Euripides. Iphigenie in Aulis. Uebersetzt von Friedrich Schiller. Diese Tragödie ist vielleicht nicht die tadelfreieste des Euripides, weder im Ganzen, noch in ihren Theilen. Agamemnons Charakter ist nicht fest gezeichnet und durch ein zweideutiges Schwanken zwischen Unmensch und Mensch, Ehrenmann und Betrüger, nicht wohl fähig, unser Mitleiden zu erregen. Auch bei dem Charakter des Achilles bleibt man zweifelhaft, ob man ihn tadeln oder bewundern soll. Nicht zwar, weil er neben dem Racineschen Achilles zu ungalant, zu unempfindsam erscheint; der französische Achilles ist der Liebhaber Iphigeniens, was jener nicht ist und nicht sein soll; diese kleine, eigennützige Leidenschaft würde sich mit dem hohen Ernst und dem wichtigen Interesse des griechischen Stücks nicht vertragen. Hätte sich Achilles wirklich überzeugt, daß Griechenlands Wohl dieses Opfer erheische, so möchte er sie immer bewundern, beklagen und sterben lassen. Er ist ein Grieche und selbst ein großer Mensch, der dieses Schicksal eher beneidet, als fürchtet; aber Euripides nimmt ihm selbst diese Entschuldigung, indem er ihm Verachtung des Orakels, wenigstens Zweifel in den Priester, der es verkündigt hat, in den Mund legt – man sehe die dritte Scene des vierten Akts – und selbst sein Anerbieten, Iphigenien mit Gewalt zu erretten, beweist seine Geringschätzung des Orakels; denn wie könnte er sich gegen Das auflehnen, was ihm heilig ist? Wenn aber das Heilige wegfällt, so kann er in ihr nichts mehr sehen, als ein Opfer der Gewalt und priesterlichen Künste, und kann sich dieser großmüthige Göttersohn auch alsdann noch so ruhig dabei verhalten? Muß er sie nicht vielmehr, wenn sie mit thörichtem Fanatismus gleich selbst in den Tod stürzen will, mit Gewalt davor zurückhalten, als daß er ihr erlauben könnte, ein Opfer ihrer Verblendung zu werden? Man nehme es also, wie man will, so ist entweder sein Versuch zu retten thöricht, oder seine nachfolgende Ergebung unverzeihlich, und inconsequent bleibt in jedem Falle sein Betragen. Der Chor in diesem Stücke, wenn ich seine erste Erscheinung ausnehme, ist ein ziemlich überflüssiger Theil der Handlung, und wo er sich in den Dialog mischt, geschieht es nicht immer auf eine geistvolle Weise! das ewige monotonische Verwünschen des Paris und der Helene muß endlich Jeden ermüden. Was gegen die durch ein Wunder bewirkte Entwickelung des Stücks zu sagen wäre, übergeh' ich; überhaupt aber ist zwischen der dramatischen Fabel dieses Dichters und seiner Moral oder den Gesinnungen seiner Personen zuweilen ein seltsamer Widerspruch sichtbar, den man, so viel ich weiß, noch nicht gerügt hat. Die abenteuerlichsten Wunder- und Göttermärchen verschmäht er nicht; aber seine Personen glauben nicht an ihre Götter, wie man häufige Beispiele bei ihm findet. Ist es dem Dichter erlaubt, seine eigenen Gesinnungen in Begebenheiten einzuflechten, die ihnen so ungleichartig sind, und handelt er nicht gegen sich selbst, wenn er den Verstand seiner Zuschauer in eben dem Augenblick aufklärt oder stutzen macht, wo er ihren Augen einen höhern Grad von Glauben zumuthet? Sollte er nicht vielmehr die so leicht zu zerstörende Illusion durch die genaueste Uebereinstimmung von Gesinnungen und Begebenheiten zusammen zu halten und dem Zuschauer den Glauben, der ihm fehlt, durch die handelnden Personen unvermerkt mitzutheilen beflissen sein? Was Einige hingegen an dem Charakter Iphigeniens tadeln, wäre ich sehr versucht, dem Dichter als einen vorzüglich schönen Zug anzuschreiben; diese Mischung von Schwäche und Stärke, von Zaghaftigkeit und Heroismus ist ein wahres und reizendes Gemälde der Natur. Der Uebergang von einem zum andern ist sanft und zureichend motivirt. Ihre zarte Jungfräulichkeit, die zurückhaltende Würde, womit sie den Achilles, selbst da, wo er Alles für sie gethan hat oder zu thun bereit ist, in Entfernung hält, die Bescheidenheit, alle Neugier zu unterdrücken, die das räthselhafte Betragen ihres Vaters bei ihr rege machen muß, selbst einige hie und da hervorblickende Strahlen von Muthwillen und Lustigkeit, ihr heller Verstand, der ihr so glücklich zu Hilfe kommt, ihr schreckliches Schicksal noch selbst von der lachenden Seite zu sehen, die sanft wiederkehrende Anhänglichkeit an Leben und Sonne – der ganze Charakter ist vortrefflich. Klytämnestra – mag sie anderswo eine noch so lasterhafte Gattin, eine noch so grausame Mutter sein, darum kümmert sich der Dichter nicht – hier ist sie eine zärtliche Mutter und nichts als Mutter; mehr wollte und brauchte der Dichter nicht. Die mütterliche Zärtlichkeit ist's, die er in ihren sanften Bewegungen, wie in ihren heftigen Ausbrüchen schildert. Aus diesem Grunde finde ich die Stelle im fünften Akt, wo sie Iphigenien auf die Bitte, sie möchte ihren Gemahl nicht hassen, zur Antwort gibt: »O, Der soll schwer genug an dich erinnert werden!« eine Stelle, worin ihre künftige Mordthat vorbereitet zu sein scheint, eher zu tadeln als zu loben – zu tadeln, weil sie dem Zuschauer (dem griechischen wenigstens, der in der Geschichte des Hauses Atreus sehr gut bewandert war und für den doch der Dichter schrieb) plötzlich die andre Klytämnestra, die Ehebrecherin und Mörderin, in den Sinn bringt, an die er jetzt gar nicht denken soll, mit der er die Mutter, die zärtliche Mutter, gar nicht vermengen soll. So glücklich und schön der Gedanke ist, in demjenigen Stücke, worin Klytämnestra als Mörderin ihres Gemahls erscheint, das Bild der beleidigten Mutter und die Begebenheit in Aulis dem Zuschauer wieder ins Gedächtniß zu bringen (wie es z. B. im Agamemnon des Aeschylus geschieht), so schön dieses ist, und aus eben diesem Grunde, warum dieses schön ist, ist es fehlerhaft, in dasjenige Stück, das uns die zärtliche, leidende Mutter zeigt, die Ehebrecherin und Mörderin aus dem andern herüberzuziehen; jenes nämlich diente dazu, den Abscheu gegen sie zu vermindern, dieses kann keine andere Wirkung haben, als unser Mitleiden zu entkräften. Ich zweifle auch sehr, ob Euripides bei der oben angeführten Stelle diesen unlautern Zweck gehabt hat, den ihm Viele geneigt sein dürften als eine Schönheit unterzuschieben. Die Gesinnungen in diesem Stücke sind groß und edel, die Handlung wichtig und erhaben, die Mittel dazu glücklich gewählt und geordnet. Kann etwas wichtiger und erhabener sein, als die – zuletzt doch freiwillige – Aufopferung einer jungen und blühenden Fürstentochter für das Glück so vieler versammelten Nationen? Konnte die Größe dieses Opfers in ein volleres und schöneres Licht gestellt werden, als durch das prächtige Gemälde, das der Dichter durch den Chor (in der Zwischenhandlung des ersten Aktes) von der glänzenden Ausrüstung des griechischen Heeres gleichsam im Hintergrund entwerfen läßt? Wie groß endlich und wie einfach malt er uns Griechenlands Helden, denen dieses Opfer gebracht werden soll, in ihrem herrlichen Repräsentanten Achilles? Die gereimte Uebersetzung der Chöre gibt dem Stück vielleicht ein zwitterartiges Ansehen, indem sie lyrische und dramatische Poesie mit einander vermengt; vielleicht finden Einige sie unter der Würde des Drama. Ich würde mir diese Neuerung auch nicht erlaubt haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, die in der Uebersetzung verloren gehende Harmonie der griechischen Verse – ein Verlust, der hier um so mehr gefühlt wird, da in dem Inhalte selbst nicht immer der größte Werth liegt – im Deutschen durch etwas ersetzen zu müssen, wovon ich gern glaube, daß es jener Harmonie nicht nahe kommt, was aber, wär' es auch nur der überwundenen Schwierigkeit wegen, vielleicht einen Reiz für diejenigen Leser hat, die durch eine solche Zugabe für die Chöre des griechischen Trauerspiels erst gewonnen werden müssen. Kann mich dieses bei unsern griechischen Zeloten nicht entschuldigen, so sind sie hinlänglich durch die Schwierigkeit gerächt, die ich bei diesem Versuche vorgefunden habe. In einigen wenigen Stellen hab' ich mir erlaubt, von der gewöhnlichen Erklärungsart abzugehen, wovon hier [in den numerierten Fußnoten zum Text] meine Gründe.   Personen. Agamemnon . Menelaus . Achilles . Klytämnestra , Agamemnons Gemahlin . Iphigenie , Agamemnons Tochter . Ein alter Sklave Agamemnons . Ein Bote . Chor , fremde Frauen aus Chalcis, einer benachbarten Landschaft, die gekommen sind, die Kriegs- und Flottenrüstung der Griechen in Aulis zu sehen . Die Scene ist das griechische Lager in Aulis vor dem Zelt Agamemnons . Scenarium . 1) Agamemnon. Greis. – 2) Chor. – 3) Menelaus. Greis. Chor. – 4) Agamemnon. Menelaus. Chor. – 5) Agamemnon. Menelaus. Bote. Chor. – 6) Agamemnon. Menelaus. Chor. – 7) Chor. – 8) Klytämnestra. Iphigenie. Orest. Begleiter. Chor. – 9) Agamemnon. Klytämnestra. Iphigenie. Chor. – 10) Agamemnon. Klytämnestra. Chor. 11) Chor. – 12) Achilles. Chor. – 13) Klytämnestra. Achilles. Chor. – 14) Klytämnestra. Achilles. Greis. Chor. – 15) Klytämnestra. Achilles. Chor. – 16) Chor. – 17) Klytämnestra. Chor. – 18) Agamemnon. Chor. Klytämnestra. – 19) Agamemnon. Iphigenie. Klytämnestra. Chor. – 20) Klytämnestra. Iphigenie. Chor. Orest. – 21) Klytämnestra. Iphigenie. Orest. Achilles. Chor. – 22) Klytämnestra. Iphigenie. Orest. Chor. 1. Akt 2. Akt 3. Akt 4. Akt 5. Akt Erster Akt. Erster Auftritt. Agamemnon . Der alte Sklave . Agamemnon (ruft in das Zelt) . Hervor aus diesem Zelte, Greis! Sklave (indem er herauskommt) .           Hier bin ich. Was sinnst du Neues, König Agamemnon? Agamemnon . Du wirst es hören, komm. Sklave .                                                     Ich bin bereit. Mein Alter flieht der Schlummer, und noch frisch Sind meine Augen. Agamemnon .                 Das Gestirn dort oben – Wie heißt's? Sklave .                 Du meinst den Sirius, der nächst Dem Siebensterne der Pleiaden rollt? Noch schwebt er mitten in dem Himmel. Agamemnon .                                                   Auch Läßt noch kein Vogel sich vernehmen, kein Geräusch des Meeres und der Winde. Stumm liegt alles Um den Euripus her. Sklave .                             Und doch verlässest Du dein Gezelt, da überall noch Ruhe In Aulis herrscht, und auch die Wachen sich Nicht rühren? König Agamemnon, komm. Laß uns hineingehn. Agamemnon .                   Ich beneide dich, Und jeden Sterblichen beneid' ich, der Ein unbekanntes, unberühmtes Leben Frei von Gefahren lebt. Weit weniger Beneid' ich Den, den hohe Würden krönen. Sklave . Doch sind es diese, die das Leben zieren. Agamemnon . Zweideut'ge Zier! Verrätherische Hoheit! Dem Wunsche süß, doch schmerzhaft dem Besitzer! Jetzt ist im Dienst der Götter was versehn, Das uns das Leben wüste macht; jetzt ist's Der Meinungen verhaßtes Mancherlei, Die Menge, die es uns verbittert. Sklave . Von dir, o Herr, dem Hochgewaltigen, Hör' ich das ungern. Hat denn Atreus nur Zu thränenlosen Freuden dich gezeugt? O, Agamemnon! Sterblicher, wie wir, Bist du mit Lust und Leiden ausgestattet. Du magst es anders wollen – also wollen es Die Himmlischen. Schon diese ganze Nacht Seh' ich der Lampe Licht von dir genährt, Den Brief, den du in Händen hast, zu schreiben. Du löschest das Geschriebne wieder aus, Jetzt siegelst du den Brief, und gleich darauf Eröffnest du ihn wieder, wirfst die Lampe Zu Boden, und aus deinen Augen bricht Ein Thränenstrom. Wie wenig fehlt, daß dich Nicht Herzensangst der Sinne gar beraubt! Was drückt dich, Herr? O, sage mir's! Was ist So Außerordentliches dir begegnet? Komm, sage mir's. Du sagst es einem guten, Getreuen Mann, den Tyndar deiner Gattin Im Heirathsgut mit übermacht, den er Der Braut zum sichern Wächter mitgegeben. Agamemnon . Drei Jungfraun hat die Tochter Thestius' Dem Tyndareus geboren. Phöbe hieß Die älteste, die zweite Klytämnestra, Mein Weib, die jüngste Helena. Es warben Um Helenas Besitz mit reichen Schätzen Die Fürsten Griechenlands, und blut'ger Zwist War von dem Heere der verschmähten Freier Dem Glücklichen gedroht. Lang zauderte, Dies fürchtend, bang und ungewiß, der König, Den Ehgemahl der Tochter zu entscheiden. Dies Mittel sinnt er endlich aus: es müssen Die Freier sich mit hohen Schwüren binden, Trankopfer gießen auf den flammenden Altar und freundlich sich die Rechte bieten. Ein fürchterlich Gelübd' entreißt er ihnen, Das Recht des Glücklichen – sei auch, wer wolle, Der Glückliche – einträchtig zu beschützen. Krieg und Verheerung in die beste Stadt Des Griechen oder des Barbaren, der Von Haus und Bette die Gemahlin ihm Gewaltsam rauben würde, zu verbreiten. Als nun gegeben war der Schwur, durch ihn Der Freier Sinn mit schlauer Kunst gebunden, Verstattet Tyndareus der Jungfrau, selbst Den Gatten sich zu wählen, dem der Liebe Gelinder Hauch das Herz entgegen neigte. Sie wählt – o hätte nie und nimmermehr So die Verderbliche gewählt! – sie wählt Den blonden Menelaus zum Gemahle. Nicht lang, so läßt in Lacedämons Mauern, In reichem Kleiderstaate blühend, blitzend Von Gold, im ganzen Prunke der Barbaren, Der junge Phrygier sich sehen, der, Wie das Gerücht verbreitet, zwischen drei Göttinnen einst der Schöne Preis entschieden, Gibt Liebe und empfängt und flüchtet nach Des Ida fernen Triften die Geraubte. Es ruft der Zorn des Schwerbeleidigten Der Fürsten alte Schwüre jetzt heraus. Zum Streite stürzt ganz Griechenland. In Aulis Versammelt sich mit Schiffen, Rossen, Wagen Und Schilden schnell ein fürchterlicher Mars. Mich, des Erzürnten Bruder, wählen sie Zu ihrem Oberhaupt. Unsel'ges Scepter, Wärst du in andre Hände nicht gefallen! Nun liegt das ganze aufgebotne Heer, Weil ihm die Winde widerstreben, müßig In Aulis' Engen. Unter fürchterlichen Beängstigungen bringt der Seher Kalchas Den Götterspruch hervor, daß, wenn die Winde Sich drehn und Trojas Thürme fallen sollen, Auf Artemis' Altar, der Schützerin Von Aulis, meine Iphigenia, mein Kind, Als Opfer bluten müsse; blutete Sie nicht, dann weder Fahrt, noch Sieg. Sogleich Erhält Talthybius von mir Befehl, Mit lautem Heroldsruf das ganze Heer Der Griechen abzudanken. Nimmermehr Will ich zur Schlachtbank meine Tochter führen. Durch seiner Gründe Kraft, und Erd' und Himmel Bewegend, reißt der Bruder endlich doch Mich hin, das Gräßliche geschehn zu lassen. Nun schreib' ich an die Königin, gebiet' Ihr, ungesäumt zur Hochzeit mit Achill Die Tochter mir nach Aulis herzusenden, Hoch rühm' ich ihr des Bräutigams Verdienst; Sie rascher anzutreiben, setz' ich noch Hinzu, es weigre sich Achill, mit uns Nach Ilion zu ziehn, bevor er sie Als Gattin in sein Pythia heimgesendet. In dieser fälschlich vorgegebnen Hochzeit Hab' ich des Kindes Opferung der Mutter Verhüllet. Außer Menelaus, Kalchas Und mir weiß nur Ulyß um das Geheimniß. Doch, was ich damals schlimm gemacht, mach' ich In diesem Briefe wieder gut, den du Im Dunkel dieser Nacht mich öffnen und Versiegeln hast gesehn – Nimm, und gleich Damit nach Argos! – Halt – der Königin Und meinem Hause, weiß ich, warst du stets Mit Treu' und Redlichkeit ergeben. Was Verborgen ist in dieses Briefes Falten, Will ich mit Worten dir zu wissen thun. (Er liest.) »Geborene der Leda, meinem ersten »Send' und dies zweite Schreiben nach« – (Er hält inne.) Sklave .                                                                 Lies weiter! Verbirg mir ja nichts, Herr, daß meine Worte Mit dem Geschriebenen gleich lauten. Agamemnon (fährt fort zu lesen).                   »Sende »Die Tochter nicht zum wogensichern Aulis, »Euböas Busen. Die Vermählung bleibt »Gelegeneren Tagen aufgehoben.« Sklave . Und glaubst du, daß der heftige Achill, Dem du die Gattin wieder nimmst, nicht gegen Die Königin und dich in wilder Wuth Ergrimmen werde? Herr, von daher droht Gefahr – sag' an, was hast du hier beschlossen? Agamemnon . Unwissend leiht Achill mir seinen Namen; Verborgen, wie der Götterspruch, ist ihm Die vorgegebne Hochzeit. Ihm also Raubt dieses Opfer keine Braut. Sklave .                                               O König! Ein grausenvolles Unternehmen ist's, In das du dich verstricket hast. Du lockest Die Tochter, als des Göttinsohnes Braut, Ins Lager her, und deine Absicht war Den Danaern ein Opfer zuzuführen. Agamemnon . Ach, meine Sinne hatten mich verlassen! – Götter! Versunken bin ich in des Jammers Tiefen. Doch eile, lauf! Nur jetzt vergiß den Greis. Sklave . Herr, fliegen will ich. Agamemnon .                           Laß nicht Müdigkeit, Nicht Schlaf an eines Baches Ufer, nicht Im Schatten der Gehölze dich verweilen. Sklave . Denk besser von mir, König. Agamemnon .                                     Gib besonders Wohl Acht, wo sich die Straßen scheiden, ob Nicht etwa schon voraus ist zu den Schiffen Der Wagen, der sie bringen soll. Es ist Gar etwas Schnelles, wie die Räder laufen. Sklave . Sei meiner Wachsamkeit gewiß. Agamemnon .                                           Ich halte Dich nun nicht länger. Eil' aus diesen Grenzen – Und – hörst du – trifft sich's, daß dir unterwegs Der Wagen aufstößt, o, so drehe du, Du selbst, die Rosse rückwärts nach Mycene. (Es ist indessen Tag geworden.) Sklave . Wie aber – sprich – wie find' ich Glauben bei Der Jungfrau und der Königin? Agamemnon .                                     Nimm nur Das Siegel wohl in Acht auf diesem Briefe. Hinweg! Schon färbt die lichte Morgenröthe Den Himmel weiß, und flammenwerfend steigen Der Sonne Räder schon herauf – Geh, nimm Die Last von meiner Seele! (Sklave geht ab.)                                             Ach, daß keiner Der Sterblichen sich selig nenne, keiner Sich glücklich bis ans Ende! – Leidenfrei Ward keiner noch geboren! (Er geht ab.)   Zwischenhandlung. Chor (tritt auf.) Aus Chalcis, meiner Heimath, bin ich gezogen, Die mit Meeran treibenden Wogen Die ruhmreiche Arethusa benetzt. Ueber den Euripus hab' ich gesetzt, Der Griechen herrliche Schaaren zu sehen Und die Schiffe am lebendigen Strand, Die so rasch und gelehrig sich drehen Unter dieser Halbgötter Hand. In der Trojer fernes Land Folgen sie, wie ich daheim erfahren, Agamemnons fürstlichem Haupt Und dem Bruder mit den blonden Haaren Heimzuführen, die der Phrygier geraubt, Helena vom Ufer der Barbaren. Von des Eurotas schilfreichem Strand Führte sie Paris in Priamus' Land, Paris, dem am thauenden Bach Ringend mit der göttlichen Athene Und mit Heren um den Preis der Schöne, Cypria das schöne Weib versprach. (Antistrophe.) Ich bin durch die heiligen Haine gegangen, Wo sie Dianen mit Opfern erfreun, Junge Gluth auf den schamhaften Wangen, Mischt' ich mich in die kriegrischen Reihn, An des Lagers eisernen Schätzen, An der Schilde furchtbarer Wehr Meinen bewundernden Blick zu ergötzen, An der Rosse streitbarem Heer. Erst sah ich die tapfern Zeltgenossen, Der Ajaxe Heldenpaar, vereint Mit Protesilas, dem Freund, Auf den Sitzen friedlich hingegossen; Des Oileus Sohn, und dich – die Krone Salamis' – furchtbarer Telamone! An des Würfels wechselndem Glück Labte sich der Helden Blick. Gleich nach diesen sah ich Diomeden, Ares' tapfern Sprößling, Merion, Und Poseidons Enkel, Palameden, Und Laertes' listenreichen Sohn, Seiner Felsen-Ithaka entstiegen, Nireus dann, den Schönsten aus dem Zug, An des Diskus mannigfachem Flug Lustig sich vergnügen. (Epode.) Auch der Thetis Sohn hab' ich gesehen, Den der weise Chiron auferzog, Raschen Laufes, wie der Winde Wehen, Mit Erstaunen hab' ich's angesehen, Wie er flüchtig längs dem Ufer flog, Schwergeharnischt mit geschwinden Sohlen Eines Wagens Flug zu überholen, Den die Schnelle von vier Rossen zog. Uebergoldet waren ihre Zügel, Bunte Schenkel, gelbes Mähnenhaar Schmückten das Gespann auf jedem Flügel; Weißgefleckt war das Deichselpaar. Mit dem Stachel und mit lautem Rufen Trieb die Renner Pheräs König an, Aber immer dicht an ihren Hufen Ging des waffenschweren Läufers Bahn. (Zweite Strophe.) Jetzt sah ich – ein Schauspiel zum Entzücken! – Ihrer Wimpel zahlenloses Wehn; Nein, kein Mund vermag es auszudrücken, Was mein weiblich Auge hier gesehn. Fünfzig Schiffe tapfrer Myrmidonen – Zeus' glorreicher Enkel führt sie an – Zieren rechts der Flotte schönen Plan. Auf erhabenem Verdecke thronen, Zeichen des unsterblichen Peliden, Goldne Nereiden. (Zweite Antistrophe.) Fünfzig Schiffe zählt' ich, die, regieret Von Kapaneus' und Mecistens Sohn, Der Argiver Mars herangeführet. Sechzig führt zum Streit nach Ilion Theseus' Sohn von der Athener Küste, Pallas mit geflügeltem Gespann Ist ihr Zeichen, auf der Wasserwüste Eine Helferin dem Steuermann! (Dritte Strophe.) Der Böoten fünfzig Schiffe kamen, Kenntlich an des Stifters Schlangenbild. König Leitus, aus der Erde Samen, Bringt sie aus dem phocischen Gefild. Fünfzig Schiffe führte der Oilide, Ajax, aus der Lokrier Gebiete. (Dritte Antistrophe.) Von Mycene kam mit hundert Masten Agamemnon, Atreus' Sohn, Seinen Scepter theilend mit Adrasten, Dem Gewaltigen von Sicyon. Treu und dienstlich seines Freundes Harme, Folgt' auch er der Griechen Heldenzug, Heimzuholen, die in Räubers Arme Des geflohnen Hymens Freuden trug. Nestors Flotte hab' ich jetzt begrüßet; Alpheus' schönen Stromgott sieht man hier, Der die Heimath nachbarlich umfließet, Oben Mensch und unten Stier. (Dritte Epode.) Mit zwölf Schiffen schließt an die Achäer Guneus, Fürst der Enier, sich an. Elis' Herrscher folgen, die Epeer, Des Eurytus Scepter unterthan. Von den Echinaden, wo zu wagen Keine Landung, führt der Taphen Macht, Die das Meer mit weißen Rudern schlagen, Meges, Sohn des Phyleus, in die Schlacht. Beide Flügel bindend, schließt der Telamone, Den die stolze Salamis gebar, Mit zwölf Schiffen – dieses Zuges Krone. So erfragt' ich's, und so nahm ich's wahr. Dieses Volk, im Ruderschlag erfahren, Mit Verwundrung hab' ich's nun erblickt. Weh dem kühnen Fahrzeug der Barbaren, Das die Parze ihm entgegenschickt! In die Bucht der väterlichen Laren Hoffe keines freudig einzufahren! Auch das Schlachtgeräthe und der Schiffe Menge (Vieles wußt' ich schon) hab' ich gesehn, Die Erinnerung an diese Dinge, Nimmer, nimmer wird sie mir vergehn. Zweiter Akt. Erster Auftritt. Menelaus . Der alte Sklave kommen in heftigen Wortwechsel. Sklave . Das ist Gewalt! Gewalt ist das, du wagest, Was du nicht wagen sollst, Atride! Menelaus .                                               Geh! Das heißt zu treu an seinem Herrn gehandelt. Sklave . Ein Vorwurf, der mir Ehre bringt. Menelaus .                                                 Du sollst Mir heulen, Alter, thust du eine Pflicht Nicht besser. Sklave .                 Du hast keine Briefe zu Erbrechen, die ich trage. Menelaus .                               Du hast keine Zu tragen, die ganz Griechenland verderben. Sklave . Das mache du mit Andern aus. Mir gib Den Brief zurücke. Menelaus .                       Nimmermehr. Sklave .                                                 Ich lasse Nicht eher ab – Menelaus .                 Nicht weiter, wenn dein Kopf Nicht unter meinem Scepter bluten soll. Sklave . Mag's! Es ist ehrenvoll, für seinen Herrn Zu sterben. Menelaus .         Her den Brief! Dem Sklaven ziemen So viele Worte nicht. (Er entreißt ihm den Brief.) Sklave (rufend) .                 O mein Gebieter! Gewalt, Gewalt geschieht uns, Agamemnon! Gewaltsam reißt er deinen Brief mir aus Den Händen. Menelaus will die Stimme Der Billigkeit nicht hören und entreißt Mir deinen Brief.   Zweiter Auftritt Agamemnon zu den Vorigen . Agamemnon .               Wer lärmt so vor den Thoren? Was für ein unanständig Schrei'n? Sklave .                                                 Mich , Herr, Nicht diesen mußt du hören. Es muß angenommen werden, daß der Sklave sich hier zurückzieht oder auch ganz entfernt. Agamemnon (zu Menelaus) .             Nicht, was schiltst Du diesen Mann und zerrst ihn so gewaltsam Herum? Menelaus .     Erst sieh mir ins Gesicht; antworten Werd' ich nachher. Agamemnon .                 Ich – ein Sohn Atreus' – soll Etwa die Augen vor dir niederschlagen? Menelaus . Siehst du dies Blatt, das ein verdammliches Geheimniß birgt? Agamemnon .               Gib es zurück, dann sprich! Menelaus . Nicht eher, bis das ganze Heer erfahren, Wovon es handelt. Agamemnon .                 Was? du unterfingst dich, Das Siegel zu erbrechen? zu erfahren, Was nicht bestimmt war, dir bekannt zu werden? Menelaus . Und, dich noch schmerzlichen zu kränken, sieh, Da deckt' ich Ränke auf, die du im Stillen Verübtest. Agamemnon .     Eine Frechheit ohne Gleichen! Wo – o ihr Götter! – wo kam dieser Brief In deine Hände? Menelaus .                 Wo ich deine Tochter Von Argos endlich kommen sehen wollte. Agamemnon . Wer hat zu meinem Hüter dich bestellt? Ist das nicht frech? Menelaus .                     Ich übernahm es, weil's Mir so gefiel, denn deiner Knechte bin Ich keiner! Weil es mir so gefiel – denn deiner Knechte bin ich keiner . Dieser Sinn schien mit den Worten des Textes angemessener und überhaupt griechischer zu sein, als welchen Brumoy und andere Uebersetzer dieser Stelle geben. Ma volonté est mon droit. Est-ce à vous, à me donner la loi? Nicht doch! So konnte Menelaus nicht auf den Vorwurf antworten, den ihm Agamemnon macht, was er nöthig habe, seine (Agamemnons) Angelegenheit zu beobachten, zu bewachen (φυλασσειν)? Ich hab' es nicht nöthig, antwortet Menelaus, denn ich bin nicht dein Knecht. Ich hab' es gethan, weil es mir so gefiel, quia voluntas me vellicabat . Auch mußte Brumoy in der Frage schon dem griechischen Texte Gewalt anthun, um seine Antwort herauszubringen. De quel droit, je vous prie, entrez-vous dans mes secrets sans mon aveu? Im Text heißt es bloß: Was hast du meine Angelegenheiten zu beobachten? Im Französischen ist die Antwort trotzig, im Griechischen ist sie naiv. Agamemnon .       Unerhörte Dreistigkeit! Bin ich nicht Herr mehr meines Hauses? Menelaus .                                                       Höre, Sohn Atreus'! Festen Sinnes bist du nicht! Heut willst du dieses, gestern war es jen's, Und etwas anders ist es morgen. Agamemnon .                                       Scharfklug, Das bist du! Unter vielen schlimmen Dingen ist Das schlimmste eine scharfe Zunge. Menelaus . Ein schlimmres ist ein wankelmüth'ger Sinn; Denn der ist ungerecht und undurchschaulich Den Freunden. Den Beweis will ich gleich führen. Laß nicht, weil jetzt der Zorn dich übermeistert, Die Wahrheit dir zuwider sein. Groß Lob Erwarte nicht. Ist jene Zeit dir noch Erinnerlich, da du der Griechen Führer In den Trojanerkrieg zu heißen branntest? Sehr ernstlich wünschtest du, was du in schlauer Gleichgültigkeit zu bergen dich bemühtest. Wie demuthsvoll, wie kleinlaut warst du da! Wie wurden alle Hände da gedrücket! Da hatte, wer es nur verlangte, war's Auch nicht verlangte, freien Zugang, freies Und offnes Ohr bei Atreus' Sohn! Da standen Geöffnet allen Griechen deine Thore. So kauftest du mit schmeichlerischem Wesen Den hohen Rang, zu dem man dich erhoben. Was war dein Dank? Des Wunsches kaum gewährt, Sieht man dich plötzlich dein Betragen ändern. Der Freunde wird nicht mehr gedacht; schwer hält's, Nur vor dein Angesicht zu kommen; selten Erblickt man dich vor deines Hauses Thoren. Die alte Denkart tauscht kein Ehrenmann Auf einem höhern Posten. Mehr als je, Hebt ihn das Glück, denkt seiner alten Freunde Der Ehrenmann, denn nun erst kann er ihnen Vergangne Dienste kräftiglich vergelten. Sieh, damit fingst du's an! Das war's, was mich Zuerst von dir verdroß! Du kommst nach Aulis, Das Heer der Danaer mit dir. Der Zorn Der Himmlischen verweigert uns die Winde. Gleich bist du weg. Der Streich schlägt dich zu Boden. Es dringt in dich der Griechen Ungeduld, Der Schiffe müß'ge Last zurückgesandt, In Aulis länger unnütz nicht zu rasten. Wie kläglich stand es da um deine Feldherrnschaft! Was für ein Leiden, keine tausend Schiffe Mehr zu befehligen, auf Troja's Feldern Nicht mehr der Griechen Schaaren auszubreiten! Da kam man zu dem Bruder. »Was zu thun? Wo Mittel finden, daß die süße Herrschaft Und die erworbne Herrlichkeit mir blieb'?« Es kündigt eine günst'ge Fahrt den Schiffen Der Seher Kalchas aus dem Opfer an, Wenn du dein Kind Dianen schlachtetest. Wie fiel dir plötzlich da die Last vom Herzen! Wie fiel dir plötzlich da die Last vom Herzen . Im Griechischen klingt es noch stärker: Du freutest dich in deinem Herzen. Erleichtert konnte sich Agamemnon allenfalls fühlen, daß ihm durch Kalchas ein Weg gezeigt wurde, seine Feldherrnwürde zu erhalten und seine ehrgeizigen Absichten durchzusetzen; freuen konnte er sich aber doch nicht, daß dieses durch die Hinrichtung seiner Tochter geschehen mußte. Gleich, gleich bist du's zufrieden sie zu geben. Aus freiem Antrieb, ohne Zwang (daß man Dich zwang, kannst du nicht sagen) sendest du Der Königin Befehl, dir ungesäumt Zum hochzeitlichen Band mit Peleus' Sohn (So gabst du vor) die Tochter herzusenden. Nun hast du plötzlich eines andern dich Besonnen, sendest heimlich widersprechenden Befehl nach Argos; nun und nimmermehr Willst du zum Mörder werden an dem Kinde. Doch ist die Luft, die jetzo dich umgibt, Die nämliche, die deinen ersten Schwur Vernommen. Doch so treiben es die Menschen! Zu hohen Würden sieht man Tausende Aus freier Wahl sich drängen, in vermessnen Entwürfen schwindelnd sich versteigen; doch Bald legt den Wahn des Haufens Flattersinn, Und ihres Unvermögens stiller Wink Bringt schimpflich sie zum Widerruf. Nur um Die Griechen thut mir's leid, voll Hoffnung schon, Vor Troja hohen Heldenruhm zu ernten, Jetzt deinetwegen, deiner Tochter wegen, Das Hohngelächter niedriger Barbaren! Nein! eines Heeres Führung, eines Staates Verwaltung sollte Reichthum nie vergeben – Kopf macht den Herrn. Es sei der Erste, Beste Der Einsichtsvolle! Er soll König sein. Chor . Zu was für schrecklichen Gezänken kommt's, Wenn Streit und Zwist entbrennet zwischen Brüdern! Agamemnon . Die Reih' ist nun an mir, dich anzuklagen. Mit kürzern Worten will ich's thun – ich will's Mit sanftern Worten thun, als du dem Bruder Zu hören gabst. Vergessen darf sich nur Der schlechte Mensch, der kein Erröthen kennt. Sag' an, was für ein Dämon spricht aus deinem Entflammten Aug? Was tobest du? Wer that Dir wehe? Wornach steht dein Sinn? Die Freuden Des Ehebettes wünschest du zurücke? Bin ich's, der dir sie geben kann? Ist's recht, Wenn du die Heimgeführte schlecht bewahrtest, Daß ich Unschuldiger es büßen soll? Mein Ehrgeiz bringt dich auf? – Wie aber nennst Du das, Vernunft und Billigkeit verhöhnen, Um eine schöne Frau im Arm zu haben? O wahrlich! eines schlechten Mannes Freuden Sind Freuden, die ihm ähnlich sehn! Weil ich Ein rasches Wort nach beßrer Ueberlegung Zurücke nahm, bin ich darum gleich rasend? Ist's einer, wer ist's mehr, als du, der, wieder Zu haben die Abscheuliche, die ihm Ein gnäd'ger Gott genommen, keine Mühe Zu groß und keinen Preis zu theuer achtet? Um deinetwillen, meinst du, haben Tyndarn Durch tollen Schwur die Fürsten sich verpflichtet? Der Hoffnung süße Göttin riß, wie dich, Die Liebestrunkenen dahin. So führe Sie denn zum Krieg nach Troja, diese Helfer! Es kommt ein Tag, schon seh' ich ihn, wo euch Des nichtigen, gewaltsam ausgepreßten Gelübdes schwer gereuen wird. Ich werde Nicht Mörder sein an meinen eignen Kindern. Tret' immerhin, wie deine Leidenschaft es heischt, Gerechtigkeit und Billigkeit mit Füßen, Der Rächer einer Elenden zu sein. Doch mit verruchten Mörderhänden gegen Mein theures Kind, mein eigen Blut zu rasen – Abscheulich! Nein! Das würde Nacht und Tag In heißen Thränenfluthen mich verzehren. Hier meine Meinung, kurz und klar und faßlich: Wenn du Vernunft nicht hören willst, so werd' Ich meine Rechte wissen zu bewahren. Chor . Ganz von dem Jetzigen verschieden klang, Was Agamemnon ehedem verheißen. Doch welcher Billige verargt es ihm, Möcht' er des eignen Blutes gerne schonen? Menelaus . So bin ich denn – ich unglücksel'ger Mann! – Um alle meine Freunde! Agamemnon .                           Fordre nicht Der Freunde Untergang – so werden sie Bereit sein, dir zu dienen. Menelaus .                                 Und woran Erkenn' ich, daß ein Vater uns gezeugt? Agamemnon . In allem, was du Weises mit mir theilest, In deinen Rasereien nicht. Menelaus .                                 Es macht Der Freund des Freundes Kummer zu dem seinen. Agamemnon . Dring in mich, wenn du Liebes mir erweisest, Nicht, wenn du Jammer auf mich häufst. Menelaus .                                                       Du könntest Doch der Achiver wegen etwas leiden! Agamemnon . In den Achivern raset, wie in dir, Ein schwarzer Gott. Menelaus .                       Auf deinen König stolz, Verräthst du, Untheilnehmender, den Bruder. Wohlan! so muß ich andre Mittel suchen, Und andre Freunde für mich wirken lassen.   Dritte Auftritt. Ein Bote zu den Vorigen . Bote . Ich bringe sie – o König aller Griechen! Ich bringe, Hochbeglückter, dir die Tochter, Die Tochter Iphigenia. Es folgt Die Mutter mit dem kleinen Sohn; gleich wirst du Den langentbehrten lieben Anblick haben. Jetzt haben sie, vom weiten Weg erschöpft, Am klaren Bach ausruhend, sich gelagert; Auf naher Wiese grast das losgebundene Gespann. Ich bin vorausgeschritten, daß Du zum Empfange dich bereiten möchtest; Denn schon im ganzen Lager ist's bekannt, Sie sei's! – Kann deine Tochter still erscheinen? Zu ganzen Schaaren drängt man sich herbei, Dein Kind zu sehn – Es sind der Menschen Augen Mit Ehrfurcht auf die Glücklichen gerichtet. Was für ein Hymen, fragt man dort und hier, Was für ein andres Fest wird hier bereitet? Rief König Agamemnon, nach der lang Abwesenden Umarmungen verlangend, Die Tochter in das Lager? Ganz gewiß, Versetzt ein Anderer, geschieht's, der Göttin Von Aulis die Verlobte vorzustellen. Wer mag der Bräutigam wohl sein? – Doch eilt, Zum Opfer die Gefäße zu bereiten, Bekränzt mit Blumen euer Haupt! (Zu Menelaus.)                                                       Du ordne Des Festes Freuden an. Es halle von Der Saiten Klang und von der Füße Schlag Der ganze Palast wieder. Siehe da, Für Iphigenien ein Tag der Freude! Agamemnon (zum Boten) . Laß es genug sein! Geh! Das Uebrige Sei in des Glückes gute Hand gegeben. (Bote geht ab.)   Vierter Auftritt. Agamemnon . Menelaus . Chor . Agamemnon . Unglücklichster, was nun? – Wen – wen bejammr' ich Zuerst? Ach, bei mir selbst muß ich beginnen! In welche Schlingen hat das Schicksal mich Verstrickt – ein Dämon, listiger als ich, Vernichtet alle meine Künste. Auch Nicht einmal weinen darf ich. Sel'ges Loos Der Niedrigkeit, die sich des süßen Rechtes Der Thränen freuet und der lauten Klage! Ach, das wird unser Einem nie! Uns hat Das Volk zu seinen Sklaven groß gemacht. Es ist unköniglich, zu weinen – ach Und hier nicht weinen, ist unväterlich! Wie vor die Mutter treten? Was ihr sagen? Wie ihr ins Auge sehen? – Mußte sie, Mein Elend zu vollenden, ungeladen Die Tochter hergeleiten? – Doch wer nimmt's Der Mutter, das geliebte Kind der süßen Vermählung zuzuführen? – Nur zu sehr, Treuloser! hat sie dir gedient, da sie, Was sie auf Erden Theures hat, dir liefert! Und sie , die unglücksel'ge Jungfrau – Jungfrau? Ach nein, nein! bald wird Hades sie umfangen. Erbarmungswürdige! Da liegt sie mir Zu Füßen – »Vater! morden willst du mich? Ist das die Hochzeit, die du mir bereitet? So gebe Zeus, daß du und Alles, was Du Theures hast, nie eine beßre feire!« Orest, der Knabe, steht dabei und jammert Unschuldig mit, unwissend, was er weinet, Ach, von dem Vater nur zu gut verstanden! O Paris! Paris! Paris! welchen Jammer Hat deine Hochzeit auf mein Haupt geladen! Chor . Er jammert mich, der unglücksvolle Fürst. So sehr ich Fremdling bin, sein Leiden geht mir nahe. Menelaus . Mein Bruder! Laß mich deine Hand ergreifen! Agamemnon . Da hast du sie. Du bist der Hochbeglückte, Ich der Geschlagene. Menelaus .                         Bei Pelops, deinem Und meinem Ahnherrn, Bruder, und bei deinem Und meinem Vater Atreus sei's geschworen! Ich rede wahr und ohne Winkelzug Mit dir, gerad' und offen, wie ich's meine. Wie dir die Augen so von Thränen flossen, Da, Bruder – sieh, ich will dir's nur gestehn – Da ward mein innres Mark bewegt, da konnt' ich Mich selbst der Thränen länger nicht erwehren. Ich nehme, was ich vorhin sprach, zurück. Ich will nicht grausam an dir handeln. Nein, Ich denke nunmehr ganz wie du. Ermorde Die Tochter nicht, ich selber rath' es dir. Mein Glück geh' deinem Glück nicht vor. Wär's billig, Daß mir‘s nach Wunsche ginge, wenn du leidest? Daß deine Kinder stärben, wenn die meinen Des Lichts sich freun? Um was ist mir's denn auch Zu thun? Laß sehn! Um eine Ehgenossin? Und find' ich die nicht aller Orten, wie's Mein Herz gelüstet? Einen Bruder soll ich Verlieren, um Helenen heimzuholen? Das hieße Gutes ja für Böses tauschen! Ein Thor, ein heißer Jünglingskopf war ich Vorhin; jetzt, da ich's reifer überdenke, Jetzt fühl' ich, was das heißt – sein Kind erwürgen! Die Tochter meines Bruders am Altar Um meiner Heirath willen hingeschlachtet – Nein, das erbarmt mich, wenn ich nur dran denke! Was hat das Kind mit dieser Helena Zu schaffen? Die Armee der Griechen mag Nach Hause gehn. Drum, lieber Bruder, höre Doch auf, in Thränen dich zu baden und Auch mir die Thränen in das Aug zu treiben. Will ein Orakel an dein Kind – das hat Mit mir nichts mehr zu schaffen. Meinen Antheil Erlass' ich dir. Es siegt die Bruderliebe. Entsag' ich einem grausamen Begehren, Was hab' ich mehr als meine Pflicht gethan? Ein guter Mann wird stets das Beßre wählen. Chor . Das nenn' ich brav gedacht und schön – und wie Man denken soll in Tantalus' Geschlechte! Du zeigst dich deiner Ahnherrn werth, Atride. Agamemnon . Jetzt redest du, wie einem Bruder ziemt. Du überraschest mich. Ich muß dich loben. Menelaus . Lieb' und Gewinnsucht mögen oft genug Die Eintracht stören zwischen Brüdern. Mich Hat's jederzeit empört, wenn Blutsverwandte Das Leben wechselseitig sich verbittern. Agamemnon .                                                   Wahr! Doch, ach! dies wendet die entsetzliche Nothwendigkeit nicht ab. Ich muß, ich muß Die Hände tauchen in ihr Blut. Menelaus .                                         Du mußt? Wer kann dich nöthigen, dein eigen Kind Zu morden? Agamemnon .       Die versammelte Armee Der Griechen kann es. Menelaus .                           Nimmermehr, wenn du Nach Argos sie zurücke sendest. Agamemnon .                                       Laß Auch sein, daß mir's von dieser Seite glückte, Das Heer zu hintergehn – von einer andern – Menelaus . Von welcher andern? Allzusehr muß man Den großen Haufen auch nicht fürchten. Agamemnon .                                                 Bald Wird er von Kalchas das Orakel hören. Menelaus . Laß dein Geheimniß mit dem Priester sterben! Nichts ist ja leichter. Agamemnon .                     Eine ehrbegier'ge Und schlimme Menschenart sind diese Priester. Menelaus . Nichts sind sie, und zu nichts sind sie vorhanden. Agamemnon . Und – eben fällt mir's ein – was wir am meisten Zu fürchten haben – davon schweigst du ganz. Menelaus . Entdecke mir's, so weiß ich's. Agamemnon .                                             Da ist ein Gewisser Sohn des Sisyphus – der weiß Schon um die Sache. Menelaus .                         Der kann uns nicht schaden! Agamemnon . Du kennst sein listig überredend Wesen Und seinen Einfluß auf das Volk. Menelaus .                                             Und, was Noch mehr ist, seinen Ehrgeiz ohne Grenzen. Agamemnon . Nun denke dir Ulyssen, wie er laut Vor allen Griechen das Orakel offenbart, Das Kalchas uns verkündigt, offenbart, Wie ich der Göttin meine Tochter erst Versprach und jetzt mein Wort zurücke nehme. Durch mächt'ge Rede reißt der Plauderer Das ganze Lager wüthend fort, erst mich, Dann dich und dann die Jungfrau zu erwürgen. Laß auch nach Argos mich entkommen – mit Vereinten Schaaren fallen sie auf mich, Zerstören feindlich die Cyklopenstadt Und machen meinem Reiche dort ein Ende. Du weißt mein Elend – Götter, wozu bringt Ihr mich in diesem fürchterlichen Drange! Den einz'gen Dienst noch, lieber Menelaus, Erweise mir – gehst du durchs Lager, suche Ja zu verhüten, daß der Mutter nicht Kund werde, was hier vorgehn soll, bevor Der Erebus sein Opfer hat – so bin ich Doch mit der kleinsten Thränensumme elend. (Zum Chor.) Ihr aber, fremde Fraun – Verschwiegenheit! (Agamemnon und Menelaus gehen.) Zweite Zwischenhandlung. Chor . (Strophe.) Selig, selig sei mir gepriesen, Dem an Hymens schamhafter Brust In gemäßigter Lust Sanft die Tage verfließen. Wilde, wüthende Triebe Weckt der reizende Gott. Zweierlei Pfeile der Liebe Führt der goldlockigte Gott. Jener bringt selige Freuden, Dieser mordet das Glück. Reizende Göttin, den zweiten Wehre vom Herze zurück. Sparsame Reize verleih mir, Dione, Keusche Umarmungen, heiligen Kuß, Deiner Freuden bescheidnen Genuß! Göttin, mit deinem Wahnsinn verschone! (Gegenstrophe.) Verschieden ist der Sterblichen Bestreben Und ihre Sitten mancherlei; Doch eine That wird ewig leben, Genug, daß sie vortrefflich sei. Zucht und Belehrung lenkt der Jugend Bildsame Herzen früh zur Tugend. Wenn Scham und Weisheit sich vereinen, Sieht man die Grazien erscheinen Und Sittlichkeit, die fein entscheidet, Was ehrbar ist und edel kleidet – Das gibt den hohen Ruhm des Weisen, Der nimmer altert mit dem Greisen. Groß ist's, der Tugend nachzustreben. Das Weib dient ihr im stillen Leben Und in der Liebe sanftem Schooß; Doch in des Mannes Thaten malen Sich prangend ihre tausend Strahlen, Da macht sie Städt' und Länder groß. Diese ganze Antistrophe, die zwei ersten Absätze besonders, sind mit einer gewissen Dunkelheit behaftet; die Moral, die sie enthalten, ist zu allgemein, man vermißt den Zusammenhang mit dem Uebrigen. Prevôt hält den Text für verdorben. Diese allgemeinen Reflexionen des Chors über seine Sitten und Anständigkeit, dünkt mir, könnten eben so gut durch das unartige Betragen beider Brüder gegen einander in einer der vorhergehenden Scenen, davon der Chor Zeuge gewesen ist, veranlaßt worden sein, als durch den Frauenraub des Paris. Die Schwierigkeit, den eigentlichen Sinn des Textes herzustellen, wird die Freiheit entschuldigen, die ich mir bei der Uebersetzung genommen habe. (Epode.) O Paris! Paris! wärest du geblieben, Wo du das Licht zuerst gesehn, Wo du die Heerde still getrieben, Auf Idas triftenreichen Höhn! Dort ließest du auf grünem Rasen Die silberweißen Rinder grasen Und buhltest auf dem phryg'schen Kiele Mit dem Olymp im Flötenspiele Und sangest dein barbarisch Lied. Dort war's, wo zwischen drei Göttinnen Dein richterlicher Spruch entschied, Ach! der nach Hellas dich geführet Und in den glänzenden Palast, Mit prächt'gem Elfenbein gezieret, Den du mit Raub entweihet hast. Helenens Auge kam dir da entgegen, Und liebewund zog sie's zurück. Helenen kam dein Blick entgegen, Und liebetrunken zogst du ihn zurück. Da erwachte die Zwietracht, die Zwietracht entbrannte Und führte der Griechen versammeltes Heer, Bewaffnet mit dem tödtenden Speer, In Schiffen heran gegen Priamus' Lande. Dritter Akt. Erster Auftritt. Chor . (Man sieht von weitem Klytämnestren und ihre Tochter noch im Wagen nebst einem Gefolge von Frauen.) Wie das Glück doch den Mächtigen lachet! Auf Iphigenien werfet den Blick, Auf Klytämnestren, die Königlichgroße, Tyndars Tochter! – Wie herrlich geboren! Wie umleuchtet vom lieblichen Glück! Ha, dieser Reichen! – wie göttliche Wesen Stehn sie vor armer Sterblichen Blick! Stehet still! Sie steigen vom Sitze. Kommt, sie mit Ehrfurcht zu grüßen! Zur Stütze Reicht ihnen freundlich die helfende Hand! Empfanget sie mit erheiterter Wange, Schreckt mit keinem traur'gen Klange Ihre Tritt in dieses Land. Keine Furcht, kein unglückbringend Zeichen Soll der Fürstin Antlitz bleichen, Fremde, wie wir, an Aulis' Strand.   Zweiter Auftritt. Klytämnestra mit dem kleinen Orestes . Iphigenie . Gefolge . Chor . Klytämnestra (noch im Wagen, zum Chor). Ein glücklich Zeichen, schöne Hoffnungen Und eines frohen Hymens Unterpfand, Dem ich die Tochter bringe, nehm' ich mir Aus eurem Gruß und freundlichen Empfange. So hebet denn die hochzeitlichen Gaben, Die ich der Jungfrau mitgebracht, vom Wagen Und bringt sie sorgsam nach des Königs Zelt. Du, meine Tochter, steige aus. Empfanget Sie sanft in euren jugendlichen Armen. Wer reicht auch mir nun seines Armes Hilfe, Daß ich vom Wagensitz gemächlich steige? (Zu ihren Sklavinnen.) Ihr Andern tretet vor das Joch der Pferde, Denn wild und schreckhaft ist der Pferde Blick. Auch diesen Kleinen nehmet mit! Es ist Orestes, Agamemnons Sohn. – Dein Alter Kann noch nicht von sich geben, was es meint. – Wie? schläfst du, süßes Kind? Der Knabe schläft, Der Wagens Schaukeln hat ihn eingeschläfert. Wach' auf, mein Sohn, zum Freudentag der Schwester! So groß du schon und edel bist geboren, So höher wird der neue schöne Bund Mit Thetis' göttergleichem Sohn dich ehren. Du, meine Tochter, gehe ja nicht weg, Daß diese fremden Frauen dort, die dich An meiner Seite sehen, mir's bezeugen, Wie glücklich deine Mutter ist – Sieh da! Dein Vater! Auf, ihn zu begrüßen!   Dritter Auftritt. Agamemnon zu den Vorigen . Iphigenie .                                               Wirst Du zürnen, Mutter, wenn ich, meine Brust An seine Vaterbrust zu drücken, ihm Entgegen eile? Klytämnestra .       O, mir über Alles Verehrter König und Gemahl! – Hier sind Wir angelangt, wie du gebotst. Iphigenie .                                         O laß Mich nach so langer Trennung, Brust an Brust Geschlossen, dich umarmen, Vater! Laß Mich deines lieben Angesichts genießen! Doch zürnen mußt du nicht. Agamemnon .                               Genieß es, Tochter. Ich weiß, wie zärtlich du mich liebst – du liebst Mich zärtlicher, als meine andern Kinder. Iphigenie . Dich nach so langer, langer Trennung wieder Zu haben – wie entzückt mich das, mein Vater! Agamemnon . Auch mich –auch mich entzückt es. Was du sagst, Gilt von uns beiden. Iphigenie .                         Sei mir tausendmal Gegrüßt! Was für ein glücklicher Gedanke, Mein Vater, mich nach Aulis zu berufen! Agamemnon . Ein glücklicher Gedanke – Ach! Das weiß Ich doch nicht – Iphigenie .                   Wehe mir! Was für Ein kalter, freudenleerer Blick, wenn du Mich gerne siehst! Agamemnon .                 Mein Kind! für einen König Und Feldherrn gibt's der Sorgen so gar viele. Iphigenie . Laß diese Sorgen jetzt, und sei bei mir! Agamemnon . Bei dir bin ich und wahrlich nirgends anders! Iphigenie . O so entfalte deine Stirn! Laß mich Dein liebes Auge heiter sehen! Agamemnon .                                     Ich Entfalte meine Stirne. Sieh! so lang Ich dir ins Antlitz schaue, bin und froh. Iphigenie . Doch seh' ich Thränen deine Augen wässern. Agamemnon . Weil wir auf lange von einander gehn. Iphigenie . Was sagst du? – Liebster Vater, ich verstehe Dich nicht – ich soll es nicht verstehn! Agamemnon .                                                 So klug Ist Alles, was sie spricht! – Ach! das erbarmt Mich desto mehr! Iphigenie .                     So will ich Thorheit reden, Wenn das dich heiter machen kann. Agamemnon (für sich) .                             Ich werde Mich noch vergessen – – Ja doch, meine Tochter – Ich lobe dich – ich bin mit dir zufrieden. Iphigenie . Bleib lieber bei uns, Vater! Bleib und schenke Dich deinen Kindern! Agamemnon .                       Daß ich's könnte! Ach! Ich kann es nicht – ich kann nicht, wie ich wünsche – Das ist es eben, was mir Kummer macht. Iphigenie . Verwünscht sei'n alle Kriege, alle Uebel, Die Menelaus auf uns lud! Agamemnon .                             Dein Vater Wird nicht der Letzte sein, den sie verderben. Iphigenie . Wie lang ist's nicht schon, daß du, fern von uns, In Aulis' Busen müßig liegst! Agamemnon .                                   Und auch Noch jetzt setzt sich der Abfahrt meiner Flotte Ein Hinderniß entgegen. Iphigenie .                               Wo, sagt man, Daß diese Phryger wohnen, Vater? Agamemnon .                                           Wo – Ach! wo der Sohn des Priamus nie hätte Geboren werden sollen! Iphigenie .                               Wie? So weit Schiffst du von dannen und verlässest mich? Agamemnon . Wie weit es auch sein möge – du, mein Kind, Wirst immer mit mir gehen! Du wirst immer mit mir gehen! Wörtlich müßte übersetzt werden: Meine Tochter, du kommst eben dahin, wo dein Vater; oder: Es kommt mit dir eben dahin, wo mit deinem Vater. Wenn dieser Doppelsinn nicht auf den Gemeinplatz hinauslaufen soll, daß Eines sterben müsse, wie das Andre, welches Euripides doch schwerlich gemeint haben konnte, so scheint mir der Sinn, den ich in der Uebersetzung vorgezogen habe, der angemessenere zu sein: dein Bild wird mich immer begleiten. Die Erklärungsart des französischen Uebersetzers ist etwas weit hergeholt und gibt einen frostigen Sinn: dich erwartet ein ähnliches Schicksal. Auch du wirst eine weite Seereise machen. Iphigenie .                                       Wäre mir's Anständig, lieber Vater, dir zu folgen, Wie glücklich würd' ich sein! Agamemnon .                                   Was für ein Wunsch! Auch dich erwartet eine Fahrt, wo du An deinen Vater denken wirst. Iphigenie .                                         Reis' ich Allein, mein Vater, oder von der Mutter Begleitet? Agamemnon .     Du allein. Dich wird kein Vater Begleiten, keine Mutter. Iphigenie .                               Also willst Du in ein fremdes Haus mich bringen lassen? Agamemnon . Laß gut sein! Forsche nicht nach Dingen, die Jungfrauen nicht zu wissen ziemt. Iphigenie .                                             Komm du Von Troja uns recht bald und siegreich wieder! Agamemnon . Erst muß ich noch ein Opfer hier vollenden. Iphigenie . Das ist ein heiliges Geschäft, worüber Du mit den Priestern dich berathen mußt. Agamemnon . Du wirst's mit ansehn, meine Tochter! Gar Nicht weit vom Becken wirst du stehn. Iphigenie .                                                     So werden Wir einen Reigen um den Altar führen? Agamemnon . Die Glückliche in ihrer kummerfreien Unwissenheit! Geh jetzt ins Vorgemach, Den Jungfrauen dich zu zeigen. (Sie umarmt ihn.)                                                   Eine schwere Umarmung war das und ein bittrer Kuß! Es ist ein langer Abschied, den wir nehmen. O Lippen – Busen – blondes Haar! wie theuer Kommt dieses Troja mir und diese Helena Zu stehen! – Doch genug der Worte – Geh! Geh! Unfreiwillig bricht aus meinen Augen Ein Thränenstrom, da dich mein Arm umschließet. Geh in das Zelt! (Iphigenie entfernt sich.)   Vierter Auftritt. Agamemnon . Klytämnestra . Chor . Agamemnon .               O Tochter Tyndars, wenn Du allzu weich mich fandest, sieh dem Schmerz Des Vaters nach, der die geliebte Tochter Jetzt zu Achilles scheiden sehen soll! Ich weiß es, Ihrem Glück geht sie entgegen. Doch welchen Vater schmerzt es nicht, die er Mit Müh' und Sorgen auferzog, die Lieben, An einen Fremden hinzugeben! Klytämnestra .                                   Mich Soll man so schwach nicht finden. Auch der Mutter – Kommt's nun zur Trennung – wird es Thränen kosten, Und ohne dein Erinnern – doch die Ordnung Und deiner Tochter Jahre heischen sie. Laß auf den Bräutigam uns kommen. Wer Er ist, weiß ich bereits. Erzähle mir Vor seinen Ahnherrn jetzt und seinem Lande. Agamemnon . Aegina kennest du, Asopus' Tochter. Klytämnestra . Wer freite sei, ein Sterblicher, ein Gott? Agamemnon . Zeus selbst, dem sie den Aeakus, den Herrscher Oenopiens gebar. Klytämnestra .             Wer folgte diesem Auf seinem Königsthrone nach? Agamemnon .                                       Derselbe, Der Nereus' Tochter freite, Peleus. Klytämnestra .                                         Mit Der Götter Willen freit' er diese, oder Geschah es wider ihren Rathschluß? Agamemnon .                                             Zeus Versprach sie, und der Vater führte sie ihm zu. Klytämnestra . Wo war die Hochzeit? In des Meeres Wellen? Agamemnon . Die Hochzeit war auf dem erhabnen Sitze Des Pelion, dem Aufenthalte Chirons. Klytämnestra . Wo man erzählt, daß die Centauren wohnen? Agamemnon . Dort feierten die Götter Peleus' Fest. Klytämnestra . Den jungen Sohn – hat ihn der Vater oder Die Göttliche erzogen? Agamemnon .                         Sein Erzieher War Chiron, deß der Bösen Umgang nicht Des Knaben Herz verderbe. Klytämnestra .                             Ihn erzog Ein weiser Mann. Und weiser noch war der, Der einer solchen Aufsicht ihn vertraute. Agamemnon . Das ist der Mann, den ich zu deinem Eidam Bestimme. Klytämnestra .   An dem Mann ist nichts zu tadeln. Und welche Gegend Griechenlands bewohnt er? Agamemnon . Die Grenzen vom Phthiotis, die der Strom Apidanus durchfließt, ist seine Heimat. Klytämnestra . So weit wird er die Tochter von uns führen? Agamemnon . Das überlass' ich ihm. Sie ist die Seine. Klytämnestra . Das Glück begleite sie! – Wann aber soll Der Tag sein? Agamemnon .           Wenn der segensvolle Kreis Des Mondes wird vollendet sein. Klytämnestra .                                       Hast du Das hochzeitliche Opfer für die Jungfrau Der Göttin schon gebracht? Agamemnon .                               Ich werd' es bringen. Das Opfer ist es, was uns jetzt beschäftigt. Klytämnestra . Ein Hochzeitmahl gibst du doch auch? Agamemnon .                                                               Wenn erst Die Himmlischen ihr Opfer haben werden. Klytämnestra . Wo aber gibst du dieses Mahl den Frauen? Agamemnon . Hier bei den Schiffen. Klytämnestra .                                   Wohl. Es läßt sich anders Nicht thun. Ich seh's. Ich muß mich drein ergeben. Agamemnon . Jetzt aber höre, was von dir dabei Verlangt wird – Doch, daß du mir ja willfahrest! Klytämnestra . Sag' an, du weißt, wie gern ich dir gehorche. Agamemnon . Ich freilich kann mich an dem Orte, wo Der Bräutigam ist, finden lassen – Klytämnestra .                                         Was? Ich will nicht hoffen, daß man ohne mich Vollziehen wird, was nur der Mutter ziemt. Agamemnon . Im Angesicht des ganzen griech'schen Lagers Geb' ich dem Sohn des Peleus deine Tochter. Klytämnestra . Und wo soll dann die Mutter sein? Agamemnon .                                                         Nach Argos Zurückkehren soll die Mutter – dort Die Aufsicht führen über ihre Kinder. Klytämnestra . Nach Argos? Und die Tochter hier verlassen? Und wer wird dann die Hochzeitfackel tragen? Agamemnon . Der Vater wird sie tragen. Klytämnestra .                                         Nein, das geht nicht! Du weißt, daß dir die Sitten dies verbieten. Agamemnon . Daß sie der Frau verbieten, ins Gewühl Von Kriegern sich zu mengen, dieses weiß ich. Klytämnestra . Es heischt die Sitte, daß aus Mutterhänden Die Braut der Bräutigam empfange. Agamemnon . Sie heischt, daß deine andern Töchter in Mycen' der Mutter länger nicht entbehren. Klytämnestra . Wohl aufgehoben und verwahrt sind die In ihrem Frauensaal. Agamemnon .                   Ich will Gehorsam. Klytämnestra .                                                 Nein! Bei Argos' königlicher Göttin, nein! Du hast dich weggemacht ins Ausland. Dort Mach dir zu thun! Du hast dich weggemacht ins Ausland. Dort mach' dir zu thun . Ελθων δε ταξω πρασσε. In diesem ελθων liegt, dünkt mir, ein bestimmterer und schärferer Sinn, als andere Uebersetzer darein gelegt haben. Klytämnestra nämlich macht ihrem Gemahl den versteckten Vorwurf, daß er die Seinigen verlassen habe, um sich einer auswärtigen Unternehmung zu widmen. Er habe sich seiner Hausrechte dadurch begeben, will sie sagen. Er sei ein Fremder. Du hast dich hinaus gemacht, so bekümmere dich um Dinge, die draußen sind! Mich laß im Hause walten Und meine Töchter, wie sich's ziemt, vermählen. (Sie geht ab.) Agamemnon (allein) . Ach! zu entfernen hofft' ich sie. – Ich habe Umsonst gehofft. Umsonst bin ich gekommen. So häuf' ich Trug auf Trug, berücke Die, Die auf der Welt das Theuerste mir sind, Durch schnöde List, und Alles spottet meiner. Nun will ich gehn und, was der Göttin wohl Gefällt und mir so wenig Segen bringet Und allen Griechen so belastend ist, Vom Seher Kalchas näher auskundschaften. Wer's aber mit sich selbst gut meint, der nehme Ja eine Gattin, die gefällig ist Und sanften Herzens – oder lieber keine! (Er geht ab.) Dritte Zwischenhandlung. Chor . (Strophe.) Sie sehen des Simois silberne Strudel, Der griechischen Schiffe versammelte Macht; Mit dem Geräthe zur blutigen Schlacht Betreten sie Phöbus' heilige Erde, Wo Kassandra mit wilder Geberde, Die Schläfe mit grünendem Lorbeer umlaubt, Das goldene Haar, wie die Sagen erzählen, Wallen läßt um das begeisterte Haupt, Wenn die Triebe des Gottes sie wechselnd beseelen. (Gegenstrophe.) Sie rennen auf die Mauern! Sie steigen auf die Burg! Sie erblicken mit Schauern, Hoch herunter von Pergamus' Burg, Den unsre schnellen Schiffe brachten, Den fürchterlichen Gott der Schlachten, Der, in tönendes Erz eingekleidet, Sich um den Simois zahllos verbreitet, Helenen, die Schwester des himmlischen Paars, Unter den Lanzen und kriegrischen Schilden Heimzuführen nach Spartas Gefilden. (Epode.) Einen Wald von ehrnen Lanzen Seh' ich sie um deine Felsenthürme pflanzen, Stadt der Phryger, hohe Pergamus! Deiner Männer Häupter, deiner Frauen Unerbittlich von dem Nacken hauen, Leichen über Leichen häufen, Deine stolze Feste schleifen, Unglücksvolle Pergamus! Da wird's Thränen kosten deinen Bräuten Und der Gattin Priamus'. Wie wird nach dem geflohenen Gemahl Die Tochter Jovis jetzt zurückeweinen! Ihr Götter! solche Angst und Qual, Entfernet sie von mir und von den Meinen! Wie wird die reiche Lydierin Den Busen jammernd schlagen Und wird's der stolzen Phrygerin Am Webestuhle klagen! Ach, wenn nun die Sagen schallen, Daß die hohe Stadt gefallen, Die die Wehre meiner Heimath war! Wer, wenn es herum erschollen, Schneidet wohl der Thränenvollen Von dem Haupt das schön gekämmte Haar? Helene, die der hochgehalste Schwan Gezeuget – das hast du gethan! Sei's nun, daß in einem Vogel Leda, wie die Sage ging, Zeus' verwandelte Gestalt umfing, Sei's, daß eine Fabel aus dem Munde Der Camönen sehr zur schlimmen Stunde Das Geschlecht der Menschen hinterging! Vierter Akt. Erster Auftritt. Achilles . Der Chor . Achilles . Wo find' ich hier den Feldherrn der Achiver? (Zu einigen Sklaven.) Wer von euch sagt ihm, daß Achill ihn hier Vor dem Gezelt erwarte? – Müßig liegt An des Euripus Mündung nun das Heer; Ein Jeder freilich nimmt's auf seine Weise. Der, noch durch Hymens Bande nicht gebunden, Ließ öde Wände nun zurück und weilet Geruhig hier an Aulis' Strand. Ein Andrer Entwich von Weib und Kindern. So gewaltig Ist diese Kriegeslust, die zu dem Zug Nach Ilion ganz Hellas aufgeboten, Nicht ohne eines Gottes Hand! – Nun will ich, Was mich angeht, zur Sprache kommen lassen. Wer sonst was vorzubringen hat, verfecht' Es für sich selbst. – Ich habe Pharsalus Verlassen und den Vater – Wie? etwa, Daß des Euripus schwache Winde mich An diesem Strand verweilen? Kaum geschweig' Ich meine Myrmidonen, die mich fort Und fort bestürmen – »Worauf warten wir Denn noch, Achill? Wie lang wird noch gezaudert, Bis wir nach Troja unter Segel gehn? Willst du was thun, so thu' es bald! sonst führ' Uns lieber wieder heim, anstatt noch länger Ein Spiel zu sein der zögernden Atriden.«   Zweiter Auftritt. Klytämnestra zu den Vorigen . Klytämnestra . Glorwürd'ger Sohn der Thetis, deine Stimme Vernahm ich drinnen im Gezelt; drum komm' ich Heraus und dir entgegen – Achilles (betroffen.)                   Heilige Schamhaftigkeit! – Ein Weib – von diesem Anstand – Klytämnestra . Kein Wunder, daß Achill mich nicht erkennet, Der mich vordem noch nie gesehn – Doch Dank ihm, Daß ihm der Scham Gesetze heilig sind! Achilles . Wer bist du aber? Sprich? Was führte dich Ins griech'sche Lager, wo man Männer nur Und Waffen sieht? Klytämnestra .               Ich bin der Leda Tochter, Und Klytämnestra heiß' ich. Mein Gemahl Ist König Agamemnon. Achilles .                               Viel und gnug Mit wenig Worten! Ich entferne mich. Nicht wohlanständig wäre mir's, mit Frauen Gespräch zu wechseln. Klytämnestra .                       Bleib! Was fliehest du? Laß, deine Hand in meine Hand gelegt, Das neue Bündniß glücklich uns beginnen. Achilles . Ich dir die Hand? Was sagst du, Königin? Zu sehr verehr' ich Agamemnons Haupt, Als daß ich wagen sollte, zu berühren, Was mir nicht ziemt. Klytämnestra .                   Warum dir nicht geziemen, Da du mit meiner Tochter dich vermählest? Achilles . Vermählen – Wahrlich – Ich bin voll Erstaunen – Doch nein, du redest so, weil du dich irrest. Klytämnestra . Auch dies Erstaunen find' ich sehr begreiflich. Uns alle pflegt – ich weiß nicht welche – Scheu Beim Anblick neuer Freunde umzuwandeln, Wenn sie von Heirath sprechen sonderlich. Achilles . Nie, Königin, hab' ich um deine Tochter Gefreit – und nie ist zwischen den Atriden Und mir ein Solches unterhandelt worden. Klytämnestra . Was für ein Irrthum muß hier sein? Gewiß, Wenn meine Rede sich bestürzt, so setzt Die deine mich nicht minder in Erstaunen. Achilles . Denk nach, wie das zusammenhängt! Dir muß, Wie mir, dran liegen, es herauszubringen. Vielleicht, daß wir nicht beide uns betrügen! Klytämnestra . O der unwürdigen Begegnung! – Eine Vermählung, fürcht' ich, läßt man mich hier stiften, Die nie sein wird und nie hat werden sollen. O wie beschämt mich das! Achilles .                                     Ein Scherz vielleicht, Den Jemand mit uns beiden treibt. Nimm's nicht Zu Herzen, edle Frau. Veracht' es lieber. Klytämnestra . Leb' wohl. In deine Augen kann ich ferner Nicht schau'n, da ich zur Lügnerin geworden, Da ich erniedrigt worden bin. Achilles .                                           Mich laß Vielmehr so reden! – Doch ich geh' hinein, Den König, deinen Gatten, aufzusuchen. (Wie er auf das Zelt zugeht, wird es geöffnet.)   Dritter Auftritt. Der alte Sklave zu den Vorigen . Sklave (in der Thür des Gezeltes) . Halt, Aeacide! Göttinsohn, mit dir Und auch mit Dieser hier hab' ich zu reden. Achilles . Wer reißt die Pforten auf und ruft – Er ruft Wie außer sich. Sklave .                       Ein Knecht. Ein armer Name, Der mir den Dünkel wohl vergehen läßt, Mich – Achilles .         Wessen Knecht? Er ist nicht mein, der Mensch. Ich habe nichts gemein mit Agamemnon. Sklave . Der Hauses Knecht, vor dem ich stehe. Tyndar,         (auf Klytämnestra zeigend) Ihr Vater, hat mich drein gestiftet. Achilles .                                                 Nun! Wir stehn und warten. Sprich, was dich bewog, Mich aufzuhalten. Sklave .                         Ist kein Zeuge weiter Vor diesen Thoren? Seid ihr ganz allein? Klytämnestra . So gut als ganz allein. Sprich dreist – Erst aber Verlaß das Königszelt und komm hervor. Sklave (kommt heraus) . Jetzt, Glück und meine Vorsicht, helft mir Die Erretten, die ich gern erretten möchte! Achilles . Er spricht von etwas, das noch kommen soll, Und von Bedeutung scheint mir seine Rede. Klytämnestra . Verschieb's nicht länger, ich beschwöre dich, Mir, was ich wissen soll, zu offenbaren. Sklave . Ist dir bekannt, was für ein Mann ich bin, Und wie ergeben ich dir stets gewesen, Dir und den Deinigen? Klytämnestra .                       Ich weiß, du bist Ein alter Diener schon von meinem Hause. Sklave . Daß ich ein Theil des Heirathsgutes war, Das du dem König zugebracht – ist dir Das noch erinnerlich? Klytämnestra .                     Recht gut. Nach Argos Bracht' ich dich mit, wo du mir stets gedient. Sklave . So ist's. Drum war ich dir auch jederzeit Getreuer zugethan, als ihm. Klytämnestra .                             Zur Sache. Heraus mit dem, was du zu sagen hast. Sklave . Der Vater will – mit eigner Hand will er – – Das Kind ermorden, das du ihm geboren. Klytämnestra . Was? Wie? – Entsetzlich! Mensch, du bist von Sinnen. Sklave . Den weißen Nacken der Bejammernswerthen Will er mit mörderischem Eisen schlagen. Klytämnestra . Ich Unglückseligste! – Rast mein Gemahl? Sklave . Sehr bei sich selbst ist er – Nur gegen dich Und gegen deine Tochter mag er rasen. Klytämnestra . Warum? Welch böser Dämon gibt's ihm ein? Sklave . Ein Götterspruch, der nur um diesen Preis, Wie Kalchas will, den Griechen freie Fahrt Versichert. Klytämnestra .     Fahrt! Wohin? – Beweinenswerthe Mutter! Beweinenswürdigeres Kind, das in Dem Vater seinen Henker finden soll! Sklave . Die Fahrt nach Ilion, Helenen heim Zu holen. Klytämnestra . Helene wiederkehre, Stirbt Iphigenie? Sklave .                       Du weißt's. Dianen Will Agamemnon sie zum Opfer schlachten. Klytämnestra . Und diese vorgegebene Vermählung, Die mich von Argos rief – wozu denn die? Sklave . Daß du so minder säumtest, sie zu bringen, Im Wahn, sie ihrer Hochzeit zuzuführen. Klytämnestra . O Kind, zum Tode kamest du! Wir kamen Zum Tode! Sklave .               Ja, bejammernswürdig, schrecklich Ist euer Schicksal. Schreckliches begann Der König. Klytämnestra .     Weh mir, weh! Ich bin verloren. Ich kann nicht mehr. Ich halte meine Thränen Nicht mehr. Sklave .               Ein armer, armer Trost sind Thränen Für eine Mutter, der die Tochter stirbt! Klytämnestra . Sprich aber: Woher weißt du das? Durch wen? Sklave . Ein zweiter Brief ward mir an dich gegeben. Klytämnestra . Mich abzumahnen oder anzutreiben, Daß ich die Tochter dem Verderben brächte? Sklave . Dir abzurathen, daß du sie nicht brächtest. Der Herr war Vater wiederum geworden. Klytämnestra . Unglücklicher! Warum mir diesen Brief Nicht überliefern? Sklave .                           Menelaus fing Ihn auf. Ihm dankst du Alles, was du leidest. (Er geht ab.) Klytämnestra (wendet sich an Achilles) . Sohn Peleus'! Sohn der Thetis! Hörst du es? Achilles . Bejammernswerthe Mutter! – – Aber mich Hat man nicht ungestraft mißbraucht. Klytämnestra .                                           Mit dir Vermählen sie mein Kind, um es zu würgen! Achilles . Ich bin entrüstet über Agamemnon, Und nicht so leicht werd' ich es hingehn lassen. Klytämnestra (fällt ihm zu Füßen) . Und ich erröthe nicht, mich vor dir nieder Zu werfen, ich, die Sterbliche, vor dir, Den eine Himmlische gebar. Weg, eitler Stolz! Kann sich die Mutter für ihr Kind entehren? O, Sohn der Göttin! hab' Erbarmen mit Der Mutter, mit der Unglückseligen Erbarmen, Die deiner Gattin Namen schon getragen! Mit Unrecht trug sie ihn. Doch hab' ich sie Als deine Braut hieher geführt, dir hab' ich Mit Blumen sie geschmücket – Ach, ein Opfer Hab' ich geschmückt, ein Opfer hergeführt! O, das wär' schändlich, wenn du sie verließest. War sie durch Hymens Bande gleich die Deine Noch nicht –du wardst als der geliebteste Gemahl der Unglücksel'gen schon gepriesen. Bei dieser Wange, dieser Rechte, bei Dem Leben deiner Mutter sei beschworen. Verlaß uns nicht! Dein Name ist's, der uns Ins Elend stürzt – drum rette du uns wieder! Dein Knie, o Sohn der Göttin! ist der einz'ge Altar, zu dem ich Aermste fliehen kann. Hier lächelt mir kein Freund. Du hast gehört, Was Agamemnon Gräßliches beschlossen! Da steh' ich unter rohem Volk – ein Weib, Und unter wilden, meisterlosen Banden, Zu jedem Bubenstück bereit – auch brav, Gewiß, recht brav und werth, sobald sie mögen! Gewiß recht brav, sobald sie mögen. Diese Stelle hat Brumoy zwar sehr gut verstanden, auch den Sinn, durch eine Umschreibung freilich, sehr richtig ins Französische übertragen; aber ihre wirkliche Schönheit scheint er doch nicht erkannt zu haben, wenn er sagen kann: Je crains de n'avois été que trop fidèle à mon original, à ses dépens et aux miens . Die Stelle ist voll Wahrheit und Natur. Klytämnestra, ganz erfüllt von ihrer gegenwärtigen Bedrängniß, schildert dem Achilles ihren verlassenen Zustand im Lager der Griechen, und in der Hitze ihres Affekts kommt es ihr nicht darauf an, in ihre Schilderung des griechischen Heers einige harte Worte mit einfließen zu lassen, die man ihr, als einer Frau, die sich durch ein außerordentliches Schicksal aus ihrem Gynaceum plötzlich in eine ihr so fremde Welt versetzt und der Discretion eines trotzigen Kriegsheers überlassen sieht, gerne zu gute halten wird. Mitten im Strom ihrer Rede aber fällt es ihr ein, daß sie vor dem Achilles steht, der selbst einer davon ist; dieser Gedanke, vielleicht auch ein Stirnrunzeln des Achilles bringt sie wieder zu sich selbst. Sie will einlenken, und je ungeschickter, desto wahrer! Im Griechischen sind es vier kurze hineingeworfene Worte: χρησιμον δ', οταν θελωσιν, woraus im Deutschen freilich noch einmal so viel geworden sind. Prevôt , dessen Bemerkungen sonst voll Scharfsinn sind, verbessert seine Vorgänger hier auf eine sehr unglückliche Art: Clytemnestre , sagt er, veut dire et dit, à ce qu'il me semble, aussi clairement qu'il était nécessaire, qu'Achille peut se servir de son ascendant sur l'armée pour prévenir les desseins d'Agamemnon. Le P. Brumoy n'eût point trahi son auteur en exprimant cette pensée. Nein, ein so gesuchter Gedanke kann höchstens einem eiskalten Commentator, nie aber dem Euripides oder seiner Klytämnestra eingekommen sein! Versichre du uns deines Schutzes, und Gerettet sind wir – Ohne dich verloren. Chor . Gewaltsam ist der Zwang des Bluts! Mit Qual Gebiert das Weib und quält sich fürs Geborne! Achilles . Mein großes Herz kam deinem Wunsch entgegen. Es weiß zu trauern mit dem Gram und sich Des Glücks zu freuen mit Enthaltsamkeit. Chor . Die Klugheit sich zur Führerin zu wählen, Das ist es, was den Weisen macht. Achilles . Es kommen Fälle vor im Menschenleben, Wo's Weisheit ist, nicht allzuweise sein; Es kommen andre, wo nichts schöner kleidet, Als Mäßigung. Geraden Sinn schöpft' ich In Chirons Schule, des Vortrefflichen. Wo sie Gerechtes mir befehlen, finden Gehorsam die Atriden mich; die Stirne Von Erz, wo sie Unbilliges gebieten. Frei kam ich her, frei will ich Troja sehn Und den Achiverkrieg, was an mir ist, Mit meines Armes Heldenthaten zieren. Du jammerst mich. Zuviel erleidest du Von dem Gemahl, von Menschen deines Blutes. Was diesem jungen Arme möglich ist, Erwart's von mir! – Er soll dein Kind nicht schlachten. An eine Jungfrau, die man mein genannt, Soll kein Atride Mörderhände legen. Es soll ihm nicht so hingehn, meines Namens Zu seinem Mord mißbraucht zu haben! Mein Name, der kein Eisen aufgehoben, Mein Name wär' der Mörder deiner Tochter, Und er , der Vater hätte sie erschlagen. Doch theilen würd' ich seines Mordes Fluch, Wenn meine Hochzeit auch den Vorwand nur Gegeben hätte, so unwürdig, so Unmenschlich, ungeheuer, unerhört, Die unschuldsvolle Jungfrau zu mißhandeln. Der Griechen letzter müßt' ich sein, der Menschen Verächtlichster, ja hassenswerther selbst Als Menelaus müßt' ich sein. Ja, hassenswerther selbst als Menelaus müßt' ich sein . Der griechische Achilles drückt sich beleidigend aus: »Ich wäre gar nicht, und Menelaus lief' in der Reihe der Männer.« Hassen konnte man den Menelaus, als den Urheber dieses Unglücks, aber Verachtung verdiente er darum nicht. Mir hätte Nicht Thetis, der Erinen eine hätte Das Leben mir gegeben, wenn ich mich Des Königs Mordbegier zum Werkzeug borgte. Nein, bei des Meerbewohners Haupt, beim Vater Der Göttlichen, die mich zur Welt geboren! Er soll sie nicht berühren – nicht ihr Kleid Mit seines Fingers Spitze nur berühren. Eh dies geschiehet, decke ewige Vergessenheit mein Phthia, mein Geburtsland, Wenn der Atriden Stammplatz, Sipylus, Im Ohr der Nachwelt unvergänglich lebet. Es mag der Seher Kalchas das Geräthe Zum Opfer nur zurücketragen – Seher? Was heißt ein Seher? – Der auf gutes Glück Für eine Wahrheit zehen Lügen sagt. Geräth es? Gut. Wo nicht, ihm geht es hin. Es gibt der Jungfraun Tausende, die mich Zum Gatten möchten – davon ist auch jetzt Die Rede nicht; beschimpft hat mich der König. In meinen Willen hätt' er's stellen sollen, Ob mir's gefiele, um sein Kind zu frein. Gern und mit Freuden würde Klytämnestra In dieses Bündniß eingewilligt haben. Und hätte Griechenland aus meinen Händen Alsdann zum Opfer sie verlangt, ich würde Sie meinen Kriegsgenossen, würde sie Dem Wohl der Griechen nicht verweigert haben. So aber gelt' ich nichts vor den Atriden, Nichts, wo was Großes soll verhandelt werden. Doch dürfte, eh wir Ilion noch sehn, Dies Schwert von Blut und Menschenmorde triefen, Wenn man's versuchte, mir sie zu entreißen. Sei du getrost! Ein Gott erschien ich dir. Ich bin kein Gott; dir aber will ich's werden. Chor . An dieser Sprache kennt man dich, Achill, Und die Erhabene, die dich geboren. Klytämnestra . O Herrlichster! wie stell' ich's an, wie muß Ich reden, um zu sparsam nicht zu sein In deinem Preis, und deine Gunst auch nicht Durch mein ausschweifend Rühmen zu verscherzen? Zu vieles Loben, weiß ich wohl, macht Dem, Der edel denkt, den Lober nur zuwider. Doch schäm' ich mich, mit ew'ger Jammerklage, Mit Leiden, die nur ich empfinde, dich, Den Glücklichen, den Fremdling, zu ermüden. Doch, Fremdling oder nicht, wer Leidenden Beispringen kann, wird auch mit ihnen trauern. Drum hab' mit uns Erbarmen! Unser Schicksal Verdient Erbarmen. Meine Hoffnung war, Dich Sohn zu nennen – Ach, sie war vergebens! Auch schreckt vielleicht dein künftig Ehebette Mein strebend Kind mit schwarzer Vorbedeutung, Und du wirst eilen, sie zu fliehn. Und du wirst eilen, sie zu fliehn! Ich weiß nicht, ob ich in dieser Stelle den Sinn meines Autors getroffen habe. Wörtlich heißt sie: »Erstlich betrog mich meine Hoffnung, dich meinen Eidam zu nennen; alsdann ist dir meine sterbende Tochter vielleicht eine böse Vorbedeutung bei einer künftigen Hochzeit, wovor du dich hüten mußt. Aber du hast wohlgesprochen am Anfang wie am Ende.« Der französische Uebersetzer erlaubt sich einige Freiheiten, um die Stelle zusammenhängender zu machen. Mais d'un autre côté, quel funeste présage pour votre hymen, que la mort de l'épouse, qui vous fut destinßée! ce second malheur intéresse l'époux aussi bien que la mère. Enfin qu'ajouterais-je à vos paroes etc. Hier, und nach dem Buchstaben des Textes, ist es nur eine Warnung; ich nahm es als einen Zweifel, eine Besorgniß der Klytämnestra. So sehr diese durch Achilles' Versicherungen beruhigt sein könnte, so liegt es doch ganz in dem Charakter der ängstlichen Mutter, immer Gefahr zu sehen, immer zu ihrer alten Furcht zurückzukehren. Auch das, was folgt, wird dadurch in einen natürlichen Zusammenhang mit dem Vorhergehenden gebracht. »Aber Alles, was du sagtest, wär ja wohl gesprochen,« d. i.  ich will deinen Versicherungen trauen. Doch, nein, Was du gesagt, war alles wohl gesprochen, Und willst du nur, so lebt mein Kind. Soll sie Etwa selbst flehend deine Knie umfassen? So wenig dies der Jungfrau ziemt, gefällt Es dir, so mag sie kommen, züchtiglich, Das Aug mit edler Freiheit aufgeschlagen. Wo nicht, so laß an ihrer Statt mich der Gewährung süßes Wort von dir vernehmen. Achilles . Die Jungfrau bleibe, wo sie ist. Daß sie Verschämt ist, bringt ihr Ehre. Klytämnestra .                                 Auch verschämt sein Hat sein gehörig Maß und seine Stunde. Achilles . Ich will es nicht. Ich will nicht, daß du sie Vor meine Augen bringest und wir beide Boshaftem Tadel preisgegeben werden. Ein zahlreich Heer, der heimathlichen Sorgen Entschlagen, trägt sich gar zu gern – das kenn' ich – Mit häm'schen, ehrenrührigen Gerüchten. Und mögt ihr flehend oder nicht vor mir Erscheinen, ihr erhaltet weder mehr Noch minder – denn beschlossen ist's bei mir, Kost's, was es wolle, euer Leid zu enden. Das laß dir nur genügen. Glaub', ich rede ernstlich. Und sterben mög' ich, hab' ich deine Hoffnung Mit eitler Rede nur getäuscht; rett' ich Die Jungfrau – nein, da werd' ich leben. Klytämnestra .                                                 Lebe Und rette immer Leidende! Achilles .                                     Nun höre, Wie wir's am besten einzurichten haben. Klytämnestra . Laß hören! Dir gehorch' ich gern. Achilles .                                                               Zuvor erst Muß man es mit dem Vater noch versuchen. Klytämnestra . Ach, der ist feig und zittert vor der Menge! Achilles . Vernünft'ge Gründe können viel. Klytämnestra . Ich hoffe nichts. Doch sprich, was muß ich thun? Achilles . Fall ihm zu Füßen, fleh' ihn an, daß er Sein Kind nicht tödte! Bleibt er unerbittlich, Dann komm zu mir! – Erweichst du ihn, noch besser. Dann braucht es meines Armes nicht, die Jungfrau Bleibt leben, ich erhalte mir den Freund; Auch bei dem Heer vermeid' ich Tadel, hab' ich Durch Gründe mehr als durch Gewalt gestritten. Und so wird Alles glücklich abgethan Zu deinem und der Freunde Wohlgefallen, Und meines Armes braucht es nicht. Klytämnestra .                                           Du räthst Verständig. Es geschehe, wie du meinest. Mißlingt mir's aber – wo seh' ich dich wieder? Wo find' ich Aermste diesen Heldenarm, Die letzte Stütze noch in meinen Leiden? Achilles . Wo's meiner Gegenwart bedarf, werd' ich Dir nahe sein und dir's ersparen, vor Dem Heer der Griechen dich und deine Ahnherrn Durch Jammer zu erniedrigen. So tief Herunter müßte Tyndars Blut nicht sinken – Ein großer Name in der Griechen Land! Klytämnestra . Wie dir's gefällt. Ich unterwerfe mich. Und, gibt es Götter, Trefflichster, dir muß Es wohlergehn. Gibt's keine – warum leid' ich? Gibt's keine Götter – warum leid' ich? Gewöhnlich übersetzt man diese Stelle: ει δε μη, τι δει πονειν; als eine allgemeine moralische Reflexion: gibt's keine Götter – wozu unser mühsames Streben nach Tugend? Moralische Reflexionen sind zwar sehr im Geschmack des Euripides; diese aber scheint mir im Munde der Klytämnestra, die zu sehr auf ihr gegenwärtiges Leiden geheftet ist, um solchen allgemeinen Betrachtungen Raum geben zu können, nicht ganz schicklich zu sein. Der Sinn, in dem ich diese Stelle nahm, wird durch seine nähere Beziehung auf ihre Lage gerechtfertigt, und der Buchstabe des Textes schließt ihn nicht aus. »Gibt es keine Götter, warum muß ich leiden? d. h. warum miß meine Iphigenie einer Diana wegen sterben?« (Achilles und Klytämnestra gehen ab.)   Vierte Zwischenhandlung. Chor . Wie lieblich erklang Der Hochzeitgesang, Den zu der Cyther tanzlustigen Tönen, Zur Schalmei und zum libyschen Rohr Sang der Camönen Versammelter Chor Auf Peleus' Hochzeit und Thetis', der Schönen! Wo die Becher des Nektars erklangen, Auf des Pelion wolkichtem Kranz, Kamen die zierlich Gelockten und schwangen Goldene Sohlen im flüchtigen Tanz. Mit dem melodischen Jubel der Lieder Feierten sie der Verbundenen Glück, Der Berg der Centauren hallte sie wieder, Pelions Wald gab sie schmetternd zurück. Unter den Freuden Des festlichen Mahls Schöpfte des Nektars himmlische Gabe Jovis Liebling, der phrygische Knabe, In die Bäuche des goldnen Pokals. Fünfzig Schwestern des Göttlichen hüpften Lustig daneben im glänzenden Sand, Tanzten den Hochzeitreigen und knüpften Reizende Ring' mit verschlungener Hand. (Gegenstrophe.) Grüne Kronen in dem Haar Und mit fichtenem Geschosse, Menschen oben, unten Rosse, Kam auch der Centauren Schaar, Angelockt von Bromius' Pokale Kamen sie zum Göttermahle. Heil dir, hohe Nereide! Sang mit lautem Jubelliede Der Thessalierinnen Chor; Heil dir! sang der Mädchen Chor. Heil dir! Heil dem schönen Sterne, Der aus deinem Schooß ersteht! Und Apoll, der in der Ferne Der verborgnen Zukunft späht, Und der auf den unbekannten Stamm der Musen sich versteht, Chiron, der Centaure – nannten Beide schon mit Namen ihn, Der zu Priams Königssitze Kommen würde an der Spitze Seiner Myrmidonenschaaren, In des Speeres Wurf erfahren, Wüthend dort mir Mord und Brand In des Räubers Vaterland – Auch die Rüstung, die er würde tragen, Künstlich von Hephästos' Hand Aus gediegnem Gold geschlagen, Ein Geschenk der Göttlichen, Die den Göttlichen empfangen. So ward von den Himmlischen Thetis' Hochzeitfest begangen. (Epode.) Dir, Agamemnons thränenwerthem Kinde, Nicht bei der Hirten Feldgesang Erzogen und der Pfeife Klang, Still aufgeblüht im mütterlichen Schooß, Dem Tapfersten der Inachiden Dereinst zur süßen Braut beschieden, Dir, Arme, fällt ein ander Loos! Dir flechten einen Kranz von Blüthen Die Griechen in das schöngelockte Haar. Gleich einem Rinde, das der wilde Berg gebar, Das, unberührt vom Joch, aus Felsenhöhlen, Unfern dem Meer, gestiegen war, Wird dich der Opferstahl entseelen. Dann rettet dich nicht deine Jugend, Nicht das Erröthen der verschämten Tugend, Nicht deine reizende Gestalt! Das Laster herrscht mit siegender Gewalt. Es spricht mit frechem Angesichte Den heiligen Gesetzen Hohn. Die Tugend ist aus dieser Welt geflohn, Und dem Geschlecht der Menschen drohn Nicht ferne mehr die göttlichen Gerichte. Fünfer Akt. Erster Auftritt. Klytämnestra kommt. Der Chor . Klytämnestra . Ich komme, meinen Gatten aufzusuchen. Noch immer bleibt er aus – es ist schon lange, Daß er das Zelt verließ – und drinnen weint Und jammert die Unglückliche, nun sie Erfuhr, was für ein Schicksal sie erwartet. Es nähert sich, den ich genannt. Der ist's, Das ist der Agamemnon, den man bald Verrucht wird handeln sehn an seinen Kindern.   Zweiter Auftritt. Agamemnon . Vorige . Agamemnon . Gut, Klytämnestra, daß ich außerhalb Des Zelts dich treffe und allein. Ich habe Mich über Dinge mit dir zu besprechen, Die einer Jungfrau, die bald Braut sein wird, Nicht wohl zu hören ziemt. Klytämnestra .                           Und was ist das, Wozu die Zeit sich dir so günstig zeiget? Agamemnon . Laß deine Tochter mit mir gehen! – Alles Ist in Bereitschaft, das geweihte Wasser, Das Opfermahl, das heil'ge Feu'r, die Rinder, Die vor der Hochzeit am Altar Dianens, In schwarzem Blute röchelnd, fallen sollen. Klytämnestra . Gut redest du. Daß ich von deinem Thun Ein Gleiches rühmen könnte! – Aber komm Du selbst heraus, mein Kind! (Sie geht und öffnet die Thür des Gezelts.)                                               Was Dieser da Mit dir beschlossen hat, weiß du ausführlich. Nimm unter deinem Mantel auch den Bruder Orestes mit dir! (Zu Agamemnon, indem Iphigenie heraustritt.)                           Sieh, da ist sie, deine Befehle zu vernehmen. Was noch sonst Für sie und mich zu sagen übrig bleibt, Werd' ich hinzuzusetzen wissen.   Dritter Auftritt. Iphigenie mit dem kleinen Orestes zu den Vorigen . Agamemnon . Was ist dir, Iphigenie? – – – Du weinst? Du siehst nicht heiter aus – du schlägst die Augen Zu Boden und verbirgst dich in den Schleier? Iphigenie . Ich Unglückselige! Wo fang' ich an? Bei welchem unter allen meinen Leiden? Verzweiflung, wo ich nur beginnen mag, Verzweiflung, wo ich enden mag! Verzweiflung, wo ich nur beginnen mag! Verzweiflung, wo ich enden mag! Josua Barnes übersetzt: Quodnam malorum meorum sumam exordium? Omnibus enim licet uti primis et postremis et mediis ubique . Angenommen, daß dieser Sinn der wahre ist, so liegt ihm vielleicht eine Anspielung auf irgend eine griechische Gewohnheit zum Grunde, dergleichen man im Euripides mehrere findet. Da der Reiz, den eine solche Anspielung für ein griechisches Publikum haben konnte, bei uns wegfällt, so würde man dem Dichter durch eine treue Uebersetzung einen schlechten Dienst erweisen. Agamemnon .                                         Was ist das? Hat Alles hier zusammen sich verstanden, Mich zu bestürzen – Kind und Mutter außer sich Und Unruh' im Gesichte – Klytämnestra .                           Mein Gemahl, Antworte mir auf das, was ich dich frage, Aufrichtig aber! Agamemnon .             Braucht's dazu Ermahnung? Zur Sache. Klytämnestra .   Ist's an dem – willst du sie wirklich Ermorden, deine Tochter und die meine? Agamemnon (fährt auf) . Unglückliche! Was für Wort hast du gesprochen! Was argwöhnst du? – Du sollst es nicht! Klytämnestra .                                                 Antworte Auf meine Frage. Agamemnon .               Frage, was sich ziemt, So kann ich dir antworten, wie sich's ziemet. Klytämnestra . So frag' ich. Sage du mir nur nichts anders. Agamemnon . Furchtbare Göttinnen des Glücks und Schicksals Und du, mein böser Genius! Klytämnestra .                             Und meiner – Und Dieser hier! Ihn theilen drei Elende! Agamemnon . Worüber klagst du? Klytämnestra .                                 Dieses fragst du noch? O dieser List gebricht es an Verstande! Agamemnon . Ich bin verloren! Alles ist verrathen! Klytämnestra . Ja, Alles ist verrathen. Alles weiß ich, Und Alles hört' ich, was du uns bereitest. Dies Schweigen, dieses Stöhnen ist Beweises Genug. Das Reden magst du dir ersparen. Agamemnon . Ich schweige. Reden, was nicht wahr ist, hieße Mein Elend auch durch Frechheit noch erschweren. Klytämnestra . Gib mir Gehör. Die räthselhafte Sprache Bei Seit'. Ich will jetzt offen mit dir reden. Erst drangst du dich – das sei mein erster Vorwurf – Gewaltsam mir zum Gatten auf, entführtest Mich räuberisch, nachdem du meinen ersten Gemahl erschlagen, Tantalus – den Säugling Von seiner Mutter Brust gerissen, mit Grausamem Wurf am Boden ihn zerschmettert. Als meine Brüder drauf, die Söhne Zeus', Die Herrlichen, mit Krieg dich überzogen, Entriß dich Tyndar, unser Vater, den Du knieen flehtest, ihrem Zorn und gab Die Rechte meines Gatten dir zurücke. Seit diesem Tag – kannst du es anders sagen? Fandst du in mir die lenksamste der Frauen, Im Hause fromm, im Ehebette keusch, Untadelhaft im Wandel. Sichtbar wuchs Der Segen deines Hauses – Lust und Freude, Wenn du hineintratst! Wenn du öffentlich Erschienst, der frohe Zuruf aller Menschen! Solch eine Ehgenossin zu erjagen, Ist Wenigen beschert. Desto gemeiner sind Die schlimmen! Ich gebäre dir drei Töchter Und diesen Sohn – und dieser Töchter eine Willst du jetzt so unmenschlich mir entreißen! Fragt man, warum sie sterben soll – was kannst du Hierauf zur Antwort geben? Sprich! soll ich's In deinem Namen thun? Daß Menelaus Helenen wieder habe, soll sie sterben! O trefflich! Deine Kinder also sind Der Preis für eine Buhlerin! Und mit Dem Theuersten, das wir besitzen, wird Das Hassenswürdigste erkauft! – Wenn du Nun fort sein wirst nach Troja, lange, lange, Ich im Palast indessen einsam sitze, Leer die Gemächer der Gestorbenen Und alle jungfräulichen Zimmer öde, Wie, glaubst du, daß mir da zu Muth sein werde? Wenn ungetrocknet, unversiegend um Die Todte meine Thränen rinnen, wenn Ich ewig, ewig um sie jammre: »Er, Der dir das Leben gab, gab dir den Tod! Er selbst, kein Andrer, er mit eignen Händen!« Sieh zu, daß dir von deinen andern Töchtern, Von ihrer Mutter, wenn du wiederkehrst, Nicht ein Empfang dereinst bereitet werde, Der solcher Thaten würdig ist. O um Der Götter willen! Zwinge mich nicht, schlimm An dir zu handeln! Handle du nicht so An uns! – Du willst sie schlachten! Wie? Und welche Gebete willst du dann zum Himmel richten? Was willst du, rauchend von der Tochter Blut, Von ihm erflehen? Fürchterliche Heimkehr Von einem schimpflich angetretnen Zuge! Werd' ich für dich um Segen flehen dürfen? Um Segen für den Kindermörder flehn, Das hieße Göttern die Vernunft ableugnen! Und sei's, daß du nach Argos wiederkehrst, Denkst du dann deine Kinder zu umarmen? O, dieses Recht hast du verscherzt! Wie könnten Sie Dem ins Auge sehn, der ein von ihnen Mit kaltem Blut erschlug? – Darüber sind Wir einverstanden – Mußtest du als König, Als Feldherr dich betragen – kam es dir Nicht zu, bei den Achivern erst die Sprache Der Weisheit zu versuchen? »Ihr verlangt Nach Troja, Griechen? Gut. Das Loos entscheide, Weß Tochter sterben soll!« Das hätte Einem Gegolten wie dem Andern. Aber nicht, Nicht dir von allen Danaern allein Kam's zu, dein Kind zum Opfer anzubieten! Da! deinem Menelaus, dem zu Lieb' Ihr streitet, dem hätt' es gebührt, sein Kind Hermione der Mutter aufzuopfern! Und ich, die immer keusch dein Bett bewahrte, Soll nun der Tochter mich beraubet sehn, Wenn jene Lasterhafte, glücklicher Als ich, nach Sparta heimzieht mit der ihren! Bestreit' mich, wenn ich Unrecht habe! Hab' Ich Recht – o, so geh' in dich! – bring sie nicht Ums Leben, deine Tochter und die meine! Chor . Laß dich erweichen, Agamemnon! Denk, Wie schön es ist, sich seines Bluts erbarmen! Das wird von allen Menschen eingestanden! Iphigenie . Mein Vater, hätt' ich Orpheus' Mund, könnt' ich Durch meiner Stimme Zauber Felsen mir Zu folgen zwingen und durch meine Rede Der Menschen Herzen, wie ich wollte, schmelzen, Jetzt würd' ich diese Kunst zu Hilfe rufen. Doch meine ganze Redekunst sind Thränen, Die hab' ich, und die will ich geben! Sieh, Statt eines Zweigs der Flehenden leg' ich Mich selbst zu deinen Füßen – Tödte mich Nicht in der Blüthe! – Diese Sonne ist So lieblich! Zwinge mich nicht, vor der Zeit Zu sehen, was hier unten ist! – Ich war's, Die dich zum erstenmale Vater nannte, Die Erste, die du Kind genannt, die Erste, Die auf dem väterlichen Schooße spielte Und Küsse gab und Küsse dir entlockte. Da sagtest du zu mir: »O meine Tochter, Werd' ich dich wohl, wie's deiner Herkunft ziemt, Im Hause eines glücklichen Gemahles Einst glücklich und gesegnet sehn?« – Und ich, An diese Wangen angedrückt, die flehend Jetzt meine Hände nur berühren, sprach: »Werd' ich den alten Vater alsdann auch In meinem Haus mit süßem Gastrecht ehren Und meiner Jugend sorgenvolle Pflege Dem Greis mit schöner Dankbarkeit belohnen?« So sprachen wir. Ich hab's recht gut behalten. Du hast's vergessen, du, und willst mich tödten? O, nein! bei Pelops, deinem Ahnherrn! nein! Bei deinem Vater Atreus und bei ihr, Die mich mit Schmerzen dir gebar und nun Aufs neue diese Schmerzen um mich leidet! Was geht mich Paris' Hochzeit an? Kam er Nach Griechenland, mich Arme zu erwürgen? O gönne mir dein Auge! Gönne mir Nur einen Kuß, wenn auch nicht mehr Erhörung, Daß ich ein Denkmal deiner Liebe doch Mit zu den Todten nehme! Komm, mein Bruder! Kannst du auch wenig thun für deine Lieben, Hinknien und weinen kannst du doch. Er soll Die Schwester nicht ums Leben bringen, sag' ihm. Gewiß! Auch Kinder fühlen Jammer nach. Sieh, Vater! eine stumme Bitte richtet er An dich – laß dich erweichen! laß mich leben! Bei deinen Wangen flehen wir dich an. Zwei deiner Lieben, der , unmündig noch, Ich , eben kaum erwachsen! Soll ich dir's In ein herzrührend Wort zusammenfassen? Nichts Süßres gibt es, als der Sonne Licht Zu schaun! Niemand verlanget nach da unten. Der raset, der den Tod herbeiwünscht! Besser In Schande leben, als bewundert sterben! Besser in Schande leben, als bewundert sterben . Der französische Uebersetzer mildert diese Stelle: Une vie malheureuse est même plus prisée qu'une glorieuse mort. Wozu aber diese Milderung? Iphigenie darf und soll in dem Zustande, worin sie ist, und in dem Affecte, worin sie redet, den Werth des Lebens übertreiben. Chor . Dein Werk ist dies, verderbenbringende Helene! Deine Lasterthat empöret Die Söhne Atreus' gegen ihre Kinder. Agamemnon . Ich weiß, wo Mitleid gut ist, und wo nicht. Liebt' ich mein eigen Blut nicht, rasen müßt' ich. Entsetzlich ist mir's, solches zu beschließen, Entsetzlich, mich ihm zu entziehn – Sein muß es. Seht dort die Flotte Griechenlandes! Seht! Wie viele Könige in Erz gewaffnet! Von diesen allen sieht nicht Einer Troja, Und nimmer fällt die Burg des Priamus, Du sterbest denn, wie es der Seher fordert. Von wüthendem Verlangen brennt das Heer, Nach Phrygien die Segel auszuspannen Und der Achiver Gattinnen auf ewig Von diesem Räuber zu befrein. Umsonst, Daß ich dem Götterspruch mich widersetze, Ich – du – und du – und unsre Töchter in Mycene würden Opfer ihres Grimmes. Nein, Kind! nicht Menelaus' Sklave bin ich, Nicht Menelaus ist's, der aus mir handelt. Dein Vaterland will deinen Tod – ihm muß ich, Gern oder ungern, dich zum Opfer geben. Das Vaterland geht vor! – Die Griechen frei Zu machen, Kind, die Frauen Griechenlandes, Was an uns ist, vor räubrischen Barbaren Zu schützen – das ist deine Pflicht und meine. (Er geht ab.)   Vierter Auftritt. Klytämnestra . Iphigenie . Der Chor . Klytämnestra . Er geht! Er flieht dich! – Tochter – Fremdlinge – Er flieht! – Ich Unglückselige! Sie stirbt! Er hat sein Kind dem Orkus hingegeben! Iphigenie . O weh mir! – Mutter, Mutter! Gleiches Leid Berechtigt mich zu gleicher Jammerklage! Gleiches Leid berechtigt mich zu gleicher Jammerklage. Wehe mir! ruft die Mutter. Wehe mir! ruft die Tochter; denn das nämliche Lied schickt sich zu beider Schicksal. Der P. Brumoy nimmt es in der That etwas zu scharf, wenn er dem Euripides Schuld gibt, als habe er mit dem Worte μελος die Versart bezeichnen wollen, und bei dieser Gelegenheit die weise Bemerkung macht, daß ein Acteur niemals von sich selbst sagen müsse, er rede in Versen. Kein Licht soll ich mehr schauen! Keine Sonne Mehr scheinen sehn! – O Wälder Phrygiens! Und du, von dem er einst den Namen trug, Erhabner Ida, wo den zarten Sohn Der Mutter Brust entrissen, Priamus Zu grausenvollem Tode hingeworfen! O, hätt' er's nimmermehr gethan! den Hirten Der Rinder, diesen Paris, nimmermehr Am klaren Wasser hingeworfen, wo Durch grüne, blüthenvolle Wiesen, reich Beblümt mit Rosen, würdig, von Göttinnen Gepflückt zu werden, und mit Hyacinthen, Der Nymphen Silberquelle rauscht – wohin Mit Hermes, Zeus' geflügeltem Gesandten, Zu ihres Streits unseliger Entscheidung, Athene kam, auf ihre Lanze stolz, Und, stolz auf ihre Reize, Cypria, Die Schlaue, und Saturnia, die Hohe, Auf Jovis königliches Bette stolz! O dieser Streit führt Griechenland zum Ruhme, Jungfrauen, mich führt er zum Tod! Chor .                                                       Du fällst Für Ilion, Dianens erstes Opfer. Iphigenie . Und er – o meine Mutter – er, der mir Das jammervolle Leben gab, er flieht! Er meidet sein verrathnes Kind! Weh mir, Daß meine Augen sie gesehen haben, Die traurige Verderberin! Ihr muß Ich sterben – unnatürlich muß ich sterben, Durch eines Vaters frevelhaften Stahl! O Aulis, hättest du der Griechen Schiffe In deinem Hafen nie empfangen! Hätte Ein günst'ger Wind nach Troja sie beflügelt, Kein Zeus hier am Euripus sie verweilt! Ach, er verleiht die Winde nach Gefallen: Dem schwellt er mit gelindem Wind die Segel, Dem sendet er das Leid, die Angst dem Andern, Den läßt er glücklich aus dem Hafen steuern, Den führt er leicht durchs hohe Meer dahin, Den hält er in der Mitte seines Laufes. War's nicht schon leidenvoll genug, nicht etwa Schon thränenwerth genug des Menschen Loos, Daß er dem Tod noch rief, er zu erschweren? Chor . Ach, wie viel Unheil, wie viel Elend brachte Die Tochter Tyndars über Griechenland! Du aber, Aermste, jammerst mich am meisten. O, hättest du solch Schicksal nie erfahren!   Fünfter Auftritt. Achilles mit einigen Bewaffneten erscheint in der Ferne. Die Vorigen . Iphigenie (erschrocken) . O Mutter, Mutter! Eine Schaar von Männern Kommt auf uns zu. Klytämnestra .               Der Göttinsohn ist drunter, Für den ich dich hieher gebracht. Iphigenie (eilt nach der Thür und ruft ihren Jungfrauen) .                                                     Macht auf! Macht auf die Pforten, daß ich mich verberge! Klytämnestra . Was ist dir? Vor wem fliehest du? Iphigenie .                                                               Vor ihm – Vor dem Peliden – ich erröthe, ihn Zu sehn – Klytämnestra . Warum erröthen, Kind? Iphigenie .                                               Ach, die Beschämende Entwicklung dieser – Klytämnestra .                                           Laß Die Glücklichen erröthen! – Diese zücht'ge Bedenklichkeiten jetzt bei Seite, wenn Wir was vermögen sollen – Achilles (tritt näher) .                     Arme Mutter! Klytämnestra . Du sagst sehr wahr. Achilles .                                           Ein fürchterliches Schreien Hört man im Lager. Klytämnestra .                 Ueber was? Wem gilt es? Achilles . Hier deiner Tochter. Klytämnestra .                           O, das weissagt mir Nichts Gutes. Achilles .                 Alles dringt aufs Opfer. Klytämnestra .                                             Alles? Und Niemand ist, der sich dagegen setzte? Achilles . Ich selbst kam in Gefahr – Klytämnestra .                                   Gefahr – Achilles .                                                             Gesteinigt Zu werden. Klytämnestra .     Weil du meine Tochter Zu retten strebtest? Achilles .                         Eben darum. Klytämnestra .                                     Was? Wer durft' es wagen, Hand an dich zu legen? Achilles . Die Griechen alle. Klytämnestra .                       Wie? Wo waren denn Die Schaaren deiner Myrmidonen? Achilles .                                                 Die Empörten sich zuerst. Klytämnestra .                   Wehe mir! Wir sind Verloren, Kind! Achilles .                     Die Hochzeit habe mich Bethöret, schrien sie. Klytämnestra .                   Und was sagtest du Darauf? Achilles .         Man solle Die nicht würgen, Die zur Gemahlin mir bestimmt gewesen. Klytämnestra . Da sagtest du, was wahr ist. Achilles .                                                       Die der Vater Mir zugedacht. Klytämnestra .         Und die er von Mycene Ausdrücklich darum hatte kommen lassen. Achilles . Vergebens! Ich ward überschrien. Klytämnestra .                                             Die rohe Barbar'sche Menge! Achilles .                           Dennoch rechne du Auf meinen Schutz. Klytämnestra .               So Vielen willst du's bieten, Ein Einziger? Achilles .                 Siehst du die Krieger dort? Klytämnestra . O, möge dir's bei diesem Sinn gelingen! Achilles . Es wird. Klytämnestra .       So wird die Tochter mir nicht sterben? Achilles . Solang ich Athem habe, nicht! Klytämnestra .                                         Kommt man Etwa, sie mit Gewalt hinweg zu führen? Achilles . Ein ganzes Heer. Ulysses führt es an. Klytämnestra . Der Sohn des Sisyphus etwa? Achilles .                                                           Derselbe. Klytämnestra . Führt eigner Antrieb oder Pflicht ihn her? Achilles . Die Wahl des Heers, die ihm willkommen war. Klytämnestra . Ein traurig Amt, mit Blut sich zu besudeln! Achilles . Ich werd' ihn zu entfernen wissen. Klytämnestra .                                               Sollte Er wider Willen sie von hinnen reißen? Achilles . Er? – Hier, bei diesem blonden Haar! Klytämnestra .                                                     Was aber Muß ich dann thun? Achilles .                           Du hältst die Tochter. Klytämnestra .                                                     Wird Das hindern können, daß man sie nicht schlachtet? Achilles . Das wird dies Schwert alsdann entscheiden! Das wird dies Schwert alsdann entscheiden. Wörtlich heißt es: Es wird (oder er wird) aber doch dazu kommen! – Nun kann es freilich auch so verstanden werden: » Klytämnestra . Wird darum mein Kind nicht geopfert werden? Achilles . Du hältst deine Tochter fest. Klytämnestra . Wird das hindern können, daß man sie nicht opfert? Achilles . Nein; er wird aber dort seinen Angriff thun.« – Die angenommene Erklärungsart scheint die natürlichste zu sein. Iphigenie .                                                                       Höre Mich an, geliebte Mutter. Hört mich beide. Was tobst du gegen den Gemahl? Kein Mensch Muß das Unmögliche erzwingen wollen. Das größte Lob gebührt dem wohlgemeinten, Dem schönen Eifer dieses fremden Freundes; Du aber, Mutter, lade nicht vergeblich Der Griechen Zorn auf dich und stürze mir Den großmuthsvollen Mann nicht ins Verderben. Vernimm jetzt, was ein ruhig Ueberlegen Mir in die Seele gab. Ich bin entschlossen, Zu sterben – aber, ohne Widerwillen, Aus eigner Wahl und ehrenvoll zu sterben! Hör meine Gründe an und richte selbst! Das ganze große Griechenland hat jetzt Die Augen auf mich Einzige gerichtet. Ich mache seine Flotte frei – durch mich Wird Phrygien erobert. Wenn fortan Kein griechisch Weib mehr zittern darf, gewaltsam Aus Hellas' sel'gem Boden weggeschleppt Zu werden von Barbaren, die nunmehr Für Paris' Frevelthat so fürchterlich Bezahlen müssen – aller Ruhm davon Wird mein sein, Mutter! Sterbend schütz' ich sie. Ich werde Griechenland errettet haben, Und ewig selig wird mein Name strahlen. Wozu das Leben auch so ängstlich lieben? Nicht dir allein – du hast mich allen Griechen Gemeinschaftlich geboren. Sieh dort, sieh Die Tausende, die ihre Schilde schwenken, Dort andre Tausende, des Ruders kundig. Entbrannt von edlem Eifer kommen sie, Die Schmach des Vaterlands zu rächen, gegen Den Feind durch tapfre Kriegesthat zu glänzen, Zu sterben für das Vaterland. Dies alles Macht' ich zu nichte, ich, ein einzig's Leben? Wo, Mutter wäre das gerecht? Was kannst Du hierauf sagen? – Und alsdann – (Sich gegen Achilles wendend.)                                                         Soll Der's Mit allen Griechen, eines Weibes wegen, Aufnehmen und zu Grunde gehn? Nein doch! Das darf nicht sein! Dies ist eine von den Stellen, die dem Euripides den Namen des Weiberfeindes zugezogen hat. Wenn man sie aber nur auf den Achilles deutet, so verliert sie das Anstößige; und diese Erklärungsart schließt auch der Text nicht aus. Der einz'ge Mann verdient Das Leben mehr, als hunderttausend Weiber. Und will Diana diesen Leib, werd' ich, Die Sterbliche, der Göttin widerstreben? Umsonst! Ich gebe Griechenland mein Blut. Man schlachte mich, man schleife Troja's Feste! Das soll mein Denkmal sein auf ew'ge Tage, Das sei mir Hochzeit, Kind, Unsterblichkeit! So will's die Ordnung, und so sei's! Es herrsche Der Grieche, und es diene der Barbare! Denn der ist Knecht, und jener frei geboren! Chor . Dein großes Herz zeigst du – doch grausam ist Dein Schicksal, und ein hartes Urtheil sprach Diana. Achilles . Wie glücklich machte mich der Gott, der dich Mir geben wollte, Tochter Agamemnons! Glücksel'ges Griechenland, so schön errettet! Glückselig du, durch ein so großes Opfer Geehrt! Wie edel hast du da gesprochen! Wie deines Vaterlandes werth! Der starken Nothwendigkeit willst du nicht widerstreben. Was einmal sein muß, muß vortrefflich sein. Je mehr dies schöne Herz sich mir entfaltet, Ach, desto feuriger lebt's in mir auf, Dich als Gemahlin in mein Haus zu führen. O, sinn' ihm nach. So gern thät' ich dir Liebes Und führte dich als Braut in meine Wohnung. Kann ich im Kampfe mit den Griechen dich Nicht retten – o, beim Leben meiner Mutter! Es wird mir schrecklich sein. Erwäg's genau. Es ist nichts Kleines um das Sterben! Iphigenie .                                                     Meinen Entschluß bringt kein Beweggrund mehr zum Wanken. Mag Tyndars Tochter, herrlich vor uns allen, Durch ihre Schönheit Männer gegen Männer In blut'gem Kampf bewaffnen – meinetwegen Sollst du nicht sterben, Fremdling! Meinetwegen Soll Niemand durch dich sterben! Ich vermag's Mein Vaterland zu retten. Laß mich's immer! Achilles . Erhabne Seele – Ja! Ist dies dein ernster Entschluß, ich kann dir nichts darauf erwiedern. Warum, was Wahrheit ist, nicht eingestehn? Du hast die Wahl des Edelsten getroffen! Doch dürfte die gewaltsame Entschließung Dich noch gereu'n: drum halt' ich Wort und werde Mit meinen Waffenbrüdern am Altar Dir nahe stehn – Kein müß'ger Zeuge deines Todes, Dein Helfer vielmehr und dein Schutz. Wer weiß, Wenn nun der Stahl an deinem Halse blinkt, Ob dich des Freundes Nähe nicht erfreuet? Denn nimmer werd' ich's dulden, daß dein Leben Ein allzurasch gefaßter Vorsatz kürze. Jetzt führ' ich Diese – (auf seine Bewaffneten zeigend)                                     nach der Göttin Tempel; Dort findest du mich, wenn du kommst. (Er geht ab.)   Sechster Auftritt. Iphigenie . Klytämnestra . Der Chor . Iphigenie .                                                       Nun, Mutter! – Es netzten stille Thränen deine Augen? Klytämnestra . Und hab' ich etwa keinen Grund zu weinen? O ich Unglückliche! Iphigenie .                         Nicht doch! Erweichen Mußt du mich jetzt nicht, Mutter. Eine Bitte Gewähre mir! Klytämnestra .         Entdecke sie, mein Kind! Die Mutter findest du gewiß. Iphigenie .                                         Versprich mir, Dein Haar nicht abzuschneiden, auch kein schwarzes Gewand um dich zu schlagen – Klytämnestra .                                   Wenn ich dich Verloren habe? Kind, was forderst du? Iphigenie . Du hast mich nicht verloren – deine Tochter Wird leben und mit Glorie dich krönen. Klytämnestra . Ich soll mein Kind im Grabe nicht betrauern? Iphigenie . Nein, Mutter! Für mich gibt's kein Grab. Klytämnestra .                                                           Wie das? Führt nicht der Tod zum Grab? Iphigenie .                                         Der Tochter Zeus' Geheiligter Altar dient mir zum Grabe. Klytämnestra . Du hast mich überzeugt. Ich will dir folgen. Iphigenie . Beneide mich als eine Selige, Die Segen brachte über Griechenland. Klytämnestra . Was aber hinterbring' ich deinen Schwestern? Iphigenie . Auch sie laß keinen Trauerschleier tragen. Klytämnestra . Darf ich die Schwestern nicht mit einem Worte Der Liebe noch von dir erfreuen? Iphigenie .                                             Mög' Es ihnen wohl ergehen! – Diesen da (auf Orestes zeigend) Erziehe mir zum Mann! Klytämnestra .                       Küss' ihn noch einmal, Zum letztenmale! Iphigenie (ihn umarmend) . Liebstes Herz! Was nur In deinen kleinen Kräften hat gestanden, Das hast du redlich heut an mir gethan! Klytämnestra . Kann ich noch etwas Angenehmes sonst In Argos dir erzeigen? Iphigenie .                             Meinen Vater Und deinen Gatten – hass' ihn nicht! Klytämnestra .                                           O, Der Soll schwer genug an dich erinnert werden! Iphigenie . Ungern läßt er für Griechenland mich bluten. Klytämnestra . Sprich: hinterlistig, niedrig, ehrenlos, Nicht, wie es einem Sohn des Atreus ziemet! Iphigenie (sich umschauend) . Wer führt mich zum Altar? – Denn an den Locken Möcht' ich nicht hingerissen sein. Klytämnestra .                                       Ich selbst. Iphigenie . Nein, nimmermehr! Klytämnestra .                           Ich fasse deinen Mantel. Iphigenie . Sei mir zu Willen, Mutter, bleib! – Das ist Anständiger für dich und mich! – Hier von Des Vaters Dienern findet sich schon einer, Der zu Dianens Wiese mich begleitet, Wo ich geopfert werden soll. (Sie wendet sich zum Gefolge.) Klytämnestra (folgt ihr mit den Augen) . Du gehst, Mein Kind? Iphigenie .           Um nie zurück zu kehren! Klytämnestra . Verlässest deine Mutter? Iphigenie .                                                 Und unwürdig Von ihr gerissen, wie du siehst. Klytämnestra .                                   O bleib! Verlaß mich nicht! (Will auf sie zueilen.) Iphigenie (tritt zurück) .     Nein, keine Thränen mehr!         (Sie redet den Chor an, mit dem sie gekommen ist.) Ihr Jungfrau'n, stimmt der Tochter Jupiters Ein hohes Loblied an aus meinen Leiden, Zum frohen Zeichen für ganz Griechenland! Das Opfer fange an – Wo sind die Körbe? Die Flamme lodre um den Opferkuchen! Mein Vater fasse den Altar! Ich geh, Heil und Triumph zu bringen den Achivern. Kommt, führt mich hin, der Phrygier und Trojer Furchtbare Ueberwinderin! Gebt Kronen, Gebt Blumen, diese Locken zu bekränzen! Erhebt den Tanz um den besprengten Tempel, Um den Altar der Königin Diana, Der Göttlichen, der Seligen! Denn, nun Es einmal sein muß, will ich das Orakel Mit meinem Blut und Opfertode tilgen. Chor (wendet sich gegen Klytämnestra, die in stumme Traurigkeit versenkt steht) . Bald, bald, ehrwürd'ge Mutter, weinen wir mit dir! Die heil'ge Handlung duldet keine Thränen. Iphigenie . Helft mir Dianen preisen, Jungfrauen, Die, Chalcis nahe Nachbarin, in Aulis Gebietet, wo die Flotte Griechenlands Im engen Hafen meinetwegen weilet! O Argos, mütterliches Land! und du, Der frühen Kindheit Pflegerin, Mycene! Chor . Die Stadt des Perseus rufst du an, von den Cyklopen für die Ewigkeit gegründet! Iphigenie . Ein schöner Stern ging den Achivern auf In deinem Schooß – Doch nein! ich will ja freudig sterben. Chor . Im Ruhm wirst du unsterblich mit uns leben. Iphigenie . O Fackel Jovis! Schöner Strahl des Tages! Ein ander Leben thut sich mir jetzt auf, Zu einem andern Schicksal scheid' ich über. Geliebte Sonne, fahre wohl! Hier schließt sich die dramatische Handlung. Was noch folgt, ist die Erzählung von Iphigeniens Betragen beim Opfer und ihrer wunderbaren Errettung. (Sie geht ab.)