Sir John Retcliffe Sewastopol Mit einer Karte von Sewastopol Inhalt Zum Geleit Die Feuertaufe Der Totenritt von Balaklawa Die Tataren-Nachricht Inkerman Das Schloß am Schwarzen Meer Der Untergang der ›Niger‹ Das Geheimnis der Oczakows Das begrabene Bataillon Man sagte, er wollte sterben... Mickey Free Der Cäsarewitsch Nur noch zwei Stunden ... Ein Ausfall Pianori Kriegshochzeit Im Lager der Zuaven Dai Bosche! Caraiskakis Der Geheimvertrag Der Malakow Viermalhunderttausend Mann ... Der Roman »Sewastopol« ist der vierte Teil des früher unter dem Sammelnamen »Sewastopol erschienenen Werkes und bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Nach den Richtlinien, die wir im Vorwort zu dieser Gesamtausgabe – siehe »Volk in Folter«, Nena Sahib, I. Bd. – gezogen haben, wurden nunmehr sämtliche Werke Retcliffe's sorgfältig durchgearbeitet, von Unstimmigkeiten gereinigt, dem heutigen Geschmack angepaßt und – zum allerersten Male – durch neuaufgefundene Kapitel, zum Teil erheblich, ergänzt. Barthel-Winkler Zum Geleit Sewastopol – das ist von den vier Büchern Sir John Retcliffe's über den Krimkrieg der erschütterndste Band. Er läßt uns das eiserne Jahr dieser Feste am Schwarzen Meer – 1854/55 – erleben. Vor und in den Wällen Sewastopols verbluten die Heere Rußlands, Englands, Frankreichs und der Türkei. Griechen, Ägypter und Sardinier kämpfen vor ihren Mauern und zahlen mit ihrem Blut für den Rachedurst, den Ehrgeiz und den verletzten Stolz eines Revolutionärs auf dem Thron: für Napoleon III. An dem Wort dieses einen Mannes hing Krieg und Frieden, hing Leben und Verderben von Hunderttausenden. Aber er sprach es nicht aus – er wollte den Untergang seines größeren Oheims auf den Eisfeldern Rußlands rächen; er wollte durch eine Großtat auf dem Schlachtfeld seinen Thron befestigen, den er sich mit dem Blut seiner eigenen Landsleute im Dezember 1851, erkaufte; er wollte den Zaren Nikolaus demütigen, der ihm die Anerkennung als Herrscher im Kreis der gekrönten Häupter versagt hatte. Viermalhunderttausend Menschen mußten für diese Rache, diesen Ehrgeiz und diesen verletzten Stolz eines Einzelnen sterben. Napoleon lehnte es ab, mit dem Zaren Nikolaus zu verhandeln, und erst als Nikolaus gestorben war, gelang es dem Nachgeben des Zaren Alexander, das Blutbad in der Krim zu beenden. Wer die Bände »Die Wölfin von Skadar«, »Das Testament Peters des Großen« und »Um das Schwarze Meer« gelesen hat, wird vor der Wucht staunen, zu der Retcliffe seine Schilderung in dem Buch »Sewastopol« zu steigern noch fähig war. Der Totenritt von Balaklawa, die Schlacht bei Inkerman, der Untergang der »Niger« in den Wellen des Schwarzen Meers und das im Steppensturm unter Schnee und Eis begrabene Bataillon – das alles sind Meisterwerke seiner besonderen Kunst. Zu einem unvergeßlichen Erlebnis wird das Schlachtenbild von der Erstürmung des Malakow. Mit diesem Stück Weltgeschichte verweben sich die Einzelgeschicke von liebenden, leidenden, heiteren und heldischen Menschen: Der deutsche Arzt Welland, der in den Verdacht der Spionage geraten, taucht wieder auf; die Fürstin Iwanowna Oczakow, die in Männerkleidern das Ringen um Sewastopol für ihren geistesgestörten Bruder mitmacht; der griechische Revolutionär Gregor Caraiskakis, der nach abenteuerlichen Erlebnissen der Welt entsagt... Für alle weiß Retcliffe tiefste Teilnahme zu gewinnen, und erst nach dem Fall Sewastopols, in dessen Mauern alle seine Fäden zusammenlaufen und sich entwirren, vermag man sich dem suggestiven Einfluß Sir John Retcliffe's zu entziehen. Die Feuertaufe Der Morgen des 17. Oktober zog heiter und lieblich herauf. Der Himmel war blau; kein Windhauch kräuselte den glatten Spiegel des Meeres. Die Festungswerke Sewastopols hatten vor dem Krimfeldzug offenbar nur den Zweck, die Flotte des Schwarzen Meeres und die ungeheueren Arsenale und Vorräte dieser Zwingburg zu sichern. Daher waren sie auch nur auf der Seeseite stark. Ein Angriff von der Landseite durch die Türken, da die russische Flotte das Schwarze Meer beherrschte, schien undenkbar. In unbegreiflicher Verblendung hielt man ihn selbst dann, als die verbündeten Heere schon in Warna lagerten, kaum für möglich. In den letzten Jahren der Regierung des Zaren Nikolaus war ein Plan zur Befestigung auf der Landseite entworfen, aber nur teilweise ausgeführt worden. Die Festungswerke in einer Länge von sechs Werst sollten sowohl die eigentliche Stadt als auch die Karabelnaja decken und sich von der Mündung des Kilengrundes um Karabelnaja herum bis an die äußerste Spitze der Südbucht, von dort um die Stadt ziehen und an das Quarantänefort anschließen. Diese Verteidigungslinie bestand zur Zeit der Landung der Verbündeten bei Eupatoria Vergleiche den Band »Um das Schwarze Meer« auf der größten Strecke nur aus einer einfachen Steinmauer. Sie war nur durch unvollendete Werke und an einigen Stellen durch zur Verteidigung eingerichtete Kasernen gedeckt. Vollendet war der Teil auf der westlichen Seite der Stadt von dem Seefort Alexander an und auf der Ostseite der Südbucht, des großen Kriegshafens, der Turm auf dem Malalowhügel, die Kornilowski-Bastion. Die Annäherung von der Seeseite wurde durch die Seeforts mit 700 Kanonen großen Kalibers verteidigt. Sie waren in zwei und drei unterwölbten Stockwerken aufgestellt. Der Mann, den General Schilder von seinem Sterbebett dem Fürsten Menschikow gesandt – Totleben, dessen Patent als Oberstleutnant zum Dank für die in Silistria geleisteten Dienste bald nach ihm in Sewastopol eingetroffen war – hatte sein kühnes Anerbieten bei Menschikow wahr gemacht. Während der vierzehn Tage Waffenruhe entstand wie durch Zauberschlag ein Gürtel von Festungswerken um die Südseite und mit jedem Tag wuchsen neue Bastionen und Batterien aus der Erde. Für ihre Bewaffnung boten das Arsenal und die Schiffsartillerie unerschöpfliche Quellen. Die Matrosen, die Schanzer, die Truppen, die Einwohner – Männer, Weiber, Kinder sogar – arbeiteten und lösten sich Tag und Nacht ab. Jeder bot willig seine Habe, seine Kräfte zur Verteidigung der Vaterstadt. Nach Verlauf der zwei Wochen, die der Feind mit seinen Vorbereitungen verbrachte, starrten ihm mehr als 200 Geschütze starken Kalibers von trefflich angelegten Wällen entgegen. In dieser kurzen Zeit entstanden die Bastionen 2, 3 und 4. Beendigt wurde der Bau der Bastionen 5 und 6 und der Batterien vor der geplanten Bastion 1 und beim Turm auf dem Malakowhügel. Den Raum zwischen den Bastionen deckten neuerbaute Batterien, die unter sich durch Laufgräben verbunden waren. Am Ende der Südbucht lag das Kriegsschiff »Jehudil«. Seine Artillerie konnte den Savandanakina- und den Laboratornajagrund bestreichen. Zugleich war die Garnison, die am Tag nach dem Abzug des Fürsten Menschikow und der Besetzung Balaklawas durch die Verbündeten tatsächlich nur aus 11000 Mann Seesoldaten und Matrosen und 3 Bataillonen der Reservebrigade der 12. Infanteriedivision bestand, bedeutend verstärkt worden. Am 28. September schon trafen von Baktschiserai in den nördlichen Festungswerken 29 Bataillone in der Stärke von 23 000 Mann ein. Das Offensivkorps, mit dem sich Fürst Menschilow jenseits der Tschernaja nach dem Mekensiewajaberg zurückgezogen hatte, betrug zu dieser Zeit nur 25 000 Mann. Hätten die Verbündeten gleich am Tag nach der Besetzung Balaklawas eine Erkundung gegen die Festung unternommen, so würden sie unfehlbar die Schwäche der Südseite erkannt und einen Sturm unternommm haben. Auch bei heldenmütigster Verteidigung hätte sie ein solches Vorgehen in den Besitz der Stadt gesetzt. Wie jedoch die Gefangennahme und der Tod von Nikolas Grivas die Verbündeten vor einem verderblichen Angriff bewahrte, so rettete anderseits die Flucht des greisen Tabuntschik aus dem Lager der Landungstruppen die Festung; denn die Generale glaubten ihre Pläne entdeckt und waren in den ersten Tagen nur darauf bedacht, sich gegen jeden Angriff von russischer Seite zu schützen. Der Wechsel des Oberkommandos und die Eifersucht zwischen den Führern der Engländer und Franzosen trug weiter zu schwerwiegenden Verzögerungen bei. Der Marschall Saint Arnaud hatte, schon todkrank, den Marsch nach Balaklawa in einer Sänfte begleitet. Er wollte durchaus vor Sewastopol stehen. Vor Balaklawa trat jedoch das Delirium ein; vollkommen entkräftet wurde er am 29. September mittags an Bord der »Berthollet« gebracht. Das Schiff segelte sofort nach dem Bosporus ab. Kaum eingeschifft, kam der Kranke wieder zu sich und unterhielt sich mit seinen Offizieren bei vollem Bewußtsein. Wiederholt kam er erschauernd auf den schrecklichen Zug der französischen Kolonnen in die verpesteten Sümpfe der Dobrudscha zurück. Um halb fünf Uhr wandte er sich plötzlich in seinem Bett um und verschied. Verschied an der gleichen Krankheit, der er zwei Monate vorher Tausende nutzlos und hilflos geopfert. Am Abend des 30. September warf die ›Berthollet‹ in Therapia, die Flagge halbmast, Anker und landete die Leiche Saint Arnauds. Das war das Ende des grausamen und kaltherzigen Mannes, des Schlächters von Paris, dessen Massenmord in der Nacht vom 3. Dezember 1851 Napoleon III. die Präsidentenschaft und dann den Kaiserthron sicherte. – Am 1. Oktober unternahmen von Balaklawa aus die verbündeten Generale mit vier Bataillonen eine Erkundung gegen die Festungswerke von Sewastopol. Sie fanden deren Bau weit vorgeschritten und erkannten, eine starke Beschießung müsse sie erst sturmreif machen. Man beschloß, den Laufgrabenkrieg zu eröffnen. Mit den Vorarbeiten begann man am 4. Oktober. Zunächst galt es, die Rücken- und Flankenlinien der Belagerungsarbeiten zu decken. Nach Westen zu sicherte das Meer die Belagerer. Die Franzosen hatten an der Kamiesch-Bai eine feste Stellung genommen. Dort schifften sie ihr Belagerungsmaterial und ihre Verstärkungen aus. Am 7. Oktober trafen die 5. und 6. französische Division unter den Generalen Levaillant und Paté und die afrikanischen Jäger ein. Die Operationsbasis und der Hafen der Engländer und Türken blieb Balaklawa; dort landeten sie die von Konstantinopel eintreffenden Verstärkungen. Die rechte Flanke der Verbündeten, beim Beginn der Belagerung hauptsächlich Engländer, war landschaftlich sehr begünstigt. Das tiefe Tal der Tschernaja mit den steilen Talrändern trennte auf eine weite Strecke nach Süden hin die Aufstellung der Verbündeten von dem auf dem gegenüberliegenden Ufer, dem Mekensiewajaberg und den Inkermanhöhen, lagernden Heer des Fürsten Menschikow. Zwischen der Tschernaja und Balaklawa bildeten die unzugänglichen Schluchten des Sapunberges den Schutz der Verbündeten. Sie hatten dort 16 Feldschanzen aufgeworfen, um diese natürliche Mauer noch zu verstärken. In der Nacht vom 9. zum 10. Oktober eröffneten die Belagerer ihre erste Parallele, die Franzosen mit 1900 Arbeitern unter dem Schutz von acht Bataillonen gegen die Mastbastion, Nr. 4, in einer Entfernung von 400 Saschen . Die Parallele sollte sich bis zur Quarantänebucht erstrecken und mit 5 Batterien die russischen Werke auf dieser Seite beschießen. Die Engländer erbauten ihre Parallele in der Entfernung von 600 Saschen gegen die Bastion 3 und verlängerten sie in den folgenden Tagen gegen den Malakowhügel und die östliche Seite der Schiffervorstadt. Die Nacht war dunkel. Ein starker Nordostwind jagte schwarze Wolken daher, die es der Besatzung unmöglich machten, den Beginn der Belagerungsarbeiten sogleich zu bemerken und zu stören. Als der Tag anbrach, eröffneten die russischen Batterien ein starkes Feuer, doch konnte es den Fortgang der Arbeiten nicht mehr hindern. Am 13. Oktober schon brachten die Franzosen 53 Geschütze in ihre Batterien. Die Bestückung der englischen mit 73 Geschützen großen Kalibers, darunter 4 Lancasterkanonen, war erst am Abend des 16. Oktober beendet. Eine zahlreiche Artillerie stand außerdem noch im Ersatz. Am 15. Oktober versammelten sich die verbündeten Generale und Admirale zu einem Kriegsrat. Der Kommandant Dundas erklärte sich entschieden dagegen, mit den Kanonen seiner Flotte die Landbatterien durch einen Angriff auf die Seeforts zu unterstützen. Er wurde aber überstimmt. Am Morgen des 17. Oktober sollten die Flotten in zwei Linien gegen die Reede vorrücken. Vom französischen Geschwader, das den rechten Flügel gegen das Quarantänefort, die Batterie 10 und das Alexanderfort bildete, waren dazu bestimmt: In erster Reihe die Schiffe ›Charlemagne‹, ›Montebello‹, ›Friedland‹, ›Ville de Paris‹, ›Balery‹, ‹Heinrich IV.‹ und ›Napoleon‹; in zweiter ›Algier‹, ›Marengo‹, ›Marseille‹, ›Souffrant‹, ›Bayard‹ und ›Jupiter‹. Das englische Geschwader, gegen das Fort Konstantin gerichtet, bestand aus der ›Queen‹, ›Vengeance‹, ›Albion‹, ›Britannia‹, ›London‹, ›Aretusa‹, ›Bellerophon‹, ›Rodney‹, ›Trafalgar‹, ›Agamemnon‹, ›Sanspareil‹, ›Terrible‹ und ›Samson‹. In der Mitte zwischen den englischen und französischen Schiffen, standen zwei türkische – demnach 28 Schiffe mit ungefähr 500 Geschützen ihrer Breitseiten gegen die drei mit 260 Kanonen besetzten Seeforts. Tausend Geschütze harrten am Morgen des 17. Oktober des Zeichens zum Feuern. Der Morgen dämmerte hell über die Berghöhen. Die Luft war rein. Ein Südostwind, der den ganzen Vormittag anhielt und die Bewegungen der Flotte erschwerte, strich über die Felsenhöhen. Aus dem Morgendunst tauchten die langen Häuserreihen der »weißen Stadt« auf. Die Schiffe lagen noch träge und regungslos auf den spiegelglatten Fluten. In einem Ring der Mastbastion plauderte der Leutnant Fürst Barjatinski von der ›Wladimir‹ mit mehreren seiner Kameraden. Um ihn her setzten die Matrosen die schweren, mit vieler Mühe an Land geschafften Schiffsgeschütze instand, häuften Kugeln und rieben den Tau ab, der sich über Nacht auf das blanke Metall gelegt. Barjatinski legte das Fernrohr beiseite und holte den goldgestickten Tabaksbeutel mit der duftenden Latakia aus der Tasche, um sich eine neue Zigarette zu drehen. »Reich' mir die Lunte, Koschka«, sagte er nachlässig. »Wir werden noch zu verschiedenen Rauchwolken Zeit haben, ehe wir die ihren da drüben aufsteigen sehen. Willst du dich bedienen, Birjulew?« Er warf einem auf dem Boden liegenden Offizier den Beutel zu. Der riesige Matrose sprang mit der brennenden Lunte herbei. »Ich bin neugierig,« sagte Birjulew und erhob sich halb vom Boden, »ob sie ihre Schiffe ins Gefecht bringen?« »Pah – vielleicht versuchen sie's; aber die Quarantäne und Konstantin würden ihnen eine Lehre geben, die sie künftig in gehöriger Entfernung hielte. Wie steht der Wind, Kusmenko?« Der junge Aristokrat war zu abgestumpft, um den Wolkenzug eines Blickes zu würdigen. »Süd-Süd-Ost, Euer Gnaden!« »Ein trefflicher Strich, um nach Odessa zu fahren.« »Was gibt es Neues in Petersburg?« fragte Leutnant Birjulew. »Ich sah, daß Sie gestern einen Brief erhielten.« »Gagarin von der Garde hat mir geschrieben. Er wußte noch nichts von unserer Affäre an der Alma. Er glaubt schwerlich, daß ich hier mein Nachtlager auf dieser verteufelten Mauer halte. Der Zar hat einen Witz gemacht, und das läuft durch die Stadt, weil das ziemlich selten geschieht.« »Erzählen Sie, Fürst.« »Der Zar begegnet nach den neulichen Unterhandlungen mit Wien – Sie wissen, daß Heß, unser erbitterter Gegner, das Kommando der Invasionstruppen erhalten hat – dem General Fürst Radziwill. – ›Du bist ein Pole, Fürst,‹ sagte der Zar, ›du wirst die Geschichte deines Vaterlandes kennen. Kannst du mir sagen, welches die beiden dümmsten Herrscher von Polen gewesen sind?‹ – Der General schaut ihn verlegen an und stottert: ›Nein, Majestät!‹ – ›Dann will ich es dir sagen. Sobieski ist der eine, weil er Wien entsetzte. Und ich bin der andere, weil ich Osterreich rettete.‹« Der Leutnant lachte. »Ich meine eigentlich, welche Neuigkeiten man vom Kriegsschauplatz im Norden meldet?« »So so! Ich dachte, du verlangtest Hofklatsch. – Nun, daß sich Bodisko in Bomarsund gefangen gegeben hat, statt sich und das Nest in die Luft zu sprengen, ist keine Neuigkeit mehr – die Flotten haben seitdem einige Plünderungen an der finnischen Küste verübt und beziehen ihre Winterquartiere in Kiel. Die unsere fault in Kronstadt. Der Teufel hole das Glück, zur Marine zu gehören! Weißt du, daß die Engländer das Schloß meines Onkels an der Yalta geplündert haben?« »Massandra?« »Ja. Auch des Grafen Potocki himmlische Besitzung Livadia und Fürst Dundukows Gut Korjakow sind von den Halunken völlig ausgeplündert worden. Ich würde Iwan Oczakow raten, seine schöne Schwester von Schloß Aya in Sicherheit zu bringen, so fest es auch auf den Klippen am Meere liegt. Wie ich höre, befindet sich eine zweite Dame da – eine Freundin des Obersten Wassilkowitsch. Und das Beispiel der Fürstin Tschestsawade lehrt uns, daß es für Damen gefährlich ist, allzusehr auf die Sicherheit der Wohnung zu trauen.« »Hat man von den Unglücklichen nichts weiter gehört?« »Freilich! – Du weißt, daß auch die Fürstin Orbelion und eine Verwandte Tschestsawades, eine junge polnische Gräfin, mit gefangengenommen wurden; Schamyl hat die Damen in das Innere der Berge nach seiner Felsenfeste Pokhalski geschleppt und fordert ein unverschämtes Lösegeld. Er will vierzigtausmd Rubel und seinen Sohn Djemala Din zurück.« »Wenn ich nicht irre, ist Djemala Din ja Offizier?« »Er steht bei den Ulanen in Podolien. Der Fürst hat sich an den Zaren gewandt und ihm das Verlangen des Imams vorgelegt. Man kennt die Entscheidung noch nicht. – Schorte wos mi! – Da regen sich die Franzosen! Und da drüben auf der Batterie des Krähennestes geben die Unseren Zeichen. Wir wollen den Admiral benachrichtigen lassen. – Heda, Fähnrich Bitschesko, Meldung an Exzellenz, daß der Feind sich rührt.« »Da kommt Nowossilski – und Kornilow mit ihm.« Seit dem Tagesgrauen war der Generalstabschef des Fürsten Menschikow, dem die Verteidigung der Festungswerke anvertraut war, zu Pferde und ritt die einzelnen Teile ab. Ein Hurra der Matrosen begrüßte den verehrten Führer. »Nun, Kinder«, sagte der Admiral. »Ich fürchte, es wird heute heiß hergehen. Aber ich kenne euch und weiß, was ihr leistet! Bei euch wird der Lärm zuerst ausbrechen. Deshalb bin ich hierher gekommen. – Sieh da, Barjatinski! Guten Morgen, Kamerad!« Er reichte dem Fürsten die Hand. »Ah, meine Wackeren von der ›Maria‹ – toller Koschka und du, Bolornikow, und der alte Schewtschenko! – Wo ist Rostislaw, euer Batterieführer?« »Ich habe ihm die Batterie dort drüben anvertraut – das Krähennest.« »Er wird seine Schuldigkeit tun. Was starrst du mich so trübselig an, Fürst Petrowitsch, da es doch zum Tanz geht?« Barjatinski trat an den Admiral heran und deutete auf eine seltsam breite Waffe, die Kornilow als Säbel angeschnallt trug. Es war eine Schaschka, ein tscherkessisches Schwert von altertümlicher Arbeit, die breite Scheide mit großen Stahlbuckeln belegt, der Griff von kunstvoll ziselierter Arbeit. »Exzellenz,« sagte Fürst Barjatinski, »es betrübt mich, daß du die Waffe heute trägst. Ich bitte dich, leg' sie ab und nimm meinen Säbel.« »Närrchen! Kommst du wieder mit der alten Geschichte? Ich hatte die Schaschka zufällig zur Hand, und da sie einmal an meinem Gehenk ist, mag sie daran bleiben. Wir haben keine Zeit zu Ammenmärchen! Und vor den Kugeln der Feinde steht der Admiral wie der Leutnant. Leih' mir dein Glas, Brüderchen, und laß mich sehen, was die Franzosen beginnen.« Er stieg vom Pferd und setzte sich an den Posten des Signalmanns. Seine Begleiter und die Offiziere der Bastion richteten ihre Blicke gleichfalls nach den Batterien der Feinde. »Wir werden das Feuer der drei Batterien dort auszuhalten haben«, sagte der Admiral. »Ich zähle 27 Wälle und wenn mich das Auge nicht täuscht, dort in der rechten sechs stattliche Mörser. – An die Geschütze, Kinder! – Ich glaube, es geht los!« Vom Turm der Kathedrale schlug es eben halb sieben. Die Glockenschläge waren noch nicht verklungen, als aus der dritten französischen Batterie sich eine Rauchsäule aufkräuselte. Ein dunkler Punkt kam im Bogen mit jenem prasselnden Zischen durch die Luft, das den Bomben eigen ist. Nun hörte man auch den scharfen Knall. Zwei weitere Schüsse folgten unmittelbar. Im nächsten Augenblick schien die Erde zu erbeben, die Luft zu erzittern. Über dreihundert Geschütze schweren Kalibers, als hätten sie auf dieses Zeichen gewartet, spien von beiden Seiten auf dem ganzen Halbkreis von der Quarantänebucht bis zum Kilengrund ihr furchtbares Feuer aus und schütteten einen Hagel von Geschossen über die Russen. Kornilow beobachtete unbeweglich die Wirkung des Feuers. Der Signalunteroffizier stand ungeduldig und besorgt daneben. »Deine Kugeln schlagen zu niedrig, Birjulew«, sagte der Admiral. »Laß etwas mehr Pulver nehmen, oder richte höher – da! – Der saß! – Siehst du, der Mörser ist erledigt!« Er sprang von der Brustwehr und reichte dem Mann das Glas. »Und jetzt, Lieblinge, da ich euch in voller Arbeit sehe, will ich euch nicht stören. – Gott schütze das heilige Rußland!« »Gott schütze das heilige Rußland!« Der Ruf pflanzte sich wie ein Donnerrollen über die ganze feuerspeiende Bastion fort und tönte durch das Krachen der Geschütze. Kornilow winkte den Leuten mit der Hand. Am Eingang des verdeckten Weges verweilte er noch einige Augenblicke bei den Ersatzmannschaften. Dann drückte er Nowossilski die Hand, bestieg seinen Schimmel und ritt im Kugelregen nach der Bastion 3 am anderen Ufer der Südbucht. Fürst Barjatinski hatte den Admiral Kornilow mit den Augen verfolgt, so weit er ihn sehen konnte. Kopfschüttelnd wandte er sich zu dem neben ihm kommandierenden Birjulew. – »Der heilige Andreas möge ihn schützen, aber ich fürchte, wir sehen ihn nicht wieder. – Die verfluchte Schaschka!« Fragend schaute ihn der Offizier an; aber Barjatinski antwortete ihm nicht. – »Eine Bombe für uns – aufgepaßt links!« schrie der Signalist. Alles warf sich zur Seite. Dennoch warf die Bombe sechs Mann zu Boden; einige tot. Andern riß sie Arme und Beine ab; Blut und Fleisch spritzten umher. Die Geschütze blieben heil. Die Krankenträger sprangen herbei und brachten die Verwundeten zum Verbandplatz. Andere traten ans Geschütz. – »Eins! – Zwei! – Sechs! – Feuer!« Matrosen schleppten ein Ersatzgeschütz herbei für eine von einer Vollkugel getroffene Kanone; eine Granate schlug in die Brustwehr und fegte ein Stück Erde weg. »Leute nach oben! – Eine Bombe ist in die Blendung geschlagen!« – »Jawohl, Euer Gnaden!« In einem Augenblick war der gewaltige Trichter mit Erde und Steinen zugeschüttet. Eine zweite Bombe – das Geschick schleuderte sie auf die gleiche Stelle. Ein ohrenbetäubendes Krachen – zwölf Artilleristen lagen von den umherspritzenden Eisenfetzen des fünfzigpfündigen Geschosses zerschmettert ... Zehn Uhr. Dicker Pulverdampf erfüllte die Batterien. Die Bastion glich dem speienden Krater eines Vulkans. Die Männer an den Geschützen, bis an die Hüften entblößt, von Schweiß, Erde und Pulver mit einer dicken Kruste überdeckt, aus dem schwarzen Gesicht nur die Augen weiß und grimmig leuchtend, arbeiteten wie die Teufel; die Offiziere eilten auf und ab. Vollkugeln, Granaten, Bomben flogen, pfiffen, zischten, schlugen ein, platzten, tanzten nach allen Richtungen. Alle waren vom Taumel der Zerstörung ergriffen. – Niemand achtete auf die eigene Gefahr. Ein donnerndes Hurra! Aus der ersten Schanze der Feinde stieg ein mächtiger Feuerstrahl durch den Pulverdampf empor. Ein Riesendonner übertönte das Brüllen der Geschütze auf der meilenlangen Feuerlinie: das Pulvermagazin der französischen Batterie war in die Luft geflogen; drei Viertelstunden vorher hatte die vierte feindliche Batterie das gleiche Schicksal gehabt. Mehr als 50 Mann wurden dabei getötet und verwundet. Die übrigen drei französischen Batterien waren jetzt nicht mehr imstande, das fürchterliche Feuer der drei Sewastopoler Bastionen und der zahlreichen Batterien genügend zu beantworten. General Canrobert überließ es dem Kommandanten der Artillerie, Thiry, den Kampf nach eigenem Ermessen einzustellen. Um elf Uhr schwiegen sämtliche französische Batterien. Von den fünf war die eine durch das gesprengte Pulvermagazin vernichtet. In den anderen waren 19 Geschütze zerstört. An 400 Tote und Verwundete blieben in den französischen Laufgräben. Aber auch der Verlust und die Zerstörung in den russischen Werken war bedeutend. Auf dem Kampfplatz lagen zwischen Blut und Trümmern, keuchend von der gewaltigen Anstrengung, die erschöpften Kämpfer an ihren Kanonen und saugten die frische Luft in die erhitzten Lungen. Der Wind wehte durch die breiten, von den Kugeln der Feinde erweiterten und zerrissenen Schießscharten herein. Die Offiziere, die dem Kugelregen entgangen oder nur leicht verwundet waren, schauten verwundert nach der feindlichen Flotte aus, deren letzte Schiffe merkwürdigerweise eben erst von den Dampfern in die Schlachtlinie bugsiert worden waren. »Der Lärm«, sagte Nowossilski, »wird sogleich wieder angehn; es ist gut, daß die Luft von der Landseite weht. Ich begreife nicht, warum die hölzernen Rosse Alt-Englands uns so lange Ruhe gelassen haben.« »Ich wette fünfzig Rubel, der Admiral ist in der Quarantäne und wartet dort auf den ersten Gruß. Sonst hätten wir ihn längst wieder hier!« »Ich glaube eher,« sagte Barjatinski, »er ist auf der andern Seite der Bucht. Das Feuer ist dort noch sehr heftig. Und er kann die Engländer nicht leiden.« »Was meintest du vorhin mit der Schaschka, Kamerad?« fragte Leuwant Birjulew. Fürst Barjatinski blickte nach den feindlichen Schiffen. »Ihre Signale fangen an zu spielen. Wir haben also noch fünf Minuten Zeit, und ich kann Ihnen die unheimliche Geschichte erzählen. Der Teufel hole die Schaschka!« »Was hat der Teufel mit der Schaschka zu tun? Sie scheint mir eine schöne alte Waffe zu sein!« »Vorzüglich! Der Stahl der Klinge ist wundervoll. Sie gehörte dem armen Schelesnow, den vielleicht einige von Ihnen gekannt haben. Er war als Kurier nach Tiflis geschickt worden und hatte sie auf der Reise von dort nach Suchum Kale für dreißig Rubel gekauft.« »So billig?« »Das meinte ich auch. Doch Schelesnow erwiderte mir, daß sie niemand hätte kaufen wollen – eines Aberglaubens wegen. Die Schaschka hatte unter den Tschetschenzen den Ruf: Jeder, der mit ihr in den Kampf ginge, würde unfehlbar umkommen.« »Und er kaufte sie dennoch? Ich meine, gerade die Seeleute sind sonst abergläubisch.« »Schelesnow spielte den Freigeist. Er lachte über die Sage, als er sie mir erzählte. Es war am Bord der ›Wladimir‹, als wir mit dem Admiral Kornilow von Warna kamen. Wir stießen auf einen türkischen Dampfer ›Pervas Bachre‹ und unsere Kanonenkugeln begrüßten ihn. Wir fuhren auf Kartätschenschußweite heran. Unsere Mannschaft machte sich fertig zum Entern. Ich sah, wie Schelesnow den kaukasischen Säbel umschnallte. ›Haben Sie die verhängnisvolle Eigenschaft vergessen?‹ fragte ich ihn. Er lachte. ›Gott bewahre, aber ich glaube nicht daran.‹ Und eilte auf das Verdeck. Die Kartätschen sausten uns über die Köpfe. Wie ich zur Batterie kam, sehe ich, wie die Matrosen einen verwundeten Offizier aufhoben. Aus seiner Brust ergoß sich das Blut stromweise. Es war Schelesnow. Eine Kugel hatte ihn in die Brust getroffen. Fünf Minuten später, nachdem er die Schaschka umgeschnallt. Und nun klirrte sie, von der Leiche nachgeschleppt, gegen das Verdeck. Ich ergriff die Klinge und wollte sie in meiner ersten Aufwallung über Bord werfen: aber mich erfaßte ein unüberwindliches Gefühl, sie zum Andenken an den gefallenen Kameraden aufzubewahren.« »Wie kommt die Schaschka in den Besitz des Admirals?« »Er befahl mir, den Nachlaß Schelesnows aufzunehmen. Er wurde, wie es Sitte, vor dem Mast versteigert. Dem Admiral gefiel die unglückliche Waffe, und er überbot mich.« »Und sagten Sie ihm nichts von dieser Geschichte?« »Ich tat es. Aber er lachte mich aus und meinte, er glaube nicht an Vorurteile – und ich wäre ebenso gefährdet wie er. Sie haben es vorhin noch einmal mit angehört. Mir war nicht wohl zumut – der Admiral aber scheint eine besondere Vorliebe für die Waffe zu haben, denn schon mehrfach sah ich sie ihn tragen.« »Ohne daß sie ihm geschadet hat, wie Sie sehen!« lachte der Kapitän. »Ach, das sind alles nur Weiber- und Gespenstergeschichten!« »Der Admiral ist seitdem noch in keinem Gefecht gewesen«, sagte Barjatinski. »Ich wünschte, es wäre Abend, wie es jetzt« – er sah nach der Uhr – »gerade Mittag ist. – Hei – da kommt Arbeit für uns!« An der Signalleine der ›Queen‹ flatterte es hoch. »Fertig zum Feuern!« Die Breitseite des riesigen Dreideckers hüllte sich in Feuer und Rauch. In der nächsten Minute legte sich ein Flammengürtel über die ganze Breite der Reede; Land und See waren in Qualm gehüllt. Die Bomben rasten durch die Luft und schmetterten auf die Stadt und hinüber über die Bucht zum Malakowhügel. Der höllische Kampf begann auch auf dieser Seite aufs neue. Die Batterien der Westseite der Stadt, das Konstantin-, Alexander- und Quarantänefort brüllten Antwort. Der Kampf auf der Ostlinie gegen die englischen Batterien dauerte ununterbrochen fort. Zweckmäßiger als die französischen, in der Entfernung von 600 Schritt von den russischen Werken erbaut, litten die englischen weniger unter dem Feuer. Zahlreich mit schwerem Geschütz – dreiundsiebzig 68-, 46-, 32- und 24pfündigen Kanonen und zehnzölligen Mörsern – bestückt und mit einem Ofen für die glühenden Kugeln versehen, erzielte die britische Artillerie bei dieser ersten Beschießung größere Erfolge als die französische. Dennoch widerstanden die Russen auch dort mit Glück. Alles zitterte wie bei einem Erdbeben von der gewaltigen Erschütterung. Der Wind hatte sich gelegt, und der Pulverdampf bedeckte so dicht die Umgegend, daß man nur nach dem Blitzen der feindlichen Schüsse die Geschütze richten konnte. Es war zwölf Uhr, als Vizeadmiral Kornilow, nachdem er wiederholt die Linien abgeritten, sich auf dem Malakow befand. Er hatte sich eben von seinem Freund und Kameraden Nachimow getrennt, der die Verteidigung auf der Bastion 3 leitete. Als Kornilow vom Turm zur Brustwehr ging, um wieder in den Sattel zu steigen, traf ihn eine Kanonenkugel. Sie zerschmetterte die Schaschka und riß ihm das linke Bein weg. Am Abend starb Kornilow. Kurz vor seinem Tode erfuhr er noch, daß die feindlichen Batterien zum Schweigen gebracht seien. Um drei Uhr nachmittags begannen die Schiffe, sich mit Hilfe der Dampfer aus der Kampflinie zurückzuziehen. Um sechs Uhr war die ganze verbündete Flotte aus dem Schußbereich der russischen Batterien und steuerte teils der Rohr-Bai, teils der Mündung der Katschka zu, um Havarien auszubessern. Namentlich das Feuer des Forts Konstantin hatte verheerend gewirkt. Auf dem französischen Admiralschiff ›Ville de Paris‹ war der ganze Stab Hamelins verwundet. Nur er selber blieb in dem Bombenregen wie durch ein Wunder verschont. Auch ›Montbello‹, ›Friedland‹, ›Napoleon‹ und ›Charlemagne‹ hatten schwer gelitten. Von den englischen Schiffen, die dem Fort Konstantin gegenüber lagen, waren die ›Agamemnon‹, ›Albion‹ und ›Queen‹ schwer havariert. Bei keiner späteren Beschießung wagten die Flotten wieder, den Forts so nahe zu kommen. Aus den englischen Batterien hatte sich das Feuer hauptsächlich gegen die Bastion 3 gerichtet. Ihre Geschütze waren um die dritte Nachmittagsstunde fast sämtlich zerstört. Aber auch die britischen Linien hatten bedeutend gelitten; um vier Uhr flog dort wie bei den Franzosen ein Pulvermagazin in die Luft. Am Abend erwiderten nur noch zwei Geschütze. Mit einbrechender Dunkelheit schwieg das Geschützfeuer. Die Stille der Erschöpfung, des Todes, lagerte sich über Stadt und Festung. Der Verlust der Verbündeten betrug auf den Flotten, allein nach den amtlichen Berichten, 527 Mann, in den Laufgräben mindestens ebensoviel. Die Russen zählten 1200 Tote und Verwundete. Sewastopol hatte seine Bluttaufe empfangen. Der Totenritt von Balaklawa Die erfolglose Beschießung Sewastopols vom 17. Oktober, der sie nicht einmal den Versuch eines Sturmes folgen lassen konnten, nötigte die Verbündeten zu einer regelrechten Belagerung der Festung. Ihre erste Sorge ging nun dahin, durch Befestigung des Sapunberges und der Zugänge nach Balaklawa ihre Stellung zu sichern. Einstweilen aber warteten beide Teile die Ankunft neuer Verstärkungen ab. Die Verbündeten vertrauten auf ihre bedeutenden Hilfsmittel und ihre zahlenmäßige Überlegenheit und hofften, durch eine regelmäßige Belagerung die Stadt bis zum Einbruch des Winters zu erobern. Die Engländer setzten ihr Feuer aus 68 Geschützen fort; am 19. waren auch die französischen Batterien wieder einigermaßen hergestellt. Die Beschießung wurde fortgesetzt. Die Russen verloren durch sie täglich etwa 300 Mann; aber über Nacht besserten sie ihre Schäden wieder aus, ersetzten die zerstörten Mauern durch zweckmäßige Erdwerke und errichteten neue unter dem rastlosen Totleben. Die Linie der Befestigungswerke war in vier Abschnitte geteilt unter Generalmajor Asnalowitsch, Vizeadmiral Nowossilski, Konteradmiral Pansilow und Konteradmiral Istomin. Generalleutnant Kirjakow kommandierte den Ersatz. Befehlshaber der gesamten Truppen – 57 Bataillone – war Generalleutnant Moller, Hafengouverneur Vizeadmiral Stajukowitsch, Kommandant der 13 Schiffsmannschaften Vizeadmiral Nachimow. Die englischen Truppen warfen zahlreiche Brandraketen in die Stadt, doch ohne vielen Erfolg; dagegen litten die Verteidiger bedeutend unter dem Büchsenfeuer der Zuaven und Jäger von Vincennes. Die Franzosen waren bis zum 25. Oktober mit ihren Gräben auf 750 Schritt an die Festung herangekommen, und die Russen unternahmen seit dem 20. kleinere Ausfälle gegen sie. Die Russen waren nach der Schlacht an der Alma zu schwach, um etwas Entscheidendes gegen die Belagerungsarbeiten der Verbündeten unternehmen zu können. Menschikow war nur durch 12 Schwadronen Reiter unter Generalleutnant Rischow und einige Bataillone aus Kertsch und Feodosia verstärkt worden; er mußte die Ankunft des 3. Infanteriekorps abwarten, das in Eilmärschen aus Bessarabien nach der Krim beordert war. Seine Ungeduld verleitete ihn, als am 22. die 12. Infanteriedivision eingetroffen war, ohne die übrigen Abteilungen des Korps abzuwarten, die Verbündeten anzugreifen und sie von Balaklawa abzuschneiden. Das Zentrum der Russen befand sich im Dorf Tschorgun am rechten Ufer der Tschernaja. Zwei Wege führten von dort nach Balaklawa, der eine rechts durch das stark verschanzte Dorf Kadikoi, im Tal zwischen dem Sapunberg und den Höhen südöstlich von Balaklawa, und der linke näher an den südöstlichen Bergen. Beide liefen quer über die große Woronzow-Straße von Sewastopol nach Yalta. Im Tal um Balaklawa und Kadikoi standen die Engländer, durch eine doppelte Reihe von Verschanzungen gedeckt, deren vorderste an der Woronzow-Straße von den Türken besetzt war. Hinter Kadikoi lag die englische Reiterei. Jenseits des Sapunberges und auf seinen Hängen standen in gesicherter Stellung gegen die Straße von der Reede Sewastopols nach Inkerman die beiden französischen Divisionen des Generals Bosquet. Die Leitung des Angriffs am 25. Oktober war dem General Liprandi übertragen. 17 Bataillone, 22 Schwadronen mit 10 Sotnien Kosaken und 52 Geschütze sollten ihn in drei Richtungen durchführen. Fürst Menschikow ließ außerdem, um die rechte Flanke des Angriffs zu decken, eine Brigade mit 10 Geschützen unter Generalmajor Schabokritski in der Nacht die Tschernaja überschreiten und sich gegen den Sapunberg aufstellen. Die Maßnahmen waren, nach dem Urteil aller Militärs, vortrefflich; aber die zu ihrer Ausführung befohlenen Truppen zu schwach, um einen dauernden Erfolg zu erringen. Generalleutnant Rischow führte von der Traktirbrücke, der Wirtshausbrücke, her die rechte Abteilung, Generalmajor Semiakin die mittlere auf Kadikoi, Generalmajor Gribbe die linke gegen Kamari zur Umgehung der feindlichen Stellung. Schon bei Tagesanbruch waren die Russen auf dem Marsch; um sechs Uhr gelangte das mittlere Korps an die ersten Schanzen und nahm sie im Sturm. Die Türken verließen sie, zum Teil in wilder Flucht, und um halb acht Uhr wehte die russische Flagge auf allen vier Befestigungen. Die Geschütze wurden vernagelt, die Vorräte vernichtet, und die russische Artillerie begann von diesen Schanzen aus die bei Kadikoi und Balaklawa stehenden Briten und das Lager zu beschießen. Die linke russische Kolonne hatte sich unterdes des Dorfes Kamari bemächtigt. Generalmajor Colin Campbell Colin Campbell spielt später auch im Freiheitskampf der Inder eine entscheidende Rolle. Vergl. den Band »Ram, Ram, Mahadeo!« eilte mit dem 93. schottischen Regiment zur Unterstützung der Türken herbei, die Reiterei der Engländer unter Lucan schloß sich ihm an; die flüchtenden Türken kamen zum Stehen und sammelten sich. Um acht Uhr erschienen Lord Raglan und Canrobert auf dem Schlachtfeld und zogen eilig von Balaklawa Unterstützungen heran. Die 4. englische Division Cathcart und die erste Gardebrigade des Herzogs von Cambridge rückte gegen die Woronzow-Straße vor. Zugleich ließ Bosquet einen Teil der 1. Division und einige Schwadronen reitender afrikanischer Jäger in das Tal vorgehen. General Liprandi erteilte jetzt dem Generalleutnant Rischow den Befehl zum Reiterangriff. Die Husarenbrigade mit den uralskischen Kosaken und zwei reitenden Batterien stürzten sich auf die Hochländer Campbells und die Dragoner des Generals Scarlett. In der Wagenburg vor der schottischen Stellung empfing sie die Infanterie; eine Batterie der Brigade Scarlett begrüßte die kühnen Steppenreiter mit Kartätschenhagel. Die russische Reiterei wurde geworfen; hinter ihr drein donnerten die schweren Dragoner der Briten, bis an die eroberten Schanzen. Dort jedoch wandte sich das Glück – ein vernichtendes Feuer der russischen Batterien mähte die Reihen der Dragoner nieder; mit großem Verlust jagten sie zurück. Lord Raglan sah die Niederlage seiner Reiterei unter den Augen der hochmütigen Franzosen. Der Ehrgeiz trieb ihn, um jeden Preis die englischen Geschütze zurückzugewinnen, die den Russen mit den Schanzen in den Händen geblieben waren. Der stolze Sommerset – der Adjutant und Neffe des Eisernen Herzogs, der seine Sporen bei dem elenden »Sieg« von Kopenhagen geholt, sie aber später auf den blutigen Schlachtfeldern von Fuentes d'Onores, Badajoz und Salamanca sich wirklich verdiente, der bei Quatre Bras gegen Kellermanns Schwere Reiter mit dem tapferen 42. Regiment gekämpft und vor Waterloo den rechten Arm gelassen – hetzte sofort seinen Adjutanten zum Kommandeur der Reiterei. Er grollte; er hatte in dem siebenundzwanzigjährigen Gamaschendienst voll Muße und militärischer Kleinkrämerei, die das englische Heer zu dem schlechtesten Europas hatte werden lassen, die blutigen Taten seiner Jugend nicht vergessen. Seine Adjutanten überbrachten dem Grafen Lucan den Befehl, die russische Stellung durch Lord Cardigans leichte Kavalleriebrigade, die den linken Flügel bildete, anzugreifen und die weichenden Husaren und Kosaken zu verfolgen. So unfähig sich beide britische Reiterführer auch im weiteren Verlauf des Feldzugs gezeigt haben, hatten sie doch Einsicht genug, das Mörderische, das Wahnwitzige dieses Befehls zu erkennen. Selbst wenn die englische Reiterei die russische Schlachtlinie durchbrach, konnte sie in das Kreuzfeuer der Artillerie zweier Korps geraten. Der Adjutant Raglans harrte daher, nachdem er dem Grafen Lucan den Befehl überbracht hatte, vergeblich auf Antwort. Ungeduldig störte er deshalb die Beratung Lucans mit seinem Stab. »Wollen Euer Herrlichkeit dem Generalfeldzeugmeister eine Antwort senden?« fragte er. »Mein Herr,« sagte Lucan, »ich gestehe Ihnen, ich glaube den Befehl des Lords mißverstanden zu haben! – Er kann unmöglich verlangen, daß die Reiterei die verlorenen Schanzen wiedernimmt?« »Ich habe Eurer Herrlichkeit nur den Befehl des Lords zu überbringen, das weitere ist Ihre Sache.« »So haben Sie die Güte,« erwiderte der Graf hochmütig, »diesen Befehl in Gegenwart meiner Herren langsam und deutlich zu wiederholen.« Der Adjutant tat es. »Danke! – Melden Sie dem General, daß wir tun werden, was englische Reiterei tun kann, daß es aber nicht meine Schuld ist, wenn heute abend die britische Krimarmee keine Reiterei mehr besitzt! – Vorwärts, Mylord Cardigan! Lassen Sie die 4. und 13. Leichten Dragoner die Höhe der Schanze links umgehen und den Angriff beginnen! Das 14. Regiment und die Husaren rücken als zweites Treffen vor!« Trompeten schmetterten. Die Leichten Dragoner trabten gegen die Batterien. Die Regimenter umgingen die Höhe und attackierten die russischen Husaren und Kosaken. Kartätschenfeuer zweier russischer Batterien schlug in ihre beiden Flanken; das Heckenfeuer des Odessaschen Jägerregiments leerte die Sättel. Das 14. Dragonerregiment und die beiden Husarenregimenter 8 und 11 drangen nach und warfen sich auf eine donische Batterie; sie hieben die Bedienung in Stücke. Das blutige Handgemenge wogte gleich einem Knäuel zwischen den Hügeln hin und her. Das Feuer der russischen Batterien mußte stoppen, um nicht Feind und Freund zugleich zu vernichten. Der Kommandeur der 2. Brigade der russischen Reiterei, Generalmajor Ghaletzki, fiel; nur mit Anstrengung hielten sich die Husaren und Kosaken im Gefecht. Es war eine fanatische Schlächterei. Da stürzte sich Oberst Jeropkin mit seinem Ulanenregiment, das eben erst auf dem Schlachtfelde eingetroffen war und hinter den Odessaer Jägern verdeckt Aufstellung genommen hatte, in die rechte Flanke der Briten. Der Stoß war furchtbar. Die ganze Reiterbrigade geriet in Verwirrung und wandte sich zu toller Flucht, die russischen Ulanen auf den Hacken, niedergeschmettert von den Kartätschen der Hügelbatterien und des Schabokritskischen Korps. Fünfhundert britische Reiter bezahlten, auf diesem kleinen Raum allein, die ehrgeizige Laune und die Dummheit eines einzelnen mit ihrem Leben. Die Flucht war so ungestüm, so unaufhaltsam, daß sie selbst die Schwere Dragonerbrigade Scarletts, die Lord Raglan seiner Leichten Kavallerie zu Hilfe gesandt, mit sich fortriß – die englische Reiterei war vernichtet. Vom Sapunberg aus hatte man das Sterben der Leichten britischen Kavallerie beobachtet. Der französische Oberbefehlshaber ließ daher – freilich etwas spät – drei Schwadronen seiner afrikanischen Jäger einen Angriff auf die Batterien Schabokritskis am Abhang der Peninujediberge machen; russische Infanterie warf sie jedoch zurück. Um neun Uhr hatten die Verbündeten schon 20 000 Mann im Tal von Kadikoi vereinigt; von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs ihre Zahl. Aber der Zusammenbruch der englischen Reiterei hatte einen solchen Eindruck auf Führer und Truppen gemacht, daß man nicht mehr gegen die von den Russen besetzten Höhen vorzugehen wagte. Es ist wohl kein Zweifel: hätten die Russen gleich zu Anfang des Treffens mit genügender Macht ihre Vorteile verfolgen können, so wäre Balaklawa wieder in ihre Hand gefallen – ein Erfolg, der die Verbündeten zur Wiedereinschiffung in die Kamiesch-Bai gezwungen und dem ganzen Feldzug ein anderes Gesicht gegeben hätte. Die Artillerie setzte auf beiden Seiten ihre Kanonade bis zur vierten Morgenstunde fort, dann zogen die Verbündeten ihre Truppen ins Lager zurück. Die Russen behaupteten das Schlachtfeld. Die englische Leichte Reiterei war fast zur Hälfte geblieben – was übrigblieb, machte bald die grenzenlose Unordnung der Verwaltung und die Fahrlässigkeit der Führer kampfunfähig. Die Tataren-Nachricht In der Aufregung der Kriegswirren am Schwarzen Meer und bei den eigenen inneren Sorgen des nachrevolutionären Preußen ahnten oder wußten wohl nur wenige, daß Berlin der Knotenpunkt eines geheimen Spürdienstes, einer ausgedehnten Spionage geworden war, die ihre Nachrichten nach Paris, London und Turin, in die Heerlager der Tyrannei sowohl als auch deren Gegner und der umstürzlerischen internationalen Propaganda verkaufte. Merkwürdigerweise war es gerade Preußen, das in den politischen Wirren ein Bild der Festigkeit gab, wo politische Ränke im stillen mächtige Hebel in Bewegung setzten. Über Berlin gelangten wichtige Nachrichten aus den Kreisen der angegriffenen Macht in die Hände ihrer Gegner. Neben der Habsucht gingen Ehrgeiz und Feindschaft einher; sie trieben ihre Laufgräben vor, bauten ihre Schanzen und gruben ihre Minen genau so, wie die feindlichen Armeen am Pontus Eurinus. In einem vornehmen Hotel Unter den Linden hatte der sardinische Oberst, Graf Pisani, Wohnung genommen, der mit seiner Gattin von London kam. Außerdem wies das Fremdenbuch unter anderen harmlosen Namen auch den des Bankiers Thomas auf. Noch kannte Helene Laszlo Die reiche Gräfin Laszlo, um deren Besitz der russische Kapitän von Meyendorf geworben, hatte dem abenteuernden Grafen Pisani ihre Hand gegeben, weil sie durch dieses Opfer ihren Geliebten aus den Händen der Türken zu retten hoffte. – Vergleiche den Band »Das Testament Peters des Großen« den Betrug nicht, dessen Opfer sie geworden. Aus den Zeitungsblättern hatte sie und zu seinem Erstaunen auch der Oberst erfahren, daß Kapitän Meyendorf im Stab des Fürsten Gortschakow bei der Belagerung von Silistria gewesen war. Gräfin Helene erfüllte ihre Pflichten stumm und still, in ihr Schicksal ergeben; ihr Leben war freudlos; an ihrem Herzen nagte der Gram. Jetzt wußte sie, wie bitter sie sich in dem Mann getäuscht, dem sie in einer unglücklichen Stunde angetraut worden war; sie hatte seine Habgier und seinen Ehrgeiz sich vor ihr entlarven sehen; sie hatte durchschaut, daß er nur deshalb mit der internationalen Freiheitsbewegung liebäugelte und sich für die Revolution begeisterte, weil er sich von dieser Arbeit im Dunkeln große Vorteile versprach. Nur die Selbstsucht herrschte in ihm und leitete seine Schritte und seine Handlungen. Schon der erste Schritt, den er nach der Heirat getan, war seine Verständigung und Aussöhnung mit der österreichischen Regierung, weil er sich damit den Besitz des bedeutenden Grundvermögens seiner Gattin sicherte. Es ging das Gerücht, daß er seitdem zu mehreren diplomatischen Missionen verwandt worden sei, deren Charakter das Gegenteil seiner früheren Ansichten zeigte. Die Gräfin saß in dem durch die Tür geschlossenen Nebenzimmer mit einer Handarbeit am Fenster. Der Graf saß im Wohnraum mit dem Bankier Thomas aus Wien. »Der Zufall oder das Glück wollten mir wohl, Graf,« sagte Thomas, »daß ich Sie gerade in Berlin treffen muß. Man erwartete, wie ich höre, in Turin Ihre Rückkehr von London erst im nächsten Monat.« »Bitte – wer erwartet mich?« »Ei – Graf Cavour und die Brüder La Marmora!« Der Schlag saß; eine leichte Röte überzog das Gesicht des Grafen. »Unsere Oberen, lieber Freund«, sagte er endlich, »sind zwar immer sehr gut unterrichtet. Aber seit sie gezwungen wurden, Paris zu verlassen und in den Kanton Tessin überzusiedeln, scheinen sie doch einige Fäden aus der Hand verloren zu haben.« »Unsere Oberen?« Thomas blickte ihn von der Seite an. »Wir dürfen also hoffen, in dem künftigen General noch immer ein eifriges Mitglied des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen?« Diesmal wurde der Graf dunkelrot. »Wie mögen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln? Wenn ich auch in letzter Zeit weniger Gelegenheit gehabt habe, tätig zu sein! Sie wissen so gut wie ich, daß uns außer unserem Eid manche Dinge der Vergangenheit unauflöslich verbinden. – Was ich sagen will, ist, daß ich unverändert der Ihre bin, soweit es meine anderweitigen Verhältnisse nur gestatten.« »Die sich durch die Heirat mit der schönen Nichte des Fürsten Esterhazy allerdings bedeutend verändert haben! Wir sind gewiß nicht unbillig, lieber Graf, und ehren nicht bloß das Recht der Flitterwochen, sondern selbst des Flitterjahres, tragen auch den Verhältnissen alle Rechnung und wünschen nur, daß unsere ehemaligen Mitglieder – wenn sie uns nicht mehr brauchen – unsere Pläne wenigstens nicht durchkreuzen.« »Wie meinen Sie das?« Thomas schien die Frage zu überhören. » A propos , Graf: wie hoch beläuft sich doch die aktive sardinische Armee? Als Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen?« Pisani blickte ihn mißtrauisch an. »Fünfundvierzigtausend Mann, Cavelli!« »Pst – ich bin für Sie niemand anders als der Bankier Thomas!« »Gut, Herr Thomas. Seit wann beschäftigen Sie sich mit militärischer Statistik? – Ich bin seit zwei Monaten auf Reisen und weiß wenig vom Stand der Verbindungen. Wollen Sie mich nicht ein wenig unterrichten?« »Sehr gern, Herr Graf, um so mehr, als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafür in Anspruch genommen hätte. Sie werden sich erinnern, daß am 26. März die Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Führer genötigt waren, wenigstens vorläufig Paris zu verlassen.« »Es war zu der Zeit, wo wir uns zuletzt in Wien trafen.« »Richtig, Sie brachten Ihre junge Gattin dahin zurück und machten Ihren Frieden mit der österreichischen Regierung.« Pisani rückte unbehaglich auf seinem Sessel. »Können Sie mir das verdenken? Das ganze Vermögen meiner Frau liegt im Kaiserstaat. Ich habe in Sardinien nichts als meinen Sold.« »O, sicher nicht! – Sie haben gesehen, wie wir es vermieden, Sie mit unseren Angelegenheiten zu behelligen. Die höchste Gewalt war damals zweifelhaft, wohin man den Rat verlegen sollte, ob nach London oder Piemont; zuletzt entschloß man sich für Tessin. Man wünschte Sardinien und Frankreich möglichst nahe zu sein. Der Tod des Bourbons in Parma hat in Oberitalien tiefen Eindruck gemacht.« »Ich weiß es. Wir unter uns können uns offen gestehen, daß wir seitdem eine große Niederlage erlitten haben. Die europäischen Verwicklungen sind von uns gefördert und gelenkt worden, um die Tyrannen zu stürzen oder ihre Hilfsmittel zu erschöpfen. Diese Hoffnung scheint sich nicht zu verwirklichen. Zunächst steht Deutschland dem Kampf fern durch die zähe Politik dieses verhaßten Preußens, das wir auf Rußlands Seite zu sehen hofften. England weigert sich demnach, Polen, Ungarn und Italien zu revolutionieren und begnügt sich mit der Bildung einiger elender Fremdenlegionen, die für uns eine gute Hilfe gewesen wären, aber ein unzureichendes Mittel sind. Napoleon endlich, unser Zögling und jetzt unser bitterster Gegner, hat die Maske abgeworfen; er hat die Leitung der europäischen Angelegenheiten uns aus der Hand gerissen. Er weiß, daß er um die Herrschaft in Europa allein mit uns zu kämpfen hat, und – er hält die Revolution bereits unter seiner Faust, wie die Maßregeln in Paris und die politischen Prozesse durch ganz Frankreich zeigen.« »Bis einer jener Zufälle eintritt, die so oft die Geschichte geändert haben.« Pisani sah seinen Gefährten bei diesen Worten forschend an. »Wir wollen darauf hoffen. – Selbst unseren genialen Finanzplan hat dieser Napoleon an sich gerissen! Sie wissen, daß Baron Ripéra zum Verräter geworden?« »Ich hörte den Argwohn bei seinem Bankerott; man hat lange nichts von ihm vernommen?« »Er hält sich gut verborgen mit Hilfe seiner Million, die ihm damals der Schlag in Wien eingetragen; aber wir erkennen in vielem seine Hand und es ist kein Zweifel, daß er uns an Napoleon verraten hat. Die Gründung des Crédit mobilier ist sein Plan, die Pereires sind seine Verwandten. Nach den achtzehnhunderttausend Franken, die wir bei seinem gut gespielten Zusammenbruch verloren, sind uns wiederholt harte Schläge beigebracht worden; sie beweisen, daß eine mit unseren Geldgeschäften ganz vertraute Hand dabei geholfen hat.« »Aber was kann den Baron zu dem Verrat bewogen haben?« »Soviel ich weiß, eine Lektion, die er vom Rat des Bundes erhielt und – ich glaube jener Vorgang im Landhaus der Frau von Czezani. Er war eine Memme, der dergleichen Schrecken einjagt. – Wir werden ihn ja zu finden wissen. Mein Aufenthalt in Berlin ist nicht ohne Bezug auf seinen Verrat. Wir wollen versuchen, unseren damaligen Verlust wiederzugewinnen.« Graf Pisani horchte auf. »Sie gewannen bei unserem Wiener Geschäft mit der Nachricht von der Kriegserklärung der Türkei auf Ihren eigenen Anteil zwanzigtausend Gulden. Ich glaube Ihnen das Doppelte dieser Summe versprechen zu können, wenn Sie mich unterstützen wollen.« »Und wie?« »Ich befinde mich seit drei Tagen hier, seit die Nachricht von der Almaschlacht hier bekannt ist, um den Augenblick für einen Schlag abzupassen, den wir von Wien aus in Österreich, in Berlin und in Paris an den Börsen vorbereiten. Aber – ich fühle mich hier nicht frei. Irgendein Mißtrauen hat mir einen der verschmitztesten österreichischen Polizeiagenten nachgeschickt und ich sehe mich von dem Menschen auf allen Wegen beobachtet. Er wohnt im Hotel gegenüber. Im entscheidenden Augenblick – und dieser ist heute – könnte er mir einen unangenehmen Streich spielen; aber aus dieser Verlegenheit zieht mich Ihre Ankunft. Sie sind durch Ihre Heirat ein Verwandter des österreichischen Gesandten geworden; es wird Ihnen ein Leichtes sein, eines der jüngeren Mitglieder der Gesandtschaft zu bewegen, mit Ihnen heute die Börse zu besuchen, unter dem Vorwande, das Treiben dort kennenzulernen.« »Ich begreife nicht, was Sie damit bezwecken?« »Überlassen Sie mir die Überraschung. – Die Presse ist in eine Falle gegangen, über die man jahrelang lachen wird! – Noch eins – haben Sie Kredite auf Berlin?« »Auf Mendelssohn und Kompagnie tausend Dukaten.« »Das wird für Sie genügen; außerdem garantiert leicht die österreichische Gesandtschaft Ihr Vermögen. – Wissen Sie, daß wir im Hotel noch einer bekannten, gewissermaßen zu uns gehörenden Persönlichkeit begegnen?« »Sie meinen die spanische Tänzerin, die an jenem Abend im Salon zu Hietzing zugegen war?« »Ja. – Sobald unsere Aufgabe erledigt ist, werde ich sie nach Petersburg schicken. Man will einen Versuch mit unserer verführerischen Donna bei gewissen Personen machen.« – Die Gräfin trat ins Zimmer. »Der Kellner meldet den Herrn von Treumund – ich weiß nicht, ob Sie den Mann haben rufen lassen.« Bankier Thomas stand auf. »Ganz recht – ich habe mir erlaubt, ihn hierher zu bestellen.« Die Gräfin winkte zur Tür zurück; dann wandte sie sich an den Grafen. »Ich werde meiner Cousine einen Besuch machen – werden Sie mich begleiten?« »Ich habe leider Geschäfte, die mich hindern, meine Liebe.« Gräfin Helene entfernte sich. »Wer ist dieser von Treumund?« fragte Pisani. »Er ist einer der gewandtesten Börsenmenschen Berlins. Als Berichterstatter und Mitarbeiter mehrerer französischer und deutscher Journale ist er nicht ohne Einfluß. Durch das schlaue Geschäft seiner Adoption durch einen alten Bummler adeligen Namens ist er für die gute Gesellschaft möglich gemacht – zwar steckt er augenblicklich in Schulden, aber das ist für unsere Absicht vortrefflich. – Kennen Sie das Börsentreiben?« »Ich habe noch nie einen Fuß in die Börse gesetzt.« »So ist er gerade der Mann, um Sie in ihre Geheimnisse einzuweihen. – Ich bitte, lassen Sie ihn kommen.« Herr von Treumund, ein junger, blonder Mann, trat ein, der sichtlich bemüht war, seine große Beweglichkeit hinter aristokratischer Zurückhaltung zu verbergen. Thomas stellte ihn vor und nötigte ihn zum Sitzen. »Graf Pisani«, sagte er, »ist vollkommen eingeweiht in das Geschäft und wird uns heute unterstützen. Die Zeit drängt, und ich bitte sogleich um Ihren Bericht. – Welchen Eindruck haben die gestrigen Abendnachrichten von Wien gemacht?« »Das telegraphische Nachrichtenbureau hat sie noch am Abend verbreitet. Die heutigen Morgenblätter und die Abendzeitungen« – er holte einige Zeitungsausschnitte aus seiner Mappe – »melden, zwar nur unbestimmt: ›Westmächte im Besitz eines Forts von Sewastopol; Russen 15 000 Mann verloren; Fürst Menschikow sechs Stunden Bedenkzeit erhalten.‹ Heute morgen ist aber bereits von Paris eine telegraphische Bestätigung eingetroffen; man erwartet heute bei Beginn der Börse die ausführliche Nachricht.« »Ausgezeichnet! – Und die Kurse?« »Sie gingen in der gestrigen Abendversammlung der kaufmännischen Gesellschaft schnell in die Höhe und werden heute um drei bis vier Prozent steigen.« »Sie haben russische und Schatzscheine in verschiedenen kleinen Posten angeboten?« »Nach Ihren Anweisungen! – Aber niemand will sie, selbst zu 72 nicht.« Thomas rieb sich vergnügt die Hände. »Das war zu erwarten! – Lassen Sie uns sehen, wie unsere Geschäfte stehen.« Treumund entnahm seiner Brieftasche eine Note. »Auf Grund der Vollmachten von Eskeles und Sina kaufte ich an der Sonntagsbörse bei unseren drei ersten Bankhäusern 115 000 Gulden Metalliques zu 72¾.« »Richtig, sie standen gestern bereits 75¼ und werden heute noch mehr in die Höhe gehen.« »Ich hoffe es, indes ist das schon ein Gewinn von 2775 Gulden. Ferner 300 000 Gulden Nordbahn zu 173.« »In diesem Augenblick 179½.« »Oberschlesische 180 000 Taler zu 92½, 120 000 Gulden Neueste Anleihe zu 96¼ und 200 000 Taler Cosel-Oderberger zu 163¼. – Sie stehen bereits 205.« »Der Schlag ist bedeutend. Die Käufe betragen nach meiner Berechnung also 1 060 000 Taler.« »Und der Gewinn in diesem Augenblick über 90 000.« »Nun merken Sie wohl auf, lieber Freund, was ich Ihnen sage: Die Kurse werden heute und morgen noch schnell steigen; die Nachfrage wird sehr bedeutend sein. Glauben Sie, daß Sie heute sämtliche Papiere, über die wir verfügen, zum heutigen Kurs für den 15. verkaufen können?« »Unzweifelhaft – wenn wir so töricht sein wollten.« »Überlassen Sie das mir; ich habe meine Gründe dazu. Sie sollen nicht zu kurz kommen. Doch wird es gut sein, wenn Sie mit dem Verkauf mehrere Agenten beauftragen, denn so bedeutende Summen aus einer Hand würden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und leicht die Hausse stören. Ich werde auf der Börse sein, um nötigenfalls einzugreifen. Im übrigen aber wird es zweckmäßig sein, wenn Sie viel mit dem Herrn Grafen und seinem Begleiter verkehren, sobald diese an der Börse erscheinen und geschickt das Gerücht verbreiten, daß von diesen bedeutende Ankäufe gemacht würden.« Herr von Treumund verbeugte sich lächelnd. »Ich verstehe. Sie scheinen neue Drahtnachrichten erhalten zu haben, und deshalb erlauben Sie mir, auf einen Umstand aufmerksam zu machen: Man argwöhnt an der Börse seit einiger Zeit, daß viele der eingehenden Depeschen auf irgendeine noch unerklärte Weise verraten werden. Einer unserer Börsenmatadore scheint die Kurse und Aufträge von außerhalb zu riechen und überflügelt alle mit seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen – oder seinen Nachrichten. Es wäre schlecht, wenn er uns in die Quere käme.« Herr Thomas lächelte. »Beruhigen Sie sich – auch dieser Herr wird kaufen.« Mittags gegen ein Uhr erschien Graf Pisani Arm in Arm mit einem Attaché der österreichischen Gesandtschaft auf dem Vorplatz der Börse und wandelte langsam durch die Gruppen. Jeder Fremde betrat damals noch ungehindert das Heiligtum des Zahlengottes. Der Attaché war in Bankierskreisen bekannt, und er wurde oft begrüßt und angesprochen. Schnell verbreitete sich die Nachricht, daß ein Mitglied der Gesandtschaft mit einem vornehmen Fremden anwesend sei. Herr von Treumund hatte dabei die Hand im Spiel, schloß sich beim Erscheinen der beiden Herren an und spielte den Führer. Von Zeit zu Zeit verließ er sie, um da und dort Geschäfte abzuschließen. – Dies Verfahren erregte Aufmerksamkeit, um so mehr, als bekannt wurde, daß die Aufträge Treumunds über riesige Summen lauteten, und die Börse ohnehin in höchster Erregung war. Soeben waren die telegraphischen Depeschen der Nachrichtenbureaus von Wien und Paris über die dortigen Kurse eingegangen, und der Agent des Hauses Oppenheim verlas sie von einer Erhöhung mit lauter Stimme. Die Boten des Staatsnachrichtenbureaus durchbrachen mit Privatmeldungen suchend die Menge. Das Geschäft schien im vollen Gang, und die vereideten Makler wurden bestürmt mit Anmeldungen. Der Graf mit dem Gesandtschaftsattaché, der zu unerfahren und zu sehr Edelmann war, um zu begreifen, daß er hier nur zu Geschäften diente, hatte endlich einen Platz gefunden, von wo er das Treiben innen und außen beobachten konnte. Herr von Treumund gab die Erklärungen und würzte sie mit reizvollen Anekdoten, an denen gerade das bewegte Börsenleben außerordentlich reich ist. Von jedem bekannteren Mann auf dem gefährlichen Boden dieses Tempels der kühlen Überlegung und des raschen Entschlusses schien er das geheimste Familienleben zu kennen. »Der Herr dort,« sagte er, »der Lange, Schwarzgekleidete, der mit meinem Kollegen spricht...« »Den mit der Brille?« »Ja. – Er ist Hauslehrer bei einem Gesandten. Bei der türkischen Kriegserklärung, die er durch seine diplomatische Beziehung erfahren, wagte er sich auf das Glatteis der Börse und gab mir einen Auftrag. Er gewann, indem er sein ganzes Erbteil, 400 Taler, wagte, damit das Doppelte und spekuliert seitdem fortwährend. Da drüben steht ein Bild von dem gewöhnlichen Ende solcher Privatspekulanten.« »Der Mensch in dem abgerissenen Anzug?« »Vor zwei Monaten noch hatte er Kredit für Tausende, obgleich er längst keinen Pfennig mehr sein eigen nannte. Der Mann besaß zwei Häuser in der Friedrichstraße und ein gutes Geschäft. Als der Aktienschwindel bei uns begann, wollte er mit Gewalt seinen Wohlstand zu Reichtum machen und ließ sich mit einem Spiritusspekulanten ein. Später, um sich herauszureißen und die erlittenen Schlappen zu decken, machte er in rheinischen Aktien und verlor in einem Vierteljahre 75 000 Taler. Jetzt ist er ein Bettler, aber so auf das Börsenspiel versessen, daß er täglich hierher kommt, um von ferne zuzusehen. – Seine Familie hat jetzt oft kaum das trockene Brot.« »Es fehlt aber gewiß auch hier nicht an Leuten, die rasch reich geworden sind.« »Im Gegenteil, sie schießen wie Pilze aus der Erde! Niemand weiß oft, woher die Mittel zu ihrer Verschwendung kommen! Der Herr dort mit dem Einglas im Auge hatte bereits zweimal Bankerott gemacht, sich aber damit – sonderbarerweise – völlig ruiniert, so daß er, um den Gerichtsvollziehern zu entgehen, nirgends eine bleibende Wohnung hielt. Seit vier Wochen fährt er wieder in einem vomehmen Wagen mit zwei edlen Gäulen, nimmt im Opernhause nur Fremdenloge, trägt täglich vier Paar strohgelbe Handschuhe und führt Signora Caspari in den Pariser Keller. Bis zu einer Tänzerin hat er es freilich noch nicht gebracht.« Aus dem Menschenstrom drängte sich ein kleiner, noch ziemlich junger Mann an den österreichischen Attaché. »Ganz gehorsamer Diener, Herr Baron! Freut mich, die Ehre zu haben, Sie wiederzusehen. Sagen Sie mir, – Sie müssen's wissen, Sie sind Diplomat – ist es wahr, daß die Kanonen am Invalidendom gedonnert haben? Wie käme der Tatar dazu, eine falsche Nachricht an Omer Pascha zu bringen. Er muß es doch wissen, wenn auch die Depesche versiegelt geblieben ist. Was sagen Sie nur dazu, Herr Baron: 22 000 Russen gefangen! Der Kaiser Napoleon ist bei Gott ein großer Mann!« Der Diplomat betrachtete den Fremden mit einem gewissen Mißbehagen. »Ich habe nicht das Vergnügen –« »Herr Baron, Sie waren doch auf dem großen Ball von Herrn Magnus.« Der Attaché wandte sich nach dem kleinen Intermezzo zu seinem Begleiter. » Mon Dieu ! Diese Leute scheinen mir alle den Kopf verloren zu haben über diese höchst unzuverlässigen Depeschen von gestern und heute!« sagte er. »Wer wird einer türkischen Depesche glauben und noch dazu einem bloßen Gerücht? Aber überall, wohin man sich kehrt, hört man von nichts als von diesem merkwürdigen Tataren und der Schiffernachricht!« »Ich bitte Sie, Baron,« flüsterte Pisani, »stören Sie die Leute nicht in ihrem Glauben. Die erste Regel in der Diplomatie ist ja, keine eigene Meinung zu haben. Wir sind hier, um uns an diesem Treiben zu vergnügen.« Herr von Treumund verbeugte sich freundlich und wies auf einen der Börsenleute. »Der ältliche Herr dort ist mir einer der liebsten der ganzen Börse, solid und nobel; seinem kleinen Gefährten, der ihm so vertraulich die Hand auf den Arm legt, ist neulich ein Gastwirt mit 20 000 Talern und seiner Frau durchgegangen; es schwebt ein heikler Prozeß über der Sache. – Doch in fünf Minuten ertönt die Schlußglocke; ich muß die Notierungen von meinen Geschäftsfreunden sammeln. – Hallo, da wird die Depesche eben verlesen, die seit einer Stunde schon öffentliches Geheimnis ist. – Wenn es Ihnen Vergnügen macht, hören wir zu.« Der mit der Veröffentlichung der Börsennachrichten betraute Makler stand, von der Menge umdrängt, auf einer Erhöhung und verlas eben jene Depesche, mit der sich damals ganz Europa lächerlich machte. – Sie lautete: ›Paris, vom 3. November 1854 morgens. Der heutige Moniteur bringt eine aus Wien datierte Depesche des dortigen französischen Gesandten Baron Bourqueney mit der Meldung, daß am 30. vorigen Monats in Bukarest ein Tatar mit Depeschen für Omer Pascha eingetroffen, die wegen dessen Abwesenheit nicht geöffnet worden sind. Nach dem mündlichen Bericht des Tataren ist Sewastopol eingenommen. 22 000 Russen sind gefangen, 18 000 getötet, das Fort Konstantin ist in die Luft gesprengt und sechs russische Linienschiffe sind untergegangen Die Tatarennachricht vom Fall Sewastopols – in der Türkei bestand damals die sogenannte Tatarenpost, so daß an sich diese Art der Nachrichtenübermittlung kein Grund war, sie zu bezweifeln – eilte der Eroberung Sewastopols um fast ein Jahr voraus. Daher stammt der landläufige Ausdruck »Tatarennachricht« für eine falsche Meldung. – Erst am 10. September 1855 zogen die Belagerer nach Erstürmung des Malakow in die Stadt ein. .‹ Die geheimen Macher und Ränkeschmiede erzielten mit dieser gefälschten Nachricht einen ungeheuren Gewinn. Nachdem die Kurse durch ihre wohlberechneten Manöver bedeutend im Steigen waren, verkauften sie riesige Summen zu diesen hohen Sätzen für die nächste Abrechnung, gewiß, daß schon in den folgenden Tagen das Ausbleiben der Bestätigung und die entgegengesetzten Nachrichten die Kurse wieder herabdrücken würden. Die Gewinne, die damit an den Börsen von Wien, Berlin und Paris im gleichen Augenblick gemacht wurden, betrugen über eine Million. Der Bankier Thomas war den darauffolgenden Tag mit seinen Abrechnungen beschäftigt. Als er am zweiten der spanischen Tänzerin seinen Besuch machte und ihr ein Gastspiel in Warschau vorschlug, fand er jedoch unerwartete Ausflüchte, ja zuletzt eine schroffe Weigerung. Zwei Tage darauf war die Spanierin verschwunden – wie es hieß in Begleitung eines Fürsten Jabolow. Erst im Frühjahr kam sie unter dem Schutz ihres neuen Mäzens in den böhmischen Bädern wieder zum Vorschein. Man sagte, daß sie den Fürsten wirklich geliebt; wenigstens sprach dafür, daß sich die verwöhnte Frau in alle sonderbaren Launen Jabolows fast mit sklavischer Unterwürfigkeit fügte. Aber wie es auch gewesen sein mag – Liebe oder Weiberlaune hatte sich dieses Mal stärker erwiesen als alle Bindungen an die Gewalt der unterirdischen Mächte und ihre geheimen Pläne. Inkerman Die Belagerung Sewastopols schritt nur langsam vorwärts. Die Stellung der Russen bei Tschorgun und gegen Balaklawa zwang die Verbündeten, dorthin alle Kräfte und alle Aufmerksamkeit zu richten. Die Gegner verschanzten sich Aug' in Aug' in ihren festen Stellungen. Unterdes trafen auf beiden Seiten bedeutende Verstärkungen ein. In den ersten Novembertagen zählte die französische Armee 49 Bataillone, 8 Schwadronen und 96 Feldgeschütze, die englische 32 Bataillone, 20 Schwadronen und 24 Geschütze; die türkische Division bestand aus 8 Bataillonen – so daß die gemeinsame Stärke etwa 70 000 Mann betrug: 35 000 Franzosen, 23 000 Engländer und 12 000 Türken. Die russischen Landtruppen in Sewastopol und der Umgegend bestanden aus 103 Bataillonen, 58 Schwadronen, 22 Sotnien Kosaken und 282 Geschützen, im ganzen 82 000 Mann, waren also stärker als die Verbündeten, aber geteilt in die Verteidigung der Stadt und das Beobachtungskorps. Unter diesen Verhältnissen beschloß Fürst Menschikow, jenen Vorstoß zu wagen, der in der Geschichte der blutigen menschlichen Kämpfe den Namen der Schlacht von Inkerman trägt. Der strategische und taktische Plan dieser Schlacht ist einer der vorzüglichsten, die je gefaßt wurden; er würde dem Genie Friedrichs des Großen und Napoleons nicht zur Unehre gereicht haben. Was ihn scheitern ließ, waren Dinge, die außer der Berechnung des Feldherrn lagen. Die Brücke von Inkerman führt über die Tschernaja nahe ihrem Ausfluß in das Ende der großen Bucht von Sewastopol. Die neue Kriegsstraße und die alte Poststraße liefen, von der Festung kommend, an ihr zusammen; die erste zog sich in der Nähe des Buchtufers hin, die andere eine Strecke durch den Kilengrund und wand sich dann in einem Engpaß durch die Höhen. Auf der Seite nach der Tschernaja aber war das Tal so morastig, daß die Straße mehr als tausend Schritt über schmale Faschinendämme führte. Die Franzosen hatten sich auf dem Sapunberg mit zwei Divisionen unter Bosquet stark verschanzt. Den Engländern blieb die Deckung des Geländes zwischen dem Sapunberg und dem Kilengrund, durch das die beiden Straßen von der Tschernaja herlaufen, überlassen. Sie waren jedoch durch die Belagerungsarbeiten so in Anspruch genommen, daß sie darüber die Deckung der Wege vernachlässigten; erst Ende Oktober wurden drei Schanzen zum Schutz des rechten englischen Flügels und des Lagers flüchtig aufgeworfen. Die erste beherrschte auf der Höhe die alte Poststraße; die beiden anderen lagen weiter zurück. Diese Umstände waren dem Fürsten Menschikow wohl bekannt; er beschloß daher, die Engländer durch die gefährlichen Engpässe anzugreifen. Durch die Eroberung der Höhen auf beiden Seiten des Kilengrundes wäre das russische Offensivkorps in unmittelbare Verbindung mit der Besatzung Sewastopols gekommen; es konnte seine überlegene Reiterei gegen den Feind entwickeln, und dieser wäre gezwungen gewesen, die Belagerung des östlichen Stadtteiles aufzuheben, die später eben den Sieg entschied. Dieser Plan Menschikows war, wie gesagt, ausgezeichnet. Der Angriff sollte zur Täuschung des Feindes, von verschiedenen Seiten her geschehen. Zunächst sollte eine starke Gruppe von 29 Bataillonen und 38 Geschützen unter Generalleutnant Ssoimonow aus der Stadt, von der Bastion 2, hervorbrechen und die Höhen des Kilengrundes in Besitz nehmen; eine zweite Gruppe von 20 Bataillonen und 96 Geschützen unter Generalleutnant Pawlow, sollte über die Inkermanbrücke durch die Schluchten und auf der alten Poststraße vordringen und das englische Lager angreifen. Zugleich aber sollten das Korps des Generals der Infanterie Gortschakow von Tschorgun südwestlich her einen Scheinangriff mit 20 000 Mann gegen die französische Stellung auf dem Sapunberg ansetzen und aus der Ostseite der Festung zwei Regimenter der Besatzung unter Generalmajor Timofjew einen Ausfall nach der Bastion 6 gegen die französischen Belagerungslinien machen. Die Russen führten somit an 60 000 Mann mit 234 Geschützen ins Gefecht, wovon nur etwas mehr als die Hälfte für den wirklichen Kampfplatz bestimmt war, genügend, die Engländer zu erdrücken. Aber die Zufälle der Schlacht fügten es anders. Am Abend des 4. November, einem Sonnabend, herrschte ein widriges Wetter. Ununterbrochen regnete es in Strömen; die Wege waren grundlos von Wasser und Schmutz; ein dicker Nebel lagerte über Tälern und Bergen; man vermochte kaum im Umkreis von zehn Schritten die Gegenstände zu erkennen. Die ganze Natur hatte ein trübseliges Aussehen; die Schildwachen suchten unter den Vorsprüngen des Gesteins, unter Bäumen und Berghängen Schutz gegen die Unbilden. In der englischen Schanze 1, die eine Kompagnie des 95. Regiments von Lacy-Evans Division besetzt hielt, war eine Baracke für die Offiziere aufgeschlagen. Auf der einen Seite offen, hielt sie den strömenden Regen nur wenig ab. Die gemeinen Soldaten waren dagegen dem Unwetter ohne allen Schutz preisgegeben; sie besaßen nichts als ihre Mäntel und die drei Feuer, die sie auf der windgeschützten Leeseite der Baracke angezündet hatten und mühsam unterhielten. Es fehlte am Nötigsten für die Überwinterung der englischm Armee; man war in der Tat nur im Besitz von höchstens einem für 10 bis 15 Mann berechneten Zelt auf 100 Köpfe. In der Baracke lagen drei Offiziere, mißmutig in ihre Mäntel und Decken gehüllt; der eine hatte sogar einen prächtigen persischen Teppich, der die Zierde eines vornehmen Gemachs gewesen wäre und der jetzt in Schmutz und Regen herumgewälzt wurde. Ihre üble Laune war begreiflich; durch das Versagen der Heeresverwaltung fehlte es an allem. Das einzige, mit dem sie sich trösten konnten, waren die türkischen Zigaretten. »He, Mickey Sergeantmajor Mickey, der später bei der Belagerung der Wheelerschen Besatzung in Cawnpur von den Leuten Nena Sahibs gefangen und von dem Maharadscha zu einem grausamen Tod verurteilt wurde. – Vergleiche den Band »Ram, Ram, Mahadeo!« !« rief Kapitän Armstrong; er richtete sich halb auf den Armen auf und schnüffelte nach dem Feuer hin. »Es riecht hier verteufelt gut! Ich glaube, du braust Kaffee, Schurke, und läßt deinen Herm dabei ohne Gewissensbisse verschmachten!« Mickey, ein rothaariger Irländer, dem selbst die Beschwerden des Wetters und des Mangels die angeborene gute Laune nicht zu verderben vermocht hatten, warf die Arme in die Luft. »O, du grundgütige Mutter aller Schmerzen, was sind 'r Gnaden ungerecht gegen den armen Mick!« rief er an dem offenen Eingang. »Hab' ich darum diese gesegnete sechspfündige russische Kanonenkugel ganze zwei Meilen weit unter diesem meinem Arm mitgeschleppt, um nun so beschuldigt zu werden? – Der Duft kommt von dem schlechten Kaffee, den der Proviantkommissar liefert – möge er dafür in der Hölle braten! Bei allen russischen Schweinen, ich lasse meinen Herrn und dessen Freunde nicht verdursten! Nein, Mick macht Kaffee für seinen Herrn und begnügt sich mit einem Tropfen Whisky.« Die Offiziere sprangen wie von einer Feder geschnellt in die Höhe. Kapitän Armstrong war mit einem Satz vor der Baracke, wo er eben noch zeitig genug ankam, um Mickey eine große Lederflasche nach einem tüchtigen Zug absetzen zu sehen. Der Kapitän riß dem Verdutzten die Flasche aus der Hand. »Höllenhund, du hast ein Getränk, das besser ist als Wasser, und du sagst mir nichts davon?« »Ach, 'r Gnaden,« winselte Mickey in komischer Verzweiflung, »ein so vornehmer Gentleman wird einem armen Kerl, wie ich bin, nicht der kleinen Erfrischung berauben wollen! – Bei meines Vaters Seele, die Pater O'Donnaghue noch immer im Fegfeuer brennen läßt, weil ich ihm keine Messen mehr bezahlen wollte – ich hab' mich nur versprochen. Es ist miserabler türkischer Branntwein, den die vermaledeiten Schurken aus Kamelmist bereiten sollen! Mögen sie dafür ewig schmoren, wo des Teufels Schwiegermutter am schärfsten heizt!« Der Kapitän setzte trotzdem die Flasche an den Mund und tat einen tüchtigen Schluck. »Den Teufel auf deine lügnerische Zunge, Schuft!« sagte er und gab die Flasche an Leutnant Cavendish, einen schmächtigen Offizier mit gelblicher Gesichtsfarbe, weiter. »Es ist guter Rum!« »Gott verdamm meine Augen!« rief der Fähnrich O'Malley, ein Landsmann Mickeys, der ängstlich den Inhalt der Flasche sich vermindern sah. »Der Kerl muß den Lord Oberkommissar zum Freund haben, oder eine ganz besondere Quelle. – Woher hast du den Rum, Mick, mein Jüngelchen?« »Ich habe ihn gekauft, 'r Gnaden,« jammerte der Ire, »ehrlich bezahlt, oder ich will in meinem Leben nicht wieder Betty Flanagans runde Waden ansehen, wenn sie den Rasen im Twostep stampft. Ein Tatar hat mir die Flasche für bare zehn Schilling und sechs Pence verkauft.« »Das ist billig genug in Anbetracht der Umstände,« lachte Armstrong, »und du sollst nicht um dein Geld kommen. Hier hast du deine zehn Schillinge. Dafür überläßt du uns die Flasche, von der du deinen redlichen Anteil schon geschluckt haben wirst. Sollte der Tatar sich wieder blicken lassen, so will ich dir wohlmeinend raten, ihn festzuhalten, damit sein Vorrat nicht in andere Hände fällt. – Verstanden? – Solche Lieferanten muß man sich warm halten.« »Wenn 'r Gnaden nichts dawider haben,« schmunzelte Mickey, »ich habe ihm wohl so einen kleinen Wink gegeben, daß wir seiner bedürfen; aber dem vermaledeiten Burschen ist das Wetter zu schlecht gewesen.« »Er würde auch nicht durch die Posten kommen. – Jetzt mach' uns den Kaffee. Mit dem Zusatz von Rum wird das schlechte Zeug guttun, und Leutnant Stuart muß gleich von der Ronde zurückkehren.« »Schickt die Verwaltung denn noch immer den fatalen grünen Kaffee?« lispelte Leutnant Cavendish. »Möchten die Halunken daran ersticken!« schimpfte Armstrong. »Was denken sie in Alt-England? Meinen die vermaledeiten Ofenhocker, daß wir nichts anderes zu tun hätten als Kaffee zu brennen!« Der Unwille in der ganzen britischen Armee war neben hundert anderen Ursachen auch darüber allgemein, daß der schlechteste grüne Kaffee geliefert wurde. Die Soldaten hatten endlich herausgefunden, wie sie ihn in ihren Feldkesseln rösten konnten; in Ermangelung von Kaffeemühlen zermalmten sie ihn mit Kanonenkugeln und Steinen, so daß die russischen Kugeln zu diesem Zwecke sogar gesucht wurden. »O'Malley,« sagte Armstrong, »ehe Sie sich wieder unter Ihrem Zelt einrichten – gehen Sie gefälligst, wecken Sie Leutnant Lundgreen und fragen Sie ihn, ob er an unserer Schlemmerei teilnehmen will. Er hält hier seit fünf Tagen aus und wird selten genug etwas Warmes gehabt haben.« Gleich darauf gesellte sich der Artillerieleutnant Lundgreen, der die zwei Geschütze der Schanze befehligte, zu ihnen, und alle harrten des Kaffees. Der Regen ließ nach, aber der dichte, dampfende Nebel aus dem feuchten Boden verstärkte die Finsternis. »Es wundert mich, Kamerad,« meinte der Kapitän, »daß die vorgeschobene Schanze nur Ihre zwei Sechspfünder hat, da sie doch eigentlich die Hauptstellung an der Straße ist. Ohnehin scheint sie mir nicht besonders zweckmäßig eingerichtet.« »Ein Kind kann das sehen,« brummte der alte Artillerieleutnant, »und sie ist auch von Kindern und Narren angelegt. Erst auf dringendes Verlangen Lacy-Evans bequemte man sich dazu, und was denken Sie, wie die Coldstreams , die die Wache hatten, die Schanze bauten? Ich will verdammt sein – solch ein Muttersöhnchen aus einer Lordfamilie, dem das Offizierspatent gekauft wurde, ohne daß er einen rechten Winkel zu nehmen versteht, hat die Schießscharten mit der breiten Seite nach innen eingeschnitten!« Alle lachten. »Wissen Sie nicht, wie dieser Held hieß?« »Leutnant Elliot – ich glaube, ein Vetter oder Neffe des Herzogs von Norfolk!« »Das kommt von dem famosen System unserer Militärverwaltung! – Wär' das Volk, der einzelne nicht an und für sich so brav, die schmachvolle Einrichtung müßte uns längst zur schlechtesten Armee Europas heruntergewirtschaftet haben! – Ich meine das im allgemeinen«, fuhr der Kapitän zu seinem Ersten Leutnant gewendet fort. »Was können wir für die Einrichtungen unseres Vaterlandes? Überdies haben wir bis auf den braven Stuart, der es am Kap unter mir erwarb, alle unsere Offizierspatente bezahlen müssen!« »Wenn ich nicht irre, Kamerad,« sagte der Artillerist zu Leutnant Cavendish, »sind Sie erst seit kurzem bei uns?« »Ich diente in Indien.« »Ost oder West?« »In Bombay, Herr Kamerad! Doch befand ich mich nur zwei Jahre im Regiment.« »So konnten Sie das Klima nicht ertragen?« »O,« sagte der Leutnant, »daran hatte ich mich bereits so ziemlich gewöhnt. Es ist gerade nicht ganz schlecht leben in Indien für uns Engländer.« »Hören Sie, Cavendish,« sagte Armstrong, »Sie sind kein übler Bursche, wenn Ihnen auch mitunter noch die Manieren des Hofdienstes etwas ankleben. Wir haben Sie nie gefragt darum, wie es kam, daß Sie Indien verließen. Dadurch, daß Sie Ihr Patent in unserem Regiment eintauschten, ist Stuart um die erste Aussicht auf die Kompagnie gekommen. Warum haben Sie nicht gewartet, bis sich eine Gelegenheit bei der Garde bot? Kommen Sie, wir sind unter uns, erzählen Sie uns Ihre Gründe, wenn es angeht!« Cavendish zögerte einige Augenblicke, dann sagte er: »Wenn Sie es wünschen, bin ich bereit, obgleich das Geständnis Ihnen keine besondere Meinung von mir beibringen wird. Indien – war mir unheimlich.« »Was – zum Henker? – Ich hoffe, doch nur wegen der Cholera oder den Klapperschlangen? Das ist erlaubt.« »Nein, Sir – es war mir unheimlich geworden – durch einen Brahminen.« »Das ist seltsam. Ich habe Sie beim Angriff auf Kamiesch im Feuer stehen sehen und weiß daher, daß es Ihnen wirklich nicht an Mut fehlt. Es müssen also ungewöhnliche Sachen im Spiel sein. Sie machen mich neugierig! Bitte, spinnen Sie Ihr Garn, wie unsere Matrosen zu sagen pflegen; bei dem Becher Kaffee, den Mickey eben bringt, wird es uns die Wache verkürzen helfen.« Der Irländer reichte die blechernen Trinkschalen mit dem Kaffee umher und sah ärgerlich, wie die Offiziere seinen Rum hineingossen. Die Gesellschaft wurde durch den Anruf der Schildwache am Eingang der Schanze unterbrochen; dann hörte man die fröhliche Stimme des von der Runde zurückkehrenden Leutnants Stuart. Stuart war Schotte von Geburt, schlank, etwa dreißig Jahre alt, mit sonnverbranntem, hübschem Gesicht. »Der Zar soll mich fressen,« rief er lachend und schüttelte sich wie ein nasser Pudel, »wenn ich in diesem Augenblick nicht der willkommenste Leutnant im ganzen Lager bin! – Aufgeschaut, meine Herren – Lord Raglan sollte mich zum Generalproviantmeister machen! Kein anderer als Ronald Stuart von Kinrose würde es in dieser verwünschten Nacht fertiggebracht haben, zwischen Schlamm und Regen Proviant für eine Generalstafel aufzufischen!« »Schieß los, mein Junge!« rief der Kapitän. »Was sind das für ein paar verdächtige Schurken da hinter dir? – Hast du etwa Gefangene gemacht?« »So wahr ich bei hübschen Dirnen lieber liege als bei alten Weibern,« mischte sich Mickey ein, »ich glaube, 'r Gnaden, das ist mein Rumlieferant, von dem ich 'r Gnaden gesagt habe!« Seiner Kleidung und seinem Aussehen nach war er ein tatarischer Bewohner der Gegend und stammte, wie er in einigen englischen Brocken radebrechte, aus dem Dorf Kadikoi. Er trug mit einem Knaben, seinem Bruder, in Körben allerlei Mundvorrat zum Handeln. Das Wetter hatte den beiden offenbar hart zugesetzt; Leutnant Stuart erzählte, daß er im Nebel in der Nähe der Schanze auf sie gestoßen wäre. Es war zwar nicht ungewöhnlich, daß sich tatarische Einwohner im Lager umhertrieben, dennoch war Kapitän Armstrong unzufrieden mit Stuart, weil er die beiden Fremden in die Verschanzung geführt hatte. Indes, die Gelegenheit, bei dem Hundewetter Erfrischungen zu erhalten, überwog alle Bedenken, und der Kapitän gestattete, daß die Tataren einige Flaschen einheimischen Branntweins unter Mickeys Vermittlung an die Soldaten verkauften; die Offiziere erhandelten sich eine Flasche Rum und ein Hammelviertel. Der Irländer erhielt den Auftrag, Fleischschnitten zu braten, und Fähnrich O'Malley bereitete warmen Grog. » Stop !« klang der Ruf der Wache vor der Brustwehr. – »Werda? – Feldgeschrei! – Parole!« »Abukir und Waterloo!« antwortete eine Stimme. »General Codrington!« Ehe noch die Wache ihr »Passiert« hatte entgegnen können, waren die überraschten Offiziere schon aufgesprungen und eilten dem Hals der Verschanzung zu. Außerhalb des Walls hielt Brigadegeneral Codrington mit kleiner Begleitung. Einige Nachrichten, die ihm von Bewegungen der Russen zugekommen waren, hatten ihn besorgt gemacht, und er ritt die britischen Linien ab, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen. »Wer befehligt die Batterie?« »Leutnant Lundgreen, Exzellenz! – Die erste Kompagnie des 95. Regiments, Kapitän Armstrong, zur Deckung.« »Gut, meine Herren. – Ich sehe, das Höllenwetter hat keinen Einfluß auf Ihre Wachsamkeit. Möchte Ihnen raten, Kapitän, wenn ich auch nicht Ihr Kommandeur bin, einen Offizier mit einer Feldwache während der Dunkelheit die Straße zwischen den Höhen bis zur Wasserleitung hin abstreifen zu lassen. Die Russen stehen, wie wir wissen, in bedeutender Stärke am anderen Ufer des Flusses.« »Zu Befehl, Exzellenz. – Leutnant Cavendish! Nehmen Sie einen Sergeanten und zehn Mann – verstärken Sie den Posten auf der Straße nach der Tschernaja – senden Sie Streifen bis an den Talrand!« Cavendish grüßte mit etwas saurer Miene. »Zum Henker!« flüsterte O'Malley, »da kommen wir um die Fleischstreifen, den Rum und den Kaffee!« Eilig machte sich der Leutnant bereit, denn der General zögerte offenbar, um den Abmarsch der Feldwache zu sehen. Beide ahnten nicht, daß zwischen dem Jetzt und dem Wiedersehen die Ewigkeit lag. »Fertig! – Gewehr auf! Marsch!« Das Kommando verließ die Schanze. Als Cavendish bei General Codrington vorbeimarschierte und grüßte, klang von der Festung her ein fernes melodisches Summen durch die schwere Nebelluft. Der Leutnant blieb stehen – auch die anderen Offiziere horchten auf die Klänge, die offenbar aus der Festung kamen. Lord Codrington lachte. »Kehren Sie sich nicht daran, meine Herren! Hab' es vorhin schon vernommen, als ich meine eigene Brigade abritt. – Die Russen läuten zur Nachtmesse in der Stadt; morgen ist Sonntag, und sie feiern wahrscheinlich ein Fest ihrer hundert Heiligen! Gute Nacht oder besser: guten Morgen und gute Wache, Gentlemen!« General Codrington ritt grüßend weiter in der Richtung der anderen Schanzen. Die Wachen wurden abgelöst; dann suchten Offiziere und Soldaten eine möglichst trockene Stelle für einige Stunden Ruhe und wickelten sich in ihre Mäntel. Auf seine Nachfrage erfuhr Kapitän Armstrong, daß der Tatar und sein Bruder mit der Feldwache die Verschanzungen ungehindert wieder verlassen hatten – aber es war nicht mehr zu ändern. Der Tatar hatte den Trupp nur eine kurze Strecke weit bis zur alten Poststraße begleitet, dann verließ er die Soldaten unter dem Vorgeben, nach Kadikoi zurückzukehren. Die Feldwache verschwand im Dunkel des Hohlwegs; der Tatar verließ mit dem Knaben die Straße und kletterte an den Hügelseiten empor. »Jetzt wissen wir, was wir wollen, Mauro«, sagte er. »Du kennst die Parole und das Feldgeschrei für den Notfall, wenn du auf Soldaten stoßen solltest. Rasch nach der Stadt und General Ssoimonow entgegen! Ich gehe durch die Steinbrüche; in einer Stunde bin ich an der Brücke. – Die Narren haben uns alle ihre Verteidigungen sehen lassen! Ich denke, Mungos Der Zigeuner Mungo, der schon bei Oltenitza den Russen als Spion diente und sie durch die Donausümpfe in den Rücken der türkischen Stellung führte. – Vergleiche den Band »Das Testament Peters des Großen«. Probestück wird auf diesem fremden Boden der Empfehlung deines Herrn keine Schande machen.« Der Spion verlor sich im dunklen Schatten der Berge; der Knabe schlich in der Richtung der Stadt davon. Als General Codrington von seiner Besichtigung der britischen Linie, die er bis gegen den Sapunberg hin ausgedehnt hatte, zurückkehrte – der Tag brach schon an – fielen auf dem linken Flügel der Vorpostenkette vor der Division Brown Schüsse. Bald darauf hörte man von der Seite von Inkerman heftiges Gewehrfeuer. Codrington ließ seine Brigade antreten. Das Glockengeläut in der Nacht von den Türmen Sewastopols hatte nicht der Sonntagsfrühmesse gegolten – es hatte die Einwohner zusammengerufen zum Gebet für den glücklichen Ausgang der bevorstehenden Schlacht. Die Truppen standen fertig auf den Sammelpunkten. Der Morgen rötete den Himmel. Auf den Bergen und in den Tälern wallte noch dicker Nebel. Im englischen Lager schlief noch alles ruhig. Niemand ahnte die nahe Gefahr. Die russischen Truppen begannen von den Höhen des rechten Tschernaja-Ufers herabzusteigen; von der Stadt her näherte sich die Spitze der Abteilung Ssoimonows. In dieser Stunde schon war es, da das Geschick der Schlacht durch den Fehler eines Führers entschieden wurde; selbst die heldenmütige Opferung seines Lebens vermochte später nicht mehr, die Folgen abzuwenden. Der Befehl für die Kolonne des Generalleutnants Ssoimonow, der von der Bastion 2 aus gegen die Engländer vorbrechen sollte, lautete: auf der linken Höhenseite des Kilengrundes vorzugehen und die Engländer anzugreifen. Fürst Menschikow hatte damit die westliche Seite des Kilengrundes gemeint und bei der Bestimmung von rechts und links den Lauf des Talgrundes nach seinem Ausgang zum Meere angenommen. General Ssoimonow tat das Gegenteil – er rechnete in der Richtung, in der er marschierte. So überschritt seine Kolonne denn gleich beim Austritt aus der Stadt die Mündung des Kilengrundes und rückte auf der Platte des östlichen Randes vor, statt sich auf dem breiten Gelände des westlichen zu entfalten und dort den linken Flügel der englischen Stellung anzugreifen, nach der Mitte hin aufzurollen und so zwischen die englischen Laufgräben und das Lager einzudringen, das am Anfang des Kilengrundes lag. Dies war jedoch nicht der einzige Nachteil. Infolge des Irrtums schob sich das Ssoimonowsche Korps vor den von der Inkermanbrücke her vordringenden rechten Flügel der Angriffsabteilung des Generalleutnants Pawlow; Pawlow sollte von dieser Seite gegen das englische Lager vordringen, während sein linker Flügel auf der alten Poststraße und durch die Schluchten die englischen Schanzen und den rechten Flügel der Feinde angriff. Die Russen verloren dadurch ihr zahlenmäßiges Übergewicht – sie vermochten nicht aufzumarschieren. Die russischen Regimenter mußten in Kompagniekolonnen zum Angriff vorgehen, und die englischen Bataillone, in Front in zwei Gliedern aufgestellt, eröffneten mit ihren vorzüglichen Gewehren schon in großer Entfernung ein sicheres, vernichtendes Feuer auf sie. Der dichte Nebel und die graue Farbe der Platschtschs der Russen machte es neben der Ermattung der englischen Wachen den Plänklern möglich, unbemerkt dicht heranzukommen. Das Tarutinskische Jägerregiment unter seinem Kommandeur Generalmajor Wolkow rückte auf der alten Poststraße vor, während das Borodinskische Regiment die Schluchten hinabstieg. Leutnant Cavendish, kaum eine halbe Stunde vorher von einer Erkundung bis an die Tschernaja zurückgekehrt, sah sich plötzlich im Rücken und in den Flanken von russischen Jägern eingeschlossen; ein Offizier rief ihm zu, er solle sich ergeben. Seine Antwort war ein Revolverschuß, um die nächsten Wachen zu alarmieren. Dann versuchte er, an der Spitze seiner kleinen Truppe sich durchzuschlagen. Ein Bajonettstich in die Brust warf ihn zu Boden, indes gelang es ihm, aus dem wütenden Gemetzel zu entkommen, und sich in den Schutz des nächsten Gebüsches zu schleppen. Binnen wenigen Minuten war jetzt Alarm auf der ganzen Linie. Der Angriff war aber so breit angelegt, das Kanonen- und Kleingewehrfeuer krachte von so verschiedenen Seiten, daß die englischen Generale anfangs vollständig im Zweifel waren, woher der Hauptstoß sie bedrohte. Von der linken Seite her donnerten die Batterien der Stadt und unterstützten die Artillerie Ssoimonows, die mit 38 Geschützen sich auf den rechten Kilenhöhen aufgestellt hatte. Die Spitzen des Pawlowschen Korps erstiegen schon die Höhen der Poststraße; von Südosten verkündeten Kanonenschüsse den Vorstoß des Fürsten Gortschakow gegen den Sapunberg. Zuerst glaubten die Engländer, es gelte aufs neue einen Angriff auf Balaklawa, und hielten das Vordringen von Inkerman für eine Scheinattacke. Die blutige Wirklichkeit belehrte sie bald eines anderen. General Pennefather, der wegen Erkrankung Lacy-Evans die Division führte, erschien zuerst auf dem Kampfplatz und sandte die drei Regimenter der Brigade Adams zum Schutz der Schanze 1; mit der eigenen Brigade nahm er links gegen Ssoimonow Stellung. Buller und Codrington setzten mit ihren Brigaden die Schlachtlinie fort. Hinter diesem ersten Treffen gelang es den Engländern, ihre weitere Stellung zu bilden. Noch im Schutz des Nebels drängten das Borodinskische und Tarutinskische Jägerregiment von der Abteilung Pawlow, nachdem sie die Hohlwege erstiegen, die Brigaden Pennefathers zurück und griffen die Schanze 1 an. Das Tomskische und Koliwanskische Regiment, unterstützt durch das Regiment Katharinenburg, warfen sich im furchtbaren Flankenfeuer der vier englischen Brigaden Codrington, Buller, Campbell und Gordon mit dem Bajonett auf die Brigaden Adams und Pennefather. Der Ruhm, den die Engländer sich bis dahin selber zugeschrieben, daß keine Truppe der Welt sich mit ihnen im Bajonettkampf messen könne, wurde dort gründlich vernichtet. Die russischen Bataillone drangen unwiderstehlich vor, obwohl sie auf diesem Teil des Schlachtfeldes an Zahl nicht überlegen waren. Das Handgemenge war entsetzlich. Über die Fallenden und Sterbenden stürmten neue Kämpfer in die Reihen. Das »Hurra« der Russen, als sie im Talgrund in geschlossenen Abteilungen vordrangen, klang wie der Donner einer Lawine, und wie eine Lawine zermalmten sie die englischen Bataillone. Die Artillerie Ssoimonows sandte zugleich von der Höhe ihre Geschosse bis in die Zelte des englischen Lagers. Ein Bataillon des Tomskischen und zwei Bataillone des Koliwanskischen Regiments stürmten die Schanze 2, vernagelten die Geschütze und drangen bis ins Lager der 2. Division. Zwei Bataillone Katharinenburg, unter ihrem Obersten Uwaschnow Alexandrow, umgingen sogar das obere Ende des Kilengrundes; sie gelangten so auf das Gelände, das die Abteilung Ssoimonow von Anfang an hätte besetzen sollen, und stürzten sich dort auf das Lager. Doch sie blieben ohne Unterstützung; Generalmajor Wilboa, der Befehlshaber der drei Regimenter, fiel, von einer englischen Kugel getroffen. Die Miniébüchsen der Schützen der Division Brown räumten schwer unter den Russen auf, und die Bataillone mußten ihre Vorteile wieder aufgeben. Sie gingen, fast aller Offiziere beraubt, bis an den Hohlweg zurück, der die Steinbrüche an dem Kilengrund bildet. Dort war es, wo Ssoimonow mit seinem Blut den begangenen Fehler sühnte. Auch der Kommandeur seiner Artillerie, Oberst Saghoskin, fiel; die Artilleriebedienung, die Zugpferde wurden von den weithin treffenden Kugeln der Engländer getötet; erst unterm Schutz der von Generalmajor Schabokritski in vorteilhafter Stellung aufgefahrenen Batterien gelang es den russischen Regimentern, sich wieder zu formieren. Sie hatten unerhört gelitten und mußten aus der Schlachtlinie zurückgezogen werden. In den drei Regimentern waren nur noch zwei Stabs- und fünfzehn andere Offiziere ohne schwere Wunden. Neue russische Regimenter nahmen hinter den Batterien Stellung – der Artilleriekampf begann. Auf der Höhe hinter diesen Batterien der ersten Linie hielt der Oberbefehlshaber der russischen Angriffsabteilungen, General Dannenberg; der Tod mähte um ihn her eine reiche Ernte. Offiziere des Generalstabes, Adjutanten und Ordonnanzen wurden ringsum getötet, dem General selbst zwei Pferde unter dem Leibe erschossen. Während dieses wilden Kampfes am oberen Ende des Kilengrundes hatten die beiden Regimenter des Pawlowschen Korps, die sich gegen die Schanze 1 und die Brigaden Adams und Pennefathers gewandt, diese zurückgedrängt und stürmten wiederholt die Schanze, in der sich Kapitän Armstrong tapfer hielt. Dem munteren O'Malley jagte eine Kugel durch den Mund und schloß ihn für immer; der Ire Mickey schleppte seinen Herrn schwer verwundet aus dem Kampf. – Die Russen drangen wiederholt bis an die Mündungen der kartätschensprühenden Geschütze Lundgreens vor; für die Toten, die Bajonett und Kolben der Engländer von den Brustwehren schleuderten, klommen mit russischer Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Leiden neue Scharen hoch. Schon drangen einzelne in das Innere der Batterie und kämpften mit den Artilleristen. Die Schanze war verloren... Früh um sieben Uhr war Lord Raglan mit seinem Stab auf dem Schlachtfelde eingetroffen. Mit Ausnahme der Brigaden Colin Campbell und Eyre, die in den Laufgräben und bei Balaklawa standen, war die ganze englische Macht im Feuer. Um den Gang des Gefechtes besser zu überwachen, ritt er in die Schlachtlinie vor – an seiner Seite fiel dort der Chef seiner Artillerie, General Strangways, der bei Leipzig als Kommandeur einer Raketenbatterie ruhmvoll seine Laufbahn begonnen. Bald nach Beginn des Angriffs eilte General Bosquet, der Befehlshaber des französischen Beobachtungskorps auf dem Sapunberg, in das britische Lager, gefolgt von vier Kompagnien Vincenner Jäger, zwei Bataillonen Infanterie und zwei reitenden Batterien. Er bot den Generalen Cathcart und Brown seine Hilfe an – die hochmütigen Briten, noch nicht genug gedemütigt angesichts ihrer zerschossenen Regimenter, lehnten kurz den Beistand ab. Nur wenn die Schanze l in die Hände der Feinde fiele, würden sie um Unterstützung ihres rechten Flügels bitten. Bosquet, weit verständiger als die Engländer, sandte ohne weiteres, trotzdem ihn das überlegene Gebaren der Briten gekränkt hatte, seine Truppen der Schanze zu Hilfe. Dann kehrte er nach seinem Posten auf dem Sapunberg zurück, um sich selber von der Bedeutung des Angriffs zu überzeugen, der dort von Tschorgun her drohte. Sein Scharfblick erkannte, daß es nur eine Scheinattacke war, um ihn zu beschäftigen. Er traf demnach seine Vorbereitungen, um auf die erste Botschaft der Engländer nach dem Schlachtfelde eilen und mit seinen Truppen das Schicksal des Tages entscheiden zu können. Der beleidigte General wartete auf die Bitte der Briten, die, wie er sah, kommen mußte. Der tapfere Republikaner, der mit seiner ganzen Division keck gegen das Kaisertum gestimmt, der, als Liebling der Armee, nur auf Fürsprache Canroberts beim orientalischen Kriege wieder eine Division erhalten und seitdem durch sein Organisationsgenie bei der Landung in Gallipoli die Engländer in Staunen gesetzt, der an der Alma schon durch den Sturm auf die Höhen am Meer die Schlacht entschieden hatte – er haßte als echter Franzose die anmaßenden Verbündeten seines Kaisers, die natürlichen Feinde Frankreichs, und beschloß, sie zu demütigen. Bosquets Soldaten waren es, die, als die Russen schon die Bedienungsmannschaften niedermachten, die Verteidiger der Schanze l befreiten. General Bentink eilte zu gleicher Zeit mit der Gardebrigade der geworfenen zweiten britischen Division zu Hilfe und trieb die Russen zurück. Es war neun Uhr – der erste Akt des blutigen Dramas war beendet. Doch nur auf kurze Zeit. Aufs neue rollte der Vorhang hoch und ließ das Spiel der Vernichtung, des Menschenmordens, der gegenseitigen Zerfleischung aufs neue beginnen. Die drei letzten Regimenter der Abteilung Pawlows, die Ochotskischen Jäger und das Jakutskische und Selenginskische Infanterieregiment, waren nach Überschreitung der wiederhergestellten Inkermanbrücke rechts auf der Kriegsstraße vorgerückt. Sie trafen um acht Uhr auf dem Schlachtfeld ein, zur Zeit, als die vorderen Truppen Ssoimonows nach dem Fall ihres Führers zum Steinbruchgrund zurückgedrängt wurden. Neben General Dannenberg hielten zu Pferde zwei Offiziere mit den Abzeichen hohen Ranges – Großfürst Nikolaus und sein jüngerer Bruder. Die drei Regimenter, das Ochotskische an der Spitze, marschierten zwischen den Hügeln auf; die Brigade- und die Regimentskommandeure sprengten zum Befehlshaber. »Wir müssen die Schanze unter allen Umständen haben, General Ochterlone«, sagte der Kommandierende, indem er sein Glas vom Auge nahm. »Ich sehe, die Garden halten sie jetzt; lassen Sie Bibikow links abschwenken und die Höhen stürmen; Ihrer Majestät Coldstreams werden bei den nächsten Almacks Almacks nennt man in England Bälle, zu denen nur die beste Gesellschaft Zutritt hat. Ihren Namen haben sie nach dem Londoner Mac Call, der unter dem Pseudonym Almack 1765 in drei von ihm mit großem Aufwand ausgestatteten Sälen vornehme Bälle veranstaltete. nicht mehr so stark vertreten sein, hoff' ich!« Der greise Offizier grüßte und sprengte davon. General Dannenberg wandte sich wieder zum Kommandeur der 1. Brigade. »Sie müssen über den Hohlweg der Straße die Höhe gewinnen, ehe die Kolonnen dort – wenn ich nicht irre, ist's die 4. Division unter Cathcart – sie besetzen! – Kapitän Kowalew – Sie reiten zu Pawlow, und sagen Sie ihm, was ich über die Regimenter bestimmt habe. Er soll den Ersatz nachrücken lassen und die Batterien so nahe wie möglich bringen. – Vorwärts, meine Herren! Gott segne Rußland!« Großfürst Nikolaus faßte seinen Arm. »General,« sagte er, »mit Ihrer Genehmigung werde ich mich Oberst Sabatinski anschließen.« »Unmöglich, Kaiserliche Hoheit«, entgegnete der General höflich, aber bestimmt. – »Ich kann es unter keinen Umständen gestatten! – Euer Kaiserliche Hoheit und Großfürst Michael sind – –« er sah sich erstaunt um – »wo ist der Prinz?« »Mein Bruder«, sagte Großfürst Nikolaus, »ist schon Oberst Bibikow dahin gefolgt, wohin Ehre und Pflicht ihn rufen. Ich bitte Sie, Herr General, zu bedenken, daß der Zar, unser Vater, uns nicht hierher geschickt hat, um Schlachten von fern zu sehen, sondern sie Schulter an Schulter mit unseren braven Soldaten zu schlagen.« Der General verbeugte sich. »Diese Herren sind Zeuge, daß ich meine Pflicht getan!« »Auf Wiedersehen, Herr General!« Der Prinz sprengte mit seinen Adjutanten den Regimentern nach. Ungestüm warfen sich die russischen Jäger auf die Schanze, die jetzt von den Coldstreams verteidigt wurde. Ein Kampf, fürchterlicher, blutiger denn zuvor, entspann sich. Die Briten, gänzlich abgeschnitten und zugleich von der russischen Artillerie auf den gegenüberliegenden Höhen beschossen, schlugen sich heldenmütig. Viermal drangen die Ochotsker bis zu den Schießscharten vor, und viermal wurden sie mit Bajonett und Kartätschen wieder zurückgeworfen. Zweihundert von dem kaum siebenhundert Mann starken Regiment waren schon gefallen – da gaben die Briten die Hoffnung auf, die Schanze zu halten und bahnten sich mit dem blanken Stahl den Rückweg durch die Feinde. Mehr als ein Drittel des Regiments fiel; aber auch der Sieg der Russen wurde teuer erkauft. Ihr tapferer Oberst Bibikow stürzte, tödlich verwundet; beinahe alle Stabs- und höheren Offiziere des Regiments lagen auf dem Kampfplatz. Auf der Schanze wehte die russische Fahne. Die Brigade Ochterlone warf sich auf die Reste der 2. englischen Division und trieb sie zurück. Da eiltm Cathcart – der Liebling Wellingtons – mit seiner Division und Lord Bentink mit den übrigen zwei Garderegimentern und dem wieder gesammelten Rest der Coldstreams zur Unterstützung herbei. Die Grenadiere und die schottischen Gardefüsiliere stürzten sich erbittert unter den Klängen des Pibroch von Donald Dhu und dem Ruf: »Schottland für immer!« auf die russischen Sieger. Wilden Bestien gleich, verbissen sich die Feinde ineinander. Gnade wurde von keinem verlangt, von keinem gegeben. Ein grausames Morden war's. Das Blut mischte sich mit dem Schmutz und Regen und färbte den Boden rot. Noch im Fallen griff man nach dem Leben des Gegners. Die Krankenträger fanden später vielfach Freund und Feind ineinander verkrampft, so daß es unmöglich war, die erstarrten Arme zu lösen. Umschlungen, legte man sie später ins Massengrab – Ochotskischer Jäger und Coldstream. Auf der Schanze wehte wieder die Fahne Alt-Englands. Unterdes hatte sich Cathcart mit dem 29. und 63. Regiment in den Hohlweg gestürzt, um der russischen Brigade den Rückweg abzuschneiden. Oberst Bjalui mit den Jakutskischen Jägern stürmte, unbekümmert um die Gefahr im Rücken, gegen die Garden – Lord Bentink wurde verwundet, zwölf britische Offiziere fielen – die Schanze wurde aufs neue den Garden entrissen und diese zurückgetrieben. Die Engländer im Hohlwege sahen sich durch die besonnenen Befehle General Ochterlones vom Selenginskischen Regiment umringt. Ein Kampf der Verzweiflung hob an auf der Seite der Briten; ein Kampf wütenden Hasses auf der Seite der Russen, deren Erbitterung während des ganzen Krieges in allen Ständen weit größer war gegen die hochmütigen Briten als gegen die Franzosen. Vergeblich war alle Tapferkeit, alle persönliche Aufopferung des mutigen Cathcart. »Wir haben keine Patronen mehr!« riefen die Soldaten ihrem Führer zu. »Nun, so habt ihr Bajonette! – Vorwärts für Alt-England!« Und vorwärts stürzten die Kompagnien; aber sie zerstoben an den unerschütterlichen Linien der Russen. Entmutigung schlich sich in die Herzen der Briten – in Unordnung eilten sie den Höhen zu. Die Flüchtenden rannten in den Rachen der Hölle. Oben empfing sie das Jakutskische Regiment mit einem Kugelhagel; Cathcart, durch den Kopf geschossen, fiel – Goldie, Torrens, seine beiden Brigadegenerale, sanken verwundet; dichter Pulverdampf umhüllte das Todesfeld. An allen Punkten begannen die Engländer zu weichen, zu fliehen. Die zweite Schanze war in den Händen der Russen; zum zweiten Male drangen sie in das britische Lager. Neben Lord Raglan befand sich während des ganzen Gefechts der französische Oberbefehlshaber Canrobert, ohne der schmerzhaften Wunde an der Hand zu achten. Gegen zehn Uhr morgens brachten ihm die Adjutanten die Nachricht, die Russen hätten unter Timofjew aus der Bastion 6 auf der Westseite der Festung einen Ausfall gegen die französischen Laufgräben gemacht und wären mit der Brigade Lourmel handgemein. Die drei französischen Divisionen der Westseite waren in Alarm und warfen die Russen zurück; dort hatte man also nichts zu besorgen. Der kleine, bewegliche Canrobert blieb auf seinem Posten und wartete, wie Bosquet, auf den Augenblick, da sich der englische Stolz beugen mußte. Und er beugte sich. Lord Raglan erkannte, daß die ganze englische Stellung verloren war, wenn nicht schleunigst Hilfe käme. Der hochmütige Brite, der zehn Tage zuvor die ganze englische Reiterei ins Verderben schickte, nur um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, bat zähneknirschend um die französische Unterstützung. Er erlitt die tiefe Demütigung, daß er, auf Canroberts Wunsch, seine eigenen Adjutanten zu dem früher abgewiesenen Bosquet schicken und den gekränkten Offizier um schnellstes Eingreifen bitten mußte. Durch den Donner der Geschütze und das Rollen des Gewehrfeuers klangen hell die langen Hörner der Zuaven, der algerischen Schützen und der Jäger von Vincennes. Bosquet, der General Kaiser Napoleons, spielte diesmal die Rolle der Preußen bei Waterloo und kam mit seinen drei Brigaden im Geschwindschritt vom Sapunberg heran. Rechts von den Engländern warf er sie in die Schlachtlinie auf den linken Flügel der Russen. So wechselt die Geschichte – so wechseln die Bündnisse. Der dritte und letzte Akt der blutigen Tragödie von Inkerman hub an. Die eigentümliche Marschweise der Zuaven – der Trab oder vielmehr das springende Laufen in Kompagnie- und Bataillonskolonnen – brachte sie mit überraschender Schnelligkeit heran. Die Brigade Monet folgte den beiden anderen als Ersatz. Einen Augenblick war General Dannenberg unentschlossen. Er besaß noch vier Regimenter, die noch nicht in den Kampf gekommen waren: das Uglitzsche und Butinskische hatten bisher die Artillerie gedeckt, das Wladimirsche und Susdalische waren als Ersatz zurückbehalten worden. Sollte er sie dem neuen Stoß entgegenwerfen und um den Sieg ringen? Indes, die Erwägung, daß bei einem Mißlingen sein ganzes Korps, den gefährlichen Engpaß von Inkerman im Rücken, verloren sein mußte, entschied – er beschloß den Rückzug. Die Artillerie erhielt den Befehl, nach der Inkermanbrücke abzufahren; die Adjutanten jagten zu den bedrohten Regimentern. Rückzug!... General Dannenberg schaute sich suchend um. Es galt, einen persönlichen Befehl auszuführen, nachdem die Pflicht des Feldherrn erfüllt worden. Ein neuer Offizier vom Generalstabe des Fürsten Menschikow, der, wie viele seiner Kameraden, sich dem Stab des Generals Dannenberg angeschlossen, hielt mit mehreren Kosaken in der Nähe. »Kapitän Iwan Oczakow!« Fürst Iwan legte die Hand an die Stirn. »Sie kennen den Großfürsten Nikolaus. Er begleitet, wie Sie gesehen haben, das Selenginskische Regiment, das in diesem Augenblick sich in der größten Gefahr befindet. Suchen Sie ihn auf und sagen Sie ihm, ich ließe bitten – nein, befehlen, er solle Sie auf der Stelle hierher begleiten.« Fürst Iwan beugte sich über den Sattelknopf seines Pferdes und raste davon; ein Wink seiner Hand hielt seine Begleiter bei dem Gefolge des Generals zurück. Ihre besorgten Blicke sahen ihn in dem Gewoge von Dunst von Pulverdampf verschwinden, der in der Richtung der genommenen Schanzen Berg und Tal verbarg. Oberst Sabatinski, der Kommandeur des Selenginskischen Regiments, hatte schon den Befehl zum Rückzug erhalten; das Ochotskische Regiment ging bereits zurück. Somit war das seine dem vollen Stoß der frischen französischen Regimenter preisgegeben. In drei Bataillonskolonnen formiert, dicht geschlossen, erwarteten die Russen den bösen Stoß. In diesem Augenblick langte Fürst Iwan beim Regiment an und erkannte in der mittelsten Kolonne den Großfürsten. Er war an seiner Seite, als die französischen Hörner dicht vor den Fronten aus dem Pulverdampf erklangen und unter dem donnernden Kaiserruf das 3. Zuavenregiment sich auf die Russen stürzte, während rechts und links die afrikanischen Jäger angriffen. »Vive l'Empereur!« Der erste tolle Anlauf der Franzosen prallte an der Unbeweglichkeit der russischen Massen ab. Die Stärke der Zuaven ist der Einzelkampf. General Saint-Pol, der sie führte, sammelte in kurzem Abstand das Regiment zu neuem Angriff. Langsam gingen die Russen zurück. Die französischen Plänkler unterhielten ein scharfes Feuer aus ihren kurzen Büchsen. »Kaiserliche Hoheit...« Der Großfürst weigerte sich, das bedrohte Regiment zu verlassen – erst der bestimmte, fast schroffe Befehl des Obersten Sabatinski nötigte ihn dazu, als ein Schuß sein Pferd traf. »Du siehst, Fürst,« sagte der Zarensohn, »daß ich nicht fort kann. Ich werde zu Fuß mit den Braven kämpfen!« Fürst Iwan war schon aus dem Sattel. »Kaiserliche Hoheit kennen meinen Befehl und werden mein Pferd nehmen!« Endlich verstand sich der Großfürst dazu und verließ unter dem Kugelregen die Kolonne. Er war kaum fort, als der zweite Ansturm der Franzosen in die Reihen der Russen einbrach und sie zu sprengen drohte. Die ersten Glieder wurden zu Boden geworfen; ein blutiges Würgen mit Bajonett und Kolben begann. Von zwei Seiten drangen die Zuaven in die russischen Glieder. »Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der verrückte Jean ist, der der hübschen Hexe, deiner Schwester, davongelaufen sein muß!« rief mitten im Gewühl des Angriffs ein bärtiger Zuavensergeant seinem Nebenmann zu, Francis Bourdon, dem Bruder Ninis. »Wo, Papa Fabrice? – Der junge Russe im Mantel? – Parbleu! Es ist Jean und wir müssen ihn wieder haben, den blödsinnigen Burschen!« Die beiden Zuaven warfen sich in eine Lücke des Getümmels und schlugen sich nach der Stelle durch, wo sie Iwan bemerkt hatten. Ein Degenstoß empfing den Bruder der Marketenderin, so daß er ihn nur mit Mühe abzuwehren vermochte. – »Der Bursche ist verrückt wie ein Märzhase oder ein wirklicher Überläufer«, brüllte der Sergeant und schleuderte Iwan zu Boden, indes Bourdon mit zwei russischen Infanteristen handgemein war. »Der Tölpel ist schlimmer, als ich dachte, und mir lang' im Weg! – Zum Teufel mit dir!« Der Sergeant, erbittert über den Pistolenschuß, den Iwan, schon am Boden, nach ihm abfeuerte und der seine Wange streifte, hob das Gewehr, um ihm den Kolben auf den Schädel zu schmettern. Aber ein Säbel fuhr dazwischen. »Ouartier, Camarade, pour cet enfant!« Vicomte de Méricourt riß seinen Gaul schützend vor den Bedrohten und trennte ihn von seinem Angreifer. Méricourt, der die Uniform eines Bataillonskommandeurs trug, beugte sich vom Pferd und riß den jungen Russen in die Höhe. »Vous étes mon prisonnier, mon Prince, mais sauvez vous-en! – Vite!« – Er warf sein Pferd zur Seite und deckte durch diese Bewegung die Flucht seines Feindes. Als er sich noch einmal umwandte, war Fürst Iwan in den Reihen der Seinen, die, von der zweiten Bataillonskolonne unterstützt, sich wieder gesammelt hatten und den Franzosen in langsamem Weichen die Spitze boten. Der kurze Zwischenfall des Kampfes war an dem Vicomte wie eine Erscheinung vorübergegangen; nur die Wunde am linken Arm, die er dabei durch einen Bajonettstich seiner eigenen Leute erhalten, bewies ihm die Wirklichkeit der Begegnung. Die Regimenter Pawlows, durch den fünfstündigen Kampf erschöpft, vermochten der Übermacht, die durch das Eingreifen der Franzosen auf Seite der Verbündeten war, nicht zu widerstehen und räumten das Schlachtfeld. Es galt nur noch, den geordneten Rückzug zu decken, und dies geschah mit heldenmütiger Aufopferung. Während die Artillerie nach der Inkermanbrücke jagte, schlugen sich das Jakutskische und Selenginskische Regiment an den Abhängen der Höhe mit Todesverachtung. Bosquet mußte wiederholt die Reihen seiner Brigaden aufs neue ordnen. Die Artillerie war in Sicherheit. Die Regimenter Wladimir und Susdal deckten den Rückzug der Infanterie, indem sie den blutgetränkten Boden mit den Leichen der wiederholt anrennenden Franzosen dicht besäten. Erst das Feuer der am Ausfluß der Tschernaja liegenden Kriegsschiffe \>Wladimir\< und \>Chersones\< machte der Verfolgung ein Ende. Die Russen zogen sich teils über den Fluß, teils auf der Kriegsstraße nach der Stadt zurück. Um halb drei Uhr nachmittags war die Schlacht zu Ende. Dreitausend russische Leichen deckten die Walstatt, außerdem fast ein Drittel der Verwundeten, deren Zahl an sechstausend betrug. Der Verlust der Verbündeten war nur wenig geringer. Lord Raglan hatte aus begreiflichen Gründen, wie die eigenen Zugeständnisse der englischen Berichterstatter bewiesen, ganz einfach gelogen, als er den Verlust der Briten auf 464 Tote und etwa 2000 Verwundete angab. Der Verlust der Engländer betrug in der Tat 5000 Mann; die Franzosen verloren 2000 Tote und Verwundete. Nach den Briefen des französischen Gardechefs Bourbaki befanden sich im englischen Lager nach der Schlacht nur noch 10 000 Kampffähige; die 2. Division war bis auf 300 Mann zusammengeschmolzen; das 95. Regiment der Brigade Pennefather zählte nur 64 Mann. 3l Offiziere der Garde waren gefallen. Das Schlachtfeld bot einen gräßlichen Anblick. Die Hohlwege und Abhänge waren bedeckt mit Haufen von Toten und Sterbenden. Achtundvierzig Stunden dauerten nach dem vereinbarten Waffenstillstand das Suchen und Fortbringen der Verwundeten. Das war das Drama von Inkerman; ein Gemetzel ohne Sieg, ein Schlachten ohne Erfolg. Das Schloß am Schwarzen Meer Am Morgen des 17. November 1854 näherte sich ein kleiner Reitertrupp den Felsenabhängen des berühmten Ufers der Yalta. Durch die Schluchten des Jailagebirges, über die bleigraue Fläche des Meeres, durch den Wolkendom fegte der Sturmwind. Hagel und Regen, die bösen Vorboten des Winters, peitschten den Reitern die Nässe ins Gesicht. In wilden Bergen wälzte sich seit vierundzwanzig Stunden die See gegen das Felsenufer. Die kleine Reitergruppe näherte sich rasch auf der Straße von Kirsuw. Ihr Ziel war ein altertümlicher Bau, der sich auf der Höhe des Vorgebirges Ajuh-Dagh von den Wolken abzeichnete: ein Felsenschloß, halb Ruine, halb prächtiger Neubau. Es war sehr unzugänglich gelegen und leicht gegen jeden Angriff zu verteidigen. Auf der Landseite schützten es Wälle und Mauern. Die beiden Teile auf den breiten Gipfeln zweier Klippen waren durch eine Kluft geschieden, über die eine hängende Brücke führte. Der Teil zur Linken war mehr Feste als Landhaus. Einzelne riesige Mauertrümmer deuteten darauf hin, daß sein Ursprung den ältesten Zeiten – vielleicht noch dem Pontischen Reich und der Regierung des Mithridates – angehörte; noch finden sich zahlreiche und erhabene Trümmer an dieser Küste bis nach Kertsch, dem Pantikapea der Alten. Prächtige Säulenschäfte und Kapitäle, ein großer, viereckiger Mittelturm, offenbar von den Genuesern errichtet, Anbauten im Stil des Mittelalters, Wall und Ringmauer mit einer Zugbrücke über tiefem Felsspalt bildeten ein großartiges und groteskes Gemisch von Bauarten. Lustschloß, Trutzfeste, Raubritterburg – alles dies schien sich zu vereinigen. Gegenüber dem Seeschloß erhob sich ein Bau aus der Zeit des Glanzes jenes mächtigen Günstlings, dessen ruhmreicher Feldzug Taurien zu Füßen seiner kaiserlichen Herrin legte: Potemkin; sein Wink stampfte Zauberschlösser aus dem Boden und bevölkerte Wüsteneien für die Aussicht einer flüchtigen Stunde. Das zierliche Landhaus im Rokokogeschmack mit breiter Wandelhalle, marmornen Becken und Laubgängen hüllte sich – jetzt dem Sausen des Sturmwindes freigegeben – während der schönen Jahreszeit in den prächtigen Mantel von Zypressen und wilden Feigenbäumen. Auf einer Felsspitze in der Nähe standen die ziemlich wohlerhaltenen Ruinen eines antiken Tempels. Abwärts von dem Doppelschloß senkten sich breite, wohlerhaltene Terrassen mit Wein- und Feigenspalieren und gegen die rauhen Stürme wohlumhüllten Orangenbäumen. Das Meer bildete hier eine geschützte und durch Klippen nach außen verwahrte Bucht. Die Reiter trugen die grauen russischen Militärmäntel. Sechs Kosaken waren mit ihren Lanzen bewaffnet. Die drei Vorausreitenden waren Michael, der Tabuntschik aus der Steppe von Berislaw, der die Verbündeten nach Balaklawa geführt, Fürst Iwan Oczakow und der Kosak Iwan, der Steppenteufel Siehe: »Um das Schwarze Meer.« . Fürst Iwan hatte den Tabuntschik in sein eigenes Quartier in der Stadt bringen lassen und ihn, als er sie verlassen mußte, treuen Händen anvertraut. Auf seinen Befehl blieb Iwan, der Steppenteufel, mit einem seiner Enkel bei ihm und pflegte ihn. Ein hitziges Fieber hatte sich seiner bemächtigt. Er stieß wilde Irreden aus. Erst auf dem Rückzug von der Inkermanschlacht betrat Fürst Iwan wieder die Stadt. Der Tabuntschik hatte seine Krankheit überstanden, Fürst Oczakow nahm ihn mit sich nach Baktschiserai. Noch tiefere Trauer hatte sich des Greises bemächtigt. Er vermied den Umgang mit Menschen. Sein einziger Verkehr war der alte Kosakenhäuptling. Und auch von ihm erfragte er nur begierig die Nachrichten über den Stand der Verteidigung und der Gefechte. Als er wieder so weit gekräftigt war, um ausgehen zu können, strich er, unbekümmert um die feindlichen Kugeln, in den Straßen der Stadt und in den Verteidigungslinien schweigend umher. Oft setzte er sich an den gefährlichen Stellen gleichgültig aus, um die feindlichen Batterien zu beobachten. Nie aber legte er Hand an irgendeine Arbeit der Verteidigung. Das hohe Greisenalter ersparte ihm jede Aufforderung. Der Kosak und seine Enkel zeigten sich überall tätig. In einem Punkt nur begegneten sich die beiden Männer: in der Zuneigung zu dem jungen Fürsten. Und nur der Befehl, seine Ankunft in der Stadt abzuwarten, hinderte sie, ihm in das Lager zu folgen. Am Tage nach Inkerman war es auffallend, welchen Einfluß der greise Tabuntschik trotz seinem einsilbigen, finstern Wesen über den Fürsten gewann. Mitleid mit dem Greis, dessen gute Absicht so großes Unheil herbeigeführt, und von dem alles, was er gesehen, ihn nicht zweifeln ließ, daß er einst bessere Tage gekannt, hatte Fürst Iwan zuerst bewogen, sich seiner anzunehmen. Diese Teilnahme dauerte in gesteigertem Maße fort; aber alle seine Fragen nach den früheren Schicksalen des Greises wurden von diesem ohne Erwiderung gelassen. Auch Iwan, der Kosak, verriet mit keiner Silbe, daß er die Vergangenheit und den geächteten Namen des Tabuntschiks kannte. Er bewachte nur aufmerksam den jungen Fürsten, als fürchte er, daß die Nähe des Tabuntschiks ihm Unheil bringen werde. »Es ist seltsam, Djeduschka,« sagte Fürst Iwan, »wie sicher du uns geführt hast und wie genau du die ganze Gegend selbst in diesem Unwetter wiedererkennst. Warst du schon auf Schloß Aya?« »Es sind dreißig Jahre,« sagte der Tabuntschik ausweichend, »seit mich der Pferdehandel zum letztenmal bis Kertsch geführt hat. Felsen und Meer bleiben, nur die Menschen verändern sich.« »Ich sehe trotz dem Regen Leute auf dem Wall der Burg und am Tor«, wandte sich der Fürst an den alten Kosaken. »Olis, dein Enkel, hat also den Weg gefunden und unsere Ankunft gemeldet.« »Die Heiligen haben ihn beschützt in diesem Unwetter. Er ist treu und eifrig.« »Laßt uns die Pferde antreiben, daß wir die Höhe erreichen und unter Dach kommen. – Da – auf dem Turm ziehen sie die russische Fahne auf. Seht, wie der Sturmwind sie peitscht!« – Er gab seinem kleinen, an die Anstrengungen solcher Ritte gewöhnten Steppenroß den Kantschu. Alle trabten scharf den Klippen zu. Oben hatte sich eine Schar von Dienern und Leibeigenen versammelt. Nach beschwerlichem Aufstieg auf dem vielfach gewundenen Pfad, den linken Felsen hinan, erreichten sie die heruntergelassene Zugbrücke und den Platz vor dem Tore. Willkommenrufe, mit Segenswünschen und Heiligennamen gemischt, begrüßten die Ankömmlinge. Der alte Kastellan des Schlosses beugte sich ehrerbietig fast bis zur Erde. Er trat zu dem Pferd seines Herrn und reichte ihm nach alter Sitte auf einem hölzernen Teller Brot und Salz zum Zeichen des Willkommens. Dann führte er den Gaul am Zügel in den Schloßhof. Das Schloßgesinde umdrängte ihn. Leibeigene Tataren und Russen küßten seinen Mantel, seine Stiefel, die Decke seines Pferdes. »Wie geht es der Fürstin, meiner Schwester? Und der fremden Herrschaft?« fragte Fürst Iwan. »Die Gospodina, Herr,« berichtete der Verwalter, »erwartet dich. Die Heiligen haben ihr leider noch immer nicht volle Gesundheit verliehen. Wir sehen sie selten. Seine Erlaucht, der Graf, haben täglich nach deiner Ankunft gefragt; er ist wieder wohlauf. Gott erhalte ihn, er ist ein freigebiger Herr.« Der Fürst nickte. »Sende zu ihm, Alter! Laß ihm sagen, daß ich ihm sogleich einen Besuch machen würde. Ich will nur erst meine Schwester sehen.« – Dann fragte er leise: »Du hast meine Befehle erhalten und treu befolgt?« Der Verwalter legte die Hand auf die Brust und verbeugte sich. »Habt ihr hier in letzter Zeit etwas von den Feinden gesehen?« »Seit die Schurken Livadia geplündert, sind sie an der Küste nicht wieder gelandet, Durchlaucht. Nur auf der hohen See sahen wir ihre Schiffe. Tschort wosmi! – Ich weiß nicht, warum der Zar es duldet. Gestern kam Ibrahim, der Tatar. Er brachte Nachricht, daß sie im Baidirtale furagieren. Selbst bis zur Jaila sind sie vorgedrungen. Der heilige Andreas möge sie verderben.« Sie waren in das Gebäude eingetreten. Fürst Iwan befahl, aufs beste für seine Begleiter zu sorgen. Dann stieg er eilig in das obere Stockwerk des großen Turmes, das die Fürstin bewohnte. Eine Dienerin empfing ihn am Eingang und geleitete ihn zu einem inneren Gemach. »Hier, Gospodina, ist dein Bruder!« In der Mitte des Erkergemachs stand, in ein weiches Gewand von persischer Seide gehüllt – das Gesicht mit einem dichten Musselinschleier fast ganz bedeckt – erregt und zitternd ein junges Weib. Bei den Worten der Dienerin trat es dem Eintretenden entgegen. Den Lippen entfloh fast unwillkürlich der Ruf: »Wassili!« Der Fürst legte bedeutsam einen Finger auf den Mund. Mit dem anderen Arm umschlang er die Schwester. Dann winkte er der Dienerin, sich zu entfernen und verschloß sorgfältig die Tür des Vorgemachs und des Zimmers. Als er zurückkehrte, fand er die Schwester schluchzend am Fuß des Ruhebettes knien. »Mut«, sagte er traurig. »Mut, meine Teure! Ich bringe weder von dem einen noch von dem anderen Nachricht!« Das Gesicht, das ihm aus den Schleiern weinend entgegenschaute, war jung und schön ... es war Annuschka, die Milchschwester Nataschas. In einem mit aller orientalischen Weichheit und europäischer Behaglichkeit ausgestatteten Gemach des rechten Felsenschlosses saß Graf Wassilkowitsch auf einem Diwan in tiefem Nachdenken. Von Zeit zu Zeit tat er einen Zug aus dem Nargileh. Ihm gegenüber, in unruhiger Hast und Beweglichkeit, das tobende Unwetter auf dem Meere beobachtend, stand am Fenster – Madame Celeste Bibesco. Ihre Blicke schweiften fortwährend hinüber zu dem älteren Teil der Gebäude. »Eine Stunde schon da«, sagte sie endlich ärgerlich mit einer halben Wendung zum Grafen. »Und noch immer nicht hier. Ich muß gestehen, besonders artig ist unser Wirt gerade nicht.« Graf Wassilkowitsch achtete wenig auf ihren Mißmut; er gab ihr nicht einmal eine Antwort. Er sah krank und angegriffen aus, wie damals in der Steppe von Berislaw; sein stechender, nachdenklicher Blick ruhte auf seinem Leibdiener, der in knechtischer Haltung vor ihm stand. »Die Fürstin hat also ihren Bruder nicht bei der Ankunft begrüßt? Ihr habt sie nicht gesehen?« »Nein, Erlaucht. Nur die tatarische Dienerin erwartete den Herrn und führte ihn nach dem Turm. Die Gospodina muß krank sein.« »Krank und immer krank! – Der Teufel soll mich holen, wenn es nicht eine Ausflucht ist!« »Es ist im höchsten Grade beleidigend für mich,« warf Celeste ein. »Ich habe Ihre hochmütige Prinzessin oft genug auf der Zinne der Terrasse gesehen, um zu wissen, daß diese Kränklichkeit nicht gefährlich ist. Sie kann sie nicht hindern, einen Gast zu empfangen. Ich möchte in der Tat wissen, welches Mittel diese Dame gegen die Langeweile besitzt. Denn ich, mein Bester, finde den Aufenthalt hier unerträglich.« »Sie werden sich wohl fügen müssen, Madame«, sagte der Oberst kalt. »Ich wüßte wahrhaftig nicht, wo Sie eine bessere Versorgung finden würden.« – Ein Zeichen entließ den Diener. – »Ein ernstes Wort, Celeste«, fuhr er fort. »Sie sind diesmal eine schlechte Krankenpflegerin gewesen. Statt an dieser herrlichen Küste zu genesen nach der abscheulichen Aufregung in der Steppe, bin ich bei unserer Ankunft hier im August elender gewesen als vorher. Ich entschuldige ihr französisches Blut – und wir brauchen uns gegenseitig keine Komödie vorzuspielen über Liebe und Treue. Aber weibliche Gesellschaft ist mir Bedürfnis geworden. Ich verspreche Ihnen, auch später für Sie reichlich zu sorgen, wenn Sie Ihre Launen meinem Willen und meinen Absichten zu fügen verstehen.« »Sie sind allzu gütig, Graf«, höhnte die Französin. »Darf ich fragen, was Ihr liebenswürdiger Wille befiehlt und wohin diese Absichten gehen?« »Es war von vornherein auffallend,« sagte der Oberst, »daß der Fürst keinen Anstand genommen hat, uns hierher einzuladen. Unser Verhältnis mußte ihm klar sein.« Celeste zuckte die Achseln. »Ich sollte doch meinen, man ist bei Ihnen in Rußland nicht allzu prüde.« »Da haben Sie recht. Wenigstens was gewisse Angewohnheiten und Redensarten betrifft. Indes ist immer ein Unterschied. Und die junge Fürstin Oczakow verlangt Rücksichten. Ich weiß in der Tat nicht einmal, in welcher Form Fürst Iwan Ihre Anwesenheit dargestellt hat.« »Dieses Zweifels wird Sie der Besuch des Fürsten entledigen.« »Ich hoffe es. Und ich wünsche, wenn es irgend möglich ist, die Gelegenheit zu benutzen, um Sie mit der Fürstin in Berührung zu bringen.« »Mich? – Nach dieser beleidigenden Vernachlässigung?« »Meine Liebe, vergessen Sie nicht – die Fürstin ist von Geburt eine vornehme Dame. Und Sie –« »Ich bin die Frau des Bojaren Bibesco. Als solche haben Sie mich kennengelernt. Ich wüßte nicht, daß ich Sie zum Beichtvater meiner Vergangenheit gemacht hätte!« – Der scharfe, entschlossene Zug um ihre Brauen prägte sich hart und tief aus. »Erzürnen wir uns nicht aufs neue, liebe Freundin. Herr Bibesco brachte Sie von Paris mit – das genügt. Beantworten Sie mir lieber die Frage, ob für Sie das ganze Tun und Treiben der Fürstin Iwanowna nicht überhaupt etwas Seltsames, Geheimnisvolles hat.« Sie kam zu seinem Diwan und lehnte sich auf die Kissen. »Sie haben recht, Graf. Man sagt, die Fürstin soll schön sein und sehr ihrem Bruder ähneln.« »Zum Verwechseln! – Doch das ist eben der Punkt, über den ich Ihre Ansicht hören möchte. Sie haben der Fürstin selbst mit Hilfe eines scharfen Opernglases nie ins Gesicht gesehen?« »Wie sollte ich? Sie ist, wenn sie auch auf den Terrassen erschien, stets in undurchsichtige Schleier gehüllt gewesen.« »Man sagt,« fragte der Graf lauernd, »daß sie die Schleier selbst in der Wohnung vor der Dienerschaft nicht ablegt?« »Meinen Sie, mein Herr – um das zu erfahren, habe weibliche Neugier erst Ihre Erlaubnis oder Ihren Wink abgewartet?« Der Graf lachte. »Ich dachte mir's, Mutter Eva verleugnet sich nie! Hören Sie, Celeste; wenn der Fürst kommt, hoffe ich, ihn auf irgendeine Weise zu nötigen – selbst wenn er den Vorwand der merkwürdigen Krankheit seiner Schwester aufrechterhalten sollte – daß er Sie mit ihr in Berührung bringt. Ich bitte Sie, dann aufzumerken, ob die Ähnlichkeit so groß ist.« »Aber wenn die Fürstin verschleiert bleibt?« »So suchen Sie wenigstens ihr Haar – die auffallende Form ihres Kinns – irgendein Kennzeichen!« »Was soll das bedeuten? Hegen Sie irgendein Mißtrauen?« Der Oberst sann eine Weile nach. Dann sagte er entschlossen: »Celeste, trotz aller Ihrer Launen sind Sie vorläufig so auf mich angewiesen, daß ich Ihnen vertrauen kann. Ich glaube – der Fürst täuscht uns und die Welt.« »Wie meinen Sie das?« »Ich meine, daß die Fürstin Iwanowna gar nicht hier ist. Daß sie tot oder wenigstens weit von hier entfernt ist.« »Sie träumen!« »Das geschieht bei Männern, wie ich bin, selten. Sie müssen wissen, Celeste, daß ich aus Familienverbindungen einigen Anspruch auf die Hand Iwanownas habe. Auch der Zar würde der Verbindung seine Zustimmung nicht versagen. Iwanownas Eigensinn – meinetwegen ihre Abneigung – hat jedoch bisher alle meine Bewerbungen zurückgewiesen. Ihr Charakter, der den schwachen, wankelmütigen ihres Bruders beherrscht, setzt jeden Entschluß durch.« »Das würde indes noch immer nicht diese Komödie erklären.« »In Paris hat die Fürstin Iwanowna einen französischen Offizier auffallend ausgezeichnet. Ich täusche mich nicht. Sie liebt ihn.« »Warum nicht? – Die Franzosen verstehen, den Frauen zu gefallen.« »Der Henker hole die Weiberknechte! – Ich habe den Bruder und den Galan zwar entzweit; aber ich kenne die Eigensinnige! Und hätte ich nicht selber erfahren, daß der Franzose bei der Krimarmee ist, würde ich glauben, Iwanowna sei in Paris in seiner Nähe geblieben.« Celeste lachte. »Das ist ein sehr unwahrscheinlicher Roman, Graf. Ihr Haß oder Ihre Eifersucht – Sie sehen, wie anspruchslos ich bin – führen Sie irre. Viel wahrscheinlicher ist, daß die hochmütige Prinzeß in ihrer Liebe zu dem Gegner Ihres Volkes bloß die Einsamkeit gesucht, um« – sie machte eine Verbeugung – »lästigen Bewerbungen aus dem Wege zu gehen.« »Warum lud uns der Fürst aber gerade hierher ein?« »Der Zufall der Begegnung – oder – vielleicht wurde die Begegnung benutzt, Sie sicher zu machen. Während Sie krank lagen, war die Fürstin über alle Berge. Und alle die Vorsichtsmaßregeln galten nur einer Stellvertreterin.« »Das ist eben der Argwohn, der mir durch den Kopf geht! – Aber ich denke, ich werde bald klar sehen.« »Sie werden in wenigen Augenblicken die Gelegenheit haben«, sagte Celeste, wieder am Fenster. »Die verzauberte Pforte zu der Verbindungsbrücke öffnet sich – es ist der Fürst.« Wäre der Graf nicht mit seinen eigenen Plänen so vollständig beschäftigt gewesen, hätte er die dunkle Röte und die Aufregung der Französin bemerken müssen. »Soll ich mich entfernen?« fragte sie hastig. »Ich bitte darum, Celeste. Ich werde nach Ihnen schicken.« Sie verschwand in ein Nebengemach. Ossip meldete den Fürsten Oczakow. Nach der ersten Begrüßung nahm Fürst Iwan auf dem Diwan Platz. Beide betrachteten sich einige Augenblicke, als sänne jeder über die beste Art nach, von den kurzen militärischen Nachrichten auf das Persönliche überzugehen. Fürst Iwan kam Wassilkowitsch zuvor. »Ich hörte mit Bedauern, lieber Graf, daß Sie aufs neue einem Rückfall ausgesetzt waren. Ich hoffe, daß meine Leute es an keiner Aufmerksamkeit haben fehlen lassen?« »Ich bin Ihnen den größten Dank schuldig, Fürst«, entgegnete höflich der Graf. »Ich vermißte nichts. Die Fürstin, Ihre Schwester, sorgte für alles, und ich habe nur das Bedauern, daß ich bis jetzt nicht Gelegenheit finden konnte, ihr meinen Dank auszudrücken.« »Das Benehmen Iwanownas muß Ihnen in der Tat sogar unartig erschienen sein, Graf«, meinte Fürst Iwan mit einem Anflug von Lächeln. »Meine Schwester hat, einer ihrer eigensinnigen Launen folgend, die unsichtbare Burgfrau gespielt. Zu ihrer Entschuldigung muß ich sagen, daß sie sehr leidend war.« »Lassen Sie uns aufrichtig sein, Fürst; ich glaubte, daß die Anwesenheit der Frau von Bibesco ...« Fürst Iwan fiel ihm rasch ins Wort. »Ich habe Madame Bibesco meiner Schwester als eine Verwandte von Ihnen bezeichnet, die Sie sehr unglücklichen Verhältnissen in Bukarest entrissen haben.« »Sie beruhigen mich da über einen mir bisher sehr peinlichen Punkt.« »Ich komme zugleich,« fuhr der Fürst fort, »um Madame Bibesco die Entschuldigung meiner Schwester zu überbringen und sie zu ihr zu führen, wenn Frau von Bibesco es mir erlauben will.« Der Graf sah ihn verdutzt an. »Sie wollen Madame Bibesco der Fürstin, Ihrer Schwester, vorstellen?« »Wenn Sie nichts dagegen haben, lieber Graf?« Dieses plötzliche Überholen seiner eigenen Absichten bestürzte fast den Obersten. Es erschütterte seinen Verdacht und seine Beobachtungen. »Werde ich die Ehre haben, der Fürstin gleichfalls meinen Besuch machen zu dürfen?« »Morgen, lieber Graf, so lange Sie wollen; für heute, oder vielmehr für die wenigen Stunden, die ich ihr widmen kann, hat sie mich ganz in Beschlag genommen. Ich muß sie auch vor Anbruch des Abends wieder verlassen; ich hielt es aber für Pflicht, wenigstens die Bekanntschaft der Damen zu vermitteln.« »Sie wollen fort? – In diesem Unwetter?« »Soldatenpflicht, Oberst. Sie kennen das. Als Sie ins Hauptquartier meldeten, Sie seien wiederhergestellt, und der Arzt von Alushta habe Ihnen gestattet, sich dem Heere wieder anzuschließen, schrieb ich Ihnen, daß ich selber kommen würde, Sie abzuholen und meine Schwester zu besuchen; indes haben einige Umstände den Plan verändert.« »Ich bin bereit zur Abreise. Nur dies furchtbare Wetter und Ihr Schreiben verzögerten sie seit gestern.« »Sie wird vielleicht nicht so eilig sein – nach dem zu schließen, was ich gehört habe. Sie können die Pflicht mit den Rücksichten für Ihre kaum wiederhergestellte Gesundheit vereinigen.« »Wie meinen Sie das?« »Ich habe Depeschen nach Kaffa und Kertsch zu überbringen. Auch Nikita und Alushta muß ich besuchen. Fürst Menschikow beabsichtigt, an einzelne feste Punkte der Küste kleine Kommandos zu legen gegen die Landungen der Verbündeten. Ich bringe die Befehle für die Truppen. Schloß Aya ist einer dieser Punkte.« »Nun, und – ?« »Man hat mir im Hauptquartier diese Order für Sie mitgegeben.« Fürst Iwan nahm aus der Brieftasche ein Dienstschreiben und übergab es dem Obersten. »Sie haben mich in der Tat durch diese lange Vorbereitung neugierig gemacht.« Wassilkowitsch erbrach das Schreiben; Überraschung, Verdruß und Befriedigung wechselten auf seinem Gesicht. »Wie? – ich soll das Kommando hier in diesem Schloß übernehmen? Was bedeutet das?« »An der ganzen Küste von Yalta bis Alushta«, sagte ruhig der Fürst. »Ich habe dem Oberbefehlshaber Schloß Aya zur Verfügung gestellt. Es soll, soviel mir gesagt worden ist, Ihr Hauptquartier bilden.« »In der Tat – so sagt die Order. Ich weiß nicht, Fürst, ob ich Ihnen danken soll oder nicht. Denn offenbar ist es Ihr Vorschlag, der mich hier zur Untätigkeit verdammt.« »Sie sind ungerecht gegen sich selber, Graf. Die Franzosen furagieren bereits bis an die Yaila. Die Engländer werden sicherlich die Plünderung von Livadia und Yalta zu wiederholen suchen. Man fürchtet sogar einen Angriff auf Kaffa und Kertsch. Ihre Tätigkeit wird also hier volle Gelegenheit finden. Bei uns im Felde dagegen wird notgedrungen durch den Winter eine erzwungene Waffenruhe mit allem Elend des Leidens und der Krankheiten eintreten. Ich glaubte überdies, als ich Sie in Vorschlag für das Kommando brachte, Sie einer Verlegenheit wegen Ihrer Schutzbefohlenen zu entheben? Sie brauchen sich jetzt weder von ihr zu trennen, noch sie den Mühseligkeiten und Gefahren eines Feldlagers auszusetzen.« »Ich bin Ihnen in Wahrheit Dank schuldig! Und ich werde ihn beweisen durch meine besondere Sorge für die Sicherheit beider Damen.« »Wieso?« »Die Fürstin, Ihre Schwester, wird jetzt unter dem Schutz der Truppen und meiner Fürsorge weniger ausgesetzt sein, als dies bisher der Fall war.« Fürst Oczakow spielte einige Augenblicke mit der Brieftasche in seiner Hand. »Es war dies anfänglich auch meine Absicht, Oberst,« sagte er endlich leichthin. »Indes Natascha hat mir ihren Entschluß mitgeteilt, mich bei meiner Rückkehr in drei Tagen von Kertsch nach Baktschiserai und Sewastopol zu begleiten.« »Sie scherzen – die Fürstin in den tausend Gefahren der belagerten Stadt?« Die blasse Stirn des Grafen hatte sich dunkel gerötet bei der unerwarteten Nachricht. Er fühlte sich überlistet oder geschlagen. Der Fürst hob ruhig den Blick zu ihm auf. »Sie kennen den eigenwilligen Charakter meiner Schwester. Kaum genesen, reißt sie das Beispiel der barmherzigen Schwestern, die von Kiew und Moskau im Lager eingetroffen sind, zur Nachahmung hin. Sie erklärt, wenn der Platz des Bruders auf den Wällen Sewastopols oder in den Reihen des Heeres ist, sei der seiner Schwester am Siechbett der tapferen Krieger.« »Sie wären wahnsinnig, Fürst, wenn Sie das unterstützten! Zu solchen Opfern ist das Volk da, nicht die Damen der höchsten Aristokratie. Der Typhus mit all seinen furchtbaren Folgen wird sich bald der Armee bemächtigen; denn ich kenne unser Verpflegungssystem. Tausende werden seinem Pesthauch zum Opfer fallen. Und dann die hundert anderen Gefahren!« Der junge Offizier sah ihm mit stolzem Lächeln ins Auge. »Auf Ihrem Krankenlager hier, Graf,« sagte er, »konnten Sie freilich die Begeisterung nicht kennenlernen, die ganz Rußland für diesen heiligen Kampf erfüllt! Der Zar sandte seine Söhne, und meine Augen haben gesehen, wie die Großfürsten neben dem gemeinen Soldaten für das Vaterland und für unseren Glauben fochten. Gehorsam im Volke, willige Opferung war es, mit denen wir an der Donau kämpften. Jetzt aber ist der Russe in seinem eigenen Lande angegriffen. Die Zarin beschäftigt sich selber mit der Sorge für die Verwundeten. Die Druschinen der Reichswehr sollen aufgeboten werden. Durch das ganze Reich bereiten sie sich. Der Bauer, der Leibeigene verläßt Pflug und Hütte und heftet das weiße Kreuz auf Hut und Kutka. Der Edelmann bietet sein Blut; der Kaufmann sein Geld. Fromme Frauen pilgern nach der bedrängten Stadt; tausend andere, die zu fern und von den Verhältnissen gebunden sind, bilden Vereine und arbeiten und sammeln Tag und Nacht für die Pflege der Kämpfer. Selbst der friedliche Mennonit – erinnern Sie sich jenes sanften und mutigen Mannes, der uns durch den Steppenbrand führte? – sendet seine Ernten als Geschenk für das Heer. Und glauben Sie, Natascha Iwanowna, so nahe der Stätte des Ruhms, würde zaudern, ihr Opfer auf den Altar des Vaterlandes zu legen? Nein, Oberst – Natascha ist ihre eigene Herrin. Nichts soll sie hindern, dem Vaterlande und der Ehre ihres Namens ihr Leben zu weihen!« Er war aufgesprungen und stand tief erregt vor dem älteren, kaltherzigen Mann, dessen graue Augen finster zu Boden sahen. Oberst Wassilkowitsch fühlte, daß er, ohne sich bloßzustellen, nichts auf diesen Ausbruch der Begeisterung erwidern durfte. Dennoch lag Hohn und Ärger in den tiefen Falten um seinen Mund. »In der Tat, mein junger Freund,« sagte er nach einer Pause mit unverhohlenem Spott, »ich hielt die Fürstin, Ihre Schwester, nicht für so begeistert für diesen Kampf. Ich glaubte eher an gewisse Sympathien für unsere Gegner.« Der junge Offizier schaute ihn zornig an. »Natascha Iwanowna ist eine Russin! Wollte Gott, jeder Russe fühlte so wie sie!« Unzufrieden mit sich und mit der Wendung der Ereignisse ging Oberst Wassilkowitsch einige Male im Zimmer auf und ab. Sein Mißtrauen ließ neue Zweifel in ihm emporsteigen. Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, richtete er das Gespräch auf einen anderen Punkt. »Die Order besagt, daß mit dem Eintreffen der Truppen meine Tätigkeit beginnt.« »Die Befehle zum Marsch sind gleichzeitig mit mir abgegangen. Sie können also in zwei bis drei Tagen erwarten: zwei Kompagnien Jäger, eine halbe donische Batterie und zwei Sotnien Kosaken. Eine Sotnie wird vielleicht schon in Alushta eingetroffen sein. Wenn Sie Befehle mitzugeben haben, werde ich sie überbringen.« »So wollen Sie wirklich fort?« »Nach dem Diner und einer kurzen Ruhe. Ich werde jedoch nur zwei meiner Kosaken mitnehmen. Die andern lasse ich meiner Schwester zurück. In drei Tagen bin ich von Kertsch zurück. Ich bitte Sie, bis dahin die Fürstin in Schutz zu nehmen. Und jetzt erlauben Sie mir bitte, Madame Bibesco zu ihr zu führen.« Es war dem Obersten lieb, daß der Fürst selber auf diesen Besuch zurückkam. Er beeilte sich, Celeste zu holen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so atmete der junge Fürst schwer auf, wie nach einem harten Kampf. Er preßte die Hand auf die Brust. »Gelungen«, flüsterte er. »Und jeder Argwohn beseitigt. Ich war ein Tor, daß ich ihn hierher führte; denn was bis jetzt getan ist, ist ein Spiel gegen das, was mir zu tun bleibt. Aber es war das einzige Mittel, die Spur zu verfolgen. Jetzt also – an sie!« Er hörte die Nahenden und ging ihnen entgegen. Celeste war, trotz aller Anstrengung, es zu verbergen, dem Fürsten gegenüber verlegen und aufgeregt. Fürst Iwan verstand es jedoch, mit dem feinsten Takt ihre Verlegenheit zu übersehen. Er wiederholte die Entschuldigung der Fürstin über ihre bisherige Zurückhaltung. Seine Einladung wurde von Celeste mit einem befangenen Lächeln angenommen. Der Sprühregen hatte aufgehört; aber noch fürchterlicher tobte der Sturm. Die Französin hüllte sich in ihren Mantel. Graf Wassilkowitsch half ihr dabei und wiederholte leise die Mahnung, genau auf alles zu merken. Der Fürst bot Celeste den Arm. »Wir wollen über die Brücke gehen.« »Ist es nicht gefährlich?« »Ich bürge.« Als sie aus dem Hause und auf den Vorplatz traten, fühlten sie die ganze Macht des Sturmes. Mit jedem Augenblick steigerte sich der Orkan. Bleigrau und schwer hingen die Wolken fast auf den Spitzen der Felsen, von weißen, lichten Nebeln durchzogen. Das Meer wühlte zu ihren Füßen in bergetiefen Schlünden; schwarz und undurchsichtig; an den Klippen schäumte es empor und löste sich in weißem Gischt und in Millionen Tropfen. Celeste schmiegte sich angstvoll an den Arm ihres Begleiters. Er blieb einige Augenblicke an dem eisernen Geländer der Brücke stehen und blickte auf das Donnern der Brandung. Die Brücke selbst schien bei dem Heulen des Sturmes unter ihren Füßen zu beben. »Sie haben das Meer im Gold und Blau der Sommermorgen geschaut, Madame«, sagte der Fürst. »In all der Herrlichkeit dieser lieblichen Küsten. Damals ahnten Sie wohl schwerlich, welche Schrecken es um diese Jahreszeit birgt? – Und dennoch – das Menschenleben wechselt wie dieses Meer. In jedem Herzen wohnt der Sturm neben dem Sonnenschein des Glücks und des Friedens.« »Ich beschwöre Sie, führen Sie mich fort! Ich kann es nicht ertragen! Die Unglücklichen, die jetzt auf dem Meer sind!« Der Sturm verwehte ihre Worte. Er führte sie rasch über die schwankende Brücke und öffnete die schützende Pforte, die sich so lange vor ihr verschlossen hatte. Durch gewölbte Fluren und Gänge führte er Celeste nach jenem Erkerzimmer im Turm, in dem die Fürstin ihn erwartet hatte. Er bat sie, auf einem Diwan Platz zu nehmen. »Bevor ich die Ehre habe, Sie der Fürstin, meiner Schwester, vorzustellen,« sagte Fürst Iwan ehrerbietig, aber mit einer Aufregung, die der Celestes nicht nachstand, »wird es vielleicht Ihnen nicht unlieb sein, wenn wir uns verständigen.« Die Bojarin nickte hastig und zustimmend. – »Sie wissen, daß ich Sie sogleich wiedererkannte.« Ein aufmerksamerer Beobachter als die Französin hätte bemerken können, daß er sorgfältig jedes Wort wog. »Die Ereignisse verhinderten uns beide Male an einem längeren Austausch unserer Erinnerungen.« Er sah sie an. – »Als Sie mir auf dem Ball im Haufe des preußischen Generalkonsuls in Bukarest vorgestellt wurden,« sagte Celeste, »begriff ich erst Ihre Weigerung, Ihren Namen an jenem schrecklichen Abend zu nennen Siehe den Band: »Die Wölfin von Skadar.« .« »Am 5. Juli?« »Richtig – das Datum ist auch mir unvergeßlich geblieben. Nini und ich warteten schon lange auf Sie. Ich kann mir jetzt auch den Grund Ihrer plötzlichen Abreise deuten. Sie standen damals bei der Gesandtschaft?« »So ist es.« »Und auf den verfehlten Bahnzug bezogen sich damals wahrscheinlich Ihre Worte. Es war edel von Ihnen, daß Sie Ninis Bruder, der so unglücklich dazukam, schonten. Und trotzdem sich der rohe Mensch an Ihnen vergriffen hatte! – In der Tat, der Gedanke, sich wahnsinnig zu stellen und sich nach Bicêtre führen zu lassen, um einer Antwort überhoben zu sein, war verblüffend!« Sie war im Plaudern und bemerkte die Totenblässe Fürst Iwans nicht. – »Bicêtre – wahrhaftig, der Gedanke kam mir zufällig!« Er schien mit Gewalt die Worte hervorzuwürgen. Sein Geist war fern von der Unterredung. »Wie lange, Fürst, brachten Sie in dem abscheulichen Gefängnis zu, um uns nicht bloßzustellen und Bourdons Flucht zu sichern?« »Wie lange? – Ich entsinne mich nicht genau – vier Stunden – ich fuhr mit dem Morgenzug ab!« »Es war ein Opfer, das die Kleine kaum wert war. Sie haben auch nichts wieder von ihr gesehen?« »Nein.« »Sie war spurlos verschwunden mit ihrem tollen Bruder. Ich hatte mich natürlich sobald wie möglich von ihnen entfernt, nachdem ich ihr« – sie wandte scheu den Blick – »das reiche Geschenk, das Sie zurückließen, eingehändigt hatte; aber die Ärmste war in der Tat ganz außer sich. Es sollte mich nicht wundern, wenn der Bösewicht, ihr Bruder, die große Summe –« »Sie haben also nichts wieder von Nini gehört?« unterbrach sie der Fürst. »Sie begreifen, ich konnte mich nicht bloßstellen mit einem Verschwörer. Ich zog einige Tage später unter der Hand Erkundigungen ein; aber beide waren fort. Die glänzende Einrichtung, die Sie ihr geschenkt hatten, war durch einen Vermittler schon am Morgen verkauft worden.« »Also die Wohnung in der rue... « » Saint Josef Nr. lO – Sie sind vergeßlich – wie alle Männer, mein Fürst, sobald sie uns verlassen haben. Die Wohnung war geräumt. Jede Spur verloren. Sie wußten das nicht?« «Ich habe, wie ich erwähnte, noch am frühen Morgen Paris verlassen müssen«, sagte der Fürst hastig. »Meine Schwester war schon vorausgereist.« »So erklärt sich alles. Ich habe Ihnen also nur meinen Dank zu sagen für die Verschwiegenheit, mit der Sie meine Vergangenheit bewahrt haben, und bitte Sie, das auch ferner zu tun; namentlich auch gegen Graf Wassilkowitsch.« Sie reichte ihm mit einem warmen Blick die Hand. Fürst Iwan küßte sie zerstreut. »Lassen Sie uns Verbündete sein – ich kann Ihnen meine Freundschaft gleich durch eine Warnung beweisen. Der Graf glaubte sich von Ihnen und Ihrer Schwester getäuscht. Er meinte, die Fürstin sei längst nicht mehr hier; Ihre Ankunft jedoch hat ihn wieder irre gemacht. Aber er hat mir aufgetragen, ihm genau über meinen Besuch zu berichten.« »Das sollen Sie, schöne Freundin.« Fürst Iwan erhob sich. Seine Augen ruhten mit einem leichten Spott auf ihr. »Ich denke, wir sind einig. Graf Wassilkowitsch soll seine Ruhe wieder erhalten. Erlauben Sie, daß ich meine Schwester benachrichtige und mich einstweilen bei Ihnen beurlaube. Ich habe noch vieles zu ordnen.« Er küßte noch einmal ihre Hand und verließ das Zimmer. Celeste schaute sich prüfend darin um. Nach Frauenart suchte sie aus der Umgebung auf Charakter und Beschäftigung der Bewohnerin zu schließen. Sie blätterte in einem französischen Album; ein leichtes Geräusch in ihrem Rücken ließ sie sich umschauen. Eine bisher unbemerkte Tapetentür in der Wand hatte sich geöffnet. Eine junge Dame war eingetreten. Der weite Morgenrock von schwerer persischer Seide umhüllte die schlanke Gestalt. Die Schleier waren zurückgeschlagen. Celeste erkannte jene merkwürdige Ähnlichkeit des schönen und edlen Gesichts mit dem Bruder: es war Natascha Iwanowna. Am Spätnachmittag zeigte sich den Bewohnern des Schlosses am fernen Horizont ein großes Schiff im Kampf mit den erregten Wogen. Man konnte nicht erkennen, ob es ein Kriegsschiff oder einer jener zahlreichen Kauffahrer war, die der lockende Gewinn nach dem Schwarzen Meer führte. Im Gemach Iwanownas stand der junge Fürst, zum Aufbruch gerüstet. Am Fenster saß die Fürstin, wieder in ihre dichten Schleier gehüllt. Iwan, der alte Ataman, mit seinem jüngsten Enkel Olis standen an der Tür. »Ich habe dich zu meinem Begleiter gewählt, Iwan,« sagte der Fürst, »weil du Gehorsam kennst von deinem langen Soldatenleben. Auf deinen Scharfsinn kann ich mich verlassen. Auf dem Weg, den wir vorhaben, ist jedoch noch eine andere Eigenschaft notwendig. Ich muß das Gelöbnis unverbrüchlicher Verschwiegenheit von dir und deinem Enkel erhalten.« »Olis gehorcht wie ich. Und ich – frage den Tabuntschik, Herr, ob Iwan, der Steppenteufel, zu schweigen weiß.« »Ich verstehe nicht, worauf du dich beziehst. Aber ich vertraue dir. Deine anderen fünf Enkel bleiben hier mit dem alten Tabuntschik zum Dienst der Fürstin, meiner Schwester. Du suche dir für zwei oder drei Tage Lebensmittel für einen Mann und zwei Pferde zu verschaffen. Mache alles zum Aufbruch bereit. Führe die Pferde nach dem Tor des neuen Schlosses. Ich muß von Oberst Wassilkowitsch Abschied nehmen und werde dort aufsteigen. Geht jetzt. Schweigt über meine Befehle und schickt den Kastellan zu mir.« Die Kosaken entfernten sich. Nach einigen Augenblicken erschien der alte Verwalter. Es war ein ehemaliger Leibeigener von den Gütern des Fürsten, dem schon der Vater die Freiheit geschenkt und dies Amt gegeben. »Sergei Popotow«, sagte der Fürst. »Ich weiß, du bist ein treuer Diener unseres Hauses. Du hast alle die Befehle, die ich dir über meine Schwester gab, genau erfüllt, ohne zu fragen, wie oder warum.« »Es war meine Pflicht, Herr. Kein Fremder hat das alte Schloß betreten. Niemand war im Zimmer der Herrin, als das tatarische Mädchen, das sie mitgebracht hat.« »Ich weiß es. Ich bin zufrieden mit dir.« Der alte Mann küßte demütig seine Hand. »Jetzt fordere ich einen anderen Dienst von dir. Und du darfst, was du auch sehen und hören magst, ebensowenig fragen. Von meiner Mutter weiß ich, daß ein geheimer Gang aus dem Schloß an den Fuß der Klippen zum Meer führt – schon von den alten Erbauern dieses Turmes angelegt. Du kennst ihn?« »Das Geheimnis gehört zu meinem Amt, Herr. Du allein hattest das Recht, danach zu fragen. Hier ist der Schlüssel.« Er nestelte ein schweres Bund von seinem Gürtel. »Wo mündet er im Schloß?« Der Kastellan trat an die Wand des Gemachs, die der Tapetentür gegenüber lag. In ihrer Mitte war ein großer Spiegel in schwerem Eichenrahmen von alter Schnitzarbeit angebracht. »Sieh diesen Knopf, Herr, unter der Ecke des Glases. Ein Druck öffnet die Tür. Der Gang ist nicht benutzt worden, seit die Fürstin, deine Mutter, tot ist. Wenn sie hier war, stieg sie in schönen Nächten auf den Stufen zum Rande des Wassers hinunter, statt den Weg über die Terrassen zu nehmen.« »Öffne!« Der Kastellan drückte auf den Knopf. Eine Feder sprang. Der große Spiegel drehte sich in seinen Angeln. Der dunkle Zugang einer Wendeltreppe öffnete sich in der Mauer. Ein scharfer, kalter Luftzug drang aus der Tiefe. Fürst Iwan untersuchte die Feder im Innern. »Wo und wie ist der Zugang von unten?« »Die Treppe mündet in eine Steingrotte, Durchlaucht. Du hast dort als Knabe am Strande gespielt. Der Sitz in der Grotte, auf dem deine Mutter saß und über dich wachte, ist noch da. Links von ihm am Boden ist ein eiserner Ring in der Wand, den man nur zu ziehen braucht.« »Schließe die Tür. Erinnere dich an alles, was ich dir gesagt habe. Triff alle Vorbereitungen zur Abreise der Fürstin in drei Tagen, wenn ich von Kertsch zurückkehre. Und sieh dich für die Aufnahme der Soldaten vor. Du hast dann dem Grafen Wassilkowitsch zu gehorchen, wie mir selber. Und jetzt, Natascha, ist es Zeit zu scheiden; begleite mich bis zur Brücke.« Er schlang den Arm um die Verhüllte und führte sie hinaus ins Freie. An der Pforte, die auf die Brücke zum neuen Schloßteil führte, nahm er Abschied von ihr. Die Dienerschaft hatte sich versammelt, um der Abreise des Herrn beizuwohnen; alle beobachteten das in der Ferne kämpfende Schiff. Jetzt wandten sie sich um und sahen, wie der junge Offizier von der Schwester schied. Dann schritt er über die Brücke. Natascha, von ihrer tatarischen Dienerin begleitet, kehrte in ihre Gemächer zurück. Eine halbe Stunde später bestieg Fürst Iwan, von Graf Wassilkowitsch bis zum Ausgang geleitet, sein Pferd und ritt mit den beiden Kosaken langsam und vorsichtig den Felspfad hinab. Der Sturm begann wilder und wilder zu toben und brauste mit seinem Donner über das bewegte Meer. Im Südosten zog es dunkel und schwer herauf. Mächtige Fittiche breiteten sich über den Horizont. Der Untergang der ›Niger‹ Die englische Fregatte ›Niger‹ kämpfte schwer gegen Sturm und Wogen. Sie war in der letzten Zeit als Lazarettschiff benutzt worden. Engländer und Franzosen hatten in Skutari und am europäischen Ufer des Bosporus große Hospitäler angelegt. Die Fregatte kehrte von Konstantinopel zurück; schon am Tage vorher hatte sie der Sturm von ihrer Richtung ab und hoch hinauf nach Nordost verschlagen. An Bord befand sich eine Abteilung britischer Genesender. Auch zwei französische Offiziere und ein Arzt: Colonel Vicomte de Méricourt, Kapitän Depuis und Doktor Welland. Der deutsche Arzt und Kapitän Depuis hatten einen Transport Verwundeter aus der Inkermanschlacht nach Konstantinopel gebracht; Méricourt kehrte aus dem Lazarett zurück. Da kein französisches Schiff Gelegenheit zur Überfahrt bot, hatten sie das britische benutzt. Im Vorderkastell hatte die Gutmütigkeit oder die Bestechlichkeit der Matrosen Handelsleute und allerlei Volk eingeschmuggelt. Eine Engländerin, deren Gatte vor Sewastopol stand, Missis Duberly, war mit dem letzten Dampfer von Southampton eingetroffen und hatte auf Empfehlung des Gesandten die hintere Kajüte inne. Die Nacht und den Tag über hatte das Schiff mühsam unter den Sturmsegeln das Unwetter ausgehalten. In einer kurzen Ruhepause stand die Mannschaft in Gruppen auf den Decks. Die Offiziere auf dem Hinterkastell beobachteten bald die Wolken, bald die versuchsweise aufgesetzten Segel. Auf der Bank am Lee saßen die beiden Franzosen, Méricourt, noch den linken Arm in einer leichten Binde, und Kapitän Depuis. Sie sprachen mit Welland und dem Schiffsarzt, die sich an den Wandungen festhielten. Näher dem Steuer, an dem Kapitän Warburne mit dem Ersten Leutnant stand, klammerte sich an die Galerie ein hagerer, kranker Mann, dem selbst in diesen Stunden der Gefahr die französischen Offiziere ganz unverhohlen ihren Widerwillen und ihre Mißachtung zeigten: Sir Edward Maubridge. Erst als das Schiff unter Segel war, hatten sie erfahren, daß er, noch immer leidend, Gast auf der ›Niger‹ war. Kapitän Warburne, sein alter Freund, hatte ihn nach jener Mordnacht in Warna an Bord bringen lassen; er konnte ihm dort eine bessere Pflege als in einem Lazarett widmen. Hohler, trockener Husten erschütterte von Zeit zu Zeit den siechen Leib. Der Dolch des Griechen Caraiskakis hatte die Lunge getroffen. Trotz der Mahnungen des Schiffsarztes und des Kapitäns war der Baronet auf Deck gekommen. Er weigerte sich, es zu verlassen, obgleich seine Kraft ihn kaum gegen den Wind aufrechterhalten konnte. Die Sturzseen, die über das Verdeck schlugen, wenn das Schiff in eine tiefe Höhlung der Wogen sank, durchnäßten ihn bis auf die Haut. Auf allen Gesichtern lag Ernst und Besorgnis; denn die Gefahr, in der die Fregatte schwebte, war groß. Der finstere Blick des alten Kapitäns kündete neues Unheil. »Der Fockmast trägt die Segel kaum länger, Kapitän Warburne«, sagte der Erste Leutnant. »Die Stangen biegen sich wie Peitschenstiele. Die Wanten sind wie Eisen gespannt. Lassen Sie uns wenigstens Vormars- und Vorbramsegel einziehen.« Kapitän Warburne wies statt aller Antwort nach Südosten. Schwärzer und schwärzer stieg dort die dunkle Wand mit den Schatten des Abends herauf. »Ich sehe, Sir«, sagte ehrerbietig der Leutnant. »Aber die Gefahr, daß der Mast über Bord geht, ist uns näher.« »Wir können unmöglich die hinteren Segel benutzen. Der alte Kasten liegt so schwer im Wasser und die Wellen auf diesem verteufelten Meer kommen so kurz und so schnell, daß wir uns nur mit dem Fock einigermaßen stetig halten können. Wie hoch schätzen Sie die Entfernung vom Land?« Der Leutnant sah prüfend nach der Küste hinüber. Sie begann im zunehmenden Dunkel zu verschwinden. »Wir hatten um Mittag vier Seemeilen – eine werden wir aufgeholt haben.« »Ich fürchte,« sagte Warburne, »das Schlimmste kommt erst noch. Wenn wir an einer befreundeten Küste wären und Warnungsfeuer uns die Richtung angeben würden, könnten wir entkommen ... Wir müssen das möglichste tun. Lassen Sie Adams das große Segel bereithalten, Master Price. Bei Gefahr soll es sofort geheißt werden.« » Yes , Sir!« – Der Befehl lief weiter nach dem großen Deck. – »Hast du das schwarze Frauenzimmer bemerkt, Frank?« fragte der Midshipman Gosset seinen älteren Kameraden, Frank Maubridge. »Es wollte durchaus nicht hinunter, als die Lukenklappe geschlossen wurde. Ich glaube, es ist verliebt in einen von uns und voll zärtlicher Besorgnis, eine Welle könnte uns über Bord spülen.« »Ich glaube eher, in den Kapitän. Oder Master Hunter. Denn die Kohlenaugen ließen das Hinterdeck nicht los. Der große Mohr, der den französischen Offizier bedient, ist der Bruder.« »Der Teufel hole die Weiber und die Franzosen! Es ist ein Unglück, daß wir sie an Bord haben.« Der Hochbootsmann ging eben vorüber. »Wenn Sie je ein wahres Wort gesprochen haben, Master Gosset – und das ist bei Ihnen eine seltene Sache – so war's in diesem Augenblick. Es ist Freitag heut'. Denken Sie daran.« »Aufgepaßt auf Ihren Dienst, ihr Herren«, sagte der Dritte Leutnant. »Geben Sie dem Klüver etwas mehr Luft, Clinton!« »Ich wünschte, Kollege,« sagte Doktor Welland zu Duncombe, dem Wundarzt, »Sie könnten den Baronet bewegen, das Deck zu verlassen. Dieser Novembersturm ist Gift für seine Brust. Ich habe weiß Gott keine Ursache, ihm Gutes zu erweisen. Aber meine Pflicht als Arzt fordert, daß ich es sage.« »Er ist ein eigensinniger Bursche. Jede Mühe ist vergebens. Ich habe übrigens schon bei der Abfahrt aus dem Bosporus bemerkt, daß Sie ihn mieden. Es ist mir, als hätte ich Ihr Gesicht früher mit ihm in Verbindung gesehen. Nur weiß ich nicht gleich wie und wo.« »Der Sturm bricht wieder los«, sagte Kapitän Depuis; »es ist so finster, daß man nicht zwanzig Schritt weit sehen kann. Wollen wir hinunter, Méricourt?« »Es ist zu spät. Die Luken sind geschlossen. Wir müssen hier aushalten. Ich sehe auch der Gefahr lieber ins Auge.« »Horch? Was ist das?« Totenstille lag in der Luft. Die dichte Wolkenbank, die fast den ganzen Himmel bedeckte, schien sich in der Mitte zu spalten. Ein weißes Licht schob sich schnell nach dem Scheitelpunkt. »Herunter mit dem Vormars! Rafft das Vorbramsegel!« donnerte Warburne durch das Sprachrohr. Der Erste Leutnant war in zwei Sprüngen die Treppe des Hinterdecks hinunter. »Rasch, rasch, Leute! Es gilt euer Leben!« Nehmt eure Messer – herunter um Himmels willen mit dem Segel!« Zwanzig Matrosen hingen im Nu in den Wanten und an den Schooten. Es war zu spät ... Über die See her kam dumpf brüllendes Stöhnen. Ein ferner Schlag – hoch in der Luft – wie ein hundertfacher Kanonenschuß. Ein zweiter. Im nächsten Augenblick brach der Orkan mit einer Wut los, gegen die alles bisherige Toben sanfte Musik war. Heulend faßte er die beiden oberen Segel des Vordermastes – in Fetzen zersprungen peitschten sie durch die Luft. Die Vormars-Stenge brach über den Eisenringen des Fockmars mitten durch und stürzte mit dem ganzen Takelwerk über Bord. Klüver und Sturmfock riß sie mit sich in die schäumenden Wellen. Ein durchdringender, gellender Angstruf. Ein Schrei aus der Brust von zwanzig verlorenm Männern ... »Mannschaft über Bord! – Setzt die Boote aus! – Master Bully, der Dritte Leutnant fehlt!« Schreiend lief alles durcheinander. Selbst der Mann am Steuer achtete einen Augenblick nicht auf seinen Dienst. Die Spanne genügte, das Unglück zu vollenden. »Klammern Sie sich fest, Colonel! Um Gottes willen –!« Die Warnung Wellands überbrauste eine große Welle. Sie packte die abgetriebene Fregatte am Wetterbug und warf sie auf die Seite. Die Mastspitzen verschwanden fast in der tiefen Höhlung. Ein Teil des oberen Bollwerks war fortgerissen – mit ihm Duncombe, der englische Arzt, und der Gehilfe des Steuermanns. In den Leegatten hing fast leblos Sir Edward Maubridge. Méricourt und Depuis klammerten sich mit wahnsinniger Anstrengung an die Taue des Besanmasts. Stöhnend richtete sich die Fregatte aus ihrem Grab wieder auf. Kapitän Warburne packte das Steuerrad und riß es herum, daß seine Hände fast brachen. Es gelang, das Schiff vor den Wind zu bringen. »Kappen, Hunter. – Rasch, rasch!« »Alle Mann auf ihren Posten! – Kappt die Taue!« Welle auf Welle hob die \>Niger\<. Dreiundzwanzig Mann fehlten ... »Verloren!« sagte finster Kapitän Warburne. »Unmöglich, in dieser See auch nur den geringsten Versuch zu machen zu ihrer Rettung!« »Sir!« – Der Steuermann berührte seinen Arm. »Was wollen Sie, Sporshill?« »Ich fürchte, Sir, das Steuer ist beschädigt. Das Schiff gehorcht nicht mehr.« Mit einem Fluch griff Warburne wieder in die Speichen. Der Steuermann hatte recht. »Wir müssen den Versuch machen, zu ankern.« »Unmöglich, Sir! Wir würden zehnmal zerschmettert werden! Wir dürfen nicht vom Winde weichen.« »Ich weiß es. Aber wir müssen Gewißheit haben.« Er wandte sich zu den nächsten Mannschaften. »Das Steuer ist beschädigt. Es ist vielleicht möglich, den Schaden zu bessern. Ich muß wissen, wo er sitzt. Wer wagt sein Leben an die Untersuchung?« Ein kurzes Schweigen. Dann traten der alte Deckmeister Adams und Frank Maubridge, der Midshipman, vor. Es klang wie aus einem Munde: »Ich, Sir!« »Danke«, sagte der Kapitän. »Ein Leben ist genug. Adams hat die größere Erfahrung. Alle Vorsicht, Alter. Und dann rasch. Jede Minute ist kostbar. Frank – sehen Sie nach Ihrem Bruder.« Pfeilschnell von rasenden Wellen gejagt, trieb die \>Niger\< dahin. Bald auf dem Gipfel der Wogen, bald in den tiefen Abgründen. Jedes Wenden war unmöglich. Der Sturm raste mit der Fregatte gerade auf die gefährliche Küste zu. Adams, der alte Deckmeister, machte sich zu dem Wagstück bereit. Er ließ sich ein leichtes Tau um seinen Leib schlingen und eine Kette mehrfach um seinen Arm legen. Frank Maubridge wandte sich indes zu dem Baronet. Sir Edward Maubridge lehnte, von Doktor Welland unterstützt, auf der Bank im Lee; der Arzt hatte ihn festgebunden an einem Tauring, um ihn gegen jede überspülende Welle zu schützen. Unter den Bemühungen seines edelmütigen Gegners kehrte er wieder zum Bewußtsein zurück. Kapitän Warburne trat ans Steuer. Leutnant Hunter übernahm die Leitung der Fregatte. Mit vieler Mühe, durch die Hilfe des Focksegels, fiel sie einen Strich vom Winde ab. Diesen Augenblick benutzte der alte Deckmeister, um sich über das Bollwerk zu schwingen und an den Galerien des Sterns hinabzusteigen. Er hielt sich möglichst frei von dem sichernden Tau und verließ sich nur auf die Kraft seiner athletischen Arme. Atemlose Stille herrschte am Bord. Nur der Sturm und die Wellen donnerten ihren wilden Gesang. Jeder, den nicht Pflicht an einen andern Platz fesselte, suchte die Bewegungen des kühnen Kletterers zu verfolgen. Im Schutz der halben Wendung des Schiffes stieg der Deckmeister anfangs glücklich am Hinterkastell hinunter. Jetzt war er am Steuer. Er versuchte, die Kette, deren Ende er um den Arm getragen, zu befestigen. Da erschütterte ein neuer furchtbarer Sturmstoß die \>Niger\<. Das Focksegel riß aus seinen Schlingen mit einem Knall, der einem Kanonenschuß glich. Wie eine weiße Wolke flog es über das Bugspriet hinaus. Die Fregatte fiel zurück in den Wind. – Einige Augenblicke hing der brave Seemann im dunkeln Schlund an der Leine. Noch ehe sie geheißt werden konnte, brauste eine dunkle schäumende Woge heran und schleuderte ihn mit aller Gewalt gegen die Balken. »Holt das Tau! Rasch – rasch, Jungens!« Die Matrosen arbeiteten mit rasender Kraft. Die Offiziere legten Hand an; denn der alte Deckmeister war bei allen beliebt; das Tau flog durch die Hände. Im nächsten Augenblick zogen ihn zehn Hände über das Bollwerk. Der Kopf des alten Mannes blutete aus einer Stirnwunde. Bleich hing er auf die linke Schulter herab. Die mächtigen Glieder waren kraftlos. Als die Matrosen sie anfaßten, fühlten sie die Knochen an mehrerm Stellen zerschmettert. Man legte den Verletzten auf das Deck am Kompaßhaus; Frank Maubridge kniete neben ihm und suchte das Blut zu stillen. »Er kommt zu sich«, sagte Kapitän Warburne. »Alter Freund, wie geht es dir?« Der Deckmeister hob den Kopf, von Doktor Welland unterstützt. Sein erster Blick fiel auf Frank. Ein mattes Lächeln glitt über seine gefurchten Züge. »Das war keine Arbeit für Euch ... Master Frank«, flüsterte er. »Kapitän Warburne ... die Steuerkette ... ist gerissen. Keine Möglichkeit ... sie zu flicken. Die Fregatte ... ist verloren ... Der Klabautermann, Sir – der Klabautermann ...« »Fühlst du dich schwer verletzt. Mann?« »Es ist aus mit mir! – Dreißig Jahre – Kapitän, sind wir zusammen gesegelt. Zwanzig davon auf der ›Niger‹. Die Planken wollen nicht mehr zusammenhalten ... und mit mir ist's ebenso. Ich fühl' es – der Sturz hier auf die Brust –« »Mut – Mut! Die Wunden sind nicht gefährlich!« »Ich würde ein Krüppel sein. Besser, ich gehe ... wohin die alte ›Niger‹ geht. – Kapitän Warburne – der verteufelte Dampf ... hat uns doch überflügelt!« Der sterbende Seemann schwieg erschöpft; die Untersuchung Doktor Wellands zeigte, daß der Brustkasten zerschmettert war. Frank, der Midshipman, und der Baronet, der sich wieder erholt hatte, bemühten sich um den Leidenden. Kapitän Warburne richtete wieder sein ganzes Augenmerk auf die Fregatte. »Öffnen Sie die Luken, Master Keane!« befahl er dem Hochbootsmann. »Wir haben kein Recht mehr, die Leute dort unten zu halten. Wir müssen ihnen Rettungsmöglichkeit gewähren. – Untersuchen Sie die Boote, Pearson.« Der Zimmermann berichtete, daß der zweite Kutter von der Sturzsee fortgerissen, die Gig zertrümmert waren. Nur ein Kutter und das Landboot waren seetüchtig. Die ›Niger‹ trieb jetzt, dem Steuer ungehorsam, mit furchtbarer Geschwindigkeit vor Wind und Wellen. Zuweilen legte die Fregatte sich auf die Seite, von Wasserbergen überschüttet. Jede neue Welle, die über die Bollwerke schlug, riß eine Lücke in die Menschenmenge, die, aus dem Raum voll Angst und Jammer empordrängend, sich nicht festzuhalten verstand. Am Besanmast stand ein riesiger Mohr in der Uniform eines orientalischen Spahis. Den rechten Arm hatte er um den Mast gelegt. Der linke umschlang ein schwarzes, tief in den Yaschmak und Feredschi verhülltes Weib. Missis Duberly, die Engländerin, die ihrem im 8. Husarenregiment dienenden Gatten – den Verboten Lord Raglans und Lord Lucans zum Trotz – nach dem Lager folgen wollte, wankte auch an Deck. Die französischen Offiziere suchten die Zitternde zu sichern. Der alte Deckmeister hatte dem Baronet gewinkt, sein Ohr näher an seinen Mund zu bringen; denn das Gebrüll der Wogen und des Sturmes machte kaum in nächster Nähe die Worte verständlich. »Eins liegt mir schwer auf der Seele«, keuchte er mit Anstrengung. »Das griechische Weib, das ich Euch verbergen half ... am Golf von Smyrna. Ich kannte Euch als Knaben, Sir Edward. – Erleichtert meine Sterbestunde ... durch das Versprechen, gutzumachen an ihr, was Ihr verbrochen habt. Sucht die Lady auf! Ihr wißt, daß sie Eure rechtmäßige Gattin ist – ich war Zeuge davon. Und der Bruder, den der Zweite Leutnant in der Fanariotenstadt erschlug, hatte ein Recht, Euch zu stellen.« Das bleiche, kranke Gesicht des Baronets verzog sich zu wildem Haß. »Diona ist längst tot. Sie ruht auf dem Kirchhof von Sewastopol. Der Grieche aber, den du erschlagen wähnst, lebt. Seinem Dolch verdank' ich, daß ich ein siecher Mann bin!« Es war das erstemal, daß der Baronet gegen seine englischen Freunde Dionas Tod erwähnte. Der Alte seufzte schwer auf. »Ich sagte es Euch wohl ... es kommt nichts Gutes von den Unterröcken. Vergebt dem Mann, wie der Herr dort oben Euch vergeben möge. Und ... hütet Master Frank vor dem Weibervolk. Es ist der letzte Eures Stammes!« »Licht vor uns!« unterbrach der hallende Ruf vom Vorderkastell und fesselte alle Augen auf den Horizont. Hoch oben, wie mitten aus den schwarzen Wolken heraus, flammte ein Licht. Erst klein und schwach. Dann verbreitete es sich rasch zur großen, lodernden Flamme. »Ein Leuchtturm, Sir!« »Eher ein Leuchtfeuer an der Küste! Das große Segel, Hunter! An die Geitauen und Bauchgardingen, Jungen – steigt auf die großen Schooten! – Laßt die Stockgardingen los! – Eingeholt! Es gilt das Leben!« Das große Segel bauschte im Sturm. »Brandung am Wetterbug!« Der Ruf erschütterte wie ein Donnerschlag die Menge. »Halsen Sie das Schiff, Master Price! Ich hoffe, wir haben noch Raum dazu.« Nervige Fäuste packten, zerrten, stemmten. Die Fregatte fiel ab. Aber plötzlich erhielt sie einen erschütternden Ruck. Durchdringendes, gellendes Geschrei durch das ganze Schiff. »Sie ist auf einen Felsen gestoßen! – Ein Felsen! –« Mannschaften und Passagiere drängten kopfüber nach hinten, als wollten sie bei dem Kapitän und den Offizieren Schutz suchen. Eine anstürmende, riesige Welle faßte die Fregatte am Spiegel. Man fühlte, wie sie wieder ins Wasser gehoben wurde. »Sie ist flott, Sir!« Durch das Gewühl stürzte der Zimmermann nach hinten. Sein Gesicht war bleich – Todesschreck im Blick. »Die Fregatte ist leck, Sir! Sie füllt sich rasch mit Wasser – wir können kaum noch zehn Minuten flott bleiben!« Trotz dem Sturm hörten alle den Schreckensruf. »Das Schiff geht unter!« Laut übertönte das Geschrei das Brüllen des Orkans. Jeder ließ seinen Halt los. Verzweifelnd rannten, taumelten, ächzten, kreischten die entsetzten Menschen. Leben um Leben rissen die überschlagenden Wellen hinunter in den dunklen Abgrund. Eine feste Hand faßte den Arm des Kapitäns. Warburne sah in das entschlossene Gesicht des französischen Colonels, Vicomte de Méricourt. »Dort ist ein zweites Feuer«, sagte der Offizier. »Vielleicht kann es uns nützen!« »Sie haben recht, Sir – es ist noch eine Hoffnung – wenigstens für Sie! – Suchen Sie alle sich im Vorderschiff festzuhalten – verlassen Sie es um keinen Preis. Boote sind in diesem Wogendrang unnütz. – Fort, fort, alle, die nicht hier ihren Posten haben!« – Er ergriff das Sprachrohr. »Ruhe auf Deck! Jeder Mann auf seinen Posten! Fort da aus den Booten!« Eine Anzahl Matrosen hatte sich der Boote zu bemächtigen gesucht. Die Kaltblütigkeit des Kapitäns brachte sie zum Gehorsam. Sie verließen die Boote bis auf einen langen Schottländer; er fuhr eigenwillig fort, die Krabber loszumachen. »Heraus aus dem Boot!« »Gott verdamm' mich, wenn ich's tu'! Jetzt ist jeder hier Herr!« Die Worte hörte Warburne nicht. Aber den Sinn kennzeichnete die trotzige Gebärde. Stumm deutete Warburne mit dem Finger nach dem Ungehorsamen. Der Erste Leutnant stand in der Nähe. Eine Handspeiche wirbelte durch die Luft und fiel mit schwerem Schlag auf den Schädel. Der Schottländer taumelte, griff nach den Tauen und fiel rücklings ins Meer. »Männer«, brüllte der Kapitän. »Ich kommandiere die Fregatte! – Solange eine Planke übrig ist, werde ich Gehorsam erzwingen. – Alle Mann nach vorn! – Kutter und Langboot festlegen!« Warburnes Augen bohrten sich in die Nacht. Das Feuer flammte. Dorthin mußte das Schiff. Warburnes Blick fiel auf den Midshipman Maubridge. »Was wollen Sie hier?« fuhr Warburne ihn an. »Alles soll nach vorn!« »Ich will bei Adams bleiben – und bei Ihnen, Kapitän Warburne!« »Adams ist tot! Der braucht keine Hilfe! – Hunter, fort mit ihm!« Es wagte keiner zu widersprechen. Der Erste Leutnant zog den Midshipman fort. Warburne stand auf der Bank an der Wetterseite. Sein rechter Arm preßte sich fest um das nächste Tau. Er beobachtete die dunklen Massen des Ufers. Hart trotzte er der vollen Wut des Sturmes, der sein graues Haar und seine Kleider peitschte. »Fest das Handsteuer, Boys! – Bringt die Fregatte voll vor den Wind!« Die Männer am Rad, an den Wanten, an den Zugleinen des großen Segels, das die Fregatte fast mit der Geschwindigkeit der Wellen vorwärts riß, standen ehern auf ihren Posten. »Grad auf das Feuer halten, Master Price!« » Yes , Sir!« Kaum verhallte der Laut, da krachte die Fregatte, statt in die Bucht unterhalb des Schlosses Aya einzufahren, mitten in der rückschäumenden Brandung auf die Felsenreihe, die den Eingang der Bucht umgab. Der Stoß warf fast alle zu Boden. Ein schrilles, letztes Angstgekreisch trugen die Flügel des Sturmes dem nahen Land zu. Die beiden übriggebliebenen Masten brachen über Bord und rissen Menschen mit sich fort. Eine riesige Welle überflutete die \>Niger\< gleich einer Lawine und stieß das Schiff noch tiefer zwischen die Felsen. Ein zweiter, ein dritter Anprall der wütenden Wellen. Die Fregatte brach mitten durch. Das Vorderteil, zwischen Felsen festgeklemmt, blieb über dem Meer. Das Hinterdeck schwebte sekundenlang auf dem Gipfel der schäumenden Wellen; dann verschlang es die dunkle Tiefe. Den letzten Jammerruf der Ertrinkenden überschäumte die See. Den Untergang bedeckte die Nacht und das Brüllen der Brandung. Von vierhundert Menschen, die am Morgen noch lebten, hatten sich kaum hundert auf das Vorderdeck gerettet. Jede Minute, jede Welle riß ein neues Opfer aus der Reihe. Die beiden Franzosen, Doktor Welland und der Baronet, die Lady und die schwarzen Geschwister befanden sich unter den Lebenden. Von den Offizieren waren der Erste Leutnant, der Hochbootsmann und drei Midshipmen auf dem Wrack. Die Stellung des Vorderkastells gewährte leichten Schutz gegen den Andrang der Wogen. Jenseits der Felsen in der Bucht zeigte sich ruhigeres Wasser. Das Wrack war nur hundert Faden vom Lande entfernt. Deutlich sah man um das Feuer sich Menschen bewegen. Jetzt zeigte sich, wie zweckmäßig der Befehl Kapitän Warburnes gewesen war, die Boote durch lange Taue an den Stumpf des Fockmastes zu befestigen. Das eine war zwar bei dem Anprall und dem Bruch fortgerissen und zerschmettert worden. Zu seiner Freude erblickte aber Leutnant Hunter den zweiten Kutter an seinem Tau. Die Woge, die das andere Boot vernichtet, hatte das leichtere über die Felsen hinweggeschleudert. Es schwamm auf der Bucht. Frank saß bei Sir Edward, seinem Bruder, und unterstützte ihn. Die anderen Passagiere, dicht zusammengedrängt, hielten sich an den Tauen. Nur Welland war es nicht gelungen, eine sichernde Stellung zu erreichen. Er saß auf dem äußeren Ende eines der abgebrochenen Balken und hielt sich dort krampfhaft fest. Ihm zunächst kauerte Gosset, der Midshipman, unter dem Bollwerk gesichert. Jede neue anstürmende Welle drohte Welland von seinem Balken hinwegzuschwemmen. Nur mit der Kraft der Verzweiflung, die für das Leben ringt, klammerte er sich an. Seine Gebärden, sein Ruf baten den Midshipman um Hilfe. Leicht hätte ihm Gosset das Tau, das neben ihm hing, zuwerfen können. Aber der junge Taugenichts dachte an alles eher, als das geringste von seinen Vorteilen aufzuopfern. Leutnant Hunter erteilte den auf das Wrack geretteten Matrosen den Befehl, vorsichtig das Tau einzuholen, an dem das Boot trieb – da überspülte eine Welle, stärker als die anderen, den Bord. Im Zurückprallen riß sie den Arzt mit in die Tiefe. Ein durchdringender, gellender Schrei erschütterte die Herzen. Dann flog eine helle, in weiße Gewänder gehüllte Gestalt auf den Planken entlang, entriß Gosset, dem Midshipman, die Leine und stürzte sich in die Brandung. Zugleich sprangen der Mohr und Frank Maubridge nach der Stelle, wo der Deutsche verschwunden war. Gosset, von beiden zur Seite gestoßen, erhielt für sein Schelten einen derben Fußtritt. Über das Bollwerk gebeugt, spähten der Mohr und Frank in die schäumende Flut. Ein Freudenruf – ein weißes Gewand tauchte auf. In kräftigen Frauenarmen festumschlossen ein Mann ... Frank holte Griff um Griff die Leine ein. Jussuf, der Mohr, lehnte sich weit über das Bollwerk, um Nursidäh, seine Schwester, und Welland vor dem zerschmetternden Anprall zu bewahren. Zwei Stunden waren seit der Abreise des Fürsten Iwan verflossen. Sergei Popotow, der Kastellan, erschien im neuen Schloß, um höflich im Namen seiner Gebieterin Madame Bibesco einzuladen, den Abend bei ihr zuzubringen. Es lag Oberst Wassilkowitsch zu viel daran, jeder Annäherung an die Fürstin Vorschub zu leisten, als daß er Celeste gehindert hätte. Bald saßen Iwanowna und Celeste in dem Erkergemach am Kamin. Der tobende Sturm erschütterte die Grundmauern des Schlosses. Die Französin fühlte sich bald beruhigt und plauderte lebhaft. Auch nicht die leiseste Anspielung der jungen Fürstin deutete darauf hin, daß ihr Celestes frühere Verhältnisse bekannt waren. »Mein Bruder«, sagte Iwanowna auf eine Bemerkung der Französin, »ist die Strapazen der Witterung gewöhnt. Und die hohen Felswände des Ufers brechen die Wut des Orkans. Der an ihrem Fuß hinführende Landweg nach Alushta wird verhältnismäßig sicher sein. Nur wen der Sturm auf dem Meer trifft, schwebt in großer Gefahr. Denn diese See, so lieblich und ruhig im Sonnenschein, ist furchtbar und tückisch in ihrer Empörung. Wir werden sicherlich nach dem Sturm von vielen Unglücksfällen hören.« »Am Nachmittag war ein Schiff zu sehen am Rande des Horizonts.« »Ich sah es gleichfalls. Doch scheint es glücklich davongesegelt zu sein und das freie Meer gewonnen zu haben. Die Küste wäre sein Verderben.« »Graf Wassilkowitsch zweifelte daran. Er meinte, daß es dem Ufer näher gekommen sei, und glaubte noch vor einer halben Stunde, seine Signallaterne auf der See erkannt zu haben.« »Mein Gott! Dann schweben die Unglücklichen in der höchsten Gefahr! Man müßte sie vor der Annäherung an diese Felsen warnen.« Sie schlug an eine Glocke und befahl der eintretenden Dienerin, den Kastellan zu holen. »Ich möchte gern wissen, welcher Nation das Schiff gehört – man hat die Flagge in der weiten Entfernung nicht erkannt«, meinte die Französin ängstlich. »Vielleicht Ihrer eigenen, Madame; doch das ist gleichgültig. Es sind Menschen in Lebensgefahr.« – Sie wandte sich zu dem eintretenden Kastellan. »Hat man von dem Schiff, das sich gegen Abend auf dem Meere zeigte, etwas wahrgenommen?« »Der Sturm treibt es auf die Küste zu, Durchlaucht. Man kann von der Höhe aus deutlich seine Lichter sehen.« »Ist das Feuer auf dem Turm angezündet, das bei solchem Unwetter die Schiffe vor den Klippen warnen soll?« »Nein, Durchlaucht.« »Und warum nicht?« »Der Graf Wassilkowitsch befahl, es zu unterlassen. Er meint, es könne nur ein feindliches Schiff sein. Unsere Pflicht erfordere es, seinen Untergang zu befördern.« »Das wären die Grundsätze tscherkessischer Strandräuber«, sagte die Fürstin zornig. »Hinauf auf den Turm; ehe fünf Minuten vergehen, brennt das Feuer! Hoffentlich ist es nicht zu spät!« Iwanowna trat aufgeregt an das hohe Bogenfenster nach dem Meer. Celeste folgte ihr furchtsam. Mit einem scharfen Glase durchforschten sie durch die halb geöffneten Rolläden die wilderregte, dunkle See. Das Licht im Gemach hatten sie gelöscht, um draußen besser sehen zu können. »Dort sehe ich Lichter – eins, zwei – sie schwanken auf den Wellen«, rief die Französin. »Jetzt sind sie verschwunden. Doch jetzt – dort wieder –« Die Fürstin nahm ihr das Glas aus der Hand und sah scharf hinaus. »Ich glaube das Schiff zu erkennen; wie ein schwarzes Gespenst malt es sich auf dem Kamm der Wogen gegen den Horizont.« »Das Feuer auf dem Turm brennt. Sie können jetzt die Küste erkennen und sich retten.« »Das steht allein in Gottes Hand.« »Dort unten zündet man ein zweites Feuer an.« Die Fürstin riß die Glastür auf und stürzte auf den Altan, der sich vor dem Fenster öffnete. Der Sturmwind fegte in das Gemach und schmetterte klirrend die Scheiben aus ihrem Rahmen. – »Das ist teuflisch – das heißt die Unglücklichen ins Verderben locken!« Sie eilte zurück. Ihr Ruf nach dem Diener scholl durch den Flur. Doch niemand war zu sehen. Die Zimmerflucht der Fürstin war ein verbotener Aufenthalt, dem nur wenige zu nahen wagten. Erst das wiederholte Rufen führte Sergei Popotow herbei. »Hinunter zur Bucht«, herrschte ihm die Fürstin zu. »Man soll das Feuer dort unten augenblicklich löschen!« Der Alte eilte davon. Mit Angst und Entsetzen beobachteten die Frauen die Brandung. Der Rumpf des großen Schiffes hob sich häufig gen Himmel ab. Denn obgleich von dunklen Sturmwolken umzogen, war er doch dann und wann vom Mondlicht erhellt. »Es hat die Richtung hierher! Es glaubt in den Schutz der Bucht einzulaufen! – Die Menschen sind verloren!« »Durchlaucht«, keuchte der im vollen Lauf zurückkehrende Kastellan. »Man weigert mir den Gehorsam! Das Schiff sei ein feindliches – es müsse in die Felsen gelockt werden. Der alte Mann, der mit Fürst Iwan kam, hat den Rat gegeben; Oberst Wassilkowitsch hat den Dienern gesagt, daß ihm von dem Fürstenstatthalter der Befehl an dieser Küste anvertraut sei.« Einen Augenblick stand Iwanowna unentschlossen. Dann richtete sie sich gefaßt auf. Mit zwei Schritten war sie an der Tapetentür, hatte den Schlüssel umgedreht und abgezogen; dann warf sie einen Pelz um die Schultern. »Ich muß hinunter ans Meer«, sagte sie hastig zu Celeste. »Es gilt, ein Unglück, ein Verbrechen zu verhindern! Haben Sie Mut, so tun Sie wie ich! Folgen Sie mir. Sergei, sende alle unsere Leute an die Bucht – mit Seilen und Stangen!« – Sie verließ eilig das Gemach; Celeste, im Kampf zwischen der Furcht, allein zu bleiben und der, sich dem Unwetter auszusetzen, eilte dennoch, in ihren Mantel gehüllt, der Fürstin nach. Wo die Bucht sich zwischen breiten Felswänden am Fuß der Schloßberge öffnete, brannte ein mächtiges Feuer. Wilde, erregte Männer starrten hinüber nach der gescheiterten Fregatte, die draußen zwischen den Felsenriffen hing. Auf einen halb verbrannten Ast gestützt, schaute fanatisch der greise Tabuntschik hinaus in die Nacht. – »Paßt auf, Erlaucht – ich wette meinen Kopf: es sind Engländer! Die Heiligen mögen uns segnen; wir werden ein Opfer bringen für das heilige Rußland!« »Sie haben ein Boot gesichert.« Der Oberst klemmte das Glas vor die Augen. »Sie wollen landen!« »Mögen sie verflucht sein in alle Ewigkeit! – Paßt auf, Männer! Wenn sie das Ufer berühren, über sie her – und zurück mit ihnen in die Wellen!« Leibeigene und Diener begrüßten mit Jubelgeschrei den unmenschlichen Befehl. Das Geheimnis der Oczakows Das Wasser in der Bucht, durch die Felsenkämme von dem sturmflutenden Meer getrennt, war verhältnismäßig ruhig, wenn auch die Wellen hoch an der Uferbank aufschäumten. Die Schiffbrüchigen hatten das Boot glücklich an sich gezogen. Ein kleines Leck war rasch gestopft. Auf Hunters Befehl unternahm der Midshipman Maubridge mit Missis Duberly, den beiden Franzosen, dem Baronet und sechs Matrosen die erste Überfahrt. Die Hoffnung auf Rettung stählte die Arme der Männer. Ihre kräftigen Ruderschläge führten das Boot glücklich ans Ufer. Trotz ihrem Zuruf regte sich aber keine Hand, ihnen ein Tau zuzuwerfen. Kaum hatte der Kutter angelegt und die Schiffbrüchigen sprangen an Land, stürmte mit wildem Geheul die Rotte auf sie zu. Waffen und Pfähle hoben sich, sie zu Boden zu schlagen. »Morbleu!« fluchte Kapitän Depuis. »Die Bestien sind ärger als der Sturm auf dem Meer.« Mit einem Bootshaken wehrte er tapfer die Andringenden ab. Méricourt sah in Wassilkowitsch den Offizier, ohne ihn in den ersten Augenblicken, vom Spritzwasser und vom Feuer geblendet, zu erkennen. »Mein Herr,« rief er laut in französischer Sprache, »wir sind Schiffbrüchige! Wir ergeben uns als Gefangene. Schützen Sie uns vor diesem Gesindel.« Der Ton der Stimme weckte Haß in dem russischen Offizier. Bisher hatte er sich von dem feigen meuchlerischen Angriff ferngehalten. Mit einem Sprung war er in der Nähe des Ufers. »Vicomte de Méricourt?« »Graf Wassilkowitsch – ?« »Zurück mit den französischen Spitzbuben! Keine Gnade für die Feinde des heiligen Rußlands!« Er selber, den Säbel hoch geschwungen, führte die wilde Schar. Auf Depuis stürzte der Tabuntschik ein. Der Kapitän, den Gefahren des Feldzuges an der Donau entronnen, von der Seuche genesen, vom Toben des Meeres gerettet, schwang den Bootshaken zur Verteidigung; da schmetterte ihn die schwere, funkenglimmende Keule des Roßhirten mit gewaltigem Schlage in die Knie. »Méricourt, zu Hilfe! Man mordet mich!« Méricourt ließ Missis Duberly los und war im Sprung neben dem blutenden, betäubten Freund. Unbewaffnet warf er sich den Blutdürstigen entgegen. »Zu Boden mit ihm, Michael! – Tod dem Franzosen!« Es bedurfte des anregenden Zurufs nicht. Der Tabuntschik schwang seine riesige Keule wild um das Haupt zum Todesstreich. Da erklang ein schneidender, klarer Ruf – eine Frauenstimme: »Halt!« Natascha Iwanowna, die Hand drohend erhoben, die flammenden Augen zürnend auf die Mörder gerichtet, trat heran. »Zurück mit euch! – Wage keiner, sie anzurühren! So lieb ihm sein Leben ist! Sie stehen in meinem Schutz!« Der greise Tabuntschik starrte sie an. »Was haben Frauen zu tun bei dem Männerwerk? Sie müssen sterben – zur Sühne für das heilige Rußland!« »Sie werden nicht sterben, grausamer, alter Mann! Rußland führt mit feindlichen Soldaten, nicht mit Schiffbrüchigen Krieg! – Zurück da! Ich lasse den zu Tode peitschen, der noch eine Hand zu erheben wagt! – Graf Wassilkowitsch, schämen Sie sich!« Gereizt von dieser unerwarteten Dazwischenkunft, die alle seine Pläne störte, sah Wassilkowitsch die Fürstin höhnisch an. »Ich begreife, daß die Fürstin Oczakow ihre Bewunderer von Paris nicht als Feinde betrachten will. Indes muß ich Ihrer Menschenfreundlichkeit Einhalt tun; ich führe seit heute morgen das Kommando an der Küste. Ich bin verantwortlich –« Die Fürstin, die bisher die Schiffbrüchigen nicht näher beachtet hatte, sondern nur auf ihre Rettung bedacht gewesen war, schaute sich bei den boshaften Worten nach ihnen um. Ihr Blick begegnete den feurigen Augen Méricourts. »Sie hier?!« Er beugte sich auf die Hand, die sie ihm unwillkürlich reichte. »Eine traurige Begegnung, Fürstin! Lassen Sie mich Ihnen meine Schicksalsgenossen und die Unglücklichen, die noch dort auf den Klippen um ihr Leben ringen, Ihrem Herzen empfehlen. Helfen Sie, solange noch menschliche Hilfe möglich ist! Wenn Sie hier gebieten, sind wir Ihre Gefangenen!« »Ich kann in Ihnen nur Schiffbrüchige sehen – nicht Feinde, Herr Vicomte. Ich habe für meinen Bruder den Tag von Inkerman zu lösen. Verfügen Sie über meine Diener.« Sie befahl streng dem herbeieilenden Schloßvogt und jedem der Anwesenden, Hand anzulegen zur Rettung der Gefährdeten. Eine Tragbahre wurde geholt, um den schwer verwundeten Depuis in das Schloß zu schaffen. Der Midshipman Frank und seine Matrosen führten das Boot zurück und verbanden mit einem langen Seil das Wrack mit dem Ufer. Es war, als habe der Orkan seinen Höhepunkt überschritten. Denn von Minute zu Minute ließ jetzt seine Gewalt nach. Vor der Wut der Wogen schützte die Reihe der Klippen. Vier Fahrten des Kutters brachten alle Überlebenden ans Ufer. Siebenundfünfzig Menschen, die von der Bemannung und der Passagierzahl noch übriggeblieben waren; mehr als dreihundert hatten ihr Grab in den Wellen gefunden. Leutnant Hunter war der letzte, der das Wrack verließ. In Gruppen zusammengedrängt, durchnäßt, frierend und trostlos standen die Schiffbrüchigen an jenem Feuer, das ihr Verderben beschleunigt hatte. Schweigend, mit gewaltsam zurückgedrängtem Zorn, hatte Graf Wassilkowitsch Iwanowna und die Landung der Schiffbrüchigen beobachtet. Die Furcht vor der Herrin hatte all die Diener und Leibeigenen, die seine Befehle und Anreizungen gegen die Feinde aufgestachelt, von ihm abfallen lassen. Nur der Tabuntschik stand finster, auf seine Keule gestützt, neben ihm. Erbitterung, die geweckte Grausamkeit, der Haß gegen seinen persönlichen Feind kämpften in Wassilkowitsch mit der Besorgnis, sich bei der Fürstin durch schroffes Entgegentreten zu schaden. Dennoch siegte die Eifersucht. Er beschloß, seiner neuen Stellung Gehorsam zu verschaffen. Entschieden trat er zu der Fürstin, die eben befahl, die Geretteten hinauf nach dem alten Schloß zu führen. »Ich bedaure,« sagte der Oberst ernst, »meine Gegenwart in diesem Augenblick der Fürstin Oczakow aufdringen zu müssen. Doch Sie wissen, Durchlaucht, daß ich nicht eher Gelegenheit hatte, meine Ehrfurcht zu bezeigen. – Darf ich fragen, was Sie mit den Gefangenen beabsichtigen?« Die Fürstin sah ihn ruhig und kalt an. »Diese Leute, Herr Graf,« entgegnete sie, »sind für mich unglückliche Schiffbrüchige. Nicht Gefangene. Der Generalstatthalter, Fürst Menschikow, an den ich sofort Nachricht senden werde, wird über sie entscheiden. – Diese Herren hier« – sie wies nach den Offizieren – »werden vorläufig meine Gäste sein – wie Sie, Herr Graf.« Der Oberst lächelte höhnisch. »Ich bedaure! Diese Herren gehören zu den Feinden des Landes. Sie sind auf einem Kriegsschiff an unserer Küste in Gefangenschaft geraten. Ich will sie sofort als Gefangene behandelt wissen.« »Mit welchem Recht maßen Sie sich an, auf meinem Eigentum so zu handeln?« »Mit dem Recht, das mir die Order des Generalstatthalters als Kommandant dieser Küstenstrecke gibt. Ihr Bruder, Fürstin, überbrachte heute morgen diese Order. Ihr Schloß steht unter meinem Schutz und meinem Befehl.« Iwanowna schaute ihm trotzig in die tückischen Augen. Ihr Gesicht färbte sich mit höherem Rot. Die schöngeformte Oberlippe schürzte sich in herrischem Widerstand. »Sie irren, Graf Wassilkowitsch! Noch bin ich die Herrin!« »Zwingen Sie mich nicht,« sagte der Oberst erbittert, »Ihren Dienern diesen Befehl im Namen des Zaren zu zeigen. Sie werden nicht wagen, ihm zu trotzen.« Er hielt ihr die Order entgegen. »Ich werde es!« entgegnete sie stolz und gebieterisch. »Diese Order erteilt Ihnen ausdrücklich, wie ich von meinem Bruder weiß, den Befehl in unserem Eigentum von dem Augenblick an, wo die Truppen zur Besetzung eintreffen. – Nicht eher. Bis dahin, Oberst Wassilkowitsch, erinnern Sie sich, daß Sie allein die Eigenschaft eines Gastes meines Bruders für mich haben. Wagen Sie nicht, Ihr Gastrecht zu mißbrauchen!« »Ich würdige ganz meine Unerwünschtheit!« spottete der Russe, diesmal in französischer Sprache, um von den Zeugen dieser Szene verstanden zu werden. »Und um so mehr, als diese Herren der Fürstin Oczakow willkommener zu sein scheinen – Feinde ihres Landes! Ich werde meine Maßregeln danach treffen.« Colonel de Méricourt trat einen Schritt vor gegen den Grafen. Doch Iwanowna hielt ihn mit einer Bewegung zurück. Ihr schönes Gesicht flammte in edlem Stolz. Ihre großen Augen sprühten Feuer. – »Das Haus meiner Väter schützt den Gast. Selbst wenn er nicht besser als ein Strandräuber und Meuchelmörder wäre«, sagte sie fest. »Hüten Sie sich, Graf Wassilkowitsch – daß ich diesen Männern nicht sage, wer dieses Feuer angezündet und auf bübische Weise Hunderte von ihnen ins Verderben gelockt hat! – Ich bitte um Ihren Arm, Herr Vicomte! Meine Diener werden für Ihren Freund sorgen!« Sie wandte sich mit Verachtung von dem Grafen ab. Der Oberst sah ihr knirschend nach. Mit Haß und Groll verfolgte er sie, bis sie im Eingang verschwanden; dann, von Celeste und dem Tabuntschik begleitet, stieg er auf der andern Seite des Schlosses hinan. Sergei, der Kastellan, ließ die Geretteten von Dienern hinaufführen. Vier nahmen die Tragbahre mit dem Verwundeten sorgsam auf. An dem Feuer, das die Fregatte in die Bucht gelockt, das so vielen Tapferen das Leben gekostet, blieben nur einige umwohnende Eingeborene zurück, um das entfernte Wrack mit gierigen Blicken zu überwachen und das Strandgut zu erwarten, das der finstere Wellengott bei seiner Zertrümmerung an die Küste führen würde. Der Sturm hatte ausgetobt. Nur die Trümmer, die rings die Brandung ans Ufer geworfen, und das noch immer zwischen den Felsen festgeklemmte Vorderkastell der einst so stattlichen Fregatte zeigten die Verheerungen. An der ganzen Küste entlang hatte er mit gleicher Heftigkeit gewütet. Die ältesten Leute konnten sich nicht eines ähnlichen erinnern. Die Ufer der Krim bedeckten sich mit den Trümmern zugrunde gegangener feindlicher Schiffe. Bei Eupatoria waren zwei Linienschiffe Darunter Heinrich IV. , zwei Dampfer und dreizehn kleinere Schiffe gestrandet: bei Sewastopol vierzehn, mehrere bei Balaklawa und an den Felsenküsten der Ostseite. Im Lager der Verbündeten hatte der Sturm Zelte umgestürzt und Hütten zerstört. Allgemeine Verwirrung und Betäubung herrschte. Die französische Armee erinnerte sich der Schrecken, die vor zweiundvierzig Jahren so furchtbar für Rußland gekämpft hatten. In der Nacht flaute das Stürmen ab. Aber unfreundliches Wetter war eingetreten: der Winter hatte begonnen. Es schneite und regnete. Im Schloß Aya waren die Schiffbrüchigen untergebracht. Alles war zu ihrer Verpflegung und Unterstützung getan. Aber die Diener und Eingeborenen zeigten trotz der Befehle der Herrin mürrischen Groll über den Zwang, dem sie sich beugen mußten. Mancher Haßblick wurde getauscht, als die Erschöpften erst wieder aufatmen konnten. Die britischen Matrosen und Soldaten der Fregatte standen während des Tages in einzelnen Gruppen in den Hallen und dem Hof des Schlosses umher. Mißmutig betrachteten sie die hohen Mauern und die aufgezogene Zugbrücke. Hätten sie irgend das Land gekannt und gewußt, wohin sie sich wenden sollten, so hätten sie sich nicht abhalten lassen von dem Versuch, das Lager der Verbündeten zu erreichen. Auch in dem großen Gemach, in dem die Offiziere reichliche Bewirtung gefunden hatten, sprach man davon. Bei aller Güte, die Fürstin Iwanowna für sie bewies, konnten sie sich doch nicht verhehlen, daß sie so gut wie Gefangene waren. Die Nachricht, daß vielleicht schon am andern, jedenfalls zweitfolgenden Tage ein russisches Detachement erwartet wurde, machte dies Los gewiß. Denn durch die Belagerung Sewastopols war die Erbitterung unter den Russen bedeutend gestiegen. Auch die Fürstin empfand das Schwierige ihrer Lage. Sie hatte am Morgen einen Kosaken mit der Anzeige des Strandens der Fregatte in das Hauptquartier nach Baktschiserai geschickt. Doch wußte sie, daß die Truppen von Kaffa und Simferopol, die Oberst Wassilkowitsch untergeordnet waren, eher eintreffen mußten als die Bestimmung des Generalstatthalters. Graf Wassilkowitsch hatte dann das Recht und die Mittel, seinen Absichten Gehorsam zu erzwingen. Der Verkehr zwischen dem alten und dem neuen Schloß schien während des Tages ganz abgebrochen. Doch hatte Natascha gemerkt, und es war ihr auch von Sergei und der tatarischen Zofe berichtet worden, daß drüben große Tätigkeit herrschte. Boten hatten zu Pferde die Richtung nach Yalta und Alushta eingeschlagen. Eine neue Gefahr drohte von anderer Seite. Der Schiffbruch hatte eine Menge Bewohner der Gegend herbeigezogen; Fischer, Tataren, Leibeigene anderer Grundherren und eine der zahlreichen Zigeunerhorden der Krim. An zweihundert wilde, ihrer Botmäßigkeit nicht untertane Männer lagerten, der Witterung trotzend, am Meeresstrand. Sie teilten sich die Beute, die das Meer ans Ufer geworfen und die sie selber aus dem Wrack geplündert hatten. In allen glimmte der Haß gegen die geretteten Feinde – durch die grausamen Plünderungen, die kurz vorher englische Schiffe an der unbeschützten Küste verübt hatten, zur grimmen, blutdürstigen Erbitterung gesteigert. Der alte Tabuntschik ging unter ihnen umher und schien die Leute zu einem unbekannten Unternehmen anzuspornen. Das bewiesen die häufig nach dem Schloß gerichteten Gebärden. Die Fürstin gab strengen Befehl, alle Ausgänge des Schlosses sorgfältig zu schließen und die gefährdeten nach der Terrasse hin zu verrammeln. Am Vormittag hatte sie die geretteten Offiziere und Missis Duberly empfangen, der sie Kleider und Wäsche gesandt und jede Höflichkeit erzeigt hatte. Seitdem vermied Iwanowna, mit den männlichen Gästen zusammenzutreffen. – Sie fürchtete, ihn wiederzusehen, den sie nie aufgehört hatte, zu lieben. Missis Duberly war bei ihr geblieben. Am Nachmittag saß der Colonel de Méricourt in einem kleinen gewölbten Gemach am Lager seines verwundeten Kameraden. Doktor Welland hatte die Nacht und den Vormittag bei dem Verletzten zugebracht. Er raste in wildem Fieberwahnsinn: bald noch von den Wellen umbraust, bald sich im Getümmel der Schlacht wähnend. Die Lebenskraft, die den Gefahren und dem Elend des Donau-Feldzugs, dem Tode in den Laufgräben vor Sewastopol und den Schrecken der Cholera getrotzt hatte, die ihn eben noch gerettet aus dem Toben des Orkans – sie war jetzt gebrochen von dem hinterlistigen Schlag eines Greises. In wildem Gehirnfieber verzehrten sich Leben und Geist. Doktor Welland hatte alles mögliche aufgeboten, dem Freunde, der ihn vor wenigen Monaten vor dem Tode des Verbrechers gerettet, jetzt selber das Leben zu erhalten. Darüber hatte er noch nicht einmal Zeit gefunden, an seine wunderbare neue Rettung zu denken und die beiden Schwarzen aufzusuchen, denen er sie verdankte. Er wußte, es war Jussuf, der On Baschi, der den Colonel begleitete. Und er ahnte, wer die Verhüllte war, die sich ihm in das tobende Meer nachgestürzt hatte. Ihre Gegenwart auf dem Schiff hatte er erst nach dem Ausbruch des Sturmes bemerkt. Auf dem Schloß schien sie aufs neue verschwunden oder ihn sorgfältig zu meiden. Widerstrebende Gefühle hinderten ihn, den On Baschi nach seiner Begleiterin zu fragen. Jetzt hatte der Arzt sich erschöpft Ruhe gegönnt. Der Fieberkranke lag in stumpfem Schlaf. Méricourt hatte zwei Stunden an seiner Seite gesessen – fast ebenso bewegungslos wie der Kranke. Seine Gedanken waren bei dem unerwarteten Wiederfinden der Geliebten; seine Träume umgaukelten Natascha – so nah – und doch so fern. Kaum durch Schritte getrennt – und durch Völkergeschicke geschieden. Ein leises Geräusch weckte ihn aus seinen Träumen. Das tatarische Mädchen trat ein, das ausschließlich die Fürstin bediente. Die zitternde Hand hielt ein Schreiben an ihn. Es enthielt nur wenige Worte. »Folgen Sie der Überbringerin – ich muß Sie sprechen! Natascha Iwanowna.« Er sah auf den schlafenden Freund. Dann winkte er der Tatarin, der er sich durch die Sprache nicht verständlich machen konnte, zu warten. Er holte Jussuf, den er auch glücklich in der Nähe traf, zu dem Kranken. Rasch folgte er der Tatarin bis zu jenem Erkerzimmer, in dem sich Natascha meistens aufhielt. Er fand sich getäuscht in seinem Hoffen. Die Fürstin war nicht allein. Missis Duberly, seine Reisegefährtin auf der gestrandeten Fregatte, war bei ihr. Natascha Iwanowna stand in der Mitte des Gemachs. Ihre ruhige Haltung war einer starken Erregung gewichen. Stumm und mit niedergeschlagenen Blicken erwiderte sie die ehrerbietige Begrüßung Méricourts. Mit dem gemessenen, zurückhaltenden Wesen, das den vornehmen Engländerinnen eigen ist, beobachtete Missis Duberly beide. Auch auf ihrem Gesicht prägte sich Unruhe und Besorgnis aus. »Ich würde es nicht gewagt haben, die Zurückgezogenheit unserer großmütigen Retterin zu stören«, sagte der Vicomte. Er nahm auf Iwanownas Wink Platz. »So sehr ich auch wünschte, Ihnen, Fürstin, besonders meinen Dank abzustatten! – Ihre Erlaubnis gibt mir die Möglichkeit –« Die Fürstin machte eine abwehrende Bewegung. »Wir haben keine Zeit zu Einleitungen, noch zu Formen der Höflichkeit, Herr Vicomte«, sagte sie hastig. »Der Krieg kann uns die früheren Erinnerungen nicht vergessen machen; Natascha grüßt Sie wie damals – als sie Ihnen an dem Tage ihre Hand zum Dank für das Opfer reichte, das Sie ihrer Schwesterliebe gebracht. Natascha Oczakow, mein Herr, trägt das Gedächtnis an jene Stunde noch unverändert in ihrem Herzen.« »Fürstin –« er beugte sich verwirrt, betäubt von dem süßen Geständnis, über ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Still, mein Freund – Missis Duberly darf wohl hören, daß die Tochter der wilden Steppen des Ostens offen und frei die Liebe zu einem Edlen und Würdigen gesteht. Aber sie muß auch sehen, daß die Russin die Pflicht gegen ihr Vaterland kennt – und für den Feind nur die Erinnerung des Herzens hat.« Er senkte die blitzenden Augen und ließ langsam und traurig die schöne Hand los, die ihn willkommen geheißen. »Sie haben den Grafen Wassilkowitsch gestern erkannt?« fragte Iwanowna. Er bejahte. »Er haßt Sie – noch bitterer als damals – als er das unselige Mißverständnis zwischen Ihnen und meinem Bruder hervorrief. Vieles ist mir deutlich geworden – erst seit kurzem. Sie wissen« – eine dunkle Röte überzog ihr schönes Gesicht – »warum er Sie haßt. Und Sie wurden jetzt, wie mein Bruder mir erzählt, noch sein Besieger bei Silistria. Das hat seine Bitterkeit vermehrt.« »Ich kümmere mich wenig darum, Fürstin!« »Fürchten Sie alles von ihm. Leider reicht wahrscheinlich schon morgen meine Macht nicht mehr hin, Sie zu schützen. Er ist zum Befehlshaber an dieser Küste ernannt. Jeden Augenblick können die kommandierten Abteilungen unserer Truppen eintreffen.« »Dann müssen wir ausführen, was wir beschlossen haben. Ihre Großmut, Fürstin, hat es verweigert, uns als Kriegsgefangene anzusehen. Wir sind demnach an nichts gebunden. Wir sind vierundfünfzig rüstige Männer. Wir wollen versuchen, zu Land Balaklawa zu erreichen.« »Es ist unmöglich – lesen Sie! Deshalb eben ließ ich Sie holen; denn die Lady hatte mir Ihre Absichten mitgeteilt.« Sie reichte ihm das Blatt, das ihre Hand bei seinem Eintritt gehalten. »Es ist von einer Französin geschrieben,« sagte sie mit einer leichten Verlegenheit, »die, soviel ich weiß, einen Verwandten des Obersten geheiratet und ihn nach seinem Tod oder seiner Verbannung von Bukarest hierher begleitet hat.« Méricourt las. Das flüchtig mit Bleistift geschriebene Blatt lautete: »Fürstin! Ihre Freundlichkeit durch eine Warnung zu vergelten, ist mir Pflicht. Auch ich bin Französin und kann unmöglich meine Landsleute mit kaltem Blut morden sehen. Finstere Pläne gegen die Schiffbrüchigen sind im Werk – ich weiß nur so viel, daß Boten abgegangen sind, um die Ankunft der Truppen zu beschleunigen. Das Landvolk der Gegend, voll Erbitterung gegen die Verbündeten, ist aufgeboten. Gesindel – mehr als zweihundert Mann – bewacht die Wege vom Schloß. Es will verhindern, daß Ihre Schützlinge zu dem französischen Streifkorps gelangen, das sich kaum drei Stunden von hier im Gebirge diesen Morgen gezeigt hat. Aber ich fürchte, man hat noch Schlimmeres mit den Unglücklichen vor, als sie gefangenzunehmen. Der Graf hat ihnen Verderben geschworen. Ich hoffe, einen Diener zu bestechen, daß er Ihnen diese Zeilen bringt. Ich flehe Sie an, vollenden Sie das begonnene Werk der Rettung. C.« Méricourt sann stillschweigend nach. Dann blickte er auf: »Es bleibt uns demnach nur übrig, den gefaßten Plan festzuhalten und uns durchzuschlagen. Können wir Waffen bekommen? Vielleicht finden sich genug hier im Schloß?« »Es wird an Waffen nicht fehlen, wenn es die Verteidigung meiner Gäste gilt«, erwiderte die Fürstin streng. »Nie aber werde ich Ihnen Waffen geben, um Russen, meine Landsleute, anzugreifen.« Er schwieg. Ihre Augen blickten wieder milder. »Hören Sie mich an, mein Freund. Der Haß Oberst Wassilkowitschs richtet sich vorzüglich gegen Sie. Sind Sie entfernt und gerettet, so werden Ihre Kameraden nichts zu fürchten haben. Man wird sie in ehrenvoller Gefangenschaft halten, wie die Mannschaft, die in Odessa in unsere Hände fiel. Sie müssen fliehen, Vicomte! Sie allein.« »Das ist unmöglich!« »Ich kann Sie unentdeckt aus dem Schloß bringen. Pferde harren zwei Werst von hier in einem Versteck am Ufer. Ein sicherer, mir ergebener Mann ist dabei und kann Sie geleiten. Verkleidet werden Sie leicht durch das Land und bis zu einem Posten der Ihren kommen. Eine größere Zahl würde entdeckt und angegriffen werden. Sie können diese Flucht noch diese Nacht antreten und morgen gerettet sein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich danke Ihnen, Natascha. Aber es ist unmöglich. Ich darf meine Kameraden im Unglück nicht feig verlassen, um mich zu retten. Und Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, Graf Wassilkowitsch würde an ihnen nicht mein Entkommen grausam rächen. Ich teile unter allen Umständen ihr Schicksal.« Natascha wußte ihm nichts zu erwidern; denn sie fühlte die Richtigkeit seiner Bemerkung. – Sie kannte die Grausamkeit des Volkes, wenn seine Leidenschaft geweckt war und kein stärkerer Wille sie zügelte. Sie preßte unruhig die Hände an die pochenden Schläfen. »Aber ich kann, ich darf Sie nicht der Gefahr, dem sicheren Verderben überlassen!« »Vielleicht könnte man sich in diesem Schloß halten, bis unsere Truppen, die so nahe sein sollen, uns entsetzen«, sagte Missis Duberly, die mit Aufmerksamkeit bisher dem Gespräch zugehört hatte, ohne sich einzumischen. »Sie haben recht, Mylady – das wäre der einzige Weg. Wir müssen auf Hilfe von außen bauen. Wenn die französischen Streifkorps nur drei Stunden von hier entfernt sind, so können sie benachrichtigt werden.« »Aber ich darf keine Feinde gegen meine Landsleute zu Hilfe rufen.« »Ich verbürge mich mit meiner Ehre, Fürstin, daß – wer auch die französischen Truppen kommandiert – keine Waffe wider unsere Gegner erhoben werden soll, wenn man uns nicht zur Notwehr zwingt. Es handelt sich nur um eine Annäherung an das Schloß, unter deren Schutz wir frei abziehen können. Graf Wassilkowitsch hat noch keine Truppen hier. Das Gesindel, das uns mordlustig belagert, wird bei dem Erscheinen französischer Soldaten von selber das Feld räumen.« Die Fürstin sann nach. »Sie können sich verbürgen, daß kein Angriff von seiten Ihrer Truppen erfolgt? Daß kein feindlicher Versuch gegen uns bei dieser Gelegenheit gemacht wird? Man hat schon früher mehrere unbeschützte Orte der Küste geplündert und ihre Bewohner gefangen weggeführt.« »Das taten die Engländer, Fürstin. Unsere Rettung beim Schiffbruch ist Ihr Werk. Jeder Franzose wird diese Tat der Menschenfreundlichkeit ehren und die Waffen nicht gegen unsere Retterin kehren. – Aber was geschehen soll, müßte rasch geschehen, um jedes Zusammentreffen mit russischen Truppen zu vermeiden.« »Wer soll versuchen, Ihre Freunde herbeizuholen; Sie, Vicomte?« Méricourt lächelte über die neue Bemühung, ihn zu entfernen. »Meine Ehre gebietet mir, zu bleiben. Aber freilich müßte es jemand sein, der französisch spricht. Und außer dem Arzt, der Depuis nicht verlassen kann, wüßte ich keinen unter meinen Unglücksgefährten –« »Vergessen Sie mich? Ich bin bereit zu dem Abenteuer«, sagte Missis Duberly in ihrer kühlen Art. »Sie, Mylady?« »Warum nicht? – Wenn die Fürstin mich mit den notwendigen Erfordernissen versehen kann – ich bin eine ziemlich gute Reiterin, wie ich Ihnen beim nächsten Wettrennen im Lager zu beweisen hoffe – und außerdem gelingt es vielleicht einer Frau eher, durchzukommen.« »Das ist wahr – aber dies Wetter? – Es dunkelt –« »Ich bin die Frau eines Soldaten. Und ich war auf Strapazen und Gefahren aller Art gefaßt, als ich hierher kam. Wie könnte ich mir besser die Erlaubnis des Lords zum Bleiben erkaufen, als mit diesem Abenteuer? Hätte ich nur Bob, mein Lieblingspferd, bei mir – alle Kosaken sollten mich nicht einholen.« Die Fürstin hatte sich entschlossen. »Was Sie tun wollen, Mylady, ist allerdings nicht ohne Gefahr. Indes der Mann, dem ich Sie übergeben würde, ist treu und zuverlässig.« »Wann soll ich aufbrechen?« »Sogleich! – Die Dämmerung begünstigt uns jetzt.« »Ich bin bereit – aber –« sie wies auf die Kleider, die sie von der Fürstin erhalten. »Sie finden alles hier – selbst das nötige Reitzeug. Wollen Sie uns auf eine Viertelstunde verlassen, mein Freund? Sie finden in dem vorderen Zimmer Schreibzeug, wenn Sie einige Worte für die Lady nötig haben.« Der Vicomte entfernte sich. Als er nach kurzer Zeit wieder hereingerufen wurde, fand er Missis Duberly im Reitrock und Regenmantel, einen Schal um den Kopf. Ein Damensattel lag in ihrer Nähe. Außer den beiden Damen war noch eine dritte zugegen – ganz gleich gekleidet wie die Fürstin, das Haupt in einen türkischen Yaschmak gehüllt. »Haben Sie Mylady noch einen Auftrag zu geben, Vicomte?« »Hier sind einige Zeilen, die ich Sie dem kommandierenden Offizier zu übergeben bitte. Wie es auch kommen möge, Mylady, es macht mich glücklich und erleichtert unser Mißgeschick, daß Sie wenigstens Gelegenheit finden, ihm zu entrinnen.« Natascha wandte sich an die Verschleierte. »Du weißt alles, was du zu tun hast. In einer Stunde werden wir zurück sein – du öffnest unter keinen Umständen, ehe wir wieder hier sind. – Und jetzt, Vicomte, nehmen Sie das Reitzeug. Ich bin im Begriff, Sie in die Geheimnisse meines Zauberschlosses blicken zu lassen.« Sie hüllte sich in einen kurzen Pelz; dann zündete sie ein Windlicht an und trat an den Spiegel der Seitenwand. »Folgen Sie mir unbesorgt.« Die geheime Tür öffnete sich unter ihrem Druck. Die britischen Offiziere hatten am Abend vergeblich nach Méricourt gefragt. Er blieb verschwunden. Als Jussuf, der Mohr, der noch immer die Krankenwache bei dem Verwundeten hielt, berichtete, eine Dienerin des Schlosses habe ihn geholt, sorgte man nicht weiter um ihn. Der einzige, der ihm näher stand – Welland, der deutsche Arzt – lag noch immer im tiefen Schlaf. In der großen Halle im Seitengebäude des alten Genueser Turmes standen auf einer langen Tafel die Überreste der Abendmahlzeit, für die der Kastellan im strengen Auftrage seiner Herrin gesorgt. Flaschen mit dem feurigen griechischen Wein oder dem milderen Rebensaft der tatarischen Küste und der Donau, Rum und Branntwein bedeckten den Tisch. Es war zehn Uhr. Die Männer schwatzten, lachten und lärmten. Das kaum überstandene Elend schienen sie schon vergessen zu haben. Andere lagen in tiefem Schlaf; sie hatten den Getränken wacker zugesprochen. Am oberen Ende der Tafel saßen Hunter, der Hochbootsmann, die beiden Midshipmen und der Baronet im ernsten Gespräch. »Es ist schlimm, Sir,« sagte Maubridge, »daß Sie den Leuten gestattet haben, des Guten zuviel zu tun. Es werden nur wenig fähig sein, die Wache zu halten. Ich traue dem Gesindel um uns her wenig.« »Lassen Sie gut sein, Sir Edward«, meinte der Erste Leutnant. »Nach den überstandenen Leiden durfte ich nicht so streng sein. Sie können eine Stärkung brauchen; denn ich fürchte, wenn wir morgen unseren Weg antreten, werden wir all unseren Mut und unsere Kräfte nötig haben, um einen Angriff abzuwehren.« »Ich wünschte,« brummte der Hochbootsmann, »wir wären heute morgen aufgebrochen – wir haben zu viel Zeit verloren.« »Sie wissen, Keane, daß es uns unmöglich war; wir waren zu erschöpft und unfähig zu einem Entschluß.« »Ist es möglich gewesen, einige Waffen zusammenzubringen?« »Den Teufel auch! – Einige Beile und ein alter Spieß sind da – weiter nichts! Ich habe schon alle Tischmesser in Beschlag genommen. Der Kerl, der Schloßverwalter, versteht mich nicht oder will mich nicht verstehen.« »Lady Duberly«, sagte Hunter, »hat es übernommen, der Fürstin unseren Entschluß mitzuteilen und sie um Waffen zu bitten; aber sie scheint sich dort ebenso wohl zu befinden, wie der Franzose. Beide haben das Wiederkommen vergessen.« »Wir wollen nach ihnen schicken«, sagte der Hochbootsmann. »Ich habe es schon getan. Aber die vier Kosaken, die an der Treppe Wache halten, weigern sich, jemanden hineinzulassen. Der Kastellan erklärt, daß die Fürstin verboten habe, sie zu stören.« »Wenn es sich bloß darum handelt, uns zu bewaffnen«, sagte der Midshipman Gosset, dessen Ansprüche die Erinnerung an die überstandenen Gefahren nicht wenig vermehrt hatte; »ich weiß Waffen genug zu finden!« »Wo, Mid? Hast du spioniert?« »In dem Gewölbe über dem Tor sind Waffen genug. Es scheint eine alte Rüstkammer aus wer weiß welcher Zeit. Ich sah's heute morgen durch das Schlüsselloch. Auch Gewehre sind darin.« »Nehmen wir morgen mit Gewalt, was man uns verweigert«, sagte heftig der Baronet. Die Spannung ihrer gefährlichen Lage schien seine Lebensgeister geweckt zu haben. »Auch was an Pferden sich vorfindet, behalten wir!« »Aber das wäre Raub. Eine schlechte Vergeltung für die uns gewordene Aufnahme«, meinte Frank, sein Bruder. »Der französische Colonel versprach ausdrücklich heute morgen der Fürstin, daß wir uns ihrem Willen fügen würden!« »Gott verdamm mich, Master Frank, wenn ich's tue«, murrte Keane. »Was geht uns das Versprechen des Franzosen an? Es ist ein Unglück, daß wir die Kerle bei uns gehabt haben.« »Kapitän Warburne würde anders über sein Wort denken«, sagte der Midshipman trotzig. Die Erinnerung an den braven Kapitän, der so mutig für ihre Rettung in den Tod gegangen war, berührte alle tief. Einige Augenblicke wagte niemand, dem Einwurf des Midshipman zu begegnen. Dann aber sagte Hunter entschlossen: »Wir haben alle gehört, wie die Herrin dieses Schlosses uns erklärt hat, daß sie uns vorläufig nicht als Gefangene betrachten könne. Die Bestimmung wollte sie dem russischen Oberbefehlshaber überlassen. Niemand kann es uns verdenken, wenn wir einen Versuch machen, der Gefangenschaft zu entgehen. Wir können dabei nicht allzu kritisch sein. Verweigert man uns Waffen, so müssen wir nehmen, was wir bekommen können. Morgen machen wir den Versuch. Bis dahin mag jeder sich Ruhe gönnen. Ich gestehe, ich brauche sie selber. Sind die Wachen am Tor auf ihrem Posten?« »Die Zugbrücke ist aufgezogen. An jedem Eingang steht einer von unseren Leuten«, berichtete Frank. »Ich überzeugte mich, ehe ich hierher kam.« »Wer von Ihnen beiden wird die erste Wache halten? Clinton oder Sie? Denn ich und Gosset taten es vorige Nacht.« »Ich denke,« meinte der Hochbootsmann, »Master Frank übernimmt die erste Nachtwache und weckt mich dann.« »Gut. Und jetzt legt euch nieder, Männer. Frank, halten Sie die Leute auf den Posten wach! Kommen Sie, Sir Edward.« Der Leutnant begab sich, nachdem so alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, nach einem anstoßenden Gemach, wo das Lager für ihn aufgeschlagen war. Gosset blieb noch einige Augenblicke bei seinem Kameraden. »Ich hoffe, Frank, du wirst kein Narr sein und Schiffsdienst tun«, sagte er leichtherzig. »Ich habe die ganze Morgenwache geschlafen, bis Clinton mich mit einem Fußtritt weckte, der grobe Halunke. Es droht nicht die geringste Gefahr und es ist eine Bosheit von Hunter, daß wir uns den Schlaf selbst am Lande entziehen sollen. – Gute Nacht, Frank!« »Schlaf wohl, Gosset!« Sie schüttelten sich die Hände. An der Tür des Gemaches, das den Offizieren angewiesen war, blieb der Baronet, wie von einer plötzlichen Anwandlung ergriffen, stehen. Er kehrte zu seinem Bruder zurück. »Höre, Frank,« sagte er, »du hast nur wenige Stunden geschlafen. Du bedarfst der Ruhe. Lege dich nieder. Ich werde die Wache für dich übernehmen.« Die seltene Freundlichkeit des älteren Bruders rührte das Herz des jungen Mannes. »Ich danke dir, Edward«, sagte er innig. »Aber ich würde einen schlechten Offizier abgeben, wenn ich meinen Posten einem anderen anvertrauen wollte. Du bist noch immer leidend und würdest dich kränker machen. Laß mir die Freude, deinen Schlaf zu bewachen.« Der ältere Maubridge faßte mit der Hand nach der kranken Brust; ein trockener Husten erschütterte sie. »Ich weiß nicht, warum ich besorgt um dich bin. Du bist der letzte unserer Familie – wenn nicht – –« Die Erinnerung an Diona, an sein verlorenes Kind erfüllte aufs neue seine Seele. Er starrte düster vor sich hin. »Lege dich nieder, Bruder, ich bitte dich. Ich wollte, du fragtest den Arzt um Rat, der dir so wacker auf dem Schiff beigestanden hat.« Maubridge schüttelte sich schaudernd. »Gute Nacht, Frank!« Er schwankte davon. Frank schaute ihm betrübt nach. Dann blickte er auf die Gefährten, die sich alle ringsum in der Halle gelagert hatten. Eine Stunde wohl saß er im Nachsinnen über das Geheimnis, das seines Bruders Seele belastete. Er wußte nur sehr Unvollständiges aus den Andeutungen des alten Deckmeisters, die Adams im Ärger über das Treiben des Baronets und über seine Beziehungen zu der im Fanar geretteten Nausika entschlüpft waren. Das Schnarchen seiner Unglücksgefährten ringsum übte einen schläfernden Eindruck auf seine Sinne aus. Er versank in einen Zustand zwischen Traum und Wachen, aus dem ihn erst ein kräftiger Entschluß wieder aufrüttelte. Er sah nach der Uhr – es ging bereits auf Mitternacht. Obgleich er allein war, färbte doch eine dunkle Schamröte sein Gesicht, daß er so lange seine Pflicht versäumt hatte. Frank machte sich fertig, seine Runde anzutreten. Er nahm noch einen Schluck Wein, verließ die Halle, schloß die Tür und trat in den Hofraum. Der Regen, der den ganzen Tag über gefallen war, hatte aufgehört. Zwischen den rasch dahinziehenden Wolken trat zuweilen der Mond hervor und warf seinen bleichen Glanz über die Gebäude und den Hof. »Ich fürchte,« dachte Frank, »die Burschen haben kaum besser gewacht als ich. Hier ist das Torgewölbe, wo Saunders postiert war. Der Halunke ist untergekrochen und schläft – wahrhaftig, da liegt er!« Er beugte sich zu dem dunklen Körper, der im Schatten der Mauer zu seinen Füßen lag, und schüttelte ihn, zuerst am Arm, dann an der Brust. Plötzlich sprang er zurück in den Mondschein und hielt seine Hand hoch. Eine warme, dunkle Flüssigkeit tropfte davon nieder. – »Barmherziger Gott, Blut! Der Mann ist ermordet – zu Hilfe!« Er hatte den Ruf kaum ausgestoßen, als wilde, bärtige Gesichter vor ihm auftauchten. Beile und Messer blitzten. »Tschort w twaju duschu! Schlagt ihn zu Boden!« Ein Hieb über den Kopf warf ihn in die Knie. Im Fallen sah er, wie dunkle Scharen von Männern aus einer Tür in der Mauer des großen Turmes hervorstürzten, die zu den Kellergewölben führte. Ein schmerzhafter Stich fuhr durch eine Wendung in seine linke Schulter: wie von einer Feder geschnellt, sprang Frank Maubridge, der kecke Mid, wieder auf und schoß, den Kopf vorgestreckt, durch die Reihen seiner Feinde. – In dem großen Gemach im neuen Teil des Schlosses Aya, in dem Oberst Wassilkowitsch am Tage vorher den Besuch des Schloßherrn empfangen, stand der Graf in einem dichten Kreis wilder Gestalten. Grimmige, von blutgierigem Haß erregte Mienen und funkelnde Augen verkündeten ihre Entschlossenheit zu jeder Tat. Es waren Fischer, Muschiks, Zigeuner in den verschiedensten Trachten der niedersten Volksklassen. Alle mit Äxten, Spießen und Messern bewaffnet. Einige mit Säbeln und Pistolen. Drei, vier in Jägerkleidung mit Gewehren. Der Graf trug über dem kurzen Pelzrock im Gürtel Pistolen, in der Hand seinen Säbel. Sein Gesicht war bleich, aber entschlossen. Seine Augen funkelten von Rache und Grausamkeit. Ein Leibeigener von der Dienerschaft des alten Schlosses stand vor ihm. »Also der französische Offizier und die Engländerin haben den ganzen Abend bei der Fürstin zugebracht und ihre Gemächer noch nicht verlassen?« »Ja, Erlaucht! So wahr die Heiligen mich segnen mögen. Ich stand die ganze Zeit auf der Lauer, wie du mich geheißen. Boris, mein Kamerad, hat jetzt meine Stelle eingenommen.« »Wieviel Wachen haben sie ausgestellt?« »Zwei Mann am Haupttor, zwei an der Tür nach der Terrasse und einen an der kleinen Pforte zur Brücke. Als ich über die Mauer stieg, lagen sie fast alle im Schlaf. Im Turm wachen die vier Kosaken, die der Fürst zurückgelassen hat.« »Der Henker hole die Schufte! Ist die Terrasse besetzt, daß sie auf dieser Seite nicht entwischen können?« »Sei unbesorgt, Graf«, sagte der Tabuntschik. »Dort und auch am Strande sind Wachen genug. Wir können das Werk beginnen.« »Wohlan! – Ihr kennt meinen Willen. – Die Wachen werden unschädlich gemacht; dann werden alle gefangen genommen. Nur, wer sich widersetzt, wird niedergestoßen.« Der Tabuntschik lächelte mit blutdürstigem Spott zu dem Befehl des Obersten. »Sei zufrieden, Gospodin – wir wissen, was wir zu tun haben!« Sein Auge winkte im Einverständnis den Umstehenden. »Es ist seltsam, Alter,« fuhr der Graf fort, »daß du allein von der Verbindung wußtest, in der die Kellergewölbe der beiden Felsenseiten stehen. Wie nun, wenn sie von drüben den Durchgang gesperrt oder verschüttet hätten?« »Es weilt keiner mehr auf Erden,« sagte der Greis finster, »der von den Öffnungen dieser unterirdischen Gewölbe weiß. Woher ich die Kenntnis habe, mag dir gleich sein. Ich habe versprochen, Euch mitten in das Schloß zu führen, trotz ihrer Mauern und Riegel. Ich werde mein Wort halten. Mögen die Feinde Rußlands alle verderben.« »Einen Augenblick noch«, sagte der Graf eilig. »Ich muß mich erst überzeugen ...« Er brach ab und nahm eine Kerze. Er durchschritt das nächste Zimmer bis zum Schlafgemach der Französin. Er horchte an der Tür; dann öffnete er sie leise und leuchtete hinein: Celeste lag auf ihrem Lager. Sie schlief. Vorsichtig, wie er gekommen, verschloß er wieder die Tür und ging zu den Harrenden. Kaum aber waren seine Schritte verklungen, als die Französin die Decken von sich warf und vollständig angekleidet vom Lager sprang. Ihr Gesicht war sehr bleich und aufgeregt. Fast hätte er sie entdeckt ... »Jetzt, Glück und Mut, steht mir bei!« flüsterte sie. Auf den Zehen schlich sie hinter ihm drein, um aufs neue zu lauschen. Der große Turm aus der Genueser Zeit bildete mit zwei anschließenden kurzen Flügelgebäuden die Front nach der See und den Felsenterrassen. Zwei lange Gebäude stießen im rechten Winkel an beide Enden an. Das linke enthielt die Wohnungen der Dienerschaft und der Fremden. Das zur Rechten diente zur Aufnahme der Schiffbrüchigen. Die vordere Seite des viereckigen Hofes schloß eine breite, mittelalterlich krenelierte Mauer. In ihrer Mitte bildete ein niederer Turm das Torgewölbe. Vor dem Tor vermittelte die in ihren Ketten hängende Zugbrücke den Übergang über eine Felsspalte. Halb betäubt von dem Schlage, trotzdem Frank Maubridge sich dem ersten Angriff seiner Feinde entrissen hatte, taumelte er halb stürzend vorwärts. Er hatte nur ein Bewußtsein: von ihm hing die Rettung aller seiner Kameraden ab. Mit durchdringendem Geschrei: »Verrat! Verrat!« floh er über den Hof nach der Halle, in der seine Gefährten schliefen. Zwei Pistolenschüsse knallten hinter ihm drein. Die eine Kugel schlug in seinen Arm. Aber es gelang ihm, bis zum Eingang zu kommen. Doch er selber hatte die Tür verschlossen. Und ehe er sie mit dem verwundeten Arm zu öffnen vermochte, waren die Verfolger bei ihm. Keinen Augenblick war sein Warnungsruf verstummt – schon hörte er Lärm im Innern. Eine Faust packte ihn von hinten an den Haaren und riß ihn zurück. Er sank in die Knie: »Edward! Bruder Edward! Zu Hilfe – zu – –« »Hundesohn! – Zur Hölle mit dir!« Die breite Klinge eines Messers durchschnitt seinen Hals. Aus hundert Quellen sprudelte das junge Lebensblut. Der kecke, hochherzige Midshipman wand sich im Todeskampf. Da flog die Tür auf. Seine Freunde, mit allem bewaffnet, was ihnen im Augenblick zur Hand gewesen, drängten herbei. »Auf sie! Auf sie! – Nieder mit allen Feinden des heiligen Rußlands!« heulte der Tabuntschik. Er sprang über die Leiche des jungen Mannes auf die Gegner zu. Ein wildes, blutiges Handgemenge entwickelte sich. Eine Hand rüttelte den tiefschlafenden deutschen Arzt. »Bei dem Christus, den du mich kennen gelehrt – erwache, Herr, erwache!« Welland fuhr auf. Das Geschrei eines wilden Kampfes draußen in den Gängen, auf dem Hofe dröhnte in seine Ohren. Es verwirrte ihn – er sprang von seinem Lager auf. Dämmerung umgab ihn. Die Lampe, die in dem Gemach gebrannt, war erloschen. Eine zitternde Hand hielt seinen Arm. Eine zweite dunkle Gestalt lehnte mit dem Rücken gegen die Tür und hielt sie gegen das Toben der von außen Anstürmenden. »Was geht vor? – Was ist geschehen?« »Still! Um des Lebens willen! – Folge mir! – Die Russen morden deine Brüder!« »Barmherziger Gott – Kapitän Depuis – –« »Ihre Wut hat ihn erschlagen! – Fort, fort – Bruder! Er ist das heilige Erbe, das uns Mariam hinterlassen hat.« Der Schwarze an der Tür winkte: »Möge Allah euch helfen! – Jussuf sichert eure Flucht!« Nursidäh zog den noch halb betäubten Welland mit sich fort. Die britische Wache an der Pforte, die zur Verbindungsbrücke mit dem neuen Schlosse führte, war unter dem Mordmesser gefallen. Der Tabuntschik hatte den Überfall durch die unterirdischen Felsgewölbe ausgeführt. Der Rest der wütenden Schar drang unter der Führung des Grafen Wassilkowitsch nach dem Hauptgebäude des Turmes. Diener und Leibeigene des Schlosses hielten sich aus Furcht und aus Sympathie für ihre Landsleute in dem Seitengebäude verborgen. Am Fuß der großen Treppe, die zu den Gemächern der Fürstin führte, fand der Graf den treulosen Diener. »Ist der Franzose fort?« »Nein, Gospodin. Keine Seele hat die Gemächer der Herrin verlassen!« Der Graf lächelte grimmig mit der Gewißheit des Triumphes. »Dann sind sie mein! – Folgt mir! Besetzt alle Ausgänge und Verbindungstüren!« – Er sprang die Treppe hinan. Vor den Gemächern der Fürstin kreuzten sich vier Lanzen vor dem mordlustigen Haufen. Die vier jungen Kosaken, Iwans, des Steppenteufels Enkel, hielten treu ihre Wache. »Zurück, Gospodin! – Hier darf niemand passieren!« – »Seid ihr toll? Seht ihr nicht, wer ich bin? Fort mit euch!« »Wir dürfen nicht, Gospodin! Nur die Fürstin darf uns fortschicken!« »Hundssöhne! So habt was ihr wollt!« Wassilkowitsch feuerte die Pistole auf Wanka ab. Er stürzte zusammen. »Wollt ihr gehorchen, Tölpel!?« »Wir dürfen nicht, Herr! Es ist unser Posten!« Der starre russische Gehorsam ließ sie nicht weichen von ihrer Pflicht. »So nehmt, was ihr verdient! Euer Blut komme über euch! Nieder mit ihnen!« Die wilde Schar stürzte sich über sie. Die drei Kosaken fielen auf der Schwelle, die sie mit ihrem Leben verteidigt. Die Tür war nicht verriegelt. Wer auch hätte gewagt, die Zimmer der Herrin zu betreten und dem Verbot zu trotzen, als die Wut der Empörung ... »Bleibt zurück. Haltet Wache – daß niemand entrinne!« befahl der Graf und klopfte an die innere Tür. »Es gilt Ihre eigene Rettung, Fürstin Natascha – geben Sie die Gefangenen heraus!« Keine Antwort. Aus dem Hof herauf tönte das Geschrei wilden Kampfes. »Ich beschwöre Sie, Fürstin, öffnen Sie! Die Rasenden lassen sich nicht bändigen!« Wieder keine Antwort. Höhnisch und bedeutsam winkte der Graf seinen Leuten nach der Tür. Im Nu war sie gesprengt. Aber selbst die wilde, blutgierige Bande wagte nur mit Scheu über die Schwelle zu dringen. Vor einem Betpult kniete die Fürstin, schluchzend und die Hände ringend: sie war allein. Der Graf näherte sich ihr zögernd. »Ich vermochte dies Schreckliche nicht zu wenden, Fürstin. Die Volkswut ist entflammt durch den Schutz, den Sie den Feinden gewährt haben. Ich beschwöre Sie, um unserer eigenen Rettung willen, geben Sie die Versteckten heraus! Niemand wird wagen, Sie zu beleidigen. Mein Leben bürgt für Ihre Sicherheit!« Er beugte sich zu ihr und versuchte, sie aufzurichten. Plötzlich fuhr er zurück und riß die Kniende dann mit rauher Faust empor. »Verdammt! – Das ist nicht die Fürstin Oczakow!« Er griff roh in die verhüllenden Schleier. – Ein bleiches, angsterfülltes Gesicht sah ihn an – nicht die stolzen Züge Nataschas. »Was bedeutet der Betrug? Wo ist die Fürstin?« fuhr er Annuschka, die treue Dienerin, an. Sie rang die Hände, doch kein Laut kam über ihre Lippen. »Rede, Dirne!« – Er schlug mit der geballten Faust in das Gesicht. Das Blut drang hervor. Annuschka stürzte zu Boden. Schaum der Wut stand dem Offizier vor dem Mund. »Sie haben sich verborgen! Hundert Rubel dem, der ihre Spur findet! – Durchsucht jeden Winkel!« Ein wilder Ruf unterbrach seine Befehle. Das war nicht das Siegesgeschrei der Seinen ... »Old England for ever!« donnerte es durch die Nacht. Das Kampfgewühl schien nicht mehr im Hof – über die Körper der treuen Wächter sprang Wassilkowitsch die Treppe hinunter: die kleine Schar der Engländer hatte sich durchgeschlagen und den unbesetzten Ausgang erreicht. Sie kämpfte an der schwankenden Brücke. Ein Teil hatte sie schon überschritten. Drüben am Felsenrand kommandierte Leutnant Hunter ruhig und fest wie im tobenden Seesturm. Der Andrang der rasenden Barbaren, die als blutige Siegeszeichen die Köpfe des Midshipmans und Kapitän Depuis auf ihren Piken trugen, brach sich an dem unerschütterlichen Mut und der Körperkraft der Matrosen. Einer der letzten der kühnen Verteidiger war Jussuf, der Mohr. »Brecht das Gebälk ab, Jungens!« erscholl die klare Stimme Hunters. »Besetzen Sie das Haus, Maubridge. Teufel – da haben die Burschen ein Gebäude in Flammen gesteckt! – Nieder mit der Brücke, Keane. Es wird uns Zeit schaffen zur Verteidigung.« In dem Augenblick, als der Mohr – der letzte vor der Brücke – zusammensank, riß sich aus den Armen Doktor Wellands, der sich mit der Schwester Jussufs den Engländern angeschlossen hatte, mit gellendem Wehgeschrei die schwarze Sklavin los. Sie brach durch die erhobenen Waffen und stürzte hinüber nach dem jenseitigen Ufer. Aufschreiend warf sie sich auf den Körper des Bruders. Die außergewöhnliche Tat hielt selbst die blutigen Männer zurück. Sie glaubten, das Weib gehöre zur Dienerschaft des Schlosses. Dicht hinter Nursidäh stürzte das leichte Gebälk der Verbindung in den Abgrund. Aus dem Tal aber schmetterten Trompetenfanfaren. Der Feuerschein des brennenden Seitengebäudes beleuchtete die Felsen. »Verdammt! – Alles umsonst!« rief Leutnant Hunter. »Da kommen die russischen Soldaten –« »Halt!« schrie der Baronet. »Um des Himmels willen! – Das sind französische Signale! – Ich kenne siel – Ein Hurra, daß sie uns hören!« Ein donnerndes »Vive l'Empereur!« antwortete dem Hurraruf der Briten. Waffen blitzten im Feuerschein am Fuß der Felsen. Reiter sprengten den Pfad herauf. Französische Husaren – ein Offizier an ihrer Spitze – neben ihm Colonel de Méricourt... Jubelruf begrüßte die Ansprengenden. – »Das ist brav, Herr, daß Sie uns nicht verlassen haben!« Leutnant Hunter drückte dem Vicomte die Hand. »Wie war Ihnen das möglich?« »Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, Herr Kamerad«, unterbrach der französische Kommandant die Begrüßung Méricourts. Es war Alfred de Sazé – der Freund des Colonels. »Sammeln Sie schnell Ihre Leute. Führen Sie sie den Weg hinunter in den Schutz meiner Eskadron. Wir müssen auf der Stelle fort; denn wir haben sichere Nachricht, daß russische Truppen noch vor Tagesanbruch hier sein werden. – Was ist das?« Er sprengte nach dem Hause. Englische Matrosen zerrten eine Dame heraus. Sie rief kreischend um Hilfe und beteuerte in französischer Sprache, daß sie keine Russin sei. »Laßt die Frau los, Männer! Macht, daß ihr fort kommt! – Parbleu! – Täuschen mich meine Augen? Oder sind Sie Madame Celeste?« »Himmel! – Alfred de Sazé! – Ich beschwöre Sie, Marquis, nehmen Sie mich unter Ihren Schutz!« Sazé sprang vom Pferd. »Wie um alles in der Welt kommen Sie nach diesem Schloß, Celeste!?« Méricourt trat heran. Er machte Sazé auf die drohende Gefahr aufmerksam. Jeder Augenblick des Zögerns konnte alles verderben. »Eh bien« , sagte der leichtherzige Sazé. »Wir werden den Russen eine doppelte Niederlage beibringen. Wollen Sie Ihren russischen Liebhaber aufgeben, Madame, und mit uns kommen? Dann verspreche ich Ihnen ein Lagerleben, so gut es sich nur haben läßt. Es fehlt uns teufelsmäßig an schönen Frauen!« – Celeste reichte ihm die Hand. »Wenn wir uns vertragen wollen – ich bin der vergoldeten Gefangenschaft bei diesen Barbaren herzlich müde!« – Sazé lachte und gab ihr den Bügel. Er schwang sie vor sich in den Sattel. »Wohlan, das nenne ich mir einen glücklichen Streifzug! Und nun, Messieurs, rasch auf und davon – jeder, so gut er kann!« Der Trompeter blies. Mericourt, Hunter und de Sazé trieben die Leute vor sich her dem Tor und dem Felsenwege zu. Von drüben knallten einzelne Schüsse der wütenden Gegner herüber. Mit Kummer und Schmerz schaute der deutsche Arzt nach dem Felsenvorplatz des alten Schlosses. Das Gewühl der Feinde verbarg ihm die heldenmütige Nursidäh. Er schwankte, ob er bleiben oder fliehen sollte. Dann trieb der Zuruf des Vicomte und das Gedränge ihn hinab. Nur die düstere Flamme allein belebte noch die Stätte. Unten im dunklen Tal schmetterten die Signale und die Kolonne setzte sich in Marsch. Die Flüche der Russen, die nicht wagen konnten, sich mit dem feindlichen Detachement zu messen, verfolgten sie. Am Vormittag nach der Nacht des Überfalls hatte Schloß Aya ein sehr verändertes Aussehen. Eine Sotnie Kosaken war in der ersten Morgendämmerung eingetroffen. Graf Wassilkowitsch sandte sie sofort zum größten Teil zur Verfolgung des feindlichen Streifkorps ab, das seinen Zug bis über die Yailagebirge ausgedehnt hatte. Bald darauf erschien noch eine Kompagnie russischer Jäger. Sie hielt jetzt das Schloß und die Küste besetzt. Auf dem nachbarlichen Felsen dampften die Ruinen, die der Brand in Asche gelegt. Die Spuren des nächtlichen Kampfes zeigten sich noch. Aber die Leichen waren beiseite geschafft. Aus der Flurhalle im Erdgeschoß des Turmes drang ein leiser Gesang ... die Totenklage der Steppenkrieger um die vier gefallenen jungen Landsleute. Sie hatten die Leichen auf dem Steinflur der Halle nebeneinander gelegt und mit Lichtern umstellt. Auf der untersten Stufe der breiten Steintreppe saß Nursidäh, die schwarze Sklavin. Sie hielt das Haupt des schwerverwundeten Bruders in ihrem Schoß. Mit den Stücken ihres zerrissenen Yaschmaks hatte sie seine Wunden verbunden. Niemand leistete ihr Hilfe. Niemand kümmerte sich um sie, als das tatarische Mädchen, das ihr mitleidig Wasser gebracht. Der Graf schritt finster und unruhig mit dem Kapitän der Jäger im Hofraum auf und ab. Er schien mit sich zu grollen über die nächtliche Tat und vermied, davon zu sprechen. Das Verschwinden der Fürstin hatte ihn nicht weniger beunruhigt; denn die sorgfältigste Nachforschung in dem ganzen Gebäude hatte keine Spur von ihr ergeben. Das Rätsel, wie Méricourt entkommen und zu der raschen Hilfe gelangt war, blieb ungelöst. Die Flucht Celestes war ihm gleichgültig. Plötzlich erhoben sich am Tor streitende Stimmen. Man wollte jemand am Eintritt hindern. Dann kam durch die Pforte ruhig und ernst auf seinem kleinen Steppenpferd Iwan, der Steppenteufel. Er blieb erst in der Mitte des Hofes halten, als der Tabuntschik hastig hinzutrat und die Zügel seines Pferdes ergriff. Die Blicke der beiden Greise kreuzten sich finster. Doch drückten die des Roßhirten Teilnahme aus – die des Kosaken Zorn und Mißtrauen. »Kehre um, Iwan«, sagte der Tabuntschik. »Verlaß diese Mauern. Deine Augen sind alt. Ich möchte sie nicht getrübt sehen.« Iwan lächelte düster. »Wann ist dem Steppenteufel Gutes geworden, wo der Herr der Finsternis ihm in deiner Gestalt entgegen trat? – Wo ist Wanka, mein Enkel? Wo Alexis? Wo die anderen, daß sie mein Roß halten?« Seine Augen suchten im Kreise. Niemand antwortete ihm. Die Offiziere, die Soldaten und die Leute vom Schloß waren näher getreten. »Du bist der Kosak des Fürsten Oczakow?« fragte Oberst Wassilkowitsch; der Greis stieg vom Pferde. »Was bringst du für Botschaft? Wo ist der Fürst?« Iwan neigte, statt ihm zu antworten, horchend den Kopf – der Totengesang schallte leise aus der Halle des Turmes. Sein benarbtes, durchfurchtes Gesicht erbleichte. – »Was ist das? – Bei den heiligen Märtyrern – das ist die Totenglocke vom Ufer des Don –« Er wollte vorwärts. Der Graf vertrat ihm den Weg. »Antworte mir zunächst! Welche Botschaft bringst du?« »Ich will die Fürstin Oczakow sprechen! – Laß mich vorbei, Herr. In meinem alten Haupte brennt es – brennt wie die Flammen der Steppe, aus denen ich dich mit meinen Enkeln rettete. Die Totenklage – –« »Sie gilt der gerechten Strafe – sie gilt Rebellen gegen den Befehl des Zaren«, sagte der Oberst mit seiner ganzen Gefühllosigkeit gegenüber dem niederen Mann. »Die Fürstin Oczakow befindet sich nicht mehr im Schloß.« »Iwanowna Oczakow ist hier«, sagte eine klare feste Stimme. Zurückprallend erblickte der Graf die edle Gestalt der Fürstin, in dunkle Gewänder gehüllt und auf den Arm ihrer gleichgekleideten Dienerin gestützt. Das schöne Gesicht war bleich. Um den Mund lag ein Zug tiefen Schmerzes. Auf der gewölbten Stirn und in den dunklen Augen aber leuchtete unbeugsame Entschlossenheit. Die Fürstin schritt langsam und ernst die Stufen herab, ohne den Obersten eines Blickes zu würdigen. Sie trat durch die sich ehrerbietig öffnenden Reihen zu dem greisen Krieger und ergriff seine Hand. »Vater Iwan,« sagte sie feierlich, »der Allmächtige, der über uns alle gebietet, hat vier deiner Enkel – nicht im Kampf für das heilige Rußland, dem du sie geweiht – aber im Kampf für Treue und Ehre fallen lassen. Der Wille des Herrn sei gelobt!« »Amen!« Es klang wie der Ton der Schollen, die auf den Sarg fallen. Der Greis beugte sein Haupt. Vor sich hinstarrend, folgte er der Hand, die ihn zu den Leichen der Seinen führte. Zu Häupten kniete er nieder und vereinigte seine tiefe Stimme mit der Klage der Steppenkrieger. Unter dem Bogen der Pforte blieb die Fürstin stehen. Sie winkte Sergei Popotow. – »Bereite alles zu meiner Abreise«, befahl sie ruhig und gemessen. »In einer Stunde laß den Wagen bereit sein.« Der Graf hatte das Gefühl von Scheu und Grauen, das ihn bisher zurückgehalten, trotzig überwunden. Er näherte sich Iwanowna. – »Die Fürstin Oczakow«, sagte er finster, »wird mir als Kommandant dieser Truppen erlauben, eine Eskorte zu Ihrer Verfügung zu stellen –« Die Fürstin richtete sich hoch. Ihr vernichtender Blick streifte mit verächtlichem Widerwillen den hochmütigen Mann. – »Wagen Sie nicht, mich anzureden!« sagte sie stolz und kalt. »Iwanowna Oczakow hat Ihnen keine Antwort zu geben. Ich werde in Baktschiserai mein Tun rechtfertigen.« Sie wandte ihm den Rücken. – Zwei Stunden später verließ ein geschlossener Wagen den steilen Felsweg und schlug die Straße nach dem Innern der Halbinsel ein. Drei bewaffnete Diener folgten ihm. Ehe die Fürstin das Schloß verließ, hatte sie Sergei, dem Kastellan, befohlen, Nursidäh, die ihren verwundeten Bruder nicht verlassen wollte, in seinen Schutz zu nehmen. Ein reiches Geldgeschenk an den Wundarzt der Jägerkompagnie veranlaßte ihn, Jussuf alle Sorgfalt angedeihen zu lassen. Graf Wassilkowitsch bestieg nach seiner Zurückweisung zornknirschend sein Pferd. Er befahl einen Erkundungsritt an der Küste. Er wünschte weder der Fürstin, noch ihrem Bruder jetzt zu begegnen. Als der Wagen den Fuß des Felsenkammes erreichte, fand sich der greise Kosak Iwan zu den Begleitern. Er küßte schweigend die Hand, die die junge Fürstin ihm reichte. Iwan kam von dem breiten Grab, das die Kinder der Steppe am Ufer der Bucht gegraben. Dort hatten sie seine vier Enkel eingesenkt. Am Abend scharrte man unfern von ihnen in eine weite Grube die verstümmelten Leichen der gemordeten Schiffbrüchigen. Da ruhten sie in unbekanntem Grabe; Frank Maubridge – der heldenmütige, wackere Jüngling – Depuis, der tapfere verdiente Offizier. Kein Denkstein, wie sie auf den Leichenfeldern vor Sewastopol an Kampf und Ruhm mahnen, erinnerte an sie. Die rauschenden Wellen flüsterten dem britischen Knaben im dunklen Felsengrab den Gruß Kapitän Warburnes auf dem kühlen Grunde des Meeres. – Wenige Worte erklärten später die verzögerte Rückkehr der Fürstin in das Schloß. Als sie und Méricourt von der Begleitung Missis Duberlys zu der entfernten Hütte in den Uferfelsen zurückkamen, in der Iwan, der Kosak, mit zwei Pferden harrte, fanden sie die Grotte, den Zugang zu der geheimen Treppe des Turmes von den Leuten des Grafen Wassilkowitsch besetzt. Vergebens harrten sie in einem nahen Versteck des Abzuges der Männer. Aus ihren Reden entnahm die Fürstin den Anschlag, der die Schiffbrüchigen bedrohte. Es wäre Wahnsinn gewesen, sich der Entdeckung preiszugeben. Méricourt wurde durch die Sorge für Natascha nun dennoch gezwungen, in der Stunde der Gefahr fern zu sein von seinen Unglücksgefährten. Im Schutz der Nacht wandten sie sich nach dem Innern und umgingen den Felsen, um auf dem gewöhnlichen Wege das Tor des Schlosses oder sonst eine Zufluchtsstätte zu erreichen. Dabei stieß Méricourt auf das Streifkorps de Sazés, das Missis Duberly und Iwan, der Steppenteufel, glücklich schon diesseits des Yailagebirges gefunden. Unter dem Schutz des alten Kosaken kehrte Fürstin Iwanowna zu dessen verborgenem Aufenthalt zurück, indes Colonel de Méricourt mit den Husaren zur Befreiung der Engländer eilte. Das begrabene Bataillon An einem frosthellen Nachmittag gegen Ende Januar hielt ein Schlitten vor einer Posthalterei auf dem Weg nach Perekop, in der Gegend, die im Sommer vorher vom Steppenbrand heimgesucht worden war. Das in Myriaden Kristallen glitzernde Eistuch des Schnees spannte sich über die weite Fläche, nur an einzelnen Punkten des Horizonts unterbrochen von den Schatten eines der alten mongolischen Grabhügel. Im Schlitten saß im dunklen Bärenpelz ein junger Offizier in Ulanenuniform – Djemala Din Djemala Din, der kaukasische Prinz und älteste Sohn Schamyls, des Imams und Tscherkessenhäuptlings, der die Bergvölker Daghestans führte. Vergleiche auch Retcliffe's Novelle »Das Blut Schamyls« . Seine Waffen und sein Gepäck füllten das Vorderteil, auf dessen Brett der Führer des Gespanns gesessen. Der Wirt und Postmeister stand an der Tür. Hinter ihm hatten sich Knechte, Muschiks, Tataren und einige Kosaken, die den Depeschendienst versahen, eingefunden und beeilten sich, die Pferde abzuschirren und dem Reisenden herauszuhelfen. Der Wirt drehte die Pelzmütze zwischen den groben Fingern. »Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Euer Wohlgeboren. Wenn Sie weiter wollen, so muß ich Ihnen gehorsamst melden, daß ich keine Pferde hier habe. Aber ich hoffe, Euer Gnaden werden die warme Stube nicht verschmähen.« Djemala Din schien die Nachricht, daß keine Pferde zu haben seien, höchst gleichgültig; er kannte die auf allen Stationen sich wiederholende Ausrede. Dagegen war die Aussicht auf die warme Stube nicht unangenehm, denn ein eisiger Wind pfiff über die Steppe und die Kälte nahm fortwährend zu. Ohne Antwort trat er in die Küche und durch deren erstickenden Rauch in die wohlgeheizte, für die Reisenden bestimmte Stube. Das Haus war auf Staatskosten erbaut und hatte infolgedessen die vorgeschriebenen Einrichtungen. Er setzte sich auf die Bank am Ofen, zog die Uhr und sagte zu dem ihm gefolgten Aufseher: »In einer Stunde, Brüderchen, laß die Pferde anspannen! – Einstweilen gib mir, was das Haus vermag.« »Aber ich versichere Euer Wohlgeboren, es ist kein Huf im Stalle ...« »Mir gleich. In einer Stunde! – ›Dienst des Kaisers!‹« Er hielt ihm den offenen Befehl vor die Augen. Der Wirt und Postmeister wand sich wie ein Wurm. »Der heilige Michael möge mir beistehen! – Woher soll ich die Pferde nehmen? Der Dienst ist schlimm seit dem Kriege! – Die letzten sind heute mittag mit dem Herrn fort, der das Bataillon begleitete.« Der Offizier blieb abweisend gleichgültig gegen das Jammern; er hatte seine kleine Kabardiner Pfeife aufs neue gefüllt und sich auf die Bank gestreckt. »Was gibt es Neues von Sewastopol?« »Die Heiligen mögen es schützen!« entgegnete der Wirt. »Heut' mittag kam ein Kurier hier durch, dem Sie vielleicht begegnet sind. – Er ging auf der großen Straße nach Petersburg.« »Ich komme nicht von dort. – Welche Nachrichten?« »Schlimm genug! – Die Arbeiten in den Laufgräben haben wieder begonnen; die Feinde haben viele Verstärkungen erhalten. General Osten-Sacken, der, wie Euer Wohlgeboren wissen werden, jetzt das Kommando in Sewastopol führt, soll viele nächtliche Ausfälle machen, bei denen sich die Unseren mit Ruhm bedecken.« »Sind die Großfürsten noch in Sewastopol?« »Ja, Euer Wohlgeboren. – Der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch soll die Verteidigung des Nordforts kommandieren. Euer Wohlgeboren werden sich selber in einigen Tagen davon überzeugen können!« Djemala Din schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht nach Sewastopol.« Der Postmeister schaute ihn erstaunt an – das war in diesen Tagen eine seltene Antwort. »Darf ich mir die Freiheit nehmen, Euer Wohlgeboren zu fragen, wohin Ihr Weg führt?« »Ich will nach dem Kuban und gehe daher nach Kertsch. – Hat unsere Armee in der letzten Zeit Verstärkung erhalten?« »Es kommen täglich Truppen, trotz der strengen Kälte. Das 3. Infanteriekorps ist seit Weihnachten auf dem Durchmarsch. Fast täglich kommen Abteilungen vorbei; noch heute mittag ein Bataillon.« »Sie werden einen schlimmen Tag haben. – Wie weit ist die nächste Posthalterei?« »Achtundzwanzig Werst, Herr! – Es ist die Kolonie der Frommen.« »Zum Henker! Ein schlimmer Marsch – wir haben vierundzwanzig Grad Kälte!« Der Wirt zuckte bedenklich die Achseln. »Wenn es nur das Schlimmste wäre!« »Wie meinst du das?« »Die Tataren, die das Wetter kennen, fürchten einen Sturm. Ein Schneesturm ist ein bös Ding in der Steppe. Die Heiligen mögen uns bewahren!« Djemala Din nahm einen tüchtigen Schluck von dem heißen, stark mit Rum versetzten Tee und sah ihn lächelnd von der Seite an. »Du meinst wegen der Pferde? – Es hilft dir nichts, Brüderchen; ich bleibe doch nicht.« »Die Mutter Gottes von Kiew soll mich vergessen, wenn ich nicht die Wahrheit sage! – Der Graf, der sich dem Bataillon angeschlossen hat, um des Fähnrichs, seines Enkels, willen, hat die letzten Pferde genommm und sie doppelt bezahlt. Die armen jungen Leute! Ich glaube, die Hälfte der Offiziere ist kaum aus den Anstalten in Petersburg gekommen.« Djemala Din wurde aufmerksamer. »Waren es neue Truppen? – Wer führt sie?« »Poltawskische Infanterie, Herr. – Oberstleutnant Galizin kommandiert das Bataillon. Es muß Not haben vor Sewastopol, denn die Truppen haben Befehl, doppelte Tagesmärsche zu machen, und der Kommandant ist nicht der Mann, sie ihnen zu schenken.« Er legte das Reisebuch vor Djemala Din, um seinen Namen zu erfahren; die Leutnantsuniform und der Mangel aller Bedienung hatten ihm nicht besondere Achtung eingeflößt. Djemala Din zog das Buch an sich, blätterte darin und las gleichgültig die Namen. Plötzlich sprang er auf und legte den Finger auf die letzte Einzeichnung. »Graf Lubomirski? – Wer ist das?« »Der letzte Reisende, der Pferde erhalten hat; ich erzählte es doch Euer Wohlgeboren schon. Er folgt von Kiew aus dem Bataillon, bei dem, wie mir der Jäger sagte, sein Enkel steht, aus Besorgnis für den Knaben. Als ob nicht jeder russische Vater, so gut wie er, seine Söhne für den Dienst gegeben!« »Der Graf ist ein alter Mann? – Kannst du mir ihn näher beschreiben?« »Warum nicht, Väterchen? Er ist kenntlich genug: zwei tiefe Narben im Gesicht, die eine bis über den kahlen Schädel. Den Jäger kenne ich – er kam im vorigen Sommer bei dem großen Steppenbrand mit einer Dame hier durch!« »Er ist's – unzweifelhaft! – Höre, Mann, laß die Ausflucht mit den Pferden! Ich muß auf der Stelle weiter! – Ich will die Post nicht zur Krontaxe, sondern gebe dir doppelte Bezahlung, wenn ich die Pferde binnen einer Viertelstunde habe, und ein gutes Trinkgeld obendrein.« Das half. Wenige Augenblicke später sprengte ein Kosak davon, um Pferde aus der Steppe herbeizuschaffen. Dennoch schien der erweckte Diensteifer mit Besorgnis zu kämpfen; der Postmeister stand mit den Bauern und Knechten vor der Tür, lauschte den Worten und Zeichen eines Tataren und sah oft nach dem Himmel. Die Sache war aber schwerlich zu ändern; das Geld, das der Offizier bot, lockte; über die Fläche galoppierte schon der Kosak mit einem jungen Burschen und drei Gäulen. Djemala Din stand trotz der strengen Kälte in der Haustür und trieb zur Eile. Der Posthalter trat wieder heran. »Ich halte es für meine Pflicht, Gospodin, darauf aufmerksam zu machen, daß Gefahr in der Steppe droht. Muhamed, der Tatar, ist der beste Wetterkundige fünfzig Werst in der Runde, seitdem Michael, der Tabuntschik, zur Krim gezogen. Er meint im Ernst, daß wir einen Schneesturm haben werden!« Der Ulan lachte ihm ins Gesicht. »Schau dich nur um, Alter – es ist ja kein Wölkchen am Himmel. Hier ist dein Geld und etwas drüber für die Kosaken – und nun laß mich ungeschoren mit deiner aufrichtigen oder erfundenen Besorgnis.« »Das ist es ja eben, Euer Gnaden«, sagte demütig dankend der Mann. »Wer nicht ein Leben lang in der Steppe zugebracht hat, kennt ihre Zeichen und Tücken nicht. Ich habe gar schreckliche Stürme auch schon bei heiterem Sonnenschein erlebt – die Heiligen mögen Euch vor einem Ähnlichen behüten! Folgt meinem Rat und nehmt wenigstens einen Hiesigen noch zur Begleitung mit; der Abend kommt rasch, und die große Spur des Bataillons könnte leicht verweht werden.« Nach einigem Bedenken willigte Djemala Din ein. Der alte Tatar selber war gegen das Versprechen eines Trinkgeldes bereit, den Schlitten zu begleiten. Djemala Din schloß daraus, daß die ganze Warnung nur auf diesen Zweck hinausgegangen war; er befahl ungeduldig die Abfahrt. Die Troika galoppierte nach wenigen Minuten unter dem Schreien und Rufen des Postillions hinaus in die weite Schneefläche; der Posthalter und seine Leute sahen ihnen besorgt nach. Die Dunkelheit war eingetreten; die Sterne funkelten und blitzten vom Himmelsgewölbe; scharf und eisig in einzelnen heftigen Stößen fegte der Wind über die weiße Öde, durch die sich langsam die schwarze Masse des Bataillons fortschleppte. Die Leute waren seit dem Morgen marschiert und zum Tod ermüdet; das schwere Gepäck vermehrte die Erschöpfung der Soldaten; die Trainwagen waren mehrere Märsche zurückgeblieben, um die Eile des Zugs nicht zu stören. Nur wenige Schlitten und Karren mit den allernötigsten Bedürfnissen und Vorräten begleiteten die Truppen. Stumm schlich die Mannschaft dahin, kaum daß sich manchmal ein halb unterdrückter Fluch oder ein Scheltwort der Offiziere und Unteroffiziere oder ein Antreiben der Gespannführer hören ließ. Eine unheilschwangere Ermattung lag über dem Ganzen, die Furcht vor einer drohenden Gefahr. Die Abteilung blieb dicht geschlossen; doch marschierten die Soldaten zwanglos und mit den üblichen Erleichterungen. Jeder hatte sich gegen den erstarrenden Hauch des eisigen Ostwindes zu schützen gesucht. Die Offiziere sorgten dafür, daß keiner die Reihen verließ; denn ein Zurückbleiben war in der Schneewüste und der sich steigernden Kälte der sichere Tod. Neben einem jungen Unterfähnrich, fast noch einem Knaben, schritt ein alter, aber rüstiger Mann in einem Militärmantel über bürgerlicher Kleidung. Seine Aufmerksamkeit war offenbar allein mit dem Fähnrich beschäftigt. Dessen Kräfte waren sehr erschöpft, aber er kämpfte mit aller Macht dagegen an. »Armer Junge,« sagte der Alte, »es ist unmöglich, daß ein Knabe wie du dieser furchtbaren Anstrengung widerstehen kann. Laß mich mit dem Oberstleutnant sprechen; er muß dir einen Platz auf dem Schlitten bewilligen, den ich für die Kranken hergab. – Du hast das erste Recht daran.« Der junge Mann hielt ihn am Arm zurück. »Ich beschwöre dich, Großväterchen, mach' mir diese Schande nicht! – Was würden meine Kameraden in Petersburg sagen! – Wie haben sie mich beneidet um die Auszeichnung – und nun soll ich schon auf dem Marsch versagen? – Lieber sterben!« »Du wirst es und ich mit dir, wenn du eigensinnig bleibst! Du hast noch nicht die Kraft eines Mannes. Und selbst Männer werden nicht lange mehr der Ermüdung und der Kälte widerstehen, wenn wir nicht bald das Ziel erreichen. Es war Wahnsinn von dir, in deinem Alter dich zur Einstellung zu melden, und unverantwortlich, daß man dir nachgegeben hat!« Der Unterfähnrich suchte mit Aufbietung aller seiner Kräfte festen Schritt zu halten. »Sage das nicht, Großväterchen«, entgegnete er. »O, wenn du zugegen gewesen wärest, als der Zar unsere Schule vor dem Weihnachtsfest besuchte, wenn du gesehen hättest, wie die Knaben ihn baten, er möge ihnen den Eintritt in die Armee erlauben – welcher Jubel sich erhob, als er bestimmte, daß dreißig der Besten das Patent erhalten sollten!« Der alte Mann blickte finster vor sich hin. »Ich hatte andere Pläne mit dir – es traf mich wie eine Todesnachricht, daß du so plötzlich und so jung in die Armee eingestellt wurdest. – Sewastopol, Knabe, ist ein unersättliches Grab.« »Ich führe den Namen Lasarow und werde ihm keine Schande machen! Ich will dem Zaren beweisen, daß ich bis zum Tod dankbar bin für die Gnade, die dich wieder zu mir führte.« »Stütz' dich auf meinen Arm, Michael«, sagte der Alte. »Der Sturm nimmt zu, dein Schritt schwankt. Du reibst deine letzten Kräfte auf.« Ein Stocken in der Kolonne entstand. Der Podpolkawnik kam langsam an der Seite herangeritten; hinter ihm trugen vier Soldaten einen Mann. »Wenn noch ein Raum ist in Ihrem Schlitten, Herr,« sagte der Kommandeur, »so bitte ich Sie, ihn dem Leutnant Timotschew zu gönnen. Er ist vor Erschöpfung ohnmächtig, und ich möchte ihn nicht gern zurücklassen.« »Das müßte sein Tod sein«, erwiderte der Graf. »Versuchen Sie selber Ihr Heil! Ich und mein Diener gehen schon zu Fuß, und das Gefährt ist so überladen, daß die Pferde es kaum noch fortzubringen vermögen.« Der Offizier überlegte. »Die Jugend wird immer entarteter, Herr«, sagte er dann heftig. »Sie vermag nichts mehr zu ertragen. Ich kann ihm nicht helfen – legt ihn zu Boden, Leute. Mag er erfrieren! – Mein Befehl lautet: Vorwärts!« »Nicht an der Jugend Ihrer Soldaten liegt es, Herr,« entgegnete der Graf, »aber der Doppelmarsch in diesem Schnee und gegen diesen Sturm erschöpft jede Kraft. – Wieweit rechnen Sie noch die Entfernung?« »Der Teufel weiß es in dieser höllischen Steppe! – Ich hoffe, es sind keine sieben Werst mehr. Es ist unmöglich, sich in dieser Fläche zurechtzufinden. Ich wünschte, wir hätten eingeborene Führer mitgenommen! – Ihr Postillion ist der einzige, der uns Auskunft geben könnte – der Bursche versteht aber kaum ein Wort reines Russisch.« »Hören Sie, wie es in den Lüften braust!« »Bei Gott – ein Wirbelwind! Er wird uns den Schnee aufrühren! – Fest aneinandergeschlossen, Leute! – Vorwärts! Wer fällt, muß liegen bleiben!« Er wollte davonsprengen; der Graf fiel ihm in die Zügel. »Der Himmel stehe uns bei; ich fürchte, es kommt ein Schneesturm! Bilden Sie Karreekolonnen – es ist unsere einzige Rettung und der Rat eines alten Soldaten!« Die Befehle der Offiziere drangen kaum durch das Heulen und Brausen, das sich jetzt erhob, das in den Lüften sauste und aus der Erde herauszusteigen schien – ein höllisches Konzert von tausend Teufelsstimmen. Die ganze Steppenfläche ringsum schien lebendig zu werden und sich in die Luft zu erheben. Der Schnee wirbelte in so dichten Massen, daß das Atmen schwer wurde und die ganze Umgebung eine einzige große Lawine schien. »Michael, mein Kind! Mein Sohn! Halte dich fest – hierher! – Hierher!« Einen Augenblick versuchten die Trommeln zu wirbeln – Kommandorufe tönten zwischen dem Toben; aber das Geheul des entfesselten Orkans, vermischt mit hundertfachem Fluchen und Hilfegeschrei, vernichtete jeden einzelnen Laut. Die Bespannungen der wenigen Gefährte standen schnaubend und zitternd; dann stürmten sie in rasendem Lauf davon. Nach dem ersten furchtbaren Stoß schwieg minutenlang der Sturm, gleichsam als schöpfe er neuen Atem. Weiße Massen sah man sich bewegen und einzelne Gestalten nach allen Richtungen zerstreut über den Schnee flüchten. »Halt! – Stillgestanden! – Zum Karree!« klang die mächtige Stimme des Führers – und gehorsam selbst in der Todesgefahr ordneten die noch nicht niedergeworfenen oder zersprengten Züge sich um den Offizier. Das Karree war noch nicht geschlossen, da brach der Sturm aufs neue los. Im Nu war die ganze Fläche ein unermeßlicher Schneewirbel. Der Schlitten Djemala Dins war kaum zwei Werst hinter dem Bataillon, als der Sturm einsetzte. Beim ersten heulenden Ton in der Luft stürzte sich der alte Tatar von seinem Sitz und warf sich vor die Pferde, packe sie in die Nüstern und schrie dem Postillion zu, sie aus allen Kräften festzuhalten. So gelang es, sie auf einer Seite zu fesseln und die Richtung einzuhalten. Denn selbst die sicheren Tiere verläßt häufig bei so plötzlichen und erregenden Naturerscheinungen ihr Urgefühl. Unwillkürlich wenden sie sich zur Seite, um der Wut des Orkans auszubiegen, lenken von der rechten Straße ab und kommen oft, ohne daß der vom wirbelnden Schnee halb betäubte und geblendete Reisende es merkt, in eine gerade entgegengesetzte Richtung. Mehrfach kamen Reisende am Eingang der Dörfer elend um, weil sie nicht wußten und nicht sahen, wie nahe sie der Rettung waren. Traurig ist das Schicksal der Herden, die auf offener Steppe von einem solchen Schneesturm überrascht werden. Die Pferde rennen meilenweit; die Schafe drängen sich dicht aneinander und folgen den Leittieren ins Verderben, ohne auf die Hirten zu hören. Die Hirten, selber dem Orkan preisgegeben und vor Kälte erstarrt, geben den fruchtlosen Widerstand auf und folgen der wie von dämonischer Gewalt fortgetriebenen Herde, solange ihre Kräfte es gestatten oder bis sie von den wandelnden Lawinen verschüttet werden. Nach dem ersten Stoß des Orkans ließ der Tatar den Pferden die Zügel. Sie jagten mit rasender Schnelle über die Fläche dahin. Zweimal wiederholte sich das Spiel; der Schlitten schleuderte hin und wieder über einen unter der Schneedecke liegenden Gegenstand. Mehrmals glaubte Djemala Din ein Rufen durch das Toben der Elemete zu vernehmen und Gestalten wie Schatten durch den Schneewirbel schwanken zu sehen – aber vergeblich war sein Befehl – der alte Tatar trieb die rasenden Rosse zu immer größerer Eile. Jetzt – dort – ganz deutlich hörte er den Hilferuf – gleich darauf eine schwache Salve von Gewehren – Gestalten taumelten um ihn her. »Haltet ein – das ist unser Schlitten! Halt' ihn fest, Bogislaw! – Das Erbarmen muß der eigenen Rettung weichen!« Ein Mann warf sich vor die wilden Gäule und ließ sich von ihnen fortschleifen; ein zweiter, eine schwere Last auf den Armen, schwankte hinter dem Schlitten drein. »Schieß ihn nieder, Gospodin!« schrie der Tatar. »Nieder, oder wir sind verloren, wenn sie sich an uns anhängen!« Aber Djemala Din hatte schon selber in den Zügel gegriffen und die Pferde zum Stehen gezwungen. »Wenn Gott Ihnen barmherzig sein soll in Ihrer Todesstunde, so üben Sie selbst Barmherzigkeit!« flehte eine tiefe Stimme neben ihm. »Nehmen Sie meinen Enkel in Ihren Schlitten und retten Sie ihn – ich will gern hier sterben und Sie segnen in meiner letzten Not!« »Graf Lubomirski? – Ich kenne diese Stimme! – Herein, herein! Jeder Augenblick ist neue Todesgefahr!« Der alte Pole warf den leblosen Knaben in den Schlitten und sich selber darüber hin. »Wenn du noch einen Augenblick zögerst, Gospodin, so sind wir geopfert!« jammerte der alte Tatar. »Dort kommen sie und sie werden uns Schlitten und Pferde nehmen – die Last ist ohnehin für die Tiere zu groß!« Massen schneebedeckter Menschen schwankten herbei – wilde Stimmen kreischten. – »Vorwärts! vorwärts! – Ohne Erbarmen!« rief der Jäger des Grafen. Er sprang hinten auf die Kufen des Schlittens und schleuderte mit gewaltigem Fausthieb einen der Armen in den Schnee zurück, als er sich anklammerte. Durch die erstarrten, todgeweihten Soldaten flog das Dreigespann davon – hinter ihnen her schollen Flüche und Verwünschungen, das Geheul und Gepfeif des Sturms – rings um sie ein fliegendes Gewoge von spitzen, schneidenden Kristallen. Es war, als versänken sie in einem weißen Meer. Von Straße, von Pfad keine Spur; die hatte längst der Schnee begraben. Der alte Tatar vermochte aber in den Pausen des Sturms nach den Sternen die Richtung zu finden. Die Pferde, von Schnee und Wind ermattet, durch die schwere Last gehemmt, aber durch das Unwetter erregt, kamen rasch vorwärts und ließen die verlorene Schar weit hinter sich in dem Grabtuch der Steppe. Die Hand des Herrn war über ihnen und führte sie glücklich aus der Gefahr des schaurigen Eistodes. Etwa eine Stunde, nachdem der Schlitten das Bataillon verlassen, hielten die Pferde vor der offenen Umzäunung eines großen Gehöfts; zahlreiche Herden hatten sich schon beim Beginn des Sturms hierher geflüchtet und kauerten jetzt im Schutz der langen, niederen, ein weites Viereck bildenden Stall- und Scheunengebäude. Der Tatar führte die Pferde in das Gehöft. Auf den Ruf der Reisenden eilten die Bewohner aus dem Schutz des Hauses den Erschöpften zu Hilfe. Nach einer Weile saßen Graf Lubomirski und Djemala Din am warmen Herdfeuer des Mennoniten Hesekiah zusammen. Der wackere Jäger Bogislaw, der so manche Gefahr mit ihnen und für sie treulich bestanden, wachte bei Michael Lasarow, dem jungen Unterfähnrich. Man hatte ihn starr und leblos in das Haus getragen und erst nach vieler Mühe wieder ins Leben zurückgerufen; unter der Obhut der Frauen lag er jetzt in tiefem Schlaf. Draußen tobte der Schneesturm noch immer mit gleicher Heftigkeit. Die des Landes Kundigen erklärten, daß er wenigstens vierundzwanzig Stunden anhalten werde; in dieser Zeit werde es unmöglich sein, das Gehöft zu verlassen. Selbst die aufopfernde Menschlichkeit des Mennoniten Hesekiah hatte es daher nicht wagen dürfen, den im Schneegefild dem Verderben preisgegebenen Truppen Hilfe zu bringen; vergebens hatten der Graf und Djemala Din eine bedeutende Summe für den geboten, der als Führer die Unglücklichen aufsuchen wollte. Die Kälte war zur Nacht so heftig geworden, das Schneetreiben so wütend, daß selbst das kühnste Herz verzagte vor dem gewissen Tod. Man hatte sich damit begnügen müssen, am Eingang des Dorfs Wachen aufzustellen; sie wurden alle Viertelstunden abgelöst und schossen von Zeit zu Zeit Gewehre ab. Aber man wußte, daß bei dem Brausen des Sturms der Schall kaum über den nächsten Umkreis dringen konnte, daß alles vergeblich und das Schicksal des ganzen Bataillons wahrscheinlich längst entschieden war: ein Massengrab unter dem Leichentuch der Schneehügel – eine Riesengruft für tausend Krieger. Der wilde Schneesturm dauerte, wie die Tataren es vorausgesagt hatten, mit der vollen Stärke bis zum Nachmittag des anderen Tages. Jeder Versuch, während des Morgens ins Freie zu dringen zur Aufsuchung der Verunglückten, scheiterte an der Wut des Orkans und der grimmigen Kälte. Erst mit der beginnenden Dunkelheit legte sich der Aufruhr der Natur ebenso plötzlich, wie er entstanden war, und es konnte die Verbindung mit den nächsten Gehöften wiederhergestellt werden. Aber nirgends fand sich eine Kunde von dem Bataillon. Die ganze männliche Bevölkerung der Kolonie und der in ihrer unmittelbaren Nähe liegenden Posthalterei machte sich noch am Abend auf und suchte beim Schein des hellen Sternenlichts die Spuren der Vermißten. Djemala Din und der Jäger Bogislaw begleiteten sie; der Graf blieb bei dem von den ausgestandenen Leiden erkrankten Knaben zurück. Eine Stunde weit von der Kolonie, mitten in der Steppe, fand man die Bestätigung des gräßlichen Unglücks, nachdem man schon lange vorher in einer tiefen Regenschlucht das zerschmetterte Gefährt des Grafen und mehrere Gepäckwagen, sowie rings auf der weiten Schneefläche zahlreiche Leichen Erfrorener vereinzelt entdeckt hatte. Ein Berg von Schnee, vom Sturm zusammengewirbelt, wölbte sich gleich einer mächtigen Tamüle, aus dessen Grund menschliche Glieder und Waffen hervorragten. Die Steppenwölfe umheulten den riesigen Grabhügel und flohen bei der Annäherung der Lebenden. Mit äußerster Kraft ging man daran, den Schneeberg zu öffnen – je weiter man kam, desto grausiger wurde das Schauspiel, das sich den Blicken bot. Haufen von Leichen lagen übereinander, so starr und vereist, daß beim Schaufeln und Hauen Gliederstücke wie Glas absprangen. Als der Morgen tagte, stieß man auf das Schrecklichste. Zu dichter Masse gedrängt, aufrecht fest aneinandergepreßt und durch ihren Druck sich haltend, viele noch die Gewehre in den Händen, standen mehr als dreihundert Leichen – ein Karree von toten Kriegern, in ihrer Mitte der Podpolkawnik, ihr Führer, gleich als erwarteten sie den Feind. Und der Feind war über sie gekommen – aber nicht der, dem Menschenkraft und Menschenmut widerstehen konnte im ehrlichen Kampf. Die grause Kälte hatte ihre Kraft gebrochen, die Grabeslast des Schnees ihren Mut und ihr Leben vernichtet. In den toten Augen schien noch der Trotz des Kriegers zu stehen; es war, als ob die geschlossenen Reihen nur des belebenden Kommandos warteten, um sich zu neuem Leben zu entfalten. Aber der Kommandoruf, der sie weckte, war nur die Posaune des ewigen Weltgerichts, die die Gräber öffnet und die Toten läd zum Tag des Herrn. Djemala Din floh schaudernd von der erschütternden Grabstätte. Noch am selben Tage schied er vom Grafen Lubomirski und dessen Enkel Michael Lasarow. Er setzte seine Reise nach Perekop und Kertsch in größter Eile fort. Der Gedanke, die Geliebte schutzlos unter seinen tapferen, aber wilden Landsleuten zu wissen, drängte ihn. Ende Februar langte er in Chassawjurth an, wo der Fürst Tscheftsawadse sich aufhielt; seine eigene Ungeduld beschleunigte die Verhandlungen. Der 22. März war der Tag, den der Emir selber zur Auswechslung der Gefangenen an den Ruinen des Forts von Schoib Kapu an der Grenze der großen Tschetschnia bestimmt hatte. Der Unterfähnrich, der einzige Überlebende des im Schnee verschütteten Bataillons, wurde durch seine Krankheit noch wochenlang an das Haus des menschenfreundlichen Mennoniten gefesselt und mit ihm der alte Graf, sein Großvater, und dessen Jäger Bogislaw. Nur langsam ging die Kräftigung Michael Lasarows vor sich; sehnsüchtig saß er am Fenster des kleinen Stübchens und schaute den Truppen nach, die Tag um Tag vorüber zum Süden zogen in Kampf und Ruhm. Graf Lubomirski, der alte Revolutionär, sorgte mit der Aufmerksamkeit und Liebe einer Mutter für jedes Bedürfnis, für jede Pflege des Enkels. In den langen Wochen des Zusammenseins suchte er den Enkel mit jedem seiner Worte für seine Pläne zu gewinnen. Das Schweigen Michaels galt ihm als ein Zeichen für die spätere Erfüllung seiner Wünsche; schon bereitete er ihre Abreise nach Odessa vor, um von dort nach Frankreich oder nach der Schweiz zu gehen, als an einem Morgen Michael Lasarow verschwunden war. Ein zurückgelassener Zettel zeigte ihm die Täuschung, in die er sich gewiegt – die Worte lauteten: »Tausend Dank und Segen für deine Liebe, Großvater, aber Michael Lasarow hat das Herz eines Russen und sein Platz ist in Sewastopol!« Man sagte, er wollte sterben... Seit mehreren Tagen war der Zar krank. Die Grippe herrschte in Petersburg und hatte auch den ewig Rastlosen gepackt. Die fortwährenden seelischen Aufregungen über die politischen und kriegerischen Ereignisse und die geringe Schonung, die er sich gönnte, hatten das Übel von Tag zu Tag gesteigert. Obgleich bis jetzt noch keine Gefahr vorhanden war und sein Leibarzt Doktor Mandt dies auch betonte, hatte Mandt doch um die Erlaubnis gebeten, einen zweiten Arzt zuziehen zu dürfen. Der Zar hatte darauf in die Beratung seines gewöhnlichen Leibarztes auf Reisen, Doktor Karell, gewilligt. Trotz den Bitten der Ärzte und seiner Familie weigerte sich der Zar, sein gewöhnliches Arbeitszimmer zu verlassen, das für seinen Zustand durch die Ecklage und die großen Fenster, auf die der Wind von zwei Seiten stieß, sehr unvorteilhaft war. In dem Zimmer maß man kaum zehn bis zwölf Grad Wärme bei einer Kälte draußen von zwanzig bis dreißig Grad. Der Zar hatte eine schlaflose Nacht gehabt. Der ganze Abend vorher war unter Beratungen mit dem Staatskanzler, Grafen Nesselrode, und nachher noch dem Durchsehen mehrerer Geheimberichte und Depeschen dahingegangen. Am frühen Morgen, schon um sieben Uhr, sandte er nach seinem alten Freund und Vertrauten, dem Generaladjutanten Grafen Orlow. Der riesige Graf – er war einer der größten und stärksten 161 Männer Rußlands und tötete im Jahre 1851, nach Staraia Russia gesandt, um einen Aufstand in den Militärkolonien zu dämpfen, mit einem einzigen Faustschlag einen jungen Soldaten, der aus dem Gliede hervortrat – saß seinem Herrn gegenüber am großen, mit Papieren übersäten Arbeitstisch. Sein Antlitz war ernst und sorgenvoll, das des Zaren blaß, nur von Zeit zu Zeit durch die Anstrengung des Hustens oder die Aufregung mit fliegender Röte bedeckt. »Einhundertdreiundzwanzigtausend Mann – es ist nicht möglich!« sagte der Monarch heftig. »Dolgorucki muß sich irren!« Der Graf reichte ihm eine Denkschrift. »Der Feldzug an der Donau kostet uns 60 000 – Silistria allein den sechsten Teil. Die Almaschlacht zählt mit 8000, Balaklawa und Inkerman 9000 – in Sewastopol sind in drei Monaten 18 000 gefallen, mehr als ebensoviel sind dem Typhus und der Cholera erlegen und untauglich.« »Entsetzlich! – Und unsere Gegner haben fast ebensoviel verloren! – Welch furchtbares Ergebnis und wofür?« Orlow schwieg. »Ich muß der Sache klar ins Auge sehen«, fuhr der Zar fort. »Ich habe gestern bis elf Uhr mit Nesselrode gearbeitet, um nochmals alle unsere Aussichten zu prüfen.« »Euer Majestät reiben sich auf mit dieser rastlosen Tätigkeit bei Ihrer Krankheit. Ihr Leben ist das schätzbarste Gut Rußlands.« »Wer weiß – wer weiß – alter Freund! – Wir sind beide Soldaten und wissen, wie leicht jede Lücke sich schließt. Hätte nur Kleinmichel mich nicht mit den Straßen im Stich gelassen, die Sache stände anders! Und wer hätte von Österreich das gedacht!« »Ich habe Euer Majestät stets gewarnt, sich nicht von Meyendorf täuschen zu lassen. Er über Wien – Nesselrode über London.« »Ich weiß, daß du die deutsche Partei nicht liebst«, sagte kopfschüttelnd der Zar. »Meyendorf trifft keine Schuld; du selber hast bei diesen undankbaren Österreichern nichts ausgerichtet. Was geschehen ist, läßt sich nicht ändern.« »Euer Majestät erinnern sich, daß ich im Jahre 1849 gegen die Hilfe ohne Bedingungen war. Großmut in der Politik ist immer ein Fehler. Das Möglichste zu fordern, ist nie ein Schaden!« Der Zar lächelte bitter. »Das ist das Prinzip, nach dem du bei dem Vertrag von Adrianopel 1829 gehandelt. Und was nützen uns jetzt diese Zugeständnisse? Hab' ich nicht auf den undankbaren Bündnisvertrag vom 2. Dezember, den Österreich mit Frankreich und England schloß, mich bereit erklärt, alle jene alten Rechte zu opfern? – Ich will dir sagen, Alexei Feodorowitsch, wie es ist: Man will in Wien den Frieden nicht; man glaubt die Gelegenheit günstig, die Donau zu gewinnen und schämt sich nicht, dafür die Liberalen Deutschlands in Bewegung zu setzen.« »Majestät, Ihr Schwager in Berlin hält fest. Er ist ein Ehrenmann auf dem Thron.« »Ich weiß es und vertraue auf ihn. Österreichs Ränke am Bundestag scheitern an Preußens Festigkeit. Die französischen Noten werden ihre Abfertigung finden. Rußland ist in der Schuld Preußens. Möge Rußland das nie vergessen, wenn die Zeit kommt, zu der sich die Mächte für seine jetzige Unparteilichkeit zu rächen suchen!« Orlow schwieg – er fühlte, der Zar wolle ihn um etwas befragen; aber dieser zauderte ganz gegen seine Gewohnheit damit. Wiederholt legte er die Hand auf den Tisch und ballte sie, als bemühe er sich, einen unangenehmen Entschluß zu fassen. Endlich, wie erzürnt über sich selber, heftete er seine Augen fest auf den Grafen. »Ich habe deine Zeilen von gestern abend erhalten«, sagte er mit kaum hörbarer Stimme. »Der Agent ist zurückgekehrt?« »Ja!« »Er bringt die Antwort auf unsere Vorschläge?« Orlow nickte stumm. »Heraus damit! – Man hat in Paris abgelehnt – man fordert größere Vorteile? – Heraus damit, Orlow!« fuhr er heftig fort, als der Graf den Kopf schüttelte. »Du kennst mich und weißt, daß ich alles ertragen kann.« »Euer Majestät sind noch zu angegriffen und aufgeregt.« »Gehörst auch du zu denen, die unter dem Vorwand der Schonung mir Glied um Glied martern können? Nicht den Diplomaten verlange ich, sondern den Freund und seine Wahrheit! Sprich denn« – er lächelte seltsam – »vielleicht hab' ich wenig Zeit mehr, sie zu hören.« »Sie wissen, daß mein Bote ein zuverlässiger und gewandter Mann ist. Er hat mit – Napoleon selbst verhandelt.« »Nun – und?« »Er hat eine vollständige Zurückweisung erfahren.« Die Hand des Zaren ballte sich krampfhaft. »Weiter – die Einzelheiten!« »Sie sind eine Beleidigung; ersparen Sie mir den Schmerz, sie zu wiederholen.« »Nichts da – ich muß alles wissen, jedes Wort, jede Silbe!« Die Stimme grollte ungeduldig. »Die Instruktion ist an Bourquenai schon abgegangen, sich jetzt mit unserem Zugeständnis der Auslegung nicht mehr zu begnügen – es sei zu spät.« »Was verlangt man?« »Napoleon kann Euer Majestät nicht vergeben, daß Sie so lange mit seiner Anerkennung gezögert haben – er haßt Sie!« »Ich weiß es – ich wußte es längst!« »Euer Majestät verletzten vielfach seinen Ehrgeiz – er will jetzt der erste und wichtigste Mann in Europa heißen; und das kann er nicht, solange Euer Majestät da sind.« »Will er mich töten lassen?« fragte der Zar spöttisch. »Das nicht. Das Leben des Zaren gehört Gott. Aber er will Rußlands Schande für den Frieden – er verlangt –« »Sprich!« Die Augen des Zaren waren scharf und stechend auf den Grafen gerichtet, der finster die seinen niedergeschlagen hielt. »Majestät, dieser Mann stellt eine Forderung, die den französischen Zusammenbruch von 1812 vergessen machen soll und von Rußland nicht angenommen werden kann, solange noch ein Tropfen russisches Blut in uns lebt! – Er verlangt die Übergabe Sewastopols und der Südflotte an seine Armee oder –« »Oder?« »– oder Ihre Thronentsagung. – Er könne und wolle sich nur mit einem anderen Herrscher Rußlands verständigen, weil Euer Majestät wohl wüßten, daß Sie ihn persönlich beleidigt hätten – die Hand der Großfürstin –« »Still – kein Wort mehr!« Er winkte gebieterisch mit der Hand, stützte die breite Stirn auf die Linke und versank in Nachdenken. »Der Aufruf der Reichswehr«, sagte nach einer Pause Graf Orlow, »wird uns noch eine halbe Million Soldaten geben. Euer Majestät werden zwei Drittel Ihrer Armee im Süden vereinigen können. Preußen und Kronstadt sichern Petersburg – Sewastopol wird sich halten, bis unsere Besatzungsarmee genügend stark ist, alle Feinde zu vernichten.« Der Kaiser lächelte matt. »Du weißt es besser, Orlow! Wir haben zehn Jahre zu früh unser Werk begonnen – aber ich wollte es noch selber tun. Eine Eisenbahn nach dem Süden – und Europa hätte schon eine andere Gestalt. Der Traum der Wiederherstellung der christlichen Macht am Bosporus ist zu Ende – ich glaubte, das Testament meines Ahnen durch erhabene Absichten adeln zu können. Aber ich bin an den Mitteln gescheitert.« »Wir werden einen ehrenvollen Frieden erzwingen.« »Höre mich an. Wir haben drei Schlachten verloren, weil unsere Kräfte den Gegnern nicht gewachsen waren. Das war unser Fehler und unser Unglück beim Beginn; es ist nicht wieder gutzumachen. Die Feinde haben das Meer als ihre Straße – die unsere verschlingt die vierfache Zeit. Sie werden uns also immer voraus sein im Ersatz ihrer Lücken und Hilfsmittel. Hier liegt der Vertrag dieses nur durch seine Schmach mächtigen Englands mit Sardinien: Es kauft 15 000 frische Soldaten, wie es einst die Deutschen für die Urwälder Amerikas gekauft hat! – Einem Palmerston ist das erlaubt. Ich aber durfte den Plan der revolutionären Propaganda, den der ungarische General mir brachte, nicht annehmen, denn ich hätte mit dem Geist meines ganzen Landes gebrochen. – Kampf gegen die Revolution, solange die Hand den Degen halten kann!« »Sewastopol wird den Feind ermüden!« »Es wird und muß fallen! – Totleben und meine braven Soldaten haben Unglaubliches geleistet, aber alle menschliche Kraft hat ihre Grenzen. Dolgorucki hat dir zwar die amtlichen Berichte vorgelegt – diese geheime Denkschrift, die mir der Großfürst Nikolaus gesandt, den ich selber zum Ingenieur ausgebildet, gibt mir das wohlgeprüfte Urteil bewährter Männer – Totlebens selber. Sewastopol ist mit der Sappe verteidigt worden und wird durch die Sappe fallen. Die Feinde kannten seinen schwachen Punkt nicht, weil weder Raglan noch Canrobert Ingenieure und Feldherrn sind; deshalb allein hat es sich gehalten. Sobald der Angriff auf die Schiffervorstadt und die Kornilowskibastion vereinigt wird, ist das Schicksal der Festung entschieden.« »Die Engländer haben diesen Posten; sie sind weder geschickt noch kräftig genug, um sie dort fürchten zu müssen. Die übersandten Pläne des Barons Osten-Sacken für das System vorspringender Gegengräben und Feldschanzen sind vortrefflich!« »Sie können die Verteidigung erleichtern, aber nicht den Fall hindern. Der Kornilowhügel beherrscht die Südseite und die Reede.« »Majestät, Sie sagen selber, daß der Feind falsch vorgeht!« »Aber er wird seinen Fehler verbessern! General Niel ist schon in den letzten Januartagen im Lager angekommen; er ist der beste Ingenieur, den die Franzosen haben. Dieser Bericht der Spione hier meldet, daß er bereits vorgeschlagen hat, die Angriffsfront zu ändern.« »So muß man die Entscheidung auf einen Wurf setzen! – Lassen Sie Menschikow nochmals mit seiner Gesamtmacht angreifen, von der ganzen Garnison unterstützt. Mögen sie sterben, sie alle für Rußland, wenn sie nur den Feind mit vernichten!« Der Zar war aufgestanden – er ging jetzt um den Tisch und legte dem riesigen alten Krieger die Hand auf die Schulter. »Das kannst du raten, Freund! Ich habe andere Pflichten! – Hundertachtundzwanzigtausend Mann tapferer Soldaten stehen in und um Sewastopol – sie mögen für ihr Vaterland sterben, aber sie dürfen nicht leichtsinnig geopfert werden und Rußlands Bestand am Pontus mit ihnen. Österreich und dem Halbmond müssen wir dort gewachsen bleiben, und hier oben können wir keine Truppen mehr entbehren, denn Frankreich hetzt unaufhörlich in Stockholm, und Finnland ist jedem feindlichen Einfall offen.« »Aber was dann, Majestät?« »Ich will den Frieden ermöglichen!« Der Graf sah den Zaren starr und verständnislos an. »Majestät, wollen Sie sich näher erklären?« »Später – wir werden ausführlicher beraten – ich weiß ja jetzt deine Antwort von Paris.« »Gönnen Sie sich Ruhe – Sie bedürfen ihrer sehr!« Der Zar winkte ihm freundlich; er wandte ihm den Rücken und stand vor dem Schrank, der seine Handbücherei enthielt. »Ich werde dich rufen lassen, Orlow, wenn es Zeit ist!« Der Graf entfernte sich – unter der Tür rief ihn der Zar nochmals zurück. »Welcher von den Flügeladjutanten ist an der Reihe für die Depeschen?« »Oberst Tettenborn.« »Laß ihn bereit sein, nach Baktschiserai abzugehen. – Ich halte es für das beste, wenn Menschikow seine Enthebung beantragt – er ist ohnehin leidend, und es würde unserem alten Freund doch gar zu weh tun, wenn gerade er, der den Kampf so tapfer geführt, unterliegen sollte.« Graf Orlow wagte nicht, etwas zu sagen; er verbeugte sich beklommen und verließ das Gemach. Der Zar ging einige Male, die Hände meinander verschlungen, auf und nieder – ein heftiger Hustenanfall nötigte ihn, stehenzubleiben. Dann trat er wieder an den Bücherschrank, nahm ein Buch heraus und setzte sich mit ihm an den Tisch. Es war Stokes, des berühmten englischen Arztes Werk über die Brust- und Lungenerkrankungen. Der Kaiser las länger als eine halbe Stunde aufmerksam – seine Stirn hatte sich finster in Falten gezogen; zuweilen perlte ein Schweißtropfen darauf. Gewehrrasseln der ablösenden Schildwache draußen vor dem Palast unter seinen Fenstern weckte ihn aus seinen tiefen Gedanken. Sein Blick traf auf die Madonna von Murillo und von ihr auf das einfache Kruzifix von Ebenholz mit dem bleichen, weißen Christusbild, das darunter hing. – Seine Hände falteten sich, sein Haupt sank auf sie nieder. Als er sich erhob, ruhten seine Augen wenige Sekunden auf dem Bildnis der Zarin und seiner Lieblingstochter, der verstorbenen Großfürstin Alexandra, das er selber nach dem schönen Porträt von Brüllow in der Kapelle von Zarskoje Selo übertragen; der Zar beschäftigte sich oft in seinen kurzen Erholungsstunden mit der schönen Kunst der Farben. Dann sagte er laut sein Lieblingswort vor sich hin: »Und jetzt – im Dienst!« Er drückte auf die Feder der kleinen Glocke – der diensttuende Kammerherr trat ein. »Wollen Sie so gut sein, lieber Baron,« sagte der Zar, »und Befehl geben, daß mein Schlitten vorfährt?« »Eure Majestät wollen ausfahren?« stammelte der Kammerherr erschrocken. »Warum nicht? – Der Gardeersatz der Regimenter für Litauen ist zur Besichtigung in die Reitbahn befohlen. Ich bin nicht gewohnt, auf mich warten zu lassen. – Tun Sie also nach meinem Wunsch.« Der Kammerherr entfernte sich – wenige Minuten darauf kehrte er zurück, um anzuzeigen, daß der Befehl erteilt worden sei. Der Zar hatte schon den Helm aufgesetzt und den Mantel umgehängt. »Majestät,« sagte der Kammerherr, »im Vorzimmer warten der Geheime Rat Mandt und Staatsrat Karell. Sie bitten, vorgelassen zu werden.« Er hatte die Augenblicke benutzt, die beiden Ärzte von der Absicht des Zaren in Kenntnis zu setzen. »Ich weiß, ich weiß!« sagte dieser ungeduldig. »Aber ich habe jetzt keine Zeit, später – am Abend oder morgen!« Er ging an dem Kammerherrn vorbei durch die Reihe der Vorzimmer der großen Treppe zu. Im zweiten Vorzimmer fand er die beiden Ärzte. »Entschuldigen Sie, meine Herren«, sagte er halb scherzend im Vorübergehen, »aber ich bin in großer Eile. Nachher stehe ich Ihnen mit Puls und Atem zu Diensten.« Sein erster Leibarzt, Doktor Mandt, ein geborener Preuße, dem er stets großes Wohlwollen und Vertrauen bewiesen, trat ihm kühn in den Weg. »Euer Majestät wissen vielleicht nicht, daß draußen eine Kälte von mehr als 23 Grad herrscht! – Wenn Euer Majestät meine Bitten auch nicht beachten, so bitte ich Sie wenigstens, das Urteil meines Kollegen Karell anzuhören. Es ist meine Pflicht, darauf zu dringen.« Der Zar war stehengeblieben – ein Hustenanfall erschütterte heftig den kräftigen Körperbau trotz allen Anstrengungen, ihn zu unterdrücken. Zwei scharf begrenzte rote Flecken zeigten sich auf den Wangenknochen – er sah die beiden Ärzte an. »So reden Sie!« »Majestät!« sagte Karell. »Kein Militärarzt in der ganzen Armee würde einem Soldaten, der so krank wie Euer Majestät ist, erlauben, das Hospital zu verlassen, weil er sicher ist, daß der Patient es nur kränker wieder betreten wird.« »Ich kann dem Urteil Karells nur zustimmen,« fügte Mandt hinzu, »und wiederhole als Arzt die Forderung und Bitte zugleich, daß Euer Majestät ins Zimmer zurückkehren.« Der Zar schwieg. Dann aber reckte er sich hoch. Es war seine Gebärde, wenn er keine Widerrede mehr duldete. »Ich danke Ihnen, meine Herren; Sie haben Ihre Pflicht getan, lassen Sie mich nun auch die meine tun.« Damit ging er an den sich Verbeugenden vorüber. Der Zar blieb zwei Stunden, nur in seinen Mantel gehüllt – er besaß nicht einmal einen Pelz – in dem kalten Exerzierhaus. Bei seinem Fortgehen war er ganz in Schweiß gebadet, denn er hatte stark gehustet und fortwährend ausgeworfen. Trotzdem fuhr er, als er das Exerzierhaus verlassen, noch zu dem kranken Kriegsminister, Fürsten Dolgorucki, ermahnte diesen, nicht zu früh auszugehen, und kehrte erst spät ins Schloß zurück. Man sagte, er wollte sterben ... Mickey Free Mit dem Orkan am 4. November hatten die Leiden der englischen Armee vor Sewastopol begonnen. Die ganze Gegend von Balaklawa bis zur Front war in einen Sumpf verwandelt, und die Verwüstungen, die Sturm und Regen angerichtet, spotteten aller Beschreibung. Von sämtlichen der minderwertigen Zelte blieben nur drei im ganzen Lager stehen – der Sturm hatte ganze Gefährte umgeworfen, Tische und Balken fortgeschleudert; die Menschen mußten sich am Boden festhalten, wollten sie nicht fortgerissen werden. Die jämmerlich eingerichteten Zeltlazarette wurden in den ersten Stunden schon zerstört. Der Orkan brach die Stützen, riß die Decken fort, und die Kranken lagen in dem fußhohen Schlamm, überströmt vom Regen. Stabsoffiziere und Gemeine krochen mit den notdürftigsten Kleidungsstücken, die sie gerettet, in den Schutz von Hügeln und Erdwällen; selbst die kommandierenden Generale mußten das allgemeine Elend teilen; Lord Lucan, der Befehlshaber der Kavallerie, saß stundenlang bis an die Knie im Schlamme zwischen den Trümmern seiner Hütte. Gegen Mittag trat Schneegestöber ein; die Berge ringsum waren bald in eine weiße Decke gehüllt. Viele Soldaten fand man am Morgen tot; sie waren vor Kälte und Nässe umgekommen. Mitten in der Nacht überbrüllte eine tolle Kanonade von den Batterien Sewastopols die Wut des Sturmes; die Bomben zischten und prasselten in Schlamm und Blut. Die bösesten Folgen des Orkans kamen aber erst nach. Während in der Kamieschbucht, dem französischen Landungspunkt, unter der Kriegs- und Frachtmarine die größte Ordnung herrschte, war in Balaklawa Verwirrung und Willkür. Eine Anzahl Frachter mit Lebensmitteln und Lagerbedürfnissen hatte auf Befehl draußen vor dem Hafen auf felsigem Meeresgrund von etwa vierzig Faden Tiefe Anker werfen müssen, von zwölfhundert Fuß hohen Felsen umgeben, obgleich die Reede in dieser Jahreszeit stets heftigen Stürmen ausgesetzt war. Bei dem Orkan nun gingen diese Schiffe mit vielen Mannschaften elendiglich unter; sie zerschellten an den Klippen. Dadurch wuchs der schon bestehende Mangel noch mehr. Man hatte überdies versäumt, den Weg von Balaklawa zum Lager während der trockenen Witterung auszubessern; er befand sich infolge des Regen- und Schneewetters in einem beispiellos verwahrlosten Zustand. Er glich einer tiefen Schmutzgrube und war fast unbefahrbar. In der Nacht des 28. November brach überdies die Cholera aus; ihre Opferzahl steigerte sich von Tag zu Tag. Schon zu Anfang Dezember starben im englischen Lager durchschnittlich täglich 80 bis 90 Soldaten. Außerdem wüteten der Skorbut und böse Fieber. Von den zwanzig Schiffsleutnants der Marinebrigade konnten am 1. Dezember nur noch fünf Dienst tun. Es war am Nachmittag des 13. Januar. – Die vor den englischen Linien gegen den Malakow angelegten Schützengruben waren mit Scharfschützen verschiedener Regimenter besetzt. Jede der Gruben, mehr als hundert Schritt vor den äußersten Linien, faßte neun Mann und einen Offizier und war eine der gefährlichsten Waffen. Sie bildeten eine Art vorgeschobener Schanzen – verlorene Posten, allnächtlich den Angriffen des Feindes ausgesetzt, aus denen aber während des Tags durch die Lücken der den Rand umgebenden Sandsäcke ein scharfes Büchsenfeuer auf alles unterhalten wurde, was sich außerhalb des Wallschutzes oder der Laufgräben sehen ließ. Wer den Kopf über die Brüstung erhob, konnte sicher sein, ein halbes Dutzend Kugeln um die Ohren pfeifen zu hören. Die Mannschaften in den Laufgräben wurden nur alle vierundzwanzig Stunden abgelöst; und die englische Armee war schon so geschwächt, daß die Soldaten wöchentlich drei- bis viermal diesen anstrengenden Dienst tun mußten. Ebenso erfolgte die Ablösung in den Gruben nur alle vierundzwanzig Stunden und jedesmal bei Nacht, da während des Tageslichts die Batterien des Feindes das Gelände nach allen Richtungen bestrichen. Ein Offizier vom 95. Regiment, Kapitän Stuart, befand sich in der mittleren Grube. Bei ihm waren noch ein Fähnrich und sieben Mann – der Zehnte fehlte, man hatte seine Leiche vor einer Stunde über den kleinen Erdwall geworfen, der die gefährliche Stellung gegen den Feind hin decken sollte. In dem engen Raum herrschten Elend und Not. Nur ein scharfes Auge vermochte die britischen Offiziere von ihren Untergebenen zu unterscheiden. Das Rot der Uniform war fast nur noch bei den fortwährend eintreffenden und dennoch die Lücken nur spärlich füllenden Ersatzmannschaften zu entdecken – nach wenigen Stunden war ihr Glanz im Schlamm und Kot verschwunden. Ein junger Mann kauerte neben dem Kapitän auf einem Stein, die Füße bis über die Knöchel im Schlamm und Schneewasser der Grube; er trug noch eine rote Uniform unter dem Mantel; aber eine alte tatarische Pelzmütze, die ihm sein entfernter Verwandter Stuart geliehen, bedeckte schon den Kopf. Darunter stak ein feines Gesicht; der arme Bursche, der neue Fähnrich der Kompagnie an O'Malleys Stelle, war der jüngere Sohn eines englischen Pairs. Er hatte seine Jugend in Reichtum verbracht, bis ihn der Familienbrauch mit fünfzig Pfund Zuschuß hinausstieß in die Welt; nach der Sitte glaubte man alles für ihn getan zu haben, indem man ihm eine Offiziersstelle in einem Infanterieregiment kaufte. Fähnrich Ellisdale war erst vor sechs Tagen mit den letzten Ersatzmannschaften eingetroffen; sein Traum von Ruhm und Ehre war in der kurzen Frist schon einem kläglichen Erwachen gewichen. Sein älterer Vetter, in dessen Kompagnie er gekommen, war als alter Soldat besser geschützt gegen Kälte und Nässe. Hohe Matrosenstiefel, damals ein sehr gesuchter Artikel und in Balaklawa mit dem fünffachen Preise bezahlt, reichten bis über die Mitte der Oberschenkel. Ein tatarischer, zerrissener Pelz, starrend von Schmutz und Fett, durch den übergeschnallten Säbelgurt zusammengehalten, bildete die Hauptbekleidung; die Mütze war mit einem dicken roten Tuch umwunden. Ähnlich waren die meisten Soldaten bekleidet; Flicken von allen möglichen Farben und Stoffen zierten Jacken und Beinkleider. Drei von den armen Teufeln aber hatten ein jämmerlich durchlöchertes Schuhzeug, und die Lappen und Binden, mit denen sie ihre Knöchel und Füße umwunden hatten, waren nur geringer Schutz gegen Feuchtigkeit und Kälte. Außer Kälte und Hunger herrschte auch noch Krankheit in der Grube. Einer der Soldaten litt an der roten Ruhr, einem andern hatte eine russische Büchsenkugel den linken Arm zerschmettert, als er ihn unvorsichtigerweise beim Zielen über die Deckung hinausgestreckt. An ärztliche Hilfe war nicht zu denken vor der Ablösung in der Nacht. Sein schmerzliches Stöhnen unterbrach oft das Gespräch der anderen. Man bekümmerte sich kaum um ihn; die unbeschreiblichen Beschwerden hatten längst die Herzen gegen die Leiden des Nächsten verhärtet. An einer Ecke der Brustwehr, das Miniégewehr durch eine Öffnung im Anschlag, stand der Soldat, an dem die Reihe des Postens war; an der andern Ecke, kaum sechs Fuß entfernt, hielt Mickey, der Irländer, der ewig heitere Diener des früheren Kompagnieführers, Spähwache nach dem Artilleriefeuer der Russen. Kapitän Stuart führte die Aufsicht über die drei Schützengruben, die vor diesem Punkt der englischen Linien angelegt waren. Er hatte ein kurzes Schneegestöber gegen Mittag benutzt, von seiner mittelsten Grube zu der auf seiner rechten Seite zu kriechen. Das Aufhören des Gestöbers und das scharfe Feuer des Feindes verboten ihm jetzt die Rückkehr. »So haben Sie also Cavendish gesehen, Ellisdale?« sagte er. »Wie geht es dem Burschen?« »Um vieles besser. Die Wunde in der Brust ist geschlossen; das russische Bajonett ist an den Rippen abgeglitten. Er hofft, in höchstens vier Wochen wieder beim Regiment zu sein.« »Beim Regiment? Er wird sich verteufelt wundern, was davon noch übrig ist! Mickey und ich und noch vier andere sind so ziemlich alles, was Inkerman, die Cholera und die Kälte von der Kompagnie gelassen haben, die in der Schanze 1 unter Armstrong focht.« »O Akuschla, mein Liebling!« lachte Mickey Free, der Ire. »Es ist brav von Ihnen, Kapitän, wenn Sie auch nur ein Schotte sind, daß Sie so gut von ihm sprechen! Ich hab' mir immer Vorwürfe gemacht, daß ich ihn um vier Schillinge betrog beim Verkauf der Rumflasche in jener gesegneten Nacht.« »Ich sah, wie du ihn aus dem Kampf trugst, Mickey – das wiegt manche deiner Sünden auf«, sagte gutmütig Stuart. »Es ist mir lieb, daß Cavendish davonkommt, da ich jetzt nicht mehr auf seinen Tod zu warten brauche, um meinen Rang zu erhalten; außerdem ist er uns immer noch seine indische Geschichte schuldig. Aber, wie gesagt, er wird sich wundern, obschon es dem 96. nicht allein so gegangen ist. Das 63. Regiment hatte gestern noch 7 Mann dienstfähig und Goldies 46. noch 30. Die schottischen Gardefüsiliere, die 1562 Mann stark nach der Krim kamen, zählen jetzt, Korporale und alles eingerechnet, noch 210 Mann – und in den meisten Brigaden steht es ebenso.« »Es sind 12 Regimenter seit vierzehn Tagen eingetroffen, drei von Korfu, eins aus Aden, drei von Malta, das 17., 39. und 89. von Gibraltar und zwei aus England, Sir«, sagte ein Korporal. »Ich hörte es gestern in Balaklawa, als ich mit dem Fähnrich dort war.« »Was will das heißen? – Sie werden kaum ausreichen, den Ausfall der Divisionen zu ergänzen. Der Lord hat, nach dem vorgestrigen Tagesbefehl, ihre Zahl ohnehin schon auf vier, außer den leichten, vermindern müssen. – Doch erzählen Sie mir, Lionel, wie es Ihnen in Balaklawa ergangen ist. Der Major beklagte sich bitter, daß Sie kaum ein Drittel des Proviants mitgebracht hätten.« »Eine Kugel aus der dritten Schießscharte!« schrie Mickey dazwischen. »Muscha – sie zielen wahrhaftig hierher!« »Rechts oder links vorbei, Bill?« sagte der Korporal zu seinem Nachbarn. »Eine Pfeife Tabak!« »Geradeaus über den Kopf!« rief ein anderer. Im selben Augenblick duckten sich Mickey und der Posten in den Morast der Grube nieder – die Vollkugel schlug in den niederen Erdwall ein, flog abprallend weiter über ihre Köpfe hin und überschüttete die ganze Gesellschaft mit einer Unmenge Erde und Schlamm. »Damned! – Du hast wahrhaftig Glück!« sagte ruhig der Korporal. »Und es ist wirklich meine letzte Pfeife!« »Sie stehen im Wall so dicht wie die Sperlinge!« schrie der Irländer. »Schieß, Jenkins, mein Junge! – Eine Kugel für den Burschen, der so frech wie ein Märzhase auf der Brüstung steht!« Der Schuß krachte. Mickey sah den russischen Offizier fallen; er hob sich mit halbem Leib über den Grubenrand und schwang jubelnd die Mütze. Eine Kugel aus dem nächsten russischen Versteck riß sie ihm aus der Hand. Zugleich brachte ein derber Rippenstoß des Kapitäns ihn zur Ruhe. Trübselig besah der Ire seine Hand. »Heiliger Patrick,« sagte er ärgerlich, »eine so schöne Kappe! Ich habe sie Leutnant Egerton vom Kopf genommen, als er am letzten gesegneten Freitag im Laufgraben von einer Bombe zu Hackfleisch zerrissen wurde! Ich hätte sie mein Leben lang tragen können. – Das hat man davon, wenn man sich darüber freut, daß so ein russisches Schwein an einer ehrlichen Kugel stirbt, statt an seinen verdammten Fiebern zu krepieren!« Die anderen lachten, der Verwundete in seinem Winkel stöhnte, und Mick kratzte sich in den Haaren, deren dicke Wirrnis ihm die verlorene Kopfbedeckung fast ersetzte. Stuart wiederholte seine Frage nach Balaklawa; er wollte den jungen Mann von seinem Brüten abbringen. »Der Teufel hole das Nest! Und ein wahrer Höllenweg ist's dahin!« sagte Lionel Ellisdale. »Dieser Weg ist nichts als ein Sumpf. Ihr elender Gaul warf mich nicht weniger als dreimal hinein, daß ich von oben bis unten mit einer dicken Kruste bedeckt war. Gott, wenn mich Cousine Ella oder auch nur meine Mutter in dem Anzug gesehen hätten – sie wären des Todes geworden. Pferdeleichen am Rand dieses Tümpels alle zwanzig Schritte weit. Die Tiere sind so erschöpft, daß sie unterwegs stolpern und oft fallen und die Rationen, die sie schleppen, ungenießbar machen!« »'s ist eine Schande!« knurrte Stuart. »Täglich fallen an fünfzig Stück; keine dreihundert Gäule sollen mehr im ganzen Lager sein!« »Die Kolonnen waten knietief durch diesen Schlamm. Siechtum und Entbehrung fast in allen Gesichtern – manche Soldaten sah ich, bei denen die Krankheit eben zum Ausbruch gekommen war, sich in Schmerzen am Wegrand winden – ohne Hilfe. Jeder denkt nur an sich selber. Ein Gefährt kam mir mit halb durchweichtem Schiffszwieback entgegen – das scheint hier fast die einzige Nahrung zu sein – die Bedeckung konnte man eher für Straßenräuber halten als für britische Gentlemen. Offiziere hockten auf rattenschwänzigen Ponys; mit Reihen von Zwiebeln oder einem Sack Kartoffeln und ranzigen Würsten behängt, vorn auf dem Sattel ein paar magere Hühner oder ein Stück Salzfleisch – über das alles ein Regen, der bis auf die Knochen durchkältet!« »Ich weiß – der Weg ist furchtbar!« sagte Kapitän Stuart. »Es war schon im Dezember unmöglich, die Zelte für das Lager heraufzubringen. Alles Gefährt wurde ohnehin damals für die Kanonen und die Munition in Beschlag genommen, statt Magazine im Lager anzulegen – man bekümmerte sich den Teufel darum, was aus uns wurde. Der Lord sitzt in seiner warmen Hütte wochenlang beim Schachspiel und denkt nicht daran, durch die Laufgräben zu kriechen. Da ist Canrobert ein anderer Kerl! – Jetzt wollen sie eine Eisenbahn bauen, wie ich höre. Aber sie wird fertig werden, wenn die Armee erfroren und verhungert ist. Es ist eine unerhörte Schweinewirtschaft. – Doch erzählen Sie von Balaklawa und wie es kam, daß Sie so wenig zurückbrachten.« Der Fähnrich zitterte in einem Frostanfall. »Mir ist so miserabel – die Kälte dringt mir bis ins Herz. – Wenn ich nur einen einzigen Schluck Rum hätte!« Der Kapitän schüttelte vergeblich seine Flasche. »Ich gab den letzten Tropfen an Mahon, den kranken Sergeanten in der Grube links. – Warum brachten Sie uns nicht wenigstens ein Fäßchen von dem schlechten Kantinenzeug?« »Wir hatten drei Faß bei uns – ich selber trug eins mit an der Stange,« sagte Ellisdale, »da mir ein betrunkener Matrose Ihr Pferd gestohlen hatte. Wir legten es einen Augenblick nieder, um Hilfe zu holen, weil die Achse an der Karre brach, auf der die Brotsäcke und die anderen Fässer lagen. Ich sprach die Zuaven darum an, die an der Marschlinie Wache halten. Der Teufel hole sie! – Wie die Aasgeier, die rings auf den toten Pferden und Ochsen hockten, fielen sie über die Karre her. Im Nu waren die Brotsäcke zerschnitten, die Zwiebeln gestohlen, die Fässer aufgeschlagen und der Rum verteilt. Ich setzte mich schleunigst auf das Fäßchen, das ich selber für die Kompagnie mitgeschleppt hatte – nur so konnte ich's retten. Nicht einmal das Holz der Karre ließen sie uns; diese Halunken wollten sich mit ihm ihren Grog kochen und auf unsere Gesundheit trinken!« »Ja, ja – prächtige Kerle, unsere Freunde, die Zuaven! – Immer lustig, gesund und wohlgenährt, ob von Katzenfleisch oder von englischem Speck, ist ihnen gleich. Verteufelte Spitzbuben! General Bosquet lieh uns neulich ein halbes Regiment von ihnen und 500 Pferde und Maultiere, um Munition und Mundvorrat herbeizuschaffen. Wahrhaftig! Die Sacrés arbeiteten wie wild. – Aber bei allem, was zu fressen und zu saufen ist, hört ihre Freundschaft auf! – A propos – haben Sie schon gehört, Vetter, wie wir um 200 Maultiere gekommen sind, die wir in Warna gelassen und mit der ›Jason‹ erwarteten?« »Nein, es ist mir auch gleich«, sagte Ellisdale mürrisch. »Hören Sie nur zu – die Geschichte ist zu schön! Die ›Jason‹ brachte also am 30. nur 100 Pferde und Maultiere, von denen mehr als die Hälfte schon wieder den Hunden und Geiern zur Nahrung dienen, und einen dicken Türken, unter dessen Obhut sie in Warna zurückgelassen wurden. Als er auf das Kommissariat kam, trugen zwei Männer ihm einen großen Sack nach. ›Von den Dreihundert, die du mir anvertraut,‹ sagte der würdige Sohn Mohameds, ›sind zweihundert gefallen. Da hast du den Beweis, zähle nach!‹ – Dazu schütteten die Männer den Sack aus, und 400 Pferde- und Eselsohren lagen vor dem erstaunten Oberkommissar. Ich hätte das lange Gesicht sehen mögen! Aber ich wette, der Türke hatte in Warna die Ohren von allem krepierten Vieh für einige Piaster zusammengekauft.« »Stop, Kapitän! – Der whistling Dick kommt!« Der »pfeifende Dick« war der Beiname, den die Briten den Riesenkugeln von 18 Zoll im Durchmesser gegeben hatten; sie enthielten 18 Pfund Pulver und wurden aus einem bestimmten Mörser von einem Floß im Binnenhafen geschleudert. Beim Einschlagen verbreiteten sie Tod und Verstümmelung in weitem Umkreis. Man hörte deutlich das Pfeifen der Bombe, ihren Aufprall auf den Boden und ihr Zerplatzen. Alle in der Grube beugten sich unwillkürlich tief in den Schlamm. »Der Henker hole das Biest! Wo er hinschlägt, wächst kein Gras mehr! – Fahren Sie fort, Vetter. Sie saßen gerade auf Ihrem Faß. Sie werden es sich doch nicht unterm Leibe haben wegstehlen lassen?« »An Versuchen fehlte es nicht – ich zeigte den Burschen meinen Revolver; und später kam ein französischer Offizier dazu, bei dessen Anblick sie verschwanden, als hätte die Erde sie verschluckt. Als ich ins Lager kam und meinen Unfall berichtete, meinte Oberst Yea, es sei billig, daß unser Bataillon den Verlust trüge und beschlagnahmte mein Faß zur Teilung an die beiden anderen.« »Das ist gemein! Aber gegen den alten Burschen läßt sich nichts machen. Seit man ihn für die Kämpfe an der Alma und bei Inkerman schmählicherweise bei der Beförderung übergangen hat, obgleich er der Klügste und Tapferste in der ganzen Armee war, ist kein Auskommen mehr mit ihm. – Wie fanden Sie es in Balaklawa selber?« » Lasciate ogni speranza – laßt alle Hoffnung fahren! – Der alte Dante muß Balaklawa gekannt haben. Keine Worte können seinen Schmutz, seine Greuel, seine Hospitäler, seine Begräbnisstätten, die toten und sterbenden Türken, die vollgedrängten Gassen, die stinkenden Schuppen, die ganze säuische Umgebung und den Verfall beschreiben. Alle Schilderungen von Pest und Seuche, von der Bibel an bis zu Boccac und Defoe, erreichen noch lange nicht die Wirklichkeit, wie man sie auf einem einzigen Gang durch Balaklawa dutzendweise sieht! Die schrecklichsten Formen des menschlichen Jammers, die in der ersten Stunde das Herz zerreißen, lassen bald gleichgültig, weil man ihnen bei jedem Schritt begegnet. – Ich hob die Bastdecke vom Torweg einer elenden Hütte, in der ich Jammer und Stöhnen und Beten hörte, und sah auf einer Stelle und in einem Augenblick eine Anhäufung von Leiden und Grauen, die mein ganzes Leben lang meine Träume vergiften wird. Die Leichen lagen noch auf der Stelle, an der die Armen gestorben waren, mitten unter den Lebenden – und die Lebenden boten einen Anblick, der alle Vorstellungen der Phantasie hinter sich läßt. Die gewöhnlichsten Einrichtungen eines Hospitals fehlen, der Gestank ist entsetzlich – die faule Luft findet nur durch die Ritzen in Wänden und Dächern Abzug. Soweit ich beobachten konnte, sterben diese Menschen dort, ohne daß man den geringsten Versuch zu ihrer Rettung macht.« »Sie waren in unserem eigenen Lazarett – wie fanden Sie es dort?« »Nicht besser als in den fliegenden Baracken im Lager! Ich sprach mit Cavendish darüber – die Ärzte sind Dummköpfe oder reichen nicht aus.« »Wir kennen das. – An der Alma fanden sich Chirurgen, die in ihrem Leben noch keine Arterie unterbunden hatten und einen armen Teufel als unheilbar sich verbluten ließen, der einfach in den Arm geschossen war.« »Die Luft ist auch dort verpestet«, erzählte Fähnrich Ellisdale weiter. »Nicht einmal hinreichend Stroh war vorhanden. Die Kommissare weigerten sich, neue Verband- und Medizinalvorräte herauszugeben, obgleich ein Frachter im Hafen sie an Bord hatte, bloß weil die Sanitätsverwaltung in London noch keinen Auftrag dazu gegeben hat.« »Verdammt sei das ganze Gesindel da oben!« rief der Schotte. »Nichts als Protokolle und Schreibereien! Da haben wir die Zeughausverwaltung, die Sanitätsverwaltung, die Kommissariatsverwaltung, und alle diese Verwaltungen haben ihre eigenen Chefs und keine kümmert sich um die andere! – Man läßt uns hier verrecken wie das Vieh!« »In der Tat, es geht toll und verrückt her auf den Werften, wenn man diese Kotberge so nennen mag! Kapitän Keen von den Ingenieuren hat 4000 Tonnen Bretter und Balken zum Hüttenbauen nach Balaklawa gebracht, aber er kann niemanden finden, der sie übernimmt oder aus den Schiffen auslädt. Unterdes erfrieren wir unter freiem Himmel. Ein Teil der Vorräte an Winterkleidern ist mit der ›Prince‹ auf der Reede untergegangen, ein Schiff mit Winterkleidern für die Offiziere, wie ich hörte, bei Konstantinopel verbrannt. Dennoch wäre immer noch genug vorhanden, wenn man es nur verteilen wollte! – Man hat wochenlang offene Leichterschiffe mit warmen Überröcken und Handschuhen für die Mannschaften im Hafen allem Regen und Schnee preisgegeben, und als man die Sachen ans Land brachte, wollte niemand sie in Empfang nehmen – weil der Befehl dazu vergessen war!« Lionel Ellisdale machte eine Pause und preßte die Hände gegen den Leib. Sein Gesicht verzerrte sich in heftigem Schmerz, aber er faßte sich gewaltsam. »Ich selber«, fuhr der Fähnrich fort, »sah auf der Werft im Regen und Schnee neben den aufgetürmten Kugeln und Bomben Berge von warmen Filzstiefeln, Röcken und anderen Kleidungsstücken, von Brot und Salzfleisch, und hundert anderen Dingen. Eine Wache stand dabei und man sagte mir, daß sie dort seit zehn Stunden lagerten, während wir hier – keine Stunde davon – Not an allem haben.« »Und erzählten Sie dies dem Obersten Yea?« »Ich sagte ihm alles. Er schwor, wenn er binnen drei Tagen nicht Proviant und Kleidungsstücke habe, wolle er mit den Schotten nach Balaklawa marschieren und mit dem Bajonett sich das Seine holen.« »Bei Gott – er ist der Mann, Wort zu halten!« »Die Sterblichkeit unter den Türken in Balaklawa und auch unter unseren Leuten ist furchtbar. Man trägt die geschwollenen Leichen halb nackt durch die Straßen und scharrt sie wenige Zoll tief in große Gruben am Abhang des Hügels – ich sah ihrer in wenigen Stunden mehr als siebzig vorüberbringen. Sturm und Regen spülen die leichte Erddecke bald ab; die verwesenden Gebeine ragen aus den Hügelseiten und verbreiten einen schauderhaften Gestank, und nicht bloß während der Nacht halten die Geier und wilden Hunde dort –« er unterbrach sich mit einem schmerzlichen Aufschrei und preßte beide Fäuste gegen den Gurt. »Was ist Ihnen, Lionel? – Halten Sie sich wacker, mein Junge! – Wir haben ja nur noch wenige Stunden in diesem Höllennest!« Der Fähnrich wand sich im Krampf. »Ich werde diese Krankheit bekommen,« stöhnte er, »man wird mich in jene schrecklichen Lazarette bringen und das ist mein Tod! – O, wenn ich nur etwas Warmes hätte! Einen einzigen Becher heißen Kaffee! – Es könnte mich retten.« Stuart sah ratlos umher. »Wir haben wohl Kaffee bei uns, aber keinen Holzspan, wir müßten denn unsere Büchsenschäfte verbrennen. – Armer Junge, das hier ist kein Land für Sie!« Der Ire Mickey hatte teilnahmsvoll die Not mit angesehen. »Muscha,« sagte er, »das Ding da schaut aus wie eine Axt von einem der Kerle mit den langen Bärten – und da drüben ist, wenn ich richtige Augen mit auf die Welt gebracht habe, ein umgehauener Baum oder ein Balken von den Schanzgräbern. Holz wollen wir schon kriegen, Sir, wenn nur der Kapitän einen Augenblick meinen Posten einem andern zuteilen will.« Damit stellte er sein Gewehr beiseite und begann, über den Rand der Grube zu klettern. Kapitän Stuart wollte ihn zurückhalten. »Kerl, du bist rasend? – Du bist durchlöchert wie ein Sieb, ehe du zwanzig Schritt gemacht hast!« Aber Mickey war schon draußen und trabte gemächlich, ohne seine Pfeife ausgehen zu lassen, auf den Baum zu, nachdem er den Russen mit einer unbeschreiblichen Gebärde seine Verachtung klargemacht hatte. »Lassen Sie ihn gewähren, Sir,« sagte der Korporal, »es ist ohnehin zu spät. Ich hab' oft gesehen, daß Tollheit und Übermut am besten gegen die Kugeln fest machen. Wir wollen lieber die Leute auf den Wällen und in den Gräben im Auge behalten.« Der alte Soldat hat recht prophezeit. Des tollen Irländers Übermut war sein bester Schutz. Während er einen Vorrat von Spänen abspleißte, schienen die Russen zuerst baß erstaunt. Bald jedoch knatterte ein heftiger bleierner Platzregen um den seltsamen Holzhacker her – Mickey ließ sich nicht stören. Die Russen feuerten nun um so leidenschaftlicher, dreimal sogar mit einem Geschütz – die Vollkugel schlug kaum zwölf Schritt zur Seite in den Morast. Offenbar rettete ihn nur die Wut der Feinde, die sie nicht zum ruhigen Zielen kommen ließ; außerdem aber unterhielten die besten Schützen seiner und der nächsten Grube, sobald man den kühnen Streich bemerkte, ein scharfes Feuer auf alles, was sich vom Feind blicken ließ. Kapitän Stuart schoß selber einen der Kanoniere in der Schießscharte nieder, hinter der man die Kanone auf den Iren gerichtet. Seit diesem bald in der ganzen Armee bekannten Vorgang verschworen seine Kameraden ihn als kugelfest. Der Verwegene sah sich die abgehackten Späne an, schien zu überlegen, ob es genug seien, kauerte nieder und sammelte das Holz in seinem großen Feldmantel, latschte zurück durch die ununterbrochenen Salven, machte den Russen mit der Kehrseite eine Verbeugung und sprang unversehrt mit seinem Schatz in die Grube. Man sah's ihm an, er hatte in seiner echt irischen Sorglosigkeit keine Vorstellung davon, welcher Gefahr er sich eben ausgesetzt – und kaum war er wieder im Schutz der Grube, traf eine vierte Kanonenkugel den Stamm und zerschmetterte ihn. In einem kleinen Feldkessel wurde das Feuer entzündet, da der Boden zu naß war, um als Unterlage zu dienen; eine zinnerne, längst geleerte Feldflasche diente dazu, mit dem Schneewasser einen starken Kaffee zu bereiten. Jeder erhielt, nach wiederholten Auflagen, seinen Anteil; denn Mickey war fürsorglich gewesen und hatte auch an etwas Warmes für sich gedacht. Ellisdales Leiden minderten sich; doch häufig jagten Fieberschauer durch seine Glieder. Dagegen starb bald darauf unter schrecklichen Krämpfen der ruhrkranke Soldat. Man warf die Leiche zu seinem Kameraden über den Grubenrand. Die Schrecknisse der kleinen Besatzung in der Schützengrube sollten mit dem zweiten Todesfall jedoch noch nicht ihr Ende erreicht haben. Der Abend brach herein. Die Russen feuerten jetzt häufig mit Kartätschen über die Fläche, teils um Wagnisse, wie das vorhergegangene, unmöglich zu machen, teils um den Rückzug aus den Schützengräben zu verhindern. Dazwischen zischten Bomben über die Köpfe und wühlten ringsum im Zerspringen trichterförmige Löcher. Kapitän Stuart sah auf die Uhr. »Ich muß Sie verlassen, Vetter,« sagte er »und auf jede Gefahr versuchen, die Grube links zu erreichen. Ich werde von dort Raketenzeichen für die ganze Linie steigen lassen; verschiedene Anzeichen beweisen mir, daß der Feind bei eingetretener Dunkelheit einen Ausfall wagen will. Wir müssen auf der Hut sein. Halten Sie –« Er vollendete nicht. Das Krachen einer einschlagenden Granate unterbrach ihn – ein schriller Angst- und Hilferuf übertönte selbst den Donner der Geschütze. »Heiliger Patrick – es ist der whistling Dick !« »Wo – wo? – Die Kugel muß in die Laufgräben geschlagen sein!« »Nein, nein – da links – sehen Sie – die Grube – unsere Kameraden!« Die Männer hatten sich über den Rand der ihren erhoben, unbekümmert um die Gefahr – in der Richtung der mittleren Schützengrube wirbelte eine Erd- und Rauchwolke in die Höhe – im Dämmerlicht sahen sie einen Menschen, der auf den Rand der Grube sprang, mit den Armen durch die Luft schlug, im nächsten Augenblick aber in einem aufzischenden Feuerstrahl verschwand – sie meinten die zerrissenen Glieder umherfliegen zu sehm. Ein Krachen, ein Prasseln – einzelne Eisenfetzen der Granate surrten durch die Luft – dann war alles bis auf die Rauchwolke über dem Einschlagspunkt verschwunden. Nur vereinzeltes Feuer der Geschütze aus den russischen und englischen Batterien unterbrach in regelmäßigen Pausen die Stille. Die Männer in der Grube waren bei dem Anblick zurückgetaumelt. Der Kapitän hielt die Augen mit der Hand bedeckt. »Der Allmächtige sei ihren Seelen gnädig! – Sieben wackere Burschen – in einem Augenblick!« »Wie, Kapitän?« sagte der Fähnrich. »Sie sollten alle getötet sein? Vielleicht sind einzelne nur verwundet –« »Die Bombe muß mitten unter sie geschlagen sein! Das kommt nur selten vor; aber der Fall vor uns ist doch nicht der einzige und wird nicht der einzige bleiben. Beten wir ein Vaterunser für Sergeant Mohan und seine Tapferen! – So – und nun leben Sie wohl! – Die Russen machen eine Pause mit ihrem höllischen Kartätschensegen; ich muß sie benutzen. – In zwei Stunden werden Sie abgelöst, wenn wir noch leben!« Es war finster geworden während der letzten Szene. Kapitän Stuart mußte im Schutz der Dunkelheit glücklich auf seinen Stationsposten gekommen sein, denn etwa eine halbe Stunde später sah man von dort eine blaue Leuchtkugel emporsteigen, ein Warnungszeichen für die Laufgrabenwachen. Die Russen schienen jedoch an nichts weniger zu denken als an einen Überfall. Das Feuer war nach und nach schwächer geworden und hatte endlich gänzlich aufgehört. Der Wind drehte sich nach Süden; es trat Tauwetter ein. Von den Tschernajahöhen flammten große Wachtfeuer, die öffentlichen Gebäude in der belagerten Stadt schienen festlich erleuchtet, selbst in den Batterien sah man Lichtreihen hin und her ziehen – und jetzt klang durch die abendliche Stille majestätisch von der Stadt her, wie in jener Nacht von Inkerman, das volle Geläut aller Glocken, das die Bewohner und die Besatzung zur Wladimirkathedrale und den anderen Kirchen der Festung rief. Die Engländer wußten anfangs keine Erklärung, bis der Fähnrich sich erinnerte, daß der gregorianische Kalender um zwölf Tage zurückdatierte und die Russen erst am heutigen Tage ihr Neujahr feierten. Der Schein der Freudenfeuer stimmte die armen, halb verhungerten und erfrorenen Teufel in den britischen Laufgräben und vorgeschobenen Posten wehmütig; sie harrten mürrisch und schweigsam, von Krankheit und Gefahren zum Tod erschöpft, der Ablösung, die nun bald im Schutze der Nacht eintreffen mußte. Die Zeit nahte. Pünktlich vernahm man die nahenden Tritte – und das kriegsgewohnte Ohr des Korporals wollte darin nicht den Schritt der Streifen und Ablösungen, sondern das Marschieren einer großen Masse erkennen. Der Fähnrich hatte erst beim eingetretenen Tauwetter empfunden, daß einer seiner Füße erfroren war und nur mit Mühe bewegt werden konnte. Mick spähte für Lionel Ellisdale am Rande der Grube. »So wahr ich im Fegefeuer schwitzen werde, wenn mich nicht irgendeine mitleidige Seele herausbetet,« sagte der sorglose Bursche, »Ihr habt unrecht, Korporal! – Ich höre deutlich das Kommando von den Laufgräben her – meine Ohren sind groß genug, um soeben ein gesegnetes Goddam zu verstehen.« »Dann kommen Freund und Feind zugleich«, flüsterte der alte Soldat. »Von der Bastion her naht eine dunkle Reihe – ich höre ihren Tritt! – Feuer!« schrie er plötzlich, »Feuer, Kameraden, daß wir die Unseren warnen!« Er schoß sein Gewehr in die Nacht. Ein donnerndes »Hurra« antwortete dem Schuß und bewies, daß er recht habe. Eine breite, festgeschlossene Reihe stürmte über die Fläche daher gegen die Grube und die erste Linie. Der Cäsarewitsch Als Zar Nikolaus I. von Rußland von der deutschen Gradheit des Doktor Mandt erfahren hatte, daß seine Zeit auf Erden gemessen sei, entfernte er seine ganze Umgebung und behielt nur den Großfürsten-Thronfolger Alexander bei sich, der seit dem 22. Februar nach dem Willen des Vaters sämtliche Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Der Zar winkte dem Sohn; der Cäsarewitsch trat dicht an das Lager des Kranken und beugte sich über ihn. »Strecke deine Hand unter das Lederkissen unter meinem Kopf und nimm, was du findest.« Alexander folgte dem Gebot; er fand einen stählernen Ring mit sechs Schlüsseln von verschiedener Größe und Form Vergleiche den Band »Das Testament Peters des Großen« . »Dieser da!« – Der Kranke wies auf den kleinsten. – »Die andern sind zu jenem Schrank; er enthält die Papiere und Dokumente, von denen ich gesprochen. – Du kennst das Bild unsers Ahnherrn Peter?« Der Cäsarewitsch wies nach dem Brustbild über dem Arbeitstisch. »Auf der Brust, im Stern – eile dich und öffne!« Der Großfürst trat an den Wandpfeiler, zog einen Sessel herbei, denn das Bild befand sich hoch über einem Bücherschrank, und stieg hinauf. Zum erstenmal bemerkte er jetzt, daß der dunkle Holzrahmen des Bildes in die Wand eingelassen war. Er hielt eine Kerze dicht vor das Bild und fand in der Mitte des Ordensterns eine kleine, runde Öffnung. Er steckte den in Spitzen ausgefeilten Schlüsselbart hinein – ein Druck, und die Kupferplatte, auf die das Porträt gemalt war, sprang auf. In der nischenartigen Öffnung stand ein Kästchen; er nahm es heraus und setzte es auf den Tisch vor das Lager des Zaren. Das Kästchen, mit goldenen Arabesken ausgelegt, trug auf dem Deckel den Doppeladler Rußlands, mit der Krone darüber. »Gib!« Der Zar schob mit Anstrengung die Wappenplatte zur Seite. »Öffne und lies!« Der Deckel ließ sich jetzt ohne Mühe aufschlagen. Alexander, der das Kästchen wieder auf den Tisch gestellt hatte, erblickte zwei Pergamentrollen. Er nahm sie heraus und las. Beide Dokumente waren offenbar alt; das eine, wie die Handschrift erwies, vielleicht um hundert Jahre älter als das andere, schien aber nur eine Kopie zu sein, da es kein Siegel wie das Pergament trug. Der Thronfolger hatte kaum einige Zeilen gelesen, als er erstaunt innehielt und den Zaren fragend ansah. »Wenn dies Dokument echt ist,« sagte er, »so wäre es wirklich das Testament unseres Ahnherrn, von dem die liberale Presse Europas so viel gefabelt hat?« Der Kranke nickte. »Das Datum, das Datum!« flüsterte er gequält; ein krampfhafter Husten erschütterte seinen ganzen Leib. »Es ist vom 12. Januar 1725, zwei Monate vor Peters Tode – und dies ist in der Tat seine Schrift – ich kenne sie aus den Archiven.« »Weiter! Weiter!« »Hier ist des Zaren Unterschrift, darunter eine Reihe Namen, Iwan, Katharina, Peter und Anna – Elisabeth, Peter der Dritte – jedesmal mit dem Tag ihres Regierungsantritts – Katharina II., unsere Großmutter, Zar Alexander – und hier Ihre eigene Unterschrift, Majestät!« »Am 26. Dezember 1825!« »Der Tag ist mit Blut, aber auch mit goldenen Lettern in die Geschichte Rußlands eingeschrieben! – Aber ich bitte Sie, mir zu sagen, was das bedeutet?« »Lies! – Lies laut! – Es ist eine Mahnung auch an mein Gedächtnis!« Der Cäsarewitsch las mit lauter Stimme den Inhalt des Dokuments, dessen Dasein er bisher für ein Märchen, eine Hausfabel gehalten hatte. Das Pergament zitterte in seiner Hand, so erregt war er. Und dann folgte, in vierzehn Punkten zusammengefaßt, wie der Zar Peter sich die Zukunft des russischen Reiches dachte. In scharfen Zügen hatte er die kriegerische Unterjochung Europas entworfen und machte sie jedem seiner Nachfolger auf dem Thron des Zaren zur Pflicht. Der Cäsarewitsch schwieg. Er legte das Pergament bedrückt auf den Tisch. »Im Namen der hochheiligen und unteilbaren Dreieinigkeit, Wir Peter, Kaiser und Selbstbeherrscher aller Reußen usw. allen unseren Abkömmlingen und Nachfolgern auf dem Thron und in der Regierung des russischen Volkes ...« »Alles, Majestät, was man hier mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses umzieht,« sagte er endlich, »ist der Welt bekannt. Jedes Wort dieses Dokuments haben die liberalen deutschen und französischen Blätter noch vor kurzem wiederholt und stützen ihren Angriff gegen Rußland darauf!« »Schuwalow war der Verräter beim Kongreß zu Wien«, sagte der Zar mit Anstrengung. »Metternich, der Spion, kaufte das Geheimnis, als Alexander auf Galizien bestand, und verbreitete es.« »Diese Österreicher waren stets die geheimen Gegner Rußlands!« Die Stirn des Kranken überzog eine leichte Röte bei diesem Vorwurf. »Mögen die Toren reden von dem Vorhandensein dieses Dokuments – Schuwalow ist in Sibirien, und nur die drei wissen darum, die es kennen müssen. Du hast die Unterschriften gesehen. Jeder Herrscher Rußlands unterzeichnet in der Stunde, ehe er die Krone erhält, diese Schrift. So will es das geheime Gesetz unseres Hauses. Er verpflichtet sich mit seinem Namen, einen Schritt vorwärts zu tun auf der Bahn, die allein Rußlands Macht und Größe sichert. Nimm die Feder und unterzeichne – dann bist du der Zar.« Alexander zauderte; die Farbe wechselte auf seinem Gesicht. »Ich muß aufrichtig sein in dieser Stunde, Majestät«, sagte er unsicher. »Sie kennen meine Gesinnungen; ich habe sie nie verhehlt! Ich finde die Aufgabe eines Herrschers von Rußland nicht in der Vergrößerung seiner Macht, sondern in der Hebung, in der größeren Kultur seiner Völker. Die Unterschrift unter diesem Dokument würde mich zu vielem verpflichten gegen meine Überzeugung!« Der Kranke winkte dem Cäsarewitsch, sich auf sein Bett zu setzen; das Sprechen wurde ihm schon schwer. Er nahm seine Hand und drückte sie. »Alexander, du weißt, wie ich dich liebe!« »Sie waren mir stets nicht bloß der Kaiser, sondern der Vater!« Tränen glänzten in seinen Augen. »Du willst Nikolaus, deinem Sohn, die Krone hinterlassen, wie ich dir jetzt?« »Ich hoffe, ihm Rußlands Schild rein zu übergeben, wenn Gott die Stunde bestimmt hat.« »Höre! – Ich fühle so gut wie du, daß zuviel germanisches Blut in unseren Adern fließt. Seit Peter III. sind nicht Romanows mehr auf Rußlands Thron – du, wie ich, gehören dem Hause Holstein-Gottorp!« »Aber wir sind die rechtmäßigen Erben der Krone!« »Selbst das echte Blut der Romanows besaß sie nur durch Wahl und Vertrag der wahren Erben Ruriks; Ruriks Blut ist in Rußland nicht ausgestorben, du weißt es! Die Fürsten Dolgorucky, Wjäsemsky, Labanow-Rostowsky, Gortschakow und mehrere andere, selbst aus dem unbemittelten Adel, stammen im ehelichen Mannesstamm von Rurik ab. – Lies das andere Dokument.« Der Cäsarewitsch ergriff das zweite Pergament und las es langsam mit einiger Mühe, denn Schriftzüge und Stil waren von hohem Alter. Seine Züge wurden beim Lesen noch ernster. »Dies ist eine bloße Abschrift – wo ist das Urdokument?« fragte er fast tonlos. »Das vererbt sich in den Händen der Ältesten aus Ruriks Stamm. Es würde erscheinen, wenn die Zeit gekommen ist. Auch Selbstherrscher sind nicht frei! Du weißt, daß der Russe nur mit Mißtrauen auf deutsches Blut sieht; es ist zuviel davon in unsern Adern, die Politik des Zaren darf nicht anders als russisch sein!« »Aber Sie selber –« Der Sterbende winkte ungeduldig mit der Hand. »Zweimal fehlte ich gegen Rußlands Notwendigkeiten: damals in Warschau, als ich die Preußen hinderte, sich von Deutschland zu trennen, und als ich meine Armee nach Ungarn sandte für Osterreich und gegen Kossuth. Aber ich hasse die Revolutionen – du kannst sie benutzen! Der Undank Österreichs ist die Frucht meines Fehlers. Sei der Freund Preußens, aber der Gegner Deutschlands. Es war zuviel Deutsches in mir, zuviel! Daran sterbe ich. Folge der Zeit, soviel du willst, mit Verbesserungen, sie sind nicht aufzuhalten; die Neuerung ist ein revolutionärer Brand, den man nur erstickt, wenn man ihm die Nahrung entzieht. Aber wenn die Stunde gekommen ist, dann sei ein Russe und sei es ganz! – Unterzeichne!« Der Thronfolger, die Feder in der Hand, zauderte noch immer. Die Stimme des Kranken erhob sich. »Zum letztenmal – schreib' – oder entsag'! Da draußen steht einer, der sich keinen Augenblick bedenken wird. Er ist ein echter Russe! – Hüte dich vor ihm!« Mit einem raschen, entschlossenen Zug schrieb der Cäsarewitsch seinen Namen auf das Pergament, unter den seines Vaters. Dann, auf dessen stummen Wink – legte er die Urkunde wieder in das Kästchen und verschloß es in dem geheimen Behältnis. Der Zar winkte ihn jetzt zu sich; Alexander kniete am Bett nieder und küßte seine Hand; der Sterbende erhob sich mühsam auf seine Arme. »Majestät,« sagte er, »empfangen Sie meine Huldigung. Sie sind von diesem Augenblick an allein der Herr und Gebieter von Rußland! – Mögen Gott und die Heiligen mit Ihrer Regierung sein!« Der junge Zar drückte einen Kuß auf die fiebernden Lippen. »Nehmen Sie die Klingel, Majestät,« sagte der Kranke, »ich will, daß man Ihnen in meiner Gegenwart huldigt, damit ich ruhig sterben kann. Eilen Sie, denn meine Kräfte gehen zu Ende; es ist vielleicht nötig, daß ich deren noch für Sie bedarf.« Alexander klingelte. Sogleich öffneten sich zwei der Türen, die in das Gemach führten, durch die eine kam der Großfürst Konstantin Nikolajewitsch, durch die andere traten mehrere Männer ein: der Fürst Dolgorucki, der Kriegsminister, der Metropolit von Petersburg und Nowgorod Nicanor und der Präsident des Senats Graf Bludow. Konstantin wollte auf das Lager seines Vaters zueilen, ein Wink des Kranken hielt ihn an seinem Platz. Der Kriegsminister hatte sich seinem sterbenden Freund und Zaren genähert; sein Blick drückte eine stumme Frage aus. Die Augen des Zaren antworteten in gleicher Weise; er wandte sie bedeutsam nach der Stelle, an der der Kasten mit den Dokumenten verborgen war; er nickte und machte das Zeichen des Kreuzes. »Meine Freunde,« sagte er, »ich habe euch hierher beschieden, um euch zum letztenmal in diesem Leben meinen Willen kundzutun. Von diesem Augenblick an bin ich nur noch Nikolaus, euer sterbender Freund! Dieser ist der Zar. Es ist mein letzter Wille und Befehl, Rußland ihm den Eid der Treue leisten zu sehen in den Vertretern seiner Religion, seiner Armee und seiner Gesetze, bevor ich sterbe!« Der Fürst Dolgorucki küßte, Tränen in dem Auge, die Hand seines kaiserlichen Freundes. Dann beugte er ein Knie vor dem Thronfolger. »Kraft der Akte Peters III. erkenne ich dein Recht auf den Thron und schwöre den Eid der Treue Alexander II., Kaiser aller Reußen!« Alle drei Männer legten ihre rechte Hand auf das goldene Kreuz, das der Metropolit ihnen vorhielt, und sprachen die Worte des Eides nach. Der Fürst und der Graf küßten nach altrussischer Sitte den Rockzipfel des jungen Zaren; der höchste Würdenträger der Kirche machte dreimal das Zeichen des Kreuzes gegen ihn. Der Blick des Kranken suchte den Großfürsten, seinen zweiten Sohn, der unbeweglich dieser feierlichen Szene beigewohnt hatte. »Konstantin Nikolajewitsch,« sagte er, »Großadmiral von Rußland, tritt her und huldige deinem Zaren!« Der Prinz blieb unbeweglich stehen; seine Augen suchten am Boden, sein Gesicht war kalkweiß. »Hat Konstantin mich nicht verstanden? – Ich warte!« Um den Mund Konstantins zuckte es; dann hob er entschlossen den Blick und begegnete den großen, klaren Augen seines Vaters. »Ich kenne nur einen einzigen Kaiser von Rußland, dem mein Eid gehört – und das sind Euer Majestät!« »Ich entbinde dich deines Eides – dein Bruder ist mein Nachfolger! – Er ist der Zar!« »Ich kenne nur einen einzigen Kaiser, solange Sie leben!« »Ich befehle dir, zu gehorchen!« »Majestät – wenn Sie nicht mehr Kaiser sind, können Sie mir nicht mehr befehlen! Wenn Sie es noch sind, kann ich keinem andern den Eid leisten!« »Als Vater –« »Auch der Vater hat kein Recht über mich, wo es die Treue des Untertans gilt!« Diese ruhigen, entschlossenen Antworten enthielten eine so scharfe Logik, daß sich selbst dieser mächtige Geist, der im Begriff war, jede irdische Schwäche von sich zu werfen, einen Augenblick darunter zu beugen schien. Aber dieser Augenblick ging rasch vorüber. Alexander trat auf den Trotzenden zu. »Ich beschwöre dich, mein Bruder, gib nach – nicht um meinetwillen – kein Streit kann unter uns sein! Aber um des Vaters willen! Es ist ein Wort, daß du mir in wenigen Stunden ja doch nicht verweigern wirst!« Er bot ihm die Hand; der Blick Konstantins hob sich nicht; seine Arme blieben gekreuzt über der breiten Brust. »Hierher zu mir – Alexander, mein Sohn!« Der Thronfolger gehorchte. Der Arm des Zaren streckte sich drohend gegen Konstantin. »Ich kannte ihn!« sagte er mit mühsam unterdrücktem Zorn. »Ich allein kenne ihn und seinen Sinn! – Zwingst du ihn nicht in dieser Stunde, da ich noch lebe – brichst du nicht jetzt seinen Trotz, so ist deine Krone ein Schatten, deine Regierung ein Fleck in der Geschichte Rußlands! – Er oder du? – Er beugt sein Haupt vor dir, oder der Henker tut es! – Willst du der Zar der Russen sein, so zeige, daß du es vermagst! – Dein sterbender Vater will es, befiehlt es dir!« Die Zeugen dieser erschütternden Szene standen stumm und bedrückt. Alexander trocknete mit seinem Tuch große Schweißperlen von der Stirn. Seine Züge spiegelten seinen Seelenkampf wider. Der Metropolit näherte sich dem jungen Großfürsten. »Kaiserliche Hoheit, wir erkennen an, daß Ihre Bedenken gerechtfertigt erscheinen – aber überlegen Sie, daß dem Gesalbten des Herrn freisteht, der Krone, die Gott ihm zu tragen gegeben, zugunsten seines Erben zu entsagen, wenn seine irdische Kraft zu Ende ist! Die Männer hier sind die treuen Freunde und Diener Ihres Vaters. Wenn Ihnen Ihr Gewissen erlaubt, dem Herrscher schon in dieser Stunde zu huldigen ...« Der Blick des sterbenden Löwen hatte finster auf dem zweiten Sohn gelegen. Eine ungeduldige Bewegung der Hand unterbrach die Worte des Kirchenfürsten. »Mach' ein Ende! – Er oder du!« Die hohe Gestalt Alexanders straffte sich, seine Augen blitzten. »Fürst Dolgorucki! – Welches Regiment hat die Palastwache?« »Das Regiment Semenow, Majestät. Hauptmann Ssabaniew mit der zweiten Kompagnie des ersten Bataillons.« »Befehl: ein Offizier und zehn Mann hinter jene Tür! – Der Profoß des Regiments sofort hierher! – Ein verschlossener Wagen an die Tür zu dieser Treppe! – Zwanzig Gardegendarmen Bedeckung!« Der Minister entfernte sich. »Halbe Maßregeln! Halbe Maßregeln!« murmelte der Zar erschöpft und lehnte sich auf das Lederkissen zurück. »Laß dem Rebellen den Kopf vor die Füße legen!« »Majestät,« sagte Alexander mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung, »das Blut unsers Großvaters Paul muß das letzte gewesen sein, das die Wohnung der Zaren von Rußland befleckt hat! Die Urteilssprüche in der kaiserlichen Familie mögen in Schlüsselburg vollzogen werden!« Man hörte das Rollen eines Wagens – er hielt in einiger Entfernung. Ein Kommando schallte. »Gewehr bei Fuß!« Rasseln von Gewehrkolben auf dem Flur. Der Kriegsminister trat wieder ein. Ihm folgte ein Riese mit harten Zügen auf dem eckigen Gesicht: der Profoß des Regiments. Er blieb am Eingang stehen und grüßte, dann ließ er die Hand herunterfallen, den Zeigefinger an die Hosennaht. So verharrte der Profoß gleich einer Statue; das Auge ging nicht rechts noch links: keine Fiber bewegte sich an ihm. Man vernahm den Trab einer Reiterabteilung und das schallende Kommando: »Halt!« »Dolgorucki, schreiben Sie! – Dort ist Feder und Papier!« Der Kriegsminister setzte sich an den Arbeitstisch. Alexander holte tief Atem und diktierte. »Ich, Konstantin Nikolajewitsch, Großfürst von Rußland, erkenne meinen Bruder Alexander als Kaiser aller Reußen an und gelobe ihm Treue und Gehorsam.« Die Feder flog über das Papier; Alexander ging auf seinen Bruder zu und nahm ihn freundlich bei der Hand. »Unterzeichne dies Blatt, Konstantin – du weißt, es ist notwendig – unser Vater will es!« »Er allein ist mein Kaiser!« Alexander trat zwei Schritte zurück; seine Augen begegneten denen des Sterbenden. »Einen andern Bogen, Dolgorucki. – Schreiben Sie.« Man sah den alten Fürsten zittern, als er das neue Papier vor sich hinlegte und die Feder ergriff. »Dem Generalmajor Trotzki, Statthalter von Schlüsselburg.« »Schlüsselburg!« wiederholte der Fürst. »Michael Pawlowitsch, Gott und die Heiligen seien mit Dir! Du wirst angesichts dieses Briefes die Tore der Festung schließen lassen und den gegenwärtigen Großadmiral von Rußland, Konstantin Nikolajewitsch, Kaiserliche Hoheit –« Der Diktierende hielt inne – er schüttelte sich wie in einem Fieberschauer; kalter Schweiß perlte in dicken Tropfen auf seiner Stirn; er trocknete sie wiederholt. Seine Augen bettelten in Angst bei dem Mann von Erz auf dem Sterbebett. Der Zar machte eine einzige Bewegung – das Zeichen des Kreuzes und neigte das Haupt. Die folgenden Worte wurden fast klanglos, in hetzender Erregung gesprochen; die Anwesenden schienen sie mehr zu fühlen, als zu hören. »– Nikolajewitsch, Kaiserliche Hoheit, in abgesonderte Haft nehmen und Höchstdieselben darin behalten, bis ...« »Halt! – Kein Wort davon, Dolgorucki!« Der Sterbende hatte sich mit einer gewaltigen Anstrengung auf seinem Lager erhoben; seine Augen funkelten, seine Hand streckte sich mit der Gewohnheit des Befehlens gegen die Anwesenden. »Zar Alexander, siehst du nicht, daß du den Bürgerkrieg in dieses Reich schleuderst? – Schreib', was ich diktiere, Fürst! – Bei deinem Kopf!« »Nikolajewitsch, Kaiserliche Hoheit«, wiederholte der Schreibende. In der Stimme des alten Zaren tobte ein tiefes Grollen, als er weiterdiktierte: »Fünfzehn Minuten nach Empfang dieses Befehls erschießen lassen – es sei denn, daß Seine Kaiserliche Hoheit das einliegende Papier unterzeichnen, in welchem Fall Höchstdieselben frei die Festung verlassen. Gegeben im Winterpalast am 18. Februar 1855.« »Und nun – unterzeichne!« Alexander wagte kein Wort der Entgegnung. Mit raschem Federzug und abgewandtem Gesicht warf er seinen Namen unter das verhängnisvolle Papier. »Majestät,« bemerkte der Kriegsminister, »man weiß in Schlüsselburg noch nicht, daß Sie der Kaiser sind?« »Du hast recht, Dimitri! – Gib her!« Der Kranke nahm die Feder und schrieb mit fester Hand die Worte unter das Papier: »Gegeben auf meinen Willen und Befehl. Nikolaus.« Das Todesurteil über seinen eigenen Sohn war das letzte, was dieser Mann mit dem stählernen Willen, dieser an knechtischen Gehorsam gewöhnte Selbstherrscher aller Reußen in seinem Leben schrieb. Stöhnendes Ächzen entrang sich der Brust Alexanders, als er seinen Vater unterzeichnen sah. Er schien zusammenzuknicken – die Blässe seiner Wangen wurde zur fahlen, grauen Farbe. Fürst Dolgorucki hielt die Stange Siegellack über einer Kerzenflamme. Das Knistern des Lackes war das einzige Geräusch im Gemach. »Mein Bruder,« sagte Alexander bittend, »zwingen Sie mich nicht, meine Regierung am ersten Tag mit dem Schrecklichsten zu beflecken! Brechen Sie nicht mein Herz! – Ich beschwöre Sie bei dem Leben unserer geliebten Mutter! Sie werden es mit Ihrem Tod zerstören! – Geben Sie dem Willen unsers Vaters nach!« Konstantin Nikolajewitsch zitterte. Seine Lippen blieben krampfhaft aufeinander gepreßt. »Siehst du jetzt, was du bei diesem Kopf aufs Spiel setzest?« rief der sterbende Zar hart. »Ich allein kannte ihn! – Profoß!« Die militärische Maschine am Eingang trat drei Schritte vor und grüßte eckig. »Hast du Handeisen bei dir?« »Ja, Batuschka!« »Leg' jenen Rebellen in Fesseln! – Fort mit ihm!« Der Riese zog gleichgültig die Handringe vom Koppel. Stumpf näherte er sich dem Großfürsten Konstantin, gewöhnt, Befehle auszuführen, ohne ihren Sinn zu bekritteln. Das Klirren der Eisen riß Konstantin aus seiner Starre. Er richtete sich mit einem Ruck hoch und funkelte den Profoß an, daß selbst dieser Mensch ohne Herz zurückfuhr. Dann sprang der Prinz zum Tisch, entriß Dolgorucki die Feder, warf seinen Namen auf den Bogen und stürzte vor dem Lager des Vaters auf die Knie. »Oh, Vater! – Ihren Konstantin – in Fesseln...« Es war der Aufschrei eines gebrochenen Herzens. Der Sterbende beugte sich über ihn und drückte einen Kuß auf das Haar. »Armes Kind!« schluchzte er. »Ich hoffte dir eine Krone zu hinterlassen, wie ihm – denn ich liebe dich wie ihn – aber Rußland war meine erste Pflicht! – Gottes Wille geschehe auch mit dir!« Erschöpft reichte er seinem Erstgeborenen die Hand. »Jetzt erst bist du Zar von Rußland. – Ich kenne meinen Konstantin; er wird sein Wort halten! Liebt euch und lebt zum Heil Rußlands!« Er sank, von den Armen der Söhne gehalten, zurück auf die Kissen. »Laßt Orlow und Adlerberg kommen – ich will Abschied von ihnen nehmen!« Dolgorucki hatte durch einen Wink den Schergen entfernt. Man hörte das Hufeklappern der davontrabenden Reiterabteilung. Die Türen des Vorzimmers wurden geöffnet; die Grafen Orlow und Adlerberg traten mit den Ärzten ein; man sah in den Vorzimmern die versammelte Dienerschaft. Alexander hielt seinen Bruder beim Arm gepackt und ging mit ihm nach der Nische des großen Fensters. Trotz der strengen Kälte sah man den weiten Platz mit einer dichten Volksmenge bedeckt; schweigend standen sie, und man sah die entblößten Köpfe. Viele knieten nieder in den Schnee im Gebet für den sterbenden Zaren. »Mein Bruder,« sagte Alexander und deutete über die weite, prächtige Stadt, »ich baue auf dich – du wirst der Eckstein des Werks sein, das uns unser Vater hinterläßt. Dies Rußland ist mein durch das Recht Gottes und darf nur einen Herrn haben. Unsere Grenzen sind von Feinden bedrängt – drum laß uns einig sein, Konstantin! Bei der Krone Ruriks! Wenn die Zeit gekommen, soll auch deine Stirn eine Krone tragen!« Konstantin Nikolajewitsch machte eine Bewegung, als wolle er das Knie beugen. Alexander aber legte seinen Arm um ihn und drückte ihn wie mit einem festen Gelöbnis an die Brust. Nur noch zwei Stunden ... Es war am Vormittag des 2. März. In allen Kirchen von Petersburg lag das Volk auf den Knien, mit seinen Geistlichen vereint im Gebet um das Leben des Zaren. Seit dem Abend des 22. Februar, an dem er noch darauf bestanden, den Gebeten der ersten Fastenwoche beizuwohnen, hatte er sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen. Auf dem Sofa liegend, nur mit dem Mantel bedeckt, erteilte er am andern Tag dem Obersten und Flügeladjutanten von Tettenborn noch Weisungen und fertigte ihn mit Befehlen nach Baktschiserai ab. Am Abend ließ er den Cäsarewitsch Alexander zu sich kommen und schloß sich mit ihm ein. Als nach zwei Stunden der Erbe Rußlands das Kabinett seines Vaters verließ, war er auffallend bleich und verstört. Von diesem Augenblick an übernahm Alexander alle Regierungsgeschäfte. Vom 24. bis 27. Februar steigerte sich die Krankheit mählich – erst in der Nacht zum l. März verschlimmerte sie sich schnell. Am Abend dieses Tages gaben die Ärzte die Hoffnung auf. Auf ihren Wunsch baten die Zarin und der Thronfolger den Kranken, das heilige Abendmahl zu nehmen. Die Zarin hatte mit dem Leibarzt Doktor Mandt die ganze Nacht am Lager ihres Gatten zugebracht. Um drei Uhr morgens erklärte Mandt, die Lunge wäre stark in Mitleidenschaft gezogen und eine Lähmung zu befürchten. Der Zar verstand, daß seine Zeit auf Erden nur noch kurz war. Aber keine Muskel in dem ehernen Antlitz zuckte. »So muß ich sterben, lieber Mandt?« Dreimal setzte der Arzt an, das verhängnisvolle Wort auszusprechen; die Stimme versagte ihm – erst beim drittenmal kam es über seine Lippen. »Ja.« Der Zar faltete die Hände. »Rußland!« sagte er flüsternd. Dann wandte er sich zu Mandt und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen. – Woher haben Sie den Mut gehabt, mir das zu sagen?« »Majestät, ich habe mein Versprechen erfüllt, das ich früher gegeben. Es war meine Pflicht, und ich wußte, daß Majestät die Wahrheit hören und ertragen können.« Der Zar nickte. Dann verlangte er das heilige Abendmahl. Er empfing es ruhig und gefaßt; sein starker Wille ließ ihn mit dem Himmel seinen Frieden schließen, wie er ihn jetzt mit der Erde schloß. Er nahm Abschied von der Familie, von den Kindern, segnete und küßte jedes und trug Grüße auf für die beiden Söhne auf den Schlachtfeldern von Sewastopol. Die Familie mußte sich dann entfernen; er behielt nur die Zarin und den Thronfolger bei sich. Das geschah um vier Uhr morgens. Gegen sechs Uhr bat er die Zarin, sich etwas zur Ruhe zu legen. »Laß mich bei dir – ich möchte mit dir heimgehen!« »Nein,« sagte der Zar, »du mußt noch bleiben; du mußt der Mittelpunkt der Familie sein. Geh', ich werde dich rufen lassen, wenn der Augenblick naht.« Die Zarin ging – als sie die Schwelle überschritten, sank sie in sich zusammen – ihre Kammerfrauen mußten sie forttragen. Der Sterbende ließ die Grafen Orlow und Adlerberg, den Minister des kaiserlichen Hauses, und den Kriegsminister Fürsten Dolgorucki kommen – diese drei Männer aus seiner Jugend, die ein ganzes Menschenleben ihm freund gewesen waren. Er nahm Abschied von ihnen. Sein Blick begegnete lächelnd dem vorwurfsvollen Blick Orlows. Später empfing er seine alten Diener; der Ersten Kammerfrau der Zarin, Frau v. Rohrbeck, dankte er besonders für die Pflege und trug ihr einen Gruß auf an Peterhof, das er immer geliebt hatte. Dann verlangte er nach dem Cäsarewitsch Alexander und blieb mit ihm allein. Inzwischen rief der diensttuende Kammerherr den Kriegsminister Dolgorucki noch einmal und mit ihm den Großfürsten Konstantin, den Metropoliten Nicanor und den Grafen Bludow, den Senatspräsidenten. Die Vorzimmer wurden auf Befehl des Zaren geräumt. Ein Offizier und zehn Mann besetzten die Tür – eine Reiterabteilung jagte heran und ritt wieder davon – lauter rätselhafte Dinge, die sich niemand zu deuten vermochte und auch später niemandem am Hof entschleiert wurden, außer denen, die im Sterbezimmer die erschütternde Szene der Treueidleistung an den jungen Zaren mit erlebt. Dem Zaren wurde das Atmen schon schwer. Er befahl darauf selber, seinen nahen Tod nach Moskau, Warschau und Berlin zu drahten und traf Anordnungen für ein einfaches Begräbnis. Dann – es war gegen zehn Uhr – wandte er sich mit der Frage an Mandt, wie lange die Auflösung noch dauern werde. »Noch zwei Stunden.« Eine schreckliche Stille trat ein – die Sprache hatte ihn verlassen – er betete und bekreuzigte sich oft, nachdem er die Hand der zurückgekehrten Zarin in die des Oberpresbyters Bojanow, seines Beichtvaters, gelegt hatte. Bald nach elf Uhr wurde der Thronfolger abgerufen und entfernte sich leise. Als er wiederkam, hielt er zwei Briefe in der Hand – die der eben eingetroffene Sohn des Fürsten Menschikow mit den Depeschen über den Reiterangriff Chrulews auf Eupatoria überbracht hatte. Der Blick des durch das Geräusch aufmerksam gemachten Leidenden traf den Cäsarewitsch. Alexander beugte sich über ihn. »Briefe von meinen Brüdern aus Sewastopol – willst du sie lesen?« flüsterte er. Der Kaiser winkte verneinend – er fand die Sprache wieder: »Es würde mich wieder auf die Erde zurückführen! – Grüße meine Tapferen von Sewastopol und danke ihnen in meinem Namen!« Einige Minuten später sagte er mit kräftiger Stimme: » Dites à Fritz, de rester toujours le même pour la Russie, et de pas oublier les paroles de Papa !« Es war sein letzter Gruß an die Erde. Der letzte Todeskampf begann – lange noch ruhten seine Augen auf den Seinen. Alle lagen auf den Knien – das leise Murmeln der Sterbegebete von den Lippen des Priesters drang allein durch das Gemach. Um zwölf Uhr zehn Minuten verkündete Mandt, daß der Zar soeben verschieden sei. Nach dem Urteil der Ärzte ist selten ein Mensch so leicht und schmerzlos gestorben wie Zar Nikolaus. Ein Ausfall Die Nachricht vom Tod des Zaren hatte zunächst dumpfen Schmerz – dann das Gefühl der Erbitterung in den Herzen der Kämpfer von Sewastopol geweckt. Man hatte die erste Kunde von einem Überläufer aus dem Lager der Verbündeten erhalten. Jeder Zusammenstoß mit dem Feind ward seitdem noch blutiger, noch mörderischer als zuvor. Das Testament des Zaren, sein letzter Gruß an die Tapferen hatte die Begeisterung, den Fanatismus zum wildesten Haß, zum glühendsten Rachedurst gesteigert. Seit der Übernahme des Kommandos in Sewastopol durch den Generaladjutanten Baron Osten-Sacken war die Verteidigungsart eine andere geworden. Man war aus der Verteidigung zum Angriff übergegangen, und in der Tat waren während dreier Monate die Belagerer mehr die Belagerten als die Besatzung der Stadt. Seit der Nacht zum 11. Dezember hatten die Ausfälle mit wechselndem Glück, aber mit stets gleicher Kühnheit die Feinde ununterbrochen in Alarm gehalten und sie gezwungen, zu allen Stunden eine große Menge Truppen in den Laufgräben zu lassen. Das rieb die durch Krankheit, Mangel und Witterung erschöpften Armeen noch mehr auf. Die Namen Golowinski, Birjulew, Titow, Actachow, Sawalischin, Rudakowski und andere werden als die kühnen Führer gewagter Unternehmungen immer glänzen auf den Tafeln der russischen Kriegsgeschichte jener Tage. Doch nicht auf solche Überfälle allein beschränkte sich die Taktik Osten-Sackens. Man kannte auf russischer Seite den gefährdetsten und wichtigsten Punkt der Festung sehr genau: den Malakowhügel, den weißen Hügel, mit seinem Turm – jetzt zum Andenken an den gefallenen Helden die Kornilowskibastion genannt. Daher galt es, dort die Verteidigungswerke zu verstärken. Totleben war rastlos tätig im Entwerfen neuer Pläne, und das Geniekorps der Festung war unermüdlich in ihrer Ausführung. Mit verblüffender Schnelle wuchsen über Nacht neue Werke; und die Feinde sahen am Morgen erstaunt Wälle und Schanzen, wo sie vielleicht schon am nächsten Tage ihre Gräben zu ziehen gehofft hatten. Gegen die unterirdischen Arbeiten der Franzosen, namentlich vor der Mastbastion, wurde mit Erfolg ein System von Gegenminen geführt. Gegengräben und Feldwerke wurden zur Deckung des linken Flügels vorgeschoben. Das Selenginskische Regiment erbaute in der Nacht zum 23. Februar auf der rechten Seite der Kilenbucht, also auf seither dem Gegner preisgegebenen Gebiet, die nach ihm benannte Schanze so überraschend und plötzlich, daß der verdutzte Feind den Bau nicht einmal störte. Erst in der folgenden Nacht versuchte General Monet mit fünf Bataillonen die Russen aus den noch unvollendeten und noch nicht bestückten Werken zu vertreiben, wurde aber mit ungeheurem Verlust durch das Bajonett und das Feuer der auf der Reede ankernden Kriegsschiffe ›Wladimir‹, ›Chersones‹ und ›Gromonosz‹ zurückgetrieben. In der Nacht zum l. März wurde, noch weiter vorgeschoben, ein zweites Werk erbaut: die Wolinskische Schanze. Beide durch Gräben verbunden und Schützengruben vor sich, deckten sie jetzt den linken Flügel der russischen Stellung, die Bastionen l und 2 bis gegen den Malakow hin. Auch bei diesem kamen die russischen Ingenieure den Arbeiten der Franzosen zuvor, die infolge des durch General Niel angeratenen neuen Angriffplans jetzt den Posten der Engländer auf dem rechten Flügel eingenommen hatten, und erbauten in der Nacht zum 11. März auf einem etwa tausend Schritt vor der Kornilowskibastion liegenden wichtigen Hügel eine halbkreisförmige Festungsschanze, die Lünette Kamtschatka. Von diesen drei so kühn vorgeschobenen Werken aus bedrohten die Russen die Belagerungsarbeiten durch fortgesetzt neue Ausfälle. Der Feind unternahm wiederholt Stürme auf diese Werke, die Ströme von Blut kosteten, aber immer wieder zurückgeschlagen wurden, so namentlich der Sturm auf die Lünette am 17. März. Am 20. März war der neu ernannte Oberbefehlshaber der Krimarmee, Fürst Gortschakow, in Sewastopol eingetroffen – er kam, um den Tod eines der Helden von Sewastopol, des jungen Konteradmirals Istomin, zu betrauern, der am Tage vorher bei der Beschießung gefallen war. Am 22. März endlich eroberten die Franzosen die Schützengruben vor der Lünette. Die Engländer hatten die Aufmerksamkeit für den Bau der neuen russischen Werke benutzt, um vom sogenannten grünen Hügel aus, der Chapmanbatterie zwischen dem Labordonaja- und dem Savandanakinagrund, eine dritte Parallele gegen den Redan – die Bastion 3 – vorzubereiten. Ohne Zögern beschloß der Fürst, die Gegner aus diesen Stellungen zu werfen. Es war am Nachmittag des 22. März. Die Mastbastion, von deren Höhe die Kanonade auf die bedrängte Stadt seinerzeit eröffnet worden, war gefüllt mit Soldaten; sie lagen in Gruppen umher, setzten ihre Waffen instand, kochten oder schliefen. Es waren Männer der 30. und 45. Schiffsmannschaft, des Ochotskischen Jägerregiments und des 6. Wolinskischen Reservebataillons außer der Besatzmannschaft der Bastion; das Feuer, das mit den gegenüberliegenden französischen Batterien gewechselt wurde, wurde von beiden Seiten nur schwach und in Pausen unterhalten. Schärfer und rascher donnerte es vom östlichen Ufer der Südbucht herüber. Eine ernste, feierliche Stimmung schien in der ganzen zahlreichen Besatzung zu herrschen. Das Werk bot jetzt einen anderen Anblick als damals, da die Belagerung begonnen wurde. Der Platz war schmutzig, auf allen Seiten mit Schanzkörben, frischen Erdaufschüttungen, Kellern, Plattformen und Erdhütten umgeben. Große Geschütze standen ringsumher; die Kugeln lagen in unregelmäßigen Haufen daneben. In der Mitte, halb versunken in Kot, ein zerstörter Mörser. Der Infanterist, der als Posten an der Batterie auf und ab schritt, zog nur mit Mühe die Füße bei jedem Schritt aus dem klebrigen Schlamm. Überall Splitter, Bomben, verdorbene Waffen. Der Laufgraben, der am innern Bergabhang hinauflief zum Eingang der Bastion, wurde von den Leuten fast gar nicht mehr benutzt; sie setzten sich lieber den Gefahren des daneben herlaufenden offenen Weges aus, statt bis an die Knie in dem dünnen Schlamm zu waten. Auch die Russen hatten während des Winters entsetzlich gelitten durch den Feind und die Epidemien; doch ihr Mut war ungebrochen, und die Matrosenfrau in ihrer alten Schubeika und den Soldatenstiefeln brachte unbekümmert um die feindlichen Kugeln ihrem Mann eine Suppe oder einen wärmenden Trunk nach der Bastion. Bei Leutnant Birjulew, der sich durch viele kühne Ausfälle während der letzten Zeit bei den Soldaten beliebt gemacht hatte, waren mehrere Kameraden von verschiedenem Rang und verschiedenen Korps: Kapitän Thonagel vom 4. Schanzbataillon, dessen Brust das Georgkreuz schmückte für die Ingenieurarbeiten in der Mastbastion, Oberstleutnant Sazepin, Leutnant Tokarew von den Ochotsker Jägern und der Fähnrich Ssemenski. – Sie saßen vor einer der zahlreichen Erdhütten, die am Eingang der Bastion zum Schutz gegen das feindliche Feuer gegraben waren. »Sie waren in der Stadt bei dem Begräbnis, Sazepin,« sagte der Sappeurkapitän, »und es kann uns also nicht wundern, Sie heute so auffallend traurig zu sehen. Fühlt doch der geringste Matrose und Soldat den Tod Istomins. Ich bitte Sie, erzählen Sie!« Der Podpolkawnik hatte, Kopf und Arm auf das Knie gestützt, in tiefes Sinnen verloren gesessen und richtete sich jetzt hoch. »Ich weiß nicht,« sagte er, »was in mir vorgeht; aber diese Sache heute mahnt mich daran, wie bald auch mir die Stunde schlagen mag!« »Pah – dafür sind wir Soldaten und müssen jeden Augenblick zum Appell bereit sein«, meinte Birjulew und drehte eine Zigarette, »überdies haben Sie vorläufig keinen gefährdeten Posten, da Woschtschenski an Achbauers Stelle getreten ist und die Gräben von der Schanze ›Schwarz‹ bis zu uns vollendet sind.« Der Oberstleutnant strich sich mit der Hand über das Gesicht. »Sie haben recht – ich dachte nur einen Augenblick an Frau und Kinder!« »Ach was, Weib und Kind! – Haben Sie das von Jurkowski gehört?« »Der am Malakow kommandiert?« »Ja. – Als man ihm gestern die Botschaft von seiner Frau aus Simferopol bringt, daß sie von der Cholera ergriffen und dem Tode nahe sei und ihn bitten lasse, auf einen einzigen Tag herüberzukommen, sagt er: ›Nicht auf eine Stunde! – Mein Posten ist wichtiger!‹« »Echt spartanisch!« brummte der Jägerleutnant. »Ja, spartanisch – spotten Sie immerhin, Tokarew! Die Taten des klassischen Altertums reichen niemals an diese Aufopferung, die wir hier täglich von dem Geringsten sehen – und er weiß dabei, daß sein Name spurlos in der Menge verschwinden wird.« »Sie haben recht. – Der kleine Leutnant Wickhort gestern –« »Lebt er noch?« »Ich weiß nicht. – Der General fragt ihn, ob er Beförderung wolle oder das Georgkreuz. ›Lassen Sie eine neue Bombenkanone auf die vierte Bastion bringen!‹ antwortet er.« »Sazepin, erzählen Sie.« »Nun, in der Wladimirkathedrale liegt Istomin begraben gleich neben Kornilow. Nachimow, der dritte im Bunde unserer Seehelden, beugte sich über die Gruft. Er hat wirklich geweint. Aber nicht um Istomin allein – er kann die Entehrung der russischen Seeflagge nicht länger mit ansehen, die Menschikow ihr auferlegt hat. Denn gleich darauf, als Osten-Sacken ihm vorstellte, er verbiete ihm in seiner Eigenschaft als Kommandant der Festung, sich der Gefahr noch länger ebenso tollkühn auszusetzen wie der Gefallene, antwortet der Admiral ihm: ›Euer Exzellenz würden dasselbe tun, wenn man Ihnen den Säbel aus der Faust nähme und Sie mit einer Fuchtel bewaffnete!‹« »Er hat recht«, warf der Marineleutnant ein. »Haben Sie Ihre Befehle schon für heute abend, Birjulew?« »Noch nicht, Herr Oberstleutnant. – Ich kenne nur im allgemeinen den Zweck und weiß allein, daß unsere Division zur Unterstützung der Hauptangriffe unter Generalleutnant Chrulew von der Kamtschatkalünette und der griechischen Freiwilligen des Fürsten Morusi von der Bastion 3 dienen soll. Aber ich erwarte sie jeden Augenblick.« »Man muß gestehen, der General en chef fängt gut an! – Ich wünschte nur, daß er so fortfährt.« »Man hegt eigentlich kein besonderes Vertrauen zu seiner Tatkraft«, sagte vorwitzig der Fähnrich. »Er soll zu vorsichtig und schwer von Entschlüssen sein.« »Das kann man dem Fürstadmiral wirklich nicht zum Vorwurf machen!« fiel der Sappeur ein. »Indes sind das wichtige Eigenschaften für den Feldherrn. Etwas mehr Vorsicht hätte uns Inkerman nicht verlieren lassen.« »Ssoimonows Versehen trug die Schuld. Fürst Menschikow war einer jener Kolosse von Erz, für die es Zufälle und Möglichkeiten nicht gibt. Es ist merkwürdig, daß diese harte Natur mitunter so viel Laune und Gemütlichkeit bewies. Ist er schon abgereist?« »Gestern morgen. Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein.« »In Petersburg galt er früher als Witzbold. Barjatinski hat uns manche hübsche Anekdote von ihm erzählt. Trotzdem war er manchmal verflucht ernst.« »Bei Warna«, fügte der Podpolkawnik bei, »rollte ihm eine matte Kanonenkugel über den Fuß, während er eine Prise Schnupftabak nahm. Aber nicht ein Körnchen ging ihm verloren, während er sagte: ›Hätte der Bursche so viel Pulver mehr gehabt, wie ich hier zwischen den Fingern halte, so wäre ich um ein Bein ärmer.‹« »Die Anekdote mit dem Knopf ist kostbar und soll durch alle europäischen Zeitungen die Runde gemacht haben.« »Bitte, lassen Sie hören, Birjulew, ich kenne sie nicht«, bat der Jäger. »Kapitän Beaufort von den britischen Leichten Dragonern war bei Balaklawa gefangengenommen und zur Heilung einer Wunde nach Simferopol gebracht worden. Bald darauf gingen durch Gelegenheit eines Parlamentärs Briefe für ihn ein, und da es Vorschrift, daß alle Schreiben an und von Kriegsgefangenen vor der Übergabe gelesen werden, geschah dies auch mit den Briefen des Kapitäns. Einer davon – der Engländer gehört zur Pairschaft – war von einer Dame. Sie bat ihn, Sewastopol sobald als möglich einzunehmen, damit er zu den Almacks noch in London sei; aber auch Fürst Menschikow in Person zum Gefangenen zu machen und ihr zum Beweis seiner Tapferkeit einen Knopf von des Fürsten berühmten Paletot mitzubringen. – Als der britische Kapitän den Brief liest, findet er einen anderen dabei von des Fürsten eigener Hand; er bedaure, dem Verlangen der Lady weder mit Sewastopol noch mit seiner Person entsprechen zu können, schätze sich aber glücklich, mit dem beiliegenden Knopf das gewünschte Andenken ihm für die Schöne zuzustellen.« Ein Offizier vom Stab, von einem Unterfähnrich geführt, kam heran. »Ordonnanzoffizier von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Oberbefehlshaber an den Leutnant Birjulew«, meldete der Fähnrich. Der Marineoffizier sprang auf und empfing den Boten in militärischer Haltung. »Sie bringen mir die näheren Instruktionen für den Ausfall?« »So ist's. – Ich bin Stabskapitän von Meyendorf und beauftragt, den Erfolg des Ausfalles hier abzuwarten. Die Herren sind wahrscheinlich Offiziere Ihrer Abteilungen, und ich kann daher in ihrer Gegenwart ohne weiteres diese schriftliche Weisung mit den mündlichen Erläuterungen vervollständigen?« Birjulew stellte die Offiziere vor. »Oberstleutnant Sazepin ist in diesem Augenblick der kommandierende Offizier der Bastion, Kapitän Thonagel der Ingenieur vom Platz. Setzen Sie sich zu uns, Herr Stabskapitän!« »Der Hauptausfall«, sagte Meyendorf, indem er auf einer zerschossenen Lafette Platz nahm, »geschieht mit dem Dnjprowskischen Infanterieregiment, das erst gestern abend eingetroffen ist, den Kamtschatkaischen Jägern, zwei Bataillonen des Wolinskischen und zwei Bataillonen des Uglitzschen Regiments mit der 44. Marinemannschaft. Generalleutnant Chrulew wird damit von der Kamtschatkalünette um zehn Uhr abends die Franzosen angreifen. – Zugleich rückt Kapitän Budischtschew mit zwei Marinemannschaften, einem Bataillon Minsker und den griechischen Freiwilligen gegen den äußeren rechten Flügel der britischen Gräben zwischen dem Dokovaja- und dem Labordonajagrund. Welche Truppen gehören zu Ihnen, Herr Kamerad?« »Ich habe die 475 Mann der 30. und 45. Marinemannschaft, des Ochotskischen Regiments und des Wolinskischen Ersatzbataillons nebst einem Kommando meiner alten Matrosen von der ›Wladimir‹ und der ›Maria‹.« »Ich bin noch zu kurze Zeit hier,« sagte höflich Baron von Meyendorf, »um Ihnen zu solchen Gefährten gratulieren zu dürfen, obgleich ihr Ruf zu uns gedrungen. – Welche Offiziere werden Sie begleiten?« »Leutnant Tokarew kommandiert die Ochotsker, Fähnrich Ssemenski den Ersatz, außerdem ist der junge Mann, der Sie hierher gebracht, Unterfähnrich Lasarow, bei dieser Abteilung.« »Ich selber«, fuhr der Marineoffizier fort, »führe meine Schiffskameraden und habe genug alter gedienter Leute dabei. Haben Sie vielleicht schon den Namen des tollen Koschka gehört?« »Koschka, der Liebling des seligen Admirals? Ei, wer hätte das nicht, der in den drei letzten Jahren am Schwarzen Meer stand? Ist es nicht der Mann, der bei Sinope eine Fregatte in Brand steckte und im Ägäischen Meere den Kampf gegen fünf griechische Seeräuber bestand? Ich möchte ihn wohl sehen!« »Sie können seine Bekanntschaft leicht machen. Er liegt dort oben in der Schießscharte auf seiner Kanone und schläft.« Der Offizier setzte die Seemannspfeife an die Lippen und ließ einen langgezogenen Ton erklingen. Man sah eine Menge Männer aufmerksam die Köpfe erheben; auch der Schläfer blinzelte herüber und kam dann mit dem langsamen schwankenden Schritt, der den Seeleuten eigen ist, heran. Er zog seine fettglänzende Haarlocke über die Stirn und machte einen tiefen Kratzfuß. Es war ein Mensch von riesigem Gliederbau, das Gesicht mit den ausgeprägten Zügen der mongolischen Rasse, doch von großer Gutmütigkeit; nur aus dem schmal geschlitzten Auge blitzte Scharfsinn und Keckheit. »Euer Gnaden?« »Wohl, tapferer Koschka. Ich hörte mit Vergnügen, daß du dich zu den Matrosen gemeldet hast, die uns heute nacht begleiten. Du sollst die Vorhut führen, wenn du versprichst, dem Befehl die strengste Folge zu leisten und dich nur dann auf ein Schlagen einzulassen, wenn ich es will.« Der Matrose wiegte sich etwas verlegen auf seinen Hüften. »Ah, Euer Gnaden sticheln wegen der dummen Geschichte in den französischen Tranchierungen , oder wie sie das Ding nennen. K tschortu! Aber ich möchte, wenn's Euer Gnaden nichts verschlägt, gern erst hören, mit wem wir diese Nacht tanzen sollen, ehe ich leichtsinnig so ein Versprechen gebe.« Der Marineoffizier lachte. »Ja, Bratka, das weiß ich selber noch nicht so recht; da mußt du diesen Herrn befragen.« »Ist er von den unseren?« fragte der Matrose vertraulich. »Wenn du meinst, von der Marine,« lachte Meyendorf, »so habe ich allerdings nicht die Ehre und werde nicht einmal den Ausfall mitmachen! Aber ich bin Offizier vom Stab des Fürsten und war mit ihm an der Donau.« »Ah,« sagte der Matrose mit wenig verhehlter Geringschätzung, »das sind, glaub' ich, die Herren, die immer reiten müssen! Nun – es muß auch solche geben, und ich möchte auch einmal auf einem Pferde sitzen, bloß um zu sehen, ob es wahr ist, daß so ein Ding beim Laufen geradeso stößt, wie die Sturzwellen in der See bei Nordost.« – Er zog die Hosen in die Höhe und fuhr sich verlegen durch die Haare. – »Weißt du, Väterchen,« fuhr er halblaut zu seinem Offizier fort, »ich traue dem Neuen noch nicht so ganz; er gehört zu dem Landvolk. Doch denk' ich so bei mir, unser Vater Nachimow wird wohl das beste für ihn tun. Aber der Teufel soll meine Mutter kriegen, wenn ich auf deinen Vorschlag nicht lieber gleich die Wahrheit sage. Wenn's gegen die Inglischen geht, stell' mich lieber hinten hin – denn ich hab' einen Zahn auf die Burschen, der noch nicht ausgeglichen ist, und ich möchte da vielleicht vorlauter sein, als erlaubt wird. Gib Bolotnikow meine Stelle – du kannst dich auf ihn verlassen. Gott und die Heiligen wissen es.« »Was hast du mit den Engländern, Koschka?« »Das ist doch klar – alle Welt weiß es! Sie haben den Zaren durch den Telografen, den Hundssohn, vergiftet, weil er nicht türkisch werden und die Faktoria zur zweiten Frau nehmen wollte. Als ob ein rechtgläubiger Mann nicht an einem Weibsen genug hätte, wenn sie auch eine Königin sein täte. Außerdem hat das Szbrod mir vor drei Tagen meine beste Kanone zerschossen; die schönste Pulverschnauze, die je Kugeln in den Schmutzstall der britischen Schweine gespuckt hat!« Das Lächeln der Umstehenden prallte an dem Meerwolf ab. Er sah sie alle ziemlich scheel von der Seite an und knurrte einige unverständliche Höflichkeiten in den Bart – als Liebling der Admirale durfte er sich manche Freiheit herausnehmen. Nach einem plumpen Gruß wollte er sich wieder entfernen; dabei fielen seine scharfen Seemannsaugen auf die zwischen der Mastbastion und Bastion 5 vorgeschobene Schanze Schwarz. »Der Admiral wird sogleich hier sein, Väterchen«, sagte er zu dem Leutnant. »Seine Flagge ist fort und ich sah sie noch an ihrer Stelle, ehe ich hierher kam.« Ein Blick überzeugte den Offizier; die Flagge war eingezogen, die den Truppen den Aufenthaltsort des Abteilungskommandanten jedesmal anzeigte. Bald darauf sah man auch in dem gedeckten Grabenweg einige Männer heraneilen. Es war der Vizeadmiral Nowossilski, der seit fünf Monaten den Befehl der zweiten Verteidigungsabteilung führte und während der ganzen Zeit den ihm zugeteilten Bezirk nicht verlassen, ja sich nicht ein einziges Mal entkleidet hatte. Er bewohnte ein Erdloch, wie die meisten Soldaten der Batterien, und war unermüdlich, bis er drei Monate später, nachdem er wochenlang nur einzelne Stunden geschlafen hatte, gänzlich zusammenbrach. Man hielt ihn für einen Sterbenden und brachte ihn in bewußtlosem Zustand nach Sewastopol, wo er wieder zu sich kam und zu seiner Herstellung nach Odessa geschickt wurde. Hinter dem Befehlshaber bemerkte man auf einer Trage einen Schwerverwundeten. Die Offiziere gingen ihm höflich entgegen. Der Verwundete war Major Woschtschenski, der Kommandant der Schanze, der in Gegenwart des Vizeadmirals schwer verletzt worden. »Es ist mir lieb, Sazepin, dich gleich zu treffen«, sagte Woschtschenski. »Du mußt auf der Stelle hinüber und den Befehl übernehmen. Kapitän Lawrow ist zwar ein ausgezeichneter Offizier und glücklicher als sein Vorgänger, aber er hat schon zwei große Schrammen am Kopf, die ihn fast blind machen. Er ist zu jung noch, um vorsichtig zu sein! Eile dich. – Ist ein Arzt auf der Bastion?« Nur zwei Chirurgen waren augenblicklich zur Stelle in dem zum vorläufigen Verbandplatz eingerichteten Kasemattenraum. Ihnen wurde der ohnmächtig gewordene Verwundete übergeben, da er sich, wieder zu sich gekommen, nicht nach der Stadt schaffen lassen wollte. Der Admiral schickte einen Boten zum nächsten Lazarett um einen erfahrenen Arzt. Oberstleutnant Sazepin nahm ernst von den anderen Abschied und machte sich auf den Weg. Baron von Meyendorf hatte sich dem Vizeadmiral vorgestellt und in seiner Gegenwart die genauen Anweisungen wiederholt. Es galt, die Britenstellung auf dem grünen Hügel zwischen dem Labordonaja- und dem Savandanakinagrund zu beschäftigen und dadurch den Angriff des Kapitäns Budischtschew von links zu unterstützen. Zugleich sollten die vorgeschobenen Schützengräben genommen werden. Ein lauter Jubelruf der Matrosen und Soldaten störte die Besprechung. Der Admiral sah sich zornig um; seine Miene wurde aber sogleich freundlich, als er zwei Frauen auf sich zukommen sah. Sie waren von Soldaten umringt, die mit fast kindlicher Freude und Verehrung die beiden begrüßten. Die eine war eine alte, dürftig gekleidete, kleine Frau, aber überaus beweglich und rührig, das faltenreiche und heitere Gesicht mit dem immer geschwätzigen Mund unter einer weißen Haube; – die andere eine junonische Gestalt mit ernstem, verschleiertem Gesicht, dessen Züge auf den ersten Blick fesselten. Ein junger Kosak trug hinter ihr einen Handkorb mit Verbandzeug, Linderungs- und Stärkungsmitteln gefüllt. Ganz Sewastopol kannte die beiden Frauen: Prasskowja Iwanowna Grasow, die kleine Alte, die zu Anfang des Jahres ihrer Familie in Petersburg entwichen war und in Sewastopol erschien, um die letzten Tage ihres Lebens den Verteidigern zu widmen, und Natascha Iwanowna Oczakow, ein Engel des Trostes und der Freude für die Leidenden und Verzweifelnden. Sie gehörten nicht einmal zu dem Orden der Barmherzigen Schwestern von der Gemeinschaft zur Kreuzeserhöhung, die seit dem 1. Dezember unter Anleitung des berühmten russischen Arztes Pirogow in den Lazaretten und selbst auf den Kampfstätten eine furchtlose Menschenliebe unter Aufopferung und Todesgefahr bewiesen. Die Grasow und Fürstin Iwanowna, die eine alt und gebrechlich, die andere jung, schön, mit allen Gütern des Lebens gesegnet, kamen ohne das kirchliche Gelübde, nur aus dem Gefühl der reinsten Menschenliebe auf die Stätte der Wunden, die sich die verirrte Menschheit selber schlug. Iwanowna Oczakow war mit ihrem Bruder – der, wie es hieß, seine Stelle im Stab des Fürstadmirals aufgegeben hatte, um sich als Freiwilliger den Verteidigern Sewastopols anzuschließen – Ende Dezember in der belagerten Stadt eingetroffen, begleitet von einer schwarzen Dienerin und dem alten Kosaken Iwan, dem Steppenteufel, mit seinen zwei letzten Enkeln. Iwanowna und ihr Bruder hatten auf der Südseite in der Nähe des Denkmals Kasarskis, das merkwürdig verschont blieb in all den furchtbaren Beschießungen, ein Haus bezogen, das der Familie gehörte und in dem im Herbst der junge Fürst den kranken Tabuntschik pflegen ließ. Dort teilten sie Schrecken und Elend unter hundert Taten des Heldenmuts und der Nächstenliebe; sonst aber lebten sie in vollständiger Abgeschlossenheit. Fürst Iwan hatte verschiedene Ausfälle mitgemacht und in den Batterien Dienst getan, während seine schöne Schwester täglich, wenn ihr Bruder nicht im Dienst war, die Hospitäler besuchte und die Verwundeten pflegte. Doch sah man auffallenderweise die Geschwister nie beisammen; eines hütete das Haus, wenn das andere es verließ. Auch die schwarze Dienerin hatte seit mehreren Wochen die Schwelle nicht überschritten. Die Fürstin war, wenn sie bei den Leidenden erschien, ernst und still; sie widmete sich nicht nur den Landsleuten, sondern mit gleicher Sorgfalt den verwundeten und gefangenen Feinden, deren Sprache sie verstand. Immer heiter, immer munter bei der herzlichsten Teilnahme war dagegen die kleine Grasow. Sie kaufte von ihren geringen Mitteln in den Apotheken Kölnisches Wasser, Hoffmannstropfen und andere Linderungsmittel und wurde von den Gaben der Fürstin, mit der sie bald an den Krankenbetten Bekanntschaft gemacht, reichlich unterstützt. Meistenteils war sie in den Verteidigungswerken selber tätig, brachte, wo jemand in ihrer Nähe verwundet wurde, die erste Hilfe und legte den ersten Verband an. Dann pflegte sie zu sagen: »Sei lustig!« oder, wenn sie einen Leichtverwundeten verbunden hatte: »Sei nicht feig – geh wieder auf deinen Posten!« Die Matrosen schwärmten für sie. Die Alte trippelte auf den General zu. »Gott grüße dich, mein Täubchen, mein Landsmann! Ein Soldat, der uns in der Stadt begegnete, erzählte uns, daß Ihr einen Schwerverwundeten hier habt und er einen Regimentsdoktor holen solle. Da dacht' ich und die Fürstin hier, es würde besser sein, wenn wir Euch sogleich ein wenig Hilfe brächten. Ich hätte dich ohnehin heute abend noch besucht, Admirälchen, mein Liebling – denn ich habe gehört, daß wieder etwas im Werk ist.« »Sei uns willkommen, Mutter Prasskowja,« sagte der Admiral, »und Sie, Durchlaucht! Ich müßte mich sehr in der Ähnlichkeit irren, wenn ich nicht die Schwester unseres tapferen Kameraden Iwan Oczakow vor mir sähe.« Iwanowna nickte, indes aller Augen bewundernd an ihr hingen. »Verzeihen Sie einem alten Seemann,« fuhr der Admiral fort, »der seit Monaten diesen Posten nicht verließ und Sie also nur durch den Ruf Ihrer Mildtätigkeit für uns arme Soldaten kennt, der ganz Sewastopol erfüllt! – Ihr Bruder hat auf dieser Bastion schon gezeigt, wie würdig er einer solchen Schwester ist.« »Das Lob Iwans aus Ihrem Munde muß selbst die Schwester ehren«, sagte Iwanowna. »Doch wo ist der Verwundete?« »Ja, Batuschka,« fiel die kleine Grasow ein, »tu das. Wir haben allerlei mitgebracht, was deine Beinabschneider nicht haben! – Und ihr, meine Jungen, Täubchen, Kinderchen, wir bleiben heut' abend bei euch und werden abwarten, wie ihr eure Sache macht und ob ihr heil zurückkommt. Auf der Redanbastion und dem Kornilow haben heut' die guten Schwestern vom Kreuz den Dienst übernommen.« Freudiger Zuruf antwortete der Alten; sie schüttelte den Matrosen und Soldaten die Hände, putzte an ihnen herum und gab ihnen hundert gute Lehren. »Ich fürchte,« sagte der Admiral, »selbst Pirogows Hilfe wird bei ihm wenig vermögen! – Beide Füße hat ihm die Vollkugel zerschmettert. Doch mag ihm schon Ihre Nähe ein Trost sein. Ich will Sie zu ihm geleiten lassen.« Aus dem Kreis der Offiziere sprang der junge Unterfähnrich Michael Lasarow vor. »Darf ich?« Der Admiral nickte. Er sah verständnisvoll, wie die Augen des Fähnrichs in knabenhafter Bewunderung an Natascha Iwanowna hingen. Es war zehn Uhr. Der Himmel hatte sich mit Wolken bezogen. Bei der Batterie des Leutnants Perekomski sammelte sich die Abteilung: 475 Mann und 80 nur mit Spaten und Hacken bewaffnete Arbeiter. Leutnant Birjulew machte den Leuten den Zweck des Unternehmens und seine Anordnungen bekannt; sie harrten in geschlossener Ordnung des Befehls zum Vorgehen. Von der Bastion keuchte ein Unteroffizier her, ein zweiter Mann hinter ihm drein. »Der Admiral lassen Euer Gnaden sagen: Jetzt! – Das Zeichen ist auf der Bastion zu sehen!« meldete der Unteroffizier. »Dann, Kinder, fertig! – Nochmals: Unter keiner Bedingung die Frontlinie brechen! Schulter an Schulter marschieren! Werde genau achtgeben auf jede Übertretung des Befehls! – Mützen ab!« Die Waffen klirrten – die ganze Schar bekreuzigte sich in tiefer Andacht. Der Begleiter des Boten fragte nach dem Unterfähnrich Lasarow, fand ihn und zog ihn beiseite. »Um der Heiligen willen, Bogislaw, woher kommst du? – Ist meinem Großvater ein Unglück geschehen?« »Das größte, was ihn treffen konnte, Junker: Eure Flucht!« sagte der Jäger leise. »Der alte Graf war außer sich und wollte Euch nach; aber in Baktschiserai weigerte man ihm die Erlaubnis, nach Sewastopol zu gehen, und zwang ihn umzukehren.« »Gott sei Dank, daß er gesund ist und nicht hierher in die Gefahr darf! – Ich konnte nicht anders, Bogislaw!« »Ich glaub's Euch, Junker. Ich meine, der Herr gibt Euch im stillen selber recht. Ich habe einen Brief von ihm.« Die Waffen klirrten – die Mützen flogen auf die Köpfe. Ein Kommando unterbrach das Gespräch. »Vorwärts mit Gott! – Marsch!« Die Kolonne setzte sich in Bewegung. »Geh zurück, Bogislaw – du wirst ihn mir später geben – erwart' mich im Schutz der Bastion!« »Niemals! – Ich hab' dem Grafen schwören müssen, nicht mehr von Eurer Seite zu weichen.« »Ruhe im Glied! – Still da hinten, Leute!« zischte das Kommando Birjulews; der Fähnrich konnte dem treuen Mann nur die Hand drücken und ihn neben sich ins Glied ziehen. Der Marsch ging jetzt mit großer Hast vorwärts. Aber alle Vorsicht der Führer half nichts – die scharfen Augen der Zuavenposten hatten bald die dunkle Kolonne entdeckt, als sie über eine kahle Fläche zog – aus der nächsten Schützengrube fiel ein Schuß. »Links, Burschen, links! Nicht feuern! – Wir sind bald über ihre Flanke hinaus und im Schutz des Berges.« Eine Leuchtrakete schoß aus dem französischen Graben – man hörte Alarm schlagen – auf der ganzen Linie knatterte ein lebhaftes Feuer. Bald hatte die Abteilung den sogenannten »Zuckerhut« passiert in der Richtung der Georgiewstraße und konnte, durch den Berg geschützt, von der französischen Stellung nicht mehr gesehen werden. Aber die auf der ganzen feindlichen Kette wiederholten Zeichen und Rufe der Wachen und Hornisten bewiesen, daß man für den Angriff gewappnet war. Vom Labordonajagrund her krachten Gewehrsalven; dazwischen donnerte das Geschütz der englischen und französischen Batterien – der Kampf wütete dort schon in aller Heftigkeit. Raketen auf Raketen stiegen hoch – stumme Hilferufe um Unterstützungen. Die Franzosen schienen durch den Berg den Trupp aus dem Auge verloren zu haben; alles war eine Zeitlang auf dieser Seite stumm. Es herrschte jene Ruhe, bei der es dem Soldaten oft schwüler und ängstlicher zumute wird, als beim Blitzen und Prasseln des Musketenfeuers. Endlich hatte man die englische Stellung erreicht; das heißt, die Russen standen am Fuß des grünen Hügels, auf dessen Hängen die Briten ihre Gräben und die dahinter liegende Chapmanbatterie deckten. Stumm stiegen die Russen die Anhöhe hinauf. Zehn Schritt, dreißig – vierzig – fünfzig – »Who is there!« »Français!« schrie Birjulew. »Vorwärts, Kinder! Fällt das Bajonett! – Hurra!« Fünf englische Schützen sprangen hinter einer Hecke vor und schlugen ihre Gewehre an – eine Salve der Stürmenden streckte den ganzen Posten zu Boden. Gleich der erste Anlauf trug die Russen bis mitten in die Grubenstellung. Sie machten alles nieder, was nicht in die nächsten Graben flüchten konnte. Die Engländer ließen achtzehn Tote in den Gruben. Sofort befahl Leutnant Birjulew, die Gruben gegen die Feinde zu »wenden«. Die Russen arbeiteten in keuchender Eile, und es gelang ihnen, die Brüstung abzugraben. Aber es schien unmöglich, sich länger zu halten, denn aus dem nächsten Graben pfiffen die Kugeln unablässig auf sie ein, und die Batterie begann mit Kartätschen von der Höhe des Berges herabzufegen. Auf der ganzen Linie bis zum Kilengrund hin schien jetzt das mörderische Gefecht entbrannt. Birjulew erkannte die Notwendigkeit, den ersten Laufgraben zu nehmen, um sich von dem lästigen Feuer zu befreien. »Vorwärts!« Mit lautem Hurra stürzten die Jäger und Matrosen vor und überrannten jeden Widerstand. Zwei Minuten darauf drangen sie schon in die zweite Linie ein. Ein entsetzliches Handgemenge folgte – das Bajonett wütete unter den dicht gedrängten Massen – die Briten – es war das 20. Regiment – räumten den Platz. Doch es war keine Möglichkeit für die Russen, sich festzusetzen. Eine Flankenbatterie von zwei Kanonen bestrich der Länge nach den ganzen Graben; gleich beim ersten Schuß stürzten zehn Mann, darunter der Fähnrich Ssemenski. »Zurück!« Während die Verwundeten zu den von der Bastion beorderten Tragen gebracht wurden, arbeiteten die Schanzgräber mit verdoppelter Kraft an der Hauptaufgabe: der Wendung der Gruben. Die Engländer waren den Weichenden auf dem Fuß in die Laufgräben gefolgt und erneuerten den Kugelregen, der die Erdarbeiten hinderte. Birjulew befahl einen zweiten Angriff. »Vorwärts! – Fällt das Bajonett! – Hurra!« Abermals nahmen sie den ersten und zweiten Graben; die Flankenbatterie feuerte zu hoch und die Leute lernten, sich im rechten Augenblick vor den Kugeln zu decken. Man begann sich festzusetzen; mehrere Mörser wurden vernagelt. Ein Schanzarbeiter aus den Gruben kam herbeigelaufen und meldete, daß auf der rechten Seite von den französischen Laufgräben her eine Abteilung die Höhen herunterkomme, um ihnen in den Rücken zu fallen. »Wieviel?« »Kann's nicht sagen. Euer Gnaden– vielleicht hundert oder hundertfünfzig Mann.« Birjulew befahl den Leuten Stille und zog sie aus dem Graben zurück. Er hoffte, die französische Unterstützung abzuschneiden und gefangenzunehmen. Aber der Plan mißglückte, sie wurden von den feindlichen Posten bemerkt. Als die Russen den Berg hinabstürmten, bliesen die Hörner, und die Franzosen hatten Zeit, sich zurückzuziehen. Die Arbeit an den Gruben wurde noch mehr gehetzt, aber die Arbeiter waren aufs neue dem Feuer der Laufgräben ausgesetzt. Man sah sich gezwungen, einen dritten Angriff zu machen. »Noch einmal, Jungs! – Fällt das Bajonett! – Hurra!« Die Feinde wichen von neuem. Doch etwa fünfzehn Scharfschützen, die noch auf dem Erdwall standen, schlugen ihre Büchsen auf den kühnen Birjulew an. Er sah nicht einmal die drohende Gefahr und wäre im nächsten Moment verloren gewesen, wenn sich der Matrose Schewtschenko nicht vor seinen Offizier geworfen hätte. Die Schüsse krachten – die Brust Schewtschenkos wurde von allen Kugeln durchbohrt. Erst durch den Gegenstoß des stürzenden Körpers merkte Birjulew die Aufopferung seines Getreuen. Im ersten Schmerz warf er sich neben dem Blutenden auf die Knie. »Schewtschenko, mein Freund, du – du? – Wie ist dir, Bratka? – Sprich ein einziges Wort!« Aber der Tapfere konnte nicht mehr antworten; seine Lippen waren schon vom Tod versiegelt. Der Hochbootsmann Bolotnikow faßte Birjulew am Arm. »Es ist keine Zeit zu verlieren, Euer Gnaden! – Die Unseren dringen eben in den dritten Graben – daß das Ding nur nicht schlimm abläuft!« Diese Worte erinnerten den Kommandanten an seine Pflicht; er eilte seinen Leuten nach. »Zurück, Kinder, zurück!« Sie hatten sich schon des Grabens bemächtigt und arbeiteten wie die Rasenden mit dem Bajonett. Der ganze Laufgraben war gefüllt mit Toten. Birjulew brachte seine Leute in guter Ordnung zurück. Ein hochgewachsener britischer Stabsoffizier aber sprang auf den letzten Grabenwall, in jeder Hand ein Pistol, und feuerte die Seinen zur Verfolgung an. Doch diese rührten sich, stumpf geworden in dem wahnwitzigen Gemetzel, nicht von der Stelle. Da feuerte der Brite beide Pistolen auf den Hochbootsmann ab, der ihm zunächst stand. Mit der linken Hand fehlte er – die Kugel flog dicht an Koschkas Kopf vorbei; die rechte Waffe aber berührte mit dem Lauf fast Bolotnikows Schläfe – mit zerschmettertem Kopf sank er zur Erde. Toll vor Wut stürzten die Russen sich aufs neue auf den Feind und jagten ihn zurück. Während dieses Angriffs waren die Arbeiten an den Gruben beendet. Die Laufgräben lagen voll Leichen, und der Auftrag konnte als erfüllt angesehen werden, da auch von der linken Seite her der Kanonendonner schwächer geworden und Leutnant Birjulew überdies die Nachricht erhielt, daß Verstärkungen in die französischen Linien zu rücken schienen. Man begann den Berg hinabzusteigen, nachdem die neu errichteten Stellungen mit Schützen besetzt worden waren. In diesem Augenblick brachte ein Unteroffizier an Leutnant Tokarow, den einzigen außer dem Kommandierenden übrigen Offizier, die Meldung, einer der Ihrigen sei im letzten Graben zurückgeblieben. »Es schimpft und flucht darinnen auf russisch – die Leute glauben die Stimme Koschkas zu erkennen!« »Koschka? – Das muß der Kommandant wissen!« – »Befehlen Euer Gnaden, daß wir ihn befreien?« – »Natürlich! – Links um! Marsch!« Und im sechsten Anlauf ging es zurück nach dem Graben des Todes. Darin tobte und wetterte es allerdings mit all den Flüchen und Verwünschungen, an denen die russische Sprache so reich ist. Es war Zeit, daß die Hilfe kam. Mit dem Fuß auf der Brust des zu Boden geschleuderten englischen Obersten, der die Schüsse auf Bolotnikow abgefeuert, stand der Matrose Koschka. Sein Gesicht war dunkelrot, seine Eisenfaust schwang eine beilartige Enterpike, seine Lieblingswaffe, im Kreis um sich, sein riesiger Körper blutete aus mehreren Wunden. »Iop foce mat! Wenn ich euch nicht alle massakriere, ihr englischen Schurken, ihr Hundssöhne und Lumpenpack, mit samt euren Lords und Telografen, den schäbigen Meuchelmördern!« tobte er. »Da – du räudiger Hund! – Was? – Den Kerl unter mir wollt ihr? – Den Teufel in eure Seele! – Ihr Memmen! Schlagt den Knaben dort und den toten Mann – kommt doch an mich heran, ihr Schlammpuddings – ihr Türkenknechte!« In der Tat wandte sich ein großer Teil des britischen Angriffs nicht gegen den riesigen Matrosen; seine gewichtigen Axthiebe zerschmetterten ihre Gewehre und sie waren ihm, da ihre Munition verschossen war, nur durch die Überzahl und den Anfall von allen Seiten gefährlich. Die Briten zogen vor, sich an der einzigen kecken Hilfe zu rächen, die das waghalsige Unternehmen des Seemanns geteilt hatte. Drei Schritt vor ihm lag am Boden der Unterfähnrich Lasarow, den zerbrochenen Degen fest in der Hand, von Blut bedeckt; über ihm lag, mit seinem eigenen Körper ihn schirmend und von zwanzig Bajonettstichen durchbohrt, von Kolbenschlägen zerschmettert, der treue Jäger Bogislaw, der schon die erste Stunde seines Hüteramtes mit dem Herzblut zahlte. Mit den letzten schwachen Bewegungen des fliehenden Lebens noch suchte er den dem alten Grafen Lubomirski geleisteten Eid zu halten und Michael zu schützen. Da – als auch die athletische Kraft Koschkas zu erlahmen begann und sein schäumender Mund nur noch unverständliche heisere Töne brüllte und der Kolbenschlag eines Schotten ihn schon auf die Knie zwang – donnerte das Hurra der Russen. Rechts und links stoben die Engländer auseinander in kopfloser Flucht. »Der heilige Andreas – da zeigen die Dreckfresser das Heck – Dank, Leutnant Birjulew!« keuchte Koschka. Wie einen Sack nahm er seinen Gefangenen, den Kommandanten des 33. Infanterieregiments, am Kragen hoch und warf ihn sich über die Schultern. »Ich hab' den Inglischen, der mir Bolotnikow erschoß. – Seht nach dem Knirps da, er hat mir wacker beigestanden mit seinem Freund.« Man hob den blutigen, verstümmelten Körper des Jägers auf, legte ihn über zwei Gewehre und richtete Michael Lasarow auf. Er war mehr betäubt als verletzt, und konnte, die Hand seines Retters in der seinen, neben der Trage herlaufen. Birjulew befahl jetzt den eiligsten Rückzug, um das so glücklich bisher ausgeführte Unternehmen nicht im letzten Augenblick noch zu gefährden. Während die russischen Schützen in den Gruben die Verfolger abhielten, gelangte die kleine Abteilung an den Fuß des Berges. Sie gab ihre Verwundeten an die Krankenträger des Ersatzes ab. Im Schutz der Nacht und des Feuers der »Jehudil«, die in der Spitze der Südbucht ankerte, querte sie den gefährlichen Savandanakinagrund und erreichte die Mastbastion. Man hatte außer dem Obersten einen englischen Ingenieurkapitän und zwölf Soldaten zu Gefangenen gemacht. Nur mit Mühe konnte Koschka bewogen werden, den seinen wieder auf die Beine zu stellen und in einer, den Kriegsgebräuchen entsprechenden Weise zu behandeln – es bedurfte eines ernsten Befehls dazu. Der Ausfall brachte auch auf den anderen Punkten, wenn auch mit großen Verlusten, einen günstigen Erfolg für die Russen. Die Truppen Chrulews schlugen sich gegen die Divisionen Mayran und Brunett und nahmen und verloren dreimal das Gelände zwischen den russischen Schanzen und den französischen Gräben, bis es endlich in ihren Händen blieb und die am Abend vorher von den Franzosen eroberten Gruben wieder von ihnen besetzt wurden. Die griechischen Freiwilligen stießen kühn gegen den rechten Flügel der britischen Gräben vor und warfen das 77. und 97. Regiment. Dieser glückliche Ausgang führte eine in der Geschichte des Krieges kaum erhörte Offensive der Belagerten gegen die Belagerer herbei: die Truppen Sewastopols gingen mit einer verbundenen Linie neuer Gegengräben bis auf 600 Schritt gegen die feindlichen Parallelen vor. – – – Als die tapfere Schar Birjulews, der für diesen Nachtkampf zum Kapitänleutnant und Flügeladjutanten ernannt wurde, zu ihrer Bastion zurückkam, fand sie schon am Eingang neben dem Admiral die beiden Frauen mit dem Verbinden der vorausgesandten Verwundeten beschäftigt. Michael Lasarow hatte seinen Retter keinen Augenblick verlassen; man hatte den blutigen Körper mit aller Sorgfalt getragen – aber kein Arzt konnte ihm mehr helfen; er war tot. Prasskowja Grasow machte darauf aufmerksam, daß die verstümmelten Finger des Mannes das blutüberströmte und von Bajonettstichen zerrissene Überbleibsel eines Briefes im Todeskrampf aus der Rocktasche gezogen zu haben schienen und festgeklammert hielten, gleich als sei die Bestellung des Blattes die letzte Aufgabe seines Lebens. Man löste die erstarrte Hand und entzifferte die Adresse des jungen Fähnrichs, der halb bewußtlos und erschöpft an der Leiche seines Freundes kniete. Der Matrose Koschka legte ihm die schwere Hand auf die Schulter, während die behende Alte seine eigenen Wunden verbinden half. »Zum Henker, ein braver Kerl wie du muß nicht weinen! Sie sollen mich an den Flaggenknopf vom großen Mast schnüren und zwei Mittelwachen lang in der Julisonne am Sankt-Georgen-Kap braten lassen, wenn ich dir je vergesse, daß du mit deinem Toten da als einziger bei mir bliebst in den britischen Tranchierungen!« Eine Trauerkunde trübte die Freude Birjulews über das gelungene Unternehmen; sein Gesellschafter am Nachmittag, der Podpolkawnik Sazepin, war im Lauf des Abends auf dem eben erst übernommenen Posten in den Gräben der Schanze Schwarz gefallen. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Als Michael Lasarow am anderen Morgen, während ein Waffenstillstand zwischen den Gegnern zur Beerdigung der Toten ihm Muße gab, den zerrissenen, halb vernichteten Brief zu lesen versuchte, konnte er nur folgende geheimnisvollen, blutverwischten Worte noch entziffern: »Mein geliebtes ... ... wollte es wohl machen mit Dir, meiner ... letzten Freude auf der Welt, ... Wohl fühle ich, daß ... zu mir ... aufzugeben, was Du für Dei... Pflicht hältst, was ... freier Menschen unwürdig ... einiger Weg, Dich zu retten; dieser Krieg muß aufs schleunigste enden; ... Haupt möge fallen, um das Deine zu schützen. Möge der Himmel ... von dir wenden, bis ... gelungen, Sewastopol zu retten und Dich mit ihm selbst ... Andenkens Deiner Mutter willen schone bis dahin Dein ... kann nicht zu Dir ... Ereignisse in Petersburg verhindern ... Bogislaw, den Getreuen und Muti... bereits auf dem Wege nach Paris ... Gedenke ...« Pianori Paris begann sich mit einer außergewöhnlichen Zahl von Gästen für die Eröffnung der Weltausstellung zu füllen. Diese glänzende Ausstellung war eine echt napoleonische Gaskonade auf den gewaltigen Druck des Krieges, der die Finanzen dreier mächtiger Staaten zu erschüttern begann. Frankreich hatte schon über 300 Millionen Franken aufgewendet, und eine neue Anleihe war unabweisbar. Die Truppenbeförderung hatte allein seit Beginn des letzten Winters 70 Millionen Franken verschlungen, während England der Unterhalt jedes Mannes im Orient bei seiner jämmerlichen Verwaltung auf mehr als 200 Pfund Sterling zu stehen kam. Seine Kriegslasten waren in den letzten zwei Jahren von 12 auf 43 Millionen gestiegen. Handel und Gewerbe, die nicht im Kriegsverkehr ihre Quellen hatten, stockten in Frankreich; der gewohnte große Abfluß nach Rußland war gehemmt, die englische Freundschaft wenig einträglich und in Paris unbeliebt; das Volk verlangte ziemlich offen nach Frieden. Die Presse schimpfte gemeinschaftlich mit der Times auf Preußen, ohne damit die Stimmung zu heben. Die Lockspeise, die der Bevölkerung von Paris durch die Regierung mit der Ausstellung hingeworfen wurde, gab wenigstens Stoff zum Tagesgespräch und zu hundert kleinen Ablenkungen, Prahlereien und Einbildungen, die der Franzose liebt. Der Moniteur hatte den Befehl noch nicht gebracht, der die Eröffnung verschob. Um den Industriepalast, bei dessen Leitung der Prinz Napoleon seine Lorbeeren im orientalischen Kriege vergessen machen sollte, herrschte reges Treiben und im Innern noch die heilloseste Verwirrung, obgleich man schon den 28. April schrieb. Leute aller Stände, Schaulustige, Arbeiter und Aussteller drängten sich. Die Avenue des Champs Elysees entlang, vom Platz des Ausstellungsgebäudes her, kamen zwei Männer; der eine hochgewachsen, alt, mit zwei tiefen Narben über dem Gesicht, in eine alte Uniform niedern Grades gekleidet; der andere klein, gebückt, mit dichtem, struppigem Haar und stechenden, unruhigen Augen, in gutem bürgerlichen Anzug. Sie sprachen Italienisch und hielten sich soviel wie möglich abgesondert. »Sie wissen also gewiß, daß er kommt?« fragte der Kleine. »Aus der gleichen Quelle, aus der ich Ihnen vorgestern die Nachricht brachte, daß die beschlossene Reise nach der Krim aufgegeben sei. Die Minister haben ja so oft erklärt, daß das Wohl des Staates an seine Person gefesselt wäre – da konnte schon der Rückzug mit Ehren angetreten werden.« »Man wird bald Gelegenheit haben, sich von der Wahrheit dieser Meinung zu überzeugen!« »Still«, unterbrach der Ältere diese spöttischen Worte; »die Luft und die Bäume könnten Ohren haben! – Sie sind also entschlossen?« »Wozu jetzt noch ein Zweifel – im letzten Augenblick? – Hier, fassen Sie meine Hand und prüfen Sie meinen Puls!« »Ich meinte nur, Signor Pianori, ob auch die Gelegenheit ...« »Nennen Sie mich Liverani, wie ich in meiner Wohnung heiße; es ist sicherer. Die erste Gelegenheit ist die beste und ich will sie mir nicht entgehen lassen.« »Es ist ein Viertel über Vier – in einer halben Stunde spätestens muß er kommen.« »Und seine Begleitung.« »Wahrscheinlich nur ein paar Adjutanten – wie gewöhnlich in kurzer Entfernung einige jener unbeholfenen Dummköpfe von der geheimen korsischen Sicherheitswache, die man gegen die Polizei Pietris eingetauscht. Sie werden also, wenn Sie meinen Rat befolgen, leicht entkommen.« »Ich trage einen vollständigen hellen Anzug unter diesen dunklen Kleidern, auch eine Kappe.« »Ihre Droschke wird an der bezeichneten Stelle halten – links vom Chateau des fleurs; die Frau ist entschlossen und wird mit einem weißen Taschentuch aus dem Schlag lehnen. Sie laufen durch die Blumenanlagen. Sind Ihre Waffen in Ordnung?« »Es ist ein Präzisionspistol mit Doppelläufen übereinander und kostete mich in London hundertfünfzig Franken. Außerdem habe ich zwei Terzerole in der Tasche und ein Messer im Gürtel – für mich, wenn es mißlingt.« Ein Mann in Arbeiterbluse streifte in diesem Augenblick dicht an ihnen vorüber und der Alte im Soldatenrock winkte seinem Begleiter Schweigen. Erst als der Mann weit genug entfernt war, wagte er wieder zu sprechen. »Dort ist der Triumphbogen und das Chateau – wir wollen scheiden. Im Namen der Unsichtbaren, Bundesbruder, frage ich dich zum letztenmal; bist du entschlossen, deinen Eid zu halten?« »Ich bin's!« »So sei der Genius der Freiheit mit dir und führe deine Hand! Leb' wohl, Bruder – was auch dein Los ist, die Krone des Siegers oder des Märtyrers – die Rächer werden dich nicht verlassen!« – Er drückte ihm die Hand und ging. Sobald er dem Italiener aus den Augen war, wandte er seine Schritte nach der Rue de Challot, erreichte den Boulevard du Banquet und nahm an der Barrière de l'Etoile Platz in einem Kaffeehaus, von wo er die Avenue übersehen konnte. Gegen fünf Uhr kam Napoleon die breite Allee dahergeritten, nur begleitet von einem seiner Adjutanten, dem Grafen Edgar Ney, und seinem Stallmeister, dem Oberleutnant Valabrégue. In einiger Entfernung folgte den beiden Reitknechten ein Wagen, in dem der Chef der geheimen korsischen Sicherheitswache, Hirevoy, saß mit einem ihrer Mitglieder, Alessandrini. Auf der Höhe des Chateau des fleurs, wo wenige Spaziergänger weilten und nur zwei Arbeiter wie zufällig umherschlenderten, erhob sich von einer der Steinbänke beim Nahen der Reiter plötzlich ein gut gekleideter Mann; er trat mit einer Verbeugung dem Reitweg näher, die Hand in der Brusttasche, gleich als wolle er eine Bittschrift überreichen. Dies schien auch der Kaiser zu glauben. Er zügelte sein Pferd etwa sechs Schritt vor dem Mann, neigte sich über den Sattel und streckte die Hand aus. Der Bittsteller zog ein vierläufiges Pistol aus der Tasche und schoß auf den Reiter. Die Kugel ging fehl; Napoleon fuhr mit der Hand wie schützend nach dem Kopf. Diese Bewegung rettete wahrscheinlich sein Leben, denn der Mörder feuerte ein zweites Mal – das Pistol über den linken Arm gelegt – die Kugel riß nur den Hut herunter. Ehe er den dritten Lauf abschießen konnte, warf sich der nächste der beiden Arbeiter auf den Italiener und versetzte ihm einen Dolchstich in den Arm. Das Pistol fiel. Ein kurzes Ringen – der Korse Alessandrini sprang aus dem Wagen und packte den Italiener. Als dieser seine Flucht vereitelt sah, ergab er sich trotzig in sein Schicksal und ließ sich, von einer schnell sich sammelnden Menschenmenge umringt, binden und von dem als Arbeiter verkleideten Geheimpolizisten in eine Droschke stoßen. Napoleon, bleich, aber gefaßt, setzte seinen Weg zum Boulogner Wäldchen fort, wo er die Kaiserin treffen wollte. Erst als die erregte Volksmenge sich um ihn drängte, setzte er sein Pferd in Galopp. Am Triumphbogen hielt er an. Er sah einen Mann scharf an, der an einem Pfeiler der Kettenabsperrung stand. Die Nachricht des Anschlags war noch nicht bis dorthin gelangt, wenn man auch aus der Ferne den Auflauf in der Avenue deutlich bemerken konnte. Dennoch starrte der Unbekannte verwundert auf den Kaiser; die tiefe Narbe, die von der linken Schläfe des Greises quer über den Schädel lief, glänzte hell in der Aufregung. Der Kaiser wandte sich zu Oberst Ney und sagte ihm einige Worte über den Mann, der eine alte Uniform trug, und ritt dann rasch weiter. Der Alte kreuzte die Arme über der Brust und erwartete den Obersten. »Ich habe einen Auftrag an Sie, mein Herr,« sagte Ney höflich zu ihm, »und bitte Sie, mir einige Schritte zur Seite zu folgen, um die Aufregung nicht zu vermehren.« »Ich stehe zu Diensten, doch sagen Sie mir zuvor, was der Auflauf in den Cbamps Elysees zu bedeuten hat.« »Es ist ein nichtswürdiges Attentat auf den Kaiser verübt worden, dem Seine Majestät jedoch mit Gottes Hilfe und durch die Wachsamkeit der Polizei des Herrn Balestrino glücklich entgangen ist.« »Ah, Balestrino!« sagte der Alte spöttisch. »Er ist ein anderer Mann als diese Korsen. – Und was ist aus dem Mörder geworden?« »Man hat ihn ergriffen. Er befindet sich in diesem Augenblick wahrscheinlich auf dem Weg zur Conciergerie.« Der Greis schwieg. »Was – wollen Sie von mir?« »Der Kaiser, der Sie zu kennen scheint, wünscht Sie zu sprechen.« »Er hat Sie beauftragt, mich zu verhaften?« »Nein – er befahl mir nur, Ihr Ehrenwort als Soldat zu fordern, daß Sie sich heute abend um zehn Uhr beim Invalidendom einfinden wollen, wo man Sie abholen wird.« »Und wenn ich mich weigere?« »Dann – allerdings – glaube ich auf meine eigene Verantwortung – aber Seine Majestät haben einen solchen Fall gar nicht vorausgesehen und mir nur aufgetragen, sein kaiserliches Wort für Ihr ungefährdetes Kommen und Gehen zu verbürgen.« »Ich werde kommen!« »Ihr Ehrenwort?« Der alte Soldat sah ihn unmutig an. »Ihr Vater, der Marschall, hätte an meinem bloßen Ja nicht gezweifelt! – Auf mein Ehrenwort als Soldat eines Größern denn er ist – ich werde zur Stelle sein.« Er wandte dem Obersten ohne Gruß den Rücken und entfernte sich langsam.   Ganz Paris war in Aufregung über den Anschlag. Das diplomatische Korps, die Minister, die Familie des Kaisers waren schon vor dessen Rückkehr in den Tuilerien versammelt, um ihm Glück zu wünschen – bis zehn Uhr dauerte die Flut der Empfänge, ehe der Kaiser zur Ruhe kommen konnte. Napoleon saß in seinem Arbeitszimmer und rauchte eine Zigarre; zwei Herren mit hohen Ordensauszeichnungen auf dem Frack standen an dem großen Arbeitstisch: Graf Walewski, der bisherige Gesandte in England, und Persigny, der frühere Minister des Innern. Sie waren bestimmt, ihre Rollen in dem neuen Ministerium zu tauschen. Die Verhandlung hatte schon einige Zeit gewährt. »Eine Ihrer letzten Amtshandlungen, lieber Graf,« sagte fortfahrend der Kaiser, »soll die Stellung der Korsen unter Balestrinos Leitung sein. Ich habe mich überzeugt, daß er der Geschickteste und Tätigste ist.« »Wann glauben Euer Majestät, daß die Veröffentlichung der Ernennung erfolgen soll?« »In fünf, sechs Tagen. Der Rücktritt Drouyn de L'Huys muß erst im Publikum seine Wirkung tun; augenblicklich verdrängt sie der heutige Vorfall. Die Ernennung Thouvenels für Konstantinopel soll den Anfang machen. Lassen Sie einstweilen nur Layard und Roebuck mit ihrem Sewastopolausschuß für uns arbeiten. Lord Bourgoyens Zeugnis ist noch belastender als das des Herzogs von Newcastle; das Spiel wird binnen kurzem in unserer Hand sein.« »Oberst Sibthorp«, sagte Graf Walewski spottend, »beabsichtigt, Lord Russell wegen seiner Wirtshausrechnungen für die Mission nach Berlin und Wien zu befragen. Er meint, die Ausgaben für die weibliche Begleitung müßten gestrichen werden.« Der Kaiser lachte herzlich. »Diese Sucht unserer geliebten Verbündeten, sich bloßzustellen, kommt uns sehr zustatten. Palmerstons Eigensinn ist das beste, was wir uns wünschen konnten. Ich prophezeie Ihnen, die Friedenskonferenzen werden ihrer Zeit nur in Paris stattfinden. – Wann glauben Sie, Graf, daß der neue Schlüssel für die Geheimschrift in London eintreffen kann?« »Nicht vor dem 6. oder 7. Mai.« »Das paßt zu dem Gesandtenwechsel. Es ist eine kostbare Idee dieser Engländer – ein einziges Stück zurückzuhalten und das so glücklich sich stehlen zu lassen.« »Es war wirklich ein Glück für Frankreich. Sonst hätten wir von der britischen Absicht, nach Kertsch zu gehen, nichts erfahren. – Was beschließen Euer Majestät dazu?« »Meine Weisungen werden zur selben Zeit in der Krim sein, wo Raglans Bericht in London gelesen werden kann. Canrobert oder –« er schwieg einen Augenblick und überging das Wort, »wird demnach vollkommen Zeit haben, seine Maßregeln zu treffen. Lieber will ich wahrhaftig die Russen am Bosporus dulden, als eine englische Festung am Eingange des Asowschen Meers! – Bei der Gelegenheit fällt mir ein: die Anordnungen wegen der ausschließlichen Beförderung der Briefe nach und aus der Krim durch die Post sind doch wiederholt und werden streng beachtet? Wir sind nicht solche Narren wie die Engländer, uns selbst bloßzustellen. Die gestrigen Listen unserer Verluste und der Gefangenen, die wir seit Beginn der neuen Beschießung gemacht, lauten wenig günstig.« »Die Lagerpolizei ist aufmerksam; die Kapitäne aller Truppenschiffe und Frachter haben strenge Befehle. Man täuscht sich übrigens im Volke wenig über den Zweck der Anordnung, und die Post hat manchen Spott zu leiden. Die alte Herzogin von Beaufrémont gibt alle ihre Briefe nur mit einer Nadel zugesteckt auf die Post und schreibt darunter: Remettez l'épingle, s'il vous plaît! « »Lassen Sie dem Faubourg Saint-Germain den Spaß; dergleichen Beschäftigungen unterhalten ihn und schaden mir wenig. Bewirken Sie nur Beschleunigung des Besuches der Königin Viktoria, Persigny. Ich will den Parisern für die 750 Millionen Franken der neuen Anleihe wenigstens ein Schauspiel geben, während die britische Regierung für 16 Millionen Pfund nichts tut, als Stoff für Blamagen aus der Krim zu liefern.« »Majestät sind heute bei Humor!« Der Kaiser lächelte. »Glaubst du, die Geschichte in den Champs Elysees habe mir den Appetit verdorben? Frankreich muß heut' empfunden haben, wieviel an meiner Person liegt – und dieser Bericht Pietris über des Nichtswürdigen Vergangenheit und Herkunft beruhigt mich über die einzige Besorgnis, die ich aus dem seltsamen Zusammentreffen hätte ziehen können.« »Ich verstehe Euer Majestät nicht!« »Der Herr Gesandte muß seine Wißbegierde schon für London aufsparen, wo sie mir hoffentlich recht gute Dienste leisten wird! – Für heut' genug, meine Herren. Sie, lieber Graf, habe ich noch um einen vertraulichen Dienst zu bitten. Bleiben Sie nur, Persigny, es ist kein Geheimnis. – Wissen Sie, wen ich heute am Triumphbogen wiedererkannte?« »Ich bin begierig.« »Unsern Bekannten aus dem Invalidendom – vor zwei Jahren.« »Dem die ganze Polizei so lange vergebens nachspürte? Und Euer Majestät ließen ihn nicht verhaften, wo sein Erscheinen offenbar im Zusammenhang mit dem Mordanfall steht?« »Lieber Freund,« sagte Napoleon mit geheimnisvollem Lächeln, »es sind wahrscheinlich gegenwärtig viele merkwürdige Fremde in Paris, ohne daß sie gerade mit Herrn Pianori in Verbindung stehen. Doch ist meine Absicht eben, mich in dem vorliegenden Falle davon zu überzeugen, auch ohne daß ich in die Aufgabe meiner Polizei eingegriffen habe. Deshalb bitte ich Sie, von hier sich zum Dom der Invaliden zu begeben; Sie werden den Mann, von dem wir eben sprachen, dort finden. Geben Sie ihm dieses Papier« – er warf rasch einige Worte auf ein Blatt – »und führen Sie ihn hierher. Ney ist anderweitig beschäftigt, und Sie sind ihm bekannt.« »Und was soll ich mit ihm tun?« »Sie führen ihn hierher – durch die Terrasse du Bord und den Pavillon Marsan. André wird Sie dort abholen. Sie bleiben dann im blauen Salon im Bereich meiner Stimme. – Adieu bis dahin!« Die beiden Minister zogen sich zurück. Der Kaiser blieb einige Zeit allein, mit seinen Gedanken beschäftigt. Ab und zu warf er einen ungeduldigen Blick auf die große Uhr auf dem Kamin, ein Meisterwerk Delacours. Mit dem Schlag halb elf hörte man ein Kratzen an der mittleren, durch einen schweren Vorhang verdeckten Seitentür; der Kaiser schloß sie sogleich selber auf. Zwei Männer traten ein; der eine war Graf Ney, der andere ein zierlich gebauter Mann von etwa dreißig Jahren in einfachem Anzug. Der Kaiser erwiderte die Verbeugung des Unbekannten und wandte sich dann an seinen Begleiter. – »Verlassen Sie uns, lieber Graf, und verhindern Sie jede Störung, bis ich Sie rufe.« Der Adjutant ging. Der Kaiser schloß hinter ihm die Tür und ließ den Vorhang fallen. »Wir sind allein, mein Herr!« Einige Augenblicke betrachteten beide Männer einander mit offenbarer Neugier. Der Fremde zeigte in dem feingeschnittenen Gesicht tatarischen Ausdruck; die blitzenden Augen waren von einer Brille bedeckt; eine Falte zwischen den Brauen verriet einen gewissen Zwang, den er sich antat. Seine Haltung war frei von Höfischem, von jeder Unterwürfigkeit, die sich gewöhnlich in der Nähe des Trägers einer Krone zeigt. Der Kaiser ging nach seinem früheren Platz zurück, nahm zwei kleine Bücher aus seiner Handbücherei und legte sie neben sich auf den Sessel. Mit einer leichten Handbewegung sagte er höflich: »Ich bitte, nehmen Sie Platz, unsere Unterhaltung kann vielleicht lange dauern. Ich hoffe, Sie haben alle Anordnungen für die Geheimhaltung dieser Unterredung nach Ihren Wünschen gefunden?« Der Fremde verneigte sich. »Euer Majestät sind meiner – Bitte auf das freundlichste entgegengekommen, und ich danke Euer Majestät dafür.« Das Wort »Majestät« schien nur nach Zwang über die stolz aufgeworfenen Lippen zu kommen; ein dunkles Rot übergoß das Gesicht, als er den leisen Triumph spürte, der einen Augenblick lang um den Mund des Napoleoniden zuckte. »Sie haben den Auftrag,« sagte der Kaiser, »die vertraulichen Unterhandlungen zu Ende zu bringen, die nach dem Tode des Zaren Nikolaus meines Herrn Bruders Liebden in Petersburg wegen des künftigen Friedensschlusses mit mir im geheimen eröffnet hat. Sie werden höchstwahrscheinlich – da mir die Bürgschaft Ihrer unbekannten Person fehlt – eine Vollmacht besitzen?« Der seltsame Unterhändler überreichte ein Blatt. Der Kaiser faltete es auseinander. Es enthielt nur die Worte: »Pleins pouvoirs! Alexandre.« Napoleon machte eine zustimmende Bewegung und gab das Blatt zurück. »Dies genügt vollständig. – Kommen wir also zur Sache.« »Die Aussichten des Krieges in der Krim stehen in diesem Augenblick günstiger für uns, als bei Beginn des Feldzugs. Wir haben eine starke Festung und eine zahlreiche, entschlossene Besatzung, wo wir früher nur eine unvollständige Verteidigung besaßen. Ihre Armee, Sire, hat bei allem militärischen Ruhm, mit dem sie sich durch ihre Ausdauer bedeckt, doch während des Winters viel gelitten. Ihre Belagerungsarbeiten haben nur geringe Fortschritte gemacht.« »Ich täusche mich nicht darüber. Doch ich habe mächtige Verbündete!« »Welche, Sire? – England? – Sardinien?« Die Frage klang spöttisch. »Nein, mein Herr! – Das Frühjahr und nötigenfalls noch den Sommer!« »Wir haben die gleichen, obgleich ich zugebe, daß der Winter unser besserer Verbündeter war. Die Werke Sewastopols – –« Der Kaiser, der mit den beiden Büchern spielte und sie wie zufällig durchblätterte, unterbrach ihn lächelnd. »Lassen wir das alles – das war Sache der Vorverhandlungen, und wir haben Wichtigeres. Ich will mit Offenheit Ihnen vorangehen und aussprechen, daß ich den Frieden so gut brauchen kann wie Rußland.« »Sire, Sie erklärten den Krieg!« »Ich habe dem Zaren Nikolaus den Krieg erklärt, nicht dem Zaren Alexander. Ich brauchte damals den Krieg, denn es galt, meinen Thron zu befestigen. Jetzt gilt es, meiner Nachkommenschaft diesen Thron auch zu sichern. Das kann die Diplomatie besser als der Krieg. – Sie sehen, ich bin aufrichtig.« »Euer Majestät danke ich dafür. Was Rußland dazu tun kann – – –« »Nein, mein Herr, das sind Versprechungen. Ich muß die ganz bestimmte Erklärung haben, daß Rußland die Bourbonen für alle Zeit fallen läßt! Mit den Orleanisten und den Republikanern werde ich schon allein fertig. Das einzige, was meiner Familie entgegenstehen kann, ist die Überlieferung, die Tradition – und mit dieser muß Rußland freiwillig – merken Sie wohl – freiwillig und offen brechen, wenn ich meinerseits Opfer bringen soll.« Der Unterhändler schwieg. »Die Romanows«, fuhr der Kaiser fort, »haben ebensogut ihren Anfang gehabt wie die Bonapartes. Ich bin nicht einmal das erste, sondern das dritte Glied meines Hauses auf dem Thron. Sie werden mir zugestehen, daß die Bourbonen ihre Glanzzeit überlebt haben. Dies würde auch künftig der Fall sein. Die Orleans sind ein Geschlecht von Unruhestiftern und Gelegenheitsmachern. Sie haben also keine Bürgschaft für die Zukunft als in mir. Und wenn je ein Mann das Wort wahr gemacht hat, daß er mit der Revolution gebrochen, so bin ich es!« »Euer Majestät legen, ich erkenne es im Namen meines Gebieters an, die Notwendigkeit klar dar, aber nicht die Mittel.« »Hören Sie mich an: ich fordere keine Erniedrigung der rechtmäßigen Höfe von Europa, wie mein Onkel törichterweise tat, um seinem Stolz zu schmeicheln. Aber ich fordere anerkennendes Entgegenkommen. Ich wiederhole Ihnen, die Person des Zaren Nikolaus war es, die meinen Ansprüchen in Europa bisher entgegenstand. Er war es, der den Weg abschnitt, den ich zur Einbürgerung meiner Rechte versuchte. Solang er lebte und unbesiegt war, blieb ich ein geduldeter Emporkömmling und in zweiter Reihe. Gott selber hat entschieden und Rußland die neue Auffassung einer neuen Zeit leicht gemacht. Ich bin kein Eroberer wie mein Onkel – ich will nicht in Europa gefürchtet, aber ich will gesucht und nötig sein. Wir werden den Frieden schließen unter Bedingungen, die für unsere beiderseitige Stellung notwendig und nützlich sind. Dann wird die Zeit neuer Bündnisse und diplomatischer Möglichkeiten eintreten. Die erste Notwendigkeit hierzu war die Sprengung der sogenannten heiligen Allianz.« »Sie ist längst tot– durch Österreichs Dankbarkeit.« »Ja, aber Rußland muß sich verpflichten, auch nicht einmal für die Wiederherstellung des Scheins etwas zu tun.« »Unsere Staatsmänner haben die erste Forderung Euer Majestät erkannt, und Rußland verpflichtet sich dazu.« »Das ist mir lieb. – Es wird, um des allgemeinen Eindrucks willen, notwendig sein, daß beim Friedensschluß Rußland einige Zugeständnisse am Schwarzen Meere macht, vielleicht die Abtretung einer unwesentlichen Landstrecke zur sogenannten Berichtigung der Grenze und der Donaumündung. Wir sind dies Osterreich schuldig für seine Rolle, werden aber dafür sorgen, daß es keinen festen Fuß am Schwarzen Meer faßt. Die Schutzherrschaft der Donaufürstentümer wird unter die gemeinsame Diplomatie gestellt.« »Das ist ein schwerer Verlust für Rußland.« »Eine bloße verführerische Gelegenheitsmacherei. Nach dem Verlust Ihrer Flotte und Arsenale im Süden ist Ihnen die Sache ohnehin nutzlos.« »Aber unsere Flotte ist noch nicht verloren!« Das Auge des Russen blitzte feindlich. »Sie ist es! – Wir können natürlich nicht über den Bosporus wieder zurückgehen, bevor die russische Flotte zu bestehen aufgehört hat. Übrigens ist sie ja zur Hälfte schon vernichtet. Doch das wollen wir später erörtern. Seien Sie versichert, daß ich gar keinen Einspruch erhebe gegen jede Verstärkung Ihrer Flotte im Norden; eine solche kann nur mein Wunsch sein, und ich werde Ihnen bereitwillig die französischen Werften für diesen Zweck öffnen.« »Wir sind bereit,« sagte der junge Diplomat langsam und feierlich, »unsere Angriffsstellung im Süden zu opfern, natürlich unter Vorbehalt unserer Rechte bei einer künftigen Regelung der türkischen Frage – aber unter der Bedingung, daß England keine weiteren Erwerbungen am Mittelmeer macht und nicht am Schwarzen Meer festen Fuß faßt.« »Ach, dafür lassen Sie schon mich sorgen! – Sie werden in kurzem ein Pröbchen davon hören, wie ich meinen landgierigen Verbündeten zu Rußlands und zu Frankreichs Besten auf die Finger sehe! Möge Rußland zusehen, wie es sich den Weg nach Indien bahnt und sich nach China ausdehnt – ich werde gar nichts dawider haben! Asien ist das Land der nächsten fünfzig Jahre.« »Sire – ich will Ihre Offenheit erwidern – Sie wollen das Mittelmeer?« »So ist's – und es ist nicht mehr als billig, daß Frankreich dort herrscht. Seine natürliche Lage berechtigt es dazu, und ich hoffe es noch zu erleben, daß jeder kecke Eindringling auf sein natürliches Gebiet zurückgewiesen wird. Sie taten recht, mein Herr, geradezu auf den Hauptpunkt unserer Verständigung loszugehen. – Hier ist das Bündnis der Zukunft für Rußland und Frankreich. Vorläufig verlange ich nur, daß Sie meine Politik und meine Festsetzung in Italien nicht beschränken; ich werde dafür mit Ihnen in der dänischen Frage Hand in Hand gehen. Dies sprengt das österreichisch-englische Bündnis – Preußen in Schach zu halten, ist Ihre Sache.« »Unsere Ansichten begegnen sich. – Preußen ist ein Staat, dessen Hauptaufgabe seine innere Entwickelung und seine Verteidigung gegen Österreich bleibt.« »Dies erkenne ich an und wünsche dringend mit ihm ein freundliches Verhältnis. Weiter können wir uns nicht viel nutzen, doch muß ich darauf bestehen und dafür sorgen, daß es nach dem Frieden sich der Anerkennung meiner Berechtigungen anschließt. Als Entgelt werde ich sein Recht auf Teilnahme an den Friedensverhandlungen trotz seiner Neutralität gegen alle englischen Einwendungen unterstützen. Die öffentlichen Friedensverhandlungen müssen natürlich in Paris stattfinden.« »Sollte nicht Brüssel oder Berlin –« »Nein, nein! – Das ist das erste und natürlichste Zeichen der Anerkennung und Sicherung, die unser Hauptbedingnis ist.« »Wir überlassen Euer Majestät die Wahl.« »Und nun, da wir mit der Zukunft fertig sind, lassen Sie uns zur Regelung der Nebenfragen übergehen – ich meine zur ehrenvollen Beendigung des Krieges selber und zur Entscheidung über Sewastopol.« »Sire, vergessen Sie nicht die Waffenehre Rußlands! Wir wünschen den Frieden, aber wir sind nicht besiegt, und – ich muß es wiederholen – Sewastopol ist fester denn je!« Der Kaiser sann eine Weile nach. »Die Verständigung ist vom militärischen Standpunkt schwieriger als vom politischen. Sie sind wahrscheinlich selber Offizier oder haben wenigstens gedient?« Der Unterhändler verbeugte sich. »So werden Sie desto leichter einsehen, daß ich das Gefühl der Armee schonen muß. Sie kann ohne einen Erfolg oder eine große Niederlage nicht zurückkehren – die letztere würde alle unsere diplomatischen Pläne vernichten oder in weite Ferne schieben. Der Franzose lebt von der gloire und ich darf die Armee nicht verletzen. – Vielleicht eine ehrenvolle Übergabe?« »Sire, Sie haben die britische und türkische Armee zu Verbündeten!« »Ei, die könnte man sich vom Halse schaffen – geben Sie den Burschen in Kleinasien eine Lektion – dort ist mir Ihr Sieg ganz recht. Machen Sie selber einen Vorschlag; Sie werden ohne einen solchen nicht hierher gekommen sein.« »Lassen Euer Majestät uns den Kampf um Sewastopol wie ein Turnier des Mittelalters betrachten. Welches dann auch der Ausgang sei, die politischen Folgen sind durch die eben erfolgte Verständigung über die Zukunft geregelt – unsere Armeen kämpfen nur noch um die Ehre. Euer Majestät mögen selber den Zeitpunkt bestimmen, bis zu welchem Tag dies Turnier dauern soll. Jeder tut das Mögliche für den Ruhm seiner Waffen. Die Einnahme der Südseite oder der von Ihnen festgesetzte Tag endet den Kampf und läßt einen Waffenstillstand eintreten, währenddessen der Friede geschlossen wird. Auch im Fall das Glück uns begünstigt, wird Sewastopol ein Schutthaufen und – ich gestehe es zu – unsere militärische Herrschaft auf dem Schwarzen Meer für längere Zeit beschränkt sein. Man stampft weder Arsenale noch eine Flotte noch ihre Besatzung aus den Gräbern.« Die beiden Männer schwiegen. Nach einer Pause schrieb der Kaiser einige Worte auf ein Blatt und reichte es dem Unterhändler. »Ist Ihnen dieses Datum genehm?« »Ja, Sire, obgleich alle Aussichten dann für Sie sind. Überlebt Sewastopol diesen Tag, so wäre – ja, es wäre Wahnsinn, Ihre Armee noch einem Winter wie dem vorigen auszusetzen. Der Waffenstillstand beginnt demnach auf jeden Fall von diesem Tage an?« »Ja. – Wenn Sewastopol fällt, selbst im Sturm, sollen sich Ihre Truppen unbelästigt zurückziehen dürfen. Wir werden den Sieg nicht verfolgen.« »Ich danke Ihnen, Sire, obgleich ich hoffe, daß er auf unserer Seite sein wird. – Die Einschiffung der Franzosen wird von uns durch keine Feindseligkeit gefährdet werden.« Beide lächelten unwillkürlich bei diesem Wettstreit. »Das Turnier, mein Herr, wird viel Blut kosten. Kön- nen wir die Menschenleben verantworten?« Der Russe sah ihn erstaunt an. »Elihu Burrit, Sire, ist ein Narr. Fürsten können keine Philanthropen sein, wie teilnehmend auch ihr Herz dem einzelnen Leiden schlägt. Wir Russen machen Politik mit den Soldaten, nicht um der Soldaten willen.« »Sie sprechen kühn«, sagte der Kaiser, indem er sich erhob, »und sind überhaupt ein seltsamer Unterhändler, mit dem man rasch zu Ende kommt. Walewski und Nesselrode hätten sicher zu dem, was wir in einer halben Stunde erreicht, Monate gebraucht – was allerdings wahrscheinlich noch mehr Blut gekostet haben würde. Doch – wir haben bei alledem eine Hauptsache aus dem Spiele gelassen – Seine Herrlichkeit Lord Palmerston und meine Verbündeten!« »Euer Majestät Flotte – ich spreche Ihnen meine Hochachtung aus über Ihre Marine – und die russische hätten vereint England vom Erdball peitschen können! Euer Majestät mögen es mit England einrichten nach Ihrem Belieben. Wir unterhandeln mit Frankreich.« Ein selbstzufriedenes, stolzes Lächeln lag auf dem Gesicht Napoleons. »So wären denn alle Punkte geordnet – aber in welcher Form wünscht Seine Majestät der Zar Alexander einen Austausch unserer Bestimmungen?« »Sire, mein Va– der verewigte Zar hat uns die Lehre vom blauen Buch hinterlassen. Mein Herr ist zufrieden mit dem Versprechen Euer Majestät, das ich die Ehre habe, hiermit anzunehmen. Ich habe Ihnen freilich dagegen nichts zu bieten, als eben diese Vollmacht.« »Ihr Wort genügt mir gleichfalls. – Es soll mich freuen, Eure Kaiserliche Hoheit nach geschlossenem Frieden öffentlich in Paris zu empfangen und das bewiesene Vertrauen dann zu vergelten.« »Sire – –« Napoleon überreichte dem überraschten Konstantin Nikolajewitsch das Buch, in dem er mehrfach geblättert, und drückte auf die Feder der Glocke. Es war der Gothaische Almanach der regierenden Häupter vom Jahr 1850. Die Tür hinter dem Vorhang öffnete sich; Oberst Ney trat ein. »Leben Sie wohl«, sagte der Kaiser und drückte seinem Besuch die Hand. »Reisen Sie glücklich. Ich hoffe, das Turnier fällt zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit aus, und wir sehen uns recht bald wieder. – Lieber Graf, Sie werden die Gefälligkeit haben, sich ganz zur Verfügung dieses Herrn zu stellen.« Er geleitete den Besuch, der seit der unerwarteten Anrede geschwiegen hatte, mit auffallender Artigkeit bis an die Schwelle des Gemachs. Dann warf er sich auf das Sofa und bedeckte, tief aufatmend, das Gesicht mit der Hand. Nach einer Weile sprang er auf und trat vor das Bild seines großen Oheims. Mit einem selbstzufriedenen Hohn betrachtete er es. »Die Sühne ist gebracht,« murmelte er, »meine Schuld an dich abgetragen; die Beleidigung, die mir selber geworden, habe ich gerächt. Jetzt kommt die Zeit, die mein allein ist!« In tiefen Gedanken schritt er einige Male auf und nieder. »Ich bin müde von all dem«, sagte er laut, »und muß zu Ende kommen. Sehen wir, ob Walewski meinen Mann gefunden hat.« Er klatschte in die Hände. Sein vertrauter Kammerdiener André trat ein. »Ist der Graf im Salon – allein oder in Begleitung?« »Seine Exzellenz harren seit einer Viertelstunde. Ein alter Herr ist bei ihm.« »Laß sie eintreten.« Napoleon hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen; der große Arbeitstisch trennte ihn von den Eintretenden. Der Begleiter des Grafen Walewski war der Greis, den der Kaiser am Triumphbogen getroffen hatte. Er trug jetzt vornehme Bürgerkleidung, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt. »Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie Wort gehalten haben«, sagte der Kaiser. »Es ist lange her, daß wir uns nicht sahen, dennoch erkannte ich Sie sogleich – trotz der Verkleidung. – Beabsichtigen Sie auch jetzt noch, Ihr Inkognito beizubehalten?« »Sire – ich bin der Graf Lubomirski, Rittmeister der polnischen Lanzenreiter unter Ihrem Oheim, zuletzt Oberst in der Armee der polnischen Republik.« »Ah! Ich kenne den Namen. Einer der Helden von Somosierra mit Niegolewski – wenn ich nicht irre?« Lubomirski verbeugte sich. »Mein Herr,« fuhr Napoleon fort, »unsere Bekanntschaft ist seltsamer Art, und ich gestehe Ihnen offen, daß ich es bedaure, einen Mann Ihres Namens in Verhältnissen und Verbindungen zu treffen, deren Natur nur geheimnisvoll und – verbrecherisch sein kann. Dennoch habe ich Vertrauen zu Ihnen und habe Sie unter Verpfändung meines Ehrenwortes zu dieser zweiten Zusammenkunft geladen, um einige Fragen an Sie zu richten.« »Sire – meine Anwesenheit zeigt Ihnen, daß ich Ihnen antworten werde – soweit es mich betrifft – aber nur, wenn ich die Ehre einer geheimen Unterredung habe.« »Ich bat Sie schon früher, lieber Walewski –« »Euer Majestät verzeihen – aber ich muß mich weigern, Sie mit einem Mann allein zu lassen, der zu dem Bund Ihrer gefährlichsten Feinde gehört.« »Der Herr war Offizier meines Oheims«, sagte Napoleon ruhig. »Sie hörten es selber, lieber Graf. Ich entbinde Sie aller Verantwortung und nehme sie auf mich. – Bleiben Sie bitte im Nebenzimmer.« Der Minister entfernte sich mit einem besorgten Blick auf den Polen. Napoleon und der Abteilungschef der revolutionären Propaganda war allein. Erst nach einigen Augenblicken brach der Kaiser das Schweigen. »Sie sind ein Mitglied der sogenannten ›Marianne‹, oder vielmehr ein Mitglied des Bundes der Unsichtbaren?« Ein spöttisches Lächeln zuckte unter dem grauen Schnurrbart des Polen. »Euer Majestät sind gut unterrichtet durch den Baron Ripèra.« »Sie haben das unbedingte Versprechen Ihrer eigenen Sicherheit in der Hand. Wollen Sie mir deshalb aufrichtig eine sonst gefährliche Frage beantworten?« »Ich erklärte mich schon bereit dazu – da es ohnehin wohl die letzte Unterredung sein wird, mit der Eure Majestät mich beehren.« »Das wird von Ihnen abhängen«, sagte der Kaiser, ohne auf den Doppelsinn zu achten. »Sagen Sie mir offen und ohne Besorgnis: wußten Sie um den heutigen Mordanfall gegen mich?« »Ja, Sire!« »Also doch – ein politischer, wohlüberlegter Anschlag – nicht nur der Wahnsinn eines einzelnen! – Das ist abscheulich!« »Sire – Sie sind uns im Weg – Sie haben sich aus unserem Schützling, aus unserer Hoffnung zu unserem Herrn gemacht. Sie, der Republikaner auf dem Thron, sind der bitterste Feind der sozialen Republik geworden – Sie müssen sterben, Sire!« »Torheit! – Wissen Sie nicht, daß das Leben der Männer, die Gott auf einen Thron gesetzt, unter seinem Schutz steht?« »Die Königsmörder, Sire, sind oft die Rächer in der Hand des gleichen Gottes.« »Das ist Gotteslästerung! Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe und überbringen Sie es den Häuptern Ihrer Verbindung, wenn Sie nicht, wie ich vermute, selbst eines – bitte,« unterbrach er sich, denn der Graf war dem breiten Tisch einen Schritt näher getreten – »bleiben Sie an Ihrem Platz! Ich wünsche nicht eine allzu große Nähe. – Also hören Sie und berichten Sie den Ihren meinen festen Entschluß. Ich habe nicht Lust, politischen Fanatikern oder Schurken länger zur Zielscheibe zu dienen, weil ich ihren Plänen unbequem geworden bin. Ich erkenne an, daß die revolutionäre Propaganda so gut eine bestehende Macht ist, wie die rechtmäßigen Throne oder die Throne de facto , eine Macht, mit der man unterhandeln kann. Möge sie daher England, Italien, Ungarn – meinetwegen auch die Türkei zum Schauplatz ihrer Tätigkeit machen – ich werde sie gewähren lassen und bewillige ihr ausdrücklich dies Feld. In Frankreich aber dulde ich sie nicht mehr – in Frankreich bin ich Herr, ich allein! Bisher habe ich sie mit offenen Waffen bekämpft – aber ich schwöre Ihnen: bei dem geringsten Versuch von Meuchelmord, der noch einmal gegen mein Leben oder ein Leben der Familie Napoleon gemacht wird, soll Cayenne ein Dorado für sie sein. Ich will sie verfolgen wie giftiges Gewürm bis in die geheimsten Schlupfwinkel! Also: persönliche Sicherheit bei allem grundsätzlichen Kampf – oder ein Vertilgungskrieg aufs äußerste!« Das Gesicht Napoleons war dunkelrot geworden bei den heftigen Worten – Graf Lubomirski aber hatte ihnen anscheinend unbewegt zugehört. »Jetzt, mein Herr,« fuhr Napoleon fort, »ist der Zweck erledigt, wegen dessen ich Sie hierher bemühte. Ich wollte sicher sein, daß meine Worte, meine Entschlüsse unverfälscht zu den Leitern jener Bündnisse kämen, und benutzte den Zufall, der mich Ihnen endlich wieder begegnen ließ. Gehen Sie zurück nach England, woher Sie mit dem feigen Meuchler gekommen sind und wo Lord Palmerston Ihren Freunden seinen Schutz gewährt. Sie haben mein Geleit; niemand wird Ihre Abreise hindern. Aber hüten Sie sich, zurückzukehren nach Frankreich – um der Erinnerungen von Somosierra willen wünsche ich dies, Herr Graf!« »Sire, ich komme nicht aus England!« »Woher sonst? – Diese Ermittlungen der Polizei« – er zeigte auf ein Papier – »ergeben, daß der Mörder ein Italiener, ein ehemaliger Genosse Garibaldis ist und vor acht Tagen aus England kam.« »Ich widerspreche dem nicht – ich jedoch, Sire – komme aus Rußland.« Der Kaiser fuhr auf. »Aus Rußland, sagen Sie? – Das ist seltsam! Wäre es möglich?« »Sire – es wird Ihnen beweisen, daß Sie mit einigen Voraussetzungen unrecht haben. Von wem Pianori ausgeschickt ist, mögen Ihre Gerichte ermitteln, wenn sie dazu imstande sind. Ich aber kann Ihren Auftrag an die Häupter der freien Verbindungen nicht ausführen. – Ich lege den Schutz, den mir Ihre eigenhändigen Zeilen gewähren, in Ihre Hände zurück. Sie werden mich auch nicht wiedersehen; denn, Sire, es gibt noch einen anderen wichtigen Grund, weshalb – –« Er legte das Papier, das Graf Walewski ihm gegeben hatte, auf den Tisch. Plötzlich fuhr er zurück – der entschlossene, finstere Ausdruck des narbigen Gesichts wich dem einer tiefen Seelenangst. Napoleon hatte sich halb erhoben und die Linke an die Feder der Glocke gelegt, die Rechte ergriff einen Gegenstand zwischen den Kissen des Sessels. »Was beabsichtigen Sie, mein Herr? – Hüten Sie sich!« »Halten Sie ein, Sire – um Gottes willen – verzeihen Sie – ich sehe hier einen Namen – ich beschwöre Sie: Wie kommt der Name dieses Knaben in Ihr Kabinett?« Er hatte ein Papier, auf das zufällig sein Auge gefallen war, aufgerafft und hielt es zitternd dem Kaiser hin – große Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. »Es ist die Liste der russischen Offiziere,« sagte Napoleon kalt, »die in den nächtlichen Gefechten seit Wiederbeginn der Beschießung vor Sewastopol zu Gefangenen gemacht wurden. Wenn Sie wollen, so lesen Sie immerhin.« »Sire« – der Greis taumelte nach der Lehne eines Sessels und stützte sich darauf, das Papier fest in der Hand – »erlauben Sie – aber ich bin ein alter Mann, und was mir soeben begegnete, hat mich überwältigt.« Er kämpfte sichtbar mit einer ungewöhnlichen Erregung. Der Kaiser war nähergetreten und nötigte ihn zum Sitzen. »Nehmen Sie Platz, Herr Graf! Vielleicht haben Sie auf der Liste einen bekannten Namen gefunden?« »Es ist der Name meines Enkels Michael Lasarow – Fähnrich – Sie – Sie sagten vorhin, Gott bewahre das Leben derer, die er auf einen Thron setzt! Der Name dieses Knaben hat Ihr Leben gerettet – denn in diesem Augenblick schon hätte Frankreich keinen Herrn mehr gehabt!« Napoleon konnte ein Gefühl des Schauders und Widerwillens nicht unterdrücken, doch gewann er sogleich seine Fassung wieder. »Sie fiebern, Herr Graf – und schreiben sich eine Absicht zu, an die ich zu Ihrer eigenen Ehre nicht glauben mag!« »Nein, Sire,« sagte fest der alte Revolutionär, »was ich sage, ist Wahrheit. Nicht die Beschlüsse der Gesellschaften, der Unsichtbaren allein drohten Ihnen den Tod – Ihr Leben war einem entschlossenen Mann notwendig, um das Teuerste zu retten, was er besitzt. Ihr Tod hätte die Belagerung von Sewastopol beendet, auf dessen Wällen mein Enkel als Verteidiger stand. Gott hat es anders gewollt; als Gefangener der Franzosen ist sein Leben gesichert – machen Sie also mit mir, was Sie wollen.« Napoleon ging einige Male auf und ab und schien einen Entschluß zu überlegen. Dann blieb er vor dem Polen stehen. »Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß mein Wort gültig bleibt. Wollen Sie jetzt meinen Auftrag an die Führer Ihrer Verbindung ausrichten? – Ich biete Ihnen Leben für Leben.« Der alte Graf rang noch gegen seine Erschütterung. »Ich bin überwunden«, sagte er. »Gott hat zu mir gesprochen. Ich stehe zu Ihrer Verfügung, wie ich einst der Soldat Ihres großen Oheims war. Sie werden nichts von mir fordern, was nur ein Ripèra leisten konnte.« »Ich bin damit einverstanden und freue mich. Der Auftrag, den ich Ihnen gegeben habe, muß von Ihnen persönlich ausgeführt werden; ich verlange nicht zu wissen, wo und wie; aber die Sache selber ist für mich zu wichtig. Danach mögen Sie in die Krim abreisen; ich brauche eine Person für die Ausrichtung von Aufträgen dort, die ich keinem Offizier meiner Armee anvertrauen will. Ein offener Befehl wird Sie ermächtigen, über die weitere Gefangenschaft und das Schicksal Ihres Enkels selber zu verfügen.« »Sire, zählen Sie auf mich! – Er soll in die sicheren Mauern einer Festung, bis dieser Krieg zu Ende ist!« »Erledigen Sie das, ganz wie Sie wollen, Herr Graf. – Gehen Sie, denn ich bedarf der Ruhe – ich behalte ein Pfand, daß ich Sie bald wiedersehe. Wenn Sie eine geheime Unterredung wünschen, so wenden Sie sich an meinen Kammerdiener André.« Er gab das Klingelzeichen. Der Minister, der es längst erwartet hatte, öffnete sogleich die Tür. Kriegshochzeit Am 19. Mai hatte General Pelissier das Oberkommando der französischen Armee übernommen – der Kaiser hatte seinen Kämpen zum Turnier gewählt. Die Stärke der verbündeten Truppen betrug zu dieser Zeit durch die bedeutenden Nachschübe aus Frankreich, die Ankunft des türkischen Korps unter Omer Pascha und der Sardinier unter General La Marmora 174 500 Mann, von denen 100 000 allein auf die Franzosen kamen. Auch die Zahl der Russen in der Krim war auf etwa 200 000 Mann angewachsen, so daß fast eine halbe Million Krieger auf diesem Fleck der Erde einander gegenüberstand. Am 9. April hatten die Verbündeten eine zweite Beschießung eröffnet, die, in Anbetracht ihrer riesenhaften Vorbereitung, einzig in der Geschichte dastand. Die Kosten der Vorbereitungen dazu betrugen nicht weniger als sieben Millionen Franken. – Fünfhundertacht Geschütze schweren Kalibers bildeten die Bestückung der Batterien von der Quarantänebucht bis zum östlichen Ende der Reede. Vierzehn Tage dauerte dieses furchtbare Feuer mit beinahe gleicher Heftigkeit ununterbrochen fort, und mehr als zweimalhunderttausend Kugeln verschiedener Art regneten während dieser Zeit auf die Stadt hernieder. Dennoch hatte dieser entsetzliche Eisenhagel nicht den gehofften Erfolg. Obgleich die russischen Batterien dem Feind nicht mit gleicher Heftigkeit antworteten und durchschnittlich alle vierundzwanzig Stunden 15–20 russische Geschütze zerstört wurden, lieferten die ungeheueren Vorräte des Arsenals und die Artillerie der versenkten Schiffe doch hinreichenden Ersatz. Mit jedem Morgen sahen die Verbündeten die feindlichen Batterien in dem gleichen Zustand, wie vor Beginn der Beschießung. Alles, was am Tag die feindlichen Geschosse zerstört hatten, war in der Nacht, trotz dem heftigen Bombenfeuer, wieder ausgebessert. Keine der Festungsbatterien wurde zum Schweigen gebracht; aber mehrfach verstummten englische und französische. Schon am zweiten Tag waren 50 Geschütze der Verbündeten zerstört. Die Flotte – eingedenk der erhaltenen Lehre – hielt sich außer dem Bereich der Seeforts. In der Festung machte jeder Tag der Beschießung gegen 500 Mann kampfunfähig; die Verbündeten verloren etwas über 200. Während des nächtlichen Artilleriekampfes wüteten zugleich die Kämpfe um die Gruben und Laufgräben fort. In der Nacht zum 2. Mai ließ Pelissier, der damals noch den linken Flügel der Belagerungsarbeiten befehligte, die Schanze Schwarz und die Gruben vor der Bastion 4 und 5 mit 10 000 Mann stürmen; die Gruben wurden nach großem Verlust genommen; die Schanze Schwarz aber schlug den Angriff zurück. Die Belagerungsarbeiten waren also nur wenig vorgeschritten. Da erhielt Pelissier – gleichgültiger gegen Menschenleben als je ein russischer Führer – den Oberbefehl an Stelle Canroberts, der, sorgsam und aufopfernd, doch selber fühlte, daß er zu einer solchen Massenschlächterei, zu einem solchen kaltherzigen Morden doch nicht die Rücksichtslosigkeit besaß, die allein den Sieg verschaffen konnte. Er trat von seinem Posten als Oberbefehlshaber zurück und erbat, ein selbstloser Soldat, sich das Kommando seiner früheren Division zurück. Der neue Oberbefehlshaber ging sofort zum Sturm der Verteidigungslinien über. Schon in der Nacht zum 22. Mai warf er auf die Linien der Gegengräben zwischen der Quarantänebucht und der Mastbastion drei starke Abteilungen unter General de Salles, denen Chrulew begegnete. Das Schlachten währte die ganze Nacht ohne Ergebnis; beide Teile hatten weit über 2000 Tote und Verwundete. In der nächsten Nacht wiederholte sich das Blutbad. General Pelissier richtete nun sein Augenmerk gegen die Schiffervorstadt. Am 2. Juni waren die französischen Linien so weit vorgedrungen, daß die russischen Gruben vor der Kamtschatkalünette geräumt werden mußten, weil das französische Feuer sie im Rücken faßte. Fürst und Fürstin Oczakow hatten bei der immer größeren Überfüllung der Lazarette ihr Haus für Kranke und Verwundete eingerichtet, Natascha Iwanowna pflegte aufopfernd mit ihren Frauen die Leidenden. In einem mittelgroßen Gemach lag auf einem Feldbett ein verwundeter französischer Offizier im unruhigen Schlummer. An seiner Seite saß, von den Schatten des Abends halb verhüllt, die Fürstin. Mit kleinen Handreichungen immer zur Hilfe bereit, waren Jussuf, der Mohr, und Nursädih, seine Schwester, in der Nähe. Der ehemalige Kurier des Sultans und der spätere Baschi Bozuk – der Mohr Jussuf – war hager und abgefallen; die tiefen und schweren Wunden, die er an der Felsenbrücke von Schloß Aya erhalten hatte, zeigten noch ihre Narben, obgleich sechs Monate seit diesem Tage verflossen waren. Nur seine gelbglänzenden Augen hatten den alten, feurigen Blick bewahrt. Oft ruhte er mit Dankbarkeit auf der Fürstin, deren Befehl ihn damals gerettet. Dann wieder glitt sein Blick zärtlich zu seiner Schwester zurück. Seine aufgeworfenen Lippen öffneten sich zu freundlichen Worten. Er scherzte mit dem etwa drei Monate alten Kind, das Nursädih auf ihrem Schoß hielt. Die ganze Liebe einer jungen Mutter lag in ihren Augen. Das kleine Mädchen gehörte seiner Farbe nach zu den Mulatten. Bei der edleren Gesichtsbildung der Mutter zeigte es aber schon jetzt nur wenig Merkmale der schwarzen Rasse. »O, Jussuf,« flüsterte Nursädih, »die Kleine ist so lieb und gut, als verstände sie alles, was ich ihr sage. Aber sieh – der französische Aga erwacht. Die Fürstin bedarf meiner: hier, nimm du das Kind.« Der blut- und kampfgewöhnte Mann nahm den Säugling zart und sorgfältig und schaukelte ihn auf seinen Armen. Nursädih trat leise zu der Fürstin. Natascha beobachtete das Erwachen des verwundeten Offiziers – Alfred de Sazé – mit großer Teilnahme. Auf ihrer leicht gebräunten Stirn lag trübes Sinnen und schwerer Kummer; das schöne Antlitz, das sich draußen im Pulverdampf der Schanzen und Redouten, im Jammer der Lazarette nur heiter und tröstend zeigte, war hier düster und gedankenvoll. Der Mann mit den hohlen Augen, den feucht an der Stirn klebenden Haaren, war einst der Liebling der Pariser Salons; der kecke Roué am Spieltisch, im Ballsaal und Boudoir; der Tonangeber der Mode und der Vertraute der Chronique scandaleuse von ganz Paris, aus dem Reiche der Kulissen, aus den Kabinetten der Diplomaten. Bei einer der kecken nächtlichen Streifereien der russischen Matrosen und Jäger außerhalb der Festung im Mai war der junge Reiteroffizier, der auch nach der Abreise des Prinzen Napoleon vor Sewastopol zurückgeblieben war, auf einer Feldwache aufgehoben und verwundet nach der Mastbastion gebracht worden. Dort befand sich am Morgen die Fürstin Iwanowna. Sie hatte ihn sofort erkannt und bat, den Gefangenen in ihr Haus aufnehmen zu dürfen. Die an und für sich nicht gefährliche Wunde des lebenslustigen Marquis erregte jedoch bald ernste Besorgnisse. Denn eine seltsame Aufregung, die ihn bald nach seiner Ankunft im Hause der Fürstin ergriff, und die Hitze dieser Tage verschlimmerte seinen Zustand trotz aller Sorgfalt. Fieberhafte Erscheinungen traten auf; sie glichen der furchtbaren Seuche, die jetzt die Lazarette entvölkerte – rascher als Kugel und Bajonett: dem Typhus. Der Sorgfalt des Arztes gelang es zwar, den Ausbruch zu unterdrücken. Aber der Tod hatte sich auf andere Weise die Beute gesichert: der Brand hatte die Kniewunde erfaßt. Der eitle Franzose verweigerte, sich das Bein abnehmen zu lassen. Pirogow selber hatte ihn am Morgen besucht; doch sein Achselzucken verkündete, daß auch das äußerste Mittel jetzt zu spät kommen würde. Der Kranke kannte vollkommen seinen Zustand; die Schmerzen hatten schon aufgehört. Der kurze fieberhafte Schlaf hatte ihn gekräftigt. Seine Augen suchten im Zimmer umher. Dann sah er auf die Fürstin. – »Wie fühlen Sie sich nach dem Schlummer, Herr Marquis?« » Parbleu , Durchlaucht – als letzte Vorbereitung zum Ewigen ganz leidlich! Doch Sie haben sich ja selber wieder bemüht! – Wo ist meine treue Wärterin Annuschka?« »Sie ruht einige Augenblicke – ich verlangte es von ihr, weil sie ganz erschöpft war.« »Das ist kein Wunder; seit den fünfzehn Tagen hat sie mein Krankenlager kaum verlassen. – Es ist mir lieb, Durchlaucht, daß ich allein mit Ihnen bin: ich möchte Sie bitten, mir eine kurze Unterredung zu gewähren.« »Das Sprechen wird Sie ermüden und angreifen«, zögerte die Fürstin. »Was tut das – eine Stunde eher oder später – ich habe so viel vergeudet in meinem Leben, daß ich jetzt nicht geizen mag, wo es vielleicht das beste gilt, was ich im Leben getan habe.« »Soll ich unsere schwarze Freundin fortschicken?« »Nein, Fürstin. Lassen Sie beide hier. Wir werden sie ohnehin vielleicht brauchen. – Ich verstehe zwar nicht Russisch, Durchlaucht, aber ich habe wohl begriffen, was Ihr Doktor von heute morgen gesagt.« »Beunruhigen Sie sich nicht. Ihr Leben liegt in der Hand des Allmächtigen.« »Beunruhigen? – Pah! – Als ob es das Leben wert wäre! Ich weiß, ich muß sterben. Und werde kaum noch vierundzwanzig Stunden Ihrer Güte zur Last fallen; das ist wenigstens eine Beruhigung auf den Weg.« »Freveln Sie nicht, Herr von Sazé. Es sollte mich tief schmerzen, wenn Sie irgend glauben, uns zur Last gewesen zu sein! O, warum haben Sie nicht unseren Bitten und dem Rat der Ärzte nachgegeben! Die Operation hätte sicher Ihr Leben gerettet!« »Nein, Fürstin! Das können Sie mir nicht im Ernst zum Vorwurf machen! Ja – wenn es noch ein Arm gewesen wäre! – Ein leerer Ärmel an der Brust ziert besser als zwei Ordenskreuze und hindert nicht! Aber denken Sie sich: Alfred de Sazé an einem Krückstock, auf einem Korkbein! – Ich möchte lachen, wenn ich mir die komische Figur in den Salons des Faubourg St. Germain oder auch nur bei Herrn Mirés oder in den Tuilerien denke. Es wäre ein allzu teurer Handel – ein Bein von gutem Blut für einen Napoleon!« »Sie sollten ernstere Gedanken suchen und an Gottes Gnade denken, Herr Marquis. Ich bedaure, daß wir keinen Priester Ihres Bekenntnisses in Sewastopol haben. Aber auch einer der Unsern könnte Ihnen ein nützlicher Freund sein.« »O, Durchlaucht, ich bitte Sie, nicht so streng. – Ich beschäftige mich wahrhaftig schon seit heute morgen mit sehr ernsten Dingen, bei denen ich ohnehin die Hilfe Ihres Popen in Anspruch nehmen muß. Wissen Sie, Fürstin – ich habe so ziemlich alles erfahren auf der Welt – bis auf eines: wie einem Ehrenmann zumute ist. Und dieses Vergnügen will ich mir noch vor meinem Ende bereiten – ich will heiraten!« Die Fürstin wandte sich unwillkürlich von dem Spötter ab und wollte sich erheben. Seine Hand legte sich leise auf ihren Arm. Als sie auf ihn schaute, sah sie einen schmerzlich-ernsten Ausdruck in seinen Augen mit dem frivolen Lächeln kämpfen. »Bleiben Sie, Fürstin«, bat der Kranke; »es klingt nur so – wie übermütiger Frevel. O, fürchten Sie nicht, daß ein Halbtoter, wie ich, seine Blicke zu der Rose der Krim erheben will! – Ich ehre die Rechte meines Freundes Méricourt. Er läge für den Verlust eines Beines vielleicht gern an diesem Platz. Meine Absichten sind bescheidener – sie richten sich auf Annuschka, Ihre Dienerin!« »Sie reden irre, Herr von Sazé! Annuschka ist meine Freundin, meine Milchschwester, aber –« »Hören Sie mich zu Ende, Durchlaucht«, sagte Sazé. Seine Stimme klang jetzt ernst und sanft. Ein feierlicher Ausdruck senkte sich über sein Gesicht. »Bei meiner Ehre, ich rede die Wahrheit! In Ihr gütiges Herz lege ich ein Geheimnis nieder. Es mag meine Brust erleichtern in jener Stunde, vor der wir alle zagen – wie stark wir auch die Furcht wegzuspotten uns bemühen. – Erinnern Sie sich wohl des besonderen Eindrucks, den Annuschkas erster Blick auf mich machte, als ich in Ihr Haus gebracht wurde?« »Genau, Herr Marquis!« »Von dem Fürsten erfuhr ich auf hingeworfene Fragen, daß Annuschka einen Bruder hat, dem sie gleichfalls sehr ähnlich ist. Er war der Diener Fürst Iwans. Ich erinnere mich jetzt, ihn in Paris in Ihrem Hotel gesehen zu haben.« »Er verließ uns nie.« »Und dennoch ist dieser Mann, der nach Ihrer raschen Abreise in Paris zurückblieb, dort verschwunden?« »So ist es!« »Ich beabsichtigte, dem Fürsten, Ihrem Bruder, mein Geheimnis mitzuteilen«, fuhr Sazé langsam fort. »Aber sein Dienst hat ihn, wie Sie mir sagten, nach der anderen Seite der Stadt geführt und hält ihn dort fest. Es bleibt mir keine Zeit, seine Rückkehr zu erwarten. Ich muß mich an Sie wenden. Sie halten Annuschkas Bruder – für tot?« »Wir sind überzeugt davon – seine Treue ist zuverlässig. Wir hätten sonst sicherlich von ihm gehört.« »Ja, er ist tot, Fürstin.« »Wie, Herr von Sazé? Sie kennen das Schicksal Wassilis? Sie wissen von ihm?« »Ich selber brachte ihm den Tod – wenn auch unabsichtlich.« Iwanowna schauderte zurück. Schrecken, Angst und Aufregung spiegelten sich auf ihrem schönen Gesicht. Sazé sah, wie sie mit Gewalt nach Fassung rang. »Um Gottes willen, Herr Marquis! Ich beschwöre Sie, reden Sie – erzählen Sie mir alles!« »Das ist meine Absicht, Fürstin. Und es mag zugleich meine Rechtfertigung sein – wenn die Tat sich entschuldigen läßt!« Die Fürstin winkte wortlos. »An einem Abend des März im vorigen Frühjahr verfolgte mich am Quai des Cours la Reine ein Unbekannter und fiel mich plötzlich wie ein wütendes Tier an – unter Ausrufungen und Beschuldigungen, die mir gänzlich unverständlich waren. Und mir auch jetzt noch rätselhaft sind. Ich sollte ihm Rechenschaft geben über seinen Gebieter. Ich sei sein Mörder... Das Gesicht war mir nicht ganz unbekannt; doch so verwildert, daß ich mich auch später nicht darauf besinnen konnte. Ich stieß ihn von mir. Der Unglückliche taumelte so heftig gegen das Gitter des Flusses, daß er darüber hinweg und in den Fluß schlug. Am Eisenwerk eines Seineschiffes zerschmetterte er sich den Kopf. Als man ihn ans Ufer trug, war er tot. Ich hörte am Tage darauf, daß die Polizei in dem Verunglückten einen russischen Spion entdeckt hatte; doch nicht den Namen. Aber obgleich ich absichtslos und nur in der Abwehr den Fall des Mannes veranlaßt hatte, konnte ich mich nicht über den Tod des Fremden beruhigen. Sem düsteres Bild schwebte lange vor meiner Seele und störte meinen Schlaf.« Die Fürstin weinte leise vor sich hin. – »Armer Wassili – bis zum Tode getreu!« »Die Ursache des Überfalles und seine Worte sind mir noch immer ein Rätsel. Ich kann sie nicht einmal auf das Duell zwischen Fürst Iwan und Vicomte de Méricourt deuten; denn der Diener Ihres Bruders wußte doch zweifellos, daß es nicht stattgefunden hatte, und daß sein ehemaliger Herr sich unversehrt in Rußland befand. Ich trat, um der langjährigen Ziviluntersuchung über den Vorfall und der unangenehmen Erinnerung zu entgehen, in die Armee. Erst die Begegnung mit Annuschka erleuchtete wie ein Blitzstrahl meine Erinnerung. Jetzt wußte ich, wer der Tote war.« »Es war Gottes Schickung! – Selbst die Schwester wird Ihnen die Tat nicht zurechnen.« »Dennoch liegt sie mir schwer auf der Seele. Und wenn Sie einem Sterbenden den bösen Augenblick erleichtern wollen, Fürstin, so helfen Sie ihm, an der Schwester zu vergüten, was er am Bruder verbrochen. Ich lebte früher in den Tag hinein und habe mein Vermögen genossen. Mein Testament hätte mir gerade kein großes Kopfzerbrechen gemacht. Das Schicksal hat mir aber einen Streich gespielt; denn vor etwa sechs Wochen erhielt ich die amtliche Nachricht, daß ich ein reicher Mann geworden bin. Ein entfernter Verwandter, dessen Namen ich kaum gehört habe, ein Plantagenbesitzer auf Martinique, hat mich zum Erben gemacht. Fürstin, Kapitän de Sazé würde in Paris fünfzehnhunderttausend Franken festgelegt finden, wenn er nicht so töricht gewesen wäre, sich vor Sewastopol das Bein zerschmettern zu lassen.« »Gott kann noch alles wenden!« »Nein, Fürstin. Er hat mehr zu tun, als sich mit einem leichtsinnigen Toren zu beschäftigen. Daß er aber ist – daß er die zahllosen Fäden dieses wirren Durcheinanders, das wir Leben nennen, dennoch in seiner Hand hält,« fuhr Sazé wieder ernst, fast feierlich fort, »das zeigt mir diese Fügung! Meine letzten Stunden erleichtert gerade die Sorge des Mädchens, dessen Bruder ich erschlug! – Mein Wunsch und mein Wille ist, bis auf einige Geschenke Annuschka das Vermögen, das mir so rechtzeitig in den Schoß geworfen wurde, zu hinterlassen. Dazu bitte ich Sie, mir behilflich zu sein. Das bloße Niederschreiben meiner letzten Verfügungen würde sie jedoch in diesen Zeiten in Weitläufigkeiten und Prozesse verwickeln. Kein französischer Gerichtshof aber wird der Marquise de Sazé das ihr bestimmte Erbe streitig machen.« Er schwieg erschöpft; die lange Unterredung begann ihn fieberhaft zu erregen. Dennoch hielt es die junge Fürstin für Pflicht zu erwidern: »Annuschka ist mit ihrer Lebensstellung zufrieden. Sie wird unter keiner Bedingung dem, der ihren geliebten, zärtlich betrauerten Bruder getötet, ihre Hand reichen wollen.« »Aber sie braucht es nicht zu wissen! Warum sollte sie es je erfahren?« drängte Sazé. »Wollen Sie einem Mann, der so vieles gutzumachen hat, den leichten Trost durch eine unnütze Bedenklichkeit verkümmern? Sie wissen so gut wie ich, daß diese Ehe nur Schein ist! Ehe vielleicht der nächste Tag anbricht, wird Annuschka Witwe sein.« »Ich weiß nicht, wie ich sie zu dem eiligen Schritt bewegen soll.« »Der Tod, Fürstin, gestattet keine lange Bedenkzeit. Das wird auch sie begreifen. Sagen Sie ihr, daß ich ihr für ihre sorgsame Pflege auf diese Weise danken wolle; daß es meinen Tod erleichtern werde und« – um seine blassen Lippen schwebte wieder das leichte, spöttische Lächeln, das so manches Frauenherz an sich gefesselt – »ich glaube, sie wird sich nicht weigern, Alfred de Sazés Gattin zu werden.« Er lehnte sich zurück in die Kissen; die Fürstin empfand, daß sie kein Recht habe, eine Sühne zurückzuweisen, die ihrer Milchschwester eine glänzende Zukunft bereiten konnte. Sie erhob sich. »Ich will die Erfüllung Ihres Wunsches versuchen, Herr Marquis; Annuschka wird nicht erfahren, wessen Hand ihren Bruder getötet, bis – doch sagen Sie mir das eine noch, wann geschah die unglückliche Tat?« »Ich erinnere mich des Tages ganz genau, Fürstin. Es war am Abend des 26. März. Ihre Landsmännin, die Bagdanow, hatte in der Oper getanzt. Ich war zum erstenmal dort wieder mit Méricourt zusammen nach seiner Rückkehr von Algier. Wir sprachen von Ihnen und Ihrem Bruder. Méricourt erzählte mir zuerst von dem seltsamen Spiel der Natur, die einem armen Marketenderburschen eine seltsame Ähnlichkeit mit Ihrem Bruder gegeben.« Die Fürstin blieb stehen und wandte sich lebhaft zu ihm; fliegende Röte übergoß ihr Gesicht. – »Meinem Bruder Iwan gleich? Ich bitte Sie, wer? Wo?« »Ein armer Verrückter oder Schwachsinniger. Der Vicomte traf ihn zuerst in Marseille. Ich selber sah ihn in Warna und muß gestehen, daß diese Ähnlichkeit mich anfangs erschreckte.« Die Fürstin preßte die Hand auf das Herz. Auf ihrem Antlitz wechselte die Farbe. Fast keuchend stammelte sie: »Und lebt – der Mann noch? Wo ist er? Haben Sie Näheres über ihn erfahren? Erzählen Sie mir alles, es – wird Iwan so sehr Spaß machen – von seinem Ebenbild zu hören!« »Er gehört zur Kantine der Marketenderin Nini Bourdon vom dritten Zuavenregiment, bei dem Méricourt steht. Die niedliche Kleine sorgt wie eine Mutter oder eine Geliebte für den verrückten Burschen. Sie gibt ihn für ihren Verwandten aus. Ich versuchte, ihn auszuholen; indes er ist toll wie ein Märzhase, wenn auch ganz unschädlich. Und folgsam wie ein Kind. Die einzige Antwort, die man von ihm erlangt, ist dummes Zeug: »Elf Uhr, der Zug geht ab!« Natascha Iwanowna wandte sich ab und verbarg ihr Gesicht vor Sazé. Mehrere Minuten stand sie so tieferschüttert, daß es selbst dem Kranken auffiel. Erst als er sie fragte, schien sie ihre Fassung zurückzuerhalten. Tiefbewegt sagte sie: »Ich glaube, Sie hatten recht, Herr Marquis, als sie sagten, die Hand des Allmächtigen habe Sie auf dies Schmerzenslager und gerade in dies Haus geführt! – Ich erkenne seinen Willen! Ich werde mit Annuschka sprechen. Jussuf wird einen würdigen Geistlichen, den ich kenne, hierher führen. Seine Schwester mag unterdes bei Ihnen bleiben.« Sie ging und hieß den Mohren, ihr zu folgen. Nursädih, die junge schwarze Mutter, legte auf die Bitte des Kranken ein Schreibpult vor ihn hin und war ihm behilflich, seinen letzten Willen aufzusetzen. Eine Stunde später hatte sich das Aussehen des Gemachs, das bald der Schauplatz jenes geheimnisvollen Scheidens von Seele und Körper sein sollte, seltsam geändert. Neben dem Bett Sazés saß in einfachem schwarzen Kleid, den kleinen Myrtenzweig im Haar, der unter dem Donner der Schlachten fortgegrünt auf dem heimatlichen Boden, und vom Brautschleier halb verdeckt, Annuschka. Sie hielt die Hand des Kranken mit halb scheuem, halb zärtlichem Blick in der ihren: die scharfen Augen des Franzosen hatten sich nicht getäuscht. Es hatte weniger Überredung der Fürstin bedurft, als diese gefürchtet. Iwanowna schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Schweigend saß ein französischer Korporal, ein Gefangener wie Sazé, den linken Arm in der Binde, in der Nähe Nursädihs an der Türe. Jussuf führte einen ehrwürdig aussehenden russischen Geistlichen herein. Er trug in einem Körbchen die heiligen Gefäße. Auf dem andern Arm hielt der Geistliche ein kleines Kind. Die Fürstin eilte ihm entgegen. »Nehmen Sie unsern Dank, ehrwürdiger Vater Basili Polatnikow, daß Sie unserer Bitte gefolgt sind! Geben Sie uns Ihren Segen.« Der Pope stellte die heiligen Gefäße nieder und machte das Zeichen des Kreuzes über ihrer Stirn. – »Der Segen des Herrn ist bei dir und den Deinen, o meine Tochter; denn dein Herz gehört ihm. Wer tut wie du, ist der Fürsprache der Heiligen sicher.« Er sah umher, wohin er den munteren Knaben setzen könne. Annuschka trat zu ihm und bat ihn, ihr das Kind zu geben. – »Es ist eine Waise«, erzählte der Priester auf einen fragenden Blick der Fürstin. »Auf dem Meere geboren – inmitten von Kampf und Tod. Die griechische Mutter zahlte sein Leben mit dem ihren und übergab den Knaben sterbend meiner Sorge Diona Grivas, die Schwester des Caraiskakis; der Knabe ist der Sohn des Baronets Sir Edward Maubridge. Vergleiche die Bände »Die Wölfin von Skadar«, »Das Testament Peters des Großen«, »Um das Schwarze Meer«. . Er hat keinen Verwandten mehr.« »Aber warum lassen Sie das Kind nicht bei Ihrer Familie, hochwürdiger Vater?« Der ehemalige Kaplan der »Wladimir« beugte in schmerzlicher Ergebung das Haupt. »Der Herr«, sagte er traurig, »hat auch mich schwer heimgesucht, wie ganz Rußland. Mein Weib und meine beiden Töchter sind Opfer der Seuche innerhalb dreier Tage geworden. Mein Haus ist öd und verlassen. Dieses Kind hat niemand als mich.« »O, so lassen Sie es mir«, sagte die junge Braut rasch und errötend. »Lassen Sie mich dafür sorgen und die Mutterpflicht an ihm erfüllen. Wir wollen es pflegen in diesen Schreckenstagen, bis Gott über uns anders bestimmt.« »Annuschka hat recht, ehrwürdiger Vater«, sagte herzlich die Fürstin. »Ich vereine meine Bitte mit der ihren. Wie konnten Sie auch uns in Ihrer Not vergessen! – Gott gebe den Ihren Frieden! Dieses Kind des Unglücks gehört hinfort unserer Sorge.« Iwanowna führte den Geistlichen an das Lager des Kranken. Einige Worte unterrichteten ihn von seiner Aufgabe. Der Geistliche verstand genug Französisch, um einige Fragen an den Kranken über die heilige Handlung zu richten. Er weihte einen Tisch zum Altar. Alfred de Sazé winkte den Anwesenden, näherzutreten. »Ich bitte Sie, Kamerad,« sagte er zu dem gefangenen Korporal, »wenn Sie ausgewechselt werden und unser Frankreich wiedersehen, um einen Dienst. Bezeugen Sie, wenn es notwendig werden sollte, daß diese Heirat von mir im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte und nach reiflicher Überlegung geschlossen ist. Dieses Papier, Durchlaucht, das ich in Ihre Hände lege, enthält meinen letzten Willen. Er sichert meiner Gattin mein Vermögen – mit Ausnahme einer Summe in Gold und Wechseln, die mir von Paris mit der Nachricht des Erbes ins Lager überbracht wurde. Ich habe sie – jener Frau bestimmt, die ich im November aus Ihrem Schloß Aya mitbrachte. Madame Celeste wird sich damit trösten. – Haben Sie die Güte, durch Ihren Bruder mit dem nächsten Parlamentär diese Schrift und die begleitenden Zeilen an den Vicomte de Méricourt ins französische Lager zu senden. Ich habe ihn zum Vollstrecker meines Willens ernannt. Und jetzt bitte ich Sie – lassen Sie die Trauung beginnen, ehe es zu spät wird.« Der Priester trat mit dem heiligen Buch vor den Altar. Annuschka kniete weinend am Bett. Die Fürstin und der Korporal waren die Zeugen. Die schwarzen Geschwister traten mit den Kindern ehrerbietig zurück. Leise und feierlich klangen die Worte der Weihe durch das Gemach – nur der Donner der Kanonen unterbrach sie. Als der Priester die beiden Ringe, die die Fürstin ihm reichte, dem Paare ansteckte, bat er den Allmächtigen um Beistand für die letzte schwere Stunde des Sterbenden. Alle lagen auf den Knien. Selbst der Mohr mit seinem Schicksalsglauben vom Sterben fühlte die heilige Bedeutung. Er wandte sein Haupt gen Mekka. Und Sazé, dem das Gebet galt – der Todgeweihte, fühlte die Worte, die er nicht verstand. Dann schwieg das Gebet – nur das Schluchzen der jungen Gattin klang durch den Raum. Sazé bat leise die Fürstin und den Popen, sofort das Dokument über die vollzogene Trauung auszufertigen. Iwanowna versprach, es von dem Statthalter, General von Osten-Sacken, beglaubigen zu lassen. Dann bat er, ihn der Pflege seiner Gattin für eine Stunde zu überlassen. Der ehrwürdige Geistliche der \>Wladimir\< schied, um an dem Schmerzenslager seiner Landsleute die heiligen Pflichten des Trösters zu üben. Er versprach, am Abend noch einmal zurückzukehren und empfahl den Knaben Dionas ihrem Schutz. Aber er konnte sein Versprechen nicht erfüllen. In der Nähe der Wladimirkathedrale, als er das Marinelazarett verlassen hatte und die Brücke über den Kriegshafen überschritt, traf ein Stein sein Haupt, den eine gefallene Bombe vom Gewölbe des Doms geschmettert. Soldaten trugen ihn an die Stufen des Altars. Er starb, ohne wieder die Besinnung zu erlangen. Zur gleichen Zeit eilten die Fürstin Oczakow und ihre Diener in das Krankengemach, in dem die Braut bei ihrem Gatten zurückgeblieben war. Annuschka hatte die Tür aufgerissen. Ihre Augen blickten verstört und erregt – der Kranz war von den fliegenden blonden Zöpfen gefallen. Schluchzend rang sie die Hände. Auf dem Feldbett lag, in der geschlossenen Hand noch den Brautschleier der jungen Gattin zusammenkrampfend, der Held der Pariser Salons, der Mann der Mode und des Genusses: Alfred de Sazé war tot. Im Lager der Zuaven Mit dem Wechsel des Oberkommandos der französischen Armee war auch die Stellung der Truppen verschoben worden. Die Franzosen richteten ihre Hauptstärke jetzt gegen die linke Flanke der Festung, gegen die Schiffervorstadt und die sie verteidigenden älteren und neueren Werke. Hier stand das Korps Bosquet mit den Divisionen Canrobert, Camou, Dülac und Brünet. Noch immer wurden die Verschanzungen auf dem Sapunberg, als dem Haupthalt der Stellung, bewahrt. Auf dem rechten Flügel, an der Tschernaja lehnend, befand sich jetzt die sardinische Division Durando mit einem englischen Husaren- und Ulanenregiment. Den Zwischenraum nahmen drei türkische Divisionen Omer Paschas ein. Am Abhang des Sapunberges, wo er sich gegen den Dokowaga- und Kilengrund senkt, stand das Lager des ersten und dritten Zuavenregiments. Mitten zwischen den Zelten und Baracken erhob sich auf einem freien Vorsprung eine große und mit besonderer Sorgfalt erbaute Kantine. Sie hatte mehrere geräumige Abteilungen. Schon den ganzen Vormittag über herrschte hier ein überaus reger Verkehr. Es war die Marketenderbude des ersten Bataillons des dritten Zuavenregiments: die Kantine Nini Bourdons. Durch die Unterstützung Vicomte de Méricourts war sie stattlich hergerichtet und zum Hauptsammelplatz der ganzen umlagernden Truppen geworden. Ein buntes Leben entfaltete sich vor und in dem halb aus Linnen und Segeltuch, halb aus festem Holzwerk errichteten Bau. Die Fähigkeiten der in allen Sätteln gerechten und in allen Künsten erfahrenen, berühmten und berüchtigten Soldaten Algeriens hatten sich abgemüht, hier etwas ganz Außerordentliches zu leisten. Über dem breiten, mit einem jetzt etwas zurückgeschlagenen Leinwandvorhang versehenen Eingang wehte die Fahne des Regiments; denn Oberst Maurelhan-Polkes hatte in einer angebauten Baracke sein Quartier genommen. Russische Waffen, auf den Schlachtfeldern erbeutet, alte Fesbinden der Zuaven und ein ausgestopfter Adler, den ein geschickter Schütze aus den Lüften geholt, schmückten das Portal. Diese bewunderungswürdige Schönheit wurde trotz allem in den Schatten gestellt durch einen höchst seltsamen Nebenbau: ein etwa fünfzehn Schritt breites und einige Fuß über dem Erdboden erhöhtes Gerüst. Vorn besaß dieses Gerüst einen viereckigen Rahmen aus bemalten Brettern, alten Tapeten und Teppichen. An einer hohen, flaggengeschmückten Stange schwebte darüber ein großes Plakat mit der Inschrift: »Théatre national des Zouaves de Sa Majesté l'empereur Napoleon III. et du Général Bosquet.« Ein geschriebener Zettel, am Vorhang angeheftet, verkündete: daß mit höchster Genehmigung seiner Exzellenz des Generalissimus die Zuaven des ersten und dritten Regiments die Ehre haben würden, nach dem Diner das berühmte und beliebte Vaudeville: »Le retour de Crimée« aufzuführen; kosakische und spanische Nationaltänze sollten folgen. Alles gegen beliebiges Eintrittsgeld zum Besten der Verwundeten in den konstantinopolitanischen Lazaretten. Ein Halbkreis von roh gezimmerten Tischen und Bänken umgab für die vornehmeren Zuschauer den Eingang der Kantine und das daneben gebaute Theater. Für die unteren Grade des sehr gemischten Publikums war eine Reihe von Erdgräben vor dem Theater gezogen. Die Gäste räkelten sich darin in hundert verschiedenen Stellungen. In der Zeit, da die schauspielerischen Künste der Zuaven noch nicht beschäftigt waren, dienten Tische und Bänke zum gewöhnlichen Versammlungsort. Nicht selten waren auch kommandierende Generale Gäste der hübschen Nini. Eine bunte Menge füllte jetzt jeden Platz innerhalb und außerhalb der Baracken. Freilich herrschten die Zuaven vor mit der kecken, selbstbewußten Haltung, der unvergleichlichen Gelassenheit; den Fes auf einem Ohr, die Hände in den Taschen, schlenderten sie umher oder saßen in Gruppen beieinander: trinkend, spielend, fluchend, prahlend und kochend. Alle Uniformen der französischen Armee und Flotte: die algerischen Scharfschützen, die Mariniers, die kecken, kleinen, prahlerischen Voltigeurs, die Husaren und Dragoner von d'Allonvilles Division; einzelne schwere Kürassiere; Matrosen, Schiffsoffiziere und Artilleristen: daneben neugierig und demütig, von den Franzosen verlacht und bewirtet, einige Türken oder in ihre Burnusse und Kopftücher gehüllte Araber – bekannte Erscheinungen für die in der Sonne Afrikas gebräunten Truppen. Ein schwer betrunkener englischer Matrose schwankte auf einem Esel umher wie eine Fregatte im Sturm. Um den Stamm eines verkrüppelten Feigenbaumes hatte sich eine Gruppe von Offizieren versammelt und las die dort angeheftete englische Ankündigung eines großen Wett- und Jagdrennens. Gesindel, wie jedes Lager es mit sich bringt, Handelsleute, Tataren, Hausierer aller Art: alles lagerte, hockte, wandelte, schalt, fluchte, lachte um Nini Bourdons Kantine. Durch den offenen Eingang zu der großen mit Tischen besetzten Vorderabteilung der Kantine sah man die Kassiererin in ihrem kleinen, mit vieler Zierlichkeit hergestellten Verschlag. Aber die schlanke Gestalt, das Aschblond des Haares, das mattgefärbte gepuderte Gesicht mit den Augen voll Genußsucht und Eitelkeit gehörten nicht der Herrin der Kantine, der zierlichen, gewandten Nini. Es war Celeste, die Lorette, die Bojarenfrau, die Geliebte des Russen Wassilkowitsch. Das Schicksal hatte eigentümlich mit den beiden Freundinnen gespielt seit jenem Märzabend der Rue de St. Josef in Paris. Nini war in den zwei Jahren eine andere geworden. Noch immer zierlich, war ihre Erscheinung doch kräftiger und bedeutender. Das Leben mit seinen Sorgen hatte ihre Erziehung geleitet. Ohne der Kindlichkeit ihres Charakters zu schaden, besaß sie doch eine größere Sicherheit im Handeln und Auftreten. Beweglich gleich einem hüpfenden Vögelchen, war sie bald hier, bald dort, bediente die Gäste, plauderte mit all und jedem. Da ein Scherzwort, dort eine flüchtige Erzählung – bald war sie wieder in der Küche, in der ältere Marketenderinnen wirtschafteten. Die frische Tracht in den Farben des Regiments, blau, rot und grün, stand Nini allerliebst. Bei all ihrer Arbeit behielt sie immer noch Zeit, ihre liebevolle Aufmerksamkeit besonders zweien ihrer Gäste zu widmen. Der eine war ein kräftiger, kühner Korporal von etwa fünfundzwanzig Jahren; das männlich freie Gesicht war von einem langen, dunklen Bart umschattet. Er saß mit Kameraden an einem Tisch außerhalb der Kantine. Häufig, wenn er sich unbemerkt glaubte, warf er einen finsteren, halb spöttischen Blick nach dem Kassenverschlag, in dem Celeste saß, von einem Schwarm jüngerer und älterer Offiziere umgeben. Es war François Bourdon, der Bruder der kleinen Marketenderin. Die liebevollste Fürsorge Ninis genoß der bleiche Geistesschwache, dessen merkwürdige Ähnlichkeit mit dem russischen Fürsten schon so vielen aufgefallen war. Still und teilnahmslos schlich er zwischen den Gästen umher. Die meisten schienen mit ihm bekannt. Er verrichtete alles, wie ihm geheißen wurde. Sein leerer Blick belebte sich nicht einmal, wenn Nini ihm freundliche Worte sagte oder ihm aufmunternd die hohle Wange klopfte – eine Liebkosung, die mehr als einer neidisch mit ansah und für die mancher Tapfere willig zum Sturm auf eine russische Schanze marschiert wäre. Nur einmal, als Nini bei Celeste stehenblieb und mit ihr einige Worte wechselte, fiel der tote Blick des Geistesschwachen von François auf die beiden Frauen ... Ein flüchtiger Blitz überzuckte das hagere junge Gesicht; er rieb die Stirn mit der Hand und starrte erinnerungsuchend ins Leere. Wenige Augenblicke nur – dann schien jedoch die erregte Gedankenfolge wieder unterbrochen. Die Gruppe an dem Tisch François' bestand aus dem Sergeantmajor, der mit dem jungen Kameraden an der Alma und bei Inkerman die Wagnisse ausgeführt, und Mamsell Minette, der Katze, der ersten Kletterin des Bataillons. Einige andere Soldaten der Kompagnie, zwei Voltigeurs vom 20. Regiment und ein algerischer Scharfschütze saßen dabei. Die Unterhaltung war lebhaft und drehte sich um die Tagesereignisse im Feld und um die inneren Angelegenheiten von Küche und Theater. »Paßt auf, Kinder«, sagte der Sergeantmajor. »Es gibt morgen einen Tanz, wenn auch die Generale noch geheim tun und die Köpfe zusammenstecken. Man hat nicht umsonst seit drei Tagen Kugeln gefahren und die armen Kerle, die Türken, wie Maultiere in den Magazinen arbeiten lassen. Da, Bursche,« er reichte einem langsam vorüberschreitenden Araber das Glas hin – »trink' einmal! Es ist echter Wermut, von deinen eigenen Bergen gepflückt.« Der Angeredete war ein junger Araber mit stolzen, finsteren Augen: Abdallah ben Zarugah, der Emir der tapferen Reiter der Hedschas. Er hüllte sich, mit verächtlicher Gebärde den Trank zurückweisend, in seine weiten, weißen Gewänder und schritt weiter, dem Eingang der Kantine zu. »Pest! – Verschmäht der Schuft von einem Koranfresser, mit einem Feldwebel der dritten Zuaven zu trinken? Ich will –« er griff nach seiner Katze, um das Tierchen wütend auf den Mohammedaner zu schleudern. Doch François hielt ihn am Arm fest. »Ruhe, Papa Fabrice! – Es ist der Aga, der den Griechenoffizier im vorigen Monat verwundet und gefangen hat. Er kommt alle Tage, um nach ihm zu schauen. Laß ihn gehen – du weißt, daß der Kommandant jede Beleidigung ahnden würde.« » Maudit soit le butoir! – Ich will wegen eines Spitzbuben von Beduinen nicht im Loch stecken, wenn vielleicht ein Gefecht vor der Tür steht. Komm her, Minette. Sei ruhig, mein Tierchen, und beiße dich nicht mit dem gelben Burschen da! Die Messieurs Beefsteaks werden dir Revanche geben und heut' seine Kameraden Hetzen.« Minette, die Katze, war mit dem berühmten Hund des 20. Linienregiments, der stets vor der Tete hermarschierte und den die Voltigeurs auf das Apportieren der Kugeln, ja selbst von Bombenzündern abgerichtet hatten, in argen Streit geraten. Rasch, mit der leichtsinnigen Teilnahme der Franzosen für alle Zwischenfälle, bildete sich ein Kreis um die beiden Gegner. Ein Fußtritt des Voltigeurs jedoch, der den Hund mitgebracht, stellte den Frieden wieder her. » Sandioux! – Gottes Blut!« wetterte der Gaskogner. »Will sich das Vieh miteinander zanken? Dazu sind die Russen vom lieben Herrgott erschaffen! – Nichts da – hierher, Groscanon – Kusch!« Und er steckte den Hund zwischen seine Beine. Der Zuave legte die Katze vor sich hin und spielte mit ihr. »Wem mag es gelten?« fragte der Scharfschütze, den Dampf aus der Zigarre vor sich hin blasend. » Sacristi! – Wem anders, als dieser verfluchten Lünette! – Sie liegt unserm Dicken im Kopf und wurmt ihn schon lange. Es wird Blut kosten. Wann soll der Spektakel losgehen?« »Die Kanoniere sprachen von diesem Nachmittag.« »Ah, Mordioux! – Deshalb gibt man uns die Theatervorstellung zum Kaffee nach Tisch. Ich hörte davon, daß die Schanzen des kleinen Fossoyeur Fossoyeur, Totengräber, ein Beiname, den die Soldaten dem General Canrobert gaben wegen eines Bulletins, in dem er die Approchen »Gräber für die Besatzung von Sewastopol« genannt. instand gesetzt wurden – und die schwarzen Batterien. Es ist nobel von dem Kleinen, daß er keinen Anstand nimmt, unter dem Dicken zu dienen.« »Parbleu! Kann er sich etwas Besseres wünschen?« »Einen General wie unsern Afrikaner bekommt er nicht alle Tage wieder.« »Es hat jeder seine Art, und jedenfalls war die seine noch immer besser als die Trägheit des Wettermännchens Lord Raglan war wegen seiner eifrigen Witterungsbeobachtungen unter diesem Spottnamen bekannt. , das nichts tut, als den ganzen Tag Schach spielen und Zeitungen lesen. Er soll nicht ein einziges Mal die Lazarette besucht haben. Und das tat selbst der verstorbene Marschall in Warna.« »Wißt Ihr, daß der Obergeneral heute hinübergeritten ist zu den Engländern?« »Bah! Er wird sehen wollen, wie weit sie mit den Laufgräben am Redan sind.« Der Voltigeur schüttelte schlau mit dem Kopf. »Das kümmert den General wenig. Er wünscht die ganze Sippschaft zum Teufel. Aber Vitrolles, sein alter Ordonnanzzephir, bat mir gesagt, daß das Barometer auf Sturm steht. Der Bursche kennt seine Mienen.« »Dann Gnade Gott den Engländern! Er brät sie bei lebendigen Leibe wie die Araberfamilien in der Höhle von Dschebel Debbag.« »Brr!« machte der zweite Voltigeur; »die Geschichte ist zu abscheulich, als daß sie wahr sein könnte.« Der alte Zuavensergeant sah ihn grimmig an. »Halt's Maul, Rekrut. Nicht räsonniert! Was verstehst du davon! – Ich sage dir, ich, der Sergeantmajor Fabrice Tonton: es ist wahr, wie ich dieses Glas hier trinke. Ich war dabei. Ein abscheulicher Gestank war's, als die siebenhundert Männer, Weiber und Kinder so in dem Rauch erstickten.« »Wie, du halfst bei der schändlichen Tat?« fragte unwillig der junge Bourdon. »Wir Zuaven nicht, François«, sagte ernst der Sergeant. »Wir sind zwar wilde Teufel und fragen leider wenig genug nach Gott und den Heiligen. Aber gegen Weiber und Kinder und unbewaffnete Männer möchten wir doch nicht die Hand erheben. Es war bei der Gelegenheit, als er dem Kommandanten Vergier, der damals Unterleutnant war, befahl, seine Soldaten Holz herbeitragen zu lassen. Statt der Antwort gab Vergier seinen Säbel ab und meldete sich zum Arrest. Der General war außer sich und schimpfte wie eine Dame der Halle von Feiglingen und Memmm mit Weiberherzen, die nicht verdienten, Krieger zu heißen. Da – –« »Nun, Fabrice – weiter?« »Da sah ich mit diesen meinen Augen den Leutnant auf ihn zuspringen, ihn an den Schultern fassen und schütteln, wie man einen Schulbuben schüttelt. Er schrie ihm zu, er möge erst Höflichkeit lernen, wenn er französischen Offizieren befehlen wolle.« »Und der General?« »Pah! Er machte sich los und sagte: ›Ist das ein Vieh! – Aber ich brauche viele solche Kerle!‹ – Zum Leutnant sagte er: › Monsieur , ich nehme Sie in meinen Stab; wir wollm sehen, ob Sie andere auch so schütteln werden.‹ Der Leutnant kommandiert seit zwei Jahren sein Bataillon bei den zweiten Zuaven. Und die Teufel, die Zephirs, erhielten den Befehl, die Höhle auszuräuchern – und befolgten ihn. Wir standen dabei, das Gewehr im Arm und – zum Henker mit der garstigen Erinnerung!« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und pfiff den Zuavenmarsch vor sich hin. »Madame Celeste«, warf einer der Kameraden hin, »scheint heute verteufelt unruhig. Ihre Augen glühen wie zwei feurige Kohlen. Sie scheint zu suchen, was sie nicht findet. – He, Jean!« rief er dem in die Nähe kommenden Schwachsinnigen zu, »bring' mir ein frisches Glas Wasser! Absinth, echtes Schweizer Gewächs.« Jean nahm gehorsam das Glas und starrte ihn mit den leeren, irren Augen an. »Elf Uhr – der Zug –« »Weiß schon, mein Bursche, kenne das Lied. Mach' fort! – Bring' mir den Absinth und frag' in der Küche nach, ob sie den Truthahn nun bald gebraten haben, den ich heute morgen einlieferte.« Korporal Bourdon war trotz aller Mühe, ruhig zu sein, das Blut in die Stim gestiegen. Er sah finster nach der leichtsinnigen Jugendgeliebten hin. In diesem Augenblick wurde der Vorhang der nahe gelegenen Bühne etwas beiseite geschoben. Ein merkwürdig ausstaffierter Bursche schaute suchend umher. Es war ein bärtiger Zuave mit schielendem Blick. Den Kopf hatte er in eine abscheulich zerknitterte Weiberhaube gesteckt und um Kinn und Ohren ein Tuch gebunden, das den roten Bart darunter versteckte. Er hatte sich nicht entschließen können, ihn der Kunst zum Opfer zu bringen. Er trug einen langen Weiberrock, dessen aufgenommene Falten er um den linken Arm geschlagen trug. »Pst – François – François Bourdon! – Sind sie da?« »Wer?« »Maudit! Wen kann ich anders meinen – die Garden?« »Nein – kein einziger!« »Das ist schön. – Que le diable les importe! Sie mögen bleiben, wo sie sind! Schade nur, daß sie unsere schöne Vorstellung nicht sehen können! Die hochnäsigen Narren hätten sich geärgert zum Schwarzwerden – ich bin göttlich als Fürstin Mulaschpulaschkin! Wir haben soeben meine große Szene probiert.« Ein schallendes Gelächter der Nächstsitzenden unterbrach die bärtige Künstlerin, deren Erscheinung man eben erst bemerkt. Der Kopf verschwand eiligst hinter dem Vorhang. Nur Mund und Nase waren noch zu sehen. »Was habt ihr da zu lachen, ihr Narren? Habt ihr noch keine russische Dame im Neglige gesehen? Fichtre! – Erobert Sewastopol! Dann könnt ihr sie im Allerdurchsichtigsten haben aus erster Hand, wie unsere Kameraden, die Bulls, in Kertsch! Ihr tätet gescheiter, wenn einer lieber den Saufaus Lebrigaud suchte. Er treibt sich noch immer umher und sein Popenkostüm liegt längst bereit. Ich wette drei Flaschen Wein gegen einen gestohlenen Schinken: das Publikum wird abgespeist und seine Plätze eingenommen haben, und der Halunke ist noch immer nicht zur Stelle.« »Dort unten zieht er mit einem betrunkenen englischen Matrosen!« »Ich will ihn holen!« sagte Bourdon und stand auf. »Ah! – joli garçon! Du verdientest einen Kuß, schöner Korporal, wenn die Fürstin Mulaschpulaschkin nicht schon versagt wäre. Laß dir ihn von anderer Seite geben, mein Junge, das Feld ist rein.« Während Bourdon sich unter dem Gelächter der Kameraden entfernte, fragte der Sergeantmajor: »Was meinte der Kerl mit den Garden? – Morbleu! Es ist wahr, ich habe heut' noch keinen von den goldbetreßten Narren in der Kantine gesehen. Sonst belagerten sie das Zelt doch förmlich.« Die Umsitzenden schwiegen und schauten sich an. Ihre bedeutsam gewechselten Blicke verrieten, daß ihnen die Ursache nicht unbekannt war. »Parbleu! Werd' ich Antwort bekommen? – Weiß jemand, warum die Garde sich heut' nicht blicken läßt?« »Ei, Papa Fabrice,« sagte eine helle und heitere Stimme neben ihm, »sollten Sie wirklich die große Neuigkeit des Tages nicht wissen? Man sagt, sie habe schon drei Duelle gekostet!« Der Sergeantmajor hatte sich rasch zu der hübschen Sprecherin umgewandt. Er schnitt ein süßsaures Gesicht zu der Anrede. »Es ist wachr, Mademoiselle Nini,« sagte er, »daß ich recht gut Ihr Vater sein könnte. Aber Sacristi! Die verteufelte Gewohnheit der Burschen da, mich Papa Fabrice zu nennen, klingt aus Ihrem hübschen Munde für einen Anbeter in den besten Jahren nicht angenehm! Doch – was ist denn geschehen? Haben die Garden ihre Lager abgebrochen? Oder was –« »Ei, ei, Papa Fabrice«, lachte die Marketenderin schelmisch. »Sie müssen heute morgen lange geschlafen haben!« »Ich gestehe es zu meiner Beschämung, Mademoiselle. Wir sind nicht am Dienst – und Ihr Bruder spendierte gestern abend noch spät einen Korb mit Brussawein. Aber der Henker soll die Narren hier holen, daß sie mir nicht längst –« »Ruhe im Glied, Papa Fabrice! Sonst erfahren Sie nichts! Sie wissen ja, daß die Herren der Garde keinen Dienst in den Laufgräben zu tun brauchen!« »Parbleu! Die Faulenzer haben Zeit genug, zu schniegeln und zu bügeln, von morgens bis abends sich hier umher-, zutreiben und den wenigen Damen, die uns hier den Dienst versüßen, die Köpfe zu verdrehen.« »Wenn Sie auf mich zielen, Papa Fabrice,« lachte Nini, »so geht der Schuß vorbei. Mit meiner Freundin Celeste – das will ich nicht verschwören! – Seit der schöne Husaren-Offizier getötet oder gefangen ist, geht es ihr schlecht. Sie braucht Zerstreuung. Es ist aber doch ein boshafter Streich, den man gegen die Herrm von der Garde verübt hat.« »Ich bitte, sprechen Sie, Mademoiselle.« Die hübsche Marketenderin hatte ein Stück Kreide aus der Tasche geholt. »Da sehen Sie, Papa, das haben boshafte Hände in vergangener Nacht an die Zelte der Garde geschrieben. Man las es heute morgen. Es ist ein wahrer Aufruhr entstanden.« Der Sergeantmajor war den kecken Krähenfüßen des Mädchens gefolgt und las: »La Garde deMeure ici, et ne se rend pas aux tranchées!« Ein allgemeines Hohngelächter erschallte. Selbst der Sergeantmajor konnte ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken. Denn das Vorrecht der Garden war allgemein verhaßt und hatte schon zu vielen Zänkereien Veranlassung gegeben. »Pest! – Ich glaube wohl, daß ihnen da der Ärger zu Kopf gestiegen ist! Der Spaß ist vortrefflich. Aber ich begreife immer noch nicht, warum sie deshalb von der Kantine fortbleiben. Gegen Verdruß ist ein tüchtiger Schluck ein Radikalmittel.« Nini schien mit der Antwort zu zögern. »Ich habe gehört,« sagte sie endlich, »daß sie die Zuaven beschuldigen.« »Ah so, mein Engel. – Sie könnten recht haben; denn ich versteh' mich auf die Burschen. Nun weiß ich auch, warum Madame Celeste so ärgerlich ausschaut. Sie ist besorgt, daß ihr der reiche Graf Bretanne von Pontèves Grenadieren, der ihr den Hof macht, aus dem Garn geht. Parbleu! Da kommt einer, dem ich den Streich auf den Kopf zusagen möchte, wenn nicht gar Ihr Bruder mit dabei gewesen ist – das ist ohnehin so ein halber Gelehrter!« Der Aufzug mit dem Maultier und dem betrunkenen Engländer war herangekommen; der Soldat, der das Tier führte, war Lebrigaud, der gesuchte Schauspieler. Der Mann war der wahre Typus eines Zuaven; ein ausdrucksvoller, von wilder Energie strotzender Kopf. Wie alle Zuaven trug er den Schädel rasiert. Aber auf dem oberen Teil der Stirn, wo der Fes aufsitzt, zeigte sich ein Gürtel von tätowierten Figuren. Auf dem Mittelfinger der rechten Hand hatte er eine Frauenfigur mit griechischen Formen, auf dem der linken den Kopf einer Römerin eingegraben. Herzen mit Namen und Kränzen waren auf den anderen Fingern ausgestochen. Auch seine muskulösen Arme zeigten Bilder gleich der berühmten Galerie Leporellos. Die ganze Armee kannte ihn und wußte, daß er schon zweimal zum Tode verurteilt und zu langjähriger Kerkerstrafe und Kugelschleppen begnadigt worden war. l840 bei der afrikanischen Armee unter den Zephiren eingetreten, verging er sich schon zwei Jahre darauf gegen seine Vorgesetzten. Das Kriegsgericht fällte das Todesurteil. Aber Marschall Bugeaud brauchte einen Mann, dem er eine gefährliche Sendung durch das Land der Kabylen auftragen wollte. Lebrigaud erbot sich dazu. Er führte seinen Auftrag unter tausend Gefahren aus. Der Marschall erließ ihm die Strafe. Im Jahre 1850 wurde er zum zweiten Male begnadigt, nachdem er seinem Korporal im Zank um ein Mädchen ein Ohr abgehauen und aus Eifersucht gegen den Bevorzugten die Geschichte selber angegeben hatte. Für die Almaschlacht hatte er von Canrobert die Tapferkeitsmedaille erhalten – er gehörte vor Sewastopol zu den enfants perdus, und man erzählte hundert waghalsige Streiche von ihm. Das war der Bursche, den Bourdon herbeiführte. Die Schönheit des Zuaven hatte durch einen frischen, ziemlich schlecht zusammengeflickten Säbelhieb nicht besonders gewonnen. Aber Lebrigaud kümmerte sich wenig darum. Geschrei und Gelächter empfing ihn. Ein bunter Kreis sammelte sich. Selbst die Schauspieler steckten ihre Köpfe hinter dem Vorhang hervor, um an der Unterhaltung teilzunehmen. »Wo bleibst du, Lebrigaud. Willst du mit uns Truthahn speisen, mein Junge?« »Zum Henker, wie sieht der Bursche aus? – Du kommst in Arrest, wenn der Kapitän dich sieht.« »Pah! Ihr Narren – ich holte mir's bei den Russen; kann man nicht seinen kleinen Krieg auf eigene Hand haben, ohne gerade Napoleon III. zu sein?« Er nickte bedeutsam der Fürstin Mulaschpulaschkin zu. »Hast du Händel gehabt?« flüsterte der Juave. »Verteufelte – ich glaube, man hat mich erkannt! Einer der Grenadiere liegt auf dem Rücken. Es wird Sturm geben.« Der Sergeantmajor war hinzugetreten. – »Wo hast du die Schmarre da über deine Fratze bekommen, Lebrigaud?« »O, Papa Fabrice, es ist eine alte von damals, als ich Euch bei Inkerman aus den russischen Bajonetten holte. Das dumme Ding ist bloß wieder aufgebrochen.« Die schlaue Antwort entzog ihn einem scharfen Verhör. Denn der im Dienst sehr strenge Feldwebel drehte sich bei der Erinnerung um und ging brummend nach seinem Platz. »Goddam your eyes! I have thirst!« schrie der betrunkene Matrose. »Wen hast du?« – »Was sagt er?« fragte es bunt durcheinander. »O, je le trouvai – c'est mon ami. Car ce John Boule, voyez-vous,ça ne sait pas s'arrager comme nous autres; ça ne sont que des enfants. Puis ça nous zaime! cré nom de chien comme ça nous zaime!« Und mit der Gutherzigkeit des echten Bruder Liederlich hob er mit Hilfe der Nächststehenden den betrunkenen Matrosen, den er wahrscheinlich zum ersten Male in seinem Leben gesehen, von dem Maultier. Eine lebhafte Beratschlagung begann, wie man den Gast am besten amüsieren könnte. »I have thirst, John Crapaud!« Die mündliche Unterhaltung zwischen den Verbündeten dieses Schlages war gewöhnlich für sie und jeden anderen ganz und gar unbegreiflich; sie bestand aus fruchtlosen Ausfällen des einen in die englische und des anderen in die französische Sprache. Der eine Freund übersetzte das, was der andere Freund nach seiner Mutmaßung gesagt haben dürfte, verbindlichst in die eigene Muttersprache, und der erste Sprecher begleitete die Richtigkeit der Übersetzung mit dem herzlichsten »Oui, oui« oder »Yes, yes«. »Er will das Theater sehen«, schrie Bernaudin hinter dem Vorhang vor. »Gib ihm einen Platz im Parkett, Lebrigaud!« »Er will uns zum Pferderennen abholen!« riefen andere. »Er will Würfel spielen, diese John Bulls haben immer Gold!« »Narren!« sagte lachend der Korporal. »Der Bursche ist ein Schwamm. Er hat Durst!« »Ah! c'est ça, Camerade! Du hast recht, ich erinnerte mich nicht gleich, daß du das Kauderwelsch verstehst. Achtung vor Korporal Bourdon, Jungens! Er ist ein Gelehrter und der einzige Mensch, vor dem ich Respekt habe.« Lebrigaud, der klein, aber ganz Muskel und Lebendigkeit war, blickte mit zärtlicher Bewunderung auf den viel jüngeren Mann, der ihn in der Tat einmal windelweich gewalkt hatte, als er Nini mit Gewalt einen Kuß geraubt. »Mort de ma vie! Ich habe nicht die geringste Eifersucht auf dich, obgleich du's schon zum Korporal gebracht hast, während ich, Narcisse Lebrigaud, seit fünfzehn Jahren den Gemeinen spiele!« »Mademoiselle Nini! Eine Flasche Wein!« »Nein– Kognak! Diese Engländer trinken nichts als Rum!« »Teufel! Und sie sind doch eine so zärtliche Nation.« »Zärtlich? Wie so?« »Ei, sie behandeln ihre Weiber wie die Kätzchen. Sagen Sie nicht zu jeder: Mies?« Ein brüllendes Gelächter belohnte den schlechten Witz. »Dafür behandeln ihre Damen sie en Canaille! Sie sagen Mylord, und Mylord...« »Ist ein Hundename!« Neues Gelächter – und der Brite, der, ohne eine Ahnung von der Beleidigung seines Landes, mit grämlichem Blick umherstarrte, wurde freundschaftlich in einer der Gruben vor Anker gebracht, die vor der Bühne das Parkett bildeten. Aus den hinterm Räumen der Kantine kamen langsam im Gespräch Mérícourt, Doktor Welland – jetzt Medizinmajor der dritten Zuaven – und Sir Edward Maubridge. Ein kaum über dem Knabmalter stehender Jüngling, in einen russischen Mantel gehüllt, den linken Arm in einer Binde, auch die Stirn umwunden, folgte ihnen. »Es tut mir leid, Monsieur de Lasarow, daß ich Sie in das Gefangenenlager abliefern muß«, sagte Vicomte de Mérícourt. »Aber da Ihre Wunden so gut wie geheilt sind, muß ich meiner Pflicht Genüge leisten, wenn Sie Ihr Ehrenwort verweigern.« »Mein Herr,« sagte der junge Russe schüchtern, »ich glaube nicht, daß Sie mich deshalb tadeln werden.« »Nicht im geringsten! – Das ist Ihre Sache. Aber Doktor Welland hat sich heute dafür ausgesprochen, daß Ihr Schicksalsgenosse, der griechische Offizier, nach Konstantinopel in bessere Pflege gebracht werden soll. Deshalb muß ich den Posten einziehen, der Sie beide bewacht, und Sie ins Hauptlager einliefern, damit man über Sie verfügt.« Der Jüngling verbeugte sich schweigend und setzte sich in trübem Nachdenken an einem der Tische nieder. Die drei Männer blieben unfern des Verschlages, in dem Celeste nach Ninis Anweisung Speisekarten ausfertigte, in ernstem Gespräch stehen. Die Anstrengungen des Winters und des Feldlagers zeigten sich in den gebräunten, festen Gesichtern des Colonels und des Arztes. Der Baronet war noch hagerer und gebeugter, als seit dem Schrecken von Schloß Aya. Der Flor an seinem Hut galt dem gemordeten Bruder Frank, dem lustigen Midshipman. Die eingefallenen Wangen zeigten die hektische Röte, dieses gefährliche Kennzeichen schleichender Krankheit. Dennoch lag in seinen Augen, in seiner Haltung noch Kraft und Entschlossenheit– ein Daransetzen des ganzen Denkes und Lebens an einen bestimmten Zweck. Nach der merkwürdigen Rettung aus dem Felsenschloß der Palta durch Alfred de Sazé hatte sich der Baronet, entgegen seiner bisherigen schroffen und unversöhnlichen Haltung, dem deutschen Arzt genähert. Sein ganzes Wesen war tief erschüttert vom Tode seines Bruders Frank. Alles, was in ihm noch unberührt war von dem Haß gegen Caraiskakis, belebte sich jetzt wieder. Er riß in diesem Gefühl, gutmachen zu müssen, alle Dämme ein, die Leidenschaft, Hochmut und Stolz vor seine Seele gebaut. Offen bekannte er Welland das Unrecht, das er ihm zugefügt, als er ihn dem schmachvollen Tode des Verräters überlieferte. Wellands Kampf war nur kurz. Selber erschüttert durch das Geschick der schwarzen Geschwister, die ihm so oft ihre Zuneigung bewiesen, und die er nun in den Händen seiner Feinde glauben mußte, vergab er dem Briten aufrichtig und reichte ihm die Hand. Welland begriff, daß Sir Edwards Leben und Denken– zuerst aus Eigensinn und Laune, später von der Stimme des Gewissens gefestigt– einzig an der Erlangung seines Kindes hing, das Gregor Caraiskakis ihm verweigert hatte, ja, von dem er nicht einmal wußte, ob Knabe, ob Mädchen. Wieder vor den Mauern Sewastopols, wollte Maubridge nicht weichen. Denn hinter diesm Mauern– in der Festung – glaubte er seinen Gegner– und auch das Pfand seiner Rache: Dionas und sein Kind. Er hoffte nicht umsonst. Der Handschar des jungen Arabers – Abdallahs ben Zarugah– hatte den Kopf Gregors gespalten bei dem nächtlichen Angriff der griechischen Freischar und der Russen auf die britischen und türkischen Batterien am Mamelon. Am Morgen besuchte Edward Maubridge die Kampfstätte; er erkannte den Schwerverwundeten und rettete ihn aus den Händen der plündernden Türken. Doktor Welland war sein erster Gedanke. Gregor Caraiskakis' bedenkenloser Fanatismus, der ihn selbst zum Verrat an der Freundschaft Doktor Wellands führte, hatte sie damals in Warna Siehe »Um das Schwarze Meer« getrennt. Aber sein Unglück tilgte seine Verschuldung und ließ nur das Andenken an die frühere Gemeinschaft in Doktor Welland zurück. Der Vicomte und Nini Bourdon ermöglichten es, daß Doktor Welland den Schwerverwundeten nicht seinem Schicksal in einem entfemten Lazarett überlassen mußte. In einem abgesonderten Gemach der Kantine hatte er ihn unter seiner persönlichen Aufsicht und unter Pflege. »Sie sind also der Ansicht, Doktor Welland,« wandte sich Maubridge an den deutschen Arzt, »Herr Caraiskakis könnte schon die überfahrt nach Konstantmopel aushalten?« »Ja, Sir«, erwiderte Doktor Welland. »Aber seine Krankheit– wir sind noch immer weit vom Ziel!« »Es ist wahr. Die Folgen der Verwundung sind eigentümlich gewesen. Der dicke griechische Fes scheint zwar den Säbelhieb des Arabers aufgehalten und seine tötende Kraft gebrochen zu haben– die Wunde ist vollkommen geheilt. Aber der Kranke vermag weder zu sprechen, noch sich zu bewegen. Es laßt sich nur durch die Verletzung oder Betäubung gewisser Nervenbündel erklären, wie beim Schlagfluß. Wir wissen und sehen alle, daß ihm das volle Bewußtsein und das Gefühl längst zurückgekehrt ist. Der Ausdruck seiner Augen zeigt es; ebenso ist sein Gehör scharf und unverletzt. Der Verstand, das Denken, ist in voller Tätigkeit– und ich bin überzeugt, daß Ihre aufopfernde Sorgfalt auch seine Gefühle gegen Sie umgestimmt hat. Nur ist er vollkommen außerstande, das auszudrücken.« »Aber Sie sprachen die Hoffnung auf eine rasche, volle Umwandlung, auf eine völlige Genesung aus.« »Und ich hege sie noch. Meiner Ansicht nach führen zwei Wege dazu. Der erste ist ungestörte Ruhe; eine Absonderung von den aufreizenden Ereignissen des Tages. Das muß die Nerventätigkeit wieder stärken. Der zweite Weg ist eine mächtige Aufregung der Seele, eine verborgene Leidenschaft, die mit einem Schlage die ganze Lebenskraft wieder herzustellen vermag. Das ist ein Mittel, das keine Kunst, nur der Zufall– oder die Fügung– herbeizuführen imstande ist. Wir können uns daher nur an das erste halten. Und deshalb habe ich Ihnen geraten, Ihren– Schwager jetzt, wo seine körperliche Heilung vollendet ist, mit erster Gelegenheit nach einem ruhigeren Aufenthalt zu schaffen.« »Ich habe schon meinen Agenten in Konstantinopel Auftrag gegeben, uns alle Bequemlichkeiten zu sichern. Wir werden das nächste Dampfschiff benutzen.« »Dann bürge ich für die Heilung; nur an dem Wann scheitert die Wissenschaft. Gott helfe dazu und lege Frieden und Versöhnung in Ihrer beider Herzen!« Vicomte de Méricourt war bei der letzten Wendung des Gespräches an den Verschlag getreten. Er begrüßte freundlich Nini und Celeste. »Wir hoffen auf eine gute Mahlzeit, meine Kleine. Der Doktor und dieser Herr speisen mit mir.« Nini salutierte militärisch. »Aufzuwarten, mein Kommandant. Sie wissen, das Beste, was die Kantine hat, steht zu Ihrem Befehl. Wo wünschen Sie Ihren Tisch gedeckt?« »Bei den anderen Offizieren– wo sich Platz findet. Wir haben hier keinen Vorzug. Madame Celeste– Sie haben sich Ihre schönen Hände mit Tinte geschwärzt.« Celeste rieb die zierlichen Finger. »Mein Unstern ist an dieser fatalen Lage schuld, Herr Vicomte. Und dennoch mußte ich das Anerbieten Ninis, die ich in Paris zufällig kennengelernt habe, noch mit Dank annehmen. Denn Ihre Lagergesetze sind unartig genug gegen Damen. Haben Sie noch keine Gewißheit über Herrn von Sazé?« »Noch immer keine!« »Aber es ist abscheulich, daß er mich solchen Verlegenheiten aussetzen konnte. Ich wollte, ich wäre in Paris, statt in diesem abscheulichen Wirrwarr!« Sie warf Méricourt durch die halbgeschlossenen Augenlider einen schmachtenden, verführerischen Blick zu. Doch die Verlockung prallte an dem gestählten Herzen und dem Unwillen über die selbstsüchtige Gleichgültigkeit gegen das Schicksal seines Freundes ab. »Sie verstehen sich zu entschädigen, Madame!– Sorgen Sie für den armen Knaben, den Russen, Nini«, sagte er kurz abbrechend zu der jungen Wirtin der Kantine. »Ihre Pflegebefohlenen sollen Ihnen nicht lange mehr lästig fallen.« »Wie, mein Kommandant? Sind Sie unzufrieden mit mir?« »Gewiß nicht, Nini– aber der griechische Offizier soll nach Konstantinopel gebracht werden, und der junge Russe wird endlich ans Gefangenenlager als gesund abgeliefert.« »O, mein Herr– es ist ein halbes Kind! Die armen Leute haben es dort gewiß schlimm. Es muß so schrecklich sein in einem Gefängnis!« Tränen standen in ihren bittenden und mitleidigen Augen, die bei den Worten auf ihrem geisteskranken Vetter Jean ruhten. »Die Pflicht gebietet, Nini. Ich setze mich ernster Verantwortung aus,« sagte freundlich aber bestimmt der Vicomte, »wenn ich noch länger gegen Ihren hübschen Schützling solche Nachsicht übe. Sie wissen, daß er von London und Ihrem Bruder zum Gefangenen gemacht wurde und nach Vorschrift angemeldet ist. Nur Ihre Bitten und das Wohlgefallen, das ich für den Knaben fühle, bewogen mich, ihn wegen seiner leichten Wunde als krank in Privatpflege anzugeben. Aber der gestrige Tagesbefehl verordnet aufs strengste die Ablieferung aller Gefangenen ins Hauptlager und der Kranken in die Lazarette. Doktor Welland hat nicht länger zögern können, ihn gesund zu melden.« »Fi donc!– Der abscheuliche Doktor!« Der Offizier lächelte. »Ich kann jetzt in Wahrheit nichts mehr tun, denn der Russe verweigerte die Abgabe seines Ehrenworts. Bringen Sie Ihre Bitte bei Oberst Polkes an– vielleicht übernimmt er die Verantwortung.« »Brrr! Nein, mein Kommandant«, lachte, sich schüttelnd, Nini.– »Lieber einer Batterie entgegen! Monsieur le Colonel ist ein wilder Bär. Und ich weiß sehr wohl, daß nur Ihrem Schutze das arme junge Blut die Erlaubnis zu danken hatte.« »Also, Nini– die Dienstgeschäfte zwischen uns sind erledigt. Und nun zu Tische!« »Sie sollen sogleich bedient werden, mein Kommandant. Denn Sie sind eine Perle aller Stabsoffiziere.« Ein schelmischer Knicks– und die hübsche Marketenderin sprang davon. Die Mittagsstunde war herangekommen. Die Soldaten lagerten vor ihren Zelten um die Feldkessel. In den Küchengräben loderten lustig ganze Reihen kleiner Feuer; vor den Kantinen und Marketenderbaracken speisten die Gruppen der Offiziere auf den seltsamsten Tafeln: auf Faßböden, rohen Tischen oder dem Rasen. Überall Heiterkeit, Gelächter, bunte Unterhaltung– keine Spur des grausigen Kampfes. Nur von Zeit zu Zeit ein dumpfer, ferner Kanonenschlag und eine weiße, leichte Rauchwolke. Regelmäßig antwortete darauf ein gleicher Knall, ein gleicher Rauchwirbel aus den lang hingestreckten, braunen Erdwerken der Festung. Seit einer Viertelstunde jedoch war auch dieses eherne Frag- und Antwortspiel verstummt; denn es war nachgerade Gewohnheit geworden, außer an Tagen scharfer Beschießung, um die Mittagszeit, von zwölf bis drei Uhr, das Feuer einzustellen. Die Aussicht vom Abhang des Sapun war prachtvoll. Die Bucht von Sewastopol lag vor den Augen ausgebreitet. Die Luft war so klar und durchsichtig, daß man auf der Reede mehrere der Takelage und des Spierenwerks beraubte, noch vorhandene russische Dreimaster genau überschauen konnte; Boote kreuzten über der Süd- und Schifferbucht. Ja in den Straßen der Stadt sah man die Soldatenzüge. Quer über die Südbucht ankerte eine Anzahl russischer Linienschiffe in zwei Reihen. Sie kehrten ihre Breitseite dem Einschnitt des Kirchhofes zwischen dem Redan, der Bastion 3 und dem Malakow, der Kornilowskibastion über den weißen Häuserreihen der Vorstadt zu. Das Ganze bot ein fesselndes militärisches Bild. Doch nur das Auge eines Genieoffiziers hätte zu erkennen vermocht, daß in wenigen Stunden einer jener wütenden Kämpfe bevorstand, deren Donner Himmel und Erde erschütterten. Einer jener Kämpfe, die mit Blut und Leichen den Felsenboden der Krim düngten. Einzelne Truppmkolonnen, die sich im Schutz der Bergrücken und Schluchten zu sammeln begannen, ein stärkerer Zug der Munitionskarren und Lasttiere nach den Batterien bildeten allein diese Anzeichen für den Kundigen. Unter einer Korkeiche, deren mageres Schattendach noch durch ausgespannte Lementücher verstärkt war, saß um einen niederen, schmalen Tisch von Fichtenbrettern eine Unzahl französischer Offiziere. Sie gehörten meist zu dem hier lagernden dritten Zuavenregiment. Dazwischen zeigten sich die Uniformen verschiedener anderer Korps, Artilleristen der auf dem Sapunhügel erbauten Mörserbatterie, und zufällige Gäste; darunter zwei Offiziere der sardinischen Bersaglieri. Sie unterhielten sich bald heiter, bald ernst über hundert verschiedene Dinge. Selten nur wurde die bevorstehende Beschießung berührt. »Sie trafen gestern in Kamiesch ein?« »Die ›Veloce‹ warf vorgestern abend Anker. Wir brachten die Nachrichten, die gestern veröffentlicht worden sind.« »Man hört schöne Geschichten von Kertsch, Herr Kamerad von der See! Wenn nur die Hälfte wahr ist, muß es verteufelt locker dort zugegangen sein.« Der Marineoffizier sah sich vorsichtig um. »Sind Engländer hier am Tisch?« »Daß ich nicht wüßte! Nein– wir sind zufällig noch unter uns!« »Dann, meine Herren, muß ich Ihnen sagen, daß unsere werten Verbündeten, die Engländer und Türken, sich abscheulich benommen haben! Sie haben in einer unverteidigten Stadt Dinge begangen, die uns der Schmähung von ganz Europa aussetzen werden.« »Mordioux! Um das zu sagen– warum braucht man da die Anwesenheit der Beefsteaks zu fürchten!« rief ein Offizier. »Wenn Sie die Güte haben wollen, mir Ihre Zeit zu bestimmen, Kapitän Parquez,« sagte der Marineleutnant höflich, »so hoffe ich Sie zu überzeugen, daß es der Mannschaft der ›Veloce‹ in keiner Weise an Mut fehlt.« »Unsinn! Estas en vestra, camisa! Davon kann keine Rede sein! Kapitän Parquez hat nicht daran gedacht, an dem Ruf der Besatzung der ›Veloce‹ zu zweifeln. Außerdem– Sie sind mein Gast.« Der gaskognische Offizier murmelte einige Worte. »Kommandant de Narbonne Lara hat vollkommen meine Meinung ausgedrückt.« Der Seeoffizier verbeugte sich freundlich.– »Auch tat ich die Frage nur, weil ich nicht Unbeteiligte verletzen wollte. Die Art und Weise aber, wie unter den Augen des Admirals Brown und Vizeadmirals Lyons von den englischen Soldaten und Matrosen verfahren wurde, war empörend.« »Man hörte doch von einem Befehl des britischen Admirals Brown,« bemerkte ein Offizier der Chasseurs d'Afrique, »daß jeder Mann, der nach dem Dunkelwerden in der Stadt betroffen würde, gepeitscht werden solle?« Allgemeines Gelächter. »Der Befehl besteht«, bestätigte der Leutnant der ›Veloce‹. »Aber er galt nur in Jenikale und paßt übrigens für englische Soldaten und Matrosen. Unter uns– eine große Verteidigung der Küste und des Zugangs zum Asowschen Meer fand nicht statt. Die wenigen Batterien wurden von der Flotte bald zum Schweigen gebracht. Kertsch wurde ohne Widerstand übergeben.« »Die Russen sollen sich Hals über Kopf auf allen Punkten zurückgezogen haben.« »Das ist ihr System. Die Geschütze werden unbrauchbar gemacht, die Magazine geleert oder gesprengt. Die ganze Küste glich in der Nacht, nachdem wir bei Ambalacki gelandet waren, einer Reihe lodernder Vulkane. Dennoch fand die verbündete Armee noch große Vorräte, nicht allein in den Schiffsarsenalen, sondern namentlich an Getreide in den Lagerhäusern.« »Hoffentlich wird uns bald besseres Brot geliefert werden!« »Täuschen Sie sich nicht, Leutnant Brande«, lachte der Schiffsoffizier. »Bei meinem Abgang hatte die Flotte bereits 248 Schiffe mit Getreide vernichtet, und in Kertsch allein wurden über 2 Millionen Kilogramm verbrannt.« »Aber doch bloß Vorräte der Regierung?« »Ich glaube nicht– man hat keinen Unterschied zwischen dem Privateigentum der Kaufleute und den Vorrätm der Regierung gemacht. Selbst das große Magazin des österreichischen Konsuls, das geschickt in einer Villa versteckt war, wurde angezündet. General d'Autemarre schlug zwar vor, die Getreidemassen nach Konstantinopel und unsern Lagern zu schaffen– oder wenigstens allen französischen und englischen Kauffahrern in Kamiesch und Balaklawa zu gestatten, hier umsonst Ladung zu nehmen– aber unsere Verbündeten eilten, ihren Hauptzweck zu erfüllen: den Russen möglichst vielen materiellen Schaden zuzufügen.« »Sie wollten uns die Zerstörung von Kertsch erzählen, Kamerad«, sagte der Kommandant des zweiten Bataillons, du Moulin. »Wir rückten am Freitag, dem 25. ein, marschierten aber sofort nach Ienikale weiter. Nur eine kleine Abteilung Franzosen, ein Regiment Engländer und der größte Teil der Türken unter Redschid Pascha blieb zurück. Außerdem war eine Zahl britischer Matrosen mit Geschützen gelandet. Sie hatten den Auftrag, die Regierungsfabrik und eine Privatfabrik zur Verfertigung von Miniékugeln und Patronen zu zerstören. Viele der wohlhabenderen Bewohner und die Beamten hatten mit der russischen– wie ich hörte, wenig über 200 Mann starken– Besatzung die Stadt verlassen. Die Zurückgebliebenen kamen unsern Truppen an den Toren nach ihrem Landesbrauch mit Brot und Salz entgegen. Es wurde ihnen Schutz des Lebens und Eigentums zugesagt.– Also, unsere Truppen rückten noch an dem Vormittag weiter. Kaum aber hatten sie die Stadt verlassen, begann die abscheulichste Plünderung. Die Türen der verschlossenen Häuser wurden erbrochen. Was nicht fortgeschleppt werden konnte, wurde mutwillig zertrümmert. Mord und Notzucht in allen Straßen – die Horden der Zigeuner und der Tataren machten bald mit den Soldaten und Matrosen gemeinschaftliche Sache. Sie führten sie von Haus zu Haus der russischen Kaufleute und Handwerker. Immer neue Opfer! Die Bevölkerung unterlag völlig wehrlos der viehischen Brutalität. Es wurden Taten verübt, deren sich Karaiben schämen könnten!« »Und geschah nichts, dem zu steuern?« »Kapitän Fontain schickte täglich Streifen aus, so lange wir auf der Reede ankerten – aber was halfen die wenigen! Sie hatten nicht einmal das Recht, gegen die Engländer einzuschreiten! Ich selber schoß einen türkischen Plünderer nieder, der betrunken über die Straße taumelte! Auf seinen blutigen Säbel hatte der Hund – einen Säugling gespießt! Bericht der »Times« In fast allen Häusern waren Fenster und Türen zertrümmert, Möbel zerschlagen, Betten und Matratzen aufgeschlitzt – aus bloßer Zerstörungslust! – Die Plünderung dauerte noch fort, als wir am 3. zurücksegelten. Wäre sie nicht von solchen ekelhaften Gemeinheiten, solchen tierischen Grausamkeiten begleitet gewesen, man hätte lachen müssen über die Unvernunft dieser Raubsucht! – Ich sah Matrosen sich müde schleppen an einem alten Lehnstuhl, an schweren Federbetten oder an einem hölzernen Heiligenbild mit einer Glorie von Blech um den Kopf. Einzelne machten freilich vorzügliche Beute. Ihrer Majestät 79. Regiment zum Beispiel stahl eine große Menge Silberzeug aus einem der Häuser.« »Ich hörte, das berühmte Museum von Kertsch mit den Altertümern klassischer Vorzeit sei zerstört worden?« fragte Kapitän Stahl. »Bis auf die letzte Scherbe! – Wilde hätten nicht ärger hausen können! Man begreift nicht, wie die Wut weniger Menschen in so kurzer Zeit eine solche Verheerung anrichten konnte. Ich fand den Fußboden des Museums fußhoch mit zerbrochenem Glas, Bruchstücken von Statuen, Vasen, Urnen, dem kostbaren Staub großer Erinnerungen, den sie einschlossen, und halbverkohlten Stücken Holz und Knochen bedeckt. Kein Stückchen, daß sich zerbrechen oder verbrennen ließ, war vom Feuer oder vom Hammer verschont geblieben! Schränke und Regale waren von den Mauern gerissen! Das Glas in Atome zerschmettert; die Statuen in Stücke zerklopft; es war kaum möglich zu erraten, was sie früher vorstellten. Ebenso barbarisch hatte man an dem Grabmal des Mithridates gehaust.« »Und Sie konnten nichts dagegen tun?« »Als ich hinkam, war schon alles vorbei. Wenige Wachen vor allen diesen Gebäuden hätten sie vor der jämmerlichen Zerstörung gerettet. Wie kindlich es unter solchen blutigen Schrecken auch klingen mag – ich mußte wenigstens meiner Entrüstung Worte geben. Ich schrieb sie mit Bleistift auf den weißen Torflügel des Eingangs.« »Das ist das Los des Krieges«, murrte Kapitän Mongin. »Warum uns um das alte Gerumpel ärgern. Wir haben wichtigere Dinge in der Nähe. Sie haben also auch noch keinen Befehl beim Zweiten, Blanchet?« »Parbleu – nein! – Ich glaube, man wird die Garden beschäftigen und uns in den Laufgräben lassen.« Der alte Kapitän lächelte hämisch: »Unsere Jungen sollen ihnen einen empfindlichen Streich gespielt haben«, flüsterte er. »Es ist gut, daß Polkes seit heute morgen fort ist.« Sein Nachbar nickte lächelnd. »Geht heute jemand zu den Briten? Wann beginnt das Rennen?« »Méricourt wollte hinüber. Ich wette, die Narren jagen den Hund mitten zwischen die Batterien hinein. Man sollte ihnen die Spielereien verbieten.« »Lassen Sie ihnen immerhin das Vergnügen, Kommandant«, spöttelte der Chasseuroffizier. »Ihre Prahlerei, besser zu reiten als wir, hat ihnen höchstens bei Balaklawa Vorteil gebracht, als die russischen Ulanen sie jagten.« »Haben Sie Missis Duberly reiten sehen?« fragte ein Leutnant. »Die Lady, die Méricourt gestern besuchte und zu heute einlud? Der Teufel soll mich holen, eine hübsche Frau. Aber doch nicht so nett und noch lange keine so kühne Reiterin, wie die schöne Sardinierin. Wie heißt sie doch, Herr Kamerad?« »Sie meinen die Gräfin Pisani«, sagte höflich der Bersaglieri. »Sie ist eine Ungarin. Ich sah nie eine schönere und festere Hand ein Pferd regieren.« »Dabei sieht sie sehr blaß und leidend aus. Es ist Torheit, eine Dame den Strapazen dieses Feldzuges auszusetzen.« »Der General, ihr Gemahl, soll sehr eifersüchtig sein«, berichtete der Sarde. »Er soll sie im vorigen Jahre während des Donaufeldzuges geheiratet haben und ein bedeutendes Vermögen mit ihr.« »Jedenfalls ist Ihr General besser daran, wenn sie unfreiwillig gefolgt ist,« sagte lachend Leutnant Rouet, »als unser armer Delorny vom Genie, der nach Depuis' Tod hierher kam. Sie haben doch von der Geschichte mit seiner Heirat gehört?« »Nein! – Was ist's? – Erzählen Sie.« »Der \>Charivari\< und mehrere andere Zeitungen teilten schon vor einem halben Jahr den Prozeß mit.« »Pah – wer findet in den Laufgräben den ›Charivari‹, oder die ›Gazette des Tribuneaux‹? Die Engländer sind in dieser Beziehung besser bedient.« »Ja – in dieser einzigen. – Kannte jemand von Ihnen Madame d'Alembert?« »Bedenken Sie, Rouet, daß wir aus Afrika kommen!« »Nun – man ist auf Urlaub in Paris! – Überdies war Herr d'Alembert ehemals ein wackerer Offizier. – Und Madame ist die Tochter des Generals Valpré aus der Kaiserzeit. D'Alembert war gelähmt und brachte seine letzten Lebenstage im Spital zu Val de Grace zu. Madame wohnte bei der Gattin eines unserer Generale und lernte dort Delorny kennen. Die Dame war vierzig Jahre, als ihr Gatte im März des vorigen Jahres starb. Sie verliebte sich in den jungen Kapitän. Er ließ sich die Sache anfangs gefallen, ohne jedoch von Heirat zu sprechen.« »Selbstverständlich!« »Aber Madame d'Alembert sah die Sache nicht von dieser Seite an. Sie nahm im vorigen Sommer Opium – zweimal sogar – und wollte sterben! Der Arzt erklärte wenigstens, sie werde die Nacht nicht überleben. Delorny fühlte ein menschliches Rühren. Er ließ sich mit ihr – wie man sagt – in extremis trauen.« »Und dann wurde die Dame plötzlich gesund? – Ich wittere den Braten.« »Richtig – nur nicht ganz so rasch. Delorny soll sich dann haben bewegen lassen, die Trauung in der Kirche St. Thomas zu wiederholen. Doch heimlich ohne Zeugen und ohne Ausweis der Kirchenbücher. Madame behauptet zwar, sie sei vollzogen – trotz ihrer vierzig Jahre – Delorny weigerte sich jedoch, trotz der gerichtlichen Klage, irgendeinen Schritt zur Anerkennung zu tun. Er hielt sich von ihr entfernt und verschwand endlich. Erst vor einem Monat erfuhr die zärtliche Gattin, daß er sich hierher hatte versetzen lassen. Und Madame machte sich auf, ihm zu folgen. Vorgestern traf sie in Begleitung des Feldalmoseniers Tenelli und des Obersten Brancion von Konstantinopel hier ein. Und gestern überraschte sie den ungetreuen Flüchtling, der sich nichts weniger träumen ließ, als diesen Besuch.« »Ich kann mir den Spaß denken!« »Vielleicht doch nicht, wie er in Wirklichkeit war. Delorny wurde grob, so grob, daß Brancion ihn fordern wollte. Die zärtliche Frau aber brachte sich mit einem Dolch, den sie im Kleid verborgen trug, zwei Stiche in der Nähe des Herzens bei.« »Hol' der Teufel die Tollheit der Weiber!« »Namentlich der alten, Kapitän! Man hat ihr zwar glücklich die Waffe entrissen, ehe sie sich wirklich töten konnte. – Das wäre für Delorny das beste gewesen! Aber die Geschichte hat das ganze Hauptquartier in Aufruhr gebracht. General Pelissier wütet noch ärger gegen allen Frauenbesuch, als bisher. Er hat geschworen, daß, mit Ausnahme der Marketenderinnen, alles aus dem Lager gewiesen werden soll, was einen Unterrock trägt.« »Der General scheint kein solcher Verehrer des schönen Geschlechts zu sein, wie sein Vater«, lachte Welland, der eben mit Méricourt und Maubridge zum Tisch getreten war. »Ah, sieh' da, Doktor! Setzen Sie sich hierher. Was wissen Sie denn von dem Vater des Generals? – Ich denke, die Familie ist ziemlich unbekannt.« »Der Zufall machte mich mit Dingen vertraut«, erzählte der Arzt, »Dinge, die vielleicht dem General selber ganz fremd sind. Er ahnt wahrscheinlich gar nicht einmal das Vorhandensein einer Schwester.« »In Frankreich?« »Nein – in meiner Heimat; einige von Ihnen wissen wohl, daß ich aus Berlin stamme.« »Und dort lebt eine Schwester des Generals?« »Nicht in Berlin – aber in der Nähe. Eine sehr achtbare Dame, die Gattin eines angesehenen Kaufmanns Martens in Mittenwalde, einem kleinen Städtchen unfern der preußischen Hauptstadt. Ihre Mutter war eine Mademoiselle Dütertre in Berlin. Sie hatte ein Verhältnis mit dem Kapitän François Pelissier vom 18. Voltigeurregiment, der sich als Adjutant Oudinots 1808 in Berlin aufhielt. Die Familie besitzt noch ein Bildnis dieses Kapitän Pelissier, des Vaters der Madame Martens; es zeigt ihn in der Uniform seines Regiments. Und auch ein Brief an seine Geliebte ist vorhanden, in dem er seine Freude über die Geburt der Tochter ausspricht. Später haben jedoch weder Mutter noch Kind je von ihm gehört.« »So würde das eine ältere Schwester des Marschalls sein; denn soviel ich weiß, ist er erst vierundvierzig Jahre.« »Er gehört zur jüngeren Schule der Afrikaner«, bemerkte Vicomte de Méricourt. »Pelissier, Bosquet, Changarnier, Lamoriciere, MacMahon – sie sind alle aus Bugeauds Erziehung hervorgegangen. Er wurde früh nach Algier gesandt, weil er in Paris ein ziemlich wildes Leben führte und Schulden machte.« »Pah – wer täte das nicht! Man liebt, man trinkt, man spielt! Wozu wäre das Leben da?« »Wissen Sie denn, daß Letour, der berüchtigste Grec von Paris, sich in Kamiesch eingefunden hat?« »Der Doktor?« »Ja, ich sah ihn gestern – die Lagerpolizei wird ihm hoffentlich beizeiten den Weg weisen.« »Warum nennt man ihn Doktor?« fragte Welland. »Ist er ein Arzt?« »Das nicht – er gab der Fakultät bloß eine kleine Lehre. Sie müssen die Geschichte in Paris gehört haben.« »Ich kenne sie nicht.« »Nun, so hören Sie. Letour ist, wie gesagt, einer der gewandtesten Grecs und äußerst schlau der Polizei gegenüber. Er wußte, daß Herr Duport, eine der medizinischen Größen von Paris, sehr reich und gleichzeitig ein leidenschaftlicher Spieler war. Aber es gelang ihm weder, den Doktor in ein Spielhaus zu locken, noch sich in den Salons Zutritt zu verschaffen, die Duport besuchte. Er mietete deshalb eine vornehme Wohnung, legte sich zu Bett und ließ den Doktor Duport rufen. Der Doktor kommt, fühlt den Puls, verordnet einen Trank und verspricht, abends wiederzukommen. Als er eintrat, fand er im Zimmer des Kranken einen Tisch; daran mehrere Herren – wie Sie sagen, um ihren Freund zu zerstreuen – spielen. Der Tisch mit Gold bedeckt. \>Es geht mir viel besser, Doktor\<, sagt der vorgebliche Kranke. Er sieht Duport scharf an: \>Sie haben eine glückliche Physiognomie, möchten Sie wohl die Güte haben, einige Spiele für mich zu machen?\< – \>Gern\< erwidert der Arzt. Der Grec gibt ihm zehn Louisdors; der Doktor fängt an zu spielen. Er ist sehr glücklich, gewinnt hundert Louisdors, zählt sie dem Kranken hin und meint, daß er öfter Lust gehabt, halbpart mit ihm zu machen. ›Aufgeschoben ist nicht aufgehoben‹, meinte der Grec. ›Wenn Sie morgen einige Augenblicke Zeit haben, so kommm Sie. Ich werde diese Herren einladen und wir machen eine Partie.‹ Doktor Duport stellt sich pünktlich ein und einigt sich mit seinem Kranken, der sich ziemlich wohl befindet. Zuerst läßt man ihn gewinnen, dann dreht sich der Wind. Bei drei Besuchen verliert der Doktor nicht weniger als 25 000 Franken. Als er das viertemal wiederkommt, um Revanche zu nehmen – ist das Nest ausgeflogen.« »Was kommt dort für eine Kavalkade?« unterbrach ein Offizier den Vicomte. »Wie? – Dort? – Ich glaube, es ist Feverrier – er hat es eilig.« »Nein – ich meinte da nach der andern Seite – die Staubwolke?« Der Brigadeadjutant war herangesprengt. »Meine Herren! Der Oberst läßt Sie wissen, daß der General en chef sogleich mit dem ganzen Stabe hier sein wird. Die Leute sollen aber in ihrer Beschäftigung bleiben – wie ich sehe, also bei der Mahlzeit. Sie wissen, der General liebt es nicht, sich zu genieren. Er ist heute ohnehin nicht besonderer Laune.« »Wieso? Was gibt es? Erzählen Sie, Feverrier!« Die Offiziere umdrängten ihn. »Unter uns, es hat einen verteufelten Sturm gegeben. Der Obergeneral war bei Lord Raglan in Kamara. Wie mir General Wimpffen vertraut, ist es zu einem Auftritt gekommen wegen der Befestigung, die die Engländer bei Kertsch und Pawlowskaja verstärken wollen.« »Doch wohl, um sich dort festzusetzen? Ein neues Korfu oder Gibraltar am Asowschen Meer.« »So scheint es! Bitte, reichen Sie mir einen Becher Wein – meine Kehle ist so trocken wie die Sahara. – General Pelissier«, fuhr er fort, nachdem er getrunken, »hat dem Lord erklärt, er werde d'Autemarre den Auftrag senden, sich mit Gewalt jeder Befestigung an der Küste zu widersetzen. Sie habe einen andern Zweck, als die Expedition zu sichern. – Wahrhaftig – da sind sie schon! Der Teufel traue dem Dicken!« Der Kreis der Offiziere zog sich zurück. Die Anhöhe herauf kam der zahlreiche Stab des französischen Oberfeldherrn, begleitet von mehreren Divisions- und Brigadegeneralen, Ismael Pascha und dem General La Marmora. Zwei Araber, in weißen, wehenden Gewändern, ritten dem General Pelissier voran. Der General ritt auf einem kräftigen Grauschimmel. Er war ein starker, fast fetter Mann; das erschwerte ihm das anhaltende Reiten sehr. Sein Haar war fast weiß und kurz abgeschnitten. Er war nicht groß, das Gesicht von gutmütigem Ausdruck. Nur um die Nasenflügel verkündeten einige Falten den harten, festen und eigensinnigen Charakter. Der General trug eine mit Orden geschmückte Uniform und darüber, trotz der Hitze, einen weißen Mantel, ähnlich denen der arabischen Häuptlinge. »Guten Tag, meine Herren«, sagte Pelissier. »Wir müssen Sie hier kurze Zeit stören, weil man von Ihrer Höhe eine Aussicht hat, die ich brauche. – Das Glas, Selim.« Der arabische Leibdiener überreichte dem Feldherrn das Fernglas. »Kommen Sie her, Bosquet«, fuhr der Oberbefehlshaber fort. »Wir werden uns hier leichter verständigen. Wenn Sie Vergé mit seiner Brigade die linke Parallele bis zu den Steinbrüchen – auf die Flanke der Engländer – besetzen lassen, kann sich Wimpffen im Dokowajagrund aufstellen – von Brünet unterstützt. Ich hoffe jedoch, es wird der Reserven nicht bedürfen. Am besten ist's, Sie lassen den Mamelon gleich von drei Seiten her angreifen. So teilt sich das Feuer. Wenn Oberst Shirley mit den Briten seine Schuldigkeit tut, wird er den Kirchhof zu dieser Zeit besetzt haben und die Kanonen des Malakow zur Genüge beschäftigen.« General Bosquet verbeugte sich schweigend. Er und Pelissier waren keine besonderen Freunde. »Ich glaube, Camou wird hier ein leichteres Spiel haben als Mayran und Dülac vor den Schanzen«, fuhr der General fort. »Dennoch wird die Einnahme des Mamelon für uns von größter Bedeutung sein. Der Teufel soll das Nest holen! Man hätte seinen Bau gar nicht so weit gedeihen lassen sollen!« »Ich danke Euer Exzellenz für die Ehre, die Sie uns mit dem Befehl erzeigt haben«, sagte General Camou. »Eigentlich wären freilich die Garden an der Reihe gewesen«, meinte der Feldherr. »Und Pontéves wird mir's gewaltig übelnehmen. Indes ist er der Jüngste von uns. Er hat Zeit. – Wer kommt dort?« Er deutete nach der Bergseite, die nach Südosten führte. Auf ihrem Abhang kam eine Reitergruppe von den entfernten Lagerplätzen der Garde her. » Parbleu – ich glaube, das ist Mellinet, der mich zu quälen kommt. Vorwärts, meine Herrn, zur Viktoriaschanze!« Ehe jedoch der Stab sich in Bewegung setzen konnte, sprengte der Kommandeur der Gardedivision, General Mellinet, mit seinen beiden Generalen Ulrich und Pontéves und mehreren Offizieren der Garderegimenter herbei und schnitt dem Oberbefehlshaber gleichsam den Weg ab. Als General Pelissier sah, daß er nicht mehr entkommen konnte, blieb er, Verwünschungen murmelnd, halten. Er sprang mit den oberen, seinem Kommando untergebenen Offizieren häufig nicht besonders höflich um. Weit eher sah er den Soldaten und unteren Graden etwas nach; namentlich erfreuten sich die Garden nicht gerade besonderen Vorzugs. Darum schien sich General Mellinet jedoch wenig zu kümmern. Er ritt gerade auf Pelissier zu und grüßte kalt. »Es freut mich, daß Sie kommen, Mellinet«, sagte Pelissier, offenbar mit dem Wunsch, irgendeinem Anliegen vorzubeugen. »Ich vermißte überhaupt heute die Herren von der Garde bei dem Besuch im britischen Hauptquartier; Sie können mich nach der Viktoriaschanze begleiten.« »Verzeihen Euer Exzellenz«, sagte Mellinet kalt und fest. »Ich muß um einige Augenblicke Gehör bitten. Ich bin dazu hierher gekommen, da ich hörte, daß der Stab diesen Weg genommen hat.« »Sprechen Sie unterwegs, ich habe Eile – Sie werden wissen, daß das Feuer in drei Stunden beginnen muß.« »Ich habe nicht die Ehre, Euer Exzellenz Anordnungen schon zu kennen«, beharrte der General. Er merkte wohl, daß Pelissier zu entkommen suchte. »Aber ich muß bemerken, daß die Sache sich am besten hier an Ort und Stelle entscheiden lassen wird.« »Meinetwegen denn! Bitte, was wünschen Sie?« »Ich komme, im Namen der Garde Beschwerde zu führen über Beleidigungen und Verhöhnungen, die man sich fortwährend gegen sie erlaubt.« »Ach, Larifari! Die alte Leier von den ewigen Zänkereien«, schrie der Oberbefehlshaber. »Lassen Sie mich endlich damit ungeschoren, wenn Sie keine bestimmten Beschwerden anführen können. An Streitigkeiten hat ein Teil soviel Schuld wie der andere.« General Mellinet schien im voraus entschlossen, Ruhe und Gelassenheit zu behalten. Sein Gesicht begann sich zu röten; er begnügte sich, Pelissier ein Papier mit den Worten zu überreichen: »Ich bitte Euer Exzellenz, dies zu lesen.« Pelissier entfaltete das Blatt – es war eines der Plakate, die man während der Nacht an die Zelte der Garde angeheftet hatte. Der künftige Marschall las. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus. – » Mort de ma vie ! Gestehen Sie, Mellinet, der Witz ist nicht übel. Ich bitte, Rivet, lesen Sie das Dings da!« Er reichte mit zwerchfellerschütterndem Lachen das Blatt dem Generalstabschef. Aus dessen Hand machte es weiter die Runde. Die Offiziere der Garde wurden bleich und rot vor Zorn. »Gottes Blut«, knurrte endlich der General Pontèves, dessen Gesicht zu glühen begann. »Wir sind hier nicht, um Ihr Gelächter zu hören, meine Herren, sondern um Genugtuung für die Beleidigung zu fordern.« »Ah, sieh da, Pontèves«, rief der Oberbefehlshaber. »Sei verständig und lache über den Scherz! – Das ist das beste, was die Herren tun können; denn – die Angelegenheit der Laufgräben ist doch nun einmal Wahrheit.« »Exzellenz«, sagte General Mellinet in scharfem und erhobenem Ton. »Wie dem auch sei – wir kommen nach Beratung mit unserm Offizierkorps, um zwei Dinge zu verlangen. Das erste ist, daß Sie den Garden gestatten, auf ihr Vorrecht Verzicht zu leisten und in dem Laufgräbendienst abzuwechseln, wie jeder andere Teil der Armee; das zweite ist eine strenge Untersuchung wegen des angetanen Schimpfes; er hat Blut gekostet und wird noch mehr kosten, wenn Euer Exzellenz uns Ihr Einschreiten verweigern.« Pelissier sah den Redner von der Seite an. Doch mochte er sich der Sache vor dem sardinischen Oberkommandanten schämen; denn er sagte ärgerlich: »Was ist's damit? Reden Sie deutlich und klar, Herr General!« »Es haben infolge dieses Schimpfes heute morgen drei Duelle stattgefunden. Ein Sergeant der Grenadiere ist dabei erstochen worden. Die Soldaten der ganzen Division sind wütend und außer sich. Ich kann Euer Exzellenz nicht für Ausschreitungen eingestehen, wenn die Täter nicht sofort bestraft werden.« Die Falte zwischen den Brauen des Oberbefehlshabers hatte sich vertieft. In den Krähenfüßen um die Augenwinkel lag Hohn, mit aufsteigendem Zorn gemischt. »Das sind alles allgemeine Anschuldigungen, General Mellinet. Aber wer ist der Täter?« »Es sind Zuaven vom dritten Regiment«, erwiderte Pontèves barsch. Der Oberst des dritten Zuavenregiments, de Bonnet- Maurelhan-Polkes, drängte sein Pferd aus den hinteren Reihen. »Erlauben Sie, Herr General, das ist – –« »Still!« sagte der Oberbefehlshaber mit gebietender Stimme. »Überlassen Sie das mir, Oberst. – Wo sind die Beweise für Ihre Behauptungen, Herr General?« »Die Wachen haben Zuaven in der Nähe unserer Zelte bald nach Mitternacht umherschleichen sehen. Ein Korporal der Grenadiere behauptet, zwei von ihnen erkannt zu haben. Den einen bezeichnet der Name dieser Brieftafel. Man fand sie an einer Stelle, an der jene Nichtswürdigkeit angeheftet war. Der andere hat sich durch das Duell verraten. Denn er verwundete heute tödlich den Korporal des ersten Grenadierregiments, der ihn beschuldigte.« General Pelissier hatte das Notizbuch geöffnet. Seine Stirn war finster wie eine Gewitterwolke – weniger aus Ärger über den Unfug, als aus Groll über die Beweise. »François Bourdon«,las er. »Wie heißt der andere Bursche, den man gesehen haben will?« »Lebrigaud!« »Lebrigaud? – Der Name ist mir nicht unbekannt. Ein toller Taugenichts, wenn ich mich recht erinnere. In welcher Kompagnie stehen die beiden?« Sein Blick heftete sich auf den Kreis von Offizieren und Soldaten, der sich in einiger Entfernung um die Generale gebildet hatte und in gespanntem Schweigen der Entwickelung harrte. Der Kommandant des ersten Bataillons, Vicomte de Méricourt, trat grüßend vor. »Euer Exzellenz zu Befehl, die beiden Leute stehen beim ersten Bataillon, das ich zu kommandieren die Ehre habe. Aber ich glaube, für Korporal Bourdon bürgen zu können. Er ist einer der bravsten und ordentlichsten Soldaten.« »Ich habe Sie um Ihr Zeugnis noch nicht gefragt, Herr«, sagte grämlich der General. »Lassen Sie die beiden Männer hierher kommen.« Der Befehl lief schnell durch die Menge, die sich näher herandrängte. Einige Augenblicke darauf trat der Korporal Bourdon in den Kreis und blieb in dienstlicher Haltung vor den Generalen stehen. Ihm folgte Lebrigaud, in den Talar und die Mütze eines polnischen Juden gekleidet, die als das Kostüm eines russischen Popen gelten sollte. An der Hand führte er – nicht ohne einiges Sträuben – die noch toller aufgeputzte Figur seines Kollegen Bernaudin. Ein unterdrücktes Lachen lief durch die ganze Kavalkade des Stabes bei dem Anblick dieses seltsamen Kleeblattes. Die Offiziere der Garden bissen ihre Lippen wund. »Was soll die Mummerei heißen? – Wer sind die Kerls?« »Exzellenz halten zu Gnaden«, nahm der verkleidete Pope mit einer tiefen Verbeugung das Wort. »Ich bin für heute nachmittag der ehrwürdige Vater Basilius Papodorowitsch. Das da ist Ihre Durchlaucht, die Fürstin Mulaschpulaschkin, die Besitzerin verschiedener Goldbergwerke im Uralischen Gebirge, die sterblich in einen Offizier von Euer Exzellenz getreuen Zuaven verliebt ist. Mit des Himmels Hilfe und meinem Beistand soll sie seine eheliche Gattin werden!« Das Gesicht des Generals wurde jetzt im Ernst finster. »Nimm dich in acht, Bursche! Bedenke, vor wem du stehst! – Wie heißt du?« »Lebrigaud, Exzellenz. Das ist mein Kamerad Bernaudin«, sagte der Liederjahn unbesorgt. »Wir haben heute, mit Erlaubnis des Obersten, eine kleine Theatervorstellung, zu der wir Euer Exzellenz und die Herren Generale gern einladen möchten – wenn es der Respekt erlaubte. Euer Exzellenz wollen das Kostüm entschuldigen. Wir durften es nicht wagen, Sie warten zu lassen.« »Es ist gut! – Dein Name kommt mir bekannt vor?« »Möglich, General. Wir haben beide einen großen Teil unserer Zeit in Afrika zugebracht.« »Du warst unter den Zephiren beim Angriff auf die Verschanzung der Beni Hassan?« »Ja, General. Es sind fünfzehn Jahre her. Und ich bin seitdem nicht schöner geworden. Ich half Sie damals über die Schanze werfen. Sie waren da noch nicht so stark und schwer wie heute Pelissier hatte als Bataillonskommandant der Zephire Befehl, eine Schanze wegzunehmen; aber die Araber verteidigten sie tapfer. Da befahl er:« Jetez moi à travers; mes hommes me suivront alors «!« Gesagt, getan, drei Mann warfen ihn hinüber, er erhielt vier Wunden, aber seine Soldaten folgten ihm. , ich erinnere mich genau.« »Richtig, du warst einer von den dreien. Aber ich habe ein ebenso gutes Gedächtnis. Ich erinnere mich, daß du der erste bei mir warst. Ich kenne jetzt auch dein Gesicht, trotz des Bartes.« »O«, sagte der Zuave höflich und entfernte den falschen Bart. »Da kann ich dienen, General!« Jedermann sah jetzt, wie die Untersuchung enden würde; denn Pelissier nahm bei jeder Gelegenheit seine alten Zephire in Schutz, obgleich sie die berüchtigsten Taugenichtse der afrikanischen Armee waren. Trotzdem konnte sich der General Pontèves nicht enthalten, noch einen Versuch zu machen. Er wies auf die breite Schmarre des Zuaven. »Da steht der Beweis auf seinem Gesicht – er ist derjenige, der sich heute morgen geschlagen hat.« » Fichtre Ich denke, ich habe es noch nicht geleugnet! – Es kam wegen einer Beleidigung, die mir die Garden angetan haben.« »Dir, Kerl?« »Ja, General! Sie haben mir meine Brieftafel, die mir mein Freund und Korporal Bourdon hier zu meinem Namenstag als Andenken geschenkt hatte, gestohlen! Der Henker weiß, zu welchem Zwecke!« Unaufhaltsam, trotz der Gegenwart des Oberbefehlshabers, brach das Gelächter nach dieser frechen Anschuldigung hervor. Der Spitzbube hatte offenbar die Anklage und die Verhandlung hinter der Bühne versteckt angehört. Jetzt lieferte er auf diese Art den Beweis, da er seinem jüngeren und ehrlichen Kameraden nicht mehr trauen mochte. »Und Euer Exzellenz gestatten diesem Schuft eine solche Niederträchtigkeit?« schrie wütend General Mellinet. »Ich begreife nicht,« fuhr der Zuave mit der gleichen Gelassenheit fort, »wie man sich darüber ärgern kann. Wir müssen uns doch gefallen lassen, daß die Herren von der Garde uns nicht anders als Hühnerdiebe nennen – während sie die ganze Zeit doch ihre Eier in unsere Nester legen!« Er wies mit der Hand nach dem Eingang der Kantine. Dort sah man einen Adjutanten des Generals Pontèves, der heimlich vom Pferde gestiegen war, die Gelegenheit benutzen, sich eifrig mit Celeste zu unterhalten. Das Pärchen bemerkte nicht einmal die Aufmerksamkeit, die der Zuave schlau darauf lenkte. »Sie werden dem Grafen Bretanne drei Tage Arrest dafür geben, Herr General,« sagte der Oberkommandant – kein besonderer Freund des schönen Geschlechts – barsch, »daß er seiner Liebeleien wegen die Achtung vor seinen Vorgesetzten aus den Augen setzt. – Was die Beleidigung anbetrifft: es stehen Anschuldigungen auf beiden Seiten. Hast du dies geschrieben, Bursche? – Sprich die Wahrheit!« – Er zeigte dem Zuaven das Plakat. Der Halunke spielte wie die Katze mit der Maus mit seinen Gegnern. Er besah das Blatt hinten und vorne, zeigte es kopfschüttelnd seinem Gefährten und sagte dann, die Augen listig zusammenkneifend: »Aber General, die ganze Kompagnie weiß, daß ich kein Gelehrter bin und nicht einmal meinen Namen schreiben kann! Sonst müßte ich ja längst mindestens Oberst sein – abgesehen von den paar kleinen Verurteilungen. Außerdem kann hier Bernaudin, mein Kamerad, der die Fürstin Mulaschpulaschkin darstellt, bezeugen, daß ich die ganze Nacht nicht von seiner Seite gekommen bin!« »So wahr alle neunhundertneunundneunzig Heiligen meiner Seele gnädig sein mögen, ich will mein Leben lang nichts als saure arabische Milch fressen,« schwor die Fürstin Mulaschpulaschkin geläufig, »wenn das nicht alles die reine Wahrheit ist, Euer Exzellenz, Herr Generaloberkommandant! – Ich will verdammt – –« Eine Handbewegung und ein einziger Blick des Generals unterbrach ihn und scheuchte ihn einige Schritte zurück. »Kannst du einen ähnlichen glaubwürdigen Zeugen stellen, Korporal?« fragte er, zu Bourdon gewendet. François war blutrot. Er scheute sich, eine Lüge vorzubringen. Lebrigaud sprang ihm jedoch eifrig zu Hilfe und sagte: »Der Sergeantmajor Fabrice war bei ihm.« »Fabrice Tonton? – Das ist ein Braver – ich kenne ihn. Vortreten.« Papa Fabrice wurde sehr gegen seinen Willen in den Kreis gedrängt und fühlte sich unbehaglich und verlegen. »Nun, mein Alter,« sprach ihn freundlich der General an, »die Sache hier muß ein Ende nehmen. Sprich also frisch heraus. Ist dir bekannt, wo dieser Mann hier die Nacht zugebracht hat?« Der Sergeantmajor drehte sich noch immer verlegen den langen Schnurrbart, rückte den Fes von einer Seite auf die andere und kraute sich verlegen hinter dem Ohr. »Nun – wird's?« »Pest! – Es ist freilich nicht ganz recht, General,« murmelte der Angeredete endlich, »daß so ein alter Esel, wie ich, sich verführen läßt – aber die Wahrheit muß heraus! – Wir haben zusammen getrunken, mein General – es war so, wie ein Namenstag, ich weiß nur nicht genau welcher! – Aber wir saßen die Nacht beisammen, das ist wahr, nur ...« »Das ist genug«, sagte der Oberkommandant. »Tretet zurück! Sie sehen, General Mellinet, es hat sich nichts ermitteln lassen. Was Ihr Verlangen betrifft, so bewillige ich, daß die zweite Gardebrigade bei der heutigen Ablösung den Dienst in den Laufgräben beziehen soll. Treffen Sie die nötige Änderung in den Bestimmungen, Rivet.« »Aber das Duell – der erstochene Sergeant?« »General Wimpffen mag ein Kriegsgericht anordnen – Sie hören ja, der Bursche behauptet, der beleidigte Teil zu sein.« Der Kommandant der Garden wandte sich zum Kommandeur des Regiments. »Da mir hier jede Genugtuung verweigert wird,« sagte er, bleich vor unterdrücktem Ärger, »so habe ich Sie, Oberst Maurelhan, nur noch darauf aufmerksam zu machen: läßt sich einer von Ihren Schuften noch einmal im Bereich des Lagers der Garden blicken, werden die Wachen Order haben, ihn wie einen Hund niederzuschießen!« »Wenn Sie hierher gekommen sind, General,« schrie der alte Polkes heftig, »um mich zu beleidigen, so ...« »Halt da, meine Herren«, unterbrach die strenge Stimme des Oberbefehlshabers. »Keinen Streit! Meine Entscheidung ist gefällt. Sie mögen bedenken, General Mellinet, daß ich wegen eines Witzwortes unmöglich brave Soldaten erschießen lassen kann. – Begleiten Sie uns weiter, Mellinet, wenn es Ihnen genehm.« »Euer Exzellenz werden mir erlauben, nach meinem Quartier zurückzukehren«, sagte der Gardedivisionär, kurz und kalt salutierend. Er wandte, ohne Antwort abzuwarten, sein Pferd. »Oberst Maurelhan-Polkes«, fuhr der Obergeneral fort. »Das Regiment scheint mir allerdings etwas außer Zucht. Ich muß Sie bitten, größere Strenge eintreten zu lassen. Um den Übermut etwas zu dämpfen und zu bestrafen, soll das Regiment morgen die Spitze nehmen beim Sturm auf den Mamelon. Lassen Sie die Brigade Vergé die Stellung im Dokawajagrund einnehmen und die erste Brigade den Angriff machen, Camou!« Ein donnerndes » Vive l'Empereur! Vive le général Pelissier !« erschütterte bei dieser Strafpredigt die Luft. Die Zuaven gebärdeten sich wie wahnsinnig; sie umringten vorstürzend den General; sie umarmten und küßten die Füße seines Pferdes, sie schwenkten die grünen Schals ihrer Kopfbedeckung durch die Luft und trieben tolle Possen. »Das ist unbillig, General Pelissier«, sagte ernst Pontèves, der von der Gardesuite allein noch zurückgeblieben war. »Diese Genugtuung hätte zum mindesten den Garden gebührt. Ich hatte Ihr Versprechen für meine Brigade bei dieser Gelegenheit und mahne Sie jetzt daran.« Der Obergeneral klopfte ihm freundlich auf die Schulter. »Sei vernünftig, Pontèves. Wenn es Ernst gilt auf den Malakow, sollst du mit deinen Grenadieren nicht fehlen. Auf mein Wort. Der Mamelon ist ein Vorposten – den zu nehmen ist das Gesindel da gerade gut. Das tolle Blut wird dabei ein wenig abgezapft werden. Nach dem Gefecht wird die Freundschaft wiederhergestellt sein. Ich kenne das – und schicke deshalb deine Brigade in die Laufgräben, damit heute Ruhe bleibt. – Ist es gefällig, meine Herren – wir haben viel Zeit verloren! Adieu, Kinder! Beeilt eure Vorstellung, damit euch die meine nicht stört!« Er galoppierte unter dem Zuruf der Zuaven in weit besserer Laune davon, als er hergekommen, gefolgt von der ganzen Suite. Der Obergeneral und sein Stab waren noch nicht in der Schlucht verschwunden, als das ausgelassenste Leben und Treiben in dem Lager der Männer begann: Narren und Kinder in ihrem Müßiggang – Löwen und Helden im Gefecht. Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampf fiel wie ein Blitz durch die Zeltreihen der ganzen Brigade. Sie entflammte alles, trotz der brennenden Mittagshitze. Selbst die Offiziere waren von dem allgemeinen Taumel angesteckt. Überall redeten Kreise und Gruppen aufeinander ein. Vor dem Theater sammelten sich dichte Massen, nahmen Platz um den eingeschlafenen britischen Matrosen und schrien nach dem Beginn des Schauspiels und nach Musik, nach ihren Lieblingsliedern, nach dem Sturmmarsch. In der Tat wurde auch die Ruhe erst einigermaßen hergestellt, als die Musiker in einem Erdloch vor der Bühne den Zuavenmarsch begannen. Dann ging der Vorhang in die Höhe und die Künstler erschienen in tollem Aufzug in einer Reihe. Lebrigaud an ihrer Spitze brüllte mit einer entsetzlichen Stimme den Text des Liedes. Bald fiel die ganze Versammlung ein, daß es weithin durch die von der Sonnenglut zitternde Luft erklang ... Michael Lasarow, der gefangene Unterfähnrich, war bei dem Erscheinen der Kavalkade des Oberkommandanten neugierig an ein offenes Fenster der Kantine getreten, um die Feldherren zu sehen. Nini, mit der Anklage gegen ihren Bruder noch unbekannt, stand neben ihm und nannte ihm die Namen der Generale. Plötzlich fuhr Lasarow zurück. Sein Blick war auf eine ihm wohlbekannte Gestalt gefallen: einen alten Mann in Zivilkleidung, die aber den früheren Krieger nicht zu verbergen vermocht hätte – auch wenn das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust und zwei tiefe Narben im Gesicht darüber Zweifel gelassen hätten. Der Greis ritt in der Begleitung des Generals en chef . Seine Augen musterten traurig und ernst die bunten Kriegergruppen. Eine kurze Wendung weiter – und er hätte gefunden, was er so sehnsüchtig suchte. Der junge Unterfähnrich war lebhaft bewegt. Blässe und fliegende Röte wechselten auf dem vom Wundlager noch angegriffenen Gesicht. Dann schien er seinen Entschluß gefaßt zu haben. Er zog sich hastig, wie vor einer Entdeckung fliehend und zur Verwunderung seiner Beschützerin Nini, in die ihm angewiesene Abteilung der Kantine zurück. Dai Bosche! Die kurze Unterredung, die der zum Arrest befohlene Graf Bretanne mit Celeste gehabt, hatte doch genügt, dem Schicksal der Eitlen und Leichtsinnigen eine neue Wendung zu geben. Die Anwesenheit von Frauen im Lager ohne bestimmten, militärischen Einrichtungen entsprechenden Beruf war zwar von beiden Oberfeldherren untersagt. Das Verbot wurde aber vielfach und unter allerlei Vorwänden umgangen. So war auch Madame Bibesco von ihrem Entführer, dem Kapitän de Sazé, während des Winters im Lager von Kamiesch untergebracht worden. Dort hatte sie die Leiden und die Not der Armee weniger empfunden. Erst als ihr Beschützer und Geliebter verschwunden war und sie dadurch in Verlegenheit geriet, hatte sie den Vicomte de Méricourt aufgesucht und dabei Nini Bourdon wiedergetroffen. So peinlich und unangenehm in vieler Beziehung ihr auch die Begegnung mit ihrer früheren Freundin und deren Gefährten war, hatte die Klugheit ihr doch geboten, das gutherzige Anerbieten Ninis und eine Stelle als Kassiererin in der Kantine anzunehmen. Diese Stellung bekleidete sie seit einer Woche; sie bot ihr reichlich Zerstreuung und Gelegenheit, mit den Offizieren zu scherzen und ihre Netze auszuwerfen. Ihr dauerndes Suchen und Haschen nach Erfolgen hinderten sie auch, ihre Aufmerksamkeit auf die Ähnlichkeit des armen Blödsinnigen mit dem früheren Geliebten Ninis in Paris zu richten. Sie sah darin nur ein Spiel des Zufalls. Irgendeine Geschichte, die ihr Nini von dem armen Verwandten erzählt, genügte ihr scheinbar; denn sie vermied sorgfältig, auf jenen Abend in der Rue St. Joseph zurückzukommen. Sie hütete sich auch, Nini von ihrem späteren Zusammentreffen mit dem Fürsten Iwan Oczakow zu erzählen. Dennoch blieb ihr das Verhältnis zu Nini Bourdon höchst unbehaglich. Sie ergriff daher die erste sichere Gelegenheit, sich ihr zu entziehen. Dazu waren ihr die Anerbietungen des reichen Gardeoffiziers, des Grafen Bretanne, willkommen. Während ihres Gesprächs mit dem Grafen Bretanne und den Vorgängen draußen war daher auch der Eintritt eines englischen Offiziers wenig beachtet worden. Er nahm unfern des Einganges Platz und bestellte Kaffee. Der Engländer trug die Interimsuniform eines Linienregiments. Ein rötlicher Schnurr- und Backenbart rahmte sein noch sehr jugendliches Gesicht ein. Eine blaue Brille bedeckte die Augen. Dennoch schien dies Gesicht einen eigentümlichen Eindruck hervorzubringen; denn Nini betrachtete ihn erstaunt und ging zweimal neugierig an ihm vorüber, ehe draußen die Wendung des Verhörs vor General Pelissier all ihre Aufmerksamkeit und ihre Besorgnis fesselte. Der schwachsinnige Jean brachte, da sich alle Bedienung außerhalb der Kantine befand, das Getränk und setzte es träumerisch und achtlos vor dem fremden Offizier nieder. Nicht so spurlos ging die einfache Begegnung bei dem Engländer vorüber. Der Anblick des armen blödsinnigen Burschen durchzuckte ihn wie ein elektrischer Schlag; er machte unwillkürlich eine Bewegung, aufzuspringen – die Arme erhoben sich – doch ebenso schnell wurde er seiner Bewegung Meister und unterdrückte jedes Zeichen der Aufregung. Nur seine Blicke folgten unverändert allen Bewegungen des Schwachsinnigen. Jean trug das empfangene Geld zu Celeste und brachte den Rest dem Offizier zurück. Der Engländer berührte hastig dabei die Hand des armen Jean – er drückte sie. Zwei große schwere Tropfen flossen unter den blauen Gläsern der Brille langsam hervor über seine Wangen. General Pelissier hatte den Platz verlassen. Offiziere und Soldaten sammelten sich, während Lärm und Jubel draußen tobten, um das Kontor Celestes oder in der Kantine. Man schilderte der jungen Marketenderin die komischen Szenen des Verhörs, plauderte von dem bevorstehenden Kampf oder schickte sich gemächlich zum Einnehmen ihres Kaffees an. Die britische Uniform war eine zu gewöhnliche Erscheinung, als daß sie irgend Aufmerksamkeit hätte erregen können. Der fremde Offizier hielt sich abgesondert und saß, den Kopf in die Hand gestützt. Zwei Männer nur widmeten ihm eine schärfere Beachtung. Es war der Korporal Bourdon, der seinen sehr grämlichen und ärgerlichen Sergeantmajor in eine Ecke gezogen hatte, um sich dort gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die ihm der Alte für seinen Aufruf zum Zeugnis machte. »Den Teufel über euch, Halunken«, schmähte der Feldwebel. »Konntet ihr euch nicht herauslügen aus der Geschichte, ohne einen alten Kerl, wie mich und seine kleinen Sünden vor den General zu bringen? Wenn er mich nun degradiert hätte, ihr Schufte – bloß weil ich mich verleiten ließ, mir in Gesellschaft solcher Laffen einen kleinen Haarbeutel zu trinken? He – was hätte man dann in der ganzen Armee vom Sergeantmajor Fabrice gesprochen? – Welche Schmach wäre damit auf die Zuaven gefallen! – Fichtre! « » Il n'est pas si diable qu'il est noir , Papa Fabrice!« beruhigte ihn der Korporal. »Ihr habt nichts von einem Haarbeutel gestanden und nur die Wahrheit gesagt, daß Ihr mit uns ein wenig gebechert. Wie sollte das Eurem Ruf schaden? – Oder wolltet Ihr vielleicht lieber, daß wir in eine arge Klemme kamen, wo es galt, ein paar Worte Wahrheit zu sprechen? – Parbleu – laßt das meine Schwester nicht hören!« »Na ja,« brummte der Alte, »es hätte mir freilich leid getan, aber...« »Ich schwöre Euch, Papa Fabrice,« fuhr der Korporal fort, »Ihr wart auch nicht im geringsten betrunken. Ich weiß ganz bestimmt, daß Ihr uns alle zu unserem Lager gebracht habt und der letzte wart, der einschlief.« »Wenn das ist! – Ich habe auch so eine dunkle Erinnerung! – Aber der Ärger vor dem General hat mir die Kehle ganz trocken gemacht – ich muß mich wahrhaftig umsehen –« »Bleibt ruhig sitzen, Papa Fabrice – und seht Euch unterdes den Engländer an, von dem uns Nini gesprochen hat – und der Jean so ähnlich sein soll. Ich hole uns eine Flasche.« Er kehrte bald zurück und schenkte ein. Von dem Platz, den sie gewählt, konnten sie unbemerkt den britischen Offizier beobachten. »Pest!« murmelte der Sergeantmajor, »es ist wunderbar, wie ähnlich er dem blödsinnigen Jungen ist. – Erinnerst du dich noch des Russen, der mir bei Inkerman mit seiner Pistolenkugel die Wange schlitzte? – Es ist, als ob der Teufel das Gesicht in alle Nationen der Welt hineingehext hätte!« » Morbleu – du hast recht, Papa Fabrice, mich daran zu erinnern! Ob der Bursche am Ende gar ein falscher Engländer ist? – Ich will mich doch gleich überzeugen!« Er erhob sich, nachdem er die Flasche geleert, und schlenderte bei dem Tisch des Briten vorüber. Wie zufällig blieb er stehen. »Wollen Sie nicht unser Theater mit Ihrer Gegenwart beehren, mein Offizier?« fragte er auf englisch. »Es wird ein prächtiges Stück aufgeführt. Ich werde für einen guten Platz sorgen.« Der Fremde fuhr bei der unerwarteten Anrede zusammen. Er antwortete aber sogleich: »Später, mein Tapferer. Im Augenblick bedarf ich einer kleinen Erholung; denn es ist eine ziemliche Strecke von Kadikoi bis hierher.« »Ach – Sie kommen gewiß, die Beschießung mit anzuschauen. Man wird sie prächtig von hier sehen – die französische und britische in einem Überblick.« »Und wann soll sie beginnen, mein Freund?« fragte der Engländer aufmerksam und unruhig. »Ah, General Pelissier ist nobel! Er wird uns nicht in unserem Vergnügen stören. Ihre Landsleute am Weißen Berg müssen ja auch zuvor ihre Steeple-Chase abhalten – ihre Hundejagd! Ich denke so gegen fünf Uhr, Sir. Aber das wird gar nichts sein gegen unseren Sturm morgen. Sie wissen doch, daß das dritte Zuavenregiment die« enfants perdus bilden wird?« »In der Tat – ich wußte es nicht!« »O, dann müssen Sie morgen wieder hierher kommen oder hierbleiben und den Spaß ansehen, wenn der Dienst Sie nicht bindet. Auf Wiedersehen, mein Offizier – ich höre meine Kameraden rufen. Aber ich komme, es Ihnen zu sagen, wenn der zweite Akt beginnt!« Er entfernte sich nach dem Ausgang der Kantine, wo Fabrice sich mit der Marketenderin Nini unterhielt. Daneben klatschte das Publikum einem Lied der Fürstin Mulaschpulaschkin donnernden Beifall. »Wir haben uns getäuscht, Papa Fabrice – der Herr ist ein Engländer; er sieht aus reinem Zufall dem armen Jean so ähnlich.« Eben traten Méricourt, Welland und Maubridge zu der Gruppe. Der schwachsinnige Jean, der Gerät von den Tischen der Kantine fortgeräumt hatte, schlich wieder zurück nach dem hinteren, für die beiden Kranken und Gefangenen bestimmten Raum. Dort brachte er den größten Teil seiner Zeit zu. Er war kaum durch die Tür verschwunden, so erhob sich der britische Offizier. Nachdem er einen raschen Blick in der Kantine umhergeworfen und sich unbemerkt gesehen hatte, folgte er dem Blödsinnigen. Er legte die Hand auf den Drücker der Tür und horchte. In dem von Segeltuch und von Holzwerk gebildeten Seitenbau der Kantine lag auf einem Feldbett – den Kopf in eine Binde gehüllt und von einem hohen Kissen gestützt – regungslos und abgezehrt der Grieche Gregor Caraiskakis. An seinem Bett saß stumm, die dunklen Augen auf sein Gesicht geheftet, Abdallah ben Zarugah, der Emir aus der Hedschas. Am unteren Ende hockte der stumpfsinnige Schützling Ninis. Auf der anderen Seite des Gemachs stand Michael Lasarow. Er erzählte seinem kranken Leidensgefährten von dem Besuch des General Pelissier und dem bevorstehenden Angriff auf die Festungswerke. Weder die Anwesenheit Jeans, der sich mit Vorliebe an den jungen Unterfähnrich angeschlossen hatte und aufmerksam den russischen Liedern lauschte, die er manchmal zum Zeitvertreib sang – noch die des Arabers schien den Erzähler zu stören. An beide war man gewöhnt; denn der Emir erschien fast täglich in der Kantine, um nach seinem Gefangenen zu sehen. Sehnsüchtig erwartete er seine Genesung, wenn ihm auch die stolze Würde seines Volkes Ruhe und Geduld gab. So pflegte er, wenn der Dienst ihn nicht abhielt, ein bis zwei Stunden neben dem Kranken zuzubringen. Auch Caraiskakis hatte sich an den Besuch gewöhnt, dessen Ursache jedermann ein Rätsel war. Doktor Welland hatte an diesem Nachmittag dem Krieger der Wüste mitgeteilt, daß der kranke Grieche nach Konstantinopel geschafft werden solle. Der Araber saß seitdem in ernstem Nachsinnen über die gewöhnliche Zeit seines Besuchs hinaus. Zwei Augenpaare waren aufmerksam auf die erzählenden Lippen des jungen Russen geheftet. Die einzige Lebenstätigkeit in dem fast gelähmten Körper Gregors lag in den Augen. Durch sie sprach das volle Seelenbewußtsein. Diese Augen drückten jetzt deutlich die Teilnahme des vielgeprüften Mannes, des treuen Bundesgenossen der Russen, an der Gefahr aus, die Sewastopol bedrohte – und den Schmerz, hilflos hier liegen zu müssen. In seltenem Gegensatz war die innere geistige Tätigkeit des zweiten Aufhorchenden vollkommen erloschen, während er körperlich im vollen Besitz aller Kräfte war. Nur der Klang der russischen Worte, in denen der Fähnrich erzählte, erregte seine Aufmerksamkeit und berührte wohltätig sein Ohr. »Und wir müssen hier gefangen sein«, schloß Michael Lasarow. »Wir können ihnen keine Nachricht geben von der drohenden Gefahr! – Die Lünette ist das Vorwerk unseres Bollwerks. Das erkennen und wissen diese Fremden gut genug – und wenn der Malakow fällt, ist Sewastopol verloren! O, möchte immer an seinen Wällen ihr Stolz und ihr Übermut sich brechen!« Eine klare, feste Stimme gab die Antwort auf den Wunsch Michael Lasarows. » Dai Bosche !« Erschrocken schaute der Fähnrich nach dem Eingang. Dort stand der britische Offizier – die Hand zum Himmel gehoben. Die Linke hatte die Mütze und die entstellende blaue Brille entfernt – seine Augen waren fest und innig auf den Irren geheftet. Noch einmal wiederholte er die Worte: » Dai Bosche !« War es der Klang dieser Stimme? Waren es die zwei Worte, mit denen der Russe auf ein Gebet oder einen Segensspruch antwortet – sie wirkten wie ein belebender Strom auf die Seele des Irren. Wie eine plötzliche Erinnerung aus der Kindheit und Jugend. Wie ein Strahl von Licht in der Finsternis seines Hirns. Er sprang auf. Er preßte seine Hände an die Schläfen. Seine braunen Augen weiteten sich in aufsteigender Erregung. Mit magischer Gewalt zog ihn der Offizier an. Schritt vor Schritt, ihn unverrückt anstarrend – schwankte er auf ihn zu. Ebenso fest hielt der britische Offizier seine Augen auf ihn geheftet – traurig und zärtlich. Langsam senkte sich sein Arm. Seine Hand streckte sich nach dem Schützling Ninis aus – seine Lippen öffneten sich wie zu einem Ruf. Mit Staunen hatten die stummen Zuschauer das seltsame Naturspiel betrachtet. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war fast erschreckend. Das blasse, krankhafte Antlitz des Irren trug unverkennbar die Züge des schönen, kräftigen Gesichts des fremden, jungen Offiziers: Augen, Nase und Mund waren ganz gleich geformt. Diese merkwürdige Ähnlichkeit, dies Spiegelbild schien erschütternd auf den Irren zu wirken. Er kämpfte und rang. Er hob die Schultern, als wolle er eine schwere Last von sich schütteln. Seine Hände wühlten krampfhaft in dem lockigen Haar – in den starren Augen schien Erinnerung zu dämmern. Unbeweglich, mit ausgestreckter Hand, verharrte der Offizier... Da störte ein russischer Laut die Anspannung aller Sinne. Michael Lasarow zeigte nach der Tür. Eine Hand faßte zugleich den Arm des Briten. »Keine Bewegung, Fürst – um des Himmels willen! Schauen Sie nicht zurück, oder Sie sind verloren«, flüsterte eine Stimme an Iwan Oczakows Ohr. »Geschwind die Brille vor die Augen.« Neben dem englischen Offizier stand Vicomte de Méricourt; Maubridge und Welland traten hinter ihm ein. Durch die geöffnete Tür schauten der Sergeantmajor und das Geschwisterpaar Bourdon. »Willkommen, Leutnant Talbot!« fuhr Méricourt geistesgegenwärtig fort. »Es freut mich, Sie hier zu treffen. Die Ähnlichkeit des armen Burschen da mit Ihnen hat gewiß auch Ihre Teilnahme erregt!« Er war zwischen den Offizier und die Tür getreten. Sein Blick traf zugleich bittend und verständigend den Arzt. Welland trat zu Nini und ihrem Bruder; er erzählte, der Fremde, den sie für so verdächtig gehalten hätten, sei ein ihnen längst bekannter Offizier. Fabrice und der Korporal zogen sich sogleich respektvoll zurück. Méricourt atmete tief auf, als er die erste Gefahr so glücklich beseitigt sah. »Welch törichte Verwegenheit führt Sie hierher, Fürst?!« sagte er vorwurfsvoll zu Iwan Oczakow. »General Pelissier läßt ohne Ansehen jeden als Spion erschießen, der hier betroffen wird. Sprechen Sie – was kann ich – was können wir tun, Sie zu retten; denn wir alle danken Ihrer Schwester Leben und Freiheit.« Fürst Iwan Oczakow, der verkleidete Engländer, nahm wortlos ein versiegeltes Briefpaket aus der Brusttasche und reichte es dem Vicomte. »Für mich?« Der Fürst nickte. Méricourt riß die Umhüllung auf. Ein Dokument – mit dem Siegel des Gouverneurs von Sewastopol bescheinigt – und ein an ihn gerichteter Brief waren darin. »Von de Sazé! – Ist er gefangen in Sewastopol?« Stumm deutete der Fürst auf den Brief. Rasch überflog ihn Méricourt. »Der Unglückliche – Sazé ist tot?« Der Fürst entfaltete den amtlich beglaubigten Totenschein. »O mein Gott – in seiner Blüte, als ihm das Glück lächelte!« Méricourt preßte die Hand über die Augen. »Sein Vermächtnis soll mir heilig sein. Ich will mich für das Recht seiner Gattin einsetzen. – Aber er starb in Ihrem Haus, Fürst! Gepflegt in seiner letzten Stunde von Ihrer hochherzigen Schwester. Mit Entsetzen weiß ich nun Fürstin Iwanowna in den tausend Gefahren Sewastopols. Das muß uns ein neuer Sporn sein, Sie zu retten – welcher Grund Sie auch zu diesem verwegenen Schritt veranlaßt hat. Kommen Sie her, Doktor – Sir Edward! Ich beschwöre Sie, helfen Sie uns, diesen Unbesonnenen einem schmählichen Tod zu entziehen! Wir müssen ihn glücklich über die Linien hinausbringen.« »Von welcher Seite gelangten Sie in das Lager, Fürst?« fragte Welland teilnahmsvoll. Iwan Oczakow deutete ruhig nach Osten. Seine Lippen blieben fest geschlossen. Er wollte nicht Rede stehen. »Es ist unmöglich, ihn dort wieder hinauszuschaffen«, erklärte Méricourt. »Die Wachen sind, seit der Sturm beschlossen ist, verstärkt. Niemand darf unter irgendeinem Vorwand die Linien verlassen; ich selber kenne das Paßwort noch nicht.« »Dann müssen wir versuchen, ihn auf der Seite der Engländer entfliehen zu lassen – die Aufsicht ist dort fahrlässig.« »Denken Sie an das Rennen«, mischte Maubridge sich ein. »Die Gelegenheit ist unbedingt günstig. – Die Tollköpfe setzen oft bis in die russischen Linien hinein. Wenn Fürst Oczakow Mut, Geistesgegenwart und ein gutes Pferd hat, ist seine Rettung leicht. Ich will ihn so weit wie möglich begleiten. Meine Nähe und seine englische Uniform werden ihn vor jedem Verdacht sichern.« »Der Gedanke ist vortrefflich«, sagte der Arzt. »Aber er muß schnell ausgeführt werden. Denn« – er sah nach der Uhr – »es fehlt nur noch eine halbe Stunde zur Rennzeit. – Aber wo nehmen wir ein Pferd her?« »Das meine ist gesattelt«, fiel hastig Méricourt ein. »Erinnern Sie sich, daß ich Sir Edward begleiten wollte!« Der besonnene Arzt schüttelte den Kopf. – »Das geht nicht. Ihr Pferd trägt das französische Sattelzeug. Es ist ein schwerer Normanne, der hinter den flüchtigen Rennpferden der englischen Offiziere zurückbleiben würde. Wir müssen ein Pferd haben, das sein Entkommen sichert. Außerdem bestehe ich darauf, Vicomte, daß Sie als Offizier ganz aus dem Spiel bleiben.« Eine leichte Hand berührte seinen Arm. Abdallah, der Araber, hatte nur einige Worte des Französischen verstanden; doch mit der scharfen Beobachtung seines Volkes war er der Unterredung gefolgt. »Mein Freund, der die Heilkräfte der Kräuter und Metalle so gut kennt,« fragte er sanft in türkischer Sprache, »braucht ein Roß?« »So ist es, Emir – ein Pferd; schnell wie das deine!« »So nimm Eidunih, den Schatz der Zarugah – ich gebe sie dir unter einer Bedingung.« »Sprich!« »Laß mich diesen Mann begleiten, wenn sie ihn nach Stambul bringen wollen.« »Er ist dein Gefangener, Emir. Aber bedenke, er ist ein Unglücklicher, den Gott getroffen hat.« »Der Mann hat Abdallah ben Zarugah nie ein Leid zugefügt – er kennt ihn nicht! Aber Abdallah muß das Erwachen seiner Lippen belauschen. Er muß ihn fragen, wo der ist, dessen Züge er trägt – der sein Bruder sein muß. Ich habe gesonnen, bis der Prophet Licht in meine Seele gesandt und mir zugeflüstert hat: der Moskow, den ich fing an den Ufern der Katscha – den die blutige Rose von Skadar von mir forderte – das war der griechische Verräter, den sie liebte ... Dieser hier, dessen Antlitz die Züge seines Volkes trägt, soll mir Kunde geben, wohin Fatinitza, die Rächerin, verschwunden ist. Er soll mir sagen, ob sie meiner Hilfe bedarf – oder ob sie treulos geworden ist am Glauben ihrer Väter – um eines Feigen willen.« Fatinitza, die Wölfin von Skadar, liebte Nikolas Grivas, den Stiefbruder Gregors Caraiskakis. Siehe auch die Bände: »Die Wölfin von Skadar«, »Das Testament Peters des Großen«, »Um das Schwarze Meer.« »Ich verstehe dich nicht, Emir. – Doch ich nehme dein Anerbieten an. Du sollst diesen Kranken begleiten, wenn du das Heer verlassen darfst, und wenn du mir schwörst, diesem Mann kein Leid zu tun.« Der junge Emir legte die Hand auf sein Herz. »Ich gelobe es dir, weiser Hakim Baschi. Abdallah ist ein freier Mann. Er kann gehen und kommen, wann er will. Wohin soll ich die Stute führen?« »Bringe sie hinter das Lager und harre unserer an den beiden Zypressen. Sei rasch, Emir Abdallah, ich bitte dich. Und entstelle das Äußere deiner Stute, damit man sie nicht erkennt.« Der Araber warf noch einen Blick auf seinen Gefangenen. Dann verließ er das Gemach. Doktor Welland teilte eilig das Anerbieten mit. Alle beide kannten genugsam die edlen Eigenschaften Eidunihs, um zu wissen, daß es die Flucht des Russen sichern würde. »Sie, Vicomte, müssen hierbleiben«, fuhr Welland fort. »Sie müssen die scharfen Augen derer abwenden, denen die Ähnlichkeit aufgefallen ist. Der Baronet und ich werden Fürst Oczakow begleiten. Gott und seiner Geistesgegenwart muß das Weitere überlassen bleiben.« »Einen Augenblick noch«, bat Méricourt. »Ich kann es mit Ehre und Gewissen vereinbaren, Fürst, Sie von einem schmählichen und unedlen Tode zu retten. Aber ich darf nicht ganz meine Pflicht als Soldat und Franzose vergessen. Welcher Grund Sie auch hierher geführt hat – dieser Brief oder unbesonnener Diensteifer: Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, nichts von unsern militärischen Vorbereitungen zu verraten. Sie werden als Soldat und Edelmann meine Forderung würdigen.« Iwan Oczakow legte beteuernd die Hand auf die Brust; es war seltsam, daß er selbst in diesem Augenblick zu sprechen vermied. Aber sein Blick traf zugleich mit bedeutungsvollem Ausdruck das lauschende Antlitz Lasarows. »So bin ich zufrieden. Gott schütze Sie! Sagen Sie der Fürstin, Ihrer Schwester, daß es eine kleine Zahlung auf unsere große Schuld an sie sei.« Fürst Iwan lächelte. Er hob zwei Finger in die Höhe – als wolle er andeuten, daß Méricourt ihn zweimal gerettet habe. Dann verließ Méricourt das Gemach und begann am Eingang der Kantine mit der Marketenderin, ihrem Bruder und Celeste ein Gespräch. Fürst Iwan wandte sich halb, um dem Arzt und dem Baronet zu folgen. Aber eine unsichtbare Macht fesselte seine Schritte. Er sah sich noch einmal um. Seine Augen ruhten mit ängstlichem, zärtlichen Ausdruck auf dem Irren. Jean hatte sich scheu in einen Winkel zurückgezogen und das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Arzt betrachtete erstaunt und nachdenklich den Fürsten und den Irren. »Eilen wir!« drängte der Baronet. Iwan Oczakow faßte sich gewaltsam. Seine Augen begegneten dem fragenden Blick des Arztes. Er trat mit raschem Schritt auf den Irren zu, schlug mit dem Daumen der rechten Hand ein Kreuz über ihn und küßte ihn nach russischer Sitte auf die Stirn. Dann wandte er sich schnell ab und verließ mit seinen Begleitern das Gemach. Der Arzt geleitete sie durch einen hintern Ausgang ins Freie. Das brüllende Gelächter des Publikums über die tollen Späße der Fürstin Mulaschpulaschkin erscholl dicht neben ihnen. Sir Edward holte sein Pferd von einer nahen Baracke. Doktor Welland schritt mit dem Fürsten rasch weiter. Jäh tauchte in ihm eine Erinnerung auf: Widdin. Zum zweitenmal wurde er hier der Retter eines Feindes Siehe den Band »Das Testament Peters des Großen« . Er konnte sich nicht enthalten, den Fürsten zu fragen, ob er den Stabskapitän Alexander von Meyendorf kenne und ob sich Meyendorf in Sewastopol befände. Fürst Iwan nickte. »Dann«, bat der Arzt, »bitte ich Sie, ihm meinen Namen – Doktor Welland – zu nennen. Sagen Sie ihm, daß Graf Pisani mit seiner Gemahlin sich in der sardinischen Armee auf den Höhen der Tschernaja befindet.« Sie waren nur wenige Schritte noch von der Zypressengruppe entfernt, in deren Schatten Emir Abdallah die Stute Eidunih bereit hielt. Da blieb Fürst Iwan stehen und brach plötzlich sein Schweigen. »Doktor Welland,« sagte er feierlich, »ich weiß von einer, deren Leben und Denken Ihnen gehört, daß Sie ein Ehrenmann sind. Wollen Sie dem Dienst, den Sie mir in diesem Augenblick erweisen, noch einen wichtigeren, heiligeren hinzufügen? Einen Dienst, der mich Ihnen ewig verpflichten wird?« »Sprechen Sie, Fürst!« »Geloben Sie mir zuerst bei Ihrer Ehre, was ich Ihnen anvertraue, in Ihrer Brust zu bewahren, bis der Tod es löst?« »Auf meine Ehre!« »Dann beschwöre ich Sie, all Ihre Kunst, Ihr menschenfreundliches Herz dem armen Irren Jean zuzuwenden!« Der junge Fürst trat dicht an ihn heran und flüsterte einige Worte. Erschrocken, tief überrascht, trat Doktor Welland zurück. Im nächsten Augenblick schon war Iwan Oczakow bei dem Araber und im Sattel. Auch Sir Edward galoppierte herbei. Ein flüchtiger Gruß – dann flogen beide Reiter dahin nach dem Labordonajagrund und der englischen Stellung. Die britischen Offiziere hatten zu ihrer Unterhaltung eine eigentümliche Art des Wettrennens erfunden: die Jagd auf die wilden Hunde, die sich in der Nähe der Lager und der Schlachtfelder sehr zahlreich aufhielten. Die Tiere, Wolf und Schakal ähnlich, zeigten sich gewöhnlich ziemlich furchtlos und schlau. Als wüßten sie, wo sie Schutz finden könnten, nahmen sie bei der Verfolgung den Weg nach den russischen Festungswerken. Die Hetze wurde dadurch und durch das wechselnde, unbekannte Gelände ein sehr gefährliches Spiel. Unglücksfälle kamen nicht selten vor. Die schon mehrere Tage vorher für diesen Nachmittag angekündigte Jagd hatte Offiziere und Gentlemen aus der Heeresverwaltung auf der Hochebene des Weißen Berges versammelt. Trotz der Hitze hatte man die Jagd auf eine frühe Nachmittagsstunde ansetzen müssen, da die angekündigte Beschießung sie später unmöglich gemacht hätte. Der Wortlaut der Wette, die zu dieser Jagd geführt hatte, erforderte das Niederhetzen einer bestimmten Anzahl von Hunden in bestimmten Tagen, deren Datum am Abend ablief. Der Kreis der militärischen Sportsmen und Jäger war jetzt ziemlich gut beritten; denn viele Offiziere hatten im Lauf des Frühjahrs von England sich treffliche Pferde nachkommen lassen. Zum Teil auch hatten sie unter den türkischen Kameraden gute Einkäufe gemacht. Es befanden sich jedoch nur wenige französische Kavallerieoffiziere in der Gesellschaft. Denn bei diesen Wettrennen erwiesen die Franzosen sich als weit schlechtere Reiter. Sie räumten ihren Verbündeten nicht gern diesen Triumph über sich ein. Als Sir Edward und der Fürst beim Stelldichein ankamen, fanden sie die ganze Reitergruppe schon in Bewegung. Langsam ritt sie voran. Dies war ein sehr günstiger Umstand, der jede Aufmerksamkeit von ihnen ablenkte. Sie schlossen sich unbemerkt der Kavalkade an. Die Jäger trugen am rechten Handgelenk herabhängend eine schwere Hetzpeitsche von Riemen aus Büffelleder; in den drei Spitzen waren Büchsenkugeln eingeflochten. Es galt, mit dem Schlag der Peitsche den Hund, sobald er erreicht worden war, zu Boden zu strecken. Den vordersten Reitern hatte sich eine Dame angeschlossen, die fest im Sattel saß und mit großer Sicherheit ihr schönes braunes Pferd lenkte. Sie unterhielt sich mit ihren Nachbarn. »Die Beschießung wird uns am Ende ganz die Jagd verderben«, sagte sie eben achselzuckend. »Die Munitionskarren, die unaufhörlich in Bewegung sind, und die Herren vom Genie haben alle Hunde verscheucht. Ich wette, wir bekommen keinen einzigen zu sehen.« »Dann würde der Preis unentschieden bleiben«, lächelte der Infanteriekapitän an ihrer Seite. »Missis Duberly – trotz ihrer schönen Aussichten – würde ihn verlieren.« »Das geschieht auch, wenn ein anderer als wir drei heute das Wild niederschlägt«, entgegnete die Amazone. »Wieviel trafen Sie doch in diesen Tagen, Kapitän Cavendish?« »Fünf.« »Und ich und Herr O'Malley hier, ohne daß er den Hals gebrochen hat, ebenso viele. Die anderen zählen nur zwei. Was haben Sie da in der Hand, Sir?« »O – nichts, Mylady. Nur eine Dose von indischer Elfenbeinschnitzerei. Ich hatte sie in meine linke Tasche gesteckt und bemerkte, daß sie mich dort hindert. Sie ist mit getrocknetem Ingwer gefüllt – darf ich Ihnen davon anbieten?« »Nein, Sir – ich danke! Aber bitte, zeigen Sie mir die Dose. Die Arbeit scheint ausgezeichnet.« Kapitän Cavendish überreichte sie ihr. »Ich kaufte sie im Augenblick, als ich an Bord gehen wollte, um nach Europa zurückzukehren, von einer indischen Händlerin, die mich mit seltener Aufdringlichkeit plagte. Ich hatte die Dose ganz vergessen, da ich mein Gepäck nicht wieder nachgesehen hatte, seit ich an der Wunde von Inkerman ins Lazarett von Balaklawa kam. Ich fand sie heute zufällig beim Kramen und nahm sie mit mir.« »Die durchbrochene Elfenbeinarbeit ist ausgezeichnet. Ich habe sie selten so schön gesehen«, meinte Missis Duberly. Sie reichte die Dose zurück. »Waren Sie mit dem Fähnrich O'Malley verwandt, Sir?« fragte der Offizier den Dragoner, »der bei unserem Regiment stand und bei Inkerman fiel?« »Er war ein Vetter, von der Linie der O'Malley von Timberary, Kapitän. – Warum?« »Es kam mir in den Sinn, weil in den letzten Stunden, die ich mit ihm verlebte, zufällig auch die Rede von meinen Erinnerungen aus Indien war.« »Ich will nicht hoffen, daß Sie mir ein ähnliches Schicksal weissagen wollen!« lachte der Dragonerleutnant. »Holla ho! – Da haben sie etwas entdeckt – vorwärts, Mylady, sonst kommen wir zu spät!« Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte, von Missis Duberly und Cavendish begleitet, dem Ort zu, wo mehrere Reiter plötzlich angehalten hatten. Dort kauerte ein großer, gelbbrauner Hund. Den spitzen Kopf hatte er weit vorgestreckt, die Ohren zurückgelegt, als merke er recht gut die Annäherung der Feinde und wolle doch nicht eher von dem Pferdeknochen weichen, den er zwischen den Vorderpfoten hielt, als bis es die höchste Not erfordere. Die Reiter, die rasch näher kamen, bellte der Hund an. Sie breiteten sich nach rechts und links aus, um ihm den Weg abzuschneiden. Plötzlich schien das Tier seine Sicherheit zu verlieren. Es sprang auf, zog den Schwanz ein und fing an davonzulaufen. Die ganze Gesellschaft ließ ein wildes Tally-Ho ertönen und begann im Galopp über das felsige Gelände die gefährliche Jagd. Der Hund nahm seinen Weg nach dem Labordonajagrund. Er raste über die Woronzowstraße und wandte sich nach links. Die Jäger bemühten sich vergeblich, ihm in dieser Richtung zuvorzukommen. »Jetzt ist es Zeit«, flüsterte der Baronet dem jungen Russen zu. »Vorwärts – und Gott schütze Sie!« Iwan Oczakow kniff, wie ihn der Araber bedeutet, in das linke Ohr der Stute. Sofort stürzte Eidunih in gestrecktem Lauf voran. Die Jagd ging über einen gefährlichen, von Felsspalten und Steinmassen vielfach durchbrochenen Boden. Cavendish, Missis Duberly und der junge Irländer waren allen anderen voran; aber in wenigen Augenblicken schon sahen sie den unbekannten Offizier ihnen zur Seite. Gleich darauf war er ihnen voran. » Damned ! Der Bursche ist vortrefflich beritten – echt arabisches Blut. Nun, Mylady, lassen Sie Bob seine Künste zeigen!« Missis Duberly trieb ihren Vollblutrenner mit Peitsche und Sporen an. Der Kapitän war dicht hinter ihr. O'Malley blieb mehrere Längen zurück mit seinem Halbblütigen. Aber alle Anstrengungen waren vergeblich; denn der Unbekannte war schon weit voraus und dem Hund dicht auf den Fersen. Das gehetzte Tier nahm jetzt gerade seine Richtung zwischen den englischen Laufgräben hindurch – den Grund entlang – nach dem Ende der Südbucht und der Batterie Stahl. Plötzlich erschütterte eine dröhnende Salve die Luft. Weiße Rauchwirbel kräuselten empor. Schuß auf Schuß aus schwerem Geschütz donnerte die Reihen der Batterien entlang bis zur Canrobert-Schanze auf dem äußersten rechten Flügel. Aus den Festungswerken der Bastionen der linken Stadtseite flammte und krachte die Erwiderung. Die Beschießung hatte mit voller Wut begonnen. Kapitän Cavendish zügelte sein Pferd. »Zurück, Mylady, um des Himmels willen – oder wir kommen in die Schußlinien. Zurück.« Missis Duberly hielt unerschrocken den schnaubenden Renner an. »Sehen Sie dorthin – der Mann vor uns – der Unbesonnene! Sie winken ihm aus den Batterien – er achtet nicht darauf.« »Das Pferd muß mit ihm durchgegangen sein! – Schade um den kecken Burschen! Er ist rettungslos verloren, wenn er nicht etwa ein Überläufer ist. Aber fort von hier, Mylady. Die Stelle ist für Sie zu gefährlich!« Eine Vollkugel aus dem Redan prallte unfern von ihnen auf. Beide wandten die Pferde und sprengten davon. – Fürst Iwan war im Pulverdampf der Batterien an der Biegung der Woronzowstraße verschwunden ... Allmählich sammelte sich die Reiterschar auf der Höhe des Weißen Hügels von der so gefährlich unterbrochenen Jagd. Der allen unbekannte Reiter und sein Schicksal veranlaßte allerlei Vermutungen. »Er muß von Balaklawa heraufgekommen sein«, behauptete Leutnant O'Malley; »vielleicht einer der Neuen, die von Konstantinopel gekommen sind. Schade um das Pferd – der Blitz ist langsam gegen solches Blut. Ich möchte mein Patent dagegen wetten, so neu es auch ist, daß es ein reiner Araber war von der Mohanna-Rasse.« »Wenn ich recht gesehen habe,« sagte Missis Duberly, »kamen Sie mit dem Herrn, Sir Edward?« »Ich traf ihn auf dem Wege zum Abritt. Aber ich kannte ihn auch nicht.« »Jedenfalls war unser Rennen ein totes«, meinte lächelnd der Infanteriekapitän. »Vielleicht in doppelter Beziehung. Aber der tolle Ritt hat mich doch etwas angegriffen – ich fühle noch zuweilen die Nachwehen des Lazaretts. He, Mickey, nimm mein Pferd. Halte reinen Mund gegen Kapitän Stuart. Sonst brummt er drei Tage lang mit mir.« »O Jemine, Kapitän«, sagte Mickey, der diesmal den Reitknecht spielte. »Warum hören Sie auch nicht auf guten Rat und bleiben hübsch im Lager, wenn das Regiment einmal Ruhe hat. Das kommt alles davon, daß Sie Pferde halten, Kapitän – was beim 95. doch nur der Oberst tut. Wollen Sie eine Stärkung? Akuschla – 's ist echter Whisky in der Flasche!« Kapitän Cavendish hatte sich neben der Reitergruppe, die sich durch unberittene Zuschauer vermehrt hatte, auf ein Felsstück gesetzt. – »Ich danke, ich bin noch zu erhitzt. Ich will zuerst von diesem Ingwer genießen.« Er holte die indische Dose aus der Tasche, nahm einige Stücke heraus und steckte sie in den Mund. Der Soldat blieb mit den Pferden lüstern neben ihm stehen. Plötzlich sprang Cavendish auf. Er schlug die Arme wild um sich und stürzte mit einem schrillen Schrei zu Boden. Alles sammelte sich erschrocken um ihn. Zuerst in der Meinung, er sei von einer Kugel getroffen. Die Zuckungen, der Schaum, der ihm vor die Lippen trat und die rollenden, blutunterlaufenen Augen zeigten jedoch bald, daß es sich hier um keine Verwundung handele. Ein Arzt, der sich unter den Zuschauern befand und zu Hilfe eilte, erklärte die Erkrankung für eine tödliche Vergiftung. Der ehrliche Mickey, zu Tode erschrocken, vermochte anfangs kaum Rede zu stehen. Erst nach vielem Hin- und Herfragen gab er Auskunft. Der furchtbare Anfall war nach dem Genuß des Ingwers aus der Dose erfolgt, die der Kapitän noch in der krampfhaft geballten Hand hielt. Der Doktor entfernte sie mit Gewalt, prüfte sie und schüttelte den Inhalt heraus. Er prüfte sorgfältig, ohne jedoch ein Anzeichen des Giftes zu entdecken. Missis Duberly wiederholte, was ihr der Kapitän von dem Kauf der Dose erzählt. Da bemerkte sie, daß auf dem Boden ein Pergamentstreifen zurückgeblieben war. Man zog ihn heraus; er enthielt in englischer und indischer Sprache nur den hindostanischen Gruß: »Gehe, wohin deine Wünsche dich rufen! Mögen deine Wege leicht und angenehm sein!« Ein Offizier hatte die Worte halblaut gelesen. Aber der Erkrankte verstand sie trotz dem Kanonendonner. »Nikalanta Siehe auch Retcliffe's Novellen: »Nikalanta.« !« stöhnte er. »Es war seine Tochter – ihr Gift brennt wie Feuer an meinem Herzen – Hilfe! Zu Hilfe!« Der Arzt erhob sich mit einer Gebärde des Bedauerns. »Diese Früchte sind wahrscheinlich mit einem indischen Gift zufällig oder absichtlich getränkt. Dagegen ist uns noch kein Mittel bekannt. Vielleicht ist es Upas von dem berüchtigten Baum. Die Fälle solcher Vergiftungen sollen in Indien nicht selten vorkommen.« »Der Teufel hole das Land!« brummte der Stabsoffizier. »Cholera, Brillenschlangen, Thugs und Tiger wären Unannehmlichkeiten genug, Giftmischereien dazu – die Hölle ist nicht schlimmer! – England wird es nicht eher mit Sicherheit genießen können, als bis die eingeborene Brut ganz und gar vertilgt ist!« »Sir, das sind Millionen Menschen!« »Und wären es Milliarden, wenn sie sich nicht dem Segen unserer Kultur fügen wollen! – Vernichtung allein bringt hier Zivilisation!« Am Abend meldete Mickey dem Kapitän Stuart den Tod des Führers der zweiten Kompagnie. »Das tut mir leid! – Cavendish war ein besserer Kamerad, als wir anfangs dachten – und erst seit acht Wochen aus dem Lazarett. Schade, daß er noch immer vergessen hat, uns die hübsche Geschichte mit den Tigern zu Ende zu erzählen!« Das war seine Grabrede ... Man war sehr gleichgültig geworden gegen das Leben im Lager vor Sewastopol! ... Nicht der Frieden der Nacht ruhte über Meer und Land – über Stadt und Berg. Der Donner der Mörser weckte die Echos. Am lichten Sternenhimmel zogen die Bomben ihre feurigen Bogen. Aus den dunklen Erdschanzen und von den Wällen der bedrängten Stadt blitzte und flammte es von Minute zu Minute. Der Hagel von Eisen, die Würfel des Todes rasselten über das Feld. Vielen, vielen wurde diese kurze irdische Nacht zur langen Nacht des Grabes. Durch das vom Verderben besäte Feld schlich still und spähend Michael Lasarow ... Der sausende Tod, der auf den Granaten einherfegte, auf den feurigen Bomben durch die Luft raste – kümmerte ihn nicht. Seine einzige Sorge: vor den lauernden Posten, vor dem Schutz der belebten Schanzen, Batterien und Laufgräben weit auszubiegen – in die Fläche hinein, da die Vernichtung mit jedem Schritte drohte. Ein blaues Licht in der Höhe – dort lag die Bastion. Die dunklen Wälle des Redan erhoben sich kaum zweihundert Schritt von ihm ... Die gebückte, schleichende Gestalt war einen Augenblick sichtbar geworden. » Stai – Wer da?« »Gut Freund – Gott schütze Rußland!« Und: » Dai Bosche !« klang die Antwort ... Schon einmal hatte sie Michael Lasarow heute gehört: aus dem Munde des Fürsten Iwan ... in der Kantine Ninis. » Dai Bosche – das gebe Gott!« ... Mit dem Anbruch des Tages begann die Kanonade wieder. In der Kantine saß vierundzwanzig Stunden später mit dem ältesten Kapitän seines Bataillons Vicomte de Méricourt. Einige Papiere lagen vor ihnen. Die Marketenderin mit ihrer Freundin Celeste, der Korporal Bourdon mit Lebrigaud und der irre Jean standen dabei. »Wir wollen zunächst die Sache mit Madame Bibesco zu Ende bringen«, sagte Méricourt. »Sie haben gehört, Madame, wozu mein verstorbener Freund mich beauftragt hat. Ich soll Ihnen seine gesamte im Lager zurückgebliebene Barschaft aushändigen, die der Oberst seines Regiments in Verwahrung genommen hatte. Hier ist das Verzeichnis. Die Summe beträgt 70 500 Franken, davon 50 000 in Wechseln auf das Haus Jacques Alléon \& Co. in Konstantinopel in Sicht zu zahlen, und 20 500 Franken in Napoleondors. Hier sind die Papiere und das Geld. Wollen Sie die Güte haben, mir den Empfang der Summe in Gegenwart dieser Herren zu bescheinigen.« Celeste führte ein Taschentuch an die Augen – aber es blieb trocken. »Darf ich fragen, ob der Marquis in Beziehung auf mich nicht irgendeine weitere Bestimmung getroffen hat?« »Nein, Madame. Die Worte des Briefes lauten: Er hoffe, die Summe würde hinreichen, um Sie seinen Namen vergessen zu machen.« »Abscheulich! – Ich kann also ohne Bedingung über dies Geld verfügen?« »Ja, Madame.« Die Augen der ehemaligen Lorette funkelten – alle Vergnügungen und Freuden von Paris tauchten lockend vor ihr auf. Doch schien sie ein Gedanke, ein Zweifel zu bedrücken und unschlüssig zu machen. Sie schob einige der Geldrollen hin und her. Ihre Augen flogen verstohlen zu Nini hinüber. Unwillkürlich schrak sie zusammen, als ihr Blick den ihr zunächststehenden Irren traf. Noch nie war ihr die Ähnlichkeit mit dem Fürsten Oczakow so aufgefallen. Sie erbebte, als Jean ihr mit einem Lächeln des dämmernden Verständnisses zunickte und flüsterte: »Ich weiß es wohl; zehntausend!« Eine dunkle Röte überzog die Stirn Celestes. Sie nahm hastig fünf der Rollen zusammen und schob sie auf Nini zu. »Das ist dein Anteil an meinem Reichtum«, sagte sie fast ängstlich. »Nimm – es ist das Deine!« Die Marketenderin sah sie erstaunt an. »Ich sollte dir dein unverhofftes Glück schmälern? Was fällt dir ein, Celeste – die kleinen Dienste, die ich dir geleistet habe, sind reichlich durch deine Gefälligkeit aufgewogen! Ich werde doch von einer Freundin nicht Bezahlung annehmen!« »Ich bitte dich, sei nicht töricht, Kind«, bat die Bojarin. »Dieses Geld ist das deine. Du hast volles Recht darauf, glaube mir. Ich bitte dich um meinetwillen, um jenes armen – Kranken willen, nimm es an! Ich würde keine ruhige Stunde mehr haben, wenn du es ausschlägst.« Der Eifer, die Dringlichkeit, mit der sie bat, war auffallend. Der kleinen, leicht bewegten Nini wurden die Augen feucht über die Großmut ihrer Freundin. Da trat ihr Bruder rauh dazwischen. »Verzeihen Sie, Madame«, sagte er streng. »Nini bedarf Ihres Goldes nicht. Wenn sie ihren Bruder behalten will, wird sie keinen Sous des Geldes berühren, für das einst das Herz und die Liebe eines ehrlichen Mannes verraten wurde.« Celeste wandte sich beleidigt von dem Jugendgeliebten ab und raffte das Gold wieder zusammen. »Wie es Ihnen beliebt, Herr Bourdon. Ich hielt es für meine Pflicht, Ihrer Schwester die Summe anzubieten.« Sie warf einen hastigen Blick auf den Schwachsinnigen. »Wenn sie die Annahme verweigert, ist es nicht meine Schuld. Was meine Liebe betrifft, so halte ich sie noch heute für zu gut, um sie an den ersten besten Arbeiter oder Soldaten wegzuwerfen.« François wollte heftig antworten. Aber er wurde von der Schwester zurückgehalten. Celeste machte – im Besitz ihres Schatzes – der Gesellschaft eine hochmütige und trotzige Verbeugung und verschwand in der hinteren Abteilung der Kantine. Man hatte kaum bemerkt, daß während des kleinen Zwischenfalls ein Fremder eingetreten war und in der Nähe Platz genommen hatte: der benarbte Alte, dessen Anwesenheit in Pelissiers Generalstab am Tag vorher den russischen Fähnrich, Michael Lasarow, erschreckte. »Jetzt zu Ihnen – denn Sie haben mich in eine sehr unangenehme Lage versetzt, Mademoiselle«, fuhr Méricourt zu der Marketenderin fort. »Nach allem, was bis jetzt ermittelt, sind Sie und dieser Schuft hier« – er wies auf Lebrigaud – »es gewesen, die dem jungen russischen Fähnrich zur Flucht verholfen haben. Was veranlaßte Sie, meine Nachsicht auf diese Weise zu mißbrauchen?« »Bedenken Sie, mein Kommandant,« schluchzte Nini, »er war so jung. Sie wollten ihn jetzt in ein Gefängnis schicken.« »Es war meine Pflicht, die ich schon zu lange versäumt hatte. Korporal Bourdon! Ich frage Sie auf Ihr Ehrenwort als französischer Soldat – wußten Sie von der Tat Ihrer Schwester?« »Nein, mein Kommandant!« »Das freut mich. Ich hätte Ihnen ungern die Gelegenheit entzogen, sich heute am Mamelon Beförderung zu holen. Nehmen Sie dem Burschen da den Säbel ab. Führen Sie ihn zum Profoß. Kapitän Mongin wird ihm Arrest geben.« Bourdon nickte. »Wir kennen uns, mein Vögelchen! Ich will dir die großmütigen Höflichkeiten gegen meine Schwester vertreiben!« Lebrigaud, der liederliche Zuave, hatte bis jetzt mit großer Gleichgültigkeit der Anklage zugehört. Als er aber nun vernahm, daß er in Arrest geschickt werden sollte, indes ein Kampf bevorstand, geriet er außer sich. Er warf seinen Fes auf den Boden und trampelte wie ein Narr darauf herum. » Que le diable les importe ! Zum Henker mit allen Weibsleuten! Sie sind zu meinem Unglück auf der Welt! Sie machen mit einem Nasenzwinkern einen Narren aus mir! Kapitän Mongin – mein Kommandant – Sie werden doch um einer solchen Lumperei willen mich nicht um den Sturm bringen? Fichtre ! Ich will meine eigene Zunge verschlucken, wenn ich den Schimpf überlebe.« »Das hättest du eher bedenken sollen, bevor du dich verleiten ließest, gegen deine Pflicht zu handeln!« » Maudit , mein Kommandant! – Aber wozu wären die Frauenzimmer auf der Welt? Es passiert vernünftigeren Leuten als ich bin! Mademoiselle Nini betörte mich – Sie versprach mir freiwillig einen Kuß! Mordio! – So dacht' ich! – Was kommt es auf einen Russen mehr oder weniger an! Du holst dafür heute zehn andere von ihren Schanzen. So führt' ich ihn im Dunkel bis an den letzten Laufgraben. Jean hier hat ihm seinen eigenen Rock gegeben. Unmöglich, mein Kommandant, konnte ich mich doch von einem Verrückten übertreffen lassen!« Der arme Schützling Ninis nickte ihm lächelnd zu. Er schien offenbar seinen Anteil an der Flucht Lasarows zu verstehen und sich darüber zu freuen. – »Er ist fort«, sagte er. »Der andere auch. Ich weiß, sie gaben ihm das Pferd! – Jeans Seele ging mit ihnen – aber er wird sie wiederholen! – Dai Bosche !« Niemand achtete viel auf die Worte des Irren. Doch fiel die Erinnerung an die in seiner Gegenwart verabredete Flucht des jungen russischen Fürsten schwer auf die Seele Méricourts. Er befand sich in großer Verlegenheit; er mußte sich sagen, er habe nichts anderes getan als Lebrigaud. Der rasche Eintritt des Medizinmajors unterbrach die Verhandlung. Doktor Welland war sehr aufgeregt. Hinter ihm folgte Jussuf, der Mohr. Beim Anblick Méricourts sprang er auf ihn zu und umfaßte mit dem höchsten Ausdruck der Freude seine Füße. »Jussuf? – Um des Himmels willen! Wo kommst du her?« »Inschallah – es ist Jubel in meinen Augen, Herr, daß ich dich wiedersehe. Ich war verwundet und gefangen bei den Moskows – ein Engel hat den armen Mohren gerettet und ihm die Freiheit gegeben, daß er zu seinem Aga zurückkehren möge.« »Ich habe mich einige Augenblicke von meinem Posten entfernt,« sagte Welland, »um Ihnen die seltsame Nachricht mitzuteilen. Vor einer Stunde brachte eine Ordonnanz des kommandierenden Offiziers der Vorposten an der Tschernaja den Mohren zu mir. Wir hatten ihn ja für tot im Schloß Aya zurückgelassen. Jussuf war bei den Russen gefangen. Er bringt das Pferd des Arabers zurück – und den Dank des Fürsten, der glücklich Sewastopol erreicht hat«, fügte er flüsternd hinzu. Sein Ehrenwort an Fürst Iwan ließ Welland verschweigen, daß der Mohr zugleich der Überbringer eines geheimen Schreibens an ihn gewesen war. Der Inhalt dieses Schreibens hatte ihn so erregt; nachdenklich und forschend hafteten seine Blicke auf dem irren Schützling der Marketenderin. Vicomte de Méricourt war hocherfreut durch die Rückkehr des On Baschis seiner früheren Bozuks, den er bei seiner Rückkehr zu dem 3. Juavenregiment zu seinem Diener gemacht hatte. Er drückte dem Schwarzen die Hand und überwies ihn an den Bruder Ninis, der ihn neu einkleiden sollte für seinen alten Posten. »Sie finden mich und Kapitän Mongin bei einer unangenehmen Untersuchung«, sagte er zu Welland. »Das törichte Mitleid von Mademoiselle dort hat Ihren Kranken Lasarow, der heute an das Gefangenenlager in Kamiesch zurückgeliefert werden sollte, entkommen lassen. Seine Genesung war durch Oberst Polkes gemeldet. Wir werden nun beide wahrscheinlich Verdrießlichkeiten für unsere Nachsicht haben. Zum Glück hat die Flucht auf Ihren Freund keinen Einfluß, der von den Türken zum Gefangenen gemacht worden ist.« »Die Sache ist kaum so bedeutend«, tröstete Welland. »Das Gelingen oder Mißlingen des bevorstehenden Sturmes wird ganz andere Dienstsünden bedecken. Es ist wohl unnötig, daß Sie irgend jemanden deshalb zur Strafe ziehen. Wenn Ihre Zuaven den Mamelon nehmen, wird kein Oberst oder General der ganzen Armee nach einem entkommenen russischen Knaben fragen. Lassen Sie den kleinen Lasarow laufen!« »Lasarow? – Michael Lasarow?« rief der Fremde, der aufmerksam dem Gespräch zugehört hatte. »Verzeihen Sie, mein Herr – Sie nennen einen Namen, der mich angeht. Der russische Gefangene, der diese Nacht entfloh – ist es der Fähnrich Michael Lasarow?« »Ja, mein Herr!« Der alte Mann schlug die Hände vor das Gesicht. »Alles umsonst – alles verloren! – Auch hier zu spät! – Was sind menschliche Berechnung, sterbliche Mühen!« – Traurig und gebrochen taumelte die hohe Greisengestalt auf den Sessel zurück. Zwei schwere Tränen quollen aus den grauen Wimpern und flossen langsam über die gefurchten Wangen. Die eherne Kraft, die ihn so lange aufrecht gehalten – sie war vernichtet von der Überzeugung, daß über Völker wie über Menschen der Wille des Ewigen waltet und keinen Eingriff sterblicher Hände duldet. Verwundert, aber mit achtungsvollem Schweigen schauten die Soldaten auf den alten Mann, bis er sich ermannte und seine feste, ernste Haltung wiedergewann. »Verzeihen Sie meine Schwäche«, sagte er mit Würde. »Ich bin selten einer Erschütterung in einem langen und bewegten Dasein unterlegen. Ich bin Graf Lubomirski, einst Kapitän unter Napoleon dem Ersten. Der Knabe, der diese Nacht nach Sewastopol entfloh, ist mein Enkel – der letzte Sprosse meines Geschlechts. Ihr Kaiser – es ist gleichgültig, wie ich die Gefangennahme erfuhr – gab ihn in meine Hände. Hier ist der Befehl; ihn mir auszuliefern. Doch vergeblich forschte ich seit zwei Wochen im Hauptquartier, in allen Gefangenenlagern. Ich fand den Namen zwar in den Listen angeführt – er selber war jedoch verschwunden.« »Vielleicht eine Fahrlässigkeit der Schreiber«, sagte teilnehmend der Vicomte. »Der junge Mann wurde als verwundet gemeldet und nicht abgeliefert; seine Jugend dauerte uns. Der Aufenthalt in den Lazaretten bringt Seuchengefahr.« »Ich begreife! Und ich danke Ihnen dafür. Erst heute morgen vernahm ich durch den erlassenen Generalbefehl aus dem Hauptquartier zufällig, daß bei Ihrem Korps sich einige Gefangene befänden. Ich eilte hierher. Es war zu spät!« Er schwieg einige Augenblicke; dann überreichte er dem Vicomte den kurzen offenen Handbefehl des Kaisers. »Nehmen Sie, Herr Kamerad«, sagte er traurig. »Das ist jetzt nutzlos für mich. Es wird Sie jeder Verantwortlichkeit für Ihre Güte überheben. Wenn Sie einem alten Krieger, einem Gefährten der französischen Adler noch eine Freundlichkeit erweisen wollen, so strafen Sie nicht die Flucht des Knaben an denen, die ihm eine Liebe zu erweisen dachten. Ich nehme das Leben meines Enkels mit diesem Papier als empfangen aus Ihrer Hand – und empfehle es dem Schutz Gottes!« Die Trommeln wirbelten. Die Hörner der Zuaven riefen draußen das Regiment zum Sammeln. Die Brigade- und Divisionsadjutanten flogen mit dem Befehl zum Abmarsch an den Lagerreihen entlang. Einen kurzen, teilnehmenden Händedruck nur tauschte der Vicomte mit dem einsamen Greis und Doktor Welland. Sein Befehl gab auch dem jammernden Lebrigaud den Säbel wieder. Dann eilte er an die Spitzen der Seinen. Unter dem Jubel der Zuaven bildeten sich die Reihen zum Abmarsch. Sieben Uhr abends ... Auf der Höhe, auf der am Tage vorher Cavendish' Tod das Jagdrennen so traurig beendet, standen zahlreiche Offiziere, Fernrohre und Gläser an den Augen. Alle Blicke richteten sich nach dem Mamelon – der Lünette Kamtschatka. Ihre Wälle spien ein ununterbrochenes Feuer. Vom Malakow her und aus den zwei Reihen russischer Linienschiffe, die sich quer über die Südbucht gelegt hatten, fegte der eiserne Hagel durch Flammen und Pulverdampf daher. Aus dem Dokowaja- und Kilengrund herauf, aus den Laufgräben in der Front entwickelten sich jetzt die französischen Kolonnen. Sie lösten ihre Reihen und kletterten den steilen Aufgang zum Mamelon hinauf. Einzelne Krieger klommen wie Punkte und Schatten höher, immer höher. Jetzt waren die ersten an der Böschung. Pulverdampf umhüllte sie. Feuerströme fuhren dazwischen. Doch nur einzelne riß das tötende Eisen aus den zerstreuten Reihen. Plötzlich zeichneten sich zwei dunkle Schatten auf dem Kamm der Brustwehr gegen den Abendhimmel ab. Eine Fahne weht als Sammelpunkt. Ein dunkler Menschenknoten ballt sich darum her – und hinein in den Mamelon dringen in hellen Scharen die kühnen dritten Zuaven ... Da wirbeln die Trommeln durch den Pulverdampf. Die russischen Reserven rücken in das Werk. Die französischen und englischen Batterien haben aufgehört, es zu bestreichen. Bajonette klirren aneinander. Das Klein-Gewehrfeuer knattert. Die Franzosen werden über die Brustwehr zurückgeworfen. Aber am Abhang sammeln sich die Haufen. Kaum haben zwei Kanonen aus den Schießscharten aufs neue ihre Blitze gegen sie geschleudert, so stürmen sie die Böschung wieder hinan. Ihnen voran die hochgewachsene Gestalt eines Offiziers – winkend mit Säbel und Hand. Wieder tauchen die dunklen Schatten auf – gegen die Abenddämmerung auf der Höhe der Brustwehr. In dichten Massen wogt und drängt der Kampf ins Innere. Dann speit die Kehle des Werks dunkle Massen Flüchtender aus. Sie suchen unter dem Feuer des Malakow Schutz. Von der Höhe der Lünette flattert die Trikolore ... Tausendstimmiges » Vive l'Empereur! « überdonnerte das Gekrach der Geschütze ... Der Mamelon – die Vormauer des Malakow ist genommen. Caraiskakis Therapia ... Pharmacia ... wo Medea ihr Gift auf die Küste streute; wo die fürstlichen Familien des alten Byzanz ihre Sommerpaläste bauten; Therapia, dessen Wasser so oft Blut der Venetianer und Genueser rötete. Therapia – wohin Nikolo Pisano sich flüchtete, als er am l3. und 14. Februar 1352 mit dem Feind und den Stürmen gekämpft: liebliche Bucht des Bosporus am Tal der kühlen Quelle ... Nah dem Palast, den Fürst Ypsilanti erbaut und der jetzt zu einem französischen Lazarett eingerichtet worden war, tauchte ein stattliches orientalisches Landhaus den kurzen Mauervorsprung seines Erdgeschosses in die zum Goldenen Horn fließenden Gewässer. Zur Seite öffnete sich das Wassertor zum Einlaß der Kaiks. Das Haus umgaben, auf der Rückseite von hohen Mauern eingeschlossen, Terrassen mit Oleander, Geranium, Myrten und Lorbeer ... Ein kleiner Rundbau – ein Kiosk, stieß an das Vorderhaus. In diesen Winkel des Edens von Konstantinopel hatte sich der tiefste Kummer und die zügelloseste Lust geflüchtet. Der griechische Bankier, dem das Haus gehört und der das Reich bis zum Ende des Krieges hatte verlassen müssen, vermietete es durch Paswan, seinen bulgarischen Agenten. Den geräumigen, mit einem besonderen Ausgang versehenen Seitenbau bewohnte der englische Baronet Sir Edward Maubridge mit dem kranken Griechen, Gregor Caraiskakis. Noch immer hatte sich der Zustand des Kranken nicht geändert. Bei allem Wachsein der Seele war der Leib in Fesseln geschlagen – gelähmt. Maubridge, durch seine eigene Krankheit, sein langes Leid und die tiefe Erschütterung der Erkenntnis gewandelt, behütete mit nie verlöschender Hoffnung seine Genesung. Auch der junge Araber war seinem Gefangenen hierher gefolgt. Im ersten Geschoß des Vorderhauses aber wohnte Celeste Bibesco, die Geliebte des Gardekapitäns Grafen Bretanne. Im mißlungenen Sturm der Verbündeten auf den Malakow am 18. Juni verwundet, hatte Bretanne sich an die Ufer des Bosporus bringen lassen, um hier unter der Pflege von Frauenhand zu genesen. Celeste war nicht nur aus Gewinnsucht die Geliebte des reichen Offiziers; das Testament Alfred de Sazés hatte sie selber unabhängig gemacht. Aber Bretanne gefiel ihr – er war jung und lustig. In der Wohnung der Übermütigen und ihres tollen Beschützers feierten sie mit ihren Freunden Feste um Feste. Man hatte soviel Blut gesehen, soviel Todesschreie gehört ... Tag und Nacht hatten die Kanonen gedonnert und dröhnend gemahnt an die Vergänglichkeit des Seins. Leben ... o, Leben! Ausschütten alle Leidenschaft in zügellosen Jubel! Was nachher kam – was ging es die an, die stündlich bedroht waren vom Tode derer, die sterben auf Befehl des Kaisers ... Der schwüle Blütenduft der Mitternacht drang in das große Gemach. Die Fenster, geschützt durch die Hülle der Insektenschleier, waren weit geöffnet. Mitten in dem großen Gemach stand eine Tafel, bedeckt mit den feurigen Weinen von Zypern; Champagner in großen Eiskufen; prächtige, dunkelglühende Trauben von Brussa; süße Pfirsiche von den Felsenwänden des Hellespont; Feigen von Smyrna; Konfitüren, die auf Chios aus Rosenblättern und Geranium, Quitten und Mastix bereitet werden. Rings an den Wänden liefen breite Diwane um den Saal. Der Zustand der Tafel, die zerbrochenen Gläser und Teller, die auf dem Boden herumgeworfenen seidenen Kissen der langen Diwane an den Wänden, der tolle Übermut der einen und die stumpfe, schlaftrunkene Haltung der anderen kennzeichnete die Ausgelassenheit derer, die um die nächtliche Stunde der Drang nach Betäubung, nach Lust, nach Vergessen hier vereint. Am unteren Ende des Tisches, auf weichen indischen Matten, ruhte die junge Smyrniotin Nausika, die Tochter Jan Katarchis – die ihr Schicksal aus dem Dunkel eines asiatischen Dorfes in den Palast von Tschiragan geführt. Die Tänzerin des Großherrn – die Freundin des britischen Baronets – die Haremsfrau Salis, des Paschas von Warna, ihres jetzigen Gebieters. Der rechte Arm, von prächtigen goldenen und Korallenreifen fast vom Handgelenk bis zum Ellenbogen bedeckt, hielt nachlässig ein zierliches, mit Perlmutter und Silber ausgelegtes Tamburin zwischen den hennahgefärbten Fingern. Die linke Hand hob ein Champagnerglas, um es von dem Offizier an ihrer Seite füllen zu lassen. Ein gelber persischer Schal legte sich in leichten Falten um ihren schönen Wuchs. Die durchsichtige Haut des reizenden Gesichts, die dunkelbraunen Locken, frei um Hals und Schultern, die blauen Augen, umkränzt von den langen, schwarzgemalten Wimpern, die weißen, perlenartigen Zähne zwischen den purpurnen Lippen entzückten jeden, der seine Augen zu ihrem unverschleierten Antlitz erheben durfte. Die Neunzehnjährige stand jetzt in der vollen Blüte und Entwicklung ihrer Schönheit. Der Offizier neben ihr stützte die Hand leicht auf den kleinen chinesischen Rohrsessel. Sein scharfes, rassiges vom Lärm und Rausch gerötetes Gesicht beugte sich zu ihr nieder. An der andern Seite des Gemaches, vor einem Klavier von Rosenholz, saß mit einem noch jungen Mann die schlanke Celeste. Ein leichtes, orientalisch weites Gewand von weißem Musselin, den allein die kunstfertigen Finger der Hindus an den Ufern des Ganges weben, umfloß faltig die zierlichen Glieder der Pariserin. Die kleinen Füßchen wippten und spielten mit den goldgestickten Pantoffeln. Ein zierliches Spitzenhäubchen hing lose nur noch an einem kirschroten Band in ihren aufgelösten Locken. Die übermütigen, lachenden Augen ruhten halb spöttisch auf der Gruppe ihr gegenüber. Ihre Finger lockten eine kecke Polka aus den Tasten. Am Tisch saß ein Offizier in der Interimsuniform des Stabes. Aus einem langen, mitten zwischen die Flaschen, Früchte und Gläser gestellten Nargileh mit Eiswasser dampfte er duftigen Latakia. Übersättigt von den Ausbrüchen der Tollheit, der Lust der Sinne, dem Gesang und Gelächter, schaute er in ein Blatt des »Journal de Constantinople«. Auf dem Diwan in der Ecke saß ein Vierter mit zwei jungen Frauen – neckend und tändelnd in der Sprache der Leidenschaft, in der verständigende Worte entbehrlich sind. Die bunten Feredschis und Schleier am Boden, die einzelnen Uniformstücke mit den Abzeichen der Garden und der Marine und die kaum vernarbten, zum Teil noch verbundenen Wunden der Männer zeigten die Bedenkenlosigkeit Celestes und des Grafen Bretanne, der Gastgeber dieses Festes. Celeste klimperte mit einer Hand weiter auf dem Piano. Mit der andern nahm sie die kleine Zigarette zwischen den Lippen hervor und warf sie fort. »Eine neue, Monsieur«, sagte sie herrisch zu dem Offizier neben ihr. »Was meinen Sie, Graf, können Sie sich eine nachsichtigere Geliebte wünschen, als ich bin?« » Ah ciel ! – Sie sind ein Engel, Celeste«, sagte der Kapitän der Garde-Voltigeurs; er küßte die Hand Nedela-Nausikas an seiner Seite. »Sie sollen dafür auch volle Freiheit haben, wenn wir erst wieder nach Paris kommen.« »Wein! Gib mir den schäumenden, süßen Trank!« flüsterte Nausika. »Wirst du mich mitnehmen, schöner Aga – nach dem goldenen Paris, von dem ihr soviel erzählt?« Er raunte ihr Antwort in das Ohr. »Auf – Montaillier! Schämen Sie sich nicht, eine Zeitung zu lesen? Sie sind zum Einschlafen langweilig mit Ihrer Politik! – Sehen Sie Baudricourt, wie er mit doppelten Karten spielt!« »Es lebe die Coeur-Dame!« schrie der junge Marquis de la Houdinière vom Diwan her. »Zum Henker mit euch! – Laßt mich mit euren Torheiten in Ruhe. Ich will lieber wieder den Malakow stürmen oder drei Tage in den schändlichen Laufgräben liegen und weniger müde sein, als von einem eurer Zechgelage.« Ein schallendes Gelächter der Kameraden belohnte Montaillier. Verwundert horchten die Türkinnen; denn sie verstanden die Ursache nicht. »Es lebe der Malakow! Es lebe der 18. Juni, der uns hierher geschickt!« gröhlte der junge Marquis de la Houdinière. »Euer Vergnügen ist mit Mayran und Brünet und 6000 Mann teuer genug erkauft!« »Bah – das gibt Beförderung; in der Linie sind schon drei Regimenter frei! Die Engländer büßten verhältnismäßig noch mehr ein – Campbell, Shadforth und der tolle Yea sind böse Verluste!« »Der Teufel hole sie!« schalt Graf Bretanne von seinem Kissen her. »Hätten sie mit uns zugleich angegriffen, so hätten wir den Turm. Das 19. Regiment hielt seine Fahne zwanzig Minuten lang auf der Brustwehr aufgepflanzt. Erst die Geschütze vom Sägewerk jagten uns wieder herunter. Das verdammte Wettermännchen hatte die Zeit verschlafen.« »Still! – Der Lord hat seine Schuld bezahlt. Die Zukunft wird lehren, ob wir mit seinem Nachfolger besser daran sind. Der einzige Nutzen, den die Engländer uns gebracht haben, ist, daß sie die Zufuhren der Festung jetzt am Faulen Meer abschneiden.« »Falsch! – Die Russen haben mehr zu beißen als wir! Der Landtransport dauert ungehindert fort; Tausende von Wagen sind unaufhörlich unterwegs. Wir können lange warten, bis wir sie aushungern, wenn wir Perekop nicht nehmen. Man meldet, daß sie sich an der Tschernaja sammeln und erwartet dort einen Angriff gegen unsere Linien. Taganrog und Berdiansk sind beschossen. Anapa hat man geschleift gegen den Wunsch der Tscherkessen.« »Das ist schlecht gehandelt an Schamyl!« »Was geht uns der Imam an? – Gibt es sonst Neues?« »Im Journal nicht. Aber ich hörte, daß die Cholera unter den Sardiniern arge Verheerungen angerichtet.« »Desto aufrichtiger wollen wir dem Malakow danken, daß wir hier sind! – Es lebe die Liebe! Es lebe der Champagner!« Der Leutnant faßte die Hand Nedelas. »Halt da, Boisrobert! – Jedem das Seine!« »Ah bah! Lassen Sie mich plaudern!« »Aber Sie verstehen kein Wort Italienisch!« »Diese Damen hier sprechen auch nicht Französisch – die Lingua Franca, die ich rede, verstehen sie alle!« »Keinen Streit! – Die Tage, die wir hier zugebracht haben, waren zu angenehm, als daß wir sie uns noch verderben sollten. Der alte Kiradschia Paswan soll leben, der bulgarische Ehrenmann und Hauswirt. Er versteht verdammt geschickt den Unterhändler zu spielen. Möge Allah den Sali Pascha noch lange in Saloniki fest und von seinem Palast am Bosporus entfernt halten. Meinst du nicht auch, Schätzchen?« Die junge Haremsfrau schaute mit unschuldigen Augen nach dem Offizier; sie hatte kein Wort verstanden. »Allah bilir,« flüsterte sie – »Bana bak aï gusum!« »Den Henker auch! Auf die Dauer wird's langweilig, daß man so wenig mit ihnen reden kann. Houdinière hat sich den besten Teil erwählt in Madame Celeste!« »Meinen Sie, Monsieur? Kommm Sie her und unterhalten Sie mich. Der Kapitän spricht nur Dummheiten.« »Nichts da – ich lege Protest ein!« »Freiheit, meine Herren! Oder Graf Bretanne und ich schließen unsere Salons und werden Einsiedler – wie unsere Nachbarn im Pavillon!« »Der Schurke von Bulgare! Warum vermietet er das Landhaus an zwei Parteien!« »Der Mann versteht seinen Vorteil – die Häuser werden mit Gold aufgewogen in Therapia. Und wir kamen später.« »Was hat der Schuft sich für seine Hilfe zahlen lassen?« »Vierzig Napoleons! – Er schwört, er habe drei Eunuchen und wer weiß wie viele alte Weiber zu bestechen gehabt.« »Es lebe die Liebe! – Die Franzosen bleiben die Sieger im Orient überall – ich weiche keinen Schritt mehr von Konstantinopel!« »Bis Mellinet befiehlt – er versteht keinen Spaß. Und die Doktoren im Lazarett sprechen davon, daß wir geheilt wären und anderen Platz machen könnten!« »Pah! Wir haben unsere Ruhetage verdient. Wenn die Lücken durch die Cholera und die russischen Kugeln zu groß werden, wird uns Pelissier schon zurückholen. Bis dahin – zu allen Teufeln mit jedem Gedanken an den Dienst!« »Zum Tanz, zum Tanz, Messieurs! Seien Sie nicht so träge! Passen Sie auf – ich will Feuer in Ihre Adern gießen!« Celeste raste eine spanische Melodie auf dem Klavier. Wie von Federn geschnellt sprang Nedela von den Kissen hoch, warf den Schal um ihre Schultern und begann den Tanz. »Auf – auf, ihr Schläfrigen! – Die Augen auf! Zum Tanz!« Der eine zerrte die Ruhenden in die Höhe. Die anderen klatschten Beifall um die tanzende Griechin. Der tolle Vaudricourt begann einen Cancan aus den Pariser Barrièrenkneipen. Die übermütige wilde Gesellschaft faßte einander an den Händen und zog einen wirbelnden Kreis um die Tänzer. Plötzlich klopfte es heftig an die Tür. Durch den dicken Vorhang und den Lärm drang eine flehende Stimme: »Signor Francese, Signor Conte! Bei der heiligen Panagia, öffnen Sie! Oder wir sind alle verloren!« Graf Bretanne sprang an die Tür. Erschreckt horchten die Offiziere. Die türkischen Mädchen schauten verwundert auf die Männer. »Wer ruft? – Bist du es, Paswan?« »Exzellenza, es sind verdächtige Männer unten am Wassertor – auf dem Bosporus halten zwei Boote! Wenn es die Polizeiwache ist, gibt es Lärm.« »Verdammt – die Lazarettorder ist streng.« Graf Bretanne öffnete halb die Tür. »Ist der Gartenweg zur Lazarett-Terrasse frei?« »Ich sandte Jovas, den Diener, dahin. Die Signori müssen fort – und die Weiber auch. Mein Kopf ist verloren, wenn man sie hier findet.« »Das ist deine Sache, Freund Paswan. Dafür bezahlten wir dich. Aber meine Kameraden müssen in Sicherheit – General Sol hat den Teufel im Leibe. Und die Sache würde zu großen Lärm machen. Ich werde sie entfernen. Lösche die Lichter aus! Bring die Weiber fort! Ich hoffe, man wird nicht wagen, in eine französische Privatwohnung einzudringen.« Einige Worte unterrichteten die Offiziere. Schnell löschte man die Lichter bis auf zwei aus und beobachtete durch die Rolläden die Wasserseite. Zwei Kaiks hielten in der Entfernung von etwa fünfzig Schritt regungslos auf den Wellen. »Fort, meine Herren! Ich geleite Sie über die Terrassen. Morgen sehen wir uns wieder.« Celeste klammerte sich an den Grafen. »Du wirst mich nicht verlassen, Guillaume!« »Keine Sorge, mein Kind – wir haben nichts zu fürchten hier im Hause. Was es auch sei – kein Türke wagt die Frauengemächer zu betreten. Nur unsere Freunde will ich fortschaffen.« Er riß sich los von ihren umschlingenden Armen. Die Offiziere rissen ihre berauschten Kameraden auf, rafften ihre Kleider zusammen und folgten ohne Abschied eilig dem Kapitän Es ist Tatsache, daß eine Gesellschaft französischer Offizier die Frauen, die sie aus einem Harem an sich gelockt, ohne weiteres verließ und der Rache der beleidigten Türken preisgab. . Die verlassenen Frauen sahen, scheu und ängstlich geworden, ihnen nach. Eilig hüllten sie sich in ihre Gewänder. Paswan, der Kiradschia, stand beobachtend an den Läden. Die Ruderer hielten mit leisem Schlag einen großen Kaik auf seiner Stelle fest. Hoch aufgerichtet im Boot stand Sali Pascha, der Gebieter von Warna. Seine Augen hatten sich in flammender Wut an den Fenstern der Villa festgesaugt. Schwarze Gestalten, Schlingen in den Händen, Handschars im Gürtel, kauerten mit verzerrten, bösen Gesichtern um ihn. Im zweiten Boot lehnte über den Rand Wassili, der griechische Diener des Paschas von Warna – Vaso, der Bräutigam Nausikas, der er in eifersüchtiger und ohnmächtiger Liebe bis zum Harem des Türken gefolgt. Er war bleich und zitterte heftig. »Allah sei Dank«, sagte der Pascha. »Wir kommen zur rechten Zeit, ihre Lust zu stören! Du kennst meine Befehle.« »Ja, Hoheit.« »Du bist ein treuer Diener, Wassili. Ich würde dich zum Aufseher meines Hauses machen, wenn du kein Giaur wärst. Aber bei dem Barte meines Vaters, ich bin noch Muselmann genug, mich zu rächen – wenn ich auch die großen Städte dieser Franken gesehen habe. Du weißt also, daß der Inglis, mein Gast in Warna, jenen Pavillon bewohnt?« »Du sagst es, Herr!« »Und die Weiber sind nicht bei ihm?« »Nein, Hoheit. Der Bulgare Paswan, der das Haus verwaltet, führte sie zu den Agas der Franzosen.« »Mögen ihre Väter verdammt sein! – Der Hund soll ihr Schicksal teilen – und der Aufseher der Weiber dazu, der so seine Pflicht vernachlässigte. Du zähltest fünf Weiber – und Nedela ist dabei?« Vaso zauderte, bevor er antwortete. »Ich weiß es nicht, Hoheit. Ich kenne nur die Zahl, die hierher kam. Das Haremlik ist deinem Diener verschlossen.« »Lahnet bi Scheitan! – Ich kenne ihre Ränke und ihr untreues Herz! – Sie hat die Sklavinnen verführt. Ich wollte, der Inglis hätte sie behalten – oder ich wäre nicht der Tor gewesen, die Weiber mit nach Stambul zu nehmen. Sie lachen mir in den Bart, wenn der Großherr mich auf die Reise sendet! – Sie müssen sterben!« »Aber die Offiziere – die Franken?« »Sie werden es nicht wagen, sich zur Wehr zu setzen. Wenn es sein muß, knebelt sie; aber tötet sie nicht. Ich habe es dem Tschauschi Baschi gelobt, als er mir die Tschokodars und Verschnittenen lieh, den Schimpf zu rächen. Korkma! Es ist keine Gefahr dabei, wenn du treu und vorsichtig bist. Niemand wird uns erkennen. Meine Rückkehr ist noch unbekannt. Darum sandte ich dir Botschaft, mich an den süßen Wassern zu erwarten. Eile dich, Wassili – sie löschen die Lichter aus! – Sie haben uns bemerkt! – Vorwärts!« Er klatschte leise in die Hände. Die Kaiks schossen im Nu an die Marmortreppen. Dort harrten zwei Männer, die vom Lande her die Zugänge bewachten. Im nächsten Augenblick waren alle Ausgänge umstellt. Ein kräftiger Tschokodar sprengte mit dem Brecheisen die Pforte. Wassili drang mit den schwarzen Eunuchen in das Haus. An sein Lager gefesselt lag Gregor Caraiskakis – der letzte der drei Brüder. Fieberhafte Unruhe leuchtete in seinem Blick. Es war, als ränge das Leben nach Erlösung, nach Freiheit ... nach neuer Kraft seiner Glieder. Der Jubel des Festes klang durch die offenen Fenster von der Villa zu ihnen deutlich herüber. Der Baronet hatte schon hundertmal die unruhige Nachbarschaft verwünscht. Sie mußte die Genesung des Gelähmten stören ... Der Araber Abdallah, der, von seinem Burnus bedeckt, auf einer Bastmatte im Winkel des Gemaches lag, bemerkte scharfsichtiger als Maubridge, wie häufig eine dunkle Röte die Stirn des Griechen überzog. Der Baronet hatte dem Kranken die neuesten Nachrichten der Tagesblätter vorgelesen: die Fortschritte der Belagerung nach dem verunglückten Sturm auf den Malakow, die Abberufung Canroberts nach Paris auf den Wunsch Pelissiers; den Zug der Russen gegen Kars und die Bestimmung Omer Paschas nach Kleinasien. Das Blatt war auf den Tisch gesunken. Seine Hand stützte das Haupt – Maubridges Gedanken schweiften hinüber nach der bedrängten Stadt – nach dem Schatz, dem jetzt all sein eigensinniges, beharrliches Streben galt – seinem und Dionas Kind. Jäh verstummte der Lärm des Festes. Plötzlich unterbrach ein wilder Schrei – der Hilferuf einer weiblichen Stimme – die Stille der Nacht. Edward Maubridge horchte auf. Auch der Emir erhob sich halb. Abermals gellte der Schrei wild auf. »Zu Hilfe, Bretanne! Zu Hilfe!« Im Nu war der Baronet am Fenster. Aber die Nacht war dunkel. »Was geht dort vor? – Laß uns zum Beistand eilen, Abdallah.« Er ergriff ein Pistol und eilte die Treppe hinab. Abdallah folgte ihm mit einem Sprung. Die Tür aus dem Pavillon war von außen versperrt. Abdallah und der Baronet bemühten sich vergeblich, die Türen zu öffnen. Sie rissen eines der Fenster des Erdgeschosses auf und sprangen auf die Terrasse. Eine Gestalt huschte im Schatten der Nacht an ihnen vorüber. Sie liefen weiter. Ein zweiter Schatten folgte lautlos. Aber jammernde Laute und das Geräusch eines Ringens riefen sie zu Hilfe. Sie eilten über den Hof, den der Pavillon von dem Vordergebäude trennte, und drangen in die untere Halle nach dem Wassertor. Ein seltsamer Anblick bot sich ihnen. Ein vierruderiger Kaik hielt dicht an den Stufen der Halle. Im Sternenlicht sah man nahe dabei auf den gestemmten Rudern einen zweiten, größern halten. Fünf sackartige Ballen lagen auf den Marmorfließen des Bodens. Krampfhaft wanden sie sich. Ein dumpfes, verzweifeltes Stöhnen drang von ihnen her. Man hatte sie eben die Treppe hinabgeschleift aus dem ersten Stockwerk. Männer waren bemüht, sie in den Kaik zu werfen. Am Boden, nahe dem Eingang, lagen gebunden und geknebelt zwei Menschen. Vier Bewaffnete traten Maubridge und Abdallah entgegen. Ihre blanken Säbel funkelten im matten Licht. »Was geht hier vor? – Fort mit euch, Raubgesindel!« »Zurück, Giaur! Gebt Freiheit der Gerechtigkeit des Padischah!« »Zu Hilfe, Exzellenza! – Rettet Euren Wirt!« erklang die flehende Stimme des Kiradschia; man hatte ihn zu Boden geworfen. »Hund ohne Leber! – Allah verbrenne deine Zunge!« schrie der Tschokodar. Er zerrte ihn und holte zum Streich mit dem Yatagan aus. Der Schuß des Baronets traf einen Eunuchen. Der junge Araber fing in den weiten Falten seines Burnus den Hieb auf und entriß den Alten den Händen seiner Bewältiger. Ein starkes, dreimaliges Händeklatschen gab vom größten Kaik her das Zeichen zum eiligen Rückzug. Die schwarzen Eunuchen warfen eben den letzten der seltsamen Ballen in den heftig schwankenden Kahn. Ein schriller Schrei als Zeichen. Die Zurückgebliebenen sprangen ins Boot; es schoß, von den aufgestemmten vier Rudern getrieben, weit ab vom Land zu seinen Genossen. Wie streichende Möwen verschwanden die beiden Kaiks nach der Mitte der Meerenge zu. Noch starrten sie ihnen nach – da hörten sie über das Wasser her ein schweres Aufplätschern – wie von dem Fall eines großen Körpers in die Wellen ... Ein zweites – ein drittes – Fünfmal wiederholte sich der Ton. Der alte Bulgare zitterte heftig. Er zog sich in das Haus zurück, ohne ihren Fragen Rede zu stehen. Hastig versuchte er die gesprengte Pforte zu schließen und zündete eine Lampe an. In ihrem Schein erkannte man in den beiden Geknebelten an der Wand das alte griechische Weib, das mit dem Kiradschia und einem in Therapia wohnenden Burschen die Mieter des Hauses bediente, und Graf Bretanne – den Geliebten der Bojarenfrau. Der Baronet glaubte noch immer an einen Raubanfall. Er löste mit dem Kiradschia rasch die Fesseln. Bretanne keuchte schwer – wie von einem heftigen Ringen. Kaum war der Knebel aus dem Mund gelöst, so brüllte der Kapitän den Namen: »Celeste!« Er schaute mit wildem Blick umher und stürzte die Treppe hinauf nach dem großen Gemach. Die anderen folgten. Abdallah umwand den blutenden Arm, den der Yataganhieb des Tschokodars verletzt, mit seinen Gewändern. Aber der Ruf »Celeste« fand keine Antwort. Das Gemach bot ärgste Unordnung und Zerstörung. Nur noch durch die von der Decke hängende Ampel war es matt erleuchtet. Der Tisch in der Mitte war umgestürzt. Fetzen der bunten Feredschis und der weißen Schleier der Frauen lagen überall zerstreut. Ein wildes Jagen und Ringen hatte hier stattgefunden. Der zitternde Kiradschia reichte dem Offizier ein zerrissenes Frauenhäubchen, das er aus einem Winkel aufhob. An den kirschroten Bändern war es leicht zu erkennen: es gehörte Celeste. Vergeblich das Suchen in allen Zimmern. Man fand nach den Terrassen zu einen der Läden geöffnet; doch nirgends war weiter eine Spur. »Wir müssen den Kommandanten der Lazarettwache wecken und ihnen nachsetzen«, rief Bretanne. »Welches Recht sie auch an den anderen Frauen haben mögen – sie haben mit ihnen eine Französin entführt. Madame Bibesco muß befreit werden.« Paswan, der Kiradschia, hielt ihn zurück. »Exzellenza«! – Es ist zu spät. Das Unglück ist geschehen. Wir müssen auf unsere eigene Sicherheit bedacht sein. Meines Bleibens ist nicht länger in Stambul. Die Ihr retten wollt – liegt tot auf dem Grunde des Meeres. Wir selber hörten den Fall der fünf Opfer.« »Entsetzlich!« stöhnte der Graf. »Und wir verließen sie, statt sie zu verteidigen! – Aber du sprichst von fünf – sechs Morde haben die Hunde begangen!« »Fünfmal tönte der Fall ins Wasser«, sagte Maubridge. »Als wir Ihnen – durch die versperrte Tür aufgehalten – zu Hilfe eilten, floh eine Gestalt an uns vorüber nach dem Pavillon zu.« Durch das geöffnete Fenster hatte sich lautlos das fliehende Weib in das Innere geschwungen. Nur von einem Mann verfolgt, stürzte sie in das Vordergemach. Ihr Fuß glitt aus. Noch ehe sie die Tür gegenüber erreichen konnte, fiel sie zu Boden. Im Nu war der Verfolger an ihrer Seite. Er riß an den langen Flechten ihr Haupt zurück. »Erbarmen! Hilfe! – Wassili – du? – Und du willst mich morden?« Aus dem Mund des jungen Dieners gellte ein hartes Lachen. »Wassili? – Hast du nur Blicke für deine Buhler, Tochter Janis?« – Er riß das Pflaster von seinem Auge. – »Hat die falsche Farbe des Haares, der Gram der drei Jahre den Gespielen deiner Kindheit, den Mann, dem dein Vater dich verlobt, so ganz aus deinem Gedächtnis gerissen?« »Vaso!« »Ja, Vaso – den ein Jahr lang in deiner Nähe Qual und Eifersucht verzehrt haben! Der sah, wie du die Buhlerin warst der Feinde und Unterdrücker meines Volkes – des kaltherzigen Inglesen, des grausamen Türken. Du – seines Harems Erste – und doch nichts, als eine Sklavin! Und jetzt die Geliebte der prahlerischen Franzosen! Ja, Nausika, ich war es – ich – der zertretene vergessene Wurm – der deine nächtlichen Wege belauschte. Das Gold bestach die Augen eurer Wächter – aber ich war wach! Ich rief Salis Rache hierher! Meine Augen verfolgten dich, als du unbemerkt deiner Strafe zu entrinnen gedachtest – meine Hand hat dich ergriffen! Du mußt sterben, Nausika!« Er hob die Hand mit dem breiten Dolchmesser zum Stoß. Schlaff, in Todesfurcht, sanken die Arme der Abtrünnigen nieder. Auf ihren bleichen Lippen verstummte der letzte Schrei. Aber eine Hand erfaßte die Waffe und entriß sie Vaso. Ein Arm stieß den in den Qualen der lang unterdrückten Eifersucht fast Wahnsinnigen zurück. Zwischen ihm und seinem Opfer stand Gregor Caraiskakis – finster, drohend, die Hand bedeutungsvoll erhoben. Der Angstschrei Nausikas hatte die Lähmung gelöst, wie es der deutsche Arzt, Doktor Welland, vorausgesehen. »Kennst du mich?« »Kapitän Caraiskakis?« – Vasos Daumen schlug das Verbrüderungszeichen der Elpis. »So wage nicht, das Blut dieses Weibes zu vergießen – um ihres Vaters willen, deines und meines Freundes! Das Leben ist das einzige Gut der Gesunkenen. Bei dem Zeichen, das uns verbündet – rette sie vor ihren Verfolgern.« Nedela-Nausika starrte ihn an – erkannte ihn ... Sie warf sich ihm zu Füßen und umschlang ihn schmeichelnd. »Mein Gebieter, mein Freund! Nausika ist glücklich, daß sie dich gefunden hat! Sie wird die treue Sklavin deines Willens sein!« Caraiskakis sah verächtlich auf sie nieder; sein Fuß machte sich frei von ihr und stieß sie zurück. »Als ich dich retten wollte und dir meinen Namen geben um deines Vaters willen, führtest du mich zum Mord! Als ich das Blut deines Buhlers, des Inglis, vergossen, riefst du die Schergen des neuen zu meiner Verfolgung – und warfst dich zum zweitenmal in die Arme des verfluchten Geschlechts, das deinen Vater getötet. Geh! Meine Schuld an dir ist gelöst – jene Nacht im Fanar ist zum Fluch an mir geworden; die Geliebte Gregors Caraiskakis durfte nur das Vaterland sein!« Finster sah Vaso ihn an. »Was gebietest du, Capitano?« »Führe sie mit dir. Aber sichere ihr Leben. Tue mit ihr, was sie verlangt. – Nimm!« – Er kehrte mit festem Schritt in das zweite Gemach zurück, nahm aus dem Schrank des Briten eine Börse voll Geld und warf sie Nausika zu. »Wohin? – Wohin wollt Ihr mich bringen?« Vasos Blick glühte auf ihrem Gesicht ... lauernd ... bettelnd ... »In Salis Harem zurück – wenn du willst. Du kannst ihn sicher betreten; denn eine andere hat deine Stelle auf dem Meeresgrund eingenommen. Dein lügnerischer Mund wird ihn leicht überreden, wenn er von Stambul zurückkehrt und dich findet, daß du ihn niemals verlassen. – Oder« – und noch langsamer sprach der Grieche – »laß uns zusammen fliehen nach Demetri ... ins Griechenquartier. Laß uns dort verbergen ... bis wir nach unserer Heimat entweichen können. Die Panagia wird uns helfen, zu vergessen, was du gewesen bist!« Die alte Liebe hatte in dem schwachen, lenkbaren Herzen wieder die Oberhand gewonnen. Nausika hüllte sich in die Decke, die ihr Caraiskakis zugeworfen, und blickte auf Vaso und Gregor. »Komm!« sagte sie trotzig. Vaso erzitterte. »Wohin, Nausika?« »Ich heiße Nedela – ich bin nicht für dein Elend geboren. In den Harem Salis!« Caraiskakis wandte sich verächtlich ab; er wies stumm nach dem Ausgang zum Dach, von dem man zur oberen Terrasse gelangen konnte. Nausika folgte mit festem Schritt ihrem Begleiter.   Wenige Minuten, nachdem sie verschwunden waren, kehrte der Baronet, von Abdallah, Bretanne und Paswan begleitet, nach dem Pavillon zurück. Zu seinem höchsten Erstaunen fand Maubridge den Kranken im vollen Besitz seiner Glieder und seiner Sprache. »Maschallah! Ein Wunder ist vor meinen Augen!« rief Abdallah. »Gesegnet sei die Stunde deiner Auferstehung.« »Was ist geschehen? Was hat sich ereignet? – Sie sind genesen, mein – Schwager?« Der Baronet streckte zögernd die Hand nach ihm aus. Caraiskakis ergriff sie ernst, doch freundlich. Seine Linke reichte er dem Araber. Aber Abdallah trat einen Schritt zurück. »Warum zögert Abdallah ben Zarugah, die Hand eines besiegten Feindes anzunehmen, nachdem er ihm hundert Wohltaten erwiesen?« fragte Caraiskakis ruhig. Der junge Scheik kämpfte. »Du bist ein tapferer Christen-Aga«, sagte er. »Aber dein Antlitz erinnert mich an einen, der die blutige Rose von Skadar gestohlen hat und verschwunden ist mit ihr und Scheitan, ihrem Hund – ohne Spur – seit dem Tag, wo die Christenheere von Belbeck nach der großen Festung der Moskows zogen. Ich muß wissen, was aus Fatinitza, der Rächerin und dem Mann geworden ist, den ich gefangennahm. Sie forderte ihn von mir für das Kleinod der Zarugah.« »Wenn du meinen Bruder Nikolas Grivas meinst, tapferer Emir, der ein Türkenmädchen aus Skadar liebte,« sagte der Grieche aufmerksam, »so kann ich dir keine Auskunft geben. Er zog nach Sewastopol in der Zeit, die du erwähnst – mit einem wichtigen Auftrag. Aber seitdem ist trotz allem Forschen keine Kunde von ihm zu mir gedrungen.« »Die Albanesen, die ich zurückließ, sahen ihn, das Weib und den Hund hinausfahren auf das Meer in einem Boot –« »Dann frage den da«, zuckte finster der Grieche auf. Er deutete auf den Baronet. »Er erzählte ihr Schicksal in deiner und meiner Gegenwart – ohne daß ich wußte, wen es betraf. Die du suchst in Haß und Liebe, ruhen längst im Meer von Sewastopol. Auf dem Schiff, das diesen Inglis damals trug, sah man sie versinken: das Weib, den Mann und den Hund – an dem Morgen nach dem Tage, von dem du sprichst. Siehe den Band: »Um das Schwarze Meer« « Er schwieg. Der Araber reichte ihm die Hand; dann verhüllte er das Gesicht mit dem blutigen Burnus. Nur Paswan, der Kiradschia hatte das Gespräch in türkischer Sprache verstanden. Nach einer Weile näherte er sich mitleidig dem jungen Scheik. Er versuchte seinen Arm zu entblößen und nach der Wunde zu schauen, die ihm der Handschar des Tschokodars geschlagen. »Edward Maubridge«, fuhr Caraiskakis feierlich fort: »Der allmächtige Wille Gottes hat mich zum Leben auferstehen lassen. Wir beide haben schwer gefehlt. Laß uns vergeben – um Dionas Willen. Das Kind, das du suchst, der Knabe meiner Schwester, ist in Sewastopol. Wenn Gott ihn seit meiner Verwundung beschützt hat, lebt er wohl und kräftig in der Familie des Popen Basili Polotnikow, des Kaplans der \>Wladimir\<. Ehe wir scheiden für immer, will ich ein Schreiben in deine Hand legen. Das Kind soll dir ausgeliefert werden. Mache gut an ihm, was du an seiner Mutter gesündigt hast!« Mit geöffnetem Mund und weiten Augen starrte Maubridge ihn an. Sein Kind... Tausend Fragen drängten sich auf seine Lippen. Sein Herz schlug stürmisch. Sein Kind... und er sollte es sehen, es in seine Arme schließen dürfen. Endlich – da er durch eigene Schuld fast am Rand des Grabes stand... Tiefe Erschütterung drang durch seine Seele. »Gutmachen – – Das soll der einzige Zweck meines Lebens sein! – Auch mich hat die Hand Gottes schwer getroffen. Er sieht meine Reue! Warum aber willst du – mein Bruder – mich wieder verlassen? Willst du zu jenem unseligen Kampf zurückkehren, der uns so vieles geraubt hat?« »Nicht zum Kampf – nicht in die Schlacht! Ich bin ein Sohn des Unglücks! Ich habe Verderben gebracht allen, die ich liebte: Diona – Janos – Welland – ihr, der Gefallenen – dem letzten Bruder, den ich hatte. Mein Arm ist nicht mehr stark für den Kampf des Kreuzes! Wenn ich diese Stätte verlasse, geht mein Weg zum Berge Athos, zu den Klöstern meines Volkes. Auf jenen freien Felsenhöhen wird Gregor Caraiskakis sein Leben schließen – im Gebet für den Sieg, für die Freiheit seines Vaterlandes – und für die Seelen derer, die ihm vorangegangen.« Er schwieg – das Haupt in die Hand geneigt. Selbst der französische Offizier wagte es nicht, die Stille zu unterbrechen. Von Celeste war auch hier keine Spur zu finden. Das schreckliche Schicksal, dem sie im Augenblick des höchsten Übermutes verfallen, machte ihn schaudern. Auch am anderen Morgen hatten alle Nachforschungen der französischen Behörden keinen Erfolg. Graf Bretanne kehrte nach der Einnahme von Sewastopol als ernster und geprüfter Mann nach Frankreich zurück. Die meisten der Kameraden jener Nacht fielen beim Sturm auf den Malakow. – Erst der Kiradschia störte nach einer Weile die Stille. Er hatte den Arm seines Lebensretters halb mit Gewalt entblößt und die Wunde untersucht. Plötzlich begann seine Hand zu zittern. Er sah aufmerksam, fast erschrocken in das ernste Antlitz des jungen Scheiks. »Was ist das? Um der gebenedeiten Mariam willen, was bedeutet dies Zeichen?« Er wies auf zwei verschlungene Buchstaben, die auf der Schulter Abdallahs blau eingeätzt waren. »Wie kommt das Namenszeichen meines Freundes Melek Ibrahim, des Oda Baschi der Zagrandschis auf deinen Arm Siehe den Band: »Um das Schwarze Meer« ?« »Meine Mutter stach es mir ein, da ich ein Knabe war.« »Und deine Mutter – sprich – woher kam sie? Wie heißt sie?« »Zuleika, Freund. Mein Vater fand sie als fünfjähriges Kind – halb tot – verschmachtet – auf dem Wege der Karawane zur Kaaba von Mekka. Ein hartherziger Sklavenhändler hatte die Kranke dort zurückgelassen. Mein Vater war damals ein Jüngling wie ich. Er führte sie zu den Zelten unseres Stammes und nahm sie sechs Sommer später zum Weib. Denn sie war schön geworden, wie der Duft der Palmen aus den Oasen.« »Und sie – woher kam sie? Weiß sie sich an nichts aus ihrer Kindheit zu erinnern?« »Du siehst, Freund, daß sie des Zeichens gedachte, das ihr Bruder trug. Sie wußte, daß sie übers Meer gekommen war, und daß ihr Vater einer der tapferen Jenethschjieri gewesen, die der Wille des Großherrn verflucht hat. Die Männer der Wüste kümmern sich nicht um den Zorn des Padischah. Mein Vater war ein Tapferer.« »Lebt deine Mutter noch?« »Zuleika, die Gattin Omars, weilt unter den Lebendigen und harret der Heimkehr ihres Erstgeborenen. Aber die Gebeine meines Vaters ruhen in der Wüste von Yemen – und das Blut der verfluchten Magrebi ist geflossen, sie zu rächen.« »Ich glaube dir, Emir! – Aber höre mich an! – Der Vater deiner Mutter lebt – er beweint seine Kinder. Und dich zu schauen, seinen Enkel, würde Wonne sein für seine greisen Augen!« Abdallah sah ihn erstaunt an. »Deine Worte sind süß für mein Ohr, alter Mann. Doch der weise Lokman sagt: Glaube nicht das, was dir wohlklingt, bevor es die Probe bestanden.« »Bei deinem und meinem Gott, Emir – es kann kein Zweifel sein. Melek Ibrahim, der Oda Baschi, wohnt in den Felsenklüften des Balkan bei meinem Volk. Er wird dich gern als seinen Enkelsohn erkennen. Ich verlasse morgen in aller Frühe diesen Ort und ziehe nach Norden; denn hier droht mir Gefahr nach dem, was diese Nacht geschehen ist. Komm mit mir, wenn du kannst! Nimm das Erbe, was wir für dich bewahrt haben.« Abdallah reichte ihm die Hand. »Mein Kismet ist erfüllt«, sagte er traurig. »Achmet, mein Milchbruder, führt die Leute meines Stammes. Sie sind, wie ich vernommen, Iskender Pascha nach Batum gefolgt. Ich bin frei und werde dich begleiten. Vielleicht, daß das Wort eines weisen Greises Frieden gießt in meine betrübte Seele! Ruhe jetzt, alter Mann, von den Schrecken des Abends. Abdallah wird für euch alle wachen. Am Morgen wird er mit Eidunih, seiner Stute, bereit sein!« Er setzte sich auf die Schwelle des äußeren Gemaches und schaute über den offenen Altan hinaus auf die im Sternenlicht tanzenden Wellen des Bosporus ... Der Geheimvertrag Der Sturm am 6. Juni hatte nicht nur die Lünette Kamtschatka – den Mamelon – in die Hände der Franzosen gebracht. Auch die beiden anderen vorgeschobenen Werke, die Selenginski- und Wolinski-Schanze waren nach heftigem Kampf und Blutbad gefallen. Die Verbündeten verloren an 3000 Mann, darunter den General Lavarande; die Russen nicht viel weniger, dazu den Generalmajor Timotjew. Die beiden Schanzen wurden gesprengt; den Mamelon wandelte man unter dem Namen Brancion-Schanze zu einer Batterie gegen den Malakow um. Bosquets Lorbeeren ärgerten jedoch General Pelissier. Er entfernte ihn daher vor dem beabsichtigten großen Sturm, indem er ihm den Oberbefehl der Tschernajalinie übertrug. Man wählte zu großen Tagen absichtlich den Jahrestag der napoleonischen Erinnerungen. Und da zum 14. Juni, dem Tag der Schlacht von Marengo, die Vorbereitungen nicht vollendet werden konnten, wählte man den 18. Juni, den Tag von Waterloo, zum Sturm auf den Malakow. Man wollte den Engländern zeigen, daß man zu siegen verstehe. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Die Divisionen Mayran, Brünet und d'Autemarre mit der Garde sollten den Malakow, die Engländer den Redan angreifen. Am Morgen des 17. Juni war auf der ganzen Belagerungslinie eine heftige Beschießung eröffnet worden. 20 000 Kugeln und 10 000 Bomben wurden von den Franzosen auf die Festung geworfen. Aber die Russen waren auf den Angriff vorbereitet. Wie heldenmütig auch der Ansturm der Franzosen war, die zweimal bis ans Werk drangen und sich in der Vorstadt festsetzten – sie wurden mit furchtbarem Verlust geworfen. Denn sie blieben ohne Unterstützung durch die Engländer, deren Angriff vollkommen verunglückte. General Mayran fiel. Brünet wurde durch die Brust geschossen. Fast sämtliche Regimentskommandeure wurden verwundet; die Franzosen verloren als kampfunfähig gegen 6000 Mann, die Engländer an 2000; auch der russische Verlust betrug 5000. An einzelnen Stellen um den Malakow lagen die französischen Leichen vier Ellen hoch übereinander; die Bedienungsmannschaften der Geschütze im Malakow hatten dreimal ersetzt werden müssen; von der Kompagnie des tapferen Szewskiregiments, die die Batterie Gervais verteidigt hatte, waren noch 35 Mann am Leben. – Entsetzlich waren die Szenen, die sich bei dem von den Verbündeten begehrten Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Leichen zeigten. Die Geier hatten sich auf dem Schlachtfeld gesammelt; man fand auf der Walstatt einen englischen Offizier, der – tödlich getroffen – noch Kraft genug hatte, in der krampfhaft geballten Faust einen Raubvogel zu erwürgen, der an ihm zu nagen begann ... Mit dem verunglückten Sturm auf den Malakow trat eine Pause in der Heftigkeit des Kampfes ein; man begnügte sich, die Belagerungsarbeiten fortzusetzen, immer näher und näher an die Festungswerke heranzudringen und den Kreis der Laufgräben enger zu schließen. Deren Länge betrug zu dieser Zeit schon 17 Stunden; 85 französische Batterien waren errichtet; freilich nicht ohne den bedeutendsten Verlust; denn der Bau der einzigen Batterie Nr. 22 mit nur drei Geschützen kostete allein 865 Mann. Der Minenkrieg begann gegenseitig jetzt nach allen Richtungen hin zu spielen. Auf russischer Seite wurde er von dem Stabskapitän Melnikow geleitet. Melnikow trat für Totleben ein, als dieser Anfang Juli am Fuß verwundet wurde. Noch nicht geheilt, erschien er gegen Ende August doch wieder in den Werken, um aufs neue zu erkranken. Auf Befehl des Fürsten Gortschakow wurde er nach Simferopol gebracht. Mit welcher Aufopferung die Soldaten an dem berühmten Schöpfer der Verteidigung von Sewastopol hingen, beweist manche Hingebung. Als während des Sturmes vom 18. Juni auf den Malakow eine 7 Pud schwere Bombe gerade neben Totleben niederfiel, und der Luftdruck ihn ohnmächtig zu Boden warf, sprangen sechs Soldaten herbei und deckten ihn mit ihren Körpern. Fünf wurden augenblicklich getötet, der sechste schwer verwundet. Totleben kam damals mit einer leichten Schürfung davon. Am 11. Juli, abends acht Uhr, fiel der dritte des Heldenkleeblattes der russischen Admirale: Nachimow. Er wurde tödlich verwundet, als er von der Brustwehr des Malakow die Feinde beobachtete. Wie zu Lord Raglans Begräbnis, der am 28. Juni an der Cholera gestorben war, die Russen ihre sämtlichen Geschütze schweigen ließen, so ehrten die Franzosen mit stummer Huldigung das Andenken des tapferen Gegners. Sechzehn Stunden hatte er nach seiner Verwundung noch gelebt; als er sein Ende fühlte, wandte er sich zu den Matrosen der 39. Tschernanorschen Marinemannschaft, die ihn schluchzend umringte. »Kinder, vergeßt nicht, das Kreuz vor dem Feind wie bei Sinope an den großen Mast zu heften!« Sein Tod machte auf die ganze Besatzung den tiefsten Eindruck und stimmte sie zu verzweifeltem Mut. Als der Sarg in die Gruft der Wladimirkathedrale sank, schwor General Chrulew: »Dein Denkmal, braver Seemann, sollen Berge feindlicher Leichen werden!« »Da budet tak! – So soll es sein!« grollte es durch die Kirchengewölbe. Die Zahl der Seeleute in der Festung war gewaltig zusammengeschmolzen, obschon am Tage vor dem Sturm 2000 Matrosen der vernichteten Flotte des Asowschen Meeres eingerückt waren. Von den 36 Marineoffizieren, die bei Beginn der Belagerung die Batterien kommandierten, war noch einer kampffähig. Aber Begeisterung und fester Todesmut erfüllte Offiziere und Soldaten. Am 8. Juli weihte der Erzbischof von Cherson und Taurien, Innocenz, auf dem Katharinen-Platz die versammelten Truppen und reichte ihnen das Abendmahl. Sie schwuren, auf ihrem Posten zu sterben. Im Lauf des Juli trafen die 7. und 15. Infanteriedivision in Sewastopol ein. Zu Anfang August die 2. und 3. Division des Grenadierkorps. So zählte die russische Armee der Krim – trotz aller Verluste – zu Anfang September wieder 160 000 Mann. 35 000 Arbeiter waren allnächtlich mit der Ausbesserung der Schäden beschäftigt, die von der Kanonade des Tages an den Wällen verübt worden war; oder sie errichteten neue Verteidigungswerke. Fortwährend suchten die Belagerten durch kleinere und größere Ausfälle die Arbeiten des Feindes aufzuhalten. Die bedeutendsten erfolgten in der Nacht zum 25. Juli, 2. und 15. August. Am 28. August verursachte eine russische Bombe im Mamelon eine furchtbare Explosion, die an 200 Mann tötete und verstümmelte. Auch die Verluste der Verbündeten waren entsetzlich. Bis zum Juni hatten die Franzosen 80 000 Mann durch Krankheit und Wunden vor Sewastopol eingebüßt; die englische Armee war zweimal fast vollständig erneut worden. Von den anfangs Mai eingetroffenen 15 000 Sardiniern waren nur noch 800 kampffähig. 2000 waren schon bis zum 1. August an der Cholera gestorben. Die Miasmen, die sich aus den Leichenfeldern und aus der versumpfenden Tschernaja entwickelten, waren furchtbar. Sie riefen im Verein mit dem jähen Wechsel der Witterung Seuchen hervor. Nachdem die Cholera im August nachgelassen hatte, brachen Typhus und Skorbut in desto größerer Heftigkeit aus. Es wurden während des Monats täglich 600 – 800 Kranke auf den Schiffen in die Spitäler am Bosporus überführt. Durch das Feuer der Russen, die durchschnittlich in vierundzwanzig Stunden 4000 Schüsse taten und 600 Bomben warfen, war der Verlust in den Laufgräben, je mehr sie sich den Werken näherten, um so entsetzlicher. Die Stimmung, die sich ziemlich offenkundig in der Armee kundgab, ließ nicht frei von Besorgnissen. Offiziere und Soldaten sahen sich nutzlos aufgerieben und als Beute von Krankheiten und Anstrengungen. Die täglichen Verluste in den Laufgräben ermatteten auch die Stärksten. Die Garden schickten Abordnungen an den Generalissimus mit der Bitte, ihr allzu ausreichendes Lederzeug ablegen zu dürfen. General Reynault forderte gleich heftig ihre größere Schonung, wie man früher auf ihre Teilnahme am Dienst bestanden; man verlangte mit dem Mut der Verzweiflung nach einem neuen allgemeinen Sturm, um zu sterben oder zu siegen; denn allen graute vor einer nochmaligen Überwinterung. Schwerlich hätte man sich da gefügt. Als auch der Napoleonstag, der l5. August, ohne den gehofften Sturm vorübergegangen war, kamen Fälle offenen Ungehorsams vor, wenn die Regimenter zum Laufgrabendienst beordert wurden. Dazu zeigten sich wieder unter allerlei Verkleidungen Abgesandte der revolutionären Gesellschaften im Lager und begannen ihre Wühlereien. General Pelissier verkannte die Gefahr nicht. Er ergriff verschiedene Maßregeln, um die Äußerungen des Mißvergnügens zu unterdrücken. Er sah nur zu gut ein, daß er nicht alles auf einen letzten entscheidenden Wurf setzen durfte, ohne seinen Erfolg möglichst gesichert zu sehen. Die erste Maßregel war die Ausweisung der französischen Kriegsberichterstatter. Der Generalissimus ließ sie am 14. Juli auf ein Schiff geleiten und nach Konstantinopel bringen. Freilich blieben die englischen zurück. In Kamiesch wurde eine Militärzensurkommission eingesetzt. Sie prüfte alle abgehenden Z7I Briefe und unterdrückte jede Klage. Hierauf folgte die Entfernung Canroberts. Sooft er sich zeigte, huldigten ihm die Soldaten. Der General besuchte am 26. Juli gerade die Laufgräben, als Pelissier ihm in Abschrift eine Stelle aus der Depesche des Kriegsministers zugehen ließ. Darin forderte ihn der Kaiser im Hinblick auf seine Gesundheit zur Rückkehr auf. Canrobert antwortete, daß er sich nur einem ausdrücklichen Befehl fügen werde. Schon am 29. Juli lief dieser Befehl telegraphisch ein. General Canrobert verließ am 4. August die Krim – von seinem glücklicheren Rivalen beim Scheiden noch mit allen Ehren umgeben. Schon lange vorher hatten die Belagerer einen neuen Angriff der russischen Armee von der Tschernaja her erwartet. Sie hatten vollkommen Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten und ihre Stellung zu befestigen. Er erfolgte auch am Morgen des 16. August – bekannt unter dem Namen der Tschernajaschlacht oder der Schlacht bei der Traktirbrücke. Die Russen stiegen unter den ungünstigsten Verhältnissen aus ihrer gedeckten Stellung in das Tschernajatal nieder, überschritten den Fluß und gingen die gegenüberliegenden wohlbefestigten Höhen hinan. Zuerst griffen sie die Türken und die verschanzten Sardinier an. Bald aber ließ sich, gegen die ausdrückliche Verfügung des Oberbefehlshabers, General Read von seinem Ungestüm fortreißen. Er stürmte mit dem rechten Flügel die gesicherte überlegene Stellung der Franzosen an den Fedhujinibergen und entwickelte hier die Schlacht. Dreimal gewannen die Russen die Höhen. Dreimal wurden sie von Bajonett und Kartätschen zurückgeworfen. Der Tod mähte in ihren Reihen. General Read büßte seine Verwegenheit mit dem Leben. Vier Stürme der Freiwilligen, die seine Leiche holen wollten, wurden von französischen Kartätschen niedergeworfen. Generalmajor Weymarn, sein Generalstabschef, fiel. Auf dem Rücken trug sein Adjutant, der Leutnant Stolypin, den Körper des geliebten Führers aus dem Getümmel; an der Seite des russischen Generalissimus wurde General Wreski getötet. Zweimal schon getroffen, hatte er verweigert, sich zurückzuziehen. Nutzlos, vergeblich opferten die tapferen Grenadiere immer und immer wieder ihr Leben, bis General Kotzebue, die Unmöglichkeit des Gelingens, das Zwecklose des Blutbades erkennend, vom Pferd sprang und auf dem Sattel den Befehl zum Rückzug schrieb. Eine Granate schlug nebm ihm nieder und platzte. Die Umgebung zog sich eilig zurück. Eine Wolke von Staub und Splitter deckte Kotzebue. Als sie sich verzog, sah man den General ruhig fortschreiben. Erst nachdem er geendet hatte, trocknete er das Blut von der Stirn. Weit über 2000 Russen, 1100 Franzosen, an 900 Türken und 200 Sardinier deckten den Kampfplatz. Das Flußbett war gefüllt mit Leichen. Die Sardinier verloren den General Montevecchio; auch von den französischen Führern waren viele verwundet – darunter der tapfere Oberst der dritten Zuaven. Auf die Belagerung hatte die Schlacht keinen Einfluß. Dagegen vertiefte sich die Spaltung zwischen den französischen und englischen Truppen. Schon nach dem Sturm am 18. Juni, dessen Mißlingen man den Engländern geradezu die Schuld gab, trat sie bedeutend hervor. Übermut und Verhöhnungen auf seiten der Franzosen gaben das offen kund. Die Erbitterung brach voll aus, als die englischen Soldaten das Tschernaja-Schlachtfeld, das nicht ihr Blut gekostet hatte, auf eine so schamlose Weise plünderten, daß sechs Stunden nach beendigtem Kampf nur die nackten Leichen noch dort lagen. General Simpson selber warf in einem Tagesbefehl vom 20. August seinen Truppen ihr Benehmen vor. Man mußte zuletzt den französischen und englischen Soldaten verbieten, dieselben Schankstätten zu besuchen. Am 17. August ließ General Pelissier das Feuer verstärken; während der zweiten Hälfte des Monats wurde in Kamiesch Tag und Nacht Munition ausgeladen und nach den Batterien gebracht. Fortwährend trafen neue Verstärkungen ein. Am 24. August kam General MacMahon, der erprobte Afrikaner, 1840 noch Bataillonskommandant der Vincenner Jäger, dann Oberst in Algerien. Dort warf er sich, um sich vor dem Herzog von Orleans auszuzeichnen, auf einem Zuge gegen die Kabylen an der Spitze seines Regiments auf den dreimal stärkeren Feind und verlor sein rechtes Auge – wurde aber zum General ernannt. Er trat an Canroberts Stelle. Die Zeit eilte... Der dem General Pelissier im geheimen gesetzte Termin nahte heran; Depesche auf Depesche brachte der Telegraph. Der hitzige, durch die nicht erfüllte Hoffnung auf den Marschallsstab erbitterte General sandte die Antwort: »Sire, wenn Sie glauben, es besser machen zu können, so kommen Sie selber!« In den ersten Tagen des Septembers endlich war man mit der Sappe so weit vorgedrungen, daß die Spitze der französischen Laufgräben nur noch 30 Meter von den Werken des Malakow entfernt war; schon mehrere Tage konnten sich die Gegner sprechen hören. Der allgemeine Sturm wurde beschlossen. Am 5. September begann die letzte allgemeine Kanonade. Sie sollte die Bastionen – schon längst kaum mehr als ein Schutthaufen – vollends zusammenschmettern. Sechshundert französische und zweihundert englische Feuerschlünde größten Kalibers eröffneten ein Feuer, das die Erde ringsum erbeben ließ. Selbst in der Entfernung einer Viertelmeile gestattete es nur in den Pausen, sich anders als durch Zeichen verständlich zu machen. Die Festung antwortete in gleicher Weise, obgleich an vielen Stellen die Laufgräben der Gegner so weit vorgedrungen waren, daß sie unter der Höhe der Geschütze lagen. Die Zerstörung war furchtbar. Die Erde innerhalb der Werke und um sie her war von Kugeln so aufgepflügt, daß nicht ein Sandkörnchen an seinem Orte blieb. Sie war mit Flintenkugeln, Kartätschen, Granatensplittern, Kanonenkugeln und Bomben vollständig bedeckt. Vom 22. Mai bis zum 1o.Juni sammelten die russischen Soldaten und Matrosen auf der ganzen Verteidigungslinie an Blei von feindlichen Kugeln 5960 Pud, 78 400 Pfund, und 1015 achtzigpfündige, nicht geplatzte Bomben. Aber das machte kaum ein Drittel, da zwei Drittel im Wall oder in den Mauern steckenblieben und nach der Stadt und den Buchten hinüberflogen. Schon im Mai waren gegen 500 Häuser zerstört; selbst das Straßenpflaster war aufgewühlt. Ende August waren nur wenige Gebäude bewohnbar. Die Lazarette und alle Verwaltungszimmer wurden nach Fort Paul und Fort Nikolaus verlegt. Im Fort Nikolaus wohnte der Kommandant Kismer mit mehr als 20 000 Menschen. Der Bericht Pelissiers gibt an, daß während der 336 Tage der Belagerung über 1,600 000 Schüsse aus 800 Feuerschlünden, also durchschnittlich täglich 4434 Schüsse auf die Stadt abgegeben worden seien. Die Verteidigungswerke waren sämtlich so zu Staub zermalmt, daß die Erdarbeiten kaum noch auszubessern warm. Nachdem am 5. und 6. August eine Pontonbrücke über den Handels- und Kriegshafen zur bessern Verbindung der beiden Stadtseiten geschlagen worden war, ließ Fürst Gortschakow für den Rückzug nach der Sievernaja, der Nordseite, eine Brücke über die Bucht schlagen. General Buchmeier, der Chef der Ingenieure, führte unter dem Kugelregen der Feinde dieses Riesenwerk in 15 Tagen aus. Die schwimmende Balkenbrücke von 1.500 Schritt Länge und 9 Schritt Breite, die zwischen dem Fort Nikolaus und Fort Michael die Ufer verband, wurde am 27. August eingeweiht. In der Nacht zum 6. August wurde das erste russische Linienschiff, die ›Marian‹, durch die Bomben der Verbündeten in Brand geschossen. Es ist eine entsetzliche Tatsache, daß in den letzten neun Tagen der Beschießung und den Krankheiten täglich viertausend Mann in der Festung zum Opfer fielen!... Während die Franzosen und Engländer so ihre Vorbereitungen zur Entscheidung des Kampfes trafen, sahen die Türken immer mehr ein, welch überflüssige Rolle sie in der Krim spielten. Omer Pascha traf, schwer erbittert über die Zurücksetzungen, am 18. Juli in Konstantinopel ein, um den Sultan für eine Verlegung des Kampfplatzes zu gewinnen. Seine Pläne wurden jedoch hintertrieben. Mitte August wurde Iskender Bey, jetzt Iskender Pascha, der Graf Ilinski, mit der Kavallerie, und gegen Ende des Monats der Serdar selber mit dem größten Teil der Infanterie nach Kleinasien geschickt zum Entsatz von Kars, das von General Murawiew und den Fürsten Andronikow und Bebutow schwer bedrängt war. Die Stellung der türkischen Truppen in Eupatoria nahmen die englisch-türkischen Baschi Bozuks ein. Durch die offene Empörung am 7. Juli in Dardanelli und ihre dort verübten Greueltaten hatten sie eine Probe von der Organisation geliefert, die ihnen die Generale Beatson und Vivian beigebracht hatten. In Konstantinopel war Ende August Mehemed Ali wieder zum Kapudan Pascha ernannt worden. Die alttürkische Partei war aufs neue ans Ruder gekommen. Der Hat Humayum – diese großmütige Erwerbung der verbündeten Mächte zugunsten der christlichen Bevölkerung, an die Stelle des Tansimats und der Forderungen Rußlands gesetzt – blieb ein Spiel in den Händen der fanatischen Paschas. Die Folgen der Trennung der Bosquetschen Divisionen waren bei dem Sturm am 18. Juni klar hervorgetreten. Der Generalissimus war klug genug, für die Erreichung des Hauptzweckes jede kleinliche Rivalität aufzugeben. General Bosquet war mit seinem Korps nach der Tschernajaschlacht wieder in die Belagerungslinien eingerückt. Das dritte Zuavenregiment, kommandiert von Colonel de Méricourt, hatte sein früheres Lager am Sapun wieder bezogen. Der alte polnische Oberst – Graf Lubomirski – hatte das Feldlager nicht wieder verlassen. Nach jener traurigen Täuschung hatte er freilich jede weitere Hoffnung und Bemühung aufgegeben, das Schicksal seines Enkels lenken zu können. Die Teilnahme, die Méricourt dem jungen Michael Lasarow bewiesen, hatte den Obersten häufig in seine Gesellschaft gezogen, bis der Colonel ihm eine freigewordene Baracke auf dem Sapun anbot. Er bezog sie zusammen mit dem von Konstantinopel zurückgekehrten Baronet, Sir Edward Maubridge. Die beiden trüben und wortkargen Gefährten paßten gut zueinander. Am Mittag des 7. September saß der alte Revolutionär allein in der Hütte und schrieb auf einer umgestülpten Tonne. Von Zeit zu Zeit hörte er mit traurigen Gedanken auf den Donner, der, Luft und Erde erschütternd, von den Wällen und Batterien heraufrollte. Den Eingang verdunkelte eine Gestalt. Aufblickend gewahrte Graf Lubomirski einen der Armenier, die als Handelsleute das Lager durchstreiften. Unwillig, gestört zu werden, winkte der Oberst ihm, fortzugehen. Der Fremde legte jedoch zu seinem Erstaunen den Packen von sich und setzte sich ihm gegenüber auf eine Kiste. »Der Lärm, den die Kanonen dieser Soldateska machen,« sagte der Eindringling in italienischer Sprache, »sichert uns wenigstens gegen das Behorchen. Ist meine Verkleidung wirklich so trefflich, daß ich erst dieses Zeichens bedarf?« – Er bog den Mittelfinger der linken Hand ein und streckte sie gegen den Polen. »Abbé Cavelli?« »Still, lieber Graf – keine Namen! Sie könnten mich ebensogut den Bankier Thomas, den Lord Soundso und wer weiß wie nennen! Gegenwärtig bin ich der Handelsmann Basil Aristarchi – wohlbekannt auf dem Bazar von Konstantinopel. Es genügt, daß Sie über mich im klaren sind. Wir sind doch sicher hier?« »Ich erwarte keinen Besuch, Signor. Doch muß ich Sie auf eines aufmerksam machen – ich habe seit dem 28. April aufgehört, Mitglied des Bundes zu sein und...« »–der höchsten Gewalt Ihren Rücktritt zugleich mit der Warnung mitgeteilt, die der Kaiser Napoleon so gütig war, uns zukommen zu lassen. Ich weiß das alles. Und noch mehr. Aber Sie werden sich erinnern, lieber Graf, wenn man nach unseren Statuten auch berechtigt ist, die Eigenschaft als tätiges Mitglied des Rates der Sieben niederzulegen – hört man doch nicht auf, ein Wissender und Gehorchender zu bleiben; der Eid des Eintritts gilt fürs ganze Leben. Ich hoffe, daß Graf Lubomirski ihn nicht brechen wird, wie ihn andere in diesem Lager gebrochen haben.« Der Greis blickte ihn erstaunt an. – »Sie kannten meine Stellung, Signor? Ich glaubte Sie nur Mitglied des fünften Grades?« »Ei, man schreitet vorwärts, Oberst. Wer weiß, was aus dieser unscheinbaren Hülle des Armeniers noch hervorgeht«, spottete der Italiener. »Doch unsere Augenblicke sind gezählt. Ihre Dienste, Signor Conte, hatten Sie zu einem hervorragenden Mitglied des Rates der Sieben gemacht, so daß man Ihre Tätigkeit und Ihre Erfahrung schwer vermißt. Ich komme mit dem Auftrag, Sie um den Wiedereintritt in den Bund zu bitten.« »Mein Entschluß steht fest«, sagte der Graf. »Ich habe das Recht, wie Sie selber zugestehen, alle Tätigkeit aufzugeben und ein Wissender zu bleiben. Ich bin ein Greis – meine Kraft ist durch manches gebrochen. Ich kann nicht mehr nützen und – gerade heraus – ich will es nicht. Die Erinnerungen meiner Jugend sind mächtig in mir erwacht – ich mag nicht weiterkämpfen. Weder gegen das Haus Bonaparte noch gegen das Haus Romanow!« Der Italiener lächelte verächtlich. »Ich kann nicht glauben, daß Alter die Nerven wirklich so verwelkt, um Geist und Kraft zu lähmen. Das Beispiel der Diplomatie zeigt, daß es nicht so ist. Talleyrand, Nesselrode, Metternich haben trotz ihres hohen Alters ihren Geist bewahrt.« »Signor,« sagte der Pole, »Sie sind im Verhältnis zu mir jung. Vor Ihnen liegt noch die Welt. Ich weiß nicht, welche Stellung Sie haben; denn Sie sind ein Geheimnis auch für mich – aber ich will Ihnen eine Erfahrung sagen. Die schärfsten Pläne des menschlichen Hirns brechen oft an der Schwäche der menschlichen Herzen. Nicht das Alter allein ändert die Menschen; jeder trägt seine Stelle im Innern – nennen Sie sie Grundsätze, Laster oder Gefühl – wo er Egoist bleibt. Darum müssen Sie mit den Menschen, die Mittel zur Ausführung der festen Pläne sind, wechseln, wie Gott mit den Geschlechtern der Menschen wechselt. Daß sie diesen Egoismus, diesen Punkt, in dem die Willfährigkeit aufhört, nicht achteten, sondern ihn unterdrückten, zwangen: das war der Fehler der größten Verbindung aller Jahrhunderte – der Jesuiten.« Cavelli schaute ihn nachdenklich an. »Der Rat hat sein Wahres! Wir haben in letzter Zeit Erfahrungen dieser Art gemacht. Die Agenten zum Beispiel, die im März 1853 von der damaligen Versammlung ausgesandt wurden, sind fast sämtlich ihrer besonderen Pläne und Ansichten wegen aus unseren Reihen geflüchtet. Der Bankier Ripèra wurde ein Verräter aus Furcht und Habsucht. Die spanische Tänzerin machten Eitelkeit und Blut ungehorsam. Sie wurde die Geliebte eines Russen. Ihnen, Signor Conte, galt das Leben eines Knaben mehr, als die Zukunft der Revolution. Welland, den deutschen Arzt, hat ein allzu zartes Gewissen gerührt. Und von den beiden Arbeitern hat den einen seine Ungeschicklichkeit auf das Schafott gebracht, den andern sein törichter Begriff von Familienehre zum begeisterten Soldaten!« Der Graf schwieg. »Ich komme soeben von einem anderen unserer Freunde«, fuhr Cavelli spöttisch fort. »Ich habe General Pisanis Beichte gehört. Ein Geschäft, das ich natürlich besser verrichten konnte als jeder andere. Wenn ihn auch Ehrgeiz und Reichtum nicht abtrünnig gemacht, so zieht er doch seine eigenen Pläne vor. Jetzt muß er beides verlassen – den neuen Rang und den Reichtum seiner Frau. Wenigstens ist er Teufel genug, die arme Helene mit sich zu nehmen! – Sie haben recht, Signor Conte. Man muß die Werkzeuge nur so lange benutzen, als ihre eigenen Ziele sich nicht den unseren widersetzen.« »Signor,« sagte Graf Lubomirski entschlossen, »das sind Gespräche, die uns nicht zum Ziele führen. In welcher Absicht haben Sie mich aufgesucht?« Cavelli sah ihn scharf an. »Ich erwähnte, Signor Conte, daß ich den Auftrag hätte, Sie zu uns zurückzuführen.« »Und ich erklärte Ihnen, daß ich mich von jedem tätigen Anteil zurückgezogen habe.« »Ist dieser Entschluß unwiderruflich?« »Er ist es!« »Auch dann, wenn ich den Auftrag habe, Ihnen dies zu bieten?« Er übergab ihm eines der Erkennungskreuze der Unterirdischen – es zeigte neun Silberstifte. Lubomirski zuckte zusammen und sah ihn erstaunt an. »Mit welchem Recht – das Zeichen der höchsten Gewalt?« »Ich muß das Recht wohl haben, da ich Ihnen den Eintritt anbiete. Die Leiter der Unsichtbaren wünschen Sie in ihrer Mitte zu wissen – um ihres Vaterlandes willen und – weil sich mächtige Dinge vorbereiten.« Lubomirski schüttelte das greise Haupt. »Mir scheint, Signor, der Bund täte besser, günstigere Zeiten abzuwarten – der Kampf mit den Dynastien ist nicht zu seinen Gunsten ausgefallen. Der Kaiser Napoleon –« »Hat morgen zu regieren aufgehört. Was Pianori verfehlt, wird Bellamare treffen. Wenn der Kaiser heute, morgen oder übermorgen das Theater besucht, wird ein neuer Versuch auf sein verfluchtes Leben gemacht werden. Sein Glück wird ihn nicht immer schützen!« »Meuchelmord – immer und immer wieder! – Und glauben Sie dadurch die verlorene Schlacht zu gewinnen? Es wird unsere Sache vollends verderben.« »Die Revolution, Signor Conte, wird nie mehr in Europa unterliegen – solange sie nur den Mut hat, zu kämpfen – und solange England seine Aufgabe begreift, uns zu schützen! Meinten Sie wirklich, die Drohung dieses Emporkömmlings könne uns einschüchtern? Er ist es, der uns fürchtet; dieses Liebäugeln schon mit der Demokratie: die Rede seines Vertreters in der Ausstellung – zeigt es. Wir sind ihm den Prozeß gegen die 150 Mitglieder der Marianne – die im März verhaftet und am 31. Juli im Saal des pas perdus verurteilt wurden – und Dheniers Verdammung in Lille Wegen des Versuchs, den Eisenbahnzug des Kaisers in die Luft zu sprengen. schuldig! Aber selbst, wenn sein Stern ihn noch einmal beschützen sollte, sind die Möglichkeiten in ganz Europa derart, daß sie unsere erneute Tätigkeit fordern.« »Verzeihen Sie, Signor«, sagte gemessen der Graf. »Ich bin ein wenig aus der Kenntnis gekommen.« »Es ist nötig, daß Sie von unseren Aussichten unterrichtet sind. Daß zwei wichtige Mitglieder des Bundes gestorben sind, wissen Sie wahrscheinlich: der Triumvir Mamiani in Athen und General Pepe am 14. August in Turin. Der Nachfolger des Korsen hat zwar seine sogenannte Nationalanleihe von 360 Millionen erhalten, aber die Sache ist zu einem Börsengeschäft gemacht worden. Von den dreimalhundertundzehntausend Narren, die das Zehnfache der Millionen zeichneten, sind zwei Drittel Unzufriedener geworden, weil man ihr Geld nicht nahm. Am 27. August sind bedeutende Unruhen in Angers ausgebrochen. Auf die Armee kann sich der Usurpator für seine Pläne nicht stützen. Von den 101 Infanterieregimentern Frankreichs sind 41 im Orient, 2 in Rom, 12 in Afrika. Paris allein braucht ihrer 10. Es bleiben ihm für die Bedrohung Preußens und Deutschlands durch das sogenannte Ostlager kaum 120 000 Mann. Ebensowenig wird er die Revolution in Spanien damit niederhalten, wenn die 25 000 Mann Spanier, die sich O'Donnel durch den geheimen Vertrag vom 7. August für eine Anleihe von 500 Millionen Franken zu stellen verpflichtet, die Halbinsel verlassen haben. Mißglückt der Sturm auf Sewastopol, so steht es schlimm mit dem napoleonischen Regiment; denn in der Armee ist die Zahl der Mißvergnügten groß. Um ihnen ihr Ziel zu geben, bin ich hier. Das Offizierskorps des 14. Regiments hat bei dem Abschiedsfest in Rom am 5. August offen seine Empörung gezeigt. Man hat es nicht gewagt, es nach dem Orient zu schicken. Napoleon – wenn sein Glück ihn vor Bellamares Pistole rettet – wird dann von der Armee gezwungen werden, den Krieg hier aufzuheben und ihn an den Pruth, in die russisch-polnischen Provinzen zu verlegen. Dafür haben auch Omer Pascha und Ilinski in Konstantinopel agitiert. Skarzinski – Osman Bey – Zsurmanski, Wolawski, Safit Bey halten den Serdar auf diesem Plan fest. England wird das Geld geben zur Bildung zweier Legionen der Türkischen Kosaken, die nur aus Polen und Ungarn bestehen dürfen. Czaikowski leitet die Organisation – das war die Mission des Grafen Zamoiski in England und Frankreich. Mit der Überschreitung des Pruth durch den Serdar oder die Franzosen bricht die Erhebung in ganz Polen aus. Mieroslawski und Mak werden sie in dem Preußischen Großherzogtum verbreiten. Die Leitung der polnischen Sache soll Ihre Aufgabe sein.« »Signor,« sagte Oberst Lubomirski, »meine Berichte aus Polen sollten Sie über diesen Irrtum aufgeklärt haben. Die Polen hassen Rußland weniger, als Sie denken. Von all den Polen, die in der Armee von Sewastopol stehen, sind bis jetzt nur vier ins Lager der Verbündeten übergelaufen; die Zahl der Deserteure aus den Reihen der Sardinier und der Fremdenlegion ist bedeutend. Wenn Sie keine andere Stütze Ihrer Pläne haben, als eine Revolution in Polen, steht es schlecht mit Ihrer Armee.« »England wirbt sie für uns, Graf! Im Norden wie im Süden! – Die Fremdenlegion in Shorncliffe wird, wenn unsere Fahne weht, ihr folgen. Jeder Legionär ist ein Soldat mehr für uns. Was das Parlament an Geld dafür bewilligt, ist nichts anderes als ein Beitrag zur Revolution. In der Schweiz sind neue Werbungen im Gange; die Bildung einer italienischen Legion ist beschlossen. General Percy ist zur Organisation am 17. August in Turin eingetroffen; von Schweden her hat Doktor Rosenschild eine Freischar gegen Rußland angeboten. Zwischen Sardinien und Frankreich herrscht ungeheure Spannung. Der Papst hat seine Allokution geschleudert. Die famose Rede Palmerstons am 10. August über Italien hat den Brand von den Alpen bis zum Kap Passaro geschürt! Rom ist in Gärung! Unser geheimes Bündnis mit den Muratisten und Mieroslawskis Broschüre gegen die Bourbonen sind über ganz Neapel verbreitet. Pisokane harrt meines Winkes für ganz Unteritalien – die halbe Armee ist sein. Und bei dem ersten Anstoß, dem ersten Ruf zur allgemeinen Erhebung, wird mit dem Norden auch der Süden in Flammen stehen!« Der Italiener – von der Leidenschaftlichkeit seiner Natur über die gewöhnliche Vorsicht fortgerissen – schwieg jetzt erschrocken und sah sich scheu um; das halb spöttische, halb traurige Lächeln des Greises beruhigte ihn. Nur in der Nähe, in der sich beide befanden, war es möglich, seine Worte zu verstehen. »Das alles, Signor,« sagte ruhig und bestimmt der Oberst, »läßt uns zwar über Ihre Person keinen Zweifel mehr; aber es überzeugt mich, daß ein anderer Grund besteht, weshalb Sie mich aufgesucht haben und meinen Rücktritt wünschen.« Ein leichter roter Fleck zeigte sich auf der mageren Wange des Revolutionärs – Cavelli erkannte, daß die edlere Natur seines Gegners ihn zur Offenheit zwang. »Wohl, Signor,« sagte er, »Sie haben recht. Wie auch Ihr Entschluß auf mein aufrichtig gemeintes Anerbieten lauten mag, Sie sind mir gleiche Offenheit schuldig, mit der ich Ihnen unsere Pläne enthüllte. Sie sind im Besitz eines Geheimnisses, das den Leitern der Unsichtbaren nötig ist. Es fehlt ein Glied. Es gibt etwas, das uns irre macht in unseren Schlußfolgerungen – das uns bis jetzt verschwiegen blieb. Es ist etwas in Paris beraten, beschlossen worden, das wir nicht kennen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß Sie im Besitz dieses Geheimnisses sind. Ihre Unterredung mit dem Kaiser – Ihre plötzliche Sinnesänderung – Ihr Verweilen hier im Lager, das Ihre Mitteilungen über Ihren Enkel nicht mehr genügend erklären –« »Und was führt Sie überhaupt zu der Annahme, daß ein solches Geheimnis besteht?« »Der Mangel jeder Vorbereitung Frankreichs für den Fall, daß Sewastopol nicht fällt! – Die ausgestreuten Gerüchte einer zweiten Überwinterung, eines neuen Heerlagers bei Konstantinopel können nicht bemänteln, daß man gar keine Anstalten dazu getroffen hat! – General Pelissier verzögert es, sich für eine Wiedereinschiffung der Armee durch eine stärkere Befestigung von Kamiesch zu sichern. Die Engländer haben es mit allen Kräften bei Balaklawa getan! Entweder, Napoleon muß des Falles von Sewastopol sehr sicher sein, oder –« »Daß er es ist, zeigt sein Brief vom 20. August an die Armee.« »Was er über die Lage der russischen Streitkräfte und der Festung durch die beiden Spione in Berlin und den Verrat der Briefe aus der Umgebung des Königs von Preußen erfährt, wissen wir auch – aber das genügt nicht, um das Kriegsglück mit Bestimmtheit zu berechnen.« »Oder –« »Oder es besteht ein geheimer Pakt – kurz, Sie müssen um das Geheimnis wissen!« »Ich kenne es!« »So werden Sie sich erinnern, Graf, daß jede Wissenschaft der Unsichtbaren den Oberhäuptern gehört.« »Signor,« sagte Lubomirski entschlossen, »die Tage, die ich noch zu leben habe, sind gezählt. Ich fürchte deshalb die Dolche der Unsichtbaren nicht. Mein Entschluß ist gefaßt. Die Gewalt, die Sie mir bieten, soll der Preis des Geheimnisses sein, das Sie wünschen. Ich kann ihn nicht annehmen. Ich habe Ihnen meine Gründe gesagt. Aber Sie sollen es haben für einen anderen Preis – den einzigen, gegen den ich es verkaufe.« »Lassen Sie hören.« »Ich schulde dem Kaiser Napoleon ein Leben – das meine, und eine Güte – meinen Enkel. Geben Sie mir die Erlaubnis, ohne den Täter bloßzustellen, vor dem Mordversuch zu warnen. Versprechen Sie mir, nicht weiter durch Meuchelmörder gegen ihn zu kämpfen: und das Geheimnis ist das Ihre.« Der Italiener dachte nach. »Schwerlich kann ihn Ihre Warnung noch zur rechten Zeit erreichen – und sie muß ohnehin zu unbestimmt sein. Dergleichen werden ihm und seinem Herrn Pietri täglich zugehen.« »Der Erfolg steht in Gottes Hand!« »Wohlan! Ich will es wagen! Ich verpflichte mich mit meinem Ehrenwort, aber merken Sie wohl – nur auf zwei Jahre!« Graf Lubomirski öffnete seinen Rock. Er zog unter dem Hemd ein flaches blechernes Kästchen hervor. Es hing an einer Schnur um seinen Hals. Er nahm einen im offenen Umschlag steckenden Brief heraus, entfaltete ihn und legte ihn Cavelli vor, ohne ihn aus den Händen zu geben. Der Brief enthielt nur die Worte: »Ich wiederhole den bestimmten Befehl, den Rückzug der russischen Armee von der Südseite Sewastopols in keiner Weise zu gefährden. Napoleon.« Cavelli ließ das Blatt los. »Also ein Geheimvertrag zwischen Rußland und Frankreich noch vor Entscheidung des Krieges? Man hat sich geeinigt? Die Fortsetzung der Belagerung ist ein bloßes Spiel?« »So scheint es – ich habe nur versprochen, sobald es nottut, von dieser Order Gebrauch zu machen.« Der Italiener schwieg einige Augenblicke. »Die Gewißheit schon«, sagte er dann, »ist wichtig – sie ändert alle unsere Pläne im Norden. Leben Sie wohl, Herr Graf! – Ich werde mein Wort halten. Nach zwei Jahren werden wir andere haben – wie wir jetzt Bellamare haben. Leben Sie wohl – Ihres Schweigens wenigstens sind wir sicher.« An der Tür stieß er auf den Vicomte de Méricourt, der eben vom Pferde stieg. Der Pole empfing seinen jüngeren Freund mit sichtlicher Freude. Méricourt nahm seine Hand und führte ihn in die Baracke. »Wo ist Sir Edward?« »Er verließ mich diesen Morgen, ohne bis jetzt zurückgekehrt zu sein. – Ist der Beschluß des Kriegsrats ein Geheimnis?« »Nicht für Sie«, berichtete Méricourt. »Für morgen mittag ist der Sturm auf der ganzen Linie bestimmt. Mein Regiment wird die Reserve gegen den Malakow bilden.« »Das Blutbad wird entsetzlich sein.« »Wir sind darauf gefaßt. Jetzt muß ich meine Vorbereitungen treffen. Strengste Vorsicht ist befohlen, damit es uns gelingt, die Russen zu überraschen. Man ist in den letzten Tagen wieder feindlichen Spionen auf die Spur gekommen. Es ist der Befehl gegeben, alle Verdächtigen sofort zu verhaften und wenn sie sich nicht ausweisen können, zu erschießen. Auch Agenten der Revolutionäre sollen sich im Lager zeigen und die Mißstimmung der Soldaten und Offiziere aufreizen. General Pelissier hat sogar auf unser Korps besonders hingedeutet. Das erinnert mich daran, daß ich den Schurken Lebrigaud nach dem Hauptquartier zu senden versprochen habe. Er ist einer der alten Zephire des Generals – und der Adjutant sagt mir, daß er ihn sprechen wolle. Wahrscheinlich um ihm ein Geschenk zu geben. – Wir treffen uns wohl in einer Stunde in der Kantine Ninis, Herr Graf?« »Ich muß sogleich nach Kamiesch«, sagte Lubomirski. »Ich werde Sie daher erst am Abend wiedersehen. Sie rücken doch vor morgen nicht aus?« »Nein; wir nehmen morgen noch die letzten Befehle in Empfang!« »Auf Wiedersehen also, Colonel!« Der Malakow Um die Kantine Ninis hatten sich zahlreiche Gruppen gebildet; denn es war soeben darin ein kurzes Kriegsgericht über einen ertappten Spion gehalten worden: er war zum Erschießen verurteilt worden. Unter der Maske eines armenischen Händlers hatte er sich mit seinem Knaben in Kamara und dem sardinischen Lager umhergetrieben. Gerade diese Kleidung hatte zu seiner Entdeckung beigetragen, da aus dem Hauptquartier geheime Warnungen gegen einen gefährlichen Agenten der Propaganda am gleichen Tag erlassen worden waren. In Kamara war der Verdächtige zwar verschwunden, ehe man sich seiner versichern konnte; dagegen wurde er in den französischen Linien auf dem Sapun der Zuaven ertappt. Ein Soldat erkannte ihn als den Zigeuner wieder, der im vergangenen Sommer in der Dobrudscha den Brunnen vergiftet hatte. Auch Méricourt erinnerte sich seiner. Es fanden sich wichtige Papiere bei ihm, die bewiesen, daß er das Späherhandwerk schon lange im Lager mit großem Erfolg getrieben; augenblicklich war er im Besitz aller Nachrichten über den neuen Sturmangriff. Die Erbitterung der Soldaten, als sie von der Vergiftung des Brunnens durch die Leichen hörten, war groß. Die Wache, die mit dem armen Sünder jetzt aus der Kantine trat, um ihn zur Strafvollstreckung zu führen, konnte ihn nur mit Mühe vor einem noch furchtbareren Schicksal bewahren. Es war Mungo, der Zigeuner; und diesmal war seine Schwester Sarscha nicht in der Nähe, ihn zu retten. Die Gewöhnung an die Gefahr hatte ihm jetzt eine festere Haltung gegeben als damals, da ihm zuerst der Strick drohte. Er hatte jedes Geständnis über seine Verbindungen im Lager und seine Mitschuldigen verweigert. Mit scheuem, angsterfülltem Blick, nach jeder Gelegenheit des Entkommens spähend, schritt er zum Tode – aber ohne weibische Klage. Neben ihm, in der Mitte der Wachen, ging der Knabe Mauro, sein Gefährte bei den meisten seiner kecken Erkundungsfahrten. In dem finsteren Gesicht, den zusammengebissenen Zähnen und den feindlichen Blicken, mit denen Mauro die Drohungen und Verwünschungen der Soldaten vergalt, lag der ganze Trotz und Haß, mit denen seine Jugend gegen die Unterdrücker erfüllt worden war. Das Kriegsgericht hatte in Anbetracht seines Alters entschieden, daß er der Hinrichtung seines Gefährten beiwohnen, dann gepeitscht und ins Bagno von Konstantinopel abgeliefert werden sollte. Auch die Offiziere, die das Kriegsgericht gebildet hatten, verließen die Kantine. Der Adjutant des Generals Wimpffen reichte dem Vicomte de Méricourt die Hand. »Berichten, Herr Oberst,« sagte er, »werden wir auf alle Fälle an General Bosquet müssen – vielleicht an den Generalissimus. Doch wird dazu die Abschrift der betreffenden Stelle genügen; wir haben kein Recht, indiskreter als nötig mit dem Brief einer Dame zu sein – besonders unter so traurigen Umständen. Behalten Sie also einstweilen den Brief und befragen Sie Ihren Freund, den Medizinmajor, sobald er aus dem Lazarett von Kamiesch zurückkehrt. Ich zweifle keinen Augenblick, daß er jede genügende Aufklärung wird leisten können.« »Ich verbürge mich mit meiner Ehre für die seine.« »Gewiß, gewiß – das Ganze ist offenbar eine Privatangelegenheit. Wir durften sie nur um seiner selbst willen in Gegenwart der Offiziere nicht fallen lassen. Auf morgen denn – vor dem Malakow – der Ihr Patent einweihen wird!« Er ritt davon. Der Colonel kehrte zur Kantine zurück, um die Meldung der vollzogenen Strafe an dem Spion abzuwarten. Während der Sergeantmajor Fabrice die Papiere des Gerichts auf dem Feldtisch zusammennahm, ergriff der Vicomte den Brief, den man mit verschiedenen verräterischen Notizen bei dem Spion gefunden hatte. Er war an den russischen Generalstabskapitän von Meyendorf in der belagerten Festung gerichtet und lautete: »Mein Freund! Im Angesicht des Todes – ich bin selber eine Todgeweihte – richte ich die letzten Worte an Sie auf dieser Welt. Der Mann, der mir Ihren Namen nannte – den Sie sandten, nach mir zu forschen – wird Ihnen diese Zeilen überbringen. Unsere Liebe, unser Glück wurde das Opfer eines Teufels. Von seinem Schmerzenslager, auf das die Wunde von Ihrer rächenden Hand in der Tschernajaschlacht ihn warf, höre ich bis hierher den Verworfenen seine Flüche auf Sie und mich brüllen. Man will es mir nicht sagen; aber ich glaube, daß sein Haß mich absichtlich mit dem Pesthauch seiner Krankheit vergiftet hat, während ich meine Pflicht an seinem Lager tat. Das eine fühle ich: daß meine aufgezehrten Kräfte mich nur wenige Stunden noch von der Ruhe trennen, die mein zerrissenes, gebrochenes Herz begehrt. Denn erst seit Tagen weiß ich durch seine Fiebergeständnisse und durch den Freund, den Gott an meine Seite stellte – am Krankenbett, wie am schrecklichen Traualtar – und ohne helfen zu können! – daß mein Opfer ein nutzloses war – daß ich auch damit hintergangen war! – Doktor Welland, der Sie rettete in Widdin und Ihre Flucht bewerkstelligte, der in Silistria mit Ihnen in Verbindung stand und den ich als Regimentsarzt der Zuaven vor Sewastopol wiederfand, hat mir alles klargemacht. Er hat mir auch gesagt, daß er Ihnen Botschaft sandte, wie nahe wir uns sind. Aber das Leben entflieht. Die Sterbenden haben Eile. Darum sende ich meine letzten Grüße nicht durch ihn. Der Allmächtige gebe, daß Ihre Pflicht Sie morgen auf der Nordseite zurückhält und fern von den Gefahren, mit denen um elf Uhr ein allgemeiner, sorgfältig verheimlichter Sturm den Malakow und alle Ihre Bastionen bedrohen wird. Wahren Sie Ihr Leben, um dem Gedächtnis derjenigen eine lange, lange Erinnerung weihen zu können, die selber als die Gattin eines anderen – des Vampirs, der mein Herzblut gesucht – nie aufgehört hat, Sie zu lieben. Und die Ihre Liebe hinübernimmt in die ewige Zeit, wo keine Trennung ist! Meine Hand ermattet – das letzte Lebewohl, Alexander! – Bis zum Wiedersehen dort oben! Helene.« Méricourt las wieder und wieder den Brief und dachte voll Trauer an die Herzen, die rauh das Schicksal trennt und voneinanderreißt. Und gedachte schmerzlich der eigenen Liebe, die in den Geschicken der Völker versinken mußte ... Erst gegen Mitternacht kehrte Doktor Welland von Kamiesch und den anstrengenden Vorbereitungen für den Kampf zurück; mit ihm auch der Baronet, Sir Edward, und der polnische Oberst Lubomirski. Der Vicomte händigte sofort dem Arzt den Brief zum Lesen ein und setzte ihn von dem Vorgefallenen in Kenntnis. Da erschien der Sergeantmajor Fabrice Tonton mit einer dringenden Meldung. Er zeigte an, daß der Zuave Lebrigaud, vor einer halben Stunde im trunkenen Zustand zurückgekehrt, prahlerische Reden führe, die auf ein gefährliches und wichtiges Vergehen schließen ließen. Die Ausdrücke, die der Feldwebel berichtete, machten die Aufmerksamkeit des Vicomte rege. Er befahl, ihm den Kerl vorzuführen. Der Liederjahn erschien, von Bourdon und Bernaudin geführt, mit der unverschämten und unbesorgten Miene, die all sein Tun begleitete. Der erste Anblick schon bewies, daß er stark getrunken hatte. »Ah, mein Kommandant – nein, mein Colonel, ich grüße Sie!« Taumelnd grüßte Lebrigaud. »Was steht zu Befehl, mein General? – Ihr Auftrag ist vollzogen – das Geld ist redlich verdient!« »Wo kommst du in diesem Zustand her? – Du bist betrunken.« »Ah, mein General –« Lebrigaud hielt offenbar den Vicomte für einen anderen. »Es ist eine verfluchte Fahrt auf dem Meere, und man hat wohl das Recht, sich da einen Spitz zu trinken. Der Wein von Konstantinopel ist verflucht gut! Fichtre – die Burschen paßten mir arg auf, ehe ich sie überlisten konnte! Dreimal mußte ich tauchen, ehe ich das höllische Tau fand! Dieu me punisse ! Wenn ich nicht meine Jugend am Strand von Marseille zugebracht hätte – es wäre unmöglich gewesen. Die Pest! – General, Sie kennen Ihre Leute! Sie erinnern sich der kleinen Fähigkeiten Ihrer Zephire!« »Was hast du getan? Was sollen die Reden?« » Eh bien , General«, lachte vertraulich der Halunke. »Stellen Sie sich doch nicht so – das Tau des hundsföttischen Telo-Grafen ist durchgeschnitten – mindestens hundert Klafter vom Ufer weit. Die Narren werden zu tun haben, die Enden wiederzukriegen. Ich fand zum Glück einen Nachen – aber spät, General – sie paßten auf den Dienst und ich durfte doch erst im Dunkeln ans Werk!« »Schurke – du hast den Telegraphendraht zerstört?« »Den Teufel, ja, General! Stellen Sie sich doch nicht so, als ob Sie's mir nicht befohlen hätten. Sie wußten recht gut, daß ich mit jedem Seewolf um die Wette tauche! – Geben Sie mir die zehn Napoleons, General – die anderen sind – hui! Weiß der Henker, wo das Geld bleibt!« Méricourt wechselte mit den Freunden erschrockene und erstaunte Blicke; dann winkte er dem Sergeanten und dem Korporal, zurückzutreten. Den Trunkenen beim Arm fassend, sagte er mit unterdrückter Stimme zornig: »Du zerschnittest das Tau auf den Befehl des General Pelissier?« »Versteht sich, General! Sie befahlen es ja selber heute mittag, als wir allein waren.« Er schaute den Offizier mit gläsernen, erstaunten Blicken an; dann schien ihm die Wahrheit emporzudämmern. » Pest !« stammelte er. »Ich glaube, ich bin ein Dummkopf gewesen – Sie sind nicht der Kommandant der Zephire. Nein, richtig, Sie sind mein Colonel! – Verdammt!« Er begann sich hinter den Ohren zu kratzen und auf die Lippen zu beißen. Der Schreck fing an, ihn nüchtern zu machen. »Nehmen Sie diesen Kerl und übergeben Sie ihn dem Profos«, befahl Méricourt dem Sergeantmajor. »Daß kein Mann mit ihm zu sprechen sich untersteht. Wagt er selber noch einen Laut von sich zu geben, so stecken Sie ihm einen Knebel in den Mund. Sie drei beobachten strenges Schweigen über alles, was Sie gehört haben. Fort mit ihm. Ich werde ihn selber morgen in aller Frühe nach dem Hauptquartier begleiten.« Er winkte. Der Zuave wurde, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben verdutzt und bestürzt, abgeführt. Als sie allein waren, wandte Méricourt sich zu dem Arzt und dem Grafen. »Was halten Sie von den Geständnissen des Burschen?« »Es sähe General Pelissier ähnlich«, sagte Welland, betroffen wie die andern. »Man erzählt noch ganz andere Willkür von ihm. Er wünscht wahrscheinlich für den Sturm und seine Folgen sich allen Befehlen von Paris zu entziehen. Aber mein Gott – was fehlt Ihnen, Graf – was bewegt Sie so tief?« Lubomirski warf sich ermattet in der größten Aufregung auf den Stuhl und faltete die Hände. Er stieß dabei den Brief der Gräfin herunter, den der Arzt auf den Tisch gelegt hatte. Im Luftzuge flog er durch die geöffnete Tür einige Schritte davon. Im Winkel saß der Irre Jean, ohne daß man auf seine Anwesenheit geachtet. Seine Blicke waren fest auf den Brief geheftet gewesen, den der Arzt laut gelesen hatte. – Sein bleiches, abgemagertes Antlitz zeigte äußerste Spannung. In seinen Augen blitzte es wie Wetterleuchten – immer mehr und mehr rang sich seine Seele aus den Fängen des Wahns. Wie ein Entschluß, ein Wille des zurückkehrenden Verstandes erschütterte es ihn. Leise, mit Katzenschritten, schlich er im Schatten dem Briefe zu – noch eine Bewegung – er streckte die Hand danach aus. »Elf Uhr – der Zug geht ab! Ich komme noch zu rechter Zeit!« ... Noch immer achtete niemand auf ihn. »Es liegt ein Fluch auf allem, was ich tue!« sagte schmerzlich Graf Lubomirski. »Diese unglückselige Tat wird die traurigsten Folgen haben! – Der Kaiser –« »Was ist mit ihm? Reden Sie!« »Wenn die Depesche, die ich nach Paris absandte, nicht schon abgegangen ist, bevor der schmähliche Streich verübt wurde, ist der Kaiser verloren. Und Pelissier trägt die Schuld. Doch – das Leben der Fürsten liegt in der Hand Gottes so gut wie das des Bettlers – sie mag ihn schützen, wenn sie will. – Meine Schuld ist abgetragen – hier aber, hier sollen der Ehrgeiz und der Eigenwille eines Untergebenen nicht breitere Ströme von Blut vergießen, als der Wille des Gebieters gefordert! Gott sei Dank, ich kann den General zwingen, dem Entsetzlichen Einhalt zu tun! Und unter den Geretteten wird der Allmächtige mir das Leben meines Enkels bewahren!« »Sie sind außer sich, Graf – General Pelissier muß seine Pflicht tun gegen den Feind. Diese Pflicht fordert Vernichtung.« »Törichte Männer!« brach wild der Greis aus. »Wißt ihr nicht, daß all dies Blut, diese Leben nur einem leeren Spiel geopfert werden? Daß der Friede zwischen den Herrschern längst geschlossen ist? Ihr kämpft nicht für Frankreich gegen Rußland – sondern für eure Torheit, euren falschen, erbärmlichen, menschlichen Ehrgeiz, eure Fahne auf zerschossene Wälle zu pflanzen, deren Besitz dem Feinde längst wieder gesichert ist!« »Entsetzlich! – Diese Ströme von Blut, die täglich vergossen werden –« »Sie haben keinen Zweck! Keinen – als das kaltherzige Spiel der Diplomatie! Spiel – grausames, herzloses Spiel ist alles! Der Fanatiker spielt mit den Köpfen seiner Brüder für seine Ideen - der Autokrat türmt Berge von Leichen seiner Getreuen um einer stolzen Salve willen vom Invalidendom her! – Soldaten meint ihr zu sein – Krieger für Recht und Ruhm? – Gladiatoren seid ihr, die der Imperator in die Arena schickt zu seiner Lust! Und die, wenn Nero gesättigt ist, noch vom Ehrgeiz der Zenturionen zur Schlachtbank gepeitscht werden!« Der Greis sank erschöpft in die Arme der erschütterten Offiziere; draußen aber vor dem Eingang der Kantine erscholl der Ruf der Wache und die Antwort: »Ordonnanz aus dem Hauptquartier! Depesche für den Oberst des dritten Zuavenregiments.« Vicomte de Méricourt nahm sie dem Boten ab, bescheinigte den Empfang und öffnete sie in Gegenwart der Freunde. Sie war von dem Generalstabschef Martimprey gezeichnet und lautete: »Colonel Méricourt hat sich mit dem Medizinmajor Welland morgen früh sieben Uhr bei dem Generalissimus zu melden und die Führung seines Regiments auf den angewiesenen Posten dem ältesten Major zu übertragen.« »Das kommt meiner Absicht zuvor,« sagte fest Colonel de Méricourt. »Gewiß, ich werde nach dem, was wir gehört, zur Stelle sein.« »Und ich werde Sie begleiten«, sprach Graf Lubomirski. »Ich werde morgen sein Schatten bleiben.« »Aber der Befehl, der uns bescheidet, hat offenbar Bezug auf die Verhaftung des Spions«, fügte Welland hinzu. – »Nahmen Sie den Brief zurück, Colonel? Ich legte ihn hierher.« »Nein!« Der Brief war verschwunden. Jean – der Irre, der Schützling Ninis, mit ihm. Der Morgen graute unter dem Zischen und Krachen der Bomben; der Feind hatte in den letzten 24 Stunden an 70000 Vollkugeln und 16000 Bomben und Granaten in die Stadt geworfen. Zwischen den zerstörten Weingärten, die sich von der Meierei Burnasi am Zusammenstoß des Labordonaja- und Savandanakina-Grundes nach der Spitze der Südbucht hinzogen, zwischen dem großen Redan und der Mastbastion, kroch von Graben zu Graben, von Trümmern zu Trümmern ein armseliges Wesen – ein junger russischer Soldat. Er war waffenlos. Seine fast nackten Füße bluteten, von scharfen Stein- und Eisensplittern zerrissen. Noch hatte die Kanonade nicht begonnen – ihre Beantwortung fegte sonst aus den Batterien Perekomski, Stahl und Kostanarow einen Hagel von Kartätschen und Vollkugeln über den Boden und machte jede Annäherung unmöglich. Nur einzelne Bomben, von der Chapman-Batterie auf den Weißen Berg geworfen, schlugen in den Felsenboden ein oder klatschten in das Wasser der Bucht. Der junge Soldat wendete kaum den Kopf nach ihnen. Einen Augenblick hielt er unter den Trümmern einer Feldschanze an, die von den Kugeln zusammengerissen war, und hob den Kopf, um sich zu orientieren. Aber die aus dem Meer und den Schluchten aufsteigenden Nebel hinderten ihn. Der leise Anschlag der Wellen, den sein geschärftes Ohr in einzelnen Pausen der Beschießung vor sich zur Rechten vernahm, war alles. »Ich bin von dem Weg abgekommen«, murmelte der junge Soldat vor sich hin. »Das ist nicht die Richtung, die ich dem Fähnrich bezeichnete! – Elf Uhr ... ich komme vorher!« Seine Augen blitzten, als dämmere mehr und mehr in seiner Seele das Licht, das die Erschütterung in Paris gelöscht ... Es war Jean, der Irre. In dem sorgsam bewahrten Mantel des Fähnrichs Lasarow hatte er die Flucht des Russen mit dem kostbaren Brief, den er gestohlen hatte, fast spielerisch nachgeahmt. In weitem Umweg umging er die französischen Posten und die Batterien. Die Erinnerung der Kinderjahre, von denen er einige Zeit in der Festung zugebracht, war in ihm aufgetaucht und hatte ihn mit merkwürdigem Instinkt geführt. Das Bewußtsein, der Verstand kehrte immer klarer zurück; nur einzelne wüste Sprünge machte der Wahnsinn noch. Die deutliche, zusammenhängende Erinnerung fehlte ihm; Tage, Monate, Jahre schienen ausgestrichen aus seinem Gedächtnis. Nur einzelne Augenblicke standen deutlich vor seiner Seele, indes sich aus dem Zustand seines Irrsinns heraus schon zusammenhängende Wahrnehmungen, Beobachtungen und Entschlüsse entwickelten. Er wußte, daß er Russe war – sein Vaterland in Gefahr – Sewastopol von den Feinden bedroht ... Er hatte erfahren, daß der Malakow der Hauptwall der Festung war, daß er an diesem Morgen um elf Uhr angegriffen werden sollte. Elf Uhr ... und alles hing davon ab, daß die Garnison zum Kampfe bereit war. Er wußte, alles dies enthielt der Brief, den er auf der Brust verborgen trug. Seine Bestellung, verbunden mit der mündlichen Botschaft, vermochte die Festung zu retten! Das war der einzige Gedanke, das einzige Ziel seiner wiedererwachten Vernunft. So schlich er vorwärts – von Stein zu Stein – von Wall zu Wall; bald kriechend, bald zusammenkauernd. Bis plötzlich ein russischer Anruf – die Frage nach dem Feldgeschrei – ihn aufschreckte. Ehe er sich noch besinnen, ehe er eine Antwort stammeln konnte, blitzen Musketen vor seinen Augen, knallen Schüsse. Ein heftiger, zuckender Schmerz am Kopf – wie ein Peitschenschlag; warmes Blut – sein eigenes – strömte über sein Gesicht. Er fiel nieder. Ihm wurde wohler und wohler. Er fühlte gleichsam, wie das Fieber von ihm wich, das bisher sein Gehirn verzehrt. Ihm war, als hörte er um sich her Stimmen; er fühlte sich aufgehoben und fortgetragen. Ein Augenblick lichteren Bewußtseins ließ ihn russische Soldaten, Offiziere und Matrosen wie durch Nebel erkennen. Ein Wundarzt kniete neben ihm und verband ihn. Er verstand in einer kurzen Pause des Geschützdonners der Batterie Worte, flüchtige ... russische ... Worte ... »Es hat nicht viel auf sich, Exzellenz«, sagte der Wundarzt. »Drei bis vier Stunden Ruhe werden ihm vollkommen Besinnung und Kraft zurückgeben. Der dicke Bund um den Zuavenfes hat die Kraft des Streifschusses gebrochen. Die leichte Blutung tut ihm eher gut, als daß sie schadet.« »Der Fürst muß erst dieser Tage in Gefangenschaft geraten sein. Aber wir haben keine Zeit, die Sache zu untersuchen. Hier kann er nicht bleiben. Diesen Dienst wenigstens sind wir seiner hochherzigen Schwester schuldig. Seit das Mütterchen Prasskowja, die gute, auf dem Malakow-Kurgan von der Bombe zerrissen wurde, ist Fürstin Iwanowna Oczakow der Engel der Barmherzigkeit für unsere Brüder auf der andern Seite. Nehmen Sie vier Mann. Lassen Sie den Verwundeten zum Paulsfort bringen – dort in der Nähe des Lazaretts wohnen die Geschwister, seit ihr Haus von den Kugeln zerstört ist.« Wieder krachten die Kanonen und verschlangen halb den Befehl. Das Bewußtsein des Verwundeten schwächte sich wieder – er fühlte sich aufs neue aufgehoben und in dem Kugelregen fortgetragen, der auf die Bastionen und die Trümmer der Stadt herunterprasselte ... Stunden verrannen in dem furchtbaren Toben der Geschütze; stürzende Mauern, berstende, wankende Dächer, das Stöhnen der Verwundeten, das letzte Ächzen der Sterbenden! Kommandorufe, die sich kaum verständlich machen konnten. Das Rollen der Trommeln ... Die Hölle schien alle Schleusen ihrer Schrecken geöffnet zu haben. Auf einem Feldbett in einem kleinen kasemattierten Gemach des Forts Paul lag der Verwundete, den General Semjakin von der Mastbastion hierher gesandt hatte. Vor ihm kniete Nursädih, die schwarze Sklavin, und rieb sein Gesicht mit stärkenden Essenzen ein. Ängstlich die Wiederkehr des Bewußtseins beobachtend, stand neben ihr Annuschka – die Witwe de Sazés – mit den beiden Kindern – die Kleine Nursädihs im Arm – den Knaben an der Hand, den Gottes Schickung am Hochzeitstag an ihr Herz gelegt. Sie zitterte heftig. Sie allein mit der treuen Nursädih wußte um das Geheimnis. Sie hatte den Verwundeten erkannt ... Dumpf nur hallte der Kanonendonner in diesen geschlossenen Raum. Plötzlich schlug der Kranke die Augen auf. Seine Blicke waren klar, lebendig. Er richtete sich hoch. Er schaute um sich, zuerst erstaunt, bestürzt; allmählich bewußter. Er erkannte die Frau am Fuß des Lagers. »Annuschka! Treue Annuschka, du bei mir! – Wo bin ich? Wo ist Natascha, meine Schwester?« »Fürst Iwan!« Annuschka schrie auf vor Freude. »Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt! Du bist in Sewastopol, Gospodin! Du warst bei den Feinden deines Volkes und dein Geist war von der Hand des Herrn mit Schatten bedeckt.« »Sewastopol! – Mein Gott, ja – ich erinnere mich –« Fürst Iwan Oczakow sprang vom Lager auf. »Der Brief – elf Uhr – die Flucht – das weiß ich! – Alles andere ist wirr und dunkel! Aber der Brief – wieviel Uhr ist es, Annuschka?« »Zehn Uhr, Batuschka!« »Zehn Uhr!« Der Ruf gellte schneidend durch das Gemach. »Fort, um Gottes willen fort! Oder alles ist verloren!« Ein hastiger Blick umher zeigte ihm einige Uniform- und Waffenstücke an den Wänden: er riß sie herunter – im Nu war er damit bekleidet. Annuschka rang die Hände und suchte ihn vergebens festzuhalten; alle Kraft und Besinnung war ihm wiedergekehrt. Das vergossene Blut hatte wohltätig auf ihn gewirkt. »Um des Erlösers willen, Fürst Iwan! Ich lasse dich nicht fort! Die Fürstin –« »Wo ist sie? Wo ist Wassili, dein Bruder? »Heiliger Basilius – du weißt nicht, daß er für dich starb?« »Nichts, Weib – nichts weiß ich –« drang es rauh über seine Lippen. »Nichts – als daß jeder Augenblick Verzögerung Sewastopol stürzt.« Er suchte hastig nach dem Brief und zog ihn aus seiner Tasche hervor. »Wo ist der Oberkommandant? Weißt du, wo sich der Generalstab befindet?« »Auf der Sievernaja, Fürst Iwan, ist General Osten- Sacken – wo willst du hin, Herr? Natascha –« »Das Vaterland vor der Schwester! – Wenn du eine Russin bist, wenn der zehnfache Fluch aller kommenden Geschlechter nicht auf dir ruhen soll, gib dem General diesen Brief! Schrei es durch die Gassen ... jedem Offizier, dem du begegnest ... schrei es entgegen: Die Franzosen stürmen um Mittag die Stadt! Dreißigtausend Feinde stehen verborgen vor dem Malakow!« »Allmächtiger Gott! Und die Fürstin ist auf der Bastion – auf deinem Posten, Fürst Iwan!« Er hörte nicht – er warf ihr den Brief zu und stürzte hinaus – Annuschka stürmte ihm nach. Draußen am Eingang der Kasematten lehnten Olis und Demetri, die letzten der sechs Brüder. Die Fürstin hatte sie zum Schutz der Frauen zurückgelassen. Iwan, der Steppenteufel, begleitete sie. Erstaunt schauten die jungen Kosaken der wohlbekannten Gestalt nach, die sie fern auf den Wällen wähnten. »Ihm nach«, befahl Annuschka. »Weicht nicht von seiner Seite! Schützt sein Leben mit dem euren!« An den prächtigen, jetzt mit Trümmern und Verwundeten bedeckten Kais und Docks der Schifferbucht entlang floh Fürst Iwan wie ein Rasender, gefolgt von den beiden Kosaken, nach den äußeren Verteidigungswerken. Seit einer Stunde hatte das heftige Feuer der Belagerer nachgelassen. Nur in Pausen fielen die Schüsse. Die russischen Kanoniere verschnauften schweiß- und blutbedeckt an ihren Kanonen. Die Mannschaften lagerten sich um die Leichen ihrer Kameraden zur augenblicklichen kurzen Ruhe; Abteilungen rückten zur Stadt zurück. Alle glaubten, daß die gewöhnliche Ruhe der Mittagszeit eingetreten sei im beiderseitigen Feuer. Obgleich auf die Meldung, daß feindliche Scharen die Laufgräben vor dem Malakow anfüllten, einige Truppen von General Chrulew, dem Kommandeur der Karabelnajaseite, als Reserve aufgestellt wurden, hielt man doch nicht den Angriff für so nahe. Der Dahinstürmende schrie laut und gellend den begegnenden Offizieren und Soldaten zu: »Der Malakow-Kurgan ist in Gefahr!« Trommelschlag wirbelte ihm in der Nähe der Bjelostokschen Kirche entgegen. Das Regiment Jelets rückte in die Linie hinter der Batterie Scherve. Ein Bataillon des Jägerregiments Fürst Warschau, das die Nacht über in der Kornilowskibastion geschanzt hatte, wollte die Pause der Kanonade benutzen und zur Stadt zurückmarschieren. Offiziersgruppen waren den Truppen voran. Jean-Iwan, der Fürst, raste heran mit dem Ruf: »Zurück! Zurück! Die Franzosen stürmen den Malakow!« Man staunte ihn einen Augenblick an; ein Stabsoffizier sprang vor – Graf Wassilkowitsch – jetzt Generalmajor, seit acht Tagen mit Verstärkungen eingerückt. Eben kam er vom Malakow. »K tschortu, Kapitän Oczakow! Wie kommen Sie hierher? Sie haben Ihren Posten auf dem Kurgan verlassen? – Geben Sie Ihren Degen ab, Herr! Sie sind Arrestant!« Fürst Iwan faßte atemlos seinen Arm. »Meinen Posten? Ich war auf dem Malakow? Ich? Ich bin soeben aus dem feindlichen Lager entflohen, um die Gefahr der Festung zu verkünden!« »Sind Sie wahnsinnig, Herr!« tobte Wassilkowitsch. »Ich verließ Sie vor zehn Minuten auf dem Posten, den ich Ihnen zugeteilt – wie Sie mir den Posten auf Schloß Aya anwiesen. Antwort, Herr Kapitän! Wie kommen Sie hierher?« Da krachte und schwirrte und tobte und prasselte es durch die Luft. Eine einzige Salve aus neunhundert Feuerschlünden! ... Drei steinschleudernde Mörser entluden sich aus den kaum noch 30 Meter von dem Malakow entfernten Laufgräben und zermalmten die Brustwehren in dem ausspringenden Winkel der Bastion. Ein donnerndes »Vive l'Empereur!« jubelte durch den Geschützdonner. Heftiges Kleingewehrfeuer von links und vorwärts leitete den Kampf ein. Durch die Vorstadt herauf sprengte General Chrulew mit wenigen Adjutanten und warf sich vom Pferde. Meldungen jagten von allen Seiten herbei. Befehle flogen. »Generalmajor Wassilkowitsch nimmt die Jäger Fürst Warschau und das Brjanskische Regiment! Hinauf mit ihnen zur Kornilowskibastion. Fürst Iwan Oczakow, bringe Sabaschinski an der fünften Abteilung den Befehl, der Turmbastion zu Hilfe zu eilen. Fort mit dir!« Erschrocken, willenlos vor dem plötzlichen Ausbruch der Gefahr, eilte Fürst Iwan davon. – – Vor der bestimmten Stunde schon hatte sich Colonel de Méricourt mit Welland und Graf Lubomirski im Hauptquartier eingefunden. Eine Wache von zwei Mann geleitete hinter ihnen den Zuaven Lebrigaud mit auf den Rücken gebundenen Händen und verlegenem, trübseligem Gesicht. Die drei Männer waren sehr ernst. Dem unangenehmen Verlust des Briefes folgte am Morgen ein anderes seltsames Ereignis. Der irre Jean war aus der Kantine verschwunden. Der Bursche, der sich sonst ohne Begleitung nicht fünfzig Schritt über die Barackenreihen des Regiments gewagt, war nirgends zu finden. Nini war untröstlich; die Pflicht rief sie in die Reihen ihres Bataillons. Und sie wollte nicht zurückbleiben – eine unbestimmte Ahnung trieb sie an. Doktor Welland beschäftigte dieses Verschwinden mehr als der neue Verdacht, der auf ihm lastete. Soviel in der Eile sich tun ließ, stellte er die eifrigsten Nachfragen an. Aber keine Spur – nur, daß unter den wenigen Sachen Jeans der russische Mantel fehlte, den er von dem jungen Fähnrich Lasarow zurückbehalten. Zehnmal trieb es Welland, die seltsame Entdeckung, die ihm Fürst Iwan bei seiner Flucht zugeflüstert – den Inhalt des von Jussuf heimlich überbrachten Briefes, der ihm mit den dringendsten Worten Sorge und Aufmerksamkeit für den Irren ans Herz legte – Méricourt mitzuteilen. Zwar ahnte er nur die Hälfte des Geheimnisses; er wußte aus den Worten des Fürsten nur, daß Jean ihm nahe stand durch Bande des Blutes. Und er kannte zu wenig von den Geschwistern, um eine bestimmte Mutmaßung zu fassen. Seine vorsichtige Nachforschung bei Nini und ihrem Bruder scheiterte an ihrem Schweigen. Aber sein feierliches Ehrenwort an den Fürsten band ihn. So schwieg auch er. Das Quartier des Generals, halb Zelt, halb Baracke, war von Stabsoffizieren umgeben. Adjutanten kamen und gingen jeden Augenblick. Die Pferde des Generalissimus standen gesattelt. Der Colonel sandte seine Meldung durch einen der arabischen Leibdiener Pelissiers hinein. Sofort kam er zurück mit dem Befehl, in das innere Gemach einzutreten. Méricourt befahl Lebrigaud, zu folgen. Lubomirski blieb zurück und unterhielt sich mit den Offizieren des Generalstabes. In der Zeltabteilung des Oberbefehlshabers befand sich General Pelissier beim Ankleiden. General Martimprey, sein Stabschef, beugte sich über einen großen Plan der Festungswerke und besprach noch Einzelheiten mit ihm. Ein Adjutant legte die Punkte fest. Der General war hart und finster, als er Méricourt und Welland eintreten sah; aber unangenehmes Erstaunen malte sich auf seinem Gesicht, als er hinter ihnen den Zuaven erblickte. Er trat hastig auf sie zu. »Was für Freiheit nehmen Sie sich da heraus, Colonel Méricourt, diesen Burschen in mein Gemach zu bringen? Ich habe nur Sie und diesen Herrn da hierher befohlen!« »Euer Exzellenz wollen den Drang des Augenblicks entschuldigen«, erklärte ruhig der Vicomte. »Ich wäre auch ohne den eingegangenen Befehl genötigt gewesen, Sie aufzusuchen. Der Mann da hat sich diese Nacht im Trunk gerühmt, das Kabel des unterirdischen Telegraphen bei Kamiesch durchschnitten zu haben.« »Da hätten wir ja den Täter«, sagte General Martimprey. »Soeben ist die Meldung von dem Unheil eingegangen.« »Zum Teufel mit dem Telegraphen!« herrschte unwillig der General. »Die Anzeige hätte Zeit gehabt bis morgen.« »Euer Exzellenz entschuldigen, ich hielt es für meine Pflicht. Der Kerl hat anzudeuten gewagt, daß er den Telegraphen auf Euer Exzellenz Befehl zerstört hat.« Das Gesicht des Oberfeldherrn färbte sich dunkelrot bis unter die weißen Haare. Ein wütender Fluch entschlüpfte seinen Lippen. Tief gruben sich die Zähne ein. Seine funkelnden Augen fuhren zornig bald auf den Colonel, bald auf den Zuaven. » Maudit soit le butoir! – Das hast du gewagt, Schurke?« Lebrigaud blickte halb trotzig, halb furchtsam auf. »Gesagt kann ich's wohl haben, wenn's der Colonel einmal behauptet«, murrte er. »Aber das ist kein Beweis, daß es wahr sein muß! Ich weiß keine Silbe davon. Ich war betrunken.« General Pelissier ließ einen pfeifenden Ton zwischen den Zähnen hören; man konnte nicht unterscheiden, ob aus Behagen oder aus Zorn. Ehe er aber noch der Sprache Herr wurde, mengte sich der Generalstabschef in die Verhandlung. Martimprey wandte sich zu dem Gefangenen. »Aber du gestehst zu, den Draht zerstört zu haben?« » Fichtre! Was hilft alles Leugnen? Das Unglück ist mir passiert – beim Baden. Ich tauche ziemlich gut und blieb hängen an dem verfluchten Strick; er oder ich! Da dacht' ich, es wär' besser, daß der Kaiser einen Zuaven behielte, der heute die Fahne auf den Malakow pflanzen kann, als daß ich da unten im Grunde wie an einem Angelhaken hängen bliebe. Auf den Schreck hab' ich ein paar Flaschen getrunken und da vielleicht dummes Zeug geschwatzt, um mich vor Strafe zu schützen. An einer Lüge stirbt ein Bursche wie ich nicht gleich!« »Nein, der Schlag müßte dich sonst jetzt gerührt haben!« »Lassen Sie den Burschen, Martimprey«, sagte der Generalissimus. »Die Entschuldigung läßt sich hören. Mach', daß du zu deinem Regiment kommst, Kanaille. Und wenn du heute mittag nicht der erste im Sturm bist, so laß ich dich morgen schinden. Fort mit dir!« Der Halunke ließ es sich nicht zweimal sagen. Mit einer halb spöttischen Kopfbewegung verschwand er. Betroffen sahen sich die Anwesenden an. »Und nun zu Ihnen, mein Herr, der Sie mit solchen Lappalien die kostbare Zeit rauben«, fuhr der General Méricourt an. »Ich habe gestern abend noch mit General Bosquet über den Bericht des Generals Wimpffen gesprochen. Dieser Herr da« – er deutete auf Welland – »hat sich schon früher verdächtig gemacht. Er ist in Warna unter dem Verdacht des Verkehrs mit dem Feinde verurteilt worden. Wo ist der Brief, der die Bestätigung der Spionage enthält – und den man verkehrterweise in Ihren Händen gelassen? Sie sind ja der Freund und Gönner dieses sauberen Herrn!« Das Gesicht Méricourts entfärbte sich. »Exzellenz, ein unglücklicher Zufall hat das Papier verlorengehen lassen. Aber ich beteuere auf meine Ehre ...« »Wenn mir Euer Exzellenz Gehör gestatten wollen,« fügte Welland hinzu, »so ...« »Schweigen Sie! – Wer mit den Russen verkehrt, ist ein Feind! Diese deutschen Eindringlinge waren immer Verräter gegen Frankreich. Sie sind Ihres Dienstes enthoben. Sie werden mit dem ersten Schiff nach Konstantinopel die Krim verlassen.« »Das ist eine Ungerechtigkeit, Exzellenz! – Ohne Untersuchung, ohne Verteidigung meiner Ehre ...« »Danken Sie es diesem Herrn hier,« schrie außer sich der General, »der so geschickt zur rechten Zeit die Briefe seiner guten Freunde verliert, während er Verleumdungen seiner Vorgesetzten zuläßt, daß ich Sie nicht dem Kriegsgericht übergebe! Und Sie, Colonel, schämen Sie sich der Freundschaft für so zweideutige Gesellen. Wenn das die vielgerühmte Treue für den Kaiser ist, die die adeligen Herrn von der Garde in die Linie mitbringen, so danke ich für solchen Einschub!« Der Vicomte war totenbleich. Seine Augen funkelten, aber er suchte sich gewaltsam zu fassen. General Martimprey trat besorgt näher. »Mäßigen Euer Exzellenz Ihre Worte«, sagte Méricourt endlich, heiser vor Aufregung. Er zog ein Papier aus der Uniform. »Wer sich seines Verkehrs zu schämen hat, glaube nicht ich zu sein. Wenn Euer Exzellenz meine Ernennung zum Oberst des dritten Zuavenregiments unangenehm ist, so kann ich Ihnen damit entgegenkommen, daß ich Ihnen mein Abschiedsgesuch hiermit überreiche. Ich diene Frankreichs Ehre; nicht einem frevelhaften Spiel mit dem Leben der Armee! – Ich bitte Euer Exzellenz, wenn ich den Sturm überlebe, mein Kommando bis zur Entscheidung des Kriegsministers niederlegen zu dürfen!« »Gleich, Herr! Gleich! Zur Stelle, wenn's beliebt! Wenn dem Herrn Vicomte der Malakow zu gefährlich scheint, wird jeder bürgerliche Unterleutnant gern seine Stelle bei dem Angriff vertreten!« Méricourt zuckte zusammen. »Meine Ahnen, Herr General, fochten als Barone mit Auszeichnung in den Kreuzzügen! Die Ihren saßen noch vor sechzig oder siebzig Jahren als Schuster hinterm Ofen! Alter Adel hat wenigstens das Gute vor den Emporkömmlingen, daß er sich in allen Lagen als Gentleman zu betragen versteht!« »Mir das, Herr?« – In blinder Wut hob Pelissier die Hand mit der Reitpeitsche. Méricourt trat einen Schritt zurück und legte wortlos die Hand an den Säbelgriff. Martimprey fiel dem General in den Arm. Welland umfaßte den Freund und zog ihn halb gewaltsam aus der Tür. Die Offiziersgruppen im Vorgemach hatten bei dem Geräusch des bevorstehenden Aufbruchs und der entfernten Kanonade wenig von dem Streit gehört. Und sie waren zu gewöhnt an Zornausbrüche des Generalissimus, um viel darauf zu achten. Méricourt stand noch vor dem Zelt mit den Freunden, einen Augenblick unentschlossen, was er zu tun habe. Da kam ihm General Martimprey nach, faßte ihn am Arm und führte ihn beiseite. »Es tut mir leid, Herr Vicomte,« sagte er, »daß es zu einer solchen Szene gekommen ist. Aber der Generalissimus hat gestern abend mit Bosquet und heute morgen schon andere Verdrießlichkeiten gehabt. Und die dumme Geschichte mit dem Telegraphen, an der er wahrscheinlich nicht ohne Anteil ist, hat ihn in Wut gebracht. Sie sind ihm indes nichts schuldig geblieben! Er läßt Ihnen sagen, sie mögen an der Spitze des Regiments den Russen nur ebenso begegnen wie ihm. Morgen, wenn wir noch leben, wird sich alles ausgleichen und hoffentlich auch für den Doktor da etwas tun lassen. Jetzt eilen Sie! Denn der General wird gleich zu Pferd steigen, um die letzte Besichtigung vorzunehmen.« Der Colonel grüßte höflich, aber kalt. »Nehmen Sie meinen Dank, Herr General – ich werde meine Pflicht tun. Verschont mich aber die Schlacht – der Armee des Kaisers werden wir beide nicht länger angehören. Leben Sie wohl!« Einige kurze Worte noch zu dem Grafen Lubomirski – ein bezeichnender Händedruck; dann eilte er mit dem Freunde davon. – Die Verbündeten harrten in drei Angriffskolonnen des Zeichens zum allgemeinen Sturm; alle Verfügungen waren sorgfältig getroffen und größtenteils den Russen verborgen geblieben. Denn schon seit dem frühen Morgen wehte ein heftiger Nordwind und trieb große Staubwolken auf; sie verhüllten die Bewegungen der Franzosen. Die Division Laveillant auf dem linken Flügel sollte die Zentralbastion und ihre Lünetten angreifen, unterstützt von der Division d'Autemarre; diese war mit der sardinischen Brigade des Generals Cialdini bestimmt, sich gegen die Mastbastion zu wenden. – Die Divisionen Bouat und Paté mit dem 30. und 35. Linienregiment bildeten die Reserven auf dem äußersten Flügel, den Quarantänewänden gegenüber; General de Salles führte den Oberbefehl. Auf der östlichen Seite war der gleichzeitige Angriff gegen mehrere Punkte gerichtet. General Dulac sollte mit zwei Brigaden auf dem rechten Flügel den kleinen Redan stürmen, unterstützt von der Brigade Marolles und dem Gardejägerbataillon. Der zwischen dem kleinen Redan und der Kornilowskibastion gelegenen großen Kurtine stand General de la Motterouge gegenüber mit zwei Brigaden, den Voltigeurs und den Grenadieren der Garde unter General Mellinet als Reserve. Zum Angriff gegen den Malakow und die Batterie Scherve war General MacMahon mit der ersten Division des Bosquetschen Korps bestimmt, die Brigade Wimpffen und die zwei Gardezuavenbataillone als Reserve. Sobald sich die Franzosen im Malakow festgesetzt hatten, sollten auf ein Zeichen die Engländer den großen Redan stürmen. Der Mißerfolg am 18. Juni hatte gezeigt, daß, solange die Batterien des Malakow den Redan deckten, die Engländer ihn nicht zu nehmen vermochten. General Simpson hatte sich in den kläglichen Anteil gefügt, den Pelissier seinen Verbündeten an dem blutigen Ruhm des Tages zugestanden hatte. Gegen einen Angriff des Fürsten Gortschakow von Inkerman und der Tschernaja her waren die Truppen der Generale d'Herbillon und d'Aurelle, die Kavallerie d'Allonvilles und der Rest der Sardinier aufgestellt. Um acht Uhr morgens hatten die Truppen ihre Aufstellung in den Laufgräben genommen. Zum leichtern Vorgehen waren breite Durchgänge eingehauen. Zwei Batterien Feldgeschütz standen in der Lancasterbatterie bereit, im Galopp heranzustürmen. Vier andere Batterien harrten als Reserve in der Viktoriaschanze. Jede Kolonne hatte 60 Sappeure bei sich; je ein halbes Bataillon führte Werkzeuge und Bohlen für das Überqueren des Grabens. Die Kolonne begleiteten 50 Kanoniere, um nach dem Kampf die eroberten Geschütze zu bedienen. Um zehn Uhr hatte sich General Bosquet auf den gewählten Posten – in die am weitesten gegen die Kurtine vorgeschobene Parallele – begeben. Er ermöglichte einen vollständigen Überblick des Kampfplatzes. Hier erwartete er die festgesetzte Stunde. Ein Signal zum Beginn des Sturmes sollte von der Brancionschanze, wo sich der Generalissimus um 10 Uhr 45 Minuten eingefunden, nicht gegeben werden. Alle Uhren der Divisionsgenerale waren nach der Uhr des Oberbefehlshabers gestellt – sobald der Zeiger auf 11 Uhr 30 Minuten stand, hatten die drei Angriffskolonnen hervorzubrechen. Die Russen lagen ruhig und achtlos in ihren Quergängen. – Augenblicke der furchtbarsten Spannung ... Die französischen Generale standen aufrecht unmittelbar an den Brüstungen, die Uhr in der Hand. Die Offiziere hatten ihre Säbel und Degen gezogen. Die Truppen, in gebückter Stellung in den Gräben, harrten mit aufgepflanztem Bajonett. Im äußersten Graben, links nach dem Kirchhof zu, hatte das dritte Zuavenregiment mit den algerischen Scharfschützen seinen Stand; es war bestimmt, die Batterie Gervais anzugreifen. Die Zuaven fluchten heimlich, daß die Wahl, die ersten zu sein gegen den Malakow, diesmal ihre Kameraden vom ersten Regiment getroffen. Auf den Säbel gestützt, trotz dem furchtbaren Augenblick in Gedanken verloren, stand Vicomte de Méricourt. Die leise Berührung einer eiskalten Hand weckte ihn. Aufblickend sah er neben sich Nini, die Marketenderin. Ihre Augen waren gerötet von Tränen; ihr bleiches Gesicht drückte Angst und Kummer aus. »Haben auch Sie noch immer keine Spur von ihm gefunden, mein Herr? Verzeihen Sie meine dreiste Frage! Die Angst zerreißt mein Herz!« »Sie meinen Jean? – Nein, Mademoiselle. – Der Bursche wird sich wohl wiederfinden. – Doch was tun Sie hier, Nini? Sie gehören zum Nachtrab und nicht in die vordersten Reihen.« Nini preßte die Hände auf das Herz. Ihr banger, seelenvoller Blick schaute bittend zu ihm empor. »O, lassen Sie mich hier, Monsieur le Colonel,« flüsterte sie – »wissen Sie denn nicht, daß er ein Russe ist?« »Ein Russe?« »Ich wußte es zuerst auch nicht. Aber später wurde mir's klar. Vor zwei Jahren war er mein Freund und Beschützer in Paris – aber am Abend des 5. Juli traf uns alle ein Unglück. Und seitdem ist er irrsinnig.« Der Vicomte starrte sie entsetzt an. Der 5. Juli! – In seiner Seele stieg ein Bild auf – ein Gedanke. Er öffnete die Lippen – er wollte fragen ... Da krachte und donnerte es über ihren Häuptern, als wollte der Himmel zerreißen in seinen urewigen Grundfesten. Alle Geschütze hatten noch eine Ladung abgegeben. Der Augenblick war gekommen ... Die Generale schwangen ihren Degen über dem Haupt und erschienen auf der Brüstung. Auf den äußersten Brustwehren der Laufgräben zeigte sich das Kommandofähnlein Bosquets. Die Trommeln wirbelten. Die Trompeten schmetterten. Ein tausendfaches » Vive l'Empereur !« erschütterte die Luft ... Vorwärts zum Sturm! ... MacMahon mit der Brigade Espinasse, das erste Zuavenregiment voran, links ihm folgend das 7. Linienregiment, warf sich auf den Vorsprung des Malakow und auf die linke Frontseite der Bastion, wo sie mit der Kurtine zusammenhing. Der Raum zwischen den Laufgräben und dem Außenwerk der Bastion betrug 50–70 Schritt im Sturmlauf. Im Nu war er überstiegen – der halb verschüttete Graben überschritten – die Abdachung der Wälle erklommen. Der Zuave Lihaut vom ersten Regiment, dem MacMahon die Kommandofahne anvertraut, pflanzte sie im ersten Anlauf auf den Wällen des Malakow auf. Um sie sammelten sich die Emporklimmenden. Die Russen waren bestürzt – überwältigt. Die Brustwehr war nur mit den Mannschaften der Artillerie besetzt. Sie wurden an den Lafetten niedergestoßen. Das ganze Innere des Malakow, bis auf die Trümmer des alten Turmes, war mit hohen Quergängen durchzogen, hinter denen die Soldaten Schutz gegen die Beschießung gesucht. Vereinzelt stürzten die Kompagnien des Regiments Praga hervor – ihr tapferer Kommandant Oberst Freund warf sich mit ihnen dem Feinde entgegen und stürzte verwundet; ein Zusammenstoß Mann gegen Mann. Die russischen Offiziere, den Degen in der Hand, stürmten auf die Brustwehr, mit Wort und Gebärde ihre Soldaten zum Widerstand ermunternd. Einer nach dem andern sank unter den Kugeln aus nächster Nähe. Aber der Kampf entbrannte jetzt am ganzen Wall. Man rang Leib an Leib miteinander in wilder Wut. Das Bajonett war unnütz geworden. Man schlug sich mit Kolben und Steinen nieder, mit Schaufeln, Protzstangen und Holzstücken. Doch Schar auf Schar drang in das Innere der Bastion ein – das Regiment Praga wurde geworfen. Die 5. Division unter de la Motterouge hatte ein schwierigeres Gelände als die Stürmer des Malakow. Doch standen sie bald in geschlossenen Massen in der Front der Kurtine und nahmen im Anlauf die Batterie von 6 Geschützen de la Poterne, die den Malakow flankierten. Die Kanoniere vernagelten die Geschütze. Die Infanterie drang gegen die zweite Verteidigungslinie vor. Das Kartätschenfeuer der Russen schmetterte die Spitzen der Kolonnen, ganze Reihen nieder. Aber nichts hemmte ihren Lauf. Sie erstiegen die Brüstungen; die Kanoniere wurden an ihren Geschützen erschlagen – die zweite Linie war erobert. Das 11. Regiment drang bis an die Tore der Vorstadt. Die Division Dulac hatte im ersten Anlauf den kleinen Redan, die Turmbastion II, genommen. Trotz dem furchtbaren Kartätschen- und Musketenfeuer warf sie das Regiment Olonetz zurück, vernagelte einen Teil der Geschütze und erreichte die zweite Verteidigungslinie und den Uschokowajagrund, der kurz zur Reede führt. Aber hier warf sich den Eingedrungenen der Major Jaroschewitz mit einem Bataillon des Regiments Bzelofersk entgegen. Er drängte sie mit dem Bajonett bis über die Brustwehr zurück. Das Glück der Schlacht wandte sich. Die Russen waren nur überrascht, nicht überwunden. Die Zurückgedrängten sammelten sich unterm Schutz der Reserven. Zwanzig bespannte Feldgeschütze flogen herbei und eröffneten ihr Feuer – die Batterien des Nordufers warfen Bomben in die Kolonnen. Die drei Dampfer ›Wladimir‹, ›Chersones‹ und ›Odessa‹ lagerten sich in die Kilenbucht und schleuderten Kartätschenhagel auf den Feind. Die französischen Brigaden wankten, sie wandten sich – vergebens suchten sie sich am schnell verrammelten Eingang des Redan zu halten, dann in den Gräben ... erst an der ersten Linie der Kurtine machten ihre Verfolger halt. Dort formierten sich die Franzosen aufs neue; abermals wirbelten die Trommeln zum Sturm. Der Kampf um den Redan begann zum zweitenmal. Ein neues Morden beginnt. General Saint-Pol fällt. General Bisson wird schwer verwundet. Wiederum wanken die Angreifer, als die Reservebrigade Marolles und zwei Grenadierbataillone der Garde unter Pontèves zu Hilfe eilen. Für einen Augenblick sind noch einmal die Brustwehren und Batterien des Redan in den Händen der Franzosen. Aber die Russen wissen sehr wohl, daß der Verlust des Redan die Möglichkeit eines Rückzuges über die Schiffsbrücke in Frage stellt. Generalmajor Sabaschinski mit drei Regimentern der 8. Infanteriedivision wirft den Feind zurück. Dreimal wiederholt sich der Angriff. Dreimal müssen die Franzosen unter dem furchtbarsten Feuer weichen. Die Generale Marolles und Pontèves, der tapfere Führer der Garden, dem Pelissier den blutigsten Posten versprochen, opfern ihr Leben. Sämtliche Führer der Kompagnien der Linie sind gefallen – es bleibt nichts übrig, als der rascheste Rückzug nach dem Graben der Kurtine. Das Schlüsselburger Jägerregiment findet die Arbeit getan. Es wendet sich gegen die Franzosen, auch dort den schnell errungenen Sieg zu behaupten. Vergebens rasseln, von Bosquets letztem Befehl herbeigerufen, die an der Viktoriaschanze aufgestellten Feldgeschütze über ein Gelände heran, das vom Feuer der Russen vollkommen beherrscht ist. Sie protzen im heftigen Kugelregen ab. Binnen wenig Minuten wirft er zwei Dritteile der Offiziere und Mannschaften nieder. Das Feuer der Kriegsschiffe nötigt sie endlich, sich zurückzuziehen. Die Schlacht ist auf dieser Flanke verloren. Die Division de la Motterouge vermag, nachdem auch der Führer der Gardereserven, General Mellinet, verwundet ist, sich nur kurze Zeit noch in der ersten Brustwehr des Mittelwalles zu halten. General Dulac hat das Kommando an Stelle Bosquets übernommen, den eine schwere Wunde zwingt, die Kampflinie zu verlassen und sich auf einer Tragbahre nach der Lancasterbatterie bringen zu lassen. Auch auf der linken Seite der Stadt sind die Franzosen nicht glücklicher. Der Hauptsturm auf die Zentralbastion mißglückt – trotz der Aufopferung der Offiziere und Soldaten. Ein Angriff der Mastbastion wird unmöglich. Jeden Augenblick demaskieren die Russen neue Batterien, Flatterminen zerreißen den Boden unter den Füßen der Stürmenden; die Generale Breton und Rivet fallen. General Trochu wird schwer verwundet. Die Fremdenlegion ist fast vernichtet. De Salles muß den Befehl zum Rückzug in das Innere der vorgeschobenen Waffenplätze geben. Der russische Oberkommandant, General Graf Osten-Sacken, überzeugt sich selber von dem Sieg der Seinen auf dieser Seite und eilt dann hinüber zu der Stelle, wo sich das Schicksal des Tages entscheiden muß. Das ist der Malakow! ... Die Zuaven und die algerischen Jäger haben bei dem Angriff auf die Batterie Gervais das Jägerregiment Großfürst Michael zurückgedrängt. Der Zuave Lebrigaud ist der erste auf dem Wall und wird schwer verwundet von seinen Kameraden zurückgetragen. Die Franzosen haben sich auf dem verschütteten Graben festgesetzt. Sie schießen durch die Umwallung; aber das Kostranasche Jägerregiment eilt der Batterie zu Hilfe. Die Kanonen der linken Seite des großen Redan vertreiben die Angreifer von der Batterie Gervais; ein Befehl MacMahons ruft sie zur Unterstützung der Franzosen im Malakow. Um zwölf Uhr geben drei Raketen aus der Viktoriabatterie den Engländern das Zeichen zum Angriff auf den großen Redan. Sie haben eine breite Fläche aus ihren Laufgräben zu überschreiten. Das Kartätschenfeuer der Russen reibt ihre gelösten Reihen auf. Die Engländer entwickeln kaum 1500 Mann zum Sturm. Ihre Reserven bleiben untätig in den Laufgräben. Nur wenige übersteigen die Brustwehr und versuchen, die Faschinen auf den Backen der Umwallungen anzuzünden; das Wladimirsche Regiment wird anfangs zurückgedrängt; aber bald unterstützen es die Kompagnien der Regimenter Kamtschatka und Jakutsk. Es wirft die Briten mit dem Bajonett zurück. Das Feld wird mit ihren Leichen besät. Sie fliehen nach den Laufgräben. Die Schlacht ruht auf dem linken Flügel der Franzosen und auf der Stellung der Engländer. Nur um den Schlüssel von Sewastopol – um den Malakow – wird mit gesteigerter Wut gekämpft. Der Zuavenunteroffizier Lihaut hat die ihm vertraute Fahne auf der Stelle verteidigt, auf der er sie aufgepflanzt. Von 42 Büchsen- und Muskenkugeln ist sie zerfetzt. Aus fünf Wunden blutet Lihaut – dennoch wankt und weicht er nicht von seinem Posten. Um ihn haben sich die Kameraden gesammelt und stürmen gegen den Feind; Oberst Collineau, der Kommandeur des Regiments, ist am Kopfe verwundet; aber die Russen sind bis an die Kehle des Werkes geworfen. Rasch setzen sich dort die algerischen Truppen in einem Verhau fest. Jetzt stürmen die Russen wieder heran. Graf Wassilkowitsch, der heimtückische, boshafte Feind der Oczakows, schlägt sich wie ein Toller im Innern der Bastion in der Nähe des alten Turmes, auf dem die Schützen ein gefährliches Feuer unterhalten. Generalleutnant Chrulew stellt sich an die Spitze des Regiments Ladoga und stürmt gegen die Kehle der Kornilowskibastion; er wird verwundet. Generalmajor Lisenko übernimmt das Kommando und fällt, schwer getroffen, im Eingang der Schanze. Generalmajor Juserow läßt sich an der Spitze der andringenden Regimenter töten – Generalleutnant Martineau wird schwer verwundet. Viermal stürmen die Kolonnen der Russen, das Bollwerk Sewastopols wieder zu erobern – vergebens! Immer neue dichte Massen der Franzosen stürzen sich in die eroberte Bastion: die Brigade Vinoy, das dritte Zuavenregiment, der Rest der Reserven – MacMahon! Sie übersteigen den Wall. Oberst de la Tour du Pin wird von einem Wurfgeschoß zerrissen; man kämpft mit dem Bajonett, mit den Zähnen, mit der Faust. Der Fuß gleitet auf Bächen von Blut und Bergen von Leichen! ... In den Trümmern des ehemaligen Kurgan des Malakow, die durch das durchbrochene Erdwerk und die festen Blendungen eine kleine Festung im Innern der Bastion bilden, kämpft mit Glück ein junger russischer Offizier mit etwa 60 Mann, darunter zwei Greise. Der eine in der Tracht der Kosaken, der andere von riesiger Gestalt in dem Rock der Druschinen. Auf diesen Kurgan stützten sich die letzten Kämpfe der Russen. In seiner Nähe verteidigt Generalmajor Wassilkowitsch noch immer die Batterie nach der Seite des Redan. Das mörderische Feuer aus den Schießscharten dieser kleinen Bollwerke erregt die Aufmerksamkeit des Generals MacMahon. Er befiehlt dem Obersten des dritten Zuavenregiments, sie und die Batterie zu ihrer Seite zu nehmen. Die Masse stürzt heran. Ein Säbelhieb des Colonels de Méricourt verwundet den alten Feind, der ihm gegenübertritt: Graf Wassilkowitsch – von den Seinen geführt, wird er mit dem Rest der Russen bis an die Kehle der Bastion gedrängt. Er erhebt sein Tuch. Er winkt hinüber nach dem Kurgan, auf dessen Brustwehr der Greis in der Druschinentracht mit einem Kanonenwischer die stürmenden Zuaven niederschlägt. Der Alte sieht das Zeichen – er springt zurück – durch die breit von einer Kanonenkugel zerrissene Blendung sieht man ihn mit der Rechten eine Lunte schwingen, mit der Linken eine Steinplatte zur Seite werfen. Da stürzt sich eine jugendliche Gestalt, die aus zwei Wunden blutet, zwischen ihn und die Öffnung und sucht ihn zurückzudrängen. Leicht schleudert sie der fanatische Alte zurück. Er hat das Zeichen des Grafen gesehen und will sein Versprechen erfüllen. Er beugt sich vor, er hebt die Lunte – da – im letzten Augenblick reißt der junge Offizier das Pistol aus dem Gürtel. Sein Schuß streckt den Alten zu Boden. Sein eigenes Blut hat Michael, den Tabuntschik, getötet – und den Mord des Kaisers gerächt. Der Hand Iwan Oczakows entfällt das Pistol. Seine Augen treffen den Vicomte de Méricourt auf der überstiegenen Brustwehr, den seine Tat gerettet. Er verliert das Bewußtsein ... Die Zuaven treiben die letzten Verteidiger des Kurgan hinaus zu Wassilkowitschs flüchtender Schar. Die Sappeure stürzen sich auf die Öffnung, deren Quader der Tabuntschik gehoben. Sie entdecken einen Luntengang in die Tiefe. Ihre Schaufeln und Hacken reißen quer vor dem Kurgan die Erde auf und finden noch zwei elektrische Drähte: das untere Gewölbe des Kurgan ist mit 40 000 Kilogramm Pulver gefüllt. Die Lunte des Roßhirten hätte die Schreckenstat seiner Jugend satanisch gesühnt ... Aber die Liebe Natascha Iwanownas – in der Maske ihres Bruders Iwan ... trug den Sieg davon. Hinter der Kehle der Bastion entspinnt sich ein neuer Kampf zwischen den verfolgenden Franzosen und den Russen. Ihre Verstärkungen dringen zu einem letzten Versuch heran. Dem von zwei Soldaten zurückgeführten Generalmajor Wassilkowitsch begegnet eine herbeieilende Kompagnie des Schlüsselburger Jägerregiments. Spielwerk der Hölle: an ihrer Spitze Iwan Oczakow, dessen Tat im Malakow Wassilkowitsch eben verflucht. Der Verwundete stürzt auf ihn zu. »Verräter, wo kommst du her! Ich sah dich blutend sinken im Malakow nach deiner schändlichen Tat!« »Im Malakow, mich? Ich focht am Redan!« »Lügner, dich selber, oder dein Ebenbild – –« Wie ein Blitz durchzuckt es Iwan. Die Worte, die Annuschka gesagt, die Erinnerung an die Schwester, die er im Drang der Gefahr vergessen – die Erinnerung an sein Ebenbild im Lager am Sapun, dessen Worte ihn zuerst geweckt aus der geistigen Nacht: eine Schlußreihe von Gedanken in einem Augenblick. »Allmächtiger Gott – Natascha an meiner Stelle!« Graf Wassilkowitsch starrt ihn einen Augenblick an. Auch ihm wird mit Blitzesschnelle alles klar. »Verflucht sei die Metze, die für ihren Buhlen Rußlands Sieg geopfert hat!« Blutiger Schaum stüzt aus seinem Mund. Iwan Oczakow stößt Wassilkowitsch von sich und stürmt fort. Auf seinem Arm trägt der alte Kosakenhäuptling Iwan, der Steppenteufel, den jungen Offizier des Kurgan aus den Leichenhaufen. Er lehnt ihn in einem Winkel der Bastion an die Wand, Méricourt und der Sergeantmajor Fabrice beschützen ihn. An der Seite des Bewußtlosen kniet Nini, die Marketenderin. Seinen Kopf hält sie in ihrem Schoß. Wimmernd vor Angst und Schmerz um den geliebten Flüchtling, reißt sie ihm die Uniform auf: – eine blutüberströmte Frauenbrust enthüllt sich den Blicken ... »Barmherziger Gott – Iwan – Natascha Iwanowna!« tönt der Schrei Méricourts. Da rast es herbei: die Menschenwoge der Franzosen, geworfen auf dem äußern Abhang der Bastion. Die Russen dringen ihr nach durch die Kehle des Werks – noch einmal in das Innere des Malakows. Ein Schlachten, ein Würgen ... An der Spitze seiner Jäger stürmt Iwan Oczakow auf die weichenden Zuaven. Die Augen Ninis treffen auf die bekannte Gestalt, das bleiche Gesicht; sie fährt empor: »Das ist der Rechte! Jean! Jean, zu mir!« Da knallen die Büchsen der russischen Jäger. Da schlagen die Kugeln ein in die Haufen der Franzosen. Ein einziger, herzzerreißender Schrei. Und auf die Stelle, wo Iwanowna in ihrem Schoß gelegen, stürzt mit zerrissener Brust tot die treue Marketenderin. Über den jungen Leib hinweg wogt und stürmt der Kampf. Iwan, der Steppenteufel, hat den Augenblick benutzt: er hat Iwanowna über seine Schulter geschwungen und ist mit ihr in den Reihen der Seinen verschwunden. Da kracht es und hebt es sich, als wollte die Erde sich gegen den Himmel bäumen – als wären ihre Grundfesten gelöst. Dichte Rauch- und Staubwolken wälzen eine Nacht in den hellen Tag. Trümmer, zuckende Glieder fliegen umher – beide Feinde stehen entsetzt und glauben den Malakow in die Luft geflogen, Tausende in seinen Werken begraben. Allmählich sinken die Staubwolken ... der Malakow steht. Hoch von seinem Wall flattert noch keck die Trikolore. Nur die Batterie de la Poterne an der Flanke der Umwallung und der Bastion ist gesprengt. Das Pulvermagazin ist durch die brennenden Faschinen entzündet worden. Einen Augenblick noch stehen erschüttert die Gegner – aber schon haben sich die Franzosen gesammelt. Neue Massen der Sieger des Malakow stürmen heran. Die Russen werden geworfen und flüchten in dunklen Haufen aus der Kehle der Bastion, die rasch mit Faschinen geschlossen wird. Auch der letzte Versuch ist gescheitert – der Malakow ist verloren. General Osten-Sacken erkennt, daß die Wiedernahme der Bastion eine Armee kosten würde. Er beschließt, seinen geheimen Aufträgen gemäß, den Sieg auf allen anderen Punkten und die Erschöpfung des Feindes zu benutzen, um die Südseite der Stadt zu räumen. Sie ist nach dem Verlust des Malakow nicht mehr zu halten. Er befiehlt dem Generalleutnant Schepeliew: ohne einen Angriff auf die Kornilowskibastion weiter zu versuchen, den Feind zu hindern, von dort gegen die Stadt vorzustoßen. Bis zur Nacht sollen die zerstörten Gebäude auf dem nördlichen Abhang des Hügels gehalten werden. Aber nur ein Trümmerhaufe soll in die Hände der Feinde fallen – wie vor 43 Jahren nur die Brandstätte von Moskau den Kohorten des ersten Napoleon überlassen wurde. Von fünf Uhr ab ist der Kampf nur noch durch die Artillerie unterhalten worden. Bei Eintritt der Dämmerung bemerkt man die dunklen Kolonnen der Russen über die Schiffbrücke von der Nikolausbastion nach der Sievernaja in ununterbrochener Reihe ziehen. Im Innern des Malakow sind acht Mörser zur Beschießung bereit. Russische Geschütze sind wieder instand gesetzt. General Thiry, der Chef der Artillerie, gibt den Befehl, die Brücke zusammenzuschießen. Aber nur wenige Schüsse fallen – da stürmt ein Adjutant des Generalissimus herbei und bringt den Befehl, das Feuer einzustellen und den Rückzug der Russen nicht zu hindern. Graf Lubomirski hat sein Versprechen gehalten. Pelissier verwünscht ihn. Aber er gehorcht – er gibt alle Verfolgung auf. Explosion auf Explosion des abziehenden Gegners sprengt seine Verteidigungswerke, seine Pulvermagazine und Gebäude, sowie er sie verläßt, in die Luft. Rote Flammenmassen wirbeln an hundert Punkten zum Nachthimmel auf ... Doch die ersten Schüsse auf die Brücke haben noch Opfer gekostet. Vergebens hat Annuschka, die junge Witwe Sazés, nach der Sievernaja zu gelangen versucht, um den ihr anvertrauten Brief zu bestellen. Truppen füllen die Brücke. Sie eilt zurück zum Fort Paul. Aber kaum hat sie es erreicht, so verbreitet sich die Nachricht, daß die Franzosen den Malakow genommen haben und in die Stadt dringen. In Todesangst – Nursädih weigert sich, ihr zu folgen – ergreift Annuschka den ihr anvertrauten Knaben – den Sohn Dionas und Maubridges – und stürzt auf die Straßen zur Brücke der Südbucht und der westlichen Stadt. Da ertönt ein Name mitten in dem drängenden Haufen der Soldaten. »Meyendorf! – Kapitän Meyendorf!« Sie faßt die Hand des Offiziers – sie fragt ihn – er ist der Gesuchte. Sie übergibt ihm den Brief, sie bittet um seinen Schutz. Aber die Massen trennen sie wenige Augenblicke später. Vor dem Hagel der Kugeln flüchtet Annuschka unter den Vorsprung eines Hauses ... Ein abgesprengter Stein trifft ihre Stirn. Bewußtlos und blutend sinkt sie nieder. Kapitän von Meyendorf hat noch keinen Augenblick gefunden, den ihm so dringend übergebenen Brief zu lesen; erst als die Kolonnen über die Brücke zur Sievernaja ziehen, benutzt er einen günstigen Augenblick, ihn zu öffnen. Noch hat er die ersten Zeilen kaum überflogen, als ihn der Splitter einer der vom Malakow geworfenen Bomben am Kopf trifft. Er fällt dicht zur Seite des Oberstkommandierenden. Sein letzter Laut ist: »Helene!« – Es ist Nacht. Der Riesenbrand des Nikolausforts überflammt die Pontonbrücke – sie ist abgebrochen worden. Von Zeit zu Zeit noch fliegt ein Pulvermagazin in die Luft. Fünfunddreißig werden gesprengt. Zehntausend Leichen – darunter vier russische und fünf französische Generale – decken das Schlachtfeld. Jede der beiden Parteien zählt eine gleiche Schar Verwundeter oder Vermißter. Von der französischen Garde ist die Hälfte getötet und verwundet. An einzelnen Stellen, vor dem Redan, an der Kehle des Malakow, liegen die Leichen zu Hügeln getürmt. Die Artillerie und das Genie arbeiten, Batterien zu errichten und die Befestigungen herzustellen. Die Soldaten tragen die Leichen in Haufen zusammen. Die Chirurgen verrichten bei Fackelschein ihre blutige Arbeit. Tief erschöpft tritt Doktor Welland zu einer Gruppe an den Ruinen des Kurgan. Ein Zuavenburnus deckt die am Boden liegende tote Nini. Ihre kalte Hand leckt miauend Minette, die kleine Katze des Sergeantmajors. Papa Fabrice sitzt kummervoll neben der Marketenderin. Sein Arm ist zerschmettert und erst flüchtig verbunden; aber er will die Tote nicht verlassen, bis die Kameraden sie am Morgen holen. Neben ihm, an die Trümmer des Kurgan gestützt, steht François Bourdon, unverletzt im dichtesten Kampfgewühl, die Augen finster und tränenleer auf die tote Schwester zu seinen Füßen gerichtet. Méricourt spricht mit Jussuf, dem Mohren; er ist mehrfach, aber leicht verwundet. Nach dem Zurückführen des Regiments, dessen Kommando er dem einzigen unverletzten Kapitän übertragen hat, ist er in den Malakow zurückgekehrt. Welland, der trotz seiner schimpflichen Entlassung seine Pflicht als Arzt erfüllt hat, reicht dem Freund die Hand. Er hat schon die wichtigsten Ereignisse des Tages erfahren. Méricourt bittet ihn, einem jungen Russen seine Hilfe angedeihen zu lassen, den Jussuf an der Kehle des Werkes aus den Leichenhaufen hervorgezogen. Es ist Olis, der Kosak. An der Seite des jungen Fürsten ist er als letzter seiner Brüder gefallen. Welland erkennt bald, daß menschliche Hilfe hier vergeblich ist. Er sucht den Tod des Armen nach Kräften zu erleichtern. Dann erklärt Jussuf, der Mohr, seinem Herrn den Entschluß, in die brennende Stadt hinabzusteigen. Er will bis zum Paulfort vordringen. Dort wohnt – so hat ihm der sterbende Olis beschrieben – Nursädih, die Schwester und die Fürstin Iwanowna. Eine drängende Ahnung treibt den Vicomte de Méricourt zur Begleitung an. Auch Welland erbietet sich. Russische Soldatenmäntel, um sie im Innern der Stadt unkenntlich zu machen, sind leicht herbeigebracht von den zahllosen Leichen. Als die Gesellschaft das Werk verläßt und Méricourt die ausgestellten Posten mit dem Paßwort befriedigt, gesellt sich stumm, aber entschlossen, Sergeant Bourdon zu ihr. Es ist ein furchtbarer Gang. In der Nähe der Schlachtfelder Leichen bei jedem Schritt: zwischen Trümmern und verstreuten Kugeln, zerstörten Geschützen und Munitionskarren schreiten sie vorwärts. Aber die russische Armee scheint verschwunden. Nur die dunklen Gestalten einzelner Plünderer schleichen umher. Schmerzliches Stöhnen eines Verwundeten und Zurückgelassenen dringt hier und da an ihr Ohr. Brennende Warenniederlassungen beleuchten von Zeit zu Zeit ihren schaurigen Weg. Der Donner einer in die Luft gesprengten Batterie auf der Westseite zeigt ihnen, daß der Feind noch tätig ist in der aufgegebenen Stadt. So – im Schutz der Dunkelheit oder der grellen Feuersbrunst, der allgemeinen Verwirrung und Zerstörung, die nicht nach Freund und Feind fragen läßt, in der bergenden russischen Verhüllung – gelangen die kühnen Männer in die Nähe des Paulforts. Der Umstand, daß es noch nicht gesprengt oder angezündet, beweist ihnen, daß man es noch nicht gänzlich aufgegeben hat, daß noch Menschen darin sind. Jussuf schleicht sich voran; die Gefährten bleiben in einem Versteck zurück. Bald kehrt er wieder; er ist auf keine Gefahr gestoßen; nur auf entsetzliches Leid. Er winkt, ihm zu folgen. Sie gelangen glücklich in den ersten Hof – und in eine Höhle der Verwesung und des Jammers: in die Lazarette. Von allen Schrecken des Krieges, die sie erlebt, ist dieser Anblick der schrecklichste – herzzerbrechend. Lange Reihen von Verwundeten, mit Toten und Verwesenden abwechselnd, haben als rettungslos zurückbleiben müssen. Faulende und verfaulte Körper in ihrem letzten Todeskrampf dicht aneinander gedrückt. Ohne Beistand, ohne Pflege. Die einen auf der Diele, die anderen auf elenden Bettstellen oder blutgetränkten Strohbunden, aus denen ekle Flüssigkeit sickert. Die Mauern, das Dach des Saales von Bomben gespalten. – So liegen sie da. Viele noch lebendig – aber die Maden nagen schon an ihren Wunden. Andere halb wahnsinnig vor Schmerz und Leiden. Sie haben sich dem Eingang zugewälzt, um der Hölle zu entrinnen. Sie deuten sterbend – flehend um einen Tropfen Wasser – auf ihre Todeswunden. Der beengende Leichengeruch, dieser Gestank von brandigen Wunden, verpestetem Blut, verwesendem Fleisch ist grauenhaft über alle Begriffe. Selbst der Arzt, der die türkischen Lazarette an der Donau gekannt, schaudert in tiefstem Grauen. Méricourt verhüllt sein Gesicht. »All dies unsägliche Elend – für welchen Zweck?« Er weiß keine Antwort – niemand weiß eine Antwort. Zum erstenmal fühlt er, der Kämpfer: Frieden – – Frieden! Nicht Krieg! – Endlich gelangen sie in den zweiten Hof, zu den kasemattierten Wohnungen. Sie wagen es nicht, einige der wenigen, still umherwandernden Gestalten anzusprechen, um sich nicht zu verraten. Stube auf Stube durchsuchen sie – alle sind leer. Ihre Bewohner sind stumm – auf ewig. Plötzlich deutet Welland auf ein Licht, das aus dem Gitterfenster einer Mauer leuchtet. Man findet die Tür und öffnet sie – ein leiser, monotoner Gesang, eine Totenklage summt ihnen entgegen. Sie treten ein: auf einem Feldbett ruht eine halb verhüllte Gestalt. Zu ihren Füßen schläft ein kleines dunkelhäutiges Mädchen. Eine schwarze Frau kniet daneben. Am Kopfende murmelt Iwan, der Steppenteufel, seine Totengebete. Der Schein einer Lampe fällt auf das Gesicht der Toten auf dem Lager – auf die hellbraunen Locken um das bleiche Gesicht – den festgeschlossenen Mund. – Es ist Natascha Iwanowna. Méricourt stürzt vor und bedeckt die kalte Hand mit Küssen. Jussuf sieht Nursädih. Von dem Bruder, der sie aufhebt, gleitet ihr tränenschwerer Blick auf den deutschen Arzt. Da stammelt sie seinen Namen. Sie reißt sich los von dem Bruder – und streckt Welland das schlafende Kind entgegen. Er zaudert. Er sieht sie verwundert an – bis sie, mit der Linken das Kind an ihre Brust gepreßt, ihm im Strahl der Lampe die andere Hand entgegenhält. Auf dem vierten Finger der schwarzen Hand glänzt ihm der Granatreif, das Geschenk seiner Schwester, entgegen. Der Granatreif, den er der Unbekannten geschenkt – die in der Nacht von Madara sein Lager geteilt. Die Wahrheit überkommt ihn mit überzeugender Gewalt. Er will sprechen – seine Kehle versagt. Nur seine Hände streckt er scheu nach ihr aus. Nursädih sieht ihn an mit dem unendlich hingebenden Treueblick, der ihn nie verlassen hat, wenn er in ihrer Nähe war. Sie legt ihre Stirn auf die Hände des Deutschen – demütig, ergeben ... Die Totenklage ist verstummt. Flammenden Auges, Angst, Entzücken im Herzen, reißt Méricourt den Freund an das Lager Nataschas. – Er legt seine Hand auf die entblößte Brust, die eben seine Lippen berührt. Welland fühlt sofort den leisen Schlag des Herzens. Sein Wink entfernt die Anwesenden, mit Ausnahme Nursädihs. Seine geschickte Hand beginnt die Untersuchung der Wunden. Nursädih erzählt ihm, der alte Kosak habe die Fürstin bis in das Fort gebracht. Iwan, ihr Bruder, vergaß in rasender Leidenschaft all ihre unendliche Aufopferung. Mit einem Fluch überließ er sie dem Tode. »Schmach hast du auf meinen Namen gehäuft! Der Rettung des Feindes hast du Sewastopol geopfert!« Erschüttert und mit gebrochenem Herzen war Iwanowna wieder in jene tiefe Ohnmacht gefallen. Die Unkundigen hatten sie für den erlösenden Tod gehalten. Nach kaum zehn Minuten kann Welland dem Freund die Versicherung geben, daß keine der Wunden Iwanownas tödlich ist. Nur der starke Blutverlust hat ihren gefährlichen Zustand veranlaßt. Die Möglichkeit einer Rettung Iwanownas liegt in ihrer Entfernung aus dem Fort. Man beschließt, sie zu versuchen. Eine Tragbahre ist rasch aus dem Lazarett herbeigeschafft und von liebenden Händen geordnet. Der Kosak, dem Méricourt durch Nursädih volle Freiheit, zu gehen und zu kommen, zugesichert, will sie nicht verlassen. Er und der Mohr nehmen die Trage. An ihrer Seite gehen sorgsam wachend Welland und Méricourt. Nursädih voran zeigt ihnen den nächsten Ausweg aus der Stadt, ohne das Lazarett zu berühren. Den Rückzug deckt François Bourdon. Unverletzt entrinnen sie der brennenden Stadt, den explodierenden Minen. Als die erste Morgendämmerung über den Höhen von Inkerman wächst, sind sie im Schutz der französischen Posten. François Bourdon, der tapfere Zuave, ist nicht allein. Auf seinem Arm trägt er einen jungen Knaben. Dessen leises Wimmern hat ihn auf dem Weg durch die Straßen unter die Halle eines halbzerstörten Hauses gelockt. Der leicht zum Mitleid bewegte Soldat befreit den Knaben aus den Armen einer blutbedeckten toten Frau. Er bringt das Kind dem Regiment – als Ersatz für die tote Schwester ... Und wieder Mittag. Auf dem Malakowhügel sitzen drei Männer. Ernst und düster schauen sie auf die zerstörte Stadt, auf die blaue Reede, von der die mächtige Kriegsflotte des Pontus, der Stolz Rußlands, verschwunden ist; verbrannt, versenkt in die Tiefen des Meeres, das sie so lange beherrscht. Noch dampfen und rauchen die Ruinen der Stadt. Noch donnert in langen Zwischenpausen eine einzelne Explosion. Von den Nordforts herüber dröhnt von Zeit zu Zeit ein warnender Schuß. Plündernde Soldaten sind in die Vorstadt hinabgestiegen; aber noch wagen nur wenige, weiter vorzudringen, obgleich man die Stadt schon vom Feinde verlassen weiß. Tausende graben Massengräber. Die erbitterten Gegner sollen friedlich nebeneinander schlafen – bis ein anderer Trompetenstoß sie weckt – zum ewigen Weltgericht. Man muß eilen mit den Leichen; denn die Sonne des Südens brennt. Giftige Fliegenschwärme umsummen die Toten. Am Rand des Malakowhügels, zu Füßen der drei Männer, graben Zuaven ein einzelnes Grab. An seiner Seite spielt harmlos ein zweijähriger Knabe. Es ist Ninis Grab. François bettet sie in den Schoß der Erde. Wie Kinder schluchzen die bärtigen, wilden Gesellen, die gleichmütig tausend tapfere Kameraden an ihrer Seite fallen sahen. Die Augen der drei Männer am Hügel schweifen über die Gräber und über die Trümmer – suchend und suchend. Der eine, der Alte, hat auch den Liebling vor wenig Stunden in die Erde gebettet. Der alte Pole an seiner Seite sucht den einzigen, den Knaben seines Herzens: Michael Lasarow; seine greisen Augen sehen hinüber nach den Felswällen der Sievernaja – als könnten sie erkunden, ob sie den Geretteten bergen ... Der dritte – der stolze Baronet – Sir Edward Maubridge, schaut mit gefalteten Händen, mit unstetem, verzweifelndem Blick auf die Trümmer- und Todesstätten. Er ahnt nicht, wie nah' ihm das Ersehnte, wenn die Hand Gottes den Schleier von seinem Auge nehmen wollte: am Grabe Nini Bourdons spielt sein Kind ... und er kennt es nicht. Ringsum liegen die Gräber und die Trümmer Sewastopols. Viermalhunderttausend Mann ... Sanft erloschen die Sonnenschimmer im Tal. Die Höhen standen majestätisch im Abendglühen; das nackte Gestein glänzte wie reines Gold. Süßer Duft entströmte dem tausendblumigen Garten am Abhang. »Eugène!« »Natascha!« Der Reiter, der sein Tier vor der Gartenpforte gezügelt, sprang aus dem Sattel. Ein Reitknecht führte das Pferd fort. Vicomte de Méricourt eilte die Stufen zur Halle hinauf und umschlang zärtlich sein Weib. Der letzte, goldene Strahl, der zwischen einer schmalen Bergscharte hindurchblitzte, zuckte über die weißen Gewänder und das Lockenhaar Natascha de Méricourts hin. Dann wechselte das strahlende Tageslicht zur Dämmerung – zur raschen Nacht. Auf den freien Bergebenen von Daghestan stand das Landhaus, das Méricourt von dem verschollenen Tscherkessenprinzen Djemala Din und seiner Gattin, der Gräfin Wanda Zerbona, erworben hatte. Zwei Jahre waren vergangen, seit der letzte Schuß um Sewastopol fiel. Natascha und Méricourt hatten sich ausgesöhnt mit Iwan, dessen ungerechter Fluch seine hochherzige Schwester fast ins Grab gebracht. Er lernte erkennen und begreifen, was sie für ihn getan. Und er selber führte dem Feinde – dem Freunde – die Schwester zu. Liebe und Freundschaft triumphierten über den irrenden Völkerhaß. Méricourt hatte sich abgewandt von Ruhm und Glanz – von der vergänglichen Herrlichkeit des napoleonischen Reichs. Er hatte begriffen, daß wahres Mannestum sich nicht im blutigen Ausfechten fremder Ränke beweist – er schwang den Säbel nicht mehr für Ehrgeiz und Fürstengunst. Hier unten im fernen Daghestan lebte er zwischen freiem Volk – als freier Mann. Zu tief hatte ihn das Menschenleid, der Menschentod von Sewastopol erschüttert. Natascha führte den Gatten in ihr Gemach und deutete auf einen Brief, der auf dem weißgedeckten Tisch lag. »Während deines Abendrittes brachte mir ein Bote aus dem Tal liebe Freundesgrüße. – Rate, wer uns schreibt!« »Iwan?« »Nein – du weißt, daß mein Bruder die Kur in Kissingen gebrauchen wollte. So schnell kann ein Brief aus Deutschland nicht hier sein!« »Dann weiß ich es nicht, Natascha. Im Raten bin ich kein Held.« Lächelnd entfaltete Natascha Iwanowna den Brief. »Von Doktor Welland.« »Von Welland!« Lebhaft griff Méricourt nach dem Blatt, und beide beugten die Köpfe darüber. In Odessa am Schwarzen Meer, das so oft unter dem Donner der Kanonen gezittert, wirkte in großem Kreise, anerkannt und geehrt von allen, mit denen er in Berührung kam, der deutsche Arzt; an seiner Seite seine sorgende Gefährtin und Frau – Nursädih. Jussuf, der Mohr, lebte bei ihnen, und ein drolliger und rührender Anblick war es, wenn die große schwarze Tatze des wilden Kriegers die zierlichen Finger des kleinen Mädchens, der Tochter Wellands und Nursädihs, mit unbeholfener Zärtlichkeit hielt. Oft klang ein schwermütiges, fremdartiges Lied von seinen Lippen ... Jussuf träumte dann von den Gräbern seiner Eltern an den Quellen des Nils ... von der weiten Wüste und von blühenden Oasen. Aber ein Jauchzen, ein Lachen aus dem Kindermund verscheuchte alle Schwermut aus den dunklen Augen des Afrikaners ... Dem warmen, aus der Erinnerung empfundenen Brief Wellands war noch ein Schlußsatz angefügt. »Vor einigen Wochen erhielt ich die Nachricht, daß Sir Edward Maubridge seinem schleichenden Lungenleiden erlegen sei. So war doch all sein Hoffen vergebens – er hat sein Kind nicht gefunden. Wohl ihm – der Tod hat ihn von seiner Unruhe erlöst!« Natascha legte den Arm um die Schulter Eugène de Méricourts. Ihre Augen blickten versonnen über den Rand des Briefbogens hin, als tauchten sie in die blutigen Stunden, die sie zwischen den rauhen, russischen Kriegern verlebt. Sie erschauerte und schloß die Lider. »Der Tod!« sagte sie leise. »Der Tod. – Löscht er wirklich die brennende Unruhe der verirrten Menschenseelen?« »Wir wissen es nicht«, sagte Eugène de Méricourt. »Er ist ein Vorhang, hinter den wir Menschen nicht zu blicken vermögen. Manchmal, daß uns eine Ahnung geschenkt wird – manchmal, daß wir die gütigen Hände Gottes spüren ...« Er sah Natascha tief in die Augen. Dann faßte er ihre Hände und küßte sie innig. Sein Blick glitt auf eine militärische Fachzeitschrift, die der Bote mitgebracht hatte. Wie mit geheimem Widerstreben griff er nach dem Heft und blätterte darin. »Nein, wir wissen es nicht, Natascha!« sagte er. »Wir wissen nicht, warum wir Kriege führen – warum wir sterben müssen in mörderischer Schlacht! – Was ist anders geworden seit Sewastopol? Frieden ist geschlossen – von neuen Bündnissen redet man – der Osten stürzt mit Gewalt in die Kultur des Westens und reißt die festgebauten Schranken zweier Jahrhunderte nieder. Die Dynastie Napoleon hat man anerkannt – glitzernde Ordenssterne hat es geregnet! – Hie Kaisertum – hie Umsturz! – Unter der Asche Italiens lodert die Revolution – am Ganges zieht das Gericht der Vergeltung herauf über die Briten. Und Gott sei ihnen gnädig, wenn die Inder erwachen! – Ich frag' dich, Natascha: Was ist anders? – Nichts, nichts! – Nur ...« Méricourt stockte. Er deutete mit dem Zeigefinger auf eine kleine Notiz in der Zeitschrift. Natascha Iwanowna beugte sich vor und las: »Nach den amtlichen Feststellungen der beteiligten Länder beläuft sich die Zahl der Todesopfer aus dem Krimkrieg auf insgesamt viermalhunderttausend Mann.« Eugène de Méricourt ließ das Heft sinken. Seine Augen suchten die ihren ... und auf dem Grunde ihrer Seelen zitterte noch das Grauen – die Erschütterung aus dem Totenlazarett von Sewastopol. Viermalhunderttausend Mann ...