Sir John Retcliffe Goldfieber Inhalt Einführung An der Sierra Madre In der Höhle der Verdammten Der Verräter Im Kampf mit den Apatschen Makotöh Eine seltsame Hochzeit Die belagerte Insel Die Culebrilla Woykas, der Sohn des Büffels Das Goldtal Das lebende Kreuz Die Stimme des Großen Geistes Einführung Am Rande der Sierra Madre liegt die Hazienda del Cerro, die große Besitzung des mexikanischen Senators Don Esteban da Sylva Montera, ein weit vorgeschobener Posten sogenannter weißer Kultur gegen die Jagdgründe der Apatschen. Der Graf Horace Aimé Raousset-Boulbon, adelsstolz, aber ohne Vermögen, ein Anhänger der Bourbonen, deren Blut in seinen Adern rollt, aber ein unversöhnlicher Gegner Louis Napoleons, der sich die Krone Frankreichs aufs Haupt setzte, verläßt Paris, um an den Quellen des Buenaventura das Goldtal der Azteken zu finden und sich zum Herrn einer neuen Heimat aufzuwerfen. Die ehrgeizige und schöne Tochter Don Estebans, Dolores, verspricht ihm ihre Hand, wenn er die Apatschen zu Paaren getrieben und der Gebieter der Sonora ist. Mit einem sonderbaren Trupp skrupelloser Glücksritter und Abenteurer dringt er in das wilde Land vor; das Goldfieber hat er in ihnen geweckt und das Goldfieber macht sie zu seinen willenlosen Werkzeugen. Unbarmherzige Kämpfe entbrennen. Die Hazienda del Cerro fällt in die Hände der Apatschen, aber im letzten Augenblick erscheint der Graf mit seinen Abenteurern und rettet sie. Die Jagdgründe der alten Herren des Landes, der Indianer, färben sich mit deren Blut; überall, wohin der stolze Bourbonensprößling kommt, weiß er den Erfolg an sich zu fesseln – die hohe Belohnung, die Hand der reichen und schönen Dolores ist ihm gewiß. Da wendet sich sein Glück. Die heißblütige Mexikanerin entdeckt, daß sich unter dem Gefolge des Grafen eine Frau in Männerkleidung befindet: die Geliebte Raousset-Boulbons, die aus Rücksicht auf die große Zukunft des Vaters ihres Sohnes in die Heirat mit der Mexikanerin gewilligt und auf seinen Besitz verzichtet hat. Dolores sinnt Rache. Mit ihrer sinnverwirrenden Schönheit betört sie den jungen Komantschenhäuptling Wonodongah und läßt ihn schwören, den Grafen zu töten. Am Ziel seiner hochfliegenden Wünsche, nach Kampf, Entbehrung und Gewissensqualen, trifft ihn, endlich auf den unermeßlichen Schätzen des Goldtals am Buenaventura, der Dolch Wonodongahs. Die einzigartigen Abenteuer des geschichtlichen Sonorazuges werden in dem vorliegenden Band » Goldfieber « zu einem hochdramatischen Ende geführt, so daß das Werk stofflich eine Ergänzung der Bände »Die Abenteurer der Sonora« und »Zu den Quellen des Buenaventura« bildet. An der Sierra Madre Die Sterne über der Sierra Madre kündeten die Stunde nach Mitternacht. » Caramba! « murmelte der Peon José auf dem Bollwerk der Haziendamauer, das in das gespenstische Halbdunkel der Ebene hinabschaute; er streckte sich gähnend hoch. Die Pferde im äußersten Corral schnaubten, sprangen auf und strichen an der Umzäunung entlang. War es nicht, als jage in weiter Ferne ein Reitertrupp? José lauschte angestrengt in die Nacht. Aber nichts regte sich mehr. Er sah sich nach dem Posten auf den benachbarten Mauerecken um; ihre Schattenrisse standen scharf in der hellen Nacht gegen den silbrigen Himmel, starr wie Heiligenbilder. Abergläubisch schlug er ein Kreuz und lehnte sich wieder in dm Winkel des Bollwerks. Auf der Hazienda del Cerro, die wie ein großes Dreieck auf einem Hügel lag, die Spitze zur Sierra Madre gerichtet, die breite Grundlinie sanft zu weiten Wiesengründen abfallend, war alles in tiefem Schlaf. Niemand wußte, was die nächsten Stunden bringen würden. Ein erbitterter Kampf stand bevor. Von Guaymas her zog mit seiner abenteuerlichen Kriegerschar der stolze Sprößling aus dem altfranzösischen Königsgeschlecht der Bourbonen, Graf Horace Aimé Raousset-Boulbon, um auf der Hazienda die schöne Tochter des Hazienderos und Senators Don Esteban da Sylva Montera zu seiner Gattin zu erheben, nachdem er die feindlichen Apatschen unterjocht hatte. Den nördlichsten Teil Mexikos, die Sonora und Chihuahua, zu seinem Königreich zu machen: das war des französischen Edelmannes heimliches Ziel – ihn und seine Abenteurerschar zu vernichten, das hatten sich die verbündeten Stämme der Apatschen geschworen und das Kriegsbeil zwischen den sonst feindlichen roten Brüdern für diesen großen Kampf der indianischen Rasse gegen die Weißen begraben. Die ewige Feindschaft der alten Herren dieses Landes gegen die weißen Eindringlinge und Tyrannen forderte aufs neue ihren Blutzins. Der Haziendero sowohl als auch sein letzter Vaquero wußten, daß der kommende Tag eine wichtige Entscheidung bringen mußte; denn die Hazienda del Cerro war einer der wichtigsten Stützpunkte gegen die roten Männer. Sie mußten ihn in ihre Gewalt bringen, wollten sie die Herrschaft der Bleichgesichter in ihren Jagdgründen brechen. Mit fiebernden Pulsen erwartete deshalb Don Esteban da Sylva Montera die längst fällige Ankunft des Grafen Raousset-Boulbon und seiner einzigen Tochter Dolores. Als aber die Stunden qualvollen Harrens vergingen, ohne daß der Zug der Freischar eintraf, hatte der alte Pfadfinder Kreuzträger als der erfahrenste und vorsichtigste Indianerkämpfer mit dem jungen Vaquero Diaz, eines Verwandten des Haushofmeisters Geronimo, das Wagestück unternommen, auf Spähe auszugehen. Das hatte dem Haziendero die Ruhe zurückgegeben; alle auf der Hazienda wußten, daß ihre Sicherheit bei Kreuzträger am besten bewahrt war; man gab sich endlich dem Schlummer hin. Ein böser Tag stand bevor, an dem jeder seine frischen Kräfte bitter brauchen würde. Alles schlief. Niemand wußte, welche blutigen Ereignisse sich in den letzten Stunden zugetragen hatten. Die Abreise des Grafen Raousset-Boulbon war durch einen plötzlichen Starrkrampf, der durch eine Verwundung mit einem vergifteten Dolch entstanden war, verzögert worden. Die heißblütige Dolores hatte, da sie den Grund dieser Verzögerung nicht kannte, allein mit ihrer kleinen Bedeckung den gefährlichen Weg zur Besitzung ihres Vaters fortgesetzt und war an der Fähre unweit der Hazienda den Indianern in die Hände gefallen Vergleiche die Bände »Die Abenteurer der Sonora« und »Zu den Quellen des Buenaventura«. . Die Entfernung war aber doch zu weit, als daß die Wachen auf den Mauern der Hazienda den Lärm des kurzen Gefechts hätten vernehmen können. Das dumpfe Geräusch des dahinjagenden Apatschentrupps war es, das ein Windhauch aus der Ferne dem scharfen Ohr des Peons José zugetragen hatte. Aber er hielt den Vorgang für eine Sinnestäuschung oder doch für zu unwichtig, um darüber in der Nacht noch Meldung zu erstatten. So erfuhr ihn Don Esteban erst am anderen Morgen, während die Verteidiger der Hazienda sich, besorgt um das Ausbleiben ihrer beiden Kundschafter, berieten. Kreuzträger hatte es vorgezogen, als er Dolores in den Händen der Roten wußte, nicht erst in die Hazienda zurückzukehren, sondern gleich den Apatschen zu folgen. Er glaubte, der Gefangenen so besser Hilfe bringen zu können; denn jeder Zeitverlust konnte ihr verderblich werden. Man blieb daher in der Hazienda den ganzen Tag über in Zweifel, ob die beiden Späher in die Hände der Apatschen gefallen waren. Das Vaterherz glaubte, sie seien auf dem Wege, den Dolores von San Fernando-Guaymas kommen mußte, weitergegangen, um sie zu warnen und aufzuhalten. Auch der alte Haushofmeister Geronimo, der für seinen jungen Verwandten zitterte, stimmte ihm bei. Man sah den ganzen Tag über nichts von den Indianern. Doch keiner der Bewohner wagte sich über die engere Umgebung der Hazienda hinaus. Don Esteban benutzte mit dem Polen Morawski die erhaltene Frist, die Verteidigungsmittel der kleinen Festung noch nach Möglichkeit zu verstärken. So war der Tag in Aufregung vergangen; von dem sehnlichst erwarteten Beistand des Grafen Raousset-Boulbon zeigte sich noch immer keine Spur. Erschöpft von den Anstrengungen und Sorgen der letzten Tage und Nächte hatte sich Don Esteban nach dem Abendsegen auf die dringende Bitte seines Hauswarts in sein Schlafzimmer zurückgezogen. Aus seiner kurzen Ruhe weckte ihn gegen zehn Uhr ein Diener. Zwei Fremde begehrten vor dem östlichen Tor dringend Einlaß und erklärten, daß sie Nachrichten von Kreuzträger und den Apatschen zu bringen hätten. Die Vorsicht der Wächter hatte die Boten gezwungen, außerhalb der Mauern zu bleiben, bis der Hausherr ihnen den Einlaß gestattete. Denn es war wohl bekannt, daß sich genug weißes Gesindel in den Prärien umhertrieb und bei Mord und Plünderung gern mit den Indianern gemeinschaftliche Sache machte und sich zu ihren Spionen und Helfershelfern hergab. Vor dem Einlaßpförtchen standen der Methodist Hesekiah Slong und Jonathan Brown Jonathan Brown hatte Cisenarm und Wonodongah vorgespiegelt, Graf Raousset-Boulbon habe ihren Kameraden Ojo d'Oro in Paris getötet und ihn seiner auf ein Leder geritzten Zeichnung über das geheime Goldtal, das er gemeinschaftlich mit ihnen am Buenaventura gefunden, beraubt. Da Bronm außerdem verschiedenr Gegenstände Ojo d'Oros vorwies, so glaubten sie ihm die Behauptung, er sei der Erbe des Toten und hatten sich deshalb mit ihm verbündet, um ihm das Goldtal zu zeigen und den angeblichen Mörder Raousset- Boulbon zu bekämpfen. Hesekiah Slong, den Lesern schon aus »Nena Sahib« bekannt, haue den würdigen Brown nach einem blutigen Überfall auf das Apatschenlager kennen gelernt und sich ihm angeschlossen. – Vergleiche die Bände »Die Abenteurer der Sonora« und »Zu den Quellen des Buenaventura«. – Master Schielauge, wie er von Eisenarm und Wonodongah genannt wurde. Sie hatten sich dicht an die Mauer gedrängt, um im Fall der Not wenigstens den Schutz der mexikanischen Büchsen zu genießen. »Wer seid ihr, Senores?« fragte der Hausherr von der Höhe der Mauer. »Tu deine Pforten auf, Jerusalem! – Diese Stimme fällt wie Posaunenklang in die Ohren deines Knechtes!« schnarrte Hesekiah Slong. »Ich kenne diese süßen Töne, und sie gehören, wenn nicht der böse Feind die Sinne eines armen Mannes verwirrt hat, dem sehr würdigen Senator Senor Don Esteban.« »Ich bin Don Esteban,« sagte unwillig der Haziendero, »aber wer seid Ihr, Kerl, daß Ihr bei Nacht hier an die Tür meines Hauses pocht?« »Würdigster Senator, sollten Sie wirklich den treuen Kampfgenossen und Liebling Ihres hochberühmten und sehr edlen Schwiegersohnes nicht wiedererkennen? – Hesekiah Slong bin ich, der mit Ihnen über weite Meere gefahren ist, um Mexiko von der Geißel dieser indianischen Heiden zu befreien!« »Halten Sie Ihr Maul mit all dem Wischiwaschi«, fuhr ärgerlich Jonathan Brown dazwischen. »Öffnen Sie rasch die Tür, Seüor! Wir bringen wichtige Nachrichten von den Indianern und Ihrer Tochter. Jede Zögerung könnte nicht nur uns, sondern auch Ihnen allen das Leben kosten!« »Von meiner Tochter?« rief der Haziendero. »Geschwind, Geronimo, öffne das Tor! Ich glaube wirklich, daß ich den Mann, der sich Slong nennt, wiedererkenne.« Im nächsten Augenblick war das Pförtchen mit Vorsicht geöffnet; die beiden wurden eingelassen. Sie begannen eine furchtbare Geschichte ihrer überstandenen Gefahren und begangenen Heldentaten zu erzählen. Der Haziendero erfuhr zu seinem Schrecken nach verschiedenen Fragen, daß seine Tochter Dolores in den Händen der Apatschen war, und daß diese noch in der gleichen Nacht sich auch des Vaters und seines Besitztums bemächtigen wollten. »Und Kreuzträger, Eisenarm und Wonodongah?« »Ich schätze, sie sind drei so unverständige und wortbrüchige Narren, wie es nur zwischen dem Stillen Ozean und der Küste von New York geben kann«, murrte Brown »Um aller Weiber der Erde willen hätte ich meinen Kopf nicht wieder in den Rachen dieser roten Teufel gesteckt, namentlich wenn ich gewußt hätte, wo...« Er unterbrach sich; er fürchtete, sein Geheimnis von den Goldschätzen zu verraten, aber Master Slong überhob ihn der Mühe einer anderen Fortsetzung. »Der Herr ist stark in dem Schwachen, Schwert Gideon!« näselte er. »Wenn es möglich gewesen wäre, die Jungfrau aus den Klauen der ungläubigen Philister zu retten, würde es unser Mut getan haben. – Aber was ist selbst die Kraft Simsons oder die Kriegsweisheit eines Makkabäers gegen Feinde, so zahlreich wie Sand am Meere? Darum hielten wir es für besser, jene Männer als Späher auszusenden, den Feind unterdes zu beobachten, und selber hierher zu kommen, um Hilfe und Beistand zu dem großen Werke der Überwältigung der Heiden zu holen!« »Und, beim heiligen Kreuz von Puebla,« rief der Senator, »wir wollen nicht zögern, sie mit Euch zu bringen! Was sind mir die Reichtümer dieser Hazienda gegen die Befreiung meines Kindes aus den Händen dieser Roten! Senor Teniente, wir wollen mit allen Leuten aufbrechen zu einem Überfall des Lagers der Apatschen! Diese beiden Männer werden uns führen!« Das war nun keineswegs nach dem Geschmack der beiden Tapferen; sie waren herzlich froh, sich mit unversehrter Haut hinter schützenden Mauern zu befinden. Darum stimmten sie ihren Ton bedeutend herab und kamen damit der Wahrheit näher. Auch der Pole Morawski und der alte Mayordomo des Haziendero waren klug genug, das Törichte eines Überfalls einzusehm und ihn dem Senator zu widerraten. Master Slong, dem die Indianer alle Kleidung genommen und der nur in der alten Decke Eisenarms steckte, gab aus den Vorräten der Hazienda seinem äußeren Menschen wieder ein einigermaßen anständiges Äußere. Dann stärkte er sich gemeinsam mit Brown nach dem langen Fasten aus Küche und Keller; und bei dieser günstigen Gelegmheit gelang es den verständigen Fragen des Haushofmeisters Geronimo und des Offiziers, der Wahrheit ziemlich nahe zu kommen. Nicht ohne Stolz vernahm Geronimo dabei, wie tapfer sich sein Diaz benommen hatte. »Gott und die Heiligen mögen mein armes Kind beschützen!« sagte endlich der Senator. »Ich gelobe der Madonna vom heiligen Kreuz drei silberne Leuchter, wenn sie mir meine Tochter unversehrt wiedergibt! Ein Trost ist, daß so wackere Männer wie Eisenarm und Wonodongah, der Jaguar, mit unserm Freund Kreuzträger über ihrem Leben wachen! Sie sollen reich belohnt werden, wenn die Heiligen uns selber das Leben erhalten. – Jetzt, Freunde, gilt es vor allem, uns zum Widerstand zu rüsten. Nach der Nachricht dieser Männer haben wir auf den Beistand des edlen Grafen Raousset-Boulbon, des Verlobten meiner Dolores, vorläufig nicht zu rechnen!« Die Stimmung, die sich infolge dieser Nachrichten der Verteidiger der Hazienda bemächtigte, war sehr ernst, aber keineswegs mutlos. Die Vorbereitungen zur Verteidigung wurden immer wieder auf das Sorgfältigste geprüft. Die Hazienda zählte einschließlich aller Peons und der aus der Umgebung zusammengezogenen Baqueros und Rostreadores dreiundsechzig Männer zu ihrer Verteidigung; die Zahl der Indianer dagegen mußte sich auf viele Hunderte belaufen. Der Pole Morawski teilte sich mit dem Haziendero in die Leitung der Anordnungen. Eisenarm, dem Slong und Brown ihr Wissen von dem indianischen Überfallsplan verdankten, hatte nur einen Teil der Beratungen der Apatschen über den Angriff auf die Hazienda mit angehört; doch bei der Entfernung seines Schlupfwinkels wußte er nichts von den Einzelheiten. Fest stand jedoch der Angriff in dieser Nacht und man mußte das Nähere nun aus den Gewohnheiten der Indianer zu erraten suchen. Danach ließ sich zunächst erwarten, daß der Überfall kurz vor Anbruch des Tages erfolgen werde. Die nach der Sierra gerichtete Spitze des Gehöfts bot dem Angriff der Indianer große Schwierigkeiten; sie würden also gewiß wie bei früheren Gelegenheiten vorziehen, von der Ebene her den Versuch zu machen. Um nicht den gewöhnlichen Weg durch die beiden Schluchten zur Seite des Hügels zu nehmen und so unausbleiblich von den Wachen auf den Mauern der Hazienda bemerkt zu werden, waren sie zu einem großen Umweg gezwungen. Es genügte daher, den nach dem Gebirge gelegenen Teil der Hazienda nur von wenigen erfahrenen Posten bewachen zu lassen, nicht zu zahlreich, um die Hauptmacht der Verteidigung nicht zu schwächen, aber doch genug, um gegen alle Teufeleien gesichert zu sein. Über diesen Teil der Verteidigung erhielt der alte Mayordomo Geronimo die Aufsicht; zehn der Vaqueros und Rostreadores, Männer von Mut und Erfahrung, wurden ihm beigegeben. Dies war, wie sich später zeigte, eine sehr kluge Maßnahme. Die wertvollsten Tiere der Herden waren in den inneren Raum der Hazienda gebracht worden. Die Tiere, die man nicht in die festen Notställe hatte bringen können, waren gefesselt und zu Boden geworfen worden. Aber es befanden sich noch immer mehr als fünfhundert Pferde und über tausend Rinder in den großen Corrals, Verzäunungen von starken Stangen, die den sich breit erweiternden Abhang von der äußeren Hauptfront der Hazienda bis zur Ebene einnahmen. Diese Herden konnten ebensogut ein Schutz wie ein großer Nachteil für die Belagerten werden. Blieben sie an Ort und Stelle, so konnte sich unmöglich ein großer Trupp Indianer im Anlauf der Mauer nähern; die Wildheit der Pferde und der Rinder verhinderte dies sicherlich. Andererseits konnten die Apatschen sich unter dem Schutz der dunklen Tierkörper bis in die Nähe der Tore und des Hauptgebäudes heranschleichen. Das war für einen Erfolg ihles Angriffs notwendig, da ein großer Teil von ihnen nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet war, also nur in der Nähe seine Schüsse nach den Öffnungen abgeben konnte. Die Besatzung wurde wiederum durch die Anwesenheit der Tiere und ihre Bewegungen gehindert, die schleichenden Feinde zu entdecken und genau zu zielen. Noch ein anderer Grund war vorhanden, der die Herden zu einem großen Hindernis der Verteidigung machte. Der Haziendero faßte, nachdem alle Gründe für und wider in einer Beratung unter Zuziehung der ältesten Angestellten und Diener erwogen worden waren, einen männlichen Entschluß. Er sah die Notwendigkeit ein, diesen Teil seiner Habe zu opfern oder wenigstens vorläufig preiszugeben, und befahl, die Corrals zu öffnen und die Herden hinauszutreiben. Bevor jedoch der Befehl ausgeführt wurde, machte einer der Reiter des Polen, ein Mexikaner, der sich in Guaymas der Truppe des Grafen angeschlossen hatte, noch einen anderen Vorschlag. Dieser fand Beifall, und es wurden sofort die Anstalten zu seiner Ausführung getroffen. Zwei Vaqueros, gewandte und mutige Leute, erklärten sich bereit, mit dem Mann, der den Plan ersann, die gefährliche Sache auszuführen. Man hatte noch einige Stunden Zeit und nahm daher keinen Anstand, das kleine Pförtchen in einem der Tore aufzuschließen und mehrere Leute in den Corral zu senden. Dort lockerten sie die Fenzen, die Stangen und Pfähle der Umzäunung, an verschiedenen Stellen derart, daß sie bei einem Anprall sich öffnen oder niederbrechen mußten. Dann machten sich die Vaqueros daran, zwei Stiere und einen Hengst zu fesseln; man warf sie nieder und band ihnen die Beine so zusammen, daß der Riemen mit einem Messerschnitt leicht gelöst werden konnte. Unter den Schwanz des Pferdes und zwischen die Hörner der Stiere befestigte man ein in Öl und Teer getauchtes Reisigbündel. Die drei Tiere lagen in der Nähe der kleinen Pforte. Nach diesen Vorbereitungen zogen sich die Männer wieder in die Hazienda zurück. Nur die beiden Vaqueros und der Reiter, der früher schon lange in der mexikanischen Armee unter dem Präsidenten Santa Anna gedient hatte, blieben außen im Corral unter den Herden zurück. Die beiden Vaqueros kauerten sich bei dem gefesselten Pferd und den Stieren nieder; der Soldat übernahm den verlorenen Posten an der äußeren Umzäunung des Corrals. Im Innern der Hazienda waren unterdes die weiteren Vorbereitungen beendet worden. Die Tore waren, bis auf das erwähnte Pförtchen, fest verrammelt, Munition in genügender Menge an die Besatzung verteilt, und die Wache an den Schießscharten ähnlichen Fenstern und auf dem flachen Dach des Hauptgebäudes und der beiden niederen Seitenflügel ausgestellt. Mit Ausnahme der großen Halle, die kein Fenster nach dem Corral besaß, wurden alle Lichter gelöscht. Tonnen mit Wasser zum Löschen standen auf den Dächern; es war ein gewöhnliches Mittel der Roten, brennende Pfeile auf das Holzwerk zu schießen und so zu entzünden; zwei Raketenstangen wurden an Pfählen befestigt. Der Haziendero versammelte noch einmal alle nicht auf Posten befindlichen Leute mit den Fraum und Kindern in der Halle zu einer gemeinschaftlichen Fürbitte an den Himmel und seine Heiligen um Schutz gegen die Feinde; dann ließ er unter alle einen Trunk Mescal verteilen, ermahnte sie, auf ihrem Posten zu stehen oder zu fallen, und sandte jeden an den ihm zugewiesenen Ort. Über all diesen Dingen war die erste Morgenstunde schon vorübergegangen; in kein Auge war Schlaf gekommen; man konnte nun jeden Augenblick die Annäherung und den Angriff der Apatschen erwarten. Don Esteban begab sich mit dem Offizier auf die Plattform des Daches; von dort aus hatten sie eine vollständige Übersicht über die absteigende Fläche des Hügels; sie ließen sich im Schatten der Brüstung nieder. Alles blieb still wohl drei Viertelstunden lang. Dann ließ sich von der Hügelreihe im Süden her ein Geräusch, wie der ferne Zug einer großen Menschenmenge hören. Das Geräusch verlor sich nach Osten hin; alles war wieder still. Die Ruhe der Nacht wurde nur durch das Geheul der Coyoten unterbrochen, die, als witterten sie Beute, in der Nähe der Corrals umherstreiften. »Ich glaube,« sagte Morawski, »die feigen Hunde haben den Überfall aufgegeben und ziehen nach den westlichen Städten, ohne sich weiter um uns und die Hazienda zu kümmern. Der große Napoleon hat es ebenso mit den Festungen gemacht!« Der Senator legte ihm die Hand auf den Mund. »Still, Señor!« flüsterte er. »Wir werden leider zeitig genug von ihnen hören. Sie sind jetzt dabei, ihre Pferde an einem sicheren Ort unterzubringen; denn sie können diese Mauern zum Glück nur zu Fuß angreifen, sonst vermöchte unsere dreifache Zahl ihnen nicht zehn Minuten Widerstand zu leisten. – Haben Sie die Zünder in Bereitschaft?« »Ja, Señor Senator!« »Dann merken Sie auf – das zweite Zeichen gilt Ihnen!« Don Esteban nahm eine kleine silberne Pfeife in die Hand, die er an einem Bande um den Hals trug; seine Büchse lehnte neben ihm an der Brustwehr. Wohl jedem der Verteidiger der Hazienda schlug das Herz voll banger Erwartung, wie es auch bei dem Mutigsten der Fall ist, solange er das unheimliche Nahen einer Gefahr an untrügbaren Kennzeichen gleich der Schwüle des Samums fühlt, aber sie selber noch unsichtbar ist. Doch alle waren entschlossen, sich bis zum letzten Blutstropfen zu wehren. – Sie wußten, darin bestand ihre einzige Aussicht auf Rettung; von diesem Feinde hatten sie kein Erbarmen zu hoffen. Selbst Slong und Brown hatten sich dazu entschlossen; sie fürchteten mehr als jeder andere, in die Hände der Apatschen zu fallen, und lagen jetzt nicht weit von Don Esteban und dem Leutnant entfernt, ihre Gewehre im Arm. Die Erwartung des Hazienderos sollte nicht lange getäuscht werden. Den gefährlichsten Posten hatte der mexikanische Soldat an den äußersten Fenzen des Corrals gewählt. Es war ein Mann von wenig mehr als dreißig Jahren, dennoch hatte er schon ein sehr abenteuerliches Leben hinter sich im immerwährenden Kampf in den Feldlagern Santa Annas und der oft wechselnden Parteiführer im wilden, blutigen Bürgerkrieg, oder mit den verworfensten Genossen im Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft überhaupt. Mutig und voll Entschlußkraft, war es ihm mehr als einmal gelungen, sich in den ewigen Parteiunruhen und politischen Ränken, die das unglückliche Land zerreißen, emporzuarbeiten und schon zweimal den Rang eines Offiziers zu bekleiden. Aber stets hatte der Sturz seiner Beschützer oder irgendeine seiner Leidenschaften ihn wieder in die breite Masse zurückgeworfen, die allein imstande war, ihn zu verbergen und vor der Erschießung oder dem Strick zu retten. Schmuggler, Soldat, Bandit, Minengräber und Handelsmann hatte er ziemlich alles im Leben versucht; als einzige Ausbeute war ihm nur eine scharfe Beobachtungsgabe und eine kühne Gleichgültigkeit gegen alle Gefahr geblieben. Gefühllos und verschlagen, war er gerade der Mann, den ein weitsichtigerer und ehrgeizigerer Geist als der seine zum Werkzeug brauchen konnte; sein künftiges Leben, auf traurige Weise mit den Schicksalen eines hochherzigen deutschen Fürsten verknüpft, sollte den Beweis dafür liefern Es handelt sich hier um Escobedo, den späteren mexikanischen General. Viele Jahre nachher, am 15. Mai 1867 fiel Kaiser Maximilian von Mexiko in Queretaro durch Verrat in die Hände des republikanischen Generals Escobedo, wurde von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und, wie bekannt, in Queretaro erschossen. . Aus seinem Soldaten- und Schmugglerleben war der Mexikaner in allen Listen wohl bewandert. Er wußte, daß ihm auf seinem Posten die Büchse nichts nützte oder seine Bewegungen nur hinderte; seine Bewaffnung bestand daher nur aus einem langen und scharfen mexikanischen Messer, das er nach dem Landesbrauch im Strumpfband trug. Ohr und Auge gespannt, lag er zwischen einer Gruppe von Kühen, tief in die Schatten ihrer Körper gedrückt. Auch er hatte das ferne Geräusch des Indianerzuges gehört und seine Bedeutung wohl erkannt. Aber er konnte seinen Posten nicht eher als im letzten Augenblick verlassen, wollte er sein Unternehmen nicht gefährden. Seine Aufmerksamkeit verdoppelte sich, sein Ohr horchte gespannt auf jeden Laut, sein Auge schien das Dämmerlicht, das der erbleichende Mond verbreitete und die Nebel, die der nahende Morgen über die Erde goß, zu durchdringen. Diese Nebel lagerten sich etwa drei Fuß hoch über dem Boden. Sie waren der beste Schutz der Apatschen für ihr Heranschleichen und erforderten daher gesteigerte Wachsamkeit. Wie groß aber die Aufmerksamkeit und Sinnesschärfe des Mannes auch war, die Sinne der Tiere waren noch schärfer. Der Abenteurer bemerkte, daß die Rinder um ihn unruhiger wurden; eines hob den Kopf und stieß ein leises, ängstliches Brüllen aus. Für den vielerfahrenen Grenzsoldaten war ein solches Zeichen nicht verloren. Er richtete sich vorsichtig auf seine Knie auf und hob den Kopf über den Rücken des beunruhigten Tieres; er wollte noch einen Blick nach den Fenzen werfen und dann seinen Rückzug beginnen. Kaum hatte er den Kopf über das Tier erhoben, so sah er in zwei funkelnde Augen. Ein Apatsche lag an der anderen Seite des Rindes... Zum Glück war die Rothaut, die sich so geschickt und geräuschlos herangeschlichen, mehr erschrocken über diese Begegnung als sein Feind. Der Mexikaner begriff mit der Schnelligkeit des Gedankens, die oft eine Überlegung und einen Entschluß in den Bruchteil einer Sekunde zusammendrängt, daß nur ein rasches Handeln ihn selber und vielleicht die Hazienda retten könnte; seine linke Faust stieß vor und umklammerte mit eisernem Griff den Hals des Roten, bevor dieser noch einen Laut auszustoßen vermochte. Der Mund seines Opfers öffnete sich unter dem würgenden Druck, und der Mexikaner stieß ihm sein Messer zweimal bis an das Heft durch den Schlund. Ein leichtes Gurgeln war alles, was der Apatsche hören ließ; die vom warmen Blut überströmte Faust des Soldaten ließ nicht eher los, bis die krampfhaften Zuckungen des Sterbenden nachließen. Dann ließ er den verendeten Körper fallen und kroch rasch auf Händen und Füßen unter dem Schutz des Nebels zwischen den ruhenden Tieren zurück nach der Mauer, wo seine beiden Gefährten ihn erwarteten. Es war die höchste Zeit gewesen. Kaum zwei Minuten später bewegten sich rechts und links in dem wallenden Nebel verschiedene dunkle Gestalten am Boden hin. Keiner der heranschleichenden Apatschen traf auf den Leichnam ihres vordersten Spähers; und da sie weniger als ihr Feind die Lage der jetzt allgemein unruhig werdenden Tiere kannten und größere Vorsicht beobachten mußten, gewann der Mexikaner den nötigen Vorsprung. Ein verabredetes Zeichen, das Zischen einer Schlange, benachrichtigte die Vaqueros von seinem Kommen und von der Gefahr. Beide machten sich sofort bereit. Sie klemmten ihre Messer zwischen die Zähne und griffen nach den Zündhölzern, mit denen sie der Haziendero versehen. »Seid ihr bereit?« flüsterte hinter dem gefesselten Pferde der Soldat. »Ja, Señor!« »Im Namen der heiligen Jungfrau denn – vorwärts!« Drei leuchtende Punkte glänzten zu gleicher Zeit durch den Nebel und fuhren an die Reisigbündel der Tiere. Im nächsten Augenblick flammte an drei Stellen eine Lohe empor, ein kräftiger Schnitt zerriß die gefesselten Füße – die drei Männer erhoben sich wie auf einen Schlag und rannten dem Pförtchen zu. Jedes Verbergen war jetzt nutzlos; nur in der Schnelligkeit lag die Rettung ihres Lebens. Sie hatten noch nicht fünf Schritte getan, als ein gellender Ruf aus hundert Kehlen, das Angriffsgeschrei der Apatschen, die Luft zerriß. An zwanzig Pfeile zischten hinter den drei Flüchtenden drein durch den Nebel. In wirrem, wildem Knäuel mit den erschreckt durcheinanderrasenden Tieren suchte eine große Anzahl von Indianern hinter ihnen her zu stürmen und ihnen den Weg abzuschneiden. Aber die Maßregeln der Verteidiger warm gut getroffen. In das schrille Geheul der Rothäute mischte sich der scharfe Ton aus der silbernen Pfeife des Senators; das Pförtchen des Tors, hinter dem wohlbewaffnet eine genügende Rotte Männer stand, flog weit auf. Auf einen zweiten Pfiff fuhr von der Höhe des Daches eine Rakete zwischen die Herden; und eine zweite stieg auf dem Hof in die Luft und streute ihre Lichtgarben weit in die Runde. Die beiden Vaqueros, die nächsten an der Pforte, gelangten glücklich hinein, obgleich der eine von einem der nachgesandten Pfeile der Apatschen im Rücken verwundet worden war. Der Soldat aber, der den größten Weg zurückzulegen hatte, stolperte auf seinem Lauf über ein im Wege liegendes Kalb und stürzte zu Boden. Als er sich wieder aufraffte, sah er dicht hinter sich, kaum drei Schritte entfernt, die Gestalt eines riesigen Roten mit geschwungenem Tomahawk. Der Mexikaner rannte wie von Furien gehetzt. Allein die Kraft seiner Beine rettete ihn; atemlos stürzte er, so lang er war, kopfüber in die geöffnete Pforte. Zehn Hände zerrten ihn vollends hinein; die Tür flog hinter ihm ins Schloß – tief grub sich der Tomahawk des Grauen Bären draußen in das Holz. Im Nu waren Balken und Riegel vorgeworfen – die Hazienda war vorläufig gesichert. Jetzt erwies sich die ganze Vortrefflichkeit der von Don Esteban gegebenen Anordnungen. Die drei Tiere, die beiden Stiere und das Pferd, sprangen, als sie das Reisigbündel auf Kopf und am Schweif aufflammen und ihre Füße befreit fühlten, wie rasend empor und stürzten sich unter die Herde, die zugleich von der zwischen sie zischenden Rakete und dem Geheul der Apatschen erschreckt und verwirrt wurde. Ein unbeschreibliches Durcheinander folgte. Das Geheul, Brüllen, Stampfen und Wiehern machte die Ohren der Verteidiger fast taub. Die entsetzten Tiere jagten wie toll umher. Die Menschen rannten ziellos zwischen ihnen, um den Hörnern und Hufen zu entgehen. Viele Indianer wurden zertreten, andere schwer verwundet und kampfunfähig gemacht, ohne daß von den Mauern der Hazienda ein einziger Schuß gefallen wäre. Es blieb dem kühnen Häuptling der Gilenos, Makotöh, dem Grauen Bären, der den Angriff geleitet und der selber mehrere Wunden erlitten, endlich nichts übrig, als das Zeichen zum Rückzug zu geben. Aber der Befehl war leicht erteilt, doch schwer ausgeführt. Erst, nachdem die rasenden Herden die Umzäunungen durchbrachen und in wilder Flucht das Weite suchten, gelang es dem Angriffstrupp des Grauen Bären, den Platz zersprengt, zerstoßen und schmählich geschlagen, zu verlassen. Der Graue Bär wütete. Neun seiner Krieger lagen, bis zur Unkenntlichkeit von den Hufen und Hörnern der Tiere entstellt, im Corral; vierzehn andere wurden verwundet von ihren Kameraden zurückgeschleppt. Schlimmer als der Verlust seiner Krieger traf den stolzen Häuptling die Schmach der Niederlage. Der Triumph der Mexikaner war jedoch nur teilweise. Die Hauptmacht der Indianer war unter dem Befehl der Roten Schlange in genügender Entfernung zurückgeblieben; nur etwa hundert Krieger, freilich die tapfersten und erfahrensten, hatten Makotöh, den Grauen Bären, zu dem so völlig mißglückten Handstreich begleiten dürfen. Im Innern der Hazienda herrschte großer Jubel. Der Senator war von der Plattform des Hauses in den Hof hinabgestiegen und näherte sich dem Kreise, der sich um die drei Abenteurer gebildet hatte und ihre Erzählung anhörte. »Meldet euch, wenn Gott und die Heiligen unser Haus beschützt haben, morgen bei Geronimo«, befahl er den beiden Vaqueros. »Ihr sollt reichlich belohnt werden. – Und Sie, Señor,« wandte er sich zu dem früheren Soldaten, »wie nennen Sie sich?« Der Soldat reckte sich stolz. Er war ein stattlicher Mann; der Kopf war fast schön zu nennen; nur lag in den dünnen Lippen, dem festen, massigen Kinn und den stechenden Augen etwas Hartes und eine mit Grausamkeit gepaarte Kühnheit. »Mein Name, Señor Senator«, sagte der Mann, »ist noch sehr gering, obgleich ich die Ehre hatte, unter General Santa Anna als Kapitän zu dienen. Indes das Glück wechselt in unserem Lande schnell, wie Ihnen wohl bekannt ist; so bin ich jetzt nichts als ein einfacher Soldat. Ich nenne mich Escobedo, Rafael Escobedo, Euer Ehren zu dienen!« »Señor Escobedo, ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet! – Schenkt der Himmel uns Rettung, hoffe ich, Ihnen meinen Dank noch besser zu beweisen. Jetzt bitte ich Sie vorläufig, nehmen Sie diesen Diamanten als ein Zeichen meiner Schuld!« Er reichte ihm einen kostbaren Ring; Rafael Escobedo beeilte sich, ohne Anstand ihn in die Tasche zu stecken. »Señor Senator, ich sehe, Sie sind ein Ehrenmann«, meinte er. »Seien Sie versichert, daß ich Kopf und Kragen an die Erhaltung der Hazienda setzen werde. Aber ich glaube, es ist Zeit, uns wieder nach diesen Hunden von Apatschen umzuschauen. – Komm, Cortina, wir wollen den Posten auf der Mauer einnehmen.« Cortina war einer der gräflichen Reiter, ein Kerl, der in dem Ruf stand, während seiner mehrjährigen Abwesenheit aus dem Lande als Flibustier, als Seeräuber zwischen den Karaibischen Inseln gekreuzt und der Mannschaft von mehr als einem Schiff auf einem raschen Weg zum ewigen Leben verholfen zu haben. Auch er hatte sich in Guaymas der Truppe des Grafen angeschlossen. Das Licht des Mondes begann zu erblassen; im Osten über der Sierra Madre röteten sich die Wolken als Vorboten des Tages. Die Apatschen hatten ihre Zeit unterdes nicht verloren. Es ist ein Charakterzug der nordamerikanischen Indianer, daß sie bösen Tatsachen gegenüber sich nicht in nutzloses Bedauern verlieren, sondern dem Geschehenen sofort Rechnung tragen. Die Hauptmacht der Apatschen unter dem Befehl der beiden Häuptlinge der Mescaleros und der Gilenos belief sich mit den Kriegern des Grauen Bären auf etwa hundert Köpfe und war jetzt anscheinend auf der Hügelseite der Hazienda zur Beratung vereinigt. In der Dunkelheit vermochte man ihre Bewegungen nicht deutlich zu sehen; aber das Geheul und das Umherjagen einzelner Reiter außerhalb der Büchsenschußweite verkündeten zur Genüge ihre Anwesenheit und ihren ungebrochenen Angriffsgeist. Etwa fünfzehn Minuten waren verstrichen; das wachsende Tageslicht erhellte immer mehr die Umgebung. Dann sahen die Verteidiger der Hazienda eine seltsame Erscheinung. Auf der ganzen Front der Hügelseite rückten Büffel und Kühe in gleichmäßig stolperndem Gang gegen die Feste an. Dies geschah langsam; die Tiere schienen nur widerwillig den Weg zu nehmen. Aber sie näherten sich fort und fort und rückten dabei immer näher zusammen. Es war unnütz, gegen diese blökenden und brüllenden Geschöpfe eine Kugel zu verschwenden. Der Haziendero stand mit Morawski auf der Plattform seines Hauses. Sie hatten Escobedo und dessen Gefährten Cortina als die Verschlagensten des Trupps zu sich gerufen und berieten mit ihnen über die nächsten Maßnahmen. »Przeklecie! – Diese Geschichte gefällt mir nicht!« sagte der Pole. »Ich liebe dieses wandernde Vieh nicht!« »So begreifen Sie nicht, was es bedeutet?« »Der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Ahnung habe!« »Caramba! Es sind die Indianer, die sich unter diesem Schutz uns nähern. Sie haben einen Teil der Rinder bei deren Flucht eingefangen und benutzen sie nun als wandernde Bollwerke gegen unsere Kugeln. – Señor Escobedo, sind Sie zufällig ein guter Schütze?« »0 si! Was man so in den Grenzkriegen lernt! Aber ich denke doch, immer noch genug, jenem braunen Schurken dort das Bein zu zeichnen, das er so unvorsichtig vorstreckt!« Eine Bewegung hinter dem Tier bewies, daß der Schuß getroffen hatte. Die lebendigen Kugelschirme blieben im Vorrücken und kamen näher und näher. Der Schuß Escobedos hatte das Zeichen zu einem allgemeinen Feuer der Verteidiger gegeben. Mehrere Rinder wurden von den Kugeln getroffen und stürzten, da sie gefesselt waren, zu Boden. Mit ihnen warfen sich sogleich die Indianer, die sich durch ihren Körper geschützt hatten, nieder und deckten sich auch jetzt noch durch die getöteten oder verwundeten Tiere. Andere rückten glücklicher vor, und bald zeigte sich ihre eigentliche Absicht. Von zwanzig Stellen zugleich flog, sobald die Apatschen nah genug waren, ein Hagel von Pfeilen, mit angezündetem Moos umwickelt und in das Harz der Fichte getaucht, gegen die Gebäude der Hazienda. Zugleich begann der nachrückende Haupttrupp der Indianer, so weit er mit Flinten und Büchsen bewaffnet war, ein Feuer gegen die Fensteröffnungen und die Brustwehren des Daches und der Mauer. Sie zielten meistenteils schlecht, doch durch die Masse wurden die Verteidiger stark behindert. Die Hauptgebäude waren von Stein erbaut, und die Dächer bestanden aus schweren Balken der Steineiche; trotzdem blieben viele Teile der verderblichen Einwirkung der fliegenden Brander preisgegeben. Das wußten die Indianer sehr wohl. Ihren lebenden Wall verwandelten sie in der genügenden Nähe selber in einen toten; sie stachen die geängsteten Tiere nieder und verbargen sich hinter den noch zuckenden Leibern und sandten Pfeil auf Pfeil, Brander auf Brander. Die Mexikaner hatten alle Hände voll zu tun, die an einigen Stellen emporleckenden kleinen Flammen mit dem bereitgehaltenen Wasser zu dämpfen. Ein höllisches Jubelgeschrei der Apatschen verkündete, daß sie einen Erfolg errungen. Aus dem Hof der Hazienda stieg eine dunkle Rauchsäule in die klare Morgenluft; rote Flammen züngelten ihr nach. Einer der hoch im Bogen über die Gebäude geschossener Brander war im Innern des Gehöftes auf einen mit Rohr gedeckten Schuppen gefallen, in dem Maisstroh und getrocknetes Futter für die Haustiere aufbewahrt wurden. Die Gefahr war nicht gleich von den Männern im Hofe bemerkt worden; als der Haziendero ihnen vom Dach des Hauptgebäudes her zurief, hatte das Feuer schon gezündet. Die Flamme lief mit Windesschnelle über das leicht brennende trockene Zeug und loderte bald hoch auf. Der Schaden und die Gefahr waren zwar nicht so groß, wie die Indianer gehofft hatten. Der Schuppen stand etwas abgesondert und konnte leicht preisgegeben werden. Aber in seiner Nähe befand sich der Pferch der Pferde, und diese, von dem Geschrei und dem Schießen erschreckt und von dem Anblick des Feuers noch wilder gemacht, versuchten auszubrechen. Mehreren gelang es auch; eine Anzahl Vaqueros wurde dadurch gezwungen, ihre Posten aufzugeben und die Pferde wieder zurückzutreiben, die eine heillose Verwirrung in dem Hof anrichteten. Das Schnauben und Stöhnen der Rosse, das Brüllen der Rinder, das Geheul der angreifenden Indianer, begleitet von dem fortwährenden Krachen der Büchsen, das alles vereinigte sich zu einem unbeschreiblichen Lärm. Über diesen hin erhob sich plötzlich ein so gellender, langgedehnter Ton, daß man kaum glauben mochte, er komme aus einer menschlichen Kehle. Die erfahrenen Mitglieder der kleinen Schar Don Estebans wußten, was er bedeuten sollte: es war das Zeichen des Häuptlings der Apatschen zu einem allgemeinen Sturm. Die Morgendämmerung erlaubte jetzt deutlich die Anstürmenden zu sehen. Den Kugeln der bedrohten Weißen trotzend, stürmten die dunklen Haufen der indianischen Krieger, die sich bisher außer Schußweite gehalten, heran. Viele von ihnen trugen die in ihrem Lager am Abend vorher zwar roh, aber zweckmäßig gefertigten Sturmböcke zum Erklimmen der Mauer. Reiter galoppierten mit rasender Eile hin und her, schossen ihre Flinten gegen die Mauern ab und boten mit ihren schnellen Windungen auf ihren Pferden nur ein unsicheres Ziel. Mit Schrecken bemerkte der Senator, daß der Angriff sich nicht nur auf die westliche Seite der Hazienda beschränkte. Es war, als ob die Apatschen aus der Erde wüchsen. Plötzlich tauchten sie auch auf den Seiten der Hohlwege auf, erstiegen die Felswand und griffen den vorderen Eingang an. Don Esteban aber mußte dort den alten Geronimo, dem er diesen Posten anvertraut, sich selber überlassen; der günstige Augenblick, den Hauptangriff zu vereiteln, durfte nicht verpaßt werden. »Fertig, Señor Teniente?« »Fertig, Pan!« erwiderte der alte Morawski und schwang eine brennende Lunte. Mit Hilfe Slongs und Browns schob er eine kleine Karronade, ein Geschütz von den beiden Schiffen des Grafen Raousset-Boulbon, durch die Brustwehr und richtete sie auf den Abhang. Der Senator wartete, bis die Masse der Anstürmenden noch etwa fünfzig Schritt entfernt war. Dann hob er die Rechte. »Feuer!« Der Schuß krachte. Die Karronade war bis zur Mündung mit Kugeln, Schrot, alten Nägeln und Bleistücken gespickt gewesen; die Wirkung dieser Ladung mußte also, da der Pole sie vorzüglich gerichtet, mörderisch sein. Mehr als dreißig Indianer stürzten verwundet oder tot zu Boden. Ein panischer Schrecken ergriff die Stürmenden; die meisten machten trotz den Drohungen des Grauen Bären halt und flohen eilig zurück. Nur etwa zehn Krieger gelangten bis an die Mauer, den Balkon und die Tore; sie setzten sich dort in verhältnismäßiger Sicherheit fest. Die Verteidiger vermochten sie mit ihren Büchsen nicht zu erreichen, ohne sich über die Mauern hinauszubeugen und so sich selber den Schußwaffen der Roten preiszugeben. Trotzdem konnte der Angriff auf dieser Seite als nochmals abgeschlagen angesehen werden und die Aufmerksamkeit des Haziendero sich auf den vorderen Teil der Umfassungsmauer und den dortigen Eingang richten. Es war die höchste Zeit, daß dorthin Hilfe gebracht wurde. Die kleine Mannschaft, der dieser Posten anvertraut worden, war nahe daran, überwältigt zu werden. Schon an drei Stellen hatten die Apatschen die Höhe der Mauer erstiegen und suchten sich Mann gegen Mann mit Messer und Tomahawk zu behaupten. Der Ruf Don Estebans jagte ein Dutzend Männer nach jener Seite; sie kamen noch zu rechter Zeit, das weitere Vordringen der Indianer zu verhindern. Mit Kolben und Messern warfen sie die roten Krieger wieder von den Mauern. Doch konnten sie ein Unglück nicht verhindern, dessen Geschehen der Senator bei dem jetzt herrschenden vollen Morgenlicht mit ansah und das ihn mit tiefem Schmerz erfüllte. Der alte Geronimo hielt seinen Posten in dem Wachttürmchen über der kleinen Pforte, die den spitzen Winkel der beiden Langseiten bildete. Von dort aus hatte er die Verteidigung geleitet und trotz seinem Alter wiederholt sich der größten Gefahr ausgesetzt, als es der Übermacht der Indianer gelang, an einigen Stellen die Mauern zu erklimmen. Während nun die herbeieilende Verstärkung auf dem Rundgang im Innern der Mauer mit den Apatschen handgemein war, sie töteten oder zurücktrieben, hatte sich einer der indianischen Krieger, ein großer, kräftiger Kerl, von der hölzernen Galerie in das Innere des Hofes geschwungen. Er eilte nach der Pforte und begann, die schweren Querbalken, die sie schlossen, aus ihren Klammern zu heben. Der greise Haushofmeister allein hatte die Tat bemerkt; seine Flinte war abgeschossen, aber, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, sprang er von der Brüstung herab, um den Roten, der schon einen Balken beseitigt hatte, an seinem verderbenbringenden Unternehmen zu hindern. Der Sprung war für die nicht mehr so federnden Muskeln des alten Mannes zu hoch; er stürzte, fast vor den Füßen des Apatschen, zu Boden. Dennoch umklammerte er, sich auf seine Knie erhebend, ohne Zögern die Beine des Roten und versuchte ihn von der Tür fortzuziehen. Der Indianer ließ gezwungen die Hand von dem zweiten Balken und schwang den Tomahawk gegen seinen wehrlosen Feind zum tödlichen Hieb. Das war, was der Haziendero von der Plattform des Hauses mit ansah; außer ihm bemerkte es nur noch der Methodist Slong, der eben sein Gewehr wieder lud. Die Verwirrung im Hof, die hin und her rennenden Pferde, die die Vaqueros bei dem allgemeinen Angriff wieder hatten freigeben müssen, die Feuersbrunst und der Kampf auf der Mauer nahmen alle anderen voll in Anspruch. Die Büchse Don Estebans war gleichfalls abgeschossen. Er streckte nur den Arm nach der Stelle hin und rief dem Methodisten zu: »Dort – hundert Dollars, wenn Ihr ihn rettet!« Master Slong hob gerade die Flinte, als der Tomahawk des Indianers niedersauste. Durch eine rasche Wendung des Kopfes entging der alte Mann zwar dem augenblicklichen Tode, aber das Beil traf mit voller Wucht seine Schulter und grub sich tief zwischen Achsel und Hals ein. Mit einem Schmerzensschrei fiel der Greis neben seinem Feinde nieder, ohne ihn loszulassen; er gewahrte es kaum noch, daß dieser im nächsten Augenblick selber über ihn hin zusammenbrach. Die Kugel Slongs hatte ihm den Schädel zerschmettert. Don Esteban stieg sofort vom Dach und eilte dem treuen Geronimo zu Hilfe. Ein paar Peons hatten ihn, nachdem die dringendste Gefahr abgewendet war, schon aufgehoben. Geronimo war bewußtlos; der Haziendero ließ ihn in die Halle des Hauptgebäudes schaffen, damit ihm dort von den Händen der Frauen soviel wie möglich Hilfe geleistet werde. Die Indianer hatten sich, bis auf die zehn Krieger, die am Fuß der Tore und unter dem Balkon des Hauptgebäudes in verhältnismäßiger Sicherheit lagen, auf allen Seiten zurückgezogen. Mehr als dreißig Leichen bedeckten den Kampfplatz vor der Hazienda, aber auch die Verteidiger hatten schwere Verluste erlitten. Außer dem Haushofmeister waren sieben Männer gefallen und fast die doppelte Zahl hatte durch Kugeln und Pfeile oder durch die Hufe der wild gewordenen Tiere Wunden davongetragen. Die meisten der Verletzten waren jedoch noch kampffähig; sie benutzten die augenblickliche Ruhepause, sich, so gut es anging, verbinden zu lassen. Nur in seltenen Fällen kommt es vor, daß die Indianer einen abgeschlagenen Angriff erneuern; daß dies also nach dem zweimaligen Mißglücken geschehen sollte, ließ sich infolgedessen kaum annehmen. Die Verteidiger der Hazienda gaben sich der Hoffnung hin, vorläufig von ihren Bedrängern befreit zu sein. Aber sie hatten sich getäuscht. Das volle Morgenlicht ließ bald erkennen, daß die Indianer sich wieder in einiger Entfernung sammelten und offenbar Kriegsrat hielten. Der Graue Bär und die Rote Schlange vereinigten den wilden ungebeugten Mut und die teuflische Schlauheit zu Unheil und Verderben für die Belagerten. Ein großer Teil der mit Flinten bewaffneten Krieger wurde von den Häuptlingen wieder gleich einer Plänklerkette bis auf Schußweite vorgeschickt. Sie suchten hinter den gefallenen Tieren, den Pfählen des Corrals und selbst den Leibern ihrer toten Kameraden, so gut es anging, Deckung, und unterhielten ein wechselndes Feuer gegen die Mauern; die Verteidiger mußten sich vorsichtig im Schutz der Brüstungen halten. Auf diese Weise blieben auch die indianischen Krieger am Fuß der Mauern vorläufig noch unentdeckt oder wenigstens ungefährdet. Die Hauptmacht der Indianer lagerte sich weiter draußen; der Haziendero bemerkte mit Erstaunen, daß sich ein zahlreich berittener Trupp nach allen Seiten hin zerstreute. Don Esteban war ein vorsichtiger Mann und benutzte die gegebene Frist, im Innern der Hazienda alle Unordnung zu beseitigen und seine kleine Feste wieder in vollen Verteidigungszustand zu bringen. Der in Flammen gesetzte Schuppen war niedergebrannt; er hatte den nächsten Gebäuden keinen weiteren Schaden getan. Die scheu gewordenen Pferde waren wieder eingefangen und gefesselt; die Leute hatten wieder frische Munition. Dagegen war die Karronade nutzlos geworden; das Rohr, wahrscheinlich infolge der Überladung, wies einen beträchtlichen Sprung auf. Zweimal besuchte der Haziendero während dieser Beschäftigung den verwundeten Geronimo. Er war noch immer bewußtlos; auch der Unerfahrene mußte erkennen, daß, selbst wenn der Greis wieder zum Bewußtsein kommen sollte, doch sein Leben verloren war. Schmerzlich empfanden alle diesen Verlust; der alte Mann war nicht bloß bei seinem Herrn, sondern auch bei allen auf der Besitzung hoch angesehen und beliebt. Master Slong war nicht der Mann, seinen guten, wenn auch zu späten Schuß zu vergessen. Er strich um Don Esteban und das Krankenlager herum und erwischte bald eine günstige Gelegenheit, um den Haziendero an sein Versprechen zu erinnern. »Welches Versprechen?« »O, Gott schlägt seine Streiter mit Vergeßlichkeit, Señor! – Wahrlich, hundert Dollar sind auch gering genug für eine tapfere Tat!« Dann bewies er mit einem salbungsvollen Wortschwall, daß, wenn auch sein Schuß den Mayordomo nicht mehr zu retten vermocht, er ihn doch jedenfalls gerächt hätte, und daß er daher wohl ein Anrecht auf die versprochene Belohnung besäße. Don Esteban begnügte sich mit schweigendem Erstaunen über diese edle Unverschämtheit und händigte ihm sechs Dublonen ein, die Slong mit einem bibelspruchgetränkten Dank und so vergnügtem Grinsen, als befinde sein Schopf sich in größter Sicherheit, in die Tasche der Hosen schob, die er wenige Stunden vorher von dem sterbenden Haushofmeister erhalten hatte. Leutnant Morawski sandte einen Boten an den Haziendero nach der großen Halle und ließ ihn bitten, schleunigst wieder auf die Plattform zu kommen; er wisse nicht, was er aus dem Treiben der Indianer machen solle. Der Senator eilte hinauf. Die Sonne stand schon seit einer Stunde über dem Horizont und erlaubte, jede Bewegung des Feindes zu erkennen. Die Morgennebel hatten sich zerteilt; der Wind strich scharf von der Ebene her gegen das Gebirge und zerriß die letzten Dunstfetzen an den Mauern der Hazienda. In Flintenschußweite ungefähr hatten die Roten begonnen, an drei der Front der Gebäude gegenüberliegenden Stellen Haufen von Reisigbündeln und Gesträuch aufzustapeln. Das Schießen der Besatzung hatte sie wenig daran hindern können; erstaunt sah der Senator fortwährend von allen Seiten Reiter herangaloppieren, die neuen Vorrat an Reisig und Buschwerk brachten. Manche trugen, wie man deutlich sehen konnte, Tiere herbei, offenbar die Beute ihrer Jagd; jedoch vermochte man bei der Entfernung deren Gattung nicht zu erkennen. Andere schleppten Bündel von Kräutern, noch andere endlich waren beschäftigt, die Füße und Köpfe der gefallenen Stiere abzuschneiden und sie zu den Reisighaufen zu tragen. Einen Augenblick glaubte der Haziendero, die Apatschen träfen Anstalt zu einer regelrechten Belagerung der kleinen Feste und zur Morgenmahlzeit nach den Anstrengungen der Nacht. Aber bald sagte ihm bessere Überlegung, die Indianer würden sich schwerlich mit einer Einschließung der Hazienda aufhalten. Sie wußten sicherlich, daß es den Verteidigern nicht an Vorräten fehlte – es mußte sich also offenbar um eine neue Teufelei handeln. Er ließ daher alle Leute wieder auf ihre Posten rufen und empfahl ihnen doppelte Aufmerksamkeit. Die Apatschen steckten nun die drei Holzhaufen in Brand und begannen die Klauen und Hörner der Stiere und die Kräuter auf die sich entwickelnde Glut zu werfen. Ein dicker stinkender Qualm erhob sich von den drei Stellen; er wurde mit jedem Augenblick dichter und der Morgenwind trieb ihn in schweren Rauchwolken gegen die Hazienda. Nach wenigen Minuten war das ganze Gehöft in den übelriechenden Rauch gehüllt; die Luft wurde ringsum so verpestet, daß den Verteidigern das Atmen schwer wurde; nur die Lunge und Nase eines Indianers konnte vielleicht solche Gerüche vertragen. Fort und fort häuften die Apatschen neue Mengen auf die Glut. Unterdes sah man einen jungen, unbewaffneten Krieger in einer Büffelhaut etwas schleppen, zwischen den Feuern hervorkommen und auf die Hazienda zuschreiten. Auf den Brustwehren und Bollwerken herrschte Entsetzen und Bestürzung. Die Leute der Kompagnie des Polen hatten schon größtenteils ihre Posten verlassen, selbst die Eingeborenen vermochten kaum in dem Gestank auszuhalten. Überall Augenwischen, Schnauben, Husten und bittere Verwünschungen gegen das teuflische Verfahren der Roten. »Was will dieser Schurke dort?« fragte hustend und schnaubend der Senator, der sich kaum noch auf dem Dach zu halten vermochte. »Hat denn niemand eine Kugel für den Satan?« Mehrere Schüsse wurden auf den Apatschen abgefeuert; keiner traf; denn die Augen tränten und verursachten ein unsicheres Zielen. Der Indianer näherte sich bis auf etwa dreißig Schritt der Hazienda. Es war Miaukih, der Springende Stier, der gleiche junge Mann, dem auf seinem ersten Kriegszug mit einem tapfer auf seinem Posten gefallenen Kameraden die Bewachung der Pferde in der Nähe des überfallenen Indianerlagers anvertraut gewesen und der feig entflohen war, als Kreuzträger und seine Gefährten sich der Rosse bemächtigten. Seine Flucht hatte ihm bei seinen Kameraden Schimpf und Hohn eingetragen. Nur der Graue Bär hatte geschwiegen und kein Wort gesagt, obgleich der Geächtete der Sohn seiner einzigen Schwester war. Jetzt, nachdem die verderblichen Feuer angezündet worden, rief er ihn in den Kriegsrat der Häuptlinge und gab ihm den Auftrag, in dessen Ausführung er jetzt begriffen war. Dieser Auftrag bedeutete den sicheren Tod; aber in den Begriffen seines Stammes erzogen, war ihm dieser Tod zehnfach willkommener als der Vorwurf der Feigheit. Er nahm nach dem Befehl des Häuptlings die Büffeldecke, füllte die Hautseite mit glühenden Holzkohlen und empfing einen Beutel, in den die zurückgekehrten Jäger gewisse Teile der von ihnen erlegten Tiere getan hatten. Dann, ohne ein Wort des Abschieds an seine Verwandten oder Kameraden, ja, ohne den Kopf nach ihnen zu wenden, trat er seinen Todesweg an. Die unsicheren Kugeln der Weißen verschonten ihn zunächst. Als der Apatsche bis auf dreißig Schritt an die Mauer gekommen war, legte er die Haut mit den Kohlen auf den Boden, warf einige Büschel trockenes Gras auf sie und öffnete den Beutel. » Por amor de Dios! « keuchte der Senator. »Gestank der siebenten Hölle!« prustete Hesekiah Slong. »Das ist unheiliges Gift für die Wohlgerüche Jerusalems!« Sagte es, hielt sich die Nase und floh hinunter vom Dach. Don Esteban blickte ihm verächtlich nach. »Ich glaube,« sagte er, »seit die beiden Tigreros, der brave Eisenarm und sein Freund Wonodongah, die Hazienda verlassen, besitzt sie keine halbwegs taugliche Büchse mehr! – Reicht mir die meine her!« Er nahm alle Kraft zusammen, dem Rauch zu trotzen. Lange und sorgfältig zielte er, das Gewehr auf die Brustwehr der Mauer gelegt, ehe er abdrückte. Der Schuß krachte – man sah den jungen Roten eine krampfhafte Bewegung der Hand nach der Brust machen und einen Augenblick schwanken. Doch bald gewann er seine Haltung wieder, öffnete den Beutel vollends und begann, seinen Inhalt auf die glühenden Kohlen zu schütten. »Eine andere Büchse!« befahl der Haziendero. »Ich möchte wissen, was der rote Satan dort tut!« Einer der Rostreadores reichte ihm sein Gewehr; diesmal zielte der Senator noch sorgfältiger. Abermals krachte der Schuß. Der Apatsche warf die Arme in die Höhe, drehte sich um sich selber und stürzte zu Boden; die erste Kugel hatte seine Brust durchbohrt, die zweite ihn in die Stirn getroffen. Er war tot – aber er hatte seinen Auftrag ausgeführt. In den Wigwams seines Stammes und an den Lagerfeuern konnte sein Name nicht mehr mit Verachtung genannt werden ... Von den glühenden Kohlen erhob sich jetzt ein weißer, dicker Qualm; vom Wind getragen, mischte er sich mit dem Rauch der drei großen Feuer. In wenigen Augenblicken gelangten die ersten Rauchwellen an die Hazienda. Der alte Rostreador, der bei seinem Herrn bisher auf der Plattform ausgehalten, sog die ersten Spuren mit weit geöffneten Nüstern auf. Dann stieß er einen grimmigen Fluch aus und riß den Haziendero zur Treppe, die in den untern Teil des Gebäudes führte. »Verflucht sei der Schoß, der den Henkersknecht geboren! – Jetzt, Señor Senator, weiß ich, worauf die Schurken Jagd gemacht haben! Es waren Chingas, Stinktiere, deren Beutel die Teufel ausgeschnitten haben!« Der Haziendero erschrak. Er hatte lange genug auf seinen Landgütern gelebt, um zu wissen, welch entsetzliche Wirkung der Geruch jener ätzenden Flüssigkeit ausübt. Die Stinktiere tragen sie in einer Hauttasche am After und erwehren sich mit ihr ihrer Feinde. Der Mephitis gehört zu den bärenartigen Fleischfressern, ist ohne den Schwanz etwa fünfzehn Zoll lang. Die mexikanische Gattung hat ein schwarzes Fell mit weißem Rücken und wird von den Indianern gegessen, nachdem sorgfältig nach seiner Erlegung der Drüsenbeutel ausgeschnitten ist. Ein Tropfen dieser Flüssigkeit in die Augen gespritzt genügt, um Mensch oder Tier erblinden zu machen. Der Geruch ist so scharf, daß ihn, abgesehen von den abgehärteten Indianern, kein Mensch ertragen kann und alles vor ihm flüchtet. Der Senator begriff daher: solange die Wirkung dieses satanischen Mittels dauerte, war an eine Gegenwehr und Verteidigung der Hazienda nicht mehr zu denken. Sobald der Geruch sich verbreitete, flüchtete alles, was noch dem stinkenden Rauch der Feuer widerstanden hatte. Es war ein wahrhaft pestilenzialischer und betäubender Qualm, und die Menschen warfen sich in den untersten Räumen auf den Boden. Die Hazienda blieb wohl zehn Minuten lang ohne Verteidiger. Auf diese Folge hatten die Indianer gerechnet. Kaum überzeugte sie die gänzliche Einstellung des Feuers, daß die Mexikaner sich von den Mauern geflüchtet hatten, als die ganze Schar vorwärts stürmte und aufs neue den Versuch machte, die Mauer zu ersteigen. Die Krieger, die sich schon vorher an die Schwelle der Tore und unter dem Balkon des Mittelbaues versteckt gehalten, waren die ersten. Sie versuchten die Eingänge aufzusprengen und in das Innere zu dringen. Die rohen Leitern wurden an wohl zehn Stellen angelegt; einer kletterte auf die Schultern des andern, und so suchten sie die Höhe der Mauern zu erklimmen. Der Graue Bär hatte sich den Zugang über den Balkon in das Gemach der Dolores vorbehalten, wie er ihn schon einmal früher gemacht hatte, aber von Wonodongah dabei besiegt worden war. Jetzt traf der Häuptling zu seinem zweiten Besuch besondere Anstalten. Vier Indianer trugen zwei der stärksten Pfähle der Umzäunung herbei und hoben sie auf den etwa in Mannshöhe vom Boden befindlichen Altan. Die Eisenstangen des Fallgitters, mit dem nach dem früheren Überfall der Zugang in das Innere des Hauses verschlossen war, widerstanden den Stößen der Balken; aber dann gelang es, ihre Spitzen zwischen die Stangen zu zwängen und sich ihrer als Hebel zu bedienen. Nun bog die gewaltige Kraft des Grauen Bären sie aus den Fugen. Mit Siegesgeheul drangen sie in das innere Gemach; ihre Tomahawks donnerten gegen die Türen, die den Salon der jungen Haziendera von den Seitengemächern und der großen Halle schieden. Zugleich verkündete ein wildes Triumphgeschrei aus der Höhe, daß es den Indianern gelungen war, an verschiedenen Stellen die Mauer zu ersteigen. Die Frauen und Kinder, die sich in der großen Halle geborgen, flüchteten jammernd in den Hof; selbst die Schwerverwundeten wankten und krochen, so gut sie es vermochten, über die Schwelle – nur der bewußtlose, sterbende Mayordomo Geronimo blieb in der Halle zurück. In diesen Augenblicken der höchsten Gefahr ermannten sich die Verteidiger. Wenn auch noch immer der stinkende Rauch die Luft verpestete, so hatte doch der Wind die dicksten Wolken schon zerstreut und mit sich fortgeführt. Die Leute der Hazienda hatten sich in die äußerste Ecke des Gehöfts geflüchtet. Der Senator, Morawski und auch Escobedo beschworen die Entmutigten, sich wieder aufzuraffen und den erbarmungslosen Feinden mit den Waffen entgegenzutreten. Master Slong jedoch warf seine Büchse zu Boden, stürzte auf die Knie und heulte; er hob die Hände zitternd zu den Seitengebäuden über den Toren. »Der Tag des Gerichts ist da!« jammerte er. »Gott Zebaoth, erbarme dich unserer Sünden! Sie kommen! Sie kommen!« Vier, fünf Apatschen erschienen auf der Plattform der unteren Dächer und sprangen in den Hof, andere folgten ihnen – unter den wuchtigen, von zwanzig Armen ausgeführten Stößen der Corralpfähle krachte eines der Tore und brach aus seinen Angeln. Die Hazienda war verloren. In der Höhle der Verdammten Der Zug Kreuzträgers und seiner Gefährten setzte, während sich der Verzweiflungskampf um die Hazienda abspielte, mit möglichster Beschleunigung, jedoch mit der größten Vorsicht seinen Weg fort. Mehrmals machte der erprobte alte Führer halt; er lauschte, das Ohr auf dem Boden, und einmal rief er sogar Wonodongah herbei, in dessen scharfe Sinne er großes Vertrauen setzte, um sich über ein fernes Geräusch oder den einzuschlagenden Weg mit ihm zu verständigen; denn er wußte, daß Wonodongah als Jaguarjäger, als Tigrero, einige Zeit mit seinem Freunde Eisenarm in der Umgegend der Hazienda umhergestreift war. Während dieses Haltes nahm Eisenarm die Stelle seines jungen Freundes an der Sänfte des verwundeten Kleist ein. Bei dieser Gelegenheit versuchte der Mestize Volaros zurückzubleiben; aber Eisenarm bedeutete ihm sehr ernst, daß er bei einer Wiederholung eine Kugel durch den Kopf oder einen Messerschnitt durch die Kniesehnen erhalten würde Vergleiche die Bände »Die Abenteurer der Sonora« und »Zu den Quellen des Buenaventura«. . Jedem weiteren Versuch machte übrigens Lord Drysdale durch den Befehl an Volaros ein Ende, mit Wonodongah und Diaz im Tragen des verletzten Offiziers abzuwechseln. Kreuzträger und Eisenarm hatten anfangs gehofft, die Hazienda del Cerro noch vor Anbruch des Tages, also vor dem Angriff der Apatschen erreichen zu können. Sie vermuteten richtig, daß der Angriff von der Ebene her erfolgen werde und wußten, daß man in der Hazienda auf jedes Zeichen achten würde, wollten sie den östlichen Eingang gewinnen. Dies wäre vielleicht geglückt, wenn nicht zwei Umstände diesen Plan durchkreuzt hatten. Der erste und schlimmste war die Verzögerung ihres Marsches durch den Verwundeten. Eisenarm hatte allerdings einmal den Vorschlag gemacht, ihn in einem sicheren Versteck zurückzulassen, bis man ihn von der Hazienda holen könne; aber Kreuzträger und Wonodongah erklärten sich aufs bestimmteste dagegen. So mußte man sich in die Verzögerung finden. Die Zeit kurz vor Anbruch des Tages war schon herangekommen und die Gesellschaft noch eine volle Legua von der Hazienda entfernt. Plötzlich sah man in der Richtung der Hazienda eine feurige Garbe in die Wolken schießen und in der Höhe zu hundert Sternen sich auflösen. Gleich darauf trug ihnen der Wind den dumpfen Schall entfernten Büchsenfeuers zu. Kreuzträger machte sogleich halt. »Donnerwetter!« sagte er. »Die Teufel haben schon ihr Spiel begonnen! Aber unsere Freunde haben sich nicht überraschen lassen, wie die Feuerkugel beweist. – Legt den Offizier sanft nieder, Burschen. Wir müssen beraten, was wir jetzt noch tun können, um ihnen zu Hilfe zu kommen! – Ich denke, vier gute Büchsen im Rücken der Schurken würden nicht übel wirken.« Man beschloß, daß Kreuzträger und Wonodongah einen Versuch machen sollten, den Verteidigern Beistand zu bringen; Eisenarm dagegen sollte mit Diaz, den Frauen und den Gefangenen vorläufig zurückbleiben. Die Männer waren noch in der Besprechung des Planes begriffen, als Wonodongah, der Toyah, die Hand auf den Arm seines Freundes legte. »Uff!« Der Trapper wandte sich zu ihm. »Was ist, Jaguar?« Der Komantsche stand in der Haltung eines aufmerksam Lauschenden und begnügte sich, ein Zeichen des Schweigens zu machen. Alles schwieg; keiner wagte ein Geräusch zu verursachen. Nach einigen Augenblicken hörte man das Wiehern eines Pferdes. Es kam aus großer Entfernung; das Tier mußte sich zwischen ihnen und der Hazienda befinden. Gleich darauf antwortete das Wiehern mehrerer Gäule. »Caramba!« flüsterte Eisenarm. »Wonodongah hat recht. – Die Indianer müssen zwischen uns und dem Hause Posten aufgestellt haben, und zwar nicht wenige, nach den Pferden zu schließen.« »Meine weißen Freunde mögen sich kurze Zeit gedulden«, sagte Wonodongah. »Ich werde ihnen Nachricht bringen.« Ohne eine Einwilligung abzuwarten, lehnte er seine Büchse an einen Felsblock und verschwand im Dunkel. Schweigend ließen sich die Männer auf dem Boden nieder. Ab und zu kam der matte Schall eines Schusses aus der Ferne herüber. So verging etwa eine halbe Stunde. Plötzlich tauchte, geräuschlos wie ein Schatten, Wonodongah vor ihnen auf. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff er den Zügel des Maultieres, das die Senora Dolores trug, und zog es zurück. »Zum Henker, was gibt's da unten? Sprich!« Der Komantsche hielt sich mit einer Antwort nicht auf, sondern setzte eilig den Rückweg fort. Erst als sie zwischen den Bergen und Steinblöcken außer Hörweite waren, blieb er einen Augenblick stehen und erwartete die anderen Mitglieder der Gesellschaft, die ihm widerspruchslos gefolgt waren. Sie wußten, daß der erfahrene Komantschenhäuptling zu seinem sonderbaren Tun triftige Gründe haben mußte. »Mein weißer Bruder«, sagte Wonodongah zu Kreuzträger, »hat von einem Versteck gesprochen, in das er die Pferde gebracht hat und wohin er sich bei einer Gefahr zurückzuziehen gedachte. Will er mir sagen, ob wir weit von ihm entfernt sind?« »El Crucifero meint das Tal der Verdammten, Jaguar«, antwortete für Kreuzträger der Trapper Eisenarm. »Gut! Dann ist unsere Absicht die gleiche. – Kommt!« »Aber warum gehen wir zurück?« »Mechocan, der Fliegende Pfeil, ist mit zweihundert Reitern der Mimbreños zwischen uns und der Hazienda; er bewacht den Weg.« Gegen die sonstige Gewohnheit der Indianer hatten Wiscon-tah und der Graue Bär die Vorsicht besessen, in den Kriegern der Mimbreños sich eine Art Rückendeckung zwischen der Hazienda und dem Gebirge aufzustellen, die zugleich den Zweck hatte, jeden Fluchtversuch der Besatzung nach dieser Seite zu vereiteln. »Aber mein Vater?« bat voll Angst Dolores. »Um der heiligen Jungfrau willen, verlaßt meinen Vater nicht in der Gefahr!« »Der große Gott der Weißen wird den Mann mit den hundert Häusern schützen! – Er hat die Mauern von Stein zwischen sich und den Apatschen, und seine Augen sind offen. Wir haben nichts zu dem Schutz der Feuerblume als unsere Vorsicht.« Diese entschiedene Erklärung beendete jede weitere Erörterung. Die stolze Haziendera fühlte den leidenschaftlichen Blick Wonodongahs und senkte die Lider. Die Gesellschaft, an der Spitze jetzt Wonodongah, setzte eilig ihren Weg fort. Zweimal während der beschwerlichen Windungen durch Schluchten und Felsmassen, immer bergauf, hielt Eisenarm an; er lauschte einem Geräusch nach, das an sein scharfes Ohr gedrungen war; da es sich aber nicht wiederholte, beruhigte er sich. Er bemerkte nicht, daß der Krieger, den sie beim Kampf auf dem Lagerplatz unbeachtet zurückgelassen hatten, noch immer wie ein Spürhund unverdrossen ihnen folgte. In etwa einer halben Stunde hatten sie das Versteck erreicht, zur gleichen Zeit etwa, da der Haziendero mit dem Abschießen seiner Karronade den zweiten Sturm der Apatschen abschlug. Der Knall drang, vom Echo der Felsen getragen, bis zu ihren Ohren. Sie erfuhren dabei durch Dolores von dieser wesentlichen Vermehrung der Verteidigungsmittel der Hazienda und hofften nun mit Bestimmtheit auf den Sieg der Besatzung. Das von Kreuzträger bei seiner Spähe am Tage vorher aufgefundene, Diaz und den beiden Tigreros wohlbekannte Versteck bestand aus dem Krater eines vor vielen Jahrhunderten ausgebrannten Vulkans. Der Weg dahin war schwierig genug, und der Ort so gelegen, daß er leicht die Verteidigung einiger entschlossener Männer gegen eine Übermacht gestattete. Die steilen, hoch aufstrebenden und glatten Wände des geräumigen Kraters erlaubten nur an einer Stelle den Zugang in die Tiefe. In der diesem Zugang gegenüberliegenden Kraterwand hatten die Naturkräfte eine tiefe Höhlung gebildet; sie war durch wild umhergestreute aus der Tiefe des jetzt von ihnen geschlossenen Schlundes geschleuderte Steinblöcke noch mehr gedeckt. Kein Baum, kein Strauch, kein Halm belebte die grausige Ode des Kessels; starke Schwefeltränkung des Bodens machte jedes Grünen unmöglich. Im wachsenden Lichte des Morgens, unter dem Wogen des der Erde entsteigenden Nebels bot der Felsenkessel einen phantastischen, geisterhaften Anblick. Das Tal der Verdammten... Fürwahr, die trostlose Umgebung rechtfertigte seinen Namen; selbst beim vollen Lichte der Sonne übte die schauerliche Öde einen nachhaltigen Eindruck. Der Zugang war schwierig zu finden. Doch Wonodongah, der mehr als einmal mit seinem älteren Freunde Eisenarm hier geweilt hatte, schritt ohne Zögern vorwärts, und bald befand sich die kleine Gesellschaft in dem Kessel, wo sie vom Schnauben und Wiehern der dort angepflöckten Pferde begrüßt wurde. Wonodongah und Diaz zündeten in der Höhle ein Feuer an; bei der Kälte, die selbst in den Tropengegenden in den Gebirgen bei Nacht herrscht, war das wegen der Frauen, der Haziendera mit ihrer Zofe und der überanstrengten Schwester Wonodongahs, Comeo, notwendig; außerdem mußte man den giftigen Einwirkungen des Morgennebels begegnen. Bei der Tiefe der Höhle, der Höhe der Kesselwände und der Abgelegenheit war keine Gefahr, daß Flamme oder Rauch zu dieser Zeit ihr Versteck verraten sollten. Als das Feuer brannte, wurden der verwundete Leutnant Kleist, die Frauen und die Gefangenen hineingebracht. Alle fühlten das Bedürfnis nach ein wenig Ruhe und Erquickung; Eisenarm und seine Begleiter hatten seit dem vorigen Morgen nichts zu sich genommen. Dennoch sorgte man zuerst für den Verwundeten. Mit den wenigen vorhandenen Decken bereiteten sie für ihn ein Lager, und im Licht des Feuers begann jetzt der alte Pfadfinder eine genauere Untersuchung der Wunden. Die Kugel mußte in der Seite an den Rippen abgeglitten sein und steckte zwischen ihnen, ohne ein wichtigeres Lebensorgan verletzt zu haben, denn Kleist atmete ohne Beschwer. Mit einem Querschnitt seines Messers holte Kreuzträger die Kugel aus der Wunde. Schlimmer war die Speerwunde im Schenkel. Dabei mußte man sich vorläufig allein auf die Jugendkraft des Kranken und die Kunst Comeos verlassen. In der Kenntnis heilkräftiger Kräuter, wie sie in gewissen Familien der Stämme sorgsam bewahrt und von der Mutter auf die Tochter vererbt wird, wohl erfahren, hatte Comeo, während das Mondlicht noch den Weg beschien und sie neben der Krankenbahre herging, verschiedene Pflanzen zwischen dem Gestein und an den Abhängen gepflückt. Jetzt zerrieb sie das getrocknete Grün zwischen zwei Steinen und legte es auf die Wunden Arnolds von Kleist. Eisenarm nahm inzwischen aus seiner Jagdtasche einen kleinen Vorrat getrockneter Streifen von Hirschfleisch und röstete sie an dem Ladestock seiner Büchse. Der Geruch des schmorenden Fleisches wurde behaglich von allen eingesogen. Das Gespräch drehte sich naturgemäß um den wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes an der Hazienda. Bei ihrer geringen Zahl blieb ihnen keine andere Wahl, als das volle Tageslicht zu erwarten. Dann wollte man auf Kundschaft ausgehen und nach dem Ergebnis weitere Maßnahmen treffen. Der Lord und seine Diener, der verkrüppelte Malaye Mahadrö und der schuftige Volaros hatten sich an der Wand der Höhle niedergesetzt, Volaros tief im Schatten. Wonodongah bewachte den Eingang. Seine schwarzen Augen glitten häufig über die kleine Gesellschaft; dabei blieben sie oft auf dem bleichen, stolzen Antlitz der schönen Haziendera haften. Die Fleischstreifen mundeten allen; selbst Dolores verschmähte sie nicht. »Fürwahr,« sagte Kreuzträger und wischte mit dem Ärmel seiner Bluse den Mund. »Ihre Fleischschnitten, Companero, waren vortrefflich; aber ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich einen guten Trunk dazu sehr vermisse, und wenn es nur frisches Quellwasser wäre.« Lord Drysdale machte eine gebietende Bewegung gegen Volaros. »Geben Sie!« »In der Tat«, sagte der Mestize, »ich habe eine Flasche vortrefflichen Rum in meiner Tasche; es soll mich freuen, wenn ich damit unsern Beitrag zu dem Frühmahl bringen kann.« Er zog eine dunkle, weitbauchige Flasche aus seiner Umhangtasche, deren Aussehen schon ihren Ursprung von den westindischen Inseln verkündete, und bot sie, linkisch aus dem Dunkel hervortretend, dem Kreuzträger. Der Blick des alten Pfadfinders richtete sich gleichgültig auf den Mestizen, aber er wurde plötzlich ernst. »Lassen Sie die Flasche weitergehen,« sagte er mit gewaltsam unterdrückter Aufregung, »ich liebe dies Getränk nicht!« Volaros reichte die Flasche an Dolores, die sich einige Tropfen in die hohle Hand gießen ließ und sich damit erfrischte. Man sah die Hand des Mestizen mit der Flasche zittern. Kreuzträger stemmte den Ellenbogen auf das Knie, stützte den Kopf in die Hand und versank in tiefes Nachdenken. Eisenarm zeigte dagegen weniger Bedenken; er hielt mit dem Trunk aus der Flasche nicht eher inne, als bis ein Drittel geleert war. Erst dann reichte er sie an Wonodongah, der niemals Feuerwasser trank, vorüber an Diaz. »Beim Bart meines Vaters und der Haube meiner Mutter! – Seit San Franzisko habe ich keinen so guten Tropfen wieder genossen«, schmunzelte Eisenarm. »Du verlierst in der Tat viel, Jaguar, daß du nichts als Wasser trinkst, was in diesem Loch nicht einmal zu haben ist. – Was habt Ihr, Compañero? – Ihr seid auf einmal so still und nachdenkend geworden! Die Sache eines alten Jägers, der so manchen Marsch durch die Prärie und das Felsgebirge gemacht hat, ist es doch sonst nicht, einen guten Schluck zu verschmähen!« Der Pfadfinder machte eine abwehrende Bewegung. »Ich bedarf des Trunkes nicht«, sagte er finster. »Zur Erfüllung meiner Lebensaufgabe muß das Auge klar und der Kopf frei sein. – Hört, Freunde, ich dachte eben an diesem Ort, den man den bösen Geistern nach seinem Namen überwiesen glaubt, an jene seligen und guten Geister, deren Andenken jede Stunde meiner Ruhe erfüllt. Wenn ihr die Geschichte eines alten vom Unglück schwer gezeichneten Mannes weiter hören wollt, so möchte ich sie euch wohl jetzt erzählen.« »Wir bitten darum, Kamerad! Ehe ein Sonnenstrahl über die Wände dieses Kessels dringt, haben wir noch eine volle Stunde Zeit; ich wüßte nicht, wie wir sie besser ausfüllen könnten. Sehen Sie, selbst unser kranker Freund Kleist horcht auf!« Kreuzträger richtete sich auf seinem Stein neben dem Feuer auf. Die Büchse zwischen den Knien, die Hände um den Lauf gelegt, begann er die Fortsetzung seiner Geschichte, während die Flammen sein gefurchtes Gesicht und das weiße lange Haar, das es umrahmte, flackernd beleuchteten. Nur zuweilen hob er die über die Mündung des Gewehrs gebeugte Stirn und die auf den Boden gerichteten Augen und warf einen Blick auf die Wand gegenüber, in deren Schatten der Lord mit seinen beiden Begleitern Volaros und Mahadrö saß. Am Eingang der Höhle kämpfte das wachsende Morgenlicht gespenstisch mit dem Widerschein des Feuers und den leicht wogenden Nebeln. »Ich habe Ihnen erzählt Vergl. Band 5 »Zu den Quellen des Buenaventura«. ,« begann der Pfadfinder, »daß wir bei unserem ersten Halt in der Prärie die Zisterne wasserleer, oder vielmehr unbenutzbar gemacht gefunden hatten, daß wir darin aber nur einen Leichtsinn von Jägern oder Reisenden erblickten und keineswegs eine auf uns gemünzte Absicht. Wir fügten uns daher, so gut es ging, in die Unannehmlichkeit, teilten das wenige noch in den Schläuchen vorhandene Wasser mit unseren Tieren, die überdies in dem Gras des feuchten Bodens Nahrung fanden, und schlugen unser Lager für die Nacht auf. Am andern Morgen wollten wir vor Tagesanbruch mit verdoppelter Eile weiterziehen und die nächste Zisterne so schnell wie möglich erreichen. Der dritte Lagerplatz bot dann eine reichliche Quelle, an der wir uns mit Wasser für die nächsten Tagereisen versorgen konnten. – Unsere Reisegesellschaft bestand, wie ihr euch erinnert, aus mir, meiner Frau, meiner Tochter Maria mit ihrem Bräutigam und meinem Sohn Robert; dazu kam noch der amerikanische Kapitän mit seiner Frau und Xaverio Lopez mit den anderen Arrieros. Ich wollte, meine Augen hätten diesen Schuft Lopez nie gesehen! Ich konnte die Nacht wenig schlafen; es lag ein Druck auf meiner Brust. Aber sie verging ruhig, und eine Stunde vor Aufgang der Sonne weckte ich meine Familie und meine Begleiter zum Aufbruch. Als die Sonne eine Mannshöhe über dem Horizont stand, hatten wir schon ein tüchtiges Stück Weg zurückgelegt. Mit der steigenden Sonne wuchsen die Unannehmlichkeiten des Marsches. Die brennenden Strahlen machten bald Menschen und Tiere nach einem Trunk lechzen, und nur mit aller Willenskraft vermochten sie sich vorwärts zu schleppen. Selbst die Tiere begannen erschöpft zu werden; der früher so muntere Ton unseres Zuges hatte sich, noch ehe der Abend sank, in düsteres Schweigen verwandelt; nur die Aussicht auf die nächste Zisterne hielt uns aufrecht. So kamen wir endlich, eine Stunde vor Sonnenuntergang, an die Stelle der zweiten Zisterne. Ich erkannte sie schon von fern an der Lage zweier Hügel und zeigte sie meinen erschöpften Reisegefährten. Die Tiere schienen sich zu ermuntern, und mit rascheren Schritten ritten wir dem Ort zu. Aber je näher wir kamen, desto beklommener wurde mir ums Herz; ich bemerkte auf dem Boden noch ziemlich frische Spuren von Hufen und Füßen, die jenen glichen, die wir an der ersten zerstörten Zisterne gefunden hatten. Wenige Augenblicke darauf hatten wir uns alle von dem Schrecklichen überzeugt – die Zisterne war leer, mit gleicher teuflischer Bosheit zerstört und unbrauchbar gemacht wie die erste. Der Schlag war schrecklich, um so mehr, als mir klar wurde, daß nicht von einem Zufall, sondern nur von einem wohlüberlegten Plan die Rede sein konnte, der mich und die Meinen verderben sollte. Wir hatten einen Feind in unserer Nähe, der gefährlicher war, als ein offener Angriff; denn er überlieferte uns einem schlimmeren Geschick, als Kugel und Pfeil sein konnten: dem Tod des Verschmachtens. Wir Männer standen ratlos und finster da; die Frauen weinten; die erschöpften Tiere wühlten in dem feuchten Boden. Unsere Lage war entsetzlich. Seit sechsunddreißig Stunden hatten wir keinen Tropfen Wasser mehr gesehen. Unser Gaumen war hart, rissig und trocken, unsere Kraft erschöpft. Ich gab den Befehl, trotz dem Mangel an Wasser an dieser Stelle zu lagern; wir hätten ohnehin ohne Rast keine Legua weiterreiten können. Zurückzukehren war unmöglich; wir hätten zwei starke Tagreisen zurücklegen müssen, ehe wir wieder zu der Quelle gekommen wären, in deren Nähe ich die Unterhandlung mit dem Häuptling der Mescaleros, der Roten Schlange, gepflogen hatte. Es blieben uns also nur zwei Wege: vorwärts oder zur Seite, um die Ufer des Sees Aquaverde zu erreichen. Aber da wir uns auf unserem letzten Marsch mehr davon entfernt, hätten wir dorthin auch anderthalb Tagreisen gebraucht; und ich mußte bezweifeln, daß Tiere und Menschen dazu noch die Kraft haben würden. Dagegen mußte sich vor uns in der Entfernung von höchstens drei Leguas die dritte und wichtigste Wasserstelle des Weges, eine aus ihrem Felsenbett hervorsprudelnde Quelle befinden, deren Segen nicht von der Bosheit unserer Feinde zerstört sein konnte. Das war der Ort, den die Rote Schlange den jungen Männern zum Treffpunkt für die Büffeljagd bestimmt hatte; noch immer hegte ich eine leise Hoffnung, daß die Teufelei nicht von dem Häuptling ausgegangen sei. In diesem Glauben bestärkte mich auch Xaverio, der von uns allen am besten den Wirkungen des Durstes zu widerstehen schien und frisch und kräftig blieb. So wurde denn beschlossen, am andern Morgen unter Zurücklassung des größten Teiles des Gepäcks mit den also erleichterten Tieren die Quelle aufzusuchen. Da die Mustangs, die Xaverio und mein Sohn ritten, sich noch am muntersten zeigten, machte Xaverio den Vorschlag, daß sie beide sofort zur Quelle aufbrechen und, wenn sie diese gefunden und ihre Pferde getränkt hätten, am nächsten Morgen mit gefüllten Schläuchen zurückkehren wollten. Nur mit schwerem Herzen stimmte ich dem Plane bei; aber er hatte so viel Verlockendes, und das Elend um mich her war so groß, daß ich endlich, da der Kapitän sich erbot, den Ritt mit den beiden zu wagen, nachgab. Ich empfahl Xaverio die größte Vorsicht, und der Bösewicht versprach es mit zehn Eiden. So ritten sie fort, nachdem Kapitän Masterton sich fast mit Gewalt aus den Armen seiner Gattin gerissen hatte, die ohnmächtig zurückblieb. Die Nacht verging unter sich steigernden Leiden. Sehnsüchtig waren unsere Blicke nach Westen gerichtet; wir berechneten die Stunde, die Minuten, nach denen sie wieder eintreffen konnten; die Sterne erblichen. Unsere Arrieros brachten die Nacht bald mit Schlaf, bald mit Gebet zu ihren Schutzheiligen oder mit wilden Verwünschungen zu; mein Weib saß mit verhülltem Gesicht; ich wagte nicht zu fragen, ob sie wache. Maria hatte sich in Schlaf geweint und lag mit dem Kopf im Schoß ihres Bräutigams, während die junge Mexikanerin sich wimmernd auf ihrer Decke wand. Wenn doch nur ein Tropfen Regen gefallen wäre! – Ich bettelte auf den Knien darum – vergebens. In jener Nacht, Freunde, lernte ich erkennen, welches Geschenk des Himmels der Regen für Erde und Menschen ist! Die Sonne stieg am Horizont empor; ein glühender Feuerball, der einen heißen Tag verhieß! Unseren brennenden Augen bot sich, so sehr sie auch spähten, noch immer keine Spur von unseren Lieben. Hatten sie die Quelle verfehlt? Waren sie in die Hände unserer unbekannten, unsichtbaren Feinde gefallen? Aber Xaverio kannte den Weg so gut wie ich; er hatte ihn selber mit mir gemacht, konnte sich also nicht verirrt haben. Ich beschloß, auf jede Gefahr hin ihnen entgegenzugehen. Alles Gepäck sollte zurückbleiben; denn fanden wir Wasser, so konnten wir es holen; traf uns ein Unglück unterwegs, so nützte es uns ohnehin nichts mehr. Die erschöpften Tiere hätten es auch nicht zu tragen vermocht. Unsere Gesichter waren hohl; die Augen glühten in Fieberhitze; die Zungen der Tiere hingen lang und hart zwischen ihren Zähnen hervor; kaum konnten wir sie mit Stößen und Schlägen bewegen, aufzustehen. Ich ließ eines der Maultiere binden, öffnete ihm die Pulsader am Hals und fing das Blut auf. Der Tod des sterbenden Geschöpfes mußte unser Leben fristen; wir tranken jeder einen Teil des Blutes; nur Maria, meine Tochter, konnte sich nicht überwinden und wies den Trank ab. Dann begannen wir unsern elenden Zug. Wir nahmen von unserem Eigentum nichts mit uns als unsere Waffen, und selbst diese warf ein Teil der Männer unterwegs fort. Ich trug den Beutel, in dem ich in Gold und guten Wechseln auf Chihuahua meine Habe mit den nötigsten Papieren verwahrte, in meiner Jagdtasche und stolperte mit Aufbietung aller Kräfte bald voraus, bald hinter dem Zuge, um die Mutlosen anzufeuern, während Severin, mein zukünftiger Schwiegersohn, die Tiere der Frauen führte. Nach etwa einer Legua weigerte sich einer der Arrieros, der jüngste und kräftigste von allen, weiter zu gehen. Er warf sich zu Boden und erklärte, hier sterben oder abwarten zu wollen, daß wir ihm von der Quelle aus Beistand sendeten. Vergebens waren meine Bitten und Ermahnungen; mit heiserer, kaum noch den menschlichen Tönen ähnlicher Stimme stieß er lästerliche Verwünschungen gegen mich aus, denn ich hätte ihn zu dieser Reise verführt. Ich konnte nichts weiter tun, als eine der leichten Decken über ihn zu werfen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Wir haben nichts wieder von ihm gehört. Noch gräßlicher aber war das Schicksal eines anderen unserer Leidensgefährten, eines Mannes, der schon fünfzehn Jahre in meinem Dienst gestanden und viele Reisen mit mir gemacht hatte. Seit unserem Aufbruch und seitdem er das Blut des Tieres getrunken, war der arme Antonio still und tiefsinnig mit uns dahin geschritten, gleich einer willenlosen Maschine, ohne Klage, aber auch ohne ein Wort des Mutes und der Hoffnung. Mit Entsetzen bemerkte ich jetzt, daß seine Augen einen unnatürlichen Glanz annahmen und wie in Verzückung umherblickten. Er begann mit heiserer Stimme zu singen und wirres Zeug zu schwatzen. Visionen schienen ihm einen großen See voll kühlen Wassers vorzuzaubern, und plötzlich, ehe wir es hindern konnten, rannte er in die Wüste hinein, entgegengesetzt der Richtung, in der der See Aquaverde lag ... Was soll ich Ihnen weiter von unserem Elend auf diesem traurigen Weg erzählen? Wir waren jetzt noch sechs Männer, ich, mein Eidam und vier der Diener, dazu die drei Frauen. Gleich Schatten wankten wir über die Ebene; nach und nach mußten wir vier der Tiere zurücklassen. Über fünfzig Stunden hatten wir kein Wasser gesehen. Zu all dem Entsetzlichen kam die seelische Not. Wo waren unsere Lieben? Was war mit ihnen geschehen? Ich wagte kaum noch ein Wort des Trostes an meine Frau zu richten; von Zeit zu Zeit stöhnte sie wie halb irr den Namen unseres Sohnes. Die junge Kapitänsfrau dagegen hing ohne Laut auf ihrem Tier, auf dem Severin sie festgebunden hatte; sie schien in voller Bewußtlosigkeit den Weg zurückzulegen. Im Grunde war ich froh über diesen Zustand, denn bei jedem Schritt fürchtete ich, auf die Leichen der drei Reiter zu stoßen. So hatten wir mehr als die zweite Legua zurückgelegt; wie langsam, können Sie daraus schließen, daß darüber der hohe Mittag herangekommen war. Da begann sich endlich die Szene zu ändern. Vom Horizont hob sich eine dunklere Masse ab und wurde mit jedem Schritt deutlicher; die Tiere, die bisher mit dem Kopf am Boden dahingeschlichen, hoben ihn, spitzten die Ohren und schienen die Luft einzusaugen, die von dorther kam. Ihre Augen wurden glänzender, ihr Schritt rascher. Alle Augen richteten sich fragend auf mich; ein Wort schien auf allen Lippen zu schweben – ich sprach es aus, indem ich den Arm hob: ›Gesegnet sei die heilige Jungfrau, die uns Erlösung schickt! – Es ist la bebida de los angeles !‹ Freunde, ich habe von weitgereisten Männern gehört, daß in einem Lande, noch heißer als das unsere, sich große Wüsten erstrecken, viele, viele Tagereisen lang, in denen der Fuß bei jedem Schritt tief einsinkt. Ein glühender Wind weht über sie hin. Dennoch durchmißt sie der Mensch; denn Gott der Herr hat in seiner Gnade auch in dieser Einöde lichte Sterne seiner Allmacht gestreut: die Oasen. Rings von Tod und Verderben umgeben, sprossen Blumen und Bäume, die dem Wanderer ihre Schatten bieten. Aus tiefem Grund hervor hat die Hand des Herrn die frische, klare Quelle sprudeln lassen, das Element, das zum Leben aller Wesen das notwendigste ist. Eine solche Gabe des Herrn ist auch der ›Trank der Engel‹, jene wunderbare Quelle, die mitten in der großen Dürre in starkem, kräftigen Strahl hervorrauscht und Leib und Seele stärkt. Das göttliche Naß hat einen leicht bitteren, aber angenehmen Geschmack und birgt eine überaus belebende Kraft. Alle Reisenden dieses armen Landes, die Trapper, die Jäger, die Pfadfinder und die Indianer kennen sie und freuen sich dieser Gabe Gottes oder des großen Geistes!« »Ich weiß, ich weiß, Kamerad!« unterbrach Eisenarm den Erzähler. »Ich bin mit dem Jaguar und einem, der längst in den ewigen Jagdgründen weilt, mehr als einmal an jener Stelle gewesen und habe mich an dem köstlichen Trank geletzt!« »Dann, Freund Eisenarm,« fuhr Kreuzträger fort, »kennen Sie auch die seltsame Erscheinung, daß der Strom des belebenden Wassers ebenso rasch wieder verschwindet wie er erscheint. Nur ein kleines Becken wird von ihm gefüllt; dann nimmt eine tiefe, noch von keinem Menschen ergründete Spalte des Gesteins ihn auf und führt ihn in das Innere der Erde zurück, aus der die Hand Gottes ihn hervorgeholt hat. Es geht die Sage unter den Indianern und den Jägern unserer Farbe, daß die Fluten der Quelle auf unterirdischem Wege dem See Aquaverde, der zehn volle Leguas von der Stelle entfernt ist, zugeführt werden, und dessen Wasser daher niemals, selbst in der heißesten Jahreszeit nicht, austrocknen, obgleich er sonst keinen sichtbaren Zufluß hat. Aber trotz dieser kurzen Dauer ihres Laufes vor den Augen der Menschen erfrischt und belebt die gesegnete Quelle doch alles ringsumher; die Palme und die Blume sprießen köstlich in ihrer Nähe empor und freudig bekleidet Grün den Fels und die Erde. Dies war der Ort, dem wir jetzt zustrebten. Keine Bosheit der Menschen konnte dies Wasser versiegen machen, wie sie es mit dem der Zisterne getan. Der Boden erhebt sich in der Nähe des Brunnens zu leichten Wellungen und entzieht daher, wenn man näher kommt, mehr und mehr dem Auge den Anblick der Quelle in ihrer nächsten Umgebung. Aber wir hatten die Gipfel des Gesteins vor Augen und wußten jetzt ihre Nähe; so war denn all unsere Aufmerksamkeit nur darauf gerichtet, unsern Marsch so gut wie möglich zu beschleunigen. Unsere Sehnsucht, unsere Freude wurde noch erhöht, als wir beim Ersteigen des letzten Hügels dem Wiehern unserer Tiere andere Pferde antworten hörten. Unsere Lieben waren also dort und uns nahe! Ich sprang dem Zuge voran auf die Höhe der Erdwelle und hob meinen Hut zur Begrüßung. Doch ich erstarrte – mein Fuß haftete wie gefesselt am Boden; meine blutunterlaufenen Augen stierten auf ein unerwartetes Schauspiel zu meinen Füßen. Der ganze Grund um die Quelle war von einem Lager der Apatschen eingenommen. Wohl an sechzig Indianer mit ihren Pferden lungerten um den Felsen her; ein Kreis dunkler Gestalten umgab rauchend das Wasserbecken. In ihrer Mitte saß Xaverio, mein erster Arriero, zwischen dem Häuptling der Mescaleros, der Roten Schlange, und einem riesigen Krieger, der das Fell eines grauen Bären um seine Schultern trug. Ich wußte genug von den Erzählungen der Lagerfeuer, um sofort zu wissen, daß dies Makotöh, der tapfere aber grausame und wilde Häuptling der Gilenos war, der Graue Bär. Im ersten Augenblick hegte ich, obgleich ich weder Robert noch den Kapitän unter den Roten bemerkte, keine Befürchtung. Die Rote Schlange hatte beide zu einer Büffeljagd eingeladen und ihnen diese Stelle als Treffpunkt angegeben. Die jungen Männer konnten aus irgendeinem mir noch unverständlichen Grunde bei der verabredeten Jagd sein. Nur eins befremdete mich: die Roten beachteten unsere Ankunft gar nicht. Selbst Xaverio schenkte uns, statt uns entgegenzueilen, nicht die mindeste Aufmerksamkeit und fuhr in seinem Gespräch mit einem Nachbar gleichgültig fort. Einen Augenblick glaubte ich, daß sich auch mein Verstand verwirrt habe und ich Dinge sähe, die es nicht gab ... Meine Begleiter waren inzwischen heraufgekommen, und wir eilten auf das lockende Wasser zu. Aber plötzlich machten die Vordersten, zwei Arrieros mit ihren Tieren, halt – der Kreis der indianischen Krieger rührte sich nicht; er versperrte ihnen den Zugang zum Wasser. Ich war unterdes herbeigekommen und rief Xaverio, der sich noch immer nicht um uns kümmerte, unwillig zu: ›Was soll denn das heißen, daß Ihr uns nicht beisteht? Seht Ihr nicht, wie Menschen und Tiere verschmachten?‹ Statt aller Antwort zuckte der Schurke die Achseln und rauchte weiter. Ich stand wie versteint. Das konnte kein zufälliger Trotz mehr sein. Ich sollte bald die schreckliche Wahrheit erkennen. Der Mustang, der die junge Gattin des Kapitäns getragen, gieriger und kräftiger als die anderen, versuchte, den Kreis der Indianer zu durchbrechen, um zu der plätschernden Quelle zu gelangen. Da erhob sich der Häuptling der Gilenos; mit einem Schlage seines Tomahawks spaltete er die Stirn des Tieres, daß es tot zu Boden stürzte und ich kaum Zeit fand, die halb bewußtlose Frau in meinen Armen aufzufangen. Der Graue Bär hob jetzt die Waffe drohend gegen uns. ›Zurück, ihr Söhne einer weißen Hündin!‹ brüllte er. ›Der Große Geist hat dieses Wasser seinen roten Kindern gegeben; und jedem, der es wagt, ihm ohne ihre Erlaubnis zu nahen, soll es gehen wie diesem Tier!‹ ›Wollt Ihr uns hier verdursten lassen?‹ rief ich. ›Ist das Euer beschworenes Wort? – Ich habe das Totem eines Häuptlings für unser Recht! – Sprich du, Wis-con-tah! Sage ihm, daß ich dein Zeichen unter unserem Vertrag habe!‹ Der Häuptling der Mescaleros lächelte tückisch. ›Der weiße Mann, der seine Brüder durch die Wüste führt, möge zeigen, was ein Häuptling ihm versprochen hat!‹ Ich griff nach der Tasche, in der ich meine Papiere und auch das Stück Pergament verwahrt trug, auf das der Häuptling sein Handzeichen gesetzt hatte – das Dokument war fort, verschwunden; ich erinnerte mich genau, daß ich es sofort nach dem Abschluß des Handels dort mit anderen Papieren verwahrt hatte. Mein Blick traf auf den Arriero; der schadenfrohe Zug auf seinem Gesicht belehrte mich sogleich, wer der Dieb gewesen, und daß der Bursche bei all dem Unheil seine Hand im Spiele hatte. ›Makotöh‹, sagte ich und tat meinen Gefühlen Gewalt an. ›Du hast den Ruf eines Feindes der weißen Männer, aber eines tapferen Kriegers, der niemals sein Wort gebrochen. Der große Häuptling der Gilenos möge die Stimme eines Mannes vernehmen!‹ ›Sprich!‹ entgegnete der Graue Bär. ›Die Rote Schlange der Mescaleros hat im Namen der großen und tapfern Nation der Apatschen einen Vertrag für freien Durchzug meiner Karawane durch ihr Gebiet geschlossen und die Hälfte des bedungenen Preises schon erhalten. Er möge widersprechen, wenn ich die Unwahrheit rede.‹ ›Die roten Männer reden nicht mit zwei Zungen wie die Kinder einer weißen Hündin‹, sagte grinsend der Häuptling. ›Wis-con-tah hat den Vertrag geschlossen; wo ist sein Totem?‹ ›Das ist es eben, Häuptling – du weißt es so gut wie ich!‹ rief ich. ›Dieser Schurke dort nahm das Papier!‹ Ich wies auf Xaverio ...« Der Pfadfinder hob an dieser Stelle seiner Erzählung, überwältigt von der Erinnerung, seine Hand und wies vor sich hin – sein Finger deutete gerade auf die Stelle, wo im Schatten der Mestize Volaros saß; unwillkürlich rückte er zur Seite. – Aber Kreuzträger schien ihn gar nicht zu beachten und fuhr in seiner Erzählung fort. »›Beweist es, Señor‹, sagte der Verräter. ›Überdies – diese tapfern Häuptlinge, meine alten Freunde und Verwandten, gedenken den Vertrag zu halten, ob er zur Stelle ist oder nicht; ich werde seinen Inhalt bezeugen.‹ ›Was hat ein Häuptling der Apatschen dem Bleichgesicht versprochen, das er nicht halten würde?‹ fragte der Graue Bär. ›Freien Weg durch das Gebiet der Jagdgründe der Apatschen und Sicherheit für mein und meiner zehn Begleiter Eigentum. Die Rote Schlange der Mescaleros hat überdies meine jungen Männer hierher zur Büffeljagd geladen. – Ich suche sie vergeblich!‹ ›Den Bleichgesichtern wird die Rote Schlange sein Versprechen halten‹, sagte der Gileno. ›Geht – der Weg ist frei! Keine Hand wird sich gegen euch wenden, wenn ihr nicht selber den Vertrag brecht!‹ ›So macht Platz an der Quelle,‹ rief ich, ›damit wir uns stärken und morgen weiterziehen! Die Weiber der Apatschen werden über unsere Geschenke nicht zu klagen haben!‹ ›Die Quelle steht nicht in dem Vertrag‹, sagte der Häuptling. ›Der Große Geist hat sie nur seinen roten Kindern gegeben!‹ Ich begann die teuflische Auslegung des gestohlenen Vertrags zu begreifen. ›Wir können nicht weiter – wir verschmachten! Wir müssen trinken! – Ich will Euch das doppelte zahlen – nur Wasser! Wasser!‹ ›Die roten Männer werden ihr Versprechen halten. Sie wollen Euer Eigentum nicht! – Aber sie sind die Erben der Prärie und des Felsengebirgs!‹ Die Verhandlung wurde durch das Ungestüm Severins unterbrochen. Er verstand die Sprache der Apatschen nicht und konnte beim Anblick des Wassers nicht begreifen, was ihn zurückhalten sollte. Mit der Kraft des Verschmachtenden, der Labung im Bereich seiner Hand sieht, stieß er die Krieger zur Seite und stürzte sich auf den Brunnen. Er beugte sich nieder und brachte seinen Mund an das erquickende Wasser – ein Keulenschlag schmetterte ihn tot in die plätschernde Quelle. Ein gellender Schrei – meine Tochter stieß ihn aus – dann war alles ein wildes Durcheinander von Menschen und Tieren. Ein Ringen und Kämpfen entspann sich, wir wollten von unsern Waffen Gebrauch machen, um meinem Eidam zu Hilfe zu kommen oder ihn zu rächen. Unter dem allen hörte' ich nur die mächtige Stimme der Roten Schlange. Er befahl, uns zu entwaffnen – nach wenigen Augenblicken waren wir Erschöpften an Palmen und Felsen gebunden. Unsere Gesichter waren der Quelle zugekehrt – die Indianer hielten ihre Waffen bereit, jeden Befehl ihres Häuptlings auszuführen. Unsere durstenden Tiere waren mit Gewalt zurückgetrieben worden und lagen stöhnend und sterbend außerhalb des Kreises am Boden. An der Quelle stand der Graue Bär, ihm zur Seite der Häuptling der Mescaleros, die Rote Schlange, und der Bube Xaverio. »Bleichgesichter, Coyoten!« sagte der Gileno. »Ihr selber habt es gewagt, den Vertrag zu brechen, den ihr geschlossen und den dieser Sohn zweier Väter gestohlen hat.« Er wies auf den Arriero. »Hier ist er, damit niemand sage, die Apatschen hätten das Totem eines ihrer Häuptlinge nicht gehalten. Der Vertrag verspricht freien Durchzug und Sicherheit eures Lebens und Eigentums. Keine Hand hat sich gegen beides erhoben, bis ihr gewagt, das Eigentum, das der Große Geist seinen roten Kindern gegeben hat, mit Gewalt zu nehmen. – Die Apatschen werden Gerechtigkeit üben.« »Hund!« schrie ich. »Ihr hattet es von vornherein auf unser Verderben abgesehen! – Kein lebendes Wesen kann atmen, wenn ihm das Wasser fehlt! – Ihr habt uns hierher gelockt und von dem See entfernt!« »Mein Kind! Mein Sohn!« jammerte mein Weib. »Was habt ihr mit meinem Kinde gemacht?« »Sieh selber, Mutter eines Coyoten!« Der Haufe der Indianer öffnete sich auf einen Befehl – jetzt erst sahen wir, daß hinter einem Vorsprung des Gesteins Robert und Kapitän Masterton gebunden und geknebelt am Boden lagen. Die junge Frau schrie wild auf. Maria, meine Tochter, sank ohnmächtig in ihren Banden zusammen. »Schmach über euch, bübische, treulose Mörder!« brüllte ich mit heiserer Stimme. Ich fühlte, wie mein ausgedörrter Gaumen dabei zerriß. »Möge niemals ein ehrlicher Mann mehr dem Worte eines Apatschen trauen! Schande über euch! – Ihr habt das Band der Gastfreundschaft gebrochen, das selbst dem elendsten Geschlecht heilig war!« Die Rote Schlange trat mit boshaftem Lächeln vor mich hin. »Das Bleichgesicht, das so gut die Wege kennt,« sagte er höhnisch, »lügt! Ein Häuptling hat jene beiden zur Jagd geladen; und wenn die Krieger der Apatschen bei Sonnenaufgang den Büffel jagen, werden sie dabei sein! Sie haben den Vertrag gebrochen wie ihr; deshalb sind sie in Banden. Die Apatschen sind die Herren dieser Erde und dieses Wassers.« »Was haben ich und die Meinen dir getan?« »Jedes Bleichgesicht ist ein Feind der roten Männer! Du besitzest die Schlauheit der Wiesel und das Auge des Falken. Seit du die Karawane der weißen Männer führst, sind unsere Wigwams leer an Beute. – Du mußt sterben!« »So gebt mir den Tod – martert mich – aber laßt diese Unschuldigen frei!« »Die Herzen der Bleichgesichter hängen an Weibern und Kindern. Ihre Leiden sind deine Leiden. – Ihr dürstet nach dem Lande der roten Männer – wohlan! Ihr mögt euren Durst löschen – hier ist das Land und dort das Wasser!‹ Lachend ging er davon. Die Indianer begannen nun die Anstalten zu ihrer letzten Mahlzeit zu treffen, ohne sich anscheinend weiter um uns zu kümmern. Das Flehen und Stöhnen der Verschmachtenden um einen Tropfen Wasser schien Wohlklang in ihren Ohren. Die Nacht sank herab, große Feuer wurden angezündet, die Apatschen lagerten sich. Die Flammen spiegelten sich in dem rauschenden Sturz der Quelle; der Anblick und das Murmeln des Wassers erhöhte unsere Qual. Ich hatte anfangs alle Kraft zusammengenommen, der Bosheit dieser Bestien Trotz zu bieten; aber der Jammer um mich her brach auch den letzten Rest meines Stolzes. Unsere Leiden wurden unerträglich; ich bat, ich flehte den schändlichen Schurken an, der uns so verräterisch in die Hände der Wilden geliefert, uns wenigstens einen Trunk Wasser zu reichen – ich erinnerte ihn an alle Wohltaten, an alle Freundlichkeiten, die er in meiner Familie genossen. Endlich antwortete der Schuft Xaverio auf mein Flehen. ›Das Unglück wäre nicht geschehen, Señor,‹ sagte er, ›wenn Sie mir nicht die Hand Ihrer Tochter verweigert hätten. Ich fürchte, ich kann nichts tun zu Ihren Gunsten bei den Indianern, wenn Maria sich nicht entschließt, meine Liebe zu erhören.‹ ›Lieber möge sie sterben wie ihr Bräutigam Severin, als daß sie einem solchen Schurken angehört!‹ rief ich erbittert. Der Verräter zuckte die Achseln, ging zum Feuer der Roten und ließ sich dort zwischen ihnen zum Mahl nieder. Zehn Krieger kehrten aus der Prärie zurück. Schon von fernher verkündete gellendes Geschrei ihr Herannahen; als sie herbeigaloppierten, sah ich, daß in den Schlingen ihrer Lassos vier Reiter zusammen etwas hinter sich herzogen. Doch blieben sie zu weit entfernt von dem Feuer, und ihre ihnen entgegeneilenden Genossen waren zu dicht um sie versammelt, so daß ich nicht erkennen konnte, welche Jagdbeute sie brachten. Woher soll ich die Worte nehmen, um das Grauen jener Nacht zu schildern? Die Qualen des Hungers vermehrten noch unsere Schmerzen. Niemand von uns hatte daran gedacht, während des Tages und der vergangenen Nacht Speise zu sich zu nehmen, um den Durst nicht zu vermehren. Unsere Zungen klebten am Gaumen, Schlund und Hals glühten in trockener Fieberhitze; Feuer schien unsere Eingeweide zu zerreißen; das Blut füllte unser Gehirn und gaukelte uns wilde Träume vor – – ›Wasser! Wasser! – Um Gottes ewiger Barmherzigkeit willen, gebt mir einen Tropfen Wasser!‹ Meine Tochter Maria war es – die unsägliche Qual verdunkelte ihre Sinne und machte sie schon vergessen, daß der Mann, für den sie noch vor einem Tage in aufopfernder Liebe gewiß ihr Leben hingegeben haben würde, jetzt tot, erschlagen nur wenige Schritte von ihr entfernt lag. Meine Frau suchte ihre eigenen Leiden zu unterdrücken und mit heiserem, kaum noch verständlichem Lallen dem Mädchen Trost einzusprechen. Aber auch ihre Kraft brach – bald kündete mir nur noch ihr Stöhnen, daß sie lebte. Die Frau des Kapitäns Masterton, ein zartes Geschöpf, hing wieder bewußtlos in ihren Fesseln; die Seelenangst und das körperliche Elend hatten sie überwältigt. An den Bäumen und Steinen wanden und krümmten sich meine vier Diener und Begleiter. Freunde, es ist schlimm, selber zu leiden, aber tausendmal schlimmer, die Leiden derer zu sehen, die man liebt. Noch jetzt in der Erinnerung erzittert jedes meiner in der Höllennacht ergrauten Haare in dem Gedanken an sie. Ich betete zu Gott und seinen Engeln, zur heiligen Jungfrau und ihrem Sohn, uns lieber durch einen raschen Tod von diesen Qualen zu erlösen. Ich flehte wie ein weinendes Kind diese Teufel an – ich tobte, ich weinte – ich zerrte mit der Kraft der Verzweiflung an meinen Riemen, bis ich zuletzt in einen Zustand stumpfer Abspannung versank. So verging die Nacht. Möge Gott Euch und jeden Menschen vor einer ähnlichen bewahren! Unter dem Wimmern, Klagen und Toben hatten die Roten ruhig an ihren Feuern geschlafen. Damals empfand ich, was der Tau für die dürstende Erde ist. Wie das Manna der Wüste legte der Morgennebel sich auf meine vertrocknete Zunge und erfrischte sie. Ich weiß nicht, wie es meinen Gefährten ergangen ist – Gott hat nicht gewollt, daß ich einen von ihnen danach noch fragen konnte; aber ich wenigstens hatte für die noch schrecklicheren Leiden, die uns erwarteten, wieder einige Kraft gewonnen. Der Morgen graute. Der Ruf der Wache scheuchte die Schläfer auf. Die Sonne stieg über den Horizont und vergoldete mit ihren ersten Strahlen das rauschende Wasser der Quelle. In wenigen Augenblicken war die ganze Schar auf den Beinen. Sie brachen ihr Lager ab, was nicht viel Zeit und Mühe erforderte. Im Sonnenlicht, dessen Strahl beleben und töten kann, sah ich meine elenden Leidensgefährten. Mein armer Junge hielt seine Augen fortwährend auf mich und seine Mutter gerichtet, als suche er Hilfe bei uns. Im Sonnenschein kamen auch meine Genossen im Unglück wieder zum Bewußtsein; die Qualen des Durstes wurden noch grimmiger als zuvor – und die Indianer führten ihre Tiere zur Quelle und hießen sie in langen Zügen trinken. Die unseren, auf denen die Frauen hierher geritten, lagen mit gefesselten Füßen am Boden. Der Schurke Xaverio hielt mit den beiden Häuptlingen eine angelegentliche Unterredung, bei der er eine Forderung an sie zu stellen schien. Die Rote Schlange antwortete mit boshaftem Grinsen, der Graue Bär mit stolzem Schweigen. ›Wasser! – Ich sterbe – Barmherzigkeit – Wasser!–‹ lallte Maria. Der Graue Bär trat zu dem jammernden Mädchen. ›Im Wigwam des Grauen Bären ist ein Platz leer‹, sagte er. ›Den Frauen Makotöhs fehlt es niemals an Wasser. Seine Hand schlägt die Weißen und bringt rote Decken und Perlen für seine Frauen heim. – Will das weiße Reh mir folgen?‹ ›Wasser! – Wasser!‹ wimmerte Maria. Der Graue Bär füllte an der Quelle eine hölzerne Schale und näherte sie bis auf Spannenweite dem Mund meines Kindes; mit weit aufgerissenen Augen starrte Maria auf das glitzernde Naß. ›Willst du die Bleichgesichter verlassen und in den Wigwam des Grauen Bären kommen?‹ Ihr Auge irrte wie in stummem Flehen über mich und ihre Mutter hin – ich wandte meinen Blick zur Seite. ›Wasser – ich sterbe!‹ murmelte sie. ›Will das weiße Reh ihren roten Freunden folgen?‹ ›Alles – alles – nur Wasser!‹ Auf einen Wink des Grauen Bären zerschnitt die Rote Schlange, boshafte Freude auf dem rohen Gesicht, langsam die Riemen, die Maria fesselten. Mit ausgestreckten Armen, von Xaverio unterstützt, offenbar ihrer selber nicht bewußt, wankte sie dem Grauen Bären nach, der Schritt um Schritt mit der Schale Wasser in der Hand vor ihr zurückwich. Einen höhnischen, triumphiermden Blick warf der Schurke Xaverio auf mich; dann folgte er dem Indianer und Maria hinter einen Vorsprung des Gesteins ... Nicht einmal einen Fluch vermochte ich hinter ihnen dreinzuschleudern; Marias Mutter sank in Ohnmacht. Es war gut, daß sie nicht sah, was nun folgte. Der Graue Bär und der elende Mestize waren mit meiner unglücklichen Maria kaum hinter dem Gestein verschwunden, als der falschzüngige Häuptling der Mescaleros das Zeichen zu einem neuen Verbrechen gab.« Der Erzähler schwieg einige Augenblicke und starrte vor sich hin. Alle schwiegen erschüttert. Nur Volaros rückte unruhig auf seinem Steinsitz hin und her. Nach einer Pause sagte Eisenarm: »Ich erinnere mich, etwas von der Geschichte gehört zu haben.« Er wandte sich an Wonodongah. »Dein Vater und ich jagten damals mit den Kriegern deines Stammes im Osten an der Grenze der Ansiedlungen. Ein Jahr nachher überfielen die Apatschen euer Dorf. Ich war damals fern. Alle Mitglieder deiner Familie wurden erschlagen bis auf dich und Comeo. Nur durch ein Wunder entgingt ihr dem Tode. Die Rote Schlange trägt noch das erste Zeichen meiner Abrechnung am Halse. Ich hoffe, ehe ich mein Haupt auf der Prärie zum letzten Schlafe niederlege, die Rechnung mit ihm und dem Grauen Bären noch vollständig auszugleichen. – Und jetzt, Compañero, erzählen Sie Ihre Geschichte weiter! Seien Sie überzeugt, daß sie bei unserer Abrechnung mit den beiden Schurken nicht vergessen werden soll!« Kreuzträger schwieg noch eine Weile in finsterem Sinnen; dann setzte er seine Erzählung fort. »Mehrere Krieger der Mescaleros gingen jetzt zu den beiden am Boden liegenden Geknebelten, meinem Sohn Robert und dem Kapitän Masterton, hoben sie auf und trugen sie zu den etwa zweihundert Schritt vom Lager entfernten Körpern, die die Jäger am Abend vorher mit ihren Lassos herbeigeschleppt hatten. Zugleich machten alle anderen ihre Pferde bereit, um sich aufzuschwingen. Ich sehe noch in meinen Träumen den Blick voll Verzweiflung, voll Trotz und Haß gegen seine Feinde, den mein armer, verschmachtender Robert auf mich heftete, während man ihn an mir vorübertrug. ›Mörder – Teufel – was beginnt ihr?‹ lallte ich. ›Die Rote Schlange hat die jungen Männer der Bleichgesichter eingeladen, mit seinen Kriegern Büffel zu jagen. Die Rote Schlange hält ihr Wort! Sie sollen den vordersten Platz einnehmen unter meinen Jägern!‹ Er schwang sich aufs Pferd. ›Erbarmen!‹ flehte ich. ›Habt Mitleid!‹ Der Häuptling hob seine Lanze; die Gruppe der Krieger, die um Robert und den Kapitän beschäftigt gewesen waren, stob auseinander; die gelösten Lassos wurden zurückgezogen – das, was ich bisher für einen leblosen Gegenstand gehalten hatte, sprang auf – Gott im Himmel! Jetzt erst konnte ich es erkennen – es waren zwei junge Büffelstiere, und auf ihrem Nacken, zwischen Mähne und Schwanz, auf dem Rücken angeschnürt, lagen Robert, mein Sohn, und der amerikanische Kapitän! Die Rothäute hatten im letzten Augenblick den Knebel aus ihrem Mund entfernt – ich hörte ihren gellenden Schrei: ›Vater! rette mich!‹ Das war das letzte Wort meines Sohnes – ich rang wie wahnsinnig in meinen Banden ... Von der menschlichen Stimme und ihrer Last erschreckt, drehten sich die Büffel erst ein paarmal um sich selber im Kreise; dann rasten sie mit gesenkten Hörnern hinein ins freie Land. Es brauste in meinen Ohren, es glühte in meinem Hirn – ich schrie, als wollte mir die Brust zerspringen; vor meinen Augen wurde es Nacht! Als ich wieder zu mir kam, war ich allein mit meinen Leidensgenossen, gefesselt, meiner Kinder beraubt – wenige Schritte von uns rieselte lustig im Sonnenschein der Quell, den keiner von uns zu erreichen vermochte ... Was soll ich noch viele Worte machen! – Die Erinnerung wühlt wie Feuer in meiner Seele! Höher und höher stieg die Sonne, und ihre glühenden Strahlen bohrten sich in unser Hirn. Der ausbrechende Wahnsinn erlöste zwei meiner Gefährten von dem Bewußtsein ihrer Schmerzen; ihr Geheul glich dem des Schakals. Am Abend starb meine Frau – wenigstens glaube ich, daß sie um diese Zeit von ihrem Leid befreit wurde, da sie von da ab mir keine Antwort mehr gab. So kam wieder die Nacht und wieder der Morgen. Stiller und stiller wurde das Geschrei der Tollen; endlich hörte es auf. Mein eigener Zustand glich auch schon dem eines Wahnsinnigen. Bald empfand ich gar nichts; bald glaubte ich mich am wohlbesetzten Tisch inmitten meiner Familie und aß und trank, ohne satt zu werden; bald sah ich grüne Wiesen vor mir und rauschende Flüsse, doch wenn ich mich vom Ufer hineinstürzen wollte in die kühlende Flut, wich das Wasser in unerreichbare Ferne zurück. Nochmals begann ein Tag ... Als der brennende Strahl der Sonne mich wieder zum Bewußtsein brachte, war alles still um mich her – kein menschlicher Laut – kein Wimmern des Schmerzes – alles Schweigen, Schweigen, Schweigen! Nur die Quelle murmelte ihr Lied. In der Nähe heulten einige Coyoten. Die Nähe der menschlichen Körper verhinderten sie noch, ihren Durst zu stillen. Was weiter mit mir geschah? – Ich wußte es nicht. Ein- oder zweimal nur weckte mich der scharfe Zahn der Tiere, die eine Abwehrbewegung des Körpers wieder verscheuchte, während ich schon im nächsten Augenblick wieder in Erstarrung verfiel. Als ich endlich mit dem Gefühl einer todesähnlichen Schwäche wieder erwachte und unter einer wohltuenden Kühle, die mein Gesicht erfrischte, mühsam die Augen aufschlug, war es Morgen. Wie ich nachher erfuhr, war es der fünfte seit unserem Abzug von der Lagerstelle, an der ich den unseligen Vertrag mit den Apatschen geschlossen und den Weg mit den Meinen angetreten hatte. Mir unbekannte Männer in der Kleidung der weißen Jäger und Reisenden waren um mich beschäftigt, rieben meine Glieder und hatten mir Branntwein in die vertrocknete Kehle geflößt. Ihre ermunternden Worte tönten mir anfangs nur wie fernes Gemurmel in die Ohren – ich verstand sie nicht. Erst als mein Blick auf das von Quetschungen und Wunden entstellte Gesicht des Kapitäns Masterton fiel, während er sich über mich beugte, fuhr ein hellerer Strahl des Bewußtseins wieder durch meine Seele, und meine Lippen formten einen Namen: ›Robert!‹ Die Fremden umstanden mich mit finsteren, traurigen Blicken. Der Kapitän wandte sich zur Seite; zwei große Tränen rollten über sein Gesicht und ich hörte ihn murmeln: ›Armer Mann! Armer Vater!‹ Dann schwand aufs neue mein Bewußtsein. Erst nach Wochen gelangte ich wieder zur vollen Herrschaft über meine Vernunft. So lange hatte ich zwischen Tod und Leben gelegen, oft in wilder Fieberhitze, oft starr und bewegungslos; Gott wollte nicht, daß ich jetzt schon mit meinen vorangegangenen Lieben vereinigt sei – ich hatte noch eine Aufgabe auf Erden zu vollenden. Ich befand mich in San Rosalia, gepflegt von dem braven Kapitän Masterton und seiner Gattin; denn wunderbarerweise hatte das zarte, schwächliche Weib außer mir allein all das Elend überstanden, unter dem so viele stärkere, an Entbehrungen gewöhnte Naturen zusammengebrochen waren. Jetzt auch hörte ich, wie und wann man mich gefunden. Kapitän Masterton, Robert und Xaverio hatten schon nach drei Stunden, nachdem sie uns verließen, die Quelle der Engel erreicht und dort die Rote Schlange mit den Apatschen und dem Grauen Bären, der sich mit ihm zur Jagd vereinigt, gefunden. Der Schlag gegen uns schien lange vorher überlegt und vorbereitet; offenbar war er mit dem verräterischen Buben verabredet worden, den ich zur Unterhandlung an die Schlange gesandt. Als die beiden jungen Männer über die Verweigerung des Wassers mit den Apatschen in Streit gerieten, geschah es ihnen, wie später uns. Der tückische Häuptling hatte mir Rache geschworen für die einstmalige Verweigerung seines unverschämten Tributs und die Abwehr seines Angriffs, während der Mestize sich für die Zurückweisung durch Maria rächen und sie zu seinem Eigentum machen wollte. Höhnisch prahlte der Apatsche mit dem Halten des Vertrags und seines Wortes, indem er uns zugleich in der grausamsten Weise vernichtete; und da er wohl fühlte, auf welche Weise er mich am schrecklichsten martern könne, ließ er mein Weib und meine Kinder vor meinen Augen zugrunde gehen ... Genug. – Ich habe Ihnen noch zu erklären, welchem Umstand ich meine Rettung und Befreiung verdanke. Kapitän Masterton war es, der mich vor dem ach so willkommenen Tode bewahrte. Ich habe einmal erzählen hören, daß in den alten Ländern drüben überm Meer, in einem Lande, das man Polen nennt, einst ein junger Mann von seinen Feinde auf ein wildes Pferd geschnürt worden sei; viele Tage und viele Nächte raste es mit ihm durch Wälder und Steppen, bis es endlich tot zu Boden stürzte und der bewußtlose Reiter von Fremden gefunden und befreit wurde. Ähnlich ging es dem Kapitän. Als der Büffel, auf den er nach dem Befehl des Häuptlings gebunden war, mit ihm davonjagte, ritten die Apatschen hinter ihm drein und trieben das geängstete Tier zur wildesten Flucht. Masterton gab sich verloren. Aber die Heiligen, obgleich er nicht an sie glaubte, schützten ihn. Der Büffel mußte den Indianern bald aus den Augen gekommen sein. Sie kümmerten sich wohl auch nicht mehr um ihn, da sie des Todes ihres Opfers sicher waren. Nachdem er manche Stunde in tollem Lauf zurückgelegt und vergeblich alle Anstrengungen gemacht hatte, sich von seiner lebenden Last zu befreien, fand Masterton, daß durch den tollen Ritt sich die Fesseln seiner rechten Hand gelockert hatten. Zerstoßen und zerschlagen, wie er war, gelang es ihm doch, seine Hand zu lösen. Er erinnerte sich, daß er ein starkes Einschlagemesser bei sich trug, denn die Apatschen hatten, nach dem Wortlaut des teuflischen Vertrages, verschmäht, ihn zu berauben! – Mühsam gelang es ihm, es hervorzuholen und mit den Zähnen zu öffnen. Die Verzweiflung trieb ihn, und er zog einen gewaltsamen, schnellen Tod den langsamen Qualen des Verdurstens vor. So bohrte er denn die scharfe Klinge mehrmals in die Flanken des Tiers. Vor Schmerz und Wut verdoppelte es seine Anstrengungen, bis es, von dem rasenden Lauf und dem Blutverlust erschöpft, zu Boden sank und verendete. Der Kapitän brach dabei den linken Arm; sein ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Aber als es ihm gelungen war, sich von dem Büffel zu befreien, sah er, nur wenige hundert Schritte weiter, das schilfumkränzte Ufer des Sees Aquaverde vor sich. Mit seinen letzten Kräften kroch er hin, kühlte die fieberglühenden Eingeweide mit einem langen Trunk und sank am Ufer im Schatten eines Gebüsches in tiefen Schlaf. So fanden ihn am anderen Tage weiße Jäger und Reisende; sie kamen von Monclova und hatten einige Tage am anderen Ufer des Sees zur Jagd verweilt. Der Kapitän teilte den Männern unser Schicksal mit und bat sie, ihn nach der Quelle der Engel zu begleiten, um unseren Überresten ein Grab zu bereiten. Er zweifelte natürlich nicht, daß die Indianer uns alle getötet hätten. Seine Erzählung hatte aller Blut empört, und sie waren bereit, sofort mit ihm aufzubrechen. Aber einesteils galt es große Vorsicht; man mußte fürchten, auf die Apatschen zu stoßen; andererseits machte der Zustand Mastertons es unmöglich, einen raschen und anstrengenden Marsch zurückzulegen. So kam es, daß meine Erretter erst so spät auf der Stätte des Verbrechens anlangten. Von den Apatschen hatten sie keine Spur mehr gefunden. Unser altes Lager war, wie sich später ergab, unberührt; an dem Stamm über meinem Kopf hing, mit einem Pfeil angespießt, mitten durchgerissen, der unselige Vertrag. Vergebens waren alle Bemühungen, noch andere unserer Unglücksgefährten wieder ins Leben zurückzurufen. Lange, ehe ich erwachte, hatten sie schon die von den Coyoten verstümmelten Reste meiner Frau, meines Eidams und meiner Diener begraben. Nur bei mir und der jungen Frau hatte man noch Spuren des Lebens gefunden; der umsichtigen Behandlung Kapitän Mastertons gelang es nach vielstündigen Anstrengungen, zuerst seine junge Frau und endlich auch mich ins Leben zurückzubringen. Frau Masterton erholte sich rasch; sie soll jetzt glückliche Frau und Mutter in den Vereinigten Staaten sein; mich warfen die unsäglichen körperlichen und seelischen Leiden in schwere Krankheit. In diesem Zustand brachte man mich und mein Eigentum bis auf die verdursteten Tiere nach San Rosalia, wo mich der Kapitän und seine Frau aufopfernd sorgfältig pflegten. Lassen Sie mich, Compañeros, mit meiner Geschichte zu Ende kommen. – Nach langen Wochen konnte ich mich von meinem Lager erheben und unter Menschen gehen. Wie könnte ich es mit armseligen Worten beschreiben, was ich empfand? Ich sah sie im Besitz ihrer Familien glücklich, ich, ein vereinsamter, unglücklicher Mann ... Kapitän Masterton übergab mir meine Habe und die Quittung der Kaufleute, an die die Ladung gerichtet gewesen, nahm Abschied von mir und reiste mit seiner schon längst genesenen Frau durch den Süden und über das Meer zurück in seine Heimat – ich darf kaum sagen, begleitet von meinem Dank und meinen Segenswünschen. Denn ich war ein verschlossener, unglücklicher Mensch, der mit Gott und der Welt haderte und den Tod ersehnte wie einen lieben Freund. – Drei Tage darauf hatte ich all meine Habe auf Erden zur Stiftung von Seelenmessen für meine gemordeten Lieben verwendet. Nichts behielt ich zurück, als dieses silberne Kreuz, das die Männer vom Halse meiner toten Frau genommen, meine Büchse und ein wenig Geld für Pulver und Blei. Dann richtete ich meine Schritte in die Einsamkeit, ins Felsengebirge und in die Prärie. Ich war gestorben für die fröhliche Welt. Der Name Jerome Vignard ist nie wieder gehört worden!« »Und Ihr Gelübde?« fragte der Vaquero Diaz gespannt. »Knabe,« sagte der alte Mann, »du sollst es hören. – Mein erster Weg galt jener Quelle der Engel, die menschliche Teufelei zum Grab meines Glückes gemacht hatten. Mitleidige Hände hatten über dem gemeinsamen Grabe der Gemordeten einen Steinhügel errichtet. Auf ihm schwor ich im Angesicht dieses Kreuzes einen Eid der Rache, der Vergeltung. Zu grausam, zu gräßlich war das Verbrechen am Liebsten, was ich im Leben besessen – mein Dasein wäre unerträglich gewesen, hätte ich die Vergeltung dem unfaßbaren Lenker aller Geschicke droben im Himmel überlassen wollen. Ich schwor aufs Kreuz und alle Sterne schauten herab und waren meine Schwurzeugen. Seit jener Stunde hat ein Kampf der Vernichtung zwischen mir und dem Volke der Apatschen begonnen, und hier« – der alte Pfadfinder zog das seltsame Holz mit seinen vielen schauerlichen Kerben aus seinem Gürtel und hielt es hoch – »ist der Beweis, daß El Crucifero seinen Schwur hält!« Der Verräter Tiefe Stille folgte. Dann erhob sich der Lord, trat zu Kreuzträger und legte die Hand auf seine Schulter. »Ich begreife Ihre Leiden und Ihren Schwur,« sagte er ernst, »auch ich habe einen Schwur getan, Sir; und wenn Sie die Geschichte meines Lebens kennten, würden Sie sich nicht wundern, mich an der Seite derer gefunden zu haben, die Sie Ihrer Kinder beraubten. Sie haben der Feinde viele – ich nur einen. Aber ich verfolge ihn durch die Welt, und wer ihn vor meiner Rache schützt, ist mein Feind!« »Mylord,« erwiderte der Alte, »mir ist Ihre Geschichte nicht so unbekannt, wie Sie glauben. Ich verurteile Ihre Handlungsweise nicht. Ich meine aber, es hätte nicht Ihres Bündnisses mit jenen Teufeln gegen Christen bedurft, denen Sie einst selber die Lehren des Evangeliums verkündet haben.« »Christen?« fragte der Lord bitter. »Gewiß, ich hätte das nicht sagen sollen. Ich weiß, daß die Lehre des Heilands lautet: Liebet eure Feinde und vergebet denen, die euch beleidigen und verfolgen! Aber Gott bedient sich auch des Menschenarms zur Strafe; als seine Rächer betrachte ich mich und Sie. Deshalb lasse ich Sie auch frei Ihres Weges ziehen, wenn wir diesen Ort verlassen haben.« »Und das wird hoffentlich bald geschehen, Kamerad«, meinte Eisenarm. »Die Sonnenstrahlen beginnen schon den Grund dieses Kessels zu erhellen, und wir müssen Kundschaft von der Hazienda haben. Doch will ich Ihnen zum Trost sagen, daß die Bibel unmöglich für die Halunken, die Apatschen, gemacht sein kann. Sie werden in mir und Wonodongah zwei nicht zu verachtende Genossen finden bei der Rache an der Roten Schlange, dem Grauen Bären und ihren Kriegern. Wir haben ohnehin selber eine tüchtige Rechnung mit ihnen. – Aber ich möchte Sie noch eines fragen, denn ich höre eine Geschichte gern vollständig zu Ende: Haben Sie nie etwas von dem Schicksal Ihres Sohnes Robert gehört?« »Niemals!« »Das freilich ist schlimm genug. Dann ist alle Hoffnung vergebens, daß er entkommen wäre wie der Kapitän Masterton. Und – verzeihen Sie die Frage, aber sie kommt aus dem Munde eines teilnehmenden Freundes – wissen Sie auch nichts von dem Schicksal Ihrer Tochter?« Kreuzträger sah mit seltsamem Ausdruck vor sich hin. »Maria ist das Weib Xaverios und lebt in seinem Wigwam bei den Apatschen.« »Das ist falsch!« sagte hastig und wie sich vergessend eine Stimme im Kreise, »sie ist tot!« Kreuzträger ließ seine Büchse fallen, sprang über die Reste des Feuers und packte Volaros, den Mestizen, bei der Kehle. »Hund!« schrie er auf. »Du hast dich verraten! Meine Augen hatten mich also nicht getäuscht!« Volaros wandte sich unter seiner Faust. »Lassen Sie mich los, Señor, ich bin nicht Xaverio – es ist ein Irrtum! Mein Name ist Miguel Lopez – ich bin in Guaymas bekannt und habe Weib und Kinder!« Ohne ihn loszulassen, schleppte der Alte mit Riesenkraft den Sträubenden zum Eingang der Höhle und hielt ihn auf Armeslänge von sich. Der volle Strahl des Sonnenlichts fiel auf das todbleiche Gesicht des Mannes. »Xaverio – Volaros – Miguel Lopez,« sagte der Alte mit einer Stimme, die wie das ferne Donnern des Orkans vor seinem Ausbruch klang, »es ist alles ein einziger Mann und der bist du! – Leugne nicht – dein Bart und die fünf vergangenen Jahre vermögen nicht das Auge der Vergeltung zu täuschen! – O Gott, ich danke dir, daß du mir noch die Rache in die Hand gegeben hast! – Mein Weib, meine Tochter, mein Sohn!« Alle waren aufgesprungen und starrten erschüttert und stumm auf die Szene. Kreuzträger hatte in übermäßiger Erregung die Augen geschlossen, als wolle er noch einmal das Grausen jener furchtbaren Stunden durchleben und sich zu seinem Rachewerk stärken. Langsam öffnete er die Lider und blickte Volaros durchbohrend an. »Sterben, sterben sollst du, wie ein Hund unter der Sohle meines Fußes!« Er ließ den Mestizen zu Boden fallen und setzte den Fuß auf seine Brust; ruhig, als gelte es ein Opferwerk, zog er das scharfe, starke Messer aus seinem Gürtel. »Verfluchter, schlimmer als die roten Teufel! – Sie folgten nur ihrem Haß und ihrer Natur; du aber bist ein Christ und hast an meinem Tische mein Brot gegessen. Glaubst du, daß ein Vater sich nicht um sein Kind kümmert, auch wenn er es verloren geben muß? Glaubst du, du tausendfacher Teufel, ich wüßte nicht, wie dein Verrat dich selber um deinen Lohn gebracht? Oh, ich weiß es wohl: der Graue Bär hat deine freche Forderung verhöhnt und meine Maria in sein eigenes Wigwam geschleppt – und dort ist sie in schlimmerem Elend, als es der Tod an der Quelle gewesen wäre, zugrunde gegangen. – Jahrelang habe ich vergeblich deine Spur gesucht – jahrelang habe ich von Gott die Gnade erfleht, dich in meine Hand zu geben! Die Stunde ist da – der Himmel hat mich erhört – bereite dich vor zur Rechenschaft an seinem Thron!« »Gnade – Barmherzigkeit! – Ich gestehe mein Verbrechen – aber Gnade!« »Barmherzigkeit erflehe dort oben, nicht von mir!« Er hob den Arm, die breite Klinge funkelte in der Sonne. Volaros-Xaverio machte eine verzweifelte Anstrengung, sich zu befreien; aber der Fuß des alten Pfadfinders lastete wie ein Zentnergewicht auf ihm. »Señor Eisenarm – Mylord – zu Hilfe! – Soll ich vor Ihren Augen ermordet werden?« »Niemand wird sich eines Schurken wie du annehmen! – Sei verflucht!« Der Arm Kreuzträgers hob sich zum Todesstoß. Da fing ihn die Hand Eisenarms auf und hielt ihn fest. »Freund,« sagte der Trapper bewegt, »verzeiht mir, daß ich Eure gerechte Rache verhindere. Aber dieser Mann darf nicht sterben – nicht jetzt, nicht hier!« Kreuzträger schüttelte ihn wild ab. »Sie wollen einen Elenden, einen Mörder, einen Verräter beschützen?« »Er verdient hundertfachen Tod – ich selber würde ihm mit Vergnügen eine Kugel durch den Kopf jagen. Aber Sie vergessen, daß ich ihm unser Wort verpfändet habe, ihm und den beiden Fremden!« »Was kümmert mich Ihr Versprechen?« brauste der Alte auf. »Ich habe ihm keines gegeben, und so wahr ...« »Schwören Sie nicht, Señor Crucifero«, entgegnete Eisenarm ernst. »Sie gaben Ihr Wort nicht, aber ich und Wonodongah haben das unsere verpfändet auf drei Tage – und Sie kennen das Gesetz der Wildnis! Es gebietet uns, sein Leben zu schützen selbst gegen unsern besten Freund!« Kreuzträger biß die Zähne aufeinander und zog den Fuß von der Brust seines Feindes. »Steh' auf!« sagte er, »jetzt bist du noch sicher! Aber wehe dir, wenn wir uns wieder treffen!« Dann wandte er sich finster zu Eisenarm. »Meines Feindes Freunde können nicht die meinen sein. Niemals soll ein Dach sich über mich und dem Verderber meiner Kinder wölben!« Er winkte dem jungen Vaquero. »Komm, mein Sohn!« sagte er, »ich könnte hier nicht für mich einstehen. Diese beiden Männer werden genügen, die Frauen zu schützen, bis wir ihnen von der Hazienda Hilfe oder Nachricht senden. – Leben Sie wohl, Eisenarm, wir sind quitt für den Schuß an der Schlucht!« »Noch nicht ganz, Señor, noch nicht ganz!« sagte der Trapper, »Caramba! Ich denke es Ihnen zu beweisen, wenn dieser halbblütige Halunke nach Verlauf von drei Tagen mir vor das Korn meiner Büchse kommt! Ich verdenke es Ihnen nicht, daß Sie gehen; Sie werden uns hoffentlich bald Ablösung senden. – Aber da ist noch jemand, der Ihnen zum Abschied gern die Hand drücken möchte!« Er wies auf den Verwundeten, der sich mühsam halb emporgerichtet hatte und Kreuzträger die Hand hinreichte. »Gehen Sie mit Gott!« sagte Arnold von Kleist mit einem scharfen Blick auf Volaros. »Sorgen Sie für die Sicherheit dieser Frauen. – Wenn der Himmel mich gesunden läßt, dann nehmen Sie mein Wort darauf, daß ich Ihnen helfen werde, den Mord an Ihren Lieben zu rächen!« Der Alte wandte sich ab; ohne weiter ein Wort zu sagen, ohne Volaros-Xaverio noch einen Blick zuzuwerfen, schritt er, von Diaz gefolgt, aus der Höhle und über den Grund des Kraters. Er nahm die beiden Pferde mit, die sie bei ihrer Flucht von dem Weideplatz der Apatschen benutzt und bei ihrer Rückkehr hier untergebracht hatten. Drückendes Schweigen lastete auf den Zurückgebliebenen. Aller Augen hafteten am Boden. Der Mestize hatte sich in den entferntesten Winkel der Höhle zurückgezogen. Nur das Auge Wonodongahs war dem Alten gefolgt. So vergingen etwa fünf Minuten. Eisenarm richtete sich auf und legte den Kopf lauschend auf die Seite. Plötzlich fiel in einiger Entfernung jenseits der Umwallung des Kraters ein Schuß; gleich erscholl das durchdringende Angriffsgeheul der Indianer. Eisenarm war mit einem Sprung am Eingang der Höhle und wollte, die Büchse schußfertig im Arm, über den freien Grund eilen. »Die Roten haben sie überfallen!« rief er. »Laß uns den Freunden zu Hilfe eilen, Wonodongah!« Die Hand Wonodongahs hielt ihn jedoch zurück. »Es ist zu spät,« sagte er, »sie sind tot oder in den Händen der Mimbreños. – Selbst die Kraft Eisenarms vermag ihnen nicht mehr zu helfen. Mein weißer Bruder vergißt, daß wir eine andere Pflicht haben!« »Es ist wahr,« erwiderte der Jäger, während er den Hahn seiner Büchse spannte und mit seinem scharfen Auge den gegenüberliegenden Zugang des Kraters bewachte, »aber es tut mir leid, daß wir dem alten Pfadfinder nicht mit Kugel und Messer haben zeigen können, wie ungern wir das seine von der Kehle des Schurken zurückgehalten haben! – Wir hätten sie nicht so von uns gehen lassen, sondern ihnen den verborgenen Ausgang der Höhle zeigen sollen. Aber dieser Starrkopf wollte ja nicht hören, obgleich sein Kopf weiß genug dazu ist, um Vernunft anzunehmen. – Hörst du, wie die Roten heulen vor Vergnügen, daß sie zwei so wackere Männer zu Boden gebracht? – Ich fürchte, wir werden die Burschen bald genug hier haben; sie haben sie sicherlich aus diesem Kessel kommen sehen und werden die Spur verfolgen. – Siehst du etwas, Wonodongah?« Die Frage erhielt eine schnelle Antwort. Die Büchse des Komantschenhäuptlings flog an die Wange. Ihrem Knall folgte ein Schrei – der Körper eines indianischen Kriegers rollte an der Wand des Kessels nieder. Kaltblütig trat Wonodongah vor. »Eisenarm möge den Platz seines Bruders einnehmen«, sagte er. »Die Füchse der Apatschen werden manchen Krieger im Tale der Verdammten lassen, ehe sie das Nest leer und die Vögel ausgeflogen finden.« »Ich weiß, ich weiß«, meinte der Trapper und wog seine Büchse spielend in der Hand. »Ich kenne vollkommen die Vortrefflichkeit unserer Stellung. Wenn du Comeo einen Wink geben willst, zur Sicherung unserer Skalpe mitunter auch einen Schuß zu tun, so können wir sie lange genug aufhalten, ehe sie es wagen, über den offenen Grund zu kommen. – Ich wünschte, Kreuzträger und der junge Vaquero wären noch hier. Dann wollten wir die ganzen Apatschen an diesem Paß aufhalten, solange ein Sonnenstrahl uns das Korn unserer Büchsen zeigt. – Beruhige die Weiber, Wonodongah, und sieh nach unserem Pulver und den Gefangenen, daß sie keine Teufeleien in unserem Rücken treiben. Dieser Steinblock wird Comeo schützen, als wäre sie hinter dem besten Festungswall!« Wonodongah hatte seine Büchse wieder geladen und trat in das Innere der Höhle. Von dort sandte er zunächst Comeo mit dem Gewehr des verwundeten Kleist dem Trapper zu Hilfe. Comeo nahm den Posten hinter dem Steinblock ein, den ihr Eisenarm anwies und bewachte mit der Ruhe eines erfahrenen Kriegers die Bewegungen des Feindes. Dolores, die junge Haziendera, war bleich, aber gefaßt; ihre Dienerin schluchzte und weinte. Leutnant Kleist hatte trotz seiner Wunde wieder den Revolver zur Hand genommen und beobachtete jede Bewegung der drei Gefangenen. »Was ist geschehen, Wonodongah?« fragte Dolores besorgt. »Wo ist der alte Mann und Diaz? Haben unsere Verfolger unser Versteck aufgefunden? Lieber sterben, als noch einmal in ihre Hände fallen!« »Die Feuerblume der Prärie möge ruhig sein«, erwiderte er. »Die Hand eines Apatschen soll sie nicht mehr berühren. Unsere Freunde sind von diesen heulenden Coyoten wahrscheinlich erschlagen; aber Eisenarm und Wonodongah genügen, die weiße Blume zu beschützen; sie kennen das Mittel, sie unbemerkt von hier fortzuführen, wenn wir das Tal der Verdammten verlassen müssen.« »Ihr habt noch eine vierte Büchse!« Dolores deutete auf das Gewehr, mit dem am Tage vorher nach der Tötung des Wachtpostens der Methodist bewaffnet worden war, und das der vorsichtige Pfadfinder nach der Trennung von ihm und dem Yankee an dem Versteck ihrer Pferde zurückgelassen hatte. »Du weißt, daß ich zu schießen verstehe. Darum laßt mich euch so gut beistehen, wie deine Schwester.« Ein Schuß Comeos bewies, daß sie auf ihrem Posten war. Dolores griff nach der Waffe und wollte sich nach dem Eingang wenden. Wonodongah sah sie bewundernd an, seine Augen leuchteten. Dann aber trat er ihr in den Weg. »Wonodongah weiß, daß die Feuerblume den Mut eines Kriegers hat«, sagte er. »Ihre Hand hat nicht gezittert, als sie mit uns den Panther jagte und die Augen der Bestie durch die Nacht funkelten. Aber ihr Leben darf nicht gefährdet werden – sie möge mit Comeo den Verteidigern die Büchsen laden helfen. Wonodongah und sein weißer Bruder werden für sie fechten. – Horch! Jetzt ist die Reihe an mir!« Eben knallte die Büchse des Trappers, und ein Wort von ihm rief den Komantschen. Dolores sah ein, daß sie sich durch das von Wonodongah vorgeschlagene Verfahren weit nützlicher machen könnte. Hinter der sicheren Steinwand der Höhle lud sie und Comeo gemeinsam die abgeschossenen Gewehre und reichten sie den Männern zu. Die kleine Besatzung der Höhle war im Besitz mehrerer Büchsen; der eigenen des Pfadfinders und Wonodongahs, außerdem der von Brown, dem Master Schielauge, deren Kreuzträger sich neben der seinen mehrfach bedient und die er im Tal der Verdammten zurückgelassen; er hatte dafür die Flinte des erschossenen Apatschenhäuptlings als seine Beute mit sich genommen. Die vierte Büchse war die des Kentuckiers, mit der sich an der Furt der Offizier bewaffnet hatte. Das Gewehr Merdiths war eine der gewöhnlichen amerikanischen Flinten von schlechter Beschaffenheit. Dennoch genügte bei der Nähe des Zieles die Zahl der Gewehre und das rasche Feuern, um die Angreifer von einem raschen Eindringen oder einem stürmenden Angriff zurückzuhalten. Der Apatsche, der sich den Weißen an die Fersen geheftet hatte, war ein vorsichtiger und schlauer Krieger und hatte ihre Spur nicht eher verlassen, als bis er sie in den Kessel des alten Vulkans hatte einziehen und in der Höhle ihren Ruheplatz einnehmen sehen. Dann erst hatte er sich eilig zurückgezogen und den Häuptlingen von dem Überfall und der Flucht ihrer Gefangenen Nachricht gebracht. Da er Zeit genug zur Beobachtung sowohl beim Kampfe in der Schlucht als auch bei seiner Verfolgung gehabt hatte, wußte er, welche bewährten Krieger und Feinde seines Volkes sich unter den Flüchtlingen befanden. Auf dem Weg zur Hazienda war er auf die Rückendeckung der Apatschen gestoßen, die Wis-con-tah zwischen der Hazienda und dem Gebirge in der Schar der Mimbreños unter ihrem jungen, einäugigen Häuptling aufgestellt hatte. Die Nachricht von der Flucht und der Nähe der Gefangenen brachte die ganze Schar in Bewegung. Der Fliegende Pfeil wütete, als er hörte, daß Comeo, der er seine verliebten Aufmerksamkeiten gezollt, unter den Flüchtigen war. Deshalb zögerte er nicht, seinen Trupp zu teilen und sich mit der größeren Hälfte sofort aufzumachen. Dies geschah etwa in der Zeit zwischen dem zweiten und dritten Angriff der Hauptmacht der Indianer auf die Hazienda. Das volle Morgenlicht war schon eingetreten, als der Fliegende Pfeil mit seiner Abteilung in der Nähe des früheren Kraters eintraf. Der Fliegende Pfeil war, wenn auch der jüngste der vier Häuptlinge der Apatschen, doch kein unerfahrener Krieger. Der Ruf seiner Feinde, wie gering auch ihre Zahl war, zwang ihn zu außergewöhnlicher Vorsicht bei der Annäherung an ihr Versteck. So kam es, daß die Roten Zeit fanden, sich zu verbergen, als Kreuzträger und der junge Vaquero Diaz den Kessel an der einzigen zugänglichen Stelle verließen. Während sie den Berg hinabstiegen und sich auf die Pferde schwingen wollten, hatten sich auf ein Zeichen des Fliegenden Pfeils die Mimbreños auf die Überraschten geworfen. Der Schuß, den die in der Höhle Zurückgebliebenen gehört, kam aus der Büchse Kreuzträgers. Sie hatte sich entladen, ohne Schaden zu tun, als sich mehr als zwanzig Krieger auf das Pferd stürzten und jede Bewegung des Tieres und seines Reiters verhinderten. Dieser Schuß durchkreuzte den Plan der Apatschen; sie hatten gehofft, die beiden ohne Lärm zu überrumpeln und desto leichter die Flüchtlinge in der Höhle zu überraschen. Nachdem dies mißlungen war, machte der Häuptling sofort den Versuch, in das Innere des Kessels zu dringen. Auch diese Absicht scheiterte. Einen Sturm wagten sie nicht, und so ließen sie sich denn auf einen Wechsel von Kugeln und Pfeilen mit ihnen ein. Eisenarm und Wonodongah schossen auf jeden Mimbreño, der sich zeigte, und das sichere Auge der beiden gefürchteten Schützen brachte den Belagerern viele Verluste bei. Dennoch fühlte der Trapper sehr wohl, daß ein kühner Entschluß des Häuptlings dem Kampf ein Ende machen mußte und daß sie dann verloren waren; auf längere Dauer den Eingang der Höhle zu verteidigen, war nicht möglich, da sie sich hierbei nur ihrer Messer und des Revolvers von Kleist hätten bedienen können; und dessen Kugeln waren ohnehin meist verschossen. Allen Zweifeln hierüber machte jedoch ein anderer Umstand ein Ende. Wonodongah hatte eben wieder einen guten Schuß getan, der den unvorsichtig hinter einem Felsblock gezeigten Fuß eines Mimbreños zerschmetterte; er reichte sein Gewehr, wie gewöhnlich, zum Laden an Comeo. »Mein Bruder möge mir ein anderes Pulverhorn geben«, sagte Comeo zu ihm. Wonodongah erschrak. Die kleine Gesellschaft hatte sich im Besitz eines genügenden Vorrats von Pulver und Blei befunden; sie hatte nicht allein das Schießzeug Slongs und Merdiths vom Platz an der Furt mitgenommen, sondern auch das Pulverhorn der von Kreuzträger aufgehobenen roten Wache. Kreuzträger hatte unglücklicherweise das Pulverhorn Merdiths und des Apatschen mitgenommen; so blieb denn die Verteidigung nur auf den geringen Vorrat des Trappers beschränkt. »Caramba,« murrte der Jäger, »ich glaubte noch manchen guten Schuß zu tun und sie bis zum Abend hinzuhalten. Ihre abergläubische Furcht hätte uns dann erlaubt, ihnen eine tüchtige Nase zu drehen. Aber die Halunken sind schlau genug, um bald zu merken, daß ihnen nur noch eine einzige Büchse gegenübersteht. – Wir müssen an den Rückzug denken.« Wonodongah wies auf den Verwundeten und den Krüppel. »Mein weißer Bruder weiß, daß es kaum möglich sein wird, die Frauen fortzubringen.« »Zum Henker, meinst du, daß ich nicht längst daran gedacht habe? – Wenn der Verwundete dort nicht wäre, hätten wir schon lange den blauen Himmel gesucht! Jetzt muß es dennoch geschehen; wir müssen ihn seinem Schicksal überlassen und die drei Gefangenen dazu. – Hören Sie, Compañero,« wandte er sich an Kleist, »machen Sie sich viel aus einigen Jahren dieses hundsföttischen, mühseligen Lebens?« »Wie meinen Sie das?« fragte der Deutsche. »Die Sache ist die: Es gibt einen Ausgang aus dieser Höhle, den Wonodongah und ich in früheren Zeiten entdeckten. Wir waren damals noch die Tigreros des Hazienderos, des Vaters dieser Dame, suchten nach einem Lager des Jaguars und krochen in dem Gestein umher. Er ist wahrscheinlich keiner andern Menschenseele bekannt. Halsbrechend und unbequem ist er genug; aber es muß dennoch versucht werden, durch ihn zu entkommen, wenn wir nicht alle samt und sonders in die Hände dieser Teufel fallen sollen. Wären Sie nun Ihrer Glieder mächtig, so hätten wir längst fort sein können; aber es ist unmöglich, Sie auch nur den vierten Teil des Weges fortzuschaffen. Jeder, der ihn gehen will, wird dazu seine eigenen Füße und Hände brauchen und vielleicht noch die Zähne dazu!« »Ich bitte Sie, Kamerad, lassen Sie mich zurück und retten Sie sich und die anderen. – Sie haben für mich schon mehr als zuviel getan!« »Nun,« meinte Eisenarm, sich etwas verlegen hinter den Ohren kratzend, »wenn Sie länger in der Wildnis gelebt hätten, würden Sie wissen, daß es da nicht ist wie in den Städten, und daß man einen ehrlichen Christenmenschen nicht leicht im Stich läßt. Aber hier geht es leider nicht anders. Sie riskieren aber, wenn Sie hierbleiben und der Fliegende Pfeil steckt erst seine Nase in die Höhle, einen Tomahawkhieb in den Schädel!« »Ich bin Soldat und werde zu sterben wissen!« sagte Kleist einfach. »Ich fordere von Ihnen als Pflicht, daß Sie sich um mich nicht weiter kümmern und nicht einen Augenblick säumen, diese Frauen und sich selber in Sicherheit zu bringen.« »Nun, ich dachte es mir, daß dies Ihre Antwort sein würde. Sie sind ein wackerer Mann und es ist schade, daß Gott und die Heiligen Ihnen nicht eine längere Frist auf der Erde gegeben haben. – Señora,« wandte Eisenarm sich an die Tochter des Senators, »Sie haben gehört, um was es sich handelt und was uns allein noch retten kann. Nehmen Sie Ihren Mut zusammm und halten Sie vor allem dort die greinende Dirne in Ordnung – unser Weg ist nicht ohne Gefahr.« »Und ist wirklich gar nichts für diesen Mann zu tun?« fragte Dolores mitleidig. »Wenn die Roten ihm nicht in der ersten Wut über ihre vereitelte Erwartung den Rest geben,« meinte philosophisch der Trapper, »so wäre es möglich, daß sie ihn mit sich nehmen. Indes, es ist zwei gegen eins zu wetten, daß sie so toll sein werden wie ein Büffel im Präriebrand.« Lord Drysdale hatte, da er sich als Gefangener fühlen mußte, nicht in die Auseinandersetzung eingemischt; jetzt aber trat er an Eisenarm heran. »Darf ich fragen, Sir, was Sie dabei über uns beschlossen haben?« »O, Monsieur,« sagte der Trapper ein wenig spöttisch, »die Apatschen sind Ihre Freunde, und Sie haben von diesen natürlich nichts zu besorgen! – Wir sind genötigt, Ihnen schon hier die Freiheit zu geben.« »Und fürchten Sie nicht, daß wir den Indianern den Weg Ihrer Flucht verraten, und daß man Sie verfolgen wird?« »Das möchte den roten Halunken etwas schwer werden,« sagte lachend Eisenarm, »und wenn der ganze Stamm vor diesem Loch heulte! Nein, wir werden dafür sorgen, daß es nicht geschehen kann. Wenn Sie aber ein Christ sind, so suchen Sie Ihr Verhältnis zu den Roten zu benutzen, um diesen Verwundeten zu schützen, den wir hier zurücklassen müssen. Vielleicht können wir ihn noch aus seiner schlimmen Lage befreien. Das Kriegsglück ist sehr wandelbar.« »Ich will alles tun!« sagte Lord Drysdale. »Sie verkennen mich. Ich werde ihn gegen die Apatschen schützen. Von mir soll überdies niemand den Weg erfahren, den Sie jetzt nehmen wollen. Ich bin gewohnt, mein Wort zu halten, wie Sie das Ihre. Ich hoffe, wir sehen uns noch einmal wieder, da wir einander nicht feindlich gegenüberstehen. Dann sollen Sie besser von mir denken lernen.« Eisenarm begnügte sich, die offenen männlichen Worte des Lords mit leichtem Kopfnicken zu erwidern und wandte sich zu Wonodongah. »Es ist Zeit,« sagte er, »ich werde dich auf deinem Posten ersetzen. Geh voran und zeige den Frauen den Weg. Die Späne werden hoffentlich noch an der Stelle sein, wo wir sie damals verbargen. – So, Freund, und nun nimm die beiden Flinten mit und wirf sie in den ersten Spalt – es ist unnötig, daß die Apatschen sich ihrer bemächtigen.« Er hatte die Stelle des Komantschen am Eingang eingenommen, und bald darauf krachte nochmals seine Büchse. »Das wird die Schufte für eine gute Viertelstunde im Zaume halten«, lachte er. »Mehr bedürfen wir nicht! – Der Bursche streckte gar zu neugierig seinen Kopf vor. Aber beeile dich, damit uns nicht noch der Zufall einen schlimmen Streich spielt.« Wonodongah hatte sich unterdes mit den Frauen beschäftigt. Die Höhle war dem Anschein nach etwa zwanzig Schritte lang, bildete aber eine Art Kurve, so daß nur der vordere Teil von dem einfallenden Tageslicht erhellt war. Comeo kauerte neben dem Leutnant Kleist. Wonodongah berührte leicht ihre Schulter und deutete nach dem Hintergrunde der Höhle. »Geh!« sagte er. »Comeo muß die erste sein. Er ist ein tapferer Krieger und wird zu sterben wissen, auch wenn seine Haut weiß ist.« Wäre es heller gewesen, so hätte seinem Blicke nicht der Kampf entgehen können, der das Mädchen erschütterte. Aber an Gehorsam gewöhnt, erhob sie sich langsam. Sie beugte sich noch einmal über den Verwundeten – Arnold von Kleist fühlte Tränen auf seine Stirn niederfallen. Er streckte die Hand nach ihr aus. »Dank, Comeo! – Ich werde deiner noch im letzten Atemzug gedenken!« Ein leiser Seufzer hauchte über ihn hin; die zitternde Hand des Mädchens glitt glatt und furchtsam über die seine; dann verschwand die junge Indianerin in der Tiefe des Gewölbes. »Leb' wohl, Bleichgesicht!« sagte der Komantsche. »Wonodongah wird dein Blut rächen.« Stumm ging er an dem Engländer und seinen Begleitern vorüber. Dem Mestizen Volaros-Xaverio warf er einen finstern Blick zu und hob drei Finger seiner linken Hand drohend in die Höhe. Die Frauen, Dolores mit ihrer Zofe und Comeo, waren jetzt an der Hinterwand der Höhle versammelt. Bei dem Dämmerschein, der von dem ihnen jetzt nicht mehr sichtbaren Eingang noch herüberkam, erkannten sie, daß die Wand nicht aus einem Stück, sondern aus abgerissenen Schichten mit verschiedenen Vertiefungen bestand. Gerade vor ihnen, in Mannshöhe, gähnte eine solche Spalte. Wonodongah legte seine Waffen ab, hielt Comeo die Handfläche hin und bedeutete ihr, ihren Fuß daraufzusetzen. Dann hob er sie in die Höhe seiner Schulter und ließ sie den Absatz des Gesteins erklimmen. In gleicher Weise, von oben her durch Comeo unterstützt, gelangten Dolores und die Zofe auf die Höhe des Gesteins. Sie befanden sich in einer neuen, wenn auch schmäleren und niedrigeren Höhle. Nun folgte Wonodongah. Er führte Dolores mit großer Sorgfalt einige Schritte weiter hinein in den Gang, bat sie dann, ohne Bewegung einige Augenblicke seiner zu harren und verschwand weiter hinein in die Finsternis. Nach wenigen Augenblicken sahen die Mädchen einen Funken aufglimmen, der bald zu einer Flamme wurde – mit dem brennenden Span einer harzigen Holzart in der Hand kehrte Wonodongah zu den Frauen zurück. Die Höhlung, kaum mannshoch, von den erkalteten Zakken und Blöcken vulkanischen Auswurfs auf allen Seiten beengt, führte offenbar tief hinein in den Berg. Wonodongah befestigte den Span innerhalb des Ganges und ließ zweimal hintereinander den Schrei des Spottvogels hören. Gleich darauf erschien Eisenarm und schwang sich auf den Absatz. »Hast du alles bereit? Ich fürchte, ehe zehn Minuten vergehen, haben wir die Schurken auf den Fersen. – Es geht etwas vor unter ihnen – sie wollen wahrscheinlich einen Angriff versuchen.« »Mein weißer Bruder hat das Pulver. Wonodongah wird vorangehen und die Frauen führen. Eisenarm möge den Weg schließen, wenn er das Geheul der enttäuschten Coyoten hört!« »Gut! – Eilt Euch! Nimm meine Büchse und gib eine dieser schlechten Flinten her – sie kann uns noch einen Dienst leisten.« Der Trapper lud die Flinte mit einer starken Ladung Pulver und setzte statt einer Kugel bloß einen Pfropfen auf. »Was wollen Sie tun? Wie wollen Sie die Apatschen hindern, uns zu folgen?« fragte Dolores. »Das sollen Sie sogleich erfahren, Señora!« erwiderte Eisenarm. »Sehen Sie diesen Steinblock, der aus der Wand ragt? Wenn Sie die Hand darauf stemmen, werden Sie fühlen, wie er schwankt. Eine Erschütterung wird ihn herunterreißen und ihn diesen Gang so anfüllen lassen, daß kaum eine Maus den Weg an ihm vorbei finden würde.« Er hatte unterdes einen Schwefelfaden in das Zündloch der Flinte gesteckt und bohrte deren Mündung zwischen die Ritze des Gesteins, das den Block in der Schwebe hielt. »Vorwärts, Wonodongah, beeile dich!« Der Komantsche nahm die Fackel und gab den Frauen ein Zeichen, ihm zu folgen. Dolores folgte ihm und kletterte über das im Wege liegende verwitterte Gestein. Hinter ihr kam, zitternd vor Furcht, die Zofe. Comeo war die letzte. Eisenarm horchte nach Beendigung seiner Vorbereitungen zum Eingang der Höhle hin. Der rechte Augenblick schien ihm gekommen; er zündete mit dem Schwamm, den er an der Fackel angebrannt, die Lunte an und zog sich hastig, sich mit den Händen forttappend, in den Gang zurück. Er tat etwa fünf Schritte. Da fühlte er einen geschmeidigen menschlichen Körper zwischen sich und der Lavawand, der sich vorbeidrängte. »Caramba! Wer ist hier noch? – Macht, daß Ihr vorwärts kommt! Gleich wird's losgehen! – Zum Teufel, Frauenzimmer, wo wollt Ihr hin?« Er merkte den Körper unter seinen Händen fortgleiten. Vergeblich tastete er umher. Er wollte eben dem Komantschen zurufen, mit der Fackel herbeizuleuchten, da drang ein gellendes Geheul an sein Ohr, das Geheul der eindringenden Apatschen. Ein gewaltiger Krach erschütterte die zwischen dem Gestein gefangene Luft und ließ die Wände und den Boden erzittern. Lord Drysdale hatte mit Abscheu die Geschichte Kreuzträgers angehört und auch keinen Versuch gemacht, den schurkischen Volaros aus den Händen des alten Pfadfinders zu retten. Zu tief war das eigene Leid um einen geliebten Menschen, um Maria Ronecamp, in seine Seele eingefressen; zu glühend brannte der Haß, der Durst nach Rache in seinem Herzen, als daß er nicht das Herz des alten Mannes hätte verstehen sollen, dem Weib, Tochter und Sohn durch eine Bestie in Menschengestalt genommen worden war. Volaros hatte, nachdem ihn Eisenarm vor dem Messer Kreuzträgers bewahrt, scheu und wie teilnahmlos sich neben den verkrüppelten Mahadrö wieder in den Schatten gekauert. Welchen tiefen Widerwillen der Lord gegen seinen Führer auch empfand, er fühlte doch, daß er dessen Beistand jetzt bedurfte. Er wandte sich deshalb, nachdem Eisenarm sich entfernt, mit der Frage an ihn, was jetzt zu tun sei. Statt jeder Antwort eilte der Mestize zum Eingang der Höhle, ließ über den Felsblock hinüber, der den beiden Jägern zur Deckung gedient hatte, sein weißes Taschentuch wehen und verschwand im Freien. »Der Bube!« murmelte der Lord. »Er würde unser aller Leben verkaufen, um das seine zu retten! Laß uns ihm folgen, Mahadrö, damit sie uns erkennen und wir nicht ermordet werden! – Sir«, wandte er sich zu Kleist. »Sie müssen einige Augenblicke allein bleiben. Aber seien Sie versichert, daß ich alles aufbieten werde ...« Er konnte nicht weiter sprechen, das gellende markerschütternde Kriegsgeschrei der Apatschen unterbrach ihn. Die wilden Gestalten der roten Krieger füllten den Eingang der Höhle. Mit drohenden Gebärden und mit geschwungenen Tomahawks drangen sie herein. Der Knall der von Eisenarm vorbereitenen Felssprengung ließ in diesem Augenblick das Gestein erbeben und fesselte ihren Fuß. Durch den Qualm und Staub, der aus dem Hintergrund der Höhle sich hervorwälzte, glitt die geschmeidige Gestalt Comeos. Sie kauerte sich nieder neben dem Lager Kleists und breitete wie zum Schutz Hände und Arme über ihn aus. Im Kampf mit den Apatschen Als die Apatschen unter Führung ihrer Häuptlinge an verschiedenen Stellen in das Haus und den Hof der Hazienda drangen, gaben die Verteidiger, in einem Winkel des Hofes betäubt und verwirrt von dem höllischen Dunst zuzusammengedrängt, sich und die kleine Feste verloren. Der Senator, Morawski und Escobedo bemühten sich vergeblich, die Entmutigten anzufeuern, ihr Leben wenigstens so teuer wie möglich zu verkaufen. Die Apatschen drangen über die Plattform der unteren Dächer, über die Mauern und durch das zertrümmerte Tor. Der Graue Bär zerschmetterte mit wuchtigen Schlägen seines Kampfbeiles die Tür, die aus dem Balkonzimmer von Dolores in die große Halle führte. Der Untergang der tapferen Besatzung war besiegelt. Plötzlich, in der allerhöchsten Gefahr, schmetterte eine Trompetenfanfare von der Ebene jenseits der Hazienda her ... Der Pole Morawski schleuderte mit einem Fußtritt den heulenden und jammernden Slong zur Seite; er schwang seinen Säbel und stürzte vorwärts in den Hof. »Hurra! Mut!« schrie er. »Das sind die Unseren – der Graf kommt zum Beistand!« Ein kräftiger Säbelhieb des alten Soldaten fuhr wie ein Wetterstrahl über das Gesicht des Springenden Wolfes, des Häuptlings der Lipanesen, der an der Spitze der über die Dächer eingedrungenen Schar der Apatschen anstürmte. Schüsse knallten gegen die Eindringenden. Die Roten stutzten – draußen den Abhang herauf, näher und näher, schmetterte die Trompete. Eine Büchsensalve krachte vor der Front der Hazienda. »Hurra, der Graf! Auf sie! – Nieder mit den Weiberdieben!« Der alte Pole achtete nicht des Pfeils, der seinen linken Arm durchbohrte; seine leuchtende Klinge zuckte rechts und links; neu ermutigt kämpften seine Leute um ihn. Escobedo, an der Spitze der Vaqueros und Peons, fegte die Mauern rein von den eingedrungenen Roten. Der Senator selber trieb mit seinem langen spanischen Stoßdegen einen Haufen Apatschen vor sich her nach dem Hauptgebäude zurück. Schuß auf Schuß knallte von draußen – »Vive Boulbon!« – »Viva el Generale!« – »Hurra!« Aus hundert Kehlen klang's, und von weither wiederholte sich der Ruf lauter und lauter. Darüber hinaus tönte der Kommandoruf der Offiziere. »Nieder mit den roten Bestien!« »Keine Gnade!« »Tötet sie!« Ja, es war der Graf, der so noch zur rechten Zeit eingetroffen war. Wie Kleist der jungen Haziendera gesagt hatte, war im Kriegsrate der Offiziere auf das Drängen der Kaufleute und Grundbesitzer folgendes beschlossen worden: wenn sich der Zustand des Grafen nicht in vierundzwanzig Stunden änderte, sollte die Schar unter dem Befehl des Kapitäns Perez und des Adjutanten Carboyal aufbrechen und der schon vor zwei Tagen vorausgegangenen Vorhut des Polen Morawski folgen. Der Kranke blieb unter der Pflege des Arztes und seines jungen Verwandten Jean Der Graf hatte, als er nach dem blutigen 2. Dezember 1851, ein unversöhnlicher Feind Louis Napoleons, Frankreich verlassen mußte, seine Geliebte und Mutter seines Knaben, die Schauspielerin Suzanne Clement, mit auf seinen abenteuerlichen Zug in die Neue Welt genommen und seinen Sohn in guten Händen in einer Militärerziehungsanstalt zurückgelassen. Suzanne war immer um ihn, trug aber aus begreiflichen Gründen in der sonderbaren Umgebung Männerkleidung und galt als der junge Verwandte des Grafen, namens Jean. Da sie einsah, daß eine Verbindung ihres Geliebten mit der Tochter des einflußreichen Senators Don Esteban da Sylva Montera für ihn und die Zukunft ihres Sohnes außerordentlich wertvoll war, hatte sie wohl auf ein eheliches Glück verzichtet, sich aber nicht zu entschließen vermocht, nach dem Rat des Grafen ihn zu verlassen und nach Frankreich zurückzukehren. – Vergleiche die Bände »Die Abenteurer der Sonora« und »Zu den Quellen des Buenaventura«. zurück. Dieser Beschluß war auch zur Ausführung gekommen, allerdings erfolgte wegen der verzögerten Herbeischaffung der Pferde der Aufbruch erst am zweiten Morgen nach dem unglücklichen Ereignis. Don Esteban war demnach um volle zwei Tage dem Hauptzug voraus, und da dieser ziemlich langsam marschierte, wurde aus der Verspätung bald ein dritter Tag. An diesem dritten Tage änderte sich der Zustand des Grafen Raousset-Boulbon ebenso plötzlich, wie er eingetreten war. Das bleiche Gesicht bekam wieder Farbe, die starren, ausdruckslosen Augen begannen zu leuchten; der Kranke richtete sich ohne jeden Beistand von seinem Lager auf und rief zum Schrecken seiner Krankenwärter mit kräftiger, befehlender Stimme: »Sattelt mein Pferd! – Ruft Diego Muñoz! – In einer Stunde müssen wir unterwegs sein!« Vergeblich versuchten Suzanne und Bonifaz ihn auf dem Bett zu halten. Der Graf war mit dem Augenblick, in dem er erwachte, wieder der gleiche überlegene und herrische Mann von früher und forderte unbedingten Gehorsam. Er ließ eine Flasche alten Bordeauxwein kommen und leerte sie fast mit einem Zuge. Unterdes mußte Bonifaz ihm Bericht erstatten über den Abgang der Sonoramannschaft und über alles, was sonst geschehen und außerhalb seines Gemaches verhandelt worden war. Es war merkwürdig – Graf Raousset-Boulbon schien alles genau zu wissen, was in seiner Gegenwart während seines Starrschlafes geschehen; doch er vermied sorgfältig, mit einem Wort über seinen Zustand zu sprechen. Als Bonifaz ihn darüber zu fragen wagte, war seine Antwort rauh und streng, und der alte Avignote zog kopfschüttelnd vor, zu schweigen. Alle Befehle des Grafen waren klar und bestimmt. Sie bewiesen, daß er nicht nur wieder Herr seiner vollen Körperkräfte, sondern auch seiner geistigen Eigenschaften war. Suzanne, beseligt von der unerwarteten Heilung, hatte sofort heimlich nach Doktor Schönfeld, dem deutschen Arzt, gesandt. Sie war in einem Zwiespalt – sollte sie Gott und den Heiligen für diese plötzliche Herstellung danken oder wünschen, daß sie langsamer und auf gewöhnlichem Wege erfolgt wäre? Der Arzt kam und der Graf schloß sich eine Viertelstunde lang mit ihm allein ein. – Niemand erfuhr, was sie zusammen gesprochen. Doktor Schönfeld schien mit der erhaltenen Belohnung sehr zufrieden und verließ bald darauf San Guaymas; er ging nach Kalifornien und von dort in seine deutsche Heimat zurück. Ihm verdankt man manche Einzelheiten über den berühmten Abenteurerzug. Suzanne flehte den Arzt an, als er das Gemach des Grafen verließ, ihr Näheres über die Krankheit und Heilung zu sagen. Doktor Schönfeld beruhigte sie und den alten Diener Bonifaz mit der Erklärung, daß alle Folgen des Anfalls vollständig beseitigt wären; aber er riet, möglichst alle außergewöhnlichen Aufregungen zu vermeiden und ihn nicht aus den Augen zu lassen. Mit kummerschwerem Herzen trafen die beiden Getreuen eilig ihre Vorbereitungen zur Abreise; denn da die früheren Pläne umgestoßen waren, hofften sie, ihn nach der Hazienda des Senators begleiten zu können. Die Nachricht von der wunderbaren und raschen Genesung des Führers hatte sich schnell in Guaymas verbreitet. Von allen Seiten kamen die Spitzen der Kaufmannschaft und die noch anwesenden oder schon zur Küstenstadt geflüchteten großen Grundbesitzer herbei, um ihm Glück zu wünschen und mit ihm zu beraten. Das Volk sammelte sich vor der Tür seines Hauses. Mit einer gewissen abergläubischen Furcht wartete es auf das Erscheinen des » Endemoniados! «, des »Besessenen«, wie er in den untersten Schichten hieß, seit er durch die Verwundung mit dem Malayendolch in den geheimnisvollen Starrkrampf verfallen. Der Graf gab jedem Antwort, schnitt die Glückwünsche zu seiner Genesung kurz ab, forschte nach allen in den letzten zwei Tagen eingegangenen Nachrichten und Berichten über die Fortschritte des indianischen Vordringens und betrieb dabei mit fieberhafter Tatkraft und Ungeduld die Maßnahmen zu seinem Aufbruch. Die Abreise erfolgte dann auch nur kurze Zeit nach der von ihm bei seinem Erwachen bestimmten Frist. Muñoz, der neue Befehlshaber des Forts, hatte Befehl erhalten, fünf seiner besten Leute mit einigen kundigen Führern wohlberitten zur Begleitung des Grafen zu stellen, und die schnellsten Pferde dazu nötigenfalls mit Gewalt fortzunehmen. Doch es waren deren jetzt, nachdem so viele vor den Apatschen nach Westen geflüchtet waren, genug vorhanden; und als der Graf mit seinen beiden Gefährten unter der Veranda des Hauses erschien, war alles zum Aufbruch bereit. Der Befehlshaber des Forts, die Behörden und die Vorsteher der Gilden mit fast der ganzen Bewohnerschaft der Stadt waren zum Abschied versammelt. Lauter Jubel und Zurufe begrüßten ihn bei seinem Heraustreten. Sein Blick flog mit dem alten Stolz über die Menge, doch wollten viele bemerken, daß die Falte zwischen seinen nahe zusammentretenden Brauen finsterer und schroffer war als früher; der sorglose Übermut hatte einem gewissen nachdenklichen Ernst Platz gemacht. Der Graf trat vor und nahm den Zügel seines Pferdes aus der Hand eines Soldaten. » Amigos ! Liebe und getreue Männer und Frauen von Guaymas!« sagte er. »Der unglückliche Zufall, der mich einige Tage länger hier zu verweilen zwang, kann meine Eile und meinen Eifer nur verdoppeln. Die Grenzen der Sonora sollen in wenigen Tagen von den wilden Horden befreit sein. So wahr das Blut der alten und rechtmäßigen Könige Frankreichs in meinen Adern fließt, ich will nicht eher nach Guaymas zurückkehren und meine Hochzeit in Ihrer Mitte feiern, als bis ich die Indianer in das Herz ihrer Jagdgründe verfolgt und ihnen die Lust zur Wiederkehr für lange Jahre genommen habe! – Behalten Sie mich in Ihrem Andenken. Möge die heilige Jungfrau Sie bis zu unserem Wiedersehen in Schutz nehmen!« Unter dem begeisterten Viva der Menge schwang er sich in den Sattel, gab dem Renner die Sporen und sprengte auf der Straße nach Osten davon. Hinter ihm drein ritt Jean mit seinen Begleitern. Beim ersten Schritt aus der Hafenstadt entwickelte der Graf eine fieberhafte Hast, weiter zu kommen. Schon am zweiten Tage waren mehrere Pferde völlig ermattet; sie mußten durch andere ersetzt werden. Am dritten Tage hatte er den Haupttrupp der Sonorakrieger eingeholt, von dem stürmischen Jubel der Abenteurer begrüßt. Nun übernahm er selber wieder den Oberbefehl, zum großen Verdruß Don Carboyals, des ehrgeizigen Vertrauten von Juarez. Mit eiserner Strenge, die keine Schonung und Rücksicht kannte, trieb er seine Kompagnien vorwärts, um die versäumte Zeit wieder einzuholen. Er erzwang auf den Haziendas und Ranchos am Wege mit Gewalt Pferde und machte auf diese Weise seine ganze Truppe beritten. Am vierten Tage ließ er alle Saumtiere mit dem Gepäck zurück, weil sie seinem raschen und ungehinderten Vorwärtsstürmen lästig waren. Das geschah an dem gleichen Rancho, in dem Señora Dolores ihr letztes Nachtlager vor ihrer Gefangennahme durch die Apatschen genommen hatte. Mit überraschender Schnelle war schon das Gerücht von dem Überfall der Apatschen an der Furt des Flusses bis zu diesem Rancho gedrungen, und der Graf trieb daher nach kurzer Rast, indem er die allzusehr Ermatteten mit Bonifaz und Suzanne gleichfalls zurückließ, zum Weitermarsch. Die ganze Nacht saßen die Leute im Sattel. Kurz vor Anbruch des Tages gelangte man in die Nähe der Furt und machte Halt; Pferden und Menschen sollte eine Stärkung gewährt werden. Aber am noch dunklen Horizont in der Richtung der Hazienda stieg, ein glühender Notruf, die Rakete auf. Im Nu saßen alle Mann wieder auf den müden Tieren und drückten ihnen ohne Gnade die Sporen in die blutenden Weichen. Die Schar des Grafen war auf hundertfünfzig Köpfe zusammengeschmolzen; aber es waren die besten und verwegensten seiner Truppe. Im Morgengrauen durchritten sie die Furt. Am anderen Ufer fanden sie an der Stätte des niedergebrannten Fährhauses die noch unbegrabenen, von den Coyoten, wilden Hunden und Geiern schon halb verzehrten Leichen der Erschlagenen und andere Spuren des Kampfes. Die militärische Klugheit gebot jetzt, die nötigen Maßregeln zu treffen und mit aller Vorsicht vorwärts zu gehen, um nicht unvorbereitet auf einen vielleicht übermächtigen Feind zu stoßen. Der Graf war bei allem Ungestüm seines Charakters doch ein zu alter Soldat und in zu guter Schule in den Kämpfen Algeriens erzogen, um dies zu versäumen. Unter Juan Racunha, dem Perlenfischer von Espiritu Santo, wurden daher Späher ausgeschickt, die bald Nachricht von dem fernen Büchsenfeuer gaben. Der Haupttrupp drang langsam und verborgen noch weiter vor, und neue Späher berichteten von dem auffallenden Manöver der Indianer, die gerade ihre Reiter nach verschiedenen Seiten ausgesandt, die Mittel zur Ausräucherung der Hazienda herbeizuschaffen. Nur mit genauer Not waren die Kundschafter der anrückenden Truppen einer Entdeckung entgangen. Aber die Reiter der Apatschen kehrten bald zu den Belagerern zurück. Während diese nun eifrig mit ihrem höllischen Werk beschäftigt waren, so daß sie jede Vorsicht vernachlässigten, konnte der Graf in voller Ruhe seine Maßregeln treffen. Mit dem Kleinkrieg gegen die tapferen Stämme Nordafrikas vertraut, waren seine Befehle so umsichtig und wirksam, daß er die Rothäute während ihres Sturmes auf die Hazienda völlig überraschte. Eine Abteilung der Weißen bemächtigte sich durch Handstreich der nur von wenigen Kriegern bewachten Pferde und zerstreute sie. Eine zweite unter Kapitän Perez suchte die Hohlwege zu gewinnen; sie sollte den Apatschen den Rückzug ins Gebirge verlegen oder erschweren. Der Graf selber fiel mit der Hauptschar den Stürmenden in den Rücken. So war es gekommen, daß den bedrängten Verteidigern der Hazienda im Augenblick, da sie sich verloren geben mußten, Hilfe und Rettung wurde. Viele der Abenteurer, die keine besonderen Reiter waren, hatten es vorgezogen, zu Fuß zu kämpfen. Dazu gehörten auch die beiden zugleich mit Kreuzträger und Leutnant von Kleist zu San Franzisko in die Schar aufgenommenen Matrosen und der Seeräuber Niels Hawthorn, der Rote Hai, der Feind des Lords Drysdale. Die ganze Mordlust Hawthorns brach aufs neue hervor, als er an dem eingeschlagenen Tor Posten faßte und dort in den zurückflutenden, überraschten und entmutigten Indianern ein Blutbad anrichtete. Die Rote Schlange, der Häuptling der Mescaleros, hatte sich vergeblich bemüht, dem Ansturm der Sonoraleute mit einem Haufen tapferer Krieger auf dem Raum der früheren Corrals standzuhalten. Ihre Zerstörung wurde den Apatschen jetzt selber zum Verhängnis; denn nichts hinderte die Reiter des Grafen, sich mit voller Wucht auf sie zu werfen. Dazu schlug ein lebhaftes, wohlgezieltes Büchsenfeuer der Fußkämpfer von allen Seiten in ihre Reihen. Gewohnt, auf den weiten Ebenen immer zu Pferde zu kämpfen, bei Krieg und Jagd fast eins geworden mit ihren Rossen, waren sie beim Fußkampf schon halb verloren. Sie suchten vergeblich, ihre Pferde zu erreichen und mit ihren minderwertigen Waffen sich gegen die besser geschulte Schar der kühnen und kampflustigen weißen Abenteurer zu wehren. Der erste im Angriff war Graf Aimé Raousset-Boulbon selber. Gefolgt von etwa fünf der Bestberittenen, war er gegen den Haufen angestürmt, der sich Makotöh, dem grimmigen Häuptling der Gilenos, in dem gelungenen Angriff auf den Mittelbau der Hazienda angeschlossen hatte und über den Balkon in das Innere drang. Der Graf hatte sofort diese schlimmste Gefahrstelle erkannt und war darauf losgesprengt. Mehrere der Krieger, die noch nicht über den Balkon eingestiegen waren, hatten sich auf die Trompetenfanfare umgewandt und den Reitern die Stirn geboten. Des Grafen feuriges Tier rannte drei Apatschen zu Boden; den Tomahawkhieb eines vierten wehrte die geübte Hand des Reiters ab; ein Hieb der Dschambea, des Geschenks Nena Sahibs Vergleiche die Zirkus- und Zweikampfszene im Band »Volk in Folter«, dem 1. Teil von »Nena Sahib«. , des berühmten indischen Freiheitskämpfers gegen die britische Tyrannei, spaltete den Schädel des Roten. Diese ihnen mit Recht dämonisch erscheinende Kraft entsetzte die anderen Apatschen, die sich dem Franzosen entgegengeworfen. Ihr Widerstand erlahmte, und sie fielen alle unter den Waffen der Begleiter des Grafen. Mit gewaltigem Ruck zügelte der Graf seinen Renner, daß dieser auf seine Hinterfesseln zurücksank. Ohne die am Sattel befestigte Büchse zu lösen, schwang er sich herab. Im nächsten Augenblick stand er auf dem seines Geländers durch die Balkenstöße der Indianer beraubten Balkon. Mit wuchtigen Hieben seiner Dschambea trieb er die Feinde zurück, die jetzt durch das zerbrochene Gitter wieder herauszudringen suchten. Von Entsetzen gepackt, eilten die Krieger des Grauen Bären wieder in das Innere des erstürmten Hauses; sie flohen in die Winkel der geplünderten Gemächer. Der Graf stürzte ihnen nach, ohne sich darum zu kümmern, ob seine Leute ihm folgten, und sprang hinter den Vordersten durch die eingeschlagene Tür der großen steingepflasterten Halle. Makotöh, der Graue Bär, stand, hochaufgerichtet, ihm gegenüber. Der berühmte Häuptling der Gilenos war durch die Flucht und das Gedränge seiner eigenen Leute daran gehindert worden, sich schon früher den neuen Feinden entgegenzuwerfen und auf den Kampfplatz in den Corrals zurückzueilen. Das unerwartete Auftauchen des Grafen bestürzte ihn; der gigantische Häuptling, dessen Mut und Kraft unbestritten war, wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Die beiden Gegner maßen sich sekundenlang mit funkelnden Augen. Jeder erkannte auf den ersten Blick den anderen, auch wenn das Bärenfell um die Schultern des einen, die Adlerfedern auf dem Hut des Weißen sie nicht einander kenntlich gemacht hatten. » El oso pardo! « sagte der Graf in spanischer Sprache. »Ergib dich, und ich will dir das Leben schenken!« »Hund von einem Bleichgesicht! – Stirb!« Der Häuptling hielt in seiner linken Faust die Büchse, in der rechten den schweren Tomahawk, mit dem er eben noch die Tür zur Halle eingeschlagen. Er ließ die Büchse fallen und stürzte sich mit dem gellenden Kriegsruf der Apatschen in einem tigerhaften Sprung auf seinen Feind. Raousset-Boulbon erwartete ihn, ohne einen Zoll zu weichen. Mit dem Rücken der Dschambea fing er den Schlag des Tomahawks so stark auf, daß die Waffe der Hand seines Gegners entglitt und in weitem Bogen klirrend auf das Pflaster flog. Waffenlos stand der Graue Bär, der Held der indianischen Jagdgründe, dem stolzen Abkömmling aus dem Geschlecht der Bourbonen, dem Helden aller ritterlichen Künste der Alten Welt, gegenüber. Es war ein Augenblick der höchsten Spannung, und selbst in diesem Massenkampf um Sein und Nichtsein stockte für Sekunden das Morden und Würgen, und man bildete, wie gebannt, einen freien Raum um die beiden gewaltigen Vertreter ihrer Rassen. Graf Raousset-Boulbon sog tief den Atem in die breite Brust. Er sah das Schlachtbeil des Grauen Bären durch die Luft fliegen und klirrend mit der Schneide auf die Steine des Hofes schlagen – wie einem edelmütigen Zwange folgend, ließ er die Dschambea an dem Riemen um sein Handgelenk niedersinken. Dann trat er einen halben Schritt vor und packte den riesigen Apatschen an seinen mit Menschenhaaren gesäumten ledernen Beinkleidern und dem Gürtel. Die gigantische Kraft des Apatschen stemmte sich verzweifelt gegen den athletischen Griff – dann fühlte er sich aufgehoben und in gewaltigem Schwung hoch im Bogen auf das Pflaster der Halle niedergeschleudert. Regungslos blieb der Graue Bar liegen ... »Bindet ihn!« sagte der Graf mit kaum bewegter Stimme zu seinen Begleitern, die jetzt in die Halle drangen, nachdem sie alles, was rot war, erbarmungslos getötet. »Bindet ihn, aber man tue ihm nichts zuleide!« Ohne sich weiter um den gefällten Feind zu kümmern, trat er in die äußere Pforte der Halle. Im Innern des Hofes wütete die Metzelei fort. Von allen Seiten angegriffen, verhindert, durch das eingestoßene Tor die Flucht zu ergreifen, entsetzt durch den Überfall im Rücken und die Wendung des Kampfes, nachdem sie den Sieg schon in Händen hatten, suchten die Apatschen über die Mauern zu entfliehen. Sie fochten mit dem Mut der Verzweiflung. Sie kämpften um das nackte Leben; schon verwundet am Boden, stießen sie mit dem Messer um sich oder versuchten, mit entweichender Kraft das Schlachtbeil zu schleudern. Es war ein grausiges Schlachten. Gnade wurde nicht gegeben; und die roten Krieger waren in dem Jahrhunderte alten ungleichen Kampf gegen die weißen Eindringlinge auch an keine Gnade gewöhnt ... Unbarmherzig wurde jeder Indianer im Innern der Mauern getötet; nur wenigen gelang die Flucht. Unter den Erschlagenen befand sich auch der Häuptling der Lipanesen. Wie in der Hazienda selber, so wurden auch draußen die roten Krieger auf allen Punkten vernichtet und zerstreut; noch mancher der Fliehenden wurde von der sicheren Kugel aus dem Rohr der Weißen erreicht. Die Rote Schlange, dem schlauen Häuptling der Mescaleros, war es gelungen, leicht verwundet, eines der versprengten Pferde zu erhaschen und zu entkommen. Die Niederlage der Apatschen war vollständig. Seit einem Menschenalter waren sie nicht mehr so blutig heimgesucht worden. Was sich vor den mörderischen Waffen der Weißen gerettet und dem Hinterhalt des Kapitän Perez entkommen war, floh in die Sierra Madre oder nach der Stelle, wo die Reiter des Fliegenden Pfeils zurückgeblieben waren. Der Graf war nicht der Mann, seinen Sieg ungenutzt zu lassen. Der schrille Ton seiner Kommandopfeife rief Racunha und den Polen Morawski an seine Seite. Beide waren von Blut bedeckt, der alte Soldat von Ostrolenka zweimal verwundet. »Wir müssen sie verfolgen!« befahl der Graf. »Keine Ruhe, sonst merken sie unsere geringe Zahl! – Dort sind frische Pferde.« – Er wies nach denen im Hofraum. – »Lassen Sie die rüstigsten Reiter aufsitzen! – Vorwärts! Hinter ihnen drein!« Erst jetzt wandte er sich zu dem Senator. Erschöpft, auf seinen langen Stoßdegen gestützt, wankte der Haziendero herbei. »Sieg! Sieg! Senor Don Esteban! – Aber wo ist Dolores, meine Braut?« »Gefangen – in den Händen der Indianer! – Gott schütze mein armes Kind! – Was nützt der Sieg, wenn ich sie nicht wiederhabe!« Der Graf stieß einen Fluch aus. »Ich will den roten Burschen drinnen mit glühenden Zangen zerreißen lassen, wenn sie es wagen, ihr ein Haar zu krümmen! – In die Sättel, Kameraden, in die Sättel! Ihnen nach!« Der Senator faßte seinen Arm. »Hören Sie erst, Señor, was ich von ihr weiß! – Ich bin nicht ohne Hoffnung; denn ich erhielt gestern abend Nachricht, und treue Freunde wachen über sie.« »Wer, Señor?« »Kreuzträger und zwei meiner früheren Tigreros, Eisenarm und ein Komantsche, den man den Großen Jaguar oder Wonodongah nennt.« Eisenarm und Wonodongah – waren das nicht die beiden Kameraden, von denen ihm Ojo d'Oro in Paris in seiner Sterbestunde erzählt? Jene beiden, die als einzige lebenden Menschen noch das Geheimnis des Schatzes der Azteken kannten, und die er vergeblich nach dem Brande von San Franzisko Vergleiche die Bände »Die Abenteurer der Sonora« und »Zu den Quellen des Buenaventura«. zu finden versucht hatte? Der Graf zitterte; er fühlte, daß dieser Wink des Schicksals nicht ohne Bedeutung war und daß er die Gelegenheit nicht verlieren dürfe. »Ich habe einen Bürgen, Señor Senator«, sagte er, »der uns die Freiheit Ihrer Tochter sichert. – Der gefürchtetste Häuptling der Apatschen, der Graue Bär, ist in meiner Gewalt. – Kommen Sie und lassen Sie mich auf das genaueste alles hören, damit wir danach unsere Maßregeln zur Befreiung der Señora treffen können.« Er erteilte noch einige kurze Befehle und folgte dem Haziendero in die Halle, wohin man die neuen Toten und Verwundeten brachte. Die geflüchteten Weiber begannen sich wieder einzufinden; Vaqueros und Soldaten trugen ihre verwundeten Kameraden herbei; andere drängten sich, den grausamen Grauen Bären, den Häuptling der Gilenos, in der Nähe zu sehen; denn die Kunde von dessen Gefangennahme hatte sich schon durch die ganze Hazienda verbreitet. Der Deutsche Weidmann, der vom Grafen zum Führer seiner Artillerie – freilich gegenwärtig ohne Geschütze – ernannt worden war, schleppte in diesem Augenblick den Master Hesekiah Slong vor den Grafen unter der Anschuldigung, die Toten beider Parteien geplündert zu haben. Weidmann betonte dabei, daß Slong sich von dem Handgemenge weislich ferngehalten hätte. Nur das Zeugnis des Senators von dem wohlgezielten Schuß auf den Angreifer Geronimos, und daß er einer der Boten sei, die Nachricht von Dolores gebracht, rettete ihn vor strenger Bestrafung. Nach dem anderen Boten, dem Yankee Brown, sah man sich vergeblich um; er war verschwunden oder hatte sich versteckt. Bei der allgemeinen Verwirrung und Aufregung kümmerte man sich überdies wenig um seine Person und sein Schicksal. Slong wurde nunmehr zwischen all diesen blutigen und traurigen Szenen vom Grafen genau über die Gefangennahme der Haziendera und die Vorgänge seines eigenen Entkommens ausgefragt. Aus der Beschreibung Slongs erkannten mehrere der anwesenden Rostreadores den Ort, wo die Mescaleros und Gilenos ihr Lager aufgeschlagen gehabt. Es fand eine kurze Beratung statt über die Frage, ob man die Indianer dorthin verfolgen und sie in ihrem Schlupfwinkel angreifen könne. Die Meinungen waren geteilt; denn es war wohl zu bedenken, daß sowohl die Verteidiger der Hazienda als auch die Mitglieder des Sonorazuges durch den angestrengten Marsch und den Angriff zum Tode erschöpft waren. Während dieser Verhandlung lehnte der Graue Bär gefesselt an der Wand. Er war nach einigen Minuten wieder aus seiner Betäubung erwacht und hatte sich als Gefangener der gehaßten Weißen gefunden. Vergeblich versuchte er seine starken Bande zu zerreißen, bis er sich mit jenem finsteren Trotz in sein Schicksal ergab, der die indianischen Krieger auszeichnet. Don Carboyal, der an dem Kampfe nur bescheidenen Anteil genommm, schien ihn als Gefangenen der Regierung zu betrachten und hatte neben ihn zwei Posten gestellt, die jede Bewegung des roten Riesen beobachten mußten. Ein tolles Leben herrschte in der großen Halle. Verwundete wimmerten, Sterbegebete leierten eintönig am Lager der Verlorenen, Flüche mischten sich in das Schluchzen der Weiber und Kinder. Dazwischen gingen die Krüge und Flaschen mit Aguardiente und Mescal von Hand zu Hand; die Zigaretten von Maisstroh erfüllten mit ihrem Rauch die Halle. Das rohe unbekümmerte Lachen eines der Abenteurer unterbrach manchmal die übertriebenen Erzählungen von den verichteten Heldentaten. In dieses wilde und aufregende Treiben klang plötzlich ein Jubelruf von außen. »El viva!« »El vaquero! – Diaz! Diaz!« Der Graf unterbrach die Beratung; der Senator packte ihn erregt am Arm. »Wer ist das – Diaz?« fragte der Graf. »Oh por amor de Dios!« stöhnte der Haziendero. »Es ist der Knabe, der meine Tochter aufgesucht. – Lassen Sie uns hin – –« Von Kameraden und Soldaten der Sonoragesellschaft mehr getragen als geleitet, kam ihm auf der Schwelle der Halle der junge Vaquero entgegen. Diaz war bleich und erschöpft; er konnte sich offenbar kaum noch auf den Füßen halten. Von seiner Stirne tropfte aus einer Wunde Blut; Hände und Gesicht waren von Dornen zerrissen, seine Kleider zerfetzt und beschmutzt; sein Atem ging keuchend wie nach einer unerhörten Anstrengung. Escobedo, der in seiner Nähe stand, erkannte zuerst seinen Zustand und seine vergebliche Anstrengung zu sprechen. Er reichte ihm einen großen Becher Mescal; der junge Mann leerte ihn mit einem einzigen durstigen Zuge. Das scharfe Getränk schien ihm wieder Kräfte zu geben und seine Zunge zu lösen. Das erste Wort, was er sagte, war: »Die Señorita! – Zu Hilfe für unsere Herrin!« »Wo ist sie?« schrie der Senator auf. »Die Apatschen belagern unsere Freunde in der Höhle der Verdammten!« »So ist sie entkommen? – Was ist geschehen? – Rede!« » Benedita Maria purissima! « Die Bewohner der Hazienda murmelten ein Stoßgebet und zeigten so ihre Teilnahme für die junge Gebieterin. Man brachte Diaz einen Rohrsessel. Der Erschöpfte sank darauf nieder; er merkte nicht, daß dicht hinter ihm der leblose Körper seines alten Verwandten, des Mayordomo Geronimo, lag. Alles drängte sich um ihn. » Hombre! Sus! Alta! Alta! – Rede! – Sprich!« klang es von allen Seiten. Zehn Hände boten ihm frische Becher dar. Der junge Vaquero wies sie von sich. Der Senator und der Graf drängten die Leute gewaltsam zurück; sie erkannten, daß sie nur durch ruhiges Befragen das Nötige erfahren würden. »Sprich jetzt!« befahl der Senator. »Ist meine Tochter am Leben?« »Si, Señor!« »Unverletzt?« »Si, Señor! – Der heiligen Jungfrau sei Dank und der Tapferkeit unserer Freunde! Wir haben sie kurz nachher, als der Mond aufgegangen war, aus dem Lager der Apatschen befreit und ihre Wächter getötet!« »Bei dem heiligen Kreuz von Puebla! – Es soll Euch vergolten werden. – Aber sprich weiter – was ist geschehen?« »Wir waren auf dem Wege hierher, Senor Senator,« berichtete Diaz, »und hofften die Hazienda zu erreichen vor dem Angriff der Apatschen, die Ihr, wie ich sehe, so glücklich zurückgeschlagen habt. Aber wir hatten einen Verwundeten bei uns, einen Deutschen. Don Arnoldo von Kleist nennt er sich. Auf dem Mordplatz an der Furt war er dem Tomahawk der Apatschen entgangen und dort zu uns gestoßen. Sein Fortschaffen und die Gefangenen verzögerten unseren Marsch. Wir stießen auf einen Hinterhalt, den die Apatschen an der Querenzia der Biberbäume gelegt hatten.« »Und sie ergriffen euch aufs neue?« »Nein, Señor. Wir merkten ihre Nähe zeitig genug und zogen uns zurück nach dem Tal der Verdammten, wo wir früher unsere Pferde versteckt hatten.« »Und man sandte dich aus, uns Botschaft zu bringen? – Die Apatschen hatten euer Versteck entdeckt?« » Quedo! Que dito, Señor Senator! – Es ist eine lange Geschichte und jetzt zu erzählen keine Zeit! – Bastante! Kreuzträger und ich verließen die Gesellschaft, bei der wir nicht mehr mit Ehre und Gewissen bleiben konnten und machten uns auf den Weg, Botschaft hierher oder unsere Büchsen Ihnen zu Hilfe zu bringen. Aber die Apatschen mußten auf irgendeine Weise auf unsere Spur gekommen sein. Kaum hatten wir, unsere Pferde an der Hand, den engen Eingang des Tals hinter uns und wollten den Berghang hinabsteigen, da stürzten sich auf einmal wie ein Wespenschwarm die roten Halunken über uns.« »Und du entkamst?« »Der heiligen Jungfrau sei Dank dafür! Sie fielen zunächst über Kreuzträger her, ihren alten, gefürchteten Feind, und rissen ihn zu Boden. Was weiter mit ihm geworden ist, weiß ich nicht. Sie schienen uns nicht töten zu wollen, da sie dies sonst leicht aus ihrem Hinterhalt gekonnt hätten! – Basta , ich hatte verdammt wenig Zeit, mich umzusehen. Ich sprang aufs Pferd, ehe sie mich fassen konnten. Sie warfen sich zwar dem Gaul an die Beine und versuchten uns auf alle Weise aufzuhalten, aber ich habe nicht umsonst bei meinem guten alten Oheim Geronimo – ich sehe ihn hier nicht! – dem besten Pastore Mexikos, reiten gelernt. – Wo ist denn mein Oheim Geronimo?« Diaz sah sich in dem dunstigen Saale um. »Weiter!« befahl die stählerne Stimme des Grafen. »Erst der Bericht, junger Mann!« Diaz sah verwundert in das finstere Gesicht des Grafen. »Caramba« sagte er. »Ihr habt recht – die Apatschen machen nicht viel Federlesens und sind mit dem Auslöschen schnell bei der Hand. Also – ich bäumte ein halbes Dutzend der Schurken zu Boden, und ehe sie von ihren Pfeilen und Flinten Gebrauch machen konnten, jagte ich wie toll den Berg hinab. Zum Glück hatten sie ihre Pferde in irgendeinem Versteck zurückgelassen und konnten mich nicht gleich verfolgen. Es war ein Ritt auf Tod und Leben, Señor Senator. Ich stürzte mit dem Pferde in eine Quebrada, einen Abgrund, daß ich meinte, ich bräche Hals und Beine. – Aber zum Glück, wenn auch nicht gerade zu meinem besonderen Vergnügen, blieb ich in einem Dornengebüsch hängen. Ich schlug mich zu Fuß durch die Berge und Felsen, um den Indianern nicht wieder über den Weg zu laufen. Dann sah ich die Flucht der Apatschen und entging ihnen dabei nur mit genauer Not.« »Aber meine Tochter? – Wo ist meine Tochter?« »In der Höhle des Kraters. – Die Indianer müssen ihr Versteck entdeckt haben – ich hörte die Büchse Eisenarms knallen, als ich den Berg hinunterjagte. Ich hoffe, es gelingt ihm, das Versteck zu halten, bis Sie Hilfe senden!« »Wer verteidigt sie, nachdem Kreuzträger in die Hände der Apatschen gefallen?« fragte der Graf. »Zwei der besten Büchsen bis zum Rio del Norte. Eisenarm und Wonodongah, der Große Jaguar der Komantschen!« »Ich hörte von diesen Männern so viel, daß es mich drängt, ihre Bekanntschaft zu machen. – Bringen Sie alle Pferde herbei, Kapitän Perez, die sich noch auf den Beinen halten können! Mögen sie zu Tode gejagt werden, wenn wir nur die Señora retten!« Einige Offiziere eilten hinaus. »Hältst du die Höhle für gut und verteidigungsfähig?« fragte der Graf weiter. » Par Dios! Vier solcher Büchsen, wie dort waren, hätten sie den ganzen Tag halten können. Ich meine, die Indianer haben nicht Zeit, sich lange aufzuhalten nach der Schlappe, die sie hier erhalten! Auch ist das Indianermädchen noch da, Comeo, und ich habe sie einen so guten Schuß tun sehen, wie nur immer ein Mann ihn für einen Freund in der Not abfeuern mag. Vielleicht läßt sich auch der Engländer bewegen, einen Schuß für ehrliche Christenmenschen zu tun. Er scheint nicht ohne Gefühl zu sein, wenn er auch ein verdammter Ketzer ist.« »Ein Engländer? Was ist's mit ihm? Wie heißt er?« » Quien sabe! Was weiß ich! Er scheint gut Freund mit den Apatschen und hat einen Kerl bei sich, der so gelb ist wie eine Quitte und auf Armen und Beinen hüpft wie ein Frosch!« »Lord Drysdale! – Höll' und Teufel, wie kommt der uns wieder in den Weg? – Jetzt, Niels Hawthorn, ist die Reihe an dir, mit ihm fertig zu werden – ich mische mich nicht mehr hinein!« Niels Hawthorn, der Rote Hai, der eben im vertrauten Gespräch mit seinem Freunde Slong gewesen war, wandte sich erschrocken um; dann stieß er eine prahlerische Verwünschung gegen seinen Verfolger aus; aber sein Gesicht strafte ihn Lügen. Ein Offizier trat in die Halle. »Die Pferde stehen bereit!« »Señor Don Carboyal,« sagte der Graf, »ich vertraue Ihnen den Schutz der Hazienda und die Bewachung des Grauen Bären an. Ich werde ihn gegen unseren wackeren Freund Kreuzträger auswechseln, wenn er noch am Leben ist!« »Euer Exzellenz werden nicht daran denken,« sagte Don Carboyal hochmütig, »einen so wichtigen und gefährlichen Gefangenen des Staates für das Leben eines einfachen Prärieläufers freizugeben. Ich müßte ernstlich namens der Regierung widersprechen.« »Gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Regierung!« lachte der Graf. »Mein Wort darauf, daß ich es tun werde! – Nicht die sehr hohe und sehr jämmerliche Regierung von Mexiko, sondern diese Hand hier hat den Grauen Bären der Gilenos zum Gefangenen gemacht, und ich werde mein Kriegsrecht zu wahren wissen! – Aber nun, Freiwillige vor und in den Sattel, wer Lust hat, für eine schöne Dame noch einen Schlag zu tun! – Addios, Señor Senator! Sie sehen mich ohne meine schöne Braut nicht wieder!« »Nehmen Sie mich mit, Exzellenza«, bat der junge Vaquero. »Sie sind ein braver Bursche! – Vorwärts denn!« Er stülpte den Federhut auf den Kopf und griff nach der Dschambea. Diaz, obgleich zerschlagen, todmüde und vielfach verletzt, machte sich bereit, ihm zu folgen. Da griff eine Hand nach ihm und hielt ihn an seinem Jagdhemd fest. »Diaz, mein Sohn! – Fleisch von meinem Fleisch, bleibe bei mir!« Der junge Mann hatte sich umgewandt. »Heilige Jungfrau! – Oheim Geronimo, was ist Euch geschehen?« Der alte Mayordomo hatte sich hinter ihm halb aufgerichtet. Noch einmal war der Lebensfunke bei dem Ton der Stimme seines einzigen Verwandten in dem Greise aufgeglommen, ehe er für immer erlöschen sollte. Der Haziendero war zu ihm getreten und reichte ihm die Hand. »Geronimo, mein alter Freund, wie geht es dir?« »Ist die Hazienda del Cerro gerettet?« »Den Heiligen sei Dank und der Hand meines tapferen Schwiegersohnes, der so zur rechten Zeit kam!« Der Sterbende schaute auf den Grafen, der ungeduldig zur Seite stand, und schüttelte traurig das weiße Haupt. »Er hat keine Zeit zum Freien, Señor«, flüsterte er. »Die Hazienda del Cerro wird ihn niemals ihren Herrn nennen! – Die Falte zwischen seinen Brauen verkündet Unheil. – Wer ist der Mann dort mit dem blutigen Purpurmantel?« »Oheim, beruhige dich! – Was meinst du?« Der Haziendero gab seinen Leuten ein Zeichen. Er sah, daß dem alten Diener seines Hauses sich im letzten großen Kampf die Sinne verwirrten. Die meisten um ihn her fielen auf die Knie; das Murmeln von Sterbegebeten unterbrach für einige Minuten die lärmende Szene. Der hagere Arm des Alten hatte sich um den Hals seines jungen Verwandten gelegt; sein Finger deutete auf Escobedo, der zwischen den Knienden allein stehengeblieben war. »Es ist Blut an seiner Hand,« murmelte er, »Fürstenblut! – Gehe nicht mit ihnen, Diaz, mein Sohn! – Auch um dich sehe ich einen Strom von Blut. Hüte dich! – Aus dem Blut der weißen Männer wächst die Herrschaft des roten Stammes – – Herr, mein Gott!« Der Arm um den Nacken des Jünglings löste sich; die ausgestreckte Hand des Greises sank nieder, das ehrwürdige Haupt fiel zurück. Mit einem letzten Blick auf seinen Herrn, dem er so lange treu gedient, war der alte Geronimo verschieden. Aufschluchzend warf sich Diaz über die Leiche – ein frommes Murmeln lief durch die Halle. »Leben Sie wohl, Señor Don Esteban,« sagte der Graf, »wir haben schon zuviel der kostbaren Zeit verloren! – Vorwärts, Caballeros!« In den ersten Augenblicken nach der Sprengung und dem Sturz des Steinblocks begriff Eisenarm kaum, was vorgegangen. Er hatte die geschmeidige Gestalt an sich vorbeischlüpfen fühlen, sie vergeblich festzuhalten versucht und war gleich darauf von Staub und Geröll fast erstickt worden. Durch den Luftdruck in dem engen Raum des Höhlenganges war auch die Holzfackel erloschen; es bedurfte einiger Zeit, sie wieder in Brand zu setzen. Währenddes lauschte der Trapper vergebens durch das Gewirr der seltsamen Töne, die aus dem vorderen Teil der Höhle zu ihm drangen. Kein Laut verriet ihm das Schicksal des Menschen, der sich so unbesonnen der Zerschmetterung durch den Steinblock ausgesetzt hatte. Endlich kehrte Wonodongah mit der Fackel zurück und Eisenarm fand zu seinem Schmerz seine Ahnung bestätigt – Comeo fehlte. »Was hat Eisenarm mit der Schwester seines Bruders gemacht?« fragte Wonodongah. »Ich sehe Comeo nicht bei ihm!« »Ich möchte mir das Haar zerraufen«, antwortete der Trapper. »Comeo ist fort; sie huschte im Dunkel wie ein Wiesel an mir vorüber. Der Teufel weiß aus welchem Grunde! Ich fürchte, der Felsblock hat sie zerschmettert.« Jäher Schrecken flog über das Gesicht des Toyahs. Er drängte den Freund zur Seite und sprang nach der Stelle der Sprengung; sorgfältig beleuchtete er am Boden jeden Spalt unter dem Steinblock. Dann erhob er sich; sein Gesicht war ruhig, es schwebte sogar ein Lächeln um seine Lippen. »Comeo ist unverletzt«, sagte er. »Sie befindet sich jenseits des Steines in der Höhle.« »Aber was um des Himmels willen kann Comeo bewogen haben, uns zu verlassen und sich aufs neue in die Gefahr zu stürzen?« brummte unwillig Eisenarm. »Ich wüßte doch nicht, daß wir etwas vergessen hatten, was eines solchen Wagnisses wert war!« Wonodongah sah ihn an. »Comeo ist zu ihrem weißen Freunde zurückgekehrt. Der weiße Krieger hat sein Leben für sie eingesetzt und Comeo ist dankbar. Nur Manitou sieht in das Herz einer Squaw. – Doch es ist Zeit, daß wir weitergehen. Wenn die Feuerblume in Sicherheit ist, werden Eisenarm und Wonodongah ihre Schwester von den Apatschen zurückfordern.« »Der Teufel kennt sich aus in den Weiberlaunen! Wir haben nun das Vergnügen, die ganze Geschichte von vorn anzufangen!« Knurrend folgte er seinem roten Freunde. Er begriff, daß im Augenblick nichts zu machen war. Voller Angst warteten die beiden Frauen ihrer im Dunkeln; und in etwas mürrischer und unklarer Weise suchte Eisenarm ihnen die Handlungsweise der jungen Indianerin zu deuten. Dolores bedauerte aufrichtig den Verlust Comeos. Aber die Zeit drängte; sie mußten aus der gefährlichen Nähe der Apatschen kommen; so verfolgten die vier Flüchtlinge ihren mühseligen, gefährlichen Weg. Im tiefsten, nur durch den Schein des Zedernspans spärlich erhellten Dunkel führte er etwa vierzig Schritt weit in die Tiefe. Er war offenbar aus einer durch vulkanische Erschütterungen in die Bergwand gerissenen, bei einem späteren Ausbruch von einem Lavaguß wieder gefüllten oder überwölbten Bergspaltung entstanden. An zwei Stellen traten die Wände so dicht zusammen, daß sich die Flüchtlinge nur mit Mühe hindurchzwängen konnten. Hier wäre das Weiterschaffen des Verwundeten und des Malayen unmöglich geworden. Bei der nächsten Wendung aber öffnete sich der Gang; die beiden Frauen sahen mit unbeschreiblicher Erleichterung den blauen Morgenhimmel über sich. Das Gefühl der Sicherheit und der überstandenen Gefahr dauerte jedoch nicht lange. Als sie sich näher umsahen, fanden sie, daß sie sich auf einer Art enger Platte befanden, die zu einer Fortsetzung der von schroffen Wänden eingefaßten, jetzt offenen Bergspalte wohl dreißig Fuß tief steil und glatt abfiel. Die beiden Mädchen erschraken vor diesem neuen Hindernis. Ihre beiden Führer machten gar keine Anstalt, auf irgendeine Art weiterzukommen. Beide standen und lauschten – in der Ferne hörte man den Knall von Schüssen. »Bei Gott, Wonodongah,« sagte der Trapper, »was meinst du zu der Richtung dieser Schüsse?« »Sie kommen von diesseits der Hazienda. – Die Apatschen sind geschlagen und werden verfolgt!« »Du hast eine feine Nase! – Aber es ist richtig damit. – Señora, jetzt kann ich Ihnen Glück wünschen! Sie können in das Haus Ihres Vaters zurückkehren, was eine verteufelt fragliche Sache war. – Hören Sie, wie das Knallen der Büchsen sich vermehrt? Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser Lungerer, der Fliegende Pfeil, noch von Ihren Freunden in der eigenen Falle abgefangen würde.« »Können wir uns nicht Gewißheit verschaffen, wie die Sachen stehen?« »Wir können es wohl, allein – – –« »Nun, Eisenarm, warum sprechen Sie nicht weiter?« »Wir müssen erst jene Schlucht passiert haben. Dann führt uns der Weg auf die Spitze des Berges, die über dem Krater liegt. Von dort aus können wir ein hübsches Stück nach der Hazienda zu übersehen.« »Aber wie wollen wir hinunterkommen?« Der Trapper zuckte die Achseln. »Das wäre in der Tat die geringste Sorge«, meinte er. »Wonodongah und ich haben mehr als einmal auf unseren Ranzen die Fahrt da hinunter gemacht. Es ist nur der Umstand zu bedenken, daß wir so nahe an den roten Halunken nicht schießen dürfen, ohne sie auf unsere Spur zu lenken. Ohnehin haben wir auch nur noch Pulver zu zwei Schüssen.« »Aber wozu sollten Sie denn Ihre Büchsen hier brauchen?« fragte Dolores. » Caramba , das ist leicht erklärt. – Erinnern Sie sich der Zeit noch, wo wir beide als Tigreros im Dienst des Senators, Ihres Vaters, standen?« »Wie sollt' ich nicht? – Es ist ja etwa erst achtzehn Monate her!« »Richtig, richtig! – Erinnern Sie sich auch, daß Sie uns von der Schlucht der Tiger haben sprechen hören und daß Sie uns vergeblich baten, Sie einmal dahin mitzunehmen?« »Ja!« »Nun, was wir Ihnen damals verweigerten, es hat jetzt unfreiwillig geschehen müssen. – Das ist die Schlucht der Tiger!« »Aber ich sehe keinen«, meinte Dolores harmlos. Der Jäger lachte. »Als wir damals hier jagten, hatten wir nicht so zarte Rücksichten zu nehmen; diese Wände hallten mehr als einmal vom Knall unserer Büchsen wider. Zuletzt war eine ganze Familie da, zwei alte und zwei junge, der wir den Garaus machten. Aber es ist durchaus möglich, daß sich wieder eine neue Brut angesiedelt hat; der Schlupfwinkel ist gar zu verführerisch für die Bestien!« »Nun, ich sollte meinen, Eisenarm,« erwiderte die Haziendera, »Sie beide wären nicht die Männer, um sich vor einem Jaguar zu fürchten.« »Das ist es nicht, aber – –« »Nun?« Der Trapper kraulte sich am Kopf. »Wenn Sie es wissen wollen, Señora – wir haben nur ein Hilfsmittel, Sie hinunterzubringen, und – es wäre unschicklich, wenn einer von uns vor Ihnen oder Ihrem Mädchen da hinuntergehen wollte.« Dolores errötete über das Zartgefühl des nur an die Wildnis und den Verkehr mit ihren wilden Bewohnern gewöhnten Mannes. »Seien Sie unbesorgt, Eisenarm,« sagte sie lächelnd, »ich bin vollkommen bereit, zuerst hinabzusteigen und allein unten zu bleiben, wenn ich nur erst weiß, wie es geschehen kann.« »Ich wußte, daß Sie Mut haben! – Nun, Wonodongah, die Señora willigt ein. Aber der Vorsicht halber wollen wir immerhin erst einen Versuch machen, ob wieder Bestien im alten Lager sind. Nimm einen Stein, Freund, und versuche, ihn hinter den Felsblock da vor uns zu werfen, der uns die Aussicht versperrt.« Der Toyah suchte einige Steinbrocken zusammen und warf. Der zweite Wurf traf genau auf die Stelle, aber es blieb alles ruhig. »Nun, Señora, jetzt denk' ich, sind wir sicher! Wir können sowieso hier oben unmöglich bleiben. – Nun, da die Señora will, so such' einen tüchtigen Stein, auf dem sie mit Bequemlichkeit den Ritt machen kann.« Er entledigte sich seiner Jagdtasche und holte eine Rolle Schnur heraus, aus schmalen Hanfstreifen geflochten, wie die Trapper, Jäger und Fallensteller sich ihrer in der Prärie zum Zusammenschnüren und zum Fortschaffen der Felle, ihrer Jagdbeute, bedienen. Wonodongah schleppte einen breiten, flachen Stein herbei, etwa von der Größe eines Hirschkopfes. Er wickelte ihn in das Lederhemd seines Gefährten, dessen sich Eisenarm entledigt hatte. Darauf legte er das Ganze, das einem Sattel glich, an den Rand des Abhanges und schlang das eine Ende der Schnur darum. »Es ist freilich kein sehr bequemer Sitz, Señora, den wir Ihnen da bieten«, sagte der Trapper, der noch seinen Ranzen daran befestigte, mit gemütlichem Lachen. »Aber wenn Sie die Ruhe nicht verlieren, sich gut festhalten und sich hübsch zurücklehnen, so werden Sie so sicher hinabkommen, wie ich in meiner Jugend am Hudson die Knaben auf ihren Schlitten einen ganzen Berg hinabfahren sah. – So – lassen Sie mich diese Schlinge um Ihren Leib legen – Wonodongah und ich werden das andere Ende halten.« Dolores hatte allerdings nicht ohne einige Besorgnis und Verlegenheit das seltsame Fuhrwerk anfertigen sehen, aber die Sache hatte bei allem Ernst zugleich etwas Komisches, und dies Gefühl brachte sie leichter über das Unangenehme hinweg. Sie ließ sich die Schnur unter den Armen befestigen, nahm ihren Rock wie ein Beinkleid möglichst fest zusammen und setzte sich so auf den Sattel. Sie hielt ihn mit Beinen und Händen fest und legte den Oberkörper, durch den Jagdranzen gestützt, weit zurück. Der Trapper gab dem Fahrzeug einen leichten Stoß, und der Schlitten glitt mit ziemlicher Geschwindigkeit die steile Fläche hinunter. Ein Lachen verkündete den Männern, daß Dolores glücklich unten angelangt war. Der Komantsche zog den Stein an der Schnur wieder hoch, um auf die gleiche Weise die Zofe hinunterzubefördern. Trotz dem warnenden Zuruf Eisenarms begab sich unterdes Dolores hinter das Gestein, bei dem der Jäger das Nest der Jaguarkatzen vermutet hatte. Die Zofe zeigte sich ängstlich, dem kecken Beispiel ihrer Herrin zu folgen; sie machte verschiedene Umstände, ehe sie sich dazu verstand, den Sitz auf dem Stein einzunehmen. Nur die Erklärung Eisenarms, daß man sie sonst zurücklassen müsse, bewog sie endlich, sich der unsicheren Rutschbahn anzuvertrauen. Dieses unnötige Hin und Her hatte die Aufmerksamkeit der beiden Männer einige Augenblicke von Dolores abgelenkt. Ein Ruf der Haziendera wandte beider Blicke hinunter. »Señor Eisenarm!« rief Dolores. »Sehen Sie einmal hierher – wie kommen die jungen Hunde an diesen Ort?« Dolores befand sich etwa zwanzig Schritt von dem Gestein entfernt und beugte sich zu zwei jungen, bräunlichen, kaum spannhohen Tieren, die im Sonnenschein um sie herspielten und sich an ihren Füßen rieben. »Gott im Himmel! – Zurück, Señora, zurück! Werfen Sie die Bestien von sich – es sind die Jungen eines Jaguars!« Die Haziendera schleuderte erschrocken eines der Tierchen von sich; es fiel auf einen scharfen Stein, verletzte sich und begann jämmerlich zu schreien. Ein Ton, wie ein entferntes Schnauben und Brüllen antwortete diesem Schmerzenslaut. Wonodongah, der eben das Mädchen an der glatten Wand mit der gleichen Vorsicht wie Dolores langsam hinuntersenkte, ließ den Strick los, warf sich auf den Abhang und glitt mit einer Schnelle hinab, die den Sturz der Zofe noch überholte. Das Mädchen, nicht mehr von dem Strick gehalten, verlor das Gleichgewicht, purzelte kopfüber mit ihrem Gefährt hinunter und kam jammernd auf dem Grunde an, wo es ängstlich liegen blieb. Kaum war Wonodongah von seiner mehr einem Sturz gleichenden Fahrt aufgesprungen, als er den Tomahawk vom Gürtel riß und in zwei Sprüngen an die Seite der Haziendera flog. Ein Schlag mit dem Rücken des Tomahawks machte dem Geschrei des kleinen Tieres ein Ende. Doch das Unheil war schon geschehen – in der Nähe wiederholte sich das Geheul des Jaguarweibchens. Gleich darauf schoß das Tier in langen Sätzen um das Gestein. Bei dem Anblick der Menschen hielt der Jaguar in seinem Lauf inne und warf sich auf die Hinterläufe zurück. Seine Augen rollten, sein langer Schweif peitschte wütend den Boden. Die Haziendera war, überrascht und betäubt von diesem Anblick, in die Knie gesunken. Wonodongah, die Streitaxt in der Hand, sprang vor sie hin. »Nieder, Wonodongah! – Nieder mit dem Kopf!« rief der Trapper. »Du bist zwischen meinem Korn und dem Tier!« Bevor Wonodongah dem Ruf Folge leisten konnte, setzte der Jaguar zum Sprunge an. Darauf hatte er gewartet. In dem Augenblick, da die Bestie kaum fünf Schritt von ihm niederfiel und sich zum zweiten, dem letzten und todbringenden Satz erhob, sauste das scharfe Beil durch die Luft und begrub seine breite Schneide tief in den Hals des Tieres. Der Wurf war von sicherer und starker Hand getan; das Beil war an der einzigen Stelle eingedrungen, wo es tödlich wirkte. Dennoch flog das Tier, dessen Muskeln schon angespannt gewesen, noch durch die Luft – dicht vor Wonodongah fiel es nieder und schlug mit den Pranken nach ihm. Diese Katzenarten besitzen ein außerordentlich zähes Leben. Obgleich die Halsadern von dem Beil durchschnitten waren, und das Tier mit jedem Schnauben und Fauchen aus der Wunde und dem Rachen einen starken Blutstrahl ergoß, in dem es bald ersticken mußte, war es doch noch für Minuten gefährlich. Aber Wonodongah kannte die Eigenschaften des Raubtieres, dessen Mut und Gewandtheit er seinen Namen verdankte, sehr genau. Ohne auch nur einen Pulsschlag nach dem Wurf zu zögern, beugte er sich nieder zu der halb knienden, halb liegenden Dolores, wobei der Tatzenschlag das Fleisch seiner Hüfte zerriß, preßte sie an seine Brust und sprang mit ihr aus dem Bereich seiner scharfen Klauen. Ehe der Jaguar seinem Feinde zu folgen vermochte, krachte der Schuß des Trappers. Die letzte Kugel Eisenarms zerschmetterte den Kopf des Tieres; in Todeszuckungen wand es sich am Boden. Gleich darauf glitt auch Eisenarm über die steile Fläche und war gleich darauf an der Seite des Paares. Aber die wenigen Augenblicke hatten zwischen dem Herzen des Indianers, dem Sohn einer verachteten und angefeindeten Rasse, und dem der stolzen Spanierin, der Erbin reicher Güter, deren Ausdehnung der eines europäischen Fürstentums glich, neue Fäden leidenschaftlichen Gefühls gesponnen. Wonodongah hielt Dolores noch immer an seine Brust gedrückt; seine Augen ruhten mit einem Gemisch von Glut und unbeschreiblicher Hingebung auf ihrem blassen, edlen Gesicht. Er spürte nicht, wie ihm das Blut an seiner Seite hinabrann. Wie in der Schlucht im Apatschenlager begegneten sich ihre Augen – dunkle Röte färbte ihr stolzes Gesicht. Mit einem Ausdruck tiefen Gefühls, das sonst ihrer hochmütigen und kalten Art fremd war, sagte sie mit zuckenden Lippen: »Wonodongah, ich danke dir!« »Nun,« sagte der Trapper in aller Unschuld, »ich denke, du brauchst die Señora nicht mehr auf deinen Armen zu halten – die Bestie ist tot. – Dein Wurf war ein Meisterwurf – und es hätte wahrlich nicht meiner Kugel bedurft!« Langsam, zögernd ließ Wonodongah das schöne Mädchen zur Erde gleiten; und zum ersten Male wohl in ihrem Leben fühlte sich die stolze Senatorentochter ein wenig befangen. Sie wußte den dunklen, übermächtigen Strom ihrer Gefühle kaum zu deuten oder wagte es nicht, ihnen einen Namen zu geben. Viel zu früh ließen die starken Arme Wonodongahs sie los – verwirrt barg sie ihr flammendes Gesicht an seiner Brust. Als sie jedoch wieder auf ihren Füßen stand und sich die Arme des Mannes von ihr lösten, kehrte auch ihr Selbstbewußtsein wieder und jeder Ausdruck des Zweifels und der Verlegenheit schwand. Sie wandte sich ab von Wonodongah, um seinem heißen Blick nicht mehr zu begegnen, und drückte dem Trapper warm die schwielige Faust. »Es ist das dritte Mal, Eisenarm,« sagte sie, »daß Dolores Montera Ihnen beiden ihr Leben verdankt. – Welche Kluft auch das Schicksal zwischen uns gestellt haben mag, sie ist ausgeglichen. Ich denke, wir sind Freunde und werden Freunde bleiben! – Immer werde ich in Ihrer Schuld sein!« »'s ist wenig genug, was wir tun konnten,« erwiderte der Jäger, »und nicht der Rede wert, 's war nichts als Christenpflicht. Wenn eine Gefahr dabei war, hat sie Wonodongah allein getragen. – Aber, Donnerwetter, Freund, es ist dein eigenes Blut, das ich für das des Jaguars hielt. – Bist du schwer verwundet?« Der Toyah machte eine verächtliche Gebärde. »Die Krallen eines Jaguars schlugen nicht so tief wie die des Grauen Bären. Der Saft des Oregano wird die Schramme heilen, ehe die Sonne zweimal gesunken ist. – Es ist Zeit, daß wir uns entfernen.« »Du hast recht! Der Schuß könnte uns die Roten wieder auf den Hals hetzen, wenn sie nicht, wie ich hoffen will, jetzt für sich selber zu sorgen haben. Statt abwärts zu gehen, könnten wir in die Höhe klettern. Dann überblicken wir die Gegend bis zur Hazienda und erfahren vielleicht, was aus unseren Gefährten im Tal der Verdammten geworden ist!« Die jammernde Zofe wurde durch einige verweisende Worte von Dolores zur Ruhe gebracht. Sie war mit einigen leichten Quetschungen davongekommen, und die Angst machte sie sehr bereitwillig, allen Anweisungen zu folgen. So setzten die Vier ihren Weg fort, der in der Bergspalte auf und nieder führte und auf einem Felsvorsprung endete, der einen freien Blick auf den Fuß des Berges und gegen den Auslauf der Sierra Madre nach der Hazienda zu gestattete. Der erste Blick der Haziendera richtete sich auf das Haus ihres Vaters; ein lauter Ruf der Freude entfuhr ihren Lippen. »Eisenarm, Wonodongah! Seht dorthin – sie sind gerettet!« Vom Hauptgebäude der Hazienda flatterten an langen Flaggenstangen zwei Fahnen im Morgenwind. Die eine trug die Farben Mexikos, die andere das Weiß der Bourbonen. Die beiden Männer schenkten diesem Umstand jedoch nur sehr flüchtige Beachtung. Das, was sie fast unmittelbar zu ihren Füßen in der Niederung am Fuße des erkalteten Vulkans und seiner Nebenberge, auf deren einem sie jetzt standen, sahen, belehrte sie weit besser über die Ereignisse. Das Geplänkel eines lebhaften Gefechts drang von unten zu ihnen herauf; der weiße Rauch der Büchsenschüsse quoll zwischen den Steinen und den Büschen und Baumkronen empor. Das Schauspiel eines bewegten Reitergefechts bot sich dar. Die Mimbreños, denen sich ein Teil der von der Hazienda entkommenen Krieger der anderen Stämme angeschlossen, und die Reiter Raousset-Boulbons waren aneinandergeraten und handgemein geworden. Auf Nachrichten von flüchtigen Apatschen hatte sich der Fliegende Pfeil als umsichtiger Krieger sofort zum Rückzug vom Tal der Verdammten entschlossen und jeden Gedanken an eine Verfolgung der Señora und ihrer beiden Befreier aufgegeben. Er begnügte sich, die Gefundenen mit sich zu führen und mit seinen Kriegern das Gefecht zwischen den Leuten Boulbons und den fliehenden Apatschen zum Stehen zu bringen und so den Rückzug Wis-con-tahs mit den Resten seiner Schar zu decken. Der Graf drang kühn und entschlossen mit seinen Reitern vor; doch die Zahl der Abenteurer, die sich ihm hatten anschließen können, war zu gering, in offenem Kampf einen gleich raschen Erfolg durchsetzen zu können wie beim Überfall der Belagerer. Deshalb hatte er schon einen Boten zur Hazienda mit dem Befehl an Kapitän Perez gesandt, ihm unverzüglich Verstärkung zuzuführen. Eisenarm, an Kampf und Tod gewöhnt, betrachtete die Szene mit großer Spannung. Die noch immer leise wimmernde Zofe wandte sich von dem blutigen Ringen dort unten entsetzt ab, hockte sich weit hinten auf dem Fels nieder und barg das Gesicht in beiden Händen. »Weiß Gott,« sagte Eisenarm, »selbst sein ärgster Feind müßte zugestehen, daß er zum Befehlen geboren und ein ganzer Mann ist! – Sieh hin, Wonodongah, wie er auf seinem Rappen sitzt – der beste Komantsche lenkt sein Roß nicht besser als er!« »Der Apatsche dort hinter der Myrtenhecke schlägt seine Flinte auf ihn an!« »Bei der heiligen Jungfrau, die Kugel hat ihm den Hut vom Kopfe gerissen! Und er tut, als ginge ihn die Sache nichts an! – Halt, da hat er den Kerl gesehen und ist wie der Blitz hinter ihm! – Bravo! Einer von diesen Schurken weniger auf der Prärie! Was sagen Sie zu dem Manne, Señora? Kein Zweifel, daß er dem Señor, Ihrem Vater, die Schädelhaut bewahrt hat! – Sie sind ihm zu großem Danke verpflichtet, Señorita, wenn er auch sonst Schlimmes genug begangen hat!« »Graf Raousset-Boulbon ist mein Verlobter, Señor!« sagte Dolores mit besonderer Betonung. Dann richtete sie ihre Augen wieder auf das Schauspiel am Fuß des Berges. Wonodongah trat einen Schritt zurück. »Uff!« sagte er. »Das ist eine böse Nachricht, Señorita«, sagte Eisenarm überrascht. »Denn Wonodongah und ich haben eine blutige Rechnung mit dem Mann da unten auszumachen. Er hat einen schwarzen Flecken in seiner Vergangenheit – schade um ihn, denn er scheint ein tapfrer Krieger. – Auch der Graue Bär ist schließlich ein kühner Bursche, wenn er auch sonst ein verdammter Mörder ist. Ich wundere mich, daß ich ihn hier nicht sehe. Es ist doch sonst nicht seine Art, sich zu drücken, wie die Rote Schlange der Mescaleros es tut, dieser spitzbübische Lump! – Siehst du den Reiter dort?« »Uff!« »Zum Teufel mit deinen ›Uffs‹«! – Der Engländer ist's, den wir in der Höhle zurückließen! Wahrhaftig, er hat sich den Apatschen angeschlossen und ficht gegen sie! Ich wünschte, meine Büchse wäre noch geladen und ich könnte ihm eine Kugel von hier durch den Kopf jagen!« »Wenn es wirklich der Lord ist,« sagte die Haziendera, »so können unsere Freunde nicht weit sein. – Wonodongah, entdeckst du keine Spur von deiner Schwester?« Der Komantsche hob die Hand und deutete nach einer Stelle im Rücken der indianischen Reiter. »Comeo ist dort an der Seite eines Freundes!« »Wahrhaftig, du hast das Auge eines Falken!« sagte Eisenarm. »Sehen Sie dorthin, Señora, zwischen den beiden Hügeln dort hinter den Fächerpalmen! Ich sehe Comeo deutlich neben dem Pferde gehen, auf dem ein Apatsche den Deutschen hält, der sein Leben für sie einsetzte! – Holla da unten! Wenn Ihr zehn Mann da links hinter dem Erdwall hinaufschickt, könnt Ihr sie befreien!« Der Eifer riß ihn zu dem unnützen Rufe hin; denn die Kämpfer im Grunde konnten weder seine Stimme hören noch seinen Rat verstehen. Dolores, von gleichem Wunsch erfüllt und dem gleichen Eifer beseelt, stand am Rande der Felsplatte und winkte eifrig mit ihrem Tuch hinab zu ihren Freunden. Wonodongah deutete nochmals nach einem Punkt in der Rückzugsreihe der Apatschen. »Kreuzträger!« »Ich sehe ihn, ich sehe ihn! – Gott sei Dank, er lebt! – Sie führen ihn auf einem andern Wege fort als Comeo und Kleist! Aber der Alte scheint eine gewisse Freiheit zu genießen – er geht mit erhobenem Kopf in der Mitte seiner Wächter – seine Arme sind nicht gebunden. Ich wollte, wir könnten einen Versuch machen, ihn zu befreien!« »Warum können Sie das nicht, Eisenarm?« fragte hastig Dolores. »Was hindert Euch daran, den Armen zu Hilfe zu kommen oder wenigstens unsere Freunde auf ihre Spur zu bringen, die sie jetzt noch nicht sehen können! – Gehen Sie, Eisenarm, geh, Wonodongah, sucht einen Weg hinab. – Fürchtet euch nicht, mich hier zurückzulassen! Ich bin hier sicher und verspreche euch, nicht von der Stelle zu weichen!« Der Trapper schüttelte den Kopf. » Pardieu ! – der Teufel trau' den Apatschen und dem Kriegsglück! – Solange ich Sie nicht geborgen weiß –« »Denken Sie nicht daran! Nicht das geringste wird mir geschehen! – Sehen Sie, Eisenarm – man hat uns schon gesehen! Unsere Freunde wissen, daß ich gerettet bin; sie kommen zu meinem Beistand heran! Ich beschwöre Sie: zögern Sie keinen Augenblick, unsern Freunden zu Hilfe zu eilen und Comeo, meine Freundin, wieder zu mir zu führen!« In der Tat hatte Graf Boulbon jetzt die Gesellschaft auf der Höhe bemerkt. Er schaute durch sein Glas; dann schwenkte er grüßend den Hut und galoppierte unter die Felsenterrasse. Eisenarm wußte nun, daß seine Besorgnis unbegründet war. Er warf die Büchse über die Schulter und streckte die nervige, haarige Faust Dolores zum Abschied entgegen. » Parbleu ! Es soll geschehen, was Ihr wollt. – Jaguar, bleibe noch einen Augenblick hier; sieh zu, daß die da unten den Weg herauf nicht verfehlen! Ich gebe dir ein Zeichen, wenn du dich an die Fersen dieser Schufte heften sollst!« Wonodongah nickte stumm und machte sich mit seinen Waffen zu schaffen. Eisenarm trat den Rückweg an. Von der Hazienda her jagten jetzt ansehnliche Verstärkungen heran; die Indianer wurden überall zurückgeschlagen. Vergeblich versuchte Lord Henry Drysdale während des Gefechts sich dem Grafen gegenüberzustellen. Raousset-Boulbon war durch die Erzählung des jungen Vaquero Diaz von seiner Anwesenheit bei den Apatschen in Kenntnis gesetzt. Absichtlich vereitelte er jedesmal ein Zusammentreffen. Lord Henry mußte, als der Rückzug der Apatschen trotz aller Anstrengung der Häuptlinge in Flucht auszuarten begann, sein Vorhaben aufgeben. In unterdrücktem Zorn schloß er sich dem zurückflutenden Strom an, um nicht in die Gefangenschaft seines Gegners zu geraten. Es konnte keineswegs die Absicht des Grafen sein, die Indianer in das Innere des Gebirges zu verfolgen. Er begnügte sich, Verhaltungsmaßregeln für seine Offiziere zu geben. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit nur der jungen Haziendera. Er winkte ihr wiederholt zu und sprang am Fuße der Felsen vom Pferde, um einen Weg zu ihr zu suchen. Wonodongah hatte mit Dolores alle diese Vorgänge beobachtet. Keine Bewegung, kein Zeichen verriet, was in dem Herzen des tapferen Komantschenhäuptlings vorging. Dolores wandte ihren Blick von der Tiefe ab und sah an Wonodongah vorbei. Eine Befangenheit, die sie niemals in ihrem Leben empfunden, ließ sie tief erröten. Ernst und Nachdenken zogen ihre Brauen zusammen. Dann, als habe sie ihren Entschluß gefaßt, trat sie zu Wonodongah. »Wird der Große Jaguar Comeo begleiten, wenn sie ihre weiße Freundin besucht?« fragte sie. »Mein Vater hat ihm noch nicht Dank gesagt für die Rettung seiner Tochter.« »Der Mann mit den hundert Häusern hat zu dem Häuptling der Toyahs gesprochen: ›Geh!‹ – Ein Komantsche ist kein Hund, der seinem Herrn zu Füßen kriecht, wenn die Hand ihn geschlagen hat.« »Du darfst nicht rachsüchtig sein, Wonodongah! – Wir haben unrecht an dir gehandelt. Aber wir wollen es gutmachen. Ich möchte dich gern noch einmal sehen vor meiner Vermählung; der Graf soll dir danken.« »Es wird gut sein, wenn die Sierra zwischen der Offenen Hand und dem Großen Jaguar liegt. Wenn die Feuerblume vermählt ist, möge sie ihren Gatten hüten, daß er nicht die Prärie betritt. Wonodongah will seinen Tomahawk begraben; aber die Kugel Eisenarms verfehlt selten ihr Ziel.« »Aber warum haßt Ihr den Grafen?« »Sollen die weißen Häuptlinge, die über das große Wasser kommen, das Recht haben, den Kindern der Prärie und der Felsen alles zu nehmen – nur weil ihre Haut rot ist?« flüsterte leidenschaftlich der junge Indianer. »Sollen sie das Recht haben, ihre Freunde zu töten? Das Gold ihrer Väter zu rauben, das der große Geist verbirgt? Dürfen sie die Blume brechen, an deren Duft sich der rote Mann labt, wenn er auch niemals seine Hand nach ihr auszustrecken wagt?« Dolores senkte die Lider. »Mein Vater hat mich dem Grafen Boulbon verlobt«, sagte sie leise. »Ich muß nach meinem Stande und meiner Religion mich vermählen; in den Adern meines Verlobten fließt das Blut von Königen.« Der junge Häuptling hob den Arm und wies über die Gegend hin. »Wonodongah ist der letzte Sohn seiner Väter, die über Berg und Tal geboten von einem Wasser zum anderen.« – Er sah ihr tief in die Augen. »Der Häuptling der Toyahs wußte nicht, daß die weißen Männer zwei Weiber nehmen.« Dolores lächelte überlegen. »Du irrst, Wonodongah! – Der Graf ist unverheiratet; unser Glaube gestattet dem Manne nur eine Frau; und sie steht dem Manne gleich.« »Wonodongah hat nur ein einziges Herz. Wenn die Offene Hand die Feuerblume liebt, warum hat er dann sein Weib über das große Wasser gebracht? – Die Feuerblume sollte die erste sein im Wigwam eines großen Häuptlings.« »Dolores Montera wird niemals die Liebe ihres Gatten mit einer andern teilen. Der Graf war nicht vermählt.« »Die Herrin der hundert Häuser möge den Irrtum Wonodongahs verzeihen. Wonodongah glaubte, die Tochter des alten Mannes, mit der sie gereist ist, sei ein Weib des weißen Häuptlings, weil sie sein Lager teilt. Möge die Feuerblume glücklich sein. Sie hat einen Freund. Sein Blut gehört ihr. – Eisenarm ruft den Großen Jaguar zum Kampf. Und dort kommen ihre Freunde!« Aus einiger Entfernung klang wiederholt der Schrei eines Falken: das Zeichen Eisenarms. Wonodongah wandte sich, um zu gehen. Aber die Hand der Haziendera hielt ihn fest. Ihr Gesicht glühte; ihr Auge blitzte. »Was meinst du, Wonodongah! Von welcher Tochter sprichst du?« Der Große Jaguar sah sie erstaunt an. »Sind die Frauen der weißen Männer blind, daß sie ihr eigenes Geschlecht nicht erkennen? Kein Komantschenmädchen wird die Taube für einen jungen Falken halten.« »Der Knabe Jean?! – Und woher weißt du – –« Wonodongah legte den Finger auf seinen linken Oberarm. »Die Feuerblume möge sich der Nacht erinnern, in der sie das Blut ihres Freundes vergoß. Der Arm der Taube hat in jener Nacht allein das Herz eines Adlers vor dem Messer Wonodongahs geschützt!« Zum vierten Male klang das Zeichen Eisenarms. Dolores stand unbeweglich; die hochgewölbten dunklen Brauen finster zusammengezogen; die Augen zu Boden gerichtet. Als sie wieder aufsah, war Wonodongah verschwunden. Schwere Schritte – Stimmen – das Klirren von Waffen. »Dolores, meine geliebte Braut – wo sind Sie?« Graf Raousset-Boulbon kam Dolores Montera mit ausgestreckten Armen entgegen. Makotöh Am Mittag dieses Tages führte der Graf seine schöne Braut in die Arme ihres Vaters zurück. Don Esteban war schon vorher durch einen Boten von der Rettung seiner Tochter unterrichtet worden. Die Apatschen waren vollständig geschlagen. Graf Boulbon ließ sie weit genug verfolgen, um ihnen eine Umkehr zu verleiden, ehe er das Zeichen zum Sammeln und zur Rückkehr gab. Er selber verließ Dolores nicht mehr, seit er sie wiedergefunden hatte. Mit größter Aufmerksamkeit trug er Sorge, ihr den Weg vom Felsen nach der Hazienda leicht und bequem zu machen. Dolores erlangte in den wenigen Augenblicken, die zwischen dem Verschwinden des Komantschenhäuptlings und dem Erscheinen des Grafen lagen, wenigstens äußerlich ihre gewohnte stolze Kälte wieder. Sie entschuldigte ihre Zurückhaltung gegenüber den Aufmerksamkeiten des Grafen und den Freudenäußerungen seiner Begleiter mit der Abspannung und Erschöpfung. So war ihre Einsilbigkeit vollkommen harmlos erklärt. Auf die eifrigen Nachfragen des Grafen nach ihren Mitgefangenen und Fluchtgefährten erzählte sie kurz, daß der verwundete Kleist und Comeo in der Höhle zurückgeblieben und wieder in die Hände der Apatschen gefallen wären. Ihre beiden Erretter hätten sich aufgemacht, die Gefangenen zu befreien. Sie bestätigte, daß in der Tat Lord Drysdale und sein Malaye sich den Apatschen angeschlossen hatten. Graf Boulbon war mit diesem seltsamen Zusammentreffen zu sehr beschäftigt, um ihrem kalten wortkargen Wesen andere Gründe zuzuschreiben, als die erlittenen Anstrengungen. So traf der Zug in der Hazienda ein. Die traurigsten Zeugen des Überfalls, die zahlreichen Toten, hatte man schon beiseite geschafft. Die Verwundeten waren in einem der Nebengebäude untergebracht. Don Esteban eilte seiner Tochter entgegen. Er empfing sie und den Grafen mit aller Herzlichkeit, die sein stolzes, förmliches Wesen ihm nur gestattete. Beide stellte er den Bewohnern der Hazienda als die künftigen Herren vor. Er verhieß dem Grafen die Hand seiner Tochter, sobald die Apatschen über die Sierra zurückgetrieben worden wären. Ein eigentümlicher, drohender Ausdruck glitt bei diesem Versprechen über das schöne Gesicht Dolores Monteras. Sie hatte jede Bewegung, jede Handlung ihres Verlobten genau beobachtet. Sie zuckte zusammen, als der Knabe Jean, der mit dem alten Avignoten eine Stunde vorher auf der Hazienda eingetroffen war, sich beim Wiedersehen an die Brust des Grafen warf. Liebevoll beruhigte ihn Boulbon. Dolores' scharfe Augen bohrten sich in das blasse, jugendliche Antlitz. Zornig gruben ihre Zähne sich in die Unterlippe. Wonodongah hatte recht – dies da war ... ein Weib! – Blind, blind war sie gewesen! Ein ungeheurer Sturm des Hasses brauste in ihr gegen den Grafen auf. Was der reine, edle Sohn der Prärie als Schmach für sie empfand, das wagte dieser stolze Europäer, der Mann aus dem alten Königsblut, ihr anzutun ... Alle zarteren Empfindungen Dolores Monteras für die Ritterlichkeit und das Heldentum des Grafen Raousset-Boulbon erloschen in ihr unter der schwellenden Flut des Zornes. Aber ihre Haltung, ihre Worte spiegelten nichts von ihrem Innern wieder. Ruhig übte sie die Pflichten der Hausfrau. Sie wies für den Grafen, Bonifaz und Jean- Suzanne zwei Gemächer im Hauptgebäude an, die sie ohne Mühe beobachten konnte. Dann zog sie sich zurück, um zu ruhen. Als sie sich allein sah in ihrem Gemach, brach sie in leidenschaftliches Schluchzen aus und preßte die Hände an die Stirn. Ihr Stolz, ihr Ehrgefühl waren aufs tiefste getroffen. Und immer wieder wanderten ihre Gedanken zu Wonodongah, dem Häuptling der Toyahs, und seine klaren, ehrfürchtigen Augen – die Augen ohne Lüge ... Ruhe war auch das Bedürfnis aller Bewohner und Verteidiger der Hazienda, so sehr auch der Graf wünschte, seinen Sieg auf der Stelle weiter verfolgen zu können. Seine Offiziere erklärten, daß dies unmöglich sei. Menschen und Pferde mußten mindestens vierundzwanzig Stunden Rast haben. Der Graf benügte sich daher, für ein Biwak auf dem Platz der früheren Corrals zu sorgen; er veranlaßte die Aufstellung der Wachen und die Aussendung einiger der abgehärtesten Rostreadores, um die weiteren Anschläge der Indianer zu beobachten. Die Späher erhielten den Auftrag, Eisenarm und Wonodongah mit zur Hazienda zu bringen, wenn sie ihnen begegneten. Ein Stier wurde geschlachtet. Der Haziendero gab mit offener Hand seine Vorräte preis. Bald erfüllte wieder der Lärm des Gelages und das unruhige Treiben der Schar die noch vor wenigen Stunden mit dem Blute von Freund und Feind getränkte Stätte. Als rasch die Nacht eintrat, suchte jeder die Ruhe. Bald lagen – mit wenigen Ausnahmen auch die ausgestellten Wachen – alle im Schlaf tiefer Erschöpfung. Don Carboyal hatte sich der Sorge für den gefangenen Grauen Bären, dem Häuptling der Gilenos, angenommen. Er sagte sich, wer am meisten von seiner Grausamkeit zu leiden gehabt, würde ihn am sorgfältigsten bewachen. Deshalb hatte er die Aufsicht über den Gefangenen Master Slong übertragen und ihm zwei handfeste Wächter zum Beistand gegeben. Die Anordnung der Bewachung wäre in der Tat auch zweckmäßig gewesen – wenn eben Master Slong nicht auch andere Dinge zu tun gehabt hätte, als auf den Grauen Bären und seine ermüdeten Wächter aufzupassen. Er war den Nachmittag über sehr geschäftig gewesen, seinen Kameraden und den Vaqueros der Hazienda im Monte oder im Handel nicht bloß ihre Barschaft, sondern auch die geringe Beute abzunehmen, die sie an den erschlagenen Apatschen gefunden, einige plumpe Arm- und Ohrringe von edlen Metallen. Das Gefängnis des Grauen Bären war eine Kammer im oberen Geschoß; das schmale Fenster glich einer Schießscharte und machte jede Flucht unmöglich. Eine Tür ging nach dem über dem Balkongemach Dolores Monteras liegendem Raum; davor hatten sich die beiden Wächter gelagert; eine andere, fest und wohl verwahrt von innen, führte nach dem Eckzimmer, das die Haziendera dem Knaben Jean, dem angeblichen Verwandten ihres Verlobten, als Schlafgemach hatte anweisen lassen. Die beiden Zimmer des Grafen und seines alten Dieners lagen an der entgegengesetzten Seite des nach dem Hofraum offenen, nur von Rolläden geschlossenen Flurs. Master Slong hatte zwar mehrfach den ihm anvertrauten Gefangenen besucht und ihn doppelt und dreifach zusammenschnüren lassen, so daß er sich nicht zu rühren vermochte. Bei jeder Gelegenheit verhöhnte er ihn mit Fußtritten und Schimpfnamen, ohne daß der Häuptling dies auch nur mit einem Blick erwiderte. Aber sonst benutzte Hesekiah Slong jede Gelegenheit, sich fortzustehlen. Als der Abend kam, verschwand er nach einem entfernten Schuppen des Hofes. In einem dunklen Winkel hielt er lange Unterredungen mit zwei Männern, die dem lauten Treiben ihrer Kameraden aus dem Wege gingen und sich dorthin zurückgezogen hatten. Es waren der Yankee Jonathan Brown und der Pirat Hawthorn, der Rote Hai. Brown zog es vor, dem Grafen aus dem Wege zu gehen und sich verborgen zu halten, bis er weitere Nachricht über das Schicksal Eisenarms und Wonodongahs eingezogen hatte. Hawthorn war seit der Nachricht, daß Lord Henry noch immer auf seiner Verfolgung begriffen sei, wieder kleinlaut und mürrisch. Seine Kampflust, die er in dem Blut der Indianer gekühlt, war sehr verraucht. Master Slong hatte Brown und Hawthorn miteinander bekannt gemacht. Am Abend empfahl Slong nochmals den beiden Wächtern des Gefangenen, den Kräftigsten der ganzen Schar: den beiden von ihren Schiffen entlaufenen englischen Matrosen, die strengste Wachsamkeit. Dann zog er sich in den Schlupfwinkel seiner Gefährten zurück, ohne zu ahnen, daß die Zofe Dolores Monteras auf ihren Befehl den beiden durstigen Kehlen eine Flasche scharfen Aguardiente zur Stärkung und Aufmunterung gebracht hatte. Um Mitternacht öffnete sich leise die Tür, die aus den Gemächern der jungen Haziendera in die große Halle führte. In leichtem Nachtgewand glitt Dolores in den Raum, der nur von einer in kupfernen Ketten von der Decke hängenden Lampe erleuchtet war. Ihr Schein fiel auf die Schläfer, die, in ihre Ponchos gehüllt, auf dem Pflaster oder auf dürftigen Lagern von Maisstroh umherlagen. Ihr sehr unharmonisches Schnarchen bewies die tiefe Erschöpfung. Unter der Lampe lag auf einer Bahre, mit grünen Zweigen geschmückt, die Leiche des alten Haushofmeisters. An ihrer Seite kniete der junge Vaquero Diaz, der darauf bestanden hatte, bei dem Toten die Leichenwache zu halten. Aber auch sein guter Wille war der Ermüdung erlegen. Sein Kopf war auf die Bahre gesunken, Gebetbuch und Rosenkranz der Hand entfallen. Dolores glitt wie ein Schatten zwischen den Schläfern hin bis zu dem Jüngling. Sie legte die Hand auf seine Schulter und schüttelte ihn, anfangs leise, dann stärker, bis er erwachte. Diaz wollte emporfahren. Aber die Hand der Herrin verschloß seinen Mund. »Schweige!« flüsterte Dolores. »Folge mir! Vorsichtig!« Sie huschte vor ihm her nach der Steintreppe, die aus der Halle in den oberen Stock führte. Auf dem Flur, der durch das in die offenen Rolläden fallende Mondlicht erhellt wurde, blieb sie stehen. »Wo wird der Graue Bär gefangen gehalten?« »In der Kammer zur Linken, Herrin, die an das letzte Gemach stößt. Seine Wächter lagern vor der Tür. Sie brauchen keine Besorgnis zu hegen, Señora Dolores. Der rote Mörder ist gebunden und unfähig, sich zu rühren.« »Ich fürchte mich nicht! Geh, überzeuge dich, ob die Männer schlafen – aber leise!« Diaz schlich an das offene Gemach; auch hier tönten ihm die Laute entgegen, die unzweifelhaft einen tiefen Schlaf der Wächter verkündeten. Sie hatten sich quer vor die Tür gelegt, so daß jeder Fluchtversuch des Apatschenhäuptlings sie hätte wecken müssen. Diaz kehrte zurück. »Sie schlafen fest, Herrin«, berichtete er. »Soll ich sie wecken?« »Nein! Komm und schweige, was du auch sehen und hören magst. Hast du dein Messer bei dir?« »Ja, Señora!« Dolores zögerte einen Augenblick; dann trat sie an die Tür des den Flur schließenden linken Eckgemachs und beugte lauschend den Kopf. Kein Laut ließ sich hier hören. »Der Verwandte des Señor Conde, der Knabe Jean, schläft hier«, flüsterte Diaz. »Ich weiß. Und du sollst sogleich sehen, wie er schläft.« Sie drückte an der Tür, die sofort nachgab. Dolores und Diaz traten in das Gemach. Sie schlossen die Tür. Dolores zündete eine kleine Lampe an, die sie bisher in der Hand getragen hatte. Als das Licht seinen Schein verbreitete, bemerkte Diaz, daß Zimmer und Lager leer waren. Ein finsteres, hartes Lächeln glitt über das Gesicht Dolores Monteras. Sie setzte die Lampe auf einen Tisch. »Ich weiß, Diaz, daß du mir treu und ergeben bist!« redete sie den Verwandten des toten Geronimo an. »Bis in den Tod, Señora«, beteuerte Diaz. »Bei der heiligen Jungfrau, Herrin, ich hätte Sie sicher auch im Tal der Verdammten nicht verlassen, wenn ich nicht gedacht hätte, es wäre besser, Beistand von der Hazienda zu holen. Deshalb allein folgte ich Kreuzträger, der beim Kampf in der Schlacht mein Leben gerettet hat.« »Er ist ein braver Mann. Möchtest du etwas tun zu seiner Befreiung?« »Gewiß, Señora! Nachdem mein Oheim tot ist, kenne ich keinen, für den ich lieber etwas täte – Sie ausgenommen, Señora!« »Verstehst du die Sprache der Apatschen?« »Wenige Worte, Señora. Was man bei Gelegenheit von den Jägern und den Indianern lernt. Eisenarm hat mich einiges gelehrt, als er noch Tigrero des Señor Don Esteban war.« »Es genügt. Frage mich nicht. Tue, was ich dich heiße. Ich übernehme alle Verantwortung. Siehst du die Tür hier?« »Ja, Señora. Sie führt von dieser Seite in die Kammer zu dem Grauen Bären.« »Schiebe leise die Riegel zurück!« »Wie, Señora? Die Tür ist zwar von festem Eichenholz, aber es könnte doch –« »Schweig' und gehorche!« Diaz, voll Erstaunen über seine Gebieterin, streckte die Hand aus. Die Riegel, lange nicht in Gang, wichen nach einiger Anstrengung. Eines Schlüssels bedurfte es nicht mehr. »Öffne ohne Geräusch und sieh nach dem Gefangenen!« Diaz folgte kopfschüttelnd dem Befehl; der Schein der Lampe fiel in die dunkle Kammer und ließ ihn die mächtige Gestalt des Häuptlings erkennen. Er lag ausgestreckt auf dem Estrich. Die funkelnden Augen des Grauen Bären, dessen scharfe Sinne jedes Geräusch verfolgt hatten, saugten sich auf die beiden Feinde fest, die so geheimnisvoll sein Gefängnis betraten. Noch einmal schien die Haziendera ihr Wagnis zu überlegen. Dann winkte sie entschlossen dem Vaquero. »Überzeuge dich, daß seine Hände gebunden sind, Diaz«, sagte sie. »Dann durchschneide die Stricke an seinen Füßen. Er soll uns leise folgen.« Diaz trat erschrocken zurück. »Herrin, bedenke! Es ist der Graue Bär!« »Hast du kein Messer?« »Ja – aber – –« » Presto ! Willst du dich denn vor einem gefesselten Indianer fürchten? – Gib her!« »Nein, Señora«, sagte entschlossen Diaz. »Wenn Sie es verlangen, so tue ich es. Maria santissima ! Sehen Sie, wie dieser rote Teufel seine Augäpfel rollt – gerade, als ob er uns verstanden hätte.« »Wahrscheinlich versteht er spanisch genug, um zu begreifen, was ich befohlen habe. Das wird unser Gespräch sehr erleichtern. Gehorche schnell.« Diaz prüfte sorgfältig, ob die Lederstricke, die Arme und Hände des Grauen Bären auf dem Rücken zusammenschnürten, auch gut befestigt seien. Dann bückte er sich. Der Gileno streckte ihm die Füße entgegen – er hatte Dolores verstanden! Mit einigen Schnitten des scharfen Messers löste Diaz nicht ohne Zögern die Stricke; sie hatten die Knöchel des Häuptlings so scharf zusammengeschnürt, daß es einiger Augenblicke bedurfte, ehe das Blut wieder kreiste. Plötzlich aber sprang der wilde Krieger mit einem Satz in die Höhe. Der junge Vaquero fuhr erschrocken zurück und faßte das Messer fester, bereit, es bei der geringsten falschen Bewegung dem gefürchteten Indianer ins Herz zu stoßen. Aber der Graue Bär blieb nun ohne Bewegung stehen, den finsteren Blick forschend auf Dolores geheftet. Sie winkte ihm. »Tritt näher, Häuptling!« Geräuschlos, gleich der Schlange, die sich über das Gras windet, glitt der Häuptling in das Nebenzimmer. »Verstehst du unsere Sprache?« fragte Dolores. Der Graue Bär nickte. » Muy bien ! Das erleichtert uns vieles. Diaz, tritt an die Tür. Merke auf, daß niemand uns stört.« Der junge Vaquero zauderte. »Bei der heiligen Jungfrau, Señora! Ich darf es nicht wagen, Sie unbeschützt zu lassen.« »Beruhige dich, Diaz. Ich habe mich für alle Fälle vorgesehen.« Sie schlug, so daß es der Häuptling sehen konnte, die Falten ihres Obergewandes zurück. Ein kleiner Revolver steckte in ihrem Gürtel. Diaz ging schweigend nach der Tür; aber er verlor seine Gebieterin und den Grauen Bären nicht aus dem Gesicht. Was sie redeten, konnte er nicht verstehen. Dolores trat, ohne die geringste Furcht zu zeigen, zu dem Gefangenen. »Der Graue Bär«, sagte sie, »ist ein berühmter Krieger. Er hat zum zweitenmal dieses Haus betreten; aber er hat jedesmal Unglück gehabt. Jetzt ist er ein Gefangener, wie ich gestern die seine war.« Der Häuptling der Gilenos blieb stumm; sein Blick starrte in die Luft. »Will der tapfere Häuptling frei werden?« Die Augen des finstem Kriegers warfen einen Flammenstrahl. Dann antwortete er mit verächtlichem Lächeln: »Makotöh ist ein Häuptling. Die Zungen der Weiber mögen ihren Witz an den Knaben üben. Makotöh wird lachen zu den Martern seiner Feinde.« »Der Graue Bär mißtraut mir. Ich lüge nicht. Ich biete ihm die Freiheit«, beharrte Dolores entschlossen. Der Häuptling dachte nach; dann hob er den Kopf und sah Dolores prüfend an. »Die Bleichgesichter«, sagte er, »geben nichts umsonst. Sie fordern für ihr Pulver, ihr Feuerwasser und ihre Decken das Gold und die Jagdbeute der roten Männer. Was verlangt die Tochter des Mannes mit den hundert Häusern von Makotöh?« »Du hast recht, wenn du meinst, daß ich dir ohne Bedingung die Freiheit nicht gebe. Ich stelle dir zwei Forderungen.« »Rede! Meine Ohren sind geöffnet.« »Du siehst mich hier frei und als die Herrin über dein Leben vor dir stehen. Als Makotöh mit seinen Kriegern gegen das Haus meines Vaters zog, haben meine Freunde mich befreit und seine Wachen getötet.« »Ihr Tod war gerecht. Warum waren ihre Augen nicht offen?« »Auf unserem Wege hierher ist einer meiner Freunde in die Hände der deinen gefallen: El Crucifero!« Die Augen des Häuptlings funkelten. »Es ist gut! Der Tod des Grauen Bären wird leicht sein, wenn er weiß, daß der schlimmste Feind der Apatschen ihm vorangegangen ist.« »Ich glaube nicht, daß deine Krieger El Crucifero sofort getötet haben. Ich sah ihn selber heute morgen als Gefangenen, von den Reitern des Fliegenden Pfeils auf der Flucht mitgeführt.« »Die Apatschen hören gern das Geschrei ihrer Feinde am Marterpfahl.« »Ich weiß es. Sie haben sein Leben nur geschont, um ihn ihrer Rache zu überliefern. – Ich möchte El Crucifero für meine Rettung gern danken. Wenn ich dir zur Flucht verhelfe, willst du ihn als Lösegeld für dich freigeben?« »Makotöh ist nur ein Indianer; die Büchse Cruciferos tötet viele!« »Bedenke, daß du ein Häuptling der Apatschen bist. Kreuzträger hat mir erzählt von dem Raub seiner Tochter durch dich – seine Rache an den Apatschen ist gerecht!« »Die Feuerblume würde den Platz der Tochter El Cruciferos in dem Wigwam des Grauen Bären eingenommen haben«, sagte der Häuptling der Gilenos mit einem Blick, der über Dolores schlanke, weiche Gestalt hintastete. »Es ist gut! – El Crucifero soll freigegeben werden, wenn er noch am Leben ist!« »Du schwörst es mir?« »Bei meinem Totem! – Es wird geschehen.« » Bueno ! – Ich habe gehört, daß ein Indianer nie diesen Schwur bricht. – Aber dies ist für deine Freiheit, Häuptling. Du schuldest mir noch dein Leben; denn wäre mir das Geringste geschehen, so hätten sie deine Glieder von Pferden zerreißen lassen!« Der Graue Bär lächelte verächtlich. »Die Bleichgesichter sind Weiber in ihren Martern! – Was verlangst du?« Die Haziendera sah ihm fest ins Gesicht. In ihren zusammengezogenen Brauen lag ein dämonischer Haß. »Der Graue Bär ist ein tapferer Krieger«, sagte sie langsam. »Dennoch ist er heute von dem Häuptling der Bleichgesichter besiegt worden wie ein Hund!« Die Augen des Apatschen sprühten Feuer bei dieser Erinnerung. Die Adern auf seiner Stirn schwollen blaurot. »Makotöh«, sagte er, »ist nicht von einem Manne besiegt worden. Es war ein Zauberer der Bleichgesichter. Er hat die Kräfte von zehn Büffeln in seiner Hand.« »Er ist ein sterblicher Mann wie du! Er vermag weder deiner Büchse noch deinem Tomahawk zu widerstehen. – Du sollst ihn töten! Hörst du: töten! Und deshalb schenke ich dir Leben und Freiheit!« Der Graue Bär wich zurück. »Makotöh kann mit den Kriegern fechten; nicht mit bösen Geistern. Seine Waffen sind stumm gegen sie.« Dolores stampfte unwillig mit dem Fuße auf. »Ich glaubte einen Mann in dir zu finden, nicht eine abergläubische Squaw. Die Apatschen sind besiegt; hundert deiner Brüder sind erschlagen! Morgen wird der Graf aufs neue mit seinen Soldaten ausziehen, um euch zu vernichten. Und der Graue Bär der Apatschen hat nicht einmal den Mut, für seine Brüder zu kämpfen!« »Gib mir die Freiheit, Feuerblume!« sagte der Apatsche finster. »Makotöh wird morgen an der Spitze der roten Krieger sein Blut vergießen. Aber er vermag nichts gegen den bösen Geist mit dem schlimmen Blick. Wenn die Feuerblume seinen Tod wünscht, muß sie eine andere Hand suchen!« Dolores wandte sich zornig ab. Tiefatmend starrte sie in die Dunkelheit. Wieder tauchte vor ihren Augen das traurig -liebliche Antlitz Jean-Suzannes auf. – Sie reckte sich herrisch hoch. »Du sollst dennoch frei sein. An der Spitze deiner Krieger sollst du diesen fremden Verrätern entgegentreten können. Ich werde einen Tapferen finden, um mich zu rächen – Kreuzträger oder Eisenarm.« Der Apatsche warf den Kopf in den Nacken. »Makotöh ist ein großer Krieger. Es ist nur einer in der Prärie, der ihm gleich ist.« »Wen meinst du?« »Er ist der Feind Makotöhs. Wonodongah, der Häuptling der Toyahs.« Diese offene und hochherzige Anerkennung seines jungen Gegners machte einen tiefen Eindruck auf Dolores. Sie preßte die Hand auf die Brust und atmete schwer. »Ich wollte es anders versuchen, aber es soll so sein!« flüsterte sie. Sie strich über Stirn und Haar – ein Zittern lief über ihren Leib. Dann schüttelte sie die heimliche Erregung ab. »Komm hierher, Diaz. Lege die Riegel wieder vor jene Tür«, sagte sie halblaut. »Hast du einen Lasso zur Hand, Diaz?« »Es hängen genug draußen an der Wand.« »So komm! Makotöh, du sollst uns folgen. Tritt leise auf, daß wir die Schläfer nicht wecken.« Sie blies die Lampe aus und ging durch die Tür. Sie lehnte sie nur an, wie sie sie vorhin gefunden hatte; der Häuptling, noch immer mit gefesselten Händen, folgte ihr wie ein Schatten. Dahinter Diaz, das Messer in der Hand. Sie stiegen die wenigen Stufen zu dem Dach hinauf, von dem am Morgen vorher der Senator die Verteidigung geleitet hatte. Auf den Befehl der Haziendera band der Vaquero zwei Lederstricke aneinander und knüpfte sie an die Karronade. Dolores warf das andere Ende über die Mauer. Der helle Mondschein lag auf dem Abhang; unweit vom Hause befand sich das Biwak der Schar des Grafen. Menschen und Pferde waren aber so erschöpft von den Anstrengungen, daß sich kein Laut hören ließ. Die Feuer waren niedergebrannt. Selbst die ausgestellten Wachen schienen auf ihren Posten zu schlafen. »Häuptling,« flüsterte Dolores, »ich werde jetzt deine Fesseln lösen und dir die Freiheit wiedergeben. Du wirst deinen Schwur halten, wie es einem berühmten Krieger zukommt!« »Der rote Mann hat nur eine Zunge! Die Bleichgesichter haben viele!« »So sei es denn. Mögen dem Verräter tausend Feinde erwachsen!« Sie nahm das Messer aus der Hand des Vaquero, der keinen Widerspruch mehr wagte. Rasch zerschnitt sie die Stricke um die Hände des Apatschenhäuptlings. Der Graue Bär riß sie auseinander, dehnte seine Arme und wollte sich ohne ein Wort des Dankes über die Brüstung der Plattform schwingen, um an dem Lasso niederzugleiten. Plötzlich aber stieß er ein leises »Uff« aus und warf sich in den Schatten zurück. »Was ist? – Was hast du?« fragte hastig Dolores. Die Augen des Grauen Bären funkelten in wilder Freude, als er mit einer leichten Bewegung nach dem Grunde wies. »Die roten Männer haben ihre Augen offen! Die Feuerblume wird den Schlachtruf des Häuptlings der Gilenos hören und in seinem Wigwam wohnen!« Ein kurzer Blick zeigte Dolores den Grund dieser Drohung: über den Raum zwischen dem Biwak der Soldaten des Grafen und dem Hause glitt ein Mensch. Das Mondlicht zeigte deutlich, daß es ein Indianer war. Selbst die Adlerfedern auf seinem Haarschopf sah man. In diesem Augenblick erkannte Dolores die ganze Unklugheit ihres Tun. Der jähe Schreck lähmte ihr die Zunge; denn sie glaubte sich verloren und wieder den Apatschen ausgeliefert. Ihre Hand tastete zitternd nach dem Revolver in ihrem Gürtel. Da ließ der Gileno die schon erhobenen Arme sinken und setzte sich ruhig auf die zersprungene Karronade. Seine schärferen Augen hatten ihm gezeigt, daß der Nahende nicht zu seinen Freunden gehörte. »Wonodongah!« sagte er kurz. Dieser Name erklärte Dolores den Grund des seltsamen Benehmens und dämpfte rasch wieder ihren Schrecken. Schweigend wie der Graue Bär beobachtete sie mit Erstaunen die Annäherung Wonodongahs, den noch kurz vorher der wilde und gefürchtete Häuptling als seinen einzigen ebenbürtigen Gegner auf der Prärie bezeichnet hatte. Der junge Komantsche kam mit leichten, leisen Schritten über den Grund. Er schien sehr sicher zu sein und genau zu wissen, daß das Biwak so gut wie unbewacht war. In seiner Hand trug er einen Gegenstand, den Dolores anfangs nicht zu erkennen vermochte. Dann sah sie, daß es ein Kranz von den duftigen Blüten des Suchilbaumes war. Wonodongah glaubte sich offenbar unbeobachtet. Er blieb vor dem Hause stehen. Langsam trat er dann zu dem vergitterten schmalen Fenster, das aus dem gewöhnlichen Schlafzimmer der jungen Haziendera ins Freie sah. Als Dolores mit weiblicher Neugier sich über die Brüstung lehnte, bemerkte sie, daß er sich gewandt zu dem Gitter emporgeschwungen hatte und den Kranz an den Eisenstäben befestigte. Ein Gedanke fuhr ihr durch den Sinn. Als der Komantsche sich ebenso still entfernen wollte, wie er gekommen war, fesselte ein leiser Ruf seinen Fuß. Er blieb stehen und schaute empor. »Wonodongah!« Sein scharfer Blick erkannte sie. »Der süße Ton des Canzonte dringt an das Ohr Wonodongahs. Die Herrin der hundert Häuser ist in ihr Eigentum zurückgekehrt. Warum liegt sie nicht in tiefem Schlaf, da ihre Freunde für sie wachen?« »Ich habe einen Wunsch an dich.« »Die Worte der Feuerblume sind ein Befehl für Wonodongah!« »Ein Mann wird sofort zu dir niedersteigen. Gib mir dein Wort, daß du ihn sicher durch das Lager der Soldaten und über die Wachen hinausführst.« »In den Augen aller Krieger der Bleichgesichter ist Schlaf«, erwiderte Wonodongah. »Der Mann möge herabkommen.« »Ich danke dir. Wer es auch sei – frage nicht! – Jetzt, Makotöh, ist es Zeit – dein Weg ist sicher.« Der Gileno schwang sich ohne Gruß, ohne Dank, ohne Wort über die Brüstung und glitt an dem Lederstrick nieder auf den Grund. Die beiden roten Krieger, die beiden Todfeinde, standen sich kaum zwei Schritte voneinander gegenüber. Wonodongah legte die Hand an den Griff seines Tomahawks, als er den Häuptling der Gilenos erkannte. Makotöh erwiderte furchtlos seinen drohenden Blick. »Zerfleischen sich die Wölfe untereinander, wenn der Jäger auf ihrer Fährte ist?« fragte er. »Uff! – Makotöh redet die Wahrheit! Der Graue Bär möge mir folgen!« Die beiden Indianer schritten über den Grund und verschwanden in den Schleiern des Mondlichts. »Laß die Lassos hängen und kehre zu deiner Leichenwache zurück, Diaz«, sagte Dolores, aufatmend dem jungen Vaquero die Hand reichend. »Schweige über alles, was du gehört und gesehen hast. Meiner Dankbarkeit sei gewiß!« Eine Stunde später traten aus dem Schatten hoher Felsen, eine Legua von der Hazienda entfernt, zwei rote Krieger. Ein langes schmales Tal lag vor ihnen und dehnte sich weit hinein nach Osten in das Innere der Sierra. Wonodongah blieb vor dem Grauen Bären stehen. »Die Wachen der Bleichgesichter sind hinter uns«, sagte er. »Kein weißer Mann mehr wird den Pfad des Häuptlings der Gilenos kreuzen, wenn er seinem Stamme folgt. Die Apatschen sind nach dem Aufgang der Sonne gegangen!» Der Graue Bär sah ihm in die Augen. »Wonodongah kann der Feuerblume sagen, sein Versprechen sei gelöst.« »Bedarf Makotöh einer Waffe, um zu seinen Kriegern zurückzukehren?« »Nein!« »Der Graue Bär der Apatschen hat Wonodongah aus den Krallen des grauen Bären der Felsengebirge gerettet. Aber er hat auch den Vater und die Mutter Wonodongahs getötet. Ihre Skalpe bleichen in dem Rauch seiner Hütte.« »Makotöh ist ein großer Häuptling!« sagte der Gileno stolz. »Mein roter Bruder redet die Wahrheit«, fuhr Wonodongah ruhig und beherrscht fort. »Er wird einem jungen Krieger sein Recht nicht verweigern. Wann will er ihn treffen?« »Wenn zum dritten Male das große Gesicht des Mondes aufgeht.« Wonodongah ließ sich eine Bewegung der Überraschung entschlüpfen. Es war die gleiche Zeit, die von den drei Entdeckern der geheimnisvollen Goldhöhle der Azteken, Eisenarm, Ojo d'Oro und Wonodongah, zu ihrem zweiten Stelldichein bestimmt war. »Gut – es sei! Bis dahin wird der Krieg der Bleichgesichter gegen die roten Männer entschieden sein.« »So möge mein junger Bruder den Ort nennen!« »Makotöh kennt die Quellen des Flusses, den die Bleichgesichter den Vuenaventura nennen.« »Ich kenne sie.« »Es stehen drei Biberbäume in ihrer Nähe. Der große Häuptling der Apatschen wird Wonodongah mit zwei Freunden zu der bestimmten Zeit an dieser Stelle finden.« »Makotöh wird dort sein mit zwei Häuptlingen. Hat mein junger roter Bruder noch sonst einen Wunsch?« »Comeo, die Schwester Wonodongahs, ist in den Händen der Apatschen geblieben, weil sie einen verwundeten Freund nicht verlassen wollte.« »Es ist gut! – Der Tomahawk zwischen Makotöh und Wonodongah ist begraben, bis der Mond sich dreimal erneut hat. Comeo wird unter dem Schutze Makotöhs stehen, bis der Große Geist unsern Streit entscheidet.« »Wonodongah dankt dem Häuptling der Apatschen. Möge sein Weg leicht sein.« Ohne weiteren Gruß wandte sich Wonodongah und kehrte auf dem Wege zurück, den er gekommen. Der Graue Bär verfolgte mit dem leichten Schritt des Sohnes der Wildnis das Tal gen Osten. Eine seltsame Hochzeit Der nächste Vormittag brachte ein sehr lebendiges Treiben auf der Hazienda del Cerro. Die Flucht des Apatschenhäuptlings wurde bald entdeckt. Der Graf ließ Slong und die beiden Matrosen in den Bock legen. Die Lassos von der Plattform des Daches zeigten, auf welche Weise der Häuptling aus der Hazienda entkommen war. Die tiefe Erschöpfung, der alle unterlegen, machte es erklärlich, daß niemand die Flucht bemerkt hatte. Den Grafen verdroß sie hauptsächlich, weil er dadurch gehindert wurde, mit seinem Gefangenen die Freilassung Kreuzträgers und Kleists zu erkaufen, für die er aufrichtige Zuneigung hegte. Die ausgesandten Späher kehrten am Morgen zurück. Sie brachten die Nachricht, daß die Apatschen sich in südöstlicher Richtung in das Gebirge zurückgezogen hätten, wahrscheinlich, um sich mit den andern Stämmen und den verbündeten Komantschen zu vereinigen. Don Carboyal bestand auf einer eiligen Verfolgung. Auch der Graf hielt sie für notwendig und beeilte den Aufbruch seiner Truppe. Zwischen allem Wirrwarr und geschäftigem Hin und Her, allen Befehlen und Anordnungen fand er jedoch stets Zeit, seiner Verlobten die Huldigungen eines glücklichen Bräutigams darzubringen. Sie wurden von Dolores ganz in der alten Weise aufgenommen. Nur ein scharfer Beobachter – und ein solcher war nicht einmal Suzanne, die mit ihrem eigenen Leid genug zu tun hatte – würde den verborgenen Hohn ihrer Antworten und den finsteren, drohenden Blick schwer beleidigten Stolzes bemerkt haben, wenn sie allein war. Bei allen zurückgekehrten Spähern hatte sich der Graf nach Eisenarm und Wonodongah erkundigt. Aber niemand konnte Auskunft über sie geben. Diaz, der einzige, der seit der Flucht aus dem Krater den Komantschen gesehen, hütete sich wohl, davon zu sprechen. In einer Beratung der Offiziere wurde beschlossen, die Hazienda als den Ausgangspunkt der weiteren kriegerischen Unternehmungen zu betrachten. Es wurde unter dem Befehl Racunhas eine kleine Besatzung zurückgelassen. Don Esteban sollte die Verbindung mit San Fernando-Guaymas und den Kaufleuten und Grundbesitzern unterhalten. Die Statthalterschaften von Sonora und Chihuahua sollten von den Vorstößen des Grafen in Kenntnis gesetzt werden, um nach gemeinsamem Plane gegen die Indianer handeln zu können. Der Senator wiederholte sein Versprechen, die Vermählung des Paares sofort nach der völligen Besiegung der Indianer stattfinden zu lassen. Er zeigte sich immer mehr erfreut über die Verbindung und war stolz auf seinen künftigen Eidam. Er zweifelte nicht mehr an dem Erfolg aller seiner geheimen Pläne. Jean-Suzanne und Bonifaz erhielten vom Grafen den Befehl, in der Hazienda zurückzubleiben. Dolores schien das größte Wohlwollen für den Verwandten ihres Verlobten zu empfinden. Sie kam Jeans kühler Zurückhaltung mit der liebevollsten Sorgfalt entgegen und wußte ihre Absichten und Gefühle so vollständig zu verbergen, daß weder der Graf noch anfangs Suzanne das Geringste von ihrer Entdeckung zu ahnen vermochten. Racunha und Bonifaz erhielten den geheimen Auftrag, während ihrer Anwesenheit in der Hazienda Nachforschungen nach Eisenarm und Wonodongah fortzusetzen. Die Zeit der Siesta war vergangen und der Graf hatte den Befehl zum Aufbruch seiner Schar gegeben, als das unerwartete Erscheinen Kreuzträgers ihn noch einmal aufhielt und alle auf das freudigste überraschte. Der Pfadfinder kam, zwar ohne Waffen, auf einem Mustang aus der Sierra. Am Tor der Hazienda sprang er aus dem Sattel. Ein lauter Jubelruf seiner Kameraden und aller Bewohner der Hazienda begrüßte ihn. Er war unverletzt und unberaubt; auf seiner Brust glänzte noch das silberne Kreuz, im Gürtel seines Jagdhemdes steckte das Kerbholz, das seltsame Abrechnungsbuch mit seinen Feinden. Die Erzählung Kreuzträgers von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung war ebenso überraschend wie seine Erscheinung. Nachdem er am Ausgang des Kraters von den auflauernden Mimbreños überwältigt worden war, gab er jeden unnützen Widerstand auf. Man nahm ihm zwar seine Waffen, behandelte ihn sonst aber mit Scheu und Schonung, die er seinem Rufe verdankte. Der Stolz, den gefürchteten Feind endlich in ihren Händen zu haben, schien die Apatschen später selbst ihre Niederlage vergessen zu machen. Er war Zeuge, wie die Krieger des Fliegenden Pfeils, von dem Zeichen des Verräters Volaros herbeigerufen, in die Höhle des Kraters gedrungen waren. Das Entkommen Eisenarms und Wonodongahs mit Dolores täuschte ihre Hoffnungen schwer und reizte ihren Zorn. Aber ein feierlicher Gesang, den der Malaye angestimmt, war von besänftigender Wirkung. Der seltsame Krüppel galt ihnen als geistesgestört. Und man weiß, welche Scheu selbst die blutgierigsten Eingeborenen vor solchen Wesen haben, und wie sehr sie sich hüten, sie zu verletzen. Die Schrecken der plötzlichen Sprengung verstärkten diese Gefühle. Als Mechocan Comeo erkannte, und Lord Drysdale den verwundeten Leutnant von Kleist für seinen Gefangenen erklärte, war jede Gefahr beseitigt. Die Mimbreños führten die Zurückgebliebenen aus dem Krater, den Berg hinab zu dem Ort, wo sie ihre Pferde untergebracht hatten. Hier hatte Kreuzträger zum letztenmal Comeo und Kleist gesehen; denn als die ersten Flüchtlinge von der Hazienda her das Mißlingen des Angriffs und die vollständige Niederlage der Indianer verkündeten, trennte man Kreuzträger von seinen Gefährten. Er sah nur noch, wie sie von dem Malayen und dem verräterischen Volaros begleitet, auf Pferden und mit großer Sorgfalt bewacht, von einem Trupp weiter zurückgeführt wurden. Ihn brachte man unter Beobachtung aller bisher gezeigten Schonung nach einer andern Seite in Sicherheit. Kreuzträger wußte sehr wohl, was diese Schonung zu bedeuten hatte und für welches Schicksal er aufgespart war, wenn es dem Grafen und seiner Schar nicht gelang, ihn zu befreien. Während des Gefechts wurde er auf den Befehl des Fliegenden Pfeils immer weiter zurückgeführt und mußte endlich jede Hoffnung aufgeben, wenn er später aus den Gesprächen der Krieger auch entnahm, daß auch sie von dem Grafen besiegt worden waren. Der tapfere Widerstand der Mimbreños hatte jedoch die anfängliche Flucht der Krieger des Grauen Bären, der Roten Schlange und des gefallenen Häuptlings der Lipanesen, des Springenden Wolfes, in einen sicheren Rückzug verwandelt. Die Weißen vermochten ihn bei ihrer Erschöpfung und ihrer geringen Unzahl nicht zu stören. Die Krieger der verschiedenen Stämme kehrten zu ihren Lagerplätzen zurück. Sie luden die bisher gemachte Beute auf und traten dann ihren weiteren Rückzug in das Gebirge an, um sich mit den anderen Abteilungen in südlicherer Richtung zu vereinigen. Erst am Abend hatten die Reste der vier Stämme, durch die Versprengten verstärkt und noch immer eine Schar von fünfhundert Kriegern, ein Lager aufgeschlagen und einen Kriegsrat gehalten. Die Rote Schlange, der boshafte und grausame Häuptling der Mescaleros, hatte jetzt den Oberbefehl übernommen, da man glaubte, daß der Graue Bär von den Weißen getötet sei. Aus den kurzen Worten seiner Wächter entnahm Kreuzträger, daß man beschlossen habe, mit seiner Marter die Geister der Erschlagenen zu versöhnen. Bei dem Ruf, den ihr Gefangener hatte, versäumten die Apatschen keine Vorbereitung, um seinen Tod so feierlich wie möglich zu machen. Kreuzträger ergab sich in sein Schicksal, das ihn mit seinen vorangegangenen Lieben wieder zusammenführen sollte, wie schrecklich auch die Grausamkeit Wis-con-tahs die Martern ersinnen würde. Plötzlich, kurz nach Sonnenaufgang, führte das Erscheinen Makotöhs im Lager eine andere Wendung herbei. Mit lautem Freudengeheul begrüßten die Apatschen den Totgeglaubten. In einer Beratung der Häuptlinge trug der strenge Wille des Grauen Bären den Sieg über alle Winkelzüge der Roten Schlange und den Widerspruch Mechocans davon. Makotöh verkündete, von den Häuptlingen begleitet, Kreuzträger seine Freilassung. »El Crucifero ist frei«, sagte der Graue Bär. »Er möge zu den Bleichgesichtern zurückkehren. Meine Krieger werden ihn begleiten, bis er seine Freunde findet.« Kreuzträger hörte erstaunt diese Eröffnung. »Makotöh,« antwortete er, »ich habe so viel Böses von dir und deinen Kriegern erfahren, daß ich das Geschenk meines Lebens aus deiner Hand verschmähe. Wenn Gott gewollt hat, daß ich in Eure Hände gefallen bin, füge ich mich seinem Willen und bin bereit, zu sterben.« »Makotöh ist ein großer Häuptling«, erwiderte der Gileno gelassen. »Er war in den Händen der Bleichgesichter und hat geschworen auf sein Totem, El Crucifero zu senden, wenn er noch am Leben ist. Der Häuptling der Gilenos hält sein Wort.« Erst jetzt begriff Kreuzträger, daß es sich um einen Austausch handelte; aber er war ehrlich genug, seine Bedenken nicht zurückzuhalten. »Der Graue Bär weiß, daß ich ein Feind der Apatschen bin. Kennt er mich?« »Du bist der Vater des Weißen Rehs. Das Weib Makotöhs ist aus seinem Wigwam geschieden.« »Dann weißt du auch, daß zwischen uns Fehde auf Leben und Tod ist. Wenn ich von hier gehe, wird meine Hand nicht ruhen, bis sie den Schatten meiner gemordeten Kinder an dir und dem Teufel Volaros gerächt hat!« Makotöh zuckte die Achseln. »Geh!« sagte er. »Dein Haupt ist weiß! Meine jungen Krieger wissen jetzt, daß El Crucifero keinen Zauber hat. Er ist ihnen nicht mehr gefährlich!« Ein Hohngelächter folgte diesen Worten des Häuptlings. Kreuzträger fühlte, daß der geheimnisvolle Nimbus, der bisher seinen Namen und seine Rache umgeben, gebrochen war. In bedrückter Stimmung, von den Apatschen unbeachtet, verließ er das Lager; auf den Befehl des Grauen Bären, der den Absichten der Roten Schlange mißtraute, begleiteten ihn zwei junge Krieger, bis er die ersten Späher der Mexikaner erblickte. Das war, was Kreuzträger zum Teil erzählte, zum Teil erraten ließ. Es klärte freilich nicht auf, wie der gefangene Häuptling der Gilenos zu dieser Verpfändung seines Wortes gekommen. Kreuzträger selbst mutmaßte später, die Befreiung des Grauen Bären sei auf geheimen Befehl des Grafen durch den jungen Vaquero Diaz erfolgt. Er machte gegen Diaz auch einige Andeutungen. Diaz hütete sich jedoch, darauf einzugehen. Dagegen schloß er sich eng an Kreuzträger an und schien in ihm nicht nur den Gefährten der bestandenen Abenteuer, sondern auch den Nachfolger seines erschlagenen Verwandten zu ehren. Auf seine Bitten und auf den Wunsch Dolores Monteras hatte er von Don Esteban die Erlaubnis erhalten, sich der Schar des Grafen anschließen zu dürfen. Manchen Abend verbrachten die beiden zusammen am Biwakfeuer in der Erinnerung an die vorangegangenen Kämpfe und Gefahren. Am selben Abend noch brach Graf Raousset-Boulbon mit seiner Freischar auf. In den nächsten zwei Monaten war Graf Boulbon im Kampfe gegen die Indianer auf allen Punkten glücklich, obgleich ihn bald der Neid und die Machenschaften der eingeborenen Behörden im Stich ließen, ihn sogar hinderten. Seiner Tatkraft und der Unterstützung Don Estebans allein dankte er ihre Überwindung. Aber der fortwährende Kampf mit Trägheit, Zwiespalt und Bosheit verbitterte ihn. Es konnte ihm nicht verborgen bleiben, daß selbst in seiner kleinen Schar geheimer Einfluß Ränke spann und zu Unzufriedenheit und Verrat anreizte. Die zusammengelaufene, aus so vielen Abenteurern bestehende Truppe konnte nur durch eiserne Strenge beherrscht werden. Die rastlose Tätigkeit des Führers, die fortwährenden Anstrengungen in der Verfolgung der Indianer, die – leichter beweglich als ihre Gegner – sich auf Sengen und Plündern beschränkten, namentlich aber die Manneszucht, die er hielt, vermehrten diese Unzufriedenheit. Sie murrten darüber, daß dieser Krieg nur Mühseligkeiten und wenig Beute bot und der erschlagene Feind nicht der Plünderung lohnte. Zweimal in dieser Zeit blieben sogar die versprochenen Zahlungen der Regierung und der Yunta der Grundbesitzer und Kaufleute aus. Der persönliche Kredit Don Estebans mußte das zur Besoldung der Truppe nötige Geld herbeischaffen. Dies alles diente nicht dazu, die ohnehin reizbare Laune des Grafen zu verbessern. Durch die Abwesenheit der beiden einzigen zuverlässigen und anhänglichen Freunde, die er besaß, Suzannes und des Avignoten, wurde sein Gemüt verbittert. Seine Handlungen waren rücksichtslos; ja selbst grausame Härte verschaffte ihm bald einen furchtbaren Ruf bei Freund und Feind und drohte seine ritterlichen Eigenschaften zu verdunkeln. Um jene Zeit tauchten in Pariser Blättern der Name des Grafen und die wunderbarsten Erzählungen von seiner modernen Argonautenfahrt auf. Selbst die geheimen Pläne des kühnen Abenteurers, die Gründung eines unabhängigen Staates Sonora wurden Gegenstand geheimnisvoller Andeutung und Besprechung. Der nach allem Neuen begierige Geist der Franzosen wendete seine Aufmerksamkeit von der großen Staatsumwälzung, die das Land unter der Hand eines ebenso kühnen,, aber schlaueren und glücklicheren Geistes erfahren Napoleon III. , dem Geschick des verbannten Bourbonen zu. Die Pariser Zeitungen waren damals voll von wahren und falschen Nachrichten über den Grafen. Die Kreise des Faubourg-Saint Germain, die alten Schlachtgefährten von Algerien erinnerten sich, daß der Abkömmling des alten Königgeschlechts einen unehelichen Sohn zurückgelassen hatte. Der junge Zögling lebte in St. Cyr. Aufrufe zur Unterstützung des Grafen erfolgten. Es bildete sich in der Tat eine Gesellschaft unruhiger abenteuerlustiger Leute, an denen Paris nie Mangel hat. Jede Regierung öffnet ihnen mit Vergnügen den Abfluß nach außen. Aber ehe diese Expedition wirklich zustande kam, traf das Gerücht von einem geheimnisvollen und furchtbaren Zusammenbruch ein. Er machte allen Unternehmungen ein Ende – vorlaufig auch den politischen, die, wie man wissen wollte, das neue Kabinett der Tuilerien vorgehabt. Mehr noch als in Paris, erregten die kriegerischen Erfolge des Grafen die Aufmerksamkeit in Mexiko, der Hauptstadt des Landes und dem Sitz der Bundesregierung. Der Graf Raousset-Boulbon und seine Unternehmungen wurden bei den politischen Wirren, die damals den mexikanischen Staat zerrissen, und den Ränken, die um die Präsidentur kämpften, für die Regierung und die geheimen Bewerber von um so größerer Bedeutung. Man begann ihn bald zu fürchten. Im Laufe des Feldzugs gegen die Indianer, der mit ihrer Zurücktreibung in die Gebiete der Apatschen und des Rio del Norte endigte, kamen geheime Unterhändler Santa Annas und des Generals Avalos in das Feldlager des Grafen. Durch Versprechungen aller Art suchten sie ihn für ihre Auftraggeber zu stimmen. Graf Boulbon hielt jedoch, getreu den mit seinem künftigen Schwiegervater verabredeten Plänen, äußerlich an der Partei des gegenwärtigen Präsidenten Cevallos fest, bis die günstige Zeit zur Aufdeckung ihrer eigenen Ziele gekommen sei. Von diesen Zielen – die Losreißung der Sonora und Chihuahuas und ihre Verkündigung als selbständiges Königtum mit dem Grafen Raousset-Boulbon als Beherrscher – verbreitete sich aber seltsamerweise bald das Gerücht in der mexikanischen Presse. Von vielen geheimen Schritten und Plänen der Verbündeten drang sofort auf unerklärliche Weise die Nachricht in die Öffentlichkeit. Trotz diesem Verrat nahmen jedoch die Vorbereitungen des Grafen und des Senators einen raschen Fortgang. Die Aussicht auf die Erfüllung ihrer geheimen Pläne steigerte sich bei der anscheinenden Untätigkeit der Gegner mit jedem Tage. Die Besiegung der Indianer machte den Namen des Grafen trotz seines stolzeren und strengeren Auftretens und der Unzufriedenheit in seiner Schar bei der Menge populär. Das Gold und der Einfluß des reichen Haziendero arbeiteten nach anderen Seiten hin für den Erfolg des beabsichtigten Pronunziamientos. Der Graf hoffte auch, daß die Unzufriedenheit seiner wilden und unbändigen Kohorte in dem Augenblick schwinden würde, da er ihr ein neues und vielversprechendes Ziel bot. Zweimal im Laufe der zwei Monate war Don Esteban nach Guaymas zurückgekehrt; zweimal hatte der Graf auf kurze Zeit die Hazienda besucht, auf der seine Braut zurückgeblieben war. Jedesmal hatte ihn der Teniente Carboyal begleitet, den der Graf absichtlich nicht allein bei der Freischar zurücklassen wollte, da er ihm mit Recht mißtraute. Dolores blieb sich in ihrem Benehmen gegen den Verlobten gleich. Er schien ihrer Neigung so sicher, daß er – von seinen Plänen erfüllt – weniger als früher sich um jene Aufmerksamkeiten kümmerte, die Mexikanerinnen zu verlangen pflegen. Ja, er vernachlässigte sie sogar hochmütig. Mit jedem Besuch wuchs ihr geheimer Haß; denn sie wußte sehr wohl, wo er die Nächte seines Aufenthalts in der Hazienda zubrachte. Die immer wachen Gefühle des Herzens sagten Suzanne, daß sie in Dolores eine Feindin besaß. Sie fühlte auch, daß die Tochter des Senators wahrscheinlich ihr Geheimnis kenne oder ahne; denn sie überraschte die Haziendera oft bei beobachtenden Blicken. Aber sie wagte es nicht, mit dem Grafen davon zu sprechen; denn sie fürchtete, daß er ihrer Warnung andere Beweggründe unterlegen oder gar das schwache Band, das ihn noch an sie fesselte, ganz zerreißen würde. Der Einfall der Indianer konnte jetzt als vollständig abgeschlagen gelten. Zwischen den Apatschen und Komantschen waren aufs neue die alten Zwistigkeiten ausgebrochen, durch die Schlauheit der mexikanischen Agenten hervorgerufen und genährt. Die Krieger hatten sich wieder nach der großen Wüste Bolson und den Gebieten ihrer Stämme zurückgezogen. Die Sonora war befreit. Nur in den öden Gebieten des Staates Chihuahua im Westen der Sierra de los Patos trieben sich noch einzelne kriegerische Abteilungen umher. Von Eisenarm, Wonodongah und Comeo war keine Kunde weiter nach der Hazienda gekommen. Nur Dolores wußte, daß der junge Komantschenhäuptling sich in der Nähe aufhalten mußte; denn häufig fand sie am Morgen an den Gitterstäben ihres Fensters einen Kranz duftiger Blumen befestigt, wie ihn Wonodongah in der Nacht der Befreiung des Grauen Bären gebracht hatte. Der einzige, der nähere Kunde zu haben schien, war Master Slong. Er war mit dem Roten Hai unter der kleinen Besatzung der Hazienda zurückgeblieben. Seit der Yankee Jonathan Brown nach dem Abzug des Grafen verschwunden war, machte Slong häufig Ausflüge in die Sierra unter dem Vorwande, ein großer Freund der Jagd zu sein. Aber selbst gegen Hawthorn, dem Roten Hai, der sich hütete, die Mauern der Hazienda zu verlassen, ließ er sich nicht über die wahren Zwecke seiner Abwesenheit aus. Zwei Monate waren vergangen. Die sinkende Sonne vergoldete die Hazienda und die Berge. Keine Spur der Zerstörung und des blutigen Kampfes, der noch wenige Wochen vorher hier getobt! Alles hatte sich in ein festliches Gewand gekleidet. Die bunten Farben Mexikos mit den Lilien der Bourbonen wehten in hundert Flaggen und Fahnen von den Dächern der Gebäude und den Mauern der Hazienda; Kränze und Gewinde schmückten die luftigen Veranden. Selbst die Hörner und Mähnen der Tiere in den Corrals waren mit Blumen und Bändern geziert. An allen Ecken und Vorsprüngen schaukelten im Winde chinesische Laternen. Musikanten paukten und zimbelten lustig im Hof der Hazienda; an einem mächtigen Feuer sollte ein großer Ochse in seinem Fett gebraten werden. Es war der Hochzeitstag der jungen und schönen Gebieterin all dieser Reichtümer. In einer Stunde wurde Graf Raousset-Boulbon mit seiner Freischar erwartet. Dann sollte die Trauung mit Señora Dolores an dem blumengeschmückten Altar stattfinden, der vor dem Mttelgebäude im Hofe der Hazienda errichtet war. Die Braut, reich mit Diamanten geschmückt, stand am Fenster und schaute mit leerem, starren Blick auf das muntere Leben und Treiben zu ihren Füßen. Ihr Vater hatte sie soeben verlassen, um im Hofraum noch einige Anordnungen zu treffen. Nur Don Carboyal, der Adjutant des Statthalters Juarez, des späteren Präsidenten von Mexiko, der am Tage vorher mit Diaz von Aribechi eingetroffen war, schaute an ihrer Seite in die Ebene hinab. Plötzlich wandte sich Dolores zu ihm um. »Glauben Sie bestimmt, Señor Assistente,«fragte sie scharf, »daß die Abteilung zur rechten Zeit hier sein wird?« »Volaros versichert es. Er hat sie gestern verlassen, um dem Boten des Grafen zuvorzukommen. Jetzt harrt er ihrer Ankunft an der Furt; er wird zur rechten Zeit hier sein, wenn er das Zeichen sieht.« »Und alles ist in Ordnung?« »Vollständig, Señora – vorausgesetzt, daß wir uns auf Ihren Entschluß und Ihre Festigkeit verlassen können.« »Heilige Jungfrau! – Ich wünschte, daß ihr Männer nur den hundertsten Teil der Entschlossenheit eines beleidigten Weibes hättet! – Lassen Sie mich noch einmal die Bedingungen wiederholen, Señor Assistente, unter denen wir Bundesgenossen sind.« »Ganz zu Ihrem Befehl!« »Don Juarez sichert meinem Vater einen Sitz in dem Kongreß zu Mexiko!« »Die Partei der Vaterländischen wird glücklich sein, ein so wichtiges Mitglied der Grundbesitzer in ihre Reihm treten zu sehen. Aber ich fürchte noch immer, daß die törichten Pläne...« »Lassen Sie das meine Sache sein. Hätte es in meinen Absichten gelegen, die Pläne des Grafen zur Ausführung kommen zu lassen, so hätten zehn Statthalter wie Don Juarez es nicht zu hindern vermocht. Don Esteban, mein Vater, wird sich auf einige Zeit nach Puebla zurückziehen, vorausgesetzt...« »Hier ist die Ernennung des Señor Don Esteban zum Präsidenten des obersten Gerichtshofes.« »Von einem ehemaligen Advokaten erwirkt und ausgestellt«, spöttelte Dolores. Sie wies das Papier zurück. »Don Juarez scheint seinen Weg etwas zu rasch zu machen. Er vergißt, daß seine Partei noch keineswegs am Ruder des Staates sitzt.« »Aber sie wird dahin kommen, Señora. Sie kennen diesen Mann nicht!« »Er ist mir beinahe ebenso verhaßt wie der Franzose«, sagte sie hochmütig. »Doch genug davon! Ich wünsche nur, unser Eigentum hier im Westen für die Zeit gesichert zu sehen, in der mein Vater sich auf seine Besitzungen in Puebla zurückzieht. Der Aufenthalt in der Soñora ist mir verleidet worden.« »Und darf ich nicht erfahren, wie Sie den Bruch mit diesem hergelaufenen Abenteurer herbeizuführen gedenken?« fragte Don Carboyal. »Überlegen Sie wohl, er könnte einen Akt der Gewalt verüben, da Sie nicht wollen, daß die Truppen der rechtmäßigen Regierung vorher die Hazienda besetzen, um Ihnen Schutz zu gewähren.« »Unbesorgt, Señor Teniente! – Seien Sie nur hier, sobald Sie die grüne Schärpe sehen, die mein Mädchen aus dem Fenster über dem Balkon aushängen wird. – Sehen Sie, dort kommt, glaub' ich, Ihr Mann!« Sie wies auf einen Reiter, der auf der Straße vom Fluß heranpreschte. »Und dort, Señora, naht Ihr Bräutigam, der König der Sonora!« Don Carboyal ließ sich plötzlich vor ihr auf ein Knie nieder. »Wenn es mir gelingt, den Verräter zu stürzen und zu vernichten – wird die schöne Dolores, die Königin aller Herzen, sich herablassen, ihr Versprechen zu halten und die Hoffnungen ihres getreuesten Sklaven zu erfüllen?« »Ich habe meine Hand dem Statthalter von Puebla versprochen!« Er sprang auf. »Dann, Señora, ist sie in drei Monaten die meine. – Auf Wiedersehen denn am Altar!« Während die fernen Flintenschüsse die Annäherung der Truppe des Grafen Boulbon verkündeten, eilte er die Treppe hinab. Außerhalb des Tores warf er sich auf ein Pferd und sprengte dem von der anderen Seite nahenden Reiter entgegen. In zehn Minuten hatte er ihn erreicht. Es war Escobedo, der Soldat, der so wacker zur Verteidigung der Hazienda beigetragen hatte. »Halten Sie gefälligst, Señor Escobedo«, sagte Don Carboyal. »Ich habe mit Ihnen dringend zu reden.« Escobedo, den Graf Boulbon nach Guaymas geschickt hatte, zügelte ungeduldig sein Pferd. »Was befehlen Sie, Señor Teniente? – Befindet sich Seine Exzellenz in der Hazienda?« »Seine Exzellenz«, sagte der Adjutant spöttisch, »werden in einer halben Stunde dort sein. Indes wird Graf Boulbon immer noch zeitig genug Ihre Botschaft hören.« »Wie, Señor, Sie wissen – ?« »Der Bote des Statthalters ist vor zwei Stunden hier eingetroffen.« »Cuerpo de tal! – So wissen Sie also auch, daß die Dragoner der Regierung hierher unterwegs sind?« »Ich hoffe, sie werden in kurzem hier sein.« »Der Conde muß es sogleich erfahren. Lassen Sie mich vorüber, Señor Teniente. Man hat schon eine Legua von hier versucht, mich aufzuhalten – man schoß aus einem Dickicht nach mir.« »Dieser Volaros ist ein Dummkopf«, sagte ruhig der Adjutant. »Aber, Señor Capitano, Sie dürften am besten tun, trotz jener Kugel mit mir zurückzukehren.« »Ich verstehe Sie nicht, Señor Assistente. Ich bin ein einfacher Soldat des Conde Boulbon, Überbringer eiliger Nachrichten –« »Für deren Verzögerung um eine Stunde ich die Ehre habe. Sie zum Kapitän im Namen Seiner Exzellenz des Statthalters Don Juarez zu ernennen, da Señor Volaros Sie gefehlt hat!« »Ach – ich verstehe! Und Sie haben wirklich Vollmacht?« »Das Papier braucht nur mit Ihrem Namen ausgefüllt zu werden. Ich hoffe, Sie noch als General zu begrüßen, wenn Sie sich unserer Partei anschließen.« Der Abenteurer verbeugte sich. »Ich küsse Euer Exzellenz die Hand und stehe ganz zu Ihrem Befehl.« Auf einen Wink Don Carboyals wandte er sein Pferd und ritt mit ihm den Weg zurück, den er eben gekommm war. Immer näher kamen die Freudensalven der heranziehenden Schar. Von den Bewohnern der Hazienda wurden sie mit Jubelrufen und Flintenschüssen erwidert. Hüte und Schärpen wurden von der Höhe der Mauern geschwenkt, Feuerwerk in die helle Tagesluft verpufft. Als jetzt die Truppe des Grafen, hundertfünfzig Mann, an den Mauern der Hazienda vorüberzog, um durch eines der Tore ihren Einmarsch zu halten, fiel ein Regen von Blumen auf sie nieder. Die Schar des Grafen gewährte einen noch abenteuerlicheren Anblick, als bei ihrer Ausschiffung und jener Schau, die der Statthalter von Guaymas in San José über sie zu halten versucht hatte. Die Anstrengungen des kurzen Feldzuges und die Büchsen und Pfeile der Indianer hatten wohl ein Drittel der kühnen Männer, die sich in San Franzisko hatten anwerben lassen, hinweggerafft oder zerstreut. Aber noch immer waren genug vom alten Stamm übrig, um eine furchtbare Macht zur Ausführung jedes kühnen Anschlags zu bilden. Ein Gelingen mußte bald wieder das Zehnfache der Zahl um die Fahne des kühnen Franzosen sammeln. Das wußte der Graf sehr wohl; und deshalb hatte er auch nur diesen Stamm seiner Truppen nach der Hazienda zurückgebracht. Der Graf ritt noch immer das schöne, wilde Pferd, das ihm Juarez, der Statthalter von Guaymas, in so boshafter Weise verehrt. Er sprang am Tor aus den Bügeln. Der Senator, umgeben von seiner Dienerschaft, erwartete ihn hier. Er umarmte ihn aufs herzlichste und erkundigte sich nach seiner Braut. »Mögen Sie tausend Jahre leben, Señor Conde«, sagte Don Esteban. »Mein Haus und alles, was ich besitze, sind zu Ihren Diensten. Treten Sie ein, mein Sohn! Empfangen Sie aus meiner Hand den Lohn Ihrer Tapferkeit, der das Blut der Monteras, eines der edelsten von Kastilien und Arragon, mit dem des Königsgeschlechts von Frankreich verbinden soll––– und ihm wieder den Weg zu einem Throne öffnen wird!« fügte er leise hinzu. Graf Raousset-Boulbon küßte nach spanischer Sitte den Hausherrn auf beide Wangen. »Ist mein Bote aus San Fernando zurück?« flüsterte er. »Noch nicht. Ich erwartete ihn vergeblich. Ich habe aber alle Anstalten getroffen, daß wir morgen früh nach dem Westen aufbrechen können.« »Vortrefflich, Señor suegro !« sagte der Graf zerstreut. »Lassen Sie mich denn meiner lieben Braut meine Huldigung darbringen. Mit ihrer Erlaubnis, sobald ich die Kleidung gewechselt habe, mag dann die Trauung vor sich gehen, und zu der Ihre Güte, wie ich sehe, alles bereitet hat.« »Señores,« rief der Senator, »machen Sie es sich bequem! Nehmen Sie vorlieb mit allem, was die Hazienda del Cerro ihren tapferen Errettern zu bieten vermag. Ich freue mich herzlich, Sie wiederzusehen!« Ein hundertfaches Viva, Viva el Señor Senador ! beantwortete die gastfreie Einladung. Im Nu war die ausgelassene und wilde Schar der Abenteurer über den Hofraum verbreitet und mit den Bewohnern und Dienern vermischt. Hundert Erzählungen von bestandenen Abenteuern und Erkundigungen nach gefallenen Kameraden wurden im Fluge ausgetauscht. Die Krüge mit Mescal und Aguardiente, die Flaschen und Lederschläuche mit dem Amontilado und Paquareta, dem feurigen Wein des Landes, gingen von Hand zu Hand. Mit dem Eintritt der Soldaten des Grafen hatte das Fest begonnen. Der Senator führte den Grafen zu den Stufen der mittleren Veranda. In ihrem Rohrsessel, von ihren Dienerinnen umgeben, saß Dolores Montera. Der Graf beugte ritterlich ein Knie. Er nahm aus seinem Jagdhemd zwei Adlerfedern, die Kopfzier eines berühmten Häuptlings, den er in einem der Gefechte getötet. Er legte ihr die Beute zu Füßen. »Señora,« sagte er, »die Hand, die Ihre Heimat von den Indianern befreit hat, streckt sich nach dem schönsten Schatz des Landes aus. In den Augenblicken wilden Kampfes hat mir diese Stunde als Lohn vorgeschwebt. Ich komme, die Erfüllung Ihres süßen Versprechens zu erbitten.« Dolores spielte nachlässig mit den beiden Federn. »Seien Sie willkommen, Señor Conde! – Bitte, sagen Sie mir, war dieses reiche Brautgeschenk vielleicht der Kopfputz des Grauen Bären?« Eine dunkle Röte schoß bei den spöttischen Worten über das Gesicht des Franzosen. »Es ist selten, Madonna,« sagte er stolz und erhob sich, »daß ein Mann zum zweiten Male es wagt, dem Grafen Raousset-Boulbon entgegenzutreten. Auch Ihr indianischer Häuptling hat es nicht versucht. Diese Federn schmückten das Haar eines Komantschen, des Roten Adlers, der ebenso berühmt sein soll, wie der Graue Bär; und meines Wissens war das Diadem der Azteken von Mexiko und ihrer Herrscherinnen auch mit Federn geschmückt!« »Sie haben recht, Señor Conde«, erwiderte ruhig Dolores. »Doch ist die Erinnerung eine unglückliche; denn die Frauen der alten Herrscher dieses Landes genossen leider nicht die Segnungen des Christentums und die Rechte einer einzigen rechtmäßigen Gattin.« Der Graf brach das Gespräch geschickt ab, das ihm nicht gefiel. »Erlauben Sie, teure Dolores,« sagte er, »daß ich mich einige Augenblicke zurückziehe, um auch äußerlich des Glückes würdig zu erscheinen, das mich erwartet.« Dolores machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Fächer. »Ihre Gemächer, Señor Conde, und Ihre Freunde erwarten Sie!« Der Graf beurlaubte sich mit einer höflichen Verbeugung. Er ging der Treppe zu, die nach dem oberen Stockwerk führte. Auf der ersten Stufe hatte er Bonifaz, seinen alten Getreuen, bemerkt. Er nahm ihn am Arm. »Du hast meinen Brief bekommen?« »Ja, Monsieur! – Ihre Befehle sind vollzogen.« »Und wie erträgt sie die Notwendigkeit?« »Sie ist entschlossen, noch diesen Abend nach Veracruz abzureisen. Und ich, Monseigneur, bitte um die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen.« Der Graf blieb auf der Treppe stehen. Sein Wink hatte alle Begleiter verabschiedet. »Wie, Bonifaz, mein alter Freund! Du willst mich verlassen? Aber doch hoffentlich nur für die Reise bis zur Küste?« »Ich sehne mich danach, Monseigneur, Frankreich wiederzusehen«, sagte der alte Mann. »Die napoleonische Luft ist immer noch besser als diese mexikanische Falschheit und Spitzbüberei. Und ich kann die arme Kleine nicht allein zu ihrem Kinde zurückkehren lassen, da Sie nun einmal Lust haben, ein vollständiger Mexikaner zu werden. Pardious! – Wer mir das gesagt hätte, als ich den steifen Spanier und seine hochmütige Tochter nach San Franzisko brachte – der Teufel hätte mich eher zu Frikassee hacken sollen!« »Murrkopf – du bedenkst nicht, daß es eben zu unser aller Besten geschieht!« »Ça! ça! – Jeder ist seines Schicksals Schmied! – Suzanne erwartet Sie, um Ihnen Lebewohl zu sagen vor dieser verfluchten Heirat!« »Wo?« »In ihrem Gemach. Die Ärmste wird Sie nicht lange aufhalten. – Nur noch eins! Sie wissen doch, Monseigneur, daß der mexikanische Lump, der Leutnant Carboyal, ein Kerl, dessen verbotenem Gesicht ich nicht über den Weg traue, vor zwei Stunden einen Boten aus dem Westen empfangen hat?« »Kein Wort! – Wo ist der Teniente? – Ich sah ihn noch nicht.« »Der Teufel weiß, wohin. Ich habe mich nicht um ihn bekümmert. Aber ich warne Sie, Aimé! Trauen Sie dem Boden hier nicht; der einzige Ehrliche scheint mir noch der Senator zu sein. Aber er ist blind wie ein Maulwurf vor lauter Ehrgeiz und Hochmut. Und der gelbhäutige Schuft, Don Carboyal, macht sich etwas zu dreist an die Señora!« Der Graf lachte sorglos. »Wenn du weiter keine Bekümmernis hast, Alter! Doch nun geschwind, bringe meine Kleidung zur Trauung in Ordnung. Ich verlange, daß du mein Brautführer bist. Dann magst du tun, was dein Gewissen verlangt!« »Monseigneur, Ihre Uniform finden Sie hier!« Er öffnete die Tür zu dem Zimmer Jeans. Der Graf trat ein. Er blieb betroffen stehen, als aus dem Hintergrunde des Gemachs sich eine Frau erhob und ihm langsam entgegenkam. »Suzanne –! In dieser Kleidung –! Welche Unvorsichtigkeit!« »Es ist meine Frauenkleidung, Aimé! Laß sie mich tragen in dem Augenblick, wo wir für immer scheiden!« Der alte Avignote hatte sich außen vor die Türe gestellt. Niemand sollte die wenigen Augenblicke stören, die den beiden noch gehörten. Die halbe Stunde, die der Graf für sich erbeten, war verflossen. Die Glocke der Hazienda rief zur Messe, die der Trauung vorangehen sollte. Die Tore des Hofes wurden geschlossen; alle versammelten sich um den Altar. Der Senator kam, noch einmal seine Tochter zu umarmen, ehe er den Bräutigam holte. Sein Gesicht strahlte vor Stolz und ehrgeizigen Hoffnungen. Er bemerkte gar nicht die kalte und finstere Haltung seiner Tochter. Er hatte Dolores kaum verlassen, als sie den jungen Vaquero zu sich winkte. »Diaz,« sagte sie, »du weißt, daß wir Verbündete sind. Bei dem heiligen Kreuz von Puebla, ich werde für deine Zukunft sorgen. – Jetzt nimm dieses Band.« Sie reichte ihm die grüne Seidenschärpe, die sie getragen. »Sobald der Graf die Treppe herabkommt, gehe in das Gemach über dem Balkon und knüpfte sie an das Gitter. Dann kehre in den Hof zurück und halte dich an dem Tor zur Linken auf. Öffne es sofort, wenn Einlaß begehrt wird. – Hast du mich verstanden?« »Ja, Señora!« »So gehorche! Dort kommen sie. – Ich will dein Glück machen!« Beim zweiten Läuten erschien der Graf an der Seite seines zukünftigen Schwiegervaters. Er trug, wie bei seiner Ausschiffung in San Fernando-Guaymas, die französische Oberstenuniform und auf seiner Brust verschiedene Orden. Seine Haltung war ruhig und würdevoll. Auf seiner Stirn lagen Ernst und Trauer über den herzzerreißenden Abschied Suzannes. Dem Grafen folgte sein alter Diener und Freund Bonifaz. Graf Raousset-Boulbon schritt auf Dolores zu, die ihn bewegungslos erwartete. Er bot ihr mit einer Verbeugung den Arm und führte sie die Stufen der Veranda hinab zu den beiden mit blühenden Orangenzweigen geschmückten Betpulten, die man für das Brautpaar vor dem Altar aufgestellt hatte. Alles warf sich auf die Knie. Der Priester begann die heilige Messe zu lesen. Dolores senkte ihr von dem langen Schleier umwalltes Haupt tief auf ihr Gebetbuch und faltete die Hände, als sammle sie Kraft. Dem Psalm folgte der Hymnus, das Symbolum und das Opfer. Die ganze Schar der Andächtigen wiederholte. Selbst die Andersgläubigen wohnten in achtungsvollem Schwelgen und mit entblößten Häuptern der heiligen Handlung bei, bis der Segen gesprochen war. Der Priester rief das Brautpaar zum Altar. In diesem Augenblick hörte man ein fernes Geräusch, wie näher und näher anschwellenden Donner. Die Braut hob ihr Haupt. Eine leichte Röte flog über ihr Gesicht. Ihr Blick schweifte über den Hofraum und blieb auf Diaz haften. Auch der Graf, der Pole Morawski und mehrere der Soldaten und Vaqueros erhoben den Kopf. Ihr mit diesem Klange vertrautes Ohr erkannte in dem nahenden Geräusch den Galopp von Pferden. Unterdes nahm die Zeremonie ihren Fortgang. »Horace Aimé Graf Raousset-Boulbon, Marquis de Tremblay, willst du diese hochedle Jungfrau Doña Dolores da Sylva Montera zu deiner ehelichen Gemahlin nach den Satzungen der heiligen katholischen Kirche nehmen?« fragte der Priester. »Ich will!« »Jungfrau Dolores da Sylva Montera, willst du diesen Señor Horace Aimé Grafen Raousset-Boulbon zu deinem ehelichen Gemahl nehmen?« »Nein, Señor Padre! Denn der Señor Conde hat schon eine Frau!« Die Worte wurden langsam und gemessen gesprochen. Aber ihre ruhige Stimme hatte einen so klaren festen Ton, daß er bis zu den entferntesten Mitgliedern der Versammlung drang. Einige Augenblicke standen die Teilnehmer der Feier wie vom Blitzstrahl getroffen. Kein Laut wurde hörbar. So unerwartet war der Widerspruch gekommen. Selbst der Senator starrte seine Tochter erschrocken an und glaubte falsch gehört zu haben. Draußen brauste ein wilder Galopp heran. Da unterbrach die Stille ein Ruf von der Höhe der Galerie her. »Aimé, hüte dich! – Die Dragoner des Statthalters kommen!« Den Augen der Menge zeigte sich eine bleiche Frau, in ein dunkles spanisches Gewand gekleidet. Sie rang auf der offenen Veranda des ersten Stocks in Angst die Hände. Der Galopp der fremden Reiter hörte plötzlich vor dem Kommando: ALto! auf. Waffen klirrten – drei Schläge donnerten an das Tor. »Abrite la puerto! – Im Namen der Bundesstaaten!« Dolores wies auf Suzanne. »Ehrwürdiger Herr und Sie, mein Vater, dort sehen Sie, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Caballeros – ich stelle mich unter Ihren Schutz!« Sie trat von der Seite des Grafen zurück, der allein vor dem Altar stehen blieb. Aller Blicke richteten sich auf ihn. »Um der heiligen Jungfrau willen, Señor Conde, was soll das bedeuten? – Reden Sie, erklären Sie uns –« Der Graf starrte wie ein Träumender bald auf die Braut, bald auf Suzanne, deren Angst sich in einem Tränenstrom Luft machte. Ehe er antworten konnte, öffnete Diaz das Tor. Der Bevollmächtigte des Statthalters Juarez, Don Carboyal, ritt in den Hof, gefolgt von einem halben Dutzend Dragoner, die sich hinter ihm aufstellten. Durch die geöffneten Flügel sah man draußen eine lange Reihe Dragoner. Neben Don Carboyal, sein Pferd am Zügel, hielt sich der Soldat Escobedo, der Bote des Grafen. Bei dem Anblick seines heimlichen Feindes hatte Boulbon seine volle Ruhe wiedergefunden. Er kreuzte die Arme über der Brust. Sein stolzes Gesicht, ernst und blaß, zeigte Ruhe und Sicherheit. »Willkommen, Señor Escobedo, mein getreuer Bote!« sagte er laut. »Und besonders in so guter Gesellschaft. Ich durfte erwarten, Sie schon hier zu finden.« »Euer Exzellenz werden das alte Sprichwort kennm, daß manche Botschaft noch immer zeitig genug kommt! Die Gesellschaft dieser Herren genieße ich erst seit einer Stunde.« »Ohne viel Worte, Mann«, sagte der Graf streng. »Geben Sie mir die Briefe des Kommandanten Muñoz.« Escobedo zuckte die Achseln. »Ich bedauere aufrichtig, Euer Exzellenz nicht dienen zu können. Señor Munoz hatte keine Zeit zu schreiben.« »Und warum nicht?« »Weil er sich dringend mit seinem Beichtvater beraten mußte für das wichtige Ereignis des nächsten Morgens.« »Welches Ereignis?« »Der tapfere Kommandant des Forts von San Fernando-Guaymas hatte unglücklicherweise die Bestimmung, gehängt zu werden. Seine Seele muß längst im Fegefeuer sein.« »Gehängt? Ventre saint gris! Wer sollte es gewagt haben...« »Seine Exzellenz, der Herr Statthalter Don Juarez hat ihn dazu verurteilt, nachdem die Regierungstruppen wieder das Fort besetzt haben.« »Das Fort besetzt? – Und meine Schiffe?« »Man hat sie nach San Franzisko zurückgeschickt. Die gesetzlichen Behörden sind, dank der tapferen Besiegung der Indianer durch Euer Exzellenz, jetzt wieder vollkommen befestigt. Ich freue mich, Euer Exzellenz anzeigen zu können, daß auch meine geringen Verdienste mit der Ernennung zum Kapitän des stehenden Heeres belohnt worden sind.« Dieser Schlag war so unerwartet, daß Graf Boulbon bei der dreisten Weise, in der Escobedo ihm begegnete, die Antwort schuldig blieb. Don Carboyal hielt noch immer zu Pferde. Mit boshaftem Vergnügen beobachtete er den Betroffenen. Jetzt nahm er das Wort. »Señor Conde,« sagte er, »es freut mich, von der Regierung beauftragt zu sein, Euer Exzellenz und all diesen tapferen Herren den Dank des Präsidenten Cevallos und der Junta der Staaten Sonora und Chihuahua zu überbringen. Die Regierung ist erfreut, schon heute imstande zu sein, Ihre Kampftruppen auflösen zu können. Sie bewilligt den tapferen Soldaten und Offizieren einen zweimonatlichen Sold, der ihnen sofort ausgezahlt werden soll. Auch stellt sie jedem anheim, die Ansprüche an die zugesagte Landentschädigung am Rio del Norte geltend zu machen. Die Regierung will dort neue Kolonien anlegen. Auch steht es ihnen frei, in Alamos mit dem Grade eines Unteroffiziers bis zum Range des Kapitäns in das stehende Heer einzutreten. Ihnen, Señor Conde, behält die Regierung sich vor, in Arispe, wohin ich die Ehre haben werde, Ihnen das Geleit zu geben, bei der Abrechnung ganz besonders ihren Dank und die Anerkennung Ihrer Verdienste um Mexiko auszudrücken.« »In Arispe? – Also an der Grenze der Freistaaten?« »Die Regierung glaubte, daß es für Euer Exzellenz bei der Rückkehr der geeignetste Platz sein würde. Sie werden dort Gelegenheit haben, dem Herrn Oberstatthalter Ihre Wünsche auszudrücken. Ich habe Befehl; Euer Exzellenz mit einer Schwadron meiner Dragoner dahin zu geleiten.« Der Graf lachte hell auf. »Bei dem Blute des Bearners!« rief er. »Señor Teniente, der Plan ist nicht übel! – Schade nur, daß ich in Mexiko noch einiges zu tun habe. Señor Senator, was sagen Sie dazu? Wollen wir die eifersüchtige Dame da, Ihre Tochter, zur Herrin der Sonora machen, auch ohne ihren Willen?« »Bei der heiligen Jungfrau!« flüsterte erschrocken der Haziendero, »richten Sie uns nicht alle zugrunde, Señor Conde! Sie sehen, daß alles verraten ist. Wir sind verloren, wenn wir nicht nachgeben! Was Dolores betrifft, so hoffe ich ...« »Halt, Señor! – Kein Wort darüber! – Kameraden«, die Stimme Boulbons klang hell und laut über den Hof hin. »Ihr habt die Vorschläge des Don Carboyal gehört. Wir sind wieder freie Männer – wir hätten niemals aufhören sollen, es zu sein. Wer Lust hat, mit den Burschen da draußen, die sich mit den Apatschen nicht zu messen wagten, Kameradschaft zu trinken, der möge es tun! Ich will niemand hindern! Wer aber mit mir gehen will, die Schatzkammer der Azteken aufzusuchen, der halte sich bereit; denn die Zeit ist gekommen, die ich euch versprach!« Ein stürmischer Jubel aus hundert Kehlen antwortete dieser unerwarteten Ankündigung. Dennoch konnte es dem scharfen Blick des Grafen nicht verborgen bleiben, daß viele von der Schar, die sich rasch um ihn sammelte, zurückgeblieben waren. Er begriff, daß er sie nicht zur Überlegung kommen lassen durfte. »Señor Senator,« sagte er, »meine Kameraden dürfen nicht um das versprochene Fest kommen!« Er neigte sich zu dem Avignoten und flüsterte ihm einige Worte zu. Bonifaz staunte ihn freudig erschrocken an und eilte in das Haus. »Halt, ehrwürdiger Herr! Sie dürfen sich nicht entfernen, ehe Sie Ihr Amt vollzogen haben. Señores und Señoras, Graf Raousset-Boulbon ladet Sie zu seiner Hochzeit ein!« »Wie, Señor? Nach dem Vorgefallenen...« Dolores wandte sich hochmütig zum Gehen. »Kommen Sie, mein Vater! Das Unglück scheint diesem Herrn den Verstand verrückt zu haben!« Mit zwei Schritten war der Graf an ihrer Seite. Er packte sie um das Handgelenk. Sein Gesicht drückte jetzt einen so furchtbaren Ernst aus, daß ihr stolzer Mut erbebte. »Halt, Señorita!« sagte er rauh. »Nicht so eilig! Der Schimpf, den Sie einem Manne anzutun glaubten, muß erst seine Sühne haben!« »Wagen Sie nicht, mich zu zwingen! Zu Hilfe, Don Carboyal! Sie werden es nicht dulden, daß mir Gewalt geschieht!« »Still!« befahl der Graf mit Donnerstimme. »Wenn Sie zehnfach die Schätze der Azteken besäßen – ich möchte das königliche Blut von Frankreich nicht mehr mit Ihrem Namen beschimpfen. – Still, Schlange! Oder ich zerschmettere dich! – Nicht eine Braut brauche ich. Aber eine Brautjungfer! Und das soll deine Strafe sein! – Kapitän Perez« »Hier, General!« »Besetzen Sie mit zehn Mann das Tor. Lassen Sie in der nächsten Stunde niemand ein- noch austreten! Bei Ihrem Leben! Vergießen Sie aber nur Blut, wenn Sie angegriffen werden!« Im Nu, noch ehe Leutnant Carboyal einm Befehl an seine Leute geben konnte, war das Tor besetzt. Diaz, der allein zu widerstreben wagte, wurde hinweggedrängt. »Jetzt, Señor Teniente – und alle, die hier versammelt sind,« sagte grimmig und hochaufatmend der Graf zu dem Adjutanten und der staunenden Menge, »wird es nur auf Sie ankommen, ob wir als gute Freunde scheiden wollen oder nicht. Keinem soll ein Haar gekrümmt werden, der uns nicht herausfordert. Wir sind zu meiner Hochzeit hierher geladen. Wir wollen uns nicht durch die alberne Laune eines Weibes unverrichteter Sache fortschicken lassen. Auf Ihren Platz, Señorita, wenn Sie nicht die Peitsche für Ihr dreistes Spiel fühlen wollen. Hier kommt die Braut des Grafen Raousset-Boulbon.« Von Bonifaz mehr getragen als geführt, trat Suzanne auf die Stufen der Veranda. Sie zitterte vor Schrecken und Freude; die stolze Dolores bebte vor Haß und Zorn. Auf Suzannes Wunsch hatte Bonifaz ihr das einfache spanische Frauengewand verschafft, in dem sie nach dem Verlassen der Hazienda ihre Reise nach einem Hafen der Ostküste machen wollte. Ihr Gefühl hatte sie bewogen, von dem Geliebten nicht in der Knabentracht des kleinen Jean Abschied zu nehmen. Der plötzliche Entschluß des Grafen, den Bonifaz ihr andeutete, erfüllte sie mit schmerzlichem Glück. Noch konnte sie an die Wahrheit kaum glauben. Da trat Graf Raousset-Boulbon zu ihr, nahm sie aus den Armen des treuen Dieners, küßte sie auf die Stim und erfaßte ihre Hand. »Kameraden,« sagte er in tiefer Bewegung, »ich war im Begriff, ein großes Unrecht an dieser lieben Frau zu begehen, die seit zwölf Jahren nur Aufopferung und Treue für mich gehabt hat – die ihre Heimat und ihr Kind verließ, um mir über das Weltmeer zu folgen. Und auch jetzt war sie wieder bereit, ihr Leben und ihre Liebe der Zukunft eines Undankbaren zum Opfer zu bringen. Gott hat mir durch den boshaften Hochmut eines anderen Weibes die Augen geöffnet, ehe es zu spät war! Ich lade Sie alle ein, Kameraden, Zeuge zu sein, wie Aimé Boulbon Suzanne Clement zu seiner rechtmäßigen Gattin macht und damit seinen Sohn Louis zum rechtmäßigen Erben seines Namens und alles dessen, was er jetzt und künftig besitzen wird!« Der stürmische Zuruf bewies ihm den Eindruck seiner einfachen Worte auf diese wilden Herzen. Selbst die Bewohner der Hazienda wagten nicht zu widersprechen. Der Graf zog die halb ohnmächtige, tief erschütterte Suzanne vor den Priester. »Señorita,« sagte er mit kalter Ruhe, aber mit einem Blick, der Dolores Monteras trotzige Wut in Furcht verkehrte, »Sie kennen meinen Willen. Sie werden die Güte haben, die Zeugin für meine Braut zu sein. Unter dieser Bedingung verzeihe ich Ihnen Ihren Verrat! Nehmen Sie Ihren Platz ein. Ehrwürdiger Herr, verrichten Sie Ihr Amt!« Sein Ton war so zwingend, daß niemand auch nur den Gedanken eines Widerspruchs faßte. Der Pater begann hastig die Trauung. Dolores kniete, das Herz voll ohnmächtiger Wut fast zerspringend, hinter der Braut. Die seltsame Trauung dauerte nur wenige Minuten. Der Priester beeilte die heilige Handlung. Als er das Amen gesprochen, überreichte ihm der Graf eine Börse mit Gold. Zärtlich zog er den Arm seiner zitternden und sich an ihn schmiegenden Gemahlin durch den seinen. »Kapitän Perez,« befahl er, »sorgen Sie dafür, daß unsere Kameraden mein Hochzeitsfest in lustiger Weise feiern. Halten Sie die Türen besetzt – jedermann mag frei ausgehen nach seinem Belieben – niemand darf ohne Ihre Erlaubnis den Hof vor Sonnenuntergang betreten. Leutnant Morawski und Kreuzträger – sorgen Sie dafür, daß alles um diese Zeit zum Aufbruch bereit ist. Die Mannschaften sollen für acht Tage mit Proviant versehen werden. Nehmen Sie alle Maultiere in Beschlag für das Tragen der Lagergerätschaften. Erneuern Sie aus unseren Vorräten die Munition. Señor Racunha! Sorgen Sie dafür, daß alle Leute, die vorziehen, aus der Freischar auszutreten, ihren vollen Sold bekommen. – Und nun, Señor Senator, entschuldigen Sie, daß wir uns für einige Stunden zu Herren Ihres Hauses machen. Sie, Señorita, nehmen Sie den Dank der Gräfin Raousset-Boulbon für den Liebesdienst, den Sie ihr erwiesen haben.« Er verbeugte sich mit allem Anstand des Weltmannes vor Dolores und ihrem Vater und führte Suzanne in das Haus zurück. Die entschlossene Haltung des Grafen, mit der er den beabsichtigten Schimpf und die Niederlage auf seine Gegner zurückwarf, verfehlte ihren Eindruck nicht. Selbst von denen, die entschlossen waren, ihn zu verlassen, wagte keiner Ungehorsam gegen seine Anordnungen. Der Befehl, das Gelage trotz der veränderten Lage stattfinden zu lassen, war zu verführerisch, um nicht befolgt zu werden. Bald bildeten sich Gruppen und Gesellschaften, in denen die Weinschläuche und die Krüge mit Branntwein lebhaft kreisten. Als der Haziendero, mißmutig und verstört über das Scheitern der so mühsam vorbereiteten Pläne, den Hof verlassen und sich in sein Gemach zurückgezogen hatte, erklangen auch die Kastagnetten. Die Leute der Hazienda nahmen im Fandango und im lustigen Rundtrunk teil an dem Gelage der Freischar. Der Graf hatte kaum den Hof verlassen, als ein Wink Dolores Monteras den Adjutanten des Statthalters aus der kläglichen Rolle, die er gespielt, erlöste. Sie rief ihn an ihre Seite. Die schönen Augen funkeltm in mühsam unterdrückter Wut. »Warum geben Sie Ihren Leuten nicht das Zeichen zum Angriff, Señor«, herrschte sie ihn an. »Warum lassen Sie nicht alle, die sich zu widersetzen wagen, wie Hunde töten – den hochmütigen Verräter zuerst?« »Zum Henker, Dona Dolores!« meinte zögernd der Offizier. »Sie sehen die Sache verteufelt leicht an! Ich habe keine Order, den Conde zu verhaften, wenn er nicht gegen die Entlassung durch die Regierung Widerstand versucht. Und selbst wenn ich sie hätte, würde ich mich wohl hüten, den Tiger in seinem Nest am Bart zu zupfen!« »So fordern Sie ihn Mann gegen Mann heraus! – Er hat Sie und mich beschimpft! – Wer mir sein Herzblut bringt, soll mich die Seine nennen!« »Señora,« sagte der Teniente mit Aufbietung aller Höflichkeit, »Sie wissen, wie das Herz Ihres Sklaven für Sie schlägt – und welchen Lohn Sie ihm verheißen haben. Lassen Sie den Narren sich den Kopf in der Wildnis bei seinem törichten Unternehmen einrennen. Wäre es ausführbar, hätten es längst klügere Leute als er vollführt! Ich schwöre Ihnen, daß nicht die Hälfte seiner Leute ihn auf dieser Don-Quichotte-Fahrt begleiten wird. Und ich werde mein möglichstes tun, die Zahl noch zu verringern. Der Hunger, das Fieber und die Apatschen werden uns an der ganzen Sippschaft rächen, ohne daß wir nötig haben, einen Finger zu erheben!« Sie sah ihn mit tiefer Verachtung an. »O, daß ich ein Mann wäre! – Gehen Sie, Señor.« Zweifelnd verweilte ihr Blick auf Diaz – dann schüttelte sie leicht das schöne Haupt. Ihren Rebozo vor das Gesicht ziehend, schritt sie herrisch und rachezitternd nach ihren Gemächern. Graf Raousset-Boulbon täuschte sich nach dem offenm Bruch mit dem Statthalter und dem Senator nicht einen Augenblick darüber, daß er von nun an ganz auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen sei; aber mit der Tatkraft, die ihn stets im Augenblick der Entscheidung erfüllte, traf er sofort alle Anstalten für den abenteuerlichen Zug. Er ließ Kreuzträger kommen und forschte bei ihm nach den Sagen und Gerüchten, die seit Jahrhunderten unter den Trappern und Jägern der Wildnis über den geheimnisvollen Aztekenschatz umliefen. Ohne ihn in das Vertrauen zu ziehen, suchte er von ihm Nachrichten über die wilde Gegend auf der rohen Zeichnung des Gambusinos Ojo d'Oro zu erhalten. Durch Bonifaz traf er alle noch nötigen Anordnungen. Aus den in der Hazienda für den Krieg gegen die Apatschen aufgehäuften Vorräten wurden Zeltgeräte, Waffen und Munition in reichem Maße genommen. Ebenso fanden sich die genügenden Werkzeuge für Untersuchung und Sicherung der Goldlager. Da sich den Abenteurern mehrere Bergleute angeschlossen, die schon in den Goldlagern des Sacramento ihr Heil versucht hatten, war auch hier vorgesorgt. Der Graf ließ ein Verzeichnis der Mannschaften aufnehmen, die sich unter den alten Bedingungen anschließen wollten. Es fand sich, daß von der ganzen Schar hundertunddrei Mann entschlossen waren, ihr Schicksal an das des kühnen Abenteurers zu knüpfen. Die anderen waren von der Überredung und den Versprechungen Don Carboyals zum Abfall bewogen oder scheuten die Mühseligkeiten und Gefahren eines neuen Zugs in das Indianergebiet. Sie traten zurück, um in den Städten oder bei den Regierungstruppen ein Unterkommen zu finden. Unter denen, die ihren Austritt erklärten, befand sich auch Leutnant Racunha, der Perlenfischer von Espiritu Santo; er hatte Sehnsucht nach seiner alten Heimat, dem Meer. Perez, der Stierfechter, der Pole Morawski und der Pirat Hawthorn blieben. Der Rote Hai glaubte dadurch der Gefahr weniger ausgesetzt zu sein, als bei der Rückkehr zur Küste. Dort warteten, wie er wußte, die Freunde seines unversöhnlichen Feindes Lord Henry Drysdale. Selbst Slong befand sich unter den Verwegenen, die sich dem Zuge des Grafen anschließen wollten; er entschloß sich dazu, nachdem er eine heimliche Unterredung mit Don Carboyal gehabt hatte. Da Don Carboyal nicht im entferntesten daran lag, es zu einem Kampfe zwischen den Regieunngstruppen und den Abenteurern des Grafen kommen zu lassen – einem Kampf, dessen Ausgang jedenfalls sehr zweifelhaft war und ihm das Leben kosten konnte – so ließ er die Dragoner eine Strecke zurückgehen und auf der Ebene ihr Biwak aufschlagen. Pünktlich mit dem Untergang der Sonne erklangen die Hornfanfaren. Die kleine Schar der Abenteurer sammelte sich zum Auszug aus der Hazienda. Weder der Senator noch seine Tochter ließen sich sehen; doch zeigten sich wenigstens die rohen Vaqueros und Rostreadores nicht undankbar; sie erinnerten sich, daß sie dem rechtzeitigen und tapferen Eingriff dieser Männer vor zwei Monaten ihr Leben verdankten. Mit manchem aufrichtig gemeinten Anruf an die Madonna und die Heiligen, mit manchem Rat, Händedruck und Geschenk wurden die kühnen Abenteurer von den Männern und Frauen entlassen, mit denen sie noch eben getanzt und getrunken. Der Graf erschien auf den Stufen der Veranda. Er trug sein Jagdhemd und die frühere Bewaffnung. An seiner Seite ging Suzanne in kurzem Reitrock, einen langen mexikanischen Dolch und einen leichten Revolver im Gürtel. Das von dem langen geheimen Leid abgehärmte Gesicht strahlte jetzt von Glück und Stolz. Der höchste Wunsch ihres Lebens war erfüllt – das geliebte Kind im fernen Frankreich war ihr rechtmäßiger Sohn, der Erbe eines stolzen Namens. Die kleine Schar verließ wohlberitten und ausgerüstet, in bester Ordnung den Hof der Hazienda und stieg in den Hohlweg nieder, der sie in Gebirge und Einsamkeit führen sollte. Da riefen selbst die Kameraden, die sie entmutigt und untreu verlassen, ein begeistertes Hurra, und der jubelnde Ruf: »Viva el Generale! Vive Boulbon!« klang durch die Mauern in das einsame Gemach Dolores Monteras, in dem sie den Haß und die Erbitterung über die erlittene Niederlage verbarg. Die Schar des Grafen legte an diesem Abend nur eine kurze Strecke zurück; auf der Stelle, wo der Fliegende Pfeil mit seinen Kriegern bei dem Überfall der Hazienda stehengeblieben, schlug sie für die Nacht ihr Lager auf. Durch das Dunkel funkelten Tausende grünleuchtender Cucuyos . Die Düfte des Jasmins, der Orangen und des wilden Mandelbaumes kamen auf den Schwingen des Landwindes und mischten sich mit dem Hauch der Kräuter und Gräser des Gebirges. Über der Hazienda del Cerro funkelte der prächtige Sternenhimmel; das Kreuz, das große Gestirn des Südens, glühte in seiner Pracht; von der Ebene her hallten die Töne aus dem Lager der Dragoner und ihrer neuen Bundesgenossen; durch die Schluchten strich mit dem eigentümlichen Klagelaut der Coyote und fern aus den Felsen klang das Geheul eines hungrigen Panthers. In ihrem amerikanischen Butacas lag Dolores in tiefem und unheimlichem Sinnen. Ein leichtes weites Musselingewand hüllte sie ein. Das lange schwarze Haar fiel in dunklen Wellen herab. Ihren Arm stützte sie auf die Lehne des Sessels, die Stirn auf die Hand. Seidene Gewänder lagen zerstreut umher; aus dem Hintergrunde des Gemachs sandte die Marmorwanne, in der ihr die Dienerinnen das erfrischende kühle Bad bereitet, den Duft des mit Blüten parfümierten Wassers; der Vorhang des anstoßenden Alkovens war halb zur Seite gezogen und enthüllte das mit seinem irischen Linnen bedeckte Lager. Eine von der Decke hängende Ampel verbreitete ein sanftes ruhiges Licht. Immer wieder zuckte über das schöne, hochmütige Antlitz Zorn und Haß. Sie grübelte in sich hinein, klagte den Ehrgeiz ihres Vaters und sich selber an – umtastete mit allem zertretenen Stolz den hochmütigen Grafen und sie – die kleine, unbedeutende Nebenbuhlerin, die neben der prächtigen Dolores so verblaßte und dennoch – gesiegt hatte... Sie erhob sich plötzlich, schritt hastig über den Binsenteppich, trat an das Fenster und riß den Moskitovorhang auf, um an dem frischen Hauch der Nachtluft den brennenden Kopf zu kühlen. In der Ferne glänzten die Biwakfeuer der Dragoner. Zuweilen trug der Nachtwind das Wiehern eines Rosses, den Klang kriegerischen Lebens herüber. »Der Feigling!« murmelte Dolores. Ihre Hand ballte sich in ohnmächtiger Racheglut. »Wenn er nur den zehnten Teil des Mutes jenes niederen verachteten Indianers gehabt hätte, würde das Herzblut des Hochmütigen geflossen sein, der es wagte, Dolores Montera mit der Peitsche zu drohen. Wenn Wonodongah –« Wonodongah !... Es war, als hätte die magische Gewalt ihrer entflammten Gefühle ihn heraufbeschworen. Behend glitt ein Schatten über den sternenbeleuchteten Grund. Er trug einen Kranz von den duftigen Blüten des Suchilbaumes, wie ihn Dolores oft des Morgens beim Erwachen an den Eisengittern des Gemachs gefunden hatte. Sie trat in den Schatten des Vorhangs zurück und hüllte sich in seine Falten. Wonodongah kam langsam und vorsichtig näher; er blieb wiederholt stehen, um zu lauschen. Erst als er überzeugt war, daß alle Bewohner der Hazienda schliefen, nahte er sich dem Fenster und schwang sich an den Vorsprüngen der Steine zu dem Gitter empor, an dessen Stäben er seinen Kranz befestigte. Da teilten sich die Vorhänge, die im Innern die Einsicht in das Zimmer verschlossen. Die keusch und wunschlos Verehrte, der seine bescheidene Huldigung galt, stand vor ihm. Erschrocken wollte Wonodongah die Eisenstäbe loslassen; ein Wort hielt ihn zurück. »Bleib!« Dolores, nur in das leichte Gewand gehüllt, trat dicht an das Fenster. Er fühlte den warmen Hauch ihres Atems auf seiner gebeugten Stirn. »Bleib, Wonodongah«, sagte Dolores noch einmal. »Ich habe mit dir zu reden. Kannst du dich an den Stäben längere Zeit halten? Denn was ich dir zu sagen habe, darf selbst die Nacht nicht hören – es ist ein Geheimnis zwischen dir und mir!« »Der Stein unter meinem Fuß ist breit genug, einen Krieger zu tragen«, entgegnete Wonodongah. »Der Häuptling der Toyahs würde jedes lebende Wesen töten, und wäre es der Bruder seines Blutes, wenn sein Ohr die süßen Töne der Cenzontle des steinernen Hauses belauschen wollte.« »Ich nehme dich beim Wort. Ich fordere ein Leben von dir!« »Das Leben Wonodongahs gehört der Feuerblume. Sie möge es nehmen!« »Nicht das Leben Wonodongahs, nicht eines Freundes verlange ich – es ist das Leben eines Feindes, der mir tödlichen Schimpf angetan hat.« »Die Feuerblume möge ihre Anklage in das Ohr Wonodongahs flüstern. Der Mann, der gewagt hat, ihr Unrecht zu tun, soll sterben!« Dolores stampfte erbittert mit dem Fuß auf den Boden. Die Beschränkung, die in den Worten des aufrichtigen Komantschen lag, steigerte ihren Zorn fast bis zum Wahnwitz. »Du wagst noch von Recht oder Unrecht zu sprechen, wenn eine weiße Frau dir die Ehre antut, dich zu ihrem Rächer zu wählen? Bist du so feig wie die andern?« keuchte sie fast erstickt. Wonodongah schwieg gekränkt. Dann antwortete er ruhig. »Das Leben Wonodongahs gehört der Feuerblume! Aber der Häuptling der Toyahs ist kein Mörder. Die Feuerblume möge den Mann und sein Verbrechen nennen. Dann wird ihn Wonodongah töten!« Ihre Brust atmete in wilder Aufregung. Sie wußte, daß in dem redlichen Herzen des Komantschen das Geschehene nach seinen einfachen Anschauungen keine todeswürdige Schuld ergeben würde. – Sie selber hatte ja ihren gehaßten Feind zu beschimpfen und zu verderben gesucht. »Wonodongah, liebst du mich?« »Das Herz eines Indianers hat rotes Blut, wie das eines weißen Mannes. Wonodongah liebt die Feuerblume mehr als den Stern seines Auges, mehr als die Hoffnung, seine Väter in den ewigen Jagdgründen des Großen Geistes zu finden.« »Beweise es! Dann will ich dir gehören! Dolores Montera hat bei der heiligen Jungfrau geschworen, daß sie das Weib des Mannes sein will, der sie an dem schändlichen Verräter rächen wird! – Siehst du diesen Schlüssel?« »Wonodongah sieht ihn.« »Er öffnet den Eingang zu dem Gitter des Balkons... Eine Nacht... eine ganze Nacht wird Dolores dem Großen Jaguar gehören... wenn er ihr dieses Tuch mit dem Herzblut ihres Feindes getränkt zurückbringt!« Sie schleuderte ihm das leichte spitzenbesetzte Gewebe zu. »Den Namen – sage den Namen!« flüsterte heiser der Komantsche. »Es ist dein eigener Feind, der Franzose, den du kennst –« »Dein Verlobter? – Die Eiche, um die sich die Feuerblume ranken will? Sie selber hat mir verboten, die Hand gegen ihn zu erheben! – Was hat er getan?« »Getan? – Sieh her!« Eine Bewegung warf den Schirm von der Lampe; Dolores riß die leichte Hülle von ihren Schultern – im vollen Licht stand die reizende Frauengestalt vor den glühenden Blicken Wonodongahs. »Sieh her! – Und frage nicht, was er getan – töte – töte ihn!« Wonodongah rüttelte wie ein wildes Tier an den festen Eisenstäben des Gitters – seine Augen unterliefen mit Blut. »Er soll sterben!« »Du schwörst es?« Dolores näherte sich ihm. Ihre Hand berührte seine Finger, die er blutend durch das Gitter zwängte. Ihr warmer Atem traf sein Gesicht. »Er soll sterben!« Ein Spmng rückwärts entzog sie seiner Nähe. Eine rasche Bewegung schleuderte die Lampe auf den Boden. Sie verlosch. Leise plätscherte das Wasser des Bades. Die dicken eisernen Stäbe rasselten unter dem rasenden Angriff des jungen Häuptlings. »Die Feuerblume martert Wonodongah –« »Bringe sein Herzblut – und ich bin dein!« klang es durch das verdunkelte Gemach. Sein glühendes Gesicht, seine klopfenden Pulse fühlten die Tropfen des Bades, die ihre Hand zu ihm hinüberschleuderte. Sein Ohr hörte jede ihrer Bewegungen, den schweren Atem... »Geh!« Er ließ die Stäbe des Gitters los und fiel rücklings nieder auf den Boden. Die belagerte Insel Fast ein Monat war seit dem Auszug der neuen Argonautenschar von der Hazienda del Cerro vergangen – ein Monat unerhörter Anstrengungen, täglicher Gefahren und unsäglicher Leiden. Hundertundfünf Männer, bewogen von Gold- und Abenteuerdurst oder von aufrichtiger Anhänglichkeit, hatten sich entschlossen, Graf Raousset-Boulbon bei seinem seltsamen und phantastischen Unternehmen zu begleiten. Einunddreißig waren übriggeblieben. Darunter befanden sich der Pole Morawski, der Artillerist Weidmann, Kreuzträger, Hawthorn, der Seeräuber, Slong und einer der beiden Matrosen. Die häufigen Scharmützel mit den Indianern, das Entlaufen vieler Abenteurer nach Chihuahua, Not, Beschwerde und Krankheit hatten die Reihen der Schar gelichtet. An der täglich wachsenden Unzufriedenheit und Mißstimmung der Zurückgebliebenen, die schon einige Male offener Widerstand wurde, begann selbst der tatkräftige, kühne Führer allmählich zu erlahmen. Zu all den Anstrengungen und Kämpfen, die ihn bedrängten, war noch die Sorge um Suzanne, seine Gattin, gekommen. Die heimlichen Leiden und Qualen um ihn, die Suzanne so lange getragen und in ihr Herz verschlossen, und die körperlichen Erschöpfungen des vergangenen Jahres hatten ihre Kräfte gebrochen. So sehr sie sich auch Mühe gab, die Fortschritte der Herzkrankheit zu verbergen, gewann der Graf doch bald die Überzeugung, daß sie ihr erliegen mußte, wenn ihr nicht bessere Hilfe und Pflege zuteil wurde, als des alten Avignoten Sorge. Bonifaz war immer um sie, und in seinen Gesprächen von der Heimat und ihrem Sohn im fernen Paris fand sie ihre einzige Freude. Aber keine Bitten und Vorstellungen des Grafen konnten sie bewegen, sich, als es noch Zeit war, nach einer der mexikanischen Niederlassungen oder dem volkreichen und blühenden Chihuahua bringen zu lassen. Sie weigerte sich entschieden, ihren Gatten zu verlassen. Der Graf kannte nur durch die rohe Zeichnung des Gambusinos Ojo d'Oro, des toten Freundes von Eisenarm und Wonodongah, die Lage des fabelhaften Goldtales, in dem er eines der unerschöpflichen Goldbergwerke der alten Azteken vermuten mußte. Aber selbst die Kenntnisse Kreuzträgers, dessen Streifereien mehr den Osten und Süden umfaßt hatten, waren zu gering, um ihm einen sicheren Anhalt zu gewähren. Auch konnte er Kreuzträger nur halb ins Vertrauen ziehen, wenn er nicht sein Geheimnis verraten wollte. Seine Absicht bei den Kreuz- und Querzügen, die er seine Truppe zur Aufsuchung von Goldminen durch das Gebirge machen ließ, war, sich unbemerkt den auch von den Eingeborenen nur selten besuchten Quellen des Buenaventura zu nähern. Dort durfte er nach den Mitteilungen Ojo d'Oros hoffen, zur bestimmten Zeit die beiden anderen Entdecker und Mitwisser des Schatzes, Wonodongah und Eisenarm, zu finden. Unterdes war die Abenteurertruppe nicht ganz ohne Erfolge geblieben. Den Gambusinos und Bergleuten, die sie begleiteten, war es mehrfach gelungen, nach den ihnen bekannten Anzeichen in den Gebirgsbächen und Schluchten mehr oder weniger reiche Lager von Goldsand und goldhaltiger Erde zu finden. Die Abenteurer hatten schon nicht unbedeutende Werte gesammelt, die freilich gegen das geträumte Dorado und die Versprechungen des Grafen kaum in Betracht kamen. An einem klaren Nachmittag glaubten die Bergleute eine neue ergiebige Spur aufgefunden zu haben. Die kleine, damals noch aus einigen sechzig Personen bestehende Schar schlug an einem Bache ihr Lager auf. Man beschloß, das Wasser abzuleiten, um den goldverheißenden Schlamm auf seinem Grunde näher zu untersuchen. Bei diesen Arbeiten wurden sie plötzlich von einem zahlreichen Schwarm Apatschen überfallen. Kreuzträger erkannte unter den umsichtigen, gewandten Angreifern bald seine drei alten Feinde, den Grauen Bären, Wis-con-tah und den Fliegenden Pfeil. Trotz dem tapferen Widerstand des Grafen und seiner Abenteurer wurden sie durch die Übermacht doch überwältigt und zum Rückzug genötigt. Dabei verloren sie fast alle ihre Habe. Nur der Aufopferung und Erfahrung des Grafen und Kreuzträgers gelang es, die vollständige Niedermetzelung zu verhindern. Mehr als zwanzig Mann waren bei dem hartnäckigen Kampf gefallen; selbst Bonifaz hatte bei der Rettung der Gräfin einen schweren Messerhieb über das Gesicht erhalten. Später ergab sich, daß die Angreifer der Goldsucher der größere Teil einer Streifschar waren, die der Graue Bär in das Gebirge geführt hatte. Zufällig waren sie auf den Zug der Weißen gestoßen. Die Heranziehung der zur Jagd in der Prärie zerstreuten kleineren Trupps verzögerte zum Glück die Verfolgung der Geschlagenen. So war es dem Grafen gelungen, ein Versteck zu erreichen, an dem sie der Übermacht der Verfolger mit Erfolg Widerstand leisten konnten. Der Rückzug der Abenteurer führte – durch die Verfolger gezwungen – von der Richtung der Ansiedelungen ab. Er endete an den Ufern eines Stromes; in seiner Mitte bot eine kleine, felsige, aber dicht bewachsene Insel eine Zuflucht. Mit Hilfe eines Kanus, das man am Ufer versteckt gefunden, und das Kreuzträger bewies, die Insel werde zuweilen von Jägern oder Indianern besucht, war es der kleinen Schar gelungen, unter Aufopferung ihrer wenigen Tiere die Insel zu erreichen. Die felsige Umwallung glich den Mauern einer kleinen Festung. Die Strömung war an beiden Seiten so stark, daß ein Überschwimmen der Flußarme auf den Pferden nicht ausführbar war. Gegen den Versuch der einzelnen Schwimmer, die Insel von oberhalb des Flusses her zu erreichen, war ihre Zahl noch immer stark genug. So befand sich denn die zusammengeschmolzene Schar in verhältnismäßiger Sicherheit, als sie den Übergang auf die etwa hundert Schritt lange und vierzig Schritt breite Insel bewerkstelligt hatte. Es war die höchste Zeit, daß dieser Übergang beendet wurde, denn die Büchsen der besten Schützen mußten von den Felswänden her schon die beiden letzten Überfahrten decken. Das gellende Geheul der verstärkt heraneilenden Apatschen gab den Ruderern doppelte Kräfte. Als die Indianer endlich bis zum Stromufer vordrangen, war der kleine Kahn mit den letzten Flüchtlingen auf der andern Seite der Insel gelandet. Graf Boulbon war der letzte, der das schützende Asyl betrat. Er hatte sich am längsten unbekümmert den Kugeln und Pfeilen der Feinde ausgesetzt. Sofort wurden von ihm und den Offizieren alle Maßregeln zur Verteidigung der Insel getroffen; das Kanu gesichert, auf allen Punkten zur Beobachtung Wachen ausgestellt. Die kleine Schar sah sich einer vollständigen Belagerung preisgegeben; denn die Apatschen waren eine Strecke oberhalb der Insel, wo der Fluß ruhiger strömte, übergesetzt und hielten jetzt der Insel gegenüber beide Ufer besetzt. Die Ufer lagen in halber Büchsenschußweite – auf der einen Seite etwas entfernter – von dem Zufluchtsort der Goldsucher. Häufig wurden Schüsse gewechselt, wenn einer oder der andere sich absichtlich oder zufällig bloßstellte. Die Abenteurer, bei denen Suzanne durch ihre offene Freundlichkeit und ihr teilnehmendes Herz sehr beliebt war, hatten für die Leidende in der Mitte der Insel an einer vollkommen geschützten Stelle von Baumzweigen eine Hütte erbaut. Hier ruhte die junge Frau, die ihre Kraft mit jeder Stunde mehr dahinschwinden fühlte, in banger Besorgnis – nicht um sich, sondern um den geliebten Mann. Den Grafen bedrückte weniger die Gefahr, als die Folge der Niederlage, die er erlitten. Es war das erstemal, daß die Abenteurer, die bisher zu seinen Siegen ein unbedingtes Vertrauen gehabt hatten, von den Indianern geschlagen worden waren. Anklagen und Drohungen wurden ganz offen laut. Wäre man nicht überzeugt gewesen, daß nur in dem gegenseitigen Ausharren und der Befolgung aller Befehle des Anführers die Aussicht auf gemeinsame Rettung lag, würden die meisten keinen Augenblick gezögert haben, den Grafen zu verlassen und sich an ihm für die Enttäuschungen zu rächen. Am zweiten Abend, nachdem die Goldsucher auf der Insel Zuflucht gesucht, hatten sie in der Mitte der Insel unter einer breiten Korkeiche, die hier Wurzel geschlagen, Feuer angezündet. Schlafend oder in mißmutigem Gespräch über den erlittenen Verlust umlagerten sie es. Bittere Verwünschungen gegen den Mann, der sie dahin gelockt, erklangen ohne Scheu und drangen zu der armen Kranken, die unfern von der Gruppe lag. Selbst die wenigen, die noch treu zu dem Grafen hielten, wagten keinen Widerspruch mehr. Hawthorn, der Rote Hai, führte das große Wort. Er stieß die wildesten Drohungen aus. Trotz dieser aufgeregten und meuterischen Stimmung hatte sich jedoch bis jetzt keiner geweigert, seine Pflicht für die Sicherung der kleinen Festung zu erfüllen. Auch jetzt waren auf allen Seiten der Insel Wachen ausgestellt, um jedes Nahen einer Gefahr zeitig genug melden zu können. Die Feuer der Apatschen sah man auf beiden Seiten des Flusses durch die Öffnungen des hohen, felsigen Ufers außer Büchsenschußweite leuchten. Der Graf hatte die kurze Runde um die Insel gemacht, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen. Er näherte sich jetzt der dem Strom zugekehrten Spitze, wo man das Kanu, ihr einziges Hilfsmittel zum Entkommen, aufs Ufer gezogen hatte. Ein Mann saß hier auf dem Gestein, die Büchse zwischen den Knien, die Augen auf die dunkle Fläche des Wassers gerichtet. Der Graf nahm ohne weitere Begrüßung neben ihm Platz. »Wie vergeht Ihre Wache, alter Freund?« fragte er endlich. »Haben Sie nichts Ungewöhnliches bemerkt?« »Nichts, Señor Conde«, meinte Kreuzträger. »Die heulenden Schurken halten uns ebenso unter ihrem Daumen, wie eine Bisamratte in der Falle!« »Aber wie denken Sie über unsere Aussichten?« Kreuzträger zuckte die Achseln. »Die beste ist die, daß es den roten Schuften langweilig wird, uns hier zu belagern. Sie halten selten lange aus. Der Graue Bär ist freilich sicherlich fest entschlossen, sich an uns zu rächen für die vielen Schläge, die er in der letzten Zeit bekommen hat. – Pardieu! – Ich möchte nur eins wissen!« »Und das ist?« »Wie die drei großen Diebe da so plötzlich wieder zusammengekommen sind; wir wußten doch, daß die Stämme nach ihren Dörfern zurückgekehrt waren.« »Es ist allerdings auffallend. Aber wie lange glauben Sie wohl, daß sie uns hier festhalten werden?« »Es kann eine Woche darüber vergehen, und nicht, ohne daß wir einige ihrer Teufeleien zu sehen bekommen. Doch wenn wir die Augen offen halten, wird es ihnen wenig nützen; denn zweiunddreißig gute Büchsen können sich an einem solchen Ort eine zehnfache Übermacht mit leichter Mühe vom Halse halten. Aber...« Kreuzträger unterbrach sich und schüttelte wieder bedeutsam das Haupt. »Sprechen Sie, Freund!« »Es gibt außer den Qualen des Durstes, die ich zur Genüge kennengelernt habe, noch einen andern Feind, der fast ebenso schlimm sein soll. Sie wissen, daß wir mit dem Fleisch des getöteten Mustangs nur noch auf drei Tage Lebensmittel haben. Und das ist schon, knapp genug bei dem Appetit unserer Kameraden. Wenn also unsere roten Freunde da drüben uns länger in der Falle zu halten beabsichtigen, werden wir Bekanntschaft mit dem hohläugigen Gespenst des Hungers machen müssen!« »Drei Tage!« sagte schmerzlich der Graf. »Schon mit drei Tagen ist alles verloren!« »Ich verstehe Sie nicht, Señor Conde!« »Wann haben wir Vollmond?« »Übermorgen.« »In dieser Nacht muß ich an den Quellen des Buenaventura sein – und weiß doch nicht einmal, wo ich den Fluß zu suchen habe!« »Was das betrifft, Señor Conde,« sagte Kreuzträger bedächtig, »bin ich zwar in diesem Teile des Landes wenig bekannt; aber aller Wahrscheinlichkeit nach befinden wir uns in diesem Augenblick auf dem Flusse, dessen Quellen Sie suchen.« »Das dachte ich schon selber, denn nach meiner Karte kann er sich kaum weiter nach Osten befinden. Aber auch dann sind wir, nach seiner Breite zu urteilen, mindestens zwanzig oder dreißig Leguas von den Quellen dieses Stromes entfernt.« Kreuzträger lächelte. »Ich sehe, Sie kennen die Natur unserer Sierrengewässer nicht. Nach allem, was ich weiß, dürften die Quellen des Buenaventura, wenn dieser Fluß es wirklich, und nicht etwa einer seiner Nebenflüsse ist, höchstens fünf oder sechs Leguas entfernt sein; denn als ich mich auf Ihren Befehl in den letzten Ranchos danach erkundigte, hörte ich, daß er kurz nach seinem Ursprung im Gebirge mehrere starke Ströme vom Westen her aufnimmt. Das würde seine Stärke hier erklären. Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, Señor Conde. Aber ich glaube nicht, daß Sie an den Quellen dieses Flusses sicherer wären als hier zwischen diesen festen Steinen.« »In der Stunde des Vollmonds will ich dort zwei Männer treffen, mit denen ich aus wichtigen Gründen eine Unterredung haben muß. Ein unglücklicher Zufall hat sie mich bisher immer verfehlen lassen. Sie kennen sie!« Kreuzträger antwortete nicht. »Die beiden Männer sind Eisenarm und Wonodongah, der Häuptling der Toyahs.« Kreuzträger dachte einen Augenblick nach; dann wandte er sich mit offenem Blick an den Grafen. »Monsieur, ich habe nicht ohne Bedeutung vorhin gesagt, daß Sie auf dieser von den Apatschen umheulten Insel doch sicherer wären als an den entfernten Quellen des Buenaventura und bei den Männern, die Sie eben genannt haben.« Der Graf blickte ihn erstaunt an. »Wie meinen Sie das, Kreuzträger? Ich habe diese Männer nie im Leben gesehen, obgleich ich sie seit einem halben Jahre suche.« »Es kann mir nicht einfallen, mich in Ihre Geheimnisse zu drängen, Monsieur«, erwiderte Kreuzträger. »Aber ich habe es für Pflicht gehalten, Sie vor diesen Männern zu warnen. Ich halte beide für wackere und ehrliche Jäger. Aber ich glaube, daß sie eine Blutrache an Ihnen zu üben haben.« »Eine Blutrache – an mir?« »Ja – wenn ich recht gehört habe, sollen Sie jenseits des Meeres einen ihrer Freunde, einen berühmten Gambusino, getötet haben – Sie und Bonifaz!« »Und wer hat Ihnen das gesagt?« fragte der Graf hastig. »Eisenarm, als wir in einem Versteck auf die Apatschen lauerten. Und wenn er auch den Verräter Volaros gegen mich geschützt hat, so ist er doch ein Mann, der nicht lügt.« »Ventre saint gris!« rief Graf Boulbon aufgeregt. »Dann ist es um so nötiger, daß ich mit den beiden spreche und ihnen den Wahn nehme – er allein ist schuld, daß unser Unternehmen bisher nicht geglückt ist. Haben Sie Ojo d'Oro, den mexikanischen Gambusino, gekannt, ehe er nach Paris kam?« »Nein, Monsieur!« »Nun, dann kam ich Ihnen sagen, daß ich ihn allerdings kennengelernt habe, etwa sechs Stunden vor seinem Tode. Ich und Bonifaz fanden ihn auf der Straße, wo er bei einem Aufruhr unglücklicherweise einen tödlichen Schuß davongetragen hatte. Auf die Bitte meines Sohnes trugen wir ihn in die nahe Wohnung meiner jetzigen Gattin und taten alles mögliche, ihn zu retten. Aber er starb während der Operation. Vorher hatte er meinen Sohn Louis, einen Knaben, zu seinem Erben eingesetzt und mir einen Auftrag an seine Freunde in Mexiko gegeben. Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, so fragen Sie die Gräfin und Bonifaz. Sie werden Ihnen alles bestätigen.« »Es ist unnötig, Monsieur,« sagte Kreuzträger mit Wärme. »Gott und den Heiligen sei Dank für diese Erklärung. Jetzt sehe ich ein, daß es wünschenswert ist, wenn Sie Eisenarm und den Indianer sprechen. Und wenn es auch nur wäre, um zwei Freunde da draußen zu gewinnen, die zu unserer Befreiung von den Apatschen mehr tun könnten, als eine ganze Schwadron von Dragonern der Regierung. Wenn Sie also gewiß wissen, daß Sie die beiden Männer morgen nacht an den Quellen des Flusses finden könnten –« »Sie haben es ihrem verstorbenen Freunde gelobt!« »Dann werden sie sicherlich ihr Wort halten! Es gilt also, Ihnen zu helfen, zu dem Stelldichein zu gelangen.« »Aber ich sehe keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen!« »Cordicu – wir alle freilich nicht. Aber die dreifache Zahl der roten Schufte sollte einen oder zwei Männer nicht hindern, zu gehen, wohin sie wollen – namentlich, wenn ihnen ein Kanu zu Gebote steht und der Mond erst gegen Morgen aufgeht!« »Aber Sie kennen die Stimmung unserer Leute, Kreuzträger«, warf ungeduldig der Graf ein. »Sie werden mich nicht fortlassen.« »Sie müssen einen Urlaub nehmen!« »Einen – Urlaub?« »Ja – nach indianischer Sitte. Sie müssen schwören, binnen einer gewissen Frist zurück zu sein, wenn Sie nicht etwa der Tod daran hindert.« Kreuzträger beugte sich bei den Worten etwas vor nach dem Strom zu und beschattete die Augen mit der Hand. »Auch dann wird man uns schwerlich fortlassen; denn Sie begreifen, Kreuzträger, daß es für mich nutzlos wäre, allein zu gehen. Sie müssen mich begleiten!« »So müssen wir Blutbürgen stellen. – Still – hörten Sie nichts?« Er griff nach seiner Büchse. Der Graf war gleichfalls aufmerksam geworden und lauschte hinaus. Es kam ihm vor, als schwimme auf dem dunklen Strom ein noch dunklerer Körper heran. »Soll ich unsere Leute rufen?« »Nein, noch nicht! – Ich sehe nur den einen Körper, und meine Büchse hält ihn trotz des Dunkels genau im Korn! Wenn er sich an das Ufer wagt, werden wir leicht mit ihm fertig werden.« Der Schwimmer war jetzt so nahe gekommen, daß man trotz der Dunkelheit bemerken konnte, wie ein Arm sich hob und einen Zweig schwang. Leise ertönte der Ruf: » Amigo! Amigo! « Kreuzträger sprang hastig auf die vorderste Klippe, an der scharf der Strom vorüberschoß. Er streckte seine Büchse so weit wie möglich vor; denn der Schwimmer war in Gefahr, von der starken Strömung fortgerissen und an der Insel hingetrieben zu werden, ohne sie erreichen zu können. Diese Strömung war auch der Hauptschutz der Belagerten gegen jeden Versuch der Indianer, sie durch Schwimmen zu erreichen; sie mußten fürchten, wehrlos niedergeschossen zu werden. »Ich kenne die Stimme!« murmelte Kreuzträger. »Da!« Er streckte die Büchse aus. »Faß an, wenn du ein Freund bist. Klammere dich fest!« Es glückte dem Schwimmer. Kreuzträger zog ihn aus der Strömung; erst dabei bemerkte er, daß der Fremde ein Stück Holz benutzt hatte, um sich auf dem Flusse treiben zu lassen. Jetzt hatte der sonderbare Ankömmling am Ufer Fuß gefaßt und erhob sich aus dem Wasser. Kreuzträger trat einen Schritt zurück und Graf Boulbon kam näher, um im Fall eines hinterhältigen Angriffs gleich bei der Hand zu sein. Aber es bedurfte seiner Hilfe nicht; Kreuzträger hatte kaum die nur mit einem leichten, anschmiegenden Hemd bekleidete Gestalt erblickt, als er ihr hocherfreut die Hand entgegenstreckte. »Santa Maria purissima – Comeo! Wo kommst du her?« Der Graf trat hastig näher. Er hatte den Namen öfter erwähnen hören. »Wie, Kreuzträger – ist dies die Schwester Wonodongahs?« »Ja, Monsieur. Ein gutes, freundliches Mädchen. Aber es muß Wichtiges sein, was sie zu diesem Wagnis getrieben hat. Komm hierher, Comeo. Wenn du dich erholt hast, dann sage uns, woher du kommst.« Die junge Indianerin hatte sich weiter hinauf ans Ufer in den Schutz der Felsen niedergesetzt. »Aus dem Lager Makotöhs«, beantwortete sie die Frage. »Mein weißer Bruder kann die Feuer von hier aus sehen.« »So weißt du nichts von Eisenarm und Wonodongah?« »Comeo hat sie nicht gesehen, seit dreimal der Mond sich erneuert hat. Ihretwegen hat sie den Kugeln der Apatschen und den Wellen des Buenaventura getrotzt.« »Also ist dieser Strom wirklich der Buenaventura?« fragte Kreuzträger. »Es ist der Name, den ihm die weißen Männer gegeben haben. Ein Mann kann in der Zeit von Sonnenaufgang bis zum Abend seine Quellen in den Gebirgen erreichen, ohne sich anzustrengen.« Kreuzträger warf dem Grafen einen bedeutungsvollen Blick zu. »Wir möchten gern Näheres von dir wissen, ehe wir dich zu dem Feuer führen, Comeo. Weißt du, wo sich Wonodongah und Eisenarm aufhalten?« »Wonodongah ist ein Häuptling«, sagte Comeo stolz. »Er wird niemals einem Kampf aus dem Wege gehen. Wenn die nächste Sonne untergeht, wird er Makotöh und seine Freunde an den Quellen des Stromes erwarten. Er wird sterben, wie ein Häuptling, wenn die Zunge eines Freundes ihm nicht den Verrat in die Ohren flüstert.« »Ein Kampf? – So ist es also den Apatschen verraten worden, daß dein Bruder dort verweilt? Und sie wollen ihn überfallen?« »Wonodongah hat den Skalp seines Vaters zu rächen«, sagte Comeo. »Er hat den Grauen Bären und seine Freunde zum Kampf gefordert. Makotöh hat ihm die Zeit und den Ort bestimmt.« »Das ist allerdings ein schlimmes Zusammentreffen«, meinte Kreuzträger, der die Sitte der indianischen Zweikämpfe genau kannte und wohl wußte, wie pünktlich solche Verabredungen gehalten werden. »Aber Makotöh, wenn er auch kein Herz in der Brust trägt, hat doch den Ruf eines tapfern Kriegers. Ich kann nicht glauben, daß er Verrat üben wird, um einem Zweikampf Mann gegen Mann auszuweichen.« »Mein weißer Bruder vergißt, daß die Rote Schlange der Mescaleros dabei sein wird. Makotöh hat die Häuptlinge der ihm verbündeten Stämme zu seinen Gefährten gewählt. Sie haben ihn auf dem Jagdpfad begleitet, auf dem mein weißer Bruder und seine Freunde ihren Tomahawks an den Ufern des Goldbachs unterlegen sind.« »Aber wie kommst du dazu, Comeo, von einem solchen Plan zu wissen? – Und wie ist es dir ergangen? – Kannst du uns Nachricht geben von dem Schicksal des jungen Offiziers, den wir verwundet nach der Höhle im Krater brachten?« »Señor Arnoldo lebt. Er ist von seinen Wunden fast ganz wieder genesen«, sagte Comeo. »Wie?« rief der Graf, »Leutnant von Kleist ist im Lager unserer Feinde und Gefangener des Grauen Bären?« Comeo sah ihn fragend an. »Bist du der Häuptling, den die roten Männer Offene Hand nennen?« »Ich bin es.« »Dann hat Comeo oft von dir gehört! Falkenherz, dein Freund, ist nicht der Gefangene Makotöhs. Der weiße Krieger, der mit den Apatschen war und allein mit uns zurückblieb in der Höhle, hat Falkenherz und Comeo für seine Gefangenen erklärt. Makotöh hat gegen den Fliegenden Pfeil entschieden, daß es sein Recht war. Comeo durfte bei dem Manne bleiben, der sein Leben für sie preisgegeben hat. Jesus, der Sohn Gottes, hat mein Gebet erhört und ihn genesen lassen.« Kreuzträger sah sie erstaunt an. »Du rufst den Erlöser an? Bist du denn eine Christin?« »Falkenherz hat es nicht verschmäht, während er krank war in dem Dorf der Apatschen, die Augen Comeos zu öffnen. Sie liebt den Gott der Christen, der für alle Menschen gestorben ist, die roten wie die weißen.« Still sahen die beiden Männer auf die bescheidene, stille Windenblüte, die, von ihrer zarten Neigung zu dem jungen Deutschen geführt, sich der göttlichen Liebe geöffnet hatte. Aber lange ließen sie ihren Gefühlen nicht Raum. Kreuzträger fragte weiter. Nach und nach erfuhr er alles, was er wissen wollte. Lord Drysdale hatte, gerührt von der Aufopferung Comeos, getreu seinem an Eisenarm gegebenen Versprechen gleich bei dem Eindringen der Mimbreños in die Höhle des Kraters den Verwundeten und Windenblüte als seine Gefangenen in Anspruch genommen. Der ersten Blutgier begegnete der Gesang des Malayen, den die Indianer als einen Zauberer betrachteten. Die Explosion im Innern der Höhle trieb sie eilig wieder hinaus. Dadurch gewann Lord Henry Zeit, mit Hilfe Volaros', der ihn jetzt eifrig unterstützte, seinen Anspruch geltend zu machen. Man begnügte sich daher, die beiden Gefangenen eilig aus dem Krater zu schaffen und der Bewachung einiger Krieger zu übergeben. In der Begleitung des Malayen und Volaros wurden sie fortgeführt. Die Tapferkeit Lord Henrys, mit der er an dem Gefecht gegen Graf Raousset-Boulbon und seine Schar teilnahm, sicherte ihm zu sehr die Achtung und das Vertrauen seiner Bundesgenossen, als daß nach dem Rückzuge und der Wiedervereinigung der Reste der vier Stämme von einem Widerstand gegen seinen Anspruch hätte die Rede sein können. Der Graue Bär zögerte auch nicht, sein Wonodongah gegebenes Versprechen zu halten. Er nahm Comeo unter seinen besonderen Schutz. Das sicherte sie auch gegen die Nachstellungen des verliebten Häuptlings der Mimbreños, des Fliegenden Pfeils. Die kriegerischen Ereignisse und die wiederholten Niederlagen der Apatschen durch den Grafen nahmen auch alle Zeit und Aufmerksamkeit der Häuptlinge in Anspruch. Comeo und Arnold von Kleist waren mit Mahadrö, dem Malayen, in ein Dorf der Gilenos geführt worden. Lord Drysdale und Volaros fuhren fort, an dem Kampfe gegen Boulbon teilzunehmen. Sie erwarben sich dabei das volle Vertrauen der Apatschen. Der Widerwille, den Lord Henry Volaros seit der Erzählung Kreuzträgers bewies, die Furcht des Verräters, Kreuzträger wieder zu begegnen, und die Aufgabe, die ihm insgeheim von der mexikanischen Regierung gestellt war, löste sehr bald das Verhältnis zwischen dem Lord und dem Kurier. Volaros – oder Xaverio Lopez – leitete die Unterhandlungen von Juarez mit den Apatschen und Komantschen; der Statthalter von Guaymas sah in den Siegen Boulbons mehr Gefahr, als in den Verwüstungen der Indianer. Erst als ein Bruch ihres Bündnisses erfolgt war und die Stämme sich in ihre Dörfer zurückzogen, begleitete sie der Lord. Xaverio Lopez begab sich wieder unter den Schutz des Statthalters von San Fernando-Guaymas und hielt seine Verbindung mit Don Carboyal aufrecht. Den einfachen Heilmitteln Comeos war es inzwischen gelungen, Leutnant von Kleist der Gefahr zu entreißen. Ihre Aufopferung, ihre treue Pflege hatten tiefen Eindruck auf den Deutschen gemacht. Wenn sie an seinem Schmerzenslager saß und ihm von ihrem einfachen natürlichen Leben in der Wildnis erzählte, vermeinte er oft den klagenden, unendlich traurigen Sterbegesang der roten Rasse zu hören; der Rasse, der von ihren weißen Brüdern der Untergang bereitet wurde. Aus Comeos Worten rauschte dem jungen Abenteurer das Geheimnis von Busch und Wald, der Zauber der weiten Prärie, klang das Murmeln der ruhig flutenden Ströme und donnerten die mörderischen Schüsse des weißen Mannes, der den roten vernichtete... In solchen Stunden sprach Arnold von Kleist, den die Romantik des jungfräulichen Landes herübergelockt über das Meer, sehnsüchtig von seiner Heimat, von Deutschland; erzählte von Sitten und Gebräuchen seines Volkes und sprach von Christus, dem Gott am Kreuz, der den Menschen die Liebe gebracht – nicht den Haß, den Kampf, den Mord... Und Comeos Ohren waren ihrem Freunde offen. Der Lord hatte bald eine aufrichtige Zuneigung zu dem jungen Offizier gewonnen. Was Leutnant von Kleist über den Grafen Boulbon erzählte, milderte allmählich seinen Groll und ließ ihm seine Handlungsweise in einem anderen Lichte erscheinen. Der Aufenthalt des Grauen Bären in seinem Dorf dauerte jedoch nur zwei oder drei Wochen. Dann rüstete Makotöh sich zu einem Jagdzug, bei dem er auch den Zweikampf mit Wonodongah ausfechten wollte. Der wilde Häuptling hatte aus dieser Absicht und der Herausforderung kein Geheimnis gemacht. Schon lange vorher war bestimmt worden, daß die beiden ihm verbündeten Häuptlinge, der Fliegende Pfeil und die Rote Schlange, seine Begleiter bei dem Zweikampf sein sollten. Lord Drysdale wollte die Gelegenheit benutzen, um mit seinem genesenen Schützling, den Comeo bis zu seinem Abschied von den Indianern nicht verlassen wollte, wieder in die bewohnteren Gegenden zurückkehren. Denn ein von Slong verbreitetes Gerücht von dem Fall seines Todfeindes Hawthorn, des Roten Hai, in einem der Gefechte der Mexikaner mit den Apatschen hatte seinem Hasse und seiner Verfolgung ihr Ziel gesteckt. Aber noch immer grollte im Innern Lord Henrys der grenzenlose Zorn, der Schmerz über das Leid, das der Seeräuber ihm zugefügt; und wenn er zum Sternenhimmel aufsah, gedachte er mit unverlöschlicher Wehmut dem Martertode seiner Braut, der armen Maria Ronecamp. Der Häuptling der Gilenos war nur von wenigen seiner Krieger begleitet. Als sie aber am Ufer des Sees San Martin mit den beiden anderen Häuptlingen zusammentrafen, zeigte es sich, daß sie eine weit größere Zahl von Kriegern mitgebracht hatten. Die ganze Schar belief sich jetzt auf etwa hundertfünfzig Köpfe. Deshalb wagten die Apatschen, als sie auf die sehr verringerte Schar der Goldsucher stießen, den Kampf. Comeo hatte nun, da sie sich frei bewegen konnte, in dem Apatschenlager vor der Insel einen Anschlag des tückischen Häuptlings der Mescaleros belauscht. Eine größere Schar seiner Krieger und der des Fliegenden Pfeils sollte ohne Wissen Makotöhs den drei Häuptlingen folgen, wenn sie sich zu dem Kampf nach den Quellen des Buenaventura begeben würden. Dort sollten sie über Wonodongah und Eisenarm herfallen und sie töten. Comeo hatte nicht gewagt, diese Entdeckung Arnold von Kleist mitzuteilen. Sie fürchtete, er würde sie hindern, sich selber einer Gefahr zur Rettung ihres Bruders auszusetzen, oder durch irgendeinen Schritt die Rache der beiden Häuptlinge herausfordern. Nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen, beschloß sie, nach der Insel zu schwimmen, um Kreuzträger, zu dem sie gleiches Vertrauen hegte wie zu Eisenarm, zum Beistand aufzufordern. Makotöh hatte ihr nicht verweigert, Kleist zu begleiten; sie war durch nichts beschränkt und auch keineswegs mißtrauisch beobachtet. So konnte sie sich leicht vom Lagerplatz der Apatschen hinwegschleichen und stromabwärts auf einem treibenden Baumstumpf den Wellen anvertrauen. Das Gelingen dieses mutigen Versuchs und die Nachrichten Comeos waren für Graf Raousset-Boulbon von der größten Wichtigkeit. Gelang es den Häuptlingen der Apatschen, Wonodongah und Eisenarm zu überfallen und zu töten, so war jede Aussicht auf die Entdeckung des Goldtals für immer dahin. Sie mußten also unbedingt gewarnt werden. Der dritte Mitbesitzer des Geheimnisses, der Erbe des Gambusino Ojo d'Oro, dem zu genau der gleichen Stunde und am gleichen Ort das Stelldichein bestimmt war – war er. Er also mußte den Kampf verhindern. Aber wie? ... Er überlegte. Warum sollte Comeo nicht selber die Warnung überbringen, ihre Freunde von der Gefahr der Eingeschlossenen auf der Insel benachrichtigen und ihnen eine andere Zeit und einen anderen Ort der Zusammenkunft bestimmen? Der Graf teilte Kreuzträger diesen Gedanken mit. »Du hast gehört, Windenblüte,« sagte der Pfadfinder – denn die Frage war in spanischer Sprache gestellt – »was dieser weiße Häuptling meint. Willst du es tun?« »Aber Er? – Man würde ihn töten!« hauchte ängstlich Comeo. »Wen meinst du?« »Falkenherz – Señor Arnolde. Ich habe auch daran gedacht. Aber es geht nicht. Ich muß zurück sein, ehe die Häuptlinge aufbrechen. Wenn ich fehle, könnten sie Verdacht schöpfen und ihn erschlagen. Comeo muß sich noch einmal dem Strome anvertrauen.« Kreuzträger nickte. »Ich dachte es mir!« murmelte er. »Ihr Herz hat gesprochen! – Und, Señor Conde, ich fürchte auch noch etwas anderes –! Wir müssen selber gehen. Und darauf hat auch dieses Mädchen gerechnet.« »Comeo hat getan, was ihr der Gott der Christen eingegeben«, sagte sie und erhob sich. »Es ist Zeit, daß sie in das Lager der Apatschen zurückkehrt.« »Halt, Comeo!« sagte Kreuzträger. – »Ich habe einen Plan, wie wir es zusammen versuchen. Nehmen Sie Comeo mit zum Feuer, Monsieur; denn ich darf meinen Posten nicht verlassen, bis ich abgelöst bin. Fordern Sie den Urlaub, von dem wir gesprochen haben.« Der Graf erklärte, sogleich Ablösung für Kreuzträger senden zu wollen. Dann bedeutete er Comeo, ihm zu folgen. Er führte sie nach der Mitte der Insel, wo die Abenteurer um das Feuer lagerten. Außerhalb des Lichtscheins ließ er sie zurückbleiben; er ging zu der Laubhütte, in der Suzanne ruhte, und schickte Bonifaz mit einem Poncho zu dem Mädchen, damit sie sich einhüllen könnte, ehe sie den Männern vor die Augen kam. Dann rief er die Anwesenden zusammen. Teils neugierig, teils widerwillig, folgten sie dem Rufe. »Kameraden«, sprach der Graf sie an. »Ich komme, um einen Beweis eures Vertrauens zu fordern. Es ist keiner unter euch, der nicht weiß, daß ich jede Mühe und Anstrengung redlich mit euch geteilt habe und der Erste und Letzte in der Gefahr gewesen bin. Wenn unser Zug auch bisher von wenig Glück begleitet war, kann ich euch doch auf das Ehrenwort eines französischen Edelmannes, bei dem Blut Heinrichs von Navarra versichern, daß wir der Erreichung unseres Zieles nahe sind. Aber – eine Nachricht, die ich soeben erhielt, zwingt mich, euch auf zwei Tage und zwei Nächte zu verlassen. Für diese Zeit fordere ich, euer Anführer, Urlaub von euch!« Ein wildes Gewirr von Stimmen und Rufen antwortete ihm; die meisten konnten nicht begreifen, wie der Graf ohne ihr Wissen eine Botschaft erhalten haben sollte; sie sprachen deutlich ihre Zweifel aus; andere erklärten laut, er dürfe sie nicht verlassen, nachdem er sie in diese Gefahr gebracht. Hawthorn – der Rote Hai –, der keine Ahnung von der Nähe seines unerbittlichen Feindes Drysdale hatte, und dem der alte Trotz und Haß zurückgekehrt war, nannte das Verlangen des Grafen einen Vorwand, sich zu retten. Fluchend verweigerte er ihm das Recht zu diesem Verlangen. Gräfin Suzanne hatte sich bei der unerwarteten Forderung trotz ihrer Schwäche erhoben und trat an die Seite ihres Gemahls. Mit dem Ausdruck tiefer Verachtung ließ Graf Raousset-Boulbon seinen Blick über den murrmden Kreis schweifen. »Es ist nicht meine Art,« sagte er endlich, »denen, die sich mir zu gehorchen verpflichtet haben, Rechenschaft über meinen Willen zu geben. Aber ich will es diesmal tun. Und so sage ich euch, daß zwei Männer, die den Weg zu dem Orte kennen, den wir suchen, mich morgen beim Aufgang des Vollmondes einm Tagesmarsch von hier erwarten. Diese beiden Männer sind in Gefahr, von unsem gemeinschaftlichen Feinden, den Apatschen, überfallen und gemordet zu werden, wenn es mir nicht gelingt, sie zu warnen.« »Sie mögen sich helfen, so gut sie können!« »Jeder ist sich selbst der Nächste!« »Die Nachricht scheint Ihnen plötzlich mit der Luft zugeflogen zu sein, Senor!« »Wir sind nicht so albern, daran zu glauben.« »Mit der Luft nicht, Elender«, erwiderte der Graf barsch; »aber mit dem Wasser. Komm hierher, Comeo!« In den Poncho gehüllt, trat zum großen Erstaunen der Männer die Indianerin aus dem Dunkel. »Hier ist die Botin«, fuhr der Graf fort. »Sie hat es gewagt, mit Lebensgefahr hierher zu schwimmen, um mir die Nachricht zu bringen. Treten Sie vor, Master Slong!« Der Methodist war gezwungen, den Hintergrund zu verlassen; er hatte es an Hetzereien gegen den Grafen nicht fehlen lassen. »Nach Ihren eigenen Erzählungen«, fuhr der Graf fort, »müssen Sie diese junge Indianerin kennen und wissen, daß sie zu unseren Freunden gehört.« Slong mußte es bestätigen; er fügte aber hinzu, daß er nach der Trennung auf der Flucht nach der Hazienda nichts weiter von ihr gesehen habe. Er wußte, daß Comeo die Schwester Wonodongahs war und hätte gern die Gelegenheit benutzt, sie nach dem Yankee auszuforschen. Aber der Graf ließ ihm keine Zeit dazu. »Ihr seht, Kameraden,« sagte er, »daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Aber es ist nötig, daß ich einen schnellen Entschluß fasse. Seid ihr einverstanden, daß Kreuzträger und ich – denn ich kann ohne ihn den Ort nicht finden – uns auf zwei Tage entfernen und euch die Verteidigung der Insel überlassen? Es wird keine Schwierigkeit haben; die Hälfte unserer Feinde verläßt mit ihren Häuptlingen morgen das Lager.« »Wie wollen Sie von hier fortkommen?« fragte der Pole Morawski. »Zwei von euch mögen uns in dem Kanu im Schutz der Dunkelheit eine Strecke stromabwärts rudern und dann zurückkehren.« Hawthorn stieß eine Verwünschung aus. »Daß wir Narren wären, uns unnütz den Kugeln der roten Hunde auszusetzen! Wenn Sie erst fort sind, mein Gräflein, würden Sie gewiß das Wiederkommen vergessen.« Boulbon nahm sich mit aller Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben. »Wenn ich ein Schurke wäre wie du,« sagte er finster, »wäre es sicherlich so. – Ich wende mich an bessere Männer und fordere ihre Antwort. Leutnant Morawski, sammeln Sie die Stimmen.« Es folgte eine kurze und stürmische Beratung. In dieser Zeit bat die geängstigte Suzanne ihren Gatten unter Tränen, sie nicht zu verlassen. Der Graf suchte seine Gattin zu beruhigen. Er zweifelte trotz der aufrührerischen Stimmung nicht, daß seine Leute auch diesmal sich seinem Willen fügen würden. Diese Annahme täuschte ihn jedoch. Da Kreuzträger, den Bonifaz auf seinem Posten abgelöst, nicht sogleich am Feuer erschienen war, hatte die Partei der Unzufriedenen die Oberhand. Morawski teilte dem Grafen achselzuckend mit, daß sich die Leute weigerten, ihn fortzulassen und den Kahn herzugeben. Die Augen des Grafen funkelten. Er machte sich heftig aus den Armen seiner Gattin los und trat den Männern entgegen, die sich zusammengedrängt noch stritten. »Ich habe mich herabgelassen, euch um eure Zustimmung zu bitten«, sagte er hochmütig. »Aber ihr habt vergessen, daß jeder von euch mir blinden Gehorsam gelobt hat. Zum zweitenmal sage ich euch daher, unser Vertrag ist gelöst! – Meine Pflicht gegen euch zu Ende! Behaltet den Kahn. Es wird mich nicht hindern, meinen Entschluß auszuführen!« »Nichts da!« brüllte der Rote Hai. »Kameraden, sollen wir es zugeben, daß wir von einem Lumpen verraten werden?« »Nein! Nein!« »Er soll nicht fort ohne uns!« »Ich will den sehen, der mich aufzuhalten wagt! Her zu mir, die ihrem Eide treu bleiben!« Nur der Pole, der Deutsche Weidmann und drei andere traten entschlossen an die Seite ihres Anführers. »Euch, meine Braven,« sagte der Graf, »überlasse ich die Sorge für meine Gattin. Ihr Leben und das meines alten Freundes Bonifaz sollen euch Bürge sein, daß wir zu euch zurückkehren werden, ehe zum drittenmal die Sonne aufgeht. Rufen Sie Kreuzträger, damit wir uns fertig machen.« »Nicht von der Stelle ohne unsere Erlaubnis!« schrie der Rote Hai. »Auf, Kameraden! Wir müssen uns des Verräters bemächtigen!« Wilder Beifall folgte der Aufforderung. Waffen wurden drohend erhoben. Die wenigen treuen Anhänger des Grafen blickten ihn besorgt an. Boulbon trat noch einen Schritt vor. Er streckte befehlend den Arm aus. Suzanne drängte sich zitternd an ihn. »Die Waffen nieder! Wagt ihr es, so mit mir zu sprechen?« Hawthorn sah ihm frech ins Gesicht. »Unser Leben gilt soviel wie das Ihre! Sie dürfen nicht fort!« »Denk an San Franzisko, Hund!« »Möge meine Seele zehnmal verdammt sein, wenn ich dir's nicht wett mache!« Der Rote Hai riß sein Pistol aus dem Gürtel und schlug es auf den unbewaffneten Grafen an. »Schurke!« Mit einem Schrei warf sich Suzanne vor den geliebten Mann, als der Schuß knallte. Die Kugel hätte sie durchbohren müssen, wenn nicht zugleich eine feste Hand den Arm des Mörders in die Höhe geschlagen hätte. So pfiff die Kugel dicht über dem Kopf des Grafen in die Luft. »Schämt euch, Männer, daß ihr auf die Worte eines Mörders hören konntet!« sagte streng Kreuzträger. Zur rechten Zeit konnte er noch die Tat hindern. »Fort mit ihm! Bindet ihn, wie ein wildes Tier, bis der Graf über ihn bestimmt!« Die schändliche Tat hatte wirklich im Augenblick die Stimmung der Abenteurer geändert. Dieselben Männer, die noch kurz vorher den Verwünschungen und Aufreizungen des Mörders zugestimmt, nahmen jetzt keinen Anstand, der Aufforderung Kreuzträgers zuzustimmen. Sie fielen über den Roten Hai her, der bald fluchend und vergeblich tobend am Boden lag. Wie über einen Streich ertappte Schulknaben standen die Abenteurer vor ihrem Anführer. Suzanne war vor Schreck und Angst ohnmächtig geworden. Die Männer waren ihm behilflich, sie auf ihr Lager zurückzutragen. Zwanzig teilnehmende Fragen kreuzten sich, ob ihr auch wirklich von der Kugel Hawthorns kein Leid widerfahren sei. Erst als sie unter der Fürsorge der jungen Indianerin und des Avignoten, der bei dem Schusse heraneilte, sich wieder zu erholen begann, verließ sie der Graf und trat wieder zu seinen Leuten. »Mylord«, redete ihn der ehemalige Matrose an. »Rechnen Sie uns nicht zu, was geschehen ist. Wenn Sie den Kerl hängen lassen wollen, will ich ihn mit Vergnügen an die erste Raanocke hinaufhissen. Wir sehen ein, es wird das beste sein, Ihren Willen zu tun. Wenn Sie uns Ihr Wort geben, uns nicht hier in der Patsche sitzen zu lassen, wo wir weder Steuerbord noch Backbord uns davonmachen können, mögen Sie immerhin das Kanu nehmen. Ich selber will Sie ans Ufer rudern, ohne mich um die Kugeln der roten Schufte zu kümmern!« Der Graf begriff, daß er nicht zögern durfte, wenn er die Herrschaft wiedergewinnen wollte. Er wechselte einige Worte mit Kreuzträger, der ihre Büchsen sorgfältig in eine Hirschhaut hüllte. »Ich danke euch, Kameraden, daß ihr zur Einsicht gekommen seid. Bei dem Leben meines Sohnes schwöre ich euch, daß ihr euer Vertrauen nicht bereuen sollt. Wenn die Sonne zum drittenmal aufgeht, bin ich wieder in eurer Mitte – es müßten denn Tod oder Gefangenschaft mich hindern, mein Wort zu halten. Bis dahin wird Leutnant Morawski das Kommando führen. Gehorcht ihm, wie mir selber. Ich lasse ein Pfand in eurer Mitte, das ich von euch fordern werde! – Der Weg, den ich antrete, ist für unser aller Glück. Die Gefahren und Drangsale, die ihr jetzt besteht, sollen mit Millionen aufgewogen werden und euch für den Rest eures Lebens glücklich machen.« Einstimmiger Zuruf antwortete ihm. Master Slong hatte es bei der Wendung der Dinge für vorteilhaft gehalten, seinen Kameraden die Andeutungen ins Ohr zu flüstern, die er von dem Yankee Brown in der Sierra erhalten. Comeos Kommen bewies ihm, daß die Männer, mit denen der Graf zusammentreffen wollte, wirklich die Genossen Jonathan Browns waren. Durch das kühne Unternehmen des Grafen konnten sich jetzt die Aussichten auf den Schatz der Azteken nur erhöhen. Williams, der Matrose, wollte das Kanu bereitmachen. Aber der Graf lehnte es ab. Er erklärte, nach reiflicher Überlegung zöge er es vor, nicht mit dem Kanu die gefährliche Fahrt zu unternehmen. Er wollte keinen seiner Leute in Gefahr setzen. Als die Männer ihm zu der stromabwärts liegenden Spitze der Insel folgten, wurde ihnen klar, wie der Graf an das Ufer zu gelangen beabsichtigte. Kreuzträger hatte das einfache Hilfsmittel Windenblütes, den Baumstamm, benutzt; er band zwei hinreichend lange Stücke der von den Abenteurern für das Feuer gefällten Bäume durch Querhölzer aneinander, daß sie ein kleines Floß bildeten und für jeden der beiden kühnen Schwimmer einen sattelartigen Sitz abgaben. Auf ihn konnten sie sich niederbeugen und im Schatten der hohen Ufer leichter der Aufmerksamkeit der indianischen Wachen entgehen, als dies im Kanu möglich gewesen wäre. Comeo sollte quer vor ihnen auf den Balken Platz finden. Tiefer flußabwärts, wo die schnelle Strömung aufhörte und, wie sie wußte, keine Wachen der Apatschen mehr standen, konnte sie dann nach dem rechten Ufer schwimmen. Die Männer wollten auf dem linken landen und dann das einfache Fahrzeug seinem Schicksal überlassen. Diese Anordnung war auf den Rat Comeos erfolgt. Wenn auch der Weg auf dem linken Ufer stromaufwärts nach den Quellen des Buenaventura schwieriger zu machen war – schon wegen der hier vom Gebirge einmündenden Zuflüsse – war er doch, sobald man erst das zweite Lager der Indianer gegenüber der Insel glücklich umgangen hatte, von größerer Sicherheit. Denn auf der andern Seite wollten am nächsten Tage die drei Häuptlinge nach den Quellen aufbrechen. Es war jetzt mehr als eine Stunde verstrichen, seit Comeo sich auf der Insel befand. Selbst wenn die Rücksicht auf ihre Sicherheit nicht zur Eile gedrängt hätte, wäre es nötig gewesen, noch vor Aufgang des Mondes die gefährlichen Stellen zu kreuzen und die Wachen der Apatschen zu umgehen. Drüben an den Ufern machte sich nichts Verdächtiges bemerkbar, was auf eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit schließen ließ. Der schwache Knall des Pistolenschusses konnte bei dem Brausen des Stromes schwerlich gehört worden sein. Kreuzträger meldete jetzt dem Grafen, der bei seiner Gattin saß, daß alles zur Abfahrt bereit sei. Trotz der Schwäche hatte sich Suzanne in die Nähe des Ufers tragen lassen. Es war, als sage ihr eine Ahnung, daß sie den Geliebten in diesem Leben nicht mehr wiedersehen sollte. Leidenschaftlich weinend hing sie an seinem Halse. Alle ihre Bitten, von dem Wagnis abzustehen und lieber das ganze Unternehmen aufzugeben, waren an seinem festen Entschluß gescheitert. »Mein Wort und meine Ehre sind verpfändet«, sagte er fast rauh. »Was ich tue, geschieht für unsern Sohn, Suzanne. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, kehren wir zurück in bewohntere Gegenden. Das wird dir deine Gesundheit wiedergeben. Unser Kind soll nicht im Dunkel der Armut sein Leben hinbringen. Das Gold, das ich erringen will, soll Louis Geltung verschaffen und ihn den Stolzesten und Mächtigsten der alten Welt gleichstellen!« Mit leeren trostlosen Augen sah Suzanne ihn an. Gold ... Gold! – Welches Fieber zitterte da in den Augen des Mannes, dessen Liebe ihr Leben war? Konnte das kalte Gold die Wunden der Trennung genesen, konnte das Gold ihr Herz wieder blühen lassen? Gold – alle diese Männer gierten nach Gold und verloren darum den Himmel und die Liebe, das Glück und die Ehre, die Reinheit der Seele und die Treue ... Gold – Gold! Ein Schauer überlief Suzanne und ein unbewußtes Gebet drängte sich aus tiefstem Herzen auf ihre Lippen: daß er ihn nicht fände, diesen Schatz, der soviel Blut und Leben vernichtet – daß ihr Sohn, das unschuldige Kind in Frankreich, niemals dieses Land betrete – niemals verlockt werde gleich seinem Vater durch das gleißende, beseligende, verfluchte Gold! – Comeo hatte ihren Platz auf dem Floß eingenommen, wo das Leder mit den Büchsen befestigt war. Die Pulverhörner trugen Graf Boulbon und Kreuzträger in ihren Hüten, um sie vor jeder Feuchtigkeit zu schützen. Alle Männer drängten sich um die beiden, ihnen die Hand zu schütteln und den besten Erfolg zu wünschen. Der Graf hatte den alten Diener und Freund Bonifaz umarmt, der ihn durch drei Weltteile begleitet. Der leise Ruf Kreuzträgers mahnte ihn zur Eile. Noch einmal drückte er die trostlose, bis ins Tiefste erschütterte Suzanne ans Herz. Dann sprang er, als traue er der eigenen Kraft nicht mehr, hinunter zum Felsenufer. Morawski hielt ihn noch einmal auf. » Pan ,« sagte er, »Sie haben noch nichts über das Schicksal des Elenden bestimmt, der Sie zu ermorden versuchte.« » Ventre saint gris !« erwiderte der Graf ungeduldig. »Lassen Sie den Bösewicht in irgendeinen Winkel der Insel werfen und dort liegen, bis ich zurückkehre. Und nun – Gott befohlen!« Er trat auf das Floß und setzte sich auf den Balken. »Vorwärts, los!« Ein Stoß trieb das leichte Fahrzeug vom Ufer hinaus in den Fluß. Als der Graf noch einmal zurückblickte, sah er ganz vorn, am äußersten Rande des Steilufers eine Gestalt mit lichtem, wehendem Gewande – – »Aimé, halt' ein! Du tötest mich!« Er sah sie sinken – aufgefangen von den Armen der Männer. Es war zu spät, umzukehren. Unaufhaltsam riß die Strömung ihn fort und trug ihn seinem Geschick entgegen! Die Culebrilla In einem kleinen Tal der Sierra de los Patos entsprangen die Quellen und Rinnsale, die den starken Strom Buenaventura bildeten. Das Tal war nach Osten zu offen, geschützt gegen die Nordwinde der Rocky Mountains; es bot alle Lieblichkeit dieser Breite von Mexiko, die ungefähr den Kanarischen Inseln oder dem nördlichen Ägypten entspricht. Der üppige Wuchs des Ahuehuetl, einer Zederart, verkündete schon in der Nähe des Tals das Wasser. Zwischen den mächtigen Ästen der Korkeiche schlangen sich bunte Lianenketten. Von den spitzen Zweigen des Mezquito flötete die mexikanische Nachtigall; die Chachalucas, die blaue Elster, hüpfte über den rasigen Grund und der Choyero verkündete mit seinem Schrei die Anwesenheit der grünen Schlange, seiner gehaßten Feindin. Ein stattlicher Benádo nahte sich in kurzen, spielenden Sprüngen der Quelle, ein Genießer der Wildnis, der den kühlenden Trank recht am Ursprung genießen will. Plötzlich prallte er zurück, warf das Geweih in den Nacken und raste mit langen Sätzen in der Richtung zurück, aus der er gekommen. Die Anwesenheit von Menschen an dem einsamen Ort hatte das Tier erschreckt. Ein kleines Feuer erhob seinen Rauch an dem blumigen Ufer des Baches, den die in hundert muntern Gerinnen aus den Spalten und Rissen einer mächtigen Felswand sprudelnden Quellen an ihrem Fuße bildeten. Dies waren die Quellen des Buenaventura. Bisher war es wohl keinem menschlichen Wesen gelungen, die an fünfhundert Fuß senkrecht aufsteigende Felswand zu erklimmen, um einem weiteren Ursprung des Gewässers nachzuforschen. Drei Männer saßen um das Feuer, auf dem an dem eisernen Ladestock ein Hirschviertel briet. Der übrige Teil des Wildes hing in seinem Fell zum Schutz gegen etwa umherstreifende hungrige Coyoten an einem Baumast. Diese drei Männer waren Eisenarm, Wonodongah und Master Brown, der Yankee. Trotz den natürlichen Reizen des Tales war es doch düster und ernst. Unter dem wasserübersprudelten Felsen lagen, offenbar noch aus der aztekischen Zeit – die Ruinen eines Tempels. Auf der andern Seite des Tales hoben sich regelmäßig geformte Hügel empor, den Hünengräbern der nördlichen Länder Europas ähnlich. Lange vor der Entdeckung Amerikas durch Europa lebten auf dem Festlande der Neuen Welt Kulturvölker, deren Bildungsstufen in vielen Beziehungen denen des alten Ägyptens nahe kamen. Namentlich das Reich der Tolteken, später der Azteken – das jetzige Mexiko, weist gewaltige Reste und Zeugen dieser verschwundenen Kultur auf. Oft inmitten der wildesten Wälder und Felsen, die sonst nur der Jaguar durchstreift – denn selbst der eingeborene Indianer hält sich scheu davon entfernt und fürchtet die Geister längst vermoderter Geschlechter – trifft der Reisende oder der Jäger plötzlich auf die Trümmer ganzer untergegangener Städte, riesenhafter Tempel und Altäre, deren gewaltiges Steinwerk sich in Pyramiden übereinandertürmt und dem Zahn der Jahrhunderte getrotzt hat. Ein solches Bauwerk war die Ruine, die sich an den Quellenfelsen lehnte. Es waren die altarartigen, stufenförmigen Reste eines Teocallis – vielleicht einst dem blutigen Kultus des furchtbaren Huitzilopochtli geweiht, dem Tausende von Menschenleben jährlich geopfert wurden. Noch waren in einzelnen Steinresten die Wohnungen der finstern Priester zu erkennen, die auf dem Götteraltar das kupferne Messer auf die wehrlose Brust ihrer Schlachtopfer geschwungen und die zuckenden Glieder zerstückelt hatten. Und dasselbe finstere Geschlecht, das nach der geringsten Schätzung jährlich zwanzigtausend Menschen auf den Altären seiner Götter schlachtete, besaß die geordnetsten, wenn auch strengen Gesetze, pflegte Künste und Wissenschaften, von denen manche sich den spanischen Eroberern überlegen zeigten, und besaß Kenntnisse in Astronomie und Mathematik, die weit über die der Römer und Griechen hinausgingen. Von dem allen wußten freilich die drei Männer nichts, die jetzt in der Nähe des Aztekentempels saßen. Der Yankee Brown berechnete höchstens, was ihm die riesigen Quadern einbringen könnten, wenn er sie auf dem Kai von New-Orleans oder Philadelphia lagern hätte. Eisenarm dachte an nichts, als an die Zubereitung seines Hirschviertels. Nur Wonodongah warf von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick auf die alten Ruinen, die sein Aberglaube mit den Schatten seiner Vorväter oder den bösen Geistern des dritten Himmels der alten aztekischen Religion bevölkerte. Das Aussehen des jungen Komantschen hatte sich auffallend verändert. Seine Wangen waren eingefallen; seine Augen tief eingesunken und von dunklen Rändern umgeben. Wenn er aus seinem starren Sinnen erwachte, belebte sich sein Blick mit einem seltsamen, unheimlichen Feuer. Eisenarm warf oft einen besorgten, bedauernden Blick auf den jungen Freund. »Das Fleisch ist gar, Wonodongah«, redete er den Träumer an. »Einige tüchtige Schnitte und ein gesunder Schlaf werden hoffentlich deinen Muskeln die alte Kraft wiedergeben, damit du morgen bei dem Kampf wacker bestehst. Überlaß den Grauen Bär nur mir und halte dich an einen seiner Gefährten.« »Makotöh hat den Vater Wonodongahs getötet. Er muß sterben von meiner Hand!« » Caramba ! – Ich zweifle keinen Augenblick, daß du seiner zum zweitenmal Herr werden würdest. Aber diese Teufel von Apatschen müssen dir seit einem Monat einen ihrer Zauber angetan haben; denn du bist der nicht mehr, der du früher warst. Und wenn nicht das Wort eines Häuptlings auf dem Spiel stände – – –« »Wort hin, Wort her!« brummte der Yankee. »Kalkuliere, die ganze Geschichte ist eine Narrheit. Meines Vaters Sohn hat den Teufel Lust, für nichts und wieder nichts seine Haut zu Markte zu tragen. Ich denke, Eisenarm, es heißt Euren Vertrag schlecht halten, daß Ihr Euch in allerlei Gefahren begebt und nun gar noch von mir verlangt, daß ich mich um irgendeines vor Jahren skalpierten Heiden willen – bloß weil er der Vater des Burschen da ist – morgen mit einem Apatschen herumschießen soll.« Der Jäger lächelte verächtlich. »Wenn Euch der Mut dazu fehlt, Master Schielauge,« meinte er, »so könnt Ihr ja aus einem sichern Versteck zuschauen.« »Gott verdamm' Euch! – Und zusehen, wie ihr zwei von dreien totgeschlagen werdet und ich dann das Nachsehen habe! Wie soll ich endlich zu meinem Schadenersatz und dem Golde kommen, wenn Ihr mausetot seid? Ihr hättet wenigstens erst Euren Vertrag halten und mich an den Ort bringen sollen, den José Marillos mir versprochen hat. Dann hättet Ihr meinetwegen so viele Zweikämpfe ausfechten mögen, wie Euch beliebt.« Eisenarm zerschnitt sehr ruhig das Fleisch mit seinem Jagdmesser. »Und wer sagt Euch denn, Master Schielauge, daß Ihr nicht an dem Orte seid?« Der Yankee fuhr wie von einer Feder geschnellt in die Höhe; aber er hielt die Worte für einen schlechten Scherz und setzte sich sogleich wieder nieder. »Dummes Zeug!« brummte er. »Glaubt Ihr, daß ich mich nicht genug umgesehen habe in diesem Tal? Aber es ist keine Spur von Goldsand im Wasser, vielweniger ein Schatz, wie Ihr mir vorgefabelt habt. Selbst in dem alten Gemäuer da bin ich umhergekrochen und habe alles durchstöbert!« »Nehmt Euch in acht«, sagte Eisenarm. »Wonodongah könnte Euch erzählen aus den Überlieferungen seiner Väter, daß keiner, der des Goldes wegen zwischen jenen Mauern gewesen ist, wieder das Licht der Sonne erblickt hat!« »Zum Henker«, knurrte der Yankee und sah sich furchtsam um. Das Tal begann sich mit dunklen Schatten zu füllen. »Was soll das heißen!?« »Ich bin kein Gelehrter, Señor«, meinte achselzuckend Eisenarm. »Ich kenne wenig von der Geschichte dieses Landes – nur was die Überlieferungen der Komantschen berichten und was hin und wieder ein weißer Jäger erzählt hat. Vor alten Zeiten, ehe die Spanier von jenseits des Meeres in dieses Land kamen, hat es seinen Fürsten niemals an Gold gefehlt; denn sie allein und wenige Priester kannten den Ort, wo es frei aus dem Schoße der Erde wuchs. Die Schatzkammer Gottes, in der es noch heute in ungemessener Fülle liegt, wenn auch jahrhundertelang aus diesem Brunnen geschöpft worden ist.« – Er unterbrach seine Erzählung, »Wonodongah! Was starrst du so seltsam ins Feuer und hältst dein Stück Fleisch in der Hand?« »Uff!« »Was dachtest du?« »Diese Flamme des Lagerfeuers ist nichts gegen den Glanz ihrer Augen! Wonodongah hört die lockende Stimme des Geistes der Gewässer. Die Wellen rauschen um ihren Leib, schlank wie die Zeder!« Eisenarm schüttelte traurig den Kopf. »Die schlimmen Geister verwirren dein Gehirn! Wärst du ein Christ, würde ich dir raten, ein Kreuz zu schlagen und drei Aves zu sprechen. So kann ich dir nur sagen: reiß' dich los von all den Träumereien! Denk' an den Grauen Bären, der deinen Vater erschlug. Das wird dein Blut wieder kreisen lassen!« »Erzählt weiter, Master Eisenarm«, drängte der Yankee. Er rückte begierig näher zu ihm heran. Ohne auf die Bitte zu achten, fuhr Eisenarm ernst fort: »Wenn er den Schurken morgen erst zu Gesicht bekommt, wird all die Hexerei, die ihn seit Wochen befangen hält, schwinden wie der Nebel vor der Sonne. Deshalb freue ich mich, daß der Tag endlich da ist, daß es zu einem tüchtigen Gefecht kommen wird. Ich kenne den Häuptling der Toyahs! – Aber um Euch weiterzuerzählen, Master Schielauge: die großen Kaziken dieses Landes sandten nach den Überlieferungen alle Jahre an einem bestimmten Tage hundert Sklaven nach der Goldhöhle. Sie mußten jeder eine Last dort aufnehmen und herausschaffen.« »Hundert Mann? Wißt Ihr, Eisenarm, was das macht?« »Ich verstehe Euch nicht!« »Hundert Mann - von denen jeder mindestens seine hundert Pfund Gold tragen kann! Das sind zehntausend Pfund reines gediegenes Gold! Mindestens fünf Millionen Dollars! Und wenn ich bedenke, daß sie ebenso leicht noch fünfzig Pfund mehr tragen konnten –« »Zum Henker mit Eurem Gewäsch!« unterbrach Eisenarm unwillig die Berechnung. »Was kümmert's mich, was die armen Schelme haben schleppen können, wenn sie ihr Leben dafür lassen mußten.« »Ihr Leben?« »Die Träger des Goldes wurden jedesmal, sobald sie ihre Last abgeliefert hatten, von den Priestern geschlachtet, damit sie niemandem das Geheimnis der Goldhöhle verraten konnten. Ihre Geister bewohnen nach der Sage der Indianer dieses Tal. Und ihre Gebeine ruhen unter den Hügeln, auf denen wir sitzen.« Der Yankee sprang unwillkürlich auf und sah sich mit einem gewissen Grauen um. Dann nahm er seinen Rock, den er einige Schritte weiter niedergelegt hatte, und zog ihn an. »Die Sonne ist hinunter«, entschuldigte er sich schaudernd. »Es wird kühl hier. – Aber was redet Ihr, Eisenarm – wenn überhaupt die ganze Geschichte keine alte Weibermär ist – daß die Sklaven auf jenen Steinen geschlachtet worden wären? Sie hätten freilich das Schicksal für ihre Dummheit, sich nicht beizeiten mit dem Gold aus dem Staube zu machen, redlich verdient!« Eisenarm nickte. »Ihr könnt noch auf den Steinplatten die Blutrinnen eingehauen sehen, wenn Ihr Euch die Mühe macht, das Moos und die Flechten abzukratzen!« Die Augen des Yankee funkelten. »Aber dann – – dann wäre dies ja der Ort – wohin sie das Gold gebracht haben?« »So scheint es!« »Und – und – dann könnte das Goldlager – das unermeßliche Lager – dem zehntausend Pfund keinen Abbruch tun – unmöglich weit entfernt sein?« Der Habsüchtige zitterte vor Begier. Eisenarm hob die Hand und deutete auf den nächsten Baum. Aus seinem Gipfel ließ eben ein Vogel sein eigentümliches Pfeifen hören. »Könnt Ihr hören?« »Ich höre die Stimme«, fiel Wonodongah ein, der still vor sich hingesonnen und dem Gespräch keine Beachtung geschenkt. »Sie klingt wie der schmelzende Schlag der Cenzontle und tobt wie der Wasserfall – ich höre sie Tag und Nacht in meinen Ohren. Ihr Laut ist: Blut!« »Zum Teufel mit dem Narren!« rief der Yankee. »Was meintet Ihr mit dem Vogel, Freund Eisenarm?« »Ich bin nie Euer Freund gewesen, Master Schielauge«, entgegnete Eisenarm. »Nur der Vertrag bindet uns. Es ist der Choyero, wenn Ihr es wissen wollt!« »Der Choyero?« »Ja. Und nicht einen Choyero, sondern ihrer zwanzig müßt Ihr schon in diesem Tale gehört haben, seit wir hier sind!« »Aber was kümmert mich der läppische Vogel, wenn –« »Der Choyero hält sich nur da auf, wo die grüne Schlange, sein Todfeind, haust!« »Ich habe genug Schlangen umherhuschen sehen!« »Und dort oben gibt es noch mehr«, sagte Eisenarm und deutete nach der Felswand. »Ihr seid ein armseliger Gambusino, Master Schielauge, wenn Ihr nicht wißt, daß die grüne Schlange die Anwesenheit des Goldes verkündet!« »Heiliger Himmel! – So wäre es wahr? – Ihr betrügt mich nicht? Wir wären wirklich in der Nähe der Goldhöhle – in der Nähe meines Goldes – ?« »Ihr könnt morgen schon, wmn der Kampf für uns günstig ausgefallen ist, Eure Hand darauflegen – vorausgesetzt, daß Ihr den Mut und die Kraft habt, den Weg, der noch zu machen ist, zurückzulegen.« »Ich will mit dem Grauen Bär selber fechten! Ich will ihm das Herz aus dem Leibe reißen«, schrie zitternd vor Gier der Elende. »Ich will allein gehen, wenn Ihr mir nur sagt wo? – Wo?« »Gott im Himmel! Wie verächtlich doch die Sucht nach dem schlechten Metall einen Christenmenschen machen kann!« sagte kopfschüttelnd Eisenarm und befreite sich von den Händen Jonathan Browns. »Könnt Ihr fliegen, Mann? Seht dort die Felswand, den Gipfel decken schon die Schatten der Nacht. Dort hinüber geht Euer Weg. Schwerlich würdet Ihr nur den zwanzigsten Teil zurücklegen können ohne unsere Hilfe.« »Aber warum nicht jetzt? Warum nicht diese Nacht?« »Aus zwei Gründen. Weil Wonodongah morgen früh seine Herausforderung an den Grauen Bären zu lösen hat und...« »Er hatte kein Recht dazu! Sein Leben ist mein!« »Hol' Euch der Teufel! Ihr vergeßt den zweiten Punkt unseres Vertrags. Über Eurem Drängen, an diesen Ort zu kommen, habt Ihr ihn nicht gehalten!« »Welchen? Welchen?« »Ihr habt Euch verpflichtet, uns beiden die Männer zu überliefern, die José Marillos, den Gambusino, zu Paris am 4. Dezember 1851 schändlicherweise ermordet haben. Ich denke, das sind Eure eigenen Worte!« »Ja, ja! – Aber ich habe sie Euch genannt! – Der teuflische Franzose, der sich Graf Boulbon nennt und aus königlichem Blut sein will und wie ein gemeiner Dieb ehrliche Leute ihres Eigentums beraubt! Und den alten Schurken, seinen Diener Bonifaz...« »Unser Vertrag, Mann, sagt, daß Ihr die Mörder uns zu überliefern habt!« »Fluch über Euch! – Wollt Ihr mich betrügen? Jetzt, so nahe dem Ziel? Habe ich Euch nicht in sein Schlafgemach geführt? – Verdammt! Warum wurde der Narr da weichherzig! Warum stieß seine Hand nicht zu, als sie mit dem Messer über der nackten Brust des gräflichen Mörders schwebte?« »Weil Graf Raousset-Boulbon nicht der Mörder von José Marillos, dem Gambusino, war. Du weißt es so gut wie er selber, Lügner!« sagte eine ernste, feste Stimme aus dem Dunkel. Ein hochgewachsener Mann trat in den Lichtschein des Feuers; ein zweiter folgte. »Höll' und Teufel! – Der Graf!« brüllte John Brown und griff nach seiner Büchse. »Tötet ihn! Schießt ihn über den Haufen!« »Halt! Rühre dich nicht, Mann!« rief Kreuzträger. »Sonst fährt dir meine Kugel durch dein schuftiges Gehirn. Eisenarm und Wonodongah – hört ein Wort! Dann mögt ihr tun, was euch gefällt. Ihr kennt mich beide und werdet wissen, daß ich von euch nichts verlangen werde, was gegen die Gerechtigkeit verstößt.« Eisenarm, der gleichzeitig seine Büchse ergriffen hatte, ließ den Kolben auf die Erde fallen. »Er möge sprechen!« sagte er kurz. Wonodongah war, ohne sich zu rühren, am Feuer sitzen geblieben. Er richtete nur seine funkelnden schwarzen Augen mit drohendem Ausdruck auf den Grafen; dann wieder starrte er in die Glut des Feuers. Graf Raousset-Boulbon stand mit gekreuzten Armen ruhig und furchtlos vor den beiden Männern, die ihm den Tod geschworen. »Ich bin hierher gekommen auf den Wunsch Ihres verstorbenen Freundes, des Gambusino Ojo d'Oro. Vergeblich hatte ich Sie zur bestimmten Stunde Ihres ersten Stelldicheins vor der ehemaligen Kathedrale von San Franzisko erwartet. Seitdem versuchte ich mehrfach. Sie zu finden. Jetzt nun komme ich aus doppelten Gründen hierher, denn ich wußte, daß ich Sie treffen würde. Zuerst will ich Ihnen den letzten Gruß Ihres Freundes und sein Erbe bringen.« Er öffnete das Jagdhemd, nahm das an einer Schnur hängende lederne Säckchen José Marillos, des Goldsuchers, und reichte es Eisenarm. Der Trapper öffnete es sofort und zog das Stück Haut hervor, das der Graf getreulich darin bewahrt. »Bei der heiligen Jungfrau«, sagte Eisenarm. »Sieh her, Wonodongah, es kann kein Zweifel sein; das ist das Totem Goldauges!« »Er hat es mir gestohlen! Es ist mein Eigentum! Señor José gab es mir!« schrie der Yankee. »Schurke! Beflecke das Gedächtnis eines Toten nicht mit einer Lüge. José Marillos gab mir dieses Vermächtnis für meinen Sohn, als er in meinem Hause und in meinem Arm starb; und ausdrücklich in der Absicht, es deiner Habgier zu entziehen. Denn er hatte dich reichlich für deine Dienste bezahlt!« »Lüge! Nichts als Lüge!« heulte Brown. »Erinnert Euch, daß ich Euch in San Franzisko die blutigen Kleider gezeigt habe, die José trug, als er auf die Veranlassung dieses Hundsfotts ermordet wurde!« »Es ist möglich, daß Sie den Rock des armen José gestohlen haben,« fuhr der Graf fort, »als ich von Weib und Kind gerissen wurde und von den Schergen Louis Napoleons, dessen Soldaten Ojo d'Oro im Straßenkampf auf den Barrikaden trafen, zum Kriegsgericht geschleppt wurde! Und das geschah, weil ich den armen Mann nicht hilflos in dem Winkel umkommen lassen wollte, in den er sich, mit der Kugel im Rückgrat, geschleppt hatte. Unter Lebensgefahr trug ich ihn mit meinem Diener Bonifaz und Louis, meinem Sohn, in mein Haus. Ich bot alles auf, um ihn zu retten. Man nannte das ein Verbrechen, das mir selber sechs Kugeln eintragen konnte: Widerstand gegen die bewaffnete Macht! Das Kriegsgericht auf dem Quai d'Orsay verurteilte mich zum Tode! – Nur ein alter Bekannter half mir heraus. Aber selbst die Hand des geschicktesten Arztes von Paris, des Doktor Boisset, konnte den Gambusino nicht retten. Er starb unter seinen Händen bei der Operation.« »Die Erzählung klingt seltsam, aber nicht unwahrscheinlich«, sagte Eisenarm, auf den die Ruhe des Grafen großen Eindruck gemacht hatte. »Was meinst du, Wonodongah? – Hast du alles verstanden, was dieser Mann sagte?« Wonodongah fuhr aus seinem Brüten empor. »Er starb – ja! So ist es! Wonodongah ist ein Häuptling und wird sein Wort halten!« »Ich schwöre mit jedem Eide, daß der Franzose lügt«, schrie Jonathan Brown. »Er hat nicht den geringsten Beweis für das, was er sagt!« »Ventre saint gris!« lachte der Graf. »Ich sehe, es ist zuweilen doch gut, wenn man alte Papiere aufbewahrt. Ich glaube, ich habe da in meinem Taschenbuch noch die Rechnung des Doktor Boisset über zwanzig Louisd'ors für die Operation, vollzogen an dem Mexikaner José Marillos und bezahlt von dem Grafen Raousset-Boulbon zu Paris am 5. Dezember. Daneben liegt der Erlaubnisschein Seiner Exzellenz des Generals Saint Arnaud, den Mann mit allem Aufwand der Kirche begraben zu lassen. Das hatte Euer Freund mir vor seinem Tode im Würfelspiel gegen die Tasche da abgewonnen. Ich habe mein Wort gehalten; an Ihnen wird es sein, ob Sie das verpfändete Wort Ihres Freundes lösen wollen.« Er nahm die Papiere aus seiner Brusttasche und reichte sie Eisenarm. »Nein, Señor, ich kann nicht lesen; aber ich muß gestehen, ich fange an, Ihnen zu glauben.« »Ich habe die Papiere unterwegs gelesen, Compañero«, mischte sich Kreuzträger ein. »Es steht alles darin, was Graf Boulbon soeben angedeutet hat!« »Lüge, höllische Lüge! So wahr mir Gott helfe! Alles ersonnen, um mich um mein Eigentum zu betrügen!« brüllte außer sich der Vankee und fuhr mit der Hand in die tiefe Tasche seines Rockes. »Aber Jonathan Brown ist nicht der Mann, sich von einem hergelaufenen Edelmann berauben zu lassen! – Stirb, Schurke!« Er sprang einen Schritt vorwärts und riß sein Bowiemesser heraus. Aber im nächsten Augenblick schon ließ er es fallen. Er stieß einen Schrei aus und fuhr mit der anderen Hand nach seiner Rechten. Ein kurzer, schwarzer Streifen, nicht viel dicker als eine Federpose, hing von der Hand herab und ringelte und wand sich im Licht des Feuers. »Heilige Jungfrau! Die Federschlange!« Kreuzträger sprang auf Brown zu und stieß mit dem Schaft der Büchse nach dem kleinen Reptil. Es fiel zu Boden. Er setzte die dicke Sohle seines Stiefels darauf und zerquetschte es zu Brei. Alle starrten entsetzt auf den Mann. Selbst Wonodongah hatte sich aufgerichtet. »Seid Ihr gebissen?« fragte Kreuzträger bleich. »Legt die Hand auf den Stein!« befahl Eisenarm. »Hinauf mit dem Ärmel! Dein Beil her, Wonodongah; ich muß ihm den Arm am Gelenk abhauen!« Brown sprang entsetzt zurück. »Seid Ihr verrückt?« schrie er entsetzt. »Wollt Ihr mich morden? Ein Schlangenbiß! Gebt etwas von Eurem Wundkraut her; und dann wollen wir weiterreden! Verdammt!« »Mann«, sagte Kreuzträger mit furchtbarem Ernst. »Wißt Ihr, was geschehen ist?« »Zum Henker! Was? Wollt Ihr mir einen Schrecken einjagen?« »Gott hat gerichtet – den Ihr meineidig angerufen. Ihr seid von der schwarzen Culebrilla gebissen, der furchtbarsten und, den Heiligen sei Dank, seltensten Giftschlange in Amerika. In zehn Minuten seid Ihr tot.« »Tot?« Brown warf sich mit gellendem Aufschrei zurück. »Haut mir die Hand ab! Haut mir die Hand ab! Ich kann nicht sterben! So nahe den Millionen! Eisenarm, Wonodongah, zu Hilfe! Zu Hilfe!« Er warf sich auf die Knie und streckte jammernd die schwarz schwellende Hand nach seinen Gefährten aus. »Zu spät!« sagte schaudernd Eisenarm. »Kaum der Beilhieb würde Euch gerettet haben, wenn er ohne Zögern erfolgt wäre; denn der Stich der Culebrilla ist unausbleiblicher Tod. Ich sah das Unheil ein einziges Mal seit den fünfundzwanzig Jahren, in denen ich das Land durchstreife.« »Denkt an Euer Seelenheil, Mann!« mahnte erschüttert Kreuzträger. »Bittet Gott und die Heiligen um Vergebung für Eure Sünden!« Der Yankee wand sich, heulend vor Furcht und Schmerz. Er krümmte sich zu Füßen des Grafen, der erstarrt und regungslos stand. »Erbarmen! Erbarmen! Ich will alles gestehen! Ich habe gelogen! Ja, ja. Sie haben José gepflegt in seiner letzten Stunde! Sie sollen die Hälfte haben von allem Gold. Nur laßt mich nicht sterben – so nah! So nah! – Es muß ein Mittel geben – Millionen dafür! Fluch, Fluch, Ihr zögert! Zu Hilfe! Zu Hilfe!« Schaum trat ihm vor den Mund. Schwarz schwoll das Gesicht auf. Die Augen traten blutdurchlaufen aus ihren Höhlen. Er wälzte sich am Boden. Schaudernd wandte der Graf sich ab. »Gold! Gold! Fluch über euch, die ihr mich hergelockt! Fluch, hundertfacher Fluch – wie es glüht – wie es blitzt! – höllisches Feuer...« Seine Stimme wurde zum heiseren Gebrüll. Allmählich schwächer und schwächer, verstummte es ganz. Die Zuckungen des Körpers hörten auf – Jonathan Brown war tot! Der Pfadfinder machte das Zeichen des Kreuzes. »Gott der Herr, dessen Hand wir so oft in der Einsamkeit sehen, hat gerichtet. Mögen seine Sünden ihm vergeben werden.« Keiner der Männer mochte die lange, drückende Stille unterbrechen. Endlich trat Eisenarm auf den Grafen zu und reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie, Señor. Wir haben Ihnen unrecht getan. Der Elende, dessen irdische Reste da vor uns liegm, hat uns getäuscht über Sie und über den Tod Ojo d'Oros. Seien Sie versichert, daß Ihnen Ihr Recht werden soll. Ich hoffe, daß Wonodongah ebenso denkt wie ich!« »Die Offene Hand ist der Erbe des Goldauges! Das Recht des Lügners zu unseren Füßen ist verfallen. So will es das Gesetz der roten Männer. Er möge sein Eigentum in Empfang nehmen! Wonodongah ist bereit, ihm den Weg dahin zu zeigen!« Die Erklärung Wonodongahs schien Graf Raousset-Boulbon zu beunruhigen. Er beeilte sich, die Erörterung vor einem Zeugen abzubrechen, der bisher noch wenig von dem eigentlichen Geheimnis wußte. »Wir sprechen nachher darüber. Ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden sein. Jetzt lassen Sie uns an Dringenderes denken. – Gewähren Sie uns einstweilen Ihre Gastfreundschaft, Señor Eisenarm; denn wir beide haben heute einen weiten und beschwerlichen Weg gemacht, um zu Ihnen zu gelangen. Können wir Ihnen helfen, den Toten da zu begraben?« Eisenarm sah gleichgültig auf den Leichnam. »Wir wollen uns heute die Mühe sparen und ihn beiseite tragen«, sagte er. »Es könnte möglich sein, daß morgen das Grab größer sein muß!« Er winkte dem Komantschen. Sie faßten den toten Körper an und trugen ihn nach den Ruinen. Kreuzträger setzte sich ohne weiteres an dem Feuer nieder und langte nach dem Hirschviertel. Der Graf betrachtete noch immer schaudernd die Überreste der kleinen Schlange. »Wie nannten Sie das Reptil?« »Die schwarze Culebrilla oder Federschlange«, sagte kauend Kreuzträger. »Man nennt sie so, weil sie nicht größer wird als die Pose einer Adler- oder Geierfeder. Dabei ist sie aber die giftigste Schlange, die auf Gottes Erde kriecht.« »Und Sie sitzen an dem Orte, an dem sie haust, so ruhig da, als könnte nicht eine zweite Ihnen im nächsten Augenblick ebenso den Garaus machen?« Kreuzträger lachte. »Wenn allein das Sie hindert, Monsieur, mir bei diesem trefflichen Bratenstück Gesellschaft zu leisten, können Sie es unbesorgt tun. Die Culebrilla duldet keine zweite auf mindestens drei Leguas in der Runde. Es ist eine Eigentümlichkeit, daß man sie immer nur selten und dann auch nur vereinzelt findet. Also setzen Sie sich ruhig und langen Sie zu.« Eisenarm kehrte zurück. Er wiederholte die Einladung und beendete seine Mahlzeit, als sei nichts vorgefallen. Nur Wonodongah blieb stehen und nahm weder an dem Mahl noch an dem Gespräch teil. Er begnügte sich, seine dunklen Augen fest auf den Grafen zu heften. »Ich habe vorher nicht ohne Grund gesagt, Señor,« begann Graf Boulbon das Gespräch, »daß wir aus doppelter Ursache hierher gekommen sind. Die eine war meine Angelegenheit. Die andere betrifft Sie beide!« »Uns?« »Ja. Wonodongah, der Häuptling der Toyahs, beabsichtigt morgen früh mit einem der gefürchtetsten Häuptlinge der Apatschen, dem Grauen Bären, an dieser Stelle sich zu schlagen?« Eisenarm sah ihn erstaunt an. »Wie können Sie das wissen?« »Von Comeo, der Schwester Wonodongahs.« »Von Comeo? – Hörst du, Wonodongah? Von Comeo! Und wo haben Sie Comeo gesehen und gesprochen, Señor Conde? Sie müssen wissen, daß wir in großer Besorgnis um das unvorsichtige Mädchen waren. Wir wären längst aufgebrochen nach den Dörfern der Apatschen, um sie zu suchen und zu befreien, wenn dieser Brown nicht darauf bestanden hätte, Ihrer eignen Spur zu folgen. Wir mußten eilen, zur rechten Zeit hierher zu kommen und so das doppelte Wort an Goldauge und dem Grauen Bären zu lösen.« Graf Boulbon erzählte kurz von dem unglücklichen Gefecht mit den Apatschen, von ihrer Flucht nach der Insel und dem kühnen Unternehmen der jungen Indianerin. »Das sieht ihr ähnlich! Sie ist so aufopfernd, daß sie niemals an sich denkt. – Hast du gehört, Wonodongah, was deine Schwester getan hat?« Der junge Häuptling begnügte sich, ein Zeichen der Bejahung zu geben. »Comeo sagte uns,« fuhr der Graf fort, »daß der Graue Bär, die Rote Schlange und der Fliegende Pfeil Sie hier zu einem Kampf auf Tod und Leben treffen würden.« »Alle drei! – Das hätte nicht besser kommen können! – Hast du gehört, Wonodongah? – Wir werden sie alle drei hier haben, um mit ihnen Abrechnung zu halten!« Wiederum nickte Wonodongah; sein Auge fing an, von einer edleren Glut zu funkeln. »Die Ursache, weshalb Comeo sich so großer Gefahr aussetzte, ist ihre Entdeckung, daß nicht ein ehrlicher Kampf, sondern ein bübischer Verrat gegen Sie beabsichtigt wird. Ein Trupp Apatschenkrieger wird den drei Häuptlingen folgen und während des Kampfes über Sie herfallen, um Sie durch die Übermacht zu besiegen!« »Die Schurken! – Ich hätte niemals geglaubt, daß der Graue Bär, so grausam er ist, einer solchen Schlechtigkeit fähig wäre.« »Es scheint, daß diese Tücke wider sein Wissen oder seinen Willen geschehen soll. Die Rote Schlange, der Häuptling der Mescaleros, hat den Streich ersonnen, um sich an Ihnen zu rächen.« »Der Hund! – Aber es soll seine letzte Spitzbüberei sein!« »Comeo kam, um Kreuzträger zu bitten, Sie zu warnen oder Ihnen beizustehen. Sie selber konnte sich nicht so lange aus dem Lager der Apatschen entfernen, ohne ein anderes uns allen wertes Leben, das des Leutnants von Kleist, dem Verdacht und dem Tode preiszugeben. Da ich Sie ohnehin aufsuchen wollte, beschloß ich, die Warnung zu übernehmen. Freund Kreuzträger wird Ihnen sagen, daß es nicht ganz ohne Schwierigkeit geschah. Comeo ist wieder bei ihren Freunden; wir sahen sie glücklich das Ufer erreichen. Ich freue mich, daß es uns gelungen ist, Sie zu treffen und zu warnen. Nun können Sie sich der Gefahr entziehen.« Eisenarm warf dem Grafen einen raschen Blick zu und stöberte mit dem Ladestock in den Kohlen des Feuers. Wonodongah beugte sich vor. Sein hageres, eingefallenes Gesicht strahlte in stolzem, hochherzigem Gefühl. Sein Blick senkte sich herausfordernd in die Augen des Grafen. »Der Große Jaguar hat sein Wort verpfändet«, sagte er. »Wonodongah ist ein junger Krieger; aber er ist ein Häuptling! Er wird den Grauen Bären erwarten, wenn der Mond aufgeht!« »Ich dachte es mir«, nickte Eisenarm. »Ein Sioux oder ein Apatsche hätte anders gehandelt. Und ich will nicht Eisenarm heißen, wenn ich nicht an seiner Seite stehe. Die Schurken sollen ihren eigenen Verrat schlucken!« »Sie wären aber selbst in einem ehrlichen Gefecht nur zwei gegen drei. Und es sind gefürchtete Krieger!« »Desto besser für uns! – Es ist nicht das erstemal, daß wir zwei gegen eine ganze Bande von heulenden Apatschen kämpfen!« »Dann erlauben Sie mir, daß der Oberst Graf Raousset- Boulbon den Kampf in Ihrer Kameradschaft ausficht – möge er auch ausfallen, wie es Gott beliebt«, bat der Franzose, sich mit all der ihm eigentümlichen und bestechenden Höflichkeit verbeugend. »Und ich will Ihnen sagen, daß um diese Ehre zu bitten, meine Absicht war, auch wenn Sie schon einen dritten Kämpfer gehabt hätten.« »Das ist wacker gesprochen!« rief Eisenarm erfreut. »Wir nehmen es dankbar an und wir sehen, daß unser Freund José uns einen tüchtigen Erben gesandt hat. Was sagst du, Wonodongah? Möge der Teufel alle Verleumder und Verräter holen!« »Zwei Häuptlinge werden nebeneinander kämpfen«, sagte kalt der Häuptling der Toyahs. Eisenarm sah ihn erstaunt an. Er begriff nicht die Kälte und Abneigung Wonodongahs. »Er hat nicht mit ihm das Mahl geteilt und nicht die Friedenspfeife geraucht!« murmelte er. »Unmöglich kann er doch noch Verdacht hegen! – Was meinen Sie, Señor Kreuzträger?« fuhr er laut fort. »Sie wollen alle drei eine Torheit begehen!« riet der Pfadfinder ab. »Sie wissen, Señor Eisenarm, daß ich alle Ursache habe, dem Grauen Bären und der Roten Schlange Mann gegen Mann entgegenzutreten. Ich beneide Sie um die Gelegenheit dazu. Aber es ist Narrheit, unter solchen Umständen einen so ungleichen Kampf beginnen zu wollen. Sie sind hier auf allen Seiten von Feinden umringt. Der Trupp der Roten Schlange ist nicht der einzige, der auf die Gelegenheit wartet, über Sie herzufallen. Deshalb ist es keine Schande für tapfere Männer, eine bessere Zeit abzuwarten.« »Wie meinen Sie das?« »Auf dem Wege hierher«, fuhr Kreuzträger fort, »haben wir unzweifelhafte Spuren gefunden, daß Indianer auf dem linken Ufer des Buenaventura und in der Nähe des Tals umherschweifen.« »Wo fanden Sie die Spuren der Apatschen? Sind es Krieger Makotöhs?« »Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Mescaleros oder Gilenos gewesen sind. Wir fanden zahlreiche frische Spuren, etwa eine Stunde unterhalb dieses Tales.« »Kamen sie von jenseits des Flusses?« »Nein. Sie haben sich dem Ufer genähert und sind dann wieder umgekehrt.« »Haben Sie sonst nichts gefunden?« »Nichts, als diesen Jagdpfeil.« Eisenarm nahm die unbedeutende Waffe und untersuchte sie lange und aufmerksam. Dann wandte er sich plötzlich zu seinem roten Gefährten und reichte ihm den Pfeil. »Sich ihn genau an«, bat er. »Sage mir, was du daraus machst!« Wonodongah nahm den Fund in die Hand; er hatte kaum die Augen darauf gerichtet, als er einen Ruf der Überraschung hören ließ. »Uff!« »Ich dachte es mir!« nickte Eisenarm. »Hören Sie, Señor Kreuzträger, es ist schade, daß Sie sich nicht noch genauer umsehen konnten. Dieser Pfeil kommt nicht aus dem Köcher eines Apatschen.« »Wirklich?« »Es ist der Pfeil eines Komantschen – und zwar der eines Materos«, sagte Wonodongah. »Du mußt das noch genauer wissen als ich«, bestätigte Eisenarm. »Schade, daß wir keine Gewißheit darüber erlangen können. Es ist jetzt zu dunkel, um die Spur aufzusuchen. Ein Teil dieser Stämme war bei dem letzten Einfall der Rothäute mitbeteiligt; aber sie trennten sich bald wieder von den Apatschen. Es ist möglich, daß der Pfeil noch von früherem Umherstreifen dort liegengeblieben ist.« »Aber ich sagte Ihnen, daß die Spuren frisch waren.« »Mag sein; aber wer verbürgt, daß der Pfeil und die Spuren zusammengehören...« »Was wollen Sie sagen?« »Sonst hätten wir diese schurkischen Apatschen in ihrer eigenen Schlinge fangen können.« »Ich weiß nicht«, mischte sich zaghaft Graf Boulbon in das Gespräch der erfahrenen Jäger; »es ist möglich, daß eine Kleinigkeit nicht ohne Bedeutung wäre: etwa fünfzig Schritte entfernt von der Stelle, wo Kreuzträger den Pfeil fand, lag ein toter Vogel, ein Falke. Er mußte an diesem Tage geschossen sein; so frisch war er. Kreuzträger achtete nicht weiter darauf, da er den Spuren der Mustangs nachging und voraus war.« Eisenarm sah den Grafen aufmerksam an. »Erinnern Sie sich vielleicht, Señor Conde, welcher Gattung der Falke angehörte?« »Ich nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn. Er war von der schwarzgrauen Art mit den roten Schwanzfedern.« »Und diese Federn?« »Sie waren ausgerissen bis auf eine, die ich auszog und auf meinen Hut steckte. Hier ist sie!« Er reichte seine Kopfbedeckung hin. Eisenarm sprang mit einem Satz empor und schwenkte lustig die Feder. »Hurra! Wir haben sie! Wonodongah, es sind Krieger der Komantschen, die dich sicherlich nicht im Stich lassen werden. Ich sehe die Sache vor mir so deutlich, als hätte ich ihre Spur vierundzwanzig Stunden lang verfolgt. Sie sind auf ihrem Jagdzuge bis an die Sierra gestreift, um am Monte Buza Bären zu jagen. Sie können unmöglich weit entfernt sein; wenn eine Botschaft sie in ihrem Lager erreichte, könnten sie zur rechten Zeit hier sein, um jede Teufelei zu verhindern!« Wonodongah schien jetzt lebhafteren Anteil an der Entdeckung zu nehmen. Er streckte den Arm nach der nördlichen Talwand, an der die riesigen Grabhügel lagen. »Diese Komantschen fürchten sich nicht, ihr Lagerfeuer anzuzünden. Von diesen Bergen wird man sie sehen.« »Ich glaube es. Aber – ?« »Nun?« fragte ungeduldig der Graf. »Warum benachrichtigen Sie Ihre Freunde nicht?« »Es wird viele Stunden brauchen, sie aufzusuchen und herbeizuholen. Weder ich noch Wonodongah dürfen uns von diesem Platze entfernen.« » Parbleu! « rief Kreuzträger. »Für was wäre denn Jérome Vignard da? Wenn es gilt, die hinterlistigen Teufel in ihrer eigenen Falle zu fangen, würde ich drei Nächte hindurch wandern. Wonodongah mag mir ein Zeichen seines Stammes als Beglaubigung mitgeben und mir sagen, wo man am besten diesen Höhenzug durchschneidet. Ich stehe Ihnen dafür, wenn die Komantschen innerhalb dreier Meilen von hier ihr Lager haben, will ich sie auffinden, noch ehe die Sonne aufgeht.« Nach kurzer Beratung wurde beschlossen, daß Kreuzträger zwei Stunden rasten sollte, um seine Kräfte wieder zu erfrischen. Dann sollte er aufbrechen, um die Hilfe herbeizuholen. Wonodongah nahm das Totem seines Stammes, das er an einer Hirschsehne um den Hals trug, ab und händigte es als Wahrzeichen dem Pfadfinder aus. Dann übernahm Eisenarm die erste Nachtwache, empfahl dem Grafen, Wonodongah und Kreuzträger, zu schlafen und begann seinen leisen Rundgang. Nach einer Viertelstunde lagen alle bis auf den aufmerksamen Wächter in tiefem Schlummer. Woykas, der Sohn des Büffels Eisenarm hatte Kreuzträger ein Stück Weges geleitet. Als er zurückkehrte, blieb er vor dem schlafenden Wonodongah stehen, ehe er ihn für den Rest der Nachtwache weckte. Ein wüster Traum quälte den jungen Häuptling. Er warf sich unruhig hin und her. Seine Brust keuchte in höchster Aufregung. Seine Hand ballte sich. Worte und Sätze entrangen sich seinem Munde. »Bleib!« stöhnte der Träumende, »dein Atem jagt Feuer durch meine Adern! Er soll sterben, sterben! Und dann – lösche das Licht nicht aus! – Blut – Blut –« »Wenn ich nicht wüßte, daß Wonodongah niemals Feuerwasser berührt hat, würde ich glauben, er sei trunken«, murmelte Eisenarm vor sich hin. Er begriff die Wandlung seines roten Freundes nicht. »Es ist besser, daß ich ihn wecke – wenn ich ihm auch gern noch eine Stunde Schlaf zur Stärkung seiner Muskeln gegönnt hätte!« Er rüttelte den Schläfer. Wonodongah fuhr empor und griff nach seinem Tomahawk. »Es ist ein Freund«, wehrte lächelnd Eisenarm. »Wenn du willst, magst du jetzt die Wache übernehmen; aber sorge dafür, daß wir zur rechten Zeit wach sind. Die Schurken sollen sehen, daß wir sie erwartet haben.« »Mein weißer Bruder möge nicht sorgen«, erwiderte der Komantsche. »Wonodongah hat das Ohr eines Bibers.« »Ich weiß. Aber du sagst und tust jetzt oft Dinge, die der Teufel begreifen mag. Dein Benehmen gegen den Franzosen gestern abend war mir auffallend. Was hast du noch gegen ihn?« »Die Offene Hand,« sagte Wonodongah, der Frage ausweichend, »soll das Gold Josés und seiner Gefährten nehmen. Wenn der Häuptling der Toyahs unterliegen sollte im Kampf, wird Eisenarm ihn führen und ihm geben, wonach sein Herz verlangt.« »Er ist Josés Erbe; keiner von uns denkt daran, es ihm streitig zu machen. Ich gebe es ihm zehnmal lieber, als dem Lumpen, der uns betrogen hat. Er muß die Kraft eines Büffels haben. Ich freue mich, ihn einmal im Kampfe zu sehen.« »Es ist Zeit, daß Eisenarm sich niederlegt«, unterbrach ihn Wonodongah. »Sonst könnte die Kraft seines Armes schwächer sein. Mein weißer Bruder kann später mit Wonodongah sprechen. Er ging an das Feuer, warf einige neue Zweige hinein und setzte sich dann. Eisenarm wußte, daß er sein Schweigen nicht mehr brechen würde. Er streckte sich daher neben dem Grafen nieder. In wenigen Augenblicken schlief er den Schlaf der Gerechten, unbekümmert, daß er in wenigen Stunden einem Kampf auf Leben und Tod entgegengehen sollte. Im Osten kündete leichte Dämmerung den Aufgang des Mondes und das Nahen des Tages. Jetzt erhob sich Wonodongah und trat zu den Schläfern. Sein Blick ruhte lange auf der kräftigen Gestalt des Grafen. Erst mit dem Ausdruck von Haß und Feindschaft, der sich allmählich in tiefe Trauer löste. Endlich neigte er den Kopf horchend zur Seite. Er hörte ein fernes Geräusch. Sogleich stieß er Eisenarm und den Grafen an. Sie waren im Nu auf den Füßen. »Es ist Zeit«, sagte Wonodongah. »Ich höre die Hufe ihrer Pferde.« »Dann, Señor Conde,« meinte Eisenarm, »legen Sie sich an den Hügel dort. Der Mond wird sogleich aufgehen. Der Baum wird seinen Schatten dahin werfen. Decken Sie Ihren Hut so über das Gesicht, daß man es auch in der Nähe nicht erkennen kann. Sie selber können alles hören und sehen, was vorgeht. Werfen Sie die Decke über Ihre Kleidung. Ich freue mich auf das Gesicht, das der Graue Bär machen wird, wenn er erfährt, daß der Mann, der ihn in der Hazienda del Cerro so tüchtig den Boden küssen ließ, bei uns ist.« Der Graf folgte dem Vorschlag. Als er sich niederlegte, vernahm selbst sein an das Belauschen der Wildnis wenig gewöhntes Ohr das Nahen von galoppierenden Pferden. Am östlichen Himmel, den man durch den Eingang des Tales sehen konnte, stieg die große Scheibe des Vollmondes mit mattem Licht empor, das schon durch die Dämmerung des nahenden Tages gebrochen war. Da plötzlich erschienen auf dem hellen Hintergrund drei dunkle Reiter und nahten sich mit Windeseile. In der Mitte des Tales hielten sie an dem fast erloschenen Lagerfeuer der Nacht, von dem nur noch ein leichter Rauch in die Morgenluft kräuselte. Eisenarm und Wonodongah, auf ihre Büchsen gelehnt, standen regungslos. »Der dritte Vollmond ist aufgegangen«, sagte der Graue Bär, der Häuptling der Gilenos, mit grimmiger Stimme. »Makotöh ist hier mit zwei Freunden, wie er versprochen hat, und sucht die prahlende Elster der Komantschen.« »Makotöh ist ein großer Krieger«, erwiderte der Häuptling der Toyahs, jede Gegenbeleidigung verschmähend. »Wonodongah hat ihn erwartet und dankt ihm, daß er gekommen ist.« »Makotöh,« fuhr der Apatsche fort, »hat zwei Freunde mitgebracht; seine Augen sehen nur ein Bleichgesicht bei dem Toyah.« »Die Augen des Grauen Bären scheinen alt zu werden,« spöttelte Eisenarm, »wenn er nicht bemerkt, daß dort noch ein dritter liegt. Er schläft, weil er einen weiten Weg gemacht hat, um uns beizustehen. Aber ich versichere dich, er wird kämpfen, wie ein Häuptling.« Die Blicke der drei Häuptlinge wandten sich neugierig nach der bezeichneten Stelle; aber sie unterdrückten diese Regung sofort wieder. »Ich höre einen weißen Hund heulen«, sagte mit Hohn der Graue Bär. »Wir wollen sehen, ob sein Zahn seiner Kehle gleichkommen wird.« »Die Krieger der Apatschen kennen Eisenarm«, antwortete der Trapper ruhig. »Er hat nicht nötig, mit seinem Namen viel zu prahlen. Es tut mir nur leid, daß ich diesmal nicht mit dir zu tun haben soll, denn dein Kampf gilt Wonodongah. Aber ich habe mit deinem Gefährten, der Roten Schlange, eine alte Rechnung abzuschließen!« Er wies auf den Mescalero, der ihm mit einem Blick giftigen Hasses begegnete. »Ich würde ihn mir herausholen – und wenn er zu diesem Kampfe alle Krieger seines Stammes mit sich gebracht hätte!« »Weiber schwätzen, Männer kämpfen«, unterbrach Makotöh, ohne die Andeutung zu beachten. »Welche Bedingungen hat Wonodongah vorzuschlagen?« »Sie sind kurz. Dieses Tal sei der Kampfplatz. Jeder kämpfe mit den Waffen, die er führt, zu Fuß oder zu Pferde! Wenn die Sonne ihren ersten Strahl auf die Quellen des Buenaventura wirft, möge der Kampf beginnen.« »Die Skalpe Wonodongahs und seiner Freunde werden in den Wigwams der Apatschen hängen! Howgh! « Er wandte sein Pferd und ritt langsam, ohne sich auch nur umzusehen, ohne die geringste Vorsicht zu beobachten, zurück nach dem Eingang des Tals. Die beiden anderen Häuptlinge folgten. In der Entfernung von etwa tausend Schritten machten sie halt und stiegen von den Pferden. Sogleich sprang der Graf auf und gesellte sich zu seinen beiden Genossen. Eisenarm übersetzte ihm die getroffenen Verabredungen aus der Sprache der Apatschen. Er machte ihn darauf aufmerksam, daß die Gegner außer Büchse und Tomahawk auch ihre Lanzen hätten, mit denen sie sehr geschickt umzugehen wüßten. Der Graf führte außer der Büchse seinen starken Hirschfänger; Eisenarm hatte Büchse und Messer, Wonodongah Gewehr und Tomahawk. Die Waffe des toten Yankee und sein Messer beschloß man für den heimlichen Überfall aufzusparen und an den Ort zu bringen, an den man sich zur Verteidigung zurückziehen wollte. Dazu hatte Eisenarm die Ruinen des Aztekentempels bestimmt. Er lachte vor sich hin, wenn er daran dachte, wie leicht sie hier den tückischen Plan vereiteln konnten, wenn ihnen nur vorher das Glück treu blieb. Dann aber wurde seine Stimmung ernster; er wandte sich zu seinen beiden Gefährten. »Der Kampf kann einem oder dem anderen von uns das Leben kosten«, sagte er bedeutsam. »Denn wir haben es mit berühmten Kriegern zu tun; und der Gang einer Kugel ist nicht zu berechnen. Gott sei Dank, ich wüßte nicht, was mich hindern könnte, mit deinem Vater, Wonodongah, und manchem alten Freund dort oben wieder zusammenzutreffen; wenn nur der liebe Gott – oder der Große Geist – was am Ende eins ist – die weißen und die roten Männer in einem Himmel zuläßt. Verwandte und Blutsfreunde habe ich auch nicht, soviel ich weiß. Und so macht mir nur eins Sorge; der Gedanke an Comeo, deine Schwester!« »Comeo!« Warm klang der Name von den Lippen Wonodongahs. »Ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, wenn ich glücklich davonkomme, für Comeo zu sorgen, als wäre es meine eigene Tochter«, mischte Graf Boulbon sich ein. »Wir danken Ihnen, Señor. Und wir nehmen Ihr Anerbieten an.« »Wie lange habe ich noch Zeit? – Ich möchte – für den Fall meines Todes – mein Testament aufsetzen.« »Eine volle Viertelstunde, Señor.« »Das genügt.« Er setzte sich und schrieb auf zwei Blättern seines Merkbuches einige Bestimmungen nieder. Die erste lautete: »Für den Fall meines Todes! – Ich Horace Nimé, Graf Raousset-Boulbon setze zum Erben aller meiner Habe diesseits und jenseits des Meeres ein: meine Frau Suzanne Clément, Gräfin Raousset-Boulbon, und unsern Sohn Louis, Grafen von Boulbon. Ich bestimme, daß Louis im Waffendienst Frankreichs erzogen wird. Sobald er das dreiundzwanzigste Jahr vollendet hat, soll er in Mexiko das von mir ihm hinterlassene Erbe in Empfang nehmen und nach Ehr und Gewissen und zum Besten Frankreichs damit verfahren. Zu Vormündern meines Sohnes ernenne ich den Grafen Edgar Ney, meinen Freund und Begleiter Bonifaz Cornoche und den Trapper Leblanc, genannt Eisenarm. Möge Gott meine Erben und ihre Vormünder in Seinen allmächtigen Schutz nehmen und sie meiner in Liebe und Nachsicht gedenken lassen.« Das zweite Blatt war an Bonifaz gerichtet und lautete: »Meinem alten Freunde und Begleiter durchs Leben, Bonifaz Cornoche Gruß und Dank! – Nicht besser weiß ich dir zu lohnen, daß ich dich zum Freund und Wächter meines Sohnes bestelle. Gott hat nicht gewollt, daß ich den Schatz hebe; so möge denn mein Sohn es tun unter Eurem Beistand. Jedoch nicht eher, als in seinem vierundzwanzigsten Jahre. Du sollst, wenn du am Leben bist, ihn nach der Sonora begleiten und magst allen Anweisungen Eisenarms und seines indianischen Freundes folgen. Laß meinen Sohn des Namens sich würdig zeigen, den er trägt, und möge Gott dir alle Liebe und Treue lohnen. Aimé Boulbon.« Er schloß die Brieftasche und steckte sie in seinen Jagdrock. »Wenn ich falle,« bat er, »so bringen Sie diese Brieftasche meiner Gattin und meinem alten Freunde Bonifaz; denn ich hoffe, Sie werden die Meinen aus ihrer gegenwärtigen Gefahr befreien. Mein Sohn ist der einzige Erbe, den ich habe; und Ihr Freund José hat ihn mit jener Gabe auch zu seinem Erben eingesetzt. Sie werden von dem Schatz vorläufig soviel nehmen, um meine Leute zu belohnen und meines Sohnes Erziehung zu sichern. Bonifaz ist ein Mann, dem Sie in jeder Beziehung vertrauen können.« »Es soll geschehen. – Jetzt, Señor, sehen Sie Ihre Waffen nach. Der erste Sonnenstrahl wird gleich hervorbrechen. Und dort besteigen die Schurken ihre Pferde.« Der Graf nahm seine Büchse in den Arm. In etwa zwanzig Schritten Entfernung voneinander nahmen die Drei ihren Platz. Eisenarm hatte seinem jungen roten Freunde die Hand fest gedrückt und ihn ermahnt, ruhig zu zielen. Bei diesen indianischen Einzelgefechten ist es gegen die gewöhnliche Kampfesweise verboten, ein Versteck oder eine Deckung zu suchen. Angriff und Verteidigung müssen offen und frei geschehen. Die Begleiter wählen ebenso wie die eigentlichen Kämpfer ihren Gegner und dürfen sich nur an diese halten, ohne ihren Freunden zu Hilfe zu kommen. Flucht und Rückzug kommt nur selten vor. Der Kampf endet gewöhnlich mit dem Tode eines oder des andern der Gegner. Der erste Sonnenstrahl leuchtete auf die mächtige Felsenwand. Ein wilder gellender Ruf – ein rasender Galopp dreier Mustangs. »Sie kommen! – Festgestanden! – Gut gezielt!« In einer Linie donnerten über Felsgrund die drei Häuptlinge der Apatschen heran; die Körper dicht auf die Mähne ihrer Rosse vorgebeugt; die lange Lanze vorgestreckt. Das Heranstürmen, die ganze Bewegung der roten Krieger war so schnell, daß trotz ihrer Vorbereitung die drei Gegner keinen Schuß anzubringen vermochten. Wonodongah, an diese Kampfart gewöhnt, warf sich, als ihn die Lanze treffen sollte, zu Boden. Das Pferd des Grauen Bären sprang über ihn weg. Im nächsten Augenblick hatte er sich wieder erhoben, stieß den Kriegsruf seines Stammes aus und warf die Büchse an die Wange. Der Graue Bär wendete mit unglaublicher Gewandtheit sein Roß, ließ die mit einem Riemen am Sattel befestigte Lanze fallen und griff auch nach seinem Gewehr. Die beiden Schüsse fielen fast gleichzeitig. Aber keine der Kugeln traf. Makotöh warf die Büchse fort, riß die nachschleppende Lanze vom Boden empor und spornte sein Pferd aufs neue gegen seinen jungen Feind. Eisenarm hatte einen gleichen Angriff erwartet. Aber er brachte die Tücke des Mescalero nicht genug in Anschlag. Das hätte beinahe sein Leben gekostet. Er begegnete dem Stoß der Lanze mit dem Lauf seiner Büchse, bemerkte aber zu spät, daß es nur eine Finte gewesen war. Die Rote Schlange hielt neben dem Schaft seine Flinte in Bereitschaft. Als Wis-con-tah an Eisenarm vorüberschoß, ließ auch er die Lanze fallen, warf sich nach hinten auf die Kruppe des Mustangs und feuerte rückwärts, ehe der Trapper seine Waffe erheben konnte. Der Schuß fiel in so großer Nähe, daß das Pulver seinem Gegner das Haar versengte. Das war aber zugleich die Rettung Eisenarms. Die Kugel schrammte seinen Schädel, riß die Otterfellmütze von seinem Haupt und fuhr in den Stamm des nächsten Baumes. Pulverblitz und Dampf blendeten seine Augen. Der Mescalero jagte in großem Halbbogen um die Kämpfenden her, mit dem ganzen Körper an der entgegengesetzten Seite des Pferdes hängend, so daß höchstens die in die Mähne geklammerte Hand einen Zielpunkt geboten hätte. Eisenarm schüttelte die Betäubung von sich und achtete der ihm über die Schläfe rinnenden Blutstropfen nicht. Voll Erbitterung über den Streich der Roten Schlange folgte er jetzt trotz der Entfernung im Anschlag allen Bewegungen des Reiters. Er erwartete ein neues Anstürmen. Aber der schlaue Häuptling wußte sehr wohl, daß er nur einmal seinen gefährlichen Gegner täuschen konnte. Manche frühere Lehre hatte ihn diese Büchse zur Genüge fürchten gelehrt. Nachdem er sich überzeugt, daß sein Angriff mißlungen war, dachte er nicht daran, ihn zu wiederholen. Er jagte, sobald er außer Schußweite war, mit gellendem Hohngeschrei davon. Der Graf Boulbon kämpfte mit anderem Ausgang. Es war hell genug für den ansprengenden Häuptling der Mimbreños, den Fliegenden Pfeil, daß er schon in einiger Entfernung den gefürchteten Führer der weißen Abenteurer erkennen konnte. Er hatte ihn von seinen Kriegern eingeschlossen auf der viele Leguas entfernten Insel des Buenaventura geglaubt und riß mit einem Schrei unverhohlenen Schreckens mitten im Anspringen sein Pferd zurück. Der Mustang stieg gerade vor dem Grafen in die Höhe. Ohne sich zu besinnen, ließ Graf Boulbon seine Büchse fallen, faßte die Hufe des Mustangs und stürzte Roß und Reiter kopfüber zurück. Ein einziger Schrei antwortete der kecken und seltsamen Tat. Das Pferd wälzte sich am Boden, sprang dann auf und rannte davon; die am Sattel hängende Lanze seines Herrn schleifte es hinter sich drein. Der Fliegende Pfeil blieb regungslos liegen. Als der Graf zu ihm sprang, den Hirschfänger in der Hand, starrte ihn das eine Auge des Gefallenen weit geöffnet und bewegungslos an. Der Häuptling der Mimbreños hatte bei dem Sturz das Genick gebrochen. All diese Ereignisse drängten sich fast gleichzeitig in wenige Minuten. Als der Graf sich jetzt, von seinem eigenen Gegner befreit, nach seinen Gefährten wandte, sah er Eisenarm, auf seine Büchse gestützt, dem Kampfe des Grauen Bären mit Wonodongah erregt zuschauen. Immer wieder zuckte die Hand des Trappers nach der Waffe, um seinem jungen roten Freunde zu helfen. Aber immer wieder beherrschte er sich. Denn er wußte, daß Wonodongah nach seinen Anschauungen dadurch beleidigt werden mußte. Als Wonodongah und Makotöh vergeblich ihre Büchsen abgefeuert hatten, schickte sich der Gileno an, auf ihn einzudringen. Wonodongah hielt sich bereit, ihm mit dem Tomahawk zu begegnen. Da rannte das wild gewordene Pferd Mechocans, des Fliegenden Pfeils, an ihm vorüber. Mit der Schnelle des Gedankens änderte Wonodongah sofort seine Absicht. Er steckte das Beil in seinen Gürtel, faßte den ledernen Zaum des Mustangs und schwang sich auf seinen Rücken. Die Lanze raffte er auf und sprengte seinem Feinde entgegen. Vor den Blicken Eisenarms und Graf Raousset-Boulbons entwickelte sich nun ein kühner Wettstreit. Die beiden Reiter stürzten in wildem Anprall auf einander los; glitten zur Seite; wichen den Stößen ihrer Lanzen aus. Sie beugten sich auf die Kruppe ihrer Pferde, warfen sich – nur mit Zehen und Hand noch anklammernd – fast unter den Bauch des Mustangs. Weit und breit zerstampften sie den Boden mit den Hufen ihrer Rosse. Wonodongah blutete aus einer leichten Wunde am Schenkel. Sein Pferd war weit weniger kraftvoll und lenksam, als das starke und hohe Tier, das den Gileno trug. Der junge Komantsche wurde gegen das Ufer des Bonaventura getrieben, und konnte nicht mehr ausweichen. Da sprengte Makotöh, um mit einem Schlage ein Ende zu machen, mit der vollen Wucht seines Rosses, die Lanze mit starker Faust eingelegt, gerade auf ihn los. Ein ängstlicher Ruf entfuhr den Lippen Eisenarms. Aber Wonodongah hielt seinen Mustang an, warf sich seitwärts und empfing mit der Spitze des Speers den Anstürmenden. Das scharfe Rohr traf die linke Seite des Grauen Bären und drang durch den ganzen Körper unter der Schulter wieder heraus. Von dem gewaltigen Anprall brach der Speer ab, Wonodongah stürzte in das Wasser und kam unter das schlagende Tier zu liegen. Das Pferd des Gileno stemmte sich am Ufer fest. Ein Strom von Blut schoß aus der Seite Makotöhs. Blutiger Schaum trat auf seine Lippen. Mit einer Kraft, die der Zähigkeit und Wut des sterbenden Tieres glich, dessen Namen er trug, warf er sich aus dem Sattel, riß den Tomahawk aus seinem Gürtel und taumelte in das Wasser auf seinen gefallenen wehrlosen Feind zu. Wild schwang er die Faust mit dem in der ersten Sonne funkelnden Kriegsbeil um das Haupt. Da begann die mächtige Gestalt hin und her zu wanken. Es hätte kaum der Kugel des Grafen bedurft, die ihm den Kopf zerschmetterte, als vom Eingang des Tales her das verräterische gellende Geheul der heranstürmenden Kriegerschar der Roten Schlange erscholl. Elsenarm verlor nicht seine Ruhe und Umsicht. »Nach der Ruine!« Mit diesem Rufe sprang er in das Wasser, riß unter dem Pferd und dem Leibe des sterbenden Makotöh den Komantschen hervor und trug ihn auf seiner Schulter nach dem Eingang des Aztekentempels. Mit langgedehntem Geheul brausten an dreißig Apatschen hinter Wis-con-tah auf ihren Mustangs heran. Es gelang dem vor Anstrengung keuchenden Eisenarm, Wonodongah glücklich in den Tempel zu bringen, ehe die vordersten Reiter sie abzuschneiden vermochten. Kaum waren die Drei im Schutz des Gemäuers, als sich alle Apatschen um die beiden Toten versammelten. Ihr Geschrei verkündete ihre Wut und ihre Erbitterung über den Verlust ihrer beiden tapfersten Häuptlinge. Die wilde Schar war schon bei dem Schall der Schüsse herbeigekommen. So war ihnen Wis-con-tah auf seiner schmählichen Flucht schon am Eingange des Tals begegnet. Er hatte sie bei dem wilden Ansturm begleitet. Als er aber seinen Zweck, die Gegner zu überrumpeln, vereitelt sah, hielt er sich außer Schußweite. Er befahl, den Leichnam Makotöhs zurückzubringen und die Pferde zusammenzukoppeln. Dann ordnete er mit der Umsicht eines erfahrenen Kriegers den Angriff gegen die Ruinen. Nach indianischer Sitte steigerte er mit einer geschickten Rede die Rachgier und Erbitterung seiner Krieger aufs höchste. Die Apatschen rannten wie wahnsinnig umher und drohten mit den Waffen und Fäusten nach dem Versteck der Gegner. Aber der listige Häuptling der Mescaleros wußte sehr wohl, daß sich dort jetzt drei gefährliche Büchsen befanden. Wenn es auch nicht zu bezweifeln war, daß bei einem mutigen Angriff die drei Feinde unterliegen mußten, so wollte er doch so wenig Krieger wie möglich dabei verlieren, um dann einen um so größeren Sieg zu feiern. Der Fall des Grauen Bären verursachte der Roten Schlange wenig Bedauern; denn seine rohe Heftigkeit hatte zu oft seine schlausten Pläne durchkreuzt und ihn in Schatten gestellt. Jetzt war er der einflußreichste und oberste Häuptling seines ganzen Stammes. Und wenn es ihm noch gelang, drei so gefürchtete Feinde, wie Eisenarm, Wonodongah und den berühmten Anführer der Weißen zu fangen oder zu töten, gab es für ihn keinen Nebenbuhler in der Häuptlingswürde über alle Apatschen. Trotz seiner Vorsicht durfte er die Erregung und Rachgier seiner Krieger nicht verrauchen lassen. Er mußte den Angriff schnell beginnen. Kurz entschlossen suchte er die Tapfersten aus, ließ sie nur ihre Messer und Tomahawks behalten und befahl ihnen, von seitwärts her unter Benutzung jeder Deckung sich schlangengleich im Grase kriechend dem Eingang zu nähern. Die mit Flinten Bewaffneten sollten von Baum zu Baum vordringen und ein fortdauerndes Feuer auf die Öffnungen und alles, was sich zeigte, unterhalten. Er selber wollte dann das Zeichen zum Angriff geben. Zehn Flinten spien sofort ihre Kugeln gegen den Eingang des Tempels. In seiner dunklen Öffnung erblickten die Angreifenden, als sie näherkamen, einen Mann. Endlich warf eine der zahlreichen Kugeln diesen Mann zu Boden. Sogleich gab die Rote Schlange das Zeichen zum Angriff. In langen Sprüngen stürzten die Krieger mit geschwungenem Tomahawk unter wildem Geheul nach dem Tempel; sie drangen ein, ohne Widerstand zu finden, ohne einer Kugel aus dem sicheren Rohr Eisenarms und seiner Begleiter zu begegnen; vergeblich gellte der Ruf durch den öden, unheimlichen und nur spärlich beleuchteten Raum. Vergeblich schwangen die Krieger den Tomahawk und das Messer. Der Aztekentempel war leer – bis auf die schwarze, jetzt von Kugeln zerrissene Leiche des Mankee. Bei diesem Anblick erfaßte abergläubisches Grauen die roten Krieger. Sagen von den Dämonen und Geistern des Ortes kehrten zurück in ihre Erinnerung. Diese jäh aufspringende Furcht überwältigte selbst den Mut des tapfersten Kriegers; zitternd entflohen sie der schrecklichen Stätte und drängten hinaus ins Freie. Der Angriff auf die Ruinen hatte die Aufmerksamkeit des schlauen und umsichtigen Wis-con-tah so in Anspruch genommen, daß er auf nichts anderes achtete. Als er sich jetzt zufällig nach dem Eingange des Tales zurückwandte, sah er dort eine der seinen wohl zweifach überlegene Schar von Reitern heranjagen. Anfangs glaubte er, es sei der Rest seiner zur Belagerung der Insel zurückgelassenen Krieger, durch irgendein Ereignis veranlaßt, ihnen nachzufolgen. Aber bald überzeugte ihn die wohlbekannte Erscheinung Kreuzträgers, der die Schar mit seinem Zuruf anfeuerte, und der fremde Schlachtruf, daß die Nahenden feindlich gesinnt waren. Ein gellender Schrei rief seine Krieger herbei. Alle eilten nach ihren Pferden. Aber kaum der Hälfte gelang es, diese zu erreichen; dann fiel die Truppe der Komantschen über sie her. Voran sprengte ein junger Häuptling mit der vollendeten Gewandtheit eines indianischen Reiters und schwang seinen langen Rohrspeer. Eisenarm, der mit Wonodongah und dem Grafen auf dem ersten Rundbau des Stufentempels erschien, bemerkte, wie der junge Häuptling sich sorgfältig vor Kreuzträger hielt und jede Gefahr von ihm abzuwenden bemüht war. In einem kurzen Gefecht wurde der schwache Widerstand der überraschten Apatschen bald gebrochen. Keiner entging dem rächenden Beil oder der Lanze, bis auf den Häuptling. Sowohl der junge Komantschenhäuptling als auch Kreuzträger hatten sich gerade die Rote Schlange der Mescaleros zum Ziel ihres Angriffs genommen. Da sie aber wiederholt durch das Gedränge der eigenen Reiter von ihm abkamen, gelang es Wis-con-tah, ihnen mit seinem flüchtigen Renner in weitem Bogen den Vorsprung abzugewinnen. Verächtlich die Hand gegen seine Feinde schüttelnd, setzte er über den hier noch schmalen Buenaventura und jagte dem Eingange des Tales zu. In diesem Augenblick hob Eisenarm seine Büchse. Die Kugel traf das Pferd des verräterischen Mescalero mitten in den Kopf. Es tat noch einen Sprung vorwärts und stürzte zusammen. Der Häuptling hatte sich rechtzeitig aus dem Sattel geschwungen und stand am Boden, die Büchse in der Hand. So boshaft, hinterlistig und schlecht auch die Rote Schlange war – jetzt, da er fühlte, daß seine Stunde gekommen, war der Apatsche ganz der indianische Krieger voll Todesverachtung und trotziger Herausforderung. Er stieß das Kriegsgeschrei seines Stammes aus und wandte sich kühn gegen seine Feinde. Die nächsten waren der junge Komantschenhäuptling und Kreuzträger. Beide sprengten aus verschiedenen Richtungen gegen den Mescalero heran, beide von gleichem Eifer beseelt, ihn zu töten. Wis-con-tah fühlte, daß er nur einen seiner Gegner töten könne. Er schwankte einen Augenblick – dann hob er die Flinte und schlug auf Kreuzträger an, der kaum noch dreißig Schritte entfernt war. Ein schneidender, gellender Schrei in französischer Sprache zerriß die Luft: »Vater – hüte dich!« Kreuzträger bäumte sein Pferd zurück bei dem Klang dieser Stimme; es sank auf seine Hacken. In höchster Bestürzung schaute El Crucifero ringsum, gleichgültig gegen die Gefahr, die ihn bedrohte. So empfing er die Kugel des Apatschen mitten auf der Brust und sank rücklings vom Pferde. Ein Schrei des Schmerzes, des Entsetzens drang aus dem Munde des jungen Häuptlings. Im nächsten Augenblick begrub seine Hand mit so gewaltigem Schlage den Tomahawk in das Haupt des Mescalero, daß die Schneide des Stahls bis auf die Kinnbacken drang. Im Nu war der Komantsche vom Pferde und warf sich neben Kreuzträger auf die Knie; mit den zärtlichsten Worten bemühte er sich, ihn ins Leben zurückzurufen und klagte sich an, daß er schuld sei an seinem Tode. Das Gefecht war beendet. Nicht einer der Apatschen hatte Gnade erhalten. Ihre blutigen Leichen lagen auf dem Grunde umher. Die Krieger der Komantschen sammelten sich um ihren jugendlichen Führer. Auch Eisenarm und seine beiden Gefährten kamen herab von dem Stufentempel und traten zu Kreuzträger heran. Der alte Mann lag noch immer ohne Bewußtsein und schien zu Tode getroffen. Endlich begann er sich zu regen. In den Armen des jungen Kriegers schlug er die Augen auf. »Was ist geschehen?« murmelte er. »Diese Stimme – ich hörte sie deutlich, und doch – es ist unmöglich!« »Es war die Stimme deines Sohnes!« sagte der junge Häuptling mit tiefer Rührung. »Dein Ohr hat dich nicht getäuscht, Vater – es ist dein Robert, der zu dir spricht! – Krieger der Komantschen, seht hier den Vater dessen, dem ihr einst das Leben gerettet habt! In der Stunde seines Todes hat Gott, der Große Geist, Vater und Kind wieder zusammengeführt!« Die unerwartete Entdeckung war zu viel für Kreuzträger. Er sank aufs neue in Ohnmacht. Eisenarm öffnete das Jagdhemd des alten Pfadfinders, um nach seiner Verletzung zu sehen. Zu aller Erstaunen fand sich nur eine rote blutunterlaufene Quetschung mitten auf der Brust. Als Eisenarm die Kleider weiter beseitigte, fiel die abgeplattete Kugel zwischen seine Finger. Das silberne Kreuz, das Jérome Vignard so lange zum Schrecken seiner Feinde getragen, rettete ihm das Leben. An der starken Silberplatte hatte die Kugel nicht durchschlagen können. Sie wurde nur zusammengebogen. Aber der Schlag war doch so gewaltig, daß Kreuzträger zu Boden fiel. Eisenarm sah voll Teilnahme auf den jungen Krieger. »Wenn du wirklich der Sohn Kreuzträgers bist,« sagte er freundlich, »so laß deinen Vater bei seinem Erwachen das wahre Gesicht seines Kindes sehen. Gehe zum Bach und wasche die indianische Malerei ab, bevor er erwacht!« Der junge Komantschenkrieger erhob sich. Im vollen Licht des Morgens konnte man erkennen, daß die Farbe seiner Haut zwar tief gebräunt war, aber doch nicht der seiner wilden Gefährten glich. »Woykas, der Sohn des Büffels,« sagte er mit einem sonderbaren Gemisch von indianischer Prahlerei und Gefühl, »hat das Herz eines Komantschen. Seine Brüder haben ihn zu ihrem Führer gemacht. Aber das Auge seines Vaters ist noch nicht gewohnt, den Sohn in den Farben seiner neuen Brüder zu sehen!« Er ging nach dem Quellfluß des Buenaventura und entfernte die grimmige Malerei, die sein Gesicht entstellte. Kaum saß er wieder neben Kreuzträger, als der Pfadfinder erwachte. Sein erster Blick fiel auf das Gesicht seines totgeglaubten Kindes. »Robert – mein Sohn? Ist es dein Geist? Bist du es wirklich?« Wortlos und freudig umarmte Robert Vignard seinen Vater. Selbst die Komantschen, meist junge Krieger, ehrten schweigend das Wiederfinden. Robert Vignard hatte seinen Vater schon erkannt, als er gegen Morgen nach langem und mühseligem Umherirren auf dem Lagerplatz der jagenden Komantschen eintraf. Die indianische Erziehung hatte ihn abgehalten, sich sofort zu erkennen zu geben. Als er vernommen, daß es galt, die Apatschen zu überfallen, die das Verderben seiner Familie mit so teuflischer Grausamkeit herbeigeführt hatten, beschloß er um so mehr, sich erst dann zu erkennen zu geben, wenn er sich zugleich als Rächer der Seinen zeigen konnte. Mit kurzen Worten berichtete jetzt Robert Vignard sein Schicksal. Der schändliche Verrat Xaverio Lopez und der Apatschenhäuptlinge hatte sich in der Nähe des Aquaverde, also viel weiter südöstlich, abgespielt. Der Büffel, der den amerikanischen Kapitän Masterton davontrug, verendete an den Ufern des Sees unter dem Messer des Offiziers. Das andere Tier nahm seine Richtung nach Osten, zurück nach den Ufern des Rio del Norte. Mehrere Stunden hatte der Knabe Robert trotz seiner Erschöpfung die furchtbare Qual ausgehalten; dann waren ihm die Sinne geschwunden. Wie lange und wie weit das rasende Tier mit ihm gerannt, erfuhr er niemals. Als er endlich wieder zur Besinnung kam, befand er sich viele Tagereisen entfernt von den Ufern des Sees und – wie er annehmen mußte – von der Todesstätte seiner Eltern und Freunde entfernt, in einem Dorfe der Komantschen jenseits des großen Flusses. Viele, viele Tage waren vergangen, seit umherstreifende Komantschenjäger den Büffel verendet gefunden hatten – und auf ihm den besinnungslosen Knaben. Als sie an ihm noch unzweifelhafte Spuren des Lebens entdeckten, boten sie jede Mühe auf, den verglimmenden Funken wieder anzufachen. Sie erblickten in dem auf so unerklärliche Weise zu ihnen Gekommenen ein Geschenk des Himmels. Denn ihr Medizinmann und Wahrsager hatte dem Stamme einen besonderen Segen des großen Manitous auf diesem Jagdzuge verheißen. Dieser Glaube war dem Knaben von großem Nutzen geworden. Die Jäger, die ihn gefunden, pflegten den Bewußtlosen und dann Sinnverwirrten mit aller Rücksicht, die solche ihres Verstandes Beraubten stets unter den Indianern genießen. Sie brachten ihn nach ihrem Dorf. Hier lag Robert lange in völliger Umnachtung, aus der endlich seine kräftige Natur ihn wieder zur geistigen und körperlichen Gesundheit zurückführte. Doch war – wie in Fällen geistiger Krankheiten nicht selten beobachtet wird – anfangs die Erinnerung an die früheren Verhältnisse und Ereignisse gänzlich ausgelöscht. Jahre gingen darüber hin, ehe nach und nach wieder sein vergangenes Leben in seiner Seele auftauchte und durch die Erzählung seiner Retter zum klaren Bewußtsein wurde. Unterdes war er in den Komantschenstamm nach indianischem Brauch aufgenommen worden. Er hatte mit den Jünglingen die Erziehung eines Jägers und Kriegers erhalten, die ganz seiner ursprünglichen Natur und seinen Neigungen entsprach. Der Stamm der Materos gehörte zu den wandernden Komantschen und hatte bald nach Roberts Genesung seinen Wohnsitz in die weiten Prärien auf der Texas-Seite des Rio del Norte verlegt. Robert Vignard, der anfangs selbst seinen Namen vergessen, wurde mit großer Vorliebe, ja mit Verehrung von den Materos behandelt. Sie schrieben das Gelingen mehrerer kriegerischer Unternehmungen und die glücklichen Ergebnisse ihrer Jagdzüge der Anwesenheit des vom Großen Geiste ihnen geschenkten Sohnes zu. Im Tauschhandel mit den Weißen waren ihnen Roberts Sprachkenntnisse von Nutzen; auch sonst gewährten ihnen manche seiner in der Zivilisation erlernten Fertigkeiten und Kenntnisse bedeutende Vorteile. So kam es, daß er schon nach seinem ersten Kriegszug, in dem der erste Häuptling des Stammes fiel, trotz seiner Jugend zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Erst seit etwa einem Jahre war der Stamm der Materos wieder nach seinen alten Wohnstätten diesseits des Rio del Norte zurückgekehrt. Robert – oder Woykas, der Sohn des Büffels, der sich sonst ganz in indianische Sitten eingelebt, nahm jetzt Gelegenheit, einen längeren Jagdzug bis an die Ufer des Lago de Aquaverde zu machen, um die Todesstätte seiner Eltern, die »Quelle der Engel«, zu besuchen. Er hatte nie einen Zweifel gehegt, daß alle Mitglieder seiner Familie ein Opfer der teuflischen Bosheit des Mescalero und seiner Genossen geworden waren. In diesem Glauben bestärkten ihn die Grabhügel vollends, die der amerikanische Kapitän und die weißen Jäger über den Resten der Verschmachteten aufgeworfen hatten, als sie Kreuzträger und die junge Frau aus ihrer fürchterlichen Lage erlösten. Zur Fehde wie zur Jagd, auf einem so weiten Zuge durch das Gebiet feindlicher Stämme, gleich gut gerüstet, war den jungen Kriegern nichts willkommener gewesen, als die Botschaft Kreuzträgers. Nach kurzer Beratung brachen sie ihr Lager ab und machten sich auf den Weg, um die Apatschen in dem Tal der Quellen zu überraschen. Jetzt, nach errungenem Siege, waren alle einverstanden, diesen Sieg weiter zu verfolgen, um die zur Blockierung der Insel Zurückgebliebenen zu überfallen und zu vernichten. Kreuzträger, Eisenarm und der Graf hielten, nachdem sie mit dem jungen Häuptling und den angesehensten Kriegern der Komantschen die Friedenspfeife geraucht hatten, eine längere Beratung. Kreuzträger und der Graf hatten ihr Wort verpfändet, bis zum zweiten Morgen zu den Belagerten auf der Insel zurückzukehren oder ihnen Beistand zu bringen. Auf die Bitte des Grafen übernahm es Kreuzträger, diese Verpflichtung zu erfüllen. Er selber wollte mit Eisenarm und Wonodongah in dem Tal zurückbleiben und erst am nächsten Tage nachfolgen. Die erbeuteten Pferde der erschlagenen Apatschen sollten dazu dienen, dem Grafen und seinen Leuten die auf dem Rückzug nach der Insel verlorenen Tiere zu ersetzen. Diese Anordnungen hatte Graf Boulbon wegen der Bewahrung des Geheimnisses für nötig gehalten und durchgesetzt. Die Komantschen beschäftigten sich nun, die Leichen der Getöteten, auch die des Yankees, in einem großen Grabe zu bestatten. Wonodongah trug auf seinen Schultern das Bärenfell Makotöhs; und Woykas, der junge Häuptling der Materos hatte sich mit dem Totem des erschlagenen Mescalero geschmückt. Seinen Skalp zu nehmen, verschmähte er. So war der Mittag herangekommen, den man zum Aufbruch nach der Insel bestimmt hatte. Der Marsch sollte mit aller Vorsicht auf beiden Ufern des Buenaventura erfolgen. Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Der kriegerische Trupp setzte sich in Bewegung. Graf Boulbon, der einen der erbeuteten Mustangs bestiegen hatte, ritt noch eine Strecke neben Kreuzträger her und gab ihm noch verschiedene Aufträge. Das sonst so ritterliche, freie und offene Wesen Graf Raousset-Boulbons begann sich merkwürdig zu verändern. Er vermied es, sich darüber auszusprechen, warum er mit Eisenarm und Wonodongah hier zurückbliebe. Er betonte sorgfältig den Befehl an seine Leute, auch nachdem die Apatschen besiegt und verjagt wären, die Ufer des Buenaventura an der Insel nicht zu verlassen. Auf alle Fälle sollten sie seine Rückkehr erwarten. Endlich, an einer Biegung des Flusses verteilte sich der Zug der Komantschenkrieger auf die beiden Ufer. Der Graf hielt sein Pferd an. »Leben Sie wohl, Monsieur Kreuzträger!« sagte er hastig. »Wenn wir uns wiedersehen, hoffe ich, Ihnen zu beweisen, daß Sie sich keinem Undankbaren verpflichtet haben. Gott hat es mit Ihnen gut gemacht – sein Wille entscheide auch über meine Zukunft!« Er drückte ihm die Hand, wendete sein Pferd und sprengte davon. Der Gedanke an das, was ihn erwartete, hatte so ganz seine Seele eingenommen, daß er selbst den Gruß an seine kranke Gattin, an Bonifaz, den treuen Freund seiner Jugend und an die wilden, unbändigen, aber tapferen Gefährten vergaß, die den abenteuerlichen Zug mit ihm unternommen. Den Zug nach dem geheimnisvollen Goldschatz der Azteken, der schon soviel Blut und Leiden gekostet hatte. Das Goldtal Graf Boulbon sprengte zu der Stelle zurück, wo Eisenarm und Wonodongah saßen. Der junge Häuptling der Toyahs, dessen Name und dessen Totem die Hilfe der Materos herbeigerufen hatten, war, sobald der Kampf vorüber war, wieder teilnahmslos in sich versunken. Auch jetzt beachtete er kaum seinen alten weißen Freund. Vergeblich suchte ihn Eisenarm durch die Besprechung des Zweikampfes anzureizen und ihn auf seinen Sieg stolz zu machen; er setzte ihm weitläufig auseinander, daß es nicht erst der Kugel des Grafen bedurft hätte, den Grauen Bären zu fällen. Eisenarm glaubte, sein junger Freund hege noch immer einen gewissen Widerwillen gegen den tapferen Franzosen. Aus diesem Grunde erörterte er jetzt auch noch einmal die Ansprüche des Grafen auf das Geheimnis und den Besitz der Schätze des Goldtals. Wonodongah unterbrach ihn unwillig. »Mein weißer Bruder verschwendet den Hauch seines Mundes«, sagte er. »Die Offene Hand möge alles Gold der Berge nehmen – Wonodongah bedarf seiner nicht.« »Aber er muß den Eid leisten, den wir drei einander geschworen haben, als uns der Finger Gottes das Geheimnis entdecken ließ!« Wonodongah lächelte finster. »Die weißen Männer lieben das Gold – sie können nie genug haben. Die Offene Hand wird keinem anderen menschlichen Ohr das Geheimnis des Goldtals offenbaren.« Graf Boulbon zügelte dicht vor den beiden sein Pferd und sprang zur Erde. Seine Stirn glühte; seine Augen begannen zu funkeln. »Nun, amigos ? Können wir aufbrechen? Ich fürchte, es wird sonst spät.« »Zuvor, Señor Conde,« sagte Eisenarm ernst, »haben wir Ihnen noch etwas zu sagen.« »Oh, Eisenarm, Sie und Wonodongah sollen gewiß mit mir zufrieden sein. Es ist natürlich von den Kleinigkeiten nicht die Rede, die Sie sich ausbedungen ...« »Sie mißverstehen uns, Señor«, sagte noch ernster der Trapper. »Das Gold gehört uns nicht mehr. Aber als wir drei zurückkehrten von dieser Offenbarung Gottes oder – des Teufels in der Wüste, die leicht auch die Augen der Besten verblendet, haben wir uns zu einem Eide verbunden. Jeder von uns darf unter gleicher Bedingung nur seinem Erben das Geheimnis des Weges und die Mittel der Auffindung mitteilen, bis daß mit Übereinstimmung aller drei der Schatz einem Mächtigen der Erde angeboten werden könnte!« »Wie dem Kaiser Napoleon!« warf der Graf Raousset-Boulbon mit einer gewissen Bitterkeit ein. »Wir beschlossen das,« fuhr Eisenarm ruhig fort, »weil wir wußten, daß das Gold dem einzelnen nur zum Verderben gereicht. Nur dann kann es die wahre Bestimmung, die ihm Gott gegeben, erreichen, wenn es einem ganzen großen Volke zugute kommt und in tausend Quellen des Lebens verrinnt. – Wir kannten nun in unserem einsamen und abgeschlossenen Leben keinen Mächtigeren und Größeren, als Uncle Sam und den Kaiser Napoleon jenseits des großen Wassers. So entschlossen wir uns, unsern Freund José zu Napoleon zu senden und unser Geheimnis ihm anzubieten, da Uncle Sam schlecht, habgierig und verräterisch ist. Gott hat es nicht gewollt, daß unsere Absicht erfüllt werde; denn unser Bruder José ist auf seinem Wege verunglückt; und der Mann, der sich unseres Geheimnisses bemächtigen wollte und nun mit den verräterischen Apatschen in einem Grabe liegt, hat uns gesagt, daß der Kaiser Napoleon längst gestorben ist.« »Das ist wahr!« »Nun waren wir bereit, dem Erben Ojo d'Oros, unseres Freundes und Bruders, seinen und unseren Anteil an der großen Bonanza Bonanza: ein Goldlager zu offener Erde; Placer: der Ort, wo es in der Erde gefunden wird. Gewöhnlich wird der letztere Ausdruck für alle Goldlager gebraucht. zu überlassen; Gott der Herr hat an diesem Orte sich gewaltig offenbart. Was ein Mensch brauchen kann, und sei es auch noch soviel – den Reichtum der Goldhöhle vermag es kaum zu schmälern. Wir beide wissen, daß Sie, Señor, ein Mann von hohen Eigenschaften und gewaltiger Kraft – der wahre Erbe Josés sind.« »Da Sie es wissen,« sagte der Graf mit einem ungeduldigen Blick nach dem Stande der Sonne, »so lassen Sie uns auch nicht länger zögern.« »Hören Sie mich erst zu Ende, Señor! Auch Sie wird, fürchte ich, das Goldfieber ergreifen, dem nur wenige entgehen, die eine weiße Mutter geboren hat. Sie sind der unbezweifelte Erbe Josés. Aber Señor, wir haben schon in San Franzisko und auch später durch den Mund unverdächtiger Zeugen, wie Kreuzträger, vernommen, daß Sie beabsichtigen, einen Schwarm jener hungrigen Diebe und Abenteurer, die aus Golddurst die Einöden der Rocky Mountains durchstreifen, den Schatz der Azteken preiszugeben! Wir fürchten, daß dadurch unser Gelübde, das José und ich bei der heiligen Jungfrau von Puebla und Wonodongah auf sein Totem getan, gebrochen wird; denn es würde viel neues Elend, viel Haß, Mord und Hader in diesem Lande verbreitet werden.« »Niemals! – Keiner von ihnen soll das Geheimnis erfahren!« blitzten Graf Boulbons Augen. »Sie sollen abgefunden werden, reichlich, mehr als sie verdienen. Aber nicht einer soll auch nur in die Nähe dieses Ortes kommen!« »Das ist Ihre Sache, Señor Conde! – So leisten Sie denn den Eid, den wir selber geschworen.« Der Graf zog den Hirschfänger, den er als Waffe trug, stieß die Klinge in den Rasen und leistete den Eid, den ihm der Trapper vorsagte, auf das Kreuz des Griffes. Wieder blickte er ungeduldig auf die Felsenwand und den Stand der Sonne. »Wonodongah!« fragte Eisenarm. »Hast du die Fackeln aus den Ästen der roten Zeder bereit?« Der Komantsche wies auf fünf oder sechs Hölzer, die er zusammengelegt hatte. »Nimm zwei der Reatas von den Pferden mit«, fuhr Eisenarm fort; »denn wir sind lange nicht hier gewesen; es könnte nötig werden, an einer oder der anderen der gefährlichsten Stellen besondere Vorsicht zu üben. Der Señor Conde ist schwerlich an einen Weg gewöhnt, wie wir ihn zu machen haben. Sagen Sie, Señor Conde, vermögen Sie fest und ohne daß Ihr Blut stockt und Ihnen einen Schatten vor die Augen treibt, viele hundert Fuß gerade unter sich den Abgrund zu sehen?« »Verlassen Sie sich darauf; ich werde können, was Sie gekonnt haben!« »Ich will es hoffen. Laßt uns denn aufbrechen!« Eisenarm und Wonodongah banden ihre Decken zusammen und befestigten sie auf dem Rücken, um in ihren Bewegungen nicht gehemmt zu sein. In ähnlicher Weise befestigten sie das Holz, das ihnen als Fackel dienen sollte. Dann legten sie ihre Waffen ab und verbargen sie in den Ruinen; Wonodongah aber steckte das Bowiemesser in seinen Gürtel, mit dem der Yankee den Grafen bedroht hatte. Auch dem Grafen empfahl Eisenarm, sich von allem zu befreien, was ihm bei dem Klettern hinderlich sein konnte. Boulbon fügte sich, das Praktische des Rates einsehend, wenn auch ungern, und legte Büchse und Hirschfänger ab. Dann betraten die drei das Innere des Aztekentempels. Der viereckige Raum war leer. Aus den Fugen der riesigen Quadern tropfte Wasser. Kein weiterer Ausgang war zu bemerken, bis Eisenarm in dem entferntesten und dunkelsten Winkel verschwand. Der Graf und Wonodongah folgten ihm auf dem Wege, den sie schon vorhin bei dem Eindringen der Apatschen benutzt hatten. Er bestand in einer engen, im Dunkel fast unbemerkbaren, aufwärtsführenden Treppe von Steinblöcken. Ein einziger Mann hätte hier mit leichter Mühe die ganze verräterische Truppe aufhalten können, wenn ihre abergläubische Furcht sie nicht von selber verjagt hätte. Auf der Stufe der Pyramide erhob sich ein ähnliches Stockwerk wie das eben erstiegene, nur von geringerem Umfang, ohne einen Eingang zu zeigen. »Bis hierher, Señor Conde,« sagte Eisenarm, »kennen Sie den Weg. Wir sannen damals, als die Fügung uns an diesen Ort geführt und der Spürsinn Josés durch ein kleines Stück Gold zwischen den Steinstufen der Treppe rege geworden, wie wir weiterkämen. Erst seine Barreta , die wir oben finden werden und die er in die Fugen jenes Steines steckte, half uns weiter.« Er stemmte sich, als er dies sagte, mit aller Kraft gegen eine der Quadern. Sie bewegte sich auf einem steinernen Zapfen und ließ den Eingang in einen Raum frei, der ähnlich wie der andere beschaffen war. Auch hier führte in dem Winkel eine rohe Treppe zu der zweiten Stufe, auf der sich die letzte Pyramide, dicht an die Felsenwand lehnend, erhob. In die äußere Wand dieser Pyramide waren Stufen eingehauen. Die drei Männer stiegen empor, bis sie auf der engen kaum für sie Raum bietenden oberen Fläche standen. Der Graf sah sich vergeblich nach einem weitern Wege um; dicht vor ihnen stieg die anscheinend senkrechte, fast überhängende Felswand zu schwindelnder Höhe auf. In zahllosen Gerinnen sickerte an ihr zwischen den Moosen und Rankengewächsen das Wasser der Quellen herab. »Nun, Señor,« lächelte Eisenarm, »vermögen Sie wohl Ihren Weg da hinauf zu finden?« »Den Henker auch! Man müßte denn Flügel haben! – Ich sehe wirklich nicht, wie wir hier weiter kommen sollen?« »So dachten wir anfangs auch; wir hatten keine Ahnung, daß es überhaupt einen Weg geben könnte, als die Neugier uns herauf geführt hatte. Dann aber fand José mit seinem Spürsinn den Anfang des Pfades. Er verfolgte ihn so sicher, wie ein Lastkarren die große Straße von Chihuahua. Blicken Sie her, Señor.« Der Trapper schob eine dicke Ranke zur Seite; es zeigte sich eine in den Felsen eingehauene Stufe, der in der Entfernung von etwa zwei Fuß, etwas höher zur Seite, eine zweite, dritte folgte. Kurze Stangen von einer Mischung des Kupfers aus den Gebirgen von Zacotollan und des Zinns aus den Gruben von Tasco, deren sich die alten Mexikaner statt des Eisens bedienten, waren als Handhaben in das Gestein eingelassen. Trotzdem sie von Rost und Moos überzogen, waren sie meist noch brauchbar und von auffallender Festigkeit. »Das ist ein halsbrecherischer Weg«, sagte schaudernd der Graf. »Kaum ein Seiltänzer kann ihn betreten.« »Señor Conde, er ist der einzige, der zu dem Goldtale führt. Tausende haben ihn vor uns zurückgelegt, wenn die Sage nicht trügt – wenn auch nicht gerade zu ihrem Glück.« »Vorwärts denn!« »Geh' voran, Wonodongah. Zeige uns den Weg. Lehnen Sie sich nur dicht an die Felswand, Señor Conde, Sie werden finden, daß die Gefahr nicht so groß ist. Nur vermeiden Sie, unter sich zu blicken.« Die größte Schwierigkeit bestand in der Ersteigung der ersten fünfzig Fuß. Je höher sie kamen, desto mehr löste sich die Täuschung, die von unten her die Felswand als senkrecht und unersteigbar erscheinen ließ. Die Steinmassen traten, in noch immer schroffer Abdachung, zurück; aber sie waren für einen entschlossenen und gewandten Mann mit Hilfe der eingehauenen Stufen und der metallenen Handgriffe doch zu erklimmen. Der Graf, der oft genug in den Pyrenäen den Bären, in den savoyischen Alpen das Bergschaf verfolgt hatte, vermochte nach einiger Übung ganze Strecken weit zu steigen, ohne die Handhaben zu benutzen. Die größte Gefahr bestand an den Stellen der Gerinne, die den seltsamen Pfad schlüpfrig machten. Hier war die größte Vorsicht und ein festes Anklammern an Stäbe und kupferne Ringe nötig, die vor vielen Jahrhunderten in die Steine eingelassen waren. Zweimal war der Graf trotz aller Kraft und Vorsicht in Gefahr zu straucheln. Nur der feste Griff in einen der Ringe, das anderemal die unterstützende Hand des Trappers retteten ihn vor dem Sturz in die Tiefe. So waren sie etwa zwei Stunden gestiegen, als nach der Meinung des Grafen ihnen ein unübersteigbares Hindernis entgegentrat – ein aus der Bergwand hervortretender, mächtiger Felsblock. In die Luft hinausragend, versperrte er ihnen den Weg. Wegen der Glätte der Wände war er auch auf der Bergseite nicht zu umgehen. »Es muß hier früher eine besondere Vorrichtung bestanden haben, um auf den Block zu kommen«, bemerkte der Trapper, als sie sich einige Minuten ausruhten. »Aber wahrscheinlich sind die dazu benutzten Seile oder Hölzer längst verfault. Wir müssen uns eben helfen wie damals, als wir mit José zum erstenmal hier waren. – Aber was ist das für ein Gekreisch über unseren Köpfen, Wonodongah?« Alle drei horchten aufmerksam; es klang wiederholt wie das heisere Schreien von Vögeln. » Caramba !« meinte der Trapper. »Wir werden besser sehen, was es bedeutet, wenn wir erst oben sind. Steige auf meine Schultern, Wonodongah, und wirf den Strick um die Steinspitze.« Der Komantsche schwang sich mit der Leichtigkeit eines an körperliche Übungen gewöhnten Mannes auf die Schultern Eisenarms und warf die Schlinge der zusammengeknüpften Reatas über die vorspringende Spitze. Nachdem er die Haltbarkeit geprüft, schwang er sich mit leichter Anstrengung auf die Felsplatte. Sein »Uff!« verkündete, daß ein besonderer Gegenstand seine Aufmerksamkeit fesselte. »Nun, Señor Conde,« sagte der Trapper, »folgen Sie Wonodongah; der Strick hält fest.« Der Graf schwang sich, wie zuvor der Komantsche, auf die Schulter des Riesen und von dort auf die Höhe des Felsens. Es war ihm auffallend, daß Wonodongah dabei vermied, ihm zum Beistand die Hand zu reichen. Aber der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn den Umstand vergessen. Die Höhe war ziemlich eben und maß etwa acht Schritt im Geviert. In einer muldenartigen Vertiefung dicht am Abhang befand sich ein seltsamer, aus Zweigen, Ästen und Laub wohl vier Fuß hoch zusammengetragener Bau – ein riesiges Vogelnest. Knochen von Gazellen, jungen Rehen und anderen Tieren lagen auf der ganzen Steinfläche verstreut; und als der Graf neugierig an das Nest trat, aus dem widriges Geschrei erklang, glotzten ihn die großen Augen von drei halbnackten, nur mit braunen und grauen Federn bedeckten jungen Vögeln an. Der Kopf schien der größte Teil an den hageren Leibern, die in einer dichten Lage von Schmutz und Federn ruhten. Ein fauliger Gestank drang ihm aus den bissig schnappenden großen Schnäbeln entgegen. » Caramba! « rief erschrocken Eisenarm, der sich gleichfalls auf den Block geschwungen hatte. »Das ist eine schöne Geschichte! – Es ist das Nest eines Kondors, Jaguar. Er hat sich hier niedergelassen, seit wir die Wand nicht bestiegen haben; und das ist jetzt beinahe zwei Jahre. Ich wette, daß wenigstens die eine der Bestien nicht weit entfernt ist.« Wonodongah untersuchte das Nest. »Mein weißer Bruder kann hier die frischen Reste einer weißen Ziege sehen. Der Kondor hat sie gestern mittag in sein Nest getragen.« »Richtig! – Wir sahen ihn kreisen über dem Tal der Quellen. Aber ich hatte keine Ahnung, daß er auf dieser Felswand und gerade mitten auf unserem Wege sein Nest hat.« »Lassen Sie uns die Jungen töten und unseren Weg fortsetzen«, drängte der Graf. »Das ist nicht so leicht! – Töten müssen wir sie freilich; aber nicht ohne die Mutter. Sie kennen die Gewohnheiten dieser Tiere nicht, Señor Conde. Das Weibchen hält sich gewöhnlich in der Nähe, während der Kondor oft zwei, drei Tage weite Ausflüge unternimmt. Ich wette hundert gegen eins, daß uns das Weibchen schon im Auge hat, das auf fabelhafte Entfernung reicht. Sobald wir wieder auf dem Wege sind, würde es uns anfallen. Und wenn auch der Weg von hier aus weit besser ist als der frühere, würde es dem Kondorweibchen ein Leichtes sein, uns mit seinen gewaltigen Flügeln von der Bergwand herunterzufegen, wie einen Haufen Spreu. Wir haben keine Büchsen bei uns, um uns zu verteidigen. – Was also geschehen soll, muß hier geschehen, wo wir wenigstens Raum haben, uns zu wehren.« Nach kurzer Beratung befestigten Eisenarm und Wonodongah ihre Messer mit den Leinen an den längsten Zedernästen, die sie als Fackeln mitgenommen hatten. Einen Ast erhielt der Graf mit der Anweisung, sich an die Felswand zu stellen, diesen Rückhalt in keinem Fall zu verlassen und von hier aus sich etwaiger Angriffe des Vogels zu erwehren. Die zweite gleiche Waffe behielt Eisenarm. Wonodongah legte einen dritten Ast für sich bereit. Dann schlug der Trapper Feuer, zündete trockenes Moos an und warf den Zunder in das Nest. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Die Masse der Flaume und Federn fing blitzschnell Feuer; die dürren Reiser loderten auf. In wenigen Minuten stand das ganze Nest in vollen Flammen. Eine dicke Rauchsäule wirbelte hoch empor. Sobald das Nest brannte, schob Wonodongah die Spitze seines Stockes in die Glut. Das Gekreisch der jungen Vögel, die sich zuerst von der Hitze, dann von den Flammen angegriffen fühlten, schrillte laut und verstummte erst nach und nach. Da deutete Eisenarm auf einen im Blau des Himmels schwebenden schwarzen Punkt, der mit unglaublicher Schnelle näher kam und sich vergrößerte. »Das Kondorweibchen, Señor Conde«, sagte er hastig. »Jetzt kaltes Blut!« Der dunkle Punkt wuchs und wuchs in der Luft. Dann hörte der Graf ein gewaltiges Rauschen, das näher und näher kam, wie das Brausen des Sturmwindes. Der Kondor stürzte sich auf das brennende Nest. Der Anblick war furchtbar und erschütterte selbst einen so unerschrockenen Mann, wie den Grafen. Der Raubvogel maß mit seinen ausgebreiteten Flügeln von einer Spitze zur andern gewiß zehn volle Fuß. Seine Krallen waren so stark, daß ihr Griff einen Büffel hätte zu Boden werfen können. Seine großen runden Augen leuchteten. Mit so gewaltigem Flügelschlag, daß die beiden Männer an der Felswand dem Luftdruck kaum widerstehen konnten, umkreiste er das brennende Nest, schlug mit den Krallen hinein, um das Feuer zu löschen und stieß dabei so wilde schrille Töne aus, daß den Hörern das Herz erbebte. Wonodongah hatte sich glatt auf den Boden geworfen und hielt das Ende seiner Fackel noch immer in die Glut. Endlich sank diese nach der Verzehrung des leichten Brennstoffes in sich zusammen. Der Rauch wurde lichter. Der gewaltige Vogel, der seine Brut tot und verloren sah, bekam die beiden Männer zu Gesicht. Das Gekreisch des Schmerzes und der Angst verwandelte sich in Wut. Er schoß mit einem neuen Schwunge der Flügel auf sie zu. Aber seine Bewegungen waren keineswegs mehr sicher und leicht. Die Schläge in das Feuer hatten ihm die gewaltigen Schwungfedern verbrannt. Er vermochte kaum noch sich in der Luft zu halten. »Zu Boden, Señor, zu Boden!« schrie Eisenarm. Er warf sich zur Seite und stieß mit der messerbewehrten Stange nach dem Kondor. Der Graf hatte kaum noch Zeit, sich platt auf die Steine fallen zu lassen, als der Vogel an ihm vorüberschoß; der furchtbare Schlag des Flügels hätte ihn sonst in den Abgrund geschleudert. Diesen Augenblick benutzte Wonodongah. Aufspringend stieß er die brennende Fackel in den Schweif des Kondors, dessen Federn sofort versengt emporflammten. Als der Kondor an der Bergwand hinaufschweben wollte, vermochte er seinen mächtigen Körper nicht mehr zu halten. Er taumelte nieder auf den Felsen. Mit weit ausgebreiteten Flügeln lag der Raubvogel vor seinen Gegnern. Er starrte sie mit den großen Augen an und hieb mit dem mächtigen Schnabel um sich, ehe er sie angriff. Diese kurze Frist benutzten Wonodongah und Eisenarm, um die glimmenden Reste des Nestes auf ihn zu schleudern. Dann zuckte der Kondor zum jähen, wütenden Kampf auf. Die Felsenhöhe war so eng, daß die drei Männer trotz aller Gewandtheit kaum dem gewaltigen Feind entgehen konnten. Wonodongah griff ihn mit seinem Feuerbrand von vorn an, weil der Kondor sich in dieser Richtung nur mit Schnabel und Klauenhieben wehren konnte. Eisenarm und der Graf versuchten, mit ihren langen Stöcken die Sehnen der Flügel zu durchhauen. Endlich gelang es dem Trapper mit einem kräftigen Hieb, bei dem er einen Schlag bekam, der ihn zu Boden warf, dem Kondor den rechten Flügel zu lähmen. Der Raubvogel konnte sich nun nicht mehr nach allen Seiten wehren. Von den Fackelschlägen Wonodongahs erblindet, versuchte er noch immer wütende Stöße auszuteilen. Aber die mit größerer Sicherheit in Hals und Leib treffenden Messerstiche ließen allmählich seine Kraft erlahmen. Nach einer Viertelstunde lag das Kondorweibchen tot neben dem verbrannten Nest. » Santa virgen purissima !« stöhnte Eisenarm und trocknete den Schweiß von der Stirn. Seit langer Zeit hat mich nichts so außer Atem gebracht! Die Bestie hat ein zähes Leben! Lassen Sie uns etwas ruhen, ehe wir den Weg fortsetzen, Señor Conde; denn die ungewohnte Arbeit wird Sie ermüdet haben!« Wonodongah wies auf die Sonne. »Unser Weg ist weit. Das Gestirn des Tages wird in zwei Stunden sein Antlitz hinter den Bergen verstecken.« »Ich denke auch, es ist das beste, wir brechen gleich auf«, drängte der Graf. »Wenn ihr's so eilig habt – meinetwegen denn! Ich hoffe nur, das Kondormännchen jagt noch fünfzig Meilen entfernt und wird uns nicht belästigen. Hier, Wonodongah, nimm dein Messer zurück. Ich werde die Fackeln tragen. Vorwärts!« Von nun an war der Pfad weit weniger beschwerlich; er glich einem wenn auch engen und steilen, doch ohne andere Hilfe zu erklimmenden Fußsteig. Der Graf bemerkte, daß das Gestein der Felswand jetzt einen ganz porösen Charakter annahm, der das Durchsickern des in höheren Bereichen gesammelten Wassers erklärte. Nach anderthalb Stunden Steigerung machte Wonodongah Halt. »Der Geist des Goldes ist uns nahe«, sagte er feierlich. »Es ist Zeit, daß meine weißen Brüder sich stark machen gegen den Bösen, der die Kinder Manitous blendet und ihre Seele in die Irre führt, ehe wir sein Gebiet betreten.« Der Trapper zuckte die Achseln. Ungeduldig über die neue Verzögerung verharrte Graf Boulbon. Wonodongah schlug sein Hemd zurück, so daß er bis an die Hüften ganz unbekleidet dastand. Dann bewegte er die Arme nach allen vier Himmelsgegenden und hob sie zuletzt zur Sonne. Tief sog er die Luft in seine Lungen und stieß sie fast ächzend wieder aus. So stand er starr – unbewegt – Graf Boulbon faßte den Arm des Trappers. Sein Gesicht glühte fieberhaft. Seine Hände zitterten. »So ist es denn wahr?« stammelte er. »Wir sind an der Goldhöhle? Dem Goldtal?« »Fassen Sie sich, Señor«, flüsterte Eisenarm ernst. »Lassen Sie Wonodongah nicht sehen, daß ein tapferer, weißer Mann seine Kraft und seine Ruhe verliert bei dem Anblick des gelben Metalls. In fünf Minuten werden Sie sehen, daß José, unser verstorbener Freund, Sie nicht getäuscht hat.« Wonodongah ließ seine Arme sinken. Finster sah er auf den Grafen. Boulbons Blick glühte im Goldfieber... »Es ist Zeit«, sagte der Indianer. »Vorwärts, vorwärts!« drängte der Graf. »In den Augen des weißen Mannes wohnt das Feuer des bösen Geistes. Er möge sich hüten!« Unter feierlichem Schweigen schritt der Häuptling der Toyahs voran. Sie stiegen noch zwanzig Schritt in die Höhe. Dann wandten sie sich um einen Bruch der Felswand und hielten jäh vor einem Absturz. »Sieh her, weißer Mann«, sagte der Komantsche, den Arm ausstreckend. »Sieh den Gott deiner Brüder – und nimm ihn!« Graf Raousset-Boulbon schaute sprachlos in den tiefen Grund, der sich zu seinen Füßen breitete; seine Augen mit den starren Blicken schienen aus den Höhlen zu quellen; die Adern seiner Schläfe begannen aufzuschwellen. Dann plötzlich sank er auf beide Knie; er breitete die Arme aus. Ein einziges Wort stammelten seine Lippen: »Gold!« Die letzten Strahlen der Sonne glühten auf dem Tal und hüllten es in dämonischen Glanz. Schroffe Seitenwände aus porösen Gestein begrenzten es. Den Hintergrund dieses Kessels schloß eine Felsenmauer aus festerem Gestein von noch größerer Höhe und Schroffheit. Sie schien zu einem mächtigen Bergzug zu gehören. Am Fuß dieser Wand öffnete sich ein großer höhlenartiger Spalt. Aus vielen anderen kleineren Spalten und Löchern in der Breite der Bergwand drang schmutziges Wasser, spülte sich in vielen Gerinnen und Tümpeln durch das Tal bis zu der steinernen Wand, auf der Graf Boulbon mit seinen Begleitern stand, sammelte sich hier und blieb ohne sichtbaren Abfluß. Aber es sickerte durch den porösen Fels weiter, um auf der anderen Seite in klaren Strähnen niederzurinnen: Am Fuße der Felswand entsprangen die Quellen des Buenaventura. Zahllose ältere Rinnen und Mulden bedeckten den Boden des seltsamen Tals, ausgetrocknet und gefüllt von glänzendem Sand und Gestein. Dieser Sand, dieses Gestein war – Gold! Die scheidende Sonne weckte in dem ganzen Tal Millionen Blitze gelben Feuers. Überall brach sich das Licht an den scharfen Ecken, an Boden und Gestein. Ein altes, leeres Flußbett des Buenaventura kreuzte das Tal – die Ablagerung des goldhaltigen Wassers seit Jahrtausenden, wahrscheinlich schon seit der letzten großen Erderschütterung, war so gewaltig, daß die einzelnen Körner zu Klumpen herangewachsen waren und offenbar das Wasser aus seinen Gerinnen verdrängt hatten. So waren die alten Tümpel und Rinnen jetzt statt mit Wasser, mit gediegenen Goldstufen gefüllt. Auch das Wasserbecken, in dem sich zu den Füßen der Schauenden die trübe Flut sammelte, ehe sie durch das gleich einem feinen Sieb die schwere Metallmasse zurückhaltende Gestein drang, war schon mit einem Wall ringsum krustiert. Aus diesen ungeheuren Massen des Goldes lockten die Sonnenstrahlen einen Glanz, den das Auge kaum ertrug. Jetzt schien sich die leuchtende Sonnenglut in das Innere der ungeheuren, mit ewigem Schnee und Eis auf ihrem Gipfel bedeckten Bergmasse zu bohren. In jener Höhle, die der Graf vorhin bemerkt hatte, rief sie eine neue Sonne hervor ans Licht. Diese ganze Höhle, das frühere Strombett des Buenaventura, war von oben bis unten mit Gold überzogen. Wie in den Stalaktitenhöhlen ragten von der Decke, aus den Seiten, aus dem Boden Spitzen und Auswüchse von den seltsamsten, wunderlichsten Formen; Säulen und Klumpen; Blöcke und Rauten. Aber alle diese Gestalten, diese Spitzen und Säulen, diese Klumpen und Rauten waren Gold, gediegenes Gold ... Der Flammenschein der versinkenden Sonne und des lodernden Goldes war für Menschenaugen unerträglich. Graf Raousset-Boulbon schloß seine Lider. Als die Schatten jetzt langsam heraufwuchsen und den wunderbaren Glanz einhüllten in Nacht, wollte er den Abhang hinabeilen, als fürchte er, das Zauberlicht entschwände für ewig ... Die starke Faust Eisenarms hielt ihn zurück. »Bleiben Sie, Señor! Fassen Sie sich! Seien Sie ein Mann – oder das Goldfieber wird Sie auf immer Ihres Verstandes berauben!« »Lassen Sie mich! – Ich muß hinunter! – Ich muß meine Hand darauf legen, ich muß fühlen – um zu glauben, daß es kein Traum ist!« »Dann folgen Sie Wonodongah. Sie sehen, er kennt seinen Weg.« Langsam stieg der Häuptling der Toyahs auf breiten, in das Gestein gehauenen Stufen hinab auf den Grund. Graf Boulbon folgte ihm mit den Sprüngen eines Tigers – als dürfe jener nicht zuerst das Tal betreten – um von seinem Eigentum Besitz zu nehmen. Mit trübem Kopfschütteln stieg Eisenarm hinterdrein. Noch zwanzig – zehn – drei Schritte ... Graf Boulbon stolperte, fiel zu Boden. Gold! Gold! – Fiebernd warf er sich mit dem ganzen Körper auf den nächsten Goldhaufen und griff wie wahnwitzig umher. Dann sprang er auf, eilte zu einer zweiten Stelle, befühlte die Klumpen und Stücke. Er füllte seine Taschen, warf alles in der nächsten Minute wieder fort, um anderes einzustecken. Er versuchte mit der Kraft seiner Hände Spitzen und Blöcke abzubrechen, zu prüfen, ob auch wirklich das Innere von gleichem Gold sei – von edlem, ungemischtem Gold ... Wonodongah stand bei diesem seltsamen, widerwärtigen Fieber in der Mitte des Tals mit gekreuzten Armen. Mit Ekel, Hohn und Verachtung schaute er auf das Treiben des Weißen. »Ich sagte es im voraus«, seufzte Eisenarm. »Das Goldfieber hat ihn ergriffen! – Gott im Himmel, wie kann ein Mann sich so vergessen. Das armselige Gold ist in Gottes Wildnis nicht einmal einen Trunk Wasser oder einen Bissen Brot wert!« Die Dunkelheit sank rasch. Nur noch die Sterne kreisten im ewigen Reigen über dem Goldlager. Graf Raousset-Boulbon taumelte noch immer ziellos umher. Er lehnte jetzt am Eingang der tiefdunklen Höhle und genoß mit Tasten und Fühlen die ungeheuren Schätze, die er nicht mehr sehen konnte. Da fiel ihm ein, daß seine Begleiter mit Fackeln versehen waren. Er rief Eisenarm und verlangte befehlend, Licht anzuzünden. Eisenarm willfahrte ihm schweigend. Er trug die brennende Fackel dem Grafen an die Höhle; in dem roten Schein brachen sich unheimliche Blitze. »Señor,« sagte er traurig, »ich bitte Sie, lassen Sie sich nicht von diesem Goldfieber beherrschen und hinreißen. Kommen Sie zu sich! Überlegen Sie mit uns, was am besten zu tun ist. Sie haben seit Mittag nichts genossen. Wir tragen eine Kürbisflasche mit frischem Wasser bei uns; denn dieses hier ist trüb und schlammig; dazu etwas am Feuer gedörrtes Hirschfleisch. Nehmen Sie einen Trunk und einen Bissen, das wird Sie erfrischen.« »Ich kann nicht essen – ich kann nicht trinken!« »Das Fieber hindert Sie. Seien Sie ein Mann! – Erinnern Sie sich, daß wir versprochen haben, morgen auf der Insel mit Ihren Gefährten und den Komantschen zusammenzutreffen. Wenn wir Wort halten sollen, müssen wir mit Sonnenaufgang aufbrechen. Wir haben einen schwierigen Weg die Felswand hinab zurückzulegen. Einige Stunden Schlaf werden uns allen wohl tun.« »Nein! – Nein! – Laßt mich!« »Erinnern Sie sich, Señor! Ihre Gattin ist, wie Sie selber sagten, von Gefahren umringt! Sie erwartet Ihren Beistand.« »Suzanne – mein Sohn!« – Der Graf faßte sich an die Stirn und sah irr auf Eisenarm. – »Kreuzträger wird sie schützen!« »Ich hoffe es! – Wir werden sie befreit finden und die Apatschen besiegt. Aber bedenken Sie, wenn Sie morgen nicht zu den Ihren zurückkehren, werden Ihre Leute Sie suchen. Und das, Señor – ich erinnere Sie an Ihren Schwur – würde unser gemeinsames Geheimnis gefährden.« Der Graf fuhr wie aus einem Traum empor. Seine blutunterlaufenen Augen starrten wild und unheimlich auf den Sprecher. »Was sprichst du da!« rief er zornig. »Unser Geheimnis teilen? – Nimmermehr! – Es wissen ohnehin schon mehr davon, als gut ist! Niemals! – Wir müssen fort. Sie haben recht, Eisenarm. Wir wollen uns mit Gold beladen, um meine Leute fortzuschicken – Hierher? In mein Eigentum? – Niemals! Niemals!« Er blickte forschend umher. Dann versuchte er mit seinen Händen einen Klumpen Gold aus den Wänden zu reißen. Der Schweiß trat von der vergeblichen Anstrengung auf seine Stirn. »Warum quälen Sie sich, Señor«, sagte in überlegenem Mitleid Eisenarm. So klein – so minderwertig schien ihm dieser tapfere Mann ... »Dort hinter Ihnen lehnt noch die Barreta Ojo d'Oros, die er vor zwei Jahren hier zurückließ. Aber es liegen genug lose Stücke Goldes da vorn. Genug, um Arme reich zu machen, wenn Sie morgen einen kleinen Teil dieser Schätze mit sich nehmen wollen.« Der Graf faßte eilig nach dem starken Eisenstabe, den er bisher nicht gesehen. »Nein, nein!« sagte er. »Laßt alles liegen. Ich will es bestimmen. Es darf nichts –« Er fuhr wieder mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen wüsten Gedanken verscheuchen. »Sie haben recht, Eisenarm. Dieses Gold verwirrt und kehrt mir das Herz in der Brust um. Es blitzt vor meinen Augen! Es dringt wie eine Woge in mein Gehirn! Ich kann nicht widerstehen. – Aber sehen Sie hier –« Er brach mit einem gewaltigen Schlage der Barreta ein wohl siebzig Pfund schweres Gold von der Decke nieder. – »Dies und mehr sollen die Männer haben, die mit mir Arbeit und Mühe geteilt. Keiner meiner Freunde soll vergessen sein. Kommen Sie geschwind, ehe mich der Taumel wieder erfaßt!« Er schritt Eisenarm voran hastig aus der Höhle. Eisenarm hob den Goldklumpen auf und folgte ihm. Wonodongah saß einsam im Glanz der Sterne. Der Graf trat heran und befestigte die Fackel zwischen dem goldenen Gestein. Dann nahm er einen Trunk Wasser aus der Flasche Eisenarms, warf eine Menge Goldstufen zu einem Haufen und half sie in die mitgebrachten Decken schnüren. Er sprach unaufhörlich, abgerissen, sprunghaft, heiser, wie ein Mann, der das Fieber hat. Er entwarf Pläne über die Bewahrung und Ausbeutung der riesigen Bonanza. Er bestimmte, mit welchen Reichtümern er alle die überschütten wollte, die treu zu ihm gehalten. Endlich wurde er stiller und stiller; er stützte das Haupt in die Hand und verlor sich in tiefes Nachdenken. Diese Ermattung schien Eisenarm erwartet zu haben. Er winkte Wonodongah, ihren Begleiter sich selber zu überlassen, und streckte sich lang auf den Boden – den Kopf auf den Goldblock gestützt, den die Barreta von der Wand gelöst, an der er vielleicht durch Jahrtausende gewachsen. Wenige Augenblicke später verkündeten die ruhigen, kräftigen Atemzüge, daß er fest entschlafen war. Wonodongah streckte sich auf den Boden nieder und blieb bewegungslos. Tiefe Stille lag über den unermeßlichen Schätzen. Nur das leise Geräusch der grünen Schlangen, die, vom Fackelschein gelockt und erschreckt, umherschlüpften, und der pfeifende Ruf des Choyero unterbrach die Ruhe. Graf Raousset-Boulbon saß noch immer in gleicher Haltung, starr, ermattet, trunken vom Fieber. Plötzlich fuhr er empor; sein Gesicht glühte dunkel. Die Fackel war fast niedergebrannt; der Graf ergriff ein frisches Holz, zündete es an und ging dann mit leisem, unhörbaren Schritt an den Schläfern vorüber – zurück nach der Goldhöhle. Sein Auge tauchte in ihre Tiefen, so weit der Strahl der Fackel reichte. Er hielt sie weit hinein und folgte ihrem Schein. Überall Gold – Gold – Gold! In phantastischen Schatten und Lichtern blitzte es ihn an, grinste in tausend Teufelsfratzen. Der Fackelträger verlor sich in den Tiefen der Höhle. Die flackernde Flamme tauchte auf und nieder. Dann verschwand sie ganz. Erst nach langer Zeit tauchte der Schein wieder auf. Der Graf wankte heran mit schleppendem, schweren, unsicheren Gang und bald erbleichendem, bald dunkel sich rötenden Gesicht. Der brennende Zedernspan zitterte in seiner Hand; er klemmte ihn zwischen das goldene Gestein und ließ sich erschöpft niederfallen. »Unermeßlich! – Unermeßlich! – Und mein – mein!« Er blieb in tiefer Verzückung sitzen. Nur zuweilen streckte er die Hände aus und tastete an den Wänden umher. Wirklichkeit ... Wirklichkeit! – Wilde Träume durchflogen seine Seele. Dunkle, gigantische Schatten der Zukunft rauschten um sein Haupt. Besitz, Reichtum, nicht winzige Millionen: die ganze Wucht unermeßlicher Schätze erschütterte dieses Menschenhirn und erschlug das Edle in seiner Seele. Frankreich unter einem neuen Zweige der Bourbonen – eine Kriegsmacht, wie sie kein anderes Volk der Erde schaffen und bezahlen kann – eine Krone für seinen Sohn! Paris, das wunderbare, verführerische Paris zu seinen Füßen – alle Gewalt, alle Schönheit, aller Genuß, alle Ehre, aller Glanz der Erde in diesem Golde, und er – sein einziger Herr! – – Er – Herrscher der Erde – Herrscher der Welt! – Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter! Der Graf fuhr empor – Wonodongah stand vor ihm. Die Fackel war tief heruntergebrannt und warf ihre riesigen flackernden Schatten an die goldenen Wände. »Wonodongah? Was ist geschehen? Warum störst du mich?« Lange sah Wonodongah den weißen Mann schweigend an. Dann hob er flach die Hand. »Manitou, der Große Geist, hat dieses Land zuerst seinen roten Kindern gegeben«, sprach Wonodongah eintönig. »Das Gold aus den Bergen und Flüssen gehörte den Söhnen des Landes. Wonodongah ist ein Häuptling. Ein Krieger hat nur ein Wort. Wonodongah hat all dieses rote Gold einem Weißen versprochen. Er hat sein Wort gehalten! – Ist der weiße Mann mit dem, was er hier sieht, zufrieden?« »Es ist tausendfach mehr, als ich je geträumt! Mein Dank soll euch alle ...« Wonodongah strich mit seiner flachen Hand durch die Luft. »Die weißen Männer haben eine rasche Zunge. Der Häuptling der Toyahs ist gekommen, die Offene Hand zu fragen, ob er sein Wort gelöst hat.« »Du hast es, Wonodongah – du und Eisenarm!« »Und die Offene Hand weiß jetzt, daß sie Herr ist über dieses Tal mit allem, was darin ist?« »Ihr habt es mir gegeben. Ich habe es dankbar angenommen. Ja, ich – ich bin der Herr dieser unermeßlichen Schätze! Reicher als ein König! Und Könige sollen zu meinen Füßen sein, wenn Gott mir das Leben erhält!« »Die Offene Hand ist ein berühmter Krieger. Er wird um sein Gold kämpfen. Er wird sterben auf seinem Eigentum!« »Sterben – ich? Jetzt? – Im Besitz von Milliarden? Du bist toll, oder es ist ein Scherz!« Wonodongah zog ruhig das Messer mit der Rechten aus seinem Gürtel. Die Linke hielt ein weißes Spitzentuch. »Wonodongah hat es geschworen!« sagte er langsam. »Dieses Tuch der Feuerblume muß in das Herzblut des weißen Kriegers getaucht sein, ehe ihre Arme mich umfangen! – Du mußt sterben!« Der Graf wich zurück und griff nach der Barreta. »Fort von hier, Wahnwitziger! Oder ich zerschmettere dir den Schädel!« Wonodongah trat auf ihn zu. Der Graf hob die schwere Eisenstange wie ein leichtes Rohr und schwang sie zum gewaltigen Schlage. Da wich jäh das Blut aus seinen Wangen. Die Augen blickten starr. Arm und Eisen blieben in der Luft. Keine Muskel rührte sich mehr. Der Krampf, der ihn schon einmal – in San Fernando-Guaymas – erfaßt, bannte zum zweitenmal seine Glieder. Wonodongah stieß ihm das breite Messer ins Herz – ohne Zucken, ohne Laut brach die mächtige Gestalt des Bourbonen nieder auf sein Gold! Aus langem und schwerem Schlaf erwachte Eisenarm. Die Strahlen der Morgensonne hatten sein Antlitz gewärmt und den rauhen Schläfer wachgekost. Eisenarm rieb sich die Augen. Er sprang auf und sah sich nach seinen beiden Gefährten um. Keiner von ihnen war zu sehen. Er rief Wonodongah. Aber nur das Echo der Felsenwände antwortete ihm. Die Decke Wonodongahs, in die man am Abend vorher einen Teil des Goldes geknotet hatte, fehlte. Eisenarm überlegte verwundert – vielleicht hatten die beiden sich voraus auf den Weg gemacht, um ihn in seinem Schlafe nicht zu stören ... Dann aber schüttelte er zweifelnd den Kopf und machte sich auf, sie zu suchen. Er nahm seinen Weg zur Höhle, deren Inneres noch im Dunkel lag. Am Eingang blieb er stehen und rief. Aber auch hier war das Echo seine einzige Antwort. Da erfaßte ihn die Angst, seine Gefährten könnten versucht haben, ohne ihn in die unerforschten Tiefen der Höhle einzudringen. Er verwünschte das Gold und lief zurück, um den Rest der Fackel zu holen. Im Nu war er wieder da – zündete die Fackel an und stürzte in die Höhle. Der starke, unerschrockene Mann mußte sich an die goldene Wand lehnen. Vor ihm, lang ausgestreckt, die Augen weit geöffnet, lag die mächtige Gestalt des Grafen Boulbon – starr und tot. In der breiten Brust stak das Messer Wonodongahs. Erbebend kniete Eisenarm nieder und versuchte, den Toten ins Leben zurückzurufen. Aber das Blut, das sich aus der Todeswunde in langem Strom auf das Gold ergossen, war längst getrocknet. Der Leichnam war steif und kalt. Vergebens rief Eisenarm nach Wonodongah. Vergebens durchforschte er die Höhle bis in ihren tiefsten Schlund. Nirgends ein Leben außer den grünen Schlangen, die um seine Füße huschten. So kehrte er endlich zurück und setzte sich draußen vor der Höhle nieder. Er bedeckte sein Gesicht mit den breiten schwieligen Händen. Wonodongah – der Edelsten einer der roten Rasse – ein Mörder an dem, der ihm vertraut! Die Augen des Trappers wurden feucht im Schmerz um seinen jungen Freund. In seinem gläubigen Herzen zerbrach die letzte Liebe des Einsamen – und nur das Mitleid blieb mit dem, den er nicht verstand. Lange sann Eisenarm nach. Was hatte den jungen Häuptling zu so Unerklärlichem getrieben? Aber die Wände dieses leeren Tales vermochten ihm darauf nicht zu antworten. Den Toten begraben – Wonodongah suchen, sagte ihm sein Gefühl. Aber es fehlten ihm alle Mittel, in dem felsigen Boden des Goldtales ein Grab zu graben. Und so beschloß er, ihn zu lassen, wo ihn sein trauriges und geheimnisvolles Schicksal ereilt. Er tastete nach der Tasche mit dem Vermächtnis des Grafen – sie war fort. Hatte Wonodongah sie genommen? Und warum? War sie verloren? – Vergebens, diesem Rätsel nachzusinnen. Er begnügte sich, einen Wappenring von dem Finger des Toten zu ziehen, um ihn als Wahrzeichen den Seinen zu überbringen. Dann stieg er die Wand hinauf zur Höhe, beladen mit dem Golde, das Graf Raousset-Boulbon für die Abenteurer bestimmt. Er warf noch einen verächtlichen und trauernden Blick zurück auf den im Sonnenlicht funkelnden und blitzenden Grund, bis der Fels ihn seinem Auge entzog. Rüstig stieg er jenseits der Bergwand hinab, nur auf seinen Weg schauend, in tiefes Nachdenken versunken. Je tiefer er kam, desto mehr belaubte sich wieder das Gestein mit üppigen Kletterpflanzen und Büschen. Der Fels gestattete ihm zwar den Blick über die Tiefe, aber nicht auf den gefährlichen Weg, den er zu machen hatte. So war er fast bis zu der Hochfläche gekommen, auf der sie den gefährlichen Kampf mit dem Weibchen des Kondors bestanden hatten. Plötzlich blieb er lauschend stehen. Ein seltsamer, eintöniger Gesang schlug an sein Ohr. Er wußte, von wem er kam. Oft genug hatte er diese traurigen Töne in früheren Jahren gehört – es war die Totenklage des Toyahs. Einige Augenblicke blieb er stehen, um zu überlegen. Dann siegten Mitleid und die alte Liebe zu dem jungen Krieger. Er schritt rasch vorwärts. Noch einige Minuten und der Felsvorsprung lag vor ihm. Auf dem äußersten Rand – bei den verkohlten Überresten des riesigen Vogelnestes, saß Wonodongah hoch über dem Abgrund. Den mit den Kriegsmalereien seines Stammes bedeckten Leib wiegte er hin und her nach dem Takt seines traurigen Gesanges. Auf seinem Rücken hing das Bündel mit den schweren Goldstufen. Eisenarm trat auf den Vorsprung. »Wonodongah!« Der junge Häuptling antwortete nicht. Er fuhr fort in seinem Gesang. »Wonodongah – Eisenarm ruft dich!« Wonodongah lachte seltsam und erschreckend. »Das Ohr des roten Kriegers ist geschlossen. Es hört nur die süßen Töne der weißen Nachtigall! Wonodongah ist ein Häuptling – er gibt den weißen Männern sein Gold und nimmt ihr Herzblut!« »Steh' auf und komm' zu mir! Was geschehen ist, begreife ich nicht. Aber ich hoffe, du wirst Antwort geben können.« Wonodongah wandte sich zornig um. »Was willst du? – Bleib zurück! – Siehst du nicht, daß ein Häuptling auf sein Roß wartet, um zu der Feuerblume zu reiten?« »Wonodongah – um der heiligen Jungfrau willen, was ist mit dir geschehen? Du redest irre – komm zu dir!« »Die roten Männer«, sagte Wonodongah, »kaufen ihre Weiber. Sie geben Pferde und Decken dafür! Wonodongah ist ein Häuptling – er hat sein Hochzeitslager gekauft. Die Braut ist sein! Siehst du das Roß – es kommt!« Er wies nach dem Himmel, in dem sich ein schwarzer Punkt wiegte. Eisenarm achtete nicht darauf. Er wäre gern dem Komantschen näher getreten; aber er fürchtete, jede ungestüme Bewegung könne ihn in den Abgrund stürzen. Er suchte ihn mit Worten zu beruhigen. »Wonodongah – komm zu dir! Denke daran, daß ich dein zweiter Vater bin! Daß wir so lange Jahre als Brüder zusammen die Berge und Prärien durchzogen. Wende deine Augen auf deinen weißen Freund Eisenarm!« »Meine Augen? Meine Augen? Sie sehen nur sie – den weißen Leib – schlank wie die Gazelle, die durch die Prärie jagt! Flammen tanzen! – Ihr Atem ist süß! – Ihre Arme sind Schlangen, die mich umschlingen! – Ein Weib – oh, ein Weib! – Die Nacht ist mein! – Wo ist das Pferd Wonodongahs, daß es gleich dem Sturmwind ihn zu ihr trägt?« Und gleich dem Sturmwind rauschte es heran mit gewaltigem Flügelschlag – entsetzt prallte Eisenarm zurück zur Bergwand. »Heiliger Gott! Der Kondor! Wonodongah – rette dich!« Der junge Häuptling war aufgesprungen. Sein Gesicht glühte in wahnsinniger Begeisterung – er breitete die Arme aus. Eine wilde Ziege in seinen mächtigen Klauen, kehrte der riesige Raubvogel heim zu seinem Nest, zu seinem Weibchen, seinen Jungen. Erschreckt von der menschlichen Gestalt, strich er zweimal suchend an der Stelle vorüber; sein gewaltiger Flügelschlag fegte wie eine Windsbraut. Seine großen Augen glühten. Seine Krallen öffneten sich und ließen die Beute fallen. Zum drittenmal strich er vorüber – näher – näher – dicht an dem Felsblock hin – »Mein Pferd!« Erstarrt vor Entsetzen sah Eisenarm, wie Wonodongah hinaussprang in die Luft – wie seine Arme den Hals des Riesenvogels erfaßten – umklammerten. Ein Kreischen – ein Schrei – eine formlose Masse wankte und schlug durch die Luft. Vor seinen Augen versanken Mann und Kondor. Eisenarm wußte später nicht, wie er den gefährlichen, schwierigen Weg an der Felswand hinab zu dem Aztekentempel gekommen war. Er fand die Klarheit seines Geistes erst wieder, als er neben Wonodongah kniete. Der Kondor war fort. Seine Schwingen hatten mühsam den wahnsinnigen Reiter, der sich an seinen Hals geworfen, zur Erde niedergetragen. Von dort hatte sich der erschreckte Vogel nach kurzer Betäubung wieder aufgeschwungen. Aber sein Reiter trug eine schreckliche Spur des Kampfes, der in der Luft stattgefunden. Als Eisenarm den Häuptling unweit des Kampfplatzes vom Morgen vorher fand, zweifelte er nicht, einen zerschmetterten Leichnam zu sehen. Zwei Ströme Blut kamen von der Stirn des Komantschen, zur dicken Masse geronnen. Als er das Haupt Wonodongahs hoch hob, starrten ihn zwei blutige Höhlen statt der dunklen, ernsten Augen des jungen Häuptlings an. Die Schnabelhiebe des Kondors hatten ihn auf immer von dem Lichte getrennt. Ein leises Ächzen verkündete Eismann, daß noch Leben in dem Schwerverletzten war. Er hob ihn auf und fühlte dabei, daß die Glieder ungebrochen, nur von dem Fall gequetscht, von den Krallen des Vogels blutig gerissen waren. Vorsichtig trug er ihn nach dem Ufer des Buenaventura. Dort kühlte er die brennenden Augenwunden, wusch das Gesicht und verband ihn mit dem duftigen Oregano, das jeder Jäger und Trapper bei sich führt. Wonodongah duldete, auch nachdem er zum vollen Bewußtsein zurückgekehrt war, schweigend die Bemühungen Eisenarms. Erst nachdem er ihn an den Stamm der Eiche gesetzt hatte und fortfuhr, mit dem frischen Wasser seine Augen zu kühlen, legte der junge Häuptling die Hand auf seinen Arm. »Die Augen Wonodongahs werden das Angesicht seines Freundes nicht mehr sehen«, sagte er leise. »Sie haben zu viel geschaut, was seinen Geist verwirrt hat. Der Manitou der roten Männer hat ihn dafür gestraft.« »Ich verstehe dich nicht, Wonodongah l – Ich weiß nur, daß dies doppelte Unheil mir das Herz in der Brust umkehrt. Deine Sinne müssen verirrt gewesen sein, armer Freund, als du den Conde erschlugst und dich von dem Felsen stürztest.« »Es ist Nacht vor den Augen Wonodongahs, aber die schlimmere Nacht ist von seinem Geiste gewichen. Ein süßer Vogel hat sein Lied in mein Ohr gesungen – aber es war das Zischen der Schlange! – Will Eisenarm die letzten Wünsche seines Freundes erfüllen?« »Mein Leben gehört dir. Ich habe außer dir und Comeo niemanden auf der Welt. Nur meiner Pflicht gegen den Grafen will ich gehorchen.« »Von welcher Pflicht spricht Eisenarm?« »Er hat ein Vermächtnis geschrieben. Ich habe es vergebens in seiner Tasche gesucht. Hat Wonodongah es an sich genommen?« Der junge Häuptling schwieg. Dann neigte er müde den Kopf. »Wonodongah hat die sprechenden Blätter genommen. Niemals wird ein weißer Mann sie lesen. Als der Häuptling der Toyahs auf seinem Luftroß ritt und mit ihm kämpfte, entfielen sie ihm und flatterten in alle Winde – Eisenarm wird sie in der Wildnis nicht finden.« Der Trapper zog finster die Brauen zusammm. »Er hat sie unserer Ehre vertraut.« »Die Ehre Wonodongahs und Eisenarms gebietet, das Rechte zu tun, nicht das Falsche.« »Was meint Wonodongah?« »Wonodongah fühlt, daß der Große Geist ihm noch nicht gestattet einzugehen in die Jagdgründe der Geister seiner Väter. Er wird diese Quellen nicht verlassen! Niemals soll wieder der Fuß eines weißen oder roten Mannes den Ort des bösen Geistes betreten, der die Seelen verwirrt. Wonodongah wird, solange er lebt, das Geheimnis des großen, guten Manitous hüten. Er ist blind – aber die Augen seiner Seele werden sehen! Eisenarm wird für Wonodongah sorgen.« »Aber das Goldtal –« »Eisenarm«, unterbrach ihn abermals der Blinde, »wird mit der Sonne aufbrechen und zu den Freunden des Erschlagenen gehen und wird ihnen das Gold bringen, das der Tote genommen hat. Wonodongah wird die Windenblüte, seine Schwester, nicht wiedersehen; sie mag mit den Materos oder ihren weißen Freunden gehen. Eisenarm wird ihnen auch dafür Gold geben, daß sie die Schwester des Häuptlings der Toyahs beschützen.« Lange kämpften in Eisenarm die widerstreitenden Stimmen; sie mahnten ihn an das Versprechen gegen den Grafen, und sie drangen lauter und lauter in ihn, der Abscheu und dem Ekel des Geblendeten gegen den Dämon Gold Gehör zu geben. »Ich werde deinen Willen erfüllen, sobald deine Wunden geheilt sind«, sagte er endlich. Wonodongah schüttelte leise den verbundenen Kopf. »Eisenarm wird mit der sinkenden Sonne gehen«, sagte er. »Er wird Wonodongah an diesem Wasser lassen und die Nahrung ihm zur Seite legen. Wenn der Große Geist seine Seele zu sich nehmen will, ist es gut, daß er allein stirbt. Wenn er ihn erhalten will, wird Eisenarm ihn nach zehn Sonnen geheilt finden.« »Du redest im Fieber! Ich sollte dich hilflos hier zehn Tage verlassen?« »Eisenarm hat noch nicht alles gehört, was sein Freund von ihm verlangt.« Er faßte mühsam mit der zerschlagenen Hand in seinen Gürtel und zog ein leichtes blutgetränktes Spitzentuch hervor. »Eisenarm erinnert sich der Herrin der Hazienda bei Cerro?« »Doña Dolores?« »Er wird von den Freunden der Offenen Hand zu der Feuerblume gehen. Er wird ihr sagen, daß Wonodongah ihn sendet. Dies Tuch ist gefärbt mit dem Blut zweier Krieger – der Große Manitou hat das Gold und die Frau geschaffen, um die Herzen der Tapferen zu versuchen!« Entsetzt starrte Eisenarm auf den Häuptling. »Verstehe ich dich recht? – Die Señorita...« »Der Große Geist hat die inneren Augen eines Häuptlings geöffnet, als er seine äußeren schloß. Will Eisenarm seinem Freunde geloben, zu tun, worum er bittet?« Ein Erzittern ging durch die mächtigen Glieder des Riesen. Jetzt erst, da er fühlte, da er nur ganz von fern ahnte, was seinen roten Bruder zu solchem Schicksal getrieben, erfaßte er seinen Willen, der Einsamkeit ihr Geheimnis nicht entreißen zu lassen. »Ich gelobe es!« sagte er schwer. »So möge Eisenarm nach den Pferden sehen; denn sein Weg ist weit.« Wonodongah lehnte das Haupt zurück an den Stamm und schwieg. Kein Zucken des Gesichts, keine Bewegung der Glieder verkündete die Schmerzen, die er litt. Eisenarm stand stumm vor ihm. Viele Fragen folterten seine Seele. Ungeheuerliches wuchs in ihm auf. Eine Ahnung von Schuld und Sühne und Leid... Aber er kämpfte vor dem unbeweglichen, dunklen Antlitz Wonodongahs alles nieder und entfernte sich wortlos, um die Vorbereitungen für seinen Ritt zu treffen. Der blinde Wächter des Schatzes der Azteken und der Bourbonen – der besiegten Königsgeschlechter der Alten und der Neuen Welt – blieb allein mit seinen Schmerzen und seinem roten Manitou. Das lebende Kreuz Auf der Insel im Buenaventura waren die beiden Tage nach dem Aufbruch Kreuzträgers und des Grafen mit plänkelndem Kugelwechsel zwischen den Abenteurern in ihrer geschützten Stellung und den Apatschen vergangen; zu einem ernstlichen Angriff war es nicht gekommen. Man wußte nicht, ob es dem Grafen und Kreuzträger gelungen war, das Ufer glücklich zu erreichen; aber man schloß, daß sie nicht in die Hände der Feinde gefallen sein konnten, weil die Apatschen sicherlich sonst ihren Fang mit großem Lärm gefeiert haben würden. Allmählich jedoch begannen die Abenteurer ängstlich die Stunden zu zählen und mit verdoppelter Aufmerksamkeit ihre Wachen zu halten. Die Lebensmittel reichten bei knappster Einteilung kaum noch für einen Tag. Die Entscheidung auf die eine oder andere Weise mußte kommen. In der dritten Nacht mußte der Graf und Kreuzträger, oder wenigstens einer von ihnen, erscheinen, wenn sie nicht tot oder gefangen waren. – Leutnant Morawski hatte die Wachen an den Ufern aufgestellt. Jede war mit zwei Männern besetzt, die alle zwei Stunden abgelöst wurden. An der dem Strom abgekehrten Spitze, von der drei Abende vorher Kreuzträger und der Graf ihr kühnes Unternehmen begonnen, fand Morawski bei seinem Rundgang Master Slong und den Matrosen Williams. Er empfahl ihnen die höchste Aufmerksamkeit. Bei ihnen saß, die Arme auf den Rücken geschnürt, die Füße geknebelt, der Däne Hawthorn, der Rote Hai. »Möge Eure Seele verdammt sein bis in die unterste Hölle!« fluchte der Seeräuber auf eine Ermahnung des Polen, sich ruhig zu verhalten; denn der Zustand der Gräfin Suzanne hatte sich sehr verschlimmert nach der Aufregung bei der gefährlichen Abreise ihres Gatten. Die rauhen Männer hegten mit ihrer Angst aufrichtiges Mitleid. »Schweigt, Mann!« »Pah! – Hätte meine Kugel getroffen, so wäre ihr das alles erspart worden! Ein Tor müßte der Graf sein, wenn er zu den Narren, die ihn gehen ließen, und dem kranken Weibsbild zurückkehren würde. Er hat seine Haut in Sicherheit gebracht und läßt uns hier im besten Falle verhungern, wie die Ratten in einem leeren Schiff!« »Euch kann es gleich sein, Mann, welchen Tod Ihr sterbt«, sagte der Pole unwillig; »denn wenn der Graf zurückkehrt, ist der Strick Euch sicher. Und verdient habt Ihr ihn gewiß zehnfach in Eurem ruchlosen Leben.« Der Rote Hai schlug ein rohes Lachen auf. »Glaubt Ihr wirklich an die Rückkehr?« »Graf Boulbon hat sein Ehrenwort verpfändet.« »Und wenn er nicht kommt?« »Dann mögt Ihr Euch hängen lassen, wo Ihr wollt.« »Damned! – Es gilt. An den Beinen mögt Ihr mich aufknüpfen! Laßt mir wenigstens die Stricke lösen, Leutnant; denn die Schufte haben mich zusammengeschnürt, daß das Blut nicht durch die Adern kann!« Der Pole hieß Slong die Bande an den Füßen des Gefangenen etwas lockern, wenn er das Versprechen geben wolle, sich ruhig zu verhalten. Dann verfolgte er seinen Rundgang. Slong machte sich an den zähen Lianenranken zu tun, mit denen der Seeräuber gefesselt war. Es war das erstemal, daß die Reihe ihn getroffen, bei ihm zu wachen. Er hatte absichtlich vermieden, ihm nahe zu kommm, um jeden Verdacht zu beseitigen. Jetzt jedoch hatte er die günstigste Gelegenheit zu einer Verständigung. »Der Teufel hole Euch, plärrender Schurke!« murmelte der Rote Hai. »Ist das die Freundschaft, auf die ich zählen kann?« »Still!« sagte der Methodist in spanischer Sprache, von der er wußte, daß sein Gefährte auf dem Posten sie nicht verstand. »Was hätte es genützt, wenn ich mich mit Euch in Verlegenheit gebracht hätte? Die Amalekiter haben die Gewalt über uns, aber der Herr verläßt die Seinen nicht in der Gefahr. Glaubt Ihr, daß wir mit dem Kanu unbemerkt an den Apatschen vorbeikommen könnten?« »Den Teufel, das ist ein Gedanke!« »Ich glaube so wenig wie Ihr, daß der Graf und Kreuzträger solche Narren sein werden, hierher zurückzukommen. Es wird also unsern Männern nichts übrigbleiben, als den Versuch zu machen, sich durchzuschlagen oder auf dem Wasser zu fliehen. Zum Gelingen ist da wenig Aussicht.« »Das ist so gewiß, wie Ihr wenig Lust habt zum Märtyrer, trotz alles Predigens und Psalmensingens.« »Der Herr möge mich bewahren davor! – Es ist genug, daß ich einmal nahe daran war. Nun denke ich, daß einer oder zwei sich ebensogut und noch bequemer aus dem Staube machen könnten, als unser würdiger General, wenn sie das Kanu dazu benutzen wollten.« »Und Ihr meint, wir beide ...?« »Ihr seht, Niels Hawthorn, daß ich Euch aufrichtig ergeben bin. Aber Ihr müßt bedenken, daß ich Euch zuliebe ein armer Mann geworden bin.« »Meinetwegen – ? Redet keinen Unsinn!« »Nun ja! – Nur aus Freundschaft für Euch habe ich mich diesem törichten Unternehmen angeschlossen, da Ihr durchaus nicht nach Guaymas zurückkehren wolltet. Und da ich nun weiß –« »Was?« »Je nun – daß Ihr in Eurem Gürtel eingenäht noch Euer Handgeld von San Franzisko und Guaymas her bei Euch führt...« »Wer zum Teufel hat dir das verraten, Schuft?« Der Methodist verdrehte die Augen. »Die Heiligen haben mich mit einem feinen Gefühl in den Fingern gesegnet. Ich sollte meinen, Ihr hättet gesehen, daß ich nicht ungeschickt mit den Karten und Würfeln umzugehen verstehe. – Also – wenn Ihr versprecht, mit mir zu teilen, Niels Hawthorn, so will ich's wagen, mit Euch zu entwischen!« »Gut! – Ihr sollt Euren Anteil haben. – Aber wann soll es geschehen?« »Noch während unserer Wache – sogleich! Morgen wäre es zu spät, wir würden keine Gelegenheit mehr finden. Das Kanu liegt keine fünf Schritte von hier.« »Aber Williams, der englische Tölpel dort?« »Das ist es eben. Ich habe versucht, ihn auszuhorchen. Aber der Kerl ist zu dumm und zu ehrlich. Er würde sich weigern und uns verraten.« »Also...« »Also muß er unschädlich gemacht werden, damit er uns nicht hindern kann.« Hawthorn lachte höhnisch. »So, Freund Slong? Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht die wahre Ursache ist, weshalb Ihr mich mit fliehen lassen wollt! Ihr wißt, daß Ihr mit der Teerjacke nicht fertig werden könnt, ich soll ihr den Hals zuschnüren.« »Nein, mein bester Hawthorn, Ihr sollt Euch nur auf ihn werfen im rechten Augenblick. Das andere will ich schon selber besorgen.« »Aber dazu müßt Ihr mir auch die Hände losbinden.« »Es ist nicht nötig«, schmeichelte der Methodist. »Es könnte durch einen unglücklichen Zufall bemerkt werden und das Ganze stören. Ihr braucht ihn nur niederzuwerfen, ehe er von seiner Flinte Gebrauch machen kann – das weitere ist meine Sache!« »Aber...« »Es muß sein. So – Eure Füße sind frei! Setzt Euch näher zu uns und paßt auf, wenn ich sage:Es ist Zeit!« »Hört, Master Slong,« sagte der Matrose Williams und drehte sich um, »ich sollte denken, es wäre besser. Ihr hieltet hier Ausguck, statt mit dem Seeräuber da Euer Garn zu spinnen. Der Kerl verdient seinen Hanf; es soll mich freuen, ihn baumeln zu sehen.« »Ein Sünder, der Buße tut, ist dem Herrn mehr wert als zehn Gerechte!« näselte der Methodist. »Warum sollte ich nicht den Versuch machen, ihn zu bekehren aus seiner Finsternis, darinnen er schlimmer ist als die Heiden und die Apatschen! Warum sollen wir nicht die Leiden seines Leibes mildern, da doch seine Seele bald brennen wird im höllischen Feuer? Setzt Euch dorthin, Kapitän, damit Ihr wenigstens den Trost einer gottseligen Unterhaltung anhört.« Der Rote Hai rollte sich, eine lästerliche Verwünschung murmelnd, in die Nähe des Matrosen, der ärgerlich fortrückte. »Der Henker hole Euer Geplärr, Bursche – glaubt Ihr wirklich, daß ein schuftiger Seeräuber vor Eurem Singsang seine Segel umholen und auf einen anderen Strich legen werde?« »Der Herr hat auch die Schlimmsten erleuchtet«, meinte der Methodist; er gab heimlich dem Roten Hai einen Wink. »Überdies ist Kapitän Hawthorn von Eurem eigenen Gewerbe.« »Den Teufel ist er!« knurrte Williams. »Nehmt Euch in acht, daß ich Euch nicht 'ne volle Ladung in Euern Spiegel gebe für die Beleidigung. Eine britische Teerjacke segelt niemals unter Piratenflagge, auch wenn sie einmal auf Abtrift von ihrem rechtmäßigen Bord ist.« »Nun laßt's gut sein, Master Williams! Das beste wäre freilich, wir sähen erst die blaue See in der Bai von San Franzisko wieder vor uns, statt dieses schmutzigen Gewässers. Ihr würdet auch lieber ein Tau oder eine Kanne Grog in der Hand haben statt der Büchse da, die nicht einmal eine von den besten ist.« Slong hatte während des Gespräches sein langes Messer aus der Tasche genommen; er schnitzelte an einem Zweige und steckte es dann neben sich in den Boden. Jetzt nahm er dem Matrosen die Büchse aus der Hand, als wolle er sie untersuchen, klappte den Hahn auf und entfernte dabei unbemerkt im Dunkel das Zündhütchen. Der Rote Hai hatte sich im Rücken des Matrosen, der unbekümmert auf einem Steine saß und nach dem Fluß hinausschaute, auf ein Knie erhoben, bereit, sich auf ihn zu werfen. »Sagt, Williams,« fuhr Slong fort, »wie denkt Ihr über das Versprechen unseres Generals und Kreuzträgers? Ich fürchte, es ist nicht viel darauf zu rechnen.« »Ich habe nie viel von den Franzosen gehalten«, meinte achselzuckend der Matrose. »Sie drehen sich nach jedem Kompaßstrich, und nur die Yankees, wie Ihr, sind noch schlechter und unzuverlässiger. Aber dennoch wollt' ich mein ganzes Prisengeld dafür verwetten, daß uns der Graf nicht im Stich läßt. Er hat sein Wort darauf gegeben, und ein tapferer Bursche ist er; das mag selbst ein Brite eingestehen, ohne sich zu nahe zu treten.« »Glaubt Ihr? – Nun, heute sollt' er kommen«, sagte der Methodist spöttisch; er legte die Büchse auf seine andere Seite und winkte Hawthorn mit der Hand. »Mitternacht ist längst vorüber; und ich denke, es ist...« Er konnte das Wort nicht aussprechen: es ist Zeit – der Matrose, der soeben noch den Grafen verteidigt, faßte mit einer raschen Bewegung seinen Arm. »Seht dorthin, Slong«, flüsterte er. »Was bedeutet das?« Der Methodist ließ bestürzt die Hand von dem Griff des Messers und sah nach der Stelle, wohin Williams deutete. Hawthorn, der sich erhoben, taumelte an den Felsen zurück. Seine Augen starrten entsetzt in der gleichen Richtung. Ein lichter Streif – ein heller Nebel glitt über den Strom –- erst formlos – dann deutlicher und deutlicher, und dennoch körperlos. Ein bleiches, strenges Gesicht – ernste Augen, im Vorüberziehen starr auf sie gerichtet. Der lichte Nebel schwebte an ihnen vorüber nach der Mitte der Insel – man wußte nicht, woher – wohin – ob Wirklichkeit, ob Täuschung. »Damned!« murmelte endlich Williams. »Ich will mich kielholen lassen, wenn das nicht der Graf war!« Der Methodist saß mit bleichem Gesicht da – seine Zähne klapperten. »Die Wunder des Herrn sind groß! – Ist er wirklich zurückgekehrt?« Ein Schrei klang durch die Nacht, durchdringend, schneidend: »Aimé«!« Gleich darauf scholl der Ruf um Hilfe von einer Männerstimme; die Abenteurer fuhren von ihren harten Lagern empor und sammelten sich um die Zweighütte der kranken Suzanne. Der Matrose Williams ergriff sein Gewehr und sprang auf. Als er sich umwandte, sah er den Roten Hai an der Klippe lehnen, die Augen weit aufgerissen, das Haar gesträubt. »Was tust du da, Kerl?« rief Williams. »Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, aufzustehen? Nieder! Oder ich schlage dir den Schädel ein! – Geht nach dem Lager, Slong. Seht, was der Lärm bedeutet. – Ihr fürchtet Euch doch nicht?« Der Methodist zitterte an allen Gliedern. »Der Graf – sein Geist...« stammelte er. »Unsinn, Mann! Es gibt keine Gespenster, mit Ausnahme des Klabautermannes und des Fliegenden Holländers. Eine Sternschnuppe war's oder eine indianische Teufelei – Verdammt! Was ist das?« Ein Schuß krachte drüben am rechten Ufer des Stroms – ein zweiter auf dem linken. Ein gellendes Geschrei, als wären hundert Teufel losgelassen... dann Schuß auf Schuß... »Hurra! Männer hierher! Wo ist das Boot? Der Graf ist über den Apatschen; wir müssen ihm zu Hilfe eilen!« Der Pole Morawski sprang mit der Schnelligkeit und der Kraft eines Jünglings zum Ufer herunter. Andere der Abenteurer, die Büchse in der Hand, folgten ihm. »Die Ruder, Williams!« befahl der Leutnant. »Sechs Mann ins Boot, und dann so rasch wie möglich zurück! Wir wollen der armen Frau wenigstens eine Leichenfeier bereiten!« Schuß auf Schuß krachte drüben und mischte sich in das Hurra der Abenteurer und das Todesgeheul der überfallenen Apatschen. Als Slong, der keinerlei Beruf gefühlt, sich den Übersetzenden anzuschließen, jetzt nach der Mitte der Insel zum Lager schlich, hörte er von der Zweighütte her ein tiefes Schluchzen. Es war der alte Avignote Bonifaz, der neben der Leiche seiner Herrin kniete; ein plötzlicher Herzkrampf hatte Suzannes Leiden und Bangen ein Ende gemacht. Die aufgehende Sonne zeigte die völlige Niederlage und Vernichtung der Apatschen. Wenige nur waren den Kugeln und den Tomahawks ihrer Feinde entgangen und hatten sich in die Sierra Madre flüchten können. Die Belagerten auf der Insel waren befreit und hatten auf das linke Ufer übergesetzt. Kreuzträger und die Materos harrten auf dem rechten Ufer der Ankunft des Grafen und der beiden Jäger. Kreuzträger hatte bei dem Überfall sorgfältig darüber gewacht, daß Lord Henry Drysdale und seinen Begleitern kein Leid geschehe. Da Lord Henry sich an dem Kampfe nicht beteiligt hatte, glaubte Kreuzträger sich nicht einmal berechtigt, ihn bis zur Ankunft des Grafen zurückzuhalten. Er bot ihm an, ihn und seinen Diener durch einige der Komantschen sicher bis in die Nähe der nächsten mexikanischen Mission geleiten zu lassen. Trotz dem Sieg und der Befreiung aus ihrer gefährlichen Lage herrschte doch unter den Abmteurern eine ernste Stimmung. Sie erwarteten mit fast unerträglicher Spannung die Ankunft des Grafen, der sie zu den lange versprochenen Goldlagern führen sollte. Ihre ernste Stimmung war durch den Tod der Gräfin, die so treulich all ihre Anstrengungen und Gefahren geteilt hatte, und durch die seltsamen und verworrenen Erzählungen Slongs und des Matrosen von der Erscheinung des Grafen hervorgerufen worden. Die Leute steckten die Köpfe zusammen; sie fürchteten offenbar ein neues Unheil. Die Mitteilungen Kreuzträgers erklärten nicht genügend, warum der Graf nicht mit den Materos zu ihrer Befreiung zurückgekommen war. Es herrschte auch ein gewisses Mißtrauen gegen die Indianer. Deshalb hielten sich beide Parteien auf verschiedenen Ufern voneinander abgesondert. Lord Henry Drysdale hatte beschlossen, das Anerbieten Kreuzträgers und seines Sohnes anzunehmen. Er traf seine Vorbereitungen, noch am Nachmittage aufzubrechen, um jedem Zusammentreffen mit dem Grafen auszuweichen. Da erschien plötzlich Slong, der Methodist, vor dem Zelt, das dem Lord zum Aufenthalt gedient, und verlangte ihn zu sprechen. Er führte ihn eine Strecke abseits; und mit Erstaunen sah Arnold von Kleist, der mit Ungeduld die Rückkehr des Grafen erwartete, daß der Lord mit großer Erregung die Mitteilung des Methodisten anhörte. Slong ruderte in dem Kanu zur Insel. Als Lord Henry zu dem Zelt zurückkehrte, war sein Gesicht bleich und entstellt; aber in dem festgeschlossenen Mund und dem drohenden Blick sprach sich ein finsterer Entschluß aus. Er bat Leutnant von Kleist, Kreuzträger zu benachrichtigen, daß er bis zum Abzug der Komantschen bleiben und sie nach dem Rio del Norte begleiten wolle, wo er leicht Gelegenheit finden würde, Mexiko und einen der östlichen Häfen zu erreichen. Tag und Abend vergingen, ohne daß der Graf zurückkehrte. Bonifaz hatte unter dem Beistande einiger der Abenteurer auf der Insel unter der Korkeiche ein Grab gegraben. Dann kam er ans Ufer, um mit Kreuzträger und Kleist von seinem Herrn zu sprechen und diesen zu erwarten. Denn er hielt es für seine Pflicht, ihm zuerst die traurige Botschaft zu überbringen. Wenn er auch die Erzählung Slongs als eine Eingebung seiner Furcht zurückgewiesen hatte, war er doch sichtlich schwer bedrückt und trübe. Auch Leutnant von Kleist konnte eine ernste Stimmung nicht verbergen; seine Blicke weilten oft lange und unentschlossen auf Comeo, die mit ihnen am Feuer saß. Die Tote auf der Insel lag allein neben dem offenen Grabe. Von beiden Ufern leuchteten die Feuer der roten und weißen Männer; und mit ungestümem Rauschen brach sich der Strom an den Klippen. Da erklang ein leiser Pfiff unter den Felsen des rechten Ufers unterhalb der Insel. Zwei dunkle Gestalten stiegen die Bank hinab – die eine hoch und stattlich, die andere sich seltsam an der Erde hinschiebend. »Hier, Mylord! Hier herunter!« flüsterte die Stimme Slongs. Lord Henry sprang hinab. Dann nahm er seinen verkrüppelten Diener Mahadrö in die Arme und hob ihn in das Kanu. Der Malaye ergriff das zweite Ruder; mit der vollen Kraft seiner Arme trieb er das leichte Fahrzeug gegen den Strom. Nach wenigen Minuten landeten sie an der Spitze der Insel. Der Methodist befestigte den Kahn; dann half er dem Krüppel ans Ufer. »Haben Sie Stricke, Mylord?« flüsterte er. »Ja.« »Dann folgen Sie mir mit aller Vorsicht und Stille; er ist verteufelt mißtrauisch.« Slong ging voran bis an die Klippen der Westseite des kleinen Eilandes – dort hustete er. Sogleich hörte man im Dunkel sich etwas regen. Ein mürrischer Fluch wurde laut. Die Stimme Hawthorns, des Roten Hai, nannte den Namen des Methodisten. »Es ist alles sicher, Kapitän«, log Slong. »Kommt nur hervor aus Eurem Versteck. Das Kanu ist da. In einer halben Stunde sind wir beide in Sicherheit.« »Der Teufel hole Euch, Schurke!« murrte Hawthorn, der sich mühsam aus einer Menge Buschwerk und Gräsern hervorarbeitete. In dieses Versteck hatte er sich mit Hilfe des Methodisten verborgen, als in der Nacht vorher der Kampf mit den Apatschen entbrannt war und die Abenteurer ihren unbekannten Bundesgenossen zu Hilfe eilten, ohne sich um ihn zu bekümmern. »Warum habt Ihr mir nicht wenigstens die Hände freigemacht, daß ich mich vor diesen verdammten Dornen schützen konnte? Mich den ganzen Tag in dem Loch da liegen zu lassen, ist ein schlechtes Freundschaftsstück. Schneidet den Strick durch, damit ich endlich meine Arme brauchen kann!« »Gleich, gleich, Kapitän!« heuchelte der Verräter. »Ihr müßt Euch noch einen Augenblick gedulden; denn ich habe das Messer im Kanu gelassen. Ich mußte mich auf alle Fälle sichern – jetzt aber glauben die Narren, Ihr habt die Gelegenheit ergriffen, ins Wasser zu springen, statt auf die Schlinge zu warten. So sind wir ganz sicher. Die Apatschen sind erschlagen durch Kreuzträger und eine Schar Komantschen. Unsere Leute lagern alle auf dem linken Ufer. Der Graf, mit dessen Spuk unsere eigene Einbildung uns erschreckt hat, kommt erst morgen zurück. Wenn wir uns mit dem Strom eine halbe Stunde lang den Fluß hinuntertreiben lassen, sind wir unsere freien Herren und aller Gefahr ledig; es müßte denn sein, daß...« »Was meint Ihr?« »Je nun – daß Ihr noch einmal auf Euren schlimmsten Feind, den Lord, stoßen würdet. – Aber kommt hierher, Kapitän, hier ist das Kanu!« »Der Teufel gesegne dir die Erinnerung!« fluchte der Rote Hai. »Nenne den Namen noch einmal, und ich schlage dich zu Boden, wie einen tollen Hund!« »Wenn Ihr je die Gelegenheit dazu bekommt!« lachte boshaft der Methodist. »Auf ihn!« Der Seeräuber stieß einen Fluch aus und wollte vorwärts springen. Aber er fühlte seine Beine fest umklammert und wurde zu Boden gerissen. Ein Knie setzte sich schwer auf seine Brust. Eine starke Hand preßte ihm einen Knebel in den Mund. Seine Füße wurden aufs neue mit festen Banden umschlungen. »Mörder!« zischte eine Stimme über ihm. Selbst in dem Dunkel konnte der Rote Hai ein bleiches Gesicht und funkelnde Augen über sich erkennen. Seine Augen schienen vor Entsetzen aus ihren Höhlen zu quellen. Vergebens versuchte er Widerstand und riß wie rasend an seinen Banden; fester und fester schlangen sie sich um seine Glieder. Der Knebel zwischen seinen Zähnen erstickte den Schrei der Wut, den Ruf um Hilfe. Lord Henry hatte sich erhoben; er streckte die Hand nach dem Sternenhimmel empor, als danke er dem Gerechten, daß er endlich das furchtbare Amt in seine Hände gegeben. Mahadrö, der Krüppel, kniete an der Seite des Gefesselten und murmelte Gebete. »Ich sagte es Euch ja, Freund Hawthorn,« höhnte der Methodist, »daß Ihr gerettet wäret, wenn Ihr nicht etwa das Unglück hättet, auf Seine Herrlichkeit zu stoßen. Aus alter Freundschaft soll es mir auf eine Handvoll Gebete für die Rettung Eurer armen Seele aus dem höllischen Pfuhle nicht ankommen. Ich weiß, das wird Euch ein Trost sein, wenn Ihr jetzt hinüber müßt!« »Still!« befahl Lord Henry. »Sie versicherten mich, daß der Ort den Mann vor Entdeckung schützen würde?« »Gewiß, Mylord!« »Hier sind die zweihundert Pfund, die Sie dafür verlangten, ihn in meine Hände zu liefern. Und fünfzig mehr, damit Sie tun, was ich befehle.« Der Methodist steckte die Banknoten ein; aber er konnte sich dabei eines Zitterns nicht erwehren. »Ich danke, Mylord! Er hat den Tod sicher verdient und eine Kugel durch die Schläfe oder eine Schlinge um den Hals...« Lord Henry lachte – ein kurzes, kaltes, hartes Lachen. »Was wissen Sie davon, was ich mit diesem Manne abzumachen habe!« sagte er rauh. »Glauben Sie, daß ich ihm drei Jahre gefolgt bin durch Meere und Länder, um mit ihm die kurze Abrechnung durch eine Kugel zu halten? Fassen Sie an...« »Aber, Mylord, was wollen Sie tun?« »Gehorchen Sie!« sagte der Lord streng. »Sie haben Ihren Lohn erhalten. Nehmen Sie seinen Kopf, ich die Füße. Er soll zurück in das Versteck.« Der Methodist, dem es kalt über den Leib rieselte bei dem unbekannten Schicksal, das den Roten Hai erwartete, gehorchte. Die beiden Männer trugen den hilflosen Körper in die Felshöhlung zurück, in der er sich früher verborgen. Lord Henry half, ihn mit Zweigen, Steinen und Gestrüpp zu bedecken, bis selbst das hellste Tageslicht keine Spur mehr von ihm zeigen konnte. Dann wandte sich der ehemalige Missionar zu seinem verkrüppelten Begleiter. »Mahadrö,« sagte er langsam und schwer, »ich versprach dir einst, deine Treue zu lohnen und deine Leiden zu vergüten. Heut gebe ich dir den Beweis meines höchstens Vertrauens. Bewache diesen Mann, bis ich sein Leben von dir fordere!« »Du sollst nicht töten, spricht der Herr! Die Rache ist mein!« sprach feierlich der Krüppel. »Blut für Blut! Leben für Leben! Ich habe geschworen, das Schwert seiner Hand zu sein! Gehorche!« Er winkte ungeduldig dem Methodisten nach dem Kanu und hieß ihn einsteigen. Mit festen Ruderschlägen trieb er das Fahrzeug nach dem jenseitigen Ufer; ohne ein Wort zu sprechen, sprang Slong an Land und eilte davon, als wäre der Rächer auf seinen eigenen Fersen. Der Lord kehrte in das Lager der Komantschen zurück und warf sich in seinem Zelt auf die Decke nieder, die sein Lager bildete. Eine Stunde nach Sonnenaufgang verkündeten umherschwärmende Reiter der Komantschen, am Ufer des Buenaventura näherte sich von Süden her ein Mann auf einem Mustang; ein zweites Pferd führte er am Zügel. Bald erkannten Kreuzträger und Lord Henry Eisenarm. Zum Erstaunen aller kam er allein. Man umringte ihn, als er herangekommen. Bonifaz und Kleist bedrängten ihn voll Besorgnis mit Fragen nach dem Grafen. Eisenarms Antlitz war ernst und undurchdringlich. Er begnügte sich damit, sich zu Kreuzträger zu wenden. »Wer ist Senor Bonifazio, der Begleiter des Conde? – Ich habe eine Botschaft für ihn.« »Ich bin es! – Wo ist mein Herr? – Es ist ihm doch kein Unheil begegnet?« »Der Graf ist tot«, sagte Eisenarm. »Gottes Wille hat seinem Weg ein Ende gemacht. Nehmt dies Zeichen zum Beweise der Wahrheit meiner Aussage.« Er reichte ihm den Siegelring mit dein Wappen der Lilien und dem schrägen Balken. Nachdem Kreuzträger mit den Komantschen die Nachricht gebracht, daß alle glücklich den gefährlichen Kampf bestanden hatten, war dieser Schlag so niederschmetternd, daß im ersten Augenblick niemand ein Wort zu sagen wußte. Bonifaz bedeckte schweigend das Gesicht mit den Händen. Die Achtung, die ein entschlossener und tapferer Mann selbst dem Feinde zollt, veranlaßte Lord Henry, einzuschreiten. »Master Eisenarm,« sagte er, »ich habe Sie kennen und achten gelernt. Ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit Ihrer traurigen Nachricht. Aber wenn auch die Gattin des Grafen Boulbon ihm im Tode vorangegangen ist, so hat er hier doch zahlreiche Freunde zurückgelassen. Diese Freunde werden Rechenschaft über seinen Tod von Ihnen verlangen; denn Ihnen und Wonodongah, Ihrem Freunde, hat Kreuzträger den Grafen gesund und kräftig zurückgelassen.« »Wir haben den Toten nicht zu uns gerufen, Mylord«, sagte ruhig Eisenarm. »Er ist aus eigenem Antriebe gekommen und auch geblieben, als er hierher zurückkehren und seine Freunde befreien konnte. Niemand hat demnach ein Recht, mich für sein Schicksal verantwortlich zu machen. Dennoch bin ich bereit, dem Manne, den er selber bestimmt hat, die näheren Umstände mitzuteilen, so weit ein Eid mich nicht bindet. Señor Bonifazio, ich wünsche mit Ihnen allein zu sprechen. Señor Kreuzträger bitte ich, diese beiden Pferde in Obhut zu nehmen und niemandem zu gestatten, sie zu berühren.« Der ruhige, feste Ton Eisenarms unterdrückte jedes Mißtrauen. Bonifaz ging ihm voran nach einer kleinen Anhöhe, einige hundert Schritte vom Lager entfernt, wo niemand ihre Unterredung vernehmen konnte. Dort setzten sich beide nieder. Lange schwieg Eisenann und wälzte in seiner einfachen, ränkelosen Seele die schweren Gedanken wie Blöcke. Endlich fand er die Worte, die ihm seine Liebe zu Wonodongah, seinem jungen Schützling, eingab; und nun erzählte er dem alten Avignoten ohne Beschönigung und ohne Schonung die Ereignisse der vergangenen Tage: wie Graf Boulbon den Schatz der Azteken fand und ihn in der gleichen Nacht verlor. Wie Wonodongah sein Wort erfüllte und wie er zugleich den fällte, der nicht mehr reinen Herzens war. Wortlos hörte Bonifaz ihn an – stumm und wortlos saß er neben ihm. Bilder der Heimat zogen an ihm vorüber, der Heimat, die Graf Boulbon und die treue Suzanne nicht wiedersehen sollten. Noch einmal erlebte er den tollen, abenteuerlichen Zug durch die Sonora bis an die Ufer des Buenaventura. Noch einmal Kampf und Sieg, Freude und Verzweiflung – und das Fieber, das tolle Fieber nach Gold – die Gier nach Macht und Reichtum. Tief aufseufzend hob er den Kopf und sah Eisenarm in die Augen. Stumm reichten sie sich die Hände. »So war es denn nur ein Traum – und alle Warnungen, die mein Mund und der Mund der toten Frau, die ihn liebte, gesprochen, sie hatten recht. Keine Königskrone wird meinen Herrn schmücken – die Sonora wird kein Königreich sein, und die unermeßlichen Schätze bleiben ein Geheimnis der Felsen und der Wüste. – Ich begreife Euern roten Freund, Eisenarm; ich begreife auch Euch. Und ich sage Euch: es ist gut so! – Das Gold, das Ihr bringt als Erbe des Grafen, soll redlich verteilt werden, und der kleine Louis soll niemals Mangel leiden; dafür laßt den alten Bonifaz sorgen. – Gott hat einen Zipfel von dem goldenen Geheimnis gelüftet – nun sinken wieder die Schleier nieder, bis eine neue Stunde kommt, in der vielleicht ein Berufener die Hand abermals danach ausstrecken darf. Fügen wir uns dem Willen Gottes, Eisenarm – und tun wir unsere Pflicht!« Damit drückte der treue Bonifaz noch einmal die Hand des Trappers und stieg mit ihm den Hügel hinab. Bonifaz bat den Lord, Kreuzträger und seinen Sohn, Leutnant von Kleist und Windenblüte zu einer Beratung. Eisenarm öffnete vor den Blicken der Staunenden die Last, die der zweite Mustang getragen. Die beiden Decken bargen die Goldblöcke, die der Graf in dem Tal zur Mitnahme bestimmt hatte. Es konnten an Gewicht nach der oberflächlichen Schätzung kaum weniger als zweihundert Pfund gediegenen Goldes sein. »Freunde,« sagte dann Bonifaz vor sie hintretend, »ich habe die Pflicht, Ihnen zu sagen, daß mein Gebieter bei der Aufsuchung einer Bononza verunglückt ist und den Tod gefunden hat. Eisenarm hat mir die überzeugenden Beweise überbracht; ihn trifft keine Schuld. Ich reiche ihm hier vor Ihnen die Hand, die Hand eines Freundes, der ihm dankt für die Treue und Redlichkeit, die er bewiesen. Mögen Gott und die Heiligen der unsterblichen Seele meines unglücklichen Herrn gnädig sein. Was Graf Boulbon an jenem Ort an Gold gefunden, hat Eisenarm hierhergebracht. Es soll zu gleichen Teilen zwischen seinem Sohn und Erben und den Männern dort jenseits des Flusses geteilt werden. Wir bitten Sie nun, uns den Rat zu geben, wie dies am besten zu machen ist, ohne den Dämon des Neides und der Habsucht wachzurufen und vielleicht noch mehr Blut zu vergießen, als um dies Gold schon geflossen ist.« Die Beratung war lang und voll verschiedener Meinungen. Endlich machte Lord Drysdale einen guten Vorschlag. »Ihr Wunsch, Señor Eisenarm und Señor Bonifazio scheint es,« sagte er, »die Leute sobald wie möglich dahin zurückzusenden, woher sie gekommen sind, um jeden Zwiespalt mit ihnen zu vermeiden. Ich habe nun Wechsel auf Guaymas und San Franzisko im Betrage von fünf- bis sechstausend Pfund Sterling bei mir. Nun mögen Sie den Teil des Goldes schätzen, der auf den Anteil der Leute des Grafen kommt. Ich bin bereit, ihnen die Wechsel zu diesem Betrage auszuhändigen nach Abzug des Anteils Meister Kreuzträgers und meines jungen Freundes Kleist. Da es als ein Vermächtnis des Grafen an jene gilt, brauchen sie nichts von dem Vorhandensein dieses Goldes zu wissen. Sie werden zur Auszahlung der Papiere und zur Teilung der Summe sicherlich sofort nach dem Westen aufbrechen. Ich habe mich entschlossen, mit Kreuzträger und seinen neuen Freunden, den Komantschen, nach dem Rio del Norte zu gehen und über Mexiko und Veracruz nach England zurückzukehren. Deshalb schlage ich Ihnen vor, Bonifaz, uns zu begleiten, statt sich der Gefahr auszusetzen, auf dem Wege nach der westlichen Küste um das Erbe des jungen Grafen – vielleicht von Wegelagerern und Räubern, vielleicht von Ihren alten Gefährten – beraubt zu werden. In Chihuahua oder Monterey werden wir leicht Gelegenheit finden, unser Gold in neue Wechsel auf Mexiko oder Europa umzusetzen und so der Beschwerde weiterer Last enthoben sein. Sir Arnold Kleist ist bereit, nachdem der Tod des Grafen seine Verpflichtung gelöst hat, mit mir zu gehen. So bleibt denn nur die Frage, was Sie, Señor Eisenarm, zu tun gedenken.« »Mylord,« sagte abwehrend der Trapper, »ich passe nicht in die Städte. Mein Leben gehört der Wildnis. – Was Sie vorschlagen, scheint mir gerecht und zweckmäßig. Wenn der Graf und Sie auch Gegner im Leben waren, so wird er Ihre Hilfsbereitschaft Ihnen doch im Tode danken.« Nach dieser Beratung teilten Eisenarm und Bonifaz das Gold vor den Augen aller. Der Anteil der Abenteurer wurde auf etwas über neunzig Pfund geschätzt. Lord Drysdale gab dafür Anweisungen auf fünftausend Pfund Sterling. Das Gold wurde aufs neue sorgsam verpackt und unter die Aufsicht Kreuzträgers gestellt. Bonifaz übernahm den Auftrag, die Gesellschaft der Goldsucher auf der andern Seite des Stromes, die schon wiederholt Zeichen der Ungeduld und Erwartung gegeben, von dem Tode des Grafen in Kenntnis zu setzen. Leutnant Morawski sollte die Wechsel zur Erhebung und zur gerechten Verteilung des Betrages ausgehändigt erhalten. Woykas und ein Teil der Komantschen begleiteten ihn zu Pferde durch die Furt oberhalb der Insel. Die andern trafen unter Kreuzträgers Leitung die Vorbereitungen zum Aufbruch. Bisher hatte Eisenarm es sorgfältig vermieden, Wonodongah zu erwähnen. Die Augen Comeos waren oft fragend und voll Besorgnis auf ihn gerichtet. Jetzt aber fühlte er, daß er der traurigen Pflicht nicht länger ausweichen durfte. Comeo war zu ihm getreten und hatte leicht die Hand auf seinen Arm gelegt; nicht weit von ihnen stand Leutnant von Kleist. »Mein weißer Bruder«, sagte Comeo mit ihrer sanften Stimme, »hat Schmerz in die Ohren seiner Freunde geflüstert. Vielleicht bringt er Freude für Comeo? Kann er ihr erzählen, daß Wonodongah seiner Schwester gedenkt und ihr erlaubt, wieder bei ihm zu sein?« »Wonodongah«, erwiderte Eisenarm zurückhaltend, »gedenkt Comeos. Aber der Große Manitou hat gewollt, daß er sie niemals wiedersehen soll.« Comeos kleine braune Hand fuhr nach dem Herzen. »So ist er tot?« »Ich habe gesagt, Comeo, daß er deiner gedenkt. Er will, daß du zu den Komantschen zurückkehrst. Sie werden der Tochter eines Toyah und der Schwester eines Häuptlings die Aufnahme nicht versagen.« Tränen netzten die Wangen Comeos. »Darf Eismann der Schwester Wonodongahs nichts sagen über das Schicksal ihres einzigen Bruders?« »Es ist unnütz, Comeo – es würde dir nur größere Schmerzen bereiten. Der Große Geist hat es gewollt, daß sein Geist umnachtet war. Er wird entscheiden, ob Wonodongah in den ewigen Iagdgründen die Geister seiner Väter finden soll, oder noch länger atmen auf dieser Erde. Der Schatten, der die Seele des tapferen Kriegers verhüllt, ist gebüßt. Eisenarm wird für ihn sorgen wie für einen Bruder. Und auch du, Comeo, sollst, solange ich eine Büchse führen kann, nicht darben. Ich will durch die Händler alle Jahre einen Pack guter Felle für deinen Unterhalt zu dem Stamme der Komantschen senden, der dich als Tochter angenommen hat.« Comeo weinte still, ohne daß sie es wagte, dem Willm ihres Bruders und ihres alten Freundes zu widersprechen. Eismann stand in tiefem und schmerzlichem Sinnen auf seine Büchse gelehnt. Da trat Arnold von Kleist heran. Das Gespräch zwischen Eisenarm und Comeo war in der Mundart der Komantschen geführt worden. Kleist hatte es nicht verstanden. Aber die Tränen seiner treuen Pflegenin und Lebensretterin hatten deutlich genug gesprochen, um seine Teilnahme zu erregen. »Señor Eisenann,« sagte er entschlossen, »Comeo hat aus Dankbarkeit für den kleinen Dienst, den ich ihr erwiesen. Sie und ihren Bruder verlassen. Ohne ihre Pflege und Aufopferung lebte ich wahrscheinlich nicht mehr. Ich habe also ein Recht zu fragen: warum weint Comeo? Wo ist Wonodongah, ihr Bruder?« Eisenann zögerte mit der Antwort; als er aber den Blick voll Anhänglichkeit und Vertrauen bemerkte, den Comeo bei der Frage Kleists auf ihn warf, entschloß er sich, zu antworten. »Wonodongah«, sagte er, »ist tot für seine Schwester und seine Freunde; er wird keinen wiedersehen, auch wenn er lebt. Comeo ist eine Waise. Sie wird zu ihrem Stamme zurückkehren und in seinen Dörfern leben!« »Nein, bei Gott!« rief Arnold von Kleist, »das soll nicht ihr Los sein! Ich habe selber keine Heimat, und nichts als meine Arme und das kleine Erbe des Grafen. Aber ich biete dir ein ehrliches Herz, Comeo; ich frage dich, willst du als mein Weib mir folgen und mir helfen, uns beiden eine neue Heimat zu gründen – sei es, wo es Gott gefällt!?« Comeo legte die Hände vor das Gesicht. »Ich bin ein rotes Mädchen!« »Und wärst du schwarz wie die Nacht, so wärst du doch ein Engel des Lichts an Liebe und Herzensgüte. Ich liebe dich nicht aus Dankbarkeit, sondern um deiner selbst willen; und wenn Eisenarm deinen Bruder vertritt, so sage ich ihm, Arnold von Kleist begehrt Comeo zu seinem Weibe. Der erste Priester, dem wir begegnen, soll diese Ehe einsegnen und dich durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft aufnehmen.« Comeo schluchzte und preßte die Hand ihres jungen Freundes an die feuchte Wange. Eisenarm reichte ihm seine Rechte. »Señor,« sagte er, »ich habe selber erfahren, daß Sie ein tapferer und wackerer Mann sind. Geben Sie mir Ihr Wort, Comeo stets gut und freundlich behandeln zu wollen!« Er drückte ihm fest die Hand. Dann wandte er sich um und trat zu Kreuzträger. Er mochte die tiefe Bewegung nicht sehen lassen, die ihm die Trennung von der jungen Schwester Wonodongahs bereitete. Weiter hinauf am Ufer über der Insel konnte man die Vorgänge auf der andern Seite der Insel leicht beobachten. Die Abenteurer umdrängten den Avignoten und seine Begleiter. Anfangs schienen sie den so unerwarteten Tod ihres Führers kaum glauben zu wollen. Erst nachdem Bonifaz ihnen den wenigstens dem Polen wohlbekannten Siegelring des Toten zeigte, wurden sie mehr und mehr überzeugt. Die bedeutende Summe, die ihnen mit der Nachricht überwiesen und in die Hände Morawskis niedergelegt wurde, regte aufs neue alle schlechten und gehässigen Leidenschaften der Habgier und des Eigennutzes in den meisten auf. Hätten sie irgendeinen Anhalt für ihr Mißtrauen auffinden oder einen Fingerzeig für ihre eigenm Nachforschungen nach Gold gewinnen können, so würden sie sich nicht so leicht gefügt haben. Vielleicht war es ein Glück, daß der Avignote von den Komantschenkriegern begleitet worden war. Ihre nächste Sorge schien jetzt, ob auch die übergebenen Anweisungen gültig waren. Dies zu erfahren, blieb freilich nur eine Möglichkeit; und nach mancherlei Streit und Zank beschloß man, da keiner dem andern trauen wollte, so eilig wie möglich nach dem Westen aufzubrechen und sich nicht eher zu trennen, als bis die Papiere ausgezahlt waren. Im stillen plante fast jeder, dann allein in diese Gegend zurückzukehren, um weitere Nachforschungen nach dem geheimnisvollen Schatze anzustellen. Nachdem Bonifaz von seinen bisherigen Gefährten Abschied genommen, kehrte er mit Woykas und den Komantschen nach dem andem Ufer zurück. Die Sucht der Abenteurer, in Besitz ihres Geldes zu kommen, war so mächtig, daß man sie schon im Lauf der nächsten Stunde ihren Lagerplatz verlassen und eilig nach Westen ziehen sah. Sie hatten sich nicht einmal Zeit genommen, die Beerdigung der Gattin ihres Anführers, die so treu alle Leiden und Anstrengungen mit ihnen geteilt, abzuwarten. Diese heilige Pflicht hatte Bonifaz noch zu erfüllen, ehe er von der Stätte der Trauer Abschied nehmen konnte. Mit Hilfe Kreuzträgers und Eisenarms wurde ein rohes Kreuz gezimmert, das die letzte Ruhestätte Suzannes krönen sollte. Dann holte man das Kanu in der Strömung herauf, um nach der Insel überzusetzen. Alle Weißen, Windenblüte und Woykas fuhren nach der Insel über, um der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Von allen hatte sie nur Bonifaz näher gekannt und geliebt. Aber seine Erzählung von ihrer Liebe und Aufopferung rührte selbst die Herzen der Fremden tief. Die Männer waren erstaunt, auf der Insel dem Krüppel Mahadrö zu begegnen, den sie seit dem Morgen nicht gesehen und in dem kleinen Zelt des Lords geglaubt hatten; doch sie enthielten sich der Fragen in dieser Trauerstunde. Comeo hatte am Ufer in den Büschen von wildem Oleander und Myrte Blumen und Zweige gepflückt und zu Kränzen gewunden, mit denen sie die Tote schmückte. Bonifaz hüllte Suzanne in eine Decke. So senkten die Männer sie in das einsame Grab. Als sich der Hügel über der Toten wölbte, pflanzte Bonifaz das Kreuz darauf. Alle knieten am Grabe nieder, ein Gebet zu sprechen. Auch auf Lord Henry schien die einfache Feier einen tiefen Eindruck gemacht zu haben. Er blieb stumm und finster, als das Gefühl des Schmerzes sich jetzt bei allen in Worte löste. Eisenarm, Kleist und Comeo waren die ersten, die Woykas über den Strom setzte. Dann kehrte er mit dem Kahn zurück, die andern zu holen. Während sie auf der Insel warteten, zeigte sich der Malaye sehr unruhig. Er schien wiederholt mit einem der Männer sprechen zu wollen. Aber ein finsterer Blick seines Gebieters schloß ihm den Mund. Kreuzträger, der, weniger von dem Vorhergegangenen berührt, ruhiger beobachtete, bemerkte, daß Lord Henry unruhig umherging und mit einem Entschluß zu kämpfen schien. Endlich kam Woykas mit dem Boot zurück. Kreuzträger mahnte seine Gefährten, daß es Zeit sei, aufzubrechen. Bonifaz machte zum letztenmal das Zeichen des Kreuzes über die Ruhestätte Suzannes. Dann stieg er mit Kreuzträger in das Kanu. Lord Drysdale jedoch traf keine Anstalten, ihnen zu folgen. »Mylord,« sagte Kreuzträger, »kommen Sie; es ist Zeit, wenn wir vor Einbruch der Nacht noch eine Strecke Weges zurücklegen wollen.« »Einen Augenblick, Sir! – Ich habe eine Bitte an Sie. Während Sie alles zu sofortigem Aufbruch bereiten, hat Leutnant von Kleist wohl die Güte, auch unsere wenigen Sachen in Ordnung zu bringen. Ich will mich noch einige Zeit auf der Insel aufhalten. Es wird nicht lange dauern. Vielleicht erweist uns dieser junge Häuptling, Ihr Sohn, oder einer seiner Krieger, den Dienst, uns mit dem Kanu abzuholen.« Bonifaz sah Lord Henry erstaunt an. Kreuzträger jedoch begann die Wahrheit zu ahnen. »Mylord,« sagte er ernst, »es ist besser, wenn die Menschen Gott die Rache überlassen. Seine Hand weiß jeden zu finden. Bedenken Sie, daß Sie ein Christ sind und, wie man mir sagte, sogar ein Priester waren.« Lord Henry richtete sich hoch empor; seine blauen Augen strahlten in unheimlichem Feuer. »Wenn Sie den Christen suchen, so sprechen Sie zu dem da!« Er wies auf den Malayen. »Sein Gott ist der meine geworden – der Gott der Rache! Haben Sie an Vergebung gedacht, als Ihr Weib und Ihr Kind sich in den Händen der Apatschen wanden? Und doch war es nur der Tod, der ihnen ans Herz griff. Sie haben nicht gesehen, was meine Augen schauen mußten! Gehen Sie, Mann! Gedenken Sie, wie oft Ihre Kugel und Ihr Messer das Herz eines Apatschen durchbohrt hat, und sprechen Sie nicht zu dem von Schonung, der Maria Ronecamp leiden und sterben sah. Drei Jahre habe ich den Roten Hai auf Meer und Land gesucht – vor Ihren Augen habe ich den höchsten Schimpf eines Mannes um ihn erlitten – jetzt ist er mein! Seine Stunde ist gekommen!« Der gebietende Wink seines Armes wies hinüber nach dem Ufer. Das Boot stieß ab. Lord Drysdale wandte sich zu dem Malayen. »Es ist Zeit, Mahadrö! Komm!« Er ging ihm voran nach dem Felsenversteck, in dem sie den Seeräuber verborgen hatten. Seine Hand riß mit fieberhafter Hast das Gestrüpp und die Zweige fort, die ihn bedeckten. Die Augen des Roten Hai standen weit offen. Blutunterlaufen starrten sie ihn an mit einem Gemisch von Wut und Furcht. Hart begegnete Lord Henry diesem Blick. Dann faßte er den schweren, regungslos zusammengeschnürten Körper und trug ihn wie den eines Kindes bis in die Mitte der Insel. Dort warf er ihn zu Boden. Hawthorn machte wahnsinnige Anstrengungen, die Bande zu zerreißen. Das Blut tropfte an seinen Gelenken herab. Lord Henry sah ihm, die Arme über die Brust gekreuzt, zu und lachte. Der Krüppel faltete flehend die Hände und sah zu ihm empor, als wolle er um Barmherzigkeit bitten. »Nimm den Knebel aus seinem Munde!« befahl der Lord. Zitternd gehorchte der Malaye. Der von dem Tuch befreite Seeräuber stieß ein Gebrüll aus, so laut und gräßlich, daß man es über das Rauschen des Wassers hinweg weit auf dem Ufer drüben hörte. »Squale rouge – Roter Hai – Niels Hawthorn!« sagte langsam der Lord. »Meine Zeit ist gekommen. Der Gott, den ich angerufen, der Gott der Rache hat endlich Mitleid mit mir gehabt und dich in meine Hand gegeben, wo niemand steht zwischen mir und dir. Bereite dich zum Tode!« »Schurke! Mörder!« schrie der Seeräuber. »Ich hasse dich! Nimm mein Blut und sei verflucht!« »Ich will dein Blut nicht, Roter Hai!« fuhr der Lord fort. »Ich würde meine Hand beflecken, wollte ich sie in das Blut eines solchen Scheusals tauchen. Denk an die Nacht im chinesischen Meer in der Kajüte des ›Satan‹! Denk an Maria Ronecamp – und bereite dich zu sterben!« »Nimm deine Büchse–-töte mich!« schäumte der Pirat. »Zu Hilfe! Mörder!« Sein wahnwitziges Geschrei erfüllte die Luft. Der Lord sah sich um. Die Augen Hawthorns folgten furchtsam. Nach der Spitze der Insel zu standen, etwa sechs Schritte voneinander, zwei junge schlanke Bäume einer Zedernart, die ein zähes, biegsames Holz hat. Die jungen Stämme waren gleich hoch, etwa zwanzig Fuß. Über das Felsenufer der Insel hinweg waren ihre Spitzen auf beiden Seiten des Buenaventura zu sehen. Auf diese Bäume richtete der Lord seine Augen. Er hatte sie schon vorher, während der Beerdigung Suzannes, ausgesucht. »Die Bola, Mahadrö!« Der Krüppel holte unter seinem weiten Gewände zitternd die geschmeidige Waffe der Indianer, den Lederstrick mit den Eisenkugeln am Ende, hervor. »O Sahib, Sahib! – Laß ihn nicht sterben in seinen Sünden!« Wieder lachte der Lord – es klang so unheimlich, so grausam, daß der Rote Hai zusammenschauerte und zu zittern begann wie ein Kind. »Wenn dir um das Seelenheil dieses Teufels bangt, so höre seine Beichte!« Der Krüppel schien den bitteren Hohn nicht zu verstehen oder nicht auf ihn zu achten. Er schob sich an die Seite des Gefangenen, zog die abgegriffene Bibel aus seiner Tasche und begann die Psalmen, seine Lieblingsgebete, laut zu lesen. Der Rote Hai antwortete ihm mit einem greulichen Fluch. Seine Augen folgten wie gebannt dem Lord. Er hatte das Ende der Bola gefaßt und warf sie mit der sicheren Hand, die er sich bei seinem Aufenthalt unter den Apatschen erworben, nach dem Gipfel des einen Baumes, zog ihn mit den fest umschlingenden Kugeln nieder und befestigte ihn an einem schweren Stein. Der Seeräuber glaubte, er solle an dem Baume aufgehängt werden und brüllte Flüche und Verwünschungen. Zu seinem Entsetzen aber sah er, wie der Lord die Bola von dem Baume löste und die Kugeln in gleicher Weise nach dem Gipfel des zweiten Baumes schleuderte. Das wütende Geschrei des Mörders verstummte. Der Schrecken schnürte ihm die Kehle zusammen und trieb die Augen aus ihren Höhlm. Lord Henry band die Krone beider Bäume mit einer dünnen, aber festen Reata zusammen, so daß sie etwa drei Fuß weit voneinander gebeugt blieben. Dann trat er zu dem Gefesselten. »Bist du zu Ende, Mahadrö?« »O Sahib, übe Erbarmen!« Lord Henry wandte sich ohne Antwort an den Seeräuber. »Die Zeit, den Eid zu halten, ist da! – Roter Hai, der schottische Wolf ist über dir!« »Erbarmen! Barmherzigkeit!« winselte der Zitternde, dem aller Mut und Trotz vor dem unbekannten Schicksal geschwunden war. »Ich will meine Verbrechen bereuen! Ich will beten – töten Sie mich! Töten Sie mich wie einen Menschen – nur das nicht! Erbarmen! Erbarmen!« »Hast du Erbarmen gehabt mit Maria? Hast du Barmherzigkeit geübt an ihrem Leib? Auswurf der Hölle! Kehre zurück zu dem Ort, der dich geboren!« Er beugte sich nieder zu ihm und schleifte ihn nach den Bäumen. Der Malaye wollte sich ihm in den Weg werfen, seine Knie umfassen. Ein Fußstoß schleuderte ihn weit zurück. Das Geheul des Mörders glich dem heiseren Gebrüll des Tigers in seinem Todeskampf. Lord Henry, in wahnsinnigster Erregung, gepeitscht von den Furien der Erinnerung an die Qual seiner Braut, warf ihn auf das Gesicht und setzte das Knie auf den zuckenden Leib. Mit harten Griffen band er die festen Lederstricke, die er an den niedergebogenen Stämmen befestigt, auf jeder Seite fest an die Handgelenke und die Knöchel des Roten Hai. Dann nahm der furchtbare Rächer die Reata, die beide Wipfel zusammen am Boden hielt, schürzte die Mitte zum Knoten zusammen und stieß ihn zwischen die Zähne seines Opfers. »Halt fest, Roter Hai! – Du hältst dein Leben! – Denk an Maria und sei verflucht!« Ein Schnitt des Messers trennte die Stricke, die bisher seine Füße und seine Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt hatten. Beine und Arme streckten sich im Kreuz nach den Bäumen, an die sie gefesselt waren – kein Fluch, kein Schmerzensruf, kein Laut entfuhr dem Munde des Gemarterten. Seine Zähne, seine Kinnbacken hielten krampfhaft den Strick fest, der um eine Steinkante geschlungen, ihn und die Wipfel am Boden hielt. »Komm!« Der Krüppel vermochte sich nicht zu bewegen. Seine Lippen murmelten Gebete; der Lord hob ihn auf und trug ihn hinunter zum Ufer. Dort lag das Kanu. Woykas und ein Komantsche saßen darin mit den Rudern. Die beiden Krieger der Prärie waren bleich unter der roten und gebräunten Haut. In dem starren Antlitz Lord Henrys hatten allein die unheimlichen Augen noch Leben. Lord Drysdale hob den Malayen in das Kanu und setzte sich neben ihn. »Fort!« Von der Strömung weit hinabgetrieben, landete wohl an hundert Schritt unterhalb der Insel das Fahrzeug; die Indianer stiegen aus und halfen dem Malayen ans Ufer. Der Lord blieb zurück. Ein schwerer Fußtritt durchbrach den leichten Boden des Fahrzeugs – dann stieß er es hinaus in den Strom und sprang das Ufer hinauf. Die Komantschen saßen in ihren Sätteln. Die weißen Männer standen an ihren Pferden, alle ernst und stumm. Comeo weinte an der Schulter ihres künftigen Gatten, als der Lord mit seinen Begleitern zu ihnen trat. Auf der Insel drüben war alles still; kein Laut außer dem Rauschen des Buenaventura. Lord Drysdale half Mahadrö auf den kissenartigen Sitz, den man für ihn auf ein Pferd geschnallt, und sprang in den Sattel. »Vorwärts, Freunde!« Er spornte sein Pferd den anderen voran. In diesem Augenblick zerriß ein gellender entsetzlicher Schrei von drüben her die Luft. Unwillkürlich schauten die Reiter zurück. Drüben auf der kleinen, unzugänglichen Felseninsel schwankten zwei schlanke junge Zedern hin und her. Zwischen ihren Wipfeln streckten sich die Glieder des Roten Hai im lebendigen zuckenden Andreaskreuz. Schrei auf Schrei, von entsetzlicher Qual ausgestoßen, gellte herüber... Im Galopp entflohen die Reiter dem schrecklichen Todesruf. Erst nach einer Viertelstunde, als die Fluten des Buenaventura verschwunden waren, hielt Eisenarm seinen Mustang an. »Hier trennt sich mein Weg von dem euren. Freunde!« Er reichte Bonifaz, Kreuzträger und Kleist die Hand, verneigte sich kurz vor Lord Drysdale und wandte sich dann zu Comeo, die er auf die Stirn küßte. Weinend schmiegte sie sich an seine Hand. »Es muß sein!« sagte er herzlich. »Gott möge mit dir sein – dieser Mann, den du liebst, mag dein Leben glücklich machen. Hast du noch einm Wunsch, so sage ihn schnell.« Sie flüsterte ihm weinend einige Worte ins Ohr. »Es soll geschehen, es ist Christenpflicht. Lebe wohl!« Er wandte sein Pferd und galoppierte den Weg zurück, den sie gekommen. Im Weiterreiten vernahm die kleine Schar in der Ferne den schwachen Schall eines Büchsenschusses. Alle wußten, wen er erlöst. Die Stimme des Großen Geistes Durch die Nacht rauschten die Quellen des Buenaventura... Den Kopf an den Stamm der Eiche gelehnt, wie ihn Eisenarm verlassen, saß Wonodongah, der blinde Häuptling der Toyahs. Er saß und wartete. Er wußte nicht, wie viele Stunden hinabgesunken waren in das Rätsel der Zeit. Für ihn waren es Ewigkeiten, in denen er sein Leben gelebt von Anfang an. Nur des Morgens, wenn die Sonne vom Osten einfiel in das Tal der Quellen, traf ihn ihr kosender, warmer Schein und umschmeichelte seine schmerzenden Glieder. Wenn das Gestirn weiterrollte auf seiner himmlischen Bahn, wuchsen die Schatten der Eiche und der Felsen. Wonodongah fühlte an der Kühle, daß ihm nicht mehr die Sonne schien. Wonodongah war blind; aber seiner Seele waren die Augen aufgetan. Wenn er das Pfeifen des Windes in den Schluchten hörte, das Murmeln der Quellen, den Ruf des Choyero, das Rascheln der grünen Schlangen, dann sah er das tiefe Tal, überragt von Felsen und Gletschern, aufblühen in goldenem Glanz. Das war die Erinnerung... Die Erinnerung führte ihn an das güldene Totenlager des Grafen Raousset-Boulbon und ließ ihn noch einmal den Stoß nach seinem Herzen tun; sie hob ihn auf die Schwingen des Kondors und tmg ihn hin an die Gitterstäbe, hinter denen Dolores Montera, die weiße Frau, sich ihm enthüllt. Erinnerung führte ihn zu Eisenarm und Comeo, zu dem besiegten Grauen Bären, zu manchem tapferen, blutigen Kampf – Erinnerung an die weite Prärie, den blauen, lichten, sonnenüberstrahlten Himmel des Tages und die sternengestickten, dunklen Sammetnaächte des Südens... Das war die Erinnerung. Aber noch andere Tore taten sich ihm auf; noch anderes sah der Blinde, das er zuvor nicht gesehen. Indes seine Hand in langen Pausen die lechzende, fiebernde Zunge netzte mit Quellwasser und stärkte mit kargem Imbiß, den ihm der Freund zurückgelassen, wanderten seine Gedanken von einem seiner roten Brüder zu dem andern. Wie oft hatte er Kriegern seiner Rasse gegenübergestanden und sein Messer in ihr Herzblut getaucht; wie oft sandte seine Büchse den tödlichen Schuß, schleifte sein Lasso den Feind hinter sich her. Brüder seiner Rasse – seine Hand hatte ihr Leben genommen. Wonodongah lauschte in das Raunen der Wildnis. Schwoll da nicht Stimmengewirr? Was drang da heran aus Fels und Gestein? Was murmelte um ihn? Seine Augen waren blind – und er war allein. Kamen die Erschlagenen und klagten ihn an vor Manitou? – Oder war es die Stimme des Großen Geistes, die aus dem Schweigen der Erde sprach? Wonodongah lauschte – nein, keine Menschen sprachen. Er blieb allein; in seinen Ohren sang sein eigenes Blut. Wonodongah sah mit seiner Seele über die Prärie. Blut floß aus dem Herzen seiner Brüder. Sie trugen Waffen in den Händen und fielen, einer nach dem andern... Warum standen sie nicht beieinander wie eine Mauer vor den habgierigen Weißen, die über das Meer kamen mit heischenden Händen – nach Gold, Gold!? – Warum gab es so viele Stämme, so viele Willen, so vielen Haß? – Seine Eltern waren getötet von den Apatschen – Comeo und er waren ohne Vater und Mutter. Warum zerfleischten sich die Kinder Manitous und jagten nicht die Antilope und den Büffel, saßen mit dem rauchenden Kalumet um das Lagerfeuer vor ihrem Wigwam und lauschten auf das Flüstern des Waldes, das Murmeln des Baches und das Lachen und die Freude ihrer Weiber und Kinder? Abermals war es dem fiebernden Blinden, als klänge ein Ruf an sein Ohr. Er bäumte sich halben Leibes auf. Der gellende Kriegsruf der Komantschen antwortete aus seinem Munde der Frage Manitous. Wonodongah, der Häuptling der Toyahs, sang seine Sterbegesänge vor dem Großen Geiste. Er sang von seinen Taten und von seinen Träumen. Dann und wann übertönte die einsame Menschenstimme das Raunen der Wildnis und weckte ein schwaches Echo am Felsen der Quellen. Wonodongah sang, bis seine Stimme heiser war, Tag und Nacht. Wonodongah wartete auf Eisenarm. In zehn Sonnen wollte er kommen. Zehn Sonnen – das war eine Ewigkeit; denn das Wundfieber raste in seinen Adern und zehrte an seiner Kraft. Dämonen mit grinsenden Fratzen umtanzten und umschreckten ihn. Sturm und Gewitter zogen herauf, durchtosten die Felsen und näßten den Blinden. Die Stimme des Großen Geistes sprach aus dem Donner zu ihm. Dann war wieder Stille an den Quellen des Buenaventura. Wonodongah fror. Er zitterte und schauerte im Fieber. Lockend griffen die weißen Arme Dolores Monteras nach ihm. Dann träumte er im Fieberschlaf von dahindonnernden Mustangscharen in den ewigen Jagdgründen Manitous, auf denen seine Ahnen ritten. Der Große Manitou! Er hob die Arme – vor ihm wuchs ein ungeheures, kreisendes, zuckendes, Goldspeere werfendes Licht.. Mit wundem Lächeln schlug er zu dem Großen Geiste die Lider auf. Aber er sah nichts, als er aus seinem Traum erwachte. Er war blind. Wonodongah aß und trank nichts mehr. Das Fieber zehrte ihn aus. Er vergaß, wen er geliebt und gehaßt – Comeo und Eisenarm, Dolores und den Grafen. Weit hinter ihm versank die Welt, Gebirge und Prärie. Wieder glaubte er sich auf seinem Kondor-Roß, und das Fieber peitschte blutige Brände in seine Augen. Flog er? Sank er? Rief da nicht zum drittenmal die Stimme des Großen Geistes? – Noch einmal begann Wonodongah, der Häuptling der Toyahs, sein Sterbelied. Aber nur tonlos und heiser hauchte es von seinen Lippen. Da schwieg er und ließ sich zurücksinken auf den felsigen Boden. Zehn Tage später kam Eisenarm auf müdem Mustang am Ufer des Buenaventura hinaufgeritten. Kummer hatte die Wetterftnchen in seinem gebräunten Antlitz vertieft und sein Haar gebleicht. Er hatte Dolores Montera auf der Hazienda del Cerro nicht angetroffen. Die Dienerschaft sagte, sie sei mit Don Esteban nach Puebla abgereist und wollte sich auf ihren Gütern im Süden mit Don Carboyal vermählen. Unverrichteter Sache kehrte Eisenarm zurück. Und mit einer Gebärde des Ekels warf er das vom Blut des Grafen Raousset-Boulbon getränkte Spitzentuch der schönen Doleres in die Fluten des Buenaventura. Dann spornte er seinen erschöpften Mustang zu letztem Ritt. Mit der sinkenden Sonne erreichte er das Tal der Quellen. Schon von weitem sah er seinen jungen roten Bruder bewegungslos auf der Erde liegen. Mit einem Sprunge war der riesige Jäger aus dem Sattel und kniete bei ihm. Die Stimme des Großen Geistes hatte die Seele des Blinden heimgerufen in die ewigen Jagdgründe. Wonodongah, der Häuptling der Toyahs, war tot.