789 Marcus Tullius Cicero Zwei Bücher von der Weissagung übersetzt von Dr. Georg Heinrich Moser Rector und Professor am Königl. Württ. Gymnasium zu Ulm     Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler 'schen Buchhandlung. Für Oestreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wien 1828   Inhalt Von der Weissagung – Erstes Buch Von der Weissagung – Zweites Buch 791 Einleitung. Dieses Werk schließt sich unmittelbar mit seinen Untersuchungen an die drei Bücher vom Wesen der Götter an, und das, leider verstümmelte, Buch vom Schicksal vollendet den Cyclus der die Religion betreffenden Schriften Cicero's. Finden wir ihn im Gebiete der Sittenlehre sehr stoisch gesinnt: so sehen wir ihn auf diesem Felde in scharfem Gegensatze mit den Stoikern, deren schwache Seite in Beziehung auf die Annahme unerwiesener und unerweisbarer Religionsgrundsätze und Meinungen ihm Veranlassung gibt, viel Witz und Scharfsinn zu entwickeln. Läßt er jedoch seine Gegner zuweilen mit etwas schwachen und stumpfen Waffen kämpfen, so finden wir an einigen seiner Einwürfe einen ähnlichen Mangel. In dem vorliegenden Werke gibt er seinem Bruder Quintus, als einem Stoiker, die Rolle des Vertheidigers der Weissagung, während er, obgleich selbst Augur, nur mit Worten für die Schonung alter religiöser Institute sprechend, allen Glauben daran untergräbt und lächerlich macht, sich scheinbar blos der Freiheit der 792 Akademiker bedienend, an allen Behauptungen zu rütteln, um ihre Haltbarkeit zu erproben. Im Ganzen thut er dieß mit siegenden Gründen, immer auf eine höchst anziehende Weise mit häufiger Einmischung von Dichterstellen, zum Theil eigenen Versen, und mit großer Belesenheit. Die Abfassung dieses Werkes, unmittelbar nach dem von dem Wesen der Götter, fällt in das Jahr 709 nach Rom's Erbauung (nach einer andern Berechnung 710), als sich Cicero, gleich nach Cäsar's Ermordung, aus den Stürmen zu Rom auf's Land zurückgezogen hatte. Der Uebersetzer legte bei seiner Arbeit seine so eben vollendete Ausgabe der Bücher von der Weissagung und vom Schicksal mit neu revidirtem Text zum Grunde, die in Frankfurt am Main bei H. L. Brönner nächstens erscheinen wird. Uebersicht des ersten Buches. I. Einleitung . Cap. 1 –4. Kurze Aufzählung der Ansichten verschiedener Völker über die Weissagung, ihren Werth und ihre Gültigkeit. Cap. 1 –2. Summarische Angabe der Behauptungen Griechischer Philosophen über dieselbe von Pythagoras bis auf Panätius. Cap. 3 . Uebergang zur Abhandlung. Cap. 4 . II. 1. Anfang der Unterredung. Cicero spricht in seinem Tusculanum mit seinem Bruder Quintus. Dieser erklärt sich für die Weissagung, als Stoiker, und besonders wegen ihres hohen Alterthumes und ihrer Allgemeinheit bei den verschiedensten Nationen. Er nimmt zwo Arten der Weissagung an, die natürliche und die künstliche . Zu jener rechnet er die Weissagung aus Träumen und die der Seher; zu dieser die Haruspicin, das Augurenwesen, die Astrologie und die Weissagung durchs Loos. Dabei stellt er den Satz auf, bei allen diesen Dingen müsse man nur nach dem Ob , nicht aber nach dem Wie und Warum fragen; wie bei einer Menge unbezweifelter täglich in der Natur vorkommender Ereignisse die Sache selbst allbekannt sey, während die Ursachen und wie es zugehe, Niemand wisse. Cap. 5 – 13. 2. Auf die Einwendung, daß vieles Vorausgesagte nicht eintreffe, und deßwegen an der Weissagung überhaupt Nichts sey, wird erwiedert, daß bei allen Künsten und Wissenschaften, wo Vermuthungen stattfinden, der Fall oft vorkomme, daß man sich täusche, ohne daß dadurch jene Künste und Wissenschaften selbst aufgehoben oder vernichtet würden. Nur Wer die ganze Geschichte umstoßen wolle, könne läugnen, daß dennoch auch sehr Vieles zugetroffen sey. Cap. 14 –17. 794 3. Er nehme also, fährt Quintus fort, (alle seine Behauptungen von Anfang bis zu Ende mit fremden und einheimischen Beispielen belegend) zweierlei Gattungen von Weissagung, eine künstliche und eine kunstlose , unbedenklich an. Bei der kunstlosen sey nicht von Regeln oder Vermuthungsschlüssen, von Beobachtungen und Merkmalen die Rede, bei ihr werfe der Geist durch innere Aufregung und Entfesselung von den Eindrücken der Aussenwelt einen unmittelbaren Blick in die Zukunft: und hierher gehören auch vorzüglich die Weissagungen durch Orakel ( Cap. 18 . 19.), durch Träume ( Cap. 20 –30.) und die Prophezeihungen der Begeisterten (Wahnsinnigen, Verrückten). Cap. 31 . Die Beweisführung aber für diese Weissagungen und ihre Glaubwürdigkeit wird mit den Worten des Chrysippus gegeben, dessen Beweis darauf hinausläuft, daß so wie es zum Erweise der richtigen Sehkraft nur eines einzigen Falles bedürfe, in welchem die Augen wirklich die Gegenstände gesehen haben wie sie sind; so sey es für die Existenz der Weissagung und deren Wirklichkeit hinreichend, wenn auch nur einmal etwas prophezeit worden sey, daß der Zufall dabei nicht im Spiel gewesen seyn könne. Cap. 32 . 4. Die künstlichen Arten der Weissagung, fährt er fort, seyen die Gebiete, auf welchen sich die Haruspices, die Auguren und die Zeichendeuter bewegen. Davon beruhe denn ein Theil auf alten Denkmälern und traditioneller Lehre, die theils in den Büchern der Hetrusker über die Haruspicin, über die Bedeutung der Blitze und Donner, theils in den Römischen Augurenbüchern enthalten seyen. Ein andrer Theil werde durch augenblickliche Vermuthungsschlüsse gedeutet. Auch hievon werden viele Beispiele angeführt. Cap. 33 –37. 5. Nun entwickelt Quintus die Gründe der Stoiker für die Weissagung, die von der Liebe der Götter zu den Menschen und von ihrer Allwissenheit, so wie von dem Wunsche und Bedürfnisse der Menschen hergenommen sind, und wodurch sogar die Existenz der Götter durch die Wirklichkeit der Weissagung bedingt wird. Cap. 38 . 6. Die Gegner, sagt er, bringen im Grunde gegen die Weissagung nur die Unbegreiflichkeit derselben vor, und daß man nicht 795 angeben könne, auf welchen Gründen sie beruhe. Und doch sey die Frage nicht, wie es denn damit zugehe, sondern ob wirklich Weissagung stattfinde oder nicht. An dem letztern aber haben weder je die Nationen, noch irgend ein Philosoph von Bedeutung gezweifelt Cap. 39 –42.: auch habe gerade in den am besten eingerichteten Staaten die Weissagungskunst in allen ihren Theilen ganz vorzüglich geblüht und Einfluß gehabt, Cap. 43 –48: welche Sätze mit Beispielen aus der Römischen Geschichte belegt werden. 7. Die Quelle aller Weissagung sey übrigens entweder die unmittelbare Einwirkung oder Eingebung der Gottheit. Cap. 49 –55.; theils das Schicksal (das Fatum, die Heimarmene), Cap. 56 ., theils die Natur und die Erscheinungen in derselben. Cap. 57 . 8. Quintus endigt damit, daß er sich, bei seinem Glauben an die Weissagung, von Allem, was dabei Betrügerisches oder Abergläubisches vorkommen möge, lossagt. Erstes Buch. 1. Einem alten Glauben zu Folge, der sich schon aus den Heroenzeiten herschreibt, und in der Uebereinstimmung des Römischen Volkes mit allen Nationen seine Bestätigung findet, gibt es eine Weissagekunst, in deren Besitz einige 796 Menschen sind, und die bei den Griechen Mantik heißt, d. i. Vorgefühl und Wissen von künftigen Dingen. Eine herrliche und heilbringende Kunst, wenn es anders eine solche gibt; eine Kunst, durch welche sich ein sterbliches Wesen der Kraft göttlichen Waltens nähert. Hier tritt, wie in so manchem Andern, der Fall ein, daß die Griechen hinter uns Römern zurückstehen: indem wir von jeher diese so treffliche Sache mit einem von der Gottheit hergenommenen Namen ( divinatio ) bezeichnen, während die Griechen, nach Platons Deutung, sie mit einem Werke benennen, das auf den Wahnsinn (μανια) hindeutet. Meines Wissens gibt es kein so hochgebildetes und aufgeklärtes, so wie kein in so hohem Grade verwildertes und rohes Volk, wo nicht der Glaube herrschend wäre, es gebe Andeutungen und Vorzeichen der Zukunft, und zugleich Menschen, die dieselben verstehen und zu erklären wüßten. Zu allererst haben die Assyrier (ich belege meine Behauptung absichtlich mit der Sitte der ältesten Nation) durch ihre weiten Ebenen und Gefilde veranlaßt, weil diese ihnen einen überall freien Horizont und einen unbeschränkten Blick an den Himmel gewährten, die Bewegungen der Wandelsterne und ihren Lauf an den Fixsternen vorbei zum Gegenstande ihrer Beobachtungen gemacht, dieselben ausgezeichnet, und die jedesmalige Bedeutung für die Nachwelt aufbewahrt. Ein Volk aus jener großen Nation, die Chaldäer (ein Name, welcher nicht ihre Kunst, sondern einen Völkerstamm bezeichnet) Die Ungebildetern unter den Römern glaubten nämlich, das Wort Chaldäer sey der Name des Gewerbes der Astrologen. bildete sich, wie man glaubt, 797 durch lange Beobachtung der Gestirne, eine Wissenschaft, durch die es möglich wurde, einem Jeden sein künftiges Geschick, und zu welchem Schicksal er durch die Geburt bestimmt sey, vorauszusagen. In derselben Kunst sollen auch die Aegyptier im langen Laufe der Zeiten und einer fast zahllosen Reihe von Jahrhunderten gelangt seyn. Die Cilicier aber und Pisidier, und die den Letztern benachbarten Pamphylier, Nationen, denen ich selbst [ als Proconsul ] vorgestanden, glauben an eine Vorandeutung künftiger Ereignisse durch den verschiedenen Flug und Gesang der Vögel, und halten diese Anzeichen für vollkommen zuverläßig. Und hat selbst das Griechenvolk je eine Kolonie nach Aeolien, Ionien, Asien, Sicilien, Italien ausgesendet, ohne das Orakel zu Delphi, oder das zu Dodona, oder das des Jupiter Hammon zu befragen? oder wann haben sie je einen Krieg unternommen, ohne erst darüber den Rath der Götter einzuholen? 2. Es beschränkte sich aber der Gebrauch der Weissagekunst im öffentlichen Leben und im Privatleben nicht blos auf einen Zweig derselben. Denn wie viele Arten (um jetzt der übrigen Völker nicht zu gedenken) hat nur unser Volk bei sich eingeführt! Gleich bei der Gründung Roms soll ja der Stifter unseres Staates, Romulus, nicht blos unter Leitung von Auspicien die Stadt gegründet haben, sondern selbst ein ausgezeichneter Augur gewesen seyn. Der Augurien bediente sich darauf die ganze Reihe der Könige nach ihm, und seit der Ausrottung des Königthums [durch Verbannung der letzten Königsfamilie] wurde keine 798 Staatsangelegenheit abgethan, es mochte im Frieden oder im Kriege seyn, ohne daß man die Auspicien zu Rathe zog. Und da man die vermittelst derselben veranstalteten und berathenen Geschäfte, so wie die Auslegung und Sühne bedrohlicher Vorzeichen besonders durch die Kunst der Haruspicien bedeutend gefördert glaubte, so nahm man diese Kunst in ihrem ganzen Umfange von den Hetruriern an, um nur überzeugt seyn zu können, auch nicht eine Gattung der Weissagekunst vernachläßigt zu haben. Da nun nach der Ansicht unserer Vorfahren, die Seele auf eine gedoppelte Weise, ohne Zuthun einer Verstandesthätigkeit oder wissenschaftlichen Erkenntniß, durch von ihr selbst ausgehende und unabhängige Bewegung oder Anregung sich ergriffen fühlt, nämlich durch eine an Wahnsinn gränzende Begeisterung und durch das Träumen, so betrachteten sie als begeisterte Weissagung vorzüglich die in Versen abgefaßten Sibyllinischen Sprüche, und bestimmten zur Deutung derselben zehen auserlesene Bürger . Als zu derselben Gattung gehörend glaubten sie auch oft die im Zustande der Raserei ausgesprochenen Prophezeiungen der Wahrsager und Seher berücksichtigen zu müssen, z. B. die des Cornelius Culleolus im Octavianischen Kriege Im Jahre Roms 666. Der Consul Octavius von der Sullanischen Partei kämpfte, während Sulla gegen den Mithridates zu Felde lag, gegen den Cinna und Marius. . Aber auch bedeutsame Träume, wenn sie in Beziehung mit dem Staate zu stehen schienen, wurden von der obersten Staatsverwaltungsbehörde nicht unbeachtet gelassen. Hat doch noch in neuerer Zeit, deren wir sogar uns erinnern, 799 L. Julius, als er neben dem P. Rutilius die Consulwürde bekleidete , dem Ansinnen des Senats zu Folge aus Veranlassung eines Traumes der Tochter des Balearicus, Cäcilia, den Tempel der Juno Sospita wiederhergestellt. 3. Dergleichen Dingen haben nun wohl, denke ich, die Alten, mehr durch Beobachtung gewisser Erfolge, als durch Gründe veranlaßt, Beifall geschenkt. Man hat indessen doch auch einige ausgesuchte Beweise von Philosophen gesammelt, die darthun sollen, daß Etwas an der Weissagekunst sey. Unter den ältesten Philosophen, um auf diese zurückzugehen, war Xenophanes aus Kolophon der einzige, der die Weissagekunst gänzlich verwarf, und doch den Glauben an Götter festhielt. Die übrigen Alle (den Epikurus ausgenommen, der im Kapitel von dem Wesen der Gottheit gleich einem stammelnden Kinde spricht) nehmen eine Weissagung an, wiewohl mit sehr verschiedenen Nebenbestimmungen. Hatten sich nämlich Sokrates und seine Schule, ferner Zeno und seine Anhänger und Nachfolger ganz im Sinne der alten Philosophen hierüber erklärt, wobei sich auch die alte Akademie nebst den Peripatetikern anschloß; hatte diese Ansicht schon früher durch den Pythagoras ein großes Gewicht erhalten, der selbst für einen Augur gelten wollte; hatte auch Demokritus an mehrern Stellen ein bedeutendes Gewicht für die Annahme einer Vorahnung der Zukunft in die Wagschale gelegt; so beschränkte der Peripatetiker Dicäarchus das ganze Weissagungswesen, mit entschiedener Läugnung aller andern Gattungen, auf 800 die Weissagung durch Träume und durch begeisterte Raserei. Gerade diesen beiden Zweigen derselben, mit Verwerfung aller übrigen, gestand auch mein vertrauter Freund Kratippus Gehalt und Realität zu: ein Mann, dem ich unter den Peripatetikern vom ersten Range einen Platz anspreche. Da jedoch die Stoiker die Weissagekunst so ziemlich in ihrem weitesten Umfange in Schutz nahmen; ein Verfahren, wozu theils schon Zeno in seinen Grundlinien zu seinem Systeme den Ton angegeben, und wovon Kleanthes bedeutende Partieen weiter ausgeführt hatte; so schloß sich nun der höchst scharfsinnige Chrysippus mit einem eigenen Werke an Jene an, und behandelte in zwei Büchern die ganze Lehre von der Weissagung, in einem dritten noch besonders die von den Orakeln, noch in einem die von den Träumen. Sein Zuhörer, Diogenes von Babylon, reihte sich mit einem Buche jenem an, mit zweien Antipater, mit fünfen mein Posidonius. Ein in dieser Hinsicht entarteter Zögling der stoischen Schule (wiewohl sonst unter ihnen ein Stern erster Größe) war Panätius, des Posidonius Lehrer, Schüler des Antipater. Ohne die Wirklichkeit der Weissagungskraft geradehin zu läugnen, erklärte er doch, er habe Gründe, an ihr zu zweifeln. Durfte sich nun er als Stoiker, wiewohl mit großem Widerstreben seiner Schule, Dieß in einem Punkte herausnehmen, wie sollten die Stoiker Dieß uns in den andern Punkten verwehren wollen? Zumal, da der Gegenstand, über welchen Panätius sich nicht zu entscheiden wagt, bei allen übrigen Anhängern der Stoa ein entschiedener und ausgemachter Glaubensartikel ist. Und so sehen wir denn hier einmal einen Hauptvorzug der Akademie durch das 801 Urtheil und die Bestätigung eines Philosophen vom ersten Range gerechtfertigt. 4. Wenn ich mir nun selbst die Frage aufwerfe, was denn wohl von der Weissagung zu halten sey; eine Untersuchung, auf die mich die vielen scharfsinnigen und mit rednerischer Fülle ausgeführten Gründe brachten, welche Karneades den Stoikern entgegengestellt hat; und gewissermaßen besorgt bin, ich möchte ohne hinlängliche Begründung entweder einer ganz falschen oder einer wenigstens nicht hinlänglich untersuchten Ansicht meinen Beifall schenken; so glaube ich mich einer sorgfältigen und wiederholten Vergleichung der Beweise und Gegenbeweise nicht entziehen zu dürfen, ungefähr in der Art, wie ich Gründe und Gegengründe in meinen drei Büchern vom Wesen der Götter abgewogen habe. So unrühmlich in jeder Untersuchung ein blindes Jasagen und unsicheres Herumtappen ist, so ist Dieß doch besonders in dem Gebiete des Forschens der Fall, wo wir uns ein entscheidendes Urtheil darüber bilden sollen, was wir für einen Werth auf Auspicien, auf andere mit der Religion in Verbindung stehende Dinge und auf die Religion überhaupt setzen dürfen: und Dieß um so mehr, da uns hier zwar gefährliche Abwege drohen: der eine, durch Vernachläßigung jener Gegenstände uns einer Ruchlosigkeit schuldig zu machen; der andere, durch Annahme derselben uns altweibischem Aberglauben hinzugeben. 5. Gerade diese Gegenstände waren nun schon verschiedene Male der Inhalt einer philosophischen Unterhaltung für mich; am gründlichsten aber wurden sie neulich durchgesprochen, als ich mich mit meinem Bruder Quintus auf meinem 802 Tusculanischen Landsitze befand. Wir lustwandelten nämlich gerade im Lyceum (Dieß ist der Name des obern Gymnasiums ); da sagte Jener zu mir: so eben bin ich mit der Durchlesung deines dritten Buches von dem Wesen der Götter zu Ende, in welchem Cotta meine Ansicht von der Sache zwar erschüttert, aber doch nicht von Grund aus umgestoßen hat. Ganz gut, erwiederte ich: das war ja eben der Zweck des Cotta, mehr die Beweise der Stoiker in ihrer Nichtigkeit darzustellen, als die Religion in dem menschlichen Gemüthe zu untergraben. Ja, sagte Quintus, Das versichert er freilich, und zwar wiederholt; vermuthlich um dem Rechte, das seine Schule in Anspruch nimmt, Nichts zu vergeben: allein in seinem Eifer, die Stoiker in ihrer Blöße darzustellen, läßt er, scheint mir, der Religion selbst keinen Raum und Halt mehr. Uebrigens bin ich um eine Antwort auf seine Einwürfe nicht verlegen; denn der Vortrag des Lucilius im zweiten Buche enthält eine hinlängliche Schutzrede für die Religion; und dieses Mannes Beweisführung schien dir ja selbst, nach deiner Aeusserung am Schlusse des dritten Buches, der Wahrheit ziemlich nahe zu kommen. Ein Punkt ist indessen in jenem Werke übergangen worden; vermuthlich weil es dir zweckmäßiger schien, ihm eine eigene Untersuchung zu widmen, und sich besonders über ihn zu verbreiten: ich meine die Weissagung, oder die Voraussagung und die Vorahnung derjenigen Dinge, die für zufällig gelten. Diesen Punkt nun wünschte ich, wenn dir's beliebt, in Beziehung auf 803 seinen Werth und sein Wesen einer gegenseitigen Erörterung gewürdigt zu sehen. Meine Ansicht ist kurz die: sind die sämmtlichen hergebrachten und mit religiöser Achtung von uns behandelten Gattungen der Weissagung wahr und zuverläßig, so ist das Daseyn der Götter erwiesen; und umgekehrt: hat es mit dem Daseyn der Götter seine Richtigkeit, so muß es auch Menschen geben, die weissagen. 6. Das heiße ich, mein Quintus, die Vertheidigung des Hauptbollwerks der Stoiker übernehmen; wenn du die Sache so umkehrst, daß durch die Wirklichkeit der Weissagung das Daseyn der Götter bedingt ist, und durch das Daseyn der Götter die Wirklichkeit der Weissagung erwiesen seyn soll. So leicht, als du dir vorstellst, möchte wohl weder das Eine noch das Andere zugegeben werden. Denn erstens ist es ja möglich, daß, ohne eine Gottheit, schon durch die Natur Künftiges zum voraus angedeutet werde; und zweitens kann man Götter annehmen, ohne daß nothwendig, von ihnen aus, dem Menschengeschlechte eine Weissagekunst verliehen wäre. Ich für meine Person, erwiederte er, finde in der Ueberzeugung, daß es ganz unwidersprechliche und handgreifliche Arten von Weissagungen gibt, Beweis genug für das Daseyn der Götter und für die göttliche Leitung der menschlichen Angelegenheiten. Hierüber will ich dir denn, wenn du mir Gehör geben willst, meine Ansicht mittheilen, doch nur auf den Fall, daß du mir freie Aufmerksamkeit schenken kannst, und nicht gerade von einem dir wichtigern Gegenstande in Anspruch genommen bist. O, sagte ich, mein Quintus, für philosophische Untersuchungen habe ich immer freien Geist und freie Zeit. Gegenwärtig aber, da ich ohne 804 dieß keinen Gegenstand habe, bei dem ich mit Wohlbehagen verweilen könnte, trage ich um so größeres Verlangen, deine Gedanken über die Weissagung zu vernehmen. Nun, erwiederte er, Neues wird es eben nicht zu vernehmen geben, und kein von den Ansichten Anderer ganz abweichendes besonderes System. Ich halte mich an die älteste Ueberzeugung, welche die Zustimmung aller Völker und Nationen für sich hat. Es gibt nämlich zwei Arten der Weissagung, eine künstliche und eine natürliche. Gibt es aber eine Nation oder einen Staat, wo nicht auf die Opferzeichendeuter, oder auf Die, welche seltsame Naturspiele auch wohl Blitze erklären, oder auf Auguren, auf Astrologen, auf Loose (das möchten etwa die künstliche Arten seyn) oder auf Träume und Aussprüche von begeisterten Sehern (die beiden letztern Arten gelten für die natürlichen), in Hinsicht auf Andeutung der Zukunft Etwas gehalten würde? Bei allen diesen Dingen ist meines Erachtens mehr nach dem Erfolge, als nach den Ursachen derselben zu fragen. Es gibt nämlich eine gewisse Kraft oder ein gewisses Etwas, welches theils durch eine, lange Zeit fortgesetzte, Beobachtung bestimmter Andeutungen theils durch irgend eine innere Eingebung oder göttlichen Anhauch einen Blick in die Zukunft thun läßt. 7. Darum unterlasse Karneades, uns mit Fragen zuzusetzen; eine Freiheit, die sich auch Panätius herausnahm, indem er zu wissen begehrte, ob wohl Jupiter der Krähe von der linken, und dem Raben von der rechten Seite zu krächzen den Befehl ertheilt habe? Das sind Beobachtungen von unermeßlicher Zeit her, die Resultate aus vielen bemerkten und aufgezeichneten Ereignissen. Gibt es doch Nichts auf der 805 Welt, hinter das man nicht im Laufe der Zeit durch Aufzeichnung des Vorgekommenen und fortwährende Ueberlieferung kommen, das man nicht herausbringen könnte. Ist es doch ein Gegenstand gerechter Verwunderung, was für Gattungen von Kräutern von den Aerzten beobachtet worden, was für mancherlei Wurzeln gegen die Bisse wilder Thiere, gegen Augenkrankheiten, gegen Verwundungen, deren Kraft und Natur sich durch keine Theorie erklären läßt, die aber durch ihren Nutzen die Kunst und die Entdecker zu Ehren brachten. Und nun laß uns noch gar einen Blick auf die Dinge werfen, die, ohne unmittelbar hierher zu gehören, doch mit der Weissagung eine Aehnlichkeit haben. Kündigt doch oft auch in der Zukunft drohende Stürme Die poetischen Fragmente des 7. 8. und 9ten Capitels sind aus Cicero's Uebersetzung der Διοσημει̃α des Aratus, von Cicero Prognostica betitelt. Außer diesen Versen, und noch dreien bei Priscian, ist alles Uebrige verloren. Angeschwollen die See, wenn plötzlich und tief sie sich aufbäumt, Wenn dann das graue Geklipp, umschäumt von der schneeigen Salzfluth, Gibt wetteifernd zurück dem Neptun den beängstenden Nachhall, Oder gewaltiges Sausen vom hochaufragenden Felshaupt Herstürmt, dann noch verstärkt von dem Zaune der Klippen zurückprallt. 8. Von dergleichen Vorahnungen sind ja deine Prognostica ganz voll. Und nun [frage ich,] Wer kann die Ursache solcher Vorahnungen herausbringen? wiewohl ich sehe, daß sich der Stoiker Böethus darin versucht hat. Und wirklich hat der Mann in so weit nicht ganz vergebens gearbeitet, als er wirklich jene Erscheinungen im Meere und am 806 Himmel zu erklären verstand. Aber Wer möchte eine auch nur wahrscheinliche Erklärung folgender Erscheinungen aufstellen? wenn, Aufgeschreckt aus dem Schlunde des Meer's, das bräunliche Seehuhn Laut aufschreiend verkündet, es nahen entsetzliche Stürme, Laut unmäßige Tön' ausgießend aus gurgelnder Kehle; Oft auch ringt aus der Brust ein Steinkauz traurig sein Lied los, Häuft in den Stunden der Frühe die Wechselfälle der Töne, Häufet die Töne, und stöhnt rastlos sein kreischendes Klaglied, Frühe, sobald Aurora den Thau, den frostigen, auflöst. Oft auch trippelt das Ufer entlang die schwärzliche Krähe, Tauchet das Haupt, und lässet die Welle dem Nacken entrollen. 9. Wir sehen diese Zeichen, die fast nie trügen; aber warum es so kommt, Das sehen wir doch nicht. Ihr auch sehet die Zeichen, ihr Zöglinge süßes Gewässers, Wann mit Geschrei ihr beginnt leerschallenden Laut zu ergießen Und mit dem widrigen Klang' aufregt das Gesümpf und die Quellen. Meint wohl Jemand im Ernste, die armen Frösche sehen Das wirklich? Und doch liegt allerdings in diesen Thierchen eine unerklärliche Kraft und eine Art von Naturtrieb, der Etwas andeutet, an sich hinlänglich zuverläßig, wiewohl für die menschliche Erkenntniß weniger verständlich. Auch schwankfüßige Rinder, erschauend die Lichter des Himmels Zieh'n mit der Nase befeuchtenden Saft und Dunst aus der Luft ein. Ich frage nicht, warum: denn es liegt mir ja klar vor, was geschieht. Ferner der Mastixbaum, stets grün stets früchtebeladen, Welcher gewohnt ist, dreifach von Frucht geschwängert zu schwellen, Zeigt, auch dreimal tragend, uns an drei Zeiten des Pflügens. 807 Auch Das nicht einmal frage ich, warum dieser Baum allein dreimal blüht, oder warum er seine Blüthenzeit genau der gehörigen Pflügezeit anpaßt. Ich begnüge mich, bestimmt zu wissen, was geschieht; mag ich auch immer nicht wissen, wie es bei Allem zugeht. Dieß wird also auch meine Schutzrede für jede Weissagung seyn, wie sie es für die eben angeführten Erscheinungen ist. 10. Was die Scammoneawurzel als Abführungsmittel, was die Aristolochia (ein Name, den sie von dem Finder Natürlicher leitet Plinius H. N. 25. 54. den Namen der Pflanze von dem Nutzen her, den sie den Gebärenden leistete. erhielt, da der Finder sie selbst durch einen Traum bekam) als Mittel gegen Schlangenbisse auszurichten vermag, sehe ich, und Das genügt mir: warum sie es vermag, weiß ich nicht. So ist mir auch nicht eben recht klar, was den Vorzeichen der Winde und Platzregen zum Grunde liegt: aber die Andeutungskraft und das Zutreffen erkenne ich, weiß ich, und nehme ich darum als richtig an. Gleicher Weise lasse ich mir gesagt seyn, was ein Spalt in den Eingeweiden [der Opferthiere], was ein Fieber bedeute: was die Ursache davon ist, weiß ich nicht. Dergleichen Dinge kommen im Leben unzählig oft vor: denn der Befragung der Eingeweide bedienen wir uns fast Alle. Und können wir wohl an der Bedeutsamkeit der Blitze zweifeln? Haben wir da nicht viele höchst wunderbare Fälle, und unter andern auch folgenden: als der Summanus S. über diese Gottheit Creuzer's Symb. und Mythol. II, S. 965. f. des Uebersetzers Auszug daraus S. 529. f. Er war der Gott der nächtlichen Blitze. Einige hielten ihn für den Polarstern. Bei den arvalischen Brüdern hieß er Pater, und ist verwandt mit dem ältesten Zeus der Griechen. auf dem Giebel des 808 Jupitertempels, ein thönernes Standbild, vom Blitze getroffen worden war, und sich der Kopf der Statue nirgends finden ließ, erklärten die Haruspices, er sey in die Tiber geschleudert worden. Und wirklich fand sich der Kopf genau an der von ihnen bezeichneten Stelle. 11. Doch kann ich einen passendern Gewährsmann oder Zeugen anführen, als dich selbst? Du hast ja diese Sachen gar poetisch dargestellt, und ich habe die Verse mit wahrem Vergnügen auswendig gelernt, die du im zweiten Buche deines Gedichtes über dein Consulat die Muse Urania sprechen lässest: Außer diesem langen Fragmente haben wir nur noch einige wenige Verse in den Briefen an den Atticus und im Nonius Marcellus von Cicero's Gedichte de Consulato suo . Erst von ätherischem Feuer entflammt wälzt Jupiter's Glanz sich, Ganz mit Helle die Welt und seinem Lichte beleuchtend, Dringt mit göttlichem Geist hindurch durch Himmel und Länder, Waltet, im Innern erhaltend Gefühl und Leben der Menschen, Rings umzäunt und umschlossen in Kammern des ewigen Aethers. Willst du jedoch der Gestirne Umlauf und schweifende Bahnen Kennen, und wo sie im Raume der himmlischen Zeichen gestellt sind, Welche dem Namen nach irren, nach falscher Benennung der Griechen, Doch wahrhaftig auf sicherem Raum und bestimmtester Bahn geh'n; Alles erblickst du, voraus von der Gottheit Willen bestimmt schon. So als Consul sahst du der Sterne beflügeltes Schwingen, Wie sie, zusammengestoßen, erglänzten in furchtbarem Brande, Als du auf Alba's Gebirg anschautest die schneeigen Hügel 809 Weihend, und Latiums Fest besprengtest mit fröhlichem Milchguß, Sah'st du in strahlenden Gluten die feurigen Ruthen erbeben, Die wie ein Schlachtengemeng an dem nächtlichen Himmel sich wirrten, Furchtbare Zeiten verkündete da dieß Fest der Latiner, Als sich gefüllet die Scheibe des Monds mit verdunkeltem Lichtglanz Barg, in gestirnter Nacht auf einmal plötzlich ersterbend. Deutete nicht auch die Fackel des Phöbus uns traurigen Krieg an, Die sich, zur Säule gestreckt, im flammenden Brande dahinschwang, Durch des Gewölbs Abhang nach der Abendseite des Himmels? Oder als selbst ein Bürger, von schrecklichem Blitze getroffen, Schwand aus dem Reiche des Lebens bei hellaufglänzendem Taglicht? Oder als schwanger der Schooß der erschütterten Erde gebebet? Mahnten nicht mancherlei Bilder des Grau'ns, die dem Blicke sich zeigten Tief in der Nacht, daß Krieg und wilde Bewegungen drohen? Ja, auch Seher ergoßen aus rasendbegeisterter Brust laut Manches Orakel durchs Land, es bedrohend mit traurigem Unfall; Und, was lange schon Sturz androht' und nun endlich hereinsank, Kündete, stets durch Zeichen, wohl hellandeutende, warnend, Selbst der Vater der Götter am Erdkreis an und vom Himmel. 12. Jetzt was unter den Consuln Torquatus und Cotta vor Jahren Hatte verkündet der Lyder, Nach der Sage, daß die Tusker unter Anführung des Tyrrhenus aus Lydien in Etrurien eingewandert seyen. des Tuscischen Volkes Haruspex, All Das häuft dein Jahr, und bringt es zu sich'rer Vollendung. Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympus Zielt' einst selber der Vater auf eigenen Hügel und Tempel, Zum Capitolium nieder den Stral des Verderbens entsendend. 810 Da ward niedergeschmettert des Natta Anspielung auf das Standbild eines vornehmen Römers aus der Familie der Pinarier. Vgl. II, 20 . ehernes Standbild, Alt und edel, es schmolz des Gesetzspruchs heilige Tafel, Und die verzehrende Flamme zerstörte die Bilder der Götter. Hier war gestanden die Tochter des Walds , des Römischen Namens Amme, geheiligt dem Mars, die die Sprossen vom Saamen des Mavors Kräftig aus strozenden Brüsten mit Thau des Lebens gelabt hat: Diese zusammt den Knaben entsank vom flammenden Blitzstrahl Nieder, und ließ losbrechend zurück die Spuren der Füße. Wer durchspähte nicht da der Kunst Denkmäler und Schriften, Suchend in Tuscischen Blättern verkündende Stimmen des Unheils? Alle warnten vor Jammer und furchtbarem, grausem Verderben Anspielung auf die Catilinarische Verschwörung. , Das aus der Mitte der Bürger vom edelsten Stamme herandroht: Kündigten einerlei Sinn's und Wort's der Gesetze Vernichtung An, und hießen die Tempel der Götter, und Rom der Zerstörung Noch entraffen, und schrecklichen Mord und Verheerung verhüten. So sey alles bestimmt und beschlossen vom schweren Verhängniß, Wenn an der ragenden Säule nicht einst gebildet mit Kunstsinn Jupiter's heiliges Bild hinschau' nach dem Glanze des Ostens. Dann, dann werde das Volk und der Väter hehre Versammlung Ganz durchschau'n den verborgenen Plan, wenn gegen den Aufgang Hingewendet das Bild nach der Curie Blick und dem Forum. Das ward endlich nach langem Verzug und vielem Verweilen Von dir, Consul, Vergl. Cicero's Catilinarische Reden III, 8. 20. emporgestellt auf ragender Höhe, Und in bestimmter Zeit und genau bezeichneter Stunde Ließ auf erhabener Säule den Machtstab Jupiter glänzen: 811 Und der Allóbroger Wort S. Sallust's Catilina 40–47. enthüllt dem Senat und dem Volke Wie schon Flamme und Schwert nah drohten dem Lande der Heimath. 13. Wohl drum thaten die Alten, die euch Denkmale gegründet, Welche die Völker und Städte mit Maß und Tugend geleitet; Wohl auch haben die Euren, die stets sich durch heilige Treue Ausgezeichnet, und weit an Weisheit Alle besiegten, Ganz vorzüglich geehrt der Götter lebendiges Walten. Dieses erkannten sogar, tief schauend mit spürender Sorgfalt, Männer, die edleren Künsten sich froh in Muße gewidmet, Welche in Platon's schattigem Hain und Glanz des Lyceums Fruchtbaren Geistes Künste so trefflich durch Lehren ergoßen. Ihnen entführt, hat schon in der ersten Blüthe der Jugend Auf zum edelsten Wirken das Vaterland dich gerufen. Doch du erheiterst die Seele, die Grambeladne, durch Ruhe, Weihend der vaterländischen Red' und den Musen die Muße. Und du könntest es über dich gewinnen, gegen meine über die Weissagung aufgestellten Ansichten aufzutreten, du, der du gehandelt hast, wie du gehandelt hast, und so genau Das, was ich so eben vortrug, niedergeschrieben hast? Wie, du fragst also, Karneades, warum sich Dieß so ereigne, und was es für ein Mittel gebe, darüber ins Klare zu kommen? Ich gestehe hierüber meine Unwissenheit, jedoch behaupte ich: du siehst selbst, daß es wirklich geschieht. Durch Zufall, wendest du ein. Wirklich? Ist bei Thatsachen ein Zufall möglich, die alle Kennzeichen der Wahrheit [ihres Zusammenhanges] an sich tragen? Es mag Zufall seyn, daß vier hingeworfene Würfel einen Venuswurf geben. Meinst du, es werde auch durch Zufall sich treffen, daß, wenn du 812 vierhundert Würfel hinwirfst, hundert Venuswürfe herauskommen? Möglich, daß ein Umriß eines Gesichts sich bildet, wenn einer auf gerathewohl Farben auf ein Brett hinspritzt. Meinst du darum, so ein zufälliges Hinspritzen könne auch [eine Zeichnung, wie] die Schönheit der Koïschen Venus herausbringen? Laß ein Schwein mit dem Rüssel auf dem Boden die Figur des A einwühlen: darfst du darum die Vermuthung hegen, das Thier werde auch die Andromache des Ennius mit seinem Rüssel schreiben können? Karneades hatte den Einfall, zu erdichten, es sey in den Steinbrüchen der Chier einmal beim Zersprengen eines Steines der Kopf eines jungen Pan's herausgekommen. Meinetwegen eine Figur, die ungefähr so ausgesehen: auf jeden Fall keine solche, daß man sie für eine Arbeit des Phidias nehmen möchte. Denn das ist nun einmal bestimmt ausgemacht, daß der Zufall nie der Planmäßigkeit es ganz gleich thut. 14. Aber, sagst du, bisweilen trifft das Vorausgesagte nicht eben ein. Bei welcher Kunst ist doch Dieß nicht der Fall? ich meine solche Künste, die sich in dem Gebiete der Vermuthungen und Meinungen herumdrehen. Oder ist etwa die Arzneikunde keine Kunst? und doch ist sie so vielen Täuschungen ausgesetzt. Und täuschen sich nicht auch die Steuerleute? Ist nicht das Heer der Achiver mit seinen vielen Schiffelenkern so von Ilium abgesegelt, Daß sie, fröhlich ob der Abfahrt, auf der Fische lustig Spiel Niederschauten (wie Pacuvius sagt), In seinem Dulorestes. S. über dieses Stück die Schrift von H. Stieglitz: De Pacuvii Duloreste : über unsere Stelle das. S. 54. f. und ihr Auge nimmer satt des Schauens ward? 813 Da, schon bei der Sonne Sinken, kräuselt sich das Meer empor, Doppelt breitet aus sich Dunkel, schwarz von Nacht ist's und Gewölk. Hat darum der Schiffbruch so vieler hochberühmten Heerführer und Könige die Steuermannskunst vernichtet? Oder gibt es keine Feldherrnkunst, weil neulich ein Feldherr vom ersten Range geflohen ist, und sein Heer eingebüßt hat? Pompejus, der vier Jahre vor Abfassung dieser Bücher (nämlich im Jahre Roms 706.) von Cäsar bei Pharsalus geschlagen worden war. Oder ist darum die Kunst und Weisheit der Staatsverwaltung eine Chimäre, weil sich in so Manchem Cn. Pompejus, in Einigem M. Cato verrechnete, bisweilen auch du selbst? Auf ähnliche Weise verhält es sich mit den Antworten, die die Haruspices geben, und überhaupt mit der künstlichen Weissagung: sie beruht nämlich auf Wahrscheinlichkeitsschlüssen, über welche sie nicht hinaus kann. So ein Schluß täuscht vielleicht zuweilen; aber doch führt er sehr häufig auf's Wahre; denn er beruht auf einer unendlichen Reihe von Beobachtungen; und da in dieser fast unzähligemale die Ereignisse auf dieselbe Weise, auf dieselben vorangegangenen Zeichen zutrafen, so ist durch die häufige Bemerkung und Aufzeichnung derselben Erfolge eine Kunst geschaffen worden. 15. Und wie in sich übereinstimmend sind nicht eure Auspicien! Zwar verstehen sich die gegenwärtigen Römischen Auguren (ich bitte mir Das nicht übel zu deuten) schlecht darauf: die Cilicier aber, Pamphylier, Pisidier und Lycier sind Meister darin. Ich brauche hier kaum an unsern gemeinsamen Gastfreund, den ruhmwürdigen und wahrhaft edeln 814 Mann, den König Deiotarus Tetrarch der Trogmer in Galatien und König von Kleinarmenien, aber nicht selbstständig, sondern von dem Römischen Senat abhängig. zu erinnern, der gar Nichts unternimmt, ohne erst die Auspicien zu befragen. Dieser war ja auf einer Reise, die er sich vorgenommen und fest beschlossen hatte, gewarnt durch den Flug eines Adlers, wieder umgekehrt: und die Nacht darauf stürzte das Zimmer ein, in welchem er hatte übernachten wollen, falls er weiter gereist wäre. Und so kehrte er, wie ich von ihm selbst vernahm, oft auf einer Reise um, und wenn er auch schon mehrere Tagreisen zurückgelegt hatte. Ein ganz trefflicher Charakterzug von diesem Manne ist aber folgender. Cäsar hatte ihm zur Strafe seine Tetrarchie und sein Königreich abgenommen und obenein noch eine Summe Geldes. Und dennoch erklärt er, die Auspicien, die sich ihm, als er zu Pompejus gestoßen, günstig erklärt, betrachte er nicht als täuschend. denn er habe seine Waffen zur Vertheidigung des Ansehens des Senats, der Freiheit des Römischen Volkes und der Würde des Reiches geführt, und die Vögel, auf deren Rath er der Pflicht und seinem Worte treu geblieben sey, haben ihm gut gerathen: denn seine Ehre sey ihm theurer gewesen als seine Besitzthümer. Dieser Mann, scheint mir, hat von den Augurien die rechte Ansicht. Unsere Beamten dagegen bedienen sich erzwungener Auspicien. Denn ist dem Huhn der Bissen vorgeworfen, so muß ihm nothwendig unter dem Fressen ein Stückchen aus dem Schnabel fallen: weil nun in euren Büchern steht, es sey Das ein Tripudium, wenn von dem Bissen Etwas auf den Boden 815 fällt, so nennt ihr auch das, was ich erzwungen genannt habe, ein Tripudium sollistimum S. zur Erläuterung unten II, 34 . . Und so ist es gekommen, daß die Augurien, viele Auspicien (worüber der weise Cato klagt) durch Nachläßigkeit von Seiten des Augurencollegiums ganz verloren gegangen und aufgegeben worden sind. 16. In frühern Zeiten allerdings wurde fast Nichts von Bedeutung, selbst im Privatleben, unternommen, ohne die Auspicien zu befragen. Ein Beweis davon ist, daß man noch heut zu Tage Auspices bei den Hochzeiten hat; die indessen freilich nur noch den Namen haben, da die Sache selbst außer Gebrauch gekommen ist. Denn wie jetzt durch die Eingeweideschau (eine Sache, die auch nicht mehr so üblich ist, wie sonst), so wurden damals durch Vogelflugbeobachtung gewöhnlich bei Dingen von Wichtigkeit günstige Vorzeichen eingeholt. Dadurch nun, daß wir die ungünstigen Momente nicht mehr erforschen, gerathen wir in Unheil und Mißgriffe. So haben z. B. P. Claudius, der Sohn des Appius Cäcus, und sein College L. Junius Im Jahre Roms 505, im ersten Punischen Kriege. bedeutende Flotten zu Grunde gerichtet, blos weil sie gegen die Warnung der Auspicien abgesegelt waren, ganz wie es dem Agamemnon gegangen, der, als die Archiver anfingen Laut zu lärmen, Hohn zu sprechen offen aller Seher Kunst, Schiffte, weil's die Schreier wollten, warnt' auch gleich der Vögel Flug. Nach Stieglitz a. a. O. S. 128. vielleicht auch aus dem Dulorestes des Pacuvius. 816 Doch wozu Beispiele aus alter Zeit? Liegt doch vor Augen, was dem M. Crassus begegnet ist , wie er die feierliche Bedrohung der Auguren nicht achtete. Bei diesem Falle hat dein College Appius, ein guter Augur, wie ich mehrmals von dir gehört habe, eben nicht sehr einsichtsvoll den redlichen Mann und trefflichen Bürger, C. Atejus, als Censor bestraft, indem er [als Grund der Strafe] unterzeichnete, er habe Auspicien erdichtet. Immerhin mag es ihm als Censor zugestanden seyn, wenn er ihn für einen Betrüger hielt [ihn zu strafen]. Aber es stand ihm als Augur schlecht an, daß er beischrieb, das sey die Ursache gewesen, warum das Römische Volk so schweren Verlust erlitten habe. War das wirklich die Ursache des Verlustes, so liegt doch die Schuld nicht an Dem, der gewarnt, sondern an Dem, der die Warnung verschmäht hat. Denn daß die Warnung gegründet war, wie er, Augur und Censor zugleich, angibt, hat der Erfolg bewiesen: wäre sie ungegründet gewesen, so hätte sie keine Veranlassung zu diesem Verluste herbeiführen können. Denn dergleichen feierliche Bedrohungen führen eben so wenig, wie die übrigen Auspicien, die Vorbedeutungen, die Vorzeichen, Ursachen herbei, warum sich Etwas ereignen muß, sondern melden nur, es werde sich ereignen, wenn man sich nicht vorsieht. Es hat also die Warnung des Atejus nicht die Veranlassung zu dem Verluste herbeigeführt, sondern als sich das Vorzeichen darstellte, sagte er dem Crassus warnend, was geschehen würde, wenn er keine Vorsichtsmaßregeln 817 gebrauche. Es hat also entweder diese Warnung Nichts bewirkt; oder wenn sie, wie Appius behauptet, eine Wirkung hatte, so war es die, daß die Verschuldung nicht auf Dem haftet, der sie aussprach, sondern auf Dem, der ihr kein Gehör gab. 17. Und sprich, wo habt ihr denn jenen Lituus her, die so berühmte Auszeichnung des Augurats? Nicht wahr, Romulus hat damit, als er die Stadt gründete, die Himmelsgegenden bezeichnet? Dieser Lituus des Romulus [ein krummer und von oben an sanft gebogener Stab, der von seiner Aehnlichkeit mit einem Krummhorn, auf dem man bläst, den Namen erhalten hat,] lag in der Curie der Salier, die auf dem Palatinischen Berge steht, und ist, als diese abbrannte , nach dem Brande unversehrt gefunden worden. Ferner, welcher alte Schriftsteller erzählt nicht, was für eine Eintheilung der Himmelsgegenden viele Jahre nach dem Romulus , unter der Regierung des Tarquinius Priscus, von dem Attius Navius durch den Lituus geschehen sey? Dieser [so lautet die Sage] hütete aus Armuth als Knabe Schweine; und als ihm eins verloren gegangen, gelobte er, wenn er es wieder bekäme, wolle er der Gottheit die größte Traube schenken, die sich im Weinberge befinde. Als er das Schwein gefunden, stellte er sich, heißt es, mitten in den Weinberg, das Gesicht gegen Mittag gekehrt; theilte den Weinberg in vier Theile ab, und als die Vögel bei dreien verneinende Zeichen gegeben, fand er (so lesen wir) im 818 vierten noch übrigen Theile der eingetheilten Gegend eine Traube von außerordentlicher Größe. Das Gerücht davon kam bald unter die Leute; alle Nachbarn erholten sich bei ihm Raths über ihre Angelegenheiten, und er gewann dadurch einen großen Namen und Berühmtheit. Dieß gab Veranlassung, daß ihn auch der König Priscus vor sich rufen ließ, und, um seine Kenntniß des Augurenwesens zu erproben, ihn fragte, ob wohl Das, was er im gegenwärtigen Augenblicke denke, möglich sey. Attius stellte sein Augurium an, und sagte darauf: Ja. Nun, sprach Tarquinius, ich habe gedacht, man könne einen Wetzstein mit einem Scheermesser abschneiden. Gut, soll Attius erwiedert haben, man versuche es einmal. Da habe man denn einen Wetzstein in das Comitium gebracht, das Scheermesser vor den Augen des Königs und des Volkes angesetzt, und ihn zerschnitten. In Folge dessen habe sich dann Tarquinius und das Volk bei ihren Angelegenheiten des Attius Navius als eines Augurs bedient. Der Wetzstein aber und das Scheermesser seyen (sagt man) im Comitium verscharrt und ein Puteal Ein steinernes Denkmal, von der Aehnlichkeit mit einem Brunnen so genannt. S. Wieland zu den Briefen des Horatius I, 19. Note 3. S. 314. f. darauf gesetzt. Laß uns Alles läugnen, laß uns die Jahrbücher verbrennen, laß uns das für erdichtet erklären, und eher Alles zugestehen, als daß die Götter sich um die menschlichen Angelegenheiten bekümmern: aber was sogar du selbst über den Tiberius Gracchus geschrieben hast, bestätigt Dieß nicht offenbar die Augurenkunst und die Haruspicin? Ohne es zu wissen hatte Dieser in der Einnehmung des Standpunkts bei den Auspicien gefehlt, weil er 819 ohne Befragung derselben durch das Pomörium gegangen war, und hatte doch Comitien zur Consulwahl gehalten Das Ereigniß fällt ins Jahr Roms 591. Es ist ausführlicher erzählt in den Büchern de Nat. Deor. II, 4. . Die Sache ist bekannt und von dir selbst als historische Nachricht aufgezeichnet. Doch hat auch Tiberius Gracchus, seinerseits gleichfalls Augur, das Ansehen der Auspicien durch das Geständniß seines Irrthums bekräftigt; und andererseits haben auch die Haruspices und ihre Kunst bedeutend an Gewicht gewonnen, da sie, als kaum die Comitien vorbei waren, vor dem Senat, in welchen sie eingeführt wurden, damals gleich erklärten, der Umfrager bei den Comitien sey dazu nicht religiös ermächtigt gewesen. 18. Ich halte es also mit Denen, welche zweierlei Arten von Weissagung angenommen haben, eine, bei der die Kunst mitwirkt, und eine, bei der die Kunst Nichts zu thun hat. Kunst findet nämlich Anwendung, wenn von den Sehern bei neuen Ereignissen Vermuthungen über deren Bedeutung aufgestellt werden; Kunst üben auch Die, welche schon häufig vorgekommene Fälle durch Beobachtung deuten gelernt haben. Kunstlos ist aber die Weissagung Derjenigen, die nicht durch Schlüsse der Wahrscheinlichkeitsberechnung, nicht nach beobachteten und aufgezeichneten Vorzeichen, sondern durch eine Art von Gemüthserregung [oder Steigerung], oder aus einer [von ihrem Wollen] unabhängigen und freien Bewegung das Künftige vorausahnen (ein Fall, der sich oft bei Träumenden ereignet, bisweilen auch bei Solchen, die vom Wahnsinn ergriffen weissagen), wie z. B. der Böotier Bakis, Epimenides 820 aus Kreta, und die Erythräische Sibylle. Als Weissagungen dieser Art sind auch die Orakel zu betrachten; nicht jene meine ich, die nach genauer Ausgleichung der Loose gezogen worden; sondern wo durch göttliche Eingebung und Begeisterung ein Ausspruch geschieht; wiewohl auch das Loos nicht zu verachten ist, wenn es das Ansehen des Alters für sich hat, wie die Loose, die der Sage nach aus der Erde gekommen sind. Ist es ja doch möglich, daß bei dem Ziehen derselben die Gottheit so einwirkt, daß sie zutreffen. Die Erklärer von allem Diesem möchten wohl, wie die Grammatiker als Erklärer der Dichter, der göttlichen Eingebung Deren, die sie erklären, am nächsten kommen. Dergleichen durch die Zeit so zu sagen erhärtete Dinge durch verdrehende Einwürfe umstoßen zu wollen, darin finde ich nun eben wenig Geistreiches. »Ich finde keinen Zusammenhang« [sagen sie]. Der ist vielleicht in ein Dunkel gehüllt, das in der Natur der Sache liegt. Die Gottheit hat mir eben hier nicht einen Gegenstand des Wissens geben wollen, sondern nur ein Mittel, aus dem ich Vortheil für mich ziehen soll. Diesen Gebrauch will ich also davon machen, und mir nicht einreden lassen, daß ganz Etrurien bei der Schau der Opfereingeweide fasele, oder dasselbe Volk in Deutung der Blitze auf einem Irrwege sey, oder unnatürliche Erscheinungen trügerisch auslege, da oft ein Gebrumme oder Gebrülle im Innern der Erde, oft ein Erdbeben unserm Vaterland und andern Staaten gar vieles Wichtige und Zutreffende vorausverkündigt hat. Ist nicht, als eine Mauleselin ein Junges geworfen, ein Fall, (worüber man sich lustig macht) eben weil ein von Natur unfruchtbares Thier geboren hat, durch die Haruspices 821 geweissagt worden, die Zeit gehe mit unglaublichen Uebeln schwanger? Hat nicht Tiberius Gracchus, des Publius Sohn, der zweimal Consul und Censor gewesen, zugleich ein Augur vom ersten Rang, ein weiser Mann und ausgezeichneter Bürger, nach der schriftlichen Versicherung seines Sohnes, Cajus Gracchus, als ein Schlangenpaar in seinem Hause gefangen worden, die Haruspices zusammengerufen? Wie nun Diese auf Befragen antworteten, wenn er die männliche hinausließe, so werde seine Gemahlin bald darauf sterben müßen; lasse er die weibliche hinaus, er: so erachtete er es für billiger, daß Er, der [zum Tode] reifere, sterbe, als die Tochter des P. Africanus in ihren besten Jahren. Er ließ also das Weibchen hinaus, und wenige Tage darauf starb er. 19. Doch verspotten wir immerhin die Haruspices, nennen wir sie eitle, windige Schwätzer; verachten wir sie, ungeachtet ihre Kunst ein höchst einsichtsvoller Mann, überdieß der Erfolg und die Thatsache für wahr erklärt hat: verachten wir auch die Babylonier, die meine ich, welche vom Caucasus aus die Gestirne beobachten, und die Bewegungen der Sterne und ihre Bahnen berechnen. Ja verurtheilen wir diese Leute als Thoren, oder als Prahler, oder als Unverschämte, welche nach ihrer Angabe in 470,000 Jahren angestellte Beobachtungen schriftlich verzeichnet haben, und nennen wir sie geradezu Lügner, die das Urtheil, das die kommenden Jahrhunderte über sie fällen werden, nicht scheuen. Immerhin seyen die Barbaren Prahler und Betrüger; wollen wir auch die Geschichte der Griechen Lügen strafen? Oder sollte Jemand nicht wissen, was der Pythische Apollo dem Crösus (um von der natürlichen Weissagung zu sprechen), den Athenern, was er den Lacedämoniern, den Tegeaten , den Argivern, was er den Korinthern geantwortet hat? Zahlllose Orakelsprüche hat Chrysippus gesammelt, keinen ohne einen gehaltvollen Gewährsmann und Zeugen; ich übergehe sie aber, weil du sie kennst. Nur Folgendes verfechte ich. Nie wäre jenes Orakel zu Delphi so vielbesucht und so berühmt geworden, noch mit so vielen Geschenken aller Völker und Könige angefüllt, hätte nicht jedes Zeitalter die Wahrheit jener Orakelsprüche erprobt. Schon lange thut es Nichts mehr der Art. So wie es nun darum gegenwärtig weniger geachtet ist, weil die Wahrheit seiner Aussprüche weniger hervorstechend ist; so wäre es damals nicht so berühmt gewesen, hätte es sich nicht durch die größte Wahrheit ausgezeichnet. Möglich, daß jene Kraft der Erde, welche die Pythia begeisterte, im Laufe der Zeit verdunstet ist; wie wir sehen, daß einiger Flüsse Quellen versiegt sind, andere einen ganz andern Lauf und eine veränderte Richtung genommen haben. Doch erkläre diese Erscheinung, wie du willst: denn diese Untersuchung läßt sich nicht so kurz abmachen: ich halte mich an Das, was sich, ohne alle geschichtliche Zuverläßigkeit umzustoßen, gar nicht läugnen läßt, daß dieses Orakel eine ganze Reihe von Jahrhunderten hindurch wahre Aussprüche von sich gegeben hat. 20. Doch genug von den Orakeln: wenden wir uns zu den Träumen. Auch über sie spricht Chrysippus, und gibt eine Sammlung von einer Menge und dabei höchst unbedeutender Träume, gerade wie Antipater, die Antiphon 823 gedeutet hat; sie beweisen den Scharfsinn des Erklärers: aber seine Wahl hätte auf großartigere Beispiele fallen sollen. Der Mutter des Dionysius, des bekannten Tyrannen von Syrakus, träumte, nach dem Berichte des kenntnißreichen und genauen Philistus, der in jenem Zeitalter gelebt hat, als sie mit jenem Dionysius schwanger ging, sie habe einen jungen Satyr geboren. Die Traumdeuter (Galeoten hießen sie damals in Sicilien) erklärten, der Erzählung des Philistus zu Folge, das Kind, das sie gebären würde, werde in Griechenland höchst berühmt werden, und in langem Glücke leben. Soll ich dich in die Sagengeschichte unserer oder der Griechischen Dichter hinaufführen? Da erzählt nämlich jene Vestalin beim Ennius: Im ersten Buche seiner Annalen V, 40–56. S. die neue Ausgabe seiner Fragmente ( Lips. Hahn. 1825. ). S. 12–14. Diese Vestalin ist die Mutter des Romulus und Remus, Rhea Sylvia oder Ilia. Licht bringt, zitternd an Gliedern die Alte, vom Schrecken erschüttert, Und aus dem Schlafe geweckt. Da spricht mit Thränen die Jungfrau: Du der Eurydica Tochter, die einst mein Vater geliebt hat, Kraft und Leben hat, ach, mir ganz den Körper verlassen; Siehe, ein schöner Mann hat durch liebliche Weidengebüsche, Rasch und durch fremde Räume im Traum mich entführet: und einsam, Schwester, Traute, sodann war mir, als irrt' ich, verlassen, Suchte dich langsam auf, und spürte dir nach, und vermochte Nicht dich, Ersehnte, zu finden: mein Fuß fand sicheren Pfad nicht. D'rauf war mir, als spräche zu mir mein Vater und sagte Folgende Worte: Du mußt, o Tochter, zuvor noch ein Unglück 824 Tragen: doch später wird aus dem Strome das Glück dir erstehen. Also der Vater, o Schwester, und schnell dann wieder entschwand er; Nicht mehr ließ er sich schau'n, so sehr mein Herz ihn ersehnte; Ob ich auch vielfach die Hände zum blauen Raume des Himmels Weinend erhob, und ihn mit schmeichelnder Stimme zurückrief. Endlich verließ mich der Schlaf, doch es blieb mir der Kummer im Herzen. 21. Mag das nun auch eine Erfindung des Dichters seyn: gewöhnlich geht es doch in wirklichen Träumen so zu. Mag immerhin auch der Traum ein Produkt der Poesie seyn, welcher den Priamus so heftig ergriff: Als Mutter Hekuba, schwanger, einer Fackel Brand Aus einem unbekannten lateinischen Tragiker. Im Traum gebar, erbebt' ob diesem Schreckenstraum Der Vater, König Priamus, tief im Geist betrübt, Und ganz erschüttert seufzt' er auf, und ahnungsvoll Bracht' er ein blöckend Opfer auf den Sühnaltar. D'rauf einen Deuter ruft er, fleht um Gnade dann Apollo's Gottheit und erbat Belehrung sich, Was ihm verkünde solcher Träume drohend Bild, Und mit prophetischer Stimme gibt den Spruch der Gott Apollo: welcher Knabe zuerst dem Priamus Geboren würde, nicht aufheben soll er ihn, Der sey Verderben Troja's, Pest für Pergamus: [nämlich Paris.] Seyen das immerhin, wie gesagt, erdichtete Träume. und rechnen wir auch hierher den des Aeneas, der in den Griechischen Jahrbüchern des Numerius Fabius Pictor steht: ein Traum, in dem Alles vorkommt, was Aeneas wirklich gethan hat und was ihm begegnet ist. 22. Doch, wenden wir unsern Blick auf näher Liegendes. Was ist denn das für ein Traum des Tarquinius 825 Superbus, von dem Dieser in dem Brutus des Attius selbst spricht? Als bei der Nacht Einbrechen ich den Leib der Ruh' Hingab, die schlaffen Glieder stärkend durch den Schlaf, Da träumte mir, es treib' ein Hirte zu mir her Sein Wollenvieh; ein schön'res hatt' ich nie geseh'n. Daraus erwählt' ich Widder mir, ein Zwillingspaar, Und opferte den einen gleich, den trefflichsten. Da rennt nun mit gehörnter Stirn der andre an Diese beiden Verse deuten auf den Brutus und dessen von Tarquinius getödteten Bruder. S. Livius I, 56. , Stürmt auf mich ein, und fallen muß ich auf den Stoß. Da lag ich, schwer verwundet, so dahin gestreckt, Und rücklings schaut am Himmel ich ein wunderbar Und seltsam Bild: es wendet rechts der Flammenkreis Der Sonnenstrahlen abwärts sich auf neue Bahn. Vernehmen wir nun, was diesem Traume die Ausleger für eine Deutung gegeben: König, was bei Tag die Menschen treiben, denken, sorgen, seh'n, Was sie wachend thun und streben, kommt im Schlaf es Einem vor, Ist's kein Wunder: doch Bedeutung hat ein Traum in diesem Fall. Sieh nur zu, daß nicht dir Einer, den du dumm glaubst gleich dem Vieh, Edeln Sinn, bewehrt mit Weisheit, trag' in fester Mannesbrust, Und vom Thron dich stoße. Was du an der Sonn' im Traum geseh'n, Deutet an, daß naher Wechsel der Regierung blüht dem Volk. Sey's dem Vaterland zum Heile! Doch, daß hin zur Rechten uns Von der Linken bog der Sonne Machtgestirn, das deutet schön, In der Zukunft groß und mächtig werde Roma's Staat erblüh'n. 23. Nun zurück zu fremden Beispielen. Der gelehrte Heraklides von Pontus, ein Zuhörer und Schüler Plato's, 826 erzählt von der Mutter des Phalaris, es seyen ihr im Traume die von ihr selbst in ihrer Wohnung aufgestellten und geweihten Götterbilder vorgekommen; da habe sie denn den Mercurius aus der Schaale, die er in der rechten Hand hielt, Blut ausgießen sehen; und wie das Blut die Erde berührt, habe es aufgebraust, so daß das ganze Haus von Blut zu überwallen schien. Dieser Traum der Mutter ist durch die unmenschliche Grausamkeit ihres Sohnes in Erfüllung gegangen. Soll ich nun auch noch aus Dinon's Persischer Geschichte ausheben, wie die Magier dem Gründer des Perserreiches, Cyrus, seinen Traum deuteten? Er hatte im Traume die Sonne zu seinen Füßen gesehen, und nach jenem Berichte, dreimal vergebens nach ihr gegriffen, denn sie sey ihm entwischt und davongerollt. Da hätten ihm denn die Magier (das waren die Weisen und Gelehrten in Persien) gesagt: daß Cyrus dreimal nach der Sonne gegriffen, bedeute, daß er dreißig Jahre regieren werde. Und das traf zu: denn er wurde siebzig Jahre alt, und hatte mit vierzig Jahren den Thron bestiegen. Ja es liegt wahrhaftig auch in den Barbarenvölkern ein Ahnungs- und Weissagungsvermögen. Wie der Inder Calanus zum Tode ging, und den brennenden Scheiterhaufen bestieg, sagte er: Wie herrlich ist das Scheiden vom Leben, wenn nach Verbrennung des sterblichen Körpers, die Seele, wie es dem Herkules zu Theil ward, zum Lichte sich aufschwingt! Und wie dann Alexander zu ihm sagte, wenn er noch einen Wunsch habe, so solle er ihn aussprechen; erwiederte er. »Ich danke: ich sehe dich ohnedieß nächster Tage wieder.« Und das traf ein: denn wenige Tage darauf starb Alexander zu Babylon. Doch ich 827 wende mich auf einige Augenblicke von den Träumen ab, werde aber gleich auf sie zurückkommen. In der Nacht, in welcher der Dianentempel zu Ephesus abbrannte, ist bekanntlich Alexander von der Olympias geboren worden: und wie es darauf Tag geworden, riefen, wie die Geschichte einhellig meldet, die Magier laut, in der verflossenen Nacht sey die Pest und das Verderben Asiens geboren worden. 24. Doch zurück zu den Träumen. Von Hannibal erzählt der Geschichtschreiber Cälius Er heißt L. Cälius Antipater, und lebte um das Jahr Roms 620 im zweiten Punischen Kriege. , er habe die goldene Säule, die im Tempel der Juno Lacinia stand, mit fort nehmen wollen: um sich aber zu überzeugen, ob sie von massivem Golde, oder nur übergoldet sey, habe er sie durchbohren lassen. Als es sich nun gezeigt, daß sie massiv sey, und er den Entschluß gefaßt habe, sie wirklich wegzunehmen, sey ihm Juno im Traume erschienen, und habe ihn gewarnt, es zu unterlassen, mit der Drohung, sie werde, wofern er es thue, ihn auch noch um das eine Auge bringen, mit dem er noch gut sehe. Das habe sich denn der besonnene Mann zu Gemüthe gezogen, aus dem ausgebohrten Golde ein kleines Rind gießen und oben auf die Säule stellen lassen. Folgende auch den Hannibal betreffende Anekdote steht in der Griechischen Geschichte des Silenus, an den sich Cälius hält: Es habe dem Karthagischen Feldherrn nach der Einnahme von Saguntum geträumt, er werde von Jupiter in die Versammlung der Götter gerufen. Als er sich dort 828 eingefunden, habe ihm Jupiter den Befehl ertheilt, Italien anzugreifen; zu welchem Zwecke ihm ein Führer aus der Versammlung gegeben worden. Unter dessen Leitung sey er denn mit seinem Heere vorgerückt: der Führer aber habe ihm verboten, sich umzusehen. Er habe Das aber in die Länge nicht aushalten können, sondern von Neugier hingerissen, umgeschaut. Da habe er denn ein gewaltig großes und gräßliches mit Schlangen umwundenes Ungeheuer erblickt, unter dessen Tritten Baumpflanzungen, Gebüsche und Häuser zusammenbrachen. Voll Verwunderung habe er seinen göttlichen Führer gefragt, was denn das für ein Ungethüm sey: worauf er zur Antwort erhielt, das sey die Verheerung Italiens; er solle nur ununterbrochen vorwärts gehen; was hinter ihm in seinem Rücken vorgehe, darum solle er sich nichts kümmern. Bei dem Geschichtschreiber Agathokles findet sich die Nachricht, der Karthager Hamilkar habe, als er Syrakus belagerte, im Traum eine Stimme zu hören geglaubt, die ihm zurief, er werde morgen zu Syrakus seine Mahlzeit halten. Als es Tag geworden, sey zwischen den Punischen und Sikulischen Soldaten eine heftige Entzweiung ausgebrochen. Dieß hätten die Syrakusaner bemerkt, seyen unversehens auf Hamilkar's Lager herausgestürmt, und hätten den Feldherrn selbst lebendig mit sich fortgeführt. So hat der Erfolg das Traumgesicht zur Wahrheit gemacht. Die ganze Geschichte, so wie das alltägliche Leben, ist voll von dergleichen Ereignissen. Von dem berühmten P. Decius, dem Sohne des Quintus Decius, der zuerst aus der Familie der Decier Consul war, weiß man ja, daß, wie er unter den Consuln M. Valerius 829 und A. Cornelius Kriegstribun war , und unser Heer von den Samnitern bedrängt wurde, er mit fast allzugroßer Kühnheit sich den Gefahren der Schlachten entgegenwarf; und daß er, als man ihm größere Behutsamkeit empfahl, die Aeußerung that, die wir in den Annalen aufgezeichnet lesen: es habe ihm geträumt, er werde eines höchst rühmlichen Todes mitten in den feindlichen Schlachtreihen sterben. Damals befreite er nun zwar, ohne auch nur verwundet zu werden, das Heer von der feindlichen Umzingelung. Drei Jahre darauf aber, als er Consul war, weihte er sich dem Tode, und stürzte sich mit den Waffen in der Hand in die Reihen der Latiner. Diese That hatte die Niederlage und Vernichtung des Latinerheeres zur Folge. Und wirklich war dieses Mannes Tod so rühmlich, daß sein Sohn sich dadurch angefeuert fühlte, denselben Tod zu sterben. Doch kommen wir jetzt, wenn es dir recht ist, auf die Träume der Philosophen. 25. Den Socrates läßt Plato im Staatsgefängnisse zu seinem Freunde Krito sagen: ich weiß, ich habe nur noch drei Tage zu leben: es ist mir im Traume eine Frau von ausgezeichneter Schönheit erschienen, die mich beim Namen rief, und mit dem Homerischen Verse anredete: Dich bringt günstiger Wind am dritten Tage nach Phthia. Und das ist, wie die Geschichte berichtet, buchstäblich eingetroffen. Der Socratiker Xenophon (und was war dieß nicht für ein trefflicher und großer Mann!) erzählt in seinem Werke über den Feldzug , den er mit dem jüngern 830 Cyrus gemacht, seine Träume, wo sich ein wunderbares Eintreffen gezeigt hat. Wollen wir sagen, Xenophon lüge oder sey nicht recht bei Troste gewesen? Und nun gar Aristoteles, ein Mann von ganz außerordentlicher und fast übermenschlicher Geisteskraft, ist er selbst im Irrthum befangen, oder will er Andere irre leiten? Dieser erzählt, sein vertrauter Freund, Eudemus von Cyprus, sey auf seiner Reise nach Macedonien in die Stadt Pherä gekommen, einen damals sehr bedeutenden Platz in Thessalien, wo gerade der Tyrann Alexander mit grausamem Despotismus herrschte. In dieser Stadt sey Eudemus so schwer erkrankt, daß alle Aerzte an seinem Aufkommen zweifelten. Da sey ihm denn im Traume ein ausgezeichnet schöner Jüngling erschienen, und habe ihn versichert, er werde bald genesen, der Tyrann Alexander aber in wenigen Tagen um's Leben kommen; doch Eudemus werde nach fünf Jahren heimkehren. Die beiden ersten Prophezeiungen seyen dann, schreibt Aristoteles, gleich eingetroffen. Eudemus sey genesen, der Tyrann von den Brüdern seiner Gemahlin ermordet worden. Am Ende des fünften Jahres aber, als jenem Traume zu Folge zu hoffen war, Jener werde aus Sicilien nach Cyprus heim kommen, sey er in einer Schlacht bei Syrakus geblieben: der Traum aber sey demnach so ausgelegt worden, daß die Seele des Eudemus, als sie den Körper verlassen, in ihre Heimath gegangen sey. Schließen wir an die Philosophen den Sophokles an, einen Mann von hoher Bildung, auf jeden Fall einen höchstbegabten Dichter. Als einst aus dem Herkulestempel eine schwere goldene Opferschale entwendet worden war, erschien diesem Manne im Traume der Gott selbst, und 831 nannte ihm den, der es gethan hatte. Auf die erste und zweite Mahnung ging er gar nicht. Als ihm aber Dasselbe wiederholt vorkam, begab er sich auf den Areopagus, und gab die Sache an. Die Areopagiten ließen den von Sophokles Genannten festsetzen; Dieser gestand auf der Folter die Entwendung und gab die Schale zurück. Von jener Zeit an hieß jener Tempel der Tempel des Hercules Index [Μηνύτου, Angebers]. 26. Doch warum führe ich Griechische Beispiele an? Haben doch einheimische einen eigenen und größeren Reiz für mich. Folgende Begebenheit erzählen alle Geschichtschreiber, die Fabier, Sextus und Gneius Gellius, zunächst aber Cälius. Als im Latinerkriege zum erstenmale die großen Votivspiele gefeiert wurden, wurden die Bürger plötzlich durch den Ruf: zu den Waffen! aufgeschreckt. Dadurch waren die Spiele unterbrochen worden, und es wurde nun eine feierliche Erneuerung derselben veranstaltet. Kurz vor deren Beginn, als bereits das Volk schaulustig da saß, wurde ein Sclave, der die Furke [Halspflock] trug, mit Ruthen durch den Circus gepeitscht. Darauf soll einem Römischen Landmanne im Schlaf Einer erschienen seyn, der zu ihm sagte: der Vortänzer bei den Spielen habe ihm schlecht gefallen, und Das solle er nur dem Senat melden. Dazu habe aber der Mann nicht Muth gehabt. Nun habe er zum zweitenmale denselben Befehl bekommen, mit der Warnung, er möchte es nicht auf eine gewaltsame Nöthigung dazu ankommen lassen. Aber auch Dießmal habe es Jener noch nicht gewagt. Nun sey ihm sein Sohn gestorben, und darauf die dritte Mahnung im Traum an ihn ergangen. Endlich sey er 832 selbst siech geworden. Da habe er denn die Sache seinen Freunden eröffnet, und Diese hätten ihm zugeredet, sich auf einer Sänfte in die Curie tragen zu lassen. Dort habe er dem Senat seinen Traum erzählt, und sey auf der Stelle gesund und wohl zu Fuße nach Hause zurückgekehrt. Der Senat habe nun auf den Traum geachtet, und (so erzählt die Geschichte) die zweite feierliche Erneuerung der Spiele veranstaltet. Wie Vielen hat nicht C. Gracchus, nach dem Zeugnisse desselben Geschichtschreibers Cälius, erzählt, wie ihm, als er sich um die Quästur beworben, sein Bruder Tiberius im Traume erschienen sey und gesagt habe, er möge an sich halten, so sehr er nur wolle, er werde doch am Ende desselben Todes sterben müssen, den er selbst gestorben sey. Das, schreibt Cälius, habe er gehört, ehe C. Gracchus Volkstribun geworden, und habe es Vielen gesagt. Und hat je Etwas auffallender zugetroffen, als dieser Traum? 27. Und Wer kann wohl jene beiden Träume verachten, die so häufig von den Stoikern angeführt werden? Der eine betrifft den Simonides. Dieser hatte den Leichnam eines Unbekannten liegen sehen, und ihn begraben. Als er nun einmal eine Reise zu Schiffe vorhatte, kam ihm Der, den er begraben hatte, im Traume vor, und rieth ihm, sich nicht einzuschiffen, weil er sonst Schiffbruch leiden, und umkommen würde. Da sey denn, heißt es, Simonides zurückgeblieben, die Uebrigen, die abgesegelt waren, seyen im Schiffbruch umgekommen. Der andere Traum, der ganz besonders berühmt ist, wird so erzählt. Zwei Arcadier, gute Freunde, machten einmal zusammen eine Reise, und kamen auf derselben nach Megara. Da kehrte der Eine bei einem Gastwirthe 833 ein, der Andere bei einem Gastfreunde. Nachdem Beide zu Nacht gespeist und sich zur Ruhe begeben hatten, kam es Dem, der bei dem Gastfreunde übernachtete, im Schlafe um Mitternacht vor, als bitte ihn sein Reisegefährte, er möchte ihm zu Hülfe kommen, weil der Gastwirth ihn zu ermorden vorhabe. Da sey denn Jener anfangs über den Traum erschrocken vom Schlafe aufgefahren; als er aber recht zu sich gekommen und das Traumgesicht als etwas Bedeutungsloses betrachten zu müssen geglaubt, habe er sich wieder hingelegt. Nun sey ihm derselbe Freund, als er wieder eingeschlafen, zum zweitenmale erschienen, und habe ihn gebeten, er möchte wenigstens seinen Tod nicht ungerächt lassen, da er ihm im Leben nicht zu Hülfe gekommen sey; der Wirth habe ihn wirklich ermordet, auf einen Wagen geworfen und mit Mist zugedeckt; er bitte ihn nun, früh morgens am Thore sich einzufinden, ehe noch ein Wagen zur Stadt hinaus fahre. Dieser zweite Traum habe nun Jenen aufmerksam gemacht, er habe in aller Frühe auf den Knecht mit dem Wagen gewartet, und ihn gefragt, Was er auf dem Wagen habe? Da sey der Mensch erschrocken und davon gelaufen, der Leichnam unter dem Mist hervorgezogen, und der Wirth, als die Sache dadurch an den Tag gekommen, bestraft worden. 28. Gibt es etwas prophetischeres, als diesen Traum? Doch wozu suchen wir mehrere oder entferntere auf? Oft habe ich ja dir meinen Traum erzählt, oft du mir den deinigen. Ich sah dich, da ich als Proconsul in Asien stand , im Traume an das Ufer eines großen Flusses hinreiten, 834 plötzlich mit einem Schritte in den Fluß hinabsinken, und unsichtbar werden. Da bebte ich vor Schrecken zusammen; aber auf einmal kamst du freudig wieder zum Vorschein, rittest auf demselben Pferde an's andere Ufer hinauf, und wir umarmten einander. Die Bedeutung dieses Traumes ist leicht zu errathen; auch haben mir geschickte Erklärer in Asien vorausgesagt, es werden sich die Ereignisse so gestalten, wie sie wirklich erfolgt sind. Ich komme jetzt auf deinen Traum, den du mir zwar auch selbst erzählt hast, öfter aber unser Sallustius. Als du auf jener für uns ehrenvollen, für das Vaterland unheilvollen Flucht auf einem Landhaus des Atinischen Gebietes übernachtetest, und einen großen Theil der Nacht durchwacht hattest, seyest du endlich gegen Tag in einen tiefen und schweren Schlaf gefallen. Er (der Freigelassene, Sallustius) habe deßwegen, wiewohl die Reise Eile hatte, doch Alles still seyn heissen und dich nicht aufwecken lassen. Als du aber um die zweite Stunde nach Sonnenaufgang erwacht seyest, habest du ihm erzählt, es habe dir geträumt, du seyest in einer einsamen Gegend traurig umhergeirrt. da sey dir C. Marius erschienen, Fasces, mit einem Lorbeerkranze umwunden, in der Hand, und habe dich gefragt, warum du traurig seyest. Auf deine Antwort, du seyest gewaltsam aus dem Vaterlande vertrieben worden, habe er dich bei der Rechten gefaßt, dir Muth zugesprochen, und dich von einem Lictor, der in der Nähe war, an sein Denkmal führen lassen, mit den Worten, dort sey dir Heil beschieden. Da habe er, erzählt Sallustius, gleich ausgerufen, das bedeute dir eine glänzende und ruhmvolle Zurückkunft in's Vaterland, und auch dir habe der Traum Freude zu machen geschienen. 835 Ich selbst erhielt wirklich bald die Nachricht, du habest, als du vernommen, daß bei dem Denkmale des Marius durch jenen dich so hoch ehrenden Senatsbeschluß deine Rückkehr auf den Antrag des Consuls, eines edeln und mit Ruhm bedeckten Mannes, beschlossen, und dieser Beschluß von einer ausserordentlichen im Theater versammelten Volksmenge mit dem freudigsten Zuruf und Beifallklatschen gutgeheissen worden, selbst erklärt, jener Atinische Traum sey im vollesten Sinne des Worts prophetisch gewesen. Im Jahre Roms 697. Der Consul, welcher oben genannt ist, ist P. Cornelius Lentulus Spinther. 29. »Aber (wendet man ein) es trügen gar viele.« Vielleicht sind sie vielmehr für uns nur dunkel. Doch seyen auch einige täuschend; Was können wir gegen die wahren vorbringen? Dergleichen würden sich aber weit mehrere ereignen, wenn wir uns mit uneingenommenem Geiste zur Ruhe begäben. Jetzt, mit Speise und Trank überladen, kommen uns durcheinander gemengte und verworrene Bilder vor. Höre nur, was Socrates in Plato's Republik sagt. Da heißt es : »Wenn im Schlafe derjenige Theil der Seele, der im Besitze des Verstandes und der Vernunft ist, umnebelt und betäubt ist, der aber, in welchem das Thierische und wilde Rohheit waltet, durch unmäßigen Genuß von Trank und Speise sich aufbäumt, da empört er sich denn im Schlafe und bekommt, alle Schranken durchbrechend, das Uebergewicht, und so finden sich in allen Erscheinungen, die ihm vorkommen, keine Spuren von Verstand und Vernunft, so daß Einem von fleischlicher Vermischung mit seiner Mutter, oder mit andern 836 Menschen, Wer es nur seyn mag, oder gar mit einer Gottheit, oft mit einem Thiere träumt; daß ihm ist, als schlage er Jemand todt, und beflecke sich frevelhaft mit Blut, und begehe viele unzüchtige, scheusliche, tollkühne und schamlose Handlungen. Wer sich aber nach dem Genusse gesunder und mäßiger Leibespflege und Nahrung zur Ruhe begibt, wobei der Theil der Seele, in welchem Verstand und Besonnenheit waltet, rege und lebhaft ist, und mit dem Mahle guter Gedanken gesättigt, dagegen derjenige Theil der Seele, der in der Sinnenlust seine Befriedigung findet, weder durch zu große Kargheit erschöpft, noch durch Uebersättigung in Aufruhr gebracht ist (wie denn Beides in der Regel die Schärfe des Geistes abstumpft, sey es daß die Forderungen der Natur nicht genug, oder daß sie zu viel und im Uebermaße befriedigt werden), und dabei auch der dritte Theil der Seele, in welchem die Glut des Zornes aufflammt, beruhigt und gedämpft ist; dann kann, wenn jene beiden leidenschaftlichen Theile der Seele gezügelt sind, jener dritte vernünftige und verständige Theil sein Licht leuchten lassen, sich lebhaft und kräftig auch im Traume zeigen, und dann werden ihm Traumgesichte vorkommen, die unverworren vor die Seele treten und Wahrheit verkünden.« Hier hast du eine Uebersetzung von Plato's eigenen Worten. 30. Wollen wir also lieber dem Epicurus Gehör geben? Carneades freilich sagt aus Streitlust bald Dieß, bald Jenes. Doch was hat Jener für Ansichten? Nirgendeine, die Scharfsinn verräth, und sich über das Gemeine erhebt. Diesen also willst du über Plato und Socrates stellen? Wahrhaftig, selbst wenn Diese keine Gründe angäben, so müßten dennoch 837 jene schwachen philosophischen Lichter hinter ihnen zurück stehen. Plato also gibt die Vorschrift, man soll bei solcher Stimmung des Körpers sich zur Ruhe begeben, daß von ihm aus keine störenden und verwirrenden Eindrücke auf die Seele geschehen. Das soll auch der Grund seyn, warum den Pythagoräern der Genuß der Bohnen verboten wurde, weil diese Speise durch ihre blähende Natur den Geist bei seinem Suchen nach Wahrheit in der ruhigen Betrachtung stört. Wenn also die Seele im Schlafe ganz losgerissen ist von der Gemeinschaft und Berührung mit dem Körper, dann gedenkt sie klar des Vergangenen, schaut in die Gegenwart, und blickt in die Zukunft. Denn der Leib eines Schlafenden liegt da gleich dem eines Todten, indeß die Seele sich regt und lebt. Und Dieß wird sie noch weit mehr nach dem Tode thun, wenn sie sich ganz vom Körper losgemacht hat. Darum hat sie denn auch bei'm Herannahen des Todes einen weit schärfern Blick in die Zukunft. Schon Das ist ein Beweis davon, daß Menschen, ergriffen von einer schweren und tödtlichen Krankheit, bestimmt den bevorstehenden Tod voraussehen. Solchen erscheinen denn gewöhnlich die Gestalten Verstorbener; dann liegt ihnen noch ganz besonders daran, sich lobenswürdig zu benehmen; und Die, welche ihr früheres Leben unwürdig hingebracht haben, empfinden gerade dann die bitterste Reue über ihre Fehltritte. Daß aber die Sterbenden wirklich in die Zukunft schauen, bestätigt Posidonius auch durch den Fall, den er anführt: wie nämlich einmal ein Rhodier sterbend sechs seiner Altersgenossen mit Namen genannt und bestimmt vorausgesagt habe, in welcher Reihe sie nacheinander sterben werden. Auf dreierlei Art aber glaubt 838 er, daß die Menschen unter göttlichem Einflusse träumen. Die eine sey, daß der Geist durch sich selbst, vermöge seiner Verwandtschaft mit der Gottheit, das Zukünftige erschaue; die zweite, weil die Luft voll von unsterblichen Geistern sey, die, was wahr ist, schon unverhüllter und schärfer ausgeprägt erkennen; die dritte, weil die Götter selbst sich den Schlafenden mittheilen. Und Dieß geschieht, wie ich eben gesagt habe, leichter bei'm Herannahen des Todes, daß nämlich die Seelen eine Ahnungsgabe des Zukünftigen besitzen. Hierher gehört eben das Beispiel von dem Inder Calanus, das ich vorhin angeführt habe, und das des Hector bei'm Homer , der sterbend dem Achilles den nahen Tod weissagt. 31. Doch wahrlich auch nicht ohne Grund wäre im Laufe der Zeit der jetzt häufige Ausdruck aufgekommen, wenn gar Nichts daran wäre: Ahnt' ich's doch, es sey vergebens, als ich aus dem Hause trat. S. Plautus Aulular. II, 2, 1. Denn ahnen ( sagire ) heißt eben fein empfinden; daher spricht man von alten wahrsagenden (ahnenden, sagae ) Weibern, weil sie Vieles wissen wollen, und Spürhunde nennen wir sagaces (gleichsam ahnungskräftig ). Wer also vorher ahnet ( sagit ), ehe der Gegenstand sich der Bemerkung darstellt, von Dem sagen wir, er habe eine Vorahnung ( praesagire ), d. h. er empfinde das Zukünftige voraus. Es liegt also in den Seelen ein Ahnungsvermögen, das ihnen von der Gottheit eingepflanzt, und in sie eingeschlossen ist. Flammt dieses ungewöhnlich heftig auf: so nennen wir es Raserei, 839 wenn die Seele ganz vom Körper abgezogen, von göttlicher [übermenschlicher] Aufregung ergriffen ist:   Hecuba.    Wie, woher der Blick des Wahnsinns plötzlich in des Auges Glut? Aus einem unbekannten Römischen Tragiker, so wie die zwei folgenden poetischen Stellen. Wo der Jungfrau Zartgefühl hin, erst so schamhaft noch und klug? Cassandra. Beste Mutter! aller Weiber bestes Weib bei weitem du, Sieh', Weissagungswuth ergreift mich, schließt die Zukunft vor mir auf. Und Apollo's Willen folg' ich schicksalkündend, sinnverwirrt; Meiner Thaten, meines Vaters, schämen die Gespielen sich; O der Gute! Meine Mutter! dich beklag' ich, hasse mich. Ausser mir, welch' edle Kinder gabst du Priamus! Wehe mir! Ich muß schaden, Jene helfen; hindern ich, Sie folgen fromm Welches Zartgefühl, welche Wahrheit der Characterschilderung, welche Wehmuth liegt in dieser Stelle! Doch daran liegt mir jetzt nicht so viel. Aber Das liegt darin, was ich andeuten will, nämlich, daß Raserei wahre Weissagung eingibt:   Da, da ist die grause Fackel ganz mit Blut und Brand umhüllt, Jahre lang war sie verborgen: Bürger, helft, o löscht sie aus! Das spricht die im Menschenleibe verschlossene Gottheit, nicht mehr Cassandra selbst.   Rasch für die See schon, die große, gezimmert wird Schiffender Flotte verderbender Jammerschwarm; Nahe schon ist sie, mit schwellenden Segeln bringt Unserem Ufer auf Schiffen ein Feindesheer. 32. Das, denkst du wohl, sind Stücke aus Tragödien und aus der Mythenzeit. Aber dich selbst habe ich eine nicht erdichtete Geschichte, sondern eine Thatsache ganz gleicher Art 840 erzählen hören: Wie nämlich C. Coponius zu dir nach Dyrrhachium kam , zu der Zeit, wie er als Prätor die Rhodische Flotte befehligte, ein höchst gebildeter und kluger Mann, und erzählte, es habe ein Ruderknecht auf einem Rhodischen Fünfruderschiffe prophezeit, in weniger als dreißig Tagen werde Griechenland mit Blut getränkt und Dyrrhachium ausgeplündert werden; man werde sich auf die Schiffe flüchten, und die Fliehenden einen jammervollen Rückblick auf eine Feuersbrunst haben; die Rhodische Flotte werde jedoch bald zurück und nach Hause kehren dürfen. Diese Erzählung habe auch auf dich einen bedeutenden Eindruck gemacht, und M. Varro nebst dem M. Cato, gebildete Männer, die sich gerade dort befunden, seyen darüber sehr erschrocken; wirklich sey dann wenige Tage darauf Labienus von der Pharsalischen Niederlage hergekommen, und habe die Vernichtung des Heeres gemeldet. Kurz darauf seyen auch die übrigen Umstände der Prophezeiung eingetroffen. Denn das aus den Magazinen bei der Plünderung heraus geschleppte und verschüttete Getreide hatte alle Haupt- und Nebenstraßen übersä't; ihr bestieget, von plötzlicher Furcht ergriffen, die Schiffe, und als ihr bei Nacht auf die Stadt zurückblicktet, saht ihr die Transportschiffe in Brand stehen, welche die Soldaten angezündet hatten, weil sie euch nicht hatten folgen wollen; und als euch endlich die Rhodische Flotte im Stiche ließ und davon segelte, da mußtet ihr wohl fühlen, wie wahr jener Mensch geweissagt hatte. Und hiemit habe ich so kurz als möglich, über die durch Träume oder durch Begeisterte 841 gegebenen Orakel gesprochen, die ich zu den kunstlosen rechnete. Beiden Arten liegt eine gemeinsame Erklärung zum Grunde, die unser Cratippus gewöhnlich gebraucht, nämlich, daß die Seelen der Menschen zum Theil von aussen stammen und empfangen werden. Daraus folgt denn, daß ausserhalb eine göttliche Seele ist, aus der die menschliche gleichsam eingesaugt wird; der Theil der menschlichen Seele aber, der Empfindung, Bewegung und Begehrungsvermögen habe, sey nicht von der körperlichen Thätigkeit geschieden, während dagegen der, welcher mit Vernunft und Verstand begabt sey, gerade dann die meiste Lebhaftigkeit äußere, wenn er am wenigsten an den Körper sich gefesselt fühle. Und so schließt denn Cratippus, nachdem er erst die Beispiele von wahren Prophezeiungen und Träumen dargelegt, gewöhnlich mit folgender Beweisführung: »Wenn ohne Augen die Verrichtung und das Geschäft der Augen nicht möglich ist, die Augen aber möglicher Weise ihr Geschäft einmal nicht verrichten, so ist Der, welcher auch nur einmal mit Hülfe seiner Augen die wirklichen Gegenstände gesehen hat, mit dem Gesichtssinne und also mit Augen begabt, die das Wirkliche sehen. Auf dieselbe Weise nun, wenn ohne Weissagungsgabe die Verrichtung und das Geschäft der Weissagung nicht möglich ist, Einer aber, der im Besitze der Weissagungsgabe ist, bisweilen irren kann und falsch sehen, so reicht es zum Beweise, daß Weissagung möglich sey, vollkommen hin, daß auch nur einmal Etwas so geweissagt worden, daß dabei an kein zufälliges Zutreffen zu denken ist. Dergleichen Fälle gibt es aber unzählige, also muß man zugestehen: es gibt eine Weissagung.« 84 33. Diejenigen Gattungen der Weissagung nun, wo erst durch Vermuthungsschlüsse die Deutung herauskommt, oder wo (frühere) Erfolge und Beobachtungen zum Grunde liegen, heissen, wie oben gesagt worden, nicht natürliche, sondern künstliche; und das ist das Feld, auf welchem die Haruspices, die Auguren und Deuter walten. Das lassen nun die Peripatetiker nicht gelten; die Stoiker nehmen es in Schutz. Das Eine beruht auf alten Aufzeichnungen und auf Belehrung, und diese findet sich in den Büchern der Hetrusker über die Haruspicin, über Bedeutung der Blitze, über Bedeutung der Donner, und auch in euern Angurenbüchern. Anderes wird bei vorkommenden Fällen augenblicklich durch Vermuthungsschlüsse gedeutet, wie bei'm Homer Calchas thut, der aus der Zahl der Sperlinge die Dauer des Trojanischen Krieges herausdeutete; oder in dem Falle, der in der Geschichte des Sisenna zu lesen ist, und der sich vor deinen Augen ereignete: daß nämlich, gerade als Sulla im Nolanischen Gebiete vor dem Prätorium opferte , ganz unten am Altar auf einmal eine Schlange zum Vorschein kam. Auf Dieß hin bat ihn der Haruspex C. Postumius, er möchte nur gleich das Heer ausrücken lassen. Sulla that es, und eroberte vor der Stadt Nola das Lager der Samniter, worin sich der Kern ihrer Truppen befand. Auf einen solchen Vermuthungsschluß gründete sich auch die Weissagung, die den Dionysius betraf, kurz vor seiner Thronbesteigung. Er reiste durch das Gebiet von Leontium, und ließ dort sein Pferd in den Fluß. Dieses versank in einem Strudel und war nicht mehr zu 843 sehen. Als alle Mühe, es wieder zu bekommen, vergebens schien, ging er, wie Philistus Philistus von Naucratis, nach Andern von Syracus, lebte zur Zeit der beiden Dionyse. erzählt, unmuthig fort. Kaum war er aber eine Strecke weit weg, so hörte er auf einmal ein Wiehern, sah sich um, und erblickte voll Freude sein Pferd, das ganz munter daher sprang, und an dessen Mähne sich ein Bienenschwarm angesetzt hatte. Auf diese Erscheinung zeigte sich der Erfolg, daß Dionysius wenige Tage darauf zur Regierung gelangte . 34. Und ist nicht auch den Lacedämoniern, kurz vor der Niederlage bei Leuctra , eine Vorandeutung zu Theil geworden, als im Herculestempel Waffen erdröhnten, und das Bild des Hercules von starkem Schweiße troff? Aber um dieselbe Zeit öffneten sich zu Thebä, nach dem Berichte des Callisthenes, in dem Herculestempel die verriegelten Thürflügel von selbst, und die vorher an den Wänden befestigten Waffen fand man auf dem Boden. Und als um dieselbe Zeit bei Lebadea dem Trophonius Trophonius, ein Böotischer Seher, der von der Erde verschlungen wurde, und dann bei Lebadea ein unterirdisches sehr berühmtes Orakel in einem Walde hatte. Siehe Pausanias IX, 37. 39. geopfert wurde, sollen die Hähne dort anhaltend fort und ohne Unterbrechung gekräht haben; woraus denn die Böotischen Auguren den Schluß gezogen, die Thebaner werden Sieger bleiben, weil jener Vogel, wenn er besiegt sey, zu schweigen, wenn er gesiegt hätte, zu krähen pflege. Eben damals wurde den Lacedämoniern durch viele Vorzeichen das Unglück der Leuctrischen Schlacht zum voraus verkündigt. Denn an dem Standbilde des Lysander, des bedeutendsten Helden der Lacedämonier, das zu Delphi stand, wuchs auf einmal auf dem Haupte ein Kranz von stachlichten und wilden Kräutern hervor, und die goldenen Sterne, ein Weihgeschenk der Lacedämonier zu Delphi, zum Danke für den von Lysander erfochtenen Seesieg, der die Athener von der Höhe ihrer Macht herabstürzte (weil man nämlich in dieser Schlacht den Castor und Pollux im Gefolge der Lacedämonischen Flotte erblickt haben wollte, so waren die Symbole dieser Götter, zwei goldene Sterne, wie gesagt, nach Delphi gestiftet worden); diese Sterne fielen kurz vor der Schlacht bei Leuctra herunter, und wurden nicht mehr gefunden. Die auffallendste Vorbedeutung war aber, gleichfalls für die Spartaner, folgende. Als sie bei'm Jupiter zu Dodona einen Orakelspruch über den Sieg im bevorstehenden Kampfe einholten, und ihre Abgeordneten das Gefäß, in welchem die Loose lagen, hingestellt hatten, warf ein Affe, den der Molosserkönig besonders lieb hatte, die Loose selbst und alle Anstalten zum Loosen durcheinander, und streute sie an verschiedenen Orten herum. Da soll die Priesterin, die dem Orakel vorstand, zu ihnen gesagt haben, nicht an's Siegen, sondern an Rettung (vor dem Untergange) sollten sie denken. 35. Und hat nicht im zweiten Punischen Kriege die Nichtbeachtung der Andeutungen über die Zukunft von Seiten des C. Flaminius, der damals sein zweites Consulat verwaltete, dem Staate ausserordentliches Unheil gebracht? Als 845 er nach der feierlichen Musterung seines Heeres das Lager abgebrochen hatte, und gegen Arretium vorgerückt war, um seine Legionen gegen den Hannibal zu führen, so stürzte er mit dem Pferde auf einmal ohne Veranlassung vor der Bildsäule des Jupiter Stator nieder, machte sich aber kein Bedenken daraus, obgleich Kundige Dieß als ein warnendes Vorzeichen betrachteten, daß er jetzt keine Schlacht liefern sollte. Als der nämliche Feldherr durch das Tripudium Auspicien einholte, und der Hühnerbeobachter den Tag für das Beginnen eines Treffens für ungünstig erklärte, fragte ihn Flaminius, wozu er denn rathen würde, wenn auch späterhin die Hühner nicht fressen wollten? Auf seine Antwort, dann müsse man eben warten, erwiederte Flaminius: Das sind mir treffliche Auspicien, wenn man eine Schlacht liefern darf, wenn die Hühner hungrig sind, und keine, wenn sie satt sind. Darauf hieß er gleich die Feldzeichen aus dem Boden reissen und sagte: Mir nach! Als nun der Adlerträger der ersten Abtheilung der Lanzenträger das Feldzeichen nicht herausbringen konnte, und alle Anstrengung umsonst war, selbst als Mehrere daran zerrten, so achtete Flaminius, als man ihm den Vorfall meldete, eben so wenig darauf. Die Folge war, daß in drei Stunden darauf das Heer vernichtet und er erschlagen wurde. Auch Das ist noch von Bedeutung, was Cälius beifügt, daß sich um dieselbe Zeit, als dieses unheilvolle Treffen vorfiel, so heftige Erdbeben in Ligurien, Gallien und auf mehreren Inseln, und überdieß in ganz Italien ereigneten, daß viele Städte zusammenstürzten, an vielen Stellen Erdfälle entstanden und Stücke Landes versanken, Flüsse eine 846 entgegengesetzte Richtung nahmen, und das Meer in die Mündungen der Ströme eindrang. 36. Es werden auch wirklich auf Muthmaßung gegründete Weissagungen von Kundigen ertheilt. Jenem Phrygier Midas trugen einmal, als er noch Knabe war, wie er schlief, Ameisen Weizenkörner in den Mund. Da wurde ihm geweissagt, er werde ausserordentlich reich werden. und Dieß traf auch ein. Dem Plato wurde, als sich ihm in frühester Kindheit Bienen auf die Lippen gesetzt hatten, prophezeit, er werde sich durch Anmuth der Rede auszeichnen. So wurde schon an dem Kinde die künftige Beredsamkeit zum voraus erblickt. Und was sagst du von deinem Lieblinge Roscius , den du so über Alles hochschätzest; hat er, oder ihm zu Liebe ganz Lanuvium gelogen? Als Dieser noch ein Wiegenkind war, und in Solonium, einer Gegend des Lanuvinischen Gebietes, erzogen wurde, bemerkte seine Amme des Nachts bei'm Lichte, wie sich um den schlafenden Knaben eine Schlange gewickelt hatte. Vor Schrecken über diesen Anblick schrie sie laut auf. Der Vater des Roscius befragte die Haruspices über den Vorfall; und Diese erwiederten ihm, der Knabe werde einmal ganz vorzüglich berühmt und ausgezeichnet werden. Diesen Vorfall hat Pasiteles in Silber in erhobener Arbeit vorgestellt, und unser Freund Archias Ein Dichter. Auch für ihn hielt Cicero eine Rede. Man hat unter seinem Namen noch eine Anzahl Griechischer Epigramme. in einem Gedichte verewigt. Worauf warten wir denn nun noch? Etwa bis die unsterblichen Götter mit uns auf dem Forum 847 oder gar auf den Straßen umherwandeln, oder uns zu Hause besuchen? Persönlich erscheinen sie uns freilich nicht: aber ihre Wirksamkeit verbreiten sie waltend überall hin, sie schließen sie theils in die Tiefen der Erde ein, theils verweben sie sie mit Menschennaturen. Denn die Kraft aus der Erde begeisterte sonst die Pythia zu Delphi; die Naturanlage die Sibylle. Sehen wir denn nicht offenbar, was für verschiedene Arten des Bodens es gibt? Die (Dünste des) einen sind gar tödtlich, wie zu Ampsanctus im Hirpinerlande und in Asien die Plutonien, S. Chandlers Reisen in Kleinasien, Cap. 69. die ich selbst gesehen habe. Dann gibt es wieder Gegenden, die ungesund, andere, die heilsam sind; einige bringen talentvolle Köpfe hervor, andere stumpfe. Von Allem dem ist Ursache die Verschiedenheit des Clima's und die verschiedene Ausdünstung der Erde. Oft wird auch der Geist durch irgend eine Erscheinung, oft durch bedeutungsvolle Stimmen und Musik in ausserordentliche Bewegung gesetzt, oft auch durch Sorge und Furcht; wie jene, Erregt im Herzen, sinnverwirrt, von bacchischer Wuth Ergriffen, unter Gräbern rufend: Teucer, Aus dem Teucer des Pacuvius. komm. 37. Ja auch jene Erregung ist ein Beweis von einwirkender göttlicher Kraft in den Menschenseelen. Sagt doch Democritus geradezu, ohne Raserei könne kein Dichter groß seyn; und desselben Ausdrucks bedient sich auch Plato. Mag er es immerhin eine Raserei nennen, wenn nur diese Raserei so gepriesen wird, wie sie in Plato's Phädrus gepriesen ist. Und wie verhält es sich mit euern gerichtlichen Reden? Ja, 848 kann selbst ein Schauspieler Kraft, Nachdruck, Redefülle entwickeln, wenn nicht das Gemüth selbst mehr als gewöhnlich aufgeregt ist? Oft sah ich ja selbst dich stark ergriffen, und (um auch Unwichtigeres zu berühren) an deinem Freunde Aesopus ein so feuriges Mienen- und Geberdenspiel, daß es schien, als hätte ihm eine ihn überwältigende Macht die Besinnung geraubt. Auch stellen sich zuweilen Gestalten dar, die an sich nichtig sind, aber doch in der Erscheinung vor die Seele treten. So Etwas soll dem Brennus begegnet seyn, und seinem Gallischen Heere, als er frevelhafter Weise den Tempel des Delphischen Gottes feindlich angriff. Da soll die Pythia begeistert ausgesprochen haben: Da helf' ich, und die weisen Jungfrau'n helfen mit. Und wirklich soll man, diesem Orakelspruch zu Folge, Jungfrauen gegen Jene haben kämpfen sehen, und das Gallische Heer wurde unter Schnee begraben. 38. Aristoteles glaubte gar von Denen, die durch Krankheit wahnsinnig werden und Melancholische heissen, sie haben in sich eine Art von Vorahnungs- und Weissagungsgabe. Ich meinerseits möchte dieses Vermögen so wenig den Hypochondrischen als den Gehirnkranken [Verrückten] zuschreiben. Denn zur Weissagung gehört ein gesundes Gemüth, und das ist nicht in einem erkrankten Körper. Daß aber in der That die Weissagung etwas Reelles sey, dafür führen die Stoiker folgenden Beweis: »Gibt es Götter, und sie deuten den Menschen nicht das Zukünftige an, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie denken, es liege den Menschen gar Nichts daran, zu wissen, was geschehen werde; oder sie denken, es sey unter 849 ihrer Würde, den Menschen zum voraus anzudeuten, was zukünftig ist; oder es können Dieß die Götter selbst nicht einmal andeuten. Aber es ist weder wahr, daß sie uns nicht lieben: denn sie sind wohlthätig und gegen das Menschengeschlecht wohlwollend; noch kann man sagen, sie wissen Das nicht, was von ihnen selbst beschlossen und bestimmt ist; oder es liege uns Nichts daran, zu wissen, was sich ereignen wird. Denn wir werden vorsichtiger seyn, wenn wir es wissen: auch können sie es nicht unter ihrer Würde halten, denn im Wohlthun zeigt sich ja ein edler Character vorzüglich: endlich ist es auch nicht möglich, daß sie das Künftige gar nicht (anzudeuten) wissen. Also es gibt entweder keine Götter, und dann deuten sie auch die Zukunft nicht an. Oder (und das ist das Wahre) es gibt Götter: also deuten sie die Zukunft an. Deuten sie sie aber an, so ist auch nicht denkbar, daß sie uns keine Mittel geben, diese Andeutungen verstehen zu lernen; denn sonst wäre ja ihr Andeuten vergebens: und geben sie uns die Mittel dazu, so ist es nicht möglich, daß es keine Weissagung gebe: es gibt also eine Weissagung.« 39. Das ist die Beweisführung des Chrysippus, des Diogenes und des Antipater. Haben wir also Grund, in die vollkommenste Wahrheit meiner bisherigen Darstellung einen Zweifel zu setzen? Wenn die Vernunft auf meiner Seite ist, überdieß die Ereignisse, die Völker, die Nationen, die Griechen so gut, wie die Barbaren, ferner unsere Vorfahren: wenn überhaupt Dieß immer für wahr gegolten hat, und zwar bei den größten Philosophen, bei den Dichtern, bei den weisesten Männern, welche Staaten gegründet und Städte erbaut haben; wollen wir dann noch warten, bis selbst die 850 Thiere reden? begnügen wir uns nicht mit dem übereinstimmenden Vorgange der Menschheit? Auch bringt man wirklich sonst keine Gegengründe vor, warum die von mir angegebenen Arten der Weissagung nichtig seyen, außer, daß sich eben der Grund und die Ursache jeder Weissagung nicht wohl angeben lassen. Denn was hat der Haruspex für einen Grund, warum ein Schnitt in der Lunge auch bei sonst günstigen Zeichen der Eingeweide, ein Vorhaben hemmt und es aufzuschieben nöthigt? was der Augur, daß von der rechten Seite ein Rabe, von der linken eine Krähe ein Unternehmen begünstigt? was der Sternkundige, daß der Jupiter oder die Venus, mit dem Monde vereinigt, bei der Geburt der Kinder günstig, die Vereinigung des Saturnus oder des Mars mit demselben ungünstig seyn soll? Warum sollte aber die Gottheit die Menschen, wenn sie schlafen, über die Zukunft belehren, und, wenn sie wachen, sie vernachläßigen? Und wie kommt es denn endlich, daß Cassandra im Wahnsinn die Zukunft voraussieht, und Priamus mit seiner Weisheit Dieß nicht vermag? Du willst also wissen, warum das Alles geschehe? Vernünftige Frage. Aber darum handelt sich's jetzt nicht. Das ist die Frage, ob diese Dinge wirklich geschehen oder nicht. Wie wenn ich z. B. sage, der Magnet sey ein Stein, der Eisen an sich locke und anziehe, und dir den Grund dieser Erscheinung nicht angeben könnte, würdest du darum die Thatsache überhaupt läugnen? Aber so machst du es bei der Weissagung, die wir doch selbst üben sehen, von der wir hören, lesen, und die von unsern Vätern auf uns vererbt ist. Auch hat in der Welt, ehe die Philosophie, eine Erfindung der neuern 851 Zeit, aufgekommen ist, Niemand daran gezweifelt: und selbst seit die Philosophie in's Leben getreten ist, hat kein Philosoph von einiger Bedeutung eine andere Ansicht davon gehabt. Von Pythagoras, von Democritus, von Socrates habe ich gesprochen, außer Xenophanes habe ich von den Alten Keinen ausgenommen; ich ließ dann die alte Academie, die Peripatetiker, die Stoiker auftreten. Epicurus allein widerspricht. Was verschlägt Das? Das ist eine Kleinigkeit für einen Mann, der schändlich genug war, zu behaupten, daß alle Tugend auf Eigennutz beruhe? 40. Ist aber wohl ein Mensch, dem die Ueberzeugung der ganzen Vorwelt, die durch die berühmtesten Denkmäler bewahrheitet und beglaubigt ist, Nichts gelten sollte? Von dem Calchas schreibt Homer , er sey der ausgezeichnetste Augur gewesen, und zugleich der Führer der Griechischen Flotten nach Ilium, offenbar (das Letztere) wegen seiner Kenntniß der Auspicien, nicht, weil er den Weg so gut gewußt. Amphilochus und Mopsus waren Könige der Argiver, aber zugleich Auguren, und Diese gründeten Griechische Städte an der Seeküste Ciliciens. Ja schon vor Diesen (zeichneten sich) Amphiaraus und Tiresias (aus), keine Menschen von niedrigem und gemeinem Schlage, noch Denen gleich, von welchen es bei'm Ennius heißt; Die zu schnödem Gelderwerbe Sprüche greifen aus der Luft; Aus einer unbekannten Tragödie des Ennius. sondern berühmte und vorzügliche Männer, welche, durch Vögelflug und Zeichen belehrt, Künftiges weissagten. Von dem Letztern sagt sogar Homer , er sey im Todtenreiche allein bei klarem Bewußtseyn, die Uebrigen flattern nur wie Schatten umher. Den Amphiaraus aber hat die Griechische Sage so hochgeehrt, daß er einem Gott gleich geachtet wurde, so daß man an der Stelle, wo er in den Boden sank, Orakelsprüche holte. Und hatte nicht auch der Asiatische König Priamus einen Sohn, Helenus, und eine Tochter, Kassandra, die mit der Sehergabe begabt waren, von denen der Eine ein Augur war, die Andere in der Begeisterung und Sinnverrücktheit prophezeite? Mit gleicher Gabe waren bei unsern Vorfahren, wie wir schriftlich aufgezeichnet lesen, auch die Brüder Marcii , von angesehenem Stande. Und von dem Korinthier Polyidus erzählt Homer, daß er Manchen Manches, unter Andern auch seinem Sohne, wie er nach Troja gezogen, den Tod vorausverkündigt habe . In der Regel waren bei den Alten Die, welche an der Spitze des Staates standen, auch zugleich im Besitze (der Kenntniß) der Augurien. Denn so wie sie Weisheit als eine Eigenschaft der Könige betrachteten, so auch Weissagung. Zeugniß dessen gibt unsere Stadt, in welcher schon in der ersten Zeit die Könige zugleich Auguren waren, und nachher, als Bürger regierten, Diese dieselben heiligen Verrichtungen hatten, und den Staat durch das Ansehen solcher heiligen Gebräuche leiteten. 41. Ja selbst Barbarenvölker haben die Weissagungskunst nicht vernachläßigt. Denn in Gallien hat man die 853 Druiden Ueber die Druiden ist so ziemlich Alles aus dem Alten und Neuern gesammelt in dem Buche: I. G. Frickii Comm. de Druidis Occidentalium populorum philosophis. Acutius et emend. ed. A. Frick. 4. Ulmae. 1744. m. K. , von denen ich selbst einen, den Aeduer Divitiacus deinen Gastfreund und Bewunderer, gekannt habe, der sich überhaupt für einen Kenner der Physik (die Griechen nennen sie Physiologie) erklärte, und theils durch Augurien, theils durch Muthmaßungsschlüsse, künftige Ereignisse voraussagte. Bei den Persern treiben die Magier das Augurenwesen und die Weissagekunst, und versammeln sich dazu an einem heiligen Platz, um sich zu berathen und zu besprechen: gerade wie auch ihr es sonst an den Scenen gewöhnlich machtet. Auch kann Keiner König von Persien seyn, der nicht zuvor die Kunst und Wissenschaft der Magier erlernt hat. Ferner findet sich, daß gewisse Familien und Nationen solchen Künsten besonders ergeben sind. So ist in Karien die Stadt Telmessus, wo die Haruspicin besonders stark getrieben wird. So hat auch Elis im Peloponnes zwo bestimmte Familien, die Jamiden und die Klytiden, die sich in der Kenntniß der Haruspicin auszeichnen. In Syrien thun sich die Chaldäer durch Kenntniß der Gestirne und Gewandtheit des Geistes hervor. Etrurien aber hat mit besonderm Geschick auf die einschlagenden Blitze geachtet, und das durch sie Getroffene; auch versteht sich diese Nation ganz besonders auf die Deutung aller vorkommenden unnatürlichen Erscheinungen und Vorzeichen. Aus diesem Grunde hat der Senat schon vor langer Zeit, als der Staat in der besten Blüthe stand, beschlossen, es 854 sollen aus den Söhnen der angesehensten [Hetruscischen] Familien jeder einzelnen Hetrurischen Völkerschaft sechs in die Lehre zur Ausbildung übergeben werden, damit nicht eine Kunst von solcher Wichtigkeit wegen der Niedrigkeit der sie Ausübenden ihr religiöses Ansehen verlieren, und zu einem Lohndienst und gemeinen Gewerbe herabsinken möchte. Die Phrygier aber und die Pisidier, die Cilicier auch und die Nation der Araber, lassen sich besonders viel durch die Andeutungen der Vögel bestimmen. Dasselbe soll, der Geschichte zu Folge, auch in Umbrien der Fall gewesen seyn. 42. Ich meines Theils bin überzeugt, daß schon das Land, wo ein oder das andere Volk wohnte, Veranlassung zu (bestimmten Arten von) Weissagungen gegeben hat. Denn wo wie die Aegypter und Babylonier, die auf weiten und offenen Erdflächen wohnten, da aus der Erde Nichts hervorragte, was der Betrachtung des Himmels im Wege stehen konnte, sich mit besonderer Sorgfalt auf die Kenntniß des Sternenlaufes legten; so ergaben sich die Etrurier, die, als ein besonders religiös erzogenes Volk, häufiger Opferthiere schlachteten, vorzüglich der Betrachtung der Opfereingeweide: und weil wegen der dicken Luft in ihrem Lande das Einschlagen der Gewitter häufig war, und aus demselben Grunde sich oft ungewöhnliche Meteore oder auch seltsame Dinge auf der Erde zeigten, überdieß mancherlei Mißgebnrten bei Menschen oder Thieren; so wurden sie ganz vorzüglich geübte Wunderzeichendeuter. Die Bedeutung dieser Wunderzeichen ( portenta ) bezeichnen, nach deiner eigenen gewöhnlichen Erklärung, schon die von unsern Vorfahren dafür bestimmten 855 Ausdrücke ganz zweckmäßig. Denn weil sie vorzeigen ( ostendunt ), andeuten ( protendunt ), hinweisen ( monstrant ), vormelden ( praedicunt ); so heißen sie Vorzeichen ( ostenta ), Andeutungen ( portenta ), Hinweisungen ( monstra ), Vormeldungen ( prodigia ). Die Araber aber, die Phrygier und die Cilicier, weil sie [als Nomaden] vorzüglich Viehzucht treiben, und Winter und Sommer auf Ebenen und Gebirgen umherschweifen, haben darum um so leichter auf die Stimmen und den Flug der Vögel achten können. Dasselbe war auch Veranlassung für die Pisidier, und für die Umbrier in unsrer Nähe. Und so ist denn auch ganz Karien, und besonders die Telmessier, die ich vorhin erwähnte, weil sie üppig fruchtbare Getreidegegenden bewohnen, wo wegen des starken im Boden wirkenden Triebes manches [Seltsame] sich bilden und erzeugen konnte, in Beobachtung der Vorzeichen recht genau und pünktlich gewesen. 43. Wer bemerkt aber nicht, daß gerade in den am besten eingerichteten Staaten die Auspicien und die übrigen Gattungen der Weissagung den meisten Einfluß gehabt haben? War je ein König oder ein Volk, die nicht göttliche Weissagungen zu Rathe gezogen hätten? und Dieß nicht blos im Frieden, sondern weit mehr noch im Kriege, je mehr im Kampfe das Staatswohl bedroht war. Ich übergehe Fälle aus unserer Geschichte, da man ja bei uns von je her im Kriege Nichts unternimmt, ohne die Eingeweide der Opferthiere zu befragen, Nichts ohne vorher Auspicien zu halten Nach der Lesart des Uebersetzers. Nach der gewöhnlichen kommt dazu: Nichts von innern Staatsverhandlungen. . 856 Werfen wir einen Blick auf das Ausland. Die Athener haben bei allen öffentlichen Berathungen immer weissagende Seher zugezogen, die sie Mantis [μάντεις] nennen; die Lacedämonier gaben ihren Königen einen Augur zum Beisitzer, und auch im Rathe der Alten (so hieß bei ihnen die berathende Behörde) mußte ein Augur sitzen, überdieß holten sie auch in Angelegenheiten von besonderer Wichtigkeit jedesmal den Rath des Orakels zu Delphi, oder des Jupiter Hammon, oder zu Dodona ein. Lykurgus, der die Lacedämonische Staatsverfassung einrichtete, ließ sogar seine Gesetze durch das Ansehen des Delphischen Apollo bestätigen; und als Lysander sie ändern wollte, scheiterte sein Plan an der religiösen Achtung vor diesem Ausspruche. Ja die obersten Staatsbehörden der Lacedämonier begnügten sich nicht, blos wachend für den Staat zu sorgen, sondern schliefen auch [zuweilen] in dem Tempel der Pasiphae Ueber die Pasiphae S. Creuzers Symbolik und Mythologie IV. p. 85–88. des Uebersetzers Auszug S. 742. f. Nitschs Mytholog. Wörterb. umgearb. von Klopfer II. S. 424. , der in der Nähe der Stadt auf dem Felde steht, um [prophetische] Träume zu erhalten, weil sie die Eingebungen, die sie [dort] im Schlafe bekamen, für zuverläßig hielten. Doch zurück auf Rom. Wie oft mußten nicht die Decemvirn auf Befehl des Senats in den [Sibyllinischen] Büchern nachschlagen. In was für wichtigen Fällen und wie oft befolgte nicht der Senat, was die Haruspices ausgesprochen hatten! Dieß geschah ja, als man einmal zwo Sonnen erblickt hatte, als sich drei Monde, als sich Fackeln am Himmel zeigten. als man die Sonne bei Nacht sah, als man am Himmel ein Getöse vernommen 857 hatte, als einmal der Himmel sich zu spalten schien, und man an ihm [Feuer-] Kugeln gewahr wurde. Auch wurde dem Senat der Erdfall im Gebiete von Privernum vorgetragen, als sich dort der Boden in eine ungeheure Tiefe gesenkt hatte, und Appulien von gewaltigen Erdstößen erschüttert worden war: lanter Vorzeichen, die dem Römischen Volke schwere Kriege und verderbliche Bürgerzwiste verkündigten. Und in allen diesen Fällen traf, was die Haruspices antworteten, genau mit den Versen der Sibyllinischen Bücher zusammen. Und als das Apollobild zu Cumä schwitzte, das der Victoria zu Capua; als ein Zwitter geboren wurde: war Das nicht eine Ankündigung großen Mißgeschickes? Als ein Strom von dunkelem Blute geschwärzt floß , zuweilen ein Blutregen, ein anderesmal ein Erdregen, einmal auch ein Milchregen sich ergoß; als der Centaur auf dem Capitolium vom Blitze getroffen wurde, auf dem Aventinischen Berge Thore und Menschen, zu Tusculum der Tempel des Castor und Pollux, zu Rom der der Pietas: prophezeiten da nicht die Haruspices Das, was wirklich erfolgte, und fanden sich nicht in den Büchern der Sibylla dieselben Weissagungen? 44. [Wie oft hat nicht der Senat den Decemvirn aufgetragen, jene Bücher nachzuschlagen! in welchen wichtigen Angelegenheiten und wie oft hat er nicht befolgt, was die Haruspices ausgesprochen hatten!] In Folge eines Traumes der Cäcilia, der Tochter des Quintus, wurde vor nicht langer Zeit, im Marsischen Kriege, vom Senat der Tempel der Juno Sospita wiederhergestellt Dieser Krieg heißt auch der Italische oder Bundesgenossenkrieg. Die Begebenheit fällt in das Jahr Roms 673. . Sisenna, welcher auseinandersetzt, wie wunderbar dieser Traum und der Erfolg zusammengetroffen, behauptet dann hintendrein doch anmaßend genug, wahrscheinlich von einem Epikureer verleitet, Träumen müße man nicht glauben. Und derselbe Mann spricht Nichts gegen die Vorzeichen, und erzählt, wie im Anfang des Marsischen Krieges die Götterbilder geschwitzt, wie es Blut geregnet, wie sich der Himmel gespalten habe, wie man aus einem verborgenen Orte Stimmen vernommen, welche Kriegesgefahr drohten, und zu Lanuvium (ein Fall, den die Haruspices für den bedenklichsten erklärt hätten) die Schilde von den Mäusen zernagt worden seyen. Und steht nicht in unsern Jahrbüchern, daß im Vejenterkriege , als der Albanische See außerordentlich angewachsen war, ein vornehmer Vejenter als Ueberläufer zu uns gekommen sey, und angesagt habe, einem geschriebenen Orakel zu Folge, das die Vejenter hätten, könne Veji nicht erobert werden, so lange dieser See überfüllt sey, lasse man ihn ab, und er bahne sich seinem natürlichen Falle nach den Weg zum Meere, so sey Dieß für das Römische Volk verderblich; werde er aber so abgeleitet, daß er nicht in's Meer auslaufen könne, so werde Das für die Unsrigen zum Glück ausschlagen. Auf Dieß hin wurde von unsern Vorfahren die bewundernswürdige Ableitung der Gewässer des Albanischen See's veranstaltet. Als aber die Vejenter, des Krieges müde, Abgeordnete an unsern Senat geschickt hatten, soll Einer von Diesen gesagt haben, 859 jener Ueberläufer habe es nicht gewagt, dem Senat die Prophezeiung vollständig zu eröffnen; denn in demselbigen Orakel haben die Vejenter auch die schriftliche Weissagung: in kurzer Zeit werde Rom von den Galliern eingenommen werden. Und Dieß geschah bekanntlich sechs Jahre nach der Eroberung von Veji. 45. Oft ließen auch in Schlachten Frauen ihre Stimme vernehmen, und bei gefährlichen Umständen soll man prophetische Stimmen aus verborgenen Orten vernommen haben. Von der Art sind folgende zwei sehr wichtige Fälle, die ich aus einer großen Zahl anderer aushebe. Kurz vor der Einnahme der Stadt ließ sich vom Haine der Vesta aus, der sich vom Fuße des Palatinischen Berges gegen die neue Straße herabzieht, eine Stimme hören; man solle Mauern und Thore ausbessern; ohne diese Vorsichtsmaßregel werde Rom eingenommen werden. Man beachtete Dieß nicht, als das Unglück noch verhütet werden konnte; brachte aber dafür, erst nach jenem so verderblichen Schlage, Sühnopfer. Es wurde nämlich dem Ajus Loquens der noch stehende umzäunte Altar jenem Orte gegenüber geweiht. Der zweite Fall ist die Nachricht, die sich bei vielen Schriftstellern findet, es habe sich einmal bei einem Erdbeben eine Stimme aus dem auf dem Capitolischen Berge stehenden Junotempel hören lassen: man soll zum Sühnopfer ein trächtiges Schwein darbringen. Davon habe denn die in jenem Tempel verehrte Juno den Beinamen Moneta [Warnerin] erhalten . Doch nicht nur 860 auf [warnende] Götterstimmen achteten die Pythagoreer, sondern auch auf Menschenstimmen, und diese heißen sie omina . Und weil unsere Vorfahren sie für bedeutsam hielten, so brauchten sie bei'm Anfange jeder Unternehmung die Formel: Möge das zum Guten, zum Segen, zum Heil und zum Glücke gereichen: bei öffentlichen Opfern wurde die Formel ausgesprochen: Wahret die Zunge! und wenn Ferien angesagt wurden: Man enthalte sich alles Streites und Haders! Bei der Lustration einer Colonie pflegte Der, welcher sie zu führen hatte, so wie, wenn der Heerführer dieselbe religiöse Feierlichkeit bei dem Heere, der Censor bei'm Volke verrichtete, zu Führern der Opferthiere Leute mit glückbedeutenden Namen zu wählen. Gerade darauf sehen die Consuln bei der Truppenaushebung, daß der zuerst aufgerufene Soldat einen günstigen Namen habe. Und du weißt wohl, daß du selbst als Consul und Oberfeldherr diese Sitte mit der größten Gewissenhaftigkeit beobachtet hast. Auch beobachteten unsere Vorfahren den Namen der Tribus, die zuerst zum Stimmen kam, als ein Omen bei gehörigen Auspicien. 46. Doch nun will ich auch bekannte Beispiele anführen, wo ein Omen bedeutsam gewesen. L. Paullus war, als er zum zweitenmale Consul war , den Krieg mit dem König Perses zu führen beauftragt worden. Wie er nun an demselben Tage gegen Abend nach Hause kam, und sein Töchterchen Tertia, damals ein noch ganz kleines Kind, mit 861 einem Kusse begrüßte, merkte er, daß sie etwas betrübt war. Was gibts, liebe Tertia, sagte er, warum bist du traurig? Ach Vater, sagte sie, Persa ist hin. Da umschlang er das Kind fester und sagte: Das Omen ist mir willkommen, gutes Kind. Es war ihr nämlich ein Hündchen gestorben, das Persa hieß. Den Flamen des Mars L. Flacius hörte ich erzählen, Cäcilia, des Metellus Tochter, sey einmal, als sie ihrer Schwester Tochter verheirathen wollte, in eine Capelle gegangen, um ein Omen abzuwarten. eine Sitte, die aus alter Zeit herstammt. Die Jungfrau stand neben der auf einem Sessel sitzenden Cäcilia. Lange ließ sich keine Stimme vernehmen. Da bat das Mädchen, das sich müde fühlte, ihre Muhme, sie möchte sie ein wenig auf ihrem Sitze ausruhen lassen. Ja mein Kind, erwiederte Diese, ich räume dir meinen Platz ein. Dieses Omen traf zu. Die Muhme starb bald darauf, die Jungfrau vermählte sich mit dem Manne, mit dem Cäcilia vermählt gewesen war. Daß man dergleichen verachten, wohl auch belachen kann, begreife ich vollkommen. Aber Das heißt eben das Daseyn der Götter wegläugnen, wenn man ihre Andeutungen verachtet. 47. Soll ich mich auch noch über die Auguren verbreiten? Das steht dir zu; ja du mußt eigentlich dich zum Vertheidiger der Auspicien aufwerfen. Hat dir ja, als du Consul warst, der Augur Appius Claudius gemeldet, als das Augurium über die [Staats-] Wohlfahrt zweideutig ausgefallen war, es werde ein einheimischer Krieg, voll Jammer und Verwirrung entstehen: und dieser brach wirklich nach wenigen Monaten aus, wurde jedoch von dir in noch wenigern Tagen gedämpft. Auf dieses Augurs Aussprüche 862 halte ich sehr viel. Denn er allein seit einer langen Reihe von Jahren besaß die Kunst, nicht blos das Augurium herabzuleiern, sondern wirklich die Zukunft zu erschauen. Zwar verlachten ihn deine Collegen, und hießen ihn bald einen Pisidischen, bald einen Soranischen Augur: und da ihnen vorkam, als liege in den Augurien oder Auspicien keine Ahnung des künftig Zutreffenden, so sagten sie, diese religiösen Gebräuche seyen von schlauen Köpfen ersonnen worden, um die Unkundigen am Gängelbande ihres Aberglaubens zu leiten. Daran ist aber gar nicht zu denken. Denn weder jene Hirten, an deren Spitze Romulus stand, noch Romulus selbst, waren solcher Schlauköpfigkeit fähig, daß sie, um das Volk irre zu leiten, religiöse Gaukelspiele ersonnen hätten. Aber die Schwierigkeit und die Anstrengung, die es kostet, diese Kunst zu lernen, hat Die, welche sie vernachläßigen, zu ihren beredten Gegnern gemacht. Denn sie wollen sich lieber breit darüber herauslassen, es sey gar Nichts an den Auspicien, als lernen, was denn an ihnen ist. Oder gibt es ein prophetischeres Auspicium, als das, welches du selbst in deinem Marius schilderst? Ich lasse dich am liebsten selbst für die Sache sprechen Außer dieser Stelle hat man von dem Gedichte Cicero's, Marius, nur noch ein Paar Verse. Sieh, der beschwingte Trabant des hochherdonnernden Gottes, Schnell von dem Stamme des Baums; durch den Biß der Schlange verwundet, Würget das Unthier gleich, es mit grimmigen Krallen durchbohrend, Wie es sich windet, zerfleischt er es ganz mit dem Schnabel zerhackend; 863 Als er den Grimm nun gekühlt und die quälenden Schmerzen gerächt hat, Wirft er es weg, wie es stirbt, und schleudert zerfetzt es ins Meer hin; Hebt dann vom Abend sich weg zu der strahlenden Seite des Aufgangs, Als ihn mit eilendbedeutsamem Flug, und in sinkendem Schweben Marius sah, ein Augur von göttlichbegeisterter Sehkraft, Eigenen Ruhms Vorzeichen erkennend darin und der Heimkehr: Donnerte Jupiter selbst zur linken Seite des Himmels, Also bestätigt der Vater des Adlers herrliches Omen. 48. Jene Augurenkunst des Romulus aber war eine hirtenmäßige, keine politischschlaue; nicht um die Unkundigen am Gängelbande des Aberglauben zu führen, sondern von Redlichen empfangen und weiter auf die Nachkommen verpflanzt. Romulus also, der Augur, wie es bei Ennius heißt, nebst seinem Bruder Remus, gleichfalls einem Augur Die Stelle steht beim Ennius im ersten Buche der Annalen. , Sorgend dieser und jener mit großer Sorge, begehrend Herrscher zu seyn, schau'n Beide mit Augurkunst nach den Vögeln, Hier hält Remus Auspicien sich, und erwartet den günst'gen Vogel allein, doch Romulus späht, der Schöne, vom hohen Aventinus hinaus, hochfliegende Vögel erwartend. Beide stritten, ob Roma, ob Rema die Stadt sie benennen: Jeglicher strebte zu wissen, Wer Herr seyn sollte mit Obmacht. Also schau'n sie, wie wenn zu dem Kampf das Zeichen der Consul Geben will, voll Gier zu der Oeffnung der hemmenden Schranken, Wann aus den farbigten Schlünden zur Bahn er die Wagen entlasse: Also harrte das Volk, und gespannt mit Mund und mit Blicken Wartet es, Welchem der Sieg und die Würde des Herrschers verlieh'n sey. 864 Indeß bleichet die Sonne der Nacht und versinkt in das Dunkel, Plötzlich erhebt weißglühenden Strahls sich die Helle des Tages. Und es erscheint aus der Höhe zugleich mit beglückendem Fluge Links herfliegend ein Vogel: und gleich steigt golden die Sonn' auf. Dreimal vier dann steigen vom Himmel heiliger Vögel Körper herein, und eilen im Flug nach günstigen Stellen. Da sieht Romulus, ihm sey jetzt beschieden der Vorrang, Und durch Auspicien sey ihm begründet der Thron und die Herrschaft. 49. Doch ich kehre nach dieser Abschweifung zu dem Gegenstande zurück, von welchem ich ausging. Vermag ich immerhin gar nicht auseinander zu setzen, warum jedes Einzelne sich ereigne, und beweise ich auch blos, daß das Angegebene geschehe, ist Das nicht hinlängliche Erwiederung gegen den Epikurus und Karneades? Ja gibt es nicht sogar einen Grund, auf dem die künstliche Weissagung beruht, und zwar einen leicht begreiflichen; und einen etwas schwerer verständlichen für die natürliche? Denn was aus Opfereingeweiden, aus Blitzen, aus Wunderzeichen, aus Sternen vorausgeahnet wird, das sind die aufgezeichneten Ergebnisse langwieriger Beobachtung. Die Länge der Zeit aber verschafft uns in allen Gegenständen bei lang fortgesetzter Beobachtung eine unglaubliche Gewandtheit, die auch möglich ist ohne Antrieb und Anstoß von Seiten der Götter; da, was auf jedes Anzeichen erfolgt, und was jeder Sache für ein Ereigniß vorauszugehen pflegt, durch häufige Wahrnehmung zu klarer Erkenntniß gebracht ist. Die andere Weissagung ist, wie gesagt, die natürliche, und diese muß durch eine feine in die Naturforschung eingehende Untersuchung mit dem Wesen der Gottheit in Beziehung gesetzt werden, von deren Natur, wie 865 die gelehrtesten und weisesten Forscher angenommen haben, unsere Seelen gleichsam vereinzelte Tropfen und Ausflüsse sind. Und da das All von unendlichem Lebensgefühl und göttlichem Selbstbewußtseyn durchdrungen ist, so muß die Verwandtschaft der Menschenseelen mit dem überall waltenden göttlichen Lebensgeiste auf dieselben wirken. Im Wachen freilich sind unsere Seelen im Dienste der Lebensbedürfnisse, und reißen sich von der Gemeinschaft mit dem Göttlichen los, weil sie von den Banden des Körpers sich nicht frei machen können: und nur ganz selten finden sich Menschen, die durch ihre Willensthätigkeit sich vom Körper losreißen, und sich mit angestrengtem Streben und Eifer der Betrachtung göttlicher Dinge hingeben. Sprechen Diese ein Augurium aus, so ist Dieß nicht ein Produkt [unbewußter] göttlicher Eingebung, sondern menschlicher Geistesthätigkeit. denn sie ahnen nicht nur künftige Ereignisse voraus, wo die [Andern unbemerkten] Naturkräfte walten, z. B. Ueberschwemmungen, sondern auch die einstige Auflösung des Himmels und der Erde durch Feuer. Andere aber im Staatsleben Bewanderte, wie uns die Geschichte von dem Athener Solon meldet, sehen eine sich erhebende Tyrannenherrschaft lange Zeit voraus: wir können diese Vorsichtige ( prudentes ) nennen, d. h. Vorsehende; Weissagende auf keine Weise, eben so wenig als den Thales von Milet, welcher, der Sage nach, um seine Tadler zum Schweigen zu bringen, und zu zeigen, daß auch ein Philosoph, wenn er es für der Mühe werth halte, Geld gewinnen könne, den gesammten Oehlertrag, noch vor der Blüthe der Oehlbäume, in dem Gebiete von Milet zusammenkaufte. Er mochte nämlich vermöge einer besondern [Natur-] 866 Kenntniß bemerkt haben, daß [dieses Jahr] der Oehlertrag ergiebig seyn werde. Derselbe Mann soll auch zuerst eine Sonnenfinsterniß, die sich unter des Astyages Regierung ereignete, vorausgesagt haben Im J. 597. v. C. Siehe die Stellen darüber in Simsoni Chronicon zum J. d. W. 3424. . 50. Vieles merken die Aerzte, Vieles die Steuerleute, Vieles auch die Landleute voraus: aber das Alles nenne ich keine Weissagung, nicht einmal den Fall, als der Naturforscher Anaximander die Lacedämonier warnend ermahnte, sie sollten ihre Stadt und ihre Häuser verlassen und im Freien campiren, weil ein Erdbeben bevorstände: zu der Zeit nämlich, als wirklich die ganze Stadt zusammenstürzte, und von dem Berge Taygetus das äußerste Ende, wie das Hintertheil eines Schiffes, losbrach. Auch dem berühmten Pherecydes, dem Lehrer des Pythagoras, gebührt nicht sowohl der Name eines Sehers, als eines Naturforschers, weil er aus der Betrachtung des aus einem lebendigen Brunnen geschöpften Wassers ein bevorstehendes Erdbeben prophezeite. Auch regt sich in der menschlichen Seele nie die natürliche Weissagungsgabe, außer wenn sie so ganz fessellos und ledig ist, daß sie außer aller Verbindung mit dem Körper steht. Dieß ist der Fall bei [begeisterten] Sehern oder bei Schlafenden. Deswegen läßt auch Dicäarchus diese zwo Gattungen [der Weissagung] gelten, und, wie gesagt, unser Kratippus. Thun sie Dieß deswegen, weil beide unmittelbar natürlich sind, so mögen diese Arten für die bedeutendsten gelten; nur behaupte man nicht, sie seyen die einzigen. Glauben sie aber der Beobachtung gar keinen Werth [in dieser Hinsicht] beilegen zu 867 dürfen, so heben sie Vieles auf, das mit dem wirklichen Leben in der engsten Verbindung steht. Es sehen also auch Diejenigen, deren Seelen sich mit Gewalt vom Körper losreißen, und sich ganz außer ihn versetzen, von einer gewissen innern Glut entflammt und aufgeregt, wirklich Das, was sie prophetisch voraus verkündigen; und solche Seelen, die außer Verbindung mit dem Körper treten, werden von manchen Dingen in Begeisterung versetzt, wie Diejenigen, welche durch die Wirkung gewisser Töne oder durch Phrygische Musik außer sich gesetzt werden. Viele fühlen sich in Hainen und Wäldern, Viele auf Strömen und Meeren aufgeregt, und ihr von Begeisterung ergriffener Geist, sieht das Künftige lange zuvor voraus. Zu dieser Art von Weissagungen gehört folgende Aus einem unbekannten Römischen Tragiker. : Seht, seht! O weh! entschieden hat ein großer Spruch:     Drei Göttinnen stritten um Schönheitsrang.     Der Spruch führt eine Spartanerin her:     Bald kommt sie, und wird zur Furie uns. Auf gleiche Weise nämlich ist von Begeisterten oft Vieles vorausgesagt worden, und nicht blos mit Worten, sondern auch in Versen, wie vormals Faunen und Schicksalsprecher gesungen Ist der zweite Vers aus dem 7ten Buche der Annalen des Ennius. . Auf ähnliche Weise sollen auch die Seher Marcius und Publilius geweissagt haben. Von dieser Art von Orakelsprüchen sind die Geheimnisse des Apollo, die man bekannt gemacht hat. Ich glaube, es hat auch gewisse Aushauchungen der 868 Erde gegeben, durch welche begeistert die Seelen [der Seher] Orakel ergossen. 51. Dieß nun ist die Art und Weise [der Weissagung] der Seher; wovon die durch Träume nicht verschieden ist. Denn was den Sehern im Wachen begegnet, Das begegnet uns im Schlafe. Wenn wir schlafen, so ist der Geist rege, ist frei von den Sinneseindrücken und aller Störung durch Sorgen, während der Körper da liegt und todtenähnlich ist. Weil aber die Seele von aller Ewigkeit her gelebt hat, und mit zahllosen Geistern umgegangen ist: so sieht sie Alles, was sich in der Natur befindet, vorausgesetzt, daß sie durch gemäßigten Genuß von Speisen und wenig Getränk in solche Stimmung versetzt ist, daß sie noch ihre Lebhaftigkeit behält, während der Körper betäubt ist. Das ist die Weissagung des Träumenden. Hier kommen wir auf die bedeutende, nicht natürliche, sondern künstliche Traumdeutung Antiphons, und wirklich, wie die Grammatiker Erklärer der Dichter sind, so gibt es auch eigene Deuter der Orakelsprüche und Weissagungen. Denn wie die Gottheit das Gold, das Silber, das Kupfer, das Eisen vergebens geschaffen hätte, hätte sie uns nicht auch belehrt, wie man zu den Adern dieser Metalle kommen könne: wie sie auch die Früchte des Bodens und die Baumfrüchte dem Menschengeschlecht ohne allen Nutzen verliehen hätte, hätte sie uns nicht zugleich belehrt, wie wir sie pflegen und aufbewahren müßten, endlich wie das Bauholz uns nichts helfen würde, wenn wir es nicht zu zimmern verständen; so ist mit jedem Vortheile, den die Götter den Menschen verliehen haben, auch eine Kunst in Verbindung, durch die uns der Genuß jenes Vortheils erst möglich wird. 869 Demnach hat man denn auch bei Träumen, Prophezeiungen und Orakelsprüchen, weil manche dunkel, manche zweideutig waren, die Erklärungen der Ausleger zu Rathe gezogen. Wie aber entweder die Seher oder die Träumenden Dinge sehen, die in dem Augenblicke durchaus nirgends vorhanden sind, Das ist eine große Frage. Aber ist einmal herausgebracht, was vorläufig untersucht werden muß, so wird der eigentliche Gegenstand der Frage bedeutend leichter. Denn die ganze Frage beruht auf der Schlußfolge, die du im zweiten Buche deines Werkes über das Wesen der Götter vorgetragen hast. Halten wir diese fest, so bleibt auch Das unumstößlich, was sich um den Punkt herumdreht, von dem jetzt die Rede ist: nämlich daß es Götter gibt, daß durch ihre Vorsehung die Welt regiert wird, und daß ihre Sorge für die menschlichen Angelegenheiten nicht nur ins Allgemeine, sondern auch ins Einzelne geht. Halten wir uns an Das, was mir wenigstens unwiderleglich scheint; so ist wahrhaftig die nothwendige Folge davon, daß die Götter den Menschen die Zukunft andeuten. 52. Allein man muß meines Erachtens unterscheiden, auf welche Weise es geschieht. Die Stoiker nämlich lassen nicht gelten, daß bei jedem einzelnen Leberspalt, bei jeder Stimme eines Vogels, die sich hören läßt, sich eine göttliche Einwirkung offenbare. Dieß wäre weder schicklich, noch der Götter würdig, noch auf irgend eine Weise möglich. sondern [sie sagen], es liege in der ursprünglichen Einrichtung der Welt, daß bestimmten Ereignissen bestimmte Andeutungen vorangehen, theils bei den Opfereingeweiden, theils bei den Vögeln; andere bei den Blitzen, andere bei Erscheinungen, 870 andere bei den Sternen, andere in den Gesichten der Träumenden, andere in den Aussprüchen der Rasenden. Wer diese Dinge richtig versteht, täuscht sich selten. Fehlerhafte Vermuthungen und schlechte Deutungen trügen freilich, nicht weil die Andeutungen falsch, sondern weil die Ausleger ungeschickt sind. Ist aber Dieß zugestanden, und steht es fest, daß es eine göttliche Kraft gebe, die über dem Menschenleben waltet; so hat es keine Schwierigkeit, bei Dem, was wir nun einmal wirklich sich ereignen sehen, auf das Wie und Warum zurückzuschließen. Denn schon bei der Wahl des Opferthieres kann ein gewisses durch die ganze Welt verbreitetes Allgefühl leiten; und dann kann, wenn man nun zu opfern im Begriff ist, gerade eine Veränderung in den innern Theilen des Thieres vorgehen, so daß entweder etwas fehlt, oder zu viel ist: denn es kostet nur einen kleinen Anstoß, so bildet die Natur Manches an, gestaltet es um oder nimmt etwas weg. Um uns hierüber allen Zweifel zu benehmen, mag uns schon Das als ein höchst auffallender Beweis dafür gelten, was kurz vor Cäsars Ermordung sich ereignet hat. Als Dieser nämlich an dem Tage, an dem er zum erstenmale auf dem goldenen Sessel saß, und im Purpurgewande ausging, opferte, fand sich in dem fetten Opferstiere kein Herz. Meinst du nun, es sey möglich, daß irgend ein Thier, das Blut in sich hat, ohne Herz leben könne? Das Ungewohnte dieses Ereignisses fiel ihm auf, und Spurinna sagte, es sey zu besorgen, daß Rath und Leben miteinander ausgehe: denn Beides gehe vom Herzen aus. Am folgenden Tage fand sich an der Leber [des Opferthiers] kein Kopf. Diese Winke gaben ihm die unsterblichen Götter, 871 um ihm seinen bevorstehenden Untergang anzukündigen, nicht um ihn zu veranlassen, demselben zu entgehen. Wenn sich nun solche Theile in den Opfereingeweiden nicht finden, ohne welche das Thier nicht hätte leben können, so ist nichts Anderes zu denken, als daß die fehlenden Theile gerade unter dem Opfern verschwunden sind. 53. Dasselbe Walten des göttlichen Geistes bewirkt auch bei den Vögeln, daß die mit bedeutsamem Fluge bald daher bald dorther ihren Flug nehmen, bald auf dieser bald auf jener Seite sich entfernen, und die, deren Stimmen bedeutsam sind, sich bald von der rechten, bald von der linken Seite hören lassen. Denn wenn jedes Thier mit vollkommener Freiheit seinen Körper bewegt, vorwärts, schräg, rücklings; wenn es seine Glieder in jeder ihm beliebigen Richtung biegt, dreht, streckt, einzieht; und das fast eher verrichtet, als es den Vorsatz dazu faßt: um wie viel leichter ist Dieß Gott, dessen mächtigem Winke Alles gehorcht? Er sendet uns theils Vorzeichen der Art, dergleichen uns die Geschichte viele aufbewahrt hat: wie wir denn z. B. lesen, wenn kurz vor Sonnenaufgang der Mond im Zeichen des Löwen verfinstert würde, so werde Darius und die Perser von Alexander und den Macedoniern überwunden werden, und Darius das Leben verlieren; und wenn ein Mädchen mit zween Köpfen geboren würde, so werde eine Entzweiung im Volke entstehen, Verführung und Ehebruch im Hause; und wenn ein Weib im Traume einen Löwen gebären würde, so werde der Staat, in dem es sich ereigne, von fremden Nationen überwunden werden. Hierher gehört auch der Fall, den wir bei Herodotus lesen, daß der stumme Sohn des 872 Krösus auf einmal gesprochen habe: durch welches Vorzeichen die gänzliche Vernichtung des Reiches und des Hauses seines Vaters verkündigt worden sey. Und steht nicht in allen unsern Geschichtschreibern, daß sich einmal um das Haupt des Servius Tullius ein Feuerschein gezeigt habe? Wie nun Dem, welcher sich mit einem durch gute Gedanken vorbereiteten Gemüthe, und wenn sonst Alles so beschaffen ist, daß es die ruhige Stimmung begünstigt, zur Ruhe begibt, im Schlafe wahre und zuverläßige Gesichte vorkommen; so ist auch ein unbeflecktes und reines Gemüth eines Wachenden zur Erkenntniß der wahren Bedeutung der Gestirne, der Vögel und der übrigen Anzeichen, auch der Opfereingeweide, aufgelegter. 54. Das ist es nämlich, was man uns von Socrates meldet, und was er in den Schriften der Socratiker oft selbst äußert: es sey [in ihm] etwas Göttliches, was er das Dämonische (δαιμόνιον) nennt, dessen Warnung er immer gehorcht habe, die sich nie aufmunternd, immer nur abmahnend, habe vernehmen lassen. So gab denn Socrates (und Wem sollte ein solcher Gewährsmann nicht genügen?) dem Xenophon auf sein Befragen, ob er sich an den Cyrus anschließen solle, erst seinen Rath nach eigener Ansicht, und fügte dann bei: Das ist nun einmal meine Ansicht, die eines Menschen: über Gegenstände aber, die so undurchschaulich und ungewiß sind, thut nach meiner Ueberzeugung eine Anfrage bei Apollo bessere Dienste, an den sich ja auch die Athener bei Fällen von Wichtigkeit in öffentlichen Angelegenheiten gewendet haben. Wir finden ferner in der Geschichte [des Socrates], daß Dieser, als er einmal seinen Vertrauten, Krito, mit verbundenem Auge erblickte, ihn gefragt habe. was 873 Schuld daran sey: und auf Dessen Antwort, es habe ihn beim Spazierengehen auf dem Felde ein angezogenes und zurückgeschnelltes Aestchen in's Auge geschlagen, habe ihm Socrates erwiedert: da hast du es nun: habe ich dich nicht vor dem Ausgehen vermittelst der mir inwohnenden Vorausahnungsgabe gewarnt? Ein anderer Vorfall, auch den Socrates betreffend, ist folgender. Die Athener waren unter der Anführung des Laches bei Delium geschlagen worden und auf der Flucht begriffen. Socrates floh mit dem Laches, und als man an einen Dreiweg kam, weigerte er sich, denselben Weg zu nehmen, den die Andern wählten, und gab Denen, die ihn fragten, warum er darauf bestehe, zur Antwort, die Gottheit mahne ihn ab. Und wirklich geriethen Die, die auf dem andern Wege geflohen waren, zwischen die feindliche Reiterei hinein. Eine Menge Fälle, wo Socrates eine bewundernswerthe Voraussagungsgabe entwickelte, hat Antipater gesammelt. Ich übergehe sie alle, denn du kennst sie, und ich brauche sie gerade nicht zur Verstärkung meiner Beweisführung. Doch ist jene Aeußerung dieses Philosophen besonders herrlich und fast göttlich, als er, durch ein ruchloses Gericht zum Tode verurtheilt, erklärte: er sterbe mit vollkommener Gemüthsruhe; denn weder als er aus dem Hause gegangen, noch als er die Bühne, auf welcher er sich verantwortet hatte, bestiegen, sey ihm von der Gottheit das gewohnte Zeichen der Warnung, als ob ihm ein Unglück drohe, gegeben worden. 55. Ich bin nun einmal der Ueberzeugung, daß, mag auch Manches von Denen, die durch Kunst oder aus Vermuthungsgründen weissagen, falsch angesehen werden, es 874 dennoch eine Weissagung gibt; daß aber die Menschen in dieser Kunst, wie in den übrigen Künsten, dem Irrthum ausgesetzt sind. Möglich, daß irgend ein blos unbestimmt gegebenes Zeichen für bestimmt genommen worden ist; möglich auch, daß irgend Etwas unbemerkt geblieben, entweder das [bedeutende] Zeichen selbst, oder [ein anderes] das jenes aufhob. Mir aber genügt zum Erweise Dessen, worauf mein ganzer Vortrag geht, nicht blos, daß recht Vieles, sondern auch wenn nur Weniges wirklich durch Weissagung vorausbemerkt und vorausgesagt worden ist. Ja auch Das möchte ich unbedenklich behaupten: ist auch in einem einzigen Falle wirklich Etwas so vorausgesagt und vorausbemerkt worden, daß es sich, als es sich zutrug, gerade so ereignete, wie es vorausgesagt worden, und dabei Nichts als blos Zufälliges und Ungefähres erscheint, so darf man eine Weissagung annehmen, und es muß sie Jedermann zugeben. Aus dem Grunde, glaube ich, muß alle Weissagungsgabe und Weissagungskunst, wie Posidonius thut, zuerst von Gott (und hierüber ist genug gesprochen worden), dann vom Schicksal, endlich von der Natur hergeleitet werden. Die Vernunft also nöthigt uns zu der Annahme, daß Alles was geschieht, durch das Schicksal (Fatum) geschehe. Fatum aber nenne ich, was die Griechen ειμαρμένη nennen, das heißt, die Reihe und den Zusammenhang der Ursachen, wenn eine sich an die andere anknüpfend eine Sache aus sich hervorbringt. Das ist die von aller Ewigkeit her in einem Flusse fortlaufende und zusammenhängende Wahrheit. Demnach ist nie Etwas geschehen, das nicht geschehen mußte, und eben so wird Nichts geschehen, dessen Ursachen, von denen es abhing, nicht in der Natur liegen. Daraus 875 ist begreiflich, daß Schicksal nicht in dem Sinne, wie es der Aberglaube versteht, sondern im Sinne philosophischer Naturforschung, die ewige Ursache der Dinge ist, der zu Folge nicht nur die bereits vergangenen Dinge geschehen sind, sondern auch die geschehen, die eben bevorstehen, und die künftigen geschehen werden. So ist es möglich, daß sich theils durch Beobachtung bemerken läßt, welche Folgen in der Regel jede Ursache begleiten, obwohl nicht immer: denn Das zu behaupten ist schwer: theils ist es wahrscheinlich, daß gerade diese Ursachen der künftigen Dinge von Denen erblickt werden, die sie entweder in der Raserei der Begeisterung oder im Schlafe sehen. 56. Da überdieß Alles durch das Schicksal geschieht, (was an einem andern Orte bewiesen werden soll,) so kann, falls es einen Menschen geben kann, der die Verkettung aller Ursachen im Geiste zu erschauen vermag, wahrhaftig einem solchen Nichts unbemerkt [ungeahnt] bleiben. Denn Wer die Ursachen der künftigen Dinge kennt, muß nothwendig auch Alles kennen, was geschehen wird. Da Dieß nun außer Gott Niemand kann, so bleibt dem Menschen nothwendig nur noch Das, daß er an gewissen Vorzeichen, welche das Künftige andeuten, die Zukunft vorausahne. Denn was künftig ist, tritt nicht plötzlich in die Wirklichkeit; sondern wie man ein Schiffstau abhaspelt, so entwickeln sich die Ereignisse im Verlaufe der Zeit, die nichts Neues hervorbringt, und immer nur das Ursprünglichwahre [das von jeher Nothwendige] zur Entfaltung bringt. Das sehen sowohl Die, denen die natürliche Weissagungsgabe verliehen ist, als Die, welche durch Beobachtung den Verlauf der Ereignisse bemerkt haben. 876 Sehen Diese auch gleich die Ursachen nicht, so sehen sie doch die Vorzeichen und Kennzeichen der Ursachen, und nimmt man dazu Gedächtniß und Aufmerksamkeit, so gewinnt man durch Beiziehung der Erfahrungen früherer Zeiten diejenige Weissagung, welche die künstliche heißt, nämlich die aus den Opfereingeweiden, den Blitzen, den Anzeichen und himmlischen Vorzeichen. Man braucht sich also nicht zu verwundern, daß die Weissagenden Das vorausempfinden, was [noch] nirgends ist. Denn es ist [eigentlich] Alles; nur noch nicht in die Zeit getreten. Und gerade wie in den Saamen schon die Dinge, welche aus ihnen erzeugt werden, ihrem Wesen [ihrer Kraft] nach liegen; so liegen in den Ursachen schon die künftigen Dinge verborgen, deren einstiges Kommen der Geist entweder in begeisterter Aufregung oder vom Schlafe entfesselt schaut, oder die Vernunft aus Gründen oder Vermuthung vorausbemerkt. Und wie Diejenigen, welche den Aufgang, den Untergang und die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der übrigen Gestirne kennen, lange zuvor vorhersagen, zu welcher Zeit jedes derselben sich zeigen werde, so verstehen Die, welche den Lauf der Dinge und die Aufeinanderfolge der Ereignisse durch lange Aufmerksamkeit an gewissen Zeichen erkennen, entweder immer, oder, wenn Dieß zu viel gesagt seyn sollte, meistentheils, oder, wenn man auch Das nicht einmal zugeben will, wenigstens zuweilen, was sich ereignen wird. Dieß und einiges Andere sind die aus dem Begriffe des Schicksals hergenommenen Beweise für die Weissagung. 57. Mit den von der Natur hergenommenen Beweisen verhält es sich etwas Anders. Hier wird darauf aufmerksam 877 gemacht, wie groß die Kraft der Seele sey, wenn sie von den körperlichen Gefühlen entfesselt ist; welcher Zustand besonders bei Schlafenden und bei Begeisterten eintritt. Denn so wie die Seelen der Götter ohne Augen, ohne Ohren, ohne Sprache einander verstehen: woher es auch kommt, daß die Menschen, selbst wenn sie ihre Wünsche nicht einmal aussprechen, oder stille Gelübde thun, überzeugt sind, daß es die Götter vernehmen; so sehen die Seelen der Menschen, wenn sie entweder durch den Schlaf vom Körper entfesselt sind, oder in der Begeisterung durch innern freien Drang sich erregt fühlen, Dinge, die sie in der Vermischung mit dem Körper nicht sehen können. Und dieser aus der Natur hergenommene Grund läßt sich vielleicht nur mit Mühe auf diejenige Art der Weissagung anwenden, die wir als ein Resultat der Kunst erklärt haben. Aber doch sucht Posidonius so gut als möglich auch Dieß herauszubringen. Er stellt den Satz auf, es liegen in der Natur gewisse Vorzeichen künftiger Dinge. Wir wissen nämlich, daß die Ceer alljährlich mit Sorgfalt den Aufgang des Hundssterns zu beobachten pflegen, und auf diese Beobachtung, wie Heraklides Ponticus schreibt, Vermuthungsschlüsse bauen, ob das Jahr gesund oder ungesund seyn werde. Gehe der Stern trüb und gleichsam verdüstert auf, so sey die Luft dick und dunstig, so daß deren Einathmung schwer und ungesund seyn werde: erscheine der Stern aber klar und hell, so deute Dieß auf eine dünne und reine und folglich gesunde Luft. Demokritus aber behauptet, es sey eine weisliche Einrichtung der Alten, daß man die Eingeweide der geschlachteten Opferthiere beschaue, aus deren Beschaffenheit und Farbe man auf Gesundheit oder 878 Ungesundheit schließen könne, auch wohl auf Seuchen; bisweilen auch ob Unfruchtbarkeit oder Fruchtbarkeit des Feldes bevorstehe. Hat diese von der Natur ausgehenden Zeichen die Beobachtung und die Erfahrung erkannt, so konnte die Länge der Zeit eine Menge Bemerkungen liefern, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, so daß Jener bei Pacuvius, der im Chryses als Naturforscher eingeführt wird, die Natur eben wenig gekannt zu haben scheint, [wenn er sagt] – den Leuten die der Vögel Sprache gar versteh'n, Und mehr aus fremder Leber, als aus eigner, seh'n, – Horch ihnen zu, jedoch gehorchen mußt du nicht. Warum denn nicht, da du doch wenige Verse weiter unten treffend sagst: Was das All beseelt und bildet, nährt und wachsen läßt und schafft, Und begräbt und in sich aufnimmt, ist des Weltalls Vater auch, Schafft es neu gebärend, bis es wieder dorthin untergeht. Was hindert also, daß, da Alles ein, und zwar ein gemeinsames Haus hat, und da die Seelen der Menschen immer gewesen sind und seyn werden, diese nicht sollten erkennen können, was aus jedem [Vorangegangenen] folgt, und durch was jedes voraus angedeutet wird? Und hiemit, sagte er, habe ich meine Ansicht von der Weissagung dargelegt. 58. Nur noch meine feierliche Erklärung, daß ich weder die Looswahrsager, noch Die, welche aus dem Prophezeiten ein Gewerbe machen, noch selbst die Geisterweissagungen, deren sich dein Freund Appius so gern bediente, anerkenne: überhaupt Die folgenden Verse sind aus dem Telamon des Ennius. 879 Tauben Nüssen gleich beacht' ich, was ein Marser-Augur spricht, Opferschauer auf den Straßen, Circus-Astrologen auch, Nicht, was Isispriester faseln und der Träumedeuter Zunft; Nicht durch Wissenschaft durch Kunst nicht, mögen sie das Künft'ge schau'n; Schwärmer sind sie, abergläubisch, oder deuteln unverschämt, Dumme oder gar Verrückte, oder Die der Mangel drängt; Die den Fußpfad selbst nicht finden, Andern weisen Weg und Steg, Denen Schätze sie versprechen, betteln sie den Groschen ab. Nehmt den Groschen von dem Schatze: gebt das Andre dann nur her. Das spricht Ennius, der wenige Verse weiter oben bestimmt Götter annimmt, doch meint, Daß sie wenig sich bekümmern, wie's dem Menschenhaufen geht. Ich aber, der ich überzeugt bin, daß sie sich darum bekümmern, daß sie auch warnen und Vieles voraussagen, nehme eine Weissagung an, will aber alles Gehaltlose, alle Windbeutelei und Schlechtigkeit davon ausgeschieden wissen. Als Quintus hiemit seinen Vortrag geschlossen hatte, erwiederte ich: Trefflich wohl gerüstet bist du . . . . Der Schluß des Buches ist verloren. 880 Uebersicht des zweiten Buches. I. Einleitung. Cicero zählt der Reihe nach seine bisher verfaßten philosophischen und rhetorischen Werke auf, gibt kurz ihren Zweck und Inhalt an, und schließt die Einleitung mit einer Aufmunterung zum Studium der Philosophie und einer Herzenserleichterung über die gegenwärtigen innern Staatsverhältnisse Roms. Cap. 1 . 2. II. Widerlegung der von Quintus im ersten Buche aufgestellten Ansicht, und Darstellung der ganzen Weissagungskunst in ihrer Nichtigkeit. 1) Auseinandersetzung des Carneadeischen Beweises gegen dieselbe, welcher die Weissagung aus dem Grunde läugnete, weil sich gar kein Gegenstand oder kein Stoff für sie nachweisen lasse. Für die sinnlichen Wahrnehmungen, sagt er, gebe es weder eine Weissagung, noch bedürfe man eine; eben so wenig für die Gegenstände der Künste und Wissenschaften oder des Staatslebens. Cap. 3 . 4. Auch lasse sich nicht sagen, die Weissagung habe die zufälligen Dinge zu ihrem Gegenstande, da z. B. Winde, Krankheiten und vieles Andere zufällig sey, und doch nach den Stoikern nicht in das Gebiet der Weissagung gehöre. Nenne man aber zufällig, was sich weder durch Vernunftschlüsse, noch durch Kunst voraussetzen lasse, eben weil es auf dem Zufalle beruhe; so könne es davon kein Vorauswissen geben. Läugnen aber die Stoiker den Zufall ganz, und lassen sie Alles von Ewigkeit her vom Schicksal bestimmt seyn, so sey die Weissagung zwecklos und werthlos, Cap. 5 –8; noch abgesehen davon, daß die Kenntniß künftiger Dinge für uns 881 nicht einmal gut seyn würde, sondern uns beunruhigen und das Leben verbittern müßte. Cap. 9 . 10. 2) Nach diesem Vorpostengefecht, wie er es nennt, greift er nun die einzelnen Gattungen der Weissagung an, und bestreitet die dafür von Quintus im Sinn der Stoiker vorgebrachten Gründe: ( Cap. 11 . Recapitulation der Eintheilung:) a) die Eingeweideschau, als gänzlich widersinnig in jeder Hinsicht, Cap. 12 –16; b) die Weissagung aus den Blitzen; sie habe ihre Quelle in der Furcht der Menschen in den Zeiten der Kindheit der Menschheit; auch wäre nicht zu begreifen, warum, wenn die Blitze überhaupt bedeutsam wären, so unzählig viele in Gegenden fielen, wo sie nicht bemerkt werden könnten. Ein Zusammentreffen eines Blitzes aber mit einem besondern Ereigniß sey reiner Zufall. Cap. 17 –21; c) Die Weissagung aus sogenannten Vorzeichen oder Wundererscheinungen; diese seyen α) größtentheils erdichtet oder halbwahr; β) oder man wundere sich über sie nur, weil sie selten seyen, unmöglich seyen sie aber nicht, sonst wären sie nicht geschehen; γ) sie seyen zwecklos, wenn sie ohne Deuter nicht verstanden werden und man ihren Folgen nicht ausweichen könne; δ) die Deutungen selbst seyen ungewiß und oft widersprechend. Cap. 22 –32; d) Die Auspicien; α) man behalte sie im Grunde nur noch aus einer gewissen Achtung vor ihrem Alter, wegen des abergläubischen Volkes und zur Erreichung politischer Zwecke bei; β) sie seyen selbst in Rom fast ganz außer Gebrauch gekommen, in Folge eines gewissen Gefühls ihres Unwerths; γ) sie seyen in sich selbst inconsequent, und bei verschiedenen Völkern verschieden. Cap. 33 –40; e) Die Loose; ihr Ursprung (besonders der der Pränestinischen) sey fabelhaft; auch seyen sie jetzt selbst vom Volke ganz verachtet. Cap. 41 ; 882 f) Die Sterndeuterkunst der Chaldäer; α ) sie werde von den bedeutendsten Astronomen selbst verworfen. β) der Einfluß der Gestirne auf das Menschenleben sey unbegreiflich; eher sollte man Einflüsse der Atmosphäre und des Klima's und Bodens vermuthen; γ) bei gleicher Constellation haben Menschen ganz verschiedene Schicksale; δ) die in demselben Augenblicke an verschiedenen Orten Geborenen sind wegen Verschiedenheit des Horizonts doch nicht unter gleicher Constellation geboren; ε) der Einfluß der Erzeugung ist bei der Astrologie ganz übersehen. Cap. 42 –47. Hiemit wird die künstliche Weissagung für widerlegt erklärt. 3) Widerlegung der natürlichen Weissagung. Cap. 48 : a) die Weissagung der Verrückten oder Begeisterten. α) Es ist widersinnig, daß, Wer nicht bei Sinnen ist, mehr sehen soll, als Wer bei Verstande ist; β) die Sibyllinischen Bücher sind nicht einmal ein Werk der Begeisterung, sondern ein künstliches Machwerk; γ) die übrigen berühmten Weissagungen sind fabelhaft; die Aussprüche der Orakel selbst entweder falsch, oder zufällig zugetroffen, oder zweideutig oder dunkel; δ) die Orakel haben längst aufgehört, welches nicht geschehen wäre, wären sie durch göttliche Kraft entstanden gewesen. Cap. 49 –57; b) die Träume: α) schon die Wachenden täuschen sich oft und halten Etwas mit Unrecht für wahr; um wie viel täuschender müssen Traumgesichte seyn; β) ein zufällig eintreffender Traum beweist Nichts für die Bedeutsamkeit der Träume überhaupt; γ) wären selbst die Träume göttlich, so würden sie wegen der Unsicherheit der Deutung keinen Werth haben. Cap. 58 –71. Zwischenein wird auch die Stoische Beweisführung, durch Beispiele statt durch Gründe siegen zu wollen, getadelt; ferner ihre 883 Abweisung des Wie und Warum, und ihre Genügsamkeit, wenn sie glauben mit dem Ob im Reinen zu seyn; ferner ihre Annahme unerwiesener Vordersätze bei'm Schließen, endlich auch der Chrysippische Beweis ( I. 32 .) widerlegt. 4) Schluß: Nichts soll in uns und im Staate fester wurzeln, als die Religion; Nichts mehr mit der Wurzel ausgerottet werden, als Aberglaube und Wahn. Cap. 72 . Zweites Buch. 1. Bei meinem wiederholten und lange fortgesetzten Nachdenken über die Art und Weise, wie ich recht gemeinnützig wirksam seyn könnte, um zu keiner Zeit aufzuhören, dem Vaterlande nützlich zu seyn, fand ich keinen Gegenstand von größerer Wichtigkeit, als die Bemühung für die wissenschaftliche Ausbildung meiner Mitbürger, der ich schon durch mehrere Werke Vorschub gethan zu haben glaube. Ich habe nämlich nicht nur unter dem Titel »Hortensius« eine Schrift geschrieben, in der ich so nachdrücklich als möglich zum Studium der Philosophie aufmunterte, sondern habe in den vier Büchern Academischer Untersuchungen auch dargethan, welches philosophische System ich für das am wenigsten anmaßende, für das folgerechteste und eine geschmackvolle Darstellung am meisten begünstigende halte. Und da meiner Ansicht nach die Grundlage der Philosophie darauf beruht, Was man als das höchste Gut und als das höchste Uebel betrachtet, so habe ich dieses wichtige Capitel in fünf Büchern in's Reine gebracht, so daß man darüber in's Klare kommt, Was von jedem 884 Philosophen und Was gegen jeden Philosophen (hierüber) vorgebracht worden ist. Eben so viele Bücher Tusculanischer Unterhaltungen, die sich daran anschlossen, haben diejenigen Hauptpunkte in's Licht gesetzt, die zum wahren Lebensglücke besonders nothwendig sind. Das erste nämlich handelt von der Todesverachtung; das zweite von der Erduldung des Schmerzes; von den Mitteln zur Linderung des Kummers das dritte; das vierte von den übrigen Störungen der Gemüthsruhe; das fünfte umfaßt ein Capitel der Philosophie, das auf die ganze Wissenschaft ein vorzüglich herrliches Licht wirft; es lehrt nämlich, daß die Tugend zum seligen Leben weiter Nichts als sich selbst bedürfe. Nach der Herausgabe dieser Bücher verfaßte ich drei über das Wesen der Götter, welche diesen Punkt ausführlich erörtern. Um aber die Untersuchung ganz vollständig und umfassend zu geben, habe ich in vorliegendem Werke die Erörterung über die Weissagung begonnen; habe ich dann einmal (und Dieß ist mein Vorsatz) noch eine Abhandlung über das Schicksal daran angeschlossen, so möchte wohl diese ganze Untersuchung als vollkommen abgethan betrachtet werden dürfen. Zu diesen (philosophischen) Schriften gehören auch meine sechs Bücher vom Staate, die ich zu der Zeit verfaßte, als ich das Ruder des Staates in den Händen hatte. Ein wichtiges Capitel, das ganz in das Gebiet der Philosophie gehört, und worüber sich Plato, Aristoteles, Theophrastus und die ganze Peripatetische Schule auf's umfassendste verbreitet haben. Ich darf auch vielleicht mein Trostbuch hierher rechnen, das mir wenigstens nicht wenig Trost in meinem Schmerze gewährt, und wohl auch Andern von bedeutendem Nutzen seyn möchte. Zwischenein 885 habe ich auch neulich die Schrift geschrieben, die ich meinem Atticus unter dem Titel »Ueber das Greisenalter« zugeeignet habe. Weil aber die Philosophie es ist, die den Mann veredelt und muthig macht, so gehört besonders auch mein Cato in die Reihe dieser Schriften. Und da Aristoteles und auch Theophrastus, Männer die sich durch Feinheit wie durch Reichthum der Gedanken auszeichneten, neben ihren philosophischen Werken auch Lehrbücher der Redekunst abgefaßt haben, so dürfen sich, scheint mir, auch meine rhetorischen Schriften an meine obigen anschließen. Das sind dann drei vom Redner; ein viertes Brutus und ein fünftes der Redner betitelt. 2. Das ist das Verzeichniß meiner bisherigen Schriften. Rüstigen Muthes eile ich vorwärts zu dem noch nicht Bearbeiteten, mit dem festen Vorsatze, wofern nicht ein Hinderniß von Wichtigkeit eintritt, keinen Zweig der Philosophie übrig zu lassen, daß er nicht, in die Lateinische Literatur verpflanzt, (meinen Landsleuten) zugänglich würde. Kann ich denn (in meiner gegenwärtigen Lage) ein größeres und besseres Geschenk auf den Altar des Vaterlandes legen, als wenn ich dessen heranwachsende Jugend belehre und bilde? besonders bei dem gegenwärtigen Sittenverderbniß und in einer Zeit, wo sie so tief gesunken ist, daß Vereinigung aller Kräfte nöthig ist, wenn sie gezügelt und gebändigt werden soll. Doch ich rechne gar nicht auf die Möglichkeit (wie denn auch ein solcher Erfolg gar nicht zu verlangen ist), daß alle Jünglinge diese Studien lieb gewinnen. Fänden sich doch nur Wenige! Ihre Thätigkeit wird im Vaterlande einen weiten Spielraum finden. Ich, für meine Person, finde mich für meine 886 Anstrengung auch durch Diejenigen belohnt, welche in schon vorgerücktem Alter meine Schriften genügend finden. Ihr Eifer, mit dem sie sie lesen, spornt meine Lust zum Schreiben täglich mehr; und ich finde, daß deren Mehrere sind, als ich vermuthete. Auch Das gereicht uns zur Ehre, und erhöht den Ruhm der Römischen Nation, wenn sie es einmal dahin gebracht hat, die Griechischen Schriften im Fache der Philosophie entbehren zu können. Und dahin bringe ich es sicher, wenn ich meinen Plan vollends ausführe. Mich hat nun einmal das große Unglück unseres Vaterlandes auf die Philosophie und deren schriftliche Darstellung geworfen, da ich während der Bürgerkriege weder dem Staate auf meine gewohnte Weise mit Erfolg dienen, noch müßig bleiben konnte, und doch auch nichts Besseres, das meiner würdig wäre, zu thun wußte. Meine Mitbürger werden mir also verzeihen, oder vielmehr es mir Dank wissen, daß ich, da der Staat in der Gewalt eines Einzigen war, mich nicht ganz zurückzog und alle [Thätigkeit für das Gemeinwohl] aufgab, daß ich nicht ganz trostlos wurde, und mich nicht so betrug, als wäre ich über den Mann und die Zeiten erbittert, und daß ich doch dabei weder irgend Jemanden geschmeichelt oder sein Glück so herrlich gefunden habe, daß ich das meinige nicht hätte gern ertragen wollen. Denn so viel hatte mich mein Plato und das Studium der Philosophie gelehrt, daß es im Leben der Staaten nach dem Gange der Natur gewisse Perioden gibt, so daß sie das einemal die Vornehmen an der Spitze haben, dann wieder die Regierung in den Händen des Volkes, ein anderesmal in den Händen Einzelner ist. Da sich nun der letztere Fall in unserem Vaterlande ereignet hatte, 887 begann ich, da es in meinem frühern Wirkungskreise für mich nichts mehr zu thun gab, mich auf's neue auf diese Studien zu legen; theils, weil ich gerade sie für am besten geeignet hielt, mein Gemüth vom Gram zu entlasten, theils weil ich zugleich meinen Mitbürgern auf diese mir allein noch mögliche Weise nützen zu können gedachte. Hatte ich vorher mündlich abgestimmt und Reden an das Volk gehalten, so mußten für das nun meine Bücher einstehen, und ich betrachtete jetzt die Philosophie als mein eigentliches Geschäft, statt der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten. Gegenwärtig, da man mich über den Staat (wieder) zu Rathe zu ziehen begonnen hat, muß ich dem Staate meine Thätigkeit widmen, oder vielmehr all' mein Denken und Sorgen auf ihn richten, und diesem Studium (der Philosophie) darf ich nur die mir von öffentlichen Geschäften und meinem Amte frei bleibende Zeit widmen. Doch hierüber ein andermal ausführlicher; jetzt zurück zu der begonnenen Untersuchung. 3. Als nämlich mein Bruder Quintus seine im vorigen Buche aufgezeichneten Ansichten über die Weissagung entwickelt hatte, und wir nun nicht weiter lustwandeln wollten, setzten wir uns in der Bibliothek, die sich im Lyceum befindet, nieder. Das war einmal von dir, sagte ich, mein Quintus, eine gründliche und ächt stoische Vertheidigung der Ansicht der Stoiker; und, was mich besonders freut, du hast deine meisten Beispiele aus unserer Geschichte hergenommen, und zwar berühmte und von bedeutenden Personen. Meine Aufgabe ist nun, mich auf die von dir vorgebrachten Erörterungen einzulassen, jedoch so, daß ich Nichts entscheidend ausspreche, Alles untersuche, meistens im Tone des Zweifels, 888 und nichts weniger als zuversichtlich. Denn wüßte ich hierüber etwas ganz Gewisses zu sagen, so wäre mein Vortrag selbst eine Weissagung [so könnte Dieß nur durch eine göttliche Eingebung oder Mitwirkung seyn], und doch gebe ich die Wirklichkeit der Weissagung nicht einmal zu. Ich sehe mich dazu durch Das bestimmt, was besonders Carneades als einen noch zu untersuchenden Gegenstand aufzustellen pflegte, auf welcherlei Dinge sich denn die Weissagung erstrecke. ob auf die, welche durch die Sinne erfaßt werden? Allein diese sehen, hören, schmecken, riechen, betasten wir. Ist also in diesen Gegenständen Etwas, was wir besser durch Voraussehen oder geistige Aufregung, als durch unsere Naturanlage wahrnehmen könnten? so daß so ein mit Weissagungsgabe Begabter, falls er blind wäre, wie z. B. Tiresias, dennoch angeben könnte, was weiß und was schwarz ist? oder, wenn er taub wäre dennoch die mannichfaltigen Stimmen und Melodien zu unterscheiden vermöchte? Auf keinen also von denjenigen Gegenständen, die sich durch die Sinne wahrnehmen lassen, läßt sich die Weissagung anwenden. Allein es bedarf auch selbst für diejenigen Gegenstände, die mit [und durch] Kunst behandelt werden, keiner Weissagung. Rufen wir doch zu den Kranken keine Seher und Wahrsager, sondern Aerzte herbei; und Wer Saiten- oder Blaseinstrumente spielen lernen will, läßt nicht Haruspices kommen, um sich von ihnen unterrichten zu lassen, sondern Musiker. Und so verhält es sich auch mit der literarischen Ausbildung, und mit den übrigen Gegenständen, für die es einen Unterricht gibt. Meinst du wohl, Diejenigen, welche für Weissager gelten, verstehen [vermöge ihrer Kunst] die Frage zu beantworten, ob die Sonne größer sey, 889 als die Erde, oder so groß, als sie aussehe? ob der Mond mit eigenem Lichte, oder dem der Sonne glänze? welche Bewegung Sonne und Mond haben? und welche die fünf Sterne, die man Irrsterne nennt? So wenig die sogenannten Weissager [als solche] sich anmaßen, diese Fragen beantworten zu können, so wenig nehmen sie sich heraus, im Fache der geometrischen Zeichnungen über das Richtige und Unrichtige entscheiden zu wollen; das ist ja Sache der Mathematiker, nicht der Wahrsager. 4. Oder gibt es etwa im Gebiete der Philosophie Gegenstände, über die irgend ein Weissager zu entscheiden pflegte, oder worüber man ihn zu Rathe zöge, was ein Gut, was ein Uebel, oder was keins von beiden sey? Denn Das ist das eigenthümliche Gebiet der Philosophen. Oder erkundigt sich etwa Jemand beim Haruspex was er für Pflichten im Verhältnisse zu seinen Eltern, seinen Geschwistern, seinen Freunden habe? wie er das Geld anwenden, wie er sich bei einem Ehrenamte, oder einer Befehlshaberstelle benehmen müsse? Darüber zieht man doch in der Regel die Weisen, nicht die Weissager zu Rathe. Und in Beziehung auf die Gegenstände der Dialektik oder der Naturforschung, kann doch wohl Keiner von den Letztern durch seine Weissagungskunst bestimmen, ob es eine Welt oder mehrere gebe? was denn die Uranfänge der Dinge seyen, ans denen sie sämmtlich entstehen? Das müssen die Naturforscher verstehen. Und Wer lehrt dich denn den Lügenschluß, Bei Gellius (18, 2,) lautet er so: »Wenn ich lüge, und sage, daß ich lüge, lüge ich, oder sage ich die Wahrheit? Bei Cicero ( Acadd. II, 29.). »Sagst du du lügest, und sagst damit die Wahrheit, so lügst du; du sagst aber du lügest, und sagst damit die Wahrheit, also lügst du.« den sie ψευδόμενος nennen, 890 auflösen? oder wie willst du dich des Streites erwehren, den man, wenn es nöthig ist, Haufenschluß [lat. Acervalis ] Er lautet ungefähr so: Wenn ein Haufen aus Körnern besteht, so ist die Frage: »Das wievielste Korn macht einen Haufen? oder bei der Wegnahme des wievielsten Kornes hört ein Haufen auf ein Haufen zu seyn?« nennen könnte? Doch es bedarf keiner Uebersetzung; denn so wie das Wort Philosophie selbst, und viele Griechische Ausdrücke, so ist auch Sorites in unserer Sprache gebräuchlich genug. Also auch darüber werden die Dialektiker Aufschluß geben, nicht die Weissager. Und wenn die Frage ist, welches die beste Staatsverfassung und die besten Gesetze seyen; welche Sitten etwas taugen, und welche nichts; wird man zur Beantwortung Haruspices aus Etrurien kommen lassen, oder werden die ersten Staatsmänner und ausgewählte, der bürgerlichen Einrichtung kundige Leute darüber entscheiden? Gibt es nun für die Gegenstände keine Weissagung, die in das Gebiet des Sinnengebrauches fallen, und keine für die, welche in der Philosophie erörtert werden; endlich keine für diejenigen, welche das Staatsleben betreffen; so sehe ich wahrhaftig keinen Wirkungskreis mehr für sie, den sie in Anspruch nehmen könnte. Denn sie muß sich entweder auf Alles erstrecken, oder es muß ihr doch ein Stoff angewiesen werden, in welchem sie ihren Spielraum haben kann. Allein auf Alles kann sie sich nicht erstrecken, Das hat sich durch meine Folgerungen erwiesen; und doch findet sich auch kein 891 (einzelner) Raum oder Stoff, den wir der Weissagung als ihr Gebiet anweisen könnten. Und darum möchte es am Ende wohl gar keine Weissagung geben. 5. Es gibt einen bekannten Griechischen Vers folgenden Sinnes: Wer richtig schließt, der beste Seher sey er mir. Dieß ist nach Plutarch ( de Orac. def. p. 432. C. ) ein Vers des Euripides. Da frage ich denn, wird ein Seher besser schließen, als ein Steuermann, was für eine Witterung bevorsteht? oder wird er die Natur einer Krankheit scharfsinniger erkennen, als ein Arzt, die Führung eines Krieges besser durch Vermuthungsschlüsse verstehen, als ein Feldherr? Allein ich habe wohl bemerkt, Quintus, daß du die Weissagung klüglich aus dem Gebiete der Vermuthungen, wo Kunst und Erfahrenheit anwendbar ist, und derjenigen Dinge, die durch die bloßen Sinne ohne Kunst aufgefaßt werden, hinausgespielt, und folgende Definition von ihr gegeben hast: »Die Weissagung sey die Vorausverkündigung und Vorausahnung derjenigen Dinge, die im Gebiete des Zufalls liegen.« Aber erstlich heißt Das sich im Kreise herum bewegen. Denn das Vorausbemerken des Arztes, des Steuermanns und des Feldherrn geht auch auf zufällige Dinge. Wird also ein Haruspex, oder ein Augur, oder ein Seher, oder ein Träumender besser schließen können, daß entweder ein Kranker davon kommen, oder ein Schiff der Gefahr, oder ein Heer dem Hinterhalte entrinnen werde, als ein Arzt, als ein Steuermann, als ein Feldherr? Nun aber sagtest du, Das gehöre nicht einmal in den Wirkungskreis eines Weissagers, bevorstehende Winde oder Platzregen an gewissen Zeichen zum 892 voraus zu erkennen (bei welcher Gelegenheit du ein Stück aus meiner Uebersetzung des Aratus aus dem Gedächtnisse hergesagt hast); wiewohl gerade diese Dinge zufällig sind, denn sie ereignen sich gemeiniglich, aber nicht immer. Was ist nun, oder in welchem Kreise bewegt sich das Vorausahnen zufälliger Dinge, das du Weissagung nennst? Denn Was sich durch Kunst oder durch Vernunftschlüsse, oder Erfahrung, oder Vermuthung voraus bemerken läßt, Das soll man nach deiner Ansicht nicht Weissagenden sondern Kundigen zutheilen. Und so bleibt denn weiter nichts, als daß man diejenigen zufälligen Ereignisse prophezeien könne, die sich durch keine Kunst noch Geschicklichkeit voraussehen lassen, so daß z. B. Derjenige, welcher dem M. Marcellus, der dreimal Consul gewesen, viele Jahre zum voraus gesagt hätte, er werde in einem Schiffbruche umkommen, wirklich geweissagt hätte. Denn sonst eine Kunst oder Geschicklichkeit hätte ihn Das nicht lehren können. Das Vorausahnen solcher Dinge also, die auf dem Zufalle beruhen, ist Weissagung. 6. Läßt sich nun von den Dingen, für die es keinen Grund gibt, warum sie erfolgen sollten, irgend ein Vorausahnen annehmen? Denn was Anderes heißt Ungefähr, Zufall, Schicksal, Glück oder Unglück, als wenn Etwas sich so zuträgt, so ereignet, daß es sich entweder hätte nicht zutragen und ereignen, oder anders zutragen und ereignen können? Wie läßt sich nun Das, was ohne Grund geschieht, durch blinden Zufall oder den Unbestand des Glückes vorausahnen oder voraussagen? Ein Arzt sieht durch Vernunftschlüsse voraus, wenn eine Krankheit gefährlicher wird; ein Feldherr feindliche Nachstellungen, Stürme der Steuermann; und doch 893 täuschen sich eben Diese oft, ungeachtet sie Nichts ohne Gründe, deren sie sich recht gut bewußt sind, thun. Der Landmann z. B. erwartet, wenn er den Oehlbaum blühen sieht, er werde auch Früchte sehen, und nicht ohne Grund; aber doch täuscht er sich zuweilen. Täuschen sich nun Diejenigen, die Nichts ohne einen wahrscheinlichen Vermuthungsschluß und ohne Grund sagen, Was muß man von der Vernunft Derjenigen halten, die aus Opfereingeweiden oder Vögeln, oder Vorzeichen, oder Orakelsprüchen, oder Träumen Künftiges vorausdeuten? Ich sage noch nicht einmal, wie so ganz nichtig diese Zeichen sind, ein Schnitt in der Leber, das Gekrächz eines Raben, der Flug eines Adlers, das Schießen eines Sterns, Stimmen [Worte] von Rasenden, Loose, Träume. Ueber jedes dieser Dinge will ich mich am gehörigen Orte verbreiten. Jetzt hierüber im allgemeinen Folgendes: Wie läßt sich voraussehen, daß sich Etwas ereignen werde, was weder irgend einen Grund hat, noch ein Kennzeichen, warum es geschehen werde? Sonnen- und Mondsfinsternisse werden auf viele Jahre von Denen vorausgesagt, welche die Bahnen und Bewegungen der Gestirne berechnen. Denn sie sagen Das voraus, was die Natur in ihrem nothwendigen Gange gewiß zur Erscheinung bringen wird. Sie sehen aus der sich vollkommen gleich bleibenden Bewegung des Mondes, daß er, wenn er der Sonne gegenüber in den dunkeln Schattenkegel der Erde tritt, nothwendig verfinstert werden muß; daß dagegen der Mond, wenn er unmittelbar vor der Sonne und ihr gegenüber steht, unsern Augen ihr Licht verdunkelt; sie sehen in welchem Zeichen und zu welcher Zeit jeder Planet darin seyn, was an jedem Tage für ein Gestirn aufgehen oder 894 untergehen werde. Was aber Die, welche Dieß voraussagen, für einen Grund dazu haben, ist dir klar. 7. Wer dir sagt, du werdest einen Schatz finden, oder eine Erbschaft bekommen, auf Was gründet er seine Versicherung? oder wo liegt ein natürlicher Grund eines solchen Erfolges? Und hat etwa Dieses oder Aehnliches der Art einen solchen in der Naturnothwendigkeit liegenden Grund, was berechtigt dann noch zu der Annahme, es geschehe durch Zufall oder von Ungefähr? Denn Nichts ist so unverträglich mit der Vernunft und der Consequenz, als der Zufall; so daß ich wirklich nicht einmal es für die Gottheit für möglich halte, zu wissen, Was durch Zufall und durch's Ungefähr sich begeben werde; denn weiß es die Gottheit, so ist es ja wohl gewiß, daß es geschehen wird; ist es gewiß, daß es geschehen wird, so ist kein Zufall da; nun aber gibt es einen Zufall, folglich ist Vorausahnung des Zufälligen unmöglich. Läugnest du aber die Wirklichkeit des Zufalls, und behauptest, es sey Alles, was geschieht und geschehen wird, von aller Ewigkeit her vom Schicksal bestimmt, so mußt du deine Definition der Weissagung ändern, weil du sie für eine Vorausahnung derjenigen Dinge erklärtest, die im Gebiete des Zufalls liegen. Kann nämlich Nichts geschehen, Nichts vorfallen, sich Nichts ereignen, außer was von aller Ewigkeit her zu vorausbestimmter Zeit sich zu ereignen verhängt war; wo bleibt dann der Zufall und seine Möglichkeit? und ist diese verschwunden, wo bleibt dann Raum für die Weissagung, die du ja Vorausahnung zufälliger Dinge genannt hast? Wiewohl du sagtest, Alles, was geschehe oder geschehen werde, liege im Bereiche des Schicksals. 895 Wahrhaftig, der Name Schicksal ist ein Popanz für alte Weiber, und öffnet dem Aberglauben Thür und Thore. Und dennoch wissen die Stoiker von diesem Schicksal so viel zu sagen. Doch davon ein andermal; jetzt zur Hauptsache. 8. Wenn Alles dem Schicksal zu Folge geschieht, Was hilft mir dann die Weissagung? Denn was Der, welcher weissagt, voraussagt, das ist eben Das, was geschehen wird. Und so begreife ich denn wirklich nicht, Was unsern Freund und Vertrauten Deiotarus bestimmt hat, als ihn ein Adler von der schon angetretenen Reise zurückrief. Wäre er nicht umgekehrt, so hätte er in dem Zimmer übernachten müssen, das in der nächsten Nacht zusammenstürzte. Er wäre also verschüttet worden. Aber Dem wäre er, wäre es vom Schicksal verhängt gewesen, nicht entgangen; und war es nicht über ihn verhängt, so hätte es ihn auch nicht betroffen. Was hilft also die Weissagung, oder was können mich Loose oder Opfereingeweide, oder irgend eine Prophezeiung warnen? Denn war es vom Schicksal bestimmt, daß die Flotten des Römischen Volkes im ersten Punischen Kriege, die eine durch Schiffbruch, die andere durch die Pöner versenkt, zu Grunde gehen, so wären, und hätten auch die Hühner unter dem Consulat des L. Junius und P. Clodius ein Tripudium solistimum verrichtet [auf die erwünschteste Weise gefressen], die Flotten dennoch zu Grunde gegangen; würden aber die Flotten, falls man den Auspicien gehorcht hätte, nicht zu Grunde gegangen seyn, so sind sie nicht dem Schicksal zu Folge zu Grunde gegangen; ihr behauptet aber, (es geschehe) Alles durch's Schicksal, also ist es mit der Weissagung Nichts. Wenn es des Schicksals Spruch war, daß im zweiten 896 Punischen Kriege das Heer des Römischen Volkes am Trasimenus-See aufgerieben werde, war Dieß vermeidlich, wenn der Consul Flaminius denjenigen Vorzeichen und denjenigen Auspicien gehorcht hätte, welche ihn von der Lieferung der Schlacht abmahnten? Das war doch gewiß nicht möglich. Entweder ist also das Heer nicht dem Schicksal zu Folge zu Grunde gegangen – denn die Sprüche des Schicksals sind unwiderruflich – oder geschah es durch's Schicksal (worauf ihr wenigstens bestehen müßt), so hätte sich doch, falls er auch den Auspicien gehorcht hätte, das Nämliche ereignen müssen. Wo bleibt denn nun jene Weissagung der Stoiker, die uns, wenn Alles durch's Schicksal geschieht, vor gar Nichts warnen kann, damit wir vorsichtiger sind? Denn wir mögen uns benehmen wie wir wollen, so geschieht dennoch, was geschehen wird (muß). Läßt sich aber Dieß ändern, so ist es mit dem Schicksal nichts. Aber eben dadurch ist auch die Weissagung aufgehoben, weil sie auf die Dinge geht, die seyn werden . Denn von Nichts läßt sich entschieden sagen, es werde seyn , wobei durch irgend eine religiöse Gegenvorkehrung gemacht werden kann, daß es nicht geschieht. 9. Indessen würde uns auch meines Erachtens die Kenntniß der künftigen Dinge nicht einmal nützlich seyn. Was hätte denn Priamus für ein Leben gehabt, wenn er von Jugend auf gewußt hätte, wie es ihm am Ende im Alter ergehen werde? Doch wozu Beispiele aus der mythischen Zeit? blicken wir auf Näheres. Das jammervolle Lebensende mehrerer hochberühmter Männer unseres Vaterlandes habe ich in meiner Trostschrift zusammengestellt; z. B. der Frühern nicht zu gedenken, meinst du, es wäre dem M.  897 Crassus ersprießlich gewesen, wenn er in der Blüthe seiner politischen Höhe und seines Glückes gewußt hätte, er werde erst seinen Sohn Publius und sein Heer erschlagen sehen, und dann jenseits des Euphrat mit Schmach und Schande umkommen? Wagst du zu behaupten, Cn. Pompejus würde seines dreimaligen Consulats, seiner drei Triumphe, und des Ruhmes seiner Großthaten froh geworden seyn, hätte er gewußt, daß er, verlassen, in Aegypten werde ermordet werden, nachdem er sein Heer eingebüßt, und daß nach seinem Tode noch Das erfolgen werde, was wir ohne Thränen nicht aussprechen können ? Und glauben wir etwa, Cäsar würde, wenn er durch Weissagung die Versicherung erhalten hätte, in demselben Staate, den er dem größeren Theile nach selbst geschaffen, in der Pompejischen Curie, gerade vor dem Standbilde des Pompejus, vor den Augen so vieler seiner Centurionen, von Bürgern ersten Ranges, die zum Theil ihm Alles zu verdanken hatten, werde er ermordet werden, und so da liegen, daß nicht nur Keiner seiner Freunde, sondern nicht einmal Einer seiner Sclaven zu seinem Leichnam hinträte – in welcher Seelenqual, sage ich, würde er sein Leben hingebracht haben? Auf jeden Fall ist die Unbekanntschaft mit dem bevorstehenden Unglück ersprießlicher, als die Kenntniß davon. Denn Das läßt sich doch, besonders von den Stoikern, auf keine Weise behaupten; Pompejus hätte es dann zu keinem Kriege kommen lassen; Crassus wäre nicht über den Euphrat gegangen; Cäsar hätte den Bürgerkrieg nicht unternommen. Dann wäre ja ihr (unglückliches) Ende ihnen nicht vom 898 Schicksal bestimmt gewesen. Ihr wollt aber Nichts geschehen lassen, als was das Schicksal verhängt hat. Also hätte ihnen die Weissagung von der Zukunft nichts helfen können, ja sie hätten sogar den gesammten Genuß ihres frühern Lebens eingebüßt. Was hätte sie denn je erfreuen können, wenn sie an ihr Lebensende gedacht hätten? So kann, die Stoiker mögen sich wenden, wohin sie wollen, ihr ganzes fein ausgesponnenes System sich nicht vor dem Einsturz bewahren. Denn kann Das, was geschehen wird, auf diese oder auf jene Weise sich ereignen, so hat der Zufall äusserst viel Gewalt. Was aber zufällig ist, kann nicht gewiß seyn. Ist aber Das gewiß vorausbestimmt, was in Beziehung auf jeden Gegenstand zu jeder Zeit geschehen wird, was helfen mir dann die Haruspices, wenn sie melden, es drohen die schlimmsten Ereignisse? 10. Am Schlusse fügen sie noch bei, es werde, wenn man religiöse Gegenmittel ergreife, alles (Unglück) nicht so schwer ausfallen. Allein wenn Nichts geschieht, ausser was vom Schicksal verhängt ist, so erleichtern jene religiösen Mittel unmöglich Etwas. Das fühlt Homer, wenn er den Jupiter darüber klagen läßt, daß er seinen Sohn Sarpedon gegen den Willen des Schicksals dem Tode nicht entreissen könne. Cicero meint die Stelle Il. XVI, 433. f.; gibt aber, wahrscheinlich durch einen Gedächtnißfehler, die Sache etwas anders an, als sie ist. Und auf Dasselbe deutet auch der Sinn folgendes Verses eines Griechischen Dichters: Des Schicksals Schluß steht höher selbst als Jupiter. Verse in diesem Sinne finden sich in den Fragmenten des Aeschylus und des Philemon, auch in einem Ausspruche des Delphischen Orakels bei Herodot. I, 91. 899 Auch ist überhaupt das ganze Schicksal, nach meiner Ansicht mit Recht, in einem Atellanischen Verse verspottet worden; doch in so ernsten Dingen ist der Scherz nicht an seinem Orte. Also zum Schlusse der Beweisführung: läßt sich von Dem, was durch Zufall geschieht, Nichts bestimmt voraussehen, daß es geschehen werde, weil es ja nicht bestimmt seyn kann; so gibt es keine Weissagung. Läßt sich aber (das Künftige) darum voraussehen, weil es fest bestimmt und vom Schicksal verhängt ist; so ist wiederum die Weissagung nichts. Denn du hast ihr ja die zufälligen Dinge als ihr Gebiet angewiesen. Doch das Bisherige magst du als ein Vorpostengefecht der leichten Truppen, als den Vortrab und ersten Anlauf meiner Einwendungen betrachten. Jetzt aber soll es an's Handgemenge und Haupttreffen gehen, und der Versuch gewagt seyn, die Flügel deiner Beweisführung zum Weichen zu bringen. 11. Du sagtest nämlich, es gebe zwei Gattungen der Weissagung, die natürliche und die künstliche; die letztere fuße theils auf Vermuthung, theils auf langer Beobachtung; die natürliche erfasse oder bekomme der Geist von aussen unmittelbar von der Gottheit, woher wir Alle unsere Seelen, gleichsam Tropfen aus einem Urquell, bekommen hätten. Als Gattungen der künstlichen Weissagung zähltest du ungefähr folgende auf: die Kunst der Opfereingeweide-Schauer und Deren, welche aus Blitzen und Vorzeichen weissagen; dann die der Auguren und Deren, welche aus Anzeichen und Mahnzeichen schließen, und rechnetest hierher 900 überhaupt alle in das Gebiet der Vermuthung laufende Prophezeiung. Die natürliche nahmst du als ein Produkt, gleichsam als einen Erguß, entweder einer Gemüthsaufregung, oder als einen Blick in die Zukunft durch den Traum, bei einer von sinnlichen Eindrücken freien und von Sorgen nicht verstimmten Seele. Du leitetest dabei alle Weissagung aus drei Quellen ab, der Gottheit, dem Schicksal, der Natur. Da du indessen Nichts (theoretisch) zu erklären vermochtest, kämpftest du mit einer Staunen erregenden Masse von Beispielen, die auf Nichts als Erdichtung beruhen. Hierüber vorerst nur Dieß: ich halte es für unphilosophisch, Zeugen zu gebrauchen, die entweder blos zufällig wahr, oder aus böser Absicht falsch und grundlos zeugen können. Mit Beweisen und Gründen muß man lehren, warum jeder Satz wahr sey, nicht aus Ereignissen, besonders (nicht) aus solchen, deren Wirklichkeit ich meinen Glauben zu versagen berechtigt bin. 12. Um mit der Haruspicin zu beginnen, die ich übrigens aus politischen Gründen und der vaterländischen Religion wegen bei Ehren erhalten wissen will; doch da wir unter uns sind, so dürfen wir die Wahrheit heraus zu bringen suchen, ohne Furcht, uns Feinde zu machen, besonders ich, der ich ja über die meisten Gegenstände (philosophischer Forschung) mich nicht entscheidend ausspreche. Laß uns also, wenn du es zufrieden bist, zuerst einen Blick auf die Opfereingeweide-Schau werfen. Läßt sich nun wohl irgend Jemand bereden, die Haruspices wissen Das, was die Opfereingeweide bedeuten sollen, durch lange Beobachtung? Wie lang war denn diese? oder seit wie langer Zeit konnten 901 Beobachtungen angestellt werden? oder wie haben sie sich darüber verständigt, welche Seite die feindliche, welche die befreundete sey? welcher Schnitt Gefahr, und welcher etwas Vortheilhaftes verkünde? Haben sich darüber die Etruscischen, die Elischen, die Aegyptischen, die Punischen Haruspices vereinigt? Das läßt sich, abgesehen von der Unmöglichkeit, auch nicht einmal vorgeben, denn wir sehen ja, daß Jeder auf andere Weise die Eingeweide deutet, und gar nicht Alle einerlei Schule und Bildung haben. Und nothwendig muß doch, wenn in den Opfereingeweiden eine Kraft ist, die das Künftige anzudeuten vermag, diese entweder mit der Natur der Dinge (auf die sie sich beziehen soll) schon in Verbindung stehen, oder durch eine göttliche Einwirkung (mit ihr) in Beziehung gesetzt werden. Wie kann nun aber mit der Natur der Dinge, die von so unendlichem Umfang und so herrlich, und durch Alles, was ist und sich regt, ergossen ist, ich will nicht sagen eine Hühnergalle (wiewohl Einige gerade Dieses für das bedeutsamste Eingeweide halten), für eine Verbindung haben, sondern die Leber, das Herz oder die Lunge eines fetten Stieres? was liegt in ihrer Natur, wodurch klar angedeutet werden könnte, Was bevorsteht? 13. Democritus jedoch witzelt mit ziemlichem Feinsinn, als Physiker; eine Menschenklasse, über deren Anmaßung Nichts geht: Keiner schaut, Was vor dem Fuß liegt, Himmelsräum' ausspähen sie. Aus einem Römischen Tragiker, vielleicht Ennius oder Nävius. 902 Doch Dieser stellt den Satz auf, aus der Beschaffenheit der Opfereingeweide und deren Farbe lasse sich nur erklären, von welcher Beschaffenheit das Futter sey, und die Ergiebigkeit oder Magerkeit der Erderzeugnisse; auch deren Zuträglichkeit oder Ungesundheit. O beglückter Sterblicher, der (dafür kenne ich ihn) überall seinen Witz anzubringen wußte. War der Mann wirklich ein so großer Freund des Worttandes, daß er nicht begriff, daß Dieß dann erst einen Schein von Wahrheit haben werde, wenn die Eingeweide aller Opferthiere zu gleicher Zeit dieselbe Beschaffenheit und Farbe annehmen? Allein wenn in derselben Stunde die Leber des einen Thiers glänzend und voll ist, die des andern rauh und eingeschrumpft, was kann dann Beschaffenheit und Farbe der Opfereingeweide andeuten? Oder ist Das von derselben Art, wie die von dir erwähnte Prophezeiung des Pherecydes, der aus dem Anblick eines aus einem Brunnen geschöpften Wassers ein Erdbeben prophezeite. Dazu gehört wohl nur ein kleiner Grad von Unverschämtheit, da sie hintendrein, wenn das Erdbeben gewesen ist, dreist anzugeben wagen, welcher Kraft Wirkung es sey, daß sie darum auch aus der Farbe des laufenden Brunnenwassers es voraus wissen wollen? Dergleichen wird Vieles in den Schulen vorgetragen, aber darum Alles für baare Wahrheit hinzunehmen, möchte wohl nicht nöthig seyn. Doch mag selbst jene Behauptung des Democritus begründet seyn: Wann suchen wir solche Dinge aus den Opfereingeweiden zu erfahren? oder wann haben wir je gehört, daß ein Haruspex etwas dergleichen nach Beschauung der Eingeweide ausgesprochen habe? Sie warnen vor Wasser- oder Feuersgefahr, verkündigen bald Erbschaften, bald 903 Verluste, wissen von dem befreundeten und dem Lebens-Leberschnitt zu sprechen, betrachten den Kopf der Leber von allen Seiten auf's pünktlichste, und findet sich gar keiner daran, so betrachten sie Das als den traurigsten Vorfall, der sich nur ereignen kann. 14. Das hat sich doch wahrhaftig nicht beobachten lassen, wie ich oben bewiesen habe. Es sind folglich Erfindungen der Kunst, nicht der langen Erfahrung, wenn es je in Beziehung auf unbekannte Dinge eine Kunst gibt. Was haben sie aber für eine Verwandtschaft mit der Natur? Ist diese, wie ich von den Physikern behaupten höre, besonders von Denen, welche eine gänzliche Einheit der Dinge annehmen, durch eine allgemeine Uebereinstimmung in Zusammenhang gesetzt und verbunden, was kann das Weltall für einen Zusammenhang mit dem Finden eines Schatzes haben? Denn deutet mir das Opfereingeweide eine Vergrößerung meines Vermögens an, und ist Dieß ein durch die Natur bewirktes Ereigniß, so stehen erstlich die Eingeweide mit dem Weltall in Verbindung, und dann hängt wieder mein Vortheil mit der Natur der Dinge zusammen. Schämen sich Naturforscher nicht, diese Behauptung auszusprechen? Mag immerhin irgend eine Verwandtschaft der Dinge mit einander in der Natur Statt finden, ich gebe Das zu (denn die Stoiker stellen vieles dergleichen zusammen, sie sagen z. B. um die Zeit des kürzesten Tages wachse den Mäuschen die Leber, der trockene Polei blühe gerade an diesem Tage, es zerplatzen die angeschwollenen Blasen, und die darin eingeschlossenen Samen wenden sich auf entgegengesetzte Seiten; berühre man die Saiten eines Instruments, so klingen andere mit; bei den 904 Austern und allen Schaalthieren treffe es zu, daß sie mit dem Monde zu- und abnehmen, und daß man annimmt, es sey der Winter die beste Jahrszeit um Bäume zu fällen, weil sie zugleich mit dem Mondlicht altern und dann am saftlosesten seyen. Was soll ich noch weiter von Meerengen, von Ebbe und Fluth reden, deren Andrang und Rückgang unter dem Einflusse der Bewegung des Mondes steht? Dergleichen Dinge lassen sich zu hunderten vorbringen, um die natürliche Verbindung von Dingen darzuthun, die mit einander gar nicht in Berührung stehen). All' Das zugegeben, denn dieser Folgerung steht Nichts im Wege; liegt aber in dem in einer gewissen Richtung laufenden Spalt der Leber eine Andeutung, daß ich Etwas gewinnen werde? Aus welcher natürlichen Wahlverwandtschaft, oder Harmonie oder Zusammenstimmung [Griechen nennen Das Sympathie ] kann ein Leberschnitt mit meinem elenden Gewinn, oder mein kleiner Gelderwerb mit Himmel, Erde und der Natur zusammenhängen? 15. Doch selbst Das zugegeben, wenn du willst, wiewohl ich damit meine Sache sehr in Nachtheil setze, wenn ich irgend einen Zusammenhang der Natur mit den Opfereingeweiden zugebe: doch (sage ich) selbst Das zugestanden, wie trifft es sich, daß, Wer ein günstiges Zeichen erhalten will, ein zu seinen Zwecken passendes Opferthier wählt? Das war es eben, was ich für den unauflöslichsten Knoten hielt. Aber wie lustig wird er aufgelöst! Ich schäme mich, zwar nicht für dich (denn ich muß sogar dein gutes Gedächtniß bewundern), aber für den Chrysippus, den Antipater, den Posidonius, die eben gerade Das sagen, was du gesagt hast; es 905 leite bei der Wahl des Opferthieres eine gewisse Ahnungskraft und ein weissagerisches Vermögen, das durch die ganze Welt verbreitet sey. Das ist aber noch viel hübscher, was du auch vorgebracht hast, und Jene behaupten: wenn Einer opfern wolle, da ereigne sich eine Verwandlung der Opfereingeweide, so daß entweder Etwas fehlt oder zu viel ist, denn dem Einwirken der Götter sey Alles unterworfen. So Etwas, glaube mir, fällt nicht einmal alten Weibern ein anzunehmen. Meinst du denn also, wenn der Eine dasselbe Kalb auswählt, so werde er die Leber ohne Kopf finden, wenn es der Andere wählt, mit einem Kopfe? Kann sich dieses Verschwinden des Kopfes oder jenes Zunehmen nur so plötzlich ereignen, so daß sich das Opfereingeweide den Glücksumständen des Opfernden anpaßt! Seht ihr nicht ein, daß bei der Wahl der Opferthiere eine Art von Glückswurf Statt findet, besonders da es die Sache selbst erweist? Denn oft, wenn die Eingeweide ohne Kopf höchst ungünstig waren, fielen die Zeichen bei dem nächsten Opferthiere auf's erfreulichste aus. Wo bleibt dann die Drohung des frühern Eingeweides? oder wie sind die Götter so auf Einmal ganz versöhnt worden? 16. Aber du bringst die Geschichte vor, wie in dem Eingeweide eines fetten Stieres, als Cäsar opferte, kein Herz gewesen, und sagst, weil es nicht möglich gewesen sey, daß jenes Opferthier ohne Herz gelebt habe, so müsse man daraus schließen, das Herz sey gerade unter dem Opfern verschwunden. Wie ist es möglich, daß du zwar das Eine begreifst, daß der Ochse ohne Herz nicht habe leben können, das Andere aber nicht einsiehst, daß das Herz nicht so auf einmal, der Himmel weiß wohin, habe davon fliegen können? 906 Möglich ist es noch, daß Einer entweder gar nicht weiß, wie so unentbehrlich das Herz zum Leben ist, oder vermuthet, es könne durch irgend eine Krankheit das Herz eines Ochsen ganz unscheinbar, klein und welk geworden seyn, und einem Herzen gar nicht mehr gleich gesehen haben. Aber was hast denn du für einen Grund zu glauben, daß, wenn kurz zuvor in einem fetten Stiere ein Herz gewesen, es plötzlich unter dem Messer des Opferschlächters verschwunden sey? Ist ihm etwa das Herz entschwunden, weil er den herzlosen Cäsar im Purpurkleide erblickte? Wahrhaftig ihr gebt, so zu sagen, die Stadt der Philosophie (den Gegnern) Preis, während ihr die Castelle [Aussenwerke] vertheidigt. Denn während ihr die Haruspicin bei Ehren erhalten wollt, stoßet ihr die ganze Physiologie [Physik] über den Haufen. Die Leber hat einen Kopf, das Herz fehlt nicht bei den (edeln) Eingeweiden des Opferthieres, aber es verschwindet, so bald man gesalzenes Gerstenmehl und Wein darauf sprengt; die Gottheit reißt es dann heraus, oder irgend eine Kraft vernichtet oder verschlingt es. Es ist also nicht mehr die Natur, die das Vergehen und Entstehen aller Dinge bewirkt, und es muß der Satz gelten, daß Etwas aus Nichts entstehen, oder plötzlich aus Etwas Nichts werden könne. Hat den Satz je ein Physiker aufgestellt? Die Haruspices stellen ihn auf. Meinst du also, Diese verdienen mehr Glauben, als die Physiker? 17. Weiter: wenn mehreren Göttern (zugleich) geopfert wird, wie kommt es denn doch, daß bei den Einen die Zeichen günstig, bei den Andern ungünstig ausfallen? Und was ist das für eine Characterlosigkeit von Seiten der Götter, daß sie durch die Eingeweide des ersten Opfers bedrohen, 907 durch die des zweiten Glück versprechen? oder findet etwa eine solche Uneinigkeit unter ihnen, oft auch unter den Nächstverwandten, Statt, daß die Eingeweide bei dem Opfer das dem Apollo gilt, Glück verheissen, die (bei dem) der Diana (dargebrachten) Unglück drohen? Was ist so einleuchtend, als daß, da die Opferthiere hergeführt werden, wie es eben der Zufall bringt, bei einer jeden (Gottheit) die Eingeweide so seyn werden, wie sie das sie treffende Opferthier eben hat? Aber (sagt ihr freilich) darin liegt gerade schon die, die Weissagung bestimmende, göttliche Einwirkung, was einem Jeden für ein Opferthier zu Theil werde, wie bei den Loosen, welches für Jeden gezogen werde. Auf die Loose werde ich bald auch kommen. Wiewohl du durch die Vergleichung mit den Loosen nicht den Punkt wegen des Zufalls oder Nichtzufalls bei den Opferthieren erhärtest, sondern vielmehr die Loose durch die Vergleichung mit der Wahl der Opferthiere um ihren Credit bringst. Bringt man mir etwa, wenn ich mir vom Aequimälium Der Name dieses Viehmarktes kommt von dem Sp. Mälius her, welcher im J. Roms 314., weil er nach der Königswürde getrachtet, von dem Servilius Ahala getödtet wurde. Sein Haus wurde dem Boden gleich gemacht [ aequata solo ] und hieß daher Aequimälium. ein Lamm zum Opfer holen lasse; gerade das, welches die der Sache (wegen der ich opfere) anpassenden Eingeweide hat, und führt meinen Sclaven nicht der Zufall, sondern eine Gottheit an dieses Lamm hin? Denn, wenn du den Zufall, der hier waltet, auch in Verbindung mit dem Willen der Götter setzest, wie das Loos, so bedaure ich es, daß unsere Stoiker den Epicuräern eine so auffallende Veranlassung gegeben haben, sich über sie lustig zu machen. Denn du weißt doch wohl, wie sie Jenes bespötteln. Und Das können sie wirklich um so leichter thun, da Epicurus die Götter selbst, (wohl) um sich einen Spaß zu machen, als durchsichtig und durchwehbar vorstellt, die, aus Furcht vor Zertrümmerung zwischen zwei Welten, wie zwischen zwei Hainen wohnen, und ihnen zwar dieselben Glieder zuschreibt, die wir haben, aber ohne daß sie einen Gebrauch von diesen Gliedern machen. Da Dieser also auf eine etwas verblümte Weise die Götter läugnet, so trägt er mit Recht kein Bedenken, die Weissagung zu läugnen. Allein so consequent, als er in diesem Stücke ist, sind die Stoiker nicht. Denn sein Gott, »der weder für sich noch für Andere sich Etwas zu thun macht,« kann den Menschen nicht die Weissagung ertheilen. Der Eurige aber kann sie den Menschen nicht ertheilen, ohne dabei die Weltregierung und die Sorge für die Menschen aufzugeben. Warum verstrickt ihr euch denn in solche Schlingen, aus denen ihr euch nie herauswickeln könnt? denn wenn sie sich noch kürzer fassen wollen, schließen sie gewöhnlich: »Gibt es Götter, so gibt es eine Weissagung; es gibt aber Götter, folglich gibt es eine Weissagung.« Viel eher könnte folgender Schluß einem Beweise gleich sehen: »Es gibt aber keine Weissagung, folglich gibt es auch keine Götter.« Siehe wie unbesonnen sie das Daseyn der Götter auf's Spiel setzen, falls es keine Weissagung gibt. Die Nichtigkeit der Weissagung läßt sich augenscheinlich darthun. Daß es aber Götter gebe, darauf muß man beharren. 18. Fällt nun diese Weissagung der Eingeweideschauer zusammen, so ist es mit der ganzen Haruspicin aus. Und 909 dann gehen die Vorzeichen und die Blitze denselben Weg. Freilich wird bei den Blitzen der langen Beobachtung ein Werth beigelegt, bei den Vorzeichen meistens auf Schlüsse und Vermuthung gebaut. Was ist es nun aber, das am Blitze beobachtet worden? Die Etrusker haben den Himmel in sechzehn Regionen getheilt. Das war keine Kunst, die vier, die wir annehmen, zu verdoppeln und dann diesen Prozeß zu wiederholen, um dann demnach zu sagen, von welcher Seite der Blitz gekommen sey. Erstlich (frage ich) Was liegt daran? und zweitens, Was soll es bedeuten? Ist es nicht sonnenklar, daß die Menschen in ihrem ersten Erstaunen, im Schrecken vor dem Donner und den Blitzesstrahlen, geglaubt haben, das seyen (unmittelbare) Wirkungen des allwaltenden Jupiter? So steht in unsern Augurenbüchern: »wenn Jupiter donnert, blitzt, ist es ein Frevel Wahlversammlungen zu halten.« Diese Bestimmung ist vielleicht aus politischen Gründen gemacht worden, denn man wollte, es solle Ursachen geben, die Comitien nicht zu halten. Daher gilt denn blos bei den Wahlversammlungen der Blitz als etwas Störendes, während wir ihn bei allen andern Fällen für das beste Auspicium gelten lassen, wenn er links herkommt. Doch über die Auspicien an einer andern Stelle. Jetzt von den Blitzen. 19. Vorerst. Was für eine Behauptung steht den Physikern weniger an, als daß etwas Gewisses durch Dinge angedeutet werde, die ungewiß sind? Denn ich glaube doch nicht, daß du annimmst, die Cyclopen haben dem Jupiter im Aetna den Blitz geschmiedet (denn Das müßte wunderlich zugehen, wie Jupiter ihn so oft schleudern könnte, wenn er nur 910 Einen hätte), aber doch wieder die Menschen nicht daran mahne, was sie thun oder wovor sie sich hüten müssen. Es ist nämlich ein Satz der Stoiker, daß die kalten Aushauchungen der Erde, wenn sie flüssig werden, Winde seyen; wenn sie sich aber in eine Wolke eindrängen, und einen ganz dünnen Theil derselben zu spalten und zu zerreißen beginnen, und Dieß häufiger und heftiger zu thun, dann Blitze und Donner entstehen, wenn aber das durch das Zusammenprallen der Wolken herausgedrückte Feuer hervorbreche, so sey Dieß der Blitz. Was wir also durch Naturkräfte, ohne Regelmäßigkeit, und nicht in bestimmten Zeiträumen bewirkt sehen, darin wollen wir eine Andeutung künftig erfolgender Dinge finden. Seltsam! wenn Jupiter diese andeutete, da würde er wohl so viele Blitze vergebens verschleudern! denn was erreicht er damit für einen Zweck, wenn er mitten in's Meer einen Blitz geworfen hat? was für einen, wenn er ihn auf die höchsten Berge schleudert? ein Fall, der am häufigsten eintritt; was für einen, wenn er ihn in menschenleere Wüsten, oder wenn er ihn bei Völkern herabsendet, wo es gar nicht Sitte ist, darauf zu achten? 20. »Aber man hat ja den Kopf (des Summanus) in der Tiber gefunden.« Nun, ich läugne ja nicht, daß jene Leute [die Haruspices] eine Kunst besitzen. Die Weissagung läugne ich. Denn die Eintheilung des Himmels, die ich vorhin erwähnt, und die Aufzeichnung bestimmter Dinge, lehrt, woher der Blitz gekommen und wo er hingefahren sey. Aber was er bedeute, Das lehrt keine berechnende Schlußfolge. Du drängst mich aber mit meinen eigenen Versen: 911 Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympus Zielt einst selber der Vater auf eigenen Hügel und Tempel, Zum Capitolium nieder den Strahl des Verderbens entsendend. Da stürzte denn das Standbild des Natta, die Götterbilder, da auch Romulus und Remus mit der nährenden Wölfin von des Blitzes Gewalt getroffen herab, und über diese Ereignisse zeigen sich die Erklärungen, welche die Haruspices gaben, vollkommen wahr. Wunderbar ist aber auch Das, daß um dieselbe Zeit, als die Verschwörung dem Senat (von mir) entdeckt wurde, das Standbild des Jupiters (gerade) zwei Jahre, nachdem dessen Verfertigung verdungen worden war, aufgestellt wurde. »Und du könntest es über dich gewinnen (so drängest du in mich), jene Ansicht sowohl gegen Das, was du gethan, als was du geschrieben, zu vertheidigen?« Du bist mein Bruder, darum rede ich ungescheut. Aber was setzt dich denn hier in Nachtheil? die Sache, die nun einmal so ist, oder ich, der ich ja nur die Wahrheit an den Tag gebracht wissen will? Ich spreche deßwegen auch gar Nichts dagegen, nur verlange ich von dir Belehrung, auf was für einem Grunde die ganze Haruspicin beruhe? Aber da hast du dich in ein seltsames Versteck geworfen. Denn weil du wohl begreifst, daß du in Verlegenheit kommen würdest, wenn ich darauf bestände, die Gründe jeder einzelnen Weissagung wissen zu wollen, so führtest du den Gedanken weit und breit aus, du fragest, wenn du die Thatsachen sehest, nicht nach dem Wie und Warum? was geschehe, nicht warum es geschehe, gehöre zur Sache. Als ob ich die Thatsachen schon zugäbe, oder es einem Philosophen anstände, nicht bei jedem Ereignisse nach dessen Ursache zu fragen! Bei dieser 912 Gelegenheit führtest du denn auch unsere Prognostica auf, und die mancherlei Kräuter und die Scammonea- und Aristolochiawurzel, deren Kraft und Wirkung du sähest, ohne den Grund davon zu erkennen. 21. Da stellst du sehr ungleiche Dinge zusammen. Die Prognostica und ihre Ursachen hat der Stoiker Boëthus, den du genannt hast, und auch unser Posidonius untersucht, und wenn auch die Ursachen jener Dinge sich nicht ausfinden lassen, so lassen sich doch die Sachen selbst beobachten und wahrnehmen. Aber das Standbild des Natta oder die ehernen Gesetztafeln, die der Blitz getroffen hat, dieses Ereigniß an ihnen ist doch wahrhaftig kein Gegenstand langer Erfahrung und Beobachtung. Die Pinarii Nattä sind von Adel, folglich – droht Gefahr von Seiten des Adels! Das war fein ausgesonnen von Jupiter. Der säugende Romulus ist vom Blitz getroffen, also – droht der von ihm gegründeten Stadt Gefahr. Wie feinsinnig setzt uns Jupiter durch Andeutungen (von der Zukunft) in Kenntniß! »Aber (sagst du) zu derselben Zeit wurde das Standbild des Jupiter aufgestellt, als die Verschwörung angezeigt wurde.« Und du willst dieses Zusammentreffen lieber einer göttlichen Einwirkung, als dem Zufall zuschreiben? Und der Unternehmer, dem jene Säule von den Consuln (Cotta und Torquatus) fertigen zu lassen übertragen war, zögerte damit nicht etwa aus Mangel an Eifer oder an Mitteln, sondern es haben jenen Aufschub bis auf jene Stunde die unsterblichen Götter veranstaltet? Daß Dieß wahr seyn könne, halte ich nicht geradezu für unmöglich; allein ich begreife es nicht, und möchte gern von dir belehrt seyn. Denn da mir schien, als sey Einiges gerade so, 913 wie die Weissagenden es verkündet, eben durch Zufall eingetroffen, sprachst du gar Vieles über den Zufall, z. B. ein Venuswurf könne durch Zufall mit vier Würfeln geworfen werden, aber mit vierhundert Würfeln hundert Venuswürfe – Das sey durch bloßen Zufall nicht möglich. Erstlich begreife ich nicht, warum es nicht möglich seyn sollte. Doch ich streite nicht, denn dir steht eine Menge ähnlicher Fälle zu Gebote. Du bringst auch das Anspritzen von Farben herbei und den Schweinsrüssel und noch gar vieles Andere. So Etwas soll denn auch, nach deiner Angabe, Carneades mit dem Panskopfe vorgegeben haben. Als ob Das sich nicht durch Zufall ereignen könnte, und nicht nothwendig in jedem Marmorblocke Praxiteleische Meisterstücke von Köpfen steckten! denn diese kommen eben durch das Weghauen (von Marmorsplittern) heraus, und hingemacht wird vom Praxiteles nicht das Geringste, sondern wenn recht viel weggehauen ist, und man nun an der Bildung des Gesichtes steht, dann ist wohl klar, daß, was nun in's Feine herausgehauen ist, eigentlich schon darin gewesen. Es kann also so Etwas auch ohne Zuthun der Kunst in den Steinbrüchen auf Chios entstanden seyn. Doch sey Dieß immerhin erdichtet. Aber sage mir, hast du nie Wolken gesehen, die Aehnlichkeit mit einem Löwen oder einem Hippocentauren hatten? Es kann also, was du eben läugnetest, der Zufall mit der Wahrheit zusammentreffen. 22. Doch weil ich mich jetzt über die Opfereingeweide und Blitze genug heraus gelassen habe, so komme ich nun auf die noch nicht besprochenen Wunderzeichen, und dann bin ich mit der ganzen Haruspicin fertig. Du bringst vor, daß eine Mauleselin ein Junges geworfen habe. Ein wunderbares Ereigniß, weil es sich nicht oft begibt; aber wäre es nicht möglich gewesen, so wäre es nicht geschehen. Und Dieß soll hiemit gegen alle Wunderzeichen gesagt seyn: daß nie Etwas, das nicht hat geschehen können, geschehen ist; hat es aber geschehen können, so ist es kein Wunder. Bei einer neuen Erscheinung erregt nämlich die Nichtkenntniß der Ursachen Verwunderung. Kennen wir aber bei oft vorkommenden Fällen die Ursachen nicht, so wundern wir uns darum nicht. Denn Wer sich verwundert, daß eine Mauleselin ein Junges geworfen, weiß darum noch nicht, wie eine Stute wirft, oder überhaupt nach welchem Naturgesetze die Geburt eines Thieres erfolgt. Aber was er öfters sieht, darüber verwundert er sich nicht, gesetzt er weiß auch nicht, warum es geschieht. Was er vorher nicht gesehen hat, Das nennt er, wenn es sich ereignet, ein Wunderzeichen. Liegt nun das Wunder darin, daß die Mauleselin trächtig geworden ist, oder daß sie geworfen hat? das Trächtigwerden ist vielleicht widernatürlich, das Werfen so ziemlich nothwendig. 23. Doch wozu Mehreres? Werfen wir einen Blick auf den Ursprung der Haruspicin, dann werden wir am leichtesten ihren Gehalt und Werth beurtheilen können. Die Sage meldet, es sey ein gewisser Tages in dem Gebiete von Tarquinii bei'm Aufpflügen des Bodens, als man eine ungewöhnlich tiefe Furche gezogen, auf einmal zum Vorschein gekommen, und habe den Pflüger angeredet. Dieser Tages soll nach den Büchern der Etrusker in Knabengestalt erschienen seyn, aber mit der Klugheit eines Greisen begabt. Als der Pflugstiertreiber bei seinem Anblick in Erstaunen gerathen 915 und vor Verwunderung einen lauten Schrei ausgestoßen habe, seyen die Leute herbeigelaufen, und in kurzer Zeit habe sich ganz Etrurien an derselben Stelle eingefunden. Da habe Jener dann vor einer Menge von Zuhörern Mehreres gesprochen, und Diese haben alle seine Worte aufgefaßt und schriftlich aufgezeichnet; der ganze Inhalt Dessen aber, was er gesprochen, seyen die die Haruspicin umfassenden Kenntnisse. Der Umfang derselben habe nach und nach zugenommen, nachdem man neue Erscheinungen beobachtet und sie unter dieselben Grundsätze gebracht. Das haben sie uns mitgetheilt, Das bewahren sie schriftlich auf, Das ist die Quelle ihres Wissens. Brauchen wir nun zu dessen Widerlegung einen Carneades, einen Epicurus? Ist wohl Jemand so albern, zu glauben, es sey ein – soll ich sagen Gott oder Mensch? – ausgepflügt worden. Ein Gott? wozu soll er sich wider seine Natur in die Erde versteckt haben, um durch den Pflug zum Vorschein gebracht, das Tageslicht zu erblicken? Konnte denn dieser Gott den Menschen seine Belehrung nicht von oben herab ertheilen? Und war jener Tages ein Mensch, wie konnte er mit Erde zugedeckt leben? woher konnte er ferner, was er Andere lehrte, selbst gelernt haben? Doch ich bin wohl noch alberner, als Die, welche dergleichen Zeug glauben, da ich so lange gegen sie spreche. 24. Wie witzig ist dagegen die bekannte Aeußerung des Cato, der einmal sagte, er wundere sich, daß ein Haruspex, wenn er einem Haruspex begegne, das Lachen halten könne. Denn die wievielste ihrer Voraussagungen trifft denn ein? und trifft einmal eine ein, was läßt sich für ein Grund angeben, warum es nicht durch Zufall geschehen seyn sollte? 916 Als Hannibal in seiner Verbannung bei dem Könige Prusias Diesem einmal rieth, eine entscheidende Schlacht zu liefern, und der König sagte, er wage es nicht, weil die Opfereingeweide es widerrathen, erwiederte er ihm: Du willst also einem Stückchen Kalbfleisch mehr vertrauen, als einem erfahrenen Feldherrn?« Ja, ist nicht Cäsar selbst, als er von einem besonders berühmten Haruspex gewarnt wurde, ja nicht vor dem kürzesten Tage nach Africa überzusetzen, dennoch abgesegelt? Hätte er es nicht gethan, so hätte sich das ganze feindliche Heer an Einer Stelle gesammelt. Wozu soll ich aber solche Prophezeiungen anführen (und ich wüßte deren unzählige), wo entweder, was die Haruspices geweissagt, garnicht, oder wo das Gegentheil eintraf? In dem letzten Bürgerkriege, unsterbliche Götter! wie viele trogen da nicht! Was sind uns von Rom nach Griechenland für Antworten, die die Haruspices ertheilten, gemeldet worden! Was ward nicht dem Pompejus geweissagt! Denn dieser Mann gab gar viel auf Opfereingeweide und Wunderzeichen. Ich mag sie gar nicht erwähnen, und brauche es auch nicht, besonders dir gegenüber, der du dabei warst. Du siehst jedoch, daß fast von Allem, was prophezeit worden, gerade das Gegentheil geschehen ist. Doch genug davon. Jetzt zu den Wunderzeichen. 25. Du hast Vieles, was ich selbst als Consul geschrieben, auswendig hergesagt, vieles vor dem Marserkriege vom Sisenna Gesammelte beigebracht, Vieles, was den Lacedämoniern vor der unglücklichen Schlacht bei Leuctra vorgekommen, aus dem Berichte des Callisthenes erwähnt. Ueber diese 917 Einzelnheiten werde ich mich, so weit es mir nöthig scheinen wird, erklären. Jetzt aber auch Etwas im Allgemeinen. Was hat es denn mit jener von den Göttern ausgehenden Andeutung und gleichsam Drohung von Unglücksfällen für eine Bewandtniß? Was wollen denn die unsterblichen Götter damit, indem sie uns erstlich Das andeuten, was wir ohne Dolmetscher nicht verstehen können, und zweitens Dinge, die zu verhüten nicht in unserer Macht steht? Thun Dieß doch wohlwollende Menschen nicht einmal, daß sie ihren Freunden bevorstehende Unfälle voraussagen, denen Diese auf keine Weise entfliehen können; wie die Aerzte, wiewohl sie es oft klar einsehen, dennoch den Kranken nicht sagen, daß sie an dieser Krankheit sterben werden. Alle Vorausverkündigung eines Uebels kann ja nur dann dankenswerth erscheinen, wenn zu der Ankündigung auch das Mittel, ihm zu entgehen, gefügt wird. Was haben also die Wunderzeichen oder ihre Erklärer den Lacedämoniern oder noch neuerlich den Unsrigen geholfen? Muß man dergleichen für göttliche Andeutungen nehmen, warum waren sie so dunkel? Geschehen sie, damit wir verstehen sollten, was sich ereignen werde, so mußte Dieß offen erklärt werden, oder nicht einmal versteckt, wenn wir Nichts davon wissen sollten. 26. Alle Vermuthung aber, auf die sich die Weissagung stützt, nimmt durch die Individualität der Menschen oft vielerlei und verschiedene oder auch widersprechende Richtungen. Denn wie bei gerichtlichen Verhandlungen die Vermuthung des Anklägers eine andere ist, als die des Vertheidigers, und doch Beide Recht haben können, so findet in allen Dingen, denen man durch Vermuthung auf den Grund zu 918 kommen sucht, etwas Schwankendes und Zweideutiges Statt. Bei Dingen aber, die die Natur oder der Zufall herbeiführt (zumal da auch die Aehnlichkeit zuweilen zu Mißgriffen verleitet), ist es höchst thöricht, die Götter zu deren Urhebern zu machen, ohne nach ihren Ursachen zu fragen. Du glaubst, die Böotischen Seher haben zu Lebadia aus dem Geschrei der Hähne, den bevorstehenden Sieg der Thebaner erkannt, weil die Hähne, wenn sie besiegt seyen, zu schweigen, als Sieger zu krähen pflegen. Also durch Hühner gab Jupiter einem so bedeutenden Staate so ein Zeichen? Schreien denn jene Vögel nie, außer wenn sie gesiegt haben? Aber gerade damals schrien sie, und hatten doch nicht gesiegt. Das ist eben, wirst du erwiedern, das Wunderzeichen. Wahrhaftig ein auffallendes. als ob Fische, nicht Hähne gekräht hätten! Gibt es denn eine Zeit, wo jene nicht krähen, sey es bei Nacht oder bei Tage? Und werden sie, wenn sie Sieger sind, durch Siegesfreude und Lust zum Schreien aufgeregt, so konnten sie auch wohl durch eine andere Lust zum Krähen aufgeregt worden seyn. Democritus erklärt wirklich am besten, warum die Hähne vor Tag krähen. Wenn nämlich die Speise ihnen nicht mehr auf der Brust liege, sondern in den Körper vertheilt und verdaut sey, da lassen sie, wenn sie ausgeruht hätten, ihre Stimme erschallen, und im Schweigen der Nacht, wie Ennius sagt, Tönen sie günstig aus röthlichem Halse, drücken die Flügel schlagend an. Da also dieses Thier von selbst so sanglustig ist, wie konnte es dem Callisthenes in den Sinn kommen, zu sagen, die Götter haben den Hähnen den Wink zum Singen gegeben, da Dieß entweder die Natur oder der Zufall hatte bewirken können? 923 27. Der Senat erhielt die Meldung, daß es Blut geregnet habe, daß ein Fluß von Blute geschwärzt geflossen sey, daß Götterbilder geschwitzt haben. Meinst du, solchen Nachrichten würde Thales oder Anaxagoras oder irgend ein Physiker Glauben geschenkt haben? Kann ja weder Schweiß noch Blut anders woher, als aus einem Körper kommen. Aber eine Verfärbung, besonders durch Bespülung irgend einer Erdart kann dem Blute ähnlich seyn, und eine von aussen angeschlagene Feuchtigkeit, wie wir bei'm Südwind an begypsten Wänden sehen, sieht ganz dem Schweiße gleich. In einem Kriege kommen dergleichen Dinge den Leuten häufiger und bedeutsamer vor, im Frieden werden sie weniger beachtet. Ueberdieß wird in (Zeiten) der Furcht und Gefahr so Etwas leichter geglaubt und ungestrafter erdichtet. Sollten wir aber so schwach und gedankenlos seyn, es für eine ausserordentliche Erscheinung zu halten, wenn Mäuse Etwas benagt haben, die ja sonst eben gar Nichts thun? Und wirklich erklärten vor dem Marsischen Kriege die Haruspices es für ein bedenkliches Vorzeichen, daß die Schilde zu Lanuvium, wie du vorhin sagtest, von Mäusen angenagt worden waren. Als 924 ob es nicht einerlei wäre, ob Mäuse, die Tag und Nacht an Etwas herumnagen, Schilde oder Siebe benagt haben. Denn wenn wir aus so Etwas Schlüsse ziehen wollen, so mußte ich, weil neulich in meinem Hause die Mäuse Plato's Republik benagten, wegen der Republik in Sorgen gerathen; oder, wenn Epicur's Buch von den Genüssen benagt worden wäre, müßte ich denken, die Lebensmittel auf dem Speisemarkt werden theurer werden. 28. Oder erschrecken wir etwa davor, wenn es heißt, es habe irgend ein Hausthier oder ein Mensch eine Mißgeburt geboren? Alle dergleichen Dinge, um es kurz zu machen, haben einen Grund. Denn was entsteht, mag es seyn, was es will, hat nothwendig eine Naturursache seiner Entstehung, so daß es, sey es auch gegen die Gewohnheit entstanden, dennoch nicht hat gegen die Natur entstehen können. Kommt dir also eine neue und wunderbare Sache vor, so spüre, wenn du kannst, ihrer Ursache nach. Findest du keine, so sey dennoch überzeugt, daß ohne Ursache nichts habe geschehen können, und wehre den Schrecken, den dir allenfalls das Ungewohnte der Erscheinung verursacht hat, durch die Ueberzeugung ab, daß es dennoch natürlich sey. So wird dich weder ein Getöse (im Innern) der Erde, noch ein Himmelsspalt, noch ein Stein- oder Blutregen, noch das Schießen eines Sternes, noch brennende Fackeln am Himmel erschrecken. Frage ich den Chrysippus nach den Ursachen aller dieser Erscheinungen, so wird gerade dieser Vertheidiger der Weissagung niemals sagen, sie seyen zufälliger Weise geschehen, sondern von allen eine natürliche Ursache angeben. Denn ohne Ursache kann Nichts geschehen, und es geschieht Nicht, was 925 nicht geschehen kann; ist aber geschehen, was geschehen konnte, so darf man es nicht als ein Wunder ansehen. Es gibt also keine Wunder. Und ist das, was selten vorkommt, für ein Wunder anzusehen, so ist ein Weiser eine Wundererscheinung. Denn ich glaube, daß so selten auch eine Mauleselin geboren haben mag, ein Weiser doch eine noch größere Seltenheit ist. Der Schluß hat also seine Richtigkeit: es ist weder je Etwas geschehen, was nicht hat geschehen können, noch ist, was geschehen konnte, ein Wunder, folglich gibt es gar kein Wunder. Darum soll auch ein Deuter und Erklärer solcher Wundererscheinungen nicht unwitzig einem Menschen, der es ihm als ein Wunderzeichen vortrug, daß sich in seinem Hause eine Schlange um einen Riegel gewunden habe, geantwortet haben: dann wäre es ein Wunderzeichen, wenn der Riegel sich um die Schlange herum gewickelt hätte. Durch diese Antwort gab er wohl deutlich genug zu verstehen, man müsse, was geschehen könne, für kein Wunder ansehen. 29. C. Gracchus hat an den M. Pomponius geschrieben, es seyen die Haruspices von seinem Vater zusammen berufen worden, als man zwei Schlangen in seinem Hause gefangen habe. Warum denn gerade bei Schlangen mehr als bei Eidechsen oder Mäusen? Weil die letztern alltäglich sind, jene nicht. Als ob bei dem, was geschehen kann, Etwas darauf ankäme, wie oft es geschehe. Ich kann indessen doch nicht begreifen, wenn das Loslassen des Weibchens dem Tiberius Gracchus den Tod zuzog, das Loslassen des Männchens aber der Cornelia tödtlich seyn sollte, warum er denn eine hinaus gelassen hat. Denn er schreibt nicht, daß die Haruspices gesagt hätten, was auf den Fall geschehen würde, wenn keine von 926 beiden Schlangen hinausgelassen würde. »Aber es starb doch Gracchus wirklich darauf.« Daran war, denke ich, eine schwere Krankheit, nicht das Hinauslassen der Schlange Schuld; denn so unglückliche Propheten sind die Haruspices nicht, daß nicht einmal irgend wann durch Zufall geschieht, was sie prophezeit haben. 30. Darüber jedoch würde ich mich wundern, wenn ich es glaubte, daß, wie du sagtest, bei Homer Kalchas aus der Zahl der Sperlinge die Dauer des Trojanischen Krieges schloß, von dessen Vermuthung Agamemnon [wie ich einmal in einer freien Stunde es übersetzt habe] Folgendes spricht: Die Stelle ist Ilias II, 299. Wir haben aber absichtlich nicht den Homer, sondern Cicero's Uebersetzung desselben übersetzt, damit die Leser Cicero's Abweichungen vom Original in der Vossischen Uebersetzung vergleichen können. Duldet, Männer, und traget mit Muth schwerdrückende Mühsal, Daß wir erkennen den Schicksalsspruch des Verkündigers Kalchas, Ob in Erfüllung er geht, ob aus täuschendem Sinn er hervorging. Allen noch liegt in gedenkender Brust vor dem Geist die Erscheinung, Die nicht das Todesgeschick aus dem Reich der Lebendigen wegriß. Als von Argolischen Schiffen zuerst ward Aulis umkleidet, Welche Vernichtung und Tod dem Priamus brachten und Troja, Sah'n wir am kühlenden Born, wo der Dampf von Altären emporstieg, Wo mit vergoldeten Hörnern die Stier', als Sühne den Göttern Standen zum Opfer, am rieselnden Quell, bei dem schattigen Ahorn, Wie sich ein gräßlicher Drache, ein Ungeheuer, in Ringeln Nahte, durch Zeus Antrieb, und vom Altar plötzlich hervordrang; Der auf des Ahorns Ast die von schützenden Blättern geborgnen Jungen ergriff, und als er die acht raubgierig verschlungen, Flattert die neunte, die Mutter, umher mit bebendem Kreischen, Aber mit grausamem Bisse zerfleischt sie der gierige Drache. 927 Als er die Jungen, die zarten, und selbst auch die Mutter gemordet, Ließ ihn der Vater Cronion, der her an den Tag ihn gesendet, Wieder verschwinden, und wandelt ihn um zum erharteten Felsstück. Aber verschüchtert standen wir da ob dem furchtbaren Wunder, Das sich begab in der Mitte der heiligen Götteraltäre. Da sprach Kalchas, der Seher, mit zuversichtlicher Stimme: »Was denn starr vor Staunen erbebt ihr auf einmal Achiver? Sendet der Vater der Götter doch selbst dieß Zeichen als Wunder, Langsam und spät zu erfüllen; doch unvergänglichen Ruhmes. So viel Vögel ihr sahet gewürgt vom Zahne des Unthiers, So viel werden wir Jahre des Kriegs ausdulden vor Troja. Aber im zehenten fällt es, und satt wird Hellas von Rache.« Dieß hat Kalchas enthüllt, was jetzo gereift ihr erblicket. Was ist das für eine Weissagung, aus der Zahl der Sperlinge eher auf Jahre, als auf Monate oder Tage zu schließen? Und warum richtet er seine Vermuthung nach den Sperlingen, bei welchen doch gar nichts Ausserordentliches war, und schweigt vom Drachen, der, was ganz unmöglich war, in Stein verwandelt worden seyn soll? Und endlich, frage ich, wie kommen Sperlinge und Jahre zusammen? Denn von der Schlange, die Sulla plötzlich bei seinem Opfer erblickte, weiß ich noch recht gut, erstlich, daß Sulla, als er ausrücken wollte, opferte, zweitens, daß eine Schlange unter dem Altar hervorgekommen ist, und drittens, daß er an demselben Tage die Schlacht glänzend gewonnen, nicht weil es ihm die Haruspices prophezeit, sondern weil er ein einsichtsvoller Feldherr war. 31. Die Gattungen von Wunderzeichen aber haben gar nichts Wunderbares, die, wenn sie geschehen sind, auf irgend eine Weise durch eine Vermuthung gedeutet werden, wie 928 z. B. jene Weizenkörner, die in den Mund des jungen Midas zusammen getragen worden; oder die Bienen, von denen du erzählt hast, sie seyen auf den Lippen des Knaben Plato gesessen. Das sind nicht sowohl wunderbare Erscheinungen, als artige Vermuthungen: die indessen entweder an sich falsch seyn konnten, oder wobei das Vorausgesagte auch reiner Zufall seyn kann. Was vom Roscius erzählt wird, nämlich, daß er von einer Schlange umwunden gewesen, das kann erdichtet seyn; allein daß in der Wiege sich eine Schlange gefunden hat, ist so wunderbar eben nicht, besonders im Solonium, wo sich die Schlangen häufig als Heerde einzufinden pflegen. Denn daß die Haruspices daraus prophezeiten, er werde ein ausserordentlich berühmter und ausgezeichneter Mann werden, da muß ich mich doch sehr wundern, daß die unsterblichen Götter einem künftigen Schauspieler Berühmtheit voraus andeuteten, dem Scipio Africanus aber nicht. Doch du hast ja auch die Flaminianischen Wunderzeichen zusammengestellt. Daß er mit seinem Pferd auf einmal gestürzt ist, darin finde ich nichts Wunderbares. Daß das Feldzeichen des ersten Zuges der Lanzenträger sich nicht herausreissen ließ – nun, da zog eben vielleicht der Adlerträger etwas ängstlich (an dem Schaft) den er recht muthig hineingesteckt hatte. Denn was war denn an dem Pferde des Dionysius zu verwundern, daß es aus dem Flusse wieder herauskam? und daß Bienen an seiner Mähne waren? Aber weil er kurze Zeit darauf zur Alleinherrschaft gelangte, so galt, was zufällig geschehen war, für ein Wunderzeichen. »Aber zu Lacedämon tönten die Waffen im Herculestempel und die Thürflügel [im Tempel] desselben Gottes zu Thebä, die 929 verschlossen gewesen waren, öffneten sich plötzlich von selbst; die hoch oben befestigten Schilde fand man auf dem Boden.« Da von allem Diesem nichts ohne irgend eine Erschütterung geschehen konnte, welchen Grund haben wir denn, hier vielmehr einen göttlichen Einfluß, als einen Zufall anzunehmen? 32. »Aber dem Standbilde des Lysander zu Delphi wuchs auf einmal auf dem Haupte ein Kranz von stachlichten Kräutern hervor.« Wirklich? Du glaubst also, es sey der Kräuterkranz entstanden, ohne daß vorher der Saame dazu empfangen worden? Wilde Kräuter aber, glaube ich, waren es, von Vögeln zusammengetragen, nicht von Menschen gesä't. Nun kann leicht, was auf dem Kopfe ist, einem Kranze gleich sehen. Daß du aber erzählt hast, es seyen zu derselben Zeit die goldenen Sterne des Castor und Pollux zu Delphi herunter gefallen, und nirgends mehr gefunden worden, das scheint wohl eher eine That der Diebe, als der Götter. Daß aber der böse Streich, den ein Affe zu Dodona gespielt, in Griechischen Geschichtsbüchern aufgezeichnet worden, darüber muß ich mich sehr wundern. Gibt es denn etwas weniger Wunderbares, als daß dieses so abscheuliche Thier eine Urne umgeworfen und die Loose zerstreut hat? Und da setzen die Geschichtschreiber hinzu, nie sey den Lacedämoniern ein traurigeres Wunderzeichen vorgekommen, als dieses! Die Prophezeiungen der Vejenter aber, daß, wenn der Albanische See überlaufen und in's Meer fließen werde, Rom zu Grunde gehe, wenn er zurückgedämmt würde, Veji * * da, glaube ich, wurde das Wasser des Albanersees zum Vortheil des angebauten Bodens auf unserem Stadtgebiet abgeleitet, und nicht, damit die Stadt und das Capitolium nicht zu Grunde 930 gehe. »Aber kurz darauf ward die Stimme eines Warnenden vernommen: man sollte sich in Acht nehmen, daß Rom nicht von den Galliern eingenommen werde; und daher soll ja dem Ajus Loquens auf der neuen Straße ein Altar geweiht worden seyn.« Was ist's dann? der Ajus Loquens sprach [ ajebat ] und redete [ loquebatur ], als Niemand ihn kannte, und hat davon den Namen bekommen, nachdem er aber einen Wohnsitz, einen Altar und einen Namen erhalten, ist er verstummt? Dasselbe läßt sich auch von der (Juno) Moneta [Warnerin] sagen; denn sind wir je, außer wegen jenes trächtigen Schweines, durch sie bei irgend Etwas gewarnt worden? 33. Genug über die Wunderzeichen. Noch sind uns die Auspicien übrig, und diejenigen Loose, die gezogen werden, nicht die (auch sortes [Loose] genannten Weissagesprüche) die in prophetischer Begeisterung ausgesprochen werden, die wir richtiger Orakel nennen, und über die wir dann sprechen werden, wenn wir auf die natürliche Weissagung kommen. Auch ist noch über die Chaldäer zu sprechen. Doch wir wollen erst über die Auspicien in's Reine kommen. Ein Augur, der gegen sie sprechen will, hat einen harten Stand. Doch vielleicht nur ein Marsischer, ein Römischer ganz und gar nicht. Denn wir Auguren sind keine Leute, die aus der Beobachtung der Vögel und übrigen Vorzeichen die Zukunft prophezeien. Und doch glaube ich, Romulus, der nach Auspicien die Stadt gründete, war wirklich der Meinung, es gebe für die Vorausschauung der Dinge eine Augurenwissenschaft [denn das Alterthum hatte in vielen Stücken falsche Ansichten], die wir nun freilich gegenwärtig durch den Gebrauch, die 931 (gesteigerte) Bildung oder durch das Alter in anderer Gestalt erblicken. Man behält aber, theils um die Vorurtheile des Volkes zu schonen, theils weil es wirklich dem Staate sehr vortheilhaft ist, die Sitte, die religiöse Achtung, die Schule und das Recht der Auguren, nebst dem Ansehen ihres Collegiums bei. Und ich erkläre bestimmt, daß die Consuln P. Claudius und L. Junius allerdings die strengste Bestrafung verdient haben, weil sie gegen die Auspicien absegelten. Denn sie hätten der religiösen Warnung gehorchen, und nicht die vaterländische Sitte so frech verhöhnen sollen. Recht ist also dem Einen geschehen, daß ihm das Volk das Urtheil gesprochen hat, und der Andere hat sich mit Recht selbst den Tod gegeben. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht. Darum kam er mit dem Heere um. Aber das Jahr darauf gehorchte Paullus. Ist er darum nicht dennoch in der Schlacht bei Cannä gefallen? Denn gesetzt, es wären auch Auspicien möglich, was ich läugne, so ist wenigstens Das, was bei uns üblich ist, sey es das Tripudium, oder Beobachtungen am Himmel, ein bloßer Schatten von Auspicien, Auspicien keinesweges. 34. Quintus Fabius, du mußt mein Gehülfe bei'm Auspicium seyn. Wir haben hier die alten Auspicienformeln. »Gut,« antwortet Dieser. Zu diesem Beistande wurde bei unsern Vorfahren ein Kundiger gezogen, jetzt der nächste Beste. Ein Kundiger aber muß nothwendig Der seyn, welcher versteht, was Stille [silentium] heißt. So nennen wir nämlich in den Auspicien Das, wenn von keiner Seite eine Störung ist. Das zu 932 verstehen, dazu wird ein ausgelernter Augur erfordert. Wenn nun Der, welcher die Auspicien hält, Dem, welcher als Gehülfe gebraucht wird, die Vorschrift gegeben hat: » Sprich, wenn Stille zu seyn scheint, « blickt Dieser weder auf noch um, sondern antwortet gleich: » es scheint Stille zu seyn. « Jener dann wieder. » Sprich, wenn sie fressen. « – » Sie fressen. « »Welche Vögel? oder wo?« »Es hat, spricht er, der Mann die Hühner im Käfig gebracht,« der eben davon pullarius [Hühnerwärter] heißt. Das sind also die Vögel, die Vermittlungsboten Jupiters; ob diese fressen oder nicht, was liegt daran? Für die Auspicien Nichts. Allein weil, wenn sie fressen, nothwendig ihnen etwas aus dem Munde fällt und auf den Boden schlägt [ pavit ], so hat man es anfangs terripavium [Bodenschlag], später terripudium genannt, und das heißt gegenwärtig tripudium . Ist nun ein Bissen aus dem Munde des Huhns gefallen, dann wird Dem, der die Auspicien hält, ein tripudium solistimum [ein erwünschtes] gemeldet. 35. Kann nun dieses so erzwungene und (gleichsam) erpreßte Auspicium etwas (durch göttlichen Einfluß) Prophetisches in sich haben? Daß sich dessen die ältesten Auguren nicht bedienten, davon ist Das ein Beweis, daß wir einen alten Beschluß des Collegiums haben, jeder Vogel könne ein Tripudium machen. Dann also wäre es ein Tripudium, wenn es dem Thiere freigestanden wäre, ob es sich hätte zeigen wollen. Dann wäre es möglich, jenen Vogel als Willensverkünder und Trabanten Jupiters zu betrachten. Ist aber, wenn er im Käfig eingeschlossen und ausgehungert über den Breibissen herfährt, und Etwas aus seinem Munde 933 fällt, Das, meinst du, sey ein Auspicium, oder auf solche Weise habe Romulus gewöhnlich Auspicien gehalten? Ferner den Himmel zu beobachten, pflegten, denkst du, nicht Die selbst, die Auspicien hielten? Jetzt heissen sie es den Hühnerwärter, und Dieser meldet es dann. Einen Blitz von der Linken halten wir für das beste Auspicium für alle Gegenstände, außer für die Comitien; eine Einrichtung, die aus politischen Gründen so veranstaltet ist, daß bei den Comitien, werden sie nun zum Zwecke der Volksgerichte, oder für die Gesetzgebung, oder für die Beamtenwahlen gehalten, ihre Gültigkeitserklärung von den Ersten im Staate abhangen möchte. »Aber es haben ja auf das Schreiben des Tiberius Gracchus hin die Consuln Scipio und Figulus, auf die Erklärung der Auguren, es sey bei ihrer Wahl (gegen die Auspicien) gefehlt worden, ihr Amt niedergelegt.« Wer läugnet denn, daß die Auguren nach Regeln verfahren? Die Weissagung läugne ich. »Aber die Haruspices weissagen doch. Denn als Tiberius Gracchus sie wegen des plötzlichen Todesfalls Desjenigen, der bei der Angabe der Tribus, die zuerst stimmen sollte, zu Boden gestürzt war, vor den Senat hineingeführt hatte, erklärten sie, der Rogator bei den Comitien sey den Göttern nicht wohlgefällig gewesen.« Erstlich könnte ihre Erklärung blos auf den Rogator der Comitien (nicht auf die Consuln) gegangen seyn; denn Dieser war gestorben. Das konnten sie aber ohne Weissagungskunst, aus Vermuthung sagen. Zweitens hatte vielleicht hier der Zufall sein Spiel; und diesen darf man auf keine Weise aus diesem Gebiete verweisen. Denn was konnten die Etruscischen Haruspices von der rechten Wahl des Auspicienzeltes oder von 934 dem Rechte des Stadtzwingers wissen? Ich meines Theils stimme lieber dem C. Marcellus, als dem Appius Claudius bei, welche Beide meine Collegen waren, und glaube, das Recht der Auguren sey, obgleich anfangs in dem Glauben an die Möglichkeit der Weissagung eingeführt, späterhin blos aus politischen Gründen noch stehen gelassen und beibehalten worden. 36. Doch über diesen Punkt anderswo ausführlicher, hier nicht weiter. Ich will nämlich noch einen Blick auf die Augurien des Auslandes werfen, die nicht sowohl künstlich, als kindisch [eig. abergläubisch] sind. Anderswo braucht man fast alle Vögel dazu; wir sehr wenige. Andere [Auspicien] halten die fremden Völker für günstig, andere wir. Deiotarus fragte mich mehrmals über das Verfahren bei unsern Auspicien, ich ihn, wie es bei ihm gehalten werde. Unsterbliche Götter! welcher Unterschied! Manches war geradezu widersprechend. Und dieser Auspicien bediente sich der Mann immer. Wie oft wenden wir sie an, außer wenn sie uns vom Volke übertragen sind? Unsere Vorfahren litten nicht, daß im Kriege ohne vorher gehaltene Auspicien irgend Etwas unternommen werde. Wie viele Jahre her werden jetzt Kriege von Proconsuln und Proprätoren geführt, die gar keine Auspicien haben? Man hält also auch keine, ehe man über einen Fluß setzt, noch holt man Auspicien durch das Tripudium ein. Die Auspicien aber aus den Lanzenspitzen, ein ganz kriegerisches Auspicium, hat schon M. Marcellus, der fünfmal Consul war, ganz aufgegeben, und war doch ein trefflicher Feldherr und Augur zugleich. Wo bleibt nun die Weissagung durch Vögel? Weil gegenwärtig die Kriege unter 935 der Leitung von Befehlshabern stehen, die gar keine Auspicien haben, so scheinen sie für die militärischen Beamten aufgegeben zu seyn, und nur noch von den städtischen beibehalten zu werden. Jener Feldherr sagte sogar, er reise, wenn er eine kriegerische Unternehmung vorhabe, in einer bedeckten Sänfte, um nicht durch ein vorkommendes Auspicium daran verhindert zu werden. Fast derselbe Fall ist, daß wir Auguren, damit sich kein juge auspicium Festus erklärt das durch die Worte: cum junctum jumentum stercus fecisset : wenn zusammengejochte Rinder Mist machen. ereigne, vorschreiben, man soll dem Zugvieh das Joch abnehmen. Heißt das etwas Anderes, als sich vom Jupiter nicht warnen lassen wollen, wenn man entweder macht, daß sich kein Auspicium ereignen kann, oder daß man es nicht sieht? 37. Denn Das ist einmal gar zu lächerlich, was du vom Deiotarus erzählst; er habe es nämlich nicht bereut, den ermunternden Auspicien, als er sich an den Pompejus anschließen wollte, gefolgt zu seyn, weil er, indem er sein Wort und den mit dem Römischen Volke geschlossenen Freundschaftsbund gehalten, seine Pflicht erfüllt habe; denn die (wahre) Ehre und der (wahre) Ruhm seyen ihm lieber, als sein Thron und seine Besitzungen gewesen. Das will ich glauben. Aber die Auspicien geht es doch nichts an. Denn die Krähe konnte ihm doch nicht zukrähen, er handle recht, daß er die Freiheit des Römischen Volkes zu vertheidigen sich anschicke. Seine Wahl war nur Folge seiner Grundsätze. Die Vögel kündigen günstige oder ungünstige Erfolge an. Aber (nicht ihrem, sondern) der Tugend Auspicien ist hier 936 offenbar Deiotarus gefolgt, und diese gebietet, ohne Rücksicht auf das Glück, Wort zu halten. Haben ihm die Vögel aber glücklichen Erfolg versprochen, so haben sie ihn ohne Weiteres getäuscht. Er floh aus der Schlacht mit dem Pompejus. Ein schweres Mißgeschick. Er trennte sich von ihm. Jammervolles Ereigniß. Er mußte den Cäsar zu gleicher Zeit als Feind und als Gast bei sich sehen. Gibt es etwas Kränkenderes? Cäsar nahm ihm die Tetrarchie der Trogmer, und gab sie einem Menschen aus Pergamus, der es mit ihm hielt, Mithridates, der nach Hirt. (Bell. Alex. 78.) doch aus königlichem Stamme war. entzog ihm Armenien, das ihm der Senat gegeben hatte, und ließ sich noch dazu von Deiotarus auf's glänzendste beherbergen; und so verließ er seinen königlichen Gastwirth rein ausgeplündert. Doch ich schweife zu weit ab, zurück zur Sache. Fragen wir nach dem Erfolge, den man durch die Vögel erfahren will, so war er dem Deiotarus in keiner Hinsicht günstig. Fragen wir nach den Pflichten, die hat ihn sein Edelmuth, nicht der Vögelflug gelehrt. 38. Gib also den Lituus des Romulus Preis, von dem du sagst, ihn habe bei einem ungeheuern Brande das Feuer nicht verzehren können; laß den Wetzstein des Attius Navius fahren. Erdichtungen und Mährchen gebührt kein Raum in der Philosophie. Das war die Aufgabe eines Philosophen, erstens der Natur des ganzen Augurienwesens auf den Grund zu sehen, darin seiner Entstehungsgeschichte und endlich seiner Consequenz nachzuspüren. Was ist es denn nun für ein Etwas, das die Vögel in Kreuz- und 937 Queer-Richtungen herum zu fliegen antreibt, um Etwas anzudeuten, bald von Etwas abzumahnen, dann dazu aufzumuntern, sey es durch Stimme oder Flug? und warum ist den einen Vögeln verliehen, daß sie von der Linken, den andern, daß sie von der Rechten her ein gültiges Auspicium bewirken können? Und wie soll man denn darauf gekommen seyn, oder wann, oder Wer zuerst? Die Etruscer haben doch einen ausgeackerten Knaben zum Erfinder ihrer Kunst. Wen wir denn? den Attius Navius? Allein Romulus und Remus, Beide Auguren, wie man uns berichtet, sind um mehrere Jahre älter. Oder sollen wir das Ganze für eine Erfindung der Pisidier, oder der Cilicier, oder der Phrygier erklären? Und wir wollten Die, denen rein menschliche Bildung abgeht, zu Urhebern übermenschlicher Lehre machen? 39. »Aber es bedienen sich ja alle Könige, Völker und Nationen der Auspicien.« Als ob Etwas so verbreitet wäre, wie die Thorheit! oder als ob du selbst das Urtheil des großen Haufens für einen Beweis der Wahrheit gelten ließest! Wie Viele gibt es denn, die die Sinnenlust nicht für etwas Gutes erklären? Die Meisten nennen sie gar das höchste Gut. Lassen sich darum die Stoiker durch ihre Ueberzahl bestimmen, ihren Grundsatz aufzugeben? oder richtet sich in den meisten Dingen der große Haufe nach ihrem Vorgange? Was Wunder also, wenn in den Auspicien und jeder Art der Weissagung Schwachköpfe nach jenem abergläubischen Zeug greifen, für das Wahre aber keinen Sinn haben? Und wo ist denn unter den Auguren eine feste und sichere Uebereinstimmung? Nach unserer Augurien Weise sagt Ennius: 938 Wenn von der Linken der Donner bei heiterem Himmel erwünscht hallt. Aus den Annalen des Ennius II, 5. Aber der homerische Ajax, der sich bei Achilles über die Unbändigkeit der Trojaner, ich weiß nicht in welcher Hinsicht, beschwert, meldet auf folgende Weise: Günstiges deutet uns Zeus so eben durch Blitze zur Rechten. Durch einen Gedächtnißfehler läßt Cicero diese Worte den Ajax sagen, da sie doch dem Ulysses gehören. Il. IX, 236. So scheinen uns also die linken, den Griechen und Barbaren die rechten (Blitze) die günstigen. Wiewohl ich allerdings weiß, daß, was günstig ist, bei uns links heißt wenn es auch rechts her kommt. Aber sicher haben die Unsrigen das Linke (günstig) genannt, und die andern Nationen das Rechte, weil dieses Diesen, jenes uns meistentheils das Bessere schien. Welcher Widerspruch! Ja, auch andere Vögel erscheinen Jenen bedeutsam und andere Zeichen. Ihre Art zu beobachten und die Deutung auszusprechen, ist eine andere. Muß man nicht gestehen, daß ein Theil davon auf Rechnung des Irrthums, ein Theil auf Rechnung des Aberglaubens, Vieles auf Rechnung des Betrugs kommt? 40. Und diesen abergläubischen Dingen hast du so unbedenklich auch die Wahrzeichen angereiht: wie Aemilia dem Paullus erzählt, der Persa sey um's Leben gekommen; was dem Vater ein willkommenes Vorzeichen war; wie Cäcilia ihrer Nichte ihren Sitz einräumte. Auch das: Keinen Unheilslaut! und die zuerst zu befragende Tribus als Wahrzeichen bei den Comitien. Das heißt recht gegen sich selbst die Fülle und Gewandtheit seiner Rede kehren. Wann kannst 939 du denn je, wenn du so etwas beachtest, ruhigen und freien Gemüthes seyn, um dich bei ^irgend einer Unternehmung statt vom Aberglauben, von der Vernunft leiten zu lassen? Sonderbar, wenn ein Wort, das Einer in Beziehung auf seine eigenen Angelegenheiten und auf das, was er zu sagen hat, spricht, sich gerade Dem anpaßt, was du vorhast oder denkst, Das sollte dir Besorgniß oder Muth einflößen? Als M. Crassus zu Brundisium sein Heer einschiffte, rief im Hafen ein Mann, der trockene Feigen von Caunus eingeführt hatte und feilbot: Cauneas! [Caunische]. Wenn du Lust hast, so können wir ja sagen, der Mann habe den Crassus gewarnt, er soll sich hüten, abzureisen [durch den Ruf: cav' n'eas: cave ne eas! ], und er würde nicht umgekommen seyn, wenn er dem Wahrzeichen gehorcht hätte. Geben wir auf dergleichen Dinge Achtung, so werden wir auch uns ein Bedenken machen müssen, wenn wir den Fuß anstoßen, oder uns ein Schuhriemen reißt, oder über das Nießen. Jetzt habe ich noch von den Loosen und den Chaldäern zu sprechen, und dann komme ich auf die Seher und die Träume. 41. Die Loose also sind auch der Rede werth? Was ist denn ein Loos? Fast Dasselbe, was das Fingerspiel, Digitis micare ; was die Italiener jetzt giucar' alla mora nennen. das Würfeln oder Knöchelwerfen; Dinge, bei denen das Ungefähr und der Zufall, nicht Besonnenheit und Plan walten. Die ganze Sache ist zum Betrügen ausgesonnen, oder zum Gewinn, oder aus Aberglauben, oder aus Irrthum. Laß und einmal, wie wir bei der Haruspicin gethan haben, das angebliche Auffinden der berühmtesten Loose beleuchten. Von dem 940 Numerins Suffucius erzählen die Geschichtbücher der Pränestiner, er sey ein rechtschaffener und angesehener Mann gewesen, der durch häufige, am Ende gar bedrohende Traumgesichte aufgefordert worden, einen Kieselstein zu zerhauen, und er sey endlich, durch die Erscheinungen geschreckt, ob ihn gleich seine Mitbürger ausgelacht, daran gegangen; da seyen denn, als der Stein zerbrochen gewesen, Loose herausgefallen, nämlich eichene (Blättchen oder Stäbchen) mit eingeschnittenen uralten Buchstaben. An dem Platze ist heut zu Tage eine Umzäunung, als an einer heiligen Stelle, neben dem Tempel des als Knabe verehrten Jupiter, der als Säugekind mit der Juno auf dem Schoose der Fortuna sitzend und nach der Brust aufstrebend, dort von den Müttern mit besonders beobachteter Züchtigkeit verehrt wird. Um dieselbe Zeit soll an dem Platze, wo jetzt der Tempel der Fortuna steht, Honig aus einem Oehlbaume geflossen seyn, und die Haruspices gesagt haben, jene Loose werden ausserordentlich berühmt werden. Auf ihren Befehl sey sodann aus dem Holze jenes Oehlbaumes ein Kästchen verfertigt und darin die Loose verwahrt worden, die noch heut zu Tage auf den Wink der Fortuna gezogen werden. Was kann nun bei Loosen Zuverläßiges seyn, die auf den Wink der Fortuna von der Hand eines Knaben gemischt und gezogen werden? Und wie sind sie denn an den Platz hingekommen (wo sie gefunden worden)? Wer hat jene Eiche gefällt, in Täfelchen geschnitten und überschrieben? Einer Gottheit, erwiedern sie, ist Nichts unmöglich. O hätte sie denn doch die Stoiker klug gemacht, damit sie nicht an Alles mit abergläubischer Aengstlichkeit und Erbärmlichkeit glaubten. Doch diese Art der 941 Weissagung ist selbst im gemeinen Leben schon außer Credit gekommen. Die Schönheit des Tempels und das hohe Alter macht allein, daß man auch gegenwärtig noch von den Pränestinischen Loosen spricht: und zwar erst nur der Pöbel. Denn welcher Beamte oder welcher Mann von Auszeichnung bedient sich der Loose? An allen übrigen Orten aber interessirt sich kein Mensch mehr für die Loose. Uebrigens schreibt Clitomachus, Carneades habe sich mehrmals des Ausdrucks bedient, nirgends habe er die Glücksgöttin beglückter gesehen, als zu Präneste. Genug also von dieser Art der Weissagung. 42. Wir gehen zu den Erscheinungen der Chaldäer über, von welchen Eudoxus, ein Zuhörer des Plato, ein Mann, der nach dem Urtheile der Kenner vom ersten Range in der Sternkunde schwerlich seines Gleichen hatte, die Ansicht hatte, die er auch schriftlich hinterließ: die Chaldäer verdienen mit ihrer aus dem Geburtstage eines Menschen berechneten Prophezeiung und Angabe seines Lebensgeschickes gar keinen Glauben. Namentlich sagt auch Panätius, der einzige Stoiker, der die Prophezeiungen der Astrologen verworfen hat, vom Archelaus und Cassander, den größten Astrologen seiner Zeit, sie hätten sich in allen übrigen Theilen der Sternkunde ausgezeichnet, aber von dieser Art der Weissagung nie Gebrauch gemacht. Auch Skylar von Halicarnassus, ein vertrauter Freund des Panätius, dabei ein in der Sternkunde ausgezeichneter Mann, der zugleich an der Spitze der Verwaltung in seinem Vaterlande stand, verwarf das ganze Chaldäische Weissagungswesen. Doch, um methodisch zu verfahren und nach Gründen, wollen wir mit 942 Beiseitsetzung der Zeugen, die Beweisführung Derjenigen vornehmen, welche die Nativitätstellerei der Chaldäer in Schutz nehmen. Es sey, sagen sie, in dem Gestirnkreise, der Griechisch Zodiacus heißt, eine Kraft, vermöge welcher jeder Theil dieses Kreises, jeder auf eigene Weise, die Bewegung des Himmels veranlasse und bestimme, je nachdem jeder Stern zu jeder bestimmten Zeit zwischen ihnen und den benachbarten Theilen stehe, und diese Kraft werde wieder auf manchfache Weise durch diejenigen Sterne modificirt, welche Irrsterne heissen. Wenn sie aber gerade in den Theil des Kreises kommen, in welchen die Entstehung Desjenigen falle, der geboren wird, oder in den, welcher in einem Verhältnisse mit ihnen oder einer Art von Verwandtschaft steht, so nennen sie das Gedrittscheine und Geviertscheine. Man setze, ein Mensch sey in einem gewissen Zeichen des Thierkreises, z. B. im Sternbilde des Widders, geboren, und der Planet Jupiter stände dann im Löwen, so würde derselbe um den dritten Theil des ganzen Kreises von dem Widder entfernt ( Gedrittschein ); stände er im Krebs, so wäre die Entfernung so viel als der vierte Theil des Kreises ( Geviertschein ). Denn da die so bedeutenden Abwechslungen und Veränderungen der Jahrszeiten und der Lufttemperatur durch das Zusammen- und Auseinanderrücken der Sterne bewirkt werden, und da durch den Einfluß der Sonne Das geschieht, was wir gewahr werden, so betrachten sie es nicht blos als wahrscheinlich, sondern als gewiß, daß, je nach Beschaffenheit der Lufttemperatur die Kinder bei ihrem Entstehen eine Seele und 943 Gestaltung bekommen, und sich dem zu Folge, die Anlagen, der Character, die Gemüthsart, der Körper, die Lebensführung und Alles, was ihnen Schlimmes und Gutes widerfährt, entfalte. 43. O unbegreifliche Verirrung des Verstandes! Denn nicht jeden Irrthum muß man Thorheit nennen. Doch auch der Stoiker Diogenes gibt ihnen in einem Punkte Etwas zu, nämlich daß sie blos voraussagen können, was Jeder für ein Temperament, und wozu er ein besonderes Talent haben werde. Was sie über Dieses hinaus noch wissen zu können vorgeben, Das, sagt er, sey zu wissen schlechterdings unmöglich; sehen ja doch Zwillingsbrüder einander gleich, während ihr Leben und ihr Schicksal gemeiniglich ungleich sey. So waren die Könige der Lacedämonier, Prokles und Eurysthenes, Zwillingsbrüder. Aber sie erreichten kein gleiches Lebensalter, denn Prokles starb ein Jahr vor seinem Bruder, dabei übertraf er aber Denselben weit an Thatenruhm. Ich aber behaupte, selbst Das, was der ehrliche Diogenes den Chaldäern durch eine Art von Inconsequenz zugesteht, hat keinen vernünftigen Sinn. Denn da, wie sie sagen, der Mond einen Einfluß auf das Entstehen der Geburten hat, und die Chaldäer diejenigen Sterne der Geburtsstunde bemerken und aufzeichnen, die mit dem Monde zusammen zu kommen scheinen, so beurtheilen sie nach dem so trüglichen Sinne des Gesichts Das, wo eigentlich das Auge der Vernunft und des Geistes zusehen sollte. Denn es lehrt die Berechnung der Mathematiker, die Jenen bekannt seyn sollte, wie niedrig die Bahn des Mondes geht, und wie sie fast an die Erde streift; wie weit er entfernt ist von dem nächsten (Wandel-)Sterne, dem 944 Mercur, und noch viel weiter von der Venus; und welcher andere Zwischenraum dann wieder zwischen ihm und der Sonne sey, der er, wie man annimmt, sein Licht verdankt. Die drei übrigen Zwischenräume aber – wie unendlich und unermeßlich sind sie nicht! nämlich der von der Sonne bis zum Mars, von da zum Jupiter und von diesem zum Saturnus, endlich bis an's Firmament den letzten und äussersten der Weltkreise. Wie ist nun ein Einfluß aus einer fast unendlichen Entfernung bis auf den Mond, oder vielmehr bis auf die Erde möglich? 44. Und daß sie nun vollends gar sagen [was sie consequenterweise auch sagen müssen] alles Entstehen aller Menschen, die auf der ganzen bewohnten Erde (in einem Momente) erzeugt werden, sey vollkommen gleich, und es müsse nothwendig Allen, die unter gleicher Constellation und Himmelsbeschaffenheit geboren seyen, Dasselbe begegnen; ist diese Behauptung nicht von der Art, daß jene Himmelsdeuter offenbar die Natur des Himmels nicht einmal kennen müssen? Denn da jene Kreise, welche den Himmel gleichsam mitten entzwei theilen und unsern Blick begrenzen, welche von den Griechen ορίζοντες genannt werden; und von uns passend finientes [die begrenzenden] genannt werden können, unendlich manchfaltig sind, und jeder Ort seinen eigenen (Horizont) hat; so können unmöglich die Gestirne überall zu gleicher Zeit auf- und untergehen. Wird nun durch ihren Einfluß die Temperatur des Himmels auf verschiedene Weise modificirt, wie kann denn bei der so großen Verschiedenheit des Himmels die Natur der Geborenwerdenden dieselbe seyn? In den von uns bewohnten Gegenden geht einige Tage nach 945 dem Solstitium der Hundsstern auf; bei den Troglodyten, wie wir aufgezeichnet finden, vor dem Solstitium; so daß, gesetzt wir geben nun auch zu, daß der Einfluß des Himmels sich auf die auf der Erde Geborenwerdenden erstrecke, Jene doch zugestehen müssen, daß Die, welche zu gleicher Zeit geboren werden, wegen der ungleichen Beschaffenheit des Himmels (in demselben Moment), eine sehr verschiedene Natur haben können. Und Das ist doch ganz gegen ihre Behauptung. Denn sie bestehen darauf, Allen, die zu gleicher Zeit, wo es auch immerhin sey, geboren werden, stehe genau dasselbe Schicksal bevor. 45. Aber wie widersinnig ist es, [anzunehmen,] es sey bei den ungeheuer großen Bewegungen und Veränderungen des Himmels ganz gleichgültig, welcher Wind oder Platzregen, welche Witterung überhaupt überall sey? Findet doch gerade in diesem Punkte oft in ganz nahe bei einander liegenden Orten eine so große Verschiedenheit Statt, daß (z. B.) oft zu Tusculum ein ganz anderes Wetter als zu Rom ist. Das merken besonders die Seefahrer, wenn sie bei'm Herumfahren um ein Vorgebirge oft auf einmal ganz andere Winde wahrnehmen. Da nun eine so große Abwechselung der Witterung Statt findet, so daß der Himmel bald heiter bald stürmisch ist, wie verträgt es sich mit dem gesunden Menschenverstande, zu sagen, Das habe keinen Einfluß auf die Entstehung der Geborenwerdenden [wie es denn auch gewiß keinen hat], und daneben wieder zu behaupten, etwas auf jeden Fall sehr Zartes, das sich auf keine Weise empfinden, ja kaum denken läßt, wie die Einwirkung des Mondes und der übrigen Gestirne auf die Temperatur des Himmels, habe 946 einen Einfluß auf die Entstehung der Kinder? Ja, daß sie nicht einsehen, daß die Wirksamkeit des Samens, der auf Zeugung und Hervorbringung so einflußreich ist, dadurch gänzlich aufgehoben wird, Das ist doch wohl kein unbedeutender Irrthum? Ist denn Jemand so kurzsichtig, nicht zu begreifen, daß die Kinder in Gestalt, Charakter, häufig auch in Stellung und Bewegung der Abdruck ihrer Eltern sind? Eine Erscheinung, die sich nicht zeigen würde, wenn dieß Alles nicht von der Einwirkung und Natur der Zeugenden abhienge, sondern von der durch den Mond und den Himmel herbeigeführten Mischung und Temperatur. Und haben nicht Menschen, die in einem und demselben Augenblicke geboren sind, ganz verschiedenen Character, Lebensweise und Schicksale? und ist das nicht Beweis genug, daß auf den Gang des Lebens die Zeit der Geburt gar keinen Einfluß habe? Wir müßten nur etwa meinen, es sey mit dem Africanus kein Mensch zu gleicher Zeit empfangen und geboren worden, denn gab es einen Zweiten? 46. Oder weiß man nicht, daß Viele, die von Geburt irgend einen Naturfehler hatten, entweder durch die sich selbst nachbessernde Natur hergestellt und zurecht gebracht wurden oder durch Kunst und ärztliche Hülfe? so daß Menschen, deren Zunge so angewachsen war, daß sie nicht sprechen konnten, curirt wurden, indem man mit einem feinen Messer die Zunge lostrennte? Viele haben auch einen Naturfehler durch Anstrengung und Uebung geheilt, wie der Phalereer vom Demosthenes schreibt, er habe es durch Uebung dahin gebracht, daß er den Buchstaben Rho, den er nicht hatte aussprechen können, vollkommen deutlich aussprach. Wären dergleichen 947 Fehler durch den Einfluß der Gestirne angeboren, so wäre Nichts im Stande sie zu ändern. Und hat nicht die Verschiedenheit der (Geburts-) Orte auch eine Verschiedenheit der Erzeugungen der Menschen zur Folge? Der Beweis davon läßt sich leicht führen. Was ist z. B. für ein Unterschied zwischen den Indern und Persern, Aethiopern und Syrern, und zwar an Körper und Geist! allerdings ein unbeschreiblich bedeutender und auffallender. Ein schlagender Beweis, daß die Lage der Länder weit größern Einfluß auf die Geburt äußere, als die Stellung des Mondes. Denn daß sie sagen, die Babylonier haben viermal hundert und siebenzig tausend Jahre lang die Probe und den Versuch bei allen neugebornen Kindern gemacht, ist eine Lüge. Denn wäre es so regelmäßig geschehen, so hätte man nicht aufgehört; wir haben aber gar keinen Gewährsmann, der uns sagte, es geschehe entweder oder sey geschehen. 47. Siehst du, daß ich nicht Das sage, was Carneades, sondern was Einer der vorzüglichsten Stoiker, Panätius, gesagt hat? Ich füge aber auch noch die Frage bei, ob wohl Alle, die in der Schlacht bei Cannä fielen, unter Einer Constellation geboren worden sind? Das Ende wenigstens war bei dem Einen wie bei dem Andern. Und sind etwa die an Talent und Gemüthsart ganz Ausgezeichneten auch unter gleichem Gestirn geboren? Vergeht denn eine Zeit, in der nicht Unzählige geboren werden? Und doch gibt es wahrhaftig keinen zweiten Homer. Und wenn es darauf ankommt, bei welcher Beschaffenheit des Himmels und Stellung der Gestirne jedes lebende Wesen entstehe, so muß Dieß doch nothwendig auch bei leblosen Dingen gelten. Gibt es aber eine abgeschmacktere 948 Behauptung als diese? Freilich, mein guter Freund, L. Tarutius Firmanus, der besonders in den Chaldäischen Rechnungen sehr bewandert war, rechnete auch den Geburtstag unserer Stadt von dem Palesfeste Das Fest der Hirtengöttin Pales im April. her, an welchem sie der Sage nach von Romulus gegründet seyn soll, und sagte, Rom sey geboren, als der Mond im Zeichen der Wage war, woraus er denn unbedenklich die Schicksale der Stadt prophezeien zu können glaubte. Was für Kraft haben nicht verkehrte Ansichten! Also auch der Geburtstag einer Stadt fällt in den Kreis des Einflusses der Gestirne und des Mondes? Angenommen, es komme bei einem Kinde darauf an, bei welcher Beschaffenheit des Himmels es den ersten Athemzug gethan; konnte Das auch eine Wirkung haben auf den Ziegelstein oder auf den Mörtel, die bei'm Bau der Stadt gebraucht wurden? Doch was bedarf's Weiteres, da jeder Tag sie widerlegt? Wie oft wurde (ich erinnere mich's wohl) dem Pompejus, wie oft dem Crassus, wie oft gerade dem Cäsar von den Chaldäern geweissagt, Keiner von ihnen werde anders, als in den Greisenjahren, als zu Hause, als im Genusse seines Ruhmes sterben! so daß ich es wirklich höchst wunderbar finde, daß sich nur noch ein Mensch findet, welcher Leuten glaubt, deren Weissagungen er täglich durch That und Erfolg widerlegt sieht. 48. Es sind noch zwei Arten der Weissagung zurück, die wir angeblich der Natur verdanken, nicht der Kunst, nämlich die Weissagung der Seher und die aus Träumen. Ueber diese laß uns, Quintus, wenn es dir recht ist, noch sprechen. Mir 949 ist es ganz recht, erwiederte er; denn deiner bisherigen Auseinandersetzung stimme ich vollkommen bei; und, die Wahrheit zu gestehen: wiewohl deine Ausführung mich noch mehr bestärkt hat, habe ich doch auch ohnedieß schon die Ansicht der Stoiker von der Weissagung für allzu abergläubisch gehalten, und ich hielt es bei mir selbst schon mehr mit den Peripatetikern, sowohl mit dem alten Dicäarchus, als dem gegenwärtig blühenden Cratippus, welche behaupten, es sey in den Seelen der Menschen eine Art von Götterstimme, durch die sie Künftiges vorausahnen, wenn entweder durch eine von der Gottheit erregte Begeisterung die Seele in Bewegung gesetzt oder durch den Schlaf entfesselt, sich schrankenlos und frei bewege. Ueber diese Gattungen möchte ich nun wohl deine Ansicht vernehmen, und mit welchen Gründen du sie entkräften willst. 49. Auf diese Aeußerung hin nahm ich denn wieder, gleichsam von vorne beginnend, das Wort. Ich weiß wohl, sagte ich, Quintus, daß Dieß immer deine Ansicht war. Du zweifeltest an den übrigen Arten der Weissagung, aber nahmst die beiden Gattungen, die der Begeisterten und die aus Träumen, die nach deiner Ueberzeugung aus frei bewegtem Geiste hervorgehen, an. Ich will mich also über die beiden genannten Gattungen erklären, aber erst noch die Schlußfolge der Stoiker und unseres Cratippus, nebst ihrem Gehalt, einer Prüfung unterwerfen. Du sagtest nämlich, Chrysippus, Diogenes und Antipater schließen auf folgende Weise: »Gibt es Götter, und sie deuten den Menschen nicht zum voraus an, was geschehen wird, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie 950 denken, es interessire die Menschen nicht, zu wissen, was geschehen wird, oder sie glauben ihrer Würde Etwas zu vergeben, wenn sie den Menschen das Künftige voraus andeuten, oder sie können es nicht einmal andeuten. Aber es ist weder anzunehmen, daß sie uns nicht lieben; denn sie sind zu Wohlthun geneigt und dem Menschengeschlechte gut; noch wissen sie nicht, was von ihnen selbst beschlossen und bestimmt ist; noch ist es wahr, daß uns nichts daran liege, zu wissen, Was geschehen wird; denn wenn wir es wissen, werden wir uns mehr in Acht nehmen; noch achten sie es unter ihrer Würde, denn Würdevolleres gibt es ja nichts, als Wohlthun; noch ist es ihnen selbst unmöglich, Winke zu geben. Es gibt also entweder keine Götter, und dann zeigen sie auch die Zukunft nicht an, oder (und das ist das Wahre) es gibt Götter: also deuten sie diese an. Und deuten sie das Künftige an, so ist es falsch, anzunehmen, sie geben uns keine Mittel, die Andeutungen zu verstehen; denn sonst wäre ihr Andeuten vergeblich, und geben sie Mittel, so ist es falsch, daß es keine Weissagung gibt: folglich gibt es eine Weissagung.« O die scharfsichtigen Menschen. Mit wie wenigen Worten halten sie die Sache für abgethan. Sie machen bei ihrem Schlusse Voraussetzungen, von denen ihnen keine eingeräumt wird. Eine Schlußreihe aber ist nur dann zuzugeben, wenn aus unzweifelhaften Vordersätzen Das, worüber noch gezweifelt wurde, erschlossen wird. 50. Siehst du, wie Epicur, dem die Stoiker Mangel an Scharfsinn und Bildung vorwerfen, durch eine Schlußfolge heraus gebracht hat, daß, was wir in der Natur das All nennen, unendlich sey? »Was endlich ist, sagt er, hat einen 951 Endpunkt.« Wer sollte Das nicht zugeben? »Was aber einen Endpunkt hat, das muß von einem andern aus von aussen gesehen werden können.« Auch Das muß man zugeben. »Aber was Alles [das All] ist, läßt sich nicht von aussen von einem andern aus sehen.« Auch Das läßt sich nicht einmal läugnen. »Da es also keinen Endpunkt hat, so muß es unendlich seyn.« Siehst du wie er auf einen (vorher) zweifelhaften Satz aus zugestandenen Vordersätzen gekommen ist? Das thut ihr Dialektiker nicht, ihr setzt nicht nur keine solchen Sätze voraus, die von Jedermann zugegeben werden müssen; sondern ihr nehmt Dinge (als erwiesen) an, aus deren Annahme sogar nicht einmal folgen würde, was ihr (erschließen) wollt. Eure erste Voraussetzung ist diese: »Gibt es Götter, so sind sie gegen die Menschen zum Wohlthun geneigt.« Wer wird euch Das zugeben? Etwa Epicurus, welcher behauptet, die Götter haben weder Sorge für eigene noch für fremde Angelegenheiten. Oder unser Ennius? der mit großem Beifall im Sinne des Volkes spricht: Die Tragödie des Ennius, aus der diese Verse genommen sind, heißt Telamon. Immer sprach ich und werd' auch sprechen: Götter walten im Himmel hoch: Doch sie kümmert, denk' ich, niemals, was das Menschenhäuflein thut. Und dann gibt er gleich darauf den Grund an, warum er so denkt. In dem Verse: Sorgten sie, ging's gut den Guten, schlimm den Schlimmen; doch Das fehlt. Aber ich brauche den folgenden Vers nicht 952 beizusetzen. Ich begnüge mich bewiesen zu haben, daß Jene Etwas als ausgemacht annehmen, was zweifelhaft und streitig ist. 51. Es folgt weiter. »Den Göttern sey Nichts unbekannt, weil Alles von ihnen bestimmt sey.« Wie sehr streiten aber dagegen noch Philosophen vom ersten Range, und sagen, die Zukunft sey gar nicht von den unsterblichen Göttern bestimmt! Aber »es ist für uns von Wichtigkeit, zu wissen, was sich ereignen wird.« Es gibt ein dickes Buch von Dicäarchus (worin er darthut), es nicht zu wissen, sey besser, als es zu wissen. Sie sagen, »es vertrage sich wohl mit der Würde der Götter.« Wirklich, in Jedermanns Hütte zu durchspähen, um zu sehen, was Jedem tauge! »Auch können sie das Künftige voraus wissen.« Das läugnen Die, welche annehmen, was geschehen werde, sey gar nicht unabänderlich voraus bestimmt. Siehst du also, daß Das als gewiß vorausgesetzt wird und als zugestanden, was zweifelhaft ist? Dann machen sie eine Wendung und schließen so: »Also gibt es entweder keine Götter, und dann deuten sie auch die Zukunft nicht an.« Das halten sie nämlich für nothwendig aus einander folgende Sätze. Dann kommt der Untersatz: »Es gibt aber Götter;« ein Satz der ihnen auch nicht allgemein zugegeben wird. »Also deuten sie die Zukunft an.« Nicht einmal Das folgt. Denn es kann Götter geben, ohne daß Dieselben die Zukunft andeuten. »Und deuten sie sie an, so geben sie natürlich auch Mittel zum Verständnisse der Andeutung.« Aber möglich bleibt immer, daß sie sie dem Menschen nicht geben, und doch haben. Denn warum sollten sie sie gerade den Tuskern geben, und den Römern nicht? »Und geben sie die Mittel, so ist falsch, daß es keine Weissagung 953 gebe.« Angenommen, die Götter geben die Mittel (was widersinnig ist); was hilft Das, wenn wir sie gar nicht erfassen können? Der Schluß ist: »Folglich gibt es eine Weissagung.« Mag Das ihr Schluß seyn, erschlossen ist es dennoch nicht. Denn aus falschen (Vordersätzen), wie wir von ihnen selbst gelernt haben, läßt sich nichts Wahres erschließen. Es ist also die ganze Folgerung umgestoßen. 52. Kommen wir nun auf den recht braven Mann, meinen guten Freund Cratippus. »Wenn ohne Augen, sagt er, die Verrichtung und das Geschäft der Augen (des Sehens) nicht möglich ist, es aber möglich ist, daß manchmal die Augen ihren Dienst nicht leisten, so hat, Wer auch nur Einmal seine Augen so gebraucht hat, daß er das Wirkliche sah, den Sinn der Augen, die die Dinge erblicken, wie sie sind. Weiter nun gleichfalls: wenn ohne Weissagung die Verrichtung und das Geschäft der Weissagung [des Weissagens] nicht möglich ist, es aber möglich ist, daß Einer, der Weissagung(sgabe) besitzt, manchmal irrt und nicht das Wahre sieht; so ist es, zur Bestätigung der (Existenz der) Weissagung Beweis genug, daß Einmal Etwas so geweissagt worden ist, daß man sieht, hier habe nicht der Zufall gewaltet. Dergleichen Fälle gibt es aber unzählige. Also muß man zugeben, daß es eine Weissagung gibt.« Witzig ausgedacht und bündig. Aber da er zweimal willkührliche Voraussetzungen gemacht hat, so kann man ihm doch, und wären wir auch noch so geneigt, ihm Recht zu geben, seine Voraussetzungen gar nicht einräumen. »Wenn, sagt er, die Augen manchmal trügen, so ist in ihnen, weil sie auch manchmal richtig gesehen haben, dennoch die Kraft des Sehens.« Ferner. »Hat Einer 954 Einmal im Punkte des Weissagens Etwas (richtig) gesehen, so muß man auch, wenn er es nicht trifft, annehmen, er habe Weissagungskraft.« 53. Erwäge doch, lieber Cratippus, und zeige mir, wie das zusammenstimmt. Mir kommt es nicht so vor. Denn wenn die Augen das [Wirkliche] Wahre sehen, so liegt Das in ihrer Natur und der Empfindung. Wenn aber die Seelen, sey es durch Begeisterung oder im Traume, das Wahre gesehen haben, so ist ihnen Ungefähr und Zufall behülflich gewesen. Du müßtest nur etwa meinen, es werden dir Die, welche Träume für Träume halten, zugeben, wenn irgend einmal ein Traum zutrifft, Das sey nicht durch Zufall geschehen. Aber mögen wir dir auch die beiden Voraussetzungen [ sumptiones ] zugeben [die Logiker nennen sie λήμματα [Annahmen], doch wir wollen lieber den lateinischen Ausdruck behalten]; die Hinzunahme jedoch [ assumptio ], bei Denselben πρόσληψις genannt, kann man dir nicht zugeben. Des Chrysippus Hinzunehmen aber lautet so: »Es gibt aber unzählige Vorausahnungen, die nicht zufällig sind.« Ich sage, es gibt keine. Da sieh' einmal die scharfen Gegensätze. Ist nun aber die Assumtion nicht zugestanden, so ist der Schluß unstatthaft. Aber wir sind (wohl) unverschämt, daß wir das so Augenscheinliche nicht zugeben. Was ist denn augenscheinlich? »Daß, sagt er, Vieles zutrifft.« Und was sagst du dazu, daß noch weit Mehreres nicht zutrifft? Lehrt nicht gerade der Mangel an Consequenz, der dem Zufall eigenthümlich ist, daß eben der Zufall die Ursache davon sey, nicht die Natur. Sodann, wenn dieser dein Schluß, Cratippus, richtig ist [denn mit dir habe ich es zu thun], begreifst du nicht, 955 daß denselben Schluß auch die Haruspices, die Blitzdeuter, die Zeichendeuter, die Auguren, die Looswähler und die Chaldäer für sich geltend machen können? denn von allen diesen Klassen ist keine, bei der nicht Etwas, wie es vorausgesagt worden, zugetroffen wäre. Also sind entweder auch jene Arten von Weissagung wirklich, die du mit vollkommenem Rechte mißbilligst; oder, wenn Nichts an ihnen ist, so sehe ich nicht ein, warum an den zwei Arten Etwas seyn soll, die du gelten lässest. Mit demselben Grunde also, mit welchem du diesen ihre Existenz sichern willst, können auch die sich behaupten, die du verwirfst. 54. Was für eine Gewährleistung hat aber jene Raserei, die ihr eine göttliche [weissagerische] nennt, so daß, was ein Weiser nicht sieht, ein Verrückter sehen soll, und Der, welcher den Menschensinn verloren hat, einen göttlichen bekommen habe? Vor den Versen der Sibylle haben wir Achtung, die sie im Wahnsinn ausgesprochen haben soll. Ihr Ausleger sollte ja neulich (einem falschen Gerüchte zu Folge) im Senat haben sagen wollen: »wenn wir gerettet seyn [nicht zu Grunde gehen] wollten, so müßten wir Den, den wir wirklich zum Könige hätten, auch König nennen. Jener Ausleger hieß L. Cotta, S. Sueton im Cäsar C. 79. Steht Dieß in den (Sibyllinischen) Büchern; auf welche Menschen und aus welche Zeit geht es? denn Der, welcher jene Weissagungen abgefaßt hat, hat, schlau genug, durchaus Namen und Zeiten weggelassen, damit Alles, was nur immer geschehe, prophezeit scheinen möchte. Dazu bediente er sich noch des Kunstgriffes der Dunkelheit, so daß man denken muß, es 956 lassen sich dieselben Verse unter andern Umständen einem andern Ereignisse anpassen. Daß aber das Gedicht selbst kein Werk eines Rasenden ist, zeigt sowohl das Gedicht an sich [denn es blickt mehr Kunst und Sorgfalt, als Begeisterung und innere Bewegung daraus hervor], als auch besonders die (Künstelei mit) der sogenannten Akrostichis, wenn nach der Reihe aus den ersten Buchstaben der Zeilen ein Sinn herauskommt, wie bei einigen von Ennius verfaßten Gedichten. So etwas ist offenbar mehr Produkt der Besonnenheit, als der begeisterten Wuth. In den Sibyllinischen Büchern ist wirklich mit dem ersten Verse jeder Sentenz die Reihe der ersten Buchstaben derselben Sentenz bis zum Ende verbrämt. So macht es Einer, der seine Gedichte (mit kleinlicher Künstlichkeit) aufschreibt, nicht ein Verrückter. Lassen wir also die Sibylle ruhen und schlafen, so daß ihre Bücher, wie es von unsern Vorfahren hergebracht ist, ohne Befehl des Senats nicht einmal gelesen werden; mögen sie noch gelten als ein (obwohl verschollenes) religiöses Vermächtniß, aber nicht um uns dort religiöse Verpflichtungen und Aussprüche zu holen. Laß uns die Bewahrer (dieser heiligen Reliquien) angehen, daß sie eher alles Andere aus jenen Büchern zu Tage fördern, als einen König, den fernerhin weder Götter noch Menschen zu Rom dulden mögen. 55. Aber es haben doch häufig Viele Wahres geweissagt, z. B. Cassandra: Rasch für die See schon, die große, –   – S. oben I, 31. das Ganze. und bald darauf dieselbe: Seht, seht! O weh. – – S. oben I, 50. 957 Nun, willst du mich also nöthigen, sogar Fabelgeschichten zu glauben? Mögen sie so ergötzlich seyn, als sie wollen, mögen Ausdruck, Gedanken, Versmaß und Melodie sie unterstützen, Ansehen und Zuverläßigkeit dürfen wir doch wohl erdichteten Dingen keinesweges zugestehen. Eben so wenig darf man einen fast ganz unbekannten Popilius, oder den Marciern, die Seher gewesen seyn sollen, oder den Apollo-Geheimnissen Glauben schenken, von denen ein Theil offenbar erdichtet, ein Theil ohne Sinn und Verstand herausgesprudelt ist, und die nie Jemand, selbst nicht ein halbwegs Verständiger, geschweige ein Besonnener für wahr hat gelten lassen. Was? wirst du sagen: hat nicht der Ruderknecht der Flotte des Coponius Das vorausgesagt, was geschehen ist? O ja; und zwar Das, was wir Alle in jener Zeit als sehr möglich befürchteten. Wir hörten ja, daß in Thessalien ein Lager dem andern gegenüber stand, und es war uns, als habe das Heer des Cäsar theils mehr Kühnheit, da es ja die Waffen gegen das Vaterland ergriffen hatte, theils mehr Stärke, da es aus gedienten Kriegern bestand. Jedermann aber auf unserer Seite fürchtete einen unglücklichen Ausgang der Schlacht, nur ließen wir Dieß, als Männer von Charakter, nicht heraus. Was Wunder aber, wenn jener Griechische Ruderknecht in der Angst seines Herzens, wie es so geht, Besonnenheit, verständiges Benehmen, ja sich selbst aufgab? In dieser Gemüthsverwirrung sagte er dann aus Sinnlosigkeit Das als bevorstehend voraus, dessen Zutreffen er bei gesundem Verstande (schon) fürchtete. Was ist doch – bei Göttern und Menschen! – wahrscheinlicher, daß ein verrückter Ruderknecht, oder daß Einer von uns damals dort Anwesenden, ich, Cato, 958 Varro, ja Coponius selbst, die Plane der unsterblichen Götter habe durchschauen können? 56. Aber ich wende mich jetzt zu dir: Heil'ger Phöbus, der du auf dem wahren Erdennabel thronst, Dem zuerst in wilden Tönen der Begeist'rung Stimm' entquoll! Aus einem unbekannten Römischen Tragiker. Varro De ling. lat. VI, S. 84. Bip. nennt ihn Manilius, oder, wie Scaliger will, Manlius. Denn mit deinen Orakeln hat Chrysippus ein ganzes Buch angefüllt, die theils falsch sind, wie ich einmal glaube, theils durch Zufall wahr, wie sich's bei Allem, was man ausspricht, häufig findet; theils verschlungen und dunkel sind, so daß der Erklärer (der Zukunft) noch einen Erklärer braucht, und man zum Verständnisse des Orakels selbst ein Orakel bedarf; theils mit zweideutigen, die Einem erst ein Dialektiker erklären müßte; denn als dem überreichen Könige Asiens der Ausspruch ertheilt worden war: Ueber den Halys gesetzt, stürzt Crösus ein mächtiges Reich um. S. Herodot I, 33. da glaubte er, er werde die feindliche Macht umstürzen, er stürzte aber die seinige um. Mochte also das Eine oder das Andere erfolgen, das Orakel wäre wahr gewesen. Warum soll ich aber glauben, daß es jemals dem Crösus ertheilt worden? oder den Herodotus für zuverläßiger als den Ennius halten? Konnte Jener weniger (ein Orakel) über den Crösus als Ennius eins über den Pyrrhus erdichten? Denn Wer 959 glaubt wohl, daß Pyrrhus vom Orakel des Apollo die Antwort erhalten habe:   Aeakus Sprößling! Im Kampfe mit Rom wird erfochten ein Siegkranz. S. Ennius Annalen V, 8. Hottinger:         »Wahrlich, das Volk der Römer wird Aeakus Enkel besiegen.« v. Meyer: »Römersieg ist dir, o Aeakussohn, zu verkünden.« Erstlich hat Apollo nie Lateinische Aussprüche von sich gegeben. Zweitens wissen die Griechen von jenem Orakel kein Wort. Ueberdieß hatte zu des Pyrrhus Zeiten Apollo bereits aufgehört Verse zu machen. Endlich, wiewohl, nach dem Ennius immer – – Aeakus Sprossen in thörichtem Muth sich vertobten, Viel mehr kriegesmächtig, als weisheitsmächtig befunden; S. Ennius in den Annalen V. 9. f. so hätte er dennoch wohl dem Verse seine Zweideutigkeit ansehen können, und daß: – – im Kampf mit Rom wird erfochten ein Siegkranz, eben so gut den Römern, als ihm gelten könne. Denn die Zweideutigkeit, die den Crösus täuschte, hätte selbst dem Chrysippus entgehen können, diese nicht einmal dem Epicurus. 57. Aber, was die Hauptsache ist, warum werden denn keine solche Orakel mehr in Delphi ertheilt, nicht blos in unserer Zeit, sondern schon längst, so daß gegenwärtig Nichts verachteter ist? Geht man ihnen von dieser Seite zu Leibe, so sagen sie, es sey durch die Länge der Zeit die Kraft jener Stelle, wo der Dunst aus der Erde emporstieg, durch welchen begeistert die Pythia orakelte, ausgegangen [verdunstet]. Man 960 sollte meinen, sie sprechen von einem Weine oder von Fischlacke, die durch Alter umstehen. Von der Kraft jener Stelle ist die Rede, und zwar nicht von einer blos menschlichen, sondern von einer göttlichen. Wie ist denn diese verdunstet? Durch die Länge der Zeit, wirst du sagen. Welche Länge der Zeit ist denn im Stande, eine göttliche Kraft aufzureiben? Was ist aber so göttlich, als ein Anhauch aus der Erde, der den Geist so aufregt, daß er ihm den Blick in die Zukunft aufschließt, so daß er dieselbe nicht nur lange voraussieht, sondern auch in Rhythmen und Versen ausspricht? Wann ist aber diese Kraft ausgegangen? Nicht wahr, seitdem die Menschen angefangen haben, nicht mehr so leichtgläubig zu seyn? Pflegte doch schon Demosthenes, der dreihundert Jahre vor uns gelebt hat, zu sagen, die Pythia philippisire, d. h. sie halte es mit dem Philippus. Damit wollte er aber sagen, sie habe sich vom Philippus bestechen lassen. Woraus man schließen darf, daß es auch bei andern Delphischen Orakelsprüchen nicht ganz ohne Betrug abgelaufen ist. Aber sonderbarerweise wollen, so scheint es, jene abergläubischen und fast schwärmerischen Philosophen Alles lieber, als nicht albern erscheinen. Ausgegangen, sagt ihr, und erloschen sey Das, was, wenn es je gewesen wäre, gewiß ewig wäre, lieber, als daß ihr nicht glaubtet, was gar keinen Glauben verdient. 58. Ein ähnlicher Irrthum findet bei den Träumen Statt. Wie weit hergeholt ist nicht ihre Vertheidigung. Unsere Seelen, behaupten sie, seyen göttlich und von aussen in uns gekommen, und die Welt sey mit einer Menge übereinstimmender [harmonirender] Seelen angefüllt. Durch diese theils ursprüngliche Göttlichkeit der Seele selbst, und durch 961 die Verbindung mit den äussern Seelen werde nun erschaut, was künftig sey. Es ziehe sich aber, sagt Zeno, die Seele zusammen und sinke und falle (in sich) zusammen, und das eben sey schlafen. Pythagoras aber und Plato, gewichtvolle Vorgänger, geben die Vorschrift, man soll, um im Schlafe zuverläßigere Traumgesichte zu erblicken, durch eine bestimmte Leibespflege und Nahrung vorbereitet, sich zum Schlafen begeben. Der Bohnen enthielten sich die Pythagoräer gänzlich, als ob diese Speise in der Seele, und nicht im Unterleibe Blähungen bewirkte. Aber (so seltsam es ist, so wahr ist es) es läßt sich wirklich nichts so Abgeschmacktes sagen, das nicht von irgend einem Philosophen behauptet würde. Nehmen wir also an, die Seelen der Schlafenden werden im Träumen durch sich selbst in Bewegung gesetzt, oder, wie Democritus behauptet, durch einen von aussen kommenden Anstoß angeregt? Sey es nun auf diese oder jene Weise, es kann den Träumenden gar viel Falsches als Wahres vorkommen. Denn auch den Schiffenden scheint sich Das zu bewegen, was fest steht, und wenn man die Augen auf eine gewisse Weise stellt, sieht man in einer Laterne zwei Lichter, statt eines. Was brauche ich noch anzuführen, wie Vieles den Wahnsinnigen, wie Vieles den Trunkenen falsch erscheint? Ist nun solchen den Augen vorkommenden Dingen nicht zu trauen, so begreife ich nicht, warum man Träumen Glauben schenken soll. Denn wenn man will, kann man bei jenen Irrthümern so gut wie bei Träumen philosophiren; z. B. wenn sich Etwas, das steht, zu bewegen scheint, kann man daraus ein Erdbeben oder eine plötzliche Flucht prophezeien; und, wenn man das Licht in einer Laterne doppelt sieht, Zwiespalt und Aufruhr weissagen. 962 59. Aus Dem aber, was Wahnsinnigen oder Betrunkenen vorkommt, lassen sich zahllose Vermuthungen von möglichen künftigen Dingen herleiten. Gibt es aber auch einen Schützen, der den ganzen Tag nach einem Ziele werfen, und nicht manchmal treffen sollte? Ganze Nächte hindurch träumen wir, und kaum eine vergeht, in der wir nicht schlafen; und wir wundern uns noch, daß manchmal gerade Das, was wir geträumt haben, vorfällt? Was ist so ungewiß, als der Würfelwurf? und doch ist Niemand, der nicht bei häufigem Würfeln bisweilen einen Venuswurf wärfe, bisweilen auch zwei und drei hintereinander. Wollen wir also, wie die albernen Leute, lieber sagen, da habe die Venus ihre Hand im Spiele, als es sey Spiel des Zufalls? Wenn zu jeder andern Zeit falschen Erscheinungen kein Glaube beizumessen ist, so sehe ich nicht ab, was der Schlaf zum voraus haben soll, daß in ihm das Falsche für wahr gelten dürfte. Wäre die Einrichtung in der Natur, daß die Schlafenden Das wirklich thäten, was sie träumten; so müßte man Alle anbinden, die zu Bette gingen. Denn die Träumenden würden dann tolleren Unfug treiben, als nur irgend Rasende. Ist nun den Gesichten der Wahnsinnigen kein Glaube zu schenken, weil sie falsch sind, warum soll den Gesichten der Träumenden mehr Vertrauen gebühren, die noch viel verwirrter sind? Das begreife ich wenigstens nicht. Etwa darum, weil die Wahnsinnigen ihre Gesichte nicht dem Ausleger erzählen, Die aber, welche geträumt haben? Ich frage auch: wenn ich Etwas schreiben oder lesen, oder Musik treiben wollte, sey es Vocalmusik oder Saitenspiel, oder wenn ich etwas Geometrisches oder Physisches oder Logisches erklären wollte, müßte ich da 963 einen Traum abwarten, oder Kunst anwenden, ohne welche in diesen Gegenständen sich nichts thun und zu Stande bringen läßt? Nun aber würde ich doch, selbst wenn ich schiffen wollte, das Schiff nicht so lenken, wie ich geträumt hätte; denn die Strafe würde auf dem Fuße nachfolgen. Wie sollte es nun zweckmäßig seyn, daß die Kranken lieber bei einem Ausleger, als bei einem Arzte Hülfe suchen? Oder kann Aesculapius etwa oder Serapis S. Creuzers Symb. u. Mythol. Bd. II, 393. 737. Nitsch's Mytholog. Wörterb. umgearbeitet von Klopfer I, S. 82. uns durch den Traum die Herstellung der Gesundheit vorschreiben, Neptun aber die ein Schiff Regierenden nicht (belehren)? Und wenn Minerva, ohne daß wir einen Arzt zuziehen, uns Heilmittel gibt; sollten die Musen den Träumenden nicht das Lesen, das Schreiben und die übrigen Künste beibringen können? Würde aber die Wiederherstellung der Gesundheit (durch Träume) verliehen, so würde auch Das, was ich eben gesagt habe, verliehen werden. Da aber das Letztere nicht geschieht, so ist es auch mit der Heilung Nichts, und ist diese aufgegeben, so hat alles Ansehen der Träume sein Ende erreicht. 60. Doch das Bisherige mag von der Oberfläche geschöpft seyn; laß uns jetzt tiefer eindringen. Es ist entweder eine göttliche Kraft, die für uns sorgend die Andeutungen durch Träume gibt, oder die Ausleger verstehen zu Folge einer gewissen Harmonie und Verbindung der Natur, welche sie Sympathie nennen, was vermöge der Träume jeder Sache zukomme und jede begleite; oder es findet Kein's von beiden Statt, sondern man hat durch lange und fortgesetzte 964 Beobachtung herausgebracht, was auf jedes bestimmte Traumgesicht sich zu ereignen und zu folgen pflege. Zuerst nun muß man sich überzeugen, daß keine göttliche Kraft die Träume hervorbringe. Da ist denn zuerst Das einleuchtend, daß keine Traumgesichte durch unmittelbare Einwirkung der Götter veranlaßt werden, denn die Götter würden Dieß offenbar um unsertwillen veranstalten, damit wir für die Zukunft Maßregeln nehmen könnten. Nun aber frage ich: unter wie Vielen ist auch nur Einer, der auf Träume etwas gibt? der sie versteht? der sich ihrer annimmt? Wie Viele dagegen, die sie gar nicht beachten, und den Glauben daran für einen Beweis von Schwachköpfigkeit und altweibischem Wesen ansehen? Warum sollte nun die Gottheit diese Menschen berücksichtigend sie durch Träume warnen, da sie die Träume nicht nur keiner Beachtung, sondern nicht einmal der Erinnerung für würdig halten? Denn unbekannt kann es ihr doch nicht seyn, wie Jeder gesinnt ist, und Etwas vergebens und zwecklos thun, ist der Gottheit nicht würdig, da schon ein Mensch von Charakter ein solches Verfahren verschmäht. Wenn also die meisten Träume entweder vergessen oder vernachläßigt werden, so weiß Dieß entweder Gott nicht, oder er bedient sich der Andeutung durch Träume vergebens. Aber beides widerspricht der Idee eines Gottes. Man muß also zugestehen, daß durch die Träume von Gott Nichts angedeutet werde. 61. Auch Das ist mir noch bedenklich, warum denn, wenn uns Gott diese Gesichte vorkommen läßt, damit wir Vorsichtsmaßregeln ergreifen können, er sie uns nicht lieber im Wachen vorführt, als im Schlafe? Erregt nämlich ein fremder und von aussen kommender Anstoß die Seelen der 965 Schlafenden, oder es geht eine Bewegung in ihnen von der Seele selbst aus, oder es mag sonst irgend eine Ursache seyn, in Folge welcher wir im Schlafe Etwas zu sehen, zu hören und zu thun glauben; so konnte ja dieselbe Ursache jene Vorstellungen auch im Wachen erregen, und thäten Dieß die Götter um unsertwillen im Schlafe, so könnten sie Dasselbe uns auch im wachenden Zustande thun, zumal da Chrysippus in seiner Widerlegung der Academiker sagt, was uns im Wachen vorkomme, sey viel klarer und bestimmter, als was uns im Traume erscheine. Es wäre also des göttlichen Wohlthuns würdiger gewesen, wann sie für uns sorgten, uns im Wachen die bestimmtern Gesichte zu geben, als die dunklern im Traume. Weil Dieß nicht geschieht, so sind auch die Träume nicht für göttlich zu halten. Und was bedarf es nun noch vollends gar der Umwege und Umschweife, daß man statt geradezu (belehrt zu werden), erst noch Traumdeuter beiziehen muß? Läge der Gottheit daran, uns zu rathen, so brauchte sie nur zu sagen: thue Das, und Das laß bleiben, und das könnte sie uns besser im Wachen, als im Schlafe zu verstehen geben. 62. Wer möchte nun gar vollends zu sagen sich erkühnen, alle Träume seyen wahr. »Einige Träume sind wahr,« sagt Ennius, »alle brauchen es nicht zu seyn.« Was ist das für eine Unterscheidung? Welche hält er für wahr, welche für falsch? Und wenn die Gottheit die wahren schickt, woher entstehen die falschen? Denn wenn diese auch göttlich sind, was ist dann inconsequenter als die Gottheit? und was ist unverständiger als die Gemüther der armen Menschen durch falsche und täuschende Gesichte zu beunruhigen? Sind aber 966 die wahren Gesichte göttlich, die falschen aber und nichtigen menschlich, was ist das für eine Unbestimmtheit im Andeuten, daß das Eine die Gottheit, das Andere die Natur thun soll, anstatt entweder Alles die Gottheit, was ihr läugnet, oder Alles die Natur? Weil ihr nun aber Jenes läugnet, so müßt ihr das Letztere zugeben. Unter Natur aber verstehe ich die Erregung der Seele, vermöge welcher sie nie stille stehen und ohne Bewegung seyn kann. Wenn nun die Seele während der Erschlaffung des Körpers weder die Glieder noch die Sinne gebrauchen kann, geräth sie auf allerlei und schwankende Vorstellungen, die, nach der Ansicht des Aristoteles Reste (der Eindrücke) von jenen Gegenständen sind, die sie im Wachen getrieben oder gedacht hat. Wenn nun diese durcheinander gerathen, entstehen bisweilen ganz wunderliche Traumgestalten. Sind nun die einen davon wahr, die andern falsch, so möchte ich doch wissen, an welchem Merkmale sie zu erkennen sind? Gibt es keins, was sollen wir jenen Deutern Gehör geben? Gibt es eins, so möchte ich doch gerne vernehmen, welches es ist. Aber die Antwort wird ihnen schwer werden. 63. Jetzt kommt nun in Erwägung, welcher von beiden Fällen der wahrscheinlichere sey, ob der, daß die unsterblichen Götter, die über Alles herrlich und erhaben sind, in der ganzen Welt umher bei aller Menschen Betten und gar Schragen herumlaufen; und wenn sie da oder dort Einige schnarchen sehen, ihnen gewisse verwickelte und dunkle Gesichte vorgaukeln, damit Diese sie dann im Schrecken über den Traum früh morgens dem Traumdeuter vortragen; oder der, daß es naturgemäß geschehe, daß das stark aufgeregte Gemüth Das, 967 was der Mensch wachend gesehen hat, im Schlafe wieder zu sehen glaubt? Was ist des Philosophie würdiger, diese Erscheinungen dem Aberglauben der Wahrsagerinnen gemäß zu erklären, oder aus den Naturgesetzen? so daß, gesetzt, es ließe sich auch aus den Träumen etwas Wahres heraus deuten, doch Jene, die ein Gewerbe daraus machen, Dieß nicht zu thun verstünden, weil sie gerade zu der werthlosesten und ungebildetsten Menschenklasse gehören. Deine Stoiker aber behaupten geradezu, es könne Keiner, als ein Weiser, weissagen. Chrysippus gibt von der Weissagung folgende Definition: »Sie sey eine Kraft, welche die Andeutungen, die den Menschen von den Göttern ertheilt werden, erkenne, sehe, und auslege;« ihr Geschäft aber sey, voraus zu erkennen, wie die Götter gegen die Menschen gesinnt seyen, was sie ihnen zu verstehen geben, und wie diese Andeutungen durch religiöse Mittel abgewendet und gesühnt werden müssen. Derselbe definirt die Traumdeutung auf folgende Weise: »Sie sey eine Kraft, welche Das erschaue und erkläre, was den Menschen von den Göttern im Schlafe angedeutet werde.« Nun, wenn Dem so ist, gehört dazu etwa ein mittelmäßiger Grad von Einsicht, oder ein ausgezeichnetes Talent und vollendete Bildung? Ein Solcher aber ist mir unter diesen Leuten noch nicht vorgekommen. 64. Und so möchte denn wohl herauskommen, daß, gesetzt, ich gestände auch eine Weissagung zu, was ich nimmermehr thun werde, sich doch am Ende kein Weissager finden ließe. Wie steht es denn aber um die Einsicht der Götter, wenn sie uns weder im Schlafe solche Dinge andeuten, die wir durch uns selbst verstehen können, noch solche, für die 968 wir Ausleger auftreiben können? Lassen uns die Götter Gesichte erscheinen, für die wir weder Einsicht noch einen Erklärer haben, so kommen sie mir vor, wie wenn Carthager oder Hispanier in unserem Senat ohne Dolmetscher sprächen. Was für einen Zweck kann denn am Ende das Dunkle und Räthselhafte der Träume haben? Die Götter mußten doch wohl die Winke, die sie uns unsertwegen gaben, von uns verstanden wissen wollen. »Wie (sagt ihr), ist denn kein Dichter, kein Physiker dunkel?« O ja. Nur gar zu dunkel ist (z. B.) Euphorion. Ein Griechischer Dichter aus Chalcis, dessen Fragmente neulich (Danzig 1823. 8.) A. Meinecke gesammelt und herausgegeben hat. Aber Homer nicht. Welcher von Beiden ist der Bessere? Sehr dunkel ist Heraclitus. Democritus gar nicht. Aber gehört denn auch Deren Vergleichung hierher? Um meinetwillen gibst du mir einen Wink, der mir unverständlich bleiben muß? Wozu dann der Wink? Gerade wie wenn ein Arzt einem Kranken zu nehmen verordnete eine Erdegeborene, schreitend im Gras, Hausträgerin, blutleer; anstatt, wie andere Menschen, eine Schnecke , zu sagen. Denn als sich Amphion bei'm Pacuvius etwas dunkel ausgedrückt hatte, eine Lahmschreiterin, vierfüßig, unzahm, niedrig, rauh, Kurzköpfig, schlangennackig, widrig anzuschau'n; Doch seellos, ausgeweidet, seelenvollen Ton's. Aus der Antiope des Pacuvius. Da entgegnen die Attiker: »Das bleibt uns dunkel, sprichst du es nicht verständlich aus.« Da sagt Jener mit Einem Worte: eine Schildkröte . Konntest du, Citharspieler, denn Das nicht gleich von Anfang sagen? 969 65. Es erzählt Einer dem Traumdeuter, ihm habe geträumt, es hänge ein Ei an dem Gurte seiner Bettstelle. Der Traum steht im Buche des Chrysippus. Der Deuter sagt ihm, unter dem Bette sey ein Schatz verscharrt. Er gräbt, und findet eine ziemliche Portion Gold mit Silber umgeben. Er schickt dem Deuter ein Bischen von dem Silber, so viel er denkt, daß genug sey. Da sagt Jener. »Nun, und vom Dotter Nichts?« Denn Das schien ihm vom Ei das Gold anzuzeigen, das Weiße das Silber. Hat nun nie auch einem andern Menschen von einem Ei geträumt? Warum hat denn dieser Jemand allein einen Schatz gefunden? Wie viele Arme, die wohl die Hülfe der Götter verdienten, bekommen keinen Wink im Schlafe, wo ein Schatz für sie zu finden sey! Aus welchem Grunde erhielt Jener aber einen so dunkeln Wink, daß erst aus dem Ei die Aehnlichkeit mit einem Schatze herausgedeutet werden mußte, anstatt daß ihm hätte geradezu gesagt werden können, da soll er einen Schatz suchen; so wie Simonides geradezu gewarnt wurde, sich nicht einzuschiffen. Dunkle Träume vertragen sich also durchaus nicht mit der hohen Würde der Götter. 66. Doch nun zu den verständlichen und deutlichen, wie der von dem Manne, welchen der Gastwirth zu Megara ermordete; wie der vom Simonides, welcher im Traume von Dem, welchen er bestattet hatte, gewarnt wurde, sich nicht einzuschiffen, auch wie der vom Alexander; welchen von dir übergangen zu sehen ich mich wundern muß. Als nämlich sein Vertrauter Ptolemäus in einer Schlacht mit einer vergifteten Waffe verwundet worden, und an dieser Wunde unter den heftigsten Schmerzen dem Tode schon ganz nahe 970 war, saß Alexander gerade bei ihm, und wurde vom Schlaf überwältigt. Da träumte ihm denn, die Schlange, welche seine Mutter Olympias (im Hause) hielt, bringe im Munde eine kleine Wurzel her, und sage ihm zugleich, wo sie wachse [und er war gerade nicht weit von dem Orte weg], deren Kraft sey aber so wirksam, daß sie den Ptolemäus leicht heilen werde. Darauf habe Alexander (heißt es), als er vom Schlaf erwachte, Leute ausgeschickt, um jene Wurzel zu suchen; man habe sie gefunden, und dadurch sey nicht nur Ptolemäus, sondern noch Viele von gleichen Waffen verwundete Soldaten, geheilt worden. Viele Beispiele hast du auch aus Geschichtswerken beigebracht: das von der Mutter des Phalaris; vom ältern Cyrus; von der Mutter des Dionysius; von dem Carthager Hamilcar; vom Hannibal; vom P. Decius; auch die allbekannte Geschichte mit dem Vortänzer; ferner den Traum des Gracchus und den aus der neuesten Zeit, welchen Cäcilia, des Balearicus Tochter, hatte. Doch das sind Träume anderer Leute, über die wir deswegen nicht ganz im Klaren sind; manche vielleicht auch erdichtet. Denn Wer ist für sie Gewährsmann? Aber was haben wir von unsern eigenen Träumen zu sagen? Du (träumtest), wie ich versank, und mit dem Pferde an's Ufer (kam); ich vom Marius, der mich mit den umlorbeerten Fascen an sein Denkmal führte. 67. Alle Träume, mein Quintus, haben einerlei Gehalt; mögen wir uns nur, bei den unsterblichen Göttern! hüten, ihn nicht noch durch unsern Aberglauben und Irrwahn zu verschlechtern. Was meinst du denn, was für einen Marius ich gesehen habe? Seine Gestalt, nicht wahr, und sein 971 Bild, wie Democritus will. Und woher soll das Bild gekommen seyn? Er behauptet nämlich, die Bilder strömen von den materiellen und wirklichen Gestalten aus. Was war es nun für ein Körper des Marius (der mir erschien)? Nun, erwiedert er, (eine Ausströmung) aus dem, der wirklich vorhanden gewesen war. Alles ist voller Bilder. Jenes Bild des Marius begleitete mich also in das Atinatische Gebiet. Denn es läßt sich keine Gestalt denken, ohne einen Eindruck der Bilder? Was folgt daraus? Sind uns jene Bilder so gehorsam, daß sie sich uns, so bald wir nur wollen, vorstellen? Auch die Bilder von solchen Dingen, die gar nicht existiren? Denn was kann sich nicht die Seele für widernatürliche und nichtige Gestalten denken? Haben wir doch auch Vorstellungen von Dingen in uns, die wir nie gesehen haben, z. B. von der Lage gewisser Städte, von der Gestalt dieses oder jenes Menschen. Macht also etwa, wenn ich mir die Mauern von Babylon oder die Gestalt des Homer denke, irgend ein Bild von ihnen einen Eindruck auf mich? Nun, dann können wir von allem, was wir nur wollen, eine Erkenntniß haben; denn es gibt Nichts, wovon wir uns nicht ein Gedankenbild machen könnten. So viel ist also nun richtig, daß von aussen keine Bilder sich in die Seelen der Schlafenden schleichen. Ja es strömen überhaupt keine aus; auch habe ich nie einen Menschen kennen gelernt, der mit größerem (Schein von) Gewicht Nichts sagte. Es liegt in dem Wesen und der Natur der Seelen, daß sie im Zustande des Wachens lebhaft sind, ohne allen Anstoß von aussen, durch eigene Bewegung, und zwar mit unglaublicher Geschwindigkeit. 972 Werden sie nun durch die Glieder unterstützt, durch den Körper, die Sinne, so sehen, denken und empfinden sie Alles bestimmter. Sind ihnen aber diese entzogen, ist die Seele durch die Erschlaffung des Körpers [gleichsam] verlassen, dann setzt sie sich durch sich selbst in Bewegung. Da treiben sie denn in ihm Gestalten und Handlungen herum, und es kommt ihnen vor, als hören und sprechen sie Dieses und Jenes. Diese vielerlei, auf alle mögliche Art verwirrten und abwechselnden Dinge treiben sich nun in der ermüdeten und abgespannten Seele herum, besonders aber wälzen und tummeln sich in den Seelen die Reste derjenigen Gegenstände umher, die wir wachend gedacht und getrieben haben. So schwebte mir in jener (Unglücks-) Zeit Marius häufig vor der Seele, da ich mir in's Gedächtniß rief, mit welchem erhabenen Muthe und mit welcher Standhaftigkeit er sein schweres Unglück ertragen hatte. Das, glaube ich, war die Ursache, warum ich von ihm träumte. 68. Dir aber hat, als du eben an mich mit bekümmerter Sorge dachtest, von mir geträumt, ich tauche plötzlich aus dem Strome auf. Natürlich. In unser beider Seelen waren noch die Spuren der im Wachen uns bewegenden Gedanken. Aber es schloß sich Einiges davon an: z. B. bei mir vom Denkmal des Marius; bei dir, daß das Pferd, auf dem ich ritt, mit mir versunken wieder zum Vorschein kam. Glaubst du wirklich, daß irgend ein altes Weib so albern gewesen seyn würde, Träumen zu glauben, wenn dergleichen nicht zuweilen durch Zufall, von Ungefähr und ohne allen Zusammenhang zusammenträfe? Dem Alexander kam eine sprechende 973 Schlange vor. Die Erzählung kann im Ganzen falsch, sie kann wahr seyn; aber was sie auch seyn mag, etwas Wunderbares ist nicht dabei. Denn er hörte ja nicht die Schlange sprechen, sondern es kam ihm nur vor, als höre er sie, und zwar [damit es noch auffallender wird] als sie die Wurzel im Munde hielt. Allein für einen Träumenden gibt es nichts Auffallendes. Ich frage aber, warum bekam Alexander einen so auffallend deutlichen und bestimmten Traum, und warum er nur dießmal, und nicht viele dergleichen Andere? Mir wenigstens ist, ausser diesem über den Marius, kein solcher vorgekommen, dessen ich mich zu erinnern wüßte. Vergebens sind mir also so viele Nächte in einem so bedeutenden Lebensalter verflossen. Gegenwärtig habe ich, weil ich auf dem Forum nichts mehr zu thun habe, dem Nachtstudiren Zeit abgebrochen, und mir die Mittagsruhe angewöhnt, die ich bisher nicht gewohnt war. Allein, bei alle dem vielen Schlafen hat mir doch nie ein Traum irgend eine Erinnerung gegeben, besonders über Gegenstände von solcher Wichtigkeit. Und nie ist mir mehr zu Muthe, als ob ich träumte, als wenn ich gegenwärtig [wachend] auf dem Forum einen Staatsbeamten, oder in der Curie den Senat erblicke. 69. Und was ist denn [das ist der zweite Punkt meiner Eintheilung nach] für eine natürliche Verbindung und für ein Zusammenhang [was sie, wie gesagt, Sympathie nennen] der (Jemanden) nöthigte, bei einem Traume von einem Ei an einen Schatz zu denken? Die Aerzte erkennen an gewissen Merkmalen die Annäherung und Zunahme von Krankheiten, ja sie sagen sogar, es lasse sich aus Träumen von einer 974 gewissen Art auf den Gesundheitszustand des Träumenden, namentlich ob wir vollsaftig oder entkräftet sind, ein Schluß machen. Was für eine natürliche Verwandtschaft findet aber zwischen einem Schatze, einer Erbschaft, einem Ehrenamte, einem Siege, oder mehreren dergleichen Dingen, und zwischen Träumen Statt? Es soll einmal Einer, als ihm vom Beischlafe träumte, Blasensteine ausgeworfen haben. Da sehe ich einen Naturzusammenhang; es kam ihm im Schlafe ein solches Traumgesicht vor, daß Das, was sich dabei ereignete, die Kraft der Natur, nicht ein Irrwahn, bewirkt hat. Aber welche natürliche Veranlassung hat dem Simonides jene Erscheinung vorgegaukelt, die ihn vor dem Einschiffen gewarnt hat? Oder was hatte der Traum des Alcibiades, den die Geschichtschreiber erzählen, für eine Verbindung mit der Natur? Diesem träumte nämlich kurz vor seinem gewaltsamen Tode, er sey mit dem Gewande seiner Geliebten bekleidet. Als er nun unbegraben in's Freie hingeworfen worden war, und von Jedermann verlassen da lag, wurde sein Leichnam von seiner Geliebten mit ihrem Mantel zugedeckt. Das also lag in der Zukunft, und hatte seine in der Natur liegende Veranlassung? Oder hat der bloße Zufall sowohl die Erscheinung, als den Erfolg herbeigeführt? 70. Ja, geben nicht die Vermuthungen der Ausleger selbst mehr einen Aufschluß über die geistige Naturanlage des Deuters, als daß sie auf eine Kraft oder Uebereinstimmung der Natur hinwiesen? Ein Wettläufer, der vorhatte zu den Olympischen Spielen zu gehen, träumte, er fahre auf einem vierspännigen Wagen. Gleich früh Morgens (geht er) zum 975 Traumdeuter. Der sagt: »du wirst Sieger.« Das deutet die Geschwindigkeit und Kraft der Pferde an. Darauf geht Derselbe zum Antiphon. Du verlierst es nothwendig, sagte Dieser. Siehst du nicht ein, daß viere vor dir hergelaufen sind? Noch ein Fall mit einem Wettläufer; und mit solchen und ähnlichen Träumen ist das Buch des Chrysippus und das des Antipater vollgepfropft. Doch zum Schnellläufer. Dieser erzählte einem Traumdeuter, es sey ihm im Schlafe vorgekommen, als wäre er ein Adler geworden. »Gut, sagte Jener, dein ist der Sieg. Denn kein Vogel fliegt mit größerer Heftigkeit, als der Adler. Aber zu Demselben sagte Antiphon: »Einfaltspinsel, siehst du nicht, daß du (so gut wie) besiegt bist? denn jener Vogel, der andere Vögel verfolgt und jagt, ist immer hinten drein.« Eine Frau, welche gerne Kinder bekommen hätte, träumte, ihre (weibliche) Natur sey versiegelt. Sie erzählt (den Traum einem Deuter). »Eben wegen der Versiegelung, sagte Dieser, konntest du nicht schwanger werden.« Der Andere dagegen sagte, sie sey schwanger, denn leere Dinge pflegen nicht versiegelt zu seyn. Was ist das für eine Kunst des Auslegers, wenn er mit Witzspielen um sich wirft? Beweisen die angeführten Beispiele, und die zahllosen, die die Stoiker in ihren Sammlungen haben, etwas Anderes, als den Scharfsinn von Menschen, die aus irgend einer Aehnlichkeit eine Vermuthung bald auf diese, bald auf jene Seite wenden? Die Aerzte sehen gewisse Dinge am Pulsschlag und Athemzuge des Kranken ab, und ahnen, was kommen wird, an vielen andern Erscheinungen voraus. Wenn Steuermänner aufhüpfende Blackfische oder 976 Delphine sehen, die dem Hafen zueilen, prophezeien sie einen Sturm. Das läßt sich leicht auf Gründe zurückführen und aus Naturgesetzen erklären, aber die vorhin angeführten Fälle keinesweges. 71. »Allein langwierige Beobachtung [dieser eine Theil nämlich ist noch unerörtert] hat durch Aufzeichnung des Bemerkten eine Kunst geschaffen.« Wirklich? Lassen sich denn über Träume Beobachtungen anstellen? auf welche Weise? Da kommen ja zahllose Abwechselungen vor. Es läßt sich nichts so Verkehrtes, so Regelloses, so Ungeheures erdenken, was wir nicht träumen könnten. Wie können wir nun dieses Unendliche und immer Neue entweder mit dem Gedächtnisse erfassen, oder unsere Beobachtungen darüber aufzeichnen? Die Astronomen haben die Bewegungen der (sogenannten) Irrsterne aufgezeichnet. Man entdeckte nämlich bei ihrem Laufe eine vorhin nicht vermuthete Regelmäßigkeit. So nenne mir aber doch eine Regelmäßigkeit oder ein Zusammentreffen der Träume. Wie aber lassen sich die wahren Träume von den falschen unterscheiden, da dieselben Träume bei den Einen diesen, bei Andern jenen Erfolg haben, und bei denselben Menschen nicht immer den gleichen? Um so seltsamer kommt es mir vor, da wir einem Lügner nicht einmal glauben, wenn er auch (einmal) die Wahrheit spricht, daß Jene [die Stoiker], wenn irgend einmal ein Traum eingetroffen ist, nicht wegen der vielen (nicht eingetroffenen) dem einen den Glauben versagen, als aus einem (eingetroffenen) auf die Glaubhaftigkeit der zahllosen andern schließen. Wenn also weder die Gottheit die Träume veranlaßt, noch zwischen ihnen und 977 der Natur ein Zusammenhang Statt findet, noch durch Beobachtung eine wissenschaftliche Erkenntniß zu gewinnen war, so ist erwiesen, daß auf Träume gar nicht zu achten ist. Besonders da gerade Die, welchen sie vorkommen, Nichts weissagen; Die, welche sie deuten, auf Vermuthungen, nicht auf Naturgründe, bauen, der Zufall aber in fast unzähligen Jahrhunderten in Allem mehr Wunderbares, als in den Traumgesichten, hervorgebracht hat; und endlich es nichts Ungewisseres gibt, als die Vermuthung, die sich auf mancherlei, oft auch auf ganz entgegengesetzte Seiten wenden läßt. 72. Also weg auch mit dieser Traumweissagung, wie mit den übrigen! Denn die Wahrheit zu sagen, der über alle Völker verbreitete Aberglaube hat fast Aller Gemüther umnebelt und einen offen stehenden Wohnsitz in der menschlichen Schwäche gefunden. Diesen Satz habe ich schon in meinem Werke über das Wesen der Götter aufgestellt, und in der gegenwärtigen Auseinandersetzung besonders zu erweisen gesucht. Denn ich glaubte nicht nur mir, sondern auch meinen Landsleuten bedeutend zu nützen, wenn es mir gelänge, ihn gänzlich zu entwurzeln. Wird doch [und Das wünsche ich ja ernstlich beachtet zu sehen] durch Vernichtung des Aberglaubens nichts weniger als die Religion vernichtet. Denn erstlich wird ein weiser Mann die Anstalten der Vorfahren achten, und die äusserlichen Religionsgebräuche und Uebungen aufrecht zu erhalten suchen; und zweitens, fühlen wir uns ja durch die regelmäßige Einrichtung der Welt und die Ordnung die im weiten Himmelsraume herrscht, innerlich genöthigt, ein (über Alles) erhabenes und ewiges Wesen 978 anzuerkennen, das für das Menschengeschlecht ein Gegenstand der Ehrfurcht und Bewunderung seyn müsse. Aber, so wie es Pflicht ist, die Religion fortzupflanzen, so ist es auch Pflicht, alle Keime des Aberglaubens auszurotten. Denn er ist ein gewaltiger Bedroher und Bedränger; wende dich wohin du willst, er verfolgt dich: du magst einem Seher oder einem Vorzeichen Gehör geben: du magst opfern oder nach den Vögeln ausschauen; magst dich nach einem Chaldäer, oder nach einem Haruspex umsehen; mag es wetterleuchten oder donnern, oder Etwas vom Blitze getroffen seyn; ist Etwas wie ein Wunderzeichen zur Welt gekommen oder geschehen [und von allem Diesem muß sich häufig Etwas ereignen]; nie kannst du festen und ruhigen Geistes da stehen. Für eine Zuflucht von aller Mühsal, von allem Kummer, gilt der Schlaf. Aber er wird gerade die Quelle gar vieler Sorge und Angst. Diese würden aber an sich weit weniger Einfluß haben und weniger geachtet werden, hätten sich nicht die Philosophen zu Sachwaltern der Träume aufgeworfen, und zwar nicht gerade die am wenigsten geachteten, sondern sehr scharfsinnige, welche eben so gut das Widersprechende, als das Folgerechte, bemerken; ja, die schon fast für vollendet und vollkommen gelten. Hätte sich nicht Carneades ihrer Willkühr widersetzt, vielleicht würden sie gegenwärtig allein für Philosophen gelten. Und sie sind es gerade, mit denen ich es fast allein in meiner Widerlegung und Bestreitung zu thun hatte; nicht weil ich etwa sie für die Verächtlichsten halte, sondern weil sie ihre Behauptungen auf's scharfsinnigste und geschickteste zu vertheidigen scheinen. Da es aber der 979 Character der academischen Philosophie ist, kein entscheidendes Urtheil niederzulegen, dem Beifall zu geben, was der Wahrheit am nächsten zu kommen scheint, Gründe und Gegengründe abzuwägen, und, was sich über jede Behauptung sagen läßt, vorzutragen, ohne auf ihre eigene Ansicht ein Gewicht zu legen, sondern dem Zuhörer sein Urtheil unbefangen zu lassen; so will ich diese vom Socrates herab fortgepflanzte Weise beibehalten, und recht oft wollen wir uns derselben unter uns, Quintus, wenn es dir recht ist, bedienen. »Mir, wahrhaftig, erwiederte er, kann Nichts willkommener seyn.« Und als wir diese Reden gewechselt, standen wir auf.