Alois Essigmann Sagen und Märchen Altindiens. 2. Band Dem Andenken meiner Mutter! Inhalt Vorwort Sakuntala Sawitri König Haristschandra Pururavas und Urwasi Tilottama Froschkönigs Tochter Rischjaschringa Vipaschit, der Gute Held Rama Vorgeschichte Das Buch der Jugend Rama und Ravana Die Apotheose Anhang Vorwort Wie im ersten Teil bemerke ich auch hier: Diese Sagen und Märchen sind nicht nur Tausende von Jahren alt, sie sind auch im Laufe vieler Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, entstanden, lange Zeit nur mündlich überliefert und auch nach der Niederschrift noch durch Jahrhunderte hindurch geändert, erweitert, den Sitten und Gebräuchen der Zeit, sowie dem Geschmack der jeweiligen Dichter angepaßt worden. So erklärt sich mancher Widerspruch in der Auffassung und Verehrung von Göttern und Helden, in Landesbräuchen usw. Zu merken wäre, daß die ältesten Inder ein sehr kriegerisches Volk waren und leibhaftige Naturkräfte als Gottheiten verehrten (Indra, Varuna, Agni usw.). Später aber riß der Priesterstand die Herrschaft an sich, die Naturgötter mußten sich den erdachten Repräsentanten der sittlichen Ordnung (Brahma, Wischnu, Dharma usw.) und Könige, Krieger und Volk ihren Priestern, den Brahmanen, beugen. Mit dem der Allgemeinheit geläufigen Buchstabenmaterial ist es nicht möglich, ein vollkommen klangtreues Lautbild der altindischen Namen und Worte zu geben. Ich habe mich deshalb mit einer Annäherung begnügt und möchte nur noch bemerken, daß bei der von mir gewählten Schreibweise das Sch, sch im Anlaut weich gesprochen wird. Die letzte Silbe der Frauennamen ist lang. Im Anhang habe ich ein alphabetisches Namensverzeichnis angefügt, welches manchen durch die vielen Namen vielleicht verwirrten Leser rasch über die Beziehung einzelner Personen zur Erzählung orientieren mag. Sakuntala Mit Heißa und Horidoh fegte die Jagd des Königs am Ufer der Malini dahin. Duschjanta hieß der starke Sohn des Purugeschlechtes, der in dem weiten Reiche die Herrschaft führte. Die Sänger priesen ihn als den unbesieglichen Feindebezwinger, als Hort des Rechtes und der Vätersitte. Glücklich lebten die vier Kasten unter seiner Herrschaft und der Götter Segen lag über seinem Land. Reichlich spendete Indra dem gerechten Herrscher Regen und die Opferfeuer loderten in reinem Glanze zum Himmel. Duschjanta war eine prächtige Kriegergestalt; hoch und breitbrüstig, mit Armen wie Keulen und blitzenden Augen in dem beweglichen Antlitz. Fröhlich hetzte er an der Spitze seines Gefolges durch den Wald und sandte seine scharfen Pfeile nach dem aufgeschreckten Wild. Mancher starke Hirsch, manche flüchtige Gazelle sank vor den Geschossen des flüchtigen Jägers dahin, und das zornige Gebrüll der großen Raubtiere schreckte ihn nicht. Kühn drang er ins Dickicht, erlegte einen wilden Elefanten mit der Lanze und einen mächtigen Tiger mit dem Schwert. Im Eifer der Jagd ließ er sein Gefolge weit hinter sich und streifte bald allein durch den schweigenden Urwald. Hinter einer flüchtigen Hindin hetzte er her und konnte die Schnelle nicht erreichen. Weiter flußaufwärts lag die Siedelei Vater Kanvas. Durch unwegsamen Urwald von aller Welt abgeschlossen, standen hier die Hütten der Frommen. Im Schatten uralter Bäume, die einander wie in Liebe mit ihrem Astwerk berührten, ward hier ein Leben der Andacht, der stillen Freude am Guten, der Ehrfurcht vor dem Ewigen und seinem Werke, gelebt. Vogelgesang erfüllte die frische Waldesluft, und Heimchen zirpten munter in der Sonne. Die Bienen taumelten von Blüte zu Blüte und sammelten ihre Schätze den Frommen zu leckerem Mahle. Schwer hingen Baum und Strauch voller Früchte und Dornen wie Nesseln schienen diese Stätte des Friedens in ehrlicher Scham zu meiden. Das scheue Getier des Waldes schritt vertrauensvoll über die sonnenglänzende Dorfstraße, spielte hier mit den frommen Schülern und leckte dort Salz aus der Hand eines freundlichen Greises. Seufzend, klagend, schmetternd und jubelnd klang der Sang des Kokila aus den Wipfeln, und manch fröhlicher Windstoß ließ einen Regen von duftenden Blüten niederfallen. Wie weitab lag diese Stätte frommer Freude von dem Getriebe der Welt. Wie gedieh hier der Liebe, was draußen im Kampfe der Natur und dem Nächsten abgerungen werden mußte. Wie klang hier das Lachen der Brahmanenmädchen so fröhlich, die Stimme des Lehrers so sanft, das Raunen der Gebete so feierlich. Wie glänzten die Feuer auf den Opferstätten und dufteten von den köstlichen Hölzern des Waldes, als würden sie mit Weihrauch und Myrrhen geschürt. Oh, wie reichlich schenkte Natur hier den Bescheidenen, sie, die sich so kargen Zins abtrotzen läßt. Wie gedieh in dieser vollen Schönheit wahre Fröhlichkeit des Herzens, mitten unter der Lehre von Wahrheit und Tugend, von Pflicht, von Lebens- und Sterbensweisheit. Vater Kanva, das Haupt der frommen Dorfschaft, war ein Sprößling Kaschjapas, des Schöpfers. Überall in der Welt hätte man ihn hochgestellt, doch er liebte den Wald um seiner Stille willen, die ihn die Weisheit seines Herzens hören ließ. So lebte er an dem Ufer der Malini allein und doch mit vielen Frommen, denen er allen ein Freund, ein Lehrer, ein Vater war. Sein liebstes Kind aber war Sakuntala, der Findling, den einst die Vögel – Sakuntas heißen sie in der Sprache Altindiens – beschützt und genährt hatten. Nach dieser Insel des Friedens floh die schnelle Hindin vor dem nachkeuchenden König, und als sie den Schatten der ersten heiligen Bäume erreicht hatte, schritt sie sorglos äsend weiter, denn sie fühlte die Nähe ihrer frommen Beschützer. Duschjanta, einen guten Bogenschuß hinter ihr, riß die Waffe empor und spannte die Sehne schier zum Zerreißen. »Halt, König! Hüte dich vor Mord!« rief es da zu seiner Linken, und drei Büßer, mit Brennholz beladen, traten aus dem Wald. »Die Hindin gehört zu Vater Kanvas Einsiedelei. Sie vertraut seinem und deinem Schutz, o König! Töte sie nicht!« Duschjanta senkte den Bogen. »Edelster aus Purus Geschlecht, du trägst die Waffen, um Schwache zu schützen, nicht um sie zu töten!« fuhr der Sprecher fort. Da nahm der König den Pfeil vom Bogen und tat ihn in den Köcher. »Heil!« riefen die Drei. »Möge der Himmel dir einen Sohn schenken, der die Welt beherrscht, denn du weißt dich selbst zu beherrschen, tapferster Purusproß!« Und sie neigten sich vor dem König und gaben ihm freundlich Antwort auf seine Fragen: daß dies die Einsiedelei Vater Kanvas sei, daß der edle Kaschjapasproß auf einer Wallfahrt wäre, um drohendes Unheil vom Haupt seines Töchterleins zu wenden und daß die liebliche Sakuntala an des Vaters Stelle würdige Gäste empfange und den König willkommen heißen würde! Duschjanta dankte den Frommen mit huldvollen Worten und entließ sie mit freundlicher Gebärde. Dann saß der König auf einem Stein in der Sonne nieder. Er dachte mit Freude an den glückverheißenden Wunsch der frommen Klausner und mit nie gekanntem Sehnen an das schöne Kind, welches ihn als Gast empfangen würde. Der freudige Zuruf seines Wagenlenkers, der den ängstlich gesuchten Herrn hier fand, weckte Duschjanta aus seinem Sinnen. Er gab dem erprobten Gefährten manches Jagd- und Kriegszuges seinen königlichen Schmuck und sandte ihn zurück, um das Gefolge von der frommen Stätte fernzuhalten. Nicht Schmuck und königlichem Gepränge wollte Duschjanta einen freundlichen Willkomm verdanken. Als der Wagenlenker gegangen war, schritt der König nach dem Büßerhain und ahnte in seinem frohen Herzen, daß er den Weg zu seinem Glücke wandle. Bald schlugen fröhliche Stimmen an sein Ohr, und als er durch die Büsche spähte, sah er drei liebliche Mädchen, denen das einfache Büßerkleid aus Bast nichts von ihrer Schönheit rauben konnte. »Bei der schönen Göttin des Glückes!« dachte der König, »an meinem Hofe sah ich nicht so viel Anmut wie hier. Waldröslein ist lieblicher als die prächtigste Zentifolie. Ich will noch verborgen bleiben und mich an der Ungezwungenheit der Holden erfreuen!« Lachend und scherzend schöpften die Mädchen mit ihren Krügen Wasser aus einem kleinen Weiher und gossen es über die Wurzeln der Bäume, die ihrer Pflege anvertraut waren. »Oh, ihr guten Bäume!« rief Sakuntala, die Lieblichste der drei, »wie ihr die Luft mit Düften schwängert, daß man der Brust keine Ruhe gönnen möchte, um all die Herrlichkeit einzutrinken.« »Deine Jugend schwellt dir die Brust, nicht die alten Bäume, du Schöne!« lachte eine der Gespielinnen, der Freundin sanft über das Haar streichend. »Schmeichelkätzchen!« sprach Sakuntala errötend. »Du trägst mit Recht deinen Namen; Priyamvada, die Schmeichlerin! – Sieh dort den alten Herrn, der mit seinen Zweigen mir und meinem Kruge winkt, obwohl eine Liane ihn umschlingt, wie ein Weib seinen Gatten.« »Du möchtest wohl auch bald einen Gatten umschlingen?« rief lächelnd die Dritte, Anasuya mit Namen. »So denkst du!« schoß Sakuntala, zürnend und aufs neue errötend, den Pfeil der Freundin zurück. Dann wehrte sie sachte einer der vielen Bienen und wandte sich vor der Zudringlichen zur Flucht. Und der König stand hinter den Büschen und hätte all seine Schätze und Würden hingegeben, wenn er als Bienlein um diesen Kirschenmund, um diese Pfirsichwangen hätte flattern können. Sakuntala aber hatte Angst vor der kleinen Stachelträgerin, und zwischen Lachen und Weinen rief sie einige Male: »So helft mir doch!« Die beiden losen Mädchen jedoch lachten: »Wir? – Oh, König Duschjanta hat die Pflicht, alle Schwachen in seinem Lande zu schützen; rufe doch ihn!« »Oh, helft mir, helft mir!« rief Sakuntala wieder. Da sprang der König aus seinem Versteck und rief: »Wo gilt es zu helfen und zu schützen?« Priyamvada aber lachte und fragte, ob der Tapfere mit einem Bienlein Speere brechen wolle. Duschjanta begrüßte Sakuntala nun freundlich und fragte der Sitte gemäß, ob ihr Bußwerk gedeihe. Die Verwirrte fand aber keine Worte der Erwiderung. »Willst du dem edlen Helfer nicht die gastliche Spende holen, Sakuntala?« neckte Priyamvada, schnell gefaßt. »Fußwasser haben wir hier in den Krügen, doch Trunk und Früchte sind im Haus.« »Dank euch! Ich nehme das Wort für die Tat und will im Grünen bei euch sitzen!« sprach Duschjana, nach einer Rasenbank schreitend. »Und du, Sakuntala, sollst neben dem Gaste sitzen. Das erfordert die Ehrerbietung und gestattet die Sitte!« neckte Anasuya wieder. Schüchtern folgte Sakuntala den Worten der Freundin. Duschjantas Blut jagte heiß durch die Adern, als er die Holde so nahe sah, und schwer fiel es ihm auf die Seele, daß das Kind des Brahmanen dem Sehnen des Kriegers von unerbittlichen Gesetzen entrückt war. Da störte Anasuya sein Sinnen: »Wer bist du, Herr? Wie heißt der edle Stamm der Frommen, dem du durch dein Fernsein Kummer bereitest?« fragte sie. Schnell gefaßt, antwortete Duschjanta, der sich noch nicht als König zu erkennen geben wollte: »Der edle Purusproß hat mich mit der Pflege des Rechtes im Lande betraut, und ich kam, um zu sehen, ob niemand euren frommen Frieden stört!« »Keiner hat ihn gestört – bis jetzt! Nicht wahr, Sakuntala?« neckte Anasuya wieder. Die Verwirrte schlug errötend die Augen zu Boden und schwieg. »Ist Sakuntala wirklich des frommen Kanva Tochter?« fragte der König. »Mich dünkt, der gute Heilige hat neben anderen Gelübden auch das der Ehelosigkeit getan.« »Und Vater Kanva hielt es auch!« sprach Priyamvada. »Die Vögel haben meine schöne Freundin als Kindlein betreut, und wie sie geboren ward, mag dir, o Herr, die märchenfrohe Anasuya erzählen.« Auf einen Wink des Königs begann Anasuya: »Du hast von den Weisen aus dem Königsgeschlecht des Kuschika, dem frommen Kauschika oder Wischwamitra gehört, o Herr! Seine Bußfertigkeit überwand das Hindernis der Kaste: er ward aus einem Krieger ein Heiliger. Oh, wie wußte der Fromme die Leidenschaft zu zähmen, sein ungestümes Blut zu zügeln! Wie fest stand jedes Wort der Heiligen Schrift in seinem Sinn, in seinem Herzen! Wie ferne lebte er von Stolz und Eigennutz, wie fern von jedem Wunsch der Sinne und des Leibes. Sein Bußwerk gedieh wie kein anderes und alle Götter standen tief in seiner Schuld. Fastend und schweigend, den Winter im Wasser, den Sommer zwischen lodernden Feuern, so brachte er seine Jahre hin, und diese schier endlose Buße gab ihm Macht über Himmel und Erde. Indra zitterte vor ihm, denn du weißt, o Herr, daß geschrieben steht: Ein Bußfertiger kann den König der Götter vom Throne stoßen und ihm das Tor des Todes öffnen! Indra zitterte! Da rief er Menaka, die Schönste der Apsaras, der Göttermädchen aus seinem Gefolge, und befahl ihr, den frommen Kauschika von seinem Bußwerk abzuziehen. »O König der Götter!« rief Menaka, »des Heiligen Fluch wird mich zum Unglücklichsten der Geschöpfe machen.« »Fürchte dich nicht!« erwiderte der Donnerer, »Anmut schlägt den Stärksten in Ketten! Auch will ich dir den lachenden Lenz mitgeben, den wehenden Wind und den Gott mit den blütenspitzigen Pfeilen.« Da gehorchte Menaka leichterem Sinnes und ging mit ihren Bundesgenossen nach Kauschikas Hain. Eben war der Asket seinem nassen Nachtlager entstiegen und hob nun die hageren Arme gegen die aufgehende Sonne, um den Tag zum Lobe des Ewigen in Säulenstarrheit zu verbringen. Er sah nicht, daß der Lenz seinen Wald mit den buntesten Blüten über und über geschmückt hatte; er fühlte nicht, daß ein sanfter Wind seine gemarterten Glieder liebkoste; stumpf blieb er gegen das Duftmeer um sich, taub gegen den Jubel der Lerche und des Kuckucks, denn sein Geist war beim Ewigen. Da schritt Menaka, Blumen pflückend, an ihm vorüber, und lockend spielte der Wind in ihrem leichten Kleide. Nur eines Atems Länge ließ Kauschikas Geist vom Himmlischen und wandte sich dem Irdischen zu. Und schon brannte Kamas Blütengeschoß in dem alternden Herzen, es zu neuer Jugend entflammend. Fröhlich lachend ließ der Büßer die Arme sinken und ergriff die Hände des herrlichen Göttermädchens. »Was tust du in meiner Einsiedelei?« fragte er freundlich. »Ich will Blumen pflücken und sie in dein einsames Leben flechten!« sprach Menaka errötend. »So komm!« rief der Mächtige. Aus dem Schatz seiner Buße wählte sich Kauschika Jugend und männliche Kraft und führte das liebliche Göttermädchen als sein Weib in die Klause. Kama, der Gott der Liebe, Waju, der wehende Wind, und der lachende Lenz eilten zu Indra und sagten ihm, daß die List gelungen und die Gefahr von seinem Haupte gewendet sei. Der Heilige aber, in der neuen Kraft seiner Jugend, freute sich an seinem herrlichen Weibe, und wenn das lose Himmelskind entschlüpfen wollte, so bat er es, zu verweilen und sein traumhaftes Glück zu segnen. Als Kauschika endlich unter die Tür seiner Hütte trat, sah er die Sonne langsam hinter dem Berge des Unterganges verschwinden. »Heil dem Sonnengott!« rief er froh. »Er ließ mich mein Bußwerk nicht versäumen, denn eben naht die Stunde der gebotenen Abendandacht!« »O du weißer Narr, du närrischer Weiser!« lachte Menaka silberhell. »Wohl war es Morgen, als ich kam, und ist nun Abend, da ich gehen will, doch neunhundert Jahre und ein Tag liegen dazwischen. Dreihundert Jahre blieb ich bei dir, du Starker! Und als du mich wieder und wieder batest zu verweilen, da blieb ich von neuem dreihundert und dreihundert Jahre!« »Weh' mir! wie konnte ich mich so vergessen!« rief Kauschika bestürzt. »Verloren, aufgebraucht ist mein so reicher Schatz der Buße, wie eines Tagelöhners Sparpfennig von einer Stunde im Trinkhaus. Wahrlich! von eines Weibes Lippen trinkt man den stärksten Rauschtrank! – Geh', geh', daß ich die nicht verfluche, die mir des Himmels Freuden gezeigt und für immer geraubt hat!« Der Erschöpfte warf sich auf das Lager, um am andern Tage sein Bußwerk von vorne zu beginnen. Menaka aber wandte sich traurig von dem Erzürnten und schritt in den Wald. Dort gebar sie ein liebliches Mädchen, vertraute es der Fürsorge der Waldvöglein an und wandelte durch das Wasser nach Indras Himmel zurück. Der gute Vater Kanva fand das Mägdlein, eingebettet in die weichen Brustfedern von tausend und abertausend kleinen Vöglein und umzwitschert von den fröhlichen Sängern des Waldes. Er nahm das hilflose Wesen mit nach Hause und nannte es nach seinen kleinen Beschützern, den Sakuntas: Sakuntala. An deiner Seite, o Herr, sitzt die Herangewachsene und harrt deiner Befehle als Gast und Gebieter!« »So stammt die Fromme aus der Kriegerkaste!« sprach Duschjanta sinnend, als Anasuya geendet hatte. Und sein Inneres war voller Freude. »Noch eine Frage, ihr lieben Mädchen, wenn es erlaubt ist.« »Frage nur zu, Herr!« lachte Priyamvada. »Wir Büßermädchen plappern so gerne wie alle anderen!« Der König fragte, ob Vater Kanva sein Töchterlein der Ehelosigkeit geweiht habe. Da errötete Sakuntala, und ihre Freundinnen lachten: »Nein, nein! dem rechten Manne wird sie der Vater gerne überlassen!« Sakuntala sprang auf: »Oh, laßt – ich muß – ei ja – ich muß noch Bäume gießen!« stammelte sie verlegen. Nun faßte Duschjanta der Lieblichen Hand und schob ihr einen Ring an den Finger. »Mit dem Geschmeide lös' ich dich von deiner Arbeit, Kind,« sprach er lächelnd. Und die Mädchen steckten die Köpfe zusammen und bewunderten die Kunst des Goldschmiedes. »Ei seht! des Königs Namenszug!« jubelte Priyamvada. »Es ist ein Geschenk des Königs!" sprach Duschjanta, der Zweifelnden die Deutung seiner Worte überlassend. Da klangen von fernher die Muscheln von des Königs Jagdzug in das Gespräch. »Die Jagd!« rief Duschjanta. »Sie soll den Frieden des Haines nicht stören! – Lebt wohl! auf Wiedersehen!« Und nachdem sein Blick für eines Atems Länge in Sakuntalas Lotosaugen geruht hatte, eilte der König den schmetternden Klängen entgegen. Sakuntala aber setzte sich auf die Rasenbank, schlug die Hände vor das Antlitz, und heiße Tränen, die von der ersten Liebe Leid und Lust erzählten, perlten über ihre Finger. Priyamvada und Anasuya knieten vor ihr nieder und umfingen die Schluchzende: »O du Schöne, du Gute, du Zarte – was ficht dich an? – Hat der Gast dich gekränkt oder der Gott mit der Blumenwaffe dich versehrt? – Oh, sprich doch, weine nicht so herzzerbrechend. –« »Auf Wiedersehen! – Kehrt er wieder? – Und wann? – Wer weiß es wann? – O meine Schwestern –« so schluchzte Sakuntala. »Du liebst!« jubelte Anasuya. »Wie könnt' er dich meiden, Schönste!« tröstete Priyamvada. »Oh, da mögt ihr nur gleich mein Totenopfer richten –« »Verläßt der Frühling die geliebte Erde für immer, wenn er dem schenkenden Sommer entgegen geht? – Oh, er kehrt wieder!« tröstete nun auch Anasuya. Und die drei Mädchen hielten sich umschlungen und schwärmten von Sehnsucht und Liebe, von Freud und Leid der Trennung und von Treue über die Unendlichkeit der Zeit und Ferne. Und dann begann die Beratung: »Wenn er wiederkehrt, mußt du es ihm sagen!« rief Priyamvada. »Nie, nie!« rief Sakuntala. »Ich stürbe vor Scham.« »So schreib' es ihm!« riet Priyamvada wieder. »Nie wagt der Edle sonst, sich der Königin der Schönheit werbend zu nahen.« »Ja, ein Verslein!« jubelte Anasuya. »Du birgst das Blättchen in einer Blume – –« »Oder ritzest es mit deinem rosigen Fingernagel auf ein Lotusblatt!« setzte Priyamvada fort. Da erhob sich Sakuntala von der Rasenbank und sprach mit zitternder Stimme: »Scheint so warm ins Herz die Lieb' mir, Kosend wie der Flamme Hauch, Doch wie tausend Feuer brennen, Brennt die Frag': Liebst du mich auch?« Da rief es aus dem Busch vor ihr: »Leuchtet Lieb' dir, wärmt das Herz dir, Konnte Bangnis kaum dich sehren, Lodert es in mir wie Hölle, Will mir Herz und Sinn verzehren!« Und Duschjanta sprang heraus, sank vor der Erschrockenen nieder und barg, ihre Knie umschlingend, sein Antlitz im Schoße der Erschauernden. Die Sehnsucht hatte ihn umkehren lassen, ehe er sein Gefolge erreicht hatte. Priyamvada und Anasuya drückten sich eng aneinander, und Sakuntala strich liebevoll über die Locken des Gebeugten. Da erhob sich der König: »Weib!« sprach er, »Wahl ohne Zwang hat uns zueinander geführt. Wir schließen nach Vätersitte den Bund am Ort unseres Findens. Er ist so heilig, als hätte der Priester und das Haus mit seinem ewigen Feuer ihn geweiht. Gandharvaehe heißt er in des Landes heiligen Büchern, die mir, dem König, das einzige Gesetz sind. Vertraue mir, Innigstgeliebte!« »Der König!« murmelte Priyamvada. »Ich ahnte es!« erwiderte Anasuya leise, und laut rief sie aus: »Sieh dort das verirrte Gazellenkälbchen, wir wollen es seiner Mutter bringen.« Hand in Hand liefen die beiden Mädchen davon und hörten nicht auf den leisen, ängstlichen Ruf Sakuntalas. Der König aber schloß die Scheue und dennoch Willige in seine starken Arme und machte sie zu seinem Weib nach Väterbrauch. Bis zum sinkenden Abend kosten sie in allesvergessender Liebe. Da klangen wieder die Drommeten des Jagdzuges, klagend und den Herrn suchend, in ihre stille Freude, »Auf!« rief Duschjanta. »Ich führe die Jagd heim und hole dich in festlichem Zug an meinen Hof als Königin.« »Du Lieber! – ach, bleib' bei mir!« flüsterte Sakuntala an seiner Brust. »Mein Weib – mein holdes Weib, ich hole dich! Vertraue!« sprach Duschjanta bewegt, und mit einem innigen Kuß und einem leisen: Vergiß mein nicht! nahm er Abschied. Sakuntala aber stand an den Baum gelehnt und sah dem Geliebten noch nach, als er schon lange ihrem Blick entschwunden war. Sie sah nicht, daß ein wandernder Brahmane aus dem Walde trat, hörte nicht seine müde Bitte um Gastfreundschaft und beachtete nicht, daß er sich zürnend wieder in den Wald wandte. Anasuya und Priyamvada näherten sich vorsichtig dem Orte, wo sie das Brautpaar verlassen hatten, und wollten die Glücklichen nun als Gatten begrüßen. Da begegneten sie dem zürnenden Frommen. »Wieder Mädchen, die den Kopf voll verliebter Torheiten haben!« schalt der. »Eben ließ mich solch eine Dirne vergeblich bitten. Aber die Götter sollen ihr Bild aus dem Gedächtnis des Ersehnten löschen, wie er aus dem ihren die Pflichten der Gastfreundschaft!« »Schrecklich!« flüsterte Anasuya ihrer Freundin zu. »Es ist der Heilige Durwasa, der wegen seines Jähzornes bekannt ist. O komm, wir wollen ihn bitten, den Fluch vom Haupte der liebenden Gatten zu nehmen!« Und sie traten vor den Heiligen und baten und flehten, die Freundin nicht unglücklich werden zu lassen, weil sie im Glück ihres Hochzeitstages etwas versehen hatte. Der Alte wurde unter den Schmeichelhänden der Mädchen weich und bereute seinen schnellen Zorn. Aber eines Frommen Worte können nicht zurückgenommen werden wie eine kranke Kuh. So milderte er denn seinen Fluch und bat die Götter, sie mögen Duschjantas Gedächtnis wieder wecken, wenn sein Blick auf Geschmeide fiele, das er einst seiner Braut geschenkt hatte. Da beruhigten sich die Freundinnen, denn sie gedachten des Ringleins an Sakuntalas Hand. Und sie beschlossen, den Vorfall zu verschweigen, um nicht das Glück der ersten Liebe in Kummer und Sorge zu ersticken. Als der Heilige Kanva von seiner Wallfahrt heimkam, verbarg sich Sakuntala in holder Scham vor dem geliebten Vater, dessen Haus nun bald durch ihre Ehe einsam werden mußte. Kanva aber befragte Agni im Opfer, und die Flamme flüsterte dem Frommen zu, daß seine Tochter die Gattin des Königs geworden sei und bald einen Prinzen, den künftigen Herrn der Erde, zur Welt bringen werde. Der Heilige dankte den Göttern für diesen Segen; denn Pflicht des Weibes ist es, Gattin und Mutter zu werden, und manch trüber Gedanke, wie das Kind seiner Sorge in der Wildnis einen würdigen Gatten fände, hatte das Herz des Guten schon beschwert. Nun war er glücklich und suchte die Tochter, um sie zur Fahrt an den Hof festlich zu schmücken. Weinend und lachend empfing Sakuntala den treuen Beschützer ihrer Kindheit und folgte willig, wenn auch mit leisem Abschiedsweh, den Weisungen des Vaters, sich zur Reise zu rüsten. Anasuya und Priyamvada wurden in den Wald gesandt, um Ranken und Blüten als köstlichsten Schmuck für die Tochter des Waldes zu holen. Doch Wunder: die dankbaren Bäume streckten den Mädchen ihre Äste entgegen und reichten ihnen schimmerndes Geschmeide, weiße, seidenweiche Gewänder und köstlich duftende Salben für den Liebling des Waldes. So ward die Holde herrlicher angetan als irgendein Weib aus dem Frauenhause des Königs. Zwei würdige Jünger Vater Kanvas sollten Sakuntala nach der Residenz Hastinapura geleiten und dem König die Gattin mit den Segenswünschen ihres Vaters überbringen. Gar schwer fiel allen der Abschied von dem lieblichen Kind. Sakuntala sank aus den Armen des Vaters in die ihrer mütterlichen Freundin Gautami. Sie umhalste ihre fröhlichen, heut' ach so traurigen Gespielinnen Anasuya und Priyamvada, sie gab hier einem Papageien noch ein paar Reiskörner, nahm dort ein Gazellenkälbchen auf den Arm und strich liebkosend über jeden der uralten Bäume, die ihre glückliche Kindheit beschattet hatten. Endlich riß sie sich los, denn ihre Führer hatten, voll Ungeduld, schon den Weg nach Hastinapura eingeschlagen. Kaum war sie hundert Schritt weit gewandert, so kam Anasuya noch einmal geflogen, umarmte und küßte die Freundin zärtlich und flüsterte ihr zu: »Zeige dem König das Ringlein, das er dir im Walde angesteckt hat!« Und husch! war die Treue in den Büschen verschwunden. Duschjanta, den der Fluch Durwasas in dem Augenblick, da er auf sein Gefolge stieß, ereilt hatte, zog mit fröhlichem Jägerherzen nach seiner Residenz, ohne nur einen Gedanken für diejenige zu haben, die vor kurzem sein ganzes Wesen erfüllt, der er, der Treue, Treue fürs Leben geschworen hatte. Zu Hastinapura übernahm er wieder die Herrschaft und übte sein Amt aus, so gut wie eh und je. Der Jagdzug war ihm nur wie irgendeine andere seiner fröhlichen Streifen im Gedächtnis. Keine Ahnung sagte dem König von der Wendung in seinem und Sakunlalas Leben. Da wurden ihm eines Morgens ehrwürdige Boten aus Vater Kanvas Einsiedelei gemeldet. Duschjanta befahl sie vor sein Antlitz zu führen und erwog besorgt, was wohl den Heiligen zu dieser Gesandtschaft bewogen haben könnte: ob wilde Tiere oder böse Menschen den Frieden des Haines bedrohten oder ob Dämonen die Opfer verhinderten? – In jedem Falle war er bereit zu helfen und den Guten mit seinen Waffen den Frieden zu erzwingen. Die Boten Mater Kanvas traten ein: zwei rüstige Greise und zwischen ihnen eine Verschleierte. »Heil dem König!« rief der Sprecher der Gesandtschaft. »Liegt Segen auf deiner Herrschaft? Leben die Deinen im Glück?« »Indras Segen ruht auf meinem Lande, Glück und Frieden haben meine Völker! doch neig' ich mich in Demut vor euch, die ihr für den Heiligen hier steht!« erwiderte der König mit allen Zeichen der Ehrerbietung. »Du neigst dich wie der früchteschwere Ast, wie die regenschwangere Wolke! das ist die Art der wahrhaft Großen! – Sie dienen im Herrschen den Ihrigen!« sprach der Gesandte. »Wie kann ich dem Heiligen dienen? Was stört den Frieden der Frommen?« fragte der König. »Nichts, Herr!« erwiderte der Brahmane. »Nicht als Bittende sandte der Erhabene uns aus! als Gewährende stehen wir da: die Gattin, die du nach Gandharwersitte gefreit hast, bringen wir dir, samt ihres frommen Erährers Segen und Gebet!« »Die Gattin? mir? Ihr scherzet – irrt – Ehrwürdiger! – Wollt eine Braut vielleicht mir bringen!« rief Duschjanta. »Die Opferflamme nannt' sie deine Gattin und sagt', sie würde bald die Mutter eines Sohnes werden, des künft'gen Herrn der Erde!» »Gattin? – Mutter eines Sohnes?« murmelte der König. »Wie kann ich eines andren Weib begehren? – Wer ist sie?« Da schlug der Sprecher den Schleier zurück und rief: »Sakuntala ist es, des Heiligen Kanva Tochter!« »Sakuntala?« sprach der König mit Ernst und fester Stimme. »Ich kenne sie nicht! – Was soll das Possenspiel? – Wollt ihr auf Purus edlen Stamm ein schlechtes Reis pfropfen?« »O Herr! so hast du mein vergessen?« sprach Sakuntala sanft, und Tränen perlten über ihre Wangen. »Weib! ich kenne dich nicht!« sprach Duschjanta voll Würde. »So hast du Vater Kanva und uns belogen? die heilige Opferflamme in schnödem Zauber mißbraucht!» riefen nun die zornigen Büßer der Erschrockenen zu. »O nein! – nein!« stammelte Sakuntala. »Seht hier des Königs Ring – er gab ihn mir – . Mein Gott – wo ist er – ? Ich hatt' ihn heute morgen noch – . Am heiligen Schakrawasser vor der Stadt muß ich ihn verloren haben, als ich mich Schatschi, der treuen Gattin Indras, zu Ehren wusch – man muß ihn suchen – wird ihn finden – !« »Betrug! – nichts als Betrug!« riefen die Büßer. »Wir kehren zu Vater Kanva zurück und wollen ihm von seinem sauberen Liebling erzählen!« Rasch und voll Scham über die Rolle, die sie vor dem Hof gespielt hatten, verließen die beiden Alten den Saal. Duschjanta aber sah lange sinnend auf die Weinende und sprach bestimmt: »Ich kenne dich nicht!« Da warf Sakuntala sich ihm zu Füßen und jammerte: »O Herr, wenn du schon mich verstoßen willst, so denk an deinen kommenden Sohn! Beraube dich nicht des künftigen Opferspenders, des Herrn der Erde, der dein ruhmreiches Geschlecht fortsetzen soll! – Bring dich nicht um das höchste Glück, das ein Mann finden kann – – .« »Führt sie aus der Stadt!« sprach der König zu seinem Gefolge. »Wie dürfte ich, der Hüter des Gesetzes, eines anderen Gattin beherbergen?« »O Erhabener!« schrie Sakuntala, »stoße mich ins Elend und unseren Sohn! ich wollt' es gerne tragen, um der wenigen Stunden des Glückes willen, doch deiner Seele Seligkeit ginge darob verloren. Gedenke des alten Spruches: Hundert schenkende Brunnen erfüllen kaum einen Weiher; Wasser aus hundert Weihern reinigt nicht wie ein Opfer; Hundert rauchende Opfer ersetzen im Himmel den Sohn nicht; Einzig die Wahrheit wiegt schwerer als hundert der edelsten Söhne! »Einzig die Wahrheit wiegt schwerer als hundert der edelsten Söhne!« wiederholte Duschjanta sinnend. Dann sprang er auf und rief: »Ich kenne das Weib nicht!« Und von den Würdenträgern des Hofes umgeben, verließ er eilig die Halle. Häscher führten die weinende Sakuntala vor die Stadt, und sie konnte nur immer stammeln: »Vergessen! – verlassen!« Kaum hatten die Schergen ihr den Rücken gewendet, fuhr ein Blitz aus heiterem Himmel herab, und die erschrockenen Beamten sahen, wie Sakuntala von einem wunderschönen Göttermädchen himmelwärts entführt wurde. Rasch liefen sie in die Stadt und verkündigten das Wunder aller Welt. Als der König davon hörte, saß er lange grübelnd da. Schwer lastete des edlen Weibes Klage auf seinem Herzen, und immer aufs neue prüfte der Strenge, ob er der Pflicht gemäß gehandelt hätte. »Ich kenne sie nicht!« rief er ein- über das anderemal und versank wieder in schmerzliches Sinnen. Wenige Tage danach ergriffen die Häscher einen armseligen Fischer, der auf dem Markte einen kostbaren Ring feilbot. Als ihr Führer auf dem Juwel des Königs Namenszug erkannte, brachte er den Zitternden in den Palast, um zu erforschen, ob der Ring des Königs auf rechtem Weg in die Hand des niedrigen Knechtes gekommen wäre. Der Ertappte schwor, er sei ein redlicher Mann, ein armer Fischer, welcher am Schakrawasser, dem heiligen Weiher vor der Stadt, sein Gewerbe ausübe, und den Ring im Bauch eines gefangenen Fisches gefunden habe. Doch die Häscher glaubten ihm nicht. Sie pufften und knufften den Armen, drohten ihm mit dem Block, und höhnten, daß er wohl nächstens einen vollen Beutel oder seines Nachbars Kuh in einem Fischbauch finden würde. Ihr Führer war mittlerweile vor den König gekommen und hatte ihm das verdachterregende Geschmeide gezeigt. Es war der Ring, den Duschjanta im Walde der Geliebten angesteckt hatte. Wie Indras Blitz die Wolken zerreißt, so zerriß der Anblick des Kleinodes die Schleier, die auf des Verfluchten Erinnerung lagen: Sakuntala sah er im Walde vor sich stehen, liebend und vertrauend, und wieder sah er sie im Thronsaal, weinend und klagend, stammelnd, daß sie den Ring wohl am beiligen Wasser hei andächtiger Waschung verloren habe. »Der Fischer hat die Wahrheit gesprochen! Gebt ihm einen Beutel Goldes für den Ring!« sprach der königliche Richter und zog sich tief erschüttert in seine Gemächer zurück. Draußen aber jubelte der Fischer ob des Königs Gnade und zog mit seinen Häschern Arm in Arm zur Schenke, um dort des Erhabenen Freigebigkeit würdig zu feiern. Sechs Jahre waren über die Erde gerollt. Der fröhliche König Duschjanta war ein Stiller und Trauriger geworden. Voll gütigen Ernstes versah er sein Amt als Herrscher im Lande, und kämpfte voll grimmiger Todesverachtung gegen einzelne Feinde an der Grenze. Keiner hatte ihn wieder lachen gesehen, seitdem der Ring aus dem Fischbauch an seiner Hand glänzte. Der Widuschaka – so hieß man damals den »Lustigen Rat«, den launigen Gesellschafter des Königs – hatte vergebliche Mühe, und nur seinem innigen Empfinden, seinem getreuen Mitleiden am unheilbaren Schmerz des erlauchten Freundes verdankte es dieser gute Brahmane, daß der König seine Gesellschaft gerne ertrug und sich nicht ganz der Einsamkeit und Selbstquälerei ergab. Es war im siebenten Jahre nach Sakuntalas Entrückung, als Matali, des Götterkönigs Wagenlenker, vor Duschjanta erschien. Indra ließ den frommen König, den tapfersten Krieger seiner Zeit, durch seinen Boten bitten, für ihn im Kampfe gegen ein aufrührerisches Dämonenvolk zu stehen. Gleich ließ Duschjanta sich rüsten und bestieg mit Matali den Wolkenwagen Indras, der zum Erstaunen alles Volkes vor dem Palast zu Hastinapura gelandet war. Himmelwärts ging's mit des Donnerers pfaufarbigen Rossen unter Matalis kundiger Führung. In blutiger Schlacht besiegte Duschjanta, dem Götterheer voran kämpfend, die Kalanemi, ein Danawergeschlecht, dem Brahma einst auf seine Gebete gewährt hatte, daß es von Indra nie besiegt werden solle. Dem tapferen König der Erde aber, dem der Schmerz kampfgierig im Herzen loderte, konnten die Söhne der Finsternis nicht widerstehen. Sie flohen vor ihm und seinen windschnellen Scharen zurück in das Reich der Nacht, wie Morgennebel vor der Sonne weichen. Matali, der den herrlichen Purusproß auch in der Schlacht gefahren halte, lenkte jubelnd die falben Rosse erdwärts. Durch den blauen Äther ging's dahin wie auf Sturmesflügeln, und der Himmlische zeigte dem tapferen Erdensohn manches Wunder des Weltenraumes. Als der Wolkenwagen sich dem höchsten Gipfel der Erde näherte, erklärte der wackere Führer dem König, daß dort ein Garten des Schatzgottes Kubera liege, und der ehrwürdige Schöpfer Kaschjapa, der Vater der Götter und Dämonen, dort als Büßer hause. Duschjanta bat, sich vor dem gnädigen Vater der Welt verneigen zu dürfen, und Matali ließ die falben Rosse mitten in einem blühenden Haine halten. Sie stiegen beide vom Wagen, und während der göttliche Wagenlenker die ungeduldigen Hengste an Bäumen festband, erzählte er dem König von des Heiligen übermenschlichen Bußübungen. Bis an den halben Leib steht der Asket in einem Ameisenhaufen, Nattern schnüren ihm den Atem aus der Brust, und ein Gerank von Dornen würgt seinen Hals. In seinem Haare nisten die Vögel, und ungeblendeten Auges starrt er in die Sonne. So furchtbare Buße gibt ihm die Kraft, Welten zu schaffen und zu erneuern. Matali fragte einen des Weges kommenden Büßer, ob der heilige Schöpfer jetzt wohl die Verehrung des tapferen Königs Duschjanta entgegennehmen würde. Der Gefragte erwiderte, daß Kaschjapa eben die Frauen des Haines um sich versammelt habe, um sie über ihre Pflichten als Gattin und Mutter zu belehren. Gerne folgte Duschjanta dem Rate des klugen Matali, hier zu rasten, bis der Weise seinen Vortrag beendet habe, denn er fühlte an diesem heiligen Orte seine Schwermut schwinden, wie Schnee vor der Sonne. Während sie im Gespräch auf einem Steine saßen, kam ein wunderschöner Knabe gesprungen. Der schleppte einen jungen Löwen wie eine Katze umher. Er spielte fröhlich mit dem kleinen Raubtier, riß ihm das Maul auf, um nach den Zähnen zu sehen, wühlte mit seinen weißen Händchen in dem goldigschimmernden Fließ, und zeigte dem Gefangenen in jeder Weise seine Herrschaft. Duschjanta sprang auf, denn die Züge des kleinen Bändigers schienen ihm so vertraut und lieb. Eine Magd kam gelaufen und rief dem kleinen Wildling ängstlich zu: »Ach, laß doch den jungen Löwen los, sonst wird seine Mutter dich fressen!« »Die fürcht' ich so wenig wie dich!« lachte der Knabe. »Ach ihr guten Fremden, helft mir doch, das arme gequälte Tier von dem unbändigen Knaben zu befreien!« bat die Magd. Dann blieb ihr Blick auf Duschjanta haften, und sie stammelte: »Bei den dreiunddreißig Göttern, welche Ähnlichkeit zwischen dir und dem Kleinen, Herr!« Und da der König eben den Knaben ganz sanft von dem Löwen hinweggezogen hatte, staunte sie weiter: »Und wie er sich dir fügt, der unbändige Allbändiger, Herr! – Das ist sonst nicht die Art des jungen Purusprosses!« »Ein Purusproß ist er?« rief Duschjanta überrascht. »Auch ich stamme von Puru!« fuhr er fort, »so fügt sich Blut dem Blute!« Und heimlich bedachte er, daß wohl mancher Puruenkel unter die Büßer gegangen sei, und der Knabe wohl von einem solchen stammen konnte. Denn noch wagte sein zerrissenes Herz nicht zu hoffen. Die Magd strich dem Knaben das Kleidchen zurecht und schalt: »Dein Amulett hast du auch verloren, bei dem verbotenen Spiel. Nun such es, ehe die Mutter dich darob schilt!« »Hier liegt es!« rief Duschjanta und bückte sich rasch nach der goldenen Kapsel zu seinen Füßen. »Nicht, nicht!« schrie die Magd. Doch der König hatte dem Knaben das Geschmeide schon übergeben. »Ein neues Wunder!« murmelte die Magd mit allen Zeichen der Angst. »In diesem Büchslein ist das Kräutlein ›Unbesieglich‹. Kaschjapa, der fromme Heilige, hat es dem Knaben bei der Geburt gegeben und, um es dem Beschenkten zu sichern, einen mächtigen Zauber daran geknüpft: nur das Kind und seine Eltern sollen es ohne Gefahr anfassen können! Greift ein anderes danach, so wird es zur Natter und beißt den Entweiher tot. – Schon manchen sah ich so sterben! – Oh – oh! ich muß das meiner Herrin melden!« Und während die Magd fortlief, sprach sinnend der König: »So hätt' ich mich nicht getäuscht? mein Herz sprach die Wahrheit, als es dem herrlichen Knaben entgegenschlug? – O komme, Sohn, laß dich herzen!« »Ich hab' dich lieb!« sprach der Knabe, sich zärtlich an den Mann schmiegend, "doch mein Vater bist du nicht! der ist König und heißt Duschjanta!« »Du bestätigst meine Worte im Widerspruch, Teurer! Ich bin der König Duschjanta!« »Die Mutter!« rief der Kleine, sich losreißend: und Sakuntala stand vor ihrem sprachlosen Gatten. »Mein Weib! – vergib! – vergib dem vom Wahnsinn Umnachteten!« stammelte er endlich. »O Herr! wie weh hast du mir getan!« flüsterte Sakuntala, den Kopf an die Brust ihres Gatten schmiegend. »Verzeih – verzeih! Ein Dämon muß mein Gedächtnis ausgelöscht haben – meine Erinnerung schlief wie tot – – « »Und wann ist die Gute erwacht?« fragte Sakuntala, unter Tränen lächelnd. »Als ich den Ring sah, Teure! Deinen Ring, den mir ein Fischer vom heiligen Schakrawasser brachte!« »Der Ring – der Ring – « murmelte Sakuntala, »so ahnte Anasuya etwas – ! O komm, Herr, wir wollen vor den Heiligen Kaschjapa treten und ihn, der die drei Zeiten: Vergangenheit, Gegewart und Zukunft kennt, um des Rätsels Lösung bitten!« Die Wiedervereinten wurden von dem erhabenen Büßer voll Freundlichkeit empfangen, und er erzählte ihnen von Sakuntalas Glückversunkenheit und des jähzornigen Durwasas Fluch. Selig war die Schwergeprüfte, daß ihren edlen Gatten kein Schatten von Schuld traf; glücklich der Treue, mit der Geliebten und seinem schönen Söhnlein nun auf immer vereint zu sein. Kaschjapa sandte einen fliegenden Boten zu Vater Kanva und beruhigte den würdigen Greis über das Schicksal seiner Tochter. Dem schönen Sohn dieser Verbindung von Liebe und Treue halte er übermenschliche Leibes- und Geistesstärke verliehen. »Allbändiger« hieß der Knabe schon allen, und des Heiligen Segen verhieß, daß er der Allherrscher, der Weltschützer, der Bharata, werden würde. Als die Glücklichen in heißer Dankbarkeit von dem gütigen Heiligen Abschied genommen hatten, führte sie Matali auf Indras Wagen nach Hastinapura. Dort lebte das edle Königspaar noch viele Jahre in Glück und Frieden, zur Freude des ganzen Volkes. Bharata aber, der Sohn des edlen Duschjanta und der lieblichen Sakuntala, ward der erste Kaiser von Indien, und sein Geschlecht herrschte durch viele Jahrhunderte über alle indischen Stämme des guten Volkes der Arier. Sawitri Sawitri, die strahlende Tochter des Sonnengottes, stand leibhaftig vor König Aßwapati und sprach: »Tapferer Beherrscher der Madrer, Edelster und Bester deines Volkes! Lange bange Jahre hindurch hast du voll Inbrunst in reichen Opfern, strenger Enthaltsamkeit und redlicher Pflichterfüllung demütiglich um meine Gnade gebeten. Deine Treue, deine Reinheit, dein frommer Glaube hat mich gerührt. Sprich, Vortrefflicher, wünsche! – Meine Huld ist mit dir und deinem Sehnen!« Aßwapati faltete die Hände vor der Brust, hob sie ehrfürchtig grüßend bis an die Stirne, und umwandelte die Gnadenreiche rechtshin. »Ewig schenkende Allmutter!« betete er, »wenn dein täglicher Segen sich über mein Land ergießt, so fällt er Glücklichen in den Schoß. In meinem Reiche tragen Sklaven und Diener ihr Joch, leicht wie ein Blumengewinde, in frommer Zufriedenheit. Bauern und Kaufherren arbeiten mit fröhlichem Fleiß in einem Frieden, den meine tapferen Krieger voll Freude beschirmen. Den Priestern aber neigen sich alle in Ehrfurcht und geben ihnen mit offener Hand, so wie sie offenen Herzens von ihnen empfangen. In Demut vor den Göttern hab' ich die vier Kasten glücklich gemacht. Doch ach! mir blieb das Glück versagt; kein Erbe ward mir, der mein Werk erhielte, kein Sohn, in dem mein Geschlecht auf Erden fortlebte, kein Kind, das mir und meinen Vätern das Totenopfer brächte und uns dereinst aus Yamas finsterem Hause führte. – Ich werde alt, Göttin! Hilf mir, du Reiche, die aus dem kalten Felsen noch Halme sprießen läßt, du Gute, die den nackten Acker in Gold hüllt, du Frohe, deren Lachen den düstersten Winkel erhellt! – Hilf mir!« »Ich wußte um dein Sehnen, Rechtschaffener!« erwiderte die Göttin, »und hab' es längst vor Allvater Brahmas Thron gebracht. Ein Mägdlein verheißt er dir, sonnenschön und mondenhold, doch muß deine Sehnsucht nach Söhnen und Erben verstummen!« »Sie schweigt, Segenspenderin! und mein Herz ist in Liebe der Tochter geöffnet!« sprach Aßwapati. Und während er sich in heißem Dankesstammeln neigte, verschwand die Göttin in der Opferflamme, der sie entstiegen war. Der König aber schritt aus dem Tempel und besuchte Malavi, seine vornehmste Gattin. Ihr sprach er von der strahlenden Göttin Huld und senkte Hoffnung in ihr liebevolles Herz. Ehe ein Jahr verging, gebar die Königin ein Mägdlein. Das war goldhaarig und hatte Augen wie blauer Lotus in der Dämmerung. Zartgliedrig lag es auf dem blendenden Linnen der Wiege, wie die Bergrose auf dem Schnee. Die Eltern dankten der schenkenden Göttin voll Inbrunst. Sie weihten das Kindlein der gütigen Geberin, und der Hauspriester gab ihm den Namen » Sawitri «, als er es bei der üblichen Opferfeier dem Volke zeigte. In der Eltern treuer Hut wuchs das Mägdlein zur Jungfrau heran. Sawitri ward so schön, daß keiner der Erdenjünglinge ihr in Liebe zu nahen wagte. Wie eine aus Indras Gefolge, ja wie Schri, die leibhaftige Schönheit, ging die Königstochter durch das Leben. Alle mußten sie verehren, keiner wagte sie zu begehren! Als Sawitri dem Vater einst beim Opfer die Blumen reichte, da haftete sein Auge mit Freude und stillem Ernst an der Erblühten. »Mein Kind!« sprach er nach kurzem Sinnen, »ob auch mein Herz dich halten möchte, wie grauer Stein den grünen Efeu, ich muß dich doch einem Gatten geben vor Göttern und Menschen. Die heiligen Bücher mahnen den Sohn, nach des Vaters Tod die Mutter zu schützen; sie schelten den Gatten, der sein Weib meidet, aber den Vater, der die Tochter nicht vermählt, den verfluchen sie! – Da keiner um dich zu werben wagt, so gehe du in die Welt und wähle nach alter Sitte des Kriegerstandes deinen Gatten unter den Söhnen der Kaste. Hast du gefunden, was du suchst, so komm und nenn' mir den Mann deiner Wahl. Ist er dir, Holde, ähnlich an Tugend, so werd' ich ihn als Sohn willkommen heißen!« Ehrerbietig neigte sich Sawitri vor dem Vater und ließ sich zur Reise rüsten. In einem goldglänzenden Wagen, umgeben von Frauen und Dienern, verließ sie die Stadt und zog durch die weiten Lande, um einen Gatten zu finden. Hoffenden Herzens fuhr sie durch die Wälder, in welchen Büßer aus königlichem Stamme hausten, denn Sawitri liebte Weisheit und Zucht weit mehr als Reichtum und Macht. Der Frieden des Waldes schien ihr verlockender als der Lärm der Welt. So fuhr sie von einem Einsiedlerdorf zum anderen und hielt Augen und Ohren offen. Der Himmelsbote Narada war auf einer seiner Erdenwanderungen nach Madra gekommen und saß als Gast bei König Aßwapati in der Halle, als Sawitri von ihrer Gattenwahl heimkehrte. In ehrfürchtigem Gruße neigte sich die Jungfrau vor ihrem Vater und seinem erhabenen Gaste. Die Holdseligkeit des Sonnensendlings ergötzte das Herz des Götterboten, und in sorgender Freundschaft fragte er den Vater, ob er der Tochter schon einen Gatten erkoren habe. Aßwapati erklärte dem Heiligen, weshalb er Sawitri in die Welt gesandt hatte, und forderte sie auf, ohne Scheu von dem Mann ihrer Wahl zu berichten. Sawitri erzählte: »Djumatsena, der weise König von Schalwa, erblindete vor vielen Jahren. Sein Sohn war damals ein Knäblein und konnte dem Blinden nicht helfen in seinem schweren Herrscheramt. Da benutzte ein böser Nachbar des Königs Hilflosigkeit, stieß ihn vom Thron und bemächtigte sich der Herrschaft in Schalwa. Gottergeben nahm Djumatsena sein Söhnlein in die Arme, und die treue Gattin führte den Blinden mit seiner lieben Last aus dem Reiche. Im stillen Wald, unter guten und frommen Klausnern, siedelten die Flüchtlinge sich an und lebten fortan fern von der Welt, aber nahe der Gottheit, in Frieden. Das Söhnlein des Königs ist zum Manne erwachsen, und Satyavant – den Wahrhaften – nennen ihn die Waldbrüder. Denn auf seinen Lippen wohnt Wahrheit neben Weisheit und Milde. Ihm allein schlägt mein Herz entgegen, und für keinen anderen ist Raum in meinem Sinn. Satyavant werde mein Gatte!« »Töricht muß ich dich schelten, Sawitri! weil du so weise gewählt hast!« sprach Narada. »Glückstrunken taumelst du ins Unglück!« »Wehe!« rief Aßwapati. »Ist der Erwählte nicht würdig der reinen Liebe? – Ist er ein Feigling – ein Tor – ein Weichling – oder voll zügelloser Leidenschaft? Oh, teurer Gast, dem Zukunft und Vergangenheit nicht fremder sind als die Gegenwart – sprich und erlös' mich von der Sorge um die gelieble Tochter!« Narada schüttelt das Haupt: »Satyavant ist ein Tapferer und Starker, denn er weiß sich selbst zu bezwingen. Er ist weise wie ein Greis, und seine Weisheit ist voll lebendiger Jugend! Er ist schön wie das Tugendpaar Kraft und Güte, freigebig, fromm und von edelster Sinnesart. Hochragend steht er unter den Männern und gleicht den glänzenden Reitern der Morgenröte. Wer ihn sieht, muß ihn lieben, wer ihn nennt, muß ihn loben, und doch – –!« »O sprich! – mich blendet sein Bild – ich sehe kein »Glänzend wie ein fallender Stern würde er über eines Weibes Himmel ziehen, und wie ein solcher verlöschen: Heut über ein Jahr holt ihn der Todesgott! – so ward's ihm vom Schicksal verhängt.« »Wehe, wehe, mein Kind!« seufzte Aßwapati. »Willst du sehenden Auges das Witwenlos wählen: langsam verwelken oder entschlossen, dem Gatten zum Todesgott folgen? – Weh! Deine Wahl verwerf' ich, wähl' einen andern!« »Nie!« rief Sawitri. »Wie einmal nur des Vaters Gut geteilt wird, verpfändet einmal nur des Mannes Wort, so wählt des Weibes Herz nur einmal und für immer! – Wer mißt das Glück nach Jahren und nach Tagen, da es den Augenblick zum ganzen Leben reckt? Nein! Satyavant ist meines Herzens Gatte, seit ihn mein Aug' ersehn, mein Sinn erkannt hat. Nie kann und will ich eines anderen gedenken!« »Gar weise spricht diese Törin, und meine Weisheit ist vor ihr töricht!« sprach der Heilige. »Klug wählt, wer kurzes Glück der langen Reue vorzieht. Gib sie dem Gatten ihrer Wahl, Aßwapati, denn er ist ihrer würdig!« »Ich beuge mich deinem Rat, heiliger Himmelsbote, denn immer hab' ich ihn trefflich gefunden!« sprach Aßwapati. Narada grüßte die Gastlichen mit freundlichen Segenssprüchen und zog seine Straße weiter gegen den Himmel. Der König aber ließ alles zur Hochzeit bereiten, und mitten unter der würdigen Priesterschaft seines Hofes fuhr er mit der Tochter nach dem Einsiedlerwald, um dem edlen Satyavant die Gattin zuzuführen. Am Eingang des Büßerdorfes verließ Aßwapati den Hochzeitszug und schritt zu Fuß nach der Hütte des greisen Djumatsena. Friedlich und in sich versunken saß der Blinde auf seiner Matte aus geweihtem Gras. Als Aßwapati eintrat und eherbietigen Gruß sprach, bot er Sitz ihm, Trank und Speise, und hieß ihn freundlich willkommen. »O Weiser aus königlichem Stamm!« begann Aßwapati. »Ich bin der König der Madra und bringe die köstlichste Perle meines Reiches in deine Hütte. Sawitri, die holde Tochter, die mir die Sonne geschenkt hat, liebt deinen Sohn Satyavant. Nimm sie als Tochter ins Haus, Ehrwürdiger! Muß mir ihr Glanz schon erlöschen, so mag sie deine ewige Nacht erhellen!« Djumatsena schüttelte das Haupt: »Ich bin ein König ohne Land, ein Stamm ohne Wurzel, hab- und heimatlos; und so wie ich auch die Meinen! Reichtum und Rechte hab' ich mit meinen Augen verloren, aber die Pflichten fand ich als Blinder. Wie sollte dein holdseliges Kind nicht brechen unter der Lust der Leiden und Pflichten? Glücklich wuchs es empor, getragen von Sorgfalt und Liebe, geschmückt von Reichtum und Macht; kannte kein Band als das Blumengewinde, keinen Weg als den zum Spiel. – Nun sollt' es die zarten Schultern unter der Last der Armut, den stolzen Nacken unter das Joch der Büßerpflicht beugen? – Nein, König Aßwapati, das würde sie brechen, und es ist sündig, Anmut zu vernichten!« »O königlicher Weiser!« erwiderte Aßwapati. »Du kennst das starke Herz meiner Tochter nicht. Wenig fragt sie nach den Freuden der Welt und trägt die Pflichten der Frommen in Fröhlichkeit. Treu und fest ist ihr Sinn, und da sie den edlen Satyavant erwählt hat, wird sie ferne von ihm vergehen. Hinfällig sind vor ihrem begehrenden Herzen alle Bedenken! – Nimm sie als Tochter auf, Djumatsena! Königlichen Stammes bin ich wie du, und nirgends seh' ich ein Hemmnis, die Beiden in Ehren zu vermählen!« »Wohl, Aßwapati!« sprach Djumatsena. »Du ehrst mich mit deiner Werbung und gießest Freude in mein väterliches Herz! – Verzeih, daß ich mich geweigert habe, doch ich bin ein König ohne Thron: nichts kann ich dir bieten, nichts wieder dir geben um deinen Schatz. Stolz soll das Nehmende sein! Sein Sehnen muß er verbergen, sonst wird er zum Bettler – aber seit Sawitri durch die Wälder geschritten ist, hat mein Herz deine Werbung ersehnt!« Die Greise umarmten einander, riefen sodann die Priester und ließen die Hochzeit rüsten. Sieben Schritte, vor dem heiligen Hausfeuer geschritten, vermählten die Liebenden miteinander, und Aßwapati legte den reichen Mahlschatz in der Hütte des Blinden nieder. Voll stillen Glückes zog er dann heim zu seiner getreuen Gattin Malavi. Sawitri aber trug fortan das Büßerkleid wie ihr Gatte. Still und freundlich ging sie an seiner Seite durchs Leben, diente freudig seinen greisen Eltern und fand in Reinheit und Holdseligkeit die Liebe aller, die mit ihr im Walde lebten. Als der Tag sich nahte, den Narada ihr als Satyavants letzten verkündigt hatte, da fiel Bangnis in ihr starkes Herz. Sie gelobte drei Tage, bis zum gefürchteten Morgen, als Säule im Wald vor der Klause zu stehen, um durch die fromme Übung den Gatten vom Tode zu lösen. Ängstlich warnte der blinde Vater, so schwere Buße zu üben. Er ahnte ja nicht, was es galt, und wollte die Zarte verschonen. Frommgläubig aber und mutig ihrem starken Herzen vertrauend, wußte Sawitri des Greises Einwilligung zu erschmeicheln. Als der Morgen in die dritte Nacht ihrer standhaft ertragenen Qualen dämmerte, da löste sich Sawitri aus ihrer Starrheit und seufzte: »Ach! heute wird er sterben; was wiegt mein kleines Leiden, gegen des Herrlichen Leben!« Traurig schürte sie das heilige Feuer, brachte ihr Morgenopfer dar und betete inbrünstig zur aufgehenden Sonne. Dann schritt sie durch das erwachende Dorf, um Wasser in die Klause zu bringen. Freundlich dankten die frommen Büßer für ihre ehrerbietigen Grüße und riefen der Anmutigen manchen Segenswunsch zu: »Sei glücklich!« »Lebe in Frieden!« »Lerne nie das Witwenlos kennen!« so klang es allerorten, und diese längstgewohnten Morgengrüße der freundlichen Alten schienen der Sorgenden heute frohe Verheißung und dämpften den unruhigen Schlag ihres bebenden Herzens. Hoffnungsfreudiger als seit langem betrat sie die Klause und grüßte voll Liebe den Gatten, voll Ehrfurcht die Eltern. »Iß nun, Sawitri!« sprach gütigen Blickes die Mutter, »da du drei Tage in Demut gefastet hast, wird dich die Mahlzeit erquicken!« »Ehe die Sonne nicht sinkt, ist mein Gelöbnis noch nicht vollzogen!« sprach die Fromme fest und wies die Speise von sich. Satyavant griff nach der Axt, um für die heiligen Feuer Holz aus dem Walde zu holen. Sawitri zitterte, denn sie fürchtete, den Gatten nicht wiederzusehen. »Ich will dich heute in den Wald begleiten, Teurer, wenn Vater und Mutter es erlauben!« sprach sie mit fragendem Blick. »Geh, meine Tochter, wenn es dein Wunsch ist!« sprach Djumatsena, »und kürze dem fleißigen Satyavant Arbeit und Weg!« Freundlich grüßend schritten die Gatten aus der Hütte. Satyavant trank die Stille und Schönheit des Waldes mit durstigem Blick und wies sie der Gattin mit freundlichen Worten. Aber Sawitri hatte nur Augen für ihn: »Wenn er mir stürbe!« zitterte es immerwährend in ihrem Herzen. Am Ziel ihres Weges sammelte Sawitri Früchte in ihren Korb und Satyavant schleppte das dürre Astholz zu Haufen. Dann griff er zur Axt und zerkleinerte die langen Äste, um sie zu tragbaren Bündeln verschnüren zu können. Perlender Schweiß glitzerte in der Mittagssonne auf des Fleißigen Stirne. Endlich mußte er ermüdet die Axt beiseitelegen und den gequälten Rücken strecken. »Glieder, Nacken und Kopf schmerzen mich, als wäre ich eben vom Fieber erstanden!« sprach er sanft lächelnd zur Gattin. »Ruhe ein wenig, mein Satyavant!« rief Sawitri, ängstlich bewegt. »Komm, ich bette dein schmerzendes Haupt in den Schoß, und du schläfst, bis die Sonne die heißesten Pfeile versandt hat!« Kaum seiner Sinne noch mächtig, sank Satyavant neben der Gattin ins Gras und entschlief unter dem leisen Kosen ihrer zitternden Hand. Angstvoll starrte Sawitri vor sich hin und gedachte der Worte Naradas. Da sah sie vom Süden her einen Mann durch den Wald schreiten: Blutrotes Gewand umwallte die hohe Gestalt, ebenholzschwarzes Haar hing straff um das bleiche Antlitz, und eine goldene Krone glänzte auf dem Haupte des Wanderers. Festen Schrittes kam er heran und hielt vor Sawitri und ihrem schlafenden Gatten. Die Bebende hob die gefalteten Hände ehrfürchtig grüßend zur Stirne und sprach: »Himmlischer – denn überirdisch ist deine Erscheinung – wer bist du? und was heischest du von deiner demütigen Dienerin?« »Yama bin ich, der Menschheit Richter im Leben wie im Tod! Ich hol' deinen Gatten, Sawitri, in mein Reich! Als der Besten einer wandelte er unter den Sternen, so daß ich nicht meine Boten senden wollte, als gälte es, einen aus dem Haufen zu holen!« Dann bückte er sich und hob aus Satyavants Herzen die Seele: ein spannenlanges Männlein, das des Verstorbenen Züge trug. Mit einer Schlinge befestigte er es an seinem Gürtel und wandte sich, um südwärts davonzuschreiten. Rasch ließ Sawitri des Gatten Haupt auf das Moos gleiten, sprang empor und schritt an des Todesgottes Seite dahin. »Kehre um, Sawitri!« sprach der Tod nach längerem Schweigen. »Geh und rüste dem Gatten die Totenfeier!« »Nur wo Satyavant weilt, will ich weilen!« sprach Sawitri ruhig. »Auch geh' ich an deiner als an eines Freundes Seite, denn sieben Schritte schließen die Freundschaft, wie sie die Ehe schließen. Dulde mich, göttlicher Freund und wechsle Freundesworte mit mir in frommem Gespräch: Sieh diesen Baum! Er wuchs aus einem Korn, Das einsam in der stillen Erde ruhte. Hätt' es das Schicksal in den Haufen fallen lassen, Den Zweck gehäuft, Nicht einen hätt's ersättigt. Nun wuchs zum Baum es, sich zur Lust und andern Und Bild des Menschentums vor Menschentreiben! Denn einsam, wächst der Mensch zu Sternenhöhe, Doch dient er niemand, will er allen dienen! Als stiller Klausner trägt er Ewigkeit In dieses Erdenlebens stetes Hasten, Er breitet Schatten über Schmachtende, Die heißen Durst an salz'ger Quelle löschen. In Himmelsnähe, Trägt er Göttersegen Und duftet Frieden in des Lebens Krieg! Als Sawitri schwieg, sprach Yama freundlichen Tones: »Tief denkst du, Gattin des Entsagenden, Weib, das aus der Welt in den Wald ging. Deine Rede fließt wie die murmelnde Quelle: Klang sich dem Klang fügend, Ton getragen von Ton, und Wort in Wort sich schlingend, wie die Wellen des Waldbaches! – Ein Wunsch sei dir darum gewährt. Wünsch' was du willst -— des Gatten Leben nur, das nehm' ich aus!« »So gib dem blinden Vater Satyavants sein Augenlicht, das ihm die Krankheit hat geraubt!« bat Sawitri. »Gewährt!« nickte der Tod. »Geh' heim, daß sein genes'ner Blick sich stärkt am Anblick deiner Lieblichkeit! Geh' heim! Du bist ermüdet.« »Wie könnt' ich neben Salyavant ermüden? Wohin er immer ginge, folgt' ich ihm! Freund Tod, lausch' weiter meinem Weggespräch: Frech stellt die Welt ihr Bestes auf den Markt! Dort winkt's und lockt's von fern mit tausend Fingern, Als Macht und Reichtum, Liebe Lust und Leben. Auf Armeslänge aber zeigt's die Fratze! Das Gute schlummert auf des Herzens Grund, Bis stiller Mut sich in die Tiefe wagt! Erweckt, erglänzt es wie das Heer der Sterne, Lacht wie ein Kind und spricht wie die Erfahrung. Der frohe Finder zieht's an seine Brust – Als erstes Du, als zweites Ich gilt's ihm – Und niemals wieder läßt er es von sich.« »Die Weisheit mehrend und das Herz erhebend sprichst du, Sawitri!« sprach Yama im Weiterschreiten. »Ich bin dir gut, sag', was dein Herz ersehnt! – Ich will's gewähren, ist's nicht deines Gatten Leben!« »Du hast dem Erblindeten das Licht der Augen wiedergegeben, gib ihm auch sein Reich wieder, denn es ziemt sich nicht, daß ein König sich als Bettler sehe!« »Er soll es wieder haben, Sawitri!« sprach der Todesgott. »Herrschen soll er wie eh zu Schalwa und muß seines Herzens Frieden nicht brechen, das Schwert nicht zücken wider den Feind! – Du aber geh' heim, daß du nicht ermattest von des Weges Länge!« »Nie ward ich matt in meines Gatten Nähe! und du bist mir vertraut!« sprach Sawitri: »Du bist der Richter, Tod, für Herr und Knecht, Für Arm und Reich, für Liebe und für Haß! Du stehst am Ende jedes Erdenweges, Denn dein Gesetz hat ihn der Welt gebahnt – Heißt Recht doch Weg und Sumpf die inn're Schuld. Du siehst, was jedes Herz erzittern ließ: War's schwacher Haß, der vor der Rache bebte, Die wieder sich der Reue beugt' und neigte; War's magrer Neid vor übervollen Schüsseln, War's Brunst, war's feige Lüge vor der Lust – Du wägst es einzig gegen wahre Liebe, Die – stark – den Feind umfing und so bezwang. Den Weg hast du beschirmt als Gott des Rechtes Und nimmst als Tod die Müden in den Schoß!« »O Sawitri!« sprach der Tod. »Wie Wasser den Verschmachtenden, so erquickt dein Vertrauen den Gefürchteten. Wähle noch eine Gnade, du Gute, sie wird dir gewährt, wenn du nicht des Gatten Leben erflehst!« »Ohne Söhne lebt mir der Vater, ohne Söhne starb mir der Gatte – wer soll meinem Geschlechte die Totenopfer bringen?« »Einhundert Söhne will deinem Vater ich schenken, und einhundert dir! doch kehr' um nun vor der Weite des Weges!« »Weit wird mir nur der Weg, der hinweg von meinem Gatten führt. Leicht schreit' ich neben ihm hin, ja mein Herz eilt voraus und bangt vor dem ewigen Ende! Oh, dunkler Sohn des hellen Sonnengottes! Wie machtvoll breitet deine Herrschaft sich Ob den Gerechten und den Ungerechten! An ihrer herben Strenge laß mich rütteln, Bis deines Wesens Milde überfließt! Oh, nimm voll Gnade meine Worte auf! Blind ist und taub, wer hören will und sehen, Das Gute offenbart sich nur dem Fühlen. Erfühlt, wächst's in dein Herz, wallt's durch dein Blut Und führt dir Hand und Zunge allerwege! Wie sicher schreitet Güte durch die Welt: Wagt Samen noch an einen stein'gen Grund! Ihr scheint die Wahrheit durch die dickste Wolke Und reift die Frucht zum Segen aller Wesen! Felshart umgürtet Not des Menschen Herz! Ringsum hascht – Well' nach Welle – gut nach gut Und brandet himmelwärts in heil'gem Eifer. Zermürbt, Versinkt die Schranke. Gold zum Golde – drängt Gutes sich zu Gutem, Weltweites Meer erfüllt des Lebens Enge, Und aus dem Tanz der Fluten taucht Der Gottheit Ewigkeit!« »O weises Kind!« so sprach der Tod darauf. »Ohne Ende ist dein Denken und deine Rede schimmert wie das Meer im Sonnenlicht. Der Sturm deines Fühlens hat Wort um Wort, Welle um Welle, an den Felsen getragen und ihn zermalmt. Wähle, du treues Weib! Was es auch sei – ich will's gewähren!« »Segen über dich Yama! Nun fließt deine Milde wie die göttliche Ganga dahin, denn nicht mehr hemmt sie der strenge Schluß deiner ersten Gnadenerweisungen! – Gib Satyavant mir wieder ! – Was nützen mir alle Gaben der Erde und des Himmels, wenn mir der liebende Gatte, der geliebte Herr fehlte. Gib – o gib mir, Tod, meinen Satyavanti wieder !« »Es sei!« sprach Yama. »Sieh', ich löse die Schlinge, die seine Seele bindet! – Frei ist sie nun und kehrt zu ihrem alten Sitze zurück. – Du aber geh' nun, Treuste der Frauen! Langes Leben gewähr' ich dir und den Deinen. Aus deinen Söhnen, aus deinen Brüdern sollen der Erde neue Heldenvölker erstehen, und sie sollen deinen hehren Sinn preisen, bis ans Ende der Welt!« Freundlich grüßend wandte der Todesgott sich von der Reichbeschenkten und schritt seine Straße gegen Süden dahin. Sawitri aber sprang jubelnd und ohne Ermüdung durch den Wald, bis sie am Lager ihres bleichen Gatten stand. Rasch ließ sie sich nieder und bettete sein Haupt in ihren Schoß. Da kehrte das Leben in des Schlafenden Antlitz wieder. Er schlug die Augen auf, strich mit der Hand über die Stirne und sprach: »Wie lange hab' ich geschlafen! – Welch banger Traum hat mich genarrt! – O sprich, du Gute, wohin ging der düstere Mann, der mich gefesselt hatte?« »Du hast lange und tief geschlafen, mein Satyavant. – Schon sieht die Nacht aus tausend Augen auf uns herab! Laß uns heimgehen – sonst bangt deinen Eltern!« sprach Sawitri und half ihrem Gatten von seinem Lager empor. Satyavant schüttelte den Schlaf von sich, griff nach der Axt und einer der Holzwellen und, sich zum Heimwege anschickend, sprach er sinnend: »Groß und düster war er – blutrot gekleidet und hatte ein strahlendes Diadem um die Stirne. – War's ein Traumbild, mein teures Weib, so war es grausig – oder war's – –« »Sinne nicht, Satyavant! laß uns eilen!« sprach Sawitri sorgend. »Morgen will ich dir alles erzählen. Eile, eile! der nächtliche Wald ist voll Spuk, und wir könnten Schaden nehmen an Leib und Seele!« »Ja! und der Mutter bangt um uns!« erwiderte Satyvavant und schritt kräftiger aus: »Nie noch weilt ich des Nachts im Walde, fern von den Hütten! – Eilen wir, ihre Sorge zu kürzen!« »Bist du auch wohl, mein Teurer?« sprach Sawitri voll zärtlicher Liebe. »Sonst zünd' ich ein Feuer an, und wir lagern bis zum Morgen im Walde!« »Ich bin gesund und stark, mein gutes Weib, und nur um der Eltern Kummer bekümmert. Höre nur: Einmal hatte lieblicher Vogelgesang mich eine Stunde über die Zeit im Walde gehalten. Als ich heimkam, fand ich die Eltern in Tränen! – Vergiß nicht! sie haben nur mich, den Blinden zu führen, die alte Mutter zu stützen! – Sicher zittern sie heute in Sorge und fragen zehnmal reihum die Klausner, ob sie nicht wüßten, was aus uns geworden sei, – Oh, eilen wir! denn die Sorge zehrt an dem kargen Lebensreste der Alten! – Wie unklug war es von mir, so lange zu schlafen! – Oh! wenn die Sorge die Eltern tötet, so bin ich nicht schuldlos an ihrem Tode!« Und im Weiterschreiten wischte der gute Sohn eine Träne von seiner Wange. Da legte Sawitri die Hand auf den Arm ihres Gatten und sprach: »Weine nicht, Satyavant! So wahr ich drei Tage lang büßte, so wahr wird diese Nacht für die Deinen die glücklichste ihres Lebens werden! Weine nicht: ich habe noch nie gelogen!« Satyavant schlang den Arm um die Schultern der Treuen und eng aneinander geschmiegt eilten die Gatten dahin durch die sternhelle Nacht. Wie aufgestörte Bienen schwärmten die Einsiedler durch ihr Dorf. Der blinde Djumatsena hatte um die dritte Nachmittagsstunde plötzlich sein Augenlicht wiedergefunden und war von Hütte zu Hütte geeilt, um seinen freundlichen Nachbarn die frohe Kunde zu bringen. Von allen bejubelt und beglückwünscht, war er in seine Klause zurückgekehrt und hier, im Glück des wiedergefundenen Lichtes, an der Seite seiner treuen Gattin, vermißte er seine Kinder, welche die Freude teilend gemehrt hätten. Die Stunde der Dämmerung brach an, und noch war Satyavant und seine Gattin nicht daheim. Da fiel die Sorge mitten ins Glück der beiden Alten und, wie eines das andere zu trösten versuchte, da schwoll die Angst im eigenen Herzen und quoll endlich als Klage über die zitternden Lippen. »O mein Sohn!« seufzte Djumatsena, »was hält dich fern von dem greisen Vater, der dich zwanzig lange Jahre nur mit dem Herzen sah und heute sein Auge an deiner herrlichen Gestalt ersättigen möchte? – O Tochter, deren silberne Rede dem Blinden das Bildnis der Schri vor die Augen zauberte, wo weilst du mit meinem Sohne? wo seid ihr, Stützen unseres Alters?« »Oh, wie dunkel es wurde, Vater!« klagte die Gattin. »Wie schaurig im Walde! Die Dämonen gehen um! Sie werden mir meinen Satyavant töten und unserer Sawitri Herzblut trinken!« »Ach! was nützen mir offene Augen, wenn sie die Liebsten nicht sehen! – Nie kam Satyavant noch so spät, und Sawitri achtet die Wünsche der Eltern wie die Beste! – Oh! sie sind nicht mehr unter den Lebenden! – Erblindet wieder, ihr Augen, wenn dieses der Preis des Lichtes ist! – Nein! nein! verzeiht ihr Himmlischen! – Öffnet euch weit, ihr Göttergeschenke! Ich will die Verlorenen suchen! – Komm, Mutter, komm! – Wir suchen die Kinder und müssen sie finden!« Der Alte zog seine Gattin aus der Hütte, und sie liefen kreuz und quer durch den Wald, um die Vermißten zu suchen. Das scharfe Gras zerschnitt die nackten Füße der müden Greise, und ihre Stimmen wurden heiser vom Schreien und Weinen. Aber nur die Nachtvögel antworteten mit unheildräuendem Krächzen. Und die Brüder kamen aus ihren Klausen herbei. Sie umringten die beiden Klagenden und führten sie, tröstende Worte sprechend, ins Dorf. Dort erwogen sie, was den Vermißten zugestoßen sein könnte, und ob sie imstande wären, ihnen rasche Hilfe zu bringen. Aber der Beste von ihnen und Klügste, der Heilige Gautama, erhob sich und sprach: »Was sorget ihr euch um die Guten? – Wollen Götter die Frommen schlagen? Können Dämonen die Wahrhaften kränken? – Ist Sawitri nicht die Frömmste, Satyavant nicht der Wahrhaftigste unter uns? – Nein! ich sag' euch: sie leben und kehren uns glücklich wieder! – Nie noch hab' ich, leichtfertig, ein unwahres Wort gesprochen!« Noch andere der frommen Büßer sprachen nun so wie Gautama, und leise; Hoffnung zog wieder in das Herz Djumatsenas und seiner Gattin. Da erschienen auf einmal Satyavant und Sawitri, eng umschlungen, am Waldrand. Innige Freude und freundliche Grüße empfingen die Verspäteten, und die Eltern schlossen die Kinder bewegt in die Arme. Die Klausner schürten die Opferfeuer, um den Göttern zu danken, und schlossen den Kreis, um zu hören, was all diese Sorge verursacht hatte. Satyavant wußte nur zu berichten, daß er, ermüdet, im Walde eingeschlafen, sei und so die richtige Zeit zur Rückkehr versäumt habe. Als nun auch Sawitri gefragt wurde und schlicht erzählte, wie sie in Liebe und Treue den Tod überwunden hatte, da wollte die Freude der Frommen kein Ende nehmen. Immer wieder priesen sie die Glückliche, die in Weisheit und Demut ihr alles verteidigt hatte und allen den Ihrigen zu neuer Herrlichkeit verholfen. Am nächsten Morgen kamen Edle aus Schalwa mit vielem Volk nach der Einsiedelei. Der Herrscher, der Djumatsena vom Throne gestoßen hatte, war von dem Schwert seines eigenen Kanzlers gefallen. Ungerecht und streng, hatte er das Volk geknechtet und die Rechte aller Stände mit Füßen getreten. Endlich hatte das ganze Land sich empört und wie ein Mann seinen alten Herrscher, ob blind oder sehend, verlangt. Der Tyrann war im Aufruhr getötet worden. Nun standen die Gesandten vor Djumatsena und baten ihn, auf den Thron seiner Väter zurückzukehren. Freudigen Herzens willigte der König in ihre Bitte und, nachdem er von seinen freundlichen Waldgenossen rührenden Abschied genommen hatte, zog er mit den Seinen an der Spitze der Gesandtschaft nach Schalwa und wurde dort vom Jubel des Volkes empfangen. Satyavant wurde zum Thronfolger geweiht, und Sawitri schenkte ihrem Gatten einhundert starke Söhne, sowie ihre Mutter Malavi dem König Aßwapati einhundert schenkte. Aus diesen ist das kriegerische Volk der Malaver erwachsen, aus jenen der Heldenstamm der Sauwirer. Sawitris Liebe und Treue aber lebt bis zum heutigen Tag unter den schönen Frauen Indiens. König Haristschandra In uralter Zeit herrschte der gute König Haristschandra über das weite Reich der Kosaler. Seine Untertanen segneten den Gerechten und die Götter freuten sich seines unsträflichen Wandels. Zucht und Sitte waren in Kosala daheim, und Fröhlichkeit paarte sich der Frömmigkeit, denn wie ein Herrscher ist, so ist sein Volk. Einst zog Haristschandra mit seinem Hofstaat durch das Land um zu jagen. Als der stattliche Zug durch einen finsteren Wald kam, tönte Lärm und Geschrei aus dem Dickicht, und eine weibliche Stimme rief gar kläglich um Hilfe. Rasch sprang Haristschandra vom Wagen und bahnte sich mit dem Schwert einen Weg durch den Wald. »Mut!« schrie er dabei. »Ich komme! – Wer wagt zu freveln, wenn der König naht? der Rächer jeder Ruchlosigkeit! der Schützer der Schwachen! – Weiche, elender Tor, denn eher birgst du Glut im Kleide, als dich vor des Gerechten Schwert! – Frevler, Sünder! Du sollst von meiner Hand sterben!« Da hatte er das Dickicht durchbrochen und sah erstaunt den frommen Kauschika, schweigend, mit andächtig erhobenen Händen stehen. Und durch die Wipfel flog kreischend und hilfeheischend eine Schar von Dämonen vor des Heiligen brennenden Blicken. »Halt, Wahnsinniger!« rief dieser dem König zu. »Du schmähst mich, drohst mir Tod und störst mein frommes Werk! Soll mein Fluch dich zerschmettern?« Haristschandra sank vor dem mächtigen Büßer in die Knie. »Verzeih!« stammelte er. »Ich dachte nur an meine Pflicht: schützen und schenken ist Herrscherpflicht!« »Schütze die Guten, und schenke den Frommen!« erwiderte Kauschika. »Aber du willst Frevler beschirmen und vom Frommen den Frieden nehmen! – Ich heische Opfergabe, um dich zu entsühnen!« »Du sollst sie haben, du Fürst unter den Heiligen!« rief Haristschandra freudigen Herzens, »und mich, mein Reich, mein Weib, mein Kind und alles was ich habe dazu!« »Dein Wort soll gelten, König!« sprach der Büßer. »Dein weites Reich ist mein und deine ganze Habe! nur Leib und Weib und Kind, das mag dir bleiben, doch gibtst du mir die Opferspende wie verheißen!« »Herr, alles ist ja dein! – Ich hab' kein Eigen mehr, um für das Opfer dir zu spenden!« sprach ruhig Haristschandra. »Du mußt! – Du hast versprochen, die Opferspende und dein All zu schenken! – Willst du am Worte mäkeln, dein Versprechen brechen?« »O Heiligster, das will ich nicht!« sprach der arme König. »Laß mir nur Zeit, bis sich zum andernmal der Mond erfüllt! dann will ich dich bezahlen!« »So geh! ich will solange warten!« sprach Kauschika streng. Ehrfürchtig neigte sich Haristschandra vor dem Heiligen, dann wandte er sich und schritt zu den harrenden Wagen. Er rief Weib und Kind an seine Seite, alle drei legten die Bastkleider der Bettlerzunft an und verließen die königliche Pracht ohne zu murren. Nach der Hauptstadt wanderten die Armen müden Fußes und erbettelten unterwegs milde Gaben, um ihren Hunger zu stillen. Zu Ajodhia erkannten die Bürger sie und scharten sich um die Bettler. »Heil König Haristschandra!« klang es rings im Kreis. »Wohin mit dem Bettelsack? – Warum bist du von deinem Thron gestiegen? – Und die arme Königin Saiwi mit ihrem schönen Söhnlein! – Seht, wie sie wankt auf blutenden Füßen! sie, die in goldenen Wagen fuhr, er, der den stolzesten Bergelefanten ritt, und der den mit Edelsteinen bedecken konnte, bis an den Scheitel! – Seht nun die Armen als Bettler! – O gebt! – helft ihnen! – Was ist geschehen, König?« »Mich bindet ein Gelöbnis, wackre Bürger! – Gebt mir! – Ich muß zu frommen Zwecken milde Gaben heischen! – Gebt uns Armen! – Gebt!« Schon griffen viele nach ihren Beuteln, um dem guten König zu helfen, da trat plötzlich der Heilige Kauschika unter die Menge und rief in gebietendem Tone: »Halt! – Geht heim, ihr Bürger!« Und die Kosaler gehorchten den Worten des frommen Brahmanen. Der wandte sich nun zu König Haristschandra und sprach: »Pfui! hältst du so dein Wort? – Hast du mir nicht dein Reich geschenkt samt allem Gut? – Nun willst du's pfennigweise zurückerbetteln? wohl auch die Bürger reizen gegen mich, den neuen Herrscher?« »Ach nein, du Fürst der Büßer!« sprach traurig Haristschandra. »Ich bat um Gaben, daß ich dir meine Schuld bezahlen könnte!« »Geh außer Landes betteln, und vergiß den Tag des Vollmonds nicht!« sprach der Heilige streng und wandte sich hinweg. Haristschandra aber nahm Weib und Kind an der Hand und wanderte aus dem Lande, das er und seine Väter beherrscht halten. Der Mond war voll, und der bettelnde König hatte nur sieben Kupfermünzen in seiner Bastkutte. Willig und reichlich hatten die Bewohner des durchwanderten Landstriches den Bettlern Nahrung geboten, aber das Geld war zu selten, um es an Fremde zu verschwenden. Da brach der Morgen des Zahltages an, und der Heilige Kauschika stand vor dem Blätterlager seines Schuldners. »Auf, Haristschandra!« rief er, »zahle, zahle! wer Schulden hat, den schreit die Sorge aus dem tiefsten Schlaf!« »O Herr!« rief Haristschandra aufspringend, »gedulde dich, bis der Abend herabsinkt, ich hab' noch nichts, das ich dir bieten könnte!« »So eile, säum'ger Schuldner!« sprach Kauschika zornig. »Es ist die letzte Frist! verrinnt sie ungenutzt, so trifft mein Fluch dich und die deinen!« Haristschandra trat mit Weib und Kind den Bettelgang an. »O ich Unglücklicher!« jammerte er. »Ich kann mein Wort nicht halten, und des Heiligen Fluch wird uns alle in die Hölle stürzen! – Ach ich muß mein Königshaupt nun unter das Sklavenjoch beugen. Meines Leibes Knechtschaft wird unsere Seelen befreien!« »Nein, mein Geliebter!« sprach da die getreue Saïwi, »du sollst nicht dienen, denn du bist mein Herr! – Verkaufe mich! – Ich habe dir einen Sohn geschenkt und so meine Pflicht als Weib erfüllt! – du aber mußt als Mann dein Wort noch lösen von jenem Priester! denn Treue ist des Mannes letztes Gut! – Verkaufe mich, und sei du frei!« Da fiel Harislschandra seiner Gattin zu Füßen, und im Schmerz um des edlen Weibes Opfer schwanden ihm die Sinne. Als er erwachte, rief Saïwi: »Nun führe mich zu Markt, Geliebter! Ich bleibe die Deine auch in der schwersten Sklaverei! Doch gehst du in Knechtschaft, so sind wir alle ehr- und eigenlos!« Mühsam erhob sich der König und ging schweigend mit der Gattin nach dem Marktplatz. Ihr Söhnlein sprang zwischen ihnen dahin und plapperte von seinem goldenen Bettlein daheim und dem hölzernen Schwert, das ihm einst ein Diener geschnitzt hatte. Haristschandra murmelte vor sich hin: »Weh mir! – Ich bin der Schlechteste der Schlechten! – Mein Weib will ich verkaufen, wie ein trunkener Würfelspieler! – oh! alles Elend über mich Elenden!« Als sie auf den Markt kamen, trat ein alter Brahmane an Haristschandra heran und fragte ihn: »Was willst du hier?« Der König sah den Ehrwürdigen an und dachte, daß er wohl seinem Weibe ein guter Herr sein würde. Zitternd stammelte er: »O Herr! ich bin ein Unwürdiger – ein Elender – ein Unmensch! – Ich will – ich muß – um harte Schuld zu tilgen – mein Weib verkaufen!« »Ich suche eine Sklavin!« sprach der Priester. »Meine junge, schöne Gattin will sich nicht schicken in des Hauses Müh' und Plage! – Nimm diese siebzig Goldstücke und laß mir dein Weib!« Schweigend nahm Haristschandra das Geld und wandte voll Scham sein Antlitz hinweg. Kaum aber war Saïwi des Priesters Eigentum geworden, so riß dieser sie an den Haaren nieder und zog sie über den Marktplatz hin. Haristschandra wandte bei Saïwis Schmerzensschrei das Haupt, und als der Unglückliche die Schmach der Gattin sah, fiel er wie vom Blitz erschlagen zu Boden. Das Söhnlein erschrak vor des Vaters Reglosigkeit und lief der schreienden Mutter nach. »O mein Herr, mein neuer Gebieter!« flehte Saïwi den grausamen Brahmanen an, »Kauf auch mein Söhnlein, denn er wird sterben ohne die Liebe seiner Mutter, und auch ich könnt' nur wenig dir leisten, wenn ich vor Gram um mein Kind verkümmerte!« Da ging der Alte noch einmal zu Haristschandra, weckte ihn aus seiner Ohnmacht und zählte dem vor Schauder schier Sinnlosen dreißig Goldstücke in die Hand. Dann nahm er den Knaben und seine Mutter und verschwand mit ihnen um die nächste Ecke. Haristschandra saß noch auf der Erde und starrte auf das Gold in seiner Hand, als plötzlich der Heilige Kauschika vor ihm stand. »Nimm, nimm! – die Opferspende!« stammelte er entsetzt und schob dem Büßer all sein Gold hin. Kauschika richtete sich zornig empor: »Das wagst du mir zu bieten!« schrie er mit funkelnden Augen. »Eine Hand voll Gold für eines Königs Sühneopfer? – du schmähst und entehrst mich aufs neue! – Gibst du bis zum Sonnenuntergang mir nicht das Zehnfache, so sollst du des Büßers ganze Macht kennen lernen!« Als Haristschandra den Blick erhob, war der Heilige verschwunden. Er stand auf und murmelte traurig: »So war des treuen Weibes Opfer doch vergeblich!« Dann hob er mutig das Haupt, trat mitten auf den Markt und rief: »Wer kauft einen starken Sklaven, der auch mancher Weisheit und aller Waffen kundig ist?« Ein Tschandala trat auf ihn zu. Es war der Henker der Stadt, der Herr der Totengräber und Schindersknechte. Schmutzig und verwachsen, engstirnig und breitmäulig, stand er auf krummen Beinen da, nach seinem üblen Gewerbe stinkend. Ein Kranz von Aasknochen um den Leib kennzeichnete ihn als einen Ausgestoßenen. »Komm mit mir!« sprach er grinsend zu dem schaudernden Haristschandra. »Komm mit! ich zahle tausend Goldstücke für dich!« »Geh, geh!« schrie der arme König, »wie könnt' ich einem Ausgestoßenen dienen? – Besser verflucht, als in Tschandalenknechtschaft!« Da stand Kauschika plötzlich vor Harislschandra und sprach spottend: »So halst du dein Wort, König? – Das Gold weist du zurück, das dein Versprechen lösen könnte?« »O Heiliger!« rief der Unglückliche, in die Knie sinkend, »nimm du mich hin! Ich will dein Sklave sein, bis an das Ende! – So zahl' ich meine Schuld!« »Mein Sklave bist du?« fragte Kauschika. »Ja, Herr!« erwiderte Haristschandra einfach. »Nun, Tschandala, so nimm den Burschen um lausend Goldstücke! Ich will ihn dir verkaufen!« Da schwieg Haristschandra traurig und ging gehorsam mit seinem neuen Herrn vor die Stadt nach dem Schindanger, wo alle Ausgestoßenen hausen mußten. Bei Tag und Nacht tat nun der gefallene König seinen Dienst unter den Schindersknechten, mußte Unrat und Aas von Straßen und Wegen sammeln und den Hunden der Stadt ihr Mahl kochen. Oft auch mußte er es vor Hunger mit den bissigen Bestien teilen, denn sein Herr hatte nur Stockschläge für ihn. Still sann er seinem Unglück nach und gedachte voll Schmerz und Sehnsucht seines Weibes, das für ihn duldete, mit ihm litt. »Oh, Saïwi!« murmelte er dann vor sich hin, »vergiß, daß du einen Gatten hattest! Hoffe nicht, daß er dich dereinst loskaufen wird, denn er ist elender und ärmer als du!« Einst kam sein Herr, der Tschandala, zu ihm und sprach finster: »Rüste dich, Sklave! Du sollst heute nacht auf den Friedhof gehen und den Leichen die Kleider rauben. – Du hast so viel gekostet, du fauler Knecht, und bringst so wenig ein! – Geh und stiehl! – Ein Sechstel der Beute ist, wie von allem, des Königs, zwei Sechstel sind dein, drei Sechstel aber gehören mir! Geh und mach deine Sache recht, dann will ich dir ein guter Herr sein!« Wortlos ging Haristschandra, den Befehl seines Herrn zu erfüllen! Als er die Begräbnisstelle erreicht hatte, setzte der Müde sich auf einen Stein, um zu warten, bis es dunkel würde. Da sah er ein Weib daher wanken, das trug die Leiche eines Knaben in den Armen. Saïwi war es, mit ihrem Sohn, den der Biß einer Natter getötet halle. Aber Leid und Arbeit der Sklaverei hatten die Königin so entstellt, daß Haristschandra sein Weib nicht erkannte. Auch Saïwi suchte nicht den König in dem schmutzigen, abgehärmten Mann mit dem Zeichen der Tschandalenknechtschaft. Tiefauf seufzte der Gefallene, als er die Knabenleiche erblickte. »Ach! wieviel Elend ist doch auf Erden!« klagte er mitleidig, »ein Kind! – ein Knabe – so alt wie mein Söhnlein – –« »Haristschandra!« schrie da Saïwi auf. »O ihr Götter! nur die Stimme ist ihm geblieben, von all seiner königlichen Herrlichkeit – – –« »Saïwi?« schrie nun der Ausgestoßene und fiel seiner treuen Gattin zu Füßen. »Oh!« klagte er, »wie bin ich unglücklich!« Saiwi aber streichelte das Haar des Klagenden und fragte, wie er in Tschandalenknecbtschaft gefallen sei. Schluchzend und stammelnd erzählte Haristschandra, was sich auf dem Marktplatz begeben, nachdem der Brahmane Gattin und Sohn ihm entrissen hatte. Saïwi berichtete darauf unter bitteren Tränen, wie ihr Söhnlein der giftigen Schlange beim Spielen zum Opfer gefallen war. Lange hielten die Gatten einander umschlungen und weinten Tränen des Schmerzes und der Liebe. Dann richtete Haristschandra sich auf und sprach mit fester Stimme: »Nein! ich ertrag es nicht länger! Lieber will ich durch sieben Höllen schreiten und wiedergeboren werden als Tier, nach all ihren Qualen! – Nicht länger trag' ich die Schmach der Tschandalenknechtschaft! – Ich teile mit meinem toten Sohne den Scheiterhaufen und sterb' in den Flammenl – Du aber, Saïwi, diene treu deinem brahmanischen Herrn, dann werden die Götter uns wieder vereinen, und wär's erst nach tausend Verwandlungen.« »Ich sterbe mit dir, Haristschandra! – so wie ich nur mit dir lebe!« sprach Saïwi sanft. Die Dämmerung war mittlerweile hereingebrochen, und im Halbdunkcl schichteten die Gatten den Stoß, auf dem sie vereint dem Tode entgegengehen wollten. Sorgfältig betteten sie des geliebten Kindes Leiche darauf und neigten sich noch einmal im Gebet vor dem Herrlichsten der Götter. Da ward es plötzlich hell über dem Friedhof, und von dem Heiligen Kauschika geführt, kamen die Götter des lichten Himmels über die Grabstätten geschritten. »Halt!« rief der Gott des Rechtes. »Wir bringen, guter König Haristschandra, dir Lohn für deine Treue und Geduld!« Und Indra, der Herr des Himmels, sprach: »Lebendigen Leibes geh' ein zu meiner Seligkeit, du treuer Mann, du stiller Dulder!« »Ihr guten Götter!« sprach Haristschandra fest, »ein Tschandala ist Herr meines lebendigen Leibes! Der Tod nur entrückt mich der niedrigen Knechtschaft! Auch seufzt mein treues Weib in schwerer Sklaverei – wie könnt' ich Himmelsseligkeit genießen!« Da trat der Gott des Rechtes vor und sprach: »Ich, Haristschandra, war der Tschandala und der Brahmane auch, der Saïwi gekauft hat. Ich prüfte eure Festigkeit in Leid und Elend! – Ihr habt bestanden, wie Gold im Feuer! – Geht ein zu Indras Herrlichkeit!« »Noch drückt mich eine Sorge!« erwiderte Haristschandra. »Mein Reich, mein liebes Kosala, ist ohne Herrscher, und Indra zürnt den Völkern ohne König!« Da sprengte der Herr der Götter ein paar Tropfen Amrita über die Leiche des kleinen Prinzen. Fröhlich stand der Tote auf und umarmte seine geliebten Eltern. »Hier ist Kosalas künftiger König!« rief Indra. Da neigten sich die Schwergeprüften in Ehrfurcht vor den Himmlischen. Ein Wolkenwagen schwebte herab und nahm sie auf. In den Lüften erklangen die Weisen der himmlischen Spielleute, und durch ein Meer von Duft ging es aufwärts zum ewigen Licht, zu seliger Freude. Pururavas und Urwasi Ila, der König, war ein Sohn Manus, des Vaters und ersten Gesetzgebers der Menschheit. Voll Weisheit und Kraft herrschte er über die Seinen und festigte in treuer Pflichterfüllung die Ordnung, welche sein Vater den Völkern gesetzt hatte. Einst war bei fröhlichem Jagen sein Gefolge zurückgeblieben, und der König hatte Weg und Steg im Eifer verloren. Kühn schlug er sich mit dem Schwert eine Bahn durch das dichte Holz und zähe Gerank des Urwaldes. Da sah er sich plötzlich auf einer sternenbesäten Bergwiese, und im goldenen Glanz der Sonne koste der strenge Gott Schiwa heiteren Herzens mit Durga, der Tochter des Bergriesen. Geblendet stand Ila vor der Schönheit des Göttcrpaares. Durga aber stieß einen Schrei der Scham aus und rief: »Elender! Hast du die Wand durchbrochen, hinter der ich des Weibes Leiden und Freuden verbarg, so sollst du fortan als Weib über die Erde wandeln!« Ila warf sich dem mächtigen Schiwa zu Füßen, stammelte eine Bitte um Gnade und beteuerte, daß er ohne Wissen und Willen in Schuld gefallen sei. Der Gott aber wies auf die Tochter des Bergriesen und wandte sich finsteren Auges ab. Durgas Groll hatte sich vor der Demut des Menschenkindes gelegt, und sie sprach: »Eher könnt' ich den Sturm einholen als ein entschlüpftes Wort! Doch wie mein Vater sich dem Rasenden entgegenstemmt und seine furchtbarste Kraft bricht, so will ich dem Fluch seine Härte nehmen: Hast du des Weibes Seligkeit und seinen unerbittlichen Schmerz gefühlt, so sollst du erlöst sein und als Mann zu den Deinen zurückkehren!« Traurig neigte sich Ila vor dem göttlichen Paar und verließ zagenden Schrittes die Lichtung. Voll trüber Gedanken irrte der Verfluchte durch den Wald und fand bei sinkender Sonne eine verlassene Klause am Rand eines Weihers. Müde setzte er sich auf die Schwelle und vergrub das Antlitz in die Hände. Da stieg der Mond am Himmel empor, und tröstend umfing sein mildes Licht die gebeugte Gestalt. Ila erhob sich und trat an den Rand des Wassers. Der zitternde Spiegel warf das Bild eines lieblichen Weibes zurück, und ringsum spielte das Mondlicht in zärtlichem Schmeicheln. Alle Trauer wich aus dem Sinn des Verwandelten, und unter dem süßen Kosen des milden Scheines fiel stille, traumhafte Freude in ihr zitterndes Herz, hob und schwellte es zu nie geahnter Seligkeit und tobte endlich als brennende Lust durch die Adern. Erschöpft brach Ila zusammen und entschlief, umfangen von silbrigen Armen des Herrn der Nächte. Eifersüchtig scheuchte die Sonne am Morgen den Geliebten von Ilas Seite und trieb die unter ihrer ungewohnten Zartheit Seufzende in den Schatten der verfallenden Klause. Am Abend streifte die Verwandelte am Ufer des Weihers umher und suchte zu einem Trunk aus seinen klaren Wassern süße Beeren und duftende Krauter als Nahrung. Mond um Mond verlebte Ila so in der Einsamkeit und bangte schweren Stunden entgegen. In einer Nacht des furchtbarsten Leidens schenkte sie dem milden Hirten der flimmernden Sterne, dem stillen Tröster der Trauernden, ein Knäblein. Da war des Fluches Macht gebrochen und Ila wieder zum Manne geworden. Dankbaren Herzens verließ er die freundliche Klause und trug auf seinen starken Armen den Sohn nach seiner Residenz. Lauter Jubel des Volkes begrüßte ihn dort. Ein getreuer Rat hatte dem Verschollenen die Herrschaft gewahrt und legte sie ehrerbietig in die Hände des Wiedergekehrten zurück. Ila führte sie weise und gerecht, bis Pururavas, sein und des Mondlichtes starker Sohn, zum Manne erwachsen war. Nach der Schwertleite weihte er ihn zum König und verbrachte den Abend seines Lebens im Walde voll frommer Beschaulichkeit. Pururavas aber herrschte in Pratischtana zur Freude der Götter und Menschen. Nun ward zu jener Zeit in Indras Himmel ein herrliches Fest gefeiert. Gandharves, die fröhlichen Spielleute des Himmels, und Apsaras, die zierlichen Mädchen aus Indras Gefolge, führten den Göttern anmutige Tänze und kunstvolle Schauspiele vor. Urwasi schritt vor dem Reigen der Apsaras und spielte im Schauspiel die Rolle der Schönheit und Liebe. Diese Schönste unter den Schönen des Himmels war ein Geschöpf des Großheiligen Narayana: Der Fromme hatte einst Indra vor der Macht seiner übermenschlichen Buße erzittern lassen. Da sandte der Götterkönig große Scharen seiner schönen Apsaras zu dem Büßer, um des Heiligen Gedanken von frommer Sammlung auf loses Spiel zu lenken. Narayana erkannte die List des Götterherrn und lächelte seinen holden Sendlingen freundlich entgegen. »Ei, anmutige Menaka!« sprach er, »glaubst du dich schlanker als ein Lotusstengel? Subahu! ist deine Haut zarter als dies Blütenblatt? Sulotschana! öffnet dein Auge sich weiter, runder und geheimnisvoller als die Blüte der Seerose? – Und dein Haar, Sukeschi, glänzt es heller als ihre Staubfäden? und das liebliche Gleichmaß deiner Perlenzähne, Hemadanla, dein Wangenrot, Parnini, dein duftender Atem, Rati – ist nicht alles in des Waldes Blumen? Gleichen ihre Tautropfen nicht den Silberschellen um eure Knöchel? – Nun seht! ich halte eine der herrlichen Blüten an meine Brust und habe das schönste Weib im Arm!« Staunend sahen die Apsaras, wie die Blume in Narayanas Hand zum lieblichsten Mädchen ward. »Umarmt Eure Schwester Urwasi !« sprach Narayana gütig zu den schwatzenden Apsaras. »Nehmt sie mit Euch! Ich schenke sie dem Herrn der Götter!« Und seither lebte Urwasi in Indras Himmel und spielte als Schönste der Schönen unter den Göttermädchen eine große Rolle. Bharata, der Leiter der Himmlischen Spiele und Feste, sah voll Stolz auf seine zierlichste Tänzerin, auf die beste Darstellerin der Anmut und Leidenschaft. Doch wehe: heute zerriß Urwasi zweimal die Kette im Reigen und nannte im Schauspiel den Gott Wischnu Pururavas! Bharata wurde zornig, als er sein mühevolles Werk durch des Lieblings Unaufmerksamkeit zerstört sah. Er verfluchte die Törin, aus Indras Himmel zu weichen und künftig auf Erden zu wandeln. Indra hörte den Fluch des zornigen Brahmanen und rief Urwasi vor seinen Thron. Hier gestand die Errötende, daß sie vor kurzem von dem Dämon Keschin geraubt, doch gleich von dem tapferen König Pururavas befreit worden sei. Sie kenne seither kaum einen anderen Gedanken als: Pururavas! Der Götterherr lächelte milde: »So geh' aus meinem Himmel, Holde – wie es dein Lehrer wünscht – und geh' in deinen Himmel ein! – Doch kehre uns wieder, wenn dein Sehnen gestillt ist!« Dankend neigte sich Urwasi und verließ unter den traurigen Abschiedsrufen der Himmlischen den Wohnsitz der Götter. Schweigend schritt sie die Sternenheerstraße entlang und gedachte wonneschauernd des Geliebten, dem sie mit jedem Schritte näher kam. Am Himawat berührte ihr Fuß die Erde, und fröhlichen Herzens eilte sie südwärts, bis sie zu Pratischtana in des Königs Garten stand. Der silbrige Mond zog eben über den Himmel und Pururavas kniete vor ihm und klagte dem milden Ahnherrn sein Liebesleid: Urwasi, die Schönste der Schönen, hatte er für eines Atems Länge an die Brust gedrückt, als er sie dem Dämon entriß; dann war die Herrliche verschwunden, und ihr Abschiedsblick brannte in seiner Seele, wie die Sonne der Wüste! Urwasi trat aus den Büschen und lispelte hold errötend: »Hier bin ich, Geliebter!« Pururavas taumelte empor und sank aufs neue zu Boden, der Ersehnten zu Füßen. »Du! – Du!« stammelte er. »Oh, bleib bei mir! – verlaß mich nie mehr – sei mein Weib – –« »Wir Apsaras sind schlechte Ehefrauen, Geliebter!« sprach Urwasi sanft und strich kosend über das Haar des Verzückten. »Wir kennen die Treue nicht, nur die Unendlichkeit des Augenblicks!« »Oh, bleib bei mir!« schrie Pururavas. »Ich werde sterben, wenn du mich verläßt!« »Ich bleibe ohne Fesseln!« »Nein! werd' mein Weib! – ich – ich schwöre – schwöre dir – oh! – was du willst – –« »So sei's!« sprach Urwasi. »Ich werde dein Weib in einer Gandharvaehe und stelle nach ihrem Brauche eine Bedingung: Nie darf ich dich, mein Gatte, nackt sehen, sonst verlasse ich dich für immer!« »Ich will sie strenge halten!« sprach Pururavas feierlich. Dann umarmte er sein Weib in heißer Liebe, ließ Thron und Reich zurück und verbarg sein Glück im dunkelsten Wald. Vier lange glückliche Jahre lebten Pururavas und Urwasi in einer einsamen Hütte und vergaßen Himmel und Erde ob ihrer immer fröhlichen Liebe. Gandharvas und Apsaras aber gedachten der verbannten Gespielin in Sehnsucht und rieten hin und her, wie sie die himmlische Schöne aus den Banden ihrer irdischen Ehe lösen könnten. Soma, der Mond, erzählte einst lachend an der Göttertafel, wie er Zeuge der Vermählung Urwasis mit Pururavas gewesen sei, und nannte auch die Bedingungen, an welche die schöne Himmelstochter ihr Ausharren gebunden hatte. Darauf bauten die Gandharvas ihren Plan. Wischwawasu, der Listigste von ihnen, hatte ihn erdacht und nahm die schwierigste Rolle auf sich. Urwasi hegte in ihrer Waldeinsamkeit zwei schneeweiße Lämmer, die sie wie eine Mutter ihre Kinder liebte und nachts zu ihren Füßen schlafen ließ. Wischwawasu schlich nun in einer finstern Nacht in die Klause der Verliebten und stahl das eine Lämmchen Urwasis. Ängstlich blökte das zurückgebliebene Brüderlein des Geraubten, so daß seine Herrin erwachte. Nun schlich Wischwawasu zum zweitenmal in die Hütte, um das andere Lämmchen zu holen. »Wer ist da?« fragte Urwasi, als sie etwas Dunkles durch den Eingang schlüpfen sieht! Keine Antwort! nur ersticktes Blöken sagt ihr, daß man ihr Kleinod rauben will. »Auf, auf!« schreit sie im Zorn, »man stiehlt mein Kind, als wäre kein Mann im Hause!« Von diesem Vorwurf ins Herz getroffen, springt Pururavas ohne Bedenken aus dem Bett, um die Räuber zu verfolgen. In diesem Augenblick lassen die Gandharvas einen Blitz durch die Luft zucken, der weithin den finsteren Wald erhellt. Urwasi sieht ihren Gatten nackt hinter Wischwawasu, dem Räuber ihrer Lämmer, herstürzen und weiß, daß ihre Abschiedsstunde gekommen ist. Rasch verläßt sie die Hütte und eilt über das Gebirge himmelwärts. Als Pururavas von seiner vergeblichen Jagd nach dem Dieb zurückkehrt, sieht er die Hütte leer. Lautlos, wie vom Blitz erschlagen, stürzt er zu Boden und liegt bis am Morgen ohne Besinnung. Ein Mond war vergangen. Pururavas irrte im Wahnsinn durch die Wälder und suchte sein geliebtes Weib. An einem hellen Frühjahrsmorgen stand er am Ufer der Ganga und starrte in die tanzenden Wellen, die das erste Morgenrot widerspiegelten. »Ist sie das nicht?« raunte er, »das fliegende Rot ihrer Wangen – das schelmische Blinken ihrer rätselhaften Augen? – dort flattert's wie ihr Schleier! – Oh – sie muß es sein – nach so viel Sehnen! – Ruhig – ruhig – ich muß sie haschen – überraschen – –! Ach! – Dornen – Wasser – Nebel! – 's ist wieder nichts! – Ich finde sie wohl nimmer! – Du, Ganga, eilst in deines Gatten Arme, des Ozeans, doch sie –?« Pururavas taumelte in den Wald zurück und murmelte ingrimmig: »Ein Elefant bin ich – ein Einsiedler, der aus der Herde floh! – kein Weib – nicht Kind – nur Zorn – ohnmächt'ge Wut – ohnmächt'ges Weinen – stilles, leeres Weinen – – Dort – verfluchter Dämon! raubst du mein Weib zum andernmal! – Nein, nein! 's ist eine Wolke – Regentropfen treffen statt der Pfeilschauer mich. – Genug! – genug! laß ab vom Regnen! – laß ab ! – Ich gebiete es – der König! – Der grüne Rasen ist mein Thron – die Wolke Königsschirm – der Blitz sein goldner Knauf – die Pfauen schreien wie Herolde, und diese Berge sind Trabanten – – Lustig! lustig! Fest bei Hof! Heißa – getanzt!« Und der Unglückliche drehte sich im Kreise, neigte sich und winkte freundlich. Auf einmal stand er still, sah wie erwachend zum Himmel und sprach traurig: »Es regnet weiter! – Ich bin der König nicht mehr – mein Wort ist Hohn und findet Hohn! – Die Macht nam mir ein Weib – zu allem – allem anderen, das es schon hatte. – Zu seiner Anmut – seiner süßen Schelmerei – Rauschaugen – Blumenatem – oh – nun trägt es auch die Königsmacht im Schoß! – Wer kann dir künftig widerstehen, Urwasi? – Lauft, müde Beine, lauft, ich muß ihr nach!« Eilenden Fußes flog der Irre durch den stillen Wald und hielt erst an, als ihm der Atem versagte. Ein Pfauenhahn schlug unter den Bäumen sein Rad gegen die durchbrechende Sonne. »Eitler Vogel, du spreizest dich! Seit Urwasis Verschwinden giltst du als schönstes Geschöpf! – Ja, ja – du bist es auch! – freilich! – wer hätte solcher Farben Pracht! – Doch sag': hast du sie nicht gesehen? – sprich! O reiße mich aus der Verzweiflung! – – Er schweigt – er dreht sich – tanzt – du eitler Dummkopf! – Löst Urwasi die Spangen ihres Haares, so ist dein Schweif ein Haufen welken Laubes! – Wie leer ist doch die Welt!« Müde sank Pururavas auf den Rasen und starrte in den Himmel. »Ein einsamer Elefant!« murmelte er. »Alles flieht ihn – selbst sein Weibchen – – – Er aber stampft durch Wald und Feld, und wo er schreitet ist die Vernichtung – – –! Nein, nein! ich kann es nicht!« schrie er aufspringend und ging seufzend und scheltend seinen Weg ins Weglose. Ein Kuckuck saß auf einem Baum, und Pururavas schrie seine heiße Frage nach der Geliebten empor. Erschrocken flog der Vogel weg. »Kein Mitleid!« murmelte der Irre, »wer im Elend ist, der ist allein!« und er schritt weiter, bis er vor einem abgrundtiefen Bergsee stand. Ein wilder Schwan glitt anmutig über den Spiegel. »Halt an, du Fürst der Vögel!« rief Pururavas. »Halt an und gib mir Kunde: wo weilt – Urwasi, die Schönste aller Frauen? – O sag' es, sag' es! – Du hast sie sicherlich gesehen – ihr die Anmut abgelauscht – du zögest sonst so stolz nicht deine Bahn! – Gib Kunde! Oh! – Du kannst es ahnen, was ich leide, denn auch dein Weib ist fern von dir. – Es weilt wohl am güldenen Schwanensee im hohen Norden, um einen Erben deiner Schönheit dir zu bringen. – O sprich! Wer Liebestränen trocknet, tränkt Verschmachtende! – Stumm wendet er sich ab – ha! – dort – was hebt sich wie der Nebel aus dem Wasser? – Schleier – Gestalten! Urwasi! – Urwasi! « klang sein Jubelruf über den See. Es war wirklich die Langgesuchte, die mit fünf Gespielinnen aus der Götterwelt den kristallklaren Fluten des Bergsees entstieg. »Pururavas!« rief sie lachend, und zu den Gefährtinnen sprach sie sinnend: »Er ist der Beste von allen, die sich je vor meiner Schönheit beugten!« Pururavas sprang am Ufer entlang über Stock und Stein, Fels und Gerölle, und rief keuchend: »Urwasi, warum wichest du von mir, wie goldenes Abendrot vor der finstern Nacht?« »Du weißt's, Pururavas!« rief Urwasi und schwebte vor ihrem Gatten dahin. »Du weißt es!« »O weh! – so steh' doch endlich, Wilde!« keuchte Pururavas. »Laß uns doch miteinander reden – es mag sich alles wieder wenden – steh'!« »Es ist vorbei, und ich bin wieder frei!« lachte Urwasi und flatterte neckisch knapp vor dem ihr nachklimmenden König an einer Felswand empor. »O Urwasi – du bist mein Weib!« »Gewesen, Freund, gewesen! – Ich warnte dich vorher! – Wir kennen Treue nicht, wir windgetragnen Weg- und Wasserwandlerinnen! Nur sonnige Liebe peitscht uns auf und zehrt an unsren Irdischen, bis es in Himmelheimweh schwindet. – O plag' dich ferner nicht und sei kein Narr! – Du kriegst mich nicht!« Pururavas hatte die Felswand erstiegen und sprach nun knirschend: »Höre mich, Schönste und Böseste! Folgst du mir nicht mehr als mein Weib, so stürz' ich mich von diesem Felsen, und – mögen die Wölfe meinen Leichnam fressen!« »O tu es nicht, mein Freund!« rief Urwasi beschwörend. »Versuch' im Trotz nicht Berge zu verrücken und trau' der Frauentreue nimmer! Es hat das Weib ein Tigerherz!« »O Urwasi, ich werde sterben ohne dich – ich bin nun ganz allein!« »Komm wieder übers Jahr, Pururavas, so sollst du einen Sohn hier finden!« rief Urwasi errötend und hob sich himmelwärts. »Urwasi! – Urwasi!« schrie Pururavas. »Komm wieder! – Komm wieder!« klang es noch verheißend aus der Höhe, und dann war Urwasi den Blicken ihres Gatten entschwunden. Pururavas lauschte in die Lüfte, sein Antlitz verfinsterte sich im Schweigen, dann schlug er die Hände vors Gesicht und stand lange vom Schmerz erschüttert. »Auf immer!« murmelte er, »auf immer! – Das ist die Strafe: Als König hatte ich die Erde zur Gattin! um Urwasi floh ich aus dieser Ehe, und nun verläßt sie mich – auf immer!« Zitternd stieg er die Felswand hinab und schlich müde am Ufer des Sees dahin, bis er an eine verfallene Einsiedlerhütte kam. »Hier will ich bleiben!« murmelte er. »Hier! – sie kommt wieder übers Jahr – zum letztenmal« Und Pururavas warf sich über das Lager von Gras und schluchzte, bis der Schlaf ihn tröstend umfing. Täglich eilte er nun rund um den See, suchte, forschte und fragte alles Lebendige, ob Urwasi nicht im Bergsee gebadet habe. Je mehr das Jahr sich seinem Ende näherte, um so ungeduldiger wurde der Einsame. Er schweifte wieder wie einst umher, und der Wahnsinn ließ ihn tanzen und singen. Wieder war er der einsame Elefant, der Herdenverächter, der Weibverlassene. Und als einst solch ein grimmiger Einsiedler an den Bergsee kam, trat Pururavas ihm entgegen und begrüßte ihn als Bruder im Leid. Nur ein kühner Sprung ins Wasser rettete den Wahnwitzigen vor dem toddrohenden Rüsselschlag des wütenden Tieres. Als Pururavas in Sicherheit das Ufer wieder gewonnen hatte, lief er durch den Wald, bis er am Fuß eines steilragenden Berges stand. »Du mächtiger Riese!« rief er zum Gipfel hinan, »in den Wäldern auf deinem Rücken läuft Hirsch und Gazelle, die Bächlein murmeln dort Sprüche und Lieder, die verliebten Genien spielen und schmiegen ihre Roßköpfe kosend aneinander! Da mag sie sich wohl auch ergötzen! – Hoch ragt dein Haupt, Bergalter, zu den Wolken, und tausend helle Augen spähen dir umher! – Siehst du nicht Urwasi?« »Urwasi! – Urwasi!« klang's im Echo verhallend. »Oh! – er sieht sie – ruft sie!« jubelte Pururavas und kletterte den steilen Hang hinan. Atemlos hielt er auf buntfarbiger Bergwiese, wo Bienen von Blüte zu Blüte summten. »Honigsammler, habt ihr sie nicht gesehen?« rief er. »Doch nein! wie könnten euch die bunten Blüten fürder reizen, wenn ihr die Herrlichste gesehen, wie Honigseim euch süß noch duften, wenn ihren Atem ihr getrunken hättet? – – Ein Reh! oh, wie es mich mit ihren Augen ansieht! – – Was scharrt es aus dem Moos? – oh, fliehe nicht vor mir! – 's ist ein Karfunkel! – Wär' ich noch König, könnt' ich ihn kaum bezahlen, so schön ist er! – Nun werf' ich ihn von mir – –« Schon hob Pururavas die Hand, um das Kleinod in den Abgrund zu schleudern, da rief's aus den Lüften: »Behalte den Stein, 's ist eine Träne Gauris! Die Gattin Schiwas hat sie um deinen Schmerz geweint! Behalt' den Stein, er bringt dir Liebesglück!« »Dank, Wolkenrufer!« erwiderte Pururavas, und das Juwel krampfhaft umspannend, eilte er in vollem Lauf den Berg hinunter zum See. Urwasi stand am Ufer und winkte dem Gatten freundlich zu. »Du kommst, den Sohn zu holen, Freund!« sprach sie, »es ist die Stunde, die ich dir bestimmte!« Pururavas stand vor ihr, wortlos, atemlos, mit weitgeöffneten Augen das holde Bild trinkend. »Urwasi!« stammelte er, »geh' nicht von mir!« »Schweig!« sprach sie kalt, »nicht deshalb bin ich hier! – Was glänzt in deiner Faust?« Pururavas warf einen Blick auf das köstliche Kleinod, das er um Schöneres vergessen hatte. »Oh!« rief er aus, »du bleibst! – Sieh diesen Edelstein – er ist die Träne Gauris! – Kein Weib hat je so edlen Schmuck getragen! – Dein sei das Kleinod – wenn du bleibst!« »Ich kann und will es nicht!« sprach Urwasi zitternd. »So ruh' am Grund des Sees der Edelstein – – !« »Halt!« rief Urwasi und hielt den erhobenen Arm ihres Gatten fest. »Gib mir das Kleinod! – Bis morgen die Sonne ihre Bahn beginnt, will ich die Deine sein, und beim Abschied sollen die Gandharva, meine Freunde und Brüder, dir einen Wunsch erfüllen!« »Urwasi, Urwasi!« jubelte Pururavas und sank zu Boden, um die Füße der Geliebten zu küssen. Als er die Gattin nach seiner Hütte führen wollte, fand er an deren Stelle einen kostbaren Palast, und Gandharvas, die himmlischen Künstler, die das Zauberwerk in wenigen Augenblicken erbaut hatten, empfingen das glückliche Paar mit freundlichen Reden und munteren Weisen. An reichgeschmückter Tafel nahmen die Verliebten ein Mahl, und die himmlischen Klänge der Halbgötter ließen Pururavas Trennungsschmerz und Sorge um den Sohn vergessen. Auf Himmelswundern gebettet, träumte sein Herz von ewiger Liebe und endloser Freude. Der Morgen fand Pururavas ruhig und heiter, denn Urwasi hatte ihm während der Nacht verraten, wie er dem höchsten Liebesglück die Ewigkeit gesellen könnte. Als ein Apsaras ihm unter Urwasis Erröten das Söhnlein reichte, ein schönes Kind von wenigen Monden, und als Wischwawasu, der Gandharvafürst, den Scheidenden nach seinem Wunsche fragte, da rief er fröhlich: »Nehmt mich auf in euren Himmel der Phantasie! Ich will ein Künstler, ein Halbgott, ein Gandharva werden, wie ihr!« »Es sei gewährt, du Schmerzgereifter!« sprach Wischwawasu ernst. Dann nahm er einen Topf voll Feuer vom Opferherd in der Halle und gab ihn dem Pururavas: »Es ist Feuer, wie eure Priester es seit Jahrhunderten der Menschheit gehütet haben! Kehr' in dein Reich zurück, das ohne König seufzt, und setz' den Sohn auf den verlaßnen Thron. Entfach' sodann ein dreifach Opferfeuer und gehe ein in unsern Himmel!« Dankend grüßte Pururavas zum Abschied, und auf dem rechten Arm sein Söhnlein Avus, in der linken Hand den Feuertopf, verließ er die gastliche Stätte und schritt durch den Wald gegen Pratischtana. Hinter ihm aber zerfloß der Zauberpalast im Nebel, und seine Bewohner entschwebten zum Himmel. Als Pururavas in die Nähe seiner Residenz gekommen war, henkte er den Feuertopf im Walde an einen Ast und schritt mit Ayus am Arme weiter. Die Torwächter von Pratischtana erkannten den lange verschollenen Herrscher. Die Kunde von seiner Wiederkehr lief von Mund zu Mund durch alle Gassen. Das Volk strömte zusammen und drängte sich jubelnd um den schmerzlich Vermißten. Die Priester hatten seit des Königs rätselhaftem Verschwinden die Herrschaft geführt, und da Indras Zorn gar trocken über dem königlosen Reiche hing, hatten sie das fröhliche Volk von Pratischkana mit frommem Zwang und hartem Bußwerk bedrückt. Beim Anblick seines gütigen Herrschers jubelte es nun und sah voll Hoffnung in die Zukunft. Pururavas dankte den Heilrufen und schritt durch die Menge nach dem Palast. Der Oberpriester des Reiches und zwei andere brahmanische Würdenträger begrüßten ihn am Eingang. »So kommst du endlich, um den Götterkönig zu versöhnen, der Segen hat und Regen verweigert dem herrenlosen Land?« sprach der Oberpriester ernst. »Ja, Ehrwürdiger!« erwiderte Pururavas. »Ich bring' dem leeren Throne einen neuen König! – Hier! Ayus ist's, mein Sohn!« »Wer zeugt dafür, daß er aus deinem Königsblute stammt? – Hast du das Sohnesopfer schon verbrannt?« fragte der Priester. »Du sollst es, würdiger Gottesdiener!« erwiderte Pururavas. »Ich weigre mich! Ich kenn' den Knaben nicht, noch seine Mutter!« »O tu' es!« rief der König. »Er ward mir in rechtlicher Gandharvaehe geboren! Ich zeuge für ihn und seine Augen, jeder seiner Züge tut's!« »Ich weigre mich!« sprach starren Sinns der Priester. »Und du, mein Volk?« rief Pururavas, den Knaben hochhaltend. "Erkennst den Sohn des Herrschers du in ihm?« »Er ist's! Er ist's – sein Sohn! – Seht seine Augen!« schrie es rings im Kreise. »Nun, Priester, willst du für ihn opfern?« fragte der König wieder. »Ich weigre mich!« sprach jener finster zum drittenmal. »So will ich selbst das Opfer brennen, das Ayus vor Göttern und Menschen meinen Sohn nennt! Kommt mit mir!« rief Pururavas zum Volke gewendet. »Halt!« rief der Oberpricsler. »Willst du das Feuer vom Altar mir rauben? – Du weißt es, es fiel vor tausend Jahren vom Himmel zur Erde, und nur wir Priester haben es gehütet, bis heute! Kein Feuer brennt im weiten Reich, das nicht von unserem Altar entsprungen wäre! – Wir sind die Herren des Feuers – du raubst und stiehlst Brahmanengut, wenn du ein Fünklein gegen unsern Willen nützest!« »Sei ruhig!« sprach der König, »meine Flamme stammt nicht von eurem Altar. Die Himmlischen selbst haben sie mir gegeben! – Kommt!« rief er noch einmal und schritt durch die Straßen nach dem Tor und zu der Stelle, wo der Feuertopf des Gandharvafürsten hängen mußte. Lärmend drängte das Volk ihm nach, und die Priester folgten voll Neugier von ferne. Als sie aber den Ort erreicht hatten, sprang Pururavas erschrocken vorwärts: Die Flamme hatte den Ast, der den Topf trug, verzehrt, er war zu Boden gefallen und sein Inhalt auf den mächtigen Wurzeln des Baumes verglommen. »Wehe!« rief Pururavas und warf sich zur Erde, um in der verstreuten Asche nach einem noch glimmenden Fünklein zu suchen, das sein heißer Atem hätte zur Flamme entfachen können. Vergebens! Er wühlte in den erkalteten Resten, ließ sie spielend durch die Finger gleiten und sah mit müden Blicken auf die Menge. »Geht heim!« sagte er mit irrem Lächeln. »Es ist nichts! geht heim!« Die Priester riefen das Volk zu sich, und die Menge begann sich zu verlaufen. Da trat ein Weib in Büßerkleidung zu dem spielenden König und griff nach dem Knaben auf seinem Arm. »Gib mir das Kind, Unglücklicher!« sprach sie bittend. »Ich will ihm eine Mutter sein und es seines Vaters würdig erziehen!« »Wer bist du?« murmelte der König. »Ein Weib, das Mitleid fühlt?« »Ich trag' die Pflicht der Buße, und mit dem Leid kommt Mitleid! – Bin ich ein Weib noch – da Weib doch Lust heißt? – Ich bin Satyavati, die Büßerin!« »So nimm einstweilen den Knaben! doch sage mir, wo du hausest, denn ich will den Sohn nicht missen!« »Herr, tausend Schritte von hier gegen Sonnenaufgang steht meine Klause am Bach, und Ziegen hab' ich zwei und auch ein Gärtlein – oh, das Prinzlein soll leben wie ein Prinz, das süße!« jubelte Satyavati. »Nun geh', du Gute!« sprach der König, sein Söhnlein zum Abschied küssend. »Geh'! ich muß allein sein!« Und kaum hatte Satyavati ihn verlassen, so ging er rund um den Baum und betrachtete ihn von allen Seiten mit aufmerksamen Blicken. »Ein Feigenbaum, der aus einer allen Mimosenwurzel wächst!« murmelte er. »Wie ist das nun? – Die Flamme kroch in das Feigenholz und die Glut in den Mimosenstock! – Kann ich sie wieder vereinigen, so strahlt mein Feuer wieder, strahlt mein Glück!« Und Pururavas hieb mit seinem Schwerte vom Feigenholz und vom Mimosenstock je einen Span und begann sie aneinander zu fügen – zu schlagen – zu reiben –. Lange blieb sein Mühen vergeblich. Als er aber die Bogensehne zu Hilfe nahm und damit das Feigenholzspänchen im Mimosenholz herumwirbelte, da gab es Rauch – und Glimmen – und eine Handvoll dürren Grases rief die ersehnte Flamme ins Leben. »Nun hab' ich's wieder!« jubelte Pururavas, »und nimmer kann ich es verlieren!« Und sein Feuerzeug zusammenraffend, lief er in die Stadt und rief das Volk aufs neue vor die Tore. Neugierig folgte die Menge ihm zum zweitenmal in den Wald, und während einer der Leute auf des Königs Befehl Satyavati mit dem Prinzen holte, zündete Pururavas zu aller Erstaunen drei mächtige Feuer an und lehrte jeden die Reibhölzer gebrauchen. Als Ayus gebracht wurde, sprach Pururavas die Formeln des Sohnopfers und zeigte dem Volke seinen künftigen Herrscher. Satyavati gelobte, seine Kindheit zu betreuen, und des Königs Wagenlenker versprach, ihn mit den Waffen vertraut zu machen. Ein Oheim sollte die Herrschaft für den Unmündigen führen. Pururavas aber grüßte sein befreites Volk und ging nordwärts nach dem einsam ragenden Himawat. Dort stieg er aufwärts durch Glut und Hitze, Wald und Wildnis, Schnee und erstarrendes Eis, bis er den Himmel der Gandharvas erreicht hatte und dort mit seiner Urwasi für immer vereint war. Hier muß ich in tiefster Ehrerbietung des Streiters und Dichters Karl Kraus gedenken, denn seinen unvergänglichen Werken verdanke ich, daß ich den Weg zum Geiste besonders dieser allen Dichtung gefunden habe – daß mir die Gestaltung im Nacherzählen gelang. Alois Essigmann Tilottama In der Stadt der Daitia, der Vettern und ewigen Feinde der Lichtgötter, herrschte vor uralten Zeiten Nikumbas, ein Fürst unter den Seinen. Zwei heldenmütige Söhne, Sundas und Upasund geheißen, wuchsen ihm heran. Die Jünglinge waren tapfer, stark und erfahren in Führung jeglicher Waffe. Eines herrschsüchtigen Sinnes waren beide und eines grausamen Herzens, aber einander hielten sie Treue bis zum letzten Schwertschlag: Standen sie aller Welt auch mit Mißgunst gegenüber, füreinander schlugen die Herzen der Brüder lauter in Liebe und Freundschaft. Fürchterlich waren die Unzertrennlichen allen Feinden des Stammes, aber auch mancher der Untertanen litt unter der Hoffahrt der Prinzen. Da verschwanden sie eines Tages aus der Stadt, und lange wußte niemand Auskunft über ihr Verbleiben zu geben. Sundas und Upasund waren auf die Höhen des wüsten Windhiagebirges gestiegen. In dieser schrecklichen, sturm- und wetterzerrissenen Einsamkeit hatten sie sich eine Klause gezimmert und pflogen, machtlüstern, der furchtbarsten Buße: Wirren Haares, die Blößen mit Rinde bedeckt, streiften sie durch Dornicht und Dickicht rings im Gebirge. Wochenlang war der Wind ihre einzige Nahrung und das Blut des eigenen wunden Leibes ihr Trank. Dann wieder standen sie reglos in glühender Sonne, in Sturm und Gewitter, hoch auf die Zehen gereckt, die Arme starr in die Weite gestreckt und die Blicke irrlos in Allvaters Himmel gebohrt. So zügelten sie ihren schweifenden Sinn und zwangen die Glieder, dem Geiste zu dienen. Die Natur erschauerte im Schrecken vor der geistigen Kraft dieser Asketen, und der Windhiaberg erglühte unter der Last ihres Bußschatzes: bebend stieß er den schwarzen Atem aus weit geöffnetem Rachen, und glühender Geifer rann über seine gewölbte Brust. Die Götter erschraken beim Anblick des keuchenden Berges. Sie fürchteten für das Gedeihen ihrer segensvollen Werke im Himmel und auf Erden, wenn Sundas und Upasund, die Daitiaprinzen, dem Schicksal durch Buße endlose Macht abringen würden. Sie sandten Göttermädchen und Spielleule nach dem Windhia, um die Gedanken der Büßer durch Spiel und Tanz von dem Höchsten abzulenken. Aber die beiden Säulenheiligen standen und hatten kein Auge für Anmut, kein Ohr für himmlische Klangfülle, denn all ihre Sinne ruhten in Brahma. Indra sandte darauf den Frühling zu Berge. Der mußte rings um die Bußstätte den Wald mit Samt- und Seidenglanz, mit Silberschimmer und Sonnengold schmücken und die buntesten Kleinodien über all' diese Pracht verstreuen. Kosende Lüfte, schmeichelnde Düfte und schmetternder Vogelgesang suchten durch alle Sinne den Weg zu den Herzen der Büßer, aber, wie von undurchdringlichen Panzern, waren diese umschlossen vom Vorsatz, vor Brahma Gnade zu finden. Wie aus Stein gehauen standen die Bußhelden, und ihre Augen sahen ins Blaue. Da ließen die Götter in großem Zauberwerk die Schemen von Mutter und Schwester der Brüder vorbeijagen: Verfolgt und des Letzten beraubt, erschienen die flüchtigen Frauen und riefen ängstlich um Hilfe. Doch der Sinn der Gemarterten ruhte im Schoß des Gottgedenkens, und keinerlei Reiz einer lärmenden Welt kann den Weg zu dieser friedlichen Stille finden. Der täuschende Spuk verschwand von der Stätte ernstester Sammlung, und Brahma trat vor die Büßer, welche so standhaft um seine Gunst geworben hatten. Ehrfürchtig neigten sich Sundas und Upasund vor dem allmächtigen Vater der Welt und hoben ihre gefalteten Hände andächtig zur Stirne. Huldvoll begrüßte sie Brahma als seine Getreusten. Da richteten die Brüder sich stolz empor und Sundas sprach für beide: »Allvater! da unsere standhafte Unterwerfung Gnade vor deinen Augen gefunden hat, so gewähre uns, was wir ersehnen, was wir in überirdischer Buße erflehten: Gib uns Unsterblichkeit – mehr – gib uns die Ewigkeit, wie nur du sie vor allen Göttern besitzt!« »Töricht wünscht ihr und vermessen!« entgegnete Brahma, »und ich schlag' die Gewährung euch ab. Denn Wunschlose nur und Reine stehen über der Zeit und ihrer Welt! Ihr aber wollt herrschen ! Mit furchtbarer Kraft habt ihr euer Werk vollendet, um Erde, Himmel und Hölle vor eurer Bußmacht zu beugen, darum wahr' ich die Dreiwelt vor euren gefährlichsten Träumen. Ewiges Leben versag' ich, doch die Art eures Unterganges zu wählen, stell' ich euch frei! « »Nun, so soll Totes nicht, noch Lebendiges über uns siegen, und jeder von uns dem anderen Bruder nur unterliegen können!« riefen die beiden schnell, nach einem Blick des Verstehens. »Diesen Wunsch gewähre ich euch, denn eure Standhaftigkeit hat meine Gnade verdient!« sprach Brahma und verschwand vor den Augen der Beglückten. Fröhlich stiegen nun Sundas und Upasund zu Tal und erreichten bald ihre Heimat. Nikumbas war vor kurzem gestorben, und die Brüder herrschten nun gemeinsam über sein Reich. Sie lebten in immerwährender Freude dahin, denn ihrer Unbesieglichkeit vor Göttern und Menschen blieb kein Wunsch versagt. Fest reihte sich an Fest und Gelag' an Gelage; Sänger und Tänzerinnen gingen und kamen in ständigem Wechsel. Waren die Schatztruhen einmal leer, und konnte kein Bauer mehr fronen, so zogen die Brüder über die Grenze und schlugen jeden Gegner, der sich ihnen stellte. Nach wenigen Monden kehrten sie dann mit Beute beladen zurück und begannen vom neuen zu schwelgen in maßlosem Taumel. Manches Jahr lebten Sundas und Upasund so, bis endlich Gewohnheit sie gegen alle Ausschweifungen abstumpfte, und Langeweile hei ihren Festen und Gelagen zu Gast war. So ersättigt der Schwelgereien, sannen die Stolzen, dem währenden Leben neue Reize zu geben: Macht, endlose Macht, war das Ziel ihres ferneren Strebens. »Brahma, der Herr über vergangene und künftige Welten ist, hält uns von seiner Ewigkeit fern, aber in dieser Welt wollen wir die Mächtigsten sein!« sprach einer zum andern. »Ist nicht Indra noch Herr der Dreiwelt und steht über uns, bis wir ihm seinen Himmel, die Erde und auch die Hölle entrissen haben! – Wandeln wir Daitias nicht durch Erde, Wasser, Luft und Feuer, wie unsere Vettern, die Lichtgötter? – Und wir beide? sind wir nicht unbesieglich? – Auf, Bruder, wir wollen die Dreiwelt erobern – Himmel, Hölle und Erde unserem Willen beugen!« Darauf sammelten die stolzen Brüder ein gewaltiges Heer um sich, hießen die Priester des Landes reiche Opfer brennen und die günstigste Stunde zum Aufbruch erforschen. Als diese gekommen war – es war finstere Nacht, und kein Lichtlein funkelte am Himmel – da brach das Heer der Götterfeinde mit gewaltigem Toben auf und Sundas mit seinem schrecklichen Bruder führte die Grimmigen durch die Lüfte gegen den Himmel. Die Lichtgötter waren vor den heranbrausenden Scharen, deren furchtbare Waffen die Brahmanen des Daitiastammes geweiht hatten, aus ihren Wohnsitzen gewichen und hatten bei Allvater Brahma Schutz vor den Unbezwinglichen gesucht. Die Nachtalben aber wüteten in Indras Himmel gegen die Genien und Geister, gegen Göttermädchen und Himmelskünstler. Alle Anmut und Schönheit fiel ihrem Grimme zum Opfer. Als Sundas und Upasund den Himmel erobert hatten, fuhren sie mit dem siegestrunkenen Heer durch Schrunden und Schluchten abwärts zur Unterwelt. Schlangen und Riesen und was sich dem greulichen Zuge entgegenstellte, alles fiel unter den mordgierigen Waffen des finsteren Heerbanns. Vom flammenden Throne Kapilas aus beherrschten die Daitiafürsten alles, was sich unter der Erde regte. Dann zog das Daitiaheer zum drittenmal aus und schlug, von der Meeresküste gegen Mitternacht ziehend, alle Heere der Erde, die sich den Furchtbaren e ntgegenstemmten. Sundas und Upasund waren die Herren der Dreiwelt, und nur die Götter waren, um Brahmas Thron ge- schart, ihrer unbändigen Machtgier entrückt. Da sannen die Schrecklichen darauf, auch die Lichtgötter ihrer Herrschaft zu unterwerfen. »Sieh!« sprach einer zum ändern, »was gibt den Göttern die Stärke? – Opfer sind's und Gebete und demütige Verehrung der Gläubigen! – Oh, wir wollen die Quellen der Kraft ihnen schließen! – Priester zünden die Opfer, Priester sprechen und lehren Gebete, Priester rufen die Stumpfen zu frommer Verehrung der Götter! – Auf, Bruder! laß uns die Priester vernichten – ausrotten bis auf den Letzten – und der Lichtgötter Macht wird ein Schilfrohr gegen die Speere der Unsern sein!« Und nun zogen die Frevler durch Städte und Länder, suchten die frommen Diener der Götter an ihren Opferstätten, töteten jeden, der ihnen vors Schwert kam, und löschten die heiligen Feuer in Tempeln, Häusern und Hütten aus. Ja, in die dunkelsten Wälder folgten die Mörder den flüchtigen Priestern und würgten die Weisheit des Weda auf allen Wegen. Der einfältigste Klausner war nicht sicher vor ihrem Schwert, und nicht der weiseste Lehrer. Nicht der Waffen Gewalt, noch die größere Macht des verwünschenden Büßers tat ihrem Wüten Einhalt. Ohne Geist und Vernunft lag die Erde verwüstet vor den unbesiegten Frevlern. Wenige, ach, allzu wenige von den frommen Lehrern der Menschheit waren dem greulichen Morden entronnen und bargen sich unter tausend Mühen und Leiden in fernen Wüsteneien. Aber in Löwen- und Tigergestalt, als Schlangen und schweifende Wölfe, folgten die Daitias ihnen auch dorthin und bedrohten ohne Unterlaß ihr kümmerliches Leben. Ragt doch göttliche Macht solange als ein Herz sie gläubig empfindet. Entfesselt hob nun des Geistes Not: Gesetzlosigkeit und Sünde, ihr blutiges Haupt. Seit es keine Festtage mehr gab, gab es auch keine Arbeitstage mehr. Keine Gewalttat fand andere Sühne als höchstens die Rache, die neue Gewalttat. Ehelos lebte die Menschheit, ehrte die Väter nicht und erzog nicht die Kinder in Züchten. Keiner wollte gehorchen, niemand hatte die Kraft zu befehlen. Ehrfurcht, das ewige Band zwischen Göttern und Menschen, war zerrissen, und niemand durfte wagen, es wieder zu knüpfen. Häuser und Hütten verfielen, kein Pflug ging über die schlafende Erde und kein Hirte hatte eine Herde, sie zu betreuen. Die Lebenden starben in Not und Gewalt, und den Toten ward keine Bestattung. Ein weites Leichenfeld war die Erde, und Verwesung dampfte zum Himmel von dieser greulichen Schädelstätte. Sundas aber und Upasund triumphierten: die Mächte der Finsternis hatten den Lichtgöttern die Dreiwelt entrissen. Die guten Götter jedoch und Sonne, Mond und Sterne starrten entsetzt auf die Verwüstung ihres Werkes und suchten Hilfe bei Allvater Brahma. Der Urvater saß in der weiten Halle seines Palastes auf hohem Thron. Rings umgaben ihn Himmelsheilige, Weise und Fromme, und neben Wischnu und Schiwa standen die Götter des Lichtes unter Indras Führung, die sieben Seher der Urzeit auch, und Sonne, Mond und Sterne. Alle klagten voll Trauer ob des Verfalles der Welt; alle vertrauten der Weisheit des Allvaters und hofften Hilfe von ihm. Schweigend vernahm der Ewige die Klagen, schweigend sann er über die Bitten der Götter. Und der Tod jener Frevler ward im Herzen des Höchsten beschlossen. »Wischwakarman, kunstreicher Bildner des Himmels, tritt vor!« sprach der Herr. Der göttliche Gold- und Erzschmied trat aus den Reihen der Himmlischen und beugte sich ehrerbietig vor dem Befehlenden. »Wähle aus Schönheit und Schätzen der Welt, was du brauchst, und bilde ein göttliches Weib!« sprach Brahma. Anbetend erhob sich Wischwakarman und ging sogleich an die Arbeit. Wie griff er sehnenden Herzens und gläubigen Mutes in alle Tiefen nach Schönheit! Still und versonnen wählte er unter dem Besten: Hier nahm er des Elfenbeins Weiß, des Goldes leuchtenden Glanz, des Demanten Feuer, dort des Ametyhsten schimmernden Hauch, das Purpur des roten Rubins und das unergründliche Blau des Saphirs. Perlen gaben ihr glänzendes Matt und das lächelnde Gleichmaß der Form. Eifrig schuf der Künstler an seinem Werke, griff tief in den Reichtum der himmlischen Welt und verschwendete vollen Herzens, was Allvaters Güte gewährt hatte. Schön und herrlich ward zur Gestalt, was er trunkenen Auges in Träumen ersah. Und als das Götterweih vollendet war, da war an ihm nicht Makel noch Fehl zu finden. Tilottama glich dem lachenden Glück und dem ewig wachen Begehren ! Stolz führte Wischwakarman sie vor Allvaters Thron. Dort neigte sich die Holde errötend und fragte demütiglich: »Was befiehlst du, Herr, auf dessen Geheiß ich ward?« Brahma sprach: »Wandle die Sternenstraße entlang und tritt vor Sundas und Upasund hin. Entzünde in beider Herzen die heiße Flamme der brünstigen Liebe, der sehnenden, fressenden Gier, auf daß die Schrecklichen sich entzweien: Herrlich ist deine Gestalt und unwiderstehlich deine holde Anmut. Leicht wird es dir werden, die Welt aus der Not zu erlösen!« »Ich gehe!" sprach Tilottama, hob die andächtig gefalteten Hände an die Stirn und umwandelte rechtshin den Thron des Hehren. Auf die Schöne waren die Augen aller gerichtet. Schiwa, der Mahadewa, und Indra, der König der Götter, wollten den Blick nicht von dieser Vollendung wenden. Schiwa, der mit dem Anllitz gegen Mitternacht saß, verfolgte im Geiste den Rundgang des bezaubernden Weibes. Und sieh! wie es Morgen, Mittag und Abend durchschritt, so wuchsen dem Gotte drei neue Gesichter am Haupte. Indra aber bekam tausend blitzende Augen rings um den Scheitel. Tausendaug heißt er seither den Sängern, sowie Mahadewa der Viergesichtige heißt. Lächelnd schritt Tilottama dahin und verschwand in der Ferne. Götter und Heilige aber wußten sich sicher geborgen im Schutze der Schönheit. Der Daitiastamm war unter Sundas' und Upasunds Herrschaft mächtig geworden und hatte sich über die weite Erde verbreitet. Die beiden Fürsten, die Götter, Menschen und allen Geist überwunden hatten, lebten auf den Trümmern der Welt gar herrlich und in Freuden. Wieder waren Gelage und Spiel des Tages Ergötzung: Das Laster der Ausschweifung entweihte die duftenden Gärten der Götter, und niedrige Gemeinheit besudelte die Paläste, die Wischwakarman den Himmlischen erbaut hatte. Aller Fesseln ledig, taumelte Begierde durch die Tage und Nächte des sieghaften Ungeistes. Einst feierten die schrecklichen Brüder ein großes Fest auf den Höhen des Windhiagebirges, dort wo sie vor langen Jahren in Qualen geseufzt und all' ihre ausgelassene Herrlichkeit von Brahma ertrotzt und erbettelt hatten. Oh, wie fühlten die Frevler sich wohl auf den schwellenden Kissen, gesalbt und gesandelt, in purpurner Seide, geschmückt mit funkelndem Geschmeide und umgeben von schönen Frauen, heiteren Gästen und preisenden Sängern. Nein! kein Hauch erinnerte an die furchtbare Zeit der Buße! Fröhlich hoben die Glücklichen ihre Becher und tranken einander zu mit freundlichen Blicken. Da kam Tilottama blumenpflückend aus dem Walde geschritten. Ruhig wandelte sie einher und sah nicht nach der zechenden Runde. Ein rotes Gewand schmiegte sich faltig um ihre herrlichen Glieder, und lockender Schmuck zierte ihr Haupt und Arme. Leise summte sie eine heitere Weise, und der Wind trug die Töne mit einer Wolke köstlichen Duftes an die Tafel der Schwelger. Da hoben Sundas und Upasund die weinschweren Augen und starrten die himmlische Schöne an. Gierig sprangen beide empor und eilten an ihre Seite. Sundas ergriff ihre rechte und Upasund ihre linke Hand. »Meine Gattin soll sie werden!« riefen beide wie aus einem Mund. »Meine! – nein, meine – dir Schwester bloß!« klang es erregter. »Mein Weib!« »Nein, meines!« schrien die Starken einander ins weinrote Antlitz, und schon suchten die Hände am Gürtel die tödlichen Waffen. Schreiend stürzten die Brüder gegeneinander, die goldenen Streitkolben funkelten im Abendrot – dann lagen, Bruder vom Bruder erschlagen, die Unbesieglichen tot auf der Erde. Tilottamas Lachen klang silbern ins Schweigen des Entsetzens. Frauen und Freunde der toten Frevler taumelten empor und flohen in sinnlosem Grauen bergabwärts. Flohen, und rissen alle Genossen des finsteren Daitiastammes mit auf die Flucht, bis sie die Dreiwelt weit hinter ihrem Rücken wußten. Die Mauern der Daitiastadt nahmen sie auf und bargen sie vor der Rache der Lichtgötter. Brahma aber, mit allen Göttern, erschien auf den Höhen des Windhia und ehrte das Weib, das die Welt den finsteren Mächten durch Anmut entrissen hatte, mit freundlichen Worten. Dem Götterkönig gab er die Dreiwelt wieder, und Tilottama wandelt seither als schönster Stern durch des Himmels Blau, bis der Ewige das Ende der Welt hereinbrechen läßt. Froschkönigs Tochter Parikschit, ein König von Ajodhia, hatte einst auf der Jagd sein Gefolge verloren und irrte allein auf müdem Gaul durch das Dickicht. Finster dehnte sich der Wald, schier ohne Ende, und brennender Durst quälte den ermatteten Reiter. Da windete das Roß ins Weite, hob munter den Kopf und trabte schneller unter den Bäumen dahin. Parikschit mußte all seine Kunst aufbieten, um nicht von einem niedrigen Ast aus dem Sattel gehoben zu werden. Bald hielt das Roß an einem silberschimmernden Weiher, der überreich mit herrlichen Lotusblumen geschmückt war. Der König sprang zu Boden, klopfte seinem klugen Tier in Freundschaft den Hals, und nachdem er ihm den kostbaren Sattel abgenommen und das eigene Oberkleid abgelegt hatte, schritt er mit ihm in das erfrischende Bad. Nach dieser Erquickung streckte er sich unter den Bäumen aufs Moos und träumte in die Wipfel, während das Pferd an saftigen Lotusstengeln kaute. Da klangen leise liebliche Töne an Parikschits Ohr. Reglos lauschte er in die Ferne und erhob sich erst, als die Weise mit einem schluchzenden Jubelton verklungen war: Ein wunderschönes Weib kam blumenpflückend durch den Wald geschritten und schien des Lauschers gar nicht zu achten. Stumm stand der König vor dem holden Bild, bis die Schöne in nächster Nähe an ihm vorbei wollte. »O herrliches Weib!« sprach er nun stockend, »wer bist du, und wem gehörst du an?« »Niemandem!« erwiderte die Schöne mit schelmischer Miene. »Ich bin ein Mädchen aus dem Walde!« »Oh, so werde die Meine!« rief der König mit Feuer, »denn endlose Liebe fühl' ich für dich, du Holde!« »Willst du zum Pfand mir ein Versprechen geben, du Schnellbesiegter, so will ich dir als deine Gattin folgen!« erwiderte das Mädchen lachend. »Was du verlangst, und was ich geben kann, sei dein!« »So laß mich niemals Wasser sehen, wenn ich in Treue an dir hangen soll!« sprach sie mit einem zögernden Blick auf den Weiher. »Nie, nie!« schwor Parikschit mit dem Eifer des Verliebten und schloß die Errötende in seine Arme. Da klangen die Hörner durch den Wald, und das Gefolge des Königs nahte. Auf sein Rufen kamen Sklaven und Diener herbei. Er hob die Gefundene in eine herrliche Sänfte und ritt an ihrer Seite nach Ajodhia. Kaum war die Liebliche seine Gattin geworden, so schloß er sich mit ihr in einem Flügel seines Palastes ein und ließ hoch und niedrig von seiner Schwelle weisen. Die Räte des Königs waren bekümmert, denn vieles bedurfte der Entscheidung des Herrschers. Der aber stand ganz unter der Herrschaft des Liebesgottes und seiner schönen Gemahlin. Keine Störung der Außenwelt konnte zu den Verliebten dringen. Als die Ordnung im Reiche unter des Königs freiwilliger Haft zu leiden begann, entschloß sich der Kanzler, alles zu versuchen, um der verliebten Torheit seines königlichen Herrn ein Ende zu bereiten. In dieser Absicht ging er nach dem verbotenen Flügel des Palastes. Am Eingang fand er viele dienende Frauen, die ihm den Zutritt verwehrten. Zornig fragte er sie nach ihren Befehlen. »Wir haben der schönsten Gebieterin aufzuwarten und müssen vor allem darauf achten, daß niemals Wasser vor ihre Augen kommt. Einlaß dürfen wir, bei Leib und Leben, niemand gewähren!« erwiderte ihre Führerin. Kopfschüttelnd ging des Königs Rat von dannen. »Kein Wasser!« murmelte er, »kein Tropfen Wasser? – Da steckt sicherlich ein böser Zauber dahinter! – Ich will ihn brechen!« Nun ließ er nahe der Stadt einen prachtvollen Sommersitz anlegen: einen kleinen Palast aus edlem Gestein mit erzenem Bildschmuck; einen weiten Park, in dem sonnenhelle Wiesen an dichtbelaubte Haine grenzten, und wo Blüten, Früchte und Vogelgesang die Sinne ergötzten; endlich im schattigsten Winkel einen Teich in marmornem Becken. Der Spiegel des Wassers aber ward unter einem silberschimmernden, reich mit Perlen bestickten Gewebe verborgen, so daß die ganze Anlage aussah, wie einer der wasserlosen Schmuckteiche, die in dürren Zeiten die Gärten der Reichen zieren mußten. Als alles bereit war, sandte der Kanzler den Plan des herrlichen Refugiums seinem Herrn und bot es ihm als Hochzeitsgabe des Volkes dar. Erfreut nahm der König das reiche Geschenk an und zog bald darauf mit seiner Gattin nach dem neuen Heim seiner Leidenschaft. Nun durchstreiften die Glücklichen fröhlichen Herzens den von einer hohen Mauer umgebenen Park und spielten wie Kinder in der Frühlingssonne ihrer Liebe. Als sie einst, Schatten suchend, ein kleines Wäldchen betraten, standen sie plötzlich am Rand eines blinkenden Teiches. Die Königin zuckte zusammen. Parikschit aber, der nur das silberne Gewebe sah, rief seiner Gattin scherzend zu: »Nun bade, mein holdes Lieb; hier hast du das köstlichste Wasser!« Mit einem silberhellen Lachen, das dem König schneidend wie Hohn klang, sprang sein Weib über den Marmorrand und verschwand, das Gewebe zerreißend, im aufspritzenden Wasser. Ängstlich rief Parikschit ihren Namen. – Schweigend liefen Kreise über den Teich und erzählten von der versunkenen Königin. Erschrocken sprang Parikschit ins Wasser. Es reichte ihm kaum an die Knie, aber wie sehr er auch suchte und, bald kosend, bald klagend, nach der Geliebten rief, sie blieb verschwunden. Da eilte der König nach des Gärtners Haus: Alle Sklaven wurden zusammengerufen, und der verhängnisvolle Teich ward schnellstens ausgeschöpft. Doch von der Verschwundenen zeigte sich keine Spur. Nur ein Fröschlein hüpfte laut quakend über den trockenen Grund des Beckens und verschwand am Ufer unter den Büschen. Aufheulend warf Parikschit sich ins Gras. Plötzlich sprang er mit jähem Ruck empor und schrie mit zornfunkelnden Augen: »Die Frösche haben mein Liebstes gefressen; ich will sie dafür von der Erde tilgen! Verkündigt es in allen meinen Landen: Wer immer etwas vom König Parikschit will, muß es mit toten Fröschen bezahlen! – Nicht einer soll am Leben bleiben, so weit meine Macht reicht!« Nun ging es zu Kosala an ein großes Fröschemorden, denn der König belohnte die eifrigsten Jäger mit Geld und Gut, mit Ämtern und Ehren. Da klagten die Frösche Not und Verfolgung ihrem guten König Ayuscha, und dieser versprach, seinem Volke zu helfen. Er nahm die Gestalt eines büßenden Brahmanen an und ließ sich vor Parikschits Thron führen. Ehrfürchtig begrüßte der Herrscher des Landes den frommen Priester. Dieser neigte sich demütig und bat: »O unerschrockener Feindebezwinger, zügle doch deinen Zorn! – Sei gütig und töte keinen der unschuldigen Frösche mehr! – Der Himmel verschließt sich jenen, die aus Unwissenheit fehlen, und straft die, die aus Bosheit freveln! Warum läßt du harmlose Tiere verfolgen?« »O bitte nicht für die nassen Schurken!« brauste Parikschit auf. »Mein Weib, mein einzig geliebtes Weib haben die Frösche gefressen, und darum müssen sie alle sterben!« »Du irrst, König!« sprach der Brahmane ruhig. »Dein Weib lebt, es ist meine Tochter Suschavana, und ich bin Ayuscha, der König der Frösche! – Die Törin allein soll ihr leichtfertiges Spiel büßen!« fuhr er fort, »stets lockt sie die Besten zu heißer Liebe und verläßt sie dann kalten Herzens!« »Ach, strafe das liebliche Kind nicht, Vater!« sprach bittend der König. »Der leichte Sinn des Weibes ist seine holdeste Anmut, und ein Blick in lachende Wunderaugen läßt tausend Tage des Schmerzes vergessen! – Gib Suschavana mir wieder, so gibst du mich mir wieder und den Deinen den Frieden in meinem Reich! Sicher seien sie künftig vor meinem Grimm!« »Warte!« sprach Ayuscha und ging aus der Halle. Bald darauf kam er wieder und führte sein errötendes Töchterlein an der Hand. »Nimm sie!« sprach er zu Parikschit freundlich, seiner Tochter aber drohte er zornig: »Du, die mit kaltem Herzen so viel Elend über das Volk der Frösche gebracht hat, sollst in heißblütigen Söhnen bestraft werden. Glühendes Begehren und überschäumender Trotz soll sie zu Feinden eines Mächtigen machen, und in dieser Feindschaft sollen sie vergehen, bis auf den letzten!« Noch eifernd verließ er die Halle und hörte nicht, wie Parikschit ihm seinen innigsten Dank für die wiedergeschenkte Gattin nachrief. Der König lebte mit seinem Weibe noch viele Jahre im Glück, denn Suschavana blieb ein sorglos lachendes Kind bis an ihr friedliches Ende. Die drei Söhne aber, die sie dem Gatten geschenkt hatte, raubten einem mächtigen Heiligen seine Zauberpferde, weil sie die schnellsten Rosse im ganzen Reiche haben wollten. Bitten und Drohungen des Beraubten wiesen sie trotzig von sich. Da sandte der Mächtige seine Diener, vier eherne Genien, gegen die Frevler, und alle drei fielen unter den vergifteten Pfeilen der Spukgestalten. So ward den Enkeln Froschkönigs Zorn über der Tochter leichten Sinn zum Verderben. Rischjaschringa Im Angaland rauchte ein feierliches Opfer zum Himmel. Der König Lomapada hatte es zünden lassen, um Indra, den Herrn der Gewitter, zu ehren. Alles Volk von Tschampa, der Residenz Lomapadas, war auf der Opferstätte versammelt. Der König saß unter der Schar seiner Gäste aus nahen und fernen Ländern, und die Brahmanen, unter der Leitung ihres würdigen Oberpriesters, eilten von Feuer zu Feuer, speisten sie mit köstlichen Hölzern und schürten die Flammen, daß die Rauchsäulen rechtshin zum Himmel aufstiegen. Der König hatte dem Opferleiter tausend schneeweiße Kühe zum Lohne versprochen, und während der Ehrwürdige eben den Weihegesang an den mächtigen Indra richtete, trieben hundert junge Hirten die glänzende Gabe Lomapadas an den Altären vorüber, nach dem Hause des Oberpriesters. Dieser sang die uralten Strophen aus der Heiligen Schrift, und voll Freude schweifte sein Auge über die weißglänzenden Rücken der herrlichen Tiere. Langsam zogen die Herden vorüber, und schier endlos, wie ihr Zug, reihte sich Strophe an Strophe in der Opferhymne. Da stockte der Vorsänger plötzlich: der linke Hinterfuß der letzten Kuh war schwarz bis über das Knie. – Hatte der König ihm nicht tausend schneeweiße Tiere versprochen? Rasch wollte der Hotar seine Gedanken wieder der heiligen Handlung zulenken, doch des Vorsängers Schweigen hatte den ruhigen Fortgang des Opfers gehemmt: Auch die anderen Priester hatten im Beten innegehalten, als die Stimme ihres Obersten plötzlich verstummt war; die Hände, die im Rhythmus der Rede eifrig geschafft hatten, waren zur Ruhe gekommen, die Feuer qualmten, ohne zu brennen, die Opferspenden verkohlten, ohne zu duften. Finster ward's über der Opferstätte, und in der Ferne grollte der Donner. Bestürzt drängte das Volk sich um die Altäre und um das Zelt Lomapadas. Dort standen sich König und Oberpriester gegenüber. Und warf jener dem Brahmanen vor, daß er durch sein Versehen das Opfer gehemmt und Unheil über das Land heraufbeschworen habe, so tadelte dieser den Opferherrn, daß er sein Wort nicht gehalten und eine scheckige Kuh in die schneeweiße Herde gemischt habe. Erregt verließen endlich beide die Opferstätte. Indra aber zürnte dem ganzen Lande wegen des gestörten Festes: Unbarmherzig ließ er die Sonne über dem strafwürdigen Reiche glühen, und seine Winde und Wetter hielt er fern von den Feldern und Fluren der Angern. Ringsum verdorrte alles Grün, alle die tausend kleinen Wasser versiegten, und müde zog statt des stolzen Stromes ein dünnes Flüßchen durch das Land, das hungernde Volk nur vor dem Schrecklichsten, dem Verdursten, bewahrend. Vergebens waren neue Opfer und brünstige Gebete; der zürnende Gott hielt Regen und Segen fern von der Stätte des Opferfrevels. Da rief der König die ganze Priesterschaft des Reiches zu Rate, und alle erwogen, wie sie den Donnerer versöhnen könnten. Ein uralter Weiser erhob sich in der Versammlung und sprach: »Einer könnte uns wohl helfen in unserer Not: es ist der fromme Jüngling Rischjaschringa! Am Oberlauf unseres, jetzt ach so müden, Kansikistromes lebt der Heilige Wibhandaka friedlich in seiner Klause und spielt mit den scheuen und wilden Tieren des Waldes, wie wir mit Hündlein und Katze. Vor zwei Jahrzehnten brachte eine schönäugige Gazelle in seiner Einsiedelei ein munteres Menschenknäblein zur Welt. Wibhandaka nahm das Neugeborene in seine Arme, nannte es nach einem winzigen Gazellenhörnchen auf seiner Stirne Rischjaschringa und versprach der scheuen Mutter, es als seinen Sohn zum frommen Brahmanen zu erziehen. Da verwandelte sich die Gazelle vor den Augen des Gütigen in ein herrliches Göttermädchen, neigte sich dankend vor ihm und sprach: ›Der Fluch eines Frommen, den ich in seiner Andacht störte, hat mich in eine Gazelle verwandelt. Wenn ich einen Brahmanen zur Welt brächte, so sollte der Bann gelöst sein. Dank dir, ehrwürdiger Heiliger! Du hast die Macht des Fluches gebrochen! Brahmas Segen sei mit dir!‹ Dann umwandelte die Schöne den Einsiedler rechtshin und enteilte glückstrahlend zu Indras Himmel. Wibhandaka aber nahm sich des kleinen Rischjaschringa an und erzog ihn fern von aller Welt zum frommen Brahmatscharin, zum trefflichsten Schüler der Weda. Bis heute hat der edle Jüngling noch keinen anderen Menschen als seinen ehrwürdigen Vater gesehen. Wenn dieser reine Jüngling ins Land käme, so würde Indra seine Wolken senden und ihren Segen über Feldern und Wäldern ausgießen!« Als der Greis schwieg, hielten alle Priester der Versammlung seine Worte für weise und glückverheißend. Sie bedachten, wie sie den Jüngling ins Land bringen könnten, denn der Heilige Wibhandaka würde seinen zum Einsiedler erzogenen Sohn sicherlich nicht freiwillig ziehen lassen. Endlich beschloß der fromme Rat, den Jüngling durch die schönsten Mädchen des Landes aus dem Walde und über die Grenze zu locken. Aber alle die munteren Schönen des Angalandes fürchteten den zornigen Fluch des Heiligen Wibhandaka. Keine ließ sich bereit finden, das Wagnis auf Gefahr ihres Lebens und ihrer Seligkeit zu bestehen. Schon fürchtete; der König, den segenverheißenden Plan des greisen Brahmanen aufgeben zu müssen, als sein Töchterlein Santa aus dem Kreise der scheuen Anmut trat und errötend stammelte, daß sie wohl versuchen wollte, den Jüngling, von dessen Schönheit und Tugend sie so viel gehört habe, nach Tschampa zu führen. Gerührt schloß Lomapada sein holdes Kind in die Arme und ließ alle Vorbereitungen zur Reise treffen. Da ward ein breites Floß gezimmert und mit Erde bedeckt. Grünes Gesträuch und Bäumchen mit den süßen Früchten des Südens wurden darauf gesetzt, bunte, betäubend duftende Blumen gepflanzt und üppiger Rasen gelegt. Ganz vorne wurde eine Einsiedlerklause gezimmert, und diese ward herrlicher eingerichtet als das schönste Zimmer im Palaste des Königs. Wege, mit glitzerndem Kies bestreut, führten kreuz und quer durch den schwimmenden Garten und endigten an freundlichen Ruheplätzchen. Köstliche Speisen und berauschende Getränke wurden noch verladen, und dann war alles zur Abfahrt bereit. Santa bestieg mit ihrem Vater das Schiff, vierzig Ruderer verbargen sich unter den Sträuchern des Fahrzeuges, und stromaufwärts ging die Fahrt, der Einsiedelei Wibhandakas entgegen. Als sie am Morgen des siebenten Tages in die Nähe der Klause kamen, wurde das Floß ans Ufer getrieben und mit starken Tauen an Bäumen befestigt. Santa kam aus der Hütte am Bug. Sie war in eine Bastkutte gekleidet wie ein Brahmanenschüler und trug das üppige Haar in dicken Flechten um den Scheitel geschlungen. Voll Schelmerei und doch mit klopfendem Herzen umarmte sie den Vater, hörte noch einmal seine Lehren über Weg und Steg zur Klause Wibhandakas und eilte dann raschen Fußes über das Brücklein zum Ufer, im Arm ein Körbchen mit süßen Früchten und ein Krüglein feurigen Weines tragend. Munter schritt sie dahin und erkannte bald an dem Frieden des Waldes und der Zutraulichkeit seiner Bewohner, daß sie sich der heiligen Stätte näherte. Schon sah sie das Rindendach der einfachen Hütte durchs Geäst schimmern, als sie plötzlich vor Rischjaschringa stand, der im Walde Holz für das heilige Feuer sammelte. Erstaunt sahen die beiden einander an, und ihre Herzen pochten heftig, so schön fand eines das andere. Santa faßte sich zuerst und sprach die vorgeschriebene Begrüßungsformel: »Gedeiht dein Bußwerk, frommer Jüngling? hast du reichlich Nahrung und Trunk in deiner Einsamkeit? – Ich kam, dich voll Ehrerbietung zu grüßen!« Rischjaschringa sah das holde Menschenkind im Schülerkleid und stotterte verlegen: »Oh, sei mein Gast! – Ich neige mich und biete Trunk und Früchte dir und alle – alle Blumen des Waldes!« »Dank dir ehrwürdiger Frommer!« erwiderte Santa, »doch in unserem Hain am Wasser wachsen süßere Früchte als hier, und labender ist der Trunk aus unserer Quelle der Freude als aus den Wassern des Waldes! – Sieh nur! Ich habe dir solche Himmelsgaben gebracht!« Und Rischjaschringa aß von den Früchten des Südens und nippte am feurigen Weine. »Wie schön, wie herrlich, ist alles bei euch!« flüsterte er heiß. »Und du! – wie bist du hold! – wie zart von Gliedern – wie rosig von Haut. Dein Haar gleicht einer Königskrone, und dein Auge glänzt wie des Mondes Licht! – Oh, du bist ein höheres Wesen, und ich will mich betend vor dir neigen!« »Nein, nein!« lispelte Santa verlegen. »Du bist der Frömmere, du der Bessere! – Schweige mir von Verehrung!« Und sie legte ihr weiches Händchen auf die zitternd geballte Faust des Einsiedlers. »Oh, du Guter, du Schöner!« stammelte Rischjaschringa und sank, Santa umfassend, vor ihr nieder. »Du bist ein Gast aus Indras lichten Himmel, und immer werde ich vor dir im Staube liegen!« »Nein, nein! Du bist mein Herr, und ich grüße dich, wie es bei uns Sitte ist!« sprach Santa zaghaft. Dann neigte sie sich über den Knienden und küßte ihn erschauernd in einem langen Kusse. Errötend fuhr sie empor und floh eilenden Laufes durch den Wald, bis sie den schwimmenden Hain erreicht hatte. Rischjaschringa aber sank zu Boden und sah still sinnend in die Wipfel, bis am Abend Wibhandaka des Weges kam und den träumenden Sohn nach seines veränderten Wesens Ursache fragte. »O Vater!« sprach Rischjaschringa, »ein Schüler kam heute morgen hier vorbei, ein Schüler – so wie ich – und doch so tausend anders! – Das Schülerkleid aus Bast umhüllte seinen Leib – zart wie ein Lotusstengel und doch lebendig – kraftvoll – rund – geschmeidig – kühn wie der der Pantherkatze! – Des Jünglings Haar war lang und dicht und hing wie das der Wolkengenien in Flechten schwer ums Haupt, blauschwarz erglänzend und duftend wie ein Wald von Blüten. Seine Haut War weiß und weich! schwarz funkelten die Augen, rot leuchteten die Lippen, und perlenhell glänzten die Zähne. – Oh, es haben seine Lippen lang, und doch so kurz, auf den meinen geruht – dann sank ich hin und wußte um nichts mehr als um Seligkeit!« »Mein Sohn! mein Sohn!« sprach Wibhandaka ängstlich, »hüte dich vor den Schemen der Einsamkeit! Spuk geht durch die Stille, und wo er nicht als Ungeheuer droht, da verlockt er in lieblichen Bildern zur Torheit. Doch Unheil bringt das dem Frommen und Elend und Herzensnot. Hüte dich, mein Sohn und komm nun zur Ruhe in die Klause! – Fürchte den Zauber des einsamen Waldes: je lockender er sich zeigt, desto verderblicher wird er dem Frommen!« Und dem versonnenen Sohn noch manche Lehre erteilend, führte Wibhandaka ihn in die Hütte. Die beiden Frommen suchten ihr Lager auf. Unruhig, voll Sorge, wälzte der Vater sich umher, der Sohn aber träumte von seinem Sehnen und einer neuen Begegnung mit dem schönen Brahmatscharin. Am nächsten Morgen eilte Wibhandaka in den tiefsten Wald, um den Dämon zu suchen, der den frommen Sinn seines Sohnes verstört hatte. Rischjaschringa aber schlich aus der Klause gegen den Strom hin, um seinen neuen Freund wiederzufinden. Er hatte noch nicht lange durch die Büsche gelugt, als Santa fröhlichen Herzens des Weges kam. Sie hatte gestern den erstaunten Fragen des Vaters ihr Ohr verschlossen und war rasch in die Hütte am Bug geschlüpft, um bis zum Morgen von dem schönen und reinen Geliebten zu träumen. Nun rief sie ihn mit lockender Stimme, und Rischjaschringa sprang hinter dem deckenden Buschwerk hervor, den muntern Gefährten zu umarmen. »Oh, komm rasch nach deinem heiligen Hain, denn Vater Wibhandaka schilt, wenn er mich in deiner Gesellschaft findet – und ich kann doch nicht von dir lassen!« flüsterte er Santa unter zärtlichem Kosen ins Ohr. Santa nahm des Geliebten Hand und lief mit ihm nach dem Floß. Kaum hatten die beiden das Fahrzeug betreten, so lösten die Ruderknechte die Taue vom Ufer und trieben es schnellen Schlages stromabwärts nach Tschampa. Lomapada trat unter dem Strauchwerk hervor und grüßte den jungen Heiligen mit ehrerbietiger Gebärde. Sodann führte er ihn nach der Hütte am Bug und trieb die Knechte zu schnellster Fahrt. Kaum war das Floß mit dem reinen Jüngling über die Landesgrenze von Anga geglitten, so türmten sich rundum regenschwere Wolken am Himmel empor, Indras Blitz zuckte helleuchtend durch die zitternde Luft, und die Fluten prasselten erlösend auf das dürstende Land hernieder. Jubelnd eilte von allen Seiten das Volk an die Ufer der Kausiki und begleitete das Fahrzeug mit dem segenspendenden Heiligen bis nach Tschampa. Dort verließ der König mit Rischjaschringa und der lieblichen Santa das Floß und gab vor allem Volke die holde Tochter dem Erlöser des Landes zur Gattin. Die Priester des Reiches aber erwählten den frommen Sohn Wibhandakas zu ihrem Oberpriester. Indessen war der alte Einsiedler von seiner Gespensterstreife nach der Klause zurückgekehrt. Als er den Sohn vermißte und dieser auch seinem eifrigsten Rufen nicht folgte, da ahnte der Sündenreine, was geschehen war, und machte sich zornig auf den Weg nach Tschampa. Voll finsterer Rachegedanken schritt er am Ufer der Kausiki durch die Wildnis dahin. Als er aber an die Grenze von Anga kam, sah er wogende Felder, saftgrüne Wiesen, strotzende Herden und fröhliche Menschen. Und alle, die den Heiligen kannten, liefen auf ihn zu, begrüßten ihn voll Ehrfurcht und priesen seinen herrlichen Sohn als Retter aus der Not und als Spender all ihres Reichtums und Glückes. Da lächelte der Heilige voll Milde und schritt weiter seines Weges, im Herzen versöhnende Freude tragend. Und als er in Tschampa die liebliche Gattin seines Sohnes sah, als er des frommen Königs Huldigung empfing, und des Volkes jubelnde Freude auch sein Herz erfüllte, da sprachen seine zitternden Lippen statt des Fluches einen feierlichen Segen über alles Glück, das sein guter Sohn im Reiche der Angern geschaffen hatte. Vipaschit, der Gute Der gute König Vipastschit von Wideha schloß die Augen zum letzten Schlaf. Da trat ein Häscher des Todesgottes an sein Lager. Finsteren Antlitzes stand er vor der Leiche, in blutrotes Gewand gehüllt, Hammer und Strick in der Rechten. Ein Geruch wie von Aas ging von dem Schrecklichen aus. Schweigend fesselte er die Seele des Verstorbenen, ließ den Leichnam auf seinem Prunkbette liegen und führte Vipastschits Unvergängliches aus dem Palaste seiner Väter gegen Süden. Zwölf Tage schritt Yamas Bote stumm dahin. Der gefesselte Vipastschit an seiner Seite litt unter des Weges Länge und Rauheit und unter der endlosen Glut der Sonne. So oft er aber das Haupt wendete, sah er in der Ferne die Berge der Heimat grünen und das Dach seines Palastes glänzen. Was die zurückgebliebenen Lieben im Totenopfer spendeten, war Nahrung und Trunk des Müden auf diesem Wege des Leidens. Am Abend des zwölften Tages standen sie endlich vor Yamas Burg, und einer aus der Schar der Diener – Wunden und Krankheit sind des Todes Diener – ließ den Häscher mit seinem Gefangenen ein. »Du sollst die sieben Höllen mit mir durchwandern!« sprach der Todesbote, als sie einen finsteren Gang durchschritten. »Hab' ich so sehr gefrevelt in meinem Erdendasein? – und glaubte doch immer, den Weg des Rechtes und der Pflicht zu gehen!« sprach Vipastschit ernst. »Unsträflich war dein Wandel, König, und allen Gerechten ein Vorbild!« erwiderte Yamas Diener. »Nur einmal hast du gefehlt und mußt nun zur Sühne die Qualen der Hölle erschauen, doch nicht erleiden. Dies Urteil sprach dir Yama, der die Toten richtet und die Lebendigen!« Schweigend schritten sie weiter. Endlich sprach Vipastschit: »Ich sinne vergeblich nach meiner Sünde! – Den Letzten meines Volkes hab' ich mit demselben Eifer beschützt wie den Ersten; nie hab' ich mehr als den Sechsten genommen und habe im Opfer den Göttern und Priestern mit offener Hand gespendet! – Ehrfürchtig neigte ich mich vor allem Guten und habe das Schlechte gebeugt und vernichtet, wo ich es fand. – Willst du meinen Fehler mir nennen?« »Pivari, dein Weib, wollt' einst in Liebe dir nahen, doch du, von Sorgen deines Amtes umdrängt, hast ihrer Herzensnot nicht geachtet. Eine Stunde der Seligkeit hast du ihr geraubt, denn der Mann ist des Weibes Himmel auf Erden! Nun mußt du die Stunde in der Hölle verbüßen, auf daß du fleckenlos zum ewigen Licht aufsteigest!« »Der Tod ist ein gerechter Richter!« sprach der Verurteilte ehrfürchtig, die gefalteten Hände zur Stirne erhebend. Als sie das Ende des Ganges erreicht hatten, sah Vipastschit eine weite Grotte vor sich. Kreuz und quer liefen Gräben über ihren Grund, und darin lagen glimmende Kohlen aufgeschichtet. Durch ihre Glut hetzten, dumpf jammernd, arme Sünder dahin und versanken oft bis an die Knie in dem rauchenden Weg. Schwelendes Fleisch stank durch den ganzen Raum. »Es ist die erste Hölle, die Hölle des Stöhnens!« sprach der Begleiter zu Vipastschit. »Viele, die du hier siehst, haben die Ehrfurcht vor Eltern und Lehrern, vor Weisheit und Sitte mit Füßen getreten; nun müssen sie tausend Meilen über das Feuer laufen, ehe sie in Tiergestalt ihr Erdenwallen wieder beginnen!« Mitleidig sah Vipastschit nach den stöhnend Dahinhastenden und schritt hinter seinem Führer nach dem nächsten Raum. Hier deckten glühende Erzplatten den Boden. Yamas Diener schleppten fortwährend Gefesselte herbei und wälzten sie über die rote Glut. Das Brüllen der Gemarterten klang schauerlich in das Zischen und Sengen ihrer verbrennenden Haut. »Es ist die Hölle des Brüllens!« erklärte der Häscher dem König. »Dreitausendfünfhundert Meilen weit müssen die Gefesselten über die Glut rollen, ehe sie durch das Tier wieder zum Menschen aufsteigen dürfen!« »Schrecklich!« sprach Vipastschit. »Manche der Armen zeigen auch tiefe Bißwunden, und dort sehe ich einen, dem Wölfe oder Hyänen die Schultern zerfleischt haben!« »Er war ein Verleumder, der hinter dem Rücken seiner Nächsten ihre Ehre fraß!« sprach düster der Führer. »Und jene beiden dort, mit lodernden Zweigen in den Ohren, haben seine Lästerreden mit Freuden gehört und weitergetragen!« Das große Herz voll innigsten Mitleides, folgte der König seinem unerbittlichen Führer in die dritte Hölle. Hoffnungsloses Dunkel herrschte hier, und ein eisiger Hauch ließ das Blut in den Adern erstarren. Der Häscher entzündete eine Fackel. »Es ist die Hölle der Finsternis!« sprach er und wies seinem Gefangenen im flackernden Lichte ein Bild des Grauens: zähneklappernd schleppten sich Müde über Eis und Schnee dahin; Hagelstürme prasselten hernieder und rissen den vom Hunger Verzehrten die Haut von den Knochen. Wo zwei einander begegneten, da leckte der eine dem anderen gierig das Blut aus den Wunden. In der vierten, der Hölle der Zwietracht, sah Vipastschit eine riesige Töpferscheibe. Verurteilte lagen darauf, und ein Diener Yamas trieb das Gewerke langsam im Kreise herum. Kam einer der Armen in seine Nähe, so schnitt ein glühender Draht ihn mitten entzwei. »Sie haben auf Erden den Frieden gestört und überall Zwietracht gesät!« sprach der Häscher zu Vipastschit und zog ihn zur Hölle der grausigen Tiefe. Wie ein riesenhafter Brunnen ging dort ein kreisrunder, bodenloser Abgrund in die Erde. Unablässig warfen die Diener Yamas Sünder hinein und zogen die Blutenden mit zerschmetterten Gliedern empor, um sie vom neuen hinunterzustürzen. Schaudernd wandte Vipastschit sich von dem strengen Gericht. Da sah er neben dem Abgrund einen herrlichen Wald sich breiten. »Wir müssen ihn durchschreiten!« sagte sein Führer, »es ist der Schwertblätterwald!« Kaum hatten die beiden den lockenden Wald betreten, so bot sich dem mitleidigen Herzen Vipastschits ein schrecklicher Anblick dar: Weithin brannte der Wald lichterloh, und in den Flammen hetzten Unglückliche umher. Die Blätter an den Bäumen waren haarscharfe Schwerter, und ein heulender Sturmwind wirbelte Tausende von ihnen durch die Luft, so daß sie die Leiber der Gemarterten schrecklich zerfleischten. Bäche von Jauche und Schweiß durchschnitten den glühenden Boden, Hyänen und wilde Hunde jagten die Erschöpften durch stachlichte Büsche und wühlten in den Eingeweiden der Gefallenen. Hier hackte ein Geier mit demantenem Schnabel die Augen eines lüsternen Neiders aus, dort fraßen Krähen die Zunge eines anderen, der gegen die Weisheit gestritten hatte. Kalten Herzens erklärte der Führer dem guten Vipastschit alles, doch dieser wandte sich mit einer Träne im Auge von ihm. »Zur letzten Hölle!« sprach der Häscher. »Zur Hölle der kochenden Glut!« Und er führte Vipastschit zu einigen riesigen Kesseln, die mit siedendem Öl und mit glühenden Eisenspänen gefüllt waren. Tausend und abertausend Sünder hingen an scharfen Ketten kopfabwärts in dem kochenden Brei, und Scharen von Geiern rissen den Unglücklichen das verkohlte Fleisch von den Knochen. Vipastschit trat, vom Schmerz überwältigt, an die Pforte, um all diesem Grauen zu entfliehen. Da ging ein Jammern und Schreien durch die sieben Höllen, und »Bleibe, bleibe, du Guter!« klang es flehend an sein Ohr. »Himmelshauch geht von dir aus und lindert die schrecklichsten Schmerzen! – Wir werden verzweifeln, wenn du gehst!« seufzte es aller Orte. Verwundert stand Vipastschit still und fragte seinen Führer, was dies bedeute. Und der strenge Diener des Todes sprach: »Wahre Güte, o Herr, ist der einzige Quell der Erquickung. Und du bist ein Strom der Güte! Jede deiner Guttaten auf Erden haucht Verzeihung in diesen Ort der Strafe: und gabst du nur einem darbenden Vöglein ein Reiskorn, so sättigt dies heute hier einen Hungernden. Doch deiner guten Taten und Worte sind mehr als Sterne am Himmel! Dein Anblick läßt die Gequälten ihre Martern vergessen, und deine Nähe heilt ihre Wunden!« »Dann will ich hier bleiben!« rief Vipastschit, »denn nichts erhebt so sehr das Herz als trösten und helfen!« »Komm, o König!« sprach der Yamabote, »deine Stunde ist um, und des Himmels Seligkeit wartet auf dich! – Laß jene erleiden, was sie verdient haben!« »Nie noch habe ich Trostheischende verlassen!« sprach Vipastschit ernst. »Ich verachte den Mann, der nicht alles wagt, um Flehende zu helfen! Hart heiß' ich ihn vor Kindern und Greisen, schwach vor dem Mann und vor dem Weibe herzlos! – Wenn meine Nähe auch nur eine Träne trocknet, einen Schrei erstickt und eine Wunde heilt, so bleib' ich bis ans Ende aller Zeiten hier!« »Sieh, o Herr!« rief der Todesbote, »deine Buße ist zu Ende, dort naht sich Yama, der Herr der Hölle, und Indra, der Herr des Himmels, um dich nach den Gefilden der Seligen zu geleiten!« Die beiden Götter traten vor den guten König Vipastschit und luden ihn ein, ihnen in den lichten Himmel zu folgen. Vipastschit verehrte die Unsterblichen in demütigem Gruße, dann hob er flehend die Hände und bat: »Laßt mich hier, ihr Hüter der Welt, wo Tausende und Abertausende leiden und von mir Linderung ihrer maßlosen Pein erflehen!« »Sie haben die Strafen der Hölle verdient, wie du den Lohn des Himmels!« sprach Indra düster. »Sind meine Taten so hohen Lohnes wert?« fragte Vipastschit. »Sie waren es, eh' du hierher kamst, doch um dein Erbarmen mit diesen, bleibt selbst alle Herrlichkeit des Himmels noch tief in deiner Schuld, du Guter!« erwiderte Yama, der Totenrichter, bewegt. »Weit ist deine weise Güte, wie das Meer und höher als der Himawat. Ihrer Früchte sind mehr als Sandkörner in der Ganga breitem Bett, und sie speisen Götter und Menschen bis ans Ende der Zeit!« Da neigte sich der Gepriesene vor Yama und sprach: »Hab' ich solche Gnadenschätze aufgehäuft in meinem Erdenwallen, so nimm sie hin, Richter der Lebendigen und der Toten! teile sie unter den Ärmsten der Armen, den Sündern, und laß die Gnadeheischenden ihrer Höllenpein ledig sein!« »Sie sind es auf deine Bitte hin!« sprach Yama winkend. Krachend sprangen die Pforten der Hölle auf, und laut jubelnd, den König der Gnade preisend, strömten die armen Sünder ins Freie. Ein Blütenregen fiel vom Himmel, ein Wolkenwagen nahm Vipastschit und die Götter auf, und Indra rief jauchzend: »Du Hort des Erbarmens sollst den besten Sitz in meinem Himmel haben!« Dann ging die Fahrt aufwärts ins endlose Blau. Held Rama Brahma zu Valmiki: Bis der Welten Wasser trocknen, Täler ihre Berge werden, Sing's und kling's vom Helden Rama überall auf froher Erden! Und die frommen Klänge tragen, hehrer Sänger, Dich nach oben Zu den Höhen lichter Götter, welche Deine Lieder loben. (Frei nach Valmiki, dem Dichter des Ramaliedes.) Vorgeschichte Ravana König Ravana von Kekaya hatte mit seinen Brüdern die Burg des Zauberers Siwadatta gebrochen und ihre Mauern geschleift. Tausend Büchslein und Krüglein, mit Pulvern, Kräutern und Salben, hundert Blätter mit geheimnisvollen Sprüchen, und zwei Wagen voll Zauberwaffen aller Art führte der Sieger hinweg und verbarg das gefährliche Gerät in einer fast unzugänglichen Höhle vor der Gier und Gewissenlosigkeit der Menschen. Siwadatta war wie der Fuchs aus dem Bau gefahren und hatte nur einen einzigen seiner gewaltigen Zauber mit auf die Flucht nehmen können. Dieses letzte Mittel zur Rache an seinen Todfeinden behütete er wie seine Augen, um es bei günstiger Gelegenheit zur Hand zu haben. Nicht weit von Ravanas Residenz siedelte er sich im Walde, mitten unter frommen Brahmanen, an und harrte geduldig auf die Zeit der Rache. Niemand erkannte in dem würdigen Klausner Siwadatta den bösen Zauberer. Nach einem langen Jahr des Wartens lieferte das Schicksal ihm seine Feinde aus: Eines Morgens klangen die Hörner des königlichen Jagdzuges durch den friedlichen Einsiedlerwald, und Siwadatta wußte, daß seine Stunde gekommen war. Entschlossen und doch zitternd griff er nach seinem letzten Zaubermittel: Seinen Nachbarn, einen alten, von allen geliebten, frommen Brahmanen namens Ruru, verwandelte er in einen riesigen Eber und hetzte das Tier den königlichen Jägern entgegen. Kühn fing Ravana den Wütenden mit seinem Speere ab, und bald verkündigte des Königs Muschelhorn den Jagdgenossen, daß eine prächtige Beute erlegt sei. Jubelnd umdrängten Brüder und Freunde den glücklichen Jäger, staunten über die Größe des erlegten Ebers, beglückwünschten den König und priesen seinen Mut und seine Stärke. Auch viele von den Klausnern waren herbeigeeilt, und nachdem man sich gegenseitig voll Ehrerbietung begrüßt hatte, lud der König alle die Frommen des Waldes und seine Jagdgenossen zu fröhlichem Jägermahl unter den Bäumen ein. Der Eber wurde von geschickten Händen abgezogen und ausgeweidet, und bald prasselte er an einem gewaltigen Spieße über einem lustigen Feuer. Als der Braten gar war, machten die Gäste sich fröhlich darüber, und bald war die Hälfte des zarten, saftigen Fleisches verzehrt. Da rief Siwadatta plötzlich: »O seht! wir essen vom Fleische unseres frommen Bruders Ruru!« Voll Schrecken starrten alle nach dem Spieß, der noch vor kurzem die Überreste des Ebers getragen hatte: das gespießte Haupt zeigte die schmerzverzerrten Züge des guten Klausners, und von seinem Leib war noch so viel zu sehen, als die Esser von dem gebratenen Eber übriggelassen hatten. Eisiges Grauen schnürte den Entsetzten die Brust zusammen, und die ersten gestammelten Laute, die sich den Lippen des frommen Dorfältesten entrangen, waren ein schrecklicher Fluch über den Geber des greulichen Mahles. »Wehe – wehe – Ravana!« stöhnte der zitternde Greis. »Du hast einen Brahmanen ermordet – du hast seinen Leichnam geschändet – du hast fromme, gottergebene Büßer verblendet, daß sie an deinem eklen Mahle teilnahmen und sich vor Gott und der Welt durch Genießen vom Fleische eines der Ihren verunreinigten! – Wehe, du Ungeheuer! – So verfluche ich dich und die deinen, jahrhundertelang als dämonische Ungeheuer durch die Welt zu toben, euch selbst zum Greuel ob eurer Laster und der Welt zur Last ob eurer Greuel!« »Schweig – schweig – –!« stammelte der König. »Nein!« schrie der furchtbare Alte, »dein Leib soll wachsen wie ein Baum, und deine Nägel sollen wie Messer werden! Deine Haut sei wie faulende Rinde, und dein Haar wie vertrocknetes Schilf! Wie höllisches Feuer soll das Blut in deinen Adern wallen, und zehn Häupter sollen dir wachsen, daß du deine Brunst aus zehn Rachen in die Welt brüllen kannst! Deinem Bruder Kumbhakarna schwelle der Wanst, daß Brahma vor seiner Freßgier für die Welt erzittert! Vibhischana aber, dein jüngster Bruder, vertrockene wie eine Dattel im Winter, auf daß jeden, der ihn sieht, das Mitleid schüttelt! Alle die Deinen, du Ungeheuer, von der ersten Gattin bis zum letzten Troßbuben, sollen dir als Dämonen folgen und dir nur da gut dienen, wo du dem Schlechten dienst!« Und wie der eifernde Priester in seinem reinen Zorn ob des schrecklichen Frevels Wort um Wort hinausschrie, so erfüllte das Schicksal Zug um Zug den Fluch des bußreichen Brahmanen. König Ravana wuchs und stand da als das zehnköpfige Ungeheuer. Er ballte in ohnmächtigem Zorn die Finger mit den Sichelkrallen und starrte entsetzt auf den Schorf seiner Arme. Kumbhakarna quoll auf, mehr als der größte Weinschlauch, und Vibhischana verschrumpfte zum Zwerge. »Halt ein! – nimm deinen Fluch zurück!« rief Ravana entsetzt. »Ich bin unschuldig wie meine Brüder! – Oh – ich ahn' es – das tat mir Siwadatta an, der Zauberer, den ich aus seinem Schlosse gejagt habe, um meine Untertanen vor seiner Bosheit zu schützen!« »Siwadatta?« murmelten die Klausner. »So heißt der Bruder, der dich heute des Frevels zieh! – Er lebt erst ein Jahr lang unter uns!« »So lange ist es her, daß ich seine Zauberfeste brach! – Wo ist er?« rief Ravana. »Wo ist er? – wo ist er?« schrien alle durcheinander und suchten die nächste Umgebung ab. Doch der Zauberer blieb verschwunden und ward auf Erden nie wieder gesehen. Ravana und seine Brüder flehten den alten Heiligen an, seinen Fluch zurückzunehmen. »Das kann ich nicht!« sprach der Fromme, traurig ob seines schnellen Zornes. »Des Büßers Wort ist einmal und unabänderlich! – Doch da ich dir und den Deinen unrecht getan habe, so sollt ihr jeder einen Wunsch frei haben. Meine Brüder und ich wollen unsere im Himmel aufgehäuften Bußschätze daran wenden, daß die drei Wünsche erfüllt werden!« »Himmel und Hölle!« tobte Ravana. »Soll ich wegen dieses Plappermaules als Dämon durch die Welt rasen, so soll sie mich mehr fürchten als alles! Ich will, daß keiner der Götter mich besiegen kann! « »Gewährt!« nickte der Alte. »Die Menschen werden dich bezwingen!« »Die Menschlein?« lachte Ravana gröhlend. »Die furcht' ich nicht mehr als die Affen!« »Und du, Kumbhakarna? was wünschest du?« fragte der Älteste den ersten Bruder Ravanas. Der Dicke riß das Maul auf, denn er war lüstern nach Speise. Sarasvati, die Göttin der Beredsamkeit, schlüpfte unsichtbar hinein und kam gleich darauf als sein Wunsch über die Lippen: » Ich will schlafen, nichts als schlafen !« Brahma hatte vor des Kolosses Freßgier für seine Welt gezittert und ihn darum durch seine Gattin überlisten lassen. Wiederum nickte der Alte: »Gewährt!« Das verhuzelte Männlein Vibhischana erhob sich und seufzte unter Tränen: » Oh, gebt mir zum Mitleid auch die Liebe der Menschen! dann will ich mein Schicksal gerne ertragen!« »Mit tausend Freuden gewährt!« sprach der Alte und legte segnend die Hand auf das Haupt des Bejammernswerten. »Genug des Tränenspieles!« tobte Ravana. »Euch segnenden und fluchenden Frommen will ich noch in die Feuer fahren! – Auf, Knechte, packt meinen dicken Bruder, der, beim Indra, schon schläft wie eine Ratte, auf einen der Beutewagen. Vorwärts, faules Gesindel, oder ich will euch Beine machen! – Marsch, Pfaffengezücht, in eure Hütten!« Unter Ravanas Flüchen und Schelten zogen die Büßer sich in ihre Klausen zurück. Die Troßknechte luden den schlafenden Kumbhakarna auf einen der Rüstwagen, und dann tobte der Zug südwärts durch den Wald davon, um Siwadattas Zaubergerät aus seinem Verstecke zu ziehen. Alle Menschlichkeit war in Ravana erstorben, und wie der Wolfshund dem Wolfe an die Gurgel fährt, so wollte der Dämon gewordene Mensch die Menschheit mit allen Mitteln würgen, bis ihr der Atem zum Fluchen verginge. Sengend und brennend zog die Horde durch alle Lande, und das Kind in der Wiege war nicht sicher vor der Furchtbaren Wut. Wie ein Strom in der Regenzeit schwoll die Schar unter dem mächtigen Dämonenherrscher und vernichtete, was sich ihr Gutes und Nützliches entgegenstellte. Der Menschheit bangte um ihr Sein und sie lag in brünstigem Flehen vor ihren Göttern und Rettern. Da trat Narada, der ewig wandernde Götterbote, vor den Dämonenherrn. »Ravana! Dämon! Ungeheuer! Höllenfürst und Allbezwinger!« begann er zu höhnen. »Wie tapfer schlägst du dich mit den Menschlein herum! Sieh doch, wie großartig, die zu schlagen, die täglich der Tod schlägt! Ei, du bist mir ein Allsieger! – Versuch' deine Kraft einmal an der Menschheit Bezwinger: den Tod greif an, wenn du Mut hast!« »Du hast recht, armseliger Wurm, darum will ich dich nicht zertreten!« brüllte Ravana, »Auf, auf, meine Getreuen, wir wollen den Völkerversammler Yama in seiner Höhle und Hölle aufsuchen, um unsern Mut zu beweisen! Kommt, wir wollen den Tod töten!« Johlend brach das Dämonenheer auf und stürmte den Kaïlasa hinan, um durch den Berg in die Unterwelt zu fahren. Auf dem Gipfel verwüsteten die Tollen den herrlichen Hain des Schatzgottes und stahlen seinen goldstrotzenden Wagen Puschpaka. Auf diesem wunderbaren Fahrzeug hielt Ravana seinen Einzug in die Unterwelt. Die armen Sünder, die da auf Rasen aus Dolchmessern, unter Bäumen, die Schwerter trugen, an Bächen von Blut und Quellen von Schweiß ihr Erdenwallen abbüßten, jubelten Ravana als ihren Befreier entgegen. Da erschien der Gott des Todes auf seinem Streitwagen. Ein wütender Kampf zwischen den beiden Starken entbrannte. Schon hob Yama das Sichelschwert, um das Ungeheuer zu töten, als des Schicksals Stimme im Kampflärm erschallte: »Gott des Todes, du darfst Ravana nicht fällen, denn mein Wort muß sich erfüllen!« Da spaltete Yamas Schwertschlag die Erde, und der Gott verschwand vor den Augen des jubelnden Dämons. Siegestrunken zog Ravana zur Oberwelt und forderte in seinem Übermute Varuna, den Herrn der Gewässer, zum Zweikampf. Varuna, des Schicksalsgebotes eingedenk, sandte seine starken Söhne, die wilden Bergströme, über den Frevler. Hei! setzten die dem Heißblütigen zu! Doch Ravana wehrte sich tapfer. Glühender Odem ging aus seinen zehn Rachen und brannte den Söhnen Varunas das Fleisch von den Knochen. Dünn und matt schlichen sie nun durch die Lande, bis ihr Vater mit dem Unbezwinglichen Frieden schloß und ihm als dessen Unterpfand die Insel Lanka zu eigen gab. Dort gründete Ravana eine befestigte Stadt, brachte Hof und Familie darin unter und rastete selbst oft hier, von seinen Streifen ermüdet. Doch stets aufs neue fuhr er aus, denn Puschpaka, der herrliche Wagen, den er auf dem Kaïlasa erbeutet hatte, trug ihn durch die Wolken ans Festland. Zehntausend Frauen und Mädchen hatte Ravana bei Göttern und Menschen geraubt und hielt sie in seinem Frauenhause zu Lanka eingeschlossen. Einst riß er in Kekaya ein Weib an sich, welches bei seinem erschrecklichen Anblick verstummt war. Puschpaka trug den Frauenräuber mit seiner schönen Beute durch die Wolken nach Lanka, aber als der Unhold die Wehrlose ins Frauenhaus schleppen wollte, kam eben sein ältester Sohn des Weges. »Wehe, Vater!« rief dieser beim Anblick der Stummen, »du hast meine verlorene Gattin zu deinem Weibe gemacht! Fluch deinen Gewalttaten gegen Frauen: Zwingst du noch einmal ein Weib, dir zu Willen zu sein, so soll dein fühlloses Herz in sieben Stücke brechen, daß du auf der Stelle verendest.« Ravana ließ seine unglückliche Schwiegertochter frei, und die Angst vor Erfüllung des Fluches zähmte fortan seine wildesten Gelüste. Meist nahte er sich nun den Geraubten in verzauberter Gestalt, und List, schlaue Rede und geheuchelte Freundlichkeit mußten ihm die rauhe Gewalt ersetzen. Doch nur den Frauen gegenüber hielt sich der Dämonenfürst im Zaum. Götter und Menschen mußten nach wie vor seine harte Faust fühlen; ja, er drang sogar mit den Seinen in Indras Himmel ein, stellte sich dem gewaltigen Donnerer zum Kampfe, und während undurchdringliche Finsternis das Ringen der beiden Stärksten verhüllte, band der Sohn Ravanas den Götterkönig durch einen mächtigen Zauber. Indradschit, den Indrabezwinger, nannte man seither den kühnen Dämonenprinzen. Indradschit gab seinen Gefangenen erst frei, als dieser ihm die Gunst gewährte, nach jedem Opfer einen Tag lang unbesieglich zu sein. Nun war der Sohn so schrecklich wie der Vater, und die Menschheit verging schier unter den Greueltaten der Übermächtigen. Die Lichtgötter waren ob der ihrer Sorge anvertrauten Menschheit bekümmert. Sie traten vor Brahma, den Schicksalswalter, um seinen Rat, seine Hilfe gegen das Ungeheuer Ravana zu erflehen. Doch des Schicksals Verhängnis ist ewig und unerbittlich. »Keinem der Himmlischen darf der Verfluchte erliegen!« sprach Brahma. »Doch der Menschen hat sich der Starke, in Verachtung alles Schwachen, nicht versehen. Der Menschen, die er den Affen verglich. Mag ein reiner Mensch den Kampf mit dem Ungeheuer wagen, und Affen sollen ihm beistehen. Vielleicht wird dadurch die Welt von dem Übel erlöst.« Als Brahma geendet hatte, rauschte es in den Lüften, und Wischnu, der Gott im goldgelben Kleid, kam auf seinem Geier Garuda geritten. Die Himmlischen grüßten ihn mit ehrfürchtiger Gebärde und sangen: Dreigespaltner! – Der die Welt errichtet, Sie erhaltet und vernichtet – Dreigeeinter! – Sei gegrüßt! Quell der Quellen, Ätherweit, Grund des Werdens und Vergehens, Herr der Zeit, Der Ewigkeit, Hort des Wechsels und Bestehens! Der du warst, ohne zu werden, Sonne schufst und Mond und Erden, Sie erhaltest und erhörst Und am End' der Zeit zerstörst – Dreigespaltner, sei gepriesen! Dreigeeinter! Der uns vierfach offenbaret Und doch unerfaßlich ist, Jedes Lebens Maß bewahret Und doch unermeßlich ist! Schöpfer, der du unerschöpflich, Werd' Geschöpf zum Heil der Schöpfung, Werde Mensch zum Heil der Menschen Und der Götter, höchster Gott! Dreigespaltner! – Der die Welt erbaut, Über ihr waltet, das Ende schaut – Dreigeeinler, errett' uns! »Euer Vertrauen will ich belohnen!« sprach Wischnu. »Als Menschensohn will ich geboren werden und das Ungeheuer, das die Welt würgt, vernichten. Ein Lehrer, der Krieger ist und Priester – ein Starker voll menschlicher Schwäche, ein Schwacher voll himmlischer Kraft – soll den Erdgeborenen für den überirdischen Kampf stählen. Ihr aber bevölkert mir die Erde mit starken und zauberkundigen Affen, auf daß der Held Hilfe finde gegen die Scharen der Dämonenfürsten!« So ward Ravanas Untergang beschlossen. Wischwamitra Im glänzenden Licht der Morgensonne lag die Einsiedelei des Heiligen Wasischta da. Blühende und zugleich früchtetragende Baumriesen umschatteten den Platz vor dem kleinen Häuschen und dem sauberen Stall für des Klausners Kuh. Und, als gälte es, ein immerwährendes Fest zu feiern, zogen sich Ranken mit roten, blauen und weißen Blütensternen über Wände, Dächer und Firste der freundlichen Gebäude. Sorglos äste das scheuste Wild, die zarte Gazelle, rings um die Stätte des Friedens. Der Kokila, Indiens Nachtigall, sang seine Weisen, und Kinaras, verliebte Genien mit Roßköpfen, trieben auf der Wiese ihr loses Spiel. Auf der Opferstätte, die unmittelbar hinter der stets offenen Tür der Klause lag, schürten kleine, kaum spannenlange Wesen im Büßerkleid das ewige Hausfeuer und legten wohlriechende Hölzer in die Flammen. Wie die Heinzelmännchen des deutschen Märchens hüteten sie das Haus vor Schaden und dienten dem Guten mit Fleiß und mit Eifer. Plötzlich schmetterten die Klänge von Heerhörnern in die friedliche Stille. Wischwamitra, der edle und starke Herrscher des Reiches, zog mit Heeresmacht durch sein Land, um pflichtgemäß überall nach dem Rechten zu sehen. Wasischta, der fromme Seher und Sänger der Vorzeit, den seine Frömmigkeit, seine Weisheit und Güte und die strenge Bändigung seines Sinnenlebens schon durch Jahrhunderte am Leben erhalten hatte, trat vor die Tür, um seinen erlauchten Gast, dessen Nahen die Muschelhörncr verkündigt hatten, voll Ehrerbietung zu begrüßen. Mit einem freundlichen: Sei willkommen, mein königlicher Herr! trat der fromme Greis vor den stolzen Krieger und lud ihn mit demütiger Gebärde zum Eintreten. Der König neigte sich vor dem Heiligen und hieß sein Gefolge lagern. Während er mit dem Klausner nach dem Häuschen schritt, fragte er der Sitte gemäß nach dem Wohlergehen des ehrwürdigen Gastgebers und nach dem Gedeihen seines Bußwerkes. Wasischta dankte und pries die Sicherheit der Frommen unter des tapferen Königs Herrschaft. Als Wischwamitra den Ehrensitz eingenommen hatte, fragte auch der Heilige nach des Königs Wohlsein, nach seiner Freude an redlicher Erfüllung der Herrscherpflicht und nach Sieg und Segen im Reich und Haus seines Gastes. Nachdem der Klausner dem König Fußwasser und die gastliche Spende gereicht halte, hat er auch Heer und Gefolge des Edlen bewirten zu dürfen. »Freundlich ist deine Meinung, heiliger Mann!« sprach der König mit ablehnender Gebärde, »doch beim Priester will der Krieger nicht seines Leibes Hunger sättigen. Dein Anblick, Ehrwürdiger, stärkt mehr als das köstlichste Mahl. Ich und die Meinen werden dir deshalb für reichste Gastfreundschaft verpflichtet bleiben!« Doch als Wasischta seine Einladung noch einmal vorbrachte, gab Wischwamitra nach, teils aus Ehrfurcht vor des Heiligen Wunsch, teils aus Neugierde: Was konnte der arme Bewohner der Waldöde der großen Schar seiner Gäste wohl vorsetzen wollen? Kaum hatte Wasischta des Königs Einwilligung erlangt, so führte er ihn vor die Klause und zog seine Kuh aus dem Stall. Die war schwarzgescheckt, mit glänzendem Haar, sanften Augen und strotzendem Euter. »Es ist Nandini, die Wunschkuh!« sprach der Priester zum König. »Die Kuh ist die Mutter des Volkes. Sie schenkt ihm des Lebens erste Notdurft und damit seine letzte. Sie ist das Sinnbild der nährenden Arbeit. Was den Leib erfreut und erhält, fließt aus ihrem Euter und baut den Tempel für Geistiges und Göttliches. Aus ihm strömt Nahrung, Kraft und Macht. Göttlichen Ursprungs ist meine gute Nandini und des Sinnbildes Leibhaftigkeit. Was ich von ihr erbitte, wird mir gewährt, ohne daß es den langen Weg des Werdens in Arbeit wandeln muß!« Dann kraute der Heilige seinem Liebling die Stirne und sprach zu ihm: »Scheckin! für die Schar der Gäste Schaff' zum Mahle mir das Beste, Daß ein jeglicher genieße, Was ihm schmeckt! Der liebt das Süße, Saures der, und jener scharf – Gib nach jedermanns Bedarf. Herbe Kost ist auch willkommen, Salzig mag so manchem frommen, Bitter ist mir noch bewußt Als des Gaumens letzte Lust. Sechsfach ist Geschmackessinn! Dein Geschenk erfreue ihn!« Und wie aus der Wolke der Regen, quoll aus dem Euter des Wundertieres ein Strom von Milch und Honig, von Beeren und Früchten, von Wein und den köstlichsten Tafelfreuden aller Art. Da war für eines jeden Geschmack gesorgt, und des Königs Krieger und Knechte, seine Frauen und Sklaven schwelgten bis zum dämmernden Abend und freuten sieh der gastlichen Gaben des mächtigen Heiligen. In Wischwamitras Sinn aber war der Spott über die Armseligkeif des frommen Klausners verstummt. Er kostete von dieser und jener Speise, und ihr Wohlgeschmack weckte in seinem begehrlichen Herzen den Wunsch, die Wunderkuh zu besitzen. »Ehrwürdiger Priester!« sprach er zu Wasischta, »sei bedankt für die Ehre;, die du mir durch deine überreiche Gastfreundschaft erwiesen hast! – Nimm tausend von meinen besten Milchkühen und überlasse mir die scheckige Nandini! Sie ist ein Schatz, und von jedem Schatz im Lande gebührt dem König sein Teil!« »O starker Feindebezwinger!« erwiderte der Heilige, »wie könnt' ich meines Daseins Stütze hinweggehen! – Nicht um alle Schätze Indiens wollt' ich die Gute missen. Und Nandini wäre wohl traurig, wenn ich sie von mir ließe, da die Scheckige mir so treu und redlich gedient hat!« »Tausend Elefanten mit goldenem Leibgurt, Halskette und Treibstachel!« bot der König aufs neue. Doch der Einsiedler schüttelte das Haupt: »Sie ist mir nicht feil, die mein Leben erhielt und meinem Herde die Opfer spendete!« Da ward Wischwamitra zornig: er hieß sein Heer sich zum Aufbruch rüsten und ließ die herrliche Nandini mit Gewalt hinwegführen. Traurig und nachdenklich ging die Wunschkuh unter dem Kriegsvolk; als sie aber den Platz für das nächtliche Lager erreicht hatte, riß sie sich los und rannte spornstreichs nach ihrem alten Stall an der Klause. Wasischta empfing die Treue mit Tränen der Freude und Sorge. Wie sollte er, der schwache Greis, dem gewaltigen König und seiner Kriegsmacht widerstehen? Doch während er sein sorgenschweres Haupt kosend an den Hals des edlen Tieres schmiegte, sagte die Göttliche zu ihm: »Härme dich nicht, du frommer Priester des Allmächtigen! Was ist Schwertesmacht gegen die Macht des göttlichen Geistes! Laß ihn kommen, den Kriegerkönig! Ich, die Mutter des Volkes, stehe zu dir, und die von mir gewappneten Fäuste meiner Söhne werden den fressenden Schwertschwingern die Wege weisen!« In solcherlei Reden und Gedanken verging den beiden die Nacht, und als am Morgen die Heerhörner des Königs Rückkehr verkündigten, schritten sie ihm mutig entgegen. Und vor den bewaffneten Scharen Wischwamitras wuchsen unter Nandinis Gebrüll und Gestampfe Heere von Kämpfern aus dem Boden. Und diese Kriegsvölker umgaben den frommen Heiligen und schützten ihn gegen den Angriff der königlichen Streiter. Bis zum Abend währte die Schlacht. Wieder und wieder hatte Wischwamitra an der Spitze der Seinen angegriffen. Die fremden Recken, in goldfarbiger Rüstung, mit glänzenden Speeren und Schwertern in der Faust, standen wie Mauern. Als die Sonne hinter dem Berge des Unterganges verschwand, waren der König und sein ältester Sohn die einzigen Angreifer, denn ringsum bedeckten Tote aus ihrem Heere das Schlachtfeld. Da gab Wischwamitra dem Sohne sein Schwert und sprach: »Geh' und herrsche du über mein Reich, auf daß es nicht ohne König sei, denn ich will Buße tun und von den Himmlischen Macht über die Priesterkaste erflehen. Die Macht eines Kriegers, und wär' er ein König über hundert Reiche, ist mir heute verächtlich geworden!« Und wie die Natter, der die Giftzähne ausgebrochen worden sind, schlich der Stolze hinweg und wanderte nach dem Himalaja, um dort die Gunst Mahadewas, des großen Gottes Schiwa, zu erwerben. Nach vieljähriger strengster Askese trat der Vernichter, der den Stier im Banner führt, vor den racheheischenden Wischwamitra. Er wappnete seinen brünstigen Verehrer mit den dreiunddreißig Waffen der Götter: Indras Blitze lieh er ihm und die Fesseln der Flut, die Wirbel des Windgottes und Agnis versengende Glut; des Wissens Waffen und das verwirrende Tosen der Himmelsmusik; des Rechtes Schwert, des Todes und des Schlafes Geschoß und noch manche starke Wehr zu Schutz und Trutz. So gerüstet, zog der Stolze nach der Einsiedelei und verwüstete die Stätte, während der Heilige Wasischta seine Nandini im Walde weiden ließ. Doch als die Göttliche von ferne Agnis Rauchfahne auf ihrem Heime sah und ihren frommen Herrn der Mutlosigkeit hingegeben, da tröstete sie den Verzagten, sprach gar beredt von seiner geistliehen Macht und reichte ihm das Zepter Brahmas, auf daß er damit die Waffen Schiwas unschädlich mache. Nun schritt Wasischta nach seiner verwüsteten Klause und trat dem stolzen Krieger kühn entgegen. Wohl schleuderte Wischwamitra dem Frommen alle seine Geschosse entgegen, aber vor dem Zepter Brahmas vernichteten sie einander wie hungertolle Wölfe; Flut fraß das Feuer, Verblendung das Wissen, und Sturmeswirbel rissen die Waffe des Rechtes hinweg. Unverletzt und unverletzlich stand der Priester dem Krieger gegenüber. »Oh, oh!« knirschte Wischwamitra, »was ist die Macht des Kämpfers gegen die des Büßers, was Königswürde gegen Priesterwürde! – Genug! – Der Brahmane hat den Kschattrija geschlagen! – Ich will büßen, bis Brahma mich unter seine Diener aufnimmt.« Und beschämt schlich der König hinweg, um sich vor dem Höchsten zu erniedrigen. Nandini aber baute Wasischtas Einsiedelei wieder auf, und der gute Heilige lebte noch lange friedlich im Walde, bis er einst als Hauspriester des Königs Dascharatha nach Ajodhia berufen wurde. Wischwamitra aber gab sich im Süden viele Jahrhunderte der strengsten Buße hin. Schon war Brahma ihm erschienen und hatte den Frommen königlicher Weiser genannt. Aber des Büßers Bußwerk zielte nach der Würde eines heiligen Brahmanen. Nach langen Jahren erschien ihm Brahma wieder und nannte den Büßer heiliger Weiser. Aber Wischwamitras Sinn stand höher. Er verdoppelte sein Bußwerk, indem er zu strengster Askese noch immerwährendes Schweigen gelobte. Als Brahma ihm das nächstemal großer Heiliger nannte, da sah er das ersehnte Ziel in greifbarer Nähe und verdreifachte sein Bußwerk durch die schrecklichsten Martern: auf Dorngeranke schlief der Hungernde, vier Feuer und die glühende Sommersonne vertrockneten die Glieder des Dürstenden, und ohne je abzuirren, starrten die Augen des Stummen auf seinen schwindenden Leib! Da erzitterte Indra vor des Büßers gesammelter Bußkraft. Ein Jahrtausend gewann er dem Frommen dadurch ab, daß er ihn durch das Göttermädchen Menaka von seinem Bußwerk ablenken ließ. Doch was dem Menschen eine lange Zeit ist, ist göttlichem Geist nur ein Augenblick. Wischwarmitra fand sich wieder, und vervielfachte Martern füllten den Schatz seiner Buße von neuem. Als Indra Rambha, eine andere Apsaras, zu Wischwamitra sandte, erkannte der Büßer die List des Donnerers und versteinerte die himmlische Schöne durch seinen Fluch. Dieser Zornmut brachte den Asketen wohl auch um einen Teil seines Bußschatzcs, aber tiefe Reue und verdoppelter Eifer erstickten auch noch dieses letzte Laster des Kriegers in ihm. Als er sich einst nach langem, langem Fasten ein bescheidenes Mahl zubereitet hatte, kam ein bettelnder Brahmane des Weges und bat um das Wenige, das er in des Büßers Napf sah. Willig gab Wischwamitrn, dessen Leibesbedürfnisse längst vor den geistigen gewichen waren, seine einzige Nahrung dem Armen und wünschte ihm des Himmels Segen dazu. Ohne Speisung ging er wieder an sein Bußwerk. Am Abend aber erschien Brahma in seiner Klause und nannte den Sieger heiliger Brahmane. Indra war der Bettler gewesen. Er hatte geprüft, ob Wischwamitra schon seines Zornes Herr sei. Die Götter umringten nun den vom Höchsten Begnadeten und legten ihm die weiße Schnur der Priesterkaste um Schulter und Brust. Wohlergehen und langes Leben verhießen sie dem, der sie so standhaft verehrt hatte. Dann führten sie ihn durch die Luft nach Ajodhia, wo Wasischta, sein alter Gegner, als Hauspriester am Hofe Dascharathas lebte. Gerührt fielen die frommen Greise einander in die Arme und waren fortan Freunde wie Agni und Indra. Im Wald bei Ajodhia gründete Wischwamitra seine neue Klause und empfing dort oft den alten Feind und neuen treuen Freund, wenn dieser sich von den Mühen seines Amtes erholen wollte. Das Buch der Jugend Das Opfer zu Ajodhia So reich als König Dascharatha an Tugenden war, so reich waren auch seine Untertanen an Gütern der Erde. Ajodhia, die Hauptstadt des weiten Kosalerreiches, war die schönste Stadt des alten Indiens. Prunkvolle Bauwerke standen in den breiten, sauberen Straßen: des Königs Palast, das Stadthaus, viele Tempel und Tempelchen, und prächtige Wohnhäuser des Adels und der reichen Kaufmannschaft. Ein tiefer Graben, ein breiler Wall, mit Schuß- und Wurfzeug reich versehen, und schwere, erzbeschlagene Tore schützten die Stadt gegen jeglichen Angriff. Brunnen und Bäume zierten die großen Plätze. Die Bürger waren heiter beim Spiel, ernst bei der Arbeit und beugten sich willig dem herrschenden Kriegeradel, der seine Macht auf Ehrfurcht vor der Priesterkaste aufbaute. Knechte und Sklaven trugen zufrieden ein sanftes Joch, denn der Fröhliche ist ein guter Herr und läßt als Reicher den Armen nicht darben. Recht und Gesetz und der Väter Sitte standen im ganzen Lande in hohem Ansehen; Behagen und Behäbigkeit breiteten sich immer mehr aus. Nur König Dascharatha, dessen weiser Regierung das Reich seinen Wohlstand verdankte, war traurig und verdüsterten Sinnes, denn die Götter hatten ihm bisher den Sohn, den Entsühncr und künftigen Träger seines Geschlechtes, den Erben seiner Macht und seines Werkes versagt. Unzählige Gebete und viele glänzende Opfer waren von den Himmlischen zu gering erachtet worden: die glühende Sehnsucht des Herrschers, der aufrichtige Wunsch seines ganzen Volkes, blieben unerfüllt. Sumantra, des Königs Wagenlenker, sein getreuer Gefährte im Kampf und auf der Jagd und der oberste seiner weltlichen Räte, kam einst zu seinem Herrn und Freund und erzählte, daß im Volk die Legende umliefe, ein Roßopfer unter der Leitung des Heiligen Rischjaschringa, des Oberpriesters der Angern, würde dem Reich der Kosaler und seinem Herrscher den sehnlichsten Wunsch erfüllen. Der König ließ alle seine Räte in den Palast rufen, und die erlauchte Versammlung, unter der Leitung Wasischtas, des greisen Hauspriesters, beschloß, den Glauben des Volkes als Wink des Schicksals zu nehmen. Ehrwürdige Boten wurden zu den Angern gesandt, um ihren Heiligen Rischjaschringa als Hotar zu dem Opfer zu laden. Wasischta, der königliche Hauspriester, und Wamadewa, der Opferpriester des Reiches, ließen alle in den heiligen Büchern vorgeschriebenen Zurüstungen treffen, auf daß das Opfer den Göttern genehm und vor den Störungen der Dämonen gesichert sei. Da ward zunächst ein fleckenloser junger Hengst ausgesucht und den besten und schnellsten Kriegern des Landes anvertraut. Denn ein Jahr lang durfte keinerlei Fessel das Opfertier berühren, und die weite Erde mußte seine Weide sein. Die Wächter hatten oft Mühe, das feurige Roß im Auge zu behalten, doch es galt Wohl und Wehe des Herrschers, des Volkes und des ganzen Reiches. Ein kleiner Verstoß gegen das strenge Rituale hätte unabsehbares Elend über alle bringen können. Indessen gingen Tausende von Werkleuten an die Arbeit, um unter der kundigen Leitung von Priestern die Opferstätte zu rüsten. Da ward ein weiter Platz vor der Stadt geebnet und eingeschränkt, Altäre wurden errichtet. Thronsessel, Sitze und Bänke aufgeschlagen, Sonnendächer gespannt und viele kleine Paläste und Häuser erbaut, denn der königliche Hof und seine fürstlichen Gäste verließen die Opferstätte oft monatelang nicht. Auch waren Hunderte und Tausende von Brahmanen eingeladen: ehrwürdige Fromme, die an benachbarten Höfen den Opferdienst zu verrichten pflegten, oder Einsiedler und Büßergemeinden aus den reichen Wäldern des Landes. Da galt es vieles vorzubereiten, um die Bedürfnisse dieser Unzahl von Gästen aufs beste zu befriedigen. Auch die Straßen der Stadt wurden mit Blumen, Gewinden, Bändern und Teppichcn geschmückt, und es herrschte dort ein Leben, als sollte ganz Kosala vom Grund auf neu erbaut werden. Lange Karawanen von Elefanten, Rinder- und Pferdewagen durchzogen die Stadt, um Baumaterial, Nahrungsmittel, Gerät und Schmuck nach der Opferstätte zu schaffen. Brahmanen durcheilten das weite Reich, um keinen der versteckten Klausner bei der wichtigen Zeremonie der Opferladung zu übersehen. Pauker und Trommler, Flöten- und Lautenspieler, Tänzer, Sänger, Gaukler und Schauspieler eilten in Scharen nach Ajodhia und übten aller Orten ihre Weisen, Tänze und Spiele, um sich beim Feste zu zeigen und ihm würdigen Glanz zu verleihen. Als ein Jahr vergangen war, traf Rischjaschringa, der erwählte Hotar, in Ajodhia ein und sah, nachdem er feierlichst begrüßt worden war, daß für das große Opfer alles aufs beste gerüstet war. Auch die vornehmsten Gäste waren schon eingetroffen: Dschanaka, König von Mithila. der König von Kaschi, Lomapada, König der Angern, und der hochbetagte Herr der Kekayer, dessen Tochter eine der Gattinnen Dascharathas war. Auch die Fürsten der Sindhu und Sauwira und viele Herrscher des fernen Ostens waren gekommen. Sie alle waren feierlichst empfangen und durch reiche Gastgeschenke geehrt worden. Als die Brahmanen dem König die günstige Stunde zum Beginne des Opfers anzeigten, begab er sich in sein Frauenhaus und lud seine Gattinnen ein, ihn zur Opferstätte zu begleiten, denn es gelte, dort vom Himmel Nachkommenschaft zu erflehen. In reichem Schmuck bestiegen die Königinnen die goldenen Tragsessel, und der lange Zug, an seiner Spitze der strenge Hotar, begann sich nach dem Festplatz zu bewegen. Auf der Opferstätte begann die Zeremonie: Milch war die erste Gabe an die Götter. Und während der König aus seinem Schatze Schmuck, Kleidung und Nahrung an das Volk verteilen ließ, brauten die Brahmanen nach strengreligiösen Satzungen Soma, den berauschenden Opfertrank. Tage- und wochenlang währte die Einleitungszeremonie der Milch- und Somaspenden. Die Pausen der heiligen Handlung wurden mit religiösen Gesprächen und Disputen ausgefüllt. Sodann begann die Errichtung der Opfersäulen und die Aushebung der Feuergruben. Einundzwanzig köstlich verzierte Säulen aus edelstem Holze stützten ein weites Dach. Es sah aus, als beschatte Garuda, der Vogel Wischnus, mit seinen Riesenfittichen die heilige Stätte. Achtzehn Opfergruben waren ausgehoben und mit Goldplatten ausgelegt worden. Der todgeweihte Renner stand inmitten von dreihundert Opfertieren aller Art. Tiere des Waldes und des Hauses, Wasser- und Luftgetier, Schlangen und Würmer: sie alle waren zum Opfer ausersehen. Hymnen und Liturgien, Lieder und Gebete stiegen zum Himmel, und feierlich umwandelte Kauschalja, des Königs erste Gemahlin, rechtshin die Opferstätte. Sodann fiel unter drei geweihten Messern der Hengst, der an Schönheit den Flügelrossen der Morgenrotreiter glich. Kauschalja setzte sich neben das gefällte Opfer. Sumitra, die zweite, und Kaikeyi, die dritte Gattin Dascharalhas, lagerten sich an ihren Seiten. Sechzehn Priester zerlegten das Roß, und die anderen töteten die übrigen Opfertiere. Nun fielen die Spenden in die heiligen Feuer, und der König sog den Duft des brennenden Fettes ein. Gebete zum Licht- und Lebensgott, zum Siegesgott, stiegen empor. Hell klangen die Gesänge der Brahmanen, rein strahlten die Feuer, von würdigen Priestern eifrig geschürt. Da stand auf einmal Wischnu unter den Opfernden. Wischnu, im roten Gewände, mit dem Löwenfell über der Schulter. Der strahlende Gott reichte dem König eine goldene Schale, voll des lebenspendenden Göttertrankes. »Edler Fürst!« sprach er milde, »dein Flehen soll erhört werden. Gib deinen Gattinnen aus dieser Schale zu trinken, und dein Sehnen wird gestillt sein!« In ehrfürchtigem Gruße faltete Dascharatha die Hände vor der Stirn, ergriff dann die goldene Schale und wandelte rechtshin um den Gott, bis dieser vor den Augen der Sterblichen verschwand. Sodann ließ der König Kauschalja die Hälfte der Himmelsspende trinken und teilte den Rest zwischen Sumitra und Kaikeyi. Lob- und Danklieder schallten zum Himmel. Reiche, ja überreiche Gaben wurden den Priestern, und besonders dem Opferleiter Rischjasehringa, gespendet, und Musik, Tanz und festliche Spiele in langer Reihe beschlossen die glänzende Feier. Im folgenden Jahr aber gebar Kauschalja dem König den ersten Sohn, Rama. Kaikeyi brachte den Bharata zur Welt, und Sumitra die Zwillinge Lakschmana und Schatrugna. Wischwamitra wappnet Rama Dascharatha freute sich über den Segen der Götter. Die vier Knaben wurden bei einem glänzenden Feste dem Volke gezeigt, und im Jubel der reich Beschenkten, unter Musik und Tanz und festlichen Spielen, gab Wasischta den Prinzen feierlich ihre Namen. Sorgfältig an Leib und Geist gepflegt, wuchsen die Knaben zu Jünglingen heran. Sie wurden schon frühzeitig mit der Führung der Waffen vertraut gemacht und zeigten viel Gewandtheit, Mut und Besonnenheit. Oft trat Dascharatha voll Stolz mit seinen Söhnen vor das Volk und erschien diesem wie Brahma von den vier Welthütern umgeben. Keiner der Waffengefährten erreichte die Prinzen an Geschick zur Lenkung des Streitelefanten oder an Kraft und Mut im Kampfe zu Wagen, zu Roß und zu Fuß. Auch an Tugend und Wissen waren sie über ihr Alter gereift, denn die besten Brahmanen des Hofes pflegten ihren Geist, wie die tüchtigsten Waffenmeister ihren Leib. Einst kam Wischwamitra, der ehrwürdige Klausner und Wasischtas getreuer Freund, an den Hof nach Ajodhia. Voll demütiger Freude empfing der König den Heiligen, führte ihn an den Ehrensitz in der Halle und erbot sich, dem hohen Gaste jeglichen Dienst zu erweisen. Da bat der greise Klausner, der König möge ihm seinen tapferen Sohn Rama mit in den Wald geben, denn zwei Ungeheuer aus Ravanas Gefolge, die Riesen Subahu und Maritza, störten fortwährend seine Opfer. Entsetzt rief Dascharatha: »Oh, ehrwürdiger Muni, mein Sohn, mein ältester Sohn, der Schatz meines Herzens, zählt erst sechzehn Jahre. Die Unholde würden mir den Trost meines Alters rauben! – Ich will mit einer Schar meiner erlesensten Recken ausziehen und die beiden Rackschasas, die furchtbaren Dämonen, bekämpfen!« »Gib mir den Prinzen Rama mit!« sprach Wischwamitra kopfschüttelnd. »Er ist tapfer und sündenrein! Ich will ihn wappnen mit dem stärksten Rüstzeug wider alles Böse. Edler und stärker kehrt er dir wieder!« »O mein Rama!« jammerte der Greis. »Er wird fern von mir sterben, und mein Tod wird einsam sein!« »Mut, o Herr!« sprach nun Wasischta. »Wischwamitra besitzt die Waffen des Sieges. Wenn er deinen Sohn zum Kampfe rüstet, so wird der als Held bestehen und als Sieger im Munde der Sänger bis ans Ende aller Zeiten fortleben!« Halb überzeugt, halb in Sorge, seinen edlen Gast, den mächtigen Heiligen, durch längeres Weigern zu erzürnen, gab Dascharatha endlich seine Einwilligung, und am Nachmittage begleitete Rama samt seinem Bruder Lakschmana – der von ihm so wenig zu trennen war wie Schatrugna von Bharata – den Heiligen auf seiner Heimreise. Sie übernachteten in einer Siedelei, die dem Liebesgott geweiht war, und Wischwamitra erzählte seinen aufhorchenden Schülern, wie Kama hier einst in tollem Übermut seine Blütenwaffe auf den büßenden Schiwa gerichtet habe. Ein Zornblick des strengen Gottes hatte damals den Körper des Leichtsinnigen verbrannt, und als Ananga, der Körperlose, wandelt der Liebesgott 147 seither unter den Himmlischen und wird so von den Irdischen aufs frömmste verehrt. Als sie am nächsten Morgen, nach dankbarem Abschied von den gastfreundlichen Priestern Schiwas, die stille Siedlerstätte verlassen hatten, wanderten sie unter frommen Gesprächen durch den Wald. Mittags nahm Wischwamitra zwei starke Zauberbogen samt Köchern aus einem hohlen Baum und gab sie den beiden Prinzen, denn sie waren an den Wald der Hexe Tataka gekommen. Der fromme Lehrer erzählte den kriegerischen Prinzen von diesem Schrecken der Wälder: Tataka war als Mädchen die Schönste im Lande gewesen und hatte in wilder Laune den Unhold Sunda zum Gatten erwählt. Nachdem sie ihm den Riesen Maritza als Sohn geschenkt hatte, fand sie so viel Gefallen an dem Vernichtungswerk ihres Gatten und ihres Sohnes – der Neugeborene war in wenigen Stunden zum Riesen erwachsen –, daß sie es weit ärger trieb als die beiden Dämonen. Da sie einst die Andacht des Heiligen Agastya störte, verfluchte sie dieser als scheußliche Hexe im Walde zu hausen, bis ein Reiner sie töte. Als Wischwamitra seine Erzählung beendet hatte, forderte er Rama auf, das dämonische Weib zu vernichten, denn es habe sich durch seine Schandtaten außer alle Gesetze der Menschen und der Menschlichkeit gestellt. Rama, den Worten seines Lehrers gehorsam, ließ die Bogensehne schwirren, daß es laut durch den öden Wald tönte. Auf diesen herausfordernden Klang hin kam Tataka zwischen den Bäumen angestürmt. Sie überschüttete die drei Eindringlinge mit einem Hagel von Steinen, mit Unflat und den häßlichsten Schimpfreden. Da hoben die Prinzen ihre Bogen, wehrten mit schnellen Schüssen den Steinregen von ihrem Lehrer und drohten der Hexe, sie zu töten, wenn sie nicht von ihrem Angriffe lasse. Die Greuliche höhnte die Prinzen als Menschenknirpse, wuchs sodann ins Riesengroße, und warf mit entwurzelten Bäumen und Felsentrümmern. In arger Bedrängnis schoß Rama, der sich nicht entschließen konnte, ein Weib zu töten, der Hexe beide Hände von den Armen. Ein Schuß Lakschmanas verstümmelte das scheußliche Angesicht des Ungeheuers. Mit furchtbarem Gebrüll hob nun die Verwundete sich in die Lüfte und entschwand den Blicken der beiden Helden. Aber was den Zauberkünsten der Unsichtbaren erreichbar war, warf sie auf die Tapferen herab. Da hob Rama entschlossen den Bogen, zielte dorthin, woher das Gebrüll der Hexe erscholl, und schoß. Von dem schweren Eisen mitten durch die Brust getroffen, fiel die Hexe herab und verschied unter wilden Verwünschungen. Indras Stimme aber erklang vom Himmel und pries die kühne Waffentat Ramas. Am nächsten Tag erreichten die Wanderer Wischwamitras Klause, und der Heilige begann, der Stimme der Götter gehorchend, den tapferen Rama mit göttlichen Waffen – Sprossen der Siegesgöttin Dschaya – zu wappnen. Er reichte ihm die Speere ›Treffer‹ und ›Sieger‹ und die unfehlbare Lanze Schiwas, ferner Indras und Wischnus Wurfscheiben und drei Blitze des Götterherrn. Ein Schwert, die Fackel Agnis und des Sturmgottes Wirbel, auch viele nie fehlende Pfeile, wie ›Schlafbringer‹, ›Geschweiger‹, ›Verzehrer‹ und andere, folgten. Dann gab er ihm den ›Verblender‹ der himmlischen Spielleute, den ›Berauscher‹ und den ›Wahnwitz‹ des Liebesgottes, den ›Überwinder‹ des Schatzgottes Kubera, die Pfeile der Wissenschaft, die Schilde der Zucht und der Gerechtigkeit und die Schlinge des Zufalls. Die Dolche ›Wahr‹ und ›Falsch‹, das blendende Schildkleinod ›Hoheit‹, der Treibstachel der frohen Rede und ihr Pfeil ›Verletzende Schärfe‹, endlich des Urvaters Waffe, der steinerne Hammer, waren die letzten Gaben. So gerüstet stand der Held vor dem Heiligen, hörte voll Ehrfurcht seine weise Rede über den Gebrauch der einzelnen Waffen und merkte voll Eifer die Sprüche, die diesem oder jenem Geschoß besondere Zauberkraft verleihen konnten. Als Ramas Wappnung und Belehrung vollendet war, beschloß der Heilige ein Opfer zu rüsten, und die Prinzen bewachten durch sechs Nächte die geheiligte Stätte. Als die Opferfeuer am siebenten Tage gegen Himmel loderten, verfinsterte sich die Sonne, und heulend, brüllend, tosend und zischend, stürzten sich die beiden Unholde Subahu und Maritza vom Himmel herab, um das heilige Feuer zu verlöschen. Doch Rama stand Wache in göttlichen Waffen. Als er die Dämonen hörte und sah, hob er des Urvaters Waffe und schleuderte sie dem gewaltigen Maritza an die Brust. Hundert Meilen weit riß es dem Unhold durch die Lüfte und warf ihn ins schäumende Meer. Nur mit Mühe rettete er sich vom Tode des Ertrinkens und schwamm nach Lanka, um Ravanna, seinem Herrn, von dem furchtbaren Verteidiger der Einsiedelei zu erzählen. Subahu aber starb, von der Agniwaffe zu Asche verbrannt. Wischwamitra dankte dem Trefflichen für seine kühne Tat, doch Rama neigte sich ehrerbietig vor dem Heiligen und fragte, womit er ihm ferner dienen könnte. Da lächelte Wischwamitra schalkhaft und sprach: »Ich muß zu einem feierlichen Opfer an König Dschanakas Hof reisen. Willst du und dein edler Bruder mir sicheres Geleite geben?« »Wie du es für gut hältst!« sprachen die Prinzen voll Ehrfurcht und begannen alles zur Reise nach Mithila zu rüsten. Sita Am nächsten Morgen begann die Fahrt. Friedlich zog der Heilige mit seinen Begleitern durch die Wälder und ward von allen Klausnern, den freundlichen Wirten dieser weiten Gottesherbergen, voll Ehrfurcht und Gastfreundschaft empfangen. Und an jedem durch fromme Erinnerung geweihten Orte erzählte er seinen aufmerksamen Schülern, was da vor alten Zeiten, im Weltalter der Götter, geschehen war. Von des Kriegsgottes Skanda Geburt sprach er ihnen und von der Herkunft der Ganga, von König Sagaras hochgemuten Söhnen und von der lieblichen Schri, wie sie den Göttertrank aus den Fluten des Meeres hob. Die Zeit verflog den eifrigen Hörern, als wären sie nur Tage, statt Wochen, unterwegs gewesen. Wohlbehalten langten die Wanderer endlich in Mithila, der Residenz des Wideherkönigs, an und wurden von Dschanaka und seinem Hauspriester als die vornehmsten Gäste empfangen. Hier erfuhren die Prinzen auch den Zweck der Opferfeier: Als König Dschanaka einst den Pflug über sein Land führte, sprang aus der wunden Erde ein kleines Mägdlein und liebkoste den ackernden Helden. Dschanaka nahm das Kind voll Liebe zu sich, nannte es, nach seiner Entstehung, Sita – die Ackerfurche – und erzog es als seine geliebte Tochter. Sita ward die schönste Jungfrau im Lande, und von allen Höfen eilten Könige und Prinzen herbei, um die Liebliche als Gattin heimzuführen. In dieser Bedrängnis durch stürmische Freier, gedachte Dschanaka eines uralten Erbstückes, des Bogens Schiwas. Er ließ die riesige Waffe in die Halle seines Palastes schaffen und durch Boten an allen Höfen kundtun, daß Sita nur dem Stärksten, dem, der den Bogen Schiwas spannen könnte, als Gattin folgen wollte. Bald darauf drängten sich die Freier zu Hunderten in der Halle Dschanakas. Aber da kaum einer darunter war, der die schwere Waffe lüpfen konnte, so konnte keiner versuchen, sie zu spannen. Zürnend eilten die Getäuschten nach Hause, rüsteten ihre Heere und überzogen Mithila mit Krieg. Aber Dschanakas Heer widerstand den Bedrängern tapfer und schlug sie zurück. Ein Dank- und Siegopfer sollte nun die Götter ehren. Als die Prinzen bei der Begrüßung aus Dschanakas Munde die Geschichte des Opfers gehört hatten, bat Wischwamitra den Gastfreund, Schiwas Bogen doch auf den Festplatz bringen zu lassen, auf daß der kühne Dämonentöter Rama ihn sehe und vielleicht auch seine Stärke an ihm erprobe. Dschanaka befahl, den Wunsch des erlauchten Gastes zu erfüllen, und bald schwankte ein achträdriger, von Rindern gezogener Wagen heran, auf welchem die Riesenwaffe des Gottes der Vernichtung lag. Rama sprang vor, hob mit kräftigem Arme das schwere Gewaffen vom Wagen, und schickte sich an, die schlaffe Sehne zu spannen. Aber kaum drückte seine gewaltige Faust auf das Ende des Bogens, so sprang dieser mit furchtbarem Krachen entzwei. Das Getöse warf alle Anwesenden, bis auf Dschanaka, den Heiligen und die beiden Prinzen, zu Boden. Nun bat Wischwamitra den König um Sitas Hand für seinen Zögling Rama. Und als Dschanaka voll Freude dem Helden die Holde zuführte – als Ramas Auge voll Wonne erglänzte –, da lachte der Heilige aus vollem Herzen. Während in Mithila eifrig zur Hochzeit gerüstet wurde, gingen ehrwürdige Boten nach Ajodhia, um König Dascharatha mit seinem ganzen Hofstaat zur Feier zu laden. Voll Stolz vernahm der Vater die Kunde von seines Sohnes Heldenkraft, voll Freude willigte er in seine Vermählung und reiste mit seinen Söhnen, seinen Räten und den stolzesten seiner Recken auf schnellen Elefanten nach Mithila. Dort ward er mit höchsten Ehren empfangen, und die Hauspriester der beiden königlichen Geschlechter bereiteten das Opfer zur feierlichen Hochzeit. Wasischta, der Purohita der Raghuiden – so hieß das Königsgeschlecht von Ajodhia nach seinem berühmten Vorfahren Raghu –, warb für die Brüder Ramas um drei Prinzessinnen aus Dschanakas Haus, und im Palaste zu Mithila wurde das vierfache Fest gefeiert. Im Blumenschmuck der prächtigen Halle, im Dufte aus den Weihrauchbecken und unter dem Gefunkel der goldenen Hochzeitsgaben nahm der greise Brahmane die Eide ab, ließ die Paare vor dem heiligen Hausfeuer die Hände ineinander legen und sie den rauchenden Altar in sieben feierlichen Schritten nach rechts hin umwandeln. Segenssprüche und Glückwünsche geleiteten die Neuvermählten bis an das Tor des Palastes. Und dort empfing sie der Jubel des Volkes, fröhliche Weisen und anmutige Tänze und Spiele. Dascharatha gab jedem der Söhne gar reiche Morgengabe und beschenkte die Opferpriester mit schier unermeßlicher Großmut. Wischwamitra kehrte gleich nach der Hochzeit, verehrt und bedankt, in seine Klause zurück und lebte wieder ganz seiner Gottseligkeit. Die Gäste aus Ajodhia aber nahmen noch an manchem glänzenden Fest zu Mithila teil, und erst nach vielen Wochen rüsteten sie zur Heimkehr. Die Karawane war durch die Elefanten, Pferde, Diener und Sklaven der vier Prinzessinnen viel größer als bei der Reise nach Mithila. Sie hatte aber glückliche Fahrt, bis zum letzten Nachtlager vor Ajodhia. Dort zeigten sich böse Vorzeichen, und am Morgen sperrte der gefürchtete Paraschu-Rama ihren Weg. Paraschu-Rama oder ›Rama mit der Axt‹ war der Sohn des Brahmanen Dschamadagni. Wüste Kriegsleute erschlugen einst den greisen Priester während einer Andacht, und damals hatte der brahmanische Jüngling der Kriegerkaste furchtbare Rache geschworen. Mit der Axt, die ihm seine Klause aus dem Walde gehauen hatte, zog er gegen die Kschattrijas zu Felde und vernichtete diese Kaste, wo er sie traf. Wischnu hatte dem starken Brahmanen einen Bogen geschenkt, und fortan war er schier unüberwindlich. Die stärksten Recken fürchteten diesen kriegerischen Priester und wichen ihm aus. Nun stand der Sohn und Rächer Dschamadagnis im Wege des königlichen Zuges und rief mit schrecklicher Stimme: »Rama, Sohn des Dascharatha! Du Kriegerlein hast den Bogen Schiwas zerbrochen. Ich, Rama, der Sohn des Dschamadagni, trage den Bogen Wischnus. Vermagst du den zu spannen, so bist du wert, mit mir zu kämpfen; versagt deine Kraft, so soll mein Beil dich mit den Übrigen deiner Kaste fressen!« »Ich ehre dich als Priester!« rief Dascharathas Sohn dawider, »doch als Krieger will ich dich besiegen! Reich' mir die Waffe:« Und mit ruhiger Kraft besehnte der starke Prinz den riesigen Bogen, legte einen Pfeil auf und richtete ihn gegen den erstaunten Dschamadagnisohn. »Jetzt, kriegerischer Priester, bist du in meiner Hand!« sprach er ernst. »Mein Pfeil beendet entweder dein Streifen auf Erden, oder er zerstört deinen Sitz im Himmel. Wähle!« »Nein!« knirschte der Priester. »Ich will von der Rache auf Erden nicht lassen, lieber noch von des Himmels Seligkeit!« Da öffneten sich die Wolken über den beiden Ramas, und Götter und Genien jubelten dem Sohn Dascharathas zu. Der aber hob den Bogen und schoß den Himmelssitz des rachsüchtigen Priesters in Trümmer. Paraschu-Rama erzitterte. Er neigte sich vor seinem Überwinder und sprach: »Wahrlich! in dir lebt Wischnu, du starker Feindebezwinger! Die Himmlischen sehen mit Freude deine Taten. Ich bin besiegt!« Und gebeugt schritt der Unterlegene hinweg, erbaute sich auf dem Mahendra eine Klause und ward von Stund' an ein demütiger Büßer. Dascharatha umarmte seinen heldenkühnen Sohn und sandte schnellfüßige Boten voraus, auf daß Ajodhia den Sieger und seine Gattin festlich empfange. Die Verbannung Kauschalja, Kaikeyi und Sumitra, die drei Königinnen, begrüßten ihre Söhne und deren junge Gattinnen mit hellem Jubel. Dascharatha gab jedem der neuvermählten Paare einen Palast zu eigen, und die Götter schenkten dem edlen Königshaus Glück und Zufriedenheit durch manches lange Jahr. Bharata, der Sohn der Kaikeyi – und mit ihm Schatrugna, einer der Sumitrasprossen – zog bald nach Kekaya und lebte dort am Hof eines Oheims, der den Sohn seiner schönen Schwester eingeladen hatte. Dascharatha begann unter der Last seiner Jahre zu seufzen. Und da er in seinem ältesten Sohne Rama den edelsten Menschen, den tapfersten Krieger erkannt hatte, so rief er die Großen seines Reiches zu feierlichem Rate zusammen und verkündigte ihnen, daß er die Herrschaft mit all ihrer Bürde und Würde dem trefflichen Kauschaljasohn übergeben wolle. Sumantra, des Königs Wagenlenker, mußte den Prinzen in die Versammlung bringen, und als der Herrliche vor seinem greisen Vater stand, verkündigte dieser ihm in Worten voll Weisheit und Liebe seinen Entschluß: »Du Sohn meiner ersten Königin!« schloß er gerührten Herzens, »du bist der Reichste an Würde, der Würdigste an Reichtum der Seele! Bleib wie du bist, mein Stolz! und nie wird der gelbe Königsschirm einen Besseren beschaltet haben. Herrsche mild über die Guten, streng über die Schlechten, am strengsten über dich! – Gehe nun heim und verbringe die Nacht mit der Gattin in Fasten und Beten, denn morgen will ich dich vor allem Volke zum Herrn der Erde weihen!« Frohe Botschaften aber sickern durch dicke Mauern: Als Rama nach seinem Palaste zurückkehrte, jubelte das Volk von Ajodhia seinem Liebling und künftigen Herrscher fröhliche Heilrufe zu. Die bucklige Manthara, eine Zofe der Königin Kaikeyi, stand mit Ramas Amme in der Menge und hörte mit dem Neide des Krüppels das überschwengliche Lob des Herrlichen aus dem Munde der getreuen Alten und aus der tönenden Freude des Volkes. Unheilsinnend ging sie nach Hause und betrat das Gemach der Gebieterin. Königin Kaikeyi schlief. Die Bucklige rüttelte sie am Arme und jammerte heuchlerisch: »Auf, Herrin! auf! ich kann es nicht sehen, wie man dich, du Herrliche, kränkt und demütigt. – Bist nicht du die einzige Königstochter unter des Herrschers Frauen! Warum stellt er dich unter Kauschalja, die Kosalerfürstin? Wisse: der König will morgen Rama zum Herrn der Erde weihen!« »Dank dir für diese Nachricht!« sprach lächelnd Kaikeyi. »Rama ist der Edelste und Stärkste! Ich liebe ihn wie meinen eigenen Sohn!« »So? – so?« keifte die Bucklige. »Und dein herrlicher Bharata soll leer ausgehen? – O Herrin, Königin, du bist krank!« Und sie schilderte mit bewegten Worten das Elend, das die Gebieterin erwarte, wenn der Sohn der Kauschalja den Thron bestiege: Zurücksetzung, Armut, ja Verbannung konnte, mußte sie treffen. Kaikeyi wurde unruhig, und die Bucklige schmiedete das heiße Eisen: »Sag'! hat nicht Dascharatha zwei Wünsche dir zu erfüllen versprochen, als du ihn nach der Asurenschlacht von seiner Todwunde heiltest? – Hat er nicht? – Sieh! hier ist ein Weg, der Schmach zu entgehen!« »Was soll ich fordern?« fragte Kaikeyi schnell, die von der Bösen schon ganz gefangen war. »Daß er deinen Sohn Bharata zum König weihe und Rama in den Wald verbanne!« zischte der Bucklige. Und als Dascharatha ins Frauenhaus kam, fand er seine Gattin Kaikeyi ohne Schmuck, mit zerrissenen Kleidern und aufgelöstem Haar, auf dem Boden des finsteren Gemaches liegend. Erschrocken fragte der König nach der Ursache des klagenden Schmerzes. Doch Kaikeyi blieb verstockt, erinnerte Dascharatha vorerst, daß sie zwei Wünsche frei hätte, und ließ sich deren Erfüllung aufs neue beschwören. Dann sprach sie sie aus: Bharata sollte den Thron besteigen und Rama in die Wüste ziehen! Wie vom Blitze getroffen fiel Dascharatha zu Boden und blieb besinnungslos liegen. »Oh – oh!« ächzte er, als er endlich unter dem angstvollen Rütteln Kaikeyis erwachte. »Oh – äfft mich ein Traum? – Nein – nein! Du bist die Viper, die ich in mein Haus genommen habe. – Heuchlerin! – hast du nicht Rama über alle gepriesen? – Du nicht Kauschalja wieder und wieder um des besten Sohnes willen beglückwünscht? – Schlange! Doch nein! – Du scherzest nur – täuschst mich und dich – mein Rama! wer sollte dich kennen und nicht lieben! Du neue Jugend meines Alters – du Sonne meiner Welt – du Überfluß für meines Herzens Not! – Genug, Kaikeyi! Du hast das nicht gefordert!« »Willst du dich so um deine Eide stehlen!« schrie die Königin. »Verachtung müßte dir das Leben kürzen und der Götter Fluch dein Sterben zur Ewigkeit dehnen! – Du hast's beschworen – zweimal – feierlichst: Bharata herrscht, und Rama wird verbannt!« Wieder fiel Dascharatha zu Boden und lag die ganze Nacht ohne Besinnung. Kalt saß Kaikeyi bei ihm und ließ reifen, was sie gesät hatte. Am Morgen kam Sumantra, der Wagenlenker, um nach alter Vätersitte seinen Herrn mit einem Bardenspruch zu wecken. Am Eingang des Gemaches sang er: »Wach auf! Es harrt, o Herr, dein Rat, dein Heer, dein Volk, Wie wogenstille Wasser auf die Sonne Zur Morgenstunde! Dein Glück erglänz' ob dem Gedeihn der Werke, Dem Tagestun der Tät'gen, bis zur Ruhe Der Abendstunde! Wach' auf!« »Oh – oh – wer preist mich glücklich?« seufzte erwachend der König. Erschrocken trat Sumantra zurück. Kaikeyi, die Schlaue, aber rief: »Der König ist müde von den Herrschersorgen dieser Nacht. Prinz Rama komme sie ihm tragen helfen!« »Ja! – Rama – Rama!« seufzte Dascharatha. Und Sumantra eilte hinweg, den Prinzen vor dem König zu rufen. Durch die festlich geschmückten Straßen fuhr Rama unter den Heil- und Segensrufen der Bevölkerung nach dem Palast, durchschritt rasch die fünf Höfe und betrat das Frauenhaus. Als er den König und Kaikeyi begrüßte, sah er des Vaters schmerzzerwühltes Antlitz. »Ehrwürdiger Vater!« rief er erschrocken, »bin ich der Quell deiner Tränen?« Der müde Greis hob abwehrend die Hand, doch ließ ihm der würgende Gram kein Wort über die Lippen schlüpfen. »O sprich mit mir!« bat Rama voll Sorge. Da erhob sich die schlaue Königin und sprach: »Der König hat einen Wunsch, dessen Gewährung dich betrüben muß, Rama! Und doch ist er mit heiligen Eiden an die Erfüllung gebunden. Gelobst du, dich des Vaters Willen zu fügen, wie er auch sei , so will ich dir ihn nennen!« »Du zweifelst an mir, Königin?« rief Rama voll Trauer. »Was könnt' es auf Erden und im Himmel geben, das ich nicht freudig meinem Vater opferte! – Sprich nur! – Was er gelobt hat, halte ich!« »So laß die Herrschaft meinem Bharata!« rief Kaikeyi schnell. »Und, daß nicht Reue dich zur Rache treibe, leb' vierzehn Jahre lang vom Reiche fern im Wald!« »Gewährt! – und gern gewährt!« nickte Rama. »Der wahren Weisheit Quelle rinnt im Walde reiner, als im Palast des Herrschers! – Ich lös' des Vaters Wort noch heute!« Dascharatha brach in lautes Schluchzen aus. Rama aber sank vor ihm in die Knie, berührte ehrfurchtsvoll des Greises Füße mit der Stirn, beugte sich auch in Ehrerbietung vor Kaikeyi, und verließ den königlichen Palast, um von Mutter und Gattin Abschied zu nehmen. Kauschalja mochte ihren herrlichen Sohn nicht ziehen lassen, und Lakschmana, Ramas getreuer Bruder aus dem Schoße der Sumitra, wollte der List Kaikeyis mit Gewalt begegnen. »Bruder!« rief er, »zu schnell hast du dem Zagen des kindischen Greises, dem Drohen der falschen Königin nachgegeben! – Deine Opferwilligkeit in Ehren – doch mir gilst du – und du allein – als Herrscher dieses Reiches. Ich steh' zu dir als dein erster Vasall und weiß ein Schwert zu schwingen!« »Schweig! ungestümer Freund und Bruder!« erwiderte Rama ernst, »und schilt den Vater nicht und keine seiner Frauen. Das Schicksal hat Kaikeyi den Wunsch und dem Vater den vorschnellen Eid in den Mund gelegt! – Dem beug' ich mich!« »Ich aber nicht!« schrie Lakschmana drohend. »Hab' ich nicht Kraft in den Armen und Mut im Herzen, um das Schicksal zu bezwingen? – Trag' ich den Bogen zum Schmuck, die Keule, zum Spiel? – Fürchstest du das Volk zu entzweien? – Laß mich's hinausschreien auf offenem Markt, wie um eines Weibes Lächeln an dir und dem Reiche gefrevelt wird, und alle stehen wie ein Mann hinter dir! – Laß mich dich schützen, Bruder!« fuhr er weicher fort. »Sieh hier die sandelduftenden Hände – für dich will ich sie in Blut tauchen – sieh die goldgeschmückte Brust – für dich will ich sie in Erz hüllen – sieh die Knie, die ich vor dir beuge, sie sollen mein Streitroß zum Siegeslauf zwingen für dich!« »Dank, Bruder, für deine Treue!« sprach Rama gerührt. »Doch wo Glück und Pflicht einander widerstreiten, da entscheiden nicht starke Arme und kräftige Schenkel. Ein großes Herz läßt Glück und Lust und fragt nur nach der Pflicht: Des Vaters Wort weist sie dem Sohne, und er gehorcht mit Lust, auch wenn's zum Leide geht!« »So gehe, mein Sohn, und lebe wohl!« sprach Kauschalja weinend. Rama sank vor der Mutter nieder, schmiegte sein Haupt an ihre Füße und hörte die Segenswünsche der zärtlichsten Sorge und Liebe. Endlich riß er sich los und eilte aus Kauschaljas Palast zum schwersten Abschied – zum Abschied von seinem jungen Weibe. Lakschmana aber folgte ihm auf dem Fuß, denn er wollte den verbannten Bruder nie wieder verlassen. Sita saß daheim und erwartete, daß der Gatte in seinem neuen Königsschmuck vor sie träte. Sie ahnte nicht, was die Morgenstunden gebracht hatten. Plötzlich stand Rama vor ihr. Gebeugt und traurig: er sollte vom Liebsten scheiden. Erschrocken sprang Sita auf: »Was ist dir, Herr? – Du blickst so düster – heut' – zur Krönungsfeier? – Doch du bist nicht im königlichen Schmuck – du kommst allein. – Was ist geschehen?« »Sita! ich bin des Reiches verwiesen!« sprach Rama zögernd. »Ein schneller Eid band Vater an den Wunsch Kaikeyis: Ich bin verbannt, und Bharata wird König! – Leb' wohl! – Ich folge meiner Pflicht –und du – vergiß des Fernen nicht! Ehr' meine Mutter, als wäre sie die deine, und neige dich in Demut vor dem neuen Herrscher – –« »Du scherzest, Herr! – denn wärest du gebannt, zög' ich mit dir, so wie ich mit dir sterbe, wenn du stirbst! – Wir zwei sind eins! wie könnten wir uns trennen!« »O Sita!« rief Rama, »du kennst den wilden Wald nicht! Seine rauhen Wege –« »Ich muß vor dir schreiten und sie ebnen!« »Wind und Wetter rauben den Schlaf –« »Dein Haupt soll in meinem Schoße sanft gebettet sein!« »Raubgierige Tiere –« »Ich will mich in ihren Rachen stürzen, auf daß ihr Hunger von dir lasse!« »Mein Weib, mein treues Weib!« rief Rama und schloß Sita in seine Arme. »Darf ich dich denn ins Elend führen?« »Nur wo du fern bist, haust das Elend!« flüsterte die Edle an seiner Brust. »Mit dir werden mir die ragenden Stämme des Waldes güldne Palastsäulen scheinen und ihre Kronen seidene Königsschirme! Wie über Teppiche werde ich über das Moos schreiten, und süße Beeren werden unser Festmahl sein!« »O meine Sita!« jubelte Rama. »Der heutige Tag hat mir mehr als eine Krone, er hat mir ein Herz geschenkt! Verteile unser Eigen an die Priester und die Diener des Hauses, und rüste dich zur Fahrt in die Wildnis!« Rama, Sita und Lakschmana standen in Büßerkleidung vor dem greisen König, um seinen Segen mit in die Wüste zu nehmen. »Kaikeyi!« flehte der zitternde Alte, »ist dein Stolz noch nicht befriedigt? – Fürchtest du nicht des Himmels Strafe, wenn du den gerechten Rama, den treuen Lakschmana, ja die zarte Sita, den Gefahren der Wüste preisgibst?« Kaikeyi schwieg und Dascharatha weinte still vor sich hin. Da sprang Sumantra, der Wagenlenker und erste Rat des Königs, vor. »Starrsinnige Königin!« rief er. »Wird deine Seele nicht weich unter des greisen Gatten Tränen, beugt sich dein Sinn nicht vor der Größe unverschuldeten Elends, so soll deine Hoffahrt in den Staub getreten werden, dein Herz brechen unter der Schuld an allem Elend im Reich! – Auf! Ehrwürdige Priester! Auf, stolze Recken, reiche Kaufherrn und fleißige Bauern! Ramas Fahrt soll ein Heereszug in neues, fremdes Land werden, und nur tote Steine und ein Haufen Gesindel unter Bharatas Herrschaft zurückbleiben!« »Verräter!« schrie Kaikeyi. »Ich habe des Königs heiliges Versprechen und bestehe auf meinem Rechte!« »Zu deinem Schaden!« lachte Sumantra. »Weißt du wie's deiner Mutter erging? – Ein Heiliger hatte ihrem Gatten die Gabe verliehen, die Sprache aller Tiere zu verstehen, doch durfte er bei Leben und Sterben nicht verraten, was er erlauscht hatte. Einst hörte der König die Stimme eines ›Gähners‹ und, da er verstand, was der drollige Vogel schwätzte, mußte er laut auflachen. Neugierig fragte deine Mutter, worüber der König gelacht habe. ›Ich darf es nicht sagen!‹ sprach ihr Gatte, ›sonst muß ich heute noch sterben!‹ ›Du mußt! Du mußt!‹ drängte das Weib, und als der König sich wieder weigerte, schmollte, klagte, heulte sie und gebärdete sich wie unsinnig. Da ging dein Vater zu seinem Heiligen und fragte ihn um Rat. Der Ehrwürdige aber sagte: ›Du stirbst heute noch, König, oder du verstoßest die Lieblose, der ihre Neugierde mehr gilt, als das Leben des Gatten!‹ Darauf ging dein Vater entschlossen nach Hause, jagte die Unsinnige aus dem Palast und lebte fortan in Ruhe und Glück. Dir aber, Königin, ward die Geschichte deiner Mutter verschwiegen, auf daß dein Starrsinn, ihr Erbe, nicht geweckt würde. – Doch vom Dornenstrauch fließt eher Blut als Honig! – Bestehe nur auf deinem vermeintlichen Recht – dein Sohn aber wird über Tschandalen und wilde Hunde herrschen!« »Ja, ja!« rief Dascharatha, zitternd vor Freude. »Mein Heer! – ich will mit meinem Sohn und meinein Volke ziehen!« »Halt, Vater!« rief Rama. »Nicht lüstet mich nach dem Sattel, wenn das Roß verloren ist! Bharata herrsche über das Reich und die vier Stände, ich aber suche das Glück in der Waldeinsamkeit: Soll ich feilschen um Wort und Pflicht? Mit dem Schicksal um Kronen hadern, weil es des Vaters Wort und Ehre gegen des Sohnes Behagen gewogen hat? – Nein! – Lakschmana und Sita wollen meine Armut teilen – sie sind willkommen! – Ihr anderen aber bleibt und gehorcht meinem Bruder Bharata, wie ihr mir gehorcht hättet.« »Wie du es willst, mein Rama!« sprach Dscharatha müde. Dann wandte er sich zu Sumantra: »Geh, teurer Freund! Lege zwei gute Schwerter auf meinen Wagen, zwei starke Bogen, scharfe Pfeile, Kleidung und Nahrung! dann fahre meine Söhne mit Sita nach des Reiches Grenzen! Es ist die letzte Ehre, die den Verbannten erwiesen wird.« Gerührt fielen die Ausgestoßenen dem Greis zu Füßen und berührten sie ehrfurchtsvoll mit der Stirne. Ernst erhoben sie sich, wandelten rechtshin um den weinenden Vater, und verließen unter den Klagerufen der Zurückbleibenden den Palast. Sumantra mit des Königs Wagen erwartete sie am Tor. Hinter Sita bestiegen die Prinzen das Gefährte; der Lenker schwang den Stachelstock und trieb die Rosse langsam durch die den Wagen umdrängende Volksmenge. »Rama! Rama!« klang es zu den Scheidenden empor. Und: »Heil der Edlen aus Mithila und dem wackeren Lakschmana, die dem Besten treu bleiben bis ans Ende! – Bleibt alle bei uns! – Bleibt!« »Schneller!« flüsterte Rama dem Wagenlenker zu, und Sumantra stachelte die Rosse, daß sie das Volk hinter sich ließen, und eine Staubwolke die einzige Begleiterin der Verbannten blieb. Dascharatha stand an einem Fenster des Palastes, und sein tränenverschleiertes Auge hing an jener Wolke, bis sie in der Ferne verschwand. Dann wandte er sich ab und fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden. Kauschalja und Kaikeyi sprangen hinzu, um zu helfen. Da hob der König die Faust und schrie: »Zurück, Kaikeyi! Du bist mein Weib nicht mehr! und besteigt Bharata den Thron der Ikschwakuiden, so weise ich als Seliger sein Totenopfer von mir!« Entsetzt verhüllte die Fürstin ihr Haupt und wankte aus der Halle. Kauschalja ließ den Gebrochenen in ihr Haus tragen und weinte an seinem Lager die ganze Nacht. Kaikeyi aber sandte schnelle Boten an den Hof ihres Bruders, um ihren Sohn Bharata heimzurufen, zu Reichtum und Macht, zu Ehren und Würden. Dascharathas Tod Fünf Tage schon lag der König auf seinem Lager, schweigend und düster. Kauschalja wich nicht von seiner Seite, und als der erste Schmerz in einem Strom von Tränen dahingeflossen war, regte sich Unmut in ihr, ob des Königs Schwäche vor Kaikeyi. »Nennt ihn das Volk nicht den Gütigen, und doch weist er die Gerechten aus ihrem Glück!« klagte sie. »O zarte Sita, Kleinod meines Sohnes, wie wirst du Glückverwöhnte, leiden in Wind und Wetter. – Und er, der Edle! – wird sein Elend nicht verdoppelt im Anblick des deinen? – Vierzehn Jahre! vierzehn Jahre! – Und kehrt er wieder nach dieser Zeit, so wird er die Herrschaft nicht wollen aus Bharatas Hand. Der Tiger frißt nicht, was der Schakal übrigläßt! – Oh – oh – er wird nicht wiederkehren! – Auch ich bin verlassen und verloren! Ohne Halt ist das Weib ein Schilfrohr im Sturm: Die Eltern starben mir, mein Gatte hat all' seine Kraft vergeudet, um meine letzte Stütze, den Sohn, zu brechen. Schwächer ist er nun als ich schwaches Weib! – Ich habe keine Zuflucht mehr auf Erden!« »Zerreiße nicht dies müde Herz!« stöhnte Dascharatha. »Hab' Mitleid mit einem Sterbenden! – Höhn' nicht den Gatten, wenn er auch gefehlt hat. – Du bist ein gutes Weib – du mußt deinen Gebieter ehren bis ans Ende! – Oh – es kommt – kommt bald – und Rama ist so weit! – Ach, ich ahn' es, warum das Schicksal mich schlägt: Für eine alte Schuld heischt es die Sühne! – Hör' mich, Kosalerin: Ich war kaum sechzehn Jahre alt und entlief meinem Waffenmeister, um im Walde meine junge Heldenschaft zu erproben. In einem Dickicht am Ufer der Saraju lauerte ich auf Elefanten, die dort zur Tränke gehen mußten. Schon lag der Abend über Wald und Fluß, als ich hinter dem deckenden Gebüsch lautes Plätschern hörte. Rasch hob ich den Bogen und schoß dem Schalle nach, wie ich es vor meinem Waffenmeister oft hatte üben müssen. Ein Stöhnen wie aus Menschenbrust erschreckte mich. Ich sprang durchs Dickicht und sah einen Jüngling in Büßertracht sich in seinem Blute wälzen. ›Was tat ich dir, o Herr?‹ sprach er wehmutsvoll. ›Nichts – nichts!‹ rief ich entsetzt. ›Ein Irrtum – ein Versehen! – Ihr Götter! wie schaff ich Hilfe? – Ist die Wunde tödlich – schmerzt sie?‹ Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. ›Herr!‹ röchelte der Sterbende, ›ich fürchte den Schmerz nicht und nicht den Tod – doch meine Eltern – dort – im Busch – sind blind. Ich war die einzige Stütze ihres Alters! – Bring' ihnen die Früchte, die ich gesammelt und das Wasser, das ich geschöpft habe –‹ Und damit verschied der gute Sohn. Ich saß lange an seiner Leiche und wagte es nicht, vor die beraubten Eltern zu treten. Endlich, als ich in der Ferne ängstliches Schreien und Rufen hörte, nahm ich Korb und Krug des Getöteten und ging den Tönen nach in den Wald. Dort fand ich eine Schilfhütte und an ihrer Türe, ängstlich nach meinen Schritten lauschend, die beiden blinden Alten. ›Du bleibst so lange aus, mein Kind!‹ murmelte der Greis, als ich vor ihn trat. ›Gib mir Wasser! So – so – mein guter Sohn!‹ Und dann drängte sich die blinde Mutter an mich und streichelte die Hand, die ihren Sohn getötet hatte. Entsetzt sprang ich zurück. ›Oh, flucht mir nicht!‹ bat ich stockend. ›Ich bin Dascharatha, des Königs Sohn! – ich hab' euer Kind getötet, als ich auf einen trinkenden Elefanten zu schießen glaubte – vergebt – verzeiht! – wie der Sterbende mir verziehen hat!‹ Gebrochen sanken die Alten einander in die Arme und weinten herzzerreißend. Endlich richtete sich der blinde Büßer auf und sprach: ›Ich bin kein Brahmane, und dennoch müßte mein Fluch vom Schicksal erhört werden und dein Leben vergiften! – Führ' uns zu dem Gemordeten, Prinz, daß wir noch einmal die Hände küssen, die unser Alter verschönten!‹ Ich brachte die Blinden zur Leiche des Sohnes. Sie fielen bei ihr in den Staub, streichelten und küßten sie, und reinigten sie im Wasser des heiligen Stromes. ›O mein Sohn!‹ hörte ich den Alten klagen, ›warum liegst du so reglos, als kenntest du Vater und Mutter nicht? – Laß uns noch einmal deine sanfte Stimme hören. – Ach! wer soll künftig mein Opfer rüsten – wer trägt uns Trunk und Nahrung zu? – O teurer Sohn! mußtest du heute sterben? – und morgen wären wir alle zusammen in des Todesgottes Haus gegangen! – Nun sieht er dich allein, der Gott des Schweigens! – Ach! wie ein Vater nehme er dich in die Arme und führe dich an die Tafel seiner Helden! Komm, Mutter, baue mit mir den Holzstoß, auf dem unser Sohn zu Yama steigt!‹ Und die beiden müden Alten schleppten alles Holz aus ihrer Hütte herbei, hoben mit Mühe den Leichnam des Sohnes hinauf und legten Feuer an das Astwerk. Dann sprach der Blinde zu mir: ›Drei Herzen hat dein Pfeil durchbohrt! – Weil du deinen Fürwitz reuig gestanden hast, will ich dein Leben nicht verfluchen, Königssohn! aber mein Fluch soll dein Sterben treffen: Kummer um einen trefflichen Sohn soll dich einst aufs Totenbett werfen, und dein letzter Atem hauche Sehnsucht nach dem Verlorenen!‹ Hand in Hand mit der blinden Gattin sprang der Greis dann in die lodernde Flamme, und drei fromme Seelen stiegen im Rauch zu Yamas Wohnung hinauf. Was ich gesät, das ernt' ich nun!« schloß der König mit einem tiefen Seufzer. Kauschalja legte ihre Hand auf die glühende Stirne des Gatten. »Ich sehe dich nicht mehr, Königin!« flüsterte er im Fieber. »Wie Blut fließt es vor meinen müden Augen! – Wo blieb das Licht der Ampel? – Ist Rama nicht hier? daß er des blinden Vaters Hand ergreife! – Wo ist mein edler Sohn? – oh, daß er ferne von mir weilt, da ich doch sterben soll! – Wie glücklich sind die, die ihn wiederkommen sehen. – O ihr Götter – was hab' ich getan! – Rama! führ' deinen Vater an des Todes Pforte! – O mein Sohn! mein Rama – Rama – Rama –!« Als Sklavinnen am anderen Morgen das Gemach betraten, fanden sie Kauschalja in heißen Tränen an der Leiche Dascharathas. Die Brüder Am Rande der Wildnis hatte Sumantra die Verbannten auf Ramas wiederholten Wunsch verlassen. Er kehrte auf schnellem Wagen nach Ajodhia zurück und brachte der um den Tod Dascharathas trauernden Stadt die Kunde, wohin sich die fürstlichen Büßer gewendet hatten. Die aber schritten draußen fröhlich durch den lachenden Frühling. Lakschmana ging als Hüter und Führer voran, Rama und Sita folgten in freundlichem Gespräch. Feigen, Nüsse, Honig und jagdbares Wild boten ihnen reichliche Nahrung, und manche Quelle, mancher Fluß, den sie durchwaten mußten, löschte ihren Durst. Reinen Herzens erfreuten die Guten sich an den Wundern des Waldes: Hier klang des Kokilas Ruf wie Jauchzen, dort schlug ein Pfau sein Rad, und die Sonne rieselte durch das Blätterdach wie ein Fall von Edelsteinen. Des Himawat greises Haupt grüßte von ferne, und der bunteste Teppich liebkoste die wandernden Füße; Lianen schlangen sich, wie zum Fest, von Gipfel zu Gipfel, und ein Duftmeer erfüllte die linde Luft. Silberschimmernd glitt am Abend die Dämmerung durch das Geäst, nachts aber ward im Flackern des Lagerfeuers das Schweigen des Waldes hörbar und übertönte die Tanzweisen der Elfen, die flinke Arbeit der Zwerge, welche die Wildnis pflegten. An einem herrlichen Wasserfall beschlossen sie endlich zu siedeln. Lakschmana fällte Bäume und baute eine geräumige Hütte. Rama errichtete einen Altar und weihte in feierlichem Opfer ihre Waldwohnung ein. Bharata und sein Bruder Schatrugna lebten noch immer am kekayischen Hof. Eines Morgens, als unheilschwangere Träume den Kaikeyisproß aus dem Schlafe schreckten, wurden ihm Boten seiner Mutter gemeldet. Diese brachten ihm Kaikeyis Aufforderung, rasch nach Ajodhia zurückzukehren, denn der Mutter Herz klage nach dem fernen Sohne. Ramas Verbannung und den Wechsel in der Thronfolge verschwiegen die Boten auf Befehl ihrer klugen Gebieterin. Durch die schlechten Träume beunruhigt, war Bharata schnell bereit, dem Wunsche der Mutter zu folgen. Mit Schatrugna trat er vor den königlichen Oheim und erbat Urlaub zur Fahrt nach der Heimat. Auf schnellen Elefanten reisten die Brüder mit Windeseile, denn Bharatas Sorge wuchs aus dem Nichts zu drückender Last. Da er Ajodhia als trauernde Stadt wiedersah, trieb er sein Tier zu rasendem Lauf und hielt erst vor dem Palaste der Mutter an. Schatrugna war ihm gefolgt, und ein Diener führte die Prinzen in die Halle, vor die Königin Kaikeyi. Die Mutter umarmte den ehrfurchtsvoll hingesunkenen Sohn und begrüßte freundlich seinen getreuen Halbbruder. Als sie nach ihren Verwandten in Kekaya fragte, verwies Bharata sie auf später und rief: »O Mutter, böse Träume schreckten mich aus meinem Behagen, trübe Gedanken waren meine Begleiter auf der Fahrt, und in der Heimat empfängt mich eine stille Stadt, die keine Freude, ja kaum die nötigste Arbeit zu kennen scheint. – Was ist geschehen? – Welch Unheil ist über die frohen Kosaler gekommen? – Und wo weilt mein Vater, der seit langem dieses Reich beschirmt? – Ist er in Kauschaljas Haus?« »Er starb, wie alle Alten sterben müssen, und ließ dem Sohn sein weites Reich!« sprach Kaikeyi triumphierend. Bharata warf sich zur Erde und klagte laut schluchzend um den geliebten Toten. Kaikeyi versuchte zunächst den Sohn mit allgemeinen Worten zu trösten, dann aber erzählte sie Stück für Stück, wie die kluge Zofe Manthara ihr den ersten Gedanken eingegeben, und sie darauf Ramas Verbannung und die Herrschaft für ihren geliebten Sohn erwirkt hatte. Schweigend hörte Bharata der Mutter Worte bis ans Ende. Dann fuhr er wie aus einem Traume empor: »So bist du meines Vaters Mörderin?« schrie er entsetzt. »Du trägst die schwere Last des Unrechts, das Rama und seinen Getreuen widerfuhr? – Grausames Weib – ich will dich nie mehr Mutter nennen!« Schatrugna aber riß die bucklige Zofe hinter Kaikeyis Stuhl hervor und schlug sie mit der Scheide seines Schwertes, bis der besonnene Bruder ihm in den Arm fiel. »Lasse sie!« sprach Bharata. »Sie ist ein Weib, und ein solches weiß nicht, was aus seinen Worten wird!« Durch den greisen Wasischta ließ der Prinz seines Vaters Totenfest rüsten, und die traurige Feier verlief unter den schmerzlichsten Klagen des Hofes und des ganzen Kosalervolkes. Dann traten die Großen des Reiches vor Bharata und baten ihn, seines Vaters Thron zu besteigen. Denn einem Land ohne König spendet Indra nicht Regen noch Segen, das Glück flieht die Stätten ohne Ordnung, die Priester verweigern den Opferdienst vor einem leeren Thron, und der Knecht dünkt sich dem Herren gleich, wo keiner herrscht! Schweigend hatte Bharata den Räten sein Ohr geliehen, nun sprach er mit fester Stimme: »Nicht durch Tun noch durch Denken will ich das Unrecht billigen, das meinem Bruder Rama angetan ward! – Nie will ich den Thron der Ikschwakuiden besteigen, solange ein Würdigerer lebt. – Auf! ihr Edlen des Reiches! wir wollen ein Heer rüsten, unsern einzigen Herrn in Ehrfurcht aus der Wildnis holen und ihn auf den Thron seiner Väter setzen!« Freudiger Zuruf und lautes Waffengeklirr lohnte dem Prinzen seinen Edelmut. Im Dandakawalde saßen Rama und Sita auf der Bank vor ihrer Hütte. Lakschmana kehrte von der Jagd heim und berichtete, wie heut' ein scheues Hasten durch den Wald ginge, ein unruhig Flattern und Fliehen von Vogel und Wild. – »Ob wohl ein Fürst durch die Wälder jagt, oder ein rasender Elefant durch die Wildnis stampft?« schloß er zweifelnd seinen Bericht. Da klangen von fernher die langgezogenen Töne von Heermuscheln. Ein Klirren von Zittern, wie von Waffen und rollenden Rädern, zog mit dem Wind durch die Wipfel, und Lakschmana erkletterte einen hohen Baum, um die Ursache der Unruhe zu ergr ünden. »Hallo, Rama!« rief er herunter, »verlösche das Feuer, führ' Sita in unsere Felsenhöhle und nimm deine besten Waffen zur Hand. Bruder Bharata naht mit großer Heermacht. Ich erkenne sein Banner, den blühenden Baum, auf dem ersten Wagen!« Er sprang zur Erde. »Zu den Waffen!« rief er dabei. »Der Eintagskönig fürchtet den Bezwinger Paraschu-Ramas auch noch im Walde! – Er will dich morden! – Aber eher soll mein gähnender Bogen sein halbes Heer verschlingen, und Kaikeyi um den toten Sohn klagen, wie Kauschalja um den lebendigen!« »Schweig, Ungestümer!« schalt Rama. »War Bharata uns nicht stets ein guter Bruder? – Oh! er liebt mich, wie ich ihn liebe! – Sicherlich will er mich ehren mit seinem Besuch!« Da schwieg der Heißblütige und trat beschämt hinter den edlen Bruder. Unter den Bäumen hielten die ersten Wagen an. Bharata und Sumantra traten vor die Waldsiedler und grüßten sie ehrerbietig. Rama zog den Bruder an seine Brust und küßte ihn voll Liebe. »Wie hast du den Vater verlassen?« war seine erste Frage. »Er konnte die Trennung nicht ertragen und starb mit deinem Namen auf den Lippen, Rama!« sprach Bharata traurig. Da rief Rama Bruder und Gattin an seine Seite und schritt mit ihnen in das Wasser des Baches neben der Hütte. Mit hohlen Händen schöpften sie daraus, warfen es in den Wind und sprachen dazu: »Dir, Dascharatha, Sohn des Raghu!« So ehrten sie nach uralter Sitte den Toten durch die Wasserspende. Rama aber, als der Nächste des also Geehrten, hatte die heilige Pflicht, die andern Trauernden zu trösten. In ehrfürchtigen Worten sprach er vom Schicksal, vor dem der Mensch wie ein Tropfen Tau vergeht, sprach von der Enge des irdischen Lebens und der Befreiung durch den Tod, sprach vom Strome des Werdens und Vergehens, in dem zwei Spänlein eine kurze Fahrt gemeinsam machen und im nächsten Wirbel auf immer auseinandergerissen werden. »Klaget nicht um Tote!« schloß er. »Klagt um Lebendige, die jede Morgensonne fröhlich grüßen, und vergessen, daß sie dem Tod um einen Tagesmarsch entgegenwankten! – Der Vater hat der Jahre Last von sich geschüttelt und ist nun selig unter Seligen!« Und Bharata rief aus: »Dich, Edler, kann kein Unglück schlagen, und keine Freude dir die Sinne rauben! – Du bist ein Mann! Noch saß kein Besserer auf einem Thron! Drum beug' ich mich vor dir und flehe: Nimm meiner Mutter Schuld von meinem Haupte: kehr' nach Ajodhia zurück und herrsch' im Reich als Erster und als Bester!« »Nicht eh' die Zeit erfüllt ist!« sprach Rama. »Sind vierzehn Jahre um, so teilen wir die Herrschaft, Bruder, doch jetzt hab' ich des toten Vaters Wort zu lösen!« Neue Bitten der Brüder und der königlichen Räte vermochten nicht, Ramas Sinn zu ändern. Da erbat Bharata von Rama die goldgestickten Schuhe, als Sinnbild der Herrschermacht. Nach einem Abschied in Liebe und Ehrfurcht ließ er sein Heer wenden und trat die Heimfahrt an. Zu Ajodhia stellte Bharata die Schuhe Ramas vor den Thron der Ikschwakuiden und führte die Herrschaft gerecht und weise. Doch nie ließ er sich König nennen, denn er wollte nur der Reichsverweser seines Bruders Rama sein. Rama und Ravana Im Walde Bald nach Bharatas Abschied kamen Büßer aus den tief im Wald gelegenen Siedeleien zu Rama und baten den frommen Krieger um Hilfe. Khara, der jüngste Bruder des Dämonen Ravana, hauste seit einiger Zeit im Dandakawalde. Er und seine Gesellen störten die Opfer der Frommen, überfielen sie und ihre Frauen im Walde und bedrängten die Diener Brahmas in ihren friedlichen Wohnstätten. Der Hilferuf der Guten weckte den Helden aus seiner Beschaulichkeit. Er beschloß tiefer in die Wildnis einzudringen und nach der Sitte seines Standes die Schwachen mit seinen starken Armen zu schützen. Es bangte ihm wohl um seine Gattin, doch Sita war eines Kriegers Weib und trug willig die Pflichten der Kaste. Im Schütze des Gatten und seines kühnen Bruders wußte sie sich sicher geborgen. Die Verbannten verließen ihre wohnliche Hütte und zogen waldeinwärts. Hirsch und Gazelle und manch anderes scheues Getier gab den friedlichen Siedlern vom Wasserfall bei ihrem Auszug freundliches Geleite. Die Bienlein umschwärmten sie fröhlich, Vögel und Heimchen sangen ihnen ein Wanderlied, und blumige Ranken haschten zum Abschied kosend nach den Gestalten der Wandernden. Geheimnisvoll lag der hochstämmige Wald in flimmerndem Licht- und Schattenspiel vor ihnen, und sie schritten rüstig aus, denn die Lust nach Kampf trieb das Blut der Helden stürmischer durch die Adern. Des Nachts waren sie gern gesehene Gäste in den Klausen und Büßerstätten oder schliefen wohl auch unter dem sternbesäten Sommerhimmel gar friedlich und ungestört. Eines Morgens aber stießen sie auf den Riesen Virahda, einen Menschenfresser aus Kharnas Dämonenhorde. Rasch griffen die Brüder nach Pfeil und Bogen, um Sita, nach der der Unhold lüsterne Blicke warf, zu schützen. Da lachte der Riese höhnisch: »Wer seid ihr denn, daß ihr Viradha mit euren Nadeln droht? – Wißt ihr nicht, daß ich schuß- und hiebfest bin? – Und schösset ihr Pfeile, so groß wie Speere, nicht einer könnte mir die Haut ritzen!« Und wirklich: die Pfeile sprangen von seiner nackten Brust ab, wie Hagelkörner vom Hüttendach. Auch Lakschmanas Schwert zersplitterte an des Riesen Faust, als hätte er auf Erz gehauen. Da sprangen die Helden an dem Turmhohen empor, um ihn zu erwürgen. Viradha aber nahm auf jeden seiner gewaltigen Arme einen der Brüder und rannte unter Sitas angstvollem Schreien lachend waldeinwärts. Der Gattin Sorge gab dem Helden Rama doppelte Kraft. Er umschlang den riesigen Arm, der ihn trug, und spannte seine Sehnen schier zum Reißen. Aufbrüllend blieb Viradha stehen. Aber schon krachte der mächtige Knochen unter Ramas übermenschlicher Stärke. Und als Lakschmana dem Beispiel des Bruders folgte, hingen dem Riesen bald beide Arme gebrochen am Leib. Stöhnend sank er zu Boden. Rama setzte dem Unhold den Fuß auf die Kehle und erdrosselte den Schrecklichen, den keine Waffe verwunden konnte. Während Lakschmana den riesigen Leichnam in eine Schlucht wälzte, eilte Rama zur Gattin zurück, um die Gequälte von ihrer Sorge zu befreien. »Heißen Dank, ihr Götter! daß Rama dem Tode entronnen ist!« rief Sita, als sie den Gatten erblickte. »O mein Geliebter!« flehte sie, »lege die Waffen ab und lebe fortan als Büßer. Nie sollst du dich wieder in solche Gefahr begeben!« Doch Rama tröstete die Zitternde, erzählte fröhlich, wie der Kampf verlaufen war, und wies auf die Pflichten seines Standes, auf die Stimme seines mutigen Herzens und auf das Versprechen, das er den Büßern des Dandakawaldes gegeben hatte, hin. Auch Lakschmana kam nun zurück, und der Anblick der beiden Riesenbezwinger festigte den Sinn des schwachherzigen Weibes. Nun zogen die Verbannten welter und fanden mitten im Wald einen herrlichen See, an dessen Ufern viele Brahmanen mit ihren Frauen und Kindern siedelten. In dieser freundlichen Umgebung ließen die Unstäten sich nieder und lebten zehn Jahre unter den Frommen. Die starken Recken waren den Einsiedlern ein willkommener Schutz, und Kharas Dämonenscharen schienen die Stätte zu fürchten, wo die mächtigen Bezwinger des Riesen Viradha hausten. Um so schlimmer trieben es die Unholde in dem weiter südwärts gelegenen Wald von Pantschavati, und Rama beschloß deshalb, dorthin zu ziehen, um die Bösen von den Stätten friedlicher Götterverehrung ganz zu vertreiben. Auf ihrer Wanderung nach Pantschavati fanden sie eines Tages einen Geier auf ihrem Wege sitzen. Der Vogel war dreimal so groß wie seine Brüder, darum hielt ihn Rama für einen Dämon und griff zu Pfeil und Bogen. »Lasse die Waffen ruhen, Raghawer!« rief der Vogelriese mit freundlicher Stimme. »Ich bin Dschatajus, der Brudersohn des Wischnuvogels Garuda, und ein alter Freund deines Vaters Dascharatha. Ich will bei dir bleiben und in der Wildnis über dich und die Deinen wachen!« Da neigte sich Rama vor dem edlen Geierfürsten und umarmte den Freund seines Vaters. Dschatajus aber zog mit den Verbannten durch den Wald und kürzte ihnen die Zeit mit klugen Reden und schönen Erzählungen von Göttern und Helden. Zwischen Himmel und Erde schwebend, hatte er mit seinen scharfen Augen im Laufe der Jahrhunderte vieles gesehen. Im Pantschavatiwalde wurden die Wanderer von der Hexe Schurpanakha freundlich begrüßt. Dieses Scheusal, eine Schwester Ravanas und Kharas, riesenhaft, zahnlos, mit schilfartigen Haaren und Krallen an den Fingern, hatte sich in die stattlichen Recken verliebt und verlangte, daß einer von ihnen sie zum Weibe nehme. Rama wies sie voll Ernst, der ungestüme Lakschmana voll Holm von sich. Da stürzte die Ergrimmte sich wütend auf Sita, um diese zu verschlingen. Auf Ramas Schrei sprang Lakschmana vor und schlug die Hexe mit dem Schwert ins Gesicht. Blutüberströmt, an Nase und Ohr verstümmelt, ließ Schurpanakha von Sita und floh heulend in den Wald. Die Brüder aber bauten dort ihre Hütte und weihten sie mit einem feierlichen Opfer ein. Nach wenigen Tagen meldete Dschatajus, daß ein riesiges Dämonenheer heranziehe. Die verstümmelte Hexe hatte ihren Bruder Khara zur Rache aufgestachelt, und der Dämonenfürsl führte seine Scharen gegen die Helden aus Ajodhia. Lakschmana mußte Sita in einer tiefen Felsenkluft bergen, und Rama trat mit seinem guten Bogen und dem Köcher voll Wischwamitras Zauberpfeilen an den Eingang. Wie Wetterwolken im Sommer brauste das Heer der Ungeheuer heran und ballte sich vor der Felsenspalte zu wütendem Angriff. Pfeile und Speere verfinsterten die Mittagssonne, aber Rama stand wohlgedeckt hinter seiner breiten Tartsche und sandte leichte und schwere Geschosse und leuchtende Brandpfeile in die Massen der Feinde. Immer wieder trieb Khara die Seinen zum Sturme vor. Zwölf seiner Anführer und unzählige seiner Kriegerscharen waren schon gefallen, da bestieg er seinen goldfunkelnden Streitwagen, um selbst den Kampf mit dem Unüberwindlichen zu wagen. Gellend klang sein Horn in das Ohr des einsamen Kämpfers am Felsentor. Fester faßte der Held seinen Bogen und legte ein Eisen darauf, schier so stark wie eines gewöhnlichen Kriegers Speer. Laut schwirrte die Sehne durch den Wald, und das Geschoß fuhr in den heranbrausenden Streitwagen. Das Gefährt ward in Stücke geschlagen, und nur ein schneller Sprung rettete Khara vom Tode. Nun hob der Dämonenfürst seine Keule und flog in langen Sätzen gegen den Schützen an. Ein Halbmondeisen, von Ramas Bogen geschossen, schnitt die Rechte mit der drohend geschwungenen Waffe vom Arm. Brüllend vor Schmerz und Wut, riß der Riese mit der Linken einen Baum aus dem Boden, um damit den Gegner zu fällen. Aber als er sich wandte, durchbohrte ein schweres Eisen seine Brust. Blutüberströmt sank Khara zu Boden und verröchelte im Staube. Der Himmel aber ward plötzlich hell und die Götter neigten sich vor Rama, der in wenigen Stunden alle Dämonen des Büßerwaldes vernichtet hatte. Nur einer, Akampana, war entkommen. Der floh nach Lanka, berichtete dort dem Ravana vom Tode seines Bruders Khara und entfachte den Zorn des Dämonenherrschers gegen den Sieger Rama. Der Raub der Sita Ravana beriet sich mit Maritza, den einst der Wurfhammer Ramas ins Meer geschleudert hatte, und dieser bat seinen Herrn, sich vor Rama zu hüten, denn der fromme Held sei unbezwinglich. Schon wollte Ravana die Warnung seines Getreuen beherzigen, da kam Schurpanakha nach Lanka, und die giftigen Reden der verstümmelten Hexe ließen die Rachgelüste im Herzen ihres Bruders von neuem anschwellen. Als die Verbannten eines Morgens vor der Tür ihrer Hütte saßen, brach flüchtigen Fußes ein herrlicher Hirsch durch die Büsche. Wie fließendes Gold erglänzte sein Rücken, silberschimmernd schlugen ihm die Flanken, und wie eine Krone trug er das edelsteinblitzende Geweih. »Oh! bringt mir den König des Waldes, schnelle Jäger!« rief Sita verlangend, als sie das prächtige Tier erblickte. »Ich will sein Fließ über mein Lager breiten, und keine Königin soll köstlicher ruhen als ich!« Fröhlich griff Rama zu Pfeil und Bogen und mahnte Lakschmana, ihm die holde Gattin zu schützen, bis er von der Jagd heimkehre. Durch Wald und Busch ging's in lustigem Jagen, denn der königliche Hirsch trabte schnell, doch ohne viel Scheu, vor Rama dahin. Stundenlang folgte der eifrige Jäger dem Flüchtigen, da endlich, an einer sonnigen Lichtung, erreichte er ihn auf Bogenschußweite. Laut schwirrte die Sehne und, den Todespfeil in der Brust, sank das schöne Tier zu Boden. Doch die Seele, die sich von dem Verendeten löste, war die Seele des Dämonen Maritza, des Dieners Ravanas. Seinem Herrn bis zum Ende ergeben, hatte er dieses Mittel ersonnen, um Sitas Gatten von ihrer Seite zu locken. Mit dem Tode büßte Maritza seine Treue. Während sich Rama nach dem verendenden Wilde bückte, hob sich die Seele des sterbenden Dämonen in die Lüfte und nahm ihren Weg zum Hause des Todesgottes. Als sie an der Hütte der Verbannten vorüberflog, rief sie mit verstellter Stimme gar kläglich: »Hilf, Bruder Lakschmana, hilf!« Sita hörte den Ruf, glaubte Rama in schwerer Gefahr, und bat Lakschmana, ihrem Gatten zu Hilfe zu eilen. »Ich darf dich nicht verlassen!« sprach Lakschmana kopfschüttelnd und trat in die Tür. »Hilf, Bruder, hilf!« klang es da wieder, wie aus Ramas Munde. »Du mußt!« schrie Sita voll Angst. »Mein Rama stirbt – so geh' doch – geh'!« »Er hat mir verboten, dich zu verlassen! und er ist mein Herr wie deiner!« sprach Lakschmana zögernd. Doch als der dritte Hilferuf ganz schwach und wie verröchelnd erklang, da fiel Sita vor dem Schwäher auf die Knie und schrie: »Geh' – geh'! – Du kannst mich nicht beschützen, wenn Rama stirbt, denn ich werde sterben mit dem, der mein Leben ist! – Geh'! Warum zögerst du noch? – Lauerst du auf des Helden Tod, um mit Bharata den Thron zu teilen? – Oh! was willst du bei mir, wenn mein Rama stirbt? – Willst du seine Witwe freien? –« Wahnsinnig vor Angst raufte das Weib ihr Haar und lachte gellend auf. Da griff Lakschmana nach seinen Waffen, befahl die Verlassene dem Schutze der Waldgötter und sprang dem Bruder zu Hilfe in den Wald. Kaum war Sita allein, so nahte der Hütte ein bettelnder Brahmane, in gelbseidenem Kleide, mit Bambus und Weihkrug auf der Schulter. Schlangen und Vögel flohen in ihre Nester, die Blumen schlossen ihre Kelche und die Bäume erzitterten bis in die Wurzeln, denn es war Ravana, der Herr der Dämonen, der, ein Abgrund unter Rosen, in frommer Gestalt den Frieden des Waldes störte. Vor der weinenden Sita hielt er an und fragte nach ihrer Tränen Quelle. Ehrfürchtig stand die Schmerzgebeugte dem Zwiegeborenen Rede und holte die gastliche Spende aus der Hütte. In des Dämonen Herzen aber glühte die Lust, die schöne Blume des Widcherlandes[?] an sich zu reißen. »Was tust du hier in des Landflüchtigen Hütte, du Perle der Weiblichkeit?« stieß er hervor. »Komm mit mir! ich will dich mit Schätzen überhäufen und als Königin auf einen Thron setzen. – Was tust du hier im Walde des Grauens? – Beten und dienen? Du aber sollst herrschen! Ravana bin ich, aller Menschen Peiniger! – Folg' mir nach Lanka, du sollst die erste meiner Gattinnen sein, und fünfhundert Sklavinnen werden deine stolze Anmut betreuen!« »Wie der Schakal um die Löwin, schleichst du, Ravana, um mich! Die Löwin aber folgt nur dem Leuen! – Kennst du den Rama, der wie ein Berg aus tausend Hügeln ragt? der milde ist wie der Mond und scharf wie das Schwert! – Fürchte ihn, wenn er als Feind gegen dich steht! – Du rissest eher dem Tiger die Beute aus dem Rachen, als Situ aus Ramas Armen! – Wer nach des Helden Gattin Gelüste hat, der leckt an eines Schermessers Schneide, der will mit einem Felsen am Halse das Meer durchschwimmen und loderndes Feuer im wollenen Gewände verbergen!« Da sprengte der Dämon seine zauberische Hülle und stand in rotwallendem Kleide als zehnhäuptiger Riese vor der Zitternden. »Kennst du mich nun!« brüllte er, »den Besieger der Götter und Menschen, der den Tod in seiner Hölle bezwungen hat und den Götterkönig in Fesseln schlagen ließ! Kennst du mich nun? – und zitterst vor Angst, wo du vor Lust erschaudern müßtest! Soll ich die Erde aus ihren Grundfesten reißen, den Ozean austrinken oder – die zehn Nacken unter deine süßen Füße schmiegen, du Angebetete? – Willst du mein Weib werden, so gehorch' ich dem Zucken deiner Wimper, schönhüftige Tochter Dschanakas!« »Weiche von mir!« stammelte Sita. »Nie kann ich in Liebe eines anderen gedenken, seit mein Auge den herrlichen Raghaver erblickt hat!" Da griff Ravana nach der Schreienden und schwang sich mit ihr in die Lüfte. Dschatajus, der treue Geierfürst, sah den Räuber und stieß mit gellendem Kampfschrei hernieder. Der Dämon warf Sita in seinen goldenen Wolkenwagen und wendete sich gegen den kühnen Vogel. Die Fäuste des Riesen würgten am Halse des treuen Helfers und seine Fußtritte brachen ihm die Flügel. Sterbend stürzte Dschatajus aus den Lüften, und die Waldgötter flohen entsetzt vor der Macht des Dämons. Ravana sprang zu Sita in den Wagen, ergriff die Zügel, und über den Wipfeln der hochstämmigen Bäume rollte das funkelnde Fahrzeug dahin. Sita sah durch Tränen alle die Stätten, die sie mit Rama betreten halte, hinter sich schwinden. Klagend grüßte sie alle Zeugen ihres einstigen Friedens. »Ihr Lieben, die ihr mein Glück gesehen habt!« rief sie, »klagt dem Verlassen die Gewalttat! Du blütenreicher Baum, in dessen Schatten so oft die Sonne unsrer Liebe erglänzte, du, Quell, der die Weisen zu Ramas Liebesworten summte, du, stiller Weiher, der im Kosen des Windes die Schauer unsrer Umarmung widerspiegelte! – Ihr heiteren Vöglein, ihr klugen Schlangen, ihr fleißigen Bienen – o klaget – klaget Ravana an! Zeihet den Frevler des Raubes; der Held wird mich finden, und wär' ich zu liefst im Schoße der Erde verborgen!« Heimlich ließ Sita Schmuck und Blumen zur Erde fallen, um Rama den Weg zu weisen, und warf ihren Mantel unter eine Schar von Affen, die fröhlich in den Wipfeln spielte. In immer schnellerem Fluge führte Ravana seine Beute über Land und Meer und fuhr erst aus den Lüften hernieder, als er seine prächtige Residenz auf der Insel Lanka erreicht hatte. Noch einmal warb er hier in glühenden Worten um die Geraubte, doch als Sita ihn so stolz wie im Walde zurückwies, schwor er, die Kühne nach zwölf Monden aufzufressen, wenn sie bis dahin nicht seine liebende Gattin geworden sei. Darauf ließ er die Widerspenstige in einen heiligen Hain vor der Stadt bringen und dort von zwölf Hexen bewachen. Lakschmana war indessen im Walde dem heimkehrenden Rama begegnet. Rama erschrak, als er von dem Spuk hörte, der Lakschmana aus der Hütte gelockt hatte. Er überhäufte den Bruder mit Vorwürfen, und beide liefen schnellstens nach der Klause. Oh! wie erschraken die Brüder als sie sahen, daß Sita verschwunden war. Rama warf sich zur Erde und klagte: »Hat sich das Unglück noch nicht an mir satt gefressen? – Sind Thron, Heimat und Vater der Opfer noch nicht genug? – Oh! – Die Dämonen haben meine Sita verschlungen, ihr Götter! – Und du, treuloser Bruder, hast sie preisgegeben! – Oh! sie werden ihre zarten Glieder gebrochen, ihre Samthaut mit Blut besudelt haben! und aus ihrem holden Köpfchen werden die Unholde saufen! – –« »Fasse dich, Bruder!« sprach Lakschmana. »Laß uns an Rettung, und ist es zu spät, an Rache denken!« »Ja, Rache!« schrie Rama. »Die Welt will ich in Brand stecken mit meinem Zorn, denn sie hat meine Sita nicht behütet. Oh! ich will toben, daß Indra auf seinem Thron im Himmel erzittert – –« »Bruder, wir wollen Sita suchen! noch wissen wir nicht, was hier geschah! rächen werden wir sie, wenn sie nicht mehr zu retten ist!« So beruhigte Lakschmana den zornigen Helden, und sie traten vor die Hütte, um nach den Spuren der Vermißten zu forschen. Rama warf sich auf die Knie und bat Himmel und Erde um Nachricht von der Verlorenen. Da lief des Waldes Getier gegen Süden und wandte den Kopf nach dem Flehenden, als wollte es ihn zum Folgen einladen. Die Prinzen schritten hinter dem Wilde her und fanden bald den sterbenden Dschatajus. Mit brechender Stimme begann der treue Vogel von seinem Kampf mit Ravana zu erzählen, aber er starb in den Armen seiner Zuhörer, ehe er damit zu Ende gekommen war. Die Prinzen bestatteten seinen Leichnam mit allen Ehren, die einem verstorbenen Freunde geziemten, und drangen dann weiter durch den Wald nach Süden. Als sie die Blumen und Geschmeide Sitas fanden, faßten sie neuen Mut, denn sie wußten sich auf dem richtigen Wege. Mit kopflosen Ungeheuern, mit Hexen und Riesen mußten die Tapferen sich herumschlagen, weil die kühne Streife ihres Fürsten dem Dämonengesindel neuen Mut gemacht hatte. Einer der sterbenden Unholde, dem sein Tod die Lösung von furchtbarem Fluche bedeutete, riet Rama aus Dankbarkeit, den Affenkönig Sugriva aufzusuchen: Bei diesem Sohn des Sonnengottes würde er von Sita hören und vielleicht auch manchen Helfer unter dem kühnen Affenvolk finden. Die Affen Rama und Lakschmana zogen weiter gegen Süden. Eines Tages sahen sie auf dem Berge Malaya eine Schar Affen, die bei ihrem Anblick ängstlich entflohen. Es war der Affenkönig Sugriva mit seinen Getreuen. Valin; der Bruder Sugrivas, hatte diesen entthront und ihm seine Gattin Ruma entrissen. Mit wenigen Freunden war der König aus der Affenstadt Kischkindha geflohen und lebte nun fern von seinem Volk und der geliebten Frau in Angst und Leid. Hanumat, der erprobte Feldherr des Affenheeres, ein Sohn des Sturmgottes Waju, war seinem König in Treue gefolgt. Er beruhigte die beim Anblick der beiden Raghawer Erschrockenen, und Sugriva sandte ihn den Prinzen entgegen, um zu erkunden, ob die Fremdlinge in feindlicher Absicht nahten. Rama war erstaunt und erfreut über Hanumats menschliche Sprache und sein ritterliches Wesen. Er hörte des Feldherrn Erzählung von Sugrivas Leid, und da des Affenkönigs Schicksal in vielem dem seinen glich, so beschloß er, sich mit dem Entthronten zu gegenseitiger Hilfe zu verbünden. Hanumat geleitete die Brüder voll Ehrerbietung zu seinem Herrn, und als Rama vom Verschwinden Sitas sprach, da holte Sugriva aus einem hohlen Baum den Mantel der Entführten hervor. Der Affenkönig hatte dieses Notzeichen der unglücklichen Sita aufgefangen, als diese es, Hilfe heischend, aus Ravanas Wolkenwagen geworfen hatte. Sugriva bat nun Rama, den Valin im Kampfe zu töten, die geraubte Ruma ihrem Gatten zurückzugeben und die Vereinten wieder auf den Thron von Kischkindha zu setzen. Er versprach dafür, Sita durch sein weitverbreitetes Volk auf der ganzen Erde suchen zu lassen und mit seinem starken Heer die Gefundene befreien zu helfen. Nun zogen die Prinzen mit ihren Bundesgenossen vor Kischkindhas Mauern. Sugriva ließ den Valin zum Zweikampf vor das Stadttor fordern, und Rama erschoß den Elenden ans dem Hinterhalt, denn ihm galt der, der seines Bruders Weib gestohlen hatte, als jeder Ritterlichkeit bar und eines offenen Kampfes unwürdig. Nachdem Valin bestattet war, krönten die Affen Sugriva von neuem zu ihrem König. Der aber zog sich in sein Frauenhaus zurück und vergaß im Rausch seines Glückes alle Versprechungen. Ein halbes Jahr lang wartete Rama vergeblich. Dann sandte er Lakschmana zu dem Wortbrüchigen. Aus seinem Freudentaumel jäh aufgeschreckt, ließ der König durch Hanumat Heer und Volk zusammenrufen. Aus allen Landen kamen die flinken Affen nach Kischkindha, hörten vom Raube der Sita und zerstreuten sich wieder auf ihres Königs Befehl über die ganze Erde, um nach der Verlorenen zu forschen. Der kluge Hanumat, auf dessen Treue und Freundschaft die Prinzen am meisten vertrauten, war mit einer Schar seiner besten Krieger nach dem Süden aufgebrochen, denn dorthin wiesen alle Zeichen der Geraubten. Ramu hatte dem Wackern seinen Ring mitgegeben, daß er sich Sita als Freund zu erkennen geben könnte. Hanumat fand unterwegs die gold- und kristallschimmernde Höhle des Bärenkönigs Dschambavat, und ihr Bewohner, der sein Dasein einem Gähnen Brahmas verdankte, schloß sich als willkommener Ratgeber dem Zuge des ritterlichen Affenherrn an. Auf ihrer weiteren Fahrt stießen sie auf Sampati, den Bruder des braven Dschatajus, der bei Sitas Verteidigung sein Leben gelassen hatte. Sampali saß mit versengten Flügeln: Als er einst mit seinen Brüdern um die Wette geflogen war, war er der Sonne zu nahe gekommen und mit verbrannten Fittichen auf das Windhiagebirge heruntergestürzt. Nun kroch der königliche Vogel, all seiner Schwungkraft beraubt, durchs Dasein, aber die Geier brachten ihrem geliebten Fürsten Nachricht von allem, was ihre scharfen Augen erspähen konnten. So wußte Sampatl seinem alten Freunde Dschambavat zu berichten, daß Sita von Ravana nach Lanka geschleppt worden war, hundert Meilen weit über das Meer. Hanumat Nun begann unter den kriegerischen Affen ein edler Wettstreit, wer als Kundschafter nach der Insel gehen sollte, um die Gelegenheit zu Sitas Befreiung zu erspähen. Aber keiner wußte, wie hundert Meilen Meeres zu übersetzen wären. Auf des Bärenkönigs Rat entschloß sich Hanumat, den weiten Raum zu überspringen. Er vertraute der Macht seines Vaters, des Sturmgottes, und den von ihm ererbten Zauberkräften. An einem stürmischen. Morgen bestieg er den Berg Mahendra und schwang sich von dort mit einem Stoß, der die Erde erbeben ließ, in die Lüfte. Auf starken Armen trug der Vater ihn dahin. Aber die Dämonen der Luft stürzten sich gegen den verwegenen Affen, und nur seinen kühnen Listen und seiner Zauberkraft, die ihn bald zu Bergesgröße anschwellen, bald zu Daumenwinzigkeit verschrumpfen ließ, dankte er sein Entkommen. Fast wär' er auch halben Weges in die Fluten gestürzt, denn des Sturmes Arme senkten sich einmal ermattet. Aber Sagara, der Herr des Meeres, der den Kühnen immer hold ist, ließ einen Felsen aus den Wellen tauchen, und vom neuen schwang sich Hanumat in die Lüfte, mit einem Tritt, der den rettenden Block versenkte. Vier Tage war er dahingeflogen, bis er endlich die Insel und die goldschimmernde Stadt Lanka erspähte. Als der schlaue Kundschafter der feindlichen Feste nahe war, verwandelte er sich in eine große Fliege und flog so, unerkannt, über die goldene Stadtmauer. Wie staunte er über die Pracht dieser Dämonenheimat! In den breiten und geraden Straßen stand Palast an Palast aus edlem Gestein. Kostbare Säulen trugen die Dächer, und reiche Bildnerarbeit schmückte die Mauern. Auf den Märkten standen viele hundert Zelte aus schönfarbigen Geweben, und Waren aus aller Herren Länder lagen dort zum Verkauf. Scharen der wunderlichsten Wesen, in prächtiger Kleidung, drängten sich auf den Straßen und Plätzen: da waren Riesen und Zwerge, scheußliche Hexen und liebliche Elfen; Feen, Krüppel, Kopflose und Mehrköpfige. Und herrliche Wagen wurden von Fabelwesen aller Arten dahingezogen. Jeder Zauber, alle Wunder der ganzen Welt schienen in dieser Residenz des Dämonenfürsten vereinigt zu sein. Hanumat flog in seiner Zaubergestalt bis zum sinkenden Abend durch die Straßen, und keiner der Rakschasas – so hießen im alten Indien alle dämonischen Wesen – beachtete die harmlose Fliege. Mit Einbruch der Dunkelheit war der Treue vor einem Palast gekommen, der größer und herrlicher war als alle anderen in der Stadt. Über eine Meile im Geviert dehnte sich der Bau, und vor dem kunstvoll gebildeten, erzenen Tor hielt ein Wagen aus purem Golde. Saphire und Diamanten umkränzten seine Brüstung und leuchteten wie ein Flammenkranz durch das Dunkel. Der Boden des prunkvollen Gefährtes war rotes, geschliffenes Sandelholz, mit Elfenbein eingelegt. Acht silberschellige Eselein mit Elfengesichtern waren angespannt. Es war Puschpaka, der Wolkenwagen, den Ravana einst dem Schatzgott Kubera entführt hatte! Hanumat flog durch das halboffene Tor an allen Wachen vorüber und kam in eine Halle, deren Pracht alles überbot, was der kühne Kundschafter bisher gesehen hatte. Die Kuppeln aus Edelsteinen waren von goldenen Säulen getragen, auf denen sich Perle an Perle, Demant an Demant zu schönen Bildwerken reihte. Pfühle und Decken aus Kaschmir und Seide mit kostbaren Stickereien lagen ringsum an den Wänden, und Frauen, deren Schönheit den tapferen Hanumat erzittern ließ, wälzten sich darauf im Schlaf oder in heiterem Spiel. Unter einem schimmernden Thronhimmel aber nahm der zehnhäuptige Ravana und seine Licblingsfrau Mandolari ein üppiges Mahl, tranken köstlichen Soma und lauschten den Weisen verborgener Spielleute. Hanumat flog verzweifelt umher, denn auf keine der Frauen in Ravanas Palast mochte das Bild passen, das Rama ihm von seiner fernen Geliebten entworfen hatte. Traurig und matten Fluges verließ er das Frauenhaus und die Stadt, und zerfleischte sein wackeres Herz mit Vorwürfen, daß er seiner Kundschafterpflicht nicht vollauf Genüge leiste. Als er nahe dem Stadttor einen herrlichen Opferhain entdeckte, schlüpfte er aus seiner Zaubergestalt und wollte sich vor den Göttern neigen, um in frommer Bußfertigkeit neue Kraft fiir sein schweres Unternehmen zu erflehen. Kaum schritt der Affenfeldherr unter den hochstämmigen Asokabäumen dahin, so hörte er aus einem Gartenhaus wehmütiges Klagen. Mit einem Satz war Hanumat in einer der Baumkronen vor den Fenstern des Gebäudes und erkannte frohen Herzens Sita inmitten ihrer Wachen von Hexen. Während der Wackere noch überlegte, wie er sich der Gefangenen ohne Gefahr bemerkbar machen könnte, öffnete sich die Tür zu Sitas Gemach, und Ranana, in halbtrunkenem Zustand, umgeben von vielen seiner Frauen, trat vor die unglückliche Fürstin. »Sita!« schrie der Schreckliche, »du Sonne an meinem Liebeshimmel, die mir leuchtet und mich verbrennt, die mir Leben schenkt und mich verdursten läßt! – Starrköpfige! zehn Monde sind verstrichen! Du hast meine Macht gesehen und kennst meinen Schwur! – Willst du nun mein Weib werden?« »Nie!« sprach Sita, ohne auch nur den Blick nach dem Stolzen zu wenden. »Ich liebe dich!« rief Ravana, ihr zu Füßen stürzend. »Oh, eiskalte Schöne, kühl' die verzehrende Glut!« »Zurück, Elender!« schrie Sita. »Ich bin des Raghawers Weib! Eher wird ein Sünder den Himmel Indras betreten, als ich die Hölle an deiner Seite suchen. Zurück, Herrscher, der sich nicht beherrschen kann!« In aufloderndem Zorn sprang Ravana empor und schwor mit flammenden Augen, die Kühne zu strafen. Aber die Frauen seines Gefolges, die den alles vernichtenden Grimm des Schrecklichen fürchteten, drängten sich um ihn, umschlangen den furchtbaren Gebieter und küßten die zornbebenden Lippen, bis der Dämon besänftigt war. »Wohl! du stolzes Menschenkind!« sprach er endlich ruhiger, »zwei Monde hast du noch Zeit! aber folgst du mir dann nicht willig vor das heilige Feuer, so fresse ich dich mit Haut und Haaren, so wahr ich der Mächtigste unter der Sonne bin!« Damit wandte er sich ab und verließ mit den Seinen das Gartenhaus. Sita aber versank in stilles Weinen, und ihre Hexenwache überließ sich nach und nach einem sorglosen Schlummer. Hanumat auf seinem Baumsitz hatte alles gehört und gesehen. Als er sich nun ziemlich sicher fühlte, begann er leise zu singen: »Wer bricht die stärksten Waffen Und trägt das schwerste Leid? Wer ist ein Held ohn' Fehle, Trotz härnem Büßerkleid? Wen sandte Lieb' ins Elend Und büßt' es mit dem Tod? Wes Adel brach die Ränke? Wer ließ die Macht um Not? Wem stahl der Haß das Hellste: Den Stern aus seiner Nacht, Das Weib, das finstres Brüten Aus seinem Herzen Jacht'? Wen eint mit dir die Träne Und trennt von dir das Meer? Wer sendet über die Fluten Zu dir den Boten her – –? »Rama!« stammelte Sita, die längst ans Fenster getreten war. »Rama! – dich sendet Rama! – Doch nein! – der Fürchterliche hat mich schon oft zu täuschen versucht! – Ob, ihr Götter – –« »Hier ist Ramas Ring! Du mußt ihn kennen!« beruhigte Hanumat die Zitternde. »Er ist es! ja, er ist es!« murmelte Sita. »Doch wär's ein neuer Spuk des übermächtigen Dämonenherrschers – –« »Nein, Edle, ich habe ihn von des Fürsten eigener Hand! – Er grüßt dich durch mich und verbringt seine Tage in Trauer, wie du! – Komm, du Getreue! ich will dich auf meinem Rücken sicher über das Meer tragen und in seine sehnsüchtig geöffneten Arme legen!« »Wer bist du, daß du dich solcher Tat vermißt?« fragte sie erstaunt. »Ich bin Hanumat, des Sturmgottes Sohn, und ein Fürst unter den Affen! – Vertraue dem getreuen Freund und Diener deines Gatten!« »Ich vertraue dir, Hanumat!« sprach Sita ruhig, »doch sinne auf andere Rettung! Nie kann ich erlauben, daß eines fremden Mannes Hand mich berührt!« »Du hast recht, Keusche!« erwiderte Hanumat, »und ich werde allein über das Wasser setzen und deinen Gatten zum Siege nach Lanka führen! – Ich schwöre es dir!« »Edler Freund!« sprach Sita. »Rufe die tapfern Raghawer bald zu meiner Rettung, denn nach zwei Monden soll ich sterben!« »Ich eile, hehre Fürstin!« erwiderte der Kühne. »Doch sende dem verzweifelnden Rama durch mich ein Zeichen, daß du noch lebst!« Sita besann sich kurze Zeit, dann sprach sie errötend: »Sage meinem Gatten, ich denke oft daran, wie sich einst im Walde mein Gürtel löste, als ich Steine nach einer zudringlichen Krähe warf! – Nur er und ich wissen darum, denn wir waren allein!« »Ich werde es ihm sagen!« erwiderte Hanumat. »Und nun lebe wohl, Erhabene, und harre geduldig des Sieges und deiner Rettung!« Damit sprang der Wackre von seinem Baum und schlug den Weg nach der Stadt ein, denn er wollte vor seiner Abreise noch die Stärke der Feste und ihrer Verteidiger ausspähen. Aber nach wenigen Schritten wurde er entdeckt, befragt und angegriffen. Wie ein Held stand Hanumat unter den vielen Dämonenkriegern, die auf das Geschrei der Wache von allen Seiten herbeieilten. Lange hielt er sich die Scharen der Feinde mit geschickten Steinwürfen vom Leibe, doch als ihrer zu viele wurden, riß der Starke einen Bauin aus der Erde und schlug mit dieser Keule unter die Angreifer. Der Kampflärm drang bis in den Palast des Königs, und Ravana sandte seine starken Söhne und viele kühne Recken aus seinem Gefolge gegen den tapferen Affen. Lange stand Hanumat gegen die vielen. Statt des in seiner Hand zersplitterten Baumes, schwang er eine eherne Säule des Tempels als Streitkolben gegen die anstürmenden Recken. Viele sanken mit zertrümmerten Schädeln dahin, aber endlich unterlief Indradschit, Ravanas Sohn, der einst den Götterkönig in Fesseln geschlagen hatte, den Helden und band ihm mit seinem Gürtel die starken. Arme. Im Triumph ward der Gefangene vor Ravana geführt. Furchtlos stand Hanumat vor dem mächtigsten Herrscher der Erde. Er nannte sich kühn einen Boten Ramas und forderte Gastrecht als Gesandter. Ravana wollte ihn töten. Aber der verhutzelte Vibhischana, des Königs mitverfluchter Bruder, bat für den Gefangenen und verteidigte die Unverletzlichkeit eines Boten mit weisen Worten. Ravana gab nach, doch wollte er auf seine Rache nicht ganz verzichten: Den Boten Ramas ließ er vor Sitas Fenster bringen und den Schweif des tapferen Affen mit ölgetränkten Lappen umwickeln. Dann wurde diese Fackel angezündet. Sita betete zu Agni, und der Feuergott umstrahlte den getreuen Boten nur, ohne ihn zu versengen. Hanumat aber sprach eine Zauberformel und dehnte im Wachsen und Schwellen seine Fesseln. Ein Gegenzauber ließ ihn gleich darauf zum Zwerge verschrumpfen, und so schlüpfte er aus den gelockerten Banden. Hohnlachend sprang er mit seinem brennenden Schweif durch die Straßen von Lanka und zündete Zelte und Basare an. Im Schrecken der Feuersbrunst schwang er sich unbemerkt über die Stadtmauer, erkletterte den Berg Arischta und schwang sich auf dem Rücken des Sturmes über das Meer. Der Kampf Als die Affen aus allen Landen, ohne Nachricht von Sita, zurückgekehrt waren, hatte sich Rama in tiefster Trauer auf den Berg Prasravana zurückgezogen. Mit Lakschmana siedelte er dort, wie einst im fernen Dandakawalde, und harrte voll Hoffnung und Furcht der Ankunft Hanumats und seiner Schar. Der kühne Mut des Verbannten war gebeugt vom Schmerz um die ferne Geliebte und von der Tatlosigkeit, zu der ihn das Dunkel über ihren Aufenthalt verdammte. Da erschien Hanumat, der glücklich wieder das Festland erreicht hatte, vor dem Trauernden. »Ich habe Sita gesehen, edler Raghawer!« rief er, nachdem er den Ehrwürdigen rechtshin umwandelt hatte. »Durch mich grüßt sie dich als deine getreue Gattin!« Rama umarmte den treuen Freund und hörte voll Sorge dessen Bericht. Ach! nun wußte er, wo die Geliebte weilte und sah sich ferner von ihr als je. Das Meer, das unerbittliche Meer lag zwischen ihnen. Wie um eine Tote klagend erhob er die Stimme! Doch Hanumat, der Wackre, spendete Trost. »Raghawer! Du kennst dich selbst nicht!« rief er. »Hast du den Dandakawald vergessen, tapfrer Dämonenvernichter, und deinen Sieg über Paraschu-Rama? – Vergessen, daß du Götterwaffen führst, und daß der frömmste Krieger, der tapferste Priester, dich sie gebrauchen lehrte? – Auf, auf! ans Meer! bring ich nur ein Dutzend von uns hinüber, so schlagen wir das ganze Dämonengesindel auf Lanka zuschanden!« So faßte Rama wieder Mut. König Sugriva zog sein Heer zusammen und wie ein anderer Ozean wälzten sich die Wogen des kriegerischen Affenvolkes südwärts nach dem Gestade des Meeres. Die Dämonen der Luft brachten ihrem Herrscher die Kunde vom Heranfluten des Affenheeres unter der Führung des Rächers Rama. Ravana hielt mit den Seinen Rat. Vibhischana, das verhutzelte Männlein, welches sein Leben in Liebe und Erbarmen hinbrachte, erhob sich und flehte den mächtigen Bruder an: »O Ravana, sende das unglückliche Weib seinem Gatten in Ehren zurück! Laß nicht wieder Blut fließen, um deiner Frevel willen! O hör' auf mich, Bruder! Ich ahn' es: Dein Maß ist voll vor dem Schicksal! Halt' Frieden, Unseliger, halt' Frieden!« »Ach bring' doch den kindischen Greis zum Schweigen, Vater!« rief Indradschit. »Er heult wie der Schakal hinter dem Tiger!« Ein anderer schrie: »Ei, König, mach' doch das Püppchen mit Gewalt zu deiner Gattin, da verläuft der ganze Streit im Sande!« »So? Du Überkluger!« zischte Ravana. »Und mein Leben rinnt mit davon, da doch mein eigener Sohn seinen Fluch über mich geplärrt hat!« »Weckt den starken Kumbhakarna, der frißt euch die Affen, wie der Kokila die Blattläuse!« rief ein Dritter. Der Rat schien allen gut. Kumbhakarna wurde samt seinem Bett in die Halle gerollt, und man schrie ihm die Nachricht ins Ohr, daß Rama mit dem ganzen Affenheer anrücke, um Sita zu befreien. »Ei, gebt doch die Dirne dem Dummkopf zurück, wenn er ihr über Land und Meer nachläuft! – Und mich laßt schlafen!« sprach er gähnend, streckte sich wieder auf sein Lager und war im nächsten Augenblick eingeschlafen. »Ja, gib Sita ihrem Gatten wieder!« flehte Yibhischana aufs neue. »Schweig, Feigling, im Rate der Männer!« schrie Indradschit dem Bittenden zu. »Du bist ein Knabe gegen mich, Indradschit!« erwiderte der Greis. »Dein knabenhaftes Ungestüm taugt nicht in den Rat der Erfahrenen!« Aber Ravana stellte sich an die Seite seines kühnen Sohnes, und beide verhöhnten den friedlichen Alten, bis er, vor Zorn und Scham zitternd, die Halle verließ. Draußen rief Vibhischana vier seiner getreuesten Diener und entwich mit diesen Genien auf Sturmesflügeln von der Insel. Als die fünf das Festland erreichten, fanden sie dort das Affenheer und seine Führer in großer Ratlosigkeit vor dem wild bewegten Meer. Vibhischana nahte sich Rama mit allen Zeichen der Ergebung und riet dem Bekümmerten, sich in Opfer und Gebet an den Herrn des Meeres zu wenden. Drei Tage lang feierte der Raghuide den Gott in einem glänzende Fest, doch Sagara, der Beherrscher des Ozeans, gab kein Zeichen, daß ihm das Opfer genehm sei. Da griff der zürnende Rama zu seinen göttlichen Waffen und schoß Pfeil um Pfeil in die kristallene Wohnung des Wellenherrn. Als das alles vernichtende Brahmageschoß auf Ramas Bogen blitzte, da zögerte der Gott nicht länger und erschien über den schmerzbrüllenden Wogen, ihnen Schweigen gebietend. Ehrerbietig neigte er das perlengeschmückte Haupt vor seinem Bezwinger: »Verzeih', daß erst die Waffe des Allmächtigen mich zwingt, vor dir zu erscheinen! Doch wie stünde es um die Erde, wenn das Meer um weniger sein Bett verließe! Senge meine Fluten nicht mit deinen Feuerpfeilen hinweg, denn ich will dir helfen, den zehnköpfigen Dämon zu bezwingen. Hör' meinen Rat: Laß von deinem Millionenheer die Berge auf meinen Grund türmen, bis Gipfel sich an Gipfel zur Brücke reiht. Dann könnt ihr alle sicher nach Lanka ziehen! – So lautet mein Rat, und mein Wunsch ist dein Sieg. Erhabener!« Damit verschwand Sagara wieder unter den Fluten. Kreischend und tobend stürzte sich das Affenheer ins Gebirge, und unter der dröhnenden Wucht seines Gestampfes lösten die Gipfel sich von ihren Grundfesten. Jubelnd schleppten die Affen jeden hinunter zum Ufer und tobten wieder hinan, um neue Blöcke zu holen. Der starke Hanumat eilte in eisige Höhen hinauf und trug auf seinen Schultern einen Gipfel herunter, den täglich das Rad des Sonnenwagens berührt hatte. Wild aufgehäuft lagen Felsen und Rasen, Stämme und Geäst am Gestade. Da trat Nalas aus der Schar der Affen hervor. Er war der Sohn Wischwarkarmans, des Götterbaumeisters, und verstand es wohl, eine Brücke zu schlagen. Gipfel um Gipfel ließ er ins Meer versenken, und diese Pfeiler seiner Brücke durch lange Baumstämme, starke Lianen und eng verflochtenes Gezweig verbinden. Nach fünf Tagen war der `Nalasweg´ fertig, und das Heer der Affen erreichte die Insel Lanka. Sogleich ließ Rama die Feste des Dämonenheeres von allen Seiten einschließen und wollte nun ihre goldenen Mauern berennen. Ravana hatte im Anblick der Gefahr sein letztes Mittel versucht, um Sitas Treue zu brechen. Kraft seiner Zaubermacht hatte er ein Trugbild geformt, das dem abgeschlagenen Haupte Ramas vollkommen gleichen mußte. Mit heuchlerischen Worten der Trauer sandte er dieses furchtbare Zeichen von Ramas Tod an Sita und kam schließlich selbst, um der unglücklichen Witwe Schutz und Trost anzubieten. Doch Vibhischanas Tochter, die unter Sitas Wachen war, und die, wie ihr Vater, schon lange das Los der unglücklichen Geraubten zu lindern versucht hatte, verriet das trügerische Spiel der Gattin des Raghawers. Ravana mußte spott- und hohnbeladen abziehen. Zornbebend sammelte der furchtbare Dämonenherr die Seinen zum Ausfall. In den wilden Kriegsschrei der Affen klingt das dumpfe Dröhnen der Heerpauke, welche die Unholde der Nacht zum Kampfe ruft. Die Tore der Stadt öffnen sich weit, und hinaus fluten die Scharen der Kämpfer. Voran der Feldherr auf einem Streitwagen, den Löwen mit blutbefleckten Mähnen ziehen; Schlangen dienen als Zügel, und dichtgeballte Finsternis hängt als Banner über dem Fahrzeug. Jauchzend vor Kampfesfreude begrüßen die Affen den Feind. Rama läßt seinen Bogen schwirren, daß Sita in ihrem Gefängnis vor Freude erschauert, als sie den wohlbekannten Klang hört. Vibhischana hält sich als getreuer Rat an Ramas Seite, aber Erbarmen beraubt den Guten der Sprache! Es sind seine Brüder, gegen die er Richter und Rächer ins Feld führt! Als die Heere einander gegenüberstehen, öffnet sich der Himmel. Götter und Genien wollen die Vernichtung der Weltgeißel sehen und sich am kühnen Kampfe der Helden erfreuen. Steht Rama doch für sie in diesem Streite, und die Affen sind ihre Söhne, die sie auf Wischnus Rat mit den Göttennädchen gezeugt hatten, um dem Dämonenbezwinger Hilfsvölker zu schaffen. Ihr Segen ruht auf Ramas Beginnen und auf den Taten der Seinen. Pfeilwolken verfinstern die Luft, als die Heere gegeneinander stürmen. Furchtbar tobt die Schlacht, denn Kraft steht gegen Kraft und Zauber gegen Zauber: Berge werden gegeneinander gewälzt und Bäume wie Keulen geschwungen; aus den Wolken fällt der Tod, und Tote stehen auf, um fortzukämpfen. Die Rakschasas erscheinen in tausenderlei Gestalten, und die Affen schütteln Pfeile und Speere aus ihren Mähnen, als wären es welke Blätter. Unsichtbar mähen Dämonen mitten im Affenheer. Aber die tapferen Tiere kämpfen mit einer Zähigkeit, daß oft ein Leib mit abgehauenem Haupte noch das Schwert gegen die Feinde schwingt. Schier untrennbar haben die Heere sich ineinander verbissen. Und neben ihnen fochten die Führer im Einzelkampf: Da stand der Sonnensohn Sugriva in seiner goldglänzenden Königsrüstung gegen den furchtbaren Riesen Pradschanga, Nalas stand gegen Tapana und ein Sohn des Valin gegen Indradschit. Hanumat, der wackere Sturmsohn, stand gegen Dhumrakscha. einen der feindlichen Führer, und gegen Akampana, den Besten der Wagenkämpfer. Tapfer, stark und schnell, widerstand der Held allen Angriffen seiner furchtbaren Gegner und schlug endlich die Ermüdeten mit wuchtigen Streichen zu Boden. Rama und Lakschmana führten ihre tapferen Scharen zum Sieg. Ramas Pfeile rafften tausend und abertausend Dämonen dahin, und Lakschmanas Speer wütete unter den Streitelefanten des Feindes. Aber Indradschit, der dem starken Sohne Valins entronnen war, führte, selbst unsichtbar, eine Schar von unsichtbaren Schlangenschützen gegen die beiden Prinzen aus dem Hause Raghus. Die Schlangenschützen schossen aus ihrer Verborgenheit Vipern und Nattern gegen die tapferen Brüder. Vom Gift dieser lebenden Pfeile betäubt, sanken Rania und Lakschmana zu Boden. Der Siegesjubel der Dämonen scholl über das weite Schlachtfeld. Ravana holte in seinem Wolkenwagen Sita aus dem Gefängnis herbei und zeigte ihr triumphierend die niedergestreckten Befreier. Eine wohltätige Ohnmacht befiel die Unglückliche, als sie den Gatten und seinen Bruder in den Fesseln des Todes erblickte. Aber da rauschte es plötzlich in den Lüften, und Garuda, der Wischnuvogel, schwebte über den beiden von Schlangenpfeilen Vergifteten. Vor dem Anblick des furchtbarsten Schlangenwürgers floh das Gift der Nattern aus dem Leib der Getroffenen, und in neuer Kraft erhoben sich die Brüder von der Erde. Ravana entfloh im Wolkenwagen seinen furchtbaren Feinden und barg Sita wieder in ihrem Gefängnis. Das Heer der Affen schlug seine Waffen jauchzend gegeneinander und ergoß sich über die entsetzten Dämonen, wie der wütende Bergstrom über die Felder. Nur wenige der Nachtschrecken konnten unter dem Schlitze Prahastas, des kühnen Leibwächters Ravanas, in die Stadt entrinnen und sich hinter den schnell verrammelten Toren zu neuem Widerstand sammeln. Unzählige Scharen fielen unter den Streichen der tapferen Affen vor den Mauern Lankas. Ravana sah seine Herrschaft wanken. Entschlossen stellte er sich an die Spitze der Geretteten und fiel mit ihnen durch eine Seitenpforte aus der Stadt. In kühner Streife trug er Tod und Verderben über das Schlachtfeld, bis er auf den Helden Lakschmana stieß. Zwar gelang es ihm, den tapferen Surnitrasohn mit einem Speerstoß zu verwunden, aber der starke Raghawer stieß dem Zehnköpfigen seine Faust in eines der Gesichter, daß ihm Schild und Schwert entsank und der Betäubte wie ein todwunder Elefant wankte. Als nun noch Rama auf dem Kampfplatz erschien, ließ Ravana seine Waffen im Stich und entfloh hinter die Mauern seiner festen Stadt. Ravanas Tod Nun ließ der Herr der Dämonen seinen furchtbaren Bruder Kumbharkana wecken; den freßgierigen Riesen, welchen Brahma in dauernden Schlaf verstrickt hatte, um seine Welt vor dem Hunger des Ungeheuers zu schützen. Zornig fuhr der Schläfer empor. »Hab' ich dir nicht geraten, du sollst die Dirne zurückgeben?« brüllte er gegen Ravana. »Nun soll ich deine Dummheit an meinem köstlichen Schlafe büßen!« »O gräme dich nicht um das bißchen Schlaf, Bruder!« sprach Ravana begütigend. »Du sollst heute einmal essen, bis du satt bist. Tausend und abertausend der köstlichsten Affen biete ich dir zum Mahle, und du schiltst mich um ein kurzes Schläfchen!« Kumbhakarna fletschte vor Lust die Zähne, und der Geifer floß ihm über die breiten Lippen. »Wo sind sie, Brüderchen?« fragte er schmatzend. »Ei, hol' sie dir, Starker!« lachte Ravana. »Sie liegen in Waffen vor der Stadt und werden uns alle austilgen, wenn du ihnen nicht zuvorkommst!« Brüllend sprang der Dämon empor, bewaffnete sich mit einer siebzig Ellen langen Stange, sowie mit einem großen Netz aus daumenstarken Stricken und rief dem Könige zu: »Bleib' in der Stadt mit den Deinen, Ravana! ich hole mir meine Mahlzeit allein.« An seiner Stange schwang sich der Riese über Wall und Graben und fuhr unter die Affen, wie ein Elefant ins Röhricht. Angst- und Todesgeschrei begleitete jeden seiner Schritte. Weitauslangend schlug Kumbhakarna mit seiner Waffe in die dichtgedrängten Scharen der Affen und sammelte die Gefallenen in sein riesiges Netz. Als dieses voll war, setzte er sich auf einen Hügel und begann sein ekles Mahl. Entsetzt flohen die Affen bei dem furchtbaren Anblick, aber Angada, der tapfere Sohn des Valin, stellte sich den Fliehenden entgegen, schalt sie feige und zwang sie, wieder dem Schrecken die Stirne zu bieten. Hanumat war einstweilen auf eine Wolke geklettert und warf von dort aus mitgeschleppte Felstrümmer auf den Fresser. Sugriva schoß schwere Eisen nach ihm und schnitt ihm so Nase und Ohren vom Haupt. Brüllend taumelte der verstümmelte Riese empor. Aber da sah er sich dem kühnen Lakschmana gegenüber. Siebenmal stieß der tapfere Sumitrasohn dem Überraschten seinen Speer in den Wanst und sprang dann mit schnellem Schwung aus dem Bereich der Riesenstange. Rama kam dem Bruder zu Hilfe und schoß dem wankenden Unhold zwei stählerne Pfeile in die Brust. Kumbhakarna brüllte auf, Blut unterlief seine rollenden Augen, und tobend vor Schmerz und Wut, schlug er mit seiner Stange wie blind um sich. Rama ließ seine schwersten Pfeile auf den Sinnlosen niederhageln und lähmte ihm Arme und Beine. Als der Koloß röchelnd zu Boden stürzte, tötete ihn ein Schuß in den offenen Mund. Ravana beklagte den Tod seines starken Bruders nicht lange. Noch einmal bäumte sein Stolz als Götterbezwinger sich auf: In gewaltigem Zauber zog er über Wolken und Wellen alle Dämonen der Welt nach Lanka, und sein unbezwinglicher Sohn Indradschit mußte dieses Heer gegen den Feind führen. Furchtbare Kämpfe folgen nun: Unsichtbar zieht Indradschit durch die feindlichen Scharen und tötet die kühnen Affenkrieger reihenweise. Auch Rama und Lakschmana fallen schwerverwundet unter dem Schwerte des Unerreichbaren. Schon droht ihr Leben zu entfliehen, da erinnert sich der greise Bärenkönig Dschambavat eines todbesiegenden Heilkräutleins auf des Kailasas Gipfel. Hanumat fliegt auf des Sturmgottes Schultern nach dem Götterberg, und da er in Eile und Sorge um den erhabenen Freund die Zauberblume nicht findet, reißt er den Gipfel aus seinen Grundfesten und schleppt ihn auf seinem starken Rücken auf das Schlachtfeld. Vom Dufte des Kräutleins genesen die Prinzen und alle Verwundeten im Affenheer. Auf Vibhischanas Rat wird die Stadt nun im ersten Dämmerschein des Tages überfallen. Da hat Indradschit sein Morgenopfer, das ihn immer für einen Tag unbesieglich macht, noch nicht verrichtet. Jauchzend stürzen die Affen über Gräben und Mauern und stecken die Stadt in Brand. Lakschmana rast durch die Straßen und sucht Indradschit. Kein Opfer beschirmt ja heute den furchtbaren Gegner! Als er ihn findet, kommt es zum Kampfe Leib an Leib. Lang schwankt der Sieg zwischen den tapferen Ringern, aber endlich fällt Indradschit und verhaucht sein Leben unter den starken Fäusten Lakschmanas. Nach dem Tod seines Sohnes und tapfersten Streiters entschließt sich Ravana selbst zum Kampf. Er besteigt den Streitwagen, und aus allen zehn Rachen den furchtbaren Kampfschrei brüllend, fährt er auf die Walstatt. Rama, mitten im Gefecht, sieht plötzlich den Wagen des Donnergottes vor sich halten. Matali, der Wagenlenker, hat ihn samt des Gottes undurchdringlichen Panzer zur Erde gebracht, denn in diesem Kampf gegen den Dämon der Finsternis will Indra dem kühnen Raghusproß siegen helfen. Rama hüllt sich in des Götterkönigs Panzer und besteigt den erzschienigen Streitwagen. Jauchzend treibt Matali die falben Rosse dem Zehnköpfigen entgegen. Kaum haben die beiden Gegner einander auf Bogenschußweite erreicht, so schwirren die Sehnen in heulendem Klang, und wie im Schloßenfall stehen die Kühnen im Pfeilregen. Ravanas Haut ist pfeilfest und Ramas Brust vom Panzer des Donnerers geschützt. Matali stachelt die Rosse und jagt sie in windschnellem Wirbel um den Wagen des Dämonenherrn. Rama schwingt das Schwert, und Schlag um Schlag fallen die Köpfe des Unholdes in den Sand. Doch wehe: stets wächst im Augenblick ein neues Haupt aus dem blutenden Stumpf, und immer fauchen zehn Rachen Feuer gegen den tapferen Raghawer. Da führt Matali die Rosse auf einen Wink seines Kämpfers zurück, Rama hebt den schweren Wischnuhogen, und das alles vernichtende Brahmageschoß blitzt wie ein fallender Stern durch die Luft. Verzischend bohrt es sich in das Herz des zehnhäuptigen Ungeheuers, und lautlos bricht der Furchtbare zusammen. Zitternd halten die Rosse mit der Leiche ihres Gebieters vor seinem Bezwinger. Gellender Jubel der Affen und lautes Wehklagen der Rakschasas begleiten den Tod der Weltgeißel. Rama bringt die Schlacht zum Stehen, läßt dem toten Feind eine würdige Leichenfeier rüsten und übergibt dem wehklagenden Vibhischana die Herrschaft über die Insel Lanka. Hanumat wird in den Asokahain gesandt, um die befreite Sita vor den Sieger zu bringen. Die Apotheose Rama-Wischnu Ach, wie jubelte die Gefangene, als der treue Bote vom Siege Ramas und vom Tode Ravanas berichtete. Rasch ließ sie sich schmücken und von dem wackern Hanumat vor ihren Gatten führen. Rama saß schweigend bei Ravanas Leiche, als Sita dem Wagen entstieg und ihrem Gatten jubelnd in die Arme eilen wollte. »Halt, Weib!« rief dieser, sich erhebend. »Du weißt, wie ich um dich gelitten und gestritten habe. Die Weite nicht und nicht die Welle konnt' uns trennen! Und lag ein Abgrund zwischen uns, so hab' ich ihn mit Feindesleichen ausgefüllt! Und hat der Dämon dich gehalten, so gab dich mir der Liebesgott in jedem Atem tausendmal! – Nun stehst du nah, und ferner bist du mir als je: Weib, eines fremden Mannes Kraft hat dich an sich gerissen – du bist nicht mehr die Meine!« »Rama!« schrie Sita entsetzt, »o mein Gatte!« »Ich bin dein Gatte nicht!« sprach Rama kopfschüttelnd. »Hier liegt er, der dich in sein Frauenhaus geschleppt hat – –« »Rama!« schrie die Gequälte wieder, »o Rama, könnt' ich gegen rauhe Gewalt kämpfen? – Und doch bin ich so rein, wie ich von deiner Seite ward gerissen! – Nie hat mein Herz einem anderen geschlagen als dir, Herr und Gebieter, nie mein Blut einem anderen gewallt, nie mein Sinn eines anderen gedacht, Geliebter!« »Schweig'! Du sollst mich nicht wieder berücken!« sprach Rama düster. »Ravanas Gewalttat steht zwischen uns wie eine Wand von Flammen!« »So will ich durch das Feuer zu dir gehen, Herr!« sprach Sita weinend. Dann wandle sie sich zu den Kriegern des Affenheeres: »Schichtet mir Holz zu einem Scheiterhaufen! Rein bin ich vor mir und den Göttern, rein will ich vor meinem Gatten stehen!« Während einige Affen den Holzstoß schichteten, wand die Unglückliche ihr Haar zur Trauerflechte und warf ihren Schmuck unter die Krieger. Als das Feuer emporloderte, schrie sie: »Agni, verzehre, was an mir unrein ist!« und sprang in die Flammen. »Sita!« schrie Rama entsetzt. Da öffnete sich der Himmel, und die Götter mit den sieben Heiligen der Urzeit schwebten zur Erde hernieder. Sie scharten sich um den bebenden Helden und sangen, ihm die Hände reichend: »Dreigespaltner – Der die Welt errichtet, Sie erhaltet und vernichtet – Dreigeeinter! – Sei gegrüßt!« »Bin ich nicht Dascharathas Sohn?« fragte Rama wie im Traume. »Wer bin ich, daß ihr so mich ehrt?« Da klang es aus dem Munde des Schicksalslenkers: »Du bist, o Herr, vor Anfang und nach Ende, Weil ohne Anfang du und Ende bist! Du bist das All und Nichts der Weltenwende, Der Ewige, der aus sich selber ist! Dein Zorn ist Feuer und dein Odem Leben, Dein Aug' des Tages Licht, sein Lid die Nacht, Dein Herz ist Weisheit! Deine Lippen geben Der holden wie der stolzen Rede Macht! Das tiefste Denken kann dich nicht ergründen, Der höchste Rausch nur betend vor dir knien! Du sprichst aus Wasser, Feuer, Erd' und Winden Und rollst aus dir als Rad des Schicksals hin. Dreiheit und einer nur, Einheit der Drei! Du kamst als Menschensohn zu deiner Erde; Du hast gelitten bis zum Todesschrei, Auf daß die Welt erlöst vom Übel werde. Heil Rama-Wischnu, Kämpfer, Sieger, Gott! Die Welt ist frei und dankt die Freiheit dir. Dich preist sie als Besieger ihrer Not, Solange Stimm' und Atem noch in ihr!« Hochaufgerichtet stand Rama unter den Himmlischen. Da sprang Agni, der Gott des Feuers, aus den Flammen des Scheiterhaufens und trug die unversehrte Sita auf seinen Armen. Demütig sich neigend, legte er sie an den Hals ihres Gatten. »Nimm hin, o Herr!« sprach er, »sie ist rein! Sita ist Lakschmi, der Schönheit Göttin, wie du, Rama, Wischnu bist, der Ewige, der Gatte der Schönheit!« Freudig schloß Rama die Wiedererstandene in seine Arme. »Ich wußte, daß der Reiniger sie ohne Fehl finden werde!« sprach er dann, »doch andere konnten es nicht wissen wollen!« Die Götter jubelten dem Gottmenschen zu, und nachdem Indra die gefallenen Affen mit Amrita wieder ins Leben gerufen hatte, kehrten sie zu ihren Himmelssitzen zurück. Rama bestieg mit Sita den Wolkenwagen Ravanas und verließ nach freundlichem Abschied von seinen tapferen und treuen Bundesgenossen die Insel. Er fuhr gegen Ajodhia, denn die Zeit seiner Verbannung war nun verstrichen. Vibhischana übernahm die Herrschaft in Lanka, und die Affen zogen sich auf ihrer Brücke zurück, hoben die Berggipfel aus ihrem nassen Bett und setzten sie wieder an ihre alten Plätze. Das Lied vom Helden Rama und sein Ausgang Der getreue Hanumat war dem Wolkenwagen auf Flügeln des Sturmes vorausgeeilt, und so empfing Ajodhia seinen siegreichen Herrscher mit jubelnden Festen. Bharata geleitete den langvermißten Bruder an den Thron, vor welchem noch immer seine Schuhe als Sinnbild der Herrschergewalt standen. Rama trat auf das Tigerfell, der greise Wasischta sprengte Weihwasser über den neuen Herrn der Erde, und die Großen des Reiches begrüßten den König mit Heilrufen und fröhlichem Waffengeklirr. Freude und Frieden war in den Herzen des wiedervereinten Paares aufgeblüht, und ihr Glück lachte wie die Frühlingssonne, als der König sein Weib guter Hoffnung sah. Aber der Neid schläft nicht: Noch schlich die bucklige Manthara durch die Gesindehäuse des Palastes und über die Märkte von Ajodhia. Wie Feuer durch das Torfmoor, fraß sich das Gerücht durch die Sklaven- und Dienerscharen, durch Volk und Ritterschaft bis an den Hof, daß Sita nach dem Raube Ravanas Gattin geworden und des Platzes an des Königs Seite unwürdig sei. Das Gemurmel wurde zum Murren, zu lautem Schelten! Man sprach offen von dem entweihten Thron der Ikschwakuiden und sah der Sittenlosigkeit Tür und Tor geöffnet, wenn das böse Beispiel von oben käme. Da beugte sich Rama seiner schweren Königspflicht. Er ließ die Gattin durch seinen getreuen Bruder Lakschmana nach einem heiligen Hain an den Ganga bringen, und dort, viele Tagreisen von allen Städten und Dörfern entfernt, mußte der Sumitrasohn die Verbannte verlassen. Klagend irrte Sita allein durch den Urwald, bis sie auf zwei Brahmanenfrauen stieß, die zur Siedelei des frommen Valmiki gehörten. Die Guten nahmen sich der Verlassenen an und brachten sie in ihre Klause. Dort schenkte Sita zweien schönen Knäblein das Leben, und Valmiki, der greise Patriarch, nannte sie Kuscha und Lava. Schweigend trug Sita ihr Los, und niemand ahnte, woher die schmerzgebeugte Frau mit den schönen Zwillingen stammte. Jahr um Jahr war ins Land gezogen, und Kuscha wie Lava waren unter dem Schutz ihrer Mutter und der klugen Leitung Valmikis zwei schöne und edle Jünglinge geworden. Nun kehrte einst der Götterbote Narada in Valmikis stiller Klause ein und ward von dem frommen Brahmanen mit aller Gastfreundschaft aufgenommen. Viele weise Worte wurden zwischen Wirt und Gast gewechselt, und Narada, dem als Mittler zwischen Göttern und Menschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bekannt war, nannte als leuchtendes Beispiel für Tapferkeit, Pflichtgefühl und Edelsinn den Helden Rama, den König von Ajodhia. Auf Valmikis Bitte erzählte der Götterbote von Kaikeyis Ränken, von Ramas Verbannung und dem Raub der Sita und endlich von Ravanas Tod. Still hörte Valmiki den Bericht von Ramas Heldentaten, und in seinem beschaulichen Geiste baute sich ein Lied auf, das Ramas Leiden, Kämpfen und Siegen besingen sollte: den Schwachen als lehrreiches Beispiel, den Starken zur Freude und dem Helden selbst zu Ruhm und Ehre! Als Narada von seinem freundlichen Wirte Abschied genommen hatte, schritt dieser in den stillen Wald, um in tiefster Versunkenheit seiner inneren Stimme zu lauschen. Auf seinem Wege lag die pfeilwunde Leiche eines Vögleins, und die kleine Gattin des Gemordeten saß dabei und beklagte in schluchzenden Tönen den Tod ihres Liebsten. Valmiki sprach zornige Worte über den Vernichter des kleinen und doch, ach, so großen Liebesglückes. Und sieh: die Worte des Fluches perlten in klangvollen Rhythmen von den Lippen des Erregten. »Oh!« rief Valmi aus, »was hab' ich da gesprochen? – Wie schön hat Wort sich an Wort gereiht und Klang den Klang getragen! – In diesem Ton will ich meinen Helden Rama besingen, es soll aus dem Leide ein Lied werden!« Der Sänger schritt weiter durch den Wald, und Bild um Bild entrollte sich vor seinem Geiste, Vers um Vers quoll ihm über die Lippen. Fröhlich eilte Valmiki nach Hause. Er wählte, um sein Lied in die Welt zu senden, die beiden Schönsten und Beredtesten aus der Schar seiner Schüler und lehrte sie Strophe um Strophe das Lied vom Helden Rama. Die Auserwählten aber waren Kuscha und Lava, die Söhne der unglücklichen Sita, die nicht ahnten, daß sie in diesem Liede von ihres Vaters Ruhm und ihrer Mutter Treue sangen. Die beiden Barden zogen durch die Einsiedlerwälder. Wo immer sie ihr Heldenlied sangen, erregten sie die Freude der frommen Klausner und nahmen dankbar die Gaben ihrer Hörer entgegen: Da schenkte der eine ein Opfergefäß, der andere einen aus Weihgras geflochtenen Gürtel, ein dritter eine Rolle Brennholz oder segensvolle Spruchweisheit. Immer waren Schenker und Beschenkte glücklich. Als des Königs Boten einst in den Einsiedlerwald kamen und alle die frommen Büßer zu einem feierlichen Roßopfer an den Hof luden, da beschloß Valmiki, auch Kuscha und Lava nach Ajodhia zu führen, auf daß sie beim Opfer sein Lied vom Helden Rama sängen. Sita begleitete schweigend die Söhne: Sie war so sehr in ihre Trauer versunken, daß sie nicht ahnte, wohin die Fahrt ging. Rama lebte ein Leben voll schweigendem Ernst, seitdem er zwischen Pflicht und Liebe hatte wählen müssen. Wohl hatte die Pflicht in dem Herrscher gesiegt und hielt ihn mit ehernen Banden, aber die wenigen Stunden, die er ihr entreißen konnte, waren in liebendem Gedenken der unschuldig Verbannten geweiht. Als die Priester ein Roßopfer forderten, um des Königs endlosen Schmerz zu lindern, ließ Rama es in aller Feierlichkeit rüsten und lud, der Sitte gemäß, alle Brahmanen des Reiches an den Hof. So war Valmiki mit seinen Schülern nach Ajodhia gekommen und hatte eines der vielen, für die ehrwürdigen Gäste errichteten Häuschen auf dem Festplatz bezogen. Das Opfer nahm einen würdigen Verlauf. Allenthalben rauchten die Feuer, sangen die Priester und dufteten die Gaben auf den Altären. Kuscha und Lava, deren Ruf schon durch die vielen Gäste aus den Einsiedlerwäldern an den Hof gebracht worden war, wurden nun vor den König geführt, um Valmikis Lied vom Helden Rama zu singen. Der König starrte mit weitgeöffneten Augen auf die schönen Jünglinge, und wehes Ahnen schlich durch sein müdes Herz. Die Barden sangen ihr Lied vor dem Helden desselben mit einer Innigkeit und Reinheit, die selbst den Dichter überraschte. Rama rief die Sänger zu sich und umarmte sie mit heißen Küssen. Als er sie stockend um ihre Herkunft befragte, gestanden die Jünglinge, daß sie nicht wüßten, welches Stammes sie wären. Sie sprachen aber mit so viel Liebe und Ehrfurcht von ihrer trauernden Mutter, daß der König bat, sie vor ihn zu führen. Valmiki holte die Gramversunkene aus ihrer gastlichen Wohnung. Als Sita vor dem Throne die Augen aufschlug, sah sie in das schmerzgefurchte Antlitz ihres Gatten. »Du bist es, Rama, der mich rufen läßt?« sprach sie ruhig, denn der jahrelang glosonde Kummer hatte all ihr Empfinden verbrannt. »Du bist es?« »Sita!« schrie Rama auf in steilem Schmerz, »Sita!« »Ich wußte nicht, wohin die Fahrt ging, sonst hätt' ich dir den Anblick der Geschmähten erspart. Meinen Söhnen folgte ich, Rama, und den deinen!« sprach Sita ernst. »So sind sie's? oh, ich ahnte es!« rief Rama aus. Dann faßte er der Gattin Hand und sprach: »O Sita! hier vor allem Volke reinige dich durch einen heiligen Eid von jener schnöden Verleumdung, und neues Glück wird uns aus alter Liebe erblühen!« »Es ist zu spät, Herr!« sprach Sita, ihre Hand aus der des Gatten lösend. »Alles starb in mir, nichts kann dort wieder blühen! – Doch dich und mich will ich von jedem Makel befreien!« fuhr sie lebhafter fort: »Höre mich, Mutter Erde, die du ein Hort des Friedens bist! Nimm mich in deinen Schoß, wenn ich rein bin vor dir und mir, und wirf mich aus wie Schlamm, wenn meine Liebe je einem anderen galt als Rama, meinem Gatten. – Heilige Erde, zeuge für mich, wie es das Feuer tat!« Da spaltete sich der Grund vor Sitas Füßen, und die Göttin Erde, auf goldenem Throne sitzend, stieg empor. Liebevoll nahm sie die Lächelnde in ihre Arme und versank schweigend mit ihr. »Gnade, Göttin, Gnade!« schrie Rama verzweifelnd. »Ich ende euer Leid, Erhabener!« scholl es noch aus der Tiefe, und der Boden schloß sich für immer über Ramas irdischem Glück. Wie von der Streitaxt getroffen, schwankte der edle Dulder, doch Kuscha und Lava sprangen hinzu und stützten den Vater voll ehrfürchtiger Liebe. Das Opfer ward vollendet, und nachdem reiche Gaben an Priester und Volk verteilt worden waren, eilte der König zwischen seinen edlen Söhnen nach Hause. Last und Leid, dem Menschensohn von seiner Pflicht aufgebürdet, schienen ihn schier zu erdrücken; Rama flehte den Himmel um Erlösung an! Da kam Yama, der schweigsame Völkerversammler, in das Haus des Gramgebeugten und lud ihn in seine friedliche Wohnung. Lakschmana, der die Unterredung seines Bruders mit dem Todesgott störte, fiel in die Schlinge des Unerbittlichen. Rama feierte dem Vielgetreuen ein würdiges Totenfest und beweinte den Bruder, der Glück und Elend mit ihm geteilt hatte, gar schmerzlich. Bharala sowohl als auch Schatrugna weigerten sich, die Herrschaft von dem müden Bruder zu übernehmen. Da rief Rama seine Söhne Kuscha und Lava vor sich. Ihr Ruhm als Sänger hatte sich weit über die Grenzen Kosalas verbreitet, so daß seither alle Barden Indiens Kuschilava genannt werden. Der Vater weihte die edlen Jünglinge vor allem Volke zu Herrschern über Kosala, zu Gatten der Erde. Als die Feier vorbei war, verkündeten Boten im ganzen Lande, daß der greise König nach uralter Sitte den Freitod in den heiligen Bergen suchen wolle. Da kamen viele Genossen seiner Jugend, seines Glückes und seiner Kämpfe, um mit ihrem Besten gemeinsam zu sterben. Vor allem schlossen sich Bharata und Schatrugna dem geliebten Bruder an. Sugriva, der tapfere Affenkönig, übergab die Herrschaft dem wackeren Hanumat und zog mit vielen seiner Recken, die einst vor Lanka geblutet hatten, nach Ajodhia, um dem edlen Rama auf seinem letzten Weg zu folgen. Mancher Große aus dem Kosalervolk und viele Bürger Ajodhias schlossen sich dem Todesgang ihres edelsten Königs an. Es war ein stolzer und doch, ach, so ernster Zug, der unter Ramas Führung nach den heiligen Bergen aufbrach. Aber schon an den Ufern der Saraju kam er zum Halten: Die Götter, unter Brahmas Führung, hatten sich ihm entgegengestellt und empfingen Rama mit den ehrfürchtigen Worten: »Dreigespaltner – Der die Welt errichtet. Sie erhaltet und vernichtet – Dreigeeinter! – Sei gegrüßt!« Vor aller Augen ward der Dulder Rama zum ewigen Gotte Wischnu. Im gelbseidenen Kleide, den nie fehlenden Diskus in der Hand, stand er da, und Sita-Lakschmi, die Göttin der Schönheit und des Glückes, schmiegte sich an seine Brust. Mit freundlichen Worten lud er seine treuen Begleiter ein, ihm zu folgen, und unter den jauchzenden Klängen der Gandharwerweisen zog Rama-Wischnu mit seinen Todesgenossen in den leuchtenden Himmel Yamas ein. Als Mensch, in Freuden und Leiden, hat der Ewige die Erde vom Übel erlöst, und wer die fromme Erzählung mit Andacht aufnimmt, der wird nach gottseligem Leben ein gottseliges Ende finden! So endet Valmikis perlenreiches Lied vom Helden Rama. Anhang A Agni: Gott des Feuers. Das Feuer. Ajodhia: Hauptstadt von Kosala. Akampana: Ein Dämon aus Ravanas Gefolge. Amrila: Der Göttertrank; erweckt vom Tode, Trank der Unsterblichkeit. Ananga (Der Körperlose): Beiname des Liebesgottes Kama. Anasuya: Ein Brahmanenmädchen in der Einsiedelei Kanvas. Freundin der Sakunlala. Anga: Ein Königreich. Angada: Der Sohn des Affenkönigs Valin, ein Held aus Ramas Heer. Apsaras (Die im Wasser Wandelnden): Nymphen, Göttermädchen aus Indras Gefolge. Arischta: Ein Berg auf der Insel Lanka. Asoka (Kummerlos): Name eines vielbesungenen Baumes. Asuren: Sammelname der Gölterfeinde, Daitia, Dämonen usw. Suren heißen dagegen die Lichtgötter. Aßwapati: König von Madra, Vater der Sawilri. Ayus: Sohn des Pururavas und der Urwasi. Ayuscha: Der König der Frösche, Vater der Suschavana, der Gattin Parikschits. B Bharata: Sohn Duschjanlus und der Sakuntala, Ahnherr der Kaurava und Pandava; der Sage nach erster Großkönig von Indien (Sakuntala). Bharata: Ein Brahmane in Indras Himmel, der Leiter der himmlischen Festspieie (Pururavas und Urwasi). Bharata: Sohn Dascharathas und Kaikeyis, Bruder des Rama (Held Rama). Brahma: Das All, der Weltenschöpfer, das höchste Wesen, Schicksalslenker, Haupt der Dreieinigkeit: Brahma, Wischnu, Schiwa (Schöpfung, Erhaltung, Zerstörung), das Seiende, das Ewige. Brahmane: Priester, Glied der obersten Kaste (s.d.). Brahmatscharin: Brahmanenschüler. D Daitia: Söhne der Dili. Dämonen, Asuren. Dandakawald: Ramas Verbannungsort. Dascharatha: Ein König von Kosala, aus Jkschwakus Geschlecht. Vater Ramas usw. Dhumrakscha: Ein Heerführer Ravanas. Djumatsena: Ein König von Schalwa, Vater Salyavants. Dschambavat: Der Bärenkönig, Bundesgenosse Ramas. Dschanaka: König von Mithila (Wideha), Vater der Sita, der Gattin Ramas. Dschalajus: Ein Geierfürst, Brudersohn des Wischnuvogels Garuda, Freund des Rama. Dschaya: Die Siegesgöttin, Mutter der Waffen, die Wischwamitra dem Rama gibt. Durga: Die götlliche Tochter des Bergriesen. Durwasa: Ein brahmanischer Büßer, dessen Jähzorn oft in der Sage erwähnt wird. Duschjanta: König aus Purus Geschlecht. Gatte der Sakuntala. Vater Bharatas. G Gandharva, Gandharwer: Himmlische Spielleute (Schauspieler, Künstler, Musiker), Halbgötter, Gefährten der Apsaras. Gandharvaehe: Eine eheliche Verbindung ohne besondere Feierlichkeit, die aber rechtlich bindende Kraft hatte (besonders in der Kriegerkaste gebräuchlich, neben der Raubehe, Wahlehe, Brautkauf). Ganga: Der Strom Ganges und die Göttin dieses Stromes. Garuda: Der Geierkönig, Reittier und Wappen des Gottes Wischnu. Gauri: Gattin des Gottes Schiwa. Gautama: Ein Büßer in Djumatsenas Büßerdorf. Gautami: Eine Büßerin, mütterliche Freundin der Sakuntala. H Hanumat: Feldherr des Affenheeres, später König der Affen. Ein Sohn des Sturmgottes Waju. Haristschandra: Ein König von Kosala. Hastinapura: Residenz des Purugeschlechtes. Hemadanta: Eine Apsaras. Himawat: Der Himalaja. (Als Sitz der Götter gedacht.) Hotar: Der Leiter eines feierlichen Opfers, ein Brahmane von hoher Würde. I Ikschwaku: Stammhalter der Könige von Ajodhia, der Ikschwakuiden. Ila: Sohn des Manu, König von Pratischtana; zum Weib verwandelt, wird er Mutter des Pururavas. Indra: Der König der Götter, Kriegs- und Donnergott. In allen Zeiten der mächtigste Gott, später zugunsten Brahmas, Wischnus und Schiwas, sowie mancher Heiliger, mehr in den Hintergrund gedrängt. Indradschil: Der Sohn des Dämonenfürsten Ravana. K Kaikeyi: Die dritte Gemahlin Dascharathas, des Königs von Kosala, Mutter des Bharala, Tochter des Königs von Kekaya. Kailasa: Ein Berg, Sitz des Gottes Kubera. Kalanemi: Dämonenvolk, das von Duschjanta besiegt wird. Kama: Der indische Liebesgott (gleicht in vielem dem Amor); seine Gattin ist Rali, die Lust. Kanva: Ein Heiliger, Ältester einer Büßergemeinde, Ziehvater Sakuntalas. Ein Sproß des Schöpfers Kaschjapa. Kapila: Ein Fürst der Unterwelt. Kaschi: Ein Reich. Kaschjapa: Der meistgenannte Schöpfer. Ein Himmelsheiliger. Kaste: Stand, Beruf im weiteren Sinne. Im engeren Sinn sind darunter die vier durch die Geburt bestimmten Stände des indischen Volkes zu verstehen. Und zwar: 1. Brahmanen (Lehrstand): Priester, Sänger, Lehrer usw. 2. Kschattrija (Wehrstand): Könige, Adel, Krieger von Beruf. 3. Waischia (Nährstand): Bauern, Handel- und Gewerbetreibende. (Dies sind die drei arischen Kasten.) 4. Schudra: Diener (keine Sklaven, sondern nichtarische, unterjochte Völker). Frauen und Kinder gehören zur Kaste, der sie entstammen. Ehen unter Gliedern verschiedener Kasten sind verpönt. Kinder solcher Verbindungen waren Kaslenlose, Paria, Tschandala, verachtet und rechtlos wie räudiges Vieh. Kanschalja: Die erste Gemahlin Dascharathas, des Königs von Kosala, Mutter des Rama. Kauschika: Vatersname des Heiligen Wischwamitra. Kausiki: Ein Strom. Kekaya: Reich und Volk. Keschin: Ein Dämon. Khara: Ein Dämon, Bruder Ravanas. Kinaras: Genien mit Roßköpfen, oft wegen ihrer Verliebtheit genannt Kischkindha: Die Affenstadt, Residenz des Sugriva. Kokila: Ein herrlich singender, poetisch verklärter indischer Kuckuck. Kschattrija: Krieger (siehe: Kaste). Kubera: Gott des Reichtums, der Schätze, Herr der Geister. Kumbhakarna: Ein Riese, Bruder Ravauas, wegen seiner Freßgier von Brahma in dauernden Schlaf verstrickt. Kuscha: Zwillingsbruder des Lava, Söhne Ramas und der Sita,Schüler Valmikis, des Dichters des Ramaliedes. Der Sage nach waren Kuscha und Lava die ersten Barden des Ramayana (Ramaliedes); so erklärt sich der Ausdruck: Kuschilava: Fahrende Sänger. L Lakschmana: Einer der Zwillinge, die Sumitra ihrem Gatten Dascharatha schenkte; der Freund und ständige Begleiter seines Bruders Rama. Lakschmi oder Schri: Göttin des Glückes und der Schönheit, Gattin Wischnus. Sie ist dem Meer entstiegen. Lanka: Stadt und Insel, wo der Dämonenherrscher Ravana residierte. Lava: Zwillingsbruder des Kuscha (s. d.). Lomapada: König von Anga, Vater der Santa. Lotus: Die indische Wasserrose; in ihrer Herrlichkeit sagen verklärt. M Madra: Reich und Volk. Mahadewa: Der große Gott, Beiname Schiwas. Mahendra: Ein Berg. Malavi: Gattin Aßwapalis, des Königs von Madra, Mutter Sawitris, Stammutter der Malaver. Malaya: Ein Berg. Malini: Ein Strom. Mandolari: Lieblingsgattin Ravanas. Manthara: Die bucklige Zofe der Königin Kaikeyi. Manu: Stammvater der Menschen, ein Sohn der Sonne. Gesetzgeber, Heiliger. Vater Ilas. Maritza: Ein Diener Ravanas. Sohn der Tataka. Matali: Indras Wagenlenker. Menaka: Eine Apsaras, Mutter der Sakuntala. Mithila: Hauptstadt von Wideha. Heimat Silas. Muni (Der Schweigsame): Beiname und ehrfürchtige Anrede für Heilige und Büßer. N Nalas: Ein Held des Affenheeres. Sohn des Götterbaumeisters Wischwakarman. Er leitet den Brückenschlag nach Lanka. Die Brücke heißt daher Nalasweg. Nandini: Eine Wunder- oder Wunschkuh, die jeden Wunsch erfüllt. Sie ist göttlichen Ursprungs und Eigentum des Heiligen Wasischta. Narada: Der Götterbote, ein Brahmane des Himmels. Narayana: Beiname des Gottes Wischnu als Asket und Heiliger. Nikumbas: Ein Daitiaherrscher, Vater des Sundas und Upasund. P Pantschavati: Der Wald, in dem Rama die Dämonen besiegt. Paraschu-Rama (Rama mit der Axt): Sohn des Dschamadagni, ein kriegerischer Brahmane, tödlicher Feind der Kriegerkaste. Wird von Rama, dem Sohn Dascharathas besiegt. Paria: Verachtete. Ausgestoßene (siehe: Kaste). Parikschit: Ein König von Ajodhia, Gatte der Froschprinzessin Suschavana. Parnini: Eine Apsaras. Pivari: Gattin des Königs Vipastschit. Pradschanga: Ein Riese aus Ravanas Heer. Prahasla: Der Führer von Ravanas Leibwächtern. Prasravana: Ein Berg bei Kischkindha. Pratischtana: Stadt und Reich des Pururavas. Priyamvada (Schmeichlerin): Ein Brahmanenmädchen, Sakuntalas Freundin. Purohita: Hauspriester (des Königs). Puru: Ahnherr Duschjantas und seines Königsgeschlechtes. Pururuvas: König von Pratischtana, Sohn des Ila, Gatte Urwasis, Vater des Ayus. Puschpaka: Der goldene Wolkenwagen des Gottes Kubera, später von Ravana geraubt. R Raghawer, Raghuide: Nachkomme des Raghu, Beinamen des Rama und seiner Brüder. Rakschasa: Dämonen, Geister, böse Mächte, Zaubertiere (Schlangengeister usw.), Riesen, Zauberer, Hexen, Dürre und anderes Unwetter. Daher raubt Ravana, ihr Haupt, die Sita (Ackerfurche), und Rama befreit sie mit Hilfe der Affen (Wolken). Rama: Sohn des Dascharatha, eine Menschwerdung des Gottes Wischnu; Gatte der Sita. Besieger des Dämonenfürsten Ravana. Rama mit der Axt: Siehe Paraschu-Rama. Rambha: Eine Apsaras, wird durch Wischwamitras Fluch zu Stein verwandelt. Rali: Die Lust, Gattin des Liebesgottes Kama. Wird auch unter den Apsaras genannt. Ravana (Der Peiniger): Herrscher der Dämonen, Sieger über Götter und Menschen. Zehnköpfig. Wird endlich von Rama bezwungen. Rischjaschringa (Gazellenhörnchen): Sohn des Brahmanen Wibhandaka und einer in eine Gazelle verwandelten Apsaras. Gatte der Prinzessin Santa von Anga. Oberpriester der Angern. Ruma: Gattin des Affenkönigs Sugriva. Ruru: Ein Brahmane. S Sagara: Ein Gott des Meeres. Salwi: Die Gattin des Könige Haristschandra von Kosala. Sakuntala: Tochter Wischwamitras und der Apsaras Menaka. Vom Heiligen Kanva im Walde gefunden und großgezogen. Gattin Duschjantas, Mutter Bharams. Sakuntas: Vögel. Sampali: Ein Geierfürst, Bruder des Dschalajus. Santa: Tochter des Königs Lomapada, Gattin des Heiligen Rischjaschringa. Saraju: Ein Fluß. Sarasvati: Brahmas Gattin, die Göttin der Kunst, und Wissenschaft, besonders der Beredsamkeit. Satyavant: Sohn des Djumatsena, des Königs von Schalwa. Gatte der Sawitri. Satyavati: Eine Büßerin, die den Ayus erzieht. Sawitri: Sonnengöltin, Tochter des Sonnengottes. Sawitri: Eine Tochter Aßwapatis, des Madrerkönigs. Gattin Satyavants. Heldin einer der meistverbreiteten indischen Legenden. Sauwira: Volksstamm. Schakra (Der Mächtige): Beiname Indras. Schakrawasser: Ein heiliger Weiher nächst Hastinapura. Schalwa: Ein Reich. Schatrugna: Einer der Zwillinge, die Sumitra ihrem Gatten Dascharatha schenkte. Freund und Begleiter seines Bruders Bharata. Schalschi: Die Macht. Indras Gattin. Schiwa: Gott der Vernichtung. Teil der Dreieinigkeit (Brahma, Wischnu, Schiwa). Schri: oder Lakschmi (s. d.). Schurpanakha: Eine Hexe, Schwester des Ravana und Khara. Sindhu: Ein Volk. Sita (Die Ackerfurche): Tochter des Königs Dschanaka von Wideha, Gattin Ramas, Auch Wideherin oder Blume von Mithila genannt. Sivadatta: Ein Zauberer. Skanda: Ein Kriegsgott, Indras Feldherr. Soma: Der Mond, Mondgott. Soma: Ein berauschendes Getränk aus Bergkräutern, der Opfertrank. Subahu: Ein Dämon aus Ravanas Schar (Held Rama). Subahu: Eine Apsaras (Pururavas und Urwasi). Sugriva: Ein König der Affen. Sohn des Sonnengottes Surya. Bundesgenosse der Rama. Sukeschi: Eine Apsaras. Sulotschana: Eine Apsaras. Sumantra: Der Wagenlenker Dascharathas. Sumitra: Zweite Gemahlin Dascharathas, Mutter der Zwillinge Lakschmana und Schatrugna. Sunda: Ein Dämon aus dem Ramalied. Sundas: Ein Daitiafürst, Bruder Upasunds. Suren: Sammelname der Lichtgötter. Surya: Der Sonnengott. Suschavana: Tochter des Froschkönigs Ayuscha, Gattin Parikschits. T Tapana: Ein Dämon aus Ravanas Heer. Tataka: Eine Hexe aus dem Ramalied. Tilottama: Ein wunderschönes, von Wischwakarman, dem Götterkünstler, erschaffenes Weib. Tschampa: Hauptstadt von Anga. Tschandala: Ausgestoßene, Unreine, Kastenlose, Henker und Wasenmeister, Paria (siehe Kaste). Twaschter (auch Wischwakarman): Der Götterschmied, -baumeister, Künstler in Erz, Gold und Stein. U Upasund: Ein Daitiafürst, Bruder des Sundas. Urwasi: Eine vielbesungene Apsaras. Von Narayana aus einer Blume erschaffen. V Valin: Ein König der Affen, Bruder Sugrivas. Valmiki: Ein Brahmane, der Dichter des Ramayana (des Liedes vom Helden Rama). Varuna: Der Gott der Gewässer, einer der Welthüter. Vibhischana: Der gutmütige Bruder des Dämonenherrschers Ravana. Zum Verschrumpfen verflucht. Vipastschit: Ein König von Wideha. Viradha: Ein pfeilfester Riese. W Waju: Der Gott des Sturmes, Vater Hanumats. Wamadewa: Ein Brahmane, Opferpriester bei den Kosalern. Wasischta: Ein Heiliger, Scher, Dichter vieler Wedahymnen, Hauspriester der Ikschwakuiden. Weda: Vier heilige Bücher aus der Urzeit. Offenbarungen, Hymnen, Vorschriften usw. Grundlage alles brahmanischen Wissens. Wibhandaka: Ein Heiliger, Vater des Rischjaschringa. Wideha: Ein Reich. Sitas Heimat. Widuschaka: So hieß der "Lustige Rat" am Hof eines indischen Königs. Er war ein Brahmane und stand als solcher wohl höher in Ehren als der deutsche "Hofnarr". Windhia: Ein Gebirge. Wischnu: Ein Gott, der zeit- und landweise noch über Brahma steht und in der Dreieinigkeit (Brahma, Wischnu, Schiwa) auch mit ihm und Schiwa identifiziert wird. Wischwakarman (auch Twaschter): Der Götterschmied, -baumeister, Künstler in Erz, Gold und Stein. Wischwamilra (mit dem Vatersnamen Kauschika genannt): Ein König, der durch endlose Buße aus der Krieger- in die Brahmanenkaste aufsteigt. Lehrer Ramas, Vater Sakuntalas. Dichter vieler Wedahymnen. Wischwawasu: Ein Gandharvafürst, Halbgott. Y Yama: Der Gott des Todes und des Rechtes.