Ludwig Tieck. Eigensinn und Laune. 1836.   Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer. 1853.   Erster Abschnitt. Es ist nicht selten, daß Männer, welche ihre Frauen verloren haben, als Witwer sich wenig fähig zeigen, Töchter gut zu erziehen, so wie es verwitweten Frauen fast unmöglich ist, Söhne richtig zu behandeln. Es scheint, als wirkte die Liebe, die in diesen Fällen fast immer eine ungehörige ist, zu einseitig. Man hat in Deutschland so viele Bibliotheken über die Wissenschaft der Erziehung geschrieben, und doch ist das Verziehn eigentlich nur durch diese zu einem System geworden, und wären nicht Leidenschaft, Schicksal und Unglück, welche sich so oft des verwahrloseten Menschen annehmen müssen, so würden die Folgen dieser überzarten, zu wissenschaftlichen und allzueiteln Verbildungs-Anstalten der Kinder noch viel trübseliger seyn, als sie uns jetzt wohl schon oft genug und schmerzlich ins Auge fallen. Dies ungefähr sagte ein alter strenger Mann seinem Freunde, dem reichen Banquier Runde, der mit großer Gutmüthigkeit dem Eifern des Rathes Ambach zuhörte und nur selten etwas erwiederte. Was Du eben bemerkt hast, Freund, sagte Runde nach einer Pause, ist gewiß sehr richtig; jenes Unsichtbare, welches außerhalb aller Berechnung liegt, unsere Hoffnungen wie Befürchtungen tausendmal Lügen 266 straft, und das wir Schicksal oder Vorsehung nennen, muß wohl in allen unsern Anstalten das Beste thun und mit seiner feinen Geisterhand die rohen Blöcke unsrer Pläne und Absichten in schöne Bildungen umgestalten. Aber oft, rief der eifernde Ambach, zerschlägt und zerbricht es auch unsre bunten Püppchen, weil wir selbst das haben schnitzeln wollen, was jene göttliche Hand allein nur ausführen kann und soll. Erzürnen wir uns nicht, sagte Runde, und faßte die widerstrebende Hand seines Freundes. Ich kenne Deine Wünsche und Pläne, und würde mich freuen, wenn sie sich realisiren ließen. Ich habe meiner Emmeline zugeredet, so oft und eindringlich, als ein Vater nur darf; aber da Du ihren Charakter kennst, brauche ich Dir nicht zu sagen, wie vergeblich alle meine Worte gewesen sind. Und mein Junge, mein Ferdinand, rief der Alte und stand unwillig vom Stuhle auf, soll darüber zu Grunde gehn? Du sagst selbst, antwortete der ruhige Mann, daß Unglück dem Menschen oft die wahre Erziehung oder Ausbildung giebt. Ja wohl, rief der Alte unwillig und stieß mit dem Stock auf den Boden, da hat aber der Teufel (Gott verzeih mir die Sünde) so ganz verfluchte Sorten von Unglück geschaffen, die so niederträchtig miserabel sind, daß sie den tüchtigen Menschen nur auf eine ganz klägliche Art zu nichte machen. Und das elendeste in dieser Manier ist, wenn eine herzlose Coquette einen wackern Jüngling aus Langweile und Nüchternheit so recht lüstern massakrirt, damit er ihrem verdorrten Herzen zum Labsal diene und daß sie nachher sich und ihren gähnenden Gespielinnen erzählen kann: den und den habe ich dazumal mit auserlesener Kunst hingerichtet; 267 ich bin im Stande, eine ungeheure Leidenschaft zu erregen! und dergleichen Dummheiten mehr. Ich sollte böse werden, sagte der Banquier, aber ich kenne Dich, es ist nicht Dein Ernst, wenn Du so übersprudelst. Hättest Du recht, so wäre ich ein unglücklicher Vater; aber ich danke dem Himmel dafür, daß er mir diese Tochter geschenkt hat. Sie wurden vom Diener abgerufen, und Beide gingen in den Saal, in welchem die Tafel angerichtet und die Gesellschaft versammelt war. Der alte Baron Excelmann machte dem Wirthe höfliche Vorwürfe, daß seine Geschäfte ihm erst so spät zu erscheinen erlaubten, und Ferdinand, ein schöner Jüngling, eilte mit einem forschenden und fragenden Blicke zum Vater, dieser aber konnte, da man sich eben an die Tafel setzte, dem bekümmerten und aufgeregten Sohne keine Antwort geben. Erst, als alle Gäste ihre Plätze eingenommen hatten, bemerkte man, daß die Wirthin, die Tochter des Hauses, noch fehle. Siehst Du, flüsterte Ambach dem verdrüßlichen Runde zu, welcher neben ihm saß: Sie kann mit ihrem Putze noch nicht fertig werden, oder sie thut es mit Fleiß, um erst vermißt und dann um so mehr bemerkt zu seyn. Der mürrische Alte hatte nicht so leise sprechen können, daß es ein sehr freundlicher eleganter Mann von einigen vierzig Jahren, welcher ihm gegenüber saß, nicht sollte gehört haben; dieser sagte mit einer sanften Stimme. Ei, alter Herr! wie kannst Du nur so menschenfeindliche Behauptungen aufstellen! Wenn sie sich noch schmückt, so geschieht es ja nur unsertwegen, und es ist ein Beweis, wie sehr das schöne Kind uns liebt und achtet. Der alte Liebhaber, sagte Ambach halb zornig und halb lachend, bezieht Alles noch immer auf sich, als wenn er ein 268 junger Knabe wäre, er trägt noch Puder und Frisur, was doch schon seit vierzehn bis funfzehn Jahren abgekommen ist, will jung seyn, und ist doch hierin zurückgeblieben und älter als wir Alten. Die in der Nähe saßen, lachten und betrachteten den reichen Mann, welcher für einen Millionär galt, genauer. Sein sonderbares Aeußere, sein weiß gepudertes Haar, seine Seitenlocken, so wie seine übertriebene Eleganz, die aber durchaus einer ältern Zeit angehörte, gaben ihm das Ansehn einer ausgeschmückten, vergoldeten und sorgsam aufbewahrten Antiquität. Sein freundliches Wesen und seine Gutmüthigkeit waren so groß, daß er über jeden Scherz, den man sich über ihn erlaubte, lächelte, und so ward Grundmann von Allen geliebt, von Fremden und Bekannten oft um Hülfe angesprochen, wenn ihm auch keiner seiner Freunde große Achtung zu beweisen schien. Einige Damen hatten es übel empfunden, daß die Tochter des Hauses nicht zugegen war, sie zischelten und flüsterten, indem sie sich bittere Bemerkungen erlaubten, als die Flügel der Saalthüre sich mit Geräusch öffneten und die geschmückte Emmeline groß, schlank und majestätisch im vollen Glanz ihrer Schönheit hereintrat. Sie neigte sich freundlich gegen die Gesellschaft, sprach im Vorübergehen einige Worte und nahm dann ihren Platz neben dem Vater ein, dem freundlichen Gesicht und gepuderten Kopf des Banquier Grundmann gegenüber, indem ihr der zweite Nachbar, Baron Excelmann, verbindlich Platz machte. Eine allgemeine Stille war entstanden, weil jedes Auge von dieser Schönheit geblendet und Jedermann in Bewunderung und Entzücken schwieg, indeß die Damen ebenfalls, von Neid angeregt, schweigend das leuchtende Bildniß musterten, ob sie nicht an der Gestalt, oder wenigstens an der Kleidung einen 269 Makel entdecken konnten. Erst spät wurde es Ferdinand inne, daß er stumm wie bezaubert da saß, und eine tiefe Schaamröthe ergoß sich über sein Antlitz. Indeß er aus seinen Träumen erwachte, um bald wieder in andre zu versinken, lebte das vielfältige Gespräch wieder auf und Neuigkeiten des Tages, Einfälle, Politik und Scherze löseten sich ab. Der Baron Excelmann suchte sich seiner schönen Nachbarin gefällig und anmuthig zu erweisen, und da sie ihn oft freundlich anlächelte, so war er überzeugt, daß seine Bemühungen gelängen und dankbar anerkannt würden. Am untersten Ende der Tafel saß ein bleicher junger Mensch, der von seinen Nachbarinnen und den übrigen Gästen nur wenig beachtet wurde, so sehr er sich auch bemühte, Spaß zu machen und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn. Es war ein weitläufiger Anverwandter des Hausherrn, von schlechten Sitten, oft verschuldet, und von Gläubigern auf rohe Art gedrängt, welcher nach manchen mißlungenen Lebensversuchen jetzt auf dem Comtoir arbeitete und die Geschäfte, welche sich auf den Haushalt selbst bezogen, verwaltete und ordnete. Da sein Vetter und Beschützer ihn wegen seiner Lügenhaftigkeit und leichtsinnigen Verschwendung selbst nicht achten konnte, so behandelten ihn die Besuchenden ebenfalls als einen Untergeordneten von oben herab, und einige wunderten sich selbst, daß der angesehene Mann diesen Verdächtigen an seinem Tisch, indem Fremde geladen waren, hatte Platz nehmen lassen. Friedheim, der sich für seine Lebensart schon gebildet hatte und die nöthige Unverschämtheit besaß, achtete die nachlässigen Blicke und zögernden Antworten nicht, sondern benahm sich so, als wenn sein Platz die Oberstelle der Tafel wäre. Der Hausherr, welcher das Auge überall hatte, bemerkte wohl das vorlaute Wesen des jungen Friedheim und 270 nahm sich vor, ihm einen billigen Verweis zu geben, wenn sie allein wären, ihm auch mehr Anstand und feinere Sitte zu empfehlen; am meisten aber bekümmerte ihn der Tiefsinn des jungen Ferdinand, welcher ganz in sich versunken schien, und dessen Angesicht Spuren eines tiefen Grams und einer vielleicht gefährlichen Krankheit zeigte. Sein Nachbar, der Rath Ambach, sprach mit bekümmertem Zorn über den hinwelkenden Sohn, und der verständige Runde beschloß, noch heut ein ernsthaftes Wort mit seiner Tochter zu sprechen. Er wurde in seinen Betrachtungen gestört, als der reiche Grundmann aufstand und mit dem Baron Excelmann anstieß, um die schöne Emmeline hoch leben zu lassen. Sie dankte mit einem verbindlichen, aber doch spöttischen Lächeln und ließ ihr Glas an die Kelche der alten begeisterten Herren klingen. Ferdinand fuhr aus seinen Gedanken auf, sah die geräuschvolle Anstalt, und mochte, da aus Höflichkeit auch der Vater des Mädchens dankte, die Begebenheit für eine erklärte Verlobung halten, denn er wurde leichenblaß und verlor das Bewußtseyn. Er stand zitternd auf, wollte sich entfernen, taumelte aber im Schwindel gegen die Wand. Erschrocken sprang Ambach auf und rannte mit einem Ausruf zum Sohn, der in einen Sessel sank und erst nach einiger Zeit wieder zum Bewußtsein kam. Bediente liefen herbei und wurden geschickt. Da man schon beim Nachtisch war, erhob sich die ganze Gesellschaft und der junge kranke Mann wurde in einer Sänfte, welche sein trauriger Vater begleitete, nach seiner Wohnung gebracht. Alles sprach natürlich über diese unerwartete Begebenheit, welche erschreckend den Frohsinn der Gesellschaft gestört hatte. Viele verließen das Haus, die Zurückbleibenden versammelten sich im Musikzimmer um Emmelinen, welche die Damen und Herren mit großem Eifer ersuchten, ihre schöne 271 Stimme im Gesange hören zu lassen. Emmeline schickte nach dem jungen Friedheim, der kein ungeschickter Clavierspieler war, damit er sie auf dem Instrument begleiten könne. Sie sang mit voller und klarer Stimme einige der Lieblingsarien, die in der Mode waren. Gegen Abend verließen alle Fremde das Haus. Runde war zu seinem Freunde Ambach gegangen, Ferdinand hatte sich erholt, er schien wieder Muth gefaßt zu haben und ganz gesund geworden zu seyn, nachdem er vernommen, daß jene Verlobung Emmelinens nur eine Einbildung seiner Melancholie gewesen sei; doch war er entschlossen, das Haus, wo Emmeline wohnte, nicht mehr zu besuchen, oder lieber noch eine Reise zu unternehmen, damit er nicht in Gefahr gerathe, mit ihr in Gesellschaft zu kommen. Vater! rief Emmeline dem Alten entgegen, du machst ja ein erschrecklich ernsthaftes Gesicht! Ist Dir in Deinen Geschäften etwas Verdrüßliches begegnet? Denn das ist es ja doch, was euch Kaufleuten immer die schlimmsten Verstimmungen giebt. Gewiß hat es irgend einen bösen Bankrott gegeben. Nun, wie viel büßen wir denn ein? Mein Kind, sagte der Vater mit gerührtem Ton, um ein Menschenleben handelt es sich hier, und Du würdest mir viel Liebe zeigen, wenn Du auf eine Stunde Deinen Leichtsinn bei Seite thun, mich ruhig anhören und einmal wie ein vernünftiges Wesen Dein Leben überdenken wolltest. O weh! sagte Emmeline, eine ganze Stunde lang soll ich das seyn, was ihr alten Leute vernünftig nennt? Könnten wir das nicht auf morgen verschieben? Da haben wir ja ohnedies den sogenannten Bußtag. Es handelt sich um ein Menschenleben, sagte der Vater mit einigem Unwillen: mit dem Ferdinand wird es ernst; 272 er ist in einem elenden Zustande. Das kann nicht mehr so dauern. Der Alte, so oft er mich sieht, macht mir die bittersten Vorwürfe. Nun so rede, Väterchen, sagte Emmeline. Sie ordnete sich auf dem Sofa die Kissen, um recht bequem sitzen und sich anlehnen zu können, dann faltete sie die Hände, als wenn sie einer Predigt zuhören wollte, und sagte mit andächtiger Miene: Nun? – Doch halt! rief sie plötzlich, sprang auf und hängte ein Tuch über den Käfig ihres Canarienvogels; der kleine Schwätzer überschreit Dich sonst in Deinen erbaulichsten Betrachtungen – sagte sie, indem sie wieder ihre vorige Stellung einnahm. Der Vater rückte mit seinem Stuhle näher und sagte: Sieh, mein Kind, ich meinte schon seit einem Jahre zu bemerken, wie Dir der Ferdinand nicht gleichgültig sei; der Jüngling ist schön, wohlerzogen und liebt Dich herzinnigst. Er besitzt Talente, hat schon ein Amt und wird von der ganzen Stadt, so jung er auch noch ist, hoch geehrt. Es kann ihm nicht fehlen, dereinst im Staat ein bedeutender Mann zu werden. Dazu steht ihm Reichthum zu Gebot, da er nur der einzige Sohn ist; die beiden Landgüter, die er einmal erbt, sind im besten Zustande. Er war schön und wohlgebildet, und kränkelt nur jetzt aus Gram über die sichtliche Gleichgültigkeit, mit der Du ihn seit einiger Zeit behandelst. Wenn es Dir möglich ist, mein süßes, mein angebetetes Kind, so laß die ehemalige Zärtlichkeit für ihn in Deinem Herzen wieder erwachen. Du machst ihn, seinen Vater und mich unaussprechlich glücklich. Er wäre mir von allen Männern, die ich kenne, der liebste Eidam. Wenn er Dir aber zuwider ist, so war es sehr Unrecht von Dir, ihm früher so unzweideutige Beweise Deiner Gunst zu geben; denn es fiel in die Augen, wie Du ihm den 273 Vorzug vor allen Deinen alten und jungen Bewerbern einräumtest. Väterchen, unterbrach sie den Alten, Du weißt gar nicht, wie sehr Du gegen meinen Vortheil sprichst, ja selbst zum Nachtheil Deines jungen Schützlings. Dieser menschenfreundliche junge Mann, der immer recht hübsch gewesen ist, hat ja durch seine Melancholie und kränkliches Wesen in der ganzen Stadt an Theilnahme außerordentlich gewonnen. Er hat so sehr im Interessanten zugenommen, daß er Mode geworden ist. Wer sprach wohl im vorigen Jahre von Ferdinand Ambach? Jetzt ist er das allgemeine Gespräch. Wenn er wo vorübergeht, rennen die jungen Mädchen ans Fenster, um den gedankenreichen Schwermüthigen ins Auge zu fassen. Ich versichere Dich, unter allen Schönheiten hier, selbst unter den reichsten, hätte er nur die Auswahl, so stolz würde jede darauf seyn, ihn, den Tiefsinnigen, Blassen, unendlich Verliebten zu erobern. Durch seine Ohnmacht von heut steigt sein Werth nun noch um das Doppelte. Vielleicht hat man ihn schon gar todt gesagt. Es ist nicht unmöglich, daß ein Freund des Wunderbaren einen Zeitungsartikel aus der Begebenheit macht, oder in einem literarischen Blatte sich darüber vernehmen läßt und ankündigt, wie hier bei uns ein wirklich wahrhafter noch lebender Werther zu sehen sei. Und allen diesen Ruf, diese Glorie des Wunderbaren sollte ich unserm Ferdinand rauben, um einen ordinären alltäglichen Ehemann aus ihm zu machen? Deine Art und Weise, Kind, fiel der Vater ein, mißfällt mir durchaus, ja es schmerzt mich diese Gesinnung, die hoffentlich nicht so die Deinige ist, wie leichtsinnige Worte sie aussagen. Ist es Dein Ernst, diesen jungen trefflichen Mann niemals zu heirathen, so wende Dich zu einem ältern und durch seinen großen Reichthum bekannten und 274 ausgezeichneten Mann. Mit Grundmann könntest Du, wenn Du einmal junge Leute verschmähst, so glücklich seyn, daß Dich alle Damen der Stadt und des Landes beneiden müßten. Dieser Mann ist so sanft und gefällig, er ist Dir so ergeben, daß er jeden Deiner Wünsche, auch den ausschweifendsten, befriedigen würde. Ist es nicht ein wahres Glück, in einer so sichern Lage zu seyn, daß man sich nichts, gar nichts zu versagen braucht? Das können selbst Fürstinnen nicht erreichen, denn sie sind von Etikette, Ceremoniel und tausend Rücksichten umschränkt und beengt: ihr Einkommen, so groß es seyn mag, wird in hundert Kanälen, denen sie den Zufluß nicht versagen können, abgeleitet; es giebt Momente, in denen sie, vorzüglich wenn ihre Natur eine gütige ist, selbst um kleine Summen verlegen sind. Dies Alles hattest Du niemals zu besorgen. Und dieser Mann, dessen höchstes Glück Dein Besitz wäre, würde nur Dein stets ergebener Diener seyn; ihm ist kein Opfer zu groß, er wäre fähig, für Dich Hand, Arm und Fuß hinzugeben, oder sich Deinetwegen foltern zu lassen, ohne nur einen Laut der Klage auszustoßen. Es ist wohl möglich, sagte Emmeline, daß der ausbündige Mann so großer Opfer fähig wäre, aber gewiß würde er meinetwegen nicht seine schön gepuderte Frisur ablegen. Jede Haushaltung, in der sich ein hübsches Zimmer mit Porzellan, Tapeten und Mahagoni-Möbeln befindet, müßte sich eigentlich auch einen solchen bunten, klaren, angenehmen Grundmann anschaffen. Wenn ich ihn hätte, so setzte ich ihn neben dem rothseidnen Sofa auf unsern Armstuhl, der mit der schönen Stickerei himmelblau, roth und gelb erglänzt und die leuchtenden goldenen Knöpfe hat. Grundmanns hübsches röthliches Gesicht, die scharf abgeschnittne weiße Frisur, die angenehmen Seitenlocken, die 275 feinen weißen Hände und langen Fingern machten sich dann sehr anmuthig, nur würde ich ihm, statt seines Zopfes, einen kleinen Haarbeutel in den Nacken hängen. Um den Kragen des Rocks und die Aufschläge, vorn am Kleide herunter, müßten goldne Tressen genäht werden, die Kniegürtel müßten auch golden seyn und die Franzen derselben auf den weißen seidnen Strumpf herniederbaumeln. Der Rock selbst müßte rother oder violetter Sammet seyn, die Knöpfe mit Brillanten besetzt, Busenstreif und Manschetten die feinsten Spitzen, die Weste Drapd'or, mit himmelblauen Blumen eingelegt. So säße er lächelnd im Stuhl, und wenn ein Fremder käme, fragte man: Sie haben doch auch einen Grundmann? – O ja, wie dürfte der fehlen, aber er ist nicht so kostbar als der Ihrige. – Eigentlich, sagt dann eine andre Dame, muß er neben dem Kamin sitzen, recht hübsch ruhig, und über ihm nicken dann die Pagoden von Porzellan und verdrehen die Augen. – In ärmern Haushaltungen fände man dann unächte, oder Patent-Grundmänner, und wenn die Mode einmal wieder vorüberginge, kämen sie allzumal in die Auction, oder die Engländer kauften sie ein wie die alten Drucke und Holzschnitte. Nun siehst Du aber doch, denkender Vater, daß ich mich unmöglich mit solchem hübschen Möbel, oder einer Handpuppe verheirathen könnte. Ich möchte fortgehn, rief der Vater, und gar nicht mehr von ernsthaften Dingen mit Dir sprechen. Und doch lächelt er, sagte Emmeline und faßte seine Hand; zwinge Dich nicht, Väterchen, denn ich sehe ja, wie Du das Lachen verbeißen mußt. Der Alte lachte wirklich laut auf und setzte sich wieder nieder. So darf ich wohl kaum, sagte er dann, Dir noch von dem Baron Excelmann sprechen? Ist er auch nicht so reich wie Grundmann, so steht er doch schon jetzt auf einem hohen Posten, der König schätzt 276 ihn sehr, und er wird nächstens als Gesandter von hier gehn. Reizt es Dich denn nicht, Excellenz titulirt zu werden, bei Hofe Dich vorstellen zu lassen, zu den vornehmsten Gesellschaften zu gehören? Das kenne ich schon, sprach Emmeline, seine Rede unterbrechend. Als wir in Hamburg waren, fuhr ein Holländer mit einer großen Wasserkufe durch die Stadt und zog mit Geschrei von Zeit zu Zeit einen ansehnlichen Seehund bei den Ohren aus dem Gefäß, den er den Umstehenden für Geld zeigte, das er nachher einsammelte. Alle freuten sich über das dort selten gesehene Thier, und nur ein ehrbarer Bürgersmann schien zweifelhaft und fragte: was haben wir denn aber nun gesehn? Ist es denn ein Fisch oder ein Thier? Der Holländer, welchen diese wissenschaftliche Forschung überraschte, sagte nach einigem Besinnen in gebrochenem Deutsch: natürlich, Mann, nach dem Wort See ist er Fisch, und nach Hund ein Thier, und darum heißt er Seehund, weil er beides zugleich und deshalb keins von beiden recht ist. So würde es mir auch als Excellenz ergehen. Unter den Altadeligen wäre ich verlegen, und auf dem Trockenen, und die See der Bürgerlichkeit genügte dem armen verwöhnten Thiere auch nicht mehr, mein Vermögen würde gebraucht, um den Glanz meines Mannes zu vermehren, der es mir doch nicht dankte, sondern sich noch obenein meiner bei hundert Gelegenheiten schämte. Daß er durch mich dann hie und da verlegen erschiene, wäre mir aber gar nicht gelegen. Besser der Seehund ganz im Wasser, als so gelegentlich bei den Ohren herausgezogen und für Geld gezeigt zu werden. In der Thorheit ist doch Vernunft, sagte der Alte. und wenn in der Uebertreibung einige Wahrheit ist, kann ich Dir nicht ganz Unrecht geben. Nun begreife ich auch etwas 277 mehr, warum Du im vorigen Jahr den Grafen ausschlugest, der jetzt hier Minister geworden ist. Ich würde mich zwar sehr geehrt fühlen, einen solchen Eidam zu haben, und der Graf ist wirklich ein menschenfreundlicher Mann, der an den Vorurtheilen seines Standes nicht so fest zu hängen scheint. Brauche nicht so häßliche und anstößige Ausdrücke, Vater, wie »hängen«, wenn Du von so großen, vornehmen Leuten sprichst. Die Devotion und auch die gute Lebensart verbieten dergleichen. »Er erhöht dadurch seinen Adel, daß er das Bürgerthum ehrt.« So ungefähr mußt Du Dich aussprechen. Willst Du denn aber gar nicht heirathen? – Emmeline stand auf und sagte feierlich. Lieber, verehrungswürdiger Herr Vater, bis jetzt habe ich Dich angehört, nun ist es an mir, Dir eine Rede zu halten, darum nimm Du jetzt meinen Platz im Sofa, und ich setze mich auf diesen Stuhl, schlafe aber nicht ein, denn mein Bestreben muß seyn, Dich zu erbauen und zu überzeugen. Man muß die Thörin gewähren lassen, sagte der Alte, indem er sich fügte. – Mein Herr und Vater, fing sie hierauf an, wie soll ich es anfangen, Dir eine Sache, eine Gesinnung, eine Gemüthsart deutlich zu machen, die doch so klar ist, und Dich von etwas durch Ueberredung zu überzeugen, was sich eigentlich von selbst versteht? – Was die Welt regiert, ist die Macht, die Weisheit, die Klugheit und List oder Kriegesglück und Heldenthum. Derjenige, der mit Charakterstärke und Einsicht begabt ist, und dem Glück nur irgend beisteht, rangirt in den Augen der Welt neben Königen und Kaisern. Diese haben den Vortheil, daß ihnen schon durch die Geburt die Glorie mitgegeben wird, vor der die Menschen sich alle neigen, beglückt oder beängstigt sind 278 von der Nähe und tief durchschauert von Hochachtung und Ehrfurcht, wenn ein Blick sie trifft, oder gar ein freundliches Wort in ihren Busen dringt. Welcher Glanz umgiebt den Helden! Jedes Umsehn verlangt die Huldigung der Welt, die ihm auch im eiligen Entgegenkommen geboten wird. Diese dämonische Kraft oder geistige Weihe begleitet den großen Poeten oder Schriftsteller. Erinnerst Du Dich noch, wie exaltirt, erfreut, bewegt alle Welt war, als jener Dichter uns seine Gegenwart gönnte? Der Stolzeste, Anmaßendste hat in seiner Seele das ewige Bedürfniß, sich auch einmal zu demüthigen, gläubig zu verehren. Und was bleibt uns, wenn wir nicht Herrschende, Prinzessinnen sind? Wir gehören nur zur Masse, zum Volke, sind ein Nichts, und weder im Staate noch in der Wissenschaft sollen unsere Stimmen etwas gelten. Aber hier tritt in scheinbarer Demuth Etwas auf, das sich oft allem Andern gleichgestellt und nicht selten es sogar besiegt und überflügelt hat. Die Schönheit nehmlich. Die Frau, die diese wahrhaft besitzt, das Mädchen, welches in diesem Schmuck einhergeht, beherrscht eine Legion von unsichtbaren Geistern, die sie als ihre Diener unter die Schaaren der Sterblichen sendet, um die Größten oder Hoffärtigsten zu unterjochen. Denn Jedermann, er habe Namen wie er wolle, beugt sich vor dieser Krone der Schönheit. Winke, Lächeln, flüchtige Worte, Scherze, Tadel, fliegen als eben so viele Herolde umher und belohnen oder bestrafen. Eine schöne Jungfrau ist mehr als eine Sterbliche. Jedermann, der sich ihr naht, sei er noch so hölzern, tritt in das Reich der Poesie, in einen Zaubergarten. Aber weil diese Herrschaft so zarter und geistiger Natur ist, kann sie auch nicht von langer Dauer seyn. Die Schönheit welkt, das Alter zerbricht nach und nach alle diese Zauberstäbe, die Göttin zieht schwermüthig ein Glanzgewand nach dem 279 andern von den nicht mehr leuchtenden Schultern, und eine verdrüßliche Alte, oder eine langweilige Hausfrau bleibt übrig. Alle Welt und auch mein Spiegel sagt mir, ich sei schön, ich glaube es nur gar zu gern. Und diese Herrschaft, diesen Zustand der Herrlichkeit soll ich gegen eine ganz armselige Existenz austauschen? Jeder, der von mir weiß, weiß auch, daß ich jetzt noch nicht heirathen will, daß ich davor zittere, so früh und mit eigenem Vorsatz zu verwelken. Bin ich nun Diesem und Jenem freundlich, weil er mir wohlgefällt, scherze ich mit einem Andern, weil er witzige Antworten zu geben weiß, spreche ich mit einem Dritten ernsthaft, weil ich von ihm lernen kann, so schwören alle diese darauf, ich hätte ihnen meine innigste Liebe und Treue zugesichert, und verwundern sich nachher über die Gebühr, wenn ich von ihren unvernünftigen Erwartungen keine Notiz nehme. Jeden soll ich heirathen, dem ich gefalle? Und gegen Jeden bin ich grausam, treulos und meineidig, den ich nicht mit Grobheit von mir weise? Wir leben in einer verkehrten Welt. Und, möcht' ich hinzusetzen, in unserer Bestimmung, in der Natur selbst ist unendlich viel Verkehrtes. Ich kann mich in manchen Stunden vor alle dem entsetzen, was die Menschen natürlich, anständig, gut und selbst heilig nennen. Wenn ein Mädchen in der Leidenschaft die Folgen ihrer thörichten Hingebung ertragen muß und ihren Zustand nicht mehr verheimlichen kann, da schreit alle Welt Zeter, alle Bekanntschaften sondern sich von ihr ab und verleugnen sie; geschieht dasselbe mit Wissen der Verwandten und Angehörigen, ist die wunderliche Sache in das Kirchenbuch eingeschrieben, dann kommen Greise und Matronen und wünschen mit runzelvollen Angesichtern und religiöser Salbung Glück. Und, magst Du mich schelten, ich für meine kleine Person bin gar nicht im Stande, den großen Unterschied 280 hiebei einzusehen. Und was diese Schwärmer, diese Ferdinande, heilige Liebe, Entzückung, Platonismus, Anbetung nennen – wie graut mir vor dieser Ziererei und den lügenhaften Phrasen, wenn ich doch fühlen und einsehen muß, daß sie nur jene, mir ganz widerwärtige Verbindung meinen und wollen, die meine Schönheit, um derentwillen sie mich doch nur verehren, ertödtet, mein Leben in Gefahr setzt, mir mindestens, im besten Fall, ungeheure Schmerzen zubereitet, um durch diese sogenannte Liebe alles das einzubüßen, weswegen ich ihnen jetzt wünschenswerth erscheine. Kind! Kind! rief der Alte, und sein Gesicht hatte sich ganz verfinstert, was muß ich von Dir hören? Woher kommt Dir der Geist der Empörung? Laß wenigstens Niemand anders dergleichen unschickliche Worte vernehmen. – Ich bin ja, lieber Vater, in dem großen, bösen und guten Jahre 1789 geboren, daher kommt auch meine Widersetzlichkeit gegen das Herkommen und alle die Ordnungen, die die Menschen für so wichtig und nothwendig achten. Ich bin mit allen Männern gern freundlich, es gefällt mir, wenn sie mich vorziehen, wenn sie sich meiner Nähe erfreuen; ich selbst ziehe sie den Weibern vor, aber an die Ehe mit irgend einem von ihnen kann ich nicht ohne Grauen denken. – Mache nicht so verdrüßliche Mienen, Vater; kommt es einst dazu, daß diese sonderbare Leidenschaft mich ergreift, daß ich so liebe und rase, daß mir diese Verbindung anders erscheint und zur Ruhe meines Lebens nothwendig wird, so sollst Du es gewiß sogleich erfahren, und wir wollen dann zur Trauung schreiten. Du machst mir wenigstens eben so viel Kummer als Freude, sagte der Alte: – wenn ich nun sterbe, und Du bist noch nicht vermählt. Wir haben ja Freunde, erwiederte Emmeline, und ich 281 werde ja mein Väterchen, das so gesund und stark ist, nicht so bald verlieren. Aber die Reise, die mir schon seit so lange versprochen ist? Das Jahr ist so schön, die Menschen hier werden langweilig. was kann uns noch abhalten? Wir wollen fort, sagte der Alte, obgleich es nicht ganz klug seyn mag. Die Stellung des Königs von Holland macht mich besorgt. Wir haben schon so Vieles erlebt, und immer rascher drängen sich die Begebenheiten; gewiß dürfen wir aber noch in vielen Jahren auf keinen dauernden Frieden rechnen. Also recht bald! rief Emmeline und umarmte den Vater mit Herzlichkeit, der sich kopfschüttelnd und vielerlei bei sich überlegend von ihr entfernte. Der Rath Ambach hatte sich von seinem Schreck erholt, und sein Sohn war wieder ganz hergestellt. Jener sonderbare Anfall war vorübergegangen, ohne andere Folgen zu veranlassen. Der Rath war über seinen alten Freund, den Banquier Runde, sehr erzürnt, noch mehr über dessen leichtsinnige Tochter. Sie ist völlig herzlos, rief er aus, schadenfroh, ihre Freude würde seyn, wenn Du Dir eine Kugel durch den Kopf jagtest, damit in der Stadt nur recht viel von ihr die Rede wäre. Diese Wesen sind wie der Basilisk; sie vergiften mit den Augen. Lieber Vater, erwiederte der Sohn, ich werde meine Leidenschaft gewiß überwinden, aber weil sie sich so nach und nach, ohne daß ich es merkte, meines ganzen Wesens bemächtigt hat, weil dies meine erste Liebe ist, so ist es nothwendig, daß mein Gemüth durch und durch erschüttert, daß mein Leben fast zerstört wurde. Sie nennen Emmelinen schlecht. Ich weiß sie nicht zu vertheidigen. Unser Herz ist ein 282 wundersames und unergründliches Wesen. Ich kann sie nicht böse oder schlecht heißen. Unheilbringend, ja: aber vielleicht ist sie es ohne Vorsatz, wie diese Blume angenehm duftet und die Sinne stärkt, jene mit Farben glänzt, aber in der Nähe betäubt. Ich hoffe, ich genese durch diese Erschütterung, die alle Fugen meines Wesens zu zerbrechen drohte, zum Mann. Ich danke Ihnen, daß sie jetzt Ihre Erlaubniß zu meiner Reise, daß Sie mir so freundlich die Mittel dazu gegeben haben. Heiter und lebenskräftig werde ich dann von London und Paris zurückkehren, um die Arbeiten meines Amtes wieder zu übernehmen. Und Du willst sie noch einmal sehen? Abschied von ihr nehmen? Wird der Widerhaken sich nicht tiefer und reißender Deiner Brust einbohren? Gewiß nicht, mein Vater, ich werde sie jetzt mit ganz andern Augen betrachten. Seit gestern ist mir überhaupt das ganze menschliche Leben in einer andern, viel ernstern Gestalt erschienen. Es dünkt mir jetzt tadelnswerth, auch in der Jugend die Liebe zur Aufgabe desselben zu machen. Dieser letzte Krampf meines Irrthums, meiner Verblendung, oder wie ich es nennen mag, war wohl nothwendig, damit ich einsähe, wie weit weg ich von der Wahrheit verschlagen war. Du bist fast zu vernünftig, sagte der Rath, als daß ich schon an Deine beginnende Heilung glauben könnte. Aber ich vertraue Dir; so siehe denn der bunten Schlange noch einmal ins Auge, und wenn der Zauber sich nicht erneuert, so will ich dem Schicksal und der gesunden Vernunft mein Dankopfer bringen. Ferdinand fand Emmeline allein an ihrem Clavier. In dem leichten weißen Morgenanzuge war sie unendlich reizend. Sie kam ihm mit der unschuldig naiven Miene entgegen, die ihn zuerst in Fesseln geschlagen, die ihn früher von ihrer 283 Arglosigkeit und schönen Herzenseinfalt so fest überzeugt hatte. Als sie ihm die Hand gab, fing er an zu zittern, er bezwang sich aber und setzte sich ihr ruhig sprechend gegenüber. Sie schien anfangs darüber verwundert, daß sein Benehmen so fest und gelassen war, daß er sich nicht leidenschaftlichen Ausbrüchen hingab. Ich komme, sagte er nach einigen unbedeutenden Reden, um Abschied zu nehmen. Sie wollen reisen, so hört' ich, erwiederte Emmeline, – aber wohin? Zuerst nach Paris, und dann über Amsterdam nach London. Von dort werde ich erst, wenn sechs Monate, die man mir bewilligte, vorüber sind, wieder hierher zurückkehren. Es ist nothwendig, daß ich mein Leben erneue, ganz fremde Gegenstände, Menschen und Länder sehe, um nicht in mir selbst am Elend zu verschmachten. Ich muß mich Ihnen und Ihrem Anblick auf lange entziehn, um mich selbst, mein Gemüth und Herz wiederzufinden. Sehr löblich, sagte Emmeline, und ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Reiseroute mitgetheilt haben, damit wir uns nicht irgendwo begegnen, denn ich werde mit meinem Vater ebenfalls reisen, und in diesen Tagen, aber nur durch Deutschland, und höchstens bis in die Schweiz. Ich wünsche, daß wir Beide gesund und frisch in unsre Vaterstadt zurückkehren. Ich hoffe zu vergessen, sagte Ferdinand mit schmerzlichem Ton, und kann es doch nicht wünschen oder es mit Freuden hoffen: denn war diese Täuschung nicht mein schönstes Glück? Ich habe, bevor ich diese furchtbaren Schmerzen kennen lernte, einen so seligen Traum durchgeträumt, daß alle Freuden des wachenden Zustandes dagegen nur nüchtern seyn müssen. Ich verlöre, antwortete sie, ungern Ihren Umgang, wenn 284 Sie nicht an meine Freundlichkeit Forderungen geknüpft hätten, die ich nicht erfüllen kann. Mir ist es überhaupt ein Räthsel, warum sich aus einem heitern Umgang von Mädchen und jungen Männern etwas Unglückliches, Wildes und Verderbliches entwickeln soll. Ich weiß es recht gut, Sie nennen mich, Herr Assessor, eine Coquette, wie ihr Männer denn für Alles gleich Namen in Bereitschaft habt. Und ist etwas erst getauft, so glaubt ihr es dann auch nach eurer Benennung zu kennen. Der Name, die Bezeichnung sind es aber eben so oft, die irre führen. Man weiß von mir, denn ich habe dessen kein Hehl, daß ich einen Widerwillen gegen die Ehe hege. Jedermann darf doch gewiß darüber denken, wie es ihm gefällt. Kein Mann kann sagen, daß ich ihm die Heirath versprochen, daß ich ihm Treue zugeschworen, oder daß ich ihm nur gesagt hätte, ich liebe ihn oder sei in ihn verliebt, oder wie die Ausdrücke nun so lauten. Sie, mein Freund, gefielen mir im Umgang, wie so mancher liebenswürdige Mann: ich kann nicht spröde geizen mit einem freundlichen Blick, einem Händedruck, einem Lächeln oder Scherz, weil ich diesen Kleinigkeiten keine innere geheimnißvolle Bedeutung gebe, wie es jene wahren Coquetten thun. Was kann ich nun dafür, wenn ihr jeder Aeußerung meines Wohlwollens oder meiner Freundlichkeit eine falsche Ausdeutung gebt? Mit einem Händedruck soll ich mich verpflichtet haben, eine wilde Leidenschaft zu theilen, und mich dem Egoismus eines Bewerbers aufopfern? Ein Anderer sagt, weil ich ihm freundlich gelächelt, indem er mir von Liebe gesprochen, und ihn nicht zur Thür hinausgewiesen, habe ich ihm ebenfalls meine ewige Liebe zu ihm gestanden. Eben weil ihr alle leidenschaftlich seid, meine Freunde, ist keine Vernunft, kein Menschenverstand in euern Reden. Nach einigen Worten nahm Ferdinand Abschied. Er 285 hatte wieder gefühlt, wie viel er verlor, indem er die Hoffnung auf dieses schöne Wesen aufgeben mußte. Emmeline war ganz gleichgültig und sehr munter und gesprächig, als einige junge Freundinnen sie besuchten. Die übermüthige Jugend fiel darauf, einige neue Tänze einzuüben, die seit Kurzem Mode geworden waren. Erst spielte ihnen Emmeline; da diese aber auch ihr Talent im Tanz versuchen wollte, so wurde der junge Friedheim, dessen Geschicklichkeit man kannte, beschieden, ihnen aufzuspielen. Seine Arbeit auf dem Comptoir war eben geendigt, und er erfreute sich um so lieber der schönen Gesellschaft, die sein leichtsinniges Wesen mit Freundlichkeit aufnahm, als er eben von schwierigen Berechnungen aufgestanden war. Man wurde des Tanzes auch bald müde, und da man das Talent des jungen Friedheim kannte, so ersuchten ihn die Mädchen, einige bekannte Männer in der Stadt zu copiren. Man brachte einen Schirm herein, hinter welchem der mimische Künstler seine Schminke, Puder, Kleider und falsche Haare, nebst Spiegel und dergleichen hinstellte, um dort seine eiligen Verkleidungen bewerkstelligen zu können. So trat er nun als der bekannte Burgemeister herein, dann als der Minister der Finanzen, und die schönen Kinder freuten sich von Herzen, indem die Persönlichkeit achtbarer Männer ihnen auf satirische Weise preisgegeben wurde. Nun aber, rief Emmeline, spielen sie uns einmal den Baron Excelmann, denn jene Herren sind uns und Ihnen doch nicht so bekannt, wie es dieser Freiherr ist. Friedheim ging hinter seinen Schirm und kam dann mit feierlichem Schritt und langsam, zierlich auf einen Stab gestützt, herein; er grüßte, sich tief verbeugend, und zog, wie es die Gewohnheit des Barons war, die Stirn in viele Falten. Langsam richtete er sich auf, und sagte halb stotternd und dann wieder schnell die 286 Worte herauspolternd. Freut mich sehr – sehr – ungemein – so zu sagen sehr, eine so freundliche, schöne und auserlesene Gesellschaft hier anzutreffen; denn – um nicht zu viel zu sagen, – weil – ja gewiß bin ich der Meinung – man müßte weit reisen, – weit, – wenn dies auch ein relativer Begriff ist, – um so viel Geist, Schönheit, Anmuth, Witz in einem einzigen Zimmer oder Saal, so zu sagen, Salon, anzutreffen und zu finden, wie ich schon vorher bemerkte und zu beobachten Gelegenheit hatte. Alle lachten laut. Getroffen, rief Josephine, zum Verwechseln! O, diese Kunst, zu reden und nichts zu sagen, die einem Diplomaten so nothwendig ist. Fahren Sie fort. Friedheim verbeugte sich wieder, die Stirn in viele Falten legend, erhob den Kopf dann, drückte die Augen zu und riß sie plötzlich gewaltsam auf, indem er auf den Stock gelehnt sich bedeutsam umsah, und dann mit feierlichem, ernstem Tone sagte: – Ja! – Und, wie ich eben ausdrücken wollte – ja!! – Ich – so will es mein Fürst, – soll reisen – reisen – nun freilich – ja – ich werde reisen – aber wohin ich auch komme, im Dienst meines Herren und des Vaterlandes, – immer – das heißt jedesmal, stets, nicht selten, oft, fast in jeder Minute – also immerdar – und das ist nicht zu viel gesagt – werde ich diesen Kreis, – selbst in der erhabensten Umgebung – gleichsam vermissen, und wünschen – wenn Wünsche gegen das Schicksal und meine Bestimmung etwas vermögen, – daß ich hieher – wieder einmal – oder einst – so zu sagen in Zukunft, – heißt das, wenn meinem Vaterlande dadurch kein Nachtheil widerführe, – hieher – wenn auch nicht grade in dieses Haus – zurückzukommen – oder, wenn mein Verhängniß anders beschließt, – hier, – wo mein Herz so gern weilt, – oder mein 287 Gemüth – Sinn – enfin , mein sogenanntes Selbst – nicht ganz vergessen zu werden. Nun lächelte er, mit der Brust vornüber gebeugt, fein und sinnig, im zunehmenden Ausdruck, der am Ende in ein Grinsen ausartete und dann plötzlich in den starrsten Ernst, wie durch eine springende Feder zurückschnappte, sodaß selbst die laut lachenden Fräulein einen kleinen Schreck empfanden. Während des feineren Lächelns hatte der Darsteller den goldenen Knopf seines Stockes gestreichelt, und, als der Ernst eintrat, ihn bedeutungsvoll erhoben, und dann etwas vorwärts gewendet, indem er nun zu Boden sah, und dann von unten auf mit halbem Blick den Zirkel seiner Zuschauer musterte, als wenn er zu viel gesagt hätte, was ihn vielleicht compromittiren könnte. O, wie sprechend! wie sprechend! rief Josephine wieder, ich habe es nicht für möglich gehalten, Jemanden mit seiner ganzen Art und Weise im Konterfey so hinzustellen. Nun werde ich nächstens den Baron noch viel genauer beobachten, denn durch das Spiel wird man erst auf die Lächerlichkeiten der Menschen aufmerksam gemacht. Schade, Emmeline, daß Du ihn nicht heirathest, so könnten wir in fröhlichen einsamen Stunden Original und Copie immer mit einander vergleichen. – Nun aber spielen Sie den allerliebsten reichen Grundmann, aber so, wie er unserer Emmeline eine Liebeserklärung macht. Friedheim kleidete sich um, und kam im Frack und schon gepudert, das Gesicht mit Schminke gefärbt, wieder zurück. Seinen dreieckigen Hut trug er unter dem linken Arm, die rechte Hand steckte in der zierlichen Weste: er kniff die Lippen zusammen und sagte dann mit feinem, gespitztem Ton: Verehrteste, die ich glücklich genug bin, Freundin nennen zu dürfen. Wann wird jener Tag erscheinen, Gütigste, an 288 welchem wir, durch den Segen der Kirche geheiligt, uns und der Welt sagen können, daß wir ganz einig und nur einen Menschen ausmachend, unser Glück vor aller Welt verkündigen dürfen? Man nennt mich in der Stadt den Millionär, aber wäre ich auch millionenmal ein solcher, so würde ich doch nie aufhören, Sie als meine unumschränkte Herrin und mich als Ihren demüthigsten Knecht zu betrachten. Wenn Sie mich schelten, werde ich Lehre annehmen, wenn Sie mich loben, werde ich entzückt seyn, treten Sie mich mit Füßen, so werde ich auch dieses als ein Zeichen der Gunst ansehn, denn Ihnen, Glorreichste, gegenüber, kann ich gar nicht erniedrigt werden, Sie, Himmelhohe, können mir gar keine Schmach anthun, und selbst jene, die vom ganzen Männergeschlecht immer als eine solche ist angesehen worden, würde ich nur demüthig, als Gnade und Auszeichnung empfangen. Geniren Sie sich also doch nicht länger, mir ihre Hand zu geben, und nie werde ich im Frevelmuth so weit mich versteigen, Sie zu duzen, oder mit dem vertraulichen Du anzureden. Es ist genug, windiger Patron! rief aus dem Hintergrund eine barsche Stimme, denn der Herr des Hauses war unbemerkt hereingetreten. Es kleidete ihn besser, fuhr der Banquier fort, wenn der leichtsinnige Herr Vetter den verworrenen Calcül vollends zu Ende brächte, da morgen doch neue Geschäfte auf ihn warten. Friedheim verbeugte sich gegen die Gesellschaft und schnitt mit dem niedergedrückten Gesicht der nahestehenden Josephine und Emmeline noch eine boshaft spöttische Grimasse. Das Lachen hatte aufgehört, und als die Fremden sich entfernt hatten, sagte der Vater: Es ziemt sich nicht, Kind, daß der Bengel sich in Deiner Gegenwart und so offenkundig über respectable Männer aufhält. Man erfährt den Scandal nun 289 allenthalben, und was werde ich meinem Freunde Grundmann darüber sagen können? Ich werde den Schwindler aus dem Hause schaffen müssen, denn, ob er gleich Talente und Kenntnisse besitzt, so wird doch nie etwas Rechtliches aus ihm werden. Immer nehmen Sie das Leben zu ernsthaft, sagte Emmeline. – Nichts da von nehmen, rief der Vater unwillig, es ist ernsthaft, und wer einen Spaß daraus machen will, an dem wird es sich am schwerfälligsten rächen. – Er ward aber bald von den Liebkosungen der Tochter wieder besänftigt und aufgeheitert. Emmeline war auf der Reise. Runde hatte seine Equipage genommen; eine Kammerjungfer und ein Bedienter begleiteten sie. Wohin sie kamen, machte die Schönheit des Mädchens Aufsehen und sie nahm, wie sie es gewohnt war, mit Freundlichkeit die Huldigung an, die ihr Alt und Jung, Vornehm und Gering darbrachte. Nur ein Umstand machte sie verdrüßlich, ja brachte sie oft außer aller Fassung. Da man in der schönen Gegend nur langsam und fast ohne allen Plan reisen wollte, so hatte Grundmann seinen Freund und seine angebetete Emmeline zu Pferde begleitet. So ängstlich und peinlich dieser Mann in Gesellschaft sich oft betrug, so frei und ungezwungen saß er zu Pferde; ja, er konnte für einen Meister in der Reitkunst gelten, und er selbst kannte seinen Vorzug, denn er hatte manches Jahr auf einer vorzüglichen Reitschule seine Zeit zugebracht und unermüdet von den besten Stallmeistern Unterricht genommen. In einem eleganten Reithabit folgte er also dem Landauer seines Freundes, auf seinem besten und schönsten Pferde, immerdar auf 290 die Dame seines Herzens aufmerksam, und oft die Künste zeigend, die auch der ernste Reiter, der nicht zu den Stutzern gehören mag, nicht immer verschmäht. Seine Figur nahm sich daher im Freien und zu Roß viel vortheilhafter aus als im Zimmer, und seine Gewandtheit und Sicherheit war in der That zu bewundern. Ein Diener, in reicher Livree, auf einem fast ebenso trefflichen Rosse, folgte ihm. Aber weder der glänzende Aufzug, noch die feine Geschicklichkeit Grundmann's konnten der eigensinnigen Schönen Blicke des Wohlwollens abgewinnen. Sie schmollte unverhohlen und verbarg ihren Verdruß nicht, wenn man sich am Mittagstische oder am Abend vereinigte. So hatte man einige Tage zugebracht, und der Vater sah mit Verlegenheit den wachsenden Verdruß seiner Tochter, sowie er die unerschütterliche Hingebung und Freundlichkeit des Reiters bewunderte, der sich weder durch Blicke noch Worte beleidigen ließ. So war eine Woche vorüber, als in einer großen Stadt, wo man Rasttag machte, der Vater von einem Briefe eingeholt wurde, der dem Postamte dringlich empfohlen war. Er besah langsam das Siegel, dann die Aufschrift, und sagte nachher: Eine wichtige Nachricht von einem sehr lieben Freunde. Wenn es sich nur nicht um Tod und Leben handelt. Er ging hierauf langsam und sinnend in ein anderes Zimmer, kam mit dem Gelde zurück und quittirte im Postbuche den Empfang des empfohlenen Briefes. Als sich der Postbote entfernt hatte, sagte Emmeline: Vater, ich bin Dir sehr böse. – Warum? – Du sagst selbst, der Brief sei sehr wichtig, er brächte vielleicht Todesbotschaft, und gehst und holst Geld, zählst langsam, schreibst noch langsamer Deinen Namen, – statt das Couvert aufzureißen, und erst den Inhalt kennen zu lernen. – Das ist einmal meine Weise, der Ordnung halb, sagte der Vater. – Als er hierauf den Brief, 291 ohne Zeichen besonderer Aufregung, gelesen hatte, sagte er ruhig: Wir werden umkehren müssen. Wie so? – Wie ich immer fürchtete, Holland ist plötzlich dem französischen Kaiserreiche einverleibt worden: wichtige Nachrichten sind aus Amsterdam angekommen, der Rath Ambach schreibt, und eine Einlage von meinem ersten Buchhalter sagt mir, daß gleich ein Bevollmächtigter, oder ich selbst von dort aus, wegen Capitalien verfügen müsse. Auch Grundmann, von dem Summen bei mir stehn, ist betheiligt und bedroht; wenn er dort wäre, würde sich alles fügen, denn er kennt alle unsere Verhältnisse und ist klug. So laß ihn zurückreisen, rief Emmeline; dann bin ich noch einmal so vergnügt; er ist uns hier nur zur Last und nimmt mir alle Freiheit. Aber, Kind, Tochter – Wozu hat man denn Freunde, wenn man sie niemals, auch in den dringendsten Fällen nicht, gebrauchen will? Er thut es auch gewiß gern, wenn er einsieht, wie nützlich es Dir ist. – Ich habe nicht den Muth, mich ihm als einen so groben Egoisten gegenüberzustellen. – Ich will es ihm auseinandersetzen, sagte Emmeline; was kann ihm denn auch an solcher langweiligen Reise liegen? Er kommt ja mit seinen schmucken Pferden, die er immer schonen muß nicht von der Stelle, und hindert uns ebenfalls. Am Morgen schon reisete Grundmann mit Extrapost nach seiner Heimath mit beschwingter Eile zurück. Er gab dreidoppelte Trinkgelder und ließ den Reitknecht mit seinem schönen englischen Pferde gemächlich die Meilen in kurzen 292 Tagereisen zurückmessen, indessen Emmeline vergnügt mit dem etwas unzufriedenen Vater weiterreisete. Der Vater verwunderte sich, daß Emmeline nach der Abreise des Freundes sich eben nicht heitrer zeigte. Die Gegend war schön, man war in den Bergen, angenehme Städte boten mit allen ihren Bequemlichkeiten Ruheplätze an und das Wetter war beständig. Du freutest Dich seit lange auf diese Reise, sagte Runde, und nun scheint sie Dir doch nicht gar viele Begeisterung zuzuführen. Ferdinand, antwortete sie, hat es gut, der verliert sich als ein ganz Einzelner so völlig in die Strömungen der Menschenmenge, ihm ist alles neu und unerhört; er darf alles auf sich beziehn und vergißt Heimath und alle Langeweile des gewöhnlichen Lebens. Ein armes Mädchen kann natürlich nicht so allein und ohne Begleitung reisen, aber es ist betrübt genug. So schleppen wir nun Deinen Bedienten und ich meine Kammerjungfer mit uns, und mit diesen beiden langweiligen Leuten unsern ganzen Haushalt aus der Stadt, ich sehe unsre Wände und Tapeten von dort vor mir, alle die elenden Gespräche und Klätschereien summen mir im Ohr, wir sind nicht in der Fremde. sondern nur zum Schein von unsrer Stadtwohnung fortgereiset. Du wirst niemals gescheidt, sagte der Alte mit einigem Verdruß. Ich lebe ganz Dir zu Gefallen, und Du bist niemals zufrieden. Als sie in der nahen Stadt angekommen waren und der Vater einige Besuche gemacht hatte, kam ihm die Tochter freundlich entgegen, indem er das Zimmer in seinem Gasthofe betrat. Ich bin zufrieden, mein Väterchen! sagte sie, ihm schmeichelnd und liebkosend; Du thust mir sehr Unrecht, 293 und es schmerzt mich, daß ich von Dir so verkannt werde. Du weißt es selbst, wie oft mir von allen meinen Bekannten Unrecht geschieht, wie die Frauen mich nicht lieben und die Männer mich vergöttern, um nachher desto dreister auf mich zu schelten. Alles das würde mich nicht so viel kümmern, denn ich bin es schon gewohnt, daß aber der eigne Vater, mein einziger wahrer Freund, sich auch noch zu meinen Gegnern gesellt, das muß mich mehr als alles schmerzen. Gieb Dich zufrieden, sagte der Alte, ich bin schon wieder gut; morgen überschreiten wir nun die deutsche Grenze und betreten das schöne Schweizerland, dort wollen wir recht ungestört der Natur leben. Dazu aber, sagte sie mit weicher Stimme, mußt Du mir noch eine Bitte erfüllen. Dann will ich auch nie wieder etwas verlangen. Wir bleiben dann immer vergnügt und ganz einig den lieben langen Tag und vergessen Verdruß und Sorgen. Nun? Es ist gewiß etwas Besonderes, daß Du so lange Vorrede machst, Etwas, wovon Du schon im Voraus weißt, daß es mir verdrüßlich fällt. – Gleichgültig muß es Dir seyn, denn Du bist ein kluger Mann, ein Weltmann, ein Denker, der nicht zum ersten Mal eine Reise unternimmt, der in seiner Jugend manche Beschwerlichkeiten überstanden hat, der kein Weichling ist – Und hauptsächlich, unterbrach sie der Alte, der Vater einer mißrathenen Tochter, die er selbst durch übertriebene Zärtlichkeit verdorben hat. Also es geschieht, um was ich Dich bitte? – Weiß ich doch noch gar nicht, worauf Du dein Absehn richtest. Nun? – Bitte, bitte, nicht ungeduldig. Sieh einmal, wie wohl uns seyn könnte, wenn wir nicht unsre angewohnten fatalen 294 Dienstboten bei uns hätten. Schicke die mit der Post oder sonst einer Gelegenheit zurück, wir nehmen dann einen Fuhrmann und sind uns ganz selbst und unsern Launen überlassen, frei und in nichts gehemmt. Nun kommen uns erst alle Gegenstände als neue entgegen, und wir werden nicht mehr von dem Geschwätz der albernen Menschen belästigt, von ihren fatalen Blicken, die uns immer auszuforschen scheinen, bedrängt. Es geht erst dann ein andres frisches Leben für uns auf. Närrisches Kind, sagte der Mann, wenn ich mich auch ohne Bedienten behelfen kann, da ich nicht verwöhnt bin, wie willst Du ohne Deine Jungfer zurechtkommen? Sie hindert mich mehr, als sie mir hilft, und ärgert mich nur durch ihre Ungeschicklichkeit. Ich kann mich recht gut selbst bedienen, auch macht es mir Spaß, wenn ich beim An- und Auskleiden Jemand bedürfte, mich mit den verschiedenen Mädchen in den Gasthöfen einzulassen. Da hört man denn so vieles Närrisches und Lustiges, daß es ein Spaß fürs ganze Leben bleibt, auch lernt man das Volk dadurch mehr kennen. Verdrüßlich fällt es mir allerdings, sagte der Vater, und dann das Wechseln der Fuhrleute, da es in der Schweiz keine Posten giebt. Alles ist abgemacht, lieber Vater. Ein junger Thüringer, ein muntrer Bursche, er heißt Martin, ist unten im Hause. Er hat von Basel eine Herrschaft herübergebracht und ist ohne Wagen. Seine Pferde sind rüstig und brav, der Mensch allerliebst. Er hat mir schon vielerlei erzählt, und freut sich sehr, uns nach Bern, Basel, Zürich zu schaffen. Er kennt alle diese Orte, denn er hat die Reise schon öfter gemacht. Seinen Wagen hat er in Stuttgart zurücklassen müssen, weil er dort die französischen Leute und ihre 295 Kutsche traf. Man kann gewiß nicht besser bedient seyn, als von diesem braven Mann. Der Alte ließ diesen Martin zu sich bescheiden. Ein schlanker junger Mensch trat herein, ohne Verlegenheit, oder jene bäurische Dreistigkeit, die wohl von Leuten, die stets sich auf der Landstraße umtreiben, dem feineren Reisenden lästig fallen kann. Sein schönes braunes Auge hatte einen klugen Ausdruck, und es stand ihm gut, wenn er den Kopf schnell wendete und die krausen Locken des braunen Haares sich bewegten. Seine Freundlichkeit war Vertrauen erregend, und man sah, daß Runde sich über den Jüngling verwunderte, da er wohl eine ganz andre Erscheinung erwartet hatte. Man war bald über die Bedingungen einig und es ward beschlossen, wenn man die Schweiz wieder verlasse, über Stuttgart zurückzureisen. Der Diener und die Kammerjungfer waren nicht wenig erstaunt, als man ihnen ankündigte, wie sie allein den Weg nach der Heimath zurücklegen müßten. Man blieb noch einen Tag länger, als erst bestimmt war, um alles besser ordnen zu können, und als nun der Banquier mit seinem neugedungenen Fuhrmann den Weg nach Basel einschlug, war Emmeline im Wagen, welcher beim schönen Wetter ganz zurückgeschlagen war, außerordentlich fröhlich. Sie freute sich der schönen heitern Gegend, sie lachte, scherzte und umarmte ein über das andremal den Vater, der sich nun auch gern und freundlich in die sonderbaren Launen der Tochter fand, seinen Verdruß fahren ließ, und dem es nun selbst angenehmer dünkte, mit einem Fremdling, statt des bekannten Kutschers und seiner Dienstleute, zu reisen. Der junge Mann war äußerst aufmerksam und achtete auf jeden Wunsch. Er fuhr sicher und schnell, sodaß Herr Runde seine starken und gut eingefahrnen Rosse nicht vermißte. Als der Wagen eine Anhöhe hinauffuhr und Martin 296 einige Minuten zu Fuß ging, sagte der Bauquier zu ihm: Eins, Freund Martin, habe ich gestern doch bei unserm Accord noch vergessen. Mir ist der Taback so unerträglich, daß keiner meiner Dienstleute rauchen darf; reise ich mit der Post, so müssen sich die Postillone auch meiner Eigenheit fügen. Wie steht es mit Euch? Wird es Euch sehr schwer, so will ich für die Entbehrung dem Fuhrlohn noch etwas zulegen. Gnädiger Herr, antwortete Martin lachend, Ihnen kann das fatale Zeug und der Geruch davon unmöglich so zuwider seyn wie mir. Darum bin ich auch immer für mich und kann mit den übrigen Fuhrleuten nicht in derselben Stube aushalten. Mir ist alles dergleichen zu unsauber. Ihr seid ja auf die Art ein prächtiger Mensch, sagte Emmeline, die sich über den Vater wegbog, um mit dem jungen Manne sprechen zu können; ein Sonderling unter Eures Gleichen. Nehmen sie euch das nicht übel? Wohl, schönes gnädiges Fräulein, sagte der Fuhrmann, es hat schon manchen Verdruß gegeben. Aber ich begreife nicht, wie die Menschen, auch viele Gebildete, den Gestank von diesem Kraut nur dulden, geschweige ein Wohlgefallen daran finden können. Wenn mir das Zeug aber auch nicht zuwider wäre, würde ich doch nicht rauchen, denn wenn mir auch meine Genossen deshalb aufsässig sind und ich bei denen etwas verliere, so habe ich wohl gemerkt, daß ich damit bei den Herrschaften gewinne, besonders bei den Damen. Man erscheint ihnen weit reputirlicher und reinlicher. Es ist auch nichts so abscheulich, als immer die garstige, übelriechende Pfeife in der Tasche mit sich herumzuführen. Und ein Kutscher mag sich ausreden, wie er will: er kann, wenn er das Ding im Munde hängen hat, nicht so auf- und abspringen, wie es manchmal ein dringender Augenblick nothwendig macht. Nun ist noch das elende Feueranschlagen; der Schwamm will 297 nicht brennen, die Pfeife ist verstopft und dergleichen. Glauben Sie mir nur, es ist schon manches Unglück aus dieser schlechten Gewohnheit entstanden. Dabei betäubt der Geruch und macht schläfrig. Sie reden im Gegentheil vom Muntermachen, aber ich habe es oft beobachtet, wie sie verdusseln und beim Rauchen in halben Schlaf gerathen. So trinke ich auch niemals von dem abscheulichen Branntewein, der den Menschen auch dumm macht, und von welchem auch der widerwärtige Geruch den Trinker verfolgt. Ein gemeiner Mann, wie ich es bin, muß auf seine Ehre und Anstand weit mehr halten, als der Vornehme und Reiche, sonst möchten uns manche von diesen wie das Vieh behandeln. In diesem Augenblicke fiel ziemlich nahe ein Schuß hinter der grünen Hecke, die sich um einen Garten längs der Landstraße hinzog. Die beiden Reisenden fuhren erschreckt zusammen, aber der Kutscher und die Pferde blieben in ihrer ruhigen Haltung. – Das war ich in jedem Augenblick vermuthend, sagte Martin lachend, denn als wir herunterkamen, sah ich den Patron schon mit seinem Gewehr, der unter die Sperlinge schießt. Wenn man den Zügel recht in Wahrsam nimmt, so merken meine Pferde schon, daß so was unterwegs ist, und sie wissen, daß sie nicht erschrecken dürfen. – Mit diesen Worten schwang er sich wieder auf seinen Sitz. Ist es nicht ein prächtiger Mensch? fragte Emmeline ihren Vater. Ich vermuthe, antwortete dieser, er ist von guter Herkunft. Alle seine Manieren verrathen eine gute Erziehung. Alles steht ihm so hübsch, sprach die Tochter weiter, er hat so gar nichts Gemeines. Ich beobachtete ihn schon im Gasthof in der Stadt dort, wie Du mich allein gelassen hattest. Er kümmerte sich um die übrigen Domestiken wenig, er war viel in dem kleinen Gärtchen, hinter dem Hofe, las 298 dort, oder spielte mit seinem Hunde. Dabei ist er immer vergnügt, denn es ist keine Melancholie, die ihm von der groben Gesellschaft absondert. Sie kamen spät in Basel an, und als sie mit einiger Noth im Gasthof zu den drei Königen untergebracht waren und man sich eingerichtet hatte, genoß Emmeline aus ihrem Zimmer die Aussicht über den Rhein und dessen schöne Ufer. Es klopfte, und als der Alte die Thür öffnete, trat der Kutscher mit einer schweren Cassette herein. Verzeihung, sagte er, die ungeschickten Kellner, die freilich oft auch zu viel zu thun hatten, haben gerade das Wichtigste im Wagen vergessen. Er setzte die Schatulle auf den Tisch. So geht es uns, sagte der Banquier, die wir durch unsre Bedienung gar zu sehr verwöhnt sind, man verliert alle, auch die nöthigste Aufmerksamkeit. – Ein Glas Wein, Freund Martin, verschmäht Ihr doch nicht? das wird nicht gegen Euer Gelübde seyn, um Anstand und Reputation aufrecht zu erhalten. Im Gegentheil, Ihro Gnaden, sagte Martin schmunzelnd, von Ihres Gleichen ein Glas Wein anzunehmen, ist eine doppelte Wohlthat, denn erstlich ist es eine große Ehre, und zweitens ist es auch ein ausgezeichnetes Weinchen, zu dem wir auf unserm gewöhnlichen Wege niemals gelangen. Er trank das Glas auf die Gesundheit der Herrschaft und in der Art und Weise eines Kenners und stellte den Römer dann mit einer zierlichen Verbeugung wieder auf den Tisch. Sagt einmal, fing der Alte wieder an, seid Ihr beim Fuhrwesen aufgewachsen? Oder haben Euch Unglücksfälle in den Stand getrieben und sind Eure Eltern vielleicht höher gestellt und reicher gewesen? O mein gnädiger Herr, sagte Martin mit einem schlauen 299 Lächeln, Sie sind gar zu gütig, wenn Sie denken, daß ich vielleicht gar von vornehmen Leuten herkomme! Ach nein! Ich bin bei dieser Beschäftigung aufgewachsen und befinde mich auch ganz wohl dabei. Dieser Stand nährt seinen Mann und ist auch, bei den beständigen Reisen und dem Verkehr mit vielerlei Menschen, vielfach angenehm, wenn auch oft beschwerlich. Ich habe schon die Schweiz etlichemal durchreiset und bin bis Mailand und Verona in Italien gekommen; Deutschland kenne ich fast in allen Richtungen, und so treffe ich manchmal Bekannte, Herrschaften und Kameraden, wo ich es am wenigsten vermuthe. Es ist was Unbegreifliches, daß die meisten Leute in unserm Gewerbe etwas darein setzen, sich gemein zu betragen, übermäßig zu trinken, zu fluchen und grob zu seyn. Sie meinen, durch ein rohes barsches Wesen setzen sie sich in Autorität. So muß ich mich oft meiner Genossen schämen, und doch könnten sie alle mehr Ehre genießen, wenn sie die Ungezogenheiten ablegten. Es wäre ihnen selber bequemer, reputirliche Menschen vorzustellen, denn das Wohlfeilste und Nächste ist doch immer und überall die Vernunft. Weil ich aber so denke, um es mir im Leben eigentlich nur bequem zu machen, meinen Ihro Gnaden, ich müßte von Hause aus was Besseres und Vornehmeres seyn. Als er das Zimmer verlassen hatte, sagte der Vater: er hat uns eine gute Lection gegeben. Wir denken immer, unsre sogenannte gute Erziehung bringe erst Menschen hervor. Und wie oft verhüllt sich nur in unserm Stande die Gemeinheit der Seele und der Sitten, und ist dabei viel schlimmer als die der niedern Stände. Man kann in vielen Gegenden von Deutschland beobachten, wie ehrwürdig der Bauernstand ist, wie viele treffliche Männer in der Stille und Unbekanntheit zur Reife erwachsen. Wo es noch 300 Bürgerstand giebt, liefert er auch oft so zu sagen Musterbilder, wahre Männer, die das Handwerk, statt sie zu erniedrigen, erst zu ihrer festen Bestimmtheit herausgearbeitet hat. Und in der Schweiz hat man Gelegenheit, Bürger, Bauern und Hirten kennen zu lernen, die so stark geprägt, so vom edelsten Menschenverstand durchdrungen und geläutert sind, daß jedes Wort von ihnen (wenn man es versteht, sich in sie hinein zu hören und sie zu fassen) für unser einen zur Lehre wird. Diese Art des gesunden Verstandes wird aber immer mehr bei uns untergeackert und unter hochtönende, nichts bedeutende Phrasen begraben, oder von jenen flauen Trivialitäten, nichtssagendem Gallimathias verdeckt, der sich auch nur zu oft als ächter gesunder Menschenverstand brüsten will. Immer höre ich das Sprichwort, fiel Emmeline ein, gesunder Menschenverstand! Als wenn es auch einen kranken gäbe, oder geben könnte! Und warum nicht? antwortete der Vater. Unsre Vorfahren haben sich bei dem Ausdrucke doch wohl etwas Eignes und Bezeichnendes gedacht. Der Verstand, die Einsicht, die im Menschen gleichsam wild und ohne alle Pflege wächst, weiß von den Conventionen und verschlungenen Combinationen eines künstlichen Zustandes nichts. Dieser Verstand kann in Kunst und Wissenschaft, Politik und fein verwickelten Rechtsfällen nichts entscheiden. Es vergleicht sich einem großen Wassersturze in der Wüste, wie wir deren viele in der Schweiz sehn werden. Brausend kommt die Flut und springend von Felsen herab, durch den Wald und rennt schäumend und vielfach tönend in das Thal, wo sie Bach und Fluß wird. Hier in der schönen Wildniß kann das Element keine Mühlen treiben und keine Fabriken in Thätigkeit setzen, noch weniger läßt es sich in Brunnenröhren vereinsamen, in Kanälen zertheilen, um da und dort Wiesen zu wässern, 301 oder Vieh und Menschen aus künstlichen Pumpen zu tränken, oder, in Schläuche gefaßt, dem Feuer Einhalt zu thun. Es ist also für diese frische Jugendzeit ganz unnütz und unerzogen. Wenn der Mensch aber davor steht und sieht seinem Treiben nach, so tritt in der bewegten Kühle und Einsamkeit wohl ein höher Gedanke auf ihn zu und erinnert ihn an das Ursprünglichste der Welt und des Gemüthes; ein Gedanke, der in sich doch mehr Werth hat, als die Theorien über Spinnmaschienen, als die künstlichen Rechenexempel des Staatshaushaltes, oder die Kenntniß unserer italienischen Buchhaltung. Um zurück zu kommen, so kann es sich wohl auch treffen, daß ein ungebildeter Mensch, indem er mit seinem frischen unverfälschten Verstande in jene künstlichen Verhältnisse cultivirter Zustände, überbildeter philosophischer Schulen und verfeinerter Sophisten, wie mit einem kühlen Morgenlichte hineinleuchtet, leicht das elende Verschrobene, Unnütze und Zugespitzte von Denkkünstlern ohne Anstrengung entdeckt, und den wahren Zweck unmittelbar erreicht, so daß die berühmtesten und abgefeimtesten jener bei ihm in die Schule gehen müssen. Ach Väterchen! rief Emmeline mit gefaltenen Händen, – warum sprichst Du denn nicht immer, oder wenigstens oft so? Thörin! sagte der Alte. Ist also hiemit, fuhr er fort, der gesunde Menschenverstand bezeichnet, so kann es denn doch wohl auch einen kranken geben, der, wenn man sie nicht zu unterscheiden versteht, mit seinem robusten Bruder oft mag verwechselt werden. Auch er ist keine Philosophie und hat mit den tiefsinnigen Forschungen der Wissenschaft nichts zu thun. Er ist auch scheinbar selbständig, aber durchaus schwach und krank gemacht durch die neumodige Philanthropie, durch Menschenrechte, Psychologie, Erbarmen und 302 sentimentales Winseln über das Elend der Welt; – daß dieser kranke Menschenverstand, wenn er nun einmal jene Zustände, große und verwickelte Verhältnisse in seinem Spiegel erblicken will, nur Mißgestalten und Ungeheuer sieht und gewiß, von seinem Standpunkte aus, nichts rectificiren, sondern alles, in so fern er Einfluß gewinnen möchte, nur noch mehr verunstalten und verderben würde, ist leicht zu begreifen. – Ei ja, sagte Emmeline nachdenklich, – wenn man nur immer wissen könnte, welche Art dieses Menschenverstandes sich in uns regte, so wäre damit schon viel gewonnen. – Von Basel aus nahm man den Weg durch das unbeschreiblich schöne Münster-Thal. Emmeline war begeistert, und das leichtsinnige Mädchen, welches sonst nicht leicht gerührt war, war oft bis zu Thränen entzückt. An einer Stelle, als man wieder bergauf fuhr, fing der Vater an, von dem Wohlgeruch der duftenden Bäume und Kräuter, der Einsamkeit und dem Schaukeln halb betäubt, einzuschlafen. Auf einen Wink der Tochter fuhr Martin noch langsamer. Er stieg ab, und ging neben dem Wagen, auf der Seite, wo Emmeline saß. Ihr Hund, sagte das Mädchen, ist munter, aber jetzt schon recht ermüdet. Warum ließen Sie ihn vorher so lange laufen? Gnädiges Fräulein, antwortete Martin, das kleine Vieh ist so dumm, und es ärgert mich, daß er nun schon seit Jahren, so klug er sonst ist, gar keinen Menschenverstand annimmt. Wie meinen sie das? – Sehn Sie, fuhr der Kutscher fort, ich lasse ihn oft laufen, denn es macht dem Köter Spaß. Was er davon hat, da solches Vieh sich doch gar nicht umsehen kann, weiß ich nicht; aber ich sehe, daß er sich daran freut. Nun ist 303 es aber unausstehlich, daß er, wenn ich nur etwa vorn am Zaum was zurecht schiebe und ihm einen Wink gebe, er doch mit herunterspringt, wenn er selbst müde ist. So war es gestern. Dann ärgert mich der Spitzbube so, daß ich ihn immerfort neben dem Wagen traben lasse. Ist er wirklich müde, so werfe ich den Narren selbst hinauf, daß er sich zu meinen Füßen ausruht. Er schwang sich wieder auf den Bock und sah sich schalkhaft nach Emmelinen um. Warum nehmt Ihr das Hündchen nicht mit hinauf? fragte sie verdrüßlich. Sehn Sie nur, wie der Arme in der Hitze hinkt und schleicht und gar nicht mehr fortkann; ach, wie er so erbärmlich zu Ihnen hinaufblickt . . . . O nehmen Sie ihn doch wieder auf den Sitz dort, oder ich will ihn zu mir in den Wagen nehmen. Lassen Sie ihn nur, gnädiges Fräulein; denn der Kerl, so duckmäusig er sich jetzt anstellt, ist doch nur ein wahrer Komödiant. Ein Komödiant? Ja, ich meine, daß er sich so ziert, daß er sich so müde anstellt, es aber noch gar nicht ist. O, es ist nicht auszusagen, und darüber ließe sich vielerlei denken, was diese Thiere so alles lernen, wenn sie in den Umgang mit Menschen gerathen. Und wo dieser es nur her hat, der immer nur bei mir und bei den Pferden ist, begreife ich vollends nicht. Sehn Sie, wie das Vieh den Schwanz hängen läßt, und gar nicht mehr wedelt, wie er den linken Hinterfuß nachschleppt, als wenn er lahm wäre, oder eine Blessur am Beine hätte. Die Zunge streckt er so röchelnd aus dem Halse, und sieht mich immer mit so erbarmungsreichen Augen an, als wenn schon seine letzte Stunde geschlagen hätte. Nun bellt er zu den Pferden auf, als wenn er sie ausschelten wollte und sie Schuld hätten, daß der Wagen nicht still 304 stände. Und doch schwör' ich Ihnen, das ist alles nur Verstellung. Verstellung? Ja, Heuchelei und Verstellung. Er will fahren. Und doch darf ich nur absteigen, so springt er wieder nach und hat keine Ruhe hier oben. Seht nur, Martin, da legt er sich hin. Es ist sein Letztes. Warten Sie, schönes Fräulein. – Munsche! rief er laut, und der Hund sprang munter auf. – Apport! Er schleuderte einen Stab mit voller Kraft weit in das Feld hinein, und das Hündchen sprang mit der größten Fröhlichkeit behende über den Graben und lief begeistert dem Stabe nach, der weit ab im Kornfelde niedergefallen war. Rasch und mit angestrengter Kraft schleppte er den langen Stock herbei und schien vergnügt und rüstig. Der Kutscher stieg ab, nahm ihm den Stab aus dem Maule, und Munsche sah ihn mit begierigen Augen an, als wenn er darauf lüstern wäre, daß sich das Spiel erneuern solle. Du hast vorhin so miserabel gethan, sagte Martin, und die Dame hat so viel Mitleiden mit dir gehabt, daß du jetzt schon Ehren halber wieder fahren mußt. Er warf ihn auf den Sitz und stieg selbst hinauf. Wie nennen Sie Ihr Hündchen? fragte Emmeline. Er heißt Munsche, antwortete Martin, ein russicher Herr, der ihn so nannte, hat mir ihn im vorigen Jahre geschenkt. Der Offizier trennte sich nur ungern von seinem Munsche. Er meinte aber, er gönnte ihn keinen lieber als mir, weil ich ihn gewiß in Acht nehmen und ihm kein Unrecht thun würde. Und so halte ich es auch mit dem Thierchen, denn ich habe ihn lieb. – Sehn Sie, so könnte ich mit Apportiren das Unkraut noch zwanzigmal weit in die 305 Felder hinein jagen, und der Bengel würde nicht müde werden. Am folgenden Tage erschraken die Reisenden beinah, als sie von der Höhe, die sie erstiegen hatten, zuerst die blaue Fläche des Bieler Sees erblickten, und weit hinaus nach allen Seiten die Gebirge, und hinter sich Wald und Berg; so anmuthig und erbebend, daß das trunkene Auge nicht ruhen, sich nicht ersättigen konnte, und doch so selig befriedigt war. Sie ließen den Wagen in Biel und fuhren auf einem Schiffe nach der Petersinsel. O mein Vater! sagte Emmeline, indem sie immer und immer wieder dem Alten herzlich die Hände drückte, was macht mich diese Reise glücklich! Die Reisenden hatten den Wagen und ihren Kutscher in Thun gelassen, um in einem Schiffe über den schönen See nach dem reizenden Interlaken zu fahren. Der Vater war jugendlich über die Herrlichkeiten des Berner Oberlandes entzückt, und die Tochter betrachtete die Zauber jener Gegenden mit einem ernsten Auge, oft in Nachdenken verloren. Nachdem sie zwei Tage in Interlaken verweilt hatten, fuhren sie nach dem Grindelwald. Diese herrliche, großartige Natur, die poetische Wildniß dieser Landschaft kann nur durch Beschreibung in Dessen Phantasie wieder hervorgerufen werden, der selber diese Gegenden sah. Hier, bei den stürzenden Bergwassern, bei den niedergerollten Felsenklippen, gedachte Emmeline der Worte, die ihr Vater neulich gesprochen hatte. In dieser poetischen Einöde, in der Nähe der Alpen, die furchtbar schön über die Wolken hinausragen, beim Brausen dieser Bäche, den einsamen Hütten, hier völlig von aller menschlichen Etikette, den verwirrten 306 Verhältnissen abgeschnitten, bilden sich in der ungewohnten Einsamkeit große Gedanken, Empfindungen und Entschlüsse. Die Reisenden erschraken, und zugleich befiel sie eine seltsame Rührung, als sie den grünlichen Krystall des Gletschers gewahr wurden, der dem Gasthofe gerade gegenüberliegt, in welchem sie abstiegen. Es traf sich, daß das große Haus ganz leer war und sie sich also die bequemsten Zimmer auswählen konnten. Lange saßen sie schweigend am Fenster, in den Anblick dieses einzigen Bildes verloren. Als sie am folgenden Tage den Gletscher in der Nähe betrachtet, ihn bis auf eine gewisse Höhe mit dem Führer bestiegen hatten und nach dem Gasthofe zurückgekehrt waren, sagte der Vater: was ist Dir nur, Kind? Dein Zustand bekümmert mich. Ich fürchte, eine gefährliche Krankheit ist im Anzuge. Du bist immerdar gerührt; ich sehe oft Thränen im Deinem Auge, Du bist ernst, ja melancholisch, alles Deinem bisherigen Leben und Deiner Art und Weise völlig entgegengesetzt; Du, das stets frohe, leichtsinnige Wesen. Lieber Vater, erwiederte sie mit Schluchzen und hervorbrechenden Thränen, kann man die Wunder dieser Natur, über uns den Eiger und die andern unermeßlichen Alpen, dort den Gletscher mit seinem ewigen Eise, umher die grüne Einsamkeit der Wildniß, und alles das so Herzergreifende denn ohne tiefe Erschütterung sehn? Ich habe vorher niemals glauben können, daß die Natur so gewaltig einzudringen, uns bis in das Innerste unsers Wesens zu ergreifen diese Gewalt hätte. Meine Seele erliegt ja diesen unerwarteten Empfindungen. Es freut mich, sagte der Vater, daß Du solcher tiefen Gefühle fähig bist; aber diese Erschütterungen, die die höchste Wollust unserer Seele sind, müssen uns auch nicht krankhaft aushöhlen und schwächen, und das geschieht vielleicht, wenn 307 wir uns ihnen zu sehr hingeben, und ganz in sie versenken. Unser Wesen ist so seltsam construirt, daß nach so starken Eindrücken uns wieder Zerstreuung und Leichtsinn nothwendig werden. Ja wohl, sagte Emmeline, ist es nothwendig; wer das nur finden könnte! Mir ist aber, seit wir in diese Einöde gerathen sind, als wenn mein Herz brechen sollte. Sie warf sich in den Sessel und weinte heftig. Dir ist sonst noch was, Mädchen, einziges Kind, Dein Gesicht, Dein Auge ist ganz anders, als ich es seit Jahren kenne. Was geht mit Dir vor? Sprich! Rede! Eröffne mir Dein Herz. So sprach ängstlich der bekümmerte Vater. Emmeline reichte ihm die Hand und sagte nach einer Pause: Nicht wahr, hier in dieser grünen Einöde, unter diesen ewigen Schneeklippen dort oben, unten von Eis und Blumen zugleich umgeben, vergißt man die Menschen und ihren Verkehr so gänzlich, daß, wenn man gewaltsam zurückdenkt, einem das Getreibe in den großen Städten, die Gesellschaften und Sitten dort, das Wirrsal der Verleumdung und des Hochmuths, Alles, was die kleinlichen Wesen dort belebt, ängstigt und begeistert, nur lächerlich, abgeschmackt und wahnsinnig vorkommt. Sind wir hier nicht gleichsam in einem Zauberbann, als wenn die Schöpfung um uns her eben erst fertig geworden wäre? Ach, mein Vater, ich bin seit einigen Tagen viel älter und ernster geworden, diese Reise hat mich zu einem ganz andern Wesen erzogen, als ich sonst war. Meine Seele ist umgewandelt, mein Sehnen und Wünschen ist lebhaft erwacht, und nach ganz andern Gegenständen, als die mich bisher rührten. Soll das in mir nicht in alle künftigen Jahre hinauswirken, Vater? Nun ja, sagte jener, aber es kann auch Seelen oder körperliche Krankheit werden. 308 Nein! rief die Tochter, ich verspreche es Dir in Deine Hand, ich sage Dir, mir ist wohl. Soll ich Dich etwa niemals wieder heiter und fröhlich sehn? O, gewiß, übermüthig, jauchzend vor Freude, wenn mein Väterchen mir getreu bleibt, wenn er nicht von mir abfällt. Was willst Du damit sagen? Das schöne Wesen faßte den Vater in die Arme, küßte, streichelte und liebkoste ihn, sah ihn lächelnd an, drückte ihn wieder an die Brust, blickte plötzlich ernsthaft, nahm dann die Hand, die sie zärtlich in ihre beiden faßte, sie dann küßte, tief aufseufzte und sich nun weinend zurückbog, und in den Stuhl schluchzend ihr Angesicht zwischen den Armen verbarg. Kind! Emmeline! rief der Vater gerührt und doch etwas ungeduldig, ich kenne Dich, Du willst etwas von mir haben, und denkst, ich werde es Dir abschlagen. Ja, sagte sie ganz ermattet, wenn Du es mir abschlägst, so werde ich krank, so sterbe ich, noch hier, in dieser schauerlichen Wildniß. Und was verlangst Du? Ich versprach Dir, Dich sogleich zu meinem Vertrauten zu machen, wenn dergleichen in meinem Gemüthe reif würde. Ich will heirathen. Der Alte sprang auf und tanzte laut lachend im Zimmer herum, dann umarmte er die Tochter und sagte: Nun, das war ja seit lange mein Wunsch; so nenne mir nur den Deiner Freunde, welchen Du gewählt hast. Freunde! sagte sie mit einem langen Gesicht; die thörichten, langweiligen Menschen dort in unserer Stadt? Wie kannst Du in dieser erhabenen Natur nur an jene Krüppel denken? Nun, und wen denn sonst? Väterchen, sagte sie, wieder süß schmeichelnd, nun hast Du einmal Gelegenheit, mir zu beweisen, ob Du mich liebst; diese Gelegenheit kommt uns Beiden nicht wieder, so lange wir auch leben. Und, es geht um Alles, das glaube mir nur, denn ich habe in diesen Tagen meinen Zustand ernsthaft geprüft. Ich sinne und sinne, quäle mich ab, einen Mann aufzufinden: – wer ist es denn? Martin, unser junger Kutscher. – Hier schlug sich der Vater mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, taumelte zurück und rief aus: Himmel und Erde! dieser Fuhrknecht? Ein Mensch, den Grundmann schwerlich anständig genug finden würde, nur in seinem Stalle zu dienen? – Er stierte die Tochter an, doch diese sagte ganz kalt: So ist es, und wenn Du Dich nicht an den Gedanken gewöhnen kannst, daß dieser mein Mann wird, so laß uns hier Abschied von einander nehmen, denn ich sterbe gewiß bald. Donner und Wetter! schrie der Vater, sich nicht mehr bemeisternd, und stürzte wie ein Verzweifelter aus dem Zimmer. Als er nach einer halben Stunde durchnäßt zurückkam, denn er war im Regen um das Haus her in der größten Aufwallung geirrt, eilte er in seine Stube, sich umzukleiden, denn er bemerkte jetzt erst, wie er von Wasser triefe, und als er die Aufwärterin fragte, was die Tochter mache, fing diese an zu weinen und sagte: Ach! das arme schöne Fräulein liegt im Bette, sie ist zum Sterben krank, so leichenblaß, sie weint und klagt; was muß ihr nur zugestoßen seyn? Der Alte zitterte vor Verdruß und Schreck, er eilte dann zur Tochter, die blaß und still weinend im Bette lag. 310 Er setzte sich zu ihr und sagte: Sieh, mein Kind, ich bin jetzt ruhiger, und überzeugt, daß dieser ganz extravagante Vorschlag nicht Dein Ernst seyn kann. Bedenke, daß wenn ich schwach genug wäre, einer solchen unerhörten Grille nachzugeben, wir uns dadurch von allen Freunden, Bekannten und Gesellschaften absonderten. Und was thäte das? erwiederte sie mit mattem Tone: was sind uns alle diese Menschen, wenn vom wahren Glück die Rede ist? Glück? könnte ein so ungeheurer Mißgriff, ein so völliges Mißverständniß seiner selbst, zum Glücke führen? Ich sehe, sagte sie, alle jene klein-großstädtischen Gedanken, alle jene beweinenswerthen Lächerlichkeiten Deiner Umgebung, des Standes und Geldes sind Dir nachgefolgt. Das ist das Entsetzlichste im Menschen, daß er sich nicht von diesen Lastern und dem Aberwitz seiner Erziehung losmachen kann. Diesen Vorurtheilen opfert er Alles, Leben, Gewissen, Religion! Wie Du sprichst! sagte der Vater, Du weißt selbst nicht, was Du hervorbringst. Und wäre Alles beseitigt, weißt Du denn, ob dieser Martin nicht schon längst verheirathet, oder ob er nicht mit einem Mädchen versprochen ist? Nein, rief sie lebhaft aus, als Du neulich schliefst und er an einer schlimmen Stelle neben dem Wagen ging, fragte ich ihn: Martin, Ihr werdet wohl oft an Eure Liebste denken? Da lachte er so auf seine hübsche, feine Art, daß die reinen weißen Zähne hinter den vollen rothen Lippen hervorschienen. Nein, ich habe noch keine Liebste, und bin immer, da ich so arm bin, allen hübschen Mädchen aus dem Wege gegangen. Meine Mutter lebt noch, die ich durch meinen Fleiß ernähre, da der Vater nichts hinterließ. Die Mutter hofft auf mich, und, wenn mein kranker Herr gestorben ist, 311 so heirathe ich vielleicht seine Witwe, so alt und häßlich sie auch ist. Dann bin ich mein eigner Herr und kann meiner Mutter alles vergelten, was sie an mir gethan hat. – Aber ein so hübscher Bursche, wie Ihr, sagt' ich, sollte sich nicht mit einer so häßlichen Alten verbinden. – In unserem Stande, antwortete er mir, paßt es nur selten, daß man der Liebe oder Leidenschaft folgt: unser Leben ist ein hartes, – und, beschloß er, wollte ich einmal so wahnsinnig seyn, mich zu verlieben, so könnte ich ja vielleicht gar mein Herz an eine verlieren, die so hoch über mir stände, daß ich in Verzweiflung sterben müßte. Dergleichen ist auch schon vorgekommen. Mit einem traurigen Ernst stieg er wieder auf seinen Sitz und mir gab die letzte Rede wie einen Stich mitten in mein Herz hinein. Ich ging dem Zuge nach und immer weiter nach, und entdeckte nun zu meinem Schrecken, daß dieses mein Wohlwollen gegen den jungen Mann schon Liebe geworden war. Tag und Nacht hat mich dieses Gefühl gequält und glücklich gemacht. Und, Vater, sieh den Jüngling nur mit unbefangenem Auge an, so mußt Du gestehen, daß er der schönste ist, der liebenswürdigste und gewiß auch der edelste aller Menschen. – Sie umfaßte den Vater wieder und drückte ihn mit Thränen an ihr klopfendes Herz. Ihre Züge waren entstellt und krank, der Vater wußte nicht mehr, was er ihrer seltsamen Laune entgegensetzen sollte; er tröstete, er bat sie, wieder vergnügt zu seyn; er versprach endlich, wenn sie in den nächsten Tagen noch bei diesem unbegreiflichen Entschlusse beharre, auf Mittel und Wege zu sinnen, die dem mährchenhaften Abentheuer doch eine Gestaltung geben könnten, die dem Menschlichen und Anständigen etwas näher käme. 312 So sehr sich der reiche Kaufmann auch gesammelt zu haben glaubte, so dachte er doch nur mit Grauen an die Rückkehr aus dieser Einsamkeit. Er zog noch umher in den benachbarten merkwürdigen Orten und sendete einen Boten nach Thun, damit sich Martin nicht über das längere Außenbleiben ängstigen möge. Stand er dort nun auf den Felsen, einsam und von Niemand beobachtet oder gestört, und sah er, wie Emmeline indeß mit dem Führer, eifrig sprechend, umherschweifte, so überdachte er wohl sein sonderbares Schicksal, und es fiel ihm schwer auf das Herz, wie diese Tochter, so sehr ihre Schönheit auch von aller Welt bewundert werde, ihm noch niemals eigentlich Freude gemacht habe. Dann fiel es ihm ein, daß wohl in den Enkeln sich die guten und bösen Eigenschaften der Großeltern wiederholen möchten, und von diesen neubelebten Temperamenten vielleicht sich Schicksale und Verhängnisse entspönnen, denen zu widerstreben unmöglich sei. In der Geschichte seines Hauses, soweit er sie kannte, fehlte es nicht an Abentheuern. Der Urgroßvater (denn höher stieg seine Kenntniß der Familie nicht) war aus dem nördlichen Deutschland gekommen; er hatte durch Fleiß und Thätigkeit und eine verständige Heirath sein mäßiges Vermögen vermehrt, war aus einem Handwerker Kaufmann und der Herr einer ansehnlichen Fabrik geworden. Nachdem er sich späterhin in der Residenz niedergelassen und Bedeutung und Ansehn gewonnen hatte, verlor er einen großen Theil seines Vermögens durch einen ausschweifenden Sohn, der so wenig auf den Alten Rücksicht nahm und die Vernunft so wenig achtete, daß er den Vater mehr als einmal an den Rand des Abgrundes brachte. Endlich mußte er entfliehen, und als er schon seit vielen Jahren verschollen war, so daß ihn seine Angehörigen schon lange gestorben glaubten, kehrte er zurück und zwar verheirathet. Und mit wem? Es war eine zu 313 brünette Italienerin, die leidenschaftlich und ohne alle Erziehung in den Kreis von gebildeten Menschen trat, die sie alle verletzte und beleidigte. Theils um sich zu rächen, oder um sie zu entschuldigen, wie Andere vorgaben, behauptete man, dieses Frauenzimmer sei eigentlich von Geburt eine Zigeunerin. Der Großvater schien in sofern glücklich mit ihr, weil er ihr Thun und Treiben billigte, und nur den altklug steifen Ton der Residenz beklagte, der die verwöhnten Leute hindere, die Vorzüge seiner Gattin einzusehen. Er hatte aber im Auslande Vermögen erworben, befriedigte seine alten Gläubiger und schloß sich wieder der Handlung und den Geschäften seines Vaters an. So glücklich er in den übrigen Verhältnissen schien, so erlebte er doch den Kummer, daß alle seine Kinder früh in der Jugend starben. Nur sein jüngster Sohn blieb am Leben, ein Kind, das immer still und ruhig war und kein Talent verrieth. Als dieser erwachsen war und nach dem Tode seiner Eltern die Handlung übernahm, gelang es ihm, das Vermögen und den Wohlstand des Hauses auf eine unglaubliche Art zu vermehren. Er vermied jeden Umgang, lebte in seinem Hause einsam wie in einem Kloster, und nachdem er sich mit einer sehr reichen Holländerin vermählt hatte, zog er sich, wenn dies möglich war, noch mehr von aller Gesellschaft zurück. Die Menschen behandelten ihn und sprachen von ihm wie von einem halb Blödsinnigen, und doch vertraute man ihm unbedingt, und sein Credit in der Kaufmannschaft war unerschütterlich. Ihn beerbte der einzige Sohn, unser Runde, und indem dieser jetzt, in seinem reifen Alter, die Reihe seiner Vorfahren überdachte, schwindelte ihm von der Ahndung, die ihr finsteres Angesicht ihm zukehrte, daß in seiner schönen Emmeline wohl der verzauberte Großvater und dessen Zigeunerin diese unbegreiflichen Launen herausarbeiten möchten. 314 Wäre es so, sprach er endlich zu sich, wie Recht hatten alsdann unser alter Adel und die Fürsten, auch ehrbare Bürger und Bauern, keine Mesalliance, keine Fremdlinge und anrüchige Menschen in ihren Familien zuzulassen. Es ist also wohl das Blut, was ihre Vernunft und besseren Neigungen verfinstert. Dagegen giebt es denn kein Mittel, und so viel ist gewiß, der bräunliche hübsche Martin hat wenigstens keine Ader von einem Zigeuner und keinen Zug von einem Abentheurer. Da er an die mögliche Krankheit und einen nahen Tod seiner Tochter glaubte, so ersann er in diesen Stunden einen Plan, den er auch Emmelinen mittheilte, und sie kehrten nun endlich über den See nach Thun zurück. Martin war sehr erfreut, die Herrschaft wiederzusehen, und seine Heiterkeit stieg noch höher, als er bemerkte, mit welcher vertraulichen Freundlichkeit ihm Emmeline begegnete, und wie ihn der alte Herr mit Sie anredete und ihn beinah wie Seinesgleichen behandelte. Jetzt nahm auch Emmeline das Hündchen Munsche unter ihre besondere Obhut und gab es nicht mehr zu, daß das feine Thier sich so müde laufen und auf der Chaussee bestäuben durfte. Erst als sie die Schweiz wieder verlassen hatten, schloß sich in einer deutschen Stadt der Vater mit dem jungen Fuhrmanne ein, um ihm nach und nach sein unverhofftes Glück zu entwickeln und ihn auf die Rolle vorzubereiten, die er von jetzt in der Welt zu spielen habe. Vorerst wurde an seine Mutter eine Summe gesendet, damit sie ohne Sorgen leben könne; es wurde ihr aber im Briefe noch nichts von der bevorstehenden Heirath gesagt, damit sich nicht von dort ein Gerücht verbreite, welches den klugen Plan des alten Herrn zerstören könne. Dann sollte Martin mit einem andern Kutscher die Pferde zurücksenden, so wie den Wagen, 315 der in Stuttgart geblieben war, und seinem Herrn melden, daß eine neue Stellung und ein vortheilhaftes Dienstverhältniß, welches sich ihm plötzlich angeboten habe, es ihm unmöglich mache, zu ihm zurückzukehren. Bei allen diesen Erörterungen war dem jungen Martin nicht anders zu Muth, als wenn er in ein mährchenhaftes Feenland gerathen wäre; er that bei jedem neuen Vorschlag nichts anders, als daß er immer wieder die Hände zusammenschlug und ausrief: ei du mein Gott! das schöne Fräulein soll meine Frau werden! Aus mir wollen sie einen vornehmen Mann machen! Ein Schneider hatte schnell für Martins Garderobe gesorgt. Emmeline konnte nicht aufhören zu lachen, als er sich ihr zum erstenmal in seinem neuen Costum zeigte. Er fühlte sich zwar etwas gehemmt, doch war sein Betragen keineswegs ängstlich. Als man sich von der ersten Verwunderung erholt hatte, scherzte Emmeline und er wie die Kinder miteinander. Der Alte schien nun schon an die Vorstellung gewöhnt, und nannte ihn abwechselnd Herr Sendling und Sohn, einmal überraschte ihn sogar das vertrauliche Du; er ward aber blutroth und vermied nachher mit der größten Aufmerksamkeit diese Anrede. Auch hierüber, wie über Alles, was sich ereignete und angeordnet wurde, konnte Emmeline vor fröhlichem ausgelassnem Lachen nur selten in den Ton des Ernstes zurückfallen. Dies verstimmte den Alten, der sich bewußt war, welche ungeheure Opfer er dem Eigensinne seiner Tochter gebracht hatte. Er hatte darauf gerechnet, daß sie, die vor Kurzem noch so innig gerührt gewesen war, auch jetzt eine edle Empfindung der Dankbarkeit zeigen solle; da sie aber nur scherzte und mit ihrem Bräutigam alberne Possen trieb, wurde er ungeduldig. Plötzlich rief sie: nun ja, Väterchen, Deine Kinder sollen ernsthaft seyn. Denn in Deiner Gegenwart soll mir mein Bräutigam in diesem feierlichen 316 Augenblicke den ersten Kuß geben. Sie faßte das schöne Haupt des Jünglings zwischen ihre weißen Hände, und drückte ihm einen herzlichen Kuß auf die vollen rothen Lippen. Eigentlich, fing sie dann an, soll diese Weihe das größte Geheimniß im Geheimniß der Liebe seyn, wir Beide haben aber eine ernsthafte Sache ernsthaft in Gegenwart des verehrungswürdigen Vaters verhandelt. Nach einigen Tagen machte man sich auf den Rückweg. Ehe sie ihren Wohnort erreichten, ließ der Banquier in einer andern großen Stadt, in welcher er ebenfalls ein ansehnliches Haus besaß, den Jüngling dieses beziehn und untergab ihm Dienerschaft und ein nöthiges Einkommen. Hier nannte er ihn Martin Sendling, einen Vetter, der aus weit entlegenen Landen herübergekommen sei, um sich in diesem Theile von Deutschland auszubilden. Lehrer wurden angenommen, ein Tanzmeister und Fechtmeister, sowie ein Virtuos, der dem wißbegierigen Jüngling die Anfangsgründe der Musik beibringen sollte. Martin verwunderte sich im Stillen, daß es so vielerlei Wissenschaften gebe, und daß es so viel Kunst koste, aus einem gewöhnlichen Menschen einen gebildeten zu machen. Er unterzog sich aber mit Lust und Fleiß allen seinen Stunden und versprach dem reichen Schwiegervater, ihm gewiß in Zukunft Ehre zu machen. Emmeline ermahnte ihn, indem sie ihn einigemal lebhaft umarmte, seine Bildung recht zu beeilen, damit ihre Verbindung nicht zu lange hinausgeschoben würde. So reisete sie mit dem Vater ab, nachdem sie mit ihrem Bräutigam noch eine Correspondenz verabredet hatte. Als man in die Heimath zurückgekommen war, verbreitete sich bald ein ungewisses schwankendes Gerücht, daß Emmeline versprochen sei. Einige nannten einen fremden Grafen, ein paar alte Frauen sogar einen Prinzen; wieder meinten Andre, 317 der Bräutigam sei nur ein gewöhnlicher Künstler. Es fehlte auch nicht an Neuigkeitskrämern, die allem widersprachen und behaupteten, sowie Ferdinand nur von seinen Reisen zurückgekommen sei, werde sich Emmeline mit diesem vermählen. Martin studirte eifrig; Emmeline schrieb ihm fleißig und freute sich seiner verständigen Briefe; der Vater erzählte oft und viel von seinem weitläufigen Verwandten Martin Sendling, einem hoffnungsvollen jungen Manne, den er vielleicht in einiger Zeit zum Compagnon annehme, und so erhielten die ungewissen Gerüchte in Ansehung des Bräutigams bestimmtere Umrisse. Der Vater besuchte von Zeit zu Zeit den jungen Scholaren und war mit dessen Fortschritten sehr wohl zufrieden. Er wollte aber nicht, daß Emmeline ihn begleitete, um kein unnützes Gerede zu veranlassen. So waren seit der Rückkehr ungefähr neun oder zehn Monate verflossen, als der Vater seinen Schwiegersohn von jenem Bildungsorte in Person abholte. Mit aufwallender Freude empfing Emmeline den schönen Jüngling, den sie so lange nicht gesehn hatte, und er wußte ihr in so feinen und zierlichen Reden zu antworten, daß sie es nicht begriff, wie ein Mensch in so kurzer Zeit so völlig verwandelt werden könne. Sendling besuchte die Gesellschaften und die Freunde seines Schwiegervaters, allenthalben ward er wohl aufgenommen, am freundlichsten vom Baron Excelmann; auch der Rath Ambach zeigte ihm Wohlwollen, nur der reiche Grundmann zog sich völlig zurück, und bewohnte in eigensinniger Laune sein Landhaus, um nicht in die Gefahr zu kommen, seinen Nebenbuhler irgendwo anzutreffen, da er immer noch die schöne Emmeline liebte. Nach acht Tagen versammelte Runde alle seine Freunde 318 bei sich; auch Ferdinand, der von seiner Reise zurückgekommen, war zugegen. Bei einem großen feierlichen Gastmahl sollte die Verlobung des jungen Paares bekannt gemacht werden; Ferdinand, der jetzt Rath geworden war, fühlte, daß er es ertragen würde; nur Grundmann hatte sich nicht eingefunden. Die ganze Gesellschaft war in einer gewissen Spannung. Man musterte von allen Seiten den fremden jungen Mann, man redete ihn an, und die jüngern wie die ältern Männer fanden ihn interessant und unterrichtet, und einige wunderten sich nur darüber, wie sich die leichtsinnige Emmeline in einen so soliden Charakter habe vergaffen können. Endlich erschien sie selbst, und wieder kündigte eine allgemeine Stille den Eindruck an, welchen ihre glänzende Schönheit auf Jedermann machte. Sie schien sehr heiter und wurde nur verlegen, als Sendling sich ihr näherte, um sie zu bewillkommnen. Jetzt meldete der Diener, daß angerichtet sei, und indem man sich in den Speisesaal verfügen wollte, riß sie sich schnell vom Arme Martin's los und eilte wie beflügelt in ihr Zimmer. Diese Entfernung, die einer Flucht ähnlich sah, machte die ganze Gesellschaft betroffen. Der Vater stand eine Weile wie bewegungslos, dann verbeugte er sich gegen seine Gäste, und begab sich zögernd und mit allen Zeichen der Verwirrung in das Zimmer seiner Tochter. Es befiel ihn ein Entsetzen, als er die Thür öffnete. Sie lag auf den Knien, die Arme auf das Sopha gestützt, die Locken und Flechten ihres Haares waren aufgelöst, das glänzende Diadem und die Ohrgehänge, der Perlenschmuck lagen auf dem Boden verstreut, und sie selbst schluchzte so gewaltsam, daß sie an heftigen Krämpfen fast zu ersticken schien. Bleich und entsetzt stürzte der Vater auf sein Kind zu. Was ist Dir, meine Tochter? schrie er mit zitternder Stimme 319 und hob sie vom Boden auf. Laut weinend warf sie sich an seinen Hals und sagte, nachdem sie die niederfließenden Haare aus dem bethränten Gesicht gestrichen hatte: ach: Vater, ich mache Dir vielen Kummer. – Aber was ist Dir? Bist Du krank? – Nein, aber sterbend in Verzweiflung. – Er ließ sie auf dem Sopha nieder, setzte sich dann zu ihr und faßte ihre Hände: um des Himmels willen, sprich, Kind, wenn ich nicht vor Gram sterben soll. Was ist Dir zugestoßen? Drüben im Saal, sagte sie, – ach! lieber Vater, man hat mir wohl von Menschen erzählt, die verrückt geworden sind, weil sie ein Gespenst gesehn haben – so war mir, wie ich ihn dort sah, so fremd, so zum Entsetzen, nein, lieber Vater, unmöglich, unmöglich kann ich ihn heirathen, – nein – er ist ja ganz – ach! es ist zum Erbarmen! – er ist ja ganz wie die übrigen Menschen geworden! Der Vater sprang auf. Kind! Kind! rief er erschreckt, – Du bist mein Tod, meine Qual. Ich habe Dir nachgegeben, das Unmögliche gethan, und nun – Aber ich kann nicht, sagte sie mit einem wilden Ausdruck, der ihr schönes Gesicht entstellte: warum ist er mir so widerwärtig geworden? Hätte ich ihn gleich dort, in den einsamen Thälern der Schweiz, abgetrennt von allen Menschen, heirathen können, damals, als er noch so eigen, seltsam, so angenehm war, so hätten wir vielleicht dort bei den Wasserfällen und himmelhohen Alpen ein glückliches Leben mit einander geführt. Aber jetzt ist er mir abscheulich. Sieh nur selbst, wie geziert und steif er ist, wie er die Phrasen drechselt und ihm die eigentlichen Gedanken ausgehn. So ein Leben, wie er es jetzt führt, ist kein wahres, lebendiges, nein, er ist ein Gespenst, eine schlechte, Menschen 320 nachgekünstelte Puppe. Und so ist mein Abscheu vor jeder Heirath von neuem in mir lebendig geworden. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, der Bräutigam trat herein, um die Besorgniß, die Furcht und Spannung der versammelten Gesellschaft zu verkündigen. So wie sein Kopf nur durch die Thür sichtbar wurde, sprang Emmeline mit dem Ausdruck des Entsetzens auf und rannte in den Alkoven hinter die Vorhänge, um sich in ihrem Bette zu verbergen. Martin stand eine Weile erstaunt, dann machte er Miene, ihr nachzugehen. Der Vater aber faßte ihn unter den Arm und sagte ernst: wir müssen jetzt auf jeden Fall zur Gesellschaft zurückkehren, die unser langes Ausbleiben nicht begreifen wird. Die Gesellschaft war wirklich in der höchsten Spannung, als der Vater mit dem jungen Manne wieder in den Saal trat. Meine Herren und Damen, sagte der Alte mit erzwungener Fassung, meine Tochter beklagt es unendlich, daß sie nicht an dem Vergnügen Ihrer Gesellschaft Theil nehmen kann; ein plötzliches Fieber hat sie überfallen, so daß ich sogleich zum Arzt geschickt habe und sehr um sie besorgt bin. Man war bei Tisch sehr still. Alle beobachteten den Bräutigam und den Vater, und Jeder dachte über den seltsamen Vorfall auf seine Weise, ohne daß es irgend Einer wagte, dem Nachbar seine Bemerkungen mitzutheilen. Der Vater war am meisten beklemmt; es gelang ihm nur wenig, seine völlige Verstimmung zu maskiren, und er fühlte es selbst, daß, so oft er auch den Punkt wieder berührte, keiner seiner Zuhörer an die Krankheit seiner Tochter glaubte. Alle waren froh, als die Tafel aufgehoben wurde und man das Haus verlassen konnte. Der Vater sagte, als sie allein waren, zu Martin: gehn Sie, Lieber, in diesen 321 Tagen nicht zu meiner Tochter, bis der erste Acceß ihrer Krankheit vorüber ist und sich gemildert hat. Geehrter Herr, antwortete Martin kurz, es ist mir auch noch nicht eingefallen, sie jetzt zu belästigen. Mit diesen Worten ging er auf sein Zimmer. Der tief bekümmerte Vater besuchte die Tochter, die sich in das Bett gelegt hatte, nur auf einen Augenblick; er war traurig, verstimmt und auf sich selbst erzürnt, daß seine Nachgiebigkeit und Schwäche, seine zu weichliche Erziehung ihm jetzt diese Trübsal erzeuge. Er fühlte, daß auch Emmeline immer unglücklich seyn müsse. Am Morgen brachte ihm der Bediente folgendes Billet: Verehrter Mann! ich kann nur mit Dank von Ihnen scheiden, so unglücklich Sie mich auch gemacht haben. Für meinen ehemaligen Stand verdorben, ist doch keine Fähigkeit in mir, irgend einen andern mit Sicherheit zu ergreifen. Wie wenig Ihre Tochter mich wahrhaft geliebt hat, fühlte ich schon, seit ich wieder in ihrer Nähe war, und ihre ehemalige scheinbare Neigung war auch wohl nur Laune des Augenblicks. Ich will Ihnen und ihr nicht lästig fallen! Die weite Welt steht mir offen, und lieber das Aeußerste ergriffen und das Schmählichste erlebt, als in dieser Stellung länger geblieben. Der unglückliche Martin Sendling. 322 Zweiter Abschnitt. Nach einigen Wochen war der Vater mit seiner Tochter wieder auf der Reise. Beide hatten es gefühlt. wie sie für einige Zeit sich entfernen müßten, denn die Stadt, deren Einwohner, am meisten aber ihre Bekannten und unter diesen vorzüglich ihre ehemaligen Freunde, waren ihnen unerträglich geworden. Diesmal wendeten sie sich nach Paris, um sich in dieser großen Stadt zu zerstreuen. Es gelang auch in so weit, daß Emmeline ihre ehemalige Munterkeit zum Theil wiedererhielt, der alte Mann aber verfiel sichtlich, denn der vielfache Verdruß, die Vorwürfe, die er sich selber über seinen Mangel an Charakter und Festigkeit machte, zehrten an seiner Gesundheit. Einen neuen Schlag gab ihm die Nachricht, daß ein großes Handelshaus, mit welchem er seit Jahren in Verbindung stand, gefallen war. Man sendete ihm aus seiner Heimath seinen Vetter, den jungen Friedheim nach, welcher ihm die genauen Berichte übergab und mit welchen er nun überlegte und arbeitete, um den Schlag, der ihn treffen sollte, wenn auch nicht ganz abzulenken, was unmöglich schien, doch wenigstens zu schwächen. Friedheim war in den Geschäften viel brauchbarer geworden, er hatte gelernt und sich angestrengt, um der Handlung seines Verwandten nützlich zu werden. Der Alte war auch jetzt viel milder gegen ihn als ehemals und schenkte ihm nach und nach ein größeres Vertrauen. Dadurch ward der 323 junge Mann in alle Verhältnisse eingeweiht und konnte, so gestellt, dem Alten auch erst wahrhaft nützlich werden. In den Freistunden machte er sich eben so ein angelegentliches Geschäft daraus, Emmeline mit seinen gewöhnlichen Possen aufzuheitern und zu zerstreuen. Wenn sie spazieren, oder in die Theater ging, spielte er den dienenden Cavalier, ebenso begleitete er sie in Gesellschaften. Sie war mit ihm sehr zufrieden, denn schmiegsam, wie er war, fügte er sich in alle ihre Launen, und wenn sie verdrüßlich war, ließ er sich, als wäre er ein gewöhnlicher Diener, alles von ihr bieten. So war er denn der Ableiter ihres Zornes und aller jener eigensinnigen Störungen, die vormals oft den Vater trafen, und deshalb sah dieser es nicht ungern, wenn Emmeline Alles, was sie kaufen wollte, ihm auftrug, wenn er eben sowohl Gesellschafter, Vertrauter, wie Diener und Spaßmacher war. Auf diese Art, sagte der Alte zu sich, mag wol mancher Günstling die hohe Staffel seines Glücks erstiegen haben, indem er ohne Aengstlichkeit Alles ausrichtete, was man ihm auftrug, nichts übel nahm, ohne Gewissen und Ehre niemals eine Würde behaupten wollte, und niemals gestört war, wenn er immerwährend, im Geheim wie öffentlich, verachtet wurde und man ihm diese Verachtung auch in keiner Minute verhehlte. Eines solchen Vertrauten bedarf mancher Hochgestellte, weil er mit allen eignen Fehlern seiner Creatur gegenüber sich noch der Achtung würdig fühlt. Daß aber mein nichtsnutziger Vetter dies alles so erträgt, und daß meine Tochter so mit ihm die Fürstin spielt, ist wahrlich bejammernswürdig. Doch bemerkte er, wie Emmeline ernster und gesetzter wurde. Ihre Launen wechselten nicht mehr so schnell und gewaltsam, er fand sie oft nachdenkend, oder in einem ernsthaften Buche lesend, und wußte nicht, ob er sich über diese 324 Aenderung freuen, oder sie auch nur für Krankheitsanzeige halten solle. Die Verwicklung seiner Verhältnisse trat aber bald darauf in eine so entscheidende Krisis, daß er nicht mehr Zeit und Stimmung hatte, um dergleichen Dingen nachzusinnen. Es war nöthig, den Vetter mit einer unumschränkten Vollmacht nach Brüssel zu senden, um dort nach eigner Willkür und nach seinem Befinden der Umstände zu verfahren. Er würde selber diese Reise gemacht haben, wenn er sich nicht zu schwach gefühlt hätte. So durfte der Vetter also dort nach seiner Einsicht Summen aufnehmen, Schulden tilgen und Alles schnell und bestimmt leiten und abschließen, wie er es für die Wohlfahrt und die Ehre seines Patrons am besten fand. An Kenntniß, an Einsicht fehlt es Dir nicht, sagte der Vater, als er den jungen Mann zu seiner Reise beurlaubte, Du kennst alle Verhältnisse meines Hauses, mein ganzer Glücksstand, alles liegt klar vor Dir. Es ist auch Dein eigner Vortheil, wenn Du Alles zum Besten wendest, und schnell und besonnen; denn ich werde Dir Deine guten Dienste niemals vergessen, und wie ich Dich belohnen soll, darfst Du bei Deiner Rückkehr nur selbst bestimmen. Vielleicht, sagte der Abreisende, daß uns alsdann ein näheres Band verbindet. Er küßte mit diesen Worten, was er noch niemals gethan hatte, die Hand seines Beschützers. Der Alte war verlegen, und als er sich nach der Tochter umblickte, sah er, daß diese glühend roth geworden war. Was geschehn soll, wird sich finden, antwortete er fast stotternd, nur schnell hin und zurück, denn jeder Augenblick kann große Summen verschlingen. Sei ruhig, mein Kind, sagte der Vater, als Friedheim das Zimmer verlassen hatte, um den Wagen zu besteigen. Diese Unverschämtheit des jungen Sausewinds muß Dich nicht ärgern oder betrüben; er ist durch Deine Güte und 325 vertrauliche Herablassung so dreist geworden, aber er wird zufrieden seyn, auch auf andre Weise bezahlt zu werden. Ach, lieber Vater, sagte sie mit einem schweren Seufzer, wir sind unglücklich, und ich fürchte, ein großer Theil davon fällt auf mein Haupt als meine Schuld zurück. Dir habe ich schon vielen Kummer gemacht; dies Gefühl hat meinen Stolz gebrochen, und so bin ich über diese seine Anmaßung nicht so empört, wie Du es scheinst. Das wäre ein trefflicher Schluß Deines Lebenslaufes, sagte der Alte, mit einem solchen verbunden zu seyn. Aus dem gesunden, redlichen Martin konnte alles werden, wenn ihr euch nicht Beide einer unbegreiflichen Thorheit überlassen hättet. Verliere nicht den Muth, mein Kind, unser Schicksal wird wieder eine bessere Wendung nehmen. Du bist jetzt immer so ernst, die Röthe Deiner Wangen verschwindet, die Augen werden matt. Ueberlaß Dich nicht dem Gram, auch ich werde Lebenslust und Heiterkeit wiederfinden. Das scheint wohl ausgemacht, daß ich den besten und frohesten Theil meines Daseins schon hinter mir habe, aber mit Dir ist es ein andres; Du mußt erst noch recht zu leben anfangen. Ich habe allen Muth verloren, sagte sie. Mag Friedheim seyn, wie er will, war seine Abreise auch unvermeidlich, mir wird er fehlen. Wer soll mich jetzt führen? Wer alles für mich besorgen? Viel kann freilich die Baronesse Duval thun, die mir einige ihrer jungen oder ältern Cavaliere abtreten muß. Diese leichtsinnige, ja ausgelassene Witwe, sagte der Vater, sehe ich nur ungern so oft mit Dir, sie ist Deines Vertrauens unwerth; auch ist ihr Ruf, selbst hier, wo man darüber anders denkt als bei uns, so schlecht, daß es mich ängstigt, Dich viel in diesem Hause zu wissen. 326 Ruf? Name? rief die Tochter? was können die beweisen! Die besten Menschen sind in der Regel am meisten verleumdet. Folgte man jenen Moralisirenden, so wäre das Leben gar nichts werth, und man endete damit, alle Menschen zu verachten. Der Vater verließ sie mit einem mißbilligenden Kopfschütteln, und sie fuhr zur Witwe, um sich zu trösten und zu zerstreuen. Der Alte hatte nicht ähnliche Mittel, sich über seinen Kummer zu erheben. Er sah mit der größten Spannung und fast in einem fieberhaften Zustande den Briefen seines Geschäftsträgers entgegen. Dieser schrieb gleich von Brüssel, die Sachen ständen schlimmer, als sie Beide hätten erwarten können. Er thue das Mögliche und sei gezwungen, bei Gerichten und Advokaten Hülfe zu suchen. Der kranke Vater wurde durch diese Nachricht noch schwächer und war schon im Begriff, obgleich es fast unmöglich schien, die Reise nach den Niederlanden selbst zu unternehmen. Hin und her schwankend, Anstalten treffend und vom Doktor wieder überredet, zu bleiben, wurde er bald durch eine erschreckliche Nachricht aus diesem Zustand der Ungewißheit gerissen. Zitternd, bleich und entstellt wie ein Sterbender, trat er in das Zimmer der Tochter, die er in einem Fieberanfalle traf. Er konnte ihre Krankheit aber jetzt nicht beachten; auch mochte sie ihm, den sie mit Entsetzen betrachten mußte, nicht mit ihren gewöhnlichen Klagen entgegenkommen. Der Vater stürzte schreiend an die Brust der Tochter, seine Arme und Hände umklammerten sie in krampfhaftem Druck. Er schien die Sprache verloren zu haben. Wenn ich nicht auf der Stelle sterben soll, rief Emmeline, so sprich, Vater. – Was ist es? was ist vorgefallen? Ein Brief war angekommen. Nicht von Brüssel selbst, 327 sondern aus der Heimath. Diesen hielt der Vater noch in der Hand. Wisse, rief er, der Elende, der ehrlose Friedheim – Um Gottes willen! warum nennst Du ihn so? Er hat meine Vollmacht gemißbraucht – alle Gelder, so viel er konnte, in meinem Namen aufgenommen – hat alle Gläubiger unbefriedigt gelassen, mit keinem nur gesprochen – und ist als Dieb mit meinem ganzen Vermögen nach Amerika entflohn! Fast ohnmächtig setzte sich der alte kranke Mann in den Sopha neben seine Tochter. Beide sahen sich stumm an. Endlich sagte sie: Also so ist es gemeint? So ist die Entwickelung? Nicht wahr, Vater, es ist entsetzlich? Furchtbar und gräßlich ist unser Schicksal, sagte der Alte. O ich weicher leichtsinniger Thor, daß ich einem Verworfenen so unbedingt trauen konnte! Wir sind Bettler, und ehrlose Bettler; denn ich kann die Schulden in Brüssel nicht bezahlen. O, das ist noch lange nicht alles, sagte die Tochter jetzt mit lautem Lachen der Verzweiflung: wäre er hier, der ehrlose Dieb, der als infam gebrandmarkte, ich würde mich im Staube zu seinen Füßen winden, daß er barmherzig seyn, sich so erniedrigen möchte, mich zu seinem Weibe zu nehmen. Schon bei seiner Abreise war dies der stolzeste Wunsch meines Herzens. Der Alte sprang auf. Wie? schrie er mit einer entsetzlichen Stimme. Ungerathene! Verworfene! was sagst Du mir da? Emmeline rannte durch das Zimmer, bleich und entsetzt, dann fiel sie zu seinen Füßen nieder und sagte: Ja, ich bin Mutter von diesem verworfnen Elenden. Der Alte hob den Fuß auf, um sie fortzustoßen, doch besann er sich und trat, vor sich selber schaudernd, zurück. 328 Nein, rief die Verzweifelte, stoßen Sie mich, vernichten Sie mich, Zärtlichster, Großmüthigster aller Menschen. Ich bin eine Verworfene und nur zu Ihrem Unglück zur Welt geboren. Mir bleibt nichts als Tod und Vernichtung. Ja, ich fluche Dir, rief der Alte, den die Wuth von Neuem übernommen hatte; stirb! vergehe! werde ein Nichts, und alle meine Liebe für Dich, meine übergroße, wahnsinnige Zärtlichkeit, meine verruchte, verächtliche Schwäche sei auch verflucht, mit hundert tausend Flüchen, Alles, was ich war, dachte und wollte, mein Stolz auf Dich und Deine Schönheit sei mir in der Erinnerung Raserei und Hohngelächter. So sei es, sagte sie erschöpft, ich fühle, daß ich alles dies, daß ich noch mehr verdiene. Ich will fort, und durch die Welt mit meiner Schande betteln gehn. Sie wand sich auf dem Boden, wie ein Gewürm, und der Alte ging im Zimmer händeringend auf und ab. Dann ging er auf sie zu, hob sie vom Boden auf und sagte heftig weinend: Nein, komm, Du bist und bleibst doch mein Kind. Was wäre das Vaterherz, wenn es sich nicht erbarmen, wenn es nicht die schwersten Vergehen auch verzeihen könnte? Flehen Mörder und Räuber zum unsichtbaren Gott und hoffen auf Barmherzigkeit, so darf das Kind mit noch mehr Vertrauen zum leiblichen Vater aufschauen und das ganze Herz in seinen liebenden Busen ausschütten. Er nahm die ganz erschöpfte Tochter auf seinen Schooß, liebkoste sie und trocknete ihre Thränen. Nimm die Haare aus dem Gesicht, sagte er dann, und mache mir es mir begreiflich, wie Du grade an diesen Menschen, den ich von jetzt an nicht wieder schimpfen will, verloren gehen konntest. Eben weil ich ihn verachtete, antwortete sie mit bebender Stimme. Die Natur, die Heiligkeit der Ehe, die Würde und Weihe des Menschen, alles rächt sich jetzt an mir, weil ich 329 alles dies verspotten konnte. Er war in meinen Augen der letzte aller Menschen, und darum glaubte ich auch, daß er sich jede Vertraulichkeit erlauben dürfe. Die Witwe Duval nahm ihn ebenfalls in ihren Schutz, und es mochte wohl ein Complott von beiden seyn, mich durch meinen Leichtsinn und diese aberwitzige Sicherheit zu verderben. Sie lachte über alles, was geschah; sie sprach mit leichter Zunge die größten Frevel aus, und mein verkehrter Sinn ergötzte sich an diesem Witz, wie ich das Schandbare nannte. So, mich selbst und die Menschheit erniedrigend, wurde ich zu jener Abscheulichkeit geführt, die mir, vom Aberwitz trunken gemacht, als gleichgültig erschien. Als ich nun der abscheulichen Französin meinen Zustand bekannte und Hülfe von ihr begehrte, sagte sie mir mit schadenfroher Kälte, ich solle mich nicht verwundern, wenn sie sich jetzt meinem Umgang entzöge und mir ihr Haus verschlösse, denn dies sei sie sich und ihrem Rufe schuldig. Armes, liebes Kind, sagte der Alte hierauf mit leisen Tönen: laß uns beisammen bleiben, so lange der Himmel uns noch unser Leben schenkt, wir wollen uns gegenseitig trösten und erheitern. Wir sind Bettler und ganz unglücklich, das wollen wir uns gestehn. Deinen Schmuck, meine Equipage und was wir sonst Werthvolles und Ueberflüssiges besitzen, wollen wir zu Gelde machen, uns mit der kleinen Summe in eine stille Einsamkeit, ein wohlfeiles Oertchen zurückziehn und die ganze übrige Welt vergessen, um nur uns zu leben, um uns zu lieben, so lange das Leben, oder das kleine Capital ausreicht. Nicht wahr, mein Kind? Sie war mit allem zufrieden, so zerbrochen und gedemüthigt, wie sie sich in allen ihren Kräften fühlte; sie hatte nur noch so viel Energie, um mit gerührter Dankbarkeit die Großmuth und Liebe des väterlichen Herzens zu empfinden. 330 Schon dachte am Nachmittage der kränkelnde Alte daran, die Projekte in Wirklichkeit zu setzen, als ein freundliches Schicksal plötzlich alles anders wendete. Der Großmüthigste aller Freunde hatte schon in der Heimath, sowie die Abscheulichkeit Friedheim's nur kund geworden war, die Handlung und die Ehre Runde's gerettet; mit seinem ganzen unermeßlichen Vermögen war er eingetreten, hatte alle Gläubiger befriedigt und alle fälligen Wechsel bezahlt, und so war der Credit des angesehenen und berühmten Hauses unerschüttert geblieben. Jetzt war er selbst im Fluge nach Paris geeilt und nach einigen Tagen reisete Emmeline als die Gattin Grundmann's mit diesem und ihrem Vater in die Bäder von Barèges. Es waren Jahre verflossen. Grundmann hatte den Rest seines Vermögens nach und nach aus der Handlung gezogen und lebte jetzt die meiste Zeit auf einem Gute, in einer angenehmen Gegend des Landes. Sein Schloß war groß, bequem eingerichtet und reichlich mit Allem versehn, was das Leben schmücken und ihm Reiz und Anmuth geben kann. Der alte Runde kränkelte, und die Aerzte, seine Freunde, versicherten einstimmig, daß er nicht lange mehr leben könne. Seine Tochter war mit ihm aus Barèges als ein verwandeltes Wesen zurückgekommen. Nach ihrem Wochenbette, von welchem Niemand in der Heimath etwas wußte, war sie voller und stärker, aber auch um Vieles älter geworden. Ihre blühende Farbe war verschwunden, ihre Augen leuchteten nicht mehr von jener Jugendfrische, die ehemals alle Menschen bezaubert hatte. Alle Freunde und Besucher des Hauses gestanden, wie sie in dieser Gestalt zurückkam, daß 331 sie sie wahrscheinlich nicht, wenn sie es nicht gewußt, als die Tochter Runde's wiedererkannt hätten. Auch ihr Temperament, sowie ihr Betragen, war verwandelt; sie war ernst und still und vermied die Gesellschaft; Bälle und Tanzbelustigungen waren ihr zuwider, und so stellte sie, im lebhaftesten Contrast mit ihrem früheren Wesen, das Bild einer ernsthaften, fast strengen Matrone dar. In der großen bewegten Welt hatte sich unterdessen auch Vieles umgestaltet und eine neue Geburt der Zeiten stand bevor. Das große, unüberwindliche Heer der Franzosen hatte in Rußland seinen Untergang gefunden, der Brand Moskau's hatte wie eine neue Morgenröthe durch Deutschland geleuchtet, alle aufgegebenen Plane, Hoffnung und Kraft erwachten, und Jedermann war so aufgeregt und gespannt, daß er von jedem neuen Tage neue Wunder erwartete. In der Stadt war indessen der Rath Ambach gestorben und Ferdinand, sein Sohn, in seine Stelle getreten. Excelmann lebte an einem fremden Hofe und Runde schmachtete auf einem schmerzvollen Krankenlager. Er wäre sehr verlassen gewesen, wenn seine Tochter nicht von ihrem Gute herübergekommen wäre und seiner mit kindlicher Liebe gepflegt hätte. Alle in der Stadt, welche sie vorher gekannt hatten, bewunderten sie und begriffen es kaum, daß sie einer so edlen Aufopferung fähig sei. Der gutmüthige, liebevolle Grundmann leistete dem Kranken auch oft Gesellschaft, und so verlebte der Vater seine letzten Tage in Aufheiterung und stiller, scheinbarer Zufriedenheit. Was er erfahren hatte, seine wankende Ehre, die auf dem Spiel stand, sein fast eingetretener Bankrott, vorzüglich aber der Gram und die Erschütterungen, die ihm der Leichtsinn seiner Tochter verursacht, hatten seine Kraft aufgezehrt. Er konnte sich von diesen Schlägen niemals wieder erholen, und seine jetzige Krankheit, 332 welche die Aerzte aus ganz andern Ursachen herleiteten, war nur die Folge jener Begebenheiten. Seit Emmeline wieder in der Stadt war, vermied der junge Ambach das Haus, in welchem er ehemals so oft gewesen war, und der Kranke entschuldigte diese scheinbare Vernachlässigung, weil er fühlte, daß der Anblick der Tochter für Ferdinand verwundend seyn müsse. Dieser hatte sich seitdem auch verheirathet und lebte mit der jungen bescheidenen Frau ruhig in einem kleinen Kreise von Freunden. Wie viel Liebe die Tochter auch dem kranken Vater bezeigte, so war ihr Wesen doch nicht heiter und freundlich, ihre Miene war ernst und fast feierlich, und sie sang selbst nur ungern dem Vater jene Lieder oder Arien vor, die sie vormals so sehr geliebt hatte. Es war eine Eigenheit, daß sie seit jener schrecklichen Scene in Paris und ihrer bald darauf folgenden Verheirathung den Vater immer mit »Sie« anredete; der Kranke konnte sie nicht dahin bringen, daß sie, wie sonst, das vertrauliche »Du« aussprach. Als er es forderte, sagte sie: Das hätte niemals eingeführt werden sollen, der Vater tritt durch diese einzige Sylbe, die sich die Kinder erlauben, diesen viel zu nahe. Die Furcht verschwindet wie die Ehrfurcht und es liegt nicht so gar fern, daß der Uebermuth den Vater erniedrigt. So gestattete sie es auch nicht, daß irgend wer, selbst der Vater nicht, sie jemals Emmeline nennen durfte. Diese, hatte sie einmal geäußert, ist längst gestorben und wird niemals wieder zum Leben erwachen. Wie schnell, liebster Vater, ist die Schönheit verschwunden, mit welcher diese unglückselige Emmeline prunkte. Diese Herrschaft, in der meine Eitelkeit sich so glücklich fühlte, ist bald gestürzt worden, um Reue, Pein, Gewissensvorwurf und traurige Langeweile auf den Thron zu setzen. 333 Du solltest Dich aber nicht immerdar so quälen, Kind, sagte der Alte. Wo keine Schönheit ist, erwiederte sie, da wird nur Widerwille erregt: – »und was nicht reizt, ist todt« –wie jene Prinzessin so richtig sagt. Ich hoffte, sagte der Kranke, Du würdest im Reichthum, mit einem Gatten verbunden, der jeden Wunsch von Dir für Befehl hält, Dich glücklich fühlen und die vorigen Tage vergessen. Aber Du wünschest nichts, Du verlangst nichts, Du grübelst in Deinem Innern, Du bist mit Dir und der ganzen Welt unzufrieden. Halten Sie fest an dem Gedanken, lieber Vater, daß ich gestorben bin. Was soll ich wünschen? Das Leben? Es kehrt nicht wieder. Den Tod? Er ist da und wird auch bald dieses Scheinbild völlig auflösen. So muß ich denn, fuhr der Alte fort, mein Leben beschließen und kann den Trost nicht mit mir nehmen, daß ich Dich glücklich weiß. Und auch das bekümmert mich, daß Du den hohen Werth Deines Gatten nicht erkennst. O, Kind, als er an jenem Nachmittage, nach jener entsetzlichen Entwickelung zu uns trat, mir mit dem einfachen Händedruck sagte, daß er als Bruder mich und meine Ehre gerettet habe, als er nun gar unter verzeihenden Thränen Dich, die ganz Unglückselige, in seine Arme nahm und Dich, um Dir Namen, Leben und Alles zu retten, seine Gattin nannte, – o, da war mir, als wenn ein Engel, ein hoher Geist voll Milde und Liebe mir erschienen wäre und mir Seligkeit brächte. Das war nach der schmerzlichsten die schönste Stunde meines Lebens. Kannst Du, Tochter, diese Tugend nicht würdigen, diese Liebe nicht erkennen? Er klagt zuweilen über Deine Kälte und Zurückgezogenheit. Verdient er diese? Er hat mir geschworen, daß alles Das, was er für uns 334 gethan, ihm kein Opfer gewesen sei; daß es ihn selbst beglückt habe, uns zu retten, und daß er schon belohnt sei, wenn er Dir nur eine Thräne trocknen, eine Freude oder Beruhigung geben könne. Ich habe durch unser Schicksal erst das himmlische Gemüth, die unbedingte Aufopferung dieses stillen, ruhigen Mannes kennen lernen. Daß ein Mensch so völlig allen Egoismus abstreifen könne, habe ich nicht für möglich gehalten. Ist sie es doch, sie, die Einzige, hat er mir gesagt, die ich im Herzen getragen habe und immerdar hege; jetzt kann ich beweisen, daß nicht ihr Reichthum, ihre Schönheit und etwas Vergängliches mich an sie fesselte, es war und ist ein Ewiges. Ich ehre ihn, sagte die Tochter; da aber meine Jugend und die ganze vormalige Emmeline dahin ist, so kann ich ihm auch nur mit dem Gefühl entgegenkommen, mit welchem ich die ganze Welt betrachte. Er muß keine Leidenschaft von mir verlangen, keinen muntern Leichtsinn; wohin beide führen, habe ich wohl erfahren. Grundmann kam zu ihnen. Er war sorgsam um den Freund bemüht und suchte ihn durch vielerlei Erzählungen zu erheitern. Man sprach denn auch allerhand von den politischen Begebenheiten des Tages, von den Franzosen, die in den verschiedensten Gestalten des Erbarmens durch Deutschland zögen; wie viele stürben, oder als Folgen der Leiden und Anstrengung den Verstand verloren. So ist mir nun, sagte Grundmann, von einem alten Freunde ein französischer Capitain auf das dringendste empfohlen worden, der sich eine Zeitlang draußen bei mir aufzuhalten wünscht. Er hat oben in Preußen im Hause meines Freundes eine gefährliche Krankheit überstanden, ist noch nicht ganz genesen, will aber bei uns, da er seines Zustandes wegen einen längeren Urlaub hat, die Wiederkehr seiner Gesundheit abwarten. 335 Mein Freund, ein reicher Handelsherr, ist diesem Franzosen vielfach verpflichtet, weil er im Stande war, ihm im vorigen Jahr einen großen Theil seines Vermögens zu retten. Wir werden ihn also als einen guten alten Bekannten behandeln müssen, damit sich dieser Capitain Geoffroy in unserm Hause gefalle. Das ist also derselbe Mann, sagte der Kranke, der beim Durchmarsch sich so wacker betrug, als damals der Proceß und die verleumderische Anklage wegen Schmuggelei und Verletzung der Sperre Deinen Freund verderben sollte? Derselbe, sagte Grundmann; seine Aussagen, da er selbst beim Cordon gewesen war, und seine Bravheit, daß er sogar den Zorn seiner Vorgesetzten nicht fürchtete, haben meinen Freund damals gerettet. Nun, sagte der Vater mit matter Stimme, ich werde es nicht mehr erleben, aber allen diesen Unsinn, diese barbarischen Anstalten sind wir ja hoffentlich nun los. Ihr, Kinder, lebt einer schönern Zukunft entgegen. Die Krankheit des Alten zog sich noch einige Tage hin, und als er sein Ende nahe fühlte, ließ er ins Geheim den Rath Ambach zu sich kommen. Diesem Redlichen übergab er Briefschaften und Anweisungen, so wie ein Capital, und er beschwor ihn, niemals und zu keinem Menschen von diesem Geheimniß etwas verlauten zu lassen. Ambach versprach es und dankte dem Alten für dies Vertrauen, denn er begriff, warum diese Verhandlung auch der Tochter und dem Schwiegersohne verborgen bliebe. – Der alte Vater war begraben und Grundmann kehrte mit seiner tief betrübten Gattin auf sein Gut zurück. Nach wenigen Tagen kam der angemeldete französische Officier an, 336 noch krank, aber doch heiter und gesprächig. Sein Ansehn deutete, nach den vielen Leiden und der Krankheit, auf ein höheres Alter, als er wahrscheinlich erreicht hatte, die tiefen Narben auf der Stirn und im Angesicht auf seine Bravour und wie oft er in Lebensgefahr gewesen sei; ein starker, finsterer Bart verschattete den Ausdruck seiner Mienen und gab dem höflichen Manne etwas Abschreckendes und Herbes, was noch seine tieftönende Stimme vermehrte. Der stille, freundliche Grundmann empfing seinen Gast mit allen Zeichen des Wohlwollens, dieser schien auch die Herzlichkeit seines gutmüthigen Wirthes zu erkennen und, wenn auch auf eine etwas barsche Weise, zu erwiedern. Bei Tische erschienen der Amtmann und Prediger des Ortes, so wie einige nahe wohnende Edelleute mit ihren Frauen, und man war fröhlich und suchte den Fremden mit Erzählungen und Gesprächen zu erheitern. Dem Capitain fiel der Ernst der blassen Wirthin auf, die sich nicht viel um ihre Gäste kümmerte und erst aufmerksam wurde, als er gegen Ende der Mahlzeit das ungeheure Elend der französischen Armee auf ihrem Rückzuge schilderte. Man sprach nur französisch, weil es schien, man es auch so voraussetzte, daß dem Kriegesmann die deutsche Sprache unverständlich sei. Alle waren erschüttert und die Frau des Hauses sagte endlich: Zu selten halten wir uns im Leben den Spiegel solchen Unglücks und dieser ungeheuern Begebenheiten vor, und daher kommt es, daß wir uns mehr oder minder in einem kleinlichen Egoismus verlieren. Man weiset solche Schilderungen gern ab und nennt sie mährchenhaft und übertrieben, damit nur unser Wohlbehagen nicht gestört und unsere verweichlichte Phantasie nicht aufgeschreckt werde. In diesen Bildern lernen wir aber erst, welchen tiefen Sinn das Leben habe. Der Capitain sah sie mit großen und forschenden Augen 337 an, er schien fragen zu wollen, wie eine junge Frau zu der melancholischen Wollust komme vorzugsweise sich den Bildern des Schrecklichen hinzugeben. Doch wurde das Gespräch jetzt unterbrochen, weil man vom Tische aufstand. Die Spannung der Gemüther war mit Recht groß, die Aufregung in jener Zeit allgemein. Jeder hoffte, daß Deutschland sich wieder erheben würde, es war möglich, daß auch diese Gegend der Schauplatz des Krieges werde, der Abscheu gegen die Tyrannei des Fremden, da Alle gelitten hatten, war allgemein, und viele gutmeinende Patrioten wollten es Grundmann verübeln, daß er gerade jetzt einen Franzosen in seinem Hause so wohlwollend verpflege und als einen Freund behandle. Als unter den beiden Gatten das Gespräch hierauf fiel, sagte sie: Ueber die sonderbaren Menschen! Als müßte man an dem Einzelnen, der uns als Gast anspricht, den Haß auslassen, den uns Deutschen diese Regierung einflößen muß. Du erfüllst die Bitte Deines Freundes, welcher wohl dergleichen fordern darf, und verschwendest gewiß Deine Güte an keinen Unwürdigen, denn dieser Fremdling scheint mir ein sehr wackrer Mann, der im Herzen vielleicht selber ein Feind der Tyrannei ist. Die Nachbarn aber, da der Krieg unvermeidlich schien, zogen sich immer mehr von Grundmann zurück, um seinem beherbergten Fremdling nicht zu begegnen. Grundmann verargte seinen Bekannten diese Engherzigkeit nicht, weil sie aus einer guten Quelle floß; mehr verstimmte es ihn, daß auch in der Stadt alte Freunde ihn vermieden und manche Voreilige ihm geradezu den Vorwurf machten, er sei ein Freund der Franzosen, was sich in diesen Zeiten durchaus nicht gezieme. Grundmann blieb also auf seinem Gute, ritt, wenn es schönes Wetter war, mit dem Capitain spazieren, oder 338 Beide gingen auf die Jagd, doch war der Franzose nur ein ungeschickter Schütze. Im Hause las man und Grundmann fühlte sich geschmeichelt, daß der Fremde oftmals gerührt war und ihm bezeugte, daß er mit vielem Ausdruck und angenehmer Stimme vortrage. Oft war die Frau zugegen, die sich aber lieber zurückzog, wenn etwas Poetisches vorgetragen wurde. Fürchten Sie sich nicht, sagte der Capitain, als er mit der Frau im Garten spazieren ging, daß Sie vielleicht in einigen Monden hier mit in die Kriegsscenen verwickelt seyn können? Warum fürchten? erwiederte sie; sterben, wovor die meisten Menschen zittern, denke ich mir als etwas Leichtes, und fliehen, und mich anderswohin begeben, bleibt uns wahrscheinlich noch offen. Einbuße am Vermögen, Abbrennen unserer Häuser und dergleichen, soll man das nicht verschmerzen können? Der Fremde sah sie mit Erstaunen an. So, antwortete er, spricht nur der Held, oder die Verzweiflung; Sie sind aber zu glücklich, um trostlos seyn zu dürfen, darum müssen diese sonderbaren Worte einer erhabenen Gesinnung entströmen. Erhaben? erwiederte sie mit einem bittern Lächeln, was nennen wir so? Ich glaube an die Sache nicht, und darum kann mir auch diese Bezeichnung mit Tönen gleichgültig seyn. Der Capitain wurde verwirrt. Verehrte Frau, fing er wieder an, wie kommt es, daß Ihr Herr Gemahl, der doch ein feiner und gebildeter Mann ist, sich noch so trägt in Frisur und Kleidung wie um 1780? Die Frau lachte laut und mit dem Ausdruck der Heiterkeit. Das fragen Sie mich? Ja, und warum nicht? 339 Warum ist der Katholik katholisch und der Grieche griechisch? Einer betet den Rosenkranz, der andere klappert, um andächtig zu seyn: hier liegen sie platt hingestreckt, dort knien sie, um den Himmel näher zu seyn, und in Amerika giebt es eine Sekte, deren Kirchendienst darin besteht, sich Rock und Weste auszuziehen und singend zu tanzen und zu springen, wodurch sie sich Gott geneigt machen wollen. Es ist eben seine Religion, so gepudert und frisirt zu gehen, und läßt keine weitere Erklärung zu. Die Sache auf die Art deutlich zu machen, schien dem französischen Capitain doch noch nicht klar genug, er sagte daher nach einer kleinen Pause: Mir wird es schwer, Sie zu verstehen. Sollten Sie doch nicht glücklich seyn? Glücklich? wiederholte sie; glauben Sie mir, nur Diejenige ist glücklich, die als Mädchen gar nicht denkt, die nichts will, oder die sich für den Mittelpunkt der ganzen Schöpfung hält. – O, wären nur nicht die Tugenden in der Welt. Ich verstehe Sie nicht. Es giebt eine Großmuth, fuhr sie fort, in einem Tone, als wenn sie nur mit sich selber spräche, – eine Aufopferung, ein so edles Wesen, daß man zehnmal lieber völlig zu Grunde gehen möchte, als von diesen christlichen Tugenden abhängig werden. Wer viel erlebt, sagte der Officier, wird die Menschen überhaupt wohl anders ansehn, als es ein einsamer Priester, oder ein einfältiger Landmann im Stande ist. Sehr wahr, und so ist die Peitsche, die den Sklaven bis auf das Blut geißelt, oft nicht so schmerzend und demüthigend, als die scheinbare Liebe und die Großmuth so mancher kalten, seelenlosen Geschöpfe, die oft für Märtyrer 340 gelten, während sie doch wahrlich nur die Marterknechte sind. Die Folter ist abgeschafft, als barbarisch: aber Blicke, Worte – o, ich kann nicht alles sagen, was ich fühle und denke. Der Officier sah vor sich nieder. Edle Frau, fing er nach einer Pause an, ich muß fürchten, daß Sie in der Ehe nicht glücklich sind. Warum nicht? antwortete sie mit einem herben Ton; sind wir denn dazu berufen, um glücklich zu seyn? Und ist denn die Ehe etwa eingesetzt worden, um eine solche Forderung und unreife Grille zu befriedigen? Die Zeit, uns, unsere Bestimmung und Tod und Leben vergessen, dieser Rausch ist Glück. Besinnung, Denken, Fühlen, Ernst und Tiefsinn sind Unglück. – Sie sagen, die Ehe sei ein Band zwischen Mann und Frau? Nicht wahr? Nun freilich. – Und wo sind denn diese Männer, von denen uns die alten Sagen erzählen? Sind sie nicht ebenso gut wie die Mammuth und andere Riesengeschöpfe antediluvianisch? Diese alten Weiberchen mit den glasirten Handschuhen und den denkenden Furchen in der Stirn, wie von der Wäscherin eingeplattet, diese roth und weißen Kinderchen mit den glänzenden Augen, oder diese wandelnden Haubenstöcke mit dem regelrechten Blicke – je nun, freilich Männer, wie die jetzigen kleinen Armadills ein Auszug und eine Andeutung an jene Riesen-Panzerthiere der alten Vorzeit sind. Es ist eben nur das umgekehrte Perspektiv der Gegenwart, wodurch Alles verkleinert wird, was die Natur ursprünglich als groß gemeint hatte. Der Capitain wußte nicht mehr, ob er lachen oder ernsthaft bleiben sollte, in dieser halben Verlegenheit sagte er: Wie es Ihnen mit den Männern ergeht, so auf ähnliche 341 Weise mir mit den Mädchen und Weibern. Ich möchte auch behaupten, daß dieses Geschlecht ausgestorben sei und nur noch nachgeahmte Puppen übrig geblieben sind. Macht Schönheit und Reiz allein die Weiblichkeit aus? Nur der junge unerfahrene Mensch kann das behaupten. Und doch, kaum ist diese Rosenzeit vorüber, wie lassen sie sich fallen, alle diese Weiberchen, und möchten Perrücken aufsetzen und Orden umhängen, oder sich zu Magistern machen lassen, um nur für irgend Etwas noch zu gelten. Aber, wenn die Weiblichkeit nicht etwas Ewiges ist – ist sie denn etwas Anderes, als ein elendes Maskenspiel der Natur? Sehr wahr, antwortete sie lebhaft, – aber wo sind diese männlichen Männer, die in der Larve etwas mehr als die Larve sehn? Glauben Sie mir, schöne ernste Frau, sagte der Officier, so selten es in meinem Stande seyn mag, ich habe immer die Weiber verschmäht. Verschmäht! rief sie aus, das kann ich nicht von mir sagen, ich habe keine Männer gesehn: diejenigen, die sich dafür ausgaben, zu verachten, hat mich nicht große Anstrengung gekostet. So alt ich geworden bin, so habe ich doch in dieser langen Zeit nur einen einzigen Mann gesehn. – Dürfen Sie ihn näher bezeichnen? Sie sind es! Das Letzte hatte sie mit ganz trocknem Tone gesagt, aber es war tief in den Busen des Kriegers gedrungen. Von diesem Augenblick erschien ihm die große volle Gestalt in einem ganz andern Licht, die Blässe erschien ihm reizend und von großartiger Schönheit, und ihr strenger kalter Blick 342 junonisch erhaben. Er konnte die letzten wenigen Worte nicht vergessen, und der geputzte, elegante Mann, wie er wieder zu ihnen trat, kam ihm mit seinen geschniegelten Manieren ganz abgeschmackt vor. Er glaubte jetzt, indem er ihr kaltes Betragen gegen den ewig lächelnden Gatten betrachtete, ihr Schicksal zu verstehen. Als der Mann am folgenden Tage wieder vorlas, war sie eingeschlafen, er ward endlich, eines Besuches wegen, vom Diener abgerufen; sowie er die Thür geschlossen hatte, eröffnete sie die klaren, großen Augen und sah den Officier mit einem fragenden Blicke an. Dieser, auf eine sonderbare Weise bewegt, umschlang sie, sie schloß das Auge wieder und er drückte einen brennenden Kuß auf ihren schönen Mund. Sie erwiederte den Kuß, und von dem Augenblick verstanden sich beide. Der Frühling war gekommen; es war Zeit, daß Geoffroy abreisete, denn seine Gesundheit hatte sich gebessert und sein Urlaub war vorüber. Sie zerfloß in Thränen, als sie diese Nachricht vernahm. Das Leben, so sagte sie, ist gestorben, sobald Du entfernt bist, und der kalte Tod, das Nichtsein beginnt. Und was hält Dich hier? sagte der Krieger, kannst Du mir nicht folgen? Geschieht dasselbe, wenn Du es thätest, zum erstenmal in der Welt? Nein! rief sie aus, und ich bin es mir, ich bin es Dir schuldig, denn Du bist im Herzen und in der Seele und vor allen Geistern des Himmels mein Gemahl, nicht jener Gefühllose, dessen kalte Gefälligkeit mich zu Tode martert. Er lebt nur sich und seinen Grillen, für ihn giebt es kein Du in der ganzen weiten Schöpfung. 343 Geoffroy hatte zwei Reitpferde mitgebracht und kaufte im nahen Städtchen einen leichten Wagen. Sie packte ihre Juwelen zusammen, nebst einigen andern Sachen von Werth, die sie für ihr Eigenthum halten konnte. Es bedurfte keines Dieners, weil er sich für geschickt genug hielt, den Wagen selbst zu führen, und so entflohen sie in einer dunkeln Nacht, als Grundmann eben eine Reise in das benachbarte Gebirge angetreten hatte, um einen alten Freund zu besuchen und durch bedeutende Summen aus einer augenblicklichen, dringenden Noth zu retten. Sie reiseten schnell und konnten darauf rechnen, schon weit entfernt zu seyn, bevor sie vermißt wurden. Nach einigen Tagen lenkte der Officier von der großen Straße seitwärts in einen Nebenweg. Ich muß hier, sagte er freundlich, meinen besten Freund besuchen, der mir in der allerschlimmsten Lage meines Lebens in Rußland das Leben gerettet hat. Die Gegend war immer einsamer und endlich geriethen sie in einen dichten Wald. Als sie eine Stunde in der grünen Wildniß sich fortbewegt hatten, hielten sie vor einer kleinen Schenke, die abseits am Ende eines Wiesenfleckes lag. Als man drinnen das Stampfen der Rosse hörte, sprang die alte Wirthin heraus, und Geoffroy fragte die dicke Frau mit dem gutmüthigsten Tone in deutscher Sprache: Nun, was macht mein Kleiner? – Vollkommen wohl befindet er sich mein gnädiger Herr, erwiederte die Schenkwirthin. – Die Entführte war in Verwunderung aufgelöst, daß sie ihren Begleiter so richtig und geläufig deutsch reden hörte; aber ihr Erstaunen wurde noch gesteigert, als jetzt ein Hündchen aus dem kleinen Hause sprang, sich anbellend vor die Pferde springend stellte, dann zu seinem Herrn hinaufhüpfte und der Officier zärtlich rief: Nun, Munsche! Munsche! Wie ist es dir ergangen? – Der 344 kleine Hund drehte sich schnell springend in Kreisen herum, bellte und hüpfte wieder, und Geoffroy ließ ihn sich von der Frau hinaufreichen, nahm ihn in die Arme, streichelte den Kleinen und schien in seinen Liebkosungen dem Weinen nahe. So schenkte er der Wirthin eine gefüllte Börse, als Kostgeld für seinen Liebling, und fuhr dann mit seiner Geliebten wieder durch den Wald. Ich brauche mich, fing er an, nun nicht mehr zu geniren, da Du wohl, geliebtes Kind, gemerkt haben mußt, daß ich eigentlich ein Deutscher bin. Ja, meine Schicksale sind sonderbar genug. Sieh, dieses kleine liebe Thier, diesen Munsche, erhielt ich vor Jahren von einem vornehmen russischen Herrn zum Geschenk, ich dachte damals nicht, daß ich bald darauf als Soldat einen Feldzug gegen die Russen mitmachen würde. Es traf sich aber so. Unglück, Verlust, Glück, Alles trieb mich schnell in die Höhe und erwarb mir die Achtung und das Vertrauen meiner Vorgesetzten. Mein Hund lief allenthalben mit. Tief in Rußland, nach einem Gefecht, als ich verwundet auf dem Boden in meinem Blute lag und mich nur noch matt vertheidigte, wollte ein vornehmer Russe mir eben den Kopf spalten, als das Hündchen sich winselnd auf mich warf. Munsche! Munsche! rief ich und der Oberst hielt ein. Es war derselbe, der mir vormals das Thier gegeben hatte. Er schenkte mir das Leben, ließ mich verpflegen und schaffte mich dann wieder zu den Meinigen. So kam es, daß ich jenen furchtbaren, ewig denkwürdigen Rückzug mitmachen konnte und Deutschland, mein Vaterland, noch einmal wiedersah. Nach einer Weile sagte die Frau: Also ein Deutscher! Jener Martin Sendling, den ich schon vor Jahren kennen lernte. – Wie kennst Du meinen deutschen Namen? rief der Officier erstaunt, ich habe ihn ganz abgelegt. Sie sagte 345 ihm jetzt, wer sie sei, und er war verwundert darüber, daß sich Beide nicht früher wiedererkannt hätten. O, ihr bösen Menschen! fuhr der Officier fort, ihr habt mich damals sehr unglücklich gemacht. Ich war zu meinem Stande verdorben, mit mir, mit euch, mit aller Welt unzufrieden. Ich schweifte herum, in Haß gegen Dich, die meine Frau hatte werden sollen; dann erinnerte ich mich wieder Deiner Schönheit und welch Glück mir zu Theil werden konnte, wenn wir uns Beide mehr verstanden hätten. Unser Leben, sagte sie, ist wie ein albernes Mährchen eigentlich ohne Inhalt. Wenn ich schlecht bin, erwiederte der Krieger, so habt ihr mich durch eure künstliche Bildung verdorben. Vorher war ich gut und einfach. Als ich mich damals etwas besonnen hatte, ging ich, weil mir Deutschland und Alles hier verhaßt war, zur französischen Armee; ich fand Freunde und avancirte bald: auch nachher hatte ich Glück und bekam noch einige Grade. Als ich genesend zurückkam, hatte ich nicht den Muth, nach jener Emmeline zu fragen, ich fürchtete, entdeckt zu werden, ich schob die Forschung von einem Tage zum andern auf und – seltsam! – bin seit Wochen bei ihr, und sie selbst ist es, die mit einer wiederkehrenden Leidenschaft mich zum zweitenmal zum ihrigen machen will. Sonderbar genug, erwiederte sie – und damals war ich schön und jung, mein Vater lebte noch und gehörte zu den reichsten Männern des Landes, Freunde und Bekannte erfüllten sein Haus, und ich – Ja wohl ändert sich Alles, unterbrach sie der Soldat, wir müssen eben durch das Leben hindurch, wie durch eine Schlacht, falle rechts und links, vor und hinter uns, was da wolle, unsere liebsten Gefühle, unsere edelsten Gedanken und Entschlüsse, vor müssen wir und Stand halten, bis uns 346 selbst das Schicksal trifft, und dann hat das Spiel für diesmal ein Ende. Für immer sollte es seyn, fuhr sie fort: soll dies nüchterne Grauen, dieser schale Ekel, diese abgeschmackte Furchtbarkeit denn noch öfter wiederkehren? Sie begaben sich nach einer kleinen unbekannten Stadt, wo sie versteckt genug zu seyn glaubte und ihre Niederkunft abwarten wollte. Sie lebte dort unter fremdem Namen, und nachdem sie sich täglich gestritten, gezankt und einander die bittersten Vorwürfe gemacht hatten, begab er sich zu seinem Armeekorps, um in den fränkischen Reihen den Kampf gegen Deutschland mitzustreiten. 347 Dritter Abschnitt. Längst war jene denkwürdige Epoche vorüber. Gefechte hatten auch in jenen Gegenden stattgefunden, das Schloß Grundmanns war geplündert worden und dann abgebrannt. Er selbst, meist aus Verdruß und Gram um die Flucht seiner Gattin, war bald nach dem Abschluß des Friedens gestorben. Ferdinand Ambach war nach der Residenz versetzt worden, wo ihm ein größerer Wirkungskreis wurde. Seine ausgezeichneten Dienste und die Liebe seines Fürsten machten ihn bald zum Geheimen Rathe und erwarben ihm den Adel, und nach dem Verlauf vieler Jahre sah er sich jetzt als Minister und Chef der Polizei von allen Ständen geachtet, vom Regenten belobt und von allen Unredlichen gefürchtet, denn seine strenge Tugend verschonte den Verbrecher und Nichtswürdigen niemals. Er hatte früh seine Gattin verloren, die ihm keine Kinder hinterließ, und er konnte sich zu keiner zweiten Ehe entschließen. Einen Pflegesohn, Wilhelm Eichler, erzog er fast wie sein eignes Kind, und er hätte diesem jungen Menschen wohl die ganze Zärtlichkeit eines Vaters gewidmet, wenn dieser nicht wild und ausgelassen ihm vielfachen Kummer und Verdruß verursachte, statt ihm Freude zu machen. Von Martin Sendling oder dem Capitain Geoffroy hatte man niemals wieder etwas vernommen, ein ungewisser 348 Bericht sagte ihn in einer der Schlachten des Befreiungskrieges getödtet, nach einer andern Nachricht war er in einem Lazareth gestorben, auch seine Entführte war durchaus verschollen, so viele Nachforschungen der Geheime Rath Ambach auch angestellt, so viele verschlagene Kundschafter er auch nach ihr ausgesendet hatte. Die Julius-Revolution zitterte, wie ein starkes Erdbeben, in allen deutschen Staaten nach, auch die ruhigste Gegend merkte etwas von dieser Bewegung. Ambach war nicht leicht zu erschüttern, aber er verdoppelte in dieser Krisis, die so leicht von Böswilligen gemißbraucht werden konnte, seine Wachsamkeit. Einer, den er zwar nicht zu fürchten Ursache hatte, der ihm aber vielen Aerger erregte, war in diesem Zeitraum sein Pflegesohn Wilhelm, welcher nichts weniger als den Umsturz aller Regierungen in Deutschland erwartete. Die Unbesonnenheit des leichtsinnigen Jünglings ging so weit, daß der Geheime Rath für dessen Wohlfahrt besorgt zu werden Ursache hatte. Wilhelm war in Projekten, die ganze Welt zu verbessern, unerschöpflich, und wenn der Pflegevater alle diese Chimären belachen konnte, so war es ihm doch empfindlich, daß der junge Mann, welchem er so viele Liebe und Sorgfalt widmete, schon in der ganzen Stadt seinen guten Ruf eingebüßt hatte, alle Rechtlichen vermieden seinen Umgang, der Zutritt zu einigen Familien war ihm untersagt, und die älteren Leute rechneten ihn schon zu jenen unverbesserlichen Wüstlingen, die in Schulden, Krankheit und Schmach untergehen müssen. Manche ernste Greise verdachten es dem Geheimen Rath, daß er nicht längst von dem verlornen Sohn seine Hand abgezogen, oder ihn in einer entlegenen Stadt unter strenge Aufsicht gestellt habe. Deshalb waren auch Einige der Meinung, der Minister beschütze nur einen eigenen Sohn 349 durch zu große Nachsicht, und der junge Mensch benutzte auch nicht selten das Ansehn seines Pflegevaters, um sich von Gläubigern loszumachen, auf den Credit des alten angesehenen Mannes neue Wechsel zu schreiben, sich aus schlimmen Händeln zu wickeln und recht böse noch ärger ineinander zu schlingen. Unter den berüchtigten Häusern der großen Stadt stand das der Witwe Blanchard oben an. Sie war eine Französin, bejahrt, schien gut erzogen und war mit manchem Vornehmen in geheimer Verbindung, weil ihre Einrichtung einen eleganten Anschein hatte und bei ihren theuern Soupers schöne und reizende Mädchen figurirten, die oft mit neuen abwechselten, so daß mancher junge Mann, da zuweilen auch noch oben ein gespielt wurde, große Summen in diesen Zimmern ließ und seine besseren Gefühle allgemach vernichtete. Der Minister hatte manche Häuser dieser Art schon aufgehoben oder beschränkt, aber mit diesem, welches von Vornehmen insgeheim und vom Gesetz öffentlich geduldet und beschützt wurde, vermochte er nichts. Wie empfindlich mußte es ihm daher seyn, daß grade in diesem Hause sein Pflegesohn fast zu allen Tageszeiten gesehen ward, und daß seine Ermahnungen gar nichts fruchteten und ein strenges Verbot nur verlacht wurde. Es war an einem heitern Vormittag, als Wilhelm wieder in das Haus trat und gleich zum Zimmer der alten Witwe Blanchard eilte. Die starke, wohlgenährte Frau trat ihm verdrüßlich entgegen, indem sie fragte: Was will Er, leichtsinniger Patron, schon wieder bei mir? Seine Schulden wachsen immer höher an, Sein Credit ist todt, hier mag Ihn auch Niemand, und meinem Auge, junger Freund, ist Er geradezu verhaßt. Mütterchen, sagte der Jüngling außerordentlich 350 freundlich, setze Dich zu mir und laß uns mit einander kosen und sprechen. Du kennst ja mein Herz, das gut und edel ist, so verdorben mich auch immer die selbst verdorbene Welt schelten mag. Und was macht Charlotte? Wie denkt sie über mich? Beide setzten sich nieder und die Alte sagte: Junger Freund, ich kenne Sie ganz genau, und gewiß besser als Ihr eigener Vater. Sie sind gutmüthig, junger Herr, Sie verschwenden, und wenn ein Bekannter oder Nothleidender Sie anspricht, so geben Sie Ihr Letztes. Das möchte man loben. Aber nun wieder schämen Sie sich auch nicht, Schulden zu machen unter den ehrlosesten Bedingungen. Erinnerst Du Dich, Freundchen, wie Du, als Du noch Credit hattest, die Uhren ausnahmst und beim Hofjuden die Juwelen, um sie an demselben Tage um die Hälfte der Preise zu verkaufen? Sehn Sie, Herr von Eichler, der Streich, da die Sache gleich darauf bekannt wurde, hat Ihnen am allermeisten geschadet. Mütterchen, sagte der Jüngling, ihr die Hände streichelnd, was vorüber ist, ist vorüber. Diese weißen Händchen sind noch so sauber, rundlich und lieblich anzufassen, daß es zu verwundern ist. Mutter, was Du in der Jugend mußt schön gewesen seyn! Damit gewinnt Er bei mir Nichts, antwortete sie lächelnd: bringe Er diese Redensarten dort in Seinen vornehmen Häusern zu Markte. Ich kenne Sie ja ganz genau, gutes Kind, und kann am besten nachrechnen, wie Sie Ihre Jugend verdorben und aufgeopfert haben. Aber Du weißt ja auch, keine so gut, als Du, daß ich mich gebessert habe. Glaube mir, ich werde ganz ordentlich, tugendhaft, großartig werden. Mehr als alle Deine Schönheiten liegen mir jetzt auch die Freiheitsgedanken und 351 großen patriotischen Bewegungen am Herzen. Da mitzuwirken, die großen, unausbleiblichen Schicksale mit umschwingen zu helfen, das ist jetzt mein Ehrgeiz und meine Leidenschaft. Er kann wirklich schon wieder roth werden, sagte die Alte laut lachend und ihm die blassen Wangen anrührend, über die sich eine seine Röthe ergoß. Nun freilich, fuhr sie fort, man muß keinen Menschen ganz aufgeben, Gott thut es nicht, und auch der nicht, welcher die Menschen kennt. Aber, fuhr er fort, damit ich ganz und wahrhaft ein Mann werde und edel und frei, ist mir die Liebe der Charlotte unentbehrlich. O, Himmel! Ich habe selbst nicht gewußt, was eine Leidenschaft bedeutet, die so ganz unsere Kräfte aufregt und den Menschen in allen Tiefen erschüttert. Hier muß nun aber auch Erhörung, Erfüllung stattfinden, oder Geist und Gemüth werden vernichtet und ein Schlimmeres als der Tod tritt ein. Es muß eine Verzweiflung geben, für welche wohl keine Sprache unter dem Monde hinreicht, um sie nur irgend anzudeuten. Die Alte wandte ihr Gesicht ab. Als sie wieder umblickte, sah sie den jungen Mann so starr und ernsthaft an, daß er vor diesem Blicke erschrack. Du bist noch zu jung, sagte sie dann, um schon viel erlebt zu haben, Du sprichst wie ein junger Thor, der weder die Welt noch die Menschen kennt. Es giebt eine Wandlung, – eine Fügung, – oder, wie soll ich sagen? – Ach, du barmherziger oder du grausamer Himmel, so muß es nun kommen, daß dieser da, der junge unflügge Taugenichts, der erschöpfte Bruder Liederlich, der Greis von zwanzig Jahren, der Liebhaber meiner Tochter ist! – Nicht wahr, zu diesem großen, unaussprechlichen Glück muß sie sich gratuliren? – Ach, das Leben ist eine gräßliche Erfindung! 352 Der schlanke Jüngling erwiederte: Seid nicht unbillig, Frau; ganz so schlimm stehen die Dinge niemals, wie man sie sich in einem kränklichen Zustand denkt. Und krank seid Ihr ebenfalls, nur auf eine andere Art, als ich. – Ich muß aber erst mein Herz beruhigt haben, um groß handeln zu können. Was wollt Ihr denn eigentlich thun? fragte sie. An der ungeheuern Bewegung Theil nehmen, die jetzt durch ganz Europa geht. Was jedem Einzelnen vorgeschrieben seyn mag, gestaltet sich erst, wenn die Opposition deutlicher hervorgetreten seyn wird. Denn daß man den Geist der Freiheit wird hemmen wollen, leidet keinen Zweifel. Schon sind viele junge Geister mit mir verbündet, und immer neue werden geworben: wir haben an Journalen Theil und werden einige stiften. Wer sich uns und unserm Streben widersetzt, wird als Feind behandelt. Das Alte stürzt und wir sind die Stifter der Freiheit. Ei ja, sagte die Alte mit bitterm Lächeln, da Alles so klar und deutlich ist, da es euresgleichen nicht an der Einsicht mangelt, so wird der Erfolg auch ein glänzender seyn. Sprechen wir nicht weiter davon, brach er ab, Ihr versteht mich nicht. Aber laßt doch Charlotten zu uns kommen. Kind! rief die Alte, indem sich ihr Blick entflammte und ihre gleichgültige Freundlichkeit sich in Wildheit verwandelte, Junge! ich bin ein verächtliches Wesen, das vergesse ich in keinem einzigen Augenblicke, wenn ich auch weiß, daß viele der geachteten Weiber nicht besser sind als ich; mit mir mag der Mensch, der Gewaltige oder der Bösewicht, anfangen, was er will, er mag mich mit Füßen treten, mich mißhandeln, mich auf der Folter zerreißen, mir allen ersinnlichen Hohn beweisen. ich werde nicht zucken, denn ich weiß, wer ich bin: was mit der Welt, mit den Menschen, den 353 Bekannten, was mit Dir geschieht, ist mir völlig gleichgültig; – aber in einem Theil meines Wesens dünke ich mich so viel, wie es nur der größte Monarch auf Erden kann, oder der heiligste Priester und tugendhafteste Held: – das ist meine Tochter. Wer dies arme Kind nur mit einem falschen, verächtlichen Blicke angreift, der ist mein tödlichster Feind. Ich bin im Leben und durch meine Verhältnisse schlecht geworden, aber sie soll gut und tugendhaft bleiben. Zur Raserei würde es mich bringen, wenn ein Bösewicht sie verführte, und da sie jetzt gut und keusch ist, so fühle ich mich tausendmal in Gegenwart des Kindes beschämt. So ist es aber, wenn man liebt, und Mutterliebe mag wohl das innigste und allmächtigste aller Gefühle seyn. Denn mich kann ich der Hölle, der Bosheit und Gemeinheit preisgeben, an mir ist nichts mehr zu verderben und zu verlieren, aber der liebe, klare, blasse Engel soll nur das Himmlische, das Edle in seinem zarten Herzen empfinden. Auf Rosen möcht' ich sie betten, und noch weiß ich keinen Mann, dem ich es gönnte, daß er sie lieben dürfte, oder der gar von ihr geliebt werden könnte. Betrachte ich dann meinen verworfenen Stand und daß nur die Schlechten zu mir kommen, vor denen ich mein Kleinod wie vor Räubern verbergen und verschließen muß, fällt mir dann ein, daß die Einzige mein Gewerbe kennt und verachtet, so liege ich in Gram auf meinem Lager und kann mich oft die ganze lange Winternacht am Weinen nicht ersättigen. Gute Alte, sagte Wilhelm, ich habe ja nichts Arges gegen Deine Tochter im Sinne. Das wollte ich Dir auch gerathen haben! rief sie mit Heftigkeit aus; sieh', nur ein unanständiges Wort, nur so ein witziger Einfall nach Deiner Art, und ich könnte Dich vergiften. 354 Vergiften, Du böses Weib? Woher wirst Du Gift haben? Sie schloß ein Schränkchen auf und zeigte eine kleine Flasche. Da müßte man, sagte sie, keine Bekanntschaften unter Aerzten, Apothekern und Medicinalräthen haben: die geben mir es freilich auf meine Vorstellung zu anderm Gebrauch. Du bist ja gräßlich, rief der junge Mann, eine Medea. Darum hüte Dich, antwortete sie, ich bin zu Allem fähig. Du willst besser werden? Man sollte es fast glauben; Mund und Stirne nehmen einen Anlauf zum Edeln, aber die verdammten Augen sehn noch so falsch und lügenhaft, so sinnlich und ermüdet aus wie immer. Laß nur Lottchen zu uns kommen, bat er wieder, ich bleibe dann hier zum Essen und stärke mich im Gespräch mit dem schönen Kinde. Auch habe ich Dir schon oft gesagt, daß ich sie heirathen will und werde, daß das bei mir eine beschlossene Sache ist. Und der Geheime Rath? Dem sage ich es noch heut oder morgen, und will mein Alter nicht, so wird er auch nicht weiter gefragt. Da ist der Graf Mindelberg, fing sie wieder an, der stellt auch schon lange meinem Kinde nach; wenn Du ihn triffst, so sage ihm nur, er soll sich vor mir in Acht nehmen. Er verachtet eine alte Frau, wie ich bin, und denkt, mit unser Einem brauche er keine Umstände zu machen. Ich breche ihm den Hals, rief Wilhelm, wenn er Lottchen irgend etwas thut, oder sie zu gewinnen sucht. Ich will meine Tochter rufen, sagte die Alte, und es wird dem Herrn ein haut goût seyn, das kann ich mir wohl denken, einmal züchtig zu sprechen und sich wie ein tugendhafter Mensch zu betragen. 355 Sie ging hinaus und kam bald darauf mit der Tochter zurück. Diese war ein feingewachsenes Mädchen, groß und schlank, und von so edelm Betragen, daß Wilhelm vor dem leichenblassen Gesicht und den dunkelschwarzen Augen scheu zurückfuhr, indem sie zur Thür hereintrat. Sie verneigte sich stumm und ernst und nahm dann im Sofa neben ihrer Mutter Platz. Sie sprach nur wenig und vermied es, soviel sie mit Schicklichkeit konnte, den jungen Menschen, der sehr eifrig redete, anzublicken. Dann wurde gegessen und Wilhelm trug fast allein die Kosten der Unterhaltung. Er war nach seiner Meinung witzig und beredt, doch wenn auch die Mutter auf viele Gegenstände einging, von welchen die Rede war, so nahm Charlotte doch fast gar keinen Antheil am Gespräch. Wie aber Wilhelm immer heftiger und eindringlicher wurde, konnte sie es nicht unterlassen. ihn von Zeit zu Zeit mit schwermüthigen Blicken zu betrachten, in welchen sich das tiefste Mitleiden und Erbarmen malte. Als er sich endlich wieder entfernte, sagte sie, indem sie ihre Thränen nicht länger zurückhielt: Ach! der arme, der verlorne Mensch! Was er sich von sich einbildet, welche Tugenden und Kräfte er sich zutraut! Und nicht einmal der Zunge kann er gebieten, daß sie nicht unbesonnenes Zeug herausschwatze. Er ist so schwach, daß jeder kleine Gedanke, jeder Einfall mit ihm gleichsam fortläuft, er ist so durch und durch krank, daß er sich nicht einmal mehr erinnern kann, wie dem Gesunden zu Muthe ist, und diese Zertrümmerung, daß er sich nun ohne Noth über Alles erhitzt und wie ein Strohfeuer schnell auflodert, nennt er Genie. Ach, der arme, arme Mensch! Könntest Du ihn lieb haben? fragte die Mutter. Ich weiß nicht, antwortete Charlotte, was mich nur bewegen kann, ein so eigenes, ein so tiefes Mitleiden mit ihm 356 zu haben. Ich sage mir oft, er ist ein verlornes Wesen, er ist lange schlecht gewesen, sein Vorsatz, sich zu bessern, ist auch nur Kränklichkeit; denke ich an so Manches, was er gethan und gesprochen, so verabscheue ich ihn recht in meinem Innersten – und dann wacht wieder eine Empfindung in einer dunkeln Gegend meines Herzens auf, daß mir ist, als wäre er noch zu retten und als könnte ich etwas dazu beitragen. Du siehst ja auch, sagte die Mutter, daß er immer die Rolle spielt, als solltest Du seine Heilige seyn und ihn bekehren. Es mag wohl sein Ernst seyn. Oft aber betrügen mit diesem Vorwand die schlechten Männer auch die klügsten und besten Weiber. Auch für die Tugendhaften ist es ein Reiz, wenn ihnen ein Wüstling huldigt; oft lassen sie sich sogar bethören und von ihm die Meinung beibringen, sie seien dazu berufen, ihn fromm und gut zu machen. An dieser feinen und raffinirten Eitelkeit ist schon manche Spröde zu Grunde gegangen, und der Bösewicht lacht dann mit seinen Gesellen um so schadenfroher über diesen Triumph. Doch glaube ich wirklich, daß es diesem Wilhelm Ernst ist. Wenn er durch Dich wirklich ein ordentlicher Mensch würde, könntest Du ihn lieben, Lottchen? Möchtest Du ihn zum Mann? Wir leben in so wunderlichen Zeiten, daß die Schwierigkeiten, die die Sache unmöglich zu machen scheinen, sich doch vielleicht aus dem Wege räumen ließen. Nein! nein! liebe Mutter, rief die blasse Tochter in der größten Aufregung, in dem Gedanken liegt Grauen und die Hölle. Wie könnte der auch mein Mann heißen, der in mir so inniges Erbarmen erregt? Aus diesem Mitleid, das mir so schneidende Schmerzen macht, mich ihm aufopfern? O, das wäre ja doch der heilloseste Mißverstand. Den Liebsten kann man bemitleiden, wenn er krank oder unglücklich ist, aus liebendem Mitleid könnte das Mädchen dann gewiß 357 tausend Opfer bringen; aber wen man lieben soll, wen man sich als Gatten denken mag, da muß eine gewisse Ehrfurcht, eine hohe Achtung, ein inniges Zutrauen mit in diesem Gefühl der Liebe seyn. Und wenn ich mein Mitleid für diesen Wilhelm auslösche, so bleibt nur eine schlichte Verachtung, eine wegwerfende Geringschätzung übrig. Die Mutter sah die Tochter an und sagte dann: So hast Du noch nie zu mir gesprochen. Du bist aufgeregt, wie ich Dich noch nie gesehn habe. Lottchen, schenke mir Dein ganzes Vertrauen, liebst Du vielleicht? Die Tochter umarmte die Mutter und wechselte mit Blässe und Röthe, die Augen leuchteten in ihrem Dunkel. Es kann seyn, sagte sie dann, daß es Liebe ist, was mein Herz zerreißt. – Im Frühling gingen wir einigemal nach dem schönen Garten draußen in der Vorstadt, nachher spazierte ich mit der Magd dorthin. Von der Laube übersieht man die Blumenbeete, und der kleine Brunnen rieselt so angenehm. Wenn ich recht traurig war, wurde ich hier von dem springenden Wasser und dem Dufte der Blumen wieder getröstet. Wir waren das erstemal durch den Garten gegangen, als ich nachdenkend auf der Bank sitzen blieb; da kam ein junger, freundlicher Mensch, überreichte mir ein Bouquet von Blumen und entfernte sich wieder rasch, ohne nur meinen Dank abzuwarten. Am folgenden Nachmittag war ich wieder allein; das Mädchen war fortgegangen. Er kam von der Arbeit, er schien nur ein Gesell dort. Wir sprachen mit einander und, wie mir dünkt, ziemlich lange. O, liebe Mutter, so viel Redlichkeit, heitre Gesundheit, so ein gutes Herz habe ich noch niemals gesehn; es giebt gewiß keinen zweiten jungen Mann mehr von dieser Art. Ein Gartenknecht? ein Gesell? fragte die Alte mit einem sonderbaren Ton. 358 Fällt Ihnen das so auf, liebe Mutter? erwiederte die Tochter; ich hörte, er sei der Sohn eines Gärtners aus einer kleinen Stadt und sei hergekommen, um mehr zu lernen und künftig sein Gewerbe zu erweitern. – Ach Gott! er hat mir so unendlich wohl gefallen, in seiner Nähe war ich so glückselig, und ich war, wie er schwur, sein Abgott; – er hat etwas Vermögen, – er wollte mit Ihnen sprechen – und – Nun – und? Heut habe ich dies Billet von ihm erhalten, sagte die Tochter, gab der Mutter das Blatt und verhüllte weinend ihr Haupt im Sopha. – Die Mutter las. »Ach, wie weh ist mir, mein theures Mädchen! Ich war so glücklich, als ich in meiner arbeitsamen Stille hier Deine Bekanntschaft machte. Mir war, als sei ein Engel sichtbar zu uns Menschen herabgestiegen, daß wir Glauben fassen und uns selbst vertrauen sollten. Und nun mir vorzustellen, daß ein so himmlisches Wesen in meine kleine Hütte eingehn könne, meine Eltern begrüßen, unsere Wirthschaft führen und mich durch Liebe beglücken solle: o, die Vorstellung dieser Seligkeit, – ja, ich gestehe Ihnen, ich habe Thränen vergießen müssen, wenn ich mir dies so recht lebhaft dachte. Ist Ihr Antlitz und Ihre Gestalt nicht einer silberweißen Lilie zu vergleichen? So edel, wie diese Blume sich im Sommerwinde leicht bewegt, ist Ihre Bewegung, Gang und Stellung. Wie Du nun so freundlich und so nachdenklich mit mir sprachst und mir gestandest, daß Du mich lieben könntest: ach, es war, als wenn nach langer drückender Hitze ein sanfter Sommerregen in mein schmachtendes Herz mit seinen großen Tropfen fiele. Wenn ich in der Nacht von meinem Bette aus durch das kleine Fenster den Mond betrachtete und nicht schlafen mochte, weil ich ohne das gestärkt genug war, so sah ich Dich auf den lichten, klaren Wölkchen der goldnen Scheibe 359 vorüberschweben. Alles, Alles ist nun vorüber! Wie hast Du mich so grausam täuschen können! Ja, alles ist nur Maske und Lüge und ich verzweifle an mir selber. Um nicht krank zu werden, arbeite ich mehr und schwerer als sonst, sodaß ich vor Müdigkeit nicht zum Nachdenken kommen kann. O, hätte ich nie erfahren, wer Ihre Mutter ist, oder hätten Sie es mir früh genug gesagt, um jede Hoffnung, Achtung und Gefühl der Liebe in mir niederzuschlagen.« Die Alte klemmte das Blatt krampfhaft in ihrer zitternden Hand und stampfte dann heftig mit dem Fuß. Verwünschtes Volk! rief sie mit blitzenden Augen, auch solcher Gartenknecht nimmt sich heraus, uns zu verachten! – Sie schloß dann die Tochter in die Arme und brach in Thränen aus. O, meine Einzige, meine Geliebte, o, Du Beste auf Erden, daß Du eine solche Mutter haben mußt! Und weshalb bin ich denn nun Die, die ich bin? Weil ich die Menschen früher verachtete, ehe sie mich noch verachteten, und weil ich keinen Entschluß fassen kann. Ja, wir wollen die Stadt hier verlassen, mit meinem Wenigen will ich mich mit Dir irgendwo in einem Winkel der Erde verbergen, wo kein Mensch mich kennt. Mit Niemand wollen wir dann Gesellschaft machen, denn die Menschen verdienen es nicht, daß man ihren Umgang oder ihre Freundschaft sucht. Ja, wir wollen uns entschließen, Kind, wenn wir auch fern irgendwo in einer Hütte ganz armselig leben müssen. Was ist das Leben denn überhaupt? Ich sehne mich schon längst nach dem Tode, und es wäre Dir auch wohl besser, Lottchen, nicht mehr lange hier im Schmutz und in dem lasterhaften Tollhause zu verweilen. Auch fürchte ich die gemeine Wuth des jungen Grafen Mindelberg, der sich ebenfalls für Deinen Liebhaber ausgegeben hat. Ja, ja, so wird es am besten seyn, und Du, Lottchen, mußt Dich über diesen elenden Gartenknecht 360 trösten, der Dich nicht verdient, da er sich herausnimmt, so Dir aufzusagen, ohne daß er die Umstände kennt, ganz wie die gemeinen Pharisäer alle. Denn was kannst Du dafür, daß ich Deine Mutter bin? O, über das elende Wesen der Welt und der Menschen! Seelen wollen sie besitzen, sie pochen auf ihre Unsterblichkeit, und sind doch meist nur Maschinen und leblose Puppen. Auf einen Wink von ihr begab sich Charlotte in ihr Zimmer. Die Arme war seit lange schon mit ihrem feinen Gefühl und richtigen Sinn eins der unglücklichsten Wesen. Die Mutter hatte an ihrer Erziehung nichts fehlen lassen; auf ihrem Zimmer prangte ein vortreffliches Fortepiano aus England, kostbare Möbeln und Kupferstiche zierten den Aufenthalt, sie ward wie eine Dame bedient, keiner ihrer bescheidenen Wünsche ward ihr versagt, – und welch Gefühl bemeisterte sich ihrer, als sie erwachte und nun durch ihren zunehmenden Verstand erfuhr und erkannte, welchem Gewerbe sie alle diese Güter zu verdanken hatte. Sie sah und fühlte, wie die Mutter sie liebte, ja vergötterte, denn diese Leidenschaft war ja nur die Ursache, weshalb das Kind in ihrem Hause und in der Stadt wohnen mußte, sie wollte sie immerdar sehn und sprechen, sie in jeder Stunde unter Augen haben und zitterte vor dem Gedanken, daß sie ihr könnte abtrünnig gemacht und verdorben werden. Denn sonst war es natürlicher, sie irgendwo, in einer andern Stadt, oder auf dem Lande, unter einem fremden Namen aufwachsen zu lassen. Charlotte mußte, trotz aller widerstrebenden Gefühle, auch diese Mutter lieben; sie machte sich oft Vorwürfe, daß sie ihr Leben sündhaft finde, und dennoch konnte sie es nicht unterdrücken, daß sie sich nicht ihrer schämte, wenn sie mit ihr über die Straße ging. So war ihr Herz früh erkrankt und weder Bücher, Musik, noch Natur konnten ihr eine reine 361 Freude gewähren, weil sie zu allen Erhebungen des Geistes das quälende Bewußtsein ihres Standes mitschleppte. Zum erstenmal im Leben war ihr in Gesellschaft des jungen Gärtnerburschen ganz wohl geworden, sie hoffte, er, in einem niedrigen Stande erzogen, solle sie so stark lieben und so fest an sie glauben, daß ihm das Wesen der Mutter, wenn sie ihm einmal Alles entdeckte, gleichgültig und unverfänglich erschiene, – und nun war auch dieser Stab, auf welchen sie sich lehnte, zerbrochen. Die Mutter hatte sich eingeschlossen und saß nachrechnend über ihren Büchern. Sie wollte ihr Haus schnell, wenn auch unter dem Preise, verkaufen, die überflüssigen Mobilien zu Geld machen und sich mit der mäßigen Summe, die sie dann besaß, auf das Land zurückziehen, am liebsten in eine einsame Berggegend, von der großen Heerstraße entfernt, damit ihr niemals wieder ein ehemaliger Bekannter unter die Augen träte. Sie verabschiedete schon jetzt, damit sie nicht klagen könnten, mit reichlichen Geschenken ihre Kostgängerinnen und dachte nach, wohin sie sich, bis sie die Stadt auf immer verließe, einmiethen könne. Oft treten tugendhafte Entschlüsse zu spät ein, und diese Erfahrung machte jetzt auch die berüchtigte Madame Blanchard. Einen heftigen Auftritt hatte der Geheime Rath mit seinem verwilderten Pflegesohn. Wilhelm hatte den Minister um eine Unterredung ersucht und dieser benutzte die Gelegenheit, ihn in einem Tone zu ermahnen, der noch ernster klang als gewöhnlich. Glaubst Du denn nicht, sagte er, daß ich es überdrüssig bin, Dir immer und ewig dasselbe Lied vorzusingen? Es geht nicht länger so, und ich stelle Dir nur die Frage, ob Du die Kraft in Dir fühlst, von heut zu 362 morgen ein andrer Mensch zu werden, oder ob ich Dich auf das Land hinaus unter strengen Gewahrsam stellen soll, oder Dich hier in Arrest bewachen lassen? Und was habe ich denn wieder gethan? fragte Wilhelm mit der Miene der ruhigen Unverschämtheit. O, freilich ist es nichts, sagte der Geheime Rath heftig, daß der junge Herr kürzlich ein Gedicht mit seinem Namen hat drucken lassen, in welchem ganz deutlich der Königsmord als eine glorreiche, heroische That gepriesen wird, daß der herrliche Brutus dann in einer Kneipe mit andern großartigen Freiheitshelden, jungen Ladendienern, verdorbenen Studenten und einigen Handwerksburschen diesen Unsinn bei offenen Fenstern gesungen hat, und daß die ganze Nachbarschaft zusammengelaufen ist, daß die Vorübergehenden stehengeblieben und dummes Gesindel auf der Straße Chorus mitgeschrien hat? Alles das ist Nichts! Wenn ich hier nicht einschreite, was muß Fürst und Regierung von mir denken? Und wenn ich nun als Polizeichef handle? Thun Sie, was Sie müssen und wollen, sagte der junge Mensch ganz ruhig; ich, mein Herr von Ambach, handle nur nach Gewissen und Ueberzeugung. Sie wollen es immer noch nicht glauben, daß Sie mit aller Ihrer veralteten Moral diesen neuen Geist nicht hemmen oder niederschlagen werden. Das kann jetzt keine Macht der Welt mehr. Mitschiffen sollten Sie auf diesem Strome der Zeit, dann könnten Sie nützlich und ein großer und guter Bürger werden. So aber, wie Sie da sind, befördern Sie mit allen Ihren scheinbaren Tugenden das Schlechte und sind Nichts als ein Despotenknecht. Ich mag von diesem Unsinn nichts mehr hören, sagte Ambach. Warum werden Sie zornig, Verehrter? sagte Wilhelm: 363 weil ich das Bessere will, weil ich mein Zeitalter erheben und Irrthümer stürzen möchte? Irrthümer! nahm der Alte das Wort auf; hundertmal habe ich Euch aufgemuntert, Ihr solltet in Dienste treten; aber der junge Herr hat auf der Universität nichts gelernt, als Freiheitslieder zu singen, auf seine Vorgesetzten zu schimpfen und kleine Libelle zu schreiben. Unternimm nur etwas, lerne die Beschäftigung kennen, der Du Dich widmest, untersuche, forsche, decke Fehler und Mißbräuche auf, und ich will Dir mit Freuden helfend entgegenkommen, um sie abzustellen. Denn es ist nicht zu vermeiden, es ist sogar nothwendig und naturgemäß, daß in der complicirten Maschine des Staats Räder ermatten, Stifte ausfallen, die Elasticität nachläßt, und der ist ein Wohlthäter der Gesellschaft, der dies mit Kenntniß nachweiset und die Verbesserung möglich macht. Aber dazu gehört Fleiß und Studium, mit leeren Declamationen ist da nichts gethan, und darum ist auch keiner der jungen Weltverbesserer zur Hand und zu Hause, wenn davon die Rede ist. Als wenn es auf dergleichen Bagatellen ankäme! rief Wilhelm aus. Diese Stubensitzerei, dies sogenannte Studiren, diese bis jetzt geforderten Kenntnisse sind es ja grade, die den Menschen verderben, sein Gehirn verwirren und dem Geist seine Spannkraft nehmen. Unverdorben, frisch aus den Händen der Natur, und also unwissend, wie ihr es nennt, muß der Jüngling allen diesen verdorbenen Verhältnissen gegenübertreten, um so die Mißgeburt, das Ungeheure und Formlose zu erkennen. Giebt er sich dem Aberwitz erst hin und dient ihm, so kann er nichts mehr von ihm erfahren, so wenig, wie Derjenige, der schon in den Klauen des Löwen ist, diesen tödten, oder ihn gar abzeichnen kann. Die Staatsmaschine ist ja eben nichts als eine kolossale Anstalt, um in 364 ihrem Dienst und in Versorgung von ihr die Menschen thöricht; aberwitzig und schlecht zu machen. Genug, rief der Beamte, auf so etwas giebt es keine Antworten mehr! Ich werde also, da Du gar nicht einmal Besserung versprechen magst, auf andere Anstalten denken. Ich kann und will besser werden, antwortete Wilhelm, aber in meinem Sinn. Das heißt, ich will dem Spiel, dem Wein und den Mädchen entsagen, will keine Schulden mehr machen, eingezogen leben, mich mit einem kleinen Einkommen begnügen, wenn Sie mir dazu helfen und mir die Erlaubniß geben wollen, daß ich mich verheirathen kann. Verheirathen? – rief jener mit Erstaunen aus, – und wie kannst Du hoffen, daß bei Deinem Rufe sich ein Mädchen mit Dir einlassen wird? Jetzt, sagte Wilhelm mit erhöhter Stimme, können Sie mir beweisen, daß es Ihnen mit Ihrer Philosophie und Philanthropie ein Ernst ist. Stoßen Sie einmal alle jene rohen Vorurtheile von sich und würdigen Sie den Menschen als solchen. Ein schönes, kluges, höchst tugendhaftes Mädchen, die mich schon seit acht Wochen, daß ich sie kenne, besser gemacht hat, wird von mir auf das zärtlichste geliebt, ich sehe sie für meine Braut und Verlobte an; aber ihre Mutter kann sich freilich keiner sonderlichen bürgerlichen Ehre rühmen, sie wird selbst in der Stadt nur geduldet, man ignorirt sie scheinbar: mit einem Wort, dieses göttliche Geschöpf ist die Tochter der berüchtigten Madame Blanchard, deren Name Ihnen gewiß von Ihren Untergebenen oft genug ist genannt worden. Bei diesen Worten trat der Minister erschrocken einige Schritte zurück, ging dann wieder auf den jungen Mann zu und sagte mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung: Du 365 bist wahnwitzig oder blödsinnig: Du wärest fähig, so jedem Gefühl von Ehre zu entsagen? Ehre! rief Wilhelm aus, tobt eine Leidenschaft in mir, so ist es die des Ehrgeizes; ich möchte alle Menschen überflügeln, ich will bemerkt seyn, Groß und Klein, alle sollen von mir reden und auf mich achten. Aber freilich messe ich die Ehre nach einem andern Maßstabe. Kennen Sie denn diese Charlotte, die mein Herz gewählt hat? Und können Sie sie mir denn versagen? Haben Sie solche Gewalt über mich? Und wenn Sie sie nach den verkehrten Gesetzen unserer schlechten, verdorbenen Gesellschaft hätten, würde ich sie achten? »Natur, du bist meine Göttin!« sage ich mit Edmund im Lear, und verachte Herkommen, Einrichtung, Sitte, diese Krücken für die Lahmen. Ja, jene große, erhabene, unendliche Natur weiß von dem Aberwitz unserer bürgerlichen Einrichtungen nichts, und zu ihr muß der Tüchtige, welcher sich fühlt, zurückkehren. Ich vermuthe, ja ich kann es für gewiß annehmen, daß ich wie jener Edmund ein Bastard bin; aber auch ich kann mit ihm sagen, daß darum die Fülle der Natur und Kraft in mir so überschwenglicher sei als in jenen Geburten der langweiligen Ehe. Das ist es, warum ich kämpfen muß und das Mittelmäßige, Schwache, Ungesunde verachten. Der Geheime Rath faßte die Hand des jungen Mannes und führte ihn vor den Pfeilerspiegel. Sieh' selbst, sagte er, ob diese Schilderung auf Dich paßt, oder ob Du jenem Edmund, wie ihn der Dichter schildert, wohl ähnlich siehst. Wilhelm drehte sich unwillig vom Spiegel und sagte: Sie geben mir also Ihre Einwilligung nicht? Nein, ganz gewiß nicht. Wollen Sie mir eine Frage aufrichtig beantworten? Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort darauf geben? 366 Ja, wenn ich es kann. Bin ich ein natürlicher Sohn von Ihnen? Nein, sagte der Geheime Rath, so schwer hat mich der Himmel nicht bestraft: mein Lebenslaus war mäßig und nüchtern, ich bestrebte mich von Jugend auf. ein solcher Mann zu werden, wie Du ihn verachtest. Und doch bin ich Dir, armer Verlorner, Liebe schuldig und darf mich Dir nicht ganz entziehn. Sie sagten mir einmal in einer guten Stunde, daß mir ein Capital gehöre, welches Sie mir ausliefern würden, so wie ich solide geworden sei und irgend eine Bestimmung ergreifen könne. Ja. Aber Sie werden es mir verweigern, wenn ich diese Summe jetzt in Anspruch nehme? Gewiß. Und wer giebt Ihnen dazu das Recht? Das werde und will ich Dir heut und in den jetzigen Umständen nicht sagen. Wilhelm ging gedankenvoll im Zimmer auf und ab, und der Rath Ambach setzte sich an seinen Arbeitstisch. Sollte nun hier, rief Wilhelm plötzlich und mit Heftigkeit aus, nicht das Naturrecht eintreten dürfen, auf welches sich auch Karl Moor immerdar beruft? Gäbe es denn kein Mittel, Sie zu zwingen, daß Sie, auch gegen Ihren Willen, Das thun müßten, was Sie mir jetzt gegen Recht und Vernunft verweigern? Aus wessen Vollmacht handeln Sie? Ambach sah verdrüßlich aus und sagte: Der mir diese Summe übergab, übertrug mir auch ein unbedingtes Vaterrecht auf Dich. Deine unglückliche Mutter glaubte, Du seist in den ersten Tagen gestorben, und man ließ ihr diesen Wahn, um ihr Elend nicht zu vergrößern. 367 Sie üben Vaterrechte an mir? fragte Wilhelm höhnisch, und verweigern mir Das, was nach meiner reifen Ueberlegung mein Glück ausmachen würde, denn ich bin kein Kind mehr! – Und gäbe es nicht Mittel und Wege, mich dieser lästigen Curatel zu entziehn? O ja, die Wege des Banditen. Hast Du doch auch schon alle meine väterliche Fürsorge unnütz gemacht. Meine Liebe hat auf Dich nichts wirken, meine Ermahnung nichts fruchten können. Leider hat sich nur zu sehr die Art und Weise Deines Vaters in Dir entwickelt. Sie haben ihn also gekannt? Ja. –. Wilhelm stand nachdenkend. So geben Sie mir wenigstens Kunde von diesem. Nein! Ich verstehe. – Er schritt auf und ab. – Ich bin einmal im Vertrauen, in der Hingebung gegen Sie zu weit gegangen. Sei's. So will ich denn auch ganz mein Gefühl und meine Vermuthung aussprechen. Ein großer Mann, habe er Namen, wie er wolle, hat mich in die Welt gesetzt. Es mag ein Fürst gewesen seyn. Unter den frühern Vorfahren stand Der auf, der sich gegen Kaiser und Reich auflehnte und sich unabhängig machte. In wie vielen dieser gekrönten Schädel wogten und reiften große und ungeheure Projekte. Alles das rührt sich in mir und treibt in dieser späten Zeit die Wellen meines heißen Blutes um. Sie lächeln? Ich möchte weinen, erwiederte der Rath, über diesen Aberwitz. – Er stand wieder auf und ging zu ihm: Junger Mensch, sagte er ernst und feierlich, Deinen Vater habe ich in Altona angeschmiedet karren sehn, er starb in diesem Zustand, wegen falscher Wechsel zu dieser Infamie verdammt. – Jene Summe, die Dir künftig gehört, ist ein Geschenk des 368 Erbarmens. Ist nun Stolz in Dir, so entwickle aus Dir selbst etwas Tüchtiges und Rechtliches, daß man Deinen Eltern nicht nachzufragen braucht. Es ist entsetzlich! rief Wilhelm aus, faßte die Hand des väterlichen Freundes, küßte sie mit Heftigkeit und ließ eine Thräne darauf fallen. Dann stürzte er fort, ohne noch ein Wort zu sagen. Der Geheime Rath war erstaunt, weil er den jungen Mann noch niemals so gesehen hatte; es war das erstemal, daß dieser ihm die Hand küßte, und er fragte sich nur, ob er vielleicht in seiner zurückstoßenden Kälte, und daß er das harte Wort über den Vater ausgesprochen hatte, nicht zu weit gegangen sei. Der Minister wurde von diesen Betrachtungen bald abgezogen, denn die Nachrichten häuften sich nicht nur, sondern wurden immer bestimmter, daß Unzufriedene, Böswillige, Aufhetzer und allerlei Menschen, deren Namen noch nicht bekannt waren, die Absicht hätten, in diesen Tagen einen Auflauf zu erregen, um unter dem Feldgeschrei der Freiheit tausend Schlechtigkeiten zu begehen. Ambach wußte es, wie verhaßt er Vielen wegen seiner Strenge sei; es war ihm auch nicht unbekannt, daß sein Pflegesohn mit vielen dieser Unruhstifter schon seit lange verbrüdert war. Er dachte nach, was er thun könne, um den jungen Unbesonnenen vor Unglück zu bewahren, da er sich aber erinnerte, mit welchem Hohnlachen der Thor alle früheren Warnungen von sich gewiesen hatte, so schien es ihm nöthig, einen gewaltsamen Entschluß zu fassen. Er wollte also durch einen Vertrauten den Jüngling aufheben, nach seinem Schlosse transportiren und dort streng bewachen lassen, bis dieses immer näher rückende Ungewitter vorübergezogen sei. Er erschrak, als er 369 die Nachricht erhielt, der junge Mensch sei in seinem Zimmer nicht zu finden. In einem kleinen Briefe kündigte er dem Pflegevater an, er finde es gerathener, sich für jetzt auf einige Zeit zu entfernen, er könne nicht sagen, auf wie lange. Er hoffe aber, den Minister irgend einmal wiederzusehen. In der Stadt herrschte eine schwüle und dumpfe Gährung. Diejenigen, welche nicht in die geheimen Pläne eingeweiht waren, fühlten dennoch, daß etwas im Werk sei, und die Rädelsführer vertrauten sich Keinem, um zu sehen, wie viel Glück und Zufall für sie thun möchten. Viele vom Gesindel waren mit Wilhelm Eichler bekannt und vertraut, aber, so viel sie auch mit ihm schwatzten, hatten sie ihn doch nicht ganz in ihre Brüderschaft einweihen wollen, weil sein leidenschaftlicher Leichtsinn sie abschreckte, noch mehr aber, daß der oberste Chef der Polizei sein Pflegevater war, in dessen Hause er selbst wohnte und von dem er ganz abhängig schien. Sie fürchteten daher, daß ein so schwankender Charakter sich auch wohl zum Spion gebrauchen lasse, und daß am Ende alle seine patriotischen und wild begeisterten Reden nur Maskerade und Aushängeschild seien, um sie in den Netzen des Verraths zu fangen. Die lockeren Gesellen der Stadt waren auch in Aufregung. Daß der Wohnsitz der eleganten Ausschweifung, das aufgeschmückte Haus der Witwe Blanchard sich so plötzlich in eine Art von Kloster verwandelt hatte, war den meisten ein unbegreifliches Aergerniß. Auf den Kaffeehäusern und Promenaden war des Geschwätzes darüber kein Ende. Einige der lockern Dirnen, die so schnell ihr Asyl hatten verlassen müssen, erzählten von Mißhandlungen, die sie von der Blanchard hätten erdulden müssen, von zurückgehaltenen Geldern, selbst Plünderungen; und da die Witwe, weil 370 man sie für reich hielt, von den Bürgersleuten und dem gemeinen Mann gehaßt wurde, so glaubte man eine jede Lüge. Unter diesen Stimmungen verflossen einige Tage. Mit der Frühe, als noch Alles still war, fuhr die Witwe auf ein Dorf, das einige Meilen entfernt war, um für die Tochter eine Zerstreuung dort zu finden, welche diese Gegend und den nahe liegenden Wald mit Vorliebe besuchte, so oft sich die Gelegenheit bot. Die Mutter stieg mit der tiefbetrübten Charlotte aus dem Wagen, den der alte mürrische Kutscher in der Schenke des Dorfes unterstellte. Charlotte begab sich sogleich nach dem Walde und verfolgte den Fußsteig, um sich recht bald im grünen Dickicht und in der Einsamkeit zu verlieren. Die Mutter sah mit Bekümmerniß das Wesen der Tochter, das sich seit Kurzem so verändert hatte, daß sie eine auszehrende Krankheit befürchten mußte. Als sie die stillste Einsamkeit aufgesucht hatten und jeder Straße und jedem Fußpfade fern waren, lagerten sie sich auf einen begraseten Hügel, um dem Geräusch der Bäume, dem Säuseln der Birken und Buchen und dem Murmeln eines nahen Baches zuzuhören. In solcher Gegend, mein Kind, fing die Mutter an, wollen wir künftig wohnen und in ihr unser Leben beschließen. Ach! das hätten wir schon seit einem Jahre und länger thun können, jene unglückliche Stadt zu verlassen. Werde nur wieder gesund, sieh' heiter; glaube mir, die ich Erfahrung genug habe, der Mensch kann Vieles verwinden, und so wirst Du auch Deinen kleinen Gärtnerburschen vergessen. Das Schicksal führt Dir wohl dann dort, in schöner, freier Natur, einen andern Jüngling, einen Gatten zu, mit dem Du glücklich bist. Es ist mir ja nicht, sagte die Tochter mit schmerzlichem Ton, um eine Heirath zu thun: ich dachte bei Joseph nicht 371 daran; sondern daß gerade dieser mich liebte und achtete, daß ich ihn sah, mit ihm sprach und meine Seele durch ihn geistiger und wahrer wurde. Dieser schöne Fest- und Sommertag war für beide Frauen erquickend, und die Mutter ging noch tiefer in den Wald, um die Tochter sich ganz selbst zu überlassen, da sie wußte, wie sehr diese es liebte, in freier Natur sich schwärmend in ihre Träumereien zu versenken. Charlotte war in jener süßbittern Wehmuth jetzt glücklich zu nennen, denn alle ihre Gefühle versenkten sich resignirt und doch wollüstig klagend in jenes dunkle, ewige Meer, aus welchem alle menschliche Thränen fließen. Dies schien ihr vor ihrem nahen Tode die liebste, die eigenste Heimath ihrer Seele. Vor diesen rauschenden Bäumen fühlte sie sich nicht, wie vor Menschenangesichtern, gedemüthigt, diese grünen Laubwände schienen ihr edler und göttlicher als jene lauernden Augen und falsch lächelnden Lippen, die in der Frage Vorwurf und im Blick Verdammung aussprachen. Ein stärkeres Geräusch, Fußtritte, und als sie aufblickte, stand Wilhelm vor ihr. Er war noch blasser als gewöhnlich, sein Blick war irr, die Lippen bebten, und als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, seine Geliebte hier in der einsamen Wildniß so unverhofft zu finden, setzte er sich auf den Rasen zu ihr und Beide zwangen sich, von gewöhnlichen Gegenständen zu reden. Charlotte war tief betrübt, ja verletzt, daß diese einsamen Stunden, auf welche sie sich schon seit mehren Tagen gefreut hatte, ihr nun im Genuß so sehr verkümmert wurden, daß der Mann sie störte, dem sie am liebsten aus dem Wege gegangen wäre: und doch war ihr der Anblick des bleichen Jünglings, seine sichtbare Zerstörung so rührend, daß sie gern Vieles zu seinem Troste gesprochen hätte. Nur fühlte sie in diesen Augenblicken mit 372 der schmerzhaftesten Deutlichkeit, was gute Menschen so oft innigst betrübt, wie dichte Vorhänge sein Inneres verschatteten, sodaß der Blick ihres wohlwollenden Herzens nicht in die Finsterniß seines Gemüthes hineinleuchten könne. Er erzählte ihr von dem Zorne seines Pflegevaters und wie er sich freiwillig aus seinem Angesicht verbannt habe, wie er jetzt Willens sei, fremde Länder zu sehen, und er nur noch nicht wisse, wo er die dazu nöthigen Summen hernehmen solle; daß die Geliebte ihn aber auf diesen seinen Wanderungen und Irrfahrten begleiten müsse, wenn er nicht als ein Wahnsinniger verzweifeln solle. Ist es denn am Ende, beschloß er seine zürnenden Klagen, so gar etwas Besonderes, wenn Menschen von Kraft und Stolz sich vornehmen, in solchem grünen Walde in der Einsamkeit zu wohnen? Wahrlich, jene Eremiten, die sonst nichts Ungewöhnliches waren, und unsere heutigen Raubgesellen sind vielleicht nicht so gar sehr von einander verschieden, wie es beim ersten Anblick scheinen könnte. Beide trieb der Haß gegen die Menschen in die öden Schatten; jener sucht in Fasten und Gebet seine Qual zu lindern und seinen Menschenhaß zu überwinden, die andern Einsiedler nehmen ihre Rache an dem Geschlecht, von dem sie so grimmig verletzt worden sind. Der alte Ambach hat neulich meinen Stolz so gebrochen, daß ich mich noch nicht in meinem Innern wiederzufinden weiß. Ich glaube nun zwar, daß er mir hat Mährchen aufheften wollen, um mich zu erschrecken, aber es werden noch Tage hingehen, bevor ich mich wieder ganz erholen kann. O, Charlotte, wenn wir hier residirten, hier in diesem grünen, laubreichen Saal, Sie meine Waldkönigin Mariana, ich der edle Räuberhauptmann Robin Hood, und wir hier nun mit Liedern, Gesang und Tanz die Ankunft des Mais feierten, um uns her brave Kameraden versammelt, die mich und noch mehr 373 die Königin der schönen Wildniß verehrten: nun käme der reiche, vornehme Pflegevater mit seinen Lakaien und Polizeibeamten dahergefahren, und wir führten mit dem Gefolge ein Kriegesspiel auf und bemächtigten uns ihres Gutes, ängstigten den alten Herrn eine Zeitlang, um ihn dann mit ausbündiger Großmuth wieder freizulassen, – wäre denn das nicht etwas Herrliches? Könnte man sich auf diese Art die Zeit nicht recht hübsch vertreiben? So war doch das Gespräch wider Willen in die Farbe des Waldes hineingespielt und durch Charlottens Antworten wurde der Ton heitrer und poetischer: man sprach von Mährchen und arbeitete mit der bewegten Phantasie die alte Waldlegende von Robin Hood und seiner Mariana weiter aus, so sehr auch Charlotte protestirte, unter diesem Bilde zu erscheinen, oder sich mit jener flüchtigen Gräfin vergleichen zu lassen. In diesen fast ganz heitern Gesprächen fand sie die Mutter, die jetzt von ihrer Wanderung zurückkam. Da der Mittag nahte, kehrte man zu der Schenke des Dorfes zurück. Ein einfaches, reinliches Mahl erquickte sie, und die Gespräche, Erzählungen und Scherze führten die zerstörten Menschen bis auf einen gewissen Grad von Fröhlichkeit. So oft der junge Mann auf seine Liebe zu reden kam, suchte Charlotte das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, und die kluge Mutter wußte jedesmal an irgend eine Geschichte zu erinnern, sodaß die leidenschaftlichen Aeußerungen des jungen Mannes zurückgehalten wurden. Es ward ihnen schwer, sich von der freien Natur, die auf Alle, ohne daß sie es wußten, so gut eingewirkt hatte, loszureißen. Endlich erinnerte der alte mürrische Kutscher, daß es Zeit sei, zur Stadt zurückzukehren, die man doch erst nach eingetretener Finsterniß erreichen würde. Himmel! rief plötzlich Wilhelm aus, heut ist ja der Tag, an welchem 374 wahrscheinlich ein Tumult ausbrechen wird. Ich muß euch begleiten, ihr Lieben, man kann nicht wissen, wie ich euch nützlich seyn möchte. – Ja, ja, sagte der Fuhrmann, es ist Vielerlei gemunkelt worden, man kann nicht wissen, was das böse Volk heut ausrichtet. – Und woher, Petermann, wißt Ihr denn Etwas? – Ei, man geht ja mit so vielerlei Leuten um, daß uns wohl auch Etwas davon zu Ohren kommt. Die Frauen stiegen mit beklommenen Herzen in den Wagen, und nach einiger Zeit sagte Wilhelm: Sind mir doch seit einigen Tagen meine ehemaligen Spießgesellen ganz aus dem Sinn gekommen. Diese vertrauten mir in voriger Woche so Manches, gaben Winke, warben eine Partei und hatten selbst von der Polizei Einige in ihrem Solde, welche ihnen das verriethen, was man im Schilde gegen sie führen könne. Charlotte zeigte sich sehr ängstlich und erschrak noch mehr, als Wilhelm, um sie zu beruhigen, ihr zwei geladene Pistolen zeigte, die er mit sich führe. Als sie sich der Stadt näherten, hörten sie schon im Thore davon sprechen, daß in einer der belebtesten Straßen ein großer Auflauf sei. Der Kutscher fuhr rascher, um früher das Haus der Witwe zu erreichen. Man sah Fackeln leuchten und hörte aus der Ferne die Marseiller Hymne singen. Die Mutter rieth, einen kleinen Umweg zu nehmen, um von einer andern Seite und unerkannt ihre Wohnung zu erreichen, denn sie fürchtete nicht mit Unrecht, daß das aufgeregte Volk sich gegen sie, sobald man sie erkannt habe, Excesse erlauben werde. Sie hatte sich aber dennoch verrechnet und es zeigte sich bald, daß diese Vorsicht vergeblich war. Mit der Finsterniß hatten sich einige junge Leute vor dem Hause der Witwe gemeldet. Sie waren verwundert und verstimmt, als sie vom 375 Diener abgewiesen wurden, und wollten sich nicht überzeugen lassen, daß das Haus wirklich von allen Schönheiten verlassen sei. Einer der jungen Männer, der etwas zuviel getrunken hatte, stieß den schwachen Bedienten zurück, drängte sich ein und blieb im Zimmer sitzen, in welchem er bald nachher einschlief. Diese kleine Begebenheit hatte einigen Lärm verursacht, und eine Abtheilung jener Volkshaufen, die in den andern Straßen sangen und schrien, rottirte sich vor das Haus der Frau Blanchard, und alle fragten und lärmten, bis plötzlich der Skandal auf den höchsten Gipfel stieg, indem eine Bande Musikanten ein tolles Charivari mit vielen sich kreuzenden Melodien aufspielte und Buben und Hunde dazwischen heulten. Es war der junge, ausgelassene Graf Mindelberg, der mit einigen seiner Freunde, die ihn in Verkleidung begleiteten, sammt den Musikanten, diesen tollen Lärm erregte, weil er sich so an Charlotten und ihrer Mutter rächen wollte. Es war dem jungen, verwilderten Mann, der sich für unüberwindlich hielt, zu empfindlich gewesen, daß ihn Charlotte, die Tochter einer Ehrlosen, mit so vielem Stolz behandelt und seine Freigeisterei und übermüthige Werbung so kalt abgewiesen hatte. Jetzt strömten noch mehr Menschen herbei, auch Polizeibeamte zeigten sich, die aber, da es nur bei wildem Geschrei, Fluchen und Lachen blieb, sich ruhig verhielten, vorzüglich seit man einen ältern Mann, der moralisch vermahnen wollte, mit überlautem, verhöhnendem Gelächter stumm gemacht hatte. Von der andern Seite fuhr der Wagen indessen weiter, von dem mürrischen Petermann gelenkt, der oft schimpfte und fluchte, wenn hier und dort eine Gruppe von Schwatzenden ihn hemmte, oder er laut schreien mußte, daß man ihm und seinen brausenden Pferden nur aus dem Wege gehe. So, klatschend, rufend, anhaltend, schnell fahrend, gelangte 376 er in die Gasse, in welcher er selber wohnte. Vor seiner Thür stand seine alte treue Haushälterin. Sind der Herr Petermann schon da? rief sie laut kreischend. Sie stellte sich vor die Pferde. Was soll das? schrie er von seinem Bock herunter; laß los, alter Drache. Indem war ein Hund aus dem Flur des Hauses winselnd gekrochen, der zum Wagen hinausstrebte, als er die wohlbekannte Stimme seines Herrn vernahm; doch in demselben Augenblick peitschte dieser auf die Pferde, der Wagen rückte schnell an, und man hörte ein Geheul und ein Zetergeschrei der alten Weibsperson. Himmel und Erde! schrie Petermann, indem er die Pferde anhielt, – was ist das? – Was wird es seyn? heulte die Alte, Ihr selbst, Herr Petermann, habt Euern eignen Hund übergefahren: das treue, alte, liebe Thier, das schon so viele, viele Jahre gesehen hat, halb blind und halb taub nichts mehr im Leibe hatte, als die Liebe zu Euch alten, grausamen, nichtsnutzigen Menschen! Man hörte noch immer das Geheul eines sterbenden Hundes und Petermann sprang vom Bock, indem er schrie. Was? Wie? Meinen Munsche hätte ich überfahren, den alten, uralten Sackermenter! O, Himmel und Hölle, habe ich noch der Mörder meines allerbesten Freundes werden müssen! Nein, das überlebe ich nicht! Dieser Hund war ja der einzige wahre Mensch, den ich jemals habe kennen lernen. Er nahm den Leichnam auf, und trug das dicke, aufgeschwollene Thier, das jetzt eben verschieden war, selbst in sein Haus. – Die Frau im Wagen weinte laut. Was ist Dir, Mutter? fragte Charlotte. – O Himmel, erwiederte jene, wir hätten draußen im Walde bleiben sollen, denn ich sehe, das Schicksal verfolgt uns. Verzeihung, sagte der graue Kutscher, daß ich so lange 377 verweilt habe. Jetzt wollen wir auch um so schneller vor das Haus fahren. Wie könnt Ihr uns nur so aufhalten, Mann, sagte Charlotte, in dieser dringenden Lage, um eines elenden Hundes willen? Elenden Hundes! rief der Fuhrmann: tausend Donnerwetter! Derselbe Hund, der nun endlich crepirt ist, war mein Siegwart, Werther, oder wie sie alle heißen mögen, die Helden, über welche die empfindsamen Mamsellen Thränen vergießen! Elender Hund! Sind wir denn Alle etwa was Besseres? Gewiß um Vieles schlechter! Zu, ihr Racker, ihr Rosse, die ihr auch nichts werth seid! Ich soll ja schnell fahren! Jezebel! Jezebel! schrie der Pöbel; die geschminkte und die blasse, – laßt sie uns zerreißen! – Fahr' doch zu, ins Teufelsnamen! rief Wilhelm aus dem Wagen heraus, und der Fuhrmann, zornig wegen seines Hundes, trieb so plötzlich die raschen Pferde an, daß sie durch den dicken Menschenhaufen rannten und Geschrei, Heulen, Fluchen und Schimpfen noch lauter ertönten. Ein Kind war überfahren worden. Der Wagen mußte anhalten, man riß den Kutscher herunter, das Volk mißhandelte ihn und die Polizei befreite ihn nur mit Mühe aus den Händen der empörten Menge. Einige Besserdenkende drängten nun die Masse des Pöbels zurück, und da man sich ganz nahe am Hause befand, so suchten die Drei aus dem Wagen zu steigen und die sichere Schwelle zu erreichen. Der junge Graf Mindelberg hatte jetzt die Fahrenden erkannt und ließ von neuem und noch lauter das Charivari seiner Musikbande ertönen. Wilhelm sprang voran und klingelte heftig, der Bediente kam, aber der Graf schrie: Lottchen! Lottchen! hiergeblieben! und strebte, das junge Mädchen von der Mutter wegzureißen, die sie fest 378 umschlossen hielt. Die beiden Frauen zitterten. Schon war es dem Grafen und seinen Helfershelfern gelungen, Charlotten zu ergreifen, als ein junger Mensch sie schnell und stark in seinen Armen aufhob und mit ihr der Thür des Hauses zueilte. In demselben Augenblick fiel vom Hause her ein Schuß und der Graf stürzte nieder. Ein allgemeines Geschrei, stürzende Flucht, das Haus war frei und der junge Bursche trug die halb Ohnmächtige hinein. Die Mutter folgte fast ohne Bewußtsein. Im Hause selbst fand man nur den jungen Menschen, der sich ernüchtert hatte und jetzt mit den Uebrigen das Haus verrammeln und die Fensterladen schließen half, denn es war vorauszusehn, daß der Sturm sich in wenigen Augenblicken, und zwar gewaltsamer, als zuvor, erneuern würde. Auch sammelten sich die erschreckten Haufen bald wieder, und Alles, was sich in der übrigen Stadt bis jetzt umgetrieben hatte, drängte sich nun in diese Gasse zusammen. Ein ungeheures Geschrei erhob sich, Steine wurden gegen Thür und Fenster geschleudert, Mordbrenner, Mörder schalt man die Bewohner, und Alles vereinigte sich, das Haus zu bestürmen und die Thüren zu erbrechen. In großer Schnelligkeit wurden Balken und Hebebäume herbeigeschleppt, einige der Verwegensten hatten vom benachbarten Hause das Dach der Wohnung erstiegen, und warfen nun Ziegel und Latten hinab, um von dort in die innern Gemächer zu dringen. Von außen vermehrte sich das Getümmel, und da man einmal das Beispiel gegeben hatte, so wurden auch Pistolenschüsse auf das Haus gefeuert. Der schwer verwundete Graf war fortgebracht worden, und die Musikanten, da sie ihren Beschützer entbehrten, hatten sich auch still zurückgezogen. Die Hausthür krachte, fiel und war aufgebrochen. Jetzt 379 stürmte der Schwarm hinein; Alles fluchte, schrie, lärmte; die innern Thüren sollten auch gesprengt werden; Wilhelm hatte seine Pistolen von neuem geladen; die Weiber saßen trostlos und ohne sich zu regen im Winkel des Saales; der Diener und der Fremde gingen händeringend und in Unentschlossenheit gelähmt auf und ab; nur der junge Bursche, der Charlotten gerettet hatte, schien, mit einem großen Stock bewaffnet, den Einbruch mit einer gewissen Ruhe zu erwarten; und jetzt wäre es gewiß um das Leben der Bewohner geschehen gewesen, wenn sich nicht in diesem Augenblick Militair, Polizei, und ein angesehener Mann an ihrer Spitze, gezeigt, und bittend, drohend, versprechend mit Ernst und Höflichkeit sich Platz gemacht hätten. Sie entfernten den anstürmenden Haufen vorerst aus dem Hause; man gab das feste Versprechen, daß die Schuldigen gewiß gestraft werden sollten, und forderte, daß man der Obrigkeit für jetzt unbedingt gehorchen solle. Der Anblick der Soldaten, ihre ernste Haltung, die Höflichkeit der Anführer wirkten so wohlthätig auf den gemeinen Mann, daß für einen Augenblick Ruhe und Stille eintrat. Man verlangte, als die Thüren geöffnet waren, daß Alle, die sich im Saal befanden, der Polizei als Verhaftete folgen sollten, um nachher im Verhör sich von den Anklagen zu reinigen, oder ihre Schuld einzugestehen. Die Polizei war verwundert, den Pflegesohn ihres obersten Chefs hier anzutreffen, doch hatte es die Folge, daß Alle gegen die Frauenzimmer noch höflicher waren. Als man sie nun wieder auf die Straße hinausführte, erhob sich von neuem ein ungeheurer Lärm. Alles schrie rasend durcheinander, daß man diese frechen Buhlerinnen, die Räuber und Mörder in ihrem Solde hätten, in Stücke reißen müsse. Die Soldaten hatten genug zu thun, die 380 wüthende Volksmasse von den Gefangenen zurückzuhalten; es war nothwendig, daß die ganze Abtheilung sie nach dem großen Polizeigebäude begleitete. Hier erhielten sie vorerst einige fest verwahrte Zimmer zu ihrem Aufenthalt, und der Geheime Rath, der immerdar von Anforderungen bestürmt wurde, war nicht im Stande, sie jetzt, auch seinen Pflegesohn nicht, zu sprechen. Das Volk war aber nun nicht länger zu bändigen. Wegen eines übel berüchtigten Hauses schien es den Behörden nicht gerathen, die allerstrengsten Maßregeln anzuwenden; so wurde denn unter Gesang und Jubel Alles verwüstet, Bilder, Mobilien, Betten wurden hinausgeschleppt und draußen verbrannt, und so hatte sich die angedrohte Revolution auf die Zerstörung dieses Hauses beschränkt, welches nun auch in Flammen aufging. Die Löschanstalten, welche schnell herbeigeschafft wurden, arbeiteten vorzüglich dahin, daß die angrenzenden Wohnungen nicht vom Feuer ergriffen werden möchten. Nach diesem nichtsnutzigen Auflauf, von Uebermüthigen erregt, die die Stimmung des Volkes dann mißbrauchten, schien es einigen Großen gleichsam ein Glück, daß der böse Wille sich in dieser Kleinigkeit zufrieden gestellt habe, daß die Bosheit hier ihre Lust gebüßt und das ganze elende Complott zerschellt sei, ohne daß große Anstrengungen angewendet, oder viele Opfer gefallen seien. Man sorgte nur dafür, die Masse einzuschüchtern, und so ward vorläufig beschlossen, daß Graf Mindelberg, Wilhelm Eichler, der alte Fuhrmann, und die Witwe nebst ihrer Tochter, so viel es sich irgend mit der Gerechtigkeit vertrüge, zum abschreckenden Beispiel dienen müßten. Die Besseren, unter welchen Ambach obenan stand, konnten diese vorläufigen Beschlüsse nicht billigen. Er war 381 unwillig über die Maßregeln gewesen, daß man dem armseligen Complott zugesehen, es gekannt und doch nicht unterdrückt habe, um nach einer Explosion, die man dann doch nicht ganz in seiner Gewalt haben konnte, mit schreckender Strenge hervorzutreten. Er hatte dreist gesprochen, daß diese Halbheit, die völlig unmoralisch sei, die Regierung nur herabsetze, und daß sie selbst, so handelnd, an dem Verbrechen der Bösewichter Theil nehme und Vieles von der Schuld auf sich selber lade. Er war aber von den Politikern überstimmt worden und mußte dieser Klugheit das Feld räumen. So hatte er nun, wie er vorhersah, dieser Politik des Tages gegenüber einen schweren Stand. Er sollte fast nicht untersuchen, sondern mehr ein schon gefälltes Urtheil bestätigen, damit doch gestraft würde, und doch war es möglich, daß sich zur Entschuldigung, ja Rechtfertigung der Gefangenen, Manches aufbringen ließe. Auch diesen berüchtigten, von der allgemeinen Meinung verdammten Weibern gegenüber wollte er die Kraft des Gesetzes aufrecht erhalten, und er war sehr unzufrieden damit, daß man die Rädelsführer hatte entfliehen lassen, die nun wahrscheinlich im Nachbarstaate auf ähnliche Weise handthieren würden. Am schuldigsten schien ihm sein Pflegesohn, von dem er durch aufgefangene Papiere außerdem wußte, daß er mit vielem schlechten Volke schon seit lange in Verkehr stand. Der Graf, obgleich er der erste Veranlasser des Unfugs war, war schwer verwundet, man durfte an seinem Aufkommen zweifeln. Diese Gewaltthat des jungen Mannes, seinen Gegner im dicken Haufen niederzuschießen, wenn er dadurch auch vielleicht Leben und Gesundheit des jungen Mädchens rettete, war auf keine Weise zu entschuldigen. Und dennoch that es dem Minister leid, wenn er den Jüngling, dessen Wohlfahrt ihm war anvertraut worden, jetzt dadurch 382 vernichten sollte. In diesen Zweifeln und schmerzlichen Gefühlen nahm er sich vor, die Gefangenen vorerst selbst im Vertrauen zu verhören, und so, bevor das Gericht eintrat, irgend mildernde Umstände zu entdecken, vielleicht auch, auf einem menschlichern Wege, die Wahrheit schneller zu finden, als mit den hergebrachten Formen, die sehr oft viel einfachere Begebenheiten verwickeln und Schuld und Unschuld verwirren. Der trunkene junge Mann, der nur ungezogen sich in das Haus gedrängt hatte, wurde gleich entlassen, weil er weder beim Auflauf gewesen war, noch sich sonst etwas hatte zu Schulden kommen lassen. Der junge Mensch, welcher Charlotten aus dem Haufen gerettet hatte, und der Niemand anders als Joseph war, durfte auch zu seinem Herrn und seinem Garten zurückkehren, doch mußte der Gärtner sich für ihn verbürgen, daß er sich wieder stellen würde, wenn er noch irgend bei der Untersuchung nöthig seyn sollte. Der folgende Tag war ruhig, und Alle in der Stadt sprachen von dem Vorfälle wie von einem Traum, der sie beängstiget habe. Man billigte es, daß Wachposten und Patrouillen verstärkt wurden, daß man Fremde, die ohne Gewerbe und Paß waren, aus der Stadt verwies, daß alle Polizeianstalten, Nachfragen und Untersuchungen strenger wurden, und Viele, die sich von den Unruhstiftern hatten anwerben lassen, da sie sahen, wie wenig Hoffnung des Erfolgs war, waren jetzt grade diejenigen, die als ächte Patrioten und gute Bürger alle diese Anstalten am lautesten lobten. Der Geheime Rath, welcher jetzt den scheinbar bedrohenden Aufruhr ganz in ein Nichts verschwinden sah, war nun fest entschlossen, es dahin zu bringen, daß keinem seiner 383 Gefangenen zu viel geschehe. Daß er seinen ausgearteten Wilhelm nicht retten könne, sah er ein, auch durfte schwerlich die Witwe, die er schon immer aus der Stadt hatte schaffen wollen, einer Demüthigung entgehn. Er ließ die Arrestanten, die man auf seinen Befehl milder behandelt hatte, in sein Haus führen. Als man den alten Kutscher in sein Zimmer brachte, verwunderte er sich über die Rüstigkeit und den Anstand des alten Mannes. Als er ihm sein Vergehen vorhielt, sagte dieser: Excellenz, der Mensch hat sich nicht immer in seiner Gewalt. Wie ich so meinen allerbesten, ältesten, treuesten Freund zu meinen Füßen sterben sah und winseln und klagen hörte, und der junge Herr noch zu schimpfen anfing, und ringsherum das Gebrüll von den ungezogenen Menschen, da wurde ich innerlich so zornig, wie verzweifelt, daß ich nicht mehr Acht gab; und wie konnte ich es auch bei dem Getümmel? So rückte ich denn an und der Junge litt den Schaden, doch aber auch nicht gefährlich, wie ich mir habe sagen lassen. Und jener Freund? fragte der Rath. Es war eigentlich, erwiederte Jener, ein ganz ordinairer Hund, mein gnädiger Herr: er war Munsche geheißen, und jetzt schon über zwanzig Jahre alt. Er war so krüppelig, dick, unbeholfen, fast blind. Er kümmerte sich gar nicht mehr um die übrige Welt, und nur wenn er meine Stimme hörte, war er alert und glücklich. So hörte er denn unsere Pferde, ob er gleich halb taub war, ihren Tritt und Schritt kennt er, die Weibsen lassen ihn aus der Thür, was ich so schwer verboten hatte, aber bei dem Getümmel hatten sie auch den Kopf verloren; so krüppelte denn der kleine Dicke heraus und gerieth unter die Räder, und mußte elendiglich crepiren. – Verzeihen Sie, gnädiger Herr, daß ich noch jetzt über das 384 treue, liebe Vieh meine Thränen nicht zurückhalten kann, obgleich ich sonst nicht so sehr weichherzig bin. Setzt Euch, Freund, sagte der Rath, der sich für den Alten zu interessiren anfing: wie ist Euer Name? Ich habe schon manchen Namen gehabt, sagte der Fuhrmann; seit ich wieder Kutscher bin, heiße ich Petermann, von Natur und Hause heiße ich aber eigentlich Martin Sendling. Ambach wurde aufmerksam, denn dieser Name war ihm wohl aus älteren Zeiten im Gedächtniß geblieben. Als ich damals das Fuhrwesen trieb, fuhr der Alte fort, erhielt ich mein Hündchen Munsche von einem vornehmen russischen Herrn zum Geschenk. Nachher – o, es war sehr sonderbar – wollte mich ein sehr schönes und eben so reiches Frauenzimmer heirathen, sie machten einen Narren aus mir, und, wie ich fertig war, wollte mich die Madam wieder nicht. So lief ich mit meinem kleinen Munsche wie toll in die weite Welt: unter den Franzosen machte ich den Krieg gegen Rußland mit und erlebte als Soldat alles Elend dort. Damals rettete mir mein Munsche das Leben, denn ich wurde sonst von dem vormaligen Herrn des Hündchens niedergehauen. An dem Thier erkannten wir uns wieder und liebten uns. Den Feldzug habt Ihr mitgemacht? fragte der Rath. Ja, und kam als Capitain zurück; damals hieß ich Geoffroy. Toll geht es her. Ohne daß ich sie kenne, entführte ich meine vormalige Verlobte, die mit ihrem ältlichen Eheherrn sich sehr unglücklich fühlte. An dem Hund erkannten wir uns auch wieder. Aber die arme, jetzt ganz verdrehte Person war mit mir noch weit unglücklicher, als vorher, ich lief mit meinem Hunde von ihr, zu meinem Corps. Blessirt, gefangen, war ich ein elender Mensch, und da sie 385 merkten, daß ich ein Deutscher sei, von meinen Landsleuten noch obenein verachtet. Da war mein Hündchen wieder mein einziger Trost, er, Munsche, blieb mir immer getreu. Ach! ich habe seitdem vielerlei Elend ausgestanden. Zu den Franzosen, wo Alles verändert war, mocht' ich nicht wieder, mein ganzes Leben war ein verfehltes, verpfuschtes, und da ich nichts Anderes beginnen konnte, mußte ich wieder als Fuhrknecht mir meinen Stand und Beruf von unten auf zu bilden suchen. So kam ich nach Jahren hieher, wo ich denn endlich meine Wirthschaft einrichtete. Ambach zweifelte nun nicht mehr, wer dieser mürrische Alte sei, den er damals wohl bei jener Verlobungsscene fest ins Auge gefaßt hatte. Ich werde mich Ihrer annehmen, sagte er, und ließ jetzt seinen Pflegesohn zu sich rufen. Freund, sagte er zu diesem, Du hast jetzt Deinen Unbesonnenheiten die Krone aufgesetzt, und Deiner wartet strenge Untersuchung und schwere Strafe. Mir ganz gleich, antwortete der ganz zerstörte junge Mensch, schicken Sie mich auf die Festung, in das Zuchthaus oder zu den Baugefangenen, ich kann nicht tiefer sinken, als ich schon gestürzt bin. Und immer noch diese unselige Leidenschaft für die Tochter einer Ehrlosen? O, wenn sie mich liebte, rief Wilhelm in der Begeisterung der Verzweiflung, so lachte ich Ihrer und Ihres Staates und aller Strafen. Aber ich habe es erleben und durch und durch, wie eine schneidende Säge, durch meinen ganzen Körper fühlen müssen, daß sie mich verachtet und bemitleidet, daß sie das ganze Herz, ihre himmlische Liebe einem simpeln, gesunden, treuherzigen Gärtnerburschen hingeworfen, der es 386 ebenso mit Füßen tritt, wie sie dem meinigen thut, und mich so an ihr vollständig rächt. Von meinem herrlichen Vater haben Sie mir neulich schon gesprochen, wollen Sie mir jetzt nicht meine glorreiche Mutter nennen? Nein, sagte der Rath, ich habe bis zum Tode der Armen Verschwiegenheit gelobt, und ich weiß jetzt nicht, ob sie noch und wo sie lebt. – Er ließ die Witwe und ihre Tochter hereinrufen, und Wilhelm sprach hastig: Nein, es ist mir unmöglich, jetzt Charlotten zu sehn. Er ging schnell in ein Seitengemach. Als die beiden Frauenzimmer jetzt hereintraten, erstaunte der Geheimerath über die außerordentliche Blässe des Mädchens, noch mehr aber über ihre wundervolle Schönheit. Er war verlegen und konnte das Auge von dem blassen Kinde nicht wieder abwenden; ihm war, als wollten sich von allen Seiten her alte Erinnerungen und längst erstorbene Gefühle ihm aufdrängen. Er konnte, wie verzaubert, den Eingang seiner Rede nicht finden, und die alte Witwe betrug sich auf eine Art, die seine Verlegenheit nur vermehrte. Gleich beim Eintritt musterte sie ihn mit einem scharfen Auge, seufzte dann schwer und beschaute nachher prüfend eben so lange den sitzenden Fuhrmann. Da der Rath noch Charlotte anstarrte, seine Empfindungen sammelte und die Leidenschaft seines Pflegesohns für dieses Wesen großentheils schon entschuldigt hatte, sagte die Mutter: Verzeihen Excellenz, wenn ich mich ungeheißen niedersetze, das alte Wesen ist matt und todesmüde, denn es sind seit dieser Zeit zu viele Leiden und zu schnell auf mich hereingebrochen. Auch der Rath setzte sich und verlangte, daß die Witwe Blanchard erzählen, sich entschuldigen und den Zusammenhang der letzten Händel darlegen solle. Wozu? sagte sie, ich fühle es, mit meinem Leben ist es zu Ende. Könnte ich Ew. Excellenz nur dahin stimmen, für meine arme, unschuldige, 387 herrliche Tochter etwas zu thun, ihr Schicksal und ihre Ehre soviel es möglich ist, sicherzustellen, so würde ich mit der größten Beruhigung in mein Grab steigen, denn nach meinen Erfahrungen, das glauben Sie mir nur, stirbt's sich leicht. Was ich thun kann, sagte der Rath – Und warum sollten Sie's nicht können, antwortete sie mit bewegter Stimme, Sie haben mich zwar verfolgt, Sie haben mich aus der Stadt treiben wollen, aber das galt nur mir, nicht meiner Tochter, und gegen mich, die Sterbende, werden Sie nicht mehr eifern, wenn Sie sie erst kennen: nicht wahr, Ferdinand? Gott im Himmel! schrie der Rath und sprang von seinem Sessel auf – Sie sind doch nicht – seine Stimme zitterte, seine Knie wankten, er war todtenbleich. Ja wohl, antwortete sie mit hervorbrechenden Thränen, wohl bin ich jene arme, unglückselige, einst schöne und glückliche Emmeline, welcher Sie so oft ewige Liebe schwuren. Ferdinand wankte halb ohnmächtig, fast wie damals, als er sie verlobt wähnte: er stellte seinen Sessel neben den ihrigen, schaute ihr fest ins Auge, dann wieder in das ihrer Tochter und sagte dann: Ja, ja, höchst Unglückselige, ich erkenne jetzt die Augen wieder, den Blick, der damals mein Herz durchbrannte. Und dieser alte, wunderliche Martin, fuhr sie fort, oder Petermann, ist der Vater meiner lieben Tochter. Ach Gott, mein ganzes Leben war Verwirrung und schwerer Traum. Als der Geheimerath so laut und mit entgeisterter Stimme aufgeschrien hatte, steckte Wilhelm sein krankes Gesicht neugierig und erschreckt aus der Thür des nächsten 388 Zimmers, was in der Aufregung keiner der Anwesenden bemerkte. Er zog sich eben so schnell wieder zurück und die Thür blieb nur angelehnt. Diese Ihre Tochter, fing Ambach jetzt etwas mehr gesammelt an, nehme ich unter meinen unmittelbaren Schutz, sie sei mein Kind, meine Tochter, ich schwöre, sie ist gut und edel, und kann ich erfüllen, was sie wünscht, so soll ihr Glück und ihr Wohlstand meine angelegentlichste Sorge seyn. O, Ferdinand, alter, mein ältester, mein wahrster Freund, rief die Alte in einem fast jubelnden Ton, daß ich eine solche Freude noch einmal erleben könnte, habe ich niemals geglaubt. Charlotte, küsse Deinem Vater, Deinem Wohlthäter die Hand. Das junge schöne Wesen warf sich kniend vor den würdigen Mann hin, küßte seine Hände und badete sie mit seinen Thränen, er aber zog sie in seine Arme und sagte sehr bewegt: Ja, Kind, Du mußt glücklich werden, jetzt umarme auch Deinen wahren Vater. Mit einiger Scheu ging Charlotte zu Martin Sendling, der sie herzlich in seine Arme schloß und nur sagte: Da es so steht, kann ich fast meinen Munsche vergessen. O, Himmel! fuhr die Alte fort, was ging Alles in meinem Innern vor, als ich in dem Capitain Geoffroy meinen ehemaligen Verlobten erkannte. Ich hatte die Achtung vor mir selbst verloren, und haßte ihn doch als meinen Verführer, wie ich ihn nannte. Als er mich verlassen mußte, und wir hatten uns im Zorn getrennt, war meine Seele zerrissen. Ich vernahm den Tod meines Mannes, des großmüthigsten, liebevollsten aller Menschen. Hier und dort lebend, gerieth ich endlich wieder in die Nähe meiner Heimath. Junges Volk schloß sich meinem verzweifelnden Leichtsinn an, 389 Vornehme und Reiche beschützten mich insgeheim und so gerieth ich, fast ohne Entschluß, damals aber auch ohne Vorwurf, an dieses Gewerbe. Der Geheimerath unterbrach sie: Sie wissen es nicht, Sie Aermste, daß ein Kind, ein Sohn von Ihnen auch noch lebt? Man sagte mir damals, er sei schon in Paris gestorben, dieses Kind des Unglücks und der Schande. Unglücklich ist er auch jetzt, antwortete Ambach: vielleicht, wenn er seine Strafzeit überstanden hat, der ich ihn nicht entziehn kann, wird er ein guter und brauchbarer Mensch. Es ist nehmlich jener Wilhelm Eichler, den Sie oft, zu oft in Ihrem Hause gesehen haben. Darum! sagte zitternd Charlotte und die Witwe rief: O, Gott sei Dank, daß ich seine Leidenschaft zu meiner Tochter niemals befördert habe, und daß sie niemals seine vorgegebene Liebe erwiedern konnte und wollte. In diesem Augenblick fuhren Alle auf, von einem nahen Schuß erschreckt. Der Geheimerath eilte in das Zimmer, kam zurück und verschloß dann die Thür. Weder Mutter noch Tochter sollen hinein, sagte er dann; der Unglückliche hat sich selbst ermordet. Die Witwe starb noch am nehmlichen Tage unter Schmerzen und Krämpfen, denn sie hatte Gift genommen, weil sie jene so öffentliche Schande nicht überleben wollte. Der alte Geheimerath war von allen diesen Vorfällen heftig erschüttert und flüchtete für einige Zeit auf sein schön gelegenes Landgut hinaus, um sich zu erholen und seine Gefühle wieder zu sammeln. 390 Joseph, der wohl erzogene Jüngling, ließ sich vom Rath sehr bald von der Tugend und Unschuld seiner von ihm heiß geliebten Charlotte überzeugen. Ambach übergab ihm die Verwaltung des Gutes sowie die Pflege der Gärten. Er war mit seiner Gattin glücklich und Martin zog ebenfalls zu ihnen, um dem jungen Mann, soviel es sein Alter zuließ, in seinen Geschäften zu helfen. Der Rath war getröstet, daß er doch das eine Kind seiner einst verehrten Emmeline hatte retten können.