Wilhelm Herbert Der Ruf in der Nacht Roman   Quelle: PDF www.alte-krimis.de   Frau Espel ging noch einmal durch die sauberen, behaglichen Räume der neuen Behausung. Dann kam sie zu ihrem Mann in das Wohnzimmer, wo über dem Familientisch eine Lampe mit dunkelgrünem Schirm brannte. »Nun, Oskar, wie gefällt's dir?« Sein blasses Gesicht überflog ein helleres Lächeln. Er faßte sie bei der Hand, zog sie neben sich auf das Sofa und legte den Arm um ihre Schultern. »Du bist eine kleine Zauberin,« sagte er gerührt und strich ihr liebkosend über das Blondhaar. »Mit bescheidenen Mitteln hast du trotz der harten Zeit alles so schön gemacht. Wir wohnen hier so angenehm, wie ich es nie erwartet hätte.« Ihre Augen leuchteten. »Ich möchte, daß du alles vergißt, was dich in der Großstadt so heruntergebracht hat. Du warst im Geschäft immer zu viel angestrengt und konntest dann nicht einmal daheim in der unruhigen Straße Ruhe finden. Das hat ja auch der Arzt gesagt. Hier in dem stillen, ruhigen Häuschen am Stadtrand bei der besseren Luft wirst du dich bald erholen, und wir werden glücklich sein.« Sie legte den Kopf an seine Schulter und schaute liebevoll zu ihm auf. »Glücklich!« wiederholte er sinnend, als ob er sich selber überreden wollte, den letzten Zweifel aufzugeben. Er war doch in der letzten Zeit unter der drückenden Arbeit ein rechter Hypochonder geworden. Das sollte nun hier alles anders werden. Oskar Espel trat zum Fenster und öffnete einen Flügel. Kühle Nachtluft strömte erfrischend herein. Von der Wiese, über die ein schmaler Fußweg führte, drang herber Grasduft wohltuend zu ihm herauf. Kein Lärm, kein Geräusch mischte sich in das Behagen, das sie beide empfanden. »Komm!« Sie schloß leise die Fenster und ging mit ihm nach dem Tisch. Mit Wangen, die vor Freude glühten, breitete sie eine Reihe von Papieren und ihr Aufschreibebuch vor ihm aus. »Jetzt sieh einmal meine Rechnungen durch und sag' mir, ob ich verschwenderisch gewesen bin.« Eine Weile blieb es still. »Liesel, wahrhaftig, du kannst zaubern. Aber du wirst nun auch müde sein.« »Ja, das ist wahr, ich sehne mich nach Ruhe, denn morgen möchte ich wieder frisch und munter sein zu neuer Arbeit.« Fröhlich ging sie in das Schlafzimmer. »Geh' du nur auch bald zur Ruh'! Du brauchst sie so nötig wie ich.« Er winkte mit der Hand und setzte sich wieder in die Sofaecke. Oskar fühlte sich wirklich glücklich. Eine so heitere, kluge und brave Frau konnte man weit und breit suchen. Mit seinem bescheidenen Gehalt, den er als Anwaltsbuchhalter bezog, wußte sie trotz der Schwere der Zeiten alles mögliche zu bestreiten; das hatte sie jetzt wieder bei der Einrichtung der neuen Wohnung bewiesen. Er seufzte. War es nicht traurig, daß er ihr so viel Sorge machte? Seine Schwächezustände stammten von strenger Arbeit nach hartem, mehrjährigem Kriegsdienst – von der Erfüllung der Pflicht für sie, für sich und das Geschäft. Es war nicht leicht durchzukommen, wenn man von Haus aus keine starke Natur besaß. Jetzt aber sollte es anders werden! Nun sollte Liesel zum Dank für ihre Sorge und Mühe einen gesunden Mann haben, dem sie keinen Kummer an den müden Augen ablesen mußte. Hier in der ruhigen, friedlichen Gegend mußte er sich erholen, und sie würden glücklich sein. Er fühlte eine angenehme Müdigkeit durch seinen Körper ziehen; ein gesundes Schlafbedürfnis, das er lange nicht mehr so empfunden, überfiel ihn. Heute nacht würde er gut schlafen und morgen ruhig und gestärkt erwachen. Leise schlich er an die Türe zum Schlafzimmer. In dem dunklen Raum hörte er Liesel gleichmäßig tief atmen; sie genoß den wohlverdienten Schlummer. Oskar trat in das Wohnzimmer zurück und löschte die Lampe. Dann ging er noch einmal an das Fenster und schaute in die stille Nacht hinaus. Leichte Nebel, die an den herannahenden Herbst mahnten, zogen über die Wiese, vom Licht des zunehmenden Mondes beschienen. Weiß und hell hob sich der schmale Fußpfad, der aus der Stadt in Windungen ins Freie führte, vom dunklen Grund. Da erblickte Espel zwei Männer. Sie kamen aus der Richtung der Häuser her und gingen ruhig nebeneinander. Fast gleich groß, beide schlank und hager, schritten sie langsam dahin. Da blieb der eine stehen. Der andere sprach auf ihn ein. Der erste wandte sich um, als wolle er nach der Stadt zurückkehren. Da sah Espel, wie der andere von hinten den Arm erhob. Einen Augenblick funkelte etwas silbern im Mondschein und bewegte sich rasch nach dem Rücken des halb zur Seite Gewendeten herunter. Der Mann schrie laut und lief davon. Der andere verfolgte ihn. Oskars Knie wankten. Lähmender Schreck hemmte seinen Atem. Entsetzlich! Das war ein heimtückischer Überfall! Mord! Er wollte das Fenster aufreißen und rufen, die Leute im Haus wecken. Und doch konnte er kein Glied rühren, keinen Laut hervorbringen. Seine Finger umspannten willenlos die Fensterklinke. Der Fliehende, der schwer getroffen sein mochte, lief langsamer. Ein paarmal schrie er laut, dann brach er lautlos zusammen und fiel auf das Gesicht. Nun lief der andere heran und beugte sich über ihn. Ob er noch einmal auf ihn einstach, oder den an der Erde Liegenden beraubte, konnte Oskar nicht wahrnehmen. Das Blut brauste ihm in den Schläfen. Er zitterte, und Angstschweiß trat auf seine Stirne. Die Augen umflorten sich; mit äußerster Anstrengung hielt er sich aufrecht. Jetzt sah Espel, wie sich der Mörder langsam emporrichtete und sein Opfer verließ. Nach einigen Schritten begann er zu laufen und rannte quer über die Wiese ins Dunkel. Inzwischen hatte das Geschrei des Überfallenen die Schläfer geweckt. An vielen Fenstern sah man Leute. Haustore klangen; Hunde rannten bellend heraus; Menschen riefen durcheinander. Irgend ein Tor feuerte in gutmeinender Absicht einen Schuß ab. Lang hingestreckt lag der Ermordete im Mondlicht. Nun fanden sie ihn. Gleichzeitig reckten sich Arme und Hände aus der Wiese herauf nach Oskar. Der Bann war gebrochen; er ertrug das Alleinsein in der Finsternis nicht mehr. Angstschauer schüttelten ihn. Er wankte ins Zimmer und schaltete den elektrischen Strom ein. Dann trat er wieder zum Fenster. Scharf sah man von unten seine Gestalt, die sich von der Helle abhob. Von unten rief es herauf: »Dort! Schaut hin!« – »Dort ist ein Zeuge!« – »Er muß alles gesehen haben.« »Wer ist der Mann da oben?« »He da! Fenster öffnen!« Willenlos schloß er mit zitternder Hand das Fenster auf. Gleichsam wie ein Angeklagter am Pranger stand er da, er hätte mit einem Zuruf das Entsetzliche verhindern können. Bebend stand er vor der aufgeregten Schar da unten. »Wer sind Sie?« – »Was haben Sie gesehen?« – »Warum haben Sie nicht geschrien?« »Ich wär' zum Fenster heruntergesprungen!« rief jemand drohend. Fäuste ballten sich. Nun trommelte es unten an der Haustüre. Schutzleute begehrten Einlaß. Jetzt kamen sie über die Treppe herauf. Frau Espel schreckte aus ihrem tiefen Schlaf auf. Als sie wach geworden war, hörte sie Lärm an der Wohnungstüre; das Bett ihres Mannes war unberührt. Sie kleidete sich notdürftig an. Als sie in das äußere Zimmer kam, lag Oskar am offenen Fenster auf dem Boden. Er war bewußtlos.   Schutzleute halfen ihr, ihn auskleiden und zu Bett bringen. Ein Arzt wurde geholt. »Eine schwere Nervenerschütterung,« sagte er nach der Untersuchung. »Zunächst kann man nichts tun, als ihn ruhen lassen. Es ist traurig, daß der Mann, der diesen Platz aufsuchte, um Ruhe zu finden, diese grausige Tat mit ansehen mußte.« Beim Gehen versprach der Arzt, in früher Morgenstunde wiederkommen zu wollen. Drunten verliefen sich allmählich die Leute. Eine Gerichtskommission hatte sich an der Stelle der Tat eingefunden. An dem Ermordeten fand man im Rücken zwei tödliche Stiche. Seine Brieftasche war leer. Der Mörder hatte mit den vermutlich darin befindlichen Geldmitteln wohl auch alle Ausweise über die Person seines Opfers an sich genommen. Kleinere Menschengruppen standen noch eine Zeitlang auf der Wiese beisammen und schwatzten über das Ereignis. Viele sahen immer noch nach der Wohnung Espels hinauf und nörgelten dabei allerlei. Ohne Ahnung von dem Unglück, das die Tat über ihn selbst gebracht hatte, gab man ihm die Schuld, daß der Anschlag nicht mißlungen oder der Mörder auf der Stelle der Tat gefaßt worden war. Jeder wußte genau zu sagen, wie es gekommen wäre, wenn zufällig er zu dem Fenster hinausgesehen hätte. Espel schlief. Fast lautlos atmend, so lag er in den Kissen. Seine junge Frau wachte bei ihm. Immer wieder dachte sie an ihre Worte: »Wir werden glücklich sein.« Und nun lag ihr armer Mann so elend da. Hatte sie mit ihrer Freude, mit ihrer kleinen, unschuldigen Eitelkeit über das geschaffene Heim das Schicksal herausgefordert? Warum mußte er hier, wo er Ruhe und Frieden finden sollte, die gräßliche Tat erleben? Sein Gemütsleben, das ohnedies so weich und empfindsam war, litt nun gewiß dauernd, denn er trug an allem schwerer als andere Menschen. Verzweifelt legte die junge Frau ihre Stirn auf den Bettrand. Tränenlos, leise stöhnend erwartete sie über dem unerwarteten Schlag nichts mehr vom Glück, das sie so tief herbeigesehnt. Seufzend dachte sie, wir beide sind doch nur zum Elend geboren. Die Stille und das Dunkel der Nacht vertieften ihre leidvolle Stimmung. Vielleicht erwachte Oskar nicht mehr. Vielleicht blieb sein Verstand verwirrt. Schmerzender als ihr eigenes Schicksal empfand sie sein trauriges Los, denn sie liebte ihn im tiefsten Herzen. So kam der Morgen heran und der Tag, an dem sie gehofft, daß er erquickt aufstehen sollte. In aller Frühe hörte sie im Treppenhaus des nur von wenigen Mietern bewohnten Gebäudes die Leute lebhaft plaudern. Die ganze Nachbarschaft schien rebellisch. Jedes unverstandene Wort quälte sie. Galt doch all das, was da geredet wurde, mehr oder minder ihrem Mann, störte ihm die Ruhe, erschwerte ihm die Genesung. Später, als sie ans Fenster trat, um es ein wenig zu öffnen und frische Luft einzulassen, sah sie unten eine größere Menschenmenge, die schwatzend und gestikulierend hin und her flutete. Manche lachten und scherzten sogar, und geputzte Damen befanden sich darunter. Dann und wann deutete drunten jemand nach ihren Fenstern. Als Frau Espel am Fenster erschien, richtete jemand ein Opernglas gegen das Haus. Liesel wich zurück und schaute rasch nach Oskar um, wie wenn all die dreisten Blicke und Reden da unten ihn treffen und immer wieder neu verwunden müßten. Am liebsten wäre sie auch hier wieder fortgegangen. Betrübt und ratlos stand sie noch so, als es ungeduldig an die Wohnungstüre pochte. Den Klang dieses harten Knöchels kannte sie. Es war ihre Mutter. Liesel griff an den Kopf und sah hilflos vor sich hin. Auch das noch! Neue Quälereien, an die sie bisher nicht gedacht hatte, standen ihr bevor. Frau Sekretär Wolperts, ihre Mutter, war gegen die Ehe mit Espel gewesen. Sie wollte nicht haben, daß ihre Tochter einen Beamten heiratete. Hatte sie doch die Enge genügsam erfahren. Um ihre Tochter vor der »ewigen Fretterei« zu bewahren, hatte sie ihr einen netten Geschäftsmann in der Nachbarschaft zugedacht. Aber mit dem von der Mutter ererbten festen Charakter kämpfte Liesel für ihre Liebe. Seitdem fand die Mutter an dieser Ehe nichts Gutes, obwohl Frau Wolperts sonst eine gute, vernünftige Frau war. Aber sie wollte recht behalten. All das Glück dieser wenigen Jahre hatte sie nicht bestimmen können, ihrer Schwarzseherei zu entsagen. Von dem Augenblick an, da Oskar an den Folgen der Überarbeitung litt, kam bei ihr trotz aller Besorgtheit und Teilnahme ein gewisser Triumph nicht aus den bitter verzogenen Mundwinkeln. Heute glänzten ihre Augen förmlich. »Was ist denn das?!« rief sie beim Eintreten scharf und suchte den von ihr unzertrennlichen Schirm in eine Ecke zu lehnen, der dort ein paarmal umfiel. Zornig geworden, stieß sie ihn erbittert in den Winkel. »Oskar ist krank,« sagte Liesel mahnend und trat ein paar Schritte zurück. Frau Wolperts zerrte jetzt an den Bändern ihres Kapotthutes, bis es ihr gelang, die Schleife zu lösen und den Hut abzulegen. »So! Krank ist er?« Sie schloß die Augen halb und sah ihre Tochter erbittert an. »Eine Schande!« murmelte sie. »Der Vater kann sich heute gar nicht im Büro sehen lassen. In allen Zeitungen steht es zu lesen ...« »Was denn, Mutter?« »Was? Du mußt es doch wissen! Bringt da irgend ein Kerl den anderen um – natürlich in ›dieser‹ Gegend – ich hab's ja gesagt, wie kann man in diese Gegend ziehen! Bringt da irgend ein Kerl den anderen um – und wer steht im Zusammenhang damit, wie wenn er selber dabeigewesen wäre? Unser Schwiegersohn! Fettgedruckt kann man's in allen Morgenblättern lesen. Ein Mord und unser Schwiegersohn! Herr Anwaltsbuchhalter Oskar Espel.« Liesel betrachtete die aufgebrachte Frau verblüfft. »Aber wie kann man denn deswegen Oskar in die Zeitung bringen?« Frau Wolperts lachte gereizt. »Wie man das tun kann? Alles kann geschehen, wenn man in einer solchen Gegend wohnt und sich in alles hineinmischt.« »Aber Oskar hat sich doch in gar nichts eingemischt.« »Der! Sich in nichts hineinmischen? Einer, der immer mehr aus sich machen möchte als ihm zukommt.« »Mutter, das ist nicht wahr!« »Es ist so!« Die Sekretärin öffnete mit einem raschen Griff die Wohnzimmertüre. Ihr Auge flog mit blitzschnellem Orientierungsvermögen über alles hin. Der hübsche Raum schien sie für den Augenblick milder zu stimmen. Sie trat an das Fenster und blickte hinunter. Eben stand wieder eine Gruppe vor dem Haus. Die Leute deuteten nach den Fenstern herauf. Rasch riß sie den einen Flügel auf und schimpfte hinunter: »Was ist denn das für eine Maulaufreißerei am hellen Tag? Können anständige Leute in dieser Gegend nicht unbelästigt wohnen? Hier ist kein Theater, verstanden!« »Gesindel!« murrte sie halblaut im Zurücktreten. Unten war man zum Teil verblüfft, zum Teil belustigt. Ein paar junge Leute klatschten in die Hände und riefen: »Bravo!« Liesel fühlte sich beschämt. Frau Wolperts drehte sich befriedigt nach ihr um. »Weißt du, der Gesellschaft bist du nicht gewachsen. Da mußt du erst länger mit Menschen zu tun gehabt haben.« Dann ging sie wieder an das Fenster und betrachtete – diesmal hinter dem Vorhange – die Wiese. Von Neugierde erfaßt, begann sie: »So, da draußen auf dem Weg war's?! Das steht ja ganz genau in der Zeitung. Aber sag' nur doch, wie ist's denn eigentlich zugegangen. Das muß ja entsetzlich gewesen sein.« »Ich weiß gar nichts.« Liesel setzte sich auf einen Stuhl. »Ich war müde.« Ihre Mutter nahm gegenüber Platz und schaute sie scharf an. »Natürlich – von einer solchen Hetzerei!« »Ich bin allein ins Bett gegangen. Oskar blieb noch ein wenig auf. Plötzlich hörte ich Lärm. Wie ich heraus kam, lag er bewußtlos auf dem Boden. Da waren auch schon die Schutzleute da.« »Was? Schutzleute in der Wohnung – gräßlich!« »Er muß das Entsetzliche mit angesehen haben und darüber erschrocken sein.« »So ein Mannsbild!« murmelte Frau Wolperts. »Und jetzt?« »Jetzt liegt er drinnen wie tot. Der Doktor will in der Frühe wiederkommen.« Die Sekretärin war ruhig geworden. Sie betrachtete die Möbel, Deckchen und Bilder. »Hübsch hast du alles gemacht,« sagte sie anerkennend. Dann ergriff sie die Hand ihrer Tochter. »Komm jetzt! Kopf in die Höh'! Du schaust elend und übernächtig aus. Jetzt möcht' ich ihn einen Augenblick sehen, und dann machen wir uns einen kräftigen Kaffee. Ich hab' Bohnen mitgebracht, und die Frau Inspektor – die bei uns im ersten Stock wohnt – hat mir aus Mitleid ein Quart Milch heraufgebracht. Denk' dir, so ein Geizkragen, und ein Quart Milch! Da kannst du sehen, was die Leute für eine Freude dabei haben, daß man so blamiert ist.« »Aber Mutter, man ist doch deswegen nicht ...« »Na, darüber will ich jetzt nicht weiter reden.« Frau Wolperts erhob sich rasch und trat so geräuschlos, wie man es ihrem kantigen Wesen gar nicht zugetraut hätte, in das Schlafzimmer. Ihr Schwiegersohn lag mit bleichem Gesicht wie leblos im Bett. Wie sie ihn so beim Tageslicht sah, gab es Liesel einen Stich ins Herz, und auch ihre Mutter war ernst und ruhig. »Du hast dein Kreuz,« sagte sie im Hinausgehen. »Was meinst du, wenn wir ihm Kakao machen würden?« »Er soll schlafen, sagte der Doktor. Wir wollen warten, bis der da war.« Die Sekretärin gab sich zufrieden und hantierte geschäftig auf dem Herd. Seit sie von dem Bett des Kranken kam, war sie stiller. Nun setzten sie sich miteinander an den Küchentisch und tranken. »Der Kaffee ist gut, was?« sagte Frau Wolperts bei ihrer dritten Tasse und erwartete ein lobendes Wort. Liesel mußte trotz ihres Elends lächeln und legte die Hand über den Tisch hinüber auf die knochigen, hageren Finger der Mutter. »Ja, du verstehst das.« Die Sekretärin schien befriedigt. »Darauf habe ich immer gehalten – das wißt ihr.« Sie waren eben mit dem Frühstück fertig, da erschien ein Mann in Zivilkleidung, der sich als Kriminalbeamter auswies. Er war enttäuscht und ungehalten, daß Herr Espel noch immer nicht zu sprechen sei. Die Aufschlüsse, die er von ihm zu erhalten hoffte, konnten von besonderer Wichtigkeit für die Entdeckung des Mörders sein. Während die Frauen noch mit dem Beamten sprachen, fand sich der Arzt ein. Zusammen betraten sie das Schlafgemach.   Der Beamte bat, zugegen sein zu dürfen, wenn Espel seine ersten Äußerungen machte, weil diese für die Beurteilung der Klarheit seines Erinnerungsvermögens von Wert sein konnten. Aber die Geduld aller wurde auf eine neue Probe gestellt. Oskar schlief noch, und der Arzt lehnte es entschieden ab, die Ruhe zu unterbrechen; der Schlaf schien ihm für das Befinden des Kranken von größter Bedeutung. Frau Wolperts hielt es unter diesen Umständen für angezeigt, bei ihrer Tochter zu bleiben, und ließ ihrem Gatten Botschaft in sein Büro sagen, er möge heute mittag hierher statt in sein eigenes Heim kommen. Der Sekretär, der wegen der Spannung zwischen Frau und Schwiegersohn selten Gelegenheit fand, das Haus seiner Tochter zu betreten, ergriff den heutigen Anlaß mit Vergnügen. Denn er hing an seinem Kind und mochte auch Oskar gern; das durfte er aber seine Frau nicht merken lassen, wenn er nicht den Frieden im engsten Familienkreis gestört wissen wollte. Er kam umso lieber, als er von den Nachrichten, die der Zeitung zu entnehmen gewesen, beunruhigt war. Die Nachtberichterstatter hatten durch ihre ersten Umfragen nur den Namen des Zeugen am Fenster feststellen und nichts Näheres ermitteln können. Wolperts wußte daher nicht, ob und wie weit sein Schwiegersohn und etwa auch seine Tochter in die dunkle und grausige Geschichte verwickelt waren. Zu seiner eigenen Ungewißheit hierüber kamen noch die Fragen seiner Kollegen, die ihn mit ihrer Neugierde während des Vormittags gequält hatten. Auch sein Vorgesetzter war in sein Zimmer gekommen und hatte sich über das Wie und Was erkundigt, ohne daß der Sekretär den geringsten Aufschluß geben konnte. So eilte er denn noch vor Schluß der Amtsstunden hierher. Liesel wäre glücklich gewesen, ihre beiden Eltern in ihrem neuen Heim bei sich zu sehen und so das noch nie genossene Vergnügen zu haben, alle Angehörigen an ihrem Tisch zu sehen, wenn nicht ihr Mann im Zimmer daneben noch immer in tiefem Schlaf gelegen wäre. Jede Vermutung darüber, wie er erwachen würde, war müßig. Der Arzt, der kurz vor Mittag noch einmal vorgesprochen hatte, weil es ihm nicht eher möglich gewesen war, hob auf Fragen nur die Schulter und sagte zu, gegen Abend wiederzukommen. So verlief das gemeinsame Mittagessen der drei Personen, obwohl es Frau Wolperts mit besonderer Sorgfalt selbst zubereitet hatte, recht still und gedrückt. Eins nach dem anderen stahl sich immer wieder weg, trat unter die Türe und warf einen besorgten Blick nach dem Bett, in dem der Leidende bewußtlos ruhte. Bald nach Tisch kam Rechtsanwalt Doktor Müller, Oskars Chef, der seinem langjährigen treuen Beamten sehr zugetan und nicht minder auf ihn angewiesen war. Das Fernbleiben Espels war von Liesel frühzeitig durch ein paar Zeilen entschuldigt und dem Anwalt aus den Zeitungsnachrichten einigermaßen erklärlich geworden. Aber der Zusammenhang zwischen dem Unwohlsein und der Tat auf der Wiese schien für Doktor Müller trotz allem dunkel, und so trieb ihn, den beliebten Verteidiger, doppeltes Interesse hierher. Auch er trat auf den Zehen vor das Bett und betrachtete eine Weile die stillen Züge des leidenden Mannes. »Er fühlte sich schon seit längerer Zeit angegriffen,« sagte der Anwalt, als man wieder in das Wohnzimmer zurückkehrte. »Ich suchte ihn zu entlasten, so weit es möglich war. Ich habe seinetwegen noch ein Fräulein aufgenommen, um die geringeren Arbeiten mehr auf das Personal verteilen zu können. Aber Sie wissen ja selber: man kann ihm nichts abnehmen, er will alles selber tun. Daß seine feinfühlige Natur ein so entsetzliches Ereignis niederwerfen mußte, ist mir begreiflich, aber ich hoffe auf seine geschulte Willenskraft, die viel über den körperlichen Zustand vermag. Selbstverständlich soll er sich nun auf alle Fälle schonen und gründlich erholen.« Er ging mit langsamen Schritten wie ein Mann, den selbst ein Unglück getroffen hat, hinaus. Man sah ihn dann unten auf der Wiese den Tatort besichtigen und verschiedenen Gruppen zuhören. Sein Interesse als Kriminalist konnte die eigene Sorge doch nicht ganz ersticken. »Vielleicht bekommt er den Mord zu verteidigen,« sagte Frau Wolperts. »Dann kommt dein Mann gar nicht von der Geschichte los.« Liesel schaute die Mutter geängstigt an. Der Sekretär, der die Schärfe seiner Frau oft nicht verstand, schüttelte mißbilligend den Kopf, drückte seiner Tochter die Hand, trat noch einmal unter die Nebenzimmertüre und sah nach Oskar. Dann ging er traurig fort. Als Liesel gegen Abend wieder einmal in das Schlafzimmer trat, lag ihr Mann mit offenen Augen im Bett. Sein Blick war auffallend streng. Als er sie sah, milderte sich der herbe Ausdruck seines Gesichtes ein wenig; er lächelte. Schweigend, um nicht die Mutter aus der Küche herbeizurufen, ging sie froh und doch voll Bangen an das Bett und setzte sich auf den Rand. Sie beugte sich tief über Oskar. Ihre Lippen berührten sich. Dann sahen sie einander lange, ohne zu sprechen, an. »Fühlst du dich besser?« fragte sie innig. Er schaute sie nachdenklich an, wie wenn er sich weit zurück besinnen müßte. »Ich bin auf einmal zusammengesunken,« sagte er dann langsam. »Zwei Männer kamen von der Stadt her und gingen ruhig nebeneinander. Sie waren fast gleich groß; beide schlank und hager. Da blieb der eine stehen. Der andere sprach auf ihn ein. Der erste wandte sich um, als wolle er nach der Stadt zurückkehren. Da hob der andere von hinten den Arm; in seiner Hand funkelte etwas silbern. Er stieß damit nach dem Rücken des halb zur Seite Gewendeten. Ich hörte einen Schrei und sah, wie der eine davonlief. Der andere verfolgte ihn. Ein Mord war geschehen. Aber ich konnte nicht helfen, ich konnte mich nicht rühren. Ich war ganz starr und willenlos vor Schrecken. Der Fliehende, der schwer getroffen sein mochte, lief langsamer. Ein paarmal schrie er heftig, dann brach er zusammen. Der andere kam heran, beugte sich über ihn. Ich weiß nicht, ob er noch einmal auf ihn einstach, oder ob er den am Boden Liegenden beraubte. Dann verließ er sein Opfer. Nach ein paar Schritten fing er zu laufen an und rannte über die Wiese ins Dunkel. Dann kamen Leute und schrien zu mir herauf. Ich sollte das Fenster öffnen. Ich habe es getan. ›Dort ist ein Zeuge!‹ rief jemand. Sonst weiß ich nichts mehr.« Den Blick an die Wand geheftet, hatte er vor sich hin gesprochen, gleichmäßig und sicher – wie wenn er es dort ablese. Unauslöslich hatten sich die Vorgänge ihm eingeprägt. Ergriffen hörte sie ihn an. »Fürchterlich! Es muß dich schrecklich getroffen haben!« Er schaute sie wie geistesabwesend an. »Dort ist ein Zeuge ...« wiederholte er mit einer gewissen Feierlichkeit und setzte sich dabei mühelos gerade auf, indem er die Hand an die Bettdecke legte, als ob er diese zurückschlagen und aufstehen wollte. »Was willst du tun?« fragte die junge Frau besorgt. Sie empfand fast ein Grauen vor dem seltsamen Ausdruck seiner Augen. Einen Augenblick dachte sie daran, die Mutter zu rufen. Da sank er langsam wieder zurück. »Es geht noch nicht,« sagte er leise. »Herr Doktor Müller war da. Du sollst dich schonen und gründlich erholen.« Er lächelte. »Ich brauche nicht viel Erholung. Ich bin nur noch müde; doch das geht bald vorüber.« »Du bist doch noch recht matt und angegriffen.« »Ich habe keine Zeit zur Erholung.« Lauter und entschieden sagte er: »Ich muß Zeugnis ablegen.« »Sie werden schon kommen und dich fragen, was du weißt. Sie waren schon da und kommen wieder.« »Wer?« »Von der Polizei.« Er wehrte mit der Hand ab. »Das ist Nebensache.« »Was willst du denn dann tun?« »Er hat mich aufgerufen.« »Wer hat dich aufgerufen?« »Der Ermordete! Dreimal hat er nach mir geschrien: ›Dort ist ein Zeuge.‹ Die Leute haben es später nur ihm nachgesprochen. Das wollte er mir sagen.« Liesel bekam vor seinen eigentümlichen ruhigen und festen Worten und dem starren Blick seiner Augen Angst. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen und rief: »Mutter!« Man hörte ein Blechgeschirr klirren. Frau Wolperts trat ein. Die Sekretärin steckte mit einer halb verlegenen Bewegung den Schürzenzipfel in den Gürtel und sagte dann so freundlich, wie es ihr im Augenblick möglich war: »Na, wie geht's? Haben Sie endlich ausgeschlafen?« Er streckte ihr unbefangen die Hand hin: »Ich danke Ihnen, Schwiegermutter, für Liesel und für mich, daß Sie da sind!« Ihr farbloses Gesicht rötete sich. Seine Anerkennung freute sie. »Das Abendessen ist fertig. Eine Brennsuppe für Sie. Ich glaube, die wird Ihnen schmecken.« Wieder schaute er sie befriedigt an. »Es freut mich, daß Sie da sind, Schwiegermutter. Liesel wird jetzt Ihre freundliche Hilfe öfter brauchen; wir werden Ihnen dankbar sein, wenn Sie uns helfen wollen.« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie den Dank abwehren. »Sie sind krank. Da ist's doch selbstverständlich, daß ich hier und da nachschaue, solange Sie krank sind.« Ungeduldig erwiderte er: »Das ist es nicht. Ich bin gesund; es war nur ein Nervenchok, wie er den Gesündesten treffen kann. Es handelt sich um etwas anderes.« »Du meinst, du müßtest nacharbeiten im Büro?« fragte seine Frau. »Nein! Nein! Du brauchst nicht nachzuarbeiten. Herr Doktor Müller hat ausdrücklich gesagt, daß du dich nicht überanstrengen und dich vollkommen erholen sollst.« [Buchseite fehlt. Re.] schief gegenüber und streckte den Kopf gegen ihn vor. »Überlassen Sie das ruhig der Polizei, die dazu da ist. Sie geht das gar nichts an. Das ist wieder nichts als Wichtigtuerei von Ihnen.« Sie lachte spöttisch. »Er einen Mord aufdecken und fällt um wie ein schwächliches Frauenzimmer, wenn er ein paar auf der Wiese raufen sieht.« »Mutter!« Liesel schaute betroffen nach ihr und legte die Hand wie schützend auf Oskars Arm. Espel schien die scharfen Worte gar nicht zu empfinden. Still wiederholte er: »Dreimal hat er nach mir geschrien, ehe er zusammenbrach. Und die Leute haben mir seinen Ruf richtig ausgelegt. Ich war der einzige, der alles gesehen hat. Ich muß den Mörder finden.« Seine Augen glänzten. Sein schlanker, schmächtiger Oberkörper hob sich. Seiner Frau, die ihn überrascht betrachtete, rieselte ein Schauer über den Rücken. Seine Worte und der Ausdruck seiner Augen riefen einen tiefen Eindruck in ihr hervor. Sie begriff, was ihn in diesem Augenblick bewegte. Im nächsten Atemzug drückte sie Liebe und Sorge nieder; die Angst um seine Gesundheit, das Bangen um Ruhe und Frieden, die Furcht vor der kaum verhohlenen Abneigung ihrer Mutter vor Oskar empfand sie als schwere Last auf der Seele. Sie wußte sich nicht zu fassen und schaute mit einem wirren Blick in das dämmernde Dunkel. Frau Wolperts wollte die Rechte ihres Kindes schützen. Drohend begann sie: »Das wird man Ihnen schon zeigen, was Sie zu tun und zu lassen haben. Ich werde mit dem Doktor, mit der Polizei und Ihrem Chef sprechen. Es gibt, Gott sei Dank, noch Leute, die da ein Wörtchen mitzureden haben.« Liesel, die sich trotz aller Tapferkeit nicht mehr beherrschen konnte, schluchzte. Seit gestern war zu viel über sie gekommen. »Heul' nicht, sag' ich,« rief ihre Mutter. »Ich will dich vor seiner Torheit schützen! Schlimmstenfalls nehme ich dich wieder mit.« Da verbarg die kleine Frau ihre Angst und ihren Kummer. Über alle Sorge in ihr erhob sich die Liebe. Ruhig stand sie auf und sah von Oskar zu ihrer Mutter. »Ich bleibe bei meinem Mann,« sagte sie und schloß seine Hand fest in die ihre. Er schaute lächelnd zu ihr auf. Dann griff er, ohne zu zittern, nach dem Löffel und aß seine Suppe. Die Sekretärin eilte hinaus und schmetterte – jede Rücksicht auf den Leidenden in ihrem Zorn vergessend – die Türe so ins Schloß, daß der Mörtel aus dem Verband bröckelte.   Frau Wolperts saß auf dem Küchenstuhl und aß. Auch ihre Hand zitterte nicht; sie war eine gesunde Frau, der die Erregung des Augenblicks nichts von ihrer Ruhe nahm. Und die brauchte sie jetzt nötiger als je, denn sie sah deutlich, daß sie der heutige Tag für eine Versäumnis strafte. Hatte sie die Heirat ihrer Tochter mit dem Buchhalter nicht zu hindern vermögen, so hätte sie doch viel eher in die junge Familie eingreifen müssen. So sagte sie sich jetzt, es war eine Schuld, die sich nun bitter rächte, daß sie aus Mißmut und einer gewissen Bequemlichkeit die Dinge hier seit Jahren hatte laufen lassen, wie sie eben gingen. Sie hätte sich die Mühe und den Verdruß nicht reuen lassen sollen, vom ersten Tag dieser Ehe an, mitzuwirken und einzugreifen. Sie hätte den Sparren, den ihr Schwiegersohn nach ihrer Überzeugung besaß, bekämpfen müssen. Das hatte sie versäumt, und das rächte sich nun. Und das mußte nachgeholt werden, ehe noch Schlimmeres daraus entstand. Weit genug war es schon. Ernstlich dachte sie ja nicht daran, die jungen Ehegatten zu trennen. Aber er sollte sie kennen lernen. Er sollte sehen, daß man ihn nicht ruhig seinen Narrenweg wandeln und das eigene Kind mit darauf hinüberreißen ließ. Da hörte sie die Glocke. Ihr Mann war es, der schüchtern und besorgt in die Küche trat. »Wie geht's?« fragte er besorgt. »Gut! Er ist wach.« »Da muß ich doch gleich hinein ...« »Nein! Du kannst ihn jetzt nicht sehen. Er braucht noch Ruhe. Er redet noch wirres Zeug.« Seine ganze Freude zerrann. »Aber du sagtest doch ...« »Ja! Ja! Es geht besser. Du kannst beruhigt sein. Aber wir können dich drinnen noch nicht brauchen. Es regt ihn noch zu sehr auf – und du mußt selber auch schlafen. Meinst du, ich möchte, daß du auch noch krank wirst? Ihr Mannsleute haltet ja nichts aus. Du gehst jetzt heim. Ich gebe dir dein Abendessen mit. Dein Abendbier kannst du dir vom Wirt mit hinaufnehmen, und dann legst du dich zur gewohnten Stunde ins Bett und schläfst dich aus.« »Aber ich kann doch nicht schlafen, wenn ich nicht weiß ...« »Du weißt alles, was du wissen mußt. Und du wirst schlafen, wenn ich dir sage, daß alles in Ordnung ist, und daß es nötig ist, daß du schläfst, für den Fall, daß man dich morgen braucht.« Das sah er ein und wurde ruhiger. »Und du? Du gehst nicht mit?« »Nein! Ich bleibe da.« Es war ihm so lieb. Denn er wußte, daß seine Frau klug und besorgt war, und daß sie es hier gewiß an nichts fehlen ließ. »Liesel hätte ich gern gesehen ...« murmelte er bescheiden, während er den Topf nahm, in dem sie ihm sein Essen reichte, nachdem sie einen Papiersack darüber gestülpt hatte. »Du kannst jetzt Liesel nicht sehen, weil sie nicht von ihm weg darf – und zu ihm sollst du nicht hinein.« Betrübt trat er wieder auf den Korridor. Da öffnete sich leise die Schlafzimmertüre. Seine Tochter huschte auf den Gang, drückte ihm fest und warm die Hand und verschwand wieder. Sie hatte ihn kommen gehört. Aber sie wollte ihn nicht zurückhalten, sie wußte ja, wie sehr er an seinen Gewohnheiten hing. Auf der Treppe begegnete ihm der Arzt, der ihn nicht kannte. Der Sekretär wäre gerne mit ihm umgekehrt. Aber er wagte es nicht. So stieg er langsam und bedächtig hinunter und ging schweren Herzens in seine einsame Wohnung. Frau Wolperts empfing den Arzt. »Er ist wach,« sagte sie. »Wach ist er – aber bei sich ist er nicht. Er hat Phantasien, Herr Doktor, die man ihm austreiben muß. Denken Sie: Er will den Mörder entdecken! Solch ein Unsinn!« Der Arzt hörte sie stumm an und wischte mit dem seidenen Taschentuch die Brillengläser. »Sie halten das für Unsinn?« fragte er dann vorsichtig und sah sie prüfend an. »Ist's vielleicht nicht so?« Der Doktor antwortete nichts und ging in das Schlafzimmer. Liesel machte ihm Platz. Oskar betrachtete ihn prüfend, gewann Vertrauen und gab dem Arzt die Hand. Der blieb vor ihm stehen und schaute ihn längere Zeit schweigend an. Dann wandte er sich zu den Frauen. »Ich möchte mit dem Patienten allein sein.« Liesel warf einen ängstlichen Blick auf ihren Mann und ging ungerne hinaus. Sie wäre bei der Untersuchung lieber zugegen gewesen, um Tröstliches zu hören. Ihre Mutter blieb stehen. Da rief ihr der Arzt, der bisher einen gutmütigen Eindruck gemacht hatte, barsch zu: »Hinausgehen sollen Sie!« Sie schreckte zusammen, hob den Kopf trotzig, wollte heftig erwidern, ging aber, als sie seinen sehr grimmigen Blick sah, fort und sagte in der Küche zu ihrer Tochter, daß er ein Flegel sei wie die meisten Männer. Als die Türe geschlossen war, lachte der Arzt und setzte sich zu Espel an das Bett, griff nach dem Puls und sagte nach einer Weile: »Den Mörder wollen Sie entdecken?« Oskar sah ihn fest an. »Ja, Herr Doktor!« »Warum denn?« Oskar schilderte mit kurzen Worten, was in der vergangenen Nacht geschehen war, und daß er den Mörder finden müsse, um seine innere Ruhe wieder zu erlangen. »Warum das Unsinn sein soll,« sprach der Arzt halblaut. »Sie versteht das nicht so,« mahnte Oskar entschuldigend. »Sie ist eine einfache Frau, die immer nur das Nächstliegende sieht.« »Aber Sie verstehen mich – glaube ich,« fügte er langsam, beinahe bittend hinzu. Es lag ihm am Herzen, jemanden zu finden, der ihn begriff. »Ja,« sagte der Arzt, »das ist nun so, mein Lieber, daß man es begreiflich und unverständlich finden kann. Es kommt darauf an, ob es bloß ein augenblicklicher Zustand oder der ernste Wille ist, ob man sich berufen fühlt und an seine Sendung glaubt.« Oskars Augen glänzten. »Herr Doktor, ich fühle mich berufen.« »Dann müssen Sie Ihren Weg gehen. Leicht ist das nicht.« »Darüber bin ich mir klar.« »Nicht immer ist dort auch schon ein Weg, wo ein Wille ist. Und dann, Sie sind kein Kriminalist.« »Mein Chef, Doktor Müller, ist Kriminalist. Ich habe bei ihm manches gesehen und gehört.« Dem Arzte gefiel das klare, ruhige Benehmen Espels. An den Antworten auf seine Einwände erkannte er, daß es sich um keine Grille, um keine Nachphantasie aus dem langen, ohnmachtähnlichen Schlafe handelte. Er betrachtete den schmächtigen, blassen Buchhalter aufmerksam. »Was wollen Sie denn zuerst unternehmen?« Oskar schwieg. »Ich würde vor allem mit meinem Chef sprechen, weil er sachkundig ist,« riet der Arzt. »Nein.« »Warum nicht?« »Weil ich das nur allein machen kann. Ich will und muß es allein machen.« »Sie halten an Ihrer Sendung fest,« erwiderte der Arzt. »Ja. So ist's.« Espel blieb unbeweglich im Bett sitzen. Der Doktor erhob sich und trat an das Fenster. Draußen stand kein Stern am Himmel. Obwohl wenig Licht war, sah man doch drüben auf dem Weg an der Stätte des Mordes Menschengruppen. Leute, die von der Arbeit heimgingen, erörterten den Fall, über den die Abendblätter einiges gebracht hatten. Den Ermordeten kannte man noch nicht. Vom Mörder fehlte jede Spur. Der Arzt trat wieder an das Bett. Da sagte Espel: »Bis ich aufstehen kann – morgen – wird man festgestellt haben, wer da ermordet worden ist.« »Möglich.« »Sicher. Bei unseren Verhältnissen bleibt kein Mensch lange unerkannt. Man wird seine Photographie überall ausgestellt sehen, und jemand wird ihn kennen. Dann will ich die Spur aufnehmen. Wer ihn kennt, wird ihn irgendwo zuletzt gesehen haben.« »Das kann lange her sein.« »Möglich. Das soll mich nicht hindern. Ich gehe seinem Leben nach von dem letzten Anhaltspunkte aus – nach rückwärts und nach vorwärts.« »Das wird nicht leicht sein. Und Ihnen stehen weder Polizeigewalt noch Polizeimittel zur Verfügung, ja die Polizei wird Sie vielleicht sogar hindern. Die Einmischung eines Unbefugten ist ungehörig.« »Ich will mich nicht einmischen. Ich werde alles, was ich unternehme, so sorgfältig verborgen halten, daß es niemand als Einmischung betrachten soll.« Alles, was Espel sagte, war klar und bestimmt. Leute mit ruhiger Besonnenheit und festem Willen waren des Arztes Leute – mochte der Wille auch auf Absonderliches gerichtet sein. »Jetzt passen Sie auf!« sagte er. Oskar sah gespannt zu ihm empor. »Sie werden heute nacht schlafen!« Es klang wie ein Befehl. Der Patient senkte langsam, zustimmend den Kopf. »Sie werden morgen früh nicht aufstehen, bis ich da bin und es Ihnen erlaube!« Einen Augenblick zögerte der Buchhalter. Dann willigte er ein. »Ich sehe,« sagte der Arzt jetzt befriedigt, »daß Sie ein vernünftiger Mensch sind.« Dann beugte er sich über das Bett vor und sah Espel ins Gesicht mit Augen, in denen es von Tatkraft blitzte. »Sie haben einen Bundesgenossen an mir.« Dem Buchhalter gab es einen Ruck. »Das heißt,« sagte der Arzt, »ich werde mich Ihnen nicht aufdrängen, ich werde mich auch nicht einmischen in Ihre Sendung. Aber wenn Sie mich brauchen können, dann bin ich bereit.« Oskar faßte die Hand des Doktors und hielt sie mit festem Drucke in der seinen. Über sein Gesicht ging wieder ein Leuchten, und Wärme trat in seine blassen Wangen. Als der Arzt hinaus kam, standen die Frauen unter der Küchentüre. Liesel mit sorgenden, angstvoll hoffenden Augen, Frau Wolperts bockig, neugiergedrängt hinter ihr. »Ich bin zufrieden,« sagte der Doktor und klopfte der jungen Frau auf die Schulter. »Nur Mut! Sie haben einen rechtschaffenen Mann, der von innen heraus gesund ist.« Ihre Blicke dankten ihm, schimmernd in Tränen. »Und Sie sind eine wackere Frau.« Ehe er die Wohnungstüre öffnete, wandte er sich Frau Wolperts zu: »Das sind zwei nette, vernünftige Leutchen, man kann ihnen schon etwas mehr Luft lassen.« Er schmunzelte, winkte der Grollenden freundlich zu und ging. »Das wär' mir der Rechte mit seinem Luftlassen!« brummte sie und folgte, innerlich doch einigermaßen mit ihm versöhnt, ihrer Tochter ins Schlafzimmer. »Was hat denn der Arzt gesagt?« fragte Liesel voll Sorge, Hoffnung und Neugier. Oskar lehnte behaglich in den Kissen und sah sie ruhig und freundlich an. »Es ist ein tüchtiger Arzt, Liesel, den eine gute Stunde ins Haus geführt hat. Ich soll jetzt schlafen; morgen früh kommt er wieder.« Frau Wolperts streckte den Hals hinter ihrer Tochter. »Und sonst?« fragte sie scharf. Er schien es nicht gehört zu haben. Wenigstens schaute er ganz unberührt und gelassen vor sich hin. Auch Liesel hätte gern mehr erfahren, aber über allem stand ihr die Sorge um den geliebten Mann, der nun seine Ruhe haben sollte. »Komm, Mutter! Er will schlafen.« Sie richtete ihm wie einem müden Kind die Kissen, küßte ihn, drückte ihm die Hand und zog Frau Wolperts hinaus. Die Mutter ging ins Wohnzimmer hinüber, zündete die Lampe an, setzte sich mit der Abendzeitung ins Sofa und las den Mordbericht. Hie und da brummte sie. Liesel saß in der Küche und dachte, ob Oskar wohl schon schlafen und wie er morgen aufwachen würde. Ein paarmal schrak sie auf, wenn es läutete. Einmal war's ein Zeitungsberichterstatter. Einmal ein Kriminalbeamter. Dreimal klopften neue Hausgenossen, die von der Neugier an die Tür getrieben wurden. Aber Liesel wies sie alle fort. Er sollte schlafen, hatte der Doktor gesagt.   Die Polizei hatte eine hohe Belohnung für die Entdeckung des Täters ausgesetzt. Erschwert wurde die Aufklärung dadurch, daß man den Ermordeten nicht kannte. Die Annahme Espels, daß der Getötete nicht lange unbekannt bleiben könne, schien sich diesmal nicht zu erfüllen. Schon war der vierte Tag vergangen. Die Leiche des Unglücklichen war nach vorgenommener Sektion bestattet worden, und noch immer hatte man nicht ermitteln können, wer das Opfer des Verbrechens war. Sein Bild stand in allen Fahndungsblättern, in den gelesensten Tageszeitungen, an den Anschlagsäulen, wo es sich seltsam genug ausnahm neben den Ankündigungen von Tanzmusiken, Festtees und Kabarettvorstellungen. Aber das Leben mischt das Trübste und Tollste. Der Buchhalter, den der Arzt am nächsten Morgen aus dem Bett entlassen hatte, ging ruhig seinem Dienst nach. Er holte in der Anwaltskanzlei das Versäumte ein, arbeitete mehr als sonst und sprach noch weniger. Das Personal und seine Bekannten gaben bald die Fragen nach seinem Erlebnis auf, als sie sahen, daß aus ihm nicht mehr als kurze, nichtssagende Worte herauszuholen waren. Doktor Müller fragte ihn nicht; er kannte ihn und wollte die wunde Stelle im Gemüt des wackeren Mannes nicht ohne Not treffen. Um seinen geheimen Plan wußten nur der Arzt, Liesel, ihre Mutter und der Sekretär. Dem gegenüber hatte sich Frau Wolperts ausgesprochen, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte. Eine »Narretei« hatte sie Espels Absicht genannt. Ihr Mann wollte zuerst etwas erwidern, hielt aber an sich und schwieg. Am darauffolgenden Morgen wartete er ganz wider seine Gewohnheit auf Espel, als dieser ins Büro ging. Er kam an Oskar mit der verlegenen Frage heran, wie es ihm gehe, und begleitete ihn durch ein paar Straßen, ohne daß etwas Besonderes zwischen ihnen gesprochen wurde. Ein paarmal gab er sich einen starken Ruck, als ob er jetzt von dem Mord beginnen möchte. Aber sein Schwiegersohn, der von den eigenen Gedanken beherrscht wurde, merkte das nicht, und Wolperts fand nicht den Mut und das rechte Wort. Als sie auseinander gingen, drückte er Oskars Hand ungewohnt heftig und ging dann schnell weg, wie wenn er ein Geheimnis verraten hätte und sich darüber schämen müßte. Die einzige Unregelmäßigkeit, die Espel sich zuschulden kommen ließ, bestand darin, daß er jetzt abends häufig spät heimkam. Er hatte Liesel das vorher gesagt und sie deswegen um Nachsicht gebeten. Es kam sie sehr hart an, die Herbstabende allein zu verbringen und auf die traulichen Gespräche verzichten zu müssen, die ihr gewöhnlich das Schönste vom ganzen Tage gaben. Noch mehr Kummer bereitete ihr die Sorge um Oskar, der sich jetzt nach der Berufsarbeit noch mehr abhetzte, statt auszuruhen. Vielleicht kam er gar auf der Suche nach dem Verbrecher in gefährliche Lagen. Aber sie wußte, wie viel ihm daran lag, Klarheit schaffen zu helfen. Darum schwieg sie. Es war ja auch ihr ein stiller Stolz, daß er ein so großes Ziel verfolgte, und sie wuchs über alle Sorgen der vertrauerten Stunden hinaus, wenn er dann heimkehrte und tiefer Ernst auf seiner Stirne lag. Über das, was er tat, und darüber, ob er eine Spur gefunden, wurde nie zwischen ihnen gesprochen. Er sagte nichts, und Liesel vermochte sich darin weit mehr als manche andere Frau zu beherrschen, wenn auch ihre Neugierde vielleicht noch brennender war, weil es dabei ja um Oskar ging. Espel hatte bis jetzt nichts entdecken können. Er kam zu keinem rechten Plan, weil alle Anhaltspunkte fehlten. Und doch ward er nicht müde. Er blieb auf der Wiese stehen, wenn dort Leute über den Mord sprachen, trieb sich in den benachbarten Straßen und Gassen umher oder belauschte an den Türen der bekannten Verbrecherkneipen die Aus- und Eingehenden, ging auch selber hinein und beobachtete vor einem Glas Bier von einem Winkel aus die Gäste. Obwohl er weder abergläubisch noch geneigt war, an geheime Kräfte zu denken, die den Menschen umgeben und umstricken, trug er doch in sich die Überzeugung, daß es ihm gelingen werde und müsse, den Mörder zu finden. Dabei beseelte ihn kein Haß gegen den Mörder. Wenn er daran dachte, wie furchtbar den Verbrecher die Reue und die Erinnerung an seine Tat peinigen mußte, dann stieg in Oskars Herzen tiefes Mitleid mit dem Unseligen auf, und ihm graute vor dem Tag, da er ihn der Gerechtigkeit ausliefern müßte. Aber der Aufgabe, die er sich gestellt hatte, konnte er sich nicht entziehen. Eines Abends schlenderte er wieder durch menschenleere Seitengassen eines äußeren Stadtviertels. Vor einem kleinen Barbiergeschäft blieb er stehen und bemerkte ein blasses, stoppelbärtiges Gesicht. Er selbst war es, den er in dem Friseurspiegel erblickte. Nicht ohne Selbstvorwürfe bemerkte er, daß er sich seit Tagen nicht mehr hatte rasieren lassen. Sein Aussehen verdroß ihn. Was sollte sein Chef denken, wenn er ihm so verwahrlost vor Augen trat. Seine Frau hielt noch mehr als er selbst auf sauberes Aussehen. Sie mochte ihn wohl jetzt nur nicht durch Mahnungen kränken. Rasch drückte er auf die Klinke und trat ein. Eine große Uhr tickte in dem engen Lädchen. Sonst war alles still. Auch hinter dem ausgewaschenen Vorhang, der den Raum abteilte, vernahm man kein Geräusch. Der Friseur war wohl zum Abendessen gegangen. Oskar setzte sich in einen der Rasierstühle und schaute vor sich hin. Dann blickte er wieder nach seinem Gesicht hinauf, das er in dem Spiegel sehen konnte, vor dem er saß. Wie er so aufsah, erschrak er unwillkürlich. Über seinem eigenen, im Gaslicht doppelt bleichen Gesicht, das durch den schwachen Bartanflug noch fahler schien, sah er ein zweites. Hinter ihm an der Mauer stand ein langer Mensch mit blassem Gesicht und starrte ihm geistesabwesend in die Augen. Es lag ein sonderbarer Ausdruck in dem fremden Antlitz, ehe der Lange sich der Gegenwart eines zweiten bewußt wurde. »Wünscht der Herr Rasieren?« »Ja, bitte!« Sie sagten das aneinander vorbei, in die Luft hinein, gewohnheitsmäßig. Keiner von ihnen war noch ganz zugegen. Oskar wußte nicht, warum, aber er wäre am liebsten wieder aufgestanden und hinausgegangen, wenn er sich nicht gescheut hätte, so wegzulaufen. Der Gedanke, daß der junge, schlottrige Mensch ihn rasieren sollte, war ihm unbehaglich. Es graute ihm davor. Hundert und aber hundert Male war er beim Friseur im Stuhl gesessen. Noch nie hatte er, wenn ihm wie jetzt eine fremde Hand mit dem Schaumpinsel über die Wangen gefahren, solche mit Ekel gemischte Scheu empfunden. Seine Nerven mußten doch recht herunter sein. Er setzte sich fester, daß die Finger des Barbiers, die sich durch den Schaum hindurch kalt anfühlten, den Pinsel fallen ließen und unwillkürlich in das Gesicht Oskars griffen. Espel erschrak sichtlich. Der Friseur murmelte »Verzeihung!« hob den Pinsel vom Boden und ging hinter den Vorhang, um einen frischen zu holen. Espel wendete den Kopf und blickte ihm nach. Aber auch der Barbier blickte, ehe er hinter die Gardine trat, rasch noch einmal um. Es war ein scheuer, seltsamer Blick. Und wieder sahen die beiden einander an. Dann kam der junge Mensch mit einem neuen Pinsel, seifte seinen Kunden flott ein und brachte seine Arbeit gut zu Ende. Inzwischen kehrte der Inhaber des Geschäfts zurück. Ein paar andere Leute kamen. Man plauderte lebhaft durcheinander. Die Stille war gebrochen, und Oskar grollte sich selbst, als er wieder vor dem Laden stand und sich vergegenwärtigte, welche peinlichen Minuten ihm sein überreizter Zustand ohne Anlaß bereitet hatte. Diesen Abend war er gesprächiger als sonst, und die kleine Liesel fühlte sich durch seine leichte, heiter gestimmte Plauderei glücklich. »Gott sei Dank!« dachte sie, als sie zu Bett ging. »Vielleicht hat er's überwunden.« In der Zeitung erschien ja auch nichts Neues mehr über den Mord. Mochte dem Mörder auch die Strafe erspart bleiben, er war gewiß nicht zu beneiden um die Qual in seinem Innern. In der gleichen Nacht träumte Oskar schwer. Er stand wie damals am Fenster und sah die zwei Männer unten auf dem Weg über die Wiese gehen und mußte den Mord wieder mit ansehen. Als der Mörder sein Opfer verließ, floh er diesmal auf Espels Haus zu. Gelähmt vor Schreck konnte er selbst nicht vom Fenster weg; mit stockendem Atem mußte er zuschauen, wie der hagere Mensch sich vom Boden hob und durch die Luft gegen ihn her nach dem Fenster herauf schritt. Nun stand er unmittelbar vor ihm. In seiner Hand schimmerte das Rasiermesser, und als Oskar jäh emporschaute, sah er – in das blasse Gesicht des fremden Barbiergehilfen. Angst preßte ihm die Brust zusammen, ein schweres Stöhnen rang sich aus seiner Kehle. »Oskar! Oskar! Was ist dir denn?« rief Liesel. »Nichts!« sagte er. »Nichts! Nur schwer geträumt hab' ich.« Einen Augenblick war ihm wohl im Bewußtsein, zu Hause zu sein und all das bloß geträumt zu haben. Aber als er seine geängstigte Frau einigermaßen beruhigt hatte, fühlte er, daß seine Glieder zitterten. Er lag lange mit einem dumpfen Gefühl im Kopf und wachen Augen im Bett, bis er gegen früh wieder einschlafen konnte. Matt und erschöpft stand er auf, verbarg nur mit Mühe vor Liesel seine trübe Stimmung und ging bedrückt nach der Kanzlei. Wohin sollte es mit ihm kommen, wenn er schon jetzt, da kaum eine Woche seit Beginn seiner Bemühungen verstrichen war, auf solche Abwege geriet? Einbildungen, Phantasien und Träume führten nicht ans Ziel. Dazu war klarer Verstand nötig, um die Wahrheit zu finden. An diesem Morgen zweifelte er an seiner Sendung und der Kraft, sie ausführen zu können. Mit außerordentlicher und doch den Tag über oft versagender Selbstbeherrschung zwang er sich, nicht mehr an den Barbiergehilfen und an seinen Traum zu denken. Er durfte sich nicht von trügerischen Traumbildern hinreißen lassen; der Zufall sollte keine Macht über ihn erlangen. Und nur ein Zufall hatte ihn nach jener entlegenen Gasse in den Friseurladen geführt. So spürte man kein Verbrechen auf. Er beobachtete tagsüber wiederholt das Gesicht seines Chefs, wenn dieser durch die Kanzlei ging. Was würde der jedes Für und Wider kühl und genau abwägende Jurist dazu gesagt haben, wenn er erfahren hätte, in welch wunderlicher Weise Espel bei seiner Verbrechersuche vorging. Der Erfolg dieser Selbstvorwürfe war, daß Oskar diesen und die nächsten Abende unmittelbar vom Büro heimging; Liesel glaubte, er habe seinen Plan aufgegeben, und war froh darüber.   Da trat ein neues Ereignis ein, das die ganze Stadt und natürlich besonders das Ehepaar Espel bewegte. Man las in der Zeitung, daß ein altes Mütterchen auf der Polizei erschienen war. Die Frau stammte aus einem entlegenen Dorf am anderen Ende des Landes. Dort hatte sie in dem Provinzblättchen zufällig das Bild des Ermordeten gesehen und war auf die Wanderschaft gegangen. Ihr Kind wollte sie suchen. Seit einer Reihe von Jahren hatte sie nichts mehr von ihrem Sohn gehört, der als blutjunger Mensch in die Welt gezogen war. Nie hatte er ihr geschrieben. Sie wußte nicht, wo er war, und was er trieb. Als sie das Bild in dem Blättchen gesehen hatte, wurde sie den Gedanken nicht los, daß er es sei, den sie hier vor sich sah. Das Mutterherz ruhte nicht eher, bis sie sich vergewissert hatte. So kam sie in die Stadt, nachdem sie den Weg halb mit der Eisenbahn zurückgelegt, halb – weil ihr bald das Geld ausgegangen war – zu Fuß gewandert war. Wie sie auf der Polizei die Photographie der Leiche sah, brach sie ohnmächtig zusammen. Als sie dann wieder zu sich kam, erfuhr man von ihr, daß sie die Witwe Walburga Moorbruch von Niederwaldbach sei, und daß nach ihrer sicheren Überzeugung der Ermordete ihr Sohn Franz gewesen, der das Sattlerhandwerk gelernt hatte und frühzeitig in die weite Welt gezogen war. Sie zeigte seinen Geburtschein und seine Schulzeugnisse vor, und nachdem sie sich wieder erholt hatte, gab sie Rede und Antwort über alles, was man von ihr wissen wollte. Man atmete auf der Polizei und auch im Publikum auf, da durch das Erscheinen der alten Frau wenigstens ein Lichtstrahl in das Dunkel fiel. Aber bald sah man, daß dieser Lichtstrahl den Schatten nur verschärfte, der über dem Verbrechen lag. Jetzt, da man wußte, daß eine alte, gebrechliche Frau um ihren einzigen Sohn jammerte, daß sie seinetwegen den weiten Weg gekommen war, ja, ihn zum Teil zu Fuß zurückgelegt hatte, da forderte das menschliche Gefühl Sühne des Verbrechens. Schon wurden Stimmen laut, die öfter von Unfähigkeit der Polizei, von Umständlichkeit und Bürokratie sprachen. Man schilderte in den Blättern den Jammer der Mutter und verlangte für sie die einzige Genugtuung, die man ihr nach dem Verluste ihres Sohnes noch geben konnte, die Sühne des Mordes. Trotz aller Ausschreibungen und Erhöhung der Belohnung meldete sich niemand, der den Getöteten gesehen oder etwas von ihm gewußt hätte. Daß man von ihm kein Bild besaß, das nach dem Lebenden aufgenommen war, erschwerte die Nachforschungen. Die Witwe Moorbruch, die in der großen Stadt keinen Menschen kannte, wurde von einer gutherzigen Familie aufgenommen. Leute kamen, beklagten und beschenkten, begafften und bekrittelten sie, und wenn die Frau einen anderen Gedanken als den an ihren Sohn gehabt hätte, dann wäre ihr vielleicht die kecke Zudringlichkeit der einen und das bedauernde Klagen der andern eines Tages zu viel geworden, und sie wäre wieder, wie sie gekommen, still in ihre Waldheimat verschwunden. So aber dachte sie nur an ihn, saß betrübt in dem behaglichen Stübchen, das man ihr eingeräumt hatte, aß und trank teilnahmlos, was man ihr vorsetzte, und schaute mit leeren Augen auf die Menschen, die zu ihr kamen, wie wenn sie durch alle hindurch in eine weite, graue Ferne blickte, aus der einer wieder zu ihr herwandeln und eines Tages vor sie hintreten müßte – ihr Franz. Aber der kam nicht mehr. Oskar Espel war schon oft vor dem Haus gestanden, in dem Walburga Moorbruch lebte. Nicht fragen wollte er sie. Er hätte nie gewagt, ihren Schmerz zu entweihen. Wenn er sie nur einmal sehen könnte! Aber er wagte nicht, in das Haus zu treten. Etwas Hohes, Unantastbares lag für ihn in ihrem Leid und der Trauer um den einzigen, erbarmungslos geraubten Sohn. Keiner, den sie nicht rief, durfte ihr nahen. Und sie rief nur nach dem einen, der nicht mehr hörte. Da, als er eines Abends wieder längere Zeit dem Haus gegenüber in einem Toreingang gestanden und dann scheu weggeschlichen war, fand er sich plötzlich vor dem matt erleuchteten Ladenfenster jenes Barbiers. Er wußte nicht, wie er dahin gekommen, und auch nicht, wie lange er schon vor dem Fenster gestanden war, als er darüber zur Besinnung kam. Er erschrak. Eine Hand legte sich innen auf die Klinke. Scheu ging er weg. Jemand rief: »Wollen Sie sich rasieren lassen?« Die Stimme kannte er. Er sah auch, als er unwillkürlich die Augen schloß, den blassen Gehilfen vor sich. Rasch eilte er weiter. Erst am Ende des Gäßchens blieb er wieder stehen. Nun ärgerte er sich wegen des Rückfalls in jene törichte Stimmung, in die er damals geraten war, als er sich da drinnen hatte rasieren lassen. Da fühlte er eine Hand auf der Schulter. »Wollen Sie sich rasieren lassen?« fragte der Gehilfe. Er hatte offenbar schnell den weißen Arbeitsmantel abgelegt und stand nun im Straßenrock und Hut neben ihm. »Nein!« erwiderte Espel. Der Fremde sprach weiter: »Warum sind Sie denn dann so lange vor unserem Geschäft gestanden?« Oskar schaute nach der anderen Seite und wich dem Blick aus, den er auf sich gerichtet fühlte. »Ich weiß es nicht.« »Das ist aber komisch.« Der Gehilfe hielt gleichen Schritt mit ihm. Als sie in die helle Hauptstraße kamen, die hier nach der Innenstadt führte, blieb er stehen. »Trinken Sie hier und da ein Glas Bier abends?« Der Buchhalter fühlte einen merkwürdigen Widerstreit in sich. Es war etwas in ihm, das ihn von dem Menschen fortdrängte, und doch auch etwas, das ihn anzog. »Ich trinke nie auswärts Bier.« »Wir könnten aber doch einmal zusammen ein Glas Bier trinken. Ich hätte jetzt grade Lust dazu.« Schweigend gingen sie nebeneinander. Der Gehilfe schien einem bestimmten Ziele zuzusteuern. Vor einem Bierlokale am Rand der Altstadt blieben sie stehen. Dann ging der Barbier voraus. Oskar folgte ihm, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben. In dem großen Saal brandete das Stimmengewirr von Hunderten. Rauch und Brodem lagen wie eine Wolke in der Luft. Messer klapperten, Teller klirrten, Krüge, Gläser klangen. Der Lange ging auf einen Tisch nahe beim Eingang in einer halbdunklen Ecke zu. Dort setzten sie sich im hintersten Winkel einander gegenüber.   Eine der Frauen, die hier bedienten, kam vorüber. Sie trug in beiden Händen volle Krüge und stellte ungerufen zwei vor die neuen Gäste. Der Friseur hustete verlegen, hob seinen Krug von der Tischplatte und strich mit dem Finger über den Rand. »Ich heiße Thomas Gloos,« sagte er und schaute Espel lauernd an. »Oskar Espel,« murmelte der Buchhalter. Der Hagere stieß mit seinem Krug leicht an den zweiten und trank dann das Bier in langen Zügen hastig hinunter. Der kalte Trunk reizte seine Kehle. Er hustete; es klang trocken und hohl. Oskar nahm einen kleinen Schluck und senkte die Hand langsam abwärts. Es kam ihm alles so unwirklich vor – als träume er wieder. Da begann Gloos: »Sie sind wahrscheinlich Beamter?« »Ich bin Buchhalter.« Da mußte er an Liesel denken, die auf ihn wartete; in letzter Zeit war er meist pünktlich heimgekommen. Warum saß er jetzt mit dem Fremden hier? Was wollte der von ihm? Gloos trank wieder; das Bier und das lebhafte Getriebe schien ihn munter zu stimmen. »Ich hätte Sie für einen Beamten gehalten. Wo sind Sie denn Buchhalter?« »Bei einem Anwalt.« »So! Da könnte man ja gleich einen Verteidiger haben, wenn man einen nötig hätte. Ich brauche aber keinen. Nicht, daß Sie etwa meinen, ich müßte einen haben.« Espel runzelte die Stirn. Hatte der Mensch etwa seine verrückten Gedanken von neulich erraten und wollte ihn jetzt damit hänseln? »Warum soll ich meinen, daß Sie einen Verteidiger brauchen?« entgegnete er ernst und blickte den Friseur an. Der machte mit der Hand eine Halbkreisbewegung in den Saal hinein. »Da herein kommt mancher, der einen Verteidiger braucht.« Er trank den Krug leer und schob ihn der Kellnerin zu, die eben vorüberging. »Wissen Sie,« sagte er dann wichtigtuend, »hier kommt allerhand Volk zusammen aus der Stadt und von auswärts. Da drüben ist ja gleich der Bahnhof. Da wird mancherlei ausgemacht und abgekartet, was nicht jeder wissen dürfte.« Sie schauten beide eine Weile in den Dunst, in dem die Gestalten wie Nebelbilder verschwammen. »Es ist auch oft verdeckte Polizei da.« Gloos hatte es vertraulich – halb hinter der Hand – über den Tisch geflüstert. Er wartete. Dann schaute er an dem Buchhalter vorbei und zog den wiedergefüllten Krug an sich. »Mich wundert's, daß sie da herin nicht dem Mord nachgehen.« Oskar sah ihn an. »Welchem Mord?« »Draußen auf der Wiese hat man doch einen umgebracht.« »Wer sollte denn hier was von dem Mord wissen?« »Da herin gibt's allerhand Leut. Solche und andere.« Der Friseur zwinkerte mit den Augen und senkte die Stimme noch mehr. »Ich kann mir schon vorstellen, daß da herin einer sitzen könnt, der mehr davon weiß als die Polizei.« Espel beobachtete ein sonderbares Lächeln an dem langen Menschen. Gloos trank wieder, hustete, wartete einen Augenblick und begann dann geheimnisvoll: »Sehen Sie, wir Friseure hören so allerlei im Geschäft. Da macht man sich dann oft allerhand Gedanken. Wenn keine Kunden da sind, reimt man sich solche Reden zusammen und denkt sich, es könnte so oder so gewesen sein.« Er nahm wieder einen Zug aus dem Krug und wischte sich den Mund mit dem Handrücken. Jetzt trank auch Oskar mehrere kleine Schlücke. »Was haben Sie sich über den Fall ausgedacht?« »Sehen Sie, ich hab' mir das so zusammen gesponnen. Es ist unterhaltlich, wenn man allein ist. Und wenn man Phantasie dazu hat. Die hab' ich.« Er wendete den Blick nach der Wand. »Da kommt so ein fremder junger Mensch vom Land herein in die Stadt. Einer, der sich hier noch gar nicht auskennt. Der vielleicht Arbeit suchen will. Oder sonst was. Abend ist's auch schon, wie er ankommt. Da sieht er das beleuchtete Lokal. Und die vielen Menschen, die hinein gehen. Das lockt ihn an, und er geht hinein. Nun setzt er sich her, weil er meint, er hört vielleicht was von einer Arbeit, oder wo er ein billiges Nachtquartier findet. So setzt er sich in einen Winkel, so wie wir jetzt dasitzen. Und weil er nicht weiß, ob er bald Arbeit findet, und was das Leben kostet in der Stadt, zählt er sein Geld. Die Brieftasche nimmt er heraus und zählt sein Geld ...« Gloos redete sich so in seine Phantasie hinein, daß er mit der linken Hand in die rechte Brusttasche griff, seine Brieftasche herausholte und vor sich auf den Tisch legte. Dem Buchhalter lief ein geheimes Grauen über den Rücken; es gab also noch mehr Menschen, die sich solche Hirngespinste machten wie er. Einen Augenblick dachte er: »Wenn das keine Hirngespinste wären? Was dann ...?« Mit einer jähen Handbewegung scheuchte er den törichten Gedanken von sich. »Was haben Sie denn?« fragte der Friseur. »Nichts! Gar nichts.« Gloos starrt seine Brieftasche an. »Nehmen Sie an, da wären viele Banknoten drin – auch größere – Fünfziger, sagen wir – vielleicht sogar ein paar Hunderter. Er kann sich ja etwas erspart haben. Vielleicht war er auch erst in seiner Heimat und hat sich dort Geld geholt.« »Nein,« sagt der Buchhalter, »in seiner Heimat war er nicht – schon lange nicht mehr. Das weiß man ja von seiner alten Mutter.« »Sie haben recht, das weiß man ja von seiner alten Mutter.« Da senkt der Friseur den Kopf; sein Gesicht verändert sich. »Es muß hart sein für die alte Mutter, die ihren Sohn so verlieren muß.« Der Buchhalter saß erschüttert da und sah den Menschen verständnislos an. Der faßte sich wieder und sagte verwirrt: »Ich bin nicht recht gesund. Da hat man hier und da so einen Schwächeanfall. Ich bin nicht fest auf der Brust. Ich muß heim. Es ist Zeit. Wir müssen früh heraus. Adieu!« Er streckt flüchtig eine eiskalte Hand herüber, greift nach dem Hut und eilt fort. Unterwegs trifft er auf die Kellnerin, bezahlt sie rasch und geht hinaus. Jetzt ist der Buchhalter allein. Er stützt den Kopf auf beide Arme und stöhnt unter einer furchtbaren Last, die ihm diese Stunde auf die Seele gelegt hat.   Als Espel am nächsten Mittag von der Kanzlei heimkam, traf er die Schwiegermutter in der Wohnung. Beide Frauen saßen in der Küche. Die Schwiegermutter war sehr gesprächig. »Ah, da sind Sie ja, Sie Oberdetektiv!« begrüßte ihn die Sekretärin und zeigte auf einen kleinen goldgelben Butterballen, der auf dem Tisch lag. »Was sagen Sie dazu?« Verwundert betrachtete er das Geschenk. »Das ist ja wohl Bauernbutter.« »Das will ich meinen. Wir haben auch einen solchen Ballen. Es waren zwei. Einen hab' ich euch gebracht, weil Sie gewissermaßen auch daran beteiligt sind, daß die zwei Butterballen zu uns ins Haus gekommen sind.« »Das verstehe ich nicht.« »Sie werden es gleich begreifen.« Frau Wolperts ging an den Herd, schob den Suppentiegel vom Feuer, der nach ihrer Meinung zu stark brodelte, und setzte sich, indes Liesel den Tisch deckte. Da es herbstlich kühl zu werden begann, blieb man in der Küche. Die junge Frau stellte auch vor ihre Mutter einen Teller, den diese erst leise wegrückte, dann aber, weil sich ihr Schwiegersohn heute so nett benahm, wieder heranzog. Sie mußte ja schon bleiben wegen der wichtigen Nachrichten, die sie gehört hatte. »Ich hab' selber gar nicht mehr daran gedacht,« erzählte sie, während man aß, »daß wir Verwandte in Segeltshausen haben. Das heißt, ich hab' Verwandte dort. Eine Schwester von meiner Großmutter väterlicherseits hat dorthin geheiratet. Und ihr Sohn hat dann auch wieder dort geheiratet. Gloos heißen die Leute.« »Wie heißen sie?« fragte der Buchhalter erregt und ließ den Löffel fallen. Er fuhr auf und rannte aus dem Zimmer. Liesel erblaßte über den unerklärlichen Auftritt. Frau Wolperts hob den Löffel auf, spülte ihn an dem Küchenbrunnen und steckte ihn wieder in die Suppe. »So!« sagte sie dann zornig. »Jetzt hab' ich aber genug.« Sie stand auf, schlang die Bänder ihres Hutes unter dem Kinn zu einer Schleife und schaute in den kleinen Küchenspiegel. Liesel hatte sich erhoben. Ihr zitterten die Knie. Sie wußte nicht, was sie zuerst tun sollte, ob ihrem Mann nacheilen oder ihre Mutter beruhigen, die sie gut genug kannte, um zu wissen, daß jetzt etwas Schlimmes bevorstand. Da kam Oskar zurück. Er war in das Wohnzimmer hinübergerannt und hatte dort das Fenster aufgerissen. Die kalte Luft, die hereindrang, brachte ihn zu sich. »Um Himmels willen, nur jetzt Ruhe!« murmelte er. Sonst wurde auch Liesel mit in das Unheil hineingerissen, und alles war verloren. So kam er zurück, weiß im Gesicht, aber äußerlich gefaßt. »Verzeihen Sie, Schwiegermutter!« sagte er. »Ich war so aufgeregt. Ich bin so erschrocken.« »Was hat Sie denn so aufgeregt? Was denn? Daß ich euch die Butter gebracht habe? Daß die Butter von Segeltshausen ist? Daß ich in Segeltshausen eine Base hab'? Daß diese Base Gloos hierher gekommen ist und mir die Butter gebracht hat?« Sie ging ein paarmal in der Küche hin und her, blieb vor ihm stehen und sagte ruhig: »Sie sind verrückt!« »Mutter!« bat Liesel und griff nach ihrem Arm. Espel stand unbeweglich. Der erste Schreck war vorüber; still und gefaßt erwartete er, was nun noch kam. »Die vertrackte Mordgeschichte ist schuld daran,« sagte Frau Wolperts. »Andere Mütter wollen eben früher nach ihren Kindern sehen als das arme Weib, dem sie da drunten ihren Sohn umgebracht haben. Die ist zu spät gekommen. Aber meine Base ist eine kluge Frau. Sie sorgt vor. Sie geht, solange sie noch rechtzeitig kommt. Ihr Sohn Thomas, der Friseurgehilfe ist, hat ihr vor ein paar Wochen geschrieben, daß er hierher gekommen ist, um hier Arbeit zu suchen. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört. Jetzt, wo sie die Nachricht von dem Mord gelesen hat, ist ihr angst um ihren Thomas geworden. Es wird ihn wohl nicht auch einer umgebracht haben? Aber man kann ja begreifen, wie einer Mutter wird, wenn sie von solchen Dingen hört. Sie möchte wissen, wie es ihm geht. Deshalb ist sie hierher gefahren.« Sie schwieg und schaute von ihrer Tochter zu Oskar, der sich auf einen Küchenstuhl gesetzt hatte und vor sich bin brütete. Frau Wolperts redete weiter: »In so einem Fall geht man zu Verwandten, wenn man in eine große Stadt kommt. Besonders, wenn man weiß, daß diese Verwandten jemanden in der Familie haben, der selber so halb und halb vom Gericht ist wie mein Herr Schwiegersohn. Denn mein Mann ist ja zu so was nicht zu brauchen. Der verpulvert seinen ganzen Verstand in seiner Schreibstube. Aber von Ihnen hätte ich doch mehr Vernunft erwartet. Ich hätte geglaubt, daß Sie mir die Bitte nicht abschlagen würden, Sie möchten der Base ihren Sohn suchen helfen. Er soll ein braver, anständiger Bursche sein, nur ein wenig schwach auf der Brust.« Oskar trat kalter Schweiß auf die Stirn. »Schwiegermutter, ich will gern der Base ihren Sohn suchen helfen, den Friseurgehilfen Thomas Gloos.« Die Sekretärin sah ihn ruhig an. Er sah so blaß und elend aus, daß ihr Groll sich in Mitleid wandelte. Der arme Kerl mußte wirklich nicht gesund sein. »Da wäre doch der Spektakel nicht nötig gewesen und Sie hätten besser, statt sich unnötig so aufzuregen, ein Butterbrot gegessen.« Sie zog den Wecken heran, schnitt drei große Stücke herunter und begann drei Butterbrote zu streichen. Liesel war so froh, daß sich die Szene wieder friedlich löste; sie nahm ein Butterbrot und reichte es ihrem Mann. Er nahm es aus ihren Händen und biß ein Stück ab. Aber der Bissen wollte nicht hinunter. Er stand hastig auf und ging hinaus. »Wenn der so fort macht,« flüsterte Frau Wolperts, »wirst du nicht alt bei ihm werden.« Wie sie jedoch Liesels tränengefüllte Augen sah, strich sie ihr gutmütig über die Wangen und murmelte: »Nun ja! Gräm' dich nur nicht ab darüber – vielleicht geht's auch bald wieder anders.«   Oskar ging früher als sonst fort und kam vor der Zeit ins Büro. Dort traf er den Rechtsanwalt Doktor Müller, der nach einer langen Verhandlung vom Gericht gekommen war. Einen Augenblick drängte es den Buchhalter, ihm alles anzuvertrauen und ihn um Rat zu bitten. Als er aber den ernsten Ausdruck im Gesicht des Doktors bemerkte, verlor er den Mut. Wenn er nun zu ihm sagen würde: »Ich soll einer Mutter den Sohn suchen und habe einen Mörder gefunden,« dann erhielt er gewiß die Antwort: »Sie müssen den Mörder der Polizei überliefern.« Was dann? – Mußte er das nicht tun? – Da war das alte Mütterchen, Walburga Moorbruch, das forderte sein Recht. Die Fremden und seine eigenen Angehörigen wollten von ihm den Sohn, den Vetter, den »braven, anständigen Burschen«. Einen Augenblick drehte sich das Zimmer um ihn; er griff nach einer Stuhllehne. »Espel,« sagte sein Chef, der ihn beobachtet hatte, und legte ihm gütig die Hand auf die Schulter, »Sie sind heute wieder überarbeitet. Es ist ein schöner, heiterer Herbstnachmittag, die Luft ist köstlich. Den Nerven tut das wohl. Ich habe vorhin in einem Gasthof gegessen und heimtelephoniert, daß ich über Mittag nicht heim komme. Ich bleibe hier. Sie können ruhig weg und einen Spaziergang machen. Kommen Sie morgen früh wieder. Gute Erholung!« Oskar wollte ihm entgegnen. Aber der Anwalt duldete keinen Widerspruch. So ging er. Es war ihm wie ein Wink des Schicksals, daß er ein paar Stunden mit sich allein sein konnte. Rasch verließ er die Stadt und ging auf einsamen Wegen in den Wäldern am Flusse hin durch raschelndes Laub. Die Höhenforste leuchteten bunt. Tiefgrün mit weißen Wellenkämmen schäumten die Bergwasser stadtwärts; schreiende Möwen kreisten über ihren Wirbeln. Hin und wieder glitt ein Floß an ihm vorüber, auf dem stämmige Gebirgler in weißen Hemdärmeln gemächlich saßen und die Ruder hielten. Es war ruhig und friedlich hier außen, und Espel fühlte umso stärker die Unruhe in seinem Gewissen. Eine Seelenqual war in ihm, als ob er selber eine Untat begangen hätte. Was hatte er getan? Sich vermessen, einen Mord aufzuhellen, nach dessen Sühne alle Welt schrie! Weshalb gab ihm das Schicksal, indem es ihm den Täter auslieferte, den Sohn einer armen Mutter, einen Verwandten, in die Hände, dessen Überführung unendliches Leid über ein Mutterherz, Schande und Zerrüttung in seine eigene Familie, schlimmstes Elend über seine junge Frau brachte? Nie würde ihm seine Schwiegermutter verzeihen können, wenn er das vollbrachte. Und er selbst würde nie mehr darüber zur Ruhe kommen. Liesel würde daran zugrunde gehen – sein hilfloser Schwiegervater verloren sein im Zusammenleben mit der harten, wenn auch wackeren Frau. Wohin er sah, Verderben und Schuld. Seine Schuld! Schuld, wenn er den Mörder verschwieg. Schuld, wenn er ihn preisgab. Er war auf überhängendes Erdreich getreten, unter dem die Wogen brausten. Wer da hineinsprang, den rissen die Wellen mit sich fort. Es war gewiß bald vorbei mit ihm. Ihn schwindelte. Kein Mensch würde etwas dahinter finden, wenn man ihn an einem Wehr ertrunken auffischte. Er könnte verunglückt oder auch in augenblicklicher Geistesstörung hineingesprungen sein. Seine Schwiegermutter würde gutgläubig als erste seine Sinnesverwirrung bestätigen. Für eine Minute umschmeichelte ihn der Gedanke, riefen ihn die Wasser, lockte ihn die Sehnsucht nach Ruhe, nach Flucht aus diesem unerträglichen Elend. Eine Stimme im Innern riß ihn zurück von der winkenden Flut, hinaus auf das sichere Land, in das alte Leid. Müde und verzagt schlich er eine Weile weiter, bis er eine Bank sah, die zwischen Weiden stand; erschöpft setzte er sich nieder. Dort saß er stundenlang und schaute, an die morsche Lehne gedrückt, den jagenden Wolken zu, in denen der Herbstwind spielerisch Gestalten schuf und verwischte. Er legte die Hände ineinander und rang nach Klarheit. – Allmählich gewann er Macht über den Todesgedanken. Sein Leben gehörte ihm nicht. Um Liesels willen mußte er weiter ringen. Dieser Gedanke beruhigte ihn. Aber dann zog ihn die Vorstellung in neue Wirrnis, daß er noch weniger Recht über ein fremdes Leben besaß, über das er sich Gewalt angemaßt hatte – über jenes des Mörders. Hier lag eine Schuld. Daran war kein Zweifel. Dadurch beschwor er alles Unheil über sich und seine Familie herauf. Aber war denn nicht der Ruf an ihn ergangen in jener Nacht? – Er stand auf, breitete beide Arme aus und atmete tief. Der köstliche Herbsthauch wirkte stärkend und belebend auf ihn. Er scheuchte alles Dunkle, das Herübergreifen geheimnisvoller Mächte in das klare Reich der Vernunft von sich und beschloß, nur mehr noch das gelten zu lassen, was wirklich war und sinnfällig, was deutlich vor ihm lag. Er vergegenwärtigte sich noch einmal die Geschehnisse jener schrecklichen Nacht und prüfte jedes Wort, das er dann in dem Barbierladen mit dem Gehilfen gesprochen. Jedes Wort auch, das er von ihm in dem Bierlokal gehört. Mußte ihn das nicht alles annehmen lassen, daß Thomas Gloos der Mörder sei? Und auch das andere stimmte: der Name, der Stand und die Angabe der Base über seinen Gesundheitszustand. Thomas Gloos war der gesuchte Vetter. Ob er aber auch wirklich der Mörder war? – Was hätte Espel darum gegeben, wenn Thomas Gloos die Tat nicht begangen hätte! Er drehte und deutelte an den Worten, die der arme Kerl in dem Gastlokal geredet hatte. Nein, so verdächtig das alles auch gewesen war, einen klaren Beweis boten sie doch nicht. Da war noch vieles unklar. Da fehlte das Letzte, Entscheidende, Faßbare. Vielleicht hatte er nur erzählt, was er selber von einem anderen gehört. Gewißheit mußte er sich verschaffen um jeden Preis. Das war der letzte Gedanke seines langen Grübelns. Er stand auf und wanderte nach der dämmernden Stadt zurück. Laternen spiegelten ihr Licht im Fluß. Heimkehrende Arbeiter kamen ihm entgegen. Er schritt geradeswegs nach dem stillen Seitengäßchen, wo der Friseurladen lag. Als er dort eintrat, fand er den Gehilfen nicht. Während der Inhaber des Geschäftes andere Kunden bediente, entnahm er aus unwilligen Bemerkungen, die der Barbier dabei äußerte, daß sein Gehilfe am Morgen die Stelle verlassen hatte. Seine Mutter sei schwer erkrankt, er müsse sofort heimreisen, habe er gesagt. Natürlich konnte er den Burschen nicht zurückhalten. Es sei schade um ihn. Er sei ein ordentlicher Arbeiter gewesen, wenn auch ein etwas absonderlicher Kauz und nicht ganz gesund. Aber wenn die Mutter schwer erkrankt sei, müsse er sie wohl aufsuchen. Ein Kunde sagte: »Wenn's nur auch wahr ist. Die Leute schwindeln oft. Vielleicht steckt ihm ein Mädel im Kopf.« Der Friseur widersprach: »Auf Weiber achtete er nicht. Er schaute keine an. Es wird doch wahr gewesen sein.« »Vielleicht hat er was ausgefressen,« bemerkte ein anderer. »Das glaub' ich nicht. Er war so ruhig.« »Ja, das sind oft die Schlimmsten. Stille Wasser – das kennt man.« Oskar war so unruhig unter dem Rasieren, daß es dem Barbier auffiel. »Sie haben's wohl eilig?« fragte er. Espel nickte. Als der Barbier fertig war, ging der Buchhalter rasch weg. Gloos war fort; er war heimgegangen. Er war nicht mehr da. So rasch er konnte, eilte Espel in die Wohnung seiner Schwiegereltern. Frau Wolperts öffnete ihm und führte ihn ins Wohnzimmer. Dort saß der Sekretär unter der Lampe auf dem Sofa und neben ihm ein kleines, verschrumpftes Bauernweib, das aufstand und Espel ansah. Mutteraugen voll Sorge und Hoffnung schauten zu ihm auf. »Er ist fort! Heute morgen ist er abgereist, zur erkrankten Mutter heim.« »Aber du bist ja gar nicht krank!« sagte der Sekretär zur Base. Frau Wolperts rief: »Man wird ihm eine falsche Nachricht überbracht haben. So was kommt vor. Da ist der gute Mensch gleich heimgefahren.« Die Alte zappelte um das Sofa herum. Ihre Augen schimmerten feucht. »Ja, mein Thomas!« Sie griff zitternd nach verschiedenen Gegenständen, die ihr gehörten, und fragte: »Geht noch ein Zug heut?« Der Sekretär suchte nach einem Kursbuch. »Um neun Uhr,« sagte er dann. Ungeduldig war die Alte seinem Finger gefolgt, der durch die Zeilen des Fahrplans strich. »Eine halbe Stunde Zeit!« erwiderte Frau Wolperts. »Gott sei Dank!« Die Base ging in die Kammer, wo sie ihre Sachen aufgehoben hatte. »Sie sind doch ein brauchbarer Mensch, Oskar!« sagte die Schwiegermutter anerkennend und schob dem Buchhalter ein Stück Wurstbrot und ein kleines Glas mit Bier hin. Er sah sie dankbar an und leerte das Glas. Er war froh, daß die Base nun die Stadt verließ. Es war ihm, als könnte vorher noch immer das Schlimmste geschehen. Lange brauchte er auf sie nicht zu warten. Nach wenigen Minuten kam sie zurück in Kopftuch und Jacke, den Lederranzen in der einen, den großen Schirm in der anderen Hand. Dann machten sie sich zu dritt auf den Weg. Der Sekretär blieb daheim. Oskar sollte die Fahrkarte besorgen und der Base einen Platz sichern. Frau Wolperts ging plaudernd neben der unbeholfen marschierenden und doch vorwärtsdrängenden Base her. Der Buchhalter eilte voraus. Ihm klopfte das Herz; er spähte in die Nacht, an jedem Eck gewärtig, eine lange, schlotternde Gestalt um das nächste Haus biegen zu sehen. Auf dein Bahnhof ging es noch lebhaft zu. Späte Reisende kamen. Wandervögel eilten davon. Surren und Summen. Pfiffe schrillten, und dumpfes Brausen der Lokomotiven klang. Die Sekretärin brachte die Base Gloos in einem matterleuchteten Wagen unter. Die Bäuerin sagte nur mit halber Stimme Adieu und war schon im Geist daheim, wo an der Schwelle des kleinen Bauernhäuschens ihr Thomas sie erwarten würde. Ein Wink – ein Ruck – der Zug rollte aus der rotglühenden Glashalle hinaus in die Nacht. Oskar ging still und abgespannt neben seiner Schwiegermutter her, die jetzt auch verstummt war. An einer Straßenkreuzung trennten sie sich. Er hatte ihr angeboten, sie heimzubegleiten. »Mich stiehlt niemand,« gab sie ihm lachend zur Antwort, reichte ihm freundlich die Hand und schaute ihm noch einmal nach, während er seiner Wohnung zuschritt. Sie war heute zufrieden mit ihm, weil er der Base einen guten Dienst getan hatte. Obwohl es spät geworden war und Liesel gewiß sehnsüchtig wartete, ging Oskar doch langsam weiter. Ihm war so wohl zumute, daß er mit einem gewissen Behagen dahinschlenderte. Alle Unruhe und Sorge waren vorbei; Friede war um ihn und in ihm. Liesel, die aus dem Fenster sah, als er kam, hörte freudig seine kurze Mitteilung, daß er den Vetter ausgemittelt habe, daß dieser heimgereist sei, und daß die alte Base ihm sofort nachgefahren wäre. Sie saßen schweigend noch eine Weile beisammen und gingen dann bald zu Bette. Ruhig und zufrieden schliefen sie beide diese Nacht.   Die Berichte über den Mord waren aus den Spalten der Zeitungen verschwunden. Menschen in der Stadt haben ein kurzes Gedächtnis. Die alte Witwe Walburga Moorbruch von Niederwaldbach blieb bei den Leuten, die sie aufgenommen; in ihrer Heimat war ja niemand, der sich um sie gekümmert hätte. Hier störte die anspruchslose, stille Frau nicht, die den ganzen Tag in ihrem Stübchen vor sich hin brütete und nur, wenn das Wetter es irgendwie erlaubte, auf den Friedhof zu dem kleinen Hügel ging, unter dem ihr Sohn lag. Die Familie Espel erlebte nun hellere Tage. Oskar arbeitete eifrig und fand in seiner Tätigkeit Vergessenheit des Gewesenen und die Ermüdung für einen ungestörten Schlaf. Liesel schaffte froh und rührig im Haushalt. Hie und da kam ihre Mutter, tadelte dies und jenes scharfäugig und spitzmäulig und glich, wie das so ihre Art war, die schroffen Bemerkungen durch allerlei kleine Dienste aus. Sie war seit dem letzten Vorfall besser auf ihren Schwiegersohn zu sprechen und litt es sogar, daß der Sekretär hie und da die jungen Leutchen besuchen durfte. Eines Mittags, als Oskar heimkam, fand er ein dickes Kuvert. Er war hungrig und beachtete das Päckchen nicht, um schnell zu Tisch zu kommen. Die Suppe dampfte einladend. Nach dem Essen plauderten beide über dies und das. Denn auch Liesel hatte den Brief vergessen, den ein Junge vormittags abgegeben. Erst beim Fortgehen sah Espel das Päckchen wieder und steckte es zu sich. Er wollte es unterwegs öffnen. Als er es auf der Straße aufbrach, kam ein zweites verschlossenes Kuvert zum Vorschein, um das ein beschriebener Zettel gelegt war. Auf diesem standen in unbeholfener Schrift mit schlechter Tinte die Worte: »Tun Sie damit, was Sie für recht halten. Ich will von allem los sein.« Unwillkürlich erschrak Espel und brachte es nicht gleich über sich, den zweiten Umschlag zu öffnen. Er steckte Zettel und Brief wieder in die Manteltasche und betrat unruhig und aus seinem Frieden gestört die Kanzlei. Dort ging es den ganzen Nachmittag so lebhaft zu, daß er zunächst keine Zeit fand, sich mit den rätselhaften Papieren zu beschäftigen. Aber die Unsicherheit verließ ihn nicht und durchkreuzte alle seine Arbeiten so, daß er sich zusammennehmen mußte, um seine Arbeit nicht fehlerhaft zu machen. Endlich konnte er sich nicht mehr bemeistern; er nahm die Papierschere und trennte mit einem Schnitt den Rand des Umschlages los. Mit zitternden Fingern zog er eine Reihe verschiedener Schriften hervor, dazwischen ein drittes kleineres Kuvert, das nicht zugeklebt war. Unter den Papieren fiel ihm zuerst das Arbeitsbuch des Sattlergehilfen Franz Moorbruch von Niederwaldbach in die Hände; auch die übrigen Schriftstücke waren solche, die offenbar ihm gehört hatten. Er fand da ein paar Ansichtskarten, die Bekannte geschrieben hatten, einige lose Zeugnisse, ein Krankheitsattest und einen alten, sehr zerlesenen und beschmutzten Brief seiner Mutter, in dem eine verblaßte Photographie von ihr lag. Oskar steckte das Bild wieder in den Brief und griff nach dem dritten kleinen Umschlag. Der enthielt ein paar größere und viele kleine Banknoten; im ganzen vierhundertfünfzig Mark. Das war offenbar dem Ermordeten geraubt worden. Das Geld hatte der Täter möglicherweise erst später wieder auf den ursprünglichen Betrag ergänzt. Dafür sprachen die vielen kleinen Scheine. Auf der Rückseite des abgegriffenen Briefes der Mutter und an der Vorderseite des Arbeitsbuches, die beide zusammen die äußeren Bestandteile des Päckchens bildeten, sah man deutliche Abdrücke blutbefleckter Finger. Ein Schauer überlief Espel; er schob alles zusammen mit einer hastigen Bewegung heftig von sich in die dunkelste Ecke seines Schreibtisches unter das darüber angebrachte Büchergestell. Sein Kopf glühte. Was da vor ihm lag, war der Inhalt der ausgeplünderten Brieftasche Franz Moorbruchs gewesen. Der Täter, der sich auffallenderweise nicht früher von den Papieren befreit hatte, schickte ihm nun den gefährlichen und quälenden Besitz. Er wollte offenbar nicht länger Überführungsgegenstände bei sich tragen, die er doch nicht zu vernichten wagte. »Tun Sie damit, was Sie für recht halten! Ich will von allem los sein.« Er wollte mit dem Verbrechen nichts mehr zu tun haben und glaubte sich umso leichter von aller Schuld zu befreien, wenn er auch das Geld herausgab und – was er anscheinend getan hatte – davon Verbrauchtes ersetzte. Er befand sich demnach jetzt wohl in einer Lebenslage, in der er sich bis zu einem gewissen Grade sicher fühlte. Da gab er die Zeugen seiner Tat in andere Hände und schob sie Espel zu. Also mußte er ihn kennen. Er mußte nach ihrer letzten Zusammenkunft in dem Bierlokal, wo er den Namen des Buchhalters gehört hatte, ihm nachgeforscht und seine Wohnung ermittelt haben. Oskar zitterte bei dem Gedanken, daß der Mörder vielleicht an seiner Türe gewesen war, daß er beinahe seine Schwelle überschritten und mit Liesel gesprochen hätte. Warum gab der Unselige gerade ihm all das in die Hand? – Wenn das erwachte Reuegefühl es dem Mörder unmöglich machte, die Papiere zu vernichten und das Geld zu behalten, warum schickte er dann nicht beides ohne Namen an die Polizei? Es wäre möglich gewesen, ohne jede verräterische Spur, ohne einen Buchstaben von seiner Hand, das Ganze in den Briefkasten irgend einer Polizeistation zu werfen. Fürchtete der von seiner Tat Verängstigte, dabei beobachtet und festgehalten oder doch später von irgend einem Lauscher wiedererkannt zu werden? – Nein, die Gefahr lag so ferne, daß sie ihm bei seiner Handlung kaum vorgeschwebt haben könnte. Es mußte etwas anderes sein, das ihn dazu getrieben hatte. Er suchte Vertrauen, wollte einen Menschen haben, der um seine Tat wußte und nun darüber verfügen sollte. Er wollte den einzigen, der sein Verbrechen kannte, zum Mitträger seiner Schuld machen, wollte sich entlasten, indem er einen zweiten mit in sein Geheimnis zog und vielleicht zum Richter über sich aufstellte. »Tun Sie damit, was Sie für recht halten! Ich will von allem los sein.« Ganz und gar gab er sich in Oskars Hand. »Du richte über mich! Was ich dir noch in meinen Worten an Lücken über meine Schuld gelassen, die Beweise bannen den letzten Zweifel. Tu du damit, was du für recht hältst! Ich will von allem los sein. Wenn du nichts gegen mich unternimmst – und darauf baue ich – dann bin ich frei. Alle Schuld liegt dann wie eine eigene auf deinem Gewissen. Trage sie! Entscheide! Ich will sie los sein.« Furchtbar bedrückte diese Erkenntnis Oskars verängstigtes Gemüt. Ihn hatte der Ermordete zum Zeugen, zum Rächer der Tat aufgerufen. Ihn rief nun auch der Mörder. Wie ein Richter stand er zwischen ihnen. Er sollte entscheiden. Und er wußte, daß er sich nicht entscheiden konnte. Liesel, seine ganze Familie, der Täter, dessen Mutter – alle waren sie in seine Hand gegeben. Er konnte unendliches Unheil verhüten, aber er konnte es auch heraufbeschwören. Verzweifelt schaute er auf. Da fiel sein Blick durch die offen stehende Türe, die zum Arbeitszimmer seines Chefs führte, auf ein Bild, das dort an der Wand hing. Darauf war die Gerechtigkeit dargestellt, eine aufrechtstehende Frau, in der einen Hand die Wage, in der anderen das Schwert. Vor ihr auf den Knien lag ein Schuldiger und barg das Haupt zu ihren Füßen. Sie trug die Binde vor den Augen und sah sein Flehen nicht, durfte es nicht sehen. Es gab doch nur einen Weg, dachte Espel. Er mußte zur Polizei gehen oder zur Staatsanwaltschaft. Und was mußte er dort sagen? »Mein Vetter, der Friseurgehilfe Thomas Gloos von Segeltshausen, hat den Sattler Franz Moorbruch von Niederwaldbach ermordet und beraubt, er hat es mir durch untrügliche Worte und Gebärden so gut wie gestanden. Er hat mir auch Schriftstücke und ein Bild geschickt, alles, was er dem Getöteten genommen hat.« Wie aber, wenn es nicht Gloos war, der ihm diese Beweise übersandte? – Liesel hatte nur nebenher erwähnt, ein fremder Junge hätte ein Päckchen abgegeben. Der war offenbar von dem Übersender heraufgeschickt worden, der selbst nicht an die Türe kommen wollte. Vielleicht war es doch ein dritter gewesen. Warum aber sollte ein dritter ihm die Sachen geschickt haben? Espel grübelte weiter. Vielleicht deshalb, weil ich der einzige Zeuge gewesen bin und als solcher in der Zeitung genannt war. Einen Augenblick blendete ihn dieser Gedanke. Aber doch nur vorübergehend. Er hielt bei ruhiger Überlegung nicht stand. Espel erinnerte sich an das Gespräch im Bierlokal. Gloos war der Täter er hatte ihm auch das Päckchen ins Haus geschickt. Gloos, der ihm schon einmal einen Teil seines Geständnisses abgelegt hatte, vollendete es jetzt und wollte haben, daß er die Tat richten solle, daß er sie bewahre und vergebe. Da kam der Rechtsanwalt aus seinem Zimmer und legte ein Kärtchen auf Espels Tisch. »Vielleicht interessiert Sie das. Ich habe keine Zeit dazu und kenne es auch schon.« Mit einer raschen Handbewegung hatte Oskar, ehe der Chef seinen Tisch erreichte, den Inhalt des Päckchens in die offene Schublade gebracht. Nachdem Doktor Müller gegangen war, empfand er dieses Tun beschämend. Hatte er nicht damit schon geurteilt? – War er nicht zum Hehler geworden? Das Eigentum Franz Moorbruchs lag in seiner Tischschublade. Wenn er in diesem Augenblick einem Schlaganfall erlag, und man fand die Papiere in seinem Tisch, stand er dann nicht als Mitwisser des Verbrechens da? Heiße Blutwellen strömten aus seinem Herzen in sein Gehirn. Wieder streifte sein Blick das Bild im Zimmer des Rechtsanwalts. Die Gerechtigkeit wählte nicht. Schuld wog vor ihr schwerer als alles andere.   Oskar nahm das Kartenblatt auf, das ihm Doktor Müller eben hingelegt hatte. Es war eine Einladung zu einem Vortrag für heute abend. Professor Dirr sprach über »Schuld und Sühne«. Espel atmete auf. In schweren Zweifeln ringend, bot sich ihm zufällig die Möglichkeit, einen bedeutenden Mann über eine schwere Frage sprechen zu hören. Zufall? – War es nicht ein Wink des Schicksals? – Abermals las er die Worte »Schuld und Sühne«. Er wollte hören, was der Mann ihm zu sagen hatte. Denn für ihn sprach er heute. Kein anderer Hörer würde so mit der flehendsten Inbrunst einer gefolterten Seele jedem Wort lauschen, um vielleicht einen Entschluß zu finden, den er zur Tat machen konnte. Sein leicht erregbares Wesen empfand es wie einen Wink; er hoffte dort Klarheit zu erlangen über sich selbst. Rasch entschlossen stieß er das Schubfach zu, sperrte ab und steckte den Schlüssel ein. Bis morgen sollten die Zeugen einer Schuld in der Lade liegen. Zuvor wollte er hören, wie ein Kundiger sich zu Schuld und Sühne verhielt. Durch ein Fräulein, das im Büro arbeitete, und das nicht weit von ihm wohnte, ließ er seiner Frau sagen, der Rechtsanwalt habe ihm eine Karte zu einem Vortrag geschenkt, den er hören wolle. Liesel möge ihn deshalb nicht zum Abendessen erwarten. Nach diesem Entschluß wurde er ruhiger und arbeitete bis gegen acht Uhr. Dann suchte er das Gebäude auf, in dem der Vortrag stattfand. Der Saal war gut besetzt. Espel erkannte eine Reihe von Anwälten; auch Richter und Staatsanwälte; vor allem aber waren viele junge, noch im Studium begriffene Leute da. Professor Dirrs Name hatte in diesen Kreisen einen guten Klang. Er war ein Mann, der seine eigenen Wege ging. Wenn er auch nicht zu denen gehörte, die kritiklos dem Staat das Recht absprachen, mit Urteil und Verfügung über Leben und Tod begangenes Unrecht zu sühnen, so wollte er doch die jeweilige Lage berücksichtigt wissen. Verbrecher, die sich nach Anlage und Tun als unbrauchbare Glieder der Gesellschaft herausgestellt hatten, sollten ihre Strafe finden. Andere aber, die vom Taumel einer Verirrung erfaßt worden waren, wünschte er dem Schaffen zurückgegeben. So gipfelte sein Vortrag in dem Gedanken auf den Segen der Arbeit. Die stellte er über alles; in ihr sollte Entsühnung und Wiedervergeltung gefunden werden. Arbeit galt ihm als Besserungsmittel für Jugendliche überhaupt. Nur rettungslos Vertierte sollten davon ausgenommen sein. Arbeit war ihm das Schild, das auch alle jene Erwachsenen zu decken vermochte, die sie nicht von jeher gemieden hatten. Seine Ausführungen fanden Beifall. Allerdings hielten ihm dann die Anhänger des undurchbrochenen Strafprinzips entgegen, seine Theorie leide an dem bedenklichen Mangel, daß sie mit der unsicher zu treffenden Unterscheidung zwischen Arbeitswilligen und solchen, die sich vor ihr scheuten, Irrtümern, Fehlgriffen und der Willkür Tür und Tor öffne. Aber er suchte den Nachweis zu führen, daß es überhaupt keine menschliche Einrichtung ohne Mängel gäbe, und daß man durch Erfahrung und Gewissenhaftigkeit allzu schlimme Mißgriffe fernhalten könne. Jeder, der sich nachträglich noch als arbeitstüchtig erweise, müßte aus dem Gefängnis entlassen werden. »Und was soll mit dem geschehen, der geköpft worden ist?« rief jemand. Ein höhnisches Lachen erklang. Der Vortragende antwortete: »Ich will hier nicht zur Todesstrafe sprechen, über ein Menschenleben darf nur entscheiden, wer es völlig kennt.« In der dunkelsten Ecke des Saales stand Espel. Licht und Hoffnung fiel aus diesen Worten in seine Qual. Er wartete nach dem Vortrag lange vor dem Saalgebäude auf den Professor und ging hinter ihm, als er mit ein paar Herren aus dem Gebäude trat. Ungeduldig folgte ihm Oskar Schritt für Schritt und wartete, ob sich nicht die Begleiter von dem Professor trennen würden. Endlich bogen die übrigen in Seitenwege ab. Da trat Espel an Dirr heran. »Verzeihen Sie, Herr Professor! Würden Sie mir als Besucher Ihres Vortrags eine Unterredung gestatten?« Dirr blieb stehen und betrachtete den bleichen Menschen aufmerksam. »Gern. Wollen Sie mit mir kommen?« Der Buchhalter dachte an seine Frau. Aber dann entschloß er sich. Die Unruhe einer Nacht konnte ihr den Frieden ihres Lebens, der auf dem Spiele stand, sichern. Dankend stimmte er zu. Es war ein ziemlicher Weg, den sie zurücklegen mußten, bis sie an das Haus des Gelehrten kamen. Professor Dirr schloß auf und führte seinen Gast in ein kleines, bücherumstelltes Zimmer. Dann trat er an einen Wandschrank, nahm zwei Gläser heraus, füllte sie mit Wein und stellte je eines vor den Besucher und sich. »Zum Gruß!« sagte er, hob das seine, nahm einen Schluck und wartete, bis ihm Espel Bescheid gab. »Wollen Sie nun sprechen?« fragte Dirr ermunternd und betrachtete Espel prüfend. Oskar begann zu erzählen. Er schilderte alles, was er erlebt hatte – von der Mordtat auf dem Wiesenweg bis zur Sichtung des Päckchens. Nun schwieg er. Der Professor griff nach dem Glas und trank langsam. »Nun,« begann er dann ernst, »nun tragen wir an der Schuld zu dreien.« Oskar blickte erschrocken auf. »Daran dachte ich bei meiner Bitte um Ihren Rat gar nicht.« »Es soll Sie auch nicht weiter beunruhigen. Ich trage sie mit.« Er stand auf und ging an das Fenster. Einige Minuten vergaß er den ungeduldig Wartenden. Dirr erinnerte sich an viele Menschen, die er in Schuld und Leid verstrickt kennengelernt; er war lange als Arzt im Leben gestanden, und war in Gefängnissen, Irrenhäusern, Krankenanstalten tätig gewesen. Dann, als er wirtschaftlich und im Innersten frei geworden war, hatte er sich allgemeinen Menschheitsfragen zugewendet. Nun trat er wieder an den Tisch zurück. »Er wird zu Ihnen kommen,« sagte er bestimmt. Oskar sah erstaunt auf. »Er wird zu Ihnen kommen,« wiederholte Dirr. »Dann führen Sie ihn zu mir und bringen Sie mit, was er Ihnen gesendet hat. Wir wollen dann die Frage zu lösen suchen.« Espel ging unbefriedigt fort. Er konnte nicht sagen, was er erwartet hatte, aber er war ebenso unglücklich wie vorher. Im tiefsten Grunde des Herzens, wenn es ihm auch nicht völlig klar vor Augen stand, hatte er doch gehofft, der Professor würde aller Qual ein Ende bereiten und Schweigen gutheißen. So wies er ihn den Weg zu weiterer Unruhe, Ungewißheit und erneuter Qual. Woraus folgerte Dirr, daß Gloos zu Oskar kommen würde? – Aus der Angst des schlechten Gewissens, das hinterher den vertrauensvollen Schritt bereute und sich überzeugen wollte, ob ihn der Wissende nun nicht doch auslieferte. Sollte er kommen, um zu erfahren, was Espel mit den verräterischen Papieren getan habe? Oder von dem Gefühl getrieben, das alle zueinander führt, die ein Band bindet, sei es nun Liebe oder Schuld? Im Innersten unfrei und im Gemüt schwer belastet kam Oskar spät heim und machte seiner Frau, die ihn still, ohne Vorwurf empfing, das Herz bang durch sein übermüdetes Aussehen. Doch schlief er schnell und tief. Träume quälten ihn in dieser Nacht nicht. Die junge Frau lauschte eine Zeitlang seinen Atemzügen, beruhigte sich dann allmählich und träumte von einem Bergaufstieg. Wenn sie den Gipfel vor sich glaubten, taten sich an einer Biegung Abgründe auf, die erst überquert werden mußten. Oskar, der vor ihr her schritt, blickte nach ihr um. Sie sah sein Auge dicht vor sich. »Oben ist Licht!« sagte er. Dann senkte der Traumgott mitleidig seine Schleier über die täuschenden Bilder und gab ihr den Schlummer ohne Schauen und Fühlen. * Ende des 1. Teils Fortsetzung Am nächsten Morgen betrachtete Liesel heimlich ihren Mann, der munterer als am vorhergehenden Tage aussah. Er nahm die Morgenzeitung und las, der Mörder sei gefunden worden. Der verwitwete Taglöhner Zeno Stux, der sich hier seit einem Jahre aufhielt, stammte aus Niederwaldbach, der Heimat Franz Moorbruchs. Er hatte zugegeben, daß er den Sattlergehilfen kannte. Stux galt bei seinen Landsleuten als gewalttätig, trunksüchtig und arbeitsscheu. Vor Jahren hatte er eine schwere Blutschuld auf sich geladen. Damals wurde er von einem Forstgehilfen beim Schlingenlegen ertappt und gestellt; er widersetzte sich und brachte dem jungen Beamten einen schweren Stich bei, an dessen Folgen der junge Mann starb. Nachdem Stux fünf Jahre im Zuchthaus verbüßt hatte, zog er im Lande umher. Seit einem Jahre arbeitete er in einem Holzsägewerk. Verdächtig erschien, daß er nach Angabe seiner Mietwirtin in j-enen Wochen, in denen der Mord geschah, häufig spät heim kam und mehr Geld ausgab als sonst. Espel blickte auf. »Gott sei Dank,« sagte seine Frau, »jetzt fällt uns eine Last von der Seele. Wenn es nun auch noch ein paar unruhige Wochen gibt, so nimmt es doch ein Ende. Das Verbrechen muß bestraft werden.« Espel las den Bericht zu Ende. Stux verweigere die Auskunft darüber, wo er an den Abenden um die Zeit der Tat gewesen sei. Der Buchhalter legte die Zeitung auf den Tisch. Liesel fragte: »Du hast dich viel darum gequält; nun mußt du doch auch aufatmen, daß der Mörder entdeckt wurde.« Er gab keine Antwort und verließ bald darauf seine Wohnung. Als er in dem Wintermorgen über die Wiese ging, marterte ihn sein Gewissen. Nun hatten sie einen Unschuldigen wegen Mord verhaftet. Vor Dirrs Haus standen die Bäume in dichtem Rauhreif. Der Professor war verreist; man erwartete ihn erst in einigen Tagen. Niedergeschlagen wanderte Oskar in die Kanzlei. Er nahm den Schlüssel zu seinem Schreibtisch aus der Westentasche. »Ich will die Papiere und das Geld auf die Polizei tragen und alles angeben. Komme, was wolle!« Der Schlüssel ging nicht hinein. Er nahm eine Heftnadel, bohrte in den hohlen Schlüssel und versuchte es wieder. Der Schlüssel griff nicht ins Schloß. Er schickte zu dem benachbarten Schlosser. Der junge Geselle öffnete mit einem Sperrhaken. Die Schublade war leer. Der junge Mensch schraubte das Schloß ab und ging. Oskar begann rastlos zu arbeiten, so daß keine Sekunde frei blieb, zu denken, was nicht zur Arbeit gehörte. Gewaltsam drängte er jeden Gedanken zurück und holte aus dem Zimmer des Chefs immer wieder neue Arbeit. Als der Anwalt vom Gericht zurückkehrte, trat hinter ihm der Schlossergehilfe ein und brachte das Schloß. »Was ist denn da geschehen?« fragte Doktor Müller. »Es hat jemand mit einem falschen Schlüssel aufgesperrt,« antwortete der Geselle. Der Chef legte Mappe und Hut weg. »Fehlt Ihnen etwas?« fragte er Oskar. »Nein!« »Das muß genau untersucht werden,« sagte der Anwalt, ging in sein Zimmer und wartete, bis der Schlosser sich entfernte. Oskar verhielt sich ruhig. Es war ja gleichgültig, was nun noch geschah. Er hatte gelogen und mußte weiter lügen. Hier, zu Hause, überall. Der Anwalt rief ihn. »Mann haben Sie die Schublade abgeschlossen?« »Gestern abend.« »Wissen Sie das sicher? Sperrte das Schloß?« »Ja. Es ging wie immer.« »Wer könnte ein Interesse haben, Ihre Schublade zu öffnen? Doch es wird sich ja zeigen, wer hier eingebrochen hat. Vielleicht hat sich der Schlossergeselle auch getäuscht und es hat gar niemand versucht, das Schloß zu öffnen.« Später als sonst kam Espel herein. Die Schwiegermutter war da und hatte ihren Gatten mitgebracht. Er feierte heute sein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum und war im Büro von Vorgesetzten und Kollegen geehrt worden. Jetzt sollten auch die Kinder an der Feststimmung teilnehmen. So vergingen ein paar freudige Stunden. Vater Wolperts strahlte und wäre am liebsten dageblieben, aber seine Frau wollte die ›Kinder‹ am Abend zu einem Gläschen Punsch bei sich sehen.   Als Oskar von daheim wegging, begleitete ihn Liesel bis vor die Wohnungstüre. Ihre Eltern blieben noch ein paar Minuten, denn der Sekretär sollte am Nachmittag dem Büro fern bleiben. Liesel schmiegte sich an ihren Mann. »Ist es nicht, als wäre ein Fluch von uns gewichen, seit das Verbrechen aufgeklärt ist?« »Ja!« rief Espel und sprang eilig über die Treppenstufen hinunter. Sie stand oben und sah zwischen die Geländerführung zu ihm hinab. Er blickte noch einmal hinauf, dann stürmte er aus dem Haus. Schnell ging er in die Kanzlei. Wie er abends als Letzter das Zimmer verlassen wollte, kam die Putzfrau herein. »Verzeihen Sie, Herr Buchhalter! Heut' nachmittag hörte ich, daß bei uns eingebrochen worden ist.« »Unsinn!« »Mir soll's recht sein, wenn's Unsinn ist,« erwiderte die Frau, »aber ein Schlosser ist dagewesen, und der hat von einem verdorbenen Schloß geredet, als ihn die Mädels fragten, wie er aus dem Haus gegangen ist.« »Geschwätz!« murmelte Oskar und wandte sich dem Fenster zu. Frau Demlein hob die Schultern. »Mich kümmert das Geschwätz ja nicht. Wenn mir einer was sagen möchte, dem wollte ich schon das Nötige beibringen. Aber etwas muß ich Ihnen doch noch sagen. Wie ich heute früh gegen sieben, gleich, nachdem das Haus geöffnet worden war, hier zu arbeiten anfing und in Ihrem Zimmer einheizte, da kam bei der Kanzleitür einer herein.« »Wer war's denn?« »Ich hab' ihn nicht gefragt. Ein langer, schlottriger Kerl war's.« »Was wollte er denn?« fragte Espel. »Das weiß ich nicht. Vielleicht war's unvorsichtig, daß ich die Kanzleitüre angelehnt ließ. Aber man denkt doch nicht, daß einer um sieben Uhr zum Stehlen kommt. Er fragte mich, ob Herr Espel hier angestellt sei. Ja, sage ich, aber der Herr Buchhalter kommt erst später. Dabei ging ich so hin und her, und wir reden miteinander. Der arme Kerl hat mich gedauert, denn er hatte gewiß noch nichts im Magen. Dort auf der Bank am Ofen saß er und wollte auf Sie warten. Da sagte ich, wenn Sie so lange hier sitzen bleiben, bis ich wieder herauf komme, bring' ich Ihnen eine Tasse Kaffee mit. Wie ich aber dann nach zwanzig Minuten wiederkomme, war er fort. Nicht wahr, Herr Buchhalter, dem Herrn Doktor erzählen Sie's nicht – wenn's nicht sein muß.« »Ich sage nichts.«   Über den Mord auf der Wiese erschienen nun wieder ständige Nachrichten. Zeno Stux leugnete nach wie vor und verweigerte jede Angabe, wo er am Abend der Tat gewesen war. Ein paar Seiten weiter stand in der Zeitung: »Heute früh wurde von unbekannter Hand in den Briefkasten des Polizeipräsidiums ein Päckchen gelegt, das eine Reihe voll Papieren enthielt, die dem Ermordeten gehörten – dazu vierhundertfünfzig Mark in Banknoten. Offenbar handelt es sich um den geraubten Inhalt der Brieftasche des Sattlergehilfen Moorbruch. Man steht vor einem Rätsel. Sollte das der Versuch eines Helfershelfers des Verhafteten sein, die Untersuchung auf eine falsche Fährte zu lenken und den Anschein zu erwecken, als sei der Schuldige, bei der Festnahme eines Unbeteiligten von Reue ergriffen, bestimmt worden, durch Einsendung der Überführungsgegenstände den Verdacht gegen den Verhafteten zu entkräften?« Oskar las diesen Bericht mit einem seltsamen Gemisch von Empfindungen. Gloos hatte ihm die Papiere gestohlen und an die Polizei gesandt. Er wollte offenbar den Unschuldigen retten. Dieser Regung freute sich Espel und schämte sich zugleich der eigenen Mutlosigkeit. Heute gelang es ihm leichter als gestern, sich harmlos zu geben. Als er mittags heimkam, fragte Liesel: »Der Mann scheint ja wieder nicht der Richtige zu sein, wenn ein anderer den Raub gehabt hat?!« Oskar erwiderte leichthin: »Wenn man sich um all das kümmern wollte, hätte man viel zu tun. Warten wir's ab!« Sie schaute ihn verwundert an. »Meinst du nicht, wenn ein Mensch die Papiere so lange mit sich herumgetragen hat, müßte sich doch irgend eine Spur von ihm darauf finden lassen. Fingerabdrücke vielleicht.« Die Blutspuren am Arbeitsbuch Franz Moorbruchs und an dem Briefe seiner Mutter fielen ihm ein. Aber Gloos hatte ja früher nichts begangen. Von ihm besaß die Behörde keine Fingerabdrücke. Ihn überführten diese Zeugen nicht, wenn er sich nicht selber verriet. Liesel fragte nicht mehr. Aber als sie auseinander gingen, lud er sie ein, ihn mittags im Büro abzuholen. Sie wollte einmal auswärts essen und dann die Eltern besuchen, um zu hören, wie ihnen der Festtag bekommen war. Er wollte nicht mit sich allein sein. Als sie dort ankamen, sagte Frau Wolperts: »Die Base Gloos hat uns schreiben lassen, daß ihr Thomas nicht zu ihr gekommen ist. Jetzt ist sie erst recht in Sorge um ihn. – Es wird nichts übrig bleiben, als noch einmal nachzufragen, vielleicht sollte man gleich zur Polizei gehen.« Espel ließ sich nicht merken, wie ihn dieser Auftrag beunruhigte, und versprach, die nötigen Schritte zu tun. Seit gestern duzten sich die Schwiegereltern und Oskar. Frau Wolperts sagte: »Wenn du ihn hier triffst, dann bringst du ihn her. Ich möchte ihm den Kopf waschen. So behandelt man seine Mutter nicht. Wir sind doch verwandt mit ihm, und wenn er einen dummen Streich macht, müßte man auch darunter leiden.« Als Oskar nachmittags in die Kanzlei kam, saß auf der Wartebank eine schlicht gekleidete Dame mit sympathischem, aber ernstem Gesicht. Sie wartete auf den Anwalt. Doktor Müller blieb lange aus. Endlich erhob sie sich und trat zu Oskar an den Tisch. »Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen im Vertrauen sprechen?« Er verbeugte sich, stand auf und schloß die Zwischentüre. »Ich darf wohl annehmen,« begann sie, als ihr der Buchhalter einen Stuhl neben seinen Schreibtisch gestellt hatte, »daß Sie schon längere Zeit hier tätig sind und meine Mitteilungen genau so streng geheim halten wie Ihr Herr Chef. Ich kann keine Zeit verlieren ...« Oskar nannte seinen Namen und versicherte sie seiner dienstlichen Verschwiegenheit. »Ich heiße Emma Adeiher und bin Lehrerin. Der wegen Mords verhaftete Zeno Stur ist mein Stiefbruder.« Oskar fühlte, wie ihm alles Blut aus den Wangen wich. »Ich will nichts unversucht lassen, meinen Stiefbruder möglichst bald von dem Verdachte und aus dem Gefängnis zu befreien. Er hat sonst niemand auf der Welt als mich, und er ist unschuldig.« »Das weiß ich.« Emma Adeiher sah ihn verblüfft an. Der Leidenszug in dem Gesicht der Lehrerin hatte den Bann von seinem Wesen gelöst. In diesem Augenblick war er zu keiner niedrigen Handlung fähig. Nie stand seinem Herzen das Schicksal seines Verwandten Gloos näher, das in seiner Hand lag. Alles, was jetzt getan werden konnte, mußte um der Wahrheit willen geschehen. Noch erblickte er nicht den Weg. Doch das Ziel war ihm klar. Die Lehrerin, die sah, wie es in ihm rang, fragte: »Sie wissen, daß mein Stiefbruder unschuldig ist? Ich bitte, sagen Sie es mir. Sein und mein Leben hängt daran.« Oskar sah ihr fest ins Auge. »Vertrauen Sie mir?« »Ja!« »Dann gehen Sie jetzt fort von hier und sagen Sie mir, wo ich Sie nach Kanzleischluß treffen kann.« Einen Augenblick schwankte sie. Dann erwiderte sie: »An den Stufen der Cyrilluskirche.« Er stand auf und reichte ihr die Hand. »Ich werde kommen.« Sie schaute ihn ruhig an. Sein Auge wurde hell bei diesem Blick. »Um sechs Uhr« – sagte sie – »an der Cyrilluskirche.«   Espel rief das Einwohnermeldeamt des Polizeipräsidiums an, und nach wenigen Minuten kam die Kunde, daß der Friseurgehilfe Thomas Gloos bei dem Barbier Czipka, Gertrudenstraße 119, in Stelle und Wohnung gemeldet sei. Nun schickte Oskar einen Dienstmann nach der Gertrudenstraße. Zwei Zeilen überbrachte er Thomas Gloos, die ihn zu Professor Dirr riefen. Vorher hatte Oskar den Professor ans Telephon gebeten und angefragt, ob ihm gegen sieben Uhr sein Besuch erwünscht wäre. Dann schickte er das Bürofräulein zu seiner Frau und ließ ihr sagen, sie möge ihn erst später erwarten. Eine Viertelstunde vor Kanzleischluß ordnete Oskar seinen Schreibtisch und prüfte noch einmal den Schlüssel an den Schubladen, ehe er diese abschloß. Dabei zog er die Lade mehr heraus als sonst. Sie bekam das Übergewicht und fiel zu Boden. Da entglitten ihr zwei Dokumente; das Arbeitsbuch Franz Moorbruchs und der Brief seiner Mutter. Gloos hatte also Ruhe und Überlegung genug besessen, unter den Papieren zu wählen und das zurückzulassen, was ihm vielleicht gefährlich werden konnte. Mit einem Gefühl des Ekels stieß Oskar die Schublade in den Tisch. Die Papiere steckte er zu sich. Ungeduld trieb ihn nach der Cyrilluskirche. Dort begrüßte er die Lehrerin und ging dann neben ihr her. Sie vernahm nun alles, was seit jener verhängnisvollen Mordnacht geschehen war. Er verschwieg nichts. Als er zu Ende war, blieb sie stehen. Er sah, wie ihre Augen flammten. »Wollen Sie nun auch mich hören?« Er nickte, und ein banges Gefühl beschlich ihn. »Ich will nicht als Stiefschwester eines Unschuldigen zu Ihnen reden – nur als Mensch zum Menschen. Sie glauben, etwas Besonderes getan zu haben. Mir erscheint das anders. Ihre Pflicht wäre gewesen, der Polizei mitzuteilen, was Sie wußten.« »Aber meine Familie ...« »Wenn Sie nur Ihrer Familie leben wollen, versündigen Sie sich an anderen Menschen.« Die klaren Worte trafen ihn tief. Zugleich aber empörte es ihn, daß sie so entschieden urteilte. »Sie verkennen alles, was menschlich ist!« erwiderte er. »Die Tat und der Täter und mein Verhalten dabei lassen sich nicht mit dem gewöhnlichen Maß messen. Es gibt Ausnahmefälle ...« »Konnten Sie voraussehen, daß ein Unschuldiger in schwerste Not geriet, und mit ihm noch jemand?« Scheu blickte er zur Seite. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander. Dann blieb sie stehen und begann: »Ich bin auf dem Land aufgewachsen als Tochter eines Grenzwächters, der ein trauriges Leben hinter sich hatte. Er war der Sohn eines bekannten Malers und von seinen Eltern für die Kunst bestimmt worden. In seiner Studienzeit verlor er Vater und Mutter, die einer Gasvergiftung zum Opfer fielen. Damit war für ihn alles vorbei. Nach vielen Versuchen, sich einen Lebensunterhalt zu schaffen, wurde er Zollwächter in einem Grenzdorf, wo er die Lehrerstochter heiratete und mit ihr und mir, dem einzigen Kinde, lebte. In einer Nacht traf ihn die Kugel eines Schmugglers. Als mein Vater starb, war ich in einer Schule in der Kreisstadt untergebracht worden. Meine Mutter heiratete einen Grenzbauern. Der Sohn dieser Ehe war mein Stiefbruder. Von einem müden Mann und einer früh gealterten Frau nicht genügend beaufsichtigt, wurde er beim Schlingenlegen ertappt und stach den Forstbeamten nieder.« Sie senkte den Kopf etwas und schwieg einen Augenblick. »Man verurteilte ihn zu fünf Jahren Zuchthaus. Meine Mutter starb in dieser Zeit, und der Vater folgte ihr. Ich war damals hier Lehrerin. Begreifen Sie, wie ich unter diesen Ereignissen litt?« Oskar schwieg und senkte den Kopf. »Ich konnte meinen Stiefbruder nicht verachten und verwerfen. Ich wußte ja, daß ihn mangelnde Erziehung auf Abwege gebracht hatte. Und er hing an mir! Sooft ich in den Ferien heimgekommen war, fühlte er sich glücklich. Er wäre ein guter Mensch geworden, wenn ich bei ihm hätte bleiben können. Als er aus dem Zuchthause kam, hörte ich lange nichts von ihm. Eines Abends traf ich ihn vor meiner Wohnung. Es fiel ihm schwer, Arbeit zu finden. Aber er hat sie gesucht vom ersten Tage an, und er hat sie gefunden und sich erhalten bis zu dem Tage, an dem er verhaftet wurde. Nun ist alles zerschlagen und vorbei für ihn. Er hat gearbeitet, und nur in den Abendstunden kam er zu mir. Es dauerte lange, bis ich ihn so weit brachte. Meinen Hausleuten sagte ich, er sei ein Verwandter von mir, der sonst niemand auf der Welt habe. Jeden Pfennig, den er erübrigte, brachte er mir, und ich habe das Geld für ihn angelegt. Jetzt ist alles zerschlagen; er wird in Elend und Verachtung sinken, auch wenn er wieder frei wird. Und ich weiß, daß es sein größter Kummer ist, daß er mir durch sein unverschuldetes Unglück Schande bereiten könnte. Er wird meinen Namen nicht nennen; er wird sich lieber verurteilen lassen, ehe er bekennt, wo er an jenem Abend gewesen ist. Er wird von hier fliehen, wenn er wieder los kommen sollte. Aber ich will ihn nicht im Stiche lassen – und wenn ich meine Stelle verlieren müßte.« Sie standen vor dem Tore des Professors Dirr.   Der Professor empfing sie in seinem Bücherzimmer. Er sah verwundert auf, als die schöne Frauengestalt eintrat. »Fräulein Emma Adeiher,« sagte der Buchhalter, »die Stiefschwester des zu Unrecht Verhafteten.« Die Stirne des Gelehrten verdüsterte sich. Dann bot er beiden einen Sitz. »Ich weiß, Herr Professor,« begann Oskar, »daß Sie mir nicht zürnen, wenn ich noch einen anderen zu Ihnen herrief. Ich hoffe, er kommt. Ich erzählte dem Fräulein alles, darunter manches, was Sie nicht wissen, Herr Professor. Der Mörder hat mir inzwischen die Überführungsgegenstände zugeschickt und sie dann heimlich wieder aus meinem Büro geholt – bis auf diese zwei.« Er legte das Arbeitsbuch und den Brief der Frau Gloos auf den Tisch. Dirr nahm die Dokumente und las den Brief. Dann legte er beides wieder auf den Tisch. »Was haben Sie mit ihm vor, Fräulein?« fragte er. »Ich will ihm zusprechen, daß er sich freiwillig stellt.« »Und wenn er das nicht täte?« »Dann wünsche ich, daß er festgenommen wird. Oder soll die Wahrheit nicht an den Tag kommen?« Der Professor sah Oskar an. »Was ist Ihre Meinung?« »Die Wahrheit soll siegen.« Ein trübes Lächeln flog um Dirrs Mund. Er ging an die Nebentüre, öffnete sie und winkte hinaus. Es dauerte eine Weile; dann kam ein Weib, jung an Jahren und früh gealtert vor Entbehrung und Leiden, mit einem kränklichen Kind im Arme herein. Oskar betrachtete die beiden erschüttert, und die Augen der Lehrerin trübten sich. »Das ist die Schwester des Mannes, den man unschuldig verhaftet hat,« sagte der Professor zu dem scheuen Geschöpf. »Er hat für sich seine Geliebte und ihr Kind geschickt,« sagte er zu Oskar und der Lehrerin. »Er hat's für uns getan!« stöhnte das Mädchen und brach nieder vor Emma Adeiher. Oskar wandte den Blick verzweifelt weg. Von krampfhaftem Weinen geschüttelt, lag das Mädchen vor der Lehrerin. Emma hob langsam die Hand und legte sie auf den fahlblonden Scheitel des Mädchens. »Stehen Sie auf. Wir wollen ruhig reden.« Zitternd richtete sich die zusammengesunkene Gestalt halb auf. »Er hat's für uns getan!« sagte sie nochmals. Jetzt war die Fremde ganz aufgestanden und hatte sich mit dem Kind im Arm auf einen Stuhl gegenüber der Lehrerin gesetzt. »Mein unschuldiger Bruder darf nicht zugrunde gehen,« sagte Emma und schaute das mitleidswerte Wesen mit Blicken an, die milder waren als ihre Worte. »Lassen Sie mir das Kind. Ich will dafür sorgen, und ich will auch Ihnen helfen, soviel ich es vermag.« Da drückte das junge Weib ihr Kind an sich. »Mein Kind soll ich Ihnen geben – und Sie bringen seinen Vater aufs Schafott! Eher spring ich mit dem Kind ins Wasser.« Bleich stand die Lehrerin da. »Beruhigen Sie sich!« sagte Dirr zu der vor Erregung Zitternden. »So ist es nicht gemeint.« Emma Adeiher unterbrach ihn: »Ich kämpfe wie sie um einen, der sonst niemand hat auf der Welt – und er ist unschuldig.« Da hob das abgezehrte, verkümmerte Geschöpf den Kopf und preßte ihr Kind an sich. »Schuldig oder unschuldig,« sagte sie, »von der Lieb' wissen Sie wohl nichts?« Ihr bleiches Gesicht beugte sich hinunter auf ihr Kind. Ihre Lippen preßten sich auf den winzigen Mund, und mit einem Lächeln, in dem die Erinnerung längst versunkenen Glückes lag, flüsterte sie: »Er hat uns lieb gehabt.« Der Buchhalter wandte sich ab. Die Lehrerin strich sich mit der Hand über die Augen. »Ich will Sie nicht zugrunde richten,« sagte sie. »Ich schweige.« Sie wendete sich zur Türe und ging hinaus. Das junge Mädchen stand betroffen und blickte ihr stumm nach. Der Professor ging rasch hinaus und wollte sie zurückhalten. »Bleiben Sie! Das Mädchen ist ruhiger geworden. Wir wollen weiter sprechen; wir müssen einen Weg finden, der Wahrheit, Recht und Liebe vereinigt. So dürfen Sie nicht aus meinem Hause gehen.« Sie wendete sich um und schaute ihm in die Augen. Eine so zwingende Macht lag in ihrem Blick, daß er verstummte. Er begriff, hier waltete ein Wille, der keinen Widerspruch duldete, der stark genug war zu dem, was wenige können – alles zu opfern. Er stand noch stumm, als schon die Gartenpforte klang. Mit Empfindungen, die sich in dieser Stunde nicht klären konnten, ging er in das Zimmer zurück. »Wir wollen morgen, wenn wir alle ruhiger geworden sind, weiter sprechen,« sagte er zu Espel; dann wendete er sich der jungen Wäscherin zu: »Sie bleiben diese Nacht hier im Fremdenzimmer.« Willig ging sie in das Zimmer zurück, aus dem sie gekommen war. Ihr Haß gegen die Lehrerin war gebrochen. Unbewußt fühlte sie das Gewaltige heraus aus den Worten: »Ich schweige.« Espel wanderte heimwärts. Er war noch nicht völlig zu sich gekommen, als er vor seinem Hause stand. Liesel empfing ihn blaß und geängstigt. Da faßte er ihre Hand, führte sie in das Zimmer und erzählte ihr alle Qual und Unrast, die er in diesen Wochen erlebte. In ihr löste sich alles in Liebe auf. Sie dachte nur an ihn und hoffte, daß er bald von all dem Traurigen befreit werden möge. Am anderen Ende der Stadt lag das abgehärmte Weib mit dem Kind im Arm; hier am Rand der kahlen Wiese der zermarterte Mann und seine Frau. Sie alle schlummerten traumlos. Weit draußen im kleinen Vorstadthaus lag ein Weib ohne Schlaf in stillem, hartem Seelenkampf – die Lehrerin, die alles der Menschenliebe geopfert hatte, und in seiner Gelehrtenstube saß ohne Schlummer der Professor, der so lange gewähnt, er sei des Lebens Meister. Nun glühte ihm die Stirn von seinen Rätseln.   Am anderen Morgen, nachdem Espel in seine Kanzlei gegangen war, kleidete sich Liesel an, um das Haus zu verlassen. In diesem Wirrwarr wollte sie Rat bei ihrer Mutter suchen. So sehr sie den gewalttätigen Willen der Mutter scheute, wenn sie gereizt wurde, so hoch schätzte sie ihre Lebensklugheit, die in allen schwierigen Lagen immer das Rechte getroffen hatte. Und sie brauchte ja nicht mehr zu fürchten, daß sie aus Abneigung gegen Oskar falsch beurteilte, was ihn anging, denn er stand ja jetzt bei ihr in Ehren. Frau Wolperts rief wiederholt, während ihre Tochter erzählte: »Das ist ja wie im Theater.« Endlich war Liesel fertig. Da sagte die Mutter: »Für einen Weiberverstand ist das zu viel. Das muß ein Mann entscheiden.« Liesel schaute ungläubig auf. Wenn jetzt auch die Mutter versagte, dann gab es überhaupt keinen Rat. Die Sekretärin griff zu Hut und Mantel und kleidete sich an. »Wohin willst du denn gehen?« fragte die Tochter ängstlich. Frau Wolperts lachte. »Da fragst du noch? Zu deinem Vater geh' ich.« Liesel traute ihren Ohren nicht. Ihr Vater, den die Mutter sonst immer als willenlos behandelte, sollte entscheiden? War denn ihre Mutter auch so verwirrt, daß sie nicht mehr wußte, was sie sagte? »Ich seh' dir an, was du denkst. Du meinst, weil ich oft für den Vater rede und an seiner Stelle handle, hätte ich keine Achtung vor seinem Urteil und seinem Verstand? Ja, in kleinen Dingen, wie sie einem das Leben alle Tage bringt, da hab' ich als Frau mehr Verständnis. Aber wenn es sich darum handelt, was Recht ist in einem großen Fall, dazu sind wir Weiber nicht berufen. Da gehört ein ganzer Mann dazu, und das ist dein Vater. Der hat noch nie etwas getan und gesagt, was nicht streng rechtlich gewesen wäre. Komm!« Noch nie in ihrem Leben hatte Liesel einen so tiefen Blick in das Herz der Frau getan, die ihre Mutter war. Mit frohem Erstaunen erkannte sie das feste sittliche Gefüge dieser Ehe, in der ein mutiges und lebenskluges Weib dann schlicht zur Seite trat, wenn es sich um eine Frage handelte, in der sie den bescheidenen, stillen, vom tiefsten Rechtsgefühl durchdrungenen Mann als überlegen anerkannte. Frau Wolperts rief ihren Mann heraus. »Michael,« sagte sie, »sieh, daß du dich früher frei machen kannst! Wir haben etwas Wichtiges, das du entscheiden sollst.« Er schaute einen Augenblick vor sich hin. Dann ging er hinein und kam nach wenigen Minuten zum Ausgehen gekleidet wieder. Sie wanderten durch abgelegene Straßen nach den Parkanlagen hinunter. Dort, auf einsamen Wegen, erzählten Liesel und ihre Mutter alles, was geschehen war. Der Sekretär hörte aufmerksam zu. Dann kehrte er nachdenklich um, und die beiden Frauen gingen schweigend neben ihm her. Nun standen sie vor dem Haus des Rechtsanwalts Müller. »Zuerst,« sagte er, »muß Oskars Chef alles erfahren. Dann werden wir hören, was er meint.« Der Sekretär gab seiner Frau und Liesel die Hand. Seine Tochter bangte vor der schweren Stunde, der ihr Mann entgegenging. Aber sie fühlte, daß es hier keinen Widerspruch gab. So ging sie still mit ihrer Mutter heim. Der Sekretär mußte eine Weile warten, bis dringliche Arbeiten erledigt waren. Dann erhob sich Wolperts. »Oskar! Liesel hat der Mutter und mir alles gesagt ...« »Das hab' ich nicht gewollt, daß ihr auch noch mit mir in Sorgen kommt.« »Es ist besser so, Oskar. Die Mutter kann sich's eher zurecht legen, wenn es sie nicht plötzlich überrumpelt. Sie war immer so stolz auf die Ehre ihrer Familie. Komm! Wir wollen jetzt mit deinem Chef sprechen.« »Ich würde mich zu Tod schämen.« »Komm!« wiederholte der Sekretär. »Es ist höchste Zeit, daß er es erfährt.« Oskar betrachtete seinen Schwiegervater verwundert. Es ging ihm jetzt wie vorhin Liesel bei ihrer Mutter. Die Sicherheit im Auftreten des kleinen Mannes bannte jeden Widerspruch. Sie gingen hinein. Und wieder erzählte Oskar. So hart ihm manches fiel, er empfand doch während des Redens die Wohltat der Erleichterung. Der Anwalt vernahm mit Erstaunen die abenteuerlichen Vorgänge. Als Oskar die Unwahrheiten bekannte, die er wegen dem Einbruch sich hatte zu Schulden kommen lassen, runzelte der Chef einen Augenblick die Stirn. Aber er verzieh schnell; dem erfahrenen Verteidiger war nichts fremd und keiner der Irrwege unbekannt, auf die Menschen in ungewöhnlichen Lebenslagen geraten. Als Oskar seine Erzählung beendet hatte, sagte Müller: »Nun bin ich auch mit hineingezogen in den Wirbel, der Sie alle erfaßt hat. Da bringt uns die Juristerei nicht weiter. Das sind Menschheitsfragen.« Eine Weile sann er nach. »Wir müssen zweierlei bedenken,« begann er dann wieder, »den Rechtsstandpunkt und das Mitleid. Das Mitleid spricht für den Mörder, seine Geliebte und ihr Kind. Aber es spricht noch mehr für den Unschuldigen und seine Schwester. Den rechten Weg weist das Rechtsgefühl. Es verlangt unweigerlich, daß wir gegen den Täter vorgehen und den Unschuldigen befreien. Das Rechtsgefühl rief Sie nach dem Mord auf. Es bestimmte Ihren Willen und drängte Sie zum Handeln. Was Sie getan haben, war ein Übergriff in eine Machtsphäre, die nicht die Ihre war. Das hat sich an Ihnen gerächt. Alle Qual und Unrast dieser Wochen rührte von der Einmischung in den Bereich jener Mächte her, die vom Staat mit der Verfolgung von Missetaten betraut sind. Ich tadle Sie darum nicht, denn Ihr Tun erwuchs ja aus einem besonders feinen Rechtsempfinden.« Er schwieg wieder eine Weile. Dann erhob er sich. »Ich will zum Staatsanwalt gehen und mit ihm sprechen.« Oskar zuckte zusammen. Und doch sagte er sich, daß der Anwalt nicht anders handeln durfte. Da läutete das Telephon. »Rechtsanwalt Müller hier ... Wie sagen Sie? – Wer ist dort? ... Die Gefängnisverwaltung? Wer will mich sprechen? ... Der Untersuchungsgefangene Thomas Gloos, sagen Sie? ... Der Friseurgehilfe Thomas Gloos, der heute nacht bei Ihnen wegen Diebstahl eingeliefert wurde? – Wegen Diebstahl, verstehe ich recht? – So, so, wirklich wegen Diebstahl? – Ich komme, sobald ich mir Erlaubnis verschafft habe.« Oskar hatte sich während dieses Gesprächs erhoben und stand bleich bis in die Lippen da. Der Sekretär saß ruhig und blickte gespannt auf den Anwalt. »Sonderbar,« sagte Doktor Müller, »was mag da vorgegangen sein? Wegen Diebstahl eingeliefert? Jedenfalls gehe ich sofort in das Gefängnis.«   Emma Adeiher trat vor das Schulhaus. Als sie etwa hundert Meter weit gegangen war, kam ein schlanker Mann auf sie zu, der sie fast noch um Kopfhöhe überragte. Es war Professor Dirr. »Verzeihen Sie,« sagte er, »wenn ich Sie hier erwartet habe. Ich möchte gerne mit Ihnen über das sprechen, was Sie gestern nicht mehr hören wollten.« Unbefangen entgegnete sie: »Es schien mir, daß es nicht die rechte Stunde nach den erregten Vorgängen für Rat und Entschluß war. Und ich hatte mir den einzigen Weg gewiesen, den es für mich nach dem Erlebten gab.« »Ihr Gelöbnis, zu schweigen, war tapfer. Ich glaube nicht, daß viele dazu imstande gewesen wären. Nein, nein, ziehen Sie die Stirn nicht in Falten. Ich muß Ihnen das sagen. Aber es ist nicht das einzige, was ich Ihnen zu sagen habe.« Er wartete, bis sie aus dem Menschenstrom in die schmale Gasse eingebogen waren, die hier zwischen einer Mauer und einer langen Bretterwand dem Stadtrand zuführte. »Gestatten Sie, daß ich eine nüchterne Wahrheit ausspreche. Wir irren, so lange wir streben. Ich habe viel über den schwierigen Fall nachgedacht, der uns gestern abend beschäftigte, und ich bin zur Nachprüfung all meiner bisherigen Anschauungen und zu einer Wandlung gelangt. Man darf nicht der übrigen menschlichen Gesellschaft zuliebe hart und ungerecht gegen die Irrenden und Fehlenden werden, aber man darf auch um der Verbrecher willen nicht hart und ungerecht gegen das Leben werden. Das Leben hat Anspruch auf Gerechtigkeit, die Menschen meine ich, die Schicksal, Veranlagung, Erziehung, Glück auf dem geraden Wege erhalten haben.« Sie gingen eine Weile ruhig nebeneinander her. Die Bretterwand hörte auf. Ein schneebedecktes Feld lag vor ihnen. »Sie haben sich zum Schweigen verpflichtet, Fräulein Adeiher.« Sie senkte zustimmend den Kopf. »Aber ich,« sagte der Professor, und seine tiefe Stimme bebte, »ich habe mich nicht zum Schweigen verpflichtet.« In ihren Ohren brauste das Blut, und ihr Herz pochte unstet. Ein Mann wie Dirr verließ nicht plötzlich alles, was er als richtig erkannte. Und wenn er es täte, wäre es darum weniger richtig gewesen? Durfte sie fordern, daß er tat, was er später bereuen mußte? Was das Leid nur von einer Brust hob, um es auf eine andere zu legen? Wenn sie anders handelte, mußte das kranke Weib mit dem Kinde unglücklich werden. »Ich werde reden,« sagte der Professor, während sie über den Schnee der kleinen Häuserkolonie zuschritten, die dort zwischen Stadt und Wald lag. »Von mir, den kein persönlicher Anteil verpflichtet, wäre es feig, wenn ich mich durch Ihr Schweigen gesichert fühlte. Ich müßte mich vor dem Buchhalter schämen, der Wochen hindurch all den Ansturm widerstreitendster Ereignisse und Empfindungen ertragen hat. Das Schicksal hat ihn abgelöst und einen anderen an seine Stelle in den Kampf für die Wahrheit geschickt. Ich gehe jetzt zu dem unglücklichen Friseur. Seine Wohnung habe ich von dem Mädchen erfahren. Ich hoffe, ihn zu überzeugen, daß er mit mir zur Behörde kommt.« Der Professor war stehen geblieben, weil sie sich der Häusergruppe näherten, in der die Wohnung der Lehrerin lag. Bittend sah sie ihn an. Sein Gesicht wurde ernst. »Ich werde für Sie vom Leben zu retten suchen, was gerettet werden kann. Wider die Wahrheit wächst kein Glück.« »Auch nicht das eigene,« fügte er noch leise hinzu. Dann zog er den Hut, verbeugte sich und schritt zur Stadt zurück. Ehe die Lehrerin ihre Wohnung erreichte, wendete sie sich um. Fern im weißen Schneefeld sah sie den Mann stehen, der nach dem Walde hinüberschaute. Schwer fiel ihr die Erkenntnis auf die Seele, was den Sinn des Professors so umgewandelt hatte, daß er nun tat, was ihm noch gestern nicht richtig schien. Als ob sie selbst das arme Weib verraten hätte, so niedergedrückt und befangen schritt sie ihrer Wohnung zu.   Als Sekretär Wolperts in seine Wohnung heimkehrte und den Schwiegersohn mitbrachte, fanden sie dort bei den zwei Frauen die Base Gloos von Segeltshausen. Die Sehnsucht nach ihrem Sohn hatte sie wieder in die Stadt getrieben. Die beiden Frauen erschraken, als ob sie das schlechteste Gewissen von der Welt hätten, als die Base vor ihnen stand. Als einfache Menschen, die sonst nicht mit Lug und Trug umgingen, wären beide Frauen doch bereit gewesen, in einer kleinen Sache der Base etwas vorzutäuschen, bis man ihr allmählich das Ärgste enthüllen konnte. Aber keine von ihnen hätte auch nur eine Silbe von dem Ungeheuerlichen herausgebracht, was geschehen war. Der Sohn des alten, armen, vertrauensseligen Weibleins ein Verbrecher, ein Mörder! Das Wissen um dieses entsetzliche Unglück drückte Liesel so nieder, daß ihr beim Anblick der Base Tränen in die Augen traten. Und auch ihre Mutter stand ratlos vor der Frau, die bedrückt in der Sofaecke saß. »Ich will zu meinem Thomas,« hatte sie gesagt, wie sie gekommen war. Das stand bei der Sekretärin fest, die Base durfte nicht zu ihm kommen, durfte nicht erfahren, was mit ihm vorging. Wenn Espel das alte Bauernweiblein betrachtete, sah er ein, daß man ihr nichts sagen durfte. Der Schreck hätte ihr Herz zum Stehen gebracht. Der Sekretär schien gleicher Meinung zu sein, denn er wich während des Mittagessens den Fragen der Base immer wieder aus. Sie aber drängte in unerschütterlicher Ruhe: »Ich will zu meinem Thomas. Wo wohnt er? Wer von euch führt mich hin? Wann gehn wir zu ihm?« Man hätte ihr ja vortäuschen können, er sei nicht mehr in der Stadt; er sei fort und niemand wisse, wohin. Es gab ja genug Ausreden, mit denen man ein einfältiges Mütterchen beruhigen konnte. Aber niemand fand den Mut zu der Lüge um das einzige Leben, das sie auf der Welt besaß. Man hatte gegessen, und ein wortkarges Gespräch schleppte sich hin. »Gehen wir jetzt zu meinem Thomas?« fragte die Base und griff nach der Tischkante, um sich daran aus dem Sofasitze empor zu helfen. »Ja!« sagte der Sekretär und stand auf. »Ich gehe mit,« sagte Oskar. Die Alte schaute befriedigt vor sich hin, wie wenn es nicht anders möglich gewesen wäre. Wozu war sie denn gekommen, als um ihren Thomas zu sehen? »Was wollt ihr denn?« fragten die beiden Frauen, als die Base ins Nebenzimmer gegangen war, um sich anzukleiden. »Wir müssen aus dieser Qual heraus!« Liesel griff geängstigt und besänftigend nach Oskars Hand. Der Sekretär blickte seine Frau an. »Wir werden ja sehen,« sprach er ruhig. Auf der Straße ging die Frau still zwischen den beiden Männern. Die lärmenden Geräusche der großen Stadt schien sie nicht zu hören. Sie blickte nicht nach den Menschen und noch weniger in die Warenfenster der Altstadtläden, an denen sie der Weg vorüberführte. Da gingen sie in die Gertrudenstraße zu dem Barbier Czipka, bei dem Thomas Gloos nicht mehr sein konnte, denn er saß im Gefängnis. Wenn Czipka das sagte und die Base es hörte? Espel griff hinter dem Rücken der Frau nach dem Arm des Schwiegervaters. Sie hatte es bemerkt und fragte: »Sind wir da?« »Nein, noch nicht.« Oskar wagte keinen zweiten Versuch mehr, Wolperts heimlich ein Zeichen zu geben. Er ärgerte sich über ihn, der so ruhig weitermarschierte. Jetzt standen sie vor dem Hause an der Gertrudenstraße. Der Sekretär legte die Hand auf die Klinke des Friseurladens. »Wartet einen Augenblick. Ich will hinein gehen und fragen, daß wir nicht gleich zu dritt kommen.« Nach einer Minute kam er wieder heraus. »Er ist da,« sagte er. »Wer?« rief Espel. »Der Thomas.« Da lachte Oskar laut, und die Base war glücklich, daß man sich mit ihr freute. Sie traten in das kleine Friseurgeschäft, das um diese Stunde meist leer war. Die Türe zum Nebenzimmer war angelehnt. Jetzt trat ein langer, blasser junger Mensch heraus. »Mutterl!« rief er. »Ja, Mutterl, du bist da?« »Thomas!« sagte sie still und schaute ihm in die Augen. »Thomas!« Der Sekretär rückte an seiner Brille. Oskar wäre am liebsten davongelaufen, um endlich all dem Jammer zu entkommen. Die Base saß in einem Drehstuhl, den ihr Sohn vom Spiegel weg gegen die Mitte des Zimmers gekehrt hatte; er stand neben ihr. Die Mutter sah weder seine Unruhe noch seine Krankheit, sah nicht sein sonderbares Wesen. Sie sah nur ihn und fand ihn schön, gesund und froh, weil sie selber in diesem Augenblick glücklich war. Die beiden sprachen wenig miteinander. Sie sagte hie und da ein paar Worte, strich ihm mit den zitternden Fingern über den Kopf und die Wangen und ließ die Hand einen Augenblick auf seiner Schulter ruhen. Kein Vorwurf wegen seines Schweigens kam über ihre welken Lippen und keine Frage. Sie war zufrieden und glücklich. Er lauschte nach dem Nebenzimmer. In seinen Augen lag ein unsteter ängstlicher Ausdruck, wenn sie dorthin gingen. Fast wie Verzweiflung flackerte es in seinem Blick. Wenn er die Mutter ansah, vertiefte sich die Röte auf den Backen. »Mutter,« sagte er endlich, als er wieder nach dem Nebenzimmer gehorcht hatte, »wir haben viel zu tun.« »Ich weiß schon, was es zu tun gibt in der großen Stadt und in einem so schönen Geschäft.« Sie sah sich im Laden um, und ihr Auge liebkoste all die bescheidenen Gegenstände, die um ihren Sohn waren. Dann erhob sie sich und holte aus der tiefen Tasche des Unterrocks ein Päckchen mit Leckerbissen hervor, die für den Sohn bestimmt waren. Wie er die Gabe aus ihrer Hand nahm, zitterte er leicht und hielt sich an der Sessellehne fest. Sein Gesicht war grau geworden. Aber sie merkte nichts. »Gehst du denn schon?« fragte er, während er wieder scheu nach dem Nebenzimmer blickte. »Oh,« sagte sie wichtig, »ich weiß, daß du viel zu tun hast. Ich bin zufrieden. Ich hab' dich gesehen. Es geht dir gut, und du hast eine schöne Stelle. Jetzt fahr' ich wieder heim.« Sie streichelte ihm schnell mit beiden Händen noch einmal das Gesicht, faßte seine beiden Hände und ging dann geschwind nach der Türe. Sie wollte es ihm leicht machen und verbergen, wie hart ihr der Abschied fiel. Als sie draußen war, hob er beide Arme hoch, als ob er etwas festhalten wollte, das er für immer verlor. Dann ließ er die Hände schlaff herunter hängen, senkte den Kopf und wankte in das Nebenzimmer. Die Alte ging still, vergnügt und wortlos zwischen den beiden Männern her und fuhr noch am selben Abend heim. Oskar hatte an diesem Tag das Unmöglichste erlebt. Er dachte über des Rätsels Lösung nach und begriff nichts. Dann betrachtete er seinen Schwiegervater und beneidete ihn um die Ruhe, mit der er seines Weges schritt. Der Sekretär dachte nicht viel, während sie so gingen. Er sah einmal nach der Uhr und überlegte, ob er der Base noch eine Tasse Kaffee unterwegs anbieten sollte. Aber sie wollte ja fort. So unterließ er es. Er freute sich darauf, heute an dem freien Nachmittag die Zeitungen nachlesen zu können.   Als eine halbe Stunde später Professor Dirr bei dem Friseur Czipka eintraf und den Gehilfen sprechen wollte, wurde ihm gesagt, Thomas Gloos sei nicht da. Wo er denn wäre? Czipka betrachtete sich den Herrn genau. Es war niemand, der in seinem Laden verkehrte. Da raunte der Friseur dem Fremden zu: »Sie haben den armen Teufel ins Gefängnis gesteckt, aber ich glaube, daß es ein Irrtum ist. Bei mir war immer die Kasse offen, und es hat nie ein Pfennig gefehlt. Ich traue ihm keinen Diebstahl zu.« Dirr stand betreten da. Kam ihm das Schicksal zuvor? Er wollte dem Unglücklichen zur Seite bleiben, wie er sich gelobt hatte. So ging er in das Gefängnis.   Im Gefängnis war eine halbe Stunde vor ihm Rechtsanwalt Müller eingetroffen. Er kam mit einer Sprechkarte, die ihm der Ermittlungsrichter auf seine Erklärung ausgestellt hatte, daß Gloos ihn zu sprechen verlangt habe. »Was hat er denn getan?« fragte der Verteidiger, während der Aktuar das Kartenblatt ausfüllte, den Amtsrichter. »Er hat heute nacht vor einem Weinlokal einem eben herausgekommenen Gast den Beutel aus der Manteltasche zu nehmen versucht. Wenn er es in der Absicht getan hätte, erwischt und verhaftet zu werden, hätte er es nicht besser anstellen können. Ein harmloser, fast verhungerter Bursch, den das Elend anscheinend halb besinnungslos gemacht hat.« Sollte er es in der Absicht getan haben, verhaftet zu werden, dachte der Anwalt, während er über die Brücke nach dem Untersuchungsgefängnis wanderte. Als er eintrat, sagte man ihm dort im Aufnahmezimmer, Gloos sei eben zurückgekommen. Zwei Kriminalbeamte hätten ihn nach seiner bisherigen Arbeitstelle geführt und dort in seiner Gegenwart seine Habe durchgesucht. Es sei aber nichts von Bedeutung vorgefunden worden. Der Verdacht, daß er vielleicht einer der in der letzten Zeit aufgetretenen Taschendiebe sei, hätte sich nicht bestätigt. Ein Aufseher, der eben von seiner Abteilung zurückkam und diese Worte hörte, rief: »Der und ein Taschendieb? Der ist zu dumm zum Stehlen. Ich glaube, den könnte man zum Rasieren verwenden, weil der Bader krank ist.« »Möglich. Ich will aber erst den Herrn Amtsrichter fragen,« erwiderte der Verwalter. Dann führte man den Anwalt in den ersten Stock und dort in ein Verhörzimmer am Ende des Gangs. Dann brachte ein anderer Aufseher den Untersuchungsgefangenen Thomas Gloos aus der Zelle. Er ließ ihn eintreten, grüßte den Rechtsanwalt und ging hinaus, um im Gang zu warten. Es bestand kein Anlaß, die Unterredung mit dem bekannten Verteidiger zu überwachen. »Sie haben mich hierher bitten lassen?« sagte der Rechtsanwalt und betrachtete den blassen jungen Menschen aufmerksam. Gloos antwortete verlegen: »Allerdings, Herr Doktor. Aber ich bitte um Entschuldigung. Es ist nicht notwendig, daß ich Sie bemühe. Es handelt sich um eine Kleinigkeit. Ich bin ja unschuldig.« Doktor Müller schaute ihn erstaunt an. »Aber Sie haben mich doch hierher bitten lassen?« Der Gefangene dachte: »Ja, das weiß er nicht, daß ich inzwischen meine Mutter gesehen hab' und daß ich jetzt wieder leben will. Zuvor, ja, da wollte ich alles sagen, aber das kann ich doch jetzt nimmer, es würde meiner Mutter das Herz abdrücken.« Laut sagte er dann: »Ich habe geglaubt, sie mutzen mir alles Erdenkliche auf, aber sie haben nichts gefunden bei mir. Und wegen der Kleinigkeit, da komm' ich schon allein durch.« Doktor Müller trat dicht vor Gloos hin, der mit gesenkten Augen an der Wand stand. »Sonst haben Sie mir nichts zu sagen?« »Nein!« »Gar nichts?« Er schüttelte den Kopf. Der Anwalt beugte sich vor und fragte halblaut: »Auch wegen keines anderen, der hier ist?« Wieder dachte Gloos: »Wegen dem bin ich ja da; aber ich kann dir jetzt nichts mehr sagen.« »Nein!« murmelte er. »Gut. Ich will Sie zu nichts überreden. Ich komme gern wieder, wenn Sie mich sprechen wollen. Denken Sie daran!« Er trat in die andere Ecke und zog die Glocke. Man hörte den Schritt des Aufsehers. Da trat Gloos rasch zu dem Rechtsanwalt heran. »Morgen vielleicht, Herr Doktor ... ich ...« Der Wärter trat ein, grüßte den Verteidiger und führte Gloos in die Zelle zurück. »Reismann!« Der Verwalter rief ins Nebenzimmer, wo einer der Aufseher an einem Tisch saß. »Wenn Sie mit dem Essen fertig sind, holen Sie den Thomas Gloos und bringen ihn nach der Zelle 93 zu dem Zeno Stux. Der Herr Gefängnisarzt hat heute gesagt, man solle es einmal versuchen und einen harmlosen Menschen zu ihm hinein setzen, daß er nicht tiefsinnig wird und etwas anstellt. Da ist dieser Trottel gerade recht.« »Paß auf!« sagte der Wärter Reismann, während er Thomas Gloos in die Zelle 93 brachte. »Du kommst jetzt zu einem Raubmörder hinein. Du brauchst dich aber nicht zu fürchten. Dir tut er nichts. Aber wenn du was merkst, daß er sich selber was antun oder sonst was Verdächtiges vorhaben sollte, dann machst du sofort Lärm. Du darfst dafür auch die Leute rasieren und bekommst eine kleine Vergütung. Verstehst du?« Es war richtig, was vorhin im Aufnahmezimmer ein anderer Aufseher gesagt hatte: der Untersuchungsgefangene Gloos war ein seltsamer Kauz. Denn er lief neben Reismann her, während sie nach der Zelle 93 gingen, wie wenn er im Traume wandelte. Mit dem konnte der Raubmörder nichts ausmachen.   Als Rechtsanwalt Müller vor das Gefängnis hinaus trat in die Winterdämmerung, ging dort ein hochgewachsener schlanker Mann auf und ab. Es war Professor Dirr. Die beiden Herren kannten sich. Sie begrüßten sich, und der Professor trat auf den Verteidiger zu. »Können Sie mir nicht sagen, Herr Doktor, wie man hier Einlaß bekommt? Es ist ein Mann hier, den ich sehen möchte, aber ich habe keine Sprechkarte.« »Darf ich wissen, wer es ist, Herr Professor?« »Der Friseurgehilfe Thomas Gloos.« »Bei dem war ich eben.« »Sie kommen von ihm?« »Ja. Er hatte mich zu sich gebeten.« »Als Verteidiger?« »Ich mußte das annehmen. Aber jetzt wollte er nichts davon wissen. Er scheint sich irgend etwas anders überlegt zu haben.« Jeder mit seinen eigenen Gedanken, gingen beide nebeneinander her. Dann kamen sie ins Gespräch, das bald so vertraut wurde, wie es zwischen Männern natürlich war, die hier ein gemeinsames Interesse verfolgten. »Ich hoffte, ihn zu bestimmen, daß er mir seine Tat gestehen und mich ermächtigen würde, davon dem Staatsanwalt Mitteilung zu machen,« sagte Doktor Müller. »Der unschuldig verhaftete Zeno Stux wäre dann freigelassen worden.« Der Professor erklärte: »Ich wollte das auch erreichen. Ich glaube, wir suchen Gloos umsonst zu helfen, solange nicht die volle Wahrheit ans Licht gekommen ist. Dann –« »Dann kommt die Hilfe zu spät,« entgegnete der Anwalts indem er den Gedankengang seines Begleiters fortsetzte. »Es ist ein verlorenes Leben.« »Das andere mit in den Abgrund zieht.« »Mein Buchhalter hat schwer genug darunter gelitten.« Dirr blieb stehen. Sie waren am Rande der Stadt angelangt. Nebel stiegen auf. Aus den Fabrikschloten stieg der Rauch empor. »Ich bin nun in einen seltsamen Widerspruch der Pflichten geraten,« begann der Rechtsanwalt. »Für mich steht auf der einen Seite klar und bestimmt die Pflicht, von dem Verbrechen Anzeige zu erstatten und einem Unschuldigen zur Freiheit zu verhelfen; jede ihm davon entzogene Minute ist ein Unrecht. Aber es scheint, daß niemand in diesen Fall verwickelt wird, ohne daß er in Gewissensbedrängnis gerät. Von dem Augenblick an, da Gloos mich zu sich gebeten hat, muß ich mich als sein Vertrauensmann betrachten, dem ich pflichtgemäß zum Schweigen verbunden bin. Man kann ja darüber rechten, ob sich diese Schweigepflicht auch auf das bezieht, was ich erfahren habe, ehe er mit seiner Bitte an mich herangetreten ist. Aber in seinem Fall läßt sich das eine nicht vom anderen trennen. Jedes gesprochene Wort geht bei ihm aufs Ganze, und er hat mich nicht ermächtigt, zu reden. Er hat angedeutet, mir morgen zu sagen, was ihn drückt. Ich möchte ihn nicht um die Vorteile des Geständnisses bringen, des einzigen Mittels, über das er verfügt, um seine künftige Lage zu verbessern und die schwerste Strafe abzuhalten.« »Ihre Stellung ist schwierig,« sagte Dirr. »Doch meine Lage ist vielleicht noch eigenartiger.« Doktor Müller sah ihn fragend an. »In meinem Hause liegt ein fieberndes Weib, ein sterbendes Kind an der Brust. Jeder Hauch, der beiden von den blassen Lippen weht, ist eine flehende Bitte: Schweige! Schweige um unsertwillen. Er hat's für uns getan.« »Sie werden ihn nicht mehr wiedersehen,« sagte der Anwalt. »Sie hoffen alles von mir,« entgegnete Dirr. »So gewaltig ist die Macht ihres Verlangens, daß sich die Schwester des unschuldig Verhafteten verpflichtet hat, zu schweigen ...« Sie standen am Eingang der breiten, kurzen Straße der Kolonie. »Dort wohnt sie!« Dirr wies mit dem Stock in die Finsternis. »Sind wir bis hier heraus geraten?« sagte der Anwalt erstaunt. »Woher wissen Sie?« Der Professor lächelte. »Ich habe sie gestern im Gespräch über den Fall hierher begleitet. Sagen Sie, Herr Rechtsanwalt, bindet mich das Schweigegelübde, das Fräulein Adeiher abgelegt hat?« »Sie?« Der Rechtsanwalt blickte verwundert auf. »Sie stehen ja in keinen Beziehungen zu ihr und ihrem Bruder. Es kann Sie nicht binden.« Dirr folgte dem Anwalt, der den Rückweg nach der Stadt einschlug. »Sie wollten vielleicht die Dame besuchen,« meinte Doktor Müller. »Ich bitte, lassen Sie sich durch mich nicht stören. Ich muß noch einmal in meine Kanzlei.« »Nein!« sagte der Professor schnell, fast heftig. »Nein! Nein!« Sie gingen eine Weile still nebeneinander. Dirr ahnte nicht, daß Fräulein Adeiher oben am Fenster stand und hinaus sah. »Ihr Schweigegelübde bindet mich nicht.« Der Professor sprach es vor sich hin. »So dachte ich gestern auch.« »Denken Sie heute anders?« »Ja.« »Alles bindet mich, was sie bindet,« dachte er. »Denn ich bin mit ganzer Seele an sie gebunden.« »Wie kamen Sie zu dieser Meinungsänderung, Herr Professor?« »Nicht nur Sie, Herr Doktor, sind Anwalt,« sagte Dirr, »wir alle sind Anwälte der Menschheit. Das Leben schafft zu viel Schuld, Unrecht und Not, als daß die Welt mit den Beiständen auskommen könnte, die sich dieses Amt als Beruf gewählt haben. Wir alle, die wir Nächstenliebe, Mut, Erkenntnis, Kraft dazu in uns fühlen, stehen in einer Reihe und warten nur des Augenblicks, da uns das Schicksal aufruft: ›Hier ist ein Bruder, eine Schwester, die deiner Hilfe bedarf – tritt für sie ein!‹ Es gibt keine heiligere Lebensaufgabe als diese. Es gibt keine schönere Art der Arbeit, nichts Nützlicheres, nichts Notwendigeres. Mich hat Emma Adeiher zu ihrem Anwalt bestellt. Nicht als ob sie einer Stütze, eines Vertreters bedürfe. Aber es gibt Fälle, in denen die Geschlechter einander ergänzen müssen. Gerade die stolzesten Frauen sind die hilfebedürftigsten. Ich glaube, sie können sich als die demutvollsten fühlen, wo sie die Hand eines Führers suchen und brauchen. Ich glaube, sie kann die ganze Milde des Weibes in sich erschließen, wenn das Leben befiehlt: ›Hier sei Magd; hier kannst du nicht Herrin sein!‹« Der Anwalt vernahm mit Erstaunen, was ihm der reife Mann an seiner Seite unbewußt gestand. So blühte überall aus Verderben und Leid neues Leben auf. Still ging er neben dem anderen her. Erst als sie wieder Geräusche hörten und Licht sahen, begann Dirr: »Ich habe es mir überlegt. Ich kann nicht reden, wenn das Fräulein schweigen will.« Der Anwalt dachte, wie seltsam doch das Leben mit den Menschen spielte. Als sie sich verabschiedeten, sagte Doktor Müller: »Ich werde morgen früh den Versuch wiederholen, mit Gloos eine Aussprache herbeizuführen. Wenn es irgendwie angängig erscheint, werde ich Sie von dem Ergebnis verständigen.« Der Professor ging durch die Parkanlagen nach seiner Behausung. In seiner Seele war Ruhe. Für ihn schien es nur eine Richtschnur zu geben. An sie hielt er sich. Erst als er in das Fremdenzimmer trat, befiel ihn wieder eine gewisse Unruhe. Das Mädchen lag im Bett. Da Dirr näher trat, erkannte er, daß die Arme fieberte. Sie redete wirr und schwelgte in der Freude einer Sorglosigkeit, die sie nur selten in ihrem Leben gekannt hatte. Mit einem Mal wurde sie still. So lag sie lange. Dann fuhr sie auf und flüsterte: »Was hast du getan? Thomas, wie hast du das tun können? Du hast uns ja alle drei elend gemacht.« Schlaff sank sie in das Kissen zurück, und das Fieber schüttelte ihren schwachen Körper. Als Dirr auf den Korridor trat, um für die Nacht Vorkehrungen zu treffen, weil er bei der Leidenden wachen wollte, stand Emma Adeiher vor ihm. »Verzeihen Sie meinen Besuch zu dieser Stunde. Ich wollte fragen, ob Sie Neues von meinem Bruder erfahren konnten. Und ich möchte, wenn Sie es erlauben, heute nacht bei der Kranken bleiben.« Er geleitete sie in sein Studierzimmer und erzählte ihr, was vorgefallen war. Während sie noch sprachen, klopfte das Dienstmädchen. »Ein Herr ist draußen. Er war schon neulich hier. Ich habe den Namen nicht deutlich verstanden.« Der Professor trat an die Türe. Es war Oskar Espel. »Allen nimmt uns diese schwere Nacht die Ruhe,« sagte er und führte Espel herein. Auch der Buchhalter schilderte, was er erlebt hatte. Aber seine Nachricht, daß er Gloos in dem Friseurladen getroffen, wurde durch die Mitteilung des Professors überholt und verwirrt, der von des Anwalts Besuch im Gefängnis berichtete. Sie alle dachten nicht an die Möglichkeit, daß er zur Durchsuchung seiner Habseligkeiten vorübergehend in die Wohnung zurückgeführt worden war. Espel ging, mehr beunruhigt als getröstet, wieder fort. Er hatte sich zu dem späten Besuch entschlossen, weil er hoffte, irgend etwas zu hören, das zur Lösung der Lage beitragen konnte.   Zeno Stux lag in seiner Zelle auf der Pritsche und starrte mit offenen Augen in die Finsternis. An seine Schwester dachte er, und wie es ihr jetzt wohl ging. Wenn man herausgebracht hatte, daß sie miteinander verwandt waren, dann mußte sie traurige Stunden erleben. Ja vielleicht kam es dann so weit, daß sie es in ihrer Stellung nicht mehr aushielt. Konnte man ihr auch persönlich nichts anhaben, so war es doch möglich, daß man sie merken ließ, daß er, ihr Stiefbruder, ein mit Zuchthaus bestrafter Mensch war, der nun im Verdacht stand, einen Raubmord auf dem Gewissen zu haben. Nein, er wollte nicht sagen, wo er zu der Zeit gewesen sei, da der Mord auf der Wiese geschehen war. Lieber blieb er zeitlebens im Zuchthaus. Denn so viel wußte er doch, zum Tod konnten sie ihn nicht verurteilen. Dazu fehlte es an Beweisen. Der Mensch, den man zu ihm in die Zelle gesperrt hatte, schlief auch nicht. Er hockte auf seinem Bett und fand offenbar keine Ruhe. Warum der wohl hereingekommen war? – Da hörte Stux, wie der Mensch aufstand und zu ihm her kam. Den trieb gewiß die Unruhe um, und er wollte plaudern. Unwillig wandte Stux sich ab. Nein, reden mochte er jetzt nicht; er schloß die Augen und stellte sich schlafend. Ein Lichtschein fiel von außen herein. Gloos stand mitten in der Zelle und zitterte. Wieder einmal war es ihm verzweifelt zumute. Er dachte an den Menschen, den er umgebracht hatte und sah überall sein verzerrtes Gesicht vor sich. Was draußen geschehen war, mußte nun doch einmal dazu führen, daß alles zusammenbrach. Einmal mußte die ewige Unruhe ein Ende nehmen. So oder so. Deshalb war er ja auch zu dem Entschluß gekommen, zu stehlen, um verhaftet zu werden. Einmal im Gefängnis, wollte er mit dem Verteidiger reden und ihm alles bekennen. Da holte man ihn nochmals heraus, und dann hatte er seine alte Mutter gesehen. Jetzt wollte er wieder leben! Den Mord konnten sie ihm nicht nachweisen, und bald würde er wieder frei sein, denn der Diebstahl wog nicht schwer. Dafür büßte er höchstens mit ein paar Wochen. Wenn er nur gewiß gewußt hätte, daß von draußen nichts aufkam. Fort wollte er, wo anders hin. Das Mädchen mit dem Kind konnte ihm ja nachreisen, denn für die beiden mußte er sorgen. Und die alte Mutter möchte er auch beruhigen, ihr schreiben, daß es ihm gut ging. Im letzten Augenblick hatte er bei dem Friseur eine kleine Feile eingesteckt. Niemand hatte es bemerkt. Damit wollte er das Gitter durchfeilen. Jetzt erst recht, denn damit käme auch der arme Kerl aus dem Gefängnis, der jetzt unschuldig eingesperrt war. Das schien Gloos eine gute Tat, wenn er den dazu brachte, daß er mit ihm ausbrach. Mit dem wollte er jetzt reden, ihn soweit bringen, daß er einverstanden war. Denn zuvor wußte er ja nicht, wie der sich benahm, wenn er am Gitter zu feilen versuchte. Nun schien der Mond gerade auf das Gesicht des Genossen. Der lag still da und rührte sich nicht. Wenn der wüßte, daß der Mensch jetzt neben ihm stand, der den Mord begangen hatte. Vielleicht wäre der ihm an den Hals gesprungen. Elend und vergrämt sah der arme Kerl aus. Unschuldig war er, und um seinetwillen mußte er leiden. Wenn er den Genossen wachrüttelte und ihm alles gestand? Wenn nur die Mutter nicht gekommen wäre! Die sollte nun doch nicht erfahren, daß ein Mord auf seinem Gewissen lastete. Gloos hustete laut und betrachtete dabei den Schlafenden. Leise zuckte der mit den Augen; er verstellte sich bloß; er schlief ja gar nicht. »Kamerad,« flüsterte Gloos, »du schläfst ja doch nicht. Gib Antwort! Du heißt doch Stux! Zeno Stux! Warum willst du nicht mit mir reden?« Er beugte sich zu dem Liegenden herab. Der hob die Hand. »Laß mich in Ruh. Ich will nichts hören.« Gloos tappte nach seiner Hand und hielt sie mit festem Druck. »Kamerad! Ich kann nicht schlafen. Sag', möchtest du nicht frei werden?« Unwirsch erhob sich Stux halb auf der Pritsche. »Red' kein dummes Zeug und leg' dich hin.« Stux riß seine Hand los. Gloos sagte leise: »Sei doch nicht so dumm. Ich hab' eine gute Feile. Wenn du nur willst, sind wir heut' nacht noch draußen.« »Nein, so will ich von da nicht fortkommen! So nicht. Ich mag nicht. Ich hab' nichts verbrochen. Mich müssen sie auch so wieder gehen lassen. Beweisen kann man mir nichts; wenn ich auch nicht sagen mag, wo ich gewesen bin, so ...« Stux sprang heftig auf, schaute Gloos scharf an und sagte: »Wenn du mich aushorchen sollst, da bist du an den Unrechten geraten. So dumm bin ich nicht, daß du mir die Zunge ziehen könntest. Nochmals sag' ich dir, ich hab' nichts auf dem Gewissen. Ich bin unschuldig. Und auf den Leim, mit dir auszubrechen, geh' ich nicht. Daraus möchten sie mir dann wohl einen Strick drehen. Laß mich in Ruh', sag' ich.« »Ich weiß, daß du unschuldig bist,« erwiderte Gloos. »Du hast keinen umgebracht. Aber ich weiß einen, dem das Gewissen keine Ruh' läßt.« »Mich geht das nichts an. Und wenn du jetzt nicht still bist, dann schaff ich mir Frieden.« »Red' doch nicht so laut. Ich will dich nicht aushorchen. So gemein bin ich nicht.« Wieder suchte er die Hand des Erregten zu erfassen und ihn ruhiger zu stimmen. »Kamerad, hast du eine Geliebte gehabt?« »Nein. Aber eine Schwester. Sie ist gestorben.« »Die hast du wohl auch gern gehabt?« Stux gab keine Antwort. »Denk' dir, du müßtest für deine Schwester sorgen, und denk' dir, sie bekäme ein Kind ...« Stux stieß den Friseur fort. »Hör' auf mit dem Geschwätz.« Aber Gloos redete hastig weiter: »Ich mein' ja nur, ich sag' das ja nur, damit du mich besser verstehst. Denk' dir: Einer hat eine Geliebte und ein Kind von ihr, und er ist arbeitslos und krank. Und da braucht er Geld, und er kennt keinen Menschen, der ihm was geben könnte. Da geht er in ein Wirtshaus und sieht da einen, der Geld hat, einen Fremden. Und der zählt sein Geld, so daß du's siehst. Und da steht der arme Kerl auf und geht zu dem Fremden an den Tisch, macht sich mit ihm bekannt und hört, daß der ein Nachtquartier sucht. Und da lockt der Mensch, der kein Geld hat, den Fremden mit fort. Und der geht mit, weil er meint, er bekäme eine Schlafstelle. Der andere aber wollte ihn nur dort haben, wo kein Mensch um den Weg war, über den Fremden herfallen und ihm sein Geld nehmen. Tun wollte er ihm nichts. Verstehst du? Nur das Geld wollte er haben. Da merkte er, daß der andere weglaufen wollte. Da zog er das Messer. Kamerad! Ich hab' das getan! Nicht du! Du bist unschuldig, ich muß dir ... Da packte Stux den schwächlichen Kerl mit beiden Händen am Hals und riß ihn auf die Pritsche nieder. Plötzlich ließ er ihn wieder los und rannte in der Zelle hin und her. Er tappte nach dem Wasserkrug, richtete Gloos auf und setzte ihm das Gefäß an die Lippen. »Trink! Kannst du trinken?« Gloos kam allmählich zu sich und richtete sich zitternd auf. »Kamerad! Beinahe hättest du mich umgebracht. Ich verzeih dir. Aber wir wollen leben und müssen leben. Du bist unschuldig, und ich hab' eine Geliebte, ein Kind und eine Mutter.« »Wegen dir haben sie mich dahergebracht, wegen dir.« »Ich bring' dich wieder fort, Kamerad!« flüsterte Gloos. »Ich feile das Gitter durch. Dann lassen wir uns an den Leintüchern hinunter. Ich weiß, wie's hinausgeht. Erst kommt eine Holzwand mit Stacheldraht. Über die klettern wir leicht hinüber. Dann kommt ein zweiter Hof und eine Mauer.« Da rasselte es an der Tür. Stux legte sich rasch auf seine Pritsche und schloß die Augen. Auch Gloos stellte sich schlafend. Zwei Aufseher mit Laternen traten ein. »Seid still!« sagte der eine der Wächter gutmütig. »Es sind noch mehr Leute da.« Dann gingen sie wieder. – Jetzt hatte Gloos dem, der schuldlos litt, alles gestanden. Nun wollte er ihm noch zur Freiheit verhelfen. Hinaus wollte er und für Weib und Kind sorgen. Er begann an dem Gitter zu feilen und achtete nicht auf Stux, der still auf seiner Pritsche lag. Lange hatte er sich bemüht. Nun stemmte er sich gegen die Wand und hob das Gitter aus der Mauer, setzte es wieder ein und kam zu Stux. »Kamerad! Jetzt ist der Weg frei. Ich will voraus! Du folgst nach. Wenn wir über der Mauer sind, können wir weiter reden.« »Tu', was du willst.« Gloos nahm das Leintuch, riß es in lange Streifen und band sie zusammen. Dann hob er das Gitter wieder aus und lehnte es behutsam in die Ecke. Noch einmal trat er zu Stux an das Lager. »Kamerad,« sagte er leise, »komm!« Stux schwieg. Er begriff, daß Gloos nicht mehr bei Verstand war. Er hörte, wie er sich an der Mauer hinauf arbeitete, und sich an dem Seil hinunter ließ. Ein paar Meter weit ging es. Da rief es draußen: »Halt! Wer da?« Der Nachtposten hatte an der Wand einen beweglichen Schatten gesehen. Da krachte ein Schuß. Gloos war nicht getroffen. Aber vor Schreck lösten sich seine Hände. Klatschend schlug er unten auf das Pflaster. Aufseher sprangen in den Hof und schalteten die Beleuchtung ein. Der Posten näherte sich. Einer der Wärter schaute an der Wand hinauf. »Der Halunke – der Raubmörder!« Ein Mann wendete den Körper des Abgestürzten um. »Der Friseur ist's. Der wird's bald überstanden haben.« Eine Bahre wurde geholt. Dann trugen sie einen Sterbenden weg.   In aller Eile war ein Bett in das Aufnahmezimmer geschafft worden, und Thomas Gloos lag nun dort. Er hatte beide Beine gebrochen, das Rückgrat war schwer verletzt, aber das Bewußtsein hatte er nicht verloren. Der Gefängnisarzt glaubte nicht, daß er den Sonnenaufgang noch erleben würde. Auf Wunsch des Sterbenden hatte man nach dem Rechtsanwalt Müller geschickt. Der hatte den Boten, der zu ihm kam, ersucht, seinen Buchhalter Espel herbeizuholen. Auch der Staatsanwalt wurde gebeten. Vor dem Aufnahmezimmer standen einige Wärter und unterhielten sich halblaut. Als Espel kam, hörte er seinen Chef sprechen. Mit kurzen Worten hatte Gloos ein Geständnis abgelegt, das rasch protokolliert worden war. Der Rechtsanwalt hatte seinen Buchhalter nur deshalb holen lassen, weil er annahm, Gloos könnte sich im letzten Augenblick noch einmal besinnen und das Bekenntnis verweigern. Für diesen Fall hoffte er, daß der Anblick Espels den Mörder stark erregen und ihn zur Aussprache bewegen würde. Nun ward Espel gerufen. Man ersuchte ihn, näher zu treten. Mit zögernden Schritten kam er auf das Bett zu, in dem Thomas Gloos lag. Der suchte den Kopf zu heben, ließ ihn jedoch matt wieder sinken. Ein qualvoller Ausdruck trat in die blutlosen Züge. Leise flüsterte Gloos: »Ich habe alles gestanden.« Erschüttert wandte sich Espel ab. Wenige Minuten verstrichen, da redete Gloos wirr. Der Arzt beobachtete ihn genau und sagte leise zu dem Buchhalter, der ihn fragend anblickte: »Es geht rascher zu Ende, als ich dachte. Möglich ist es aber doch, daß er noch einmal zum Bewußtsein gelangt.« Da bat Espel, man möge ihm erlauben, daß er bis zuletzt bleiben dürfe. Der Gefängnisdirektor erfüllte seinen Wunsch. Nun leerte sich das Zimmer. Mit einem kräftigen Handdruck und vielsagendem Ausdruck verabschiedete sich der Rechtsanwalt von seinem Buchhalter. Der Staatsanwalt war vorher mit dem Gefängnisdirektor gegangen. Nur der Arzt und ein Wärter blieben außer Espel zurück, der neben dem Sterbenden saß und jedes seiner wirren Worte erlauschte. Aber Gloos kam nicht mehr zu sich. Als die Wintersonne matt heraufkam und der Raum im Zwielicht lag, verhauchte der Sterbende seinen letzten Atem.   In der gleichen Nacht saß Emma Adeiher am Bett der Fieberkranken, die in tiefen Schlaf verfallen war. Die Lampe hinter dem grünen Schirm warf mattes Licht über das Bett. Auch das Kind, das manchmal leise gewimmert hatte, war still geworden. Die Lehrerin saß und lauschte nach der Studierstube hinüber, in der Dirr rastlos, mit kaum hörbaren Schritten, die sie aber doch vernahm, über den Teppich hin und her wanderte. Da schrillte draußen ein Telephonsignal. Es war so still im Hause, daß Emma, ohne zu horchen, jedes Wort verstand. »Dirr hier. Bitte, Herr Rechtsanwalt!« Minuten vergingen. Atemlos lauschte der Professor am Hörrohr. Dann erwiderte er: »Es ist erschütternd – ich danke.« Ein leises Glockenzeichen; das Gespräch war zu Ende. Noch ein Augenblick verging. Dann öffnete der Professor die Türe. »Herr Rechtsanwalt Doktor Müller hat mir seinem Versprechen gemäß mitgeteilt, was sich ereignete. Darf ich Sie bitten.« Er warf einen Blick nach der Schlummernden und winkte. Emma erhob sich und folgte ihm lautlos. »Rechtsanwalt Müller wurde vor einer halben Stunde in das Gefängnis gerufen, Thomas Gloos wollte mit ihm sprechen. Gloos wollte heute nacht aus dem Gefängnis entfliehen; er stürzte auf den Hof. Er hat seine Tat gestanden, wird aber die Nacht kaum überleben.« Die Lehrerin sah mit einem tiefernsten Blicke auf. Ihre Augen ruhten ineinander, und ihre Hände fanden sich zu einem kurzen, festen Druck. Ein stilles Gelöbnis war es, vom Mitleid für den Sterbenden aus ihrem Herzen emporgehoben. Ein Gelöbnis, die arme Mutter und das Kind nicht im Elend versinken zu lassen. Nach langem Schweigen sagte Dirr: »Ihr Bruder wird morgen frei sein.« Da fanden sich ihre Hände zum zweitenmal. Emma blickte ihn dankbar an: »Darf ich eine große Bitte wagen?« »Es gibt nichts, das ich Ihnen versagen könnte,« erwiderte Dirr bewegt. »Wollen Sie dafür sorgen, daß mein Bruder nicht eher entlassen wird, bis ich ihn abholen kann? Ich bin gewiß, daß er sich mir sonst entziehen würde.« Der Professor ging ans Telephon. Emma hörte wieder jeden Laut. Ehe Dirr den Hörer zurücklegte und abläutete, war die schwere Sorge um den Unglücklichen von ihr genommen. Nun standen sie einander nochmals gegenüber. »Danken Sie mir nicht eher, als bis ich hoffen darf, daß Sie heute nicht zum letztenmal hier gewesen sind,« sagte Dirr mit bewegter Stimme. »Ich bleibe hier. Die arme Mutter und ihr Kind sollen die kurze Zeit, die ihnen vielleicht noch zu leben vergönnt sein wird, nicht hilflos sein.« »Wenn sie Ihrer Hilfe nicht mehr bedürfen,« fragte Dirr, »was darf ich dann hoffen?« Emma blickte ihn frei an. »Ich will mich meinem Schicksal nicht entziehen.« Da trat er näher an sie heran, und sie legte ihren Kopf an seine Brust.   An einem kalten Januartage brauten Nebel über dem Friedhof. Das Kapellenglöckchen läutete. Ein Beamter ging voraus. Wärter trugen den Sarg, in dem Thomas Gloos lag. Kein Mensch folgte ihm. Ein altes Weiblein, Walburga Moorbruch, die Mutter des Ermordeten, war am Grabe ihres Sohnes gewesen. Da sah sie den kleinen Zug. Weil niemand dem Sarg folgte, ging sie hinterher. Vielleicht begrub man da einen, der auch eine Mutter hatte, die heute nichts wußte von der schweren Stunde. So ging sie hinterdrein bis an das Grab und warf drei Schollen hinunter. Die Sonne schien durch den Nebel. Ein roter Ball stand am Himmel und leuchtete durch das trübe Grau. Strahlen gingen von ihr aus, die neues Leben verhießen.