Sir John Retcliffe Die Wölfin von Skadar Bearbeitet und herausgegeben von Barthel-Winkler * Retcliffe-Verlag G.m.b.H., Berlin * Die vorliegende Neuausgabe des Romans »Die Wölfin von Skadar«, wie überhaupt aller in dieser Sammlung erscheinenden Romane Sir John Retcliffe's, fußen auf der vom Verlag erworbenen und ihm allein zustehenden Ausgabe von Ernst Götz, in der Bearbeitung von Barthel-Winkler. * Der Roman »Die Wölfin von Skadar« ist der erste Teil des Werkes »Sewastopol« und bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Nach den Richtlinien, die wir im Vorwort zu dieser Gesamtausgabe – siehe »Volk in Folter«, Nena Sahib, I. Bd. – gezogen haben, wurden nunmehr sämtliche Werke Retcliffe's sorgfältig durchgearbeitet, von Unstimmigkeiten gereinigt, dem heutigen Geschmack angepaßt und – zum allerersten Male – durch neuaufgefundene Kapitel, zum Teil erheblich, ergänzt. Barthel-Winkler. Zum Geleit Atemlos hetzend rollt ein Stück Weltgeschichte in diesen vier einzigartigen Büchern ab, Weltgeschichte, nicht wie sie vor der Schulbank gelehrt wird, sondern in ihren verborgensten Geheimnissen und hinterhältigsten Winkelzügen; Weltgeschichte auf dem schaurigen Theater der Schlachtfelder und Massengräber sowohl als auch hinter den dicken Portieren der Kabinette; Weltgeschichte als blutige Frucht kalter Klügler, verbrecherischer Drahtzieher und politischer Vabanque-Spieler – Weltgeschichte schließlich, wie sie sich spiegelt in den Instinkten der urteilslosen Masse, der Mißbrauchten und der Verfolgten. Große Leidenschaften lodern auf; Liebe und Haß kreisen in tollem Wirbel und gebären Engel und Teufel: Das ist der Totentanz um Sewastopol. – »Nena Sahib« zeigt mit seinen drei Bänden »Volk in Folter«, »Maharani Margarethe« und »Ram, Ram, Mahadeo!« die Geschichte eines Landes und eines Volkes im Kampf mit seinem Bedrücker – » Die Wölfin von Skadar « Zu diesem Geschichtskreis gehören noch die Bände »Das Testament Peters des Großen«, »Um das Schwarze Meer« und »Sewastopol« (sprich: Sewastópol). entwirft ein Rundgemälde der stolzen westeuropäischen »Kultur« um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Zusammenprall mit den Vormächten Asiens und des Islams. Für einen »hohen zivilisatorischen Zweck« zogen die französischen und britischen Heere an der Seite des Halbmonds in die Krim – und es galt doch nur dem selbstsüchtigen Ziele, den gefürchteten Zaren zu stürzen, und man erreichte doch nur, die despotische Macht des dritten Napoleon zu festigen. Unnütze Ströme von Blut! Fünfzehn Jahre später und dieser Napoleon findet sein Sedan – die Weltgeschichte rollt weiter in Haß und Jammer, über Throne und Hütten hinweg, über tote Armeen und versklavte Völker. Sewastopol! – Kaum hat jemals eine Epoche der Weltgeschichte einen solch rücksichtslosen Schilderer gefunden wie das Menschenmorden am Schwarzen Meer in Sir John Retcliffe. Nicht die grausige Spur ihrer Heere und Flotten allein zeichnet er in sein unvergängliches Werk, er gedenkt liebevoll auch derer, von denen die Geschichte schweigt: die zwischen den Großen zermahlenen Kleinen, die unterdrückten Stämme, die Heimatlosen, die Verachteten. Alle, alle tauchen sie einmal auf in dem breiten Strom seiner homerischen Erzählung; für alle weiß er unser Herz einzufangen und zu erwärmen, ehe er sie wieder untergehen läßt in dem chaotischen Zeitgeschehen. Die ehernen Ruhmestafeln der Völker werden lebendig – Soldatenführer, Genies und Schlächter, geschliffene Diplomaten und Hochverräter – und daneben ziehen die unübersehbaren Scharen der Namenlosen und Vergessenen, Krieger und Abenteurer aus aller Herren Länder, Zuaven, Araber, die freien Söhne der schwarzen Berge, des Kaukasus, der Steppe, der Pußta. Heißer glühen zwischen den Schlachten die Leidenschaften des Einzelnen, maßloser, zielloser – gehetzt, verfolgt, entwurzelt, werden sie zu Bestien oder Helden, Fanatikern oder Heiligen. Brutal zeigt uns Retcliffe ihre maskenlosen Seelen. Es ist ein wundervoll kühnes Werk. Mag man »Nena Sahib« seinen besten Roman nennen, sein Romankreis um Sewastopol ist seine gewaltigste Schöpfung: weltgeschichtlich und dichterisch. Barthel-Winkler. Geschichtliche Einführung Mit dem Staatsstreich vom 2. Dezember 1851, durch den Napoleon III. sich auf den Thron seines großen Onkels gesetzt hatte, bereitete sich in Europa eine Mächteumgruppierung vor; sie schaffte die Grundlage zu einem mehrjährigen blutigen Ringen, dessen Entscheidung an den Mauern Sewastopols erkämpft werden sollte. England, Österreich und Italien hatten sich beeilt, Napoleon III. anzuerkennen, da sie in ihm ein Bollwerk gegen die ganz Europa erschütternden Revolutionen sahen; Zar Nikolaus I. dagegen hielt an dem Vertrag von 1815 fest, der die Napoleoniden für immer vom Throne ausschloß; eine Annäherung Frankreichs an England und Italien war die Folge. Außerdem verstand es Paris, seinen Einfluß an den Dardanellen, der empfindlichsten Stelle der russischen Schwarzen-Meer-Politik, zu verstärken. Der politische Himmel umwölkte sich daher bedrohlich, als der Zar in getreuer Befolgung der in dem apokryphen Testament Peters des Großen verankerten Grundsätze sein Protektorat über die unter dem Halbmond lebenden russisch-griechischen Christen zum Vorwand nahm, um in der Frage des heiligen Grabes und der heiligen Stätten den Keim zu Zwistigkeiten mit der Türkei zu legen. Frankreich, als Beschützer der Katholikenschaft, trat ihm entgegen; aber der französische Minister des Äußern, Drouyn de Lhuys, verkannte nicht die außerordentlich günstige Möglichkeit für Rußland, die schwache Türkei in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen, und wußte durch geschickte nachgiebige Politik bei der Pforte den Zaren jedes Kriegsvorwandes zu berauben. Darauf änderte der Zar seine Taktik. Am 28. Februar 1853 erschien Fürst Menschikow in Konstantinopel als außerordentlicher Botschafter. Der offizielle Zweck seiner Sendung war die alte Frage der heiligen Stätten; in Wirklichkeit aber galt es den Versuch, den gefährlichen Einfluß der Westmächte am Goldenen Horn zu brechen und in den wichtigsten Regierungsstellen der Türkei Leute der russischen Partei ans Ruder zu bringen, deren Führer die Sultan-Mutter Valide und Chosrew-Pascha waren. Menschikow kam mit großem Stab; berühmte Namen zählten zu diesem, so u. a. Admiral Kornilow, General Nikapotschimki und Fürst Galitzin. Während nun Menschikow um einen Vertrag wegen der alten Vorrechte der russisch-griechischen Christen in der Türkei verhandelte, bot er insgeheim der Pforte einen Defensivvertrag an mit einem Heer von 400 000 Mann sowie der Schwarzen-Meer-Flotte zum Schutz gegen die immer anmaßender auftretenden Westmächte. Nun entspann sich ein lebhaftes Ränkespiel am Bosporus, das selbst vor dem Harem des schwächlichen Sultans nicht Halt machte und das mit der Niederlage der Russenpartei endete. Die Pforte lehnte den Geheimvertrag des Zaren ab, und Rußland zog in Bessarabien Truppen zusammen. Das war das Stichwort für Napoleon, das französische Geschwader von Toulon nach Salamis zu senden. Eine kriegerische Lösung der verwickelten diplomatischen Lage erschien jetzt kaum noch vermeidbar. Nach dreimonatigem Aufenthalt verließ Menschikow Konstantinopel und drohte mit dem Einmarsch russischer Truppen, um materielle Garantien für die Wünsche Rußlands zu erlangen. Ein französisches und ein englisches Geschwader liefen im Frühjahr in die Besikabucht ein, und am 2. Juli 1853 rückte Fürst Gortschakow an der Spitze zweier Armeekorps in die Moldau. Langwierige Vermittlungsversuche Österreichs und Preußens schlugen fehl; die Pforte stellte Rußland vergeblich ein Ultimatum zur Räumung der Donaufürstentümer. Am 4. Oktober 1853 erklärte Abd ul Medschid dem Zaren den Krieg; und am 27. und 28. März 1854 schlossen sich England und Frankreich der Türkei an. Mit äußerster Kraftanstrengung arbeiteten nun die Westmächte an der Erreichung ihres alten Zieles, Rußlands Schwarze-Meer-Flotte sowie deren Stützpunkt Sewastopol zu zerstören und damit eine ständige Bedrohung für Konstantinopel zu beseitigen. So entbrannte der Krimkrieg. Ströme von Blut flossen vor den Mauern und Wällen Sewastopols, ehe die Feste, zäh und geschickt verteidigt, nach der Erstürmung des Malakow fiel. Otto Gottstein – Leipzig. Eine Nacht im Dom der Invaliden Halb elf schlug es von den Pariser Kirchen. »Endlich!« Der Kutscher auf dem Bock des vornehmen Wagens, der an einem Nebenausgang der Galerie Heinrichs IV. in den Tuilerien wartete, fröstelte in dem nächtlichen Märzregen und nahm die Zügel in die nassen Finger. Verdrießlich knurrend sah er aus den Augenwinkeln den beiden tief in ihre Mäntel vermummten Männern entgegen, die aus der Tür traten und den Wagen bestiegen. » Allons !« Die Pferde zogen sofort an und nahmen ihren Weg über den Pont Royal, durch die Rue du Bac und de Grenelle nach der Esplanade der Invaliden. Ein Losungswort am Tor öffnete den Eingang und der Wagen rollte durch den Cour Royal nach dem berühmten Dom, an dessen Seiteneingang er hielt. Ein Mann in Generalsuniform öffnete dort den Schlag und begrüßte die Aussteigenden und verbeugte sich, wie es schien, doppelt ehrerbietig vor dem, der sich nun noch tiefer in seinen Mantel hüllte. »Sie haben meine Zeilen bekommen, General,« sagte der Eine, »und wir sind Ihnen sehr verbunden für Ihre Aufmerksamkeit. – Ist unser Mann an Ort und Stelle?« »Er wartet seit einer halben Stunde.« »Ah, dann haben Sie wohl die Güte, uns einzulassen und dafür Sorge zu tragen, daß wir nicht gestört werden. Die sämtlichen Eingänge sind doch geschlossen? Niemand ist mehr in der Kirche?« »Es ist alles geschehen, Herr Graf, wie Sie gewünscht,« entgegnete der General. »Hier ist der Schlüssel zur Pforte, so daß Sie zu jeder Zeit von innen öffnen können. Ich werde die Ehre haben. Sie selber hier zu erwarten.« Die beiden Fremden traten in die Kirche und schlossen die Tür; der alte General lehnte sich sinnend unter einem Vorsprung der Mauer an die Wand, um vor dem Regen geschützt zu sein. Das Schiff der Kirche war dunkel; nur vor dem Hochaltar und in der Kapelle zu Häupten des Katafalks Napoleons I. leuchtete der Schimmer der ewigen Lampen. Ehe die Männer den Gang betraten, hielt der Verhüllte seinen Begleiter einen Augenblick am Arm zurück. »Sie kennen Ihre Instruktionen, Graf,« sagte er, »wenn etwas weiteres nötig, werde ich Ihnen ein Zeichen geben.« Ihre Schritte hallten wider an dem mächtigen Gewölbe. Ein leiser Luftzug schien die Banner und Standarten ringsum in Bewegung zu setzen. Von den zu beiden Seiten des Grufteinganges aufwärts führenden Stufen des Mausoleums erhob sich bei dem Nahen der beiden ein Mann. Der stummen Begrüßung folgte eine kurze Pause, in der man sich im Halblicht des Lampenschimmers zu mustern schien. Von den beiden Eingetretenen hielt sich der größere auch jetzt mehr im Schatten und, den Hut auf dem Kopfe, in den Falten seines Mantels verborgen. Sein Begleiter trat näher ans Licht; er war mittelgroß und ziemlich schlank; ein Paar scharfe, dicht beieinander stehende, unruhige Augen unter starken, buschigen Brauen maßen den Wartenden forschend vom Kopf bis zu den Füßen. Dieser erwiderte ruhig den scharfen Blick. Es war ein alter Mann, offenbar den Siebzig nahe, von ungebeugter Haltung. Haar und Bart leuchteten weiß; das Gesicht war außer von zwei tiefen Narben, auch von vielen Runzeln durchfurcht. Die Augen hatten einen seltsam starren Ausdruck, der sich von Zeit zu Zeit feurig und dann unwiderstehlich belebte. Eine der Narben lief von dem linken Backenknochen aus bis auf den hohen, kahlen Schädel. Der Greis hatte den Reitermantel auf den Stufen des Mausoleums fallen lassen und stand vor den beiden in einem alten Offiziersrock der Poniatowskischen Lanzenreiter. »Sie sind der Herr,« begann der Begleiter auch hier das Gespräch, »der Seiner Majestät dem Kaiser vor drei Tagen dies Schriftstück eingereicht hat?« Er zeigte ihm ein ziemlich starkes Heft. »Sie werden aus dem Besitz dieser Papiere ersehen, daß ich von allem in Kenntnis gesetzt bin und Vollmacht habe, mit Ihnen zu verhandeln. Es sind dem Kaiser seit ungefähr zwei Jahren von Zeit zu Zeit ähnliche Denkschriften zugegangen mit – wir müssen es gestehen – sehr umfassendem und schätzenswertem Inhalt.« »Die der Kaiser auch benutzt hat, sonst wäre er schwerlich der Kaiser,« unterbrach ihn spöttelnd der Greis. »Auch das, wenn Sie wollen – wir gestehen es zu; die Tatsachen sprechen. Selten hat man eine genauere Voraussicht der politischen Ereignisse gefunden, als der Verfasser dieser Schriften sie besitzt; wohl nie eine umfassendere und tiefere Kenntnis aller auch der geheimsten Triebfedern, die Europa, ja die Welt gegenwärtig bewegen. Es ist unmöglich, daß diese Kenntnis die Wissenschaft eines einzelnen Mannes ist, der nicht wenigstens einen Thron zu Gebote hat. Der Kaiser ist begierig, den Verfasser dieser Winke kennen zu lernen; und da es heute das erstemal ist, daß Sie eine persönliche Annäherung selber gewünscht haben – obgleich, wie ich gestehe, an einem seltsamen Ort und zu seltsamer Zeit – so hat mich Seine Majestät beauftragt, Ihre Eröffnungen entgegenzunehmen und Sie nötigenfalls wenn Sie darauf bestehen, zu ihm zu führen.« »Das ist unnötig, Herr Graf,« lächelte der andere. »Ich weiß vollkommen die Person zu schätzen, mit der ich hier zusammentreffe.« Der Graf warf einen schnellen Blick auf den andern, der an der Seitenwand des Mausoleums lehnte. »Sie kennen uns, mein Herr,« sagte er rasch. Der Alte verneigte sich. »Es rollt ein Blut in Ihren Adern, das ein alter Offizier des Kaisers – der nicht zu sagen gewohnt war: I'empire c'est la paix, sondern I'empire c'est I'épéel – nie verkennen wird. Überdies – ich bin Pole von Geburt.« »Sie gehören zu der Konföderation des Fürsten Czartorynski?« Der Pole schüttelte spöttisch den Kopf. »Ich bin nicht siebenundsechzig Jahre alt geworden, ohne gelernt zu haben, daß die Wiederherstellung Polens nicht auf dem Parkettboden der Salons von Paris gemacht werden kann. Ich kenne den Fürsten nur dem Namen nach. Doch das führt uns nur von unserem Gegenstand ab. Ich bitte, betrachten wir für einen Augenblick den Stand der Angelegenheiten.« Der Graf verneigte sich zustimmend, und der alte Offizier fuhr fort: »Im Mai 1850 ging das Kabinett der Tuilerien auf den ihm von mir ohne Unterschrift vorgelegten Plan in der orientalischen Angelegenheit ein und ließ durch General Aupik von der Pforte den Besitz der heiligen Orte fordern. – Gerade ein Jahr später nahm Herr von Lavallette die Frage aufs neue auf und brachte im Herbst die Pforte zu einem Zugeständnis. Dies hatte, wie wir vorausgesagt, den Widerspruch des Petersburger Hofes zur Folge, der auf den Vorrechten der griechischen Kirche bestand. Die Türkei, von den russischen Forderungen ins Gedränge gebracht, verzögerte eine genugtuende Erklärung, und Marquis von Lavallette brach zu Ende des Jahres seine diplomatischen Beziehungen ab.« Stumm neigte der Graf abermals leicht den Kopf; eine Aufforderung an den Offizier, in seinem Vortrag fortzufahren. »Auch das Jahr 1852 verging mit den verwickelten Verhandlungen. Die Pforte suchte nach beiden Seiten hin einen gütlichen Ausweg, Wie meine damalige Denkschrift voraussagte, spannte bei der Erklärung des französischen Gesandten, zufrieden gestellt zu sein, der russische seine Forderungen höher und verlangte jene Verfügung zu Gunsten der Griechen, die neue Verwickelungen hervorrufen mußte. Die Belange der englischen Regierung wurden mit den französischen verbunden, und Herr von Lavallette war in der Lage, im November zu drohen, daß bei einem Bruch der an Frankreich gegebenen Zusage er die Flotte herbeirufen müsse. England, um weder Frankreich noch Rußland die Oberhand zu lassen, erklärte die Ansprüche auf beiden Seiten für zu weit getrieben. Das war der Augenblick, um Frankreich vollends herauszuziehen und den Zusammenstoß jener beiden mächtigen Feinde der Napoleoniden, Rußlands und Englands, vorzubereiten; und in der Tat, Herr Graf, ich muß gestehen, daß man dies sehr geschickt getan hat.« Der Graf hob die Stirn. »Ah, Sie meinen die Erklärung unseres Gesandten vom 10. Dezember, daß Frankreich keinen Anspruch auf eine Schutzherrschaft über die römisch katholischen Untertanen der Pforte mache, und das Anerbieten unseres Gesandten in Petersburg, sich mit dem russischen Kabinett über die streitigen Punkte in der Frage der heiligen Stätten zu verständigen?« »Ganz recht,« bestätigte der Alte. »Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, meiner Versicherung zu vertrauen, daß Kaiser Nikolaus auf der unbedingten Schutzherrschaft über die griechischen Christen in der Türkei bestehen und seine Forderung durch eine unüberlegte Waffentat unterstützen würde. Rußland warf in der Tat schon Truppen aus ganz Bessarabien und dem Chersones nach der Grenze der Fürstentümer, und England ...« »England,« unterbrach die Stimme des Verhüllten zum ersten Male mit dem Tone der Ungeduld die Unterhaltung. »England, mein Herr, begann seinen Rückzug! – Die Depeschen Lord John Russels an den Gesandten in Paris und an den Obersten Rose bestätigen, daß das Kabinett von St. James die Schuld der ersten Drohung immer noch auf Frankreich schiebt, die beiderseitige Haltung mißbilligt und sich von jeder Einmischung fern halten will.« »Ich werde sogleich diese Anschuldigung näher erläutern,« entgegnete mit einer Verbeugung der alte Offizier. »Diese Haltung war bei dem schwankenden Charakter des Lord John vorauszusehen. Aber sie wurde ausgeglichen, indem man in Rußland die Wahl einer außerordentlichen Mission auf den Fürsten Menschikow lenkte, und durch die Erklärungen, zu denen sich Kaiser Nikolaus unvorsichtigerweise hinreißen ließ. – Diese sind Ihnen bekannt, Herr Graf?« »Ich weiß nicht, was Sie meinen.« »Dann haben Sie die Güte, diese Aktenstücke zu lesen. Es sind die genauen Abschriften der geheimen Berichte, die Seymour, der englische Gesandte in Petersburg, über vier Unterredungen eingesandt, die er am 9. und 14. Januar, sowie am 20. und 21. Februar mit dem Kaiser Nikolaus hatte, desgleichen die einer Denkschrift vom letzten Datum, das der Kaiser dem Gesandten zustellen ließ.« Der alte Offizier zündete eine der auf dem nahen Altare stehenden geweihten Kerzen an und überreichte ein Heft Papiere, das der andere hastig ergriff und mit großer Aufmerksamkeit durchflog; auch der Verhüllte trat näher hinzu und las über die Schulter des Grafen hinweg mit. »In der Tat, mein Herr,« sagte der Verhüllte nach einer Pause von etwa zehn Minuten, während der ihm beim eifrigen Lesen der Depeschen – jener Aktenstücke, die später unter dem Namen der Enthüllungen des Blaubuches bekannt wurden – hin und wieder ein Ausdruck der Überraschung entschlüpft war, »in der Tat, ich kannte zwar im allgemeinen den Inhalt der Unterredung vom 9., doch diese wichtigen Einzelheiten sind mir neu. Es scheint, Lord John spielt ein doppeltes Spiel. Sie müssen eine Art Hexenmeister sein, daß Sie sich den Besitz so wichtiger Dokumente verschafft haben.« »Dem Golde, Herr Graf,« lächelte der Pole, »ist in London alles möglich, wie in Paris den Frauen.« »Fahren Sie in Ihrem Vortrage fort«, sagte der Vermummte. »Die Art und Weise, in der Graf Nesselrode amtlich den Kabinetten von London und Paris die Anweisungen des Fürsten Menschikow wiedergab, verzögerte den Ausbruch der Streitigkeiten. Danach sollten sie sehr gemäßigt sein, beträfen nur die Montenegriner und die heiligen Stätten und hätten zum Zweck, einen Ausgleich für jedes den Griechen genommene Vorrecht zu erreichen. Trotz der Beweise, die ich Ihnen eben über die Absichten Rußlands vorzulegen die Ehre hatte, zögerte das englische Kabinett noch immer mit einer Einmischung, ernannte aber einen besonderen Gesandten in der Person des Lords Stratford. Sie kennen den Lord, Herr Graf, und wissen, daß bei seinem Ehrgeiz und seinem echt britischen Charakter ein Kampf mit der Anmaßung und dem Stolz des Fürsten Menschikow unmöglich ausbleiben kann. Das erste Auftreten des Fürsten in Konstantinopel haben die Zeitungen gemeldet. Es war beleidigend und herausfordernd in dem Maße, daß die Pforte den britischen Gesandten aufforderte, die englische Flotte zu ihrem Schutz herbeizurufen und Oberst Rose an Admiral Dundas wirklich die Aufforderung gestellt hat, das Geschwader nach Vourla zu führen.« »Die englische Regierung hat, was Sie vielleicht nicht wissen werden, vorgestern den Obersten fallen lassen und uns ihr Bedauern ausgesprochen, daß der Kaiser unserem Geschwader im Mittelmeer gleichfalls den Befehl erteilt hat, in die griechischen Gewässer abzugehen.« »Der Kaiser, mein Herr,« entgegnete der Greis, »ist ein kluger Politiker und hat sehr recht daran getan, die gute Gelegenheit zu benutzen, die ihm der Schritt des Obersten Rose geboten hat. Sie werden sich erinnern, daß meine Denkschrift auf eine solche Gelegenheit rechnete. Nach der Absendung der Flotte Frankreichs bleibt England nichts übrig, als über kurz oder lang das gleiche zu tun.« »Ich gestehe es zu,« sagte der Graf, »daß es für uns große Wichtigkeit haben muß, England in einen Krieg mit Rußland zu verwickeln und seine ganze Macht im Orient festgelegt zu sehen. Die Forderungen des Fürsten Menschikow können allerdings schließlich den Kaiser und das Kabinett von St. James zwingen, für eine Krise den Gesandten besondere Instruktionen zu geben.« Der Pole lächelte. »Euer Exzellenz trauen mir noch immer nicht. Vorgestern, am 22., hat Seine Majestät Ihrem Gesandten in Konstantinopel schon diese Anweisungen gesandt. Soll ich Ihnen die vier Fälle der Order noch bezeichnen? – Gestern ist die Note an Sie nach London abgegangen, in der die Regierung die Hoffnung an das englische Kabinett ausspricht, daß bei der Krise in Konstantinopel beide Länder gleiche Haltung beobachten werden. Die Depesche wird Ihren Weg gekreuzt haben, Herr Graf, da Sie, durch den Draht berufen, gestern abend Dover verlassen haben.« Der Graf fuhr erstaunt auf. Der Verhüllte trat ungestüm auf den Fremden zu und ließ bei der heftigen Bewegung den Mantel zum Teil fallen. »Wer sind Sie, mein Herr? – Sie sehen, ich habe ein Recht zu fragen, und ich will wissen, auf welche Weise die Geheimnisse des Staates in Ihre Hände kommen?« Der Alte verbeugte sich. »In Frankreich«, sagte er, »hat stets das Wort eines Edelmannes gegolten, und ich bin im Vertrauen auf dies hierher gekommen. Das Recht, nicht gekannt zu sein oder zu scheinen, gebührt, wie verabredet, beiden Seiten!« Der andere hüllte sich wieder in den Mantel. »Nach Ihrem Belieben, mein Herr; doch ich glaube, Sie sind mir noch immer den Schluß schuldig.« Der Pole zog nochmals Papiere hervor und überreichte sie dem Grafen. »Hier finden Euer Exzellenz das, was jede englische Zögerung aufheben wird. Es ist die geheime Anweisung des Fürsten Menschikow; sie befiehlt ihm, auf unbedingte Anerkennung der Schutzherrschaft Rußlands über die griechische Kirche und somit auf Unterwerfung der Pforte unter die russische Oberhoheit zu dringen und einen Vertrag mit ihr abzuschließen, der 400 000 Mann und die Flotte von Sewastopol zu ihrem Schutz gegen die Westmächte stellt.« Der Mann im Mantel riß ihm die Papiere aus der Hand und durchflog sie. »Das ist genug, mehr als genug!« sagte er hastig. »Lesen Sie, Graf!« Der Pole überreichte ein zweites Papier. »Hier ist das Verzeichnis der sämtlichen Streitkräfte, die Rußland in diesem Augenblicke verfügbar hat. Die Stellungen der Truppen sind genau verzeichnet, ebenso die Streitkräfte und Vorräte an den Ufern des Schwarzen Meeres.« »Gut, sehr gut! Aber was raten Sie nun, mein Herr?« »Der Kaiser wird seine Vorbereitungen treffen, um im Augenblick der Krise eine entsprechende und die britische Streitmacht überwiegende Landarmee nach Konstantinopel oder an die Ufer des Schwarzen Meeres werfen zu können. Während Frankreich ohne Mühe 100 000 Mann zum Schutz der Türkei an das andere Ende des Mittelmeeres setzen kann, wird eine solche Anstrengung England in seinen besten Lebensquellen erschüttern. Es wird genötigt sein, die Truppen aus Indien und den Kolonien heranzuziehen; und indes seine unzureichende Armee im Kampf gegen Rußland sich aufreibt, wird Frankreich kräftiger und mächtiger denn je als der wahre Hort Europas dastehen. Dann – ja dann, wenn England und Rußland sich gegenseitig geschwächt haben, wird es Zeit sein, die Maske abzuwerfen und die Asche des großen Toten, der hier ruht, zu rächen an seinen beiden stolzen Feinden. Dann werden der russische Doppelaar und der britische Leoparde sich krümmen und beugen unter den Krallen des napoleonischen Adlers, und das Blut des Kaisers wird wieder Herr der Welt sein, wie es ihm und Frankreich gebührt.« »Aber Österreich –Deutschland?« »Österreich – es wird zuerst den Fuß des Siegers auf seinem Nacken fühlen, von zwei Seiten zugleich, an der Donau und am Po bedroht. Deutschland? –Will der Kaiser den Rheinbund? – Er wird im Nu zu seinen Füßen liegen. Und dies Preußen, hochmütig und abgeschlossen in sich selber, es wird zaudern und zaudern, bis ihm der Kampf bleibt um den eigenen Bestand, und in diesem Kampfe wird es sich verbluten. An dem wiedererstandenen Polen und Ungarn und an dem neugeborenen Italien wird das kaiserliche Frankreich drei Stützen haben, die ihm die Welt unterjochen helfen.« Der Mann im Mantel hatte, die Rechte fest auf die Stirn gepreßt, die Worte des alten Offiziers angehört, während die Linke sich auf den Vorsprung der Gruft stützte. Der Mantel war von seinen Schultern gesunken; so stand er eine Weile stumm und still; dann wandte er sich mit einem stolzen Ausdruck zu dem Polen. »Was immer auch Ihr Zweck sein mag – und ich glaube ihn in jenem schönen Traum von der Wiederherstellung Ihres Vaterlandes zu erkennen – Sie haben gesiegt. Ich werde um jenes großen Toten willen Ihre Prophezeiung erfüllen, wenn Gott mir solange das Leben läßt. – Leben Sie wohl, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank. Es ist hoffentlich nicht das letzte Mal, daß wir uns sprechen, und ich bitte Sie, mir recht bald wieder Nachricht zu geben.« Er grüßte den Fremden höflich. Der Graf hängte ihm den Mantel wieder um und wandte sich mit ihm zum Ausgang. »Sie gehen mit uns?« fragte der Graf den Offizier. »Verzeihen Sie – ich habe hier noch ein Gebet zu verrichten. In London werden Euer Exzellenz das Weitere von mir hören, und ich bitte Sie, jedem Boten zu vertrauen, der Ihnen zu seiner Beglaubigung dies Zeichen übergeben wird.« Er zeigte dem Grafen ein eigentümlich geformtes kleines Kreuz von schwarzem Holz mit Silberstiften geziert. Der Graf neigte bejahend den Kopf, grüßte und eilte dem Vorangegangenen nach, um die Kirchtür zu öffnen. Draußen fanden sie den General noch auf seiner Wache. Mit gezogenem Hut begleitete der Alte die geheimnisvollen Gäste bis an den harrenden Wagen und schloß selber den Schlag. Der Graf legte den Finger auf den Mund, und dahin rasselte das Gefährt. Der Mann im Mantel wandte sich nach einer Weile zu seinem Begleiter. »Hat Maurepas auch die gehörigen Anweisungen und sind Sie sicher, daß dieser Mensch uns nicht entgeht, wenn er den Dom verläßt? Ich muß wissen, woran ich mit diesem geheimnisvollen Treiben bin: eine solche Macht im Staate ist viel zu gefährlich, um sie unbeachtet zu dulden.« »Es ist alles nach Ihrem Befehl geschehen, Sire,« entgegnete der Graf, »auf allen Seiten sind die zuverlässigsten Agenten aufgestellt, und sie werden dem Manne auf allen Tritten folgen. Morgen früh, Sire, haben Sie den gewünschten Bericht.« Auf den Arm des nach dem Dom zurückkehrenden Generals aber legte sich im Schatten der hohen Mauern des Hofes eine Hand und hielt ihn zurück; es war der Pole. »Kennt General Beaupré wohl diesen Ring?« fragte er freundlich. »Ein Kadett der großen Armee gab ihn schwerverwundet in Leipzig dem Soldaten, der ihn aus dem brennenden Hause der Vorstadt und über die Brücke der Weiße trug, wenige Minuten, ehe sie gesprengt wurde.« »Das war ich,« sagte erregt der General; »wie kommen Sie zu diesem Ring, Herr? Sie sind doch nicht –« »Der polnische Lanzier, der Sie zufällig rettete, allerdings, wenn auch diese Züge Ihnen wenig mehr kenntlich sein werden. Unter braven Soldaten, General, bleibt immer Kameradschaft, und Sie werden mir gewiß eine kleine Gefälligkeit nicht verweigern, um zu verhindern, daß Ihr Lebensretter vielleicht in eine Schlinge der geheimen Polizei fällt.« Er nahm den General unter den Arm und ging mit ihm einige Schritte im Dunkel auf und ab in leisem Gespräch. Eine Viertelstunde darauf entfernte sich durch eine Seitentür nach dem Latour-Faubourg unbeachtet ein Mann in dem Rock eines Aufwärters und schlug die Richtung nach dem Marsfelde ein. Die Unterirdischen Fast zu gleicher Zeit mit der geheimnisvollen Unterredung im Dom spielte sich im Herzen von Paris in einem verschwiegenen Raum unter der Erde ein ebenso geheimnisvoller Vorgang ab. Der eirunden, mittelgroßen Halle fehlten alle Fensteröffnungen; sie war von einer Lampe und mehreren auf einer rotbehangenen und quer durch die schmale Breite laufenden Tafel stehenden silbernen Armleuchtern erhellt. Hinter der Tafel, um die sieben Sessel sich reihten, verdeckte ein roter Vorhang das Ende des Gewölbes. Sechs der Sessel nahmen Personen in weiten roten Ärmelmänteln ein; Kapuzen verdeckten larvenartig den Kopf bis zum Munde. Der siebente Stuhl war leer – auf dem Tisch lagen Papiere, mit deren Verlesung und Eintragung in ein Buch zwei der Mitglieder beschäftigt waren. Keines der gewöhnlichen Wahrzeichen geheimer Gesellschaften zeigte sich im Schmuck des Gemaches, wenn eine in der Mitte gebrochene goldene Krone nicht als solches erschien, die oben den Vorhang zusammenhielt. »Die Berichte aus Amerika, England und Ungarn sind eingetragen,« sagte der, der dies Geschäft vollzogen. »Das Mitglied für Italien hat das Wort.« Der Vierte in der Reihe an der Tafel erhob sich. »General Pepe berichtet aus Turin. Der Mann bleibt auch im hohen Alter Phantast und ist zu nichts zu brauchen; sein Name aber wirbt uns zahlreiche Kräfte. Man hat in Turin und Genua eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen, doch betreffen sie nur untergeordnete Personen. Auch an anderen Orten Italiens, namentlich in Parma, tritt man infolge der österreichischen Einmischungen mit auffallender Strenge gegen die Verbindungen auf. Es ist Zeit, daß der mißglückte Stoß des Ungarn Libényi auf den Habsburger durch eine festere Hand am andern Orte wiederholt werde, damit die Männer auf den Thronen wissen, daß das rächende Verhängnis über ihnen schwebt. Das Jahr 1852 hat seine Warnung gehabt; ich schlage für das nächste Beispiel Ferdinand Karl von Bourbon, den Herzog von Parma vor, unseren erbitterten Feind. – Unsere Presse hat die Nachricht verbreitet, daß Mazzini auf der ›Retribution‹ sich nach Malta eingeschifft hat; damit ist vorläufig die Aufmerksamkeit abgelenkt. Der Aufstand in Palermo ist zwar fehlgeschlagen, wie der in Mailand und Comorn, doch meldet Baron von Bentivoglio, daß die Verbreitung des Mazzinischen Aufrufs Erfolg zeigt. Die Sammlungen haben im Februar 38400 Livres ergeben, die ich hiermit in Wechseln abliefere. Mit den Triester Dampfern sind die befohlenen Verbindungen eingeleitet.« Der Redner nahm wieder Platz. Während seiner letzten Worte hatte sich eine Seitentür geöffnet; ein Mann, gekleidet wie die Anwesenden, war eingetreten und hatte den leeren siebenten Sessel am Ende der Reihe eingenommen. »Abteilung Deutschland und Schweiz,« sagte der Sekretär. Der Dritte nahm das Wort. »Die Berichte aus Wien lauten wenig befriedigend. Das Attentat vom 18. Februar hat die zaghaften Gemüter geschreckt und die Polizei doppelt aufmerksam gemacht. Libényi hat mit heldenmütiger Ruhe den Opfertod erduldet. Die genauen Berichte über seine letzten Tage liegen vor. Man hat selbst die Gewissensbedrohung durch die Geistlichkeit erschöpft, um ihn zum Geständnis zu bringen, von wem die Sendung von 600 Gulden herrührt, die er kurz vor der Tat durch Anweisung des Londoner Hauses erhalten hat; der Brave schwieg. Weniger treu seinem Eide starb in Pest der Verräter Andrassy, der die Pläne zum Aufstand in Comorn Kossuths Schwester überbringen sollte und in die Hände der Schergen fiel. Er hat die mit Omer Pascha angeknüpften Verhandlungen über dessen Einrücken in Kroatien verraten, soweit er davon Kenntnis hatte, und dieser Entdeckung ist die augenblickliche Stellung des Wiener Kabinetts gegen die Pforte zuzuschreiben. Man will die Türkei um jeden Preis zur Vertreibung der Flüchtigen drängen. – In Berlin tritt die Spaltung der Konservativen immer mehr hervor und man arbeitet unseren Absichten in der kommenden Verwicklung damit in die Hand. Die Polizei hat eine demokratische Verbindung aufgehoben. Die Beteiligten wurden von den Wissenden des Bundes zum Teil bei der Flucht Kinkels benutzt, können aber die höheren Belange in keiner Weise bloßstellen. Es ist hier vorläufig nichts zu machen, als die Zerwürfnisse mit Österreich möglichst zu erneuern und die Neigung des Heeres für den bevorstehenden Krieg von Rußland abzulenken. – Die Regierung von Tessin ist im Begriff, den österreichischen Forderungen zu weichen; ich habe die ›Tribune Suisse‹ angewiesen, bei weiterer Nachgiebigkeit mit der Revolution zu drohen. –Die Sammlung der Schweiz ergibt 1220 Franken; das Ergebnis der Sammlung in Deutschland ist noch nicht eingegangen.« Er übergab die Papiere. Der Zuletztgekommene erhob sich nach ihm, ohne die Aufforderung abzuwarten – es war der alte polnische Offizier aus dem Dom der Invaliden. Ausführlich berichtete er über die Zusammenkunft, das Mißtrauen, das man ihm anfangs gezeigt, und den Eindruck, den die übergebenen Abschriften der wichtigen politischen Schriftstücke gemacht hatten. »Der Kaiser«, schloß er seinen Bericht, »ist offenbar ein scharfsichtiger, gewandter Politiker, aber wir haben ihn besiegt, indem wir uns an das verborgenste Geheimnis dieses verschlossenen Herzens gewandt haben. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht vorher schon dieser Kopf von der Vernichtung Englands und der Weltherrschaft der Napoleoniden geträumt hätte; unser Beistand hat sie ihm klar gemacht und die Möglichkeit der Verwirklichung ihm gezeigt. Er würde den Krieg hervorrufen, selbst wenn er keinen anderen Gewinn daran hätte, als die britische Armee und die britische Flotte von seinen Schöpfungen verdunkelt zu sehen. – Aber ich warne vor diesem Kopf! Er ist schlau und tatkräftig genug zu einem Versuch, die Bande, die ihn geheim umschlingen, eines Tages zu zerreißen. Möge der Augenblick nicht versäumt werden, da sein Fall uns nötig ist, ehe er uns zuvorkommt!« Der einmalige helle Klang einer Silberglocke ließ sich hören; augenblicklich schwieg die Unterhaltung. Der Vorhang im Hintergrunde öffnete sich ein wenig und ein Mann, ganz wie die an der Tafel verhüllt, nur daß die rote Maske auch den unteren Teil des Gesichts verbarg, trat hervor. Die Sieben erhoben sich. »Die höchste Gewalt ist zufrieden mit dem Resultat der Berichte,« sprach der Unbekannte mit einer milden, etwas zischenden Stimme, »namentlich erkennen wir die große Geschicklichkeit an, mit der der Vertreter der Abteilung Sieben heute seinen Auftrag für die französische Regierung gelöst hat. Das Geschick Frankreichs ist damit in unseren Händen und wir können seine Kräfte ohne Gefahr benutzen. Zur rechten Zeit wird jene Hand bereit sein, die stürzt, wie sie allein erhoben hat.« Der Pole verneigte sich; der andere fuhr fort: »Die Botschaften für London, Wien, Berlin, Petersburg und Konstantinopel liegen bereit. Haben Sie die geeigneten Leute dazu ausersehen, je nach dem Grade der Wichtigkeit, die die Sendung hat?« Der Sekretär des Rates bejahte und überreichte ein Blatt mit Namen und Notizen. »Warschau und Petersburg!« sagte er überrascht. »Der Vorstand der Abteilung selber will diese Sendung übernehmen?« Der Offizier aus dem Invalidendom erhob sich. »Ich habe diesen Auftrag als Lohn für die wenigen Dienste erbeten,« sagte er, »die ich dem Bunde der Unsichtbaren geleistet. Ich glaubte, daß mir die Mitglieder der höchsten Gewalt das Vertrauen schenken würden; ich werde meine schwierige Aufgabe mit allen Kräften lösen. Ohnedies ist hierzu ein Mitglied des siebenten Grades notwendig, um im Augenblick der Entscheidung den Befehl in die Hand nehmen zu können.« »Sehr wahr – aber wir werden Sie kaum hier entbehren können. Auch sind Sie eine in Warschau sehr bekannte Persönlichkeit und stehen auf der Liste der Geächteten.« Der alte Soldat nahm ein Papier aus der Brieftasche und überreichte es: »Die Begnadigung des Kaisers und die Erlaubnis zur Rückkehr! – Ich empfing sie heute von Herrn von Kisselew.« »Das ist allerdings viel, doch« – eine behandschuhte Hand, die sich aus den Falten des Vorhangs hervorstreckte, reichte dem Sprechenden einen Streifen Papier, den dieser las und sofort am Licht einer Kerze verbrannte. »Die höchste Gewalt ist mit Ihrer Sendung einverstanden. Sie haben also die Vollmacht zur Reise und werden als Mitglied des Rates bis zur Summe von fünfzigtausend Rubeln verfügen können. Doch ist es Ihnen bekannt, daß Sie von diesem Augenblick an bis zur Beendigung Ihrer Sendung aus dem Rat selber ausscheiden und unter die Gehorchenden zurücktreten.« Der Pole verneigte sich. »So nehmen Sie die nötigen Papiere in Empfang. Die Sonne der Freiheit leuchte Ihnen nach Osten.« Er reichte dem Scheidenden die Hand; jeder der Beisitzer tat das gleiche und der Pole verließ den Saal durch die erste Tür, während der Verhüllte seinen Sitz einnahm. »Smyrna und Konstantinopel?« fuhr dieser nach einem weiteren Blick in das Papier fort. »Nach diesen Aufzeichnungen hält der Rat es für gut, den dahin beorderten Gehorchenden von hier zu entfernen und in eine Lage zu bringen, in der er, gehörig überwacht, dem Bunde bessere Dienste leisten kann als hier. – Welchen Grad zahlt der Gehorchende?« »Den vierten.« »Das ist genügend; wir haben sichere Leute an Ort und Stelle. Lassen Sie ihn eintreten.« Der Sekretär drückte auf eine Feder; die zweite Tür gegenüber dem Tisch öffnete sich, und ein Mann, anscheinend in den ersten dreißiger Jahren, von offenen, männlichen Gesichtszügen und festem, ruhigen Auge, einfach aber gut gekleidet, trat ein und nahte mit einer Verbeugung dem Tisch. »Sie wollen nach der Levante gehen, um als Arzt dort Beschäftigung zu suchen?« »So ist es.« »Seit wann sind Sie Mitglied des Bundes?« »Seit fünf Jahren.« »Gut, Sie werden die Briefe erhalten, die Sie auf Gefahr Ihres Lebens sicher zu überbringen haben. Die weiteren Anweisungen werden Sie an Ort und Stelle finden. Hier die Mittel der Reise.« Er reichte ihm zwei Goldrollen. »Wann reisen Sie?« »Morgen früh.« »Wir werden in Konstantinopel von Ihrer Kunst den geeigneten Gebrauch machen. Bedenken Sie: Willenloser Gehorsam! – Leben Sie wohl!« Der Angeredete nahm mehrere Papiere in Empfang und entfernte sich durch die Tür, durch die er eingetreten. »Die Person für Berlin und Deutschland!« Ein neuer Druck der Feder öffnete die dritte Tür: eine elegant in schwarze Seide und Spitzen gekleidete Frau trat ein. Ein kühner, reizvoller Kopf blickte aus den Falten des kokett um das dunkle Haar geschlungenen, von einer Brillantnadel gehaltenen Schleiers. Die dunklen geschwungenen Brauen über dem feurigen Auge, der ganze Typus des zwar nicht mehr in der ersten Jugendfrische prangenden, aber schönen Gesichts ließen die Südländerin nicht verkennen. Die sieben Männer erhoben sich artig vor der fesselnden Erscheinung. »Sie gehen nach Berlin, Madame, um dort neue Triumphe zu feiern?« »Señor sind sehr galant,« entgegnete die Dame. »Ich habe das immer erfahren, seit ich in Frankreich bin, wenn ich auch leider die mächtigen Beschützer nicht kenne, die sich meiner angenommen und mich aus den verabscheuten Fesseln befreit haben. – Sie wissen, Señor, daß ich ganz zu Ihrer Verfügung stehe.« »Wir wünschen vor der Hand nichts, Madame, als daß Sie diese Empfehlungsbriefe in den verschiedenen Hauptstädten, die Sie berühren werden, abgeben, und die Personen, an die sie gerichtet sind, mit der erprobten Macht Ihrer Reize an sich binden. Sie wissen, daß wir namentlich Schweigen verlangen. Denken Sie immer daran, daß auch die Wände in unserem Solde stehen. Vor allem, Madame, empfehlen wir Ihnen die Herren vom Militär. – Ist das besorgt, was für Madame bestimmt war?« Der Sekretär überreichte ihm ein Samtkästchen; der Oberste schlug es auf, ein prachtvoller Brillantschmuck glänzte im Strahl der Kerzen. Die Frauenaugen funkelten bei dem Anblick in unbezähmbarer Begierde. »Nehmen Sie,« sagte der Sprecher, »es ist ein vorläufiges Zeichen unseres Dankes. Seien Sie gewiß, daß Ihnen noch weitere Vorteile winken. Auf Wiedersehen, Madame, vielleicht ehe Sie es denken.« Er erhob sich und führte die Dame bis an die Tür zurück, die sich hinter ihr schloß. »Bei meinem Eide,« sagte er, »ein entzückendes Weib. Sie wird uns treffliche Dienste leisten. – Doch lassen Sie uns eilen, die Zeit ist vorgeschritten. Ich sehe, die nächsten für London bestimmten Personen gehören den unteren Klassen an?« »Man hat um Persönlichkeiten geschrieben, die, weniger Führer und Wissende, an denen es in London nicht fehlt, als geeignet erscheinen, kameradschaftlich unter den Arbeitern und dem Volk zu wirken. Die beiden, die wir gewählt haben, sind zuverlässig; der eine finster, brütend, jedes Entschlusses und jedes Opfers fähig, ohne Familienbande und nur für den Umsturz tätig; der zweite ein Kind der Revolution, begeistert, einer jener Pariser Arbeiter, die durch Berangers Lieder entflammt worden sind.« Ein Zeichen befahl den Eintritt; aus der vierten Tür erschienen zwei Männer, sehr verschieden im Äußeren. Der jüngere mochte etwa 23 Jahre zählen, ein echtes Pariser Kind. Ein freies, männliches Gesicht, von starkem Bart umschattet, ein hitzig blickendes Auge, die kräftige und doch gelenke Gestalt mit den ausgearbeiteten Händen, bekleidet mit der reinlichen Bluse, machte ihn zum Vorbild eines lebensfrischen Mitgliedes der arbeitenden Klasse. Ganz im Gegensatz zu ihm stand sein Begleiter, anscheinend fünf bis sechs Jahre älter, nicht groß und dennoch von gebückter Haltung; das straff anliegende schwarze Haar hing fast bis zu den buschigen Augenbrauen herab, unter denen tiefliegende, unheimliche Augen funkelten; im gelblichen Italienergesicht um den kleingekniffenen Mund lagen Züge unbeugsamer Entschlossenheit. »Sie gehen nach London und Manchester,« redete der Oberste die beiden an, »und werden dort der großen und heiligen Sache der freien Arbeiterverbrüderung wichtige Dienste leisten. Ich brauche Sie nicht an das Joch der Tyrannei erinnern, denn Sie fühlten es selber an jedem Tage, an dem Ihre Mühen und Ihr Fleiß die Geldkisten Ihres Fabrikherrn füllten. Werben Sie unter Ihren Brüdern in England und bereiten Sie sie vor, denn ich sage Ihnen, der Anbruch des Tages ist nahe, an dem die Flamme der Völkerfreiheit über Berg und Tal, über See und Land leuchten und zum großen Kampfe rufen wird für die ewige Gleichheit!« Die warmen Worte verfehlten ihren Eindruck nicht; der junge Mann hob begeistert die Hand in die Höhe wie zum Schwur, der Italiener ballte die Faust; zwischen den zusammengebissenen Zähnen zischte die Drohung: »Tod den Tyrannen!« »Diese Papiere werden Ihnen sagen,« fuhr der Oberste fort, »an wen Sie sich in London zu wenden, und wie Sie Anweisungen zu erhalten und auszuführen haben. Im Namen der Freiheit und Gleichheit weihe ich Sie zu dem großen Werke des Bundes! – Gehen Sie!« Die beiden wandten sich zur Tür, an der der Jüngere einen Augenblick zauderte; dann kehrte er rasch um und trat entschlossen nochmals an den Tisch. »Morbleu, meine unbekannten Herren – es drückt mir da etwas das Herz, und das möchte ich gern los sein, ehe ich die befohlene Reise zu den Beefsteaks antrete. – Mein Alter hätte das Geld sparen können, das er in meiner Jugend darauf verwendet hat, mich in einer englischen Maschinenwerkstätte in die Lehre zu geben; dann hätte doch meine Schwester jetzt einen Notpfennig. Ich kann das arme Mädchen wahrhaftig nicht so zurücklassen ohne Schutz und Hilfe; hm – das Grisettenblut in ihren Adern ist gar zu leicht und die Verlockung oft groß genug.« »Sie werden vor Ihrer Abreise einen Vorschuß von zweihundert Franken erhalten, den Sie von Ihrem guten Verdienst in England abtragen können,« sagte der Oberste. »Ihre Schwester wird im Auge behalten werden; gehen Sie unbesorgt.« Der junge Arbeiter verneigte sich dankend, warf noch einen neugierigen Blick rings umher und folgte seinem Gefährten. »Ich glaube, der Vorstand der Abteilung England,« sagte der Oberste, »hat da keine besondere Wahl getroffen. Der Mann gehört auf die Barrikade, nicht in die Werkstätten.« »Er ist ein trefflicher und für seinen Stand schwungvoller Redner,« wandte der Getadelte ein, »und wir finden wenig französische Arbeiter, die der englischen Sprache so mächtig sind. Überdies ist sein Begleiter der Mann, der seine Fähigkeiten auf den bestimmten Punkt fesseln wird.« »Sie mögen recht haben; der zweite scheint ein Mann, der, was er erfaßt, nie aus den Augen verlieren wird. Ich kann den Namen nicht deutlich lesen – der Mann heißt?« »Pianori. Er focht in Rom, brachte uns die letzten Depeschen von Turin und hält sich seitdem heimlich hier auf.« »Lassen Sie den Letzten für heute erscheinen.« Die fünfte Tür öffnete sich, und ein Mann in mittleren Jahren, von einer gewissen Wohlbeleibtheit, trat unter Verbeugungen ein. Der Schnitt des Gesichts verriet die orientalische Abstammung, vielleicht aus dem zweiten Grad; die schmal zulaufende hohe Stirn den geübten Rechner und Zahlenmenschen, die rastlos sich bewegenden Finger und die kurz und scharf umherblickenden Augen zeigten den tätigen Geschäftsmann. Ohne die Anrede abzuwarten, begann er zu sprechen. »Im Begriff, nach Wien abzureisen, erhielt ich die Ladung des Rates und beeilte mich, dem Befehle nachzukommen. Darf ich wissen, welche Angelegenheiten meine Dienste erheischen?« Der Oberste nahm ein kleines Buch in rotem Saffian aus der Hand des Sekretärs und durchblätterte es schweigend; dann fragte er: »Haben Sie zufällig unsere Rechnung zur Hand, Herr Baron?« »Gewiß, ich steckte sie zu mir. Der letzte Abschluß vom vorigen Monat ist, wie ich ersehe, 75 000 Franken zu meinen Gunsten. Man hatte in dem Monat stark gezogen.« »Ganz recht, mein Herr; indes, die anvertrauten Fonds ergeben eine Summe von 863 000 Franken – so viel ich weiß, in Métalliques und Bankaktien?« Der Geldmann warf einen schnellen Blick auf den Redner. »So ist es, ich machte auch nur die Bemerkung in Beziehung auf die laufende Rechnung.« »Das vermutete ich. – Doch, mein Herr, der Bund braucht in diesem Augenblick bedeutende Mittel, und ich wollte Sie ersuchen, die Werte bis auf 800 000 Franken auf morgen mittag zwölf Uhr für uns bereit zu halten. Wir brauchen gerade österreichische Papiere und werden sie auf die gewöhnliche Weise in Empfang nehmen lassen.« Der Bankier erbleichte leicht, faßte sich aber rasch. »Sie werden zu Ihrer Verfügung sein.« Ein scharfer Blick sprühte aus der verhüllenden Maske. »Ist das auch gewiß, Herr Baron? Werden wir die Métalliques vorfinden?« Das Gesicht des Gefragten überzog sich mit fahler Blässe; dennoch entgegnete er mit fester Stirn: »Ich werde die Ehre haben, Ihnen meine Kasse zu öffnen; das Geld befindet sich darin.« Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als der Vorhang hinter der Tafel auseinanderrauschte und in einer dunkel behangenen, weiten Nische zwei Männer sichtbar wurden, die die gleiche verhüllende Maske trugen wie ihr Gefährte. Der eine war groß, breitschultrig, der andere klein, offenbar schwächlich und verwachsen. Alle Mitglieder der Tafel standen auf – der Geldmann trat unwillkürlich einen Schritt zurück und senkte den Kopf. »Einen Augenblick,« sagte die dröhnende Stimme des Größeren der neuen Zeugen, »ich möchte Sie fragen, Gehorchender, ob dieser Auszug über den gegenwärtigen Bestand Ihrer Kasse richtig ist? Danach ist der Bestand an Aktien der österreichischen Bank nur 2000 Gulden, bar vielleicht 40 000 Franken, die in diesem Augenblick wahrscheinlich in Wechseln in Ihrer Tasche oder in Ihrem Koffer sind; aber von den Ihnen anvertrauten Métalliques gibt es in Ihrer Kasse keine Spur.« Der Baron stand starr. »Ich hatte Forderungen zu decken,« stammelte er endlich, »das Geld ist nicht verloren – ich habe Geschäfte – gönnen Sie mir nur Zeit.« Der Große lachte verächtlich. »Armer Narr, wenn wir das nicht wüßten, lebten Sie nicht mehr, um hier von Ihrem Verhalten Rechenschaft zu geben. Merken Sie sich die Lehre; der nächste Bruch des Vertrauens wird mit Ihrem Herzblut gesühnt. Hätten Sie uns Ihre Absicht, Gelder auf die Eskomptebank zu wagen, mitgeteilt, so würden wir dem gar nicht widersprochen haben, und Sie hätten nicht auf eigene Rechnung sieben Prozent an dem Verkauf der Papiere verloren. So wie es ist, tragen Sie den Schaden. – Sie werden nach Wien reisen und das Eskomptegeschäft in Ordnung bringen. Je mehr Anteile Sie erwerben, desto besser. Es ist nötig, daß wir die Mehrheit der Stimmen benutzen. Doch haben wir noch ein anderes und besseres Geschäft für Sie. Dies Schriftstück, werden Sie, nachdem Sie es sich zu eigen gemacht, an Herrn von Bach in Wien übergeben und ihm Vortrag darüber halten. Es betrifft den Vorschlag zum Ankauf der österreichischen Staatsbahnen für Rechnung einer zu bildenden Gesellschaft. In dieser Tasche finden Sie zwei Millionen Gulden in Wechseln auf Sina und Eskeles; fünfzigtausend davon werden Sie nötigenfalls für die Beamten verwenden, von deren Empfehlung das Geschäft abhängt; den Rest stellen Sie dem Ministerpräsidenten sofort zur Verfügung als Anzahlung auf den Kauf. Die weiteren Auseinandersetzungen finden Sie in den Papieren.« Der Baron ergriff erfreut die Brieftasche, prüfte aber sorgfältig die darin enthaltenen Anweisungen. Dann steckte er alles zu sich und versicherte hoch und teuer, daß man volles Vertrauen in ihn setzen könne. »Sie werden selber am besten dabei fahren,« sagte der Oberste. »Denn ich schwöre Ihnen, Ihr Leben ist keinen Schuß Pulver mehr wert, wenn Sie im geringsten nochmals von der Ihnen vorgezeichneten Bahn abweichen. Jetzt, Herr Baron, reisen Sie mit Gott und – gedenken Sie Ihres Auftrages zu jeder Zeit und an jedem Orte!« Der Agent verneigte sich und verließ das Gemach. »Jetzt, meine Brüder,« nahm der zuerst Eingetretene der drei das Wort, »ist unser Geschäft für heute beendet. Sie werden die nötigen Anstalten treffen, daß unsere Sendlinge genügend überwacht und geleitet werden. Seien Sie tätig in sämtlichen Abteilungen; Sie wissen, wie wichtig die Gegenwart ist. Die Monarchien schwächen sich durch die Opferung ihrer Heere; England wird seine Zuflucht wiederholen müssen, Fremdenlegionen in allen ihm zugänglichen Staaten zu bilden, deren Kern unsere Gehorchenden sein werden. Ist der Zeitpunkt der Erschöpfung gekommen, haben wir die Kämpfe zu dem Ende geleitet, das wir wollen, dann ist es Zeit, den Boden zu bestimmen, auf dem unsere Siege erfochten werden müssen – und dieser Boden wird zwei Weltteile umfassen. Wann die höchste Gewalt im einzelnen oder insgesamt ihren Sitzungen wieder beiwohnen kann, ist unbestimmt; darum leben Sie wohl bis dahin.« Der Verwachsene winkte mit der Hand, einen Augenblick zu warten. Ein leiser, schrillender Ton ließ sich hören, und aus dem Druckapparat eines Telegraphen, der unter einer Scheibe an der Wand der Nische angebracht war, schob sich langsam ein Streifen Papier. Er nahm ihn, las die Zeichenschrift und sagte lachend mit offenbar italienischem Klang: »Graf Walewski hat sich an den Tuilerien beurlaubt und ist zu Mademoiselle Rachel gefahren. Dem Polizeiminister meldet man soeben, daß die Spione am Invaliden-Hotel keine Spur entdecken konnten. Mit dem Abendzug ist ein Kurier von Petersburg für Herrn von Kisselew eingetroffen, Fürst Oczakow. Da haben Sie die neuesten Nachrichten. – Buona notte !« Die Lichter erloschen; im Dunkel hörte man mehrere Türen sich öffnen und schließen. Das erste Blut Herrlich ist der Sonnenaufgang im Golf von Smyrna. Der ›Egytto‹ hatte während der Nacht auf Chios angelegt und neue Passagiere an Bord genommen. Erst als das Tagesgrauen über die fernen Berge Anatoliens herauf dämmerte, erhoben sich die Reisenden vom Verdeck, wo sie ihr Lager gefunden, oder kamen langsam aus den Kajüten und Kabinen zum Vorschein. Glänzend stieg die Sonne über die in den fernen Nebeln noch unsichtbare Königin der Städte Anatoliens empor. Neben Doktor Welland, einem ernsten etwa fünfunddreißigjährigen Mann in einfacher europäischer Kleidung mit grauem, breitrandigem Filzhut breitete ein Türke seinen Teppich aus und kniete mit dem Antlitz gen Mekka nieder, sein Gebet zu verrichten. Was an Moslems auf dem Verdeck war, folgte dem Beispiel; der große Haufe der Griechen und Franken kümmerte sich aber wenig um diese Andacht und unterbrach keinen Augenblick seine Unterhaltung; ja viele der ersteren spuckten verächtlich und mit grimmigen Seitenblicken nach dem Erbfeind ihres Glaubens ins Wasser. Eine Hand legte sich auf die Achsel Wellands; als er sich umwandte, blickte er in ein Gesicht, das ihm wohl bekannt schien; doch ließ die fremdartige Kleidung ihn den anderen nicht gleich erkennen. »Erinnert sich Doktor Welland wirklich nicht mehr des Studiengenossen,« fragte der Grieche, »mit dem er vor Jahren Dieffenbach gehört, oder haben die acht Jahre, die seitdem vergangen, Gregor Caraiskakis völlig aus dem Gedächtnisse der Freunde seiner schönen Jugendtage verdrängt?« Welland faßte die dargebotene Hand. »Verzeihen Sie mir, Caraiskakis, daß ich fünfhundert Meilen von dem Orte, wo wir zusammen gelebt, und in der veränderten Tracht Sie nicht wiedererkannte. Glauben Sie mir, ich habe, während der Dampfer mich an den Küsten Ihrer klassischen Heimat vorübertrug, gar oft Ihrer gedacht, und nur die Kürze unseres Aufenthaltes in Athen verhinderte mich, nach dem lieben Freund alter Zeit zu forschen. – Aber, warum die Wahrheit verhehlen? Gewiß, Sie haben sich sehr verändert, Gregor, und diese Falten, diese Blässe stimmen wenig mit Ihren Jahren und dem kecken Lebensmut, den der Sohn des Helden vom Piräus sonst in jeder Bewegung zeigte.« »Sie haben recht,« entgegnete der junge Mann, »ich fühle es selber. Wie kommen Sie hierher nach der Levante, in die drohenden Gewitter, Sie, den ich in Berlin in der Gewißheit einer baldigen guten Praxis oder einer Anstellung im Staatsdienst zurückließ? – Lassen Sie mich das erst hören.« »Ach,« sagte Welland mit einer abwehrenden Handbewegung, »ich wußte mich selber nicht zu leiten. Etwa zwei Jahre, nachdem Sie, lieber Freund, nach Griechenland zurückgekehrt waren, brach bei uns jener Aufstand aus, den man die Märztage nennt. Sie kennen sie aus den Zeitungen. Ich beteiligte mich daran, nachdem ich mir schon seit einigen Monaten eine kleine Praxis gegründet hatte. Zu der Zeit ging alles drunter und drüber. Meine Familie trennte sich im Zorn von mir; so packte ich mein Bündel und zog nach Frankfurt, wo das deutsche Reichsparlament tagte. Dort blieb ich bis zum Frühjahr 1849, und ein eigentümlicher Zufall, den ich Ihnen wohl später erzähle, führte mich nach der Pfalz und Baden, als Mieroslawski dort seine Lorbeeren zu pflücken gedachte. Mir war manches zuwider; aber anderseits stand doch mancher eherne Mann mit aufrichtiger Gesinnung, mancher Jüngling mit glühender Begeisterung und ehrlichem Herzen unter den Freischaren. Wenn ich auch nicht an ihrer Seite gegen meine Landsleute focht, so widmete ich ihnen doch meine Kunst und wirkte als Arzt. Der Fall von Rastatt trieb mich nach Straßburg, und von da nach Paris. Ich hätte vielleicht wiederkehren können in meine Heimat; gewiß hätte es nur einer Bitte bedurft. Aber teils war ich mit meiner Familie zerfallen, teils fesselten mich viele Freundesbande an Paris. Die Flüchtlingsfürsorge unterstützte mich, und ich gründete mir unter den Verbannten aller Nationen eine Praxis, die mich wenigstens nährte. Aber es fehlte mir die Befriedigung; ich sehnte mich fort in die Ferne, auf ein Feld, wo ich mehr wirken und schaffen konnte. Schon wollte ich nach Algier gehen, als ein Auftrag von Freunden mir einen anderen Weg wies. Ich erhielt Empfehlungen nach Konstantinopel und an Herrn de Latour, den französischen Gesandten, der mir bei den jetzigen Verhältnissen gewiß leicht eine meinen Absichten entsprechende Stellung verschaffen wird. Vorläufig werde ich kurze Zeit in Smyrna bleiben.« »Da ist unser Ziel das gleiche,« sagte freudig Caraiskakis. »Auch ich gehe nach Smyrna; mögen die Heiligen geben, mit gutem Erfolg. Selbst in anderer Beziehung ähnelt sich unser Schicksal – die Familie Caraiskakis ist ausgewiesen vom hellenischen Boden, aus der Heimat, die ihr Vater mit seinem Blut erkauft hat!« »Sie sind verwiesen aus Athen?« fragte erstaunt der Deutsche. »Aber König Otto hat Sie und Ihre Brüder ja selber erziehen lassen als eine Dankespflicht für den Heldentod Ihres Vaters.« »Wir haben auch über den König nicht zu klagen; er ist gut und will das Beste. Aber Sie kennen die Parteiungen nicht, die Griechenland zerreißen und es immer am Emporblühen hindern werden. Nur wenn es galt, das Kreuz gegen unseren alten Erbfeind zu erheben, waren Griechen jedes Stammes einig, und selbst da noch trieben Neid und Ehrgeiz ihr zerstörendes Spiel. Die Verwirrung wird gesteigert durch die Einflüsse der mächtigen Staaten Europas. Wo an anderen Höfen das diplomatische Ränkespiel sein verdecktes Ziel zu erreichen strebt, da tritt bei uns die offene drohende Forderung auf. Das arme Hellas erliegt unter der Last des europäischen Schutzes. Blicken Sie nach Ionien, der freien Republik! Der britische Schutz hat es in Fesseln geschlagen, ärger als Indien. Ich führe Ihnen nur die einzige Tatsache an, daß auf allen sieben Inseln nur eine einzige Druckerei ist, die englische Regierungsdruckerei, und daß kein anderes Blatt als das Regierungsblatt erscheinen darf. Der Gouverneur von Korfu ist mehr Herr in unserem Griechenland als König Otto, und seinem Verlangen und der Forderung des englischen Gesandten verdanke ich die Verweisung vom Festlande, die mich seit zwei Jahren auf den Inseln umhertreibt, weil ich in einigen Aufsätzen der »Elpis« die unterdrückten Brüder auf Korfu in Schutz nahm und die Auflösung des Senats bekrittelte.« »Wenn ich mich recht erinnere,« fragte Welland, »so stammen Sie ja wohl ohnehin von den Inseln?« »Von dem unglücklichen Chios, das, trotz seinem Märtyrertum im Befreiungskriege, der englische Machtspruch unter den Fesseln des Halbmondes ließ. Meine Mutter flüchtete mit uns aus den Mörderhänden des Kupadan Pascha aufs Festland, wo mein Vater schon für das Kreuz kämpfte. Die Sehnsucht nach der Geburtsstätte ließ vor zwei Jahren meine Mutter mich begleiten; ich brachte sie nach Chios zu Verwandten und schweifte seitdem umher, von Insel zu Insel, durch die Klöster des Athos, bis Stambul hinauf und an den Küsten des Pontus. Überall jammerten die Herzen nach Erlösung, ballte sich die Faust in ohnmächtigem Grimm. Überall mein Volk vom Moslem unterdrückt. Glauben Sie mir, Welland, was ich gesehn und erlebt, würde Ihnen das Herz in der Brust umkehren. Nur in Konstantinopel und in den Küstenstädten, wo die europäischen Konsuln residieren und ihre Anwesenheit die Paschas im Zaume hält, haben die griechischen Christen geduldete Rechte; im Innern des Landes herrscht der Jahrhunderte alte Druck noch in seiner vollen Willkür und Barbarei.« »Aber Ihre Geschwister? Sie erzählten mir so oft von ihnen.« »Mein älterer Bruder steht im griechischen Heere an der Grenze; mein jüngster ist in diesem Augenblick in Cettinje und hält die Schluchten der Tschernagora mit dem tapferen Bergvolk gegen Omer Pascha. Beide sind ihrer Väter würdig, und ich nenne sie mit Stolz meine Brüder. Wenn ich sie sehe, werde ich ihnen den Segen ihrer greisen Mutter bringen, denn ich komme von ihrem Sterbebett auf Chios, wo ich sie gestern unter den Platanen begrub, die auf den Trümmern meines väterlichen Hauses wachsen. Möge die blutgetränkte Erde der Heimat ihr leicht sein!« Welland reichte dem trauernden Freunde die Hand. »Und Ihre Schwester?« Des Griechen Augen flammten auf. Über sein bleiches Gesicht flog heftige Erregung; er streckte den Arm aus gegen die Stadt, die aus dem Duft von Licht und Wasser emporschwamm. »Ich gehe sie zu schützen oder – zu richten!« sagte er mit tiefer Stimme und wandte sich ab. Die drängende Menge umgab sie und verhinderte jedes weitere Gespräch. Ismir – wie es die Türken nennen – Smyrna im Munde der Geschichte, das Kind Alexanders des Großen – zehnmal verwüstet von der Hand mächtiger Feinde und zehnmal wieder emporgestiegen aus seinen Trümmern, Smyrna, eine der sieben heiligen Kirchen Kleinasiens, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden an seinem prächtigen drei Meilen breiten Golf. Wie fast alle Uferstädte Griechenlands und Kleinasiens steigt es an der Höhe der Berge terrassenmäßig empor und bietet einen prächtigen Anblick. Rechts am türkischen Kastell vorüber mit seinen schläfrigen Schildwachen und unbehilflichen Geschützen stiegt der Dampfer gegen die Stadt, die, von Bergen umgeben, nur rechts am Ufer hin sich nach der Karawanenstraße öffnet, auf der in langen Reihen die gekoppelten Kamele die köstlichen Früchte und Erzeugnisse des südwestlichen Asiens zum Stapelplatz des levantinischen Handels bringen. Rechts im Vordergrund taucht die neue Kaserne ihre Höfe in das Meer; darüber die Türkenstadt mit ihren Minaretts und Kuppeln, den kleinen Häusern, dem Grün der Büsche und der Bäume, den mäandrischen Windungen der Straßen; höher am Berge Pagus das armenische Viertel, links die Franken- und Griechenstadt mit den Flaggen der Konsulate, den Kaffeehäusern und Warenlagern auf der Marina. Dahinter spülen die Wässer des Golfs zwischen den Bergen eine Bucht tief hinein, deren Ufer von den zierlichen Landhäusern des Dorfes Bournabat besetzt sind. Im Hafen ankern Hunderte von Schiffen aller Nationen. Das Meer ist belebt von den flatternden Wimpeln und Segeln und den Schloten der Dampfer. Auf den Höhen des Golfes lag eine österreichische Brigg vor Anker, der ›Hussar‹; von der Gaffel wehte lustig im Morgenwinde der schwarze Doppeladler im gelben Feld. Bollwerk und Wandtaue waren besetzt von dem Schiffsvolk, das zur Begrüßung des Lloyddampfers die Hüte schwenkte; auf dem Hauptdeck standen die Offiziere um eine gedrungene, markige Gestalt, den Kommandanten Major Schwarz. Kaum daß der ›Egytto‹ in einiger Entfernung von der Stadt Anker geworfen, so hörte man auch auf der Brigg den schrillen Ruf der Bootsmannspfeife, und mit der den Kriegsschiffen eigenen Schnelligkeit hob sich ein Boot vom Schiffsrand und wurde bemannt, um zum Dampfer zu rudern. Noch ehe es jedoch anlangte, umschwärmten zahlreiche Uferbarken das Dampfschiff. Die erste brachte den türkischen Sicherheitsbeamten an Bord, der die Papiere des Schiffes zu prüfen und seine Ankunft aus pestfreien Gegenden festzustellen hatte. Auf seine Erlaubnis erst verschwand die kleine gelbe Flagge vom Mast und das Schiff trat in den freien Verkehr. Während der Beamte noch mit den Papieren beschäftigt war und sein Kawaß in der malerischen weißen Tracht, den Leibbund mit Waffen gespickt, im Boote Wache hielt, daß kein Unberufener die Schiffstreppe besteigen möge, drängten sich die Boote ringsum, und vielfache Nachfragen und Unterhaltungen in allen Sprachen des Südens wechselten hinauf und hinab. Welland saß auf dem Rande des Bugspriets, und seine Blicke schauten mit Neugier auf das malerische Getümmel; in seiner Hand flatterte ein Taschentuch von hellgrüner Seide. Nach wenigen Augenblicken bemerkte Caraiskakis, daß in einem der um das Schiff kreuzenden Boote zwei Männer scharf auf den Deutschen blickten und der eine von ihnen nach wenigen eifrigen Worten ein gleiches Tuch aus der Tasche zog und wehen ließ. Welland erblickte es und gab mit der Hand ein Zeichen, worauf der Nachen mit den Fremden sich an das Schiff drängte und dabei heftig mit dem Boot der Brigg zusammenstieß, das eben heranfuhr. In diesem Augenblick wandte sich Welland um und bemerkte, daß die Augen zweier Männer sein Tun beobachteten. Der eine war ein Grieche, der andere ein Passagier, der schon von Triest aus die Fahrt mitgemacht und sich an ihn zu drängen versucht hatte. Welland aber gefiel des Mannes Wesen nicht, auch machte ihn ein Wort des Kapitäns aufmerksam und hatte ihn gewarnt. So hatte er sich auf den höflichen Verkehr beschränkt und den Fragen auszuweichen verstanden, die der Fremde, seiner Aussprache nach ein Wiener, nach Zweck und Ziel seiner Reise geschickt einzuflechten verstand. Eine leichte Röte überflog Wellands Gesicht, als er sich so beobachtet sah. Seine Aufmerksamkeit wurde aber durch einen Streit unten zwischen den beiden Booten abgezogen. In dem des Kriegsschiffs saß ein junger Schiffsoffizier in der österreichischen Midshipmanuniform; er gebot heftig den beiden Ruderern des anderen Bootes, an der Treppe Raum zu geben. Einer der beiden Insassen jedoch lachte über den herrischen Befehl und hieß in italienischer Sprache, die in den Küstenländern des Orients, selbst bis an die Ufer der Donau hinauf überall gesprochen und verstanden wird, seine Fährleute, ihren Platz zu behaupten. Der Offizier sprang auf und erhob eine neben ihm liegende Speiche zum Schlage. Wie ein Blitz flammte das Auge des Bedrohten, seine Hand fuhr nach der Brusttasche; aber der zweite, besonnenere, der, der das Tuch gezeigt, riß ihn zurück und gab den Ruderern Befehl zum Weichen. »Bist du rasend, Fumagalli?« herrschte er dem Gefährten zu. »Dein Tollkopf wird uns noch verderben.« – Der Offizier bestieg mit dem Worte »Gesindel« die Schiffstreppe, ohne sich um die Zurückgewiesenen zu kümmern, denn eben war das Zeichen gegeben worden, daß die Durchprüfung beendet und das Schiff in freien Verkehr gesetzt worden. Er hörte nicht das » Cospetto , Bursche, wir treffen uns wieder!«, das der Italiener hinter ihm her fluchte. Bald war das Verdeck im Sturm genommen von all den Bootführern, Verkäufern und Agenten, die das Schiff umringt hatten. Während der Offizier von dem Schiffsschreiber ein Briefpaket in Empfang nahm und von dem Wiener angesprochen wurde, hatten die beiden Männer mit den scharfgeschnittenen südlichen Gesichtern, die in dem Kahne mit Welland die Zeichen gewechselt, sich diesem genaht und unterhielten sich an einer weniger beengten Stelle des oberen Verdecks lebhaft mit ihm. Bald schienen die drei sich verständigt zu haben; die Fremden winkten ihre Kahnführer an Bord, und diese brachten das wenige Gepäck des Deutschen in ihr Boot. Jeder hatte genug zu tun, sich in dem Gedränge um seine Habe zu kümmern und die Zudringlichkeiten der Bootsleute abzuwehren, die mit Gewalt sich der Reisenden zu bemächtigen suchten. Bald flogen Boote mit den Reisenden dem Strande zu. Welland trat zu dem Jugendfreund. »Ich habe Leute getroffen, Gregor,« sagte er, »an die ich empfohlen bin und mit denen ich Geschäfte habe. Sagen Sie mir, Freund, wo wir uns heute abend in Smyrna treffen können!« Caraiskakis drückte ihm die Hand. »Hüten Sie sich vor fremden Flüchtlingen,« sagte er eilig und leise. »Es sollen in Smyrna deren jetzt mehr als fünfhundert sich befinden; das niedere Gesindel ist zahllos und macht die Stadt und die Gegend unsicher. Mein Weg führt mich nach dem armenischen Viertel; wenn ich kann, suche ich Sie heute abend bei Sonnenuntergang auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses am Hafen auf, das Ihnen jedes Kind zeigt.« Bald fuhr die Barke der Italiener mit Welland über die im Sonnenschein leuchtende und blitzende Wasserfläche zur Stadt. Ihren Weg kreuzte das Boot der Brigg, in dem der Wiener saß und dem Reisegefährten vertraulich zunickte. Am Kai des österreichischen Generalkonsulates sahen sie es landen. Smyrna, das wie viele andere orientalische Städte aus der Ferne einen prächtigen Eindruck macht, bietet im Innern dem Fremden Schmutz, Fahrlässigkeit und Unordnung. Nur das Frankenviertel mit seinen Konsulaten und den großen europäischen Handelshäusern, deren Durchgänge von der Frankenstraße her sich am Meeresstrande öffnen, ist einigermaßen erträglich. Die Straßen aber auch dieser Gegend sind krumm, eng und ungepflastert, doch Promenaden im Vergleich zu den Gäßchen und Winkeln der Türkenstadt. Keines der Häuser hat mehr als ein Stockwerk außer dem Erdgeschoß und die meisten sind nach orientalischer Art, also eng und unbequem mit flachen Dachterrassen und mauerumgebenen Höfen gebaut. Die Höfe der meisten am Hafen liegenden Häuser laufen bis unmittelbar an das Ufer des Meeres; die einzelnen freien Strecken auf der Marina, die den Spaziergang der Bevölkerung Smyrnas an der See bilden, sind kaum zweihundert Schritt lang. Das englische Café, ein im Viereck in die See hinausgebauter, mit leichtem Geländer umgebener Vorsprung, liegt an der Seite der Marina, des Kais. Welland hatte aus verschiedenen Gründen die Einladung seiner neuen Bekannten nicht angenommen und seine Wohnung bei Madame Giraud aufgeschlagen, der freundlichen Französin, die ein weitbekanntes Kosthaus in der Frankenstadt hielt. Er hatte eben seine Sachen geordnet, als seine beiden neuen Bekannten erschienen und ihm einen dritten vorstellten, den Ungarn Costa, einen Mann von etwa dreißig Jahren, nicht groß, doch schlank gebaut, mit breiten Hüften und festen Muskeln. Sein keck geschnittenes Gesicht, von dunklem Bart umgeben, nahm für ihn ein; Welland fühlte sich von Anfang an mehr zu ihm hingezogen als zu den Italienern. »Sie haben, wie ich von meinen Freunden höre, Briefe für mich von Paris,« sagte der Ungar verbindlich, »ich habe so lange die Nachrichten entbehrt, daß ich voll Erwartung bin. – Wollen Sie sie mir aushändigen?« »Sie werden selber wissen, daß vorher einige Bedingungen zu erfüllen sind,« bemerkte Welland und nahm ein sorgfältig verwahrtes Briefpaket aus seiner Brieftasche. Costa beugte sich zu ihm und flüsterte: »Die Flamme ist die Mutter des Lichts. Die Mariannen beten die Flamme an!« Sie waren zur Seite getreten. »Das sind die Worte des dritten Grades,« sagte Welland, »ich brauche die Losung des vierten.« Costa flüsterte noch leiser als zuvor: »Flamme und Eisen machen Asche und Leichen. Asche und Blut düngen den Boden der Freiheit. Die Joseffiten sind die Blätter des Baumes. – Sind Sie nun befriedigt?« Welland übergab ihm die Briefe. Der Ungar betrachtete ihn dabei, dann zog er ein kleines schwarzes Kreuz von Ebenholz aus der Tasche, das, von eigentümlicher Form, dem Abzeichen des Ordens vom Heiligen Grabe glich und in das fünf breite silberne Stifte eingeschlagen waren. »Sie sehen,« sagte er leise, »daß Sie mir zu gehorchen haben, denn ich setze voraus, daß Ihre Mission mit dem vierten Grad endigt!« Welland verbeugte sich. »Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Signor Costa.« Der Ungar schickte sich an, den Umschlag aufzubrechen. Ehe er dies tat, untersuchte er ihn sorgfältig und betrachtete namentlich aufmerksam das Siegel, das ein Kreuz auf mit schlangenliniengemustertem Grunde zeigte. Seine Augen schienen einen Umstand zu entdecken, der seine Besorgnis erregte. »Auf Ihren Eid als Bundesbruder,« fragte er, »ist das Paket nie aus Ihren Händen gekommen, Signor?« »Ich trug die Briefe stets in meiner Brieftasche und diese in der inneren Seite meines Rockes. Des Nachts verschloß ich sie in einen Kasten und stellte diesen in die Kabine, in der ich schlief.« Costa schüttelte den Kopf. »Das war zu viel Vorsicht, oder zu wenig,« sagte er, »man hätte uns einen mit der österreichischen Polizei vertrauten Mann schicken sollen. – Der Brief ist geöffnet worden.« Er sagte dies mit solcher Bestimmtheit, daß alle erschrocken näher traten. Welland behauptete, es sei nicht möglich; doch der Ungar nahm eine Schere, schnitt rings um das Siegel den Umschlag durch, hob das Siegel in die Höhe und zeigte an seiner Doppellage, daß das Papier mit einer feinen, erwärmten Klinge unter dem Rande aufgetrennt gewesen und später auf gleiche Weise wieder befestigt worden war. Dann sah er rasch die Papiere durch. »Zum Glück«, sagte er, »sind die wichtigeren Stellen in Zeichen geschrieben, deren Lösung wohl dem Entzifferungsamt in Wien arges Kopfzerbrechen machen dürfte, selbst wenn es gelungen wäre, Abschrift zu nehmen. – Haben Sie auf niemanden Verdacht, Signor Wellando? – Wer waren Ihre Mitreisenden?« Welland dachte an den Wiener. »Nur einer könnte es gewesen sein, die anderen waren unbedeutende Menschen. Der Mann versuchte sich auffallend an mich zu drängen, doch wies ich ihn zurück.« »Wo schlief er?« »Jetzt fällt mir auf, daß er, obwohl er auf dem ersten Platz reiste, mehrmals sein Nachtlager auf den breiten Bänken unserer zweiten Kajüte aufschlug, unter dem Vorwand, ihm sei in den engen Kabinen die Hitze unerträglich.« »Verlassen Sie sich darauf, er ist der Spion! – Wo ist er geblieben?« »Er fuhr in einem Boot des österreichischen Kriegsschiffes, das an Bord kam, ans Land.« »Ich sah es am Kai des österreichischen Konsulats landen,« flocht einer der Italiener ein. »Ich beobachtete es genau, denn ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit dem Laffen, der es befehligte.« »Sie werden uns sicher noch Unannehmlichkeiten mit Ihrer Hitze bereiten, Fumagalli,« sagte Costa streng. »Wir sind zwar augenblicklich die Herren in Smyrna, und das Ansehen des Paschas ist gleich Null, aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. – Signor Wellando, Sie werden in zwei oder drei Tagen mit mir nach Konstantinopel gehen müssen; unsere Gegner sind tätig, und wir dürfen ihnen keinen Vorsprung lassen. Sie, Fumagalli und Bassitsch, berufen die Ungarn und Italiener auf morgen abend nach dem Tempel des Jupiter, denn für heute bleibt uns keine Zeit. Eine Stunde vor Sonnenuntergang! – Und nun, Signor, ruhen Sie sich aus und schauen Sie sich diese sogenannte Königin Anatoliens an, Sie werden finden, daß sie einer Reinigung sehr bedarf.« Costa schied; seine Freunde folgten ihm, nachdem sie dem Deutschen versprochen, ihn am Abend zu einem Gange abzuholen. Vor dem Essen nahm er ein türkisches Bad. Das ist einer der Genüsse, die die Abendländer leider nicht kennen – es ist eine Wollust des Körpers, aus der man wie neugeboren hervorgeht. Stundenlang kann man sich unter der knetenden, streckenden, drückenden Hand des Badedieners einem behaglichen Gefühl überlassen, gegen das das dolce far niente des Italieners nur ein Schatten ist. Am Tisch, der bei Madame Giraud vortrefflich war, waren Gäste aller Zungen. Man sprach und erzählte von den Verwickelungen in Konstantinopel, von den beginnenden Aushebungen in Syrien und Ägypten und der großen Unsicherheit der Gegend, ja der Stadt selber, die Jan Katarchi, der Kameltreiber, mit seiner Bande in Schrecken zu setzen begann. Welland vernahm mit Erstaunen, daß eine Stadt von 150 000 Einwohnern von einem Räuber in Angst gehalten wurde, der kaum fünfzehn Mann zu Gebote hatte. Damals war eine merkwürdige Zeit in Smyrna. Die Flüchtlinge aus Ungarn, Italien und Frankreich hatten sich in Massen an dieser Stätte ungesitteter Freiheit und Nachlässigkeit gesammelt; es mochten ihrer wohl an sechshundert sein. Dazu kam das Gesindel, das von dem griechischen Festland, den Inseln, dem jonischen Staat und namentlich von Malta und Ägypten her sich zusammenfand. Räuber und Mörder, denen der Galgen auf der Stirn geschrieben stand, Männer, die bei dem geringsten Streite Menschenblut wie Wasser vergossen, füllten die Gassen und die Kaffeehäuser der Stadt. Verworfene, namentlich Malteser, diese Pest des Orients unter englischem Schutz, sprachen jeder Ordnung, jedem Gesetz Hohn. Längst hatten der Pascha und die türkischen Behörden die Bemühungen um eine gewisse Sicherheit aufgegeben. Den Mörder, den Räuber – und deren ergriffen die Kawassen des Paschas täglich bei offener Tat in den Straßen der Stadt – verlangte sofort der englische Vizekonsul zurück und ließ ihn nach kurzer Haft wieder auf die menschliche Gesellschaft los. Um diesem die Krone aufzusetzen, streiften die freien Räuber rings um die Stadt und plünderten die Karawanen und Reisenden. Es war allgemein bekannt, daß Jan Katarchi, der berüchtigste und kühnste unter diesen Bandenführern, fast täglich frank und frei in den Straßen Smyrnas verkehrte; jeder Grieche war ihm Spion und Freund, da er kühn erklärt hatte, nur gegen die Feinde des Kreuzes, gegen die Moslems, die Engländer und Franzosen seinen Säbel erhoben zu haben. Obwohl eine Menge Freiwillige ihm zuströmte, vermied er doch, die Zahl seiner Bande zu vermehren. Selbst in der Stadt hatte Katarchi schon wohlhabende oder angesehene Personen aus der Mitte ihrer Familie aufgehoben, in die Berge geschleppt und schweres Lösegeld für sie erpreßt; oder er sandte ihre Ohren oder gar die Köpfe, zum Hohn für den Pascha, in die Stadt zurück. Bei Sonnenuntergang traf Welland auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses den Freund seiner Jugend. Beide setzten sich unter das Zeltdach an das äußerste Ende der niedrigen Brüstung, die in die plätschernden Wellen des Golfes taucht. »Sie haben nicht alles so gefunden, wie Sie gewünscht, lieber Freund,« sagte Welland. »Sie haben Schmerz und Kummer – wollen oder können Sie mir dessen Ursache mitteilen?« Gregor Caraiskakis strich mit der Hand über die Stirn. »Sie sollen erfahren, was mich hierher nach Smyrna trieb. Sie wissen bereits aus meinen Erzählungen von der Heimat, daß meine Schwester und mein jüngerer Bruder aus einer zweiten Ehe stammen, die meine Mutter sechs Jahre nach dem Tode meines Vaters mit seinem früheren Waffengefährten schloß. Er war ein gerechter Mann, der an uns beiden Älteren, die wir zu Athen auf Kosten des Staates erzogen wurden, wie ein Freund handelte und bei seinem Tode sein Erbe gleichmäßig unter uns vier teilte. Meine Schwester Diona, jetzt ein Mädchen von achtzehn Jahren, kam, als man mich aus Athen verbannte und meine Mutter nach Chios zog, von dort aus zu armenischen Verwandten ihres Vaters nach Smyrna. Wir Brüder liebten das Mädchen innig; es war, als ich es das letze Mal sah, zu einer wundervollen Schönheit herangewachsen, wie sie nur dieser milde Himmel schafft. Eine Botschaft der erkrankten Mutter rief mich an ihr Sterbebett, und dort vermißte ich mit Staunen die Schwester – sie war von Smyrna nicht zurückgekehrt. Ihre Briefe – sie hatte eine gute Erziehung genossen, was wenigen von unsern Mädchen zuteil wird – brauchten offenbar leere Vorwände zur Verlängerung ihres Aufenthaltes und verbargen sichtlich vieles. Ich konnte die Mutter nicht verlassen; in wenigen Tagen ging es zu Ende. An ihrem Todestage erhielt ich einen Brief von Diona, in dem sie verworren und schmerzlich aufgeregt von uns allen leidenschaftlich Abschied nahm. Ich ahnte Böses – als das Grab sich über der Mutter geschlossen, eilte ich nach Kastron und traf am andern Abend Ihr Schiff.« »Und hier?« »Hier fand ich Diona verloren! – Freund, Sie wissen nicht, was unter diesem warmen Himmel, der das Blut heiß durch die Adern treibt, ein Fehltritt des unbewachten Mädchens für Folgen nach sich zieht! – Bei uns besteht noch die Sitte der Väter, die die Jungfrau rein und unbescholten in das Haus des Gatten führt, und nicht jene Nachsicht und Vergebung, die in Ihrem nüchternen Norden gegen die Sünde des warmen Blutes geübt wird. Die Reinheit unserer Töchter und Schwestern ist ein Ehrenpunkt; das gefallene Mädchen wird verflucht von der Familie, wenn sie nicht die Pistole oder der Dolch in rascher Tat straft. – Ja, die Schwester des Gregor Caraiskakis ist die Geliebte eines Engländers geworden!« Er schlug die Hände vor das Gesicht. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, noch ehe Welland ihm zu antworten vermochte. »Caraiskakis?« fragte eine tiefe Stimme in italienischer Sprache. »Wer spricht hier von Gregor Caraiskakis?« Die Freunde blickten erstaunt auf. Ein Mann von gedrungenem, kräftigen Bau, in fränkischer Kleidung, die ihm offenbar ungewohnt und unbequem war, stand hinter ihnen und mußte während der Erzählung an einem Tisch in der Nähe Platz genommen haben. Das orientalische Gesicht, von der Sonne tief gebräunt, wurde von einem ergrauenden Bart umschattet; der Mann mochte ungefähr fünfzig Jahre zählen. Ein Zug kühner Entschlossenheit und eiserner Willenskraft preßte seinen Mund zusammen; dunkle, rastlose Augen glühten mit vom Alter ungeschwächten Feuer unter den dicken Brauen. Seine Hand spielte an der Stelle des Gürtels, gleich als sei sie gewohnt, dort den Pistolenknauf oder den Handschar zu finden. »Was wünschen Sie von uns, mein Herr?« fragte Welland. »Verzeihen Sie, Signor,« sagte der Fremde, »dieser Herr nannte, wenn ich recht gehört, soeben einen Namen, den ich lange nicht vernommen habe, der mir aber lieb und wert ist. Ist ein Gregor Caraiskakis noch unter den Lebenden, und kennen Sie das Kind?« »Das Kind,« sagte der Deutsche lächelnd, »freilich nicht. Aber den Mann kenne ich, der aus dem Kinde geworden, und Sie auch. Dort sitzt er, mein Freund Gregor Caraiskakis.« Der Fremde stürzte auf den jungen Griechen zu und faßte seine beiden Hände. »Sie sind Gregor Caraiskakis?« fragte er. »Der Sohn von Michael Caraiskakis und Anastasia Maliolis, in Chios geboren?« »Ja!« »Wo hatte ich mein Gedächtnis!« sagte der Mann. »Das ist ja sein Gesicht, das sind ihre Augen! – Herr,« fuhr er fort, »halten Sie mich nicht für närrisch oder aufdringlich, daß ich mich freue wie ein Knabe, einen Ihres Geschlechts wiederzusehen. Wenn Sie wüßten, wie sehr dies Herz noch an ihm hängt, wenn Sie erfahren, wie nahe ich ihm gestanden – sprechen Sie, Signor, ist Ihnen dies Gesicht denn ganz unbekannt geworden, haben Sie keine Erinnerung mehr für –? – Doch nein!« Er blickte sich um auf der Terrasse, die sich mit Spaziergängern zu füllen begann und auf der Costa mit mehreren Begleitern sich den Freunden nahte. »Jetzt nicht, hier nicht – diese Menge ist nichts für mich. – Leben Sie wohl, Signor, Sie werden von mir hören!« Damit wandte er sich ohne Gruß und ging langsam, wie absichtslos sein Gesicht mit dem Taschentuche verbergend, durch die Reihen der Gäste. Unter den zahllosen Barken am Ufer wurde eine von zwei Ruderern freigemacht, als hätte sie auf ihn gewartet. Der Fremde stieß einen riesigen Mann in niederer griechischer Tracht zur Seite, der am Ufer lungernd ihm den Weg versperrte, und stieg in den Nachen, der sofort sich in Bewegung setzte und davonfuhr. Der Zurückgedrängte sah ihm aufmerksam nach und sprach bald darauf mit einigen Männern in seiner Nähe, indem er auf den Kahn deutete. Caraiskakis schien diesen Menschen zu kennen, denn während Costa den Arzt ansprach und ihm mehrere Begleiter vorstellte, ging er zu dem Griechen. »Andrea,« sagte er, »kanntet Ihr den Mann, der eben in jenem Boote davonfuhr?« »Exzellenza werden das selber am besten wissen,« entgegnete ausweichend der Angeredete, der Wirt eines griechischen Speisehauses, in dem Caraiskakis wohnte. »Ich bin ein armer Mann und lebe und lasse leben. Exzellenza haben ja selber mit ihm geredet und in Smyrna muß jetzt keiner die Augen da offen haben, wo er sie besser schließen sollte. Messerstiche sind eine billige Ware in dieser Stadt. Doch Exzellenza wollen mir eine Gegenfrage erlauben: Wer ist der Herr mit dem dunklen, kurzen Rock und dem breiten Strohhut, der eben mit Ihrem Freunde spricht, mit dem sich Exzellenza so lange unterhalten haben?« »Ihr scheint ja genau hier aufzupassen, Andrea,« sagte Caraiskakis. »Wenn ich recht gehört im Fortgehen, nannte ihn mein Freund Signor Costa. Kennt Ihr, der halb Smyrna kennt, denn diesen Herrn nicht?« »Bitte um Verzeihung, Exzellenza,« entgegnete unterwürfig der Wirt, »aber ich war meiner Sache nicht ganz gewiß. Doch kann ich Ihnen gute Nachricht in Ihrer Angelegenheit zu heute abend bringen; einer meiner Freunde ist der Sache auf der Spur.« »Ich danke Euch. – Ihr wißt, es wird Euer Schaden nicht sein. In einer Stunde bin ich bei Euch.« Damit kehrte der Grieche zu seinem Freunde zurück; an Andrea, dem Speisewirt, aber streiften in der rasch auf den Sonnenuntergang folgenden Dämmerung zwei Gestalten vorüber, deren eine Wellands scharfes Auge, wenn er sie beobachtet hätte, leicht als seinen Wiener Reisegefährten erkannt haben würde. Der zweite, mit einem österreichischen Orden im Knopfloch, winkte den Wirt nach einem der Durchgänge und fragte: »Habt Ihr das Wild gefunden?« »Ja, Exzellenza!« »So sorgt dafür – tot oder lebendig; Ihr kennt den Preis.« »Ihr werdet zufrieden sein, Signor Cancellario; wenn nicht heute abend, so doch sicher bis morgen um diese Zeit, und sollte ich ihn aus seinem Bett holen.« »Auch den andern vergeßt nicht!« fügte der Wiener hinzu. »Es geht in einem hin und er wird uns notwendig sein. Doch bleibt der erste die Hauptsache. Lebendig womöglich – ich lege hundert Piaster zu.« »Verlaßt Euch auf mich, Exzellenza!« Beide betraten das Kaffeehaus. Caraiskakis war unterdes zu Welland gekommen, der sich mit dem Kreis um ihn her unterhielt. »Ich muß Sie verlassen, lieber Freund,« sagte er. »Ich habe Ihnen zwar noch viel zu erzählen und Ihren Rat, vielleicht auch Ihren Beistand zu erbitten, doch sind mir eben Nachrichten versprochen, die ich nicht versäumen darf. Wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie morgen zu einem Gang nach dem Bazar ab. – Noch eins. Eben erkundigte sich ein Mann, der auch Ihnen vorhin am Ufer auffiel, bei mir nach Ihnen und Ihren Freunden. Er ist mein Wirt gegenwärtig, ein berüchtigter Kerl in Smyrna, und ein verworfener Mensch. Aber ich brauche ihn und habe deshalb sein Haus vorgezogen. Doch wollte ich Sie warnen; der Schurke fragt nie ohne Absicht.« Welland zuckte die Achseln. »Ich bin noch so ganz unbekannt und deshalb wohl ungefährdet. Ich verlasse mich darauf. Sie kommen morgen, gebe Gott, mit erleichtertem Herzen.« Er drückte ihm die Hand und kehrte zu dem Kreise zurück; Caraiskakis wandte sich nach dem griechischen Viertel. * Es war bereits gegen Mittag. Die Stunde der Siesta nahte, als Caraiskakis den Freund abholte und mit ihm durch die Windungen der Straßen hinauf zum Bazar stieg, in dessen weiten Kreuzgängen sich alle Schätze des Morgenlandes und Abendlandes vereinen. Züge von Kamelen begegneten ihnen, Menschen aller Zonen und Farben drängten sich nach dem Weltmarkt. Nach und nach wurden wegen der Mittagshitze die Gänge leer. Welland kaufte einige Gegenstände. Schon während des Handels war es dem Deutschen aufgefallen, daß ein Knabe in zerlumpter türkischer Kleidung sie unablässig verfolgte. Als sie durch die leeren Gänge zurückkehrten, trat ihnen der Bursche an einer Biegung nochmals entgegen. Welland glaubte, es sei ihm um den Bakschisch, das Trinkgeld, zu tun, und reichte ihm einige Paras; doch der Knabe schüttelte den Kopf und zeigte ihm ein Stück schmutziges Papier, auf dem in griechischer, doch kaum leserlicher Schrift der Name »Caraiskakis« geschrieben stand. »Aha, wohl von Ihrem geheimnisvollen Freund,« meinte der Arzt und wies den Boten an seinen Gefährten. Gregor, den ganzen Morgen über zerstreut und noch düsterer als am Tage vorher, fragte ihn kurz nach seinem Begehr. »Ich soll Euch bitten, Effendi,« sagte der Junge, »Ihr möchtet heute mit Eurem Freunde die Marina, den Kai, meiden und um Sonnenuntergang an der Karawanenbrücke sein; dort wird jemand Euch erwarten.« »Torheit,« entgegnete der Grieche, »meine Zeit ist gemessen und ich kann unbekannten Botschaften keine Folge leisten. – Nach der Marina gehen wir eben.« »Sie sollten die Botschaft doch nicht so leicht nehmen,« sagte Welland, »vielleicht betrifft sie einen Gegenstand, der Ihnen gerade von Wichtigkeit ist.« »Das ist nur einer – und von dem kann jener Mann nichts wissen. – Ich bitte Sie, hören Sie mich weiter; denn ich muß meine Geschichte von gestern vollenden und Ihre Ansicht hören, um so mehr, als Sie morgen schon Smyrna und mich wieder verlassen wollen.« Er legte seinen Arm in den des Freundes, und beide gingen an das Ufer, wo sie, vom Seewind gekühlt, auf der kurzen Strecke umherwandelten. Costa begegnete ihnen, nickte aber nur, da er sie im eifrigen Gespräch sah, dem Deutschen zu, und setzte sich in ein entfernteres Kaffeehaus am Ufer, eine Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu schlürfen. »Ich habe Ihnen gesagt,« erzählte der Grieche, »wie meine Schwester Diona hierher gekommen ist und welches Unglück uns betroffen hat. Als ich gestern zu meinen armenischen Verwandten kam, bei denen sie sich aufgehalten, fand ich sie dort nicht mehr vor. Die Familie war bestürzt über meine Ankunft und wollte offenbar nicht mit der Sprache heraus. Erst durch Bitten und Drohen erfuhr ich, daß meine Schwester vor etwa drei Monaten die Bekanntschaft eines Engländers gemacht und daß sich das Verhältnis heimlich weitergesponnen, bis die Familie dahinter gekommen wäre und Diona strenger bewacht gehalten habe. Vor einer Woche sei sie verschwunden und mit ihr zugleich der Brite. Ich kenne Smyrna und weiß, daß hier für Geld alles zu erlangen ist. Nach kurzem Besinnen nahm ich meine Wohnung bei dem Speisewirt Andrea, einem berüchtigten Schurken, der die meisten Verbrecher hier in der Hand hat – bei Gott,« unterbrach er sich, »da geht der Bursche eben wieder, bis an die Zähne bewaffnet, mit einigen seines Gelichters umher! – Ich nahm also bei ihm meine Wohnung und schickte sein Weib auf Kundschaft aus. Bald wußte ich alles! Meine Verwandten hatten, durch das Gold des Briten geblendet, die Bekanntschaft des Mädchens mit diesem begünstigt; ja, er kam täglich in ihr Haus und Dionas Ruf war vernichtet, wahrscheinlich eher, als sie es wirklich verdient hatte. Erst als sie von meiner Ankunft aus Chios Nachricht erhielten, fanden sie es für gut, Diona einzusperren. Es war zu spät; in einer Nacht waren beide, das Mädchen und ihr Liebhaber, entflohen; meine Kundschafterin beteuert, daß die Kuppler selber keine Ahnung hätten, wohin. Den Verführer hat man noch vor drei Tagen hier gesehen; das Paar mußte also noch in der Nähe sein. Der Schurke Andrea führte mir gestern abend den Mann zu, der das Paar über den Golf nach Bournabat geführt hatte. Dort bewohnen sie ein wohlverwahrtes Landhaus, das dem englischen Vizekonsul gehörte, einem Mann von schlimmstem Ruf, dem für Geld alles feil ist, und der für blankes Gold schon die ärgsten Schurken vom Galgen gerettet hat.« »Und haben Sie seit gestern abend Schritte getan?« »Heute morgen führte mich der gleiche Fährmann hinüber nach dem Landhaus. – Ich forderte Einlaß; ein englischer Diener weigerte ihn mir unter dem Vorwand, daß es gänzlich unbewohnt sei. Aber dem ist nicht so; zwei Kawassen trieben sich im Hofe umher. Ich eilte zum englischen Generalkonsul; er war wie gewöhnlich wie ein Vieh betrunken; sein Stellvertreter, der Eigentümer jenes Landhauses, der alle Geschäfte und alle Macht in Händen hat, wies mich barsch zurück, wollte von nichts wissen und drohte sogar, mich verhaften zu lassen.« »Was gedenken Sie nun zu tun?« »Was ich tun will?« knirschte der Grieche. »Sehen Sie hin auf das Boot, das, mit Männern besetzt, wie hier Hunderte umherlaufen, eben dem Strande naht, mit Männern, die nicht fragen nach dem Erlaubt oder Gestattet, wenn es eine kühne Tat gilt – mit einem solchen Boot und einem Halbdutzend solcher Burschen will ich morgen bei Nacht landen an der verschlossenen Tür, die die Schande meines Hauses birgt – und dann, bei dem Geist meiner Väter, will ich Gericht halten über die beiden!« »Um Gottes willen, Gregor, tun Sie keinen unsinnigen Schritt, der alles verdirbt und Sie in die größte Gefahr stürzen muß!« sagte Welland. »Gehen Sie zu dem griechischen Konsul; er hat die Pflicht, einzuschreiten. Wenden Sie sich an den türkischen Gouverneur; er muß Ihr Recht schützen.« »Recht in der Türkei?« hohnlachte Caraiskakis. »Wissen Sie nicht, daß ich verbannt bin von den Machthabern in Athen? – Meinen Sie, daß der entnervte Moslem Mädchenraub bestrafen wird an einem seiner hundert Herren, an einem aus dem britischen Volke, das die wahre Seuche des Orients ist durch seinen Übermut und seine Tyrannei, gegen die selbst das türkische Joch milde genannt wird? – An einem Engländer? Nein, ich selber – Gott! Was geht dort vor? – Der Schurke Andrea mordet Ihren Freund!« Geschrei ertönte von der etwas entfernten Stelle des Kais, an der sie den Ungarn verlassen hatten – Menschen drängten hinzu; der Ruf nach Hilfe aus vielen Kehlen übertönte den Lärm. Eine schreckliche Szene hatte sich dort entsponnen. Sie ist historisch geworden in ihren empörenden Einzelheiten. Nächst London war Smyrna damals der offene Mittelpunkt der politischen Werbung. Öffentlich gegründete Ausschüsse verhandelten über die Revolution von Europa, und alles wies darauf hin, daß die Auswanderung sich in Smyrna und im Orient überhaupt einen neuen Haltpunkt zu schaffen suche. In keinem Lande der Welt würden die Flüchtlinge bei einem ruhigen Verhalten weniger gestört worden sein; die lässigen türkischen Behörden kümmerten sich durchaus nicht um ihre Person; der englische und amerikanische Konsul beschützten sie sogar bei jeder Gelegenheit, vorausgesetzt, daß es sich nicht um Revolutionäre gegen sie selber handelte. Der Zusammenhang dieser Stelle mit der Mailänder Februarrevolte war ganz offenkundig, und man sprach – gerade wie im Jahre 1848 von Berlin und Wien – am Tage des Mailänder Ausbruchs schon davon in der kleinasiatischen Handelsstadt. Da nun hauptsächlich diese Umtriebe gegen die österreichische Regierung gerichtet waren, so forderte der kaiserliche Generalkonsul von Wexbecker von dem Generalgouverneur von Smyrna die Ausweisung der ohne Schutz einer Nationalität sich dort aufhaltenden Flüchtlinge, besonders die mehrerer in Österreich schwer belasteter Männer, die hier die Führer bildeten. Zu diesen Führern gehörte Martin Costa, im ungarischen Revolutionskriege Adjutant Kossuths und einer der tätigsten und entschlossensten Offiziere des Aufständischenheeres. Er war nach dem Übertritt Kossuths auf türkisches Gebiet mit diesem in Kiutahia in Schutzhaft genommen, folgte ihm 1851 nach London und ging dann nach Amerika, von wo er zu Anfang des Jahres 1853 unerwartet nach Smyrna zurückkehrte; alsbald stand er an der Spitze der Klubs und Verbindungen. Die österreichische Regierung hatte die sichere Kunde von neuen Bewegungen und, da selbst das Einschreiten des Gesandten bei der Pforte und ein Befehl des Wesirs Ali Pascha den Gouverneur nicht aus seiner Untätigkeit aufzurütteln vermochte, so griff die österreichische Regierung selber ein. Sie befahl ihrem Generalkonsul, auf Grund der ihr zustehenden Rechte die Verhaftung der Flüchtlinge österreichischer Nationalität vorzunehmen und sie an die kaiserlichen Militärbehörden auszuliefern. Wäre dies in der geeigneten amtlichen Weise geschehen, etwa durch die Bemannung der Brigg »Hussar«, oder durch die Kawassen des Konsulats, so wäre der Ausgang offenbar ein ganz anderer gewesen. Die ungeschickte Weise aber, mit der der Kanzler des Generalkonsulats die Sache begann, kehrte die Spitze gegen die Behörde selbst. Der Ungar saß nichts ahnend auf dem fast leeren Kai, als der Kneipenwirt Andrea mit vier bewaffneten Gefährten sich ihm näherte. Zugleich kam ein Boot mit vier berüchtigten Gesellen der gleichen Bande herangefahren, und ein anderes, mit zwei Ruderern bemannt, hielt sich in der Nähe zur Aufnahme des Griechen bereit. Andrea, den breiten Bund mit Pistolen und Dolchen gespickt, schlug von hinten dem Lesenden auf die Schulter und sagte: »Seid Ihr Signor Costa?« Überrascht über die Frechheit sprang der Ungar auf und maß den Wirt mit den Augen. Ehe er aber noch eine Erklärung fordern konnte, stürzten sich die vier auf ihn. Ein wildes Ringen entstand; der Ungar rief: »Verrat!« und so groß war seine Körperkraft, daß er sich aus den Händen der Angreifer löste, zwei von ihnen packte, und kurz entschlossen sich mit ihnen über die Balken des Bollwerks ins Meer stürzte. In diesem Augenblicke eilten Welland und Caraiskakis mit mehreren anderen Personen herbei. Aber auch das Boot der Banditen hatte sich genähert, und von seinem Bord versuchten die Insassen, dem Ungarn, der zum Strande zurückschwamm, eine Schlinge überzuwerfen. Zweimal gelangte Costa an das Bollwerk und klammerte sich daran fest, zweimal zerschnitt ihm der Handschar Andreas die Finger und Arme, daß er blutend zurückfiel, während dessen Genossen mit Messern und Pistolen die andrängenden Menschen zurückhielten. Verzweifelt rang Welland mit einem der Banditen, einem kräftigen Mohren; immer wieder wurde er zurückgestoßen und sein Alarmruf erschallte vergeblich. Unterdes war es den Mördern im Kahne gelungen, dem Unglücklichen die Schleife um den Hals zu werfen; blutend, halb erdrosselt, halb ertrunken schleiften sie ihn an dem Strick durch die Wellen fort. Andrea pfiff dem zweiten Boote, sprang dann auf Welland zu, diesen hineinzuzerren; doch Gregor warf sich schützend vor den Freund und eine kleine Hand – die Hand des Knaben, der vorher die Freunde angesprochen – schlug zugleich die Pistole zur Seite, die der Anführer der Mörderrotte anschlug. »Bei der Gebenedeieten des Himmels!« rief der Knabe. »Andrea, Ihr seid ein toter Mann, wenn Ihr einem der Herren ein Haar krümmt! – Sie stehen unter seinem Schutz!« Er flüsterte dem Banditen einen Namen ins Ohr. Andrea fuhr zurück. »Diavolo!« fluchte er. »Da hätte ich mir eine schöne Geschichte auf den Hals geladen! Geht zum Henker, Signor!« Damit stieß er Welland von sich und sprang in die Barke, die dem ersten Kahne nachfuhr. Einige Pistolenschüsse knallten hinter ihm drein, aber er war schon zu fern. Man sah, wie der Gefangene an Deck der Brigg gebracht wurde. Die Aufregung war groß. Wie ein Mordio ging der Ruf von der Gefangennahme Costas durch die Straßen Smyrnas; von allen Seiten drängte man nach dem Kai. Italienische, ungarische, polnische und deutsche Flüche und Verwünschungen füllten die Luft; um Gregor und Welland, der mit aufregenden Worten den Hergang schilderte, drängte sich die Menge. Selbst Caraiskakis hatte über der empörenden Szene das eigene Leid für den Augenblick vergessen. Bassitsch, der Ungar, sammelte endlich die nächsten Bekannten um sich und wechselte fliegende Worte mit ihnen, die das Ärgste befürchten ließen; Welland drängte sich vor und mahnte und bat, alle übereilten Schritte zu unterlassen und von der Beratung abhängig zu machen, die für die Stunde vor Sonnenuntergang auf dem Pagus angesetzt war. Er erbot sich, als am wenigsten bekannt, nach der Brigg zu fahren und zu versuchen, bis zu Costa zu dringen. Dies beruhigte die Gemüter ein wenig; rasch verbreitete sich unter den Flüchtlingen die Kunde, daß die Versammlung trotz dem Geschehenen stattfinden werde. Während noch die Massen auf dem Kai auf und ab wogten, fuhr Welland, auf sein Bitten von dem Freunde und einem in Smyrna ansässigen deutschen Kaufmann begleitet, hinauf in den Golf, um sich der Brigg zu nähern. Seine Bemühung war jedoch vergeblich. Der Anruf der Deckwache befahl ihnen, sobald man sich auf Kabellänge genähert, beizulegen; als Welland sein Verlangen kund gab, den Gefangenen zu besuchen, erschien der Kommandant der Brigg, Major Schwarz, ein alter, fester Haudegen, und drohte ihnen, beim mindesten weiteren Versuch, sich zu nahen, Feuer auf den Kahn geben zu lassen. Doch war er menschenfreundlich genug, auf ihre Frage mitzuteilen, daß Costa zwar erschöpft und leicht verletzt, doch sonst ungefährdet an Bord gebracht worden sei. Als das Boot zum Kai zurückkam, war die Sonne bereits im Abwärtssteigen und die Stunde der Versammlung in den mächtigen Trümmern des Forts auf dem Berggipfel nahe. »Sie müssen mich dahin begleiten, Gregor,« bat Welland den Griechen, »denn das Ungewitter, das, wie ich glaube, sich dort oben zusammenbrauen wird, könnte leicht auch Ihnen behilflich sein zu Ihrem Zweck. Jedenfalls stehe ich Ihnen dann zu Diensten.« So folgte Caraiskakis dem Freunde und diente ihm, da er hier bekannter war, zum Führer. * Über die türkischen und armenischen Begräbnisplätze, die sich an den Seiten des Berges im Schatten von Zypressen und Platanen emporstrecken, schritten die Freunde hinauf. Zu jeder anderen Zeit würde sich Welland dem Eindruck hingegeben haben, den die Friedhöfe der Moslems machen. Sie sind das Ziel der Spaziergänge von alt und jung, Männern und Frauen am Tage, der Aufenthaltsort, oft die Schlafstätte des Gesindels in der Nacht. Zwischen den schmalen Leichensteinen spielen die Kinder, liegen die Müßiggänger und sitzen klatschend die Weiber. Hin und wieder ragen aus diesen Begräbnisplätzen noch Trümmer der alten hellenischen Mauern hervor. Die beiden eilten vorüber, den riesigen Trümmern zu. Die Mauern schließen einen beträchtlichen Raum ein; in ihrem Mittelpunkt finden sich die Reste einer alten Kirche, nach den Volksüberlieferungen der alten Kirche Smyrnas; desgleichen viele Zisternen, Gewölbe und Gänge, die einen ganzen unterirdischen Bau unter den Trümmern bilden sollen. Eine weite Aussicht bietet sich von diesen Ruinen über Stadt und Meer. Etwas zur Seite, unfern der in die Felsen gegrabenen Stadien stehen noch einige Trümmer des Jupitertempels, und dort versammelten sich die Flüchtlinge zur Beratung. Man hatte mit der Eröffnung auf Welland gewartet; er wurde genötigt, von einem der großen Steinblöcke herab nochmals die Erzählung zu wiederholen, wie Costa verhaftet worden. Welland sah sogleich, daß die Erregung der Menge aufs höchste gestiegen war und daß eine besonnene Vermittlung dringend not tat. Er knüpfte daher an seine Erzählung gleich den Vorschlag, die in der Angelegenheit zu machenden Schritte einem Ausschuß zu übertragen, der von dem österreichischen Konsul die Freigebung Costas verlangen und die Mitwirkung aller anderen Konsuln, namentlich der französischen und englischen, in Anspruch nehmen solle. Doch war das nur ein Tropfen auf den heißen Stein der geweckten Leidenschaften. Fumagalli, mit all dem lodernden Feuer seiner Landsleute, nahm den Platz des bedächtigen Deutschen ein und reizte mit flammenden Worten die Menge zu Taten der Rache. »Wie es Costa ergangen,« rief er, »wird es uns auch gehen; einen nach dem anderen werden die feilen Schergen der Tyrannei hinwegholen, um uns in Ketten in ihre tiefen Kerker auf dem Spielberg und Kufstein zu werfen, wo so viele edle Söhne der Freiheit lebendig vermodern! – Zeigen müssen wir ihnen, daß wir Mann zu Mann stehen. Blut müssen wir haben zur Sühne – mit roten Flammenzeichen wollen wir unser Gericht halten! Brüder, Freunde, edle Männer der Magyaren! Söhne des freien Italien! – Laßt uns hinunterziehen und die steinerne Zwingburg unseres Feindes, des österreichischen Konsuls, mit bewaffneter Faust stürmen. Wenn die Lohe als Warnungszeichen unserer Rache über ihm zusammenschlägt, wenn wir ihn und jedes lebende Wesen aus seinem Hause gefangenhalten und unsere Dolche ihre Brust bedrohen, wird man uns den Verratenen sicherlich ausliefern! – Haben wir ihn erst zurück, dann wehe den Elenden!« Mit wildem Jubel begleitete die Menge die Rede. Wahnwitzige Vorschläge aller Art wurden laut; der Ungar Cricca wollte die am Kastell liegende türkische Fregatte mit Gewalt nehmen und mit ihr den Gefangenen befreien, ein anderer schlug einen Angriff bei Nacht mit Booten vor, ein dritter gar, die Stadt an allen Ecken anzünden. Je abenteuerlicher und entsetzlicher die vorgeschlagene Tat, desto stürmischer war der sinnlose Beifall. Vergebens suchte in diesem Tumult Welland zur Ruhe und Überlegung zu mahnen; verzweifelnd wollte er sich abwenden und den Platz verlassen, als er fühlte, wie ihm im Gedränge ein Zettel in die Hand gedrückt wurde. Rasch wandte er sich um – doch unbekannte, nur mit der aufregenden Versammlung beschäftigte Gesichter zeigten sich ringsumher. Er flüchtete aus dem Gewühl und las den Zettel. Ein Kreuz, ähnlich dem, das Costa ihm gezeigt, war mit Bleistift auf das Papier gezeichnet. Darunter standen die Worte: »Keine Gewalt! Die Zeit ist noch nicht gekommen. Gehen Sie morgen zum amerikanischen Konsul und verlangen Sie seinen Schutz für Costa als amerikanischen Bürger. Die Hilfe wird zur rechten Zeit bereit sein. – Gehorsam!« Welland trafen die Zeilen wie ein Blitzstrahl; freudig, daß sich eine Aussicht zeigte, den Gefangenen zu retten, überrascht, daß auch hier in so weiter Ferne eine unsichtbare geheimnisvolle Macht seine Handlungen zu leiten, alles zu überwachen schien. Er drängte sich zu Fumagalli durch und zog ihn beiseite. »Wenn Sie nicht absichtlich alles verderben und Costas Blut über sich und uns alle bringen wollen, so stehen Sie von diesen wahnwitzigen Handlungen ab!« sagte er zu ihm. »Gehen Sie meinetwegen mit einer Abordnung zu dem österreichischen Konsul und fordern Costas Freilassung, um die aufgeregte Menge zu beschwichtigen – aber keine Gewalttat heute! Sie wissen, daß Costa dem Bunde angehört; im Namen dieses Bundes und als Vorgesetzter befehle ich Ihnen, den morgigen Tag abzuwarten. Bis dahin wird Hilfe zur Stelle sein, die den Ungarn schützen kann, den wir heute nur verderben würden.« Mit Widerstreben versprach der Italiener, die Menge zu beruhigen oder wenigstens so zu leiten, daß es bei den Drohungen bliebe und keine offene Gewalttat die Lage verschlimmere. Von ihm erfuhr Welland auch, daß in der Wohnung Costas sich nur wenige Papiere vorgefunden und diese schon in Sicherheit wären. Ein Paß war nicht darunter gewesen. Fumagalli sprach aufs neue zu dem Kreis der Flüchtlinge; mit Hilfe seiner Vertrauten brachte er die Wahl eines Ausschusses zustande. Welland suchte den Freund auf und fand ihn unter den Trümmern am Rand einer Zisterne sitzen. Die Sonne verschwand eben am Horizont; in der beginnenden Dämmerung hörten sie die wilden Revolutionsgesänge der abziehenden Haufen. Welland mahnte zum Aufbruch, da ihm die Erzählungen von der Unsicherheit der Umgebung einfielen. Aber es schien schon zu spät. Als sie den Ausgang suchten, streckte sich ihnen plötzlich ein Gewehrlauf entgegen und eine barsche Stimme rief sie in griechischer Sprache an. Sie sprangen zurück und griffen nach ihren Terzerolen, doch ein leichtes Lachen ließ sie sich umwenden, und sie erblickten hinter sich, in griechischer Tracht und auf eine lange Flinte gestützt, den Unbekannten, der sich gestern auf der Marina bei Caraiskakis Namen so ergriffen gezeigt hatte. »Ich danke Ihnen, Signori,« sagte der Fremde spöttisch, »daß Sie meiner Einladung Folge leisteten. Freilich etwas spät – doch in diesem Lande kommt alles Gute spät, oft zu spät, meist gar nicht. Wollen Sie mir folgen? Sie sehen, jeder Widerstand ist unnütz, und bei Sankt Procopio, meinem Schutzheiligen, ich wollte mir eher von diesen türkischen Hunden die Augen ausreißen lassen, ehe ich zugebe, daß Ihnen etwas Übles widerfährt.« Welland und der Grieche sahen sich von zehn dunklen Gestalten umringt. Widerstand wäre töricht gewesen, und nach wenigen Worten erklärten sich beide bereit, dem Fremden zu folgen. Der Weg führte sie mitten in die Ruinen der alten Feste, nach kurzem Gang sahen sie aus einem der verfallenen Bogen den Schein eines Feuers leuchten. Sie traten durch die Pforte in einen kleinen Raum, in dessen Mitte ein Feuer brannte, von einem Knaben geschürt, der ein Hammelviertel am Spieß briet. In der Nähe lagen auf Marmorquadern ein Schlauch voll des schwarzen, aromatischen Brussaweins und andere Mundvorräte. Der Fremde schritt auf den Stein zu, nahm einen Maiskuchen, bestreute ihn mit Salz und brach ihn in drei Teile, von denen er einen jedem der Freunde gab. »Nehmt und eßt, der Gast ist dem Wirte heilig.« Gregor und Welland aßen einige Bissen. »Jetzt, Mauro,« sagte der Unbekannte zu dem Knaben, »entferne dich und halte Wache, daß uns niemand stört; ich habe mit diesen Männern zu reden.« Das Kind gehorchte; auf einen Wink des Mannes setzten sich die Freunde auf die Steine nieder und harrten gespannt auf die Entwicklung. Lange saß ihr seltsamer Wirt vor ihnen, die braunen, schwieligen Hände vor dem Gesicht, als hänge er mächtigen Erinnerungen nach. Dann erhob er den Kopf, reichte dem jungen Griechen die Hand und sagte: »Sei mir willkommen, Sohn des Michael Caraiskakis, meines unvergeßlichen Herrn. Sage, ist einem deines Geschlechts der Name und das Antlitz Johannes des Isparoten denn so ganz fremd geworden, daß er ihn nicht mehr wiedererkennt?« »Janos!« rief der Grieche und sprang auf. »Janos, der Mutter und Kind in der Mordnacht aus den Flammen trug? Janos, unser Retter und Freund? – Heilige des Himmels, wo hatte ich meine Augen!« Er umschlang den Hals des Mannes; Freudentränen glänzten in den Augen beider. »Janos! Jawohl!« sagte er. »Und damit Ihr alles wißt – Janos Katarchi, Jan, der Kameltreiber, Jan, der Räuber und Mörder, vor dessen Name die Brut dort unten zittert. Jan Katarchi steht vor dir und heißt Gregor, den Knaben, den er einst auf den Knien trug, willkommen, wenn dieser ihn noch kennen will.« Gregor warf sich noch einmal an die Brust des treuen Dieners seiner Familie. »Sage, Jan, der Palikare, Jan, der Rächer, wie dich jedes wahre griechische Herz dort unten nennt! – Was geht mich dein Name an, dein Tun, oder daß du vogelfrei im Kampf mit den Unterdrückern unseres Volkes bist und an deinen Händen Blut klebt! – Ist es nicht auch das Blut, daß du vor einunddreißig Jahren zu unserer Verteidigung vergossen? Bist du nicht auch der Waffendiener meines Vaters, der mit ihm das Schiff des blutigen Wüterichs gegen die Wolken sprengte, als diese ihre Blitze vergessen hatten gegen die tausendfachen Greuel? – Es ist wahrlich eine Segnung der Heiligen in meinem Kummer, daß ich in diesem Augenblick einen Mann finde, der der Freund meiner Kindheit war, wie ich den Freund meiner Jünglingsjahre wiedergefunden!« Er reichte ihm die Hand, die der Bandit trotz der Abwehr Gregors leidenschaftlich küßte. Dann zog der Mann des Bluts und der Verbrechen den Wiedergefundenen zu sich nieder ans Feuer und begann mit einer Hast und Unermüdlichkeit der Zunge, die dem Griechen, namentlich der unteren Klassen, eigen ist, ihm hundert Fragen über das Schicksal der Familie vorzulegen; Welland saß stumm, aber aufmerksam beobachtend beiseite. »Aber sage mir, Janos,« unterbrach endlich Caraiskakis den Strom der Fragen, »wie kommst du hierher? Wir glaubten dich tot nach der letzten Nachricht, die wir von dir erhalten und betrauerten dein Andenken.« »Du weißt, Herr,« erzählte Katarchi, »daß ich an der Seite deines tapferen Vaters am Piräus fiel, als wir fünf Jahre nach dem Blutbad von Chios unter Richard Church den Entsatz der Akropolis versuchten. Mein Leib deckte den teuren Leichnam und zeigt noch die Spuren der drei tiefen Wunden, die ich erhielt. Wie ich gehört habe, ziert ein Denkmal die Stelle, wo mein Herr für die Freiheit und das Kreuz am 4. Mai blutete. Mögen die Heiligen ihm im Paradiese gnädig sein! Als ich erwachte, lag ich nackt auf dem Schlachtfeld. Ein fränkischer Arzt erbarmte sich meiner – schon damals im heiligen Kampf des Kreuzes gegen den Halbmond hatten sich ja Christen unseren Feinden verkauft! – und verband meine Wunden. Mit hundert anderen schickte mich Ibrahim Pascha als Siegesbeute seinem Vater nach Ägypten. Dort litt ich fünf Jahre, was ein Sklave leiden kann, bis ich im Krieg des Vizekönigs gegen den Sultan mit nach Syrien geschleppt wurde. In dem Gewühl des Sieges von Konieh gegen Reschid Pascha gelang es mir, zu entkommen – ich bettelte und schlug mich durch, bis ich die blauen Ufer unseres schönen Meeres mit seinen Inselsternen wiedersah, und kam nach Chios. Zehn lange Jahre hatten nicht gereicht, die Spuren jener schrecklichen Verwüstung zu verwischen! Die herrliche Insel, auf der Altvater Homer geboren, hatte man in den Händen der Ungläubigen gelassen; die Inglesi tragen die Schuld daran, wie ich mir sagen ließ; jenes Volk von Krämern, das jetzt wieder auf der Seite unserer Unterdrücker steht, jetzt, wo der große Zar im Norden das ganze Griechenland frei machen will von der Herrschaft der Ungläubigen! – Deshalb hasse ich die Nation – ich speie auf die Gräber ihrer Väter! Um nichts sind sie besser als die Moslems.« »Hier hören Sie eine Stimme des Volks,« winkte Caraikakis dem Freunde. »Wie aus dem Munde dieses Verbannten und Geächteten, so tönt es überall, wo Hellenen wohnen. Jeder träumt von einer neuen Zeit!« »Auf Chios«, fuhr der Räuber fort, »war meines Bleibens nicht mehr. Vergeblich forschte ich nach der Familie meines Herrn. Der neue Name deiner Mutter verbarg mir die Spur. So ging ich aufs Festland zurück und gewann mein Brot in Smyrna als Kameltreiber bei den Karawanen, die aus dem Innern von Syrien und Turkomanien die Früchte und Teppiche bringen. Ich hatte Weib und Kind – eine Tochter von sechzehn Jahren; ein schönes und gutes Kind. Ich wohnte mit meiner Familie in Tschardak am Tschernek-Su, nährte mich friedlich und zahlte mein Kopfgeld. Ein junger Mann unseres Glaubens sah mein Kind und begehrte es zur Ehe. Der Tag der Hochzeit war bestimmt – da reitet der Musselim, der türkische Gouverneur, an unserem Hause vorbei und sieht Nausika, die ihm Milch reichen muß. Am andern Tage läßt er mein Weib rufen – ich war mit den Karawanen nach Smyrna – und fragt sie, ob sie ihm die Tochter verkaufen wolle. Mein Weib erschrickt und bittet ihn, abzustehen, da das Mädchen verlobt sei und man nur meine Rückkehr erwarte, um sie in das Haus ihres Gatten zu führen. Der Musselim aber streicht sich den Bart, spricht, er brauche ein schönes Weib als Geschenk für seinen Gönner, den Mehemed Pascha in Stambul, und wenn sie das Kaufgeld nicht nehmen wolle, werde er das Mädchen umsonst holen. Darauf schickt er nach Vaso, meinem Eidam, steckt ihn trotz seinem Glauben unter den Nizam, die Landwehr, und sendet ihn noch am selben Tage mit einer Schar fort. Am Abend aber holen seine Kawassen das Mädchen; als mein Weib bettelnd folgt bis an die Schwelle seines Hauses, mißhandeln sie sie, daß sie krank von den Nachbarn nach Hause getragen wird. – Als ich fünf Tage später von Smyrna heimkehrte, fand ich mein Weib am Tode, mein Kind geraubt und den Musselim verreist.« Ein Stöhnen kam ihm aus der tiefsten Brust. »Ich begrub mein Weib. – Dann tat ich einen Eid bei der heiligen Jungfrau, zündete mein Haus an, die Stätte meines Glücks, und ging davon.« »Aber warum klagtet Ihr nicht, Mann?« fragte der Deutsche. »Warum wandtet Ihr Euch nicht an die europäischen Konsuln oder selbst nach Konstantinopel?« »An die Konsuln?« spottete Katarchi. »War ich ein jonischer Dieb oder ein maltesischer Mörder, daß ich auf ihren Schutz Anspruch gehabt hätte? Ich war ja nur ein Isparote, einer der Millionen Christen, die diesen Henkern überlassen blieben mit Leib und Seele! – Gerechtigkeit in Smyrna oder Stambul gegen den Musselim, meinen Herrn! – Nein, Signor, ich tat besseres, das einzige, was dem Manne bleibt: Ich lauerte am Wege in den Felsen neun Tage lang, bis der Musselim von seiner Fahrt zurückkehrte, und als er mir nahe war, schoß ich ihm die Kugel inmitten seiner Kawassen durch das gierige Herz. – Seitdem, Gregor Caraiskakis, seitdem bin ich ein Räuber! – Was liegt an meiner Tochter? – Sie wird, wie hundert andere, sich längst an das träge Leben im Harem eines unserer Herren im üppigen Stambul gewöhnt haben! – Die Heiligen wissen, ob und wo sie atmet – für den Vater ist sie gestorben. Ich nahm den Sohn der Schwester meines Weibes mit mir; Ihr habt den Knaben gesehen. Bald waren einige Gefährten um mich versammelt, mit denen ich mein Rachewerk begann. Der Verfolgung kann ich spotten, denn tausend Freunde haben Augen und Ohren für mich in der Stadt und im ganzen Paschalik.« »Du schmähst den Türken, Mann, den Erbfeind deines Glaubens«, sagte Gregor finster. »Gehe hin zu deinen christlichen Brüdern, den prahlenden Beschützern unserer Freiheit und unserer Religion, den Männern, die von den Rechten des Volkes in ihren Volksvertretungen reden und das Glück der Völker im Munde führen! Der Moslem nimmt offen seinen Raub und sagt: Ich bin dein Herr! Der verächtliche Brite aber stiehlt dir dein Gut und dein Land, wenn es ihm gefällt und macht dir noch weiß, es geschehe zu deinem eigenen Besten. – Dir ist die Tochter genommen, mir die Schwester. Ist die Haremsfrau des Türken, nach seinen Sitten und nach seinem Glauben sein Weib, nicht besser als die Metze des reichen Briten?« Er sprang auf; die Faust Katarchis preßte seinen Arm. »Was sprichst du da?« Gregor wiederholte, was er am Mittag dem Freunde erzählt hatte. Der Bandit jauchzte hell auf: »Ei! Steht es so! – Du würdest das Vöglein ausgeflogen finden, mein Sohn, wenn Jan nicht zufällig dafür gesorgt hätte! – Unten im Golf liegt eine Feluke vor Anker, auf der der Inglesi mit seinem Täubchen morgen in der Frühe auf und davon fahren will. Ich habe gute Spione in Bournabat und hatte dem Burschen ohnedies heut nacht einen Besuch zugedacht. Jetzt wird die Sache ernster. Wenn wir ihm nicht heute deine Schwester abnehmen, ist sie verloren für dich. Die Feluke fährt nach Tenedos, wo in der Trojabai oder Besikabai die Flotten ankern. – He, Mauro!« Er pfiff; der Knabe sprang wie ein Pfeil herbei. Jan befahl ihm, die Gefährten zu rufen bis an die äußerste Wache gegen die Stadt. »Wir dürfen erst um Mitternacht aufbrechen und wollen unterdes unsere Mahlzeit halten. – Ehe der Morgen graut, Gregor Caraiskakis, sollst du deine Schwester hier sehen!« »Das ist mein eigen Geschäft,« erklärte Gregor. »Ich nehme dankbar deine Hilfe an, aber ich werde dich begleiten. Und du, Freund,« er reichte Welland die Hand, »wirst uns gewiß nicht verlassen!« »Gewiß nicht in einer gerechten Sache. – Aber eines beding ich mir aus, um Ihrer eigenen Ehre willen, Gregor: kein unnützes Blut, keinen Mord! Sie versprechen mir das Leben des Briten – hören Sie erst Ihre Schwester; dann entscheiden Sie und fordern Rechenschaft, wenn es notwendig ist. Ich werde Ihnen als Freund zur Seite stehen. So allein können Sie vielleicht die Ehre des Mädchens wiederherstellen.« Gregor gab das Versprechen, nach einigen Einwänden auch der Räuber. Die wilden Gestalten seiner Gefährten kamen von allen Seiten herbei und lagerten um das Feuer zur Mahlzeit; man besprach das Unternehmen und Mauro brachte für die beiden Freunde Waffen aus den Verstecken in den weiten unterirdischen Gewölben und Gängen der Ruinen. Dunkle Nacht lag über dem prächtigen Golf. In der Nähe der Mühlen stießen zwei Barken ab, mit acht wohlbewaffneten Männern und einem Knaben und nahmen ihre Richtung nach Bournabat – Jan Katarchi mit seinen Gefährten, Gregor Caraiskakis und Doktor Welland. Jan saß mit Welland in einem der Nachen zusammen, den zwei Mann ruderten; die anderen mit Caraiskakis fuhren voraus. Gregor und der Doktor trugen den Fez, an dem vom ein Stück grünen Schleiers zur Verhüllung der Gesichtszüge befestigt war. Jan hatte auf dieser Vorsicht bestanden. In den Kähnen lagen Stricke und Haken und eine schwere Eisenstange, um nötigenfalls die Tür aufzubrechen. Auf der Mitte des Wassers sahen sie die Feluke ankern, die am Morgen Maubridge und Diona nach Tenedos tragen sollte. Jan gab ein leises Zeichen, in aller Stille vorbeizufahren. Nach einer Viertelstunde war man an der Gartenmauer des Landhauses. Welland und zwei der Banditen wurden im Wasserhof zurückgelassen, in dem die Kähne angeschlossen lagen, mit dem Auftrag, den Bewohnern den Rückzug abzuschneiden. Einen andern stellte Jan auf den Weg nach Bournabat, da das Landhaus des Vizekonsuls fast das Ende des Dorfes bildete; er selber mit Gregor, dem Knaben und zwei seiner Leute übernahm es, durch den Haupteingang einzudringen. Am Tor hob der Räuber den gewandten Jungen auf seine Schulter, hieß ihn einen Strick mit Haken über die Mauer werfen und emporklimmen. Mauro ließ sich dann an dem Seil in den Hof hinab, um von innen das Tor zu öffnen. Die Begleiter hielten Fackeln zum Anzünden bereit. Gregor faßte den Schaft der Pistole in seinem Gürtel und spannte den Hahn. »Capitano,« flüsterte der Knabe durch die Spalte, »die Tür ist verschlossen; ich kann sie nicht öffnen und höre das Schnarchen der Kawassen.« »Verflucht! – Das ändert unser Spiel und wird blutige Arbeit geben. – Sieh, daß du ins Haus gelangst, Mauro, durch einen der Rolläden. Du hast zwei Minuten Zeit; beim heiligen Prokopio, sei flink, mein Junge!« Wenige Minuten darauf setzte er das Brecheisen zwischen die Fugen des Tores und warf sich mit seiner riesigen Kraft dagegen. Zugleich flammten die Pechfackeln auf. Ein türkischer Anruf ertönte von innen. »Bismillah! – Wer ist dort? – Was wollt ihr?« »Jan Katarchi!« heulte die Antwort durch die Nacht und die vier warfen sich mit aller Manneskraft gegen das brechende Tor. Zwei Schüsse krachten ihnen entgegen; ein Mann neben Katarchi, in die Schulter getroffen, taumelte zu Boden. »Nach der Barke!« herrschte ihm Jan zu, entriß ihm die Fackel, schleuderte sie mit gewaltigem Schwunge hinauf auf das platte Dach und war mit einem kühnen Satze über die Trümmer des Tores mitten im Hof. Im nächsten Augenblick schlug sein großes Pistol den Handschar eines Kawassen zur Seite; er drückte die Waffe auf den Türken ab. Aber eingebogen von dem kräftigen Hieb sprang das Rohr bei dem Schuß, die eisernen Splitter stoben umher. »Diona! Diona!« schrie Caraiskakis. Ohne des zweiten, den Zugang des Hofes verteidigenden Kawassen zu achten, sprang er wie ein Panther über den Hof und versuchte die Tür des Hauses einzustoßen. Eine Kugel durch seinen hohen Fes belehrte ihn, daß die Bewohner schon wach und zur Verteidigung bereit waren. Emporblickend gewahrte er einen blonden Männerkopf sich aus dem Fenster des ersten Stockwerkes gerade über der Türe herausbiegen, die Wirkung des Schusses und die weiteren Vorgänge im Hofe zu erspähen. Ein weißer Frauenarm schlang sich um den Hals des Engländers und zog ihn zurück. Im Hofe schlug sich Katarchi mit den beiden Kawassen; ein Bandit versuchte mit Caraiskakis die Tür einzudrücken. Ein Ruf des Führers, der die Augen überall hatte, mahnte Gregor, zur Seite zu blicken. Aus einem Nebenfenster des Erdgeschosses, nahe der bestürmten Tür, lehnte sich ein vierschrötiger Engländer in Seemannstracht heraus und suchte für seine Flinte im Anschlag den Kopf des Griechen zu fassen. Die Gefahr war ernst. Aber im Augenblick, da der Finger des Briten den Drücker berührte, schwankte das Gewehr und der Schuß pfiff vorbei; der Engländer verlor das Gleichgewicht, an den Beinen in die Höhe gehoben, stürzte er schwerfällig aus dem Fenster auf das Marmorpflaster des Hofes. Mauro, der flinke Schelm, war durch eines der Fenster ins Haus geklettert und hatte die Hilfe gebracht. Dann entriegelte er die Tür; Caraiskakis, sein Gefährte und Jan, der sich des einen Kawassen durch einen schweren Hieb in die Schulter entledigt hatte, stürzten in das Haus. Aus dem Querstock eilte Sir Edward Maubridge, von zwei anderen Dienern und dem Hausaufseher gefolgt, die Stiege herab; oben auf dem flachen Dache loderten schon die Flammen empor, von Jans geschleuderter Fackel an dem trockenen Holzwerk entzündet. Im linken Arm hing dem Briten ein Weib in wehenden Nachtgewändern, das bleiche Gesicht umflattert von den fessellosen, wallenden Locken. »Diona!« schrie Gregor auf. Das Mädchen zuckte zusammen und streckte die Hände nach ihm aus, doch wie von unwiderstehlicher Macht gezwungen, klammerte es sich von neuem an den Geliebten. Gewandt schwang Maubridge den Säbel gegen die Herandrängenden; die drei Diener sprangen ihm bei und sicherten seinen Rückzug. Zweimal hob Gregor das Pistol und zielte nach dem Verführer – zweimal ließ er es sinken, denn des Mädchens Brust deckte opfernd den Mann ihres Herzens. So tobte der Kampf von Zimmer zu Zimmer, bis der hintere Ausgang des Hauses erreicht war und unter der Hand der Diener aufflog. »Hundert Pfund, wenn ihr fünf Minuten die Tür haltet!« rief der Brite und warf sich mit seiner Beute ins Freie. Die drei Engländer stellten sich wie grimme Bulldoggen vor den Ausgang und boten den Gegnern das Weiße im Auge. Ein Schuß durch den Kopf aus Gregors Pistol streckte den einen zu Boden; den Hauswart traf ein Messerstich des Knaben Mauro in die Weichen; der dritte Gegner versetzte Katarchi einen gewaltigen Boxerhieb, der ihn für einen Atemzug lang kampfunfähig machte. Da tönte draußen ein Ruf des Triumphes; Welland trug das ohnmächtige Mädchen auf seinen Armen hinab zum Ufer, indes seine beiden Gefährten den überwundenen Baronet mit Stricken banden. Hoch auf schlug die Flamme aus dem Landhause in den blauen Nachthimmel und beleuchtete die blutige Szene. Vollen Laufes eilte der Bandit herbei, den Jan auf Posten gegen das Dorf gestellt hatte und verkündete das Nahen von Leuten. Im Nu waren alle an den Booten – drei der Männer schwer verwundet, auch Jan blutete aus einem Schulterhieb – in der nächsten Minute stießen die Boote vom Ufer ab und glitten in das bergende Dunkel. Hinter ihnen drein knallte noch ein Schuß des entflohenen Kawassen; immer mehr Menschen liefen am Ufer hin und her. Welland hatte die bewußtlose Diona dem Freunde auf den Schoß gesetzt und legte sich in die Riemen. In der Spitze des Kahnes stand Jan, um die Richtung anzugeben und der Feluke auszuweichen. In der Tat war alles wach geworden von dem wiederholten Schießen und dem Brande. Im Hauch der frischen Seeluft kam Diona zur Besinnung. Sie blickte wild um sich – dann, da sie den Bruder erkannte, warf sie sich in seinen Schoß und weinte hemmungslos. * In Smyrna war der Abend und ein Teil der Nacht unruhig und stürmisch, aber ohne Gewalttat der Flüchtlinge vergangen. Eine Abordnung an Herrn von Wexbecker, den österreichischen Konsul, war von diesem abgewiesen worden. Die Flüchtlinge und der zahllose Janhagel von Smyrna, der sich immer und überall in der Welt lauten Angelegenheiten anschließt und auch die beste Sache herabzerrt, tobten durch die Frankenstadt, drohten, das österreichische Konsulat zu stürmen, warfen einige Fenster ein und ließen es im übrigen bei Worten. Noch bis tief in die Nacht wogte die Bevölkerung durch die Straßen. Am Morgen ging Welland zum amerikanischen Konsul und beanspruchte die Freilassung Costas als amerikanischen Schutzangehörigen auf Grund eines Passes, den der Ungar von den Vereinigten Staaten erhalten haben sollte. Zu seiner Verwunderung fand er den Konsul bereit, auf das Verlangen einzugehen; er teilte ihm mit, daß am Morgen eine amerikanische Korvette von Konstantinopel angekommen sei und im Hafen Anker geworfen habe, ein glücklicher Zufall, der ihrer Forderung den nötigen Nachdruck geben mußte. Eine Stunde darauf schon begab sich der Kapitän der Korvette in Begleitung eines seiner Offiziere und des Konsuls zu Herrn von Wexbecker. Der Generalkonsul erklärte sich bereit, die Amerikaner an Bord des »Hussar« zu begleiten, um durch eine eigene Unterredung mit Costa ihnen genauere Aufklärungen zu verschaffen. Welland erwartete im Konsulatsgebäude ihre Rückkehr, und als er endlich das Boot von der Brigg wieder abstoßen, zur Korvette rudern und dann zum Lande zurückkehren sah, eilte er ihnen auf die Marina entgegen. Der Konsul brachte jedoch schlechte Nachrichten. Costa hatte trotzig und stolz sich als Ungar bezeichnet. Unter diesen Umständen hatten die Amerikaner ihn seinem Schicksal überlassen müssen. Welland war sehr bestürzt. Der Konsul führte ihn beiseite und versicherte ihm, daß in der Angelegenheit noch nichts verloren sei, da Herr von Wexbecker vor der Abführung Costas mit dem nächsten Lloyddampfer nach Triest erst die weiteren Entscheidungen der beiden Gesandtschaften in Konstantinopel abwarten wolle, an die sofort die nötigen Berichte geschickt werden sollten. Der amerikanische Kapitän war schon angewiesen, sich jeder früheren Wegführung des Gefangenen nötigenfalls mit Gewalt zu widersetzen. Für das weitere, meinte mit schlauem Lächeln der Amerikaner, werde man schon in Konstantinopel sorgen. Welland eilte wieder zur Marina, den Freunden Costas diese tröstliche Nachricht mitzuteilen, denn rasch hatte sich die Kunde von der verweigerten Auslieferung in der Stadt verbreitet. Mit einer Zeitung in der Hand setzte er sich an den Eingang des englischen Kaffees, des Kaffeehauses Paulo. Es war der Abend des 23. Juni. Die Aussicht des Kaffeehauses begann sich nach und nach mit Fremden und Einheimischen zu füllen. Bald darauf traten Arm in Arm zwei junge Offiziere von der österreichischen Brigg in den offenen Raum, ließen sich an dem zweiten Tisch von Welland nieder und forderten Eis und Limonade. Es waren der Schiffsleutnant von Auerhammer und der Marineanwärter Baron von Hackelberg, der einzige Sohn des Feldmarschalls. In dem zweiten erkannte Welland den Offizier, der am Morgen seiner Ankunft zum »Egytto« gekommen und das Boot der Italiener hochmütig zurückgewiesen hatte. Die beiden Leute mißachteten keck die allgemeine Mißstimmung, lachten und scherzten herausfordernd; wie man später erfuhr, hatten sie sich schon während des ganzen Morgens auffallend in den Straßen Smyrnas umhergetrieben. Viele Blicke ruhten zornig auf ihnen; niemand ahnte aber die schrecklichen Dinge, die folgen sollten. Auch Welland hatte mit Besorgnis die Haltung der beiden jungen Männer bemerkt. Kurz nach ihrem Erscheinen fand sich sein Wiener Reisegefährte für einige Augenblicke ein, sprach heimlich mit den Offizieren, und einzelne auf ihn fallende Blicke zeigten ihm, daß von ihm die Rede sei. Er wollte, um dem peinlichen Eindruck zu entgehen, sich eben entfernen, als lärmend eine neue Gesellschaft am Tische neben Welland, gegenüber dem der Offiziere, Platz nahm. Es waren Fumagalli, der Ungar Bassitsch, Lepicq, ein französischer Fechtmeister, zwei andere lombardische Flüchtlinge, Budoli und Cugini, und der Pole Sczukowski. Aller Blicke hafteten sogleich auf den beiden Österreichern; Fumagalli lachte wild auf, indem er Bassitsch auf die Schultern schlug und offen auf den Baron wies. » Per bacco amico , da haben wir unser Vöglein von vorgestern! – Jetzt kann ich Rache nehmen!« Die Offiziere hatten Besonnenheit genug, die offenbare Beleidigung nicht zu bemerken und unterhielten sich leiser. Die Angekommenen besetzten ringsumher die Stühle, so daß kein Ausgang blieb. Welland trat rasch zu dem Wirte, Signor Paulo, und sagte ihm einige Worte. »Zum Teufel!« fluchte Bassitsch. »Grog hierher! – Rasch!« Welland nahte sich der Gesellschaft und suchte geschickt die Mitte zwischen den beiden Tischen zu decken. »Zum Teufel, Doktor,« schnob der angetrunkene Ungar, »gehen Sie mir da aus dem Wege! Sie stören mich im Anblick der verfluchten Röcke, die wir an der Theiß und Donau manch liebes Mal geklopft haben! – Eljen Kossuth! – Der Teufel hole die Tyrannenknechte!« Der Wirt flüsterte den beiden Offizieren im Vorübergehen zu: »Ich rate Ihnen, entfernen Sie sich! – Es ist nicht geheuer für Sie – ich stehe für nichts.« Eine kurze und leise Beratung – die beiden standen rasch auf und versuchten fortzugehen. Welland drehte ihnen den Rücken zu und war bemüht, Bassitsch, der ihm der gefährlichste schien, zu beschäftigen. Er gewahrte deshalb nicht, wie das schwarze Auge Fumagallis jeder Bewegung des Anwärters folgte. Er hielt den Fuß weit vorgestreckt, so daß er den Ausgang zwischen den Stühlen versperrte. Baron von Hackelberg war voran; er faßte mit der linken Hand an die Mütze und sagte höflich: »Signor, erlauben Sie, daß wir vorbeigehen!« »Zur Hölle!« gellte die Stimme des Lombarden; wie ein Raubtier sprang er hoch und warf sich auf sein Opfer. Einen Blitz sahen die Umsitzenden zucken und sich zweimal in die linke Brust des jungen Mannes vergraben. Der Baron taumelte zurück an das Geländer, faßte es mit beiden Händen, stieß einen einzigen lauten, kreischenden Schrei aus und schwang sich mit krampfhaftem Sprung hinüber ins Wasser, das ihn verschlang. Zugleich waren die anderen Flüchtlinge aufgesprungen und stürzten sich mit Stöcken und Dolchen auf den Leutnant von Auerhammer. Mehrere Hiebe über den Kopf warfen ihn zu Boden; drei Dolchstöße verwundeten ihn. Wie ein Rasender rang Bassitsch mit Welland, der empört um Hilfe gegen die Mörder rief. Zweimal rang der Ungar die Rechte los und schoß jedesmal ein Pistol gegen den schon am Boden liegenden Offizier ab. Aber die Bemühungen Wellands machten den Schuß unsicher; nur die zweite Kugel streifte leicht den Verwundeten. »Zum Teufel mit Euch!« schrie Bassitsch. »Ihr seid auch ein Verräter, der unsere Feinde schützt!« »Seid Ihr toll, Signor Dottore?« knirschte Fumagalli und riß den Arzt zurück. »Wer ein Freund der Freiheit ist, steht zu uns!« Welland stieß ihn von sich. »Meuchelmörder! – Wenn das euer Kampf für die Freiheit ist, wünschte ich, euch nie gesehen zu haben. – Flieht, solang es noch Zeit ist!« Eine immer größere Menge drängte herbei; die blutige Tat hatte das bessere Gefühl der Leute wachgerufen; Drohungen gegen die Mörder ließen sich hören. Vor der Überzahl zogen sich diese zurück; die blutigen Waffen in der Hand, jubelnd über die Tat, zerstreuten sie sich auf der Marina. Welland und zwei Smyrnaer Kaufleute trugen den Verwundeten in eine Barke und ruderten hinaus ins Meer. Auf der See verband der Arzt die Wunden und rief den Ohnmächtigen zum Leben zurück. Dankbar drückte der junge Mann ihm die Hand. Die Kaufleute brachten ihn zugleich mit der Kunde des Mordes nach dem Schiffe, indes Welland in einem andern Nachen zum Ufer zurückkehrte. Dort hatten die Nachsuchungen nach der Leiche des Barons von Hackelberg begonnen. Der österreichische Generalkonsul war mit den Kawassen des Konsulats und der gesamten bewaffneten Dienerschaft herbeigeeilt; bald darauf traf ein Boot mit Marinesoldaten vom »Hussar« ein; die Nachforschungen dauerten bis spät in die Nacht, aber ohne Erfolg. Erst am andern Mittag wurde die Leiche gefunden. Sie lag an demselben Fleck auf dem Meeresgrunde, wo er sich im Todeskampf ins Wasser geworfen, mit den Händen an die Steine des Grundes geklammert. Der zweite Stich des Mörders hatte das Herz durchschnitten. Zwei Tage darauf wurde die Leiche beerdigt; die Mannschaft der Brigg und die Leute des österreichischen Generalkonsulats folgten. Von den anderen Konsuln, denen allen Anzeige und Einladung zugegangen war, hatten nur der sardinische und der preußische – dieser aus einer jüdischen Familie stammend und in den Jahren 1849 und 1850 ein gewandter Agent des Ministerpräsidenten – Mut und Ehre genug, teilzunehmen. Am Abend des Mordes und während der nächsten Tage durchzogen die Flüchtlinge triumphierend die Straßen in der Nähe des österreichischen Konsulats und drohten es zu stürmen, so daß eine Abteilung der Marinemannschaft darin Posten nehmen mußte. Als Welland, ans Ufer zurückgekehrt, nach der nahen Behausung eilte, fand er dort den Knaben Mauro seiner warten, der ihn den Weg zu dem Freunde nach dem Versteck des Räubers führte. Er begann zu begreifen, daß auf diesem Boden und in diesem Kampf der entfesselten Leidenschaften das Leben des einzelnen ein wertloses, kaum beachtetes Ding sei, daß nicht das Gesetz, sondern die eigene Kraft schützen müsse. In banger Sorge, auch dort, wohin er ging, schlimmes zu finden, nahte er durch die Zypressen der Friedhöfe den mächtigen, aus den Schatten des Abends sich trutzig erhebenden Ruinen. Fürstin Natascha Iwanowna In den glänzenden Räumen der Fürstin Lieven, dieses weiblichen Tayllerands, in der Straße Saint Florentin zwei, bewegte sich die vornehme Versammlung in der freien Weise der höchsten Kreise von Paris. Es war allgemeiner Empfangsabend; was die Weltstadt an Würdenträgern der Verwaltung und Diplomatie, der Kunst, der Wissenschaft und der Börse bot, begegnete sich auf diesem Parkett mit den Helden der Mode. Die Gemächer der Fürstin hatten in dieser Zeit ihre wichtigste politische Bedeutung; alle Parteien fühlten sich dort gewissermaßen in Waffenstillstand, und bei der immer ernsteren Spannung zwischen den Höfen von Frankreich, England und Rußland bot sich dort eine Gelegenheit zu Besprechungen und Verhandlungen, die oft von tief einschneidender und weittragender Wichtigkeit waren. Die Fürstin wußte mit dem ihr eigenen Feingefühl die feindlichen Parteien zu beschäftigen und aus all dem bunten und wechselnden Verkehr ihre Vorteile zu ziehen. In einem mit grünem Damast ausgeschlagenen, nur durch die erhobene Portiere abgetrennten Nebenraum saßen zwei Männer. Der ältere, etwa achtundzwanzigjährig, trug die Uniform eines Kapitäns der Gardezuaven, der Kerntruppe der Krieger Algeriens. Sein Gesicht zeigte edle Züge; auf der breiten Brust prangte an der silbergestickten blauen Jacke das Ritterkreuz der Ehrenlegion. Neben ihm, das Einglas im Auge, saß einer der adeligen Nichtstuer, denen ihr vornehmer Name trotz ihrer schlechten Geldlage überall Eintritt verschafft, oder die, mit einer witzigen Zunge begabt, als Chronik des Tages überall willkommen und gefürchtet sind. Alfred de Sazé fehlte es nicht an höheren und besseren Eigenschaften, aber sie tauchten nur wie seltene Lichtblicke auf. Auf einen Sessel gestützt lehnte ein noch junger Mann in russischer Uniform, Fürst Iwan Oczakow. Sein eigentümlicher, feingeformter Kopf fiel sofort auf, seine Augen streiften zerstreut umher. Braunes Haar in wirren Locken umgab das Gesicht. Die Nase zeigte eine leichte Beugung; dunkle, hochgezogene Brauen rahmten das glänzende Auge ein. Das Antlitz, bei dem Mangel jeden Bartes und bei seiner zarten Haut, war fast frauenhaft schön. »Sie sind aber auch der aufmerksamste Zuhörer, den man sich denken kann, Fürst,« sagte lachend Alfred de Sazé zu dem jungen Russen. »Seit einer halben Stunde bin ich bemüht. Ihnen die Schattenrisse der werten Gäste Ihrer noch wertern Frau Tante zu zeichnen. Was ich Ihnen da erzähle, würde von unseren Zeitungsplauderern und Schriftstellern verschlungen werden; aber Sie bleiben zerstreut und scheinen selbst den Vicomte angesteckt zu haben. Er verzehrt Sie mit Blicken, als wären Sie die Fürstin, Ihre schöne Schwester. Er freut sich an Ihren fabelhaften geschwisterlichen Ähnlichkeiten und weiß nicht, wem er seine heißere Gunst schenken soll! – Ah – sehen Sie – da läßt sie sich eben vom Obersten Wassilkowitsch zum Kontertanz führen!« Er unterbrach sich lachend. »Hab' ich endlich den rechten Punkt getroffen? – Sie sind ja beide ganz rot und erregt! Wäre es wahr, Fürst, daß Sie eifersüchtig sind auf Ihre Schwester wie ein Türke? Und Sie, Méricourt, kann dies starre, lauernde Gesicht Wassilkowitsch', das ich wahrhaftig auch nicht liebe, einen berühmten Krieger wie Sie, so leicht in Harnisch bringen?« Der Kapitän legte ihm die Hand auf den Arm. »Keine Scherze, de Sazé,« sagte er. »Der Gegenstand ist zu hoch dazu.« » Bien ! – So wende ich mich einem geeigneteren Bilde zu. Sehen Sie, Fürst, dort die lange, hagere Gestalt mit der hohen weißen Krawatte? Man wittert den reisenden Briten auf hundert Schritt. Der Mann – Lord Sherkliffe, Unterhausmitglied und Besitzer einiger netter Grafschaften – macht jetzt Aufsehen in unserer guten Stadt Paris. Wenn er das glattrasierte Kinn in die Loge der italienischen Oper steckt, wenden alle Damen die Gläser nach ihm. – Wissen Sie, warum? – Er ist ein Othello ganz neuer Art.« »Bitte, erzählen Sie!« lächelte Méricourt höflich. »Lord Sherkliffe beschäftigte vor etwa fünf Jahren einen jungen Maler in Rom, einen Italiener. Der gute Lord besaß neben seinen Millionen eine blonde Lady, der aber der römische Künstler besser gefiel, als der langweilige Bildernarr, ihr Gemahl. Erst nach mehreren Monaten überzeugte sich dieser, daß er auch hier den Narren gespielt, empfahl sich und reiste mit der verliebten Lady nach Hause, wo er sie ihren Eltern ablieferte, nachdem er ihr seine Entdeckung mitgeteilt. Dann ging er auf Reisen, besuchte Deutschland, Rußland, Italien, und sammelte überall zu ungeheuren Preisen Gemälde. Mit einem ganzen Wagen voll kam er nach Rom, besuchte den Maler und kaufte ihm die neuesten Werke seines Pinsels ab. Kaum war er im Besitz der Bilder, so verlangte er Genugtuung für seine Hahnreischaft und forderte den Überraschten auf Pistolen. Man schlug sich. Mit dem ersten Schuß lähmte der Engländer dem Künstler den linken Arm. Nach einem halben Jahre kam er wieder. Ein zweites Duell. Die Kugel des Lords traf das rechte Handgelenk; die Hand mußte abgenommen werden. Als die Kur glücklich vorüber war, erschien der Lord bei seinem Feinde und sagte ihm gelassen: »Ich habe jetzt meine Rache befriedigt. Sie sind als Künstler zu einem lebendigen Tode verdammt.« – »Sie irren sich,« entgegnete der Arme, »meine Werke werden Ihre Bosheit überleben. Den Ruhm meiner ›Madonna‹ in Paris, meiner ›Auferstehung‹ in der Galerie von Petersburg und zahlreicher anderer Werke vermögen Sie nicht zu vernichten. Ich kann nicht mehr malen, aber meine Bilder werden meinen Namen erhalten.« – Der Lord zeigte ihm ein Papier. »Ist diese Liste Ihrer Bilder vollständig?« – Staunend bejahte der Künstler. – »So bin ich im Besitz aller Ihrer Werke, selbst die Skizzen habe ich nicht vergessen. Es hat mir viel Mühe gemacht und mich viel Geld gekostet, aber ich habe meinen Zweck erreicht. Wollen Sie mich nach Hause begleiten, um sich zu überzeugen? Mein Wagen wartet.« –Der Maler begriff und bat um Gnade. – »Sie haben meinen Frieden gestört, ich vernichte den Ihren,« sagte der Lord eisig. »Sie sollen das Gefühl mit sich herumschleppen, daß keine Spur Ihres Namens auf der Welt zurückbleibt.« – Nach einer Stunde brachte ein Diener dem Verstümmelten eine Urne voll Asche; sie enthielt alles, was von seinen Werken auf der Welt übrig war.« »Das ist teuflisch!« rief der Kapitän. »Ein Mann, der zu hassen und zu lieben versteht!« versetzte der Russe. »Halt, mein Fürst,« plauderte Sazé weiter, »das verstehen wir wahrhaftig auch, nur auf andere Weise. –Sehen Sie dort Marschall St. Arnaud? Die Fama bezeichnet ihn schon als Oberbefehlshaber, wenn der kleine Neffe des großen Napoleon zum Äußersten schreitet. Wissen Sie, daß St. Arnaud vor kaum Jahresfrist seinem Busenfreund den Säbel durch den Leib rannte, bloß weil dieser ihn bei seiner Frau in zarter Umarmung getroffen und aus dem Hause geworfen hatte?« Méricourt lachte. »Sie sind die boshafteste Zunge, Sazé,« sagte er. »Ich darf die Ehre der Armee durch Sie nicht so gefährden lassen.« » Eh bien , mein lieber Vicomte, ich bin nicht hartnäckig. Gehen wir zur Diplomatie über. Unser getreuer Verehrer der Rachel ist freilich nicht hier und liebt jenseits des Kanals, aber ich kann Ihnen Ersatz geben. Sehen Sie da den Herrn, der eben mit Persigny spricht, Oberst Fleury geht gerade an ihm vorüber. Nun, der Graf hat kürzlich sein diplomatisches Probestück abgelegt und wird sicher seinen Weg machen. Sie kennen Madame Fontaille, unsre allerliebste Sängerin? – Nicht? – Auch gut; sie ist die Schönheit des Tages und unsere Börsenkönige ruinieren sich für sie. Der Graf ließ sich ihr im Zwischenakt vorstellen und bat um die Erlaubnis, am nächsten Abend eine Tasse Tee bei ihr trinken zu dürfen. Madame antwortete: ›Ich nehme zu einer Tasse Tee ein Pfund Zucker, aber von dem, der zehntausend Franken das Pfund kostet. So teuren Zucker möchte ich Ihnen freilich nicht umsonst geben und mir doch auch nicht von Ihnen bezahlen lassen. Aber mir fällt ein Ausweg bei! Bringen Sie zehntausend Franken in Banknoten mit und wir werden mit diesen die Flamme unter dem Teekessel heizen! – Dann beweisen wir beide gleiche Uneigennützigkeit.‹ – Der Diplomat findet im Augenblick keinen passenden Rückzug und sagt zu, erzählt aber die Sache einigen Freunden, die diesen Tee allzu gezuckert finden. Ich selber sagte ihm: Madame die zehntausend Franken geben – es ist teuer, aber es geht an – sie verbrennen, das wäre Tollheit! Sie richten damit Ihre Laufbahn zugrunde, denn kein Minister des Äußern wird einen Narren zum Gesandten machen! – Am andern Abend begab sich der Graf mit dem Päckchen Banknoten richtig zu der Sängerin. Man plaudert und erwartet den Tee. ›Sie bestehen also auf dem Autodafé?‹ – ›Gewiß, und hier sind die Scheine.‹ – Der Graf übergibt ihr zehn echte Scheine zu tausend Franken. Madame greift fieberhaft danach und legt das Päckchen auf einen Tisch mit hunderterlei Nippsachen. Der künftige Vertreter des Kaiserreiches spielt plaudernd mit diesen Kleinigkeiten, nimmt eins und das andere in die Hand, und im Augenblick, da man den Tee bringt, ist die ›Prestidigation‹, wie Houdin sagt, geschickt ausgeführt. Die Flamme des Weingeistes leckt mit ihrer blauen Zunge nach dem versprochenen Opfer; Madame ist äußerst erregt, tanzt von einem Orte zum andern, erfaßt endlich das Päckchen, schwingt sich im Kreise umher, vertauscht es, und im Hui wirft sie das andere in die Flamme, die sogleich die leichten Blätter verzehrt; das Pseudopäckchen aber ist geschickt in einer vorsichtig zwischen Blumen zurechtgestellten Vase verschwunden. – Kaum hörte sie nach Mitternacht den Wagen des Glücklichen fortrollen, so eilte sie zu dem Versteck, das die geretteten zehntausend Franken bergen soll, und zieht hervor – ein Päckchen zierlich nachgeahmter Adreßkarten! – Es heißt, die Fontaille habe bittere Rache geschworen; Monsieur le Comte aber ist, wie Sie sehen, auf dem besten Wege.« Méricourt und Fürst Iwan lachten. »Der Graf ist kein Gentleman,« sagte Iwan. »Man täuscht ein Weib nicht um eine solche Kleinigkeit.« »Pah! Kleinigkeit!« entgegnete Sazé. »Das mag Fürst Oczakow sagen, der seine Silber- und Goldminen im Ural besitzt und auf seinen Steppenländern die Bauern nach Tausenden zählt, aber nicht wir Franzosen, die höchstens im Börsenspiel noch Millionäre werden können. – Doch da ist die Quadrille zu Ende; lassen Sie uns näher treten.« Die drei Männer traten an den Eingangsbogen zum Tanzsaal, durch den eben eine Dame am Arm ihres Tänzers hereinrauschte. Es war die Fürstin Natascha Iwanowna, die Zwillingsschwester Iwans. Das Spiel der Natur hatte eine wahrhaft auffällige Ähnlichkeit zwischen beiden Geschwistern geschaffen. Nicht nur Wuchs und Gesicht, selbst Stimme und Mienenspiel waren an den beiden stolzen Erscheinungen ganz die gleichen; man versicherte sogar, daß diese Ähnlichkeit sich auf die kleinsten Einzelheiten des Lebens, bis auf die Handschrift ausdehnte. In den Augen des Mädchens lag der tatkräftige und hingebende Charakter ihres Bruders. Es war kein Wunder, daß seit vier Monaten die junge Aristokratie von Paris zu ihren Füßen lag. In fast stürmischer Herzlichkeit eilte Natascha vom Arm ihres Begleiters auf den geliebten Bruder zu. »Warum nicht beim Tanz, Iwan?« fragte sie zärtlich. »Sie machen sich eines Vergehens schuldig, meine Herren, wenn Sie meinen Bruder von einem Vergnügen abhalten, das er leidenschaftlich liebt. Aber freilich, seit einiger Zeit scheint er für alles Vergnügen verloren; ich weiß wirklich nicht, ob die hohe Politik oder ein anderer Dämon ihn mir verwandelt hat.« »Apoll und Diana müssen doch durch etwas unterschieden sein, gnädigste Fürstin,« sagte Sazé. »Aber Sie haben recht, auch mir ist heute seine Zerstreutheit aufgefallen. Wenn man die Königin der Schönheit als Schwester besitzt, so hat man nicht das Recht, sich selber und seinen Launen anzugehören.« »Marquis, Sie sind und bleiben ein unnützer Schwätzer! – Aber ich scheine Sie in einer spannenden Unterhaltung gestört zu haben, denn auch der Herr Kapitän spielt den Ernsten und erinnert mich noch einmal an das Versprechen, das ich ihm gegeben.« Méricourt blickte sie an; ein verstohlener Wink des Auges bedeutete ihn und er entgegnete mit einer Verbeugung: » Ma princesse tun mir unrecht. Sie wissen, daß Sie keinen aufmerksameren Sklaven als mich haben.« Natascha Iwanowna lächelte. »Ich will es für diesmal glauben und übe deshalb Großmut. Ich habe den nächsten Tanz für Sie aufbewahrt, wenn nicht Iwan etwa sein Vorrecht geltend machen will.« »Ich tanze heute nicht, Natascha,« sagte der Bruder. »Da sehen Sie, tut der jüngste Attaché nicht wirklich, als hätte er das Gleichgewicht Europas auf seinen zwanzigjährigen Schultern zu tragen? – Doch, meine Herren, kann mir einer von Ihnen Auskunft geben, wer der würdige Palikare ist, der heute hier Aufsehn macht?« »Wenn Sie als Belohnung Ihrem untertänigsten Verehrer die Quadrille nach meinem Freunde Méricourt versprechen wollen, Fürstin,« meinte Sazé, »so verrate ich Ihnen das diplomatische Geheimnis seiner Vergangenheit.« »Geschwind, geschwind! – Sie sehen ja, ich sterbe vor Neugier.« »Bemerken Sie wohl, gnädigste Fürstin,« plauderte der junge Mann, »daß Kommandant Kalergis den Fes sorgfältig über das linke Ohr gezogen und deshalb trotz seiner französischen Neigungen das griechische Kostüm trägt. Seine jetzigen Verbündeten, die Türken, schnitten ihm das Ohr ab, als er den Toten spielte nach der Schlacht am Piräus, und das übriggebliebene kostete ihn 20 000 Piaster Lösegeld, die er durch verschiedene Münzsorten wieder einbrachte. Denn schon im Jahre 1843, als Herr Kalergis von dem Aufstand des 15. September nach Hause zurückkehrte, hatte sich die russische Gesinnung, mit der er das Haus Ihres Gesandten Katakasi verließ, in eine englische verwandelt. Die Rubel waren eingesteckt; es handelte sich jetzt darum, sich für englische Pfunde zu verkaufen. Großbritannien machte ihn zum Truppenoberbefehlshaber von Athen, aber der 4. August jagte ihn schmachvoll davon. Als der Lord-Oberkommissar ihm später den kleinen Vorschuß von 10 000 Talern nicht bewilligen wollte, um Colettis Regierung zu stürzen, warf er sich Frankreich in die Arme. Man sagt, daß der Kaiser große Pläne mit ihm vorhat. Gegenwärtig hat er seinen Sohn hierher gebracht, den der Kaiser auf seine Kosten erziehen läßt.« »Ein echter Grieche, feil jedem Gebot!« sagte Méricourt. »Entschuldigen Sie, Kapitän,« bemerkte Wassilkowitsch, »Herr Kalergis ist ein Landsmann unserer schönen Freundin. Er ist Russe von Geburt, aus Taganrog, wo seine Mutter noch lebt. Seine erste Erziehung erhielt er in Petersburg. Erst im Jahre 1821, beim Ausbruch der Erhebung, kam er nach Griechenland.« »Jedenfalls verspricht sein Charakter noch viel für die Zukunft.« »Und der Herr im Fes mit dem großen Stern des Christusordens auf der Brust, mit dem Herr Kalergis eben spricht – wer ist das?« »O, Sie irren, mein Lieber,« sagte Sazé. »Das ist nicht der Christusorden, sondern ein unbekanntes Gestirn aus dem Firmament von Tausendundeiner Nacht. Haben Sie denn aus unserm ›Constitutionnel‹ noch nicht von Leo, dem Prinzen von Armenien, dem von Rußland schnöde beraubten Thronerben des halben Vorderasiens gehört? – Da sehen Sie ihn vor sich. Der Prinz von Korikos, défenseur de l'Eglise d'Orient , wie er sich in den Zeitungen nennen läßt, hat kürzlich in London einen Skandal gehabt, und die Rücksichtslosigkeit des Queens-Bench Das Oberhofgericht zu London. hat ihn bewogen, London mit seiner Abreise zu strafen. Ich weiß wirklich nicht – wenn es nicht Herr Kalergis sein sollte – wer die Unverschämtheit gehabt haben kann, diesen Herrn hier im Haus Ihrer Fürstin-Tante vorzustellen, nachdem er so starke Aufrufe gegen Ihren Zaren und Ihre Regierung durch alle Welt verbreitet hat.« Die ersten Töne des Orchesters machten dem Gespräch ein Ende; Méricourt bot der Fürstin den Arm; Sazé eilte fort, noch eine Tänzerin zu finden. Fürst Iwan und der Oberst blieben zurück. Der Oberst, ein hagerer Vierziger, sah wie ein Fünfziger aus; spärlicher, gefärbter Haarwuchs über der hoch-kahlen Stirn, ein graues, oft ins grünliche spielendes Auge und ein aufgeworfener Mund über starkem Gebiß, machten den Eindruck lauernder Ruhe bei einem sinnlichen Charakter. Der Offiziersrock war mit Orden beladen, da Graf Wassilkowitsch, zugleich durch Reichtum ausgezeichnet, zu verschiedenen politischen Sendungen gebraucht worden. Er war einer der Begleiter des Fürsten Woronzow, der in dieser Zeit – im letzten Abschnitt vor dem Ausbruch des Zwiespalts – nach Paris gekommen war. Die beiden Russen standen am Eingang des Saales und schauten beide dem gleichen Paare mit sehr verschiedenen Blicken und Gefühlen zu. Iwan weidete sich träumerisch an der biegsamen Schönheit der Schwester; das Auge des Obersten hing verzehrend an ihrer üppigen Gesundheit und sandte einen kalten Giftstrahl, wenn es sich auf ihren Tänzer heftete und die lebhafte Unterhaltung des Paares beobachtete. Endlich kehrte er sich zu seinem Gefährten und sagte: »Auf mein Wort, Fürst, ein herrliches Paar! Es wird den Kaiser, unsern Herrn, freuen, zu hören, daß die Fürstin Oczakow dazu beiträgt, die Bande wieder fester zu knüpfen, deren Zerreißen uns in diesem Augenblick eben nicht ganz angenehm wäre.« »Wie meinen Sie das?« »Ei, mein Lieber, ich meine, was die ganze Welt spricht, daß unser französischer Freund auf dem besten Wege ist, Ihren Landsleuten in der Gunst Ihrer schönen Schwester den Rang abzugewinnen – ja, man behauptet, man dürfe der französischen Kaiserstadt bereits zur Gewinnung einer unserer ersten Erbinnen gratulieren. Der Vicomte soll ein Liebling des Kaisers sein.« »Die Hand meiner Schwester ist kein Gegenstand der Politik,« sagte kurz der Fürst. »Die Fürstin Natascha Oczakow wird nie ihre Hand einem Franzosen schenken.« Wassilkowitsch lachte. »Da scheint sie nicht den Geschmack ihres Bruders zu teilen. Herr von Méricourt erzählt wenigstens viel von der Vergötterung, die Fürst Iwan einer hübschen Grisette des Marais zu Teil werden läßt.« Jähe Röte überflog das Gesicht Iwans, als er so unerwartet sein sorgfältig bewahrtes Geheimnis dem Spott Fremder preisgegeben sah. »Das ist erl – –« Der Fürst verbesserte sich im eisigen Blick seines Gegners. »Das ist nicht möglich! Der Vicomte ist ein Ehrenmann!« »Das kann er immerhin sein und doch den künftigen Schwager gern vor einer Mißheirat bewahren oder wenigstens der schönen Schwester sich dienstbar zeigen wollen, die, wie man sagt, eine gewisse Herrschaft über den Zwillingsbruder ausübt, bloß weil sie die Erstgeborene ist. Doch ohne Scherz, Fürst, lassen Sie uns offen reden; ich bin Ihr Landsmann und uns verbinden gleiche Wünsche gegen diese Fremden: Sie werden auf Ihren Wegen belauert.« Iwan faßte krampfhaft seinen Arm. »Beweise, Graf, Beweise!« »Ei, die sollen Sie haben! Sie erinnern sich der letzten Abendgesellschaft, die Herr von Kisselew am Dienstag dem Fürsten Woronzow und Herrn von Persigny gab. Ich war zufällig und ungesehen Zeuge des Auftrages, den Ihre schöne Schwester an Herrn von Méricourt erteilte. Sie zu beobachten und zu erforschen, woher seit kurzem Ihre seltsame Gemütsstimmung komme und was Ihre häufigen heimlichen Abwesenheiten zu bedeuten haben. Sie können denken, Fürst Iwan, daß ein so feuriger Verehrer wie dieser Franzose mit Vergnügen alles versprach und Wort gehalten hat.« »Unerhört!« »Erinnern Sie sich vorgestern nicht eines Ganges durch die Rue Montmartre bis zur Ecke der Straße Saint Joseph?« »Sie haben recht, ich begegnete dem Vicomte und vermochte mich kaum von seiner Höflichkeit loszumachen.« »Nun, Fürst, Herr von Méricourt kennt die kostbare Einrichtung des zweiten Stockes im Hause zehn der Rue Joseph sehr wohl und weiß, wer der vornehme Fremde ist, der die hübsche, nur – wie der Vicomte sagt – allzu leichtfertige Bewohnerin unterhält und Tag und Nacht bei ihr ist. Ich hörte ihn vorhin gegen Sazé darüber spötteln, ehe Sie erschienen. Blicken Sie hin und sehen Sie, wie angelegentlich er sich mit Ihrer schönen Schwester unterhält! – Ich wette, daß er eben seinen Bericht abstattet.« Der junge Fürst errötete vor innerer Aufregung. »Der Spion soll mir büßen!« »Wissen Sie, was man sogar behauptet, Fürst? – Sie sollen mit Ihrer kleinen Grisette verkleidet den Bal Mabille, ja sogar die Grande Chaumiere besuchen und ein flotter Tänzer dort sein.« Diesmal war der Schlag zu arg; ein dunkler Purpur stieg in das Gesicht des jungen Mannes; der Zorn wich der Scham; er schlug die Augen zu Boden. »Ei was,« lachte der Oberst, »wäre es auch wirklich wahr – Jugend muß austoben und es wäre ein Streich, in den sich kein Unberufener zu mengen hat! – Kommen Sie, Iwan, die Quadrille geht zu Ende und wir würden mit unseren Bedenken nur stören.« Er führte ihn durch einen Seitenausgang in die Nebenzimmer. An einer Anrichte nahmen sie Champagner und traten dann auf des Grafen Vorschlag zum Spieltisch im benachbarten Raum. Iwanowna hatte keine Ahnung von dem Gift, das eben in des geliebten Bruders Ohr geträufelt wurde. Der Vicomte gehörte allerdings zu den eifrigsten Anbetern der nordischen Schönheit und wurde durch ihre Achtung und ihr Vertrauen ausgezeichnet. Darauf hatte sich jedoch ihre Gunst bis jetzt beschränkt; kein Wort hatte ihm die ihr wohl selber noch unklaren Gefühle ihres Herzens kund getan. Doch verstanden sich beide, wie sich hohe Seelen immer verstehen. »Haben Sie Gelegenheit gehabt, meine Bitte zu erfüllen, Herr von Méricourt?« fragte die Fürstin. »Sie verzeihen meine Besorgnis, aber sie ist in den letzten Tagen nur noch gestiegen. Sie selber sehen, wie verändert der Fürst sich zeigt; nur mit großer Mühe konnte ich ihn bestimmen, mich heute zu begleiten.« »Ihr Bruder, sonst so offen und zugänglich, ist nicht bloß für seine liebenswürdige Schwester, sondern auch für seine aufrichtigen Freunde jetzt ein verschlossenes Buch! – Vergebens mache ich ihm meinen Besuch; er ist nicht zu Hause. Und als ich ihm vor einigen Tagen in der Straße Montmartre zu Fuß begegne und ihn zu einer vertraulicheren Unterredung zu bewegen suche, läßt er mich fast merken, daß ich ihm lästig sei.« »Und wissen Sie, wohin er ging?« »Nein – ich wollte natürlich mit meinen Fragen nicht aufdringlich sein.« »Hegen Sie denn gar keine Vermutung, Vicomte, was diese häufige Abwesenheit, diese stets allein unternommenen Gänge zu bedeuten haben? Selbst dem treuen Wassili, der ihn von Jugend auf nie verlassen, hat er streng verboten, ihm zu folgen und ihm befohlen, mir sein Ausbleiben so viel wie möglich zu verschweigen.« Der Kapitän lächelte. »Ich glaube, Fürstin Iwanowna hat allzu große Besorgnisse. Paris ist der Ort so mancherlei Zerstreuungen, und es wäre leicht möglich, daß irgendeine Liebelei das empfängliche Herz des Fürsten gefesselt hätte.« »Aber warum dann dies ihn aufreibende Treiben? – Ich bin natürlich nicht seine Erzieherin und maße mir nicht an, in das Tun Ihrer Männerwelt zu dringen. Doch wenn er der Schwester gegenüber auch schweigt, warum gegen seine Freunde? Ich habe mir sagen lassen, daß in solchen Herzensangelegenheiten die Herren nur allzu offenherzig gegeneinander sind.« »Das mag bei Torheiten und leichtfertigen Verbindungen der Fall sein, aber nie bei einer wahren Neigung. Es sollte mir leid tun, wenn es so wäre, denn bei seinem feurigen Charakter würde er sich ihr mit ganzer Seele hingeben. Und wie schwer eine solche verwundet, das – empfinde ich selber zu tief, um meinen jungen Freund nicht davor bewahrt zu wünschen.« Ein rascher, fragender Blick streifte den Kapitän; eine leichte Röte überflog Wangen und Stirn – die Wogen des Tanzes unterbrachen das Gespräch. Als der Vicomte sie zur Gruppe zurückführte, die sich um die Dame des Hauses gebildet, und de Sazé nahte, die Fürstin an ihr Versprechen zu mahnen, neigte sie sich vertraulich zu ihm und bat: »Versuchen Sie noch einmal heute Ihr Heil bei Iwan und sorgen Sie wenigstens für seine Zerstreuung. Die Gesellschaft, in der wir ihn vorhin verließen, ist keine, die ich schätze. Gehen Sie, Vicomte, und denken Sie, daß ein Ritter der Ruhe seiner Dame alle Dienste leisten muß.« Der nächste Kontertanz war vorüber; am Arm ihres Tänzers, de Sazé, durchging die Fürstin den zum blühenden Garten umgewandelten Korridor, der die vorderen Säle mit dem hinterm Flügel verband. Plötzlich stockte ihr Fuß. »Marquis, sehen Sie – um Gottes willen, was ist vorgefallen?« Auf sie beide zu, aus dem Spielzimmer, kam der Zuavenkapitän. Sein Gesicht war dunkel gerötet, das Auge blitzte; er schien sich mit Gewalt zu beherrschen. Wenige Schritte hinter ihm folgte Iwan am Arme des Obersten, der ihn zurückhielt. Iwan war blaß wie Wachs, er blickte scheu umher, offenbar mit sich selber unzufrieden; der zusammengekniffene Mund verriet Entschlossenheit. Nur der Oberst bewahrte seine gemessene Haltung; ein boshafter Blick leuchtete aus seinen Augen, als er die Begegnung mit der Dame bemerkte. Sazé begriff, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte und führte die Fürstin zu einem der Sitze unter Rosen- und Kamelienbüschen. Méricourt trat auf ihn zu; während er mit einer Verbeugung Iwanowna begrüßte, dabei aber ihr Auge sichtlich mied, sagte er mit fester Stimme: »Gestatten Sie, Durchlaucht, daß ich Ihnen für einen Augenblick Ihren Kavalier entführe? Ich habe ihm nur eine kurze Bitte vorzutragen – er ist sogleich wieder zu Ihren Befehlen.« Iwan war herangekommen und trat zu seiner Schwester. »Lassen Sie sich nicht abhalten, Herr von Sazé,« sagte er hochmütig, »ich werde Sie bei meiner Schwester ersetzen.« Er bot ihr den Arm; die Fürstin jedoch beachtete ihn nicht und wandte sich zu den beiden Franzosen. »Da der Zweck unseres Ganges erfüllt ist und ich meinen Bruder gefunden habe,« sprach sie verbindlich zu de Sazé, »so wären Sie allerdings Ihrer Ritterschaft ledig, Herr Marquis. Ich habe dagegen noch die Verpflichtung, Ihrem Freunde zu danken, der zuerst meinen Auftrag übernommen hat, und bitte ihn, mich zu meiner Tante zurückzuführen.– Sie müssen sich schon bis dahin gedulden.« Damit legte sie die seine Hand auf den Arm des Vicomte und ging mit ihm voran. Sazé folgte und erfaßte rasch die Aufgabe, die ihm geworden, indem er das Paar von den beiden nachfolgenden Herren trennte. Dennoch waren sie zu nah, als daß die Fürstin eine Frage an ihren Begleiter hätte tun können. Aber das Zittern ihres Armes fühlte er in dem seinen. Im Eingang des Saales flüsterte sie hastig: »Was ist geschehen, Vicomte? Ich muß alles wissen – ich bin zu jeder Stunde für Sie morgen zu sprechen!« Méricourt neigte sich wie dankend zu ihr nieder und entgegnete mit bewegter Stimme: »Leben Sie wohl, Fürstin, mein Traum ist vorüber.« Einen Augenblick preßte er ihren Arm an seine Brust; dann zog er sich mit einer Verbeugung zurück und grüßte im Vorübergehen höflich und gemessen die beiden Russen. Die Fürstin sah, wie er auf dem Wege durch den Saal Sazés Arm nahm und mit ihm am Ausgang verschwand. Sie wandte sich um und begegnete dem höhnisch lauernden Blick des Grafen Wassilkowitsch. Kaum eine Viertelstunde später ertönte an der Einfahrt der Ruf nach dem Wagen der Fürstin Oczakow. Fürst Iwan war schon vorher aus der Gesellschaft verschwunden und allein nach Hause zurückgekehrt, um den Fragen der Schwester auszuweichen. * Der Leibeigene Wassili, herbeigerufen von seiner Schwester Annuschka, dem russischen Kammermädchen Iwanownas, stand vor der Fürstin. Sie ruhte im weißen Morgenkleide im Sessel und schaute sinnend durch die hohen Fenster in die Allee des Veuves. Wassili war fünf, die Schwester drei Jahre älter als das fürstliche Zwillingspaar, das mit ihnen die Milch derselben Mutter getrunken, ein in Rußland noch heilig gehaltenes Band. Mit der aufopferndsten Treue hingen die beiden an Iwan und Iwanowna, denen sie von Jugend an gedient und mit ihnen auch die gleiche, gute Erziehung genossen hatten. »Also, mein Bruder ist die ganze Nacht nicht zu Bett gewesen?« fragte die Fürstin nach einer Pause. »Ja, Mütterchen.« »Und was hat er getan während der Zeit?« »Ich weiß es nicht, Mütterchen.« »Glaube ihm nicht, dem schlechten Menschen, Durchlaucht,« mengte sich Annuschka ein. »Es wäre ein schlechter Diener – und das ist Wassili nicht – wenn er sähe, sein Herr ist unruhig, und er folgte ihm nicht auf jedem Schritt. Er will nicht sprechen, Durchlaucht; er hat mich schon früher gescholten, wenn ich ihn in deinem Auftrage fragte. Er meint, das hieße seinen Herrn verraten.« Wassili schoß einen ärgerlichen Blick auf seine Schwester, schwieg aber. Natascha Iwanowna richtete sich auf. »Höre, Wassili,« sagte sie ernst, »ich würde nicht in meines Bruders Geheimnisse zu dringen suchen, wenn es nicht sein Wohl gälte. Wichtiges ist vorgefallen. Du darfst bei allen Heiligen nicht das geringste verheimlichen! Ich befehle dir, ich bitte dich, mir zu sagen, was Iwan bis heute morgen getan hat.« »Er hat mich zu Bett geschickt.« »Aber du hast gelauscht?« Wassili kratzte sich verlegen in den dichten Haaren. »Er schrieb, Mütterchen,« sagte er endlich; »der Herr hat viel geschrieben.« »Und dann?« »Dann ist er unruhig umhergegangen und ...« Er zögerte. »Wirst du reden, Wassili!« fuhr ihn die Schwester an. »Siehst du nicht, daß du die Herrin bekümmerst?« »Ja, Annuschka,« sagte er ausweichend, »ich kann doch bei meinem Schutzheiligen nicht dafür, daß der Fürst seine Pistolen aus dem Schrank genommen hat. – Ich versichere dich, er schloß sie richtig in seinen Schreibtisch ein, nachdem er sie lange betrachtet hatte.« Die Fürstin winkte. »Genug, genug! – Ist der Fürst jetzt allein?« »Er war es, Mütterchen – aber – –« »Was?« »Ich sollte sagen, er schlafe noch, er sei ausgegangen.« »Hat er dir sonst einen Befehl gegeben?« »Ja, Mütterchen. Der Herr erwartet Besuch; ich soll ihn sogleich in das Bücherzimmer führen.« Natascha Iwanowna erhob sich. »Geh auf deinen Posten, Wassili, und achte sorgfältig auf alles, was geschieht und wer aus- und eingeht bei meinem Bruder. Ich lade die Schuld auf dein Haupt, wenn das geringste vorgeht, das ich nicht sofort erfahre.« Sie warf einen leichten Mantel um ihre Schultern und verließ nach Wassili und seiner Schwester das Zimmer und ging nach den Gemächern ihres Bruders. Eine Tapetentür, die in einen Nebenraum des Fürsten führte und zur Unterhaltung des unbelästigten Verkehrs zwischen Bruder und Schwester bisher gedient hatte, fand Iwanowna jetzt von innen verschlossen. Im Begriff, auf einem andern Wege durch das Bücherzimmer zu gehen, hörte sie fremde Stimmen und sprang rasch hinter den Türvorhang eines angrenzenden Kabinetts. Die Falten bewegten sich noch, als Wassili mit einem Herrn eintrat. Die Fürstin erkannte durch eine Ritze des Vorhanges den Marquis de Sazé. Wassili meldete den Besuch. Augenblicklich erschien der Fürst; er sah überwacht und blaß aus, aber beherrscht. »Sie werden erraten, Durchlaucht,« begann der Marquis, »in welch unangenehmer Angelegenheit ich Ihnen so zeitig meinen Besuch aufdränge. Diese Zeilen von Kapitän de Méricourt erteilen mir unbeschränkte Vollmacht.« Iwan verbeugte sich. »Ich muß Ihnen gestehen, Fürst,« fuhr de Sazé fort, »ich begreife eigentlich das Vorgefallene nicht, und mein Freund, der Vicomte, ebensowenig. Wollen Sie sich herbeilassen, uns einige Erörterungen zu geben, so wird sich das Mißverständnis aufklären; und Sie werden als Mann von Ehre nicht anstehen, meinem Freunde in Gegenwart eines der Zeugen der Beleidigung Ihre Entschuldigung zu machen.« »Ich bedaure, Herr von Sazé,« sagte Iwan kalt. Der andere unterbrach ihn. »Einen Augenblick, Durchlaucht, ehe Sie Ihre unwiderrufliche Meinung aussprechen. Sie wissen, daß es nicht Sitte der Franzosen ist, in einem Ehrenstreit die Hand zu bieten, und namentlich eine solche Beleidigung, wie sie dem Kapitän widerfahren, anders als durch Blut zu sühnen. Ich bitte, würdigen Sie also das wackere Benehmen Ihres Gegners, der in Berücksichtigung der bisherigen Verhältnisse mit jeder billigen Erklärung zufrieden sein will.« Der Fürst entgegnete steif und frostig: »Wenn auch noch jung, mein Herr, bin ich doch vollständig mit den Gesetzen eines Edelmannes vertraut und würde, gerade in Berücksichtigung der Verhältnisse, dem Herrn Vicomte nicht zumuten, mit einer Erklärung zufrieden zu sein, die ich ohnehin nicht zu machen gesonnen bin. – Darf ich Sie um Ihre weiteren Aufträge bemühen?« »Ich habe die Ehre, Ihnen die Forderung des Kapitäns de Méricourt zu überbringen.« »Ich bin zum ersten Male in Paris und mit Ihren Gewohnheiten daher noch einigermaßen unbekannt. So viel ich weiß, pflegt man dergleichen Angelegenheiten rasch abzumachen?« »Gewöhnlich, ehe die nächste Sonne untergeht; sollten Sie jedoch Zeit wünschen ...« Iwan richtete sich auf. »Ich bitte, Herr Marquis!« »Also heute, eine Stunde vor Sonnenuntergang.« »Ihre Waffen?« »Pistolen – ich verstehe mich nur wenig auf Ihre Degen.« »Ich werde die Ehre haben, mit Ihrem Sekundanten das weitere zu ordnen. – Wollen Sie mir Ihre Wünsche dazu sagen?« »Sie sind sehr freundlich, Herr Marquis. Graf Wassilkowitsch hat, in Erwartung eines solchen Besuches, meine Vertretung schon übernommen und wird Sie in seiner Wohnung empfangen.« »So bleibt mir nur noch, mich Ihnen zu empfehlen, Durchlaucht. Leben Sie wohl. Ich bedaure, diesmal sagen zu müssen: auf Wiedersehen.« Der Fürst zwang sich zu einem Lachen. »Unter Freunden, Marquis, sollte man sich dergleichen Bedauern eigentlich übelnehmen. Wollen Sie nicht eine Zigarre? – Sie wissen, ich führe echte Manila.« Der Marquis nahm die gebotene Zigarre an und steckte sie in Brand; Fürst Iwan folgte seinem Beispiel und geleitete ihn nach einigen gleichgültigen Worten bis ins Vorzimmer. Als er hierauf in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt war und Wassili ihm wenige Augenblicke später folgen wollte, fand er in der Mitte des Raumes die Fürstin, bleich, die Hand auf dem klopfenden Herzen. Sie hob einen Finger. »Bei deinem Leben, Wassili, keinen Laut, daß du mich hier gesehen.« * Kapitän Méricourt bewohnte den Gartenpavillon hinter dem Hofe seines Schwagers in der Avenue de Bordonnaye, wenn er sich in Paris aufhielt. Kaum eine Stunde später hielt ein Wagen in der Seitenstraße vor dem Zugang des Gartens und zwei tiefverschleierte Frauen stiegen aus. Auf das Zeichen der Glocke öffnete Mulei, der arabische Diener. »Ist Kapitän de Méricourt zu sprechen?« »Der Bey befindet sich in seinem Zimmer, Herrin.« »Sage deinem Herrn, daß eine Dame ihn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünscht.« Der Maure kreuzte die Hände über der Brust und führte die Frauen in das Vorzimmer. Dann verschwand er, kehrte aber nach wenigen Augenblicken zurück und nötigte die Fremden in den Salon. Kurz darauf trat der Kapitän ein. »Entschuldigen Sie, meine Damen,« sagte der Vicomte höflich, »daß ich Sie noch im Morgenanzug empfange; ich wollte Sie jedoch nicht warten lassen und stehe zu Befehl.« Die eine der beiden Frauen hob den dichten Schleier. »Die Fürstin! – Mein Gott – Sie hier?« »Verlaß uns auf einige Augenblicke, Annuschka.« Die Milchschwester Iwanownas verschwand in das Vorgemach. Méricourt ergriff die Hand der Fürstin. »So viel Glück und so viel Schmerz in eins zusammen gedrängt, Fürstin – es ist zu viel!« »Sie wissen, warum ich komme.« Er beugte sich mit schmerzlichem Lächeln auf ihre Fingerspitzen. »Sie werden sich noch heute mit Iwan schlagen?« Er senkte den Kopf. »Méricourt, Sie werden es nicht tun – um meinetwillen!« »Unmöglich! – Mein Leben steht zu Ihren Diensten, nicht meine Ehre. Ihr Bruder verweigert jede Erklärung.« »Ich weiß es! Ich war ungesehen Zeuge seiner Unterredung mit Herrn de Sazé. – Sagen Sie mir – wie kam es dahin?« »Fürstin,« sagte Méricourt tiefatmend, »ich bin schuldlos daran, ich weiß es selbst nicht! Und daß mir noch auf Erden das Glück zuteil geworden, Ihnen das selber sagen zu dürfen, was Sie morgen durch den kalten Buchstaben meiner Abschiedszeilen an Sie erfahren hatten – das erfüllt meinen geheimsten Wunsch. Ein böser Dämon muß Ihren Bruder besessen haben – seine Beleidigungen sind mir unerklärlich. Ich fand ihn mit dem Obersten am Spieltisch und gesellte mich zu ihm. Der Fürst war offenbar sehr erregt, und als ich ihn fragte, ob ich ihn am Morgen zu einem Spazierritt abholen dürfe, wie wir früher verabredet, entgegnete er heftig: er werde allein reiten, er brauche weder einen Vormund noch – noch einen Spion!« »Mein Gott!« »Ich war so bestürzt, daß ich die Fassung verlor. Einige Gesichter wandten sich gegen uns – man weiß, Fürstin, daß ich keine Memme bin und bei Beleidigungen ruhig bleiben darf. Ihr Bild, Iwanowna, stand vor mir. – ›Sie reden irre, Fürst‹ sagte ich und faßte seinen Arm. ›Sie haben mich wahrscheinlich nicht verstanden. Kommen Sie, lassen Sie uns plaudern‹ – Ihr Bruder riß sich los. ›Ich habe Sie sehr wohl verstanden, mein Herr‹ sagte er barsch, ›und wenn Sie meine Worte nicht verstehen wollen, so werden Sie vielleicht das verstehen!‹ – Fürstin, er – –« »Zu Ende, zu Ende!« »Er hob die Hand gegen mich, einen Augenblick zwar nur, aber – er hob die Hand!« Der Kapitän war bleich geworden bis in die Lippen. »Der Unbesonnene!« Natascha Iwanowna zitterte. Méricourt schwieg; ein inniges Mitleid erfaßte ihn mit dem erschütterten Mädchen. »Ich wiederhole Ihnen, Fürstin,« sagte er endlich, »ich weiß noch immer nicht, was dieses Benehmen Ihres Bruders hervorgerufen hat. Nur ein Mißverständnis oder eine Verleumdung kann die Veranlassung sein; doch leider ist die Sache nicht mehr zu ändern. – Sie kennen selber das Weitere.« »Das ist Wassilkowitsch' Werk!« rief die Fürstin. »Jetzt ist mir alles klar – mein Widerwille vor diesem Mann hat mich nicht betrogen! Ich weiß, Vicomte, daß nach den Gesetzen der Ehre unter Soldaten eine solche Beleidigung nur durch den Tod des Beleidigers gesühnt werden kann; dennoch haben Sie Iwan die Hand zur Sühne geboten, Sie, der tapfere Offizier.« »Ich bin es nicht mehr, Fürstin,« unterbrach sie Méricourt. »Heute morgen habe ich Herrn von St. Arnaud meine Entlassung eingereicht.« »Wie, Sie haben – –« »Es war nötig, Fürstin. Der Offizier konnte jene Sühne unmöglich bieten. – Aber – es war Ihr Bruder, Natascha!« »Und dennoch alles vergeblich – ich kenne seinen eisernen Sinn. Er würde sich eher zerreißen lassen, als durch eine Entschuldigung selbst das erkannte Unrecht gut zu machen.« Sie ging leidenschaftlich über den Teppich hin und her. Der Vicomte schwieg und folgte ihren Bewegungen mit traurigem Blick. Plötzlich blieb sie vor ihm stehen, ihre großen Augen voll auf ihn gerichtet. »Der Zweikampf darf nicht vor sich gehen, er darf nicht!– Hören Sie? – Er ist mein einziger Bruder, der letzte aus dem Hause der Oczakow, einer der neun Familien, die von Ruriks Stamme sind, edler selbst als die Romanows. – Ich darf ihn nicht sterben lassen! – Eugen« – es war das erstemal, daß sie ihn bei diesem Namen nannte, und es durchzuckte den Mann wie ein Strahl – »Eugen, werden Sie zum Engel des Erbarmens an uns. Fliehen Sie den Zweikampf – verweigern Sie sich einer Torheit – Sie stehen höher als dieser lächerliche Ehrbegriff, der nichts anderes ist als ein kindischer Zwang zum gemeinen Mord! – Kommen Sie, fliehen Sie mit mir! – Eugen, ich liebe Sie, und jeder Atemzug meines Lebens soll Ihrem Glück geweiht sein!« Méricourt brach vor ihr nieder; er preßte stöhnend ihre Hände an sein brennendes Gesicht. »Sie verlassen Ihr Frankreich,« fuhr Iwanowna fort. »Sie ziehen mit mir in das herrliche Land, wo mildere, süßere Lüfte wehen als hier; wo der Oleander blüht und die Orange sich in den blauen Fluten des Meeres spiegelt. Nach Taurien, Eugen! – Nicht nur der Zar hat dort seine erhabene Phantasie, das Paradies Orianda – oh, herrlich schön dehnt an dem Wasser sich das Traumland, von dessen Klippenhöhe vielleicht Iphigenia einst hinüberschaute zum fernen Vaterlande, wo Orestes die Schwester von der grausamen Pflicht befreite. Oh, Eugen, werfen Sie es von sich, das Vorurteil dieser sogenannten Gesittung, die von Ihnen verlangt, das Blut Ihres Bruders zu vergießen, des einzigen Wesens, das gleich Ihnen mir teuer ist – –« Der Mann hatte sich aufgerichtet; auf seiner Stirn stand ein eherner Entschluß. »Natascha – diese Hand wird nicht gerötet sein von dem Blut Ihres Bruders!« »Sie gehen mit mir, Eugen?« »Ich gebe Ihnen alles was ich habe, Natascha. Nur eins lassen Sie mir – das ist, den unbefleckten Namen der Méricourt, den Namen meines Vaters. Es gibt noch ein anderes Mittel – bei meiner Liebe zu Ihnen, Ihr Bruder wird unverletzt von dannen gehen!« Das Mädchen stürzte auf ihn zu. »Was sinnen Sie? – Das ist Mord an sich selber! – Meinen Sie denn, daß der törichte Knabe Ihren Edelmut würdigen wird? – Sein Leben wäre Ihr Tod – wird der Kampf ausgefochten so oder so – sind wir auf ewig getrennt.« Méricourt wandte sich ab. »Es ist kein anderer Weg – Sie haben einen Namen zu verteidigen, Natascha, aber auch der meiner Väter ist mir heilig und darf nicht entehrt werden, selbst um den himmlischen Preis nicht, den Sie mir gezeigt haben.« Sie warf sich schluchzend auf den Diwan; er setzte sich zu ihr und streichelte ihre Hand. »Warum trauern, Natascha,« sagte er weich, »nachdem Sie mich so unaussprechlich glücklich gemacht? Warum trauern, daß uns ein eigenes Mißgeschick trennt, da uns doch das Geschick der Völker in jedem Augenblick unwiderruflich zu trennen droht? – Wie unendlich viel leichter wird es mir sein, jetzt der Kugel Iwans die Brust zu bieten für Sie, als wenn das Geschick der Schlachten uns gegenüber gestellt und die kalte Politik Ihres Zaren und seiner Nesselrodes und Kisselews den Freund dem Freunde, den Bruder dem Bruder den Stahl ins Herz stoßen hieße!« Die Worte, die Namen schienen in Iwanowna einen Plan geboren zu haben – einen Augenblick schwieg sie nachdenkend, dann raffte sie sich auf. »Wann soll der Zweikampf vor sich gehen?« »So viel ich weiß, gegen Abend – um sechs Uhr.« »Eugen, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?« Sie hob die Hände. »Jede, die sich mit meiner Ehre verträgt.« »Sie ist auch die meine und wird unverletzt aus allem hervorgehen.« – Sie drängte ihn zum Schreibtisch. – »Schreiben Sie an Herrn de Sazé, daß das Duell erst morgen früh um die gleiche Stunde stattfinden könne – nehmen Sie irgendeinen Vorwand – die Ordnung Ihrer Angelegenheiten –« »Sie sinnen eine List ...« »Bei dem Grabe meiner Mutter, ich sinne nichts gegen Ihre Ehre! – Ist das Leben zweier Menschen nicht einen kurzen Aufschub von zwölf Stunden wert? – Galt Ihnen das Geständnis meiner Liebe so wenig?« Er reichte ihr die Hand. »Es ist unnötig, daß ich schreibe – der Marquis wird in einer halben Stunde hier sein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihr Wille erfüllt werden soll. – Iwanowna, ich ahne Ihren Grund – Sie wollen Ihren Bruder bewegen – möge Gott seinem Engel helfen!« Sie sah ihm trübe lächelnd in die heiterer gewordenen Augen. »Meinen Dank, mein Freund, meinen ewigen Dank! Und jetzt – mein Lebewohl!« Sie wandte sich rasch nach der Tür; er eilte ihr nach, aber sie selber kehrte sich noch einmal zu ihm. Ihre Hände faßten die seinen – ihre Augen saugten sich in den seinen fest, Minuten lang, innig und zärtlich, und doch wie unter dem Flor einer tiefen Traurigkeit. Er zog sie näher – unwillkürlich – im stummen Glück ruhten ihre Lippen auf den seinen, süß und heiß – dann rauschte der Vorhang an der Tür hinter ihr zusammen. Der Vicomte trat ins Seitenzimmer, die teure Frau noch einmal zu sehen; doch eben eilte sie mit Annuschka, von dem Araber begleitet, durch die Pforte – im nächsten Augenblick rollte der Wagen davon. Iwanowna barg in schmerzvoller Seligkeit ihre Stirn an Annuschkas Schulter. Dann schrak sie hoch. Der Wagen bog in die Rue de Grenelle. Mit klarer Stimme befahl sie dem Kutscher: »Nach dem Faubourg de St.Honoré 33, Hotel des russischen Gesandten.« Fürst Iwan – durch den Grafen Wassilkowitsch von der Verschiebung des Zweikampfes in Kenntnis gesetzt – hatte eben seinen gewöhnlichen Besuch in der Gesandtschaft gemacht und wollte sich wieder entfernen, als Herr von Kisselew, der damalige Vertreter Rußlands in Paris, ihn zu sich bitten ließ. Der Gesandte empfing ihn aufs freundlichste und lud ihn ein, mit ihm zu speisen, da mehrere Geheimdepeschen zu erledigen wären, deretwegen er seine Hilfe in Anspruch nehmen müsse. Iwan war es nicht unlieb, auf diese Weise den Fragen der Schwester auszuweichen. Außerdem – die Stunden vor einem Zweikampf allein zu verbringen, ist eben für keinen angenehm. So fügte er sich gern und die Arbeit zerstreute ihn. Aber Stunde auf Stunde verrann; der Gesandte häufte immer neue Arbeit vor ihm auf, und die Zeit nahte, zu der er in der Rue Joseph sein wollte – vielleicht zum letztenmal. Abgespannt schob er endlich die Papiere zur Seite. Die Depeschen waren erledigt und er griff nach seinem Hut. Die Uhr zeigte halb zehn, als Herr von Kisselew die letzten Unterschriften vollzog. »Ich muß Sie noch einen Augenblick bemühen, Fürst,« sagte er artig. – »Die Sekretäre haben schon das Hotel verlassen und ich bitte Sie, diese Papiere kurierfertig zu machen.« Iwan gehorchte. Der Gesandte legte noch eine eigenhändige Depesche dazu und das Briefpaket wurde geschlossen. Herr von Kisselew klingelte. »Ist der Wagen bereit?« fragte er den eintretenden Jäger. »Zu Befehl, Exzellenz!« Der Diener trat ab. »Jetzt, Fürst, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß diese Depeschen, wie Sie sich selber überzeugt haben, von der höchsten Wichtigkeit sind. – Den Draht können wir in dieser Angelegenheit nicht benutzen; die Gründe liegen auf der Hand. Sie werden daher auf Ihr Wort dieses Päckchen nicht von Ihrer Seite lassen, bis Sie es dem Herrn Staatskanzler selber übergeben haben.« »Wie? – Ich – –?« »Allerdings, Sie selber. Ich bin gewillt. Sie damit als Kurier nach Petersburg zu schicken, da ich dies niemandem sonst anvertrauen möchte. Sie werden mit dem Brüsseler Zug um elf Uhr abreisen.« »Aber Exzellenz – unmöglich! – Ich bin nicht im geringsten vorbereitet.« »Das ist unnötig – es ist alles getan; die Fürstin, Ihre Schwester, hat für alles gesorgt und wird Sie begleiten.« Er öffnete die Seitentür, Iwanowna trat ein im Reisekleid. Iwan dunkelte es vor den Augen. Das Blut schoß ihm zu Kopf; er fühlte, er war überlistet worden. »Ich kann Paris nicht verlassen! – Ich habe morgen früh eine Ehrenverpflichtung und will nicht das Spielzeug von Ränken sein, die ich durchschaue.« Iwanowna eilte auf den Bruder zu; sie hängte sich an seinen Hals. »Iwan, bedenke, was du tust!« Der Gesandte trat dicht an ihn heran. »Fürst Oczakow, ich befehle Ihnen, ohne Widerrede zu gehorchen. Sie werden auf der Stelle abreisen! – Im Namen des Zaren!« Der junge Mann knirschte. Er wand sich in den Armen der Schwester. Herr von Kisselew legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in väterlichem Tone: »Es ist unbedingt nötig, daß Sie reisen, Fürst, um Ihrer selber willen. Ich weiß alles; Sie haben eine große Übereilung begangen und wollen sie durch ein Verbrechen wieder gutmachen. Der Zar würde Ihnen in diesem kritischen Augenblick, da alles auf dem Spiele steht, diesen aufsehenerregenden Zweikampf nie verzeihen! Ihre Ehre muß gewahrt werden – gewiß – und deshalb zwinge ich Sie im Namen des Zaren, abzureisen. Ich selber werde Ihre Rechtfertigung bei Ihrem Gegner übernehmen.« Iwan sah, daß ihm jeder Ausweg abgeschnitten war. »Ich werde reisen, hätte aber von Euer Exzellenz mehr Rücksicht erwartet.« »Sie sind ein törichter, junger Mann!« sagte der Gesandte achselzuckend. »Danken Sie der Aufopferung Ihrer hochherzigen Schwester, die Sie aus Ihrer unwürdigen Stellung hier mit Ehren gezogen hat.« Er hob warnend den Finger. »Übrigens könnten Sie leider, wie Sie ja aus den Depeschen wissen, bald Gelegenheit erhalten, Ihre Rauflust an Ihrem heutigen Gegner, den ich achte und schätze, auf einem würdigeren Felde zu kühlen.« »Haben Euer Exzellenz noch etwas zu befehlen?« »Nichts weiter! – Ich habe Ihr Wort, daß Fürst Oczakow diese Depeschen richtig und ohne Zeitverlust in Petersburg abliefern wird?« »Mein Wort!« »Fürstin! – Sie sind mir Zeuge und Bürge für Ihren Herrn Bruder. – Ich wollte Sie erst selber zum Bahnhof begleiten, verlasse mich aber völlig auf Sie.« »Die Ehre meines Bruders ist die meine. Leben Sie wohl! Nehmen Sie nochmals meinen innigen Dank!« »Auf glückliche Reise also, Fürst, und ohne Groll! – Ich muß Sie verlassen, denn ich habe Berichte zu empfangen. Es ist etwas Wichtiges vorgegangen; man hat heute abend einen Anschlag auf den Kaiser Napoleon entdeckt; es sollen viele Verhaftungen in der Komischen Oper vorgenommen sein. – Leben Sie wohl!« Er reichte beiden die Hand, die Fürst Iwan schweigend und zögernd annahm, und geleitete sie bis zum Vorsaal. Diener des Fürsten standen dort bereit; im Hofe des Hauses harrte ein Wagen. »Wir finden unsern Reisewagen schon auf dem Bahnhofe, Iwan,« sagte das Mädchen. »Wassili und Annuschka werden uns allein begleiten; die anderen folgen.« Iwan verharrte in mürrischem Schweigen, während der Wagen durch die Straßen rollte. Plötzlich, als er auf den Place de la Madeleine einbog, faßte er die Hand seiner Schwester. »Natascha,« sagte er, »ich habe mich in den Willen des Gesandten und in deinen Wunsch gefügt und ich schwöre dir, willig abzureisen, ohne einen Versuch wegen des Ehrenhandels zu machen. Aber ich habe eine Bitte an dich, von deren Erfüllung mein Leben abhängt.« »So habe Vertrauen zu mir, wie ich zu dir!« Iwan zeigte seine Uhr. »Es ist zehn Uhr. Um Elf geht der Zug. Wir haben noch eine volle Stunde Frist. Gib sie mir –ich kann nicht scheiden von Paris, ohne eine andere Verpflichtung gelöst, ohne jemanden, wenn auch nur für einen einzigen Augenblick, gesprochen zu haben, der mich zu dieser Stunde erwartet.« »Iwan, du hintergehst mich!« »Beim Andenken an unsere Mutter – nein! – Aber ich schwöre dir ebenso, daß keine Macht der Welt mich lebend aus Paris bringt, wenn du mir diese Bitte abschlägst! – Schwester – ich will – ich muß sie noch einmal sehen!« Die Fürstin schaute ihn an – ihr Herz gedachte der eigenen Liebe, die sie vielleicht auf Nimmerwiedersehen verlassen. »Wann wirst du am Bahnhof sein?« »Eine Viertelstunde vor der Abfahrt. –Bei der Reinheit unsers Namens! –Ich vertraue dir diese Papiere an; du kennst ihre Wichtigkeit und was sie mich kosten. Und jetzt – jede Minute ist verloren. – Dank, Natascha, tausendfachen Dank; du rettest mich vor Verzweiflung.« Er rief den Kutscher an; der Wagen stand, Iwan öffnete den Schlag. Iwanowna hielt ihn zurück. »Noch einen Augenblick! Iwan, du gehst nur zu einer... Dame?« »Bei meiner Seligkeit! –Meine Ehre ist dir verpfändet.« Er verschwand im Gedränge an der Kreuzung der Straßen. * Auf dem Nordbahnhof wogte das Treiben der Reisenden, der Händler, der Beamten und Packträger. Die große Uhr am Hauptgebäude schlug dreiviertel Elf. Die Fürstin saß mit Annuschka schon im Zuge, Wassili stand am Schlage, alle drei schauten aufmerksam nach den Eingängen. Die Glocke läutete zum ersten Male – zehn Minuten vor Elf. Das schöne Gesicht Iwanownas begann sich zu verfinstern; Wassili und Annuschka bemühten sich, sie durch allerlei Vermutungen zu beruhigen. Wagen auf Wagen rollte heran – keiner brachte den Fürsten. Die Minuten schienen mit Windeseile zu entfliehen. Es litt Iwanowna nicht länger im Wagen; sie trat auf den Bahnsteig; die Uhr in ihrer Hand zitterte. Drei Minuten vor Elf – Eine eisige Entschlossenheit, der Zug außergewöhnlicher Willenskraft, der um den Mund lag, verbreitete sich über das ganze Gesicht. Sie winkte Wassili heran und legte die Hand auf seine Schulter. »Höre wohl an, was ich dir sage. Es handelt sich um Tod und Leben – um die Ehre der Oczakow; ich kann nicht glauben, daß Fürst Iwan sein Wort bricht – ich kenne ihn; sein Wort ist ihm heiliger als das Leben. Kommt er nicht, so muß ein Unglück geschehen sein. Der Zug geht ab und ich mit ihm. Das Wort und die Ehre der Oczakow müssen rein bleiben im Vaterland!« Ihre Brust hob sich in tiefer Erregung – Wassili horchte schweigend den Worten. »Hier ist meine Börse, Wassili – fürs erste genug. Du bleibst hier und weichst nicht aus Paris, bis du Iwan gefunden hast. Ich kenne dich, Wassili, und weiß, daß sein Leben das deine ist. Sage ihm, er solle rasch und heimlich folgen, ich hätte unterdes seine Ehre gewahrt. Kein Wort im Hotel, Wassili, von dem Verschwinden des Fürsten. – Bei deinem Leben – bei dem Leben deiner Schwester: Für dich und alle Welt ist Iwan abgereist mit mir!« Die Glocke erklang zum dritten Male – sie sprang in den Wagen, mit gekreuzten Armen stand der Diener vor der Tür, die der Schaffner eben schloß. »Lebe wohl! – Treu und verschwiegen!« Der Zug rollte langsam aus der Halle. Der Vampir Wo der prächtige felsenumgürtete See von Skadar – Skutari – sich hinabzieht gegen das gleichnamige Bollwerk des damals türkischen Albaniens, noch jenseits der von den Montenegrinern in Besitz genommenen Inseln Sankt Nikolaus, Stavenau und Morakowitsch, liegt ein Felseneiland, wild und rauh, wie die Gebirge der Czernitza selber, gleichsam als Vorposten gegen die Feste. Oft wird es von Trupps der unruhigen Bergbewohner besucht, teils um dort aus den Okos, den warmen Quellen, die schmackhafte Ukljeva zu fangen, teils um von dort aus ihre ewigen Gegner, die Türken, zu beobachten. Ein milder Juliabend lag auf den blitzenden Wellen des schönen Sees, die der Wind aus den Schluchten des Sutorman von Süden her in leichte Bewegung setzte. Unter einer schroff am See emporsteigenden Klippe, geschützt durch einen mächtigen Felsblock, lagerte eine bunte Gruppe von fünf Menschen um ein kleines Feuer. An einem Holzspieß brieten die schmackhaften Weißfische des Sees, und eine Frau bereitete das Castradina, das Lieblingsgericht der Czernagorzen aus geräuchertem Fleisch auf serbische Art. Hoch oben auf dem Felsen lag ein Wachtposten; er war in den zottigbraunen Mantel des Hochlands gehüllt, Aug' und Flinte richtete er gegen Skadar und bespähte auf dem See jedes Boot. Das Haupt der Gruppe war ein riesiger Greis von abschreckendem Aussehen. Das weißwollene Hemd ließ Hals und Brust frei; im Gürtel staken ein langes Pistol und der säbelgleiche Handschar mit silberbeschlagenem Griff. Um die breiten Schultern hing die Struka, der bis über die Hüften reichende Mantel der Czernagora, darunter sah man das kurze türkische Beinkleid. Die Füße steckten in der Opanka, der leichten Bergsandale. Der Scheitel des mächtigen Kopfes war bis auf die Mitte des Schädels nach der Sitte des Volkes rasiert; rechts und links und von der hinteren Hälfte fiel mähnenartig ein starkes, graues Haar in langen Strähnen und Flechten auf den Stiernacken herunter und vereinigte sich um Mund und Kinn mit einem Bart. Stirn und Gesicht bildeten ein förmliches Gewebe von Runzeln, Falten und Narben, aus dem über der langen, schnabelartig gebogenen Nase ein dunkles Auge mit einem Glanz und einem unsteten Ausdruck funkelte, der häufig etwas Wahnwitziges annahm. Das andere Auge fehlte; die leere Höhlung und der breite Mund mit den glänzenden, wolfsartigen Zähnen erhöhte das Unheimliche des Gesichts. Auf dem Kopf saß der tücherumwundene Fes, der dadurch die Form eines Turbans gewann. Die gräßlichste Beigabe aber war ein in Rauch, gleich den Köpfen der Neuseeländer getrocknetes Menschenhaupt, das in seiner ganzen Scheußlichkeit an einer starken, durch den Schädel gezogenen Schnur wie ein Amulet um den Hals und auf der Brust des Alten hing. Neben dem Alten saß ein junger Mann von zwanzig Jahren, von edler, klassischer Gesichtsbildung, in einfacher griechischer Tracht, ein türkischer Arnaut im malerischen, zerlumpten roten Kleid des Volksstammes des Ghegen, und ein Bursche von etwa fünfzehn Jahren, der gleichfalls die Kleidung der Czernagorzen trug und dem Alten und der Frau sehr ähnelte. Die junge hübsche Frau trug über den lang herabfallenden, mit Bändern durchflochtenen Zöpfen ein weißes Kopftuch mit herunterhängendem Schleier, das Zeichen der verheirateten Frau; ferner ein eng und faltenreich um den Hals schließendes Hemd mit weiten, bunt gestickten Ärmeln, eine Schürze von roter Wolle, darüber das Oberkleid ohne Ärmel von weißem Tuch mit blauen Schnüren geziert, vorn offen. »So meinst du also, Beg,« sagte der Arnaut, »daß der Christensultan in Moskwa das schwarze Hochland frei machen wird von den Gläubigen?« »Du redest, wie es ein Moslem versteht, Khan Hassan Lekitsch«, entgegnete der Greis. »Die Kinder der Czernitza sind nie die Sklaven des weißen Zaren in Stambul gewesen, seit Iwos, meines Ahnherrn, Zeiten, der unter Obods Trümmern am Busen der schwarzäugigen Wilas Nymphen schläft, die über ihn wachen und ihn dereinst aufwecken werden, sobald es Gottes Wille ist, seinen geliebten Czernagorzen Cattaro und das blaue Meer wiederzugeben. Dann wird der unsterbliche Held wieder an der Spitze seines Volkes die Schwabi, die Österreicher, vertreiben, gleichwie er die Bekenner des Halbmondes von unseren Bergen vertrieben hat.« »Aber, Beg, du weißt, daß ich selber zu den Gläubigen gehöre.« »Was kümmert das Iwo, den Einäugigen?« sagte der Greis in heiliger Einfalt. »Bist du nicht unser Gastfreund und hast von unserm Brote gegessen? – Was kümmert mich dein Glaube, Khan, wenn du Treue hältst dem Volke der Czernagora?« »Du sprichst es, Beg, und es muß wahr sein. – Aber sage mir, wie ist es mit dem Volk der Moskowiten?« »Höre mich, Khan Hassan, und merke auf meine Worte, denn der Pope Petrowitsch hat sie mir gesagt. In Stambul, das deinem weißen Zaren gehört, steht eine mächtige Kirche, von den Heiligen des Himmels gebaut und darin viele heilige Dinge – die gehörte den Christen, unsern Brüdern. Aber der weiße Zar hat sie ihnen geraubt und läßt die Christen den Haradsch zahlen und viele schwere Steuern. Er schlägt die Männer und hält sie mit dem Antlitz ins Feuer, bis sie ihm sagen, wo sie ihr Geld verborgen halten; den Weibern schneidet er das Gewand ab und gibt sie seinen Kriegern zur Beute. Darüber ergrimmte der schwarze Zar, unser Vater in Moskwa, und er hat seine Krieger marschieren lassen in das Land unserer Väter an dem großen Strom, an dem der Heiduck wohnt und der Serbe und der Bulgare, daß der Serdar, unser Feind, eilig unsere Berge hat verlassen und gegen den neuen Feind ziehen müssen. Der schwarze Zar will nun unsere Rechte mit denen unserer Glaubensbrüder zugleich verteidigen und den Sultan aus Stambul wieder verjagen weit übers Meer ins Land, woher seine Väter gekommen sind.« »Aber der Vladika hat Frieden gemacht mit dem Sultan,« entgegnete hartnäckig der Türke, »und ich habe gehört, daß er ein Verbot an alle Plemen erließ, die Waffen zu erheben.« »Du redest Torheit, Khan! – Kann denn die Welle der Marotscha rückwärts fließen? Kann denn der schwarze Kalogeri Die frühere Benennung des Vladika von der schwarzen geistlichen Kleidung, die er den griechischen Mönchen, Kalogeri, ähnlich trug. seinen Kindern verbieten, nicht für den Zaren in Moskwa zu kämpfen, nachdem er selber die Weihe von seiner Hand empfangen hat? – Wisse, Khan, ich habe in Cettinje auf dem Markt den Woiwoden gesehen, den der schwarze Zar an seine Junaks Junak – ein Tapferer in Czernagora geschickt hat, um sie zum Kampfe zu laden. Sie nennen ihn den Obersten Berger; dieses Kreuz hab' ich von seiner eigenen Hand erhalten.« Er zeigte ihm eine der russischen Denkmünzen, wie deren viele an die tapferen Krieger des Hochlandes verteilt wurden und die er am Halse neben dem Schädel trug. »Meinst du,« fuhr der Greis fort und sein Auge leuchtete, »daß Beg Iwo Martinowitsch in seiner Jugend umsonst Troitza gestürmt und den Helden Campaniole mit seiner Kugel erlegt habe, oder daß er gegen den grausamen Dschelaluddin vor dreiunddreißig Wintern gefochten und die Taktikis des Mehemed bei den Kulas von Martinitsch getötet habe, um in seinen alten Tagen von Gott, dem großen Würger, Der Tod außer der Schlacht wird von diesen Tapferen als das größte Unglück betrachtet; die Verwandten sagen von einem Kranken, der eines natürlichen Todes starb, er sei von Gott, dem »großen Mörder« getötet worden – od boga, starok kronika. Der größte Schimpf, den man einem Montenegriner antun kann, ist in den Worten enthalten: »Ich kenne die Deinigen; alle deine Vorfahren sind im Bett gestorben.« auf seinem Lager gefunden zu werden? Sieh dieses Haupt auf meiner Brust – es gehörte einst dem Pascha des verfluchten Podgoritza, Namik Halil, und seit einundzwanzig Jahren trag' ich den Todfeind an meinem Halse, der mein erstes Weib und meine Kinder ins Feuer der Kula meines Stammes warf. Meinst du, daß ein Uskoke, der also haßt, je den Säbel ruhen lassen wird gegen den Türken? Hab' ich nicht mitgefochten wieder bei Martinitsch, als uns in diesem Jahre der Würger von Bosnien, Omer Pascha, mit Krieg überzog? War ich nicht dabei, als wir in der Mordnacht von Plamenzi den Moslem aus seinem Lager schlugen? Hat mein Eidam Gabriel der Zagartschane Eine der Plemen (Stämme) der Katunska-Nahia. nicht gefochten und gelitten mit dem tapfern Woiwoden von Grahowo, dessen Seele die Heiligen gnädig sein mögen, und schmachtet jetzt dort hinter den Wällen des blutigen Skadar?« Er schaute wild umher, als suche er nach einem, der Widerspruch wage. Die Frau, von seinen letzten Worten an das Leid ihres Mannes erinnert, brach in leidenschaftliche Klage aus. »Warum sahen meine Augen den Tag, wo mein Gabriel in die Hände des Selim Pascha fiel? Wohl sehe ich neben mir seinen Blutsbruder Nikolas Grivas, den Mainoten, der an seiner Seite gestritten, aber er sitzt ruhig hier im sichern Schatten der Felsen, indes Gabriel Zagartschani im Turm von Skadar modert! Hassan der Moslem allein hat uns die erste Kunde von ihm gebracht.« Der junge Mann in griechischer Tracht fuhr hoch bei dem bittern Spott; eine dunkle Röte färbte sein offenes Gesicht. »Was redest du, Weib?« rief er. »Habe ich nicht im Kampf mein Blut vergossen wie Gabriel? Hab' ich nicht Hunger und Kälte getragen mit ihm, und als wir ins Türkenlager brachen, an seiner Seite gefochten?« »Das hast du, Nikolas Grivas – ich frage dich nur: wo ist der Bruder, mit dem du den Blutbund beschworen, und du kannst mir nicht antworten: Frau, da ist er! Oder: ich bringe dir das Haupt dessen, der ihn erschlagen hat!« Grivas rückte unruhig hin und her. »Du tust mir unrecht, Stephana«. Du weißt sehr gut, daß ich mein Blut willig opfern würde für den Freund. Mein Bruder Anastasius Caraiskakis hat wahrlich keinen Feigling in euer Land geschickt, daß er euch beistehen sollte mit seinen geringen Kenntnissen und seiner jungen Hand im Kampf gegen den Sultan. Kann ich dafür, daß das Gewühl des Überfalls mich in dem nächtlichen Dunkel von ihm trennte und ich fern war, als er im Eifer der Verfolgung verwundet wurde und von den treulosen Albanesen nach Skutari gebracht ward? Bin ich nicht mit Lebensgefahr sofort in die Höhle des Löwen gegangen, als Hassan Khan uns die erste Nachricht von dem Leben unseres Freundes gebracht hatte, um zu suchen, wie ich ihn retten könne? Bin ich nicht bereit, in einer Stunde aufs neue das Werk zu wagen?« Die Frau legte freundlich die Hand auf seine Schulter. »Zürne nicht, Nikolas Grivas, über den Schmerz seines Weibes. – Ich weiß, du bist ein Junak, ein Tapferer; die Helden meines Volkes rühmen den Knaben der Juganen. Die Bewohner des Südens. Aber du hast nicht das Auge der Adler von Czernagora, das auch im Dunkeln den Blutsbruder bewacht. Dein Blick ist trüb und matt, seit du von Skadar zurückgekehrt bist zu uns, als läge ein Leiden auf deinem Herzen. Warum vertraust du uns nicht und mischest deinen Kummer mit dem meinen?« Der Grieche stützte die Stirn in die Hand und schwieg. Stephana sah ihn an, aber sie wagte nicht, weiter zu fragen. Hassan der Arnaut blies den Rauch seiner Pfeife von sich und sagte: »Ich meine, der Giaur hat in die blauen Augen der Houris von Skutari geschaut; sein Herz ist getroffen gleich dem Reh der Wälder. Bei Allah, die Weiber in meiner Heimat sind schön, und viele von ihnen haben den Blick, der niemals den wieder verläßt, den er einmal getroffen hat. Nie hätte ich das Land dieser herrlichen Frauen verlassen, wenn ich nicht im Zorn den Aga Mehemet erschlagen!« In Grivas Wangen stieg verräterisch das Blut während der gemächlichen Rede des Arnauten. »Ei wohl, Khan«, sagte Stephana. »Du magst recht haben, und wenn der junge Junak wirklich einer Taube begegnet ist, die sein Herz gerührt hat, ei, so mag er das Recht der Otnitza Frauenraub. üben, wenn er glücklich heimkehrt, und sich die Braut holen.« Der Alte schaute sie von der Seite an. »Die Otnitza hat schon Unheil genug gebracht, denn sie führte den Sohn des Geschlechts, mit dem wir in Blutrache leben, in unsere Brasiwo Gemeinde . Bei den Gebeinen des heiligen Märtyrers Vasilius in Ostrog – darf ich überhaupt zugeben, daß mein junger Gastfreund in den Rachen des Wolfes geht, bloß um einen Mann zu retten, dessen Blut von uns hätte längst vergossen werden müssen?« »Vater!« schrie die Frau entsetzt. »Was redest du da? – Du sprichst von deinem Eidam, dem Mann deiner Tochter!« Der Greis starrte vor sich hin; der Familienhaß schien seinen Geist zu verdüstern. »Was denn, Kind?« murmelte er vor sich hin. »Die Blutrache hat seit hundert Jahren zwischen dem Geschlecht der Zagartschani und der Martinowitsch gewaltet, so will es das alte Gesetz. Der Vater deines Mannes hat unsern Djewer Vetter . erschlagen, ohne daß sein Blut bis jetzt gerochen ist.« »Aber das Blutgeld ist gezahlt! – Der Streit ist ausgeglichen, als mich Gabriel heimlich entführt und Ihr dann Eure Einwilligung zur Heirat gabt!« »Blut ist Blut«, knurrte der Alte. »Der Schatten des Vaters hat mich manch' liebe Nacht gemahnt, wenn die Wilas draußen auf der Livada Wiese tanzten und der Vampir umherging mit den blutigen Augen vor der Hahnenkräh. Iwo ist alt und hat einen Eid getan, nur das Blut des Moslems noch zu vergießen; aber er hat einen Knaben, in dessen Adern das schwarze Blut der Familie rollt – er wird die Pflicht seines Stammes nicht vergessen.« »Befiehl, Vater Iwo, und Bogdan wird gehorchen, gält' es auch das Blut seines nächsten Freundes.« Er zog wie beteuernd den Yatagan halb aus der Scheide. Doch die Schwester, erbittert von der herzlosen Blutgier, die selbst das Leben des eigenen Verwandten bedrohen konnte, sprang auf die Flinte des Alten zu und schwang die schwere Waffe gleich einem Rohr um die Locken. »Seid ihr Wölfe aus dem Epirus?« rief sie. »Wollt ihr das eigene Blut schlachten, statt es zu retten? – Bei allen Heiligen im Himmel, wer mir an den Gatten will, der hat es zuvor mit mir zu tun, und er wird sehen, ob die Tochter der freien Berge die Waffe zu führen versteht!« Grivas war aufgesprungen. »Gebt Euch zufrieden, Stephana! – Sie meinen es nicht so schlimm. Es ist nur der alte böse Geist, der zuweilen über den tapferen Sinn des Begs kommt. Du weißt, daß keiner eiliger war als er zur Tscheta, Streifzug als uns die Kunde von deinem Mann kam.« Der Alte strich sich den Bart. »So gefällst du mir, Kind! – Ich erkenne mein Blut in dir wieder. Aber spute dich! Wenn die Sonne sinkt hinter die Berge, muß der Grieche im Kahn sein, um zeitig in Skadar zu landen.« Stephana stellte die hölzerne Schüssel mit der Castradina vor sie hin; alle setzten sich um das Mahl und stillten ihren Hunger. Dann löste der junge Martinowitsch die Wache auf dem Felsen ab. Unterdes berieten die Männer den gefährlichen Zug Nikolas Grivas' zur Befreiung seines Freundes; vor dem Heldenkampf von Grahowo hatte er mit ihm Blutsbrüderschaft geschlossen, ein Band, das zwei Männer zu jeder Aufopferung verpflichtet. Schulter an Schulter stehen sie im Kampf, und nur der Tod scheidet sie. Dem Überlebenden bleibt die heilige Pflicht, den gefallenen Bruder zu rächen und für seine Hinterbliebenen zu sorgen. Unauslöschbare Schmach trifft den, der seinen Blutsbruder in der Gefahr verläßt oder, ohne ihn gerächt zu haben, aus dem Kampf allein zurückkehrt. In ähnlichem Fall war Nikolas Grivas, der jüngere Stiefbruder der beiden Caraiskakis. Bei der Verteidigung des befestigten Hauses des Woiwoden Jakob Wujatich von Grahowo, das am 19. Januar die Türken erstürmten, fiel der Woiwode. Nur in der höchsten Gefahr vor der schon durchgeführten Unterminierung gegen das Versprechen ehrlicher Kriegsgefangenschaft streckte er mit vierzig Gefährten die Waffen. Dabei fielen Grivas und sein Blutsbruder Gabriel in die Hände der Türken. Aber die Moslems unterwarfen die Gefangenen den furchtbarsten Leiden. An Pfähle gebunden, der Kleider fast beraubt und hungernd mußten sie die kalten Wintertage und -nächte zubringen. Der Brand trat bei vielen zu den Wunden und endete ihre Leiden. Einem Bruder des Woiwoden fror ein Bein ab. Der Woiwode selber starb im März an den Folgen der Mißhandlung. Eines Nachts gelang es den beiden Freunden, zu entfliehen. In dem siegreichen Überfall bei der Brücke Uzicki Most und bei Frutack rächten sie sich an den Türken. Im Kampfgetümmel hatten sich jedoch die Freunde verloren; Gabriel fiel bei der Verfolgung dem Feind in die Hände und wurde nach Skutari mitgeschleppt; seine Waffengefährten glaubten ihn tot. Grivas brachte die Kunde seiner Frau Stephana. Nur der Ruf seiner Tapferkeit und Aufopferung schützte Nikolas Grivas vor der offenen Verachtung. Dennoch sah er sich überall von scheelen Blicken umgeben und kehrte zurück nach Cettinje in den Stab des Fürsten. Gegen Ende Juni rief ihn die Witwe des Freundes zurück nach der im unwirtlichsten Gebirge belegenen Kula Befestigter Turm des alten Martinowitsch mit der Nachricht, daß nach dem Bericht eines aus Skutari wegen Totschlags geflüchteten Arnauten Gabriel lebe und in der Feste gefangen liege. Grivas war sogleich bereit, die Befreiung zu versuchen. Eine Tscheta aus Mitgliedern der Familie wurde hinab zum See von Skadar beschlossen, und man lagerte schon seit acht Tagen auf einer der von den Montenegrinern den Türken entrissenen Insel. Von dort aus hatte Grivas in Skutari die Gelegenheit ausgeforscht; denn offenbar konnte nur List, nicht Gewalt helfen. Nach dem Mahl waren die Vorbereitungen für den verwegenen Abenteurer bald getroffen. Unter der Fustanelle, einem hemdartigen Rock, trug er einen mit Knoten und Haken versehenen Strick, eine Feile und ein Messer in die Gamaschen sorgfältig eingeknüpft, im Gürtel die gewöhnlichen Waffen der Albanesen. Der einäugige Greis ging mit dem Moslem hinunter zum Ufer, den schmalen Kahn vom Segelboot zu lösen, in dem die Gesellschaft gekommen war. Stephana benutzte diese Zeit und trat zu Nikolas Grivas. »Der heilige Johannes segne deine Fahrt, Nikolas«, sagte sie feierlich. »Gern möchte ich an deiner Seite stehen, aber ich fühle, meine Gegenwart könnte alles verderben. Doch hilft List und Mut oft nicht allein; wirksamer als Kugel und Stahl ist das Gold. Nimm! Ohne Gabriel macht mir der Schmuck keine Freude.« Sie gab ihm eine Schnur von zusammengereihten kleinen Geldmünzen, die die slawischen Frauen gern in die Haare flechten. »Noch eines frage ich dich,« fuhr Stephana fort und legte freundlich die Hand auf seine Schulter. »Vertraue mir, der Frau, was dich drückt, seit du von Skadar zurückgekehrt bist. – Hast du etwas Schlimmes von Gabriel erfahren? Oder ist die Vermutung des Khan wahr und du bist verliebt?« Nikolas Grivas bedeckte die Augen mit der Hand. »Liebe, Stephana? – Ich weiß es nicht; aber wenn es die Liebe ist, so ist sie etwas Schreckliches und Süßes zugleich. – O, daß ich dir diese Augen beschreiben könnte! Ich habe sie nur ein einziges Mal geschaut und doch haben sie sich für ewig glühend in mein Gehirn gebohrt! Ich kann nicht mehr fühlen und denken.« Das junge Weib lächelte; dann aber sagte sie ernst: »Kennst du die Sage unserer Heimat? Der Vampir streift im Mondlicht umher und saugt sich an den Herzen der Lebenden fest, bis er den letzten Blutstropfen getrunken.« »So ist es mir, Stephana«, sagte Nikolas Grivas leise. »So saugt allnächtlich ihr Bild mit den lockenden Augen an meinem Herzen. – Stephana – ich liebe – einen Vampir!« Die junge Frau schlug das Kreuz. »Um der Heiligen willen, Nikolas – du redest Wahnwitz!« »Wahnwitz – der Wahnwitz hätte mich gen Skadar getrieben, auch wenn die Pflicht gegen den Freund mich nicht dahin führte!« Der Ruf des Alten ertönte vom Ufer herauf – der Nachen lag bereit, die Sonne ging unter. »Bete für mich – bete für mich!« Er preßte Stephanas Hände, daß sie schmerzten; dann sprang er hinunter. * Seit langen Jahrhunderten wird die Geschichte der Czernagorzen mit Blut geschrieben. Unterhalb Ragusa, wo Richard Löwenherz auf der Rückkehr aus Palästina landete, wo Dalmatien im prachtvollen Golf von Cattaro endet, hatte der Kaiserstaat im Wiener Kongreß eine schmale Küstenstrecke bis zur Bucht von Antivari sich vorzubehalten verstanden, die das kleine Heldenvolk der Montenegriner oder Czernagorzen von der natürlichen Grenze seiner Berge, dem Adriatischen Meere, trennt. Die Politik der europäischen Staaten schnitt damit ein Volk, das seit Jahrhunderten gegen den Halbmond rang, von seiner zeitgemäßen Entwickelung ab – sein Heldentum, seinen spartanisch erhabenen Charakter vermochte sie ihm nicht zu nehmen. Czernagora, das Land der schwarzen Berge – Montenegro in der Sprache der Italiener und der Diplomatie, hat hundert Angriffen der Türken siegreich widerstanden und schon seit dem Jahre 1703 war es ein von der Pforte losgerissener unabhängiger Freistaat. Die Bevölkerung von Czernagora – Uskoken, die Geächteten, wie sie sich mit Stolz nannten und noch nennen – stammt von den flüchtigen Serben, die dem Blutbade von Kossowo und auf dem Amselfelde entronnen, mit dem Sultan Amurath I. am 5. Juni 1389 das große serbische Reich vernichtete. Seitdem sind die schwarzen Berge der Zufluchtsort aller kühnen Flüchtlinge aus Bosnien, Serbien, Albanien, und nicht bloß der mißhandelte, dessen rächende Hand den tyrannischen Unterdrücker erschlug, auch der abenteuernde Moslem selbst, der für seinen Kopf oder seine Freiheit fürchtet, flüchtet dorthin und findet Schutz und Aufnahme. So ergänzt sich diese stolze Bevölkerung, fortwährend vermindert durch ihre inneren und äußeren Kämpfe, durch ihre Blutrache und ihre Familienfehden, immer wieder durch neuen Zuwachs aus den kühnsten und kräftigsten Elementen des Slawentums. Das historische Erbe des Volkes ist der nie endende, fortglühende Haß gegen den Halbmond; seine Geschichte, die seine Piesmen, seine Heldengedichte, besingen, bestand jahrhundertelang nur in den Schlachten und Kämpfen gegen die Türken. Iwo der Schwarze, von dem das Land den Namen führt, schlug schon 1450 Muhamed II. bei Keinowska und erbaute den Hauptort des Landes, Cettinje. Von dieser Zeit ab dienten die Czernagorzen dem Norden Italiens als Damm gegen die Eroberungen des gefürchteten Halbmondes. Mit der schrecklichen Blutnacht zum Christfest des Jahres 1703 unter dem Vladiken Danilo Petrowitsch Nieguschi, in der alle Moslems im Lande erschlagen wurden, befreiten sie sich von dem Zeichen der Abhängigkeit, dem Haradsch oder Kopfgeld. Seitdem wütete der gegenseitige Kampf fast ununterbrochen fort. Der Aufruf Peters des Großen an die orientalischen Christen zur Teilnahme am Kriege gegen den Sultan machte das Volk zuerst in Europa bekannt. Die Czernagorzen allein hatten damals den Mut, sich zu erheben; und das Heer des Seraskiers Achmet Pascha, an 50 000 Mann stark, wurde von den tapferen Bergbewohnern bei Czarew-Laz geschlagen. Von jener Zeit her schrieb sich der russische Einfluß und die Vorliebe für das Zarenreich in Montenegro. Seitdem auch suchte und erhielt der Vladika, das geistliche und politische Oberhaupt des Landes, seine Bischofsweihe in Petersburg. Die französische Republik wurde nach den Siegen in Ägypten über die Türken von allen Griechensklaven als Befreier begrüßt; als aber Napoleon I. mit dem Sultan ein Bündnis schloß, sahen sich auch die Czernagorzen in ihren Hoffnungen getäuscht und wandten sich aufs neue zu Rußland. Im Jahre 1820, da der durch seine Grausamkeit bekannte Wesir Dschelaluddin aufs neue einen Versuch machte, das Bergland zu unterjochen, errang Vladika Peter I. einen vollständigen Sieg. Dieser und sein ihm folgender Neffe, Peter II., der 1830 in Petersburg zum Bischof geweiht wurde und des Großwesirs Mehemed Reschid Truppen – 7000 Mann – mit 800 Bergkriegern schlug, sind die Mehrer Czernagoras gewesen und haben viel für sein Emporblühen getan. 1840 und 1841 erfochten die Montenegriner zahlreiche Siege gegen den berüchtigten Wesir der Herzegowina Ali; dann beschränkte sich der Kampf auf die gewöhnlichen, nie rastenden Grenzfehden, bis zur Zeit unserer Geschichte der Serdar von Bosnien, Omer Pascha, von Norden und Osten, Osman, der Pascha von Skadar oder Skutari, von Süden aus gegen sie zu Felde zog. Das Land war damals in vier Nahien oder Bezirke eingeteilt: Czernitza, Lieschanska, Rietschka und Katunska-Nahia, der nördlichste. Jeder dieser Bezirke umfaßt eine Anzahl Plemen oder Stämme, deren das ganze Volk vierundzwanzig zählt. Hierzu kam noch das Gebiet der Berdas, der sieben Berge, die Montenegro umgeben und deren Bewohner mit dem Freistaat verbündet waren. Jeder der Stämme besteht aus Familien oder Brüderschaften, Brastwo, die eine Gemeinde bilden. Der Vladika, das geistliche Oberhaupt, seit hundert Jahren aus dem Stamme Njegosch, regierte mit einem Senat von Cettinje aus das Land, und zwar selbständig, nachdem Peter II. die neben dem Vladikat bestandene Einrichtung eines Gobernatore oder Regenten in bürgerlichen Dingen abgeschafft und die Familie Radonitsch, in der das Amt erblich war, vertrieben hat. Nach dem Tode Peters II. trat sein Neffe Danilo Petrowitsch Njegosch Ende Februar 1852 die gewöhnliche Reise nach Petersburg an, angeblich um die Weihe als Bischof sich erteilen zu lassen. Doch schon von Wien aus tat er dem Senat kund, daß er der geistlichen Würde zu entsagen und die Meinung des Volkes darüber zu hören wünsche, um dann die Ermächtigung des Zaren zu suchen. Die zum 21. Mai nach Cettinje einberufene Volksversammlung sprach sich einstimmig für die vorgeschlagene Trennung der weltlichen und der kirchlichen Macht und für die Vererbung der Fürstenwürde im Mannesstamme des Hauses Njegosch aus. Fürst Danilo ließ nach seiner Rückkehr in Cettinje dem Volke ein Schreiben des Zaren Nikolaus vorlesen, in dem dieser, als Oberhaupt der griechischen Kirche, Danilo Petrowitsch zur Annahme der weltlichen Fürstenwürde und zur selbständigen Ernennung des Bischofs ermächtigte, der in Zukunft der Kirche in Montenegro vorstehen sollte. Dies offene Eingreifen des Zaren, das Montenegro fast als eine russische Provinz erschienen ließ, reizte die Pforte zum Einschreiten. Sie hatte immer noch nicht die tatsächliche Unabhängigkeit des kleinen Freistaates anerkannt und die Montenegriner nie anders als Rebellen betrachtet. Omer Pascha zog in Bosnien Truppen zusammen; Fürst Danilo kam ihm zuvor; er züchtigte mit tausend Kriegern den abgefallenen Stamm Piperi; dreißig Czernagorzen aus dem Stamme Ceklin überfielen am 11. November die kleine türkische Festung Zabljak und nahmen sie. So entspann sich der Krieg. Fürst Danilo räumte zwar, auf Anraten Österreichs, am 25. Dezember die wiedergewonnene Feste und zog sich hinter die Grenzen seines Landes zurück; aber die Pforte, die vor kurzem die ewig aufsässigen Begs Bosniens und der Herzegowina durch Ströme von Blut unter der eisernen Zuchtrute Omers zum Gehorsam gebracht hatte, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, das unabhängige Montenegro zu unterjochen und ließ es durch ihre Truppen einschließen. Ein Aufruf des Serdars drohte die Ausrottung aller Bewohner an, und seine Taktikis, die Truppen des stehenden Heeres, und die Arnauten schienen die Drohung alsbald wahr machen zu wollen und begingen die scheußlichsten Grausamkeiten gegen Frauen, Kinder und Hilflose. Im Kleinkrieg blieben freilich die mit allen Schlupfwinkeln des Gebirges vertrauten Montenegriner überall Sieger und brachten den Türken erhebliche Verluste bei. Nach wechselndem Kriegsglück mußten die Türken das Land am 25. Februar 1853 räumen, da Österreich an der serbischen Grenze Truppen zusammenzog und durch seinen außerordentlichen Gesandten, Feldmarschalleutnant Grafen Leiningen in Konstantinopel, von Rußland unterstützt, die Einstellung des Krieges, strenge Untersuchung der Beschwerden der bosnischen Christen und die Entfernung der ungarischen Flüchtlinge aus Omer Paschas Heer forderte. Die Pforte mußte nachgeben. Zugleich begann der Zwist mit Rußland in der Frage der heiligen Stätten; der Zar stellte seine Forderungen, Fürst Menschikow traf damit am 28. Februar am Bosporus ein und bald war die Pforte genötigt, ihre Streitkräfte an andere Punkte zu verlegen. Am 24. Mai erteilte Omer Pascha in Skutari dem türkischen Heere den Befehl zum Aufbruch nach der Donau; nur drei Bataillone blieben im Paschalik und wurden nach Skutari, Podgoriza und Antivari verteilt. Fürst Danilo hatte sich, um durch ein engeres Schutzbündnis seine Macht zu stärken, am 25. April nach Wien begeben und war am 7. Mai nach Cettinje zurückgekehrt. Bald darauf auch verbreitete sich die Nachricht, daß ein russischer Emissär, der Oberst Berger, in Montenegro eingetroffen sei; und während die Angelegenheiten in Konstantinopel sich immer drohender verwickelten und bald zum offenen Bruch führten, gärte es in allen griechisch-slawischen Provinzen unter der christlichen Bevölkerung immer mächtiger, und auch an den Grenzen Czernagoras brach, trotz den Befehlen des Fürsten Danilo, der Plänklerkrieg mit seinen Raub- und Abenteuerzügen aufs neue aus. Die Wölfin von Skadar Nach Mitternacht, im Silberglanz des Mondes, landete Nikolas Grivas eine halbe Stunde östlich von den Wällen von Skutari, unter Felsgestein und Gebüsch und verbarg den Nachen, so gut es die Gelegenheit bot. Eine Strecke landein suchte er sich einen vor den verräterischen Mondstrahlen geschützten Platz und legte sich nieder zum Schlaf. Mit Sonnenaufgang war er munter und schlenderte mit albanesischen Landleuten und Arbeitern sorglos durch das geöffnete Tor der Stadt. In einem türkischen Kaffeehaus in der Nähe der Hafenfeste, in der Gabriel gefangen saß, nahm er sein Morgenbrot und verweilte, bis sich die Straßen belebten. Bunt war das Bild, das sich vor seinen Augen entrollte. Da flammte die rote Tracht der Gueguen oder Miriditen mit dem Waffenarsenal im Gürtel, oder dem malerischen Harnisch, der an die Ritterzeiten und an die Tscherkessen erinnert; die Toga der Toxiden mit dem Waffenrock, dem Gürtel und den Sandalen aus der Römerzeit, dort der schlanke erhabene Wuchs ihrer Frauen mit dem rein griechischen Profil und den großen, blauen, seelenvollen Augen unter den lang herabhängenden, blonden oder kastanienbraunen Haaren; oder die Frau von den Ufern der Drinna, die Flinte auf der Schulter, den Handschar im Gürtel und den Korb mit den Früchten oder Geflügel auf dem Kopf; dazwischen die kleine dunkle Gestalt des Japis aus den Schluchten und Felsen am Adriatischen Meere; die Männer von Suli mit dem Adlerblick und der stolz emporgetragenen Stirn; der türkische Soldat des Nizam in seiner dunkelblauen Tracht mit dem flachen Fes; der geschäftige Grieche und Jude und dazwischen der würdige Moslem. Durch das Menschengewimmel drängte sich Grivas zum Khan des Maltesers Girolama, in dem, nahe am Basar, die Müßiggänger der Festung, die Fremden und die Offiziere der Besatzung verkehrten. Gegenüber dem Khan lag der Aufgang der Zitadelle, in deren Ringmauern sich die Gebäude des Paschalik befanden. Nikolas ließ sich vor dem Khan nieder; aber statt mit dem einen oder dem anderen ein seine Zwecke vielleicht förderndes Gespräch anzuknüpfen, schaute er wie gebannt nach dem Tor der Zitadelle, an dem die Wachen müßig lehnten. Über zwei Stunden saß er so. Da zuckte es wie ein Schlag durch die Glieder des Versunkenen. Zwei Frauen waren aus dem Tor getreten. Groß und stolz war die eine und schritt königlich aus. Sie trug einen weiten Feredschi und den weißen Yaschmak, den Schleier, der nur einen breiten Streifen um die Augen frei läßt, und unter den weiten türkischen Beinkleidern rote goldgestickte Stiefel. Die Gestalt der Sklavin verschwand fast neben der majestätischen Erscheinung. Die beiden Frauen gingen allein, aber doch nicht unbegleitet. Ein seltsamer Gefährte bewachte ihre Schritte – ein gezähmter Wolf trottete mit lechzender Zunge neben ihnen her. Nikolas Grivas Augen glühten –er hörte, wie die Gäste des Kaffeehauses sich von der stolzen Frau unterhielten, und mehrmals fiel der Name Fatinitza. Unwillkürlich hatte er sich erhoben und stand dicht an der Straße, die sie vorüberführte. Ihr Blick hatte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt angezogen. Fast noch unter dem Bogen des Tors waren die unergründlichen Augen der Türkin über die Menge geschweift und an dem bleichen Gesicht Nikolas Grivas haften geblieben, und unter dem seltsam verzehrenden Ausdruck schien die ganze Kraft des jungen Griechen zu schwinden; er vermochte nicht, sich abzuwenden. Wenn die heißen Augen dieser Frau wirklich eine Freude auszudrücken vermochten, so beim Erblicken Nikolas Grivas'. Man sah durch die Öffnung des Schleiers das Gesicht sich lebhaft röten. Ihre Hand ließ den Zipfel des Mantels fahren, der, zurückfallend, eine der den Miriditen ähnliche Tracht zeigte, im Gürtel ein leichter Handschar und eine zierliche Pistole. Aber der Mantel verhüllte sie sogleich wieder; nur ein leichtes Neigen des Kopfes und das Aufleuchten des Auges zeigten dem stumm und ehrerbietig grüßenden jungen Mann, daß er wiedererkannt sei. Lange schaute er ihr nach. Im Eingang des Basars verschwand sie. Er wollte ihr nachstürzen, doch die Füße versagten ihm den Dienst, seine Knie zitterten. »Bei Allah!« sagte eine Stimme hinter ihm, »du bist ein kühner Christ, daß du der Wölfin von Skadar so keck in die Augen zu schauen wagst. Nur wenige der Moslems wagen, die Tochter Selims zu begrüßen.« Ein greiser Kaufmann in ärmlicher Kleidung stand hinter ihm. Er erkannte ihn und lud ihn ein, neben ihm Platz zu nehmen. »Kennst du die Frau, Ali Martinowitsch?« fragte er hastig. »Sage mir, wer ist sie?« Der Alte schüttelte den Kopf. »Laß dich warnen, Jupane, daß du nicht in die Klauen dieser Wölfin fällst. Es ist Fatinitza, die einzige Tochter von Selim Pascha, der in Skadar gebietet, von einer Miriditin ihm geboren und der Apfel seines Auges. Sie liebt das Blut wie die Wölfin, die sie selber in den Schluchten des Sutorman aus dem Lager geholt und gezähmt hat. Schon viele junge Männer, schön und kühn wie du, haben ihr Ende gefunden durch diese Frau – niemand weiß, wo ihre Gebeine bleichen. Man sagt Böses und Geheimnisvolles von ihr, das die Lippe nicht wieder zu erzählen wagt. Es sollte mir leid tun um dich, der du mir das Zeichen des Begs, meines Blutsfreundes gebracht hast.« Der Kaufmann gehörte zu dem Stamm des alten Czernagorzen. An ihn hatte der Beg schon bei der ersten Fahrt nach Skadar den jungen Griechen gewiesen, und der Kaufmann hatte ihm versprochen, Nachforschungen nach Gabriel anzustellen und Vorbereitungen zu treffen. Nikolas Grivas ermannte sich aus seiner Versunkenheit. »Fürchte nichts«, sagte er. »Ihre Augen machten nur einen tiefen Eindruck auf mich, gerade wie das erstemal, als ich sie in der Vorstadt im Schatten der Kastanienbäume auf mich gerichtet sah und ihnen gefesselt folgen mußte, bis die Tore des Kastells mir den Weg sperrten. – Nein, ich bin ein Mann und bin hier, den Blutsbruder zu retten! – Hast du etwas erreicht? Wie kann ich eine Botschaft zu dem Freund gelangen lassen?« Der Alte forderte ihn auf, mit nach seinem Hause zu gehen, da hier ihr Gespräch leicht belauscht werden könne. Nikolas schien sich zwar nur ungern von dem Platze zu trennen und die Rückkehr der Frauen aus dem Basar abwarten zu wollen; Ali aber drängte, und so folgte er ihm durch die engen Gassen bis zu seinem Häuschen. Dort erfuhr er, daß Gabriel in einem Kerker des alten Turmes schmachtete, der als vorspringendes Werk der Zitadelle seine dicken Mauern in die Wasser des Sees tauchte. Gabriels Wunden waren geheilt, er wurde aber streng bewacht und litt Entbehrungen aller Art. Das hatte Ali von einem bestechlichen Kerkerwärter erfahren; doch hatte die Armut den Kaufmann verhindert, den Mund des Wärters weiter zu öffnen. Er stellte nun Grivas das Weitere anheim. Dankbar erkannte dieser nun den Wert der Gabe Stephanas; er händigte sie dem ehrlichen Alten ein und bat ihn, sein Heil von neuem bei dem Wärter zu versuchen. Nach zwei Stunden kam der Alte wieder; der Wärter war bereit, für die Schnur der Goldmünzen Gabriel zur Flucht zu helfen. Doch gab es nur eine Möglichkeit dazu. Der Kerker lag im dritten Stock des Turmes; das Fenster war deshalb leicht vergittert und der Mann hatte es übernommen, dem Gefangenen Feile und Strick zuzustecken. Nikolas sollte mit einem Kahn sich um Mitternacht in der Nähe des Turmes halten und den Flüchtling aufnehmen. Die ganze Nacht blieb ihnen dann, sich in Sicherheit zu bringen. Der Alte trug Feile und Strick wieder fort. Die zweite Hälfte der Goldschnur sollte der Helfer erhalten nach Erfüllung seiner Aufgabe. Gegen Abend wollte Nikolas die Stadt verlassen und im Schatten der Nacht mit seinem Kahn dem Turme nahen, um zur bestimmten Stunde bereit zu sein. Beim Dunkelwerden wandte sich Grivas zum Tor; aber es zog ihn noch einmal hin in die Nähe der seltsam schönen Frau. Er ging nach Girolamas Khan, setzte sich wieder dort nieder und starrte nach den Mauern, die die stolze Türkin, »die Wölfin von Skadar« bargen. Auf einmal entstand ein Lärm in der Nähe. Ein Tschokadar, ein Diener, war in Streit mit einem Albanesen geraten; im nächsten Augenblick blitzten die Handschars, und ehe Nikolas den Platz verlassen konnte, sah er sich mitten in dem Knäuel und in den Streit verwickelt. Polizisten sprangen herbei; ergriffen ohne viel Federlesens, wie meistens bei derartigen Szenen hierzulande, die drei ersten besten und darunter auch Nikolas Grivas und führten sie in Begleitung ihres Anklägers, des Tschokadars in die Zitadelle vor den Pascha. Durch den Hof, der die Zenanah – die Gemächer der Frauen – von den öffentlichen Gebäuden trennte, gelangten die Gefesselten über mehrere Stufen in die Halle zu Selim Pascha. Der Raum bot ein seltsames Gemisch orientalisch-üppiger Ausstattung mit dem Mangel des Kriegerlebens, da Selim ein rauher Soldat war. Die seidenen Kissen des Diwans wechselten als Sitze mit gegerbten Wolfs- und Bärenhäuten oder groben Korbgeflechten ab; zwischen Dienern und Müßiggängern aller Art strichen Soldaten umher oder Krieger der umwohnenden Arnautenstämme, mit denen der Pascha regen Verkehr unterhielt. Es war die Stunde des Abendgebets. Der Muezzin hatte vom Minarett her seinen Ruf ertönen lassen; alle Moslems verrichteten andächtig ihr Gebet; die Christen sahen gleichgültig zu und unterbrachen kaum ihr Gespräch. Nach dem Gebet nimmt der Muselmann nur selten noch ein Geschäft vor; er zieht sich gemächlich in die inneren Gemächer seines Hauses zurück. Daher befahl der Pascha, die Gefangenen bis zum anderen Morgen auf der Wache zu behalten und sie dann vorzuführen. Nikolas Grivas jedoch, dem es galt, um jeden Preis wieder frei zu sein, rief laut die Gerechtigkeit des Paschas an und erklärte, den Schutz des griechischen Konsuls für die ungerechte Haft in Anspruch nehmen zu wollen. In diesem Augenblick öffnete sich im Hintergrunde der Halle neben dem Sitz des Paschas eine Tür – Fatinitza, von dem zahmen Wolf begleitet, trat ein und setzte sich auf ein Kissen hinter dem Pascha. Nikolas durchrieselte es heiß. Aber niemanden sonst schien diese Anwesenheit einer Frau zu berühren, obgleich es im Orient ungewöhnlich ist, daß ein Weib sich in die Beratung oder Geschäfte der Männer drängt. Die Gegenwart des Mädchens fiel gar nicht auf. Man war hier schon gewöhnt, Fatinitza bei jeder Gelegenheit – selbst unter den Mühseligkeiten der Feldzüge und im wüsten Treiben des Lagers – an der Seite ihres Vaters zu sehen. Man wußte, Selim Pascha hing mit abgöttischer Liebe an seiner einzigen Tochter; und teils die den Frauen mehr Freiheit gestattenden Gebräuche der slawisch-griechischen Weststämme, teils diese unbegrenzte väterliche Liebe hatten für Fatinitza jede Schranke aufgehoben. Ihr unbezwinglicher Eigenwille, ihr männlich entschlossener Charakter beherrschten das Haus des Vaters und hatten längst jeden Zwang abgestreift. Zu den Füßen Fatinitzas streckte sich der Wolf und leckte ihre Hand. Der Pascha rief indes die Wachen zurück, die die drei Verhafteten fortführen wollten und wandte sich an Nikolas Grivas. »Du hast es eilig, junger Mann, meine Gerechtigkeit anzurufen«, sagte er ernst. »Wer bist du?« Er wollte mit seinem Namen antworten; da sah er, wie sich der Finger des Mädchens erhob und sich auf die Stelle legte, wo der Schleier ihre Lippen bedeckte. Er gehorchte dem Zeichen und sagte nur, er sei ein griechischer Untertan und auf einer Reise gen Ragusa und Skutari gekommen und hier schuldlos verhaftet worden. »Wo ist der Kläger?« fragte der Pascha. »Wessen sind diese drei Männer beschuldigt?« Der Tschokadar trat vor und verbeugte sich vor seinem Herrn. »Hoheit,« sagte er unterwürfig, »dein Knecht war in dem Kaffeehaus des italienischen Wirts vor den Toren deines Hauses, als ich plötzlich eine Hand in der Tasche meiner Jacke fühlte. Ich faßte danach und gewahrte, daß mir ein Beutel mit fünfzig Piastern entwendet worden war. Dieser albanesische Dieb stand dicht bei mir und kein anderer konnte es getan haben.« »Bak alum! –Wir werden sehen!« bemerkte der Pascha. »Habt ihr das Geld bei dem Manne gefunden?« »Allah bila versin! – Gott sende ihm Unglück!« rief der Ankläger verächtlich. »Das sind Leute, Hoheit, die die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges tragen! Er ist kein Esel, Hoheit, wenn auch sein Vater und seine Mutter Esel waren! – Ich habe deutlich gesehen, wie er den Beutel seinen beiden Helfershelfern dort zugesteckt hat.« »Haif, haif! – Schande! –Was sagt ihr dazu?« Der erste der Angeschuldigten, ein Albanese aus dem Küstenlande spuckte aus. »Er ist der Sohn einer Hündin und lügt wie ein Hund! Ich habe diese Männer nie gesehen. Die Hand soll verdorren, die sich nach dem Eigentum eines Rechtgläubigen ausstreckt.« Der zweite, ein Grieche aus der Stadt, berief sich auf seine Bekanntschaft mit einigen der Anwesenden und meinte, der Tschokadar müsse sich geirrt haben, und bat, man möge ihn untersuchen. Der Pascha wandte sich zu Grivas. »Und du? – Was für Kot wirst du uns zu essen geben?« »Der Mann hat sich versehen, oder er ist ein Narr,« antwortete er kühn. »Ich verlange, daß du ihn bestrafst für seine Frechheit!« »Allah bilir! – Gott allein weiß es! – Du redest hohe Worte; aber ein Pascha ist kein Esel, der sich von jedem hergelaufenen Ungläubigen betrügen läßt. Untersucht ihn!« Die Kawassen fielen über ihn her. Zu seinem großen Schreck brachte der Tschokadar selber, der bei dem Durchsuchen diensteifrig half, den Beutel bald aus den Falten seines Gürtels zum Vorschein und hielt den Fund mit lautem Geschrei in die Höhe. »Was sagst du nun, Sohn einer Hündin?« rief der Pascha. »Bringt ihn hinaus auf den Hof und gebt ihm fünfzig Stockstreiche!« Nikolas Grivas war anfangs sprachlos. Als er aber das rasche und schmachvolle Urteil vernahm, kehrte seine Besonnenheit zurück; er verteidigte sich stürmisch gegen den Verdacht; es müsse ihm wohl im Gedränge des Streites der wirkliche Dieb den Beutel heimlich zugesteckt haben, wenn nicht der Ankläger selber etwa aus Bosheit dies bei der Durchsuchung der Kleider getan habe. Ein spöttischer Strahl im Auge Fatinitzas bestärkte diesen Verdacht. Der Pascha achtete nicht auf seine Widerrede und gab ungeduldig nochmals das Zeichen zu seiner Fortführung. Empört sprang Grivas auf den Pascha zu. »So wahr du ein Krieger bist, Selim Pascha, halte ein und untersuche die Wahrheit, oder laß mich lieber töten, als diese Schmach erdulden! Ich bin ...« Wiederum sah er das Türkenmädchen schnell das Schweigezeichen wiederholen. Sie neigte sich zum Ohre des Vaters und flüsterte ihm einige Worte zu. Der alte Selim neigte den Kopf. »Awet der! – Es ist ein Weib!« sagte er, »aber ihr Rat ist gut. – Kannst du einen Bürgen stellen in dieser Stadt, der dich kennt, Christ?« Grivas dachte an den alten Kaufmann, aber zugleich fiel ihm ein, daß er dadurch den Mann in Ungelegenheit und Gefahr bringen mußte. Er verneinte. Fatinitza schien das unerwartet zu kommen. Wieder flüsterte sie dem Vater etwas ins Ohr. »Es kann etwas Wahres an dem Unrat sein, den du sprichst, Grieche,« sagte der Pascha. »Wir wollen die Sache morgen weiter untersuchen. Bis dahin, da du keinen Bürgen stellen kannst, mußt du im Gefängnis bleiben. Geht! – Diesen beiden unreinen Tieren aber,« er deutete auf die zwei anderen Gefangenen, »gebt eine Tracht Schläge, weil sie uns nach dem Gebet belästigt haben und werft sie vor das Tor. – Fort!« Vergeblich war alles Wehren Grivas; er wurde mit den anderen hinausgezerrt. Vom Eingang her sah er Fatinitza zum dritten Male wie beruhigend das Zeichen machen. Während die Wachen ihn über den Hof führten, kam der Tschokadar, sein Ankläger, ihnen nach und änderte mit einem neuen Befehl ihre Richtung. Ihr Weg wandte sich nun in die Gebäude längs des Sees; und durch einen gewölbten Gang wurde er in eine geräumige Zelle gebracht, mit stark vergittertem Fenster auf das Gewässer zu. Zwischen den Stäben erblickte er rechts zur Seite den in die Fluten vorspringenden Turm, das Gefängnis Gabriels. Tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner; er bedachte, wie die eigene Schuld ihn zwang den Blutsbruder abermals im Stich zu lassen. Sein erregtes Hirn malte ihm das Bild des Czernagorzen, wie er zwischen Himmel und Erde über den dunklen Fluten hing und vergeblich nach dem Waffengefährten durch die Nacht spähte. Er hörte Stephanas Vorwurf, sah die verächtliche Gebärde des greisen Häuptlings, fühlte die Schande, die ein tapferes Volk auf seinen Namen häufte – und das alles um den Blick eines schönen Weibes ... Er krampfte die Fäuste um die Stäbe der Fensteröffnung – das Eisen aus den dicken Mauern zu reißen, hätte es der Kraft eines Giganten bedurft; selbst wenn er die Feile noch besessen, die er Gabriel gesandt, eine Nacht wäre zu kurz gewesen, sie zu durchschneiden. Verzweifelt warf er sich auf das Holzlager; draußen sank die Nacht tiefer und dunkler über See und Gebirge. Stundenlang mochte er so gelegen haben. Jäh schrak er auf. Ein Lichtstrahl huschte zu der gegenüberliegenden Wand seines Kerkers. Aus einer etwa handbreiten Öffnung in der Wand über seinem Lager kam der Schimmer. Zugleich strömte ein Duft herein und erfüllte seine Zelle. Er stieg auf das Holzlager; sein Auge reichte gerade bis zu der fensterartigen, mit seinem Drahtgitter verschlossenen Öffnung – er stutzte – sein Blick umfaßte trunken ein ungeahntes Schauspiel. Ein mit Marmorfliesen ausgelegtes Badezimmer bot sich ihm dar, der Ort, mit dem der Türke einen wahren Kult treibt. In der Mitte glitzerten die warmen, wohlriechenden Wässer in einem eingebauten Becken. Auf einem Marmorbett, von Tüchern kaum verhüllt, lag die Herrin der Gemächer: Fatinitza, die Wölfin von Skadar. Fast nackte schwarze Mädchen salbten und rieben ihre Glieder, begossen Schulter und Brust; andere lösten sie eifrig ab, kämmten das reiche, rabenschwarze Haar und trockneten mit wollenen Geweben den Körper. Das Haupt zurückgebeugt, den rotblühenden Mund über den blitzenden Zähnen halb geöffnet, die Lider mit den langen, seidenweichen Wimpern über die Augen gesenkt, lag das Mädchen hingegeben den kundigen Händen ihrer Frauen. Geblendet fast sah Grivas unverhüllt ihr Antlitz, aus dem die schmale Nase zart gewölbt und kühn vorsprang. Starke Brauen senkten sich von den Schläfen zur Nasenwurzel. So seltsam der Ausdruck dieses Gesichts war, lag doch ein fesselnder Zauber in ihm. Hals und Schulter, die diesen verführerischen Mädchenkopf trugen, waren wie der ganze Körper von gedämpfter, bräunlichweißer Porzellanfarbe, die manchen Brünetten und namentlich den Maurinnen eigen ist. Wie eine willenlose, berückend schöne Puppe lag die Tochter des Paschas in den Händen der geschmeidigen Sklavinnen, die fast mit diesen weichen Gliedern zu eigener Freude zu spielen schienen und ihnen immer neue Lockungen verliehen. Nikolas Grivas hielt den Atem an, als fürchte er, dieses traumhaft prächtige Bild zu verscheuchen. Seine Schläfen brannten, seine Pulse klopften wild. Sein ganzes Ich fieberte in seinen Augen. So stand und starrte er lange; er merkte kaum, wie neidisches Dunkel die Reize wieder verschluckte; die aphroditische Frauengestalt, der halb aufgeschlagene schnelle Blick, der unter dem den Ausgang verhüllenden Teppich verlangend, fragend und verheißend zugleich die Stelle streifte, an der seine trunkenen Augen glühten, blieben wie eine Offenbarung in seinem Gedächtnis. Was kümmerte ihn noch die Welt? So sah Nikolas Grivas zum ersten Male eine entschleierte Frau. Erst als an der Kerkerpforte ein Schlüssel rasselte und der Lichtkegel einer Blendlaterne durch die geöffnete Tür fiel, erwachte er aus seinen Träumen. Ein Mohrenmädchen stand vor ihm, machte ehrerbietig seinen Salem und winkte ihm zu folgen. »Wohin?« Die Schwarze schüttelte den Kopf und legte die Finger auf ihre Lippen. »Nicht von der Stelle gehe ich, bis ich weiß, wohin du mich führst!« Das Mädchen bemühte sich zu sprechen – ein stammelnder Laut belehrte ihn, daß sie stumm war. Aber ihre Gebärden sprachen lebendig; sie deutete auf das Herz, öffnete weit, wie empfangend, die Arme und hob dann die Hände bittend ihm entgegen. Ihm flimmerte es ahnend vor Augen und Sinnen, das Blut drängte erstickend in die Kehle – willenlos winkte er. »Voran!« Mit leisen Tritten schlich das Paar durch die Gänge der Feste. Das Mädchen hielt an; ein Schnauben – im Schein der Lampe sah er den Wolf Fatinitzas quer vor der Tür gelagert; die roten Feueraugen glänzten unheimlich. Die Sklavin lockte das Tier beiseite und öffnete. Halb taumelnd betrat er das dämmrige Gemach – hinter ihm schloß sich die Pforte. Er sah sich in einem Raume, dessen Fenster hinaus nach dem See gingen; er hörte seine Wellen rauschen. An den Wänden hingen Waffen zu Jagd und Krieg. Durch den gelüpften Vorhang eines breiten Bogens in der Seitenwand strömte mattes Licht. Er stand still; er fuhr mit beiden Händen nach dem klopfenden Herzen – deutlich klang durch die duftschwangere Stille ein spielerisches Plätschern. »Dschel! Komm!« Wie ein entfesselter Tiger nach seiner Beute sprang er auf den leisen Ruf an den Vorhang und schlug ihn zurück. Da lag es vor ihm – die Wände weiß und rot verhängt. Im Milchglas einer Ampel an silbernen Ketten floß weiches Licht; das Öl ihrer Flamme erfüllte das Gemach mit berauschendem Duft. Auf einem Tische zur Seite lockten in kristallnen und goldenen Schalen zyprischer Wein, Naschwerk von Chios, Früchte des Orients. »Dschel!« Auf einem breiten, von Wolfsfellen bedeckten Diwan, nur unter einer Decke aus der zarten Wolle der Tibetziege, den Kopf auf den Arm gestützt, die Augen heiß und zärtlich auf ihn gerichtet, lag sie, die sein ganzes Denken und Fühlen beherrschte: Fatinitza. Er stürzte zu ihren Füßen nieder. »Bana bak ai gusum! Ai dschänum stambul! – Sieh mich an, Licht meiner Augen, o du meine Seele!« flüsterte sie in wohlklingendem Alt dicht an seinem Ohr. Nikolas Grivas vergrub sein Gesicht in die Falten ihrer Decke. Durch sein weiches Haar spielten die Finger Fatinitzas, kosend, verführend. Sie bog seinen Kopf zurück; ihre Augen saugten sich in die seinen – das Gehirn schien ihm zu brennen unter diesen Blicken. »Warum hast du Fatinitza so lange harren lassen? – Hat dein Herz dir nicht damals schon verkündet, daß sie dein war? – Mußte ich dich erst mit List fangen und führen lassen vor meinen Vater, und dich in den Kerker werfen, um dich in meine Arme zu holen? Der Engel der Finsternis schwebte über der Wölfin von Skadar, so lange ihr Geliebter fern war von ihrer Brust.« Feuer brannte in ihrem Kuß auf seinen Lippen; er hob sich ihr entgegen, sehnsüchtig. Im Nebengemach klang es hell und scharf – eine französische Uhr, das Geschenk ihres Vaters, schlug die Stunde vor Mitternacht. Wie ein Warnen zog der Klang durch den Raum. »Hab' Erbarmen – beim Kreuz des Herrn, laß mich heute frei!« »Was kümmert dich noch?« lockte wieder die schmeichelnde Stimme. »Was kümmert uns dein Gott? – Hat nicht der Engel der Nacht eben die süße Stunde der Mitternacht verkündet, die den Getrennten freundlich ist? Warum willst du nicht von meinen Lippen Liebe trinken?« Er barg das Gesicht in den Händen. Vor seinem Geiste hob sich das bleiche Bild des Blutsbruders, hängend zwischen Himmel und Erde in Todesnot über den dunklen Wassern des Sees. »Ich liebe dich!« stammelte er. »Ich vergehe in dir! Aber um aller Barmherzigkeit willen, laß mich fort in dieser Stunde und mein ganzes Leben soll dir gehören! – Ich muß, Fatinitza, ich muß!« »Dschel!« Er warf sich vor ihr auf die Knie. »Hilf du mir selber aus deinem Zauber – löse du selber mich aus den Ketten meiner Sinne!« stöhnte er zerrissen. »Gib mir ein Mittel, aus diesen Mauern zu gelangen und dann – – o Gott! – Hörst du? er ruft! – er ruft!« Ein langgezogener, schneidender Ton drang wie aus weiter Ferne herein durch die Rolläden ... Gequält schloß er die Augen. Er riß sich los aus ihren Armen, sprang auf und stürzte dem Ausgange zu, der hinausführte auf den schmalen Gitterbalkon über dem See. Mit einem Sprunge war Fatinitza vom Lager, schleuderte die tibetanische Hülle ab und warf sich ihm entgegen quer vor den Ausgang, Augen und Hände flehend erhoben. So sah sie Nikolas Grivas zum zweiten Male. Seine Sinne dunkelten – Pflicht und Ehre waren vergessen – jede Erinnerung schwand. Aus dem schwarzen Abgrund ihrer angstgeweiteten Augen stiegen langsam die köstlichsten Perlen des Frauenherzens – Tränen, um den Geliebten aus der tiefsten Tiefe der erschütterten Seele geweint ... »Dschel –« Da beugte er sich nieder und hob sie auf wie leichten Flaum, drückte sie an seine Brust und trug sie behutsam, wie das teuerste Kleinod, auf seinen Armen zurück auf das Lager. Ihre Hände verschlangen sich fest, unlöslich, wie für Leben und Ewigkeit. Liebesstammelnd sanken sie nieder ... Über die Wellen des Sees strich klagend der Wind aus den Schluchten des Sutorman – am Turm von Skadar, zwischen Himmel und Erde stieg an den Knoten des schwanken Seiles Gabriel, der Blutsbruder von Nikolas Grivas, herab und lauschte durch die Nacht nach dem hilfeverkündenden Zeichen des Freundes. Frauenrache Das leichte Knacken brechender Holzstäbe störte die Stille der Nacht, aber nicht die Atemzüge der Schlummernden. Dann lag wieder alles in tiefem Schweigen. Nikolas Grivas' Kopf ruhte an ihrer Brust. Ihr halbgeöffneter Mund lächelte im Traume – – Ein Schatten glitt unter dem Vorhang hervor – verharrte prüfend am Eingang – dann legte sich eine kalte Hand auf die glühende Stirn des jungen Griechen. Ein Glücksschimmer glitt über sein Gesicht. »Fatinitza!« murmelte er zärtlich und schlief weiter. Die kalte Hand legte sich abermals auf seine Stirn. Träumerisch schlug er jetzt die Augen auf. Vor ihm stand Gabriel, der Zagartschane. Er wollte auffahren, die Scham über das gebrochene Wort lähmte ihn – schweigend deutete der Czernagorze auf die schlummernde Fatinitza und mahnte durch eine Gebärde zur Vorsicht. Dann schlich er zurück in das Vorgemach und winkte dem Freunde zu folgen. Langsam entwand Nikolas sich den Armen der Türkin und glitt vom Lager auf den Boden; leise huschte er ins Nebengemach, wo er seine Kleider und Gabriel bei den Waffen fand. Ein Blick zeigte Nikolas, wie der Kühne hier hereingelangt. Der Rolladen des schmalen Altans war geöffnet, das leichte Holzgitterwerk an einer Stelle zerbrochen. Der Czernagorze wandte sich zu ihm. »Zum zweiten Male fehltest du, als ich deiner Hilfe bedurfte,« flüsterte er. »Wirst du auch zum dritten Male nicht hören? Willst du ruhen in den Armen der Liebe und den Freund allein sein Heil versuchen lassen?« Nikolas beugte sich verschämt. »Verdamme mich nicht, Gabriel; meine Seele war umnachtet, mein Wille gelähmt. Ich teile mit dir Tod und Leben!« »Ich danke dir für Feile und Seil. Aber es war um ein Stockwerk zu kurz und vergeblich schaute ich mich um nach der versprochenen Hilfe. Da fiel mein Auge auf diesen Altan; ich schwang mich am Seil hin und her, und so gelang es mir, die Stäbe zu erreichen und Fuß zu fassen. Das übrige weißt du. – Hast du deinen Kahn in der Nähe?« »Ich war gefangen wie du. Nur die Mauern des Kerkers konnten mich fern von dir halten. Der Kahn liegt mindestens eine halbe Stunde außerhalb der Stadt.« »Dann gibt es nur einen Weg für uns: Wir müssen schwimmend aus dem Bereich der Festung zu entkommen suchen. Bist du bereit?« »Ich bin's!« »Diese schweren Waffen nützen uns nichts. Laß uns ablegen, was uns hindert. Suche wie ich einen leichten Yatagan.« Nikolas griff nach der Waffe; dabei stieß er an eine zweite, und diese fiel klirrend zu Boden. Erschrocken blickten sich beide um – der Teppich vor dem Zugang des Schlafgemachs wurde zur Seite gerissen – in ihm kauerte nackt, wie eine Tigerin vor dem Sprung, Fatinitza, die sprühenden Augen auf die Männer gerichtet. »Verräter!« Mit einem Satz schnellte sie sich nach der Tür; aber der Czernagorze warf sich auf sie und umfaßte mit aller Kraft ihren Leib. Ein wildes Ringen begann zwischen den beiden; eine übermenschliche Stärke und Geschmeidigkeit schien in den Muskeln und Gliedern dieser Frau zu wohnen. Immer wieder entrang sie Gabriel einen gewonnenen Vorteil und wand sich verzweifelt in dem starken Männerarm, Brust gegen Brust. Aber kein Laut, kein Ruf der Hilfe entschlüpfte ihren Lippen; nur der keuchende Atem, der zischende Ton der Wut begleitete diesen Kampf. Doch an der Tür scharrte und kratzte es, wütend und immer wütender. Das Raubtier witterte die Gefahr seiner Gebieterin und versuchte, ihr zu Hilfe zu eilen. »Mach' ein Ende! – Komm zu Hilfe, Nikolas! – Ich vermag diesen Teufel in Weibsgestalt nicht länger zu bändigen!« Nikolas Grivas stand in bitterem inneren Kampf. In seiner Erregung hatte er die Hand mit dem Dolch erhoben, aber er dachte nicht daran, ihn gegen das Weib zu zücken, das er liebte und an dessen Herzen er eben noch geträumt. In diesem Zwiespalt fiel sein Auge auf einen persischen Schal – im Nu hatte er ihn aufgerafft und wand ihn um Kopf und Schulter Fatinitzas. Gabriel hob sie sogleich empor; im nächsten Augenblick hatte er sie auf das zerwühlte Lager geworfen. Keuchend vor Aufregung umschlangen beide die sich wild Sträubende mit Tüchern und Decken, wie die Hand sie erreichen konnte, und knoteten sie fest. Auch jetzt noch entfloh kein Schrei ihrem Munde; nur ihr Atmen vernahmen sie durch das dicke Gewebe des den Kopf verhüllenden Schals. Draußen am Eingange tobte und wütete der Wolf; mit gewaltiger Kraft sprang er an die Tür und stieß ein klagendes Geheul aus, daß es weit durch die Räume des alten Gemäuers scholl. Gabriel riß den Freund mit sich fort, der jetzt zitternd auf die gebundene Geliebte schaute. Sie lag nun ruhig und bewegungslos, gleich als erkenne sie das Nutzlose jedes weitern Wehrens. »Sie stirbt! – Sie erstickt!« Doch der Czernagorze drängte ihn zum Altan. »Was kümmert uns ein Weiberleben! – Hinunter! – Hörst du nicht, daß die Bestie draußen schon die halbe Feste geweckt hat? – Mir nach, Blutsbruder! – Die Heiligen seien uns gnädig!« An der Pforte donnerten jetzt Waffen und Fäuste – die Tür wankte, der Riegel brach. Mit weitgestrecktem Sprunge warfen sich die beiden Männer vom Altan hinab in die Flut. * Als sie emportauchten, glänzte heller Lichtschein vom Balkon über das Wasser – ein Schuß blitzte; die Kugel flog über sie hin. »Nieder!« rief der Czernagorze. »Halte dich rechts!« Und die Schwimmer sanken aufs neue fast auf den Grund und strichen weit aus. Als sie emportauchten, waren sie außer dem Bereich der augenblicklichen Gefahr, aber weit entfernt davon, gerettet zu sein. Die Richtung, die sie zu nehmen gezwungen waren, führte sie hinaus in den See. In den verlassenen Festungswerken wurde es lebendig. Lichter blitzten überall auf, und ehe noch zehn Minuten verflossen waren, donnerte ein Kanonenschuß über den See, Alarm zu rufen und die Wachen zur Aufmerksamkeit zu mahnen. Mit aller Kraft griffen die beiden Schwimmer aus; sie wußten, daß es um Tod und Leben ging. Aber die Kleider hinderten ihre Anstrengungen; auch war der Czernagorze durch die Haft geschwächt. Rüstiger schwamm Nikolas, an der See geboren und Herr des Elements, und ermunterte den Freund immer wieder zu neuen Anstrengungen. Doch weit noch lag das rettende Ufer, und kaum noch war Zuflucht dort zu hoffen, denn in kurzen Zwischenpausen dröhnten die Alarmschüsse. Gabriel war erschöpft. »Rette dich selber, Blutsbruder – grüße Stephana und die schwarzen Berge!« Er sank; aber Nikolas stützte ihn. »Bei der Mutter Gottes von Ostrog,« flehte er, »verliere den Mut nicht! Hilfe ist nahe – ich höre Stimmen!« Und gleichsam als Antwort auf den Scheidegruß Gabriels hallte sein Name durch die Nacht, und hinterdrein klang der Schlachtruf der Familie Martinowitsch, ihr Erbteil seit der Mordnacht der Weihnachten von 1793: »Sve Oslobod!« »Ganz befreit!« – Zugleich der Name der Piesme, die jene Tat besingt. »Hier Czernagorze!« tönte der Gegenruf Grivas; er schnellte sich weit aus dem Wasser. Triumph! Rettung! Durch die Nacht strich ein weißes Segel – ein jubelnder Schrei klang vom Bord – Arme streckten sich ihnen entgegen. Am Steuer stand der alte Beg; Hassan und der Vetter arbeiteten rasend an den Rudern – Stephanas und Bogdans Hände faßten den Ermatteten. »Mut!« Nikolas hob den Freund über den Rand des Bootes in die Arme seines Weibes und warf sich ihm nach. »Wendet! – Fort!« Erschöpft brachen die beiden auf dem Boden des rettenden Fahrzeuges zusammen. Stephanas Angst und Ungeduld hatte die Hilfe gebracht. Sie bewog den alten Beg, mit dem Boote sich den Festungswerken zu nähern, statt an der Bucht des östlichen Ufers auf den Kahn zu warten. Als der erste Alarmschuß über den See donnerte, wußte die Familie, daß die Flucht geglückt, und der Eifer trieb sie vorwärts, die eigene Gefahr verachtend. So war die Hilfe im letzten Augenblick erschienen. Stephana bedeckte den Gatten mit Küssen. Im schwarzen Hochland sind die Weiber treu und voll aufopfernder Liebe; die Frau ist dort keineswegs bloß das Spielzeug des Mannes, wie dies nur zu oft in den sogenannten gesitteten Ländern der Fall ist. In Czernagora ist sie wahrhaft unverletzbar; Fleiß, Keuschheit und Mut sind ihre drei schönen Tugenden. Darum vertraut sie sich auch ohne Bedenken selbst dem Fremden, in der Gewißheit, daß er sich keine Unziemlichkeit gegen sie erlauben werde. Wagte er es dennoch, ihre Schamhaftigkeit zu verletzen, so würde der Tod des einen oder des andern die unweigerliche Folge davon sein. Ein czernagorisches Mädchen liebt mit aller Leidenschaft; den treulosen Verführer aber trifft der Tod. Über den Wiedergewonnenen hinweg reichte Stephana Nikolas Grivas die Hand. Auch der alte Beg und die andern bezeugten ihm Dank und Achtung für die Aufopferung und Treue; mehr als einmal drohte bittere Scham ihn zu überwältigen, und besonders, als der alte Glaware, das Familienoberhaupt, den Hergang der Flucht zu wissen verlangte. Gabriel, der sich erholt hatte, ergriff eilig das Wort, um den Freund zu decken und erzählte kurz, wie Nikolas ihm Feile und Strick gesandt, wie er verhindert worden sei, mit dem Kahn zu erscheinen und nun mit ihm zusammen schwimmend die Flucht versucht habe. Die Beratung, wie man der Verfolgung am besten entgehe, nahm jetzt aller Aufmerksamkeit in Anspruch. Der alte Beg war der Ansicht, daß sie jeder Gefahr glücklich entgangen seien, da der Pascha von Skutari schwerlich um die Flucht eines einzelnen Gefangenen willen viel Aufhebens machen werde. Ohne den Namen der Wölfin von Skadar auszusprechen, wußte Nikolas doch seine Besorgnis auch Stephana mitzuteilen. Bald darauf loderte von der Höhe des Turmes, dessen Kerker sie entronnen waren, ein mächtiges Feuerzeichen empor, ein Zeichen, das sonst nur bei Kriegsüberfällen üblich war, um den Posten entlang der Seeufer die Anwesenheit des Feindes zu melden. Im Verlauf einer halben Stunde flammten links nach Antivari hin und rechts gegen das Hochgebirge mehrere ähnliche Feuer an den beiden Ufern auf und verkündeten die Aufmerksamkeit der Feinde. Der See von Skadar hat eine Länge von nahezu sieben Meilen bei einer wechselnden Breite von etwa zwei. Nur das nördliche und nordwestliche Ende, an dem sich die Muratscha und der Czernojewitsch in den See ergießen, wird von Czernagora selber begrenzt, und zwar im Norden von der Rietschka Nahia, im Nordwesten von der Czernitza Nahia. Die nördlich gelegenen Inseln gehören zwar zum Gebiet von Montenegro, sind aber nur zu Zeiten, namentlich während des Fischfangs bewohnt. Man beschloß daher, die rechte Seite des Sees zu halten und die Ufer der Rietschka zu gewinnen, der heimischen Nahia des Alten, wo sein Ruf die Männer der zunächst wohnenden Plemen sofort herbeiführen konnte. Nun wurde die Wache und Ablösung für die Ruder bestimmt; der alte Beg erklärte, das Steuer nicht verlassen zu wollen – seine eisernen Muskeln widerstanden jeder Anstrengung. Die erste Wache hielten Nikolas Grivas, Hassan, der Arnaut und der Vetter Iowan. Die beiden letzten waren an den Rudern beschäftigt; der erste hielt das Seil des Segels, das sich im auskommenden Morgenwinde blähte. Es mochte jetzt zwei Uhr nach Mitternacht sein; über die Bergspitzen brach der erste Strahl der Dämmerung; über dem See lagen noch tiefe Schatten. Der Einäugige summte leise in der eintönigen Weise der griechischen Stämme vor sich hin. Grivas dagegen träumte von der schrecklichen Szene, der er entronnen. Vor seinen geschlossenen Augen stand mit stammendem, verächtlichen, rachesprühenden Blick die schöne Wölfin von Skadar; er senkte, im Innern zerrissen von widerstreitenden Gefühlen, den Kopf. Die zweistündige Wache mochte zu Ende sein – die Sonne war bereits aufgegangen; ihre Strahlen flimmerten durch die Schluchten der im Osten sich erstreckenden Bergkämme, als Hassan den Griechen aus seinem Hinbrüten weckte. »Blicke nach Westen! Der junge Falke der Maina hat scharfe Augen!« Grivas schaute angestrengt aus. »Ein dunkler Rauch, der sich über dem Nebel bewegt. Sollten wir so nah' einer der Inseln sein und dort Beistand finden?« »Was habt ihr?« unterbrach sie der Beg. »Birschik jok – es ist nichts! Wir werden nur verfolgt«, entgegnete gleichmütig der Arnaut. »Der Pascha hat das Höllenschiff uns nachgesandt, das allein läuft ohne Segel und Ruder.« »Du meinst ein Dampfschiff?« »Ja.« »Ne apulum, was kann ich tun? Der Pascha hat von den Franken seit dem Kriege ein Schiff bauen lassen und hat Leute, die es führen.« Die türkische Regierung hatte auf die Vorstellungen Omer Paschas einen der kleinen eisernen Lustdampfer, die zwischen dem Bosporus und Konstantinopel fahren, nach Skutari transportieren lassen. Den Czernagorzen war zwar die Beschaffenheit und Schnelle der Dampfschiffe nicht mehr unbekannt, da sie von der Höhe ihrer Berge sie fast täglich die schöne Adria durchziehen sahen, doch war der türkische Dampfer auf dem nördlichen Teil des Sees noch wenig benutzt worden. Während Gabriel und Stephana, die engumschlungen im Vorderteil des Bootes schliefen, und der junge Martinowitsch geweckt wurden, verzogen sich die letzten Nebel und man erblickte deutlich den Dampfer kaum eine Meile entfernt; doch hielt er offenbar am westlichen Ufer entlang. Diese Richtung des Dampfers verriet seine Absicht, die Flüchtigen vom Ufer Montenegros abzuschneiden und nach der anderen Seite, dem türkischen Gebiet zu drängen. Offenbar konnte man in dieser Entfernung noch nicht das kleine Boot bemerkt haben. Eine kurze Beratung folgte, ob man das verräterische Segel einziehen und sich nur auf die Kraft der Ruder verlassen oder den noch immer günstigen Morgenwind benutzen sollte. Beides schien gefährlich, denn kaum die Hälfte des Weges war zurückgelegt. Der Beg entschied für die weitere Benutzung des Segels, da ohnehin die erste der zu Montenegro gehörenden Inseln, Stavena, schon vor ihnen lag und man hoffen durfte, an ihrer Wetterseite der Beobachtung des Feindes zu entgehen. Alle halfen an den Rudern, und bald schoß das Boot unter den Felsenufern der Insel dahin. Der Beg wandte das Steuer noch mehr nach Osten; so gelang es ihnen, anscheinend unbemerkt, nach weiteren zwei Stunden des Ruderns, die zweite der Inseln, Sankt Nikolaus, ungefährdet zu erreichen. Das Dampfschiff war unterdes weit heraufgekommen und hatte den Fahrstrich des Bootes überholt, hielt sich aber immer noch am jenseitigen Ufer. Unfern der nördlichen Inselspitze, in einer kleinen Felsbucht, beschloß der Beg, Halt zu machen und den Tag zu verbringen; denn da sich über die Insel hinaus die See bedeutend verengt, wäre es unmöglich gewesen, auf dem Wasser der Aufmerksamkeit der Verfolger ferner zu entgehen. Das Boot lag gesichert seit mehreren Stunden in der Felsenbucht; in seinem Innern ruhten die Männer von der Anstrengung des Morgens und der sich steigernden Hitze des Tages. Bogdan, als Späher auf eine Felsspitze geschickt, hatte berichtet, das Dampfboot sei hinter der letzten der Felseninseln, Morakowitsch; verschwunden. Das hohe Ufer hinderte ihn zu bemerken, daß der Dampfer an der Insel Bewaffnete zur Spähe aussetzte; denn er war einer Barke begegnet, von der er die Kunde erhielt, kein Boot sei auf dieser Seite des Sees entkommen. Gabriel hatte jetzt die Wache und war ans Ufer gestiegen; die Gesellschaft saß nach ihrem einfachen Mahl aus trockener Castradina und Maiskuchen noch immer im Kahn, jeden Augenblick bereit. Nur der alte Beg hatte seltsamerweise den Anteil der Speise von sich gewiesen; er saß in sich gekehrt mit starrem Blick, gleich als habe er ein zweites Gesicht, und summte wieder leise die Piesmen seines Stammes vor sich hin, deren so manche die Taten seiner eigenen Jugend feierte. Plötzlich fuhren alle empor beim Knalle eines nahen Schusses. Wenige Augenblicke darauf stürzte Gabriel bleich und blutend zum Boot. Im Nu war alles in Bewegung; das Boot stieß ab und trieb dem Eingang zu. »Die Elenden sind uns auf der Spur!« berichtete atemlos Gabriel. »Sie sind zurückgekehrt und durchsuchen die Insel; ein Trupp hat mich entdeckt, als ich nach dem Schiffe spähte.« Mit aller Kraft warfen sie sich in die Riemen, auch Gabriel, dem die Kugel nur leicht die linke Hüfte gestreift hatte. Das Boot flog ins freie Gewässer, aber ein wildes Jauchzen, der Knall vieler Gewehre verkündete ihnen, daß sie entdeckt worden waren. Grivas erblickte auf der Höhe der Felsen unter den Verfolgern den wehenden Feredschi einer Frau. Ihr ausgestreckter Arm deutete nach der Küste; ihre Befehle jagten die Arnauten nach allen Seiten. Fatinitza, die Wölfin von Skadar, war auf ihrer Spur ... Durch den Zeitverlust, den die Gegner beim Wiedereinschiffen auf den Dampfer und bei dessen Herumsteuern um die Ausbuchtungen der Insel erleiden mußten, war ihnen ein Vorsprung gesichert. Überdies war dieser Teil des Sees wegen der vielen Klippen schwierig für größere Schiffe. So gelang es den Verfolgten, die Ostseite der dritten Insel zu erreichen, während die Türken an der Westseite des langgestreckten Eilands fuhren, um an dessen Spitze im freien Wasser den Czernagorzen den Weg zu verlegen. Über die Felsen der Insel hin konnte man die Rauchsäule des Schiffes schon in gleicher Höhe mit dem Boote streichen sehen; da wandte der alte Glaware das Steuer und hielt quer über den Seearm nach einem Vorgebirge des östlichen Ufers ab. Auf seinen Ruf gaben alle ihre letzten Kräfte her; das Boot flog über die Wellen. Die Entfernung der Insel vom Ufer betrug hier eine starke halbe Meile. Während der Dampfer etwa in gleicher Entfernung um die Nordspitze der Insel bog und die weitere Flucht nach der noch anderthalb Meilen entfernten Mündung des Czernojewitsch – dem sicheren Ufer der Rietschka Nahia – versperrte, war das Boot des Czernagorzen schon auf Büchsenschußweite am Ufer und näherte sich einer Einbuchtung. Plötzlich kräuselten aus dem Gestein des Ufers leichte Rauchwolken, Schüsse blitzten ihnen entgegen. Zwischen den Felsen zeigten sich die weißen Pferde der Albanesen, Posten erschienen auf den Vorsprüngen. »Das Segel auf!« donnerte der Beg. Sein Auge blitzte in dieser von Minute zu Minute sich steigernden Gefahr wieder kühn und fest. »Gelingt es uns, das Vorgebirge zu umfahren, ehe jenes dem Teufel verschriebene Schiff herankommt, so gewinnen wir das Ufer! – Diese Kinder des schwarzen Hundes sollen die freien Söhne der Berge nicht fangen, denn jenen Vorsprung zu umfahren brauchen sie Zeit.« Die Moslems auf dem Dampfer begriffen zwar das Manöver der Flüchtlinge, doch war es ihnen nicht möglich, vor diesen das Gebirge zu erreichen. Nach einer tollen Anstrengung von etwa zehn Minuten schoß das Boot gesichert zwischen den Klippen der Nordseite hin, um sich eine bequeme Landungsstelle zu suchen. Mehrere Kanonenschüsse wurden vom Bord des Dampfers nach ihnen abgefeuert, doch ohne Erfolg. Als die Bootspitze das Ufer berührte, sprangen alle heraus, überließen das Fahrzeug seinem Schicksal und eilten in die Schluchten der Zenta. Iowan, dem diese Gegend von früheren Fischerfahrten bekannt war, machte den Führer. Ungefähr eine Viertelmeile diesseits der kleinen zerstörten Feste Zabljak waren sie gelandet, die in den Kriegen zwischen Montenegro und den Türken von alters her eine bedeutende Rolle spielte. Seit dem Frieden hatte man die Befestigungswerke wieder herzustellen versucht, doch war dies erst zum geringen Teil gelungen. Nur ein kleiner Posten hielt sie besetzt und man durfte hoffen, sie zu umgehen, wenn nicht vorher schon Befehl zu ihrer Verfolgung dort eingetroffen war. Von der nächsten Höhe sahen sie jedoch, daß der Dampfer jetzt seinen Lauf nach der halbzerstörten Feste genommen und sie beinahe erreicht hatte. Demnach galt es, sich tiefer in das Gebirge zu werfen und auf Umwegen das von Zabljak noch eine starke Meile entfernte Gebiet von Montenegro nach Überschreitung der Ziewna zu gewinnen. Aber ihre Vorsicht und ihr Mut waren vergebens, denn die Wölfin von Skadar war hinter ihnen. Sie war nicht nur die kühne, scharfsinnige Feindin, sie war vor allem das leidenschaftliche Weib, dem man den Liebsten aus den Armen gerissen. Zäher fast als der riesige Wolf neben ihr hielt sie die Witterung der flüchtigen Beute. Sie verstand zu wohl ihren Vorteil, um ihr Zeit und Raum zum Durchbruch zu gönnen. In einer vor wenigen Tagen in die kleine Feste eingerückten Reiterabteilung fand sie neue Hilfe. Der Offizier ihres Vaters, der mit seinem Haufen wilder Albanesen sie auf dem Dampfer begleitet, war ihr blind ergeben, und es war noch keine Viertelstunde nach der Landung vergangen, so flogen schon ihre Boten nach dem Reiterposten. Als der kleine Trupp der Czernagorzen gegen Abend aus den Bergen brach, wurde er mit Flintenschüssen empfangen, und selbst die tollkühne Tapferkeit des greisen Führers mußte die Übermacht der Gegner anerkennen und ihr weichen. Unter einer alten Steineiche sammelten sich die sieben und hielten Beratung. »Die Stunde ist gekommen,« sprach feierlich der alte Glaware, »da wir Bog, dem großen Würger, gehorchen müssen. Wir wollen kämpfen und sterben wie unsere Väter. Das Haus Iwos wird untergehen in diesen Bergen.« »Du redest wahr und recht, Vater,« entgegnete Gabriel, »aber bedenke, ob wir uns hier auf irgendeinem festen Punkt nicht zu halten vermögen, bis uns Hilfe kommt von unsern Stammverwandten. Der erste Flintenschuß eines Moslems weckt hundertfältig das Echo in den schwarzen Felsen.« »Weiter hinauf im Gebirg«, sagte Iowan, »steht die Kula, die früher einem Gliede der Gradjani gehörte. Wenn wir sie erreichen, können wir einem Angriff widerstehen. Nur den Boten gilt es zu unseren Brüdern zu finden.« Der Greis blickte ihn finster an. »Willst du den Glawaren der Martinowitsch lehren? Dieses Land hat mein Fuß hundertmal im Kampfe durchmessen, ehe du deinen Namen lallen konntest! – Was geschehen soll, ist beschlossen. Hört!« Sie drängten sich um ihn. Der Einäugige nahm den Mumienkopf von seinem Halse und betrachtete ihn. »Namik Halil, mein Todfeind, ich sende dich jetzt, um das Blut derer zu retten, die du im Leben verfolgt hast, denn unversöhnlich ist die Rache der Martinowitsch. – Gabriel, mein Sohn durch den Leib meiner Tochter, nimm Abschied von deinem Weibe, denn sie und das Kind« – er deutete auf Bogdan –»werden den Gang wagen, die Krieger der Rietschka zu wecken mit der Botschaft ihres alten Führers.« »Vater!« rief Stephana erschrocken. »Die Kinder der schwarzen Berge wissen zu gehorchen, wenn der Glaware spricht. Ihr beide werdet euch hier unter dem Felsen verbergen bis zur Nacht. Dann werden die Feinde fern sein auf unserer Spur und ihr könnt ungehindert davonschleichen. Du, Bogdan, eilst zu den Kulas der Lubotini und Kozieri und rufst sie zu den Waffen; du, Stephana, bringst diesen Kopf zu den Wohnungen unserer Brüder, den Gradjanen Die Nahia von Glubotma oder Nietschka-Nahia, der mittlere Teil von Czernagora, der an der Mündung des Czernojewitsch und der Muralscha das nördliche Ufer des Stadar-Sees begrenzt und die wildesten Weingegenden enthält, zählt fünf Stämme; die Lubotini, die Kozieri, die Zeklini, die Dobarsli und die Gradjani. Das Tal der Muratscha zwischen Zabljack bis Podgontza heißt die Zenta. an den Ufern der Czernojewitsch und sagst ihnen, Iwo Martinowitsch sende es zum Zeichen, daß er ihre Flinten hören will in der Stunde der Gefahr. – Geh ohne Sorge, mein Kind; die Frauen wandeln frei durch diese Berge, selbst der Moslem ehrt ihr Recht. Und wäre es auch anders – du bist aus meinem Blut. Sagt den Männern der schwarzen Berge, in der verlassenen Kula des Popowitsch Gradjani würden sie uns im Kampfe finden. Wenn ihr euch eilt, kann die Hilfe zur Stelle sein, ehe die Sonne ihre Strahlen über die Berge der Zenta wirft. – Geht! – Die Wilas mögen uns gnädig sein!« Alle wußten, gegen die Entscheidung des Beg gab es keine Einrede. Stephana wickelte das grausige Sendzeichen des Vaters in die Schürze und kniete neben dem jungen Bogdan vor dem Familienhaupt nieder, seine Hand zu küssen. Der Greis machte in eigenartiger Weise mit dem linken Daumen segnend das Zeichen des Kreuzes über sie und wandte sich ab. Stephana warf sich schluchzend an die Brust Gabriels und schien sich nicht von ihm losreißen zu können. Doch die drängende Gefahr gewährte ihr keine Zeit. Noch im Arm ihres Mannes reichte sie Nikolas die Hand und bat ihn, den Geliebten nicht zu verlassen. Dann verschwand sie rasch mit dem Bruder in eine ginsterbewachsene Felsenspalte; die Männer eilten dem Beg nach. Nach einer halben Stunde gelangten die Flüchtlinge auf eine sich leicht nach Süden senkende Bergebene, zum Teil mit Gebüsch und wilden Kastanienbäumen besetzt, auf der, an eine schützende hohe Felswand gelehnt, die halbzerstörte Kula stand. Es war ein viereckiges, turmhohes Gemäuer von Kalksteinen, in der Hauptmauer noch wohlerhalten, nur das obere Stockwerk mit dem Gebälk eingestürzt. Sie häuften Schutt und Balken vor den Zugang und machten die schmalen Fensteröffnungen in den dicken Mauern für die Verteidigung frei. Die Sonne begann hinter den jenseitigen Bergspitzen zu verschwinden, als sich die Feinde nahten. Sofort waren alle fünf auf ihrem Posten, alle mit den langen Flinten des Hochlands bewaffnet, da Bogdan die seine Gabriel gegeben hatte. Ein Trupp Arnauten sprengte die Bergebene herauf und machte etwa zwei Büchsenschüsse vor der Ruine Halt. Sie prüften jedes Gesträuch, jedes Felsenversteck, und bald nahte ein kleiner Haufe den Ruinen der Kula, mißtrauisch die Waffen schußfertig in Händen. Der greise Beg ließ sie bis auf sechzig Schritt herankommen; dann stieß er mit seiner donnernden Stimme den Schlachtruf seiner Familie aus und gab Feuer. Gabriel, Grivas, Iowan und der Arnaut folgten seinem Beispiele – drei Reiter stürzten von den Pferden. Die anderen machten erschrocken kehrt und sprengten davon. In wenigen Augenblicken waren sie außerhalb der Schußweite unter den Kastanienbäumen; zwei Reiter jagten mit der Kunde davon, daß die Flüchtigen gefunden seien; der Führer verteilte seine Leute in weitem Halbkreis über die Fläche. In der kurzen Dämmerung begann das Gefecht. Die Schüsse knatterten gegen die Kula, aus der hin und wieder ein Schuß der Czernagorzen antwortete, wenn einer der Moslems sich zu weit vorwagte. Der Vollmond erleuchtete gespenstisch die Szene. Ein wilder Jubelruf übertönte das Knallen der Flinten – an der Spitze eines Trupps jagte eine Frau in weißem flatternden Mantel heran, den Schleier um den Kopf, im Gürtel Pistolen und Handschar – vor ihrem weißen Araber her in mächtigen Sprüngen ihr Begleiter, der Wolf. Die Schar sammelte sich, Befehle flogen von ihren Lippen; in drei Haufen teilte sich der wohl an fünfzig Mann starke Trupp, und langsam, lautlos rückten sie jetzt von drei Seiten gegen den Turm. »Bei Allah!« sagte Hassan zu den Kampfgefährten, »wir werden einen schweren Stand haben! – Kennt ihr den Teufel in Weibergestalt? Das ist Fatinitza, die Wölfin von Skadar, von der das Volk erzählt, daß sie das Blut ihrer Feinde trinkt. – Es ist unser Kismet, hier zu sterben.« Der alte Beg grinste teuflisch. »Ist es die Wölfin von Skadar, so will ich sie erlegen wie das Tier, dessen Namen sie führt.« Die Flinte lag an seiner Wange, der Finger berührte den Drücker, der Hahn schnappte auf die Pfanne – das Gewehr versagte. Der Greis setzte es abergläubisch zu Boden. »Bei Bog, dem großen Würger – sie ist gefeit.« »Ich sagte es Euch vorher, Beg Iwo! Sie hat den bösen Blick und keine Menschenhand kann sie verletzen. – Allah, da kommen die Bestien!« Eine Salve empfing sie. Jede Kugel fand ihren Mann. Aber über die Leiber der Kameraden sprangen sie vorwärts; der Nahkampf begann an jeder Mauerbresche. An den engen Öffnungen der Fenster mit leichter Mühe von Iowan und Hassan zurückgeschlagen, drängte sich der Hauptangriff zur weitklaffenden Spalte des ehemaligen Tors. Über die Balken, Steine und Brandtrümmer versuchten die Arnauten einzudringen; in ihrer Mitte, allen voran, Fatinitza, zur Seite den heulenden Wolf. »Sve Oslobod!« klang der Kampfruf des Alten. Seine gewaltigen Hiebe brachten Tod und Verderben. Da, als seine Faust mit der schweren Waffe wieder erhoben, warf sich Fatinitza ihm entgegen. »Nikolas!« gellte es wie Kampfgeschrei von ihren Lippen; ihr Auge traf das seine und tief furchte ihr Handscharhieb des Alten Stirn. »Allah! – Der Sieg ist unser!« Doch eine Hand umkrallte ihren Arm, da sie kühn hineinspringen wollte – eine zweite umschlang ihren Leib; dicht vor sich starrte sie in das finstere Auge des Mannes, mit dem sie ihr Lager geteilt – mit gewaltigem Stoß schleuderte er sie über die Trümmer zurück, daß sie zu Boden sank und heulend der Wolf sich über sie stürzte. Diese rasche Tat entschied den Sieg; die Arnauten ließen ab vom Sturm; sie eilten zu der Gebieterin und trugen sie fort; die Schüsse der Czernagorzen jagten die letzten davon. Alle Verteidiger des Turmes, mit Ausnahme des Moslems, waren verwundet und verbanden jetzt die leichten Verletzungen. Nach dem Charakter und der Sitte der Gegner durften sie hoffen, daß das Mißlingen des ersten Anlaufs ihnen für längere Zeit Ruhe schaffen würde, in der die Hilfe erscheinen konnte. Unter den Verfolgern war es still; man sah sie Holz an verschiedenen Stellen zusammenschleppen und Feuer ringsum anzünden, damit bei dem baldigen Untergang des Mondes im Schatten der Nacht die Beute nicht entwischen könnte. Nur das Stöhnen der Schwerverwundeten auf dem Kampfplatz unterbrach die Stille. Der alte Beg, die Flinte zwischen den Beinen, saß auf einem Stein; das Mondlicht überstrahlte das narbenbedeckte Antlitz. Der Hieb Fatinitzas war durch den dicken Bund des Turbans gebrochen worden. Unter der Binde quollen dicke Blutstropfen hervor. Wild blickte er umher. »Bei den Gebeinen der Märtyrer von Ostrog, wir haben diese Hunde zurückgejagt, wie unsere Väter am Berge Perjnick Czarew Laz, des »Kaisers Abhang«, wo 1712 ein Heer von 50 000 Mann unter Achmed Pascha von den Kriegern der schwarzen Berge vernichtet wurde. den stolzen Seraskier jagten drei Sonnen lang. Die Wilas würden uns sicher den Sieg schenken, wenn der böse Geist nicht die Wölfin unter sie geführt hätte! Mir ahnt Böses, Khan Hassan!« »Ich spucke auf die Weiber!« sagte der Moslem. »Sie haben einem Manne nie Gutes gebracht. – Es ist unser Fatum, Beg.« »Du irrst,« entgegnete der Glaware, »nur Frauen wie diese da drüben bringen Unheil; die guten haben uns die Wilas zum Segen gegeben und wir ehren die Mütter unserer Kinder. – Reich' mir das große Horn, Zagartschane; das meine ist leer und die Waffen müssen bereit sein.« »Was meinst du, Vater?« »Das Horn, das große Pulverhorn, das Bogdan dir gegeben hat, der es trug«, sagte der Alte ungeduldig. »Gott – Bogdan hat mir nichts gegeben – ich habe das Horn nicht!« Der Greis sprang auf. »Das Horn! Das Horn!« rief er wild. »Unser Leben hängt an dem Pulver!« Sie suchten umher und befragten sich gegenseitig – das Stierhorn mit dem Pulvervorrat des Alten fehlte – Bogdan, der es getragen, hatte in der Eile der Trennung vergessen, es zurückzulassen. Die Männer sahen sich erbleichend an. »Wieviel Pulver haben wir noch?« Man sah nach; zwei der Flinten, die Gabriels und Iowans waren noch geladen, auch ein Pistol enthielt noch einen Schuß; die Pulverflaschen Nikolas' und Hassans waren leer. Der Beg stützte die blutende Stirn in die Hand. »Mein eigen Blut ist mein Verderben – der greise Adler der schwarzen Berge hat die Krallen verloren; er ist ein Kind in der Hand seiner Feinde!« Und wie eine Antwort erklang hoch über ihnen das Krächzen eines Raben. Der Beg und Gabriel richteten sich empor; ihre Augen schienen das Dunkel durchbohren zu wollen. Und wieder – aber leiser und doch näher klang der Schrei der Raben. Gabriel warf sich an die Brust des Freundes, der Alte schwang die Flinte. »Stephana! – Das ist Stephana – das treue Weib! Sie haben unsere Not erraten – sie bringt uns das Pulver!« Da krachte in der Nähe ein Schuß – wildes Geheul auf beiden Seiten – über die Berghalde flog eine Frauengestalt in rasendem Lauf dem Turme zu – am Eingange harrten die Freunde und rissen mit blutenden Fingern Balken und Steine zur Seite. »Stephana!« »Gabriel!« Aber aus den Schatten ringsumher tauchten gleich Gespenstern Dämonen, die Albanesen auf, zwischen ihr und den rettenden Mauern – ein wilder Verzweiflungsschrei – in den rohen Armen der Feinde wand sich Stephana. »Hinaus! – Rettet sie!« Über die Verschanzung kletterten die Verteidiger. Ihnen entgegen donnerte die Salve der Türken – weit aus breitete der wackere Hassan die Arme und drehte sich um sich selber, ehe er zu Boden stürzte. »Kismet! – Lebt wohl – die Houris des Paradieses winken!« So starb er. Der Beg riß Gabriel und Nikolas zurück. »Ein Weib für fünf Männer – und ob es der eigene Samen ist – das Hochland bedarf seiner Krieger!« Er warf sich vor die Bresche; Gabriel verhüllte aufstöhnend sein Gesicht. Stephana wurde vor die Füße der Wölfin von Skadar geschleppt. In ihrem Gewande fand man das gefüllte Horn. »Wer bist du?« »Stephana Zagartschana, des Mannes Frau, den Ihr gefangen hieltet in Skadar.« »So bist du das Weib des Flüchtigen?« »Du sagst es, blutige Bula; Türkenfrau. der Mund einer Czernagorzenfrau redet niemals Lüge.« »Dein Mann befindet sich mit im Turm bei Nikolas Grivas, dessen Verrat ihn befreit hat?« »Geh' hin und frage!« »Spiele nicht mit der Wölfin von Skadar, Weib! – Dein Schicksal ist schlimm und dein Blut wird büßen für die Deinen! Keiner darf atmen, der sagen mag, er hätte Fatinitzas Schmach gesehen. – Was wolltest du bei den Verlorenen?« »Die Tochter des Iwo Martinowitsch, des großen Beg der Rietschka, fürchtet den Tod nicht. Sie gehört zum Gatten und Vater in der Stunde der Gefahr.« Ein Jubelruf erscholl im Kreise der Arnauten, als sie hörten, daß der berühmteste Krieger der Berge in ihrer Gewalt sei. Einer zeigte das Pulverhorn, das man bei der Gefangenen gefunden. »Bei dem Propheten, Herrin, ich glaube, daß diese Tochter eines Hundes den Männern dies Pulver bringen sollte, woran es den unreinen Tieren von jeher gefehlt hat!« »Geht und schaut in die Mündung der Flinten meiner Tapferen – sie werden euch Antwort geben,« sagte die Czernagorzin kühn. »Aber eilt euch, denn die Söhne der schwarzen Berge nahen, um ihren großen Beg zu suchen und hörten seinen Ruf nach den Kriegern!« Die Falte zwischen den Brauen Fatinitzas zog sich drohend zusammen. »Dann ist es Zeit, daß dein Schicksal erfüllt werde. – Bindet sie!« Die Arnauten schnürten ihre Arme zusammen. »Mein Pferd!« Der Schimmel stampfte unter ihrem Schenkeldruck. Am Sattel sprang heulend der Wolf hoch. »Zu den Waffen, Tapfere von Skadar! Nehmt die Brände! Laßt sie leuchten zu dem Fest, das wir jenen bereiten wollen! Von Fatinitzas Rache soll man erzählen, solange die schwarzen Berge stehen! – Bringt das Weib!« Fatinitza voran, nahte sich der Zug der Kula; bleich und finster starrten die vier Männer ihm entgegen. Etwa sechzig Schritte vor dem Turm stand eine weitästige Kastanie. Unter ihr ließ Fatinitza die Brände zusammenwerfen, daß die Flammen hoch aufloderten und einen weiten Lichtschein umherwarfen; so entging den Männern im Turme keine Einzelheit der furchtbaren Szene. »Schnürt sie an den Baum, das Antlitz den Rebellen zu!« Der Befehl ward vollzogen. »Reißt ihr die Kleider ab – nackt soll sie vor euch stehen – wie ich vor jenen stand!« setzte sie mit zuckenden Lippen leiser hinzu. »Barmherzigkeit, du bist ein Weib!« Es war die einzige Bitte, die sich dem Munde der unglücklichen Frau entwand. Gleich Bestien warfen die Arnauten sich auf Stephana und rissen und schnitten die Gewänder herunter, daß sie bloßstand vor den rohen, höhnenden Blicken der Männer. Die Wölfin von Skadar ließ ihren Araber tänzeln vor der entehrten Frau und schaute finster auf sie nieder. Drohend streckte sie die Hand nach der Kula. Da krachte ein Schuß aus dem dunklen Gemäuer. In der Kula standen die Vier starren Auges, den Blick unverwandt auf den herankommenden Zug gerichtet, die Faust um die Flinte gekrampft. Aus der Brust von Stephanas Gatten brach ein wehes Stöhnen. »Das Pulver! Das Pulver!« murmelte der Greis vor sich hin. Man sah die Arnauten Stephana an den Baum schnüren; die Flamme zu ihren Füßen ließ deutlich jeden ihrer Züge erkennen, ja fast den Strahl ihres Auges, wie er Hilfe suchte bei Mann und Freund im Turm. Jetzt warfen sich die Arnauten auf ihr Opfer. »Sie morden sie – hinaus, ihr zu Hilfe!« raste Gabriel; doch nochmals riß die starke Hand des Greises ihn zurück. »Noch nicht – sie schänden nur das Blut der Martinowitsch.« Seine Stimme klang hohl. Gabriel taumelte. »Verdammnis über den Teufel in Weibergestalt! – Fahre zur Hölle!« Seine Flinte flog an die Wange; der Schuß krachte; doch noch schneller als sein Finger am Drücker war Nikolas Grivas, der den Lauf in die Höhe schlug. »Halt ein, du tötest sie!« Die Kugel pfiff hoch in die Baumkrone. War es Stephana, war es Fatinitza, die Nikolas Grivas meinte – vielleicht wußte er es selber kaum. »Fluch dir und ihr Blut über dich! – Zerrissen ist unser Band!« Gabriel warf die Flinte zu Boden und wandte sich mit einer erhabenen Gebärde der Verachtung von dem Blutsbruder. Nur ein Schuß noch blieb in der Hand der Verfolgten. Der alte Beg streckte die Hand nach der Flinte aus, die Iowan hielt: »Gib!« Die Arnauten waren auseinandergestoben bei dem unerwarteten Schuß der waffenlos Geglaubten. Die Wölfin von Skadar hielt mit eherner Ruhe auf ihrem Araber. »Seit wann haben meine Tapferen Furcht vor dem Blei der schwarzen Hunde? – Hierher, Abdallah!« Der Mohr, den sie gerufen, nahte dem Pferde. Er empfing ihren Befehl und fletschte die Zähne; langsam zog er das Messer aus seinem Gürtel und trat zu der Gefesselten. Stephana sah ihren schwarzen Schlächter nicht an; sie blickte unverwandt hinauf zum sternenübersäten Himmel; sie hatte abgeschlossen mit ihrem Leben. Für ihren geschändeten Leib war der Tod, und mochte er noch so grausam sein, nur eine ersehnte Erlösung. Tonlos bewegten sich ihre Lippen im Gebet zum Allmächtigen, dem Lenker aller Geschicke, der alles gibt und alles nimmt ... »Dschidelim! Eile dich! ...« Ein wilder Schmerzensschrei drang trotz der heldenmütigen Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. »Vater! – Sie martern mein Weib zu Tode!« Der Alte schauerte. Sein Auge stierte seinen Eidam an, als sähe er eine Erscheinung. »Die Engel im Himmel werden dem Blute Iwos beistehen im Martyrium. – Einer der Moskowiten, mit denen ich bei Ragusa focht, war im Lande gewesen, fern über dem großen See und erzählte, wie dort die gefangenen Krieger gemartert werden von ihren Feinden und doch ihr Triumphlied singen unter den Schmerzen des Todes. – Ist die Christenfrau aus Iwos Stamm weniger mutig als die Helden der Wälder über der Salzsee?« »Es ist ein Weib – laß mich hinaus, Vater –« Der Greis hielt das Handgelenk Gabriels wie in einem Schraubstock. »Zurück, Knabe – Vernimm das Totenlied der Martinowitsch!« Mit eintöniger, dröhnender Stimme begann der Glaware das Heldenlied: Sve Oslobod ... * »Giftige Nattern säugte der Busen des Czernagorzenweibes! – Möge er weiter die Bestien der Wildnis nähren! – Drauf, Scheitan!« Der schwarze Henker warf das blutrauchende Fleisch der abgeschnittenen Brust dem gierigen Wolf hin und senkte das Messer zum zweiten Male in den Leib der Märtyrerin. Derartige Grausamkeiten sind geschichtlich verbürgt, sogar noch im letzten Kriege geschehen. Ein unmenschlicher Schrei schrillte aus Stephanas Kehle. »Vater! Gabriel! – Um der ewigen Barmherzigkeit willen! Tötet mich!« Wieder krachte ein Schuß – der letzte der Czernagorzen. Der schwarze Mörder taumelte zu Boden, das Haupt der Gemarterten sank auf die Schulter nieder – im Tode brechend, dankte ihr Auge hinüber nach der Kula: die letzte Kugel hatte Henker und Opfer zugleich durchbohrt – Auf das Bollwerk der Bresche sprang die riesige Gestalt des einäugigen Greises; wahnwitzig schwang seine Hand die noch rauchende Flinte um den Kopf. »Hierher – blutige Mörder von Skadar! – Hierher! – Feige Hunde! – Die Männer der schwarzen Berge rufen nach euch!« Fatinitza warf ihr Roß gegen die Kula. »Zum Kampf!« Die Schar stürmte gegen die kleine Heldenzahl. Schüsse krachten, Waffen blitzten. Stöhnen der Wut und des Schmerzes. Über die Steine und Balken klommen die Arnauten. Hinein ins dichteste Gewühl stürzte sich Gabriel, der Zagartschane – wie sein Schatten hinter ihm drein Nikolas Grivas. Am Eingang des Turmes kämpften der grimme Beg und Iowan Martinowitsch den Helden- und Todeskampf. Von unzähligen Wunden durchbohrt, sterbend noch glühten ihre Blicke voll unauslöschlichen Hasses gegen den siegenden Feind. Zweimal hatte Grivas sich vor Gabriel geworfen und den Todesstreich von ihm abgewehrt; jedesmal wandte sich der Zagartschane nach einer anderen Seite. Der blutige Stahl in ihrer Faust suchte Fatinitza, die Wölfin von Skadar. Mit Jubelgeheul schwangen die Arnauten in ihrem Rücken das abgeschnittene Haupt des Beg auf einer Flintenspitze. Unwillkürlich wich das wilde Weib vor den wütenden Rächern zurück; an Grivas' Hals sprang der heulende Wolf – ein Handscharstoß zerschnitt ihm den Rachen und die Kehle – da durchbohrte aus nächster Nähe eine Kugel die Brust Gabriels; ein dunkler Blutstrom quoll aus seinem Munde. Über dem Stürzenden schwang Nikolas den blitzenden Stahl. »Blutsbruder, ich löse den Eid!« Sein Hieb spaltete den Schädel des Arnauten, der sich auf den sterbenden Freund warf. »Lebendig, lebendig fangt ihn!« befahl die Stimme Fatinitzas; ein gebieterischer Wink jagte die Zaudernden dem gefürchteten Kämpfer entgegen. Da krachten neue Schüsse. Durch die Nacht brachen von der Bergseite her dunkle Gestalten – die Czernagorzen, die Junaks der Rietschka Nahia. Ein hoher Mann im grauen russischen Rock in ihrer Mitte erteilte Befehle – Oberst Berger, den Bogdan in der nächsten Brastwo mit mehreren Begleitern streifend gefunden. »Vater Iwo! – Gabriel! – Die Kinder der schwarzen Berge kommen!« tönte die Stimme des Jünglings durch das Kampfgewühl und das wüste Geschrei der flüchtenden Arnauten. Die Rettung war da – aber zu spät. Ein Kolbenschlag traf von hinten Nikolas Grivas' Haupt und warf ihn, aus zehn Wunden blutend, zu Boden über den toten Freund. Ihr Blut vermischte sich – der heilige Eid war gesühnt – sein brechendes Auge traf Fatinitza. »Gabriel – Vater – Stephana – wo seid ihr?« Die Wölfin von Skadar sprang vom Roß. Mit starken Armen hob sie den blutenden Körper quer auf den Sattelknopf und schwang sich wieder hinauf. Der Araber bäumte sich, und seine Hufe warfen die Flüchtenden zur Seite. Weit aus griff das Tier. Von den Schüssen der Czernagorzen umschwirrt, den Körper des erbeuteten Geliebten auf Sattel und Arm, sprengte Fatinitza querwaldein. Hinter ihr hielt der Tod seine rächende Ernte. »Elf Uhr – der Zug geht ab!« Am Abend des 5. Juli gegen zehn Uhr war es, als Fürst Iwan Oczakow auf dem Place de la Madeleine aus dem Wagen seiner Schwester stieg und seine Ehre verpfändete, noch vor elf Uhr auf dem Nordbahnhof zu sein, um die wichtigen Depeschen wieder in Empfang zu nehmen und sie als Kurier nach Petersburg zu bringen. In einer der Straßen, die die Rue Montmartre mit der Rue Montorgueil und Poissonniere verbinden, in der Rue Saint Joseph zehn, enthielt der zweite Stock eine kleine Wohnung aus einem Vorzimmer, Wohnraum und Schlafgemach mit einer Mädchenkammer. Sie erweckte in der etwas überladenen Einrichtung die Vermutung, daß die Besitzerin nicht in der Gewohnheit des Reichtums geboren war. Verschiedenartige und überzahlreiche Möbel, vielfarbige Teppiche, Spiegel, Kunstgegenstände ohne Auswahl. Im Wohnraum befanden sich zwei Frauen, beide jung, beide schön, beide Kinder des Pariser Lebens. Die eine war eine hohe, junonische Erscheinung, etwa zweiundzwanzig Jahre alt, mit blondem Haar und zartweißer Haut. Sie trug ein schweres Faltenkleid von rosa Seide, mit schwarzen Spitzen besetzt, und darüber einen weichen Dominomantel von weißer Wolle. Die Hand spielte mit einer samtnen Halbmaske und dem Fächer. Vor ihr hockte ein junges Mädchen von höchstens achtzehn Jahren. Die Kleine qualmte aus den frischen, heiter aufgeworfenen Lippen eine Zigarette und blies lachend deren Rauch ihrer großen Gefährtin von Zeit zu Zeit zu. Es war ein lustiges, keckes Leben in dem zierlichen Gesichtchen, Laune und Eigenwille in den braunen Augen, aus denen aber auch Mitgefühl und Anhänglichkeit sprachen. »Dein Kavalier bleibt lange, Nini!« sagte die Große. »Es wird elf Uhr, bevor wir nach dem Jardin Mabille kommen!« »Was tut's? – Wir bleiben desto länger. Weißt du, Celeste, du bist recht töricht, daß du immer die Vornehme spielst und so zeitig fortgehst. Man muß das Vergnügen bis auf den Grund genießen.« Die Lorette warf ihrer Freundin durch die matt geöffneten Augenlider einen Blick zu, als wollte sie sagen: Törichtes Kind, was weißt du? Dann meinte sie laut: »Das verstehst du nicht; das ist nicht Sitte in der besseren Gesellschaft. Ich ärgere mich jedesmal über dein unbeherrschtes Wesen, wenn wir zusammen sind.« »Pah! – Warum gehst du denn da mit uns? – Freilich ist's noch nicht lange und erst seit dir dein reicher Anbeter untreu geworden. – Weißt du, Celeste, ich habe oft schon gedacht, du hättest dich seit den acht Tagen, da du mich wieder besuchst, nur darum zu mir zurückgefunden, um mir Jean zu entführen.« Celeste lachte spöttisch. »Meinst du, Kind, wenn mir's Ernst wäre, ich würde es nicht zustande bringen?« »O, Jean ist treu, er liebt mich wirklich! – Es ist nicht so eine von euren kleinen Liebschaften, bei denen ihr so gern die vornehmen Damen spielen wollt und es doch nicht seid. – Man hat doch noch ein Herz!« »Beruhige dich, Mignonne. Ich nehm' ihn dir nicht fort. Dazu liebe ich dich zu sehr aus der Zeit, da wir beide noch Kinder waren. Ich freute mich wirklich aufrichtig, als ich dich wiederfand; auch bin ich nicht undankbar – und du weißt –« »Ah pah, schweige von der Kleinigkeit, Celeste! – Jean gibt mir ja genug, warum sollte man seiner Freundin nicht helfen! Weißt du, Celeste, es ist eigentlich recht schade, daß du so – so – geworden bist; mein Bruder François liebte dich doch so sehr und du hättest eine brave Frau werden können.« Das feine Gesicht Celestes wurde rot bei der Erinnerung, die Hand drückte krampfhaft den Fächer. »Erinnere mich nicht daran, Kleine – er war meine einzige Liebe. – Nie werd' ich wieder so glücklich sein. – Aber was können wir armen Mädchen tun? Armut drückt und Arbeit ist schwer. – Als ich Herrn de Sazé kennenlernte –« »Ah, das ist der, der dich verführt hat, nicht wahr? François hat ihm auch bittere Rache geschworen. Ich war damals dreizehn und verstand das noch nicht – aber seitdem hast du schon viele geküßt, ja?« »Du bist eine Närrin!« »Es muß komisch sein,« meinte Nini naiv, »so viele Männer zu lieben, einen nach dem andern oder alle auf einmal. – Ich könnte es nicht; mir macht der eine schon Kopfzerbrechen genug!« »Hat er dir denn noch immer nicht seinen richtigen Namen gesagt?« »Er heißt Jean und ist, glaub' ich, aus Polen. Er ist sicherlich etwas ganz Feines, so ein falscher Prinz oder so ein verkappter Kalifornier, weil er sich gar so wenig aus dem Geld macht! – Er liebt mich – was will ich mehr?« »Du verdientest wirklich, daß man ihn dir wegnähme, so einfältig bist du! – Seit drei Monaten wickelst du diesen Krösus um den Finger und hast noch nicht einmal einen eigenen Wagen oder eine Kammerfrau.« Nini lachte wie toll, daß sie fast von ihrem Hocker fiel und die Zigarette verlor. »Ich eine Kammerfrau! – Bist du nicht gescheit? Was sollte ich mit einer Kammerfrau? Das gehört für Damen wie dich. Nein, Celeste, die Aufwartefrau genügt mir; mit der kann ich plaudern, wie mir der Schnabel gewachsen ist; vor so einer zierlichen Demoiselle aber würde ich mich scheuen und wüßte wahrhaftig nicht, ob sie die Herrin oder ich! – Aber was willst du? Bin ich nicht fein eingerichtet? Ist nicht dies alles mein? Und ich war doch eigentlich nur eine kleine Näherin. Kannst du dir etwas Hübscheres und Reicheres denken als diesen Salon? – He?« Celeste zuckte mitleidig die Achseln. »Du könntest drei damit ausstatten, und es würde dreimal besser aussehen.« »O, glaube nur,« meinte Nini hochmütig, »Jean kauft mir alles, was ich will. – Na ja, Celeste, ich hab' auch schon an so ein kleines Pferdchen gedacht, und einen hübschen, zierlichen Tilbury mit einem Knirps von Jockei oder Mohrenbalg so hinten drauf; aber Jean meint, das passe sich nicht für mich, und wenn ich einen Wagen hätte, würde ich den ganzen Tag auf der Straße umherkutschieren und nicht mehr für ihn zu Hause sein. – Er hat ja auch recht. Wenn wir nach den Boulevardtheatern gehen oder ins Freie, oder zum Ball, ei, da gibt's ja Wagen genug in Paris.« »Wie aber, wenn François zurückkehrt? Was wirst du ihm sagen über dein Leben?« Dem Mädchen traten Tränen in die hellen Augen. »Ach, Celeste, ich hab' ja solche Angst – warum hat er mich aber auch verlassen! Ich hänge so an François, aber man kann doch nicht ewig in seinem Dachstübchen verkümmern! – Und hungern kann man doch erst recht nicht. Du weißt ja, Celeste, wie glücklich und bescheiden wir waren, als unsere Eltern nebeneinander wohnten im Faubourg Antoine, und wir alle Sonntag zusammen spazieren gingen, du und François, und ich durfte manchmal mit. Auch noch aus der englischen Fabrik kam François immer nach Hause, bloß um dich zu sehen, bis vor fünf Jahren – du erinnerst dich –« »Ich weiß, ich weiß!« »Als François im März nach England ging, gab er mir hundertfünfzig Franken; und damit und mit meiner Näherei hätte ich gewiß gelangt, obwohl ich mich recht stattlich herausgeputzt hatte. Wenn ich nur nicht so einfältig gewesen wäre, das schöne Geld in den fünf blanken Louis, die ich noch hatte, immer mit mir herumzutragen! Ich habe dir's ja erzählt, wie man mir's gestohlen hat am ersten schönen Sonntag im April, bei dem Gedränge auf den Boulevards, und wie mich Jean weinend fand und mich ansprach und tröstete.« »Tröstete! Ja, ja,« spöttelte Celeste. »Sie trösten ja alle so gern, namentlich, wenn man eine hübsche Larve hat und jung ist!« »Ach, immer deine frechen Redensarten!« schmollte Nini. »Siehst du, seitdem kennen wir uns; ich habe wie ein Vogel mein altes Nest in der Antoine verlassen und Jean hat mich hierher gebracht. Und als ich dich vor acht Tagen im Botanischen Garten traf und du dich der kleinen Nini erinnertest, ei, da war ich ganz glücklich; denn mit dir kann ich doch von vielem plaudern, was ich selbst Jean nicht sagen mag.« Celeste wiegte sinnend den Kopf. »Ich glaube dir, er liebt dich von Herzen – doch wie hätte Treue und Neigung bei Männern Bestand? – Du wirst noch manche schlimme Erfahrung machen, Kind! Was soll aus dir werden? Dein Graf, oder was er nun sein mag, kann dich doch nicht ewig lieben?« »Rede nicht so; die Zukunft, die ist noch weit! – Jean hat mir gesagt, er solle eine Prinzessin heiraten, aber er wolle nicht und werde mich lieben, so lange er lebe. Wer will ihn auch zwingen? – Pah! Da kennst du ihn schlecht. Wenn es uns in Paris nicht mehr gefällt, so gehen wir auf Reisen – er hat es mir versprochen – und weißt du, Celeste, ich nehme dich mit. – Aber wo bleibt der böse Jean? Weiß Gott, es ist ja gleich halb Elf, und schon vor einer Stunde sollten wir auf dem Wege sein. – Horch – da springt er die Treppe herauf!« Die Tür wurde aufgerissen; vom raschen Lauf erregt, stürzte Iwan Oczakow herein. Mit einem Sprunge war Nini an seinem Halse. »Jean, nicht einen einzigen Kuß kriegst du! – Uns so lange warten zu lassen und den ganzen lieben Tag nicht ein einziges Lebenszeichen zu geben! Ich habe mich wahrhaftig geängstigt um dich und wollte es nur vor Celeste nicht zeigen. – Gleich geh' und küss' ihr die Hand für dein unartiges Ausbleiben.« Der Fürst schob sie liebevoll zurück, dann warf er sich erschöpft auf das nächste Sofa. »Was fehlt dir, mein Freund? – Da liegt dein Domino! – Willst du ihn nicht nehmen? Es ist hohe Zeit.« »Du wirst allein gehen müssen, Nini; ich kann dich nicht begleiten.« »Was sind das für Scherze? – Willst du mich necken?« Iwan drückte sie an sich. »Gewiß nicht, Nini. – Erschrick nicht, mein Liebling – wir müssen uns trennen – ich fürchte, für lange Zeit! – Ich muß plötzlich verreisen.« Das Mädchen wurde totenblaß und fuhr mit den Händen nach dem Herzen. »Jean, ich bitte dich, mach mir nicht Angst!« Sie faltete flehend die Hände. Gebärde und Worte waren so einfach aufrichtig, so überzeugend, daß Iwan, der bei dem Mädchen sonst nur Scherz und Lachen kannte, sie in seine Arme riß und sie ungestüm an sein Herz drückte. »Nini! – Teures, liebes Mädchen, liebst du mich wirklich so innig, daß mein Scheiden dir solchen Schmerz machen würde?« Ihr Kopf lag an seiner Brust, schluchzend schaute sie auf. »O Jean! – Verlaß mich nicht!« Sie preßte den Mund an sein Ohr und flüsterte errötend ihm bettelnde Worte zu. Liebe, Glück, Verzweiflung wogten in der Brust Iwans. Die Außenwelt um sie her versank – sie bemerkten nicht einmal, daß Celeste, um die Szene nicht zu stören, hinter die seidenen Vorhänge des Fensters getreten war. Da weckte die Bronzeuhr auf dem Kamin die Liebenden. Sie schlug Halb. Iwan schrak aus den Armen des jungen Mädchens auf. »Höre mich, Nini! – Auch Sie bitte ich, Madame, einen Augenblick für diese arme Kleine, die zu aufgeregt und unerfahren ist, mir Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Ich weiß, Sie sind ihre Freundin schon seit der frühen Jugend. Darf ich hoffen, eine aufrichtige Freundin?« »Meine Hand darauf. – Sprechen Sie!« »Ein ganz unerwartetes, dringendes Geschäft zwingt mich – vielleicht zum Glück für uns beide – auf der Stelle abzureisen. Bei Gott dem Allmächtigen, ich liebe Nini unaussprechlich; ich werde sie niemals verlassen. Ich kann es nicht! Aber ich weiß nicht, ob ich für lange Zeit werde nach Frankreich zurückkehren können.« Nini schluchzte an seiner Brust. »Beruhige dich, Liebling. Liebst du mich, wie ich dich, so wird nichts uns trennen. Hier in dieser Brieftasche sind einstweilen ungefähr zehntausend Franken in Bankscheinen – ich habe nicht mehr bei mir, doch wird es vorläufig reichen. Nehmen Sie, Madame, bewahren Sie es für Nini, bis sie sich gefaßt hat. – Fort muß ich – die Zeit drängt und jeder Augenblick« – sein Blick flog nach dem Zifferblatt der Uhr – »ist kostbar. Von der ersten Stadt aus, wo ich einen kurzen Halt mache, wirst du von mir hören. – Willst du mir dann folgen in meine Heimat?« »Kannst du fragen? – Bist du nicht das Einzige, was ich auf dieser Welt habe?« »Ich bin reich, Gott sei Dank. Zum ersten Male empfinde ich diese Wohltat. Du wirst mir folgen und jede Freude, jeden Genuß teilen, den die Welt bietet. – Sie, Madame, können Sie sich entschließen, Paris zu verlassen und dieses Mädchen zu begleiten, so bitte ich Sie darum. Sie werden mir willkommen sein und können auf meine volle Dankbarkeit rechnen. – Und jetzt, Nini, laß uns scheiden – die Augenblicke fliegen! Der Wagen vor der Tür wartet – er wird mich kaum noch zur rechten Zeit zum Bahnhof bringen!« Er umarmte die Weinende. Celeste legte die Hand auf seinen Arm. »Ich zweifle durchaus nicht an Ihren Worten und an Ihrer Redlichkeit, mein Herr, aber bedenken Sie, daß dieses Kind weiter keine Bürgschaft hat als Ihr Wort. – Sie kennt nicht einmal Ihren Namen.« »Höre sie nicht, Jean – was kümmert mich, wer du bist, wenn du mich nicht mehr lieben würdest? – Ich vertraue dir aus vollem Herzen!« »Dank, tausend Dank, und Sie, Madame, glauben Sie, daß nur der Wunsch, mir ungetrübt mein Glück zu erhalten – mein Name...« Die Uhr schlug dreiviertel. »Um Gotteswillen, laß mich fort! – Meine Ehre ist verpfändet, die Ehre meines Hauses! – Leb' wohl! Leb' wohl!« Er drückte stürmisch einen Kuß auf die Lippen Ninis und eilte ins Vorzimmer. Sie stürzte ihm nach und umschlang ihn noch einmal. »Jean, verlaß mich nicht! – Nimm mich mit dir!« »Barmherzigkeit! – Helfen Sie mir, Madame, ich muß fort, ich muß!« Er legte sie in ihre Arme und griff nach der Tür – sie wurde von außen geöffnet – ein breitschultriger Mann mit Bluse und braunem Kalabreserhut trat rasch ein. Der Fremde stieß Iwan unsanft zurück und schloß die Tür hinter sich von innen ab. »Ich sehe, ich bin hier recht. – Einen Augenblick noch, mein Herr; wir haben miteinander zu reden!« Ein Schrei kam von den Lippen der Frauen. »François!« »Ah, auch Sie hier, Madame? – Sehr gut! In solcher Gesellschaft brauche ich freilich nicht länger zu zweifeln, was aus meiner Schwester geworden ist.« Celeste gab keine Antwort. Iwan trat auf den Fremden zu. »Sie sind Herr François Bourdon, der Bruder dieses jungen Mädchens? Ich bedaure aufrichtig, daß der Augenblick so ungünstig zu einer Erklärung ist, aber Ihre Schwester und Madame Celeste werden Ihnen das nötige sagen. – Ich bitte, lassen Sie mich vorüber.« Der Arbeiter lachte höhnisch auf: »Haben Sie's so sehr eilig, mein Herr?« »Ich muß – ich muß! ...« »Ich auch, denn auf meinen Fersen, Herr, ist die Polizei; auf den Ihren nur der Bruder eines verführten Mädchens! Dennoch nehme ich mir Zeit, die Ehre meiner Schwester zu rächen. Zurück!« Mit kräftiger Faust warf er Iwan zurück bis in die Mitte des Zimmers. »Was unterstehen Sie sich, Herr!« »Unterstehen? – Meinen denn die vornehmen Herren noch immer, nach den Zeiten von 1793 und 1830, daß das Blut des Arbeiters weniger rot ist als das ihre? – Daß seine Ehre das Spielwerk ihrer Lüste sei?« Nini warf sich zu den Füßen des Bruders. »Du tust ihm unrecht.« »Du hast wohlgetan, Täubchen, daß du mir aus dem Weg gegangen bist – erst heute abend auf dem Opernplatz vor dem verunglückten Spaß erfuhr ich durch einen Zettel derer, die alles wissen, deine neue Residenz! Ein ehrlicher Arbeiter kann nur eine ehrliche Schwester brauchen – ich habe an der da« – er wies nach Celeste – »genug der Erfahrungen gemacht. – Fort, Metze, mit dir habe ich nicht zu reden.« »Sie entehren sich und Ihre Schwester; sie ist meine Geliebte – wenn Sie darauf bestehen, bald mein rechtmäßiges Weib. Aber meine Geduld ist zu Ende – geben Sie Raum!« »Meinen Sie einen leichtgläubigen Narren vor sich zu haben?« In Iwan kochten Zorn, Angst, Verzweiflung – seine Ehre war vernichtet – sein Wort gebrochen. »Um der Barmherzigkeit willen, Platz ...« Die Uhr auf dem Kamin hob aus und der erste Schlag der Stunde klang hell durch den Raum. Die Zeit achtet nicht auf die Wünsche und Leidenschaften der Menschen; kalt und unabänderlich wie das Schicksal schreitet sie ihren ewiggleichen Gang. Der helle Klang der Uhr fuhr wie ein glühendes Eisen durch Iwans Gehirn – alles verloren – Ehre – Ruf – Glück – Er sprang auf den Mann los, dessen Dazwischenkunft ihm alles vernichtet. Aber ein Faustschlag der eisenharten Hand des Arbeiters schmetterte ihn auf den Boden; Iwan rührte kein Glied mehr. »Allmächtiger Gott, du hast ihn erschlagen!« »Retten Sie sich, fliehen Sie, François!« Der Arbeiter stand blaß und erschrocken; auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß; verwirrt betrachtete er seine Hand. »Fliehen Sie, François, ich beschwöre Sie bei Ihrer einstigen Liebe zu mir!« »Es ist vergebens – die Polizei ist hinter mir – ein Anschlag gegen den Kaiser in der Komischen Oper – man hat viele meiner Kameraden verhaftet und verfolgt die Entkommenen. – Ich sah, daß ich schon beobachtet wurde, als ich das Haus betrat. Celeste sprang ans Fenster. »O Gott! Leute vor der Tür – Soldaten!« »Er lebt! Er lebt!« tönte dazwischen der jubelnde Ruf des Mädchens. »Celeste – François – helft mir!« Nini versuchte, ihn aufzurichten. François sprang herbei, ihr zu helfen und setzte ihn auf einen Stuhl. Iwan erholte sich; er atmete tief und schwer; seine Augen starrten ohne Ausdruck vor sich hin. »Elf Uhr! – Der Zug geht ab!« Eintönig wiederholte er mehrere Male die Worte. Celeste hatte die Tür zum Treppenflur geöffnet und lauschte. »Man kommt – ich glaube, man untersucht die Zimmer des ersten Stocks. – Um Gotteswillen, ist kein Ausweg?« Ihre Blicke flogen suchend umher, während sie die Tür verriegelte. »Rasch, François, Ihren Hut, die Bluse herunter!« Fast willenlos gehorchte ihr der junge Arbeiter. »Mein Herr, haben Sie wenigstens den Edelmut, den Bruder Ihrer Geliebten zu retten. – Sie selber werden sich leicht befreien. – Ihren Rock, Ihren Rock!« Sie zerrte den Fürsten auf – er blieb ruhig, bewegungslos stehen – seine Augen stierten verständnislos umher. »Elf Uhr! – Der Zug geht ab!« »Nini, um Gotteswillen, hilf! Du rettest den Bruder und sicherst dir den Geliebten! – Geschwind, geschwind!« Der Fürst ließ sich widerstandslos den Rock ausziehen und sich mit der Arbeiterbluse bekleiden. »Rasch ins Nebenzimmer, François – den Domino um, die Maske in die Hand – ich höre sie auf der Treppe!« Sie riß Iwan das Halstuch ab. Nini begriff; sie ahnte das Schreckliche noch nicht, und in der Hoffnung, den Geliebten sich zu sichern, flog sie dem Bruder zur Hand. Im Nu war die einfache Verkleidung geschehen, der Domino auf seinen Schultern, Iwans Hut auf seinem Kopf. Celeste drückte den Kalabreser auf den Kopf Iwans. »Gott sei Dank! – Nun, mein Herr, gilt es, sich kurze Zeit zu verstellen!« »Elf Uhr! – Der Zug geht ab!« Celeste erhob ein lautes Geschrei und sprang an die Tür. »Hilfe! Hilfe!« Gewehrkolben stießen auf den Flur. »Im Namen des Kaisers, öffnen Sie!« Celeste riß die Tür auf. »Hierher! Hierher! – Kommen Sie uns zu Hilfe, meine Herren – ein fremder Mann ist mit Gewalt hier eingedrungen – der Mensch will uns morden oder bestehlen!« Der Polizeikommissar trat ein, hinter ihm Polizeidiener, Wache. In der Mitte des Zimmers stand Iwan, noch immer regungslos, gleich als wisse und fühle er nichts, was um ihn her vorging; in der Tür zum Nebenzimmer Nini in ihrem Maskenkleid, dahinter im Schatten François, beide blaß und stumm. Der Kommissar wandte sich zu einem seiner Begleiter. »Ist es dieser?« Er wies auf Iwan. »Ja! – Ich kenne ihn an der grünen Bluse und dem Hut.« »Mein Herr, Sie sind mein Arrestant. Folgen Sie ohne Widerstand. Meine Damen, ich sehe, Sie sind sehr unangenehm auf dem Wege zu einem vergnügten Abend überrascht worden! Entschuldigen Sie meine Pflicht.« »O, mein Herr, wir sind Ihnen viel Dank schuldig – der Schreck und die Angst waren groß – wir hatten zwar Schutz – aber –« »Ich verstehe«, sagte der Beamte mit einer leichten Verbeugung. »Meine Pflicht zwang mich jedoch, jede Rücksicht beiseite zu setzen. Es sollte heute abend bei der Wiedereröffnung der Komischen Oper ein Attentat gegen den Kaiser unternommen werden, dem wir jedoch auf die Spur gekommen sind. Bei den Verhaftungen in der Rue Marivaux entkamen mehrere, unter anderem dieser Mann. Nochmals also meine Entschuldigung und viel Vergnügen. – Vorwärts!« »Elf Uhr – der Zug geht ab!« »Was sollen die Albernheiten? – Für Bicêtre Damals ein großes Pariser Armenhaus und zugleich Irrenanstalt. können Sie Ihre Mätzchen später machen. – Mich täuschen Sie nicht. Marsch!« Ein Schauer schien durch die Glieder Iwans zu laufen, als er von zwei Beamten an den Armen gepackt und fortgeführt wurde. Er folgte willenlos – sein starres Auge wandte sich nicht einmal zur Seite – unter der Tür hörten die Zurückbleibenden nochmals seine Stimme: »Elf Uhr – der Zug geht ab!« – Als Celeste sich umwandte, lag Nini ohnmächtig im Arm ihres Bruders. Die Greuel auf Chios Der Mond warf seinen silbernen Glanz auf Berg und Meer. In geheimnisvollem Zauber lagen die Ruinen auf der Höhe des Pagus von Smyrna. Wo die Ruinen sich nach dem Meer zu öffnen, lagerte die Bande Jan Katarchis, des Räubers; auf einem Marmorquader Gregor Caraiskakis; an seine Knie gelehnt, in schwermütigem Vertrauen, Diona; vor ihnen der Führer Katarchi und Welland. Nur wenige Schritte davon schürte Mauro ein kleines tönernes Kohlenbecken; von Zeit zu Zeit reichte er seinem Oheim oder Welland eine glimmende Kohle, mit der sie ihren Tschibuk in Brand erhielten. Rings um die Gruppe, etwas weiter, lagen die Genossen des Räubers. Diona hatte dem Bruder gebeichtet. Sie hielt sich für Maubridges rechtmäßige Gattin und nur als solche war sie ihm gefolgt; in der Nacht vor der Flucht hatte der britische Vizekonsul eine Zeremonie vorgenommen, die das Mädchen, unbekannt mit den europäischen Gebräuchen und von Leidenschaft geblendet, für eine richtige Trauung ansah. Bei der Kenntnis, die Gregor von dem Charakter und Treiben des Beamten erlangt, tauchte freilich sofort der Argwohn auf, die Schwester sei nur das Spiel eines Betruges gewesen und man beschloß, sich darüber Gewißheit zu verschaffen und womöglich Sir Edward selber zur Rede zu stellen. Die Trauung hatte einfach in Vorlesung und Unterzeichnung einiger in der ihr fremden englischen Sprache abgefaßten Papiere und in dem Tausch von Ringen bestanden; außer dem Schreiber des Konsuls war nur ein alter Matrose – der, den Mauro in der Villa so rechtzeitig aus dem Fenster stürzte – als Zeuge zugegen gewesen. Auf die Versicherung Gregors, sich friedlich und ohne Haß an ihren Gatten wenden und nur die öffentliche Anerkennung ihrer Ehe verlangen zu wollen, hatte sie ihm vertraut, daß sie beide am Morgen mit der Feluke nach Tenedos oder Dardanelli hatten abgehen wollen, um dort einige Zeit zu verweilen, da Maubridge Freunde und einen Bruder bei der englischen Flotte besaß. Die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter warf einen Schleier über die neuen Hoffnungen der jungen Frau; träumend und stumm saß sie an des Bruders Knie und achtete nur wenig auf das Gespräch der Männer; Mauro hatte ihr von Maubridge die Kunde gebracht, daß er wirklich am Nachmittag mit der Feluke abgesegelt sei. Der Konsul war noch am Vormittag beim Pascha wegen des Überfalls auf sein Landhaus gewesen und Jan Katarchi wußte durch seine Spione, daß Ali Pascha sofort Streifzüge gegen die Räuber befohlen hatte. Doch Jan spottete ihrer; er besaß unter den Kawassen des Paschaliks gute Freunde, und anderseits brauchte er sie selbst im schlimmsten Falle nicht zu fürchten. In der Tat war die Polizeimannschaft von Smyrna nicht viel besser als die Räuberbande, mit Ausnahme der Kawassen der Konsulate; jedenfalls war sie zerlumpter und schlechter bewaffnet und gedrillt als die Räuber, und der Kawassenbasch, der Hauptmann der Polizeisoldaten, wenig geneigt, sich mit der gefährlichen Jagd auf den kühnen Katarchi zu befassen. Die Gruppe an den Ruinen im Mondlicht gewann durch das Bild der jungen Griechin einen besonderen Reiz. Unter der reichen, in den unterirdischen Gewölben und Winkeln zusammengehäuften Beute hatten sich genug Kleidungsstücke gefunden, um Diona malerisch einzukleiden. Sie war noch zu jung, um die Überfülle zu besitzen, die die Griechinnen über zwanzig Jahren fast durchgängig entstellt, die aber nach orientalischer Sitte für schön gilt. Ein verführerischer Scharm lag über ihr. Das Gesicht zeigte die weiße Haut, die den Töchtern der Zykladen eigen ist, gehoben durch die zarte und künstliche Röte der Wangen. Dieser Rosenhauch wird nicht, wie im Abendlande, durch feine Schminke hervorgebracht; durch Ausreißen der dünnen, kaum sichtbaren Flaumhärchen öffnet man die feinen Poren und reibt nun ein Reizmittel in die Haut, die dann wochen- und monatelang ihre zarte Farbe behält. Schwarzgefärbte Wimpern und ein seiner dunkler Strich an den Wimpern des unteren Lides erhöhten den Eindruck des Mandelauges; die hochgeschwungenen Brauen unter einer mittelhohen, freien Stirn grenzten an die gerade, in klassischer Schönheitslinie sich senkende Nase; der etwas große, aber durch die herrlichsten Korallenlippen eingerahmte Mund über dem vollen, runden Kinn ließ oft die blitzenden Zähne sehen. Die Männer waren in ernstem, politischen Gespräch. Konstantinopel war noch der Mittelpunkt der diplomatischen Treibereien; von dort aus spannen sich die Ränke, deren letzte Folgen nur wenige noch berechnen konnten. Caraiskakis war durch sein abenteuerndes Leben der letzten Zeit nur unvollständig unterrichtet und hatte den Freund um einen kurzen Umriß gebeten. Man hatte in Wien frohlockt, daß der Zar die Forderungen Österreichs in der montenegrinischen Frage so kräftig unterstützte, sah aber jetzt, daß das Petersburger Kabinett damit einen viel wichtigeren Schlag bei der Pforte vorbereitet hatte. Rußland, seit Katharina II. mit kurzen Unterbrechungen von überwiegendem Einfluß in Konstantinopel, sah ihn seit einiger Zeit geschmälert und bedroht; am Goldenen Horn machten sich immer mehr französische und englische Neigungen geltend. England und Frankreich hatten durch Vermehrung ihrer Konsulate und neue Handelsverbindungen in der Türkei einen festeren Fuß gefaßt und bedrohten von dort aus die russische Macht. Die Frage der politischen Flüchtlinge nach dem ungarischen Kriege war durch Englands Einfluß gegen Rußland entschieden worden; der von Frankreich unternommene Angriff wegen der heiligen Stätten Mit dem Ausdruck »Heilige Stätten« wurden in dem Kampf neun Kirchen bezeichnet, die an den wichtigsten Orten aus dem Leben Christi erbaut worden waren. Der Streit um deren Besitz zwischen der römischen und griechischen Kirche wurde von Frankreich und Rußland geführt. Die von Frankreich beanspruchten Rechte gehen auf einen im 16. Jahrhundert zwischen Franz I. und Soliman dem Großen abgeschlossenen Ergebungsvertrag zurück, auf das Hattischerif – Handschreiben des Sultans – von 1690 und den Vertrag von 1740. drohte eine gleiche Wendung zu nehmen. Rußland durfte die griechischen Christen nicht im Stiche lassen, wenn es nicht deren für seine herkünftlichen und geschichtlichen Pläne so notwendigen Zuneigung verscherzen wollte. So war es zu einem herausfordernden Auftreten und einem Beginn des Streites gezwungen, zu dem es noch keineswegs durch seine inneren Einrichtungen, Eisenbahnen, Flotte und Landstraßenbau vorbereitet war. Man glaubte aber in Petersburg, die russische Machtstellung im europäischen Staatenverband würde hinreichen, Ernsteres zu vermeiden; dazu war man von der Unmöglichkeit eines Bündnisses zwischen England und Frankreich überzeugt. Zar Nikolaus, einer der unbeugsamsten Männer der Weltgeschichte, rechnete mit Völkern und Ländern wie mit feststehenden, unveränderlichen Begriffen und trug den Umwälzungen seelischer und politischer Art zu wenig Rechnung. Fürst Menschikow, der russische Marineminister, war am 28. Februar in Konstantinopel unter dem Jubel der griechischen Bevölkerung eingetroffen. Ein so starrer Charakter wie der des Fürsten war zur Führung ränkereicher diplomatischer Verhandlungen wenig geeignet; seine Betrauung mit dieser schwierigen Aufgabe mußte, das war Einsichtigen klar, einem geschickt angewandten Einfluß zuzuschreiben sein. Der Fürst hatte sich geweigert, dem Minister des Auswärtigen, Fuad Effendi, dem Herkommen gemäß, seinen Besuch zu machen; er erklärte, Rußland habe besondere Beschwerdegründe gegen diesen ihm feindlichen Minister, der auch die Verhandlungen wegen der Auslieferung der ungarischen und polnischen Flüchtlinge geleitet hatte. Die Pforte zeigte dem schroffen Auftreten des Fürsten gegenüber sofort ihre Nachgiebigkeit durch die Enthebung Fuad Effendis von seinem Posten. Verleitet durch diesen scheinbaren Erfolg ging der Fürst weiter. Der vorgeschobene Beschwerdepunkt, der Krieg gegen Montenegro, war durch das österreichische Eingreifen beseitigt – es blieb also nur die Frage wegen der heiligen Stätten, hauptsächlich der Streit über den Besitz der Schlüssel zum heiligen Grabe, den sowohl die Lateiner, die Katholiken, als auch die Griechen beanspruchten. Die Unterhandlungen fanden in Gegenwart des Vertreters von Frankreich statt, das bei der ersten Nachricht von der Sendung Menschikows seine Mittelmeerflotte nach den griechischen Gewässern gesandt hatte. Die Forderung des Fürsten wurde durch einen Ferman Erlaß des Sultans. erledigt, der die Rechte der Griechen gegen alle Übergriffe der Katholiken sichern und zugleich den Franzosen die neuerdings durch Verträge erworbenen Rechte unverletzt erhalten sollte. Die Frage wegen der heiligen Stätten schien geregelt; Fürst Menschikow verlangte aber noch Bürgschaft gegen künftige Verletzungen der eingegangenen Verträge in einer gültigen Verpflichtung. Dies war der Wendepunkt, an dem aufs neue das Spiel der politischen Ränke begann. Durch diese Verpflichtung hätte der Zar das Recht erhalten, als Schutzherr der orientalischen Kirche, bei allen griechischen Streitigkeiten mit der türkischen Regierung das Schiedsrichteramt auszuüben. Das war gewissermaßen eine vollständige Abhängigkeit von Rußland; auf der anderen Seite aber konnte nicht geleugnet werden, daß die griechische Kirche und Bevölkerung in der Türkei dringend einer Befreiung oder wenigstens eines starken Schutzes ihrer Rechte bedurften. Unterm 10. Mai beantwortete der Diwan dieses Verlangen als Eingriff in die Oberherrlichkeit des Sultans ablehnend und bewilligte zugleich die geringeren angeschlossenen Forderungen. Durch den Einfluß des seit dem 5. April in Konstantinopel eingetroffenen britischen Gesandten, Lord Stradfort de Redcliffe, trat inzwischen eine Veränderung des türkischen Ministeriums im britischen Sinne ein. Der bisherige Großwesir Mehemed Ali wurde Kriegsminister, Rifaat Pascha Ministerpräsident; Reschid Pascha trat an die Spitze des Auswärtigen. Fürst Menschikow drohte am 18. mit dem Abbruch der Beziehungen zur Pforte, »weil man für Sicherung verbriefter und unbestreitbarer Rechte, und anstatt die Abhilfe gerechter Beschwerden ernstlich zu leisten, ihn nur mit leeren Ausflüchten hinhalte.« Die Schlußerklärung dieser Note, die, so gerechtfertigt sie auch vom Standpunkt der unterdrückten Griechen aus erschien, letzten Endes die Vorläuferin ungeheurer blutiger Verwicklungen war, lautete: »... daß die Verweigerung einer Bürgschaft für die griechisch-russische Kirche der Kaiserlichen Regierung in Zukunft die Pflicht auferlege, sie in ihrer eigenen Macht zu suchen, und daß der Kaiser jede Verletzung des Status quo der griechischen Kirche als eine Verletzung des Geistes und des Buchstabens der bestehenden Verträge und als eine feindselige Handlung gegen Rußland betrachten werde, die Seiner Majestät die Pflicht auferlege, zu Mitteln zu greifen, die er in seiner beständigen Sorge für den Bestand des türkischen Reiches und in seiner aufrichtigen Freundschaft für Seine Majestät den Sultan und dessen erhabenen Vater stets gewünscht habe, vermeiden zu können.« Fürst Menschikow zog sich nach dieser Mitteilung an Bord des bei Bujukdere ankernden Dampfers zurück, der ihn nach Odessa bringen sollte, setzte aber noch die nichtamtlichen Unterhandlungen fort. Da die Pforte jetzt hartnäckig blieb, verließ der Fürst am 21. Mai mit der russischen Gesandtschaft Konstantinopel; nur die Handelskanzlei blieb zurück. Die türkische Regierung zeigte unterm 20. Mai den Vertretern der vier Großmächte an, sie sähe sich gezwungen, gegen die Rüstungen Rußlands an der Grenze der Donaufürstentümer offen ihre Gegenmaßnahmen zu treffen. Der russische Minister des Auswärtigen, Reichskanzler Graf Nesselrode, schickte nochmals eine Note an Reschid Pascha. Er forderte die Annahme der früher gestellten Bedingungen binnen acht Tagen, widrigenfalls Rußland die Donaufürstentümer besetzen werde, und erklärte dabei, daß diese Besetzung eben nur als Pfandnahme und nicht als Kriegserklärung zu betrachten sei. Eine durch die Bemühungen der Vertreter Preußens und Österreichs ziemlich gemäßigte Note des türkischen Staatsrates, in der man vorschlug, einen besonderen Gesandten nach Petersburg zu schicken, lehnte die russische Forderung nochmals unterm 10. Juni ab. Am 14. Juni war der neue österreichische Gesandte, Baron von Bruck, in Konstantinopel eingetroffen; die Sendung des Grafen Gyulai nach Stambul sollte zugleich dort die Versöhnung vermitteln. Frankreich und England, die nach der ränkevollen Einleitung des Zwistes zwischen Petersburg und der Pforte sich der äußeren Einmischung ferngehalten hatten, riefen jetzt ihre Flotten in die Nähe von Konstantinopel; die Geschwader warfen am 15. Juni in der Besikabai, am Eingang der Dardanellen, Anker. Die Gesandten erhielten Vollmacht, im Fall einer Kriegserklärung des Sultans an Rußland die Flotten nach Konstantinopel zu rufen. Unterdes hatte jener Notenwechsel zwischen Petersburg, Paris, London, Wien und Berlin begonnen, durch den die Streitenden die Schuld an den Zwistigkeiten und deren Folgen sich gegenseitig aufzuladen versuchten. – Dies war die Übersicht, die Welland seinem Freunde Caraiskakis gab. »Mir scheint,« sagte Welland zum Schluß, »der redliche Wille zur Versöhnung ist auf keiner Seite sonderlich groß. An eine friedliche Lösung ist kaum zu denken. Gegenwärtig ist das Ziel der Beteiligten, vor den Augen der Welt die Schuld an dem bevorstehenden Krieg abzuwälzen. Wir stehen auf einem unterwühlten Boden; alle Verhältnisse haben sich umgekehrt; Freunde stehen feindlich gegenüber, alte Feinde machen gemeinsame Sache. Ich fürchte, auch unser Schicksal wird uns in den Strudel hineinreißen.« »Ja, die Welt ist aus den Fugen!« entgegnete Caraiskakis. »Stehen nicht das allerchristlichste Frankreich, das streng protestantische England neben dem alten Erbfeind des Kreuzes mit dem Endziel, von drei Millionen Türken zehn Millionen Christen unterdrücken zu lassen, sie aller geschichtlichen und menschlichen Rechte zu berauben?« »Ich glaube schwerlich, Freund, daß Griechenland es besser haben würde unter dem Zepter Rußlands als unter der Peitsche des Moslems.« »Meinen Sie denn,« unterbrach ihn der Grieche, »daß wir daran denken, ein Teil des russischen Reiches zu werden? – Keinem Hellenen kommt die Idee! Frei wollen wir sein auf unserer eigenen Erde, Herren unseres eigenen Landes, dessen Kirchen zerstört, dessen Kinder geschändet und geschlachtet sind von einer Handvoll Ungläubiger! – Das Kreuz soll herrschen in der alten Hauptstadt unseres Landes, die einst zwei Weltteilen Gesetze vorgeschrieben, so gut wie Ihr Rom, unsere heilige Kirche gereinigt werden von der Schmach des Götzendienstes.« Sein Auge flammte, seine Hand war erhoben. Auch Diona schaute mit feurigen Augen zu dem Bruder auf. Jan Katarchi hatte sich aufgerichtet aus seiner trägen Stellung. »Höre mich, Franke«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Ich bin nicht gelehrt wie du; ich bin ein geringer Mann, ein Dieb und Mörder, und verstehe nichts von dem, was die Könige des Frankenlandes sprechen und wollen. Aber sie sind Staub in den Augen des großen Zaren, der stets unser Freund war, wie sie Staub sind in den unsern. Wem sollen wir trauen, auf wen sollen wir hoffen, wenn nicht auf ihn, dessen Glaube der unsere ist, der der ewige Feind unserer Tyrannen gewesen und sie bekämpft hat? Sollen wir vertrauen auf den Bruder, der uns geschützt hat, oder auf den Fremdling, der unserer höhnt und spottet, die Früchte unseres Fleißes an sich reißt und mit unseren Unterdrückern gemeinschaftliche Sache macht?« »Da hören Sie die Stimme des Volkes,« sagte Gregor. »Wie dieser denken und sprechen Tausende, ja Millionen.« »Aber was wollen Sie gegen die Übermacht? – Jeder Versuch zu Rußlands Gunsten würde Ihren Landsleuten unter türkischer Herrschaft nicht allein das Joch schwerer auflegen, sondern auch die Westmächte zwingen, ihnen allen Schutz zu entziehen. Die Politik der Staaten Europas muß die Herrschaft der Pforte ungeschmälert aufrecht erhalten.« »Die Politik!« rief Caraiskakis empört. »Schmach über die Nationen des christlichen Europas, die Missionen auf Missionen zu den fernen Heiden senden und für ihre christlichen Brüder im eigenen Erdteil keine Gefühle haben! Schmach über alle europäischen Freiheitskämpfer und Revolutionäre, die nur für ihr eigenes kleines Teil kämpfen und die sich nicht zusammenschließen zu der großen Freiheitstat, die alle unterdrückten Völker von der Fremdherrschaft befreit!« »Unterm Schutz Frankreichs und Englands wird die Gesittung und das Recht des Einzelnen auch hier den Sieg gewinnen. Schon hat die Pforte sich zu bedeutenden Verbesserungen entschließen müssen; eine neue, bessere Zeit steigt auch für die christliche Bevölkerung der Türkei auf.« Caraiskakis legte die Hand auf seinen Arm. »Glauben Sie wirklich, daß es Versöhnung geben kann zwischen dem Opfer und seinem Henker? Daß ein Volk, das solche Leiden getragen, so Ungeheures erduldet hat, wie das meine, je den Unterdrücker ehren und lieben lernen wird? Meinen Sie, daß es ein Vergessen zu geben vermag zwischen einem Hellenen und einem Bekenner des Propheten? – Dann, Welland, dann haben Sie nie erfahren, was wir gelitten! Dann haben Sie nie bedacht, daß seit Jahrhunderten das Blut des Vaters den Sohn, die Schmach der Schwester den Bruder, das Gewimmer der gemordeten Säuglinge die Mütter zum ewigen, unauslöschlichen Haß entflammt hat! Ihre Zeitungen, Ihre Fürsten, Ihre Völker haben vergessen, was vor kaum dreißig Jahren auf jenen Bergen, auf jenen Inseln geschehen – aber wir vergaßen es nicht, die wir in Blut geboren und mit Verzweiflung gesäugt worden sind! Ich ward es, Welland, ich, der Sohn des unglücklichen Chios! – Wollen Sie eine Geschichte hören, die Sie lehren mag, die Gefühle und Erinnerungen meines Volkes besser zu beurteilen? Wohlan, hier ist der Mann, der sie Ihnen erzählen wird: Janos!« »Du hast gut gesprochen, und wenn du willst, daß ich die Geschichte deiner eigenen Kindheit aus meiner Jugend zurückrufe in mein Gedächtnis und in meinen Mund, so soll sie dieser Franke hören.« »Auch uns gib sie – auch uns, Gregor und Diona, den Kindern der Frau, die dein Heldenmut rettete!« Der Palikar setzte sich auf einen Stein; näher heran drängte sich der ganze Kreis. In Janos' Rede und Gebärden klang etwas Poetisches, Mitreißendes, das auch den niedersten Ständen des Südens eigen zu sein pflegt. »Euer Vater«, begann der Räuber, »war ein wohlhabender Mann auf der Insel Chios Das, was folgt, ist geschichtlich und keine Frucht der Phantasie. Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, nach beiden Seiten einen klaren Blick auf die Höhen und in die Tiefen zu gewähren. Wie er innerpolitisch die unparteiische Wahrheit sucht und weder vor Schatten noch vor Licht zurückschreckt, wo er sie findet, so will er auch in den Beziehungen der Völker und Rassen untereinander nur Wahrheit, nur Tatsachen reden lassen. Die Erzählung, die hier vorliegt, ist eine solche Tatsache, ein Stück Historie. Wer zweifelt, der lese die englischen und französischen Zeitungsberichte vom Frühjahr 1822; er wird die Wahrheit bestätigt finden. und trieb Handel mit Mastir Das Harz der Mastirbäume, das, mit Zucker versetzt, eine beliebte Näscherei der türkischen Frauen bildet. Auf Chios wird überhaupt feines Zuckergebäck gefertigt. nach Konstantinopel. Chios war damals ein blühendes Land, ein Garten Gottes, reich gesegnet mit Fruchtbarkeit und Schönheit. Der Hafen von Kastron war gefüllt mit Schiffen aller Völker, hundertzwanzigtausend tätige, wenn mit der türkischen Herrschaft und ihrer Willkür auch nicht zufriedene, so doch sonst ruhige und fleißige Menschen bewohnten die Insel. Das kam, weil von Konstantinopel selbst uns Schutz und Schirm gegen die Tyrannei wurde, unter der unsere Brüder auf den Zykladen und dem Festlande seufzten.« »Weil Chios der Fatme Sultana gehörte, der Schwester des Großherrn, als Eigentum«, flocht Caraiskakis erklärend ein. »Ich war in Ipsara geboren, aber schon als Knabe in das Haus deines Vaters gekommen und hatte ihn auf vielen Reisen nach Athen, Triest und Konstantinopel begleitet. Der Name deines Vaters war geachtet und er zählte zu denen, die über dem Gewinn des Handels nicht vergaßen, daß der Besitz ihrer Habe, ja ihrer Familie und ihres Lebens nur Schein, daß die Ehre unserer Frauen und Töchter das Spiel der Lüste unserer Herren blieb und der Moslem verächtlich vor dem eingeborenen Sohne des Landes ausspie. Wir waren elender als das von Gott verfluchte Volk!« Er schloß in übermächtiger Erinnerung die Augen und ballte die Hände. »Seit mehr als hundert Jahren bestand unter meinem Volke ein geheimnisvoller Bund, Elpis Elpis, die Hoffnung; eine Abteilung der großen Verbrüderung der Hetärie, die sich über alle griechisch-slawischen Völkerschaften erstreckte und hauptsächlich die Erhebung von 1821 vorbereitete. genannt. Wo die tausend Felseninseln wie Sterne auf dem blauen Meere schwimmen, da gibt es kleine Eilande, unzugängliche Berge, auf die sich freie Männer geflüchtet haben und wohin noch niemals der Fuß eines Moslems ungestraft gekommen ist. Dort ist die Wiege der griechischen Freiheit. Von diesen Felsenbuchten, in deren Schutz die Häupter der Elpis sich alle vier Jahre zu versammeln pflegen, ging der ewige Krieg aus, den, von den Franken verlassen, das Griechenblut seit Jahrhunderten gegen die Türken geführt hat.« »Ich weiß, mein Vater war ein Mitglied der Elpis«, sagte versonnen Caraiskakis. »Ja, Gregor. Und als die Stunde gekommen war, wo auf dem Festlande die Fahne des Kreuzes gegen den unerträglichen Druck erhoben werden sollte, eilte auch er dahin. Wundert euch nicht, daß ich, ein schlichter Kameltreiber, so genau die Geschichte meines Landes kenne; aber die Namen, die ich nenne, sind mit Blut in meine Jugend geschrieben. Vom Norden, vom großen Zaren aus Moskau her kam auch damals der Ruf unserer Freiheit. Fürst Ypsilanti zog in das Land an dem großen Strom, der uns von unseren russischen Brüdern scheidet, Er meint die Donau. – Generalmajor Fürst Alexander Ypsilanti überschritt auf den Ruf seiner Landsleute mit einigen hundert Mann am 6. März 1821 den Pruth und erhob die Fahne des Aufstandes in der Moldau und Walachei. aber die heilige Schar fiel im Treffen bei Dragonhan am 19. Juni unter der türkischen Übermacht. Der Großherr in Konstantinopel schwor, alles zu vertilgen, was Grieche hieß im Lande. Die türkische Regierung führte damals in der Tat einen rücksichtslosen Vernichtungskampf gegen die Griechen. Das Auftreten des russischen Gesandten Grafen Stroganow, der am 31. Juli mit der Drohung eines Krieges nach Odessa abreiste, unterbrach allein diese Vertilgung. Auch zu uns kam die Kunde, wie man in Konstantinopel, in Smyrna und Saloniki alle Kirchen zerstört; wie man unser Volk beraubte und marterte, unseren ehrwürdigen Erzbischof, den heiligen Gregorius Er wurde am Osterfeiertage in seinem Festgewande vor der Hauptpforte seiner Kirche aufgeknüpft. ermordete. Da loderte überall das Feuerzeichen der Freiheit empor! Von Achaja aus tönte der erste Ruf; und als der Erzbischof von Patras In den ersten Apriltagen. das Kreuz aufrichtete, da klang es überall wieder. Mit Wonne hörten wir jede Kunde, die Schiff um Schiff uns brachte; aber Chios wagte es nicht, laut in den allgemeinen Jubelruf einzustimmen, denn der Weli Pascha, der Gouverneur, hatte zehn der angesehensten Chioten nach Konstantinopel als Geiseln geschickt und nahm jetzt aus jedem Dorfe zwei Primaten, Ortsvorstände, und warf sie in die Kerker von Kastron, um sich gegen einen Aufstand zu sichern. – Dein Vater, Gregor, war, zeitig gewarnt, auf den Ruf Maurokordatos', seines Freundes, nach Attika geeilt. Mich – ich war damals achtzehn Jahre alt – ließ er bei seiner Familie zurück, denn deine Mutter trug dich noch an der Brust und dein Bruder Andreas zählte erst vier Jahre. In dem Landhause deiner Familie, an der Bucht von Volisso, glaubte er sie vor allen Stürmen geschützt, und ich mußte ihm auf das Kreuz schwören, sie nie zu verlassen.« Gregor reichte dem alten Diener seiner Familie die Hand. »Vater Michael«, sagte er weich, »und die Mutter, die jetzt beide im Himmel sind, bezeugen dort oben, wie treu du Wort gehalten.« Jan küßte die Hand und fuhr dann in seiner Erzählung fort. »Die guten Tage für Chios waren vorüber. Der Weli Pascha und seine Agas begannen Unterdrückungen, Erpressungen und Grausamkeiten. Dennoch widerstanden die Bewohner von Chios dem Ruf, der täglich von Samos und Ipsara her erging, zu den Waffen zu greifen und sich dem allgemeinen Kampfe anzuschließen – denn in den Kerkern von Kastron lagen ihre Väter und Brüder, hundertundzwanzig an der Zahl, darunter die sieben Bischöfe unserer Insel. Jede Familie zitterte bei dem Gedanken an das Schicksal, das die teuren Häupter in der Gewalt unserer Tyrannen beim geringsten Zeichen des Widerstandes bedrohte. – Aber Gott hatte es anders bestimmt. Fürst Logotheti Er wurde im Juni von der neugebildeten Regierung in Morea deswegen verbannt. und General Burnia landeten am 25. März 1822 mit zweitausend Samioten auf Chios und pflanzten das Kreuz der Freiheit auch auf der Insel auf. Wie unser aller Herz ihnen entgegenschlug! – Die Samioten griffen Kastron an und erschlugen hundertundfünfzig Türken im Gefecht; der Weli Pascha mit den Seinen flüchtete in das Kastell und wurde belagert.« Jan Katarchi legte die Hand vor die Augen, als könne er die Bilder der Erinnerung nicht ertragen. »Das Verderben aber war nahe. Bald erscholl die Nachricht von der Annäherung des grausamen Kapudan Pascha mit der türkischen Flotte. Wer konnte, flüchtete. Am 12. April schiffte der Kapudan mit 15 000 Mann von Tschesme nach der Insel über; die von Ipsara und Hydra kappten die Anker und flohen, zwölftausend Bewohner der Insel mit ihnen. Sieben der Schiffe fielen in die Hände der Türken und wurden mit allen Menschen darauf versenkt. Ein allgemeines Entsetzen hielt die Zurückgebliebenen befangen und untätig. Man verließ sich außerdem auf das Versprechen des österreichischen und französischen Konsuls, die mit dem Kapudan Pascha unterhandelt und die Zusage allgemeiner Begnadigung überbracht hatten, wenn man alle Waffen ausliefere. Dies geschah. Nur wenige hielten sich mit Logotheti und Burnia in den Batterien von Turloti, und dort entbrannte ein heißer Kampf am 12. und 13. April. Die Schanzen wurden erstürmt; der Überrest der tapferen Schar warf sich in das Kloster Vamon und verteidigten jeden Fußbreit. Einer nach dem anderen fiel. Keiner entkam – mein einziger Bruder war unter den Toten.« Der Erzähler schlug ein Kreuz zum Gedächtnis des Gefallenen; andächtig folgten die übrigen Griechen. »Am 14. war auf der ganzen Insel kein Widerstand mehr, und nun begann eine Zeit des Entsetzens. Scharen von asiatischen Mördern und Räubern strömten von Tschesme und Smyrna her über die unglückliche Insel, die der Wüterich jedem Schrecken preisgegeben. Sechs volle Tage lang dauerte das Morden. Schon am anderen Tage gingen vier Maulesel mit Köpfen und Ohren beladen nach Smyrna ab. Geschichtlich, wie überhaupt alle hier folgenden Angaben. Frauen und Mädchen wurden auf den Straßen geschändet und dann grausam verstümmelt und gemordet. Ich sah Frauen, denen die Brüste abgeschnitten waren, entmannte Männer, Kinder, denen man die Zunge, die Nase, die Ohren genommen. Aber alles, was hier geschah, überbot die Grausamkeit des Kapudan selbst. Auf seinem Schiffe, der 'Siegesfahne', hatte er eine Folterkammer eingerichtet, um durch die grausamsten Martern das Geständnis verborgener Schätze zu erzwingen, oder sich an den Qualen der Armen zu weiden. Ich selber sollte diese Stätte des Teufels kennen lernen!« Wieder schlug er ein Kreuz; die Zuhörer folgten andächtig. »Am 19. waren schon von den 65 Dörfern der Insel 49 fast spurlos von der Erde vertilgt, darunter 20 Mastirdörfer. Am 13., nach der Erstürmung von Turloti, war auf der Flotte der Würger ein großes Fest. Ein französisches Linienschiff lief mit wehender Flagge ein; es trug den Herrn de la Meillerie, den Befehlshaber der französischen Seemacht in diesen Gewässern, und das unglückliche Chios hoffte von seinem Erscheinen Schutz und Hilfe. Aber der Franke – merke es, Herr! – kam, um den Kapudan Pascha zu besuchen, ihm Glück zu wünschen zum Siege über die Meuterer! – Und während das unschuldige Blut zum Himmel aufdampfte, überhäuften der Franke und der Türke einander mit Höflichkeiten; das Geschenk einer mit Diamanten besetzten Dose ließ den Franzosen Herz und Augen verschließen vor dem Jammer seiner christlichen Brüder. – Fluch ihm und seinem Gedächtnis! Fluch seinem gleißnerischen Volke!« Der wilde Haß, der aus den Augen des Griechen sprühte, ließ Welland erbeben. Diona faßte die Hand Katarchis. »Und du, Janos, wo bliebst du? – Was geschah mit unserer Mutter?« »Als das Morden am 14. begann und wir in unserer entfernten Wohnstätte die erste Kunde davon erhielten, suchte ich eilig ein Schiff; aber alle hatten, wie ich schon sagte, von Kastron aus die Flucht ergriffen. – In den Felsenschluchten des Berges Hyas, auf dem der große Sänger unseres Volkes, Homeros, geboren, Auch Chios streitet sich um den Ruhm, die Geburtsstätte Homers zu sein. war mir ein Versteck bekannt. Dahin – unter die Trümmer eines alten Götzentempels unserer Väter – führte ich Mutter und Kinder und verbarg sie vor den Augen der Henker. Acht lange schreckliche Tage brachten wir da zu; einige wenige Flüchtlinge gesellten sich zu uns. Da, als ich die Deinen nicht mehr allein und verlassen sah, litt es mich nicht länger in den Bergen, wo wir von fern den Brand unserer Häuser und Gärten schauten; ich bat eure Mutter, mir zu gestatten, nach Kastron zu gehen, um dort zu forschen und nach Hilfe auszusehen. – Die Spuren, die ich auf meinem Wege fand, waren grauenhaft. In einem einsamen Hause an einem Bergabhange fand ich zwei Henker – sie schliefen, berauscht vom Chioswein, neben den verstümmelten Leichen zweier geschändeter Mädchen. Ich erschlug beide im Schlaf – es war das erste Blut, das ich in meinem Leben vergoß.« Jan Katarchi schaute in die Runde und schlug ein Kreuz. Ein Murmeln ging von Mund zu Mund, und alle machten das heilige Zeichen. »In der Kleidung und mit den Waffen eines der Erschlagenen kam ich nach Kastron. Es war am Morgen des 23. April. Das Morden und Brennen in der Stadt und den nächsten Dörfern hatte einigermaßen aufgehört. Die Teufel waren übersättigt; was noch lebte, das trieb man jetzt in Haufen zusammen und zu den Schiffen – Sklaven, die nach dem Festlande geschafft werden sollten. Aber der Weli Pascha hatte sich noch ein Fest vorbehalten; es galt den hundertundzwanzig Geiseln in seinen Kerkern. Fünfunddreißig von ihnen, darunter zwei Brüder Maurokordatos mit ihren Söhnen, Knaben noch, wurden nach dem Schiffe des Kapudan Pascha geschleppt; die übrigen hängte man am Morgen am Schloß von Kastron auf, und da das den Henkern zu langsam ging, stürzte man sie herab und zerschmetterte ihre Glieder mit Keulenschlägen.« Erschauernd schmiegte sich Diona enger an ihren Bruder und faßte seine Hand. »Ich schlich in der Stadt unter Trümmern und Leichen umher – da wurde ich Zeuge einer Tat, die mir noch heute das Blut erstarren macht. Unter einem Haufen von Unglücklichen, die gleich dem Vieh von einem der Mastirdörfer herbeigetrieben wurden, erkannte ich die Frau und die Tochter eines Mannes, an dessen Tisch ich oft gesessen. Alphanasia, das Mädchen, war schön; sie zählte sechzehn Sommer und blühte wie die Rose ihrer Gärten. Ich liebte sie schon lange, aber ihr Vater war reich und ich arm – so hatte ich geschwiegen. Jetzt fand ich sie wieder, arm und elend, nackt und bloß. Ich kam dazu, wie der Araber, dessen Beute sie war, sie an einen Türken verhandelte, der dreihundert Piaster für sie geboten. Ein Augenblick feigen Zögerns, um mich nicht zu verraten – er war ihr Verderben.« Als schäme der Palikare sich jetzt noch seiner damaligen Schwäche, schlug er die Augen nieder, ehe er seine Erzählung wieder aufnahm. »Mit Geld war ich reichlich versehen; eure Mutter hatte mir eine Summe mitgegeben und die Gürtel der erschlagenen Mörder enthielten eine große Zahl goldener Zechinen. Ich gab Alphanasia ein Zeichen, mich nicht zu kennen und bot dem Ägypter dreitausend Piaster statt jener dreihundert. Die Augen des Schurken funkelten vor Freude über den Gewinn, aber der Türke erklärte, sein Handel sei bereits abgeschlossen gewesen und wollte das Mädchen davonführen. Ergrimmt warf ihm der Mohr die Kaufsumme vor die Füße, und ehe ich es hindern konnte, riß er das Pistol von seinem Gürtel und schoß das Mädchen durch die Brust. Eine geschichtliche Szene unter den unzähligen ähnlichen. Ihr brechender Blick fiel auf mich; mein Handschar flog aus der Scheide und ich schlug den Mörder zu Boden. Aber mein Schmerzensruf, meine Flüche hatten mich verraten. ›Ein Giaur! Tötet den Christenhund!‹ scholl es um mich her; kaum vermochte meine Wut mir Bahn zu brechen durch die wütende Menge. Ich entkam – wer mühte sich lange in dieser Zeit um den einzelnen, wo der Opfer so viele waren!« »Armer Mann«, sagte Welland leise. »Ich entkam, indem ich mich in einer der nächsten Gassen dem mir entgegenkommenden Zuge anschloß, der die fünfunddreißig Kaufleute aus den Gefängnissen des Kastells zum Schiff des Kapudan Pascha schleppte. Ein Aga befahl mir, mit Hand anzulegen an die Gefangenen; ich mußte gehorchen, um mich nicht zu verraten. So kam ich auf das Schiff und war Zeuge der Taten, deren Gedächtnis noch mein Blut in den Adern gerinnen macht.« Jan Katarchi holte tief Atem, um Kraft zu sammeln für die furchtbare Schilderung, die er geben wollte. »Im Mitteldeck des Schiffes war ein Raum abgeschlagen, an dessen Ende ein Diwan stand, auf dem der Kapudan, von seinen Offizieren umgeben, ruhte. In einem Kohlenbecken in der Mitte glühten die Eisen und Zangen; ringsum an den Holzwänden hingen Werkzeuge, wie sie nur die Hölle ausgedacht: Stachelpeitschen, eiserne Keulen, Schraubenringe, die die Gelenke zu Brei quetschten – ich vermag nicht alles zu nennen, noch aufzuzählen. Einer nach dem andern wurde hineingeführt. Der Geruch verbrannten Fleisches, das Geheul und Röcheln der Gemarterten drang zu uns heraus. Endlich, als zum viertenmal das Todesröcheln verstummt war, wies der Aga auf mich und zwei Genossen und hieß uns, die beiden Gefangenen, die wir an Stricken geführt, hineinbringen. Es war ein Maurokordatos – ein Greis von siebzig Jahren – mit seinem Enkel, einem Knaben. Ich hatte ihn oft früher gesehen bei meinem Herrn. –« »Und erkannte er dich nicht?« fragte Gregor. »Nein. – Seine Augen waren stumpf geworden unter dem tausendfältigen Jammer. – Als wir den Verschlag betraten – Herr, ich war selber mehr tot als lebendig und hätte in dem Augenblick gern mein Leben gegeben, um die Greuel nicht zu sehen – stürzten die beiden Henker, ein Malteser und ein nubischer Sklave, eben die verstümmelten Reste des letzten Opfers durch die Stückpforte ins Meer. Zitternd nahten die beiden dem Scheusal und warfen sich nieder vor ihm. Es war herzzerreißend, die Bitten des Greises um Gnade für das Kind zu hören. Der Kapudan – ruhig auf seinem Lager ausgestreckt, das Nargileh zwischen den Lippen, fragte den Greis höhnisch, ob er hunderttausend Piaster als Lösegeld sofort herbeischaffen könne? – Ich wußte, die Familie hatte das Zehnfache besessen – aber woher jetzt, nach dem Raub und der Plünderung ihrer Habe, nach einjährigem Kerker – diese Summe schaffen? Die Augen des Greises irrten wie wahnsinnig umher – überall nur Blutgier – nirgends Hilfe. Ich sehe ihn noch, auf den Wink des Paschas zu Boden geworfen, wie man ihm Maß auf Maß durch einen Trichter Seewasser in den Mund füllte, während man ihm die Nase zuhielt, Eine vielfach vorgekommene Marter in jener Zeit. bis der Leib aufschwoll zu entsetzlichem Umfang. Dann warfen sich die Henker auf ihn und traten den Greis – – was male ich euch die Scheußlichkeiten, die meine Augen sahen? Als ich den gellenden Jammerruf des Knaben hörte, vermochte ich es nicht länger zu ertragen; ich drängte mich hinaus auf die Gefahr, selber das Opfer zu werden. Doch die Augen der Würger waren mit der Todesqual ihrer Opfer beschäftigt – man achtete meiner nicht. Als ich auf dem Deck den sonnig blauen Himmel wieder sah, da war das Gelöbnis heiliger, blutiger Rache mein erster Gedanke, mein Schwur. Und ich habe ihn gehalten. Hier diese meine rechte Hand war es, die den Tiger mit seiner Brut zwei Monde darauf gen Himmel sprengte!« Der Räuber schwieg erschöpft von den gräßlichen Erinnerungen. Welland hatte sein Haupt verhüllt bei der Beschreibung dieser Greuel, aus seinen und Dionas Augen flossen Tränen. Nur Gregor blickte finster auf die Türkenstadt zu seinen Füßen. »Mein Vater rächte das Ungeheure zusammen mit dir! Michael Caraiskakis war bei der großen Sühne, die die Heldenschar des Kanaris dem blutgetränkten Chios brachte.« »Wohl, Gregor, aber meine Hand war es, der man die Ehre gab, die rächende Flamme zu zünden. – Hört weiter! – Auf einem der Boote, die dauernd zwischen der Flotte und dem Lande kreuzten, entkam ich wieder zur Stadt. Die ›Siegesfahne‹ zählte elfhundert Mann Besatzung, zahllose andere verkehrten dort – wer sollte mich in dem Gewühl entdecken, da ich gut türkisch sprach? So blieb ich bei den Moslems, bis der Abend kam – dann trennte ich mich von ihnen und schlich nach dem Ort, wo am Morgen Alphanasia ermordet worden. Ich fand sie noch unter anderen Leichen – auf meinen Schultern trug ich sie fort und begrub sie unter einem Feigenbaum. Dann eilte ich zurück ins Gebirge. Am zweiten Morgen war ich wieder bei eurer Mutter. – Am Morgen des elften Tages endlich sahen wir ein Schiff in der Nähe kreuzen, dessen Flagge nicht den Halbmond trug. Wir banden unsere Kleider an Stangen und zündeten zum erstenmal Feuer an, um ihre Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Es glückte – wir sahen bald ein Boot abstoßen, und ich eilte hinab zum Ufer, um die Nahenden zu prüfen, ob Rettung von ihnen zu hoffen sei. Heilige des Himmels – der erste, der den Boden betrat, war dein Vater, Gregor! – Wie soll ich euch die Freude des Wiedersehens erzählen, als Michael Caraiskakis die Seinen unverletzt ans Herz drückte? – Ich schlich davon unter die Trümmer und weinte. Die meinem Herzen teuer gewesen, hatte ich mit meinen eigenen Händen eingescharrt...« Stumm drückte Gregor ihm die Hand. »Das Schiff war die österreichische Brigg ›Venetia‹,« fuhr Jan fort. »Auf die erste Nachricht von der Ankunft der Türken hatte sich Caraiskakis aufgemacht. Er gab die Familie verloren. Dennoch wollte er wenigstens die Insel betreten, und es gelang ihm, mit seinem Freunde, dem Capitano Valsamachi, der dem Blutbad von Turloti entronnen, auf dem österreichischen Schiff zusammenzutreffen und dessen Führer zu vermögen, sie nach Chios und Ipsara zu bringen. In Volisso war er ans Land gestiegen und hatte hier alles verwüstet gefunden. Viele Flüchtlinge, die sich gleich uns in den Felsenklüften verborgen, hatten schon das Schiff erreicht, das seit mehreren Tagen um die Insel kreuzte. Als wir sein Deck betraten, fanden wir neue Szenen des Jammers, aber auch die zum Himmel geballte Faust, den Schwur ewiger Rache an den Mördern! – Selbst das Auge der Frauen und Kinder glühte, als ich die Greuel erzählte, deren Zeuge ich in Kastron gewesen war.« Wieder ging ein Gemurmel durch die Reihen der Zuhörer. »Beim heiligen Kreuz,« sagte der junge Grieche heiser, »ich will deiner Worte gedenken, wenn meine Hand zur Rache erhoben ist!« »Nach Ipsara ging unsere Fahrt, wo sich die Entkommenen versammelten. Dort hörten wir täglich neue Kunde von dem, was auf Chios geschah. Der Kapudan Pascha hatte endlich, am 13. Mai, um die Insel nicht gänzlich zu entvölkern, verboten, noch weitere Sklaven auszuführen. Das Verbot aber rief nur neue Schreckenstaten hervor. Die Moslems, die die Christenkinder nicht verkaufen konnten, stürzten sie ins Meer. Fünftausend Kinder wurden aufgehängt, ersäuft und von den Felsen und Häusern herabgestürzt, und in ...« Welland sprang auf. »Fünftausend Kinder gehängt, ersäuft, herabgestürzt?« stieß er hervor. »Fünftausend unschuldige Kinder?« »Fünftausend Kinder,« wiederholte Jan Katarchi. »Ja, Franke. Und das gesittete Europa schwieg dazu – oder es kam, um den Massenhenker Glück zu wünschen zu seinem Sieg über die Meuterer.« Er lachte wild und drohend auf und schüttelte die Fäuste hinunter nach der Stadt. »Fünftausend Kinder,« sagte er dann leise, als spräche er mit sich selber. »In Tschesme Ein Hafen auf dem asiatischen Ufer, nur durch eine Meerenge von Chios getrennt. band man sie zu fünfzig bis sechzig mit Stricken zusammen und stürzte sie ins Meer. Selbst die geldgierigen Smyrnioten fühlten Erbarmen mit dem Elend und kauften, so viel sie vermochten. Tausende und Abertausende von den Bewohnern waren in die Sklaverei geschleppt, zweihundert der angesehensten Geschlechter der Insel ausgerottet worden. Der Smyrnaer »Spectateur oriental« vom 24. Mai 1822 meldet, daß bis zum 20. Mai schon dreißigtausend Weiber und Kinder als Sklaven zollamtlich ausgeführt waren. – Es ist Tatsache, daß von einer wohlhabenden Bevölkerung von Hundertzwanzigtausend Seelen nur etwa neunhundert auf Chios zurückblieben. – Bald drang auch die Kunde zu uns, daß am 20. des Maimonds in Konstantinopel jene zehn Geiseln enthauptet worden, die der Weli Pascha schon vor Jahresfrist dorthin verschleppt. – Ein Schrei des Entsetzens erscholl, so weit die griechische Zunge reicht. Kapudan Pascha sandte auf einem englischen Schiffe Botschaft nach Samos und ließ den ›Empörern‹ Vergebung und Sicherheit anbieten, wenn sie unter das türkische Joch zurückkehren wollten.« »Unglaublich!« sagte Welland. Jan Katarchi lachte rauh. »Unglaublich! – Merk' wohl auf, Franke: Inglesi waren es, die diese Botschaft der Schmach überbrachten und die tapferen Samioten überreden wollten. Mit Hohn und Grimm wurden sie zurückgewiesen. Von Hydra, Pharos und Spezzia hinauf zu Ipsara und Skyros, der Brautkammer des großen Achill, scholl ein Ruf in die Wolken: Freiheit oder Tod!« »Freiheit oder Tod!« riefen die Räuber. »Freiheit oder Tod!« wiederholte Gregor Caraiskakis. »Und der Tag der heiligen Rache kam. Kanaris, der Held, führte sein blutiges Morgenrot herauf. Mit einer Fregatte und fünf anderen Fahrzeugen erschien er am 10. Juni vor Ipsara und warf Anker. Ein ernster Rat wurde gehalten unter den Führern des Geschwaders und der Geflüchteten. Dein Vater, Gregor, war einer der ersten im Rat und saß neben ihm, der die Schiffe der Moslems wie Spreu durch die Meere fegte. – Die große Tat ward beschlossen. Am Abend desselben Tages rief mich dein Vater und befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein Haus, in dem ich viele Männer versammelt fand, mir bekannte und unbekannte – es waren die Brüder der Elpis, die Mitglieder jenes Bundes in der Hetärie, dessen Eid lautet...« Gregor unterbrach ihn. »Das sind Dinge, Janos, die nicht für das Ohr des Franken taugen, auch wenn er unser Bruder ist. – Vollende deine Erzählung.« Katarchi schaute fast erschrocken seinen jungen Landsmann an; eine kaum merkliche rasche Bewegung, ein flüchtiges Kreuzen über die Stelle des Herzens belehrte ihn – er erwiderte das Zeichen und fuhr fort: »Genug! Die Söhne der Elpis waren Tapfere, die geschworen, vor keiner Gefahr zu weichen, wenn es galt, die Freiheit des griechischen Volkes zu erkämpfen oder zu rächen. An diesem Abend schlug dein Vater mich, den armen Diener, zur Aufnahme in den Bund vor; er erzählte, was ich auf Chios erlebt, und ich leistete den Eid, den ich treu gehalten. Lange Jahre hatten ihn seitdem mit der Eintönigkeit des alltäglichen Lebens verwischt, bis aufs neue Unrecht und Tyrannei mich emporrüttelten und mir den rächenden Stahl in die Hand drückten. Dann teilte er mir mit, daß am dritten Tage ein Versuch gegen die Flotte des Kapudan unternommen werden sollte, die im Hafen von Tschesme ankerte, und daß man Freiwillige aufgerufen habe. Obgleich kaum ein Entrinnen bei dem Wagnis zu hoffen war, hatten sich am anderen Morgen doch schon zweihundert Männer gemeldet; das Los wählte achtundvierzig aus. Michael Caraiskakis und Janos der Ipsarote waren unter ihnen; dem ersten übertrug Kanaris die Leitung des Heldenstücks.« Der Palikare hielt inne; er schaute sich im Kreise um, aber seine Augen sahen niemanden – sie schauten weit zurück in die blutige Vergangenheit. »Von dem Augenblick an, da das Unternehmen bestimmt war, durfte bei Todesstrafe keine Seele mehr die Insel verlassen. Während die achtundvierzig durch Beichte und Gebet sich vorbereiteten und ihre Waffen in Stand setzten, arbeitete Tag und Nacht die Bevölkerung an der Herstellung der Brander. Am dritten Tage waren sie fertig; drei Schiffe, von der Spitze des Mastes bis zum Kiel mit Pech und Teer getränkt, leichtes Werg um Spiere und Taue gewunden, der ganze Schiffsraum eine wandelnde Hölle von Schwefel, Pulver und Feuerstoffen, die nur des Funkens harrte. Die österreichische Brigg war bei uns geblieben; ihr wackerer Kapitän, empört von den Greueln, hatte uns seine Hilfe zugesagt und versprochen, die Mannschaft aufzunehmen, wenn sie sich retten könne. Zu diesem Zweck führte jeder Brander ein großes Boot mit sich. Am Abend war alles zum Auslaufen bereit. Der Bischof der Insel erschien mit seinen Diakonen am Gestade, uns zu segnen. Auf den Knien lagen die Hunderte und hörten das Wort des frommen Greises; wir alle schwuren einen heiligen Eid, unsere gemordeten Brüder zu rächen oder nie zurückzukehren vor das Antlitz eines Menschen. Die Menge umdrängte uns, als wir zum Schiffe gingen. An der Rechten deines Vaters ging der Seeheld Kanaris, an seiner Linken eure Mutter, dich, Gregor, auf dem Arm. Es war ein Heldenweib – keine Träne, kein Laut der Klage machten das Herz des Gatten schwer. Noch eine Umarmung – Kanaris reichte jedem die Hand und die Boote führten uns zu den Schiffen. Durch die Nacht glitt das Verderben gen Tschesme.« »Uns voran rauschte die ›Venetia‹,« fuhr Jan Katarchi nach einer kleinen Pause fort. »Wir selber führten die österreichische Flagge und Papiere, die unser Schiff als mit Tabak beladen auswiesen. So gingen wir vor Thimania vor Anker; die Brigg kreuzte näher nach Tschesme zu, wo das türkische Geschwader an derselben Stelle ankerte, an der, wie dein Vater mir sagte, unter der Moskowitenkaiserin Katharina der griechische Kapitän Lampros die ganze Flotte der Moslems verbrannt hatte. Zwei Tage lagen wir vor Thimania; der dritte, der 19. Juni, war der Vorabend des Beiramfestes, das die Türken mit Gelag und Jubel zu feiern pflegen. So war es auch diesmal. Als der Abend auf See und Land sank, kappten wir die Anker und liefen auf Tschesme zu. Schon in weiter Ferne konnten wir den Lärm hören, der von den Schiffen durch die Nacht drang, und die Feuer schauen, die am Ufer brannten. Das Schiff, auf dem dein Vater selber das Steuer führte, war mit zwanzig Mann besetzt, die übrige Mannschaft auf die beiden anderen verteilt. Die strengsten Befehle waren gegeben; jeder stand auf seinem Posten.« Einen Augenblick schwieg der Erzähler, als rufe er sich noch einmal alle Erinnerungen an die Heldentat der achtundvierzig Todgeweihten zurück. »Am Eingang des Hafens wurden die Segel eingezogen. So lagen wir, wie der Tiger auf seine Beute lauert, bis nach und nach auf den türkischen Schiffen alles verstummte. Zwei Uhr nach Mitternacht gab eine Rakete von unserem Schiff das Zeichen zum Angriff. In wenigen Minuten flatterten alle Segel im Winde – die drei Schiffe fuhren gerade in die Flotte hinein. Auf dem am weitesten nach links flammte es auf – die feurige Lohe leckte an dem Tauwerk empor und loderte hoch auf gegen den Nachthimmel. – Ein erschütternd gewaltiges Schauspiel war's, als das flammende Schiff auf die dunklen Massen vor uns einstürmte. Ringsum erhob sich Lärm, Trommeln wirbelten, der Ruf der Führer weckte die trunkene Mannschaft, wildes Geschrei scholl von Bord zu Bord. Das Boot, das die Mannschaft des entzündeten Branders trug, glitt an uns vorüber. Nach meiner Ansicht hatte man zu früh gezündet. Jetzt gab dein Vater das Zeichen für das zweite Schiff – in wenigen Minuten glühte seine Feuersbrunst empor. Mitten zwischen zwei Linienschiffe trieb es und setzte sie in kurzer Zeit in Flammen. Das Geheul war furchtbar und überdröhnte fast den Donner der auf allen Seiten gelösten Schüsse. Die Schiffe kappten die Ankertaue und suchten das Meer zu gewinnen; sie beschossen sich gegenseitig mit vollen Lagen, wenn sie sich zu nahe kamen. Vier Linienschiffe standen in vollen Flammen und mehrere kleine Fahrzeuge. Eine der türkischen Galeeren wurde von der ›Siegesfahne‹ mit einer einzigen Breitseite in den Grund gebohrt, weil das brennende Fahrzeug dem Admiralschiff zu nahe kam.« »Und Kapudan Pascha?« fragte fiebernd Welland; er saß vorgebeugt und trank die Worte von den Lippen des Erzählers. »Das war die Beute, die wir uns ausgesucht, Franke. – Wie der Dieb in der Nacht waren wir im Dunkel herangekommen, dicht an der Backbordbatterie des Schiffes. Man rief uns an. Michael Caraiskakis stand am Steuer, ich, seines Winkes gewärtig, mit der brennenden Lunte an der Hauptluke, die Mannschaft mit Haken und Seilen im Tauwerk. So fuhren wir auf. Im Nu waren die Enterhaken drüben, die Taue geknüpft, Ketten geworfen und am Bugspriet befestigt, daß wir wie Kletten an dem Koloß hingen. Zugleich flammte der Haufen Maisstroh empor, den ich in den Luken und steuerbord aufgetürmt hatte. Wie ein Blitzstrahl leckte die Flamme empor und lief an den Tauen und Segeln in die Höhe, daß bald alles ein Feuerbogen war. Eine tolle Verwirrung entstand auf dem Admiralsschiff. Kapudan brüllte vergeblich seine Befehle durch den Lärm; er trieb die Rasenden, in Furcht Verzweifelnden an, die beiden Schiffe zu lösen. Dein Vater und die Mannschaft waren schon im Boot und riefen mir zu, ihnen zu folgen; ich vermochte es nicht. Mein Auge, mein Herz schienen gebannt von dem grausigen Schauspiel, das sich rings um mich entwickelte. Zweimal hob ich das Pistol und zweimal traf meine Kugel die Offiziere, die sich auf unser Deck gewagt, um einen Versuch zum Absteuern der Schiffe zu machen. Dann sprang ich zur hinteren Luke, von der ein Zünder gelegt war bis hinunter zur Pulverkammer. – Ich schien mir selber ein Dämon.« Eine solch atemlose Spannung lag über der bunten Gruppe an den mondbeschienenen Ruinen, daß man in den Pausen das leise Lispeln der Grashalme zwischen den Steinen und das Knistern des Kohlenbeckens vernahm. »Weiter, weiter!« drängte ungeduldig Gregor, indes seine Hand unbewußt mit den Haaren Dionas spielte. »Auf dem Schiff wuchs die Verzweiflung mit jeder Sekunde; viele sprangen in das Meer, um sich zu retten; andere, darunter der Kapudan, suchten die Boote aufs Wasser zu bringen. Jeder Gehorsam war geschwunden – was da auf dem Schiff atmete – und es sollen ihrer mit den Fremden zum Fest zweitausendzweihundertsechsundachtzig Seelen gewesen sein – das dachte nur an die eigene Rettung. Da schien der rechte Augenblick gekommen. Meine Hand hielt, ohne zu zucken, den Feuerbrand an die Leitung, die zum Pulver führte – ein Sprung – ich war über Bord und versank ins Meer. Noch ehe ich wieder auftauchte, hörte ich ein dumpfes Dröhnen über mir; und als ich den Kopf aus den Wellen hob, da stob und regnete es um mich her aus den Lüften, Flammen und Balken, Trümmer, brennende Segelstücke und zerbrochene Spieren. Wie durch ein Wunder entkam ich der Gefahr – das Admiralschiff trieb seitab, ein riesiger, unrettbarer Flammenberg.« Ein Aufatmen der Erleichterung ging durch die Versammlung; Worte der tiefsten Befriedigung gingen halblaut zwischen den Räubern hin und her. Diona streichelte die Hände ihres Bruders, und Welland richtete sich in eine bequemere Haltung auf. »Ich wußte die Richtung unseres Bootes und schwamm darauf zu,« nahm Jan Katarchi seine Erzählung wieder auf, »aber es kümmerte mich wirklich wenig, ob ich es erreichte oder nicht, so stolz war ich in dem Gefühl der vollbrachten Rache. Doch die Hand der Heiligen war über mir. Erschöpft warf ich mich im Boot nieder. Niemand dachte an unsere Verfolgung. Jeder hatte mit sich selber genug zu tun. Nach allen Seiten stoben die Schiffe auseinander vor den fünf treibenden Flammensäulen, die die Nacht erhellten. Auf zwei Linienschiffen gelang es, den Brand zu löschen; zwei andere brannten bis zum Spiegel nieder. Nach allen Seiten entluden sich die Kanonen der brennenden Schiffe. Ein Krachen zerriß die Luft, ärger denn zehn Donner. Das Meer schien sich in Flammenwogen gen Himmel zu wälzen – das Admiralsschiff des Kapudan mit all' seinen geraubten Schätzen, mit den Hunderten von Schändern und Mördern, war in die Luft geflogen ...« In wildem Triumph leuchteten die Augen des Banditen auf. Ein Menschenalter lag die Tat bei Tschesme schon zurück – aber das Bewußtsein der gesättigten Rache für das vergewaltigte Chios, für die gemordeten Brüder, für die geschändete Geliebte seiner Jugend ließen ihn noch einmal die Sekunde kosten, da der Leiter all der unerhörten Greueltaten, Kapudan Pascha, von seiner Hand in die Hölle geschleudert worden war. »Das Brausen der Brände, der durch die Luft fliegenden Segelfetzen und Spieren, der glühenden Eisenteile, die weit ins Meer hinauszischten, und die tiefe unheimliche Stille der Nacht, die urplötzlich darauf folgte – das war satanisch grauenvoll. Wir ließen die Hände von den Riemen, schlugen ein Kreuz und beteten. Dann aber brach einstimmig ein wilder, rasender Schrei durch die Luft aus der innersten Tiefe der Brust – jubelnd wurde er von den Genossen beantwortet, die schon an Bord der ›Venetia‹ unserer harrten ...« »Freiheit oder Tod!« Es war die Stimme des Knaben Mauro, der gebannt auf Katarchi starrte und bisher wie eine Statue unbeweglich neben seinem tönernen Kohlenbecken gehockt hatte. Über die verwegenen Züge des alten Briganten flog ein weicher Hauch. »Ja, Mauro: Freiheit oder Tod! – Vergiß es nie in deinem Leben. Kein Mensch besitzt Höheres und Heiligeres als seine Freiheit. Aus der Knechtschaft und Bedrückung wächst alles Giftkraut der Menschheit.« »Und der Kapudan?« Jan Katarchis Mienen wurden wieder hart. »Der Kapudan«, sagte er, »schien das Schiff kurz vor dem Auffliegen verlassen zu haben. Ein brennender Balken traf das Boot, das ihn zum Ufer führte; seine Leute brachten ihn schwimmend an Land und legten ihn unter einem Felsen nieder – eine lebende Leiche, denn seine Glieder waren halb verkohlt. Dort starb er – man konnte ihn nicht von der Stelle bringen – am zweiten Tage unter entsetzlichen Qualen. Von der ganzen Besatzung der ›Siegesfahne‹ retteten kaum Zweihundert das Leben. – Gott ist gerecht.« Tiefe Stille herrschte ringsum, als der Kameltreiber seine Erzählung schloß. Der Räuber, der Bandit war vergessen – nur der Held, der Palikare stand vor ihnen, dessen Hand Chios gerächt. Welland drückte Jan Katarchi die Hand. Worte dünkten ihm falsch und schwach neben dem Unfaßbaren, Gräßlichen, das er eben gehört. Stumm schied er, von Mauro und einem der Männer zurückbegleitet. * Doktor Welland hatte mehrfache Gründe, die Entwicklung der Costaangelegenheit abzuwarten; er wollte unter allen Umständen seinen Weg nach Konstantinopel nicht fortsetzen, ohne nochmals den Versuch gemacht zu haben, ihn zu sprechen. Da Gregor bei dem, was er beschlossen, der Hilfe des Freundes bedurfte, verschob er gleichfalls die Verfolgung des Briten bis zur gemeinschaftlichen Abreise, die nach dem Rate Jan Katarchis mit einem griechischen Handelsschiff geschehen sollte. Die Vorgänge in Smyrna hatten unterdessen ihren weiteren geschichtlich merkwürdigen Verlauf genommen. Die mehrfachen Klagen der Konsuln und Gesandten bei der Pforte über die Unfähigkeit des Gouverneurs von Smyrna, Ali Pascha, hatten endlich Früchte getragen. Sein Nachfolger wurde Ismael Pascha, der den Ruf eines zuverlässigen und wortgetreuen Mannes genoß. Die Namen der Mörder des jungen Hackelberg waren am andern Morgen in ganz Smyrna bekannt; mehrere Tage gingen sie frei mit ihren Genossen durch die Straßen. Als der Generalkonsul von Wexbecker von Ali Pascha die Verhaftung der Mörder verlangte, war Fumagalli verschwunden; von Bassitsch aber verlautete, daß er in Diensten des englischen Predigers Louis sich befinde. Der erste Dragoman, der Dolmetscher des Pascha begab sich daher zur Verhaftung des Ungarn zum englischen Konsul, der ihm auch den freien Zutritt in das Haus des Predigers Louis gestattete. Dieser erklärte jedoch, daß sein Diener allerdings noch bei ihm sei, aber vorgebe, unter amerikanischem Schutze zu stehen; er könne ihn also nur dem amerikanischen Konsul ausliefern. Anstatt sich nun unter allen Umständen des Meuchelmörders zu versichern, begab sich der Dragoman zum amerikanischen Konsul, der unbedingt Bassitsch für einen amerikanischen Bürger hielt, endlich aber nach vielem Hin- und Herreden seinen Kanzler Griffith zur vorläufigen Verhaftung des Mannes mit zum Prediger Louis sandte. Dort erhielten sie die Mitteilung, Bassitsch kleide sich eben um; als man dessen Zimmer öffnete, war es leer. Louis behauptete, das Verschwinden sei ihm unerklärlich und höchst wunderbar; der Kanzler Griffith stimmte ein, und der türkische Dragoman zog sich im stolzen Bewußtsein seiner Pflichterfüllung zurück. Auf ähnliche Weise entgingen alle Beteiligten der Strafe. Fumagalli und Bassitsch erbaten auf der amerikanischen Korvette Aufnahme und Überfahrt; Kapitän Ingraham ließ ihnen jedoch sagen, sein Schiff sei nicht für Meuchelmörder eingerichtet. Es war ein englisches Handelsschiff, die ›British Queen‹ , das sich zu ihrer Aufnahme bereit erklärte und sie nach England führte. Die österreichische Brigg ›Hussar‹ war unterdessen durch die Ankunft der Galeotte verstärkt worden. Am Morgen des 2. Juli – es war ein Sonnabend – bemerkte man besondere Vorbereitungen auf den Schiffen, und vom amerikanischen Konsulat aus verbreitete sich die Nachricht, daß es zwischen ihnen zum Kampf kommen werde. Eine große Menschenmenge versammelte sich am Ufer, hundert Gerüchte kreuzten sich. Von dem Kanzler Griffith erfuhr Welland folgendes: Infolge eines am Abend von Konstantinopel eingetroffenen Befehls der amerikanischen Gesandtschaft verlangte Kapitän Ingraham vom Kommandanten des ›Hussar‹ die sofortige Auslieferung des amerikanischen Bürgers Costa, sonst müsse er ihn mit Gewalt holen. Die Antwort des Majors Schwarz war: sein amerikanischer Kamerad möge das Holen versuchen. Die Korvette zählte ein Dritteil Kanonen und Mannschaft mehr als die beiden österreichischen Schiffe; die Übermacht war also auf ihrer Seite, und Major Schwarz traf demgemäß seine Anstalten. Er legte sich möglichst nahe an den Feind und setzte seine Mannschaft in Bereitschaft, sofort beim ersten Kanonenschuß zu entern. Zugleich ließ er den Gefangenen aus seiner Haft holen und erklärte ihm, daß er genötigt sei, sein Schicksal an das des Schiffes zu knüpfen. Costa wurde auf dem Mitteldeck an den Mast gebunden und eine doppelte Wache an seine Seite gestellt, die den strengen Befehl erhielt, sobald ein Amerikaner den Bord des österreichischen Schiffes betreten werde, dem Ungarn eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Amerikaner sahen ein, daß es einen Kampf auf Leben und Tod galt, da Major Schwarz erklärt hatte, im Fall des Unterliegens werde er sein Schiff in die Luft sprengen. Sie fertigten also ihre Testamente aus und sandten sie durch ein Boot ans Land. Der amerikanische Konsul hatte unterdes dem Generalkonsul von Wexbecker eine letzte Aufforderung überbracht, die die Entscheidung auf vier Uhr nachmittags verlangte. Diese Frist benutzte der preußische Konsul, beim türkischen Gouverneur Einspruch gegen die in einem neutralen Hafen unerhörte und gegen alles Völkerrecht Verstoßende Handlung der Amerikaner einzulegen, die die nahe gelegenen Teile der Stadt und die Konsulate mit bedeutender Gefahr bedrohte. Ali Pascha erklärte sich schließlich bereit, den zu schützen, der sich unter die Kanonen des Kastells legen würde. Mehrere der Konsuln traten jetzt zusammen, und Herr von Wexbecker willigte darein, daß bis zur Erledigung des Zwistes Costa dem französischen Generalkonsulat übergeben werde. Um drei Uhr nachmittags wurde der Vertrag unterzeichnet, um vier Uhr ward Costa ausgeschifft und nach dem französischen, von hohen Mauern umgebenen Krankenhaus gebracht. Eine große Menschenmenge begrüßte sein Erscheinen mit lautem Hallo; die Flüchtlinge schienen halb wahnwitzig in ihren Freudenbezeugungen. Am gleichen Abend fand man in einer Straße die Leiche des Schankwirts Andrea, von vielen Dolchstichen durchbohrt. Nach zwei Tagen war die Haft Costas schon sehr gemildert. Es gelang Welland durch Vermittlung des amerikanischen Konsuls, eine längere Aussprache mit ihm zu haben; in deren Folge er den Freunden auf dem Pagus mitteilte, daß er zur Abreise bereit sei. Am 6. Juli führte sie eine griechische Barkasse nach Tenedos und Dardanelli. Um die Ehre der Schwester Troja – welche Erinnerungen, welche Jahrtausende alte Geschichte knüpft sich an diesen Namen! Die Bucht von Troja ist in der Zeitgeschichte bekannt unter dem Namen der Besikabai. Sie liegt nordöstlich gegenüber der Insel Tenedos und zieht sich in weitem Bogen in das kleinasiatische Ufer hinein. Die Nordseite der Bai wird von einem breiten Landvorsprung gebildet, dessen nördliches Ufer den Eingang der Dardanellen beherrscht. Dort liegt die kleine, mit starken Festungswerken versehene Stadt Dardanelli. Alexandria Troas, von den Türken Eski Stambul genannt, liegt südlich an der großen Bucht und bietet noch, zum Teil mit einem Eichenwald bedeckt, eine reiche Trümmerwelt. Hunderte von Säulen sind in allen Richtungen zerstreut um den alten Hafen; eine Reihe davon steht unter Wasser. Schäumend bricht sich die Brandung an ihnen. Zweitausend Schritt vom Meere ab erheben sich noch die großartigen Trümmer und schönen Bogen eines Gebäudes, das die Schiffer den Palast des Priamus nennen. Das alte Troja liegt nordöstlich von der Bucht landeinwärts im Tal des Skamander, des Mendere. Nur wenig Erdwälle und künstliche Hügel geben dem Altertumsforscher hier einen Anhalt. Das Ufer, am Meeresstrande flach, steigt sanft auf zu waldigen Anhöhen, die sich zu einem Kranz von Bergen aufsteilen. Der schneebedeckte Gipfel des Ida beherrscht das Tal des alten Skamander. Wiederum lag, von Westen gekommen, eine Kriegsflotte auf den blauen Wellen der Trojabai – nicht jene zwölfhundert Schiffe, die einst von den jonischen und ägäischen Küsten die griechischen Helden hierhergeführt, sondern die riesigen hölzernen Rosse Alt-Englands, der Stolz Großbritanniens, und die kühn emporstrebende Seemacht Frankreichs, die alte Gegnerin bedrohend. Kinder eines anderen Jahrtausends, einer neuen Zeit im Schaffen und Denken! Die riesigen Kolosse mit den drei und vierfach übereinander starrenden Reihen von Feuerschlünden, bewegt durch die dämonische Kraft des Dampfes oder die wallenden Segel, boten einen anderen Anblick, als die griechischen Schiffe vor fast dreitausend Jahren. Doch Land und Meer und Himmel und Felsen waren noch wie damals, als des Protesilaos Blut zuerst den Sand des trojanischen Ufers färbte. Am 23. Juni erschien die englische Flotte auf Befehl des britischen Gesandten in Konstantinopel, Lord Stratford de Redcliffe, unter Vizeadmiral Dundas, am Eingang der Dardanellen und warf in der Besikabai Anker. Sie bestand aus zwei Dreideckern, vier Zweideckern, einer Segelfregatte, vier Dampffregatten und einigen kleinen Schiffen. Bald darauf erschien auch die französische Flotte unter Vizeadmiral La Susse und legte sich im Halbkreis neben die englische. Sie zählte acht Linienschiffe, darunter die großen Schraubendampfer ›Napoleon‹ und ›Charlemagne‹, und fünf Dampffregatten. Das Verhältnis zwischen beiden Flotten war durchaus kein sehr freundschaftliches und versprach wenig für die vielgepriesene Entente cordiale . La Susse war ein bitterer Gegner der Engländer. Er erschien nur deshalb später auf dem Ankerplatz, um die englischen Schiffe bei ihrer Ankunft nicht begrüßen zu müssen. Die Stellung der beiden Admirale hatte zu mehreren Verwicklungen und zur Abberufung von La Susse geführt, dessen Dienstzeit auch abgelaufen war. Für ihn wurde zum Kommandanten des Geschwaders der Seepräfekt von Toulon, Vizeadmiral Hamelin, ernannt. Auf der Reede von Brest wurde ein zweites, großes Geschwader unter Vizeadmiral Bruat ausgerüstet; die Engländer waren in Spithead mit ähnlichen Anstrengungen tätig. * Die Kriegsschiffe lagen in drei Gruppen am Ufer der Bai entlang vor ihren Ankern. Fregatten und kleinere Schiffe kreuzten durch die Bucht, um unter der leichten Brise ein Segelmanöver zu machen. Die Wachmannschaft des ›Niger‹ war in voller Tätigkeit. Der Erste Leutnant verstand sie in Atem zu halten und hatte Augen für jeden Fehler. Während er auf dem Gangweg auf- und abschritt, Takelwerk und Segel im Auge, lehnte Kapitän Warburne an der Galerie des Hinterdecks, in der Nähe des Steuers, mit einem Herrn in Zivilkleidung. Warburne war ein alter Offizier; er hatte seine Midshipmanzeit noch im napoleonischen Kriege gedient und machte langsam durch eigenes Verdienst, ohne Empfehlung und Fürsprache seinen mühsamen Weg. Mit dem Ärger eines alten Seebären schaute er auf die Neuerungen und Verbesserungen, die die Zeit gebracht, und die alle seine Gewohnheiten über den Haufen zu werfen drohten. Vor allem waren ihm die Vorzüge des Dampfes verhaßt und die Sicherheit eines Segelschiffes sein Lieblingsthema. Der Geist des Kapitäns hatte sich auf die ganze Mannschaft übertragen. Kaum konnte es ein eigensinnigeres, gröberes Schiffsvolk in der ganzen Flotte geben, als auf dem ›Niger‹, sobald es mit den Dampfermannschaften zusammentraf. »Sehen Sie die französischen Halunken an«, schalt der Kapitän ärgerlich. »Reiten sie nicht auf ihren Ankern, als hätten sie ganz Alt-England schon in der Tasche? Ich begreife das Ministerium nicht, wie man uns hierherschicken kann, um mit diesen Kröten unnütz in der Sonne zu braten.« »Sie sind ärgerlich, Warburne; aber Sie tun unrecht, die französische Flotte zu tadeln. Ich habe mich bei den Bootfahrten überzeugt, daß sie sich in vortrefflichem Zustande befindet, den ich unseren eigenen Schiffen wohl wünschte. Es ist eine Schmach für England, daß unsere Flotte gegen die französische zurücksteht.« »Ha, pfeifen Sie auch aus dem Winde, Maubridge«, mäkelte der alte Seemann. »Der Teufel hole die Froschfresser mitsamt ihren Kohlenschiffen! Alle Ehre und Würde auf dem Meere geht zu Grunde, seit der verdammte Dampf auf dem blauen Wasser herrscht, wie er sich auf dem Lande mausig macht. Gott verdamm' meine Augen – ich glaubte, ich hätte 'was Besseres an Ihnen erzogen, als einen Bewunderer der schwarzen Rauchfänge! – Was ist es noch für eine Kunst, ein Schiff zu steuern, seit unten im Bauch der schmutzige Maschinist den Kapitän spielen kann! Aber die Welt ändert sich; seit Sie Ihren Bruder beerbt haben und im Unterhause sitzen, sind Sie so närrisch wie die andern. – Dampfschiffe statt der ehrlichen Leinwand und Franzosen längsseits von uns, ohne daß wir eine ehrliche Breitseite mit ihnen tauschen dürfen – Sie werden's erleben, das bringt der Flagge mit dem Doppelkreuz kein Glück.« Maubridge lachte. »Sie sind und bleiben der alte, Warburne. Sie werden sich nie in die Forderungen der Gegenwart schicken, obgleich Sie ihren Nutzen vor Augen sehen. Passen Sie auf, es dauert nicht lange mehr, dann wird Ihre alte Fregatte abgezahlt und kommt als Wachtschiff nach Plymouth oder Spithead. Wir sind in der langen Friedenszeit viel zu weit hinter den Franzosen zurückgeblieben. Sie haben uns in Zahl und Einrichtung der Dampfschiffe überflügelt, gerade wie die Amerikaner.« »Ja, ja, ich seh's! – Die alten Eichenbalken, die so lange die gefürchtete britische Flagge durch alle Meere zum Siege getragen haben, werden auf Halbsold gesetzt. Alles soll Eisen sein, alles mit übermäßiger Geschwindigkeit gehen – nur die Beförderung geht den Schneckengang. Es ist keine Dankbarkeit mehr in der Welt; das rächt sich.« »Warburne, Sie tun wieder unrecht. Sehen Sie nicht in mir das Gegenteil? – Hab' ich nicht gleichfalls meinen jüngeren Bruder in Ihre Obhut gegeben, um einen tüchtigen Seemann aus ihm zu bilden? Bin ich nicht schon seit drei Wochen Ihr Gast und langweile mich mit Ihnen hier, bloß um Ihnen meine alte Anhänglichkeit zu zeigen, nachdem ich in Smyrna schon soviel Zeit verloren habe?« Der Kapitän schielte ihn von der Seite an. »Hm! Der alte Adams – den ich wegen der Einkäufe in Smyrna zurückließ – erzählt ganz kuriose Dinge von der Zeit, die Sie verloren haben. Und er meint, daß Sie wohl taten, die Sicherheit eines britischen Kriegsschiffes zu suchen. Hören Sie, Maubridge, ich habe Sie noch immer lieb, weil Sie ein braver Bursche waren, der im Sturme seinen Mann stand. Darum warne ich Sie! Hüten Sie sich vor den Weiberröcken; sie sind ebenso falsch wie die Franzosen und haben noch keinem Manne Gutes gebracht.« »Sie sind ein alter Hageprunk, Warburne. Adams ist ein Schwätzer, der sich von einem Knaben anführen läßt! Aber sehen Sie, wie der französische Dampfer auf uns zukommt. Es ist, als ob der Bursche uns verhöhnen wollte mit seinen Beweglichkeit.« Warburne schaute nach der Flotte zurück. Eine der kleineren französischen Dampffregatten hatte ihren Ankerplatz verlassen und strich gleich einem Schwan stattlich hinter ihrem Spiegel durch die Wellen. »Master Hunter!« Der Erste Leutnant kam nach hinten. »Sir!« »Lassen Sie gefälligst das Schiff umlegen und nach Tenedos hinüber halten. Wir wollen den französischen Maulaffen da nicht den Spaß machen, uns in eine Wettfahrt mit ihm einzulassen.« »Sehr wohl, Sir!« Der Leutnant gab den Befehl an den Offizier der Wache. Das Schiff nahm seinen veränderten Kurs und glitt nach der Insel zu. Am Vorderkastell standen in mehreren Gruppen die Matrosen, die zu den abgelösten Wachen gehörten. Sie schauten über die Brüstungen hinaus auf die manövrierenden Schiffe oder hinauf zu den Segeln, die sich im frischen Landwind blähten. Die Brise, die durch das Felsentor der Dardanellen bläst, ist oft so stark und anhaltend, daß kein Segelschiff den Eingang gewinnen kann. Hunderte von Seglern müssen wochenlang vor der Meerenge liegen bleiben, um auf das Umsetzen oder Aufhören des Nordwindes zu warten. Die Matrosen waren fast durchgängig von jener Bullenbeißergestalt, die den Seeleuten Alt-Englands eigen ist. Man konnte deutlich unterscheiden, wer aus einem anderen Lebensberuf durch Zufall oder das schmachvolle Recht der Pressung darunter geraten war, wenn auch zwei Dritteile dieser Unglücklichen nach kurzer Zeit, mit ihrem Lose ausgesöhnt, alle früheren Verhältnisse vergessen und oft die besten Seeleute werden. Die Hände in den Hosentaschen, schritt vierschrötig der Deckmeister Adams von einem Gangweg zum anderen, mit forschendem Blick ringsum die Ordnung prüfend. »Herunter von dem Hühnerkasten, Sir, wenn's beliebt. Master Hunter sieht eben hierher. Warte, Hundesohn, kannst du deine schmutzigen Pfoten nicht wo anders hintragen?« Ein Hieb mit einem Tauende aus dem Vorrat der weiten Tasche nach einem Schiffsjungen, der mit einem Eimer vorbeihuschte, begleitete die Worte. Die erste Anrede war an drei junge Männer gerichtet, die auf einem der Vorderdeck-Hühnerkasten hockend, über die Hängemattenwandung hinausschauten. »Sei nicht so bärbeißig, Alter. Wir werden deinem Kasten kein Loch in den Rumpf stoßen. Schau, Gosset, wie sie daherkommt! Ist es nicht eine Schande, daß wir auf diesem alten wurmstichigen Segelboot umherkrebsen müssen, wie ein Hummer am Lande?« »Es ist unverantwortlich von der Krone Großbritanniens, daß eine Tischgesellschaft so gescheiter und stattlicher Mid's Midshipmen. , wie die ganze Flotte sie nicht zählt, noch immer verurteilt ist, Raen zu spleißen, die Stagen zu reffen, Top- und Vortopsegel ansetzen zu lassen – kurz, auf einem Segelschiff zu dienen. Hol' der Teufel all' die Arbeit.« Der Deckmeister rollte grimmig das Priemchen aus einer Backe in die andere. Er spritzte seinen Groll mit dieser Flüssigkeit durch die nächste Stückpforte. »Mit Verlaub, Sir! Wollen Sie jetzt von meinem Kasten herunter oder nicht? Aus Ihnen wird im Leben kein ordentlicher Seemann werden, Master Gosset. Sonst würden Sie nicht solches Wischiwaschi über ein Schiff zu Markte bringen, das hundert solcher Leute aufwiegt wie Sie und Master Frank.« Die Midshipmen räumten lachend den Kasten. Es waren drei junge Burschen von vierzehn bis siebzehn Jahren. Der eine hatte große Ähnlichkeit mit Sir Edward Maubridge. Der zweite, Gosset, war ein schmächtiger Knabe von affenartiger Beweglichkeit; der dritte und älteste besaß eine kräftige Figur mit einem gewöhnlichen, dummen Gesicht. »Segel und Dampf ist die schwache Seite von Meister Adams und beim Kapitän«, höhnte Gosset. »Ich wette, nur unser Erster Leutnant ist meiner Ansicht und verwünscht diesen alten Segelkasten, weil er ihn schon zweimal bei der Beförderung im Stich gelassen hat. Ich gebe den Dienst auf, wenn man den ›Niger‹ nicht bald abtakelt.« »Vorläufig werden Sie das Verdeck räumen, Sie junger Halunke,« sagte eine strenge Stimme hinter ihm. Es war der Erste Leutnant, der unbemerkt nach vorn gekommen. »Kümmern Sie sich um Ihre eigene Beförderung, die Sie höchstens in den Mastkorb führen wird! Danken Sie Gott, daß man einen so spindelbeinigen, affengesichtigen Burschen auf Ihrer Majestät Fregatte in Dienst genommen hat.« Die Midshipmen tauchten eilig durch die Luke; denn Master Hunter verstand keinen Spaß. Auch die Matrosen ringsumher drückten sich ihm aus dem Wege. Der wachhabende Leutnant meldete vier Glocken. Der Erste Leutnant ging nach hinten und gab die Meldung weiter. Der Kapitän befahl, zum Essen zu pfeifen. Der Befehl lief zum Hochbootsmann. Der Ruf: »Alle Mann zum Essen!« erscholl durch die Luken. Die Tischgesellschaften sammelten sich und nahmen ihre Plätze ein; um Herd und Küche drängten sich die Maate, die für jeden ihren Anteil in Empfang zu nehmen hatten. Die schwarzen Gehilfen der Köche hatten alle Hände voll zu tun. Der Steward der zweiten Kajüte lief eilig hin und her, um den Tisch der Offiziere zu besorgen. Die Tafel des Kapitäns begann erst um drei Uhr. Sein Steward lud höflich einige Herren dazu ein. »Wer ißt heute noch beim Kapitän?« fragte ihn der Zahlmeister. »Der Zweite Leutnant, Sir, und Master Duncombe, der Doktor. Auch der junge Maubridge.« »Gut! Bringen Sie dem Kapitän meine Empfehlung. Ich werde erscheinen.« Auf dem Hinterdeck trat der Erste Leutnant zu seinem Vorgesetzten. »Der Dampfer hat gleichfalls gewendet, Sir. Er scheint uns absichtlich folgen zu wollen. Es ist die ›Veloce‹, Für das Schiff ist absichtlich ein Deckname gewählt. Sir.« »Lassen Sie die Mannschaft ihr Essen nehmen; die Mittelwache soll bleiben. Ändern Sie gefälligst von Zeit zu Zeit den Kurs und vermeiden Sie einen Segelstrich mit dem Franzosen. Der Narr will vor uns mit seiner Schnelligkeit prahlen.« Der Erste Leutnant tippte an die Kopfbedeckung und übergab den Befehl an den Zweiten Leutnant, der die Mittelwache hatte. Kapitän Warburne spazierte mit seinem Gast auf dem Deck weiter. Die ›Veloce‹ schoß unterdessen näher heran, stattlich und leicht, wie ein Schwan durch die Wellen streift. Dicht unter dem Spiegel des ›Niger‹ wendete der Dampfer und schoß an seinem Backbord vorüber, so daß alle auf Deck sich sahen. * Wer beim Beginn des Krimkrieges Gelegenheit hatte, die britischen und französischen Kriegsschiffe zu besuchen, ist erstaunt gewesen über den großen Unterschied, der sich auf den Schiffen beider Länder bemerklich machte; der Eindruck der französischen Marine war überwiegend vorteilhaft. Offiziere und Schiffsvolk auf den britischen Schiffen hatten fast durchgängig etwas Steifes und Plumpes, ja Brutales. In dieser Art regelte sich der ganze Dienst. Auf den französischen Schiffen war indes bei strengster Ordnung alles frei, frisch und beweglich. Es herrschte statt des drohenden Gespenstes der neunschwänzigen Katze ein natürlicher Geist des Gehorsams und der Pflicht unter den französischen Seeleuten. Leben und Heiterkeit, ein Scherz, ein Spaß mitten im regen Diensteifer, kurz ein gewisser Ehrenstandpunkt, der nicht bloß im Bulldoggenmut besteht, herrschte vorwiegend auf dem Vorderdeck eines französischen Kriegsschiffes. Noch greller trat der Unterschied in den beiderseitigen Offizierkorps und in dem Verhältnis der Vorgesetzten zu den Untergebenen hervor. Ohne der Achtung und dem Range etwas zu vergeben, herrschte zwischen den Offizieren ein freundlicher und kameradschaftlicher Ton. Bei den zahlreichen Ausflügen mit den Dampfern nach Konstantinopel und später, als die Flotten im Bosporus ankerten, sah man die älteren und jüngsten Offiziere in Gesellschaft, Arm in Arm, heiter und plaudernd und überall leicht Bekanntschaft machend; die Engländer dagegen zeigten sich hochmütig und abgeschlossen und das britische Schiffsvolk, jeder Ausschweifung hingegeben, benahm sich so roh und brutal gegen die Bevölkerung, daß oft blutige Händel entstanden. Während die englischen Schiffe am Bosporus lagen, wurden tatsächlich auf Befehl des Seraskiers, abends und morgens die betrunkenen Matrosen von den türkischen Wachen auf den Straßen gesammelt und in Booten am Bord der nächsten Schiffe abgeliefert. * Auf dem Hinter- und Vorderdeck der ›Veloce‹ waren Sonnenzelte ausgespannt, unter deren Schutz sich Offiziere und Mannschaften aufhielten. Der Kapitän, ein Mann von einigen dreißig Jahren, unterhielt sich mit zwei Fremden, von denen der eine griechische Kleidung trug. »Als wir uns in Paris trafen, Doktor,« sagte er lachend und blies den Rauch der Zigarette in die Luft, »hätten wir beide schwerlich geglaubt, daß unser nächstes Wiedersehen am Grabe des Achilles stattfinden werde. Der Kaiser hat uns seitdem tüchtig umhergeschickt; man scheint mir auch hier Adjutantendienste bei der Flotte aufbürden zu wollen. Wäre eine Lücke auf meinem Schiffe und hätten wir hier nicht einen so lieben alten Freund, der vortrefflich mit unserem inneren und äußeren Menschen umzugehen weiß« – er reichte freundlich dem unfern mit mehreren Offizieren plaudernden Schiffsarzt die Hand – »so ließe ich Sie wahrhaftig nicht wieder fort; am wenigsten zu dem, was Sie vorhaben.« »Der Mensch kommt und geht, Kapitän, Sie wissen das am besten«, sagte Welland; er und Caraiskakis waren in Dardanelli an Bord der ›Veloce‹ gekommen. »Freilich würde es schön sein, diese Meere auf dem Schiffe eines Freundes zu durchstreifen, wenn auch die Freundschaft oder Ihre Güte sich nur aus der Bekanntschaft im Café Carozza herschreibt, das wir beide besuchten. Doch freute ich mich aufrichtig, Kapitän, als ich in Dardanelli die Namen der ankernden Schiffe erfuhr und darunter den des Ihren; nicht nur weil ich Unterstützung von Ihnen erhoffte, sondern auch weil ich Sie wiedersehen konnte.« »Merci! – Ich wünschte, ich könnte meine Freundschaft Ihnen besser beweisen, als durch diese Kreuz- und Querfahrt hinter einem alten Segelschiff. Aber Sie wissen, Doktor, die Befehle der Admiralität sind sehr streng. Wir müssen alles vermeiden, was irgend Veranlassung geben könnte, die Entente cordiale auch im Kleinen zu stören.« »Ich würde unter keinen Umständen auch weiter Ihren Beistand annehmen, Kapitän Fontain. Sie haben schon mehr als genug getan, indem Sie uns Ihren Schutz gewähren. Ich kann mir nicht denken, daß wir gezwungen werden sollten, uns wirklich um Schutz an die französische Ehrenhaftigkeit zu wenden; als Bürger Frankreichs bin ich dann nicht ohne Anspruch.« »Auf meine Ehre, Sie sollen ihn finden, und sollt' es mein Patent kosten! – Doch da sind wir unterm Spiegel der Fregatte. – Monsieur Charleron, haben Sie die Güte, steuerbord wenden zu lassen und an der Fregatte zu stoppen.« Der Zweite Leutnant eilte die Treppe über die Maschine hinauf. »A droit! – Halt!« Die Fregatte schob langsam am Steuerbord des ›Niger‹ entlang. Kapitän Fontain stand mit dem Sprachrohr in der Hand auf den Hängemattengittern. »Bon jour, Herr Kamerad! Ist's Ihnen gefällig, beizulegen? Ich habe Besuch für Sie an Bord.« Kapitän Warburne grüßte eben nicht besonders freundlich. »Zu Diensten, Herr Kapitän! Braßt die Segel! Steuer umlegen!« Die Fregatte hielt in ihrem Lauf inne; von dem französischen Dampfer wurde ein Boot heruntergelassen. »Monsieur Bertaudin, Sie werden diese Herren begleiten und mit meinem Boot auf ihre weiteren Befehle warten. Adieu, Doktor! Ich hoffe, Sie zum Diner wieder an Bord zu sehen.« Welland und Caraiskakis bestiegen das Boot und stießen ab; die ›Veloce‹ legte sich durch einige Raddrehungen weiter von den Engländern zurück. Nach einigen Ruderschlägen war das Boot längsseits der englischen Fregatte. Welland und Caraiskakis stiegen das Fallreep empor und grüßten höflich. »Darf ich um Auskunft bitten, Sir, ob Baronet Maubridge sich an Bord Ihrer Fregatte befindet?« »Zu Befehl!« »Sie würden uns sehr verbinden, Sir, wenn Sie die Güte hätten, ihm diese Karte zu schicken und ihm sagen zu lassen, daß wir um eine Unterredung bäten.« Master Hunter lud die Besucher ein, näher zu treten. Er schickte den nächsten Midshipman mit dem Auftrage an den Kapitän. »Der Besuch gilt Ihnen, Maubridge«, sagte Warburne. »Wollen Sie sich meiner Kajüte bedienen? Lassen Sie die Herren dahin führen.« Der Baronet hatte die Karte des Doktor Welland gesehen. »Ich kenne den Herrn nicht. Wenn Sie erlauben, empfange ich den Besuch hier.« »Wie Sie wollen. Führen Sie die Herren hierher.« Einige Augenblicke später betraten Welland und Caraiskakis das Hinterdeck. Der Kapitän lud sie ein, auf den umherstehenden Schiffsstühlen Platz zu nehmen; er trat an das Vollwerk zurück. »Darf ich Sie bitten, mein Herr, mir zu sagen, was mir die Ehre verschafft...?« »Wir kommen, Sie um Auskunft in Angelegenheiten Ihrer Gemahlin, Lady Maubridge, zu bitten,« sagte Welland laut genug, um von dem Kapitän und den Leuten am Steuer gehört zu werden. »Meiner Gemahlin, Sir? – Sie irren wohl!« Die Stirn des Baronets färbte sich dunkelrot. »O nein, Sir; ich meine Lady Diona Maubridge, geborene Grivas!« Der Baronet suchte gewaltsam seiner Verwirrung Herr zu werden. »Ich wiederhole Ihnen, daß Sie sich irren; doch bitte ich, mir zu sagen, was Sie zu der Anfrage veranlaßt.« »Sogleich, Sir. Mein Auftrag besteht darin, Sie im Namen der Lady Maubridge um die Aushändigung des Ehevertrages oder einer beglaubigten Abschrift zu bitten.« Maubridge schwieg und atmete tief. »Ich muß Ihnen wiederholen, Sie täuschen sich. Ich bin nicht verheiratet.« Der Grieche machte eine heftige Bewegung; doch Welland legte die Hand auf seinen Arm. »Sie haben mir versprochen, mir die Angelegenheit zu überlassen.« Er wandte sich wieder zu dem Baronet. »Wir waren einigermaßen auf diese Antwort gefaßt. Doch erlauben Sie mir eine andere Frage. Sie kannten unzweifelhaft eine junge Dame im Hause des Kaufmanns Andriarchos in Smyrna, Diona Grivas.« »Jawohl, mein Herr.« »Was ist aus ihr geworden?« »Diese Frage ist wirklich seltsam. Doch muß ich gestehen, daß Sie mich selber verbinden würden, wenn Sie mir über ihr Schicksal und ihren Aufenthalt Auskunft geben könnten.« »Die Dame wurde in der Nacht des 23. Juni aus dem Landhause des englischen Vizekonsuls in Burnabat und aus Ihrem Schutze entführt, Sir Maubridge.« »Sie sind sehr gut unterrichtet, mein Herr. Um es kurz zu machen – sind Sie etwa der Sendbote des Banditen, der in meine Wohnung einbrach? Kommen Sie, um irgendein Lösegeld für Diona zu fordern?« »Für Lady Maubridge, Sir. Diesmal irren Sie; wir selber entführten Ihnen die Dame.« »Sie, Sir?« »Jawohl. Lady Diona befindet sich unter unserem Schutz. In ihrer Vertretung kommen wir hierher, um Sie über ihr Schicksal zu beruhigen und die weiteren Verhandlungen mit Ihnen zu führen.« »Ich bin nicht gewohnt, mit den Genossen von Dieben und Mördern zu verhandeln. Danken Sie Gott, daß ich Sie nicht auf der Stelle wegen eines Angriffes auf britisches Eigentum und des Mordes britischer Untertanen verhaften lasse. Sie stehen auf diesem Schiff auf britischem Boden.« »Und unter dem Schutze eines guten Freundes da drüben.« Doktor Welland wies kalt nach dem französischen Dampfer. »Was das Recht auf Lady Diona betrifft: Sie, Sir, haben das Beispiel der Entführung gegeben. Mein Freund, Herr Gregor Caraiskakis, der Stiefbruder Lady Dionas, konnte damals noch nicht wissen, daß Sie sie zu Ihrer rechtmäßigen Gattin gemacht hatten.« Der Baronet hatte jetzt seine volle Ruhe wiedergewonnen. Um seinen Mund zeigte sich ein kalter, hochmütiger Zug, der sein sonst schönes Gesicht entstellte. »Ah! – Also eine der gewöhnlichen Familienerpressereien, von denen ich in Smyrna so manches gehört habe! Nun wohl, meine Herren, ich gestehe, daß ich einen törichten Streich gemacht habe. Ihr Himmel ist heiß; aber dergleichen läßt sich hier leicht in Ordnung bringen. Was verlangen Sie für die Dame, die mich einige Zeit mit ihrer Gunst beehrt hat?« »Sie leugnen, daß Sie das junge Mädchen unter dem Versprechen den Ehe entführt haben? Daß eine Trauung oder eine diese ersetzende Feierlichkeit im englischen Konsulat stattgefunden hat? Daß Diona Grivas Ihre rechtmäßige Gattin ist?« »Was vorgefallen ist, Sir, darüber werde ich Ihnen keine Rechenschaft geben. Das mögen Sie und dieser Herr, der wahrscheinlich kein Englisch versteht und daher die Rolle des schweigenden Bruders spielt, wissen, daß ich den Anspruch auf den Namen meiner Gattin zurückweise. Diona wird gut tun, diese tolle Idee nicht weiter zu verfolgen.« »Sie verweigern also bestimmt die Anerkennung.« »Ich werde mich nicht so lächerlich machen, darauf weiter einzugehen; haben Sie Beweise, legen Sie Ihre Klage bei dem britischen Gesandten ein. Und nun, meine Herren ... « »Einen Augenblick noch«, sagte Gregor Caraiskakis und trat auf den Briten zu. »Sie irrten, wenn Sie glaubten, ich verstände Ihre Sprache nicht. Ich hoffe, daß Sie ebensogut die Sprache eines Mannes von Ehre verstehen werden, der Ihnen sagt, daß Baronet Maubridge wie ein ehrloser Schurke gegen ein schutzloses Mädchen gehandelt hat!« »Sir!« »Die Willkür und das Unrecht, das Ihre Nation dem griechischen Volke antut, müssen wir leider tragen. Aber Gott sei Dank, noch ist der Einzelne imstande, das angetane Unrecht zu rächen. Ich werde Sie zwingen, meiner Schwester den Namen zu geben, der ihr gebührt.« »Pah!« »Bestimmen Sie Zeit und Waffen!« »Ich schlage mich mit einem griechischen Banditen nur bei einem Angriff und Überfall. Sie wissen das.« »Dann nehmen Sie dies als Angriff ... « Er hob die Hand zum Schlage; doch Maubridge kam ihm zuvor und faßte den Arm. »Halt da – keine Beleidigung, für die ich Sie totschießen müßte; es sollte mir leid tun. Dieser Herr wird wahrscheinlich Ihr Sekundant sein.« »Ich bin es.« »Der meine wird Sie noch heute aufsuchen. Wo findet er Sie?« »Ich werde ihn in Tenedos im griechischen Kaffeehause am Hafen von der nächsten Stunde ab erwarten.« »Well! Auf Wiedersehen.« Stumm grüßend wandten sich Welland und Caraiskakis ab und verließen den ›Niger‹. Maubridge steckte die Hände in die Taschen und trat zu dem Kapitän. »Sie sehen, Warburne, es ist Aussicht, daß Sie auch Ihren zweiten Midshipman zugunsten einer erledigten Baronetschaft verlieren. Lassen Sie uns zu Tische gehen.« »Sie werden doch nicht toll genug sein, sich mit dem griechischen Landstreicher zu schlagen?« »Es wird nichts anderes übrigbleiben, da er sich unter den Schutz unserer guten Freunde, der Franzosen, begeben zu haben scheint. Ich kann die Windbeutel doch unmöglich sagen lassen, auf Ihrem Schiffe wären ein paar Pistolenschüsse verweigert worden. Sie werden mir einen Ihrer Offiziere leihen, Warburne; denn ich muß nun schon die Sache zu Ende bringen.« »Gott verdamm', ich hab' es Ihnen gleich gesagt, es kommt nichts Gescheites heraus, wo ein Weiberrock im Spiel ist. Unter uns gesagt, mein Junge, scheinen Sie in der Geschichte auch nicht besonders viel Recht zu haben.« »Nicht das geringste«, sagte der Baronet ruhig. »Es ist auch sehr leicht möglich, daß ich ganz anders gehandelt haben würde, wenn die Narren mir nicht hätten Zwang antun wollen. Die Kleine ist verteufelt hübsch und ich würde in London Aufsehen mit ihr gemacht haben. – Doch sprechen wir nicht mehr davon. – Die Burschen müssen ihre Lehre haben.« Der Steward des Kapitäns meldete zum zweiten Male, daß angerichtet sei. * Wo der Skamander aus dem weiten Bergtal tritt, liegen im Myrtengebüsch einige Säulentrümmer. Hierher, um nicht zu weit entfernt von Dardanelli zu sein, hatte Doktor Welland das Rendezvous für den nächsten Morgen bestimmt. Als die Freunde in früher Stunde dort mit ihrer Barke eintrafen, fanden sie den Baronet mit dem Zweiten Leutnant des ›Niger‹ vor, der ihm zum Sekundanten diente. Der alte Matrose Adams hatte sie mit einem Genossen hierher gerudert und betrachtete mit Neugier die Kommenden; Maubridge hatte ihm mitgeteilt, daß sie unter ihren Angreifern in Burnabat gewesen waren. Der Baronet, teilnahmslos für die weiteren Verhandlungen, belustigte sich mit Pistolenschießen. In seinem Charakter lag eine seltsame Mischung von guten und schlechten Eigenschaften. An und für sich edelherzig und warmfühlend, war er mit jener Vorliebe für das Seltsame, Ungewöhnliche begabt, die in ihrer Ausartung ins Abgeschmackte seinen Landsleuten den Ruf des »Spleenigen« verschafft haben. Damit verband sich jedoch ein unbändiger Starrsinn, ein Eigenwille, der jede fremde Einwirkung von außen, selbst bei der Erkenntnis des Besseren, beharrlich zurückwies; eine Laune, die, durch Hindernisse wachgerufen, kein Mittel scheute, ihren Zweck durchzusetzen. Dazu gesellte sich die Kälte und Gleichgültigkeit, die den Briten der höhern Stände durch die Erziehung eingeimpft wird. Welland trat zu dem Baronet. »Sir,« sagte er ernst, »erlauben Sie mir noch einmal, Sie daran zu erinnern, daß Ihre Handlungsweise die Ehre einer Familie trifft, deren Name und Abkunft sich sicherlich mit der jedes englischen Pairs messen kann. Aber sie trifft und bricht auch ein Herz, das in wahrer uneigennütziger Liebe an Ihnen hängt. Sie dürfen Diona nicht das Opfer einer Handlung werden lassen, von der wir nicht wissen, ob sie Täuschung, ob sie Wahrheit war. Diona, Ihre Gattin nach göttlichem Recht, hat mir diese Zeilen an Sie gegeben und mir das Versprechen abgenommen, sie in Ihre Hand zu legen. Ich hätte es gestern getan, wenn die Umstände es erlaubt hätten.« Der Baronet nahm das Blatt, erbrach und las es. Es schien nur wenige Zeilen zu enthalten. Sie machten einen großen Eindruck auf ihn. Seine hohe schöne Stirn färbte sich wieder, wie bei der ersten Begegnung auf dem Schiff, mit fliegender Röte. Er wandte sich hastig zu dem Deutschen: »Wo ist Diona? Kann ich sie sehen?« »Sie werden es erfahren, Sir, sobald Sie meinem Freunde den Ehevertrag ausgeliefert haben, der im Konsulat von Smyrna unterzeichnet wurde, oder uns die Erklärung auf Ihr Ehrenwort abgeben, daß Sie die Rechte Ihrer Gattin anerkennen wollen.« Der Baronet biß sich auf die Lippen. »Sie täuschen sich in mir. Sie haben selber Ihr Spiel verdorben. Diona hätte mich besser kennen sollen. Wir wollen die Sache beendigen, wegen der wir uns hierher bemüht haben. Erlauben Sie nur, daß ich das Pistol entlade. Adams, auf!« Der Deckmeister warf eine Zitrone in die Höhe; als sie in der Luft schwebte, hob der Baronet blitzschnell das Pistol und schoß. Die Frucht stob auseinander. Welland blickte unwillig auf das prahlerische Spiel; und doch zog sich sein Herz krampfhaft zusammen bei dem Gedanken, daß das Leben des Freundes, der im vollen Recht die Ehre seiner Familie verteidigte, der sicheren Kugel des herzlosen Mannes verfallen war. Er wandte sich zu dem Offizier, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Man wählte ein Paar Schiffspistolen und maß die Entfernung – fünfzehn Schritt. Jeder sollte das Recht haben, nach Belieben zu schießen. Als Welland den Freund an seinen Platz geleitete, drückte Gregor ihm herzlich die Hand. »Sollte der Himmel gegen mich sein und mir ein Unglück geschehen, werden Sie Diona nicht verlassen und sofort an meine Brüder nach Athen schreiben. Und nun mit Gott!« Maubridge zielte ruhig auf den Griechen, als wäre er seines Sieges gewiß. Der Leutnant gab das Zeichen. Einige Schritte ging Caraiskakis vor. Dann schoß er. Die wohlgezielte Kugel streifte den linken Ärmel des Baronet und einige Blutstropfen quollen aus dem Rock. »Schade um den Schuß!« sagte der Brite spöttisch. »Jetzt ist die Reihe an mir, doch zuvor hören Sie einige Worte.« Gregor stand finster vor sich hinblickend da; er antwortete nicht. »Wollen Sie mir den Aufenthalt Ihrer Schwester nennen und mich das Weitere mit ihr allein verhandeln lassen?« »Nein!« »Überlegen Sie wohl! Ich lasse mir nicht trotzen; und ich schulde Ihnen einen Denkzettel für Burnabat.« »Schießen Sie, Sir! Wenn ich zehn Leben hätte, würde ich sie an Ihre Verfolgung setzen und nicht von Ihrer Spur weichen.« »Dann müssen wir freilich etwas tun. Sie daran zu hindern.« Das Pistol hob sich rasch; ein Blitz zuckte, ein Knall – Caraiskakis drehte sich um sich selber, ehe er fiel. »Sie haben ihn ermordet!« »Keineswegs; ich müßte denn so schlecht schießen, wie mein Gegner. Richten Sie ihn auf. Die Kugel sitzt in der linken Hüfte und wird Ihren Freund wohl zwei Monate von meinem Wege abhalten. Das genügt.« Welland beschäftigte sich mit dem Verwundeten und fand, was der Baron in seiner kalten Ruhe gesagt. Er öffnete dem Freund die Kleider und legte einen vorläufigen Verband an. Gregor kam wieder zu sich und schaute ihm fragend ins Gesicht. »Beruhigen Sie sich, ich stehe Ihnen für Ihre Genesung mit aller meiner Kunst.« Maubridge trat heran. »Es tut mir leid um Sie, aber Sie zwangen mich. Wollen Sie jetzt – wo Sie selber der Hilfe bedürfen, meine Bitte erfüllen und mir den Aufenthalt Ihrer Schwester nennen?« Caraiskakis machte eine heftige abwehrende Bewegung. »Sir, stören Sie meinen Freund nicht. Der Verband kann leicht aufbrechen. Neuer Blutverlust würde ihm schaden.« »Kann ich sonst etwas für Sie tun? Mein Boot steht zu Ihrer Verfügung.« Eine abwehrende Bewegung. »So leben Sie wohl. Warnen Sie Ihren Freund, sich nicht in meinen Weg zu drängen. Kommen Sie, Malcolm.« Er verbeugte sich höflich und ging nach dem Boot. Adams, der alte Matrose, ruderte ihn mit seinem Gefährten stillschweigend fort. Maubridge saß in Gedanken, den Kopf in die Hand gestützt. Endlich schaute er auf. »Nun, Alter? Du hast nicht einmal ein Wort für mich, daß ich so gut davongekommen bin? Ist das deine alte Anhänglichkeit?« Adams schüttelte den Kopf. »Ich habe Sie gekannt, als Sie ein Bürschchen, lange nicht so groß wie Ihr Bruder waren. Aber schon damals waren Sie ein störrisches Blut. Was haben Sie nun davon, den Bruder niederzuschießen, die Schwester unglücklich zu machen? Sie wissen, daß er in seinem vollen Rechte war!« Der Baronet zog die Stirne zusammen und legte seine Hand auf die Schulter des Matrosen. »Du bist ein Tor und kennst mich ebensowenig wie alle anderen. – Aber einen Dienst mußt du mir dennoch erweisen. – Rudert hinter den Felsenvorsprung und laßt uns dort aussteigen.« Das Boot schoß in das Versteck. Als eine Viertelstunde darauf der Kaik mit dem Verwundeten und seinem Freunde vorüberfuhr, folgte das Boot des Kriegsschiffes ihm unbemerkt in einiger Entfernung die Küste entlang bis nach Dardanelli. Hier hatten Welland, Caraiskakis und Diona im Hause eines griechischen Kaufmannes ein Unterkommen gefunden, der mit der Familie Grivas verwandt war. Diona warf sich wehklagend auf den Bruder und benetzte ihn mit ihren Tränen. Nur schwer vermochte sie Welland durch die Versicherung zu beruhigen, daß keinerlei Gefahr vorhanden sei. Beide teilten sich nun in die Pflege Gregors. Aber es fiel Welland auf, daß Diona von Tag zu Tag schwermütiger wurde; in sich versunken beachtete sie wenig den Zustand des Kranken. Einmal traf er sie, als sie weinend und aufgeregt einen Brief las, den sie bei seinem Eintritt eilig verbarg. Er wollte den Freund nicht beunruhigen; Gregors Genesung, nachdem die Kugel aus dem Knochen geholt worden war, schritt nur langsam fort, deshalb schwieg Welland. Seine Empfehlungsbriefe hatte er nach Konstantinopel vorausgeschickt. Zwei Wochen waren vergangen, als ihm plötzlich aus Stambul ein Fremder, der mit einem Dampfschiff gekommen war, ein Schreiben brachte. Es enthielt nur wenige Worte, aber mit dem geheimnisvollen Zeichen, dem er gehorchen mußte. Der Brief befahl ihm, mit dem ersten abgehenden Dampfschiffe in Konstantinopel einzutreffen und machte ihm Vorwürfe wegen seiner Versäumnis. Welland empfand, daß längeres Verweilen in Dardanelli zwecklos war; er besprach sich mit Caraiskakis und gewann für ihn den Schutz des französischen Konsuls und des Kapitäns der ›Veloce‹. Dann schied er von den Geschwistern. Wenn Gregor ganz hergestellt war, wollte er Welland nach Konstantinopel folgen. – Drei Tage später war Diona spurlos verschwunden. Caraiskakis, noch an das Lager gefesselt, bot vergeblich alles mögliche auf, sie zu entdecken. Selbst das Einschreiten der französischen Offiziere hatten keinen Erfolg; denn Kapitän Warburne wies nach, daß sein Gast lange vor der Abreise Doktor Wellands sein Schiff verlassen hatte. Die Ungeduld, der bittere Zorn verschlimmerten aufs neue den Zustand Gregors und fesselten ihn ans Krankenlager. Nicht einmal dem Freunde vermochte er Nachricht zu geben. Der Schatten des Ahnen In einem mittelgroßen gewölbten Zimmer des kaiserlichen Winterpalastes brannte hinter einem hohen Schirm eine kleine Lampe. Vor den beiden großen Fenstern, die nach der Newa hinausgingen, hingen schwere, grünwollene Vorhänge, ebenso vor beiden Türen. Zwei große Arbeitstische standen mitten im Zimmer; der eine war mit Papieren und Mappen bedeckt; der zweite Tisch zeigte auf seiner breiten Platte, ein kunstvoll gearbeitetes Schreibgerät von Silber, Petschafte, Briefbeschwerer von seltsamem Stoff und ungewöhnlichen Formen. Einzelnes offenbar von großem geschichtlichen oder künstlerischen Wert, dazwischen ein Lesepult mit einer einfachen Perlenstickerei und eine kleine Standuhr. Ein Wärmemesser und ein Doppelkalender nach alter und neuer Rechnung hingen an dem vorspringenden Pfeiler neben einigen Papptafeln mit Listen und Notizen. Zwei offene Bücherschränke rechts und links zeigten eine Auswahl von Werken in französischer, englischer, deutscher, russischer und italienischer Sprache. Neben dem zweiten Tisch stand ein niederes, eisernes Rollbett; die Unterlage bildete eine Matratze von Leder mit Seegras gestopft. An den Wänden hing zwischen einigen anderen Gemälden geistlichen Inhalts eine Madonna von Murillo; neben Porträts sah man auch zwei kleine Bleistiftzeichnungen in einfachen Rähmchen. Eine große Karte des russischen Reiches befand sich an der Wand gegenüber der von Europa. Die Ordnung und Regelmäßigkeit aller Dinge verlieh dem Raum einen gewissen militärischen Zug. * Auf dem Rollbett, von einer wollenen Decke und einem Militärmantel verhüllt, lag ein Schlafender. Die breite Brust hob und senkte sich ruhig, das Antlitz war nach aufwärts gekehrt, ein Arm lag unter dem Kopf. Die hohe Stirn war zwischen den Augenbrauen über der langen, geraden Nase in eine ernste Falte zusammengezogen. Das Kinn zeugte von großer Willenskraft; der Mund, von einem Schnurrbart überschattet, von Selbstbeherrschung. Die ganze Gestalt schien wie aus Granit gehauen, so fest und straff war alles daran. Es lag etwas Soldatisches, Starres, Titanenhaftes in ihr. Der Zeiger der kleinen Uhr auf dem Tische wies auf fünf Uhr; scharf und kurz rasselte ein Wecker. Beim ersten Tone öffnete der Schlafende maschinenmäßig die Augen. Sie waren ruhig, fest und durchdringend. Zar Nikolaus war erwacht. Er warf rasch Decke und Mantel von sich, griff nach den Kleidern auf dem Stuhl vor seinem Bett und zog sich an. Dann entzündete er die Kerzen zweier silberner Armleuchter. Der Selbstherrscher des mächtigen Reiches tat das alles allein; er bewahrte bis in das kleinste herab die militärischen Gewohnheiten. Er trat an das Fenster und schaute hinab. Die frühe Morgenstunde des Spätseptembers hüllte noch alles in Dunkel; an hundert Stellen brachen die Lichter der Gasflammen sich im Wasser des Stromes. Der Zar setzte sich an den ersten Arbeitstisch und begann, einen Stoß Papiere durchzusehen. Eine gewaltige Arbeitskraft beseelte ihn; für gewöhnlich stand er um halb sieben Uhr auf, nahm schon während seines kurzen Ankleidens Meldungen an, machte dann einen Gang durch den ganzen Palast bis zur Wiege seiner Enkel und blieb bis um acht Uhr in seinem Arbeitsraum. Von acht bis neun Uhr folgte stets, wo er sich auch befand, Sommer und Winter, ein Spaziergang in freier Luft. Um neun Uhr empfing er regelmäßig den Kriegsminister, Fürst Dolgorucki, auf den er großes Vertrauen setzte. Um zehn Uhr pflegte er sich für kurze Zeit zur Kaiserin und seiner Familie zu begeben; nie ließ er aber auch dort einen Angemeldeten warten. Wenn gegen zwei Uhr alle Geschäfte im Schloß beendet waren, fuhr er in seiner einspännigen Droschke oder im Schlitten aus und besuchte dabei drei bis vier Anstalten der verschiedensten Art. Um vier Uhr speiste er im kleinen Familienkreise. Er aß stark und trank sehr mäßig. Die Abendstunden waren meist Staatsgeschäften gewidmet. In sein Arbeitszimmer zurückgekehrt, arbeitete er weiter und begab sich selten zur Ruhe, wenn noch irgendein Bericht zu erledigen war. Oft stand er des Nachts auf, verließ allein das Winterpalais und stattete irgendeiner Anstalt, namentlich den Kadettenhäusern, einen Besuch ab. Sein erster Blick galt dann stets dem Wärmemesser, der die vorgeschriebenen vierzehn Grad zeigen mußte, und seine Untersuchungen erstreckten sich bis ins kleinste. Nur in Peterhof gestattete er sich auch in der Kleidung einige Abweichungen von der sonst streng dienstlichen Uniform und Haltung. Auch im strengsten Winter trug der Monarch nur den einfachen Offiziersmantel, nie einen Pelz. Mit dem Beginn der orientalischen Verwicklungen mehrte sich die Tätigkeit des Kaisers, und er gönnte sich noch weniger Erholung als sonst. Er stand fast zwei Stunden früher des Morgens auf, um zu arbeiten, und empfing von sechs Uhr ab die Vorträge der Minister und Adjutanten, um später für die militärischen Geschäfte und die Besichtigungen frei zu sein. Eine auffallende Rastlosigkeit hatte sich seines ganzen Wesens bemächtigt; man sah, wie tief ihn der Gegenstand und das Scheitern vieler Erwartungen berührte. * Nachdem der Zar den Stoß von Papieren durchgesehen und unterschrieben hatte, sah er auf die Uhr, die halb Sechs zeigte, und nach einer der Merktafeln über dem Schreibtisch. »Mittwoch – das ist Nesselrodes Tag; da habe ich noch Zeit; er kommt erst um sieben.« Er holte aus dem Ankleideraum nebenan Mantel und Helm und verließ das Zimmer. Das Vorgemach war erhellt, zwei Pagen saßen darin und schliefen in den Lehnstühlen. Am Tisch wachte der diensthabende Kammerherr und las; er erhob sich rasch. »Ei sieh, Menger,« sagte der Zar, »bist du wach? Geh' hinein und ordne mein Zimmer; um sieben bin ich zurück.« Er schritt hindurch nach dem äußeren Vorzimmer, in dem während der Nacht ein Offizier der Schloßwache war, um außergewöhnliche Meldungen entgegenzunehmen. An diesem Morgen war es ein Leutnant von der Preobraschenskischen Garde, dem Lieblingskorps des Zaren. Der noch junge Mann war auf dem Stuhl vor dem Tisch, an dem er die abendlichen Wachtmeldungen eingetragen, eingeschlafen; sein Kopf ruhte auf dem aufgestützten Arm. Es mußte erst spät geschehen sein; eine Depesche auf dem Tische zeigte den Ankunftsvermerk einer späten Stunde. Vor ihm lag ein unvollendeter Brief – die Feder war seiner Hand entfallen. Der Zar nahte sich leise dem Tisch. »Sie haben gestern morgen scharf exerziert«, dachte er wie entschuldigend und bog sich über den Schlafenden, um die Depesche zu nehmen. Sein Blick fiel auf den Brief und auf seinen Namen. Er nahm vorsichtig das Blatt in die Hand und las. Der Brief war an die Mutter des jungen Mannes, eine Offizierswitwe in Nischnij-Nowgorod, gerichtet. Der Sohn, im Kadettenhaus erzogen, schrieb ihr, wie er hoffte, daß der Krieg ihm Gelegenheit zur Auszeichnung geben werde, mit der er dem Zaren für die Wohltaten danken könne, die er ihm durch seine Erziehung erzeigt habe. Er beklagte kindlich, daß er sie, die er seit zehn Jahren nicht wiedergesehen habe, nicht zuvor noch einmal umarmen dürfe; aber selbst wenn er – was sehr unwahrscheinlich – Urlaub erhalten könne, sei es unmöglich; die Entfernung sei zu groß und er, ohne Vermögen, könne nur durch die strengste Sparsamkeit die kostspielige Stellung bei der Garde bewahren, in die ihn die guten Zeugnisse im Kadettenhaus gebracht. Das Auge des Zaren ruhte eine Weile auf dem Schläfer. Dann nahm er die Feder, schrieb einige Worte unter den Brief und legte ihn wieder an seine Stelle. Mit leichten Schritten verließ er das Gemach. Draußen auf dem Gang standen zwei Grenadiere des Regiments gleich Bildsäulen auf ihrem Posten. Er nickte ihnen zu und schritt die breite Treppe hinab in den Vorhof. Es war noch zu früh, als daß die Isworstschiks, die Droschkenkutscher, deren sich der Kaiser bei seinen Besuchen häufig bediente, schon auf den Halteplätzen sein konnten; so ging er rasch zu Fuß den Alexander-Newski-Prospekt hinauf. Um sechs Uhr erreichte er das Korps – wie die Kadettenhäuser und die Militärerziehungsanstalten genannt wurden – die Zeit, um die die jungen Soldaten regelmäßig Winter und Sommer aufstehen müssen. Die Wache schlug eben die Reveille. Der Zar ging nach einem der großen Speisesäle. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von seiner Ankunft, und ehe fünf Minuten vergangen waren, wirbelten die Trommeln zum Antreten, und der Leiter der Anstalt, Oberstleutnant Moradowitsch, begrüßte ihn in dem Saal. »Die Offiziere, die vor drei Tagen die Prüfung bestanden haben, sollen heute in die Garnisonen abgehen?« »Zu Befehl.« »Ich will sie vorher sehen. Später habe ich keine Zeit. – Komm!« Er ging voran nach dem Hof. Der Leiter und die den Unterricht erteilenden Offiziere, die sich vor dem Saale aufgestellt hatten, folgten. Auf dem Hofe standen kompanieweise in ihren Hausuniformen die jungen Leute. Da der Zar auf eine möglichst gründliche Ausbildung für den Dienst hielt, auch den allzu frühen Eintritt ins Heer nicht liebte, so war das Alter der Kadetten sehr verschieden. Die Offiziere traten an ihre Abteilungen; der Zar ging musternd an den Fronten vorüber. »Die neuen Offiziere und Fähnriche – vortreten!« Einundzwanzig Jünglinge traten aus den Reihen und stellten sich vor dem Zaren auf. »Die Zeugnisse!« Der Oberleutnant zeigte sie ihm und der Zar nahm sie ihm einzeln ab, wie er nach der Reihe die jungen Leute musterte. Gleich bei dem ersten blieb er stehen und betrachtete ihn mit durchdringendem Blick. Es war ein junger Mann, hoch und schlank, mit blassem, klassisch geschnittenem Gesicht, das Auge dunkel und feurig, sonst im Wesen einfach und anspruchslos. »Wir kennen uns. Du bist Djemala-Din, der Sohn des Imam Schamyl?« Djemala-Din, der älteste Sohn Schamyls, war von diesem im Jahre 1839 bei dem Sturme auf Achulgo, wo er selber nur wie durch ein Wunder entkam, als ein kaum siebenjähriger Knabe dem russischen Gouvernement als Geisel gestellt und seitdem auf kaiserliche Kosten im Kadettenkorps erzogen worden. »Ja, Majestät!« »Dein Vater hat mir in diesem Sommer viel zu schaffen gemacht. Ich wünschte, er wäre so gut russisch wie du. Ich habe dich lange warten lassen mit einer Offiziersstelle, aber ich wollte, daß du tüchtig ausgebildet würdest, damit es hafte, was du gelernt hast. Es freut mich, daß deine Zeugnisse gut sind. Du hast dir, wie ich sehe, selber das Ulanenkorps gewählt und gehst nach Polen?« »Mit Ihrer Erlaubnis, Majestät!« »Schön! Du wirst immer an mir einen Freund finden, und ich habe für deine Ausrüstung gesorgt. In Warschau melde dich sogleich beim Fürsten Statthalter; er wird dir das nötige mitteilen. Nimm die beiden Pferde, die du dort findest, als Geschenk von mir und halte dich brav. Ich habe die Augen auf dich gerichtet.« Er reichte ihm die Hand und küßte ihn auf die Stirn. »Majestät – ich werde nie Ihrer Güte vergessen!« Er trat zurück. Der forschende Blick des Kaisers traf seinen Nachbarn. Ein kluges, aber eigenwilliges Gesicht saß auf mittelgroßem, gedrungenen Körper. »Ein Ocholskoi? Ein guter Name, aber viel schlimmes Blut in dem Geschlecht. Du bist zwei Jahre länger im Korps geblieben, als deine Fähigkeiten es nötig machten. – Warum?« »Man hat mir die Erlaubnis zur Prüfung verweigert, Majestät.« »Ich sehe es. Du bist zehnmal in einem Jahre wegen Ungehorsams und Widerspenstigkeit bestraft. Wie ist's mit ihm, Moradowitsch?« »Er ist einer der besten Zöglinge des Korps, Majestät,« sagte der Leiter entschuldigend, »aber er ist schwer zu bändigen.« »Ich werde es übernehmen,« entgegnete der Zar, »Gehorsam, unbedingter Gehorsam ist das erste, was ein Soldat lernen muß. Nur wer gehorchen kann, darf befehlen! Ich habe gehört, du machst Verse, freie Verse, die du drucken läßt. Das ist keine Beschäftigung für einen Soldaten. Denke an Lermontow Lermontow wurde wegen seines Gedichtes auf Puschkins Tod »An Rußlands Schutzgeist« als einfacher Soldat nach dem Kaukasus geschickt. – Ist bereits über ihn verfügt?« »Er wird bei den Felddragonern eintreten.« »Halt da! – Er soll zu Bodisko gehen nach Bomarsund. Wenn er dort zwei Jahre sich tadelfrei geführt und Gehorsam gezeigt hat, mag er bei den Dragonern eintreten.« Eine fahle Blässe überzog das Gesicht des jungen Mannes. Die Alandsinseln galten in der russischen Armee für eine Strafkolonie, gefürchteter als die Verbannung nach dem Kaukasus. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück in die Reihe. »Halt!« Der Verbannte stand wie eine Mauer. Der Kaiser küßte auch ihn auf die Stirn. »So, nun tritt zurück und lerne gehorchen!« Er las ebenso sorgfältig die Zeugnisse der übrigen neunzehn, lobte und tadelte. Als er dann an der Reihe der Kadetten vorüberging, trat plötzlich einer, fast noch ein Knabe, mit schönem, blondgelocktem Haar und offenem, Zutrauen erweckendem Gesicht vor und beugte ein Knie. Der Zar blieb stehen. »Steh' auf, Kind. Was willst du von mir?« »Euer Majestät danken für das Glück, daß ich meinen Großvater umarmen durfte, und ... « »Wie heißt du, mein Sohn? Wer ist dein Großvater?« »Graf Lubomirski. Euer Majestät haben den alten Mann begnadigt und er befindet sich hier.« Zar Nikolaus runzelte leicht die Stirn; er liebte es nicht, an Verurteilungen oder Begnadigungen erinnert zu werden. »Es ist brav von dir, daß du die Deinen liebst. – Aber du wolltest noch etwas?« »Ich wollte Euer Majestät um die Gnade bitten, daß ich den Feldzug gegen die Türken mitmachen darf. Ich möchte Euer Majestät so gern meine Dankbarkeit und meine Treue bezeugen.« Der Kaiser lächelte, so weit dies eherne Gesicht zu lächeln vermochte und klopfte dem Knaben auf den Kopf. »Wie steht's mit ihm, Moradowitsch?« »Er ist ein fleißiger und talentvoller Schüler, aber erst sechzehn Jahre.« »Nun, so warte noch ein Jahr; die Sache ist noch lange nicht zu Ende für dich und mich. Dann sollst du als Junker eintreten. – Lebt wohl, Kinder, es wird Zeit für mich.« Die Trommeln rasselten, der Zar grüßte und verließ den Hof. Am Ausgang lehnte er jede Begleitung ab; er schritt allein auf die Straße hinaus, bis ihm ein Isworstschik mit leerem Gespann entgegenkam. Er winkte ihm, umzukehren und warf sich in das offene Gefährt. »Na domo! – Nach Hause!« sagte er zerstreut. Die Droschke flog davon und hielt in der Nähe des Winterpalastes. Befremdet stieg der Kaiser, der es ungern sah, wenn man ihn auf seinen frühen Ausgängen erkannte, aus und fragte den Kutscher: »Kennst du mich denn?« Ein schlaues: »Nein, Väterchen!« war die Antwort. »Aber ich habe meinen Geldbeutel vergessen!« »Tut nichts, Väterchen, Du bezahlst mich ein andermal!« »Nein,« sagte der Zar, »ich mache keine Schulden. Warte hier.« Er verschwand im Schloßhof, und der Kutscher wartete geduldig. Eine kurze Weile darauf brachte ihm ein Offizier drei Imperials. Das Gesicht des Kutschers, als er mit dem reichen Fahrgeld davontrabte, konnte nicht froher und glücklicher sein als das des Offiziers, der ihm das Geld gebracht. Es war der junge Mann, der im Vorzimmer über seinem Briefe eingeschlafen war. Als er erschrocken durch die zufallende Tür aufwachte, fand er unter dem Briefe die Worte: Geschichtlich. »Vorzeiger hat zwei Monate Urlaub und aus der Kaiserlichen Schatullenkasse 500 Silberrubel zu erheben. Nikolaus.« Als der Zar zurückkehrte, warf sich der junge Offizier ihm zu Füßen. Der Zar aber sandte ihn mit den drei Imperials zu dem Isworstschik. * Und fünf Minuten vor sieben betrat der Zar sein Zimmer wieder und legte Helm und Mantel ab. Der Kammerdiener brachte ihm das Frühstück. Während er aß, schlug die Uhr sieben, zugleich wurde der Reichskanzler gemeldet. Es war ein Greis von 75 Jahren, denn der Graf war 1780 – als Kosmopolit an Bord eines englischen Schiffs auf der Reede von Lissabon – geboren, während sein Vater, aus der rheinisch-bergischen Familie der Grafen von Nesselrode-Ehreshoven stammend, dort russischer Gesandter war. Bei dem Wiener Kongreß machte sich der Graf, einer der schönsten Männer, zuerst in der politischen Welt bemerklich. Noch zeigten sich die Spuren der ehemaligen Schönheit in dem ruhigen, feinen Gesicht mit der hohen Greisenstirn. Die hohe Gestalt war nur wenig gebeugt. Der Zar bewies stets große Achtung und Rücksicht für den alten Staatsmann und legte bedeutendes Gewicht auf seine Meinung. Er kam ihm auch diesmal beim Eintritt einige Schritte entgegen und lud ihn ein, sich an dem zweiten Tisch niederzulassen, auf dessen Platte der Minister seine dicke Aktentasche öffnete. »Ich bitte, Graf, gib mir zuerst die auswärtigen Tagesberichte. Welche Neuigkeiten? Ich bin seit einiger Zeit begieriger darauf als sonst.« »Baron von Brunnow, Majestät, hat auf meine Anweisung am 15. bei Lord Clarendon amtlich angefragt, welchen Weg die englische Regierung nun einschlagen werde, nachdem ihr bekannt geworden, daß Eure Majestät die Vorschläge der Pforte abgelehnt haben. Am 16. sind dem englischen und dem französischen Kabinett durch unsere Gesandten unsere beiden Depeschen vom 7. mitgeteilt worden.« »Und die Antwort?« »Es liegt erst die des Herrn von Kisselew vor, die gestern abend eingetroffen. Der Gesandte hat von Brüssel aus in Geheimschrift telegraphiert, also das Resultat nur im Geheimen erfahren. – Hier ist die Depesche.« »Lesen Sie, Graf.« »Herr von Kisselew meldet: Am 17. Depesche nach Wien, daß Frankreich nicht weiter zur Annahme der Note rate, da unsere Kritik vom 7. anderen Sinn als die Westmächte unterlege.« »Ein leerer Vorwand, nach dem man gesucht hat.« »Der Gesandte meldet weiter: Vorschlag des Herrn Drouyn nach London, wegen der Unruhen die Flotten nach Konstantinopel zu berufen.« »Wieder ein willkommener Vorwand! – Und wie lauten die Nachrichten aus London?« »Von dort fehlen noch die Depeschen.« »Sie könnten längst hier sein, wenn man eine Antwort gegeben hätte. Lord Clarendon wird sich besinnen, auf die neuen Wühlereien des Herrn Drouyn de Lhuys einzugehen.« Der greise Staatsmann zuckte leicht die Achseln. »Was denken Sie davon, Herr Graf?« »Euer Majestät Vorliebe für England behindert Ihren sonst so klaren politischen Blick. Wenn auch gegenwärtig der Einfluß unseres Gegners Lord Palmerston beseitigt ist, bleibt England doch unverändert der geheime und bittere Gegner Rußlands und wird die Lockung nie vorbeigehen lassen, unsere Vorherrschaft im Orient zu brechen.« Der Zar schritt einige Male ungeduldig im Zimmer auf und ab. »Dieses England! Dieses England! – Ich meinte es so aufrichtig mit ihm. Der Osten und das Meer gehörten uns beiden ohne Eroberung, wenn es ehrlich gehandelt hätte.« »Ich habe immer gesagt, Rußlands natürlicher Verbündeter ist Amerika. Ein Reich, das noch eine Zukunft hat, muß sich nie mit einer Macht verbünden, die schon auf dem Gipfel steht und nach den Gesetzen der Geschichte und der Natur nur die absteigende Linie vor sich hat.« »Das hieße aber, sich mit der Revolution, mit der Massenherrschaft verbinden, die ich hasse und bekämpfe.« »Die Verfassung von England ist die ständige gefährliche Revolution, nicht Amerika, das nur damit liebäugelt. Nach Euer Majestät Prinzip gäbe es dann kein ernsthafteres Bündnis als Frankreich.« Der Zar schwieg einige Augenblicke. »Was schreibt man aus Konstantinopel?« »Staatsrat Pisani berichtet über die umstürzlerische Bewegung der Kriegspartei am 10. 29. August alten Stils. Um die doppelten Bezeichnungen zu vermeiden, geben wir, auch wo die Szene in Rußland spielt, nur die Daten des neuen Kalenders, der dem älteren um 12 Tage voraus ist. Was er mitteilt, ist von Wichtigkeit und bestätigt meine Ansichten.« »Geben Sie mir einen Auszug!« »Schon seit Beginn des Monats machte sich in Konstantinopel die Kriegspartei auffallend bemerkbar. Die zweimalige Verwerfung der Wiener Note im türkischen Staatsrat vom 14. und 15. August war offenbar ihr Werk. Eure Majestät wissen, daß der Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze dieser Partei steht und unser gefährlichster Gegner ist. Mehemed Ruschdi Pascha, Kommandeur der Garden, Mahmud Pascha, der Großadmiral, und Hamik Pascha, der Handelsminister, sind seine Anhänger. Wenn auch bei Mehemed nicht, der offenbar von ehrgeizigen Plänen getrieben wird, so doch bei mehreren anderen Persönlichkeiten, hätte meiner Ansicht nach Fürst Menschikow die zwei Millionen Silberrubel, die er für dergleichen Zwecke mitnahm, weit nützlicher für die Absichten Eurer Majestät verwenden können, als daß er sie unberührt nach Odessa wieder zurückbrachte. Der tiefe Verfall der Türkei bedingt, daß in Konstantinopel alles für Geld feil ist.« »Er ist ein Eisenkopf,« sagte der Zar, »und haßt die Türken.« »Ein wichtiger Teil der kriegslustigen Partei waren von Anfang an die Ulemas und Softas. Damals war der Koran nicht allein das religiöse, sondern auch das bürgerliche Gesetzbuch. Die Ulemas heißen die Ausleger des Korans; die Softas die Schüler und Studierenden. Das Haupt der Ulemas war der Scheik ul Islam, gleichsam Justizminister. Unter ihm, an der Spitze der Ulemas, stand der Karaskier, und diese bilden zusammen eine Ratsversammlung, an die sich der Sultan in wichtigen Dingen wandte mit der Frage, was der Koran sage. Der Beschluß des Rates heißt Fetwa, und dieser Fetwa lautete damals auf Krieg gegen Rußland. Euer Majestät wissen aus den früheren Berichten, daß Sultan Abd ul Medschid aller Tatkraft bar und ein Spielwerk in der Hand anderer ist. Um so mehr ist die geringe Diplomatie des Fürsten Menschikow zu beklagen. Reschid Pascha hat zwar die westmächtlichen Sympathien, ist aber klug genug einzusehen, daß der Türkei das unbeschränkte Bündnis mit Frankreich und England mehr Opfer kosten wird, als alle Forderungen des bisherigen russischen Einflusses. Es lebt ein tiefes, unabweisbares Gefühl in der türkischen Bevölkerung, daß eine gewaltsame Entscheidung zwischen der Herrschaft des Islam und des Christentums erfolgen müsse. Selbst die Friedensfreunde suchen sie nur hinauszuschieben.« »Der Türke ist ein unheilbar kranker Mann. Meine Großmutter, Katharina II., hat das schon gesagt.« »Bereits seit Anfang des Monats hat man an verschiedenen Orten Konstantinopels Anschläge gefunden, durch die der Sultan aufgefordert wurde, die Fahne des Propheten gegen die Christen zu erheben oder abzudanken. Die Softas und Ulemas hielten geheime Versammlungen, und am 10. überreichte eine Abordnung von ihnen dem Staatsrat ein offenes Schreiben an den Sultan, in dem durch Sprüche aus dem Koran die Notwendigkeit des Krieges dargetan wurde. Ein zweites Schreiben forderte ihn auf, bis zum Beginn des Beiram, bis zum 15. also, seine Entscheidung zu fällen oder dem Throne zu entsagen!« »Ha! – Advokaten und Pfaffen auch dort!« »Wir wissen ganz bestimmt, daß die Bewegung im stillen von Ruschdi und zwar im Auftrage von Mehemed Ali geleitet wurde. Sowohl Lord Redcliffe als Herr de Latour wußten darum, denn, nachdem sie auf Grund der bald und mit einem Dutzend Köpfe der Softas gedämpften Empörung erklärt hatten, daß sie zum Schutze der Christen am Beiram einige Kriegsschiffe nach Konstantinopel rufen würden, trafen ohne den Ferman, den der Sultan für die Flotten beharrlich verweigert, schon am Morgen des 15. von den Geschwadern in der Besikabai zwei englische und zwei französische Fregatten ein. – Dies wäre ganz unmöglich gewesen, wenn sie nicht vorher Anweisung gehabt hätten. Die englisch-französische Absicht liegt daher klar zutage.« »Und der Beiram?« »Die Prozession ist ruhig vorübergegangen.« Der Zar blieb am Tische des Grafen stehen und stützte die Hand darauf. »So mögen sie es denn haben,« sagte er nach einer Pause. »Man zwingt mich zum Kriege. Ist er einmal eröffnet, so ist sein Ende schwer zu übersehen und – eine innere Stimme sagt es mir – ich werde dies Ende nicht erleben. Aber mein Rußland wird, und wenn halb Europa dagegen in die Schranken treten sollte – es wird – es muß siegen! Ich habe es dafür stark gemacht.« Er ging gedankenvoll durch das Zimmer. »Ich habe diesen Krieg nicht mutwillig oder eigensinnig hervorgerufen, bei Gott nicht! – Aber ich und dies Reich haben unsere Sendung zu erfüllen. Diese Sendung ist das Erbe meiner Väter, politisch und religiös. Rußland ist der Damm gegen die Revolutionen, gegen die umstürzenden, zerstörenden Wühlereien von Westen her; darum, um ihnen Trotz bieten zu können, mußte es stark und mächtig sein; ich habe getan, was an mir war, selbst auf Kosten des eigenen Herzens, vielleicht des Rechts, es kräftig in seinem Innern, gefürchtet nach außen zu machen. Das Schwarze Meer ist eine Lebensnotwendigkeit für Rußland, und um seines Bestandes und der Zukunft willen kann und wird es nie dulden, daß am Bosporus ein anderer Einfluß vorherrscht. Seine religiöse Sendung, sein Erbe ist der Schutz unseres heiligen Glaubens im Süden und Osten. Elf Millionen Christen sehen aus ihrer Not, aus der täglichen Bedrängnis vertrauend auf mich. –« Er legte die Hand auf die Schulter des Kanzlers. »Ich habe das Werk meines Urgroßvaters Peter fortgesetzt, den Russen zum Bürger seines Landes zu machen und ihm seine Menschenrechte zu geben – und ich sollte zögern, wo es gilt, unseren unterdrückten Glaubensgenossen zu helfen und endlich ihre Christenrechte zu sichern?« »Erinnern Sie sich, Majestät, daß diese Absicht schon einmal an der Nebenbuhlerschaft von Frankreich und England scheiterte?« »Sie haben recht, ich war zu nachgiebig. Man soll mich nicht mehr so finden, wenn man mich denn mit Gewalt herausfordern will.« »Wie denken Eure Majestät über den Plan, den Vizeadmiral Nachimow vorgelegt hat?« »Nein, Nesselrode, nein! – Ich weiß, daß er den Erfolg mit einem Schlage sichern, den Sieg in unsere Hände geben und einen vielleicht langen und schweren Krieg vermeiden würde. Die russische Flotte von Sewastopol unerwartet in den Bosporus werfen, die Schlösser als Pfand besetzen und Konstantinopel mit einer Armee im Schach halten – der Plan ist militärisch vortrefflich, aber – es geht nicht!« »Im Falle eines Krieges sichern Sie dadurch allein Ihre Flotte und die Herrschaft des Meeres!« »Nein – nein! – Sewastopol wird meine Flotte schützen; man kann mich höchstens an den Küsten verwunden. Ich wenn man meine Westgrenzen durch Deutschland gesichert sieht?« »Ich habe bereits Euer Majestät wiederholt meine Überzeugung ausgesprochen und durch Gründe belegt, daß die Verwicklung von Frankreich veranlaßt ist und nicht so weit getrieben sein würde, wenn man nicht von vornherein die Absicht eines Krieges zwischen Eurer Majestät und England gehabt hätte. Ich bin noch immer der Ansicht, daß unsere Zeit noch nicht gekommen ist; unsere Einrichtungen und Verkehrsmittel sind noch nicht vorgeschritten genug – mit einem Wort: wir sind nicht vorbereitet!« »Dolgorucki steht für die Armee; ich kenne sie selber genau und weiß, was Kronstadt und Sewastopol leisten können.« »Zugegeben.« »Kleinmichel hat Zeit und Mittel gehabt, die Straßen im Süden genügend instand zu setzen, so daß der militärischen Verbindung kein Hindernis im Wege steht, wenn wir auch noch keine Eisenbahn haben.« »Die geringe Anzahl unserer Truppen in den Fürstentümern beunruhigt mich, Majestät. Ist der Krieg unvermeidlich, so muß man ihn mit voller Stoßkraft beginnen.« »Aber ich habe dir gezeigt, man macht mir die Pfandnahme ohnehin schon zum Vorwurf, selbst mein Schwager in Berlin. Übrigens ist Gortschakow stark genug, dem Renegaten Omer die Spitze zu bieten.« »Die französische Armee ist in vorzüglichem Stand. Wenn auch die englische Landmacht nicht ins Gewicht fällt, so kann das Bündnis doch binnen kurzer Frist eine sehr bedeutende Macht an den Bosporus werfen, die Entente cordiale wird sich ergänzen und hat die Mittel in Händen.« »Sie ist unerhört, diese unnatürliche Verbindung! Gegen alle Herkunft und Politik! Und es scheint ernst damit zu werden.« »Ich glaube, ganz Europa hat sich in dem dritten Napoleon verrechnet. Es ist offenbar, daß England hierbei sein aber opferte damit meine ganze Vergangenheit, die bewiesen hat, daß ich kein Eroberer bin! – Habe ich nicht im Frieden von Adrianopel, als die Türkei in meiner Hand war, alle Eroberungen zurückgegeben? Haben meine Schiffe und meine Soldaten nicht den Sultan zweimal vor seinen rebellischen Vasallen gerettet? Wer, frage ich, hinderte mich im Jahre 1848, als alle Welt die Hände voll zu tun hatte, zu nehmen, was ich wollte? – Statt dessen brach ich den Aufstand in Ungarn und rettete Österreich.« Der Reichskanzler beugte sich, ohne ein Wort zu entgegnen, auf seine Papiere nieder. »Ich weiß, was du sagen willst. – Man hat mich vielfach gewarnt. Fürst Schwarzenberg soll mit Bezug auf Rußland noch kurz vor seinem Tode gesagt haben: Europa würde binnen wenig Zeit über die Undankbarkeit Österreichs staunen – aber ich glaube nicht daran. Von Fritz, meinem Schwager, weiß ich, daß er es ehrlich meint mit mir. Das heilige Bündnis, das Sie selber mit schließen halfen, ist ein Erbe unserer Vorgänger. Ich traue auf den Kaiser Franz Joseph; er ist ein junger Mann, der die Überlieferungen Österreichs nicht zuschanden machen wird. Vertrauen erweckt Vertrauen! – Hier biete ich es!« Der Zar nahm einen versiegelten Brief von seinem Tisch und reichte ihn dem Kanzler. »Ich schrieb ihn diese Nacht. Schicke ihn sogleich mit einem Kurier nach Olmütz ab, wo auch mein Schwager Wilhelm schon eingetroffen sein wird. Es ist die Anzeige meines Besuchs im Olmützer Lager. – Du wirst mich begleiten; wir reisen morgen nach Warschau ab.« Der Graf legte den Brief in seine Tasche. »Und nun, Batuschka,« Väterchen. sagte der Kaiser freundlich und legte ihm die Hand auf die Schulter, »wie denkst du über den Erfolg? Werden England und Frankreich im Falle eines Krieges wirklich auf den Kampfplatz gegen mich treten, Werkzeug ist. Er hat eine Erbschaft angetreten, deren Grundsatz der Haß gegen England und Rußland ist, an denen sein Oheim unterging. Er hat vor diesem jetzt die Erfahrung und Ruhe voraus. Ein einziges Wort, das ihm zur Zeit des Staatsstreichs entschlüpft ist, enthüllt seine Pläne und seinen Charakter.« »Welches Wort meinst du?« »Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muß. – Die Verbindung mit England in einem Kriege wird und muß dessen Schwäche vor der ganzen Welt enthüllen. Frankreich, selbst geschlagen, wird der Sieger sein. Der Kampf zwischen England und Rußland kann durch die Schwächung beider Gegner nur sein Vorteil werden. In einer einzigen Berechnung wird sich hoffentlich Napoleon irren, in der Annahme, daß Österreich und Preußen sich in einem Krieg durch Teilnahme gegen uns gleichfalls entkräften werden. Diese beiden, wenn sie fest bleiben gegen die Verlockung, könnten einst das Paroli bilden; denn glauben Eure Majestät, man wird versuchen, halb Europa in eine Revolution gegen uns zu verwickeln.« »Weißt du, Nesselrode,« sagte der Zar vertraulich, »daß ich anfange, gewisse Vorschläge an Frankreich zu bereuen?« »Die von Eurer Majestät großem Ahnen überkommene Politik und die Notwendigkeiten Rußlands geboten den Versuch und gehen über jede andere Rücksicht.« »Dennoch kann ich noch immer nicht glauben, daß man zu einem Angriff gegen mich schreiten wird.« »Ich wiederhole Eurer Majestät: der Angreifende hat den Vorteil! – Es ist ein Krieg und eine Rache der Revolution gegen uns.« »Europa, die Throne sollten das bedenken.« »Leider ist auch in dieser Beziehung zu wenig vorbereitend geschehen. Euer Majestät sind nun einmal eingenommen gegen die Macht und die Bedeutung der Presse.« »Pah, ich verachte sie, es ist hohle Lüge und Schaumschlägerei durch und durch. Nichts Zuverlässiges. Auf Ihren Wunsch habe ich ja zwanzigtausend Imperials für die Zwecke bewilligt – was willst du noch mehr?« »Ich glaube, es war zu spät. Die Presse läßt sich in unserer Zeit wohl beeinflussen, aber nicht mehr kaufen. Wir haben manches versäumt. Ich kann mich von dem Glauben nicht losmachen, daß Euer Majestät der altrussischen Partei zu schnell nachgegeben haben.« »Wohl, so sei diese Reise der letzte Versuch, den Frieden zu sichern. Ich werde den Angriff abwarten und sie mögen zerschellen an Rußlands Kraft. Sind weitere Nachrichten eingegangen?« »Der ausführliche Bericht des Staatsrats Fonton über seine Reise durch Serbien. Die Bevölkerung ist begeistert für Eure Majestät und das Auftreten Rußlands.« »Das gibt Österreich einige Beschäftigung und sichert uns vor Überflügelung.« »Oberst Berger befindet sich wieder in Cettinje. Sein Einfluß ist durch die Bemühungen des Wiener Kabinetts sehr beschränkt. Der Vladika hat neuerdings strenge Verfügungen gegen das Bandenwesen erlassen müssen. Im Volk selber aber herrscht die Erbitterung fort und zeigt sich bei jeder Gelegenheit, namentlich, seitdem einer der gefeiertsten Häuptlinge, der Beg Martinowitsch, von den Türken ermordet worden ist.« »Wenn der russische Adler ruft, werden meine wackeren Montenegriner nicht müßig sein. – Es war ein großer Fehler am Wiener Kongreß, Montenegro preiszugeben und Korfu fallen zu lassen.« »Baron Meyendorf meldet aus Wien, man habe dort die bestimmten Beweise, daß die Führer der revolutionären Wühler, namentlich Kossuth und Mazzini, mit der Kriegspartei des Diwan in enger Beziehung stehen.« »Das müßte man von Konstantinopel aus wissen. Wir sind dort bei weitem nicht mehr so gut bedient wie früher.« »In Madrid ist das Ministerium Lersundi gefallen. Der Sieg der revolutionären Partei bereitet sich vor.« »Der Fluch des begangenen Unrechts. Es fehlt diesen Bourbonen an persönlichem Mut, ihr Alles in die Schranken zu werfen, sonst hätten längst die Dinge im Westen einen anderen Gang genommen.« »Der Kriegsminister wird Eurer Majestät die Berichte des Fürsten Gortschakow vorlegen, sowie die Meldung über den Zustand der Festen am kaukasischen Ufer.« »Es ist bereits beschlossen – ich gebe sie auf.« »Fürst Menschikow sendet Berichte aus Konstantinopel. Der Rest der türkischen Truppen ist am 10. nach Warna abgegangen. Die türkisch-ägyptische Flotte liegt noch immer unverändert vor Beykos. Der spanische General Prim ist nach Schumla abgereist, nachdem er in Konstantinopel spärliche Beachtung gefunden hat.« »Der Don Quichotte!« »Am Libanon, unter den Drusen, sind neue Unruhen ausgebrochen – ich habe unsere Agenten in Syrien unterrichten lassen. An verschiedenen Stellen Rumeliens, wie in Saloniki, haben neue schändliche Mißhandlungen der christlichen Untertanen ganz ungescheut stattgefunden. Aus Bulgarien ist eine Abordnung in Konstantinopel angekommen, die über die Scheußlichkeiten der Baschibozuks gegen die Bevölkerung Beschwerde führen soll.« Der Zar lachte verächtlich. »Gerechtigkeit und Schutz bei dem Moslem! – Täglich solche Erfahrungen und das christliche Europa will mir nicht gestatten, Christen gegen ihre geborenen Henker zu schützen! – Hast du aus Athen Nachrichten?« »Eine unbedeutende Veränderung im Ministerium. Der englische Gesandte tritt in verletzender Weise gegen die Sympathien auf, die sich offen unter der Bevölkerung Athens und des Landes für uns zeigen.« »Nichts Näheres? – Du weißt, Nesselrode, seine Macht ist gleich Null, aber ich rechne viel auf die Sympathien Griechenlands vor den Augen Europas.« »Ihre Majestät die Königin wiederholt unserem Gesandten die gegebenen Zusicherungen, doch ist Vorsicht nötig und man klagt über die Ränke dieses Herrn Kalergis, der eben aus Paris zurückgekehrt ist. – Alle Vorbereitungen sind getroffen; im Augenblick einer Kriegserklärung wird Major Caraiskakis sofort an der Grenze die Fahne des Kreuzes aufpflanzen und den Aufstand nach Epirus und Thessalien tragen. In Albanien von Montenegro aus, wird sein Stiefbruder Grivas das gleiche tun. Es gärt überall im Lande und das wird die Truppen in Südrumelien zur Genüge beschäftigen.« Die Uhr schlug acht. Mit dem letzten Schlage trat der diensttuende Adjutant in das Zimmer. »Sind wir zu Ende, Herr Reichskanzler?« »Ja, Majestät.« »Ah, guten Morgen Mansurow. Sie werden mich begleiten. – Wer hat heute außer den Befohlenen um Gehör nachgesucht?« »Fürst Iwan Oczakow bittet um die Gnade, sich vor seiner Abreise beurlauben zu dürfen.« »Ist er nicht dem Stabe des Fürsten Menschikow beigegeben worden?« »Zu Befehl; doch hat er zuvor Urlaub, seine auf der Kurierfahrt von Paris in Berlin erkrankte Schwester auf ihre Güter in der Krim zu bringen. Die Ärzte haben ihr den Aufenthalt im Süden verordnet.« »Wer weiter?« »Graf Lubomirski, den Eure Majestät vom Exil begnadigt haben, will seinen Dank zu Füßen legen.« »Lubomirski? – Er hat einen braven Enkel, doch liebe ich die Begegnung mit dem alten Rebellen nicht; es ist genug, daß ich verzeihe. Es war ja wohl auf Ihre Empfehlung, Nesselrode?« »Er ist ein alter Mann und hat uns in Paris mancherlei Dienste geleistet.« »Genug; sagen Sie den Herren, ich nähme die Meldung für empfangen an, aber meine Zeit wäre heute allzu beschränkt. Herr Reichskanzler, für morgen früh sechs Uhr! Der Großfürst Nikolas wird uns begleiten, von Warschau aus der Fürst Statthalter.« »Ich werde die Ehre haben, Eure Majestät auf der ersten Station zu erwarten. – Ich beurlaube mich!« »Geben Sie mir den Helm, Mansurow – kommen Sie!« – Gräfin Helene Im Hofraum eines alten Adelspalastes, deren die Altstadt Wien in ihren krummen, mittelalterlichen Straßen noch viele bewahrt hat, hielt ein reichbetreßter Stalldiener zwei prächtige, ungarische Pferde. In schwerem Silbergeschirr mit rotseidenem Behang und Zügeln, waren sie vor einen Tilbury gespannt, dessen leichter Bau das englische Vorbild verriet. Ein Jockei in Grün und Silber stand daneben; nicht weit davon wartete ein Reitknecht zu Pferde mit einem feurigen, halbblütigen Gaul. Die Treppe des Mittelbaues stiegen ein Herr und eine Dame herunter. Die junge, vierundzwanzigjährige Witwe Gräfin Helene Laszlo war eine bekannte Wiener Schönheit. Das länglich schmale, blasse Gesicht mit der feingebogenen Nase und den hochgeschwungenen, scharf gezeichneten Brauen über den feurigen Augen wies auf sarmatischen Ursprung hin. Lebhaftigkeit und Rastlosigkeit tat sich in allen ihren Bewegungen kund. Ihr Begleiter, Kapitän Meyendorf, der Neffe des russischen Botschafters in Wien, trug die Interimsuniform und Mütze eines russischen Kapitäns. Er war ein großer, schlank gewachsener Mann von dreißig Jahren und ernster, geistvoller Gesichtsbildung. Seine Brust schmückten drei Orden, ein russischer, ein österreichischer und ein preußischer. »Da Ihr Onkel mich für die Spazierfahrt im Prater zu Ihrem Ritter ernannt hat, gnädigste Gräfin,« sagte der Offizier, die Dame auf den Sitz des Wagens hebend und Zügel und Peitsche aus der Hand des Stallknechts empfangend, »erlauben Sie, daß ich Jockeidienste verrichte.« »Nichts da, Kapitän; lassen Sie Ihr Pferd meinetwegen folgen, aber setzen Sie sich zu mir. Von der Brücke ab verwalte ich selber mein Amt, ich lasse mir durch Sie das gewohnte Vergnügen nicht schmälern. Sehen Sie, wie Ali und Miß Baba in die Zügel beißen! Sie vermissen die gewohnte Hand.« »Die Pferde sind in der Tat heute sehr unruhig,« sagte Kapitän Meyendorf. Er schwang sich auf den Sitz. Der Jockei sprang hinten auf. »Es wird eine Männerhand erfordern, sie zu bändigen.« Er nahm ihre Zügel zusammen und ein leichtes Klatschen der Peitsche trieb sie vorwärts aus dem Torweg. »Nehmen Sie sich in acht,« lachte Gräfin Helene. »Ich bin gestern und vorgestern nicht gefahren; meine Pferde sind heißblütig wie die Söhne ihres Landes.« Der Wagen bog in eine der Gassen, die nach dem Stephansplatz führen. Hoch und kühn streckte sich der schönste und berühmteste Dom Österreichs in die blaue Luft. Nach dem Rotenturmtor ging die Fahrt. Die unbändigen Rosse nahmen alle Aufmerksamkeit des Führers in Anspruch; dann ging's über die Donaubrücke durch die Jägerzeile, aus der des Banus' Kroaten vor fünf Jahren die Aufständischen Haus um Haus schlugen, nach dem Praterstern. Als sie ins Freie kamen, legte Gräfin Helene die Hand auf den Arm Meyendorfs. »Halt da, Herr Kapitän; hier endet Ihr Amt. Ist es Ihnen wirklich ernst, meinen Jockei zu spielen – ei, so nehmen Sie seinen Platz ein! Lassen Sie meinen Joan Ihr Pferd besteigen; der kleine Bursche reitet vortrefflich. Ich muß Raum haben für meine Zügelkünste.« Kapitän Meyendorf hielt an und schaute ihr einen Augenblick in die dunklen Augen, auf deren Grund ihm hinter dem leichten Scherzton eine ernstere, verhaltene Empfindung begegnete. Dann übergab er zögernd Zügel und Peitsche, schwang sich auf den Hintersitz und schickte den Jockei zu seinem nachfolgenden Reitknecht. Die Peitsche pfiff durch die Luft. Die Rosse griffen aus; im Galopp bog das leichte Fuhrwerk in die große Praterallee. Der Hof, alle höheren Offiziere, ein großer Teil des vornehmen Adels und der Diplomatie befanden sich im Lager von Olmütz, das eben der Zar Nikolaus besucht hatte. Dennoch, zum Herbst aus den Bädern zurückgekehrt, war vornehme und reiche Welt genug in Wien. Die tägliche Praterfahrt gehörte fast zu den Pflichten der guten Gesellschaft. Es war der erste Oktober, ein prachtvoller Herbsttag. Wagen aller Art mit Damen in der geschmackvollen, gewählten Kleidung, die für das vornehme Wien berühmt ist, kreuzten sich in der vierten Allee. Dazwischen tummelten sich Reitergruppen oder einzelne Reiter auf guten Pferden. Während der Tilbury der Gräfin Helene in raschem Trab dahinflog und die geschickte Führerin nach rechts und links ausbog oder im wilden Lauf die Voranfahrenden überholte, erwiderte sie Grüße von allen Seiten. Manch neidischer Blick folgte dem Gefährt und dem Kapitän. Unter den Reitern befand sich ein großer, stattlicher Mann von militärischem Aussehen, in eleganter Zivilkleidung. Er hielt seinen feurigen Rappen kräftig im Zügel. Das Gesicht war italienisch, von wachsartiger Farbe. Um Mund und Nasenflügel lag ein eigentümlich scharfer Zug. Er verbeugte sich tief vor der Gräfin, die sehr freundlich, aber mit einiger Verwirrung den Gruß erwiderte und zugleich die Pferde zu noch rascherem Laufe anfeuerte. – Kapitän Meyendorf lehnte sich über die Wand des Vordersitzes. »Sie treiben Ihre Pferde zu stark, Gräfin. Es ist Gefahr, daß sie durchgehen.« Helene lachte spöttisch. »Wie kann der tapfere Besieger des Ungarvolkes von Gefahr sprechen? – Doch Sie haben recht. Ali und Baba haben ihre Schuldigkeit getan und uns aus diesem Gaffen und Begegnen herausgeführt. Jetzt mögen sie Ruhe haben.« Damit bog sie in einen Seitenweg, der fast leer war. Nachlässig im leichten Trabe ließ sie die Pferde laufen und setzte sich bequem in die Ecke zurück. »Darf man fragen, warum Sie sich nicht, wie halb Wien, mit Ihrem Onkel, dem Botschafter, im Lager von Olmütz aufhalten?« Der Kapitän sah verlegen an ihr vorüber. »Außer Ihrem ergebensten Diener scheinen doch auch andere Verehrer der Schönheit in den Ringmauern Wiens zurückgeblieben zu sein, so daß mein Verweilen wohl nicht auffallen kann. Graf Pisani zum Beispiel von der sardinischen Gesandtschaft, dem wir eben begegneten.« Helene lächelte. »Sie sind eifersüchtig, Kapitän?« »Nein – aber ich fürchte!« »Für mich?« »Ja!« »Und was könnte wohl Ihre Besorgnis für die Gräfin Laszlo, die Nichte eines Esterhazy, rechtfertigen?« fragte Helene, sich unwillkürlich stolz aufstraffend. Kapitän Meyendorf beugte sich noch weiter vor, als sollten selbst die Bäume seine leisen Worte nicht hören. »Gräfin Helene, Sie besuchen die Gesellschaften der Frau von Czezani; auch Oberst Pisani ist oft dort zu finden.« »Was weiter, Herr Kapitän?« »Die Wiener Polizei ist berühmt, Gräfin, doch entgeht ihr auch mancherlei. Warum soll ich nicht aussprechen, was stadtbekannt ist – daß man in unseren Gesandtschaften besser unterrichtet ist? Ich kenne die Berichte über diese Gesellschaften.« »Ich hätte nie geglaubt, daß Kapitän von Meyendorf sich mit politischen Späherdiensten befassen würde.« Der russische Offizier schwieg tief verletzt und lehnte sich zurück. Sie sah, daß sie sich zu weit hatte hinreißen lassen und legte mit bezaubernder Freundlichkeit die Hand auf seinen Arm. »Ich habe unrecht! Aber bedenken Sie, welche tiefe Erbitterung diese geheime Polizei unter meinen Landsleuten erregen muß. Frau von Czezani ist meine Jugendfreundin.« »Ich weiß es. Und deshalb warne ich so dringend. Unter der Maske von Gesellschaftsabenden und Festen findet sich dort zusammen, was die Hauptstadt an unruhigen, revolutionären Geistern in ihren höheren Schichten birgt. Die glänzenden, geselligen Unterhaltungen, unbeargwohnt von ganz Wien, decken verborgene Zusammenkünfte in entlegenen Zimmern und bemänteln Pläne, die ihre Fäden nach Pest, Prag und Mailand spinnen und ihren Ausgang in London, Turin und Paris haben. Von hier aus stammte die Verschwörung im Juni mit dem Vergiftungsversuch und den Verhaftungen in Schönbrunn, dessen Zusammenhang die Pforte vergeblich zu erforschen suchte. Und mit Schmerz muß ich es sagen, Gräfin Helene, daß Sie, die Zierde Wiens und Ungarns, diesem dunklen Treiben nicht fremd sind, daß Sie es wenigstens kennen und billigen.« Die junge Witwe war während dieser Enthüllung bleich geworden. Ihre feingeschnittenen Lippen preßten sich fest aufeinander. »Es ist wahr – warum soll ich es leugnen,« sagte sie endlich stolz; »ich weiß von Mord oder Vergiftung nichts; aber ich werde gern eine Märtyrerin sein für mein Vaterland Ungarn, wie so viel bessere Frauen gewesen sind unter der Stauprute des Prangers, wie in dem Moder österreichischer Kerker. Glauben Sie wirklich, daß das Blut der Batthyanyi in meinen Adern vergessen kann, daß ein Verwandter am Galgen starb? Daß es Ungarns Rechte und Freiheiten vergessen kann?« »Aber Ihr Oheim, Ihre Vettern sind auch Ungarn und doch gute Österreicher, wie tausend andere.« »Sie sind Diener und Anhänger des Kaiserhauses. Ich aber habe die Milch meines Landes getrunken, ich bin in ihm groß geworden. Doch sind das Anschauungen des Gefühls und der Entscheidung jedes einzelnen. Um nichts möchte ich Kummer auf das weiße Haar meines Onkels bringen! Ich danke Ihnen deshalb für Ihre Warnung. Ich werde in drei Tagen auf meine Güter am Maros gehen. Wollen Sie einen Teil der Jagdzeit auf meinem Schloß Bisztra zubringen? Sie kennen es und finden dort – wenn auch nicht durchgängig angenehme – Gesellschaft und werden willkommen sein.« Kapitän Meyendorf schwieg einige Augenblicke. »Ich verlasse Wien wahrscheinlich noch früher als Sie, Gräfin.« »Wie das?« »Man erwartet jeden Augenblick von Konstantinopel eine entscheidende Nachricht. Der Kaiser ist gestern, wie Sie wissen, nach Warschau zurückgereist und wird sie dort in Empfang nehmen. Ist die Pforte wahnwitzig genug, die Kriegserklärung zu beschließen, so werde ich wahrscheinlich als Kurier zum Fürsten Gortschakow gehen müssen. Ohnehin ruft mich dann meine Pflicht in die Reihen des Donauheeres.« »Wissen Sie, Kapitän, daß ich Ihnen dort näher sein werde als Sie glauben?« »Wie meinen Sie das, Gräfin?« »Von der Familie meiner Mutter habe ich zwei Güter am Schyl in der Nähe von Krajowa geerbt. Sie sehen daraus, daß ich schon als gute Untertanin des Sultans, meines Oberherrn, Ihre Gegnerin sein muß. Ich denke, noch in diesem Herbst, spätestens im Frühjahr, meine Walachen zu besuchen.« »Das dürfte doch zu gefährlich sein. Sollte es wirklich geschehen, so wird es mir hoffentlich leicht werden, einen Befehl in jener Gegend zu erhalten, um zu Ihrem Schutze bereit zu sein.« »Sie sind zu liebenswürdig, Kapitän,« lächelte Gräfin Helene mit leichter Spötterei. »Ich kann kaum annehmen, daß meine kleine Person wirklich einen Anspruch auf Ihre Teilnahme hat.« Der Kapitän beugte sich weit über den Sitz vor. »Gräfin Helene, Sie wissen nicht, welches Bild in meinem Herzen lebt, seit ich Sie damals auf Schloß Bisztra am Lager Ihres kranken Gemahls zuerst sah?« Die Gräfin schwieg. Zügel und Peitsche ruhten achtlos in ihrer Hand. »Es ist eine eigentümliche Gelegenheit, es auszusprechen,« fuhr Kapitän Meyendorf bewegt fort. »Aber Sie wissen, dem Soldat gehört der Augenblick. Seit jener Zeit, Helene, liebe ich Sie innig. Als Mann von Ehre darf ich jetzt keine Frage an Sie richten, da ich im Dienst und bei den drohenden Verhältnissen nicht Herr über mich selbst bin; ich möchte es nicht – weil ich in Kampf und Tod wenigstens die Hoffnung mit mir tragen will, in diesem stolzen Herzen ein Gedächtnis zu finden. – Aber sagen, sagen mußte ich es Ihnen, ehe ich scheide! Und jetzt, Gräfin von Laszlo, wissen Sie, warum ich in Wien blieb.« Eine lange Pause folgte dem fast scheuen Geständnis; auf Stirn und Wangen der Madjarin zeigte sich die Röte innerer Erregung. »Ich muß – ich will Ihnen dennoch eine Antwort geben, Herr Kapitän. – Wissen auch Sie, warum ich aus den Wagenreihen in die einsame Allee einbog?« Er schaute sie fragend an. Ihre dunklen Augen waren zu Boden geschlagen – sie achtete es nicht, daß die Zügel ihrer Hand entglitten. »Ich glaubte – ich wußte, daß Sie mir das sagen würden, was ich eben hörte.« »Helene!« »Halt, mein Freund! – Sie wissen, daß ich jung einen greisen Gatten erhielt, den ich kaum zwei Jahre lang als meinen Vater ehrte.« »Ich habe ihn gesehen. Sie pflegten den Greis wie einen Geliebten.« »Familienverhältnisse machten mich zu seiner Gemahlin. Er sah den Ausgang der Erhebung unseres Landes voraus, den sicheren Ruin unserer Familie vor Augen und wollte mich, die er als Kind geliebt, retten. Ich wurde die Erbin aller seiner Güter.« »Helene!« »Still! Was kümmert es uns, ob wir reich oder gering sind, ob diese Hand so vielbegehrt ist wegen des Goldes! – Krankheit fesselte meinen Gatten an sein Schloß während des ganzen Krieges. Er nahm an dem Aufstand keinen Teil und mied jeden Verkehr mit den Führern. Aber mein Herz flog mit unseren Fahnen, meine Seele war in den Schlachten, die mein Volk kämpfte! Meine Tränen flossen mit seinem Blut und meine Pulse jubelten mit seinen Siegen!« »Und ich – Ihr Feind!« »Da kommen Sie, mit den Heeren des Zaren, die Ungarn aufs neue in Fesseln schlugen! – Sie, die fremden Eroberer, brachten die Ketten, die den erwachten Riesen zu Boden warfen! – Welche Gefühle, meinen Sie, müßte die Tochter Ungarns für ihre Unterdrücker haben?« Er schwieg. Sinnend sah Helene ihn an. »Sie sind Soldat, Sie, der Einzelne, Willenlose. Sie waren edel und gut; ich danke Ihnen viel, vielleicht Ehre und Leben, als Sie die Plünderer unserer eigenen Armee, den Auswurf der Zerstreuten, Geschlagenen, bei der Beraubung unseres Schlosses überraschten und zurückschlugen. Sie schützten uns gegen alle weiteren Gefahren.« »Auch das war Soldatenpflicht.« »Es waren zwei Bilder von Ihnen in meiner Erinnerung – der Feind und der Freund.« »Und welchen sehen Sie jetzt in mir?« »Ich werde meine Hand nur einem Freunde Ungarns geben, nie seinem Feinde.« Wiederum unterbrach ein längeres Schweigen das Gespräch. Dann antwortete er mit tiefem, schwerem Ton: »Ich bin Soldat – aus fester innerer Überzeugung. Ich werde stets dahin gehen, wohin mein Kaiser befiehlt.« Sie atmete schwer, ihre Stimme zitterte. »Die drohenden Stürme werden, auch ohne unser Zutun, in vielen Ländern Veränderungen hervorbringen – wie ich hoffe, auch in meinem Vaterlande.« »Täuschen Sie sich nicht mit solchen Erwartungen. Ich beschwöre Sie – und ich will für diese Bitte jede Hoffnung opfern – denken Sie an das Schicksal der Gräfin Teleky. Bricht der Krieg aus, so wird Österreich sicher mobil machen und seine slawischen Provinzen besetzen und niederhalten; denn es weiß sehr wohl, daß ihm hier die nächste Gefahr droht. Geben Sie einen Traum auf, der nur zum Verderben führt.« Die Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoß. So jagten die Pferde, die Zügel am Boden schleifend. Sie merkte nichts – er achtete nicht auf die Gefahr. »So leben Sie wohl – meine Gebete geleiten Sie in die Schlacht!« »Helene!« Sie reichte ihm stumm die Hand, er drückte sie an seine Lippen. * Aus einem Seitenweg brachen im Galopp drei Reiter, unter ihnen Graf Pisani. Die Pferde vor dem Tilbury der Gräfin scheuten zurück; die haltende Hand fehlte. Im rasenden Lauf brausten sie dahin. »O Gott – die Zügel!« Bleich und ratlos klammerte Helene sich in der Ecke ihres Sitzes fest. Tief beugte sich der Offizier vor und versuchte vergeblich die Zügel zu haschen. Sie schleiften unter den Rädern dahin und schlangen sich um die Füße der scheuenden Pferde. Der leichte Wagen flog von einer Seite zur anderen. – Jeder Augenblick drohte ihn zu zerschellen. Gräfin Helene hielt sich mit Mühe fest. In der plötzlichen Todesgefahr bemächtigte sich der mutigen Frau eine jähe Schwäche. »Allmächtiger Gott – hilf!« »Halten Sie fest, Gräfin. – Ich versuche alles!« Während des rasenden Laufes schwang sich mit besonnener Vorsicht Kapitän Meyendorf an die Seite des Wagens nach dem Auftritt zum vorderen Sitz und faßte darauf Fuß. Die Stufe war kaum anderthalb Fuß hoch vom Boden, mit der Hand sich am Wagen festhaltend, versuchte er die Leine zu haschen. Die ersten Versuche mißglückten. Dann gelang es ihm, die Zügel zu erfassen; aber sie waren in das Geschirr verwickelt, und durch das Anspringen der Pferde erhielt er einen so gewaltigen Ruck, daß er das Gleichgewicht und den leichten Halt verlor und schwer zu Boden stürzte. Ein lauter Aufschrei Helenes gellte in seinen Ohren – ein dunkler Schatten flog vorüber. Die Zügel nicht loslassend, wurde er mehrere Schritte fortgeschleift. Dann ein plötzlicher Ruck, daß der Wagen erzitterte – die wilden Renner standen wie eine Mauer. Als Kapitän Meyendorf sich aus der Betäubung emporraffte, hielt Graf Pisani auf seinem schäumenden Renner vor dem Gespann und faßte dessen Kinnketten mit seiner kräftigen Faust. Herbeieilenden Helfern die Bändigung der Pferde überlassend, sprang der Italiener aus dem Sattel und hob die halb ohnmächtige Helene von ihrem Sitz. Er trug sie zu einem nahen Ruheplatz unter den Bäumen des Praters. »Gerettet – und durch mich!« sagte Graf Pisani bedeutungsvoll. »Ein glücklicher Tag, der mir die Hoffnung gibt, Sie nochmals zu sehen, Gräfin. Es sind vor einer Stunde höchst wichtige Nachrichten eingegangen – alle Vertrauten versammeln sich bei Frau von Czezani.« Gräfin Helene vermochte ihm nicht zu antworten, kaum konnte sie stammeln: »Mein Begleiter – Kapitän Meyendorf – –« »Ah, sorgen Sie nicht!« lachte spöttisch Graf Pisani. »Ein bißchen Schmutz –! Ein Russe macht sich nichts daraus und kommt immer wieder auf die Füße.« Er beschäftigte sich eifrig um sie. Mit Gewalt überwand Helene Laszlo die Aufregung. »Wir rechnen sicher auf Ihr Erscheinen, Gräfin. Es ist dringend, ich muß Sie sprechen.« »Ich werde kommen. – Aber wo ist Herr von Meyendorf?« Sie blickte suchend umher. Ihre Augen trafen auf den Kapitän, der, beschmutzt vom Staub des Weges, den Uniformrock an mehreren Stellen zerrissen, kaum zwei Schritt von ihnen stand und sie mit finsteren Blicken maß. Sie stand auf und reichte ihm die Hand. »Sie haben sich um meinetwillen gefährdet! – Sie konnten sich töten!« An seiner Hand glitten dunkle Blutstropfen herab. »O Gott, Sie bluten – sind Sie schwer verletzt?« »Nur unbedeutend. Das scharfe Eisen ritzte mir den Arm. – Diesmal,« fügte er mit kaltem Lächeln hinzu, »blute ich wenigstens für Ungarn.« »Es ist unser Handwerk,« sagte Pisani. »Der Herr Kapitän achtet seiner Verletzung um so weniger, als vielleicht russisches Blut bald in Strömen vergossen werden wird.« »Vielleicht ist es auch möglich, die Farbe des sardinischen zu erproben!« »Ich hoffe,« entgegnete Oberst Pisani stolz, »daß Seine Majestät, der König Viktor Emanuel, uns diese Möglichkeit durch seinen Beitritt zu den Westmächten gewähren wird.« Die Gräfin unterbrach die bitteren Worte, die wie Pistolenkugeln hinüber und herüber flogen. »Die Pferde sind beruhigt, dank Ihrer mutigen Dazwischenkunft, Herr Oberst. – Ich glaube, ich kann ungefährdet meinen Sitz wieder einnehmen.« »Darf ich mir erlauben, meine Dienste anzubieten, da der Herr Kapitän wahrscheinlich vorziehen wird, die Rückkehr seines Dieners mit neuen Kleidern aus der Stadt zu erwarten?« »So wollen wir das gemeinschaftlich tun; ich bitte, Kapitän, senden Sie rasch.« »Es ist schon geschehen,« erwiderte Kapitän von Meyendorf, der seinem eben herangekommenen Reitknecht den Befehl gegeben hatte. Er nahm den Zügel seines Reitpferdes in die Hand. »Indes bitte ich dringend, gnädigste Gräfin, sich meinetwegen nicht aufzuhalten. Ich werde im nächsten Café die Rückkehr meines Dieners erwarten und bedaure nur, daß der Unfall mich hindert, die mir von Ihrem Oheim übertragene und von mir schwer vernachlässigte Pflicht besser zu Ende zu führen. Der Herr Oberst wird sicher aufmerksamere Sorge tragen.« Sie sah ihn erstaunt an. Kalt und gemessen begegnete sein Blick dem ihren. Stolz wandte Gräfin Helene sich ab und ging nach dem Wagen, an dem die beiden Begleiter des Obersten noch hielten. Die Pferde hatten sich vollständig beruhigt; der Jockei stand an seinem Platz. »Darf ich die Ehre haben, Ihr Rosselenker zu sein?« »Nein,« sagte sie kurz. »Ich will selber fahren; man würde sonst glauben, ich hätte mich gefürchtet.« »Erlauben Sie mindestens, daß wir Sie zu Pferde begleiten. Unmöglich können wir Sie allein lassen.« Sie nickte stumm und ließ sich auf den Sitz heben. Während die Herren sich auf die Pferde schwangen, wandte sie sich noch einmal zu ihrem früheren Begleiter, der mit kalter Höflichkeit am Wagen stand. »Werde ich Sie noch sehen vor Ihrer Abreise?« Ein eisiger Blick begegnete ihrem fast zärtlich fragenden. »Die Gräfin von Laszlo hat der Freunde so viele, die sie sehen und sprechen muß, daß ich ihre kostbare Zeit nicht beschränken darf.« Der Wagen flog dahin – er sah die Tränen nicht, die sie im stolzen Zorn von den dunklen Wimpern wischte. Aber am Boden sah er es weiß schimmern; das war ihr Tuch; er hob es auf, preßte es an das heiße Gesicht und barg es auf dem tief verletzten Herzen. * In der Nähe des Palastes beurlaubten sich die Reiter von der Gräfin; Oberst Pisani kehrte nach seiner Wohnung zurück. Am Haustor fand er einen Mann von wildem, kühnen Aussehen. Er mochte zehn Jahre mehr als der Oberst zählen, der eben das vierzigste begonnen. Doch zeigten nur wenig ergrauende Haare am Scheitel und in dem kräftigen Bart das beginnende Alter. Der Mann steckte in gewöhnlichem, wenig auffallendem Anzug; doch schien sein ganzes Ich nicht da hinein zu gehören. Hätte über den funkelnden, schwarzen Augen der bänderverzierte, spitze Kalabreser gesessen, wäre die breite, gewölbte Brust statt vom Rock von der roten, silbergestickten Weste des römischen Banditen bedeckt und wäre er mit seinen Uhren, Ketten, Ringen und Amuletten beladen gewesen, um den Leib die neapolitanische Binde mit den Pistolen und den Stiletts; das hätte die passende Tracht abgegeben für die sehnige, mittelgroße Gestalt, die kräftigen Beine, die den Bergbewohner verrieten, und das ganze Wesen des Mannes, das den Gegner auf Tod und Leben zu bedrohen schien. »Ah, Signor, das nenn' ich pünktlich,« sagte Graf Pisani zu dem Fremden, indem er sich vom Pferde schwang. »Kommen Sie mit hinauf zu mir, damit wir unseren Handel abschließen.« Damit klopfte er das treffliche Roß kosend auf den Nacken. »Du hast mir heute einen großen Dienst erwiesen, Diavolo, der mich meinem Ziele um vieles näher bringt! Sollst ein doppeltes Maß Futter haben zum Dank.« Er übergab es dem Stallknecht und befahl ihm besondere Sorgfalt für das schöne Tier; dann lud er den Fremden ein, ihm zu folgen und führte ihn hinauf in sein Zimmer. Dort warf er sich aufs Sofa, winkte seinem Begleiter, sich niederzulassen und änderte sofort die Anrede. »Nun, Sta Luzia?« Der Oberst nahm eine Zigarette und schob seinem Gast die Büchse zu. »Ich habe, was Ihr braucht, ermittelt. Es wird gut sein, wenn Ihr Euch bereit haltet, morgen mit dem Frühzuge nach Pest abzureisen.« »Warum, Signor Conte? – Es gefällt mir recht gut hier. Ich bin erst drei Tage in Wien und habe die Fahrt noch in den Knochen.« »Vorerst, mein Bester,« entgegnete Graf Pisani, behaglich die Dampfwolke verfolgend, die er von sich blies, »taugt die Wiener Luft nicht besonders für Leute Eures Schlages. Ihr habt unter Garibaldi gefochten und außerdem so anderthalb Dutzend Menschen ohne Segen und Vollmacht aus der Welt geschickt – die anderen nicht gerechnet, die nachgekommen sind und von denen ich nichts weiß. Wien ist ein heißes Pflaster! Man liebt uns Italiener nicht gar so sehr hier.« »Ich bin Franzose, Signor!« entgegnete würdig der Korse. »Ah, ich vergaß. Das liebe Korsika liefert Frankreich seine Kaiser und seine Banditen. Aber abgesehen davon möchte Euch die Rückreise sonst Schwierigkeiten machen; das nächste Dampfschiff, das die Donau hinabfährt, dürfte wahrscheinlich das letzte sein.« »Wieso?« »Das werde ich Euch besser fünf Minuten vor der Abfahrt sagen. Genug, Eure Rückkehr nach Konstantinopel hat Eile; denn es wird dort jetzt reichliche Beschäftigung geben. Hier ist zunächst die Auskunft, die unser Ausschuß in Konstantinopel verlangte und wegen der er Euch hierher sandte.« »Darf ich fragen, Signor Conte, ob sich der Verdacht bestätigt hat?« »Das kann ich Euch so bestimmt nicht sagen. Das müßt Ihr selber an Ort und Stelle durch Vergleichung des Steckbriefs ermitteln. Daß der capitano tedesco Robert Blum sich in dem bezeichneten Hause versteckt hielt und durch einen Bewohner angezeigt wurde, steht fest. Der Mann ist später von Wien fortgezogen, weil er Verfolgungen fürchtete; es ist richtig, daß er nach dem Orient gegangen sein soll. Der Name stimmt freilich nicht, aber das ist kein Hindernis. Der möglichst genaue Steckbrief hier wird entscheiden, ob die erhobene Anklage des Revolutionsausschusses begründet ist.« »Gibt die Anklage ein besonderes Kennzeichen an?« »Eine starke Narbe an der linken Schläfe.« » Per bacco! – Es ist unser Mann!« »So sind wir fertig. Seid Ihr mit einem Gesellschaftsanzug versehen?« »Der Teufel hole den verwünschten städtischen Firlefanz! Was ich auf dem Leibe trage, ist alles was ich habe.« »Hier ist Geld. Ihr werdet in jedem Kleiderhaus das Nötige finden. Binnen einer Stunde müßt Ihr vornehm eingekleidet bei mir sein. Ich will Euch bei Frau von Czezani als den Marchese Lucaboni vorstellen. Es ist möglich, daß man dort Eure Auskunft über Konstantinopel braucht.« Der Korse steckte das Geld ruhig in die Tasche, zündete sich eine neue Zigarette an und empfahl sich. * Anderthalb Stunden später rollte ein Wagen auf der Straße nach Hietzing, dem beliebten Sommeraufenthalt der Wiener. Obschon die Jahreszeit weit vorgeschritten war, wohnten doch viele vornehme Familien noch hier. Die schöne Herbstwitterung erlaubte, einen großen Teil der Abende im Freien zuzubringen. Die Gesellschaft, die sich an zwei Abenden in der Woche in dem Landhause versammelte, das Frau von Czezani, eine geborene Ungarin, in Hietzing bewohnte, sammelte sich aus den verschiedensten Kreisen der lebenslustigen Hauptstadt. Man fand hier – so weit die Bäder- und Sommerreisen sie nicht entführt – Mitglieder des Adels und der Diplomatie, Größen der Geschäftswelt, Fremde, Offiziere und Künstler. Ganz natürlich erschien es, daß namentlich Ungarn das Haus ihrer Landsmännin besuchten. Ein Vorgarten schied die stilvoll gebaute Villa von der Straße. Er und die offene Halle mit dem die ganze Mitte des Gebäudes einnehmenden Salon dienten gewöhnlich zum Aufenthalt der Gesellschaft, so daß aller Verkehr sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielte und also um so weniger Aufmerksamkeit oder Verdacht erregen konnte. Rechts und links vom Salon befanden sich Spielzimmer; hinter dem Hause schloß sich, wie gewöhnlich bei den Landhäusern, ein großer, mit schönen Anlagen gezierter Garten an. Einen Seitenflügel des Gebäudes bildete das Gewächshaus, an das ein großer, gemauerter Pavillon stieß, Sommer und Winter zum Bewohnen geeignet. Laubgänge und dunkles Gesträuch umschatteten ihn und verbargen den äußeren Zugang. Die Gesellschaft war an diesem Abend zahlreich und hatte sich im Garten um eine fremde Schönheit gruppiert, die vor einigen Tagen in Wien eingetroffen und durch einen Empfehlungsbrief bei Frau von Czezani eingeführt war. Es war die spanische Tänzerin, die von Paris nach Berlin gesandt worden war. Einzelne Gruppen plauderten im Garten und Salon. Graf Pisani suchte Frau von Czezani auf, der er seinen Begleiter als den Marchese Lucaboni empfahl. Dann überließ er es dem Banditen Sta Luzia, sich so gut wie möglich zu unterhalten. Er selber durchschritt den Salon nach dem hinteren Garten, in dem verschiedene Paare auf- und abgingen. Sein scharfer Blick fand bald die Gesuchten heraus. Er folgte zweien, die in eifrigem halbleisen Gespräch vertieft waren. Der eine war ein kleiner, magerer Abbé mit fuchsartigem Gesicht und scharfen, stechenden Augen, Italiener wie der Graf; der andere war der Bankier, dessen Sendung nach Wien der Rat der »Unsichtbaren« veranlaßte. Als Graf Pisani zu ihnen trat, geschah es an einer Stelle des Gartens, an der sie durch die freie Umgebung vor jedem Lauscher gesichert waren. »Ich erwartete kaum, Sie schon hier zu finden, Baron,« sagte der Graf. »Ich glaubte Sie noch mit der Flut der Geschäfte überhäuft, die diese wichtige Nachricht mit sich bringen mußte. Wie haben Sie Ihre Verfügungen getroffen?« »Der Herr Abbé war so gütig, mir zu helfen; überdies waren alle Vorbereitungen getroffen. Um sieben Uhr ist mein erster Angestellter mit der Eisenbahn abgegangen und gibt in Brünn die Depeschen nach Berlin, Paris und London auf. Man wird sie an allen drei Orten morgen mindestens zwei bis drei Stunden vor Eröffnung der Börsen haben. Die Geschäfte können vollständig vor Beginn abgemacht sein. Ein Milliönchen, Herr Graf! Ein Milliönchen muß uns der Schlag eintragen, abgesehen von den Vorteilen für die Verbindung.« Er rieb sich vergnügt die Hände. »Aber warum gingen Sie nicht lieber selber nach Brünn? Es wäre weit sicherer gewesen!« »Der Baron,« meinte der Abbé, »muß notwendig in Wien bleiben; seine Abreise hätte Verdacht erregen können, und er allein konnte die Spekulation hier ausführen.« »Glauben Sie hier noch Erfolg zu haben? Wie hoch rechnen Sie genau den Vorsprung unserer Nachricht?« »Die Mitteilung ist darüber natürlich sehr unklar, weil sie ihren wahren Inhalt unter einer gleichgültigen Nachricht verbergen mußte. Danach ist am 26. September die Kriegserklärung im großen Rate beschlossen worden. Nehmen wir an, daß der Tatar am 26. September mittags Konstantinopel verlassen hat. Fünf bis sechs Tage braucht die Botschaft bis Belgrad. Der Pascha wird sie demnach heute morgen erhalten und unserem Agenten ausgehändigt haben, der uns von Selim aus die verabredete Anteilzeichnung telegraphiert hat. Nach dem Übereinkommen gibt Hussein Pascha die Depesche erst zwölf oder achtzehn Stunden nach der Überlieferung an uns an den österreichischen Konsul ab. Das wird also erst morgen früh geschehen, und die offizielle Nachricht, die verschiedenen Verzögerungen mitgerechnet, wird nicht vor morgen mittag hier eintreffen, wenigstens nicht bekannt werden. In jedem Fall haben wir an den drei anderen Börsen die Vorhand – wahrscheinlich auch hier; denn man wird sie nicht eher veröffentlichen, als bis Bescheid von Olmütz eintrifft.« Die Nachricht wurde in der Tat erst am 3. Oktober in London und Paris bekannt. »Die Berechnung scheint mir allerdings richtig. Sind Ihre Depeschen nach auswärts auch so abgefaßt gewesen, lieber Baron, daß sie den Beamten unverständlich bleiben und arglos weiterbefördert werden?« »Vollständig. Als ich vor vierzehn Tagen zuletzt in Paris war, ist die genaue Verabredung getroffen worden. Die Zahlen der Kurse bilden die Geheimworte.« »Dann müssen wir den Erfolg abwarten. Ich werde Sie jetzt verlassen, um durch unser Zusammenbleiben keinen Verdacht zu erregen. Sobald die Gesellschaft sich etwas gelichtet hat, treffen wir uns wie gewöhnlich im Pavillon.« Während er in den Gesellschaftskreis zurückkehrte, wandelten der Baron und der Abbé noch einigemale in den Gängen auf und ab. »Wir wurden unterbrochen durch Pisani,« sagte der Abbé; »der Gewinn, die Habsucht regieren die Seele dieses Mannes. Auf die Befriedigung dieser Leidenschaften zielen alle seine Pläne. Nebenbei ist er ehrgeizig, schlau und kühn. Man muß es anerkennen. – Der Plan also, den Sie mir entwarfen, hat die Zustimmung in Paris erhalten?« »Man wird ihn genau ausführen. – Bedenken Sie: der Kredit und das bare Vermögen Europas sind gegenwärtig in den Händen des Hauses Rothschild. Abgesehen davon, daß die Mitglieder desselben dem orthodoxen Judentum angehören, also dadurch schon Feinde aller revolutionären Grundsätze sind, bringt es die eigentümliche Stellung, die sie in Europa einnehmen, fast die einer selbstherrlichen, erblichen Macht, mit sich, daß sie nur in der Aufrechterhaltung des monarchischen Systems ihre Sicherung und ihren Vorteil sehen.« »Aber sie haben ebensogut mit Karl X. wie mit Louis Philipp und Louis Napoleon Geschäfte gemacht.« »Ich sage auch, wohl zu merken, in der Aufrechterhaltung des monarchischen Systems. Nicht der Dynastien. Die sind ihnen gleichgültig. Die Monarchen aber sind ihr persönlicher Schutz; außerdem bietet das Königtum immer mehr Gelegenheit zur Macht und zum Einfluß. Eine sozialrevolutionäre Reform der Staaten würde auch sie sofort von ihrem goldenen Throne stoßen. Selbst wenn die Grundsätze allgemeiner Gleichheit und Teilung, die doch nur der Köter für die Menge sind, glücklich an ihnen vorübergingen, wäre es aus mit ihrer Herrschaft im Geschäftsleben.« »Die Spekulation würde über die einzelne Geldmacht siegen.« »So ist es. Die Rothschilds sind demnach streng konservativ und königstreu. Sie werden dieses Prinzip stets mit ihren kolossalen Mitteln unterstützen. Es gilt nun, eine Macht ihnen gegenüberzustellen, welche die ihre brechen kann. Das ist: Das Kapital aller gegen das Kapital des einzelnen.« »Ich verstehe Sie noch nicht ganz.« »Die Staaten und die Gesellschaft besitzen noch immer mehr als das Hundertfache in Werten, was die Rothschilds doch zum größten Teil nur durch Kredit der Papiere besitzen. Man versucht nun ein Unternehmen zu gründen, das einen großen Teil dieser tatsächlichen Werte zusammenzieht. Der Kredit und die Werte, die sich weiter daran knüpfen, werden dann ungeheuer sein. Mit diesen Mitteln in Händen wird man mit Erfolg gegen die Rothschilds kämpfen und sie endlich erdrücken.« »Ich begreife das.« »Man wird mit diesen beweglichen Mitteln, mit diesem Crédit mobilier, alle staatlichen und privaten Unternehmungen an sich bringen und sich zu ihren Herren aufwerfen können. Die Eisenbahnen, die Banken, die Bergwerke müssen uns in die Hände fallen. Sie haben die Anfänge hier in Wien gesehen. Diese Gründung ist eine freie, bewegliche. Sie kann überall ins Leben treten, überall ihre Spekulationen verbreiten. Wir richten unser Augenmerk zunächst auf Frankreich, dann auf Österreich und Spanien, weil das die in ihren Finanzen bedrängtesten Staaten sind und jede Hilfe begünstigen werden. In Paris hat das Unternehmen festen Fuß gefaßt. Kaiser Napoleon hat viele tüchtige Eigenschaften, aber er ist kein Finanzmann. Der beginnende Krieg wird ungeheure Summen und Anleihen verlangen, die napoleonische Eitelkeit gegenüber dem anderen Europa desgleichen.« »Aber der Zweck für uns? Die Erfolge für die Revolution?« »Sie liegen auf der Hand, Abbé. Ich begreife nicht, wie ein Mann von Ihrem Scharfsinn sie nicht sofort übersieht. Zunächst der bedeutende Gewinn, den die Verbindung aus allen diesen Geschäften ziehen muß. Geld ist Macht. Das Pfand- und Eigentumsrecht über die Einrichtungen und Nerven des öffentlichen Verkehrs ist von nicht zu übersehendem Einfluß. Das wichtigste aber von allen, was das Schicksal Europas in die Hände der »höchsten Gewalt« legt, das ist –« »Nun?« »Das ist der Staatsbankrott, der allgemeine Bankrott der Länder, der jeden Augenblick in der Macht der Unternehmer liegt. Denken Sie die sozialen Folgen!« * Am Treppenaufgang der Villa traf Graf Pisani die Wirtin des Hauses, erregt mit dem Kammerdiener und der Zofe scheltend. »So geht es im häuslichen Leben, Graf! Immer Ärger und Verdruß.« »Und was erzürnt Sie, schöne Frau?« »Mein zweiter Diener ist schon vor mehr als zwei Stunden nach der Stadt geschickt, um mancherlei zu holen; der Mensch läßt uns im Stich und kommt nicht wieder. Ich habe ihm heute morgen den Dienst gekündigt, weil er mir ohnehin nicht gefällt, und nun trotzt er wahrscheinlich, weil ich auf seine dringenden Bitten und Vorstellungen nicht nachgab.« »Ei, gnädige Frau, das sind kleine Unannehmlichkeiten, wie sie jeder Haushalt mit sich führt. Darf ich das Vergnügen haben, Sie zu begleiten?« Die Gesellschaft hatte sich im Garten, im Salon und in den Spielzimmern zerstreut. Graf Pisani sah sich mit Frau von Czezani einige Augenblicke allein. »Ist die Gräfin Helene gekommen?« »Vor einer Viertelstunde. Ich glaube, sie erwartet Sie im Pavillon.« »Ich darf doch sicher auf den versprochenen Beistand rechnen, schöne Frau? Die Ereignisse drängen sich jetzt; ich habe heute mittag einige Beobachtungen gemacht, die mir Besorgnis einflößen würden, wenn der Zufall mir nicht glücklich zu Hilfe gekommen wäre.« »Verlassen Sie sich ganz auf mich. Ich folge ihr nach Schloß Bisztra, und wenn Sie uns dort besuchen, werden Sie sie für Ihre Absichten möglichst vorbereitet finden. – Doch sagen Sie mir um des Himmels willen, Graf, wer ist dieser falsche Marchese, den Sie uns heute zugeführt haben? Ich fürchte wirklich, mich stark bloßzustellen, so unheimlich scheint er sich in unserer Gesellschaft zu fühlen – und so unheimlich wird mir in der seinen.« Pisani lachte. »Es ist ein gezähmter Wolf. Sie sehen in dem Marchese das vollkommene Exemplar eines Korsen vor sich, der einige kleine Unannehmlichkeiten gehabt hat. Sta Luzia schwor, seinen unschuldig von den Geschworenen auf die Galeere geschickten Bruder an den achtzehn falschen Zeugen zu rächen, die seine Verurteilung herbeiführten. Er hat Wort gehalten: dem einen hat er, nachdem er sich mit der Polizei gründlich überworfen, eine Kugel in den Leib geschickt; dem anderen die Augen ausgedrückt; noch anderen furchtbare Verstümmlungen beigebracht. Ein einziger war noch übrig, der Schuldigste von allen, der Anstifter des Verbrechens, der in seinem Hause in Ajaccio sitzen blieb. Als er eines Sonntags zur Kirche ging, warf ihn am hellen Mittag ein Dolchstoß auf der Schwelle der Kirche zu Boden. Sta Luzia durchschreitet ungefährdet wie der Engel des Todes die Menge, läuft nach dem Meere und besteigt im Angesicht der ganzen Bevölkerung wieder die Barke, die ihn hergebracht. Später schloß er sich der Truppe Garibaldis an, wo ich ihn kennen lernte. Jetzt lebt er in Konstantinopel.« »Aber mein Gott! – Ich habe mein ganzes Silberzeug offen stehen – er wird doch nicht?« »Keine Besorgnis, schöne Wirtin! Unser Freund ist Bandit aus Liebhaberei, kein Spitzbube. Sie könnten Säcke Geld offen stehen lassen, er würde sie nicht anrühren. Doch ich eile zu unserer kleinen Gräfin, der die Zeit lang werden dürfte. Beschäftigen Sie möglichst die Uneingeweihten.« Er verließ Frau von Czezani und begab sich nach kurzem Verweilen in der Gesellschaft durch das Gewächshaus nach dem Pavillon. In dem achteckigen Gemach war für alle Fälle zum Schein ein Spieltisch aufgestellt. Eine Ampel goß nur Halblicht über das Gemach. Die Läden waren fest geschlossen. Er fand die Gräfin Helene Laszlo im eifrigen Gespräch mit dem Bankier, dem Abbé und einem alten Herrn, dessen faltenreiches Gesicht den scharfen sarmatischen Schnitt trug; Haar und Bart hatten die Schneefarbe des Greisenalters. »Ich sehe,« begrüßte Oberst Pisani die junge Witwe, »unsere Freunde sind mir zuvorgekommen und haben Sie von der wichtigen, uns heute nachmittag zugekommenen Nachricht unterrichtet. Am 26. September ist in Konstantinopel die Kriegserklärung beschlossen worden. Sie wird natürlich sofort erfolgen und die Feindseligkeiten an der Donau werden beginnen. Damit ist auch für uns die Zeit eines entschlossenen Handelns gekommen. Erringt Omer Pascha, was bei der Schwäche der Russen kaum zu bezweifeln ist, an der Donau Vorteile, so kann jeder Aufstandsversuch in Ungarn sich auf ihn stützen; er wird ihm den Rücken decken.« »Aber die Wunden meines Landes sind noch tief und schwer; so sehr ich es wünsche, glaube ich kaum, daß es schon wieder die Kraft haben wird, dem Feinde entgegenzutreten.« »Ein Volk verliert nie die Kraft, für seine Freiheit zu kämpfen! Und ob Ströme seines Blutes vergossen werden! Wie aus der Kadmussaat wachsen aus neuen Blutsaaten geharnischte Männer. Ich meine auch keineswegs, daß die Erhebung sogleich erfolgen soll. Es ist vorerst nur nötig, daß das Volk auf die Bedeutung des Krieges, auf diese Gelegenheit, seine Freiheit zu erringen, aufmerksam gemacht und die Verbindung mit den Ungarn in Omers Heer angeknüpft wird. Der Ausschuß in London hat entsprechende Aufrufe erlassen. Wir rechnen auf Sie, Gräfin, uns bei der Verbreitung in den Theißgegenden behilflich zu sein.« »Ich habe bereits mit der Gräfin das nötige verabredet,« unterbrach der alte Madjare. »An einem geeigneten Orte auf einem ihrer Güter wird eine Druckerei eingerichtet werden. Der Herr Abbé übernimmt es, für ein zuverlässiges Personal zu sorgen.« »Sehr gut, Doktor. Wir verlassen uns ganz auf Ihre alte Erfahrung. Was den zweiten Punkt anbetrifft: man wird besondere Vorsicht wegen der verstärkten Grenzbewachung anwenden müssen. Es handelt sich vor allem um erste ausführliche Besprechungen.« »Ich werde von Bisztra aus meine Güter in der kleinen Walachei bei Krajowa besuchen. Hier kann die Verständigung leicht erfolgen.« »Das ist der beste Plan. Wenn die Frau Gräfin ihre Einladung nicht zurücknimmt oder mich nicht dringende Geschäfte abhalten, werde ich schon Ende dieses Monats die Ehre haben, ihr meinen Besuch zu machen.« »Mein Retter von heute kann nur willkommen sein.« »Kennen Sie schon die Nachricht, Herr Graf, die uns hier eben Doktor Todd aus dem Ministerium des Auswärtigen von Olmütz bringt?« fragte der Bankier. »Nun?« »Kaiser Franz Joseph reist, statt morgen, wie bestimmt war, hierher zurückzukehren, mit Herrn von Buol nach Warschau. Eine Zusammenkunft zwischen ihm, dem Kaiser Nikolaus und dem Könige von Preußen soll dort stattfinden.« »Das ist neu und – gefährlich!« »Ich hoffe nicht,« sagte der Abbé. »Es gilt nur eilig unsere Freunde in Konstantinopel zu benachrichtigen, daß alles mögliche aufgeboten werden muß, eine Verzögerung im Beginn der Feindseligkeiten zu verhindern. Ist der Krieg erst im Gange, sind alle Vermittlungen unnütz.« Während des Gespräches war Frau von Czezani eingetreten. »Zum Glück habe ich die Notwendigkeit sicherer Botschaft vorausgesehen. Ich habe den Boten sogar mit hierher gebracht,« erwiderte Graf Pisani. »Ich wollte meine Freundin bitten,« sagte Frau von Czezani, »mit mir nach dem Salon zurückzukehren; man hat nach ihr gefragt; und Vorsicht ist nötig.« »Ich habe Ihnen allen eine wichtige Mitteilung zu machen, die ich in der Aufregung des Gespräches beinahe vergessen hätte!« rief die junge Gräfin. »Wissen Sie, daß unsere Zusammenkünfte verraten sind? Daß man weiß, was unsere Gesellschaften verbergen sollen? Daß ich selber auf das Bestimmteste gewarnt worden bin?« Alle traten unruhig näher; mehrere Gesichter wurden bleich. »Unmöglich! – Woher wissen Sie das?« Die Wangen der Gräfin färbte eine dunkle Röte. »Das ›Woher‹ ist mein Geheimnis. Ich kann Sie jedoch heilig versichern, daß es wahr ist.« »Aber wenn die Polizei eine Ahnung hätte, würde man schon eingeschritten sein.« »Nicht die Regierung ist davon unterrichtet, wenigstens zur Zeit noch nicht. – Es sind andere Personen. Ich glaube, daß wir der Gefahr begegnen werden, wenn wir die heutige Zusammenkunft hier die letzte sein lassen. Ich reise in den nächsten Tagen, und Frau von Czezani braucht nur die Empfangsabende aufzuheben und mir zu folgen.« »Aber so geben Sie uns doch einen Fingerzeig, damit wir dem Verräter auf die Spur kommen können,« sagte unmutig der Abbé. Oberst Pisani zog die schwarzen Brauen zusammen. Der scharfe Zug um seinen Mund zeigte entschlossene Härte und Grausamkeit. »Der Tod muß ihn unschädlich machen.« Ein leises Ächzen scholl durch das Gemach. Alle sahen sich erschrocken und fragend an. Dann schüttelte jeder den Kopf. Die Augen liefen umher, als könnten sie entdecken, woher der Laut gekommen – man lauschte nach den Fenstern – Da wies der Abbé stumm mit dem Finger nach dem Kamin. Eine hölzerne Vorsatztür verdeckte das Innere. Das scharfe Auge des Priesters hatte eine kaum merkliche Bewegung des Holzes erfaßt. Wie ein Tiger sprang Oberst Pisani auf den Kamin los und riß mit einem Griff die Tür heraus – im Innern hockte zusammengekrümmt ein Mensch mit bleichem, erschrockenem Gesicht in Bediententracht. Der Graf riß ihn heraus und schleuderte ihn mitten ins Zimmer. Dort fiel die Jammergestalt auf die Knie und streckte flehend die gefalteten Hände empor – die Zunge schien ihm vor Schreck und Angst den Dienst zu versagen. »Johann – mein Diener.« Der Oberst erinnerte sich, was er vorhin von Frau von Czezani über das Ausbleiben des Dieners gehört. »Wie kommst du hierher?« »Ach, gnädige Frau! Verzeihen Sie mir,« jammerte der Mann. »Bei allen Heiligen im Himmel, ich kam zufällig herein und versteckte mich, wie ich die Herren kommen hörte.« Jeder fühlte, daß der Mensch log. Helene und Frau von Czezani erblaßten und zitterten. »Das lügst du, Bursche!« sagte Oberst Pisani mit kalter Ruhe. »Wir werden dir einmal etwas näher auf den Zahn fühlen und deine Geständnisse hören; zuerst wollen wir uns aber deiner versichern. Baron, reichen Sie mir den Schal dort her!« »Gnädige Frau, Sie werden mich doch nicht ermorden lassen! Ich will ja alles gestehen! Zu Hil..« Die feste Hand des alten Ungarn preßte sich auf den Mund. Der Ruf erstickte in der Kehle. Rasch schnürte der Oberst ihm mit Hilfe des Abbé den Schal um Arme und Leib. Dann zog er aus der Brusttasche ein feines glänzendes Stilett, dessen Klinge er vor den starren Augen des Verräters auf dem Nagel des Daumens probierte. Gräfin Helene stürzte auf ihn zu und fiel ihm in den Arm. »Allmächtiger Gott! Sie werden den Menschen doch nicht morden!« »Wenn es nötig ist, Gräfin, warum nicht? Jeder ist sich selber der Nächste. Aber beruhigen Sie sich, dieses Messer soll ihn nur ein wenig schrecken und die Wahrheit ans Licht bringen. Das ist jedoch nichts für Damennerven. Ich bitte Sie, sich zu entfernen.« »Nicht eher, als bis Sie mir Ihr Wort geben, kein Blut zu vergießen.« »Auf mein Ehrenwort, es soll kein Blut vergossen werden! Baron Riepère, ich sehe, Sie zittern wie diese Damen; reichen Sie der Frau Gräfin den Arm und führen Sie sie zur Gesellschaft. – Ich bitte, nehmen Sie sich zusammen; unser aller Freiheit und Leben stehen auf dem Spiel.« Der Bankier beeilte sich, dem halben Befehl Folge zu leisten; er war selber so bleich wie der ertappte Lauscher. Als der Graf Frau von Czezani zur Tür geleitete, flüsterte er ihr zu: »Schicken Sie mir sogleich Sta Luzia hierher. Bringen Sie ihn selber bis an die Tür.« – Nach kurzer Zeit kehrte die Wirtin zurück mit dem Marchese Lucaboni, den der Oberst in das Zimmer schob. Hinter ihm verschloß er die Tür. »Fassen Sie sich,« sagte er zu Frau von Czezani. »Weiß keiner Ihrer anderen Leute, daß der Diener zurückgekehrt ist?« »Niemand hat ihn gesehen; sie schalten noch vorhin auf seine Saumseligkeit.« »Wo schläft der Mensch?« »Mit dem Kutscher zusammen über den Ställen.« »Wenn ich nicht irre, führt am Eingang des Gewächshauses eine dunkle Treppe nach dem oberen Stock. Läuft sie bis zum Boden und sind die Türen offen?« »Ich glaube ja.« »Dann kehren Sie zur Gesellschaft zurück und suchen Sie den Diener und das Mädchen in den Zimmern zu beschäftigen. Hüten Sie die Gräfin; bedenken Sie, Freundin, es geht um Tod und Leben.« Frau von Czezani versprach alles und eilte davon. * Auf dem Sofa lag ausgestreckt und festgebunden, ein Tuch in den Mund gedrückt, der Diener. Er hatte gebeichtet. Man wußte, was man wissen wollte. Bis jetzt war nur Unbestimmtes verraten worden. Die Entdeckung von heute abend hatte alles gerettet. Am Kamin standen die drei Männer. Auf der anderen Seite des Zimmers lehnte die kräftige Gestalt des Banditen in der Fensternische. Die drei wechselten nur wenige Worte. Alle empfanden die unabweisbare Notwendigkeit. Oberst Pisani trat zu dem Korsen; auch ihre Unterhaltung war kurz. »Kein Blut und kein Zeichen von Gewalt?« fragte der Bandit. »Gut. Ich weiß ein vortreffliches Mittel: ich habe es bei dem Schuft von Advokaten versucht, der meinem Bruder auf die Galeeren half. Am andern Morgen glaubte ganz Ajaccio, der Schlag habe ihn gerührt, bis ich's selber erzählte. Verschaffen Sie mir ein Kissen, Signor Conte.« Der Oberst schaute umher – auf der Lehne des Sofas lag ein weiches, gesticktes Daunenkissen. »Genügt dieses?« »Ich denke, ja. Nehmen Sie seine Füße in acht.« Der Verräter sah mit weit geöffneten Augen den Mörder auf sich zukommen. Vergeblich waren seine Anstrengungen, zu schreien und aus den Tüchern, mit denen er gebunden war, sich emporzuwinden. Sta Luzia stand vor ihm und legte ihm das große Kissen auf das Gesicht. »Ich sehe, Signor, Sie sind ein Geistlicher,« sagte er zu dem Abbé. »Ich bitte Sie, sprechen Sie ein Gebet für den Sünder.« Dann schlug er selbst in dem furchtbaren und naiven Hohn seiner Erziehung und seiner Natur das Kreuz – und setzte sich mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers auf das Kissen. * Pisani und der Abbé traten im Gespräch aus dem Garten in den Salon. Der Abbé war ein wenig bleich; der Oberst ruhig wie immer; der tiefe Zug grausamer Entschlossenheit um Nase und Mund war in der gewöhnlichen Falte verschwunden. An einem der Spieltische stand der Bankier Baron de Ripère und setzte zerstreut; Gräfin Helene saß am Klavier, ohne zu spielen. Sie schien kaum die Worte zu hören, die zwei Herren der Gesellschaft an sie richteten. Ihre Augen wandten sich furchtsam fragend auf die Eintretenden. »Es wird kühl im Garten,« sagte unbefangen Oberst Pisani. »Wir sind wahrscheinlich nicht so vertieft in den schönen Abend wie der Herr Marchese und Ihr gelehrter Landsmann, gnädige Frau, um nicht die Behaglichkeit des Salons vorzuziehen. – Wie steht's, Baron, ist das Glück wie immer auf Ihrer Seite?« Er trat zu den Spieltischen. »Diesmal droht es mich zu verlassen,« entgegnete der Bankier mit Bezug, »die Möglichkeiten sind gegen mich.« »Ei was! Man muß nicht bei jeder Bedrohung den Mut verlieren. Männer wie wir lassen sich nicht gleich einschüchtern von der Ungunst der launischen Fortuna. Ihr Spiel steht am Ende auch gar nicht so schlecht.« »Wollen Sie für mich eintreten?« »Ich setze nicht; ich überlasse nie mein Glück dem Zufall.« »Und sind Sie denn Ihres Erfolges immer gewiß?« »Ich habe ihn gesichert.« Der Bankier atmete tief auf; die Worte wälzten eine Bergeslast von seiner Brust. Gräfin Helene wurde noch bleicher als vorher. »Ich will nach Hause – mir ist nicht ganz wohl – der Schreck von heute mittag hat mich doch mehr angegriffen als ich dachte.« Ihr Aufbruch veranlaßte auch andere, zu gehen. Oberst Pisani nahm die Gelegenheit wahr, sich Frau von Czezani zu nähern, deren Augen ihn schon lange befragt hatten. »Gute Nacht, gnädige Frau, und – wenn Sie morgen zufällig etwas vom Boden Ihres Hauses holen lassen, so versäumen Sie die Anzeige bei der Polizei nicht. Ich glaube, der törichte Bursche hat sich in Verzweiflung über seine Dienstentlassung aufgehängt.« Das Geheimnis des Goldenen Horns Wo das seit Jahrtausenden berühmte Marmarameer – die Propontis der Alten – im Nordosten die Ufer zweier Weltteile zusammentreten läßt, liegen einige liebliche Eilande: die Prinzeninseln. Das Meer teilt sich hier in drei Arme: nach Nordwesten der Bosporus, im Süden das offene Marmarameer, gegen Westen eine zwischen zwei Vorgebirge des europäischen Ufers sich eindrängende Meeresbucht, das Goldene Horn. Auf dem Ufervorsprung zwischen diesem und der Buchtung des Marmarameeres liegt die Sieben-Hügel-Stadt des Ostens: Byzanz – Konstantinopel – Stambul! – Die drei Namen umfassen ihre Geschichte. Gegenüber auf der nördlichen Seite des Goldenen Hornes, dessen Ufer sich hier schroffer und steiler emporheben, liegen die neueren, zum Teil von den Genuesen und Venetianern gegründeten Stadtteile; um die äußere Spitze Tophana, daran stoßend am inneren Ufer des Hornes, Galata; über beiden terrassenförmig auf der Berghöhe Pera, die Frankenstadt. Auf der Höhe des Berges umziehen die Vorstädte Cassim Pascha und St. Demetri die Frankenstadt Pera. Stambul wird außerhalb der großen verfallenen Ringmauer, die es noch aus der Griechenzeit her einschließt, von den Vorstädten Ejub, zunächst am Goldenen Horn, und Daoud Pascha umgeben. Gegenüber dem Eingang des Goldenen Horns auf dem asiatischen Ufer liegt, stufenförmig aufsteigend, Skutari, das mit den zusammenhängenden Ortschaften entlang den beiden Seiten des Bosporus, den Palästen und Villen der vornehmen Türken und Europäer, als Vorstadt Konstantinopels gilt. Ein blauer, durchsichtiger Himmel wölbt seinen ewig heiteren Bogen über die leicht bewegte Flut, die von den Türken Giök-su – Himmelswasser – getauft worden ist. Mehrere Meilen weit durchdringt der Blick diese klare, reine Luft so deutlich und sicher, wie in nordischen Landen kaum auf die Entfernung einer Viertelstunde. Am leicht aufsteigenden Berghange, der sich in sieben Hügel gruppiert, hebt sich die riesige Stadt – Byzanz – Konstantinopel – Stambul – mit den tausendjährigen Erinnerungen des alten Thraziens, des mächtigen Römerreiches – der Kreuzzüge – des Jahrhunderte langen Kampfes des Kreuzes gegen den Halbmond; des Christenreiches gegen die Moslems; mit den Erinnerungen an Ströme von Blut, an die Siege des Halbmondes, der von hier aus Europa bedrängte und seine Roßschweife vor die Tore Wiens trug. Links – über die Kioske und Bleidächer von seltener Form, die zwischen Platanen und dunklen Zypressen von der Landseite des Horns das Auge fesseln, über das Serail – eine Stadt in der Stadt – hinweg hebt sich auch ein Dom, riesig und mächtig, ein Meisterwerk von Menschenhänden, wie die Erde kein zweites hat: Des großen Justinian heiliger Gedanke an Gott – die Sophienkirche – jetzt die Hagia Sophia; eine türkische Moschee, über deren Gigantenkuppel ein Halbmond sich in die Luft streckt, ein Wahrzeichen, damit Europa nicht seine feige Herzlosigkeit vergesse, daß es hier den Christenglauben mit Füßen treten ließ! Aus dem Meer von Häusern, alle klein, alle eintönig in ihrer rotbraunen Farbe, tauchen Paläste und die bleiglänzenden Kuppeln der beiden Bazare und zahlloser Moscheen empor. Die schlanken, säulengleichen Minaretts schießen in die Höhe, mit den schmalen Rundgängen und den grünen, hohen Spitzen, wie tausend Fingerzeige nach oben. Das Grün der Platanen wechselt mit dem dunkleren der Zypressen von den Gärten und weiten Kirchhöfen auf der Höhe der Berge; der Palast der Hohen Pforte streckt seine lange Front auf dem einzigen freien Platz zwischen den Häuserreihen. Der Turm des Seraskiers, der Feuerturm, von dessen Höhe Tag und Nacht Wächter die weite Stadt überschauen, um den Ausbruch gefährdender Flammen verkünden zu können, hebt sich wie eine Warte des romantischen Mittelalters in die Luft. Und drüben auf der andern Seite des Goldenen Horns – Chrysokeras, wie die Griechen wegen seiner vorteilhaften Lage und seines Reichtums an Fischen diesen schönsten aller Meeresarme nannten – da, wo die Mauer von Galata Pera durchschneidet, hebt sich eine wirkliche Warte aus jener Zeit, der alte Genueserturm, mächtig und frei von dem Berge ab. Auch er dient als Wachtturm. Von beiden weht die rote Fahne mit dem weißen Halbmond. Das Bergufer an der Nordseite des Goldenen Horns steigt steiler empor als das der Türkenstadt; dort kann man die Straßen und Gassen leichter verfolgen. Die Gebäude sind fester, bei den Türkenhäusern ist nur das Erdgeschoß von Mauerwerk, der Aufsatz von Holz. Die Paläste der Gesandten, darunter das große, nach der Seite von Tophana abfallende russische Gesandtschaftshaus heben sich hervor. Am Ufer des Bosporus liegt die große Geschützgießerei Tophana, von der der Stadtteil seinen Namen hat. Zwischen dem europäischen und asiatischen Ufer, doch näher an Skutari, erhebt sich eine kleine Felseninsel aus dem Meere, wie Kaub im Rhein: der Turm des Leander mit seinem Wasserschloß. Skutari erscheint, aus der Ferne gesehen, weit freundlicher und lichter als die europäische Stadt. Nach dem Marmarameer zu erstreckt sich dicht am Meeresstrand die neu erbaute Kaserne, weiß und rot angestrichen, die mehrere Regimenter fassen kann. Auf der Höhe des Berges Burgulu, an dessen Senkung sich die Stadt ausbreitet, dehnen sich die meilenlangen, großen Friedhöfe. Drei große schöne Schiffbrücken führen über das Goldene Horn, diesen prächtigsten und größten Hafen der alten Welt. Hunderte und aber hunderte von Schiffen wiegen sich auf den blauen Wellen. Riesige Linienschiffe, Fregatten, Kriegs- und Handelsfahrzeuge aus allen Gegenden und Zonen der Erde. Tausende von Kaiks, Schwalben des Bosporus, leichte, schlanke, schmale, auf beiden Seiten spitze Boote, so eng und leicht gebaut, daß sie gewöhnlich außer dem Fanarioten oder Moslem, der die Ruder führt, nur eine Person tragen, die auf dem Boden des mit Schnitzwerk und Teppich gezierten Fahrzeuges kauern muß, kreuzen und schießen in allen Richtungen mit verblüffender Schnelligkeit umher. Über die Brücken und durch die Gassen wogt fortwährend ein Gedränge von plaudernden, lachenden, lärmenden, feilschenden, eiligen Menschen. Sobald man das Ufer betritt, wandelt sich aber das schöne Bild; die Faulheit, die Unordnung und der Schmutz des Orients bieten sich in ihrer vollen Widrigkeit dar. Die Straßen, wie überall im Morgenland, eng und krumm und meistens Gäßchen, in denen oft kaum ein Fußgänger dem anderen ausweichen kann. Selbst in Pera und Galata herrscht diese Bauart vor. Die große Perastraße ist nur sechs Schritt breit. Die Stadtteile an der nördlichen Bergwand, Galata, Tophana, Pera, laufen so steil in die Höhe, daß der Weg ein bloßes Steigen und Klimmen ist. Erreicht man über die erste Schiffsbrücke das Ufer von Stambul, so tritt man in das volle türkische Leben. Über niedrige Häuser, deren Wände vom Boden bis zum Dach mit Hühnerkörben gefüllt sind, ragen die Kuppeln und Minaretts der Moschee der Sultanin Valide empor; man vertieft sich in die zahllosen Gassen und Gäßchen, die zum großen Bazar, zum alten Serail, zum Palast der Pforte, zum Hippodrom zur Suleimania Die schönste Moschee Konstantinopels, im äußeren Anblick selbst großartiger und symmetrischer als die Sophia, 1550-56 von dem Baumeister Sinan erbaut. und anderen reichen Prachtbauten führen. Die Bauart der türkischen Privathäuser ist höchst dürftig: ein Viereck, das nach dem inneren Hof oder Garten zu geöffnet ist, während nach der Straße hin entweder die Hofmauer es ganz absondert oder doch nur Erker und wenige Fenster hinausgehen, die mit grünen Holzläden oder vergoldeten Stäben vergittert und verschlossen sind. Das Dach ist flach, mit niederen Mauern oder Wänden umgeben, so daß die Familie ungesehen von den Nachbarn auf seiner Höhe sitzen kann. Das große Serail – Serai Burnu – das in der Abgrenzung der umgebenden Mauern einen Flächeninhalt wie etwa die innere Stadt Wien einnimmt, war der eigentliche Palast und Wohnsitz der ottomanischen Herrscher und der Schauplatz aller Revolutionen und Bluttaten, die so oft die Thronfolge änderten. Der Vater Abd ul Medschids, der politische Reformator Mahmud II., der die Janitscharen opferte und das Tansimat gab, verlegte die Residenz aus dem Serail, das von dem Blute seines am 28. Juli 1808 ermordeten Bruders und Sultans befleckt worden war, nach den Bosporuspalästen. Er wollte mit den Erinnerungen brechen, die sich für sein Geschlecht an jene Mauern knüpften. Kioske und Schlösser auf beiden Seiten des Bosporus und seinen zauberischen Höhen dienten zum wechselnden Aufenthalt des Sultans. Das ganze europäische Ufer des Bosporus bis Bujukdere hin ist bedeckt von Palästen und Landhäusern, die den türkischen Großen, den Gesandten und den reichen Kaufleuten Konstantinopels gehören. Das Verhältnis und die Lage der Frauen des Morgenlandes wurde lange in Europa falsch aufgefaßt; die Meinung der Menge glaubte jeden Moslem im Besitz eines kleineren oder größeren Harems und die Frauen des Orients als gänzlich willenlose, untergeordnete, dem Herrn des Hauses knechtisch gehorchende Wesen. Das war keineswegs der Fall. Die meisten Staats- und Familienränke entspannen sich im Harem und wurden von dort geleitet. Der Moslem, bis zum Sultan hinauf, stand so gut unterm Pantoffel wie der Abendländer, und die Macht und die Freiheit der Frauen war – wenn auch außer dem Hause beschränkt – im Innern desto größer. Es war dem Mohammedaner erlaubt, vier Frauen zu heiraten; sie galten als seine rechtmäßigen Gattinnen; die Zahl der Frauen des Sultans konnte sich auf sieben belaufen; doch war es selten, daß er wirklich auch nur mit einer die gesetzliche Heirat vollzog. Jeder Türke hatte dagegen damals das Recht, so viele Sklavinnen zu halten, wie er wollte und seine Verhältnisse erlaubten. Sie waren dann die Dienerinnen seiner rechtmäßigen Frauen; ihre Reize gehörten ihm – jedoch hatten sie keinerlei Rechte der Gattinnen. Die Geburt eines Kindes von ihrem Herrn, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, machte die Sklavin und das Kind frei. Das war einer der Gründe, weswegen trotz der erlaubten Vielweiberei die Zahl der türkischen Bevölkerung so gering war und von Jahr zu Jahr abnahm. Um dem durch die Fruchtbarkeit drohenden Verlust der Sklavinnen zu entgehen, erfand die Gewissenlosigkeit berechnender Klügler jene Geheimnisse des Harems, die Frucht im Mutterleibe zu ersticken oder das Weib zu seiner erhabenen natürlichen Bestimmung unfähig zu machen. Verschiedene Anordnungen des Korans beschränkten die Gewalt über die Sklavinnen und Sklaven, deren Verhältnis in der Türkei mehr das von zur Familie gehörenden Hausdienern ist. Überhaupt ist der Türke in seinem gewöhnlichen Leben, wenn nicht besondere Leidenschaften ihn erregen, milde und gerecht. Es kommt häufig vor, daß die Sklaven nach einer längeren oder kürzeren treuen Dienstzeit frei gelassen oder von dem Herrn ausgestattet, ja, mit einer Tochter der Familie verheiratet werden. Viele der ersten türkischen Würdenträger waren solche freigelassene Sklaven. Z. B. Chosrew Pascha. Selbst Mehemed Ali Pascha, der Schwager des Sultans, war ein zirkassischer Sklave. Der Harem des Sultans Abd ul Medschid bestand im Sommer 1853 aus etwa siebenhundert der schönsten Sklavinnen aus verschiedenen Ländern, die ihm die im Frühjahr des Jahres verstorbene Sultana Valide, seine Mutter, zum größten Teil selber ausgewählt hatte. Alles, was an Schönheit und weiblichen Reizen sich in den verschiedenen Abstufungen der Farben fand, war hier versammelt; selbst die Europäerin, namentlich aus den südlichen Staaten, Italien, Spanien, Sizilien. Die Frauen, die der Sultan aus der Zahl der Sklavinnen begünstigte, hießen Kadinen; die erste, die dem Padischah einen männlichen Erben schenkte, galt als die Sultana und ihr Einfluß war sehr bedeutend. Sobald ihr Sohn zur Regierung kam, führte sie den Titel Sultana Valide. – Der Sultan entließ und wechselte, mit Ausnahme der Mütter seiner Kinder, seine Kadinen nach Belieben. Manchmal wurden sie und auch andere Sklavinnen mit Würdenträgern des Reiches vermählt oder ihnen geschenkt. Das salische Gesetz hatte, in der Türkei volle Geltung; denn die Thronfolge erbte nie auf die Töchter fort, sondern nur in der männlichen Linie. Die Kadinen eines verstorbenen Sultans durften nicht wieder heiraten und wurden nach dem Eskiserail – dem alten Serail – gebracht; der Harem des Sultans Abd ul Medschid bewohnte den nördlichen Flügel des Palastes von Tschiragan und folgte seinem Herrn ganz oder zum Teil nach den verschiedenen Schlössern, in denen er seinen Aufenthalt nahm. Der Harem des Sultans wurde streng überwacht. Die große Zahl der jugendlich kräftigen Frauen blieb in den Gemächern eingeschlossen; ihre einzige Erholung in frischer Luft war, wenn – was höchstens drei- bis viermal im Jahre geschah – der Sultan die Erlaubnis gab, daß sie die Gärten von Dolmabaghdsche betreten durften. Von hohen Mauern umgeben und jedem anderen Auge als dem der Eunuchen versperrt, waren dann diese Gärten der Schauplatz einer solchen Ausgelassenheit und eines so unbeschränkten, tobenden Genusses der kurzen Freiheit, daß die europäischen Gärtner des Großherrn, wenn ihnen ein solcher Besuch angekündigt wurde, sorgfältig alle Früchte und Blumen vorher entfernten. Denn kaum ein Blatt blieb ungebrochen von dem Mutwillen der entfesselten Lebenskraft. Zuweilen – unter strenger und zahlreicher Überwachung der Eunuchen – durften auch einige der Frauen die süßen Gewässer von Asien und Europa, Lieblingsorte der Frauen von Stambul, besuchen. Wenn man das erste der sieben Vorgebirge, die den Lauf des Bosporus bilden, auf der europäischen Seite, Tophana – das alte Metopon, hinter sich hat, fährt der Kaik in die schöne Bucht von Dolmabaghdsche ein, an dem Ufer entlang, an dem früher ein Altar des Ajax und der Tempel des Ptolomäus Philadelphus stand, dem die Lateiner göttliche Ehre erwiesen. Auf dieser Reede, dem Pentecontoricon: der Reede für die fünfzigrudrigen Schiffe, ließ der Skythe Taurus auf dem Wege nach Kreta seine Fahrzeuge ankern. Am Ufer liegt die Moschee Auni Effendi. Weiter hinauf, gegenüber der Stelle, wo er seine Flotten zu sammeln pflegte, um den Schrecken an die Küsten des Mittelländischen Meeres zu tragen, steht das einfache, malerische Denkmal Haireddin Barbarossas, des berühmtesten türkischen Seehelden. Am Ufer streckt hier der Palast Tschiragan seine lange Front von Stein- und Holzbau mit Arabesken und Stuckaturen hin. An den höheren Mittelbau schließen sich zwei Flügel mit vorspringenden Seitengebäuden. Ein schmaler Kai von schönem Marmor, in den das Wassertor für die Kaiks des Großherrn einmündet, scheidet das Schloß von dem Spiegel des Bosporus; nach beiden Seiten hin haben Fenster und Erker eine prächtige Aussicht. Der nördliche Seitenflügel enthielt damals das Haremlik des Padischah; vergoldete Fenstergitter schieden es von der Außenwelt und schützten es gegen zudringliche Blicke; von innen träumte aber mancher sehnsüchtige Frauenblick in die Weite ... * Die Sonne neigte sich zum Untergang. Der kühle Seewind strich vom Pontus her durch die Engen des Bosporus. Durch die geöffneten Fenster des Kiosks Diesen Namen führen die größeren Zimmer in den türkischen Wohnungen. im zweiten Stockwerk des Haremlik strömte trotz der Herbstzeit warme, angenehme Luft in das Gemach, ein großes Viereck, dem sich am unteren Ende ein ähnliches anschloß; der mit feinen Hölzern getäfelte Fußboden lag jedoch eine Stufe tiefer, als der des oberen Zimmers; ein Geländer von Zedernholz, das in der Mitte einen Durchgang ließ, trennte das obere vom unteren Gemach. Vier dicht aneinanderschließende Fenster im erhöhten Rund bildeten einen Glaspavillon mit unbehinderter Aussicht nach allen Seiten. Um die drei Wände zog sich ein niedriger, breiter Diwan von rotem Tuch, dessen Goldfransen die Teppiche berührten. Über den Fenstern lief durch das ganze Gemach ein Gesims mit faltenreichen Vorhängen von grüner, golddurchwirkter Seide, bauschig aufgenommen durch vergoldete Bronzehalter. Über diesem Gesims lag eine zweite Reihe von Fenstern mit doppelten Scheiben von gefärbtem Glase. Bis zur Decke war die sonst einfach in weißgrauer Farbe gestrichene Wand mit Blumen, Früchten und Waffenarabesken bemalt. Die verzierte Decke war über dem unteren Raum niedriger und flacher. Gemalte, vergoldete Truhen und ausgelegte Kisten von wohlriechendem Holz standen an den Wänden und am Geländer. In der Mitte des Vorgemachs sprudelte aus einem Marmorbecken ein Springbrunnen, von den Sklavinnen mit Rosen- oder Orangenduft vermischt. In der Ecke befand sich das Tandur, der tragbare Herd mit den Holzkohlen für die Kaffeebereitung und für das Anzünden der Tschibuks und Nargilehs. Vor dem rechten Ecksitz an den Fenstern, dem Ehrenplatz, lag der Schilteh, ein dünnes, viereckiges Kissen: ein Symbol des Schaffells in dem Turkomanenzelte, dem der Sage nach das Volk der Türken entstammte. Zwei mit schweren Teppichen verhangene Türen führten aus dem Untergemach in die Diwanhane, die große Mittelhalle des Hauses, der Zugang zu allen Gemächern; eine dritte Tür befand sich im Obergemach. Ein dicker persischer Teppich bedeckte den Fußboden vor den Fenstern. Der Ehrensitz und sein nächster Umkreis waren nicht besetzt, obwohl sich zwanzig Frauen im Obergemach aufhielten. Dienerinnen und Sklavinnen harrten im Untergemach der Befehle ihrer Herrinnen. Zwei unförmig dicke Eunuchen in weiten, schreiend roten Gewändern bewachten die Eingangstüren und suchten unter der Frauenschar Ordnung zu halten. Dem Ehrenplatz gegenüber, auf den Kissen des Diwans, saßen zwei Frauen in reicher Kleidung; eine dritte kauerte auf der Decke vor ihnen. Sie flüsterten eifrig miteinander. Zwei junge Mohrinnen von zwölf Jahren bedienten sie; von Zeit zu Zeit legten die Kinder mit einer silbernen Zange eine frische Kohle auf den duftenden Tabak von Schiraz, der im vergoldeten Kopf des Nargilehs brannte. Die eine oder die andere der Frauen naschte einen Löffel von dem süßen Eingemachten aus Rosenblättern, Mastix, Limonen und Weichsel, das ihnen die Sklavinnen in vergoldeten Schalen auf einem goldenen Brett reichten. Zuckerwerk, Kaffee und dieser süße Mischmasch gehörten zu den besonderen Liebhabereien der türkischen Frauen. Die ältere dieser Frauen auf dem Diwan war trotz des weichlichen Lebens ebenmäßig, zwar über die erste Jugend hinaus im Anfang der dreißiger Jahre, aber noch nicht verblüht, wie es häufig bei den orientalischen Frauen in einem Alter der Fall ist, das bei den Nordländern erst vollkommen die Frauenschönheit entwickelt. Ihr Gesicht zeigte die reinen, klassischen Züge der kaukasischen Rasse, belebt durch feurige Augen, aus denen Stolz und Herrschsucht blitzten. Das dunkle Haar war in zahllose Flechten zerlegt und mit Goldmünzen und Perlen durchwunden; sie hingen zu beiden Seiten und im Nacken herab. Ein gelbseidenes Tuch war um den Scheitel geschlungen und mit großen Brillantnadeln festgehalten. Eine dicke, dreimal umgelegte Perlenschnur umgab den vollen schönen Hals und fiel auf die entblößte Brust herab. Aus weiten Beinkleidern von Purpurseide aus Brussa schauten die nackten, an den Zehen mit goldenen Ringen geschmückten Füße hervor. Auch die Arme waren bis an die Schultern frei, von denen offene Ärmel von Goldstoff niederhingen. Schwere Ohrgehänge von großen Türkisen aus den Minen von Nischnapur in Indien und goldene Armbänder um beide Handknöchel vollendeten den Putz. Ebenso reich waren die beiden anderen Frauen gekleidet. Das Geschmeide überstrahlte sogar an Glanz und Wert den Schmuck der ersten. Diamanten und Smaragden blitzten verschwenderisch an ihrem Turban und an der Stickerei ihres dunkelroten Untergewandes, über das ein mit schwarzem Pelz verbrämtes, kaftanartiges Oberkleid von gelber Seide fiel. Die gestickten, gelbledernen Stiefel und die beiden Yaschmaks neben ihnen, der eine mit goldenen Sternen gestickt, bewiesen, daß diese beiden nicht in den Harem gehörten und nur zum Besuch dort weilten. Die jüngere der Besucherinnen war eine türkische Schönheit von etwa siebenundzwanzig Jahren; ihre männlichen Züge erinnerten stark an den verstorbenen Sultan Mahmud I., namentlich in den buschigen Augenbrauen und der vollen, kräftigen Bildung des Mundes und des Kinnes. Die dritte auf dem Teppich mochte an vierzig zählen; in ihrem Gesicht sprach sich ein hoher Grad von Verschlagenheit, Lust und Fähigkeit zum Ränkespiel aus. Etwas entfernt von diesen dreien befand sich eine Gruppe von jungen und schönen Frauen. Nur zwei zeichneten sich durch besonderen Schmuck aus. Alle hockten und standen kindlich neugierig und aufgeregt um einen großen Kasten mit Schmucksachen und Schönheitsmitteln, den eine einfache Frau in demütiger Haltung vor ihnen ausgekramt hatte. Der Inhalt des Kastens wanderte Stück für Stück durch die an Fingerspitzen und Nägeln mit Hennah gefärbten Hände; das wirre Geschnatter und Geschwätz der Beschauerinnen mischte sich mit dem gewandten Schmeicheln der Händlerin. In stiller Zurückhaltung von der lärmenden Schar lehnte abseits auf dem Diwan ein junges Weib von kaum siebzehn Jahren. Das zarte, blasse Gesicht, von den im Morgenland seltenen aschblonden Locken umrahmt, die auf Hals und Brust fielen, erhielt durch die schwarzen, traurigen Augen einen schwärmerischen Reiz. Dieses Gesicht war edel und gütig; die Gestalt schlank. Den Kopf in die rechte Hand gestützt, sann sie teilnahmslos vor sich hin. Ihre Gewänder waren nicht so unbekümmert frei, wie die der andern. Vor ihr kniete, mit ihren Locken spielend und von Zeit zu Zeit Erfrischungen anbietend, eine junge Mohrin von hohem Wuchs und schönem Ebenmaß. Ihr weißes Gewand hob die dunkle Farbe noch mehr hervor; breite, goldene Reife zierten den nackten Hals, die Arme und Knöchel. Ihre fast klassische Kopfbildung bewies, daß sie zu einem der Stamme Abessiniens gehörte, die sich durch ihre Schönheit vor allen Schwarzen so sehr auszeichnen, daß sie kaum zu den Negergeschlechtern gezählt werden dürfen. Einige Jahre älter als die Herrin auf dem Diwan, hing sie mit einer wahrhaft mütterlichen Liebe an ihr; der lockende Schmuck, der von der Händlerin ausgelegt wurde, und das neugierige Drängen der Dienerinnen aus dem unteren Raum rührte sie nicht; nur zuweilen machte sie die blonde Träumerin fast spöttisch auf das Treiben aufmerksam. Um den Springbrunnen nähten und stickten Dienerinnen und plauderten schwarze und weiße Eunuchen. Dazwischen gingen mit unhörbarem Schritt und lässiger Ruhe andere durch die Teppiche des Eingangs ein und aus. * »Maschallah,« sagte die Sultana Adilé, die Schwester des Padischah, die ihre Schwägerin mit der Gattin Omer Paschas besucht hatte, aufgeregt zu der Gattin des Sultans. »Ist der Padischah, mein Bruder, ein Esel oder bist du nicht die Sultana seines Harems und die Mutter des Thronerben, daß du nicht die Macht haben solltest, einen Mann zu dem zu bewegen, was uns das beste dünkt?« »Ich küsse deine Augen, Sultana Adilé,« entgegnete Fatima, die Zirkassierin; »Allah und die Zuflucht der Welt Alem Penah, einer der Titel des Großherrn. haben es gewollt, daß ich die erste Frau seines Herzens bin; aber dein Bruder ist veränderlich und die Sonne seiner Gunst ist auf ein Geschöpf gefallen, das unsere Feindin ist.« Die Augen der drei Frauen wandten sich bei dieser Erwähnung auf die blonde Träumerin. »Haif! Haif! Schande! Schande! Eine böse Stunde hat sie vor den Großherrn gebracht! – Wir werden es Ali Pascha gedenken, der sie ihm zum Geschenk machte. Sie ist eine Moskow«, Moskow = Moskowite = Russe. schalt die Schwester des Padischah. »Aber ich müßte dich nicht kennen, Fatima, wenn ich glauben sollte, sie werde ihm ohne deine Erlaubnis ein Kind gebären.« »W'allah! – Haltet ihr mich für eine turkomanische Kuh? Ich habe Augen im Kopfe und sie sind offen.« Rasche Blicke kreuzten sich. »Es ist gut. – Doch laßt uns von dem reden, um das Mehemed Ali Pascha, mein Mann, mich hierher gesandt.« »Allah behüte dich, du redest Wahrheit, Sultana Adilé,« mengte sich die Gattin Omers ein. »Mehemed Pascha ist der wahre Hort der Gläubigen. Hier ist das Schreiben meines Herrn, des Serdar. Omer meldet, das er am zwanzigsten Tage des Moharrem, am 24. Oktober, den Krieg gegen die Ungläubigen beginnen will. Wir zählen heut den gesegneten Tag des siebzehnten; und es gilt vor allem zu verhindern, daß der Serdar einen Gegenbefehl vom Schatten Gottes Sill Allah, Titel des Sultans. erhält.« »Du weißt, was heute morgen im Rat geschehen ist, Fatima?« »Maschallah, was werde ich nicht? Für was habe ich Augen und eine Zunge im Munde? Ist der Kapu Agassi Das Oberhaupt der weißen Verschnittenen und der Oberaufseher des Palastes. ein Mann, der auf die Stimme der Sultana nicht zu hören wagt?« »Die Inglis und Franken tragen die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges. Sie haben eine gespaltene Zunge. Sie wünschen, daß der Padischah ihre großen Schiffe unter seine Obhut nehme. Das Kaik mit dem Rauch ist heute nach Dardanelli gefahren, um sie zu holen. Sie sind Giaurs, aber sie sind mächtig.« »Was sind sie in Rum, in der Welt? – Nichts! – Der Padischah ist alles.« »Das ist es nicht, was uns den Stein der Sorge auf das Herz legt,« fuhr beharrlich die Sultana Adilé, die Gattin Mehemeds, des Hauptes der alttürkischen Partei, fort. »Aber man hat auf das Verlangen der Christen im Diwan heute beraten und beschlossen, daß Omer, dein Mann, o Khanum, noch zögern solle, die Moskows die Schärfe des Schwertes fühlen zu lassen.« »Fluch über die Feiglinge!« raunte zornig die Khanum; »die das geraten, sind Söhne eines Hundes, ihre Väter sind Hunde und ihre Mütter sind Hündinnen. Sie verunreinigen mit ihrem Atem den Ruhm des Großherrn.« »Allah bilir, Gott allein weiß es!« stimmte die Schwester des Padischah bei. »Wer wird unsere Schulden an diese Armenier und Juden bezahlen, wenn es nicht zum Kriege kommt und unsere Männer Geld verdienen? – Sieh mich an, Licht meiner Augen, Sultana Fatima, du mußt es verhindern!« Fatima, die Zirkassierin, wiegte schlau den Kopf. »Der Padischah ist unser aller Herr. Wie kann ich tun, was du sagst? Ich bin nichts als ein Weib.« Die erste Khanum Omers, eine frühere Dienerin des Palastes, deren Ränken der türkische Heerführer hauptsächlich seinen raschen Aufstieg verdankte, verstand jedoch in Fatimas Augen zu lesen. »Allah erbarme sich! – Wo wäre unsere große Sultana, wenn sie nicht für jede Gefahr ein Mittel hätte. Ich weiß, was ich weiß.« »Wieviel Sonnen braucht ein Tatar, ein Kurier, um zu deinem Gatten zu kommen?« »Der Serdar ist in Rustschuk. In drei Tagen macht der Tatar den Weg, wenn die Balkanpässe offen sind.« »Pek äji! Sehr wohl! – Wißt ihr, ob die Botschaft schon abgesandt ist?« »Mein Gatte Mehemed fürchtet es.« »Ein Mann ist ein blindes Tier; er sieht nichts! – Der Padischah hat sie in der Tasche behalten.« »Adschaid! – Wunderbar!« Beide Frauen hoben die Hände in die Höhe. »Ihr seid keine Eselinnen; euer Witz ist gut; wißt ihr, warum?« »Wir sind Staub unter deinen Füßen,« liebedienerte die Khanum. »Wir wissen nichts.« »Bak – seht.« Fatimas Finger wies auf die blonde Träumerin, die in diesem Augenblick, halb aufgerichtet, aufmerksam auf die Händlerin schaute. »Ne olda – was gibt es?« »Wenn wir ihn fern von dieser Ungläubigen halten können, wird auch die Botschaft nicht abgesandt werden. Wir brauchen nur zwei Tage Zeit. Hafiz sagt: Der Wille eines Mannes ist Wachs in der Hand eines Weibes, das sein Lager teilt.« Die Khanum nickte verstehend. »Wird der Herrscher der Gläubigen die Nacht in diesem Harem zubringen?« »Ich glaube es. Er hat mir seinen Besuch verkünden lassen.« »Deine Reize sind groß, Sultana; sie blühen wie die Rosen von Schiraz. – Aber warum hast du denn diese Schlange hier behalten?« »Du redest Torheit! – Die bösen Augen der Moskow haben den Padischah bezaubert. Wenn er sie nicht hier wüßte, würde er zu den anderen Kadinen gegangen sein – oder zu ihr allein. Glaubst du, daß diese da mir schaden werden?« Sie wies nach den beiden Frauen in der Gruppe um die Händlerin. »Pah, sie sind der Hauch meines Odems!« Die schlaue Zirkassierin hatte wohlberechnet die beiden jüngsten und schönsten der Kadinen in die Abteilung des Harems gezogen, die sie bewohnte. Ebenso erschmeichelte sie, daß die junge Blonde, die erst seit kurzem im Harem des Großherrn war und von Abd ul Medschid Khan auffallende Beweise großer Zuneigung erhielt, in ihrem Haremlik blieb. »So wird die Sultana Fatima selber das Lager der Zuflucht der Welt besteigen und seinen Willen einschläfern?« »Nicht ich, o Sultana Adilé. Auch jene beiden nicht, wenn ich ihnen auch vertrauen kann. – Der Padischah soll eine Überraschung erhalten, die seinen Geist in den siebenten Himmel des Propheten führt. Hört!« Fatima klatschte zweimal stark in die Hände; aus dem Untergemach näherte sich sofort eine widerwärtige Erscheinung. Auf einem kleinen, breiten Körper mit Säbelbeinen hockte ein unförmiger, kürbisartiger Kopf mit einem Munde, der das Gesicht in zwei Hälften schnitt. Aus den Augen leuchteten Bosheit und List; die rote Kleidung bewies, daß der Zwerg zu den Eunuchen des Harems gehörte, und die Peitsche an seinem Gürtel, daß er einer der Aufseher über die Sklavinnen war. Der Zwerg verbeugte sich tief vor der Sultana Fatima und blieb, die Hände über die Brust gekreuzt, in gebückter Stellung vor ihr stehen. »Hast du Nachricht für mich?« fragte Fatima. »Ist neues vorgefallen?« »Ich küsse den Staub deiner Sohlen; nichts, o Herrin!« »So können wir auf den Sir Kiatib Der Sekretär des Sultans. und seine Versicherung rechnen, daß der Ferman noch nicht abgesandt ist?« »Bei meinen Augen, Herrin. Er lag zur Unterschrift des Padischah bereit, aber der heilige Scheik ul Islam Der oberste Geistliche und Richter.] hat das Versprechen des Herrn der Welt, daß noch einmal darüber beraten werden solle. Der heilige Mann und der Saderel Azan Titel des Großwesirs. Mustapha gehörte zur Friedenspartei.] haben sich böse Worte gesagt.« »Er ist unser Feind,« warf die Schwägerin Fatimas ein, »möge seine Leber schwarz werden.« »Ist alles geschehen, wie ich befohlen? Sind die Almen Tänzerinnen. bereit? Und das Spiel? – Haben die Weiber die Sklavin vorbereitet und sie gesalbt?« »Möge das Licht deiner Augen auf deinen Sklaven fallen. Das Mädchen hat das letzte Bad erhalten; und ihre Schönheit strahlt wie der Abendstern neben der Sonne der Sultana.« »Es ist gut! Laßt uns das Ende erwarten. Allah möge uns beistehen.« Der durchdringende, helle Klang zweier zusammengeschlagener Becken unterbrach das Gespräch. »Der Padischah!« * Indes die drei ränkevollen Frauen im Obergemach dazu beitrugen, für die Wünsche der alttürkischen Partei und ihre eigenen Hoffnungen den Ausbruch des Krieges zu veranlassen, begann die blonde Mariam aufmerksamer die jüdische Juwelenhändlerin zu beobachten. Denn als zufällig ein Blick Mariams auf sie fiel, machte die Händlerin ein rasches Zeichen und legte den Zeigefinger der linken Hand auf die Lippen. Ein zweiter deutlicherer Wink der Augen zeigte Mariam, daß die Jüdin ihr etwas mitzuteilen habe; aber vor den bewachenden Augen der Sultaninnen wagte sie sich nicht selber zu nahen. Mariam erhob sich langsam, trat wie aus Neugier zu ihren Gefährtinnen heran und nahm eine oder die andere der Schmucksachen in die Hand. Die gewandte Händlerin ergriff sofort die Gelegenheit. »Ai, Herrin,« sagte sie, mit scharfem Blick die Blondlockige bedeutend, sie möge aufpassen. »Der Gott Abrahams segne deine Schönheit. Willst du nicht dieses Halsband versuchen? Es sind reine Amethyste aus dem kalten Lande der Moskowiten, unserer Feinde, wo der Schnee das ganze Jahr lang auf der Erde liegt und die Sonne die Hälfte der Zeit nicht untergeht und die andere Hälfte Nacht ist. Sibirien, woher die schönsten Amethyste kommen. Nimm, o Khanum, und prüfe es an dem Elfenbein deines Halses.« Sie drängte Mariam das Halsband auf und dabei fühlte diese, daß aus dem weiten Ärmel der Jüdin ein anderer Gegenstand in ihre Hand glitt. Besonnen trat sie vor einen der großen Spiegel; meist Geschenke europäischer Fürsten, waren sie in kostbaren Rahmen an der Wand des Kiosk ohne alle Regelmäßigkeit aufgehängt worden: eine Lebensnotwendigkeit für die eingesperrten, putzhungrigen Haremsbewohnerinnen. Mariam legte das Halsband um, und ließ dabei geschickt den zusammengerollten Streifen Pergament, den sie mit dem Schmuck erhalten, in den spitzen Ausschnitt ihres Gewandes gleiten. Dann gab sie ablehnend den Schmuck wieder zurück und kehrte an ihrem Platz zurück. Noch ehe sie ihn erreichte, erscholl das Zeichen, das den Besuch des Großherrn verkündete. Die Jüdin raffte ihre Sachen eilfertig zusammen und warf der blonden Mariam noch einen raschen bedeutsamen Blick zu. Dann wurde sie von den Verschnittenen aus dem Gemach getrieben. Auch die erste Khanum Omer Paschas schlug ihren Yaschmak um und barg sich nach raschem Abschied von Fatima unter den Dienerinnen im Untergemach. Während die beiden hübschen Kadinen zu der Sultana traten, stellten sich die andern Frauen in zwei Reihen an den Diwans auf; sie kreuzten die Hände über die Brust und senkten die Augen zu Boden, in gleich demütiger Haltung verharrten die Dienerinnen und Eunuchen im Untergemach. In der voraufgehenden Bewegung gelang es Mariam, den Zettel in der hohlen Hand zu lesen: »An die Khanum Mariam. – Die Verschiebung des Angriffs auf zehn Tage ist heute im Diwan auf den scheinbaren Rat des englischen Eltschi, des Gesandten, beschlossen; heimlich aber drängt man den Sultan, die Absendung des Befehls zu verzögern. Erlange um jeden Preis seine Unterschrift und die Absendung des Fermans, noch womöglich in dieser Nacht; denn morgen wachen die Feinde. Im Namen des Gottes, den du im Herzen verehrst. Es ist wichtig!« Sie bog den Streifen zusammen und verbarg ihn im Gewand; denn das Zusammenschlagen der silbernen Becken verkündete das Nahen des Sultans. Die mit entblößten Säbeln Wache haltenden Eunuchen hielten den Vorhang zu beiden Seiten des Eingangs empor. Zunächst traten vier Itschoklans, Pagen, ein – schon in ihrer Jugend verstümmelte Kinder – und schritten bis zu der Stufe des Obergemachs vor. Ihnen folgten vier schwarze Eunuchen, die Becken schlagend; darauf der Tschannador-Aga, Der Zweite unter den schwarzen Verschnittenen. Kislar-Aga, der Erste, ist einer der einflußreichsten Posten. den großen Pfauenwedel tragend, mit dem die Pagen dem Großherrn Kühlung zufächeln. Hinter ihnen kamen die beiden Schwertträger des Sultans und dann dieser selbst, auf den Arm des Kislar-Aga gestützt. Der Kapu-Aga, das Oberhaupt der weißen Verschnittenen, schloß den Zug, an der Spitze von vier mit blanken Säbeln bewaffneten zirkassischen Sklaven. Der Großherr – Abd ul Medschid Khan – stand im einunddreißigsten Jahre. Seine große Gestalt schritt leicht vornübergeneigt; das volle, fleischige, aber blasse Gesicht trug einen Zug von Gutmütigkeit, aber es hatte durch den frühen Genuß der Haremsfreuden, zu denen ihn seine ehrgeizige Mutter verleitete, einen schlaffen, teilnahmslosen Ausdruck. Alles innere Leben schien aus diesem Antlitz verschwunden, das durch die breite, offene Stirn und die edle Nase hätte schön sein können, wenn die großen, dunkelbraunen Augen mehr Feuer und nicht jenen stumpfen Blick der Seelenmüdigkeit gezeigt hätten. Wenn Abd ul Medschid Khan die niedergeschlagenen, langbewimperten Lider hob, war der Blick starr und kalt; nur selten sprühte ein Blitz der Leidenschaft oder des Bewußtseins der Macht; dann waren sie den scharfen, wilden Augen seines großen Vaters ähnlich. Der Sultan trug halbeuropäische Tracht; weiße Beinkleider, darüber einen zugeknöpften, indigoblauen Rock mit steifem Kragen, den roten Fes und gelbe Pantoffeln. Ein mit großen Diamanten besetztes Brustschild schloß den Rockkragen. Als Abd ul Medschid Khan über die Schwelle trat, fielen Dienerinnen und Eunuchen kniend nieder, mit der Stirn fast die Erde berührend; auch die Frauen beugten sich tief und verharrten, alle das »Salem aleikum«; den türkischen Gruß, murmelnd, bis der Sultan durch ihre Reihen hin zu dem Ehrensitz in der Ecke geschritten war. Ein rascher, kurzer Seitenblick, als er an Mariam vorüberging, war nicht nur von ihr, sondern auch von der Sultana Adilé und Fatima bemerkt worden und bewies ihnen, daß er, trotz seiner äußeren Gleichgültigkeit, auf seine Umgebung achtete. Die Erfahrungen seiner Jugend, der Druck seines herrischen, keinen Willen neben dem seinen duldenden Vaters, die Erziehung nicht im Feldlager, sondern im Harem, in den er mit seinem dreizehnten Jahre eingeführt wurde, trugen die Schuld an seinem schüchternen, unentschlossenen Wesen. Etwa anderthalb Jahre vor seinem Tode, am 2. Juli 1839, schenkte ihm Sultan Mahmud eine Zirkassierin, zu der Abd ul Medschid eine heftige Neigung faßte. Das unnatürliche Gesetz, daß die Söhne und Brüder des Sultans bei seinen Lebzeiten keine Kinder haben durften, war ihm bekannt. Als die Zirkassierin sich Mutter fühlte, weigerte sie sich, mit einem jener geheimen Mittel das Kind unter ihrem Herzen zu töten. Der Prinz, der sie liebte, konnte sich nicht entschließen, sie zu zwingen. Er rechnete auf den Tod des Sultans, der sich dem Trunke ergeben und schon mehrere Anfälle des Delirium tremens gehabt hatte; dann konnte er als Herr und Gebieter die Sklavin und ihr Kind anerkennen. Bis dahin suchten beide auf alle mögliche Weise die Schwangerschaft zu verbergen. Aber der Neid der andern Frauen brachte sie an den Tag. Der Sultan Mahmud stellte die grauenvolle Wahl, daß entweder das neugeborene Kind oder die Sklavin geopfert werden müsse. Die Geliebte des Prinzen weigerte auch jetzt noch standhaft das Verbrechen gegen die Natur; als der junge Abd ul Medschid zwei Abende darauf zum Harem kam, war sie verschwunden – man hatte sie erdrosselt. Vier Wochen später starb Sultan Mahmud am Säuferwahnsinn in seinem Kiosk auf den Höhen von Goksu am asiatischen Ufer des Bosporus. Abd ul Medschid gelangte mit sechzehn Jahren zum Sultanat, doch hatte er damit kaum den Herrn gewechselt. Denn die Sultana Valide, seine Mutter und der ränkelistige alte Chosrew Pascha hielten ihn unter ihrem Druck, bis unter ihnen selber Feindschaft ausbrach. Auch nachher noch gönnte Abd ul Medschid seiner Mutter einen großen Einfluß auf die Regierung, bis sie im Frühjahr des Jahres 1853 starb. Ehe sie erkrankte, hatte der Sultan von Ali Pascha, dem Gouverneur von Brussa, die blonde Mariam zum Geschenk erhalten. Er widmete ihr besondere Aufmerksamkeit, da sie seiner ermordeten Geliebten auffallend ähnlich sein sollte. Dieser Vorzug hatte unter den Frauen des Harems Aufregung und Eifersucht hervorgerufen; und ihr Haß und die Herrschsucht Fatimas erschwerten und bekämpften die Hinneigung des Sultans zu seiner neuen Geliebten auf alle mögliche Weise. Man sah in ihr nicht nur die gefährliche Nebenbuhlerin um die Gunst des Sultans, sondern auch um den politischen Einfluß. Es ging das Gerücht im Harem, sie sei eine heimliche Christin und von der gegnerischen, russisch gesinnten Partei in den Harem gebracht. Einer Schwangerschaft waren die geschickten Anschläge Fatimas schon zuvorgekommen, da die Geburt eines Kindes Mariam den Sultaninnen gleichgestellt hätte, während die Unfruchtbarkeit für eine Schmach gehalten wird und die Geliebten ohne Rechte nur in der Lage einer begünstigten Sklavin verbleiben läßt. Selbst der Wille und die Macht des Sultans vermochten sie kaum gegen die Angriffe ihrer Feindinnen zu schützen. Mariam war eine Mingrelierin von Geburt, mit ihrer Mutter – einer Russin – als Kind in die Hände kurdischer Räuber gefallen und später unter den Schutz Ali Paschas gekommen; er machte sie dem Harem seines Gebieters zum Geschenk. Näheres wußte man nicht von ihr; doch alle sahen, daß sie, dankbar für die Gunst des Großherrn, ihn hingebend liebte. Ein Schlag der Silberbecken verkündete, daß der Großherr Platz genommen hatte; auf dieses Zeichen erhoben alle das Haupt. Fatima und die Schwester des Großherrn ließen sich auf Kissen an seiner Seite nieder; neben ihnen die beiden anderen Kadinen. Die andern Frauen kauerten an den Wänden entlang auf dem Diwan. Neben den Kadinen nahmen der Kislar Aga und der Kapu Agassi ihre Sitze ein. Der Tschannador schritt feierlich, eine mit Edelsteinen reich verzierte Pfeife mit einem sieben Fuß langen Rohr von Jasminholz auf dem Mittelfinger der rechten Hand wiegend, heran. Ein anderer Offizier brachte in der silbernen Zange aus dem Tandur die brennende Holzkohle für den Tabak. Dann erst, als die Pfeife in Brand war und er mehrere Züge des duftigen Dampfes getan, wandte sich der Sultan zu seiner Schwester und der Sultana. Er begann das Gespräch mit der üblichen Begrüßung: »Kosch dscheldin« Ihr seid willkommen. und der Frage: »Kiefiniz aji me: Ist eure Laune gut?« Aber ehe sie antworten konnten, erscholl in den Gängen des Palastes der Ezan, der Ruf des Imams zum Gebet. Sofort kniete der Sultan mit dem Gesicht nach Mekka auf dem Teppich nieder; alle Anwesenden warfen sich zu Boden und verrichteten das Abendgebet. Erst als der Padischah wieder Platz genommen hatte, erhoben sich die anderen. Der Kaffee wurde dem Sultan gebracht. Die Sultana Adilé, seine Schwester, verabschiedete sich und wurde, rückwärts schreitend, von ihrer Schwägerin Fatima bis an die Tür der Frauengemächer geleitet. Ihren kurzen Heimweg trat sie im Kaik nach dem Harem Mehemed Ali Paschas an. Es war draußen dunkel geworden. Diener erhellten das Gemach mit Wachskerzen; die Baltahgies, die Köche des Harems, traten ein und ordneten auf einem Tisch vor dem Großherrn die zahlreichen Gerichte. Diese bestanden – wie stets, wenn der Großherr im Harem speiste – aus türkischen Speisen, der Thorba oder Fischsuppe, Dolmas: Reis mit Fleischkugeln in Weinblätter gewickelt, Kaftas: gefülltem Fleisch; einem gebratenen Lamm in einem Berge von gekochtem Reis, und Halwas oder Zuckerfrüchten und Eingemachtem, von denen viele kleine, silberne Schüsseln aufgesetzt wurden. Der Padischah speiste allein, von den Pagen kniend bedient; es war nicht erlaubt, daß ein Mann und noch weniger eine Frau seine Mahlzeit teilte. Doch sandte er häufig durch einen Wink an die Pagen einer oder der anderen der Frauen, darunter auch Mariam, eine silberne Schale mit eingemachten Früchten und Leckereien. Während der schweigenden Mahlzeit verrichtete am Eingange des Obergemachs die Massaldschi (Märchenerzählerin) ihr Amt; in eintönigem Gesang erzählte sie eines jener phantastischen Märchen, deren Anhören in den Kaffeehäusern, auf den Straßen und in den Harems einer der größten Genüsse der Moslems ist. Mit den buntesten Farben schilderte sie das Liebesglück, indes Fatima dem Großherrn aus einer goldenen Kanne Wasser über die Hände goß. Ein Page hielt kniend das Becken, in dem der Padischah die vom Koran vorgeschriebenen Abwaschungen ausführte. Mit gleicher Feierlichkeit wie vor der Mahlzeit wurden dem Gebieter der Kaffee und eine neue Pfeife gebracht. Die Überreichung des Kaffees in den vornehmen Häusern auch bei den Besuchen war damals so charakteristisch, daß eine kurze Beschreibung aus jener Zeit angeführt werden soll: Nach dem Befehl erscheint der Kafidschi – der Kaffeebereiter – auf beiden flachen Händen in der Höhe der Brust ein schmales Brett haltend, worauf die von einer reichen Decke ganz verhüllten kleinen Kaffeekannen und Tassen stehen. Sofort drängen sich die Diener um ihn, die verhüllende Decke wird abgenommen und dem Kafidschi über Kopf und Schulter gelegt. Wenn jeder Diener – für jeden Gast ein besonderer – mit seinen Tassen in Ordnung ist, drehen sie sich zugleich um und gehen langsamen Schrittes auf die verschiedenen Gäste zu. Die kleinen, kaum ein halbes Ei großen Tassen (Fliudschan) stehen in silbernen Untertassen (Zarf) von derselben Form wie die Obertassen, nur am Boden etwas weiter; sie bestehen aus durchbrochener Silberarbeit oder Filigran, auch aus Gold und Edelsteinen oder aus feinem Porzellan. Die Diener tragen sie zwischen den Fingerspitzen und dem Daumen mit leicht gebogenem Arm vor sich her. Sind sie nahe an die Gäste hingetreten, so machen sie eine Sekunde halt, strecken die Arme aus und bringen die Tassen mit einer Art leichten Schwunges in die Mundnähe der Gäste, welche so, ohne Gefahr zu laufen, den Inhalt zu vergießen oder die Hand des Domestiken zu berühren, trinken können. So klein und zerbrechlich diese Tassen auch zu sein scheinen, werden sie doch fast niemals verschüttet oder zerbrochen. Die Diener gleiten mit so leisen, aalgleichen Bewegungen dahin, daß man beim Kaffeepräsentieren, obgleich lange Pfeifen und die gewundenen Röhren des Nargilehs den Boden bedecken, selten einen Unfall sieht; und dennoch ist die Schwierigkeit durch das Rückwärtsgehen vermehrt, weil die Diener den Gästen immer das Antlitz zukehren müssen. Dem Sultan wird alles kniend dargeboten. Wenn der Kaffee überreicht ist, ziehen sich die Diener zurück, bleiben mit gekreuzten Armen stehen und beobachten jeder die Tasse, die er gereicht hat, bis er sie wieder zurücknehmen kann. Alsdann hält, damit nicht die Finger des Dieners berührt werden, der Gast die Tasse in der Unterschale vor sich, der Diener hält die eine offene Hand darunter, legt dann die andere auf den Rand der Tasse, der Gast läßt los, und der Diener zieht sich rückwärts zurück Der »Herr der Welt« erlaubte jetzt durch seinen Wink den begünstigten Frauen, ihre Nargilehs zu nehmen. Die Unterhaltungen des Abends sollten beginnen. Die Dienerinnen nahten sich ihren Gebieterinnen. Nursädih, die schwarze Sklavin trat zu Mariam, die ihr eine rasche Frage zuraunte: »Ist dein Bruder Jussuf, der Kurier, im Palast?« »Du sagst es, Herrin.« »Laß ihn sich bereit halten zu einer Reise nach dem Lager des Serdar. Er soll das schnellste Pferd nehmen und nicht rasten unterwegs.« »Du kennst seine Schnelligkeit, o Khanum. Der Pfeil vom Bogen verfolgt seinen Weg nicht gerader als er.« »Der Padischah, mein Gebieter, wird mich wählen an diesem gesegneten Abend, sein Blick sagte es mir. Nun merke auf. Zu welcher Stunde der Nacht es auch geschehe, daß ich dich rufe; sei zur Hand und laß deinen Bruder den Fuß im Bügel halten.« »Auf mein Haupt komme es.« * Fatima klatschte in die Hände. Musik von Zithern und Triangeln erschallte aus dem Untergemach. Bei den ersten Takten traten die Almen ein, die vor dem Padischah tanzen sollten. Die Sultana hatte für diesen Abend die jüngsten Mädchen, Kinder fast, gewählt, die von zartem Alter an im Harem ausgebildet und erzogen werden. Wenn auch nicht im Serail des Großherrn, so doch in vielen anderen Harems kauften die Frauen junge Mädchen als Kinder an, erzogen sie und ließen sie in den verschiedensten Künsten unterrichten, um sie dann, oft mit großem Vorteil, an alte Lüstlinge zu verhandeln. Die sechs Almen Fatimas waren Mädchen von zehn bis vierzehn Jahren, unter diesem Himmelsstrich fast voll entwickelt. Sie betraten den oberen Raum und stellten sich im Halbkreis auf, sanken auf die Knie und berührten mit der Stirn den Boden. Der Oberkörper der jungen Tänzerinnen war unbekleidet; Arme und Hals schmückten Goldspangen und Perlenschnüre; nur die gekreuzten Hände verbargen die zarte Brust. Eine Kappe aus Goldbrokat bedeckte das Haupt, von dem in zehn mit Perlen und Bändern durchwundenen Flechten und Zöpfen das Haar herunterhing. Türkische Beinkleider von roter Seide gingen bis zum Knie; dann war das Bein wieder nackt. Der Fuß steckte in goldgestickten, roten Schuhen. Nach der eintönigen Musik begann der Tanz. Die Almen verschlangen drei lange Schals von farbiger Seide, erst langsam, dann immer rascher und wilder bis zu den tollsten Bewegungen der Flucht und der Hingebung. Die jungen, kaum erschlossenen Körper wanden sich in Gebärden und Stellungen des Verlangens und der Verführung, einer Leidenschaft, die ihnen noch unbekannt war; die nackten Glieder kreuzten sich in hundert Verschlingungen. Der Tanz dauerte eine halbe Stunde; Fatima wandte immer wieder prüfend die Blicke auf das Antlitz des Großherrn. Doch vergebens – die Augen des Padischah blieben schlaff auf das gewohnte Schauspiel geheftet; es vermochte nicht, seine Nerven zu erregen. Als jetzt, nach einem Zeichen der Sultana, den Tanz zu enden, die älteste der Almen näher trat und kniend dem Padischah eine silberne Schale vorhielt, warf er gleichgültig einige Geldmünzen hinein. Mit Wut und Erbitterung nahm Fatima wahr, daß sich der Blick Abd ul Medschids immer wieder auf Mariam richtete. Auf ein zweites Zeichen der Sultana ließen jetzt die Eunuchen von der Decke des Unterraums einen straffgezogenen Leinwandvorhang fallen; die Lichter im Obergemach wurden ausgelöscht. Die Musik, verstärkt durch Tambourins und Handtrommeln, begann aufs neue. Ein Schattenspiel, halb Pantomime, halb Zwiegespräch, folgte. Der Held, Karagois genannt, war ein komischer Don Juan, ein spöttischer Hanswurst, der in verschiedene Liebesabenteuer geriet. Die Gespräche wimmelten, wozu die türkische Sprache leicht Gelegenheit gibt, von Zweideutigkeiten. Diese Schauspiele waren nicht allein unter dem Volk in Stambul eine der beliebtesten Unterhaltungen – sie fanden öffentlich gegen Eintrittsgeld statt und ein großer Teil des Publikums bestand aus Kindern – sondern sie waren ein ebenso gesuchter Spaß in den Harems der Reichen; viele der Würdenträger hielten sich besondere Darsteller. Namentlich die Frauen verlangten nach diesen Schauspielen; es gab für sie auch besondere öffentliche Theater, in denen sie in Gitterlogen saßen. Was die ausschweifendste, aller Scham bare Phantasie erdenken kann, war hier der Gegenstand nicht nur der Worte, sondern der Spiele, um die Erschlaffung aufzustacheln. Das Schauspiel hatte eine Stunde gedauert, als der Padischah selber das Zeichen zu seiner Beendigung gab. Die Schauspieler und der Vorhang verschwanden; die Kerzen wurden wieder angezündet, Kaffee und Zuckerwerk aufs neue kredenzt. Diesmal sah die Sultana, die Abd ul Medschid ungeduldig belauerte, einen Erfolg. Die Stirn des Großherrn zeigte leichte Röte; seine Augen hatten sich belebt; als der Glanz der Lichter das Gemach wieder durchstrahlte, irrten sie über die Reize seiner Frauen hin und blieben dann auf Mariam, der Mingrelierin, mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit und Feuer haften, dessen Bedeutung nicht zu verkennen war. Mit gleicher Sehnsucht erwiderte Mariam seinen Blick. Der Padischah machte eine Bewegung nach dem Kislar Aga, zu dessen Vorrechten es gehört, der Begünstigten die ihr zugedachte Auszeichnung zu verkünden; da kam Fatima dem Befehl zuvor. Sie warf sich vor dem Großherrn auf die Knie. »Möge das Licht der Welt seiner Sklavin noch einige Augenblicke seiner kostbaren Zeit gewähren und seine Augen auf ein Geschenk richten!« schmeichelte sie, »das sie für ihn bereit hält.« »Was ist es, o Fatima? Du weißt, daß ich der Mutter meines Sohnes ihr Recht nicht verweigere,« sagte der Sultan, sich wieder setzend. Die Sultana verneigte sich. Als sie sich erhob, streifte ihr Blick funkelnd über die enttäuschte Mariam hin; beunruhigt hob die blonde Mingrelierin sich halb vom Diwan. Fatima klatschte zweimal in die Hände. Der Vorhang der unteren Seitentür öffnete sich. Von zwei schwarzen Sklavinnen geführt, trat eine ganz in weite Schleier und einen braunen Feredschi gehüllte Gestalt ein. Langsam – indes ihre Begleiterinnen zurückblieben – schritt sie die Stufe herauf und trat bis in die Mitte des Obergemachs vor. Sie neigte sich vor dem Sultan bis zur Erde und blieb dann verhüllt, gleich einem Bilde, stehen. Erstaunt schaute Abd ul Medschid von der ungewohnten Erscheinung fragend auf die schlaue Sultana. Fatima zögerte – um die Neugier zu reizen – einen Augenblick; dann gab sie das zweite Zeichen. Im Nu flogen die Gewänder und der Schleier zur Seite. Ein reizendes Bild stand vor den Augen des Sultans. Eine Tänzerin, halb europäisch, halb morgenländisch gekleidet, in ausgeklügelter Berechnung auf die Erregung der Sinne – ein griechisches Mädchen von wunderbarer Schönheit: Nausika, die geraubte Tochter des Räubers und Palikaren Janos, des Kameltreibers; die Tochter des blutigen Feindes der Moslems, dessen kühne Tat einst die Greuel von Chios gerächt hatte! Der Musselim von Tschardak hatte das sechzehnjährige Mädchen kurz vor ihrer Hochzeit aus dem Hause ihres Vaters mit Gewalt geraubt, um sie seinem Gönner Mehemed Ali in Stambul zum Geschenk zu machen. Dieser Raub war es, der Janos aufs neue zum Krieg gegen die Moslems trieb und ihn zum Schrecken Smyrnas machte. Mehemed, dessen Haus Adilé, die Schwester des Sultans, streng beherrschte, hatte diese reizende Sklavin der Sultana Fatima für den Harem seines Schwagers übergeben lassen; Fatima beschloß, sich in Nausika eine Anhängerin und, beim Verblühen der eigenen Reize, ein Mittel zu schaffen, das auf die Sinne des Sultans wirkte. So mußte sie seine Neigung in der Gewalt ihrer eigenen Wünsche behalten. Sie war klug genug, einzusehen, daß bei aller Schönheit Nausikas das Gewohnte nicht fesseln und reizen konnte, da der Harem der schönen Frauen so viele barg. Es galt, einen außergewöhnlichen Eindruck auf Abd ul Medschid hervorzubringen. Fatima verfiel auf den Gedanken, die griechische Sklavin durch einen italienischen Tänzer ausbilden zu lassen; diesem war es gelungen, in der Frist eines Jahres aus dem bildsamen Mädchen eine vollendete Tanzkünstlerin zu schaffen. Nausika vergaß in den Lockungen des Ehrgeizes und Wohllebens Familie, Glauben, Vaterland und ihre Liebe zu dem entrissenen Bräutigam. Während ihr Vater auf den Bergen Anatoliens ihren Raub an den Bekennern des Propheten blutig rächte, war seine Tochter das gefügige Werkzeug des Harems, die sinnberauschende Alme geworden; und heute sollte sie – bisher sorgsam vor den Augen des Großherrn verborgen – zum erstenmal ihre Reize spielen lassen. Die junge Tänzerin war verlockend gekleidet, verhüllend und entblößend. Um das dunkelbraune, über den Nacken fallende Haar, in dem lange Schnüre von kleinen Goldmünzen glänzten, war ein duftender Kranz Damaszener Rosen geschlungen. Große blaue Augen leuchteten unter gebogenen Brauen, dunkelrote Lippen zuckten in Erwartung. Die schöne Nase und das Gesicht mit seiner reizenden frischen Hautfarbe vollendeten den entzückenden Kopf, der auf schlankem Hals und weicher Büste saß. Ein weit bis zur Herzgrube ausgeschnittener, silberner Schnürleib preßte im Gegensatz zu der lockeren türkischen Sitte die schlanke Taille ein. Um die breiten, beweglichen Hüften bauschte sich ein schwarzer, spanischer Seidenrock, kaum bis zum Knie reichend, unter dem sich die klassische Form der nackten Beine hervorstahl; die zierlichen Füße waren mit fleischfarbenen Seidenschuhen bekleidet. Von der Achsel ab, die eine kurze, schwarze Spitzenhülle einschloß, waren die Arme entblößt und mit goldenen Reifen geziert. Ein Strauß frischer Blumen, Rosen und Kamelien, schmückte und schloß den Ausschnitt. Die rechte Hand mit der Kastagnette über das reizende Haupt erhoben, die linke stolz auf die Hüfte gestützt, stand Nausika in der malerischen Stellung einige Augenblicke vor dem Großherrn. Dann erklangen aus dem Diwan-Hane, dem Vorzimmer, die rauschenden Töne eines spanischen Tanzes, von Flöte und Violinen vorgetragen. In keckem Sprunge flog die Tänzerin auf den Padischah zu, den einen Fuß graziös in die Höhe schwingend. Dann begann ein den Almenreigen ganz entgegengesetzter Tanz: nicht die eintönige, wenn auch lockende Unbeweglichkeit, sondern sprühendstes Leben, leidenschaftlichstes Feuer. Arme, Leib, die schlanken Beine, alles war in harmonischer und dennoch ausgelassenster Bewegung. Der pikante Kopf wiegte sich, warf sich stolz in den Nacken, beugte sich demütig, ruhte neckend auf der Schulter. Bald sich dem Padischah mit zärtlich ausgestreckten Armen nahend, schwebte sie gleich herb zurück, bog sich spielerisch hin und her, an keine Regel, keine Form gebunden. Als die Musik endete, sank Nausika zu Füßen des Großherrn nieder, den Blick kühn auf seinen Blick gerichtet. Der Padischah war emporgesprungen; seine teilnahmslosen Augen flammten auf die schöne Griechin. Mit raschem Schritt – vom glühenden Siegesblick Fatimas verfolgt – trat er auf die Kniende zu und hob das seidene Tuch, um mit eigener Hand das Amt des Kislar Aga zu vollziehen und ihr Haupt damit zu bedecken: das Zeichen, daß an diesem Abend sie sein Lager teilen sollte. Da scholl ein schmerzlicher, gellender Schrei, wie aus zerrissenem Herzen, durch das Gemach und fesselte seine Hand. Auf dem Diwan lag marmorbleich Mariam in Ohnmacht. Während die Frauen mit Nursädih herbeieilten und sich um die Mingrelierin drängten, stand der Sultan einige Augenblicke stumm und unentschlossen. Dann legte er die Hand sinnend an die Stirn; die Röte verließ das Antlitz, die leidenschaftliche Glut die Augen; er wandte sich, ohne weiter einen Blick auf die verführerische Nausika zu wagen, zu der um Mariam beschäftigten Gruppe, die ihm scheu Platz machte. Es war, als fühle die Ohnmächtige seine Nähe; denn sie öffnete ihre Lider und ihr Blick wandte sich zärtlich und flehend zum Sultan; wie Schutz suchend streckte sie ihm die Arme entgegen. Der Großherr beugte sich zu ihr, flüsterte ihr einige Worte zu und legte der Errötenden das Tuch auf das Gesicht. Auf ein Zeichen des Tschannador schlugen die Silberbecken wieder zusammen; der Kapu Agassi umgab mit seinen Verschnittenen die Glückliche, der ein grüner Feredschi über Gestalt und Kopf geworfen wurde. Der Großherr schritt, ohne sich umzusehen, in Begleitung des Kislar Aga und der Pagen nach der Tür, die in die Schlafgemächer des Harems führte. Aber hier warf sich ihm Fatima mit den beiden anderen Kadinen in den Weg, wutblitzenden Auges, die Adern der Stirn vor Zorn geschwollen. »Haif! – Will der Padischah ein Mann sein und tut seinen Frauen die Schmach an, daß er auf das Geschrei einer Kreuzträgerin hört? Maschallah! Er ist ein Lügner in seinen eigenen Bart! Und ein Weib in seinem Hause ist nicht besser als dieses Tier von einem Halbmann!« Sie schlug verächtlich mit der Fläche der rechten Hand auf den linken Ellenbogen, das Zeichen der tiefsten Geringschätzung. »Haif! Haif! –Schande! Schande!« schrien die anderen Weiber, sich um Fatima drängend und den Eunuchen die gespreizten Finger in das Gesicht streckend. Abd ul Medschid war dergleichen Pantoffelauftritte gewöhnt; ohne ein Wort zu entgegnen, suchte er stillschweigend die versperrte Tür zu gewinnen; der Kislar Aga und sein Tschannador drängten sich zwischen die wütende Frau und ihren Herrn. Aber diese Pflichterfüllung sollte ihnen schlecht bekommen; denn Fatima war eine böse Gegnerin und die Schärfe ihrer Nägel war so gut wie die ihrer Zunge im ganzen Serail bekannt und gefürchtet. »Pah!« schrie die Erbitterte, als der Aga, dessen Gesicht die blutigen Male der bösen Finger zeigte, unwillkürlich nach dem Handschar im Gürtel griff und die Augen grimmig rollte. »Was soll das heißen, du ägyptisches Vieh? Meinst du, ich fürchte mich vor einem Manne, der kein Mann ist? W'allah! Der schlechteste Knecht ist besser als du, und ich will dem Grabe deines Vaters antun, was ihm gebührt. Ist dies der Bluttrinker Titel des Sultans. oder ist er deinesgleichen? Für was bin ich seine Bujukkhanum, seine erste Frau, wenn er meine Sklavin verschmäht? Bana bak, sieh mich an, bin ich nichts? Der Padischah ist eine blinde Kuh und seine Agas sind Esel! Haiwan der – es sind Tiere!« »Aman! Aman! – Jammer! Jammer!«, schrien die Weiber. »Allah bila versin – Gott sende ihnen Unglück!« Die Eunuchen drängten jetzt mit Gewalt die Tobenden zurück. Es gelang dem Sultan, durch die Tür zu entwischen. »Awret der – es ist ein Weib! Delhi der – es sind Tolle!« tröstete er über die Schulter den mißhandelten Aga. Der hohe Beamte aber war mit dieser Entschuldigung wenig zufrieden; denn kaum war der Vorhang hinter seinem Gebieter wieder zugefallen, so ließ er seinem Zorn freien Lauf. Er griff nach der Peitsche in seinem Gürtel und schlug ohne Unterschied auf die tobenden Frauen los, die das Feld räumten und sich eilig auf ihre Diwans zurückflüchteten. Mariam war von den weißen Eunuchen der Eifersucht der andern entzogen und hinausgeführt worden. Die Beamten zogen sich nun zurück, im Stillen über die Schwäche ihres Gebieters grollend. Zu der wutzitternden Fatima, die Nausika erbittert mit dem Fuße von sich stieß, eilte die Khanum Omer Paschas tröstend und beratend herbei. »Was nun, o Sultana?« »Fluch über die Christin! Mögen ihre Augen verdorren und meine Torheit mir Unglück bringen, daß ich sie so lange geschont. Unser Plan ist ein Rauch! – Die hunderttausend Piaster,« setzte sie flüsternd hinzu, »die mir der Eltschie von Frangistan hat versprechen lassen, sind Wind. Ne apalum! – Was kann ich tun?« Die ränkelistige Gattin des Serdar sann nach. »Maschallah!« sagte eine der Kadinen. »Ich habe da einen Talisman bei der Moskowitin gefunden, als sie in Schwachheit lag und wir ihr helfen wollten. Vielleicht ist es der Zauber, den sie gegen den Padischah anwendet.« Sie zeigte den Pergamentstreif. Die Khanum nahm ihn schnell und überflog die Schrift, da sie die einzige war, die lesen konnte. »Allah kerim – Gott ist groß!« rief sie. »Wir haben das Verderben der Moskow in unserer Hand. Ich eile zu Fuad Effendi; er ist ein schlauer Mann und wird uns raten!« Die lebhaft erregte Neugier der Frauen mußte sich jedoch mit diesen Worten begnügen; denn nach einem kurzen, heimlichen Gespräch mit Fatima, das diese hoch zu erfreuen schien, verließ die Vertraute den Harem. – – Kaum zehn Minuten später strich ihr Kaik, von zwei Ruderern getrieben, über den Bosporus und nahm seinen Weg stromaufwärts nach Kura Tschesme, wo das Landhaus Omer Paschas lag. Dort befahl sie plötzlich den Ruderern, sich quer über den Bosporus – eine für die kleineren Kaiks nicht ungefährliche Fahrt – nach Kandili am asiatischen Ufer zu wenden. Hier hielt das Boot am Wassertor eines einfachen, mehr im europäischen Geschmack erbauten Hauses. Die Khanum schickte einen der Ruderer mit einer Botschaft für den Hausherrn hinein. Schon nach wenigen Augenblicken erschien ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Er war von männlicher Schönheit und hatte gebildete, vornehme Umgangsformen. Es war Fuad Effendi, der junge Staatsmann. Schon früher, als Fuad seine Erziehung in Paris, London, Madrid und Lissabon vollendete, richteten sich die Augen der europäischen Staatsmänner auf seine Gaben. Als er zuerst, damals dem Diwan zugeteilt, nach dem Ausbruch der Revolution in Bukarest und der Vertreibung des Fürsten Bibesco im Jahre 1848 als Beauftragter der Pforte in den Fürstentümern auftrat, um, unterstützt durch das Besatzungsheer Omer Paschas, die Fehler Solimans wieder gut zu machen und zugleich der russischen Einmischung die Wage zu halten, entwickelte sich seine spätere Stellung. Weder den russischen Diplomaten, General Du Hamel und Herr von Kotzebue. noch den russischen Generalen Das russische Besatzungsheer wurde damals vom Generaladjutanten General Lüders kommandiert. gelang es, mit der schlangengleichen Gewandtheit Fuad Effendis in die Schranken zu treten; die Brutalität Menschikows, mit der er diese damalige Niederlage später in Konstantinopel rächte, kann die Tatsache nicht verwischen. Als später, 1849, Fuad Effendi als Gesandter nach Petersburg ging, während der Muschir selber die Verwaltung der Fürstentümer übernahm, lernte das Petersburger Kabinett die volle Gefährlichkeit des jungen Diplomaten kennen; er verstand die Lage seines Vaterlandes und die drohende Oberherrschaft Rußlands sehr wohl zu würdigen. Als später alle Versuche scheiterten, ihn in Konstantinopel für die russischen Wünsche zu gewinnen, und er im Gegensatz einer der Hauptförderer des englischen und französischen Einflusses und zugleich Minister des Auswärtigen wurde, war seine Entfernung eine der ersten Bedingungen, die Fürst Menschikow stellte und durchsetzte. Fuad zog sich bei seinem Rücktritt nach Kandili zurück, wo er dem Mittelpunkt der Staatsränke nahe genug war, um täglich in das Spiel eingreifen zu können. Dies war der Mann, der zu der Khanum Omer Paschas ans Ufer trat; sie verließ das Boot und beide besprachen sich abseits eine kurze Zeit. Dann führte der Effendi die Khanum höflich wieder zu ihrem Boot zurück. »Sei versichert, was Fuad übernimmt, wird er auch zu Ende führen. Beim Propheten, der Ferman soll deinen Gatten, den Serdar, nicht an dem Übergang über die Donau hindern! Morgen erhältst du Botschaft.« Während der Kaik der Khanum seinen Weg nach dem europäischen Ufer zurücknahm, gab der frühere Minister der Dienerschaft seine Befehle. Bald fuhr Fuad Effendi in einem vierrudrigen Boot mit der Schnelligkeit eines Dampfers durch das Dunkel der Nacht auf Stambul zu. Paduani Die fränkische Bevölkerung von Pera hatte zwei öffentliche Vergnügungsorte, wo sie im Freien die Kühle des Abends genoß; der eine war die Promenade am kleinen Campo Campo santo = Begräbnisplatz. zwischen Pera und Thersana, etwa zweihundert Schritt lang und dreißig Schritt breit, auf der einen Seite durch ein eisernes Gitter von dem Begräbnisplatze geschieden, auf der anderen von hohen, steinernen Häusern begrenzt, in deren Erdgeschoß sich Kaffeestuben und Konditoreien aufgetan hatten. Jahraus, jahrein wandelte hier jeden Abend der fränkische Kaufmann, der Fremde, der Beamte, und atmete nach des Tages Arbeit, bei einer Tasse Kaffee, einem Glase Eis oder Limonade die erfrischende Abendluft ein. Alle Sprachen Europas waren hier vertreten. Über die Zypressen des den Bergabhang deckenden Campos hinweg erfaßte das Auge einen im Sonnenlicht glitzernden Streifen des Goldenen Horns und darüber hinaus das aufsteigende Häusermeer des westlichen Stambuls mit seinen Minaretts und Kuppeln und den zahllosen Lichtern. Zur Zeit des Beirams gewährte das am Abend einen prachtvollen Anblick, da die Kuppeln der Moscheen und die Rundgänge der nadelgleichen Türme dann mit Kränzen farbiger Lampen erhellt wurden. Der andere beliebte Ort war ein Garten in der Verlängerung der Perastraße, auf dem Wege zum großen Campo, zwischen Häusern und Mauern versteckt. Hier fand man gegen ein kleines Eintrittsgeld ein gutes Konzert von italienischen und deutschen Musikern. Trotz der verhältnismäßig großen Zahl der Europäer in Pera und Galata war der Garten doch nur sehr mäßig besucht. In einer Laube dieses Gartens, dem Vortrag der Ouvertüre der Lucia lauschend, saßen drei Männer. Der eine war Doktor Welland. Der zweite, eine große, vornehme Gestalt, mit weltmännischer Haltung und abenteuerlichem Auftreten war der in zwei Weltteilen und in den verschiedensten Gesellschaftsschichten vielbekannte Baron Oelsner von Montmarquet. Eine Reihe Orden an seinem Frack unterstützte den etwas zweifelhaften Titel. Der dritte war ein Italiener, obschon er geläufig deutsch sprach; ein herausforderndes, etwas unverschämtes Gesicht, seit vier bis fünf Jahren in Pera als Bankier und Geschäftsmann Paduani ansässig und überall zu finden. Eine breite Narbe lief über die linke Schläfe. Mit beiden Männern war Doktor Welland durch Briefe, die er an sie überbracht, bekannt geworden. Er hatte sich zum Eintritt als Arzt bei der Armee in Bulgarien im Seraskiat gemeldet; doch durch allerlei Verzögerungen war seine Anstellung bis jetzt hingehalten worden. Das Treiben des Barons Oelsner war für Welland rätselhaft; denn er schien mit allen Parteien in Konstantinopel auf gleichem Fuß zu verkehren und mit allen Vorgängen und Ränken genau bekannt. Die bedeutenden Geldmittel, über die er offenbar verfügte, vermehrten diesen Einfluß; selbst Welland hatte sich ihm nicht ganz zu entziehen vermocht. Denn nachdem er Oelsner von einem leichten Fieber, wie sie sich im Süden leicht einstellen, durch seinen ärztlichen Rat befreit hatte, überhäufte der Genesende ihn mit Dankbarkeit und war bemüht, ihn an sich zu fesseln. * Paduani gehörte als Lombarde zur liberalen Partei. Er zeigte seine Gesinnung mit einer gewissen Absichtlichkeit, die namentlich gegen Österreich Partei nahm. Er verkehrte viel mit den Führern der Flüchtlinge und Ausgewiesenen, die jetzt aus jedem Lande Konstantinopel überfüllten und einen ähnlichen Übermut an den Tag zu legen begannen wie im Frühjahr und Sommer. Dazu trug der Bruch des russischen und das Sinken des österreichischen Einflusses bei; der französische und englische Schutz waren jetzt allgewaltig. Dennoch hatte Welland bald die Beobachtung gemacht, daß man Paduani nicht recht zu trauen schien. Da er jedoch mit den Verhältnissen in Konstantinopel sehr vertraut war, hielt sich der Arzt nach den erhaltenen Maßregeln in Verbindung mit ihm. Die Kriegserklärung war am 26. September im großen Rat der Pforte, der aus 172 Mitgliedern bestand, beschlossen worden. Kaiser Nikolaus hatte mit dem österreichischen Kaiser vom 26. bis 28. September eine Zusammenkunft im Lager von Olmütz gehabt. Unter dem Schutz des österreichischen Premiers waren neue Noten hervorgegangen, die das Wiener Kabinett in Paris, London und Wien befürwortete; doch erwies sich die Zeit den Ausgleichsvorschlägen keineswegs mehr günstig. Forderungen und Gegenforderungen verwickelten sich immer mehr. Während die drei Monarchen der heiligen Allianz am 3. Oktober noch eine Zusammenkunft in Warschau hielten, erließ Sultan Abd ul Medschid Khan, von allen Seiten gedrängt, am 4. Oktober eine Kundgebung an sein Land mit der Kriegserklärung gegen Rußland. Omer Pascha richtete auf den Befehl der Regierung am 6. Oktober die Aufforderung an den Fürsten Gortschakow, dem Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen, die Fürstentümer bis zum fünfzehnten Tage zu räumen; widrigenfalls würden die Feindseligkeiten eröffnet werden. Fürst Gortschakow erwiderte sehr gemäßigt, daß er keine Vollmacht habe, Krieg zu führen, Frieden zu schließen oder die Donaufürstentümer zu räumen. Noch immer kreuzten sich die Friedensvorschläge von Konstantinopel, Wien, Paris und London. Inzwischen drangen die Gesandten der Westmächte in den Sultan, die Flotten aus der Besikabai in den Bosporus zu berufen; endlich nach langem Sträuben des Großherrn erlangten sie dazu am 15. Oktober den Ferman. Admiral Dundas war der Oberbefehlshaber des englischen Geschwaders. Er hatte den Befehl seiner Regierung erhalten, den Admiral in Sewastopol zu benachrichtigen, wenn die russische Flotte ausliefe, um Truppen auf türkisches Gebiet zu bringen oder irgendeine offene Feindseligkeit gegen die Pforte begehe, die Besitzungen des Sultans gegen jeden Angriff zu schützen. Diese Ankündigung deutete klar auf die Absichten der Westmächte hin, da der türkischen Flotte keineswegs gleiche Zurückhaltung auferlegt wurde; türkische Fahrzeuge schafften fortwährend Kriegslieferungen und Truppen an die tscherkessischen Küsten. Kaiser Nikolaus machte noch einen persönlichen Versuch, die deutschen Kabinette für sich zu gewinnen. Er traf am 3. Oktober in Sanssouci ein, seinen Gast und Schwager, den König von Preußen dahin begleitend. Es war das letztemal, daß er die geschichtliche und reizende Stätte betrat, von der er einst die Mutter seiner Kinder geholt hatte. Schon in der Nacht zum 10. Oktober trat er wieder die Rückreise nach Petersburg an. Der König von Preußen begleitete ihn bis zum Stettiner Bahnhof in Berlin. Mit Tränen schied er dort von dem Kaiser. Es war ihre letzte Zusammenkunft im Leben. Am 17. Oktober hatten die Türken eine Insel auf der Donau zwischen Kalafat und Widdin besetzt; doch war noch keine Feindseligkeit erfolgt. Omer Pascha rechnete den 24. Oktober als den Ablauf der dem Fürsten Gortschakow gesetzten Frist. Am 29. Oktober beriefen Lord Stratford und Herr de Latour die Flotten nach Konstantinopel. In diesem letzten Augenblick machte der österreichische Gesandte, Baron von Bruck, noch einen Versuch und drang auf Aufschub der Feindseligkeiten. Lord Stratford gab scheinbar nach; in der Tat wurde im Diwan durch den Einfluß der Friedenspartei der Aufschub um zehn Tage beschlossen und der Ferman an den Serdar, Omer Pascha, dem Sultan zur Unterzeichnung vorgelegt. Für Rußland wäre dieser Aufschub von großer Wichtigkeit gewesen; denn bei der verhältnismäßig geringen Zahl des Besatzungsheeres in den Fürstentümern war vieles noch im Rückstand. Während sich Welland mit Paduani über die Beratung der Vertreter der vier Großmächte beim englischen Gesandten am Tage vorher unterhielt, hörte Baron Oelsner zerstreut und mit wichtigen anderen Gedanken beschäftigt der Unterhaltung zu. Er blickte häufig hinüber nach dem Eingang des Gartens. Auch Paduani schien verstimmt und nachdenklich. Er lenkte mehrmals das Gespräch auf Vorbedeutungen und Ahnungen. »Es ist heute ein Tag unangenehmer Erinnerungen für mich,« sagte er endlich. »Ich habe seit dem frühen Morgen eine seltsame Unruhe. Glauben Sie an Ahnungen, Doktor?« »Im allgemeinen nicht – in einzelnen Fällen: Ja! Der Dänenprinz hat recht, wenn er sagt: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt! – Wir leben hier ja im Lande der Vorbestimmung und dürfen also schließlich an einer Ahnung nicht zweifeln.« »Ohne Winkelzüge – was sagt Ihnen Ihre Erfahrung?« »Ich lernte in Paris einen jungen Engländer kennen; Master Morton, Kapitän bei der schottischen Garde. Er ist der jüngere Sohn der berühmten schottischen Familie der Earls von Faulconbridge, in denen das zweite Gesicht sich seit Jahrhunderten vererbt haben soll. Es wiederholte sich auch bei seinem Vater. Im Jahre 1835, gegen Ende des November, kam Lord Faulconbridge von London nach seinen Besitzungen in Schottland. Seine Familie, darunter der Sohn, der mir die Tatsache mitgeteilt hat, erwartete ihn dort. Als der vierspännige Reisewagen in die breite Ulmenallee einbog, die zum Schloßportal führte, sah der Lord dieses hohe Tor plötzlich mit Fackeln erleuchtet. Eine Schar Männer, die in tiefer Trauer einen von der inneren Halle aus kommenden Leichenzug zu erwarten schien, stand an beiden Seiten. Zu Tode erschrocken befahl er zu halten; aber schon war die Vision verflogen. Weder der Postillion noch die Diener hatten etwas gesehen. Lady Faulconbridge suchte ihrem Gemahl das ganze auszureden. Aber am dritten Tage, um die Stunde des Gesichts, sank der Lord plötzlich zu Boden, als er sich mit den Seinigen eben zum Speisen niederlassen wollte. Ein Nervenschlag hatte ihn getroffen. Kapitän Morton war fest überzeugt, daß auch ihm sein Tod vorher verkündet werden würde.« Paduani hatte den Kopf in die Hand gestützt. – »Ihnen, Doktor, Ihnen – ist nie so etwas geschehen?« Der Arzt sann einige Augenblicke nach. »Zwei Erinnerungen aus meinem Leben sind es, die mir unerklärliche und doch unleugbare Beweise gebracht haben, daß der Mensch mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen scheint. Ich erzähle sie Ihnen wohl ein andermal.« »Nein, jetzt, ich bitte Sie. Sie möchten sonst keine Zeit mehr dazu haben!« Welland schaute Paduani bei den seltsamen Worten aufmerksam an; das Gesicht des Italieners hatte eine aschbleiche Farbe angenommen. Er befand sich offenbar in der größten Aufregung, der er mit aller Mühe Herr zu werden suchte. Welland schüttelte den Kopf; doch folgte er seinem Wunsche. »Ich war ein junger Mensch von sechzehn Jahren und in Breslau auf der Schule,« erzählte er. »Meine Eltern hatten mich bei einem Gelehrten in Pension gegeben, der in einem früheren Kloster an der Oder wohnte. Die älteste Tochter der Familie, Amalie, hatte lange, blonde Locken, so schön, wie ich sie nie wieder im Leben gesehen habe. Eine Madonna, die Stirn von breiten Goldflechten gekrönt; das erste und einzige Weib, das ich wahrhaft geliebt habe. Es war eine halb kindische Leidenschaft, denn Amalie war mehrere Jahre älter als ich und trug den Gram einer unglücklichen Liebe im Herzen. Ein junger Maler war durch ihre Eltern von ihr getrennt worden und bald darauf in rätselhafter Weise verschwunden. Man glaubte an einen Selbstmord. Später erwies sich, daß er im Duell gefallen und von den Sekundanten in die Oder geworfen worden war. Ein einziges Andenken war Amalie aus der Zeit ihres Umganges geblieben: ihr eigenes, von dem Geliebten entworfenes, aber nicht beendetes Bild, von dem auffallender Weise nur der Kranz der goldenen Haare vollendet, das Gesicht nur entworfen war. – Ich war etwa ein Jahr im Hause gewesen, als Amalie plötzlich an einer nervösen Krankheit starb. Ich fand sie bei meiner Rückkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untröstlich. Am Abend vor dem Begräbnis, als ich sie noch einmal besuchte, schnitt ich ihr eine der breiten Flechten ihres schönen Haares ab, um sie zum Andenken zu bewahren. Es war Mitternacht, als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer, einer ehemaligen Klosterzelle saß; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild an der Wand. Zufällig blickte ich vom Buch auf und in den großen Spiegel mir gegenüber. Da sah ich das Bild Amaliens sich darin spiegeln, aber was mich fast lähmte, war dies: nicht die, wenn auch nur flüchtig hingeworfenen Umrisse des zarten Gesichtes sah ich, sondern das klar ausgeprägte, blasse Leichengesicht, wie ich es eben verlassen – nur mit kahlem, aller Haare beraubtem Scheitel! Ich hatte die Kraft, mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand und – dasselbe Totengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an. Ich erzitterte vor Schreck; ich glaubte eine Mahnung der Toten zu sehen, daß ich einen frevelhaften Raub an ihr begangen; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare verweigert. Ohne den Blick von der schrecklichen Erscheinung abwenden zu können, taumelte ich rückwärts zur Tür meines Zimmers und öffnete sie; drüben über dem Gang hörte ich das Mädchen noch hantieren und rief es zu mir. Es kam mit Licht – ich bat es, noch einmal mit mir zur Leiche zu gehen und – legte still die Flechte wieder in den Sarg, wohin sie gehörte.« Baron Oelsner war während der Erzählung aufgestanden und nach dem Eingang des Gartens gegangen; mit einem eben Eingetretenen, der die Kleidung eines jüdischen Handelsmannes trug, sprach er eifrig. Paduani hatte aufmerksam zugehört; doch schien ihn die Erzählung nicht zu befriedigen. »Und die andere, Doktor, die andere?« »Der zweite Fall, ich muß es gestehen, ist mir ganz unerklärlich und beweist mir, allen Zweifeln gegenüber, die Gabe des zweiten Gesichts bei gewissen Menschen. Während meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus Verwandte in Stendal, einer Stadt in der Nähe von Magdeburg. Eines Abends waren wir in Gesellschaft. Man erwähnte eine Dame, die erwartet wurde und die ich noch nie gesehen, da sie sich fast von allem Umgang zurückgezogen hatte. Nur diesmal wollte sie einer nicht auszuschlagenden Einladung folgen. Es schien mit ihr ein Geheimnis verknüpft, obgleich niemand recht mit der Sprache herauswollte; die meisten spotteten darüber. Endlich erschien die Dame, eine Frau im mittleren Alter; wahrscheinlich lebt sie noch heute. Sie war blaß, von feinem Aussehen, ohne alles Auffallende. Die Gesellschaft war sehr heiter. Plötzlich sah ich die Dame unruhig und ängstlich werden. Sie versuchte offenbar, dieses Gefühl mit Gewalt zu unterdrücken, doch schien es ihr nicht möglich; denn sie entfernte sich bald darauf in ein Nebenzimmer und ließ von hier aus um Hut und Mantel bitten. Ich war gerade in dem Zimmer anwesend, als Wirt und Wirtin in die Dame, eine Verwandte von ihnen, drangen, zu bleiben; wenigstens sollte sie ihnen den Grund ihres raschen Aufbruchs sagen. Lange weigerte sie sich; endlich sagte sie zitternd und höchst aufgeregt: »Sie kennen das Geschenk der Vorsehung, das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. Während ich vorhin unter den Fröhlichen saß, sah ich ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche vor mir auf dem Tisch liegen!« Der Wirt des Hauses, etwas ungläubiger Natur und auch erst seit kurzem im Ort, suchte ihr die Grille auszureden. Er lachte, als die Dame ihm auf sein Drängen endlich einen Herrn, einen lebenskräftigen, kerngesunden Hagestolz von einigen vierzig Jahren als den bezeichnete, den sie als Leiche gesehen. Die Dame aber war nicht zu bewegen, wieder zur Gesellschaft zurückzukehren. Ich bat daher um die Erlaubnis, sie nach Hause führen zu dürfen. Unterwegs suchte ich sie mit gleichgültigen Gesprächen zu zerstreuen, doch blieb sie still und traurig und nahm an der Haustür unter Tränen von mir Abschied. ›Sie werden leider erfahren, mein Herr,‹ sagte sie, ›daß ich mich nicht täusche. Die traurige Erfahrung hat mich's schon zu oft gelehrt.‹ Als ich in die Gesellschaft zurückkehrte, fand ich, daß der Wirt nicht still geschwiegen, sondern von der Voraussage gesprochen hatte und daß man allgemein darüber lachte. Vor allem war das bezeichnete Opfer der Ungläubigste und Heiterste. Man spielte ein Pfänderspiel. Wirklich war bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen. Nach ungefähr zwei Stunden, während ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte, hörte ich plötzlich einen lauten Hilferuf, Gekreisch und Geschrei. Alles stürzte herbei. Der Herr, den die Seherin bezeichnet, hatte frisch und gesund noch einen Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit vieler dabei auf den Rückbeinen hin und her gewiegt. Da verlor er plötzlich das Gleichgewicht und schlug mit dem Stuhl hinten über. Man legte eben in der ersten Angst den Körper auf den Tisch. – Er hatte im Zimmer den Hals gebrochen und war eine Leiche, ehe man ihn aufhob.« »Doktor, was erzählen Sie da für Schauergeschichten,« lachte der Baron, der wieder herangetreten war. »Ich glaube wahrhaftig, Herr Paduani läßt seine italienische Einbildungskraft davon in Schrecken setzen. Doch kommen Sie einen Augenblick, Freund. Ich möchte Sie um eine kleine medizinische Auskunft bitten.« Er nahm den Arm Wellands und führte ihn, offenbar sehr aufgeräumt durch eine empfangene Nachricht, in einem Spaziergang durch den Garten. »Sie haben sicherlich von der Sitte in diesem Lande gehört,« sagte er nach einem kurzen Bedenken, »den Lebenskeim oft im Mutterschoß zu töten. Das geschieht nicht bloß durch fremde Bosheit. Ist es möglich, in einem solchen Falle den Folgen des Verbrechens zu begegnen, sie aufzuheben und das Opfer wieder zu der Bestimmung des Weibes zu befähigen?« »Die Angaben sind sehr allgemein,« sagte ernst der Arzt; »zunächst müßte man wissen, welche höllischen Mittel hier angewendet sind. Es würde nötig sein, die Kranke zu sehen.« »Das geht nicht,« antwortete der Baron ziemlich barsch; »auch ist hier von keiner Kranken die Rede. Ich frage Sie bloß, ob es in dieser Beziehung Gegengifte gibt? Sie wissen, man ist hier Meister in der Giftmischerei; unsere Haremsdamen könnten den Borgias etwas zu raten aufgeben.« »Die Natur ist unerschöpflich, Herr Baron,« sagte Welland, etwas verletzt von dem ungewohnten Ton. »Sie schafft ewig in ihren geheimnisvollen Werkstätten, deren wunderbarste der menschliche Körper ist. Die Erfahrung lehrt, daß selbst die Unglücklichen, die sich in den Höhlen des Lasters feilbieten und bei denen jeder Keim der Mutterkraft längst erstickt scheint, sie bei geordnetem Leben mit der Zeit wiedergewinnen. Ich glaube, daß die Zeit allein heilen kann – ein Gegengift aber ist nicht möglich, wenn man das Gift selber nicht kennt. Ich würde mich nicht entschließen, ein solches zu geben, wenn ich nicht mindestens vorher die Betreffende gesehen habe.« »Das ist nicht möglich, ich wiederhole es. Man muß sie aufgeben und auf andere Mittel sinnen,« murmelte er und reichte dem Arzt die Hand. »Leben Sie wohl, Doktor; ich habe eine Nachricht bekommen, die mir noch einige Geschäfte auflegt. Ich hoffe, wir sehen uns morgen. Bringen Sie den Italiener nach Hause, der Mann hat heute ein seltsames Wesen an sich.« Damit schied er. Als Welland zu der einsamen Laube zurückkehrte, fand er Paduani mit starren Blicken vor sich hin in die Luft stierend; zuweilen bedeckte er mit der Hand die Augen, als wolle er einer Erscheinung entfliehen. »Sie hatten recht, Doktor, mit Ihrer ersten Geschichte,« sagte er fröstelnd; »aber alle diese Bilder sind nur ein Spiel der aufgeregten Phantasie. – Und doch sehe ich ihn in diesem Augenblicke so deutlich vor mir stehen – schauen Sie,« er wies in die leere Luft, »mit dem ausgelaufenen Auge, wo die Kugel in den Schädel gedrungen ist, und mit zwei blutigen Wunden in der Brust, gerade wie sie ihn zum Schauhaus gebracht haben!« Er bedeckte schaudernd wieder die Augen. »Wen sehen Sie denn dort?« forschte der Arzt. »Wen? – Wen anders, als den Capitano Blum, den deutschen Revolutionsmann, von dem sie törichterweise sagen, ich hätte ihn im Gefängnis verraten! Die Narren! Als ob ich damals in Wien gewesen wäre. Ich heiße doch Paduani und nicht...« Er ermannte sich. »Ich rede irre, Doktor, ich glaube, ich bekomme ein Fieber. Ich werde Sie morgen um Ihren Rat bitten müssen.« »Wollen Sie nicht lieber nach Hause gehen? Ich werde Sie begleiten.« »Nein, Signor; lassen Sie uns in frischer Luft bleiben. Ich fühle, mir wird schon besser; ich habe manchmal böse Anfälle und menge da tolles Zeug zusammen; achten Sie nicht darauf.« In der Tat schien er sich zum Erstaunen Wellands auch wieder ganz zu erholen. Er nahm das frühere Gespräch über die politischen Ereignisse wieder auf. Nur schien er den Heimweg so lange als möglich zu verzögern. Mitternacht war nahe und der Garten längst menschenleer, als sie auf Wellands Erklärung, daß er nun die Ruhe suchen wolle, sich auf den Weg machten. Beide trugen die in Konstantinopel nach Eintritt der Dunkelheit vorgeschriebene kleine Papierlaterne, da es eine öffentliche Beleuchtung nicht gab. Sie scheuchten auf ihrem Wege häufig die zahllosen Hunde auf, die auf allen Straßen Konstantinopels bei Tage und bei Nacht ihr Lager halten und die Reinigungspolizei der türkischen Hauptstadt bilden. Paduani war jetzt ganz verändert. Er spottete selber über seine frühere Erregung. »Wissen Sie,« sagte er lachend zu Welland, während sie an dem Kreuzwege standen, der sie trennte, »was vorhin mir den tollen Spuk durch den Kopf jagte? Eine dumme Prophezeiung! – Als ich heute morgen eines Geschäfts wegen in St. Demetri war, begegnete mir auf dem Campo eine alte bulgarische Zigeunerin und bettelte mich an. Ich hatte zufällig keine kleine Münze bei mir und wies sie etwas barsch ab. Da hob sie drohend ihre Krücke und schrie mir nach, Azraël, der Engel des Todes halte seine Fittiche über mir. Ehe der Tag um sei, werde ich niemandem mehr eine Gabe reichen. Der Tag ist vorbei und – auf Wiedersehen morgen!« Er reichte ihm die Hand und bog trällernd in die Seitenstraße, in der sich sein Haus befand. Welland, der in der Perastraße seine Wohnung aufgeschlagen hatte, setzte seinen Weg ruhig fort; doch war er noch keine zweihundert Schritt gegangen, als er plötzlich einen entfernten Hilferuf zu hören glaubte. Er hielt inne. Ein zweiter lauter Ruf erscholl und ließ ihm über die Richtung keinen Zweifel. Er kam aus der Gegend, in der Paduanis Wohnung lag. Eilig – im Laufe die lästige Laterne von sich werfend – flog er zurück und rief nach der nicht sehr entfernten Scharwache. Am Eingang der Gasse, die zu Paduanis Wohnung führte, kamen ihm im vollen Rennen zwei dunkle Gestalten entgegen. Er rief ihnen sein Halt zu; doch achtlos sprang der erste an ihm vorüber. Dem zweiten warf er sich in den Weg und hielt ihn mit beiden Armen fest. »Diavolo!« fluchte eine wilde Stimme. Eine riesige Kraft warf ihn zu Boden. Dennoch hielt er fest und klammerte sich, laut nach Hilfe rufend, an den Fremden. Die Klinge eines Dolches blitzte im Mondlicht hochgeschwungen über ihm. Ehe er selber nach einer Waffe greifen konnte, glaubte er sie niederfahren zu sehen auf seine unbeschützte Brust – da warf sich ein dunkler Körper zwischen ihn und die morddrohende Faust. Eine Hand rang mit ihr um die Waffe; eine Stimme neben ihm stieß lautes Hilfegeschrei aus. Der Mörder riß den Arm los, riß den unbekannten Helfer zur Seite und sprang an der Gruppe der herbeikommenden Scharwache vorüber, deren schwere, eisenbeschlagene Stöcke auf dem Steinpflaster rasselten. Ein Pistolenschuß knallte hinter ihm drein; aber die Kugel schlug neben ihm hin in die Häuserwand. Er setzte unbehindert seine Flucht fort und verschwand in den Gäßchen, die nach Tophana hinunterführen. Der fremde Retter richtete den Arzt auf. – Die Laternen der herbeigeeilten Wache erhellten die Straße. »Gregor!« »Welland?« Vor ihm stand Caraiskakis mit dem Knaben Mauro. Ein nahes Stöhnen und Wimmern verhinderte jedoch alle Fragen und Erörterungen. Alle eilten die Straße hinauf und vor Paduanis Tür. Den Schlüssel zum Öffnen in der Hand, auf der eigenen Schwelle im Todeskampf sich windend, fanden sie den blutigen Körper des Italieners, von fünf Dolchstichen durchbohrt. – – Der Mord Paduanis ist geschichtlich. Es war spät in der Nacht, als Welland mit den wiedergefundenen Freunden das Haus des Ermordeten verließ, nachdem alle Bemühungen zu dessen Rettung sich als vergeblich gezeigt hatten. * Wenn man von der Perastraße am russischen Gesandtschaftshotel vorüber den Weg nach Tophana zur Moschee Kilidsch Ali Pascha und zur Kanonengießerei treppenartig hinuntersteigt, findet man rechts nach den belebten Teilen von Galata hin eine Menge wirrer, einsamer Gäßchen, deren Aussehen nicht viel Sicherheit verspricht. Hier befindet sich der berüchtigste Schlupfwinkel aller Räuber und Mörder von ganz Konstantinopel, das Malthesergäßchen. Es war damals die Herberge des Auswurfs der Völker, der hier ungestört sein Wesen trieb, denn nach Dunkelwerden wagte sich kein ehrlicher Mensch mehr in diese Umgebung; die türkische Polizei hielt höchstens einmal, wenn der Gesandte einer großen Macht wegen vorgefallener Räubereien oder Mordtaten an Untertanen Lärm erhob, eine Nachsuchung, die gewöhnlich zu nichts führte, als daß einer oder der andere Kopf kürzer gemacht wurde. Die Unsicherheit in Konstantinopel war auffallend im Wachsen; das hing offenbar mit dem Zusammenströmen der Ausgestoßenen aus allen Himmelsgegenden zusammen, die bei den Kriegsereignissen entweder eine Beschäftigung oder eine Gelegenheit zu Raub und Plünderung zu finden hofften. Diese Gesellschaft verzweifelter Menschen, die keinen Glauben, keine Heimat, keine Ziele hatte, sammelte sich hier wie die Hyänen, wenn sie eine Beute wittern. In einen leichten Mantel gehüllt, schritt ein mittelgroßer, schlanker Mann in den Eingang der verrufenen Gasse; etwa dreißig Schritt hinter ihm folgten zwei Kaikschiks, kräftige Gestalten, die Faust am Kolben der Pistolen, den Handschar im Gürtel. Der kecke Fremde war noch keine drei Häuser weit in der Gasse vorgeschritten, als rechts und links zwei Männer auf ihn lossprangen und ihn faßten. Blanke Messer blitzten im Sternenlicht. Rauhbärtige, wilde Gesichter starrten ihn grimmig an. »Dein Geld her, Bursche! Oder wir machen dich kalt!« »Es ist ein Türke,« sagte prüfend der zweite. »Soll ich ihm zwischen die Rippen stoßen, Stephano?« Der Fremde wickelte, ohne ein Zeichen von Furcht, unbefangen die Hand aus den Falten des Mantels. »Maschallah –nicht so laut. Freunde! Meine Begleiter da hinten könnten euch hören und unrecht verstehen. Die Teufelskerle schneiden einen Kopf ab, ehe ihr sagen könnt: Kale espera ! Neugriechisch: Guten Abend. Auch liebe ich, daß man mir drei Schritt vom Leibe bleibt; die Kleinigkeit da ist nicht angenehm in zu großer Nähe.« Unter dem Mantel hervor blitzte ein sechsschüssiger Revolver; zugleich nahten die beiden türkischen Diener; das Waffenrasseln in ihren Gürteln klang verdächtig. Verdutzt fuhren die beiden Räuber in das Dunkel der Häuserschatten zurück. »Ah!« sagte zufrieden der Moslem; »das ist eine annehmbare Entfernung. Aber lauft nicht fort, Kerls. Ich habe mit euch zu reden. Ihr sollt euer Goldstück diesmal ehrlicher verdienen als gewöhnlich. Wo ist das Kosthaus des Griechen Palurgos?« »Wir wissen nicht, wer Ihr seid,« sagte roh nach einer Pause einer der Banditen, »und ob man Euch, ohne Verrat zu begehen, antworten darf. Gebt erst ein Losungszeichen.« »Wenn ich einer deiner Kollegen wäre, würde ich nicht so lange mit dir die Zeit vertrödeln! Kennt ihr einen Signor Tomaso, den Madjaren?« »Gewiß!« »Den muß ich sprechen. Ich habe Geschäfte für ihn. Wenn ich ihn recht kenne, wird er's euch schwerlich danken, daß ihr mich hier unnütz aufhaltet. Bismillah! Voran oder ich suche den Weg allein.« Die beiden Griechen krauten sich verlegen in den Haaren. – Das geistige Übergewicht des Fremden hatte sie besiegt. »Nun wohl, Effendi; auf Eure Gefahr!« Sie gingen eine kurze Strecke vor ihm her; dann bogen sie in einen der kaum zwei Ellen breiten Durchgänge und blieben an einer Mauer stehen. »Aber Ihr müßt allein kommen. Eure Sklaven dürfen nicht mit.« »Sie bleiben hier und einer von euch wird bei ihnen warten, um sie vor unnützem Angriff zu bewahren und als Bürgschaft für mich. Ich verdoppele euern Lohn, wenn ich unbelästigt zurückkehre.« Die Banditen besprachen sich. Dann willigten sie in den Vorschlag; der Osmanli sagte seinen beiden stummen Begleitern einige Worte auf arabisch und bedeutete dann seinem Führer, voran zu gehen. Der Bandit klopfte viermal mit dem Griff seines Dolches an die verschlossene Tür; diese öffnete sich. Beide traten in den Hof. Im matten Schein einer Laterne bemerkte der Fremde, daß ein griechischer Knabe die Pforte geöffnet hatte und hinter ihnen sorgsam wieder schloß; er hatte jedoch keine Zeit zu weiteren Betrachtungen; denn sein Führer schritt voran nach dem Hause, aus dem ein wüster Lärm ihm entgegenscholl. Das Schauspiel, das sich im Innern bot, war wüst und ekelerregend. Rings umher auf schmutzigen, breiten Diwanen lag und saß eine Gesellschaft, die würdig gewesen wäre, die Hölle zu zieren: Schwarze und Weiße, Renegaten, Maltheser, Griechen, Italiener in bunten, reichen oder zerlumpten Gewändern. Alle waren bewaffnet; sie spielten mit schmutzigen Karten, das blanke Messer gleich neben sich an den Boden geheftet, bereit zum Angriff und zur Verteidigung bei entstehendem Zank. Andere hielten das Maro, ein italienisches Fingerspiel. Träg hingestreckt, Kaffee oder Rakibranntwein und andere hitzige Getränke schlürfend, plaudernd, schwörend, Zoten reißend mit zwei Weibern – so flegelte die Schar sich auf die Polster. Dazwischen fuhr der griechische Wirt umher, mit Hilfe eines größeren Knaben die lärmenden Wünsche seiner Kunden befriedigend. Die einzelnen Gruppen zu mustern, blieb dem kühnen Ankömmling keine Zeit; denn die meisten Insassen des Gemachs fuhren empor, als sie einen in europäischer Weise gut gekleideten Türken eintreten sahen, der ihnen allen fremd war. Einige Worte des Führers beruhigten sie jedoch. Sie setzten achtlos die unterbrochene Beschäftigung fort. »Signor Tomaso? Ist er zu sprechen?« Der Kahwedschi, der Kaffeewirt, wies diensteifrig auf eine Stiege, die nach dem oberen Gemach führte. »Wollen Exzellenza belieben, hier hinauf zu spazieren? Der General ist in seinem Zimmer.« Der Moslem stieg die Treppe hinauf, öffnete am Ende eine Tür und trat in das Gemach. Zwei Männer saßen in Wolken von Tabaksdampf. Ein Fünfziger von mittelhohem Wuchs und militärischer Haltung. Er strich oft den ergrauenden, langen Schnurrbart von ungarischer Form. Madjarische Züge zeigte auch das Gesicht; die gebogene, schmale Nase, die breiten Stirnknochen und das scharfe, blitzende Auge, in dem etwas Finsteres, Herrisches lag. Der zweite war ein jüngerer Mann in eleganter französischer Kleidung, vor sich einen Stoß von Papieren und Briefschaften. » Mon Dieu – der Minister!« »Ah Sie, Herr Dechambeau,« sagte Fuad Effendi – dieser war der Eintretende – mit leichtem Spott zu dem aufspringenden jüngeren Mann. »Lassen Sie sich nicht stören in Ihrer Erholung von den anstrengenden Arbeiten der Schriftleitung. Sie haben ja gestern einen vorzüglichen Aufsatz im ›Spectateur‹ geliefert. Ich komme nur, um meinen Freund, den General zu besuchen. Aber er scheint auch so beschäftigt, daß er für seine alten Bekannten keine Zeit mehr übrig hat. Wenigstens ist er seit länger als einem Monat nicht bei mir gewesen. Ich kann doch nicht glauben, daß meine gegenwärtige Entfernung aus dem Diwan die Ursache sein sollte?« Der General hatte sich erhoben und reichte Fuad Effendi die Hand. »Das wissen Sie besser, Hoheit. Titel, den man höflicherweise dem Pascha gibt. Sie haben mich damals in der Walachei vom Strick gerettet, der mir bei den Österreichern sicher gewesen wäre. Dergleichen vergißt man ohne Not nicht, wenn man auch Revolutionär von Beruf und Leidenschaft ist. Ich hätte Ihnen jedoch sicherlich morgen oder übermorgen meinen Besuch gemacht, da ich, aufrichtig gestanden, Ihres Einflusses für einige Anstellungen von Schützlingen in der Donauarmee bedarf.« »Zu Ihren Diensten, General,« sagte der frühere Minister höflich. »Sie wissen, wir müssen nur die Form wahren, da wir in der Flüchtlingsfrage gegen den Wiener Hof Verpflichtungen eingegangen sind. Wir möchten uns – trotz der englischen und französischen Zusicherungen, Österreich nicht auf den Hals laden. Übrigens komme ich auch nicht ohne Absicht in die abscheuliche Mördergrube, in der Sie nun einmal heimlich untergetaucht sind. Ich –« er zögerte leicht, sprach dann aber entschlossen weiter – »ich bedarf Ihrer Hilfe zu einem geheimen und schleunigen Dienst.« »Bitte, Hoheit – Herr Dechambeau ist mit meinen Angelegenheiten vollkommen vertraut.« »Also zur Sache«, sagte Fuad und ließ sich auf das Ruhebett nieder. »Sie haben wahrscheinlich schon gehört, daß gestern im Diwan der Aufschub der Feindseligkeiten beschlossen worden ist. Der Befehl dazu wird spätestens morgen früh nach Schumla und Rustschuk abgehen.« Der General sah ihn aufmerksam und fragend an. »Der Tatar mit dem Ferman darf nicht ankommen. Mindestens nicht vor dem fünfundzwanzigsten Oktober. Der Serdar hat seine Befehle und die Eröffnung der Feindseligkeiten darf unter keinen Umständen verhindert werden.« »Ich verstehe. Aber wie soll ich das hindern?« »Sie haben geeignete Leute genug zur Verfügung. Einer oder zwei müssen den Tataren aufhalten und ihm Ferman und Paß mit Gewalt abnehmen. Inschallah, was kommt es darauf an, wo so viel auf dem Spiele steht! Hier ist Gold, fünfzig Ghazis Türkische Goldmünze, etwa 4 ½ Mk. für den Mann. Ebensoviel erhält er, wenn er den Ferman bringt.« »Aber wird die Sache nicht viel Aufsehen machen?« »Der Ferman soll auch keineswegs unterschlagen werden, schon um der Einmischung der Gesandten willen nicht. Er soll nur zu spät kommen. Am zweiten Morgen sendet man dann einen anderen vertrauten Boten mit Ferman und Paß ab. Haben Sie passende Männer? – Ich werde sie in meinem Boot noch diese Nacht bis Kütschück-Tschekmedgeh bringen lassen. Dort teilen sich die beiden Straßen nach Adrianopel. Wir dürfen keine Vorsicht versäumen. Die Leute legen sich in Hinterhalt und warten; ich denke, der Bote wird erst zwei Stunden nach Sonnenaufgang vorüberkommen, doch muß man auf der Wacht sein. Unsere Gegner sind tätig und schlau. Sie werden sicherlich einen zuverlässigen, entschlossenen Mann senden.« Der General sann nach. »Ich wüßte im Augenblick kaum, wem ich als zuverlässig den Auftrag geben könnte!« Der Journalist, der bisher schweigend zugehört, wandte sich zu ihm: »Sta Luzia weicht nie von seiner Aufgabe»« »Ja. Aber Sie wissen – –« Ein Lärmen im unteren Gemach unterbrach ihn. Die Treppe hinauf stürmte ein schwerer Männertritt; ehe weiter ein Wort gesprochen wurde, stand der Ebengenannte in der Tür. Er schien erhitzt, atemlos von einem raschen Lauf. Seine Kleidung war in Unordnung, Hände und Gesicht mit Blut bespritzt. »Was ist geschehen?« Der Bandit trat langsam bis zum Tisch vor und stieß mit gewaltiger Kraft den Dolch, den er in der Faust hielt, dicht vor dem General in die Platte, daß die breite Klinge fast zwei Zoll tief in das Holz fuhr. – »Der Schuft wird den 9. November An diesem Tage wurde an Robert Blum das Urteil des Kriegsgerichts in der Brigittenau vollstreckt. nicht mehr sehen! Ich wollte zwar warten bis zum Jahrestage seines Verrats, aber die Gelegenheit war heute günstig. Doch muß ich mit Hassan, dem Arnauten, für einige Tage fort, General. Man hat uns dabei überrascht. Die türkischen Hunde waren hart auf meinen Fersen.« »Ein Verräter verdient den Tod«, sagte der General ernst. »Paduani war ein doppelter Verräter, der sein Spiel lange genug mit uns trieb. Es trifft sich glücklich, daß ich Euch entfernen kann. Der Arnaut Hassan, der Gefährte dieses Mannes hier, kann, wenn es Euch genehm ist, Effendi, sogar den Kurierritt nach Schumla machen. Er diente früher als Tatar bei der englischen Gesandtschaft und mußte gewisser Vorgänge halber verschwinden.« Fuad Effendi hatte aufmerksam den Banditen betrachtet. Er nickte zustimmend; Hassan wurde in das obere Gemach gerufen. Fuad Effendi setzte ihnen den Auftrag kurz auseinander. Der Kaïk des Effendi mit den vier Ruderern sollte sie sofort an die Spitze des Schlosses der sieben Türme bringen, bis in die Bucht von Kütschük-Tschekmedegh, an deren Ufer die Straße nach Adrianopel vorüberläuft. Am Nachmittag, zu einer bestimmten Stunde, sollte der Effendi oder ein Vertrauter mit dem nötigen Gelde an dem Ufer des Lykus vor dem Tore von Adrianopel, Edrene-Kapussi, auf den Boten harren, der Nachricht über den Erfolg des Unternehmens und, wenn möglich, den Ferman zurückbringen würde. Die Verhandlungen waren rasch geschlossen. Die Banditen erhielten das Aufgeld, verließen mit dem Minister zugleich die Spelunke und eilten zu dem harrenden Kaïk. Das Boot setzte seinen Herrn in der Nähe des Serails in Stambul ans Land und nahm dann mit den Banditen, von acht kräftigen Armen getrieben, seinen Weg entlang der Seeseite fort. * Gegen vier Uhr morgens wurde der Teppichvorhang vor der Tür am Schlafgemach des Großherrn zurückgeschlagen. Das schöne, lächelnde Gesicht Mariams schaute forschend umher. Die beiden Verschnittenen schliefen, den entblößten Handschar in der Faust, auf der Schwelle des Gemaches. Auf dem Diwan gegenüber ruhte Nursädih. Ein leiser Ruf erweckte die Mohrin, vorsichtig huschte sie herbei. Mariam reichte ihr ein in einen seidenen Beutel gehülltes Papier und eine Börse mit Geld. »Jussuf, dein Bruder, möge sofort den Fuß in den Bügel setzen und nicht ruhen, bis er dies in die Hände des Serdars gelegt hat. Der Bujurulteh Türkischer Paß, offener Befehl für die Stationen, Pferde zu stellen. ist unnötig. Seine Erlangung würde nur die Abreise verzögern und gefährlich machen. In dem Beutel ist Gold genug, um überall Pferde zu kaufen. Geh! Der Gott, zu dem wir alle beten, begleite dich und ihn!« Der Vorhang fiel zurück. * Zwei Stunden vor den Toren der Stadt – wo sich die Straße nach Adrianopel in zwei Richtungen teilt – windet sich der Weg zwischen einem Felsufer hin, dessen Ausgang ein Gebüsch von Feigen und wilden Myrten umgibt. Hier hatten sich seit einer Stunde die beiden Banditen in Hinterhalt gelegt. Sie erwarteten ihr Opfer erst im Laufe des Vormittags. Plötzlich machte sie der nahende Galopp eines Pferdes aufmerksam. »Diavolo!« fluchte Sta Luzia, »ob das gar schon unser Vogel ist? Leg dich in den Weg, Hassan! So muß er einen Augenblick halten!« »Jawasch!« antwortete der Arnaut, indem er die Waffen in seinem Gürtel faßte. »Ich bin nicht umsonst Tatar gewesen und kenne die Kameraden.« Er legte sich mitten auf die Straße. Sta Luzia verbarg sich im Schatten des Gebüsches. Der Hufschlag klang näher. Der Reiter ritt in den Hohlweg ein. Hassan stöhnte jämmerlich. Im nächsten Augenblick sprengte der Reiter heran; es war Jussuf, der Bote Mariams und des Padischah. »Gib Raum, daß ich vorüber kann.« »Aman! Aman! – Allah sendet Euch mir zum Beistand, Effendi! Steigt ab und helft mir! Ich bin vom Pferde gefallen und habe das Bein gebrochen!« »Inschallah, ich habe keine Zeit. Des Bluttrinkers Zorn sitzt hinter mir, wenn ich nicht eile. Mach' dich zur Seite!« »Seid Ihr ein Bote des Padischah?« »Ich bin sein Tatar! Fort oder auf dein Haupt komme es!« Jussuf gab dem Pferde die Sporen. Es setzte zum Sprunge an. Im Nu war Hassan, der Arnaut, auf den Beinen und griff ihm in die Zügel. Zugleich knallte aus dem Gebüsch ein Pistolenschuß. Jussuf wankte im Sattel. »Schurke!« Er stürzte schwerfällig zu Boden. Hassan bändigte das erschrockene Pferd. Sta Luzia warf sich über den Blutenden und begann ihn zu durchsuchen. Um den Hals gebunden fand er den seidenen Beutel mit dem wichtigen Ferman, im Gürtel des Tataren die schwere Geldbörse. Der Verwundete versuchte vergebens, das anvertraute Schriftstück zu verteidigen. Seine großen Augen weiteten sich in Schmerz und Verzweiflung. »Laßt mir den Beutel! Es ist ein Brief des Großherrn, er nützt euch nichts!« stöhnte er. Sta Luzia lachte. »Das kannst du nicht wissen, mein junger Rabe! Um den Brief war mir's zu tun. Und nun zum Teufel, wo ist dein Bujurulteh?« »Ich habe keinen!« hauchte Jussuf; dann aber wurde er von dem Blutverlust ohnmächtig. Die Kugel hatte ihn in die linke Seite getroffen. »Wir haben, was wir brauchen,« sagte Sta Luzia zu Hassan. »Und mehr als das. Was tun wir mit dem Burschen da?« »Schneid' ihm die Kehle durch. Laß ihn liegen.« »Nein, das geht nicht. Man würde ihn finden. Das könnte unsere Sache stören. Hilf ihn mir aufs Pferd heben, er hat genug! Wir wollen ihn in die Schlucht am Meer werfen. Dort liegt er ungestört, bis ihn sein und dein Prophet erweckt.« Beide legten Hand an. Über den Sattel geworfen, führten sie den leblosen Körper eine Strecke ins Land mit sich fort. Erst am Rande der Schlucht, als Sta Luzia ihn in seine nervigen Arme faßte, schien Jussuf noch einmal das Bewußtsein wiederzukehren. Seine Augen blitzten finster und drohend den Mörder an. Er preßte die Hand auf seine Wunde. Ein kräftiger Schwung – der Tatar des Großherrn flog über die Klippen – tief unten klang sein Fall ins Wasser. Sta Luzia schwenkte den Ferman hoch in der Hand. »Hundert Ghazis gewonnen, Kamerad, außer diesem Beutel und dem Pferd! Bei allen Teufeln, das war keine schlechte Morgenarbeit! Fort nach Stambul!« * Am 23. Oktober 1853 wurde gegen russische Kriegsfahrzeuge, die die Donau hinauffuhren, von der türkischen Festung Isakscha unterhalb der Pruthmündung das erste Feuer eröffnet. Die Russen erzwangen mit starkem Verlust die Durchfahrt. Am 25. Oktober ging auf Befehl des Serdars Omer Pascha ein türkisches Korps bei Widdin über die Donau und setzte sich in Kalafat fest. Zu spät traf der Ferman des Padischah am 27. Oktober bei der Heeresleitung ein; der Krieg hatte begonnen.