die die beiden Norweger durch die sonnenbeschienenen Boulevards und Straßen der großen Stadt machten. Behende lenkte der Führer den mächtigen Kraftwagen durch den stets weitergleitenden Millionenverkehr, dessen Lärm und Leben die beiden Insassen die ernste Aufgabe vergessen ließ, die sie sich gesetzt hatten. Präzise zwölf hielt das Auto vor dem ungeheuren Gefängnis, dessen mächtige, feuchte Mauern die Luft ringsumher noch kälter zu machen schienen. Beklommenen Herzens stieg der Kapitän aus dem Wagen, als er die Veranstaltungen gewahr wurde, die man zu ihrem Empfang getroffen hatte. Am Eingange des Gefängnisses hatten mehrere Beamte Aufstellung genommen, unter andern auch der Direktor in eigener Person, der Asbjörn Krag ehrerbietig begrüßte. Der Detektiv spielte seine Rolle ganz vortrefflich. Er lächelte herablassend verbindlich und sprach seine Freude darüber aus, Gelegenheit zu haben, das größte Gefängnis der Welt besichtigen und einen Einblick in die glänzende Verwaltung tun zu können; im fernen Osten hätte er beides in hohem Maße rühmen hören. Geschmeichelt verbeugte sich der Direktor und führte nun den ›hohen Gast‹ durch die verschiedenen Abteilungen. Einige Beamte des Gefängnisses folgten in respektvollem Abstand. Nun begann eine ermüdende, stundenlange Wanderung; überall war Asbjörn Krag schon früher gewesen. Der ›hohe Gast‹ tat jedoch außerordentlich interessiert; er erkundigte sich genau nach dem Ergehen der Gefangenen, sprach sehr ernst mit einigen von ihnen und flocht hier und da Bibelstellen und religiöse Ermahnungen ein. Als sie eine Unmenge von Gängen, Arbeitsräumen und Zellen durchwandert hatten, öffnete der Direktor eine Tür, und die beiden Norweger befanden sich plötzlich im Kriminalmuseum des Gefängnisses. Der Kapitän fuhr zurück. Er starrte in einen großen Raum, dessen Wände vom Fußboden bis zur Decke mit unheimlichen Beilen bedeckt waren, so scharf und blank geschliffen, daß einem die Augen schmerzten. »Aexte des Scharfrichters,« erklärte der Direktor. »Im ganzen besitzen wir hundertfünfundzwanzig davon. Hier ist die älteste Axt. Der berüchtigte Massenmörder Burry wurde vor vier Menschenaltern damit hingerichtet. Unter dieser Axt fiel das Haupt des Attentäters Jackson, und mit dieser wurde Lincolns Mörder hingerichtet.« Der Direktor gab einen historischen Ueberblick über sämtliche Scharfrichteräxte. Asbjörn Krag tat außerordentlich interessiert, obgleich er ja schon alles vorher gehört hatte. Im nächsten Raum, einem großen Saal mit Oberlicht, waren Galgen und Stricke angebracht. Dann kam man durch eine Reihe von Räumen, in welchen die Wände mit den verschiedenartigsten Einbruchswerkzeugen bedeckt waren. Dort waren Dietriche, Brecheisen und Bohrer zu Tausenden. In dem danebenliegenden Raum hingen Mordinstrumente. Jedes derselben hatte seine traurige Geschichte. An einigen Messern sah man noch Flecke von geronnenem Blut. Unterhalb jedes Gegenstandes war ein Zettel mit der Geschichte der Mordwaffe angebracht. Unter einer Sense stand: »Mit dieser Sense schlug der Farmer Pearson seinem Nachbar M. C. Charty am Morgen des 24. November 1836 den Kopf vom Rumpf. Pearson wurde am Galgen Nr. 11 hingerichtet.« Alle erdenklichen Arten von Waffen waren hier vertreten; Eisenstangen und abgebrochene Stuhlbeine, aber auch Bowiemesser sowie moderne Revolver. Der Anblick dieser unheimlichen Sammlungen machte einen gewaltigen Eindruck auf den norwegischen Kapitän. Asbjörn Krag fragte: »Wie groß, sagten Sie, Herr Direktor, sei die Anzahl der Gefangenen?« »Achttausendzweihundertfünfundzwanzig, Exzellenz.« Der ›hohe Gast‹ schien zu überlegen. »Ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen,« sagte er, »daß dieses Heer von Gefangenen eines Nachts meutern, aus den Zellen ausbrechen, die Beamten töten und sich in den Besitz dieser furchtbaren Waffensammlung setzen könnte?« Nachsichtig lächelnd gab der Direktor zur Antwort: »Der ›Schwarze Stern‹ läßt keinen Gefangenen aus seinen Mauern heraus.« »Nein, sicherlich nicht; aber wenn es geschähe, würde es eine grauenvolle Nacht für die schlafende Stadt werden.« Wiederum lächelte der Direktor. »Exzellenz können ruhig schlafen«, sagte er. Die Gesellschaft näherte sich dem Jahrhunderte alten Turm, dem ursprünglichen Gefängnis. »Hier befinden sich die Untersuchungsgefangenen«, erklärte der Direktor. »Wir suchen jetzt die Helden einer kürzlich entdeckten Verschwörung auf.« Der ›hohe Gast‹ stutzte. »Eine Verschwörung?« »Jawohl. Haben Exzellenz nicht die Morgenzeitung gelesen?« »Nein, leider nicht,« entgegnete der ›hohe Gast‹, »zu meinem Bedauern habe ich das versäumt.« Der Direktor referierte über die Verschwörung. »Wir haben den Hauptanführer Crawbury, den man in Verdacht hat, am Mac-Kinley-Attentat teilgenommen zu haben, zu fassen bekommen. Damals konnte man ihm nichts beweisen; nun aber sitzt er in der Falle.« »Es würde mich außerordentlich interessieren, gerade diesen Zellen einen Besuch abzustatten«, sagte Krag. Man war jetzt in dem großen Gebäude angelangt, wo der scharfe, strenge Geruch alten Gemäuers unangenehm in die Nase zog. »Da haben wir zunächst diesen jungen Mann«, sagte der Direktor, während er den Schlüssel in das Schloß einer Zelle siedete. »Harold Wigh ist sein Name. Er soll von skandinavischer Herkunft sein.« Asbjörn Krag richtete seine nächste Frage so ein, daß der Direktor, indem er die Zellentür öffnete, gezwungen wurde, sie mit den Worten: ›Ganz recht, Exzellenz‹ zu beantworten, und zwar so laut, daß der Gefangene es hören konnte. Asbjörn Krag trat ein. Bleich und zitternd folgte ihm der Kapitän. Bei diesem wahnsinnigen Abenteuer waren seine Nerven bis aufs äußerste in Spannung. Auf der Pritsche lag eine zusammengekauerte, abgemagerte, elende Gestalt, die sich erhob, als Asbjörn Krag nach dem Direktor die Zelle betrat. Es war Harald Vik. Nur in diesem Buch werden Sie Rettung finden Der Kapitän warf einen schnellen, beobachtenden Blick auf den Detektiv. Was wohl geschehen würde, dachte er, wenn der Aermste Asbjörn Krag erkannte. Würde er genügend Gewalt über sich haben, um sich nicht zu verraten? Erkannte er ihn aber nicht – und das war das wahrscheinlichste –, wie wollte Asbjörn Krag ihm dann die Gegenstände übergeben, die ihm zur Flucht verhelfen sollten? Stumpf und interesselos blickte Harald Vik den Eintretenden entgegen. Asbjörn Krag bemerkte, daß der Gram schon Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hatte. »Dies ist der eine der fünf Verhafteten«, erklärte der Direktor. Der Detektiv nickte und sah nach der Uhr. Es fiel dem Kapitän auf, daß Krag die Uhr lange in der Hand behielt. Es war eine massiv goldene Kapseluhr, die mit einigen eigentümlichen Verzierungen versehen war. Der Kapitän wunderte sich nicht wenig darüber, wie Asbjörn Krag mit der Uhr umging; als aber sein Blick auf Harald Vik fiel, ahnte er gleich den Zusammenhang. Wie behext starrte der Unglückliche sekundenlang die Uhr an, wobei sein Gesicht höchste Verwunderung ausdrückte. Sein Erstaunen dauerte jedoch nur wenige Sekunden; danach wurde er wieder stumpf und teilnahmslos. Der Kapitän nahm an, daß der Detektiv mittels der Uhr den Verhafteten davon in Kenntnis gesetzt hatte, wer der Besucher sei. Der Direktor hatte diesen Vorfall gar nicht beachtet. Er glaubte augenscheinlich, daß der ›hohe Gast‹ durch das Hervorziehen der Uhr merken lassen wollte, er könne nicht mehr seiner kostbaren Zeit der Besichtigung des ›Schwarzen Sternes‹ opfern. Im geheimen war der Kapitän dem jungen Norweger von Herzen dankbar, daß er im entscheidenden Moment seine Selbstbeherrschung zu wahren gewußt hatte. Der ›hohe Gast‹ sagte dem Verschwörer nun einige Worte des Trostes. Mit großer Gewandtheit lenkte er seine Rede auf das religiöse Gebiet; sowohl der Direktor als auch der Kapitän hörten andächtig zu. Krag hatte überhaupt während des ganzen Gesprächs mit dem Gefangenen immer wieder die Bibel und die Religion erwähnt, was den Kapitän eigentlich recht gewundert hatte; nun sah er jedoch ein, daß dies gerade mit Krags Absichten übereinstimmte. Jeder Gefangene hatte in seiner Zelle eine Bibel liegen; so auch Harald Vik. Krag ging an den Tisch und nahm das Buch, das recht ansehnliche Dimensionen hatte. »Für Sie, mein junger Freund,« sagte der ›hohe Gast‹ mit ernster Stimme, »weiß ich einen Bibelspruch, von dem ich glaube, daß er Ihnen in Ihrer einsamen, verlassenen und verzweifelten Lage zum Troste sein kann.« Asbjörn Krag befühlte seine Taschen, dabei sagte er halblaut: »Wo in aller Welt habe ich doch nur meine Brille gelassen?« Schließlich fand er sie und setzte sie mit großer Würde auf; darauf begann er mit der Verlesung der betreffenden Bibelstelle. Der Kapitän merkte, daß nun für ihn der Augenblick gekommen sei, sich nützlich zu erweisen. Krag stand am vergitterten Fenster, mit dem Rücken gegen das einfallende Licht, und hielt das umfangreiche Buch dicht vor der Nase, so daß es den übrigen Anwesenden fast unmöglich war, sein Gesicht zu sehen. Er las mit leise zitternder Stimme die ziemlich lange Bibelstelle. Der Aufmerksamkeit des Kapitäns entging es jedoch nicht, daß der Direktor ein fast unmerkliches Gähnen unterdrückte. Der Kapitän, welcher die Aufmerksamkeit des Direktors von Asbjörn Krag ablenken wollte, wandte sich an diesen mit den Worten: »In dieser Zelle ist es recht hell.« Verbindlich lächelnd erwiderte der Direktor: »Das kommt von der hohen Lage. Von hier aus kann man auf die Dächer der Stadt hinunterblicken.« »Ich glaube,« wandte der Kapitän ein, »daß es den Gefangenen lieber ist, ein Stückchen blauen Himmels zu sehen.« Der Direktor wies hinaus. »Sie können von hier auch den Himmel sehen«, bemerkte er. »Im großen ganzen haben die Untersuchungsgefangenen weit mehr Bequemlichkeiten als die Strafgefangenen.« Krag hatte nun aufgehört zu lesen und schloß behutsam das Buch. Mit teilnehmenden Worten reichte er es dem Gefangenen. »Nehmen Sie dies Buch, mein lieber, irregeleiteter junger Mann, studieren Sie es; halten Sie es mit beiden Händen fest. Nur in diesem Buch werden Sie Rettung finden.« Harald Vik ergriff das Buch, und der Kapitän sah, wie er es förmlich zusammenpreßte; denn seine Finger wurden ganz weiß. Währenddessen hatte Asbjörn Krag sich eilig an den Direktor gewandt. »Ich hoffe,« sagte er, »daß ich Sie mit meinen langen Reden an die Gefangenen nicht ermüde.« »Keineswegs,« entgegnete dieser, »es freut mich sehr, daß Exzellenz auf das seelische Wohl dieser Unglücklichen bedacht sind.« »Es ist ja auch das Wichtigste«, sagte wiederum der ›hohe Herr‹, indem er seine Brille in die Tasche steckte. »Nichts ist wichtiger als gerade dieses«, erwiderte der Direktor sehr ernst und geleitete nun die Besucher über den Korridor weiter zur nächsten Zelle. Es war die Zelle des Anführers der Verschwörung – Crawbury. Dieser war ein großer, brutaler Mensch; er empfing sowohl den Direktor als auch den ›hohen Herrn‹ mit offenbarer Verachtung. Als Krag mit den gewohnten Reden beginnen wollte, unterbrach ihn der Anarchist mit groben Scheltworten. Vor lauter Ueberraschung verlor Krag die Brille und blickte sehr betroffen den Direktor an, der eine bedauernde Handbewegung machte und Crawbury eine ernste Zurecht-Weisung erteilte. Er machte ihn darauf aufmerksam, daß es einer der bekanntesten Männer Europas sei, der ihn jetzt in seiner Zelle besuche. Mit aufdringlicher Neugier starrte Crawbury den ›hohen Herrn‹ an, indem er leise vor sich hin murmelte, daß gerade dieser sich ausgezeichnet dazu eigne, auf der Spitze eines Dolches zu sitzen. Der ›hohe Herr‹ zog sich schleunigst zur Tür zurück und beruhigte sich erst, als sich zwischen ihm und dem Anarchisten die Zellentür geschlossen hatte. Er strich sich über sein graumeliertes Haar und sagte: »Das war ja ein ekelhafter Mensch – entsetzlich!« Mitleidig lächelnd wollte der Direktor ihn weiterführen; aber der ›hohe Herr‹ war recht unsicher geworden. »Sind die Verschwörer alle so wie dieser – ich meine, so brutal, so ganz unzugänglich für den Trost der Religion?« fragte er stotternd. »Ja,« antwortete der Direktor, »recht hartgesotten sind sie schon.« »Ich glaube, ich werde dann lieber weitere Zellenbesuche aufgeben. Derartige Szenen wirken – wie soll ich sagen? – sie bringen mich ganz aus der Fassung. Das sind wirklich sehr unangenehme Menschen. – Uebrigens ist die Uhr auch schon halb fünf.« »Ganz wie Exzellenz wünschen«, sagte der Direktor, indem er sich verneigte. Der Direktor selbst war halbwegs froh darüber, daß die lange Wanderung durch das ungeheure Gefängnis nun ihren Abschluß finden sollte. Er führte seine Gäste zum Eingang des Gefängnisses zurück, wo das Auto noch immer wartete. Eine Anzahl Beamte stand wieder zur Parade da. Der ›hohe Gast‹ dankte für alle Aufmerksamkeiten und bedauerte, keine Gelegenheit gehabt zu haben, die Angehörigen des Herrn Direktors zu begrüßen. Krag und der Kapitän bestiegen das Auto, das schnell davonjagte. Der Direktor blieb zurück und verneigte sich tief in dem aufwirbelnden Staub. Er war ein außerordentlich höflicher Mann. »Zum Museum!« rief Krag. Das Auto bog in eine Seitenstraße ein. Während der Fahrt sagte Asbjörn Krag kein Wort. Verschiedentlich trocknete er sich jedoch mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn; seine Hand zitterte merklich. Der Kapitän wußte, nach dieser ungeheuren Anspannung war die Reaktion eingetreten. Einige Minuten der Ruhe taten ihm not. Was wollte er jedoch im Museum? Nach etwa viertelstündiger Fahrt hielt das Auto vor dem prachtvollen Marmorpalast, dem großen Nationalmuseum, in dem sich ungeheure Schätze befanden. Krag sprang zuerst aus dem Wagen; er war wieder voller Spannkraft und Energie. »Ich habe Sie jetzt nicht mehr nötig«, sagte er zum Schofför, indem er ihm eine Geldnote reichte. »Nach dem Besuch des Museums werden wir nach Hause spazieren.« Der Schofför bedankte sich für die gute Bezahlung; kurz darauf war der große, grüne Wagen im Straßengewimmel verschwunden. »Wollen wir jetzt das Museum besichtigen?« fragte der Kapitän erstaunt. »Komm mit!« sagte Krag. Sie gingen eiligst durch mehrere große Säle. Der Besuch war zu dieser Tageszeit recht mäßig; man sah fast keine Leute. Hier und da stand ein schläfriger Aufseher, und zuweilen sahen sie eine Malerin, die irgendeinen alten Meister kopierte. Schließlich gelangten sie an einen menschenleeren, halbdunklen Korridor. Hier blieb Asbjörn Krag stehen, entledigte sich der Perücke und der angegrauten Koteletten. Nun wischte er sich noch energisch mit dem Taschentuch das Gesicht – und war wieder der alte. »Nur dies wollte ich«, sagte er Durch einen Nebenausgang gelangten sie wieder auf die Straße. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, und es sah aus, als ob sich ein Unwetter über der Stadt zusammenziehen wollte. Sie riefen die erstbeste Droschke herbei und verlangten aufgeschlagenes Verdeck. »Zum Alabamakai!« rief Krag. In der verdeckten Droschke waren sie den Blicken der Leute entzogen. Um sechs Uhr waren sie wieder an Bord des Dampfers. Hier trafen sie den zweiten Steuermann, der sie ungeduldig erwartete. Bevor Krag am Vormittag das Schiff verlassen hatte und der Kapitän sich umkleidete, hatte er dem Steuermann einen Befehl erteilt. Der Detektiv erkundigte sich nun, ob diesem Befehl Folge geleistet war. »All right«, gab der Steuermann zur Antwort. Unten in der Kajüte zeigte er Krag eine Strickleiter, die er hergestellt hatte, während die beiden fort waren. Sie bestand aus dünnen Stricken, war aber außerordentlich stark. »Wie lang?« fragte Krag. »Wie Sie sagten, – acht Meter.« »Das ist gut.« Asbjörn Krag unterbreitete ihnen nun seinen Plan. »Du wirst wohl darüber orientiert sein,« sagte er zum Kapitän, »daß unser unglücklicher Landsmann nun unterrichtet ist. Heute nacht um zwölf Uhr wird er die Tür zur Zelle erbrochen haben.« »Hast du ihm die Stemmeisen geben können?« »Ich gab ihm den Bohrer und die Stahlsäge. Mehr braucht er nicht. Diese beiden Dinge zog ich aus der Tasche, während ich – wie du dich wohl erinnern wirst – meine Brille suchte. Ich legte sie zwischen die Blätter der Bibel und bat ihn, das Buch gut festzuhalten.« Verständnisinnig lächelnd nickte der Kapitän. »Wenn es ihm aber gelingt, aus der Zelle herauszukommen, was dann?« »Dann weiß er ganz genau, wie er sich zu verhalten hat. Außerdem legte ich noch einen Brief zwischen die Seiten des Buches. Hierin findet er einen Grundriß des Gefängnisses; ein roter Strich zeigt ihm den Weg, den er, in der Dunkelheit schleichend, benutzen soll. Er wird dann an eine bestimmte Stelle der Umfassungsmauer gelangen und hier eine Strickleiter, die über die Mauer geworfen ist, vorfinden. Hier ist die großartige Strickleiter; der Steuermann hat sie hergestellt. Wie du siehst, hat sie an beiden Enden Widerhaken. Es wird gar nicht schwierig sein, sie an der Mauer zu befestigen, die gerade an dieser Stelle recht uneben ist.« »Wie willst du aber die Leiter über die Mauer schaffen?« »Das soll der Steuermann besorgen. Hier siehst du eine Karte von dem ›Schwarzen Stern‹ und seiner nächsten Umgebung. Genau an diesem Punkt muß Harald Vik die Mauer übersteigen. Die Winstonstreet ist nachts absolut menschenleer; denn wegen der unheimlichen Nachbarschaft liegen hier nur Lagerhäuser und Gärtnereien, weder Wohnhäuser noch Läden. Außerdem kommt uns die Dunkelheit zustatten. Das Glück wird uns schon günstig sein, Kapitän. Wir werden eine recht dunkle Nacht bekommen. Hörst du, wie der Regen schon gegen unser Skylight schlägt. Um halb zwei Uhr werden die Lichter in dieser Straße ausgelöscht; um zwei Uhr geht der Steuermann die Straße entlang und wirft die Strickleiter über die Mauer. Unterdessen warten wir in ›New Holborn‹, dem Nachtcafe, das nur etwa sechs Minuten von der Winstonstreet entfernt liegt. Alles dieses ist auch in dem Brief an Harald Vik angegeben. Vor dem Cafe ›New Holborn‹ werden wahrscheinlich einige Wagen halten. Der Flüchtling soll in den dritten Wagen einsteigen. Ich werde es schon so einrichten, daß unser Wagen beständig der dritte in der Reihe bleibt.« »Das ist ein großartiger Plan,« sagte der Kapitän. »Es wäre ein Jammer, sollte er mißglücken.« »Er soll gelingen«, gab der Detektiv zur Antwort. Nachts um halb eins waren Asbjörn Krag und der Kapitän wieder in der Stadt. Eine ganz eigentümliche Nacht war es, dunkler als gewöhnlich. Alle Lichtscheine kämpften gegen diese Dunkelheit, die sich in immer dichteren Massen entgegenwälzte und mit ihrer Schwärze alles Licht zu ersticken suchte. Gewaltige Nebelmassen mußten über der Stadt liegen, denn ein unheimlicher Widerschein, eine regenschwere Atmosphäre lag über allem. Im Nachtcafe ›New Holborn‹ hatte die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht. Aber sowohl Asbjörn Krag als auch der Kapitän waren mit dem Gedanken, was nun geschehen müßte, so sehr beschäftigt, daß sowohl der Lärm als auch der Glanz und die Musik wie in weiter Ferne an ihrem Bewußtsein vorbeiglitten. Um zwei Uhr kam der Steuermann und machte die Mitteilung, daß alles planmäßig vor sich gegangen sei. Keine Menschenseele wäre auf der Straße gewesen, als die Strickleiter über die Mauer geworfen wurde. Um halb drei verließen die Herren das Cafe, um im Wagen Platz zu nehmen. In diesem Augenblick mußte der Norweger, wenn alles gut gegangen sei, seine Freiheit erlangt haben. In größter Spannung warteten sie. Langsam wie eine Schnecke schlichen die Minuten dahin; stundenlang schienen sie zu sein. Die Uhr wurde drei; ein Wagen nach dem andern fuhr weg. Als es gegen halb vier ging, schöpfte Krag Verdacht. Der Steuermann ging, um nachzusehen. Nach einer Viertelstunde kam er atemlos zurückgerannt und stürzte sich eiligst in den Wagen. »Die Strickleiter,« flüsterte er, »die Strickleiter ist fort.« Der Kapitän saß wie versteinert da. Asbjörn Krag rief jedoch dem Kutscher ruhig zu: »Zum Alabamakai!« Unterwegs entfuhr ihm nur das eine Wort: »Mißglückt!« Dabei lag eine solche Niedergeschlagenheit in seiner Stimme, daß sie auf den Kapitän den größten Eindruck machte. Als sie an Bord kamen, machte der Kapitän alles klar zur Abfahrt. Das Schiff lag unter Dampf. Der Kapitän war sehr nervös. »Glaubst du,« fragte er Krag, »daß der Direktor des Gefängnisses den Zusammenhang entdeckt hat?« »Nein.« antwortete Krag, »noch nicht; aber er wird es schon entdecken. Ich bat Vik, den Brief zu vernichten.« Als der Dampfer sich in Bewegung setzen wollte, begann das Leben auf dem Kai sich eben zu regen. Ein kleiner Zeitungsjunge kam mit den Morgenzeitungen angerannt. Asbjörn Krag rief ihn zu sich an die Schiffsreling. »Es ist ratsam, die neuesten Ereignisse zu erfahren, ehe wir Amerika verlassen«, murmelte er. Kaum hatte er die erste Zeitung entfaltet, als er ganz aufgeregt dem Kapitän zurief: »Halt an! Um Gottes willen, halt das Schiff an!« Sofort stoppte die Maschine. Der Kapitän eilte auf Asbjörn Krag zu, der, noch blaß von der Erregung, ihm die Zeitungen reichte. Mitten auf der ersten Seite stand:   Einer der Verschwörer entflohen!   »Eben vor Drucklegung des Blattes erfahren wir, daß einer der Verschwörer, Harold Wigh, heute nacht aus dem ›Schwarzen Stern‹ entflohen ist. Er ist mit Hilfe einer Strickleiter über die Mauer entwichen. Die Flucht muß um zwei Uhr vor sich gegangen sein. Um halb drei fand die Nachtwache seine Zellentür erbrochen und die Zelle leer. Nähere Einzelheiten fehlen.« Der Kapitän starrte den Detektiv ganz verdutzt an. »Also doch«, sagte er leise. Krag nickte. Er war nun wieder ganz ruhig geworden. »Allem Anschein nach«, sagte er, »ist ihm die Flucht gelungen. Dann ist es mir aber ein Rätsel, daß wir den Flüchtling nicht schon an Bord haben. Er weiß, wo er uns treffen wird. Warten wir noch eine Stunde.« Sie warteten bis gegen sechs Uhr. »Noch eine Stunde wollen wir warten«, sagte Krag. Um halb sieben kamen abermals neue Zeitungen an Bord. Es war die zweite Auflage. Hierin war die ganze Flucht beschrieben. Die Sache war natürlich die Sensation des Tages. Einige Ueberschriften lauteten:   Die Flucht aus dem »Schwarzen Stern«. Die falsche Exzellenz und ihr Sekretär. Der Direktor übers Ohr gehauen.   Der Kapitän begann wieder unruhig zu werden. Um sieben Uhr morgens stieß das Schiff von Land und dampfte hinaus. Harald Vik war nicht an Bord. Asbjörn Krag stand am Heck und starrte nach der großen Stadt hinüber, von welcher nun das rege Leben des beginnenden Tages Besitz genommen hatte. Von dem ungeheuren Steinkoloß erhebt sich ohrenbetäubender Lärm gen Himmel. Eisenbahnzüge kreuzen sich mit lautem Getöse auf den Brücken; die Straßen schreien auf unter der Last der Hunderttausende von Rädern. Im Morgennebel gleicht die Stadt einer kolossalen, noch rauchenden Brandruine. Asbjörn Krag verläßt seinen Platz und geht zum Kapitän auf die Kommandobrücke. »Heute«, sagt der Detektiv, »ist mein Leben um ein Rätsel reicher geworden.« Und hiermit verlassen wir vorläufig Asbjörn Krag, den wir erst in Norwegen wieder antreffen. Kehren wir zurück zu seinem Landsmann Harald Vik, der dazu ausersehen war, das merkwürdigste Abenteuer, das sich in neuerer Zeit abgespielt hat, zu erleben. Was der Norweger erlebte Harald Vik war einen Augenblick wie gelähmt, als er die Uhr im Besitz des ›hohen Gastes‹ sah. Er wußte, daß der Detektiv Asbjörn Krag jetzt der Eigentümer dieser alten, eigenartigen Uhr war, welche in Harald Viks Familie ihre besondere Geschichte hatte. Als er den ›hohen Gast‹ genauer betrachtete, merkte er, daß es niemand anders als Asbjörn Krag selbst war. Helle Freude bemächtigte sich seiner. Krag hatte sein Versprechen gehalten; es war klar, er versuchte ihn zu retten. Er zwang sich, gleichgültig auszusehen, verfolgte jedoch die geringste Bewegung Krags mit genauester Aufmerksamkeit. Als der Detektiv seine Brille hervorzog, um aus der Bibel die Sprüche vorzulesen, sah der Arrestant ganz deutlich, daß noch etwas anderes mit der Brille hervorgezogen und zwischen die Blätter des Buches gesteckt wurde. Und als nun Asbjörn Krag ihm die Bibel überreichte und ihn mit bewegter Stimme bat, »dieses Buch ja festzuhalten«, preßte Harald Vik das Buch mit aller Macht zusammen und drückte es warm ans Herz. Das geschah, damit niemand sehen sollte, daß an einigen Stellen die Blätter nicht ganz dicht zusammenlagen. Sobald sich die Zellentür hinter dem ›hohen Gast‹ geschlossen hatte und er sich allein befand, öffnete er das Buch. Ein Brief, ein Bohrer und eine Stahlsäge fielen heraus. Als er Asbjörn Krags Brief genau studiert hatte, griff er nach den beiden kleinen Gegenständen und wog sie neugierig in der Hand. Es schien ihm unglaublich, daß diese unschuldige, kleine Stahlsäge, kaum zwei Millimeter breit, imstande sei, in weniger als anderthalb Stunden das massive, eiserne Schloß der Zellentür zu durchsägen. Hatte Asbjörn Krag es jedoch gesagt, so mußte es wohl stimmen. Plötzlich überfiel ihn ein furchtbares Entsetzen. Wie, wenn der Direktor des Gefängnisses im Laufe des Tages den Zusammenhang zwischen seiner Flucht und dem Besuch des ›hohen Gastes‹ erriete! Dann würde höchstwahrscheinlich sofort eine eingehende Untersuchung seiner Zelle veranstaltet werden. Man würde Brief und Werkzeug finden, und damit wäre es aus, sowohl für ihn als auch für Asbjörn Krag. »Vernichte den Brief,« hatte Asbjörn Krag geschrieben. Aber wie? Harald Vik blickte sich um. Auf einer kleinen Klappe, die sich von der Wand niederschlagen ließ und so einen Tisch darstellte, stand sein Frühstück noch unberührt. In einer hölzernen Schale befand sich eine Art Lobescoves, daneben lag etwas Butter, ein wenig Schwarzbrot und ein stumpfes Messer, um das Brot zu schneiden. Mit der Aussicht auf Rettung kehrte Harald Viks Appetit zurück; nun erst fühlte er, daß er in vierundzwanzig Stunden nichts genossen hatte. Er las Asbjörn Krags Brief noch einmal durch und studierte genau die Skizze des Gefängnisses, aus der er entnahm, welchen Weg er nach Verlassen der Gefängniszelle einschlagen sollte. Er prägte die Zeichnung seinem Gedächtnis fest ein und versuchte mehrere Male, ob er sich ihrer bis in die kleinsten Einzelheiten erinnern konnte. Dann zerriß er Asbjörn Krags Brief in viele kleine Stückchen. Groß war der Brief ohnehin nicht; nur ein halber Bogen Schreibpapier. Als er ihn in möglichst kleine Stückchen zerrissen hatte, sammelte er sie sorgsam zusammen und tat sie zu seinem Essen. Nachdem er die Papierstückchen mit dem Essen gut verrührt hatte, aß er das Ganze mit gutem Appetit. Der Bohrer und die Stahlsäge waren nicht größer, als daß er beides im Umschlag der Bibel verbergen konnte. Dann erwartete er mit Spannung die günstigste Zeit. Er wußte, daß die Wache um sieben, um neun, um elf und um zwölf Uhr kontrollierte. Zwischen zwölf und vier Uhr morgens ging keine Wache. Die Wache um sieben und um neun Uhr kam und ging wie gewöhnlich. Verdächtiges war nicht zu entdecken. Zuletzt kam die Zwölfuhr-Runde. Es war die neue Ablösung. Der Wächter schien recht redselig zu sein und wollte gern mit Harald Vik plaudern, der vor Ungeduld brannte. »Sie Aermster,« sagte der Beamte, »das wird eine böse Geschichte für Sie werden. Wie konnten Sie auf solchen Wahnsinn verfallen?« Der Norweger antwortete nicht. »Haben Sie es denn nicht gemerkt,« fuhr der andere fort, »daß Crawbury, Ihr Anführer, ein Schuft war?« Vik wurde nun aufmerksam. »Inwiefern?« fragte er. »Er war ja gewillt, alle Mitgeschworenen zu verraten, um seine eigene Haut zu retten.« »Sie lügen.« »Ich lüge nie. Warum sollte ich auch? Die Polizei hat Beweise dafür, daß Crawbury ein Schuft ist. Als er einsah, daß es nichts nützte, die Stellung noch länger zu wahren, und daß seine Verhaftung nahe bevorstand, schrieb er dem Polizeidirektor und erbot sich, alle Namen seiner Mitgeschworenen zu nennen, wenn er selbst frei käme. Man erwischte ihn jedoch gleichzeitig mit Eintreffen des Briefes.« Harald Vik fühlte, wie der Schweiß von seiner Stirn perlte. Es war ihm, als täte sich ein Abgrund vor ihm auf. »Armer Kerl«, hörte er den Beamten leise sagen. »Ihr Mitleid habe ich nicht nötig,« sagte Vik brutal, um den andern loszuwerden – die Uhr zeigte schon einige Minuten nach zwölf –, »sagen Sie mir lieber, wie ich aus diesem verfluchten Loch herauskomme.« »Loch!« rief der Beamte. »Ihre Zelle ist wahrlich eine der schönsten und hellsten. Warten Sie nur, bis man Sie verurteilt hat. Da werden Sie als Neuling eine kleine Zelle tief unten bekommen. Dann erst können Sie von einem Loch reden.« Vik warf sich auf die Pritsche. »Ich bin müde«, sagte er. »Zwei Nächte habe ich nicht geschlafen. Lassen Sie mich in Ruhe.« »Ja, ja«, erwiderte der Beamte, drehte das Licht aus und entfernte sich mit einem freundlichen »Gute Nacht!« Harald Vik hörte, daß der Schlüssel zweimal in dem großen Schloß umgedreht wurde, worauf sich die Schritte des Aufsehers immer mehr entfernten. Seine Zelle war anscheinend die letzte in der Runde. Mehrere Minuten lang lag er, vor Spannung zitternd, da. Es war Tatsache, in den letzten zweimal vierundzwanzig Stunden hatte er seine Augen nicht zugetan, nun aber fühlte er sich wacher und besaß mehr Energie als jemals zuvor in seinem Leben. Er war sich wohl bewußt, auf was für ein abenteuerliches Wagnis er sich einließ, nun aber hieß es: biegen oder brechen. Hier war alles zu gewinnen und nichts zu verlieren. Nun mußte die Uhr auch schon ein Viertel nach zwölf sein. Er sprang auf. Seine Augen hatten sich nach und nach an die Dunkelheit gewöhnt, so daß er in dem fahlen Licht, das durch das Gitterfenster hereinkam, die Umrisse der verschiedenen Gegenstände in der Zelle unterscheiden konnte. Er fand die Bibel ziemlich schnell, war aber so fieberhaft eifrig, daß er sich nicht die Zeit nahm, die Gegenstände vorsichtig herauszunehmen, er riß dabei den Einband entzwei. Nun stand er da, mit dem Bohrer und der Stahlsäge in der Hand. Er ging zur Zellentür, wo es ganz dunkel war, so daß er tastend das Schloß suchen mußte, um sich zu orientieren. Harald Vik war mit der Handhabung derlei Einbrecherwerkzeuge nicht vertraut. Er mußte eine Zeitlang überlegen. Da wurde es ihm klar, daß er das ganze große Schloß herausschneiden müßte, um die Tür öffnen zu können. Er bohrte zunächst oberhalb des Schlosses ein Loch; dann versuchte er in dieser Oeffnung die Säge anzubringen. Er mußte noch einmal bohren. Dies nahm einige Minuten in Anspruch, so daß er immer mehr daran zweifelte, bis um zwei Uhr mit dieser schweren Arbeit fertig werden zu können. Endlich konnte er die Säge anbringen, und nun begann das Herausschneiden. Es war ein ganz wunderbares Instrument. Jetzt erfaßte es das Eisen, und Harald Vik hörte, wie die kleinen Eisenfeilspäne auf den Fußboden niederfielen. Aber gleichzeitig wurde ihm angst und bange, denn die Säge verursachte ein irritierendes Geräusch, was in der stillen schweigsamen Nacht besonders deutlich zu hören war. Es war ein schnarrender, schneidender Ton, der ihn zusammenfahren ließ. Hätte er nur etwas Oel gehabt. Dieser Lärm durfte nicht andauern; sicherlich war er weithin im Korridor vernehmlich. Plötzlich kam ihm wieder der Gedanke an sein Frühstück und ließ ihn vor Freude beben. Großartig! Da war ja noch etwas Butter übrig geblieben. Er trat an den Tisch. Die Butter war ganz hart. Wie ließ sie sich nur schmelzen? Hier kam ihm sein augenblicklicher Zustand zu Hilfe. Er fühlte, er war krank. Seine Schläfen pochten; heiße Schweißperlen liefen ihm unaufhörlich über die Stirn; sein ganzer Körper war vom Fieber erhitzt. Er nahm ein wenig Butter und behielt sie so lange in der Hand, bis sie zu schmelzen begann; dann tropfte er sie nach und nach in das Schloß und in den Einschnitt, welchen die Säge schon darin gemacht hatte. Nun arbeitete die Säge absolut lautlos. Nach einer halben Stunde hatte er mehr als die Hälfte des Schlosses durchfeilt. Dann wurde es allmählich schwieriger. Die Säge war von außerordentlich hartem Stahl, und zu Anfang waren die Zähne der Säge so scharf wie die Schneide eines Rasiermessers. Aber das ewige Hinundherfeilen machte sie schließlich stumpf. Er hörte die Uhr im Gefängnisturm halb zwei und dann dreiviertel zwei schlagen, bevor das Schloß endlich ganz durchsägt war. Lautlos öffnete sich die Zellentür ganz von selbst. Fast hätte er vor Freude laut aufgeschrien; aber er bezwang sich. Die schwerste Arbeit war nun überstanden. Harald Vik hatte dermaßen gearbeitet, daß seine Schultern fast erlahmt waren. Nun ging es jedoch an die gefährlichste Arbeit. Er mußte über die Treppen schleichen, um auf den Hof zu gelangen. Entdeckte man ihn dort, konnte er unter Umständen von der Wachtmannschaft wie ein Hund niedergeschossen werden. Er mußte es schon darauf ankommen lassen. Für alle Fälle steckte er die Stahlsäge und den Bohrer zu sich. Den Bohrer behielt er in der Hand; er konnte ihm immerhin eine gute Waffe sein. Er ist so gut wie ein Dolch, dachte er. Dann tat er einen Schritt vor, um aus der Tür zu gehen. Er hielt jedoch gleich wieder inne. Seine Stiefel, die groß und klobig waren, machten einen entsetzlichen Lärm, wenn er auf den harten Steinfußboden auftrat. Das konnte nicht angehen. Es fiel ihm ein, daß die Treppen aus Eisen waren, so daß der Lärm, wenn er die Treppen hinunterging, noch stärker werden würde. Was sollte er machen. Er konnte unmöglich die Stiefel zurücklassen. Würde er nur mit Strümpfen an den Füßen beim Nachtcafe ›New Holborn‹ anlangen, dann würde man ihn voraussichtlich sofort verhaften lassen. Nein, da fiel ihm ein besserer Ausweg ein. Er zog sowohl die Stiefel als auch die Strümpfe aus, zog dann die Stiefel über die bloßen Füße und darüber die Strümpfe. Lange horchte er an der Tür, um sich zu vergewissern, ob sich möglicherweise jemand auf dem langen Korridor aufhalte. Er hörte jedoch nichts. Im nächsten Augenblick war er draußen auf dem Korridor. Sorgsam schloß er die Tür hinter sich, es war ihm jedoch unmöglich, sie ganz zuzumachen. Dann schlich er über den Korridor, bis er an die eiserne Treppe kam. Er stieg von einem Stockwerk zum andern, ohne daß sich ihm Hindernisse entgegenstellten. Als er jedoch bis zum zweiten Stockwerk gelangt war, vernahm er ein Geräusch, daß ihm vor Schreck das Herz stillstand. Er hörte energische Schritte sich nähern; Stiefel schlugen hart gegen die eisernen Stufen. Ein Mann kam die Treppe herauf. Es war stockfinster auf der Treppe und ganz unmöglich, daß zwei Personen in der Dunkelheit aneinander vorbeikommen konnten, ohne sich zu berühren, weil die Treppe so schmal war. Harald Vik glaubte dem Räuspern und Husten entnehmen zu können, daß der Näherkommende ein Wachtposten sei. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder hinauf zu gehen. Nun freute er sich seiner Umsicht, die ihm eingegeben hatte, die Strümpfe über die Stiefel zu ziehen. So konnte er lautlos vor dem andern her die Treppe hinaufsteigen. Beständig war ein Stockwerk zwischen ihnen. Als Harald Vik bis ins siebente Stockwerk gelangt war, dachte er: Wenn dies ein Extrawachtposten ist, dann wird er ganz oben mit dem Visitieren der Zellen beginnen. Biege ich in diesen Korridor ein, dann wird der Posten an mir vorübergehen, so daß ich nachher wieder meinen Weg nach unten fortsetzen kann. Im Grunde hatte der Unglückliche gar keinen anderen Ausweg. Er begab sich in den Korridor, der ebenso dunkel war wie die Treppe. Nachdem er den Korridor etwa zwanzig Schritte entlang gegangen war, blieb er stehen und wartete, daß der Posten vorbeigehen sollte. Der Mann bleibt jedoch auf dem Treppenabsatz stehen. Vik hört, wie er in seinen Taschen nach einer Streichholzschachtel sucht und eine Verwünschung ausstößt, als er sie nicht gleich finden kann. Er hört auch eine Laterne in der Hand des Postens rasseln. Er will also Licht machen. Endlich hat er das Licht angezündet und kommt nun den Korridor entlang. Harald Vik stürzt ganz bis ans Ende des Ganges. Hier stößt er auf eine andere Treppe, hört aber gleichzeitig, daß ein Posten auch diese Treppe heraufkommt. Nun weiß er, daß eine Extrapatrouille angesetzt ist. In allen Stockwerken sind Posten. Halb besinnungslos taumelt Harald Vik diese zweite Treppe hinauf. Er glaubt, alles sei vorbei. Falls ihm nur ein Wachtposten begegnet, wird er einen Ueberfall wagen. Mit diesem kleinen spitzen Instrument, das er in der Hand hält, wird er ihm das Herz durchbohren. Jedenfalls will er seine Freiheit so teuer wie möglich verkaufen. Die Zähne beißt er zusammen und hält die Waffe in der festgeballten Hand. Da scheint es wiederum, als sei noch ein Fünkchen Hoffnung vorhanden. Die beiden Wachtposten – beide mit Laternen versehen – begegnen sich auf dem Treppenabsatz und beginnen eine kurze Unterhaltung. »Wie steht's?« Müde und unter Gähnen antwortet der Gefragte: »Alles in Ordnung!« Danach beklagen sich beide über die außergewöhnliche Extrawache, als ob es jemandem einfallen könnte, aus dem ›Schwarzen Stern‹ zu entfliehen. Todmüde lehnt sich Vik gegen die Kalkwand. Plötzlich fühlt er eine Klappe im Rücken. Mit den Händen tastet er die Wand ab, bis ihm klar wird, daß er sich vor einem alten Schornstein befindet. Ein seltsamer Gedanke, eine Hoffnung bemächtigt sich seiner. Die Klappe schließt das Loch im Schornstein. Da schießt es ihm durch den Kopf, daß man früher in sehr langen Schornsteinen für die Schornsteinfeger solche Oeffnungen anbrachte. Vorsichtig hebt er die Klappe. Sie läßt sich öffnen. Die beiden Wachtposten da unten sprechen jetzt so laut miteinander, daß sie das Geräusch nicht bemerken. Hastig kriecht Vik durch die Oeffnung und findet auch gleich festen Fuß im Schornstein. Gleichzeitig zieht er die Klappe wieder hinter sich zu. Beim Zuschließen klappt sie. Er hört, wie die beiden Posten plötzlich im Gespräch dort unten auf dem Treppenabsatz innehalten. »War da jemand?« sagt der eine. Schläfrig antwortet der andere: »Wie? War jemand da?« »Es spukt hier in dem alten Kasten«, bemerkt der erste lachend; dann gehen sie leise redend die Treppe hinauf. Das Licht ihrer Laternen schimmert beim Vorübergehen zu Harald Vik in den Schornstein hinein. Ein Robinson auf dem Gefängnisdach Harald Vik saß mäuschenstill im Innern des Schornsteins und wartete, bis die schweren Schritte vorübergegangen waren und das Gespräch der beiden Wachtposten sich nach oben hin verloren hatte. Noch ist es nicht zu spät, dachte der Flüchtling, noch hat die Uhr nicht zwei geschlagen. Ich will es doch noch versuchen, auf den Hof und von dort über die Mauer zu gelangen. Er versuchte die eiserne Klappe, die in den Schornstein führte, zu öffnen, entdeckte aber zu seinem Entsetzen, daß die Klappe eingeschnappt war, so daß er nicht imstande war, sie von innen zu öffnen. Ein halblauter Fluch entfuhr seinen Lippen. Nun hatte er sich selbst eingesperrt. Wie, wenn er versuchte, den Schornstein hinabzusteigen? Er mußte doch wohl in eine darunterliegende Küche münden. Er vermutete, daß der Schornstein nicht benutzt würde. Im ganzen Gefängnis war schon längst Zentralheizung und Gaslicht; der Schornstein war aber gewiß schon seine hundert Jahre alt. Der Ruß an den Wänden war hart wie Stein. Intensiv horchte er etwa eine Minute lang. Von irgendwoher kam ein Geräusch, das ein altes Uhrwerk vermuten ließ. Plötzlich ließ ihn ein lautes und schrilles Glockenzeichen zusammenfahren; gleich darauf wiederholte es sich noch einmal; dann war alles wieder still. Die Uhr im Gefängnisturm hatte zwei geschlagen. Wieder lauschte der Flüchtling. Nein, nun war kein Laut zu hören. Die Extrarunde war scheinbar vorüber. Er begann, den Schornstein hinabzusteigen, indem er die Schultern gegen die eine und die Füße gegen die andere Wand stemmte; in dieser Weise schob er sich dann hinunter. Dann und wann konnte er in einem der Löcher, die für die Schornsteinfeger in der Wand angebracht waren, festen Fuß fassen. Er vermutete, daß er sich hoch oben im Schornstein befände, und daß er noch sehr tief sein müsse, denn eine recht fühlbare Kälte schlug ihm von unten her wie aus einem Abgrund entgegen. Dann aber mußte er plötzlich innehalten, denn nun hörte er, daß mit einem Male zwei schwere Glocken vom Gefängnisturm zu läuten begannen. Dies war nicht der gewöhnliche, feierliche Glockenton; es waren heftige, schnelle Schläge, die dem Flüchtling durch Mark und Bein gingen. Gleichzeitig hörte er eilige Schritte auf den Treppen und das Summen vieler und aufgeregter Stimmen. Er wußte wohl, was dies Läuten und dieser Lärm zu bedeuten hatten: die Flucht war entdeckt. Harald Vik dachte: Nun haben sie die offene Tür in meiner Zelle entdeckt. Augenblicklich werden alle Ausgänge des Gefängnisses besetzt werden, und vermutlich werden sie auch die Strickleiter gefunden und sie von der Mauer heruntergerissen haben. Die Flucht ist total mißlungen. Sollte er sich zu erkennen geben? Sollte er weiter abwärts steigen, bis er auf den Grund des Schornsteins gelangen würde, und von da auf den Hof hinausgehen, um dort zu sagen: »Hier haben Sie mich, meine Herren?« Seine Grübeleien wurden dadurch unterbrochen, daß er tief unter sich eine menschliche Stimme hörte. Die einzelnen Worte konnte er nicht unterscheiden; aber immer stärker werdend und immer polternder stieg die Stimme wie durch den Trichter eines Phonographen durch den Schornstein zu ihm empor. Unwillkürlich begann er nach oben zu steigen, so lautlos, wie es ihm möglich war. Schritt für Schritt arbeitete er sich durch den engen Schornstein wieder hinauf. Er kam an der eisernen Klappe vorbei, hier hielt er einen Augenblick still, stieg aber weiter, als er nichts hörte. Je höher er stieg, je mehr fühlte er, daß die Luft schärfer und reiner wurde. Demnach war der Schornstein also nicht gedeckt, so daß er auf das Dach hinaus gelangen konnte, und da würde er vorläufig einigermaßen in Sicherheit sein. Nach halbstündiger übermenschlicher Anstrengung war er endlich oben auf dem Dache angelangt. Ein schräges Blechdach bedeckte einen Teil der Oeffnung des Schornsteins, doch war zwischen diesem und der Blechhaube noch so viel Raum, daß er leicht hindurchkriechen konnte. Er beugte den Kopf über den Schornsteinrand und blickte hinunter. Ein frischer Wind wehte über das Dach hinweg und kühlte seine heiße Stirn. In vollen Zügen trank er die frische, reine Luft. Vom Rand des Schornsteins bis zum Dach, das nach beiden Seiten gleichmäßig schräg abfiel, war kaum ein Meter. Der Flüchtling kroch aus der Oeffnung hervor und sprang aufs Dach. Er blieb hier ganz still liegen und blickte sich eine Zeitlang um, halb betäubt von dem, was er erlebt hatte. Noch war es ganz dunkel. Tief unter ihm lag die Stadt, dies düstere, steinerne Meer, von tiefen Straßen kreuz und quer durchfurcht. Im Zentrum der Stadt glänzten die Straßen wie Lichtstreifen, ganz deutlich konnte er Automobile und Wagen hin und her fahren sehen. Menschen waren wegen der weiten Entfernung kaum zu erkennen, wie schwarze Punkte, die sich langsam auf den Fußsteigen vorwärts bewegten, sahen sie aus. Kirchtürme ragten aus dem Dunkel der Steinkolosse hervor. Von vielen Türmen ertönten nun gleichzeitig Glockenschläge. Die Uhr war halb drei. Der Flüchtling kroch nun ganz bis ans Dachgesims und sah hinunter. Harald Vik hatte das Gefühl, als befände er sich oben auf einer alten Burg. Der Mittelbau des ›Schwarzen Sterns‹ erinnerte nicht wenig an die Bastille. Das ganze Dach war von einer meterhohen, gezackten Mauer umgeben, Schießöffnungen vergleichbar. Aus einer solchen Oeffnung blickte der Flüchtling hinaus. Er kannte die große Stadt sehr gut. Sofort war er orientiert. Dort unten in der breiten, hellerleuchteten Straße dicht an der Gefängnismauer lag ›New Holborn‹. Vor dem Cafe sah er einige Wagen stehen; der dritte in der Reihe mußte wohl Asbjörn Krags sein. Lange lag er da und starrte den Wagen wie behext an; zuletzt sah er noch, daß er abfuhr. Der Detektiv mußte alle Hoffnung aufgegeben haben. So, nun verschwand der Wagen an der Straßenecke und war im Dunkel der Nacht verschwunden. Sehnsuchtsvoll blickte Harald Vik nach dem Hafen, wo viele rote und grüne Lichter die Kais bezeichneten. Der Hafen lag gegen Osten. Weit draußen stand ein Leuchtfeuer, das dann und wann sein Licht aufflammen ließ. Der Tag begann zu grauen, wunderbar stieg die Morgenröte aus dem Meer empor. Nun aber das Gefängnis! Wie sah es aus, dort unten im Gefängnishof? Hatte man aufgegeben, nach ihm zu suchen? Hatte man die Strickleiter gefunden? Der Flüchtling kroch nun quer übers Dach, das nach dem Regen noch ganz naß war. Bald fühlte er, wie seine Kleidung ganz durchweicht und klebrig war. Endlich gelangte er auf die andere Seite. Unten auf dem Gefängnishofe herrschte reges Leben und Treiben; eine Anzahl von Beamten liefen mit schwankenden Laternen hin und her. Anscheinend hatte die Flucht großes Entsetzen hervorgerufen. Aus Asbjörn Krags Anweisungen wußte Harald Vik, daß sich die Strickleiter an der Stelle befinden müsse, wo die Gefängnismauer die Winstonstreet kreuzte. Er blickte dahin und gewahrte einen großen Auflauf. Demnach hatte man die Strickleiter entdeckt. Nun konnte von einer weiteren Flucht keine Rede mehr sein. Er war unweigerlich im ›Schwarzen Stern‹, dem größten Gefängnis der Welt, eingekerkert. Wie viele Minuten oder Stunden mochten noch vergehen, bevor man seinen Aufenthalt entdeckt und ihn in seine Zelle zurückgeführt hatte. Plötzlich wurde es ihm aber klar, daß er trotz allem vorläufig in Sicherheit war. Dieses hatte gerade der Fund der Strickleiter bewirkt. Die Gefängnisbeamten mußten natürlich annehmen, daß dem Norweger die Flucht gelungen sei, da sie ihn nirgends fanden. Sie glaubten selbstverständlich, daß er mit Hilfe der Strickleiter über die Mauer entkommen sei. Die Polizei würde alle Kräfte daran wenden, ihn in der Stadt ausfindig zu machen; der Gedanke, daß sich der Flüchtling innerhalb der Gefängnismauern befinden könne, würde ihnen wohl kaum kommen; noch weniger würden sie vermuten, daß er auf das Gefängnisdach entschlüpft sei. Nachdem Harald Vik sich über seine Lage klar geworden war, fühlte er, wie eine todähnliche Müdigkeit ihn überwältigte. Mehrere Tage hatte er nicht geschlafen, und nun kam die Reaktion nach den ungeheuren Anstrengungen und der gewaltigen Nervenanspannung. Wo er sich eben befand, legte er sich ungeachtet der Nässe nieder und fiel gleich darauf in einen tiefen, erquickenden Schlaf. Als der Flüchtling erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel; ein heller, herrlicher Tag war angebrochen. Seine Kleidung sowie das Dach waren mittlerweile trocken geworden. Harald Vik lag noch geraume Zeit, ehe er sich recht besinnen konnte. Anfangs war es ihm nicht ganz klar, wo er sich befand. Die Ereignisse der Nacht durchjagten in verworrenen Bildern sein Hirn. Schließlich kam ihm zum Bewußtsein, daß er sich noch auf dem Dach des Gefängnisses befinde und noch nicht entdeckt sei. Eine tiefe Traurigkeit überfiel ihn. Seine Lage war entsetzlich. Nicht die geringste Hoffnung bestand jetzt mehr für ihn, aus dem Gefängnis zu entkommen, da die Kontrolle und die Wache nach den Ereignissen der Nacht selbstredend noch verschärft worden war. Gleichzeitig freute er sich jedoch darüber, daß er in einer Weise noch seine Freiheit besaß. Die Polizei würde ihn weit von hier in irgendeiner der dunkeln Verbrecherkneipen der Stadt vermuten. Nur durch einen Zufall würde man ihn entdecken. Darüber würde wahrscheinlich noch einige Zeit vergehen; aber er konnte auch damit rechnen, daß es schon in wenigen Stunden geschehen könnte. Der Flüchtling erhob sich nun und sah über das Dach hinweg, das so breit war, daß es die darunterliegende Stadt vor seinen Blicken verbarg. Ein sonderbares Gefühl ergriff ihn: hier war er also ganz allein, mitten in einer großen Stadt und zwischen mehreren Millionen Menschen. Zu seinen Füßen schliefen Tausende; und dennoch war er ein Robinson. Mit keiner Menschenseele konnte er hier in Verbindung kommen. Er war darauf angewiesen, alles selbst zu entwirren. Nun stand er mit leeren Händen hier oben auf dem Dach. Seine Lage war wahrhaftig entsetzlicher als die Robinson Crusoes. Was war zu tun? Woher sollte er sich Essen verschaffen? War irgendeine Möglichkeit vorhanden, ohne entdeckt zu werden, ins Gefängnis zurückzugelangen, um Lebensmittel zu erlangen? Es wurde ihm gleich klar, daß, wenn es ihm nicht gelänge, Lebensmittel herbeizuschaffen, es bald mit ihm zu Ende sein würde. Er würde gezwungen sein, sich zu stellen. Erst wollte er jedoch alles versuchen. Der Schlaf hatte ihn erquickt; nun merkte er, wie der Selbsterhaltungstrieb Mut und Energie in ihm wachrief. Er entschloß sich zu einer Entdeckungsreise über das Dach. Wenn er nicht ganz bis an den Rand des Daches ging, konnte er sich bewegen, wo er wollte, ohne zu riskieren, entdeckt zu werden. Sein Aufenthaltsort war der höchste Punkt in vieler Meilen Umkreis; die höchsten Kirchtürme ragten nicht bis hier hinauf. Auf seiner Wanderung stieß er auf mehrere alte Schornsteine, die ebensowenig benutzt wurden wie der, durch den er hinaufgekommen war. Im übrigen war das Dach mit vielen Anbauten und Ausbauten versehen und war so groß, daß ein Bataillon Soldaten hätte darauf exerzieren können. Plötzlich entdeckte er, daß ein leichter Rauch über das Dach hinwegzog. Demnach mußte also doch noch ein Schornstein benutzt werden. Sogleich entdeckte er ihn auch; er war noch ganz neu. Aus seiner Lage konnte der Flüchtling ersehen, daß er in die Privatwohnung des Direktors führen müsse. Harald Vik ging ganz bis an den Rand des Daches. Von hier aus sah er nach den anderen Gefängnisgebäuden hinüber, die strahlenförmig von dem ursprünglichen Gebäude ausgingen, auf dessen Dach er sich befand. Es wäre ihm gar nicht schwergefallen, auf eines der anderen Dächer zu gelangen; im hellen Tageslicht war es jedoch immerhin mit einigem Risiko verbunden. Gar zu leicht hätte man ihn von einem der oberen Gitterfenster entdecken können. Er wollte damit bis nach Eintritt der Dunkelheit warten. Er setzte sich nieder, indem er den Rücken an einen größeren Aufbau von Ziegelsteinen, den Resten eines alten Wachtturmes, lehnte. Die Sonne wärmte; ein sanfter Wind umspielte ihn. Lange Zeit saß er da und schaute vor sich hin. Von hier aus hatte er einen wunderbaren Blick über die Riesenstadt, die wie ein ungeheurer Fächer vor ihm ausgebreitet lag. Die Straßen sahen aus wie Ströme dunklen Wassers; so dicht war das Menschengewoge. Von seiner Höhe konnte er nicht mehr die einzelnen Menschen unterscheiden; er sah nur den Strom. Die Dächer der Omnibusse und Straßenbahnen machten den Eindruck, als seien sie treibende Balken auf den Wellen. Eine Zeitlang amüsierte es ihn, die Eisenbahnzüge, die in wahnsinniger Eile über Dächer und Brücken dahinrollten, zu betrachten. Er erinnerte sich genau der verschiedenen Abfahrtszeiten der Züge aus den Tagen seiner Freiheit dort unten in der Stadt. Da fährt der Zug 3.12, dachte er bei sich, und von der Station kommt der Zug 3.21. Dann sagte ihm dieses Spiel nicht mehr zu, und er begann statt dessen die vielen vergoldeten Kirchturmspitzen zu zählen, worauf die Sonnenstrahlen tanzten. Es tauchten aber immer mehr Kirchturmspitzen auf, so daß er sich verzählte. Seine Augen erblickten in weiter Ferne das grüne Land, Felder, Gärten und Aecker, die weit hinter dem Häusermeer freundlich hervorlugten. Nach der andern Seite sah er hinaus aufs Meer, das seinen mächtigen Arm der Stadt entgegenstreckte und sie in seiner großen Faust gleichsam festzuhalten schien. Auf dem Meere bewegte sich eine Menge schwarzer Punkte. Es waren Dampf-Schiffe, deren Rauchfahnen sich draußen in Luft und Wasser verloren. Er hatte einen Ausblick von hier, um den ihn ein König beneiden konnte. Plötzlich schrak er zusammen. Vernahm er da nicht Stimmen, menschliche Stimmen? Die Laute schienen von der anderen Seite des Anbaues zu stammen. Gleichzeitig hörte er ein Sausen in der Luft, wobei ein leichter Schatten über ihn dahinglitt. Nun wußte er, was es war: Tauben. Er rief ihnen laut einige gleichgültige Worte zu, um sie zu verscheuchen. Im Augenblick wurde ihm ganz seltsam zumute, als er seine eigene Stimme hörte. Sie klang so merkwürdig in seinen Ohren. Mit Lärm und Flügelschlagen flog eine Schar Tauben auf, flatterte eine Zeitlang umher, ließ sich aber bald wieder nieder. Er freute sich, daß auch noch andere Lebewesen als nur er allein sich hier oben befanden, und es kam ihm der Gedanke: hätte ich nur etwas hier, womit ich die Tauben fangen könnte, dann hätte ich Nahrung genug für viele Tage. Er hatte jedoch nichts, um sie zu fangen. Nun begann er zu fühlen, daß er entsetzlich hungrig sei. Das Gesicht hinter dem Gitter Wenn Harald Vik sich über die Balustrade lehnte, die das Dach umgab, konnte er in die höchstgelegenen Zellen hineinblicken. Da entdeckte er die Gefangenen, die in dem kleinen Raum hin und her schritten und dann und wann ans vergitterte Fenster traten; aber nur ein .Stückchen Himmel sehen konnten, wenn sie das Gesicht an die Scheibe preßten. Der Flüchtling mußte jedoch vorsichtig sein; denn gar zu leicht hätte er beobachtet werden können. Solange es noch hell war, verbarg er sich hinter den Ruinen des alten Wachtturmes. Von hier aus hatte er eine großartige Aussicht über Stadt und Hafen, und hier hatte er nicht zu befürchten, gesehen zu werden. Er entdeckte hier einen neuen unbenutzten Schornstein, von welchem er annahm, daß er nicht in die eigentlichen Gefangenenabteilungen hinabführte. Wenn die Uhr zwölf schlüge und die letzte Runde vorbei war, wollte er es versuchen, durch diesen Schornstein in das Innere des Gebäudes zu gelangen. Mochte kommen, was da wollte. Er mußte sich Nahrung verschaffen, wollte er nicht Hungers sterben. Die Sonne ging unter. Es begann hier oben im Freien kälter zu werden, eine schwache Dämmerung verwischte die Konturen in der Ferne. Der Flüchtling beugt sich vorsichtig über eine der Schießscharten hinaus und sieht hinab in den Gefängnishof, wo gerade die Gefangenen nach der ›Abendpromenade‹ wieder hineingeführt werden. Sie gehen langsam in ungeheuer langen Reihen. Keiner spricht zum andern; die meisten blicken auf ihre großen Holzschuhe hinab, die gegen die Steine klappern. Auf kleinen Erhöhungen stehen Aufseher, die für Ordnung sorgen und darauf achten, daß die Vorschriften innegehalten werden. Der Einmarsch dauerte eine halbe Stunde; erst dann ist die ungeheure Anzahl der Gefangenen wieder im Gefängnis verteilt. Jeder befindet sich in seiner Zelle. Der Anblick dieses großen Heeres Unglücklicher machte auf den jungen Norweger einen starken Eindruck. Langsam glitten seine Augen über das nächstliegende Gefängnisgebäude. Jedes einzelne Stockwerk barg Hunderte von Gefangenen. Und es waren viele Stockwerke. Harald Vik zählte: acht – zehn – zwölf –. Beugte er sich noch ein wenig weiter über die Balustrade, konnte er in die Zellen hineinsehen. Plötzlich schrak er zusammen; größtes Entsetzen erfaßte ihn und ließ ihn schaudern. Dort – hinter einem der nächsten Gitterfenster entdeckte er ein Gesicht, das ihn anstarrte. Schnell zog sich Harald Vik zurück. Es war jedoch zu spät; denn das Gesicht hinter dem Gitter hatte ihn schon lange beobachtet. Der Flüchtling erinnerte sich nicht, jemals ein so sonderbares, ausdrucksloses und doch hartes Gesicht gesehen zu haben. Wer mochte das sein? Selbstverständlich ein Gefangener. Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner. Er kannte das Streben der Gefangenen, sich während ihrer Gefangenschaft Vorteile zu verschaffen; und er wußte, daß der Betreffende, der Harald Viks Versteck angeben konnte, reich belohnt würde. Das Gesicht hinter dem Gitter, diese gefühlsrohe Fratze, ließ nichts Gutes vermuten. Von unwiderstehlicher Neugier getrieben, wollte Harald Vik in Erfahrung bringen, ob sich der Mann vom Gitter zurückgezogen hätte. Er lehnte sich nochmals über die Balustrade. Ein Gefühl des Entsetzens, das ihn erstarren ließ, durchjagte von neuem seinen Körper. Das Gesicht hatte sich auch nicht im mindesten von seinem Platz entfernt. Es stand noch immer da hinter dem Gitter und starrte ihn an; genau in derselben Stellung wie vordem. Nicht der geringste Ausdruck des Ueberraschtseins oder der Neugier lag in diesem Gesicht. Eher eine beobachtende Aufmerksamkeit. Die Augen waren direkt auf Harald Vik gerichtet, der sich von dem hypnotisierenden, starren Blick des Mannes unangenehm berührt fühlte. Mit einem Male machte der Flüchtling eine neue Entdeckung. Er bemerkte, daß das Gitterfenster, hinter welchem sich das unheimlich starrende Gesicht befand, viel größer als die übrigen Fenster desselben Gebäudes war. Es lag am allerhöchsten, in der obersten Etage. Harald Vik erhob sich wieder und betrachtete die ganze Gefängnisanlage. Von dem eigentlichen Hauptgebäude, auf dessen Dach er sich befand, gingen sieben andere, kleinere Gebäude strahlenförmig ab. Der Flüchtling zählte diese Gebäude; er begann mit Nummer 1, das neben dem großen Gefängnisportal lag. Das Seitengebäude, das gerade vor ihm lag, war demnach Nummer 5. War ihm nicht einmal zu Ohren gekommen, daß sich im fünften Gebäude die Zelle der zum Tode Verurteilten befände? Nun wurde es ihm klar, warum dies Gitterfenster, durch welches das Gesicht ihn anstarrte, größer war als die anderen in dem Flügel. Es war die Zelle der zum Tode Verurteilten. Es war das Gesicht eines solchen Unglücklichen. Von neuem warf er einen Blick nach dem Gitterfenster hinüber – und richtig – das Gesicht war wieder da. Noch ebenso gefühllos, ebenso kalt. Die Dunkelheit nahm unmerklich zu; der Lärm der Großstadt legte sich. Ein unheimliches Gefühl beschlich den Norweger. Das Gesicht kam ihm gespensterhaft, unwirklich vor. Plötzlich verschwand es vom Fenster; der Mann war in die Zelle hineingegangen. Dann aber kam er wieder zum Vorschein; und abermals starrten ihn die sonderbaren, kalten Augen an. Jetzt schien es ihm aber, als ob etwas Fragendes im Blick des Mannes wäre. Ein Gedanke erfaßte ihn. Harald Vik wußte, daß die zum Tode Verurteilten in den Tagen vor der Exekution immer eine sehr gute Verpflegung hatten. Wenn es ihm gelang, mit dem Mann dort drüben in der Zelle in Verbindung zu kommen, wäre es vielleicht nicht ausgeschlossen, von ihm Lebensmittel zu erlangen. Möglicherweise könnte er ihm als Gegenleistung bei einem Fluchtversuch behilflich sein. Auf jeden Fall mußte er sich in dieser oder jener Weise mit dem Verurteilten zu verständigen suchen. Der Flüchtling kroch ganz an den Dachrand, so daß der Mann in der Zelle seine Bewegungen deutlich sehen konnte. Durch Zeichen versuchte Harald Vik dem andern verständlich zu machen, daß er hungrig sei. Er wies auf seinen Mund und streckte ihm bittend die Hände entgegen. Der andere blickte ihn eine Zeitlang an, ohne eine Miene zu verziehen. Dann aber nickte er, als wollte er damit sagen, daß er die Gebärden des Flüchtlings verstanden hätte, worauf er vom Fenster verschwand. Nach einigen Sekunden zeigte er sich von neuem hinter dem Gitter. Nun zeigte er Harald Vik ein Brot. Er legte sofort das Brot von sich und blieb wie vorhin stehen, die Augen unverwandt auf den Flüchtling dort oben auf dem Dache gerichtet. Eine grenzenlose Freude bemächtigte sich des jungen Norwegers. Nun wußte er, daß der Verurteilte gewillt sei, ihm zu helfen. Wie aber sollte er nun das Brot in die Hände bekommen? Daß es nur durch das Gitterfenster geschehen könnte, war ihm klar. Noch war es zu hell, als daß der Flüchtling sich oben auf dem Dache frei bewegen konnte. Nach einer halben Stunde aber würde es so dunkel sein, daß er auf das Dach des Seitengebäudes klettern konnte, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Von da aus konnte es gar nicht so schwierig sein, mit dem Verurteilten in Verbindung zu treten. Harald Vik wartete ungeduldig. Vorhin schien es ihm, die Dunkelheit käme so schnell; nun aber kam es ihm vor, als ob sie lange mit dem Tageslicht kämpfte, bevor sie Ueberhand bekam. Als die Glocken von den vielen Kirchtürmen neun Schläge erschallen ließen, verließ Harald Vik sein Versteck Er tastete sich vorwärts, bis er zu einem Blitzableiter gelangte; an diesem ließ er sich herab, bis er an das daranstoßende Dach stieß. Vorsichtig kroch er weiter, bis er meinte, er müßte in gleicher Höhe mit der Zelle des zum Tode Verurteilten sein. Vom Dach riß er zwei Schieferplatten los; auf die eine schrieb er, so gut es ihm die Dunkelheit erlaubte: »Ich sterbe vor Hunger.« Wie aber sollte er diese Mitteilung in die Zelle des Verurteilten befördern? Soweit er konnte, beugte er sich über das Dach hinaus und sah hinunter. Ja, er befand sich gerade über der Zelle. Dann erhob er sich und riß sich das Jackett vom Leib. Mit Hilfe der Stahlsäge, die ihm schon früher von großem Nutzen gewesen war, schnitt er Streifen aus dem schwarzen Futter, die er zusammenfügte; daran befestigte er die Schieferplatte, so daß das Ganze eine Art Schlinge bildete. Er ließ die Schieferplatte nun so weit herab, daß sie sich vor dem Zellenfenster befand; dann ließ er die Schnur hin und her pendeln. Es war seine Absicht, das kleine Fenster entzwei zu schlagen, das außerhalb des Gitters angebracht war. Er wußte wohl, daß der Wachtposten um elf Uhr kommen würde; aber in der Dunkelheit würde er unmöglich entdecken können, ob das Fenster entfernt sei oder nicht. Die Luft war ganz still, Zugwind würde in die Zelle nicht hineinkommen. Nun hörte er, daß die Scheibe mit leisem Klirren zersprang und die Glasscheiben in die Fenstervertiefung fielen. Die Mauer, worin sich das Fenster befand, war etwa einen halben Meter dick; deswegen fielen keine Glasscherben in den Gefängnishof, wo selbst das geringste Geräusch Verdacht erregt hätte. Der Flüchtling wartete zwei Minuten, da er aber keinen Ton hörte, begann er wieder die Schnur hin und her zu schwingen. Nun war die Schieferplatte innerhalb des Gitters. Zu seiner großen Freude merkte Harald Vik, daß die Platte drinnen festgehalten wurde. Er ließ die Schnur schlaff hängen. Plötzlich wurde an der Schnur gezogen, und er gab nach, soweit die Schnur reichte. In äußerster Spannung wartete er Minute auf Minute. Endlich wurde dreimal energisch an der Schnur gezogen. Das muß ein Signal] sein, dachte der Flüchtling und zog die Schnur an. Die Schnur bewegte sich wieder frei, und nun bemerkte Harald Vik in der Dunkelheit, daß außer der Schieferplatte noch eine weitere Last daran hing. Noch einen Moment – und alles war in seinen Händen. Neben der Schieferplatte war ein großes Stück Brot befestigt. Sein Hungergefühl war so gewaltig, daß er sich sofort daran machte, das Brot zu verzehren. Es schmeckte ihm wunderbar. Sowie er seine bescheidene Mahlzeit beendet hatte, ergriff er die Schieferplatte, um zu sehen, ob der Verurteilte ihm etwas aufgeschrieben hätte. Der Mann in der Zelle hatte von der Platte einen kleinen Splitter abgebrochen und auf die Rückseite geschrieben: »Wer sind Sie? Wie sind Sie aufs Dach entwischt?« Harald Vik löste ein Stück Schiefer vom Dach und antwortete: »Ich bin einer der ›Verschwörer‹. Bin durch den Schornstein entflohen. Sagen Sie dem Wachtposten, der um elf Uhr revidiert, daß Sie selbst die Scheibe eingedrückt haben. Wer sind Sie?« Dann ließ er die Schieferplatte abermals hinab, und es gelang ihm auch, sie ins Fenster hineinzuschleudern. Nach einigen Minuten wurde dreimal an der Schnur gezogen; die Antwort lautete: »Ich will heute nacht entfliehen. Zeigen Sie mir den Schornstein. Ein Korridor führt von hier nach dem Hauptgebäude. Ich bin ein zum Tode Verurteilter.« Dem jungen Norweger wurde sonderbar zumute, als er diese bestimmten, befehlenden Worte las. Es mußte wohl ein ganz merkwürdiger Mann sein, der dort unten in der Zelle saß. Er kroch wieder denselben Weg zurück, den er gekommen war. Unter Zuhilfenahme des Blitzableiters gelang es ihm, sich auf das Dach des Hauptgebäudes zu schwingen. Hinter dem Gitter sah er undeutlich das Gesicht des Verurteilten. Harald Vik begab sich an den Schornstein und lehnte sich dagegen. Er sah, daß der Verurteilte ihm verständnisvoll zunickte. Dann sprang er wieder auf das tieferliegende Dach hinunter und ritzte in die Schieferplatte die Worte: »Im achten Stockwerk befindet sich eine Tür zum Schornstein, die sich von außen öffnen läßt. Haben Sie Werkzeug nötig?« Als das Stück Schiefer zurückkam, stand darauf nur das eine Wort: »Nein.« Mittlerweile war es ganz dunkel geworden. Gegen elf Uhr wurde der Mond am Himmel sichtbar, der seinen gespensterhaften weißen Glanz über die Gefängnisdächer dahingleiten ließ. Nach und nach legte sich aller Lärm unten aus der Stadt. Harald Vik dachte: Wenn der Mann dort unten in der Zelle wirklich fliehen will, so kann das nur nach zwölf geschehen, wenn die Patrouille vorüber ist. Am besten ist es, wenn ich mich direkt über seiner Zelle aufhalte; ich könnte ihm gegebenenfalls von Nutzen sein. Er legte sich platt aufs Dach und wartete in ungeduldiger Spannung. Endlich schlug es zwölf von den Kirchtürmen. In demselben Augenblick hörte er unter sich ein schwaches Geräusch. Eine Tür wurde geöffnet. Es ist der Aufseher, der in die Zelle tritt, dachte Vik. Es kommt die Zeit heran, wo der Unglückliche mit seinem Fluchtversuch beginnen wird. Sobald der Aufseher gegangen ist – – Hier wurde er durch das Geräusch mehrerer Stimmen in seinem Gedankengang unterbrochen. Es waren zwei, die miteinander sprachen. Dort unten in der Zelle mußte es sein. Vik legte sich so weit über das Dach hinaus, wie er vermochte, um aufzufangen, was gesagt wurde. Nun hörte er auch ganz deutlich eine Stimme sagen: »Ich finde es hundekalt hier in der Zelle.« Das wird der Aufseher sein, dachte Vik. Eine andere Stimme antwortete, merkwürdig trocken und klanglos war sie; aber ruhig. »Ich befinde mich nicht wohl. Hier war ja kaum zu atmen. Darum schlug ich die Scheibe ein.« Der Aufseher antwortete: »Die Scheibe? Sind Sie denn verrückt. Mann? Haben Sie wirklich die Scheibe entzweigeschlagen? Das ist ein grobes Zuwiderhandeln gegen die Vorschrift.« »Leute in meiner Lage«, entgegnete der Verurteilte, »haben es nicht nötig, sich in allem und jedem nach den Vorschriften zu richten.« »Das geht denn aber doch nicht, die Scheiben zu zertrümmern. Wie konnten Sie das? War das Gitter denn nicht im Wege?« »Sehen Sie sich die Scheibe an; dann werden Sie schon entdecken, wie es vor sich gegangen ist.« Harald Vik horchte angestrengt. Er hörte, daß sich unter ihm jemand mit Glasscherben zu schaffen machte; vermutlich war der Aufseher ans Fenster getreten. Gleich darauf hörte er die erstaunte Stimme des Aufsehers ganz deutlich: »Tatsächlich, die ganze Scheibe ist zertrümmert. Das ist das stärkste –« Hier brach die Stimme ab, und der Flüchtling hörte nur noch einen unterdrückten Aufschrei, dessen Bedeutung ihm nicht gleich ganz klar war. Einige Sekunden lang hörte er Lärm; dann wurde plötzlich alles still. Nach einiger Zeit hörte er in der Zelle eine Stimme: »Seien Sie ganz ruhig. Machen Sie den geringsten Versuch, zu rufen, dann erwürge ich Sie.« Es war die Stimme des zum Tode Verurteilten. Der Gelehrte Das leise Geräusch, das Harald Vik aufgefangen hatte, machte einen starken Eindruck auf ihn. Er wußte, daß in der nächtlichen Stille ein heißer und gefährlicher Kampf ausgefochten wurde, von dessen Ausfall sowohl das Schicksal des Verurteilten als auch seines abhängig war. Als er jedoch die Stimme des Verurteilten hörte, wurde er ruhiger. Er vermutete, daß der Aufseher übermannt und geknebelt war. Die Stille, die der Bemerkung des Verurteilten folgte, dauerte etwa eine Minute. Dann drang aus der Zelle ein Brummen an sein Ohr, und gleich darauf hörte er zwei aufeinanderfolgende dumpfe Schläge, ungefähr so, als wenn ein nasser Handschuh hart gegen den Tisch geschlagen wird. Danach war es wieder ganz still. Was war geschehen? Soweit er konnte, beugte sich der Flüchtling über den Rand des Daches und horchte voller Spannung. Soviel er hören konnte, machte sich jemand in der Zelle zu schaffen. Er vernahm vorsichtige Schritte hin und her gehen. Plötzlich wurde dreimal an das Gitterfenster geklopft. War das ein Signal? Der Flüchtling lag unbeweglich da und wartete. Es wurde abermals geklopft und diesmal stärker. Nun meinte Harald Vik, es sei am geratensten, sich zu erkennen zu geben. Er klopfte dreimal gegen die Dachrinne. Augenblicklich kam von unten die Antwort darauf. Warum er wohl nicht spricht, dachte Vik, vielleicht fürchtet er, daß andere als ich ihn hören könnten. Er griff wieder nach der Schnur, befestigte ein Stück Schiefer daran und ließ es zum Gitterfenster herab. Nun hatte er schon so viel Uebung, daß er mit Leichtigkeit die Schieferplatte durch die Gitterstangen hindurchschwingen konnte, wo sie festgehalten wurde. Eine halbe Minute später konnte er die Schnur wieder zu sich emporziehen. Diesmal stand eine ganze Menge auf der Platte geschrieben. Er will die Korrespondenz fortsetzen, dachte der Flüchtling. »Ich weiß, wo der Korridor ist, kann aber den Schornstein nicht recht finden. Kriechen Sie sofort in den Schornstein und ahmen Sie an der Stelle, wo Sie in den Schornstein hineingekrochen sind, das Nagen einer Ratte nach. Seien Sie ruhig; es besteht keine Gefahr.« Harald Vik stutzte einen Augenblick über den beschützenden und gleichzeitig befehlenden Ton dieser Nachricht; er machte sich jedoch gleich bereit, das auszuführen, was der Verurteilte von ihm wünschte. Er freute sich schon sehr darauf, Gesellschaft hier oben auf dem Dach zu bekommen. Zu zweien konnten sie auch leichter Pläne für die weitere Flucht besprechen. So kletterte er nun zum dritten Male in dieser Nacht an dem Blitzableiter hinauf aufs Dach des Hauptgebäudes und ging zum Schornstein. Er horchte lange hinunter, um möglicherweise Stimmen zu hören; es herrschte aber Grabesstille. Wiederum erfaßte ihn das Grauen, als er in den schwarzen Abgrund hinabblickte, wo Eiseskälte herrschte. Er nahm jedoch allen Mut zusammen und stieg in den Schornstein hinab. Er schob sich auf dieselbe Art und Weise wie früher hinunter, indem er Schultern und Füße gegen die Schornsteinwände stemmte. Endlich gelangte er zu dem Punkt, wo, wie er wußte, die kleine eiserne Tür sich befinden mußte. Er tastete mit den Händen danach und fand sie auch richtig. Dann kratzte er mit den Fingern in dem hartgewordenen Ruß. Es hörte sich genau wie das Nagen einer Ratte an. Den ganzen Korridor entlang mußte man es hören können. Es dauerte fast zehn Minuten, ehe er bemerkte, daß sich der zum Tode Verurteilte in der Nähe befinden müsse. Er vernahm schleichende Schritte draußen auf dem Korridor, und gleich darauf hörte er eine Hand an die Außenseite des Schornsteins herumtasten. Plötzlich öffnete sich die kleine eiserne Tür, und eine flüsternde Stimme fragte: »All right?« »All right!« entgegnete Harald Vik. Er entfernte sich nun so weit von der Oeffnung, daß der Verurteilte durch diese hindurchkriechen konnte. Harald Vik sah, daß es ein ganz kleiner Mann sein müsse. Leicht und behende wie eine Katze kroch er durch die Oeffnung. Bevor er die eiserne Tür hinter sich schloß, fragte er: »Sie waren es also, der neulich bei Nacht entfloh?« »Ja, ich war's.« »Dann kamen Sie also nicht mit Hilfe der Strickleiter über die Mauer?« »Nein, so weit kam ich nicht. Durch die Extrawache wurde ich daran gehindert.« »Und nun sind die Wachtposten an den Ausgängen und an der Mauer entlang verdoppelt. Vorläufig ist also ein Versuch, zu entkommen, aussichtslos.« Mit diesen Worten schloß er die eiserne Klappe hinter sich zu. »Beeilen Sie sich, Mann,« flüsterte er, »ich ersticke fast in dieser Dunkelheit.« Harald Vik kletterte hinauf, so schnell er vermochte. Dem andern schien es aber dennoch zu langsam zu gehen; er kletterte fabelhaft schnell. Als sie beide glücklich auf dem Dache angelangt waren, verstummte der zum Tode Verurteilte einige Minuten und blickte über die Dächer der Stadt hinaus, die im Mondenschein dalagen. Harald Vik hörte ihn murmeln: »Ich wußte es wohl, daß ich auch noch diesmal dem Schafott entrinnen würde.« Der Norweger blickte ihn erstaunt an. Er hatte recht beobacht; es war eine ganz kleine Erscheinung. Er trug graue Kleidung, die um seinen hageren Körper schlotterte. Er mochte wohl etwa fünfzig Jahre alt sein, war aber scheinbar noch so gelenkig wie ein junger Mann in den Dreißigern. Er trat an Harald Vik heran und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie können von Glück sagen, daß ich entkam.« Wieder blickte ihn der Norweger erstaunt an. »Nennen Sie dies entkommen?« fragte er. »Wir befinden uns hier oben auf dem Dach und können von hier unmöglich fort. Wir haben nicht einmal etwas zu essen.« »Aber die Freiheit«, bemerkte der andere. »Wenn man frei ist, kann man alles. Wenn ich nur frei bin, ist mir nichts unmöglich.« »Wir riskieren hier, jeden Augenblick entdeckt zu werden.« »So gilt es jetzt, eine Entdeckung zu vermeiden.« »Wie wollen Sie das machen?« »Das ist meine Sache. Ich nehme an, Sie würden innerhalb vierundzwanzig Stunden entdeckt werden, wenn ich Ihnen nicht zu Hilfe gekommen wäre.« Harald Vik konnte es nicht unterlassen, über das übermäßige Selbstvertrauen des andern zu lächeln. »Ich wette,« fuhr der Verurteilte fort, »Sie haben die einfachsten Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen.« »Wie meinen Sie das?« »So liegen zum Beispiel die Schieferplatten, die wir zu unserer Korrespondenz benutzt haben, auf dem Dache dort umher.« »Ja, aber was kann das schaden?« »Da hören Sie, wie leichtsinnig Sie sind. Selbstverständlich schadet das. Wir müssen damit rechnen, daß die Gefängnisbeamten nach diesem zweiten Fluchtversuch Verdacht schöpfen werden, die Flucht könnte über das Dach hinweg unternommen worden sein. Dann werden sie morgen früh, wenn sie den Burschen da drinnen«, er wies mit dem Kopf nach der Zelle, »finden, eine Untersuchung in Gang setzen. Die zertrümmerte Scheibe ist ja verdächtig genug. Dann werden sie also aufs Dach hinaufkommen und diese Schieferplatten finden –« Hier unterbrach ihn Harald Vik: »Glauben Sie nicht, daß sie uns zuerst finden werden, wenn sie hierherkommen?« »Wir müssen uns verstecken.« »Wo wollen Sie sich denn auf diesem Dach verstecken? Hier ist ja nicht ein einziges Versteck.« »Sie verlassen sich also nicht auf mich?« »Nein, Ich kenne Sie nicht. Wer sind Sie eigentlich?« Kurz und gleichgültig antwortete der andere, indem er sich von Harald Vik entfernte: »Ich bin Gelehrter.« Der Norweger sah nun, wie der Fremde am Blitzableiter hinabkletterte, über das Dach des anderen Gebäudes ging und dann die Schieferstückchen zusammensammelte und sie sorgfältig in die Tasche steckte. Als er wieder zu Harald Vik zurückkam, zeigte er auf den Blitzableiter und sagte: »Das dort war das entscheidende Ding.« Vik blickte ihn verdutzt an. Im geheimen begann er zu glauben, mit einem Verrückten zu tun zu haben. »Sie verstehen mich nicht«, fuhr der Gelehrte fort. »Obgleich wir wenig Zeit haben, werde ich doch versuchen, Ihnen die Sache zu erklären. Als Sie ungefähr hier von diesem Platz aus mich hinter dem vergitterten Fenster erblickten, erschraken Sie aufs äußerste. Geben Sie es nur zu. Sie glaubten, daß Ihrer Freiheit das letzte Stündlein geschlagen hätte. Nun wohl; ich hatte Sie schon mehrere Stunden beobachtet. Ich konnte mir gleich denken, wer Sie seien, da der Aufseher mir von Ihrer Flucht erzählt hatte. Gleichzeitig konnte ich mir aber auch denken, Ihre Lage müsse hoffnungslos sein, wenn nicht Hilfe nahte. Fast eine halbe Stunde lang habe ich mir die Chancen überlegt. Sollte ich einen Versuch machen, aufs Dach zu gelangen, oder sollte ich einen passenderen Zeitpunkt zur Flucht abwarten? Es wurde mir sofort klar, daß es Schwierigkeiten bereiten würde, was sowohl das Verstecken als auch das Herbeischaffen von Eßwaren hier oben auf dem Dache anbetrifft. Als ich aber in demselben Augenblick die Tauben erspähte, bekam ich mehr Mut zum Experiment, war aber doch noch immer im Zweifel. Dann fiel mein Blick auf den Blitzableiter, der so passend dasteht, und das war das Entscheidende.« »Die Tauben?« fragte Harald Vik erstaunt. »Haben Sie im Sinne, die Tauben zu verzehren?« »Vorläufig, ja. Taubenbraten ist gar nicht so übel. Uebrigens ist die Essensfrage gar nicht so brennend. Ich kenne mich; vor morgen früh werde ich nicht hungrig.« Harald Vik konnte jedoch den Gedanken an die Tauben gar nicht loswerden, und darum fragte er: »Wie in aller Welt wollen Sie denn die Tauben fangen?« »Nichts leichter als das!« Der kleine Mann blickte zum Himmel hinauf, wo sich der Mond gerade hinter einigen Wolken versteckt hatte. »Ich glaube, wir werden bald Regen bekommen.« Der Norweger lächelte. »Wollen Sie vielleicht im Regen die Tauben fangen?« »Eben. Ohne Regen kann ich die Tauben nicht fangen.« »Das verstehe ich nicht.« »Ist auch gar nicht nötig, mein Freund.« »Darf man denn fragen, wozu Sie den Blitzableiter gebrauchen wollen?« »Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich Gelehrter bin. Dieser Blitzableiter ist in meiner augenblicklichen Lage ganz unbezahlbar.« Er klatschte plötzlich laut in die Hände, sofort flog eine Schar Tauben vom Dache auf. »Es stimmt, es stimmt«, sagte der Gelehrte. Zu Harald Vik gewandt, fuhr er fort: »Vom Aufseher hörte ich, daß Sie entwichen sind, nachdem Sie das Schloß der Zellentür herausgefeilt haben. Stimmt das?« »Ja.« »Dann haben Sie wohl ganz vorzügliche Instrumente benutzt?« »Die besten, die zu haben sind.« »Hoffentlich sind Sie nicht so leichtsinnig gewesen, diese Instrumente in der Zelle zu vergessen?« fragte der Kleine ganz aufgeregt und mit ernster Stimme. Der Norweger holte die beiden Dinge hervor, die Stahlsäge und den Bohrer. »Hier sind sie«, sagte er. »Ausgezeichnet«, sprach der Gelehrte leise vor sich hin. Jetzt war er wieder guter Laune. »Mit diesem Werkzeug und dem Blitzableiter bieten wir einem ganzen Heer von Aufsehern Trotz. So, nun regnet es schon.« Schwere Tropfen fielen auf das Gefängnisdach. »Können Sie die neue Mauer dort hinten auf dem flachen Dach erkennen?« fragte der Alte. »Ja, das ist eine neuerrichtete Brandmauer.« »Sie versperrt den Eingang zum alten Wachtturm.« »Eingang zum Turm? Die alte Ruine ist ja schon längst zugemauert.« »Gewiß; es ist aber dennoch ein Eingang vorhanden. Die Tauben – die wilden Tauben – haben da ihre Zuflucht. Gerade dieses habe ich vom Gitterfenster meiner Zelle aus beobachtet. Ich nehme an, daß der Raum immerhin groß genug ist, daß wir unseren Wohnsitz dort aufschlagen können.« »Aber wie gelangen wir durch die Mauer?« »Wir müssen sie noch heute nacht durchbrechen. Aus der neuen Brandmauer brechen wir einige Steine heraus. Wie ich Ihnen schon sagte, muß diese Mauer den Eingang verdecken. Kommen Sie, wir wollen sofort die Arbeit beginnen.« Nach etwa einer Viertelstunde hatte der kleine Mann zwei Steine gelöst. Durch das in dieser Weise entstandene Loch steckte er die Hand. »Ganz recht,« sagte er, »nun erkenne ich den Eingang.« Er brach noch einige Steine heraus, die er sehr vorsichtig behandelte, damit sie nicht entzweigehen sollten. Dann veranlaßte er Harald Vik, den Kalkstaub in einen Haufen zusammenzuscharren. Der Kalkstaub wurde von dem Regen, der nun so reichlich fiel, so durchweicht. daß daraus eine breiige Masse entstand. Wurden die Steine wieder eingesetzt, ließ sich dieser Brei sehr leicht darüberstreichen, so daß jede Spur eines Durchbruchs verwischt war. Plötzlich durchzuckte ein greller Blitz die Luft, und gewaltiges Donnern rollte über den Himmel. Der kleine Mann stellte die Arbeit ein. Er blickte sich nach den Tauben um, die auf einem der Schornsteine ängstlich zusammengekrochen waren. Dann zog er einen Revolver aus der Tasche und untersuchte, ob er geladen sei. »Das ist der Revolver des Aufsehers,« sagte er, »nun soll er uns zustatten kommen.« Er zielte mit der Waffe nach dem Taubenschwarm, den man in der Dunkelheit nur eben erkennen konnte. Harald Vik hielt ihn jedoch davon ab. »Sie wollen uns doch nicht beide ins Verderben bringen? Sie müssen doch einsehen, daß man den Schuß hören wird.« Der kleine Mann schob ihn sanft beiseite. In diesem Moment leuchtete ein neuer Blitz auf. Er wartete noch zwei Sekunden, dann schoß er. Der Knall des Revolvers wurde von dem Donnerschlag gänzlich übertäubt. Zwei Tauben fielen tot aufs Dach nieder. »Für jeden eine,« sagte der Alte leise, »das ist vorläufig genug.« Wie versteinert stand Harald Vik da und betrachtete ihn. »Das war ein sonderbarer Schuß«, sagte er voll aufrichtiger Bewunderung. »Einen Revolverschuß verfehle ich niemals«, antwortete der kleine Mann, indem er aufblickte. Im nächsten Augenblick war er von seiner Arbeit, die Steine aus der Brandmauer zu lösen, wieder ganz in Anspruch genommen. Das unbekannte Luftschloß »Wie sind Sie in den Besitz der Waffe gelangt?« fragte der Norweger. »Ich habe sie dem, der dort drüben liegt,« – damit wies er nach seinem früheren Zellenfenster – : »einfach weggenommen. Er wird sie wohl entbehren, wenn er erwacht.« Dabei lachte er höhnisch und verschmitzt. Harald Vik packte ihn erschreckt am Arm. »Ja,« entgegnete der Gelehrte, »er erwacht ganz bestimmt. Ich werde nämlich nicht zum Mörder, wenn es nicht absolut nötig ist.« »Dann ist er also nur ohnmächtig?« »Er schläft.« Dem Norweger wurde recht unheimlich zumute; er wollte daher das Gespräch auf ein anderes Thema überleiten. »Es wird wohl am besten sein, die Tauben zu holen«, sagte er. »Es weht ziemlich; der Sturm könnte sie uns leicht entführen.« »Ja, holen Sie die Tauben«, murmelte er. Harald Vik schlich über das Dach und ergriff die beiden erlegten Tauben. Bei der einen war der Schuß mitten durch die Brust gegangen und hatte sie sicherlich gleich getötet; die andere lebte noch, als Harald Vik sie aufhob. Um ihren Qualen ein Ende zu machen, packte er sie mit festem Griff und erwürgte sie. Als er zum Wachtturm zurückkam, erblickte er etwas, das ihn, trotz all des Unheimlichen, das ihn umgab, zum Lachen zwang, weil es so drollig wirkte. Der Gelehrte hatte nun so viele Steine entfernt, daß er den Versuch wagen konnte, durch das Loch in der Mauer zu kriechen. Er war jedoch zu ungeduldig gewesen. Nun saß er fest und konnte weder vor- noch rückwärts kommen. Die Beine des kleinen Mannes und der äußerste Zipfel seiner Kleidung bewegten sich kläglich in der Luft. Harald Vik hörte ihn von drinnen durch die Oeffnung rufen: »Helfen Sie mir! Ich ersticke!« Der Norweger ging zu ihm und versuchte ihn herauszuziehen; es war ihm aber nicht möglich. Schließlich entdeckte er, daß sich der Alte selbst sträubte. In diesem Augenblick klatschte ein Regenguß prasselnd aufs Dach nieder, so daß Vik nicht verstehen konnte, was der andere sagte. Sowie sich aber der Lärm gelegt hatte, hörte er die ärgerliche, jammernde Stimme des Alten aus dem Innern: »Sie Schafskopf! Sie Schafskopf! Ich will doch nicht wieder heraus! Hinein will ich!« »Ach so«, rief Harald Vik und schob aus allen Kräften nach. Es kam ihm vor, als müsse der hagere Körper des kleinen Mannes zwischen den Steinen zerbrechen. Schließlich glitt er hinein; denn Harald Vik sah seine Stiefelsohlen in dem dunklen Loch verschwinden. In diesem Moment flog eine Schar aufgeschreckter Tauben aus der entgegengesetzten Seite des Wachtturms heraus. Der Norweger wartete mehrere Minuten lang in größter Spannung. Endlich streckte der Alte sein unheimliches, bärtiges Gesicht aus der Oeffnung hervor. »Sie haben Glück!« sagte der Gelehrte. »Sie haben riesiges Glück!« »Wie meinen Sie das?« fragte Harald Vik. »Hier in dieser Ruine ist Platz genug vorhanden; es ist Raum da für uns beide.« »Dann sind Sie also in derselben glücklichen Lage«, sagte der Norweger, dem die egoistischen Aeußerungen des andern nicht gefielen. »Nein,« erwiderte der Gelehrte und lachte wiederum in seiner unheimlichen Weise, »Sie sind derjenige, der von Glück sagen kann; denn daß für mich Platz vorhanden war, wußte ich. Verbergen müssen wir uns. Und wäre nicht für beide Platz gewesen, dann hätten Sie das Dach verlassen müssen. Ich hätte es nicht geduldet, daß Sie hier oben herumspazierten mit der Möglichkeit vor Augen, daß vielleicht schon morgen eine Untersuchung in Gang gesetzt wird.« »Wo hätte ich denn bleiben sollen?« fragte Harald Vik verwundert. »Hehe, ich hätte Sie vielleicht erwürgen und in einen der alten Schornsteine hinabwerfen müssen.« Der Norweger fuhr zusammen. Betrachtete er das Gesicht des Alten, wie es jetzt aus dem Loch in der Mauer hervorlugte, so wurde ihm ganz beklommen. Der alte Mann sah aus wie ein Geier im Käfig. Er glaubte jetzt bestimmt, es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben; dachte jedoch, es sei das klügste, ihn mit Nachsicht zu behandeln. Er schlug einen scherzhaften Ton an und sagte: »Ich wäre aber doch der Stärkere.« »Sie sind größer,« entgegnete der Alte, »aber stärker sind Sie nicht.« »Das möchte ich wohl mal sehen!« »Der Aufseher in der Zelle war ein Riese,« fuhr der andere fort, »und doch war es mir ebenso leicht, ihn zu überwältigen, wie mir das Erwürgen einer Taube sein würde.« Den Norweger schauderte; aber er bezwang sich und lachte, als ob alles nur Scherz sein sollte. »Außerdem haben Sie ja den Revolver«, sagte er. »Es sind aber nur noch vier Kugeln darin«, antwortete der Gelehrte. »Das ist schon sehr wenig; Ihnen werde ich keine Kugel opfern. Haben Sie die Tauben?« Harald Vik hielt dem andern die Vögel vor die Augen. »Leckeres Zeug«, sagte er. »Das gibt für jeden einen netten kleinen Braten ab.« »Ganz recht. Für jeden einen Braten.« »Ich fürchte, wir werden sie roh verzehren müssen.« »Das werde ich niemals tun. Als ich mich noch meiner Freiheit in der großen Stadt erfreute, sagte man mir nach, ich sei ein Feinschmecker. Wie können Sie nur auf den Gedanken kommen, daß ich mich so weit erniedrigen könnte, rohes Fleisch zu essen?« »Weil ich keine Möglichkeit sehe, die Tauben, braten zu können. Dazu brauchen wir doch Feuer.« »Ganz recht.« »Und dazu haben wir Feuerholz nötig.« Der andere nickte. Mit steigender Lebhaftigkeit fuhr Harald Vik fort: »Und eine Pfanne müßten wir haben.« »Vollkommen richtig. Geröstete Tauben mag ich nicht.« »Etwas Butter zum Braten.« »Jawohl.« »Wir haben nichts von allem.« »Aber wir können es uns verschaffen.« »Wie wollen Sie sich das alles verschaffen?« fragte Vik. »Hier oben auf dem Dach?« »Selbstverständlich, wo denn sonst? Meinen Sie, daß ich etwa zum Gefängnisdirektor hinabsteigen und ihn darum ersuchen werde? Der Direktor ist mein Feind. Ich wünsche nicht, ihn um etwas zu bitten.« »Ich glaube, Sie sind verrückt«, entfuhr es Harald Vik. Der andere lachte laut. »Das haben schon viele geglaubt«, sagte er. »Ich fasse diesen Ausruf als Kompliment auf; für Schmeicheleien bin ich empfänglich. Zum Dank erlaube ich mir, Sie für morgen früh zu einem bescheidenen Frühstück hier oben auf dem Dache einzuladen.« »Besten Dank, ich fange schon an, hungrig zu werden.« »Das freut mich; Sie müssen aber mit der größten Einfachheit in der Anrichtung vorlieb nehmen. Ich bedaure sehr, Ihnen noch keinen Wein bieten zu können.« Der Norweger lachte. »Dagegen werde ich Ihnen zu den gebratenen Tauben ganz delikates Gemüse vorsetzen. Das wird ein Genuß werden, nicht wahr?« »Vortrefflich!« »Schon gut. Lassen Sie uns die Zeit durch dies unnütze Geschwätz nicht vergeuden.« Während des Gespräches hatte der Alte mehrere Steine losgelöst, so daß die Oeffnung bedeutend größer geworden war. »Wollen Sie nicht einen Blick in unsere gemeinsame Wohnung werfen?« fragte er. Harald Vik überlegte einen Augenblick. »Sind Sie ängstlich?« rief der andere halb überrascht, halb ärgerlich aus. »Ach so, Sie sind auch ängstlich!« »Ich bin nicht ängstlich.« »Dann müssen Sie hereinkriechen. Es bleibt Ihnen schlechterdings keine andere Wahl.« Der Gelehrte zog sich nach innen zurück, und Harald Vik steckte den Kopf durch die Oeffnung. Sofort schlug ihm der herbe Geruch alten Mauerwerks entgegen. »Weiter!« hörte er die befehlende Stimme des andern. Mit Hilfe der Ellbogen hob er sich über die Mauerkante und kroch durch die Oeffnung. »Hier ist es weich!« rief er überrascht aus, als er im Innern der Ruine angelangt war. Der Alte lachte. »Wir befinden uns hier in einem großen Taubenschlag«, sagte er. »Sie sind auf ein Nest gefallen, voller Federn und Stroh, welches die Tauben jahrelang zusammengetragen haben. Ein angenehmer Duft herrscht hier gerade nicht: aber vorläufig müssen wir uns damit abfinden.« »Hier ist ein unerträglicher Zug«, sagte der Norweger. »Was schließen Sie daraus?« »Daß ich an der entgegengesetzten Seite dieses Loches selbstverständlich eine Oeffnung befinden muß«, entgegnete Vik. »Ganz recht; aber das hätte Ihnen gleich klar sein müssen, als die Tauben bei meinem Eindringen in die Ruine hinausflogen.« Hierauf erwiderte der Norweger nichts. »Stehen Sie auf!« befahl der Alte. Harald Vik erhob sich, stieß aber mit dem Kopf gegen die Decke. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzensschrei aus und wäre beinahe vornübergefallen. »Schon gut«, sagte der Gelehrte ruhig. »Ich wollte nur festgestellt haben, wie hoch es hier zur Decke ist. Ich kann hier aufrecht stehen. Es tut mir leid, daß das Haus für Sie nicht ebenso bequem ist.« Traurig setzte sich Harald Vik wieder auf den Fußboden. Die Rücksichtslosigkeit des andern entwaffnete ihn vollständig. »Im übrigen kann ich Ihnen mitteilen,« fuhr der andere fort, »daß dieser Raum ein ziemlich gleichmäßiges Viereck von etwa zwei Meter Breite darstellt. Sie müssen zugeben, daß für zwei Personen der Platz vollkommen ausreicht.« Der Norweger fuhr zusammen, von draußen ertönte lautes Sausen. »Das Glück ist uns gewogen,« murmelte der Alte, »nun fängt es wieder an, stark zu regnen. Jetzt gilt es, die Gelegenheit zu benutzen.« Trotz der Dunkelheit konnte Harald Vik dennoch erkennen, daß der Alte ein weißes Taschentuch hervorzog, das er in die kleine Oeffnung steckte, durch die die Tauben davongeflogen waren. »Was machen Sie da?« fragte er. »Ich experimentiere. Sie vergessen wahrscheinlich, daß ich Gelehrter bin.« »Kann ich Ihnen nicht in irgendeiner Weise helfen?« »Nein, heute nacht nicht. Heute nacht müssen Sie sich vollkommen ruhig verhalten. Sie müssen schlafen.« Sofort fühlte der Norweger, daß er entsetzlich müde sei. Er lehnte seinen Kopf gegen die Wand; seine Augenlider fielen zu. Er versuchte, gegen die ihn überwältigende Müdigkeit anzukämpfen; es gelang ihm aber nicht. Das Letzte, was er wahrnahm, war, daß der Gelehrte ihn mit dem Taschentuch umfächelte, worauf er ihn ganz deutlich sagen hörte: »Ich muß die Gewißheit haben, daß Sie sich innerhalb der nächsten acht Stunden nicht mehr bewegen. Eine Uebereilung Ihrerseits könnte uns beiden alles verderben. Ich bin gewohnt, eigenmächtig zu handeln.« Dann überwältigte ihn die Müdigkeit vollständig. Nach einem Augenblick schlief er tief und fest, Kopf und Oberkörper gegen die Wand gelehnt. Sowie Harald Vik eingeschlafen war, kroch der Gelehrte mit der Gelenkigkeit einer Katze aus der Oeffnung heraus und verschwand im Finstern auf dem ungeheuren Gefängnisdach. Noch immer goß es in Strömen, und dann und wann spaltete ein greller Blitz das tiefe Dunkel. Als Harald Vik erwachte, war um ihn herum alles hell. Er spürte ein sonderbares Sausen im Kopf, das jedoch nach und nach vorüberging. Er blickte sich um; im ersten Augenblick war ihm nicht recht klar, wo er sich befand. Dann aber erinnerte er sich mit einem Male aller Vorgänge. Er befand sich ja noch immer in der alten Ruine. Dort war die große Oeffnung nach dem Gefängnisdach, und nach der anderen Seite diejenige, durch welche die Tauben herausgeflogen waren. Der Norweger kroch nach dieser Oeffnung hin und schaute durch sie hinaus. Zunächst blickte er in einen ungeheuren Abgrund hinab. Der alte Wachtturm war mit der Fassade des Gefängnisses in einer Flucht gebaut. Ein Vorsprung war nicht vorhanden, nur eine breite Dachrinne, die von dem Regen der vorhergehenden Nacht noch naß war. Harald Vik ließ den Blick weiter in die Ferne gleiten. Wiederum sah er die ungeheure Stadt tief unter sich liegen, in deren Kirchturmspitzen und vielen tausend Fenstern die Sonne sich spiegelte. Es mußte ziemlich spät am Vormittag sein. Der Himmel war nun vollständig wolkenlos und voller Sonne. Er fühlte, wie ihn eine angenehme Wärme durchströmte, als ob er zu einem neuen Leben erwacht sei. Wo aber war der geheimnisvolle Alte? Harald Vik drehte sich um in der Absicht, auf das Dach hinauszukriechen, blieb jedoch plötzlich stehen. Dort – in der Oeffnung – stand der kleine Gelehrte und blickte ihn wohlwollend und freundlich an. »Acht Stunden,« brummte er in den Bart, »genau acht Stunden haben Sie geschlafen. Alles ist programmäßig gegangen. Ich habe immer recht.« Der Norweger erinnerte sich der nächtlichen Begebenheiten und fragte: »Ist jemand hier oben gewesen?« »Nein,« entgegnete der Gelehrte, »hier ist niemand gewesen. Sie haben noch keinen Verdacht. Wahrscheinlich denken sie, daß auch ich über die Ringmauer entwichen bin. Vorläufig sind wir ganz sicher.« »Schliefen Sie selbst nicht auch?« fragte Vik. »Ja, etwa eine Stunde; ich schlafe für gewöhnlich sehr wenig. Schlaf ist ein notwendiges Uebel. Ich betrachte die Zeit, die man verschläft, für verloren.« »Ich bedaure, daß mich die Müdigkeit übermannt hat,« stotterte der Norweger, »vielleicht hätte ich Ihnen ein wenig von Nutzen sein können.« Der Alte lächelte wieder, sogar noch wohlwollender. »Es war nur gut, daß Sie schliefen,« antwortete er, »so störten Sie mich nicht bei meiner Arbeit. Ich habe alles zu einem Empfang auf dem Gefängnisdach vorbereitet. Hier in unserer Wohnung ist es so still, so still; aber glauben Sie mir, draußen war ein entsetzlicher Lärm, als man meine Flucht dort unten entdeckt hatte. Ueber eine Stunde lang. – Ach, wie sind die Menschen doch dumm«, rief er aus, indem er die Hände zusammenschlug. »Nun reden sie dort unten von rätselhaftem Entweichen, und die einzige richtige Lösung dieses Rätsels, das Dach, fällt ihnen nicht ein. Das Dach soll unser Luftschloß werden, das unbekannte Luftschloß.« Das Frühstück auf dem Gefängnisdach Harald Vik spürte, daß seine Zunge ganz trocken sei und am Gaumen klebte. »Ich bin durstig«, sagte er. »Ich komme fast um vor Durst.« »Ja, was würden Sie nun getan haben, wenn ich nicht dagewesen wäre?« »Haben Sie vielleicht Wasser da?« fragte der Norweger erfreut. »In großen Mengen! Wünschen Sie vielleicht auch Wasser zum Waschen? Das können Sie haben.« Der Norweger kroch aus der Ruine heraus. Das Dach war noch hier und dort vom Regen naß; aber die Sonne schien darauf, so daß es nicht lange dauern würde, bis alles trocken war. Der Alte bat ihn, ihm zu folgen. Er kletterte am Blitzableiter herab und ersuchte Harald Vik, sich ganz niederzulegen und etwas entgegenzunehmen, das er ihm herauflangen wollte. Harald Vik sah nun, daß auf dem niedriger gelegenen Dache im Schatten einige unförmige Gefäße standen, die Wasser enthielten. »Was ist das?« fragte er. »Das eine Gefäß ist ein Stück einer alten Dachrinne,« entgegnete der Gelehrte, »und das andere ist ein alter Aufsatz von einem Schornstein. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß letzterer gut gereinigt worden ist, ehe ich ihn in Gebrauch nahm. Er enthält zwanzig Liter Wasser.« »Wo in aller Welt haben Sie das herbekommen?« »Denken Sie doch an den Regenguß heute nacht. Es machte mir auch nicht die geringste Schwierigkeit, diese wenigen Liter Wasser zu sammeln. Ich denke, für die ersten acht bis zehn Tage haben wir genug; dann hoffen wir auf abermaligen Regen. Regenwetter pflegt in dieser Zeit nicht selten zu sein.« Der Alte machte sich mit einigem Gerümpel aus Blech zu schaffen. »Schlimmer war es, etwas zu finden, woraus sich trinken ließ«, sagte er. »Es ist mir zuwider, aus dem Aufsatz zu trinken. Dank Ihrem ausgezeichneten Einbrecherwerkzeug konnte ich von dieser alten Blechrinne schnell zwei Platten lossägen, die ich ausbeulte. Bitte, hier haben Sie eine Tasse Wasser.« Mit begehrlichen Händen griff der Norweger nach der ›Tasse‹ und trank sie leer. Kühl und frisch war das Wasser keineswegs und auch nicht ganz rein; es schmeckte ihm aber, als sei es perlender Wein. Er bat um noch einen Trunk; der Alte reichte ihm noch einmal, sichtlich erfreut über die Begeisterung des Norwegers. »Und nun unser Frühstück!« sagte der Gelehrte, als er am Blitzableiter wieder heraufgeklettert war. »Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen Frühstück versprochen habe? Ich glaube fast, jetzt ist zum Frühstücken gerade die rechte Zeit.« »Aha, die Tauben!« sagte Harald Vik. »Haben Sie es fertiggebracht, die Tauben zu braten?« »Ja, selbstverständlich; ich sagte Ihnen ja, daß ich kein rohes Fleisch esse. Wollen wir unser Frühstück auf der Veranda einnehmen?« »Auf der Veranda?« Der Gelehrte blickte den jungen Mann verwundert an. »Warum zerstören Sie denn meine Illusionen?« fragte er vorwurfsvoll. »Kommt es Ihnen denn nicht so vor, als befänden wir uns in einem Luftschloß? Dem größten der Welt? Sehen Sie sich dieses Dach an; Regimenter könnten vorbeimarschieren. Ist Ihnen diese Veranda nicht gut genug?« Harald Vik nickte. Der Gelehrte hakte ihn ein, und sie spazierten langsam das Gefängnisdach entlang. An verschiedenen Schornsteinen und am alten Wachtturm gingen sie vorüber. Plötzlich blieben sie an einem großen Luftventilator stehen, der seinen breiten Schatten aufs Dach warf. »Sehen Sie hier,« sagte der Alte, »dies ist ein schattiges Plätzchen, wo wir in aller Behaglichkeit unser Frühstück einnehmen können. Von hier aus können wir auf die grünen Anlagen und das blaue Meer da draußen herabblicken. Eine vorzügliche Aussicht!« »Aber das Frühstück?« fragte der Norweger unsicher. »Die Tauben?« »Können Sie den Schornstein dort hinten erblicken?« »Den, der da raucht? Den sah ich schon einmal. Das ist scheinbar der einzige Schornstein auf diesem Dach, der noch im Gebrauch ist.« »Sie haben recht«, sagte der Alte. »Diesen Schornstein entdeckte ich auch sofort; er wird uns von großem Nutzen sein. Dort ist unsere Küche. Heute habe ich selbst das Essen zubereitet; aber in Zukunft müssen Sie es lernen. Ich muß mich baldmöglichst meinen Studien widmen.« »Kochen Sie denn im Schornstein?« fragte Vik. »Nein, daneben. Selbst Ihnen kommt es also so vor, als ob der Rauch aus dem Schornstein käme. Das ist ausgezeichnet; dann bin ich fest davon überzeugt, daß man vom Hof aus oder von einem der benachbarten Kirchtürme nichts entdecken wird. Neben dem Schornstein brennt nämlich das Feuer.« Und stolz fügte er hinzu: »Von unserem Feuer raucht es dort.« »Dann ist es Ihnen also gelungen, etwas Brennbares zu finden? Wo haben Sie das Holz her?« »Es ist kein Holz, das da brennt.« »Was ist es denn?« »Kohlen!« »Steinkohlen?« »Nein, Steinkohlenruß.« Harald Vik verstand es nicht und starrte verblüfft den kleinen Mann an, der ihm mehr und mehr Respekt einflößte. Der Alte war scheinbar in strahlender Laune und schien sich köstlich zu amüsieren. Der unheimliche, harte und gefühllose Gesichtsausdruck war ganz verschwunden; seine Augen waren aber noch dieselben, scharf und kalt. Gerade diese Augen waren Ursache, daß sein Lächeln häßlich und unnatürlich aussah. Lachte er, so wurde sein Gesicht widerwärtig, weil seine großen, gelben Zähne dann durch den Bart hervorschienen. »Wo haben Sie den Ruß her?« wiederholte der Norweger. Der Alte wies auf verschiedene Stellen des Daches. »Hier sind Kohlen die Fülle«, sagte er. »Sie selbst stießen ja schon mehrfach darauf. In den Schornsteinen, Mann. Da finden Sie eine dicke Schicht steinharten Rußes. Der brennt vorzüglich, wenn er erst einmal erhitzt ist. Mit Ihrem Werkzeug habe ich einige Stücke herausgehauen.« »Wie aber brachten Sie die Kohlen zum Brennen?« »Ich benutzte die alte Methode: zwei Steine schlug ich gegeneinander, bis Glut entstand.« »In den Kohlen?« »Nein, in den Federn, die ich unter die improvisierte Feuerstelle gelegt hatte.« Harald Vik war starr vor Erstaunen. »Wie einfach das ist«, sagte er. »Das Einfache und Aufderhandliegende herauszufinden, ist ja auch gerade das Schwierige«, sagte der Gelehrte. »Aber bitte, nehmen Sie Platz«, fuhr er fort. »Ich bedaure, Ihnen noch keinen Stuhl anbieten zu können. Bis Stühle vorhanden sind, müssen wir uns damit begnügen, auf türkische Art und Weise die Beine zu kreuzen. Bitte, setzen Sie sich.« Der Norweger ließ sich nieder. »Ich werde mir erlauben, Sie zu bedienen,« sagte der Alte; »aber dieses ist auch das erste und einzige Mal. Nachher ist das Ihre Sache. Ich werde mich fast ausschließlich meinen Studien widmen und außerdem darüber nachdenken, wie wir unsere Lage verbessern können.« Der Kleine begab sich nun langsam nach dem rauchenden Schornstein und kam gleich darauf mit zwei aus der Dachrinne gehämmerten Platten zurück. »Das sind Teller«, sagte er. »Besser können wir sie uns hier oben gar nicht wünschen.« Dann holte er eine Schüssel – auch ein Stück der Dachrinne –, worauf sich eine Art Teig von rötlicher Farbe befand. »Was ist das?« fragte der Norweger. »Der Taubenbraten ist noch nicht fertig, wie ich sehe. Da kann ich unterdessen dieses Gericht erklären. Kurz, es ist das Gemüse.« Der Norweger blickte den Alten erstaunt an. »Aber es ist ja rot!« sagte er. »Gewiß; aber dennoch läßt es sich am treffendsten mit Gemüse bezeichnen.« »Wächst das Gemüse vielleicht auch im Schornstein?« »Sie spaßen, junger Mann. Nein, dies Gemüse wächst an alten, feuchten Mauern. Es ist eine ganz besondere Pilzart, ein sehr delikates und wohlschmeckendes Gericht, das man unten in der Stadt in den feinsten Restaurants mit wahnsinnig hohen Preisen bezahlt. Haben Sie schon einmal vom Klosterpilz gehört? Nicht? Man fand ihn nämlich zuerst in großen Mengen an alten, feuchten Klosterruinen. Später ist er immer seltener geworden. Ich habe ihn heute morgen ganz früh gepflückt und gut ausgekocht. Ich freue mich schon darauf.« »Man könnte glauben, Sie wären Küchenmeister am Hofe irgendeines Fürsten und nicht Gelehrter«, sagte Harald Vik lachend. »Es ist ein Zweig meines Studiums«, entgegnete der andere. »Ich kenne alle Kräuter und ihre Wirkungen auf den menschlichen Organismus, von der giftigsten Pflanze bis zum leckersten, eßbaren Pilz. Ich will Ihnen auch sagen, daß ich in den Mauerrissen eine Pflanze gefunden habe, die ich bei der Bereitung dieses einfachen Mahles verwendet habe. Es ist eine üppige, gelbe Blume mit sehr saftigem Stengel. Einige Stengel habe ich ausgepreßt; der Saft ist so fetthaltig, daß man ihn sehr gut als Butter benutzen kann. Außerdem erhält der Braten durch ihn einen besonderen, pikanten Geschmack. Nun vermute ich aber, daß die Tauben fertig sind.« Der Alte begab sich wieder an den Schornstein. Harald Vik war auf das Resultat seiner Kochkunst außerordentlich gespannt. Als er mit der Pfanne zurückkehrte – auch aus der Dachrinne gehämmert –, worin zwei Tauben festlich brutzelten, sprang der Norweger auf und rief vor Freude: »Hurra!« Es dauerte nicht lange, bis die beiden Männer vollauf damit beschäftigt waren, sich von den Gerichten aufzufüllen. Zwei primitive Becher, angefüllt mit verhältnismäßig reinem Wasser, vervollkommneten die Mahlzeit. Der zum Tode Verurteilte hob seinen Becher und sagte: »Der Freiheit!« »Der Freiheit!« wiederholte Harald Vik. Es war ein ganz ausgezeichnetes Frühstück. Besonders dem Norweger hatte es großartig geschmeckt. Die Aussicht war wundervoll, die Luft, vom Regen der vergangenen Nacht gereinigt, erfrischend. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte Harald Vik. »Meinen Namen habe Ich Ihnen gesagt; aber Ihrer ist mir noch unbekannt.« »Ich bin zum Tode verurteilt«, sagte der Alte ernst. »Zweimal im Leben bin ich zum Tode verurteilt gewesen.« Der Norweger merkte, daß dem Alten das Thema peinlich sei, und da er ihn nicht belästigen wollte, begann er von der Zukunft zu reden. »Glauben Sie, daß wir bald von hier fortkommen?« fragte er. »Geht es uns hier nicht ausgezeichnet? Wir haben ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken.« »Aber die Freiheit!« erwiderte der Norweger und blickte in die Ferne. »Die Langeweile wird wohl am schlimmsten sein«, bemerkte der Gelehrte. »Gerade für mich, der ich gewohnt bin, mitten im Strom des Lebens zu stehen. Ganz besonders peinlich empfinde ich es, nicht erfahren zu können, was passiert. Was bedeutet es zum Beispiel, daß heute überall in der Stadt geflaggt ist? Soviel ich weiß, ist doch heute kein nationaler Festtag. Das muß anders werden. In den nächsten Tagen muß ich über die Lösung dieser Frage nachdenken.« Der Norweger lachte laut auf. »Wollen Sie vielleicht schreiben und anfragen?« sagte er. Der andere blickte ihn an; der Hohn, der in diesem Blick lag, ließ Harald Vik verstummen. »Ich habe Ihnen wohl noch nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, daß mir manches möglich ist, was Ihnen unmöglich wäre. Ich gehe mit dem Gedanken um, an einem der nächsten Tage eine elektrische Batterie herzustellen.« »Einen Fernsprecher?« »Nun eben. Hätten wir Telephon, wäre unzweifelhaft einem großen Mangel abgeholfen.« Der Alte saß da in Gedanken versunken. »Warten wir ab«, sagte er leise. Plötzlich wandte er sich an den Norweger. »Sie hatten nach dem Erwachen Kopfschmerzen?« »Aber nach Verlauf einiger Minuten gingen sie vorüber. Die Schmerzen waren von unangenehmem Sausen begleitet?« Erstaunt blickte ihn der Norweger an. »Woher wissen Sie das?« »Weil ich an Ihren Kopfschmerzen schuld bin.« »Sie?« »Ja; denn ich war es, der heute nacht die entsetzliche Müdigkeit über Sie brachte, damit Sie mich in keiner Weise störten und sich ruhig verhielten, falls etwas passierte. Ich kannte Sie ja nicht; infolgedessen konnte ich mich nicht auf Sie verlassen.« »Wie konnten Sie mich denn einschläfern?« Der Gelehrte zog ein kleines Fläschchen aus der Tasche. »Oeffne ich dies Fläschchen, dann wirkt der Geruch auf alle in der Nähe befindlichen Personen betäubend. Nun, ich öffnete eben die Flasche, als wir heute nacht in der Ruine zusammensaßen.« »Aber warum schliefen Sie selbst nicht ein?« »Weil ich ein feuchtes Tuch vor der Nase hielt.« Harald Vik erinnerte sich nun des Manövers mit dem Taschentuch, das der Alte ausgeführt hatte, und sagte leise vor sich hin: »Also deshalb!« »Es war derselbe Geruch, der den Gefängniswärter dort drüben in meiner Zelle betäubte.« »Ich glaubte, Sie hätten ihn erwürgt.« Der Gelehrte verzog nun wieder den Mund zu unheimlichem Grinsen. »Ich erwürge niemals zur unrechten Zeit«, sagte er. Den Norweger schauderte. Dann fragte plötzlich der Alte: »Da fällt mir noch etwas ein: Wie haben Sie Ihr Werkzeug mit ins Gefängnis hineinschmuggeln können?« »Ich bekam es von einem Freund.« »Wie ging das zu?« Harald Vik erzählte nun von der Szene im Gefängnis und von dem »hohen Gast«. Als er geendet hatte, rief der Gelehrte: »Das war ein Meisterstück. Aus welchem Lande stammt Ihr Freund?« »Aus Norwegen.« »Und die Stadt?« »Christiania.« Eben wollte der Gelehrte den Becher an die Lippen führen, als Harald Vik die norwegische Hauptstadt nannte. Er hielt jedoch inne und fragte mit einer Erregtheit, die den Norweger in außerordentliches Erstaunen versetzte: »Sein Name?« »Der Detektiv Asbjörn Krag.« Der Becher fiel zu Boden, so daß sich das Wasser über Harald Viks Beinkleider ergoß. Erschreckt blickte er den Alten an. Es war das erstemal, daß er den Gelehrten wirklich verblüfft und bewegt ansah. Der Dritte Harald Vik war im höchsten Grade erstaunt, als er die Erregung des Alten bemerkte. »Kennen Sie Asbjörn Krag?« fragte er. »Zweimal in meinem Leben bin ich ihm begegnet«, erwiderte der Gelehrte. »Hier in dieser Stadt? Ich wüßte nicht, daß Asbjörn Krag schon früher einmal hier gewesen wäre.« »Ist auch gar nicht nötig. In Christiania war es, wo ich die Ehre hatte, ihm zu begegnen.« Der kleine Mann war nun vollkommen Herr seiner Erregtheit; aber dennoch starrte er mit geistesabwesendem Blick in die Luft, als hätte eine weit zurückliegende Erinnerung ihn gänzlich gefesselt. »Es hat nicht den Anschein,« fuhr der Norweger, dessen Interesse geweckt war, fort, »daß es Ihnen gerade Freude macht, an meinen merkwürdigen Landsmann erinnert zu werden.« »An den Herrn, den Sie eben nannten, habe ich schon oft gedacht«, antwortete der andere. »Er ist einer von den wenigen Menschen in der Welt, vor denen ich mich wirklich gefürchtet habe.« Verwundert blickte Harald Vik ihn an. »Dann waren Sie sicherlich auch ein Verbrecher«, sagte er. »Denn nur Verbrecher haben vor Asbjörn Krag Angst.« Der Alte drehte sich plötzlich um und warf dem Norweger einen solchen Blick zu, daß dieser es für ratsam hielt, schleunigst aufzustehen. »Ich habe beständig das Gefühl«, fuhr der Alte fort, »daß ich Asbjörn Krag noch einmal treffen werde. Begegne ich ihm aber zum dritten Male, dann –!« Den Norweger schauderte; denn nun sah das Gesicht des Alten ebenso finster und drohend aus wie damals, als er es hinter dem vergitterten Fenster gesehen hatte. Er entfernte sich einige Schritte von ihm. Vielerlei Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Was hatte dieser sonderbare Mensch mit seinem Freund Asbjörn Krag zu tun gehabt? Anscheinend waren sie erbitterte Feinde. Mußte der Gelehrte dann nicht auch sein Feind sein? Was für ein Mensch war er überhaupt? Nicht einmal seinen Namen hatte er nennen wollen. Entschlossen ging Harald Vik wieder auf den Alten zu. Dieser saß noch wie vorhin und starrte gedankenvoll in die blaue Luft. »Es liegt mir daran, etwas von Ihnen zu erfahren«, sagte der junge Norweger. Der Alte wandte ihm das Gesicht zu und nickte. »Das wäre?« fragte er. »Ihren Namen möchte ich gern wissen.« »Den werden Sie nicht erfahren.« »Warum nicht?« »Weil es nicht nötig ist. Aber setzen Sie eich nur wieder; ich werde Ihnen nichts Böses tun. Ich bin nicht bösartiger Natur. Wir sprachen von Ihrem merkwürdigen Landsmann Asbjörn Krag. Ich möchte von ihm sprechen. Ich hasse ihn.« »Er ist mein Freund,« antwortete der Norweger ernst, »und obendrein hat er mir große Dienste erwiesen.« Der Alte überhörte vollständig diese Bemerkung des Norwegers. Er zeigte mit der Hand nach dem Meere, das fern im Osten hinter den Steinmassen und den Schiffsmasten in blauer Pracht schimmerte. »Möchten Sie dort draußen auf dem Meere sein?« fragte er. »Möchten Sie aus dieser verfluchten Stadt heraus – seewärts – nach andern Ländern – nach Ihrer Heimat?« »Die Freiheit!« sagte Harald Vik leise vor sich hin und verfolgte mit den Augen die von dem Alten angegebene Richtung. »Aber warum reden Sie so? Sie wissen ja selbst, daß wir nicht vom Dach herunterkommen können, ohne entdeckt zu werden.« »Nichts ist unmöglich«, entgegnete der Gelehrte. »Ich möchte annehmen, Asbjörn Krag würde das in acht bis zehn Tagen bewerkstelligt haben. Wenn ich Ihnen nun aber sage, daß ich keineswegs schlechter oder weniger erfinderisch als Asbjörn Krag bin, glauben Sie dann, daß ich uns beide retten kann?« Harald Vik schüttelte den Kopf. »Ich wüßte nicht, wie das geschehen könnte,« sagte er. »Das können Sie mir ruhig überlassen«, erwiderte der Alte. Plötzlich griff er in seine Tasche und zog ein Paar arg verschlissener Glacehandschuhe heraus. »Wie gut,« murmelte er, »daß mich die Polizeibeamten diese alten Handschuhe behalten ließen. Sie haben jedenfalls gar nicht mit der Möglichkeit gerechnet, daß ich sie einmal brauchen könnte. Ich bin gewiß, Sie halten mich für verrückt, wenn ich behaupte, daß es gerade diese Handschuhe sein werden, die uns die Freiheit bringen sollen.« Der Norweger starrte ihn verwundert an. »Ein Paar alte Handschuhe!« rief er. »Was machen wir damit?« »Das werden Sie sehen, wenn meine Zeit da ist. Vorläufig müssen wir uns für längere Zeit einrichten, möglicherweise für immer.« Den Norweger schauderte. »Für immer?« rief er aus. »Das ist nicht möglich; das halte ich nicht aus.« Der Alte war ernst geworden. »Sie werden es aushalten müssen. Machen Sie auch nur den geringsten Versuch, uns auszuliefern, töte ich Sie.« Harald Vik schielte mißtrauisch zu ihm hin. Wohl war der Gelehrte ein kleiner und alter Mann; dennoch aber sah der Norweger an seinen Fingern und entblößten Unterarmen, daß seine Sehnen wie Stahl waren. Seine Finger sahen aus wie Raubtierkrallen. »Wenn wir nicht aus dem Gefängnis herauskönnen,« fuhr der Alte ruhig fort, »dann müssen wir unser Augenmerk darauf richten, es uns hier so komfortabel wie möglich einzurichten. Uns stehen eine Menge Hilfsquellen zur Verfügung.« »Das heißt so viel, daß wir mit zwei leeren Händen dastehen und sonst nichts haben«, bemerkte Harald Vik. »Mir, dem Manne, der mehr als ein Menschenalter lang auf fast allen wissenschaftlichen Gebieten experimentiert hat, bietet unsere jetzige Situation keineswegs unüberwindliche Hindernisse. Was läßt sich zum Beispiel nicht alles aus dem augenblicklichen herrlichen Sonnenschein machen? Ich habe einige Jahre lang versucht, eine neue Kraftquelle dadurch hervorzubringen, daß ich das Sonnenlicht in großen Spiegeln sammelte. Mit dieser Forschung bin ich ziemlich weit gekommen. Hier oben auf dem Dach habe ich für meine Experimente die herrlichste Fläche.« »Woher wollen Sie aber die Spiegel nehmen?« »Spiegel brauchen nicht aus Glas zu sein«, sagte der Alte. »Aber augenblicklich heißt es, andere Dinge zu überlegen«, fügte er hinzu. »Ich empfehle Ihnen, diese Reste unseres Frühstücks zu sammeln und sie in unserm Luftschloß aufzubewahren. Sollte es mir nicht gelingen, für unsere Mittagsmahlzeit Essen zu beschaffen, ist es immerhin gut, dort etwas zu haben.« Der Gelehrte nahm nun Harald Viks Werkzeug hervor – Bohrer und Stahlsäge – und entfernte sich. Der Norweger kroch wieder in die Ruine hinein und räumte drinnen auf. Er entfernte mehrere Steine aus der Wand, die der Stadt zugekehrt war, so daß ein ordentliches Fenster entstand. Die Aussicht wurde dadurch eine bessere, und gleichzeitig gewann auch mehr Licht Zutritt zu dem kleinen Raum. Schließlich war es da drinnen ganz gemütlich, und der Norweger söhnte sich schon mit dem Gedanken aus, oben auf dem Gefängnisdach vielleicht lange Zeit zubringen zu müssen. Aus den Resten der alten Dachrinne und den herausgenommenen Steinen machte er eine Pritsche, die von der einen Wand zur andern reichte. Hier konnten sie alle beide sitzen, zum Fenster hinausblicken und sich über die Aussicht freuen. War der eine auf dem Dache beschäftigt, dann war genügend Platz vorhanden, daß der andere sich bequem darauf ausstrecken und seine Pfeife genießen konnte. Seine Pfeife! Wer jetzt nur etwas Tabak hätte, dachte der Norweger. Er hatte zu dem kleinen Gelehrten ein solches Vertrauen gefaßt, daß er jetzt anfing, an die Möglichkeit zu glauben, er könne ihm auch Tabak verschaffen. Was mochte er wohl draußen auf dem Dache vorhaben? Der Norweger guckte hinaus. Erst war er vom Sonnenlicht so geblendet, daß er nichts sehen konnte. War der Alte verschwunden? Nein, da hinten lag er, hinter einem Schornstein versteckt. Harald Vik fuhr aufs heftigste erschrocken zurück. Der Alte drohte ihm mit der Hand zum Zeichen, daß er sich ruhig verhalten sollte. War jemand aufs Dach heraufgekommen? Er wollte sich schnell ins Innere der Ruine zurückziehen; aber auf ein abermaliges Zeichen des Alten verhielt er sich unbeweglich, wo er sich befand. Nun wies der Gelehrte auf einen bestimmten Punkt des Daches, wo Harald Vik einen kleinen Vogel – eine junge Taube – erblickte. Vielleicht war es auch gar nicht einmal eine Taube. Es war gewiß nur ein Flügel oder ein paar lose Federn. Plötzlich hörte er ein Brausen in der Luft. Er blickte empor. Ueber dem Gefängnisdache kreiste ein Habicht. Nun war ihm klar, was das merkwürdige Gebaren des Alten zu bedeuten hatte. Er hatte eine Falle gestellt. Es schien ihm fast, als bemerke er einige Stückchen Holz, die aus den Federn hervorragten. Es dauerte nicht lange, bis der Habicht herabstürzte. Sowie aber die Klauen die Federn ergriffen hatten, begann er jämmerlich zu flattern. Sofort sprang der Alte hinzu und drehte ihm den Hals um. Neugierig näherte sich Harald Vik, um die Falle näher in Augenschein zu nehmen. Sie war ganz einfach, aber außerordentlich sinnreich aus zwei schweren Schieferplatten und einer Schlinge hergestellt. Sowie der große Vogel mit den Federn in Berührung kam, bewirkten die schweren Schieferstücke, daß sich die Schlinge um die Füße oder den Schnabel des Vogels straffte, und da dieser die schweren Stücke nicht heben konnte, blieb er in der Schlinge hängen. »Mir schien es wünschenswert, etwas Abwechslung in unsere Geflügelgerichte zu bringen«, sagte der Alte lachend. »Mit dieser Falle werden wir noch viele Vögel fangen.« »Wo haben Sie denn die Schlinge herbekommen?« fragte Harald Vik. Der Alte zeigte auf seine Stiefel. »Meine Schnürbänder«, sagte er, »die habe ich opfern müssen.« Es vergingen einige Stunden. Harald Vik begann am rauchenden Schornstein mit den Vorbereitungen zum Mittagsessen. Als der Gelehrte seine Geschäftigkeit gewahr wurde, brummte er zufrieden und warf ihm den getöteten Vogel hin. Der Norweger sammelte nun Kehricht aus der Ruine auf einen Haufen. Dieser war so trocken, daß er förmlich knitterte, als er ihn zwischen den Fingern zerrieb. Dann kratzte er aus einem der Schornsteine etwas Steinkohlenruß los und stapelte es zusammen auf. Es dauerte nicht lange, bis es brannte. Der Ruß fing sehr schnell Feuer, viel schneller als gewöhnliche Steinkohlen. Der Alte stand – gegen den Schornstein gelehnt – dabei und betrachtete seine Arbeit. »Wenn ich meine Freiheit erlangt habe,« sagte er, »werde ich eine Maschine konstruieren, die der Luft alle Rußpartikelchen entzieht, um daraus Heizmaterial herzustellen.« Harald Vik antwortete nicht; die Pläne des alten Mannes fingen an, ihn zu langweilen. Er pfiff, während er den Vogel rupfte, eine fröhliche Melodie. Als er mit dem Rupfen fertig war, steckte er ihn an einen Spieß, welchen der Alte aus der Dachrinne hergestellt hatte, und hielt den Vogel übers Feuer. Der Gelehrte hatte ihn indessen längst verlassen und sich nach dem andern Ende des Daches begeben. Die Hitze begann bedrohlich zu werden. Nicht eine Wolke zog am Himmel. Die Sonne sandte eine fürchterliche Hitze aufs Dach herab. Es kam auch noch hinzu, daß der scharfe Qualm des kleinen Feuers auf Harald Viks Augen seine beißende Wirkung ausübte. Es war ihm, als müßte er ersticken. Sehnsüchtig blickte er auf die Stadt hinunter, wo die Parkanlagen schattige, dunkelgrüne Flecke im Steinmeer bildeten. Die Hitze lag flimmernd über der ungeheuren Stadt. Nun hatte er den Gelehrten wieder aus dem Auge verloren. Nein, dort war er. Harald richtete sich ganz auf. Du großer Gott, der Alte war auf eines der Dächer der Nebengebäude hinabgeklettert und lag nun am äußersten Rande, wo er mit der Telephonleitung hantierte. Der Norweger war über seine Dummdreistigkeit sprachlos. Vor allen Dingen riskierte er, entdeckt zu werden. Und dann – was wollte er denn mit den Telephondrähten. Zerstörte er irgend etwas, würden sofort Leute aufs Dach heraufkommen, um nachzusehen, was los sei. Der Norweger blieb voller Spannung stehen und sah ihm zu. Endlich war er fertig. Er kroch zum Blitzableiter zurück und kletterte aufs höher gelegene Dach. Hier konnte er ohne Gefahr aufrecht gehen. Harald Vik bemerkte, daß er einen kleinen weißen Gegenstand in der Hand hielt. Als der Alte bei ihm war, fragte er: »Was haben Sie denn da gemacht? Haben Sie die Telephonleitung zerstört?« »Nein. Ist das Mittagessen fertig?« Der Norweger zeigte ihm den gerösteten Vogel. »Gut, dann wollen wir essen. Es ist Zeit.« Während des Mahles, das viel einfacher als das Frühstück war, versuchte Harald Vik, das Gespräch mehrfach auf die Telephonleitung zu lenken; lächelnd brach aber der Alte das Gespräch dann ab. »Das geht Sie nichts an.« Oder er sagte: »Davon verstehen Sie nichts.« Der Gelehrte hatte zum ersten Male, seit sie auf dem Dache waren, seinen grauen Mantel abgelegt. Harald Vik wunderte sich, wie kraus und schmutzig sein Jackett und seine Weste waren. Der Mantel hatte ihm eine gewisse Würde verliehen; nun aber sah er recht jämmerlich aus, fand der Norweger – ein bärtiges Männchen mit abstoßendem Gesicht. Harald Vik mochte ihn immer weniger. Und doch mußte er jedesmal, wenn der Alte ihn mit dem gefühllosen, steinharten Blick anschaute, die Augen niederschlagen. Plötzlich sagte der Alte: »Ich rate Ihnen, legen Sie sich nach dem Essen schlafen.« »Warum das? Ich pflege nach dem Essen nie zu schlafen.« »Weil Sie heute nacht kaum schlafen werden.« »Wollen wir versuchen zu entfliehen?« »Das wäre Wahnsinn. Wir müssen auf eine Entdeckungsreise. Wir klettern die Schornsteine ganz hinab.« »Was sollte das nützen? Sie sind ja außer Gebrauch. Wahrscheinlich sind sie unten zugemauert.« »Aber sicherlich nicht der Schornstein, aus dem Rauch kommt.« »Was?« rief Harald Vik erschrocken. »Wollen Sie durch den Schornstein hinunterklettern? Da werden Sie ganz gewiß abgefaßt.« »Ja, Sie würden sich abfassen lassen, Sie Tölpel,« erwiderte der Alte, »ich aber nicht. Ihnen überlasse ich den andern Schornstein, der nicht in Gebrauch ist. Sie müssen ausfindig machen, wo derselbe hinführt.« Um ihm zu verstehen zu geben, daß er darüber nicht mehr zu reden wünschte, kroch er in den Schatten und zog den Hut weit über die Augen. Nach einem Augenblick schlief er. Harald Vik war es wegen der Hitze jedoch nicht möglich, einzuschlafen. So beschloß er denn, auf dem Dache Umschau zu halten ... ... Zwei Stunden lang schlief der Alte. Als er erwachte, war es ihm nicht möglich, den Norweger zu entdecken. Am Horizont ging die Sonne unter, und ein angenehm kühler Wind – vom Meere kommend – fegte über das Dach. Endlich ließ sich Harald Vik blicken. Er kam von einem der Seitendächer her. Er schien blasser und ernster als gewöhnlich zu sein. »Ah!« rief der Alte. »Ich sehe es Ihnen an, daß irgend etwas passiert ist. Wo waren Sie?« »Ich bin umhergekrochen, wobei ich auf den Dächern Umschau gehalten habe.« »Dann haben Sie sicher irgend etwas entdeckt?« »Ja, das habe ich. Ich habe die Entdeckung gemacht, daß Ihre alte Zelle einen neuen Bewohner bekommen hat.« »Wirklich? Das freut mich.« Harald Vik ging dicht an ihn heran. »Es ist eine Frau«, sagte er. »Ein junges, schwarzhaariges Weib.« »Sie haben also gesessen und sie angestarrt?« »Ja, über eine Stunde.« »Hat sie Sie gesehen?« »Nein.« »Das ist gut. Dann interessiert sie mich nicht.« »Wir wollen den Versuch machen, sie zu retten«, sagte Harald Vik. Aber dazu lachte der Alte hart und abweisend. »Wahnsinn wäre es und Unsinn«, sagte er. »Wollen Sie uns denn beide ins Verderben bringen?« »Wir müssen sie jetzt retten«, wiederholte Harald Vik. »Das ist unmöglich.« In großer Erregung trat der Norweger vor den Gelehrten und machte dabei eine Bewegung, als wollte er dem zwergenhaften Burschen einen Fußtritt versetzen. »Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er ihn an; »ich habe mich in sie verliebt.« Das brennende Schiff Der Kleine stand auf und faßte Harald Vik energisch am Arm. »Derartige Kinderstreiche«, sagte er, »werden unsere Pläne über den Haufen werfen.« Der Norweger blickte ihn höhnisch an. »Ich bin nicht zum Tode verurteilt«, entgegnete er. »Ich wage es dennoch.« »Was wagen Sie?« »Ich will versuchen, sie zu retten.« »Das ist Ihnen vollkommen unmöglich.« »Oh.« sagte der Norweger überlegen, »ist es mir gelungen, Sie aufs Dach zu lotsen, so wird es mir auch wohl gelingen, sie hierher zu bringen.« Zitternd vor Wut stand der Alte da. »Was mir möglich ist,« rief er, »ist andern ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem war es für Sie nur ein Glück, daß ich herkam. Wäre ich nicht gewesen, wären Sie schon längst vor Hunger und Durst gestorben, oder Sie hätten sich ergeben müssen, Sie Undankbarer. Und nun wollen Sie leichtsinnigerweise uns beiden die Sache verderben!« Der eindringliche Ernst des Alten legte der Erregtheit des andern einen Dämpfer auf. »Sie haben sie nicht gesehen«, sagte der Norweger. »Ich habe auch kein Verlangen, sie zu sehen.« »Sie sitzt in Ihrer Zelle.« »Also ist sie zum Tode verurteilt.« »Und ganz jung ist sie – kaum zwanzig Jahre.« »Das ist mir gleichgültig. Ich will nichts mehr von ihr hören.« »Das schwöre ich Ihnen,« sagte der junge Mann mit Nachdruck, »ich verlasse diesen Ort nicht, bevor ich den Versuch gemacht habe, sie zu befreien.« Aufmerksam blickte ihn der Gelehrte an. Zu Anfang schien es, als ob er wutentbrannt auf ihn losspringen wollte; dann aber bezwang er sich. »Ist das Ihr Ernst?« fragte er. »Ich war noch nie so ernst wie jetzt«, erwiderte der Norweger. »Wenn ich Ihnen nun garantiere, daß Sie im Laufe von vierzehn Tagen die Freiheit erlangen und nicht wieder aufgegriffen werden?« »Dann bin ich Ihnen sehr dankbar.« »Versprechen Sie mir dann, sich um die zum Tode verurteilte Gefangene nicht zu kümmern?« »Nein.« »Zum Teufel! Was wollen Sie denn? Was gedenken Sie zu tun?« »Ich werde mich mit ihr in derselben Weise in Verbindung zu setzen suchen, wie ich mich mit Ihnen in Verbindung setzte.« »Sogleich?« »Nein, jetzt nicht. Das hat keinen Zweck. Sie steht nicht mehr am Fenster. Aber morgen werde ich mich so weit aufs Dach vorwagen, daß ihr Blick auf mich fällt.« Der Alte schlug die Hände zusammen, daß es laut hallte. »Großartig!« rief er. »Ganz ausgezeichnet! Himmel, was seid ihr jungen Leute doch für Schafsköpfe! Sagten Sie nicht, ihr Haar sei schwarz?« »Ja, sie hat rabenschwarzes Haar.« »Und merkwürdige Augen, die auf slawische Herkunft schließen lassen?« »Sie kennen sie also?« »Wissen Sie,« fragte der Alte, »daß sie Nihilistin ist? Zwei Jahre lang hat die Polizei sie gesucht, weil sie im Verdacht steht, an der Ermordung des Präsidenten MacKinley teilgenommen zu haben.« »Ich weiß nur,« entgegnete der Norweger, »daß ich niemals ein unglücklicheres Gesicht als das ihre hinter dem Gitterfenster gesehen habe.« »Dann wird's wohl wenig Zweck haben, Sie zu überreden?« »Gar keinen.« »Wollen Sie einen guten Rat von mir annehmen?« »Ja.« »Und ihn befolgen?« »Ja, unter einer Bedingung.« »Sagen Sie.« »Daß Sie mir behilflich sind, das junge Weib zu retten.« Der Alte lächelte, indem er den langen grauen Rock fester um sich zog. Harald Vik aber fuhr zusammen, als er dies Lächeln gewahrte. »Ich bin gewillt, auf Ihre Bedingungen einzugehen.« »Dann bin ich andererseits auch gewillt, Ihrem Rate zu folgen.« »Meinen Befehlen?« fragte der Alte mit Nachdruck. »Nun ja – Ihren Befehlen.« »Erstens«, sagte der Gelehrte, »dürfen Sie sich der Dame nicht vor Ablauf von achtundvierzig Stunden, von nun an gerechnet, zu erkennen geben.« »Vorausgesetzt, daß wir das Dach nicht vorher verlassen.« »Selbstverständlich.« »Gut, das verspreche ich.« »Zweitens müssen Sie heute nacht in einen der außer Betrieb gesetzten Schornsteine hinabsteigen. Ich selbst steige in den Schornstein hinab, aus dem es noch raucht.« »Dazu bin ich allenfalls bereit.« »Nun gut,« sagte der Alte, indem er sich auf dem Dach niederließ, »betrachten wir inzwischen den wunderbaren Sonnenuntergang. Bevor die Dunkelheit hereinbricht, läßt sich nichts unternehmen. Sehen Sie doch nur, wie märchenhaft der Himmel dort im Westen aussieht. Und wie still es nach und nach in der großen Stadt wird.« Harald Vik blieb stehen. In diesem Augenblick fühlte er sich dem kleinen, schmutzigen Gelehrten gegenüber unsicherer als je. Fast schien es, als ob der Alte seine Gedanken erraten hätte; denn plötzlich blickte er auf und sagte: »Sie schenken mir also keinen Glauben? Ich verstehe es wohl. Vermutlich neigen Sie zu der Auffassung, daß ich entweder verrückt oder ein fürchterlicher Schwerverbrecher bin.« Diese Rede verwirrte den Norweger. »Nun, nun,« fuhr der Alte fort, »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihr Freund bin.« Der Norweger konnte eine Bemerkung nicht unterdrücken. »Ihr Ehrenwort?« sagte er. Der Alte wandte sich von ihm ab. »Noch niemals habe ich es gebrochen«, entgegnete er bescheiden. »Aber das können Sie nicht verstehen. Zum Beweise, wie hoch ich Sie schätze, werde ich Ihnen dies zeigen.« Er griff in die Tasche und holte einen weißen Gegenstand hervor, den Harald Vik schon früher bemerkt hatte. Der Norweger nahm ihn und betrachtete ihn genau. Es war eine kleine Porzellanglocke, wie man sie an den Telegraphenpfählen zu Isolierzwecken benutzt. »Ich sah, daß Sie die Glocke in der Hand hatten, als Sie von der Telephonleitung kamen«, sagte Harald Vik. »Wozu wollen Sie sie eigentlich benutzen?« Der Alte ließ sich die Porzellanglocke wieder zurückgeben und streichelte sie gewissermaßen. »Wenn alles schief geht, dann soll die uns helfen. Sie wird unser Telephon werden.« »Telephon?« »Ja, sehen Sie denn nicht, daß sie ausgehöhlt ist? Das gibt ein großartiges Mikrophon. Wenn ich die Glocke erst mit meinem Handschuhleder versehen habe, dann ist es nur Sache eines Augenblicks, sie an dem Telephondraht zu befestigen. Haben Sie noch nie gesehen, wie die Telephonarbeiter, wenn sie die Leitungen reparieren, die Verbindung mit der Zentrale herstellen? Sie führen einen besonderen Apparat mit sich. Da jedoch der Fernsprecher im Grunde zu den allereinfachsten Erfindungen gehört, ist es eine Kleinigkeit, einen primitiven Apparat herzustellen, besonders wenn man über Leitungsdraht und Elektrizität verfügt. Heute nachmittag war ich dort an der Leitung und machte diese Glocke los. Den dazugehörigen Draht befestigte ich an einer anderen Glocke, achtete aber genau darauf, daß kein Kurzschluß entstehen konnte, sonst hätten wir sie gar bald hier oben auf dem Dache gehabt.« Harald Vik hatte das peinliche Gefühl, den Alten mit der höhnischen Erwähnung des Ehrenwortes gekränkt zu haben. Er glaubte, es sei nur, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, daß der Gelehrte so viel Worte über den Fernsprecher verlor. Harald Vik, der sich nie mit Elektrotechnik abgegeben hatte, wußte nicht, worauf das Gespräch abzielte. Endlich begann die Dunkelheit über Stadt und Gefängnis hereinzubrechen. Immer dichter wurde sie, und schließlich lag die Stadt unter ihnen mit ihren Tausenden von flimmernden Lichtern da, und über allem wölbte sich die schwarzblaue, sternenlose Himmelskuppel. »Nun ist es Zeit«, sagte der Alte. »Kriechen Sie jetzt in den unbenutzten Schornstein.« Harald Vik erhob sich. Er blickte auf die Stadt und spürte, wie der Lärm des abendlichen Verkehrs von unten zu ihm heraufgetragen wurde. Ganz leise aus der Ferne hörte er das Geräusch der Droschken auf dem Straßenpflaster; ein Eisenbahnzug kam angestöhnt; dann und wann ertönten die Warnungssignale der elektrischen Straßenbahn, und das summende Geräusch der Menschenmassen stieg und fiel wie das Brausen ferner Brandung. Ein wunderbar schöner Abend war es. Die Luft war rein und machte jeden Ton leicht vernehmlich. Er sah, wie sich unten in der Tiefe, im Gefängnishof, ein paar Laternen hin und her bewegten, und vernahm die Schritte der Schildwache. Alle Gefangenen waren nun zur Ruhe gegangen. »Verlieren Sie doch keine Zeit,« sagte der Alte, »ich bin schon längst bereit.« Harald Vik schreckte zusammen. »Dort, jener Schornstein!« sagte der Gelehrte, auf einen weisend. Kurz darauf war der junge Norweger in dem schwarzen Loch verschwunden. Es war dies das dritte Mal, daß er durch den Schornstein niederstieg. An beiden vorhergehenden Malen war er nur bis zum fünften oder sechsten Stock gelangt, nun aber wollte er ganz hinunter, bis zum Keller – falls ihm nicht ungeahnte Hindernisse in den Weg kamen. Es wurde ihm diesmal viel leichter als sonst. Er hatte sich schon fast an die Stufen gewöhnt. Bis zum siebenten Stockwerk war er nun gelangt. Hier aber mußte er plötzlich innehalten; denn nun vernahm er ein Geräusch, das er bisher noch nicht bemerkt hatte. Er verhielt sich mäuschenstill, sich mit Händen und Füßen festhaltend, um zu horchen. Menschliche Stimmen waren es nicht, die er da vernahm. Er erinnerte sich eigentlich nicht, jemals ein ähnliches Geräusch gehört zu haben. Es war gleichsam, als ob Stöße in gewissen Zwischenräumen den ganzen ungeheuren Bau durchzitterten. Hinterher erfolgte eine Art Kratzen oder Knirschen, als ob irgendwo in dem großen Gebäude ein mächtiges Tier läge und mit den Zähnen fletschte. Harald Vik wurde es unheimlich zumute; war er doch weit unten im Schornstein, so daß er unwillkürlich von Entsetzen erfaßt wurde. Es kam noch hinzu, daß es dort unten vollkommen dunkel war. Er sah nicht mehr den blauen, viereckigen Ausschnitt des Himmels über sich. Es war Nacht geworden; der Himmel war schwarz und deckte die Oeffnung des Schornsteins wie eine schwarze Haube. Plötzlich verstummte das merkwürdige Geräusch; es war nichts mehr zu hören; aber auch die Stille war ihm nicht recht. Niemals zuvor war ihm seine Lage so hoffnungslos und traurig erschienen als in diesem engen, übelriechenden, unbenutzten Schornstein. Als ihm zum Bewußtsein kam, daß er sich hier mitten in dem ungeheuren Gebäudekomplex, diesem großen Steingrab befände, worin ein ganzes Heer von Menschen lebendig begraben war, überfiel ihn ein Gefühl der Angst und Niedergeschlagenheit. Hier hieß es aber: weiter! Und so kletterte er denn immer tiefer. Als er das vierte Stockwerk erreicht hatte, begann wieder das irritierende, unheimliche Geräusch. So viel war ihm sofort klar: es waren keine Ratten, die umherhuschten. Es wurde nicht nur an einer Stelle geklopft, sondern gleichzeitig an mehreren. Es kam ihm vor, als ob irgendwo in der Ferne klanglose Tasten angeschlagen würden. Etwa eine Viertelstunde dauerte das Geräusch; dann hörte es plötzlich wieder auf. Da stieg Harald Vik weiter hinab. Als er beim dritten Stockwerk angelangt war, hielt er mit einemmal inne. Sein Herz begann heftig zu klopfen. Er hatte eine menschliche Stimme vernommen. Sie schien von unten zu kommen, wahrscheinlich aus dem ersten Stock. Er hörte eine flüsternde Stimme sagen: »Dreihundertvierundfünfzig geladene Revolver.« Eine andere Stimme ergänzte: »Hundertneununddreißig Aexte.« Die erste Stimme fuhr fort, diesmal aber noch leiser: »Fünfzehnhundertsechzig Messer.« Was die andere Stimme darauf sagte, verstand Harald Vik nicht. Wahrscheinlich standen in dem Zimmer, das sich gerade unter ihm befand und von dem aus der Schornstein hinaufführte, zwei Leute, die miteinander sprachen. Anfangs hatten sie in der Nähe des Schornsteins gesprochen, hatten sich aber bald entfernt. Harald Vik war der Ueberzeugung, daß es zwei Gefängnisbeamte gewesen wären, die dort geredet hatten. Er wagte nicht, noch weiter hinabzusteigen, sondern fand es am ratsamsten, wieder hinaufzusteigen. Schritt für Schritt, so leise wie möglich, stieg er zum Dach empor. Als er in die Nähe der Oeffnung kam, hörte er den Alten flüstern: »Beeilen Sie sich; beeilen Sie sich!« Eine Minute später stand er auf dem Dach. Der Alte ergriff seinen Arm; er zitterte vor Eifer. »Hörten Sie es?« fragte er. »Hörten Sie diese sonderbaren Stöße, die das Gebäude durchdrangen?« »Ja,« entgegnete der Norweger, »Ich hörte sie. Es war ein ganz unheimliches Geräusch.« »Das kommt daher,« sagte der Gelehrte, »weil Sie das nicht verstehen. Aber ich verstand es gleich.« Der Norweger berichtete nun von den beiden Stimmen, die er gehört hatte. Der Alte strich zuerst mit der Hand verwirrt über die Stirn; dann blickte er gedankenvoll vor sich hin und murmelte leise, wie geistesabwesend: »Waren es dreihundertvierundfünfzig geladene Revolver?« »Ja.« »Und fünfzehnhundertsechzig Messer?« »Ja.« Plötzlich rückte der Alte ihm näher. »Dies alles können wir späterhin überlegen,« sagte er und zeigte dabei aufs Meer hinaus, wo eine rote Feuersäule wie ein Leuchtfeuer oder eine Fackel aufflammte. »Sehen Sie das Licht da draußen?« »Ja.« »Das ist ein brennendes Schiff.« »So?« »Das würde für den ›Herald‹, dessen erste Ausgabe in einer halben Stunde in Druck geht, eine willkommene Neuigkeit abgeben.« »Ich verstehe Sie nicht recht.« »Kommen Sie mit mir.« Der Alte zog ihn mit sich fort; er befand sich in fieberhafter Erregung. Sie gelangten auf das Seitendach, wo ihn der Gelehrte zu den Telephondrähten führte, an denen er vorhin experimentiert hatte. »Nun ist mein Telephon endlich in Ordnung,« sagte das Männchen. »Es ist zwar primitiv, und ich muß das Mikrophon sowohl zum Sprechen als auch zum Hören benutzen; aber die Mühe lohnt sich. Jetzt wollen wir einmal einen kleinen Kurzschluß arrangieren.« Harald Vik konnte in der Dunkelheit undeutlich erkennen, daß sich der Alte mit den Telephondrähten zu schaffen machte. Dann legte er einen weißen Gegenstand ans Ohr und flüsterte ihm gleich darauf zu: »Sie antworten im Amt.« Schnell entfernte er dann den weißen Gegenstand vom Ohr und sagte mit ruhiger, klarer Stimme: »Redaktion des ›Herald‹!« Die redenden Mauern Harald Vik saß auf dem Dachfirst ganz nahe bei dem Alten. Er fühlte, wie der Gelehrte vor Spannung zitterte und bebte. »Bin ich mit dem ›Herald‹ verbunden?« fragte er wieder. »Ich höre ein Sausen im Telephon,« flüsterte er dem Norweger zu. Zwei Sekunden lang saß der Alte unbeweglich und lauschte. Plötzlich durchzuckte es ihn. Im Apparat antwortete eine Stimme, die von weither zu kommen schien: »Nachtredaktion des ›Herald‹.« »Hier das Gefängnis ›Der Schwarze Stern‹,« rief der Gelehrte. »Soll ich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen?« »Ist wieder jemand entwichen?« »Nein, noch nicht.« »Was ist denn los?« »Wir können von hier aus weit draußen auf dem Meere ein brennendes Schiff sehen. Es scheint ein großer Dampfer zu sein.« »Was?« »Direkt vor dem großen Leuchtfeuer der Lotsenstation, mindestens drei Meilen seewärts nach unserer Beobachtung.« »Danke sehr; wir werden die Sache näher untersuchen.« »Wissen Sie sonst noch Neuigkeiten?« fragte der Gelehrte voller Spannung. »Ist in der Welt etwas Besonderes passiert?« Eine andere Stimme antwortete jetzt durchs Telephon: »Auf den französischen Präsidenten ist ein Attentat begangen worden.« »Auf den französischen Präsidenten?« wiederholte der Alte. »Es ist jedoch mißlungen«, fuhr die Stimme fort. »Ist heute nacht sonst noch etwas geschehen?« »Peary hat telegraphiert. Er hat großartige Resultate erzielt. Steht morgen im ›Herald‹. Sonst ist nichts Besonderes vorgefallen ... Ach ja, doch! Eine Neuigkeit, die Sie interessieren wird. Der Mann, der zum Tode verurteilt war und vor einigen Tagen aus dem Gefängnis entwich, soll ergriffen sein.« »Nicht möglich! Wo denn?« »In Buffalo. Der Polizeichef glaubt bestimmt, daß er den Rechten zu fassen bekommen hat. Er ist schon unterwegs nach hier.« »Gut, wir werden darauf achten, daß er nicht wieder entweicht. Er scheint zwar ein Teufelskerl zu sein.« »Ja, das stimmt; ein wahrer Teufel muß das sein.« »Mehr können Sie uns also nicht erzählen?« Der Gelehrte führte das Mikrophon an Harald Viks Ohr, so daß dieser ganz deutlich die Stimme antworten hörte: »Nein, mehr nicht. Besten Dank für die Mitteilung. Gute Nacht.« Ein schwaches Sausen folgte diesen letzten Worten; es war das Abstellen des Apparates. In der Dunkelheit befühlte der Norweger interessiert den Gegenstand, den er in der Hand hielt. Nun wußte er, daß es die Porzellantasse sein müsse, die er schon früher im Besitze des Alten gesehen hatte. Dieser ergriff erregt seinen Arm. »Nun, was sagen Sie?« rief er triumphierend. »Großartig«, sagte Harald Vik leise. »Nur verstehe ich nicht, wie Sie das zustande gebracht haben.« »Nun – mit Hilfe dieser Porzellantasse, dieser kleinen Drahtenden, die ich aus der Leitung gestohlen habe, und dem Handschuhleder. Es ist derselbe Apparat, nur viel einfacher, wie ihn die Telephonarbeiter benutzen, wenn sie während der Reparatur der Telephonleitungen mit dem Amt sprechen müssen. Endlich haben wir mit der Außenwelt Verbindung erlangt«, rief der Alte begeistert aus, indem er in die Hände klatschte. »Ist das nicht sonderbar, daß wir beide armen Flüchtlinge, die wir hier auf dem Dache des Gefängnisses sitzen, ohne jegliche Hilfsquelle, daß wir mit der größten Zeitungsredaktion der Welt in Telephonverbindung getreten sind. Aber das ist nur der Anfang.« »Was kommt nun?« fragte der Norweger. Der Alte wandte sich dem Blitzableiter zu, der in den schwarzblauen Nachthimmel hineinragte. »Sehen Sie den da?« fragte er. »Den Blitzableiter? Jawohl, von dem haben Sie schon früher geredet.« »Der wird uns eine großartige Hilfe sein,« erwiderte der Gelehrte. Seine Stimme klang sehr überlegen. »Diese gewöhnliche Telephonverbindung finde ich recht veraltet. Wir müssen Moderneres ersinnen.« »Was könnte das sein?« »Nun, zum Beispiel drahtlose Telegraphie«, entgegnete der Gelehrte, indem er auf den Blitzableiter wies. »Wenn ich erst meine elektrische Batterie in Ordnung gebracht habe ...« Harald Vik stand noch ganz im Banne des Gesprächs mit dem ›Herald‹, daß nichts von dem, was der Alte plante, ihm undurchführbar schien. Er machte jedoch den Einwand: »Wenn nur nicht alle Ihre Experimente uns schließlich ins Verderben bringen.« Da lachte der Alte laut auf. Es schien Harald Vik, als ob Wahnsinn aus dem langandauernden Lachen herausklang. Ihn graute. »Warum lachen Sie so?« fragte er. »Haben Sie gehört, daß sie mich in Buffalo ergriffen haben?« »Wie?« »Das wurde mir vom ›Herald‹ mitgeteilt. In Buffalo bin ich wieder erwischt und werde nun hierher transportiert. Hahaha!« »Aha, nun verstehe ich, warum Sie sagten, daß man ihn gut bewachen würde, damit er nicht wieder entwiche.« »Eben. Doch begeben wir uns jetzt heim. Es wird hier recht kühl.« Der Alte ging. Harald Vik warf noch einen Blick aufs Meer, wo das brennende Schiff noch stärker als vorhin aufflammte. Da vernahm er hinter sich die Stimme des Alten: »Sehen Sie dort den hellen Streifen im Hafen?« »Ja, er bewegt sich.« »Ich erkenne es genau,« sagte der Alte, »das ist die Pinasse des ›Herald‹. Vorn hat sie einen Scheinwerfer. Man ist schon auf dem Wege zum Wrack. Es ist das schnellste Schiff Amerikas. Kein Torpedoboot kann sich mit ihm an Geschwindigkeit messen. In zwei Stunden wird das Schiff draußen sein. Warten Sie einen Moment; mir fällt eben etwas ein.« »Was denn?« fragte Harald Vik und näherte sich auf allen Vieren kriechend dem Alten. »Wir müssen ein Fernglas haben, eigentlich zwei, ein Tages- und ein Nachtglas Es ist doch schade, daß es uns nicht möglich ist, eine so spannende Begebenheit, wie die da draußen, aus der Nähe zu betrachten.« Hierauf antwortete Harald Vik nicht. Als sie auf dem andern Dach angelangt waren und sich in der Nähe der Ruine befanden, fragte er: »Glauben Sie, daß wir noch lange hier bleiben müssen?« »Ich weiß es nicht; entweder entkommen wir nach wenigen Tagen, oder wir müssen noch sehr lange hier bleiben.« Sie hatten nun die Ruine, ihre Wohnung, erreicht. Harald Vik wollte sogleich hineinkriechen; der Alte hielt ihn jedoch zurück. »Warten Sie einen Augenblick«, sagte er. In der Dunkelheit konnte der Norweger zwar nicht sehen, was der andere vorhatte; er hörte jedoch ein Rascheln, von dem er glaubte, es kennen zu müssen. Plötzlich flammte ein Licht in der Hand des Gelehrten auf. »Zündhölzer!« rief der Norweger. »Sind das Zündhölzer?« »Jawohl, zwei ganze Schachteln.« »Haben Sie die auch fabriziert?« »Nein, gestohlen. Schauen Sie.« Er geleitete Harald Vik zum Eingang der Ruine, strich ein Zündholz an und hielt es durch die Oeffnung. Harald Vik blickte hinein. »Donnerwetter!« rief er aus und fuhr sogleich mit dem Kopf durch das Loch. »Teufel noch mal, hier sieht's ja aus wie im Schlaraffenland.« Im Häuschen sah er einen zierlich gedeckten Tisch, auf dem sich Wurst, Brot, Butter und eine Flasche Wein befanden. Der Norweger kroch nun ganz ins Häuschen hinein; der Alte folgte ihm. »Bitte, bedienen Sie sich«, sagte dieser. »Wir haben eine anstrengende Nacht hinter uns.« Mit einem Zündholz zündete er eine Kerze an, wahrhaftig eine Stearinkerze. Sprachlos stand Harald Vik da und betrachtete alle Herrlichkeiten. »Tatsächlich eine Flasche Wein und schönes, frisches Brot!« sprach er vor sich hin. »Nun, das soll uns munden. Haben Sie auch dies gestohlen?« »Gewiß.« »Wann denn?« »Wissen Sie denn nicht mehr, daß ich heute nacht in den Schornstein hinuntergestiegen bin, aus dem es zuweilen raucht? Ich stieg ganz hinab und gelangte in die Kantine. Hier fand ich diese Dinge vor. Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich mich noch besser versehen.« »Glauben Sie denn nicht, daß man den Diebstahl entdecken wird?« »Nein, das glaube ich nicht. Es sind dort unten so große Mengen Eßwaren, daß dieser kleine Diebstahl keineswegs an den Vorräten bemerkt werden wird.« Schon war Harald Vik im Begriff, die Speisen mit Heißhunger zu verzehren. »Lassen Sie uns einmal auf unsere nächtlichen Expeditionen zurückkommen«, sagte der Alte. »Ich will aber gleich bemerken, daß auch ich den merkwürdigen Lärm gehört habe, nur wußte ich gleich, woher das Geräusch stammte.« Fragend betrachtete ihn der Norweger. »Bemerkten Sie nicht,« fuhr der Alte fort, »daß das Geräusch nicht zufällig war? Es wiederholte sich in regelmäßigen Zwischenräumen.« »Da haben Sie recht.« »Demnach stammt es nicht von Ratten oder anderen Tieren, die sich innerhalb dieser Mauern aufhalten.« »Nein, unmöglich. Dafür war das Geräusch auch zu stark.« »Die Stärke des Geräusches ist nicht maßgebend. Bedenken Sie, wir befanden uns in den Schornsteinen, und diese sind in solch hohen Gebäuden die reinen Mikrophone.« »Das ist wahr. Aber was, vermuten Sie, kann das Geräusch hervorgebracht haben?« »Zweifellos sind es Menschen, Gefangene.« »Aber mit welcher Absicht?« »Offenbar waren Sie früher noch nie im Gefängnis«, erwiderte der Alte nachsichtig. »Nein, es ist das erste Mal. Aber Sie?« »Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich schon zweimal zum Tode verurteilt war. Alles in allem habe ich wohl einige Jahre im Gefängnis gesessen. Fragen Sie Ihren norwegischen Freund Asbjörn Krag; der weiß schon, weswegen. Während meines langen Gefängnisaufenthalts habe ich auch gelernt, wie sich die Gefangenen miteinander verständigen.« »Aha, durch Klopfen. Davon habe ich auch gehört.« »Sowohl durch Klopfen als auch durch Kratzen«, vervollständigte der Alte. »Jetzt telegraphieren sie nach einem neuen System, da das alte unter den Beamten gar zu bekannt ist.« »Mit anderen Worten: wir hörten das Gespräch der Gefangenen untereinander?« »Jawohl.« »Es schien mir jedoch, als ob das Geräusch sich durch das ganze Gebäude fortpflanzte.« »Das war ja gerade das Interessante daran; sonst hätte es überhaupt gar keine Bedeutung für uns gehabt.« »Sie unterhielten sich natürlich miteinander. Wenigstens ein Zeitvertreib für diese armen Menschen. Womit sollten sie sich auch sonst beschäftigen?« »Sie irren sich,« entgegnete der Alte, »einer fragte, und die andern antworteten alle.« »Höchst sonderbar!« »Erinnern Sie sich noch, wo Sie sich befanden, als Sie das Klopfen zum ersten Male vernahmen?« Harald Vik dachte nach. »Ich vermute, im sechsten Stock«, antwortete er. »Das stimmt. Dort hörte auch ich das Klopfen. Mein erster Gedanke war: Wer mag wohl in diesem Teile des Gebäudes gefangen sitzen? Da fiel mir ein. daß die Verschwörerbande der Crawbury-Affäre, zu der Sie gehörten, nach Ihrer Flucht hierher verlegt worden ist. Der Aufseher hat es mir gesagt. Er erzählte mir auch, wo die Zelle des Anführers Crawbury läge. Es war die gesichertste Zelle im ›Schwarzen Stern‹. Durch intensives Hinhorchen und genaues Berechnen der Lage der Zellen kam ich schnell zu dem Resultat, daß das Klopfen und Kratzen aus Crawburys Zelle herrühren müsse. Danach verbreitete sich das Geräusch durch alle Zellenwände. Es war, als hätte er ein Signal oder einen Befehl gegeben, den alle andern weitergehen ließen. Die Antworten gelangten wieder zu ihm zurück.« »Glauben Sie –?« fragte Harald Vik, indem er aufblickte. In der einen Hand hielt er ein Stück Wurst, die Weinflasche in der andern. »Ich glaube, dieser verflixte Crawbury bereitet eine neue Verschwörung vor. So leicht gibt der seinen Widerstand nicht auf. Darin stimme ich mit ihm überein.« »Er ist ein Schurke«, warf der Norweger dazwischen. »Uns alle hat er verraten wollen, um seine eigene Haut zu retten.« »Schurke oder nicht, das ist hier gleichgültig. Er wird uns einen großen Dienst tun.« »Haben Sie etwas von dem verstanden, was er telegraphierte?« »Ja, einen ganzen Satz und ein einzelnes Wort. Beides schien mir jedoch gleich unverständlich zu sein.« »Was war es?« »Der Satz lautete: Sind alle über die Hände unterrichtet?« »Die Hände? Das klingt sonderbar. Wie war die Antwort?« »Die Antwort konnte ich nicht verstehen.« »Und das Wort? Wie lautete das?« »Ja, das ist noch rätselhafter. Es kam mitten in einem langen Satz vor, von dem ich sonst nicht das geringste verstand. Das Wort hieß Museum.« »Museum! Es wird immer unverständlicher. Was mag er damit meinen?« »Ich weiß nicht. Ich habe schon hin und her überlegt. Morgen findet die Eröffnung der jährlichen Ausstellung im Nationalmuseum statt.« »Der Präsident wird daran teilnehmen«, bemerkte Harald Vik. »Ich hab's«, erwiderte der Alte. »Diese Leute sind ja Terroristen. Vielleicht soll beim Besuch des Präsidenten im Museum etwas passieren. Vielleicht unternehmen ihre Freunde außerhalb des Gefängnisses etwas gegen den Präsidenten. Ida weiß nicht recht ... Doch nun sehe ich den Tag dämmern«, unterbrach er sich plötzlich. »Sie haben noch die ganze Nacht nicht geschlafen, junger Mann. Sind Sie nicht müde?« »Ja, ich bin entsetzlich müde«, murmelte Harald Vik schlaftrunken. Und schon nickte er ein. Der Alte legte sich jedoch nicht schlafen. In seiner Lieblingsstellung, die Knie unterm Kinn, saß er da; er überlegte. Der Norweger mochte einige Stunden geschlafen haben, als er von einem gewaltigen Rückenstoß erwachte. Der Alte hatte ihn geweckt. »Was ist los?« fragte der Norweger schlaftrunken. »Jetzt hab' ichs!« entgegnete der Alte. Seine Stimme klang so erregt, daß Harald Vik sofort ganz wach wurde. »Was haben Sie denn?« »Jetzt weiß ich die Bedeutung des Wortes ›Museum‹. Und Sie sind es, der mich darauf gebracht hat.« »So?« »Sie sagten mir doch, daß Sie unten im Schornstein das Gespräch zweier Männer belauscht hätten. Sprachen diese Männer nicht von Waffen?« »Jawohl, von dreihundertvierundfünfzig Revolvern sprachen sie.« »Und fünfzehnhundertsechzig Messern?« »Ganz recht.« »Dann weiß ich, was das Wort ›Museum‹ bedeutet. Ich muß aber noch ausfindig machen, was er mit den Worten ›alle über die Hände zu unterrichten‹ meint.« »Wie wollen Sie das?« »Kommen Sie mit, dann will ich es Ihnen zeigen.« Beide krochen sie aus der Ruine ins Freie. Mittlerweile war es ganz hell geworden. Als sie draußen waren, sagte der Alte, indem er auf eins der Seitendächer wies: »Auf jenes Dach müssen wir hinabsteigen.« Sie gingen dorthin. Plötzlich hielt der Alte inne und taumelte einige Schritte zurück. Zum ersten Male gewahrte Harald Vik, daß sich ein deutlicher Schreck in seinem Antlitz spiegelte. Als der Norweger nachsehen wollte, was die Ursache seines Erschreckens gewesen war, war es auch ihm, als sollte das Blut in seinen Adern erstarren. Kaum zehn Schritte von ihnen stand ein Fremder mit einem Revolver in der Hand. Die Hände Harald Vik beobachtete, wie sich des Alten Antlitz aschgrau verfärbte. Er hörte ihn flüstern: »Den Revolver, den Revolver – er liegt in der Hütte.« Der Fremde war eine große, sehnige Erscheinung. Er näherte sich den beiden Entwichenen um einen Schritt. Anfänglich war er selbst ziemlich bestürzt; es schien jedoch, daß er schnell darüber im klaren war, wen er vor sich hatte. Der Alte und Harald Vik zogen sich langsam zurück, Schritt für Schritt, die Augen fest auf den Fremden gerichtet, der den Revolver in der erhobenen Hand hielt. »Er folgt«, sagt der Norweger. »Bald sind wir am Rande des Daches, dann müssen wir uns entweder hinabstürzen oder uns ergeben.« »Gott sei Dank«, murmelte der Alte. »Sagten Sie: Gott sei Dank?« »Ja, Gott sei Dank, denn er folgt uns.« »Das ist aber doch gerade das Schlimmste, was passieren kann.« »Das ist nicht das Schlimmste. Er hat unser Versteck gesehen.« »Ja, er sah uns beide dort herauskommen.« »Nun, so muß er sterben«, flüsterte der Alte heiser. In seinem Blicke flammte ein Glanz auf, welcher Harald Vik schaudern ließ. »Ergeben Sie sich!« rief plötzlich der Fremde, indem er den Hahn des Revolvers spannte. Die beiden waren nun bis an den Rand des Daches gelangt, und der Fremde war kaum fünf Schritte von ihnen entfernt. Immer näher kam er ihnen. »Wer sind Sie?« fragte der Gelehrte. Der Blick des Alten frappierte scheinbar den Fremden; er hielt inne und antwortete zögernd: »Ich bin Beamter des Gefängnisses.« »Was machen Sie denn hier oben auf dem Dache?« fragte der Gelehrte in scharfem, befehlendem Ton. »Die Telephonleitung«, entfuhr es dem Beamten. »Verflixt«, murmelte der Alte. »Ich war nicht vorsichtig genug. Unser Telephon scheint ein schicksalsschwerer Luxus gewesen zu sein.« Harald Vik hatte nun jegliche Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Höhnisch lächelnd wandte sich der Gefängnisbeamte an den Gelehrten: »Sie können sich's sparen, mich so scharf anzusehen, Herr Ingenieur, ich kenne Sie beide ganz gut. Trotz der augenblicklichen großen Spannung nahmen diese Worte Harald Viks ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. ›Ingenieur‹ hatte er den Alten genannt. »Ich bin bewaffnet,« fuhr der Beamte fort, »und nach mir kommen noch andere herauf. Ergeben Sie sich!« Der Alte lachte – nicht verbissen oder höhnisch, sondern gütig und verzeihend. Harald Vik merkte sofort, daß er schauspielerte, und bewunderte seine Geistesgegenwart. »Wir sind zwei«, sagte der Alte und nickte wohlwollend. »Sie sind nur einer.« »Ich schieße augenblicklich, wenn Sie sich nicht ergeben. Zuerst erschieße ich Sie.« »Ich sehe Sie im Besitz einer Waffe,« entgegnete der Gelehrte, indem er beide Hände vorstreckte, »aber haben Sie auch Handfesseln?« Der Beamte trat hinzu und legte die Fesseln um die mageren schmutzigen Hände des Alten. »Derartiges haben wir gewöhnlich bei uns; aber selten mehr als ein Paar.« Er schielte bei diesen Worten mißtrauisch zu Harald Vik hinüber. »Ich werde den Revolver immer bereit halten«, fügte er ernst hinzu. »Gehen Sie nach rechts.« befahl er, »immer fünf Schritte vor mir her.« Die beiden Flüchtlinge taten, wie er ihnen befahl. Noch immer hielt der Wächter den geladenen Revolver in der rechten Hand. »Vorwärts!« kommandierte er. »Nach welcher Seite?« fragte der Alte ruhig. Der Beamte gab die Richtung an. »Dahin,« sagte er, »Sie müssen mit nach der anderen Seite des Daches, von wo aus ich mich mit dem Gefängnishof verständigen kann.« »Sie sagten aber doch, daß noch jemand hinter Ihnen herkäme.« »Nicht sogleich.« Sie näherten sich nun dem Dachrande an der entgegengesetzten Seite. Der Gelehrte flüsterte Harald Vik zu: »Stellen Sie irgend etwas auf! Machen Sie eine verdächtige Bewegung oder fallen Sie um!« »Mund halten!« rief der Beamte. »Was sagten Sie dem Skandinavier?« »Nur etwas, was Ihnen von Nutzen sein kann«, entgegnete der Alte sanft. »Ich fragte meinen Freund, ob wir es Ihnen nicht sagen wollen, wo der Schaden an der Telephonleitung ist.« Harald Vik merkte nun, worauf er hinauswollte. Er erwartete mit Spannung den günstigen Augenblick, wo er eingreifen konnte. »Das ist recht«, sagte der Beamte. »Sie stehen sich besser dabei, wenn Sie sich fügen. Zeigen Sie mir den Schaden.« Der Alte streckte die mit Fesseln versehenen Hände aus und wies auf die Telephonleitung, von wo aus er heute nacht an den ›Herald‹ telephoniert hatte. »Dort. Sie sehen, daß eine der Porzellanglocken verschwunden ist. Es ist ein ziemlicher Schaden. Sehen Sie nur.« Gleichzeitig rief der Alte dem Norweger zu: »Nun!« Harald Vik tat, als ob er von Krämpfen befallen wurde, und sank um. Den Beamten verwirrte dies alles. In der Verwirrung senkte er unwillkürlich den Revolver. Gerade dies hatte der Alte aber beabsichtigt. Schnell wie ein Tiger hatte er sich über ihn geworfen. Harald Vik sah einen Körper durch die Luft wirbeln und hörte einen halbunterdrückten, unheimlichen Schrei. Er stand auf. Der Beamte war über den Rand des Daches verschwunden. Der Alte lag flach auf dem Dache und starrte in den Gefängnishof hinab. Entsetzt kroch der Norweger an die Balustrade und blickte in den ungeheuren Abgrund hinunter. Weit unten auf dem Pflaster erblickte er undeutlich einen schwarzen Gegenstand, der unbeweglich lag. Menschen kamen herbeigelaufen, darunter eine Frau mit flatternder, weißer Schürze. »Das wird seine Frau sein«, hörte er den Alten flüstern. Die Menschen dort unten sahen aus wie Ameisen. Immer mehr kamen hinzu; schließlich hatte sich um den Toten ein großer, beweglicher Klumpen gebildet. Nach Verlauf weniger Minuten setzte sich die Menschenmasse in Bewegung und verschwand in einem der kleinen Bürogebäude. Nun lag der Gefängnishof wieder grau und öde da. Man hatte den Toten weggetragen. Harald Vik richtete sich auf und blickte den Gelehrten an. Er war noch ganz entsetzt von dem, was vorgefallen war. »Na, Sie sind aber blaß«, sagte der Alte verächtlich. »Es war entsetzlich«, gab Harald Vik zurück. »War dies Mittel nötig?« »Es war nötig«, antwortete der Alte. »Es verlief ja auch alles schnell und leicht. Und mein erster Mord war es ja nicht«, fügte er hinzu, wobei er so unheimlich lachte, daß es Harald Vik durch Mark und Bein ging. »Er starb ja auch sofort und ohne Schmerzen. Der Luftdruck hat ihn getötet. Der arme Kerl war ein einfältiger Mensch, ein Dummkopf. Er mußte sterben.« Plötzlich streckte er seine gefesselten Hände weit von sich und lachte abermals. »Das ist doch sonderbar«, sagte Harald Vik erstaunt, »ich habe noch nie darauf geachtet, daß Ihre Hände so krumm und mißgestaltet sind.« »Das habe ich auch noch nie beachtet«, entgegnete der Alte. »Sehen Sie nur.« Sofort erhielten seine Hände wieder das gewohnte Aussehen. Die Fesseln glitten ab und fielen klirrend aufs Dach, als wären sie zu weit gewesen. »Wenn ich Sie so betrachte, wundert mich nur eins«, bemerkte Harald Vik, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, »wie hat man Sie überhaupt fassen können?« »Nur durch Verrat«, murmelte der Alte bitter. »Aber lassen Sie uns darüber nicht reden. Augenblicklich befinden wir uns in außerordentlich gefährlicher Lage, Verehrtester. Wir können auf Besuch rechnen.« Der Norweger fuhr zusammen. »Sollen noch mehr Mordtaten begangen werden?« »Nein. Die Leute dort unten glauben natürlich, daß der Gefängnisbeamte durch einen Unglücksfall vom Dache gestürzt ist. Sein Mund ist für immer geschlossen; aber die Frage betreffs der Telephonleitung ist ja noch ungelöst. Die eine Leitung, mit der ich heute nacht experimentierte, funktioniert also nicht mehr. Ich glaubte, ich hätte alles wieder in Ordnung gebracht; es muß jedoch noch irgendwo ein Fehler sein, den man dort unten in den Bureaus entdeckt hat. Selbstverständlich darf man sich von einem Mißgeschick wie diesem nicht abschrecken lassen. Das Telephon muß wieder in Ordnung gebracht werden.« »Und dabei wird man uns entdecken«, wandte Harald Vik ein. »Nein, wir kriechen in unsere Hütte hinein und bringen die Steine an ihren Platz. Niemand wird uns entdecken. Bedenken Sie, niemand ahnt ja, daß sich hier oben auf dem Dach noch lebende Wesen befinden. Sie werden sich gar nicht einmal danach umsehen.« »Aber die Telephonleitung?« »Ich werde es schon so einzurichten wissen, daß es den Anschein hat, als habe der Sturm die Drähte zerrissen. Im übrigen können uns diese Besuche hier oben auf dem Dach nur zum Vorteil gereichen.« »Zum Vorteil?« »Jawohl. Denn irgendwo müssen die Leute doch heraufkommen, und höchstwahrscheinlich geschieht das nicht durch den Schornstein. Es muß sich also hier in der Nähe eine Luke befinden, die wir noch nicht entdeckt haben. Durch ein Loch in der Mauer müssen wir unsere Gäste im Auge behalten. Ich gehe jetzt zu der Telephonleitung hinüber,« schloß der Alte, »mittlerweile löschen Sie unsere Spuren hier draußen und sammeln Steine zusammen.« Der Gelehrte kletterte sofort am Blitzableiter auf's Seitendach hinab und näherte sich den Drähten. Nach kaum halbstündiger Arbeit hatte Harald Vik alle Beweise ihres Aufenthalts zusammengesammelt und in die Hütte gebracht. Die Steine stapelte er zu einem großen Haufen direkt am Eingang auf und kroch dann in die Ruine hinein. Gleich darauf kam auch der Alte selbst. Während Harald Vik außerordentlich gespannt darauf war, was nun geschehen würde, bewahrte der Gelehrte vollkommene Ruhe. Er benahm sich, als ob er in stiller Mitternacht in seinem Studierzimmer experimentierte. Zuerst verschloß er die Oeffnung ganz und gar; dann zog er einen Stein heraus, so daß ein Loch entstand, durch das man das ganze Dach überblicken konnte. So verging eine halbe Stunde. »Sie lassen auf sich warten«, murmelte der Alte, während er intensiv durch die Oeffnung blickte. Endlich kam Leben in ihn, so daß Harald Vik vermutete, nun müßten die Telephonarbeiter oben angelangt sein. »Aha, da haben wir die Luke,« sprach der Gelehrte leise vor sich hin; »sie ist vollkommen unauffällig im Zinkdach angebracht. Sieh da, Nummer zwei – und da Nummer drei Das ist ja eine stattliche Anzahl. Wie sorglos die Leute sind! Nicht einmal Waffen haben sie bei sich. – Der vorige hatte sich doch damit versehen. – Nun begeben sie sich an die Telephonleitung. – Was mag das für ein Mensch sein, der Neugierige dort, die stattliche Erscheinung mit dem weißen Ledergurt? Es sieht ja beinahe aus, als wollte er den Fall näher untersuchen. Jetzt beugt er sich über die Drähte und ruft die andern herbei.« In dieser Weise sprach der Gelehrte mit sich selbst, und daraus entnahm Harald Vik, was draußen auf dem Dach vor sich ging. »Worauf sie jetzt wohl warten? – Dachte ich es mir nicht? Jetzt sind sie beruhigt. – Sie nicken sich gegenseitig zu. Natürlich, der Sturm hat's getan. Ha, ha! – So, nun beginnen sie mit der Reparatur. – Im Grunde ist es nur eine Kleinigkeit. – Ich sehe, wie sie ärgerlich sind. – Deswegen drei Mann hoch aufs Dach zu kommandieren! – Nun sind sie fertig; sie gehen zurück zur Luke. – Noch stehen sie, mit den Händen die Augen schützend, und betrachten die Aussicht. – So, nun steigen sie hinab. – Sie sind verschwunden.« Der Sicherheit wegen warteten die beiden Flüchtlinge noch eine halbe Stunde, bevor sie die Hütte verließen. Als sie wieder draußen auf dem Dach standen, schlug es neun von den vielen Kirchtürmen der Stadt. Der Alte zählte die Schläge. »Neun Uhr,« sagte er, »nun ist es Zeit. Lassen Sie uns nach der Stelle gehen, von wo aus wir auf den Exerzierplatz hinabblicken können.« Einen Augenblick später standen sie da. Tief unten auf der ungeheuren Ebene erblicken sie die vielen Hunderte der Gefangenen, die sich dort Bewegung verschaffen. Einzeln marschieren sie unaufhörlich vorwärts, wobei sie Schleifen und Ringe bilden. Inmitten dieser Ringe sind Erhöhungen angebracht, worauf Wärter stehen, die darauf achten, daß die Gefangenen nicht miteinander sprechen. Am Außenrand des Platzes befindet sich ein größeres Militäraufgebot; die Soldaten, auf die Gewehre gestützt, betrachten die traurige Vorführung. Von seinem erhöhten Standpunkt betrachtete der Alte dies Exerzieren mit größtem Interesse. »Haben Sie diese Menschen beobachtet, die auf den Erhöhungen stehen?« fragte er den Norweger. »Jawohl, es sind die Aufseher, die darauf zu achten haben, daß die Vorschriften innegehalten werden.« »Nicht alle sind Aufseher. Wären Sie mit dem System hier im Gefängnis vertraut, dann müßten Sie wissen, daß auch gewöhnliche Gefangene diese Plätze einnehmen können. Es ist dies ein Vorrecht der Gefangenen, die sich durch besonderen Fleiß oder gutes Betragen ausgezeichnet haben. Sie werden dann Hilfsaufseher. Sehen Sie den Mann dort bei dem roten Materialschuppen, der ist zum Beispiel ein Gefangener. Beobachten Sie einmal, wie die Sonne die gelben Streifen seines Gefangenenanzuges hervorhebt.« »Jawohl, ich sehe«, erwiderte Harald Vik. »Beobachten Sie ihn einmal genau.« »Ich beobachte ihn ganz genau.« »Verstehen Sie nun, was mit der Frage gemeint ist, die heute nacht im Gefängnis die Runde machte, nämlich: ›Sind alle über die Hände unterrichtet‹?« Harald Vik nahm die kleine gelbe Gestalt dort hinten am roten Materialschuppen noch näher in Augenschein. »Nein,« entgegnete er, »das verstehe ich nicht.« »Finden Sie nichts Außergewöhnliches an ihm?« »Es kommt mir vor, daß dieser eifriger ist als die andern, die auf den Erhöhungen stehen. Es mag wohl ein besonders gewissenhafter ›Hilfsaufseher‹ sein.« »Ganz recht, er ist eifriger. Aber sehen Sie nicht, was er macht?« »Mit den Händen schlägt er den Takt.« »Nun haben Sie's endlich. Jawohl, mit den Händen. Nun?« Der Alte wollte weitersprechen, hielt jedoch plötzlich inne und starrte angestrengt auf den Platz hinab. Es schien Harald Vik so, als ob er die Lippen bewegte. »Gut!« sprach er leise. »Ausgezeichnet!« An Harald Vik gewandt, fuhr er fort: »Also er schlägt den Takt mit den Händen.« »Nun ja, die Gefangenen müssen nach Takt marschieren, so lautet die Vorschrift.« »Schon recht; aber dieser da schlägt nicht nur den Takt mit den Händen, gleichzeitig tut er auch noch etwas anderes damit.« »Und das wäre?« »Er redet damit,« entgegnete der Gelehrte. »Still, nun sagt er wieder etwas.« Vor dem Aufruhr » Redet er?« fragte Harald Vik lachend. »In dieser Entfernung können Sie ihn doch nicht verstehen; wir können ihn ja nur mit Mühe erkennen.« »Beachten Sie einmal, in welcher Weise er die Hände bewegt.« »Es kommt mir vor, als gingen die Reihen nicht in Schritt und Tritt, als müsse der Mann auf der Erhöhung immer antreiben. So, nun läßt er das Klatschen.« »Nun fängt er aber wieder an!« rief der Alte voller Freude. »Zählen Sie, zählen Sie, Mann Gottes!« rief er, indem er Harald Viks Arm ergriff. Der Alte zählte selbst: »Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs – sieben – acht – neun – zehn – elf. Elfmal klatschte er in die Hände. Sehen Sie, nun macht er eine kleine Pause, gerade als ob er beobachte, wie die Reihen marschieren. Nun beginnt er wieder.« Der Alte zählte wieder von vorn. Seine Augen waren nur auf das eine Ziel gerichtet, das er mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte. Der Mann dort unten klatschte fünfmal, bevor eine Pause eintrat. »Schreiben Sie die Zahlen mit einem Stück Schiefer aufs Dach; wir behalten sie dann besser«, befahl er dem Norweger. Harald Vik merkte nun, worauf der andere hinaus wollte. Schnell war ein Stück Schiefer herbeigeschafft, worauf er die beiden Zahlen elf und fünf niederschrieb. Der Alte war schon wieder mitten im Zählen. »Sieben!« rief er. »Diesmal waren es sieben!« Der Norweger schrieb die Zahl auf. »Nun neun!« Der Norweger schrieb. Nach und nach stand auf dem Dache vor ihm eine ganze Reihe Zahlen. »Fertig!« rief der Alte. »Nun wollen wir einmal sehen, was der Kerl da unten gesagt hat.« Auf dem Dache stand geschrieben: 11–5–9–4–5–18–21–5–18–19–1–7–20. » Wenn wir diese Zahlen mit dem Alphabet vergleichen, dann werden wir schon den Sinn herausbekommen. Der elfte Buchstabe ist K.« »E der fünfte«, fuhr Harald Vik fort. Er war auf die Lösung dieses Rätsels außerordentlich gespannt. »Und I der neunte.« Kurz darauf standen unter den Zahlen folgende Buchstaben: 11–5–9–14–5–18–21–5–18–19-1–7–20 KEINER VERSAGT Der Gelehrte betrachtete die Reihe einen Augenblick; dann lachte er laut auf. »Hier steht ja ganz deutlich: Keiner versagt ... Das ist ein Aufruf – das ist eine Verschwörung. Das Komplott ist also fertig, der Plan gelegt. Es gilt nur noch, daß ›keiner versagt‹. Das ist ja großartig! Der Halunke dort hat dasselbe getan, was Nelson vor der Schlacht bei Trafalgar tat. Er hat ein Mahnungssignal gegeben. Selbstverständlich haben ihn alle, die in die Sache eingeweiht sind, verstanden. Ich. komme zu der Ueberzeugung, daß es heute nacht losgehen wird.« »Es ist doch sonderbar, daß keiner der Aufseher sein Klatschen verstanden hat«, sagte Harald Vik. »Bedenken Sie doch, ringsumher stehen etwa zwanzig Leute auf diesen Erhöhungen; alle klatschen mit den Händen den Takt, wahrscheinlich ist er der einzige, der in dieser Weise telegraphiert.« »Es mag aber doch einer oder der andere von den Gefangenen, der nicht eingeweiht ist, diese Zeichen verstanden haben.« »Vermutlich ist es seine Absicht, daß so viele Gefangenen wie irgend möglich hören sollen, was er zu sagen hat.« »Er riskiert aber dadurch, verraten zu werden.« »Das muß er schon riskieren. Aber die Möglichkeit eines Verrats ist genau so gering wie die, daß einer der Aufseher wegen der sonderbaren Unregelmäßigkeit des Taktschlagens Verdacht schöpft. Bedenken Sie, das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Gefangenen ist stark ausgeprägt. Hat sich ein Gefangener Kameraden gegenüber durch Angeberei oder Verrat vergangen, dann wird ihm in Zukunft das Leben zur Hölle gemacht. Selbst wenn man ihn anderswohin schafft, werden seine Kameraden in dem neuen Gefängnis sehr bald von seinem Verhalten unterrichtet sein; und dann ist er geliefert. Zuweilen kann es ihm das Leben kosten.« Die Aufmerksamkeit der beiden Männer wurde nun wieder auf das Leben und Treiben unten auf dem Platz gelenkt. In großen Scharen strömten die Gefangenen von andern Plätzen herbei, so daß schließlich dort unten ein ganzes kleines Heer versammelt war. Die einheitliche gestreifte Sträflingstracht gab dem Bild etwas Malerisches. Die Gefangenen bildeten Kolonnen und marschierten nach verschiedenen Richtungen davon. Einige suchten ihre Arbeitsstätten auf, andere wurden in die Zellen zurückgeführt. Ihr Marschieren hatte weiter nichts Militärisches an sich als den regelmäßigen Gleichschritt. Dieser war jedoch langsam und schleppend – fast alle Gefangenen gingen gesenkten Hauptes, als hätten sie schwere Lasten zu tragen. Von diesem Anblick tief ergriffen, murmelte Harald Vik: »Gewiß sinds viele Tausende.« »Ich bin auch gerade im Begriff, darüber nachzudenken, wieviele es wohl sein mögen. Jedenfalls bedeuten sie eine Macht.« »Eine Macht in Ketten.« »Jawohl, bis sie ihre Ketten sprengen. Vielleicht schon heute nacht. Wir müssen schnell handeln, wenn der Aufruhr uns zu Nutzen kommen soll.« »Was können alle diese Menschen ohne Waffen ausrichten?« »Sie verschaffen sich eben Waffen. Sehen Sie dort das gelbe Dach?« fragte der Alte, indem er hinzeigte. »Das Dach dort neben dem Verwaltungsgebäude?« »Ganz recht; unter diesem Dach befinden sich die Waffen, die die Aufrührer benutzen werden.« Der Norweger blickte ihn verständnislos an. »Dort ist das Museum«, erklärte der Gelehrte. »Aha, das Wort ›Museum‹ wurde ja durch Klopfen bekanntgegeben«, rief der Norweger. »Das Kriminalmuseum ist es also?« »Nun eben; dort sind fünfzehnhundertundsechzig Messer und dreihundertvierundfünfzig Revolver und alle möglichen andern Waffen. Ich bin einmal durchs Museum gegangen, und sogar auf mich hat es einen unheimlichen Eindruck gemacht. Unter anderem befindet sich dort eine Sammlung von Scharfrichterbeilen aus vergangenen Zeiten, die wunderbar scharf sind. Der Aufruhr bricht wahrscheinlich heute nacht zwischen zwölf und zwei Uhr los. Einzelne werden aus ihren Zellen ausbrechen und die andern befreien. Zunächst werden sie die Telephonleitung durchschneiden, so daß mit der Stadt keine Telephonverbindung hergestellt werden kann. Noch bevor die Aufseher irgend etwas bemerkt haben, besetzen sie das Kriminalmuseum und rüsten sich mit Waffen aus, wonach sie – wie ich annehme – den Direktor und die Angestellten kaltblütig niedermetzeln werden. Dann werden alle aus dem Gefängnis entweichen. Was dann weiter geschehen wird, werden Sie sich leicht denken können. Ein Heer beutegieriger Verbrecher – nehmen wir an, etwa achttausend, das ist ungefähr die Hälfte des Militäraufgebots –, reichlich mit Waffen versehen, ergießt sich über die große und reiche, aber schlafende Stadt. Das wird ein Plündern werden, das in unserer Zeit kein Gegenstück hat.« »Die ganze Stadt ist demnach in Gefahr,« sagte Harald Vik. »Es werden eine Menge Mordtaten verübt werden.« »Zweifellos.« »Das ist aber doch entsetzlich. Welche Rolle werden wir denn in diesem furchtbaren Drama spielen?« Der Alte lächelte und rieb sich vergnügt die Hände. »Wir werden dabei die erste Rolle spielen«, sagte er. »Wir werden alle Trümpfe dieses abenteuerlichen Spieles in unserer Hand zu vereinigen suchen. Ja, ich habe sie schon vereinigt. In diesem Moment habe ich sie; aber der Zeitpunkt ihrer Verwertung ist noch nicht da.« »Wenn aber der Aufruhr mißlingt,« wandte Harald Vik ein, »dann wird man uns vielleicht erschießen. Auf jeden Fall werden wir dann mit den andern Verbrechern zusammen wieder eingesperrt.« Der Gelehrte blickte ihn mitleidig an. »Der Aufruhr soll mißlingen,« gab er zur Antwort. »Ach so! Sie wollen wohl dem Direktor die ganze Geschichte verraten?« »Nein, der Aufruhr wird sich voraussichtlich so weit entwickeln, daß der Direktor getötet wird. Dann aber trete ich vor.« »Und Sie meinen, ganz allein den Aufruhr zum Stillstand zu bringen?« »Ja.« »Vielleicht mit den vier Kugeln, die Sie noch im Revolver haben?« »Ohne Waffen. Mein Plan ist fertig.« »Ist es erlaubt, zu fragen, worauf Ihr Plan hinausläuft?« »Ich verrate niemals einen Plan, bevor ich nicht genau weiß, daß er gelingen wird.« »Sie zweifeln also daran?« »Er muß gelingen. Hören Sie einmal,« fuhr er lächelnd fort, »mit welcher Art Fuhrwerk wünschen Sie das Gefängnis zu verlassen?« »Ich würde schon dankbar sein, es zu Fuß verlassen zu können«, entgegnete der Norweger. »Vielleicht vierspännig?« fragte der Alte. »Dann doch lieber gleich per Auto«, sagte Harald Vik, indem er den Gelehrten aufmerksam betrachtete. Wieder kam der Gedanke in ihm hoch: sollte der Alte verrückt geworden sein? Der Norweger stand auf und blickte über die Stadt, wo das Leben und Treiben seinen Höhepunkt erreicht hatte. Alle Straßen waren gedrängt voll von Menschen und Fuhrwerken. Die Hauptstraßen glichen Kanälen rinnenden Wassers, so stark war der Verkehr. Dann begab er sich nach dem kleinen Vorbau, von wo aus er das Zellenfenster des Gelehrten erblicken konnte. Er setzte sich und wartete geduldig, die Augen immer auf das vergitterte Fenster gerichtet, um einen Blick auf das schwarzhaarige Mädchen werfen zu können. Es dauerte nicht lange, da kam das Gesicht der Anarchistin hinter dem Gitter zum Vorschein. Der Norweger versteckte sich schnell hinter der Balustrade, um nicht gesehen zu werden. Es berührte ihn schmerzlich, den Zug unaussprechlicher Traurigkeit und Hilflosigkeit auf dem wunderschönen Gesicht zu sehen. Noch einmal schwor er, sie retten zu wollen, selbst wenn er seine eigene Freiheit dabei zusetzen sollte. Stundenlang saß der junge Mann da und starrte nach der Zelle hinüber. Das Mädchen wandte das Gesicht häufig dem Fenster zu, um einen Fetzen des blauen Himmels zu erblicken, der sich heute in wunderbarer Reinheit und Bläue über Stadt und Gefängnis wölbte. Als es vom nächstliegenden Kirchturm zwei schlug, verließ Harald Vik endlich seinen Platz, um sich zurückzubegeben. In diesem Augenblick sah er den Gelehrten aus jenem Schornstein hervorklettern, durch welchen Harald Vik in der vergangenen Nacht hinabgeklettert war und von wo aus er die barschen Stimmen über die Waffen halte unterhandeln hören. »Nun kann ich mir die Stimmen erklären«, sagte der Alte. »Dieser Schornstein führt zum Materialraum hinab, wo die Gefangenen ihre Spaten und ihr Steinbruchwerkzeug aufbewahren. Einzelne Gefangene beschäftigen sich bis spät in die Nacht hinein mit der Reparatur ihres Werkzeuges, das ihnen während der Arbeit entzweigegangen ist. Es müssen solche Gefangenen gewesen sein, die Sie heute nacht reden gehört haben.« »Haben Sie sonst noch etwas über den Ausbruch des Aufruhrs erfahren?« »Nein; aber wir müssen darauf vorbereitet sein, daß der Aufruhr heute nacht zum Ausbruch kommen wird.« Im Schatten eines der großen Schornsteine nahmen die beiden nun ihr Mittagessen ein. Was noch von der nächtlichen Expedition des Gelehrten übriggeblieben war, wurde wohlschmeckend zubereitet, und da das Wasser angenehm kühl war, schmeckte ihnen diese einfache Mahlzeit ganz vorzüglich. Während des Mahles sprachen sie von gleichgültigen Dingen. Der Gelehrte entwickelte seine Ansicht über die Wissenschaft der Zukunft. Wäre er erst aus dem Gefängnis heraus, würde er seine Versuche betreffs des Sonnenlichtes als Kraftquelle fortsetzen. Auch noch andere Kräfte könnten ausgenutzt werden. Im Grunde sei es der Mensch selbst, der in seinem Körper die größte Kraftquelle besäße, nämlich das Herz. Im Laufe des Gesprächs entwarf der Gelehrte ganz abenteuerliche Pläne. Interessiert folgte Harald Vik seinen Ausführungen. Hätte er nicht schon viele Beweise der Tüchtigkeit dieses merkwürdigen Mannes gehabt, hätte er glauben müssen, der Alte sei verrückt. Als sie nach der Mahlzeit sich Mittagsruhe gönnten und dabei über die Stadt hinausblickten, sagte der Alte: »Ich habe hier auf Erden noch vielerlei auszurichten; wenn ich es mir aber recht überlege, wie angenehm ich es hier oben haben könnte, dann wäre ich wohl geneigt, hier zu bleiben. Hier ist ja alles, was man verlangen kann. Ich habe Telephon, so daß ich stets darüber unterrichtet bin, was in der Welt vorgeht und welche Fortschritte die Wissenschaft macht. Zu essen und zu trinken ist hier genug. Durch den Schornstein kann ich jederzeit in die Vorratskammer gelangen, wo die Kleinigkeiten, die ich dort den großen Mengen aufgespeicherter Lebensmittel entwende, gar nicht bemerkt werden. Zwar ist das Hinabsteigen durch den Schornstein unbequem aber ...« »Sie können ja einen Fahrstuhl anbringen,« ergänzte Harald Vik lachend. »Da haben Sie recht,« entgegnete der Alte, »ich könnte einen Fahrstuhl anbringen.« Harald Vik war vollkommen davon überzeugt, daß es dem Gelehrten nur ein Geringes sei, den Schornstein mit einem Fahrstuhl zu versehen, so daß er für den Augenblick ganz schweigsam wurde. »Wenn ich nur meine elektrische Batterie hier hätte,« fuhr der Alte fort, »könnte ich wieder zu experimentieren beginnen. Ich würde dann elektrisches Licht anlegen. Schade, daß man wegen der Dunkelheit des Nachts nicht schreiben kann ... Ja, die Freiheit, die Freiheit!« fügte er leise hinzu. Plötzlich aber wurde er ein ganz anderer. »Sie wünschten doch das Gefängnis im Auto zu verlassen, nicht wahr?« fragte er. »Ganz recht, und, wenn möglich, in einem grünen Auto. Aber ein großer Wagen muß es sein, mit höchster Fahrgeschwindigkeit.« Harald Vik merkte, daß der Alte bei guter Laune war, und hielt es daher angebracht, weiter zu scherzen. »Nun gut,« sagte dieser, indem er mit dem Kopf nickte. »Jetzt ist die Uhr fünf. Wenn der Aufruhr heute nacht losbricht, dann garantiere ich, daß Sie morgen früh um acht Uhr im Auto sitzen werden. Sie fahren dann direkt nach dem New-Carlton-Restaurant zum Frühstück. Ich gebe Sekt aus.« »Ja,« entgegnete der Norweger, während er den Alten bedeutsam anblickte, »an dieser Tour werden wir alle drei ganz außerordentliche Freude haben.« Die Worte ›alle drei‹ hatte er stark betont. Der Gelehrte blickte auf. Eine große Veränderung war plötzlich in ihm vorgegangen. Sein Gesicht hatte nun wieder solch unheimlichen Ausdruck, daß Harald Vik sich schnell erhob und einige Schritte zurückwich. In diesem Augenblick fürchtete er ihn. »Haben Sie Ihren Leichtsinn noch nicht aufgegeben?« fuhr ihn der Alte an. »Nein, morgen früh um acht Uhr läuft die Frist ab, die ich Ihnen gab.« »Zu Ihrem Schaden.« »Verlassen Sie nur das Gefängnis,« sagte der Norweger, »ich bleibe noch gern einige Zeit hier. Ich habe weder elektrisches Licht noch Telephon nötig.« »Sie können hier aber nicht bleiben. Sie werden mir alles verderben.« »Wissen Sie das genau?« fragte Harald Vik. »Ganz genau.« »Nun gut, dann bleibe ich hier und verderbe Ihnen alles, wenn Sie nicht wenigstens den Versuch machen, das junge Mädchen in der Zelle der zum Tode Verurteilten zu retten.« Der Alte schritt auf den Norweger zu, hielt dann aber wieder inne. »Bestehen Sie darauf?« fragte er. »Ja.« Der Alte blickte ihn nur an. »Ich sehe es kommen, Verblendeter, daß ich dazu gezwungen werde, noch einen Mord zu begehen, ehe ich dieses Dach verlassen kann.« Nun wußte der Norweger, daß sein Leben in Gefahr sei. Der Alte kannte keine Rücksicht. Außerdem hatte er ja auch den Revolver in der Tasche, in dem noch vier Kugeln waren. Harald Vik war dagegen ganz ohne Waffe; er konnte ihn wie einen Hund niederschießen. Wüßte er doch nur ein Mittel, dem Alten den Revolver zu entwenden. So vergingen mehrere Stunden, in denen der Norweger immer mehr auf der Hut war. Der Alte kreiste um ihn herum wie eine Hyäne. Der Norweger achtete genau darauf, ihm nie den Rücken zuzukehren. Es wurde dunkel; die Uhr schlug mittlerweile zwölf. Nun näherte sich die Stunde des Aufruhrs. Bald mußte das erste Signal ertönen, wenn es zur Tatsache werden sollte, daß heute nacht der Aufruhr losbrach. Die Aufrührer Zuweilen fühlte der Norweger, wie die Augen des Alten auf ihm ruhten. Er wußte, daß er dem Gelehrten auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war; das stand aber bei ihm fest, daß er sein Leben so teuer wie möglich verkaufen würde. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Alte, wenn es ihm gerade paßte, ihn kaltblütig über den Haufen schießen würde. Hatte er doch noch vier Kugeln in seinem Revolver. Könnte er ihm doch nur den Revolver aus den Händen locken, dann wäre der Alte entwaffnet. Der Revolver steckte in einer der Manteltaschen. Plötzlich schoß ihm eine Idee durch den Kopf. Er kroch in die Ruine hinein. Der Alte stand mißtrauisch dabei und beobachtete ihn. Der Norweger winkte ihm zu. »Ich muß mit Ihnen reden«, sagte er. »Das geht nicht, daß wir miteinander in Feindschaft leben.« Der Alte kam näher. Nach wenigen Sekunden war auch er in der Hütte. »Sie sind also auf andere Gedanken gekommen,« sagte er. »Nun, das freut mich.« Er setzte sich neben den Norweger und blickte ihn aufmerksam an. »Ist es Ihnen wirklich ganz unmöglich, das zum Tode verurteilte junge Mädchen zu retten?« fragte er. »Unmöglich nicht«, erwiderte der Gelehrte stolz. »Es gibt überhaupt herzlich wenig, was unmöglich ist. Aber es kollidiert mit meinem Plan und bringt ihn vielleicht zum Scheitern. Derartiges möchte ich nicht riskieren.« »Wenn ich mich nun aber weigere, Ihnen bei Ausführung Ihres Planes behilflich zu sein, was dann?« »Ich habe es Ihnen ja gesagt. Wahrscheinlich bin ich dann dazu gezwungen, Sie zu töten.« »Kaltblütig würden Sie einen neuen Mord begehen?« Der Alte lachte nur auf, erwiderte aber nichts. Ein Schaudern überlief Harald Vik. »Jedenfalls möchte ich Sie doch bitten, mir einen großen Dienst zu erweisen«, fuhr der Norweger fort. »Wenn ich heute nacht sterben sollte, müssen Sie einem Freunde in meinem Vaterlande einen geschriebenen Gruß überbringen.« »Das soll geschehen,« entgegnete der Alte. »Wie heißt Ihr Freund?« »Asbjörn Krag.« Hier stieß der Alte einen Fluch aus. »Schon wieder dieser Mensch,« sagte er. »Nun, ich werde Ihnen diesen Dienst dennoch erweisen.« »Ich danke Ihnen. Und so will ich denn diesen sonderbaren Brief schreiben,« erwiderte Harald Vik. »Ich setze voraus, daß Sie sich unten in der Kantine auch mit einer Schachtel Streichhölzer versehen haben. Würden Sie sie mir leihen?« Der Alte griff in die Tasche und holte die Schachtel heraus »Bitte sehr,« sagte er; »aber achten Sie darauf, daß man von unten das Licht nicht durch die Oeffnung leuchten sieht.« Harald Viks Plan war nun gelungen. Auf dem Steinfußboden der Hütte lag ein kleiner Haufen Stroh, Federn und dergleichen. Hielt er das brennende Streichholz daran, würde es gar nicht lange dauern, bis alles in hellen Flammen stand. Harald Vik riß das Zündholz an und verlor es scheinbar aus Versehen; machte aber dabei eine so ungeschickte Bewegung, daß der Alte dadurch gehindert wurde, das Feuer zu löschen. Im Augenblick stand das Innere in Flammen. Harald Vik schrie und lärmte, um die Verwirrung zu verschlimmern. Durch Daraufschlagen mit seinem Hut versuchte der Alte die Flammen zu ersticken; aber vergebens. Jede Sekunde, in der das Dach hier oben erleuchtet war, konnte folgenschwer werden. Das wußte der Norweger. »Ziehen Sie den Mantel aus und ersticken Sie damit das Feuer!« rief er. Der Alte sah ein, daß der andere recht hatte; er riß ihn ab und warf ihn über die Flammen. Harald Vik half ihm beim Ersticken des Feuers, das sofort erlosch. Als die Gefahr überstanden war, kroch der Norweger eiligst aus der Hütte heraus, indem er sagte: »Hier werden wir bald an Luftmangel zugrunde gehen.« Sein Gesicht schmerzte von dem beißenden Rauch. Gleich darauf erschien auch der Gelehrte auf dem Dache; die Reste seines Mantels trug er bei sich. »Der Mantel ist natürlich hin?« fragte Harald Vik. »So ungefähr,« entgegnete der Alte, wobei er die Reste vorzeigte. Große Löcher waren hineingebrannt, und schon von weitem roch er angesengt. »Es ist aber doch nicht schlimmer,« fuhr er fort, »als daß man ihn noch ganz gut tragen kann.« Er zog den Mantel an; nun sah er noch lächerlicher aus als vordem. Harald Vik stand einige Schritte von ihm entfernt und wartete darauf, daß der Alte eine Entdeckung machen würde. Nun begann der Gelehrte seine Taschen zu untersuchen, wobei er sprach: »Ihr Verhalten war sehr eigentümlich. Fast hatte es den Anschein, als ob Sie mit Willen und Ueberlegung das Feuer angelegt haben. Ah, nun verstehe ich!« Plötzlich wurde der Alte blaß vor Wut und machte Miene, sich wie ein Raubtier auf den Norweger zu stürzen. Harald Vik stand jedoch ganz ruhig da, den Revolver des Alten vor sich. »Es sind noch vier Kugeln darin«, rief er. »Hüten Sie sich. Keinen Schritt weiter, sonst schieße ich!« »Räuber!« zischte der Alte, zitternd vor Ueberraschung und Wut. »Geben Sie mir den Revolver zurück!« »Nach den Drohungen, die Sie kürzlich ausstießen, wäre das eine große Dummheit. Ich werde Sie jetzt zwingen, auch noch das junge Mädchen zu retten. Entweder kommen wir alle von hier fort oder niemand. Gestehen Sie nur,« fügte er lachend hinzu, »daß die Sache mit dem Feuer ein guter Einfall von mir war. Es wäre recht schwierig gewesen, in irgendeiner andern Weise mit Ihrer Manteltasche in Berührung zu kommen. So ... so ... nur immer ruhig. Sie sehen doch, daß ich den Finger am Hahn habe. Noch eine Bewegung – selbst die geringste – und ich schieße. Glauben Sie, Ich kenne Ihre Stärke und Gewandtheit nicht? Es ist mir vollkommen klar, daß mein Leben auf dem Spiele steht.« Der Alte schäumte vor Wut. Harald Vik erwartete einen gewaltigen Zornesausbruch, als plötzlich beider Aufmerksamkeit auf etwas Neues gelenkt wurde. Tief unten vom Gefängnishof ertönte ein unheimlicher Schrei. Im Anfang war Harald Vik sich darüber nicht klar, was für eine Art Schrei es gewesen sein könnte. Gespensterhaft drang er durch die Nacht und ließ den Norweger zusammenschrecken. Beide horchten angestrengt. Dann wiederholte sich der Schrei, stärker, unheimlicher. In diesem Moment schlug die Domuhr eins. »Was war das für ein Schrei?« fragte der Norweger. Noch immer stand er mit dem geladenen Revolver da, hatte aber die Hand sinken lassen ..... »Aehnliches habe ich im Leben nie gehört«, fügte er hinzu. »Hier in diesem Gefängnis habe ich auch noch nie Eulen schreien hören,« antwortete der Alte, der jetzt die Episode mit dem Revolver scheinbar vergessen hatte. »War's ein Eulenschrei?« »Jawohl; aber es wird ein Signal gewesen sein.« »Oder ein Warnungsruf.« »Schon möglich. Warten Sie nur noch ein paar Minuten, dann wissen wir des Rätsels Lösung.« Einige Minuten verhielten die beiden sich mäuschenstill und horchten hinaus. Eine eigentümliche Stimmung hatte sich Harald Viks bemächtigt. Sein Herz klopfte so ungestüm, daß er meinte, die einzelnen Schläge hören zu können. Der Verkehr dort unten in der großen Stadt war einer fast lautlosen Stille gewichen; nur dann und wann flatterte ein Ruf oder das Geräusch eines fahrenden Wagens zu ihnen empor. Ueber dem ganzen Gefängnis, dem ›Schwarzen Stern‹, lag bleischwer Dunkelheit und Stille. Nun aber hörten sie wiederum den Eulenschrei. Er schien diesmal von einer ganz andern Seite des Gefängnisses, dem östlichen Teile desselben, zu kommen. Vom Westen her kam die Antwort. »Es wird das Signal zum Beginn des Aufruhrs sein,« flüsterte der Alte. »Hören Sie ... Hören Sie ...« Ein eigenartiger Lärm aus dem Gefängnishof ließ sich jetzt vernehmen. Der Alte lief an den Rand des Daches, wobei er dem Norweger winkte, ihm zu folgen. Dann wies er hinunter. An der Eingangspforte erblickten sie Lichter, die sich hin und her bewegten. Von dort kam der Lärm. Harald Vik hatte den Eindruck, als ob Türen aufgebrochen würden. Aus allem ging hervor, daß viele Menschen dort unten auf den Beinen seien; denn immer mehr Laternen kamen hinzu. Plötzlich hörten sie zwei Revolverschüsse. Der Alte fuhr zusammen. »Ein solcher Schuß kann alles vernichten«, sagte er. Es fielen jedoch nicht mehr Schüsse als diese beiden. Der Menschenauflauf am Gefängnisportal wurde immer größer. Harald Vik war von dem, was unten geschah, ganz in Anspruch genommen; der Alte jedoch stand in seinem durchlöcherten, schmutzigen und verräucherten Mantel ruhig da und betrachtete das Schauspiel, – ein siegesgewisser General bei Beginn der Schlacht. »Ich hatte recht,« sagte er leise. »Nun ist das Verwaltungsgebäude beleuchtet. Sehen Sie, wie sich das Licht langsam von Fenster zu Fenster fortpflanzt?« »Sind es Aufrührer oder Soldaten?« »Ich weiß es noch nicht. Warten wir noch drei Minuten, dann will ich es Ihnen sagen.« Wartend betrachteten sie das merkwürdige Leben und Treiben, das sich dort unten im Gefängnishof vor ihren Augen abspielte. Sie konnten die Gestalten nicht voneinander unterscheiden, nur die Bewegungen der Fackeln und Laternen. »Drei Minuten sind nun vergangen,« sagte der Alte, »jetzt bin ich meiner Sache gewiß. Die Aufrührer sind Herren des Gefängnisses. Wahrscheinlich sind schon mehrere Aufseher getötet und der Direktor gefangen.« »Oder getötet?« »Ich glaube, man hat ihn nur gefangen. Sie sind schlau genug, ihn als Geisel am Leben zu lassen.« »Was wird denn nun geschehen?« fragte Harald Vik in äußerster Spannung. »Das läßt sich immer deutlicher erkennen,« erwiderte der Gelehrte, »ich sehe nach und nach, daß alle meine Mutmaßungen richtig waren. Ich erblicke Licht im Kriminalmuseum, man plündert die Waffenkammern. Jetzt haben die Aufrührer nur noch eines zu tun: sich über die Stadt zu stürzen, zu rauben, was sie erreichen können, und dann über Land zu verschwinden. Selbstverständlich wird jedenfalls der größte Teil wieder aufgegriffen werden. Aber jeder hofft doch, zu jenen zu gehören, die mit heiler Haut davonkommen.« »Und Sie glauben, diesem fürchterlichen Aufruhr Einhalt gebieten zu können?« »Jawohl, wir drei wollen ihm Einhalt gebieten.« Der Norweger fuhr zusammen. »Na, endlich,« sagte er. »Sie gehen also darauf ein, das zum Tode verurteilte junge Mädchen zu retten?« Verbissen und mit gedämpfter Stimme antwortete der Alte: »Mein Bester, Sie haben ja den Revolver.« Er wandte sich um und ging fort. Harald Vik folgte ihm. Beide kletterten durch den Schornstein hinab, den sie benutzen mußten, um nach der Zelle des jungen Mädchens zu gelangen. Der Gelehrte kletterte voran. Als sie auf den dunklen Flur gelangten, hörten sie unter sich gewaltigen Lärm. Es kam ihnen vor, als befänden sie sich in einer Fabrik zur Arbeitszeit. »Die Gefangenen entweichen«, flüsterte der Alte. »Schnell, schnell! Wir dürfen keine Sekunde verlieren.« Als sie die Zellentür erreicht hatten, begann der Alte sofort, das Schloß mit einem Brecheisen zu bearbeiten. Von drinnen hörten sie eine ängstliche Frauenstimme fragen, was los sei. Nach zehn Minuten furchtbarster Anstrengung ging das Schloß auf. Der Norweger war der erste, der die zersplitterte Tür zur Seite schob und in die Zelle trat. »Wir sind Freunde«, rief er dem Mädchen zu, das sich ängstlich in eine Ecke verkrochen hatte. »Wir sind gekommen, Sie zu retten.« »Ich kenne Sie nicht«, flüsterte die Anarchistin. »Das ist einerlei. Es ist Aufruhr im Gefängnis ausgebrochen, die Aufseher sind ermordet.« »Werden wir uns den Aufrührern anschließen?« »Das wird wenig nützen. Innerhalb einer Stunde wird der Aufstand niedergeschlagen sein. Aber wir werden Sie dennoch retten; verlassen Sie sich nur auf uns und folgen Sie.« »Ich verlasse mich auf Sie«, sagte das junge Mädchen und ergriff Harald Viks Arm. Währenddessen hatte der Alte in der Zellentür gestanden und ungeduldig dem Gespräch zugehört. Nun trieb er zur Eile an; als sie durch den Korridor gingen, schritt er selbst voran. In der Nähe des Schornsteins wurden sie von einer Gestalt aufgehalten, die in der Dunkelheit gegen sie stieß. Der Betreffende feuerte einen Schuß auf den Gelehrten ab, der ihn jedoch nicht traf. Sofort versetzte der Alte dem Angreifer einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß dieser ohnmächtig zusammensank. Beim kurzen Aufflammen des Revolvers hatten sie die Uniform eines Gefangenenaufsehers erkannt. »Armer Kerl,« sagte der Alte, »den Bestien dort unten ist er entkommen, und nun läuft er uns direkt in die Arme. Seine Verfolger werden gleich hinter ihm her sein; wir müssen uns beeilen. Der Lärm im Gefängnis hatte sich außerordentlich gesteigert. Schon hörten sie aus dem darunterliegenden Stockwerk erregte Menschenstimmen. Es dauerte aber nicht lange, dann waren sie alle drei im Schornstein verschwunden, und einige Minuten später standen sie zusammen auf dem Dache. Die Anarchistin trank die reine, kräftige Nachtluft in vollen Zügen. »Noch weiß ich nicht, ob mir träumt oder ob ich wache«, sagte sie. »Ich hatte alle Hoffnung aufgegeben und erwartete jeden Morgen, daß der Henker kommen würde, um mich an den elektrischen Stuhl zu führen. Und nun ... nun sehe ich plötzlich Rettung und Freiheit vor mir.« Der Norweger ergriff ihre Hand. »Ich habe Ihr Antlitz hinter dem Gitterfenster gesehen«, sagte er. »Ich habe geschworen, Sie zu retten oder bei einem Rettungsversuch mein Leben zu lassen. Seien Sie nur mutig und stark; dann wird's schon gelingen.« Mittlerweile war der Alte bis an die Telephonleitung herangekrochen. Die andern folgten ihm und schauten mit Spannung seinen Experimenten zu. Das junge Mädchen wußte nicht, was er vor hatte; Harald Vik war jedoch gleich davon überzeugt, daß er mittels Telephons die Stadt von der furchtbaren Gefahr, in welcher sie schwebte, unterrichten wolle. »Fertig«, murmelte der Alte. Er schaltete den Strom ein und hob den improvisierten Hörer ans Ohr. Lange horchte er; es schien aber keine Antwort zu kommen, denn der Alte führte immer wieder dieselben Manöver aus. Als er drei Minuten lang gelauscht hatte, erhob er sich schnell. Aus seinen hastigen Bewegungen schloß Harald Vik, daß Ernstliches vorgefallen sei. »Schlimmes?« fragte er ängstlich. Mit zitternder Stimme erwiderte der Gelehrte: »Die Zentrale antwortet nicht.« Der letzte Schuß Gleichzeitig stieg der Lärm im Gefängnis. Mit jeder Minute, die verstrich, wurde die Lage der drei Menschen auf dem Dach ernster. Während der Alte noch einmal seine Experimente an der Leitung wiederholte, sagte er: »Wenn ich auch diesmal keine Verbindung zustande bringe, können wir den Plan als mißglückt betrachten. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als ... »Hallo!« rief er plötzlich in den Apparat, »ist dort die Zentrale?« Er hatte sicher eine bejahende Antwort erhalten, denn er fuhr fort: »Verbinden Sie mich mit der Wache der Stadtgarnison.« Während er auf Antwort wartete, sagte er zum Norweger: »Nun ist alles in Ordnung. In einigen Stunden werden wir alle frei sein. Ich schlage vor, daß wir im New-Carlton-Restaurant frühstücken.« »Ausgezeichnet«, entgegnete Harald Vik strahlend und drückte dabei die Hand des jungen Mädchens. Die beiden standen nebeneinander und betrachteten voller Spannung, was der Alte unternahm. Er sprach nun wieder in den Apparat: »Hier das Gefängnis ›Der Schwarze Stern‹. Die Gefangenen meutern. Sie haben sich des Kriminalmuseums bemächtigt, haben den Direktor sowie die andern Angestellten gefangen genommen, ja vielleicht getötet, und sind nun vollständig Herr des Gefängnisses.« »Nein, weitere Auskünfte kann ich Ihnen nicht geben«, fuhr er fort. »Aber der Plan der Führer ist der, die Stadt zu überfallen und zu plündern.« Der Alte verließ die Leitung. »In einer halben Stunde können die ersten Truppen hier sein«, sagte er. »Vor ihrem Eintreffen haben wir noch allerlei auszurichten. Ich mache den Vorschlag, daß die junge Dame so lange hier auf dem Dache bleibt; wenn alles vorüber ist, holen wir sie herunter. Sie wird uns nur zur Last fallen; wir beide müssen wieder durch den Schornstein.« Harald Vik machte jedoch Einwendungen dagegen, daß das Mädchen oben bleiben solle. Der Gelehrte wurde hierüber so wütend, daß es den Anschein hatte, als würden abermals Händel zwischen den beiden entstehen. Dann wurde die Frage aber von dem Mädchen selbst entschieden. »Ich bleibe hier«, sagte sie. »Ich verlasse mich auf den Alten.« Der Gelehrte nickte ihr beifällig zu. »Gut; dann können wir gehen.« »Auf welchen Schornstein wird denn diesmal unsere Wahl fallen?« fragte Harald Vik. »Soll es wieder einer der unbenutzten sein?« »Nein, diesmal benutzen wir jenen Schornstein, der zu rauchen pflegt.« »Wohin führt er?« »In die Küche des Direktors.« Nach wenigen Minuten waren beide in den Schornstein hineingekrochen. Im Gefängnis war der Lärm nun aufs höchste gestiegen. Aus allen Gängen ertönten Rufe und Geschrei; unablässig wurden Türen zugeschlagen und lärmend wieder geöffnet. Harald Vik hatte den Eindruck, als ob sich das ganze Gefängnis in einen ungeheuren Ameisenhaufen voll tätigen Lebens verwandelt hätte. Der Abstieg war mit größeren Schwierigkeiten verbunden, als es in den unbenutzten Schornsteinen der Fall gewesen war, denn der Ruß, der unaufhörlich herabfiel, war ihnen sehr hinderlich. Fast waren sie unten angelangt, als der Alte, der die ganze Zeit vorangeklettert war, plötzlich stehen blieb. Unter sich hörten sie eine Stimme »Gnade! Gnade!« rufen. Dem Rufe folgte ein dumpfer Schlag und ein grobes Brummen. Dann rief die Stimme wieder: »Gnade! Schonen Sie mein Leben!« »Es ist die Stimme einer Frau«, flüsterte Harald Vik. »Eilen Sie!« Der Gelehrte hieß ihn schweigen. Noch einige Male hörten sie die flehende Stimme, dazwischen gotteslästerliche Flüche; dann war's still. Die beiden kletterten weiter hinab und standen schließlich unversehens auf einem riesengroßen Herd. Sie befanden sich in einer großen Küche. Es war noch ganz dunkel, die Fensterladen waren geschlossen, aber mitten auf der Diele brannte eine kleine Laterne. Mit Hilfe des bescheidenen Lichts, das von dieser Laterne ausging, erkannten sie allerlei Gegenstände in dem großen Raum. In der Nähe der Laterne lagen drei gefesselte menschliche Gestalten. Zwei von ihnen brachten gurgelnde Laute hervor, was vermuten ließ, daß sie geknebelt waren. Außer diesen Menschen befand sich kein lebendes Wesen in der Küche. Schnell sprang der Alte auf die Diele herab und eilte auf den Nächstliegenden zu. Es war ein Mann. Der Alte beugte sich über ihn. Harald Vik, der mit Interesse seinen Bewegungen zugesehen hatte, beobachtete plötzlich, daß der Alte entsetzt zurückfuhr. Er eilte nun auch hinzu. »Was ist los?« fragte er. Der Alte wies auf die vor ihm liegende Gestalt. »Kennen Sie ihn nicht?« fragte er. Harald Vik beugte sich nun auch herab. »Großer Gott,« rief der junge Mann, »das ist ja der Direktor. Ist er tot?« Der Alte entfernte den Knebel, den man dem Direktor in den Mund gestopft hatte. Ein Seufzer der Befreiung kam von seinen Lippen. »Wasser!« flüsterte der Unglückliche. »Habe ich es mir nicht gedacht,« sagte der Alte leise, »die Schurken waren schlau genug, ihn nicht zu töten.« Er tastete in der Küche umher, bis er Wasser fand. Währenddessen hatte Harald Vik die Taue durchschnitten, womit die andern beiden gefesselt waren. Es stellte sich heraus, daß es der zweite Direktor und dessen Frau waren. Den Direktor hatte die entsetzliche Behandlung am meisten mitgenommen; nachdem aber ein Trunk Wasser ihn erquickt hatte, war er doch in der Lage, aufrecht zu stehen. Der zweite Direktor hatte sich fast sofort wieder erholt. Das Erstaunen der drei, als sie erblickten, wer ihre Retter waren, war unbeschreiblich. Der Direktor hielt dem Gelehrten die Laterne vors Gesicht, fiel aber vor Schreck fast hintenüber. »Sie!« rief er aus. »Sind Sie ein Gespenst oder ein Mensch?« »Ein Mensch«, antwortete der Alte unter Lachen. »Aber Sie sind ja beide entwichen.« »Jawohl, aus den Zellen, aber nicht aus dem Gefängnis. Später werde ich Gelegenheit nehmen, Ihnen dies zu erklären; zunächst müssen wir uns vor Ueberrumpelung sichern. Wo sind Ihre Aufseher?« Nun mischte sich der zweite Direktor ins Gespräch. »Sie haben sich nach dem Weinkeller begeben,« sagte er. »Ein paar Aufseher hatten wir zur Bewachung, als die aber von einer Durchsuchung des Weinkellers hörten, verließen sie uns.« Der Alte wies auf die Tür. »Von draußen verschlossen,« sagte der Direktor. »Wir kommen von hier nicht fort.« »Das ist auch nicht nötig«, entgegnete der Gelehrte. »Aber werden wir uns hier etwa eine Viertelstunde lang verteidigen können? Das Sprengen der Tür wird mindestens eine Viertelstunde dauern, wenn wir die Tür von innen verriegeln.« »Rechnen Sie denn auf Hilfe?« fragte der Direktor. »Wir können jeden Augenblick die Truppen erwarten.« »Aber das ist ja unmöglich. Wer hat denn das Wachtkommando verständigt?« »Das habe ich getan.« »Wie denn?« »Per Telephon.« »Das erste, was die Meuterer taten, war ja aber doch, die Telephonleitung zu durchschneiden.« Der Alte zuckte mit den Achseln. »Wir haben unser eigenes Telephon benutzt«, sagte er. »Und damit retten Sie also das ganze Gefängnis«, sagte der Direktor bewundernd. »Nicht nur das,« erwiderte der Alte, »ich rette auch die ganze Stadt. Die Aufrührer beabsichtigen, die Stadt zu plündern. Doch stille ... was war das?« Ein entsetzlicher Lärm drang an ihr Ohr. Der Alte lachte. »Dies Geräusch sollte ich kennen«, sagte er. »Das war ein Kanonenschuß. Die Truppen erzwingen sich Einlaß. Meine Herren, mit diesem Schuß ist der Aufruhr erstickt.« Draußen entstand nun ein unbeschreiblicher Tumult, viele Fäuste bearbeiteten die Tür. »Aufmachen! Wir wollen hinein!« rief es von draußen. Eine einzelne Stimme hörte man sagen: »Die Schufte, die hier hätten aufpassen sollen, sind betrunken. Seht, da torkeln sie. Schießt sie nieder, Kameraden!« Die Menge draußen machte einen ohrenbetäubenden Lärm vor Wut und Aufregung; zwischendurch hörte man mehrere Pistolenschüsse. Endlich vereinigten sich alle Rufe zu dem mächtig dröhnenden Ausruf: »Schlagt die Tür ein!« Die Bretter der Tür waren jedoch dick und der inwendige Riegel fest. Die Kugeln, die draußen gegen die Tür abgefeuert wurden, drangen nicht durch. Dann und wann wurde der Lärm vom Kanonendonner übertönt, der das ganze Gebäude erschüttern ließ. Endlich war es den Meuterern gelungen, die Tür so weit zu sprengen, daß ein Mensch durch die Oeffnung den inneren Riegel zurückziehen konnte. Ein kleiner schmutziger Kerl versuchte es; der zweite Direktor schlug ihn jedoch mit einem Hammer vor die Stirn, so daß er ohnmächtig zurücktaumelte. Mittlerweile sandten die Meuterer dem Mann einen Hagel von Schüssen nach, so daß er, von mehreren Kugeln getroffen, zusammenbrach. »Wir können's nicht hindern!« rief der Direktor erbleichend. »In weniger als einer halben Minute müssen die Truppen hier sein oder wir sind verloren.« Da faßte der Gelehrte Harald Vik am Arm, indem er sagte: »Nun werden Sie ihn doch wohl hergeben?« »Was werde ich hergeben?« »Den Revolver. Wir haben noch vier Kugeln. Geben Sie ihn mir zurück.« Der Norweger beeilte sich, ihm die Waffe zu geben. In diesem Augenblick versuchte ein zweiter Aufrührer, von draußen durch die Oeffnung zu dringen, um den Riegel wegzuschieben. Um dies zu verhindern, brauchte der Alte nicht erst das Schußfeld zu betreten. Er zielte von der Seite des Raumes und schoß. Der Meuterer fiel tot in die Arme seiner Kameraden zurück. Diese stießen einen fürchterlichen Wutschrei aus und schossen nun auf gut Glück in den Raum hinein, ohne indessen zu treffen. »Ein wunderbarer Schuß,« sagte der Direktor, wobei er den Alten bewundernd betrachtete. »Genau den Kopf getroffen.« »Eben über dem rechten Auge,« antwortete dieser ruhig, »eben da, wo ich ihn treffen wollte.« Plötzlich hörte man draußen vor der Tür eine, brutale Stimme: »Drauf, Kameraden, damit wir den Direktor in unsere Hände bekommen. Sein Leben soll uns retten.« Ein anderer Meuterer kam nun in der Tür zum Vorschein, aber auch dieser wurde sofort von dem Alten niedergeschossen. Ein neuer zeigte sich – dann ein vierter. »Mein letzter Schuß«, sprach der Alte. Er zielte. Seine Hand zitterte nicht im geringsten. Er schoß. »Getroffen«, flüsterte er, wobei er den Revolver gleichgültig zu Boden warf. In diesem Augenblick entstand draußen neuer Waffenlärm. Schmerzensrufe ertönten, man vernahm Säbelgeklirr und Schüsse. »Gott sei Dank!« rief der Direktor. »Das sind die Truppen.« Ein paar Minuten später waren die Meuterer entwaffnet, und Soldaten drangen ein. Der Direktor fiel dem Anführer um den Hals. Der Alte und der Norweger wurden als Helden des Tages gefeiert. Nach und nach fanden sich alle Autoritäten der Stadt im Gefängnis ein. Der oberste Staatsanwalt fragte, ob der Gelehrte irgendwelche Wünsche hätte, man würde alles tun, um sie zu erfüllen. Indem er den Norweger anblickte, sagte er: »Ich hege nur einen Wunsch; und es wird Ihnen ein Leichtes sein, diesen zu erfüllen.« »Bitte, sagen Sie.« »Ich wünsche in einem grünen Auto von hier fortzufahren.« So verließen denn der alte Gelehrte, das schwarzhaarige Mädchen und Harald Vik das Gefängnis in einem grünen Auto. Durch eine wunderbare Fügung des Schicksals war es gerade dasselbe Auto, das Asbjörn Krag benutzt hatte, als er dem Gefängnis einen Besuch als ›hoher Gast‹ abstattete. Mit seiner Braut, dem schwarzhaarigen jungen Mädchen, das er vom sicheren Tode gerettet hatte, reiste Harald Vik nach Norwegen. Der Alte verlor sich im Gewoge der Großstadt, unbekümmert um sich und um andere. Das letzte, was seine Kameraden von ihm sahen, war sein schmutziger grauer Mantel. – – –   Harald Vik und seine junge Frau bewohnen nun eine kleine Villa in der Nähe Stavangers. Der Detektiv Asbjörn Krag hat sie unlängst dort besucht und einige ruhige Wochen in ihrem schönen Heim zugebracht. Asbjörn Krag erinnerte sich noch genau des Alten, eines sonderbaren Kauzes, der mancherlei Verbrechen begangen, der aber auch – genial, wie er nun einmal war – Großes ausgerichtet hatte. Seinerzeit hatte er unter dem Namen Ingenieur Bara ganz Christiania auf den Kopf gestellt. Rastlos trieb er sich in aller Herren Ländern umher, eine der merkwürdigsten genialsten Erscheinungen des internationalen Verbrechertums. Asbjörn Krag war fest davon überzeugt, ihm in Zukunft noch einmal zu begegnen. Wenn die Rede auf Asbjörn Krags Versuch, seinen Landsmann aus dem ›Schwarzen Stern‹ zu retten, kam, dann pflegte der Detektiv mit der ihm eigenen Bescheidenheit, die seine Freunde immer aufs neue entzückt, zu sagen: »Er gelangte aufs Dach, und die Autoritäten glaubten, die Flucht sei wirklich vor sich gegangen. So bestätigt denn auch diese Geschichte wieder, daß mir nichts ganz mißlingt.«   * * * Helikon-Verlag. Berlin W 9.