Rudolf Hawel Im Reiche der Homunkuliden Roman Inhaltsverzeichnis Erstes Buch    Erstes Kapitel : Schilderung einer großen Versammlung, die unter dem allgemeinen Beifall der Anwesenden beginnt und dann höchst tumultuarisch endigt Zweites Kapitel : In welchem man die Bekanntschaft einer höchst wichtigen Person macht und erfährt, welche Wirkungen die Rede des Professors geübt hat und wie sie in der Presse beurteilt wurde. Was der Professor zu unternehmen gedenkt Drittes Kapitel : Wie der große Entschluß des Herrn Professors aufgenommen wird. Lorenz wird ein berühmter Mann und entzweit sich mit seiner Braut Viertes Kapitel : Der Professor hält eine Mathematikstunde mit seinem Diener ab. Wetti erweist sich nicht als jenes hochherzige Weib, das Lorenz in ihr zu sehen vermeinte. Der Ausführung des großartigen Vorhabens werden seitens der Behörden bedeutende Schwierigkeiten in den Weg gelegt Fünftes Kapitel : Wie die Nachricht aufgenommen wird. Die Akademie der Wissenschaften läßt einen feuersicheren Pavillon als Ruhestätte für den Professor und seinen Diener bauen. Die Feierlichkeiten am Tage der Einschläferung. Letzte Gedanken des Professors und des Dieners   Zweites Buch Erstes Kapitel : Des Herrn Professors Erwachen. Es zeigt sich, daß der große Gelehrte in Beziehung auf die Zukunft einer vollständig irrigen Meinung gewesen war Zweites Kapitel : Der Park. Die Ansichten Lorenz' über die Homunkuliden. Ein Besuch im Schloßpavillon Drittes Kapitel : Der erste Morgen im Reiche der Homunkuliden. Das Zeitungswesen anno 3907. Ein Besuch bei Gelehrten. Die Altersversorgung der Homunkuliden Viertes Kapitel : Eine Fahrt auf der Eisenbahn. Die Stadt der Arbeit. In einer Holzverarbeitungswerkstätte. Künstliches Holz. Eine Abhandlung über die Wälder der Homunkuliden Fünftes Kapitel : Eine Reise durch die Luft Sechstes Kapitel : Ein großes Fest der Homunkuliden. Lorenz beginnt, das große wissenschaftliche Experiment zu bereuen Siebentes Kapitel : Der Professor besucht mit Lorenz die Anstalt für Menschenherstellung. Die Erziehung der Homunkuliden Achtes Kapitel : Professor Doktor Voraus beginnt selbst, Heimweh zu empfinden. Im Parlament der Homunkuliden wird der Antrag eingebracht, für Herrn Lorenz eine Frau zu konstruieren. Die Parlamentssitzungen gestalten sich äußerst stürmisch. Eine Resolution bedroht die Fremdlinge am Leben. Doktor Voraus und Lorenz entfliehen auf einem Separatluftschiff und landen nach fürchterlichen Mühseligkeiten auf Island. Sie beschließen, auf dieser Insel das Ende ihrer Tage abzuwarten Erstes Buch Die Erfindung des Dr. Voraus Erstes Kapitel. Schilderung einer großen Versammlung, die unter dem allgemeinen Beifall der Anwesenden beginnt und dann höchst tumultuarisch endigt. Im größten und vornehmsten Saale der Stadt saß Kopf an Kopf gedrängt ein höchst auserlesenes, distinguiertes Publikum. Die Spitzen der Regierung, Minister, Sektionschefs, Hofräte in den Logen, im Parkett hohe Militärs, Abgeordnete, Gemeinderäte, Oberbeamte des Magistrats, die Professoren der Universität, deren Glatzen einen leuchtenden Gegensatz zu dem reichen, kunstvoll ausgebildeten Haarschmuck der Damen bildeten, Doktoren aller Fakultäten, hervorragende millionenreiche Finanziers, kurz, was an Bedeutung in irgendeiner Richtung die große Stadt, das Zentrum des Reiches, aufbieten konnte, war hier versammelt. In den letzten Reihen des Parketts saßen die Vertreter des Bürgertums, Hausherren, bedeutende Gewerbetreibende, Genossenschaftsvorstände usw. Die Stehplätze im Hintergrunde des Saales nahmen die Abordnungen der sozialdemokratischen Arbeitervereine ein und auf den Galerien saßen die Journalisten, bereit, jedes Detail der Versammlung auf das genaueste schriftlich festzuhalten. Selbstverständlich fehlte es durchaus nicht an Photographen. Auf der Seitengalerie nächst der Rednertribüne hatten an dreißig Herren mit ihren Apparaten Aufstellung genommen, was einen ganz sonderbaren Anblick bot. Herr Ingenieur Schauer, der die photographischen Aufnahmen für das größte Tagesblatt des Reiches, »Die Gegenwart«, besorgte, stritt schon seit einer Viertelstunde mit zwei Polizeikommissären herum, weil sie ihm aus Rücksicht für das überaus zahlreiche Publikum die Verwendung von Magnesiumlicht wegen seiner Feuergefährlichkeit durchaus nicht gestatten wollten. Er wurde in seinem Kampfe von den Kollegen auf das eifrigste unterstützt. Der Redakteur des sozialdemokratischen Organs »Die Stimme des Volkes« und Seine Hochwürden Pater Doktor Himmellicht, der Schriftleiter der ultramontanen »Stimmen von oben«, erklärten die Weigerung der beiden Polizeikommissäre als eine Vergewaltigung des Rechtes der freien Meinungsäußerung, worauf die beiden Herren die Verwendung von Magnesiumlicht unter der Bedingung gestatteten, daß sechs Mann der städtischen Feuerwehr hinter den Apparaten Aufstellung nehmen. Ein Summen und Brausen, wie das schwirrende Getöse eines zum Ausschwärmen bereiten Bienenvolkes, erfüllte den ungeheuren Saal. Der Statthalter führte in seiner Loge mit dem Bürgermeister ein höchst angeregtes Gespräch; die Szene rief im Saale tiefe Bewegung hervor, denn es war allgemein bekannt, daß die beiden hohen Würdenträger sich im allgemeinen durchaus nicht freundschaftlich gegenüberstanden. Und als selbst der Ministerpräsident und der Kriegsminister Baron Ehrendegen zu den beiden Herren in die Loge traten, bemächtigte sich des Publikums eine ungeheure Erregung. Man war nun überzeugt, daß die Mitteilungen, die Professor Dr. Voraus heute dieser illustren Versammlung machen werde, von weltgeschichtlicher Bedeutung sein würden. Von Minute zu Minute stieg die Aufregung. Fünf Minuten vor acht Uhr war das Gedränge im Saale fast lebensgefährlich geworden, so daß Polizisten einschreiten mußten, die dann gegen jene Herren, die weder Uniform noch Orden trugen, höchst energisch vorgingen. Und die Ursache dieser ungeheuren Bewegung und Erregtheit? – Ein Vortrag des Herrn Professors Dr. Voraus. Monatelang vorher waren in den Blättern der verschiedensten Parteien schon kurze, geheimnisvoll gehaltene Notizen aufgetaucht, des Inhaltes, daß Professor Dr. Voraus eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt die ganzen sozialen Verhältnisse der Gegenwart umgestalten würde. Diese Notizen waren immer ungemein rätselhaft gehalten; stets hieß es zum Schluß, daß eine authentische Darstellung der Entdeckung von Seiten des höchst vorsichtigen Gelehrten erst dann zu erhoffen sei, wenn er sich von der absoluten Sicherheit seiner Schlüsse und Erwägungen selbst überzeugt haben werde. Man wußte, daß die Entdeckung des Gelehrten auf einer Erkenntnis der physiologischen Vorgänge im Menschenkörper bestehe. Dunkle Andeutungen der hervorragendsten und daher auch am besten informierten Journale bekundeten, daß die Entdeckung des Professors das Rätsel vom Tode lösen werde. Daß der Vortrag nicht im Saale der Akademie der Wissenschaften stattfand, hatte seine guten Gründe. Professor Voraus hatte sich schon vor Jahren mit den gelehrten Herren gründlich zerkriegt und in wissenschaftlichen und allen möglichen anderen Zeitungen gegen die gelehrten Perücken, die protzigen Geistesaristokraten, die diplomierten Dummköpfe einen erbitterten Kampf geführt, der wegen seiner vehementen Art und seiner höchst volkstümlichen Führung auch das lebhafteste Interesse der Laien erweckte und die Akademie um den letzten, ohnehin so kärglichen Rest von Respekt des großen Publikums brachte. Und alle seine Kämpfe endigten mit vollständigen Siegen des Professors Voraus, seine Gegner wurden verlacht, und er stieg auf der Himmelsleiter des Ruhmes in ungeahnte Höhen empor. Verschiedene Versuche der Akademie, wieder ein angenehmes Verhältnis mit dem mächtigen Mann anzubahnen, schlugen gänzlich fehl. Er blieb ein Einsamer, und wenn er etwas mitzuteilen hatte, so wendete er sich an die großen breiten Massen, an das Volk, nicht an die Gelehrten, die, wie er sagte, die Gewohnheit hätten, ihre Schlafmützen wie Schneehauben über die Ohren zu ziehen, wenn wirklich eine große, neue Lehre zur Welt kommt. Es ist fünf Minuten vor acht. Der Saal ist überfüllt. Die Zugänge sind durch Polizisten für Neuankommende abgesperrt. Die Aufregung ist auf das höchste gestiegen. Da schlägt die große Uhr des Saales die achte Stunde. Man weiß, Professor Voraus ist pünktlich – kein englischer Chronometer ist so genau wie er. Das Gebrause verstummt, aller Augen richten sich nach der Seitentür vorn neben dem Podium, und als der letzte Schlag der Uhr verklungen ist, öffnet sich die Tür und heraus tritt Professor Dr. Voraus. Die Ruhe im Auditorium weicht plötzlich einem orkanartigen Beifallssturm; wütendes Klatschen, brausende Hochrufe ertönen, alles ist aufgestanden und winkt dem Erschienenen zu. Die Damen wehen mit ihren Taschentüchern, und selbst die sechs Feuerwehrleute hinter den photographischen Apparaten sind durch die Gewalt des Moments so gefesselt, daß sie in Habtachtstellung stramm salutieren. Volle fünf Minuten dauert der ohrenbetäubende Lärm. Professor Voraus steht, nachdem er mit einigen leichten Verbeugungen gedankt hat, ruhig bei seinem Tische und sieht lächelnd auf die tobende Menge. Er ist ein stattlicher Mann, anfangs der Vierziger, mit dunklem Vollbart, von nicht zu übermäßigem Umfang. Das Gesicht ist ernst und sehr würdevoll. Die Stirn ist sehr hoch, sie scheint noch höher durch die beginnende Glatze. Der Haarwuchs des Professors beginnt sich gegen den Scheitel hin zurückzuziehen. Der Professor läßt die Menge toben; plötzlich macht er noch eine leichte Verbeugung. Der Beifallssturm wird jetzt zum wütenden Orkan. Der Professor winkt und verbeugt sich nochmals. Dann tritt mählich Ruhe ein. Nach den ersten Worten herrscht bereits Totenstille in dem ungeheuren Saale. »Verehrte Versammlung!« begann er, »Es ist mir eine höchst angenehme Pflicht, Ihnen zuerst für den geradezu kolossalen Besuch zu danken. Er beweist, wie rege Ihr Interesse für die Wissenschaft ist, für eine Wissenschaft, die allzu lange das ängstlich gehütete Geheimnis einiger weniger war. Ihre Teilnahme gewährt mir die stolze Befriedigung, zu erkennen, daß ich vollauf recht hatte, als ich begann, aus den Kerkermauern des Geistes, aus dem engen Rahmen der Akademie hinauszutreten vor die Menschen selbst, vor das Volk.« Ein Beifallssturm wie tiefer unterirdischer Donner ging durch den Saal. Die Professoren der Universität nickten einander mit wütenden Gesichtern zu. »Ich will keine langen Einleitungen machen, wie es meine gelehrten Herren Kollegen sonst belieben.« (Gelächter im Saale; die Professoren schütteln mit finsteren Blicken die gelehrten Köpfe.) »Ich will mit der Sache selbst sofort beginnen. Sie kennen wohl alle das Buch des Amerikaners Bellamy, diese im Jahre 2000 nach Christus spielende Utopie, diesen kindischen Zukunftstraum. Ein Gelehrter, der in einen tiefen, jahrhundertelangen magnetischen Schlaf versenkt wurde, lernt, aus diesem Schlafe erwacht, die glückliche frieden- und freudvolle Zukunft des Menschengeschlechtes kennen. Dieser magnetische Schlaf, der Jahrhunderte dauert und doch die Lebensfähigkeit des Körpers nicht beeinträchtigt, wurde bisher als eine Ausgeburt genialer dichterischer Phantasie betrachtet. Was in Bellamys Werk als Dichtung erscheint, das zur Wahrheit zu machen, das in die Wirklichkeit umzusetzen, ist mir durch meine Forschungen, durch unendliche Experimente gelungen!« Er mußte innehalten, denn in diesem Moment durchbrauste ein unendlicher Beifallssturm den Riesensaal. Der Statthalter und der Bürgermeister, der Ministerpräsident und selbst der Kriegsminister applaudierten, als wenn sie Mitglieder einer Theaterclaque wären. In demselben Moment erglänzte von oben das Blitzlicht der Photographen. Professor Voraus stand einen Moment von strahlendem Lichte umflossen da. Es dauerte lange, bis sich der Lärm gelegt hatte. Die Unruhigsten wurden die Universitätsprofessoren. Diese lachten sich höhnisch zu. »Mumpitz!« rief laut der Dekan der philosophischen Fakultät zum Dekan der theologischen Fakultät hinüber, und da eben Ruhe eingetreten war, so vernahm das Publikum allgemein die schmähenden Worte. Drohendes Gemurmel erhob sich, aber Professor Voraus, der ebenfalls die drohenden Worte gehört hatte, winkte ab. Es wurde ruhig. »Ich will Ihnen diesen ›Mumpitz‹ näher erklären.« Der Beifallssturm, der nun folgte, ist einfach nicht zu beschreiben. Die Professoren der Universität hatten hochrote Gesichter. Die Gemahlin des philosophischen Dekans wendete sich entrüstet von ihrem Gemahl ab. »Ich schäme mich...«, sagte sie weinend. Der Dekan mußte sich alle Mühe geben, seine Frau zu beruhigen und sie zum Bleiben zu bewegen, was seine Kollegen höchlich belustigte. Professor Voraus stand indessen still bei seinem Pulte. Seine Lippen umspielte ein äußerst friedfertiges Lächeln. Er war höchlich zufrieden, daß er die gelehrten Herren so in Harnisch gebracht hatte. »Mumpitz, hat mein verehrter Kollege meine Idee genannt«, fuhr er fort. »Mir fällt es gar nicht ein, ihn wegen dieses Ausdruckes zur Rechtfertigung zu ziehen, hoffe aber, daß er am Schluß meiner Ausführungen trotz seines höchst unkollegialen Grolles mir voll und ganz recht geben wird!« Donnernde »Pfui!« klangen dem Dekan in die Ohren. Seine Frau sank vor Scham fast von ihrem Fauteuil zur Erde. »Ich erinnere den Herrn Kollegen und noch andere meiner werten Freunde in der Akademie der Wissenschaften daran, daß wir aus der Zoologie eine Menge Fälle eines todähnlichen, Monate währenden Schlafzustandes kennen. Der Winterschlaf des Bären, des Dachses – was sind sie anderes als ein ähnlicher Zustand, den Bellamy seinem Helden andichtete? Die Lungenfische Afrikas schlafen ein halbes Jahr in einer Hülle von eingetrocknetem Schlamm und gehen nicht zugrunde! Die Amphibien unserer Heimat, Eidechsen, Frösche, Salamander, liegen ein halbes Jahr erstarrt ohne jede Spur von Leben da und wachen im nächsten Frühling zu neuem Leben auf! Der Maikäfer kriecht im Herbst aus dem Puppengehäuse und bleibt ein halbes Jahr in völliger Erstarrung unter der Erde, ohne Nahrung, ohne Luft, ohne Licht, und wenn die Maiensonne scheint, erwacht er, bohrt sich aus der Erde hervor und fliegt fröhlich summend zum nächsten Laubbaum empor! Was Bellamy geschrieben und gedichtet, hat die Natur längst vor ihm in Wirklichkeit dargestellt. Latentes Leben – Leben, das ruht, ohne daß sein Gefäß, der tierische Körper, infolge der Ruhe zerstört wird. Und ist es nicht eine allgemein bekannte Tatsache, daß man Weizenkörner, die man in den Mumiensärgen Ägyptens fand, nach dreitausendjähriger Ruhe zum Keimen brachte? Was bleibt von Bellamys ›Dichtung‹ noch übrig? Was er dichtete, war längst Tatsache!« Der Redner trank einen Schluck Wasser. Im Saale war es so still, daß man das Geklingel der Tramway hereinhörte. »Ich habe über diese seltsamen Vorgänge nachgedacht; ich habe die verschiedenartigsten, kompliziertesten Experimente angestellt, diese Prinzipien, die dem naturgemäßen, so lange dauernden Schlaf der Tiere zugrunde liegen, in ihrer Wesenheit zu erkennen. Ich erlaube mir, der hochgeehrten Versammlung mitzuteilen, daß es mir nach fast achtzehnjährigem Forschen gelungen ist, zu der vollen, klaren Erkenntnis vorzudringen, und ich gestatte mir nun, in kurzen Umrissen die Resultate meiner Forschungen, den wahren Inhalt dieses ›Mumpitz‹, vorzutragen.« Die Wirkung dieser Ansprache war eine geradezu ungeheuerliche. Ein Klatschen, ein Rufen, ein Getöse sondergleichen. Der Dekan verließ mit seiner Frau den Saal. Zwölf seiner Kollegen folgten ihm nach. Unendliche Pfuirufe begleiteten ihren Abgang. Die sozialdemokratische Vereinigung – ungefähr 150 Mann – rief ihnen dauernd »Schufte, Gauner, Idioten« usw. nach. Man darf es ihnen nicht übelnehmen; sie schimpften im stolzen Bewußtsein, einer großen Sache zu dienen. »Hochverehrte Versammlung«, begann Dr. Voraus wieder, »ich muß doch um etwas mehr Ruhe und Besonnenheit bitten.« Es ward plötzlich still. »Es ist allgemein bekannt, daß alle Kräfte Formationen einer Urkraft sind. Ich kann Wärme in Elektrizität, in Licht, in motorische Kraft verwandeln. Ich kann mit Elektrizität heizen, erleuchten und Maschinen treiben. Elektrizität ist die Urform aller Kräfte, jene Urform, aus der sie entstehen – zu der sie wieder zurückkehren. Lebenskraft ist nur eine bestimmte Umwandlung dieser Urkraft. Jene Kraft, die den Aufbau der Zellen der Pflanzen und Tiere bewirkt, ihre Weiterentwicklung möglich macht, ist nur Elektrizität. Wenn ich in einer elektrischen Batterie den Strom schließe, verzehren sich Zink und Säure; unterbreche ich den Strom für ewige Zeiten, so bleiben Zink und Säure ewig intakt – ein Schließen des Stromes und das scheinbar Tote fängt wieder zu leben an. Mir ist es gelungen, die elektrischen Ströme, die die Zellen des Tier- und Menschenkörpers beleben, zum Stillstand zu bringen. Dieser Stillstand ist vollständige Unterbrechung des Lebens. Erwecke ich die elektrischen Ströme der Zellen wieder, so kehrt das Leben wieder zurück. Die Bindung der elektrischen Ströme macht alles Leben der Atome unmöglich – auch Fäulnis und Verwesung. Der anscheinend tote Körper ist das Gefäß latenter Kräfte. Erwecke ich diese zu neuer Wirksamkeit, so kehrt das Leben in den unversehrten Körper wieder zurück.« Der Redner hielt inne und trank wieder einen Schluck Wasser. Im Saale herrschte Totenstille, die Damen sahen alle mit feuchtglänzenden Augen auf den berühmten Mann, der mit den geheimnisvollen Naturkräften umging wie ein begabter Volksschüler mit dem Einmaleins. »Das Geheimnis, die in einem Organismus wirkenden Kräfte zum vollständigen Ruhen zu bringen, habe ich entdeckt. Bis jetzt ist es der Menschheit gelungen, die Unendlichkeit des Raumes mit Fernrohr und Mikroskop zu meistern – mir ist es gelungen, Meister der Zeit zu werden. Ich kann das Leben eines Menschen auf Jahrtausende verlängern. Ich habe es möglich gemacht, in Wahrheit möglich gemacht, daß ein Jetztlebender imstande ist, mit dem Schicksal derer mitzugehen, die ein Jahrtausend später als er das Licht der Welt erblickten.« »Mumpitz!« schallte kreischend wieder ein Ruf durch den Saal. Nun folgte ein ungeheurer Sturm. Die Situation der Universitätsprofessoren war höchst prekär. Der allgemeine Volkswille verlangte, daß die gelehrten Herren sofort den Saal verließen. Schreiend beriefen sie sich auf ihr Recht der freien Meinungsäußerung. Aber es nützte nichts. Einige erregte Versammlungsteilnehmer gaben sich die bestmögliche Mühe, die gelehrte Opposition hinauszuwerfen. »Ich bitte!« klang plötzlich scharf und schneidend die Stimme des Vortragenden durch den Saal. Zwei Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeitervereinigung wollten eben den Professor der deutschen Literatur und Vorstand des germanistischen Seminars huckepack aus dem Saale tragen. Als das »Ich bitte« des Vorsitzenden erklang, ließen sie aus Disziplin, wie es sich für Sozialdemokraten gebührt, den Professor zu Boden fallen. Er rannte wütend zu seinem Fauteuil zurück. Dort stellte er sich auf den gepolsterten Sitz und schrie mit infolge der Wut fast heulender Stimme: »Beweise, Beweise! Diese Flunkereien müssen bewiesen werden!« Die sozialdemokratischen Arbeiter kehrten sofort wieder zurück und wollten den Herrn von seinem gepolsterten Piedestal herunterheben, um ihn endgültig hinauszufuhrwerken, als wieder die Stimme des Vortragenden Ruhe gebot. »Ich werde die Beweise liefern, Herr Kollega, und zwar sofort! Ich bitte aber, mich endlich in Ruhe anzuhören!« Es ward wieder mäuschenstill im Saale. »Am dreiundzwanzigsten Oktober des Jahres tausendneunhundertdrei sprach mich, als ich nach zwölf Uhr nachts von einer Sitzung heimkehrte, ein äußerst defekt gekleideter Mann, der vor Kälte zitterte und vor Hunger einer Ohnmacht nahe war, händeringend um ein Almosen an. Ich reichte ihm eine Kleinigkeit, und im Weitergehen bat er mich, ihm eine Arbeit, irgendeinen Verdienst zu schaffen. Er sei mit allem zufrieden – er wolle nur arbeiten, um Weib und Kinder zu erhalten. Ich fragte ihn, ob er geneigt sei, sich täglich fünf Kronen zu verdienen. Der Mann weinte Freudentränen. Ich forderte ihn auf, des anderen Tages mit seiner Frau zu mir zu kommen. Die beiden stellten sich pünktlich ein. Ich bot dem Manne fünf Kronen für jeden Tag, den er im magnetischen Schlafe liegend verbringe. Für den Fall, daß das Experiment eine Schädigung seiner Gesundheit herbeiführen sollte, bot ich ihm eine entsprechende Summe. Mann und Frau willigten mit Freuden ein, die Sache wurde noch bei einem Notar schriftlich festgelegt. Am Morgen des sechsundzwanzigsten Oktober tausendneunhundertdrei schläferte ich ihn in Gegenwart seiner Frau ein. Nachdem er in tiefen Schlaf versunken war, zahlte ich der Frau für die erste Woche fünfunddreißig Kronen aus. Sie hat seitdem jede Woche den gleichen Betrag geholt und sich dabei immer von dem Befinden ihres Mannes überzeugt. Zuletzt gewann sie solche Zuversicht in mein Experiment, daß sie nur noch das Geld abholte und gar nicht nach dem Manne sah. Fünftausendeinhundertfünfundneunzig Kronen hat mich dieses Experiment gekostet, fast volle vier Jahre hat der Mann geschlafen, denn erst heute früh habe ich ihn aus seinem Schlafe erweckt!« Er hielt inne. Das Publikum saß wie gebannt. Dann brach es los. Man versuchte das Podium zu stürmen. Die Polizei mußte Ordnung schaffen. Es dauerte eine volle Viertelstunde, ehe Ruhe eintrat. Dann forderte der Professor auf, seinen Mann vorzuführen. Ein Diener brachte ihn herein, seine Frau folgte nach. Es war ein magerer Mann in Mittelgröße, mit blondem Vollbart; er ging etwas unsicher und wurde vom Diener leicht gestützt. Die Riesenversammlung schien ihn etwas zu verstören. Die Frau war von fast gleicher Größe wie der Mann und zeigte höchst energische Gesichtszüge. Sie wurden mit Händeklatschen empfangen. »Ich ersuche, meine geehrten Kollegen, beliebige Fragen an den Herrn zu stellen, um sich von der Wahrheit dessen, was ich sagte, selbst zu überzeugen!« Drei Herren betraten das Podium; sie wurden mit höhnischen Zurufen empfangen. Sie stellten die verschiedensten Fragen an den mageren Herrn mit blondem Vollbart, er beantwortete sie so, daß kein Zweifel an den Ausführungen des Professors Voraus übrigbleiben konnte. Beschämt mußten sie abtreten. Die Frau des Langschläfers erzählte noch in breitspuriger Rede, wie sie während des vierjährigen Schlafes ihres Mannes, dank der munifizenten Bezahlung des Professors, aus allen Schulden herausgekommen sei und sich sogar ein Greislergeschäft gekauft habe, was ihr niemals möglich gewesen wäre, wenn während dieser Zeit ihr Mann munter gewesen wäre. Sie ließ dabei merken, daß der Mann eine unglückselige Neigung für den Alkohol besitze, die bis jetzt jede Rangierung ihrer Verhältnisse total unmöglich gemacht habe. Mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß der magnetische Schlaf nicht um drei Jahre länger gedauert habe, schloß sie ihre Rede. Nun war der Triumph des Professors vollkommen. Die Honoratioren, der Ministerpräsident, der Bürgermeister, der Kriegsminister, drängten sich zum Podium hinauf. Der Mann wurde mit seiner Frau abgeführt. Der Kriegsminister fragte den Professor, was für eine praktische Bedeutung seine Erfindung haben werde. Da wurde der Professor rot vor Erregung und teilte mit, daß er die praktische Seite seiner Erfindung sofort ausführen werde. Die Honoratioren kehrten auf ihre Plätze zurück. Der Professor begann: »Seine Exzellenz, der Herr Kriegsminister hat mich ironisch gefragt, was für eine praktische Bedeutung meine Erfindung habe.« »Nein, verzeihen..., nicht ironisch!« rief der Minister. »Ich danke, Exzellenz, verzeihen Sie – ich bin nervös, aufgeregt...! Aber die ganze Bedeutung dieser Erfindung sollte in erster Linie der Kriegsminister erkennen!« »Wieso?« fragte verwundert die Exzellenz. »Sofort, Exzellenz!« begann etwas indigniert der Vortragende wieder. »Es ist allgemein bekannt, wie schwer die fortwährende Kriegsbereitschaft den Staat und die Völker belastet. Die Erhaltung von Hunderttausenden, die sie gelegentlich den Geschossen der Feinde gegenüberzustellen haben, kostet ungezählte Millionen, Millionen, die der Bildung entzogen werden. Welch unsäglicher Segen könnte mit diesen ungezählten Millionen gestiftet werden!« Die Sozialdemokraten applaudierten wütend, die Herren aus der Bürgerschaft schrien begeistert Hoch und Bravo. Die Beamten verhielten sich vollkommen ruhig, da sie bemerkten, daß der Kriegsminister erregt aufgestanden war. »Die Ausbildung eines Soldaten ist in einem Jahre vollendet. Wenn wir das ausgebildete Material für die fernere Dauer seiner Dienstzeit einschläfern, so schafft sich der Staat eine Armee, deren Erhaltung höchst geringe Kosten verursacht. Droht dem Vaterlande Gefahr, so sind im Nu Hunderttausende vollkommen ausgeruhter Soldaten auf den Beinen!« Das Publikum war total verblüfft. An eine solche Anwendung der Erfindung des genialen Professors hatte niemand gedacht. »Wir werden nie unsere Söhne dazu hergeben, zwei Jahre im Dienste des Staates zu verschlafen!« rief plötzlich der Bürgermeister mit Stentorstimme zum Podium hin. »Zu dumm!« riefen andere. »Haben wir unsere Söhne dazu auferzogen?« Ein drohendes Gemurmel erhob sich. »Ich lasse meinen Sohn nicht zwei Jahre in einem Magazin verschlafen!« rief ein anderer. Der Professor rief unbeirrt fort: »Wenn es das Vaterland fordert, dann muß es und wird es geschehen!« »Was sollen wir mit denen tun, die freiwillig länger dienen, die ein Zertifikat anstreben?« rief erregt der Kriegsminister. »Die schlafen dann um so länger. Da sie aber in der Zeit fortwährend dem Staat zur Disposition stehen, so kann man ihnen dann ganz gut das Zertifikat erteilen. Der Soldat, der den magnetischen Schlaf schläft, bleibt dem Vaterland erhalten; er ist während dieser Zeit den Gefahren, die das Leben für jeden Menschen auf Schritt und Tritt bereit hält, entzogen. Er schont sich für den Dienst des Staates. Und wenn einer so vierzig Jahre im Dienste des Staates verschläft, dessen Brust würde ich mit den höchsten Orden bedecken, die ein Staat zu verleihen imstande ist.« »Die Idee ist wirklich diskutabel«, sagte laut der Ministerpräsident, und sämtliche anwesenden Beamten stimmten begeistert zu. Der anwesende Sektionschef im Ministerium des Innern war entzückt. »Wie das den Dienst erleichtern würde!« sagte er. Er dachte dabei an seinen Sohn, der etwas faul, dumm und leichtsinnig war und deshalb trotz aller Protektion nur langsam vorrückte. »Auf diese Art würde sich auch mein Sohn unschätzbare Verdienste erwerben können«, setzte er seufzend hinzu. Die Bürgerschaft war mit diesem Vorschlag durchaus nicht einverstanden. Drohendes Gemurmel wurde laut; der Bürgermeister erbat sich das Wort zur Erwiderung. Er fühlte, seine Popularität, ja sein ganzes Ansehen standen auf dem Spiel, wenn er nicht dem tollen Ansinnen des Professors sofort entgegentrete. »Ich bitte um das Wort!« rief er laut und feierlich mit gebieterischer Stimme. »Pardon«, erwiderte Dr. Voraus, »ich will nach meinem Vortrag eine allgemeine Diskussion über den Gegenstand eröffnen. Bitte, mich aber bis zum Schluß anzuhören. Ich will sofort eine andere Anwendung meiner Erfindung darlegen, die sicher den vollen Beifall des gesamten Bürgertums finden wird.« Die Erregung wich gespannter Neugierde. Es ward ruhig. »Ich bitte Sie, der Armen und Elenden zu gedenken, der Enterbten des Glücks, jener zahllosen Unglücklichen, die darbend, des Notwendigsten entbehrend, durch ein leidvolles Leben gehen.« Donnernde Hochs schollen von den Sitzplätzen der Sozialdemokraten her. »Jener Armen, die gerne arbeiten würden, wenn sie Arbeit fänden, die einen ausgiebigen Schneefall mit jener jubelnden Freude begrüßen, Wie einst die Juden den Mannaregen in der Wüste! Für diese wird meine Erfindung von größtem Segen sein. Das ganze Armenwesen wird umgestaltet werden, die Armenhäuser, die Asyle für Obdachlose, die Wärmestuben werden verschwinden. Es wird nicht mehr notwendig sein, daß die oberen Zehntausend für die Armen tanzen oder singen oder kostspielige Tees geben. Man wird fernerhin die Arbeitslosen samt ihren Weibern und Kindern auf so lange Zeit einschläfern, bis eine günstige Konjunktur es möglich macht, ihnen wieder Arbeit zu geben, und sie werden sich dabei viel wohler befinden, als wenn sie wachend die Wohltaten unserer Armenpflege genießen würden. Wenn der Staat größere Bauten ausführt, wenn er neue Straßen schafft, wenn Gewerbe, Industrie und Ackerbau sich heben, wenn ein plötzlicher Schneefall eintritt, erweckt man nach Bedarf in den dazu eingerichteten Staatsmagazinen die nötige Anzahl von Arbeitskräften. Und ein ungeheurer Vorteil ist noch damit verbunden: Es ist bekannt, daß, je ärmer die Leute sind, desto mehr Kinder erzeugen sie. Durch diese Maßregel wird dieser verderblichen Überproduktion vollständig gesteuert. Und was außerdem für zartfühlende Seelen sicherlich recht angenehm wirken wird, ist, daß man es nicht nötig hat, die Klagen, den Jammer der Unglücklichen anzuhören. Man wird von diesen Leuten nicht mehr belästigt, man braucht die abgezehrten, jammervollen Gesichter nicht mehr zu sehen; der gutsituierte Bürger, der vornehme Aristokrat, alle, die auf den Höhen der Menschheit wandeln, die dank ihrer ausgezeichneten finanziellen Lage ruhig und sorgenlos ihr Erdendasein verbringen, werden im ruhigen Genuß ihrer Güter nicht mehr gestört durch den Anblick jener Elenden! Meine hochverehrten Damen und Herren...!« Weiter kam er nicht mehr. Während seiner letzten Worte brach es im Saale wie Donnergrollen los; die Sozialdemokraten begannen wütend auf das Podium zu stürmen. Die Bürgerschaft, die Militärs, die Beamten wollten sie in ihrem Beginnen verhindern, die Ausführungen des Professors über die Armenfrage hatten ihre volle Zustimmung gefunden, aber es war umsonst! »Die Armen sollen ihr Leben verschlafen! Sie sollen keinen Teil haben an den Gütern der Erde! Sie sollen in dumpfen Magazinen lagern, bis die Regierung sie zum Schneeschaufeln erweckt? Nieder mit ihm!« Das Getöse war unbeschreiblich. Auf Befehl des anwesenden Polizeipräsidenten, dem die letzten Ausführungen sehr einleuchteten – er erhoffte eine wesentliche Verminderung der Arbeitslast der Polizei –, marschierten Wachleute in den Saal. Unterdessen hatten drei Sozialdemokraten den Redner in sehr bedrohlicher Weise beim Kragen gefaßt. Vier Wachleuten gelang es mit Mühe, den Gelehrten aus ihren Händen zu befreien. Im Saale tobte ein fürchterliches Getöse. Die Wachleute hatten die größte Mühe, die streitenden Gruppen zu trennen. Der Professor wurde von zwei stämmigen Wachleuten aus dem Saale getragen. Zu seinem Schutz – er wäre, da er mutvoll seinen Gegnern Rede stehen wollte, sicherlich erschlagen worden. Dann betrat der Polizeipräsident die Tribüne und erklärte die Versammlung für geschlossen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis der Saal sich leerte. Mehrere Damen waren in Weinkrämpfe verfallen. Der Ministerpräsident trug einen Zylinder, der frappant dem Blasebalg einer Ziehharmonika ähnlich sah. In einer Stunde hatte Professor Voraus alles mitgemacht, was einem wechselnde Gesinnung des Volkes im Leben bescheren kann. Zweites Kapitel. In welchem man die Bekanntschaft einer höchst wichtigen Person macht und erfährt, welche Wirkungen die Rede des Professors geübt hat und wie sie in der Presse beurteilt wurde. Was der Professor zu unternehmen gedenkt. Als Herr Professor Voraus am Morgen des Tages nach jener denkwürdigen Versammlung erwachte, mußte er sich erst eine Weile besinnen, um darauf zu kommen, wie er nach jenem großartigen Vortrag, der die Gemüter so heftig erregt hatte, nach Hause gekommen war. Mählich fiel es ihm ein. Man hatte ihn in einen Fiaker gesteckt, ein höherer Polizeibeamter hatte neben ihm Platz genommen, und ein Wachmann setzte sich neben den Kutscher. Der Polizeibeamte hatte sofort die Fenster geschlossen, weil mehrere durch den Vortrag äußerst erregte Herren in den Wagen zu spucken versuchten. Zwei berittene Polizisten hatten den Wagen zu seiner Wohnung geleitet. Alles ging ihm wirr durch den Kopf. Er läutete seinem Diener. Das Geklingel der Glocke war noch zu hören, als der Diener eintrat. Es war ein Mann nahe den Vierzigern mit glattrasiertem länglichen Gesicht und graublauen Augen. »Herr Professor belieben?« fragte er mit einer leichten Verbeugung. »Die Zeitungen!« befahl der Professor. »Würden Herr Professor nicht vielleicht doch früher frühstücken?« gab der Diener zu bedenken. »Nein, Lorenz! Warum denn?« »Ich meine, daß Herr Professor nach der Lektüre nicht mehr mit dem richtigen Appetit das Frühstück zu sich nehmen würden, übrigens – selbstverständlich – wenn Herr Professor befehlen!...« »Na, bring mir das Frühstück zuerst!« Der Diener wendete sich zum Gehen. »Schimpfen sie sehr stark?« fragte der Professor. »Es tut's; es sind sehr kräftige Artikel darunter. Die ›Arbeit‹ könnte man meines Erachtens belangen. Wegen Ehrenbeleidigung, übrigens auch noch andere, vielleicht mit Ausnahme der ›Morgenpost‹.« »Warum die nicht, schreibt die gut?« »Nein. Gar nicht. Sie hat noch keinen Bericht gebracht!« »Lorenz, bring den Tee!« »Sehr wohl, Herr Professor!« Er brachte den Tee. Und während der Professor den Tee schlürfte, erzählte Lorenz: »Wir haben eine Ehrenwache vor dem Hause!« »Wieso?« »Sechs Polizisten! Zwei stehen beim Tor, die anderen vier gehen in der Gasse auf und ab.« »Ja, soll das mir gelten?« »Ich glaube. Wenn es mir gelten würde, so würden sie bloß einen Polizisten geschickt haben, der mich natürlich dann gleich mitgenommen hätte!« »Gib mir meinen Schlafrock!« befahl der Professor. Lorenz half dem Professor in den Schlafrock. »Ich muß mich doch überzeugen, was da los ist!« sagte der Gelehrte und ging zum Fenster. »Pardon!« sagte Lorenz. »Ich habe vor einer halben Stunde zum Fenster hinausgesehen und da bekam ich einen Apfel an den Kopf, einen faulen Apfel. Ich will die Sache erst ausprobieren!« Er öffnete das Fenster und sah hinaus. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er dann. »Die Polizei hat die Straße abgesperrt. Die Volksmenge ist entfernt. Herr Professor können ruhig hinaussehen.« Der Professor beugte sich zum Fenster hinaus. Die Wachleute salutierten. »Es ist schrecklich«, sagte er, als er in das Zimmer zurückkehrte. »Heute muß man die Wissenschaft mit Polizei vor dem Volke schützen!« »Früher war es anders. Man schützte mit Polizei das Volk vor der Wissenschaft!« »Sind Sie ruhig«, befahl der Professor. »Sehr wohl«, sagte Lorenz. »Die Zeitungen!« »Alle –? Ich habe der Trafikantin den Auftrag gegeben, von jedem Blatt ein Exemplar für Herrn Professor aufzubewahren!« »Gut, bring sie alle, alle –, sie sollen schimpfen!« Der Diener brachte einen Stoß Zeitungen herein. »Zuerst das ›Freisinnige Tagblatt‹!« Gehorsam reichte Lorenz das Verlangte hin. »Dann die ›Soziale Rundschau‹,« ein ebenfalls freiheitliches Blatt, aber Regierungsorgan, von einem Hofrat geleitet. Lorenz suchte es sofort heraus. »Dann die ›Deutsche Wacht‹« (freiheitlich und national), »das ›Volksblatt‹« (auf christlichdemokratischer Grundlage), »dann – – – die ›Stimme von oben‹ » (ultramontan) »und die ›Volksstimme‹« (sozialdemokratisch). Lorenz legte die verlangten Blätter in der gewünschten Reihenfolge zusammen. »Und diese?« fragte er, indem er auf einen ziemlich bedeutenden Stoß von Zeitungsblättern zeigte. »Das später; das ist nicht von Belang. Mich interessiert es nicht, wie sich Hausmeister, Fiakerkutscher und Hökerweiber zu meiner Idee stellen«, sagte der Professor. »Aber gerade diese Blätter, sie bringen ganz ausgezeichnete Artikel, sehr scharf, aber volkstümlich«, wagte Lorenz zu behaupten. »Gehen Sie hinaus!« befahl der Professor. Wenn er zu seinem Diener »Sie« sagte, war die Sache gefährlich. In angenehmen Momenten, bei gemütlichen Anlässen, sprach er Lorenz stets mit »du« an. »Sehr wohl!« sagte Lorenz und verschwand. Der Professor begann zu lesen. Das »Freisinnige Tagblatt« widmete dem Vortrag einen ernsten, tiefsinnigen Leitartikel, in dem den Verdiensten des großen Gelehrten zuerst volle Anerkennung gezollt wurde. Die Ausführbarkeit der Idee wurde bezweifelt, da die Erfindung dazu angetan sei, das Streikwesen in unerhörtem Maße zu steigern. »Was würde geschehen, wenn im Falle eines Streiks – sagen wir in der Schuhbekleidungsbranche – sich sämtliche Arbeiter auf ein Jahr einschläfern ließen? Die Industrie ginge zugrunde. Denn dann hätten es die Arbeiter nicht mehr notwendig, Millionen für einen Streikfonds zu sammeln, sie würden einfach so lange mit Weib und Kindern schlafen, bis der Fabrikant mürbe geworden wäre. Diese eminente Gefahr wäre zu bedenken.« Die Verminderung der Militärlasten und der Ausgaben für die Versorgung der Armen begrüßten sie mit aufrichtiger Freude. Und zuletzt sprach das Blatt die Meinung aus, daß die Erfindung sehr vorteilhaft wirken könnte, wenn ein Gesetz geschaffen würde, das verbiete, diese Sache zum Schaden der Industrie anzuwenden. Im lokalen Teil ward der Verlauf der Versammlung genau geschildert. Elf Spalten umfaßte die Schilderung. Der Professor erfuhr daraus, daß man um zwei Uhr nachts noch Militär hatte requirieren müssen, um die Ruhe herzustellen. Die »Soziale Rundschau« sprach sich sehr gemäßigt aus. Sie fand die Idee ausgezeichnet, Hunderttausende von Menschen zum Wohle des Staates Jahrzehnte verschlafen zu lassen, und kündigte diesbezüglich sogar eine Gesetzesvorlage der Regierung an. Die Polizei ward beglückwünscht, daß es ihr gelungen sei, den genialen Mann vor den Angriffen des Pöbels zu schützen. Mit vieler Wärme ward jene Seite der Erfindung besprochen, die eine einschneidende Regelung der Armenfürsorge möglich machte. Das Blatt sprach die Hoffnung aus, daß es mit Hilfe dieser glänzenden Erfindung gelingen werde, jene furchtbaren Erscheinungen zu bannen, die schon oft die Grundlagen des Staates erschüttert haben. Gegen Hunger, Elend, Armut und Verzweiflung sei jahrzehntelanger Schlaf das beste Mittel, zu verhindern, daß diese Kräfte gegen die Grundfesten des Staates sich kehren. Das Blatt begrüßte Professor Doktor Voraus als jenen Mann, dem es durch seine Genialität gelungen sei, das Gleichgewicht zwischen Arbeitsangebot und Nachfrage in glänzendster Weise herzustellen. Seine Erfindung mache die überzähligen unschädlich. – Professor Voraus nickte zufrieden zu den Ausführungen des Blattes. Auch die »Deutsche Wacht« stimmte im allgemeinen den Ausführungen des Professors zu. Besonders sympathisch war dem Blatte der Umstand, daß Professor Doktor Voraus ein Deutscher sei. Das Blatt machte ganz ernsthaft geltend, in vorwiegend deutschen Gegenden die nichtdeutsche Bevölkerung auf mindestens ein Jahrhundert einzuschläfern, damit dem deutschen Volk der nötige Raum zu nationaler Entwicklung gewährleistet werde. Das Blatt beantragte zum Schluß ein Nationaldenkmal für Professor Doktor Voraus. Als direkte Gegner erwiesen sich das »Volksblatt« und die »Stimmen von oben«. Das »Volksblatt«, das die Partei der Gemeindemajorität vertrat, fand viel Anheimelndes in dem Gedanken, die Armen ihr Elend verschlafen zu lassen. Durch diese Einrichtung würde man den Ausgabenetat der Stadt um Hunderttausende vermindern. Da das Blatt aber Professoren, Doktoren und sonstigen Männern der Wissenschaft grundsätzlich feindselig gesinnt war, so verwies es die Erfindung in das Reich der Unmöglichkeit. Es schloß mit dem Satze, daß jeder Dürrkräutler dem Professor beweisen könne, daß seine Ausführungen der größte Unsinn seien. Hochinteressant waren die »Stimmen von oben«. Sie stellten sich natürlich auf den religiösen Standpunkt. Sie erklärten, daß es ein unerhört frecher Eingriff in das Walten der Gottheit wäre, wenn man die Menschen beliebig viele Jahre, die ihnen doch von Gott für das Leben vorgezählt wurden, verschlafen lasse. Es werde diesen Unglücklichen unmöglich gemacht, Gott zu dienen und ihren freien Willen zu benützen, um zu sündigen. In früheren, religiöseren Zeiten wäre ein Mensch wie Doktor Voraus unfehlbar dem Scheiterhaufen überliefert worden. Zum Schluß kündigte das Blatt an, daß am nächsten Sonntag, abends 6 Uhr, in sämtlichen Kirchen der Stadt Andachten abgehalten würden, damit der Himmel nicht an allen Bewohnern die furchtbare Sünde eines Einzelnen, nämlich des Doktors Voraus, strafe. Dr. Voraus nickte höchst befriedigt zu dieser Lektüre. Je mehr sich die Leute seinetwegen aufregten, desto mehr befriedigte es ihn. Er setzte sich bequem zurecht und nahm die »Volksstimme« zur Hand, von der er sich das unstreitig Beste erwartete. »Die Wissenschaft im Dienste des Kapitalismus« war die Überschrift des Leitartikels. In den einleitenden Sätzen war die Diktion des Artikels noch ruhig, sachlich und nicht ohne einen Schimmer von Vornehmheit. Mit größter Entschiedenheit ward der Vorschlag des Dr. Voraus zurückgewiesen, die Armen die Zeit ihres Elends verschlafen zu lassen. Mit bissiger Ironie führte das Blatt aus, daß es sehr leicht möglich wäre, daß von der Regierung vergessen würde, die Eingeschläferten wieder aufzuwecken. Denn so lange der größte Teil des Proletariats schlafe, seien für Regierung, Bürgerschaft, Klerus und Adel die allerherrlichsten Zeiten und niemals wäre die Regierung so sehr um einen möglichst ungestörten, tiefen Schlaf der Ärmsten und Elendesten besorgt gewesen als dann, wenn die Erfindung des großen Gelehrten zu irgendeiner gesetzlichen Anwendung kommen würde. Aber das Proletariat, die Arbeiterschaft, sei durchaus nicht gelaunt, Dornröschen zu spielen. Es sei erwacht und keiner Regierung werde es jemals gelingen, das arbeitende Volk wieder in jenen Schlafzustand zu versetzen, in dem es Jahrhunderte gelegen. Zum Schlusse wurden die Regierung und die ihr nahestehenden Kreise aufgefordert, selber auf längere Zeit einzuschlafen. Sie würden dann beim Erwachen ihr blaues Wunder erleben, wie weit indessen die Welt vorwärts gekommen sei und wie glücklich, sorgenfrei und friedlich die Menschen dann lebten. Und in fettgedruckter Schrift führte dann das Blatt noch aus, daß die Herrschaften bei ihrem Erwachen wohl kein Titelchen ihrer alten, ererbten Vorrechte mehr wiederfänden, daß dann die neue Zeit gekommen sei, jene Zeit, die kein Graf, kein Bischof und kein Mastbürger zu kommen hindern könne. In dieser Beziehung sei die Erfindung des Gelehrten dankbarst zu begrüßen. Der Gelehrte hatte sinnend das Blatt gelesen. »Die Ochsen brüllen wieder vor Angst, weil eine neue Wahrheit zur Welt gekommen ist!« sagte er vor sich hin. Dann drückte er auf den elektrischen Taster. Lorenz kam herein. »Herr Professor belieben –?« fragte er. »Du hast sicher die anderen Blätter schon alle durchgelesen?« »Sehr wohl, Herr Professor.« »So referiere mir kurz über das, was sie schreiben! Aber sehr kurz, im Telegrammstil!« »Sehr wohl!« sagte Lorenz. »Berichte im allgemeinen ungünstig bis auf die ›Heerschau‹!« »Das ist das Blatt des Militärs?« »Sehr wohl! Befürwortet, Regierung und Staat sollten dem Herrn Professor die Erfindung abkaufen und als Staatsgeheimnis behandeln. Wenn die Erfindung vervollkommt würde, wäre es vielleicht möglich, anrückende feindliche Heere aus der Ferne in magnetischen Schlaf zu versenken, wodurch die Kriegführung sich bedeutend vereinfachen würde und man den Krieg all seiner Schrecken beraubte. Ungeheuer wäre dann die Ersparnis an Munition und Menschenleben, und die Unannehmlichkeit, von feindlichen Kugeln getroffen zu werden, wäre dann damit gänzlich ausgeschaltet!« »Auch nicht übel«, bemerkte trocken der Professor. »Die anderen Blätter verurteilen, ja verhöhnen die Sache. Es melden sich Stimmen aus den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung. Wirte, Greisler, Kohlenhändler usw. fragen erregt an, was aus ihnen werden solle, wenn man das Proletariat einschläfern würde. Auch ein Aufruf zu einem Demonstrationsumzug ist bereits erschienen. Der Hausherr hat sich ebenfalls mit einer Anfrage gemeldet!« »Ja. was will er denn?« »Er fragte bei mir an, gegen welches Honorar der Herr Professor wohl geneigt wären, seine Frau in einen drei- bis fünfjährigen festen Schlaf zu versenken?« »Ein braver Gemahl!« »Sie ist eine sehr böse Frau, und ich kann ihm diese Anfrage gar nicht übelnehmen!« In diesem Augenblick brach in der Gasse unten donnerndes Lärmen und Geschrei los. Eine Fensterscheibe klirrte, die Scherben flogen ins Zimmer und ein beträchtlicher Kiesel rollte vor des Professors Füße. »Man will mich steinigen!« sagte etwas kleinlaut der Professor. Wieder klirrten und krachten einige Fensterscheiben. »Ich würde Herrn Professor empfehlen, für einige Tage in das Hinterzimmer zu ziehen, dessen Fenster in den Hof gehen. Der Alkoven ist bombensicher!« bat der besorgte Lorenz. »Nein!« entgegnete der Professor. »Ich bin stolz darauf, für meine Lehre zu leiden!« Er wollte zum Fenster treten und sich kühn dem erregten Volke zeigen, aber Lorenz trat ihm in den Weg. »Das geht nicht, Herr Professor, ich leid' das nicht; denn Ihre Erfindung wäre für die Menschheit verloren, wenn einer der Lümmel unten Ihnen ein Loch in den Kopf schießen würde! Ich hab' schon meinen Teil abbekommen«, sagte er, und deutete auf seinen Kopf, auf dem ein großes, schwarzes Pflaster klebte. »Die dummen Kerle haben mich für den Herrn Professor gehalten!« sagte er »entschuldigend. »Und da sagst du nichts...!« rief erschrocken der Professor. In diesem Moment klang von der Straße herauf ein Hornsignal, Kommandorufe erschallten, der regelmäßige Tritt marschierender Soldaten erklang. »Das ist gut«, sagte Lorenz befriedigt, »der Herr Kriegsminister ist besorgt. Er verspricht sich gewiß von Ihrer Erfindung große Vorteile für die Armee!« Es war unten ruhig geworden. Nun erlaubte Lorenz seinem Herrn, den Kopf zum Fenster hinauszustecken, nachdem er vorsichtshalber früher selbst das Schlachtfeld inspiziert hatte. Die Straße war durch Infanterie abgesperrt. Das Volk war verschwunden. Nur ein kleiner Rest war noch vorhanden, der eben von Polizisten in die Gefangenschaft abgeführt wurde. Gerade vor dem Fenster war eine beträchtliche Blutlache. Kopfschüttelnd betrachtete der Professor die Szene. »Da hat einer einen offenen Kopf gekriegt«, bemerkte Lorenz und deutete dabei auf den roten Fleck auf dem Pflaster hinab. »Vielleicht kapiert er jetzt die Sache!« In diesem Augenblick erregte lebhafte Bewegung am Ende der durch den Militärkordon abgesperrten Straße die Aufmerksamkeit der beiden. Endlich löste sich aus dem dort entstandenen Knäuel von Wachleuten und Zivilpersonen eine kleine Gruppe los. Voran ging ein Wachmann. Nach ihm eine Frau, anscheinend nahe den Vierzigern. Die Frau hielt einen ziemlich gut gekleideten Mann beim Ärmel und schleppte den sich Sträubenden energisch mit sich fort. Ein zweiter Wachmann beschloß den Zug. Der eskortierte Herr war augenscheinlich infolge vermehrten Alkoholgenusses ziemlich aus dem Gleichgewicht geraten, denn manchmal mußte der als Nachhut mitgehende zweite Wachmann ihn ganz gewaltig stützen, und da er die entschiedene Neigung zeigte, sich auf den Boden zu setzen, so mußte auch zweimal der Führer der Eskorte in Aktion treten. Die Wachleute hoben den Mann höchst energisch an den Armen empor und die Frau stocherte ihn sehr empfindlich mit der Spitze ihres Sonnenschirmes während dieser Prozedur in den Rücken. Lorenz konnte dieser Szene seinen Beifall nicht versagen; er versuchte sogar zu applaudieren, wurde aber von seinem Herrn energisch verwarnt. Plötzlich rief er wie elektrisiert aus: »Das ist ja unser Versuchsobjekt, der Übler, und seine Frau!« Der kurzsichtige Professor sah nun aufmerksam und durchdringend auf die Gruppe. »Donnerwetter, ja, sie sind's! Ja, was wollen die, – sollte er noch so schlaftrunken sein? Gestern, als ich ihn erweckte, war er in einer halben Stunde frisch und munter!« »Schlaftrunken!« meinte Lorenz und sah dabei mit einem mitleidigen Blick auf seinen Herrn. »Wenn Herr Professor ›besoffen‹ sagen wollten, wäre die Diagnose richtig.« »Lorenz –!« Der Herr Professor sah ihn streng an. »Reden Sie nicht so leichtfertig, bevor Sie den Fall genau kennen!« »Sehr wohl, Herr Professor!« Draußen wurde an der Glocke gezogen. Lorenz eilte hinaus und hörte verschiedene Männerstimmen und das kreischende Gezeter eines Weibes. Dann klopfte es an die Tür. Auf das »Herein!« des Professors betrat ein Wachmann das Studierzimmer und meldete, stramm salutierend, daß Frau Magdalene Übler durchaus den Herrn Professor sprechen wolle. Er und noch ein anderer Wachmann seien beordert worden, mitzugehen, um ein eventuell geplantes Attentat auf den Herrn Professor zu verhindern. Der Professor ließ die Frau hereinführen. »Ja, was wollen Sie denn noch von mir, Frau Übler?« fragte er betroffen. Die Frau schlug weinend die Hände zusammen und sank vor dem Professor auf die Knie. »I bitt Ihna, Herr Professor, ums Bluat Christi willen, schläfern S' den Kerl wieder ein! I halt's net aus!« Der Professor befahl ihr aufzustehen. »Aber liebe Frau – das geht doch nicht!« »I hab' Ihna jetzt fast vier Jahr' wiar in Himmel glebt, und seit der an Tag munter is, bringt mi schon wieder die Gall' um! Gestern nimmt er si glei zwanzig Gulden, geht nach der Versammlung ins Wirtshaus, streit mit die Leut', weil eahm's dö nit glauben haben wollen, daß er vier Jahr' gschlafen hat, haut an a Ohrfeigen runter, daß dem jetzt alle Stockzähn roglat san – o ja, ausgrast is er ja, der Lackl, kommt dann total bsoffn z' Haus... I bitt', schläfern S' ihn glei auf zehn Jahr' wieder ein, daß a Ruah is! I bin per Tag mit drei Kronen zufrieden!« Nun schwankte Herr Übler ins Zimmer. »Recht hat s', ganz recht hat s', dö Bißgurn; i bitt' selber daß mi der Herr Professor einschläfert!« Die beiden Wachleute sahen sich erstaunt an, Lorenz rieb sich vergnügt die Hände und drehte sich, um seiner ausgezeichneten Stimmung halbwegs Luft zu machen, unter heiteren Kichertönen dreimal um seine Längsachse. »Lorenz!« verwies streng der Herr Professor. »Sehr wohl«, sagte Lorenz und war sofort wieder würdevollste Ergebenheit. »Seid ihr beide verrückt?« fuhr der Professor das Ehepaar an. »Na –, i bitt' –«, sagte Herr Übler; seine Rede wurde durch kleine Schluckkrämpfe nach jedem dritten Wort unterbrochen. »I bin – ganz gscheit – i bitt', der Herr Professor schläfert mi ein – aber – i derf net ehnder wieder aufgweckt wer'n als bis an dem Tag, wo von mein Weib d' Leich is!« Der Professor war sprachlos. Lorenz war höchst vergnügt, die beiden Polizisten konnten nur mit Mühe ein sich ihnen aufdrängendes, höchst unziemliches Lachen unterdrücken und machten Gesichter, als ob sie jetzt und jetzt niesen müßten. »Meine lieben Leute«, begann der Herr Professor streng, »das ist Unsinn...« »Was, Unsinn...?« fuhr Frau Übler auf. »Ruhig!...« donnerte auf einmal jetzt der Professor, »Narrenspossen, Lorenz, hinaus mit den Leuten!« Da drängte sich Übler vor: »Herr Professor, ich bitt', schläfern Sie mich ein! Sie müssen mich einschläfern, Sie haben mich zu einem unglücklichen Menschen gemacht, meine Frau hat mich im Schlafe betrogen. Ich will nichts mehr wissen von ihr..., ich geh' wieder in mein Bett...« Er wollte sich zur Tür wenden. »Hinaus mit den beiden!« schrie der Professor. In diesem Moment läutete wieder die Klingel. Als Lorenz in größter Eile öffnete, stand niemand Geringerer draußen als der Herr Polizeipräsident. Noch dazu in voller Uniform. Mit tiefer Verbeugung näherte er sich dem Professor. »Guten Morgen, Herr Professor!« sagte er und reichte dem Doktor die Hand. »Welche Ehre...«, erwiderte der Professor. »Ich hätte mit Herrn Professor einige Worte im Vertrauen zu sprechen...!« sagte der Polizeipräsident mit einem Seitenblick auf die übrigen Anwesenden. »Wenn Herr Präsident befehlen, daß die beiden Herren«, der Professor deutete dabei auf die Wachleute, die seit der Ankunft des Präsidenten salutierend in strammster Haltung wie Marmorsäulen dastanden, »dieses Paar sofort aus meiner Wohnung entfernen, stehe ich allsogleich zu Diensten.« Der Polizeipräsident winkte und sagte mit unsäglicher Milde: »Führen Sie die Leute ab!« Der eine Wachmann packte Herrn, der andere Frau Übler am Arme und schoben sie zur Tür hinaus. Lorenz öffnete den beiden Paaren höchst respektvoll die Stubentür. Dann kehrte er noch einmal in das Studierzimmer zurück. »Befehlen, Herr Professor?« fragte er. »Ruhe und Alleinsein!« gebot dieser. »Sehr wohl, Herr Professor!« Lorenz verbeugte sich und schloß leise die Tür, damit die beiden Kapazitäten sich aussprechen könnten. Da es ihn infolge der Anhänglichkeit an seinen Herrn viel zu viel interessierte, was der Herr Polizeipräsident mit seinem Gebieter zu sprechen habe, blieb er an der Türe stehen. Er horchte sehr aufmerksam, um sofort erscheinen zu können, wenn der Herr nach ihm verlangte. »Ich komme in einer ganz eigenartigen Mission«, sagte der Präsident, »in einer Mission, die mir eigentlich sehr peinlich ist.« Der Professor sah mit verwunderten Blicken auf den Hohen Herrn. »Wie Sie ja gelesen haben«, fuhr der Polizeipräsident fort, indem er lächelnd einen Blick auf die im Studierzimmer massenhaft angehäuften Zeitungen warf, »hat die Bekanntmachung Ihrer Erfindung eine tiefgehende Erregung hervorgerufen. Eine Erregung, die, wie Sie ja bemerkt haben«, er wies damit zum Fenster hin, »uns veranlaßt hat, umfassende Maßregeln zu Ihrem Schutze zu treffen!« »Der Pöbel war immer der größte Feind des Fortschritts«, warf der Professor erregt ein. »Da muß ich Ihnen vollkommen recht geben. Wir von der Polizei wissen das!« Der Professor konnte sich wohl im Moment nicht recht klar vorstellen, wie, wann und wo jemals die Polizei die Wissenschaft vor dem Pöbel beschützt habe, aber er nickte mechanisch zu den Worten des hohen Herrn. »Es ist nur unsere selbstverständliche Pflicht, Ihr Leben und Ihr Eigentum vor dem Angriff des Pöbels zu schützen. Aber es sind noch ganz andere Erwägungen politischer Natur, die uns veranlaßten, mit solcher Machtentfaltung zu Ihrem Schutze vorzugehen. Wir können doch hoffentlich nicht belauscht werden?« »Nein, nein, durchaus nicht!« beteuerte der Professor. »Ich will mich aber doch überzeugen« – sagte der mißtrauische Präsident, schritt leise zur Tür und riß sie plötzlich auf. Vor der Tür stand Lorenz. »Lorenz, das ist unwürdig«, sagte der Professor. »Sehr wohl, Herr Professor«, erwiderte kaltblütig Lorenz, »aber ich wollte eben dem Herrn Professor einen gerade angekommenen Brief übergeben!« »Lassen Sie jetzt die Briefe, gehen Sie in Ihr Zimmer und warten Sie dort, bis ich Sie rufe!« »Könnten ihn Herr Professor nicht auf eine Stunde einschläfern?« fragte lächelnd der Präsident. Lorenz sah den Präsidenten finster an. Er hatte niemals der Institution der Polizei besondere Sympathien entgegengebracht. Dieser Antrag des hohen Herrn hatte ihn im Moment zum Anarchisten gemacht. »Herr Präsident, über meinen Schlaf habe nur ich zu verfügen!« »Gehen Sie in Ihr Zimmer!« befahl energisch der Professor. Lorenz drehte sich gekränkt um und verschwand. »Die Tür lassen wir offen«, sagte der Professor. »Es ist niemand sonst als Lorenz in der Wohnung. Herr Präsident können jetzt ganz ungestört sprechen!« Die beiden Herren setzten sich, der Polizeipräsident so, daß er von seinem Platze aus auch das zweite Zimmer überblicken konnte und dessen Tür stets im Auge hatte. »Denken Sie nur, Herr Professor«, begann er, »wir haben Ihrer Erfindung wegen heute bereits um halb sieben Uhr eine Sitzung gehabt. Delegierte des Ministeriums des Innern und des Justizministeriums wohnten ihr bei. Der Justizminister erhofft von Ihrer Erfindung eine vollständige Reform unseres Gefängniswesens. Die Rechtspflege wird humaner und billiger werden. Er denkt daran, die Häftlinge für die Dauer ihrer Strafhaft einschläfern zu lassen, was unschätzbare Vorteile bildet. Erstens spüren die Verurteilten die bisher oft so unerträglich schweren Unannehmlichkeiten ihrer Bestrafung nicht so hart, und zweitens entfallen die ungeheuren Kosten ihrer Erhaltung. Und eine Strafe bleibt es doch, vielleicht zwanzig, dreißig Jahre verschlafen zu müssen und dann bei seinem Erwachen nicht ein Viertel jener Menschen zu finden, die einem zur Zeit, als man einschlief, nahestanden. Man kann die Strafen auch verlängern – bis auf hundert und zweihundert Jahre. Besonders für politische Vergehen wäre diese Art der Bestrafung höchst angezeigt. Wenn man die hervorragenden Führer radikaler oder revolutionärer Parteien mit dreißig- bis hundertjährigem Zwangsschlaf bestraft, zerfällt in der Zeit die Partei von selbst, und die Führer finden, wenn sie aufwachen, kein einziges Parteimitglied mehr am Leben, was für den Staat von größtem Wert sein kann!« »So fassen Sie die Sache auf?« meinte betreten der Professor. »Jawohl! Was sagen Sie dazu? Immer stellt man die Polizei als eine höchst reaktionäre Institution hin. Sie sehen jetzt, wie rasch und in welch genialer Weise wir sofort an die Ausnützung Ihrer großartigen Erfindung gehen. Sie bietet uns das wirksamste Mittel, Frieden und Ruhe in der Bevölkerung zu verbreiten!« Der Professor wiegte sinnend das Haupt. »Ein Herr vom Unterrichtsministerium, ein Hofrat der medizinischen Fakultät – dieses Ministerium war durch einen Irrtum des Ministerpräsidenten zu einer Vertretung in dieser Sitzung gekommen –, brachte, um auch etwas zu reden, die Meinung vor, der größte Vorteil der Erfindung bestünde darin, daß nun Operationen ohne jede lebensgefährliche Narkose an dem Schlafenden vorgenommen werden könnten, und pries dies als den größten Triumph menschlichen Geistes. Wir hörten ihn ruhig an, obwohl die Sache doch höchst belanglos war gegenüber den früher geltend gemachten Ideen. Er konnte es natürlich nicht begreifen, daß seine Anregung weiter gar nicht gewürdigt wurde.« »Pardon, Herr Präsident«, fuhr der Professor auf, »sind Sie extra deswegen gekommen, um mir dies mitzuteilen?« »Nein, offen gesagt...«, erwiderte der Präsident, »ich bin gekommen, um Ihnen anzukündigen, daß wir Sie heute nachts verhaften werden!« »Was – ist das Ihr Ernst?« »Jawohl! Wir bringen Sie in sicheren Gewahrsam, um Sie zu schützen. Ihr Leben ist dem Staate seit gestern zu kostbar geworden, als daß wir es einem bösen Zufall preisgeben könnten. Beruhigen Sie sich, Herr Professor, Ihre Haft wird Sie nicht inkommodieren! Wir entführen Sie aus der Hauptstadt – in einer paradiesischen Gegend werden Sie einige Monate verleben, frei von aller Gefahr, ruhig, sorgenlos. Wenn sich die Erregung der Volksmassen gelegt hat, kehren Sie wieder in die Stadt zurück!« »Also eine erzwungene Flucht – oder wie man das nennen soll! Das tue ich nicht!« »Pardon, bis Sie zurückkommen, haben wir dem Volke schon jenen Begriff des Segens Ihrer Erfindung beigebracht, den es braucht. Die Herren der Universität werden an Schlafenden vollständig schmerzlose Operationen ausführen, elende, mit Kummer und Sorgen beladene Menschen werden die Tage der Not verschlummern. Wenn Sie wiederkehren, werden Sie jubelnd als der größte Wohltäter der Menschheit begrüßt werden. Und dann wollen wir Ihre Erfindung den Staatsnotwendigkeiten dienstbar machen!« Der Professor war aufgestanden und ging kopfschüttelnd in seinem Zimmer auf und ab. Plötzlich trat er vor den Präsidenten hin und sagte mit einer Ruhe, der man anmerkte, welche ungeheure Willensanstrengung sie verursachte: »Herr Präsident, ich werde nicht fliehen, ich gehe nicht mit Ihnen. Lebend bringen Sie mich nicht aus meinem Zimmer!« »Auch gut; dann habe ich den strikten Auftrag, alle Ihre Papiere sofort in Beschlag zu nehmen!« »Was, wie können Sie sich das unterstehen?« »Ihr Leben ist gefährdet, mit Ihrem Leben Ihre dem Staate so kostbare Erfindung. Der Staat ist verpflichtet, sich zu schützen!« sagte ruhig der Präsident. Er ging zur Tür und öffnete sie. Draußen stand eine Schar Polizisten, mitten unter ihnen Lorenz. Er war als erster in Beschlag genommen worden. »Wir schauen gut aus, Herr Professor«, sagte er bekümmert. »Ich protestiere dagegen!« rief erregt der Professor. »Sehr wohl, Herr Professor!« sagte Lorenz, den zwei stämmige Wachleute festhielten, »Aber der Dienst bei Ihnen beginnt sehr unruhig zu werden. Ich werde eine Lohnerhöhung verlangen müssen.« Die Polizisten begannen auf Befehl des Polizeipräsidenten aus allen Laden und Schränken die Manuskripte des Professors hervorzusuchen und in Kisten zu legen, die sie vom Gange hereingetragen hatten. Der Professor sah ihnen mit größter Erregung zu. Als ein Polizist einen dickleibigen Manuskriptfaszikel aus einem Kasten herausnahm, wollte sich der Professor wütend auf ihn stürzen, aber zwei Wachleute drückten ihn sanft in seinen Fauteuil zurück. »Aha, das sind die richtigen Papiere!« lächelte zufrieden der Polizeipräsident. »Beruhigen Sie sich, Herr Professor, es wird Ihnen alles wieder zurückgestellt werden!« »Herr Professor, wir werden uns beschweren!« rief Lorenz. Der Professor sagte nichts. Er saß gebeugt in seinem Fauteuil und drückte wortlos das Gesicht in seine Hände. Als die Polizisten ihre Amtshandlung beendigt und die beiden Kisten hinausgetragen hatten, erhob sich der Professor und sagte zum Polizeipräsidenten: »Herr Präsident, ich verwahre mich in aller Form gegen diese Gewalttätigkeit. Ich werde das Parlament anrufen!« »Herr Professor werden sich beruhigen, es geschieht zu ihrem Besten, zum Besten des Staates, zum Besten der Wissenschaft.« Der Professor saß erst sinnend eine Weile da. Dann erhob er sich und sagte mit stolzer Miene: »Herr Präsident, würde die Regierung auf jeden Fall auf meiner Verhaftung und Internierung an einem fernen – wie Sie sagten – gottgesegneten Orte bestehen?« Der Präsident zuckte die Achseln. »Wir haben keinen besseren Ausweg gefunden, Sie und den Staat zu schützen.« »Ich will Ihnen einen besseren vorschlagen!« sagte der Professor. »Sehr erfreut«, erwiderte der Präsident, »wenn die Regierung finden wird, daß Ihr Vorschlag die gleiche Sicherheit bietet wie unsere Maßnahmen, dann wird sie denselben gewiß mit tausend Freuden annehmen!« »Herr Präsident!« begann Dr. Voraus mit erhobener Stimme. »Was ich heute erlebt habe, ist mir zu viel geworden, mir ekelt vor dieser Welt, ja, ich werde fliehen – aber nicht von diesem Orte, nein, aus dieser Zeit hinaus! Ich werde 2000 Jahre verschlafen.« Der Präsident starrte erschrocken in das Gesicht des Professors. »Darf ich der Regierung davon Mitteilung machen?« »Ja«, erwiderte Dr. Voraus. Der Präsident verbeugte sich und wankte betäubt zur Tür hinaus. Drittes Kapitel. Wie der große Entschluß des Herrn Professors aufgenommen wird. Lorenz wird ein berühmter Mann und entzweit sich mit seiner Braut. Eine ganz unbeschreibliche Bewegung hatte die Stadt erfaßt. Der einzige Gegenstand des Gespräches war der Vortrag des Professors über seine furchtbare Erfindung. An den Stammtischen sämtlicher Gasthäuser der großen Stadt wurde erregt über die Möglichkeit, über den Wert oder Unwert der Erfindung gestritten. In den Kaffeehäusern blieben die Billardbretter und die Spieltische verwaist, man war allgemein in das Studium der Journale vertieft oder diskutierte mit Eifer die Sache. Die Gemüter erhitzten sich. Die Kaffeesieder machten betrübte Gesichter, da der Ertrag aus den Billard- und Kartengeldern für diesen Tag sich voraussichtlich höchst minimal gestalten würde. Die Wirte waren höchst vergnügt. Der Konsum von Bier und Wein stieg um ein Erkleckliches, da die streitenden Parteien in ihrer Erregtheit ungeheure Massen Alkohol hinunterstürzten. Die fröhlichsten Gesichter machten am Abend des nächstfolgenden Tages die Advokaten der Stadt, die angegangen wurden, in einer Riesenzahl von Ehrenbeleidigungsprozessen zu intervenieren, die das Resultat hitziger gelehrter Gespräche bildeten. Der Offiziersehrenrat wurde in Permanenz erklärt, da beim Rapport desselben Tages 248 Herren vom Militär, zumeist Leutnants und Oberleutnants, Duelle angemeldet hatten, um auch auf ihre Weise ihre Ansichten über die Erfindung des Dr. Voraus geltend zu machen. Die Mitglieder der unteren Stände, die kein Geld für Advokaten hatten und über deren Ehrenhaftigkeit kein höherer Rat zu entscheiden hatte, prügelten sich gegenseitig durch, wenn sie sich gegenseitig nicht von der Trefflichkeit ihrer Anschauungen und Meinungen zu überzeugen vermochten, ein Verfahren, das bedeutend weniger Umstände verursachte als die Ehrenaffären der übergeordneten Stände, aber schließlich von demselben Erfolg gekrönt war. In der Stadt bildeten sich zwei Parteien – für und gegen Dr. Voraus. Jene, welche nicht wußten, was sie von der Sache halten sollten, gefielen sich in geschmacklosen Witzen. Professor Dr. Voraus hatte einen höchst unruhigen Nachmittag verbracht. Daß die Sache so ausgehen werde, das wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Er war nicht der Mann, der auf äußere Ehren, auf Anerkennung der Massen reflektierte; er hatte wohl vorausgesehen, daß die Verkündigung seiner Entdeckung eine tiefgehende Erregung verursachen werde, daß aber eine kleine Revolution ausbrechen werde, das lag außerhalb seiner Berechnung. »Lorenz«, sagte er mit starker Stimme, »hätten Sie gedacht, daß die Sache so kommen wird?« »Sehr wohl, Herr Professor! Daß die Arbeit des Herrn Professors die Meinungen sehr aufregen wird, war anzunehmen. Daß wir damit in Konflikt mit den Behörden geraten würden, hätte ich nicht für möglich gehalten. Gestatten, Herr Professor, eine Frage?« »Was wünschen Sie zu wissen?« »Ich bin neugierig, wann wir einmal von unserer Ehrenwache befreit werden«, meinte Lorenz, »die Sache fängt an, ungemütlich zu werden. Ich sollte schon längst, meine Braut aufsuchen, sie wird sich sehr ängstigen, daß ich so lange nicht komme.« »Ich werde mit dem Polizeipräsidenten sprechen«, tröstete der Professor, »ich finde es sehr abgeschmackt, daß man auch Sie bewacht!« Dann setzte sich der Professor wieder zu seiner Arbeit. Es war gegen acht Uhr abends, als der Polizeipräsident in Begleitung eines Herren wieder das Zimmer des Professors betrat. »Bringen Sie mir die Freiheit, Herr Präsident?« rief ihm der Professor entgegen. »Noch nicht, aber die Situation hat sich merklich gebessert, die heutigen Abendblätter treten sehr warm für Sie ein. Sogar die ›Volksstimme‹ schlägt gemäßigtere Töne an und findet das Vorgehen der Polizei gegen Sie höchst unwürdig – aber gestatten Sie, daß ich Ihnen Herrn Doktor von Hartmann vorstelle, den Chef unseres Pressebüros.« Die beiden Herren begrüßten einander auf sehr würdige Weise. »Ihr Vorhaben habe ich der Regierung angezeigt und meine Mitteilung verblüffte die Herren geradezu. Es ward die Meinung ausgesprochen, daß die Veröffentlichung dieses Vorhabens von günstigem Einflüsse auf die Menge sein könnte. Ich bitte Sie, wenn es Ihnen möglich ist, Herrn Doktor von Hartmann die Sache auseinanderzusetzen – er wird es vermitteln, daß noch heute alle Blätter von Ihrem Entschlusse in Kenntnis gesetzt werden. »Ich bin Ihnen nur dankbar dafür – ich hätte sonst selbst die Öffentlichkeit von meinem Entschlusse in Kenntnis gesetzt. Diese Blätter hier – er reichte Dr. von Hartmann einige Bogen engbeschriebener Blätter hin – enthalten alles, was ich darüber zu sagen habe.« Dr. von Hartmann nahm das Manuskript mit einer tiefen Verbeugung entgegen. »Herr Professor, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen meine Bewunderung ausdrücke, aber Ihr Entschluß ist uns gewöhnlichen Sterblichen so unfaßbar –.« »Was ist da weiter daran – ich verschlafe zweitausend Jahre, wie ein anderer sein Mittagsschläfchen hält! Meine gelehrten Vorgänger haben mit scharfsinnig erdachten Instrumenten den Raum bezwungen. Sie sehen mit ihren Teleskopen in die Weltenferne, mit dem Mikroskop durchforschen sie die Welt des Allerkleinsten, der elektrische Funke überfliegt in einer Sekunde das Erdenrund, und ich will das Wunder zustande bringen, in zwei verschiedenen Jahrtausenden gelebt zu haben. Ich will denen, die einstmals von uns so zeitlich entfernt sein werden, wie wir es heute von Cäsar, Ovid und Vergil sind, die Kunde unseres Lebens und unserer Kultur bringen – als lebender Genosse der Vergangenheit. Ich will mir eine Auferstehung in meinem Sinne bereiten!« Dr. von Hartmann sah gespannt auf den tief erregten Redner. Der Professor saß sinnend da, als wenn ihm jetzt erst die ganze Größe seines Vorhabens zu Gemüt gekommen wäre. »Wann wollen Sie sich in den zweitausend Jahre währenden Schlaf versenken lassen?« fragte der Präsident und schüttelte dabei seinen grauen Kopf. »Sobald als möglich, denn ich will anno dreitausendneunhundertsieben als rüstiger, gesunder Mann aufwachen – ich bin jetzt vierzig Jahre alt!« antwortete der Professor. »Und dann werden Sie zweitausendundvierzig Jahre alt sein! Nein – das ist ganz unfaßbar, ganz unmöglich –!« »Ich werde Sie leider von meinem Erwachen nicht verständigen können!« »Wenn Ihnen aber während dieses zweitausendjährigen Schlafes etwas geschieht – wie viele Kriege – Erdbeben – werden sich während dieses Zeitraumes ereignen!« warf Dr. von Hartmann ein. »Dann ist es dasselbe, als wenn ein Nordpolfahrer vom Eise, ein Afrikaforscher von den Wilden verschlungen wird oder ein Naturforscher an selbstgezüchteten Pestbazillen zugrunde geht. Ich habe mich einfach für die Wissenschaft geopfert und damit ist die Sache gut!« Der Professor stand seinem großartigen Experiment so kühl gegenüber wie ein Lehrer an der Volksschule seiner Elektrisiermaschine. »Herr Professor!« begann der Präsident, »Sie haben mir den Kopf warm gemacht mit Ihren Ideen, mir geht das bekannte Mühlrad darin herum.« Dr. von Hartmann war aufgestanden und reichte dem Professor bewegt beide Hände hin, »Ich kann es nicht sagen«, begann er, »wie ich Sie bewundere, die Welt kennt bis jetzt keinen größeren Helden als Sie es sind!« »Also dieses Manuskript enthält die vollständige Darstellung Ihres Vorhabens und Sie übergeben es uns mit der Erlaubnis, seinen Inhalt unserer staunenden Mitwelt bekanntzugeben.« »Ja«, stimmte der Professor zu, »Sie führen nur das aus, was ich selbst vorhatte.« »Dann danke ich«, sagte der Präsident, »ich hoffe, unsere Mitteilungen werden die Wogen des Aufruhrs ebnen!« »Man wird begeistert sein von Ihrer Heldentat«, sagte Dr. von Hartmann, »man wird Sie bewundern und feiern!« »Ich glaube, wir werden morgen die Wachen nur mehr benötigen, um sie vor der Begeisterung der Menge zu schützen«, sagte der Präsident; »übrigens hoffe ich, der Abend wird ruhig verlaufen.« Er sah zum Fenster hinaus. »Es fängt tüchtig zu regnen an und einem ordentlichen Regengusse gegenüber hält weder die Begeisterung noch die erbittertste Aufregung der Volksmenge stand. Herr Doktor, wir müssen eilen, damit wir der Bevölkerung noch rechtzeitig Mitteilung von dem bevorstehenden einzigartigen Ereignisse machen können!« Die beiden Herren empfahlen sich in schmeichelhaftester Weise vom Professor. »Pardon – eine Bitte hätte ich«, wandte sich Professor Dr. Voraus noch einmal an den Polizeipräsidenten, »ich ersuche Sie, wenigstens meinem Diener sofort die Freiheit zu geben. Er hat doch nicht das Mindeste dazu beigetragen, daß das Volk sich so wahnsinnig aufregte!« »Bitte zu entschuldigen, Herr Professor! Es ist uns nicht eingefallen, Ihren Diener den gleichen Maßregeln zu unterwerfen, deren Opfer Sie geworden sind, – es war ein Mißgriff der Wache – Ihr Diener kann sich hinbegeben, wohin er will!« erklärte bereitwilligst der Präsident. Nachdem der hohe Herr in Gegenwart Lorenzens der Wache eingeschärft hatte, daß dem treuen Diener vollste Bewegungsfreiheit zu gestatten sei, entfernten sich unter nochmaligen ergebensten Verbeugungen die beiden und der Herr Professor begab sich ziemlich befriedigt in sein Arbeitszimmer und begann wieder eifrig zu arbeiten. Nach einer Weile läutete er dem Diener. Als Lorenz kam, fand er seinen Herrn wieder eifrig beschäftigt. »Nehmen Sie sich einen Stuhl daher, ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen!« Lorenz rückte sich einen Stuhl zum Schreibtisch hin und erwartete in großer Aufregung die Mitteilungen des Herrn Professors. Der Herr Professor schrieb an einem umfangreichen Manuskript. Blatt um Blatt legte er weg, ohne den Diener zu beachten. Er schien ihn total vergessen zu haben. Eine Viertelstunde verging – eine halbe – und noch immer raste des Professors Feder über die unschuldigen weißen Blätter. Als der Professor wieder ein Blatt zu dem großen Haufen der bereits beschriebenen legen wollte, glitt es ihm aus der Hand und schwebte, langsam niedergleitend, auf den Boden. Lorenz hob es auf. Dadurch wurde der Professor erst wieder auf seine Gegenwart aufmerksam. »Ah, Sie sind schon hier, Lorenz?« fragte er zerstreut. »Sehr wohl, Herr Professor!« »Nur eine Minute noch...! Ich bin sofort fertig!« »Sehr wohl, Herr Professor!« Und Herr Doktor Voraus schrieb weiter – Blatt um Blatt. Lorenz sah ihm geduldig zu. Mählich überkam ihn eine bedeutende Schläfrigkeit. Die starken Gemütserregungen und der Ruster Ausbruch übten ihre Wirkung. Er neigte erst den Kopf ein wenig nach vorn, und die Bilder des vergangenen aufregenden Tages zogen durch seine Seele, immer und immer mehr verblassend, schließlich wie in einem Nebel verschwindend. Lorenz schlief ein. Plötzlich wurde er durch lautes Rufen erweckt. Er schreckte auf. Der Herr Professor stand bei der geöffneten Zimmertür und schrie mit lauter Stimme in das Schlafzimmer hinaus: »Lorenz, Lorenz! Wo bleibt denn der Kerl!« »Herr Professor, da bin ich«, sagte Lorenz und wischte sich den Schlaf aus den Augen. »Ah, da ist er ja«, begann der Professor, »ja sagen Sie mir, wo sind Sie denn gewesen?« »Ich bin immer dahier gesessen«, sagte Lorenz und deutete auf den Stuhl neben dem Schreibtisch. »Ach ja... ja, ja..., ich hatte Sie vergessen und zum Schluß ganz übersehen. Ja, ja... ganz richtig! Aber wo steckten Sie denn? Ich habe Sie um acht Uhr herbestellt... und jetzt ist es...« Er sah auf seine Uhr. »Sie steht... natürlich...«, sagte er zornig. »Jetzt ist es dreiviertel eins«, bemerkte Lorenz. »Und sie sitzen seit acht Uhr da – das ist schrecklich.« »Sehr wohl, Herr Professor!« »Ich muß einiges mit Ihnen besprechen, wir sind gleich fertig – nehmen Sie Platz!« Lorenz setzte sich, der Professor gleichfalls, nahm aber sofort eine Feder zur Hand. »Herr Professor, verzeihen«, fing Lorenz an, »wollen Herr Professor die große Güte haben und die Feder wieder weglegen, denn sonst würden wir zu keiner Konversation mehr kommen.« »Da haben Sie recht. Also, mein lieber Lorenz, Sie sind jetzt – erlauben Sie – wie lange bei mir?« »Elf Jahre, zehn und ein halbes Monat!« antwortete Lorenz. »Nicht möglich! Habe ich Sie nicht vor zwei Jahren ungefähr – es können auch drei sein – erst aufgenommen?« warf der Professor zweifelnd ein. »Ich bin am 18. Mai des Jahres 1895 in den Dienst des Herrn Professors getreten!« sagte Lorenz. »So? Ist das wirklich schon so lange her?« Lorenz schwieg. Der Professor fuhr in sonderbarer Aufgeregtheit fort: »Und Sie sind immer zufrieden gewesen in meinem Dienst?« »Ich bin dem Herrn Professor sehr oblischiert!« antwortete äußerst gewählt der Diener. »Lassen Sie diese Flausen«, sagte der Professor, »reden Sie deutsch!« »Sehr wohl, Herr Professor!« »Ich muß Ihnen ankündigen, daß wir uns trennen werden!« Lorenz sah seinem Herrn erbleichend ins Gesicht. »Ich hoffe doch nicht, daß Herr Professor unzufrieden gewesen sind!« »Nein, nein, mein lieber Lorenz«, begann der Professor eifrig, »davon ist keine Rede. Aber ich habe ein Experiment vor, das so lange Zeit in Anspruch nimmt, daß es ungerechtfertigt wäre, ja einfach unmöglich, Sie für diese Zeit an mich zu binden!« Lorenz sah ruhig vor sich hin. »Ich werde in längstens Jahresfrist Abschied nehmen von dieser Welt, besser gesagt, von meiner Gegenwart; ich will, um meine Erfindung an mir selbst zu probieren, mich in einen zweitausend Jahre währenden Schlaf versenken lassen! Ich will, mein treuer Lorenz, die Zukunft des Menschengeschlechtes kennenlernen. Was sagen Sie dazu?« Lorenz war etwas überrascht. »Zweitausend Jahre! Glauben Herr Professor, daß man nicht in hundert Jahren auch manches Interessante sehen wird?« »Jawohl, aber ich will die Welt zweitausend Jahre nach mir sehen. Also«, er wurde sehr ernst und sprach in einem ganz veränderten Ton, »an dem Tage, an dem ich meine Augen zu meinem zweitausend Jahre langen Schlaf schließen werde, sind Sie ihres Dienstes enthoben. Ich werde natürlich nicht ermangeln, Ihnen bei Auszahlung Ihres Gehaltes an diesem bedeutungsvollen Tage eine Zubuße zu widmen, die Sie instand setzen wird, Ihre eigenen Zukunftspläne auszuführen und Ihre Wetti zu heiraten, wonach Sie sich ja so sehr sehnen.« »Es ist mir nicht um das«, fing Lorenz an. »Ich muß aber bedenken, daß, wenn der Herr Professor nach zweitausend Jahren munter wird, dann niemand mehr da ist, der des Herrn Professors Gewohnheiten kennt und dem Herrn Professor dann Tee mit Butterbrot, Schinken und Anschovis präsentiert. Denn die Leute werden sich in der Zeit an andere Frühstücke gewöhnt haben und der Herr Professor bekommen im Lande der Zukunft sofort einen Magenkartarrh!« »Dann wird es schon Ärzte geben, die so etwas sofort heilen werden!« Lorenz gab unentwegt weiter zu bedenken: »Es wird dann aber niemand sein, mit dem Herr Professor bekannt sind, und der Herr Professor werden sich recht einsam und verlassen fühlen... und daher meine ich...« Er stockte und sah verlegen vor sich auf den Boden. »Was meinen Sie denn?« fragte der Professor erstaunt. »Daß es gut wäre, wenn Herr Professor auch in der Zukunft jemand um sich hätten, der mit Ihnen so gut bekannt ist und der mit Ihnen reden kann von der alten Zeit, wenn Herr Professor einmal eine freie Stunde haben. Denn ich glaube, daß man dann vielleicht keine von den Sprachen mehr spricht, die heute gangbar sind, und daß es dem Herrn Professor doch manchmal recht unangenehm sein werde, immer lateinisch zu reden... was dann infolge fortgeschrittener Bildung alle Leute tun werden, wenn sie sich nicht unterdes eine andere Sprache gemacht haben, die dann für alle Leute gelten tut. Und es wird so manches anders sein... und... der Herr Professor werden recht froh sein, wenn Sie so jemand haben, der sich auskennt in allem...« »Ja, so sagen Sie doch zum Kuckuck, was Sie denn eigentlich wollen!« fragte erregt der Professor. »Ich möchte den Herrn Professor gebeten haben, daß ich auch auf zweitausend Jahre eingeschläfert werde!« »Aber!« fuhr der Professor auf. »Ich muß wohl zugeben, daß ich mir einen Abzug vom Lohn gefallen lassen muß, denn der Dienst während dieser Zeit wird ja durchaus nicht anstrengend sein...« »Sind Sie verrückt, Lorenz... und was würde Ihre Braut dazu sagen?« warf der Professor ein. »Ich will ihr vorschlagen, daß sie sich auch auf zweitausend Jahre einschläfern lassen soll. Ich habe mir darin bis zu unserem Erwachen so viel erspart, daß wir uns heiraten können. Sie kann noch ein paar Jahre zum Herrn Professor als Köchin eintreten... sie kocht ganz ausgezeichnet... und dann wollen wir uns ein Gasthaus gründen, so wie die Gasthäuser jetzt sind, und wir werden großen Zulauf haben, weil jeder von diesen Leuten sich so ein altes Gasthaus wird anschauen wollen, und wir werden eine berühmte Kuriosität werden. Und wenn es bei uns auch etwas teurer ist, so werden sich die Leute nichts daraus machen!« »Sie sind ein märchenhafter Kerl!« sagte der Professor. »Haben Sie auch alle die Gefahren bedacht, denen wir entgegengehen? Wenn unser Schlafgemach vom Feuer zerstört wird, wenn ein Erdbeben uns die Decke während des Schlafes auf den Kopf wirft, wenn Feinde eindringen und uns im Schlafe ermorden...« »Das wäre wohl unangenehm, aber ich tät' mir dabei denken, daß, wenn ich nicht eingeschlafen wäre, ich ja schon längst tot wäre. Denn man wird doch einige hundert Jahre auf unser Schlafzimmer gut aufpassen!« Der Professor sah eine Weile kopfschüttelnd vor sich hin. »Ist das Ihr voller Ernst?« fragte er dann und sah dem Diener ernst und eindringlich in die Augen. »Ich würde den Herrn Professor recht sehr um die Güte gebeten haben«, sagte Lorenz in schlichter Einfachheit. »Ja, und was wird Ihre Braut dazu sagen? Ich glaube nicht, daß die mit dem Plan einverstanden sein wird«, gab der Professor noch zu bedenken. »Ich habe mit meiner Braut noch nicht gesprochen, aber ich glaube, sie liebt mich ganz außerordentlich, so daß ich dieses kleine Opfer von ihr verlangen kann. Ich werde morgen mit ihr sprechen – und wenn ihr das Unternehmen nicht konveniert, dann kann ich sie überhaupt nicht heiraten, denn dann ist sie nicht das Frauenzimmer, wofür ich sie halte!« »Also, Sie bleiben wirklich dabei, mich in dieses... na, wie hat er nur gesagt... in dieses ›Land der Träume‹ zu begleiten? Wollen Sie wirklich mit mir zweitausend Jahre verschlafen?« »Sehr wohl, Herr Professor, wir verlängern unseren Kontrakt! Wenn Sie, Herr Professor, mir darüber den notariellen Kontrakt vorlegen, ich unterschreibe sofort!« »Das ist köstlich! Ein Mensch ohne Mittelschule, ohne Universität, er hat mehr Begeisterung für die Wissenschaft als jene alten Zöpfe. Lieber Lorenz!« »Sehr wohl, Herr Professor!« »Also gut – es soll so sein, Sie gehen mit mir, selbst wenn wir Ihre Köchin mitnehmen müssen. Ich achte in Ihnen den treuen Menschen, den großen Menschen, der unbewußt, sorglos, das Größte wagt. Werden Sie aber auch standhaft bleiben, standhaft, im letzten Moment?« »Herr Professor...«, sagte Lorenz und legte beteuernd seine Rechte an sein Herz. »Morgen bringen die Blätter die Ankündigung meines Vorhabens. Abends werden dieselben Blätter mitteilen, daß auch Sie mich in das ›Land der Träume‹ begleiten werden. Haben Sie Photographien?« »Sehr wohl, Herr Professor!« »Sie werden sie brauchen, alle Blätter werden sich um Ihr Bild reißen, überall wird Ihr Bild erscheinen...« Lorenz stand in würdiger Einfachheit da... »Ich finde nicht, daß da etwas Besonderes daran ist, wenn ich mit meinem Herrn zweitausend Jahre verschlafe!« »Lorenz, Sie sind einfach großartig«, sagte der Professor. Er versank in tiefes Nachdenken. »Gute Nacht, schlafen Sie wohl, mein Teurer! Besorgen Sie morgen sofort alle Blätter aus der Trafik! Wecken Sie mich Punkt sechs Uhr, morgen wird ein unruhiger Tag!« Lorenz ging mit einer Verbeugung ab. Nachdem er in seinem Zimmer den Wecker auf dreiviertel sechs Uhr gestellt hatte, begab er sich zu Bette. Er konnte lange nicht einschlafen. »Eine schreckliche Geschichte das! Aber ich verlaß mich auf ihn... und das Gehalt... zweitausend Jahre... zweitausendmal... der Monat zu hundert Kronen... das Jahr zu zwölfhundert Kronen, zweitausendmal zwölfhundert Kronen... Wieviel macht das aus?«... Er nahm einen Bleistift aus dem Nachtkästchen heraus und schrieb sich die Rechnung am Rande eines Zeitungsblattes auf. »Zweitausendmal zwölfhundert Kronen – das macht – zweimal zwölf ist vierundzwanzig – zwei Nullen sind vorhanden – noch drei Nullen dazu, das macht – zwei Millionen und vierhunderttausend Kronen. Es ist viel – und ich verzichte dabei auf die Kost... Ich wache als Millionär auf!« Er konnte lange nicht einschlafen. Was waren die zweitausend Jahre? Nicht mehr als eine Nacht. Und am nächsten Morgen als Besitzer von zwei Millionen vierhunderttausend Kronen aufzuwachen! Ihn schwindelte. Er drehte die elektrische Lampe ab und schlief ein. Des anderen Tages besprachen sämtliche Blätter in spaltenlangen Artikeln das Vorhaben des Herrn Professors. Die freiheitlichen Journale priesen das Unternehmen des Professors als eine gewaltige, herrliche Tat und ergingen sich in enthusiastischen Schilderungen des großen selbstlosen Mannes, der ohne Bedenken sich im Interesse der Wissenschaft von allem scheiden wollte, was ihn derzeit umgab, und wehr- und schutzlos einer unerforschlichen, weltfernen Zukunft entgegenschlafen wollte. Das sozialdemokratische Blatt zeigte eine ähnliche Auffassung wie das freisinnige Organ und stellte den Professor unter Anwendung sehr ernsthafter, rührender Bezeichnungen in eine Stufe mit jenen großen Kämpfern der Menschheit, die duldend und leidend ihr Leben für den Fortschritt opferten. In gänzlich entgegengesetztem Sinne äußerte sich die klerikale Presse. Sie stellte gründliche theologische Untersuchungen darüber an, ob das Verhalten des Professors mit den Geboten Gottes und besonders mit den Geboten der Kirche in Einklang zu bringen sei, und kam dabei zu höchst interessanten Resultaten. Besonders der Umstand, daß im magnetischen Schlafe der Mensch Jahrtausende ungeschädigt verbringen könne, verstimmte die Herrschaften, und sie beschuldigten den Professor direkt des Mißbrauches einer Sache, die bis jetzt ausschließliches Eigentum der Gottheit war. Der Professor wolle, so führten sie aus, das Donnerwort Ewigkeit seiner religiösen und göttlichen Schauer entkleiden und das Unfaßliche dieses grauenvollen Begriffes menschlichem Erfassen näherbringen, indem er sich selbst einen »Jüngsten Tag« konstruieren wolle, indem er nach zweitausendjährigem Schlafe wieder zu neuem Leben zu erwachen gedenke. Diese streitbaren Blätter führten mit großer Entrüstung aus, daß Herr Professor Dr. Voraus ein Attentat auf die Kirche plane, ein Attentat, das bei seinem Gelingen alle Grundlagen des Glaubens erschüttern würde. Sie wendeten sich im Schlußsatz des Artikels an die Polizei, diese auffordernd, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das frevelhafte Beginnen zu verhindern. Dr. Voraus las kopfschüttelnd diese Berichte und Artikel. »So sind sie!« rief er erregt aus. »Wie leid wird es ihnen sein, daß sie mich nicht zum Scheiterhaufen verurteilen können!« – Die »Volksstimme« schlug um, der »Arbeiterwille«, der die Erfindung des Professors als einen nicht zu duldenden Eingriff in das freie Selbstbestimmungsrecht, ja als Attentat auf die Menschheit im allgemeinen dargestellt hatte, tat, als hätte er von seinen früheren Artikeln keine Ahnung, schimpfte auf die Polizei und forderte gebieterisch die Zurückziehung der Wachen vor dem Hause des Professors. In allen Gast- und Kaffeehäusern wurde natürlich wieder von nichts anderem geredet als von dem kühnen Unternehmen des Professors. Man beriet eifrigst, wo der Herr Doktor Voraus schlafen werde, und die dümmsten Witze wurden über diese hochernste Sache gemacht. Aber geradezu ungeheuer stieg die Aufregung, als man nachmittags aus Extraausgaben erfuhr, daß sich auch der Diener entschlossen habe, zweitausend Jahre zu verschlafen. Das Abendblatt des »Freisinnigen Journals« brachte ein Bild des treuen todesmutigen Menschen, und eine halbe Stunde nach dem Erscheinen dieser Sensationsnummer war jedes Blatt vergriffen, vor der Administration drängte sich eine ungeheure Menschenmenge. Die Zeitung veranstaltete eine zweite Auflage, die Maschine lief bis zwölf Uhr nachts, und jedes Exemplar, das die Presse verließ, war in der nächsten Minute abgesetzt. Auflage dreihundertundachtzigtausend konnte das Blatt des anderen Tages mit stolzer Befriedigung melden. Lorenz kam an diesem Tage aus den Ruhmesdelirien nicht heraus. Bis halb fünf Uhr nachmittags hatte er einundzwanzig Interviews hinter sich, die ihn äußerst anstrengten, da er mit den Herren Berichterstattern prinzipiell nur äußerst gelehrt sprach und dabei eine wahre Verschwendung mit Fremdwörtern trieb. Er kam gar nicht dazu, den gewohnten Dienst bei seinem Herrn zu verrichten, und bezeichnete es als ein wahres Glück, daß der Herr Professor ebenso okkupiert war wie er selbst. Es war ihm sehr leid gewesen, daß er nur eine einzige Photographie besaß und daß sich die anderen Blätter mit einer Wiedergabe seiner Unterschrift begnügen mußten. Um acht Uhr verließ der Herr Professor sein Heim. Er war müde und abgespannt. »Ein aufregender Dienst, nicht wahr?« fragte er lächelnd den treuen Diener, als ihm dieser in den Überzieher hineinhalf. »Es ist eine unbeschreibliche Ehre«, sagte hochbefriedigt Lorenz, »mein Bild ist bereits erschienen und meine Biographie hab' ich einem Interviewer diktiert«, setzte er stolz hinzu. »Na, da werden Sie ja einen Haufen Geld verdienen«, meinte der wohlwollende Professor. Nachdem der Professor sich entfernt hatte, ging Lorenz in sein Zimmer und begann sich umzukleiden. Auf seine Toilette verwendete er die möglichste Sorgfalt, band eine funkelnagelneue Krawatte um und stülpte den neuen Zylinder auf seine herrlich gekräuselten Locken. Er wußte, daß heute im Stammgasthaus aller Augen auf ihn gerichtet sein würden, und empfand es als seine Pflicht, seiner inneren Bedeutung entsprechend auch äußerlich durch Kleidung und wundervolles Gehaben Ausdruck zu geben. Beinahe wäre er, die Schnurrbartbinde umgebunden, auf die Gasse hinuntergegangen, so tief war er mit seinen Gedanken und seinem sich stündlich steigernden Ruhm beschäftigt. Er fand Gast- und Extrazimmer bereits gefüllt, den Stammtisch vollkommen komplett. Als er eintrat, begrüßte ihn der donnernde Applaus seiner Freunde. Von allen Seiten legte man ihm die Abendblätter mit seinem Bilde vor. Er nickte dankend, als wenn ihm das gar nichts Neues wäre, daß sein Bild in einer Zeitung erscheine. »Das Bild ist gar nicht übel«, sagte er wohlwollend. »Sehr gut getroffen!« warf einer ein. »Etwas zu jung, wahrscheinlich nach einer alten Photographie«, kritisierte ein zweiter. Der Wirt kam selbst und fragte Herrn Lorenz Unterkofler um seine Wünsche. Lorenz bestellte einen Mastochsenrostbraten mit gebratenen Kartoffeln, womit er Sensation erregte, da die Mitglieder seines Tisches aus Gesundheitsrücksichten abends gewöhnlich nur eine Kleinigkeit, wie Gulasch oder Augsburger mit Erdäpfeln, zu verzehren pflegten. Der Wirt schrie mit lauter Stimme dem Speisenträger zu: »Mastochsenrostbraten mit gebratenen Kartoffeln für Herrn von Unterkofler!« Nun strömte alles mit Fragen auf ihn ein: ob das wahr sei, daß er zweitausend Jahre schlafen werde, ob er dabei seinen Lohn fortbekomme, ob ihm nicht bange sei, usw. Er hüllte sich in tiefes Schweigen. Ein redebegabtes Stammtischmitglied erhob sein Glas, um den berühmten Mann zu begrüßen, er hatte aber noch nicht das erste Wort gesagt, als aus der Küche lautes Geschrei und Geheul von Frauenzimmern heraustönte. Alle Gäste standen erregt auf, der Wirt stürzte in die Küche und kam nach wenigen Minuten mit der beunruhigenden Mitteilung zurück, daß die Köchin neuerdings in Ohnmacht gefallen sei. »Es ist schrecklich mit dem Frauenzimmer«, sagte Lorenz mit finsterem Gesicht und stand auf, um sich zur Köchin zu begeben. Als er die Küche betrat, erwachte sie just aus ihrer Ohnmacht. Sie hielt ein zerknittertes Abendblatt mit dem Bilde des Geliebten in der Hand. Gellend schrie sie den Eintretenden an und verlangte zu wissen, ob die Zeitungsnachricht wahr sei und ob Lorenz wirklich zweitausend Jahre zu verschlafen gedenke. Lorenz wollte sie begütigen, aber sie sank in den Sessel zurück, schluchzte und heulte zum Erbarmen. »Also, das ist Ihre Treue, das sind Ihre schönen Worte, zweitausend Jahre wollen Sie verschlafen wie ein brasilianisches Faultier, und ich soll derweil auf Ihnen warten, bis Sie munter werden? Das könnt' mir eine schöne Geschichte werden... das also hab' ich mir um Ihnen verdient...« »Wollen Sie mich anhören, Wetti?« fragte verwirrt Lorenz. »Ich will Ihnen etwas sagen, womit Sie sehr zufrieden sein können. Ich habe Ihnen die Treue nicht gebrochen und über das können wir uns aussprechen. Aber nicht hier, meine liebste Wetti, und jetzt seien Sie so vernünftig und trachten Sie, daß ich meinen Mastochsenrostbraten bald bekomme, denn ich habe den ganzen Tag nichts gegessen und mir ist übel vor Hunger! Ich habe heute nur Journalisten und andere Leute empfangen, und das nimmt einen sehr her. Und wenn Sie mit Ihrem Dienst fertig sind, dann will ich Sie über die ganze Sache aufklären!« Die Mitteilung, daß der Geliebte schon halb vor Hunger sterbe, übte auf das Gemüt der Köchin eine höchst segensreiche Wirkung aus. Mitleid und Liebe einten sich, die Köchin gewann frischen Lebensmut, trocknete ihre Tränen und gab sofort die umfassendsten Befehle wegen der Herstellung des Rostbratens. »Es ist sehr schön«, sagte Lorenz, als er zum Stammtisch zurückkehrte, »wenn man so geliebt wird, aber es hat seine Unannehmlichkeiten.« Nach elf Uhr kam die Köchin heraus und winkte Lorenz verstohlen zu. Lorenz stand sofort auf. »Wir werden in das Extrazimmer gehen«, sagte er, »hier vor den dummen Leuten kann man nicht reden.« Die Jungfrau folgte ihm in das schon halbdunkle Zimmer und setzte sich mit klopfendem Herzen dem berühmten Manne gegenüber. Nachdem der Kellner den Ruster gebracht und die Gläser gefüllt hatte, hub Lorenz seine Rede an. »Zuerst muß ich Ihnen sagen, daß mich Ihr Benehmen sehr irritiert und perplex gemacht hat, wo ich ohnehin schon mit meinen Nerven aus aller Ordnung bin!« sagte er und hoffte, durch die strenge Einleitung etwaigen starken Gemütsbewegungen der Geliebten, die infolge seiner Mitteilung eintreten könnten, zuvorzukommen. Die Jungfrau seufzte und sah demütig mit wässerigen Augen auf den strengen Mann. »Sie hätten sich denken können, daß ich Sie mit der ganzen Sache schon vollständig bekannt machen werde und daß ich nichts von Bedeutung tun werde, ohne es Ihnen früher zu intimieren. Und da es keine Kleinigkeit für einen Bräutigam ist, so lange Zeit zu schlafen, so will ich mich mit Ihnen über diesen Punkt auseinandersetzen!« »Aber Lorenz, mein lieber Lorenz, teurer Lorenz... zweitausend Jahre, haben Sie denn darüber nachgedacht? Ach reden Sie doch nicht wieder von diesen Sachen... ich kann mir das ja gar nicht ausdenken... zweitausend Jahre!« Sie rang die Hände und sah flehend zu Lorenz empor. »Werden Sie mir nur nicht wieder nervös, denn meine Konstitution ist heute sehr malade!« sagte Lorenz sehr ernst. »Und ich müßt' Sie auf der Stell' hier sitzen lassen, wenn Sie wieder in Ohnmacht fallen möchten!« Diese Ermahnung genügte, und die Jungfrau kam wieder zu sich. Lorenz fuhr fort: »Ich bin heute gekommen, um Ihnen die Einladung zu machen, mit mir und dem Herrn Professor ebenfalls die zweitausend Jahre zu verschlafen...« Wetti fuhr erschreckt auf. »Ich... zweitausend Jahre... o... mein liebster Herr Lorenz... das verlangen Sie von mir?« »Ich will Ihnen die Vorteile dieser Einrichtung bekanntgeben. Mein Herr wird Sie als Köchin in den Dienst nehmen und wird uns das Gehalt auch für die ganze Zeit auszahlen. Wenn Sie sechzig Kronen im Monat bekommen... und ich hundert... so macht das für uns beide hundertsechzig Kronen aus, was im Jahre eintausendneunhundertzwanzig Kronen sind, wo wir nichts arbeiten und nichts ausgeben können und wo alles nur Reingewinn ist, da wir auch keine Kleider brauchen, weil wir sie beim Schlafen nicht ruinieren. Und wenn wir zweitausend Jahre geschlafen haben, so... macht das aus... erlauben Sie, liebste Wetti, daß ich mir die Rechnung mache...« Er nahm eine Zeitung und fing wieder am leeren Rande an, eintausendneunhundertzwanzig Kronen mit zweitausend zu multiplizieren. Er rechnete lange, »Es ist dies keine Kleinigkeit nicht mit der Mathematik, und ich will Ihnen gern die volle Summe sagen, was wir in dieser Zeit durchs Schlafen verdienen!« Er beugte sich wieder über das Papier und schrieb. Die Jungfrau sah mit glänzenden Augen auf ihn. Lorenz schwitzte, daß sein Antlitz wie lackiert aussah. »Ich glaube, das ist's – aber es ist eine sehr lange Zahl, und ich muß erst über sie nachdenken. Es sind sechs Ziffern nacheinander...« Man hörte ihn Zahlen vor sich hinmurmeln, endlich rief er wie der alte griechische Gelehrte freudig erregt aus: »Ich hab's!« »Wir haben dann verdient achtunddreißig – nein drei Millionen achthundertvierzigtausend Kronen!« Er sah freudestrahlend auf die Ziffernreihen auf dem Zeitungspapier. »Da sind Sie ja Millionär!« rief erstaunt die Köchin aus. »Und Sie sein Millionärin!« sagte er galant. »Und alles haben wir erschlafen!« sagte sie träumerisch. »Da haben Sie ganz recht!« sagte Lorenz. »Wir erschlafen unser Vermögen wie die richtigen Millionäre, die auch nur zu schlafen brauchen, und ihr Geld wird immer mehr!« »Und was wollen wir mit dem Geld anfangen?« fragte mit glänzenden Augen die Jungfrau. »Darüber hab' ich mir schon meine Meinung gemacht!« sagte Lorenz mit jenem überlegenen Tone, der ihm eigen war, seit er berühmt wurde. »Wenn wir dann aufwachen werden, so werden wir ganz andere Leute finden, als wie es jetzt gibt, und andere Wirtshäuser. Wir machen dann ein Wirtshaus auf, so wie es heute ist, mit allen den Speisen, wie wir sie heute haben, und ganz so eingerichtet, und die Kellner und die anderen müssen sich dann so anziehen, wie sie heute sind, und aus dem ganzen Lande werden die Leute in unser Wirtshaus kommen, was für sie sehr interessant sein wird.« Er sah lachend auf die Geliebte, die ihn freudig anstarrte. Seine großartigen Zukunftspläne hatten sie ganz verwirrt gemacht. »Wir werden in wenigen Jahren noch eine oder zwei Millionen dazukriegen und dann kaufen wir uns ein Gut in einer schönen Gegend und werden miteinander ruhig und vergnügt leben!« Die Jungfrau schluchzte infolge innerer Bewegung. Solch glänzendem Leben sollte sie entgegengehen. Aber sofort befielen neue Zweifel das schwache Weib. »Aber... zweitausend Jahre... ach Gott... zweitausend Jahre zu schlafen... es ist viel... sehr viel!« »Sie werden nichts spüren davon!« sagte Lorenz. Die Jungfrau sah ihn traurig an. »Denn, sehen Sie«, fuhr er eifrig fort, »wenn man einschläft und wieder aufwacht, weiß man nichts, ob man eine Stunde, zwei Stunden – oder einen Tag geschlafen hat. Und daher ist's auch ganz egal, ob man hundert oder zweihundert – ob man tausend oder zweitausend Jahre geschlafen hat. Man wird einfach munter und verlangt nach seinem Frühstück, als ob man gestern erst eingeschlafen wär'! Das ist alles!« Die Jungfrau sah sinnend vor sich hin. »Ach, Herr Lorenz, wenn das wirklich so wäre!« »Es ist so«, sagte begeistert Lorenz, »wir werden munter, Sie kochen dem Herrn den Kaffee und mir den Tee, und wir gehen dann hinaus und schauen uns die neue Zeit an.« »Ach, du lieber Gott, ich wäre so gern dabei, aber ich bin ja nur ein schwaches Frauenzimmer.« »Ach, Wetti, zum Schlafen sind Sie schon stark genug«, sagte er vergnügt und griff liebkosend nach ihrer Hand, die sie ihm willenlos überließ. »Wollen Sie mit mir hinüberschlafen in die Zukunft, schönste Wetti?« fragte er zärtlich und schlang seinen Arm um ihren umfangreichen Nacken. Sie sagte kein Wort. Er küßte sie auf den Mund, sie sah vorwurfsvoll zu ihm hinauf. In diesem Augenblick kam der Kellner herein. »Pardon!« sagte er und verschwand wieder. »Lümmel!« sagte mit lauter Stimme Lorenz. »Esel!« sagte mit starker Stimme die Jungfrau. Lorenz hatte sich sittsam auf seinen Stuhl gesetzt. »Und was sagen Sie nun, teuerste Wetti?« bat er dringendst. Man hörte, wie die Leute draußen im Extrazimmer aufstanden. Der Name Unterkofler ward mehreremal sehr laut und sehr eindringlich genannt. Lorenz ward wütend. »Es ist eine Bande...«, sagte er. »Also, liebste Wetti, werden Sie mich begleiten... in jenes unbekannte Land?« »Ach Gott, Herr Lorenz, da müssen Sie mir doch Zeit lassen, mir das alles zu überlegen. Das ist ja keine Kleinigkeit! Ist es denn so ausgemacht,... daß Sie wirklich mit Ihrem Herrn mitgehen? Ach, Lorenz,... wer wird sich nach Millionen sehnen!« Da ward Lorenz ernstlich böse. »Wetti... ich sag' Ihnen bloß das eine. Ich geh' mit meinem Herrn. Und wenn ich bis zum Jüngsten Tag schlafen müßte. Wenn Sie an meiner Reputation Zweifel hegen...« In diesem Moment ging die Tür auf und die Mitglieder des Stammtisches kamen zögernd herein. Aber Lorenz ließ sich nicht beirren. »Ich werde mit meinem Herrn zweitausend Jahre verschlafen. Ich hab' ihm meine Genehmigung zu dieser Expedition zugesagt und bin es meiner Reputation schuldig und darüber ist kein Wort mehr zu verlieren! In drei Tagen werden Sie mir, liebste Wetti, sagen, was Sie tun wollen. Ich habe Sie meinem Herrn rekommandiert, wie ich es mir verpflichtet war. Leben Sie für heute recht wohl!« Er gab ihr die Hand und schritt auf seine Freunde zu. »Lorenz!« rief sie ihm nach. Er aber blieb stark und kehrte sich nicht mehr um. Lorenz wurde nach Hause begleitet. Die Erinnerung an Wetti hielt ihn wach und er wälzte sich ruhelos auf seinem Lager hin und her. Der Gedanke verstörte ihn, daß sie nicht einwilligen könnte, ihn in das »Land der Träume« zu begleiten. Dann war sie für ihn in dem Moment verloren, als er sein Ruhebett bestieg, um den langen, langen Schlaf zu tun. Dann würde sie ein anderer heimführen, ein anderer ihre schwellenden Lippen küssen. Er hätte weinen können vor Liebeskummer. Viertes Kapitel. Der Professor hält eine Mathematikstunde mit seinem Diener ab. – Wetti erweist sich nicht als jenes hochherzige Weib, das Lorenz in ihr zu sehen vermeinte. – Der Ausführung des großartigen Vorhabens werden seitens der Behörden bedeutende Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Lorenz hatte eine unruhige Nacht gehabt. Nach dem Frühstück rief ihn der Professor in sein Studierzimmer. »Sie haben also den festen, unabänderlichen Entschluß gefaßt, diese wissenschaftliche Expedition mit mir mitzumachen?« »Jawohl, Herr Professor!« »Haben Sie alles bedacht, Lorenz, was Sie damit aufgeben?« fragte er weiter. »Jawohl, ich habe auch mit meiner Braut gesprochen, sie wird uns begleiten.« Der Professor runzelte die Stirn. .«Wieso?... Sie wird uns begleiten?« »Herr Professor haben schon halb zugesagt, sie als Köchin aufzunehmen. Ich habe mit ihr vorgestern gesprochen. Sie ist bereit, gegen ein Gehalt von monatlich sechzig Kronen die Reise mitzumachen...« »Ich habe das zugesagt?« fragte zweifelnd der Professor. »Sehr wohl, Herr Professor! Das Frauenzimmer würde uns beiden gute Dienste leisten. Wer weiß, wie nach zweitausend Jahren das Universum eingerichtet ist, und ich bin, was Essen und Trinken anlangt, eine konservative Natur, und auch der Herr Professor könnten sich anfangs den Magen verderben... und...« »Ja... ja... wenn ich es einmal zugesagt habe, so bleibt es auch dabei. Also Ihre Köchin kann mit uns schlafen. Und sechzig Kronen verlangt sie monatlich... Sie kocht aber doch zweitausend Jahre nichts!« Lorenz zuckte die Achseln. Er bediente ja auch nicht während der zweitausend Jahre, war aber doch nicht gewillt, von seinem Lohne einen Heller nachzulassen. Denn ein so außerordentliches Unternehmen mußte sich doch rentieren. »Gut«, sagte der Professor nach einigen Minuten tiefen Nachdenkens. »Bleiben Sie draußen, ich werde Sie in kurzer Zeit hereinrufen!« Lorenz empfahl sich mit einer Verbeugung. Nach wenigen Minuten, die er im Zimmer draußen verbrachte, ertönte schon die Klingel. Lorenz trat ein. Der Professor hatte einen Papierbogen in der Hand, der über und über mit Zahlen bedeckt war. »Wissen Sie, Lorenz, was Sie während der zweitausend Jahre, die Sie bloß verschlafen, verdienen?« »Sehr wohl, Herr Professor!« »Nun, – was glauben Sie?« »Zwei Millionen viermalhunderttausend Kronen!« entgegnete prompt Lorenz. »Und Ihre Braut?« forschte der Professor weiter. »Eine Million vierhundertvierzigtausend Kronen!« Der Professor warf einen Blick auf seine Berechnungen. »Stimmt! Sie haben sich das alles schon selbst ausgerechnet?« »Sehr wohl, Herr Professor!« »Miteinander verdienen Sie also drei Millionen achthundertvierzigtausend Kronen. Sie wachen also als Millionär auf! Kommt Ihnen das nicht ein bißchen viel vor?« fragte er mit leiser Ironie. »Herr Professor ersparen während der Zeit, was Sie für Kost, Quartier, Uniform, Neujahrsgeschenke und so weiter ausgeben müßten. Herr Professor ersparen dabei Hunderttausende!« erwiderte Lorenz. Das war ein Punkt, bei dem er fest bleiben mußte. »Und glauben Sie, daß ich wirklich drei Millionen achthundertundvierzigtausend Kronen besitze?« Lorenz wußte keine Antwort. Das war eine Sache, die den Professor allein anging. »Zu Beginn unseres Schlafes werde ich die Summe nicht auszahlen, denn ich müßte Ihnen sonst die zweitausendjährigen Zinsen schenken. Und am Ende dieser Zeit...?« Lorenz zuckte wieder die Achseln. »Ich habe diese Summe nicht – und werde Sie doch befriedigen!« sagte er lächelnd. »Ich übergebe Ihnen ein Kapital, das in zweitausend Jahren das Millionenfache der Summe tragen wird, die Sie und Ihre Braut bei Ihrem Erwachen von mir zu fordern haben. Dieses Kapital legen Sie in der Staatsbank auf Zinseszinsen am. Die Bank gibt wohl nicht mehr als dreieinhalb Prozent, aber Sie werden dabei profitieren, denn ich gebe Ihnen weit mehr als Sie von mir – nämlich als Sie beide von mir zu fordern haben! Sind Sie damit zufrieden?« Lorenz sagte mit vor Freude glänzenden Augen: »Ja, Herr Professor, wann hätten Herr Professor die Güte, dieses Kapital auszuzahlen?« Lorenz sah bei dieser Gelegenheit wie ein Urbild des Harpagon aus. Seine Augen glänzten vor Begierde, der Gedanke, so unermeßlich reich zu werden, beherrschte ihn ganz und gar. »Selbstverständlich sofort. Sie müssen mir bloß eine Quittung ausstellen, daß Sie das Kapital wirklich empfangen haben, und ich übergebe Ihnen sofort die Reichtümer. Sind Sie damit zufrieden?« »Sehr wohl, Herr Professor! Herr Professor sind zu gütig!« stammelte Lorenz. Aber wider Erwarten ging der Professor nicht zur eisernen Kasse in der Ecke des Studierzimmers, um die notwendigen Banknotenstöße daraus zu entnehmen, er zog bloß sein Portemonnaie aus der Hosentasche, suchte lange darin herum und reichte schließlich dem Diener einen Heller. Betroffen sah ihn Lorenz an. »Herr Professor belieben zu scherzen«, wagte er schüchtern zu bemerken. »Scherzen? Habe ich jemals mit Ihnen gescherzt?« fragte erzürnt der Professor. Lorenz verbeugte sich lächelnd, so, als ob er auf den Spaß des Professors einginge. »Nein, nein... es ist mir Ernst«, fuhr der Professor erregt fort. »Tragen Sie den Heller in die Bank und legen Sie ihn zu dreieinhalb Prozent Zinseszinsen an, so ist, vorausgesetzt, daß der Zinsenzuschlag nur einmal im Jahr erfolgt, der Gesamtbetrag Ihres Guthabens an der Bank nach zweitausend Jahren« – er nahm ein Blatt Papier vom Tisch und wies auf eine ungeheure Zahlenreihe hin, die darauf aufgeschrieben stand – »7.596,650.000,000.000,000.000,000.000 – Kronen.« »Verstehen Sie das?« fragte er zornig erregt, »Verstehen Sie das, was das heißt? Ihr Guthaben gegenüber dieser Summe bedeutet nicht mehr, als wenn ein Rothschild einen Heller weggibt, ja, millionenmal weniger als das!« Lorenz war einfach starr. »Wissen Sie, daß Sie mit dieser Summe die ganze Erde ankaufen können?« fragte bissig der Professor. Lorenz schwindelte. »Aber wir verzichten ja auf die Kost, auf Kleidung, auf Geschenke«, warf Lorenz schüchtern ein. Der Professor richtete sich in seiner ganzen Größe auf und betrachtete Lorenz von oben herab. »Sie können gehen«, sagte er. Lorenz trollte sich. Er wußte nicht, wie er sich das Benehmen seines Herrn deuten sollte. Im Stammgasthaus ward er mit gewohntem Enthusiasmus empfangen. Er hatte eine höchst geheimnisvolle Miene angenommen und deutete nur kurz an, daß er im Auftrage seines Herrn großartige mathematische Berechnungen auszuführen gehabt habe. Wetti fiel diesmal nicht in Ohnmacht, ließ aber Lorenz sagen, daß sie wichtig mit ihm zu sprechen habe. Nach dreiviertel zwölf Uhr erschien sie. Sie ward vom Stammtisch freudigst begrüßt und plauderte lachend und schäkernd mit jedem obskuren Mitglied der Tafelrunde. Am meisten bemühte sich um sie der lustige Schmiedemeister Sedlak. Er war Witwer und von sehr einnehmendem Äußern. Lorenz war empört. Er machte ihr verschiedene Zeichen, mit ihm ins dunkle Extrazimmer hineinzugehen. Sie tat, als bemerke sie diese Zeichen nicht. Da ward Lorenz böse. »Fräulein Wetti«, fing er sehr ernst am, »ich muß noch heute mit Ihnen eine Unterredung haben, da der Herr Professor morgen vormittags genaue Auskunft haben muß, ob Sie mit uns mitgehen oder nicht. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie wollen, damit wir wissen, wie wir daran sind.« Fräulein Wetti ward momentan sehr ernsthaft. »Ach, Herr Lorenz, was Sie mir da sagten von wegen dem Einschlafen auf zweitausend Jahre, so habe ich mir das recht gut überdenkt und bin noch zu keinem rechten End' gekommen«, begann die Jungfrau. »Ja, wollen Sie denn nicht mitgehen, wollen Sie die Expedition nicht mitmachen?« fragte verwirrt Lorenz. Die Jungfrau sah ihn mit weinenden Augen an, schüttelte traurig den Kopf und sagte: »Nein!« Lorenz war starr. »Was, was...?« fragte er ganz verwirrt. »Tun Sie Ihnen wegen der Kleinigkeit nicht aufregen!« sagte sie. »Ich habe mir das heute nacht sehr wohl überlegt und bin zu dem Entschluß kommen, daß ich nicht mitgehen kann!« »So?« sagte ruhig Lorenz. »Und was sind die Gründe, die Sie abhalten tun, erzählen Sie mir das! Ich hoffe, daß der Schmiedemeister nicht hinter diesen Gründen steckt!« Da ward die Jungfrau böse. »Es steckt kein Schmiedemeister und kein anderes Mannsbild dahinter«, sagte sie, »und ich muß Sie bitten, mir mit solche beleidigende Sachen nicht nahezutreten, denn das hab' ich um Sie nicht verdient. Ich habe sehr nachgedacht und die ganze Nacht nicht schlafen können, und wenn ich nicht mitgeh', so müssen Sie das meinem Gefühle sehr entschuldigen. Ich habe nachgerechnet, daß, wenn ich dann einmal aufwachen tu', ich bin heute sechsundzwanzig Jahre vorüber« (hier log die Gute beträchtlich), ich bin dann zweitausendundsechsundzwanzig Jahre alt. Zweitausendundsechsundzwanzig Jahre!« rief sie noch schmerzvoll aus und rang kummervoll die Hände. »So alt – nein, Herr Lorenz, das können Sie nicht von mir verlangen, daß ich dann aufwachen tu' mit Zweitausendundsechsundzwanzig Jahren!« Sie weinte still vor sich hin. »Und ich bin dann zweitausendeinundvierzig Jahre alt und der Herr Professor zweitausendeinundfünfzig Jahre!« warf Lorenz ein. Da ward die Jungfrau böse. »So, und ich soll Sie, wenn Sie dann zweitausendundeinundvierzig Jahre alt sind, heiraten? Lorenz, ich hätt' Sie für besser gehalten?« Sie wendete sich entrüstet ab und sah schmerzvoll zur Decke des Extrazimmers auf. Lorenz saß eine Weile still und beklommen da. Daß die Sache einen solchen Ausgang nehmen würde, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. Nach einer langen Pause stand er resigniert auf und sagte: »Nach dem, was Sie mir da gesagt haben, Sie liebes Fräulein, muß ich sehen, daß ich mich in Ihnen sehr getäuscht habe. Sie sind nicht das Frauenzimmer, für das ich Sie gehalten habe, was mich sehr kränken tut!« »Heißen Sie mich nicht ein Frauenzimmer!« fuhr die Gekränkte auf. »Ich hab' meinem Herrn das Wort gegeben und das Wort tu' ich halten; ich bin nicht wie die Leute, die heut' so und morgen wieder so reden«, setzte Lorenz nicht ohne Bitterkeit hinzu; »und ich tu' Ihnen zum Abschied nur so viel sagen: Sie und der Schmiedemeister werden schon längst tot und begraben sein, wenn ich und mein Herr aufwachen. Und wir werden in jener Zeit sehr berühmt sein, wo von Ihnen kein Mensch mehr was weiß. Ich werde das alte Wirtshaus nicht aufmachen, aber ich werde Sie auch nicht vergessen. Sie haben mir sehr weh getan, und das tu' ich Ihnen verzeihen. In dieses Gasthaus tu' ich nie mehr gehen, ich will mein Gemüt nicht aufregen, und so leben Sie wohl, liebe Wetti... ich muß Ihnen nur sagen, daß Sie mir sehr weh getan haben!« Er war ganz rot geworden vor Aufregung. Die letzten Worte brachte er nur stoßweise hervor. Wetti, die sich zu schämen anfing, griff zu jenem bei Frauenzimmern in solchen Fällen allgemein beliebten Mittel. Sie fing heftig zu weinen an, als die Tür aufging und der Schmiedemeister hereinstürmte. »Wenn Ihnen was geschieht, Wetti, so bin ich da!« rief er aufgeregt und sah Lorenz drohend an. Die anderen Mitglieder des Stammtisches waren als Assistenz nachgeeilt und sahen aufgeregt in die Stube. Lorenz stand ruhig und groß vor dem empörten Schmiedemeister. »Sie brauchen Ihnen da um nichts zu bekümmern, Herr Sedlak«, sagte Lorenz, »dem Fräulein Wetti ist gar nichts getan worden, und ich hab' die Sache schon so lang durchschaut, daß ich nur mehr sagen kann, so viel Falschheit hab' ich mein ganzes Leben noch nicht erlebt.« Entrüstet hob der Schmiedemeister seinen Arm. Auf den gellenden Aufruf Wettis ließ er ihn wieder gehorsam sinken. Lorenz drehte dem Schmiedemeister den Rücken zu und schritt aus dem Extrazimmer hinaus. Hut und Stock nahm er würdevoll aus den Händen des Kellners entgegen, dann schritt er ruhig und groß zur Tür hinaus. Heimkommend, fand er die Wohnung leer. Der Herr Professor war wahrscheinlich in irgendeine gelehrte Versammlung gegangen. Er zündete die Lampe an und begann in einer Zeitung, die vor ihm auf dem Tische lag, zu lesen. Den Inhalt der Zeitung faßte er gar nicht, es war ihm, als ob er bedeutungslose, leere Worte läse. Er dachte nur an Wetti. Der schöne Zukunftstraum, der nun so lange seine Seele mit den lieblichsten Bildern erfüllt hatte, war total zerstört worden, zerstört von der rohen Hand des Schmiedemeisters. Er kam ins Träumen hinein. Ohne daß er es beachtete, fielen heiße Tropfen aus seinen Augen auf das graue Zeitungspapier. Draußen knarrte der Schlüssel im Schlosse. Er hörte es nicht. Der Professor kam herein. Lorenz bemerkte es gar nicht. Er saß da, den Kopf auf die Hände gestützt, und weinte still vor sich hin. »Was ist geschehen? Was haben Sie, Lorenz?« fragte der Professor erschreckt. Lorenz fuhr auf. »Ach nichts, es ist nichts...«, sagte Lorenz und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Kommen Sie da herein, Lorenz«, befahl der Professor in gütigem Ton und schritt voran. Lorenz folgte gehorsam nach. »Da nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir alles! Bedenken Sie, daß ich jetzt nicht als Ihr Dienstgeber vor Ihnen sitze, sondern als Ihr Freund!« Lorenz wischte sich mit dem Sacktuch die Tränen aus den Augen. »Sie geht nicht mit«, sagte Lorenz kummervoll, »ich habe mich in ihr sehr getäuscht.« »Wer geht nicht mit?« fragte verwundert der Professor. »Sie, die Wetti, die meine Braut gewesen ist. Und ich hab' das Frauenzimmer über die Maßen geliebt und sie für ein sehr braves Frauenzimmer gehalten!« »Nun?« fragte der Professor. »Sie war es auch – ohne den Schmiedemeister. Und wie sie gehört hat, daß ich die Expedition mit Ihnen mach', hat sie sich vor mir abgewendet.« Er trocknete sich die Tränen. »Aber Lorenz, Sie sind kindisch, ich habe doch niemals das Opfer von Ihnen verlangt; bleiben Sie zurück! Ich gebe Ihnen so viel Geld, als Sie zur Gründung eines Hausstandes brauchen!« sagte gütig der Professor. »Nein, Herr Professor, das kann ich nicht annehmen««, sagte der treue Mann, »ich hab' mir das einmal vorgenommen, daß ich Sie begleite, und dabei bleibt's. Und wenn der Herr Professor mir einen Gefallen tun will, so...« Er stockte und wischte sich wieder die Augen ab. »Nun, was soll ich da tun?« fragte verwundert der Herr Professor. »Es wäre mir sehr lieb, wenn die Sache mit dem Einschlafen auf zweitausend Jahre recht bald sein würde, damit ich das Frauenzimmer vergesse. Wenn ich dann aufwachen werd', ist die ganze Sache längst vorüber; die Wetti und der Schmiedemeister sein dann längst tot und begraben und mein Herz wird wieder ruhig sein!« »Ah, Sie fliehen vor Ihrer Liebe in die Ewigkeit«, sagte gütig der Professor. »Ich werde mein Möglichstes tun, Lorenz.« Lorenz kehrte in sein Zimmer zurück. Er konnte an diesem Abend wieder lange nicht einschlafen. Der Herr Professor saß drüben noch lange an seinem Schreibtisch und brütete über seinen Manuskripten. »Er ist ein braver Mensch«, sagte er vor sich hin; »wie froh wird er bei seinem Erwachen sein, wenn er daran denkt, daß dieses Frauenzimmer schon so lange gestorben ist.« Am Morgen des anderen Tages, Lorenz hatte eben die Zeitungen im Studierzimmer des Professors deponiert, erklang mit schrillem Ton wieder die elektrische Klingel. Der Diener eilte in das Zimmer zurück. Der Professor saß beim Schreibtisch, hielt die klerikale Zeitung in der Hand und rief entrüstet vor sich hin: »Es ist eine Gemeinheit, eine bodenlose Gemeinheit!« Lorenz sah dem Professor fragend in das Gesicht. »Sie wollen es uns verbieten, zweitausend Jahre zu verschlafen! Was sagen Sie dazu?« »Wir werden uns das nicht gefallen lassen«, sagte Lorenz energisch. »Sehr richtig, Lorenz«, sagte der Professor; »hören Sie nur!« Lorenz verbeugte sich. Der Professor begann vorzulesen: »Zeit und Ewigkeit – eines der letzten vier Dinge, liegen einzig in der Hand Gottes. Es ist eine Auflehnung gegen Gott, über den Zeitraum von zweitausend [Jahren] – so alt ist nicht einmal unser heiliger Glaube – hinüberleben zu wollen in eine ferne, nur Gott bekannte Zeit. In geistiger Beziehung ist das ein neuer Turmbau zu Babel, die Menschen wollen höher bauen als Gott. Wir dürfen es nicht dulden, daß um eines Wahnsinnigen willen ein ganzes Volk gestraft werde. Unausbleiblich aber wäre der Zorn des Himmels und seine Folgen. Die Hand, die kühn nach den höchsten Attributen der Gottheit sich ausstreckt, wird von Gottes Blitz zerschmettert werden, und die Feuerflamme wird die mitverzehren, die dem Kühnen, die dem Frevler nahestehen!« »Na, was sagen Sie dazu?« fragte erregt der Professor. »Sehr ermunternd klingt die Geschichte nicht«, meinte bekümmert Lorenz. »Ich glaube, die Polizei wird uns sehr schikanieren!« »Das ist sehr leicht möglich«, antwortete der Professor. »Wir haben jetzt im Parlament eine konservative Majorität – ob nicht der Druck dieses Parlamentes die Polizei und die Regierung veranlaßt, unser Unternehmen mit allen Mitteln zu verhindern? Die Abendblätter werden übrigens bereits die Antwort der Regierung bringen, denn der Unterrichtsminister verspricht schon morgen, das wäre also heute, die Interpellation zu beantworten.« »Was gedenken Herr Professor zu tun, wenn die Regierung wirklich unser Unternehmen verbietet?« »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht«, sagte der Professor. »Heute, wenn wir die Abendblätter gelesen haben, werden wir darüber sprechen.« An diesem Tage las Lorenz die Abendblätter, bevor er sie seinem Herrn hineinbrachte. »Also, was ist's?« fragte begierig der Professor, als Lorenz den Stoß Zeitungen vor ihm niederlegte. »Man weiß nicht, was Seine Exzellenz vorhat«, begann Lorenz vorsichtig. »Er erklärt unsere Expedition als ein wissenschaftliches Unternehmen, das vom Ministerium des Unterrichtes alle Förderung verdient...« Der Professor nahm das »Freisinnige Journal« zur Hand. »Ja, er gibt aber zu, daß die Bedenken des Monsignore vollkommene Beachtung verdienen, denn der gewagte Versuch sei nur zu gut geeignet, allen Glauben im Volke zu untergraben. Der Minister behält sich vor, seinerzeit alle nötigen Schritte in dieser Angelegenheit zu unternehmen! Kennen Sie sich jetzt aus?« Der Professor sah Lorenz jetzt durchdringend an. »Nein«, sagte Lorenz. »Ich auch nicht«, antwortete der Professor. Die beiden sahen sich fragend an. »Lorenz«, fing der Professor an, »uns kann noch das Schicksal eines Giordano Bruno, eines Galilei blühen!« »Vielleicht sperren sie uns doch noch in das Narrenhaus ein?« sagte bekümmert Lorenz. »Na, wir werden ja sehen, was die Zukunft bringt; ich hoffe, Lorenz, Sie sind der Mann dazu, allem ruhig ins Auge zu schauen.« »Ich wollte, Herr Professor, daß wir schon schlafen möchten«, sagte Lorenz. »Wieso?« »Dann hätt' ich schon alles hinter mir«, sagte bekümmert Lorenz. »Sie denken noch immer an die Wetti?« fragte teilnahmsvoll der Herr Professor. »Sehr wohl, Herr Professor.« »Ich werde die Sache zu beschleunigen trachten«, tröstete der Herr Professor. Sein Diener tat ihm herzlich leid. Des anderen Tages erhielt der Professor eine Einladung zum Unterrichtsminister. Die Interpellation des Monsignore Schleicher hatte bereits gewirkt. Seine Exzellenz empfing den Herrn Professor äußerst zuvorkommend. So schöne Worte über seine hervorragende Bedeutung auf wissenschaftlichem Gebiet hatte der Herr Professor noch niemals vernommen. Schließlich bat der Minister dringend, der Herr Professor möge sich dem Staate, dem er angehöre, der Zeit, in der er lebe, durch sein Experiment nicht entziehen. Er sprach sogar direkt die Meinung aus, das Ministerium könne das Vorhaben des Professors absolut nicht dulden, da dadurch eine hervorragende Kraft dem Staate plötzlich entzogen würde. Der Professor war über die Elogen, die ihm der Minister machte, anfangs sehr erfreut, erinnerte sich aber plötzlich der Interpellation des Monsignore Schleicher. »Pardon, Exzellenz, in dieser Angelegenheit ist mein Wille unerschütterlich«, sagte er. »Ihre ehrenden Worte erfreuen mich sehr, aber mein Leben, meine Zukunft gehören ganz und gar der Wissenschaft. Und ich halte dieses Experiment für absolut notwendig.« »Pardon«, fing der Minister am, »wir haben bereits an die Hofkanzlei eine Eingabe gemacht. Herrn Professor steht eine große Ehrung bevor...« »Sehr erfreut, Exzellenz, aber ich muß bitten, mir den Orden erst während ich schlafe auf die Brust zu heften«, sagte lächelnd der Professor. »Das geht nicht, die Ordensinsignien können nicht zweitausend Jahre einem Inhaber verbleiben«, warf der Minister ein. »Nach dem Tode des Ausgezeichneten müssen sie dem Ordenskapitel wieder zurückgestellt werden.« »Exzellenz, ich werde Auftrag geben, daß der Orden zurückgestellt wird!« rief mit Pathos der Professor aus. »Nach zweitausend Jahren, wer weiß...«, sagte sorgenvoll der Minister. »Glauben Exzellenz, daß in zweitausend Jahren das Ordenskapitel nicht mehr besteht?« »Die Wege Gottes sind unerforschlich«, sagte Seine Exzellenz. Der Herr Professor ward sehr kühl entlassen. Exzellenz war eben weit mehr Kultus- als Unterrichtsminister. Nun kamen bewegte Zeiten für die beiden. Die Korrespondenz des Professors schwoll ungeheuerlich an. Mut jeder Post kam eine Anzahl Briefe ins Haus, darunter jedesmal mehrere Schreiben, in denen in überschwenglichen Worten der Professor um sein Bild und um sein Autogramm gebeten wurde. Auch Lorenz ward in den ehrendsten Worten um solche Angedenken gebeten, welche Bitten dem unglücklich Liebenden vielfach Trost in seinem Leiden gewährten. Ein schwärmerisches Frauenzimmer bat ihn um eine Locke von seinem Haupthaar. Der Brief war auf parfümiertem rosa Briefpapier geschrieben und in den glühendsten Ausdrücken gehalten. Dieser Brief brachte in Lorenz' Herzen eine höchst lebhafte Erregung hervor. Dieses Frauenzimmer wäre schon mit einer Locke von seinem Haupt zufrieden, während er doch Wetti den ganzen Mann zur Verfügung stellte. Er schüttelte wieder traurig sein Haupt und stellte tiefsinnige Betrachtungen an, deren Endresultat durchaus nicht zugunsten der Damen ausfiel. Auch andere recht seltsame Briefe waren darunter. Es meldeten sich eine Menge Leute bei dem Professor, die die bestimmte Absicht aussprachen, mit dem Herrn Professor in das vierte Jahrtausend hinüberzuschlafen, Studenten, die bei ihren Prüfungen durchgefallen waren, bankerotte Geschäftsleute, unglücklich Liebende, Schicksalsgenossen von Lorenz, kurz, eine Menge Leute, die alle Ursache hatten, diese Zeit zu fliehen, und die sich von einer sehr fernen Zukunft erst die Besserung ihrer Lage erwarteten. Der Widerstand der Regierung gegen die Pläne des Professors war ein fast unbesiegbarer. In allen Vertretungskörpern, im Gemeinderat, im Landtag und im Reichsrat, wurden in dieser Angelegenheit Interpellationen eingebracht. Die im Gemeinderat herrschende Partei verhielt sich dem Projekt des Professors Doktor Voraus gegenüber durchaus ablehnend. Die Majorität dieser Körperschaft bestand aus stark konservativen Männern, die jeder Neuerung, jedem Fortschritt gegenüber sich grundsätzlich ablehnend verhielten. Angelegenheiten der Wissenschaft oder Kunst interessierten diese auf das rein Praktische bedachten Herren nur sehr wenig. Speziell die Professoren genossen geringes Ansehen, und die Mitglieder der medizinischen Fakultät waren ihnen geradezu ein Dorn im Auge. Dürrkräutler, alte Damen, die sich praktisch mit der Heilkunde befaßten, und Schäfer, die nach ihren Anschauungen eine natürliche Veranlagung für die Medizin besitzen, erschienen den Herren im Gemeinderat als die einzig berufenen Faktoren, die Menschen von ihren Gebresten zu heilen. Gegen Professor Dr. Voraus fiel manches scharfe Wort in den Sitzungen, und ein Stadtrat, der durch seine Rednergabe eine gewisse Berühmtheit genoß, nannte den Professor einen »gewissenlosen Schwindler«, was von der Majorität mit unendlichem Beifall aufgenommen wurde. Auch der Landtag, dessen Majorität der Partei des Gemeinderates angehörte, sprach sich in ganz gleicher Weise gegen den Professor aus. Diese Körperschaft forderte die Regierung in einer Resolution in sehr scharfer Weise auf, dem Treiben und den Gaukeleien des Professors endlich ein Ende zu bereiten und den Professor im Interesse der studierenden Jugend und aus Rücksicht für das Ansehen der alten hochberühmten Universität von seinem Lehrstuhl zu entfernen. Außerordentlich rege beschäftigten sich die Witzblätter mit dem Professor. Während einer einzigen Woche erschienen nicht weniger als dreiundfünfzig Karikaturen des Professors, von denen manche sehr gemein ausgefallen waren. Auch Lorenz blieb von diesen Liebenswürdigkeiten nicht verschont, aber bei ihm verfehlten sie gänzlich ihren Zweck. Er hob sich sorgsam jedes Blatt auf, und es gewährte ihm das größte Vergnügen, seine reichhaltige Sammlung immer wieder durchzusehen. Es schien alles danach angetan, als ob die beiden Herren niemals dazu kommen würden, die geplante Reise in jene nebelgraue Zukunft zu unternehmen, als ein Ereignis eintrat, das ihnen in wirksamster Weise zu Hilfe kam. In der Hauptstadt war ein Riesenstreik ausgebrochen. Einmütig hatten sämtliche Bäcker-, Fleischer- und Selchergehilfen die Arbeit niedergelegt. Die Meister hofften die Mitwirkung des Publikums im Kampf gegen die Arbeiter dadurch herbeizuführen, daß sie jene so wichtigen Lebensmittel, deren Herstellung ihrem Gewerbe obliegt, in Familienregie herstellten und bei Ausgabe ihrer Handelsprodukte weit unter das Mindestmaß hinuntergingen, indem sie sich entschuldigten, daß sie wegen Mangels an Arbeitskräften die Semmel, die Würstel usw. so klein machen müßten. Sie hofften, dadurch das Publikum gegen die Gehilfen aufzureizen, indem sie ihnen die alleinige Schuld an der Hungersnot zuschrieben. Aber das Publikum ging nicht auf den Leim, folgte seiner altvererbten Antipathie gegen Bäcker-, Fleischer- und Selchermeister, indem es zur Selbsthilfe griff, Gebäck ebenfalls in eigener Regie herstellte und in hellen Scharen in das Lager der Vegetarier überging. Unternehmende Geister legten zugleich große Kaninchenzüchtereien an, auf sämtlichen Hausböden der Stadt wurden Taubenschläge eingerichtet und die Höfe der alten Häuser belebten sich mit Geflügel, das die Hausfrauen zur Abwehr der Fleischnot sich eingestellt hatten. Der Handel mit Seefischen florierte; während man früher einen unerklärlichen Abscheu gegen diese Meeresprodukte zeigte, wurden jetzt die Seefischhandlungen tagtäglich von der Volksmenge belagert, indes die Laden der Selcher und Fleischer leer standen. Aber trotz der Anteilnahme des Publikums drohte der Sieg den Meistern zu verbleiben, da diese, dank ihrer ausgezeichneten Vermögensverhältnisse, in die sie durch ihr humanitäres Wirken geraten waren, ausharren konnten, während die Gehilfen, in kurzer Zeit aller Mittel entblößt, schon nahe daran waren, reumütig in die alte Lohnsklaverei zurückzukehren. In diesem kritischen Moment kam dem Gehilfenobmann ein rettender Gedanke. Er ordnete eine Riesenversammlung aller Streikenden in den größten Sälen der Stadt an. In dieser Versammlung schilderte er die trostlose Lage der Streikenden und teilte mit, daß der Kampf wohl zu Ende wäre, wenn er nicht ein Mittel gefunden hätte, das es allen Gehilfen möglich machte, ruhig und sorglos im Kampf auszuharren. In atemloser Spannung folgten die Gehilfen den Ausführungen ihres Vertreters. »In unserer Stadt lebt ein Mann, der in kühnem Fluge die höchsten Höhen der Wissenschaft erklommen hat, ein Mann, der uns darin ein Beispiel ist, daß er trotz aller Schikanen seitens der Regierung unentwegt seinem hohen Ziele zustrebt!« (Ein Murmeln des Staunens und des Beifalls durchlief die Riesenversammlung. »Dieser Mann ist Professor Doktor Voraus!« In diesem Augenblick brach ein Riesensturm los. »Hoch Voraus – hoch – hoch!« Die Menge tobte. Es war ein entfesseltes Meer, das von dem heftigen Orkan bewegt wurde. Minutenlang toste der Sturm. Der Gehilfenobmann stand ruhig auf der Tribüne. Endlich trat Ruhe ein. »Wir können nicht mehr länger hungern, wir können nicht mehr länger zusehen, wie unsere Weiber und Kinder darben, und wir dürfen auch nicht mutlos diesen großen Kampf aufgeben!« Tosende Zurufe erschallten. Trotz der Entbehrungen, trotz des furchtbaren Mangels, den die Leute litten, war in ihren Herzen die Begeisterung nicht erloschen. »Professor Voraus«, fuhr der Sprecher fort, »hat das großartige Mittel gefunden, das es uns möglich macht, in dem Kampf, den wir für uns, für unsere Nachkommen führen, auszuharren. Wir gehen zu ihm und bitten ihn, er soll uns Brotlose, Hungernde auf so lange einschläfern, bis der Starrsinn der Meister endgültig gebrochen ist!« Die Szene, die nun folgte, ist einfach unbeschreiblich. Das Rollen und Brausen eines Sturmes ist ein Kinderspiel dagegen. Die Arbeiter umarmten und küßten sich. »Und wenn wir sechs Wochen schlafen müßten!« erschallte ein Ruf. »Wir schlafen ein Jahr!« »Zehn Jahre!« Plötzlich stimmte eine Gruppe das »Lied der Arbeit« an. Als die anderen die heiligen Klänge hörten, entblößten sie das Haupt, und zum Schluß der ersten Strophe sang bereits die gesamte Versammlung mit. Das Lied hörte sich an wie das Brausen des Meeres. Auf einmal ertönte der Ruf: »Auf zum Doktor Voraus!« Die Menge drängte zum Saale hinaus, um in geschlossenem Zuge zur Wohnung des Professors zu ziehen. Als die Polizei davon Kenntnis erhielt, wurden sofort größere Abteilungen der Wachmannschaft dem Zuge entgegengeschickt. Erst nach längeren Verhandlungen, die der Versammlungsleiter mit dem Oberkommissär hatte, gestattete die Polizei, daß die Menge zum Hause des Doktors ziehe. Der Versammlungsleiter mußte sich verbürgen, selbst die Ordnung aufrechtzuerhalten. Er tat dies, die Wachmannschaft zog ab und ließ die Menge ungehindert passieren. Vor der Wohnung des Professors angelangt, stimmte die Menge erst das »Lied der Arbeit« an und brach nach jeder Strophe in tosende Hochrufe aus. Der Professor erschien am Fenster und wurde mit unendlichem Jubel begrüßt. Dann begab sich eine dreigliedrige Deputation hinauf zu Doktor Voraus, teilte ihm den Beschluß der Streikenden mit und bat um seine gütige Unterstützung. Der Professor war überrascht, er zögerte mit seiner Antwort. In diesem Moment brachte Lorenz ein großes Schreiben herein. Der Professor langte hastig danach und öffnete das amtliche Kuvert. Es enthielt eine Zuschrift der Statthalterei, die ihm mitteilte, daß ihm auf Einschreiten der Polizeibehörde aus den verschiedensten Gründen endgültig verboten wurde, das große Experiment auszuführen. Das Papier in den von tiefster Erregung zitternden Händen haltend, begann er: »Meine Herren, ich will Ihre Bitte erfüllen. Bestellen Sie für morgen abend acht Uhr alle Streikenden samt ihren Familienmitgliedern in den Musikvereinssaal, es müssen aber alle, alle kommen! Dann werde ich sie einschläfern!« Das Dekret der Statthalterei hatte seine Wirkung getan. »Ich bitte Sie aber, vorläufig niemandem ein Wort davon zu sagen, damit wir in unserem Werke nicht durch die Weisheit irgendeiner Behörde gestört werden!« Die Deputation empfahl sich unter den lebhaftesten Dankesbezeigungen. Die Menge unten stimmte, als die drei Herren zurückgekehrt waren, wieder das »Lied der Arbeit« an, brach in brausende Hochrufe aus und zog dann ab. Dank der strammen Organisation der Sozialdemokraten gelangte nicht eine Silbe von dem Versprechen des Professors zur Kenntnis der Polizei. Die Parteileitung verkündete des anderen Tages in ihrer Zeitung und durch ungeheure grellrote Plakate, daß sich abends acht Uhr sämtliche Streikende samt Weib und Kindern im Musikvereinssaal einzufinden hätten, wo ihnen höchst wichtige Mitteilungen gemacht würden. Abends viertel neun Uhr war der Saal zum Erdrücken gefüllt. Der Einberufer hatte nur das Erscheinen des Professors abgewartet, um sofort die Versammlung zu eröffnen. Der Professor war, von tausendstimmigen Hochrufen begrüßt, erschienen, hatte unter frenetischem Beifall neben dem am Tische sitzenden Polizeikommissär Platz genommen und die Versammlung ward eröffnet. Nach kurzer Begrüßung der Erschienenen teilte der Vorsitzende mit, daß der Herr Professor gekommen sei, sie alle einzuschläfern. Seine großartige Erfindung habe die Macht der Kampfesmittel des Kapitals unwirksam gemacht. Schlafend wird die Menge des Tages harren, an dem die Geldprotzen bedingungslos sich den Forderungen der Unterdrückten fügen werden. Not und Elend, die furchtbarsten Peitschen, die die Arbeitgeber über die aufrührerischen Lohnsklaven schwingen, sind wirkungslos geworden, Streikfonds sind ein überwundener Standpunkt! Der Polizeikommissär sprang auf, er verlangte dringend eine andere Tagesordnung; die vom Einberufer kundgegebene könne er unmöglich dulden. Sein Protest verhallte unter den stürmischen Zurufen der empörten Menge. Plötzlich setzte er die Dienstkappe auf, um damit anzudeuten, daß er die Versammlung auflöse. Als die Menge dies bemerkte, brach sie in ziemlich unflätige Rufe aus. Erregt drängte ein wirrer Haufe von Männern und Weibern auf das Podium zu, auf dem Vorsitzender, Schriftführer, der Professor und der Polizeikommissär saßen. Die Situation wurde äußerst gefährlich, die Menge gehorchte nicht mehr dem Präsidenten, ein heulendes Gebrüll erfüllte den ungeheuren Saal; in das Gebrüll mischte sich das gellende Kreischen und Schreien der Weiber und die Angstrufe der erschreckten Kinder. Plötzlich geschah etwas höchst Sonderbares. Der Polizeikommissär sank auf seinen Sessel zurück, legte die Arme auf den Tisch und schlief trotz des Höllenspektakels, die Dienstkappe auf dem Kopfe, ein. Auch den Herrschaften, die sich so streitbar zur Tribüne vordrängten, geschah ähnliches. Das Gebrüll verstummte, die drohend erhobenen Arme sanken herab, die erhitzten Gesichter nahmen plötzlich den Ausdruck angenehmster, friedvollster Ruhe an. Man setzte sich ungeniert auf das Podium nieder und schlief behaglich ein. Es dauerte nicht lange und, mit Ausnahme des Einberufers, des Schriftführers und des Herrn Professors, schlief alles. Die Bogenlampen brannten ganz trübe und schläfrig. Und wie fest sie alle schliefen – kein Atemzug war hörbar! Der ungeheure Saal bot einen seltsamen märchenhaften Anblick. Im Parkett, in den Logen, überall Leute in den tiefsten Schlaf versunken. Im Stehparterre ein verworrener Haufen von Schläfern, Da lag ein dicker Herr, ein junges, schlankes Mädchen hatte den hübschen Kopf auf den großen Bauch des Herrn gelegt und schlief sanft wie ein Engel. Ein Polizeimann hatte im Einschlafen seine Pickelhaube abgenommen und sie auf den Kopf eines sozialdemokratischen Ordners gestülpt. Oben auf dem Podium aber stand der Professor, die Arme wie segnend über die Menge ausgebreitet. Als nun tiefste Totenruhe eingetreten war, ließ der Professor lächelnd die Arme sinken und wendete sich zu dem Einberufer. »Sind Sie zufrieden, Herr Hecker?« fragte er. Der Einberufer war ein ziemlich beleibter, glattrasierter Herr mit sehr freundlichem Gesicht. Er sah wie ein Pfarrer aus. »Nun, so sprechen Sie doch, Herr Hecker!« drängte der Herr Professor. Hecker sah mit Entsetzen auf Doktor Voraus. Das hatte er doch nicht erwartet! Was er da sah, erfüllte ihn mit staunendem Grausen. Zuerst wandelte ihn ein Gefühl an, das jedem Polizeimann Ehre gemacht hätte. Den Professor einsperren lassen! Unschädlich machen diesen furchtbaren Menschen! Aber endlich sammelte er sich. »Ich danke Ihnen...!« sagte er einfach. Der Professor reichte ihm die Hand. Hecker zögerte lange, sie zu erfassen. Endlich gewann er Mut, ergriff die gewaltige Hand und schüttelte sie recht herzlich. Der Schriftführer kam zagend herbei, hielt aber die Hände in den Hosentaschen versteckt und verbeugte sich bloß. »Wollen die Herren auch eingeschläfert werden?« fragte lachend der Professor, als er die fürchterliche Angst der beiden bemerkte. »Nein, nein«, wehrte Hecker ab, »wir müssen, während die Leute schlafen, ihr Interesse vertreten!« »Aber was soll mit ihnen geschehen?« fragte der Schriftführer. »Wir können sie doch nicht hier liegen lassen!« »Warum nicht?« fuhr Hecker auf. »Sie liegen so unbequem«, warf der Schriftführer schüchtern ein. »Sie spüren nichts davon, und wenn sie tausend Jahre liegen«, tröstete der Professor. »Man wird aber den Saal brauchen«, bemerkte der Schriftführer, »morgen soll hier ein großes Konzert stattfinden!« Da wurde Hecker böse. Die Einwürfe des Schriftführers hatten ihm gezeigt, in welche Kalamität die Behörde durch das Experiment gebracht worden war. Sein Herz war von stolzester Freude erfüllt. »Sie sollen den Leuten Schlafstätten anweisen. Es sind ja nur dreitausend... oder die Meister zur Nachgiebigkeit veranlassen! Herr Professor...« Er wandte sich zu nochmaligen innigen Dank zu diesem. »Dieser Abend bedeutet den Beginn einer neuen Epoche in der Sozialdemokratie!« Der Professor wehrte ab. »Was sollen wir aber mit diesem Herrn – (er deutete auf den schlafenden Polizeikommissär) – anfangen? Den müssen wir doch aufwecken, sonst könnte uns die Geschichte übel bekommen!« Hecker meinte geringschätzig, der Herr Professor solle dann einfach das ganze Präsidium einschläfern. Der Professor hörte aber nicht auf ihn. Er strich leise mit der Hand über den Kopf des Schläfers. Plötzlich sprang der Kommissär auf. Die rechte Hand herausfordernd auf den Tisch gestützt, schrie er mit Donnerstimme in den Saal: »Ich erkläre die Versammlung für aufgelöst! Ich bitte, den Saal sofort zu verlassen, widrigenfalls ich ihn mit Gewalt räumen lassen müßte!« Für ihn war seit seinem Einschlafen keine Minute vergangen, er setzte genau dort fort, wo er bei seinem Einschlafen aufgehört hatte. Erstaunt brach er plötzlich ab; an Stelle des furchtbaren brausenden Sturmes war ja Totenstille eingetreten. Verwirrt sah er um sich. Der weite Saal angefüllt mit Schläfern. Er griff sich angstvoll an den Kopf. »Was ist das, was ist da geschehen?« fragte er entsetzt. »Die Leute schlafen bereits«, meinte trocken der Professor. »Ohne behördliche Erlaubnis, Herr Professor...« »Jawohl, ohne jede behördliche Erlaubnis.« »Und die Wachleute im Saal?« »Die schlafen auch!« Der Polizeikommissär wollte noch etwas sagen. Aber es ward ihm todbange. Was er hätte auf strikten behördlich Auftrag verhindern sollen, war geschehen, ohne daß er eine Ahnung davon hatte. Wie betäubt wankte er die Stufen, die vom Podium in den Saal führten, hinab. »Die Versammlung ist aufgelöst!« stammelte er noch einmal »Nein, sie ist noch beisammen«, bemerkte ironisch der Professor. Der Kommissär drehte sich erregt nach dem Professor um. Als er ihm aber in das Gesicht sah, in dem die grauen Augen so seltsam funkelten, entschwand ihm aller Mut und er ging hastig zum Ausgang. Zweimal stolperte er über Schlafende, die sich unvorsichtigerweise gerade den Mittelgang als passendes Schlummerplätzchen ausgesucht hatten. »Meine Herren, wir haben hier nichts mehr zu suchen«, sagte der Professor, als der Kommissär verschwunden war. Er ging voran, die beiden folgten ihm nach. Es wurde kein Wort gesprochen. Der Anblick der unzähligen Schläfer im Saale bewegte ihr innerstes Empfinden. Der Riesensaal sah aus wie eine ungeheure Leichenhalle. »Solche Mittel müssen die Enterbten des Glücks anwenden, um zu ihren Rechten zu kommen«, sagte bitter der Präsident zu dem ihm voranschreitenden Professor. »Aber mit diesem Mittel werden sie siegen«, erwiderte der Professor. »Die Wissenschaft wird einst alle Unterschiede unter den Menschen ausgleichen.« Eine riesige Volksmenge umstand das Musikvereinsgebäude. Als der Professor erschien, wurde er wieder mit brausenden Hochs begrüßt. Er bestieg einen offenen Wagen und fuhr, freundlich nach allen Seiten grüßend, davon. Hecker und der Schriftführer wurden von allen Seiten umringt. Man wollte durchaus Auskunft haben, was sich drinnen im Saale zugetragen habe. Die plötzliche Totenstille, die nach dem ungeheuren Lärm eingetreten war, hatte die Leute, die außerhalb des Gebäudes harrten, ganz verblüfft. Hecker teilte mit, daß der geplante Trick bereits ausgeführt sei und daß alle Teilnehmer im Saale den angekündigten Streikschlummer hielten. Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelle. Alles geriet in die freudigste Erregung. Plötzlich rückten von zwei Seiten große Abteilungen von Polizeimannschaften auf das Gebäude zu. Zweifellos hatte der Kommissär gemeldet, was vorgefallen war, und nun kam die Polizei, um Ordnung zu machen. Unter Führung eines hohen Polizeioffiziers drang die Wachmannschaft in den Saal. Beim Eingang kauerten schlafend einige Wachleute auf dem Boden. Der Offizier donnerte sie an: »Was ist das? Auf! Sofort!« Die Wachleute rührten sich nicht. Der Polizeioffizier war ein durch seinen Dienst sehr nervös gewordener Herr; er wurde vor Zorn kirschrot im Gesicht, faßte einen schlummernden Wachmann an der Schulter und schüttelte ihn so, daß sein Helm in weitem Bogen auf das Gesicht eines Saaldieners geschleudert wurde, der längelang dalag und friedlich die Hände über dem Bauch gefaltet hatte. Der Wachmann zeigte keine Spur von Leben und der Saaldiener verzog keine Miene, als ihm der Helm auf das Gesicht fiel. Der Offizier stellte sich auf die Tribüne und schrie mit Stentorstimme: »Meine Herren und Damen! Sie haben auf Befehl der Polizei den Saal sofort zu verlassen!« Niemand antwortete ihm als das Echo von den Wänden. In diesem Moment kam, von mehreren Herren begleitet, der Polizeipräsident in den Saal. Auch er war ganz konsterniert, als er die Situation betrachtete. Der Polizeioffizier erstattete ihm Meldung. Der Präsident ließ versuchsweise schlummernde Wachleute und Zivilpersonen von den mitgekommenen Wachorganen derb schütteln, um sie zu ermuntern. Aber die Schläfer gaben keinen Laut von sich. »Das ist einfach unerhört!« sagte der Präsident. Plötzlich überkam ihn ein furchtbares Grauen. Wenn so auf einmal der Professor hereinkäme und ihn selbst mit den anderen Herren ebenfalls einschläferte! Er gab sofort strengen Befehl, niemanden, absolut niemanden einzulassen. »Was ist da zu tun?« fragte der Herr Präsident die ihn begleitenden Herren. Diese schüttelten verzagt das Haupt. »Dieser Professor muß absolut unschädlich gemacht werden«, fuhr der Präsident fort. Er gab einem Herrn seines Gefolges den Befehl, den Professor noch im Laufe dieser Nacht in sein Büro zu bringen. »Wenn er dich aber während der Unterredung einschläfert?« fragte er sich wieder beklommen. Er besann sich eine Weile, zog dann vorsichtig seinen Befehl zurück und ordnete an, daß morgen vormittags Abordnungen der Streikenden und der Meister in sein Büro geladen würden. »Meine Herren, da ist nichts zu machen«, sagte er zu seinem Gefolge. »Solch ein Fall ist mir noch nicht vorgekommen. Ich muß sofort um eine Audienz beim Minister des Innern ansuchen!« Als die Kommission vor das Gebäude trat, wurde sie mit zahllosen ironischen Bravos begrüßt. Da sich unterdessen die Nachricht von dem Ereignis in der ganzen Stadt verbreitet hatte, umlagerte eine unabsehbare Menge das Gebäude. Aller Verkehr stockte, kein Wagen der Straßenbahn, kein Fiaker, keine Droschke, überhaupt kein Fuhrwerk war zu sehen. Nur Kopf an Kopf drängte sich die Menge der Neugierigen. Der Polizeipräsident stand ganz bestürzt da. »Das ist ja Anarchie!« rief er bestürzt aus. Aus der Nebengasse heraus hörte man plötzlich tausendstimmiges Schreien und Rufen. In die Menge kam Bewegung, die Leute drängten vorwärts, das Gedränge war lebensgefährlich. Endlich löste sich das Rätsel. Pferdeköpfe wurden sichtbar – eine Eskadron berittener Schutzleute säuberte die Straße. Der Polizeipräsident atmete erleichtert auf. Eine halbe Stunde später konnte er unter dem Schutz der Berittenen seinen Wagen besteigen. Er fuhr direkt zum Ministerium des Innern. Nachts wurde das Gebäude durch einen Militärkordon abgesperrt. Die Menge hatte sich zum größten Teil verlaufen, um daheim in ihren behaglichen Betten das glorreiche Beispiel der Streikenden nachzuahmen. Am nächsten Vormittag traten im Gebäude der Statthalterei unter dem Vorsitz Seiner Exzellenz des Herrn Statthalters Meister und Gehilfen zu einer Sitzung zusammen. Auch der Polizeipräsident und mehrere Delegierte des Ministeriums waren der bedeutungsvollen Sitzung zugezogen. Die Gehilfen unter Führung Heckers wiesen siegessichere Mienen. Die Meister sahen ungemein gedrückt aus. Viele von ihnen waren ganz herabgekommen. Das hatte seinen Grund darin, daß sie, um wenigstens halbwegs ihren Aufträgen nachkommen zu können, nun selbst arbeiten mußten, was die größte Anzahl der Herren Bäckermeister sehr schmerzlich traf, da sie die Arbeit längst nicht mehr gewohnt waren und alle Übung in ihrem Gewerbe verloren hatten. Manche konnten sich nicht einmal dunkel erinnern, wie eigentlich eine Kaisersemmel angefertigt werde. Dies und das gänzlich unvorhergesehene Ereignis des vergangenen Abends hatte sie vollständig deprimiert. Der Statthalter eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er beide Parteien zur Einigkeit aufforderte. Die Meister erklärten sofort, daß nicht sie es gewesen seien, die die Einigkeit gestört hätten; an allem seien nur die Gehilfen schuld, die in ihrem ungezügelten Erwerbsdrang das schöne friedliche Verhältnis gestört hätten. Hecker entgegnete in scharf sarkastischer Weise, daß es die Bäckermeister nicht nötig hätten, sich von dem Arbeitserträgnis ihrer Gehilfen ungezählte Häuser zu bauen. Die Gemüter erhitzten sich, es schien, als sollte die Versammlung resultatlos auseinandergehen. Der Statthalter ersuchte um Ruhe. Er führte in längerer Rede aus, daß die Zustände in verschiedenen Gewerben unhaltbar geworden seien. »Ich erinnere Sie alle an die ernste Gefahr«, rief er mit Pathos aus, »dreitausend Menschen schlummern im Musikvereinssaal einer besseren Zukunft entgegen. Wir müssen da ernstlich Wandel schaffen, ehe unter solchen ungesunden Verhältnissen der ganze Staat zusammenbricht! Ich ermahne Sie zur Nachgiebigkeit!« Die Bäckermeister erklärten, durchaus nicht nachgeben zu können, sie opferten sich direkt für das Volk! Die Gehilfen lachten höhnisch. »Dann, meine Herren«, fuhr der Statthalter fort, »beginnen wir im nächsten Jahre mit der Verstaatlichung des Bäckergewerbes. Die Gehilfen werden in die drei untersten Stufen der Staatsbeamten eingereiht. Die Lehrlinge erhalten nach halbjähriger Probezeit ein Adjutum von 50 Kronen monatlich.« Die Bäckermeister knickten zusammen. Sie dachten mit Grauen an die Abhängigkeit, die ihrer harrte. Sie überlegten, daß sie, wenn man sie auch als Hofräte in diesem neuen Zweige der Staatsverwaltung anstellen würde, nie mehr in die Lage kämen, sich ein Haus zu bauen. Kleinmütig gaben sie zu erkennen, daß sie geneigt wären, auch weitestgehende Forderungen der Gehilfen zu bewilligen. Die Sitzung endete mit einem vollständigen Siege der Gehilfenschaft. Die Bäckermeister entfernten sich in gedrücktester Stimmung. Als Hecker sich ebenfalls anschickte, den Saal zu verlassen, ward er vom Polizeipräsidenten in der zuvorkommendsten Weise ersucht, noch ein wenig zu bleiben. Hecker schritt an der Seite des Polizeipräsidenten zurück in das Beratungszimmer. »Sie haben gesiegt«, begann der Präsident, »gesiegt mit unserer Hilfe...« »Nein, mit eigenen Mitteln«, erwiderte Hecker. »Lassen wir das! Es hat keinen Reiz, darüber zu reden«, meinte der Polizeipräsident. »Sie müssen aber jetzt alles daransetzen, daß die Arbeiterschaft wieder zu ihrer Pflicht zurückkehrt!« »Das wird geschehen, Herr Präsident, die Disziplin unserer Partei ist über allem Zweifel erhaben. Morgen früh wird in allen Betrieben die Arbeit in ihrem vollen Umfang aufgenommen. Ich eile jetzt sofort zu Professor Doktor Voraus.« Als der Präsident diesen Namen hörte, runzelte er die Stirn. Die anderen Teilnehmer der Sitzung waren, durch die Nennung dieses Namens aufmerksam gemacht, ebenfalls herbeigekommen und scharten sich neugierig um den Sprecher. »Ich bitte nur, die Stunde anzugeben, in der die tapferen Schläfer alle erweckt werden«, sagte der Präsident mit sauersüßem Lächeln. »Die Freude des Volkes wird so groß sein, daß wir, um Ausschreitungen zu verhindern, dieses Fest in unsere besondere Obhut nehmen müssen.« »Bitte, Herr Präsident!« Hecker verneigte sich in der verbindlichsten Weise. »Noch heute um vier Uhr nachmittags wird sich dieses außergewöhnliche Ereignis vollziehen.« Hecker schritt stolz wie ein König davon. Extraausgaben verkündigten dem Publikum das Resultat dieser denkwürdigen Sitzung. Die Bäckermeister befestigten an den Spiegelscheiben ihrer Auslagen Plakate, in denen sie mitteilten, daß sie aus lobenswerter Fürsorge für das P. T. Publikum die Forderungen der Gehilfen bewilligt hätten. Um ein Uhr nachmittags erhielten die das Musikvereinsgebäude umgebenden Straßen ein höchst interessantes militärisches Gepräge. Zuerst zogen mehrere Bataillone Infanterie auf. Eine halbe Stunde später sperrte eine Eskadron Dragoner alle zu dem Gebäude führenden Straßen ab. Nur der Intervention des Statthalters war es zu danken, daß nicht auch Artillerie zur Aufstellung kam. Der Statthalter fürchtete, daß diese Vorsichtsmaßregel das Volk unnötigerweise aufreizen würde. Aber trotz dieser so weitgehenden Sicherheitsmaßregeln sammelte sich wieder eine ungeheure Menschenmenge an, die nur die Rücksicht auf das viele Militär abhielt, ihren Meinungen und Gefühlen in gewohnter Weise lebhaften Ausdruck zu geben. Als um dreiviertel vier Uhr Hecker und der Professor in offenem Wagen beim Musikvereinsgebäude vorfuhren, ging erst ein Murmeln durch die Menge. Das Murmeln wuchs zum Brausen, zum tobenden Sturm an. Als die beiden Herren in dem Gebäude verschwunden waren, bemächtigte sich der Anwesenden eine atemlose Spannung. Tausende und Tausende von Augen sahen unverwandt nach den Türen. Drinnen in dem großen Saale schliefen dreitausend Menschen – Menschen, die gezeigt hatten, daß sie nichts scheuten, um den Sieg in diesem Kampfe zu erringen. Märtyrer einer besseren, schöneren, einer herrlichen Zukunft! Sie hatten den Sieg errungen, bald wird das erste Paar dieser todesmutigen, wackeren Kämpfer erscheinen. Minute um Minute vergeht. Endlose Minuten! Minuten, die sich zu Ewigkeiten dehnen. Eine Viertelstunde vergeht, es erscheint niemand, die Menge erfaßt eine ungeheure Bangigkeit. Wie, wenn das Experiment mißlungen wäre? Wenn vielleicht gar alle tot wären? – Eine Totenstille herrscht auf dem Platz. Die Tausende stehen alle wie gebannt. Noch eine Viertelstunde. Die Turmuhr der nahen Kirche verkündet die fünfte Nachmittagsstunde, und noch immer ist nichts zu sehen. Ein leises Grollen und Murmeln erhebt sich in der Menge. Da öffnen sich oben alle drei Türen. Die Menge strömt hinaus, die Schläfer sind erwacht! Ins Leben zurückgerufen durch den Machtspruch des Professors. Ein einziger Jubelruf entringt sich der Menge. Der Bann ist gelöst, die Menschen umarmen sich unter Tränen. Das Militär hält den wiedererwachten Schläfern den Abzug frei. Anderthalb Stunden dauert der Zug. Man winkt den Leuten zu, diese grüßen jubelnd zurück. Als der Professor mit seinem Diener Lorenz den letzten im Zuge nachfährt, erfolgen Ovationen, die aller Beschreibung spotten. Zwanzig Schritte vom Musikvereinsgebäude entfernt wird der Wagen aufgehalten. Trotz des eifrigsten Protestes seitens des Professors werden die Pferde ausgespannt, eine jauchzende Menge erfaßt die Wagenstange und nach einer kleinen Rauferei wird der Wagen im Trab lustig weitergezogen. »Nun, sind Sie zufrieden, Lorenz?« fragte der Professor seinen Diener, als sie heimgekehrt waren. »Der Dienst läßt nichts zu wünschen übrig«, sagte Lorenz, »wenn nicht...« Er stockte, drehte sich um und wollte das Zimmer verlassen. Das alte Leid war mit Macht über ihn gekommen. »Lorenz!« rief ihn der Professor an. Lorenz drehte sich um, er hatte die Augen voller Tränen. »Sie denken noch immer an Ihre Wetti«, sagte der Professor mitleidig lächelnd. »Fassen Sie Mut! Nach dem Vorgefallenen wird sich nun keine Behörde mehr weigern, mir meine Wünsche zu erfüllen. In weniger als zwei Monaten werden wir uns zu unserem zweitausendjährigen Schlaf niederlegen. Und wenn wir dann aufwachen, liegt alles, was uns jetzt umgibt, in ewigkeitgleicher Zeitenferne hinter uns!« »Ich werde sie trotzdem nicht vergessen«, seufzte Lorenz und verließ mit schnellen Schritten das Zimmer. Der Professor hatte richtig kalkuliert. Am nächsten Morgen erschien ein Abgesandter der Statthalterei mit einem höchst schmeichelhaften, in den bewunderndsten Ausdrücken gehaltenen Schreiben Seiner Exzellenz bei dem Herrn Professor. In dem Schreiben war die dringendste Bitte ausgesprochen, der Herr Professor möge ja bestimmt zur persönlichen Entgegennahme höchst wichtiger Mitteilungen im Büro Seiner Exzellenz erscheinen. So zwischen zwölf und drei Uhr, wenn der Herr Professor nicht vorziehen würde, bei Seiner Exzellenz den Tee einzunehmen! Der Überbringer des Schreibens warte auf Antwort. »Sagen Sie Seiner Exzellenz, daß ich um halb ein Uhr mich im Statthaltereigebäude einfinden werde!« Der Abgesandte verbeugte sich tief und schritt von dannen. Der Herr Professor rieb sich vergnügt die Hände. »Aha, sie geben bereits nach!« Die Behörden waren durch das Experiment des Professors in eine höchst bedauerliche Situation geraten. Die Presse sprach ganz unverhohlen davon, daß sich bei dieser Gelegenheit die volle Ohnmacht der sogenannten Regierungsgewalt erwiesen habe. Das Organ der Sozialdemokraten triumphierte. Ihre Partei war die erste gewesen, die die große Erfindung des Professors Doktor Voraus in den Dienst ihres politischen Kampfes gestellt hatte. Am schlimmsten daran waren die Bäckermeister. Die der Regierung nahestehenden Organe warfen dieser ehrenwerten Genossenschaft vor, daß der blinde Erwerbstrieb ihrer Mitglieder, ihre unkluge Hartherzigkeit gegenüber den Arbeitern, diese Katastrophe verschuldet habe. Es geschah das Ungeheuerliche, daß die Regierungsorgane mit aller Macht für die Sozialdemokraten eintraten und die Bürgerschaft warnten, auf den bisher gegangenen Pfaden weiterzugehen, da sonst der Ruin des Staates unvermeidlich wäre. Der Schrecken infolge des so großartig gelungenen Experimentes lag den weisen Herren in allen Gliedern. Als Professor Doktor Voraus in der Statthalterei erschien, hielt ihm Seine Exzellenz beide Hände entgegen und sprach in bewegten Worten seine unendliche Freude über die hohe Ehre aus, die ihm der Herr Professor durch seinen Besuch erweise. Als sich die Herren gesetzt hatten, war der Statthalter unermüdlich, immer wieder von neuem nach jedem Detail dieses großartigen Ereignisses zu fragen. Lächelnd antwortete der Professor, und sein Lächeln hatte so etwas Überlegenes, daß Seine Exzellenz tiefe Scheu vor dem furchtbaren Mann ergriff. Schließlich beklagte sich der Professor darüber, daß man seinem großen Experiment, das er im Verein mit seinem Diener plane, so große Hindernisse in den Weg lege. Als Seine Exzellenz merkte, daß der Herr Professor noch immer die feste Absicht hege, sich seiner eigenen Zeit gänzlich zu entziehen, atmete er erleichtert auf; eine Zentnerlast fiel von seiner schwer bedrückten Beamtenseele. Er entschuldigte sich und die Regierung mit vieler Wärme. »Herr Professor, wir sind alle stolz darauf, einen so großen Mann unseren Zeitgenossen zu nennen...«, fing er an. »Bin ich deswegen weniger Ihr Zeitgenosse, wenn ich mich aus dieser Zeit hinüberrette in eine für unsere heutigen Begriffe ewige, ferne Zukunft?« bemerkte der Professor. »Herr Professor, Sie werden einst das ruhmreichste Denkmal unserer Zeit sein«, bemerkte in zuvorkommenster Weise der Statthalter. »Sie müssen es unserem für Sie ja so anerkennenden Egoismus verzeihen, wenn wir alles daransetzten, so lange als nur möglich die hohe Ehre zu genießen, Zeitgenossen Ihres Wirkens zu sein. Wir haben aber einsehen gelernt, daß wir nicht das Recht haben, hemmend in Ihre Tätigkeit einzugreifen. Wir sind nun zu der Überzeugung gelangt, daß wir die Pflicht haben, Sie in Ihrer segensreichen Wirksamkeit mit allen Mitteln zu unterstützen, die der Staatsregierung zu Gebote stehen.« Der Professor horchte auf. »Aha, jetzt kommt's!« sagte er befriedigt zu sich selbst. »Die Regierung wird Ihrem Vorhaben nicht mehr im Wege stehen. Sie wird es im Gegenteil mit allen Kräften fördern. Die Akademie der Wissenschaften wurde durch das Unterrichtsministerium bereits ersucht, uns Vorschläge in dieser Beziehung zu unterbreiten. Ich habe Sie ersucht, zu mir zu kommen, und danke herzlichst für Ihr Erscheinen, um Sie zu bitten, uns ebenfalls mit Ihren Ratschlägen an die Hand zu gehen, respektive die Akademie in ihren Arbeiten zu unterstützen. Es ist uns viel daran gelegen, daß Sie so bald als möglich an die Ausführung Ihres Versuches gehen. Wir haben unseren Irrtum eingesehen.« Der Professor reichte Seiner Exzellenz dankend die Hand. Der Statthalter begleitete ihn zur Tür. Dort nahm er unter neuerlichem Händeschütteln herzlichen Abschied. Der Professor mußte lächeln, wenn er daran dachte, welch ungeheure Angst sich hinter dem freundlichen Benehmen des Herrn Statthalters barg. Augenscheinlich konnten es die Herren der Regierung gar nicht erwarten, ihn, diesen furchtbaren, gefährlichen Menschen, schlafend zu wissen. »Also, mein lieber Lorenz, wir reisen in das ›Land der Träume‹! Die hohe Regierung erlaubt es uns«, sagte er fröhlich lachend zu seinem Diener. »Bald?« fragte dieser beklommen. »So bald als möglich«, entgegnete lachend der Professor, »die hohe Regierung wünscht nichts sehnlicher, als daß wir sehr bald einschlafen!« »Das ist recht«, sagte Lorenz melancholisch und fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen. Fünftes Kapitel. Wie die Nachricht aufgenommen wird. Die Akademie der Wissenschaften läßt einen feuersicheren Pavillon als Ruhestätte für den Professor und seinen Diener bauen. Die Feierlichkeiten am Tage der Einschläferung. Letzte Gedanken des Professors und des Dieners. Am zweitnächsten Tage brachten die Blätter der Hauptstadt lauter Leitartikel, die sich einzig und allein mit der Tatsache beschäftigten, daß das Unterrichtsministerium auf Vorschlag der Akademie der Wissenschaften für das Unternehmen des Dr. Voraus eine namhafte Summe gewidmet habe. Die freiheitlichen, nationalen und sozialdemokratischen Blätter sprachen dem Ministerium zu diesem Entschluß ihren höchsten Beifall aus. Die konservative und klerikale Presse verhielt sich, wie vorher, ablehnend, führte ihre Ansichten aber in weit vornehmerer und sachlicherer Art aus als früher. Nur ein einziges Blatt, »Der bessere Christ«, erging sich in unflätigen Schmähungen des wissenschaftlichen Unternehmens, erklärte sich schließlich doch damit sehr zufrieden, daß dadurch »dieser verrückte Professor auf immer verhindert werde, die Zeitgenossen mit seinen Tollheiten zu belästigen«. Die Blätter richteten eine eigene Rubrik ein, in die nur Mitteilungen aufgenommen werden sollten, die auf dieses Unternehmen Bezug hätten. In diesen bewegten Tagen wurde Lorenz zu einer vielgesuchten Persönlichkeit. Die Reporter der kleineren Blätter suchten ihn mit Vorliebe auf, und er ermangelte nicht, ihnen alle möglichen Nachrichten zukommen zu lassen. Und um was die Herren nicht alles fragten! Was für ein Kostüm sie anziehen würden, wie man die Betten einrichten werde. Endlich wurde die Frage nach dem Schlafsalon der beiden gelöst. Die Akademie ließ nach den Plänen eines bekannten Architekten in ihrem Riesenpark einen Pavillon erbauen, der das Schlafgemach der beiden enthalten sollte. In allen Blättern erschienen Abbildungen des Pavillons, und das Interesse an diesem Bauwerk war ein so allgemeines, daß auch der Architekt über seine Absicht interviewt wurde. Er sprach sich dahin aus, daß der Bau so ausgeführt werden müsse, daß kein Geräusch von außen in das Innere dringen könne, weshalb Matratzen, gepolsterte Türen und sonstige Tapeziererarbeiten bei diesem Bauwerk eine hervorragende Rolle spielen würden. Lorenz hatte wieder einige glückliche Wochen. Die anstrengende, aufreibende Tätigkeit, zu der ihn der so nahe Termin der Ausführung ihres so hochbedeutenden Vorhabens zwang, verursachte es, daß der tiefe Schmerz um Wetti in seinem Herzen etwas zurückgedrängt wurde. Er hatte alle Hände voll zu tun. Jeden Nachmittag besuchte er erstens den Garten der Akademie, um sich von den Fortschritten des interessanten Bauwerkes zu überzeugen. Er war dort bald allen Arbeitern bekannt. Daß er mit seinem Herrn das interessante Experiment ausführen werde, machte ihn bei allen sehr interessant, und die Maurer, Poliere und sonstigen Arbeiter begrüßten ihn mit großer Achtung, die nicht ohne Herzlichkeit war. Und erst die unendlich vielen Dinge, Bücher, Karten, wissenschaftlichen Instrumente usw., die der Professor in dem Pavillon unterbringen wollte! Jeden Tag gab es stundenlange Konferenzen mit dem Professor Dr. Voraus, der endlose Verzeichnisse anlegte, am nächsten Tage manches als unnötig ausstrich, um es am dritten Tage, einer neu gewonnenen besseren Einsicht folgend, wieder hinzuzusetzen. Endlich hatte der Professor das Allerallernotwendigste beisammen, das ihm wert schien, für eine so ferne Zukunft aufbewahrt zu werden. Es war höchste Zeit, denn vom fertiggestellten Rohbau im Akademiegarten wehten schon die bunten Wimpel und Fahnen herab, die das Gleichenfest verkündeten. An diesem Tage ward dem Professor im Saale der Akademie der ihm vom Kaiser verliehene hohe Orden überreicht. In seiner Dankesrede bat der Professor, man möge ihm den Orden auch für die zweitausend Jahre überlassen, da er ihn als eine liebe Erinnerung aus der Gegenwart in die Zukunft mitbringen wolle. Er sprach auch die bestimmte Hoffnung aus, daß die Menschen jener weltenfernen Zeit dieses strahlende Zeichen der Anerkennung würdigen werden... Der Bau erwies sich hochinteressant, nicht nur für den Fachmann, auch für den Laien. Es war eine geniale Schöpfung der genialen Baumeister Fellner und Helmer. Die Hauptmauern waren aus Granitquadern aufgeführt und besaßen eine Dicke von 150 Zentimetern. Der Dachstuhl bestand durchwegs aus Eisen und war mit Platten aus einer aus Asbest und Ton geformten, absolut feuerfesten Masse gedeckt. Vier Blitzableiter ragten über das Dach empor, eine ziemlich unnütze Einrichtung, da bei der Konstruktion des Gebäudes von der Verwendung von Holz prinzipiell abgesehen wurde. Selbst die Fensterrahmen waren aus Eisen, desgleichen das Haupttor und die beiden Nebentüren. Interessant war die plastische Ausschmückung des zu so eigenartigem Zwecke errichteten Baues. Die Hauptfigur der den Giebel krönenden Gruppe war Morpheus, der Gott des Schlafes, das Haupt mit einem Kranze aus Mohnblumen geziert. Putten und schöne Kindergestalten mit Mohnblumen in den Händen schmückten die Gesimse, und in einem großen Fries war wieder Morpheus dargestellt, wie er mit segnender Gabe Arbeitsmüden, Kranken, Sorgenvollen und Kummerbedrückten Erlösung von allem Leide bringt. Der berühmteste Maler der Hauptstadt hatte ein Bild für den Pavillon gespendet, ein großes Wandgemälde, das den ungeteiltesten Beifall nicht nur der Kritiker, sondern auch aller Laien fand. Es stellte den Professor auf einem herrlichen Bette schlummernd vor; im Traume sieht er die Göttin der Wissenschaft, die die rosige Hand erhebt, ihm das Land der Zukunft weist. Von Wolken umgeben, schauen schönheitsverklärte Menschen auf den Schläfer herab. Das Schlafgemach im Innern des Pavillons war ernst, fast düster, wie es sich für einen Raum geziemt, der dem Dienste der Wissenschaft geweiht ist, Vorhänge von schwerem dunkelroten Samt verhüllten die Fenster. Der Plafond war ein Meisterwerk der Dekorationskunst. Der Professor hatte darauf bestanden, daß auch das Bett seines Dieners in dem Raum untergebracht werde. Das Bett des Professors überdachte ein Baldachin aus den kostbarsten Seidenstoffen mit reicher Stickerei. Auf Befehl der Regierung wurde solche Pracht und Herrlichkeit geschaffen, um den späten Nachlebenden einen möglichst hohen Begriff von der Kultur des Jahres 1907 beizubringen. In der Mitte des Plafonds war eine Ampel angebracht, deren Brenner hundertundsechzig Kerzen Lichtstärke hatten. Neben dem Bett des Professors befand sich ein Taster, der die Ampel in Funktion setzte. Das Bett des Dieners war in einer Ecke aufgestellt. Es war einfacher als das Bett des Professors, mit keinem Baldachin geschmückt. Seine Einrichtung bestand aus solidem Leinen und nicht aus kostbarer Seide. Man hatte Wert darauf gelegt, den Menschen der Zukunft zu zeigen, daß man in der Gegenwart mit feinem Sinn die Menschen voneinander scheide... In den Räumen um das Schlafgemach herum wurde in eisernen Schränken alles aufgestapelt, was der Professor mitzunehmen gedachte. Rund um das Haus wurde ein Lindenhain angelegt. Als die Bäumchen alle gesetzt waren, kam der Professor, um sich die Anlage zu betrachten. Lange sah er sinnenden Blickes auf die jungen, mit spärlichem Laub bedeckten Bäume. Der Unterrichtsminister kam ihm entgegen. »Guten Tag, Exzellenz!« rief der Professor ihm entgegen. »Das ist schön, daß Eure Exzellenz meinem Unternehmen so große Aufmerksamkeit widmen. Ich danke Eurer Exzellenz.« Der Minister gab ihm die Hand. »Ich bin schon eine Weile hier, Herr Professor, ich wollte aber nicht stören; Sie waren in tiefes Nachdenken versunken.« »Jawohl«, sagte der Professor mit leuchtenden Blicken, »ich habe mir die jungen Bäume da angesehen, und dabei sind mir seltsame Gedanken gekommen.« »Wieso, Herr Professor?« »Wie klein, wie armselig sind diese Bäumchen! Und was für gewaltige, himmelragende Riesen werden es sein, wenn wir aus unserem Schlafe erwachen werden! Zweitausendjährige Baumriesen!« Er schwieg. Aber man sah ihm die innere Erregung an. Auch der Minister schwieg eine Weile. »Bei solchen Gedanken«, begann er, »kann man erst die Größe Ihres Unternehmens erfassen. Diese Bäume werden einst Ihren fernen Zeitgenossen als Mitgeborne der Erdveste selbst erscheinen!« Die beiden Herren waren von ihren Gedanken so ergriffen, daß sie eine Weile schweigend nach dem herrlichen Bau schauten. Der Professor war seit dem Tage, da das letzte Hindernis, das sich seinem Unternehmen entgegengestellt hatte, beseitigt war, von einer seltsamen, halb glücklichen, halb elegischen Stimmung befangen. Ihm war zumute wie einem kühnen Forscher, der aufs Geratewohl eine Reise in ferne, unbekannte Gegenden antritt und dem trotz der ungeheuren Gefahren, die seiner harren, der Mut das Herz schwellt. Einmal war ihm der niederschmetternde Gedanke gekommen: Was ist es, wenn die heute allgemein als unumstößlich angenommene Idee von der Fortentwicklung der menschlichen Kultur durch den Werdegang in den zwei Jahrtausenden, die er zu verschlafen gedenkt, ad absurdum geführt wird? Griechen, Römer, Ägypter – alle die so hoch entwickelten Völker des Altertums, haben einst sicher gehofft, daß ihre Kultur in ihrer nationalen Eigenart ewig sich entwickeln werde – und was ist geschehen? Unter den Siegestritten des Barbaren wurde sie zertrümmert und auf dem kümmerlichen Erbe bauten Deutsche und Romanen ihre eigene, ihnen entsprechende Kultur auf. Kann es nicht geschehen, daß aufs neue wieder die Barbaren aus dem Innern Asiens hervorbrechen und unter ihren ungeheuren Menschenfluten alles, was heute Kultur heißt, vernichtet wird? Er hatte Lorenz zu sich ins Zimmer gerufen, um ihm diese Erwägungen mitzuteilen. »Was würden Sie sagen, Lorenz, wenn wir plötzlich mitten unter lauter Chinesen, Tataren und sonstigen Mongolen aufwachten? Unter Barbaren, die uns zum Lohne für unseren wissenschaftlichen Heldenmut unter den scheußlichsten Qualen vom Leben zum Tode brächten?« frage der Professor. Lorenz dachte eine Weile nach. »Ich glaube nicht, daß das so kommen wird. Ich hoffe, die Leute haben bis dahin doch so viel Vernunft angenommen, daß sie solche Niederträchtigkeiten unterlassen werden!« »Denken Sie aber, Lorenz«, fuhr der Professor fort, »nach den Griechen und Römern kamen die Deutschen, diese waren Barbaren, es kamen die Hunnen, die Türken usw., unsere Kultur wurde vernichtet. Die wichtigsten Dokumente sind uns nur in Bruchstücken erhalten geblieben. Mühsam mußte eine neue Kultur geschaffen werden. Wie viele Bände von Tacitus allein sind uns unwiederbringlich dahin –« »Jetzt ist das anders«, sagte unerschrocken Lorenz. »Wir haben nicht nur Bücher, sondern haben Besseres, als die alten Römer und Griechen hatten, etwas, das nicht so leicht Verlorengehen kann wie ein Buch. Wir haben Eisenbahnen, Telegraphen, Dampfschiffe, Dampf- und andere Maschinen. Auch die Chinesen fahren heute schon mit der Eisenbahn und die Japaner haben uns schon alles abgespickt, was sie von unserer Gescheitheit brauchen konnten. Und bis dorthin werden die Tataren und Mongolen und Kosaken sich auch schon wissenschaftlich eingerichtet haben und werden nicht alles kreuz und klein schlagen, wenn sie über uns kommen, weil sie das alles selber brauchen und verstehen können. Wir haben heute eben mehr als Bücher...« Der Professor sah seinem Diener erstaunt in das Gesicht. »Lorenz, Sie sind ein grundgescheiter Kerl...«, sagte er vergnügt. »Ich war längst dieser Meinung«, sagte Lorenz, »ich glaube, die Leute werden froh sein, daß sie uns haben.« »Sie haben recht, Lorenz«, sagte freudestrahlend der Professor. »Unsere Kultur ist eine andere, die Kultur der Völker des Altertums war zum größten Teil eine formale. Unsere Kultur ist auf der Kenntnis der Natur und ihrer Kräfte aufgebaut, diese Kultur mit dem tausendfältigen Fortschritt, den sie auch in das Leben des Ärmsten gebracht hat, kann nicht so verschwinden wie ein Band Tacitus. Lorenz, wenn wir erwachen, werden wir in einer Welt von Göttern leben. Unter Menschen, die, mit übernatürlichen Kräften begabt, das All unter ihren Willen zwingen!« »Ich hoffe auch, daß es sehr hübsch werden wird«, sagte Lorenz. »Lorenz, Sie sind ein braver Mensch«, sagte der Professor und drückte ihm ein Zwanzigkronenstück in die Hand. »Sie haben mir eine frohe Stunde bereitet...« »Ich danke, Herr Professor«, sagte Lorenz mit einer tiefen Verbeugung. »Darüber habe ich mir auch schon viele Gedanken gemacht, in was für einer Währung wir im Jahre dreitausendneunhundertsieben rechnen werden. Es wird gut sein, wenn wir unser Vermögen in Hartgeld mitnehmen. Unsere Staats- und Banknoten dürften nicht mehr gangbar sein, ebenso wie Rentenscheine, Aktien und andere Wertpapiere. Auch die Lose, die heute noch in Umlauf sind, dürften bis dahin längst gezogen sein, und wenn wir einen Haupttreffer gemacht haben, so ist der sicher dann schon zugunsten des Staates verfallen! Das Gold wird aber noch immer seinen Wert haben, ich glaube, die Menschheit wird sich in dieser Beziehung nicht besonders ändern. Daher nur Gold. Wenn es uns von unseren Kulturnachfolgern nicht früher gestohlen wird, werden wir damit sicher nach unserem Erwachen einen schönen Anfang haben!« »An was alles Sie denken«, sagte bewundernd der Professor. Als der Pavillon fertig und auch alles eingeräumt war, was der Professor im Lande der Zukunft nötig zu haben erachtete, setzte man den Tag fest, an dem die Einschläferung vorgenommen werden sollte. Man bestimmte dazu den 21. März. Sämtliche Blätter veranstalteten Extraausgaben, in denen sie das Ereignis dem Publikum bekannt machten. Die Akademie der Wissenschaften vereinbarte mit dem Professor, in welcher Art sich dieser ereignisreiche Moment vollziehen solle. Die Akademie wünschte, daß dies mit größerem Gepränge geschehe, um auch den Laien die Ahnung beizubringen, welches hochbedeutende Ereignis sich vollziehe. Der Herr Professor war zuerst entschieden dagegen, aber Lorenz gelang es, ihn den Wünschen der Akademie geneigt zu machen. Denn er war nur zu gern bereit, unter möglichst großer und, wie er hoffte, bewundernder Teilnahme des Publikums von seiner Gegenwart Abschied zu nehmen. Besonders der eine Gedanke beherrschte ihn dabei, es der treulosen Wetti zu zeigen, was für einen berühmten volkstümlichen Mann sie in ihm verliere. Er nahm als bestimmt an, daß Wetti es infolge ihrer stark entwickelten Neugierde nicht unterlassen werde, dabei zu sein, wenn sie von den Spitzen der Akademie in den Pavillon geführt würden. Er täuschte sich nicht. Als die Blätter verkündeten, was sich am 21. März vollziehen werde, ward Wetti mächtig ergriffen. Der falsche Schmiedemeister hatte ihr triumphierend die Extraausgabe gebracht. Sie war natürlich zuerst in Ohnmacht, und nachdem man sie mit unendlicher Mühe daraus erweckt hatte, in einen Weinkrampf verfallen. Aller Trost, den ihr der Schmiedemeister spenden wollte, war vergebens. Als er den Gekränkten spielen wollte, gab sie ihm erregt zu verstehen, daß sie wohl das Recht dazu haben werde, in einem solch großen Moment ergriffen zu sein. Schließlich wurde ihm strengstens aufgetragen, die Gefühle der Jungfrau zu schonen, worauf er erregt die Restauration verließ, in ein anderes Wirtshaus ging, wo er mit vierzehn Vierteln Heurigen seinen Schmerz zu gelinder Wehmut bezwang. Wetti aber ging des anderen Tages sofort zu ihrer Schneiderin und schaffte sich ein schwarzes Seidenkleid an. Als die Künstlerin sie um die Details der Robe befragte, ordnete sie trotz des in ihr tobenden Schmerzes das Arrangement in einer Weise an, die die höchste Bewunderung des Salons hervorrief. Soviel Sachkenntnis hatte niemand von einer einfachen Köchin vorausgesetzt. Als das Kleid fertig war, ließ sie sich sofort im vollen Staat photographieren. Selbstverständlich Kabinettformat. Ein Bild sendete sie an Lorenz. Es trug die Unterschrift: »Zum ewigen Angedenken, Ihre geliebte Wetti,« Der Empfang des Bildes bereitete Lorenz einen schweren Tag. Die Augen wurden ihm feucht, als er die holde Gestalt betrachtete. Seufzend versorgte er das Kuvert mit dem Bild in dem Reisekoffer, den er als letztes Gepäcksstück in den »Schlafwaggon« mitzunehmen gedachte. Im Hause des Herrn Professors ging es in den letzten Wochen vor dem 21. März stürmisch zu. Auch die Geschäftswelt nahm regen Anteil an dem wissenschaftlichen Unternehmen. Die Händler mit Konserven bestimmten den Professor mit leidenschaftlichen Bitten, umfangreiche Proben ihrer hervorragenden Erzeugnisse als vielleicht doch notwendig werdenden Proviant mitzunehmen. Eine hervorragende Firma erbot sich, aus eigenen Mitteln ein Lagerhaus neben dem Schlafpavillon zu erbauen und es kostenlos mit allen möglichen Fleisch-, Fisch-, Gemüse- und Obstkonserven zu füllen. Die Firma bat sich einzig und allein nur die eine Entschädigung aus, in ihrem Firmentitel die Bezeichnung führen zu dürfen: »Konservenlieferant des Herrn Professors Dr. Voraus für die Reise in die Zukunft.« Der Professor lehnte entschieden ab. Er erklärte nachdrücklichst, es nicht notwendig zu haben, für diese Reise Proviant mitzunehmen. Nun wendete sich die Firma an Lorenz. Er, der nicht so zuversichtlich war wie sein Herr, nahm dankbarst eine Kiste Konserven an, die er mit Erlaubnis des Professors in einem Nebenraum des Pavillons aufstellte. Die Firma erhielt von ihm die Erlaubnis, nach ihrer Abreise ihren Kunden mitzuteilen, daß im Auftrage des Sekretärs des Herrn Professor Dr. Voraus 1000 Kilogramm Konserven ihrer Erzeugnisse für den Pavillon geliefert wurden. Die beträchtliche Anzahl von Zwanzigkronenstücken, mit denen er außerdem noch beteilt wurde, verpackte er ebenfalls in seinem Reisekoffer. Unangenehm wurden in jenen Tagen die Unglücklichen, die es sich durchaus in den Kopf gesetzt hatten, dem Professor in das Land der Zukunft zu folgen, da ihnen das Land der Gegenwart durch verschiedene Vorfälle total verleidet wurde. Die Teilnahme an der Expedition des Herrn Professors erschien ihnen weit angenehmer als die bisher üblichen Mittel, sich durch Ertränken, Erschießen, Vergiften usw. aus diesem Jammertal zu befreien. »Vielleicht«, so dachten jene Unglücklichen, »ist es in zweitausend Jahren anders, besser als jetzt.« Es waren auch Leute darunter, die aus ihrer Gegenwart fliehen wollten, weil sie mit den eben bestehenden Gesetzen in schwere Konflikte geraten waren und nach zweitausend Jahren sich ein humaneres Zeitalter erhofften, in dem die veralteten Einrichtungen, wie Arreste, Kerker oder gar das so unangenehme »Aufhängen«, längst abgeschafft oder wenigstens Einrichtungen gewichen seien, mit denen sich ein verständiger Mensch doch halbwegs befreunden konnte. Der Professor wollte aber von allen diesen Anerbietungen nichts wissen. Und mit Recht! Hätte er sie angenommen, er wäre, wie einst der Eroberer Amerikas, mit einer Schar Verbrecher und Verzweifelter im Lande der Zukunft angekommen. Ein ganzes Heer Polizisten und Detektive umgab täglich den Professor, um ihn vor der Rachsucht der Abgewiesenen zu schützen. Unter solchen Aufregungen kam der 21. März heran. Für die sechste Nachmittagsstunde war die feierliche Einschläferung der beiden Herren angesetzt worden. Die restlichen Vorbereitungen dazu waren außerordentliche. Der Besitzer des Hauses, in dem der Professor wohnte, hatte die Stiege mit Blattpflanzen und Lorbeer reich dekorieren lassen. Über der Tür des Zimmers prangte ein geschmackvolles Blumenarrangement: »Guten Morgen im Jahre 3907!« Die Jahreszahl war aus Rosen gebildet, ein Kranz aus wundervollen dunklen Veilchen bildete den Rahmen. Als Lorenz die Morgenblätter in das Schlafgemach des Herrn Professors brachte, war dieser schon munter und begrüßte ihn in freundschaftlichster Weise. »Heute nacht werden wir besser schlafen«, sagte er vergnügt zu dem Eintretenden. »Und schneller!« erwiderte Lorenz. »Wieso?« fragte verwundert der Professor. »Wenn wir sonst aufwachen, ist bloß eine Nacht vorüber, aber dann – an jenem Morgen!« antwortete bedeutungsvoll Lorenz. »Da haben Sie recht. Im Schlafe einer Nacht fliegen zweitausend Jahre vorbei. Was wir in dieser einen Nacht bewältigen!« sagte vergnügt der Professor. Er behandelte die Geschichte wie eine Eisenbahnfahrt in einem Kurierzuge. Man schläft ein, und wenn man aufwacht, ist man fünfhundert Kilometer weiter gekommen. Die Morgenblätter brachten nur Leitartikel über das große Ereignis des Tages. Die liberalen und sozialdemokratischen Blätter anerkannten das Unternehmen des Professors als eine Tat, der an Heldentum im ganzen Bereich der Weltgeschichte nichts zur Seite gestellt werden könne. Die deutschnationalen Blätter beneideten den Professor. Sie weissagten ihm, daß er bei seinem Erwachen die gesamte Erde im Besitz des deutschen Volkes vorfinden werde, das bis dahin ganz bestimmt zur alten Einfachheit seiner Altvorderen zurückgekehrt sei, Odin verehre und ihm zu Ehren an den heiligen Tagen Roßfleisch esse. Die klerikalen Blätter erinnerten an den Turmbau zu Babel, der bekanntlich mit einer ungeheuren Verwirrung geendet habe, da Gott durchaus nicht ruhig zusehe, wenn man in den Himmel hineinbaue. Schließlich wünschten auch sie dem Unternehmen einen glücklichen Ausgang und sprachen die bestimmte Hoffnung aus, daß Gott dem Kühnen verzeihend seine Gnade zuteil werden lasse. Um zehn Uhr vormittags erschien der Ministerpräsident, um von dem Professor Abschied zu nehmen. Er überbrachte ihm von der Regierung vor dem Einschlafen noch den hohen Orden. »Das Vaterland ist stolz auf Sie«, sagte er bei der Überreichung, »die Augen der ganzen Welt sind heute auf uns gerichtet. Sie schlafen für die Größe des Vaterlandes!« Diese Art, sich Verdienste zu erwerben, schien dem hohen Beamten besonders sympathisch zu sein. Der Bürgermeister der Stadt mit den beiden Vizebürgermeistern erschien fünf Minuten, nachdem der Ministerpräsident das Haus verlassen hatte. Die drei Herren waren mit den goldenen Ehrenketten geschmückt, und der Bürgermeister erklärte in wirklicher Ergriffenheit, daß die ganze Stadt stolz auf ihren großen Sohn sei. Hocherfreut dankte der Professor. Der Bürgermeister teilte noch mit, daß Stadt und Land sich in die Bewachung und in die Fürsorge um den Pavillon teilen würden. Der Professor war tief gerührt. Glänzend war die Abschiedsfeier in der Akademie. Der Präsident hielt eine Ansprache, in der er auf die außerordentlichen Verdienste des Professors hinwies. »Die beiden Herren«, rief er mit Pathos aus, »werden einst in fernster Zeit als Zeugen unseres Lebens, unserer Kultur auftreten. Wenn sie erwachen, wird das, was heute flutend, im vollen Leben uns umgibt, einer toten Vergangenheit angehören. Gelehrte Bücher werden verworrene Kunde von unserem Dasein bringen, aber unser verehrter Freund, Professor Doktor Voraus« – hier mußte der Präsident innehalten, bei Nennung dieses teuren Namens durchrauschte ein nie gehörter Beifallsorkan den Saal – »aber unser verehrter Freund wird ein beredter Zeuge sein, daß auch wir nach dem Höchsten und Größten gerungen haben, daß es unter uns Männer gegeben hat, die um einer Erkenntnis willen ihr Leben so heldenmütig auf das Spiel setzten. Jenen Fernen wird so zumute sein, wie es nun wäre, wenn plötzlich in diesen Saal Homer, Plato, Aristoteles oder irgendeiner der Heroen des Altertums treten würde!« Hier fand die Rede des Präsidenten ein vorzeitiges Ende. Das Auditorium brach in stürmische Zurufe aus. Alles drängte zu dem Sitz des Professors hin. Die Saaldiener schleppten mächtige Lorbeerkränze herein und legten sie vor dem Stuhl des Professors nieder, die Damen überreichten ihm großartige Buketts aus den herrlichsten Rosen und den seltsamsten, fremdartigsten Blumen. Ja selbst von der Galerie herab warfen die Damen ihm Blumensträußchen zu, als wenn er eine gefeierte Opernsängerin wäre. Der Tumult war unbeschreiblich. Ruhe zu schaffen, war eine Unmöglichkeit. Der Präsident stand ratlos vor seinem Pult. »Sie ersticken ihn noch mit ihren Blumen und Kränzen«, sagte mißvergnügt Lorenz, der in einem Sessel in der vordersten Reihe saß. Der Professor war aufgestanden. Er war totenblaß vor Aufregung; er wurde von der Menge umdrängt, versuchte zu sprechen, aber in dem ungeheuren Lärm verstanden nicht einmal die Nächststehenden ein Wort. »So geht das einmal nicht«, sagte sich Lorenz und versuchte, zum Professor zu gelangen, Güte und Höflichkeit nützten nichts. Lorenz setzte seine Ellenbogen ein und bahnte sich auf diese für die Betroffenen schmerzvolle Art einen Weg zu seinem Herrn. »Wenn das noch zehn Minuten andauert, so kommt es nicht zu dem Experiment; dann kann es passieren, daß Sie in einen Schlaf verfallen, der bis zum Jüngsten Tag dauert«, erklärte Lorenz dem Professor. Der war ganz betäubt; willenlos ließ er sich von Lorenz am Arm nehmen und durch den Trubel führen. »Platz da, Platz für den Herrn Professor!« schrie dieser mit Stentorstimme, die selbst den tosenden Lärm übertönte. Rücksichtslos drängte er die vornehmsten Damen und Herren zur Seite. »Dem Herrn Professor ist unwohl!« rief er. »Pardon – entschuldigen!« Die Saaldiener kamen Lorenz zu Hilfe. Der Professor wurde aus dem Saale geführt. »Ich sehne mich schon sehr nach Ruhe«, sagte er, als er auf einem Sessel in einem Nebenraum der Akademie Platz genommen hatte. Aus dem großen Saale herüber drang noch immer das Tosen und Brausen der Volksmenge. »Wir werden bald Ruhe genug haben!« tröstete Lorenz. »Ich halte den Spektakel für eine vorzügliche Vorbereitung zu unserem Unternehmen. Ich glaube, ich würde jetzt auch ohne wissenschaftliche Bemühungen meine zweitausend Jahre verschlafen!« Der Professor bekannte lächelnd, ganz die gleichen Gedanken und Gefühle zu hegen. »Abends wird ja alles gut«, wehrte Dr. Voraus die Bemühungen verschiedener Kollegen von der Akademie ab, die herbeigeeilt waren, um ihm mit ihrem ärztlichen Rate beizustehen. »Jetzt lass' ich aber niemanden mehr vor«, sagte Lorenz, als sie zu Hause angelangt waren. »Ich wollte, wir wären schon in unserem Pavillon und lägen komfortabel auf unseren Betten. Der Ruhm ist eine schöne Sache, aber er bringt viel Unruhe mit sich.« Der Professor gab ihm vollkommen recht. Er war müde zum Umfallen; mit größter Mühe war er nicht zu bewegen, eine Kleinigkeit zu essen. »Sie müssen, Herr Professor, etwas zu sich nehmen«, drängte der Diener, »wir haben eine weite Reise vor uns.« »Lorenz, jetzt machen Sie sich bereit, in längstens einer Stunde geht's los!« »Sehr wohl«, sagte Lorenz, »jetzt kann's kommen, ich bin gewappnet gegen alles.« »Hier diese Kiste« – der Professor wies auf eine ansehnliche Kiste, die mit Eisenspangen versichert war – »wird als letztes Stück in den Pavillon gebracht. Sie enthält unser Vermögen – etwas mehr als eine halbe Million Kronen.« Lorenz war starr vor Staunen. »Das ist also lauter Gold da drinnen? Ich hoffe, die Menschheit von 3907 wird Respekt vor uns bekommen.« »Diese Zimmer, und alles, was darin ist, bleiben so, wie wir es verlassen. Der Staat hat das Haus gekauft zu einem Denkmal für uns.« »Das ist sehr hübsch vom Staate; ich hätte solche Exzesse einem Staate, in dem die Polizei noch von solcher Bedeutung ist, niemals zugetraut.« In diesem Augenblick klingelte es. »Daß mir niemand hereingelassen wird!« befahl der Herr Professor. »Sehr wohl, Herr Professor!« sagte Lorenz und eilte zur Tür. Als er öffnete, wurde er starr vor Erstaunen. Vor der Tür stand in seidenstarrendem schwarzen Trauerstaat, die wallenden Schleier aus dem Gesichte zurückgeschlagen, Fräulein Wetti. Lorenz rang nach Worten. »Ich bin nur gekommen, daß ich Abschied nehme von Ihnen«, fing die Holde an, »ich habe Ihnen meine Photographie geschickt, und weil Sie mir nicht geschrieben haben, so muß ich mir denken, daß Sie das Bild gar nicht gekriegt haben!« »Ich habe das Bild schon bekommen, aber... ich konnte doch nicht... Fräulein Wetti... was würde der Schmiedemeister sagen...!« stammelte Lorenz. »Der hat gar nichts zu reden«, sagte entrüstet Wetti, »das geht ihn gar nichts an. Übrigens, ich hab' ihm gesagt, er darf erst wiederkommen, wenn die Trauerzeit vorüber ist.« »Die Trauerzeit..., ist wer gestorben?« fragte verwundert Lorenz. »Nein, Herr Lorenz, aber daß Sie heute auf zweitausend Jahre einschlafen, das ist für mich gerade so viel, als wenn Sie sterben täten. Und ich hab' Ihnen immer sehr liebgehabt«, die Jungfrau verdeckte ihre Augen, damit der geliebte Mann ihre Tränen nicht sehe, »und so hab' ich wohl Grund, um Ihnen Trauer zu tragen!« Schluchzen erstickte ihre Stimme. »Ich kann es gar nicht denken... daß, daß...« Da Lorenz wußte, daß Wetti in solchen Augenblicken immer gleich mit der Ohnmacht bei der Hand sei, umfaßte er die Tiefbetrübte mit seinen Armen und preßte sie heftig an sich. Es wurde ihm ganz eigen zumute, und er hatte momentan keinen sehnsüchtigeren Wunsch, als daß das Experiment für einige Tage noch verschoben würde. »Werden Sie noch an mich denken«, schluchzte das Weib, »wenn Sie einmal aufwachen?« Lorenz wollte eben mit tausend heiligen Eiden versichern, daß er das ja gewiß tun werde, als die Tür aufging und der Professor erschien. »Pardon, wenn ich störe«, sagte er und wollte gleich wieder die Tür zumachen. »Nein, nein, Herr Professor«, stammelte Lorenz. »Fräulein Wetti ist eben gekommen, um Abschied zu nehmen!« »Ich glaubte, sie hätte doch längst Abschied von Ihnen genommen?« fragte verwundert der Professor. Das klang wie Spott, und Spott hatte Wetti nie vertragen. Alles empörte sich in ihr; sie war in ihren heiligsten Gefühlen verletzt... »Wenn ich auch nicht so viel gelernt hab' wie ein Professor«, fing sie an, »aber wissen tu' ich doch, was sich gehören tut. Und wenn wir früher was gehabt haben miteinander, ich und der Herr Lorenz, so geht Ihnen das einen Schmarrn was an...« Als der Professor diese Anrede vernahm, lächelte er milde und zog sich zurück. In Lorenz erstarrten aber plötzlich alle Gefühle der Liebe. Daß der geliebte Professor in so ordinärer Weise apostrophiert wurde, regte ihn mächtig auf. »Ich dank' Ihnen sehr schön«, fing er an, als der Professor wieder in der Wohnung verschwunden war, »daß Sie mir noch einen Abschiedsbesuch machen, aber meinen Herrn brauchen Sie nicht so grob anzufahren, dafür bin ich da. Und wenn ich nach zweitausend Jahren munter werd', so will ich Ihnen eine Ansichtskarte schreiben. Ich empfehl' mich bestens und grüßen S' mir den Herrn Schmiedemeister! Und gratulieren tu' ich ihm auch zu seiner Hochzeit!« Er ging rasch zur Tür hinein, denn Wetti traf alle Anstalten, wirklich in Ohnmacht zu fallen. Als sie aber die Tür geschlossen sah, verzichtete sie auf dieses ausgezeichnete Mittel, das sich sonst auf ihrem Lebenswege so ausnehmend gut bewährt hatte, und schritt ziemlich gedeftet die Stiege hinunter. Eine Erfahrung hatte sie gewonnen. Ein Schmiedemeister ist viel leichter zu behandeln als gelehrte Leute. »Na«, sagte der Professor zu Lorenz, »Sie können sich Glück wünschen, daß Sie von dem Frauenzimmer losgekommen sind. Die wäre Ihnen sicher zu viel geworden!« Lorenz neigte sinnend sein Haupt. »Neugierig bin ich nur, wie im Jahre 3907 die Weiber aussehen«, sagte er. »Wenn die sich so weiter entwickeln in den Jahrtausenden...!« Er schüttelte kummervoll sein weises Haupt. »Nun ist es Zeit, daß Sie Ihr Festkleid anlegen«, mahnte der Professor. »Bald wird man erscheinen, uns zu unserem ›letzten Gang‹, wie die ›Stimmen von oben‹ schrieben, abzuholen. Da sehen Sie, Lorenz, die ganze Straße steht dicht gedrängt voll Menschen!« »Sehr hübsch, bei einer Hinrichtung könnt's nicht besser sein«, sagte befriedigt Lorenz, als er auf die Gasse hinuntersah. Von unten hatte man die beiden bereits bemerkt. »Hoch Doktor Voraus!« rauschte es tausendstimmig herauf, so daß die Taubenschar, die drüben auf dem Dache des Nachbarhauses sich sonnte, erschreckt aufflog und eilig davonflog. Der Professor verneigte sich, die Menge schrie unermüdlich »Hoch!« In der Ferne sah man, wie mehrere Equipagen sich durch das Gedränge Bahn brachen. In jedem der Wagen saßen mehrere Studenten in vollem Wichs. Die Menge wich auseinander, langsam fuhren die Wagen bis zum Hause des Herrn Professors. »Jetzt schnell! Sie kommen schon«, befahl der Herr Professor. In wenigen Minuten klopfte es an die Tür. Eine Deputation Studenten erschien und bat, sich dem Herrn Professor anschließen zu dürfen. Lorenz führte sie in das Arbeitszimmer. Die Deputation erbat sich die hohe Ehre, den Herrn Professor zum Pavillon zu begleiten. Der Professor reichte jedem Mitglied die Hand. Die Deputation stellte sich dann mit gezogenen Schlägern bei dem Haustor auf. Der Hausmeister, ein riesenstarker Mann, kam und trug die Kiste, die das Vermögen des Herrn Professors enthielt, unter Mithilfe Lorenz' zum Wagen hinunter. Kurze Zeit darnach erschien der Professor. Die Deputation senkte ehrfurchtsvoll ihre Schläger, als der gefeierte Mann zum Tore hinaustrat. Der Professor bestieg den Wagen, der Senior der Verbindung setzte sich an seine linke Seite. Am Bock oben saß Lorenz, mit den Beinen krampfhaft die kostbare Kiste umklammernd. Die anwesende Menge vollführte einen Heidenspektakel. Hinter dem Wagen, in dem der Professor saß, wurden vier offene Fiaker eingereiht, die mit einer Unzahl von schleifengeschmückten Kränzen beladen waren. Es waren die Kränze, die man dem Herrn Professor heute vormittags in der Akademie der Wissenschaften verehrt hatte. »Es ist ganz hübsch«, sagte Lorenz, indem er sich auf dem Bocke zu seinem Herrn umdrehte. »Es fehlt nur, daß die Glocken läuten, und wir haben ein Leichenbegängnis, wie wir es uns nicht besser wünschen könnten!« Der Zug setzte sich unter den brausenden Rufen der Menge in Bewegung. Die Wagen konnten wirklich nur im Schritt fahren. Auf dem großen Platz vor dem Gebäude der Akademie der Wissenschaften waren Tribünen aufgestellt. Ihr Erbauer mußte ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht haben, denn kein Platz war frei. Fast lauter Damen hielten die Sitze besetzt. Als der Wagen des Professors zwischen den beiden Tribünen durchfuhr, wurde er mit einem Blumenregen überschüttet. Die Pferde scheuten, nur mit Mühe konnte sie der Kutscher beruhigen. »Jetzt wird's arg«, sagte Lorenz, »ich wollt', es war' schon acht Uhr abends!« Auch das wurde erreicht. Vor dem Tor des Akademiegebäudes harrten Deputationen der Regierung, des Gemeinderates, des Parlaments und der Universität. »Jetzt kommen die Leichenreden«, sagte Lorenz, als er seinem Herrn beim Aussteigen half. Und es war auch so. Sehr feierliche Ansprachen wurden gehalten, alle genau nach dem Muster jener Reden, die in früheren Kapiteln geschildert wurden. In jeder wurde der Professor als Held der Wissenschaft gefeiert. Als die Reden zu Ende waren, wurde der Professor von Mitgliedern der Akademie in den Garten geleitet. Des Publikums bemächtigte sich eine ungeheure Aufregung, die aber nicht in besonderem Lärmen, sondern in einer tiefen, angesichts der ungeheuren Menschenmenge fast grauenerregenden Stille ihren Ausdruck fand. Alles sah starr nach den Scheidenden. Die Herren hatten ihre Hüte abgezogen, die Damen hatten Tränen in ihren Augen. »Wissen Herr Professor, was in dem Arrangement vergessen worden ist und was sich ohne Zweifel sehr schön gemacht hätte?« flüsterte der neben dem Professor stehende Lorenz seinem Herrn ins Ohr. Der Professor wollte durch energisches Kopfschütteln Lorenz zum Schweigen zu bringen; der verstand aber das Zeichen nicht und fuhr flüsternd fort: »Eine Musik sollten wir haben, die jetzt einen Trauermarsch spielt!« Als die Deputation im Garten der Akademie verschwunden war, löste sich der Bann von der Menge. Plötzlich entstand ein bedeutender Auflauf – eine Dame war in Ohnmacht gefallen, eine in schwarzstarrende Seide gekleidete dicke Dame. Man bemühte sich um sie und lud sie schließlich, da sie sich absolut abgeneigt zeigte, zum Bewußtsein zurückzukehren, in einen Wagen der Rettungsgesellschaft. Es war Wetti. Um ja kein Detail des ergreifenden Schauspiels zu verlieren, war sie erst in Ohnmacht gefallen, als sich das Tor der Akademie hinter der Deputation geschlossen hatte. Im Vorraum nahmen alle Herrn bis auf Doktor Stoch, der auf Wunsch des Professors Voraus die Einschläferung übernommen hatte, Abschied von den beiden Helden. »Ihr Schlafgemach wird ein Heiligtum der Nation sein; so lange es in der Macht des Staates liegt, wird es vor allen Gefahren geschützt sein. Die spätesten Geschlechter werden in Ehrfurcht auf diese durch Ihre Tat geheiligten Mauern schauen«, sagte der Präsident und reichte dem Professor in tiefer Bewegung die Hand. Auch Lorenz ward dieser hohen Ehre gewürdigt. Wenn in den letzten Tagen in der Brust dieses tapferen Dieners Zweifel aufgetaucht waren über die doch in jeder Beziehung höchst ungewisse Zukunft, im Moment dieser ehrenvollen Begrüßung schwanden sie dahin wie der Schnee unter den huldvollen Komplimenten der Frühlingssonne. Nun ward in Gegenwart aller Beteiligten eine ganz besonders feierliche Handlung vorgenommen. Ein Dokument, in dem die Willensmeinung des Herrn Professors, genau am 14. Juli des Jahres 3907 aufzuwachen, dargestellt war, wurde in einen besonderen, an auffälliger Stelle stehenden Schrank geschlossen. »Ich hoffe, die Herren verstehen dann auch die Kunst, uns zu diesem Termin zu erwecken.« »Was dazu gehört, ist klar und verständig in meinen Schriften enthalten – die mit mir in diesem Pavillon der Zukunft entgegenharren.« »Meine Herren, adieu!« sagte wohlgemut der Professor. »Auf Wiedersehen kann ich nicht sagen – unser Abschied ist ein Abschied für immer. Aber ich bitte Sie, bewahren Sie mir, so lange Sie leben, Ihre freundliche Erinnerung! Ich hoffe, nach zweitausend Jahren anderen Menschen von Ihnen zu erzählen, und der Ruhm Ihrer Gelehrsamkeit, Ihre Freundschaft soll aufleben, wenn längst alles dahin gegangen ist, was heute die Erde deckt. Meine Herren, leben Sie wohl!« Er schritt rasch mit Lorenz in das Schlafzimmer hinein, Dr. Stoch folgte ihnen nach. Als Lorenz sich anschickte, dem Professor beim Auskleiden zu helfen, sagte der Professor mit ernster Miene: »Lorenz, jetzt können Sie noch zurücktreten!« »Nein, Herr Professor, ich habe draußen nichts mehr zu suchen...«, sagte er einfach. Als beide in ihren Schlafstätten lagen, bat Lorenz den Doktor Stoch, mit dem Einschläfern bei ihm zu beginnen. »Ich will, daß mein Herr sich über mich beruhigt!« sagte er. Sein Wunsch ward erfüllt. Im Verlauf weniger Minuten lag er wie ein Toter auf seinem Bette. »Ein treuer Mann«, sagte der Professor gerührt. Es war sein letztes Wort, wenige Minuten danach schlief auch er. Als Dr. Stoch die beiden so ruhig liegen sah, überkam ihn ein fast feierliches Gefühl. Das Schlafgemach dünkte ihm plötzlich zu einer hohen heiligen Kirche zu werden. Unwillkürlich faltete er die Hände und sah mit tiefster Bewegung auf die Schläfer. Dann ging er leise hinaus. Draußen erwarteten ihn die Herren. Kein Wort ward gesprochen... Der Präsident sperrte das Schlafgemach ab. Schweigend verließen die Herren den Pavillon. Das Laub der Bäume draußen im Parke schimmerte im hellsten Grün – die Abendsonne warf ihren verklärenden Schein auf die blanken Kieswege im Parke. »Wie herrlich es ist!« sagte Dr. Stoch. »Diese Sonne wird ihnen scheinen, wenn wir längst nicht mehr sind«, sagte feierlich der Herr Präsident. Es klang fast wie ein Gebet.   Ende des ersten Buches Zweites Buch Bei den Homunkuliden Erstes Kapitel. Des Herrn Professors Erwachen. – Es zeigt sich, daß der große Gelehrte in Beziehung auf die Zukunft einer vollständig irrigen Meinung gewesen war. »Lorenz!« Dies war das erste Wort des Herrn Professors im Lande der Zukunft. »Sehr wohl, Herr Professor!« klang es etwas unartikuliert von der Rückwand des Saales her. Der Professor richtete sich auf seinem Lager auf und sah sich erstaunt um. »Wo bin ich?« fragte er ganz verwirrt. Der Herr Professor ruhte auf einem Bett, das eine beträchtliche Ähnlichkeit mit einem Operationstisch hatte. Ihm gegenüber auf einer ähnlichen wissenschaftlichen Pritsche lag Lorenz, den Oberkörper halb emporgerichtet, und sah mit grenzenloser Verwunderung nach seinem Herrn. Ungefähr zehn Herren waren um die beiden versammelt und die Erscheinung, das seltsame Äußere der Männer, trug nicht das mindeste bei, das Staunen der beiden Erwachten zu vermindern. Es erfüllte sie fast mit grausem Entsetzen, denn diese Herren hatten alle Zug um Zug das gleiche Gesicht, sie waren auch in Gestalt und Größe einander vollkommen gleich. Ihre Kleidung bestand in einem sonderbar feinen, weichen Stoff, der nicht erkennen ließ, ob er pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sei. Was aber das Sonderbarste an diesen Männern war: alle trugen dieselbe ernste Miene zur Schau, eine Miene, die man nicht gerade unfreundlich nennen konnte und die doch seltsam fremdartig, vornehm berührte. Auf einer Marmortafel an der Fensterwand waren verschiedene nie gesehene physikalische Geräte aufgestellt. Durch die hohen geöffneten Fenster fielen die Strahlen der Sonne in den großen Raum, erquickend zog ein weicher warmer Lufthauch in den Saal; sonderbar spielte das helle Licht auf den weißen Marmorwänden. »Ja, wo bin ich denn?« fragte nochmals der Professor und sah dabei mit hilfloser Miene auf die umstehenden Herren, die aussahen, als ob sie alle Zwillingsbrüder wären. Da trat einer der Herren zu dem Professor hin und sagte gemessen: »Guten Morgen, mein Herr! Herr Professor haben eine lange Nacht hinter sich, wie befinden Sie sich?« Da ward es mählich klar im Kopfe des Professors Doktor Voraus. »Welches Jahr schreiben wir?« fragte er erregt und richtete sich auf. »Wir haben heute den vierzehnten Juli des Jahres dreitausendneunhundertundsieben«, sagte gemessen der Herr, »Das Experiment ist also gelungen«, flüsterte der Professor fast tonlos vor sich hin; »zweitausend Jahre sind nun vorüber!« Da fiel ihm plötzlich ein, daß er wahrscheinlich träume. Zudem hatte er ein sonderbar wüstes Gefühl im Kopfe – so wie ein Neujahrskatzenjammer, wenn sich der Silvesterabend vorher recht lustig angelassen hat. »Ich träume!« sagte er, »Ein schrecklicher, böser, banger Traum!« »Nein, nein«, erwiderte der Herr; »wollen Sie vielleicht einen Schluck von dieser angenehmen Flüssigkeit zu sich nehmen, Sie werden sich sofort vollkommen wohl und wach fühlen!« Er reichte ihm einen anscheinend goldenen Löffel, dessen ziemlich tiefe Höhlung eine braune Flüssigkeit erfüllte, die einen sonderbar angenehmen, belebenden Geruch ausströmte. Der Professor schlürfte die Medizin hinunter, und ein wunderbares herrliches, wohliges Gefühl durchströmte seinen Körper, ihm war zumute, als sei er wieder ein lebensfrischer, froher Jüngling geworden! Er richtete sich auf. Auf einen Wink des Herrn senkte sich die Platte des Operationstisches, zwei Herren traten zu dem Professor hin, unterstützten ihn bei den Armen. »Danke, danke!« sagte der Professor. »Es ist nicht notwendig; ich fühle mich außerordentlich wohl!« Er sah fröhlich nach Lorenz hinüber, dem man auch eben die Medizin einflößte. Lorenz' Züge strahlten vor Glück, als er sie verschluckt hatte. »Herr Professor«, rief er lustig, »das ist ein Likör, so etwas hat es zu unserer Zeit nicht gegeben!« Er sprang von seinem Bett herab und eilte in freudiger Erregung zu seinem Herrn hin, der ihm bewegt beide Hände reichte. »Guten Morgen, guten Morgen, Lorenz!« sagte er und schüttelte kräftig die Hand des treuen Mannes. »Also sind wir angelangt?« fragte Lorenz. »Haben wir wirklich zweitausend Jahre geschlafen?« Lorenz wollte es gar nicht glauben. »Schreiben wir wirklich das Jahr dreitausendneunhundertsieben?« wendete sich der Professor an die Herren. »Jawohl«, erwiderte der eine, »wir werden Sie sofort überzeugen, daß Sie wirklich volle zweitausend Jahre verschlafen haben!« Jetzt bemerkte der Professor erst, daß alle Herren an der linken Brustseite goldene Täfelchen angeheftet hatten, die mit Zahlen beschrieben waren. Obenan stand die Zahl 716, darunter der Buchstabe A und eine zweite einziffrige Zahl – l, 2. »Wollen die Herren mir folgen!« sagte Nummer 716 A 1. »Ich werde Ihnen den Beweis liefern, daß Ihr Unternehmen, das Sie mit Todesverachtung wagten, vollständig gelungen ist. Was Sie, wie es in diesem Dokument heißt, im Dienste der Wissenschaft erstrebten, haben Sie vollkommen erreicht!« Er winkte und die Nummer 716 A 3 breitete auf der Marmorplatte eines Tisches an der Wand jenes Dokument aus, das die Akademie der Wissenschaften zum ewigen Gedächtnis der wissenschaftlichen Heldentat vor zweitausend Jahren an gesicherter Stelle im Pavillon der beiden Herren niedergelegt hatte. Stumm, mit tiefer Rührung, sahen der Professor und Lorenz auf das Pergament, das nun ganz vergilbt, an den Rändern zerfasert, vor ihnen lag. Die Buchstaben des Textes waren noch tief schwarz, die goldenen und purpurnen Initialien leuchteten fast noch wie damals, als man ihnen das Dokument gezeigt hatte, aber die Unterschriften der Herren Professoren waren grau und fast unleserlich geworden. Die Männer, deren Hand einst die Feder über das Papier geführt hatte und die an jenem Nachmittag sie zu ihrer Ruhestätte geleitet hatten, ruhten schon weit mehr als 1900 Jahre unterm Rasen – ihre Spur war längst verweht –, die verblaßten Schriftzüge auf dem vergilbten Pergament waren vielleicht das einzige, das Kunde von ihrem Dasein gab. Ein Schauer überlief den Professor. Auch Lorenz fröstelte es bei dem Gedanken, und in tiefster Bewegung rief er aus: »Ist's also wirklich wahr? Da bin ich auf diese Art heute dreitausendneunhundertachtunddreißig Jahre alt! Schrecklich...!« Der Professor lächelte und wendete sich zum Gehen. »Sind die Herren bereit?« fragte nun Nummer 716 A 1. »Bitte, mein Herr!« erwiderte höflich der Professor. Zwei Herren folgten nach, Nummer 1 ging voran. »Zuerst wollen wir Ihnen Ihre Wohnung zeigen. Wir hoffen, daß sie Ihren Wünschen entspricht«, sagte die Nummer 1, »wir haben uns bemüht, sie ganz im Geschmack Ihrer Zeit herzustellen, und es hat uns umfangreiche Studien gekostet, da im Museum selbst nur wenige Objekte vorhanden sind, von denen einwandfrei nachgewiesen ist, daß sie wirklich aus Ihrer Zeit stammen. Sollte einiges nicht nach Ihrem Wunsche sein, so werden Sie die Güte haben, uns dies mitzuteilen und uns auch über eventuelle Stilwidrigkeiten belehren.« Der Herr Professor sprach sich mit vieler Wärme dahin aus, daß er wahrscheinlich alle Ursache haben werde, mit den ihnen zur Verfügung gestellten Appartements zufrieden zu sein. Sie schritten durch einen langen, hellen Gang. Durch die hohen Fenster sah man in einen Park mit uralten Bäumen hinab. Die Wege waren mit feinem weißen Kies bedeckt, auf den Beeten blühten herrliche Rosen. Das Schönste aber in dem Park waren die uralten Bäume, zumeist Linden, Buchen und Eichen. Ein solcher Prachtbaum, eine riesige Eiche, breitete vor dem Fenster seine ungeheure Krone aus; der Baum mußte viele Jahrhunderte alt sein. Den Professor wunderte es, daß man in dem Park solche Waldbäume gepflanzt hat, Bäume, die einst die Riesenforste seiner Zeit gebildet hatten. Er sprach seinen Begleitern darüber seine Verwunderung aus. »Sollten wir gleich mit der Anpflanzung dieser Bäume schon eine Stilwidrigkeit begangen haben?« fragte Nummer 716 A 1 betreten. »Wir haben umfassende Studien auch wegen Ausschmückung dieses Parkes betrieben. Aus den Schriften, die wir in Ihrem Pavillon fanden, schien hervorzugehen, daß die beiden Herren einem Menschenschlag angehören, der, wie die Forschungen unwiderleglich dartun, die Natur über alles liebte, sich gern im Freien aufhielt und Bäume zu Lieblingen der Nation erklärte, zum Beispiel die Eiche, die Buche, die Linde. Wir haben in Ihren Büchern Lieder und Erzählungen gefunden, die vom Lob dieser Pflanzengattungen überfließen, und hofften, Ihnen bei Ihrem Erwachen mit diesem Haine eine Freude zu bereiten oder ein Vergnügen, eine Annehmlichkeit; ich weiß nicht recht, welches Wort ich dafür setzen soll...« Dem Herrn selbst schien die Freude an der Natur etwas Unbegreifliches zu sein, da er so schwer das richtige Wort zu finden vermochte. Der Professor war gerührt ob dieser Aufmerksamkeit und ergriff bewegt die Hände des Führers. Dieser sah ihn erstaunt an, als verstünde er ihn nicht. Betreten ließ der Professor die Hand des sonderbaren Herrn los. Es überkam ihn wieder das Grauen wie oben im Saale. Lorenz ging schweigend mit. Auch ihm machten die seltsamen Gesichter, die sich so ähnlich sahen wie ein Ei dem anderen, bange, und er hoffte, jetzt und jetzt aus dem Traume zu erwachen. Der Mentor ging voran und klopfte an eine Tür. Wie von Geisterhänden geöffnet, sprang sie auf, ein Herr in Lakaienuniform erschien und begrüßte mit einer tiefen Verbeugung die Erschienenen. Er unterschied sich nur durch die Uniform von seiner Begleitung, sein Gesicht war wieder Zug um Zug das gleiche wie das der Herren im ersten Saale. »Ein Diener?« fragte verwundert der Professor. »Jawohl, Herr Professor, Ihr Diener – und außerdem sind noch zwei Herren einzig und allein zu Ihrer Verfügung vom Staate bestellt, um für Ihre Bequemlichkeit Sorge zu tragen.« »Was, drei Diener...? Der Haushalt wird mir zu kostspielig werden, verehrter Herr. Ihre Fürsorge überwältigt mich... oder soll ich hier als Pensionist Ihres Staates leben...? Ist das vielleicht Ihr Prytaneum...? Ich habe mir um diesen Staat keine Verdienste erworben...« »Und dann muß ich auch eines sagen«, meinte erregt Lorenz, »wenn ich mir schon die Mühe genommen habe, mit meinem Herrn zweitausend Jahre zu verschlafen, so will ich doch nicht jetzt meine Stellung aufgeben – das wäre wider den Kontrakt.« »Seien Sie nur ruhig, Lorenz, wir bleiben beisammen«, tröstete der Professor. »Wenn Sie uns eine Köchin bestellen und vielleicht ein Stubenmädchen, so wird das zu unserer Bequemlichkeit beitragen, aber für das männliche Personal bin ich allein da.« Ruhig hatte der Herr zugehört. »Köchin... Stubenmädchen... damit können wir leider nicht dienen«, sagte die Nummer 1, »wir können nur männliche Domestiken zur Verfügung stellen!« »Das wird doch kein Kloster sein?« fragte erschrocken Lorenz. »Nein, nein, durchaus nicht, es widerspräche den Gesetzen dieses Staates!« Und dabei umspielte zum erstenmal ein leises Lächeln die Lippen dieses Herrn. »Sie werden doch nicht an unserer Ehrenhaftigkeit zweifeln?!« fuhr der Herr Professor auf. »Nein, nein, durchaus nicht, Herr Professor, ein anderer Grund ist es, weshalb wir Ihrem Wunsche nicht entsprechen können. Ein viel zwingenderer Grund!« »Und der wäre?« »Bei uns gibt es gar keine Weiber!« sagte ruhig, wie wenn das die größte Selbstverständlichkeit wäre, der Mentor. »Was, keine Weiber? Doch nur in diesem Hause?« »Nein, überhaupt nicht!« »Überhaupt nicht? Ja, Herr, wie meinen Sie das... In der Stadt nicht? Auf dem Lande draußen? Oder wie sollen wir das auffassen?« Der Professor war perplex. »Was... gar keine Weiber oder Mädchen!? Sind wir hier bei den Türken, die alle Weiber in Arreste mit seidenen Kanapees einsperren?« fragte atemlos vor Staunen Lorenz. »Nein, nein, in unserem Staate gibt es gar keine Weiber, schon seit dem Jahre dreitausendeinhundertvierundsiebzig«, sagte ruhig lächelnd die Nummer 1. »Keine Weiber, keine Weiber, heute schreiben wir dreitausendneunhundertsieben, also seit siebenhundertdreiunddreißig Jahren gibt es keine Weiber mehr! Ja, wie alt sind denn dann die Herren?« Der Professor griff sich an den Kopf. »Die Herren sind alle fünfunddreißig Jahre alt«, sagte der Mentor. »Wenn es aber seit siebenhundertdreiunddreißig Jahren keine Weiber mehr gibt?« »Herr Professor, ich meine, wir sind verrückt geworden«, sagte kopfschüttelnd Lorenz. »Herr Professor, wir sind keine Weibgeborenen«, erklärte der Herr. Dem Professor verschlug es die Rede. »Ja, wer sind Sie, sind Sie vom Himmel herabgefallen? Lorenz, ich glaube, das lange Schlafen hat uns doch geschadet, wir sind verrückt geworden.« »Ich habe es immer für ein gefährliches Experiment gehalten«, sagte betrübt Lorenz. »Sie sind im Reiche der Homunkuliden«, sagte mit seltsam ernstem Ton der Herr. »Was dieses Wort bedeutet, wissen Sie ja wohl!« »Homunkulus – ein in der Retorte erzeugter Mensch...«, sagte bebend der Professor. »Jawohl.« »Dann wäre der Traum des Paracelsus zur Wahrheit geworden? Was er in seiner Schrift ›De generatione rerum naruralium‹ schrieb, ist zur Wirklichkeit geworden? Goethes phantastisches Bild im ›Faust‹ hat Realität gewonnen?« Der Professor war ganz konsterniert. Wie vernichtet sank er in einen Fauteuil, der bei einem der Fenster stand, und stützte den Kopf mit beiden Händen. Lorenz sah mit maßloser Verwunderung auf seinen Herrn, er begriff die Mitteilung nicht, die ihnen der Mentor gemacht hatte. »Es ist so, Herr Professor. Wir alle, die Millionen, die in diesem Staate leben, sind Homunkuliden. Fassen Sie sich, Herr Professor, ich werde Ihnen alles erklären! Wenn Sie ein halbes Jahr unter uns gelebt haben, wird Ihnen der Unterschied zwischen uns und den Menschen Ihrer Zeit nicht mehr so groß vorkommen. Und was uns von Ihren Zeitgenossen unterscheidet, wird nur zu unserem Vorteil sein. Vieles, vielleicht alles, was Häßliches und Verabscheuungswürdiges Ihren Mitlebenden einst anhing, fehlt uns; was Ihre Zeit ersehnte, ist uns geworden. Sie werden die Homunkuliden besser, glücklicher und weiser finden, als Ihre Zeitgenossen es waren! Sehen Sie sich doch erst Ihre Wohnung an, schon die Art und Weise, wie wir für Sie sorgten, wird Ihren begreiflichen Abscheu vor uns mildern, und Sie werden mit der Zeit erkennen, daß wir Homunkuliden nichts als vollkommene Menschen sind.« Er hatte fast mit Wärme gesprochen, sein sonst so marmorglattes Gesicht verriet eine Bewegung, die man früher nicht an ihm wahrgenommen hatte. Die beiden anderen Herren, die die Nummern 751 A 2 und 3 trugen, hatten ruhig zugehört; nichts in ihren fast leblosen Mienen verriet, daß die Bestürzung des Professors auf sie irgendwelchen Eindruck gemacht hätte. »Eine schöne Gesellschaft«, dachte Lorenz, »in die ich da geraten bin! Diese Menschen sind Fabrikate! Daher sieht einer wie der andere aus. Da ist mir ja ein Panoptikum noch lieber. Da gibt's doch verschiedene Gesichter!« Der Mentor schritt wieder voran. Der Professor folgte. Aber die Mitteilungen dieses seltsamen Herrn hatten ihn so überwältigt, daß er fast taumelte. Lorenz sprang herzu und faßte ihn unter dem Arm. »Machen Sie sich nichts daraus, Herr Professor!« tröstete er ihn. »Wir haben es ja erwartet, daß wir manches anders finden werden, als es zu unserer Zeit war. Und wenn uns die Leute nicht gefallen sollten, so lassen wir uns andere aus der Fabrik schicken. Und dann bin ja noch immer ich da.« Der Diener öffnete wieder eine Tür. »Also, das ist das Vorzimmer«, sagte die Nummer eins. »Wir hatten keinen rechten Begriff von Vorzimmern, glauben aber, halbwegs das Richtige getroffen zu haben!« Trotz seiner Erregtheit mußte der Professor zugeben, daß das Vorzimmer ausnehmend hübsch sei. Ein Tisch mit einer massiven Goldplatte in der Mitte, dahinter ein mit dunkelgrünem Samt überzogenes Sofa, mehrere Fauteuils, in gleicher Ausstattung um den Tisch gruppiert, bildeten den Hauptbestandteil der Einrichtung. Eine Wand aus Eichenholz mit goldenen Kleiderhaken, ein goldener Luster mit elektrischen Birnen aus funkelndem Kristallglas, wie der Professor meinte, vervollständigten das Inventar. »Sind Sie zufrieden, Herr Professor?« fragte der Mentor. »Die Einrichtung ist einfach und gediegen!« »Das ist alles schwer vergoldet«, sagte der Professor staunend und deutete auf die Tischplatte, auf die Luster, auf die Kleiderhaken. »Nein, nein, das ist massiv Gold durch und durch. Die Tischplatte, die Haken, der Luster: alles ist Gold«, sagte lächelnd der Mentor. »Da stecken ja Millionen an Wert in diesem Vorzimmer«, stammelte der Professor. »Zu viel Ehre, nein, das ist zu viel!... Nicht der reichste Fürst meiner Zeit hat sich ein solches Zimmer als Prunkzimmer gönnen dürfen!« »Herr Professor!« begann ruhig lächelnd ihr Führer. »Bevor wir Sie erweckten, haben wir alles wohl erwogen, um den Helden der Wissenschaft ein Heim zu bieten, das ihrer Tat nur halbwegs würdig sei. Wegen der Goldverschwendung brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Bei uns hat das Gold keinen Wert. Zu Ihrer Zeit war das anders. Da bestimmte beinahe der Besitz an diesem Metall Glück und Bedeutung eines Menschen, Sie werden sehen, daß wir mit diesem Metall in Ihrer Wohnung verschwenderisch gewirtschaftet haben, um Ihnen, der aus einer Zeit kommt, in der es so unendlichen Wert besaß, eine Freude zu bereiten. Ihnen diese Freude oder Annehmlichkeit zumachen, ist uns sehr leicht geworden...« Der Professor sah dem Herrn mit starrem Erstaunen ins Gesicht. »Haben Sie so unergründliche, unerschöpfliche Goldgruben?« fragte er. »Nein, aber wir machen uns das Gold selbst«, sagte lächelnd der Mentor. »Sie machen Gold?« fragte erregt Lorenz. »Gewiß, aus Kupfer, aus Blei, ja aus Eisen und Zinn, aus jedem unedlen Metall, wie Sie es früher nannten.« »Also auch dieser Traum der alten Alchimisten ist Wahrheit geworden!« rief der Professor aus und verhüllte in seiner grenzenlosen Bewegung das Gesicht mit beiden Händen. »Jawohl!« sagte der Mentor. »Und wenn wir Ihre Appartements mit Gold gedielt hätten, es wäre für uns nichts Besonderes gewesen!« Lorenz war ganz betäubt. Ein furchtbarer Gedanke stieg in ihm auf. »Ja, was tun wir mit unserem Geld, mit unseren Dukaten«, flüsterte er, »wenn die hier Gold erzeugen, wie bei uns Papier aus Holz gemacht wurde?« »Hier ist der Taster für die elektrische Beleuchtung.« Er drückte auf einen Goldknopf an der Wand neben der Tür und die Birnen des Lusters erstrahlten in sonnigwarmem Licht. »Das ist eine ausgezeichnete Nachahmung der Beleuchtungsmittel Ihrer Zeit; jetzt machen wir das anders.« Die Nummer 1 ließ die Fensterläden schließen. Dann wurden die Birnen des Lüsters verlöscht und es ward tiefdunkle Nacht im Raum. Auf einmal war es klar hell, keine Birne des Lüsters leuchtete, kein Schimmer des Tageslichtes drang durch die geschlossenen Laden herein, und doch war es so licht und hell wie an einem Sommernachmittag. Überrascht sah sich der Professor nach der Quelle dieses so angenehmen Lichtes um. Es schien von der Decke herabzukommen; aber man konnte trotz aller Anstrengung keine lichtspendende Vorrichtung entdecken. »Woher kommt dieses Licht?« fragte erstaunt der Professor. Da trat Nummer 751 A 2 vor. »Dieses Licht strahlt von der Decke herab«, sagte der Herr. »Die Farben der Tapete dort oben sind mit radioaktiven Substanzen versetzt, die unter dem Einfluß eigentümlicher magnetischer Kraftströme zu leuchten beginnen. Dies ist die bei uns allgemein durchgeführte Beleuchtungsmethode.« »Sehr interessant!« sagte der Professor, und auch Lorenz drückte seine volle Zufriedenheit aus. »Wozu haben Sie dann diesen Luster dort angebracht?« fragte der Professor. »Nur um Ihnen ein Heim zu bieten, das womöglich dem gleicht, das Sie einst – vor zweitausend Jahren – bewohnten. Wir sahen voraus, daß all das Neue und Ungewohnte, das Sie bei uns finden werden, Sie, besonders anfangs, sehr stören wird. Mit Ihrer Wohnung wollten wir Ihnen eine Stätte bieten, zu der Sie sich flüchten, wenn Sie Sehnsucht nach Ihrer Zeit, Sehnsucht nach dem Längstvergangenen empfinden.« »Sie halten mich für einen Romantiker?« fragte vergnügt lächelnd der Professor. »Sie sind ein Deutscher«, sagte mit einer Verbeugung die Nummer 1, »Ihrem Volke war, wie übereinstimmend in allen Geschichtsbüchern zu lesen ist, dieser Zug in hohem Grade eigen. Die Besten Ihrer Nation sind von dem Vorwurf phantastischer Träumerei nicht freizusprechen. Zum Schaden Ihres Volkes, das um der Vergangenheit willen nur allzu oft Gegenwart und Zukunft vergaß!« »Dieser Automat spricht wie ein Professor«, dachte sich Lorenz verwundert. »Auch eine Küche haben wir Ihnen eingerichtet. Ich glaube, diesen Teil der Wohnung als den gelungensten bezeichnen zu können.« Er öffnete eine Tür. Ein »Ah« des Staunens entfuhr den Lippen des Professors und seines Dieners. Der Boden der Küche war mit Marmorplatten gedeckt, die Wände waren mit zierlich gemusterten Porzellanplatten verkleidet. Nichts fehlte, was man einst im zwanzigsten Jahrhundert zur Ausstattung einer Küche für nötig hielt. Da waren Küchensessel, die Wasserbank, die Kredenz, ein Anrichttisch, ein zweiter Tisch mit Eichenplatte, an der Wand funkelnd und blinkend eine auserlesene Garnitur kupferner Kochgeräte, die das Herz einer Köchin aus dem zwanzigsten Jahrhundert in das hellste Entzücken versetzt haben würden. Dazu eine Menge der verschiedensten Apparate, Fleischfaschiermaschinen, Schaumschläger, eine Maschine zum Schälen der Kartoffeln usw. Die Küche sah mehr wie ein physikalisches Kabinett aus, trotzdem erklärte Nummer 1, man habe sich sorgfältig bemüht, nur solche Sachen in die Küche zu stellen, die im zwanzigsten Jahrhundert üblich waren. Ein Meisterstück der Technik war der große Kochherd, der mit einer Unzahl von Messinghähnen und Ventilen versehen war und mit einer sehr komplizierten Maschine die größte Ähnlichkeit hatte. »Wetti, Wetti«, seufzte Lorenz, »welches Glück ist dir da entgangen!« Nummer 2 wies auf die Einrichtung des Ofens. Die Wärme besorgte eine elektrische Einrichtung. Eine Drehung an einem Ventil genügte, und im Feuerschacht des Ofens glühten Metallspangen von einem Durchmesser von fünf Millimetern. Verschiedene Räumlichkeiten der Maschinerie dienten zum Backen, andere zum Braten, wieder andere konnten durch eine höchst sinnreiche Vorrichtung in einer konstanten, beliebig regulierbaren Temperatur erhalten werden, die nicht um einen Zehntel Grad Schwankungen aufwies. »Da gibt es wohl keine Kohle, kein Gas, keinen Brennspiritus, kein Holz bei Ihnen?« fragte begeistert Lorenz. »Nein, die Verwendung derartiger Brennmaterialien hat seit ungefähr acht Jahrhunderten ganz aufgehört. Die Kohlengruben der Erde sind schon längst, schon lange vor diesem Zeitpunkt, erschöpft gewesen.« »Aber womit heizen Sie denn die Maschine zum Betriebe Ihrer Dynamos?« fragte überrascht der Professor. »Es gibt auch keine Dampfmaschinen mehr, Herr Professor«, erklärte die Nummer 2, die augenscheinlich die Erläuterung all dieser technischen Wunderdinge zur Aufgabe hatte. »Unsere Zeit hat mit diesen unrationellen Apparaten aufgeräumt. Ihr Zeitalter verschwendete sinnlos die Güter der Erde; nicht die Hälfte, oft nicht der zehnte Teil der in der Kohle schlummernden Kräfte wurde ausgenützt!« »Verehrter Herr, wer liefert Ihnen jetzt diese Kraftmengen?« fragte mit größter Begierde der Professor. Er bekam allmählich Respekt vor den Homunkuliden. »Die Sonne«, antwortete einfach die Nummer 2. »Die Sonne?« fragte staunend der Professor. »Die Sonne?« fragte verwirrt Lorenz. »Jawohl, die Sonne!« erklärte die Nummer 2. »Wenn ich nicht irre, so wurde zu Ihrer Zeit nach Pferdekräften gerechnet. Ungezählte Millionen von Pferdekräften liefert stündlich die Sonne, wir haben die Erfindung gemacht, diesen unermeßlichen Schatz uns dienstbar zu machen. Wir haben es nicht nötig, zu warten, bis durch jahrzehntelange Sonnenarbeit die Bäume eines Waldes jene Entwicklung erreicht haben, daß sie zur Feuerung nutzbares Holz liefern, wir nehmen ohne diesen jahrzehntelangen Umweg die für unsere Zwecke nötige Wärme direkt von der Sonne. Die Sonne treibt unsere Maschinen, sie setzt unsere Schiffe und Eisenbahnzüge in Bewegung, sie vermittelt über das ganze Erdenrund den Austausch unserer Gedanken, sie schmilzt die aus dem Erdinnern gewonnenen Erze, sie kocht unsere Speisen und wärmt im strengsten Winter angenehm unsere Wohnungen.« »Das ist großartig«, sagte sinnend der Professor, »das sind Fortschritte, die unsere Zeit kaum geahnt hat. Die Homunkuliden sind ja die reinen Sonnenkinder!« »Waren es die Menschen Ihrer Zeit weniger?« fragte lächelnd die Nummer 1. »Sie heizten Ihre Öfen und Maschinen mit Kohle oder Holz. Durch welche Kraft aber wurden in den Wäldern die anorganischen Substanzen des Bodens und der Luft in die organische Substanz des Holzes umgewandelt? Durch die Kraft der Sonne! Wie entstand die Kohle in Ihren Bergwerken? Vorsintflutliche Wälder versanken, in der Tiefe verkohlten die durch Sonnenkraft entstandenen Baumriesen, und als sie mit dieser Kohle Ihre Wohnung heizten, erfreuten Sie sich an einer Wärme, die schon vor Jahrtausenden von der Sonne zur Erde niederstrahlte! Waren Sie also nicht ebensolche Sonnenkinder, wie wir es sind? Der einzige Unterschied besteht darin, daß Sie die Sonne erst jahrelange Arbeit verrichten ließen und die von der Sonne geschaffene organische Substanz verbrannten, um einen lächerlich geringen Prozentsatz der zum Aufbau dieser Organismen verwendeten Sonnenkraft für Ihre Zwecke zu verwenden. Wir nehmen, was wir an Kraft brauchen, direkt aus dem unendlichen Kraftquell der Sonne, und täglich könnte uns diese strahlende Mutter alles Lebendigen millionenmal mehr liefern, als wir, so lange diese Erde steht, brauchen können. Wir sind von irdischen Einflüssen unabhängig, wir fürchten keine Mißernten, wir schicken keinen Homunkuliden in die todbringenden Bergwerke, die Spenderin und Erhalterin unseres Lebens ist die Sonne!« Er hatte fast mit Pathos gesprochen. Trotzdem verriet seine Miene keine Spur von Erregung. »Aber wie, wie machen Sie das?« fragte ganz außer sich der Professor. Lorenz hatte dem Sprecher mit offenem Munde zugehört. In seinem Ansehen waren die Homunkuliden bereits bedeutend gestiegen. Er war nähe daran, die sonderbaren Herren mit sich auf eine gleiche Stufe zu stellen. »Wie wir das machen, das werden wir Ihnen alles zeigen. Doch, meine Herren, wollen Sie nicht auch die anderen Appartements in Augenschein nehmen? In Ihrem Salon, Herr Professor, wird sich angenehmer sprechen lassen als hier in der Küche.« Der Mentor schritt voran, die Nummern 751 A 2 und 3 folgten dem Professor und Lorenz nach. Das erste Zimmer, das sie betraten, war das Zimmer Lorenz', ein einfach eingerichteter hoher Raum mit der Aussicht in den Park. Hier war nichts vergessen, was das Dasein eines alleinstehenden Mannes behaglich machen konnte. Vom Ruhebett bis zum Pfeifenständer und hinab bis zum Stiefelzieher aus Gußeisen, der als riesengroßer Hirschkäfer unter dem Bette hervorlugte. Einfache graugrüne Tapeten bedeckten die Wände, auf dem Tische und auf dem Nachtkästchen standen elektrische Lampen, und neben der Tür befand sich der kleine vergoldete Kupferhebel, durch dessen Drehung die Deckenbeleuchtung eingestellt wurde. Lorenz war mit der Einrichtung sehr zufrieden und sprach in äußerst gewählten Worten dem Führer tiefgefühlten Dank aus. Eine Einrichtung besonders erweckte sein Entzücken. Es war in dem Raume ziemlich warm, die Sonne schien mit voller Kraft auf die Fenster, und der Professor trocknete sich den Schweiß von der Stirne. Da ging Nummer 751 A 2 zur Rückwand des Zimmers, öffnete einen kleinen goldenen Hahn, und aus einer feinen Brause strömten mit deutlich hörbarem Gezisch feine Strahlen einer vollkommen wasserklaren Flüssigkeit aus. Aber kaum mit der Luft in Berührung gekommen, erstarrte ein Teil dieser feinen hellen Tropfen und fiel wie Schnee auf den Boden. In wenigen Minuten ward es in dem Zimmer erfrischend kühl, die Luft ward so rein, wie sie es am Strand des Meeres ist. »Das ist hübsch, wenn man mitten im Sommer schneien lassen kann«, sagte Lorenz mit Wohlgefallen, »eine feine Erfindung!« »Flüssiger Sauerstoff«, sagte der Herr, der das interessante Experiment gemacht hatte. »Wie Sie sehen, Herr Professor, können wir allen Unannehmlichkeiten der Witterung Trotz bieten. In jedem Ihrer Wohnräume finden Sie diese Einrichtung, die noch außerdem den unschätzbaren Vorteil bietet, daß sie die Luft von Bakterien reinigt.« Der Mentor schritt voran und öffnete die Tür zum Schlafzimmer des Professors. Auf einmal ertönte hinter ihnen ein jäher Schmerzensschrei. Erschrocken drehte sich der Professor um und sah, wie Lorenz unter Äußerung eines quälenden Schmerzes heftig die linke Hand schwenkte. »Teufel noch einmal, das Zeug brennt wie geschmolzenes Blei«, sagte er; »ich glaube, ich habe ein Loch in der linken Hand!« Er hatte, von unzähmbarer Neugierde getrieben, das Experiment mit dem flüssigen Sauerstoff auf eigene Faust wiederholt, vorwitzigerweise aber die Hand vor die Brause gehalten und einige Tropfen der auf minus 140 Grad Celsius abgekühlten Flüssigkeit waren auf seine Hand gefallen, wo sie natürlich die gleiche Empfindung hervorriefen, wie wenn es Tropfen geschmolzenes Bleies gewesen wären. »Lorenz, Sie sind doch zu ungeschickt«, räsonierte der Professor. »Sehr wohl«, sagte Lorenz, noch immer seine Hand schlenkernd, »ich werde mich wohl hüten, hier irgend etwas anzugreifen. Da können Dinge dabei sein, daß man den Tod davon haben könnte!« Unterdes war einer der Herren von der Begleitung in den ersten Saal zurückgegangen und kam, mit einer kleinen Phiole in der Hand, wieder herein. Er träufelte daraus einige Tropfen auf die Hand des Dieners, und sofort erklärte Lorenz, daß der Schmerz geschwunden sei. Die schnelle Kur versöhnte ihn mit den gefährlichen Einrichtungen in der Wohnung seines Herrn. Das Schlafzimmer des Professors war sehr einfach, aber höchst zweckmäßig ausgestattet. Es war ebenfalls mit dem Sauerstoffapparat versehen. Das Arbeitszimmer erregte das Entzücken des Herrn Professors. Die eine Seite wurde ganz von einem riesigen Fenster eingenommen, Vorhänge von einem eigentümlichen durchscheinenden Stoff, der trotzdem die grellen Sonnenstrahlen nicht durchließ, verhüllten die mächtigen Spiegelscheiben. Eine Drehung an einem Hebel, die Vorhänge rauschten zurück und der herrliche Park lag in seiner ganzen wundervollen Pracht vor den Augen des entzückten Professors. Man sah auf ein riesiges Bassin hinab, das mit einer sehr schön ausgeführten Marmoreinfassung umgeben war. In der Mitte des Teiches erhob sich auf einem künstlichen Felsen eine wundervolle Neptun-Gruppe; Delphine entsendeten aus ihren Rachen mächtige Wasserstrahlen in das Marmorbecken, in der Mitte der Gruppe saß Neptun, den Dreizack in der Rechten, den linken Arm auf eine liegende Urne gestützt, aus der tosend und brausend ein mächtiger Wasserstrom hervorrauschte. Der Diener hatte auf einen Wink der Nummer 1 die Fensterflügel geöffnet und das Plätschern und Brausen klang vernehmlich herauf. »Sind Sie zufrieden, Herr Professor?« fragte die Nummer 1. Stumm reichte ihm der Professor die Hand. »Worte des Dankes sind zu gering. Sie haben mir ein Paradies zum Aufenthalte angewiesen«, sagte er einfach. »Wenn Sie der Lärm in Ihren Studien stört, haben Sie ein einfaches Mittel, die Wasserkünste da draußen einzustellen«, teilte die Nummer 1 mit. Er zeigte dem Professor einen unter den Vorhängen versteckten Hebel nach der Art der Hebel für die Heizanlagen der Eisenbahnwaggons, ein Drehung genügte und die Wasserströme der künstlichen Insel versiegten; durch die geöffneten Fenster herein klang nur noch das leise Rauschen der mächtigen Kronen, in deren Laubwerk ein leichter Windhauch spielte. »Aber, Herr Professor, betrachten Sie doch auch die anderen Einrichtungen Ihres Zimmers!« forderte der Mentor auf. Der Professor erwachte aus seinem Sinnen und Träumen, betrachtete mit steigendem Entzücken den Raum, in dem er nun den größten Teil seiner ferneren Lebenstage zuzubringen gedachte. Die Wände waren von bis zur Decke reichenden Bücherregalen umstellt, und als er die Inschriften auf den Bücherrücken musterte, entdeckte er zu seiner innigsten Freude, daß man hier seine eigene Bibliothek aufgestellt hatte; es waren jene Bücher, die er einst, vor zweitausend Jahren, selbst benützt hatte. Er zog einen Band aus dem Regal und blätterte darin. Aber du lieber Gott, wie vergilbt war das Papier, die lange, lange Zeit hatte untilgbare Spuren darauf zurückgelassen! In der Nähe des Fensters stand ein kostbarer Schreibtisch, mit allem Werkzeug des Schriftstellers ausgestattet. Ein prachtvolles, massiv goldenes Schreibzeug, eine Garnitur Federstiele, Papiermesser und Schere mit goldenen Griffen. Die Scheiden des Messers und der Schere erregten die Aufmerksamkeit des Professors. Er nahm das Papiermesser, um es näher zu betrachten. »Vorsicht, Herr Professor«, mahnte der Mentor, »geben Sie acht, daß Sie sich nicht schneiden!« »Woraus bestehen die Schneiden? Die sehen ja aus, als wenn sie aus Glas gefertigt wären!« fragte begierig der Professor. Ihr zuvorkommender Mentor nahm ein Papierblatt vom Tisch und schnitt es, indem er es an einer Ecke festhielt, in einem Zuge durch. Man hörte dabei nicht das mindeste Geräusch, die Schnittränder waren so glatt, als wenn das Papier mit einer scharfgeschliffenen Schere durchschnitten worden wäre. »Was für eine Masse ist das, mein Herr?« fragte der Professor. »Glas ist es nicht...?« »Nein«, antwortete der Führer, »es ist ein Ihnen sehr bekannter Stoff. Und wenn sie dieses Messer hundert Jahre in Verwendung haben, so wird es kein Nachlassen seiner Schärfe, keine Scharte zeigen, denn seine Schneide besteht aus kristallisiertem Kohlenstoff, so wie die Schneiden der Papierschere!« »Also, Diamant...!« Der Professor war sprachlos. Lorenz schlug erschrocken die Hände zusammen. »Die haben diamantene Messer und Scheren, da muß man Respekt kriegen!« rief er aus. »Das ist gar nichts Besonderes«, sagte Nr. 751 A 2, »kristallisierter Kohlenstoff wird künstlich hergestellt. Wir schmelzen den Kohlenstoff, in der erstarrenden Masse bilden sich Kristalle, Diamanten, wie Sie sagen, in jeder uns beliebigen Größe. Die meisten Apparate und Werkzeuge, die Sie einst aus Stahl verfertigten, machen wir jetzt aus Diamant, der den Vorzug weit größerer Härte, leider aber den Nachteil ungemeiner Sprödigkeit besitzt. Die größten Maschinen, die bei uns gebaut werden, besitzen Lager aus Diamant!« »Das ist großartig«, sagte Lorenz. »Wenn bei uns einer einen Diamantring trug mit einem erbsengroßen Stein, sah man so einen schon für einen reichen Mann an, und da bauen sie Maschinen aus Diamant. Ich glaube, Herr Professor, es wäre gut, wenn wir jetzt aufwachten. Wir träumen wohl sehr interessant, aber mir brummt schon der Kopf.« »Nein, nein, Herr Lorenz«, sagte die Nummer 2, »Sie sind schon munter, Sie schlafen nicht mehr. Sie werden bei uns noch viel Wunderbareres sehen als diese alten Sachen. Diamantene Werkzeuge hat man schon seit fünfzehnhundert Jahren. Wir haben eben für Diamanten eine weit bessere Verwendung gefunden!« Unterdessen hatte die Nummer 1 eine Tischlade geöffnet und daraus ein in Leder gebundenes Buch herausgeholt und vor den Professor auf den Tisch gelegt. Mit Freude erkannte es dieser, es war sein Taschenbuch. Der Mentor schlug die letzte beschriebene Seite auf und wies mit dem Finger auf die Schlußeintragung. Mit starken, wenn auch ausgeblaßten Zügen stand dort geschrieben: »... Juli 1907. Heute ist der letzte Tag. Wann werde ich wieder eine Zeile in dieses Buch schreiben?« In tiefer Bewegung sah der Professor auf diese Züge. Vor zweitausend Jahren hatte er das geschrieben! Und ihm war zumute, als hätte er erst gestern diese beiden Zeilen in das Tagebuch eingetragen. »Wirklich«, sagte er, »was der große Weise von Königsberg geschrieben hat, ist Wahrheit, nie habe ich so klar erkannt wie heute: Was ist Zeit? Ein Nichts... etwas, das gar nicht vorhanden ist.« Lorenz sah besorgt seinem Herrn in das aufgeregte Gesicht; er hegte die Befürchtung, der Professor sei verrückt geworden. »Ein leerer Begriff! Eine Krücke für den Gang unserer Gedanken!« fuhr der Professor in Ekstase fort. »Ich glaube, wir haben jetzt genug für einmal«, sagte Lorenz. »Wenn wir so weitertun, lernen wir zu allererst die Narrenhäuser der Homunkuliden kennen. Ich glaube, wir sollten eine Pause machen; allzuviel, auch von den aller schönsten Sachen, ist ungesund.« »Sie haben recht, Lorenz«, sagte der Professor, »wir haben schon zu viel gehört und gesehen, wir müssen eine Pause machen!« »Ganz wie der Herr Professor wünschen! Vielleicht eine Erfrischung angenehm?« Der Professor zeigte sich mit diesem Übergang zum Leiblichen sehr zufrieden, und auch Lorenz stimmte mit außerordentlichem Vergnügen zu. Neben dem Arbeitszimmer war ein hübsches Speisezimmer. Der neue Diener, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte, begann sofort den Tisch zu decken, was in Lorenz sehr gemischte Empfindungen erweckte. Er gab ihnen nicht Ausdruck, er wollte zuwarten, bis sein Herr sich hier vollständig zurechtgefunden hätte. Dann aber wollte er mit allem Ernst darauf dringen, daß er wieder in alle bei seinem Herrn innegehabten Würden eingesetzt werde. Indessen betrachtete er mit kritischen Blicken die Tätigkeit des dienenden Homunkuliden, mußte sich aber trotz seines Ärgers gestehen, daß dieser Herr mit der fabriksmäßigen Geburt seine Sache so vorzüglich machte, als wenn er jahrzehntelang Kammerdiener irgendeines hoch fürstlichen Herrn gewesen wäre. Der Herr Professor sprach die sichere Erwartung aus, daß die Herren seiner Begleitung an dem Frühstück teilnehmen würden. Nummer 751 A 1, der Mentor, nahm mit vieler Wärme an, die Nummern 2, 3 sahen erst mit fragender Miene auf Nummer 1. Als diese erklärte: »Wenn es des Herrn Professors Wunsch ist, dürfen wir nichts dagegen haben«, machten sie eine höchst förmliche Verbeugung und nahmen Platz. Das Service, das der Diener auf den Tisch stellte, war ungemein kostbar, die Teller wieder aus Gold, die Servietten aus einem ungemein weichen, seidenglänzenden Stoffe, die Griffe der Messer und Gabeln aus Gold, die Schneiden aus kristallisiertem Kohlenstoff. Der Diener brachte auf einer Goldtasse mehrere Stücke Fleisch, die eine beträchtliche Ähnlichkeit mit Kalbsfilet hatten. Schon der dem Tablett entströmende Geruch verriet, daß auch die Küche der Homunkuliden auf der Höhe der Zeit stand. Der Diener reichte herum, zuerst dem Professor, dann Lorenz, der, erst errötend, da er die Reihenfolge nicht für angezeigt erachtete, zurückwies. Der Herr Professor fand dieses Benehmen für selbstverständlich und wollte den Diener anweisen, der Nummer 1 früher zu servieren, aber der Herr erklärte mit großer Lebhaftigkeit, daß das nicht anginge. Der Herr Professor und der Diener seien hochgeehrte Gäste des Staates, und so mußte es Lorenz geschehen lassen, daß ihm vor den anderen Herren serviert wurde. Er bekam in diesem Moment vor sich selbst eine unaussprechliche Hochachtung. Das Filet schmeckte außerordentlich gut. In herzlicher Weise lobte der Professor die Kochkünste der Homunkuliden. Lorenz gestand sich mit Befriedigung, daß er in diesem Lande die Kochkünste der ungetreuen Wetti niemals vermissen werde. Die Nummer 1 nahm lächelnd mit einer dankenden Verbeugung die begeisterten Lobsprüche entgegen. Als der Diener abgeräumt hatte, brachte er auf einer schön gravierten Platte eine fein geschliffene Flasche mit einer goldgelben Flüssigkeit, die, wie der Professor sofort bemerkte, ein ungemein starkes Lichtbrechungsvermögen entwickelte, denn die Lichtreflexe auf der polierten Platte zeigten alle Farben des Regenbogens. »Das ist doch nicht Wein!« rief der Professor aus, als der Diener die Tasse in der Mitte des Tisches niederstellte. »Nein, Herr Professor«, erklärte Nummer 1, »Wein ist das nicht, aber eine Flüssigkeit, die alle die angenehmen Vorzüge des Weines, respektive des Alkohols besitzt, ohne seine Nachteile. Versuchen Sie getrost, Herr Professor, das ist der richtige Göttertrank, er begeistert, ohne zu schaden. Und wenn die Freude und Begeisterung, die er verleiht, verschwunden ist, dann folgt kein häßlicher,... wie hat man denn das zu Ihrer Zeit nur genannt«, – der Mentor rang vergebens nach einem Worte – »die mit Kopfweh, Übligkeiten und so weiter verbundenen Nachwirkungen der Alkoholvergiftung...?« »Katzenjammer«, warf der hilfsbereite Lorenz ein. »Sehr richtig«, sagte erfreut der Herr; »ein Katzenjammer folgt nicht, sondern ein Gefühl behaglicher Ruhe. Versuchen Sie nur, Herr Professor!« Auf einen Wink schenkte der Diener ein. Ein Strahlenbogen roter, gelber, blauer, grüner und violetter Farben umspielte das Glas. Der Professor tat einen Schluck. »Das ist ja ausgezeichnet!« rief er aus. »Das schmeckt ähnlich wie die Medizin, die mir beim Erwachen verabreicht wurde!« »Die enthält diesen Stoff in konzentrierter Form«, erklärte der Mentor. Lorenz hatte zuerst nur genippt, dann aber sofort einen tüchtigen Schluck gemacht. »Herrlich, herrlich... das steht über Tokaier und Rheinwein... bei dem bleiben wir, Herr Professor!« »Ist das Natur- oder Kunstprodukt?« fragte der Professor. »Zur Hälfte das eine, zur Hälfte das andere, wie es, mit Ausnahme des Wassers, alle Ihre Getränke waren«, erwiderte der Herr. »Es ist eine Art Alkohol, eine verwandte chemische Verbindung, die aber weder die Nerven noch die Verdauungsorgane schädigt. Herr Professor werden alles erfahren. Die Herren, die Sie im ersten Saale sehen, sind mit mir vom Staate nur dazu bestimmt, Ihnen als Begleitung zu dienen, Sie in die Gesetze des Staates einzuführen!« Der Professor stand auf und reichte dem Sprecher dankend die Hand. »Meine verehrten Herren«, begann er, »ich weiß nicht, wie ich Ihnen meinen Dank, nein, meine innigste Freude ausdrücken soll. Und wenn ich durch Ihre mehr als freundschaftliche Güte bei Ihnen vollständig heimisch geworden bin und Ihrer Hilfe, Ihrer Teilnahme nicht mehr so dringend bedarf als jetzt, da ein kühner Entschluß aus einer weltfernen Vergangenheit mich in eine zaubervolle Gegenwart versetzt hat, dann bitte ich, mir Ihre wertvolle Freundschaft auch für die Zukunft zu bewahren. Sie sind im Reiche der Homunkuliden die ersten gewesen, die mir hilfsbereit entgegentraten. Diese ersten Stunden werden mir unvergeßlich sein, bewahren Sie mir, wenn Sie wieder Ihren gewohnten Geschäften nachgehen werden, Ihre mir in ernstester Stunde bewiesene Aufopferungsfähigkeit!« »Hochverehrter Herr Professor!« begann Nummer 1. »Es ist geradezu unsere Lebenspflicht, Ihnen treu zu bleiben; denn wir alle verdanken unser Dasein allein dem Umstand, daß vor ungefähr vierhundert Jahren Ihre Schlafstätte entdeckt wurde. Seit vierhundert Jahren bereitet sich der Staat, dem anzugehören wir als unsere größte Ehre empfinden, darauf vor, Sie beim Erwachen Ihrer genialen Heldentat würdig zu empfangen. Sie können uns als Ihre getreue, bis in den Tod ergebene Leibgarde betrachten; wir wurden erzeugt, um Ihnen zu dienen, mit dem Erlöschen Ihres Lebens verschwindet unsere Daseinsberechtigung. Wir wurden so erzogen und gebildet, daß wir uns das vollste Verständnis für Ihre heute wohl längst veraltete Art des Lebens und Denkens erwarben, um Ihnen behilflich zu sein, den Übergang aus einer längst dahingestorbenen Vergangenheit in die Ihnen so fremde Gegenwart zu ermöglichen. Ihrer Art und Sitte folgend, erhebe ich mein Glas, um nach Ihrer Weise den so berühmten Herrn Professor Doktor Voraus zu begrüßen. Mögen lange Jahre eines seinen erleuchteten Geist vollständig befriedigenden Lebens den Lohn für seine unsterbliche Heldentat bilden, die auch in der Erinnerung der Homunkuliden fortleben wird, so lange noch eines dieser Sonnenkinder die alternde Welt bewohnt. Ein Hoch dem berühmten Professor, dem genialen Gelehrten Doktor Voraus!« Die Nummern 751 A 2, 3 und Lorenz riefen »Hoch!« Lorenz, daß die Fensterscheiben klirrten, die Nummern 2 und 3 mit bedeutendem Stimmaufwand, aber ohne die leiseste Regung in den Mienen, wie Automaten, deren Maschine auf einen bestimmten Federdruck abschnurrt. Der Herr Professor klopfte mit der Klinge des Messers an sein Glas. Die Hochrufe verstummten. »Was ich bis jetzt von der Zukunft gesehen habe, überwältigt mich. Meine sogenannte Heldentat wurde überreich belohnt. Ich habe nichts getan, als zweitausend Jahre zu verschlafen. Zu meiner Zeit sind hervorragende Personen oft schneller durch die gleiche Tätigkeit zu Ehrenstellen gekommen!« Lorenz räusperte sich. Diese Frozzelei dünkte ihm höchst unangebracht. Der Zaubertrank schien doch auf die Nerven des Herrn Professors eine sehr unvorteilhafte Wirkung auszuüben. »Mein verehrter Führer hat ein Hoch auf mich ausgebracht. Diese Ehrung muß ich nach all dem, was ich heute sah, zurückweisen. Ich schlage Ihnen, meine Herren, ein anderes Hoch vor. Ein Staat, der ein so geringfügiges Verdienst wie das meine schon so außerordentlich belohnt und ehrt, ist sicher das vollkommenste Gemeinwesen, das es gibt. Ich bitte Sie, in alter Weise mit mir auf die neue Zeit anzustoßen! Das Reich der Homunkuliden möge blühen; wachsen und gedeihen bis ans Ende der Zeiten!« Lorenz und die drei Homunkuliden erhoben sich würdevoll und näherten respektvollst ihre Gläser dem Glase des Herrn Professors. Es klang wie das Läuten von kleinen Silberglocken. Der Diener brachte Zigarren, der Professor und Lorenz nahmen dankend an. Die drei Homunkuliden erklärten, Nichtraucher zu sein. Bei dieser Gelegenheit kam es an den Tag, daß das Vorhandensein von Zigarren eine neue feinsinnige Aufmerksamkeit des Homunkulidenstaates für seine Gäste aus der Vergangenheit sei. Der Mentor erklärte, daß seit ungefähr sechshundertundfünfzig Jahren der Tabakgenuß im Reiche abgeschafft sei und daß es umfangreicher historischer, botanischer und chemischer Studien bedurfte, um den beiden Herren nach ihrem Erwachen den gewohnten Genuß zu verschaffen. Der Professor war in eine sehr behagliche Stimmung gekommen. Er hatte sich in den Fauteuil zurückgelehnt und sah den feinen blauen Rauchwölkchen nach, die von seiner Zigarre zur Decke hinaufwirbelten. Die Homunkuliden erhoben sich, damit der Herr Professor sich auf ein Stündchen zur Ruhe begeben könne. Der Herr Professor protestierte dagegen heftig und verlangte dringendst, daß wenigstens die Nummer 1 ihm Gesellschaft leiste. Nummer 1 erklärte sich mit Vergnügen bereit. Lorenz erbat sich die Begünstigung, im Park ein Stündchen spazieren zu dürfen, welche Bitte der Professor gern gewährte. Lorenz und die beiden Homunkuliden verließen das Speisezimmer. »Die Fülle des Gesehenen und Gehörten erdrückt mich fast«, begann der Professor, »und dennoch brenne ich vor Begierde, recht bald Näheres über diesen seltsamen Staat und seine noch seltsameren Bewohner zu erfahren. Sie erzählten mir, verehrter Herr, daß zehn Herren für meinen Dienst bereit sind.« »Sehr richtig, Herr Professor, die Nummern siebenhunderteinundfünfzig A eins bis zehn.« »Diese werden mich stets hier umgeben; ich weiß nicht, wie ich sie ansprechen soll. So viel ich bemerkte, sind Namen bei Ihnen nicht gebräuchlich.« »Nein«, antwortete der Homunkulide, »da haben der Herr Professor recht geraten, Namen sind bei uns nicht gebräuchlich, die Ziffern und Zeichen auf diesen Täfelchen sagen uns von jedem einzelnen mehr, als einst Ihre Personennamen verkündeten. Das Verhältnis jedes einzelnen zum Staate ist für uns das Wichtigste, was einer für sich selbst ist, ist hier bedeutungslos. Jeder von unseren Mitbrüdern wird aus den Buchstaben und Ziffern, die diese zehn Herren auf den Goldtäfelchen tragen, sofort erkennen, daß es Herren Ihrer Begleitung sind! Ich bin bestimmt, Sie in die Geschichte der zweitausend Jahre einzuweihen, die Sie verschlafen haben, Nummer zwei wird Ihnen die technischen Einrichtungen erklären, Nummer drei wird Sie in das Kunstleben unserer Zeit einführen. Jedem der zehn Herren ist ein besonderes Ressort zugewiesen. Die Nummer eins, zwei und drei werden stets um Sie sein. Wenn es aber zu Ihrer Bequemlichkeit beitragen sollte, so bitten wir Sie, uns nach Ihrem freien Ermessen selbst Namen zu geben!« Der Professor ging erst nachdenklich eine Weile im Zimmer auf und ab, dann blieb er, wie von einer plötzlichen Eingebung erfaßt, stehen. »Ja, das werde ich tun«, sagte er lebhaft. »Sie, mein Herr, werden mich über den Staat und über seine Geschichte belehren – Sie erhalten den Namen Plato!« Der neue Plato machte eine äußerst verbindliche Verbeugung. »Die Nummer zwei ist Archimedes und Nummer drei – ja, Donnerwetter – Künstler ist der Herr nicht selbst?« »Nein, er ist Kritiker und Kunsthistoriker!« »Das hat's im Altertum noch nicht gegeben. Praxiteles, Phidias, und wie sie alle hießen, das waren Künstler, zu ihrer Zeit war es noch nicht Mode, über die Kunst zu reden und zu streiten, damals brauchte den Leuten noch nicht vorgeschrieben zu werden, was sie für schön zu halten haben... Halt, ich hab's... Nummer drei nennen wir Lessing. Die Taufe der anderen Herren werde ich zu gelegener Zeit schon vornehmen; Sie können versichert sein, daß ich mich nur mit den besten Namen aus der Geschichte der Menschheit umgeben werde.« Plato bemerkte dazu, daß das ganz im Belieben des Professors stehe. »Also, mein lieber, verehrter Plato«, hub äußerst vergnügt der Professor an, »erzählen Sie mir einmal, was denn eigentlich in diesen zweitausend Jahren vorgegangen ist und welchem glücklichen Umstände wir es zu danken haben, eine so herrliche Auferstehung zu feiern! Geben Sie mir vorläufig einige flüchtige Umrisse der großen historischen Begebenheiten! Da vorauszusehen ist, daß Sie auch einschlägige Geschichtswerke besitzen, so ist es mir ja leicht möglich, dann die Details in diesen Werken nachzulesen.« »In Ihrer Privatbibliothek finden Herr Professor alles, was Sie benötigen werden!« Plato öffnete eine vom Professor bis jetzt völlig unbeachtete Tapetentür und forderte ihn auf, einzutreten. Des Professors Herz quoll über vor Entzücken. Eine Flucht von hohen taglichten Zimmern eröffnete sich seinem Auge, die Wände bis an die Decke verdeckt mit Schränken, die vollgepfropft waren mit Büchern, deren Einband erwies, daß sie die Werkstatt des Buchbinders noch nicht allzu lange verlassen hatten. In dem hellen Lichte glänzten die Inschriften der Buchrücken und schimmerte ihr farbiges Leder. Inmitten jedes Zimmers standen lange mit grünem Tuch überzogene Tische, bei jedem Fenster hohe Stehpulte. Von der Decke herab hingen elektrische Lüster, jedes Stehpult war mit einer elektrischen Lampe versehen. Acht große, vollständig gleich eingerichtete Räume nahm diese herrliche Bibliothek ein. Der Professor zog aufs Geratewohl einen Band heraus. Als er den Deckel aufschlug, sah er, daß auf der Innenseite ein Ex-libris-Zettel angebracht war, der sein Porträt trug. Der Zettel trug die Nummer 19625! »Das ist meine Bibliothek?« rief er mit höchstem Erstaunen aus. »Neunzehntausendsechshundertfünfundzwanzig – ja, wie viele Bände hat denn diese Sammlung?« »Im ganzen zweiunddreißigtausendachthundertvierzehn. Sie werden in dieser Bibliothek alles finden, was Sie über die Zeit, die Sie verschlafen haben, zu wissen wünschen. Hier ist der vollständige Katalog dieser Sammlung!« Plato wies dabei auf einen umfänglichen Kasten. »Und hier in diesem Raume finden Sie die beiden Herren, deren Sorge die Instandhaltung Ihrer Bibliothek sein wird, die Ihnen die gewünschten Bücher herausgeben und die gebrauchten Bände wieder an Ort und Stelle zurückbringen werden.« Er öffnete eine Tür, die in einen hübschen, hellen Raum führte. An dem hohen Fenster saßen zwei Homunkuliden in Dieneruniform. Sie standen ehrerbietig auf und verbeugten sich, als Plato und der Professor eintraten. »Also, die Herren sind meine Bibliotheksbeamten?« fragte der Professor und reichte ihnen freundlich die Hand. Die Bibliotheksbeamten verbeugten sich nochmals wortlos, die beiden Herren verließen das Zimmer und kehrten in das Arbeitszimmer zurück. »Ich bin einfach überwältigt, lieber Plato, von allem, was ich da gesehen und gehört habe«, sagte der Professor, indem er in seinem Fauteuil versank. »Bitte, erzählen Sie mir von jenen großen Ereignissen, die sich nach meiner Einschläferung zutrugen. Ich muß es als ein Wunder betrachten, daß unser Schlafgemach trotz des gewiß oft stürmischen Wandels der Zeiten unversehrt blieb und daß wir lebend das Licht der Zukunft erblickten.« »Sie haben recht«, begann Plato, »Großes und Gewaltiges ist in den Jahren geschehen, die Sie ruhig und sorglos mit Ihrem Diener im Pavillon schlummerten. Das alte Europa werden Sie auf unseren Karten nicht mehr erkennen, es gibt kein Österreich, kein Deutschland, kein Frankreich, kein Rußland mehr; alle diese Staaten sind aufgegangen im Reiche der Homunkuliden, das sich über die ganze Erde erstreckt. Nur hoch im Norden, auf Island, auf Spitzbergen, auf Grönland und im äußersten Norden Kanadas leben noch Weibgeborene. Diese letzten Reste der ehemaligen Menschheit schützt unser Gesetz; aber es ist ihnen verwehrt, das Reich der Homunkuliden zu betreten, nach dem sie übrigens nicht die geringste Sehnsucht haben. Es sind Überreste von Deutschen, Skandinaviern und Engländern, die sich erbittert gegen die neue Ordnung der Dinge auflehnten und nun dort oben dem vollständigen Aussterben entgegengehen. Sie konnten sich den Anforderungen der neuen Zeit nicht anbequemen und führen nun ein einsames, entbehrungsreiches Leben. Kummer, Sorgen und Schmerzen sind ihr Erbe. Wir Homunkuliden wissen von solchen Bedrängnissen nichts mehr. Die Einsamen im äußersten Norden wollten es so, wir ließen ihnen ihren Willen, und ihr Dasein ist uns fast zur Sage geworden!« »Also die Völker Europas haben aufgehört zu existieren?« fragte mit maßlosem Erstaunen der Professor. »Sehr richtig«, antwortete Plato; »es ist übrigens nicht besonders schade um sie. Schon zu Ihrer Zeit begannen, wenn ich nicht irre, die großen Kämpfe mit den Völkern Asiens. Engländer, Franzosen und Deutsche eröffneten den Reigen der großen Kriege. Zuerst, namentlich im Kampfe mit China, blieb der Westen Sieger, bis Japans Kriegstüchtigkeit und seine die ganze Welt überraschenden Siege den Europäern die Augen öffneten und ihnen den Glauben benahmen, daß sie zu Beherrschern des Weltalls berufen seien. Und wie einst, anderthalb Jahrtausende noch vor Ihnen, Asiens wilde Scharen nach Europa zogen, um eine uralte Kultur zu zertreten, so kamen im Jahre zweitausendeinhundertzweiundvierzig nach Ihrer Zeitrechnung die asiatischen Gäste wieder, aber nicht als wilde Barbaren, sondern ausgerüstet mit dem Rüstzeug westlicher Kultur, die unterdessen im Fernen Osten zu grandioser Höhe emporgediehen war. Was Asiens Völker von Europa empfingen, hatten sie selbständig fortentwickelt und so kamen sie nicht als gleichwertige, sondern als überlegene Gegner in die alten Kulturländer des Westens. Unzählig, wie einst die Züge der Nomaden im vierten Jahrhundert, zogen die Scharen heran, das Rote Meer, der Kanal von Suez, das Mittelmeer, der Atlantische Ozean, die Meere an den West- und Nordküsten Europas bedeckten sich mit den gepanzerten Ungeheuern der japanischen und chinesischen Flotten. Längst war das asiatische Rußland in den Besitz der Asiaten übergegangen und so zogen auch von Osten her die gewaltigen Heere der mongolischen Rasse. Ein ungeheures Ringen entstand, in dem der Osten Sieger blieb. Im Jahre zweitausenddreihundertachtzehn waren die Asiaten Herren dieses Erdteiles, die alten Reiche waren zertrümmert; es entstand dieses Riesenreich, das nach kaum einem halben Jahrtausend, im Jahre zweitausendsiebenhundertachtzig, schon Europa, Asien und Afrika umfaßte. Aber es zeigte sich wieder das alte Spiel von einst. Wie einst das deutsche Volk nach der Niederwerfung des Römischen Reiches von dem Besiegten seine Kultur empfing und in vielem Art und Weise der Untergebenen annahm, ich erinnere Sie, Herr Professor, nur an das römische Recht – die römische Sprache wurde die Sprache der Wissenschaft, an ihrer Erkenntnis entwickelte sich erst die Sprache des Siegers –, so geschah es auch hier. Allmählich verschwanden die asiatischen Eigentümlichkeiten, im Kampfe der Geister erwies sich der Besiegte als der Stärkere. Europäisches Wesen drang sieghaft durch, wenige Jahrhunderte dauerte es, und die Gegensätze der Völker erschienen fast vollständig ausgeglichen. Der mächtige nationale Gedanke, der einst Ströme von Blut gekostet, hatte seine Wirksamkeit verloren, an seine Stelle trat echte, allumfassende Menschlichkeit.« »Und Amerika – wie verhielt es sich in dieser Zeit einer ungeheuren Revolution?« fragte der Professor. »Es trat zweihundert Jahre später, zweitausendneunhundertachtzig, diesem Staatenbunde bei. Die Grenzen, die einst die Menschheit nach Staaten, nach Nationen schieden, hatten in jenen Jahren zu bestehen aufgehört und damit waren die Ursachen zu all jenen unsäglichen Greueln, die in der Vorzeit die Menschheit schändeten, verschwunden. Die Zeit war gekommen, wo niemand fragte, ob der oder jener Christ oder Jude, Türke oder Heide, Deutscher oder Franzose sei, wo jeder in dem Nächsten nur seinen Mitmenschen sah, und zwar seinen gleichwertigen und vollständig gleichberechtigten Mitmenschen. Es war dies keine neue Idee, Herr Professor, denn fast zweitausend Jahre vor Ihnen war schon einer erschienen, der dies gepredigt hat. Der war aber viel zu früh gekommen, für seine Lehre fand er nicht die rechten Schüler, er fand Juden und Römer vor, aber keine Menschen. Und so hat auch die Verbreitung dieser Lehre Ströme von Blut gekostet, und der Haß der Menschen untereinander verdarb diese Heilslehre und würdigte sie meist zu einem häßlichen Götzendienst herab.« Plato hatte sich in Eifer geredet, das sonst so marmorkalte Antlitz überzog ein heller Schimmer der Begeisterung. »Und was ist dann geschehen, als das Riesenwerk der Einigung zustande gekommen war?« fragte sinnend der Professor. »Hat diese Zeit ewiger Friedensruhe die Völker nicht zu einem entnervenden Wohlleben geführt?« »Nein, Herr Professor, diese Zeit brachte den vollgültigen Beweis, daß zur Entwicklung der Menschheit Kriege nicht ein unbedingt notwendiges Mittel seien. Wie niemals noch begannen Kunst und Wissenschaft zu blühen. Früher galt es, die Gegensätze der Völker auszugleichen, es war ein latenter Kriegszustand, in dem sich die Menschheit immer befunden hatte; jetzt kam man endlich dazu, die Gegensätze unter den Menschen auszugleichen, jene Gegensätze, die noch zu Ihrer Zeit, Herr Professor, trotz ihrer uns heute so unbegreiflichen Lächerlichkeit eine so gewaltige Rolle spielten.« »Und ist es ihnen gelungen, alle diese Gegensätze auszugleichen?« fragte mit begreiflichem Erstaunen der Professor. »Es ist gelungen. Zuerst verschwand der bevorrechtete Adel, was keine besonderen Kämpfe verursachte; denn in einer Zeit, wo nur Arbeit, sei es geistige oder physische, persönlichen Wert verleiht, mußten eingebildete, aus der Abstammung hergeleitete Vorrechte nur zu bald ihre Geltung verlieren. Die wahrhaft freiheitliche Ausgestaltung unseres Parlamentes trug wohl das meiste dazu bei, daß der Adel vollständig an Bedeutung verlor. Ich glaube, noch zu Ihrer Zeit bestanden in manchen Staaten zweierlei Parlamente, ein Haus des Volkes und ein Haus der Herren, das heißt von solchen Männern, die durch Geburt oder unermeßlichen Reichtum ein Anrecht auf einen Sitz in diesem Nebenparlament hatten. Schon im Jahre tausendneunhundertvierundfünfzig verschwanden überall diese Nebenparlamente, und damit hatte der Adel ausgespielt. Er verschwand allmählich aus den Staatsämtern; früher war es den hochgeborenen Herren leicht möglich gewesen, zu den bedeutendsten Stellen emporzusteigen, ihr Adelsbrief allein verbürgte ihnen das rascheste Avancement; aber auch dieser letzte Rest geheimer Adelsherrschaft versank. Als die Aristokraten kein anderes Mittel, um emporzukommen, besaßen als Fleiß und Tüchtigkeit, versagten sie gänzlich. Und mit dem Adel verschwand das Königtum; im Jahre zweitausendsechsundneunzig starb der letzte irdische Herrscher!« »Die republikanische Staatsform wurde allgemein eingeführt«, sagte der Professor, »das erscheint mir als nichts Außerordentliches. Aber wie glich man die sozialen Gegensätze aus – das heißt, ich weiß ja gar nicht, ob Ihnen das schwierigste aller Probleme gelungen ist!« »Es ist gelungen. Wir haben so manches, das Sie und Ihre Zeit kaum zu träumen wagten, in die Wirklichkeit umgesetzt!« »Diese Aktion wird wohl die furchtbarsten Stürme, die grauenhaftesten Bürgerkriege hervorgerufen haben!« warf der Professor ein. »Es war nicht so arg. Auch auf diesem Gebiete haben wir eigentlich nur ausgebaut, wozu Ihre Zeit den Grund legte. Schon damals war ja der Staat Eigentümer vieler Eisenbahnen, der Staat besorgte, wenn auch in etwas unzulänglicher Weise, den Unterricht, eine der größten Einrichtungen des Staates war die Post, vieles schon war zu Ihrer Zeit der Privattätigkeit gänzlich entzogen. Man ging auf diesem Wege weiter, man verstaatlichte nach und nach alles, und heute können wir es uns kaum vorstellen, wie es einst möglich war, daß ein Privatmann irgendeinen Zweig der Industrie mit Nutzen für sich und zum Nutzen seiner Mitmenschen betreiben konnte. Manches erscheint uns heute unbegreiflich und deshalb unglaublich. Denken Sie nur an das Ärztewesen Ihrer Zeit! Eigentlich konnte nur der bemittelte Kranke darauf rechnen, von den Ärzten mit Sorgfalt behandelt zu werden. Der Arzt hatte nur eine ideale Ursache, Reiche und Arme mit gleicher Hingabe zu behandeln. Die Rücksicht auf sein eigenes Ich, auf sein Fortkommen und auf die Sicherung seines Alters mußte ihn bestimmen, sich mit ganz besonderem Eifer der Behandlung bemittelter Kranker zu widmen. Daß dies oft nur auf Kosten der Minderbemittelten geschehen konnte, ist einleuchtend. Es war ein barbarischer, unmenschlicher Zustand, ein Schandfleck Ihrer Zeit! Die größte Lächerlichkeit war aber Ihr sogenanntes Apothekerwesen, der Handel mit den Arzneimitteln. Das muß geradezu als eine Grausamkeit bezeichnet werden. Ihre Apotheker waren die unmenschlichsten Wucherer, die die Zeit gekannt hat. An den Leiden der Menschheit bereicherten sich diese Leute unter dem Schutze gewissenloser Regierungen!« »Sie haben nicht so unrecht«, warf der Professor errötend ein. »Wir waren das so gewohnt, wir fühlten es gar nicht, welche Grausamkeiten wir begingen.« »Im Jahre zweitausendfünf Ihrer Zeitrechnung wurde die gesamte ›Medizin‹ verstaatlicht, die Ärzte sowie die Apotheker. Die Doktoren schrien Zeter und Mordio, die Apotheker bezeichneten die Regierung als ein Kollegium von gewissenlosen Räubern, alles nur aus dem Grunde, weil die Regierung ihrem Handwerk ein Ende bereitet hatte. Ein neuer Beamtenstatus, mit einem Minister an der Spitze, wurde kreiert: Das Ministerium des Heilwesens. Die jungen Doktoren wurden sofort als Assistenten mit vollständig zureichendem Gehalt angestellt. Für den Staat zu arbeiten und zu hungern, hatte damals schon aufgehört. Die Fähigsten unter ihnen rückten nach Maßgabe ihrer Befähigung und ihrer Dienstzeit vor. Die Heilmittel, die sie verschrieben, wurden unentgeltlich in den Apotheken verabfolgt. Das Rezept galt als Anweisung. In kaum dreißig Jahren hatten sich sogar die Ärzte und Apotheker an diese neue Ordnung der Dinge gewöhnt, und eine Unsumme von Elend, Leid, Sorgen und Kummer war mit der Neuordnung dieser Dinge aus der Welt verschwunden.« »Sie haben recht«, warf der Professor ein, »zu meiner Zeit ist es niemandem eingefallen, sich darüber zu wundern, daß der Volksschulunterricht ganz in den Händen des Staates liegt. Für den Elementarunterricht der Kinder etwas bezahlen zu müssen, wäre den Staatsbürgern meiner Zeit als eine Ungeheuerlichkeit erschienen; und jetzt erschiene es ebenso ungeheuerlich, wenn jemand für die Heilung seiner Krankheit etwas ausgeben müßte; ja, ja, das ist ganz leicht einzusehen.« »Die größte Aktion der neuen Zeit war die Verstaatlichung der Land- und Forstwirtschaft«, setzte Plato seine Erläuterungen fort. »Und hat diese Aktion nicht die fürchterlichsten Bauernkriege hervorgerufen?« »Keineswegs. Es erfolgte ein ruhiger Ausgleich, dem alle Forst- und Landwirte freudigst zustimmten. Der Bergbau war längst verstaatlicht, denn auf diesem Gebiete lag die empörendste soziale Ungerechtigkeit geradezu offen zutage; die Besitzer der Bergwerke führten ein sorgloses Wohlleben, ihre Arbeiter, die in den abgrundtiefen Schächten für kargen Taglohn täglich ihr Leben aufs Spiel setzten, erwarben in harter Arbeit kaum so viel, daß sie kümmerlich sich und die Familien ernähren konnten. Diesem Zustand ward binnen wenigen Jahren ein Ende gemacht. Die Klagen der Bergwerksbesitzer wurden so wenig angehört und berücksichtigt, als die Bergwerksbesitzer einst die Klagen ihrer Arbeiter angehört und berücksichtigt hatten. Das Los der Arbeiter wurde ein menschenwürdiges, denn der Staat, der kein Interesse daran hatte, Geld zu verdienen, hatte es nicht nötig, die Arbeiter auszunützen. Mit der Land- und Forstwirtschaft ging es ähnlich. Mit dem Adel, der den größten Grundbesitz zu Ihrer Zeit hatte, ging es infolge der geänderten Lebensverhältnisse stetig abwärts. Er verdarb immer mehr. Sein Besitz war der erste, der vom Staate eingezogen wurde. Nach kaum einem Jahrhundert war sämtlicher Boden wieder Besitz des Staates geworden und wurde vom Staate verwaltet. Wohl verschwand der Bauernstand, an seine Stelle traten Staatsangestellte, Arbeiter und Beamte, die ein weit sorgenloseres Leben führten als vormals der Bauer, dem nur zu oft die Unbill des Wetters die Arbeit eines Jahres vernichtete. Unendlich müheloser gestaltete sich das Leben dieser Staatsangestellten als das des Bauern, sinnreich konstruierte Maschinen nahmen ihnen den größten und schwersten Teil der Arbeit ab und ermöglichten es ihnen, den größten Teil des Tages ihrer Erholung und Erheiterung zu widmen, denn nun dienten die Maschinen nicht als Mittel zur Ersparung von Arbeitskräften, sondern als Mittel zur Gewinnung von Zeit, welcher Gewinst eben den Arbeitern zugute kommt. Und wenn einmal der Hagel irgendwo die Feldfrucht zerschlug, was macht das aus? Die Kornkammern des Staates, der fast die gesamte Welt umfaßte, wurden deshalb nicht leerer, der Überfluß von anderen Gebietsteilen glich den Minderertrag des geschädigten Teiles wieder aus. Die Zerstörung der Feldfrucht irgendeiner Dorfmark verursachte keinen Kummer, keine Träne; solches Leid und solche Sorge kennt unsere Zeit nicht mehr, wo ungezählte Millionen für den einzelnen wirken und der einzelne nicht mehr für sich, für seine Familie, eine Gemeinde oder einen engumgrenzten Staat, sondern für die ganze Menschheit lebt und schafft.« Staunend hatte der Professor zugehört. »Ich bin sehr begierig, Ihre Einrichtungen kennenzulernen. Sie haben einen Glückszustand der Menschheit erreicht, von dem wir kaum zu träumen wagten. Wie aber kam es, daß an Stelle der Menschen die Homunkuliden traten, daß es unter ihnen keine Weiber und keine Weibgeborenen mehr gibt?« »Im Jahre zweitausendeinhundertvierzehn ist es unseren Chemikern gelungen, künstliches Eiweiß darzustellen. Schon zu Ihrer Zeit war es bekannt, daß es eine Unzahl von Eiweißarten gibt, durch deren Zusammenwirken das organische Leben entsteht. Ihre Ahnungen vom Wesen des Lebens wurden durch die Forschungen des französischen Chemikers Legrand teilweise bestätigt, teilweise berichtigt. Ihm gelang es im Jahre zweitausendeinhunderteinundzwanzig, durch Einwirkung verschiedener Eiweißarten das erste Lebewesen zu erzeugen, eine Alge, die nicht nur befähigt war zu leben, sondern auch sich fortzupflanzen. Nun warf sich die Wissenschaft mit ungeheurem Eifer auf diesen Zweig der Forschung, und schon zweitausendeinhundertzweiunddreißig konnte der deutsche Gelehrte Walther das erste Tier, eine Qualle, darstellen. Durch großartige Untersuchungen der Eier der verschiedensten Tierarten gelang es unseren Chemikern sehr bald, auch höhere Tierordnungen künstlich darzustellen. Dennoch vergingen mehr als achthundert Jahre, ehe es die Chemiker dahin brachten, ein Wesen künstlich zu erzeugen, das eine, wenn auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem höchsten Lebewesen, dem Menschen, hatte. Der dies zustande brachte, war der japanische Gelehrte Katako. Nach weiteren einhundertfünfzig Jahren hatte man das Verfahren so vervollkommnet, daß die Homunkuliden sich durch nichts mehr von den Menschen unterschieden. Diese Homunkuliden wurden zuerst zu niederen Staatsdiensten verwendet, aber schon dreitausendsechzig gestand man ihnen die volle Gleichberechtigung mit den Menschen zu.« »Und ließen sich die Menschen das ruhig gefallen?« fragte gereizt der Professor. »Gewiß, denn auf keinen Fall waren die Homunkuliden in irgendeiner Beziehung minderwertig. Die Darstellung der Homunkuliden hatte eine derartige Vervollkommnung erreicht, daß nur zu bald die künstlichen Menschen die natürlichen körperlich wie geistig weit überragten. Denn nur vollkommen gelungene Exemplare der Homunkuliden verließen lebend die Retorte, mißlungene wurden, noch ehe sie das Bewußtsein erhalten hatten, zerstört. Und bei der Darstellung der Homunkuliden fehlten alle störenden Einflüsse, die so schädlich auf die Menschen einwirken, kein Homunkulide hatte durch die Laster und Krankheiten seiner Erzeuger zu leiden wie so viele Menschen, die in ihrem Leben ungerechterweise die Sünden ihrer Väter büßen mußten.« »Aber mir fehlt noch immer die Erklärung, wieso es gekommen ist, daß die natürlichen Menschen den künstlich erzeugten weichen mußten?« fiel erregt der Professor ein. »Das hatte einen ganz eigenartigen Grund. Einst, in der grauesten Vorzeit war das Weib nicht mehr als eine Sklavin des Mannes, eine Ware, die man verkaufen oder verschenken konnte wie ein Stück Vieh. Allmählich brach sich die Anschauung Raum, daß das Weib dem Manne vollkommen gleichberechtigt sei. Zu Ihrer Zeit, Herr Professor, begann der Kampf zwischen den Geschlechtern, nach kaum fünfzig Jahren war die Frau in jeder, auch in politischer Beziehung dem Manne gleichgestellt. Aber der vollkommensten Gleichberechtigung hatte die Natur selbst eine Schranke gezogen!« »Welche Schranke meinen Sie?« fragte verwundert der Professor. »Die Natur hat dem Weibe eine schwere Pflicht auferlegt, die Pflicht Mutter zu werden. Eine Unsumme von Schmerzen und Leiden brachte diese Pflicht dem Weibe, und wir dürfen uns nicht darüber wundern, daß schließlich die Frauen sich gegen ein solches Übermaß von Pflichten auflehnten. Dazu kam noch ein schwerwiegender Umstand. Dadurch, daß sich die Frauen immer mehr und mehr wirtschaftliche Gebiete für ihre Tätigkeit eroberten, die bisher den Männern vorbehalten waren, entfremdeten sie sich ihren natürlichen Pflichten. Sie waren als Lehrerinnen, Ärztinnen, als Gelehrte, als Beamte und Leiter großer industrieller Unternehmungen nicht mehr in der Lage, sich der Erziehung der Kinder zu widmen. Schon die Geburt eines Kindes verursachte schwer zu verwindende Berufsstörungen, und es ist ganz selbstverständlich, daß die Frauen alle Mittel anwendeten, ihre Mutterschaft zu verhindern. Die Zahl der Geburten verringerte sich mit jedem Jahr »Und schritt da der Staat nicht ein?« fragte empört der Professor. »Nein, er hatte auch keine Handhabe dazu.« Nach einer Pause fuhr Plato fort: »Welche Fülle von zerstörenden Leidenschaften brachte das Verhältnis des Mannes zum Weibe! Ihre sogenannte ›schöne Literatur‹ beschäftigt sich mit nichts anderem, als wenn es wirklich sonst nichts Hohes und Großes in der Welt geben würde. Ihre dichterischen Werke erzählen von diesen Kämpfen, sie erzählen, wie viel Elend, Verzweiflung, Kummer und Sorgen dieses Verhältnis der Menschheit gebracht hat. Die sogenannte ›Liebe‹ hat heftiger unter den Menschen gewütet als der Hunger und das Leben ungezählter Tausender verdorben. Die Homunkuliden werden geschlechtslos geboren. Wie ruhig, leidenschaftslos, gleitet ihr Leben dahin! Ihre Herzen werden von keinem trügerischen Glück und von keiner Sehnsucht bewegt, deren Erfüllung in Täuschungen besteht. Allmählich verschwanden die Weibgeborenen – im Jahre dreitausendeinhundertvierundsiebzig, am fünfzehnten Jänner, starb die letzte Frau, eine Matrone im Alter von hundertvierzehn Jahren, und seither ist aus unserem Leben das Weib in allen seinen Erscheinungsformen verschwunden; es gibt keine Mädchen, keine Jungfrauen, keine Gattinnen, keine Mütter, Tanten oder Schwiegermütter mehr. Sie werden einsehen lernen, daß die Welt dadurch um vieles besser, das Leben weit ruhiger und angenehmer wurde, als es zu Ihrer Zeit war!« Plato schwieg und auch der Professor sah lange sinnend vor sich hin. »Was Sie mir erzählt haben, Freund Plato«, begann er endlich, »ist so überraschend, ja so verwirrend, daß mir noch immer zumute ist, als hätte ein schwerer phantastischer Traum alle meine Sinne gefangen. Ich möchte gern aus diesem Traume erwachen!« »Herr Professor sind müde geworden«, sagte Plato, »ich würde Ihnen ebenfalls einen Spaziergang durch den Park empfehlen, und wenn es Ihnen angenehm ist, begleiten wir Sie nachmittags zu dem Pavillon, in dem Sie zweitausend Jahre verschlafen haben!« »Ja, besteht denn der noch?« fragte freudig überrascht der Professor. »Jawohl, es müssen ausgezeichnete Baumeister gewesen sein, die diesen Bau geschaffen haben. Ihre Kunst und die Bewunderung, die die Völker Ihrer wissenschaftlichen Heldentat zollten, haben den Bau fast unversehrt in der Flucht zweier Jahrtausende erhalten!« In diesem Augenblick klopfte es an die Tür; auf das »Herein!« des Professors betrat Lorenz die Stube; durch die geöffnete Tür konnte man den Diener draußen im Vorzimmer stehen sehen. »Na, Lorenz, wie gefällt es Ihnen hier?« fragte lächelnd sein Herr. »Gut, Herr Professor, ich bin so weit ganz zufrieden, ich kann Ihnen nur empfehlen, sich diesen Park anzusehen; es ist eine Pracht, Schönbrunn war nichts dagegen. Aber Dinge erlebt man da, Dinge, bei denen man sich an den Kopf greift, so unglaublich sind sie!« »So? Na, ich werde mir diesen herrlichen Park ansehen, Freund Plato. Wollen Sie uns begleiten?« »Selbstverständlich, Herr Professor, ich erfülle damit eine sehr angenehme Pflicht!« »So gehen wir! Der Kopf ist mir heiß geworden von dem Erzählten.« Zweites Kapitel. Der Park. Die Ansichten Lorenz' über die Homunkuliden. Ein Besuch im Schloßpavillon. Der Professor hatte sich unter Führung Platos und in Gesellschaft Lorenz' den Park angesehen, der sein Heim umgab. Uralte Eichen und Buchen, die wohl dreihundert bis vierhundert Jahre alt sein mochten, bildeten die nächste Umgebung seiner Villa; auf den Beeten und Rabatten blühten Rosen, Hyazinthen, Tulpen und all die Gartenblumen seiner Zeit. Weiter entfernt von der Villa erhoben fremdländische Bäume ihre hohen, oft seltsam geformten Kronen, und auf den Beeten blühten Blumen, die Lorenz mit staunender Verwunderung betrachtete, Blumen von sonderbarem Aussehen und oft schwerem, fast betäubendem Dufte. Alle Erdteile hatten beigesteuert, diesen herrlichen Garten zu schmücken. In gewundenem Lauf durchzog ein fast fünf Meter breiter Bach, den zierliche Holz- und Steinbrücken übersetzten, den Park. Er mündete in einen riesigen Teich, der von Wassergeflügel aller Art, von Gänsen, Enten, Kranichen, Reihern und Schwänen belebt war, die nicht die mindeste Scheu zeigten, sondern in Scharen herankamen, um Futter zu erbetteln, Der Diener hatte in einem Korbe kleine Brote mitgenommen, der Professor und Lorenz warfen den Vögeln die Stücke zu, und ein lustiger Kampf begann unter dem Federvieh; schreiend und kreischend und mit den Flügeln schlagend, zankten sie sich um die Futterstücke. Der Professor unterhielt sich ganz ausgezeichnet, Lorenz machte humoristische Glossen, und so vergingen den beiden zwei Stunden wie im Fluge. Nach dem Mittagmahl, das ganz vorzüglich zubereitet war und den beiden ausgezeichnet mundete, waren der Professor und Lorenz eine Weile allein geblieben. Der Professor war in ausgezeichneter Laune. »Na, Lorenz, was sagen Sie zu dem Heim, das man uns bereitet hat; sind Sie zufrieden?« fragte er den Getreuen. »Es ist sehr hübsch hier«, antwortete Lorenz, »und ich kann jetzt schon sagen, daß es mich durchaus nicht reut, das Experiment gemacht zu haben. Die Unterkunft, die Kost und die Behandlung seitens dieser Automaten läßt wirklich nichts zu wünschen übrig. An vieles werden wir uns wohl erst gewöhnen müssen.« »Zum Beispiel?« fragte der Professor. »Daß es hier lauter gleiche Gesichter gibt, das macht einem außerordentlich bang, und angezogen sind auch alle ganz gleich.« Er schüttelte unwillig den Kopf. »Sie müssen in der Fabrik ein Muster haben. Wenn wir einmal zwei oder drei Jahre hier gewesen sind, wird die Geschichte anfangen, fad zu werden.« »Ich glaube, Lorenz, wir werden uns daran gewöhnen«, begütigte der Professor, »auf jeden Fall scheinen die Homunkuliden sehr ruhige, leidenschaftslose Herren zu sein!« »Das mag sein«, meinte Lorenz, »ich hab' den Automaten, der mit mir im Park war, gefragt, ob er tarockieren kann. Er sagte, nein; er kann auch Pikett und Preference nicht – und zuletzt hat er mir gesagt, daß Kartenspiele nicht geduldet werden. Eine schöne Gegend das! Schach wird hier gespielt und Dame, und Bewegungsspiele machen sie, und das auf Befehl der Regierung, damit ihre Gliedmaßen in gutem Stand bleiben. Wie ich beim Militär war, hab' ich auch Bewegungsspiele machen müssen, damit meine Scharniere nicht einrosten. Und als ich ihn fragte, ob ein Wirtshaus in der Nähe sei, sah er mich groß an, und ich mußte ihm dann des langen und breiten erzählen, was ein Wirtshaus sei. Denken Sie sich nur, Herr Professor, hierzulande gibt es nicht einmal Wirtshäuser!« »Nun, das wird mich nicht besonders stören«, sagte lächelnd der Professor. »Und auch sonst hat mir der Automat Merkwürdiges erzählt: Wie ich ihn fragte, wer in diesem Park aufpassen müsse, damit keine Blumen abgerissen werden oder daß die Leute und die Hunde nicht auf dem Rasen herumtreten, so sagte er mir, daß dazu gar niemand bestellt sei. Ich sagte ihm dann, daß da der Park bald recht schön aussehen werde, er aber sagte ganz ruhig, nein; so was komme bei ihnen nicht vor, bei ihnen wüßten es alle Leute, daß die Wege und nicht der Rasen zum Gehen gehören und daß zum Niedersetzen die Bänke da seien. Und wenn etwas gestohlen wird? fragte ich dann. Und da erzählte er mir, daß es das auch nicht gibt – wer sollte stehlen, wenn die Leute alles haben, was sie brauchen?« »Und wenn die Leute nicht mehr wünschen, als sie brauchen«, fiel der Professor ein. »Und hat man so etwas schon gehört, daß es da keine Polizei gibt, die auf die Leute aufpaßt! Was tun die, wenn einer arretiert werden soll? Und Gerichte soll's auch keine geben! Was tun denn da die Advokaten? Es ist eine sonderbare Welt, in die wir hineingeraten sind. Ich hab' mich mit dem Automaten recht schwer gesprochen, er hat mich und ich hab' ihn nicht verstanden!« Der Professor tröstete Lorenz, das sei wohl der geringste Mangel eines Landes, wenn es keine Polizei gebe, übrigens müßten doch Aufsichtsorgane vorhanden sein – er versprach, den Freund Plato darum zu fragen. »Und eine Frage müssen Herr Professor noch erlauben!« »Nur zu, Lorenz, wenn ich sie beantworten kann! Mir ist aber selber alles fremd da.« »Wer da für uns zahlt, denn unser Geld wird nichts gelten, wo sie da gleich die Zimmer mit Gold dielen können, weil das Gold so wohlfeil ist – und ich glaube, in diesen Ländern gibt es gar kein Geld, das haben sie auch schon abgeschafft!« »Es scheint so zu sein, Lorenz, aber darüber werden wir uns vorläufig den Kopf nicht zerbrechen. Die Leute, die uns ein solches Heim und einen solchen Garten hergestellt haben, werden uns nicht verhungern lassen. Wir werden auf diese Frage bald Antwort haben, wahrscheinlich heute schon!« Der Professor begab sich in sein Arbeitszimmer, um in sein Tagebuch in Kürze die Vorfälle dieses an Ereignissen und Eindrücken so überreichen Tages aufzuzeichnen. Lorenz ging ebenfalls in sein Zimmer; er brannte schon vor Begierde, die dort auf dem Ständer aufgestellten Pfeifen zu versuchen. Das Resultat seiner Forschungen war ein höchst zufriedenstellendes. Der in einem prachtvoll verzierten Porzellangefäß aufbewahrte Rauchtabak erwies sich als ein Fabrikat erster Güte, und Lorenz genoß mit Entzücken die ersten Züge. Er setzte sich zum offenen Fenster und sah, behaglich schmauchend, in den Garten hinab. Seine Gemütsstimmung besserte sich zusehends, er begann allmählich, dieses Automatenvolk der Homunkuliden und seine sozialen und sonstigen Einrichtungen in einem freundlicheren Lichte zu betrachten. Schließlich, ein so ruhiges, behagliches Dasein, wie ihm hier in Aussicht stand, hätte er wohl vor zweitausend Jahren nicht zu erwarten gehabt. Und vielleicht war es doch möglich, sich so manche Annehmlichkeiten zu verschaffen, die bisher in diesem Lande nicht üblich waren. Er nahm sich vor, die beiden Diener, die er heute gesehen hatte, Tarock oder irgendein anderes amüsantes Spiel zu lehren, und hoffte, daß sich schließlich ein ganz annehmbares Verhältnis zwischen ihm und der anderen Dienerschaft herausbilden werde. Nur ein unangenehmer Gedanke störte ihn: ob ihm nicht die Regierung die Wiedereinführung der alten Sitten verbieten werde. Aus diesem Sinnen und Träumen riß ihn der Ton des elektrischen Glöckchens. Er stellte die Pfeife weg und eilte zu seinem Herrn. Im Arbeitszimmer traf er bereits Gesellschaft. Plato und Archimedes und ein Diener waren gekommen, um sie zu einer Spazierfahrt abzuholen. »Also, Lorenz«, begann gutgelaunt der Professor, »wir werden jetzt unsere Schlafstätte besuchen, unseren Pavillon!« Vor der Veranda hielt ein elegantes Automobil, das sich in seiner Bauart in der vorteilhaftesten Weise von den plumpen Vehikeln, wie sie noch im Jahre 1907 üblich waren, unterschied. Der Professor bewunderte den schönen Wagen und fragte erstaunt, wo denn der Motor angebracht sei, der ihn vorwärtsbewege. Dienstbeflissen trat der Chauffeur herzu und öffnete den Kasten unter dem Kutschbock. Der Professor erblickte darinnen einen Apparat, nicht halb so groß wie der Mechanismus einer Nähmaschine. »Dieses Maschinchen soll die Kraft haben, das Gewicht dieses Wagens plus dem Gewicht von fünf erwachsenen Personen vorwärts zu treiben?« fragte ungläubig der Professor. »Beruhigen Sie sich, Herr Professor«, nahm Archimedes das Wort. »Dieses Maschinchen hat noch eine zehnfach größere Kraft, es könnte nicht nur fünf, sondern weit mehr als fünfzig Personen vorwärts bringen.« »Womit wird die Maschine getrieben?« »Mit Elektrizität«, antwortete Archimedes. »Aber dann müssen Sie doch Akkumulatoren haben, und ich kann keinen Kubikzentimeter Raum entdecken, wo Sie diese aufstellen könnten.« »Akkumulatoren, Herr Professor, finden Sie nur noch in unseren physikalischen und technologischen Museen. Mit ihrer Verwendung in der Praxis ist es längst vorüber.« »Ich sehe aber auch keine Vorrichtung, mittels deren dem Wagen Elektrizität zugeleitet werden könnte?« fragte ungeduldig der Professor. »Die haben wir hier.« Archimedes wies auf den Rückteil des Automobils; dort befand sich ein ungefähr 40 Zentimeter langes und 30 Zentimeter hohes Gitter, das in die Rückwand eingelassen war. »Das ist die Leitung?« Kopfschüttelnd betrachtete der Professor das Gitter, das aus einem Metall von eigentümlich silbergrauer Farbe bestand. Dieses Metall war ihm gänzlich fremd. »Was für ein Metall ist das?« »Das ist Elektrum; es wurde im Jahre dreitausendvierzig entdeckt und besitzt die ausgezeichnete Eigenschaft, Elektrizität sozusagen aus der Luft aufzusaugen«, erklärte Archimedes. »Die Kraftquellen, aus denen unser Wagen gespeist wird, befinden sich weit außerhalb der Stadt; wir werden sie aber heute wenigstens aus der Ferne erblicken.« »Die Maschine dieses Wagens beruht also auf dem System der Funkentelegraphie«, sagte erstaunt der Professor, »und jenes Drahtgitter ist wohl der Empfänger, der die elektrischen Ströme, die die mir bisher unbekannte elektrische Kraftquelle aussendet, aufnimmt.« »Ganz richtig, Herr Professor, bei uns gibt es keine Drahtleitungen, die ja einesteils sehr kostspielig und andernteils sehr gefährlich werden könnten. Uns ist das Bild einer Stadt aus dem Jahre tausendneunhundertfünfundsechzig erhalten. Die Stadt sieht aus, als wenn ein ungeheures Spinnennetz all ihre Gebäude überzogen hätte. Diese häßlichen Drahtleitungen fehlen bei uns ganz; wir bedürfen ihrer weder zu unseren Telegraphen noch zu Telephon oder Lichtleitung und auch nicht zur Fortleitung von Elektrizität, die zum Betrieb von Motoren verwendet wird.« Die Herren bestiegen den Wagen, der Chauffeur drehte an einer Kurbel, und vollständig lautlos setzte er sich in Bewegung. Die Herren verspürten nicht das mindeste Stoßen oder Rütteln, und Lorenz versicherte mit leuchtendem Antlitz, niemals so angenehm gefahren zu sein. Sie fuhren am Ufer des Teiches vorüber, als plötzlich eine dunkle Wolke den Wagen und seine Umgebung in tiefen Schatten hüllte. Verwundert sahen der Professor und Lorenz auf und erblickten zu ihrem größten Erstaunen ungefähr in der Höhe von tausend Metern einen ungeheuren Apparat, der mit einer enormen Geschwindigkeit sich in der Richtung des Wagens nach vorwärts bewegte. Nach wenigen Minuten war der seltsame Meteor in der Ferne verschwunden. »Was ist das...?« fragten fast gleichzeitig der Professor und Lorenz. »Das hat man wohl zu Ihrer Zeit nicht gekannt?« sagte Plato. Die beiden Herren sahen noch immer mit größtem Staunen nach der Richtung hin, in der dieser sonderbare Himmelskörper verschwunden war. »Das ist ein Aeronaut, ein Luftschiff.« »Ein Luftschiff!« sagte fast tonlos der Professor. »Ein Luftschiff!« rief Lorenz aus. »Also haben Sie das auch schon erfunden.« »Ach, das wurde schon vor tausend Jahren erfunden. Zu einer wirklich praktischen Verwendung kam die Erfindung erst nach dem Jahre dreitausendvierzig, nach der Entdeckung des Elektrums.« »Dieser ungeheure Apparat wird also auch mittels Elektrizität getrieben!« rief erstaunt der Professor aus. »Sehr richtig«, antwortete Archimedes; »das hatte man schon früher versucht, aber jeder Versuch mußte mißlingen, so lange man kein Mittel kannte, dem in einer Höhe von tausend bis zweitausend Metern über der Erde schwebenden Luftschiffe die bewegende Kraft direkt, ohne Drahtleitung, zuzusenden. Die Akkumulatoren vermehrten das Gewicht des Schiffes derart, daß es ihm nicht möglich war, sich in die Luft zu erheben. Unsere derzeitigen Aeronauten werden von einer Maschine getrieben, die kaum das Gewicht von hundertzwanzig Kilogramm besitzt; diese Maschine ist aber imstande, die mächtigen Flügel der Luftschraube in der Sekunde sechsmal um ihre Achse zu drehen. Dieses Automobil läuft, wie Herr Professor bemerken, sehr ruhig, und doch ist sein Gang nicht zu vergleichen mit der angenehmen Ruhe, mit der ein Luftschiff sich durch sein Element bewegt. Die Passagiere spüren auf seinem erzenen Bord keinen Ruck, keinen Stoß; in ihrem Zimmer könnten sie sich nicht ruhiger befinden, und doch legt der Aeronaut in einer Stunde bis zu zweihundert Kilometer zurück.« Unter solchen Erläuterungen näherte sich der Wagen dem Ausgang des Parkes und fuhr auf die Straße hinaus. Sie fuhren wie in einer Cottageanlage zwischen Gärten hindurch, die mit ihren dicht belaubten Kronen weit über die hübschen Eisengitter hinausragten und das Trottoir in angenehmster Weise beschatteten. So viel man sehen konnte, waren die Häuser nicht über ein Stockwerk hoch. Es waren richtige Glashäuser mit so riesigen Fenstern, daß die Zwischenräume zwischen den einzelnen kaum zwanzig Zentimeter breit waren. Diese Häuser erinnerten Lorenz an Vogelkäfige, wie sie vormals üblich waren, aus einem Drahtgerippe bestehend, das als Halt für die geschliffenen Glasplatten, die die Wände des Käfigs bildeten, diente. Er sprach seine geziemende Verwunderung aus. »Luft und Licht sind die wichtigsten Faktoren zur Erhaltung der Gesundheit. Das wichtigste Gut des Homunkulidenstaates sind die Homunkuliden selbst, und die größte Sorge unseres Staates besteht auch darin, ihnen alles, was zum Leben und zur Gesundheit dienlich ist, in reichster Fülle zu beschaffen. Mit Schaudern lesen wir oft, wie die Menschen zu Ihrer Zeit wohnten, in licht- und luftlosen, oft von giftigen Miasmen erfüllten Wohnungen, besser gesagt in Höhlen, die eher für ein Raubtier als Menschen gepaßt hätten. Bei uns wohnt kein Haustier so schlecht, wie bei Ihnen Menschen wohnten.« »Da werden die Homunkuliden nur selten von Krankheiten befallen werden?« fragte der Professor. »Man kann sagen: niemals! Ansteckende Krankheiten, krebsige Entartungen kommen überhaupt nicht vor, was seinen hauptsächlichen Grund wohl darin hat, daß die Homunkuliden eben keine Menschenkinder sind, die, wie Sie ja wissen, nur zu oft die Keime und Anlagen zu den fürchterlichsten Krankheiten schon im Mutterleibe empfangen haben. Unsere Homunkuliden sind weit besser daran als die Menschen von einst, und ich glaube kaum, daß es einen Homunkuliden gibt, der sein Dasein mit dem eines Weibgeborenen tauschen würde!« Man merkte es, Plato war sehr stolz, ein Homunkulide zu sein. Lorenz fiel es auf, daß das Automobil trotz der raschen Fahrt so wenig Staub verursachte. »Wir haben eben ein ideales Straßenpflaster, und da bei uns Zugtiere gänzlich fehlen, so ist die Verunreinigung der Straßen geringfügig. Die Straßendecke besteht zum großen Teile aus einer dem Kautschuk ähnlichen Substanz, die sich unter dem Einfluß der Witterung fast gar nicht verändert und unter den Rädern unserer Fahrzeuge und unter den Sohlen der Homunkuliden wenig abnützt. Der Regen macht unsere Straßen nicht kotig, und Hitze und Sonnenbrand machen sie nicht staubig, ein Umstand, der viel sanitäre Übelstände ausschließt.« Verschiedene Wagen fuhren an ihnen vorüber, die Insassen grüßten sehr förmlich, kaum, daß irgendeiner der Homunkuliden einmal nach ihnen den Kopf wendete, obwohl doch die beiden Fremden ihre Aufmerksamkeit erregen mußten. Eigentümlich berührte die große Ruhe auf der Straße, kein Wagengerassel, kein Rufen und Schreien von Leuten, die Waren feilboten. In bestimmten gleichmäßigen Intervallen fuhren auch große Wagen vorbei, die augenscheinlich gleich einer Tramway zur Massenbeförderung dienten. Sie waren aber weit eleganter eingerichtet als die entsprechenden Vehikel früherer Zeit. Plato bestätigte auf Befragen die Meinung des Professors, und dabei stellte sich heraus, daß die Benützung der Fahrmittel den Homunkuliden durchaus keine materiellen Opfer auferlege. Diese Einrichtung erregte das Wohlgefallen Lorenz', und als er hörte, daß auch die Benützung eines Luftschiffes mit keinerlei Kosten verbunden sei, sprach er in warmen Worten seine Bewunderung der Einrichtungen aus und erbat sich vom Professor die Erlaubnis, baldigst einen Ausflug auf das Luftmeer zu unternehmen, worauf Archimedes mitteilte, daß jederzeit ein Separat-Aeronaut den Herren zur Verfügung stehe. In diesem Augenblick bog der Wagen in eine Straße von fast doppelter Breite als die vorher befahrene ein. In der Ferne zeigte sich ein Höhenzug, dessen Rücken von mächtigen Gebäuden gekrönt schien. »Sehen Sie, Herr Professor, dort oben sind die Apparate aufgestellt, die die Stadt mit Luft, Wärme und Elektrizität versorgen«, erklärte Archimedes. Der Professor sah nach den fernen Mauerreihen, die im Sonnenlicht seltsam gleißten und funkelten. Er glaubte zuerst, dies sei eine Folge davon, daß die Häuserfassaden der Homunkuliden fast nur aus Glas bestehen, aber Archimedes erklärte, daß diese schimmernden Reihen dort oben nichts anderes als fast zweihundert Meter hohe, aus Elektrumdrähten bestehende Gitter seien, die jede Spur atmosphärischer Elektrizität aufsaugen können. Hin und wieder leuchtete aus der blinkenden Reihe eine Wand heraus, die aus blankem Kupfer zu bestehen schien. »Das sind die Vorrichtungen«, erläuterte Archimedes, »die Sonnenlicht und -wärme in Elektrizität verwandeln. Diese Werke, vor zweihundert Jahren erbaut, genügen noch heute dem Bedarfe der Stadt und ihrer Umgebung.« »Das müssen ja Riesenströme von Elektrizität sein, die von dort ausgehen«, meinte der Professor, »da werden wohl auch die Unfälle durch Starkstromleitungen nicht so selten sein?« »Seit ungefähr dreißig Jahren ist kein solcher Unfall vorgekommen, Drahtleitungen haben wir nicht mehr, und so sind im allgemeinen Unglücksfälle ausgeschlossen«, teilte Archimedes mit. »Jedes Haus und jedes industrielle Etablissement hat seinen sogenannten Empfänger, wie einen solchen unser Automobil trägt. Dieser Empfänger ist zumeist auf dem Dach angebracht, absolut sichere starke Drahtleitungen gehen von ihm zu allen Heiz-, Licht- und Kraftapparaten! Wir werden diese Anlagen seinerzeit genau besichtigen, und es wird mir ein großes Vergnügen sein, Ihnen jedes Detail zu erklären.« In diesem Augenblick hielt das Automobil vor einem riesigen Gittertor. »Wir sind angelangt, Herr Professor«, sagte Plato, »jetzt haben wir Gelegenheit, Sie aus der Zeit, in die Sie an diesem Morgen eintraten, wieder in jene zurückzuführen, die Sie vor zweitausend Jahren verlassen haben!« Die Herren verließen den Wagen, Plato schritt voran. Sie traten in einen Park, der eigentlich besser ein Urwald genannt werden konnte. Das waren mehr als tausendjährige Bäume, die da ihre Riesenkronen ausbreiteten. Unter den Kronen war es fast nachtdunkel, durch das dichte Blattgewirr fand kein Lichtstrahl den Weg auf den moosigen Boden. »Herr Professor«, begann Plato, »das sind jene Bäume, die man vor zweitausend Jahren um den Pavillon herum gepflanzt hat. Ihrem Volke und den Völkern, die an seine Stelle getreten sind, ward dieser Park ein heiliger Hain. Mochten ringsum die Stürme der gewaltigsten Kämpfe toben, mochten Ströme von Blut fließen, an diese Riesen wagte sich keine frevelnde Hand. Wie eine Sage lebte in allen Völkern die Erinnerung, daß in dem steinernen Hause inmitten dieses uralten Haines zwei Menschen beherbergt seien, die aus grauer Vorzeit her einer glücklicheren Zeit entgegenschlummern. Diese Stätte ward aus einem National- und Staatsheiligtum ein Heiligtum der gesamten Menschheit. Die Völker Asiens haben diese Stätte ebenso treu gehegt als Ihr eigenes Volk; die Inschrift im Pavillon, die Ihre Tat und Ihren Willen verkündete, ward zum Gesetz für alle, die das wechselnde Schicksal der Völker hierher sendete. Wie zu einem Heiligtum pilgerten zu dem steinernen Pavillon die Besten aller Nationen, und so hat die Bewunderung Ihrer Heldentat Sie, meine Herren, besser geschützt als steinerne Mauern, als irgendeine Gewalt Sie schützen konnte. Es war eine Zeit gekommen, in der die Erkenntnis des Großen und Erhabenen übermächtig in allen Herzen geworden war. Dieser Erkenntnis, Herr Professor, haben wir auch das Glück zu verdanken, Sie in unserer Zeit begrüßen zu können!« Stumm reichte der Professor beiden Herren die Hand; er war so ergriffen, daß er kein Wort herausbrachte. Hier drängte sich vor zweitausend Jahren die Menge, hier nahmen seine Kollegen von ihm Abschied – von all den Tausenden war heute keine Spur mehr vorhanden. Eine lange Weile stand er da – eine Welt von Gedanken wälzte sich in seinem Gehirn. Da fiel ihm ein, daß aus jener ewig weiten Ferne ihm kein Genosse geblieben sei als sein getreuer Lorenz. »Mein lieber Lorenz, an dieser Stätte empfinde ich die Größe der Tat, die Sie mir zuliebe wagten«, sagte er, legte beide Hände auf seine Schultern und sah ihm in die treuen Augen, die feuchtschimmernd glänzten. Lorenz wendete sich ab. »Was hab' ich weiter getan, Herr Professor«, erwiderte stockend Lorenz, »als zweitausend Jahre zu verschlafen. Mir kommt es vor, als hätte ich mich erst gestern niedergelegt...« Die Herren Plato und Archimedes hatten diesen Gefühlsausbrüchen mit vielem Respekt zugehört. Der Professor und Lorenz schüttelten sich schweigend die Hände, als ein dritter Homunkulide achtungsvoll grüßend zu ihnen trat. Der Professor begrüßte ihn mit einer Verbeugung. »Lessing«, stellte Plato den neuen Herrn vor. »Ich hoffe, daß der Herr Professor heute meine Dienste benötigen werden. Ihr Pavillon hat den Kunstforschern unserer Tage vielen Aufschluß gegeben. Das Bauwerk wurde wie kein anderes vollständig erhalten, so daß wir daran ersehen konnten, wie es mit der Kunst Ihrer Zeit stand«, meinte der gelehrte Herr. Unter Vorantritt Platos wandelte die Gesellschaft weiter. Bald standen sie vor dem Pavillon. Wenn man dachte, daß seit seiner Erbauung zweitausend Jahre verflossen waren, so mußte man staunen, wie gut erhalten das Bauwerk war. Wohl war das Mauerwerk grau geworden, das Schieferdach mit Moos bedeckt, aber die Figuren auf den Simsen, die Kapitäle der Säulen schienen wenig unter dem Einfluß der Witterung gelitten zu haben. »Wir haben durch Jahrhunderte hindurch sorgsam alle Schäden ausgebessert, die Wind und Wetter an dem Bauwerk verursachten, und dabei getrachtet, alles wieder getreu in seiner ursprünglichen Form herzustellen. Heute noch bewundern die Homunkuliden diesen Bau, und die Männer, die ihn geschaffen haben, zählen wir zu den berühmtesten Baumeistern der Vorzeit!« Sie betraten das Innere des Pavillons, dessen Einrichtung und Schmuck ebenfalls ganz unverändert geblieben waren. Aber die Bücher, die einst die Schränke gefüllt hatten, fehlten. »Wir haben sie alle in Ihrem Arbeitszimmer aufgestellt«, erklärte Lessing, »nur die Einrichtungsstücke, Schränke, Tische und die Betten haben wir hier gelassen.« »Es muß wohl als ein Wunder betrachtet werden«, begann Plato, »daß die Riesenstürme der Zeit, die über dieses Haus hinwegfegten, nicht alles zerstörten.« »Eine gefährliche Geschichte war es jedenfalls«, warf Lorenz ein. »Wie leicht hätte so ein asiatischer oder malaiischer Seeräuber – oder sonst so ein wilder Kerl kommen und uns im Schlafe erstechen, erwürgen oder erschießen können! Mich gruselt jetzt, wenn ich daran denke. Es war sehr gefährlich.« Er schüttelte sinnend das Haupt. »Beruhigen Sie sich, Herr Lorenz! Es waren treue Wächter da. Nachdem Sie eingeschlafen waren, hatte die Regierung schon Personen bestellt, denen die Verwaltung des Hauses übergeben war. So war's ja ausgemacht. Ein Kollegium von Ärzten besuchte Sie täglich dreimal, um im Falle einer Veränderung Ihres Zustandes sofort helfend eingreifen zu können. Alle nachfolgenden Regierungen haben diese Verpflichtung übernommen, an Ihren Betten, meine Herren, wachten Vertreter aller Völkerschaften, Russen, Kosaken, Inder, Chinesen, Japaner.« »Wie kommt es aber, daß wir nicht in demselben Raume erwachten?« fragte der Professor. »Vor zweihundert Jahren stellte sich die Notwendigkeit heraus, Sie in einen anderen, der Gesundheit minder nachteiligen Raum zu übertragen. Die das Dach des Pavillons weit überragenden Riesenkronen hemmten schon fast vollständig die Zufuhr frischer Luft. Es begannen sich nasse Flecken an den Mauern zu zeigen. Aber erst nach langwierigen Verhandlungen im Parlament konnte die Überführung Ihrer Personen in einen hygienisch besseren Raum durchgeführt werden. Es wurde dann jener Bau aufgeführt, in dem Sie erwachten. Er war in kaum zwei Jahren fertig. Mit Ihnen brachte man sämtliche Bücher, Schriften, Bilder, kurz alle Dinge, die in dem Pavillon hätten verderben können, dahin. Das Parlament bewilligte dazu einstimmig alle geforderten Mittel und hat alle Schutzgesetze, die sich früher nur auf den Pavillon bezogen, auf das neue Gebäude ausgedehnt. Ja, man bestimmte Ihnen sogar eine eigene Leibgarde, und Tag und Nacht wurden Sie von nun an bewacht, bis endlich der Tag herankam, an dem Sie Ihrem eigenen, dokumentarisch verbürgten Wunsche nach zu einem neuen Leben in einer neuen Zeit erwachten!« Es war Abend geworden. Auf den Fenstern der Westseite des Pavillons lag noch ein schmaler Streifen des hellen Sonnenlichtes. In den hohen Raum aber zog schon die graue Dämmerung, die Gegenstände im Zimmer bekamen schon undeutliche Konturen, die Messingstangen am Bette des Professors glänzten sonderbar im Scheine der scheidenden Sonne. Das hohe Gemach bekam ein fast unheimliches Aussehen. Lorenz wurde zumute, als sähen aus allen Ecken und Enden die Gespenster zweier Jahrtausende auf ihn, verzerrte Gesichter von Russen, Kosaken, Chinesen, Persern und Japanern, die einst in den blutigen Kämpfen, die um das uralte steinerne Haus getobt hatten, gefallen waren. Er drängte zum Aufbruch. »Herr Professor, wir können froh sein, daß wir da draußen sind«, sagte er, »mich fängt's ordentlich zu gruseln an. Wenn wir da munter geworden wären, wenn gerade eine Menge so gelbgesichtige, schlitzäugige Kerle uns angestarrt hätten... Ich für meinen Teil, ich hätte die Fraisen gekriegt. Eine gefährliche Geschichte war's doch... Ich hab' einmal ein Gedicht gelesen, da ist einer über den Bodensee geritten, als er gefroren war, weil er gemeint hat, es sei fester Boden allweil unter ihm, und wie sie's ihm dann sagten, ist er vor Schrecken gestorben. Wenn die Geschichten so weiter gehen, da werd' ich in der neuen Zeit auch kein ganzes Jahr verleben.« Die Herren verließen die unheimliche Stätte. Als sie draußen in der dämmernden Urwaldwildnis standen, die den Pavillon umgab, merkte der Professor, daß die Türen nicht abgesperrt wurden. Und auch als sie aus dem Parke traten, schloß niemand die hohen Gittertore ab. »Der Pavillon ist Ihnen wohl kein Heiligtum mehr?« fragte der Professor. »Er ist es noch – und ich glaube, er wird es noch in undenklichen Zeiten sein!« »Dann wird der Pavillon wohl sehr gut bewacht?« »Bewacht? Wer sollte ihn bewachen? Wir Homunkuliden sind der Meinung, daß Heiliges sich selbst beschützt.« Plato zog dabei ein höchst sonderbares, fast frozzelndes Gesicht. »Wer sollte diese Stätte stören? Diebe gibt es bei uns nicht. Denn wer sollte etwas stehlen? Was einer im Leben braucht, das hat er... Daher fehlen bei uns alle Einrichtungen zum Schutze des Eigentums. Wir haben keine Polizei und keine Gendarmen.« »Bei Ihnen können die Schlosser verhungern«, sagte Lorenz. Als die Herren das Automobil zur Rückfahrt bestiegen und der Chauffeur schon die Kurbel drehen wollte, gab plötzlich ein Homunkulide, der auf der anderen Seite der Straße stand, mit hochgehobenem Arm ein Zeichen. Sofort hielt der Chauffeur an. Ein sonderbarer Wagen kam daher, der fast die ganze Straße sperrte. »Ein Straßenreinigungswagen«, erklärte Archimedes. Man hörte nur ein leises, summendes Geräusch, als der Wagen vorüberrollte. Hinter ihm erschien die Straße so spiegelblank wie der Boden eines vornehmen Tanzsaales. »Das heiße ich genaue Arbeit«, sagte verwundert Lorenz. »Schade, daß man das nicht zu unserer Zeit schon kannte!« »Zum mindesten haben Sie doch Straßenpolizei«, bemerkte der Professor, »denn der Herr, der uns da drüben ein Zeichen gab, ist doch sicher ein Mitglied derselben.« »Sagen wir besser, ein Schutzmann, Herr Professor. Es sind nur Aufsichtsorgane, die die Pflicht haben, alle Vorkehrungen zu treffen, um ein Unglück zu verhüten. Das gehörte ja, so weit ich die Einrichtung des Polizeiwesens bei Ihnen kenne, auch zu den Agenden Ihrer Polizei. Nur konnten Ihre Schutzleute sich dieser wichtigsten Pflicht nicht mit der genügenden Aufmerksamkeit und Ausdauer widmen, da sie viel zu viel mit anderen Sachen in Anspruch genommen waren. Da sich Ihre Regierungen zumeist im Gegensatz zur Bevölkerung befanden, mußte die Polizei viel mehr zum Schutze der Regierungen als zum Schutze der Bevölkerung dienen. Wir verstehen Ihre Zeit wohl viel zu wenig, bei uns ist alles so gründlich anders, als es bei Ihnen war, und wir haben uns in die nun schon seit Hunderten von Jahren bestehende Ordnung der Dinge so gewöhnt, daß wir uns Ihr Leben und Ihre sozialen Einrichtungen gar nicht vorstellen können!« Trotzdem es schon ziemlich spät am Abend war und man am dunklen Himmel schon die Sterne sehen konnte, war es in den Straßen so licht wie in einer hellen Vollmondnacht. Vergebens sahen sich der Professor und Lorenz nach der Quelle dieses seltsamen und doch so angenehmen und milden Lichtes um. Sie konnten weder Bogen- noch Glühlampen entdecken. »Es ist dieselbe Einrichtung wie in Ihren Zimmern, Herr Professor«, begann Archimedes. »Die Häuserfronten, die Gesimse sind mit derselben Substanz bestrichen wie die Decke Ihrer Zimmer, fangen unter dem Einfluß der elektrischen Ströme am Abend zu flimmern und zu leuchten an und erhellen die ganze Stadt, bis am Morgen die Sonne wieder ihr uraltes Beleuchtungsamt übernimmt,« »Da erspart die Stadt ja eine Menge Personal, der Magistrat braucht keine Lampenputzer und keine Laternenanzünder«, sagte bewundernd Lorenz. »Sehen Sie, Herr Lorenz, das ist wieder so eine Redensart, die ich absolut nicht verstehen kann. Wir ersparen Arbeiter, meinen Sie? Nein, umgekehrt, alle Einrichtungen zielen darauf ab, den Arbeitern Arbeit zu ersparen!« »Das ist schön von Ihrem Magistrat; wenn mich der Herr Professor nicht mehr behalten will, dann lasse ich mich bei ihm anwerben!« sagte Lorenz. Mächtige Bogenlampen, die aber ein wunderbar sanftes Licht ausstrahlten, erhellten die Wege durch den Park. Als das Automobil auf dem freien Platz vor der Villa anlangte, bot sich den Herren ein geradezu feenhafter Anblick. Das Gebäude stand schimmernd wie ein von Geistern erbauter Palast auf dem blumengeschmückten Hügel, die Wasserstrahlen des großen Springbrunnens spielten in allen Farben des Regenbogens. Lorenz hatte die Arme in die Hüften gestemmt und starrte entzückt auf den schimmernden Bau. »Das heiß' ich eine Illumination«, sagte er. »Schade, daß wir das nicht den Herren von der Akademie der Wissenschaften zeigen können«, sagte Lorenz. »Die würden Augen machen!« Der Professor nickte. Schweigend schritt die Gesellschaft hinan zum Schlosse, Im Speisezimmer war bereits gedeckt. Die servierten Speisen waren vortrefflich, doch verlief das Mahl nicht besonders animiert. Der Professor war ziemlich wortkarg, die Eindrücke dieses ersten Tages bei den Homunkuliden hatten ihm derartige seelische Strapazen bereitet, daß er sich ermüdet nach Ruhe sehnte. Auch Lorenz war einsilbig, all das Ungeahnte und Fremde, das ihn hier umgab, verstörte ihn mehr, als es ihn befriedigte. Er hätte weiß Gott was dafür gegeben, wenn er jetzt das kleine Stammgasthaus, wo einst – ach vor 2000 Jahren – Wetti als Köchin gewaltet hatte, hätte aufsuchen können. Nach einer halben Stunde entfernten sich die Herren. »Das also war der erste Tag...!« sagte aufatmend der Professor. »Wissen Herr Professor«, fragte Lorenz, »was ich jetzt tun möchte?« »Nun?« »Ich möchte der Wetti schreiben, wie es da aussieht, und meinen guten Freunden. Die möchten Augen machen!« Drittes Kapitel. Der erste Morgen im Reiche der Homunkuliden. Das Zeitungswesen anno 3907. Ein Besuch bei Gelehrten. Die Altersversorgung der Homunkuliden. Ein wunderbarer Morgen war angebrochen. Der Herr Professor war mit einem Gefühl unbeschreiblichen Wohlbehagens erwacht. Er drückte auf den Taster, um Lorenz herbeizurufen. Aber statt seiner trat mit einer tiefen Verbeugung ein Homunkulide herein, die Kleider des Herrn Professors tragend. »Der Herr Professor befehlen?« fragte er. »Guten Morgen, mein Herr, wo ist Lorenz?« »Herr Lorenz sieht zum Fenster hinaus und raucht seine Pfeife!' »Der macht's gut, warum kommt er nicht, wenn ich ihn rufe?« »Diese Leitung, Herr Professor, führt nicht in sein Zimmer. Wenn Herr Professor etwas befehlen, wir sind angewiesen – – –« »Nein, nein«, unterbrach der Professor den dienstbereiten Homunkuliden, »da würde Lorenz schwer gekränkt sein, das geht nicht an, ich danke und bitte, rufen Sie mir sofort Lorenz herein!« Der Homunkulide ging. Nach kurzer Zeit betrat Lorenz das Gemach. »Na, wie haben Sie geschlafen?« fragte der Professor. »Danke, Herr Professor, es geht an; ich habe geträumt, daß wir in dem Luftschiff fahren. Es war eine sehr angenehme Fahrt. Die ganze Stadt sah aus, als hätte sie ein Kind aus einer Spielwarenschachtel zusammengestellt. So klein alles. Dann hab' ich unser Haus gesehen und die Gasse und das kleine Wirtshaus an der Ecke, und alle Gäste sind auf der Straße heraußen gestanden und haben zu uns hinaufgeschaut. Und mitten unter ihnen stand Wetti und winkte mit ihrem Sacktuch. Da hab' ich den Kapitän gebeten, das Schiff hinunterzulassen, und er tat es, als aber das Schiff auf der Erde aufplumpste, da wachte ich auf, ich hatte mir in meiner Freude den Kopf am Nachtkästchen angeschlagen.« »Das ist bös'«, lachte der Professor. »Und wie ich dann munter war, hab' ich mich angezogen und mir die Pfeife gestopft. Auf einmal kommt ein Homunkulide herein und fragt, was ich befehle, ich hätte ihn gerufen. Da stellte sich heraus, daß ich den Tabakkasten auf einen elektrischen Drücker gestellt hatte. Denken Sie sich nur, Herr Professor, der Homunkulide sagte, er sei mein Diener! Und er hat sich's nicht nehmen lassen, hat mir die Stiefel und den Rock weggenommen, und wenn ich nicht mit ihm raufen wollte, so mußte ich sie ihm lassen. Aber die Stiefel sind gut geputzt, alle Achtung, das hat er heraußen!« »Ja, Lorenz, Sie sind ein großer Herr geworden.« »Da mach' ich mir nichts daraus, vorläufig will ich Ihr Diener sein, ich will durch die zweitausend Jahre, die ich mit Ihnen verschlafen habe, nicht um meine Stellung kommen!« »So bringen mir Euer Hochwohlgeboren mein Frühstück!« »Sehr wohl, Herr Professor!« Auf dem Gange traf Lorenz einen Homunkuliden. Er ging mit ihm zur Küche. Dort hantierte ein behäbiger Koch in blütenweißer Leinentracht, das traditionelle weiße Barett auf dem Kopfe. »Das Frühstück für den Herrn Professor!« rief Lorenz. Im Namen seines Herrn strenge zu befehlen, hatte ihm noch immer Freude gemacht. »Ist bereits fertig«, sagte der Koch und wies in den Nebenraum. Auf einer langen Tafel in der Mitte lag ein kostbares Servierbrett. Ein Homunkulide stellte eben die Teekanne darauf. Lorenz musterte gewissenhaft all die Nahrungsmittel, die man für den Professor zusammengestellt hatte. Der Schinken und die Butter waren von unübertrefflicher Qualität. Der Koch kam herein und bot Lorenz Kostproben an. Er versuchte – und die Versuche fielen glänzend aus. Der Tee verbreitete einen entzückenden, belebenden Wohlgeruch. An Stelle des Kognaks stellte der Homunkulide eine feingeschliffene Flasche jener herrlichen Essenz hin, die Lorenz bereits kennen und lieben gelernt hatte. Er war so gerührt, daß er gnädigst erlaubte, daß ein Homunkulide das Teebrett in das Zimmer des Professors trage. Er ging natürlich mit. Der Professor lud Lorenz ein, am Frühstück teilzunehmen. »Für den Herrn ist bereits auf seinem Zimmer serviert«, sagte der Homunkulide. »Es ist schrecklich, wie ich in den zweitausend Jahren avanciert bin«, sagte Lorenz, »was ich nur alles erschlafen habe!« »Wenn Sie Ihr Frühstück zu sich genommen haben, kommen Sie zu mir!« »Sehr wohl, Herr Professor!« Lorenz ging und gab sich in seinem Zimmer mit vielem Vergnügen den Freuden des reichbesetzten Frühstückstisches hin. Als eben ein Homunkulide den Tisch abräumte, trat ein zweiter herein und überreichte Lorenz die Zeitung. »Ah, bravo!« sagte Lorenz. »So lob' ich's mir. Das heiß' ich eine Bedienung!« Er fing sofort an, das Blatt zu durchfliegen. Der Leitartikel und das Feuilleton hatten ihn niemals besonders gefesselt, er suchte sofort den lokalen Teil auf. Er fand einen einzigen Artikel, der ihn interessierte. Er berichtete über den Besuch des Professors Doktor Voraus und seines Kammerdieners im alten Pavillon sehr eingehend. »Ist das alles, was sie über uns zu sagen haben?« brummte er vor sich hin. Eine Unzahl von Nachrichten über Erdbeben, Meeresstürme aus allen Teilen der Welt, aber nur das nicht, was er so dringend suchte, kein Raubmord, kein Liebesdrama, keine Verhaftungen, keine Hinrichtungen! Die Rubrik Gerichtssaal fehlte gänzlich. »Ist das Ihre beste Zeitung?« fragte Lorenz den Homunkuliden. »Zum mindesten unser jüngstes Blatt, wie Sie sehen, sogar die erste Nummer einer neuerscheinenden Zeitung. Die einzige Zeitung, die in deutscher Sprache erscheint«, sagte der Homunkulide, »aber sie enthält so ziemlich alles, was sonst unsere Zeitungen enthalten!« »Ja, berichten Ihre Zeitungen nicht über Raubmorde, Diebstähle, Schwindeleien und Betrügereien...?« fragte Lorenz. Der Homunkulide zuckte die Achseln. »Nein, denn das gibt's ja nicht bei uns...« »Und Liebesdramen!« Da besann sich Lorenz – »Ja, richtig, da gibt's ja auch gar keine Weiber! – Aber Gerichte, die muß es doch geben«, setzte er fort, »man wird doch hierzulande Gerichte haben!« Der Homunkulide bekannte, von einer solchen Institution niemals etwas gehört zu haben, und behauptete zum größten Erstaunen Lorenz', daß es im ganzen Riesenreiche der Homunkuliden keine Gerichte gebe. Er mutmaßte, daß dies wahrscheinlich mit dem Mangel an Verbrechen zusammenhänge. »Ja, zum Kuckuck«, brauste Lorenz auf, »man wird doch hin und wieder die Ehre von jemandem beleidigen.« Der Homunkulide schüttelte den Kopf. »Ich habe noch niemals Ähnliches gehört«, sagte er. »Oder einer bleibt dem anderen etwas schuldig und will es partout nicht bezahlen?« forschte Lorenz weiter. Der Homunkulide bat Lorenz, sich etwas genauer auszudrücken. Er schien für derartige Verhältnisse nicht das mindeste Verständnis zu haben. Lorenz versuchte es, dem unverständigen Homunkuliden die Sache begreiflich zu machen. »Wenn sich einer von einem anderen fünf Kronen ausleiht und gibt sie nicht zurück, wo geht denn der Mann hin, daß er sie wieder kriegt?« »Das ist nicht möglich, daß sich jemand etwas ausleiht; Geld gibt es nicht, was einer braucht, hat er.« »Das ist eine lustige Welt!« sagte Lorenz. »Da gibt es keine Richter, keine Advokaten, keine Gerichte und keine Gefängnisse.« »Und keine Armenhäuser«, sagte der Homunkulide. Auch dem Herrn Professor war unterdes die Zeitung auf den Tisch gelegt worden. Plato hatte sie selbst gebracht. »Ah, das ist schön«, sagte der Professor, »eine Zeitung!« »Und ein ganz neues Blatt dazu, dessen erste Nummer erst heute erschienen ist«, sagte freundlich Plato, »ein Blatt in Ihrer Sprache, einzig für Sie und Ihre Umgebung gedruckt!« »Nein, nein, das ist zu viel, so kostspielige Rücksichten dürfen Sie nicht üben«, wehrte der Professor ab. »Die Homunkuliden dürfen sich das erlauben, ihnen stehen ja die Hilfsmittel einer ganzen Welt zu Gebote«, erklärte Plato. Der Herr Professor hatte sich bereits in das Blatt vertieft und las den ersten Leitartikel, der das große Ereignis des gestrigen Tages, das Erwachen des Professors aus dem zweitausendjährigen Schlafe, würdigte. Der Professor nickte zustimmend zu seiner Lektüre. »Sehr schmeichelhaft, das ist zu viel, sehr ehrenvoll.« Er legte das Blatt auf den Tisch. »Die Homunkuliden feiern mich wie einen Halbgott«, sagte er, »das ist viel zu viel Ehre wegen eines solch einfachen Experiments!« »Dieses Thema behandeln heute sämtliche Blätter unseres Reiches, es ist ja doch seit langen Jahren das größte Ereignis!« Auch der Herr Professor sprach seine Verwunderung über dieses Erzeugnis der Homunkuliden aus; der Mangel an Inseraten führte zu eingehenden Betrachtungen der sozialen Verhältnisse des Homunkulidenstaates. »Ihre Kaufleute inserieren gar nicht, ebensowenig Ihre Fabrikanten und Gewerbetreibenden?« fragte erstaunt der Professor. »Das haben sie nicht notwendig, es gibt ja keinen Privatbetrieb mehr, alles ist in den Betrieb des Staates übergegangen. Zu Ihrer Zeit, Herr Professor, gab es schon verschiedene Staatsmonopole – wenn ich nicht irre, Tabak, Salz und noch anderes. Hat jemals der Staat seine Tabaksorten, seine Zigarren, sein Salz in dem Inseratenteil Ihrer Blätter angepriesen? Nein, weil er keine Konkurrenz zu befürchten hatte! Und des Erwerbes wegen schafft heute niemand, ein Vermögen aufzuspeichern, trägt niemand Verlangen. Für wen sollte er das tun? Der Staat erwirbt für sich, und da die ganze Erde einen Riesenstaat bildet, so hat sich auch der Wettbewerb der Staaten untereinander aufgehört!« »Es ist alles so ganz anders, als es einst zu meiner Zeit war«, sagte der Professor, »und ich bin sehr neugierig, die Homunkuliden in ihren Behausungen und bei ihren Beschäftigungen kennenzulernen.« »Wenn Herr Professor wünschen, so können Sie noch heute vormittags Ihre Studien beginnen; wir werden das Zentrum der Stadt aufsuchen und Sie haben Gelegenheit, Wohnhäuser und Werkstätten zu sehen, die Ihnen manche Überraschung bereiten werden!« Der Professor erklärte sich zu dieser Spazierfahrt bereit. Aber eine andere Merkwürdigkeit, die der Zeitung eigen war, erregte eine lebhafte Auseinandersetzung. Der gleiche Mangel des Journals, der schon bei Lorenz so großes Befremden hervorgerufen hatte, verursachte auch dem Herrn Professor berechtigte Bedenken. »Über Gerichtsverhandlungen und so weiter zu berichten, ist bei Ihnen nicht üblich, wie ich bemerke; zum mindesten enthält diese Zeitung nicht eine einzige Nachricht darüber?« »Bei uns gibt es keine Verbrecher«, antwortete Plato. »Es kommen wohl Fälle vor, daß sich bei einem Homunkuliden Störungen zeigen, die man früher als Vergehen oder Verbrechen zur Ahndung den Gerichten angezeigt hätte; derartige Dinge werden jetzt bei uns anders behandelt. Wir übergeben solche Leute nicht der Polizei und den Gerichten, sondern Ärzten und den Spitälern!« »In manchen Fällen, besonders bei hochgestellten Personen, war das auch schon zu meiner Zeit üblich!« warf der Professor ein. »Ein solches Individuum kommt zumeist in die Fabrik zurück, aus der es hervorgegangen ist. Dort wird es genau untersucht, besonders werden sein Gehirn und sein ganzes Nervensystem genauestens studiert. Zum Zwecke der Untersuchung wird das Exemplar in den magnetischen Schlaf versenkt. Ist der entdeckte Konstruktionsfehler reparabel, so wird er in kürzester Zeit behoben – wir kurieren wohl unsere Verbrecher, aber wir bestrafen sie nicht!« »Wenn aber der Fehler sich als irreparabel erweist?« fragte der Professor. »Dann wird das Exemplar vernichtet«, sagte ganz ruhig Plato. »Also hingerichtet!« »Nein! Ein solches Exemplar liegt während der Untersuchung im tiefsten Schlafe; es fühlt nicht einen einzigen Handgriff des untersuchenden Arztes. Stellt es sich heraus, daß der Fehler seines Organismus nicht behoben werden kann, dann wird das Exemplar nicht mehr wieder aus dem Schlaf erweckt. Durch ein sehr einfaches Mittel, das man dem Kranken einflößt, wird sein Schlafzustand, für ihn unfühlbar und unbewußt, in den Zustand des Todes hinübergeleitet!« »Und kommen derartige Fälle häufig vor?« fragte der Professor. »Jetzt nicht mehr. Die Herstellung der Homunkuliden hat sich derart vervollkommnet, daß höchst selten ein fehlerhaftes Exemplar die Fabrik verläßt!« Der Herr Professor erinnerte sich, daß man schon zu seiner Zeit bestrebt war, für jedes Verbrechen eine pathologische Ursache zu finden. Nur wurde damals die Sache etwas einseitig betrieben; wenn ein armer Teufel aus Hunger einen Laib Brot stahl, nahm man meistens Verderbtheit des Charakters als Grund an, wenn Gräfinnen in Modewarenhäusern, ohne die Verkäufer aufmerksam zu machen, teure Seidenbänder und Spitzen einsteckten, so nahm man das für eine Folge eines psychischen Defekts, der Kleptomanie genannt wurde. Der Herr Professor überlegte, wie viele solche Kranke seinerzeit ungerecht in den Gefängnissen schmachteten und wie viele Verbrechen verhindert worden wären, wenn man den Verbrechern rechtzeitig den Magen gefüllt hätte. »Auch sogenannte politische Artikel fehlen gänzlich«, sagte er dann. »Aus dem sehr einfachen Grunde, weil der Stoff dazu gänzlich mangelt. Es gibt keine verschiedenen Völker, es gibt nur Homunkuliden.« »Und haben die Homunkuliden auch gar nichts von dem, was man zu unserer Zeit Religion hieß?« Plato sah dem Professor erst lange ins Gesicht. »Was zu Ihrer Zeit, Herr Professor, Religion hieß, das haben wir längst nicht mehr«, sagte er dann. »Sagen Sie mir, Freund Plato, wie wirkt der Gedanke an den Tod auf die Homunkuliden?« fragte der Professor. »Denn je schrecklicher einem das Ende des Seins, das Sterben erscheint, desto inbrünstiger klammert man sich an das Ewige...« »Für die Homunkuliden hat der Tod seine Schauer verloren. Wir kennen keine schmerzhaften, qualvollen Krankheiten. Wie ich Ihnen schon erzählte, werden jene Individuen, die irreparable Fehler aufweisen, auf einfache Weise vernichtet, sie können dem Staate nichts nützen und ihr Leben wird ihnen selbst nur zur Qual. Bei uns ist es verboten, jemanden mit unnützen Operationen in den Tod hinüberzuquälen. Wir Homunkuliden sind in der Weise menschlicher, als die Menschen es waren. Und an dem Sterbebette eines Homunkuliden trauert keine Gattin, weinen keine unversorgten Kinder...« »Auch keine Freunde?« warf der Professor ein. Plato zuckte die Achseln. »Freunde in Ihrem Sinne, Herr Professor, auch nicht. Wir sind in mancher Beziehung reicher, vielleicht in manch anderer wieder ärmer geworden... Auch der Gedanke an das Leben nach dem Tode bewegt nicht unsere Seele. Wir begnügen uns mit der Erkenntnis, daß die Kräfte, die in unserem Körper tätig und lebendig waren, daß die Stoffe, aus denen er aufgebaut ist, ewig sind.« »Sie sind Pantheisten?« fragte der Professor. »Ja, man kann es beinahe so nennen. Unser Gott ist die Natur. Hat doch die Erforschung des Wesens dieser Gottheit der Menschheit so unendlichen Segen gebracht! – Doch, Herr Professor, wäre es Ihnen nicht angenehm, die Fahrt in die Stadt zu unternehmen? Wir könnten einige Behausungen der Homunkuliden besuchen, die Ihnen manches aufklären werden!« Auch Lorenz ward zu dieser Spazierfahrt eingeladen. Als er, nach den Befehlen seines Herrn sich erkundigend, das Zimmer betrat, zeigte er ein höchst vergnügtes Gesicht. Er hatte seinem Homunkuliden einen Vortrag über die Zeitungen seiner Zeit gehalten und ihm erzählt, was die Blätter damals alles enthalten hatten. Dieser Vortrag hatte das größte Erstaunen dieses »Automaten«, wie Lorenz konsequent die Bewohner dieses Reiches nannte, hervorgerufen. »Sie sind aber gut gelaunt, Lorenz«, begrüßte ihn der Professor, »Sie scheinen sich hier sehr wohl zu befinden!« »Es geht an«, erwiderte Lorenz, »man muß sich aber in diese Leute hineingewöhnen, mein Automat...« Da traf ihn ein strafender Blick des Professors. »Lorenz!« »Sehr wohl, Herr Professor, aber...« »Machen Sie sich bereit! Wir unternehmen einen Ausflug in die Stadt«, schnitt der Professor die Erwiderung des Dieners ab. Eine Viertelstunde später bestiegen die Herren wieder den großen Kraftwagen, den sie schon gestern benützt hatten. Diesmal fuhr der Wagen in die entgegengesetzte Richtung und bog nach kurzer Fahrt in eine breite, prächtige Straße ein. »Ich werde Herrn Professor vor allem ein Wohnhaus der Homunkuliden zeigen«, sagte Plato, »und Sie zu einigen Kollegen führen. Leider wird sich die Unterhaltung sehr schwierig gestalten, da die Herren der deutschen Sprache nicht mächtig sind, ich werde als Dolmetsch fungieren!« »Ich habe aber bis jetzt nur Deutsch gehört«, sagte der Professor. »Sie selbst, Freund Plato, Archimedes, die Herren, die uns bedienen, selbst der Wagenlenker, sprechen Deutsch – und gerade meine Kollegen...« »Ja, verehrter Herr Professor, die Sache ist die, daß wir alle um Ihretwillen Deutsch lernten, damit Sie gleich beim Erwachen Leute finden, mit denen Sie sich verständigen können.« »Die Rücksicht, die Ihre Regierung gegen mich übt, ist so großartig, daß mir die Worte fehlen, um Ihnen darüber meine Freude auszudrücken. Ich werde mich revanchieren und hoffe, mit Ihnen binnen weniger Monate in Ihrer Sprache verkehren zu können.« Plato teilte während der Fahrt mit, daß die Hauptelemente aus der Homunkulidensprache japanischen Ursprunges seien und die beiden Herren ihre Sprache weit leichter und schneller erlernen dürften, als Plato, Archimedes und die anderen Homunkuliden, die man ihnen zuteilte, seinerzeit die deutsche Sprache erlernten. Die Grammatik der Homunkulidensprache sei das Einfachste, was es überhaupt auf diesem Gebiet gebe, und werde in ihrer Schlichtheit überhaupt nur von der Orthographie der Homunkuliden übertroffen, deren Grundprinzip darin bestehe, in einem geschriebenen Worte ja um keinen Buchstaben mehr oder weniger anzubringen, als das gesprochene Wort Laute habe. Der Professor sprach sein Bedauern darüber aus, seine Jugend nicht unter den Homunkuliden verlebt zu haben. Wie viele Stunden der Jugendzeit habe er opfern müssen, um seine Sprache genau so zu schreiben, wie es seinerzeit verlangt wurde! Der Wagen hielt vor einem großen Hause. Die Herren stiegen aus, Plato übernahm die Führung. »Dies ist die Wohnung mehrerer Gelehrten, wie Sie die Herren zu Ihrer Zeit genannt hätten.« »Auf diese Art von Automaten bin ich sehr neugierig«, bemerkte Lorenz. »Seien Sie doch ruhig!« wies ihn der Professor zurecht. Durch einen langen und sehr breiten, mit Marmortäfelungen versehenen Flur kam man in einen großen, einem Wintergarten ähnlichen Raum, in dessen Mitte aus einem Marmorbassin ein Springbrunnen seinen glitzernden Strahl zur Höhe sendete. Das Glasdach war zurückgeschlagen, der helle Sonnenschein erglänzte auf den Fenstern des zweiten Stockwerkes, an den Marmortischen in dem zweiten Raum saßen einzelne Herren mit außerordentlich dicken, großen Köpfen, die unablässig, ohne die Eintretenden zu beachten, an ihren Manuskripten arbeiteten, bald in einem der Foliobände nachsahen, die sie auf Sesseln, auf ihrem Tische aufgestapelt hatten. »Wer sind die Herren?« fragte flüsternd der Professor. »Gelehrte, und zwar Mathematiker«, antwortete Plato. »Was die für dicke Köpfe haben!« sagte bewundernd Lorenz. Der Professor mußte trotz seines Ärgers über den unpassenden Ausdruck seines Dieners lächeln. Die Schädelhöhle all dieser Herren war übermäßig entwickelt, sodaß unter der ungeheuren, weit vorspringenden Stirn Nase, Augen und Mund fast verkümmert aussahen. »Das sind nette Scheusäler!« sagte Lorenz. »Lorenz, wenn Sie nicht bald den Mund halten, so schicke ich Sie nach Hause«, verwies erzürnt der Professor. »Sehr wohl, Herr Professor!« Aber Plato hatte schon gehört, was Lorenz sagte. Er zeigte sich gar nicht indigniert. »Diese Individuen haben ihr Aussehen, das Ihnen so mißfällt, dem Umstande zu verdanken, daß ihnen während ihres Embryonalzustandes mehr Gehirnsubstanz solcher Art zugeführt wurde, die eben die Befähigung zum mathematischen Denken hervorruft. Sie haben auch nur Sinn für die Lösung mathematischer Aufgaben. Herr Professor werden staunen, welche Probleme diese Individuen lösen, die in einem Alter von zwölf bis vierzehn Jahren die Integral- und Diffenteriallehre in einer Weise handhaben, wie Ihre Altersgenossen zu Ihrer Zeit nicht einmal das Einmaleins!« Plato führte den Professor zu einem solchen dickköpfigen Herrn hin und stellte ihn vor. Mühsam erhob sich der mathematische Homunkulide von seinem Stuhl. Nun konnte der Professor erkennen, wie schwach der Körper dieses Homunkuliden entwickelt war. Fast kein Bauch, die Brust so schmäl, die dünnen, o-förmigen Beinchen sahen aus, als ob sie jetzt und jetzt von der Last des übergroßen Kopfes zusammengedrückt werden müßten. Zerstreut hörte der Großkopf die Vorstellung an. Ohne aber den interessanten Gast aus dem fernen Nebellande der Vergangenheit gebührend zu begrüßen, fing er sofort wieder an, seine neugefundenen Weisheiten auszukramen. »Ich bin fertig. Der Beweis ist vollkommen geschlossen. Die Atome einfacher Körper und die der Verbindungen bewegen sich umeinander nach denselben Gesetzen wie die Gestirne!« »Sehr hübsch«, sagte Lorenz. »Je komplizierter eine Verbindung, desto komplizierter sind die Bahnen ihrer Atome. Heute habe ich die Atombahn der fünfzigsten chemischen Verbindung berechnet. Morgen werde ich damit beginnen, die Atombahnen der Eiweißverbindungen aufzusuchen. Man kann die Atome des Kohlenstoffes gewissermaßen mit Sonnen vergleichen...« »Zu Ihrer Zeit, mein Herr, hat einer zuerst auf diese Analogie in seiner kleinen Schrift ›über Sternenbahnen und Kurven mit mehreren Brennpunkten‹ hingewiesen – es ist ein gewisser Doktor Malina, ein Deutscher, der seinerzeit diese Entdeckung machte – hier ist diese Schrift...« Er legte ein dünnes Heft vor dem Professor auf den Tisch; es war mit Antiquaschrift gedruckt, aber in fremder Sprache. »Die Schrift, die zu unserer Zeit üblich war, hat man doch beibehalten«, sagte erfreut der Professor. »Die ist jetzt auf der ganzen Welt in Gebrauch und hat die anderen Schriftsysteme alle verdrängt. Von den Völkern des Orients waren es wieder die Japaner, die zuerst auf ihre ungeschickte nationale Schrift verzichteten.« Unterdes hatte der Homunkulide schon wieder mit seinen Studien begonnen. Unbekümmert um die Anwesenden blätterte er in seinen Folianten und schrieb geheimnisvolle mathematische Zeichen auf die Papierblätter auf dem Tisch. Er schien für nichts anderes Sinn zu haben als für seine Forschungen. Wenn er nicht eben seine tiefen Kenntnisse über das Leben der Atome zum besten gegeben hätte, würde ihn vielleicht der Professor für einen kindischen Idioten gehalten haben. Die anderen Herren an den Tischen ringsum waren in ihrer äußeren Erscheinung dem häßlichen Gelehrten vollkommen gleich und bezeigten denselben unstillbaren Eifer für ihre Wissenschaft. »Befinden sich auch die Wohnungen der Herren in diesem Gebäude?« fragte der Professor. »Jawohl«, antwortete Plato, »ich bitte, mir zu folgen!« Der Professor grüßte die ruhelosen Gelehrten, aber keiner von ihnen sah auf, keiner erwiderte den Gruß. »Also das sind lebendige Rechenmaschinen«, sagte Lorenz, »und zu was anderem sind die nicht zu gebrauchen. Wenn einer von den Herren Kopfweh hat, das muß ausgeben!« setzte er noch bewundernd hinzu. Die Wohnungen der Herren waren mit einfacher Eleganz eingerichtet. Jede bestand aus zwei großen Zimmern, einem Schlaf- und einem Arbeitszimmer, und zeigte alle jene hervorragenden Bequemlichkeiten, die Homunkulidenwohnungen eigen sind. Nirgends fehlte der Sauerstoffapparat und die Deckenbeleuchtung. »Die Wohnungen sind in ihrer Einfachheit die richtigen Gelehrtenstuben.« »Herr Professor, jeder Homunkulide wohnt so.« Das ganze riesige Gebäude glich einem Kloster mit vollständig gleichmäßig eingerichteten Wohnräumen. Alle Gelasse waren hell und luftig, und von den Fenstern konnte man teils in schöne Gärten, teils auf die Straße hinaussehen. In manchem Arbeitszimmer saß der großköpfige Insasse am Schreibtisch. Dann entschuldigte sich Plato, zerstreut hörte der Homunkulide die höflichen Worte an und schien immer sichtlich erfreut zu sein, wenn sich die Kommission wieder entfernte. »Hier versammeln sich die Herren bei schlechter Witterung und im Winter in ihren arbeitsfreien Stunden«, sagte Plato und führte die Kommission in einen großen Saal. Dieselbe einfache, schöne und elegante Einrichtung, längs der Wände mit grünem Leder überzogene Bänke, schöne Sessel und Fauteuils, in der Mitte ein riesiger Schrank, in dessen Fächern Bücher und Zeitungen in Masse aufgestapelt waren. »Hier ist gewissermaßen der Unterhaltungsraum, hier versammeln sich die Herren, um miteinander zu plaudern, zu spielen und die Zeitungen zu lesen«, erklärte Plato. »Na, das gefällt mir wieder«, sagte Lorenz, »ich hab' schon geglaubt, die Automaten leben alle wie die Murmeltiere und vergraben sich in ihren Büchern und Schriften.« Dann ward auch der große Speisesaal besichtigt, wo die Homunkuliden zu den Mahlzeiten zusammenzukommen pflegten. »Die Herren speisen gemeinsam«, erklärte Plato, »aber die Unterhaltung während der Mahlzeiten ist gewöhnlich in diesem Saale eine sehr mäßige, da die gelehrten Herren sogar während des Mittagmahles den großen Problemen ihrer Wissenschaft nachhängen, und der Speisemeister muß leider zu oft die Herren erinnern, ihren leiblichen Pflichten zu genügen.« »Welcher Art ist das Bedienungspersonal in diesem Gebäude?« fragte der Professor. »Da sind vor allem Leute, deren Aufgabe es ist, die Wohnungen in Ordnung zu halten. Jeden Morgen wird mit Hilfe sinnreich erdachter Staubsaugemaschinen jeder Raum von dem für Organismen so verderblichen Staube befreit. Denn es ist immer unser angelegentlichstes Bestreben, jede Art von Arbeit von allen schädlichen Einflüssen auf den Organismus der Arbeiter zu befreien. Zu Ihrer Zeit, Herr Professor«, sagte Plato, »war kein Salon, auch nicht der des reichsten Mannes, so hygienisch eingerichtet, wie es bei uns jede Werkstätte ist. Denn den größten Schatz des Staates bilden die, die ihn bewohnen, deren gemeinsames Zusammenwirken ihn aufgebaut hat und erhält. Diesen Schatz sorgsam zu hüten und zu pflegen, muß die wichtigste Aufgabe des Staates sein. Zu Ihrer Zeit bauten den Staat nicht Menschen auf, nein, Völker, Stände, Parteien, und wie Sie das alles geheißen haben, und nur zu oft kam der Staat in die unangenehme Lage, statt, wie es seine natürlichste Aufgabe gewesen wäre, für die Menschen, aus denen er besteht, zu sorgen, für das besondere Wohl und Wehe einzelner Parteien und Völker, einzelner Stände einzutreten. Das war ein ungesunder Zustand, der erst weichen konnte, als alle diese Unterschiede im Staate verschwanden!« Plato erkundigte sich, ob die Herren nicht geneigt wären, ein kleines Frühstück einzunehmen. »Das Essen hat mir da noch immer am besten gefallen«, sagte Lorenz, »das ist noch die menschlichste Einrichtung in diesem Lande.« Plato führte sie in den Garten hinaus. Unter einer mächtigen Linde nahmen die Herren an einem Marmortisch Platz. In wenigen Minuten war der Tisch gedeckt und zwei Homunkuliden servierten, daß es die hellste Bewunderung Lorenz' erweckte. Die Speisen waren vortrefflich, Lorenz zeigte einen Appetit, der deutlich bewies, daß seine Magennerven durch den Ärger über manche Einrichtungen der Homunkuliden noch keinerlei Schädigungen erfahren hatten. Besonders erfreut war er, als der Homunkulide wieder die Karaffe mit dem herrlichen Zaubertrank auf den Tisch stellte. »Das Rezept von dem Schnaps möcht' ich kennen«, sagte er vergnügt, als er das erste Glas hinter die Binde gegossen hatte. »Herr Professor haben nie einen so guten Kognak gehabt wie dieser Nußbranntwein!« »Und er hat vor Ihrem Kognak noch einen besonderen Vorteil voraus«, sagte Plato, »er enthält keine Spur von Alkohol, er wirkt daher weder für die Leber noch für den Magen oder das Gehirn schädlich.« »Das ist viel wert«, sagte Lorenz, »denn wenn er so wirken möcht', so müßten Sie sich doch eine Polizei und einen Arrest anschaffen. Ich erinnere mich noch ganz gut, wie sie mich – zu meiner Zeit natürlich – wegen einer Keilerei in einem Wirtshaus achtundvierzig Stunden einsperrten.« »Das war ganz gut«, sagte der Professor, »denn wenn man da nicht streng genug vorgegangen wäre, Mord und Totschlag wären sonst an der Tagesordnung gewesen!« »Und es war doch nicht gut«, sagte sanft der Homunkulide, »nein, es war ungerecht, kindisch-boshaft von Ihrem Staate. Er bezog ungeheure Revenuen aus dem Verkauf dieses Giftes und strafte dann die, die durch den Genuß erkrankten.« »Sagen Sie mir nur noch eines, verehrter Freund Plato«, begann der Professor, »beziehen die Herren hier Gehälter, die sie nach ihrem Gutdünken verwenden können, werden sie auf Staatskosten erhalten, wie einst verdiente Bürger Griechenlands im Prytaneion?« »Das alles nicht, verehrter Herr Professor«, erwiderte Plato, »bei uns gibt es keine Gehälter, kein Prytaneion, überhaupt keinerlei Entlohnung für die geleistete Arbeit. Jeder arbeitet, weil er sich als Diener des Staates fühlt.« »Das ist ja der reine Bienen- oder Ameisenstaat«, rief erregt der Professor aus. »In mancher Beziehung haben Sie ja recht«, sagte Plato. »Vielleicht hat uns die Natur in dem Zusammenleben dieser Tiere die beste Form des Staates vorgezeichnet. Halb unbewußt haben wir schließlich am Ende einer jahrtausendelangen Entwicklung erreicht, was instinktiv diesen Tieren vielleicht vor Beginn der Entwicklung des Menschengeschlechtes schon zu eigen war!« »Verehrter Freund Plato«, setzte der Professor fort, »Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wie alle diese Männer hier ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wer sorgt für ihre Mahlzeiten, für Ihre Bekleidung, wer bezahlt die Dienerschaft, die so hilfsbereit für ihre Bequemlichkeit sorgt?« »Diese Frage in Ihrem Sinne zu beantworten, fällt mir schwer, weil uns der Begriff des kaufmännischen Verkehres so gänzlich fehlt. Was die Herren hier an Nahrungsmitteln brauchen, liefern in ausreichend genügendem Maße die Magazine des Staates. Alltäglich fährt ein Wagen, vollbeladen mit Lebensmitteln, vor dem Wirtschaftsgebäude vor. Dieser Wagen enthält bis ins kleinste Detail alles, was an einem Tage in diesem Hause von seinen Bewohnern verzehrt werden kann. Derselbe Vorgang wiederholt sich in der gleichen Weise bei allen Wohnhäusern des Reiches. Ob der Tisch in zureichender Weise gedeckt sei, darüber braucht sich kein Homunkulide den Kopf zerbrechen. Das ist Pflicht des Staates, dessen unerschöpfliche Hilfsmittel jedem Staatsbürger in gleichem Maße zugute kommen!« »Das ist recht hübsch, aber da geht es den Faulenzern bei Ihnen gerade so gut wie den Fleißigen. Für die Gleichheit tät' ich mich bedanken«, sagte Lorenz. »Herr Lorenz, Sie werden erkennen lernen, daß es in unserem Staate keinen Faulenzer gibt. Jeder Automat, wie Sie uns zu benennen lieben, erfüllt hier automatisch seine Pflicht, und keinem fällt es bei, etwas Großes getan zu haben, wenn er nach dem ihm angepaßten Maße seine Pflicht erfüllt hat!« erwiderte Plato. »Und wenn er vierzig Jahre aus den Kleidern den Staub ausgesaugt hat, bekommt er da nicht eine Medaille oder sonst was zum Anhängen, was ihn vor den anderen Homunkuliden auszeichnet?« fragte Lorenz unerschütterlich weiter. »Nein, die Erfüllung seiner Pflicht verdient nach unserem Denken keinen besonderen Dank.« »Und wieviel Arbeitsstunden täglich hat ein Homunkulide?« fragte der Professor. »Sechs Tage zu je vier Arbeitsstunden, der siebente Tag ist frei!« antwortete Plato. »Und ist es möglich, bei dieser geringen Arbeitszeit alle Arbeiten im Staat durchzuführen, entsteht nicht in verschiedenen Betrieben öfter eine Stockung?« erkundigte sich der Professor weiter. »Mir ahnt, daß alle Tätigkeit in Ihrem Staat der Arbeit eines Uhrwerks gleicht, und ich hege die Befürchtung, daß, wenn nur ein Rädchen stockt, das ganze Werk in Gefahr kommt, stillzustehen!« »Unsere Maschinen und die Macht, uns Arbeitskräfte ganz nach Bedarf zu schaffen, schützen uns vor jeder solchen Zufälligkeit. Mit Ihrem Vergleich, unser Staat sei ein höchst komplizierter Mechanismus, haben Sie so ziemlich das Richtige getroffen. In Übereinstimmung damit steht auch der Umstand, daß die Bevölkerungsziffer des Staates Jahr für Jahr konstant bleibt. Aus unseren Etablissements gehen jährlich nur so viele Homunkuliden hervor, als notwendig sind, den Abgang zu decken. Eine Überbevölkerung des Staates und die damit verbundenen schrecklichen Folgen sind ausgeschlossen!« »Das hat es bei uns auch schon gegeben«, sagte Lorenz erfreut, »die reichen Leute haben es sich immer so eingeteilt, daß sie nicht zu viel Kinder bekamen. Nur die armen Leute haben immer zu viel Kinder bekommen, was für sie und die Kinder ein großes Unglück war!« Plato lächelte. »So ganz dasselbe ist es doch nicht. Heute ist die Korrektur der Bevölkerungsziffer nicht mehr die Sache des einzelnen, sondern eine Angelegenheit des Staates.« »Und wie steht es mit der Altersversorgung in Ihrem Staate?« fragte hierauf der Professor. »Da muß ich Ihnen erst den Lebenslauf eines Homunkuliden schildern«, sagte Plato. Die Herren setzten sich erwartungsvoll zurecht. »Mit acht Jahren, also acht Jahre, nachdem der kleine Homunkulide die Retorte verlassen hat, in der er seine Entwicklung durchgemacht hat, kommt er in die Schule. Dort bereitet er sich zwölf Jahre lang auf den ihm schon vor seiner Entstehung zugewiesenen Beruf vor!« »Also schon während des Embryonalzustandes wird ihm der Beruf zugewiesen? Ja, wie ist das möglich?« fragte erregt der Professor. »Daß Ihnen das unmöglich erscheint, Herr Professor, wundert mich sehr, auch zu Ihrer Zeit ist ja Derartiges vorgekommen!« »Das will ich meinen«, sagte Lorenz, »so gescheit wie die Homunkuliden waren wir auch schon. Ich erinnere mich noch ganz gut, wie es in der Zeitung gestanden ist, daß unsere Königin heut oder morgen entbinden wird, und als dann hunderteinmal mit den Kanonen geschossen wurde, so wußten wir, daß unsere Königin einen Kronprinzen zur Welt gebracht hat. Und so war dem Embryo schon bestimmt, was es werden muß, und das ist ja ganz so wie bei den Homunkuliden. Die fabrizieren sich so viel Schneider, Schuster, Tischler, Maurer oder Schmiede, Beamte, Lehrer, Soldaten, und was man halt alles in so einem Staate hat, als sie eben brauchen. Die werden schon sorgen, daß aus der Retorte, wo die Könige herauskommen sollen, keine Hausknechte herauskommen!« »Sie haben eine höchst populäre Art der Darstellung«, sagte lachend der Professor. »So meinte ich es gerade nicht«, sagte Plato, »es gibt ja doch Berufe, die große körperliche Kraft und Ausdauer erfordern, andere, die ein scharfes Denken, wieder andere, die sehr geschärfte Sinne bedingen. Wir nehmen bei der Entwicklung der Individuen darauf Bedacht, daß jene besonderen Fähigkeiten schon im Embryo vorbereitet werden.« »Sie schaffen also künstlich die Veranlagung dazu?« sagte hocherfreut der Professor. »Sehr richtig, Herr Professor«, antwortete Plato, »wir erleichtern unseren Pädagogen sehr ihr Lebenswerk. Bei uns kommt es nie vor, daß ein junges Menschenleben dadurch verdorben wird, daß man den Knaben durchaus zum Professor prügeln will, obwohl der Unglückliche nicht einmal genügend geistige Fähigkeiten zum Berufe eines Straßenkehrers hat. Manch kostbares Talent wurde zu Ihrer Zeit gehemmt und oft verdorben! In unseren Schulen erhält jeder Homunkulide außer jenem Maß von allgemeiner Bildung, das bei uns jedes Mitglied des Staates besitzen muß, auch noch in den besonderen Fachklassen jene spezielle Bildung, die ihn für seinen Beruf fähig macht, in den er mit seinem zwanzigsten Lebensjahr eingeführt wird. Das erste Drittel seines Lebens dient also der Vorbereitung für seinen Beruf, das zweite Drittel dem Berufe selbst. Mit vierzig Jahren kann er den Beruf verlassen und den Rest seines Lebens in arbeitsloser Ruhe verbringen. Die meisten Homunkuliden setzen aber noch einige Jahre ihre Berufsarbeit fort. Mit fünfundvierzig Jahren muß aber jeder austreten.« »Und sie werden dann pensioniert?« fragte Lorenz gespannt. Dieses Kapitel interessierte ihn ganz besonders. »Das nicht. Der Staat sorgt für sie in der gleichen Weise wie früher. Unsere Veteranen der Arbeit haben das Recht, sich frei im ganzen Lande zu bewegen, und da das Reisen bei uns nichts kostet, so benützen diese Herren ihre freie Zeit, die ganze Welt sich anzusehen. Andere haben sich irgendein Steckenpferd gewählt, dem sie sich nun ganz widmen können. Diese Herren bleiben ihrem Berufe treu. Sie lösen bis an ihr Lebensende mathematische Probleme auf und würden sich wahrscheinlich gar nicht glücklich fühlen, wenn man ihnen das verwehren würde!« »Sagen Sie mir, Freund Plato, dürfen die Veteranen dann dieselben Wohnungen weiter behalten, die sie benützten während der Zeit, da sie ihren Beruf ausübten?« »Nein, Herr Professor! Im allgemeinen kann sich der Homunkulide wohl dann seine Wohnung, sein eigenes Heim aufschlagen, wo er will; aber in der Nähe der großen industriellen Zentren wohnen nur jene, die noch im Beruf tätig sind, und dies schon aus dem Grunde, damit ihnen die Erreichung ihres Berufsortes nicht allzu schwierig ist. Diese großen Zentralstätten befinden sich zumeist in den Ebenen des Reiches. Die Gebirgsgegenden, überhaupt jene Stätten, die die Natur mit großen landschaftlichen Reizen geschmückt hat, werden gern von den Veteranen aufgesucht, und dort sind auch ausgedehnte Ansiedlungen entstanden. Die Täler der Alpen, Italiens Gefilde, die Ufer der berühmten Seen und so weiter, das sind so ungefähr die Stätten, an denen unsere Veteranen den sorgen- und arbeitslosen Rest ihrer Tage verbringen.« »Herr Plato, seien Sie mir nicht böse, wenn ich mir wieder eine dumme Frage erlaube!« begann etwas schüchtern Lorenz. »Fragen Sie nur zu, Herr Lorenz!« munterte ihn Plato auf. »Kann jeder Homunkulide so eine Villa am Gardasee oder in der Schweiz oder in Oberösterreich aufsuchen?« »Jeder...« »Auch – die – die –« Lorenz stockte verlegen; »wie soll ich nur sagen – zum Beispiel die, die den dickköpfigen Herren den Staub aus den Kleidern aussaugen müssen, und mein Automat, der mir heute das Frühstück gebracht hat? Darf der auch in einer Villa in Neapel wohnen und im Winter, wenn er Husten hat, nach Ägypten reisen?« »Selbstverständlich! Ich wüßte wirklich keinen Grund, warum er es nicht dürfte!« »Wenn aber dort lauter hohe Herren wohnen, Hofräte, Statthalter, Feldmarschalleutnants und so weiter? Die werden schön dreinschauen, wenn so ein Staubaussauger auch in das Wirtshaus geht, wo die sitzen!« Plato mußte unwillkürlich lächeln. »Das ist ungeheuer schmeichelhaft«, sagte Lorenz, »für die Leute, die einmal nur Portiers oder Kammerdiener waren, einstmals mit ihren Herren eine Villa am Gardasee zu bewohnen. Ich freue mich schon sehr darauf – ich bin heute, die zweitausend Jahre, die ich verschlafen habe, abgerechnet, achtunddreißig Jahre alt, und komme in zwei Jahren in Pension. Mir gefällt's hier immer besser!« »Sie haben unseren Staat sehr zutreffend einen Ameisenstaat genannt. Da leben auch Tausende von Individuen zusammen, die getreu ihre Pflicht, die sie dem großen Gemeinwesen gegenüber haben, erfüllen. Für die Erfüllung ihrer Pflichten entlohnt sie der Staat dadurch, daß er jedem die Mittel zum Leben gewährt, und ich glaube kaum, daß sich im Ameisenstaat Münz- oder Bankgebäude befinden, übrigens hat schon zu Ihrer Zeit der Gebrauch des Geldes immer mehr abgenommen!« »Wieso?« fragte erstaunt der Professor. »Ist denn nicht schon zu Ihrer Zeit an Stelle des wirklichen Geldes der sogenannte Scheck getreten? Diese Art des Verkehrs hat sich in einer Weise entwickelt, daß der Umlauf des wirklichen Geldes, von Münzen und Papiergeld, sich stetig verminderte. Mit der Verstaatlichung sämtlicher Geldinstitute hörte schließlich der sogenannte Geldverkehr auf. Sein totales Ende wurde ihm bereitet, als es gelungen war, alle Völker der Erde unter einem einzigen allumfassenden Staatswesen zu vereinigen!« »Wie macht das einer, wenn er zum Beispiel eine Reise unternehmen will? Da muß er doch eine Masse Kleingeld mitnehmen, schon wegen der Trinkgelder«, fragte der unerschütterliche Lorenz. »Ich wüßte nicht, wozu er das Trinkgeld brauchte«, sagte Plato, »die Fahrt auf dem Aeronauten oder auf der Eisenbahn kostet ihn nichts...« »Wenn er aber erster Klasse fahren will?« fragte Lorenz weiter. »Sie haben doch schon gehört, daß es keine Klassenunterschiede mehr gibt«, meinte indigniert der Professor. »Können Sie sich denn gar nicht ein wenig in diese neue Ordnung der Dinge hineingewöhnen?« »Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie man ohne Geld leben soll.« »Mein lieber Lorenz, diese Verhältnisse sind uns beiden so fremd, daß die zwei Tage, die wir hier verleben, nicht genügen, uns in sie hineinzufinden, ich glaube, da werden wohl mehr als zwei Jahre vergehen«, sagte der Professor. Lorenz war so verwirrt von all dem Gesehenen, daß er bei der Rückfahrt beinahe vor seinem Herrn den Wagen bestiegen hätte. Viertes Kapitel. Eine Fahrt auf der Eisenbahn. Die Stadt der Arbeit. In einer Holzverarbeitungswerkstätte. Künstliches Holz. Eine Abhandlung über die Wälder der Homunkuliden. Um drei Uhr nachmittags brachte das Automobil die Herren Prof. Dr. Voraus, seinen getreuen Diener Lorenz und die beiden Homunkuliden Plato und Archimedes nach dem Bahnhof. Das erste, was Lorenz in dem Vestibül des kolossalen Gebäudes auffiel, war der Mangel an Kassenschaltern. »Wo kriegt man hier die Billetts?« fragte er verwundert. Es war vor zweitausend Jahren seine Obliegenheit gewesen, wenn sein Herr eine Reise antrat, für ihn das Billett zu lösen. »Danach werden Sie vergeblich suchen, Herr Lorenz«, sagte Plato, »wir benötigen keine Billetts.« »Das ist gut!« meinte wohlgefällig Lorenz. Die ungeheuere Halle wies in ihrem kreisförmigen Hintergrund eine Menge Türen auf. Inschriften in Antiqua, aber leider in der für Lorenz unverständlichen Homunkulidensprache, die über den Türen angebracht waren, bezeichneten zweifelsohne Namen und Ziel der verschiedenen Bahnen, die hier mündeten. Unaufhörlich kamen Leute an, gingen zu den verschiedenen Türen hinein, andere kamen aus diesen Türen heraus – es war ein fortwährendes Durcheinanderwogen von Menschen, das auf den Professor und seinen Diener einen fast unheimlichen Eindruck machte. Die Leute hatten alle fast die gleichen Gesichtszüge, kaum, daß man verschiedene Altersstufen zu unterscheiden vermochte. Dazu die absolut gleiche Kleidung aller Homunkuliden und die absolute Geräuschlosigkeit, in der die Leute durcheinanderwimmelten – es hatte etwas seltsam Gespenstisches an sich. Nicht das mindeste Hasten und Drängen, kein erregtes Wort, kein Ausrufen der Bahndiener, keine Glocken- oder Dampfpfeifensignale waren zu vernehmen. Und was das Sonderbarste war, keiner der Passagiere trug nennenswertes Gepäck bei sich, nirgends waren Vorkehrungen zu entdecken zur Abfertigung von Reisegepäck oder ähnlichem. »Das ist wohl nur ein Lokalbahnhof?« fragte der Professor. »Ich sehe, daß niemand der Passagiere irgendwelches Reisegepäck bei sich hat.« »Nein, nein«, sagte Archimedes, »von hier aus können Sie sofort eine Weltreise unternehmen; die Züge, die von hier ausgehen oder hier einmünden, berühren und verbinden die fernsten Punkte des Kontinents. Und daß die Passagiere so gut wie gar kein Gepäck mittragen, wird Sie weiter nicht sehr verwundern, wenn Sie bedenken, daß der Homunkulide, wohin er nur kommt, alles findet, was er benötigt, sei es Nahrung, Wäsche oder Kleider. Wozu schleppt er all den lästigen Kram mit sich?« »Und das bekommt er überall ohne Geld?« fragte verblüfft Lorenz. »Ganz, wie Sie sagen, Herr Lorenz!« erwiderte Archimedes. »Großartig, da wundert's mich nur, daß nicht alle Homunkuliden fortwährend auf Reisen sind!« Archimedes machte den Führer. Er ging auf die letzte Tür rechts im Rondeau zu. Als die Gesellschaft den Perron betrat, wurde ein aus zwei riesigen Waggons bestehender Zug aus der Halle geschoben. Als er die Halle verlassen hatte, konnten die Herren auf das Schienengewirr des Bahnhofes hinausblicken. Es dauerte nicht lange, und ein ebenfalls aus zwei großen zwölfrädrigen Waggons nach Art der Schlafwagen bestehender Zug fuhr herein. Unterdessen hatten sich ungefähr vierzig bis fünfzig Personen auf dem Perron versammelt, die, als der Zug hielt, ohne weiteres die Coupétüren öffneten und die Waggons bestiegen. Ein Kondukteur war anwesend, um die Passagiere nach ihrem Reiseziel zu befragen, ihnen Plätze anzuweisen oder sie auf eine sonstige mehr oder minder angenehme Art zu bevormunden. Lorenz war sehr aufgeregt und befürchtete, daß die Eisenbahnen der Homunkuliden wieder verschiedene neuartige Teufeleien enthalten würden. Aber schon der Eintritt in den Waggon befriedigte ihn auf das angenehmste. Die Einrichtung war nach Art der Restaurationswagen, die Fenster so groß, daß sie mehr als die halbe Höhe der Waggonwand einnahmen. Trotzdem draußen eine drückende Hitze herrschte, war es in dem Waggon kühl, eine Wirkung des Sauerstoffapparates, mit dem er ausgestattet war. In dem Coupé hatten sich zirka fünfundzwanzig Herren niedergelassen, die, ohne die Anwesenden zu betrachten, sich auf den Sitzen niederließen, ihre Zeitungen aus der Tasche hervorholten und sich ruhig der Lektüre hingaben. Ein älterer Herr erregte die Aufmerksamkeit des Professors durch ein eigentümliches Abzeichen, das er gleich einem Orden auf der linken Seite seines Rockes angeheftet trug. »Was ist jener Herr?« frug der Professor. »Nun, das ist ein Veteran, ein Veteran der Arbeit, der wahrscheinlich an seinen ständigen Aufenthaltsort zurückfährt, nachdem er der Stätte seiner Arbeit einen Besuch abgestattet hat.« »Der Veteran« wurde von seinen Coupégenossen mit großer Achtung behandelt; als ihm ein Blatt seiner Zeitung zu Boden glitt, bemühten sich sofort zwei Herren, es aufzuheben. »Ja, das sind unsere Respektspersonen«, sagte lächelnd Plato. »Adel und sonst bei Ihnen einst übliche Ehren vermag bei uns nur die Arbeit zu verleihen!« Ein helles, aber sehr angenehmes Geklingel tönte in diesem Moment durch den Waggon. »Das Zeichen zur Abfahrt«, erklärte Archimedes. Der Professor und Lorenz setzten sich an den Fenstern zurecht. Zuerst ging es ziemlich langsam durch das immense Schienengewirr des Bahnhofes. Der Professor wunderte sich, daß so wenig Arbeiter- oder Bedienungspersonal vorhanden sei. »Unsere Einrichtungen sind so vollkommen, daß wir verhältnismäßig nur geringes Personal brauchen«, sagte Archimedes, »und trotzdem können wir sagen, daß ein Eisenbahnunglück bei uns fast zur Unmöglichkeit geworden ist.« Die Herren hatten kaum auf die Worte Archimedes' gehört, der Professor und Lorenz sahen unverwandt zum Fenster hinaus. Schon fuhr der Zug in rasender Eile auf einem hohen Damm dahin, und die Reisenden sahen auf ein Gewirr von Dächern hinab, das unkennbar in schattenhaften Zügen unter ihnen vorbeiglitt. »Die Stationen werden doch ausgerufen werden«, sagte Lorenz, »denn wenn man die Bahn nicht kennt...« In diesem Augenblick ertönte wieder das elektrische Signal, der Zug begann langsamer zu fahren und auf der Rück- und Vorderwand des Wagens wurde je eine Tafel sichtbar, die den Namen »A-ta-ko« trug. Verwundert sah Lorenz auf die Tafeln. »Was ist denn das wieder?« fragte er. »Die nächste Station«, erwiderte Archimedes. »Das lob' ich mir«, erklärte befriedigt Lorenz, »da verzicht' ich gern auf das Ausrufen.« Er verwandte kein Auge von dem Perron der Station A-ta-ko. Einige der Homunkuliden stiegen aus, andere bestiegen den Zug. Der Mangel jeglichen Aufsichtspersonals erregte wieder die Verwunderung des Professors. »Jetzt kommt die Fabrikstadt«, sagte Archimedes, als sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte. »Ich sehe noch gar keine Schornsteine! Das ist mir eine schöne Fabrik, eine Fabrik ohne Schornsteine«, sagte Lorenz, der eifrig zu den Fenstern des Zuges hinaussah. »Wir haben ja keine Dampfmaschinen, wozu brauchen wir denn Schlote und Essen, die die Luft verpesten und den Umwohnern tausendfach Krankheit und Verderben bringen?« verwies Archimedes. »Mir ist das auch recht«, sagte Lorenz, »aber ich bin es einmal so gewöhnt. In der Stadt, wo ich und der Herr Professor wohnten, war eine Menge Fabriken, und wenn man von einem Berg in der Umgebung auf die Stadt herniedersah, dann waren die Häuser alle in eine grauliche Wolke von Ruß und Gestank gehüllt, und wenn man nicht jeden Tag einen neuen Hemdkragen und neue Manschetten nahm, so sah man so schmutzig aus wie ein Schwein.« In diesem Moment erklang wieder das Signal, eine neue weiße Tafel mit schwarzen Buchstaben tauchte auf der Stirnseite des Waggons auf, und Herr Plato sagte: »Meine Herren, wir sind am Ziele!« Sie gingen über eine stufenreiche, aber sehr breite und bequeme Stiege hinab. Als sie draußen waren, sah der Professor staunend zur Höhe des Viaduktes empor, der die Schienenstränge der Eisenbahn trug. »Ein grandioser Bau!« sagte er bewundernd. Der Verkehr in der Straße war enorm. In endlosem Zuge folgten einander die Lastwagen, großartige Kraftmaschinen, die ganz geräuschlos rollten. »Das ist sehr zu begrüßen«, sagte der Professor, »daß animalische Kraft zur Lastenbewegung vollkommen ausgeschlossen ist. Wie unmenschlich grausam ist man einst mit den armen Pferden umgegangen! Von manchem dieser edlen Tiere kann man sagen, daß sein Lebenslauf darin bestanden hat, von seinem zweiten Lebensjahre an langsam zu Tode gemartert zu werden. Der Fortschritt hat die Menschen schon dadurch besser gemacht, daß er ihnen erspart, Grausamkeiten auszuüben.« »Es ist eine Folge unserer Weltanschauung«, begann Plato, »daß wir das größte Mitleid mit den Tieren haben, die ebenso von ihren Trieben, von Angst und Schmerzen gepeinigt werden wie die Menschen. Unsere Fortschritte sind daher auch ihnen, denen man ja noch zu Ihrer Zeit so ziemlich alles Denken und geistige Fühlen abgesprochen hat, zugute gekommen!« »Das ist ganz recht!« sagte erfreut Lorenz. »Wenn ich so zurückdenke, ist auf dem Kutschbock oben oft ein größeres Vieh gesessen, als vor den Wagen gespannt war, und man hat Lust gekriegt, es durchzuprügeln!« Ein großes Automobil fuhr heran, das ähnlich einem Omnibuswagen unserer Tage gebaut war, sich aber weit freundlicher und eleganter präsentierte als diese altertümlichen Vehikel. Archimedes hob den Arm, der Omnibus hielt und die Herren stiegen ein. Der Wagen war ziemlich besetzt, doch fand sich für die vier Herren auf den hübschen Polstersitzen noch Platz. Automatisch an der Wand erscheinende Täfelchen zeigten die Straßen an, die das Fuhrwerk eben passierte. Lorenz konnte nicht umhin, trotz der Einwendungen des Professors, in seiner Art alles damit in Vergleich zu ziehen, »wie es zu seiner Zeit war«. »Sagen Sie, Herr Plato«, meinte er, »dieselben Herren sind ja mit uns auf der Eisenbahn gefahren. Es sind ja ganz dieselben Gesichter!« »Da irren Sie sich sehr«, sagte Plato, »diese Herren fahren zu ihren Arbeitsstätten, wo sie um vier Uhr eintreffen müssen, um den zweiten Teil ihres Tagespensums zu absolvieren. Sie haben vormittags von acht bis zehn gearbeitet und kehren nun nach sechsstündiger Pause in ihre Fabriken zurück, um dort bis sechs Uhr ihre Tagesarbeit zu Ende zu führen.« »Diese Einteilung gefällt mir«, meinte Lorenz; »sechs Stunden Mittagspause, da kann sich einer gehörig ausfüttern, ein Schläfchen machen und dann zur Verdauung im Kaffeehaus noch ein bis zwei Stunden Billard spielen. Alle Achtung! Nur das eine ist so unangenehm, daß die Leute immer die gleichen Gesichter haben. Da sollten Sie doch verschiedene Moden einführen, schon, daß man die Herren ein wenig unterscheiden kann!« »Wozu das?« fragte Plato. »Das Täfelchen auf ihrer Brust sagt uns alles von ihnen, was einer zu wissen braucht. Sein Jahr der Geburt, seine Beschäftigung, die wenigen Ziffern orientieren uns vollständig über das Individuum!« »Das ist auch so etwas, was mir gar nicht gefällt«, meinte geärgert Lorenz. »Jeder ist bei Ihnen nur eine Nummer – als ob es lauter Dienstmänner wären, Warum haben Sie denn für die Homunkuliden keine Namen eingeführt?« »Hat der Name eines Menschen zu Ihrer Zeit mehr gesagt, als uns heute die Nummer eines Homunkuliden bedeutet? Nein, so klangvoll er oft auch war, so bedeutungslos war das Individuum, das ihn trug. Sie hatten große, berühmte Namen, wir haben große, bedeutende Nummern zu verzeichnen. Der Name hat bei uns seine Bedeutung verloren, kein Homunkulide kann ihn auf seine Nachkommen vererben, da er keine Nachkommen hat. Und sonst wüßte ich wirklich nicht, wozu er dienen sollte. Der Einzelne ist nichts im Staate...« »Sehr traurig«, sagte Lorenz, »und wenn einer Großes und Herrliches geleistet hat, wie unser Professor, dann hat er nicht einmal das, daß sein Name berühmt wird!« »Sind einst zu Ihrer Zeit die Namen aller, die wirklich Großes und Erhabenes geleistet haben, alle berühmt geworden? Sind nicht viele von ihnen, trotz ihrer Größe, trotz des reichen Segens, den sie der Menschheit brachten, in Elend und Not verkommen? Wir sind doch besser, Herr Lorenz, als die Menschen zu Ihrer Zeit waren. Wenn wir den großen Nummern auch keine besonderen Ehren bereiten und ihnen keine Lorbeerkränze flechten, keine Denkmäler errichten, so sorgen wir doch dafür, daß sie zeitlebens sorgen- und kummerlos sich ihren gesegneten Werken widmen können. Wir ehren die Großen in ihren Werken!« »Es lag doch ein erhebender Gedanke darin, daß die Namen der großen Männer noch in der spätesten Zeit genannt werden: dieser Gedanke hat manchen angespornt, Großes und Schönes zu leisten!« warf der Professor ein. »Der wahrhaft Große bedurfte eines solchen Anspornes nicht. Haben Galilei, Newton, Galvani nur um des Ruhmes willen gearbeitet?« Das Automobil hielt und nach wenigen Schritten standen die Herren vor dem offenen Tor eines gewaltigen Gebäudes, aus dessen geöffneten Toren dumpfes Summen und Brausen herausklang. Eben fuhr ein Lastwagen, auf dem sonderbare riesige Blöcke aufgeladen waren, in den weiten Hof hinein. Arbeiter erwarteten schon den Wagen, um mittels eines Krans die Blöcke vom Wagen abzuladen. »Was für sonderbare Blöcke das sind!« sagte verwundert Lorenz. »Das ist Holz«, erklärte Archimedes. »Herrgott von Mannheim!« rief bewundernd Lorenz aus. »Diese Bäume möchte ich gesehen haben, von denen sie diese Blöcke gemacht haben!« »Das wäre wohl unmöglich«, sagte Archimedes, »denn diese Bäume hat es nie gegeben. Dieses Holz ist in keinem Walde gewachsen, es ist schon ein Produkt der Industrie.« »Also künstliches Holz?« fragte erstaunt der Professor. »Aber doch aus natürlichem Holz gewonnen?« »Keineswegs, Herr Professor«, belehrte Archimedes. »Da wir imstande sind, alle organischen Substanzen künstlich durch direkte Synthese aus ihren einfachen Stoffen zu erzeugen, so erzeugen wir das von uns benötigte Holz eben auf diese Art.« »Ich bewundere Sie immer mehr. Schon zu meiner Zeit begann man zu befürchten, daß einst die alte Erde nicht mehr so viel Holz produzieren werde, als die Menschheit benötigen wird. Woher aber bekommen Sie die ungeheuren Mengen von Kohlenstoff, die Sie zur Erzeugung von Holz benötigen?« »Die Erde ist unerschöpflich an anorganischen Kohlenverbindungen. Ganze Gebirge bestehen aus Karbonaten. Wir haben den Pflanzen die Kunst abgelauscht, den Kohlenstoff der anorganischen Verbindungen zum Aufbau beliebiger organischer zu verwenden. Denn jene Lebensquelle, die Sonne, die seit dem Bestande des organischen Lebens die Kräfte zu dieser chemischen Umwandlung liefert, strömt uns ja heute noch. Die Erde liefert uns die Kohle, dem Luftmeer entnehmen wir den Sauerstoff, dem unendlichen Ozean den Wasserstoff – so lange diese Sonne noch leuchtet, wird uns um unsere Existenz nicht bange werden!« Die Homunkuliden erschienen dem Professor bereits wie die allgewaltigen Götter, an die einst die Menschen der grauen Vorzeit glaubten und denen, ihrer Meinung nach, alle Mächte des Himmels und der Erde dienstbar waren. In diesem Augenblick trat ein Homunkulide zu der Gruppe. Archimedes stellte ihn als den Direktor des Etablissements vor. Der Direktor übernahm die Führung. Zuerst besichtigten die Herren einen großen Saal, in dem die Blöcke durch ein gewaltiges Sägewerk in Platten zerschnitten wurden. Die Arbeit ging fast lautlos vor sich; trotzdem etwa zweihundert Sägen in dem Räume in Tätigkeit waren, hörte man kein Kreischen oder Schnarren. Auch von Staub, der sonst alle derartigen Werkstätten erfüllt und der aus feinzerteilten Holzspänen besteht, war nichts zu spüren. Der Professor sprach seine Bewunderung darüber aus. »Die Sache ist sehr einfach«, erklärte Archimedes, »an Stelle der Sägen sind haarscharfe Messer von der Härte des Diamants getreten. Die Blöcke werden mittels hydraulischer Pressen gegen die sich langsam auf und ab bewegenden Messer gedrückt und so zerschnitten. Der früher durch das Zersägen entstandene bedeutende Materialverlust ist dadurch vermieden. Der wenn auch minimal auftretende Holzstaub wird durch Luftsaugröhren vollständig aus dem Saale entfernt.« Der Herr Direktor führte die Herren zu einer solchen Säge hin. Mit Staunen sahen der Professor und Lorenz, wie das glänzende, linealglatte Messer Platten von der Dicke von fünf Zentimetern von dem Holzblock lostrennte. Es sah aus, als würden die Riesenblöcke von Geisterhänden in Bewegung gesetzt. Dann führte der Direktor die Gäste in einen zweiten Saal, in dem seltsam gestaltete Drehbänke aufgestellt waren, die automatisch mit den schon vorgerichteten Holzstücken gespeist wurden. Ohne das Zutun irgendeines Arbeiters entstanden auf den Drehbänken die verschiedensten Sachen, Füße von Möbelstücken, Zierstücke, Vorhangstangen usw. Jede Drehbank stapelte die fertigen Arbeitsstücke auf einen neben der Bank auf einem schmalen Gleis stehenden Wagen auf. »Da kann man wirklich sagen, das geht wie geschmiert!« rief Lorenz aus. »Es wird einem dabei ganz unheimlich zumute. Und wie leicht den Leuten die Arbeit gemacht wurde!« »Man kann sagen, diese Maschinen benehmen sich wie Menschen – sind zu selbständig handelnden Maschinen geworden!« rief der Professor aus. »Dafür sind die Menschen hier zu Automaten geworden«, meinte Lorenz. »Lorenz – ich bitte!« verwies der Professor. »Sehr wohl, Herr Professor!« antwortete Lorenz. In einem anderen Saal wurden Zimmermannsarbeiten von Maschinen geliefert; Türstöcke und Fensterrahmen entstanden auf die geheimnisvollste Weise, so daß sich Lorenz wiederholt an den Kopf griff, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Jeder zu seiner Zeit übliche Handgriff im Tischler- und Zimmermannsgewerbe wurde hier von genial erdachten Maschinen ausgeführt. Nach zweistündiger Wanderung durch die Säle führte der Direktor die Gäste in seine Privatwohnung. Ganz erschöpft und aufgeregt ließen sie sich auf den Stühlen nieder. Der Direktor besorgte sofort Erfrischungen, und als ein Homunkulide mit einem Teebrett erschien, erklärte Lorenz unter Anzeichen totaler Erschöpfung, er könne nicht eher ein Wort reden, bis er nicht einen ordentlichen Schluck von der bei den Homunkuliden üblichen braunen Zaubertinktur zu sich genommen habe. Als er aber getrunken hatte, verklärten sich seine Züge und er gab vergnügt seine Meinung ab, daß er trotz all des Gesehenen die Erfindung dieses Getränkes für weitaus das Großartigste halte, was ihm bis jetzt bei den Homunkuliden untergekommen sei. »Herr Direktor, gestatten Sie, daß »ich Ihnen meine größte Bewunderung über das Gesehene ausdrücke!« begann der Professor. »Arbeiter in diesem Hause zu sein, ist kein schwerer Beruf!« »Das ist in jeder Homunkulidenwerkstatt der Fall, Herr Professor«, sagte Plato. »Wie ich schon einmal Gelegenheit hatte, zu bemerken, zielt unsere ganze weitere Entwicklung dahin ab, alle und jede körperliche Arbeit, die sonst Menschen leisten mußten, durch Maschinen besorgen zu lassen.« »Zu meiner Zeit hätten solche Maschinen nicht eingeführt werden können, ohne daß Tausende von Arbeitern brotlos gemacht würden. Jeder Fortschritt bei uns wurde mit Menschenopfern erkauft.« »Das war darum der Fall, weil nur wenige Glückliche imstande waren, sich Maschinen anzuschaffen, und so wurde infolge Ihrer unzulänglichen sozialen Einrichtungen Ihnen jeder Fortschritt der Anlaß zu tiefen Schädigungen weiter Kreise. Bei uns bedeutet jede neue Erfindung einen Segen für die Gesamtheit.« Nach der Heimkehr leisteten Plato und Archimedes den beiden Herren beim Abendessen noch Gesellschaft. Es wurde beraten, was am nächsten Tage zu geschehen habe. Lorenz wollte eben in sein Zimmer hinübergehen; als er hörte, daß man das Programm des morgigen Tages besprechen wolle, drehte er sich um. »Verzeihen Sie, Herr Professor, wenn ich mir erlaube, da dreinzureden!« sagte er. »Was wollen Sie, Lorenz?« fragte der Professor. »Ich möchte in der Beratung gern etwas vorschlagen, wenn der Herr Professor nicht dagegen hätte«, meinte Lorenz. »Reden Sie frisch von der Leber weg! Wenn Sie einen Wunsch haben und ich kann etwas beitragen, daß er erfüllt wird, soll es ganz gewiß geschehen!« Lorenz trat zum Tisch hin. »Was mir ganz besonders imponiert, das sind die Luftschiffe. Zu meiner Zeit ist schon an der Sache herumprobiert worden und die Leute haben es sich in den Kopf gesetzt, daß sie fliegen lernen. Ist ihnen aber niemals nicht ausgegangen. Sie sind geflogen wie die Gänse, die gleich wieder aus der Luft 'runter müssen, weil sie viel zu schwer dazu sind!« »Fassen Sie sich kurz, Lorenz!« mahnte der Professor. »Sie wollen morgen eine Partie mit dem Luftschiff machen!« »Ja, das wollte ich, und wenn es dem Herrn Professor so angenehm ist wie mir...«, antwortete der treue Diener. »Aber ja, Lorenz, wir machen morgen eine Partie mit dem Luftschiff, und jetzt gehen Sie schlafen!« Archimedes und Plato erklärten das als eine ausgezeichnete Idee, worauf Lorenz sich nach einer eleganten Verbeugung höchst befriedigt in sein Zimmer trollte. Fünftes Kapitel. Eine Reise durch die Luft. Als Lorenz am nächsten Morgen das Arbeitszimmer seines Herrn betrat, fand er diesen schon in einem Buche lesend. »Nun, Lorenz«, rief er ihm entgegen, »heute werden wir also durch die Luft fahren, haben Sie nicht ein wenig Angst vor dieser Expedition?« »Es ist eine ungewisse Sache«, antwortete Lorenz, »aber diese Automaten sind so gescheite Kerle, daß man wohl annehmen muß, es wird keinerlei Gefahr dabei sein. Wenn sie nur sonst anders wären!« »Was gefällt Ihnen denn nicht an den Homunkuliden?« »Man kann mit Ihnen nicht reden. Ich muß einmal den Archimedes oder den Plato fragen, ob sie uns nicht einige passende Exemplare schicken wollten, solche, die etwas mehr Lebenswärme haben. Mich friert immer, wenn ich mit den drei Kerlen bei mir zusammensitze. Selbst der Koch spricht wie ein Buch, und da wird einem förmlich unheimlich dabei. Jetzt versuch' ich noch eins. Ich kaufe mir Tarockkarten und lehre sie Königrufen. Daß einmal Leben in das Panoptikum kommt!« »Im Reich der Homunkuliden bekommen Sie ja nichts zu kaufen!« »Dann muß mir der Plato aus dem Museum Tarockkarten verschaffen!« »Um was wollen Sie denn spielen, die Homunkuliden haben ja kein Geld!« »Und wenn ich um Erbsen spielen muß, gespielt wird. Es ist ja entsetzlich hier, keine Wirtshäuser, kein Kaffeehaus, die Zeitungen sind alle die reinsten Amtsblätter mit lauter Kundmachungen. Wenn ich so an mein kleines, gemütliches Stammgasthaus denke...« »Und an die Wetti!« warf lächelnd der Professor ein. »Ja, an die auch!« sagte seufzend Lorenz. Der Professor versprach, sein möglichstes zu tun, damit Lorenz' Wille erfüllt werde. »Ich hoffe, das mit der Tarockpartie, wenn Sie schon darauf bestehen, wird sich machen lassen. Seien Sie nicht ungeduldig! Wir sind ja erst wenige Tage hier.« »Ich will Leute um mich haben, mit denen ich reden kann, Leute, die lachen können, Leute, die schimpfen, wenn ihnen was nicht recht ist, Leute, die lustig sind, aber das sind Uhrwerke...« »Ich glaube, Sie haben bis jetzt Unterhaltung genug gehabt, Lorenz. Heute machen wir eine Luftreise. Wenn Sie in Ihrem Zeitalter geblieben wären, würden Sie wahrscheinlich nie zu einer solchen Ausfahrt gekommen sein. Denken Sie nur, was Sie da alles sehen und hören!« »Das ist alles ganz wahr und richtig! Aber ich hab' niemanden, mit dem ich darüber gemütlich plaudern kann. Ich werde mir noch einen Hund anschaffen müssen!« Es war ein Glück, daß es in diesem Augenblick an die Tür klopfte. Plato und Archimedes traten ein, Lorenz und seinen Herrn zur geplanten Fahrt abzuholen. »Also, wohin soll die Reise gehen?« fragte fröhlich der Professor. »Ganz, wie Sie wollen, Herr Professor«, antwortete Archimedes, »nach Süden, Norden, Osten oder Westen. Die Bemannung des Aeronaut harrt nur Ihrer Befehle!« »Na, Lorenz, was sagen Sie zu einer Reise über die Alpen?« fragte der Professor gütig und setzte, zu den Homunkuliden gewendet, lächelnd fort: »Ich muß ihm heute schon seinen Willen lassen, er hat Heimweh nach seiner Zeit. Er entbehrt hier viele liebgewordene Gewohnheiten!« »Warum sagt das Herr Lorenz nicht?« fragte verwundert Plato. »Wenn es in unseren Kräften steht, werden wir seinen Wünschen bereitwilligst nachkommen!« »Er möchte hie und da ein Spielchen machen, wie er es zu seiner Zeit gewohnt war...«, erklärte der Professor. »Ein Spielchen? Was soll das sein?« fragten die beiden Homunkuliden. »Ein Kartenspiel – Tarock – Lorenz war immer ein passionierter Tarockspieler »Ah, ich kann es mir denken – in unseren Museen haben wir eine äußerst reichhaltige Sammlung von Spielkarten aller Zeiten. Ich werde trachten, daß Herrn Lorenz das Gewünschte zur Verfügung gestellt wird.« »Wenn die Karten so alt sind, dann kennt man sie schon von hinten...«, gab Lorenz zu bedenken. »Nein, wir werden Ihnen die prächtigsten neuen Spiele zur Verfügung stellen, Herr Lorenz!« versicherte Plato. »Aber hier kann niemand spielen!« seufzte tiefbetrübt Lorenz. »Auch dafür werde ich sorgen!«, tröstete der Homunkulide. Die Aussicht auf einen solchen Königrufer besserte die Stimmung Lorenz' sehr bedeutend und er gab zu erkennen, daß ihm das Reich der Homunkuliden jetzt schon besser gefalle. In glücklichster Laune erklärte er, bereit zu sein, eine Luftfahrt über die Alpen zu machen, doch sprach er die Befürchtung aus, das Luftschiff könnte an einen der Bergriesen anfahren, was der Konstruktion dann so schaden könnte, daß nicht nur die Sicherheit des Herrn Professors, sondern auch seine erheblich gefährdet würde. »Beruhigen Sie sich, wir fahren über die Berge, die höchsten Gipfel werden noch einige Meter unter uns bleiben!« tröstete lächelnd der gelehrte Archimedes. »Auch der Großglockner?« fragte staunend Lorenz. »Auch der!« »Und der Montblanc?« »Auch der würde noch unter uns bleiben!« versicherte Archimedes. »Na, auf die Geschichte bin ich neugierig!« sagte etwas bedenklich Lorenz, »Hoffentlich irrt sich der Steuermann nicht, und wir kommen am Ende statt auf der Erde auf dem Mond an, wo es, wie ich gehört habe, nicht sehr angenehm sein soll!« »Das wird auf keinen Fall geschehen«, sagte Archimedes, »denn zu einer solchen Reise fehlt uns das Allernotwendigste!« »Den Homunkuliden kann auch etwas fehlen?« fragte mit maßlosem Staunen Lorenz. »O ja, in diesem Falle würde uns die Luft fehlen. So wenig ein Schiff ohne Wasser fahren kann, ebensowenig fährt ein Luftschiff ohne Luft!« Der Professor erkundigte sich, ob zu dieser Reise eine besondere Ausrüstung notwendig sei. Archimedes verneinte. »Herr Professor brauchen bloß Hut und Rock zu nehmen; was Sie sonst benötigen werden, wird sich alles auf dem Schiffe finden«, sagte er. Das Automobil brachte die Herren nach kaum viertelstündiger Fahrt zum »Hafen des Aeronauten«. Sie hielten vor einer Riesenhalle. Höchst neugierig folgte Lorenz den drei Herren. Er brannte vor Begierde, die seltsame Fahrt mitzumachen, und doch beschlich ihn eine geheime Furcht – es ward ihm bange vor dem Gedanken, Tausende von Metern über dem Erdboden in der Luft dahinzusegeln, ihm, der nicht ohne Angst von dem Fenster eines vierten Stockwerkes auf die Gasse herabschauen konnte. Die Herren wurden, in der Halle angelangt, mittels Aufzuges in eine beträchtliche Höhe hinaufbefördert. »Das soll wohl eine Vorübung sein«, dachte sich Lorenz, als nach minutenlanger Fahrt der Aufzug sie endlich zum Ziele gebracht hatte. Der Anblick, der sich ihnen bot, war ein höchst sonderbarer. Eine breite Galerie umgab eine offene Halle, die ganz und gar von dem Luftschiffe eingenommen wurde. Das seltsame Fahrzeug hatte eine Länge von mindestens siebzig, eine Breite von ungefähr zwanzig und eine Tiefe von wenigstens vierzig Metern. An den beiden Enden des Schiffes waren eigentümliche Schrauben nach Art der Schiffsschrauben angebracht, deren ungeheure Flügel die Mauerzinnen der Halle weit überragten. Um das Verdeck des Schiffes lief eine Brüstung. »Na, Gott sei Dank, hinunterfallen kann man doch nicht so leicht«, sagte sich Lorenz, als er hinter den Herren über den langen, schmalen Gang zum Verdeck schritt. An Bord wurden sie von mehreren Herren empfangen, die sie mit der allen Homunkuliden eigenen steifen Förmlichkeit begrüßten. Archimedes stellte den Kapitän und die Offiziere des Luftschiffes vor. Auch Lorenz wurde durch einen Händedruck des Kapitäns geehrt, wodurch er sich ungemein geschmeichelt fühlte. Der »Automat«, der einen solchen Koloß wie dieses Luftschiff zu führen imstande war, dünkte ihm ein halber Herrgott zu sein. Da bis zur Abfahrt fast noch eine Viertelstunde Zeit war, so führte der Kapitän die Herren zu ihren Kabinen. Sie stiegen auf breiten, prachtvollen Treppen in den Schiffsraum hinab. »Den Maschinenraum werden wir uns später besehen«, sagte Archimedes und öffnete die Tür zu einem sehr elegant eingerichteten Salon. »Donnerwetter«, sagte verblüfft Lorenz, »und das geht alles mit uns in die Luft hinauf? Fällt die Geschichte nicht um, wenn das Schiff in den Wolken zu wackeln anfängt?« »Herr Lorenz, Sie haben in Ihrem ganzen Leben noch keine so ruhige Fahrt gemacht«, versicherte Archimedes. Die Einrichtung fand die höchste Bewunderung der Herren. Die zwei Nebenräume waren ebenso hübsch wie der Salon möbliert. Dem Professor fiel auf, daß die Türen all dieser Räumlichkeiten fast hermetisch zu schließen waren. »Das hat darin seinen Grund«, erklärte Archimedes, »daß wir an Bord häufig an Luftmangel leiden. Wenn wir über zweitausendfünfhundert Meter emporsteigen, ist die Luft schon so dünn, daß das Atmen erschwert wird. Dann begeben wir uns in den Salon. Die Türen werden geschlossen, die Maschinen des Aeronauten mit den Luftpumpen in Verbindung gesetzt, durch Schließung der Türen die Räumlichkeiten in eine pneumatische Kammer verwandelt und wir atmen Luft von einem Atmosphärendruck viertausend Meter über dem Meere!« »Ausgezeichnet!« sagte der Professor, »Und so hoch steigen sie empor ohne Ballon?« »Ganz ohne Ballon – mit Hilfe unserer elektrisch betriebenen Schrauben und mit Hilfe eines Apparates, von dessen Prinzip Ihre Zeit noch nicht die geringste Ahnung hatte!« »Oh«, sagte überrascht der Professor, »was für ein zauberischer Apparat wäre das?« »Ein Spiegelapparat ganz eigener Konstruktion und mit ganz eigenartiger Aufgabe!« »Ein Spiegelapparat – wozu dient der Spiegelapparat?« fragte mit größtem Erstaunen der Professor. »Bitte, Herr Professor«, sagte Archimedes, »mir nur nachzufolgen!« Er ging voran. Auf dem breiten Gang ließ der gelehrte Homunkulide eine Falltür öffnen. Auf ein Zeichen von ihm ward der dunkle Raum taghell beleuchtet. Auf einer Eisentreppe stiegen die Herren ein Stockwerk tiefer, über den Boden des Luftschiffes spannte sich ein sonderbares Drahtnetz aus mattschimmernden silbergrauen Metallfäden. »Das ist jener Spiegelapparat, von dem ich sprach«, sagte Archimedes; »dieser Spiegel hat, wie Sie bemerken, eine sehr rauhe Oberfläche. Er hat aber auch nicht die Aufgabe, Lichtstrahlen zurückzuwerfen, sondern Kraftstrahlen einer ganz andern Art!« »Bei Gott, ich verstehe Sie nicht! Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich nicht einmal ahne, was Sie meinen, mein Herr«, sagte fast atemlos vor Erregung der Professor. »Diese Vorrichtung hat den Zweck, die sogenannten Schwerstrahlen, die die Erde zu uns sendet, zurückzuwerfen. Die Schwere ist eine Kraft wie jede andere. Zu unserer Zeit ist es gelungen, auch die Schwere in Elektrizität, Licht, Wärme zu verwandeln. Zu Ihrer Zeit, glaube ich, hat man die Entdeckung gemacht, daß sich gewisse Lichtstrahlen durch Magnete aus ihrer Richtung bringen lassen. Es war ein karger Anfang. – Wir Homunkuliden oder Automaten, wie Herr Lorenz sagt, haben es zustande gebracht, durch sinnreich konstruierte Apparate Kraftstrahlen jeder Art abzulenken. Und als wir es erreichten, auch die Strahlen jener Kraft, die wir als Schwere, als gegenseitige Anziehungskraft der Körper bezeichnen, aus ihren Bahnen abzulenken, war eines der größten physikalischen Probleme der Welt gelöst!« »Und welche Erscheinung gab den Anlaß zu dieser ungeheuren Entdeckung?« fragte fast bebend der Professor. »Die elektrischen Anziehungs- und Abstoßungserscheinungen. Wir sahen, daß durch Elektrizität die Anziehungskraft der Masse aufgehoben wird. Die gleichnamigen Pole der Magnete stoßen einander ab. – Diese Erscheinung gab Anlaß zu grandiosen Forschungen – ihr genialstes Ergebnis ist die Erfindung des Schwerkraftspiegels. Wenn dieses sonderbare Netz, das Sie hier ausgebreitet sehen, von Elektrizität durchströmt wird, hört die Schwerkraft der Erde auf, auf unser Schiff zu wirken – wie Lichtstrahlen von einem Spiegel prallen die Strahlen der Erdschwere von diesem Netz ab!« Der Professor stand wie betäubt da. »Na, da muß man schon ›Sie‹ sagen«, brummte Lorenz, »die Kerle gehen mit unserer alten Weltkugel um, wie wenn's eine Kegelkugel wäre.« In diesem Moment ertönte eine elektrische Klingel. »Wenn sie die Abfahrt des Schiffes von Deck aus betrachten wollen, dann bitte ich, den Rückweg anzutreten. In fünf Minuten wird sich der Aeronaut in Bewegung setzen!« ermahnte Herr Archimedes, Lorenz war der erste, der das Deck betrat. Er brannte vor Neugierde, zu sehen, wie sich die gewaltige Maschine in Bewegung setze. Die Herren nahmen beim Steuerhäuschen Aufstellung. Lorenz war ganz Auge und Ohr. Alles auf Bord interessierte ihn auf das lebhafteste. Neben dem Häuschen des Steuermanns lag zusammengerollt eine ungeheure Eisenkette mit Ringen von der Dicke eines Mannesarmes. Er konnte es nicht unterlassen, zu versuchen, ob er nicht imstande sei, das Ende der Kette aufzuheben. Lächelnd sahen ihm der Professor, der Kapitän, Plato und Archimedes zu, wie er sich schwitzend, mit gerötetem Antlitz, abmühte, zwei Ringe aufzuheben. Auf einmal geschah ein Wunder – Lorenz hatte Riesenkräfte gewonnen. Die Kette erklirrte, er hob ein acht Ringe langes Stück mit Leichtigkeit empor. Wie von einem Teufelspuk erschreckt, ließ er die Kette fallen, langsam sank das Endstück zu Boden – kaum daß man das Aufschlagen der gewaltigen Eisenmenge auf den Eichenbrettern des Decks vernahm. »Ja – was ist das?« fragte er verblüfft. Ganz starr stand er da und sah hilflos in staunendem Schrecken auf seinen Herrn und die drei Homunkuliden. »Die Spiegel sind soeben in Aktion getreten«, erklärte lächelnd Archimedes, »ich muß bitten, Herr Lorenz, sich jetzt ruhig zu verhalten, denn Sie sind in diesem Moment in ganz andere, Ihnen vollständig unbekannte Verhältnisse geraten.« »Lorenz, jetzt bleiben sie bei mir und rühren sich während der ganzen Fahrt nicht mehr von meiner Seite weg!« sagte der Professor, »Sie richten sonst doch noch ein Unglück an!« Lorenz beeilte sich, zu seinem Herrn hinzukommen, und wollte mit leichtem Schritt über die Kette, die vor ihm lag, hüpfen. Aber, o Wunder– der leichte Sprung fiel ganz anders aus, als er sich gedacht hatte. Der treue Diener flog mit Eleganz zirka fünf Meter hoch empor. »Halt – aufhalten!« schrie er angstvoll. Einen Moment schwebte er in der Höhe oben, dann begann er ganz langsam wie eine Flaumfeder aufs Deck herabzuschweben. Nun stand der Professor starr da. Als Lorenz nach Verlauf von einigen todbangen Sekunden am Deck anlangte, war sein Gesicht kreidebleich und er schlotterte vor Angst mit allen Gliedern. »Seien Sie froh«, sagte Archimedes, »daß trotz unserer ausgezeichneten Spiegelapparate noch immer ein Rest von Schwerkraft zurückbleibt, sonst wären Sie jetzt ohne uns – ganz allein aufgestiegen!« Lorenz ging langsam – er schlich vielmehr – zu seinem Herrn hin und setzte sich ganz verstört und verschreckt auf einen Sessel neben dem Häuschen des Steuermannes. »Wär' es nicht gescheiter, wenn wir in den Salon hinabgingen?« fragte er, scheu um sich schauend. »Da hat man wenigstens eine Decke über dem Kopfe und kann nicht unversehens wie eine Hexe in die Luft hinauffahren! Was war denn das jetzt?« »Die Schwerkraft hat zu wirken aufgehört. Sie haben fast gar kein Gewicht mehr!« erklärte Archimedes. »Da wär's gut, wenn man sich ein paar Bügeleisen an den Leib binden würde!« meinte der langsam zur Besinnung kommende Lorenz. »Das würde Ihnen auch nichts nützen«, sagte geärgert der Professor; »die haben hier ja auch kein Gewicht. Sie haben es ja vorhin an der Schiffskette gesehen, wie leicht Sie acht bis zehn der ungeheuren Ringe emporgehoben haben! Bleiben Sie da sitzen!« »Am liebsten wär's mir, wenn mich die Herrschaften anbinden möchten, mir ist so sonderbar, als wenn ich jetzt und jetzt in die Luft fliegen müßte!« Dasselbe Gefühl hatte der Professor, ihm war so jugendlich leicht zumute! Ein neues Zeichen ertönte, das ungeheure Luftschiff begann sich zu heben, man vernahm das dumpfe Summen der mächtigen Schrauben, die in rasendem Laufe sich um ihre Achsen drehten. Langsam, majestätisch stieg der Koloß aus der Halle empor. Der Professor stand an dem Geländer und sah aufmerksam in die Tiefe hinab. Lorenz hatte höchst vorsichtig, ohne sich zu erheben, seinen Sessel ebenfalls zum Geländer gerückt und sah mit ängstlichen Blicken auf das Dächermeer, das anscheinend immer mehr in der Tiefe versank. Der sonst so geschwätzige Diener war still geworden. Das Luftschiff schlug die Richtung nach Westen ein. Es flog in einer Höhe von mehr als tausend Metern über dem Boden hin. Die Schnelligkeit mußte eine enorme sein, eilfertig schwanden unter ihren Blicken die fernen Fluren dahin. Ausgedehnte Äcker, Wiesen, dann und wann das Häusermeer einer großen Stadt, dann ausgedehnte Wälder und wieder Äcker und Wiesen und wieder Riesenstädte. Nach einstündiger Fahrt erblickten sie das breite, schimmernde Band eines mächtigen Stromes. »Was für ein Strom ist das?« fragte der Professor. »Der Strom Ihrer einstigen Heimat«, sagte Plato, »die Donau!« »Die Donau?« schrie Lorenz auf. »Unsere Donau – unsere blaue Donau?« »Ja, ja, Herr Lorenz!« bestätigte auch Archimedes. »Das ist Ihre Donau – ganz gewiß...« »Unsere Donau!« schrie entzückt Lorenz und klatschte wie verrückt in die Hände. Er wollte sogar zu tanzen anfangen, und wenn nicht schnell einer der Homunkuliden, die zur Bemannung des Schiffes gehörten, herbeigeeilt wäre, Lorenz wäre in seiner Herzensfreude einige hundert Meter emporgewirbelt. »Ich muß Sie doch anbinden lassen«, sagte der Professor. Aber sein Ton war nicht der gewohnte ernste, strenge, seine Augen schimmerten feucht und seine Stimme hatte einen unsäglich wehmütigen Klang. »Verzeihen Sie, Herr Professor!« entschuldigte sich Lorenz. »Mich hat das Heimweh gepackt! Denken Sie nur, da unten rinnt unsere Donau, unsere Donau!« Und er legte den Kopf auf beide Arme und sah unverwandt in die Tiefe hinab nach dem Strome seiner fernen Heimat und, ach, so fernen Jugendzeit. Als er nach einer Weile den Kopf emporhob, sah der Professor, daß dem alten Knaben die hellen Tränen über das Gesicht liefen. Solange Lorenz die Donau noch sehen konnte, blieb er sitzen und sah unverwandt nach dem schimmernden Bande hin. Als hinter bewaldeten Bergrücken der Strom verschwand, stand er auf und äußerte den Wunsch, die Kabinen aufzusuchen. »Mir ist das Herz schwer geworden, und da möchte ich gern ein wenig allein sein«, sagte er stockend. »Ich werde mit Ihnen gehen«, sagte gütig der Professor, »in solcher Stunde ist es gut, wenn man einen Genossen jener Zeit, nach der man sich sehnt, bei sich hat. Sonst werden die Gefühle allzu übermächtig...« Plato und Archimedes sahen sich verwundert an, sie begriffen den Zustand des treuen Dieners nicht. »Ist Herrn Lorenz unwohl geworden?« fragte betroffen Plato. »Es ist ein Arzt auf dem Schiffe, ich werde ihn rufen!« »Nein, nein«, sagte abwehrend der Professor,« dieses Unwohlsein kann kein Arzt beheben, Lorenz hat einen akuten Anfall von Heimweh bekommen. Und von Sehnsucht nach seiner Jugendzeit!« Die Homunkuliden starrten verwundert dem Professor ins Gesicht, sie wußten sich die rätselhafte Krankheit Lorenz' nicht zu erklären. »Heimweh – Sehnsucht nach der Jugendzeit? Was soll das heißen?« fragten sie. »Diese Krankheiten sind bei uns nicht bekannt. Herr Professor müssen die Güte haben, uns darüber aufzuklären!« »Sehr gern«, sagte der Professor, »aber erst, wenn wir wieder auf festem Boden sind – jetzt bitte ich, uns die Tür zum Salon öffnen zu lassen!« Lorenz und der Professor wurden in den Salon geführt. Hinter ihnen wurden die Türen hermetisch verschlossen. Archimedes setzte die elektrische Beleuchtung in Betrieb und zeigte, auf welche sinnreiche Art die schweren Türen des Salons zu öffnen seien. »Wenn Sie einen Ausblick auf die Erde genießen wollen, dann bitte ich, diesen Hebel um 180 Grad nach links zu drehen«, sagte er, »durch die Seitenfenster des Salons sehen Sie nur Luft und Nebel. Hier stehen auch ganz ausgezeichnete Gläser zur Verfügung;« er öffnete einen Schrank und entnahm ihm zwei Binokel von der Form der Operngucker. »Aus zweitausend Meter Entfernung bringen Ihnen diese Gläser alle Gegenstände auf dreißig Meter in die Nähe! Wenn sie hinunter sehen – pardon, ich muß das Bodenfenster vorher öffnen.« Er trat zu dem Hebel, den er vorher gezeigt hatte, hin und drehte ihn mit einem Ruck herum. In diesem Moment schien sich der Boden des Salons in einer Fläche von ungefähr zwanzig Quadratmetern zu öffnen und die Herren sahen mit entsetztem Staunen in die greuliche Tiefe hinab. »Die Glasdecke ist sicher«, sagte Archimedes, »Sie können ruhig darauf treten. In aller Muße können Sie die Gegenden, die da unter Ihnen scheinbar vorüberziehen, betrachten und haben noch den Vorteil, den Einfluß der verdünnten Luft nicht zu spüren, der sich an Bord sehr bald geltend machen wird.« Er verließ den Salon. Der Professor und Lorenz blieben zurück. Stumm saßen sie auf ihren Sesseln und sahen durch den kristallenen Boden in die Tiefe hinunter. Das Luftschiff zog über hügeliges Land. Endlich reihte sich in schachbrettartiger Anordnung Feld an Feld. »Es sind Teufelskerle«, begann nach einer langen Pause Lorenz, »sie können was! Aber«, er sah erst eine Weile stumm vor sich nieder, »alles verstehen sie doch nicht! Was Heimweh ist und wie einem manchmal ums Herz werden kann, davon haben diese Automaten keinen Begriff!« »Woher sollten sie ihn haben? Die ganze Welt – der Erdball ist ihre Heimat... Ein Vaterhaus kennen sie nicht... sie haben nicht Vater noch Mutter«, fing der Professor an, »und daß sie von ihrer Jugendzeit auch nicht viel halten...« Er stockte. Dem Herrn Professor schien auch schon manches an den Homunkuliden zu mißfallen. »Ich weiß schon lange, was ihnen allen mitsammen fehlt«, sagte Lorenz, »die Homunkuliden haben kein Herz !« »Da könnten sie ja nicht leben«, belehrte der Professor, »das sollten Sie doch wissen!« »Das meine ich nicht«, sagte Lorenz trübe, »ein solches Herz, das das Blut in die Adern treibt, haben sie schon. Und es wird ein gutes Herz sein, in der Fabrik werden sie schon darauf schauen, daß diese Schraube gut konstruiert wird. Aber das andere Herz fehlt ihnen, das Herz, mit dem man sich freuen kann, das uns lachen macht und weinen. So ein Herz haben diese Automaten nicht. Auf das ist bei der Konstruktion vergessen worden!« »Sie können recht haben. Ich wüßte auch nicht, wozu sie in ihrer Welt ein solches Herz brauchen könnten!« erwiderte der Professor. »Gescheite Kerle sind sie, das muß man ihnen lassen!« »Das ist aber auch alles!« sagte Lorenz geringschätzig. Während dieses tiefsinnigen Gespräches hatte sich die Situation unter dem Boden des Luftschiffes, ohne daß es die beiden sonderlich gemerkt hätten, ziemlich verändert. Der Blick auf die Erde hinab ward durch einen grauen, undurchdringlichen Nebel verwehrt. »Da muß eine große Waschküche unten sein«, sagte Lorenz, der wieder zu einigem Humor kam. »Das sind Wolken, durch die wir fahren«, erklärte der Professor. »Ah, das ist interessant, das sollten wir uns doch ansehen!« sagte der neugierige Lorenz. »Durch Wolken zu fahren, das hab' ich noch niemals mitgemacht.« Er lief zur Tür des Salons. »Lorenz, Sie werden wieder ein Unheil anrichten«, warnte der Professor, »hier ist ein elektrischer Taster, mit dem wir vielleicht die Bemannung des Schiffes herbeirufen können.« Lorenz blieb an der Tür des Schiffes stehen. Der Professor drückte auf den Taster und das helle Gebimmel eines Silberglöckleins ertönte. Man vernahm draußen Schritte, die Tür öffnete sich, ein heftiger Luftzug machte sich bemerkbar, der auf ein Haar den getreuen Diener in die Arme der beiden Homunkuliden Plato und Archimedes geweht hätte. Nur mit Mühe konnte er sich am Türrahmen festhalten. »Donnerwetter, da zieht's! Die Ventilation wirkt, das muß man sagen!« rief er erschrocken aus. Auch der Professor war im Moment sehr verblüfft, faßte sich aber bald und rief erstaunt aus: »Der Luftzug kommt aber aus dem Salon, und im Salon ist bis auf die Tür alles geschlossen!« Archimedes trat entschuldigend vor. »Als wir das Notsignal hörten, glaubten wir, es sei Herrn Lorenz etwas passiert«, sagte er hastig, »sonst hätten wir nicht so schnell geöffnet.« Mit dem Luftzug war es aus – plötzlich – es war eigentlich nur ein einziger Windstoß gewesen. Lorenz stand noch immer ganz verdutzt beim Eingang. »Ja – was war denn das?« fragte er. »Die Geschichte wird immer unheimlicher!« »Nein, nein«, begütigte Archimedes, »wir haben in den Salon Luft eingeblasen; denn wir sind während Ihres Aufenthaltes da unten zweitausendfünfhundert Meter emporgestiegen, und da beträgt die barometrische Differenz schon volle zweihundertfünfzig Millimeter gegen den Druck einer Atmosphäre, der im Salon herrschte. Die im Salon enthaltene Luft hat sie hinausgeblasen, Herr Lorenz!« »Mir ist ganz egal, ob die Luft von draußen oder die Luft von herinnen mich umbläst«, erwiderte unwirsch Lorenz. »Die Erfindung hat ihre Gefahren.« Die Herren stiegen die Decke zum Verdeck empor. »Na, wegen dieser Aussicht hätt' ich mich nicht zum Salon hinausblasen lassen müssen«, sagte Lorenz, als er das Verdeck in dichtesten Nebel gehüllt fand. Man vermochte nicht, drei Schritte weit vor sich zu sehen, und dabei herrschte eine empfindliche Kälte. Lorenz ging sehr vorsichtig zum Geländer und starrte in die treibenden Nebelmassen hinaus. »Lorenz, jetzt fahren Sie durch die Wolken«, sagte fast feierlich der Professor, »tief unter Ihnen liegt die Erde...!« »Das Vergnügen ist mäßig«, sagte Lorenz. »Ich möchte kein Engel sein, das Geschäft wäre mir zu naß und zu kalt!« Der Professor mußte unwillkürlich lachen, freute sich aber sehr, daß sein Getreuer den Humor wiedergefunden habe. »Wir werden bald besseres Wetter haben«, sagte lächelnd Archimedes. Er sprach einige Worte zu dem Kapitän. Auf ein Zeichen des Befehlshabers begannen die Schrauben stärker zu summen. Das Verdeck erzitterte leise unter den Schlägen der gewaltigen Windflügel. Lorenz starrte noch immer in die durcheinanderwogenden Nebelmassen hinaus, die infolge des Durchgleitens des Schiffes in eine seltsam wirbelnde Bewegung gerieten. Es schien, als griffen vergeblich mächtige Geisterarme nach dem Verdeck hinauf. »Was sagen Herr Professor zu dieser Fahrt?« sagte Lorenz. Der Professor antwortete nicht. Er schien den treuen Diener gar nicht gehört zu haben. »Etwas unheimlich«, rief mit allem Aufwand seiner Stimme Lorenz zu seinem Herrn hinüber. Der Professor drehte den Kopf nach ihm. Er sprach einige Worte, aber Lorenz vernahm keinen Laut. Er sah aufmerksam hin. Da bemerkte er auf einmal, daß aus der Nase des Professors Blut floß. »Was ist das, Herr Professor bluten!« rief er erschreckt. In diesem Moment fühlte er, daß es auch ihm ganz warm über die Lippen rann. Er wischte sich ab – und hatte die Hand voll Blut. »Was ist denn das wieder?« fragte er sich entsetzt. Es ward ihm ganz übel, er bekam nicht Atem genug, das Sprechen ward ihm unsäglich schwer, seine Adern pochten, eine furchtbare Angst überfiel ihn. Aber schon kam Herr Archimedes zu ihm, nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu der Stiege. Jammervoll wendete er seinen Blick zu seinem Herrn; als er sah, daß dem von Plato der gleiche Liebesdienst getan wurde, folgte er willig seinem Mentor. Im Salon angekommen, wurden sie von Archimedes über den Vorfall belehrt. »Verzeihen, Herr Professor«, begann der gelehrte Automat, »wenn ich die Ursache an diesem Vorfalle zum Teil Herrn Lorenz zuschieben muß.« »Mir?« fragte wütend der Diener. »Jawohl, Herr Lorenz«, entgegnete ernst Plato, »Ihre Ungeduld ist schuld daran!« »So –? Na, da möchte ich doch bitten...« »Um Entschuldigung natürlich, lieber Lorenz«, verwies milde der Professor; »erlauben Sie, meine Herren, daß ich Lorenz selbst den Vorgang aufkläre!« Plato und Archimedes verneigten sich stumm. »Wir hatten im Salon Luft von einer Atmosphäre Druck«, fing der Professor zu dozieren an. »Als Sie so schnell hinauf auf das Deck gingen, kamen Sie in eine Luftschichte, deren Druck um vieles geringer war; die in Ihrem Körper eingeschlossene Luft treibt Ihnen nun das Blut zur Nase und beim Munde heraus – wir haben beide die Caissonkrankheit bekommen.« »Das auch noch«, brummte Lorenz, »zu unserer Zeit hat man die Seekrankheit gekannt, die Eisenbahnkrankheiten und da gibt's noch eine Caissonkrankheit. Gehört das auch zum Fortschritt? Hoffentlich ist ein Schiffsarzt an Bord?« »Das ist nicht nötig«, sagte lächelnd Archimedes, »die Behandlung Ihrer Krankheit hat bereits begonnen!« »So, und mit welchen Mitteln wird denn diese neuartige Krankheit behandelt?« »Mit Luft, mein lieber Lorenz«, begütigte der Professor den Aufgeregten. »Das ist ein sehr einfaches Mittel und leicht zu haben«, sagte Lorenz. »Hier wird dieses Mittel eingeführt«, erklärte Archimedes und wies auf eine Öffnung nahe der Decke. »Die Pumpen sind bereits in Tätigkeit, Luft hereinzupressen. Wenn im Salon wieder eine Atmosphäre Druck herrscht, was in fünf Minuten der Fall sein wird, werden Sie bereits ganz gesund sein!« »Dann ist's recht, meine Herren, und ich bitte sehr um Verzeihung, daß ich durch meine Voreiligkeit die Krankheit herbeigeführt habe. Aber sagen Sie mir, muß ich jetzt, um gesund zu bleiben, immer da herunten sein?« »Das ist nicht gerade notwendig«, sagte Archimedes, »Sie dürfen nur den Salon nicht allzu schnell verlassen. Wenn Sie an diesen Taster drücken«, er wies dabei auf einen Perlmutterknopf neben der Tür, »so stellen erstens die Luftpumpen ihre Tätigkeit ein, es öffnet sich dann unter dem Druck der eingeschlossenen Luft dieses Ventil da oben, und es beginnt ein langsamer Ausgleich zwischen der Luft im Salon und der den Aeronauten umgebenden Luft. Wenn dann die Druckdifferenzen gleich Null geworden sind, zeigt Ihnen ein Glöckchen an, daß Sie ohne Schaden den Salon verlassen können. Denn dann hat die Luft, die in Ihrem Körper eingeschlossen ist, auch schon die Dichte der den Aeronauten umgebenden Luft angenommen.« »Ganz wie bei einem Caissonarbeiter!« bemerkte der Professor. »Hm, hm«, sagte nachdenklich Lorenz, »mir ist die Geschichte wohl nicht ganz klar, wenn sie aber vom Herrn Professor selbst bestätigt wird, so ist es meine Pflicht, sie ohneweiters zu glauben. Wenn aber für das Verhalten auf dem Schiff die Beobachtung weiterer Maßregeln notwendig ist, dann bitte ich noch um einige Aufklärungen. Denn wenn ich zufällig meinen Kopf hier verlieren sollte, so würden alle Ihre Pumpen und Schrauben nicht hinreichen, mir ihn wieder aufzusetzen. Das aber muß ich sagen, daß ein Omnibus, wie man ihn zu meiner Zeit hatte, ein weit einfacheres und angenehmeres Vehikel war als dieses Fahrzeug hier!« Der Professor mußte unwillkürlich lachen. »Wir werden Herrn Lorenz sofort in angenehmere Stimmung bringen«, sagte Plato, der bis jetzt geschwiegen hatte. »Wir werden den Anhänger der alten Zeit mit der neuen versöhnen. Wollen Sie, Archimedes, die Fenster öffnen lassen!« Archimedes ging zur Wand und drehte einen Hebel. Man hörte ein sonderbares Geräusch, wie wenn Rollbalken heruntergelassen würden. Plötzlich erfüllte Tageshelle den Salon, zwei Wände verwandelten sich in ungeheure Fenster; auch der Ausblick durch den Boden des Salons wurde wieder frei. »Ah!« sagte staunend Lorenz. Heller Sonnenschimmer leuchtete durch das eine Fenster und erfüllte das Zimmer mit seinem warmen, blühenden Lichte. Lorenz eilte sofort hin, enttäuscht schüttelte er den Kopf. »Keine Gegend..., keine Gegend...«, sagte er, »alles blau...! Nur Luft..., nur Luft..., sonst gar nichts... wir werden uns doch nicht verflogen haben?« »Nein, Herr Lorenz«, tröstete Plato, »sehen Sie nur einmal ein wenig abwärts!« Auch der Professor war zum Fenster getreten. Ergriffen sah er in die unendliche Weite hinaus. Ihm war zu Mute, als ginge ihm hier der Begriff »Ewigkeit und Unendlichkeit« in seiner ganzen furchtbaren Größe auf. Nirgends haftete der Blick, alles war leere unendliche Ferne. Nur tief, abgrundtief wogten unter dem Schiffe die grauen Nebelmassen, dann und wann das Aufleuchten eines Blitzes und nach einer Weile leise murmelnder Donner, wie aus weiter, weiter Ferne erklingend. »Die Luft muß sehr dünn sein«, sagte er zu Archimedes. Archimedes wies auf ein Aneroidbarometer, das draußen am Fenster hing. Es zeigte nur mehr einen Druck von 290 Millimetern an. »Was?« rief erschrocken der Professor aus, »zweihundertneunzig Millimeter Druck, dann wären wir ja mehr als fünftausend Meter hoch!« »Es dürfte stimmen!« sagte Archimedes. »Dem Gewitter zu entgehen, flüchteten wir in diese Höhe.« Bei dem Fenster stand ein hübscher, vollständig gedeckter Tisch. Die Herren ließen sich auf den Fauteuils, die um den Tisch gereiht waren, nieder. »Die Herren dürften schon einigen Appetit verspüren« sagte Plato, »es ist zwölf Uhr vorüber...« Aber die freundliche Einladung blieb ohne Antwort; Lorenz starrte unablässig in die unendliche Ferne hinaus. In dem Professor regte sich der Gelehrte. »Wie ist es möglich«, fragte er, »daß die Schrauben Ihres Luftschiffes in dieser so verdünnten Luft noch wirksam sind?« »In erster Linie wirkt bei der Fortbewegung unseres Aeronauten derzeit die lebendige Kraft der Masse. Um das Schiff zu steuern, sind jetzt die Schrauben in höchster Tätigkeit, denn je geringer die Dichte der Luft ist, desto schneller müssen die Schrauben sich drehen. Die große Schraube macht jetzt mehr als zweitausend Umdrehungen in der Minute«, erklärte Archimedes. »Aber wo nehmen Sie die ungeheure Kraft her, diesen Riesenmechanismus in solche Bewegung zu setzen?« fragte kopfschüttelnd der Professor. »Die Kraftströme werden uns von der Erde heraufgesendet!« »Ohne jede Drahtverbindung natürlich, mittels Funkentelegraphie – das ist fast nicht zu glauben – das ist ja undenkbar!« »Und doch ist es so«, meinte Archimedes, »solche Ströme durch Funkentelegraphie zu senden, ist jene Erfindung, die eben unsere Luftschiffahrt möglich gemacht hat!« Sinnend saß der Professor da. »Da fällt mir mein Physikprofessor ein«, sagte er nach eine Weile. »Ende der sechziger Jahre, ungefähr eintausendachthundertachtundsechzig war ich im Gymnasium und der alte Herr trug über Elektrizität vor. Ich hör' ihn jetzt noch sprechen. Er erklärte, daß es nie möglich sein werde, die Elektrizität zum Betriebe von Maschinen zu verwenden. Als ich mich zu meinem tausendjährigen Schlaf niederlegte, also kaum vierzig Jahre, nachdem jener Herr Professor diesen denkwürdigen Ausspruch getan hatte, fuhren die Leute schon auf elektrisch betriebenen Bahnen, betrieben ihre Arbeitsmaschinen mit Elektrizität – warum soll nach zweitausend Jahren menschlicher Geist es nicht möglich gemacht haben, mittels Funkentelegraphie Maschinen zu treiben? Der Italiener Marconi hat die Welt mehr umgeformt als jeder andere Erfinder!« Lorenz hatte bislang zum Fenster hinausgesehen, plötzlich drehte er sich um und sagte: »Der Herr Plato haben vor einiger Zeit geruht, uns aufmerksam zu machen, daß es bereits zwölf Uhr vorüber ist. Wenn es möglich ist, diesem Zeitpunkt auf diesem kuriosen Vehikel genügend Rechnung zu tragen, so wäre ich gern damit einverstanden. Die Luft hat mir schon ganz angenehmen Appetit gemacht!« Der Professor schreckte aus seinen Träumen auf, und da auch sein Magen ähnliche Gefühle entwickelte, so stimmte er Lorenz zu. Plato drückte auf den Taster, und fast augenblicklich trat ein Diener in den Salon, der sich nach den Wünschen der Herren erkundigte. Plato erteilte ihm in der Homunkulidensprache einige Weisungen, und nach kaum zehn Minuten stand das Essen auf dem Tisch. Der Professor und Lorenz sowie die beiden gelehrten Homunkuliden taten ihm alle Ehre an. Mit besonderem Vergnügen erfüllte es Lorenz, als der dienernde Homunkulide die Flasche mit dem braunen Zaubertrank hereinbrachte. »Das ist doch die allerschönste Erfindung«, sagte er, als er das erste Gläschen ausgetrunken hatte. »Das Luftschiff und alles andere ist nicht die Hälfte so viel wert wie dieser Likör! Prost! Die Homunkuliden sollen leben!« Lustig stießen die Herren mit ihm an. Lorenz trank noch ein Glas – dann noch eines und wurde sehr aufgeräumt. »Ich glaube, ich habe einen Fehler begangen«, sagte er, »ich habe bis jetzt noch zu wenig von diesem Likör getrunken!« Er sah höchst vergnügt darein. »Herr Professor sollten auch noch einige Gläschen trinken; er ist gut und erwärmt einem das Herz, was hier in dieser kalten Temperatur sehr notwendig ist!« Plaudernd blieben die Herren ein Stündchen sitzen. Der Professor erzählte von seiner Jugendzeit. Andächtig hörten die Homunkuliden zu und schüttelten nur manchmal ganz unmerklich die Köpfe. Sie wollten den Herrn Professor nicht durch ihre Kritik betrüben, wenn er Dinge erzählte, die ihnen ganz unfaßbar abscheulich vorkamen. Auch Lorenz erzählte in seiner Art von seinen Schicksalen, und als er erwähnte, daß sein Vater, der ein ehrsamer Bauersmann gewesen war, durch Unglücksfälle aller Art um Haus und Hof kam, da wurde Plato beredt und sprach ein vernichtendes Urteil über jene Zeit aus, aus der zu flüchten die glorreiche Erfindung des Herrn Professors ihm möglich gemacht habe. Archimedes beteiligte sich weniger an dem Gespräch, er verwandte fast keinen Blick von dem vor dem Fenster hängenden Aneroidbarometer. »Unser Luftschiff ist um tausendfünfhundert Meter gesunken« – er sah nach der Uhr im Salon – »in einer Viertelstunde werden wir die Tauernkette überfliegen!« »Das müssen wir uns von oben betrachten!« sagte aufgeregt der Professor. »Mir wird's auch ein Vergnügen gewähren, einmal von oben auf die Berge hinabzuschauen«, meinte Lorenz und wollte zur Tür gehen. Der Professor hielt ihn zurück. »Sie haben doch gehört – wollen Sie sich neuen Unannehmlichkeiten aussetzen?« fragte er. »Das nicht, Herr Professor entschuldigen...«, antwortete Lorenz und ließ sich auf einem Fauteuil nieder. »Ich werde warten, bis die Tür offen ist«, sagte er; »ich will nicht wieder hinausgeblasen werden.« Es ward still im Salon, man hörte nichts als das Summen der ungeheuren Schrauben. Auf einmal erklang der helle Ton eines Glöckchens. »Wir können jetzt ohne Sorge auf das Verdeck gehen«, sagte Archimedes; »die Druckdifferenzen zwischen der hier eingeschlossenen Luft und der äußeren sind behoben!« Die Herren gingen zur Tür, Lorenz hielt sich scheu im Hintergrunde. Archimedes öffnete ohne jeden Unfall die Tür. Als sie auf Verdeck kamen, bot sich ihnen ein gewaltiger Anblick dar. Unter ihnen lag all die unsagbare Pracht der Hochalpen ausgebreitet, grüne Matten, aus den Tälern leuchteten die roten Ziegeldächer einsamer Dörfer herauf, himmelragend die Zinken und Schroffen der Tauernkette. Ein riesiges Eisfeld tauchte vor ihren Blicken auf. »Nun kommen wir zum Großglockner«, sagte Archimedes. Die Herren lehnten stumm am Geländer; die schimmernde Pracht da unten wirkte so überwältigend auf sie, daß keiner ein Wort hervorbringen konnte. Sie näherten sich dem Gewände des Großglockners; mehr als dreihundert Meter über dem Gipfel des Riesen glitt der Aeronaut dahin. Lorenz hatte die Hände gefaltet und sah staunend hinunter. »Na, was sagen Sie zu dieser Reise?« fragte der Professor seinen Getreuen. Er mußte die Frage zwei-, dreimal wiederholen, bis Lorenz aus seinen Träumen aufschreckte. »Die Aussicht läßt wirklich nichts zu wünschen übrig«, meinte er dann, »in der Beziehung ist diese Art zu reisen allen Eisenbahnfahrten über. Man muß Respekt kriegen vor diesen Leuten!« Der Professor nickte. »Ist Ihnen also doch nicht leid, daß Sie dieses Experiment mitgemacht haben?« fragte er lächelnd. Lorenz schwieg erst. »Es gibt viel Interessantes zu sehen, das ist nicht zu leugnen, aber...« »Nun, was... aber?« »Schauen Herr Professor nur die beiden Automaten an! – Für die ist das alles nichts... Es ist nicht möglich, daß man sich mit ihnen wie mit guten Freunden hinsetzen kann und sich freuen über die schöne Aussicht... Ihre Gesichter sind immer dieselben, ich glaube, sie haben alle einen Konstruktionsfehler – sie können sich über nichts freuen!« »Sie haben nicht unrecht«, sagte der Professor, »sie scheinen wirklich keiner Erregung fähig zu sein!« Plato und Archimedes standen unweit vom Geländer, bei ihnen der Kapitän. Kein Zug in ihrem Antlitz verriet, daß die grandiose Herrlichkeit, die da unten vor ihnen ausgebreitet lag, irgendeinen Eindruck auf sie mache. »Es wäre mir lieber, sie wären weniger gescheit und dafür mehr... wie soll ich sagen... na... mir scheint, ich finde auch kein Wort mehr dafür...!« Lorenz schüttelte erregt den Kopf. »Herzlicher... inniger... teilnehmender...«, unterstützte ihn der Professor. »Ja, das mein' ich, mir wird kalt, wenn mich so ein Automat anredet!« »Vielleicht ist's gut für sie«, meinte der Professor, »sie fühlen keine Freude und keinen Schmerz.« »Dank' schön, wenn ich einmal tot bin, werde ich auch keine Freude und keinen Schmerz fühlen. So lange ich lebe aber...« Er konnte nicht weitersprechen, da Plato in die Nähe des Professors trat. Der Aeronaut überflog das Drau-Tal. Der Professor freute sich über die ungeheuren Wälder, die, so weit sein Blick reichte, den Rücken der Gebirge bedeckten. »Aller Boden, der nicht als Ackerland benützt werden kann«, erklärte Plato, »wird für die Forstwirtschaft ausgenützt. Wir schützen das Land, indem wir unablässig Wälder pflanzen. Wenn wir über die Höhen des Karstes fliegen, werden Sie auf ein Paradies herabschauen, wo zu Ihrer Zeit eine kahle Steinwüste war.« »Ich habe mich gar nicht erkundigt, wo wir landen werden«, sagte der Professor. »Wir landen an einer Stätte, die zu Ihrer Zeit schon berühmt und vielbesucht war – in Venedig!« »In Venedig – ah...«, meinte erfreut der Professor, »ich habe diese herrliche Stadt wiederholt besucht – ein steinernes Gedicht – diese uralten, herrlichen Bauwerke!« »Davon werden Sie nicht mehr viel finden, die alten Bauten sind längst zerfallen, die Lagunen sind ausgetrocknet...« »Was?... Was?« schrie erschrocken der Professor. »Dann ist's ja mit der ganzen Poesie dieser herrlichen Stadt vorüber!« Plato zuckte die Achseln. »Poesie – nun ja – aber die Stadt ist gesünder geworden, als sie es einst war, und – Poesie – ich glaube, Sie haben so gesagt, Herr Professor...« »Jawohl – Poesie.« »Ich weiß nicht recht, was Sie damit wollen«, sagte zweifelnd Plato, »das dürfte etwas sein, was uns Homunkuliden abhanden gekommen ist. Was verstehen Sie eigentlich darunter?« »Das glaub' ich gern, daß Ihnen das weggekommen ist«, brummte Lorenz, »von dem Artikel habe ich noch nichts bemerkt.« Der Professor bemühte sich, den beiden Homunkuliden den Begriff »Poesie« zu erläutern. Es war vergeblich, wie sehr er sich auch abplagte. Er sprach von den Erinnerungen an die Jugendzeit, er wies hinunter auf die schimmernde Pracht der schneeigen Felder, auf die ragenden Felsengipfel, die so ernst in ihrer stolzen Größe emporsahen zu ihnen, und erkundigte sich angelegentlich, ob das in der Brust der P. T. Homunkuliden kein wärmeres Gefühl erwecke. Aber Plato und Archimedes verneinten das entschieden. Und von den Jugenderinnerungen hielten sie auch nicht viel. Sie sahen ganz verwundert darein, als der Professor so sonderbare Fragen stellte. »Ich glaube«, fing Plato an, »in unserer Zeit ist kein rechter Boden für Poesie; die Entwicklung der Technik, der vollständige Ausgleich aller sozialen Gegensätze, die absolute Gleichheit der Bewohner unseres Staates läßt ein solches sehnsüchtiges Fühlen gar nicht aufkommen.« »Und es geht Ihnen noch was anderes ab, was für die Poesie sehr notwendig ist...«, bemerkte Lorenz. »Das wäre?« fragte der Professor den philosophischen Diener. »Das sind die Weiber! Ich bin immer sehr poetisch gewesen, wenn ich verliebt war. Das muß mit den Organen im Zusammenhang stehen. Ich weiß es noch sehr gut, wie ich mein erstes Mädel kennengelernt hab'... Ich hab' gesungen – meistens sehr traurige Lieder, zum Beispiel: ›Steh' ich in finstrer Mitternacht so einsam auf der treuen Wacht...‹, was mir sehr gut gefallen hat, obwohl es gar nicht wahr gewesen ist, denn ich war damals bei meinem Onkel, dem Bäckermeister, im Dienst, und da haben wir die ganze Nacht arbeiten müssen. Und Gedichte hab' ich gelesen und ins Theater bin ich gegangen..., und manchmal ist die Poesie so stark in mir geworden, daß ich es gar nicht aushalten hab' können!« Der Professor mußte über die Definition der Liebe seitens Lorenz' unwillkürlich lachen. »Da gibt's unter den Homunkuliden also gar keine Dichter mehr?« fragte er Plato. »Dichter in Ihrem Sinne nicht. Aber was auf diesem Gebiete gearbeitet worden ist, was da geschaffen wurde, wird treu gehütet. Wir haben eigene Personen angestellt, die diese Sachen immer aufs neue studieren müssen und dann über den Lebenslauf der Dichter und über ihre Werke Bücher herausgeben, über manchen Dichter sind schon ganze Bibliotheken geschrieben worden!« »Sehr schön«, nickte zustimmend der Professor, »aber die Werke selbst, werden die nicht mehr gelesen?« Plato zuckte die Achseln. »Die Homunkuliden wissen nichts Rechtes damit anzufangen; es ist alles so fremd, so unverständlich für uns!« Das Luftschiff hatte unterdes die Alpenkette überstiegen. Tief unten lag die lombardische Tiefebene. Wieder derselbe Anblick: Gebreite der Felder, Riesenstädte – im bunten Wechsel. Ein breiter Strom wälzte träge seine graugelben Fluten durch die blühende Landschaft. Sein Bett war an beiden Ufern durch ungeheure Steindämme geschützt. »Was für ein Wasser ist das?« fragte Lorenz. »Das ist der Po!« antwortete Plato. »Das ist ein italienischer Fluß!« sagte erfreut Lorenz. »Da sind wir also schon in Italien angekommen. Um neun Uhr sind wir fortgefahren, jetzt ist's halb drei – in fünf Stunden haben wir einen ganz netten Weg gemacht! Allen Respekt!« »In kaum einer halben Stunde werden wir landen«, erklärte Archimedes. Der Professor sah sinnend hinunter in die Tiefe. »Wissen Sie, Herr Archimedes, woran die Szenerie da unten erinnert?« »Was meinen, Herr Professor?« fragte Archimedes. »Die ungeheuren Dämme, die dem Strom den Weg weisen hinab zu dem Ozean, damit seine Fluten die Ebene nicht zum Meere machen, haben eine frappante Ähnlichkeit mit den Kanälen auf dem Mars...« »Sie haben nicht unrecht, Herr Professor, auch der Unterlauf der Donau, des Rheins, der Elbe und der Oder ist schon durch solche ungeheure Dämme geschützt. Selbstverständlich ist der Flußlauf bei Anlage der Dämme gleichzeitig reguliert worden, so daß infolge dieser Regulierung die genannten Ströme in fast geraden Linien ihre Wässer zum Meere senden. Wenn sich nun jemand aus der Entfernung von einigen tausend Kilometern dieses Kanalsystem betrachten würde, so würde ihm die Ähnlichkeit mit den Marskanälen selbstverständlich sofort auffallen.« »Unser Planet ist alt geworden«, sagte sinnend der Professor. »Ich glaube, er ist jetzt im besten Alter«, warf Plato ein. »Zu meiner Zeit war dieser Planet um zweitausend Jahre jünger, und da hat er mir besser gefallen«, meinte Lorenz. Das Luftschiff folgte dem Laufe des Stromes. Auf einmal tauchte in der Ferne der Spiegel des Meeres auf. »Das Adriatische Meer!« rief der Professor aus. »Sehr wohl, Herr Professor, und wenn Sie sich meines Glases bedienen wollen, so werden Sie drüben im Osten das Gestade der istrianischen Halbinsel auftauchen sehen!« Der Professor nahm das Glas; zu seinem größten Erstaunen sah er fern im Osten die ungewissen Umrisse eines Landes. »Das soll Istrien sein? Von dieser Halbinsel müssen uns doch mindestens hundert Kilometer trennen, so weit ist die italienische Küste doch von Istrien an dieser Stelle entfernt!« rief der Professor. »Heute nicht mehr«, sagte Plato; »der Po und die Etsch haben das Adriatische Meer schon gehörig zugebaut. Chioggia und Venedig liegen schon kilometerweit vom Meer entfernt!« »Da fahren sie jetzt in Venedig auch schon mit Fiakern und Automobilen statt mit Schinakeln«, sagte kopfschüttelnd Lorenz, »alles Schöne hat sich aufgehört.« Das Luftschiff schlug die Richtung nach Norden ein. Eine weit ausgedehnte, prächtige Stadt tauchte in der Ferne auf. »Dort liegt Venedig«, sagte Plato. »Nach zweitausend Jahren sehe ich diese Stadt wieder«, sagte der Professor. »Sie werden sie kaum mehr erkennen«, meinte Archimedes. »Es gibt keine Lagunen mehr«, warf Plato ein, »und keine Gondoliere. Die uralten Bauten sind längst gefallen; an ihrer Stelle sind moderne, unserer Zeit und unseren Verhältnissen entsprechende aufgeführt worden.« »Dann ist die letzte Spur von Romantik, die diese von Sage und Geschichte umwobene Stadt einst belebte, verschwunden?« Der Professor war tief bewegt, seine Augen schimmerten feucht, als er hinüber sah nach jener Stätte, auf der zu seiner Zeit das alte Venedig gestanden war. »Herr Professor, Sie sagen Romantik. Ich kann mir nicht recht ausdenken, was Sie darunter meinen... Das ist wohl auch so wie Erinnerung an alte, längstvergangene Zeiten?« »Etwas von der Art ist's«, sagte Lorenz; »wenn man auf einem Berg eine alte Ruine trifft und setzt sich dort auf einen Stein und denkt nach, wie es da einmal gewesen ist, und stellt sich vor, wie die Ritter kommen und die Edelfräulein, so ist das Romantik. Bei Ihnen gibt's wohl gar keine Ruinen mehr?« »Nein«, entgegnete trocken Plato; »für altes Trümmerwerk, ob es Mauerstücke sind oder veraltete Anschauungen, haben wir kein Gefühl und kein Verständnis. Es ist uns ja vieles verlorengegangen von dem, was Sie einst besaßen oder Ihnen wert war, zu diesen Verlusten dürfte auch wohl der Begriff ›Romantik‹ gehören. Ich weiß nicht, warum wir die Erinnerung an alte Zeiten pflegen sollen, die doch um so vieles schlechter waren als unsere Zeit. Wir haben nicht viel verloren, Herr Professor, aber viel gewonnen...« Der Professor sah still auf den Mann, der da so über seine Zeit aburteilte. Lorenz aber war wütend – man sah es ihm an, wenn er nicht reden durfte, so mußte er explodieren. Der Professor winkte ihm ab. »Seien Sie ruhig, Lorenz!« befahl der Professor, aber Lorenz hätte diesmal seinem Befehle sicher nicht gefolgt, wenn nicht eine neue Erscheinung ihn gefesselt hätte. Ein kleines Luftschiff, eine Nußschale gegen den Aeronauten, der sie führte, kam auf sie zugesaust. Lorenz blieb das Wort in der Kehle stecken. »Das Ding wird uns die Fenster einrennen«, sagte er ängstlich. »Haben Sie keine Sorge, Freund Lorenz. Das ist der Lotse, der unser Schiff sicher in den Hafen führen wird«, beruhigte Archimedes. Als der Lotse den Bord des großen Luftschiffes betrat und zum Steuerhäuschen schritt, konnte Lorenz sich doch nicht enthalten, seiner Meinung Ausdruck zu geben. »Na, sehen Sie, Herr Professor, jetzt ist der Mensch gerade an Bord gestiegen, und man ist nicht mehr imstande, ihn unter den anderen herauszufinden. Diese Automaten sind alle nur über einen Leisten gearbeitet.« Als der Lotse das Häuschen des Steuermannes betreten hatte, begann der Aeronaut sich sofort zu senken, die Fluren und Felder, die ersten Häuser der Stadt begannen gleichsam zu ihnen emporzusteigen. Es dauerte nicht lange und der Aeronaut schwebte mitten über der Stadt. »Na, wann jetzt die Maschinen auslassen, schlagen wir ein ganzes Stadtviertel zu Mus zusammen.« Das Schiff näherte sich langsam einem riesigen Gebäude, das ähnlich gebaut war wie jenes, von dem aus sie vormittags ihre Luftfahrt angetreten hatten. Ohne jedes Signal, ohne Läuten, Pfeifen oder Schreien fuhr das Riesenfahrzeug sicher in den Hafen. Eine Weile stand es über den Mauern still, dann senkte es sich ganz leise in die Halle herab. Mit Staunen sah Lorenz links und rechts die Mauern der Halle emporsteigen. Auf einmal gab es einen unmerklichen Ruck, und der Aeronaut stand still. »Wir sind in Venedig angelangt«, erklärte Plato. Als die Reisenden auf den freien Platz vor dem Gebäude hinaustraten, machte der Professor die staunenswerte Entdeckung, daß es jetzt da viel ruhiger zuging als damals, da er in schöner Jugendzeit das strahlende Venedig besucht hatte. Auf einen Blick Archimedes' fuhr ein Automobil vor. Ein Homunkulide, der neben dem Chauffeur saß, stieg würdevoll herab und öffnete, ohne ein Wort zu verlieren, den Schlag des Wagens. Weder die Bemannung der anderen Automobile, die vor dem Gebäude aufgestellt waren, noch die Passanten kümmerten sich um die Angekommenen. »Das sind die heutigen Venezianer?« rief erstaunt der Professor aus. »Es sind eben auch Homunkuliden«, erklärte lächelnd Plato. Sechstes Kapitel Ein großes Fest der Homunkuliden. Lorenz beginnt das große wissenschaftliche Experiment zu bereuen. Der Professor und Lorenz hatten sich nicht lange in Venedig aufgehalten. Der Unterschied zwischen dem Einst und Jetzt war dem Professor zu schwer auf die Seele gefallen. Damals, als er, ein kaum vierundzwanzigjähriger Mann, auf dem Markusplatz gestanden war, hatte das bunte Treiben auf dem malerischen Platze ihn mächtig ergriffen. Jetzt war ihm zumute gewesen, als sei er in eine Stadt der Toten gekommen – überall die ewiggleichen, starren Gesichter, die kein Zug des Frohsinns belebte, allüberall die gleichen Gestalten in der gleichen Gewandung, alles so unheimlich gespenstisch. Als sie aber am dritten Tage nach ihrer Ausfahrt wieder in ihrem prunkvollen Heim landeten, überkam sie zum erstenmal während ihres Hierseins das Gefühl angenehmer Behaglichkeit. Als Archimedes und Plato sie verlassen hatten, befahl der Professor, daß Lorenz noch ein halbes Stündchen bei ihm bleibe. »Na, wie gefällt's dir da?« fragte plötzlich der Professor. Lorenz sah erstaunt auf. Das freundschaftliche »Du« hatte der Professor im Lande der Homunkuliden fast niemals noch gebraucht. Es war, als ob in die Brust des gelehrten Herrn auch schon die Eiseskälte dieser Homunkuliden eingezogen wäre. »Dahier selbst... in dem Hause hier«, fing Lorenz zögernd an, »wär's nicht so übel. Mein Herr ist da... und das ist die Hauptsache... und wenn wir so allein sind wie jetzt, kann ich mir denken, es wäre alles noch so wie Anno dazumal vor zweitausend Jahren, da es noch Menschen auf der Welt gegeben hat und nicht lauter Maschinen!« Der Professor nickte schweigend. Ermutigt fuhr Lorenz fort: »Wenn ich aber unter den Automaten bin, wird's mir immer unheimlich. Mir kommt's vor, als wenn sie alle zum Reden erst aufgezogen werden müßten. Ich hab' auch noch keinen lachen sehen. Der Plato, der lächelt manchmal, das muß aber ein Konstruktionsfehler sein!« »Ich hab' aber auch noch keinen weinen gesehen«, warf der Professor ein. »Das ist wahr, Herr Professor, aber ich hätt' wirklich einmal meine Freude dran, wenn ich einen weinen sehen könnt', denn dann könnt' ich mir einbilden, es wär' ein Mensch...« »Sie haben nicht unrecht!« »Denn – ich hab's einsehen gelernt, es ist vielleicht eine Dummheit, die ich da sagen will...« Er stockte. »Nur heraus!« munterte der Professor auf. »Es liegt wirklich ein ganzer Haufen in dem, was Sie sagen.« »Sehr verbunden, Herr Professor!« Lorenz verneigte sich sehr geschmeichelt. »Ich mein' halt, zwischen Lachen und Weinen liegt das, was wir Leben heißen. Ich mag keinen, der nicht lachen kann. Und die da können's nicht.« Am Morgen nach dieser Unterredung fragte Herr Plato an, ob der Professor geneigt wäre, einem großen Fest, dem größten Fest der Homunkuliden, beizuwohnen. Herr Plato ward von Lorenz mit gebührendem Respekt in das Arbeitszimmer seines Herrn geleitet. Der Professor empfing Herrn Plato mit geziemender Freude und erkundigte sich angelegentlich, um was für ein Fest es sich eigentlich handle. »Es ist ein Fest, wie Sie es nie gefeiert haben«, sagte Plato, »wir begehen feierlich den Todestag der letzten Frau. Siebenhundertunddreiundreißig Jahre werden es morgen, daß das letzte Weib seine Augen zudrückte, nachdem fünfzehn Jahre vorher der letzte weibgeborene Mann gestorben war. Mit diesem Fest feiern wir den Beginn der großen Epoche, die durch die Herrschaft und durch das unumschränkte Auftreten der Homunkuliden gekennzeichnet ist.« »Also diese Erinnerung wird so feierlich begangen? Es ist eine Trauerkundgebung?« fragte der Professor. »Nein, Herr Professor, das Fest ist keine Trauerkundgebung, es ist ein Fest stolzer Freude für uns Homunkuliden. Jener Tag, an dem die letzte Frau starb, brachte uns die stolze Gewähr, daß wir frei von den drückendsten Ketten, in die die Natur alle Lebewesen geschlagen hat, unsere Lebensziele verfolgen können.« Der Professor sah sinnend vor sich nieder. »Und worin besteht dieses Fest?« fragte er. »Bei dem nüchternen Sinn der Homunkuliden, die, so viel ich bis jetzt kennenlernte, weder Freude noch Trauer empfinden, scheint mir so etwas wie ein Fest ein Ding der Unmöglichkeit. Die Homunkuliden können sich doch nicht freuen, Sie haben dazu ja gar nicht das Zeug in sich!« »Unsere Freude ist anderer Art, Herr Professor, sie besteht in dem Bewußtsein, über das Tier, das man einst Mensch nannte, zu rein geistiger Höhe emporgekommen zu sein. Sie haben recht, Herr Professor, wir fühlen nicht mehr so energisch wie Ihre Zeitgenossen, aber unsere Erkenntnis ist um so größer geworden. Das Gefühl war nur zu oft die Schranke, die Sie vor der Erkenntnis trennte, es war die Ursache, daß Sie schaudernd Ihr Antlitz verhüllten, wenn eine Wahrheit leuchtend vor Sie trat, für uns hat die Wahrheit all ihre Schrecknisse verloren!« »Ja., aber worin besteht Ihr Fest, was geht vor?« fragte verwundert der Professor. »In jedem großen Versammlungshaus der Stadt hält einer unserer Redner einen Vortrag, in dem er den Teilnehmern die unerhörte Bedeutung jenes Tages darlegt.« »Einer Ihrer Redner?« fragte verwundert der Professor. »Jawohl, einer unserer Redner. Gerade für dieses Fest werden in unseren Fabriken ganz hervorragende Exemplare erzeugt, deren einzige Lebensbestimmung ist, Reden zu halten.« »Wegen dieses einen Tages werden in Ihren Fabriken so viele Redner erzeugt? Das halte ich für einen ungeheuren lächerlichen Aufwand!« »Pardon, Herr Professor, unendliche Summen hat der Staat seinerzeit unnötig für Redner geopfert – denken Sie doch an Ihre Parlamente!« Der Professor wußte darauf nichts Rechtes zu antworten. Lorenz trat in diesem Augenblick ein. Plato verneigte sich. »Lorenz, Sie können sich freuen«, sagte der Professor, »wir werden heute einem großen Feste beiwohnen. Sie werden sich amüsieren!« »Das wär' nicht übel!« sagte er beifällig nickend. »Ein Fest – hoffentlich mit Musik?« »Mit Musik?« fragte verwundert Plato. »Ich kann mir ein Fest ohne Musik gar nicht vorstellen, Sie werden doch verschiedene Musikkapellen haben, die bei dem Fest aufspielen – Walzer – Märsche?« »Nein, Musik – Musik – die ist beinahe ganz abgekommen bei uns«, sagte Plato. »Und getanzt wird auch nicht?« fragte Lorenz höchst indigniert. »Tanzen?« Plato schüttelte in maßloser Verwunderung den Kopf. »Tanzen? Wer sollte tanzen?« »Aber Theater wird gespielt?« Lorenz ward wütend. »Nein, auch das nicht«, sagte Plato. »Sehr hübsch«, sagte Lorenz; »das kann ein nettes Fest werden! Da bin ich gut 'neingetreten!« Er drehte sich ganz respektwidrig um, trat zum Fenster, und sah mit finsterer Miene in den blühenden Garten hinaus. Nach einer Weile tiefen Schweigens fing der Professor an, seiner Erregung Ausdruck zu geben. »Herr Plato, ich glaube, dieses seltsame, freudlose Volk zu verstehen!« »Freudlos?« sagte kopfschüttelnd Plato. »Nein, Herr Professor, sagen Sie lieber: dieses sorgen-, kummer- und schmerzlose Geschlecht.« »Und dessen Herz unempfänglich ist für irgendeine Freude, dieses Volk, das nur Kopf und Verstand ist, aber sonst nichts!« fuhr der Professor auf. »Ich glaub', daß das das Richtige ist«, meinte Lorenz und trat zu den beiden Herren. »Aber die Hauptursache ist die, daß Sie keine Weiber haben. Wenn Sie Weiber hätten, so würden Sie schon zum Singen anfangen. Einmal aus Freude und öfter auch aus Ärger. Und tanzen täten Sie auch, weil das ein sehr angenehmes Vergnügen ist, wenn man so ein liebes, weiches Ding im Arm hat, und Theaterspielen täten Sie auch, solche Theater, wo sie sich entweder kriegen oder auseinandergehen, was immer eine sehr große Freude ist!« Plato sah kopfschüttelnd auf den feurigen Redner. »Wenn die Herren dem Feste nicht beiwohnen wollen...«, sagte er zögernd. »Nein, nein, Freund Plato«, fuhr der Professor auf. »So ist das durchaus nicht gemeint!« »Dann, meine Herren, bitte ich, mir zu folgen. Der Wagen ist bereit.« Vor dem Portal der Villa stand bereits das Automobil. Archimedes und Lessing harrten bereits des Professors. Auf der linken Brustseite der beiden Herren sowie auch des Chauffeurs prangte eine große goldene Denkmünze, die der Professor niemals früher an einem Homunkuliden bemerkt hatte. »Dürften wir die beiden Herren ersuchen, auch eine solche Medaille auf Ihrer Brust zu befestigen?« fragte Plato. »Es geschieht, um den Tag zu feiern!« Der Professor nahm die Medaille entgegen. Sie war von reinstem Golde und zeigte in großartiger Prägung das Bild der Sonne. Eine Gruppe von Menschen hob sehnsüchtig die Arme zur Sonne empor. »Die Medaille soll anzeigen, daß wir seit jenem Tage, den wir heute feiern, freie Sonnenkinder geworden sind«, sagte Plato. Er heftete die Medaille an des Professors Brust. Der gleiche Liebesdienst ward Lorenz von Archimedes erwiesen. »Schade, daß ich das Stück um zweitausend Jahre zu spät krieg'!« meinte Lorenz. »Aber es ist sehr hübsch, und meine Mutter und mein Vater, die sehr arme und geplagte Leute gewesen sind, die haben sich wohl nie gedacht, daß ihr Sohn einmal ein Sonnenkind wird!« Die Straßen der Stadt boten den gewöhnlichen Anblick, nichts deutete darauf hin, daß die Homunkuliden heute einen Festtag feierten. »Nicht einmal Fahnen haben Sie ausgesteckt«, sagte Lorenz, »keine Reisiggirlanden an den Häusern, gar nichts!« Als sie in der Riesenhalle ankamen, geleitete sie ein Herr zur ersten Reihe des Parketts und wies ihnen in der Mitte der Fauteuilreihe Sitze an. Lorenz ward ganz betäubt, als er auf die ungeheure Versammlung sah. Die Homunkuliden saßen stumm und unbeweglich auf ihren Sitzen, kein Laut war hörbar, das eigenartige Summen, das sonst in jeder größeren Versammlung hörbar ist, fehlte hier gänzlich. Es waren weit mehr als zweitausend Homunkuliden anwesend, alle zeigten das gleiche starre, bartlose Gesicht. Im Zusammenhang mit der unheimlichen Stille, die über der Versammlung lagerte, bot der Saal ein ganz eigenartiges gespensterhaftes Bild. »Für eine Festversammlung sieht die Geschichte traurig genug aus«, bemerkte Lorenz, »das richtige Panoptikum! Ich glaube, diese Wachsfiguren können gar nicht reden!« »Sind Sie doch ruhig!« befahl der Professor. »Ich glaube, man hört Sie bis in die letzten Fauteuilreihen!« »Lassen Sie Herrn Lorenz«, bat Plato, »wenn es ihm ein Bedürfnis ist zu reden! Es versteht ihn niemand, und wenn ihn auch jemand verstände, so würde das auch nichts schaden, denn wir Homunkuliden können uns auch nicht ärgern.« Plato sah etwas finster darein. Dieser Automat schien an einem Konstruktionsfehler zu leiden, der zur Folge hatte, daß er sich doch hin und wieder ein klein wenig ärgerte. Es war übrigens ein Glück für Lorenz, daß in diesem Moment eben ein Herr auf den Professor zutrat und ihm einige schön gedruckte Blätter überreichte. Der Professor, Lorenz, Plato, Archimedes und Lessing erhielten jeder ein Exemplar der Broschüre. »Die Festrede«, flüsterte Plato dem Professor zu. »Wir haben die Rede aus der Homunkulidensprache ins Deutsche übersetzen lassen, damit die Herren dem Gedankengang folgen können.« Inzwischen betrat ein Homunkulide die Rednertribüne. »Jetzt geht's an«, sagte Lorenz. Alle Homunkuliden waren aufgestanden. Der Herr auf der Rednertribüne machte eine tiefe Verbeugung vor dem Auditorium, die von diesem mit ernsthaftem, würdigem Kopfnicken erwidert wurde. Dann setzte sich das Publikum. »Also das ist der Redner – und nicht einmal geklatscht wird, wenn so ein Herr kommt?« meinte Lorenz und schüttelte den Kopf. »Ich war in einer Versammlung einmal...« »Lorenz, ich nehme Sie nie mehr mit«, meinte erzürnt der Professor. »Entschuldigen, Herr Professor, ich muß reden, sonst friere ich hier ein in dieser Versammlung von Totenköpfen!« Der Redner begann. Was er sagte, klang für den Professor und Lorenz gleich unverständlich. Er redete ja in der Homunkulidensprache. »Sehr hübsch«, sagte Lorenz flüsternd, »wenn sie wenigstens während der Rede eine Militärkapelle spielen ließen!« »Lesen Sie doch mit, Herr Lorenz«, sagte begütigend Plato zu dem Aufgeregten. »Sie haben den ganzen Text in Händen!« Wenn das Blatt wirklich die wortgetreue Übersetzung der Rede enthielt, dann war die Rede alles mögliche eher als ein Lob auf die Frauen. Der Text der Rede besagte ungefähr folgendes: »Das Verhältnis des Mannes zur Frau war ein steter Hemmschuh des Fortschritts. Die Gier des Mannes nach einem Weibe, die in den tatkräftigen Lebensjahren des Mannes am heftigsten hervortrat, hat oft die Besten verhindert, ihre ganze große, reiche Kraft dem Fortschritt, der ganzen Menschheit zu widmen. Eine ewige Unruhe erfüllte die weibgeborenen Männer oft bis in das späte Alter. Und welche Fülle von Schmerz, Trauer, herzverzehrendem Leide brachte dieses Verhältnis mit sich! Wir, deren Kopf und Herz frei geworden sind von jenen zerstörenden Gedanken, können heute ruhig sagen, daß mindestens neunzig Prozent alles Leides, aller Sorgen und jedes Kummers, der vor uns die Welt erfüllte, auf Rechnung dieses unseligen Verhältnisses zu setzen ist. Betrachten wir uns einmal den Lebenslauf des Mannes zur Zeit, bevor das glückliche Geschlecht der Homunkuliden existierte! Schon den Jüngling erfaßt die ›Liebe‹, wie es damals geheißen hat. ›Aus seinen Augen brechen Tränen‹, schreibt ein Schriftsteller jener Tage. Aus diesem Zitat geht klar hervor, wie schmerzvoll sich die ersten Regungen dieses Triebes bemerkbar gemacht haben müssen. Dann endlich kommt er so weit, seine Sehnsucht zu stillen, er heiratet, was damals der gesetzlich vorgeschriebene Weg war, der aber sehr oft nicht eingehalten wurde. Ob nun einer jener Unglücklichen, die damals lebten, diesen durch das Gesetz genau vorgeschriebenen Weg zur Stillung dieses verzehrenden Triebes einhielt oder nicht, immer war die Erfüllung dieses Naturgebotes, wie jene rückständigen Leute es nannten, für den Betreffenden mit ungeheuren Kosten und den größten Unannehmlichkeiten verbunden. Sie müssen bedenken, daß damals nicht der Staat für den einzelnen sorgte, sondern jeder einzelne für sich selbst sorgen mußte und nicht nur für sich selbst allein, sondern auch für jene Individuen, die er infolge der Befriedigung dieses rein tierischen Triebes um sich scharte, für seine Frau, für seine Kinder, oft für die Mutter der Frau, die damals Schwiegermutter genannt wurde und die zufolge jener alten Schriften als die unumschränkte Beherrscherin des Mannes auftrat. Durch diese Verhältnisse verlor das Individuum den Blick für die Gesamtheit, für den Staat, es ward zum rücksichtslosen Egoisten, es lebte nur für diesen Kreis, den man Familie nannte. Sein ganzes Wirken und Denken ward eingeschränkt durch die Rücksicht auf die Familie; der Staat, die große Gemeinschaft aller Menschen, war ihm nichts, er war ein Einsiedler mitten unter den Millionen, unter denen er lebte. Und wenn einer den regulären Weg verschmähte, durch Gründung einer Familie jene sogenannten natürlichen Triebe zu befriedigen, begab er sich in die größten Gefahren, Gefahren, die ihn an Leib und Seele schädigten.« Lorenz hatte eifrig mitgelesen und auch eifrig den Kopf dazu geschüttelt, aber so oft er reden wollte, winkte der Professor entschieden ab. »Für uns unfaßbar sind all die unzähligen Leiden, die dieses abscheuliche Verhältnis unter den Menschen jener Zeit zur Folge hatte. Die Schriften der sogenannten Dichter erzählen uns davon. Um ein weibliches Wesen bewarben sich oft drei bis vier Personen, was dann zu Mord und Totschlag führte; manchmal kaprizierte sich eine Mannsperson gerade auf eine bestimmte Weibsperson oder umgekehrt. Die Verschmähten brachten sich gewöhnlich um und töteten meist vorher jene, von denen sie verschmäht wurden, ein Verfahren, durch das die Bande der Familie oft furchtbar litten, denn es kam oft vor, daß einer verheirateten Frau ein anderer als der Angetraute lieber war oder daß der verheiratete Mann infolge seines unsteten Charakters sich zu einer anderen hinneigte, was dem Betroffenen unendliche Schmerzen, Kränkungen und Gerichtskosten verursachte. Dieser Trieb war so allmächtig, daß er mit Gewalt alle Menschen beherrschte, alle zu tierischen Sklaven erniedrigte. Wieder geben uns die Schriften der Dichter jener Zeit Kunde davon. Die hervorragendsten Schriftsteller schrieben damals über nichts anderes, als in wie verschiedener Form verschiedene Menschen die Erfüllung dieses Triebes suchten. Und je klarer und unumwundener solch ein Dichter die Sache beschrieb, desto gefeierter war er in jener Zeit, desto mehr wurden seine Bücher gekauft. Es gab damals Vereinigungen, die staatsrechtlichen Charakter hatten. Einer der vornehmsten trug den Titel: Katholische Kirche. Die Statuten dieser Vereinigung hatten damals dieselbe allgemeine Geltung wie staatlich anerkannte Gesetze. In diesem Statut war enthalten, daß ein Mann und eine Frau, die einander geheiratet hatten, nie voneinandergehen dürften, auch wenn sie absolut nicht zusammenpaßten. Jenes Statut aber verbot dem Manne und dem Weibe, solche Individuen aufzusuchen, die besser passen würden, und sie mußten beieinander bleiben. Verehrte Versammlung! Kein Kerker früherer Zeit mit all seinen grausamen Einrichtungen war peinigender als eine solche ›Ehe‹, wie man es nannte. Uns Homunkuliden ist es unmöglich, all das Grauenhafte, das ganze Leben mit quälender Unruhe Durchsetzende dieses Verhältnisses zu erfassen. Ungezählte Tausende der Besten und Größten jenes Geschlechtes verdarb der unselige Trieb. Rettungslos schien die Menschheit in diesem tierischen Leben unterzugehen, obwohl schon damals erlauchte edle Geister auftraten, diesen Dämon ›sexueller Leidenschaften‹ zu beschwören. Die sozialen Verhältnisse brachten es mit sich, daß jeder die Vermehrung der sogenannten Familie durch Kinder als eine schwere Last empfand. Auch der einfache Handwerksmann, der Arbeiter, jeder strebte danach, so wenig Kinder als möglich zu erhalten. Indessen war die Wissenschaft so weit vorgeschritten, diesem Verlangen zu entsprechen. Dadurch aber ward die Zunahme der Bevölkerung immer geringer. Die Sache drohte katastrophal zu werden. Die Welt begann sich zu entvölkern, da gelang es im Jahre dreitausendeinhundertsechsundfünfzig dem Professor Y-so-ley, den ersten, vollkommenen Homunkuliden herzustellen!« Lorenz hatte weiter mitgelesen. Er hielt eben bei diesem Satz, als allgemeines Klatschen der Homunkuliden verkündigte, daß sie mit den Ausführungen des Redners sehr zufrieden seien. »Dieser epochalen Erfindung ist der rapide Fortschritt zu danken«, fuhr der Vortragende fort. »Das neue sorglose Geschlecht, das nun entstand, konnte all sein Denken seiner großen und einzigen Lebensaufgabe widmen, frei von allen hemmenden Trieben und Begierden, dem Staat, der großen Allgemeinheit, zu dienen. Die Menschen, die aus unseren Fabriken hervorgehen, wissen nichts von all den Leiden und Schmerzen, von all der furchtbaren Not, dem Elend und Jammer, das aus diesem Verhältnis entstammte. Gleich der Ameise, gleich der Biene leben sie in einer großen Gemeinschaft, die ihre Arbeit, ihre Mühen und Sorgen in reichstem Maße vergilt, indem sie dem Staatsbürger ein ruhig gleitendes, sorgloses Leben gewährt, ein Leben so leid- und kummerlos, wie es nicht möglich war, so lange noch ein Weib auf dieser Erde wandelte. Daher ist dieser Tag für uns Homunkuliden von größter Bedeutung. Mit dem Tode des letzten Weibes wurden alle Fesseln gesprengt, die den menschlichen Geist in Banden hielten; aus dem Grab des letzten Weibes blühten das Glück und die Ruhe kommender Geschlechter hervor!« Der Redner hatte geschlossen. Alle Homunkuliden waren aufgestanden, verneigten sich und klatschten leicht in die Hände. »Sehr hübsch«, sagte Lorenz, »glauben Herr Professor, daß man mir jetzt das Wort erlauben würde? »Was würde Ihnen das nützen?« fragte der Professor. »Die Homunkuliden würden sie ja nicht verstehen. Sie kennen ihre Sprache nicht – und die Homunkuliden verstehen das Deutsche nicht!« »Das ist mir leid«, sagte Lorenz, »denn ich hätte so gern, auf den Unsinn, der da gedruckt steht, mit ihnen deutsch geredet! Die Automaten reden wie der Blinde von der Farbe, es fehlt ihnen alles, daß sie die Liebe empfinden könnten, die ein sehr angenehmes Gefühl war!« »Also, das war alles?« fragte indigniert Lorenz, als die Homunkuliden begannen, den Saal zu verlassen. »Da danke ich schön, das Vergnügen war mäßig! Hoffentlich gehen sie jetzt auf einen guten Trunk, durch das Anhören der Rede hätten sie sich's verdient!« Plato hatte diese Worte gehört. »Nein, die Homunkuliden gehen jetzt wieder an ihre Geschäfte«, sagte er. »Sagen Sie mir, Herr Plato, sind die Kerle alle böse aufeinander? Keiner redet mit dem anderen – eine spaßige Gesellschaft ist das!« »Was sollten sie denn miteinander reden?« fragte verwundert Plato. »Das, was der Redner sagte, erscheint ihnen selbstverständlich...« »Es werden doch einige darunter sein, die gute Freunde zueinander sind, und da hat man doch immer etwas zu reden. Ich habe vor zweitausend Jahren auch einige gute Freunde gehabt. Was haben wir uns immer erzählt, wie haben wir oft gelacht miteinander und auch oft geschimpft! Und wenn einer von uns eine Reise gemacht hat, so hat er den anderen immer Ansichtskarten geschickt, um ihnen zu beweisen, daß er auch an anderen Orten an sie denkt!« »Freunde?« sagte der Homunkulide. »Das ist etwas, was ich wirklich nicht kenne. Wozu sollen den Homunkuliden die Freunde denn dienen?« »Na, wenn einer einmal in Not gerät«, sagte eifrig Lorenz, »dann wird ihm der Freund helfen.« »Ein Homunkulide kann nicht in Not geraten!« »Aber sie können sich doch über manches freuen mitsammen!« »Worüber sollte sich ein Homunkulide freuen?« fragte Plato. »Ah, so ist's«, sagte verwirrt Lorenz. »So, so! Recht hübsch! Sagen Sie mir nur, müssen die Homunkuliden alle Tage aufgezogen werden?« »Wie meinen Sie das?« fragte Plato. Der Professor hatte stumm zugehört, die letzte impertinente Frage Lorenz' bewog ihn endlich, in die Debatte einzugreifen. »Lorenz«, sagte er mit sonderbar mildem Ton, »mäßigen Sie sich, wenn wir einige Zeit hier gewesen sind, werden Sie sich an das meiste gewöhnt haben!« »Niemals!« sagte entrüstet Lorenz. »In diesen Narrenturm gewöhne ich mich mein Lebtag nicht!« Diesmal war er ganz böse. Ja, eigentlich mehr als böse. So recht tief ergriffen. »Die Leute haben keine Seelen«, sagte er, »es sind nur Automaten, du lieber Gott, wie schön haben wir es gehabt, bevor wir eingeschlafen sind!« Plötzlich zog er sein Sacktuch aus der Tasche heraus, lehnte sich an eine Säule und fing heftig zu schluchzen an. »Lorenz, Lorenz, beruhigen Sie sich doch!« rief erschrocken der Professor. »Ist Herrn Lorenz übel geworden? Ist er unwohl – es ist sofort jemand zur Stelle«, meinte Plato. »Nein, nein«, sagte der Professor, »es wird gleich vorüber sein! Lorenz gewöhnt sich so schwer an die neuen Verhältnisse.« Er nahm ihn unter den Arm. »Es ist schon vorbei, bemühen sich Herr Professor nicht«, sagte Lorenz und wollte die Hilfe ablehnen. »Nein, nein, Lorenz! Schließlich bin ich doch an allem schuld!« Lorenz protestierte heftig, mußte es sich aber gefallen lassen, von seinem Herrn zum Wagen geführt zu werden. »Er ist sehr nervös«, erklärte der Professor, »er vermißt hier so vieles. Einst hatte er einen großen Kreis von Freunden – die fehlen ihm. Er hat mit ihnen über alles mögliche geplaudert, gelacht, er hat mit ihnen Karten gespielt!« »Pardon, ich glaube, heute noch wird Herr Lorenz in der Lage sein, dieses Vergnügen genießen zu können. Der Staat hat bereits zwei Herren bestellt, die mit Herrn Lorenz spielen werden. Zwei hervorragende Mathematiker wurden bestimmt, hin und wieder mit Herrn Lorenz zu tarockieren. Sie haben das Spiel studiert und dürften sich aller Voraussicht nach heute noch einfinden!« »Hören Sie, Lorenz, heute noch werden Sie tarockieren«, redete ihm der Professor liebreich zu. Lorenz sah mit tränenfeuchten Augen auf seinen gütigen Herrn und schwor im geheimen, die Homunkuliden greulich abzusieden. Das Mittagmahl nahm der Professor mit seinen drei Begleitern ein. Als er sich eben die Zigarre anzündete, meldete ein Homunkulide den Besuch von zwei Herren. »Das dürften Ihre Spielgenossen sein«, meinte Plato. Lorenz war entzückt. Er hatte einige Schlucke des braunen Zaubertrankes zu sich genommen, wodurch seine leidvolle Stimmung eine erhebliche Besserung erfahren hatte. Die Ankündigung der beiden Tarockierer versetzte ihn in die rosigste Laune. Die beiden Herren wurden hereingeführt, ihr Anblick aber dämpfte die glückliche Stimmung Lorenz' nicht wenig. Es waren zwei Herren mit ungeheuer dicken Köpfen, einem kurzen Leib und dünnen, etwas »O«-förmig gekrümmten Beinen. Der Professor lud sie ein, Platz zu nehmen. Sie setzten sich gehorsam nieder, nahmen jeder ein Gläschen des bei Lorenz so beliebten braunen Trankes zu sich und blieben dann stumm, ohne sich an der weiteren Unterhaltung zu beteiligen, sitzen. Man sprach über die vernommene Festrede. »Nur eines ist mir unfaßbar«, meinte der Professor, »daß unter solchen Verhältnissen irgendein Kunstleben bei Ihnen zustande kommt!« »Da kann am besten Lessing Auskunft geben!« sagte Plato. »Sie sind wohl selbst ein Künstler?« fragte der Professor Lessing. Dieser verneinte bescheiden. »Das nicht«, sagte er, »wirkliche, schaffende Künstler, Dichter, Maler, Bildhauer, Schauspieler, wie zu Ihrer Zeit, haben wir nicht!« »Aber in Ihren Fabriken werden doch Menschen aller Art erzeugt; gelingt es nicht auch, Künstler zu erzeugen?« »Wir haben es oft versucht, es geht aber nicht«, warf Plato ein, »die dargestellten Exemplare erhoben sich niemals über die Nachahmung des längst Dagewesenen, es gelang ihnen kein neues Bild, kein wirklich neues Drama, keine originelle Statue, sie blieben in der Nachahmung stecken!« »Und was mag der Grund dieser eigentümlichen Erscheinung sein?« Lorenz stand fast schon auf Nadeln, es brannte ihn nach der Tarockpartie. »Die Herren warten vielleicht schon auf ihre Partie?« fragte er. »Wenn es dem Herrn Professor nicht unangenehm ist... so...« »Nein, nein, Lorenz, Sie können sich mit Ihren Gästen schon zum Spieltisch setzen, die Herren scheinen ohnehin keinen besonderen Gefallen an unserem Gespräch zu finden!« Lorenz führte die Herren in sein Zimmer hinüber und setzte sich mit Wonnegefühlen zum Tarocktisch. Als er sich entfernt hatte, wurde das Kunstgespräch fortgesetzt. »Also, worin mag der Grund liegen, daß es unter Ihnen keine Künstler gibt?« fragte der Professor nochmals den Homunkuliden. »Man hat dafür schon die verschiedensten Gründe angegeben«, erklärte Lessing. »Unser Leben ist in so vieler Beziehung anders geartet als das Ihrer Zeit. Viele sagten, daß unsere Art der Lebensführung, ihre Regelmäßigkeit, der Mangel an Aufregungen, die Hauptursache sei. Die Homunkuliden sind in ihren Anschauungen zu nüchtern. Sie haben einen richtigen praktischen Sinn, der sie das Nützliche, Notwendige erkennen läßt.« Der Professor unterbrach ihn. »Ich glaube, die richtige Ursache gefunden zu haben«, sagte er lebhaft. »Ihnen fehlen die Weiber!« Die Homunkuliden sahen ihn vollständig fassungslos an. »Ich habe die Rede ja aufmerksam mitgelesen, es ist vieles Wahre daran. Sie spüren von dem Kummer und den Aufregungen, von all den Schmerzen nichts, die das Verhältnis zum Weibe mit sich bringt. Sie fühlen aber auch das unsägliche Glück nicht, das daraus entsprang und die Menschen einst zu den höchsten Leistungen der Kunst führte. Dieses Verhältnis nötigte den Mann zu einem ewigen Kampfe und brachte ihm doch das schönste Glück. In den Dichtungen aller Zeiten und Völker, in Gemälden und Bildwerken ist der Kult des Weibes dargestellt. Ich glaube, Ihr Verhältnis zur Kunst richtig erfaßt zu haben. Sie sind leidlose, aber auch glücklose Leute. Was einst unsere Seele bewegte, die Liebe zu einer Frau, zur Familie, zur Heimat, zum Vaterlande, all das bewegt Ihr Herz nicht, tausend und tausend Stimmen, die einst in unserer Brust lebten, sind verstummt, seit ein kaltes, ruhevolles Geschlecht diese Erde bewohnt und beherrscht!« Der Herr Professor war vor Aufregung ganz rot geworden, er war aufgestanden und ging mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. »Fast jedes Gefühl, das den Menschen einst froh und glücklich machte, fehlt Ihnen«, sagte er, und es lag eine unsägliche Bitterkeit in seinen Worten. »Es fehlen uns aber auch jene Gefühle, die uns arm und elend machen könnten«, sagte Plato. Die Aufregung des Professors hatte keinen besonderen Eindruck auf ihn gemacht. ,.Wir beschäftigen uns doch mit der Kunst«, sagte Lessing. »Ihre großen Werke sind uns zum Teil erhalten geblieben. In unseren Museen hängen Bilder aller Meister, aller Zeiten und Völker. Unsere Kunstgelehrten schreiben jahraus, jahrein die besten und schönsten Werke darüber. Statuen und andere Werke der bildenden Kunst aus alter Zeit besitzen wir zu Tausenden und über jedes Werk ist eine große Geschichte geschrieben und in unserer Enzyklopädie der bildenden Kunst, einem Werk, das zweitausend Bände umfaßt, finden Sie die geistvollsten Abhandlungen darüber. Auch Ihre Dichter sind nicht für uns verloren, über jeden Dichter sind Biographien, Erläuterungen und sonstige gelehrte Abhandlungen erschienen und die Männer, die diese Schriften verfassen, genießen bei uns die größte Hochachtung, sie werden entschieden heute mehr geachtet und es ergeht ihnen weitaus besser als jenen, die die Werke einst dichteten.« »Aber selbst malen oder dichten oder irgendein Bildwerk machen, das können Sie nicht?« fragte der Professor. Lessing zuckte die Achseln. »Wir begnügen uns, die Schönheiten, den geistigen Inhalt dieser Werke, klarzulegen.« »Und sind die Homunkuliden verpflichtet, nämlich gesetzlich verpflichtet, sich den Anschauungen der Kunsthistoriker anzuschließen?« fragte ironisch der Professor. »Das natürlich nicht«, antwortete, unbekümmert um die Ironie, Lessing. »Wie Sie ja wissen, gibt es bei uns keinerlei Verpflichtungen. Da aber der Lebenszweck unserer Kunstschriftsteller der ist, den anderen Homunkuliden zu helfen, sich eine Kunstmeinung zu bilden, so nehmen die Homunkuliden an, daß das Urteil der Kunsthistoriker zuverlässig sei, und bemühen sich, das alles schön, großartig und so weiter zu finden, was diese Herren in ihren Werken eben als schön, großartig und so weiter ausgeben!« »Das ist sehr bequem!« sagte sarkastisch der Professor. »Auf diese Art wird das Kunsturteil vom Staat diktiert? Nicht übel!« »Von wem wurde es denn zu Ihrer Zeit diktiert?« fragte begierig Lessing. Der Professor wollte erzürnt antworten; aber er besann sich noch. Im Moment war ihm eingefallen, was für Leute oft zu seiner Zeit die Kritik besorgten. Er hatte da die verschiedensten Exemplare kennengelernt. Leute, die absolut kein Gehör hatten und ein Fagott von einer Drehorgel nicht unterscheiden konnten, kritisierten in spaltenlangen Artikeln Musikaufführungen, Opern und Konzerte. Der Professor hatte einmal Gelegenheit gehabt, einen farbenblinden Patienten zu behandeln; zu seinem größten Erstaunen erfuhr er, daß der Patient einer der größten und gefürchtetsten Kunstkritiker sei und daß die bedeutendsten Maler um seine Gunst bettelten.. Dann erinnerte er sich an einen sonderbaren Unfall. Er war eines Abends in der Redaktion der »Freisinnigen Zeitung« gewesen. Während seines Gespräches mit dem Chefredakteur kam der Redakteur des Feuilletons herein und meldete, daß einer der Kritiker wegen Krankheit nicht imstande sei, die heutige Premiere im Goethe-Theater zu besuchen. Nach vielem Herumfragen, weder der Gerichtssaalreporter noch der Lokalreporter noch der Parlamentsberichterstatter hatten Zeit, die Premiere zu besuchen und darüber kritisch zu berichten, blieb nicht anderes übrig, als in die Administration zu schicken und einen Herrn, der dort die Aufgabe hatte, dem Publikum bei der Abfassung von Inseraten an die Hand zu gehen, mit dem künstlerischen Richteramt zu betrauen! Diese und ähnliche Erwägungen schwirrten ihm durch den Kopf, und er schämte sich fast, die so unbequeme Frage des Kunstrichters der Homunkuliden zu beantworten. »Jede Zeitung hatte ihre bestellten Kunstrichter«, sagte er ausweichend. »Und das waren sicher recht tüchtige, gut geschulte Leute!« meinte Lessing. »So ziemlich«, sagte der Professor. »Leider waren sie oft sehr beeinflußt.« »Beeinflußt? Doch nicht vom Staate, von Behörden oder von den Personen, denen die Zeitungen gehörten?« »Von vielem, nein, sogar von sehr vielem. Auch die Politik spielte da hinein. Wenn der Künstler sich zu einer bestimmten politischen Partei erklärt hatte, so konnte er sicher sein, daß ihn die Blätter seiner Partei in den Himmel erhoben und die Blätter der Gegenpartei herunterrissen...!« »Auch wenn das Werk gut war?« fragte erstaunt Lessing. »Die Güte des Werkes spielte dabei keine besondere Rolle. Auch persönliche. Feindschaften kamen in den Kritiken zum Ausdruck!« »Das müssen ja schreckliche Verhältnisse gewesen sein«, sprach Lessing. »Und sind solche Kritiken geglaubt worden?« Der Professor zuckte die Achseln: »In den meisten Fällen... trotzdem unzählige Fälle gewaltiger kritischer Irrtümer vorliegen. Große Meister sind bei ihrem ersten Auftreten von der Kritik oft gänzlich mißverstanden worden, und statt solchen Leuten den Weg zur Anerkennung und zum Ruhme zu ebnen, hat man ihnen die größten Hindernisse bereitet!« »Das ist sehr böse«, sagte nachdenklich Plato. »Jeder Richter soll gerecht sein, auch der Kunstrichter«, ergänzte Lessing. Die gelehrte Unterhaltung fand ein unerwartetes Ende. Lorenz war mit seinen Partnern drüben in Streit geraten, denn die Dickköpfe hatten ihn fürchterlich abgesotten. Lorenz schimpfte wie ein Rohrspatz und der Professor hatte Mühe genug, den Rabiaten zu beruhigen. Als sich die Homunkuliden entfernt hatten, hielt der Professor Lorenz eine gewaltige Strafpredigt, an deren Ende er den treuen Diener für vierzehn Tage aus seiner Nähe verbannte. »Während dieser vierzehn Tage dürfen Sie sich nicht bei mir blicken lassen.« Lorenz wollte noch etwas reden, aber der Professor wies schweigend auf die Tür. Trotzig entfernte sich der Diener. Siebentes Kapitel. Der Professor besucht mit Lorenz die Anstalt für Menschenherstellung. Die Erziehung der Homunkuliden. Es folgten böse, traurige Tage; der Professor sprach mit Lorenz kein Wort. Die Einsamkeit wurde dem treuen Diener bald fürchterlich und er entschloß sich, seinen Herrn reumütig um Verzeihung zu bitten. Der Professor kanzelte ihn ab wie einen Schulbuben. Lorenz stand wie ein zerknirschter Pudel vor ihm, der demutsvoll seine Prügel erwartet. Dem gestrengen Herrn kamen die Tränen ins Auge, denn auch ihm war die Einsamkeit unter den Homunkuliden schon fürchterlich geworden und er verzieh dem reuigen Sünder. »Ich hoffe, so etwas kommt nicht mehr vor«, schloß er seine Strafpredigt. »Sehr wohl, Herr Professor!« antwortete Lorenz überglücklich. Wohlwollend fuhr der Herr Professor fort: »Wir werden nächste Woche die jungen Homunkuliden sehen; da besuchen wir eines jener Etablissements, in denen die Homunkuliden erzeugt werden.« »Das wird wohl recht hübsch werden«, sagte Lorenz, »obwohl ich von diesen Etablissements gar nichts halte!« Lorenz war infolge der Güte seines Herrn sofort wieder in seinen alten Fehler verfallen. »Warum nicht?« fragte der Professor. »Das ist doch wohl der Gipfel aller Entwicklung, der Natur das Geheimnis der Zeugung abgelauscht zu haben!« Lorenz zuckte geringschätzig die Achseln. »Ich glaube, zu unserer Zeit war die Sache einfacher und auch angenehmer.« »Lorenz, Sie verstehen das nicht«, lachte der Professor. »Ich glaube doch – wenn die Sache mit der Wetti anders gekommen wäre...« »Lorenz, Sie können schlafen gehen.« Nun folgten einige ruhige, angenehme Tage. Der Herr Professor arbeitete an seinen Memoiren und studierte die Sprache der Homunkuliden, wobei ihm Plato als Sprachmeister zu Hilfe kam. In kurzer Zeit machte der Professor solche Fortschritte, daß er sich mit den drei Herren, Plato, Archimedes und Lessing, ganz gut in ihrer Sprache verständigen konnte. Auch Lorenz studierte, daß ihm der Kopf rauchte. Er kam aber weit langsamer vorwärts als sein gelehrter Herr, was ja niemand wundern wird. Lorenz erklärte eines Tages dem Professor, daß er auf seine Vorfahren wütend sei. Wenn die es verstanden hätten, die Welt zu erobern, so würden die heutigen Homunkuliden deutsch sprechen und er hätte es jetzt nicht notwendig, unter so großen Anstrengungen die schwere Sprache der Homunkuliden zu lernen. »Man würde Sie doch nicht verstehen, Lorenz«, erwiderte der Professor, »denn eine Sprache verändert sich im Laufe der Zeiten – und zweitausend Jahre im Leben der Völker sind viel, wie Sie jetzt sehen können! Sie hätten dann das allerneueste Hochdeutsch lernen müssen!« »Das würde mir nichts machen. Es wäre doch Deutsch! Und dann noch eines, wenn die Deutschen gesiegt hätten, so würde man hier im Lande Bier bekommen. Denn das hätten die Deutschen wegen der Luftschiffe und so weiter doch nicht aufgegeben!« Eines Abends, als der Professor mit den drei Homunkuliden, Plato, Archimedes und Lessing, bei Tisch saß, war Lorenz nahe daran, wieder einen Nervenanfall zu bekommen. Der Professor unterhielt sich mit den drei Herren nur in der Homunkulidensprache. Lorenz vermochte nur hie und da ein Wort zu verstehen. Er sprach den Professor deutsch an, der Professor antwortete nur in der landesüblichen Sprache. Lorenz hatte darin noch sehr geringe Fortschritte gemacht, da er die schönen Tage meist zu Spaziergängen im Garten benützt hatte. Lessing hatte ihm aus der Bibliothek der Homunkuliden einige deutsche Bücher gebracht, darunter auch Zeitschriften aus den Jahren 1907 bis 1920, und er hatte mit großem Interesse die zweitausend Jahre alten Zeitungen gelesen. Die Welt war doch damals angenehmer gewesen. Was da alles passierte! Er las fort und fort, bis auch die Zeitungen ihm immer unverständlicher wurden, bis die Namen, die darin vorkamen, seinem Ohr fremd wurden, bis sich alles so änderte, daß er auch für diese uralten Zeitungen kein Verständnis mehr hatte. Und darüber hatte er das Studium der Homunkulidensprache versäumt, und so kam er sich an jenem Abend einsam und verlassen vor. »Mein Herr«, dachte er sich, »ist auch so ein richtiger Deutscher, der gar kein Nationalgefühl hat; kaum sind wir ein paar Tage da, so spricht er schon nicht mehr Deutsch!« Der Abend verlief für Lorenz sehr ungemütlich. Auf einmal fing der Professor deutsch an. »Lorenz«, sagte er, »ich hoffe, daß Sie jetzt fleißiger sein werden in Ihrem Studium. Sie werden jetzt jeden Abend zu mir kommen, daß ich Sie überhöre, ob Sie Ihr Pensum gelernt haben. Und wenn Sie sich in Zukunft nicht mehr Mühe geben, so wird an den Abenden nur mehr in der Homunkulidensprache geredet.« Lorenz versprach Besserung. Und er hielt, was er versprochen hatte. Er lernte sehr fleißig, wozu am meisten der Umstand beitrug, daß der Professor jeden Abend ihn prüfte. In wenigen Wochen hatte er so viel von der Homunkulidensprache erlernt, daß er sich mit den Herren abends schon ganz leidlich verständigen konnte. Die Linden, Buchen und Eichen im Park ihres Palastes nahmen schon herbstliche Färbung an; als der Professor Lorenz eröffnete, daß heute abends große Prüfung sein werde. »Herr Professor, mit dem Mündlichen wird es leidlich gehen«, erwiderte zuversichtlich der treue Diener, »aber mit dem Schriftlichen hapert es noch.« »Das macht nichts, mein lieber Lorenz; infolge des eigentümlichen Charakters der Homunkuliden werden Sie wohl nie in die Lage kommen, Briefe zu schreiben. Lesen können Sie...?« »Ja!« erwiderte stolz der Diener. »Und reden auch?« »Ich habe mich in der Konversation immer geübt. Ich habe mit unseren Domestiken gesprochen, mit den Leuten, die in unserem Park arbeiten. Und habe auch mit anderen Automaten gesprochen, die mir unterkamen. Aber die meisten Automaten hier sind etwas schwerhörig.« »Woraus schließen Sie das?« »Ich mußte, besonders anfangs, meine Frage oder Anrede stets zwei- oder dreimal wiederholen, bis sie mich verstanden.« »Ihre Aussprache ist noch schlecht.« Die Prüfung fiel abends zur größten Befriedigung des Kollegiums aus. Plato, Archimedes, selbst der kunstverständige Lessing erklärten sich von den Fortschritten des zweitausend Jahre alten Schülers höchst befriedigt. Der Professor drückte ihm die Hand. »Es tut mir sehr leid«, sagte er, »daß ich Ihnen ob Ihres Fleißes keine Freude bereiten kann. Aber was soll ich Ihnen schenken? Eine goldene Uhr?« »Hat hier zu Lande keinen Wert. Ich glaube, hier machen sie sogar die Mistgabeln aus Gold!« lehnte Lorenz ab. »Geld gibt es keines...« »Nein!...« antwortete tiefsinnig Lorenz. »Es ist hier wirklich sonderbar, man kann beim besten Willen hier niemandem eine Freude machen. Es ist wirklich traurig!« »Sehr traurig«, sprach der Professor nach. »Aber das eine freut mich doch«, sagte Lorenz, »und diese Freude ist mir noch in diesem Lande möglich. Wenn Sie sagen, Herr Professor, daß ich Ihnen ein Vergnügen gemacht habe, so ist mir das mehr wert als eine goldene Uhr.« »Lorenz, Sie haben mir jetzt große Freude gemacht. Wir haben erreicht, daß wir uns frei in der ganzen Homunkulidenstadt, in der ganzen Homunkulidenwelt bewegen können. Wir kennen die Sprache dieser Leute, und es wird uns vielleicht diese sonderbare, traumhafte Welt, die uns umgibt, mit Hilfe unserer frisch erworbenen Kenntnisse lebendiger und angenehmer vorkommen als bisher. Wir werden das auf unserer nächsten Reise sehen. Nächste Woche ist also ein Besuch jener Anstalten geplant, in denen die Homunkuliden erzeugt werden. Ich hoffe, Lorenz, es wird Sie das interessieren!« »Sehr wohl, Herr Professor; wenn es mir möglich ist, so werde ich mit dem Leiter dieser Anstalt einige ernste Worte reden!... Ich getraue mich fast nicht, es auszusprechen; ich geniere mich...« »Na, sagen Sie nur, was Sie meinen!« Zögernd begann Lorenz: »Ich werde den Direktor fragen, ob es ihm nicht möglich wäre, für uns beide zwei weibliche Homunkuliden zu erzeugen. Ich bin der Meinung, daß die Erhaltung einer Familie hier nicht teuer kommt!« Der Professor war sprachlos. Nach einer geraumen Weile erholte er sich. »Das ist doch die verrückteste Idee, auf die jemand kommen kann!« rief er aus. »Diese Bitte wird Ihnen wohl niemals erfüllt werden. Was Sie wünschen, verstößt gegen die Grundsätze dieses Staates!« »Was geht mich dieser Staat an?« fragte Lorenz. »Übrigens sind diese Automaten hier so gefällig, daß sie uns wohl auch diesen Wunsch erfüllen werden!« »Ich habe Sie wirklich für klüger gehalten«, sagte der Professor. »Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es mir sehr unlieb wäre, wenn Sie wirklich diesen Wunsch äußerten. Auf keinen Fall dürfen Sie sagen, daß ich mir auch eine Homunkulidin wünsche; das verbiete ich mir! Sie werden übrigens sehr wenig Entgegenkommen finden!« Lorenz ging. Bei der Tür drehte er sich nochmals um. »Herr Professor, verzeihen Sie eine Frage...« »Bezieht sie sich auf denselben Gegenstand?« Lorenz zögerte erst. »Ich habe eine Photographie von der Wetti – eine aus ihren jüngeren Jahren. Sie war damals ein sehr hübsches Frauenzimmer. Wenn ich dem Direktor diese Photographie gebe, glauben Sie, daß er mir danach eine Frau machen lassen kann?« »Sie sind ein Narr!« Der Professor drehte sich geärgert um. Eines Abends kündigte der Professor Lorenz an, daß in der Frühe des nächsten Tages die interessante Expedition unternommen werde. Lorenz' Herz klopfte vor Freude. »Ich hoffe, Sie haben unterdes auf Ihren törichten Wunsch verzichtet«, meinte der Professor. Lorenz schwieg, er wollte den Professor nicht ärgern und wollte auch nicht lügen. »Sie wissen gar nicht«, fing der Professor an, »wie unendlich schwer es ist, Einlaß in dieses Etablissement zu erlangen. Es ist ein großartiges Entgegenkommen der Regierung, die es uns, wenn auch nach einigen Schwierigkeiten, gestattete, die seltsame Anstalt zu besichtigen. Ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam, den Direktor nicht mit Ihrer verrückten Bitte zu behelligen!« »Wird uns der Herr Direktor selbst führen?« »Jawohl – aber ich werde es ja zu verhindern wissen, daß Sie Ihre Bitte vorbringen!« Lorenz schwieg. Er zuckte bloß die Achseln, was er immer tat, wenn er etwas im Sinne hatte, was nicht mit den Wünschen des Professors übereinstimmte. Ein großes Automobil nahm die Herrschaften auf. Lorenz war schon sehr begierig, die merkwürdige Anstalt kennenzulernen. Er erklärte, daß er glaube, noch nie ein so langsames Automobil gesehen zu haben wie dieses. Plato und Archimedes fuhren mit. Der Professor erklärte ihnen, er habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Er mußte immer daran denken, wie groß, wie mächtig die Einwirkung der Erfindung der Homunkuliden die ganze Welt verändert habe. »Ich bin eigentlich viel schlechter daran als jeder Reisende oder Forscher vor mir«, sagte er. »Was diese erforscht und gefunden haben, konnten sie als Neues und Großes ihren Mitlebenden mitteilen. Ich kann das nicht tun. Was ich hier sehe und erfahre, sehe ich für mich allein. Die einst mit mir lebten, sind viele Hunderte von Jahren schon tot und begraben. Wofür habe ich diese Reise unternommen?« Das Automobil fuhr in eine riesig breite Straße ein, die von ganz eigenartigen Fuhrwerken belebt war. Dunkel lackierte Omnibusse, mit seltsamen sargähnlichen Kisten beladen, fuhren in ununterbrochener Reihe daher. »Das sieht ja aus wie Särge?« fragte der Professor betroffen. »Es sind auch Särge«, erklärte Plato. »Diese Straße führt zum Krematorium der Stadt und alle Homunkuliden, die diese Stadt derzeit bewohnen, werden einst diese Straße fahren!« Der Professor sah sinnend hinaus. Das Automobil passierte Hunderte von Leichenwagen. »Na, eine solche Leiche gefällt mir nicht«, gab Lorenz seinen Senf dazu. »Das war bei uns schon hübscher. Erstens die Menge von Kränzen, die schönen Wagen mit den Leidtragenden, dann gar eine Veteranenleich' oder eine Generalsleich', wo sie mit den Kanonen geschossen haben! Das war etwas! Oder wenn ein berühmter Mann gestorben ist und an dem Grabe wurden Reden gehalten – das da draußen heißt ja gar nichts!« »Erinnern Sie sich nicht mehr«, sagte der Professor, »an das große Krankenhaus in unserer Stadt, aus dem dann bei Nacht die Leichen der Armen und Elenden hinausgeführt wurden, die Leichen jener, um deren Leben und Sterben sich niemand kümmerte? Hier ist das alles gleich – einer wird wie der andere begraben. Es hat ja auch einer wie der andere gelebt!« »Und von gar keinem Homunkuliden wird die Asche aufbewahrt? Auch nicht von denen, die sich große Verdienste erworben haben?« »Ihre Verdienste leben in ihren Werken fort. Ihre Asche ist tot. Wir begnügen uns mit den Werken!« »Herr Professor, das ist das Traurigste von allem, was wir in dem Homunkulidenlande gesehen haben!« sagte Lorenz. »Ich habe genug davon.« »Ich verstehe Herrn Lorenz nicht«, sagte Plato. »Warum ist er so böse?« Der Professor ergriff das Wort. »Meine Herren, zu unserer Zeit war die Sache eine andere. Die Verehrung, die wir für einen großen Menschen hegten, übertrugen wir auch auf seinen Leichnam. Dorthin, wo die Gebeine des großen Toten ruhten, wallfahrtete die gebildete Welt. Sein Grab deckte ein Denkmal, das der Ausdruck der Dankbarkeit seiner Zeitgenossen war, Und wenn Hunderte von Jahren vergangen waren, zu der durch die große Erinnerung geweihten Stätte pilgerten Jahr für Jahr Tausende und aber Tausende. Dem Andenken des großen Mannes wurden dann allerorten Denkmäler errichtet.« »Ich verstehe das nicht«, sagte Plato einfach; »wenn das Leben aus ihm geschwunden war, dann verehrte man in den toten, verfaulenden und vermorschenden Knochen noch den großen Geist, der in dem zerfallenen Gehäuse lebte? Eine sonderbare Sache das!« »Und wenn Sie die Totenasche wie Mist auf die Felder streuen, so finde ich das nicht viel sonderbarer, ich finde es – wie soll ich nur sagen – gemein, ordinär, niederträchtig, einfach scheußlich«, fuhr Lorenz auf. Aber Plato blieb ruhig. »Wenn wir den toten Staub der Erde, aus der er entnommen war, wieder zurückgeben, dann tritt er wieder in den Kreislauf des Lebens ein. Neues Leben bindet ihn zu neuer Form – und der tote Staub erfährt eine Auferstehung; jenes sehnsüchtige Ideal, das in allen Religionen Ihrer Zeit lebte, wird zur Wahrheit! Aber in höherer, reinerer Form, als die Menschen Ihrer Zeiten es sich vorstellten.« »Und woher soll das Leben für den toten Staub kommen?« fragte höchst geringschätzig Lorenz. »Dorther, wo alles Leben dieser Erde kommt, von der Sonne!« »Wie ich sagte: Sonnenkinder!« fiel der Professor ein. »Die reinen Feueranbeter!« bemerkte Lorenz. Er sah dabei sehr verdrossen drein. Während die Herren dieses Gespräch führten, wurden unablässig Särge in den elektrischen Flammenofen geschoben, und unaufhörlich rollten die Wagen mit neuen Särgen herbei. Ruhig, ohne jedes Zeichen der Erregung, schritten die Homunkuliden dahin. Lorenz und der Professor folgten. Beim Ausgang der Halle blieben die Homunkuliden stehen, den Professor und Lorenz erwartend. »Ich verstehe Sie jetzt«, sagte der Professor. »Für Sie ist der für uns so traurige Akt kein Akt der Trauer. Hier beginnt bei Ihnen die Umwandlung. Hier ist die Stelle – nicht des Todes, nein, hier ist die Stelle, wo der tote Staub, wie Sie sagten, wieder in den Kreislauf des Lebens eintritt.« Die Homunkuliden nickten. Lorenz hatte seine eigenen Gedanken dabei. »Ja, wenn man sich nur erinnern könnte, daß man einmal schon dagewesen ist«, dachte er sich. »Und die Geschichte soll immer so fort gehen – siebzig – achtzig Jahre leben, dann sterben – dann auferstehen, dann wieder leben, um wieder zu sterben und wieder aufzuerstehen. Abwechslung ist wenig, verflucht wenig dabei. Möglich, daß es so ist – mir kann's recht sein.« Die Herren bestiegen wieder das Automobil. »Wohin geht es jetzt?« fragte Lorenz. »Dorthin, wo die Homunkuliden erzeugt werden«, erklärte der Professor. »Das wird doch etwas hübscher sein als dahier«, bemerkte Lorenz und griff dabei in die Seitentasche seines Rockes, um sich zu vergewissern, ob er die Photographie seiner Wetti noch da habe. Die Anstalt, zu der sie nach reichlich einer Stunde gelangten, war ein umfangreicher Komplex von Gebäuden, umgeben von grünenden Anlagen. Der Eintritt gestaltete sich etwas schwierig. Als die Gesellschaft anlangte, ward sie erst in ein großes Zimmer neben dem Tor geführt. Plato wies einem Beamten eine Anzahl von Papieren vor, die alle, wie Lorenz' scharfsichtiges Auge bemerkte, das rote Staatssiegel der Homunkuliden trugen. Der Beamte bat die Herren, ein wenig zu warten, und entfernte sich. »So genau ist es noch nirgends zugegangen«, bemerkte Lorenz, »haben die Angst, daß wir ihnen ein paar Kinder stehlen?« »Nein, nein«, sagte Plato, »aber es ist wirklich sehr schwer, in eine solche Anstalt Eintritt zu erlangen. Und das mit Recht. Der Dienst hier ist ein außergewöhnlich strenger, das geringste Versehen kann dazu führen, daß eine große Anzahl von Homunkuliden nicht in solchem Maße lebensfähig wird, daß sie in voller Gesundheit die beanspruchte Zeit dem Staate dienen kann. Wir werden auch, trotz der außerordentlichen Erlaubnis, die wir erhalten haben, uns in jenem Raume, in dem sich die erste Entwicklung des Homunkuliden vollzieht, nicht lange aufhalten dürfen.« Nachdem die Herren ungefähr eine Viertelstunde gewartet hatten, erschien ein Homunkulide, geleitet von zwei anderen Herren. Es war der Direktor der Anstalt. Er begrüßte die Herren und teilte ihnen gewissermaßen als Mahnung zu einem äußerst ruhigen und vorsichtigen Verhalten mit, daß es heute das erstemal während seiner nun schon fast dreizehnjährigen Dienstzeit sei, daß er die erfreuliche Gelegenheit habe, Fremde in diesen Räumen herumzuführen. Man merkte es dem Herrn an, daß er noch nicht viel in Gesellschaft gewesen sei, er war sehr ernst, fast abweisend, und schien über den Besuch durchaus nicht erfreut zu sein. Zuerst wurden sie in einen großen Saal geführt, der wie ein chemisches Laboratorium aussah. Tische, mit Diamantplatten bedeckt, standen in Reihen da. Auf den Tischen lag und stand mancherlei sonderbar geformtes wissenschaftliches Gerät. An vielleicht zehn bis zwölf solcher Tische waren Herren bei ihren Apparaten beschäftigt. Sie sahen nicht einmal auf, als die Gesellschaft eintrat. »Dieser Raum dient eigentlich nur zur Durchführung von Proben oder besonderen Experimenten«, erklärte beim Durchschreiten der Direktor. »Interessanter ist der Nebenraum;« er öffnete eine Tür und die Herren traten in ein großes, dem Nebenraum ähnlich eingerichtetes Zimmer. Die gleichen Tische, die gleichen Apparate, aber an jedem Tisch saßen sehr ernste Herren, die eifrig mikroskopische Beobachtungen anstellten. »Als es uns gelungen war«, fing der Direktor zu dozieren an, »Eiweiß, diese sonderbarste und in ihrer Wandelbarkeit wundervollste organische Verbindung, künstlich darzustellen, war die Möglichkeit gegeben, lebende Wesen zu schaffen. Es dauerte Jahrhunderte, ehe das Geheimnis der unzähligen verschiedenen Eiweißverbindungen gelöst war. Als man aber den Schleier auch von diesem großen Geheimnis gehoben hatte und es einem Forscher gelang, durch Zusammenführung verschiedener Eiweißverbindungen das lebende Protoplasma zu erzeugen, hatten wir gewonnenes Spiel. Schlag auf Schlag folgten nun die großartigsten Entdeckungen, als deren Kern die Erkenntnis vom Wesen des tierischen Lebens gilt. In diesem Räume wird das künstliche Protoplasma erzeugt und diese Herren haben die Aufgabe, das erzeugte Protoplasma physikalisch und chemisch zu untersuchen, ob es den von der Anstalt gestellten Anforderungen entspricht.« Der Professor tat einen Blick durch ein Mikroskop, Lorenz desgleichen und schüttelte enttäuscht sein weises Haupt und erklärte sich sehr unzufrieden. Auch der Besuch der nächsten Säle befriedigte ihn nicht. Der Herr Direktor hielt einen langen Vortrag, von dem Lorenz gar nichts verstand. Man sah durch verschiedene Mikroskope und stets behauptete er, daß nichts darin zu sehen sei. Der Herr Professor zeigte sich ungemein dankbar für die Darbietungen des Direktors. Dann aber kamen sie in ein Gemach, das Lorenz lebhaft fesselte. Unangenehm war ihm nur, daß es fast nachtdunkel darin war. Eine Kugel, die ein seltsames, gelbes Licht ausströmte, erhellte höchst ungenügend den Raum. Als sich endlich Lorenz' Augen halbwegs an die Dämmerung gewöhnt hatten, sah er, daß in dem Raum große Regale aufgestellt waren, in deren Fächern, schön geordnet, sechskantige Glasprismen aufgestapelt waren, so daß ein solches Regal beinahe wie die Wabenwand eines Bienenstockes aussah. Mit Erstaunen vernahm Lorenz, daß die Glaszellen auch dem gleichen Zwecke dienten wie die Brutzellen in den Bienenwaben, daß in diesen Glaskästen die Entwicklung der Homunkuliden vom künstlichen Ei bis zum künstlichen Menschen sich vollziehe. Nach längerem genauen Betrachten merkte er, daß jedes Kästchen mit zwei feinen Gummischläuchen versehen war, die zu einem großen Glasgefäß führten, das in der Mitte des Raumes aufgestellt war. Aus den Gesprächen des Professors konnte er entnehmen, daß in jenem Glasgefäß die Ernährungsflüssigkeit für all die hundert Embryos in den Kästchen enthalten war, die den im Werden begriffenen Wesen automatisch durch die Schläuche zugeführt wurde. Der Professor sah auf Einladung des Direktors in mehrere dieser Kästchen hinein und zeigte sich immer über das Gesehene höchst befriedigt. Auch Lorenz sah hinein, sah zuerst einen kleinen rötlichen Klumpen, im nächsten Kästchen einen größeren rötlichen Klumpen. Er war darob sehr enttäuscht. In dem Räume herrschte eine fürchterliche Hitze. Lorenz rann der Schweiß in hellen Tropfen über das Gesicht. Er war herzlich froh, als man hinausging. Auf dem Gange draußen atmete er erleichtert auf. »Ah – Luft, nur Luft!«, sagte er begeistert. Jetzt erst bemerkte er, daß die Homunkuliden Plato und Archimedes nicht mehr bei der Gesellschaft waren. Verwundert fragte er nach ihnen und erfuhr, daß jedem Homunkuliden strengstens verboten sei, diese Räume zu betreten. Die größte Überraschung aber ward ihm im nächsten Saale zuteil. Es war darin etwas heller und ein sonderbares Geräusch erfüllte den Raum. Eine Menge dienender Homunkuliden war darin beschäftigt. Ihre Tätigkeit versetzte Lorenz in grenzenloses Erstaunen. Sie öffneten die Glaszellen, nachdem sie die darin enthaltene Flüssigkeit durch einen der beiden Schläuche abgelassen hatten, und hoben aus dem Kästchen den rötlichen Klumpen heraus. Und dieser Klumpen, dessen Formen Lorenz infolge der herrschenden Dämmerung nicht ausnehmen konnte, fing unter den Händen der Arbeiter wie ein neugeborenes Kind mißtönig zu quaken an. »Aha«, sagte Lorenz, »hier kommen Homunkuliden zur Welt...!« Der Professor sah mit leuchtenden Augen auf die geschäftigen Homunkuliden. Er wollte etwas zu dem Direktor sagen, aber das allgemeine Gequake und Wimmern im Saal machte seine Rede unverständlich. Die Temperatur war fast die gleiche wie im früheren Saale, nur machte sich hier zur Erhöhung der Unannehmlichkeiten ein sonderbarer fader Geruch bemerkbar und eine Schwüle, die den Atem beklemmte. Trotz seiner Bewunderung der ungeheuren Fortschritte der Homunkuliden war er herzlich froh, als er mit dem Direktor und Lorenz den Saal verlassen konnte. »Sie werden jetzt ein wenig müde sein«, meinte der Direktor. Er lud sie ein, an einem Tisch unter einer herrlichen Platane ein wenig Platz zu nehmen, Er rief einen Diener herbei, dem er befahl, für die Herren einige Erfrischungen zu bringen. »Wir sind zum großen Teil mit der Besichtigung dieser Anlage eigentlich fertig«, sagte der Direktor, »es erübrigt uns nur noch, jene Räumlichkeiten zu besichtigen, in denen die neugeborenen Homunkuliden während der ersten Wochen ihres Lebens gepflegt werden.« Lorenz, dem der Appetit nicht vergangen war, trotzdem er so vieles hatte sehen müssen, was seinen Anschauungen, die er im allgemeinen über die Menschwerdung des Stoffes hatte, zuwider war, begrüßte den Speisenträger mit höchst wohlwollendem Kopfnicken. Während des Speisens fragte der Professor den Direktor, wie viel Homunkuliden jährlich aus dieser Anstalt hervorgingen und ob ihre Zahl eine konstante sei. Der Direktor verneinte. »Wir wären wohl imstande, durch diese Anstalt die Anzahl der Homunkuliden jährlich um zwanzigtausend Nummern zu vermehren. Doch werden stets nur achttausend bis höchstens zehntausend im Jahr erzeugt. Alljährlich gibt uns die Regierung den notwendigen Bedarf von Homunkuliden nach Kategorien geordnet an.« »Ihr Budget bezieht sich also nicht auf Millionen in Geld, sondern auf Millionen von Menschen?« »So wie bei uns der Kriegsminister Rekruten verlangt hat«, schaltete Lorenz ein. »Herr Professor haben nicht unrecht. Eine Grundbedingung unseres Staates, unseres Wohlbefindens ist die, daß nie viel mehr oder viel weniger Homunkuliden da sind, als wir benötigen. Nach Elementarkatastrophen, wie bei dem letzten Erdbeben in Italien, bei dem der südlich von Neapel gelegene Teil mit der Insel Sizilien fast gänzlich im Meere verschwand und mit einem Schlage Millionen Homunkuliden vernichtet wurden, werden freilich an unsere Anstalt erhöhte Ansprüche gestellt. Wir müssen dann trachten, jenen Verlust an Menschenleben sobald als möglich wieder gutzumachen, damit das Getriebe unseres Staates keine erhebliche Störung erfährt.« »Sagen Sie mir nur noch eines«, begann der wißbegierige Professor. »Werden alle Homunkuliden gleichartig erzeugt oder gibt es da gewisse Unterschiede?« »Jawohl!« erwiderte der Direktor. »Aus dieser Anstalt kommen zumeist Beamte, Lehrer, Professoren, kurz, geistige Arbeiter heraus. Der Embryo wird da von Anfang an anders behandelt; auf die Vorbildung des Gehirns wird das größte Gewicht gelegt. Auch bei der späteren Erziehung der jungen Homunkuliden wird strengstens darauf geachtet, alles vorzukehren, damit sie in dem Beruf, für den sie geschaffen wurden, recht tüchtig sind. In anderen Anstalten werden nur Arbeiter ausgebildet, Leute, die zur Ausübung ihrer Berufstätigkeit stark entwickelter Muskeln bedürfen, und so weiter.« »Wo bleibt da die Gleichheit?« empörte sich Lorenz. »Hier muß einer das werden, wozu er in der Fabrik bestimmt wurde! Ist das recht? Bei uns konnte ein Bauernsohn Papst werden! Napoleon war der Sohn eines kleinen Advokaten! Nein, das ist ungerecht!« »Sind bei Ihnen keine Talente verkümmert? Sind bei Ihnen infolge der Ungunst der Verhältnisse nicht Genies zugrunde gegangen und haben niemals Dummköpfe über Weise geherrscht?« fragte der Direktor. Lorenz schwieg. Er dachte an seine Zeit zurück, in der solche Fälle ziemlich häufig waren. »Wir sind nicht ungerecht, Herr Lorenz«, fuhr der Direktor fort. »Die Gleichheit bei uns besteht darin, daß jeder, er mag aus der oder jener Fabrik stammen, das gleiche Anrecht am Leben hat. Derjenige, der mit seiner Körperkraft für den Staat arbeitet, ist in seinen Pflichten und Rechten vollkommen gleichgesetzt dem, der nur mit seinem Gehirn arbeitet. Nach Ihrer Anschauung bin ich einer der ersten Beamten des Homunkulidenstaates – mir ist, was die Befriedigung meiner Bedürfnisse anlangt, kein besseres Los beschieden als dem einfachen Fabriksarbeiter oder Feldarbeiter, der die Sämaschine über die Gebreite der Fluren führt. Bei Ihnen war maßgebend für die Zukunft eines Menschen die Wiege, in der er als Kind gelegen ist. War's eine königliche Wiege, nun, da ward er König oder Prinz, wenn er auch kaum zu einem Straßenarbeiter getaugt hätte. Er war immer mehr als die tausend und aber tausend anderen, die in minderwertigen Wiegen das Licht der Welt erblickten und trotzdem in jeder Beziehung hoch über ihm standen. Dem haben wir gründlich abgeholfen. Wir geben im vorhinein jedem Homunkuliden ein gewisses Maß von Fähigkeiten mit, das ihn zu einem gewissen Beruf tauglich macht, und reihen ihn dann in diesen Beruf ein!« »Zu unserer Zeit ist's eben nicht so fabriksmäßig zugegangen!« sagte Lorenz kleinlaut. »Ja, ja, Herr Lorenz«, fuhr der Direktor fort, »bei der einen Kategorie entwickeln wir das Gehirn, bei der anderen die Muskeln.« Lorenz mußte unwillkürlich an die dickköpfigen Mathematikprofessoren denken. »Ja, das kenne ich«, sagte er. »Es ist in jeder Beziehung großartig, was Sie da zustande bringen. Ich glaube auch, daß Sie, wenn Sie wollten, mir auch meine Bitte erfüllen könnten.« »Und worin bestände die?« fragte der Direktor. Lorenz griff nach seiner Photographie. Der Professor riß ihm den Arm zurück. »Lorenz, Sie werden doch jetzt nicht wirklich mit dieser unsagbaren Dummheit daherkommen?« »Es ist keine Dummheit, Herr Professor«, sagte Lorenz, »als ich mit Ihnen einschlief, war ich der festen Meinung, daß es auch nach zweitausend Jahren noch Weiber geben werde. Hätte ich gewußt, daß das nicht der Fall ist, ich hätte mir es wohl überlegt, das Experiment zu machen. Ich bin vom Weibe geboren, und so zieht es mich immer zum Weibe hin. Sie sind anders in der Art, Herr Professor, und Sie dürfen es mir nicht verübeln, daß ich so bin, wie ich bin.« »Was will Herr Lorenz?« fragte der Direktor. »Es ist ein Unsinn, den Sie niemals gestatten können«, wehrte der Professor ab. »Lorenz«, wendete er sich an diesen, »lassen Sie heute diese Sache! Ich werde zu Hause eingehend mit Ihnen darüber reden. Und wenn Sie dann trotz meines Zuredens nicht anders wollen, dann will ich selbst Ihre Bitte den kompetenten Persönlichkeiten zu Gehör bringen.« »Nein«, sagte der obstinate Lorenz, »wir werden nicht so bald wieder mit dem Herrn Direktor zusammenkommen; ich muß die Gelegenheit beim Schopf ergreifen.« »So tun Sie, was Sie wollen oder müssen!« beendete der Professor die Rede und kehrte dem Diener empört den Rücken zu. »Was wünschen Sie denn, Herr Lorenz, von mir?« fragte der Direktor. Der Professor saß zornig in sich gekehrt da. Lorenz begann nach einigem vorbereitenden Schweigen folgendermaßen: »Hochverehrter Herr Direktor! Sie werden von Ihren Studien her noch wissen, daß die Menschen zu unserer Zeit anders waren als die Homunkuliden. Sie besorgten die Fortpflanzung in eigener Regie, was den meisten sehr angenehm war, besonders, wenn einer die Mittel dazu hatte. Ich bin auch aus jener Zeit und hab' vor zweitausend Jahren eine Geliebte zurückgelassen, die mich sehr verehrt hat!« »Lügen Sie nicht!« fuhr der Professor dazwischen. »Pardon, Herr Professor, eine Geliebte, die ich sehr verehrt habe und die nun natürlich schon lange gestorben ist. Ich lieb' sie noch immer sehr und möchte Sie bitten, Herr Direktor, ob Sie mir nicht die kleine Gefälligkeit erweisen wollten, mir nach diesem Muster...«, er zog Wettis zweitausendjährige Photographie aus jüngeren Jahren aus der Tasche und reichte sie dem Direktor hin, »ob Sie mir nicht nach diesem Muster ein Frauenzimmer herstellen lassen könnten?« Der Direktor war ganz betroffen. »Wir sollten einen weiblichen Homunkuliden erzeugen?« fragte der Direktor. »Ich würde sehr darum bitten«, antwortete Lorenz und faltete, mit Tränen im Auge, demütig die Hände. »Das wird nicht gehen, Herr Lorenz«, antwortete der Direktor. »Da muß in erster Linie die Staatsregierung befragt werden, und ich glaube kaum, daß die ein so gefährliches Experiment gestatten wird.« »Lorenz, das hätten Sie mir und sich ersparen können«, sagte erregt der Professor. »Ich habe Ihnen das Vorbringen einer solchen Bitte doch strengstens verboten!« »Herr Professor, diese Sache ist eine Privatangelegenheit«, erwiderte energisch der treue Diener. »Das wird wohl nicht leicht möglich sein«, erwiderte gedankenvoll der Direktor. »Ich werde jedenfalls pflichtgemäß Ihren Wunsch der Regierung vorlegen!« »Wie lange kann es dauern, bis die Sache erledigt wird?« fragte aufgeregt Lorenz. »Wenn es vor das Parlament kommt, was jedenfalls bei der Wichtigkeit der Angelegenheit der Fall sein wird, so nimmt das immerhin vier bis sechs Wochen in Anspruch.« »Das wäre nicht so viel«, sagte befriedigt Lorenz. »Wenn das Parlament den Antrag genehmigt, so ergeht dann sofort der Auftrag an unsere Anstalt.« »Das ist brav«, meinte Lorenz und rieb sich vergnügt die Hände. »Also ich bitte recht sehr, Herr Direktor, unterstützen Sie mein Gesuch!« »Ich werde mein Bestes tun.« Lorenz war überfroh. »Herr Professor«, wendete er sich an diesen, »seien Sie mir nicht gar zu böse, aber ich kann nicht anders. Meine Sehnsucht ist zu groß. Wenn ich geahnt hätte, daß man in dieser Zeit die Weiber abgeschafft hat, ich wäre sicherlich nicht mitgegangen!« »Und haben Sie denn auch überlegt, wann diese neu zu erzeugende Homunkulidin fertig sein kann? Ich bitte, Herr Direktor, ihm darüber Aufschluß zu geben.« »Vor zwanzig Jahren tritt kein Homunkulide in den öffentlichen Dienst. Herr Lorenz wird also mindestens einundzwanzig Jahre warten müssen – günstigstenfalls –, bis wir seinen Wunsch erfüllen können.« »Einundzwanzig Jahre, das ist viel – sehr viel«, murmelte Lorenz vor sich hin. »Bis dahin bin ich zweitausendsiebenundfünfzig Jahre alt und werde nicht mehr viel von meiner Homunkulidin haben. Das ist böse, sehr böse! Daran habe ich gar nicht gedacht!« Dem Professor tat der Schmerz des Dieners jetzt leid. »Trösten Sie sich, Lorenz, vielleicht überlegen Sie sich's noch!« »Nein«, sagte entschieden Lorenz, »ich warte. Schon die Aussicht auf die Erfüllung meines Wunsches hat mich froher und vergnügter gemacht. Ich will warten! Eventuell bringe ich ein Gesuch ein, daß die Regierung ihr gestattet, mit siebzehn oder achtzehn Jahren zu heiraten. Herr Direktor, ich danke Ihnen recht sehr und bitte, unterstützen Sie mich bei meinem Ansuchen!« »Wie gesagt, ich werde tun, was möglich ist«, sagte mit einer Verbeugung der Direktor. Damit endete die Unterredung. Der Direktor fragte, ob die Herren geneigt wären, auch die Säuglingsräume zu besichtigen. Der Professor erklärte, vor Begierde zu brennen, auch diesen Teil des Hauses kennenzulernen. Das »Säuglingsheim«, wie es der Direktor nannte, bestand aus etwa zehn bis zwölf hohen, geräumigen, ausgezeichnet ventilierten Sälen. An den Wänden standen unabsehbare Reihen von kleinen, winzigen Bettchen, in denen, wie die Herren bei ihrer Wanderung bemerkten, je ein winziger Homunkulide eingelagert war. Diese Riesenkinderstube bot einen eigenartigen Anblick. Zwischen den Betten bewegten sich Homunkuliden in glänzend weißen seidenen Talaren. Kein Laut war hörbar, die kleinen Kerlchen schliefen fest in ihren weichen, ebenfalls seidenen Bettchen. Auch die Schritte der Eintretenden vernahm man nicht; Teppiche aus einer sonderbaren weichen, kautschukähnlichen Masse deckten den Boden. Plötzlich vernahm man aus der entferntesten Ecke ein leises Wimmern. Sofort sammelten sich mehrere Homunkuliden um das Bettchen, einer bemühte sich, dem wimmernden Kleinen den Lutscher der Saugflasche in den Mund zu stopfen, und das wimmernde Geräusch verstummte, worauf sich die Homunkuliden leise von dem Bette des Säuglings entfernten. »Die Kleinen hier sind vier Tage alt«, sagte leise der Direktor. Darauf ging er zu einer sonderbaren Vorrichtung, einem eigenartigen physikalischen Apparat an der Wand, hin und betrachtete eifrig seine Skala. Er rief einen Homunkuliden herbei. »Es fehlen 0.23 Grad Celsius zur richtigen Temperatur!« rief er aus. »Wollen die Herren mich in die Kanzlei begleiten?« fragte er. Selbstverständlich bejahte es der Professor. Der Direktor ging voran. In der Kanzlei angekommen, studierte er genau die Angaben verschiedener Apparate an den Wänden. Plötzlich drehte er einen Hebel um; ein Homunkulide trat hinzu. »Was ist das?« fragte der Direktor. »Im Saal eins ist die Temperatur 0.23 Grad Celsius zu niedrig. Wie kommt das?« »Eine Maschine hat versagt«, antwortete ruhig der Angesprochene. »Es vergingen sechzehn Minuten, ehe die Ersatzmaschine in Gang gesetzt werden konnte, daher der Wärmeverlust.« Der Direktor gab keine Antwort. Er trat zur Wand, an der ein Signalapparat angebracht war. Er betrachtete aufmerksam ein Zifferblatt mit einem großen goldenen Zeiger. »Seit wann ist die neue Maschine in Gang gesetzt?« fragte er mit strenger Miene. »Seit ungefähr fünf Minuten«, erwiderte der Homunkulide. »Die Differenz beträgt nur mehr 0.08 Grad. Es ist gut.« Er wendete sich zu den Besuchern: »Wir müssen in dieser Beziehung sehr genau sein. Diese jungen Lebewesen sind gegen Temperaturdifferenzen sehr empfindlich. Eine Differenz von einigen Zehntelgraden kann ihnen verderblich werden.« Dem Professor wie dem Diener kamen seltsame Gedanken. Sie dachten zurück an die Zeit, in der sie einst gelebt hatten. Sie dachten daran, wie Hunderttausende, ja Millionen von Säuglingen in Not und Elend verkommen waren. Sie dachten an die armen Mütter, die halb verhungert, ihren Säuglingen kaum die nötige Nahrung reichen konnten, geschweige denn, daß sie imstande gewesen wären, die finstere Wohnung nur halbwegs zu erwärmen. Und hier war der Direktor besorgt, weil den Säuglingen an der vorgeschriebenen Temperatur 0.23 Grad Celsius fehlten! »Sie nehmen es hier sehr genau«, sagte Lorenz. »Bei uns ist's den Müttern auf vier, fünf Grad durchaus nicht angekommen.« »Jetzt sehe ich ein«, sagte der Professor nach längerer Pause zum Direktor, »wie schwer zu unserer Zeit der Staat gesündigt hat. Was für sonderbare Staatsnotwendigkeiten hat es zu unserer Zeit gegeben! Aber die größte, in jedem einzelnen den Staat zu stützen, das hat man zu meiner Zeit nicht gekannt!« »Das, was Sie zu Ihrer Zeit Staat nannten, war eine höchst unvollständige Einrichtung. Ich habe vieles, höchst Sonderbares darüber gelesen«, sagte der Direktor. »Ich bin kein Historiker und weiß nicht, ob das, was ich gelesen habe, auch Wahrheit ist; bei Ihnen soll ja das Interesse einzelner Familien, ja einzelner Personen schon als Staatsinteresse aufgefaßt worden sein. Sie hatten so lehrreiche Beispiele in der Natur!« »Wie meinen das, Herr Direktor?« fragte verwundert der Professor. »Die Tierstaaten – die Staaten der Ameisen, Bienen und anderer Hautflügler. Die Tätigkeit jedes einzelnen Insassen bezweckt die Förderung seines Staates und alles, was im Staate geschieht, kommt jedem Einzelwesen zugute!« »Daran habe ich oft gedacht«, sagte der Professor. »Bei meinen Studiengängen durch diese Stadt ist mir immer und immer wieder der Gedanke aufgetaucht, welche große Ähnlichkeit dieser Staat mit einem Bienenkorb habe. Jedes Individuum erfüllt genau, gewissermaßen aus einem ihm eigenen Naturtrieb heraus, seine Staatspflicht.« »Das kommt daher, weil es keine anderen als Staatspflichten kennt!« rief pathetisch der Direktor aus. »Das mag wohl die wichtigste Ursache sein«, sagte sinnend der Professor. »Das Individuum hat gar keine persönlichen Triebe.« »Das ist sehr wahr«, sagte Lorenz. »Hier wird alles mit Maschinen gemacht, und jeder von den Leuten hier ist auch nur eine Maschine.« »Ein Rädchen von der Maschine«, warf der Professor zustimmend ein. »Gut, also ein Rädchen«, sagte Lorenz. »Mehr wirklich nicht. Sagen Sie mir aber, Herr Direktor, wozu das alles ist, muß denn so was sein – so was –, was Sie hier einen Staat heißen. Das Ganze ist nichts als eine sehr große merkwürdige Maschine, die sehr kompliziert eingerichtet ist, und man weiß nicht, für wen diese Maschine arbeitet. Lassen Sie einfach die ganze Maschine stehen – und die Geschichte hat ein Ende! Aber – früher machen Sie mir eine Homunkulidin nach dem Muster, wie ich's Ihnen angegeben habe!« Der Professor lächelte. »Lorenz, Sie reden Dummes und Gescheites durcheinander«, sagte er. »Warum ist das alles? Das haben sich zu unserer Zeit schon so viele gefragt, und keiner hat Antwort darauf bekommen. Sie sind ja auch froh, daß Sie zur Welt gekommen sind?« »Nun ja, Herr Professor«, antwortete er, »ich hätte mir nicht viel daraus gemacht, wenn es nicht geschehen wäre!« »Das glaube ich!« Der Professor mußte lachen. »Sie haben eine ganz eigene Art, Philosophie zu betreiben; es wäre schwer, mit Ihnen zu streiten.« Der Direktor empfahl den Herren den Besuch eines Kindergartens der Homunkuliden. Der Professor willigte erfreut ein. Die Herren nahmen Abschied von dem Direktor; er begleitete sie bis zum Wagen. Der Professor war unermüdlich, ihm seinen Dank für das Gebotene auszusprechen. Lorenz war nahe daran, zu explodieren. Er wartete immer auf eine Gelegenheit, dem Direktor seine sehnsüchtige Bitte nochmals in Erinnerung zu bringen. Aber der Professor ließ nicht locker, ließ den so viel vermögenden Direktor nicht zu Atem kommen. Selbst als sie schon draußen vor dem Tore standen, sprach er unermüdlich noch immer seinen innigsten Dank für das Gesehene aus. Ein Homunkulide öffnete schon dienstbeflissen den Schlag des Automobils. Der Professor, Plato und Archimedes stiegen ein. »Lorenz, so kommen Sie doch!« rief ihm der Professor zu. Lorenz tat, als ob er die Worte gar nicht gehört hätte. Er trat mit demütig abgezogenem Hut zum Direktor hin. »Herr Direktor«, fing er an, »ich muß Sie noch dringendst bitten, nicht zu vergessen, um was ich Sie ersucht habe.« »Lorenz, so kommen Sie doch!« rief geärgert der Professor. »Herr Professor müssen schon verzeihen, aber was ich mit dem Herrn Direktor zu sprechen habe, sind Sachen von großer Bedeutung für mich.« Der Direktor versprach nochmals, sein Möglichstes zu tun, um Lorenz' Wünsche zu erfüllen. Zornig rief der Professor dem Diener zu: »Lorenz, jetzt kommen Sie augenblicklich in den Wagen herein und lassen Sie den Herrn Direktor in Ruhe mit Ihren Dummheiten!« »Herr Professor, für mich ist's keine Dummheit, für mich ist's eine Lebensfrage. Ich glaube, Herr Professor können die Homunkulidin schon gestatten. Ich habe mir das um Ihnen schon verdient.« Er bedankte sich in sehr gerührten Worten beim Direktor für seine gütige Zusage und bestieg dann das Automobil. »Sie müssen schon verzeihen, Herr Professor«, entschuldigte sich der Diener, während das Automobil sich in Bewegung setzte, »aber die Sache mit der Homunkulidin ist für mich eine Lebensfrage. Wenn ich einmal wissen werde, daß die Staatsregierung mir das genehmigt hat, dann wird mir gleich das Reich der Homunkuliden und alles, was drum und dran hängt, in viel schönerem Licht vorkommen.« Der Professor erwiderte nichts auf diese Ausführungen. Er sah seinen treuen Diener mit bösen Blicken an. Die Besichtigung des Kindergartens machte weder dem Professor noch dem Diener besondere Freude. Die kleinen Homunkuliden mit ihren ernsthaften Gesichtern zeigten keine Spur kindlichen Frohsinns. Sie waren die richtigen Automaten, die auf den Wink ihrer Lehrer schweigend ihre Turnübungen und Spiele ausführten, als wenn es lauter Spielfiguren wären, konstruiert von tüchtigen Mechanikern. Als Lorenz gefragt wurde, wie ihm die Sache gefalle, sagte er trocken: »Sehr hübsch, aber mich freut es, daß ich schon vor mehr als zweitausend Jahren geboren bin!« In den nächsten Tagen wurde eine Volksschule besucht. Dieselbe Erscheinung: Musterhafte Disziplin, vollständig gleichartige Auffassung seitens der Schüler und absolut gleichmäßige kluge Antworten. Ein Schulinspektor vor zweitausend Jahren würde seine helle Freude gehabt haben. »Von Individualisierung ist in Ihrem Unterrichtswesen nichts zu bemerken«, sagte der Professor. Plato sah ihm erstaunt in das Gesicht und schüttelte den Kopf. Er schien die Frage gar nicht zu verstehen. Dem Professor tat leid, Plato vielleicht gekränkt zu haben. Er erklärte ihm, nie gedacht zu haben, daß das Schulwesen jemals eine solche Höhe erreichen könnte. Einige Wochen später besuchte der Professor auch Mittelschulen – der gleiche Eindruck. Nur großartige Gelehrsamkeit war bei den Schülern zu finden, eine Gelehrsamkeit, die vor zweitausend Jahren jedem Universitätsprofessor zur Ehre gereicht haben würde. Aber die gleichmäßige Gemessenheit der Schüler, ihre Ruhe und Gelassenheit machten auf Lorenz einen direkt deprimierenden Eindruck. »Das sind mir schöne Studenten«, sagte er, als sie Abschied nahmen, »keine Spur jugendlicher Begeisterung ist in diesen Herrschaften zu finden! Brr – das gefällt mir gar nicht.« »Aber sie werden einstmals tüchtige Mitglieder unseres Staates werden, sie werden sich einst wunderbar in unsere Staatsmaschine als neue, frische Teile einfügen«, erwiderte Plato. »Das glaub' ich auch!« meinte Lorenz. »Also polieren Sie nur fleißig weiter die zukünftigen Staatsmaschinenbestandteile!« Nach dem Studium der Erziehungsanstalten fühlte sich der Professor so ermüdet, daß er wochenlang das Haus nicht mehr verließ. Eines Abends trat Lorenz mit höchst nachdenklicher Miene in das Arbeitszimmer des Professors. »Wenn meine Wetti auf die Welt kommt«, fing er ganz unvermittelt an, »dann werde ich mir erlauben, in betreff ihrer Erziehung den Lehrern und Professoren einige Vorschläge zu machen. Es wäre schrecklich, wenn sie auch so ein steifleinenes Wesen würde wie die Homunkuliden.« »Glauben Sie denn wirklich, daß man Ihnen eine Homunkulidin erzeugen wird?« fragte zweifelnd der Professor. »Ich nehme es sogar als sicher an«, sagte der optimistische Lorenz. »Der Herr Direktor hat sich die Photographie zum Muster behalten und ich glaub', daß sie mir schon die kleine Gefälligkeit erweisen werden, eine Retorte von den Millionen Retorten, die in der Anstalt sind, zur Erzeugung eines Frauenzimmers zu benützen. Ich glaube, sie tun es schon wegen der Abwechslung gern!« »Sie sind ein kindischer Mensch!« sagte der Professor. »Nein, das bin ich nicht...«, erwiderte Lorenz. »Als Kind hat man keine solchen Anwandlungen. Wenn ich Ihnen raten dürfte...« »So hätte ich mir auch eine Homunkulidin machen lassen sollen...«., sagte geärgert der Professor. »Jawohl«, antwortete der unerschütterliche Lorenz. »Eine Homunkulidin, wie sie für einen Professor paßt! Ein griechisches Frauenzimmer! Eine Venus oder Diana oder sonst etwas. Ich habe mir die Statuen im Museum oft angeschaut und muß sagen, daß diese griechischen Frauenzimmer alle sehr wohl gewachsen sind.« »Warum haben Sie sich nicht selbst eine Venus oder Diana machen lassen?« fragte belustigt der Professor. »Herr Professor müssen verzeihen – ich bin kein Altertumsforscher. Es sind schon zweitausend Jahre her, daß ich meine Wetti nicht gesehen habe, und ich hab' sie doch nicht vergessen können. Und eben aus treuer Liebe zu ihr möchte ich eine Homunkulidin haben, die ganz so ausschaut, wie sie einmal ausgeschaut hat. Es ist das einzige, was ich für sie tun kann.« »Aber Lorenz«, fing der Professor an, »Sie werden doch nicht glauben, daß man Ihnen gleich so ein körperlich und seelisch treues Abbild ihrer Wetti machen kann!« »Mit der Seele braucht's nicht so genau zu stimmen. Da kann der Direktor immerhin einige Verbesserungen anbringen. Wenn es nur mit dem Leibe stimmt. Sie müßten natürlich einen gut entwickelten Embryo nehmen, denn meine Wetti war mindestens so stark wie zwei Homunkuliden!« Gut gelaunt, fragte der Professor die beiden mitfahrenden Herren um ihre Ansicht, ob wohl der Staat das Gesuch Lorenz' genehmigen werde. »Ich sehe keinen Grund, es dem Herrn Lorenz abzuschlagen. Aber ich fürchte, die Ehe wird kinderlos bleiben!« »Das macht nichts«, sagte Lorenz, »wegen der Kinder ist mir nicht zu tun. Sehr dankbar wäre ich, wenn die Herstellung meiner Wetti etwas beschleunigt würde. Wenn sie etwas mehr einheizen, dann wird das Frauenzimmer früher fertig werden, glaube ich. Denn ich habe gelesen, daß in südlichen Ländern die Frauen schon mit zehn Jahren heiraten!« Nach dem Nachtmahl – die beiden Homunkuliden hatten bereits die Appartements verlassen – fragte der Professor Lorenz, wie er mit dem, was er heute gesehen habe, zufrieden sei. Lorenz zuckte die Achseln. »Wir haben kennengelernt, wie man die Homunkuliden macht und wie man sie erzieht. Aus Automaten können nur Automaten werden.« Der Professor gab ihm keine Antwort. Er stand in tiefes Sinnen versunken beim Fenster und sah in den Park hinab. Die alten Bäume sahen ganz gespenstisch aus in dem bleichen, fahlen Lichte, das die Mauern des Palastes ausstrahlten. Plötzlich drehte er sich um, setzte sich in einen Fauteuil und stützte den Kopf auf beide Hände. Bestürzt beobachtete Lorenz das sonderbare Gehaben seines Herrn. »Ist dem Herrn Professor vielleicht unwohl geworden?« fragte er. Schweigend schüttelte der Gefragte sein Haupt. Nach endlos langen Minuten lehnte er sich im Fauteuil zurück und sagte mit trüber Miene: »Lorenz, ich glaube, ich habe ein Unrecht getan, als ich es zugab, daß Sie mir in diese Zeit nachfolgen!« »Bitte, Herr Professor!« wollte der tief erschrockene Diener einwenden. »Ja, ja, es ist so«, wehrte der Professor ab. »Ich habe voreilig, unbedacht gehandelt. Wir werden uns hier ewig als Fremde, als Verlassene fühlen! Wir haben heute Werden und Vergehen der Homunkuliden beobachtet, alles geschieht nur um des Staates willen!« »Herr Professor erlauben, ich möchte nur sagen, was ich mir einmal gedacht...« Der Professor gab keine Antwort. Da also kein direktes Verbot vorlag, so erlaubte sich Lorenz zu sagen, was er sich gedacht hatte. »Wir haben gesehen, wie sie die toten Homunkuliden verbrennen. Das ist mir geradeso vorgekommen, wie mein Vater einmal einen uralten Kasten, der schon ganz wacklig war, im Winter zusammengeschlagen und in den Ofen gesteckt hat. So kommt's mir mit den Homunkuliden vor. Wenn sie alt geworden sind und sterben, werden sie in den Ofen gesteckt und der Staat macht sich dann neue. Ich glaube, daß für jeden verbrannten Homunkuliden gleich immer wieder ein neuer in der Fabrik angeschafft wird. Wozu ist das notwendig? Was würde daran liegen, wenn man die Homunkulidenfabriken zusperrte? Muß denn der Staat bestehen? Wenn sich die Welt jetzt ohne Menschen behelfen kann, so wird sie sich dann auch ohne Homunkuliden behelfen können. Und wenn die Regierung heute das Gesetz gibt, es dürfen keine neuen Homunkuliden mehr erzeugt werden, dann hat sich die Geschichte gehoben. Denn es ist ja doch alles unnötig, was da geschieht. Es muß ja nicht sein, daß Homunkuliden leben! Es muß ja nicht sein, daß ein Homunkulidenstaat besteht! Nichts muß sein – gar nichts!« Schweigend hörte der Professor dem sich in ein Nichts hineinphilosophierenden Diener zu. »Das ist alles unnütz«, sagte er dann und stand auf. »Sie können schlafen gehen, ich bin auch müde, sehr müde, und denken Sie nicht mehr darüber nach, wozu die Homunkuliden da sind! Es haben es auch die Menschen nie erfahren können, weshalb sie eigentlich lebten!« Lorenz empfahl sich. »Es stimmt immer traurig«, sagte er, »wenn man so hoch denkt, man möchte sich am liebsten aufhängen, so bange wird einem!« »Ach, lassen Sie das alles und schlafen Sie recht ruhig!« empfahl der Professor. »Das ist das beste!« Lorenz schritt mit kummervoller Miene zur Tür. * * * Der Winter war gekommen. Und ein ganz gewaltig strenger Winter. Der Nordwind pfiff sein uraltes wildes Lied und trieb auf den Parkwegen den Schnee in dichten Wolken vor sich her. Für Lorenz waren es trübe Tage. Er empfand die Einsamkeit, in der er lebte, stärker als jemals. Der Professor war den ganzen Tag über in seinem Bibliothekszimmer beschäftigt. Lorenz war daher meist auf sich angewiesen. Mit den Homunkuliden im Hause zu verkehren fiel ihm, trotzdem er ihre Sprache schon sehr gut kannte, schwer. Worüber sollte er mit diesen Leuten reden? Er machte Ausflüge in die Stadt, ließ sich aber dabei vorsichtshalber stets von einem Homunkuliden begleiten. Bei einem solchen Ausflüge waren sie auch einmal zu einem großen staatlichen Gebäude gekommen, das sein Begleiter als Parlamentsgebäude bezeichnete. Er fragte, ob Sitzung sei. Der Homunkulide bejahte es, worauf ihm Lorenz den Vorschlag machte, der Sitzung beizuwohnen. Selbstverständlich war der Homunkulide damit einverstanden, und nach kurzer Zeit saßen beide oben auf der Galerie des Sitzungssaales. Der Saal war ähnlich gebaut, wie schon anno 1900 Parlamentssäle gebaut waren. Die amphitheatralisch angeordneten Bänke waren dicht besetzt. Es mochten etwa sechshundert Homunkuliden in dem großen Saale anwesend sein. Auf der Präsidententribüne saßen drei Herren, die ungeheuer aufmerksame Mienen machten. Neben der Tribüne war der Platz für die Schriftführer, die die Aufgabe hatten, mittels höchst sinnreich konstruierter Schreibmaschinen die Reden, die in dieser so hochansehnlichen Versammlung gehalten wurden, zu Papier zu bringen. Es herrschte eine sonderbare Stille in der Versammlung. Die Herren Reichsräte saßen so ruhig und ehrbar in den Bänken wie sittsame Volksschüler in ihrer Klasse und hörten dem Redner, der eben bei Worte war, mit größter Aufmerksamkeit zu. Lange verstand Lorenz nicht, um was es sich handle. Sein Begleiter gab ihm Aufschluß. »Es wird eben das Budget beraten«, erklärte dieser. »Budget?« sagte verwundert Lorenz. »Budget? Wenn die Homunkuliden kein Geld haben? Wozu brauchen sie denn ein Budget?« »Es handelt sich hier ja nicht um Geld«, sagte der Homunkulide. »Hier muß festgestellt werden, wie viele Homunkuliden der Staat im nächsten Jahre braucht. Hier sitzen die Vertreter sämtlicher Arbeitsklassen beisammen: die Vertreter der Industrie, der Landwirtschaft, des Unterrichtswesens und so weiter. Und es muß alljährlich festgestellt werden, wie viele Homunkuliden in Zukunft in jedem Arbeitszweig benötigt werden.« »Wir haben in unserm Parlament auch so was gehabt«, sagte Lorenz. »Da ist immer der Kriegsminister gekommen und hat jedes Jahr so und so viele tausend Rekruten verlangt. Wenn die Reichsräte mit der Regierung zufrieden waren, haben sie ihm die Rekruten bewilligt, und wenn sie nicht zufrieden waren, dann haben sie zuerst fürchterlich randaliert im Parlament und haben dann die Rekruten nicht bewilligt, worauf das Parlament aufgelöst wurde und der Kriegsminister seine Rekruten ohne Bewilligung bekam. Ist das bei Ihnen auch so?« Der Homunkulide sah Lorenz verständnislos ins Gesicht: »Nein, unser Parlament kann nicht aufgelöst werden. Ich wüßte ja auch keinen Grund dazu. Wenn der Vorsteher für den Ackerbau sagt, er braucht so und so viele Leute, so werden sie ihm bewilligt. Er wird doch nicht mehr verlangen, als er wirklich braucht. Und so ist es in allen Zweigen der Tätigkeit bei uns. Jeder weiß, wieviel Leute er brauchen wird. Er gibt sie an, begründet es und es wird ihm schließlich die erbetene Anzahl von Homunkuliden bewilligt. Die Fabriken haben dann die Aufgabe, die im Parlament festgesetzte Anzahl von Homunkuliden, die das Reich braucht, zu erzeugen.« »Das ist sehr einfach«, sagte Lorenz. »Da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen. Vielleicht berät heute das Parlament schon, ob sie mir meine Homunkulidin, die ich mir angeschafft habe, erzeugen werden oder nicht. Könnte man das vielleicht irgendwo erfahren?« »Das kann leicht geschehen«, sagte der Homunkulide, stand auf, ging zu einem großen Tisch hin, der auf der Galerie stand, und holte sich von dort ein gedrucktes Blatt Papier. Er reichte es Lorenz hin. »Hier ist alles aufgeschrieben, was heute beraten wird«, sagte er. »Aha, das ist das Programm«, sagte Lorenz zufrieden. Er las es aufmerksam durch. »Nummer eins: Erfordernis für Elektrizitätsarbeit.« Er schüttelte den Kopf. »Da kann meine Wetti nicht dabei sein«, meinte er. »Nummer zwei: Erfordernis für den Volksschulunterricht. Da ist sie auch nicht dabei. Nummer drei: Erfordernis für den Verkehr. Auch nicht möglich...« Und so las er Punkt für Punkt des Programms durch und fand unter dem Angeführten keinen einzigen Programmpunkt, unter den die Erzeugung seiner Wetti hätte fallen können. »Es kann ja auch schon früher beschlossen worden sein«, tröstete ihn der Homunkulide. Die beiden blieben noch eine Weile sitzen, aber Lorenz wurde die Geschichte bald zu langweilig und er drängte zum Aufbruch. »Da ist mir das Parlament zu meiner Zeit schon lieber gewesen«, sagte er, als sie auf der Straße draußen standen. »Da war es bei weitem lustiger als hier. Da wurde nicht nur geredet, es wurde auch geschimpft und gestritten, und wenn die Herren in der richtigen Stimmung waren, so entstanden auch manchmal ganz ergiebige Keilereien. Aber hier! Hier ist's ja wie in einem Kloster.« Als Lorenz heimkam, war sein erstes, daß er sich sämtliche Nummern der Homunkulidenzeitung, die seit ihrem Besuche in der Homunkulidenerzeugungsanstalt erschienen waren, geben ließ. Er studierte eifrig die Parlamentsberichte, ob man seine Wetti noch nicht beantragt habe. Seine Bemühungen waren erfolglos. »Dieses Parlament ist wirklich um kein Haar besser, als es die Parlamente zu meiner Zeit waren«, sagte er verdrossen, als er ergebnislos das letzte Blatt weglegte. An den langen Winterabenden fühlten es die beiden Herren recht deutlich, wie einsam, wie fremd sie in dieser neuen Welt waren. Als Weihnachten nahte, wurde Lorenz ganz trübsinnig. Dem Professor fiel diese Veränderung auf. »Was haben Sie denn?« fragte er. »Ist Ihnen was passiert?« »Nichts, gar nichts«, sagte Lorenz. »Aber Herr Professor scheinen selbst schon ein halber Homunkulide geworden zu sein.« »Wieso?« fragte erstaunt der Professor. »Herr Professor denken gar nicht daran, welche Zeit jetzt kommt.« »Welche Zeit kommt denn?« »Weihnachten!« »Richtig, richtig«, sagte sinnend der Professor, »in acht Tagen haben wir Weihnachten! Ja, wie werden wir denn heuer Weihnachten feiern?« »Ich erwarte die Befehle des Herrn Professors«, sagte betrübt Lorenz. »Wie wir Weihnachten feiern sollen?« Der Professor sah nachdenklich vor sich hin. »Das wird heuer eine schwere Sache werden«, meinte er dann. »Sonst – vor zweitausend Jahren – haben Sie immer ein Geschenk von mir bekommen... Was soll ich Ihnen heuer geben? Etwas, das ich mir selbst schenken lassen müßte! Und was Sie benötigen, was Sie wünschen könnten, haben Sie ja alles! Es ist wirklich schwer, in einer solchen Welt jemandem eine Freude zu machen!« »Was ich wünschen könnte?« fragte bedächtig Lorenz. »Das habe ich noch nicht alles. Zum Beispiel: die Sache mit meiner Wetti geht gar nicht vorwärts. Ich habe alle Zeitungen durchstudiert – der Antrag wegen meiner Wetti ist noch immer nicht vor das Parlament gekommen! Wenn Herr Professor für mich ein gutes Wort einlegen würden, das wäre mein schönstes Weihnachtsgeschenk!« Der Professor sah eine Weile still vor sich hin. »Ihr Wunsch, Lorenz, soll erfüllt werden! Ich will Sie wieder so froh sehen, wie Sie einst waren! Ob es mir gelingt, was ich will durchzusetzen, weiß ich noch nicht. Nehmen Sie meine Bemühungen als Weihnachtsgeschenk an!« »Der Herr Professor ist wirklich zu gütig«, sagte traurig der Diener. Einige Tage vor dem Heiligen Abend hatte Lorenz mit den dienenden Homunkuliden eine längere Unterredung, die nichts weniger bezweckte, als die Feier des Weihnachtsfestes in dem Hause des Professors in altgewohnter Art durchzuführen. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, den Homunkuliden den Begriff »Weihnacht« klar zu machen. Er sprach mit vieler Wärme von seiner Jugendzeit, von den Christbäumen, die angezündet wurden, und von der Krippe, die sein Vater alljährlich um diese Zeit aufstellte, nachdem er wochenlang vorher in seinen Mußestunden mit höchst eigener Hand alle Figuren neu bemalt hatte, das Jesuskind, Maria und Josef, die Hirten, die Heiligen Drei Könige und all das Getier, Schafe, Ochs und Esel, wie es zu einer richtigen Krippe gehört. Er erzählte von den kleinen Geschenken, die sie, er und seine Geschwister, an jenem Abend bekamen, und wie feierlich der Vater, wie seligfroh und innig gerührt die Mutter waren. Es war, als ob aller Glanz und Schimmer, der einst jene verklärten Abende umfloß, in seinem Herzen aufs neue wieder aufleuchte. Aber was er in seiner seligen Herzensfreude erzählte, fand keinen Widerklang in den tauben Herzen der Homunkuliden. Sie hörten stumm zu und schüttelten nur manchmal verwundert die Köpfe. Zum Schluß versicherten sie, daß sie es als ihre Pflicht erachteten, alles zu tun, was Herr Lorenz von ihnen verlange, um nach seiner Meinung dieses altertümliche Fest auch im Reiche der Homunkuliden würdig zu begehen. Welche Schwierigkeiten hatte aber Lorenz zu überwinden, um nur den Lichterbaum herzustellen! Ohne die Mithilfe des gelehrten Archimedes wäre dies absolut unmöglich gewesen. Wachskerzen waren im Reiche der Homunkuliden schon seit Jahrhunderten unbekannte Dinge, doch Archimedes verschaffte sie, nachdem Lorenz sich gegen die elektrische Beleuchtung des Christbaumes mit Händen und Füßen gewehrt hatte. »Man hat das schon zu meiner Zeit auch gehabt, aber das war nicht das Richtige, es gehören Wachskerzen dazu!« Drei Tage arbeitete Lorenz in seinem Zimmer mit größtem Eifer. Die Homunkuliden sahen ihm mit stummem Staunen zu. Der Koch hatte auf Anweisung Lorenz' sehr künstliche Bäckereien verfertigt, Sterne, Ringe, bemalte Lämmchen und Schäfchen. Vergoldete Nüsse und Äpfel besorgte Archimedes, und man mußte Lorenz gut zureden, daß er sie annahm; denn sie waren nicht mit unechtem Blattgold überzogen, sondern auf eine höchst geistreiche Art echt vergoldet worden, was durchaus nicht nach Lorenz' Sinn war. Die gleichen Bedenken erregten die von Archimedes beschafften Gold- und Silberketten, die wirklich aus papierdünnem Gold- und Silberblech bestanden. Ein Prachtstück war der Stern, der den Gipfel des Baumes zu krönen bestimmt war. Er war ebenfalls aus purem Golde und mit den herrlichsten Edelsteinen geziert. »Die Papiersterne, die wir hatten, waren doch schöner«, sagte Lorenz, »man muß eben nehmen, was man bekommt.« Mit feinem Golddraht befestigte Lorenz die Bäckereien, die goldenen Äpfel und Nüsse auf dem Baum, den ihm der Gärtner des Parkes geliefert hatte. Es waren frohe Tage für Lorenz gewesen, als er in einem Bibliothekszimmer seines Herrn an der Zurichtung des Baumes arbeitete. Auf seine Bitte hatte der Professor es unterlassen, in dieses Zimmer zu kommen. »So wollen wir eine Bescherung veranstalten?« hatte er gefragt, als Lorenz seine Bitte vortrug. »Ich will auch in dem Lande der Homunkuliden ein guter Deutscher sein«, hatte Lorenz ausweichend geantwortet. Prachtvolles Weihnachtswetter war eingetreten. Es stürmte und schneite. Lustig wirbelten die Schneeflocken durcheinander, der Sturm trieb sie an das Fenster, daß es leise klirrte. »Das ist das rechte Weihnachtswetter«, sagte vergnügt Lorenz; »es wäre doch schade, wenn wir keinen Weihnachtsbaum hätten!« Er rieb sich vergnügt die Hände in dem Gedanken, wie feierlich froh heute abends sein Herr sein werde. »Schade, daß meine Wetti nicht da ist«, setzte er seufzend dazu. »Das möchte das Fest noch behaglicher und lieblicher machen.« Betrübt dachte er daran, wie lange es wohl noch dauern werde, bis er mit seiner jungen Frau unter dem Lichterbaum sitzen werde. Der Professor saß abends in seinem Arbeitszimmer und arbeitete an den Aufzeichnungen, die er sich bis jetzt über das Reich der Homunkuliden gemacht hatte, als es an der Tür klopfte. Auf das »Herein!« des Professors erschien Lorenz. Er sah ungemein gerührt aus und bat den Professor mit stockender Stimme, er möge ihm die Ehre antun, der von ihm veranstalteten Christbaumfeier beizuwohnen. Der Professor stand auf. »Was für eine Dummheit haben Sie wohl wieder gemacht?« fragte er gütig. »Herr Professor werden ja sehen. Wenn Herr Professor das als Dummheit betrachten, wobei einem das Herz schwummelig wird, dann ist's eine große Dummheit!« Lorenz' Stimme hatte einen fast heiseren Klang. Der Professor ging voran. Als er in das letzte Bibliothekszimmer trat, sagte er unwillkürlich: »Ah!« Er stand lange vor dem prachtvollen Baum und betrachtete ihn mit feuchten Blicken. Wie weltenweit lag das hinter ihm, da er sich noch als Kind über die Pracht und Herrlichkeit des Christbaumes freuen konnte! Die Homunkuliden, Plato, Archimedes, Lessing und die Dienerschaft, standen stumm um den Baum herum. Der helle Schein der Christbaumkerzen bewirkte es, daß auf ihren Gesichtern ein seltsamer Schimmer, so etwas wie Weihnachtsfreude bemerkbar wurde. »Das haben Sie mir zuliebe getan!« sagte gerührt der Professor. »Aber auch ich habe Ihnen ein Weihnachtsgeschenk zu verehren, das zu erlangen mir große Mühe gekostet hat. Sie geben mir zu Weihnachten etwas, das tausendfältige Erinnerungen an eine tote, unwiederbringliche Vergangenheit weckt, und ich gebe Ihnen etwas, das Ihnen, so fern der Heimat... so fern Ihrer Zeit... eine neue Zukunft bringt.« Er reichte Lorenz eine Pergamentrolle hin, die er aus der Tasche gezogen hatte. Lorenz entfaltete die Rolle. Mit Ehrfurcht sah er das rote Siegel der Staatsregierung. Lorenz las und las. Die Christbaumkerzen flammten und qualmten, sie brannten bis zur Hälfte nieder, bis Lorenz in seiner freudigen Erregung begriffen hatte, welche Bedeutung diesem Dokument beiwohne. »Also, die Regierung hat mein Ansuchen bewilligt!« rief er aus. »Ich werde also meine Wetti bekommen!« »Wenn es das Parlament gestattet!« mahnte der Professor. »Ich habe durchgesetzt, was ich durchsetzen konnte, um Ihnen eine Weihnachtsfreude zu bereiten!« Lorenz ergriff des Professors Hand, um sie dankbar zu küssen. Dieser entzog sie ihm. »Ich weiß ja noch nicht, was das Parlament dazu sagen wird!« »Das Parlament kenne ich«, sagte Lorenz, »ich war einmal darinnen. Es ist ein sehr zahmes, friedliches Parlament. Kein Vergleich mit denen, die wir einmal gehabt haben. Es wird der Regierungsvorlage zustimmen. Auf einen Homunkuliden – oder auf eine Homunkulidin wird's ihnen nicht ankommen!« »Ich hoffe es«, sagte der Professor lächelnd. Sonderbar war das Benehmen der Homunkuliden. Sie standen steif und feierlich hinter dem Lichterbaum, und als ihnen der Professor fröhliche Weihnachten wünschte, verbeugten sie sich äußerst förmlich. Lorenz bat den Professor, zum Nachtmahl in den ersten Bibliothekssaal zu kommen, wo er habe decken lassen. An einer langen Tafel nahmen die Gäste Platz. Lorenz hatte gesorgt, daß alle Sachen auf den Tisch kämen, die sich für ein richtiges Weihnachtsmahl geziemten: Backfische, Salat, Weihnachtskuchen. Zu seinem größten Leidwesen hatte er weder Rheinwein noch Champagner auftreiben können. Dafür kreiste in großen Karaffen der bei Lorenz so beliebte Zaubertrank um den Tisch. Der Professor dankte in warmen Worten Lorenz für die ihm bereitete Freude und wünschte ihm an der Seite seiner jungen, heute noch ungeborenen Wetti viele freudige Jahre. Auch Plato, Archimedes und Lessing ergriffen das Wort. Alles, was sie sagten, klang darin aus, daß sie dem Professor verbunden seien, daß er es ihnen ermöglicht habe, an einer so schönen und historisch so interessanten Feier teilzunehmen. Als Lorenz mit seinem Herrn allein war, fragte ihn dieser, wie er mit dem Erfolge der Weihnachtsfeier zufrieden sei. Lorenz zuckte die Achseln. »Man kann es in diesem Lande nicht besser verlangen. Ich für meinen Teil bin mit dem Geschenk, das mir der Herr Professor gegeben hat, recht zufrieden.« Lorenz konnte lange nicht einschlafen. Er betrachtete lange und eifrig sein Weihnachtsgeschenk, jenes kostbare Dokument, das ihm der Professor verehrt hatte. Achtes Kapitel Professor Doktor Voraus beginnt selbst, Heimweh zu empfinden. Im Parlament der Homunkuliden wird der Antrag eingebracht, für Herrn Lorenz eine Frau zu konstruieren. Die Parlamentssitzungen gestalten sich äußerst stürmisch. Eine Revolution bedroht die Fremdlinge am Leben. Doktor Voraus und Lorenz entfliehen auf einem Separatluftschiff und landen nach fürchterlichen Mühseligkeiten auf Island. Sie beschließen, auf dieser Insel das Ende ihrer Tage abzuwarten. Das von Lorenz veranstaltete Weihnachtsfest hatte bei dem Professor einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die Abende verbrachte er ganz ausnahmslos in Lorenz' Gesellschaft, und wenn einmal Plato und Archimedes bei dem Professor zu Gaste waren, so mußte Lorenz nach ihrer Verabschiedung oft noch über eine Stunde bei seinem Herrn bleiben. In solchen Stunden sprachen sie von der so lange vergangenen Zeit und Lorenz erzählte von seinen Jugendtagen. Das Verhältnis von Herr und Diener hatte sich total geändert, die beiden saßen beisammen wie alte Freunde. Einst war die Rede darauf gekommen, was es einmal werden sollte, wenn einer von beiden das Zeitliche segnen werde, übereinstimmend hatten beide sich dahin ausgesprochen, daß der Überlebende entschieden böser daran sei als der Verstorbene. Diese Gedanken hatten sie so traurig gestimmt, daß beide lange schweigend dasaßen und mit trüben Blicken vor sich auf den Boden starrten. Auf einmal war Lorenz aufgestanden und hatte ohne sichtbaren Grund plötzlich das Zimmer verlassen. Trotzdem er so ausgezeichnet mit seinem Herrn stand, schämte er sich doch, vor ihm so urplötzlich in Tränen auszubrechen. »Die Universitäten der Homunkuliden werde ich noch besuchen, um meine Kenntnisse ihrer Bildungsanstalten zu vervollständigen«, sagte eines Abends der Professor zu dem Diener. Lorenz zuckte geringschätzig die Achseln. »Ich für meinen Teil habe kein Interesse daran, die Studenten der Homunkuliden kennenzulernen. Das können wieder die richtigen Kerle sein!« sagte er. »Kneipen tun sie einmal nicht, weil es kein Bier gibt, und Studentenlieder singen sie auch nicht, weil heutzutage die Musik abgekommen ist. Paukereien und sonstigen Ulk werden sie auch nicht aufführen. Bei uns haben sie wenigstens zur Betätigung ihres idealen Strebens jedes Jahr einmal die Rampe von der Universität hinabgeschmissen.« Er schüttelte mißmutig den Kopf. »Nein, nein, ich will mir die Erinnerung an unsere lustigen Studenten nicht verderben!« »Sie werden mich doch nicht allein gehen lassen?« fragte vorwurfsvoll der Professor. »Wenn es der Herr Professor wünscht, gehe ich natürlich mit«, erwiderte mißvergnügt Lorenz; »ich für meinen Teil habe von dieser Kultur da genug kennengelernt...« Der Professor sollte nicht mehr zu der Gelegenheit kommen, die Universitäten der Homunkuliden kennenzulernen, denn es trat ein Ereignis ein, das alle weiteren Pläne des Gelehrten vereitelte. Eines Morgens trat unvermutet der Professor in das Schlafzimmer seines Dieners, ein Zeitungsblatt lustig in der Hand schwenkend. »Lorenz, haben Sie heute schon die Zeitung gelesen?« fragte er fröhlich. »Nein«, antwortete der Diener, »ich lese die Zeitungen schon lange nicht mehr; es steht nie etwas darin, was mich irgendwie interessieren würde!« Der Professor legte die Zeitung vor Lorenz hin und wies mit dem Zeigefinger auf eine rot bezeichnete Stelle. Lorenz las. Und was er las, erfüllte ihn mit Freude und Verwirrung. Die Stelle hatte folgenden Wortlaut: »Antrag des Direktors der Ersten Fabrik, dem Lorenz Unterkofler, Begleiter des Herrn Professor Dr. Voraus, über sein Verlangen, einen Homunkuliden weiblichen Geschlechtes als Eheweib darzustellen. Berichterstattung über diesen Antrag am Tage der Tag- und Nachtgleiche des Jahres 3908. Berichterstatter: der Direktor.« »Sehr brav«, sagte ganz bleich vor Erregung der Diener. »Das werde ich den Homunkuliden nie vergessen! Um dieses Antrages willen will ich den Homunkuliden alle Dummheiten verzeihen, die mich bis jetzt verstört haben!« Er war ganz glücklich. Den ganzen Tag ging er herum, als wenn er betrunken wäre. Wenn er mit dem Professor zusammenkam, sprach er von nichts anderem als von seiner Homunkulidin. Der Professor hörte ihm lächelnd zu und hatte das größte Vergnügen über die Freude seines Dieners. Nach dem Abendessen saßen die beiden noch lange beisammen. »Wie stellen Sie sich die Homunkulidin vor?« fragte gut gelaunt der Professor. »Ich habe mir ein ganz bestimmtes Bild von ihr gemacht. Dem Direktor habe ich ja eine Photographie von der Wetti bereits übergeben. Die Homunkulidin muß nach diesem Muster gearbeitet werden. Ich hege keinen Zweifel, daß es diesen gescheiten Leuten gelingen wird, meinen Auftrag zu meiner vollsten Zufriedenheit auszuführen«, sagte Lorenz und rieb sich vergnügt die Hände. Der Professor schüttelte bedenklich sein Haupt. »Wenn aber die Homunkulidin so ausfällt wie alle Homunkuliden? Kalt, gefühllos, ohne Liebe, ohne Freundschaft? Werden Sie dann zufrieden sein?« fragte er. »Ich werde sie schon erziehen, Herr Professor können sich darauf verlassen. Sie wird nicht zänkisch sein. Sie hat keine Sorgen, denn der Staat wird für uns beide sorgen. Und es müßte schon ein sehr dummes Frauenzimmer sein, wenn ihr ein Homunkulide besser gefallen sollte als ich. Was ich ihr biete, kann ihr kein Homunkulide bieten. Und dann wird sie eine große Pflicht der Dankbarkeit gegen mich haben!« »Wieso?« fragte verwundert der Professor. »Wenn ich nicht wäre, wäre auch sie nicht. Wenn ich nicht die Bitte stelle, sie zu erzeugen, so kommt sie nie in die Lage, hier auf Erden zu wandeln! Sie wird freilich manches entbehren müssen, was die Weiber unserer Zeit hatten. Mit den Bällen und sonstigen Unterhaltungen schaut's hier windig aus. Ich hoffe aber, daß die Chemiker der ersten Fabrik schon jenen Stoff erfunden haben, der häuslichen Sinn erzeugt. Ich werde den Direktor ersuchen, von diesem Stoff recht viel zu nehmen, wenn sie den Embryo meiner Wetti konstruieren. Mit der Mode habe ich auch keine Angst. Wetti hat hier keine Konkurrentinnen. Und schließlich, wenn sie auch alle Jahre zehn neue Hüte verlangt, so wird sie sie haben können. Die können ja in der Fabrik gleich die nötigen Individuen erzeugen, die ihre Putzsachen anfertigen. Es kostet ihnen ja nichts. Nein, nein, ich glaube, ich werde mit ihr sehr zufrieden sein!« setzte er noch zukunftsfroh dazu. An einem der nächsten Tage erhielt Lorenz eine amtliche Einladung, zur Parlamentssitzung am Tage der Tag- und Nachtgleiche des Jahres 3908 ganz bestimmt zu erscheinen, da er als Experte zu Punkt 1 der Tagesordnung zu sprechen ersucht werde. Lorenz war überglücklich. »Sie müssen natürlich in der Homunkulidensprache reden«, sagte der Professor. »Das werde ich auch«, erwiderte begeistert der Diener, »diese scharmanten Leute verdienen diese Rücksicht.« So langweilig vorher Lorenz die Tage im Reiche der Homunkuliden vergangen waren, so kurzweilig wurden sie ihm jetzt. Tag und Nacht studierte er an seiner Rede. Als er sie fertig hatte, berief der Professor auf sein Verlangen die drei Homunkuliden Plato, Archimedes und Lessing zu einer Generalprobe. Lorenz wollte durchaus nicht, daß er sich vor dem Parlament der Homunkuliden blamiere. Der Professor fand das sehr löblich und erklärte, es wäre ihm auch sehr unlieb, wenn durch Lorenz' Auftreten die Kultur seiner Zeit in Mißkredit käme. Lorenz entwickelte vor der Versammlung in fast einstündiger Rede seine Ansichten von wegen des in der Fabrik zu erzeugenden weiblichen Homunkuliden. Er bewies, daß diese unerhörte Tat des Parlaments notwendig sei, da er eben nicht in einer Retorte zusammengebraut sei und derohalb noch sehr menschliche Gefühle entwickle, die befriedigt werden müßten. Die Homunkuliden hätten Homunkulidenrecht, er aber hätte Menschenrechte und er schätze die Homunkuliden viel zu hoch, als daß er glauben könnte, daß man hier im Homunkulidenstaate Menschenrechte mit Füßen treten würde. Der Schlußpassus wurde allgemein als sehr wirksam befunden und Lorenz ward allseitig beglückwünscht. Lessing erbot sich, Lorenz' Rede in stilistischer Hinsicht etwas umzumodeln, was der Redner dankbar annahm. Der Professor fragte, welche Aufnahme der Antrag im Parlament wohl finden werde. Die drei Herren schwiegen erst, nach einer Weile nahm Plato das Wort. »Es ist schwer zu sagen«, begann er, »der Antrag ist ein so außerordentlicher und in vielem mit unseren Staatsgrundsätzen ganz unvereinbar!« »Sie können diese Homunkulidin so einrichten, daß sie keine Kinder bekommt«, warf eifrig Lorenz ein. »Ich mache mir ohnehin aus Kindern nichts. Auf diese Weise bleiben ja Ihre sonstigen Einrichtungen vollständig aufrecht!« »Das würde wohl auf jeden Fall geschehen«, meinte Plato, »denn kein Homunkulide würde sich sonst finden, der einer so tiefgreifenden Änderung zustimmte!« Die Tage bis zur Parlamentssitzung verbrachte Lorenz in unsagbarer Unruhe. Hundert- und hundertmal erkundigte er sich bei Plato und Archimedes, welche Stimmung in dieser Hinsicht bei den Homunkuliden herrsche, bis ein Leitartikel des »Reichsanzeigers« vom 7. März 3908 ihm höchst unerwünschte Aufklärung brachte. Dieses ganz unparteiisch geleitete Blatt brachte einen Artikel, in dem gegen Lorenz' Begehren in bei den Homunkuliden ganz ungewohnter heftiger Weise Stellung genommen wurde. Es wurde hervorgehoben, daß es nicht angehe, der Gastfreundschaft zuliebe die wichtigsten grundlegenden Gesetze des Homunkulidenstaates zu durchlöchern. Schließlich sprach das Homunkulidenblatt die sichere Hoffnung aus, es werde sich im Parlament kein Mann finden, der für die Erzeugung eines weiblichen Wesens stimmen werde. Lorenz war sehr bestürzt, als er den Artikel las. »Teufel hinein«, brummte er vor sich hin. »Sind denn diese Homunkuliden verrückt? Was geht es denn sie an, wenn ich mir ein Weib machen lasse. Die tun ja, als ob sie dann alle selbst heiraten müßten!« Der Artikel blieb nicht vereinzelt. Jedes Homunkulidenblatt nahm Stellung zu dieser Sache und, wie Lorenz zu seinem größten Schmerz ersah, zumeist in sehr ungünstiger Weise. Ein Blatt schrieb sogar, dieser Antrag sei ein Attentat auf die Ruhe, auf die Sittlichkeit und das Wohlbefinden der Homunkuliden und bezeichnete ihn als einen Akt greulichster Reaktion, der, wenn er gelänge, zur Folge haben müßte, daß das Reich der Homunkuliden zerstört würde und die Homunkuliden wieder zur rohen, gemeinen Sinneslust der Menschen zurückkehren würden. Es gab aber noch andere Blätter, die sich über die Sache weit ruhiger, ja freundlicher aussprachen, die es als geradezu lächerlich bezeichneten, wenn man befürchte, daß dieses eine Weib zur Gefahr für die Homunkuliden werden könne. Gelehrte Zeitschriften, Wochen- und Monatsrevuen stellten tiefsinnige Betrachtungen über die mannigfachen Änderungen an, die eintreten würden, wenn man Lorenz' Antrag zum Gesetz erheben möchte. Sie brachten großartige Abhandlungen über das Verhältnis des Mannes zum Weibe, und die Zeitschrift »Die Kunst und das Leben« brachte einen Artikel, der die größte Sensation erregte. Diesem Artikel waren prachtvolle Illustrationen beigegeben, Abbildungen von einstigen Frauenschönheiten nebst Wiedergabe der begeisterten Schilderungen von Männern, die das Glück hatten, die Zeitgenossen dieser gefeierten Schönheiten gewesen zu sein. Dieser prachtvolle Artikel erzeugte eine höchst günstige Stimmung. Ein Blatt verstieg sich so weit, den Antrag Lorenz' mit dem Zusatz zu versehen, für jeden Homunkuliden, der es wünsche, eine Homunkulidin zu erzeugen, da, wie aus alten Schriften nachgewiesen werden könne, ein weibliches Wesen imstande sei, das Leben in sehr angenehmer Weise zu verschönern. Auf diesen Artikel erschien im »Reichsanzeiger« eine Widerlegung, die ob ihrer Heftigkeit allgemein befremdete. Der »Reichsanzeiger« fragte an, ob die Homunkuliden denn gesonnen seien, sich wieder in das alte Menschenelend zurückzubegeben, ob sie denn lieber mit Weib und Kindern darbten, anstatt die angenehme gleichmäßige Ruhe eines soliden Homunkulidendaseins zu genießen. Die Zeitschrift »Die Kunst und das Leben« antwortete ebenso heftig. Es sei ja gar nicht gemeint, daß die Homunkuliden Kinder zur Welt brächten. Dieses Geschäft könne nach wie vor in den Fabriken besorgt werden. Aber welche Förderung würden Kunst und Leben durch die Einführung weiblicher Homunkuliden erfahren! Das Blatt führte gegen das Regierungsorgan eine sehr kühne Sprache, worauf der »Reichsanzeiger« ausführte, daß die Redaktionsmitglieder von »Kunst und Leben« wahrscheinlich an einem Konstruktionsfehler litten. Ja, der »Reichsanzeiger« ging sogar so weit, daß er direkt behauptete, daß bei den Redaktionsmitgliedern durch unverzeihliche Nachlässigkeit in der Fabrik die Geschlechtsgefühle in einer ganz unzulässigen Weise zur Entwicklung gelangt seien. Schließlich forderte das Blatt eine totale Umarbeitung der Redakteure. Aber nicht nur die Zeitungen erhitzten sich in einer für Homunkuliden unbegreiflichen Weise, Lorenz' Antrag war das allgemeine Tagesgespräch. Eines Abends erzählte Plato, daß in den Restaurationen und den Gesellschaftszimmern der Stadt die Homunkuliden beisammensäßen und in einer noch niemals zu beobachtenden Art eifrigst debattierten. Die ganze Stadt sei in zwei Lager gespalten. Die eine Partei trete energisch für Erzeugung weiblicher Homunkuliden ein, während die andere Partei, zu der sich fast alle Veteranen der Arbeit geschlagen hatten, sich entschiedenst konservativ gebärdete und in seltsamer Aufregung die Erhaltung der alten Zustände befürwortete. Die Erregung griff immer weiter um sich und nahm besorgniserregende Dimensionen an. Selbst die Arbeit in den Fabriken begann zu stocken, unzählige Unglücksfälle bei den Maschinen kamen vor. Denn die Arbeiter dachten, statt sorgsam auf ihre Pflichten zu achten, darüber nach, wie es werden könnte, wenn jeder von ihnen eine Homunkulidin hätte. Tausende wurden von einer unbezwinglichen Sehnsucht erfaßt, die sie ganz und gar ihre wirklichen Lebenspflichten vergessen ließ. Auf einmal erschienen in den Zeitungen der Homunkuliden Gedichte. Das war eine Erscheinung, die Plato mit großer Besorgnis erfüllte. »Wir hätten Herrn Lorenz doch abhalten sollen, seinen Antrag zu stellen«, sagte er trüb eines Tages zum Professor. »Das Reich ist von einer ungeheuren Erregung ergriffen. Für solche Verhältnisse haben wir nicht vorgesorgt. Wer weiß, was da noch alles kommen wird!« »Aber die Homunkuliden sind doch sonst in dieser Hinsicht gänzlich unempfindlich«, erwiderte der Professor. »Diese Erregung ist mir vollständig unergründlich!« Archimedes schüttelte das Haupt. »Es kann nicht anders sein, als daß in den Homunkuliden durch irgendein Versehen der Gelehrten doch die Keime sexueller Kräfte vorhanden sind, die sich jetzt plötzlich entwickeln. Der Antrag des Herrn Lorenz war der Anstoß dazu.« Je näher der Tag heranrückte, an dem Lorenz' Antrag im Parlament zur Verhandlung kommen sollte, desto mehr steigerte sich die Aufregung. Unzählige Versammlungen wurden abgehalten. Lorenz und der Professor erhielten Hunderte von Einladungen, in solchen Versammlungen über ihre Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht, die sie vor zweitausend Jahren gemacht hatten, zu sprechen. Lorenz wäre sehr gern diesen Einladungen gefolgt, in ihm brannte die Begierde, sich über die Sache gründlich auszusprechen und die Stimmung der Homunkuliden für seinen Antrag günstig zu präparieren. Aber der Professor lehnte ab. »Wir dürfen uns an der Sache, die diese ruhigen Menschen plötzlich so verwirrt, nicht persönlich beteiligen. Wir dürfen nicht Partei nehmen!« erklärte er. »Aber ich... ich muß Partei nehmen!« meinte hitzig Lorenz. »Die Sache ist für mich von größter Bedeutung; es ist meine Pflicht, meinen Gegnern Aug in Aug entgegenzutreten!« »Lorenz, Sie werden mir das nicht antun, Sie haben im Parlament vollauf Gelegenheit, für Ihre Sache einzutreten. Ich glaube, das sollte Ihnen genügen!« Der Professor blieb fest, und da Lorenz befürchtete, durch sein Auftreten in irgendeiner Versammlung in Zwiespalt mit seinem geliebten Herrn zu geraten, so unterließ er es, seine Meinungen und Absichten in wohlgesetzter Rede in einer großen Versammlung der Homunkuliden bekanntzugeben. Über der Stadt lag eine bedrückende Unruhe. Es konnte nicht anders sein; Lorenz' Antrag, eine Homunkulidin darzustellen, hatte auf sämtliche Homunkuliden höchst aufregend gewirkt. Latente Gefühle waren in ihnen erwacht, ihre gefühllosen Herzen wurden ganz eigenartig, sehnsüchtig, romantisch bewegt. Der »Reichsanzeiger« brachte nun aus der Feder des Direktors der Ersten Menschenerzeugungsanstalt einen höchst beachtenswerten Artikel unter dem Titel: »Ein wissenschaftlicher Irrtum.« Der Gelehrte wies in diesem Artikel überzeugend nach, daß sich die Wissenschaft bei Darstellung der Homunkuliden in einem großen Irrtum befunden habe, da sie als feststehendes Axiom annahm, in den Homunkuliden durch eigenartige Konstruktion ihrer Leiber jedes Liebesbegehren unterdrücken zu können. Der erste Gedanke, daß ein weiblicher Homunkulide erscheinen solle, habe in Hunderttausenden die latenten Gefühle erweckt und die weitgreifende Empörung gegen die jetzt geltenden Verhältnisse wachgerufen. Daraufhin gab das Organ der Veteranen der Arbeit seine Ansicht dahin ab, daß diese Bewegung unter den Homunkuliden höchst bedauerlich sei. Das war noch der gelindeste Ausdruck. In einem Artikel, der am Vortag vor der Beratung des Lorenzischen Antrages erschien, forderte das genannte Organ schon gebieterisch die sofortige, aber selbstverständlich schmerzlose Entfernung beider Herren, deren Anwesenheit solche Verwirrung hervorgerufen habe. Lorenz lief es kalt über den Rücken, als er diesen Artikel las. »Die werden uns doch nicht meuchlerisch umbringen wollen?« sagte er bestürzt. »Na, sie können versichert sein, daß ich mich gewaltig wehren werde!« »Was wollen Sie tun?« fragte der Professor. »Die Polizei um Hilfe angehen!« »Hier gibt es ja keine Polizei.« »Sich an das Gericht um Schutz wenden.« »Hier gibt es kein Gericht.« »Es ist ein trauriges Land«, sagte bekümmert Lorenz, »man ist hier ganz verlassen. Man ist hier ohnmächtig gegen jede Gewalt des Staates. Kein Gericht hilft einem.« Der Professor mußte unwillkürlich lächeln. Es fiel ihm ein, daß es früher auch nicht anders gewesen war. Am Abend kam Plato zu dem Professor. Er zeigte eine ungewöhnlich ernste Miene. »Es ist ganz sonderbar, welch furchtbare Aufregung hier herrscht. Die Galerien des Parlamentsgebäudes werden morgen überfüllt sein. Ich fürchte, daß es morgen nach jahrhundertelanger Ruhe zu gewaltigen Stürmen kommen wird.« »Man wird uns doch nicht von Staats wegen das Logis kündigen?« fragte erschreckt Lorenz. »Es sind zwei mächtige, an Zahl fast gleiche Parteien«, fuhr Plato fort, ohne auf den Einwurf Lorenz' zu achten, »die sich morgen heftig befehden werden. Ich begreife gar nicht, woher dies auf einmal kommt. Jahrhundertelang haben die Homunkuliden in Ruhe und Frieden dahin gelebt. Jetzt auf einmal bricht ein Bürgerkrieg los. Ich möchte nur wünschen, daß der Antrag des Herrn Lorenz durchgeht!« Der Professor mußte trotz seiner Erregung lächeln. Sollte der ernste Herr Plato daran denken, sich auch eine Homunkulidin zuzulegen? Plato hatte das Lächeln bemerkt. »Nicht um meinetwillen wünsche ich diesen Ausgang«, fuhr er trübe fort, »sondern um der Herren willen. Wenn der Antrag des Herrn Lorenz fällt, dann wird sich Ihr Schicksal hier sehr ungewiß gestalten. Denn der Staat wird alles daransetzen, sich vor ähnlichen Erschütterungen zu bewahren.« »Sie fürchten doch nicht um unser Leben?« fragte der Professor. Plato schwieg. Auch Lorenz ward es gruselig zumute. »Es ist doch eine sonderbare Sache. Die Leute hören nur von einem Weibe reden und sind schon ganz aus dem Häuschen! Wissen Sie, Herr Plato, wie die Homunkuliden mir jetzt vorkommen? Wie die feuerspeienden Berge, die auf Jahrhunderte ihr Geschäft eingestellt haben und auf einmal wieder anfangen! Ich hätte mir nicht gedacht, daß die Geschichte so ausgeht!« In später Nacht wurden der Professor und Lorenz plötzlich geweckt. Plato wünschte dringend eine Besprechung mit dem Professor. »Verzeihen Sie, Herr Professor«, begann er in seltsamer nervöser Hast. »Sie müssen die unliebsame Störung mit meinem Bestreben, Ihnen zu dienen, Sie vor einer großen Gefahr zu warnen, entschuldigen.« »Aber, liebster Herr Plato, was ist denn los?« fragte erschrocken der Professor. »Indem ich Ihnen die folgenden Mitteilungen mache, verletze ich meine Pflicht als Angehöriger des Homunkulidenstaates. Ich war in einer hochwichtigen Sitzung des Obersten Staatsrates als Experte geladen. Die Zusammenkunft galt den morgen bevorstehenden Ereignissen. Ich rate Ihnen, wenn der Spruch des Parlaments gegen Ihren Diener ausfällt, noch morgen zu fliehen.« »Fliehen – wohin?« Entsetzt sprang der Professor auf. »Was ist denn geschehen?« »Der unglückselige Antrag, der morgen im Parlament zur Verhandlung gelangt, hat unter den Homunkuliden eine tiefe Zersplitterung hervorgerufen. Zu meiner Betrübnis muß ich sagen, daß die Mehrzahl der Mitglieder des Obersten Staatsrates gegen den Antrag ist. Ja, der Präsident hat sogar seiner Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß er es als ein Unglück für den Staat bezeiclme, daß die Homunkuliden Ihnen und Ihrem Diener Gastfreundschaft gewährten.« »Lorenz muß den Antrag zurückziehen!« rief der Professor aus. »Lorenz, Sie sehen, welches Unheil Sie angerichtet haben!« »Was die Leute wegen eines einzigen Frauenzimmers schon für Geschichten machen!« rief entrüstet Lorenz aus. »Dies Geschlecht ist sehr zurückgegangen. Zu unseren Zeiten hat es Leute gegeben, wie die Türken und Perser, die sich gleich sechs bis zehn Frauen gehalten haben!« »Ich glaube nicht, daß die Rückziehung des Antrages viel nützen würde, der Stein ist ins Rollen gekommen. Irgendeiner der Homunkuliden würde den Antrag aufnehmen und ihn wieder einbringen!« sagte Plato. »Am besten ist es, Sie bereiten sich zur Flucht vor!« »Ja, wohin sollen wir fliehen? Die ganze Welt ist von Homunkuliden bewohnt, wohin wir kommen, werden wir Feinde treffen!« rief Lorenz. »Es gibt einen Ausweg«, sagte ruhig Plato. »Einer unserer kleinen Regierungsaeronauten wird Sie an die Küste von Island bringen, in das Reservatgebiet der Weibgeborenen!« »Die Regierung wird schwerlich den Aeronauten mit uns abgehen lassen«, warf der Professor ein. Plato schwieg lange. »Ich habe bereits vorgesorgt«, sagte er dann. »Sie benützen den Aeronauten, den Ihnen die Regierung zur Verfügung gestellt hat und dessen Bemannung vollständig unter Ihrem Befehl steht. Doch darf der Aeronaut nicht auf Island landen, denn das Betreten Islands ist jedem Homunkuliden strengstens untersagt. Aber dem kann abgeholfen werden. Ich werde Herrn Archimedes rufen, der weiß Rat in allen technischen Angelegenheiten!« »Darf man ihm vertrauen?« fragte besorgt der Professor. »Ja«, erwiderte Plato. »Er ist mit den geplanten Maßregeln der Regierung nicht einverstanden, und es wird ihm lieb sein, Sie in Sicherheit zu wissen, wenn hier der Tumult losbricht.« Er ging, Archimedes zu holen. »Das ist eine schöne Pastete!« seufzte Lorenz. »Man sieht es, die Weiber sind sogar dort ein Unglück, wo es gar keine gibt.« Der Professor antwortete nichts auf diesen tiefsinnigen Ausspruch. Er sah trübe zum Fenster hinaus. »Machen Sie sich parat«, sagte er dann zu Lorenz, »und lassen Sie mich mit den beiden Herren allein!« »Sind mir Herr Professor böse?« fragte wehmütig Lorenz. »Ich konnte mir doch nicht denken, daß die Sache so ausgehen werde.« »Ich bin nicht böse auf Sie«, antwortete kurz der Professor. »Gehen Sie gleich, wer weiß wie viel Zeit uns morgen bleibt!« »Wir fahren nach Island; also hat man am Ende der Welt doch noch ein paar Menschen übriggelassen? Haben Herr Professor eine Idee, wie die isländischen Weiber sind? Sind sie hübsch?« Der Professor maß Lorenz mit einem langen finsteren Blick. »Das werden Sie bald genug selbst sehen – und jetzt rüsten Sie sich für die Flucht!« Lorenz trollte sich. Nach wenigen Minuten kamen Archimedes und Plato herein. »Herr Archimedes ist ebenfalls der Ansicht, daß schleunige Flucht das beste unter diesen Verhältnissen ist!« rief Plato schon beim Eintritt aus. Der Professor trat Archimedes erregt entgegen und reichte ihm die Hand. »Das hätten Sie nicht gedacht«, sagte er schmerzlich, »daß wir solche Unruhe über das Land bringen würden!« »In Ihrem Willen lag es nicht und auch nicht in dem Ihres Dieners«, bemerkte Archimedes. »Es ist aber wirklich das beste, was Sie tun können.« Er zog ein Blatt, das Organ der Veteranen, aus der Tasche und reichte es dem Professor hin. Dieser las und rief erschrocken aus: »Zum Teufel, die verlangen direkt meinen Tod! Nur mein Tod und der Tod meines Dieners könnten dem Reiche den Frieden wieder zurückgeben, schreiben sie.« Die beiden Homunkuliden schwiegen. »Noch ist keine Gefahr«, sagte Plato, »wenn wirklich der Spruch des Parlaments gegen Sie lautet, dann haben Sie noch immer Zeit zu fliehen!« »Ich bin – die Herren werden mir ja nicht böse sein – dieses Land ohnehin müde geworden«, sagte der Professor, »und bedauere heute, dieses, wie ich jetzt sehe, sehr gewagte Experiment gemacht zu haben. Ich habe hier Großes und Mächtiges gesehen, das mein Staunen und meine Bewunderung erregte, aber mein Herz ist leer geblieben bei all dieser Größe und Macht. Mir läge gar nichts daran, wenn ich jetzt sofort schon fliehen könnte. Ich muß aufrichtig sagen, der grandiose Fortschritt, dessen staunender Zeuge ich hier war, hat mich mehr erschreckt als erhoben!« Er sank in einen Fauteuil. »Herr Professor können vollständig beruhigt den Ausgang der morgigen Verhandlung abwarten; bis die Regierung die nötigen Vorkehrungen trifft, sind Sie längst in Island!« Es klopfte. Lorenz trat mit einem Zeitungsblatt in der Hand ein. »Das sind schöne Geschichten, man will uns abmurksen!« rief Lorenz zornig aus. »Eine nette Gesellschaft das, die Homunkuliden! Sie fürchten sich, wir könnten noch mehr solche unangenehme Sachen einführen wollen. Und die Geschichte ist gefährlich bei diesen Automaten. Man ist vielleicht auf einmal tot, ohne daß man etwas merkt davon.« Noch in der Nacht packten der Professor und der Diener ihre Sachen zusammen. Der Professor nahm nur seine Schriften mit. Einen wehmütigen Blick warf er auf seine Bücher. Wie gern hätte er sie mitgenommen! Aber in der Eile die ganze Bibliothek zu verpacken, ging doch nicht an. Auch Plato riet davon ab, er meinte, es wäre gut, die Homunkuliden nicht unnötig auf die Reise aufmerksam zu machen. Die Nacht schliefen die beiden nur wenig. Lorenz wurde von fürchterlichen Träumen gequält. Am Morgen erklärte Plato, daß er auf jeden Fall die Mannschaft des Aeronauten verständigt habe, sich bereitzuhalten, da der Herr Professor gedenke, noch im Laufe dieses Tages eine längere Reise anzutreten. Den Koffer mit den Schriften ließ er zur Vorsicht sogleich auf den Aeronauten befördern. »Wir werden Sie begleiten«, sagte Plato. »Es ist gut, wenn Herr Archimedes mit auf dem Schiffe ist.« »Ich danke Ihnen«, sagte herzlich der Professor. »Wenn Sie aber dann ohne uns zurückkehren, wird man Sie zur Rechenschaft ziehen. Ihr Los wird dann vielleicht ein sehr unangenehmes sein...« »Wenn Sie nicht mehr sind, dann haben wir ohnehin unsere Existenzberechtigung in diesem Lande verloren. Was dann mit uns geschieht, weiß ich nicht.« Mit sehr gemischten Gefühlen begaben sich die vier Herren, Dr. Voraus, Lorenz, Plato und Archimedes, gegen zehn Uhr zum Parlamentsgebäude. Dort angelangt, wurde ihnen eine Loge in der nächsten Nähe der Regierungstribüne angewiesen. Der Saal war bereits überfüllt. Daß jedes der Parlamentsmitglieder auf seinem Platz war, darf nicht wundernehmen, auch die Homunkuliden des Parlaments erfüllten genau ihre Pflicht, und keinem wäre es jemals eingefallen, eine Sitzung zu schwänzen. Gesteckt voll waren die Galerien. Dort drängte sich Kopf an Kopf, und was man sonst niemals in einer Homunkuliden-Versammlung bemerkte, ein sonderbares dumpfes Brausen erfüllte den ungeheuren Saal. Die Homunkuliden waren in eifriger Unterhaltung begriffen. »Heute ist Leben in die Bude gekommen«, sagte Lorenz. »Die Ankündigung, daß ein Weibsbild kommen soll, hat diese Automaten rebellisch gemacht.« Plötzlich wurde es ruhig. Das Präsidium des Parlaments und der Staatsrat der Homunkuliden traten ein und nahmen würdevoll auf ihren Sitzen Platz. Der Präsident eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, die ungefähr folgenden Wortlaut hatte: »Bewegte Tage sind über unser Reich gekommen. Der Antrag eines Weibgeborenen, über den wir heute laut den Gesetzen verhandeln, hat unseren Staat in tiefe Beunruhigung versetzt. Ich bitte Sie alle, im Interesse des Reiches, während der Verhandlung volle Ruhe zu bewahren. An Ihnen liegt es, das drohende Unheil abzuwehren und zu verhindern, daß dieses Reich wieder in den tiefen Pfuhl tierischer Unkultur zurückversinke, aus dem es vor Jahrhunderten erleuchtete Geister befreiten!« »Sehr schön«, sagte Lorenz, »die Geschichte fängt gut an; der Herr Präsident scheint für meinen Antrag nicht eingenommen zu sein.« Eine tiefe Bewegung ging bei diesen Worten durch den Saal. Mit Lorenz war ein großer Teil der respektablen Versammlung mit der Rede des Präsidenten nicht einverstanden. Ein sonderbares Murmeln, das sich anhörte wie das leise Grollen eines fernen Gewitters, ward hörbar. Immer stärker und stärker ward das Brausen, und als der Präsident geendet hatte, schwoll das Brausen zum Sturm an. Hunderte von Stimmen empfahlen dem würdigen Homunkuliden, sich sofort niederzusetzen und kein Wort weiter zu reden; er habe nicht das Recht, schon in der Eröffnungsrede Stellung zu dem noch nicht einmal offiziell eingebrachten Antrag zu nehmen. Die Gegner, voran in überwiegender Anzahl die Veteranen, nahmen mit einer bei Homunkuliden überraschenden Energie für den Präsidenten Partei, und um sich vernehmlich zu machen und nach Möglichkeit den Lärm zu übertönen, schrien sie alle mit Stentorstimme. Der Präsident stand ratlos bei seinem Pult. Man sah, daß er heftig die Glocke schwang, aber es war nicht ein Ton zu vernehmen. Der tosende Lärm verschlang das sanfte Gebimmel der Präsidentenglocke. Endlich trat Ruhe ein und die Verhandlungen konnten ihren Fortgang nehmen. Ein Homunkulide las den Antrag vor, demzufolge für Herrn Lorenz Unterkofler eine Homunkulidin bestellt werden solle. Als der Antragsteller geendet hatte, widerhallte der Saal von den Beifallsrufen der Anhänger. Aber auch die Gegner waren nicht müßig. Hundert- und hundertstimmig klang das heulende »Kui, Kui!« durch den Saal. Wieder dauerte es eine geraume Weile, bis Ruhe wurde. Dann stand ein Homunkulide auf und befürwortete den Antrag. Seine Rede gipfelte darin, daß er der Versammlung vorschlug, zur Natur zurückzukehren, der sie sich durch ihre Überkultur total entfremdet habe. Der Mann verfügte geradezu über eine unglaubliche Belesenheit. Er führte alle glücklichen Ehepaare an, die aus der Geschichte bekannt sind, und auch die, die in den alten Dichtungen geschildert wurden. Er begann mit Philemon und Baucis, sprach zwei Stunden lang und schloß mit der Sentenz, daß die hohe Kultur der Homunkuliden wohl sorgenlos, aber nicht glücklich gemacht habe, und bezeichnete die Homunkulidinnen als ein äußerst probates Mittel, um die Homunkuliden glücklich zu machen. »Wir haben uns verrannt«, sagte er, »wir müssen umkehren mit unserer Kultur, zurück zur Natur, um dann, dort angelangt, einen neuen Weg, einen besseren Weg, den Weg zum Glück, zu finden!« Er forderte schließlich sämtliche Homunkuliden auf, für den Antrag zu stimmen, und brachte noch den Zusatzantrag ein, die Erzeugung von Homunkulidinnen sofort in Angriff zu nehmen. Unendliches Beifallsgetöse erfolgte, ohrenbetäubendes Klatschen, stürmische Zurufe – die Homunkuliden waren nicht mehr zu erkennen. Nur die Veteranen verhielten sich ruhig; aber man sah es ihren sonst so unbeweglichen Gesichtern an, daß dies nur die Ruhe vor dem Sturme sei. Dann trat ein anderer Homunkulide auf, der das strikte Gegenteil von dem behauptete, was der erste Redner gesagt hatte. Er führte gleichfalls eine Unmenge Beispiele aus der Sage, Geschichte und Dichtung aller Völker an, in denen aber von unglücklichen Ehen und bösen Weibern die Rede ist. Er wies aus der Heiligen Schrift nach, daß schon den Hebräern die Weiber in vielfacher Beziehung gefährlich waren und ihre Propheten sie unzählige Male in für die Frauen sehr kränkender Form gewarnt haben, ihnen allzusehr nachzulaufen. Er erzählte von dem Weibe des Sokrates und führte viele Namen von Frauen an, die durch ihre Schönheit und durch lasterhaften Lebenswandel verschiedenen Kaisern und Königen und damit auch ihren Völkern zu großem Unglück gereichten. Er sprach mehr als doppelt so lange wie der Vorredner, was vielleicht darin seinen Grund hatte, daß Beispiele nichtsnutziger Frauenzimmer, wie er sagte, weit häufiger sind als andere. Zum Schluß schilderte er in den schrecklichsten Farben die Zustände, die einträten, wenn wirklich Homunkulidinnen erzeugt würden, und beschwor die Versammlung, dem furchtbaren Antrage, den nur ein Feind der Homunkuliden ersinnen konnte, die Genehmigung zu versagen. Er bedauerte es, daß der Staat den beiden Weibgeborenen Gastfreundschaft geboten hatte! Als dieser Redner geendet hatte, schwoll der Lärm noch um ein Beträchtliches an, da jetzt auch die Veteranen mitschrien. Es dauerte länger als eine halbe Stunde, bis so weit Ruhe eintrat, daß der Präsident zur Abstimmung schreiten konnte. Von Lorenz' Expertenaussage war keine Rede mehr. In atemloser Spannung verfolgten die Herren in der Loge den Gang der Abstimmung. Das Resultat war ein verblüffendes: Stimmengleichheit. Nach der Geschäftsordnung des Homunkulidenparlaments hatte jetzt der Präsident zu entscheiden. Der Präsident war ein alter Herr, und es konnte nicht fraglich sein, daß er gegen den Antrag stimmen werde. Als er sein ablehnendes Votum gegeben hatte, brach im Hause ein furchtbarer Sturm los. Alles drängte gegen die Präsidententribüne, heftig schrien die jüngeren Homunkuliden auf den alten Herrn ein, der wieder von den Veteranen in Schutz genommen wurde. Jeden Moment konnte es zu Gewalttätigkeiten kommen; die jüngeren Homunkuliden waren fast rasend vor Wut. Auf einmal marschierte durch den Haupteingang, in Viererreihen formiert, eine Abteilung von Homunkuliden herein, Riesengestalten, die die Parlamentsmitglieder um mehr als die Hälfte ihrer Leibeslänge überragten. »Meine Herren«, sagte Plato, »es ist Zeit, daß wir gehen, der Präsident hat die Staatspolizei berufen; ich fürchte, daß der nächste Antrag, der hier gestellt wird, für Sie Schreckliches bedeutet...« Lorenz war ganz bleich geworden. Die beiden Homunkuliden schritten voran und führten Lorenz und den Professor durch einen halbdunklen Gang auf die Straße hinab. Dort harrte schon das Automobil. Ohne daß ein Wort gesprochen wurde, bestiegen es die vier Herren, und das Fahrzeug raste durch die menschenleeren Straßen. Beim Hafen der Luftschiffe angekommen, betraten sie sofort den Aufzug, der sie auf die Plattform des kleinen Aeronauten führte, der ihnen von der Regierung einst zur Verfügung gestellt worden war. Auf der Plattform wurden sie von der Mannschaft des Aeronauten ehrfurchtsvoll begrüßt. Lorenz war so erschüttert, daß er sich sofort auf einem Fauteuil niederlassen mußte. »In jeder Art sind die Weiber ein Unglück«, sagte er seufzend. Plato gab den Befehl zur sofortigen Abfahrt. Während die Vorbereitungen getroffen wurden, besprach der Professor mit den beiden Homunkuliden in flüsterndem Tone die seltsamen, aufregenden Umstände dieser Reise. »Wenn aber die Regierung das Schiff plötzlich zurückruft?« fragte besorgt der Professor. »Der eigentliche Kommandant des Schiffes sind Sie, Herr Professor«, erklärte Plato; »das Schiff steht ganz unter Ihrem Befehl...« »Und daß die Regierung uns nicht zurückruft, dafür werde ich sorgen«, erklärte Archimedes. »Wieso, wie werden Sie das machen?« fragte erstaunt der Professor. »Ich werde auf Ihren Befehl die Telephonkammer beziehen und jedes Regierungstelegramm, das während unserer Fahrt einläuft, inhibieren, wenn es etwas enthält, das uns zum Schaden gereichen könnte.« An der seltsamen Leichtigkeit ihrer Bewegungen erkannten die Flüchtenden, daß die Schwerspiegel bereits in Aktion getreten waren. Dumpfes Sausen und Brausen ward vernehmbar, die Wände der Halle schienen zu versinken, das Schiff hob sich in die Luft empor. Der Maschinist fragte an, welche Richtung das Fahrzeug nehmen solle. »Nach England«, sagte Plato, »und auf Wunsch des Herrn Professors wird dieser Herr«, er wies dabei auf Archimedes, »das Schiff führen!« Der Maschinist verbeugte sich und begab sich in das Innere des Aeronauten. »Ich bin todmüde«, sagte Lorenz, zu dem Professor tretend, »ich werde mir erlauben, den Salon aufzusuchen!« »Ja, gehen Sie!« Archimedes nahm mit Plato und dem Professor die Telephonzelle ein. »Hier sind wir sicher«, sagte er und verschloß die Tür. »Keiner von der Bemannung darf ohne unsere Erlaubnis diesen Raum betreten!« Die Herren nahmen Platz. »Wie lange werden wir fahren?« fragte der Professor. »Wenn alles nach Wunsch geht, sehen wir binnen zwölf Stunden die Küste von Island. Dann müssen wir Abschied nehmen! Der Aeronaut legt in der Stunde bei halbwegs günstigem Winde zweihundertfünfzig Kilometer zurück, die Luftlinie beträgt etwas mehr als dreitausend Kilometer!« erklärte Archimedes. »Und müssen Sie Abschied nehmen?« fragte bewegt der Professor. »Wir Homunkuliden passen so wenig unter die Menschen, wie Sie, Herr Professor, und Lorenz zu uns gepaßt haben. Und außerdem verbieten uns die Gesetze unseres Staates strengstens, eine Stätte zu betreten, die von Menschen bewohnt wird. Wir kehren morgen alle zurück!« Archimedes machte sich bereits an den verschiedenen Apparaten, Hebeln und Tastern, mit denen die Wände der Telephonkammer überreich ausgestattet waren, zu schaffen. Plötzlich drehte er sich um und wies auf die Uhr. »Jetzt ist es genau fünf Uhr nachmittags; wenn alles nach Wunsch vor sich geht, landen wir um fünf Uhr morgens in Island!« »Der größte Teil der Fahrt wird bei Nacht vor sich gehen?« fragte zerstreut der Professor. »Nein, Herr Professor, wenn bei uns die Sonne untergeht, sind wir bereits im Norden Deutschlands angelangt. Um neun Uhr abends erreichen wir den fünfundfünfzigsten Breitegrad. Wir haben heute den einundzwanzigsten Juni – wenn unsere Uhr die neunte Stunde zeigen wird, wird erst die wirkliche Nacht beginnen, denn am fünfundfünfzigsten Breitegrad geht am einundzwanzigsten Juni die Sonne erst um zirka halb neun unter. Wenn diese Uhr ein Uhr nachts zeigt, sind wir am sechzigsten Breitegrad angelangt und dann trennen uns kaum zweidreiviertel Stunden vom Sonnenaufgang – diese Nacht wird kaum sechs Stunden dauern!« Das Schiff zitterte unter den wuchtigen Schlägen der Schrauben. »Jetzt haben wir die volle Geschwindigkeit erreicht«, sagte Archimedes. »Ich bin todmüde«, sagte der Professor, »ich werde dem Beispiel meines Dieners folgen und mich, wenn es hier möglich ist, auf einige Stunden niederlegen. Sollte etwas Besonderes vorkommen, so bitte mich zu wecken!« Er wollte auf das Deck hinaus, wurde aber von Archimedes zurückgehalten. »Herr Professor, das Deck können Sie nicht betreten«, sagte Archimedes und zog ihn am Arme zurück. »Der Luftwiderstand, den Sie auf Deck als rasenden Sturm empfinden, würde Sie sofort in die Tiefe hinabfegen!« Er öffnete mittels eines Hebels eine Falltür im Boden der Telephonkammer. Plato geleitete den Professor hinab in den kleinen Salon, wo Lorenz, die unglückliche Ursache dieser Flucht, bereits auf einem Diwan den Schlaf des Gerechten schlief. Der Professor sank ganz erschöpft in einen Fauteuil. Ehe noch Plato den Raum wieder verlassen hatte, war auch der Professor eingeschlafen. Unterdessen fuhr der Aeronaut, unterstützt von einem ziemlich heftigen Wind, mit einer Geschwindigkeit von zweihundertfünfzig Kilometern dahin. Archimedes hielt das Schiff stets in einer Höhe von mehr als zweitausend Metern. Um ein Uhr morgens begegnete ihnen ein großes Luftschiff – es war aber zu weit entfernt, als daß man seinen Namen hätte lesen können. Die Passagiere des Regierungsaeronauten hatten auch durchaus keine Lust, sich dem großen Fahrzeug irgendwie bemerkbar zu machen. Archimedes brachte aus Vorsicht sogar die Signallampen des Aeronauten zum Verlöschen. Um vier Uhr morgens, die Sonne leuchtete schon hell durch die Fenster des kleinen Salons, in dem der Professor und Lorenz schliefen, betrat Plato plötzlich das Zimmer und weckte den Professor. »Es ist von der Regierung ein Telegramm gekommen, das uns befiehlt, sofort umzukehren«, teilte er dem Professor mit. »Was befehlen der Herr Professor?« »Was raten Sie?« fragte Dr. Voraus, der auf diese Nachricht hin mit einem Schlage vollkommen munter geworden war. Plato schwieg erst einige Zeit. »Ich würde es nicht raten«, sagte er nach einer Weile. »In einer Viertelstunde taucht die Küste von Island vor uns auf. Herr Professor sind dann in Sicherheit, denn dieses Eiland darf, wie ich schon sagte, von keinem Homunkuliden betreten werden!« Der Professor begab sich mit Plato in die Telephonkammer. Er traf Archimedes an der Hörmuschel des Telephons. »Soeben ist ein neuer, sehr dringender Befehl eingelangt, der die sofortige Umkehr fordert. Auch eine sehr böse Nachricht ist mir zu Ohren gekommen. Das Parlament hat in einer Nachtsitzung die vollkommene Unschädlichmachung der beiden Weibgeborenen beschlossen, da erwiesenermaßen ihr Verweilen eine stete Gefahr für die Ruhe und Ordnung dieses Reiches bedeute!« »Sie haben also meinen und meines Dieners Tod beschlossen!« rief erbittert der Professor aus. »Nun, den Gefallen werden wir ihnen nicht tun, uns in ihre Hände zu begeben. Hier im Luftmeere, Tausende von Kilometern vom Reiche der Homunkuliden entfernt, können Sie uns nichts mehr anhaben!« »Das ist nicht so ganz ausgeschlossen«, sagte Archimedes. Zum Fenster hinaussehend fuhr er dann fort: »Übrigens taucht bereits am Horizont die Küste von Island auf!« »Erlauben Sie, Herr Archimedes, daß ich selbst die Rückantwort sende!« sagte der Professor. Archimedes trat zurück. Der Professor begab sich zum Telephon. »Hier Professor Doktor Voraus! Wer dort?« »Der Chef der Staatsregierung!« tönte es aus dem Telephon. In diesem Moment betrat auch Lorenz die Telephonkammer. Niemand beachtete ihn; die Anwesenden richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Telephon. »Bitte der hohen Staatsregierung bekanntzugeben, daß ich durchaus keine Absicht habe, heute oder später einmal ins Land der Homunkuliden zurückzukehren!« »Ah, bravo«, sagte Lorenz, »wollen sie uns wieder zurückhaben? Ist ihnen jetzt leid um uns? Da hätten sie sich aber in meiner Angelegenheit etwas anständiger benehmen müssen!« Minutenlang kam keine Antwort. Plötzlich ertönte wieder das leise Klingelzeichen des Apparates. Der Professor horchte. »Die Regierung droht uns! Falls wir nicht umkehren, wird sofort die Tätigkeit sämtlicher elektrischer Apparate im Homunkulidenreich eingestellt und wir haben zu gewärtigen, in das Meer zu stürzen!« erklärte der Professor. »Daß sie nicht früher auf diese Idee gekommen sind!« »Nette Kerle das«, sagte Lorenz. »Hoffentlich kommen wir früher nach Island!« »Dort werden schon die Felsen der Küste sichtbar«, sagte Archimedes. Er drehte an einem Hebel, ein sonderbar rasselndes Klingen ertönte, und gleich darauf begann der Aeronaut unter der vermehrten Wucht der Schläge seiner Luftschrauben zu zittern und zu dröhnen. »Daß sie es nicht getan haben, hat einen guten Grund«, sagte Archimedes. »Sie mußten vorher sämtliche Luftschiffe verständigen, damit diese trachten, an das Land zu kommen. Denn im Moment der Abstellung aller elektrischen Apparate stürzen auch diese unschuldigen Aeronauten zur Erde herab. Wir haben das Telegramm schon vor mehr als einer halben Stunde empfangen. In diesem Moment bewegt sich auf dieser ganzen Erde außer unserem Aeronauten kein anderer mehr durch die Luft. In wenigen Minuten wird unser Schiff zu sinken beginnen. Ich habe deshalb befohlen, dem Aeronauten die höchste Schnelligkeit zu geben, damit es ihm gelingt, noch vor Eintritt dieses Ereignisses die Küste zu erreichen.« »Das hätte ich diesen Kerlen doch nicht zugetraut, daß sie so rachsüchtig sein können! Seit meinem Antrag ist wirklich der Teufel in sie gefahren«, sagte Lorenz, »wenn ich das gewußt hätte, ich hätte den Antrag...«, er stockte verlegen. »Doch nicht eingebracht«, ergänzte der Professor. »Aber jetzt ist es zu spät, darüber nachzudenken.« Er sagte dies ohne Groll, ohne irgendeine Aufregung, nur an der Blässe seines Gesichtes konnte man erkennen, daß die Erkenntnis der furchtbaren, aus so weiter Ferne drohenden Gefahr auch sein Herz in allen Tiefen bewegte. In diesem Moment überfiel ein seltsames Gefühl der Schwere alle Anwesenden, gleichzeitig verlöschten alle Lichter in der Telephonkammer. »Unsere Apparate haben wegen Mangels an Elektrizität zu wirken aufgehört«, sagte Plato. »Das erwartete Ereignis ist eingetreten.« An der Tür der Telephonkammer erschien der Maschinist des Aeronauten. »Es ist eine Störung in der Zuleitung eingetreten«, rief ihm Archimedes entgegen. »Machen Sie sofort die beiden Boote seeklar, damit wir uns an die Küste retten können, wenn der Aeronaut ins Meer stürzt.« Durch das Fenster konnte man sehen, wie die sechs Mann der Besatzung sich in fieberhafter Eile an den beiden Aluminiumbooten zu schaffen machten. Der Aeronaut flog unterdes mit fast ungeminderter Geschwindigkeit vorwärts. »Aber die Maschinen gehen noch!« rief Lorenz aus. »Ja, von selbst. Die lebendige Kraft der Masse treibt jetzt unser Schiff vorwärts. Ich hoffe, mit ihrer Hilfe das Land zu erreichen«, sagte Archimedes. Keiner wagte, ein Wort zu reden. Deutlicher stieg in der Ferne die Felsenküste Islands aus dem Meere empor. Die Schnelligkeit des Aeronauten verminderte sich zusehends; die kaum bewegte Oberfläche der See schien zu ihnen emporzusteigen. »Der Aeronaut fällt«, sagte Archimedes. »Meine Herren, in die Boote!« Er ging voran auf das Deck. Der als Sturm empfundene Widerstand der Luft war noch ein ziemlich bedeutender; die Herren mußten sich zu dem Boot ordentlich vorwärtsgreifen, um nicht über Deck geweht zu werden. Der Professor, Lorenz, Archimedes, Plato und zwei Mann der Besatzung, darunter der Maschinist, nahmen in dem größeren Boot Platz, die vier übrigen Mann der Besatzung in dem zweiten, weit kleineren Boot. Es war eine grauenhafte Fahrt. Schon konnte man die von einer wilden Brandung umtosten Felsenufer Islands erkennen. Die stahlgraue Fläche in der Tiefe fing an, mit unheimlicher Schnelligkeit zu ihnen emporzusteigen. Die bange Frage, ob das Schiff noch das Land erreichen werde, bewegte alle Herzen. Schweigend, aber mit vor Erregung bleichen Gesichtern saßen die Männer in den Fahrzeugen. Und immer schneller und schneller stieg die See zu ihnen empor. Schon hörte man das Tosen und Brüllen der Brandung; die weißschäumenden Wogen sahen wie die Arme empörter Rachegeister aus, die nach dem Luftschiff langten. Auf einmal – ein furchtbarer Krach. Das Luftschiff war auf ein Felsenriff aufgefallen und zersplitterte in tausend und abertausend Trümmer. Die siedenden Wogen schwemmten Schiffsteile und Menschenleiber zwischen den Klippen umher. * * * Isländische Fischer hatten aus der Ferne den gewaltigen Sturz des Aeronauten beobachtet. Es gelang ihnen, aus den schäumenden Wellen zwei Männer zu retten – den Professor und seinen Diener. Ihren Bemühungen, das Leben in die fast entseelten Leiber zurückzubringen, widerstand am längsten Lorenz, der sich durch einen Anprall an eine Klippe eine tiefe Kopfwunde zugezogen hatte. Der Professor war besser davongekommen und bemühte sich im Verein mit den mitleidigen Fischern um Lorenz. Endlich schlug er die Augen auf. »Ah, mein Herr! Sind wir in Island?« fragte er. »Ja, ja, aber nur Ruhe, mein Freund!« ermahnte der Professor. »Ist Plato da und Archimedes?« fragte trotzdem Lorenz weiter. Der Professor wendete sein Antlitz ab. »Morgen werden Sie alles erfahren«, sagte er unter Tränen, »jetzt nur Ruhe!« »Also sind sie tot?« Der Professor gab keine Antwort. Lorenz ward aufs neue bewußtlos. Am nächsten Tage wurden sie nach Reykjavik gebracht. Im Hospital ward ihnen die sorgsamste Pflege zuteil.. Nach ungefähr drei Wochen hatte sich Lorenz so weit erholt, daß er mit dem Professor einen Spaziergang unternehmen konnte. Die ausgezeichnete, wahrhaft menschenfreundliche Pflege, die er im Spital gefunden, hatte so herzerquickend auf ihn gewirkt, daß er all das Große und Schwere, das er im Reiche der Homunkuliden erfahren hatte, schon allmählich verwand. »Hier sind doch Menschen«, sagte er glücklich, »wirkliche, einfache, liebe Menschen. Unser Experiment ist weit besser ausgegangen, als ich dachte. Hier sind Leute, mit denen man reden kann, Leute, die lachen und weinen können. Es ist bei ihnen nicht so schön eingerichtet und bei weitem nicht so komfortabel wie bei den Homunkuliden, aber man lebt unter Menschen.« »Nun, und an Plato und Archimedes denken Sie gar nicht mehr?« fragte vorwurfsvoll der Professor. »Es waren liebe Kerle; sie müssen einen Konstruktionsfehler gehabt haben, daß sie so lieb waren. Mir kommt das alles aber wie ein wüster, böser Traum vor! Hier ist's mir lieber! Hier gibt es Menschen, Männer, Weiber und Kinder!« Er war so froh, so glücklich! Den beiden war auch ein glücklicheres Los auf dieser weltabgeschiedenen Insel bereitet. Die Isländer erfuhren nur zu bald, was für seltsame Gäste ihnen das Schicksal beschieden hatte, und behandelten sie mit der größten Hochachtung und Ehrerbietung. Die Regierung wies ihnen zum Aufenthalt ein großes, mit allem auch auf Island schon längst einheimischen Komfort ausgestattetes Haus an, und durch ein vom Althing genehmigtes Gesetz ward den beiden Einwanderern zugesichert, zeitlebens auf Kosten des Staates erhalten zu werden. Professor Dr. Voraus benützt die Zeit, die ihm von dem über Menschen und Homunkuliden waltenden Schicksal noch bestimmt ist, dazu, seine Lebensgeschichte zu schreiben. Darin dürften die Homunkuliden keinen besonders guten Platz einnehmen. Lorenz fühlt sich trotz seines Alters von zweitausendundvierzig Jahren noch immer als Jüngling. Er wird heiraten. Doktor Voraus wird in seiner Familie die Rolle des seelensguten Onkels spielen. Ende